Gotthold Ephraim Lessmgs sämmtliche Schriften bcraus.qegcben von Karl Lach mann. Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften. Ncuc rechtmäßige Ausgabt. Zwölfter Band. Berlin, '» dcr Aoß'schen Bttchhandlung. 18 4 0. Verzeich niß der in diesem Bande enthaltenen ^14 Briefe von Lessing. Un I. I, C. Bode (1776) S. 428. An I. G. H. Brcitkopf (1781) 562. An I. H. Campe (1779) 632. 634. A» M. Claudius (1778) 604. An K. W. Daßdorf (177k) 473. An I. A. Tieze (1769) 220. An Ioh. Arnold öbert (1768) 206. (t769) 219. 234. 238. 239. (1770) 243. 244. 246. 246. 247. 270. (1772) 360. (1773) 388. 389. 402. (1776) 449. 460. (l778) 606. 610. 613. An I. I. Engel (1776) 466. An I. I. Csch-nburg (1772) 367. (1774) 407. 417. 418.420. 123. (1776) 443. 446. (1777) 495. (1778) 497. 499. 500. (1779) 631. (1780) 637. An H. W. von Gerstenbcrg (1768) 190. An F. W. Gltim (1767) 80. 82. 83. 97.98.101. (1768) 107.113. 117. 119. 120. 121. 122. 123. 125. (1759) 126. 128. 129. 130. 133. 134. 136. 136. 137. (1760) 138. 140. (1766) 173. 176. (1767) 177. (1768) 201. (1770) 242. 266. (1771) 302. (1772) 361. (1774) 411. 413. (1779) 629. An G, F. W. Großman» (1776) 478. VI Inhalt. An I. G. Herder (1779) 620. (1780) 641. (1781) 661. An C. G. Heyne (1764) 162. (1769) 219. 228. (1770) 269. (1771) 309. (1773) 389. 403. (1776) 442. 461. An den Freiherrn von Homvesch (1777) 483. An Vaniel Jtzig (1764) 167. An F. H. Jacobi (1779) 631. (1780) 639. 642. 648. An den Herzog Karl von Braunschweig (1772) 346. An C. ew. von Kleist (1768) 114. An C. A. Klotz (1766) 173. An (5. C. Konig (1770) 260. 263. 266. 268. 262. 270. 273. (1771) 283. 286. 290. 294. 296. 298. 302. 307. 310. 311. 313. 314. 316. 320. 322. 323. 326. 327. 328. (1772) 332. 333. 334. 336. 339. 341. 343. 346. 349. 363. 368. 363. 366. 369. 374. 379. 380. (1773) 386. 391. 393. 396. 400. 404. (1774) 413. (1776) 423. 426. 428. 430. 431. 432. 434. 436. (1776) 437. 439. 440. 443. 444. 446. 447. 460. 462. 467. 468. 469. 460. 461. 462. 464. 466. 468. 469. 470. 471. 474. An Amalie König (1780) 643. An Joh. Gottfr. Lesstng (1746) 3. (1749) 8. 41. 13. (1760) 16. (176l) 18. (1763) 22. (1766) 29. (1766) 39. 43. (1769) 132. (1760) 139. 141. (1763) 168. 169. (1764) 169. 161. (1766) 168. 169. 170. (1766) 171. (1767) 186. (1768) 193. (1770) 261. An Messings Mutter (1749) 4. (1771) 278. 306. (1776) 468. An Lessiugs Schwester (1743) 1. (1776) 476. (1777) 481. (1778) 619. An Karl Eotthclf Lessiug (1766) 176. (1767) 179. 181. 183. 184. (1768) 194. 197. 202. 210. (1769) 231. (1770) 241. 267. 268. (1771) 279. 300. 303. 311. 31S. 318. 322. 330. (1772) 337. 344. 347. 366. 360. 377. 382. (1773) 394. 397. 399. (1774) 408. 416. 421. (1776) 426. 429. 430. (1776) 441. 448. 464. 466. 472. 476. 477. (1777) 480. 482. 486. 488. 493. 494. 496. (1778) 498. 600. 601. 602. 606.609. 611.613. 616. 618. 619. (1779) 622. 624. 526. 627. 628. 632. 633. (1780) 638. Inhalt. vu An 5hccvhilus Lcssing (1770) 257. (1777) 479. An Mos-s Mendelssohn (1766) 28. 31. (1766) 37. 40. 14. 46. 62. 6 t. 61. (1767) 70. 76. 83. 86. 89. 90. 91. 94. 99. 102. (1768) 106 109.116. (1760)444. (1761)446. (1763) 166. (1768) 212. (1771) 280. (1774) 417. (1776) 466. (1780) 649. An Ioh. David Michaelis (1764) 25. 27. An Chr. von Murr (1768) 214. A» Friedrich Nicolai (1766) 41. 47. 58. (1757) 73. 75. 77. 81. 87. (1758) 404. 111. (1762) 450. (1763) 154. (1768) 487. 496. 498. 199. 200. 203. 205. 207. 216. 218. (1769) 223. 224. 229. 230, 232. 236. (1770) 260. (1771) 288. (1772) 373. (1777) 486. 490. An W. Ramler (1766) 34. (1757)85. (1769)142. (1761) 147. (1762) 448. (4763) 457. (1764) 160.464.465. (1768) 213. (4770) 266. 274. (4772) 366. (1774) 422. (4776) 454. (1778) 517. (1779) 523. 526. (1780) 636. An I. A. H. Reimarus (1778) 502. An Elisc ReimaruS (4778) 507. 508. 510. 616. (1779) 629. 530. 531. 536. (4780) 640. 544. 546. 547. (1781) 560. An I. I Reiske (1769) 222. (4770) 260. 277. (4771) 292. 306. (1772) 361. (1773) 390. An I. Adf. Schlegel (1753) 21. An Cour. Arn. Schund (1770) 248. 276. (1773) 388. 405. 406. (1777) 486. 489. 490. An Christ. Friedr. Voß (4774) 419. An C. M. Wieland (1772) 371. (1776) 426. An I. I. Wippcl (4754) 25. Lessings Briefe.*) ^ klaclemoisello ^latlewoisc-IIe I^essiiiA in» Ire8 clier Loeur ü !83 bis 277.) Golthold Ephraim Lcssings Brirfwcchscl niit Karl Wilhelm Ramlcr, Johann Joachim Eschcnburg und Fricdrich Nicolai. Nebst cinigcn Anmcrkungcn tibcr Lcssings Bricswcchscl mit Moses Mendelssohn. Berlin und Stettin 179t (L. sämmtliche Schristcn, 27. Thcil. — Zwcvtc Auflage 1809.) Der 28. Thcil dcr sämmtliche» Schriften, Berlin 1794, enthalt den Briefwechsel mit Meildclssoh» und Reiste. Der 29., Bcrlin 1794, tc» Bricswcchscl mit Elcim, Schmid, Ebcrt, Hcyne und Campe, nnd einzelne Briefe von Lcssing an I. D. Michaelis, I. A. Dicze und I. G. Hcrdcr. Dcr 30., Bcrlin 1794, E. E. Lcssings Bricswcchscl mit scincm Bruder Karl Gotlhclf Lcssing. (Bci dcm 23. nnd 29. Bande hiite man sich vor den Selbstnachdrucken mit dcr falschen Zahrzahl 1794.) Die gegenwärtige Sammlung giebt gegen Lcslmgs Weck- XII, 1 LcssingS Briefe. 474Z. des ist straffbahr. Ich kann zwar nicht cinschn, wie dieses beysammen stehn kann- ein vernünfftiger Mensch zu seyn; vernünffttg reden können, und gleichwohl nicht wißen, wie man einen Briefs aufsezcn soll. Schreibe wie Du redest, so schreibst Du schön. Jedoch; hätte auch da» Gegentheil statt, man könte vernünfftig reden, dennoch aber nicht vernünfftig schreiben, so wäre cS für Dich eine noch größere Schande, daß Du nicht einmahl so viel gelernct. Du bist zwar Deinem Lehr- Meister sehr zeitig aus der Schule gclauffen, und schon in Deinem 12 Jahre hiltest Du es vor eine Schande etwas mehrcS zu lernen? allein wer weiß welches die größte Schande ist? in seinem 12 Jahre »och etwas zu lernen als in seinem 18ten oder toten noch keinen Briefs schreiben können. Schreibe ja! und bcnim mir diese falsche Meynung von Dir. Im Vorbeygehen muss ich doch auch an das neue Jahr gc- denckcn. Fast jeder wünschet zu dieser Zeit gutes. WaS werde ich Dir aber wünschen? Ich muß wohl was besonders haben. Ich wünsche Dir, daß Dir Dein ganzer Mammon gestohlen würde. Vielleicht würde es Dir mehr nüzcn, als wenn jemand zum neuen Jahre Deinen Geld- Beutel mit einigen 100 Stück Ducaten vermehrte. Lebe wohl! Ich bin Dein Meißen, treuer Bruder d. 30 December. G- E- Leßing. 1743. siebzig lesstngische Briefe mehr als die frühere», deren Mittbeilung oder Nach. Weisung der Herausgeber meistens gefällige» Freunde» verdankt. Den reichste» Beilrag hat Herr Musitdircclor Fclir Mmdelssobn Bar tholdv gesteuert, nämlich 22 Briefe an Lcfsings Bater, 4 an seine Mutler, 4 an seine Schwester, einen an seinen Bruder Thcophilus. Die bereitwillig gestattete» Abschriften waren, ehe sie der Herausgeber erhielt, von Herrn Pros. Haupt und Herrn vr, Klee in Leipzig mit de» Originalen sorgfältig verglichen. Aus derselben Sammlung, die Herr Mendelssohn von einem Freunde in Breslau geschenkt erhalten, waren von Karl G. Lessing Im ersten Bande des Lebens seines Bruders mehrere einzelne Stelle» angcsül'rt. Diese zu bezeichnen schien iiberslüssig: ein Bruchstück aus einem jetzt verlorenen Briefe vom 30. Nov. 170Z ist an der gehörigen Stelle au« Lessings Lebe» eingc schaltet worden. LessingS Briefe. 1746. 3 I>Ion8iour Asonsieur I^v58MA Iiicmier P.i5lviir «1« I'LZIisv 6o ^ inon tnes Iwnorv Pore z. ?ranco bis dahin. (Ämenn. 5?ochzuchrender Herr Vater, Daß.ich Ihnen so gleich auf den lczten Brief antworte, geschiehet um des Hrn. Rectors Willen, welcher seinen Brief je eher je lieber wollte bestellet wißen. Das Lob, welches Sie mir, wegen des verfertigten poetischen Sendschreibens an den Hrn. Obrist Lieutenant von Carlowiz, unverdient ertheilet, soll mich, ob ich gleich wenig Lust habe diese Materie noch einmahl vor die Hand zu nehmen, anreizen nach T?ero Verlangen ein kürzeres, und, wo es mir möglich, ein beßcreS zu machen. Zwar, Ihnen es fcev zu gestehen, wenn ich die Zeit, die ich da. mit schon zugebracht und noch zubringen muß, überlege, so muß ich mir selbst den Vorwurff machen, daß ich sie auf eine unnüze Weise versplittert. Der beste Trost dabey ist, daß es auf Dero Befehl geschehen. Sie bctauern mit Recht das arme Meisen, welches jezo mehr einer Toden Grube als der vorigen Stadt ähnlich siehet. Alles ist voller Gestanck und Unflath, und wer nicht hereinkommen muß, bleibt gerne so weit von ihr entfernt, als er nur kan. ES liegen in denen meisten Häusern, immer noch 30 bis 4o Verwundete, zu denen sich niemand sehce nahen darff, weil alle welche nur etwas gefährlich getroffen sind, das hizige Fieber haben. ES ist eine weiße Vorsicht Gottes, daß diese fatalen Umstände die Stadt gleich im Winter getroffen, weil, wenn es Sommer wäre, gewiß in ihr die völlige Pest schon graßircn würde. Und wer weiß was noch geschiehet. Jedoch wir wollen zu Gott das beste hoffen. Es sieht aber wohl in der ganzen Stadt, in Betrachtung seiner vorigen Umstände, kein Ort erbärmlicher aus als unsere Schule. Sonst lebte alles in ihr, jezo scheint sie wie auSgestor- bcn. Sonst war es was rares, wenn man nur einen gesunden Soldtaten in ihr sahe, jezo siehet man ein Haussen verwundete hier, von welchen wir nicht wenig Ungemach empfinden müßen. Das Coenacul ist zu einer Fleisch Banck gemacht worden, und wir sind gezwungen in dem kleinern ^ullitoi'i» zu speisen. Die Schüler, welche verreiset, haben wegen der Gefahr in Kranckhcitcn zu verfallen eben so wenig Lust 1" 4 LessingS Briefe. 174«. 1749. zurückzukehren/ als der Schul Verwalter die drey cingezognen Tische wieder herzustellen. Was mich anbelanget, so ist eS mir »m so viel verdrüßlicher, hier zu seyn, da Sie sogar entschloßcn zu seyn scheinen, mich auch den Sommer über, in welchem es vermuthlich zehnmahl ärger seyn wird, hier zu laßen. Ich glaube wohl, die Ursache, welche Sie dazu bewogen, könnte leicht gehoben werden. Doch ich mag von einer Sache, um die ich schon so vffte gebeten, und die Sie doch kurzum nicht wollen, kein Wort mehr vcrlichrcn. Ich versichere mich unter- deßcn, daß Sie mein Wohl beßcr einsehen werden, als ich. Und bey der Versicherung werde ich, wenn Sie auch bey der abschläglichcn Antwort beharren sollten, doch, wie ich schuldig bin, noch allezeit Sie als meinen Vater zu ehren und zu lieben fortfahren. Der Ohr-Zwang, mit welchem ich seit einiger Zeit bin befallen gewesen, macht mich so wüste im Kovffc, daß ich nicht vermögend bin mehr zu schreiben; ich schlüße also mit nochmaliger Versicherung daß ich Lebenslang seyn will p. 8. Was Mnnf. Hevdem. bev Hr. IU, z>rrc> . Golzen gesagt, ist gänzlich falsch, Meisen gehorsamster Sohn d. 1 Februar G E- Leßtug 174«:. Hochzuehrende Frau Mutter, Ich würde nicht so lange angestanden haben, an Sie zu schreibe», wenn ich Ihnen was angenehmes zu schreiben gehabt hätte. Klagen aber und Bitten zu lesen, müßen Sie eben schon so satt sevn, als ich bin sie vorzutragen. Glauben Sie auch nur nicht, daß Sie das geringste davon in diesen Zeilen finden werden. Ich besorge nur, daß ich bey Ihnen in dem Verdachte einer allzugeringcn Liebe und Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin, stehe. Ich besorge nur, daß Sie glauben werden, meine iezigc Aufführung komme aus lauter Ungehorsam und Boßheit. Diese Besorgniß macht mich unruhig. Und wenn sie gegründet seyn sollte, so würde mich es desto ärger schmerzen, je unschuldiger ich mich weiß. Erlauben Sie mir derohalbcn, daß ich nur mit wenig Zügen, ihnen meinen gantzen LcbenSlauff auf Universitäten abmahlen darff, ich bin gewiß versichert, Sie werden alsdann mein jczi- gcS Verfahren gütiger beurtheilen. Ich komme jung von Schulen, in der gewißen Ueberzeugung, daß mein ganzes Glück in den Büchern bestehe. Ich komme nach Leipzig, an einen Ort, wo man die ganze LessingS Briefe. 174S. 5 Welt in kleinen sehen kan. Ich lebte die ersten Monate so eingezogen, als ich in Meisen nicht gelebt hatte. Stets bey den Büchern, nur mit mir selbst bcschäfftigt, dachte ich eben so selten an die übrigen Menschen, als vielleicht an Gott. Dieses Geständnis; kömmt mir etwas sauer an, und mein einziger Trost dabey ist, daß mich nichts schlimmerS als der Fleiß so närrisch machte. Doch cS dauerte nicht lange, so gingen mir die Augen auf: Soll ich sagen, zu meinem Glücke, oder zu meinem Unglücke? die künfftige Zeit wird eS entscheiden. Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter meines gleichen. Guter Gott! waS vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und andern gewahr. Eine baucrsche Schich- tcrnhcit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gäntzliche Un- wiszenheit in Sitten und Umgange, verhaßte Minen, auS welchen je- derman seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschafften, die mir, bey meiner eignen Beurtheilung, übrig blieben. Ich empfand «ine Schahm, die ich niemals empfunden hatte. Und die Würkung derselben war der feste Entschluß, mich hierinne zu beßern, es koste was es wolle. Sie wißen selbst wie ich es anfing. Ich lernte tanzen, fechten, voltigiren. Ich will in diesem Briefe meine Fehler aufrichtig bekennen, ich kan auch also das gute von mir sagen. Ich kam in diesen Uebungen so weit, daß mich diejenigen selbst, die mir in voraus alle Geschicklichkeit darinnen absprechen wollten, einigermaßen bewunderten. Dieser gute Anfang ermunterte mich hefftig. Mein Körper war ein wenig geschickter worden, und ich suchte Gcscllschafft, um nun auch leben zu lernen. Ich legte die ernsthafften Bücher eine Zeitlang auf die Seite, um mich in denjenigen umzuschn die weit angenehmer, und vielleicht eben so nützlich find. Die Comoedien kamen mir zur erst in die Hand. Es mag unglaublich vorkommen, wem es will, mir haben fic sehr große Dienste gethan. Ich lernte daraus eine artige und gezwungne, eine grobe und natürliche Aufführung unterscheiden. Ich lernte wahre und falsche Tugenden daraus kennen, und die Laster eben so sehr wegen ihres lacherlichen als wegen ihrer Schändlichkeit fliehen. Habe ich aber alles dieses nur in eine schwache Ausübung gebracht, so hat cS gewiß mehr an andern Umständen als an meinem Willen gefehlt. Doch bald hätte ich den vornehmsten Nutzen den die Lustspiele bey mir gehabt haben, vergeßcn. Ich lernte mich selbst kennen, und seit der Zeit habe ich gewiß über niemanden mehr gelacht und gespottet als über mich selbst. Doch ich weiß nicht was mich damals vor eine Thorheit überfiel, daß ich auf den Entschluß 0 Ltssings Briefe. 174l>t»ma Iivce lu»t neiiue egn ut, »e^uuiu eeuleo. Vei'um melioi'a l'unl, iiuam cj»!>e ileleri'una. Heil lioe uuuul coulolatur nie at^ne nnluiuiu uieuui s)uia, s/»t »/tut/, «i/? Ius.i jocosa milii. So entschuldigte sich Martial in gleichen Falle. Und man muß mich wenig kennen, wenn man glaubt, daß meine Empfindung im geringsten damit Harmoniren. Sie verdienen auch nichts weniger als den Tittel, den Sie ihnen, als allzustrcnger Theologe geben. Sonst würde» die Oden und Lieder, des größten Dichters unsrer Zeiten, des Hrn. von Hagedorns, noch eine viel ärgre Benennung werth seyn. In der That ist nichts als meine Neigung, mich in allen Arten der Poesie zu versuchen, die Ursache ihres Daseyns. Wenn man nicht versucht welche 12 LessingS Briefe. 1749. Sphäre uns eigentlich zukömmt/ so wagt man sich offtcrmalS in eine falsche, wo man sich kaum über das Mittelmäßige erhebe» kan, da man sich in einer andern villeicht bis zu einer WundernSwürdigen Höhe hätte schwingen können. Sie werden aber auch vielleicht gefunden haben, daß ich mitten in dieser Arbeit abgebrochen habe/ und eS müde geworden bin, mich in solchen Kleinigkeiten zu üben. Wenn man mir mit Recht den Tittel eines deutschen Molterc beylegen könnte, so könte ich gewiß eines ewigen Nahmens versichert seyn. Die Wahrheit zu gestehen, so habe ich zwar sehr große Lust ihn zu verdienen, aber sein Umfang und meine Ohnmacht sind zwey Stücke die auch die gröstc Lust crstücken können. Sencca giebt den Rath: omnem opei'.im imj>er>6<: ut te alik^ua llolo nolaliilom sao!!>5. Aber cS ist sehr schwer sich in einer Wißenschaft notabel zu machen, worinne schon allzuviele ercellirt haben. Habe ich denn also sehr übel gethan, daß ich zu meinen Jugend Arbeiten etwas gcwchlt habe, worinne noch sehr wenige meiner Landsleute ihre Kräfftc versucht haben? Und wäre es nicht thörigt eher auf zu hören, als bis man Meisterstücke von mir gelesen hat. Den Bewciß warum ein Comocdicnschreibcr kein guter Christ seyn könne, kan ich nicht ergründen. Ein Comoedienschrciber ist ein Mensch der die Laster auf ihrer lächerlichen Seite schildert. Darf denn ein Christ über die Laster nicht lachen? Verdienen die Laster so viel Hochachtung? Und wenn ich ihnen nun gar versvräche eine Comocdte zu machen, die nicht nur die Hrn. Theologen lesen sondern auch loben sollen? halten Sie mein Versprechen vor unmöglich? Wie wenn ich eine auf die Freygeister und auf die Verächter ihres Standes machte? Ich weiß gewiß Sie würden vieles von Ihrer Schärfst fahren laßen. Schließlich muß ich Ihnen melden, daß ich seit 8 Tagen das Fieber und zwar das Quotidian Fieber habe. ES aber doch noch so gnädig gewesen, daß ich mich nicht habe dürffen niederlegen, und ich hoffe eS auch in kurzem, mit Gottes Hülffe loS zu seyn. Machen Sie sich keine fernern Gedanken. Ich verbleibe nebst ergebenstem Empfchl an die Frau Mutter Dero Berlin den 28 April 1749. gehorsamster Sohn Lcßing. LessingS Briefe, 1749. IUon8ieur »loiisiour I^essinA Premier I^a5leur 6e8 ÜAl!8e» ü t^amon? >>ar ^n. Hochzuchrender Herr Vater Ich habe den Coffer mit den specificirten, darinnen enthaltenen, Sachen rick)tig erhalten. Ich danke Ihnen vor diese große Probe ihrer Gütigkcit, und ich würde in meinem Danke weitläuffiger seyn, wenn ich nicht, leider, aus allen Ihren Briefen gar zu deutlich schließen müßte, daß Sie, eine Zeitlang her gewohnt sind, das aller niedrigste, schimpff- lichste und gottloseste von mir zu gedenken, sich zu überreden, und überreden zu laßen. Nothwendig muß Ihnen also auch der Dank eines Menschen, von dem Sie so vortheilhaffte Meynungen hegen, nicht ander« als verdächtig seyn. Was soll ich aber darbcy thun? Soll ich mich weitläuffig entschuldigen? Soll ich meine Verläumdcrbeschimvffen, und zur Rache ihre Blöße aufdecken? Soll ich mein Gewißen--soll ich Gott zum Zeugen anruffen? Ich müsie weniger Moral in meinen Handlungen anzuwenden gewohnt seyn, als ich es in der That bin, wenn ich mich so weit vergehen wollte. Aber die Zeit soll Richter sevn. Die Zeit soll es lehren ob ich Ehrfurcht gegen meine Acltern, Ueberzeugung in meiner Religion, und Sitten in meinem Lebenswandel habe. Die Zeit soll lehren, ob der ein bcßrcr Christ ist, der die Grundsähe der christl, Lehre im Eedächtnißc, und oft ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche geht, und alle Gebräuche mit macht, weil sie gewöhnlich sind; oder der, der einmal klüglich gc- zwciffclt hat, und durch den Weg der Untersuchung zur Ueberzeugung gelangt ist, oder sich wenigstens noch darzu zu gelangen bestrebet. Die Christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen Aeltcrn auf Treue und Glaube annehmen soll. Die meiste» erben sie zwar von ihnen, eben so wie ihr Vermögen, aber sie zeugen durch ihre Aufführung auch, was vor rechtschaffne Christen sie sind. So lange ich nicht sehe, daß man eins der vornehmsten Gebothe des Christenthums, Seinen Feink zu lieben nicht beßer beobachtet, so lange zwciffle ich, ob diejenigen Christen sind, die sich davor ausgeben. As. Müller hätte etwas wahrhafftcr seyn können in seinen Nachrichten. Hier haben sie die ganze Geschichte ihres Briefes an den ältern Hrn. Rüdiger, so wie ich sie nur vor wenig Wochen erfahren habe. Dieser Lessings Briefe, 1749- Mann ist Viel zu alt, als daß er sich mit Briefschreiben noch abgebe» könnte, er hat also seine ganze Correspondenz seinem Schwiegcr Sohn/ dem Hrn> Buchhändler Voß aufgetragen. Diesem ist der Brief also nothwendig in die Hände gefallen. Dieser hat ihn erbrochen. Warum soll ihn denn Hr. MvliuS erbrochen haben? Damit man vielleicht in Camcnz das Recht haben möchte noch nachthciliger von ihm, mit einigen Scheine des Grundes, zu reden? Herrliche Ursache! Hr. M. war mit Voßcn speciell bekant; denn er ist sein Verleger. Weil sich also in benanntem Briefe anch vieles auf ihn bezogen hat, so hat er ihm denselben gewiesen. Er wäre fähig genug gewesen ihm bev dem alten Rüdiger, welches ohnedem ein höchst argwöhnischer Mann ist, den gröstcn Verdacht zuzuziehen. Wem babcn Sie es also zuzuschreiben, daß sie ihn unterdrückt haben? Niemanden als Sich selbst, da Sie eine Person mit ins Spiel gemüscht, die doch mit meinen Angelegenheiten gar nichts zu thun hat. Auf das aber, waS mich betroffen hat, hat Voß, ich weiß nicht ob selbst, oder durch seinen Diener, oder durch jemanden anders antworten laßen. Werde ich denn niemals des Vorwurffs los werden können, den Sie mir wegen M machen? 8eä kicilo ex ?uis Ii.i8 nia et inlexi!» in imno nimici lli>- Arat oclio. I^ostra amicilis niliil unlniiun .iliuel s»!l. ,iullioruni. Illiniv enlnari zotest? 1iaru8 imo nullus milii eum ii>5c> keimo inler- ceclit, äo naronlilius me!8, ele osümis t^ua? ii>l>8 vel procstaiill.i vel cleneAancla 8mt, 8. l?.ive, no t!8 mini con8tat te illuil, ter!»8i8t!, am«,i in uxorem amare tuc» (liAni88!inam. cleiliüse. Veniam llah!8 mv Iioee nauoula latino leiinone lite>!8 manel!>88e, lunt enim c^u«: I>Ii>. trem all tul^iioianem nim!8 »roelivem vll'encleie no88iut. k^eiim tamen »dte8tc>r me illam maxumi kacere, siuare et onnii nie- täte colere. Ich versichre Ihnen nochmals, daß alles was ich von der letzter» Condition geschrieben habe alles seine Richtigkeit hat. Ich habe Ihnen schon in dem letzten Briefe ersucht mir mit lo oder 15 Thlr. bcvzu- stchen, ich wollte mich in den gehörigen Stand darzu zu setzen, und ich ersuche dieselben nochmals darum. Doch waS Sie thun wollen, thuen Sie mit ehesten, sonst muß ich meine Zuflucht zu dem Hrn. von Röder LcssingS Briefe. 1749. 1750. 15 selbst nehmen, mir ein oder zwey Quartals vorzuschießen. Ich will mich nicht gern als noch 8 Tage hier in Berlin verweilen. Ich verbleibe nebst ergebensten Empfehl an die Fr. Mutter, der ich über 8 Tage antworten will, Dcro Berlin gehorsamster Sohn d. ?.o Mav Leßing. 1719. Hochzuehrcndcr Herr Vater, Die Antwort auf Dero zwev letzten Briefe würde ich bis jezo nicht schuldig geblieben seyn, wenn ich so offt hatte schreiben können, als ich gerne gewollt habe. Schon wieder entschuldige ich mich mit dem Mangel an Zeit. Und wer mich diese Entschuldigung so vielmal brauchen hört, als Sie, der sollte beynahe auf die Gedanken kommen, daß ich wenigstens mehr als ein Amt, hier in Berlin, müße zu versorgen haben. So falsch dieses, Gott sey Dank, ist, so wahr ist es doch, daß meine Entschuldigung so gar ungegründet nicht ist, als Sie wohl glauben mögen. Der B- v. d. G. ist zwar vor 14 Tagen wieder auf seine Güter gegangen, daß ich also einigermaßen freyer gewesen bin; ich habe aber nach seiner Abreise das ganze vierte Stück der theatr. Beyträge besorgen müßen, was eigentlich schon diese Messe hätte sollen fertig werden, und diese Arbeit hat mich bis an vergangnen Sonnabend nicht über eine Stunde Herr scvn laßen. Sie thuen mir Unrecht, wann Sie glauben, daß ich meine Meinung wegen Göttingen schon wieder geändert hätte. Ich versichere Ihnen nochmals, daß ich morgen dahin abreisen wollte, wann es möglich wäre. Nicht weil es mir jezo eben schlecht in Berlin gängc, sondern weil ich cS Ihnen versprochen habe. Denn in der That, ich habe große Hoffnung, daß sich mein Glück bald hier ändern wird. Bis Hieher habe ich zwar vergebens darauf gehofft, allein ich muß gestehen, daß vielleicht auch einige Fehler auf meiner Seite dabey mit untcrge- laufen sind. Mit Schaden wird man klug. Die Bekanntschaft des Hrn. B- v. d. G- hat mir nicht wenig genüzt, mich hier auf einen sichrer» Weg zu bringen. Denn, außer daß ich etliche M THlr. dabey gewonnen habe, so hat er mir bey untcrschiedncn von seinen Freunden Zutritt verschafft, welche mir wenigstens ein Haussen Versprechungen machen. Auch diese sind nicht zu verwerfen, wenn sie nur nicht immer Versprechungen bleiben. Ich mache keine Rechnung drauf, und habe ie Lesfings Briefe. 1760. meine Sachen so eingerichtet, daß ich auch ohne sie/ diesen Winter ge« mächlich in Berlin leben kan. Gemächlich heißt bey mir, was ein andrer vielleicht zur Noth nennen würde. Allein, was thut mir das, ob ich in der Fülle lebe oder nicht/ wenn ich nur lebe. Ich will un- terdeßcn, da ich es noch in Berlin mit ansehe, meine Zeit so anzuwenden suchen/daß ich sie nicht sür verlohrcn schätzen darf, wenn meine Hofnung auch fehl schlägt; und will mich vor allen Dingen bemühen das fertig zu machen wodurch ich mich in Göttingen zu zeigen gedenke. Nur noch vorige Woche habe ich ein sehr beträchtliches Anerbieten des Hrn. B- von DobrcSlaw ausgcschlagen, weil es mich an allen meinen übrigen Vorsätzen hindern würde. Diesem Hrn. ist von dem vorigen Könige die Bibliothek des in Franks sowohl wegen seiner Gelehrsamkeit als wegen seiner Narrhcit bekannten Prof. EbcrtuS, die er an den König von Spanten wollte vermacht haben, geschenkt worden. Unter den lVlalpt. dieser Bibliothek befindet sich eine lateinische Ucberschung der Lililio- tlloliuo Orientale des Hcrbelot. Diese Uebersetzung nun will der Besitzer jezo drucken laßen, weil sich das Original sehr rar gemacht hat und offt für 30Thlr> bezahlt wird. Weil sie aber sehr unleserlich geschrieben, und auch offt der Verstand des französischen darinne sehr falsch ausgedrücket ist, so hat der B. v. Dobreslaw seit einigen Wochen sehr in mich gedrungen, diese Arbeit zu übernehmen, und das ganze Werk aufs neue umzuschmcltzen. Er versprach mir so lange als ich daran arbeitete freye Wohnung und Holz, und 20o Thlr. Allein da es eine Arbeit ist die mich wenigstens drey Vierteljahre so brschäfftigen würde, daß ich gar nichts außer derselben verrichten könnte, und also vcrschicdne angc- fangne Sachen müßte liegen laßen, so habe ich eS brdächtlich auSgc- schlagen. Die Fortsetzung des Ihnen bekannten Journals und die Uebersetzung der römischen Historie des RollinS besetze» meine Zeit so schon mehr als mir lieb ist. Da ich übrigens zu Ostern einen Band von meinen theatralischen Werken, welcher in den Jenaischcn gelehrten Zeitungen schon längst ist versprochen worden, zu liefern gedenke, deß- gleichen auch eine Ucbersetzung auS dem Spanischen der ^ovellas I^xempIsreZ des Cervantes, so werde ich gar nicht über lange Weile zu klagen haben. Kann ich unterdcßcn auch mit einem Verleger wegen des englischen Werks, wovon ich Ihnen schon zu untcrschicdnenmalcn geschrieben habe, zu Rande kommen, so werde ich eS auch gerne sehen, denn auf meiner Seite habe ich gar nichts mehr daran zu thun. Auf das Spanische habe ich eine Zeit her sehr viel Fleiß verwendet, und ich glaube meine Mühe nicht umsonst angewendet zu haben. Da es Lessings Briefe. 1760. eine Sprache ist, die eben in Deutschland so sehr nicht bekannt ist, so glaube ich, daß sie mir mit der Zeit nützliche Dienste leisten soll. Hr. MvliuS ist zwar Auctions Commißar geworden, doch wer ihm die tSoo Thlr- Besoldung angedichtet hat, der hat ihm groß Unrecht gethan. Wenn cS so viel einbrächte, so wäre ich cS selbst geworden, da mir eS der jüngere Hr. Rüdiger, welcher diese Stelle wieder niederlegte, so zu erst ganz ernstlich antrug, weil er cS nicht eher niederlegen konnte, als bis er einen andern an seinen Platz geschafft hatte. Wenn es viel ist, so trägt es 4voThlr. ein. Auch dieses ist genug für ihn. Doch dieses schreibe ich allein Ihnen, weil er vielleicht seine Ursache mag gehabt haben, seinem Bruder in Elstra solchen Wind vorzumachen. Ich bin der Mensch nicht, der andern Leuten seine Projecte gerne zu Schanden macht. Der jüngrc MyliuS ist mit dem ältern Rüdiger zerfallen, und schreibt also die Zeitungen nicht mehr. Ich bin mehr als einmal darum angegangen worden, sie an seiner Statt zu schreiben, wenn ich mit solchen politischen Kleinigkeiten meine Zeit zu verderben Lust gehabt hätte. Ich habe ein besondres Vergnügen, daß Sie mit Thcophilo in Meisen so wohl zufrieden sind. Wenn ich Thcophilus wäre, so hätten Sie es mit mir auch seyn sollen. Da er so fleißig studiert, so möchte ich gar zu gerne wißen, was er, und wie er studiert. Ich habe cS in Meisen schon geglaubt, daß man vieles daselbst lernen muß, was man in der Welt gar nicht brauchen kan, und jezo sehe ich cS noch viel deutlicher ein. Hr. Wehscn wollte ich von Grund meiner Seelen noch eine Null an seine Besoldung wünschen. Sein Amt aber scheint mir sehr wunderbar zu seyn. Wenn die, die zu unserer Religion treten wollen, erst müßen informirt werden, so haben sie offenbar andre Ursachen, als die übcrzcigung der Wahrheit. Denn wenn diese die Ursache der Veränderung ist, so brauchen sie die Information nicht. Doch dieses muß das Oberconsistorium keßer verstehen als ich- Wenn Sie Hr. Wehscn sprechen sollten, so werden Sie so gütig seyn, ihn meiner fort- tauerndcn Freundschafft zu versichern. Ich sende Ihnen hicrbcy das dritte Stük der theatralischen Beyträge, worinnc Sie des Hrn. GrcgoriuS in Ehren gedacht finden. Die Recension ist von mir, und cS dauert mich nur, daß ich sie nicht noch ärger gemacht habe. Hätte ich mich durch solch Zeug bckant machen wollen, als er thut, so wollte ich schon ganze Folianten geschrieben haben. Sollte er sich über die Ungerechtigkeit meines Urtheils beschweren, so will ich ihm das Recht geben, mit meinen Sachen auf gleiche Weise zu verfahren. Die Simonettischcn und politisch bcrlinschen Zeitungen Lessings Werke XII, 2 18 Ltssings Briefe. 1760. 1761. kan ich Ihnen schickt», ohne daß sie mich etwas kosten. ES ist also nur die Frage ob Sie das Postgeld dran wenden wollen. Wenn Bc- zolt nach Berlin bald kommt, so will ich Ihnen dieses Jahr von den gelehrten Zeitungen bis jezo comvlet überschicken. Ich würde es heute beylegen, wenn das Paquet nicht zu groß werden mochte. Wer Ihnen geschrieben hat, daß cS mir sehr schlecht ginge, weil ich bcv Hr. Rüdiger» nicht mehr den Tisch und andere Einnahme hatte, der hat Ihnen eine große Lügen geschrieben. Ich habe mit diesem alten Manne nie länger etwas wollen zu thun haben, als bis ich mir seine große Bibliothek recht bekannt gemacht hätte. Dieses ist geschehen, und wir waren also geschicdne Leute. Der Tisch bekümmert mich in Berlin am allerwenigsten. Ich kan sür 1 Gr. 6 Pf. eine starke Mahlzeit thun. De la Mettrie, von dem ich Ihnen einigemal geschrieben habe, ist hier LeibmedicuS des Königs. Seine Schrifft I'Iioinme msolune hat viel Aufsehen gemacht. Edelmann ist ein Heiliger gegen ihn. Ich habe eine Schrift von ihm gelesen, welche ^nii8ellec^v ou Ic-louverain dien heißet, und die nicht mehr als zwblfmal ist gedruckt worden. Sie mögen aber von der Abscheulichkeit derselben daraus urtheilen, daß der König selbst zehn Exemplare davon ins Feuer geworfen hat. ES ist Zeit daß ich meinen Brief schließe, wenn er noch auf der Post soll angenommen werden. Ueber acht Tage werde ich ganz gewiß ein mehrereS schreiben, dcßgleichen an die Fr. Mutter und an Theovh. Dero Berlin, gehorsamster Sohn d. 2 November L. 1750. Hochzuehrcndcr Herr Vater, Die Antwort auf Dero letztes Schreibe», woran ich, durch die vielen Umstände, welche man mir wegen der mit geschickten Wäsche auf dem hiesigen Packhofe machte, vergangen verhindert wurde, würde ich bis jezo nicht aufgeschoben haben, wenn ich nicht auf Pctzoldcn gewartet hätte, welcher mir damals sagte, daß er längstens in vierzehn Tagen wieder in Berlin seyn werde. Ich habe alles richtig erhalten und bin Ihnen und der Fr. Mutter dieser gütigen Vorsorge wegen höchstens verbunden. Die gelehrten Zeitungen, welche ich nebst andern gcdrukten Sachen Pcholden mit gegeben habe, werden Sie ohne Zweifel bekommen Lessinas Briefe. 1751. habe». Hier folgen die übrigen Stücke, so viel als davon heraus sind. Ich würde Ihnen, ohne die geringsten Unkosten auf Seiten meiner, auch die hiesigen politischen Zeitungen mit schicken können, wenn ich glaubte, daß Ihnen damit gedient wäre. Sie sind, wegen der scharfen Censur gröstenthcilS so unfruchtbar und trocken, daß ein Neugieriger wenig Vergnügen darinne finden kan. ES ist wahr; in Berlin sind Gelehrte die Menge, und unter diesen erhalten allezeit die Franzosen den Vorzug. Allein, ich glaube, daß auch Göttingen daran keinen Mangel hat, und daß ein Mensch, wie ich bin, auch da aus einem große» Haufen hervor zu dringen hat, wenn er will bekannt werden. Ich glaube also, daß es von mir eben nicht allzuklug gehandelt seyn würde, wenn ich einen großen Ort mit einem andern vertauschte, wo ich als ein Unbekannter eine Menge Hinderniß- von neuen übersteigen müßte, die ich hier zum Theil schon überstiegen habe. Das wenige was ich in Göttingen zu hofcn hätte, kan in keine Betrachtung kommen, weil ich hier in Berlin, das Jahr über, wenigstens auf noch einmal so viel gewiße Rechnung machen kan. Meinen Sie aber, daß ich diesen Verdienst auch in Göttingen beybehalten könnte, so irren Sie unmaßgeblich. Er hängt von verschiedncn Personen ab, von welchen ich hernach allzuweit entfernt seyn würde, als das; ihnen an meiner Arbeit viel gelegen seyn sollte. Ehe ich in Gdttingen dergleichen Personen wieder auftricbe, würden alle die Ver- drüßlichkcitcn mich nochmals überfallen, die mich hier, oft bis zur Verzweiflung gebracht haben. Und sind denn die Lo Thlc. und der freye Tisch schon ganz gewiß? Ich bin schon allzuoft angeführt worden, als daß ich mich auf bloße Versprechungen verlaßcn sollte. Sie haben Recht, Gottes Vorsorge muß bey meinem Glücke das beste thun, allein diese kan hier eben so viel als anderwärts für mich thu». Ich habe überzeugende Beweise davon, für die ich dem Himmel insbesondre danken würde, wenn ich glaubte, daß man ihm nur für das gute danken müßte. Das Lob, welches ThcophiluS in Meise» hat, hat mich ausnehmend erfreut. Ich wünsche, daß er dc» Beyfall, den er in der Schule hat, auch in der Welt haben möge. Dem guten Hrn. Conrcktor hat es gefallen seinen Groll gegen mich auch noch in diesem Briefe ein wenig zu verrathen. Er kan aber nichtsdestoweniger versichert seyn, daß ich alle Hochachtung gegen ihn habe, ob es mich gleich gar nicht reuet, daß ich ihm nicht in allem gefolgt bin. Ich weiß wohl, daß es seine geringste Sorge ist, aus seinen Untergebnen vcrnünftge Leute zu machen, wenn er nur wackre Fürstenschülcr aus ihnen machen kan, das ist, 2» 20 Lessings Briefe. 1761. Leute, die ihren Lehrern blindlings glauben/ ununiersucht ob sie nicht Pedanten sind. Wenn Gottlob nach Meisen komen wird, so will ich eben nicht wünschen, daß er in Thcovh. Fußtapfcn treten möge, denn vielleicht sind ihre Gemüthsarten zu verschieden, als daß dieses möglich seyn könnte; ich will bloß wünschen, daß er seinem innerlichen Berufe, (vorausgesetzt, daß er darauf geht, etwas rechtschafneS zu lernen) vernünftig folgen möge, und daß er so leben möge, wie er sich, wann er aus der Erfahrung lernen wird, was nöthige und unnöthige Studia sind, gelebt zu haben wünschen möchte. Ich kan Thcovh. noch nicht antworten, so gerne als ich cS thäte, und so empfindlich ich auch gegen seine aufrichtige Liebe bin. Den Brief des Hrn. Con R- will ich nächstens zurücksenden, weil er sich unter meinen Papieren versteckt hat, und ich ihn schon eine halbe Stunde vergebens gesucht habe. Wenn Hr. M- GregoriuS glaubt, daß die Welt seinen Hrn. Sohn verlästrc, so thut er der Welt unrecht. So lange der neue Hr. Konrektor mit einer unglaublichen Unwißenheit gleichwohl einen so ausschweifenden Stolz verbinden wird, so lange verlästert er sich selbst. Der Artikel den ich nur heute abermals in den Hamvurgischcn Nachrichten von ihm gelesen habe, muß ihn bey allen Vernünftigen lächerlich machen. Ich möchte doch wißen, was er auf die Schuljungenschnitzer antworten könnte, die ich ihm in dem 3ten Stücke der Th. B- gezeigt habe? Der Magistrat in Lauban ist dericnige eben nicht, deßen Wahl ich zum Wchrmanne meiner Verdienste haben wollte. Wieder den Hrn. Biedermann ist hier mehr als eine Kritik zum Vorscheine kommen; so wohl in beyden Zeitungen hat man ihn herumgenommen, als auch in besonders gedruckten Blättern. Man bat ihm zuviel gethan, und man hätte nicht vergehen sollen, daß er ein Mann sey, der sonst Verdienste hat. Der Verfaßer der einen Recension, welche sich in den Haudeischen Zeitungen von seinem Programmate befindet, ist ein Advocat Krause, von der andern ist cS der Hr. Concertmeister Bach. Ich gebe Ihnen diese Nachricht unter der Hand, weil ich mir diese Leute nicht zu Feinden machen will, die ich sonst sehr wohl kenne. Ich bin Zeitlebens Dero gehorsamster Sohn Berlin, d. 8 Februar G. E. Leßing. 1761. LessingS Briefe. 1763. 21 ä KIov8ieur klonsieur LclileZel Diacio et prokesleur extraoräillairo 60 I'eoolo provlncial« 6e la k'orte gupros 6al'chs gedacht; und darf ich wohl Ewr. :c. ersuchen, ihm meinen Empfehl zu machen? Nur meine Furchtsamkeit ist Ursache, daß ich ihm nicht selbst schreibe, und ihn versichere, wie sehr die Art, mit welcher er einen nichtigen Zweifel von mir aufgenommen hat, alle meine Hoffnung von seiner Leutseligkeit und edeln DcnkungSart übertroffcn habe. Seine Antwort thut mir völlig Genüge, und das, was Sie bey Anführung derselben hinzugethan haben, ist ein Superpooriium, das schon an sich den AuS- schlag geben könnte. Ich bin mit der größten Hochachtung -e. Lessing. An Moses Mendelssohn. den 18. Febr. 1765. °) Liebster Freund! ES ist mir recht sehr angenehm gewesen, die Versicherung von Ihnen zu erhalten, daß Sie in meiner Abwesenheit noch an mich denken. Ich habe Ihnen von einem Tage zum andern schreiben wollen, aber Sie wissen ja wohl, daß nicht alles geschieht, was ich mir vornehme. Ich wollte Ihnen meine Ursachen nach der Länge anführen, warum ich, Ihnen die Wahrheit zu gestehen, die bewußte Preisschrift") mit Fleiß zurück gehalten habe. Ihr Verweigern, sich nicht dabey zu nennen, war die vornehmste. Gesetzt nun, daß wir aus dieser gelehrten Lotterie das größte LooS gezogen hätten; was meinen Sie wohl, "1 Aus Potsdam. ") Pope ein Metaphvsiker! nachher i» Daiizig gedruckt 1755. LcssingS Briefe. 1766. daß alsdann geschehen wäre? Sie hätten wollen verborgen bleiben/ und ich hätte es müssen bleiben. Wenn sich alSdcnn niemand gcnennt hätte, so hätten wir unsre Schrift auch nicht einmahl dürfen drucken lassen, oder wir wären doch zuletzt verrathen worden. Ist eS also nicht besser, daß wir den uneigennützigen Weltweiscn spielen, und unsre Entdeckungen der Welt ohne 5o Dukaten überlassen? Ich hoffe binnen 3 Wochen wieder in Berlin zu seyn, und ich will Ihnen nur im Voraus sagen, daß wir sogleich unsre Arbeiten in eben dem Formate, wie Ihre philosophische Gespräche, wollen drucken lassen. Das projek- tirte Journal kömmt gleichfalls noch ganz unfehlbar zu Stande. Sie sollen in acht Tagen die ersten Bogen davon gedruckt sehen. Schicken Sie mir also Ihre Recension von der Psychologie mit nächstem. Haben Sie sonst noch etwas, so legen Sie es bey; desgleichen fragen Sie auch bey dem Hrn. D- Gumpcrz, dem ich mein ergebenstes Com- pliment mache, in meinem Nahmen nach. Vielleicht, daß er auch »och etwas gemacht hat. Haben Sie die Recension von Ihren Gesprächen in dem Correspondenten gelesen? Hier ist sie. Sie können das Blat behalten. Ich würde mir das größte Vergnügen daraus machen, ein paar Stunden mit Ihnen hier schwatzen zu können; allein ich mag kein Vergnügen, das Sie mir nicht anders als mit Ihrer Jncommodität machen könnten. Ich komme wohl gar ehestens selber auf einen Tag nach Berlin. — Haben Sie von dem Hrn. Voß die Werke des Corneille bekommen? Ich bin Zeit Lebens Ihr ergebenster Freund Lcssing. Hochzuchrcnder Herr Vater, Ob ich gleich seit einigen Wochen wieder aus Potsdam zurück bin, so habe ich doch noch bis zum AuSgangc der Messe so viel zu thu», daß Sie mir es gütigst verzeihen werden, wenn ich eben so eilig als kurz schreibe. Was ich für den Bruder Gottlob thun kann, thu ich mit Vergnügen, und es ist mir angenehm, daß Sie so gütig sind, und wenigstens meinem guten Willen Gerechtigkeit wicdcrfahrcn laßen. Ich werde das nächstem«! mehrercS von ihm schreiben; bis jetzo ist cS genug, daß ich eben keine Ursache habe, über ihn zu klagen. Der Hr. Pastor Rohde befindet sich schon seit geraumer Zeit hier. Ich habe, nach vielem Zureden, seinen Schlüßcl von Herrnhut im- ^l) Ltsfmgs Briefe. 17ZZ. tergebracht. Herr Voß druckt ihn, und bezahlt seine Mühe so, daß er damit zufrieden seyn kann. Nur Schade, daß man mit seiner Arbeit nicht recht zufrieden seyn kann, und ich mit meiner Recommandation vielleicht schlechten Dank verdienen werde. Er schreibt so unordentlich und so weitläuftig, daß seine Leser viel Überwindung nöthig haben werden, von einem Ende bis zum andern zu lesen. Und überhaupt scheint mir der Hr. Pastor derjenige nicht zu seyn, für den man ihn bey dem ersten Anblicke halten sollte. Ich fange an zu glauben, daß er sich seine verdrüßlichen Umstände größten Theils selbst zugezogen habe. Von meinen Schriften ist noch nichts fertig; ich werde sie aber hoffentlich mitschicken können, sobald Betzold herkömmt. Göttingsche Zeitungen folgen anbey mit. ES sind in meiner Abwesenheit verschiedne Stücke verlohnn gegangen, und verschiedne sehr häßlich zugerichtet worden. Ich will die erster» nachschicken; weil man sie einzeln bekommen kann. Der Bruder wird mich entschuldigen, daß ich abermals an ihn nicht schreibe. Ich schicke ihm unterdeßc» einen arabischen Dichter, der ihm vielleicht nicht unangenehm seyn wird. Hat er denn alle seine Sache von Wittenbecg mit nach Hause genommen? Wann dieses ist, so bitte ich ihn nachzusehen, ob sich nicht ein Packt holländischer Schriften finden, die ich ehemals mit vieler Mühe gesammelt hatte, und die Streitigkeiten wegen Beckers bezaubertcr Welt betreffen. Sie sind alle in Quart und bloß in blaues Papier geheftet, und ich weis ganz gewiß, daß ich sie in Wittcnberg gelaßen habe. Da ich jezt an einer neuen Übersetzung von Beckers bezaub- Welt arbeite, der ich eine Geschichte der darüber erregten Streitigkeiten vorsetzen will, und wozu der Hr. Past. Hauber aus Koppcnhagen mir bereits sehr viel Beyträge geschickt hat: so brauchte ich die gedachten Holländischen pieyea sehr nothwendig. Wenn sie sich finden, woran ich nicht zweifle, so erwarte ich sie mit BetzoldS erster AnHerkunft. Von meiner Beförderung, auf die ich eben nicht sehr hitzig bin, wißen andre Leute immer mehr, als ich selbst. Man hat eS mir seit einiger Zeit sehr nahe gelegt nach MoScau zu gehen, wo, wie Sie aus den Zeitungen werden gesehen haben, eine neue Universität angelegt wird. Dieses könnte vielleicht am aller ersten geschehen. Ich verbleibe nach abgelegtem gehorsamsten Empfchl an die Frau Mutter, Dero Berlin, d. tl April 1765. gehorsamster Sohn Gotthvld Ephraim Lessing. Lessings Briefe. 1756. ^1 An Moses Mendelssohn. Leipzig, den 8. Der. 1766. Liebster Freund: Ich habe Ihren dritten Brief erhalten, und hier ist mein zweyter. Ich sehe es, so wie in keiner Sache, also auch hier nicht ungern, daß Sie den Schritt vor mir voraus haben. Karl der XII., ein Held, wie die alten Helden, die lieber Könige machten als Könige waren, und der vorige König von Pohlen, auch ein Held, wie man sagt, wenigstens aber nur ein subalterner Held, der sich in die Krone vergafft halte; diese zwey kamen einst zu einer mündlichen Unterredung. Jener besuchte diesen in seiner Residenz, eben, wo ich mich nicht irre, als er diese Residenz belagerte. Von was sprachen sie wohl in einem so kritischen Zeitpunkte? Von ihren Stiefeln--Es wäre nicht ein B.iSchen komisch, wenn Sie und Maupcrtuis etwas wichtiges mit einander gesprochen hätten. Und da mir jetzt alles um so viel lieber ist, je komischer cS ist, so bin ich recht wohl damit zufrieden. Besuchen Sie ja den großen Mann fleißig! Mir cS aber allezeit zu schreiben, wenn Sie ihn besucht haben, das brauchen Sie eben nicht. Sie könnten mir es einmahl zu einer Zeit schreiben, da ich das Komische nicht liebe. Wie gesagt, jetzt liebe ich cS sehr. Eine von meinen Hauptbeschäftigungen ist in Leipzig noch bis jetzt diese gewesen, daß ich die Lustspiele des Goldoni gelesen habe. Kennen Sie diesen Jtaliäner? Wenigstens dem Nahmen nach? Er lebt noch. Er ist Doktor der Rechte und prakticirte ehedem in Venedig. Jetzt aber ist er Direktor einer Bande von Schauspielern. Die Ausgabe seiner Werke von 1763 bestehet auS sieben Octavbändcn, welche 23 Komödien enthalten. Es ist fast in allen viel Gutes, und die meisten sind auch ziemlich regelmäßig. Ich will Ihnen nichts mehr davon schreiben, weil ich ehestens einen Auszug daraus nach Berlin schicken werde, welcher in das vierte Stück meiner theatralischen Bibliothek kommen soll. Eine von diesen Komödien l'Lreilo lortunala habe ich mir zugeeignet; indem ich ein Stück nach meiner Art daraus verfertigt. Sie sollen es ehestens gedruckt sehen. Roch aber wird es noch eher aufführen, und wenn das geschehen ist, will ich Ihnen schreiben, ob ich mir etwas darauf zu gute thue, oder nicht. Aber nicht allein dieses Stück, sondern auch noch fünf andere, sind größtentheilS schon auf dem Papier, größtcn- theils aber noch im Kopfe, und bestimmt mit jenen einen Band aus- 3^ Lessings Briefe. 1766. zumachen, mit welchem ich das ernsthaste Deutschland auf Ostern beschenken will. Und alSdcnn ^aettus srlemcire ioi>c>uo.') Was sagen Sie dazu? AlleS/ was ich zu meiner Entschuldigung anführen kann/ ist dieses, daß ich meine Kindereien vollends auszukramen eile. Je langer ich damit warte, desto härter/ fürchte ich, mochte das Urtheil werden, welches ich einmahl selbst über sie fällen dürfte. Sollte daS Publikum mich als einen zu fleißigen Schriftsteller ein wenig demüthigen wollen, sollte es mir seinen Beyfall auch deswegen mit versagen, weil ich ihn allzu oft zu erhalten suchte, so will ich cS auf der andern Seite durch das Versprechen bestechen, daß cS, von künftige Ostern an, drey ganze Jahre von mir nichts zu sehen, noch zu hören bekommen soll. °) Im I- 1765 waren Goldoni's Komödie» i» Deutschland »och ganz unbekannt. Ich machte daher i» der Bibl. der schönen Wissenschaften ausführliche Auszüge daraus. Da ich im Ulten Bande S. IlS. unlrr andern die »rede foriunsta anzeigte, imb bemerkte, daß es darin ziemlich verwirrt zugehe, wachte Lessings Idee wieder auf. Er schrieb mir (in einem Verlornen Briefe): Er wundere sich, daß ich gerade dieses Stück hätte tadeln wollen. Ihm hatte es so wohl gefallen, daß er daraus ei» anderes Stiiek zu mache» angefangen habe, welches nächstens solle gedruckt werden. Freylich! Ich Halle das Stuck beurtheilt, so wie es war; aber Lessing, nach dem, was ein Mann wie Er aus dem Sujet machen könnte. In seinem theatralischen Nachlasse, sBd. II, S. 473 > steht sein Plan, woraus nia» deutlich sieht, daß er das Stück ga»z anders bearbeiten wollte. Gleich die erste Scene ist interessanter angelegt, als die Eröffnnngssccnc beym Golden!. Für einen Anfänger in der theatralischen Kunst wäre die Bcrglei- chung dieses Plans mit dem von Goldoni lehrreich. Aber unsere Anfänger halten cS für überslüßig zu siudiren! Wenn ihr erstes Stück auf die Bühne gebracht wird, und auch die Hälfte der Scenen schülerhaft angelegt ist, dünken sie sich schon mehr als Lcssing. Ei» Sujet auf verschiedene Art zu wende», verschiedene Plane zu versuche», und deren Wirkung zu prüfen, ehe sie Eine» ausführe», daran denke» sie nicht. Und doch ist Lcssing durch Studium geworden, was er war. An der angezogenen Stelle des theatralischen Nachlasses, sBd. il,S. 477 ffl findet mau auch den im I, 1768 gemachte» Abdruck des erste» Bogens der glücklichen Erbin. Wegen dieses Stücks veruncinigle sich Lessing mit dem Buchhändler Reich in Leipzig. Reich battc Lessings Bekanntschaft durch ihren gemeinschaftlichen Freund Hrn. Weiße gesucht, und nach einiger Zeit gab dies Gelegenheit, daß Lessing versprach, ein Bändchen von sechs Komödien im Weidemannischcn Verlage herauszugeben. Die oben erwähnte kleine Veranlassung von meiner Recension hatte ihm seinen vor ein Paar Zahrcn gemachten Plan der glücklichen Erbin wieder lebhaft ins Gc. Lcssings Briefe. 1755. ^ Wie wird das zugehen? fragen Sie ganz gewiß? Ich melde Ihnen also die wichtigste Neuigkeit, die ich Ihnen von mir melden kann. Ich muß allerdings zu keiner unglücklichen Stunde aus Berlin gegangen seyn. Sie wissen den Vorschlag, welchen mir Prof, Sulzcr wegen einer Reise in fremde Länder that. AuS diesem wird nun ganz gewiß nichts, weil ich einen andern angenommen habe, welcher ungleich vorthcilhafter für mich ist. Ich werde nehmlich nicht als ein Hofmeister, nicht unter der Last eines mir auf die Seele gebundenen Rnabens, nicht nach den Vorschriften einer eigensinnigen Familie, sondern als der bloße Gesellschafter eines Menschen reisen, welchem es weder an Vermögen noch an Willen fehlt, mir die Reise so nützlich und angenehm zu machen, als ich mir sie nur selbst werde machen wollen. ES ist ein junger Winkler, ohngefähr von meinen Jahren, dächtniß gebracht. ES bedürfte bey ihm eines solche» Anstoßes, um gewisse Ideen geschwind zur Ausführung zu bringen. Er machte sich an die Arbeit, und es wurde» bald zivey Dogen gedruckt. Reich war ein guter Mann, und besonders ein guter Kaufmann: oft sehr billig und gefällig, aber gemeiniglich auch zu sehr Kaufmann, und dabey sehr hastig und rechthaberisch. Er bcgcgncle seinen Autoren nicht allemal mit der nöthigen Delikatesse. Lcs- sing baltc die Fortsetzung der Komödien seit einiger Zeit unterlassen. Lcssings Entschuldigung lag in seinem Charakter. Er sagt selbst in einem Briefe an Moses: „Zch kenne mich selbst; ich muß meine erste Hitze zu nutzen suche», „wenn ich etwas zu Slaudc bringe» will." Lcssings Freunde wußten das; aber Andcrc freylich beurtheilten ihn nicht so gelinde. Rcich verlangte die Fortsetzung des Abdrucks mit dem lebhaftesten Ungestüm, der ihm »ach und nach gewöhnlich ward, so daß er dessen Beschaffenheit, und sein Verhältniß zu dem mit dem er sprach, nicht allemal fühlte. Die Folge des Streits war, daß Reich die zwey gedruckte» Böge» so komplett ins Makulatur warf, daß ihm nicht einmal einfiel, ob ein Paar Bogen von Lcssing verdienten, wenigstens als eine Seltenheit aufgehoben zu wrrdcn. Nach wenigen Jahre», als ich die wahre» Umstände der Geschichte erfuhr und von den Bogen wenigstens ein Ercmplar retten wollte, Halle Rcich auch nicht Ein Ercmplar verwahrt. Bom Buchdruckcr Saalbach crhiclt ich ein Ez'cmplar dcs crstcn Bogens, das er für sich bewahrt hatlc, crfubr abcr, daß dcr zwcvtc Bogcn nicht abgcdrnekl, und dic Formen auf Reichs Verlange», wicdcr abgclcgt worden. Es war, nach vielem Nachsuchen, das auf meine Bitte geschah, nicht einmal einer dcr Korreklurbogcn zu findcn. Dicscr zwcvtc Bogcn ist also ganz verloren. Daß das Stuck wirklich von dcr Kochischc» Gcscllschafl aufgeführt worden, wie Lcssing in diesem Briefe verspricht, habe ich nicht gebort, und er hat es wahrscheinlich nie ganz ausgearbeitet. Es kam ohnedies die Reise dazwischen. Nicolai. LcssiugS A?crke x», 3 K-^^M^ 34 LessingS Briefe. 1765. von einem sehr guten Charakter, ohne Eltern und Freunde, nach deren Grillen er sich richten müßte. Er ist geneigt, mir alle Einrichtung zu überlassen, und am Ende wird er mehr mit mir, als ich mit ihm gereiset seyn. Die Sache ist ganz gewiß, und ich werde, wo nicht diesen, doch künftigen Posttag gewiß an den Prof. Suljer schreiben, und mich für sein gütiges Anerbieten bedanken. Im voraus können Sie eS ihm gelegentlich nur immer sagen. Ich hoffe nicht, daß er darüber ungehalten werden wird, indem ich mich eigentlich mit ihm zu nichts verbunden habe, und nicht einmahl den Nahmen des jungen Schweizers weiß, mit welchem ich reisen sollte. Da unsre Reise von hier nach Holland gehen soll, so hoffe ich eS so einzurichten, daß wir über Berlin nach Hamburg gehen. Ich werde Sie also noch sprechen, liebster Freund, und dieses zwar gleich nach der Ostermesse. Wie freue ich mich darauf! Von da aber weiter in die Zeit hinaus will ich jetzt nicht sehen; denn sonst wäre alle Freude auf einmahl wieder hin! ES ist mir lieb, daß man bey Hofe neugierig wird, Sie kennen zu lernen. Die Weisheit selbst hat durch die Ncugicrdc ihre meisten Verehrer erhalten. Ich will mit einem halben Dutzend Fragen schließen. WaS macht der Herr v. Prcmontval? Sprechen Sie oft mit ihm? Wie steht eS mit Ihrem Rousseau? Was arbeiten Sie sonst? Will man von dem Philosophen Popen noch nichts wissen? Was machen Ihre Freunde? Herr Joseph, der große und der kleine, Herr Bernhard, und alle, welche die Ehre, die Sie Ihrer Nation machen, erkennen, und zum Theil, stolz auf diese Ehre, Ihnen nachzueifern suchen? Leben Sie wohl! Ich liebe Sie, theurestcr Freund, und bin ganz der Ihrige Lcssing. An Ramler. Leipzig, d- It. Dccemb. 1756. Liebster Freund, Sie wollen mir beweisen, daß die Pleisse und Lethe einerley Strom wären? Das sollen Sie mit aller Ihrer Gelehrsamkeit nicht vermögend seyn; oder ich will Ihnen, dem ganzen dichterischen Alterthume zum Trotze, beweisen, daß Lethe, wenn die Plcisse Lethe ist, nicht der Strom der Vergessenheit könne gewesen seyn. — Nein, liebster LessingS Briefe. 1766. 35 Freund, ich habe in den wenigen Wochen, die ich aus Berlin bin, mehr als tausendmal an Sie gedacht, mehr als hundertmal von Ihnen gesprochen, mehr als zwanzigmal an Sie schreiben wollen, und mehr als dreymal auch schon an Sie zu schreiben angefangen. In dem ersten Briefe, welchen ich an Sie anfing, versuchte ich den Landkutschenwitz des Herrn Geliert nachzuahmen; denn Sie wissen, daß ich in einer Landkutsche von Berlin abreiste. Ich hatte zwar nicht das Glück/ mit einem Scharfrichter zu fahren, und durfte nie, als bey den heftigen Stößen des Wagens, nach meinem Kopfe fühlen, ob ich ihn noch hätte. Ich hatte aber sonst eine lustige Person unter meinen Gefährten gefunden: einen jungen Schweizer nehmlich, welcher sich den halben Weg über mit einem Oestreich» um den Vorzug ihrer Mundarten zankte. Doch ich besann mich gar bald, daß aus den Nachahmungen nichts komme, und fing einen zweyten Brief an, in welchem ich Original fern, und die Schnaken eben so wohl, als die Komplimente vermeiden wollte. Die Komplimente, liebster Ramler, aber nicht die aufrichtigen Versicherungen, wie schätzbar mir Ihre Freundschaft ist, zu der ich in Berlin so spät gelangt zu seyn, noch nicht aufhören werde zu beklagen. Ueber wen aber? Ueber mich selbst; über meine eigensinnige DcnkungSart, auch die Freunde als Güter des Glücks anzusehen, die ich lieber finden, als suchen will. — In meinem dritten Briefe wollte ich Ihnen lauter Neuigkeiten melden, und Ihnen alle Diejenigen nennen, die ich hier kennen gelernt. Ich wollte Ihnen schreiben, daß ich Herrn Geliert vcrschicdenemal besuchte. DaS erstemal kam ich gleich zu ihm, als ein junger Baron, der nach Paris reisen wollte, von ihm Abschied nahm. Können Sie wohl errathen, um was der bescheidne Dichter den Baron bat? Ihn zu vertheidigen, wenn man in Paris etwaö BöscS von ihm sagen sollte. Wie glücklich, dachte ich bey mir selbst, bin ich, von dem man in Paris weder Böses noch Gutes redet! Aber sagen Sie mir doch, wie nennen Sie so eine Bitte? naif oder albern? — Herr Gcllert ist sonst der beste Mann von der Welt. Mein vierter Brief an Sie--Aber es ist genug, daß ich Ihnen von den ersten drevcn eine Probe zum Beweise gegeben habe, daß ich sie wirklich schreiben wollen. Mein vierter Brief also mag nur dieser seyn; der erste, welcher seine völlige Wirklichkeit erlangt hat. Und das Wichtigste, was Ihnen dieser melden soll, ist dieses, daß ich auf Ostern mich ganz gewiß von meinen Freunden auf drey Jahre beurlauben werde. Ich habe unverhoffc eine weit bessere Gelegenheit zu reisen gefunden, als der Herr Prof. Sulzer für mich im Werke hatte. Unser Z* ..... n >^t» ^ Fi! i»Mi ^ Z 36 Lessings Briefe. 17Z-i. Weg über Hamburg noch Holland wird uns nach Berlin bringen, und ich werde s» glücklich seyn, Sie bald wieder zu sprechen. Was ist unterdessen mit unsern Projekten zu thun? Mein Rath ist, daß Sie sie immer auszuführen anfangen sollen. Sie haben schon so viel daran gethan, daß ich nicht nur die ersten drey Jahre, sondern ganz und gar, dabev zu entbehren wäre. Ich habe bev verschiedenen Verlegern schon von weitem ausgeholt, und mehr als Einen nicht ungeneigt gefunden. Ich hoffe Ihnen ehestens mehr davon schreiben zu können. Die Medea des Corneille mag immer wegbleiben, wenn Sie anders bey einer zweyten Lesung nicht wichtige Gründe für ihre Aufnahme finden. ES sind viele schöne Stellen darin, die Battcur mit Recht hat anführen können, allein das Ganze taugt nichts. Die schönen Stellen hat er größten Theils' dem Scneca zu danken, welches man ihnen auch anmerkt. DaS Projekt zu dem .lournsl «mo^clop6ä!sine sende ich Ihnen hier wieder zurück. Ich danke für Ihre gütigen Absichten. Ich darf Ihnen aber nun wohl nicht die Ursache sagen, warum ich mich nicht damit abgeben kann, wenn ich gleich alle erforderliche Geschicklich- keit dazu hätte. Haben Sie die Nicolaischen Briefe von dem jetzigen Zustande der schönen Wissenschaften nunmehr gelesen? Man schreibt mir von Berlin, daß Herr Prof. Sulzer mich für den Verfasser halte. Ich bitte Sie, ihm dieses auszureden. Ich habe eben so viel Antheil daran, als an der Dunciade, die Gottsched hier mit aller Gewalt auf meine Rechnung setzen will. Und an dieser wissen Sie es gewiß, daß ich völlig unschuldig bin. Leben Sie wohl, liebster Freund, und empfehlen Sie mich dem Herrn Langemack, dem Herrn Dennstädt") und seiner Frau Liebste. Ich denke mit Entzücken an die vergnügten Abende, die wir mit einander zugebracht. Wollen Sie mir bald wieder schreiben? Thun Sie es ja! Ich bin Dero ergebenster Freund, Lessing. °) Langcmack war ein Landsmann mid vicljähriger Freund Ramlcr'F, der verschiedene kleine philosophisch-juristische Schriften geschrieben hat. Er wohnte mit Ramlcrn damals in dem Hause des Hrn. Dennstadt, dessen Gattinn eine geistreiche Frau war. Nicolai. MMiM i w tM» ^^^S^S^Um^!^ 5-cssings Briefe. 176k. Z7 An Moses Mendelssohi,. Leipzig, den 21. Jan. 1766. Liebster Freund! Sorgen Sie nur nicht; ich verspreche Ihnen, daß Sie am Ende, wenn wir uns unsers Briefverkehrs wegen berechnen werden, sehr wenige Procent Verlust haben sollen, so wenige, daß Sie nicht anstehen sollen, mir wieder neuen Credit zu geben. Sie sind jetzt mit drey Briefen im Vorschusse, mit zwey geschriebenen und einem gedruckten. Aber was wollen drey Briefe sagen, wenn ich einmahl ins Antworten kommen werde? Erlauben Sie, daß ich jetzt des gedruckten zuerst gedenke,") Noch habe ich ihn nur zweymahl gelesen. DaS crstcmahl beschäftigte mich der Freund so sehr, daß ich den Philosophen darüber vergaß. Ich empfand zu viel, um dabey denken zu können. Mehr sage ick? Ihnen nicht, denn ich habe es nicht gelernt, in diesem Punkte ein Schwätzer zu seyn. Ich will es nicht wagen, der Freundschaft, noch Ihnen, eine Lobrede zu halten, ich will nichts, als mich von ihr hinreißen lassen. Möchte ich Ihrer Wahl so würdig seyn, als Sie der mcinigen sind! Bey der zweyten Lesung war ich nur darauf bedacht, Ihre Gedanken zu fassen. Sie haben mir ungemcin gefallen, ob ich mir gleich einige Einwürfe auf unsere mündliche Unterredung vorbehalte. Sie betreffen vornehmlich daS zweyte Stück, aus welchen? Sie, nach den eignen Einräumungen des Rousseau, die Moralität den Menschen wieder zusprechen wollen; die peitecliliilitv. Ich weiß eigentlich noch nicht, was Rousseau für einen Begriff mit diesem Worte verbindet, weil ich seine Abhandlung noch bis jetzt mehr durchgeblättert, als gelesen habe. Ich weiß nur, daß ich einen ganz andern Be- grif damit verbinde, als einen, woraus sich das, was Sie daraus geschlossen haben, schlicssen ließe. Sie nehmen es für eine Bemühung, sich vollkommener zu machen; und ich verstehe blos die Beschaffenheit eines Dinges darunter, vermöge welcher es vollkommener werden kann, eine Beschaffenheit, welche alle Dinge in der Welt haben, und die zu ihrer Fortdauer unumgänglich nöthig war. Ich glaube, der Schöpfer mußte alles, was er erschuf, fähig machen, vollkommener zu werden, wenn es in der Vollkommenheit, in welcher er es erschuf, bleiben sollte. Der Wilde z. E, würde, ohne die Pcrfektibilität, nicht lange ein Wil- ") I» Mendelssohns Übersetzung von Rousseaus Schrift vom Ursprünge der Ungleichheit iinlcr den Menschen. 3S LtssiugS Briefe. 1750. der bleibe»/ sondern gar bald nichts bessers als irgend ein unvernünftiges Thier werden, er erhielt also die Perfcktibilität nicht deswegen, um etwas Besseres als ein Wilder zu werde»/ sondern deswegen/ um nichts GeringerS zu werden. — Ich zweifle, ob ich mich deutlich genug ausdrücke, und zweifle noch mehr, ob mein Einwurf Stich halten würde, wenn ich ihn auch noch so deutlich ausdrückte. Ich «erspare ihn also, wie gesagt, auf unsre persönliche Zusammenkunft. Und wenn soll denn diese seyn? werden Sie fragen. Ganz gewiß in den nächsten drcv oder vier Wochen. Mein Reisegefährte will Berlin noch vor seiner Abreise sehen, weil uns unser Weg vielleicht nicht durchführen möchte. Er will cS, und Sie können sich leicht vorstellen, daß ich es ihm nicht auszureden suchen werde. AlSdann, liebster Freund, will ich mich umständlicher über Ihre Übersetzung sowohl, als über Ihren Brief erklären, die ich beyde bis jetzt nur loben kann. In einem von Ihren Briefen fragen Sie mich, ob ich glaubte, daß uns die Großmuth Thränen auspressen könne, wenn sich kein Mitleiden in das Spiel mischt? Fch glaube cS nicht, aber gleichwohl glaube ich, daß cS Menschen giebt, welche bey dem lozons ami», Lioos. weinen, weil mir diese Stelle nicht so gar ohne allen Anlaß zum Mitleiden scheinet, Großmüthige Vergebung kann oft eine von den härtesten Strafen seyn, und wenn wir mir denen Mitleiden haben, welche Strafe leiden, so können wir auch mit denen Mitleiden haben, welche eine ausserordcntliche Vergebung annehmen müssen. Halten Sie cS für unmöglich, daß Cinna selbst bey den Worten, to^oog omis, könne geweint haben? Hat aber Cinna weinen können, warum nicht andere mit ihm? Die Thränen des Cinna würden die schmerzhaftesten Empfindungen seiner Reue verrathen, und diese schmerzhaftesten Empfindungen können mein Mitleiden erwerben, und können mir Thränen kosten. In diesem Falle wäre Cinna der, welchen ich mitleidig beweinte. Für gewisse Gemüther kann cS aber auch Auaustus seyn, welcher Mitleiden verdienet. Für unedle Gemüther vielleicht, welche eine solche Handlung der Großmuth für etwas sehr schweres halten; für etwas, das eine erstaunende Selbstüberwindung erfordere, die ohne unangenehme Empfindungen nicht seyn kann. Haben Sie noch niemanden auS Bosheit weinen sehen, weil er sich nicht rächen können? So einer kann, natürlicher Weise, glaub ick, den Augustus beweinen, weil er ihn in eben den Umständen vermuthet, die ihm so schmerzhaft gewesen sind. Uebcrhaupt, wenn Großmuth das cdelmüthige Bezeigen gegen unsre Feinde ist, so kann ich mir gar keinen Fall vorstellen, bey LcssingS Briefe. 1766. 3'., welchem nicht Mitleiden Statt finden sollte, welches seine Wirkungen mehr oder weniger äußert/ nachdem z. E. der Dichter cS durch Umstände mehr oder weniger fühlbar gemacht hat. Ich würde noch manches Geschwätz auskramen, wenn mich nicht eben jetzt ein unangenehmer Besuch überfiele. Es ärgert mich, daß ich aufhören muß; ich werde aber chster Tage an Hrn. Naumann schreiben, und einen neuen Brief an Sie einschließen, ohne auf einen neuen von Ihnen zu warten, der mir aber desto angenehmer seyn wird, je unerwarteter ich ihn bekommen werde. Die Abendzeirvertreibe, die Herr Naumann auf meine Rechnung schreiben wollen, habe ich noch nicht mit einem Auge gesehen. Leben Sie wohl; ich bin Dero beständiger Freund G- E. Lcssing. Hochzuchrender Herr Vater, Ich bin zwar bereits den 19 März von Dresden glücklich in Leipzig wieder angelangt, da ich aber gleich den 2tten drauf nach Al» tenburg, und von da nach Gera gereisct bin, an welchen beyden Orten ich mich an die vierzehn Tage aufgehalten habe: so werden Sie gütigst entschuldigen, daß ich nicht eher geschrieben habe. Unsre Abreise von hier, welche gleich nach den Osterfeyertagen geschehen sollte, ist nunmehr zwey Wochen später hinausgesetzt, so daß wir nicht eher als den Frcytag vor Jubilate aus Leipzig abgehen. Wenn der Bruder Gottfried daher nur gleich nach den Feycrtagen hier cintrift, so habe ich noch Zeit genug, ihm seine Einrichtung hier machen zu hclffcn, und so viel für ihn zu thun, als mir möglich ist. Da ich aber kein eignes Logis mehr habe, sondern bereits bey meinem Rcisegefehrtcn dem Hrn, Winkler, wohne, so geht eS nicht wohl an, daß er bey mir abtreten kann. Ich will aber ein LogtS, das sich für ihn schickt, auf den Tag fertig halten, den er hier ankommen will, nnd den ich mir vorher zu melde» bitte. ES sey nun, daß er dieses LogiS frey bekommen kann, oder nicht; genug er soll alles in möglichster Bereitschaft finden. Bis jezt ist es noch gewiß, daß wir auf einige Wochen nach Dresden kommen, und wenn dieses geschieht, so komm ich ganz unfehlbar auf acht Tage nach Camcnz. 40 Ltssings Briefe. 17ok. Ich empfehle mich untcrdeßcn Dero und der Frau Mutter gütigem Andenken/ und verbleibe, »ach abgelegtem Gruß an sämmtliche Geschwister, Dero Leipzig, gehorsamster Sohn den 9 April Gotthvld. 1726. 8. In einigen Tagen, denke ich nach Halle zu reisen. Die Briefe an mich hierher bitte ich, in die Feuerkugel auf dem neuen Neumarrt zu addrcssiren bey dem Herrn Winkler. An Moses Mendelssohn. Leipzig, den 28. April 1756. Ist es möglich, daß wir einander so lange nicht geschrieben haben? Wenn es eine natürliche Folge von meinem Reisen seyn soll, daß ich immer so wenig Nachricht von Ihnen bekomme, so werde ich mein Reisen von dieser Seite sehr hassen. Zwar ich glaube fest, Sie würden mir fleißiger geschrieben haben, wenn Sie mich nicht in Berlin von Tag zu Tag persönlich erwartet hätten. Ich glaube cS ganz gewiß. Glauben Sie mir nur auch, daß ich Ihnen fleißiger würde geschrieben haben, wenn ich nicht von Tag zu Tag nach Berlin zu kommen gehofft hätte. Ich hoffe es noch. Wenn mich meine Hof- nung betrügt, so werde ich Deutschland mit dem vergnügtesten Herzen nicht verlassen. Wir gehen den 7. May von hier ab, und also »och vor der Messe. Ich bin unentschlossen, aber was das Unglück ist, mein Reisegefährte ist cS noch zehnmal mehr als ich, so daß wir cS noch nicht einmahl wissen, ob wir unsern Weg nach Hamburg über Berlin oder Braunschwcig nehmen werden. Dieses ist es alles, was ich Ihnen jetzt melden will. Künftigen Posttag sollen Sie einen Brief nach unsrer Art von mir bekommen. Sie sollen ihn gewiß bekommen, denn ich habe Ihnen hundert Kleinigkeiten zu schreiben, von der Art, wie wir in unsern Morgcngcsprächcn abzuhandeln pflegten. Leben Sie unterdessen wohl, liebster Freund, und schreiben Sie mir, so bald es Ihnen möglich ist. Ich bin Zeitlebens Ihr ergebenster Freund Lessing. LessingS Briefe. 17o6. N- S. Mein Compliment an die Hm. Naumann, Müchlcr und die würdigen Freunde aus Ihrer Nation. Versichern Sie dem erstem, daß ich ehestens an ihn schreiben würde. Embden, d. 28. Julius 1756. Liebster Nicolai, Dieser kleine Brief sey/ waS man im Sprichworte zu sagen pflegt, eine Wurst nach der Speckseite. Ich schreibe Ihnen nur in ein Paar Worten, daß meine Reise bisher sehr glücklich gewesen ist, und daß ich in Amsterdam, wo wir in acht Tagen seyn werden, gern einen langen, langen Brief von Ihnen bekommen möchte. Herr Voß weiß meine Adresse. Ich ziehe nun eben den hintersten Fuß nach, um aus Deutschland zu treten. Schreiben Sie mir alles, wovon wir geplaudert haben würden, wenn wir noch jetzt sechs Häuser von einander wohnten. Von Holland auS will ich Ihnen auch dafür recht Vieles schreiben. Ich habe eine Menge unordentlicher Gedanken über daS bürgerliche Trauerspiel aufgesetzt, die Sie vielleicht zu der bewußten Abhandlung °) brauchen können, wenn Sie sie vorher noch ein wenig °) Ich hatte damal die Bibliothek der schönen Wissenschaften angekündigt, und wollte gleich Ins erste Stuck eine Abhandlung über das Trauerspiel einrücken, weil ich im Sinne Halle, eine» Preis auf da« beste einzurückende Trauerspiel zu setzen. Lcssing billigle das Letztere, und muiitcrlc mich sehr auf, die Abhandlung zu schreibe». Seine Beyträge, die cr i» diesem Briefe verspricht, habe ich nicht erhalten. (Man f. LessingS Brief vom 13. Novcinb. t7SL.) Daß sie mir sehr nützlich gewesen seyn würde», wenn ich über das bürgerliche Trauerspiel hatte schreiben wollen, wie ich am Ende der Abl'a«dln»g versprach, versteht sich. Ick habe schon läiigst ciiigcschcn, daß meine Einsichten damal »och »iclit hiiiläiiglich wäre», um diese» wichtige» Gegenstand würdig zu behandeln. Guten Willen halte ich, das war alles. Man muß aber auch bedeute», wie überhaupt damals der Zustand unserer Litteratur und besonders unsers Theaters war. Die Leipziger Kochische, und die Nieste der Schöncmannischcn Büh»e, weiter hatten wir damal »och »ichls Leidliches. Die Bühne zu Wien war ganz elend, und in Berlin gar kein deutsche« Schauspiel, als dieser Brief geschrieben ward. Erst wahrend des siebenjährigen Kriegs kam Schuch's Gesellschaft oft nach Berlin, und Ackcrmann's treffliche Gesellschaft auf eine sehr kurze Zeit. Ich hatte meine Idee» nach den französischen Schauspielen gebildet, welche damal die Königl. Schauspieler in Berlin aufführten, unter denen für das Trauerspiel einige nicht zu verachtende Personen waren. Ucberdics hatte ich 42 Lessings Briefe. 1766. durchgcdacht habe». Ich will sie Ihnen schicken; aber ich wünschte, daß Ihnen auch Herr Moses seine Gedanken darüber sagen möchte. Sprechen Sie ihn oft? Wenn ich erfahre, daß zwei? so liebe Freunde, die ich in Berlin gelassen habe, auch unter sich Freunde sind, und zwar genaue Freunde: so werde ich erfahren, was ich zu Beyder Bestem wünsche. Leben Sie wohl, liebster Nicolai; und lieben Sie mich ferner- Ich bin ganz der Ihrige, _ Lessing. die Schauspiele der Alten gelesen, und des Aristoteles Poetik, dieses von so Wenigen recht verstandene Werk, suchte ich zu verstehen, so gut ich konnte. Shakspcare kannte ich, hatte aber nur einen dunkel» Begrif von seinem eigentlichen Verdienste. Meine Abhandlung gericlh also, wie sie damal gerathen konnte, und ihr einziges Verdienst möchte seyn, nach der damalige» Lage, allenfalls einige Aufmerksamkeit auf die fast ganz verlassene deutsche Bühne erweckt zu haben. Sonderbar ist es mir jetzt »och, daß ich damal Shakspcare gcgc» Moses vertheidigen mußte. Er halte ihn aber noch gar nicht im Originale gelesen, und ich wenig davon. Moses hatte damal überhaupt auf das Tbcater noch kci» Auge geworfen, 'und kannte allenfalls nur etwas vom fra»Mschc» Schauspiele. Ich erinnere mich, daß wir bey Gelegenheit des Shakspcarcschcn Julius Cäsar, vom Herrn v. Bork übersetzt, über dessen Eigruthumlichkcitcn stritte», wobev ich den Advokaten des cnglä»- dischen Dichters machte. Dieser Streit war ein Theil des Gcdantcnwcchscls, der über zwanzig Jahre zwischen uns Beiden und Lessing Statt fand, und allen so nützlich war. Bloß zu Berichtigung litterarischer Nachrichten, muß ich hier bemcrkcn, daß dcr jüngere Hr. Lcsstng in Breslau, im Leben seines Bruder« S. 200. 201. irrige Nachrichten von dcr Bibl. dcr schönen Wissciischastc» giebt. Dies Werk war nicht eine gemeinschaftliche Unternehmung zwischen Lcsstng, Moses und mir, wie daselbst gesagt wird. Ich faßte allein den Entschluß es zu schreiben. Dies, und meine Vcraiilassung dazu, erzählte ich schon in der Vorrede drs Anhangs zum m. und IV. Baude dcr Bibl. S. 7. f. und zeigte S. 10. in dcr Note, wem jede Recension gehört. Ich gab erst die Nachricht von der Herausgabe der Bibl. in Berlin bey Lange beraus. (Man sehe Lessings Brief an Moses vom — Octobcr 17S6) Damal war Lcssing nicht in Berlin gegenwärtig, und ich mit Moses noch nicht genau genug bekannt. Dcr Berlinische Verleger besann sich anders, und wollte dies in seinem Verlage schon angekündigte Werk nicht übernehmen. Ich bat daher Lcssing, der sich in Leipzig aufhielt, »nr dort ri»c» Verleger z» schaffen. Er beredete (nach mancher vergeblichen Bemühung) Hrn. Gottfried Dvk dazu. Als eine kleine Anekdote mag hier stehe», daß das Honorariui» (von welche»!, wie dcr jüngere Hr. Lcssing meint, der Preis für die Trauerspiele wäre bezahlt worden,) auf 25 Rthlr. für jedes Stück, oder ungefähr auf LessingS Briefe. 1756. 4lZ Amsterdam den 3 August 175V. Hochzuchrender Herr Vater, Wenn ich cS nicht bereits vor einigen Wochen dem Bruder in Leipzig schriftlich aufgetragen hätte, Ihnen einige Nachricht von mir zu geben/ so würde ich es mir nicht verzeihen können, Sie so lange in Ungewißheit gelaßen zu haben, da ich weis, wie viel Antheil Sie an meinen Umständen nehmen. Nach einiger Überlegung werden Sie mir es hoffentlich vergeben haben, daß ich meinem Versprechen gemäß nicht wieder nach Camcnz gekommen. Wenn es von mir allein abgehangen hätte, so wäre c» wirklich geschehen. Doch die gänzliche Ver- ändrung unserer Marschroute wollte es nicht zulaßen. Ich war übrigens versichert, daß Sie mir auch abwesend allen den Secgen auf die Reise ertheilen würden, den ich persönlich hätte empfangen können. Wir reiseten den 10 May von Leipzig ab; und sind über Magdeburg, Halbcrstadt, Braunschweig, Hildcsheim, Hannover, Zelle, Lüncburg, Hamburg, Bremen, Oldenburg, Embden, Groningen, Lceu- wardcn, Francker, Harlingen, von Lcmmer aus (nachdem wir von Harlingcn wieder zurück nach Leeuwarden über Ulst und Schneck dahin gefahren waren) über die Süder-See, den 29 Julius, glücklich 1 Rlhlr. 1K Gr. für den gcdruckttn Bogen festgesetzt ward. Aber ich war damit zufrieden, weil ich gar keinen Gewinn, sondern nur Beförderung eines bessere» Geschmacks zum Endzweck Halle. Mit MoscS war ich indeß näher bekannt geworden, und da er sich bisl'cr nur der Philosophie widmete, brachte ich ihn den schonen Wissenschaften näher. (Man sehe Moses Brief an Lcssing vom 2. Aug. 1756. Er entschloß sich, Mitarbeiter zu werde». (Ebcn- das.) Lessing besorgte in Leipzig bloß die Korrekturen, und »lachte nur eine einzige Recension. Das; er, (wie der jüngere Hr. Lcssing sagt,) die Urtheile seiner Freunde, wenn sie ihm nicht gefielen, kassirt habe, ist ein Irrthum. Wcnigsicns ist mir kein Beyspiel erinnerlich; auch wäre dies gar nicht LessingS Eharattcr gemäß gewesen. Moses verlangte zwar dieses einmal; (Brief a» Lcssing, vom 17. Febr. 1753) aber es ist nicht geschehen. Line Sicccnsion des ttevit to p»> von mir ließ Lcssing nicht abdruckcn, wie untc» au« dem IZlcn Briefe erhellet Junten S. 89^; aber nicht dcswcgcn, weil ihm das Urtheil nicht gefiel, sondern aus einer ganz ander» Ursache. Ebc» dieser I3tc Brief ist der deutlichste Beweis, daß Lcssing die Urtheile abdruckcn licß, auch wenn sie ihm «icht gefiele». Die Preise auf beide Trauerspiele habe ich allein bezahlt, so wie ich sie allein ausgesetzt hatte. Als ich nach dem vierten Bande die Bibl. »icht mehr fortsetze» konnte, libcrnahm auf mci»c und LessingS Bitte unser beiderseitiger Freund Hr. Weiße die Herausgabe. Nicolai. >^>.^«^.««KN. l^^^tt^l^ 44 Lessings Briefe. 4756. hier in Amsterdam angekommen. Wir haben uns an jedem dieser Orte/ nachdem cS sich der Mühe verlohnte, einige Tage oder Wochen aufgehalten; und sobald/ als wir von hier aus die übrigen vereinigten Provinzen werden besehen haben, werden wir nach England übergehen; welches zu Anfange OctoberS geschehen dürfte. In Zelle wollte ich hen Hrn. D- Pleske sprechen; er war aber in Hannover, wohin er monatlich einmal muß; und in Hannover hatte ich leider davon nichts gehört. Ich wünsche/ daß Sie, die Frau Mutter und das samtliche Geschwister bisher wohl und vergnügt mögen gelebt haben. Es wird mir das angenehmste auf meiner Reise seyn, wenn ich allezeit gute Nachricht von Hause bekomme. Was macht Theopl'ilus? Um Gottfrieden in Leipzig ist mir ein wenig bange. Ich habe ihm eine kleine Assignation auf to Rtblr. versprochen, die er auf die Michaelis Messe in Leipzig, durch den Hrn-Winklcr soll ausgezahlt bekommen. Ich will sorgen, daß er auch von dem Hrn. Voß auf meine Rechnung etwas ausgezahlt bekommen kann. Wie lebt Gottlob in Hille? Das Versprechen, das ich der Schwester gethan habe, will ich gewiß in kurzen halten; und auf eine beßce Art/ als ich es von Leipzig aus hatte thun können. Unterdeßcn soll sie mit mir Gcdult haben. Wenn eS Ihnen gefallig ist, an mich zu schreiben, so dürffcn Sie nur den Brief an den Bruder in Leipzig schicken, welcher schon weis, wo er sie hingeben muß, um sicher und richtig bestellt zu werden. Ich empfehle mich in das gütige Andenken und die beständige Liebe meiner hochzuehrcnden Aeltern/ und verbleibe Zeitlebens Dero gehorsamster Sohn Gotthold Ephr. Leßing. An Moses Mendelssohn. Leipzig/ den 1. October 1756. Liebster Freund! Ja freylich bin ich/ leider/ wieder in Leipzig. Dank sey dem Könige von Preussen! Wir wollten eben nach England übergehe»/ als wir über Hals über Kopf wieder zurück reisen mußten. Wenn wir den Winter hier bleiben/ (und es hat ganz das Ansehen) so komm' ich auf einen oder zwey Monate, nicht nach Berlin / sondern zu meinen guten Freunden, die in Berlin sind. Ihre guten Freunde sind mir hier sehr angenehm gewesen; wie viel angenehmer würde mir es gcwe- LcssingS Briefe. 1766. sen seyn, wenn Sie diese Messe ausgeführt hätten, was Sie die vorige Willens warein Ich habe viel Neues von Ihnen gehört, welches mich ergötzt hat; es hat mich aber verdrossen, daß ich es nicht unmittelbar von Ihnen selbst erfahren habe. Wie hatte ich es aber erfahren können, da cS Ihnen nicht gefallen hat, mir auf meine letzten Briefe zu antworten? Nicht einmahl meinen Brief aus Emden haben Sie mir beantworrct. Nächstens werde ich genauere Zusammcnrechnung mit Ihnen halten. Leben Sie unterdessen wohl, und grüssen Sie tausendmahl von mir, unsern guten Freund, den Hrn. Nicolai. Ich bin Zeitlebens Ihr ergebenster Freund Lessing. An Moses Mendelssohn. Leipzig, den — Oktober 1750. Liebster Freund! Ihre Vermuthung ist richtig, es wird mir hier in Leipzig Zeit »nd Weile lang. Und gleichwohl bin ich doch auch so zerstreut, daß ich mich nicht einmahl einen vernünftigen Brief getraue zu schreiben. Ich möchte Sie gern um verschiedene Erläuterungen Ihrer fernern Bestreitung des Selbstmords (im 2ten Theil der Abhandlungen) bitten, ich möchte Ihnen gern diese und jene Stelle verweisen, wo Sie mir zu sehr — wie nenn' ich es nun gleich? — zu sehr l-i-ulirt zu haben scheinen. Wissen Sie, was ich meine? Stellen, wo Sie sich, dem allzugefälligen Leibnitz gleich, bey Ihrem Lchrbcgriffe auf die Theologen zurück zu sehen, die Mühe genommen haben. Ueber diese Stellen würde ich mich auslasten > aber ich habe cS schon gesagt, ich bin jetzt bis zur Verwirrung zerstreut. Und weiß ich denn gewiß, ob mich meine Zerstreuung auch nur hat r.ccht lesen lassen? Eine Wahrheit aber hat mich meine Zerstreuung gelehrt, und diese will ich Sie auch lehren. Glauben Sie cS ja nicht, daß man zerstreut ist, wenn man allzu viel in seinen Gedanken hat, man ist niemahls zerstreuter, als wenn man an gar nichts denkt. Wie ich Ihre Nachricht laS, daß Naumann metaphysische Unterredungen mit einer vornehmen Dame schreiben wolle, so konnte ich mich nicht enthalten, auszurufen: Warum ist er nun nicht lieber ersoffen! Der Gedanke ist, nach Ihrem eignen System, so boshaft nicht, ji! Lessings Briefe. 176l>. als er scheint. DaS Beste einer einzelnen Person muß dem allgemeinen Besten jederzeit nachgesetzt werden. Und auch seiner eignen Ehre wäre cS zuträglicher, denn wer wollte nicht lieber wie ein schlechter Poet, als wie ein schlechter Philosoph ersaufen? Ich will ihm damit/ nach Bekanntmachung seiner Unterredungen, das ihm einmahl zugeschriebene Schicksal weder prophezeihcn noch wünschen; da sey Gott vor; ich wollte ihn sogar, mit Gefahr meines eignen Lebens, wenn ich ihn fallen sahe, aus dem Wasser retten: aber gleichwohl — Kurz, Naumann ist nicht klug. Wollen Sie sich angeführt und gelobt sehen, so lesen Sie Zim- mermannS Betrachtungen über die Einsamkeit. Und wollen Sie sich nächstens von mir gelobt lesen, so schicken Sie mir, ohne fernere Einwendung, mit erster Post, wenigstens Ihre Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit. Wenn ich sie auch nicht ganz verstehe, so will ich doch auch hoffentlich kein Zero für ein O ansehen. °) Leben Sie wohl, und Herr Nicolai soll auch wohl leben. Er soll mir doch melden, was das bey Hrn. Lange angekündigte Journal macht. Ich bin wenigstens noch neugierig. Leben Sie nochmahls wohl. Ihr ergebenster Freund Lessing. °) In Moses Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit tt'mm, etwas Kalkül vor. Gegen das Ende der Abhandlung, da wo der Verfasser diejenige» Philosophen widerlegte, welche das aviuiiMirium i»iiiirvrv»iiilv annehme», (s. Moses Philosoph. Schriften iltrr Theil Seite 279) lbut er dar: a»s ihrer Meinung würde folgen: „der Erad der göttliche» 'Präscienz sey 0 (null)." Moses las diese Abhandlung nicht selbst vor, weil er sich den mündli- chen Bortrag aus Bescheidenheit nicht zutraute. Derjenige, den Mosc» ersucht hatte, das Vorlesen zu übernehmen, machte einen lustigen Fehler, worauf die Stelle des Briefwechsels zielt. Als der Vorleser an die oben angezeigte Stelle kam, las er anstatt Null —- O. — A»f dieses ga»z un- vermuthet sehr vernehmlich ausgesprochene O! sahe» sich alle Zuhörer an, und einige lachten z den» in der Abhandlung kommt zwar «. ii. n. x. v- vor, aber kein o. Es hielt sich damals einige Jahre lang !» Berli» ei» Schottlaiider Namens Middleton auf, den man für einen jünger» Soh» einer gräfliche» Familie hielt. Es war ei» etwas seltsamer uud launiger junger Mann, der aber viele treffliche Eigenschaften hatte. Er studirte mit großem Eifer die deutsche Literatur, und sprach zuletzt nicht nur Deutsch beynahe so gut wie Engländisch, sondern schrieb auch in unsrer Sprache. Er übersetzte Moses Lesfings Briefe, 1766. 57 An Hrn. Nicolai zn Berlin. im Nov. Liebster Freund! Ihren Brief vom 3-9, bekam ich vorgestern Abends, und den vom 31. August habe ich erst vor einigen Stunden erhalten; denn der Weg von Berlin nach Leipzig über Wittenberg ist näher, als der über Amsterdam. Jetzt antworte ich auf bcvdc, und weil ich in Kleinigkeiten ein großer Liebhaber der Ordnung bin, so beantworte ich den ältesten zuerst. Was steht in diesem? Erstlich hunzen Sie mich aus, eine ganze Seite lang! Ich aber brauche nur ein Paar Worte, mich zu verantworten. DaS Geheimniß Ihrer Autorschaft habe ich nicht ausgeschwatzt, sondern cS ist mir abgestohlen worden. Ich war nicht allein, als ich Ihren Brief mit der Ankündigung erbrach. Wer schreibt Ihnen das? fragte man mich. Herr Nicolai — das durfte ich doch sagen? Was gedruckt ist, darf man doch ansehen? fuhr der Neugierige fort. Ja.— Ey! und also wird Herr N. mit an dem Journale arbeiten?--Warum nicht gar! er communicirt mir blos die Ankündigung. Warum denn aber 2 Exemplare, wenn er keinen Theil daran hat? Nun war ich drum! Und Briefe über die Empfindungen ins Engländischc, und schrieb in deutscher Sprache einen Roman in Briefen, den er mir der Sprache wegen durchzusehen gab, worin ich überaus wenig Sprachunrichligkciten zu verbessern fand, obgleich freilich der Ausländer hin und wieder zu merken war. Er war ein eifriges Mitglied der oben ^in der Anmerkung zu Moses Briefe vom 2. Aug. 175,6^ beschriebene» Gesellschaft, in deren Zusammenkünften er selten zu fehlen pflegte; besonders an Tagen der Vorlesung. Er kam an dem Tage, da die Abhandlung vom Wahrscheinlichen vorgelesen ward, eben, als die Vorlesung anging. Nachdem er eine Weile zugehört battc, stellte er sich neben Moses, und fragte denselben leise: Von wem die Abhandlung scv? Moses winkle ihm, die Vorlesung nicht zu unterbrechen, und zeigte auf den Vorleser als Verfasser. Middlcton schüttelte den Kops, weil er dem Vorleser eine solche Abhandlung nicht zutrauen mochte. Er hörte ferner aufmerksam zu, und nachdem noch ein Paar Seilen vorgelesen waren, raunte er seinem Nachbar Moses ins Ohr: Er scv der Verfasser, und möchte es nur nicht läug- »c». Moses schüttelte abcrmal den Kopf, und wies auf den Vorleser, daß dieser der Verfasser sey. Als nun endlich das Oh! ertönte; war Middlcto» der erste, welcher laut auflachte. Und nun ward Moses von ihm gefragt: ob er noch langneu wollte, der Verfasser zn sey»? Nicolai. °) Nach der obigen Anmerkung von Nicolai, S. 4t, vom t3te» November. Lessings Briefe. 17-Z6. wenn Verräthcrey mit untcrgelaufcn ist, wahrhastig! so habe ich nicht das Geheimniß/ sondern das Geheimniß hat mich verrathen. Auf den polemischen Theil Ihres Briefes folgt der didaktische. Ich danke Ihnen aufrichtig für den kurzen Auszug aus Ihrer Abhandlung über das Trauerspiel. Er ist mir auf mancherley Weise sehr angenehm gewesen, und unter andern auch deswegen, weil er mir Gelegenheit giebt zu widersprechen. Ucbcrlegen Sie ja alles wohl, was ich darauf sagen werde; denn cS könnte leicht seyn, daß ich nicht alles wohl überlegt hätte — Ich will umwenden, um das freye Feld vor mir zu haben! Vorläufiges Compliment! Da die Absicht, warum ich gewisse Wahrheiten abhandele, die Art, wie. ich sie abhandeln soll, bestimmen muß, und da jene eS nicht allezeit erfordert, auf die allerersten Begriffe zurück zu gehen, so würde ich gar nichts wider Ihren Aufsatz zu erinnern haben, wenn ich Sie nicht für einen Kopf hielte, der mehr als eine Absicht dabcv hätte verbinden können. ES kann seyn, daß wir dem Grundsahe: Das Trauerspiel soll bessern, manches elende aber gutgemeinte Stück schuldig sind; cS kann seyn, sage ich, denn diese Ihre Anmerkung klingt ein wenig zu sinnreich, als daß ich sie gleich für wahr halten sollte. Aber das erkenne ich für wahr, daß kein Grundsatz, wenn man sich ihn recht geläufig gemacht hat, bessere Trauerspiele kann hervorbringen helfen, als der: Die Tragödie soll Leidenschaften erregen. Nehmen Sie einen Augenblick an, daß der erste Grundsah eben so wahr als der andere stv, so kann man doch noch hinlängliche Ursachen angeben, warum jener bey der Ausübung mehr schlimme, und dieser mehr gute Folgen haben müsse. 'Jener hat nicht deswegen schlimme Folgen, weil er ein falscher Grundsatz ist, sondern deswegen, weil er entfernter ist, als dieser, weil er blos den Endzweck angiebt, und dieser die Mittel. Wenn ich die Mittel habe, so habe ich den Endzweck, aber nicht umgekehrt. Sie müssen also stärkere Gründe haben, warum Sie hier vom Aristoteles abgehen, und ich wünschte, daß Sie mir einiges Licht davon gegeben hätten; denn dieser Vcrabsäu- mung schreiben Sie cS nunmehr zu, daß Sie hier meine Gedanken lesen müssen, wie ich glaube, daß man die Lehre des alten Philosophen verstehen solle, und wie ich mir vorstelle, daß das Trauerspiel durch Erzeugung der Leidenschaften bessern kann. Das meiste wird darauf ankommen: was das Trauerspiel für Leidenschaften erregt. In seinen Personen kann es alle mögliche Leidenschaften wirken lassen, die sich zu der Würde des Stoffes schicken. LessiiigS Briefe, 1756. Aber werden auch zugleich alle diese Leidenschaften in den Zuschauern rege? Wird er freudig? wird er verliebt? wird er zornig? wird er rachsüchtig? Ich frage nicht, ob ihn der Poet so weit bringt, daß er diese Leidenschaften in der spielenden Person billiget, sondern ob er ihn so weit bringt, daß er diese Leidenschaften selbst fühlt, und nicht blos fühlt, ein andrer fühle sie? Kurz, ich finde keine einzige Leidenschaft, die das Trauerspiel in dem Zuschauer rege macht, als das Mitleiden. Sie werden sagen: erweckt es nicht auch Schrecken? erweckt es nicht auch Bewunderung? Schrecken und Bewunderung find keine Leidenschaften, nach meinem Verstände. Was denn? Wenn Sie es in Ihrer Abschildcrung getroffen haben, was Schrecken ist, eiis milii msznus Apollo, und wenn Sie es getroffen haben, waS Bewunderung ist, pli^IIill-i lulus Iislielo. Setzen Sie sich hier auf Ihre Richterstühle, meine Herren, Nikolai und MoseS. Ich will cS sagen, was ich mir unter beyden vorstelle. DaS Schrecken in der Tragödie ist weiter nichts als die plötzliche Ucbcrraschung des Mitleides, ich mag den Gegenstand meines Mitleids kennen oder nicht. Z. E> endlich bricht der Priester damit herauS: Du Oedip bist der Mörder des Lajus! Ich erschrecke, denn auf einmahl sehe ich den rcchtschafnen Oedip unglücklich; mein Mitleid wird auf einmahl rege. Ein ander Erempel: eS erscheinet ein Geist; ich erschrecke- der Gedanke, daß er nicht erscheinen würde, wenn er nicht zu des einen oder zu des andern Unglück erschiene, die dunkle Vorstellung dieses Unglücks, ob ich den gleich noch nicht kenne, den eS treffen soll, überraschen mein Mitleid, und dieses überraschte Mitleid heißt Schrecken. Belehren Sie mich eines Bessern, wenn ich Unrecht habe. Nun zur Bewunderung! Die Bewunderung! O in der Tragödie, um mich ein wenig orakelmäßig auszudrucken, ist sie das entbehrlich gewordene Mitleiden. Der Held ist unglücklich, aber er ist über sein Unglück so weit erhaben, er ist selbst so stolz darauf, daß es auch in meinen Gedanken die schreckliche Seite zu verlieren anfangt, daß ich ihn mehr beneiden, als bedauern möchte. Die Staffeln sind also diese- Schrecken, Mitleid, Bewunderung. Die Leiter aber heißt- Mitleid; und Schrecken und Bewunderung sind nichts als die ersten Sprossen, der Anfang und das Ende des Mitleids. Z. E. Ich hör- auf einmahl, nun ist Cato so gut als des Cäsars Mörder. Schrecken! Ich werde hernach mit der vcrchrungSwürdigcn Person deS erstem, und auch nachher mit seinem Unglücke bekannt. Das Schrecken zertheilet sich in Mitleid. Nnn aber hör' ich ihn Lesiings Weeke xil, 4 60 Lcssings Briefe. 1766. sagen- Die Welt, die Cäsarn dient/ ist meiner nicht mehr werth. Die Bewunderung setzt dem Mitleiden Schranken. Das Schrecken braucht der Dichter zur Ankündigung des Mitleids, und Bewunderung gleichsam zum Richtpunkte desselben. Der Weg zum Mitleid wird dem Zuhörer zu lang, wenn ihn nicht gleich der erste Schreck aufmerksam macht, und das Mitleiden nützt sich ab, wenn es sich nicht in der Bewunderung erholen kann. Wenn es also wahr ist, daß die ganze Kunst des tragischen Dichters auf die sichere Erregung und Dauer des einzigen Mitlcidens geht, so sage ich nunmehr/ die Bestimmung der Tragödie ist diese: sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern- Sie soll uns nicht blos lehren, gegen diesen oder jene» Unglücklichen Mitleid zu fühle»/ sondern sie soll uns so weit fühlbar machen, daß uns der Unglückliche zu allen Zeiten/ und unter allen Gestalten, rühren und für sich einnehmen muß. Und nun berufe ich mich auf einen Satz, den Ihnen Herr Moses vorläufig dcmoustrircn mag, wenn Sie, Ihrem eignen Gefühl zum Trotz, daran zweifeln wollen. Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmuth der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes thut, thut auch dieses, oder — eS thut jenes, um dieses thun zu können. Bitten Sie cS dem Aristoteles ab, oder widerlegen Sie mich. Auf gleiche Weise verfahre ich mit der Komödie. Sie soll uns zur Fertigkeit verhelfen, alle Arten des Lächerlichen leicht wahrzunehmen. Wer diese Fertigkeit besitzt/ wird in seinem Betragen alle Arten des Lächerlichen zu vermeiden suchen/ und eben dadurch der wohlgczo- genste und gesittetste Mensch werden. Und so ist auch die Nützlichkeit der Komödie gerettet. Beyder Nutzen, des Trauerspiels sowohl als des Lustspiels, ist von dem Vergnügen unzertrennlich; denn die ganze Hälfte deS Mitleids und des Lachens ist Vergnügen, und cS ist großer Vortheil für den dramatischen Dichter, daß er weder nützlich, noch angenehm, eines ohne das andere seyn kann. Ich bin jetzt von diesen meinen Grillen so eingenommen, daß ich, wenn ich eine dramatische Dichtkunst schreiben sollte, weitläuftige Abhandlungen vom Mitleid und Lachen voranschickcn würde. Ich würde beydes sogar mit einander vergleichen, ich würde zeigen, daß das Weinen eben so aus einer Vermischung der Traurigkeit und Freude, als das Lachen aus einer Vermischung der Lust und Unlust entstehe, ich würde weifen, wie man das Lachen in Weinen verwandeln kann, wo Lessinas Briefe. 1750. man auf der einen Seite Lust zur Freude, und auf der andern Unlust zur Traurigkeit, in beständiger Vermischung anwachsen läßt; ich würde — Sie glauben nicht, was ich alles würde. Ich will Ihnen nur noch einige Proben geben, wie leicht und glücklich aus meinem Grunds.che, nicht nur die vornehmste bekannte Regeln, sondern auch eine Menge neuer Regeln fließe, an deren Statt man sich mit dem bloßen Gefühle zu begnügen pflegt. Das Trancrspiel soll so viel Mitleid erwecken, als es nur immer kann; folglich müssen alle Personen, die man unglücklich werden läßt, gute Eigenschaften haben, folglich muß die beste Person auch die unglücklichste seyn, und Verdienst und Unglück in beständigem Verhältnisse bleiben. DaS ist, der Dichter muß keinen von allem Euren entblößten Bösewicht aufführen. Der Held oder die beste Person muß nicht, gleich einem Gottc, seine Tugenden ruhig und ungckränkc übersehen. Ein Fehler dcS CanutS, zu dessen Bemerkung Sie auf einem andern Wege gelanget sind. Merken Sie aber wohl, yaß ich hier nicht von dem AuSgange rede, denn das stelle ich in dcS Dichters Gutbc- fiudcn, ob er lieber die Tugend durch einen glücklichen AuSgang krönen, oder durch einen unglücklichen uns noch interessanter machen will. Ich verlange nur, daß die Personen, die mich am meisten für sich einnehmen, während der Dauer des Stücks, die unglücklichsten sevn sollen. Zu dieser Dauer aber gehöret nicht der AuSgang, DaS Schrecken, habe Ich gesagt, ist da» überraschte Mitleiden; ich will hier noch ein Wort hinzusehen: das überraschte und uncnt- ivickclre Mitleiden; folglich wozu die Uebcrraschuug, wenn cS nicht entwickelt wird? Ein Trauerspiel voller Schrecken, ohne Mitleid, ist ein Wetterleuchten ohne Donner. So viel Blihc, so viel Schläge, wenn u»S der Blil) nicht so gleichgültig werden soll, daß wir ihm mit einem kindischen Vergnügen entgegen gaffen. Die Bewunderung, habe ich mich ausgedrückt, ist das entbehrlich gewordene Mitleid. Da aber das Mitleid daS Hauptwerk ist, so muß cS folglich so selten als möglich entbehrlich werden; der Dichter muß seinen Held nicht zu sehr, nicht zu anhaltend der bloßen Bewunderung aussehen, und Cato als ein Stoiker ist mir ein schlechter tragischer Held. Der bewunderte Held ist der Vorwurf der Epopce; der bedauerte dcS Trauerspiels. Können Sie sich einer einzigen Stelle erinnern, wo der Held des Homers, des VirgilS, dcS Tasso, des KlopstockS, Mitleiden erweckt? oder eines einzigen alten Trauerspiels, wo der Held mehr bewundert als bedauert wird? Hieraus können Sie nun auch schließen, was ich von Ihrer Einthcilung der Trauerspiele halte. Sie fällt mit Ihrer 4» 52 Lessmgs Briefe. 1766. Erlaubniß ganz weg. Ich habe nicht Lust noch einen dritten Bogen anzulegen, sonst wollte ich mich noch über einige andere Punkte erklären. Ich vcrspare eS bis auf eine» nächsten Brief, welcher zugleich die Beantwortung Jbr.'S zweyten enthalten soll. Jetzt melde ich Ihnen nur noch, daß ich Ihr zweytes Avcrtisse- ment besorgt habe; verlange, daß Sie mir Ihre aufrichtige Meinung über dieses Geschwätz je eher je lieber entdecken sollen, und empfehle mich Ihrer fernern Freundschaft. Leben Sie wohl! Ich bin -c. N- S. Wenn Sie über meine Zweifel freundlich antworten wollen, so schicken Sie mir diesen Brief wieder mit zurück; denn es konnte leicht kommen, daß ich über acht Tage nicht mehr wüßte, was ich heute geschrieben habe. An Moses Mendelssohn. den 18. Nov. 1760. Liebster Freund! Ich habe hente an unsern Hrn. Nicolai einen sehr langen und langweiligen Brief geschrieben, und ich vermuthe, daß Sie einen desto kürzern bekommen werden. Je kürzer je angenehmer! Zu lesen oder zu schreiben? werden Sie fragen. Dieser kurze Brief kann aber keine Antwort auf Ihre Antwort meines letzter» seyn, den Ihnen Herr Joseph mitgebracht hat, noo epi- Üol->s null-x- lu»t rehoiillones. Sondern er ist eine Antwort auf Ihren Brief, den ich Ihnen von Amsterdam aus beantwortet hätte, wenn der König von Preussen nicht ein so großer Kriegsheld wäre. ES ist mir recht sehr angenehm, daß mein Freund, der Metaphy- siker, sich in einen BcleSprit ausdehnt, wenn sein Freund, der Bcl- eSprit, sich nur ein wenig in einen Metavhysikcr coneentriren konnte oder wollte. Was ist zu thun? Der BeleSprit tröstet sich unterdessen mit dem Einfalle — denn mit was kann sich ein BeleSprit anders trösten, als mit Einfällen? — daß, wenn Freunde alles unter sich gemein haben sollen, Ihr Wissen auch das mcinige ist, und Sie kein Metaphysiker seyn können, ohne daß ich nicht auch einer sey. Z. E. ich bitte Sie, daS, was ich an Hrn. Nicolai geschrieben habe, zu überdenken, zu prüfen, zu verbessern. Erfüllen Sie nun meine Bitte, so ist eS eben das, als ob ich es selbst nochmals überdacht, geprüft und verbessert hätte. Ihre bessern Gedanken sind weiter nichts als meine zweyten Gedanken. So bald Sie also, unter andern, LessingS Briefe. 1756. Z3 meinen Begrif vom Weinen falsch finden werden, so bald werde ich ihn auch verwerfe»/ und ihn für weiter nichts halten, als für eine gewaltsame Ausdehnung meines Begrifs vom Lachen. Jctzo halte ich ihn noch für wahr; denn ich denke so: alle Betrübniß, welche von Thräne» begleitet wird, ist eine Betrübniß über ein vcrlohrncS Gut; kein anderer Schmerz, keine andre unangenehme Empfindung wird von Thränen begleitet. Nun findet sich bey dem verlohrnen Gute nicht allein die Idee des Verlusts, sondern auch die Idee des Guts, und beyde, diese angenehme mit jener unangenehmen, sind unzertrennlich verknüpft. Wie, wenn diese Verknüpfung überall Statt hätte, wo das Weinen vorkommt? Bey den Thränen des Mitleids ist es offenbar. Bey den Thränen der Freude trift es auch ein- denn man weint nur da vor Freude, wenn man vorher» elend gewesen, und sich nun auf einmahl beglückt sieht, niemahls aber, wenn man vorher nicht elend gewesen. Die einzigen sogenannten Buslhränen machen mir zu schaffen, aber ich sorge sehr, die Erinnerung der Annehmlichkeit der Sünde, die man jetzt erst für strafbar zu erkennen anfängt, hat ihren guten Theil daran; es müßte denn seyn, daß die Buslhränen nichts anders als eine Art von Freudenthränen wären, da man sein Elend, den Weg des Lasters gewandelt zu seyn, und seine Glückseligkeit, den Weg der Tugend wieder anzutreten, zugleich empfände. Ich bitte Sie nur noch, auf die bewundernswürdige Harmonie Acht zu haben, die ich nach meiner Erklärung des Weinens, hier zwischen den respondirendcn Veränderungen des KörvcrS und der Seele zu sehen glaube. Man kann lacken, daß die Thränen in die Augen treten; das körperliche Weinen ist also gleichsam der höchste Grad des körperlichen Lachens. Und was braucht es bev dem Lachen in der Seele mehr, wenn cS zum Weinen werden soll, als daß die Lust und Unlust, aus deren Vermischung das Lachen entsteht, beyde zum höchsten Grade anwachsen, und eben so vermischt bleiben. Z. E> der Kopf eines Kindes in einer großen StaatSpcrücke ist ein lächerlicher Gegenstand; und der große Staatsmann, der kindisch geworden ist, ein be- weinenSwürdigcr. Ich sehe, daß mein Brief doch lang geworden ist. Nehmen Sie mir es ja nicht übel. Leben Sie wohl, liebster Moses, und fahren Sie fort mich zu lieben. Ich bin ganz der Ihrige Lessing. ^^s--«.^^ > >>Uk^^'>^lÄ^.. 64 LcssingS Briefe. 176«;. An Moses Mendelssohn. Leipzig, den 28. Nov. 1760. Liebster Freund! Ich muß Ihnen auf Ihren letzten Brief den Augenblick antworten; denn was bey mir nicht den Augenblick geschieht, das geschieht entweder gar nicht/ oder sehr schlecht. Da ich aber nichts weniger als lange Weile habe, und den größten Theil des Tages mit unsern Gästen zubringen muß — (denn das wissen Sie doch, daß nunmehr auch Leipzig nicht langer von Preußischer Einquartierung verschont ist?) so werde ich von der Faust weg schreiben, und meine Gedanken unter der Feder reif werden lassen. Es kömmt mir sehr gelegen, was Sie von der Bewunderung sagen; und in meinem Briefe an unsern Freund habe ich diesen Affekt nicht sowohl überhaupt erklären, als anzeigen wollen, waS für Wirkung er in dem Traucrsvicle hervorbringe, eine Wirkung, die Sie selbst nicht ganz in Abrede sind. Wir gerathen in Bewunderung, sagen Sie, wenn wir an einem Menschen gute Eigenschaften gewahr werden, die unsre Meinung, die wir von ihm oder von der ganzen menschlichen Natur gehabt haben, übertreffen. In dieser Erklärung finde ich zweverlev Dinge, die zwcycr- lcv Nahmen verdienen, und in unserer Sprache auch wirklich haben. Wenn ich an einem gnte Eigenschaften gewahr werde, die meine Meinung von ihm übertreffen; so heißt das nicht, ich bewundere ihn, sondern ich verwundere mich über ihn. Bewundern Sie den sterbenden Gusmann? Ich nicht, ich verwundere mich blos, daß aus einem christlichen Barbaren so geschwind ein Mensch geworden ist, ja ich verwundere mich so sehr, daß ich mich nicht enthalten kann, den Dichter ein wenig zu tadeln. Die Veränderung ist zu jäh, und nach dem Charakter des Gusmann durch nichts wahrscheinlich zu machen, als durch eine übernatürliche Wirkung der Religion. Voltaire muß cS selbst gemerkt haben: Sieh hier den Unterschied der Götter, die wir ehren, Die deinen konnten dich nur Wuth und Rache lehren. Bis diesen Augenblick habe ich den GuSmann gehaßt: ich freue mich fast, daß ihn der Wilde erstochen hat; er erstach ein Ungeheuer, das eine Welt verwüstete; wo sollte das Mitleiden herkommen? Nunmehr aber höre ich, er vcrgicbt; er thut die erste und letzte gute That, die ich nicht von ihm erwartet hätte; das Mitleid erscheint an der Hand . . , LesstngS Briefe. 1756. der Verwunderung/ das ist, cS entsteht durch die endlich und plötzlich entdeckte gute Eigenschaft. Ich sage mit Fleiß: plötzlich/ um eine Erfahrung daraus zu erklären/ die ich wirklich gehabt habe, ehe die Speculation noch daran Theil nehmen konnte. Ich bin, als ich diese Scene zum erstciimahl laS/ über die Vergebung dcS GuSmann erschrocken. Denn den Augenblick fühlte ich mich in der Stelle des Zamor. Ich fühlte seine Beschämung/ seine schmerzliche Erniedrigung, ich fühlte es, was eS einem Geiste, wie dem seinigen, kosten müsse, zu sagen: ich schäme mich der Rache! Zum Tode, dem kleinern Nebel, war er vorbereitet; zur Vergebung, dem größern, nicht. Also, wenn ein Bdsewicht oder jede andere Person eine gute Eigenschaft zeigt, die ich in ihm nicht vermuthet hätte, so entsteht keine Bewunderung, sondern eine Verwunderung, welche so wenig etwas Angenehmes ist, daß sie vielmehr weiter nichts, als ein Fehler des Dichters genannt zu werden verdient, weil in keinem Charakter mehr seyn muß, als man sich Anfangs darinn zu finden verspricht. Wenn der Geizige auf einmahl frcvgcbig, der Ruhmredige auf einmahl bescheiden wird; so verwundert man sich, bewunder» aber kann man ihn nicht. Wenn nun dieser Unterschied keine falsche Spitzfindigkeit ist, so wird die Bewunderung allein da Statt finden, wo wir so glänzende Eigenschaften entdecken, daß wir sie der ganzen menschliche» Natur nicht zugetrauet hätten. Uni dieses näher einzusehen, glaube ich, werde» folgende Puuktc etwas bcvtragen können. Was sind dieses für glänzende Eigenschaften, die wir bewundern? Sind cS besondere Eigenschaften, oder sind cS nur die höchsten Grade guter Eigenschaften? Sind eS die höchsten Grade aller guter Eigenschaften, oder nur einiger derselben? Das Wort Bewunderung wird von dem größten Bewunderer, dem Pöbel, so oft gebraucht, daß ich cS kaum wagen will, aus dem Sprachgebrauchs etwaS zu entscheiden. Seine, des Pöbels Fähigkeiten sind so gering, seine Tugenden so mäßig, daß er bevde nur in einem leidlichen Grade ciitdccken darf, wen» er bewundern soll. WaS über seine enge Sphäre ist, glaubt er über die Sphäre der ganzen menschlichen Natur zu seyn. Lassen Sie uns also nur diejenigen Fälle untersuchen, wo die bessern Menschen, Menschen von Empfindung und Einsicht, bewundern. Untersuchen Sie Ihr eigen Herz, liebster Freund! Bewundern Sie die Gütigkeit des AugustuS, die Kcuschheit des HippolvtS, die kindliche Liebe der Chimenc? Sind diese und andere solche Eigenschaften über den Bcgrif, den Sie von der menschlichen Natur haben? Oder zeigt 66 LcsslngS Briefe. 1766. nicht vielmehr die Nachcifcrung selbst, die sie in Ihnen erwecken, daß sie noch innerhalb diesem Begriffe sind? WaS für Eigenschaften bewundern Sie denn nun? Sie bewundern einen Eato, einen Esser — mit einem Worte, nichts als Beyspiele einer unerschüttcrtcn Festigkeit, einer unerbittlichen Standhaftigkeit, eines nicht zu erschreckenden Muths, einer heroischen Verachtung der Gefahr und des TodeS; und alle diese Beyspiele bewundern Sie um so viel mehr, je besser Sie sind, je fühlbarer Ihr Herz, je zärtlicher Ihre Empfindung ist. Sie haben einen zu richtigen Begrif von der menschlichen Natur, als daß Sie nicht alle unempfindliche Helden für schöne Ungeheuer, für mehr als Menschen, aber gar nicht für gute Menschen halten sollten. Sie bewundern sie also mit Recht; aber eben deswegen, weil Sie sie bewundern, werden Sie ihnen nicht nacheifern. Mir wenigstens ist eS niemahls in den Sinn gekommen, einem Cato oder Esser an Halsstarrigkeit gleich zu werden, so sehr ich sie auch wegen dieser Halsstarrigkeit bewundere, die ich ganz und gar verachten und verdammen würde, wenn cS nicht eine Halsstarrigkeit der Tugend zu seyn schiene. Ich werde also der Bewunderung nichts abbittcn, sondern ich verlange, daß Sie cS der Tugend abbittcn sollen, sie zu einer Tochter der Bewunderung gemacht zu haben. ES ist wahr, sie ist sehr oft die Tochter der Nachcifcrung, und die Nacheifern»«, ist eine naiürliche Folge der anschauenden Erkenntniß einer guten Eigenschaft. Aber muß cS eine bewundernswürdige Eigenschaft seyn? Nichts weniger. ES muß eine gute Eigenschaft seyn, deren ich den Menschen überhaupt, und also auch mich, fähig halte. Und diese Eigenschaften schließe ich so wenig aus dem Trauerspiele aus, daß vielmehr, nach meiner Meinung, gar kein Trauerspiel ohne sie besteht, weil man ohne sie kein Mitleid erregen kann. Ich will nur diejenigen großen Eigenschaften ausgeschlossen haben, die wir unter dem allgemeinen Nahmen des Heroismus begreifen können, weil jede derselben mit Uncmpfindlichkeit verbunten ist, und Unempfindlichkeit in dem Gegenstande des Mitleids, mein Mitleiden schwächt. Lassen Sie uns hier bey den Alten in die Schule gehen. WaS können wir nach der Natur für bessere Lehrer wählen? Um das Mit, leid desto gewisser zu erwecken, ward OedipuS und Alccste von allein Heroismus entkleidet. Jener klagt weibisch, und diese jammert mehr als weibisch; sie wollten sie lieber zu empfindlich, als unempfindlich machen; sie ließen sie lieber zu viel Klagen ausschütten, zu viel Thränen vergießen, als gar keine. Lessings Briefe. 1756. 57 Sie sagen, das benähme der Bewunderung ihren Werth nicht, daß sie das Mitleiden schwäche oder gar aufhebe, weil sie diese» mit dem Tode des Helden gemein habe. Sie irren hier aus zu großer Scharfsinnigkcit. Unter tooo Menschen wird nur ein Weltweiser seyn, welcher den Tod nicht für das größte Uebel, und das Todtscyn nicht für eine Fortdauer dieses Uebels hält! DaS Mitleiden Hort also mit dem Tode noch nicht auf; gesetzt aber, cZ Hirte auf, so würde dieser Umstand weiter nichts, als die Ursache der Regel seyn, warum sich mit dem Tode des Helden auch das Stück schließen müsse. Kann sich aber das Stück mit der Bewunderung schließen? Wenn ich aber gesagt habe, der tragische Dichter müsse die Bewunderung so wenig sein Hauptwerk seyn lassen, daß er sie vielmehr nur zu Ruhepunkten deS Mitleids machen müsse; so habe ich dieses damit sagen wollen, er solle seinem Helden nur so viel Standhaftigkeit geben, daß er nicht auf eine unanständige Art unter seinem Unglück erliege. Empfinden muß er ihn sein Unglück lassen; er muß cS ihn recht fühlen lassen; denn sonst können wir cS nicht fühlen. Und nur dann und wann muß er ihn lassen einen ell'oit thun, der auf wenige Augenblicke eine dem Schicksal gewachsene Seele zu zeigen scheint, welche große Seele den Augenblick darauf wieder ein Raub ihrer schmerzlichen Empfindungen werden muß. Was Sie von dem Mithridat des Racine sagen, ist, glaub' ich, eher für mich, als für Sie. Eben die edclmüthigc Scene, wo er seinen Söhnen den Anschlag, vor Rom zu gehen, entdeckt, ist Ursache, daß wir mit ihm wegen seines gehabten mißlichen Schicksals in dem Kriege wider die Römer kein Mitleiden haben können. Ich sehe ihn schon triumphircnd in Rom einziehen, und vergesse darüber alle seine unglücklichen Schlachten. Und was ist denn diese Scene bey dem Racine mehr, als eine schöne Flicksccnc? Sie bewundern den Mithridat, diese Bewunderung ist ein angenehmer Affekt; sie kann bey einem Carl dem XII. Nacheifern»«, erwecken, aber wird cS dadurch unwahr, daß sie sich besser in ein Heldengedicht als in ein Trauerspiel schicke? Doch ich will aufhören zu schwatzen, und cS endlich bedenken, daß ich an einen Xvorrsparer schreibe. Ich will, was ich wider die Bewunderung bisher, schlecht oder gut, gesagt habe, nicht gesagt haben; ich will alles wahr scvn lassen, was Sie von ihr sagen. Sie ist dennoch aus dem Trauerspiel zu verbannen. Denn — Doch ich will erst eine Erläuterung aus dem Ursprünge des Trauerspiels voranschicken. Die alten Trauerspiele sind aus dem Homer, ihrem Inhalte nach, genommen, und diese Gattung der Ge- LcssingS Briefe. 1756. dichte selbst, ist aus der Absingung seiner Epopecn entsprungen. Homer und nach ihm die Rhapsodisten wählten gewisse Stücke daraus, die sie bey feyerlichen Gelegenheiten, vielleicht auch vor den Thüren umS Brod, abzusingen pflegten. Sie mußten die Erfahrung gar bald machen, was für Stücke von dem Volke am liebsten gehört wurden. Heldenthaten hört man nur einmal mit sonderlichem Vergnügen; ihre Neuigkeit rührt am meisten. Aber tragische Begebenheiten rühren, so oft man sie hört. Diese also wurden, vorzüglich'vor andern Begebenheiten bey dem Homer, ausgesucht, und Anfangs, so wie sie er- zählungsweise bey dem Dichter stehen, gesungen, bis man darauf fiel, sie dialogisch abzutheilen, und das daraus entstand, was wir jetzt Tragödie nennen. Hätten denn nun die Alten nicht eben sowohl aus den Heldenthaten ein dialogisches Ganze machen können? Freylich, und sie würden eS gewis; gethan haben, wenn sie nicht die Bewunderung für eine weit ungeschicktere Lehrerinn des Volks als das Mitleiden gehalten hätten. Und daS ist ein Punkt, den Sie selbst am besten beweisen können. Die Bewunderung in dem allgemeinen Verstände, in welchem cS nichts ist, als daS sonderliche Wohlgefallen an einer seltnen Vollkommenheit, bessert vermittelst der Nacheifcrung, und die Nacheiferung seht eine deutliche Erkenntniß der Vollkommenheit, welcher ich nacheifern will, voraus. Wie viele haben diese Erkenntniß? Und wo diese nicht ist, bleibt die Bewunderung nicht unfruchtbar? DaS Mitleiden hingegen bessert unmittelbar; bessert, ohne daß wir selbst etwas dazu beytragen dürfen; bessert den Mann von Verstände sowohl als den Dummkopf. Hiermit schließ' ich. Sie sind mein Freund; ich will meine Gedanken von Ihnen geprüft, nicht gelobt haben. Ich sehe Ihren fernern Einwürfen mit dem Vergnügen entgegen, mit welchem man der Belehrung entgegen sehen muß. Jetzt habe ich mich, in Ansehung des Briefschreibens, in Athem gesetzt; Sie wissen, was Sie zu thun haben, wenn ich darinn bleiben soll. Leben Sie wohl, und lassen Sie unsre Freundschaft ewig seyn! Lessing. An Nicolai. Leipzig, d. 29. Novemb. 1760. Liebster Freund, VorigcSmal bekamen Sie den langen Brief; jetzt hat ihn Herr Moscs bekommen, und Sie bekommen den kurzen. Lessings Briefe. 1766. ,'.!) Gesegnet sey Ihr Entschluß, sich selbst zu leben!') Um seinen Verstand auszubreiten, muß man seine Begierden einschränken. Wenn Sie leben können, so ist es gleichviel, ob Sie von mäßigen, oder von großen Einkünften leben. Und endlich sind Plätze in der Welt, die sich besser für Sie schicken, als die Handlung. Wie glücklich wäre ich, w.nn ich Ihre Einladung annehmen könnte! Wie viel lieber wollte ich künftigen Sommer mit Ihnen und unserm Freunde zubringen, als in England! Vielleicht lerne ich da weiter nichts, als daß man eine Nation bewundern und hassen kann. Ich komme zur rückständigen Beantwortung Ihrer Briefe. Ich wollte lieber, daß Sie mein Stück, als die Aufführung meines Stücks, so weitläuftig beurtheilt hätten. Sie würden mir dadurch daS Gute, das Sie davon sagen, glaublicher gemacht haben. Ich kann mich aber doch nicht enthalten, über Ihr Lob eine Anmerkung zu machen. Sie sagen, Sie hätten bis zum fünften Auszüge öfters Thränen vergossen; am Ende aber hätten Sie vor starker Rührung nicht weinen können: eine Sache, die Ihnen noch nicht begegnet scv, und gewisser Maßen mit Ihrem System von der Rührung streite. — ES mag einmal in diesem Complimente, was noch in keinem Complimentc gewesen ist, jedes Wort wahr seyn — wissen Sie, was mein Gcgencomvlimcnt ist? Wer Gevcr heißt Ihnen ein falsches System haben! Oder vielmehr: wer Geyer heißt Ihrem Verstände sich ein System nach seiner Grille machen, ohne Ihre Empfindung zn Rathe zu ziehen? Diese hat, Ihnen unbewußt, das richtigste Svstcm, das man nur haben kann; denn sie hat meines. Ich berufe mich auf meinen letzten Brief an Hrn, MoseS. DaS Mitleiden giebt keine Thränen mehr, wenn die schmerzhaften Empfindungen in ihm die Oberhand gewinnen. Ich unterscheide drey Grade des Mitleids, deren mittclster da» weinende Mitleid ist, und die vielleicht mit den drey Worten zu unterscheiden wären, Rührung, Thränen, Beklemmung. Rührung ist, wenn ich weder die Vollkommenheiten, noch das Unglück des Gegenstandes deutlich denke, sondern von bcvden nur einen dunkeln Begriff habe; so rührt mich z. E. der Anblick jedes Bettlers. Thränen erweckt er nur dann in mir, wenn er mich mit seinen guten Eigenschaften so wohl, als mit seinen Unfällen bekannter macht, und zwar mit beyden zugleich, welches das wahre Kunststück ist, Thränen zu erregen. Denn macht cr mich erst mit seinen guten Eigenschaften und hernach mit seinen °) Ich entsagte damals der Handlung, um mit einem kleinen Einkorn« mc», bloß für die Wissenschaften zu leben. Nicolai. ,!0 LessingS Brief-. 1766. Unfällen, oder erst mit diesen und hernach mit jenen bekannt, so wird zwar die Rührung stärker, aber zu Thränen kömmt sie nicht. Z. E- Ich frage den Bettler nach seinen Umständen, und er antwortet: ich bin seit drey Jahren amtlos, ich habe Frau und Kinder; sie sind Theils krank, Theils noch zu klein, sich selbst zu versorgen; ich selbst bin nur vor einigen Tagen vom Krankenbette aufgestanden. — Das ist sein Unglück! — Aber wer sind Sie denn? frage ich weiter. — Ich bin der und der, von dessen Geschicklichkcit in diesen oder jenen Verrichtungen Sie vielleicht geHort haben; ich bekleidete mein Amt mit möglichster Treue; ich könnte eS alle Tage wieder antreten, wenn ich lieber die Creatur eines Ministers, als ein ehrlicher Mann seyn wollte :c. Das sind seine Vollkommenheiten! Bey einer solchen Erzählung aber kann niemand rrxinen. Sondern wenn der Unglückliche meine Thränen haben will, muß er beyde Stücke verbinden; er muß sagen: ich bin vom Amte gesetzt, weil ich zu ehrlich war, und mich dadurch bey dem Minister verhaßt machte; ich hungere, und mit mir hungert eine kranke liebenswürdige Frau; und mit uns hungern sonst hoffnungsvolle, jetzt in der Armuth vermodernde Kinder; und wir werden gewiß noch lange hungern müss-n. Doch ich will lieber hungern, als niederträchtig seyn; auch meine Frau und Kinder wollen lieber hungern, und ihr Brot lieber unmittelbar von Gott, das ist, aus der Hand eines barmherzigen Mannes, nehmen, als ihren Vater und Ehemann lasterhaft wissen :c. — (Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen. Sie müssen meinem Vortrage mit Ihrem eignen Nachdenken zu Hülfe kommen ) Einer solchen Erzählung habe ich immer Thränen in Bereitschaft- Unglück und Verdienst sind hier im Gleichgewicht. Aber lassen Sie uns das Gewicht in der einen oder andern Schale vermehren, und zusehen, was nunmehr entsteht. Lassen Sie uns zuerst in die Schale der Vollkommenheit eine Zulage werfen. Der Unglückliche mag fortfahren: aber wenn ich und meine kranke Frau uns nur erst wieder erholt haben, so soll eS schon anders werden. Wir wollen vvn der Arbeit unsrer Hände leben; wir schämen uns keiner. Alle Arten, sein Brot zu verdienen, sind einem ehrlichen Manne gleich anständig; Holz spalten, oder am Ruder des Staates sitzen. ES kömmt seinem Gewissen nicht darauf an, wie viel er nützt, sondern wie viel er nützen wollte. — Nun hören meine Thränen auf; die Bewundrung erstickt sie. Und kaum, daß ich eS noch fühle, daß die Bewundrung aus dem Mitleiden entsprungen. — Lassen Sie uns eben den Versuch mit der andern Wagschale anstellen. Der ehrliche Bettler erfährt, daß es wirklich einerley Wunder, einerley übernatürliche Seltenheit ist, von LessingS Briefe, 1766. 61 der Barmherzigkeit der Menschen/ oder unmittelbar aus der Hand Gottes gespeist zu werden. Er wird überall schimpflich abgewiesen; unterdessen nimmt sein Mangel zu, und mit ihm seine Verwirrung. Endlich geräth er in Wuth; er ermordet seine Frau, seine Kinder und sich. — Weinen Sie noch? — Hier erstickt der Schmerz die Thränen, aber nicht das Mitleid, wie es die Bewundrung thut. Es ist — Ich verzweifelter Schwätzer! Nicht ein Wort mehr. Ist Ihre Recension vom vevil W ps? schon gedruckt? Ich habe eine sehr merkwürdige Entdeckung in Ansehung dieses Stücks gemacht; wovon in meinem nächsten. °) Leben Sie wohl, liebster Freund! Lessing. Nachschrift. Was macht denn unser lieber Marpurg? Grüßen Sie ihn tausendmal von mir. Ich lasse mich wegen des berühmten Dichters in seinen Oden schöne bedanken. An Moses Mendelssohn. Leipzig, den 18. Oec. 1766. Liebster Freund! Sie haben Recht; ich habe in meinem Briefe an Sie ziemlich in den Tag hinein geschwatzt. Heben Sie ihn nur immer auf; aber nicht zu Ihrer, sondern zu meiner Demüthigung. Er bleibe bey Ihnen ein dauerhafter Beweis, was für albernes Zeug ich schreiben kann, wenn ich, wie ich mich auszudrücken beliebt habe, meine Gedanken unter der Feder reif werden lasse. Lassen Sie mich jetzt versuchen, ob sie durch Ihre Einwürfe und Erinnerungen reifer geworden. Ich lösche die ganze Tafel aus, und will mich über die Materie von der Bewunderung noch gar nicht erklärt haben. Von vorne! Ich hatte in dem ersten Briefe an Hrn. Ntcolai von dieser Materie geschrieben: die Bewunderung müsse in dem Trauerspiele nichts seyn, als der Ruhepunrt des Mitleidens. Haben Sie mich auch recht verstanden? Herr Nicvlai machte zu seiner zweyten Gattung der Trauerspiele diejenige, wo man durch Hülfe des Schreckens und des MitleidenS Bewunderung erregen wolle. In dieser Gattung also wird °) Er hat hernach doch vergesse» die neue Entdeckung mitzutheilen. Nicolai. Ä5v^s^»>/^^.--^<-?..^.-.^. VR."^M»^b 62 LessingS Briefe. 1766. die Bewunderung zum Hauptwerke/ das ist, das Unglück, das den Helden trifft, soll uns nicht sowohl rühren/ als dem Helden Gelegenheit geben, seine außerordentlichen Vollkommenheiten zu zeige»/ deren intuitive Erkenntniß in unS den angenehmen Affekt erwecke, welchen Sie Bewunderung nennen. Ein solches Trauerspiel nuii/ sage ich/ würde ein dialogisches Heldengedicht seyn/ und kein Trauerspiel- Der bewunderte Held/ habe ich mich gegen Hrn. Nicolai ausgedrückt/ ist der Stof des Heldengedichts. Da Sie mir doch also wohl zutrauen werden, daß ich ein Heldengedicht (ein Gedicht voller Bewunderung) sür ein schönes Gedicht halte, so kann ich nicht einsehen, wie Sie mir Schuld geben können, daß ich der Bewunderung alles Schöne, alles Angenehme rauben wolle. Sie ist ein angenehmer Affekt, gut; aber kann ihr dieses die vornehmste Stelle in einem Trauerspiele verdienen? Das Trauerspiel (sagt Ari> stotelcS, Hauptstück 14) soll uns nicht jede Art des Vergnügens ohne Unterschied gewähre»/ sondern nur allein das Vergnügen, welches ihm eigenthümlich zukömmt. Warum wollen wir die Arten der Gedichte ohne Noth verwirren, und die Gränzen der einen in die andern laufen lassen? So wie in dem Heldengedichte die Bewunderung das Hauptwerk ist, alle andere Affekten/ das Mitleiden besonders/ ihr untergeordnet sind: so s>^ auch in dem Trauerspiele das Mitleiden daS Hauptwerk/ und jeder andere Affekt, die Bewunderung besonders/ sey ihm nur untergeordnet, daS ist, diene zu nichts, als daS Mitleiden erregen zu helfen. Der Hcldcndich- tcr läßt seinen Helden unglücklich scvN/ um seine Vollkommenheiten inS Licht zu setzen. Der Tragödienschrcibcr setzt seines Helden Vollkommenheiten ins Licht, um uns sein Unglück desto schmerzlicher zu machen. Ein großes Mitleiden kann nicht ohne große Vollkommenheiten in dem Gegenstande des Mitleids seyn, und große Vollkommenheiten/ sinnlich ausgedrückt/ nicht ohne Bewunderung. Aber diese großen Vollkommenheiten sollen in dem Trauerspiele nie ohne große Unglücköfälle seyn/ sollen mit diesen allezeit genau verbunden seyn, und sollen also nicht Bewunderung allein, sondern Bewunderung und Schmerz, das ist. Mitleiden erwecken. Und daS ist meine Meinung. Die Bewunderung findet also in dem Trauerspiele nicht als ein besonderer Affekt Statt, sondern blos als die eine Hälfte deS Mitleids. Und in dieser Betrachtung habe ich auch Recht gehabt, sie nicht als einen besondern Affekt/ sondern nur nach ihrem Verhältnisse gegen das Mitleiden zu erklären. LcssingS Briefe. 4766. Und I» diesem Verhältnisse, sage ich noch/ soll sie der Ruhepunkt des Mitleidcns seyn, nehmlich da, wo sie sür sich allein wirken soll. Da Sie aber znm zwevtcnmahl auf dem Erempel des Mithridats bestehen, so muß ich glauben, Sie haben meine Worte so verstanden, als wollte ich mit diesem Ruhepunkte sagen, sie soll das Mitleiden stillen helfen. Aber daS will ich damit gar nicht sagen, sondern gleich das Gegentheil. Hören Sie nur! Wir können nicht lange in einem starken Affekte bleiben; also können wir auch ein starkes Mitleiden nicht lange aushalten, es schwächt sich selbst ab. Auch mittelmäßige Dichter haben dieses gemerkt, und daS starke Mitleiden bis zuletzt »erspart. Aber ich hasse die französischen Trauerspiele, welche mir nicht eher, als am Ende des fünften Auszugs, einige Thränen auspressen. Der wahre Dichter vertheilt das Mitleiden durch sein ganzes Trauerspiel, er bringt überall Stellen an, wo er die Vollkommenheiten und Unglücksfalle seines Helden in einer rührenden Verbindung zeigt, das ist, Thränen erweckt. Weil aber das ganze Stück kein beständiger Zusammenhang solcher Stellen seyn kan», so untermischt er sie mit Stellen, die von den Vollkommenheiten seines Helden allein handeln, und in diesen Stellen hat die Bewunderung, als Bewunderung, Statt. Was sind aber diese Stellen anders, als gleichsam Ruhepunktc, wo sich der Zuschauer zu »enem Mitleiden erholen soll? Gestillt soll daS vorige Mitleiden nicht dadurch werden, das ist mir niemahls in die Gedanken gekommen, und würde meinem Svstem schnurstracks zuwider seyn. Da nun aber diese Stellen (ich will sie die leeren Scenen nennen, ob sie gleich nicht immer ganze Scenen sevn dürfen, weil die Bewunderung, oder die Ausmahlung der außerordentlichen Vollkommen- heitcn des Helden, der einzige Knnstgrif ist, die leeren Scenen, wo die Aktion stille steht, erträglich zu machen) da, sage ich, diese leeren Scenen nichts als Vorbereitungen zum künftigen Mitleiden seyn sollen, so müssen sie keine solchen Vollkommenheiten betreffen, die daS Mitleiden zernichten. Ich will ein Exempel geben, dessen Lächerliches Sie mir aber verzeihen müssen. Gesetzt, ich sagte zu jemand: heute ist der Tag, da Titus seinen alten Vater, auf einem Seile, welches von der höchsten Spitze des Thurms bis über den Fluß ausgespannt ist, in einem Schubkarren von oben herab sührcn soll. Wenn ich nun, dieser gefährlichen Handlung wegen, Mitleiden für denTinis erwecken wollte, was muß ich thun? Ich müßte die guten Eigenschaften des Titus und seines Vaters aus einander setzen, und sie vcvde zu Personen machen, die es um so viel weniger verdienen, daß sie sich einer LessingS Briefe. 4766. solchen Gefahr unterziehen müssen, je würdiger sie sind. Aber nicht wahr, dem Mitleiden ist der Weg zu dem Herzen meines Zuhörers auf einmahl abgeschnitten, so bald ich ihm sage, TituS ist ein Seiltänzer, der diesen Versuch schon mehr als einmahl gemacht hat? Und gleichwohl habe ich doch weiter nichts als eine Vollkommenheit des Titus den Zuhörern bekannt gemacht. Ja, aber cS war eine Vollkommenheit, welche die Gefahr unendlich verringerte, und dem Mitleiden also die Nahrung nahm. Der Seiltänzer wird nunmehr bewundert, aber Nicht bedauert. Was macht aber derjenige Dichter aus seinem Helden anders, als einen Seiltänzer, der, wenn er ihn will sterben lassen, das ist, wenn er uns am meisten durch seine Unfälle rühren will, ihn eine Menge der schönsten Gasconaden, von seiner Verachtung des Todes, von seiner Gleichgültigkeit gegen das Leben verschwatzen läßt? In eben dem Verhältnisse, in welchem die Bewunderung auf der einen Seite zunimmt, nimmt das Mitleiden auf der andern ab. Aus diesem Grunde halte ich den Polveukt des Corneille für tadelhaft; ob er gleich wegen ganz anderer Schönheiten niemahls aufhören wird zu gefallen. Polyeukc sirebt ein Märtyrer zu werden; er sehnet sich nach Tod und Martern; er betrachtet sie als den ersten Schritt in ein überschwenglich seliges Leben; ich bewundere den frommen Enthusiasten, aber ich müßte befürchten, seinen Geist in dem Schovße der ewigen Glückseligkeit zu erzürnen, wenn ich Mitleid mit ihm haben wollte. Genug hiervon; Sie können mich hinlänglich verstehen, um mich zu widerlegen, wenn ich eS verdiene. Aber die Feder läuft einmahl, und ich will mich nunmehr über die Verschiedenheit zwischen den Wirkungen der Bewunderung und den Wirkungen des Mitleids erklären. AuS der Bewunderung entspringt der Vorsatz der Nachciferung; aber, wie Sie selbst sagen, dieser Vorsatz ist nur augenblicklich. Wenn er zur Wirklichkeit kommen soll, muß ihn entweder die darauf folgende deutliche Erkenntniß dazu bringen, oder der Affekt der Bewunderung muß so stark fortdauern, daß der Vorsatz zur Thätigkeit kommt, ehr die Vernunft das Steuer wieder ergreifen kann. DaS ist doch Ihre Meinung? — Nun sage ich: in dem ersten Falle ist die Wirkung nicht der Bewunderung, sondern der deutlichen Erkenntniß zuzuschreiben; und zu dem andern Falle werden nichts geringeres als Fantasien erfordert. Denn Fantasien sind doch wohl nichts anders, als Leute, bey welchen die untern Seelenkrästc über die obern triumpyiren? Daran liegt nichts, werden Sie vielleicht sagen, dieser Fantasten sind sehr viele in der Welt, und es ist gut, wenn auch Fantasien tugendhafte Lessings Briefe. 1756. Thäte» thun. Wohl, so muß cs denn eine von den ersten Pflichten des Dichters seyn, daß er nur für wirklich tugendhafte Handlungen Bewunderung erweckt. Denn wäre eS ihm erlaubt, auch untugendhaften Handlungen den Firnis der Bewunderung zu geben, so hätte plato Recht, daß er sie aus seiner Republik verbannt wissen wollen. Hcrr Nicolai hätte also nicht schließen sollen: weil de>'Wein nicht selten blutige Gezänke erzeugt, so ist eS falsch, daß er des Menschen Herz erfreuen soll; oder weil die Poesie oft schlechte Handlungen als nachahmungswürdig anpreiset, so kann ihr Endzweck nicht seyn, die Sitten zu bessern. Ich gehe noch weiter, nnd gebe Ihnen zu überlegen, ob die tugendhafte That, die ein Mensch aus bloßer Nachciferung, ohne deutliche Erkenntniß, thut, wirklich eine tugendhafte That ist, und ihm als eine solche zugerechnet werden kann? Ferner dringe ich darauf: die Bewunderung einer schönen Handlung kann nur zur Nachciferung eben derselben Handlung, unter eben denselben Umständen, und nicht zu allen schönen Handlungen antreiben; sie bessert, wenn sie ja bessert, nur durch besondere Fälle, und also auch nur in besondern Fällen. Man bewundert z. E- den GuSmann, der seinem Mörder vcrgiebt. Kann mich diese Bewunderung, ohne Zuziehung der deutlichen Erkenntniß, antreiben, allen meinen Widersachern zu vergeben? Oder treibt sie mich nur, demjenigen Todfeinde zu vergeben, den ich mir selbst durch meine Mißhandlungen dazu gemacht habe? Ich glaube, nur das Letztere. Wie unendlich besser und sicherer sind die Wirkungen meines Mit- leidcnS! Das Trauerspiel soll das Mitleiden nur überhaupt üben, und nicht uns in diesem oder jenem Falle zum Mitleiden bestimmen. Gesetzt auch, daß mich der Dichter gegen einen unwürdigen Gegenstand mitleidig macht, nehmlich vermittelst falscher Vollkommenheiten, durch die er meine Einsicht verführt, um mein Herz zu gewinnen. Daran ist nichts gelegen, wenn nur mein Mitleiden rege wird, nnd sich gleichsam gewöhnt, immer leichter nnd leichter rege zn werden. Ich lasse mich zum Mitleiden im Trauerspiele bewegen, um eine Fertigkeit im Mitleiden zu bekommen; findet aber das bey der Bewunderung Statt? Kann man sagen: ich will gern in der Tragödie bewundern, um ein Fertigkeit im Bewundern zu bekommen? Ich glaube, der ist der größte Geck, der die größte Fertigkeit im Bewundern hat; so wie ohne Zweifel derjenige der beste Mensch ist, der die größte Fertigkeit im Mitleiden hat. Doch bin ich nicht etwa wieder auf meine alten Sprünge gekommen? Schreye ich die Bewunderung durch das, was ich bisher gesagt habe, nicht für ganz und gar unnütz aus, ob ich ihr gleich das ganze Heldengedicht zu ihrem Tummelplätze einräume? Fast sollte es so schci- Lessings Werke xn, 5 LessiiigS Briefe. 1766. nen; ich will cS also immer wagen, Ihnen einen Einfall zu vertrauen, der zwar ziemlich seltsam klingt, weil er aber niemand GcringerS als mich und den Homer rettet, Ihrer Untersuchung vielleicht nicht unwürdig ist. ES giebt gewisse körperliche Fähigkeiten, gewisse Grade der körperlichen Kräfte, die wir nicht in unsrer willkührlichcn Gewalt haben, ob sie gleich wirklich in dem Körper vorhanden sind. Ein Rasender, zum Exempel, ist ungleich stärker, als er bey gesundem Verstände war; auch die Furcht, der Zorn, die Verzweiflung und andre Affekten mehr, erwecken in uns einen größcrn Grad der Stärke, der uns nicht eher zu Gebote steht, als bis wir uns in diesen oder jenen Affekt gesetzt haben. Meine zweyte vorläufige Anmerkung ist diese. Alle körperliche Oe- schicklichkciten werden durch Hülfe der Bewunderung gelernt! wenigstens das Feine von allen körperlichen Gcschicklichkciten. Nehmen Sie einen Luftspringer. Von den wenigsten Sprüngen kann er seinen Schülern den eigentlichen Mechanismus zeigen» er kann oft weiter nichts sagen, als- sieh nur, sieh nur, wie ich eS mache! das ist, bewundere mich nur recht, und versuch cS alsdann, so wird es von selbst gehen; und je vollkommener der Meister den Sprung vormacht, je mehr er die Bewunderung seines Schülers durch diese Vollkommenheit reizt, desto leichter wird diesem die Nachahmung werden. Heraus also mit meinem Einfalle! Wie, wenn Homer mit Be- dacht nur körperliche Vollkommenheiten bewundernswürdig geschildert hätte? Er kann leicht ein eben so guter Philosoph gewesen seyn, als ich. Er kann leicht, wie ich, geglaubt haben, daß die Bewunderung unsre Körper wohl tapfer und gewandt, aber nicht unsre Seelen tugendhaft machen könne. Achilles, sagen Sie, ist bey dem Homer nichts als ein tapfrer Schläger; cS mag seyn. Er ist aber doch ein bewundernswürdiger Schlager, der bey einem andern den Vorsatz der Nach- eifcrung erzeugen kann. Und so oft sich dieser andere in ähnlichen Umständen mit dem Achilles befindet, wird ihm auch das Ercmpcl dieses Helden wieder bevfallcn, wird sich auch seine gehabte Bewunderung erneuern, und diese Bewunderung wird ihn stärker und geschickter machen, als er ohne sie gewesen wäre. Gesetzt aber, Homer hätte den Achilles zu einem bewundernswürdigen Muster der Großmuth gemacht. So oft sich nun ein Mensch von feuriger Einbildungskraft in ähnlichen Umständen mit ihm sähe, könnte er sich zwar gleichfalls seiner gehabten Bewunderung erinnern, lind zu Folge dieser Bewunderung gleich großmüthig handeln; aber würde er deswegen großmüthig seyn? Die Großmuth muß eine beständige Eigenschaft der Seele sey»; und ihr nicht blos ruckweise entfahren. Lessings Briefe. 17ZK. 07 Ich bin es überzeugt, daß meine Worte oft meinem Sinne Schaden thun, daß ich mich nicht selten zu unbestimmt oder zu nachlässig ausdrücke. Versuchen Sie es also, liebster Freund/ sich durch Ihr eigen Nachdenken in den Geist meines Systems zu versetzen. Und vielleicht finden Sie es weit besser, als ich es vorstellen kann. In Vcrglelchung meiner, sollen Sie doch noch immer ein 5vorr- sparer bleiben; denn ich habe mir fest vorgenommen, auch diesen zweyten Bogen noch voll zu schmieren. Ich wollte Anfangs aus dem Fol^ gendcn einen besondern Brief an Hrn. Nicolai machen; aber ich will seine Schulden mit Fleiß nicht häufen. Lesen Sie doch das töte Hauptstück der Aristotelischen Dichtkunst. Der Philosoph sagt daselbst: der Held eines Trauerspiels müsse ein Mittclcharakter seyn; er müsse nicht allzu lasterhaft und auch nicht allzu tugendhaft sevn; wäre er allzu lasterhaft, und verdiente sein Unglück durch seine Verbrechen, so konnten wir kein Mitleiden mit ihm haben; wäre er aber allzu tugendhaft, und er würde dennoch unglücklich, so verwandle sich das Mitleiden in Entsetzen und Abscheu. Ich möchte wissen, wie Herr Nicolai diese Regel mit den bewundernswürdigen Eigenschaften seines Helden zusammenreimen könne-- Doch das ist eS nicht, was ich jetzt schreiben will. Ich bin hier selbst wider Aristoteles, welcher mir überall eine falsche Erklärung des Mitleids zum Grunde gelegt zu haben scheint. Und wenn ich die Wahrheit weniger verfehle, so habe ich es allein Ihrem bessern Begriffe vom Mitleiden zu danken. Ist es wahr, daß das Unglück eines allzu tugendhaften Menschen Entsetzen und Abscheu erweckt? Wenn eS wahr ist, so müssen Entsetzen und Abscheu der höchste Grad des Mitleids sevn, welches sie doch nicht sind. DaS Mitleiden, das in eben dem Verhältnisse wächst, in welchem Vollkommenheit und Unglück wachsen, hört auf, mir angenehm zu sevn, und wird desto unangenehmer, je größer auf der einen Seite die Vollkommenheit, und auf der andern das Unglück ist. Unterdessen ist eS doch auch wahr, daß an dem Helden eine gewisse «,->,atz7«r, ein gewisser Fehler sevn muß, durch welchen er sein Unglück über sich gebracht hat. Aber warum diese «.u,^», wie sie Aristoteles nennt? Etwa, weil er ohne sie vollkommen scpn würde, und das Unglück eines vollkommenen Menschen Abscheu erweckt? Gewiß nicht. Ich glaube, die einzige richtige Ursache gefunden zu haben; sie ist diese: weil ohne den Fehler, der das Unglück über ihn zieht, sein Charakter und sein Unglück kein Ganzes ausmachen würden, weil das eine nicht in dem andern gegründet wäre, und wir jedes 5° s>8 LcssingS Briefe. 1756. von diesen zwey Stücken besonders denken würden. Ein Exempel wird mich verständlicher machen. Canut sey ein Muster der vollkommensten Güte. Soll er nur Mitleid erregen, so muß ich durch den Fehler, daß er seine Güte nicht durch die Klugheit regieren läßt/ und den Ulfo, dem er nur verzeihen sollte, mit gefährlichen Wohlthaten überhaust, ein großes Unglück über ihn ziehn; Ulfo muß ihn gefangen nehmen und ermorden. Mitleiden im höchsten Grade! Aber gesetzt, ich ließe den Canut nicht durch seine gcmißbrauchtc Güte umkommen; ich ließ ihn plötzlich durch den Donner erschlagen, oder durch den einstürzenden Pallast zerschmettert werden? Entsetzen und Abscheu ohne Mitleid! Warum? Weil nicht der geringste Zusammenhang zwischen seiner Güte und dem Donner, oder dem einstürzenden Pallast, zwischen seiner Vollkommenheit und seinem Unglücke ist. ES sind bcydcS zwcv verschiedene Dinge, die nicht eine einzige gemeinschaftliche Wirkung, dergleichen das Mitleid ist, hervorbringen können, sondern, deren jedes für sich selbst wirkt. — Ein ander Exempel! Gedenken Sie an den alten Vetter, im Kaufmann von London; wenn ihn Barnwcll ersticht, entsetzen sich die Zuschauer, ohne mitleidig zu seyn, weil der gute Charakter des Alten gar nichts enthält, was den Grund zu diesem Unglück abgeben könnte. Sobald man ihn aber für seinen Mörder und Vetter noch zu Gott beten hört, verwandelt sich das Entsetzen in ein recht entzückendes Mitleiden, und zwar ganz na» türlich, rocil diese großmüthige That aus seinem Unglücke fließet und ihren Grund in demselben hat. Und nun bin ich eS endlich müde, mehr zu schreiben, nachdem Sie cS ohne Zweifel schon langst müde gewesen sind, mehr zu lesen. Ihre Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit habe ich mit recht großem Vergnügen gelesen; wenn ich sie noch ein paarmahl werde gelesen haben, hoffe ich, Sie so weit zu verstehen, daß ich Sie um einige Erläuterungen fragen kann. Wenn es sich von solchen Dingen so gut schwatzen ließe, wie von der Tragödie! Ihre Gedanken von dem Streite der untern und obern Seelcnkräste lassen Sie ja mit das erste sevn, was Sie mir schreiben. Ich empfehle Ihnen dazu meine Weit- läuftigkeit, die sich wirklich eben so gut zum Vortrage wahrer, als zur Auskramung vielleicht falscher Sätze schickt. Bitten Sie doch den Hrn. Nicolai in meinem Nahmen, mir mit ehestem denjenigen Theil von CibbcrS Lebensbeschreibung der englischen Dichter zu schicken, in welchem Drydcns Leben steht. Ich brauche ihn. Leben Sie wohl, liebster Freund, und werden Sie nicht müde, mich zu bessern, so werden Sie auch nicht müde werde», mich zu lieben. Lcsslng. LessingS Briefe. 4766, N- S. Damit dieser Brief ja alle Eigenschaften eines unausstehlichen Briefs habe, so will ich ihn auch noch mit einem ?. 8. versehen. Sie haben sich schon zweymahl auf die griechischen Bildhauer berufen, von welchen Sie glauben, daß sie ihre Kunst besser verstanden hätten, als die griechischen Dichter. Lesen Sie den Schluß des löten Hauptstücks der Aristotelischen Dichtkunst, und sagen Sie mir als- denn, ob den Alten die Regel von der Verschönerung der Leidenschaften unbekannt gewesen sey. Der Held ist in der Epopee unglücklich, und ist auch in der Tragödie unglücklich. Aber auf die Art, wie er cS in der einen ist, darf cr cS nie in der andern seyn. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich die Verschiedenheit dieser Arten irgendwo gehörig bestimmt gefunden hätte. DaS Unglück deS Helden in der Epopee muß keine Folge aus dem Charakter desselben sevn, weil cS sonst, nach meiner obigen Anmerkung, Mitleiden erregen würde; sondern cS muß ein Unglück des Verhängnisses und Zufalls sevn, an welchem seine guten oder bösen Eigenschaften keinen Theil haben, kato prokuzus, sagt virgil von seinem Aeneas. Bcv der Tragödie ist es das Gegentheil, und auS dem Oedip z. E. wird nimmermehr ein Heldengedicht werden, und wer eins daraus machen wollte, würde am Ende weiter nichts als ein Trauerspiel in Büchern gemacht haben. Denn cS wäre elend, wenn diese beyden Dichtungsarten keinen wesentlichern Unterschied, als den beständigen oder durch die Erzählung des Dichters unterbrochenen Dialog, oder als Aufzüge und Bücher haben sollten. Wenn Sie Ihre Gedanken von der Illusion mit dem Hrn. Ni- colai aufS Reine bringen werden, so vergessen Sie ja nicht, daß die ganze Lehre von der Illusion eigentlich den dramatischen Dichter nichts angeht, und die Vorstellung seines Stücks das Werk einer andern Kunst, als der Dichtkunst, ist- Das Trauerspiel muß auch ohne Vorstellung und Akteurs seine völlige Stärke behalten; und diese bey dem Leser zu äußern, braucht sie nicht mehr Illusion als jede andre Geschichte. Sehen Sie deswegen den Aristoteles noch gegen das Ende des «ten und den Anfang des Uten HauptstückS nach. Nun bin ich ganz fertig. Lebe» Sie wohl! Lessmgs Brief«. 1767. An Moses Mendelssohn. Leipzig/ den Z. Febr. 1737. Liebster Freund! Ich glaube es eben so wenig, als Sie, daß wir bis jetzt in unserm Streite viel weiter, als über die ersten Gränzen gekommen sind. Haben Sie aber auch wirklich so viel Lust, als ich, sich tiefer hinein zu wagen, und dieses unbekannte Land zu entdecken, wenn wir uns auch hundertmahl vorher verirren sollten? Doch warum zweifle ich daran? Wenn Sie cS auch nicht aus Neigung thäten, so würden Sie eS aus Gefälligkeit für mich thun.-- Ihre Gedanken von der Herrschaft über die Neigungen, von der Gewohnheit, von der anschauenden Erkenntniß sind vortreflich, Sie haben mich so überzeugt, daß ich mir auch nicht einmahl einen logi- sehen Fechterstreich dawider übrig gelassen finde. Warum kann ich von Ihren Gedanken über die Illusion nicht eben das sagen! Hören Sie meine Zweifel dagegen, aber machen Sie sich gefaßt, eine Menge gemeiner Dinge vorher zu lesen, ehe ich darauf kommen kann. Ueber das Wort werde ich Ihnen keine Schwierigkeiten machen. Darinn sind wir doch wohl einig, liebster Freund, daß alle Leidenschaften entweder heftige Begierden oder heftige Verabscheuungcn sind? Auch darinn: daß wir uns bey jeder heftigen Begierde oder Verabscheuung, eines größcrn Grads unsrer Realität bewußt sind, und daß dieses Bewußtseyn nicht anders als angenehm seyn kann? Folglich sind alle Leidenschaften, auch die allerunangcnehmsten, als Leidenschaften angenehm. Ihnen darf ich eS aber nicht erst sagen: daß die Lust, die mit der stärkern Bestimmung unsrer Kraft verbunden ist, von der Unlust, die wir über die Gegenstände haben, worauf die Bestimmung unsrer Kraft geht, so unendlich kann überwogen werden, daß wir uns ihrer gar nicht mehr bewußt sind. Alles, was ich hieraus folgere, wird aus der Anwendung auf das aristotelische Exempel von der gemahlten Schlange am deutlichsten erhellen- Vvenn wir eine gemahlte Schlange plötzlich erblicken, so gefällt sie uns desto besser, je heftiger wir darüber erschrocken sind. Dieses erkläre ich so: Ich erschrecke über die so wohlgetroffnc Schlange, weil ich sie für eine wirkliche halte. Der Grad dieses Schreckens, als eine unangenehme Leidenschaft, oder vielmehr der Grad der Unlust, die ich über diesen schrecklichen Gegenstand empfinde, sey lo> so kann ich den Grad der Lust, die mit der Empfin- Lessings Briefe. 1767. 71 dung der Leidenschaft verbunden ist/ 1 nennen, oder 10, wenn jener zu loo wüchse. Indem ich also 10 empfinde, kann ich nicht 1 empfinden, das ist, so lange als ich die Schlange für eine wirkliche halte, kann ich keine Lust darüber empfinden. Nun werde ich aber auf einmahl gewahr, daß es keine wirkliche Schlange, daß eS ein bloßes Bild ist: was geschieht? Die Unlust über den schrecklichen Gegenstand — 10 fallt weg, und eS bleibt nichts übrig, als die Lust, die mit der Leidenschaft, als einer bloßen stärkcrn Bestimmung unsrer Kraft, verbunden ist, 1 bleibt übrig, das ich nunmehr empfinde, und in dem Grade 8 oder to empfinden kann, wenn jener Grad, anstatt 10, 80 oder 100 gewesen ist. Wozu brauchen wir nun hier die Illusion? Lassen Sie mich meine Erklärung auch an einem entgegengesetzten Exempel versuchen, um ihre Richtigkeit desto ungczweifeltcr darzulegen. — — Dort in der Entfernung werde ich das schönste, holdseligste Frauenzimmer gewahr, das mir mit der Hand auf eine geheimnißvolle Art zu winken scheint- Ich geratbe in Affekt, Verlangen, Liebe, Bewunderung, wie Sie ihn nennen wollen. Hier kömmt also die Lust über den Gegenstand — 10 mit der angenehmen Empfindung dcS AffectS — 1 zusammen, und die Wirkung von beyden ist — 11. Nun gehe ich darauf l»S. Himmel! ES ist nichts als ein Gemälde, eine Bildsäule! Nach Ihrer Erklärung/ liebster Freund, sollte nunmehr das Vergnügen desto grösser seyn, weil mich der Affekt von der Vollkommenheit der Nachahmung intuitiv übcr-- zcugt hat. Aber das ist wider alle Erfahrung; ich werde vielmehr verdrießlich; und warum werde ich verdrießlich? Die Lust über den voll- kommnen Gegenstand fällt weg, und die angenehme Empfindung des Affekts bleibt allein übrig. Ich komme auf Ihre 2te Folge li). Daher gefallen uns alle unangenehmen Affekte in der Nachahmung. Der Musikus kann uns zornig :c. Hiecwidcr sage ich: Die unangenehmen Affekten in der Nachahmung gefallen deswegen, weil sie in uns ähnliche Affekten erwecken, die auf keinen gewissen Gegenstand gehen. Der MustkuS macht mich betrübt; und diese Betrübniß ist mir angenehm/ weil ich diese Betrübniß blos als Affekt empfinde, und jeder Affekt angenehm ist. Denn sehen Sie den Fall, daß ich während dieser musikalischen Betrübniß wirklich an etwas Betrübtes denke, so fällt das Angenehme gewiß weg. Ein Erempcl aus der Körperwclt! Es ist bekannt/ daß/ wenn man zwey Saiten eine gleiche Spannung giebt/ und die eine durch die Berührung ertönen läßt/ die andere mit ertönt/ ohne berührt zu seyn. Lassen Sie uns den Saiten Empfindung gebe»/ so können wir 72 LessingS Briefe, 1757. annehmen, daß ihnen zwar eine jede Bebung, aber nicht eine jede Berührung angenehm seyn mag, sondern nur diejenige Berührung, die eine gewisse Bebung in ihnen hervorbringt. Die erste Saite also, die durch die Berührung erbebt, kann eine schmerzliche Empfindung haben; da die andre, der ähnlichen Erbcbung ungeachtet, eine angenehme Empfin-- gung hat, weil sie nicht (wenigstens nicht so unmittelbar) berührt worden. Also auch in dem Trauerspiele. Die spielende Person gcräth in einen unangenehmen Affekt, und ich mit ihr. Aber warum ist dieser Affekt bey mir angenehm? Weil ich nicht die spielende Person selbst bin, aus welche die unangenehme Idee unmittelbar wirkt, weil ich den Affekt nur als Affekt empfinde, ohne einen gewissen unangenehmen Gegenstand dabev zu denken. Dergleichen zweyte Affekten aber, die bey Erblickung solcher Affekten an andern, in mir entstehen, verdienen kaum den Namen der Affekten; daher ich denn in einem von meinen ersten Briefen schon gesagt habe, daß die Tragödie eigentlich keinen Affekt bey uns rege mache, als da? Mitleiden. Denn diesen Affekt empfinden nicht die spielenden Personen, und wir empfinden ihn nicht blos, weil sie ihn empfinden, sondern er entsteht in uns ursprünglich aus der Wirkung der Gegenstände auf unS; eS ist kein zweyter mitgetheilter Affekt :e. Ich hatte mir vorgenommen, diesem Brief eine ungewöhnliche Länge zu geben, allein ich bin seit einigen Tagen so unpaß, daß es mir unmöglich fällt, meine Gedanken bevsammen zu behalten. Ich muß also hier abbrechen, und erst von Ihnen erfahren, ob Sie unge- gefähr sehen, wo ich hinaus will; oder ob ich nichts als verwirrtes Zeug in diesen Brief geschrieben habe, welches bey meiner außerordentlichen Beklemmung der Brust (so muß ich meine Krankheit unterdessen nennen, weil ich »och keinen Arzt um den griechischen Namen gefragt habe) gar leicht möglich gewesen ist. Ich schreibe nur noch ein Paar Worte von der Bibliothek. Es ist mir wegen des Verlegers ein unvermuthctcr verdrießlicher Streich damit begegnet. Erschrecken Sie aber nur nicht, mein lieber Nicolai, ich habe dem Unglück schon wieder abgeholfen. Laukischcns drucken sie nicht; beruhigen Sie aber nur Ihre Neugierdc bis auf den nächsten Posttag, da sie den Kontrakt des neuen Verlegers zur Unterschrift bekommen, und gewiß damit zufrieden scvn sollen. Leben Sie beyde wohl; sobald ich besser bin, werde ich Hrn. Nicolai einen langen Brief über verschiedene Punkte in seiner Abhandlung schreiben, die mir, ohne auf meine cigenthüinlichen Grillen zu sehen, außerordentlich gefallen hat. Lessings Briefe. 1757. 7'; Ihren Aufsatz von der Herrschaft über die Neigungen erhalten Sie hier nach Verlangen zurück. Ich habe ihn abschreiben lassen. Leben Sie nochmals wohl; ich bin Zeitlebens der Ihrige Lessing. An Nicolai. Leipzig, d. 19. Febr. 1767. Liebster Freund, Sie werden auf mich böse scvn, denn Sie haben diesem Brief ohne Zweifel schon seit vierzehn Tagen begierig entgegen gesehn. Unpäßlichkeit und häufige Zerstreuungen haben an dieser Verzögerung Schuld gehabt, und nächsidcm hatte ich mir vorgesetzt, nicht eher wieder an Sie zu schreiben/ als bis ich es zu Ihrer völligen Beruhigung wegen der Bibliothek °) würde thun können. Wie es mir mit LankischenS gegangen ist/ habe ich Ihnen bereits gemeldet. Herr Feuereisen") hatte mir so viel Versprechungen wegen dcS Drucks gemacht, daß ich ihm ohne Bedenken das Manuscript anvertraute, zum guten Glücke aber Ihren Namen noch verschwieg, auf welchen Umstand Sie Staat machen können."") Ich hoffte von einem Tage zum andern schon den ersten gedruckten Bogen zu sehen, als ich gegen alle Vermuthung die ganze Handschrift wieder zurück bekam. Der Punkt wegen seiner VcrlagSbüchcr mochte ihn abgeschreckt haben; noch mehr aber mochte er sich vielleicht durch die nicht allzu gütige Art, mit welcher der Erweiterungen bereits in der Recension Ihrer Briefes) gedacht wird, beleidigt gefunden haben. Ich wandte °) Nämlich, weil ich Lessingcn gebeten hatte, mir einen Verleger zur Bibl. der sch. Wisscnsch. zu suchen. Nicolai. °°) Hr. Fcucrcisrn war damals der Faktor von Lankischens ehemaliger Buchhandlung in Leipzig. Nicolai. °") Ich hatte nämlich gewünscht, daß mein Namen nicht eher genannt würde, bis der Verlag angcnommcn wäre. Nicolai. -j-) Nämlich meiner im Jahr 1755 gedruckten Briefe über den Zustand der schönen Wissenschaften. S. Bibl. der sch. W. 1r Band, Isics St. S. 118. Fcucrriscn hatte die Bedingung mache» wollen, es sollte nichts von seinem Verlage getadelt werde», welches natürlicher Weise nicht versprochen werden konnte. Die arme Bibliolh. der schonen Wissenschaften ward so von zwcv Verlegern abgewiesen, bis sich ein dritter sie aufzunehmen entschloß. Nicolai. 74 Lessings Briefe. 1757. mich also an einen andern Verleger/ und zwar an Herrn Dvk- Ich will hoffen, daß Sie nichts gegen ihn einzuwenden haben werden; wenigstens wollte ich wohl für ihn Bürge seyn/ daß er cS an ordentlichem Drucke nicht wird mangeln lassen. Sie müssen mir, mein lieber Ntcolai/ mit der ersten zurück gehenden Post antworten. Aber werden Sie eS übel nehme»/ daß ich ein wenig eigenmächtig in dieser Sache verfahren bin? Unterdessen müssen Sie/ bloß meinetwegen/ nichts billigen; ja cS ist sogar noch Zeit, Herrn Dvk den Verlag zu nehmen/ wenn Sie Ursache dazu haben sollten. Sobald ich von Ihnen Antwort erhalte/ soll mit dem Drucke angefangen werden. So wie nach und nach alsdann Ihre Abhandlung von der Tragödie abgedruckt wird/ will ich Ihnen auch einige Anmerkungen darüber mittheilen; doch ohne den Werth Ihrer Abhandlung im geringsten dadurch heruntersetzen zu wollen. Ick habe Grillen. Sie wissen cS schon. Und hicrbcy sende ich Ihnen auch ein Trauerspiel/ dessen Verfasser sich um Ihren Preis bewerben will.*) Er ist ein junger Herr von Drawe, den ich wegen vieler guten Eigcnsckaften ungcmein hoch schätze. Sie werden, hoffe ich, mit mir einig seyn, daß der erste Versuch eines Dichters von 19 Jahren unmöglich besser gerathen kann. Schreiben Sie mir Ihre Meynung davon; alsdann will ich Ihnen auch die mcinige wcitläuftiger eröffnen. Herr MoscS muß es auch lesen und mir sein Urtheil melden. Warum schreibt er mir denn nicht? Ich emvfchle mich für jetzt, mein lieber Nicolai, Ihrer beiderseitigen Freundschaft/ und hoffe nächstens mit Ihnen Beyden mehr zu schwatzen; schriftlich nehmlich: denn so gewiß ich mir auch vorgenommen habe/ vor meiner zweyten Abreise noch nach Berlin zu kommen/ so ungewiß ist eS/ wann cS wird geschehen können. Leben Sie wohl. Ganz der Ihrige, Lcsst'ng. Nachschrift. Wenn Herr MoseS will, daß ich in unserer angefangenen Materie von der Tragödie zu schreiben fortfahren soll, so muß er mir alle meine Briefe erst zurück senden. Und hierum ersuche ich auch Sie. Ich bin ganz aus der Verbindung gerathen, und muß wieder wisse», was ich geschrieben habe. °) Es war der Freygeist/ ein Stück von, Hrn. v. Brawe, Lcssmgs Frcmide, der es einsendete, daß es mit um den Preis streiten sollte. Nicolai- Lcssings Briefe. 1767. 75 An Nicolai. Leipzig, d. 29. März 1757. Liebster Freund, Mein ewiges Stillschweigen, wie es Herr MoscS nennt, — von drey Wochen, war durchaus nöthig, um meiner alten Weise wieder einmal Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. DaS ist meine ganze Entschuldigung, und vielleicht sagt sie noch weniger, als sie zu sagen scheint. Mit der Bibliothek hat alles seine Richtigkeit, nur daß eS bis jetzt noch ein wenig langsam damit gehet. Hier ist unterdessen der erste Bogen. Das Portrait des Herrn von Rleisr wird bey Bernigeroth gestochen. Aber wissen Sie denn noch nicht in Berlin, daß das Original schon länger als acht Tage bey uns in Leipzig ist? Er ist als Major zu dem hier liegenden Hausenscheit Infanterieregimente versetzt worden. Jetzt ist der gute Mann krank, und muß schon seit drey Tage» das Bette hüten; welches mich um so viel mehr bewegt, ihn täglich zu besuchen. Seine Bescheidenheit scheint nicht so recht damit zufrieden zu seyn, daß er in Kupfer gestochen werden soll. Ein Mann, sagte er zu mir, der mit genauer Noth fünf Bogen geschrieben bat. — Wenn es auf die Bogen ankömmt, habe ich ihm geantwortet, so verdient cS freylich Schönaich weit eher. Auch daS wissen Sie vielleicht noch nicht, daß Herr Ewald*) hier durch gegangen ist; und zwar auf gutes Glück nach England. Er hat in Dresden jemanden gefunden, der ihn frey mit dahin nimmt, und er hofft, daß cS ihm nicht fehlen werde, einen jungen reichen Engländer in London zu finden, mit welchem er auf Reisen gehen könne. Ich für mein Theil glaube, daß viel Unbedachtsamkcit bey diesem Unternehmen ist. Aber muß man nicht oft unbedachtsam handeln, wenn man das Glück anreizen will, etwas für uns zu thun? Bey Herrn Ewald hatte ich bereits Ihr kleines Gedicht auf die Verbindung JhrcS Herrn BruderS (welchen, ich hiermit mein vielfältiges Compliment und meinen herzlichen Glückwunsch abstatte) gelesen, und mit vielem Vergnügen gelesen. Wenn Sie mehr solche Gedichte "1 Ewald, der Verfasser der Sinngedichte. Durch ihn lernte ich Kleisten kennen. Ewald war ein sehr guter Kopf, aber ziemlich unbeständig. Er sprach immer von England. Er Halle nirgends Ruhe; in der Folge ging er »ach Dresden, Darmstadt, Genf und endlich nach Italien. Endlich starb er i» sehr traurige» Umstände» vcrmnlhlich in Algier oder Tunis. Nicolai. LessiugS Briefe, 1767. machen sollten, so würde man Sie den poetischen Achsclträger nennen müssen. Ihre Nachricht von der in Berlin gemachten sinnreichen Entdeckung, daß ich der Verfasser des Schreibens an einen Buchdruckcrgesel- lcn scv, hat mich nichts weniger als belustiget. Vor einigen Wochen gab man mir hier Schuld, daß ich das Schreiben eines Großvaters :c. gemacht habe, und da dieses Schreiben wider das Sächsische Interesse ist, so bin ich dadurch bey dem patriotischen Theile meiner Landsleute eben nicht in den besten Ruf gekommen. Da man mich nun auch in Berlin für fähig halten kann, etwas wider das Preußische Interesse zu schreiben, so muß ich gegen mich selbst auf den Verdacht gerathen, daß ich entweder einer der unparthcyischsten Menschen von der Welt, oder ein grausamer Sophist bin. ' Ich werde für jetzt hier schließen, und mit Ihrer Erlaubniß auf dem andern Blatte noch ein wenig mit unserm Moses reden. Ich bin ganz der Ihrige, Lessing. Mein liebster MoseS, Ich bin mit Ihrem Betragen gar nicht zufrieden. Wenn ich ein schlechter Bczahler bin, müssen Sie deswegen ein unbarmherziger Ein- treiber seyn? Eben da ich an einem ordentlichen Buche an Sie arbeite, (denn mit einem Briefe sind Sie leider nicht zufrieden) machen Sie mir Vorwürfe der Trägheit, die Sie doch lieber durch Ihr eignes fleißigeres Schreiben beschämen, als ohne selbst zu schreiben verdammen sollten. Denn Sie werden doch wohl nicht verlangen, daß ich Ihre Versicherung: Sie hätten mir tauscnderlcy Sachen zu schreiben, wollten mir aber von allen eher nichts melden, als bis ich wieder geschrieben hätte; für ein förmliches Schreiben halten soll? DaS ordentliche Buch an Sie wird die Folgen enthalten, die ich auS meinem letzt gedachten Grundsatze ziehen zu dürfen glaube. Ich wundere mich, daß Sie mir wenigstens die Folgen nicht zugeben wollen, die wider Ihre Lehre von der Illusion daraus fließen. Denn, wenn aus diesem bloßen Grundsatze das Vergnügen an nachgeahmten Unvollkommenheiten zu erklären ist, so sehe ich nicht, wärmn man das Vergnügen der Illusion erst zu Hülfe rufen müsse. Weil Sie mahnen, so will ich nun auch mahnen. Wo bleibt Ihre fernere Beurtheilung des Trauerspiels, der Freygeist? Sie werden antworten: eben da, wo mein Urtheil über den Codrus bleibe, DaS wird künftige Woche kommen- Lessings Briefe. 1767. 77 Von wem habe ich denn die Widerlegung meiner paradoxen Gedanken vom Mitleiden zu erwarten? Von Ihnen, oder von Hrn. Ni- colai? Und warum heißen es denn paradoxe Gedanken, da eS Sie schon, wo ich nicht irre, einmal sie wahre Gedanken zu nennen beliebt hat? Sie schreiben zwar, daß Sie mir meine Briefe, in welchen ich etwas von dem Trauerspiele geschrieben, wieder schickten; aber ich habe keine bekommen. Auch Herr Nicolat hat mir noch keine zurück geschickt. Ich wiederhole also meine Bitte. Lcbcn Sie unterdessen wohl, und hören Sie nicht auf zu lieben Ihren bestandigen Freund, Lesssng. Leipzig, d. 2. April 4757. Mein lieber Nicolai, Ick) hatte mich vorigen Posttag mit beylicgendem Briefe zu lange verweilt; er blieb daher liegen, und Sie bekommen jetzt zwey für Einen. Auch bekommen Sie zwey Aushängebogen für Einen, und können folglich mit meiner Verzögerung gar wohl zufrieden seyn. Ich will auch jetzt anfangen, mein Versprechen zu halten, und Ihnen einige fernere Anmerkungen über Ihre Abhandlung von dem Trauerspiele mittheilein Ich werde alles schreiben, was mir in die Gedanken kömmt, gesetzt auch, daß vieles falsch, und alles sehr trocken wäre. Zu S- 18. wo Sie die aristotelische Erklärung des Trauerspiels anführen. Furcht und Mitleiden. Können Sie mir nicht sagen, warum so wohl Datier als Curtius, Schrecken und Furcht für gleich bedeutende Worte nehmen? Warum sie das aristotelische ^--.Zos, welches der Grieche durchgängig braucht, bald durch das eine, bald durch das andre übersetzen? ES sind doch wohl zwey verschiednc Dinge, Furcht und Schrecken? Und wie, wenn sich das ganze Schrecken, wovon man nach den falsch verstandenen aristotelischen Begriffen bisher so viel geschwatzt, auf weiter nichts, als auf diese schwankende Übersetzung gründete? Lesen Sie, bitte ich, das zweyte und achte Haupt- stück des zweyten BuchS der aristotelischen Rhetorik: denn das muß ich Ihnen bcvläuffg sagen, ich kann mir nicht einbilden, daß einer, der dieses zweyte Buch und die ganze aristotelische Sittcnlehre an den »5kV-Ä«-.«5 78 LessingS Briefe. 1767. NicomachuS nicht gelesen hat, die Dichtkunst dieses Weltwcisen verstehen könne. Aristoteles erklärt das Wort /?°?, welches Herr Cur- tiiis am öftersten Schrecke»/ Dacier aber bald /e,»-<-«,-, bald ^--«in/e, übersetzt/ durch die Unlust über ein bevorstehendes Uebel/ und sagt/ alle- dasjenige erwecke in uns Furcht, was, wenn wir cS an andern sehen, Mitleiden erwecke, und alles dasjenige erwecke Mitleiden, waS/ wenn eS uns selbst bevorstehe, Furcht erwecken müsse. Dem zu Folge kann also die Furcht, nach der Mevnung des Aristoteles, keine unmittelbare Wirkung des Trauerspiels seyn, sondern sie muß weiter nichts als eine reflcctirte Idee seyn. Aristoteles würde bloß gesagt haben: das Trauerspiel soll unsre Leidenschaften durch das Mitleiden reinigen/ wenn er nicht zugleich auch das Mittel hätte angeben wollen, wie diese Reinigung durch das Mitleiden möglich werde; und dieserwegcn setzte er noch die Furcht hinzu, welche er für dieses Mittel hielt. Jenes hat seine Richtigkeit; dieses aber ist falsch. Das Mitleiden reiniget unsre Leidenschaften, aber nicht vermittelst der Furcht, auf welchen Einfall den Aristoteles sein falscher Begriff von dem Mitleiden gebracht hat. Hiervon können Sie sich mit Herrn MoscS weiter unterreden; denn in diesem Puncte, so viel ich weiß, sind wir einig. Nun behalten Sie, durch die ganze Dichtkunst deS AristoteleS/ überall wo Sie Schrecken finden/ diese Erklärung der Furcht in Gedanken, (denn Furcht muß cS überall heißen, und nicht Schrecken,) und sagen mir alsdann/ was Sie von der Lehre deS Aristoteles dünkt. Zu S. tS. Daß Sie die Gedanken des du Bos so schlechterdings angenommen haben, damit bin ich nicht so recht zufrieden. Hiervon aber werde ich an unsern MoseS weitläuftiger schreiben. Wenn das, waS du Ros sagt, kein leeres Gewäsche seyn soll, so muß eS ein wenig philosophischer ausgedrückt werden. Zu S- 2t. 22. 23. WaS ich hier von der Nachahmung, und den nachgeahmten Leidenschaften/ wie Sie sie nennen wollen, sagen könnte/ muß ich gleichfalls auf ein andermal «ersparen. Ich sage jetzt nur so viel: Ist die Nachahmung nur dann erst zu ihrer Vollkommenheit gelangt/ wenn man sie für die Sache selbst zu nehmen verleitet wird, so kann z. E- von den nachgeahmten Leidenschaften nichts wahr sevn, was nicht auch von den wirklichen Leidenschaften gilt. Das Vergnügen über die Nachahmung, als Nachahmung, ist eigentlich das Vergnügen über die Eeschicklichkeit des Künstlers, welches nicht anders, als aus angestellten Verglcichungen, entstehen kann; cS ist daher weit später, als Lessings Briefe. 4767. 7!' das Vergnügen, welches aus der Nackiahmung, in so fern ich sie für die Sache selbst nehme, entsteht, und kann keinen Einfluß in dieses haben. Doch, wie gesagt, davon ein andermal. Ich hätte fast Lust, auch dieses Wenige wieder auSzustrcichen. Zu S. 21. Sie hätten einen ältern anführen können, als den Brumoy, welcher den Nutzen des Trauerspiels in die nähere Bekanntschaft mit dem Unglücke und dem Unglücklichen, und in den für uns daraus fließenden Trost, gesetzt hat. Stobäus hat uns eine sehr schone Stelle von dem Comödienschrciber Timokles aufbehalten, aus welcher ich die letzten Verse, nach der lateinischen Uebcrsetzung, hersetzen will. I'iimum 1'i.igoodl kjuanla cammmla «llkeinnt, I'oi'jienllo lodes: li c^ui8 ett pr>us>eic»Ius, klgjoi'e piellum li vicledit l'eleplium I>Ivn6ioitato, 1eviu5 tunin seiet I^Ieinlioil.ilem: iiilnniis esliio s^uisniam? I^uiiosuin i8 ^lemironl» nioponit silii. t'nnlu8 t^u!« oculis? nsnicit o.iecum Oed!»uui. Lllülus oliiit? ^ioli« ll.il)it kolatium. <ÜIau«Iu8 :>Iiljui8iiv est? 18 I'Iiiloetelem nstticii. I>Iiie>' l>IItj»i8 kenex? tuelur Oeneum <^c. Ich will Ihnen gern alle meine Anmerkungen mittheilen; und also habe ich Ihnen auch diese sehr unbedeutende mittheilen müssen. Zu S. 23. Daß die Verbesserung der Leidenschaften nicht ohne Sitten und Charaktere geschehen könne, das sagen Sie, mein lieber Nicolai, ohne allen Beweis. Ich will Ihnen aber den Beweis des Gegentheils geben. Daß die Tragödie ohne Charaktere und Sitten Mitleiden erwecken könne; das geben Sie selber zu. Kann sie aber Mitleiden erregen, so kann sie auch, nach meiner obigen Erklärung, Furcht erwecken; und aus der Furcht ist die Entschließung des Zuschauers, sich vor den Ausschweifungen derjenigen Leidenschaft, die den bemitleideten Helden ins Unglück gestürzt hat, zu hüten, eine ganz natürliche und nothwendige Folge. Sie werden zwar einwenden: wenn Leidenschaften einen Helden ins Unglück stürzen, so müsse dieser Held auch einen Charakter haben. Aber das ist, mit Ihrer Erlaubniß, falsch; die Leidenschaften sind nicht hinlänglich, einen Charakter zu machen: denn sonst müßten alle Menschen ihren Charakter haben, weil alle Menschen ihre Leidenschaften haben. ^ ^--M>^ ^^- ^ ^^^V^ 80 LessingS Briefe. 1757. Zu S. 26. Sie sagen nicht allzu richtig, daß der Charakter des Ocdipus, in dem Trauerspiele dieses Namens von SophocleS, der einzige sey- Auch Crcon hat einen Charakter, und zwar einen sehr cdeln. Den Fehler des OedipuS suche ich auch nicht in seiner Heftigkeit und Neu- gicrdc, sondern ich habe hierin meine eigenen Gedanken, die ich Ihnen ein andermal melden kann, wenn Sie mich wieder daran erinnern wollen. So viel für diescsmal. Der Herr Major von Aleist laßt sich Ihnen bestens empfehlen; er wird Ihnen antworten, so bald er sich besser befindet. Er wird von Tage zu Tage wegen seines Portraits schwieriger, und läßt Sie inständig ersuchen, ihm mit dieser Ehre, die ihn bey seinen Nebenofsicieren lächerlich zu machen nicht ermangeln konnte, keine Schamröthe abzujagen. Fragen Sie ja nicht/ wie er cS weiß, daß bey Verhinderung dieser Sache sehr viel auf Sie ankomme, von mir weiß er es gewiß nicht. Er wußte es, ehe ich ihm die geringste Eröffnung darüber machen konnte. Schreiben Sie mir ja mit ehestem, wie ich mich hierbei) verhalten soll, und ob Sie allenfalls die Zeichnung zu einem andern Bildnisse verschaffen können. Fahren Sie, bitte ich, in Ihrer Freundschaft und Liebe gegen mich fort. Ich bin ganz der Ihrige, Lesfing. Nachschrift. Mit meinem ordentlichen Buche an Herrn MoseS bin ich noch nicht weit gekommen. Er wird also so gut sevn, und sich bis künftige Woche noch gedulden. Dieser Brief aber scv zugleich mit an ihn geschrieben. Denn wer sonst als er, wird zwischen uns beyden Schiedsrichter seyn können? Leipzig, den 2. April 1757. Liebster Herr Glcim! ES hat sich noch nie schicken wollen, daß ich mir das Vergnügen machen können, an Sie zu schreiben; und da cS jetzt geschehen soll, wollte ich mir wohl eine bessere Veranlassung dazu wünschen. Ich schreibe dieses in dem Zimmer AhrcS Freunde», deS Herrn Major von Aleist, und vor seinem Bette. Er liegt bereits den achten Tag an einem Catharral-Fiebcr krank. Ihre Bcsorgniß aber, unnöthiger Weise, nicht zu vergrößern, sehe ich sogleich hinzu, daß er wieder außer Gefahr ist. LessingS Briefe, 1767. 51 Mehr die Mattigkeit also, welche auf eine solche Krankheit folgt, als die Krankheit selbst, nöthigen ihn, durch mich Ihnen melden zu lassen, wie gewiß er sich der Erfüllung Ihres Versprechens, ihn bevorstehende Osterfevertage hier in Leipzig zn besuchen, versteht. Bleiben Sie ja nicht aus; er wird um diese Zeit schon völlig wieder hergestellt sevn, oder cS durch Ihre Gegenwart werden- Und hiermit verbind' ich auch meine Bitte, ob ich gleich wohl weiß, daß sie Ihnen kein weiterer Bcwcgungsgrund seyn kann. Ich glaubte bey meiner neulichcn Durchreise durch Halberstadt nicht, daß ich das Vergnügen, Sie zu sehen, so bald wieder haben würde. Wenn ich es aber nunmehr erhalte, so wird es den Verdruß, den mir meine unvermuthete Zurückkunft verursacht hat, um ein großes verringern. Ich bin mit der freundschaftlichsten Hochachtung Dero gehorsamster Diener _ G. E. Lcssing. An Nicolai. Leipzig, d. 17. April 1757. Liebster Freund, Dem Herrn Major von Kleist ) habe ich Ihren Brief übergeben? er wird nächstens antworten. Wie es noch mit seinem Bildnisse werden wird, weiß ich nicht; er besteht auf seiner Weigerung. Mein Buch an unsern lieben MoseS ist noch nicht fertig; und er darf sich nicht wundern, wenn ich wenigstens eben so viel Zeit zn einem Buche brauche, als er zu einem Briefe. Dazu kann ich mein Buch eher nicht 'zu Stande bringen, als bis ich alle meine Briefe an Sie °) Lessing halte den Herr» v. Kleist vielleicht in Berlin oder Potsdam zufallig einmal gesehen, aber weiter nicht. Es ist unrichtig, was im Leben Lcssings S. 192 steht, da>, Lcssing damals schon mit Kleist freundschaftlichen Umgang gchabt habc. Bielmchr war Kleist empfindlich darüber, daß Lcssing ihn nicht besuchte, als er im Febr. 1755, um scinc Mis; Sara Sampson zu cndigcn, sich mcbrcrc Wochcn in Potsdam aufhielt. (S. Lcssings Lcbcn S. 173.) Kleist bezeugte noch im Jänner 1756, als cr Krankhcitshalbcr in Berlin war, gegen mich seine Empfindlichkeit über Lcssing, dcn ich damit vertheidigte, das; cr, um ungestört zn arbeiten, niciiiand hätte spreclicn wollen und könncii. In Lcipzig fing sich dic gcnaucrc Bclanntschaft dieser bcidcn edlen Männcr an, und ging bald in die vertrauteste Freundschaft über, Nicolai. Lessmgs Werk- Xii. k 8-.' LesfingS Briefe. 1757. beide (worin etwas von unsrer streitigen Materie ficht)/ wieder bekommen habe; und diese habe ich noch nicht wieder bekommen. Ostern vor einem Jahre, wollte mich Herr Moses hier in Leipzig besuchen. Wie, wenn er mir jetzige Messe diese unverhoffte Freude machte? Wie/ wenn Sie mit kämen, mein lieber Nicolai? denn Ihre HandlungSvcrrichtungcn werden doch wohl nunmehr aufgehört haben. Mündlich würden wir von unsrer Materie, dem Trauerspiele, in einer Stunde mehr ausmachen, als durch Briefe in einem Jahre geschehen wird. Leben Sie wohl, ich muß für diesesmal schließen. Ich bin ganz der Ihrige, Lessing. Leipzig, den 10. Map 1757. Mein lieber Herr Glcim, Sie verlangen von mir eine Ode auf Ihren König? — Ich bin auf Ihr Aurathe» bep Halbcrstadt den alten Juden hinangcklcttcrt, und habe ihm den steinern Bart gestreichelt, ob ich mir gleich meines Schwindels nur allzuwohl bewußt war. Warum sollte ich mich auf Ihr Wort, nicht noch höher versteige»? Gut! Es hat mit der Ode seine Richtigkeit. — Weil ich aber gern etwas machen möchte, das Ihres völligen Beyfalls werth wäre, so will ich so behutsam gehen, als möglich, und Ihnen vorher den Plan mittheilen, nach welchem ich zu arbeiten Willens bin. --- ls. Band I, S. 2N7-1 Nun mein lieber Glcim, was sagen Sie zu diesem Gerippe? Verlohnt cS sich der Mühe, daß ich es mit Fleisch und Haut umgebe? Antworten Sie mir hierauf, so bald wie möglich, denn sonst könnte mich leicht Ihr Brief in Leipzig nicht mehr treffen. Künftige Woche gehe ick) wieder nach Berlin. Schade, daß der Weg nach Berlin nicht über Halbcrstadt geht! Wie froh werde ich seyn, wenn ich wieder in Berlin bin, wo ich nicht länger nöthig haben werde, cS meinen Bekannten nur in's Ohr zu sagcu, daß der König von Preußen dennoch ein großer König ist! Leben Sie wohl, mein lieber Glcim, und lieben Sie mich ein wenig. Ich bin ganz der Ihrige G- E- Lcssiug. Lessinas Briefe. 1757. >v; An Moses Mendelssohn. Lieber Freund' Wundern Sie sich nur nicht/ daß ich für jetzt so saumselig im Schreiben bin. Ich befinde mich auf einmal in hundert Verwirrungen und Verlegenheiten/ von den Ihnen Herr Voß schon vielleicht gesagt hat/ wenigsten» noch sagen kann. Was mich am meisten dabey tröstet, ist dieses, daß ohne Zweifel meine itzigen Verdrießlichkeiten die Gelegenheit seyn werden, mich wieder in die Arme meiner Freunde in Berlin zu werfen, und dieses vielleicht eher, als Sie cS vermuthen. Den ersten Theil der Bibliothek werden Sie von Herr Vossen bekommen haben. Sie dürfen siel,, mit unserm lieben Nikolai/ nicht wundern, anstatt des Portraits des Hrn. von Kleist/ das Portrait des Herrn von Hagedorn vorzufinden. Ersterer wollte durchaus seine Einwilligung nicht ertheilen/ und so mußte ich und der Verleger aus der Noth eine Tugend machen; obgleich Herr von Kleist schon völlig gestochen ist, wovon Sie ehestens einen Abdruck bekommen sollen. Für jetzt schicke ich Ihnen beyden den Contrakt des Hrn. Dvk mit, wovon Hr. Nikolai eine Abschrift unterschreiben, und ehestens wieder zurück senden wird. Leben Sie wohl, mein liebster Moses. Ein MehrcreS mit Nächstem, so bald ich Zeit haben werde, wieder an unsre lieben Streitigkeiten zu denken. Für wie viel Unterrichtendes werde ich Ihnen zu danken haben! Ich bin Leipzig, ganz der Ihrige den 20. May 17S7. Lcssing. An Gleim. Leipzig, den 14. JuniuS 17S7. Liebster Freund! Loben Sie mir mein Odcngcripvc wie Sie wollen; ich weiß doch, daß die Person, an die cS gerichtet ist, Sie bestochen hat, so viel Gutes davon zu sagen. Unterdessen, wenn ich wüßte, daß Sie mich noch einmal loben wollten, (denn bey dem allen lasse ich mich doch sehr gern von Ihnen loben, ich mag cS nun verdienen, oder nicht) so könnte ich Ihnen vielleicht am Ende dieses Briefes noch ein zwcy- K° 84 Lcssings Briefe. 1767. tcS solches Ekelet zu lesen geben.') Ich will mich währenddes Schreibens besinnen, ob ich es thun soll. Da« zwar, was ich Ihnen jetzt vor allen Dingen zu melden habe, könnte mich leicht davon zurück halten. Denn denken Sie nur einmal, was sich Ihres Königs Soldaten alles »nterstehn! Bald werden sie auch die besten Verse machen wollen, weil sie am besten siegen können! Der unbändige Ehr- geitz! Da bekomme ich von Berlin vor einigen Tagen eine» Schlachtgesang, mit dem Zusätze, daß ihn ein gemeiner Soldat gemacht habe, der noch für jedes Regiment einen machen wolle. Er lautet also: Auf, Brüder, Friedrich, unser Held, Der Feind von fauler Frist, Ist auf, und ruft uns in das Feld, Wo Ruhm zu holen ist. Was soll, o Tolpatsch und Pandur, Was soll die träge Rast? Auf, und erfahre, das; dn nur Den Tod verspätet hast. Aus deinem Schedel trinken wir Bald deinen süßen Wein, Du Ungar! Mcrseburgcr Bier Soll bau» verschmähet scv». Dein starkes Heer ist unser Spott, Ist unsrer Waffe» Spiel; Denn was kann wider unsern Gott Theresia, und Brüh.? Was helfen Waffen und Geschütz Im ungerechte» Krieg? Gott donnerte bey Lowositz, Und miscr war der Sieg! Und bot' uns in der achten Schlacht Franzos nnd Russe Trutz; So lachten wir doch ihrer Macht, Denn Gott ist unser Schutz! Daß sich ein Mann, ein gemeiner Soldat, der doch ohne Zweifel die Poesie weder handwerksmäßig gelernt hat, noch darauf gewandert ist, solche vortreffliche Verse zu machen untcrstchn darf! Das einzige Mersebiirger Bier will mir nicht recht zu Halse! Wenn der tapfre Dichter nicht seit der Zeit geblieben ist, und ich ihn jemals kenne» °) Dies war der Entwurf einer Ode an Alcist. s.Bd i, S. 205-1 Lessings Briefe, 1767, ^ lerne, so soll er mir diese Zeile andern müssen. Mit der alten Lesart soll das Lied alsdann im Lager, und mit der neuen auf dem Parnasse gesungen werden. Und wie dächten Sie wohl, mein lieber Gleim, daß die letztere ungefähr heißen könnte? O ich bitte Sie recht sehr, denken Sie einen Augenblick darauf. Die Sommersprosse auf dein schönen Gesichte eines LandmädchenS ist sehr natürlich; aber dieses Natürlichen ungeachtet, wünsche ich die Sommersprosse doch lieber weg. Oder wollen Sie ein Gleichniß von einem Stadtmädchen? Zum Erempcl von der Mademoiselle W * *?--Hören Sie nur, cS ist unsers lieben Herrn von Rleist wahrer Ernst, und obendrein ist cS auch der mcinige, daß Sie auS dieser Mademoiselle eine Madame Gleim machen sollen. Reisen Sie nur geschwind nach Langensalze, und kommen Sie in acht Tagen mit ihr hierher »ach Leipzig, unser Bcvder poetischen Segen abzuholen. Und damit dieser desto besser anschlage, so könne» Sie zusammen auch den Brunnen hier trinken. Wir haben bereits einen Garten dazu für Sie ausgesucht. Wenn Sie gewiß kommen wollen, so bleibe ich so lange in Leipzig, und mache auf Ihre Hochzeit etwas ganz Neues — — ein anakccoiitischeS Heldengedicht: die gedämpften Hagestolze, nicht aber zur Nachahmung der gedämpften Hunnen! Leben Sie wohl, mein lieber Gleim; vorher aber empfangen Sie meinen Dank wegen der Mühe, die Sie sich meinetwegen bey Ihren Freunden in Berlin gegeben haben. Ich bin ganz der Ihrige Lessing. Leipzig, d. 18. IuniuS 1757. Mein lieber Ramlcr, Sie thun zwar, als ob Sie mich ganz und gar vergessen hätten, oder als ob Sie wenigstens glaubten, daß ich, weit von hier, in der Welt hernmschweistc. Allein ich weiß doch wohl, daß Ihr Gedächtniß freuiidschaftliclicr ist, und daß Sie daS drollige Schicksal meiner Reise schon längst durch die dritte oder vierte Hand haben erfahren müssen. Sie würde» sich also meiner ohne Zweifel in Ihren Briefe» an den Herrn Major von Kleist erinnert haben, wenn Sie nicht die unterlassene eigene Meldung meiner Zurückkunft hätten bestrafen wollen. WaS nun die Ursache dieser Unterlassung anbelangt, so müssen Sie wissen, daß ich incognlto zurück gekommen war, und auch ineogmto hier zu bleiben vorhatte, bis ich vor ungefähr drey Wochen erfuhr, daß ich mein Jncognito allmählich aufgeben müßte, wenn ich cS nicht 86 Lessings Briefe. 1757, Zeitlebens beobachten wollte. Da sehen Sie einmal, was mir der Krieg für Schaden thut! Ich und der König von Preußen, werden eine gewaltige Rechnung mit einander bekommen! Ich warte nur auf den Frieden, um sie auf eine oder die andere Weise mit ihm abzuthun. Da nur er, Er allein, die Schuld hat, daß ich die Welt nicht gesehen habe, wär" es nicht billig, daß er mir eine Pension gäbe, wobey ich die Welt vergessen könnte? Sie denken, das wird er fein bleiben 'assen! Ich denke es nicht weniger; aber dafür will ich ihm auch wünschen, --daß nichts als schlechte Verse auf seine Siege mögen gemacht werden! Was brauche ich das zwar zu wünschen? ES muß von selbst geschehen, wenn nur der Herr von Kleist und Sie mir versprechen wollen, keine darauf zu mache». O versprechen Sie mir es doch ja! Wenn Sie sich einmal an einem Könige so zu rächen haben, so bin ich wieder zu Ihren Diensten. Aber umgekehrt, versteht sich. Leben Sie wohl, mein lieber Ramlcr, und erwarten Sie mich bald in Berlin. Ich bin ganz der Ihrige, Lessing. An Moscs Mendelssohn. Lieber Freund! Da bereits der erste Bogen von dem zweyten Stücke der Bibliothek abgedruckt ist, und ich die letzte Revision vom Anfange an bekommen habe, so können Sie leicht denken, daß ich Ihre Abhandlung, von den Quellen und Verbindungen der schönen Vvissenschaften und Rünste, nicht blos mit einem flüchtigen Auge, sondern aufmerksam und mit großem Vergnügen müsse gelesen haben. Mehr kann ich jetzt nicht davon sagen; ich habe seit 8 Tagen ein intcrmittircndeS Fieber, welches mit solchen gewaltigen Kopfschmerzen verbunden ist, daß ich Gott danke, wenn ich nur manchmal dabey denken kann, und das Urtheilen gar gern auf eine andre Zeit ausgesetzt seyn lasse. Schreiben Sie, mein lieber MoscS, so viel als Ihre gesunde Hand nur immer vermag, und glauben Sie steif und fest, daß Sie nichts Mittelmäßiges schreiben können--denn ich habe es gesagt! Den D- Pauli habe ich die Ehre, persönlich zu kennen. Ganz Hamburg hielt ihn, als ich da war, für einen würdigen Kandidaten des TollhauscS; und man sahe mich mit sehr zwcydeutigen Augen an, als ich mich demohngeachtet mit ihm in ein sehr weitläuftiges, ernsthaftes Gespräch einließ. Ich hätte den Brief wohl lesen mögen, den Lcssings Briefe. 1767. 87 Sie ihm geschrieben haben. Ein Mann, der aus guten Absichten seinen Verstand nach solchen Grundsätzen zerrüttet/ ist mir ein weit traurigerer Anblick, als ein Selbstmörder. Unser Naumanu schlagt diesen Weg nicht schlecht ein, und ich hätte uns beyden wohl die melancholische Lust gönnen mögen / ihn und den D- P- mit einander streiten zu hören. Sie werden sich erinnern, daß jener sich die menschliche Seele als eine Baßgeige vorstellt; wer also, als er, hat es leichter begreifen können, daß der Tugcndtricb dem Tone lol, und das Ncrvengcbäude dem Tone ut gleich sey? Ihre Recension von GleimS Fabeln ist noch nicht bey mir eingelaufen Ihr Name aber ist auf das Exemplar von dem zweyten Buche seiner Fabeln daher gekommen, weil Herr Glciin geglaubt hat, daß niemand anders, als Sie, die Recension vom Lowth könne gemacht haben; er hält Sie also für einen Mitarbeiter, ohne sich darum zu bekümmern, ob Sie ein ordentlicher oder ein außerordentlicher sind. Er ist übrigens einer Ihrer größten Verehrer. Von meinen Fabeln, deren Herr Voß gegen Sie gedacht hat, habe ich Ihnen blos deswegen nicht geschrieben, weil ich es nickt der Mühe werth geachtet habe. Damit Sie mich aber doch nicht langer einer gehcimnißvollcn Zurückhaltung beschuldigen mögen, so schicke ich Ihnen hier einige, die ich so auS der Menge heraus genommen habe, ohne daß ich sagen kann, die besten oder die schlechtsten getroffen zu haben. Wenn ich in Berlin bin, sollen Sie sehen, das; ich eine große Menge schlechter und besserer gemacht habe. Wenn ich in Berlin bin? —') L-ivzig, den 6. Jul. 1757. _ An Nicolai.' Leipzig, den — Am Sonntage, da ich nicht in die Kirche ging. Liebster Freund, Sie schreiben mir nicht; Herr MoseS schreibt mir nicht-, soll ich denn immer allein schreiben? Ich habe Herrn MoseS vor einer Woche °) Hier ist ein ganzer halber Bogen abgerissen, und verloren gegangen. Rarl üessliig. ^ L-ssiiigs Briefe. 1757. Fabel» geschickt, die er seit der Zeit längst hätte lese»/ und mir mit einem non zn-olio zurück schicken können. Der Brief von Geliert an Sie liegt schon länger als acht Tage auf meiner Stube. Er hatte mir kurz vorher gesagt, daß er Ihnen Verschiedenes wegen der Bibliothek schreiben wolle; die Neugicrde trieb mich also — nachdem ich Sie in Gedanken um Erlaubniß gebeten, — seinen Brief zu erbrechen. Ich hätte ihn immer können unerbro- chen lassen. Weil er Ihnen nun nichts von der Bibliothek geschrieben hat, so will ich es thun. Wollen Sie nicht böse werden, mein lieber Nicolai, wenn ich Ihnen sage, daß ich mit Ihrer Recension vom Messias nicht zufrieden bin? Ich will es stückwci/e anmerken, was ich daran auszusehen habe. I. Wissen Sie denn nicht, daß in der neuen Kopcnhagncr Ausgabe in4to°) auch vor den erste» fünf Gesängen eine Abhandlung steht, welche die geistliche Epopee betrifft; und daß diese ersten fünf Gesänge in dieser Ausgabe so viele Veränderungen erlitten, daß ich gewünscht hätte, die vornehmsten derselben von Ihnen angeführt und beurtheilt zu sehen? II. In der Abhandlung von der Nachahmung der griechischen Sylbenmaße haben Sie das Vornehmste und Wichtigste übersehen- das nehmlich, was Klopstock von den poetischen Perioden sagt. Seine prosaische Schreibart übrigens hat mir allezeit sehr wohl gefallen; sie ist männlich, nicht gemein, und entfernt sich unendlich von dem pedantischen Tone, den so viele unter uns annehmen, wenn sie von grammatikalischen Dingen reden müssen. III. Sie sagen an einem Orte, eS sey eine Tradition, daß die Orakel bey dem Tode Jesu verstummt wären. So ist die Tradition nicht; sehen Sie nur nach: eS soll bey der Geburt Christi geschehen seyn. IV. Was Sie von einigen kleinen Fehlern im Plane sagen, ist sehr gut. Auch was Sie von seinem Ausdrucke sagen, hat meinen Beyfall; nur daß Sie unrechte Exempel gewählt haben. iLiserne Wunden, ist freylich ein wenig seltsam; man versteht eS aber doch, daß eS Wunden, von eisernen Nägeln geschlagen, bedeuten soll. Der eiserne Schlaf aber ist eine Nachahmung vom VIrgtl, der irgendwo lomnus lorreus urget sagt. ES soll einen Schlaf anzeigen, der so schwer wie Eisen auf den Augen liegt. Aleist ") Diese Ausgabe war damals in unser» Gegenden »och ganz unbekannt. Nicolai. Lessings Briefe. t767. meynt, er würde/ um diese Schwere auszudrücken, lieber: der bleierne Schlaf, gesagt haben. Doch das waren Kleinigkeiten; wie Sie aber die Stelle S- 66. dunkel und ohne Construction finde» können, das verstehe ich nicht. Ich will mich mit Einer Belohnung begnügen, her mit der PhvlliS! Apollo mag ich nicht sevn. Fcvcrt! Es flamm' Anbetung der große, der Sabbath des Bundes Bon den Sonnen zum Throne des Richters! Die Stund' ist gekommen. Fevert, die Stunde der Nacht ist gekommen. Sie fuhren das Opfer. Fcyert! ist der Befehl, den Eloah an die ganze Schöpfung ergehen laßt. Und nun constrniren Sie so: der große Sabbath, der Sabbath des Bundes, flamme von jeglicher der Sonnen bis zum Throne des Richters, Anbetung! WaS ist da dunkel? Anbetung flammen/ ist frevlich ein wenig ungewöhnlich, aber doch nicht ungewöhnlicher als tausend andre Ausdrücke des Dichters. Ihre Recension von dem Devil lo z,->x kasflre ich, Kraft des Rechts, das mir Ihre Freundschaft giebt. Ich will Ihnen meine Ursachen weitläuftig mündlich sagen, wenn ich nach Berlin kommen werde; ich bin zu saul, sie zu schreiben. Die Stelle aus dem Horaz schickt sich nicht so gut unter das Bildniß des Hrn. von Kleist, als Sie und Herr Moses denken. Sie sollen meine Ursachen gleichfalls mündlich erfahren. Wenn ja Verse darunter kommen müssen, so werden Sie in dem ersten Epigramm des Ausonius ein Paar bequemere Stellen finden. Aber legen Sie sich mit diesen Versen nicht eine Last auf, die Ihnen in der Folge unerträglich fallen muß. Sie haben schon einmal angefragt, was unter mein Portrait kommen s-ijl. Lassen Sie nur, wegen meiner unverschämten Tadelsucht, wovon dieser ganze Brief ein Beweis ist, darunter sehen: Ilio uiger etl, Iiune tu, liomaue, oaveto; oder anch: <>u!ä imwoienlos Iiiiljiilvs vox!>8, canis? Leben Sie wohl, liebster Nicolai, und grüßen Sie mir meinen lieben MoseS, mit dem Befehle, mir bald zu schreiben. Ich bin ganz der Ihrige, Lessing. Mein lieber MoseS! Ist denn das hübsch, daß ich seit sechs Wochen keine Zeile von Ihnen zu sehen bekomme? Warum wollen Sie mir denn auf meinen letzten Brief nicht antworten? Oder haben Sie ihn nicht bekommen? !'0 LessiugS Briefe. 1767. Ich habe Ihre Aufsätze von der Kunst, von dem Naiven :c. und einige von meinen Fabeln mit beygelegt. Diese letztem mochte ich bald wieder zurück haben, um die Sammlung vollständig zu machen, die ich dem Drucke bestimmt habe, wenn Sie anders, »ach der Probe zu urtheilen, mir nicht davon nbrathen. In Ihrer Abhandlung von den Quellen »nd Verbindungen der schonen Künste ,e. haben Sie beyläufig meiner gedacht; und ich muß Ihnen für Ihre freundschaftliche Anmerkung Dank sagen. Da ich Ihnen aber etwas näher verwandt bin, als das Publikum, so glaube ich auch auf eine nähere Erklärung Recht zu haben. Welches sind die Stellen, die Sie für indcclamabcl halten? Ich frage nicht, um mich mit Ihnen in einen Streit darüber einzulassen! ich frage blos, um künftig aufmerksamer seyn zu können. Was macht denn Herr Nikolai? Hat er einen Brief übel genommen, den ich ihm vor 8 Tagen über seine Recension des Messias geschrieben? — Bey Gelegenheit des Messias--Haben Sie schon den Tod AdamS gelesen? WaS sagen Sie davon? Von den Gleimschen Fabeln denken wir ziemlich einerley. Sie sagen- unter den eignen Erfindungen des Verfassers, verdiene die 1t, 17 und 27te des ersten Buchs allen andern vorgezogen zu werden. Einmal, wo nicht mehrmal, müssen Sie sich hier gewiß verschrieben haben; denn 27 Fabeln hat das erste Buch nicht. Sonst sind mir die 3, 10, 12, 10, IS, 20 und 21tc nicht schlecht vorgekommen, wenigstens so gut als die 17te. Erzählt sind sie gewiß vortreflich; wenn schon die Erfindung besser seyn könnte. Erklären Sie sich über diesen Punkt, mein lieber MoseS, und zwar mit erster Post, weil ich noch gerne die Recension zum zweyten Stücke fertig machen wollte. Leben Sie wohl! Wenn ich doch bald bey Ihnen in Berlin seyn könnte! Aber — Ich bin ganz der Ihrige Leipzig, Lessing, den 9. Aug. 1737. ^ _ Mein lieber MoseS! Ich schreibe Ihnen so viel Briefe, die alle nicht das Postgeld werth sind. Gleichwohl will ich mich deswegen nicht entschuldigen; denn Entschuldigungen würde» sicherlich meine Briefe noch unbeträchtlicher machen. Hier kömmt Ihr Aufsatz vom «erhabnen wieder zurück. Ich wüßte auch nicht das Geringste dabey zu erinnern; ob ich ihn gleich LessingS Briefe. 1757. mehr als einmal durchgclcscn habe. Zudem lassen sich nicht alle Kleinigkeiten, die man mündlich so leicht sagt, auch schreiben. Ich habe mehr als einmal die Feder angesetzt, Ihnen einen Einwurf wider dieses oder jenes mitzutheilen; aber sobald ich ihn erst deutlich gedacht, ist mir auch die Antwort bevgefallcn, die Sie mir darauf ertheilen würden. — Ich danke Ihnen für die mitgetheilte Stelle aus dem Spinoza; ich muß aber bekennen, daß ich sie ein wenig anders verstehe. ES scheint mir nehmlich, der Weltwcise verstehe unter tilillstio nicht so wohl das eigentlich sogenannte Kitzeln, als vielmehr alles, was dem tlolor entgegen gesetzt wird, lzu!>tenu8 aä ec>r»u8 lelvrtui'; jcdeS angenehme körperliche Gefühl: denn sonst begreife ich nicht, wie er sagen könnte: lit igitur llolor taÜ8, ut titill»tioveui ooerce.it, ue lll, nimm; et e->ten»8 erit vonu8- Die Armuth der lateinischen Sprache hat ihn auch wirklich gezwungen, das Wort tilillatia für alles dasjenige zu setzen, was das Gegentheil von dem körperlichen Schmerze ist. Wollen Sie nun aber das Wort Riyel in diesem wcitläuftigen Verstände nehmen, so können Sie nicht sagen, daß jede kitzelnde Empfindung dcS Körpers Lachen erwecke. Dieses findet nur bey dem eigentlichen Kitzel Statt, wenn ein Theil des Körpers so afficiret wird, daß weder Schmerz noch das Gegentheil vom Schmerze daraus erfolgt; sondern eine Vermischung von beyden. Und aus dieser Vermischung soll, nach meiner Erklärung, das Lachen entspringen. Antworten Sie mir bald, mein lieber MoseS! das andre Blatt soll für jetzt Herr Nicolat haben. Leben Sie wohl! Ich bin An Moses Mendelssohn. Liebster Freund! Ich habe die von Ihnen kritisirtcn Gleimschcn Fabeln nur für comparative schön gehalten, und sie nie für gute, sondern blos für die besten in dieser Sammlung ausgeben wollen. Ich werde mich also wohl hüten, ihre Vertheidigung gegen Sie auf mich zu nehmen? aufs höchste wäre eS noch die zehnte Fabel, für die ich ein Paar Worte wagen möchte. Ich begreife nicht, wie Sie die Zeilen: Wen» Fricdcrich die Flöte spielt, So lausche» Graunc so und fühle» Hiuunclslust Ihr Leipzig, den 13. Aug. 1757- aufrichtiger Freund Lcssing. LtssingS Briefe. 1757. für die Anwendung der Fabel halten können. Es soll ein bloßes Gleichniß seyn, das Sie, ohne der Fabel im geringsten Schaden z» thun, ausstrcichen können. Streichen Sie cS also auS, weil es wirklich ein wenig widersinnig ist, und lesen das Ganze noch einmal. Der Adler ist über das Lied der Lerche entzückt; er glaubt ihr seine Hochachtung nicht besser ausdrücken zu können, als wenn er sie mit in die Wolken nimmt; die bescheidne Lerche dankt für diese Erhebung, und ist mit ihrem angeborncn Vorzüge zufrieden. So begnügt sich ein sittsamer Dichter an dem Bcvfalle der Könige, ohne zu verlangen, an ihre Rechte erhöht zu werden. Regiere du, zur Ehre des Schöpfers; ich bin glücklich genug, zu seiner Ehre zu singen! — Aber was gehen mich fremde Fabeln an; da ich für meine genug zu sorgen habe? Ich wünschte, Sie hatten mir sie nicht zurück gc- schickt, ohne mir die Fehler derjenigen, die Ihnen nicht gefallen haben, näher anzuzeigen. Ich glaube doch nicht, das; ich in der Erfindung eben so gcschlegclt haben sollte, als Gleim? DaS bin ich mir wohl bewußt, daß meine Moralen nicht immer die neuesten und wichtigsten sind; aber wer kann immer neu seyn? ES ist wahr, die Lehre aus meiner Fabel, Zevs und das Pferd, ist schon oft eingekleidet worden; aber wenn gleichwohl meine Einkleidung eine von den besten ist, so kann ich, glaube ich, mit Recht verlangen, daß man die ältern und schlechtem für nicht geschrieben halte. Oemohngeachtet aber denken Sie nur nicht, daß ich eine einzige will drucken lassen, die nicht Ihren vollkommncn Bevfall hat. ES kostet mir zu wenig Mühe, eine solche Kleinigkeit zu ersinnen, als daß es mir viel Ueberwindung kosten sollte, sie der Kritik aufzuopfern. — Ihre weitere Ausführung vom Erhabnen (die Sie künftigen Posttag zurückbekommen sollen) kam eben zu rechter Zeit, um mich zu verhindern, Ihnen etwas Mittelmä ßiges von dieser Materie vorzuschwatzen. Mit einer einzigen Anmerkung will ich aber doch zu Markte kommen. ES ist wahr, etwas Erhabnes auszudrücken, muß man so wenig Worte aufwende», als möglich; cS geschieht also freylich oft, daß das Erhabne zugleich naiv ist; aber die Naivität ist deswegen nicht ein wesentlicher Charakter des Erhabnen, iüunota tuiieioilio inovenlis ist erhaben, aber nicht naiv. Die Antwort des griechischen Feldherrn, als man ihm von der "Menge der persischen Pfeile, wodurch die Sonne verdunkelt würde, sprach: wir werden also im Schatten fechten, ist erhaben und naiv. Dort sagen die Zeichen gleich so viel, als sie sagen wollen, nicht mehr und nicht weniger; hier aber scheinen die Zeichen weniger zu sagen, ja sogar etwas anders. Ein naiver Gedanke, der weiter LcssingS Briefe. 17Z7. nichts als naiv ist, ist ein Unding, eS muß allzeit noch etwas dabey seyn, erhaben, oder satyrisch, oder lächerlich/ und kurz, alle Arten von Gedanken können naiv seyn, weil das Naive blos in dem Ausdrucke besteht, und weiter nichts als eine oratorische Figur ist- — — Nun auch ein Paar Worte von Ihren Gedanken über den Gebrauch, den die Virtuosen von den Begriffen der Ursache machen, um die Wirkungen dadurch schicklicher vorzustellen. Die Exempel hiervon müssen wohl sehr selten seyn, da die Falle in der Natur selbst sehr selten sind, wo uns die Ursache sinnlicher wäre, als die Wirkung. Die Dichter sind daher, wo sie sich des Bcgrifs der Ursache bedient haben, meistens unpoetisch, das ist, unstnnlich geworden. Z. E. Wenn sie die Jahreszeiten durch das Zeichen, in welchem die Sonn: in dem Thierkreise steht, haben anzeigen wollen. — Nur alsdenn darf sich der Virtuose dieses Kunstgrifs bedienen, wenn die Wirkungen nicht in die Sphäre seiner Nachahmung gehören, und er die Sache doch nothwendig ausdrücken soll, und so war dem Lully frcvlich kein andrer Weg übrig; denn dic Wirkungen des Schlafs sind Ruhe und Stille, wie kann aber Stille durch Töne ausgedrückt werden? Ich erinnere mich hicrbcy jenes alten Pantomimen, der die Worte: rov ^/»-ov«, d. i. den großen Agamemnon, tanzen sollte. Wie kann ein Mann von großen Thaten, durch Bewegungen und Linien ausgedrückt werden? Ein Mann von großer LeibcSgcstalt ist wohl dadurch auszudrücken, und dieses war auch der Fehler, in welchen der Pantomime fiel, der sich bey dem Worte groß auf die Zehen stellte. Sein Lehrmeister, der auf Verlangen des Volks diesen Fehler gut machen sollte, war scharfsinniger, nahm zur Ursache seine Zuflucht, und gab sich die Stellung eines Tiefsinnigen, er hielt einen grossen tiefsinnigen Verstand für die Ursache grosser Thaten. — Was die physikalische Ursache anbelangt, warum Töne, welche weder wirklich steigen noch fallen, den Schlaf erregen, so glaube ich sie folgcndergcstalt deutlich genug erklären zu können. Der Schlaf ist die natürliche Folge der Entkräftung, und da sowohl der Körper als die Seele daran Theil nehmen, so kann er bald in dieser, bald in jenem zuerst entstehen. Die Seele ist müde, wenn sie kaum noch so viel Kräfte hat, sich das Einförmige vorzustellen, da nun also dieser schwächere Grad ihrer Realität vor dem natürlichen Schlafe vorhergeht; so kann cS nicht fehlen, der Schlaf muß auch darauf folgen, wenn ich meiner Seele diesen schwächer» Grad der Realität vorschlich gebe; d. i. wenn ich mir das Ein- förmige vorstelle. Weitläuftiger will ich mich nicht erklären; denn wenn Wahrheit in diesem meinem Gedanken ist, so werden Sie sie gc- ^-M^-ZM 94 Lessings Briefe. 1767. wiß, nach aller ihrer Ausdehnung/ leichter finden, als ich sie Ihnen zeigen kann. — Mit Ihrer nähern Bestimmung der indcklamabeln Stellen in meiner Sara, bin ich sehr wohl zufrieden. Aber wenn es die philosophischen sind, so sehe ich schon voraus, daß ich sie nicht auSstreichcn werde, und wenn Sie mir es auch mathematisch bewiesen, daß sie nicht da seyn sollten? wenigstens so lange nicht, als noch immer mehr Leute Trauerspiele lesen, als vorstellen sehen. — EleimS Fabeln habe ich zu dem zweyten Stücke der Bibliothek nicht recensi- ren können, weil cS Herr Dvk gern noch diese Woche fertig haben will. Ich habe aber zu den Neuigkeiten Verschiedenes hinzugethan, und hoffe, daß cS dem Hrn. Nikolai nicht ungelegen sevn wird. Herr Dvk wollte gern 14 Bogen voll haben. — Der Herr Major von Kleist ist noch immer hier, und also kann'er es wohl nicht seyn, der sich in Wolmine mit den Pandurcn herumgeschlagen hat. — Hrn. Nikolai will ich nächstens die Ursuche melden, warum ich seine Recension vom vevil to pa^ cassirt habe. — Er wird doch wohl nicht noch Willens sevn, von Berlin wegzugehen? Was sollte ich denn in Berlin, wenn er weg wäre, und Sie mitgenommen hätte? — Das Aber, womit ich meinen Brief geschlossen, hat gar keine Beziehung auf die Sicherheit in Berlin, eS ging blos auf meine eignen Umstände. Ich sehe meinem Processe unter keinen vier Monaten ein Ende; meine persönliche Gegenwart ist nicht mehr dazu nöthig, und gleichwohl sehe ich mich, anderer Dinge wegen, hier zu bleiben gezwungen. Leben Sie wohl, mein lieber MoseS; und schreiben Sie mir bald wieder; ich bin jetzt größtentheilS so verdrießlich, daß das Vergnügen, welches Sie mir mit Ihren Briefen machen, eine wahre Wohlthat für mich ist- Ich bin Ihr Leipzig, ergebner Freund den 18. Aug. 17S7. Lcssing. An Moses Mendelssohn. Liebster Freund: Ich danke Ihnen für Ihre freundschaftliche Willfahrung. Die Assignation, die ich an Sie gestellt, werden Sie ohne Zweifel bereits erhalten haben. Schreiben Sie sich es zum Theil selbst zu, wenn sie Ihnen beschwerlich gefallen ist- Wie ich meine Handschrist darüber einrichten soll, mögen Sie mir melden; unterdessen werden Ihnen meine Briefe statt derselben dienen. Lessings Brief«. 1757. 95 Mit der Stelle aus dem Spinoza haben Sie Recht. Ein aberma ligcr Beweis/ wie obenhin ich alles anzusehen gewohnt bin! Wenn Ihnen mehr aufstoßen sollte, was mit meiner (oder vielmehr mit Ihrer) Erklärung des Lachens einige Vcrwandschaft hat, so merken Sie es ja fleißig an. Ich sammle an lächerlichen Geschichten und Einfällen; und endlich kann eine lustige, tiefsinnige Abhandlung vom Lächerlichen für die Bibliothek daraus werden. AuS Ihrer Kritik der indeklamavcln Stellen in meiner Sara ist eine Lobrede gewordrn. Ihre Fccundschaft läßt Sie mehr Schönes darinn entdecken, als ich hineinzubringen im Stande gewesen bin. Gleichwohl kann ich mich nicht enthalten, Ihren Anmerkungen einige andre entgegen zu setzen. Der Autor wird jederzeit das letzte Wort behalten wollen. — Der Grundsatz ist richtig: der dramatische Dichter muß dem Schauspieler Gelegenheit geben, seine Kunst zu zeigen. Al lein das philosophische Erhabne ist, meines ErachtenS, am wenigsten dazu geschickt; denn eben so wenig Aufwand, als der Dichter, es auszudrücken, an Worten gemacht hat/ muß der Schauspieler, cS vorzustellen, an Geberden und Tonen machen. Wer das cju'il mouiut am gleichgültigsten, am meisten ohne Kunst ausspricht, hat es am besten ausgesprochen. ES ist zwar auch Kunst, die Kunst zu verstecken, sie zu rechter Zeit aus den Augen zu setzen; aber von dieser Kunst, glaube ich, ist hier nicht die Rede. Ich berufe mich, statt des besten Beweises, auf den Unterschied, der unter den Gebchrdcn des Schauspielers ist. Einen Theil der Gebchrdcn hat dcr Schauspieler jederzeit in seiner Gewalt; er kann sie machen, wenn er will; es sind dieses die Veränderungen derjenigen Glieder, zu deren vcrschicdncn Modifikationen der bloße Wille hinreichend ist. Allein zu einem großen Theil anderer, und zwar gleich zu denjenigen, aus welchen man den wahren Schauspieler am sichersten erkennt, wird mehr als sein Wille erfordert; eine gewisse Verfassung des Geistes nehmlich, auf welche diese oder jene Veränderung des Körpers von selbst, ohne sein Zuthun, erfolgt. Wer ihm also diese Verfassung am meisten erleichtert, der befördert ihm sein Spiel am meisten. Und wodurch wird diese erleichtert? Wenn man den ganzen Affekt, in welchem der Akteur erscheinen soll, in wenig Worte faßt? Gewiß nicht! Sondern je mehr sie ihn zergliedern, je verschiedener die Seiten sind, auf welchen sie ihn zeigen, desto nnmerklicher geräth der Schauspieler selbst darein. Ich will die Rede dcr Marwood auf dcr 74. Seite s^Band II, S- 31^ zum Exempel nehmen. — Wenn ich von einer Schauspielerinn hier nichts mehr verlangte, als daß sie mit dcr Stimme so lange stiege, als cS möglich, -_ 96 Lesstngs Briefe. 1757. s» würde ich vielleicht mit den Worten: verstellen, verzerren und verschwinden, schon aufgehört haben. Aber da ich in ihrem Gesichte gern gewisse feine Züge der Wuth erwecken möchte, die in ihrem freyen Willen nicht stehen, so gehe ich weiter, und suche ihre Einbildungskraft durch mehr sinnliche Bilder zu erhitzen, als freylich zu dem bloßen Ausdrucke meiner Gedanken nicht nöthig wären. Sie sehen also, wenn diese Stelle tadclhaft ist, daß sie es vielmehr dadurch geworden, weil ich zu viel, als weil ich zu wenig für die Schauspieler gearbeitet. Und das würde ich bcv mchrcrn Stellen vielleicht antworten können. Z. E. S- 111- I^S- 46.1 Geschwind reißen Sie mich aus meiner Ungewißheit. ES ist wahr, Mcllcfont würde hier geschwinder nach dem Briefe haben greifen können, wenn ich ihn nicht so viel sagen ließe. Aber ich raube ihm hier mit Fleiß einen gemeinen Gcstum, und lasse ihn schwatzhafter werden, als er bey seiner Ungeduld seyn sollte, blos um ihm Gelegenheit zu geben, diese Ungeduld mit einem feinern Spiele auszudrücken. Die Schnelligkeit, mit der er alle diese Fragen ausstößt, ohne auf eine Antwort zu warten; die unwillkührli- chen Züge der Furcht, die er in seinem Gesichte entstehen zu lassen Zeit gewinnt, sind, sollte ich meinen, mehr werth, als alle die Eilfertigkeit, mit der er den Brief der Sara aus den Händen nehmen, ihn aufschlagen und lesen würde. Ich wiederhole cS also nochmals, diese Stellen sind so wenig untheatralisch, daß sie vielmehr tadclhaft geworden sind, weil ich sie allzuthcatralisch zu machen gesucht habe. Haben Sie aber, mein lieber MoseS, hier nicht ganz Recht, so haben Sie es doch in Ansehung der schändlichen Perioden, S. 123. 124. 164. 158., die so holpricht sind, daß die beste Zunge dabey anstoßen muß. Sobald meine Schriften wieder gedruckt werden, will ich sie gewiß verbessern.") — Ich habe heute nicht Lust, länger zu schreiben, sonst würde ich noch einige allgemeine Anmerkungen auskramen, in wie fern der dramatische Dichter für den Schauspieler arbeiten müsse, und was für verschiedene Wege der komische und der tragische in dieser Absicht zu wählen habe. Vielleicht ein andermal hiervon. An Hrn. Nikolai will ich schreiben, wenn er die ersten Aushängebogen bekommen wird. Hier ist unterdessen bey Herr Dykcn ein Brief eingelaufen, der ohne Zweifel von dem Hrn. von Hagedorn aus Dresden ist. Meine Neugier hat ihn erbrochen. °) Z» der Ausgabe von 1772 ist auf diesen Seiten (nach der vorliegenden Bd II, S. 61. 52. L4. 05. L0) nichts geändert. Lessings Briefe. 1767. 97 Leben Sie beyde zusammen wohl, schreiben Sie oft, und lieben Sie mich beständig. Leipzig, Golth, Eph- Lcssing, den 14. Sept. 17S7. Leipzig/ den 21. September 1767. Liebster Herr Glcim/ Ihr letzter Brief an unsern lieben Herrn Oberstwachmeistcr hat mich herzlich belustigt. Schreiben Sie ja oft dergleichen, damit wir hier auch den Krieg auf der spaßhaften Seite kennen lernen. Ich habe aber vor vielen Jahren eine alte ehrliche Frau gekannt, die, wenn sie in ihrer Stube nichts mehr zu thun fand, anfing die Fliegen auf der Gasse todt zu schlagen. Die Arbeit war leicht; nur daß cS eine ewige Arbeit war. Ich glaube, sie schlägt noch todt. — Wissen Sie schon, daß ich die bcvdcn Gesänge unsers begeisterten Grenadiers in das zwevte Stück der Bibliothek habe einrücken lassen? Bald aber hätt' ich Händel darüber bekommen, wenn sich nicht der Major dcS gemeinen Soldaten und seines Herausgebers angenommen hätte. Auch Herr Nicolai in Berlin hat sich von Herrn Lieber- kichn — wenn Sie den Namen anders kennen — einen satirischen Brief darüber zugezogen. Dieser Lieberkichn hat sich den Teufel blenden lassen, und gleichfalls Schlachtgcsänge unter dem Namen eines Gberofficiers herausgegeben. Wie hochmüthig die schlechten Poeten sind! Ich kenne einen guten, der sich, der poetischen Subordination zu Folge, zum Generale hätte machen müssen. — Weil ich der Bibliothek gedenke, so muß ich Ihnen einen Irrthum benehmen, den ich Ihnen schon oft habe benehmen wollen. Sie halten mich für einen von den Verfassern derselben. Ich bin cS, bey Gott! nicht. Und Sie sollen mich auch durchaus nicht dafür ausgeben. Wo Sie es schon unterdessen dem Herrn Zachariä in'S Ohr gesagt haben, so bringen Sie cS ihm ja wieder aus den Gedanken. Er würde sonst Ursache haben, auf mich verdrießlich zu werden. Werden Sie denn nicht bald wieder einmal nach Leipzig kommen? Die Franzosen halten Sie doch wohl nicht davon ab? Ich will hoffen, daß sie zu gesittet sind, als daß sie einen Dichter im geringsten verhindern sollten, zu singen und seine Freunde zu besuchen. — Leben Sie wohl, und crmuntern Sie, wo möglich, den Husaren, der fünf Franzosen gefangen genommen hat, seine Heldenthat in Verse L-ssii'gS Werk- xn, 7 ^--M^_ L^U^tß^» 98 LcssingS Briefe, 1757. zu bringen. Ich glaube, die Franzose» vergessen vor Furcht auch daS AuSreißen. — Leben Sie wohl! Ich bin ganz der Ihrige Lessing. Leipzig, den 2. Octobcr 1757. Liebster Herr Glcim! Wie glücklich sind Sie, solche witzige Köpfe um sich zu haben!- Oder vielmehr, wie glücklich sind diese witzigen Köpfe, daß sie einmal mit einem vernünftigen Deutschen umgeh» tonnen! Nunmehr werden sie doch wohl sehen, daß cS eben nicht unsre größten Geister sind, die nach Paris komme». Aber ich bitte Sie inständigst, zeigen Sie sich ja als einen wahren Deutschen! Verbergen Sie allen Witz, den Sie haben; lassen Sie nichts von sich hören, als Verstand, wenden Sie diesen vornehmlich an, jenen verächtlich zn machen. — DaS ist die einzige Rache, die Sie jetzt an Ihren Feinden nehmen können. Besonders lassen Sie sich ja nicht merken, als ob Sie einen von ihren jetzt lebenden Scribentcn kennten. Wen» man Sie fragt, ob Ihnen Gressct, piron, Marivaux, Bernis, du Äoccane gefallen; so werfen Sie fein verächtlich den Kopf zurück, und thun, anstatt aller Antwort, die Gegenfrage- Ob man in Frankreich unsre Schön- aichs, unsre Löwens, unsre paizrcns, unsere Unzcrinnen auswendig wisse? Von Fontcncllcn muß Ihnen weiter nichts bekannt zu seyn scheinen, als daß er fast hundert Jahr alt geworden; und von Voltaire selbst, müssen Sie thu», als ob Sie weiter nichts, als seine dummen Streiche und Bctriegereycn gehört hätten. — DaS soll wenigstens meine Rolle seyn, die ich mit jedem nicht ganz unwissenden Franzosen spielen will, der etwa nach Leipzig kommen sollte! Sie wollen es also mit aller Gewalt, daß ich einer von den Verfassern der Bibliothek seyn soll? Ich muß cS Ihnen aber nochmals auf meine Ehre versichern, daß ich nicht den geringsten Antheil daran habe, und daß ich am allerwenigsten den Artikel von theatralischen Neuigkeiten compilirt haben möchte. Demungeachtct muß ich nicht bergen, daß ich Ihnen von den Verfassern, für das mitgetheilte Portrait des Herrn Rlopstock, tausend und aber tausend Danksagungen abzustatten habe. Lieberkiihns Brief wegen der Schlachtgcsänge unsers Grenadiere, ist kein gedruckter Brief, wofür Sie ihn vielleicht gehalten haben. Ich will mir aber von Herrn Nicolai eine Abschrift davon schicken LcssingS Briefe. 1767. !)!' lassen. Die comvonirten Schlachtgcsänge des OfsscierS (oder vielmehr FcldvrcdigcrS; denn das ist Lieberkühn jetzt/ und zwar durch Vorsorge unsers lieben Herrn von Rleist, der gütig genug glaubt, daß auch sogar die schlechten Poeten noch zu etwas nütze sind) diese elenden Schlachtgcsängc, sage ich, sind hier nichr zu haben. Wenn Si- durchauS begierig sind, zu sehen, wie unendlich viel Grade man unter Ihrem Grenadier scvn kann, so will ich sie aus Berlin kommen lassen. Ein andres Werk von Lieberkühn könnte ich Ihnen mitschicken, wenn es sich der Mühe verlohnte; er hat nehmlich diese Messe Sittliche Gedichte zur Ermunterung des Gemüths herausgegeben, und zwar, was mich ärgert, in Duodez. In der That zwar sollte ich mich nicht ärgern; denn, Gott sey Dank, nun babe ich doch auch in diesem Formate einen unter mir, und ich bin nicht mehr der schlechte Deutsche Poet in Duodez ^--x^. WaS sagen Sie zu Rlopstocks geistlichen Liedern? Wenn Sie schlecht davon urtheilen, werde ich an Ihrem Thristenrhum zweifeln; und urtheilen Sie gut davon, an ihrem Geschmacke. WaS wollen Sie lieber? — Ich empfehle mich Ihnen, liebster Freund, und bin ganz der Ihrige L-ssing, An Moscs Mendelssohn. Liebster Freund! Ich habe Herr Vossen eine zwevte Anweisung an Sie gegeben; doch werden Sie nicht gehalten scvn, sie anzunehmen, wenn es Ihre Umstände nicht erlauben sollten. Sie müssen, um mir eine Gefälligkeit zu erweisen, sich nicht in Verlegenheit setzen. DaS will ich durchaus nicht. Ich erwarte also Ihre Antwort hierauf, ob ich Ihnen eine Handschrift auf die halbe oder ganze Summe einrichten soll. Mein Proccß gehl so geschwinde, als ein Proceß in Sachsen gehen kann, und da ich in der nächsten Woche wieder einen Termin habe, so muß ich schon so lange noch hier bleiben. Ich sehne mich mehr, als Sie glauben können, bald wieder in Berlin zu sevn; denn das Leben, das ich hier führen muß, ist allen meinen Absichten und Neigungen zuwider. Ich habe durch Herr Vossen den CodruS wieder zurück gesendet, und zugleich ein neues Stück mitgeschickt, welches bey Herr Dvkcn 7« 40» LessingS Briefe. 1767. eingelaufen war. Der Codrus hat nichts weniger, als meinen Beyfall. Doch wünschte ich/ daß Herr Nicolai dem Verfasser nicht alle Wahrheiten sagte, die man ihm sagen könnte. Wenn ich ein Paar ruhige Stunden finde, so will ich einen Plan aufsetzen, nach welchem ich glaube, daß man einen bessern Codrus machen konnte. — Wer der Verfasser des Renegaten sey, werden Sie aus beylegendem Zettel sehen. Ich habe ihn crdfnct, weil ich gewiß überzeugt bin, daß Ihr Urtheil dadurch um nichts partheyischcr werden wird. ES arbeitet hier noch ein junger Mensch an einem Trauerspiele/ welches vielleicht unter allen das beste werden dürfte, wenn er noch ein Paar Monate Zeit darauf wenden könnte. Mit dem dritten Stücke der Bibliothek bin ich sehr wohl zufrieden. Man steht eS Ihren Recensionen nicht an/ daß sie in der Eile gemacht werden; eS wäre denn die einzige Recension von Basedow/ und auch diese nur in Ansehung der äußerlichen Einrichtung. Da Ihnen KlopstockS Adam so wenig gefallen hat; was werden Sie zu seinen geistlichen Liedern sagen? Ich hoffe, daß nunmehr alles wieder in Berlin ruhig seyn wird- Sie hätten sich einen solchen Besuch °) wohl nicht vermuthet? WaS für ein unseliges Ding ist doch der Krieg! Machen Sie, daß bald Friede wird, oder nennen Sie mir einen Ort, wo ich die Klagen der Unglücklichen nicht mehr höre. Berlin wird dieser Ort nun auch nicht mehr seyn. Vielleicht zwar hat sich alles wieder zum Besten geändert, ehe ich hinkommen kann. Meinen Empfehl an Hrn. Nicolai; ich will nächstens an beyde Weitläuftiger schreiben. Merken Sie aber, mein lieber MoscS, daß Sie den Anfang machen müssen, wenn unser Briefwechsel in seinen alten Gang kommen soll. Leben Sie wohl/ und lassen Sie unsre Freundschaft ewig seyn. Ich bin ganz der Ihrige Leipzig/ Lessing den 22. Okt. 1767. °) Haddicks Brandschatzung in Berlin. Nicolai. Lcssings Briefe. 1767. INl An Glcim. Leipzig/ den ^2. December 1767. Liebster Freund! O was ist unser Grenadier für ein vortrefflicher Mann! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie gut cr seine Sachen gemacht hat! Was haben der Herr Major und ich, was haben wir uns nicht über seine Einfalle gefceuct! Und noch alle Tage lachen wir darüber. Zu einer solchen unanstößigen Verbindung der erhabensten und lächerlichsten Bilder war nur Er geschickt! Nur Er konnte die Strophen- Gott aber wog bey Sternenklang ic. und dem Schwaben der mit einem Sprung ,c. machen, und sie bcvde in ein Ganzes bringen. WaS wollte ich nicht darum geben, wenn man das ganze Lied ins Franzö^ fische übersehen könnte! Der witzigste Franzose würde fich darüber so schämen, als ob sie die Schlacht bey Roßbach zum zweytcnmalc verloren hätten. Aber hören Sie, wollen wir unsern Grenadier nicht nun bald avanciren lassen? Jetzt wäre gleich die rechte Zeit dazu, da cr hier unter den Generalen und Prinzen ziemlich bekannt zu werden anfängt. — Der Herr von Rleist wird Ihnen von einigen Veränderungen geschrieben haben, um die wir, seine zwey Bewunderer, den Grenadier recht höflich bitten. Die eine davon: — 0 da war er, der erste, welcher lief, ist einer gewissen Art Leute wegen unumgänglich nöthig. Die Zweydeutigkeit hat offenbar keinen Grund; aber giebt es nicht Leute, die ihr, auch ohne Grund, cincn geben könnten? Die übrigen kleinen Veränderungen mnß der Grenadier nach seinem eigenen Gutbcssnden machen oder nicht machen. So wie er uns melden wird, daß eS gedruckt wcrden könne, wollen wir es auch drucken lassen. Denn gedruckt muß eS werden! Wenn er auf die Schlacht vom fünften dieses,*) noch etwas machen wollte, so könnte cr nun schon ein Autor von einem kleinen Bändchen wcrden. Alsdann nehmlich ließe man alle vier sauber zusammendrucken, und Sie, mein lieber Gleim, machten einen kleinen Vorbcricht, um jeden Leser auf den rechten Gesichtspunkt zu stellen, aus welchem cr die Ltcder betrachten müsse. — Der Herr Major hat Ihnen doch bereits Herrn Ewalds SiegeSlied geschickt? ES ist so gut, als cS cin nachahmcnder Witz machen kann; erfunden hätte Herr Ewald diese Art von Gedichten nicht! — Wriin sich Licberkichn nun wieder einkommen läßt, ein Siegeslicd zu machen, so soll cr Spicßruthcn laufcn müssen, »no ") Bei Lciuhcn odcr Lissa. ^^W^tk^KM»»^ 102 LessittgS Briefe. 1757. wenn er es mich auf die Rechnung eines F-ldmarschallS schriebe. Einen kleinen Tanz werde ich ihn jetzt vbnedicS, wegen seines Theokrit, thun lassen. Der Mensch überseht aus dem Griechischen/ und versteht gewiß weniger Griechisch als Gottsched, oder irgend ein Tertianer Ihres weit und breit berühmten Herrn Dcrlingo,*) Sie werden erstaunen, was er für lächerliche Fehler gemacht hat. Und gleichwohl hat sich der Elende unterstanden, unserm lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen. — Haben Sie, mein lieber Herr Gleim, in Ihrer cmakrcontischen Bibliothek bereits Trapps Ausgabe vom Annkreon, mit der lateinischen Uebersehung in elegischen Versen? Wenn sie Ihnen noch fehlt, so will ich sie Ihnen schicken. — Ich empfehle mich Ihrer fernern Freundschaft, und bin ganz der Ihrige Lcssing. An Moscs Mendelssohn. Liebster Freund! Sie haben mir mit Ihrer Ode und Ihrer Predigt eine recht große Freude gemacht; sie sind beyde recht schön, und an der ersten besonders habe ich nichts auszusetzen, als daß Sie mir sie nicht frey- willig geschickt haben, und ich also mehr dem Hrn. Nicolai, als Ihnen, dafür danken muß. Wissen Sie, daß Sie mir auch noch die Fortsetzung von Ihren Lehrgedichten schuldig sind? Ich will durchaus alle Ihre poetischen Arbeiten sehen; ob ich gleich deswegen nicht will, daß Sie mehr Zeit auf die Poesie, als auf die Philosophie, verwenden sollen. Denn Sie haben in der That Recht: den schönen Wissenschaften sollte nur ein Theil unsrer Jugend gehören; wir haben uns in wichtigern Dingen zu üben, ehe wir sterben. Ein Alter, der seine ganze Lebenszeit über nichts als gereimt hat, und ein Alter, der seine ganze Lebenszeit über nichts gethan, als daß er seinen Athem in ein Holz mit Löchern gelassen; von solchen Alten zweifle ich sehr, ob sie ihre Bestimmung erreicht haben. Sie sagen mit Grund, daß Rousseau die Stelle aus dem 19. Psalm von ihrem Erhabnen herabgesetzt habe. Allein mich wundert, daß Sie nicht auch gemerkt, daß Rousseau den ganzen Verstand des heiligen PsalmendichtcrS verfehlt hat. wie ei» Bräutigam aus °) Damals Rector i» einer Stadtschule zu Halbcrsiadt. Lcssiiigs Briefe. 1767. 103 seineu Rammer/ heißt nicht, wie ein Bräutigam/ der von seiner evuelil! uu,^i»Io aufsteht, den» wahrlich, so ein Bräutigam kann nicht sehr InIIIant und radieux erscheinen, wenn er anders seiner Pflicht nachgekommen ist. Sondern es heißt, ein Bräutigam, der aus seiner Kammer der Braut entgegen geht, dieser ist mit der Sonne und mit dem Helden zu vergleichen, der sich seinen Weg zu laufen freuet. Meinen Sie nicht, daß ich Recht habe? Ich höre es nicht gern, daß Sie mit dem Hrn. Nicolai nicht eins werden können. Eher muß nichts gedruckt werden, als bis Sie zusammen eins sind. Und worüber streiten Sie denn eigentlich? Persönlich dürfte ich unter e bis 8 Wochen wohl nicht an Ihrem Streite Theil nehmen können. Zwar vielleicht — doch ich will noch nichts Gewisses' entscheiden. ES kömmt alles auf die künftige Woche an. Ich hatte dem Hrn. Nicolai zu dem vierten Stücke der Bibliothek einen Beytrag versprochen. Ich habe auch Wort gehalten, obgleich nicht so genau. Denn anstatt, daß ich Glcims Fabeln und die große Ausgabe vom Messias zu recensiren versprach, und LicbcrkühnS Theo- krit bis auf das nächste Stück verschieben wollte, habe ich diesen rcccn- sirt, und jenes verschoben. Meine Recension beträgt ungefähr zwey Bogen. Herr Nicolai mag sich also mit dem Reste des Manuscripts darnach einrichten. Sie können sich nicht einbilden, was Licberkühn für dummes Zeug gemacht hat! Er hat auS der lateinischen Ucber- sehung überseht, und auch nicht einmal diese verstanden. Es ist mir lieb, daß Sie cS bereits in dem Griechischen zu etwas gebracht haben; denn so werden Sie selbst von meiner Kritik urtheilen können, und einsehen, daß ich Licberkühncn nicht zu viel gethan habe. Ihre Corrcspondcnz mit Baumgarten folgt hier zurück. Was wollen wir nicht darüber plaudern, wenn wir zusammen kommen! Davon schreiben kann ich nichts; denn ich glaube, ich verstehe Sie beyde noch nicht recht. Leben Sie untcrdcsscn wohl; und schicken Sie mir auch Ihre Danklieder- Vergessen Sie es nicht! Ich bin, liebster Frcnnd, ganz der Ihrige Lcssing. Von den beyden Gelegenheitsgedichten des Hrn. Nicolai") urtheile ich, daß die Gedichte recht gut sind, (besonders das, worinn die Strophe ist: Und Amor trat an Phöbus Stelle :c.) daß aber die °) Die beiden Eclcgcnhcitsgcdichte von mir, die Lcssing hier erwähnt, warm auf dic Hochzeit des berühmte» Malers Hrn. Bernhard Rode. Nicolai. FO.>S 104 LessmgS Briefe. 175,7. 1758. Kupfer nicht den Henker taugen; der Erfindung des Hrn. Nieolai unbeschadet, wider die ich nichts zu sagen habe. In Hrn. KaukenS seinem Stiche besonders, ist noch viel Steifes. Aber sagen Sie Hrn. Nieolai, daß er nun genug Gelegenheitsgedichte gemacht habe, er sollte nun auch allmählig an andere und größere Gedichte denken. Was sagen Sie zu den neuen SiegSliedcrn über die Schlacht bey Roßbach? An Nicolai. Leipzig, d. 21. Januar 175,3. Liebster Freund, Ich bin in dem, was Sie von dem SodruS und Freygeist- sagen, größten Theils Ihrer Meynung; besonders ist cS völlig richtig, was Sie von der Schreibart und den Charakteren des letztem sagen. Ertheilen Sie also immer dem CodruS den Preis. Aber haben Sie schon gehört, daß der Verfasser desselben, der Herr von Croncgk, vor einigen Wochen an den Blattern in Nürnberg gestorben ist? ES ist wirklich Schade um ihn; er war ein Genie, dem bloß das fehlte, wozu er nun ewig nicht gelangen wird: die Reife. Da Sie untcrdeß eigentlich nicht wissen sollten, daß er der Verfasser des Codrus gewesen, so darf Sie sein Tod auch nicht abhalten, sein Stück zu krönen. Und hieraus kann der vortheilhafte Umstand für Ihre Bibliothek entstehen, daß Sie den jetzigen Preis zu einem zweyten schlagen, und das nächstem«! 100 Rthlr,, wenn Sie wollen, aussetzen können. Allein alsdann wäre meine Mcvnung, daß es nochmals bey einem Trauerspiele bleiben müßte.') Untcrdeß würde mein junger TragikuS fertig, von dem ich mir, nach meiner Eitelkeit, viel Gutes verspreche; denn er arbeitet ziemlich wie ich. Er macht alle sieben Tage sieben Zeilen; er erweitert unaufhörlich seinen Plan, und streicht unaufhörlich etwas von dem schon Ausgearbeiteten wieder auS. Sein jetziges Sujet ist eine bürgerliche Virginia, der er den Titel Emilia Galotti gegeben. Er hat nehmlich die Geschichte der römischen Virginia von allem dem abgesondert, was sie für den ganzen Staat interessant machte; er hat geglaubt, daß das Schicksal einer Tochter, die von ihrem Vater umgebracht wird, dem ihre Tugend werther ist, als ihr Leben, für sich tragisch genug, und fähig genug sey, die ganze Seele zu erschüttern, "1 Ich war nämlich Willens gcwcft», abwechselnd auf ei» Trauerspiel und ans ei» Lustspiel einen Preis zu setzen. Nicolai. LcssingS Briefe. 1768. 106 wenn auch gleich kei» Umsturz der ganzen StaatSvcrfassnng darauf folgte. Seine Anlage ist nur von drey Akten,'I und er braucht ohne Bedenken alle Freiheiten der englischen Bühne. Mehr will ich Ihnen nicht davon sagen; so viel aber ist gewiß, ich wünschte den Einfall wegen des SujetS selbst gehabt zu haben. ES dünkt mich so schön, daß ich eS ohne Zweifel nimmermehr ausgearbeitet hätte, um es nicht zu verderben. Was meinen Plan von einem CodruS anbelangt, fo müssen Sie mir acht Tage Zeit lassen, um mich wieder auf alles zu besinnen, man schickt nicht Plane zu Tragödien, oder gar Tragödien selbst, mit erster Post. Und Gott weiß, ob Ich mich wieder auf alles besinnen werde, ohne den Cronegkschen CodrnS dabcv zu haben. Frevlich hat er ganz unnöthige Erdichtungen mit eingemischt, die Sie am besten auS ,Io. l^vurlii reAno gtlioo live «le reFil»u8 Lilien!«»- lium III). III. eüj». 2. und folgenden, entdecken werden, wo alles, was die alten Geschichtschreiber von dem Tode des EodruS melden, gesammelt ist. Das neue Stück der Bibliothek ist fertig, und Sie werden cS wohl unterdessen erhalten haben. Ich wundrc mich, daß Ihnen meine Recension vom Thcokrit zu boshaft vorgekommen ist.") Da man eS aber in Berlin weiß, daß ich sie gemacht habe, so werden Sie sich desto eher gegen Herrn Licbcrkühn entschuldigen können. In Ansehung der alten Schriftsteller, bin ich ein wahrer irrender Ritter; die Galle lauft mir gleich über, wenn ich sehe, daß man sie so jämmerlich mißhandelt. Hiermit Gott befohlen! Leben Sie wohl, mein lieber Nicolai! ___ Lessing. ') Ich habe diesen Plan in drcv Akten gesehen, als Lcssing 1775 in Berlin war. Nach demselben war die Rollc der Orsina nicht vorhanden, wenigstens nicht auf die jetzige Art. Es ward damals zwischen uns viel darüber dispmirt. Nicolai. °°) Dies ist mir scherzhaft gesagt. Ich wollte diese Ucbcrsctzmig erst selbst rcccnsircn, nnd studierte bcv dcr ('iclrgcnbcit den ganzen Thcokrit..... Dieser Lieberkül)», ei» junger Manu ans Potsdam gcbürtig, Fcldprcdigcr uutcr dcm Prinz Hcinrichschcn Ncgmicnlc, war damal ci» allczcit fcrligcr Port und Ucbcrsctzcr. Er halte sogar des Hrn. v. Bar üpiires aiverlvs in Bcrsc übersetzt. Diese Ucbcrsctzmig ist von lächerlich sinnlosc» Fel'Icrn so voll, daß Licbcrkühn ciniqc dcutschc Slcllcn dcrsclbcn, dcrcn Sinn cr jcmand anzcigcn sollte, selbst nicht zu erklären wußte. Zu seiner Entschuldigung sagte cr: „Mcinc Marimc ist, wcnn ich cinc Slellc nicht verstehe, so übcr- „sctzc ich sic wörtlich." Dicsc Marimc reicht wcitcr als man dcnkcn solltc. Zm 18tcn Jahrhundert hat sogar ci» trefflicher Kopf das bcrüchtigtc Buch uv-j erreurL »le la veri>>> auf diese Art übersetzt. Nicolai. 1W LessingS Briefe. 1758. Mein lieber Moses! So bin ich wirklich daran schuld, daß Sie nicht fleißiger sind? Das thut mir leid. Vielleicht zwar, wenn Sie fleißiger gewesen wären, hätten Sie nicht an die Schönhcitslinie gedacht. Da sehen Sie, was eS für eine vottrefliche Sache um das Nichtsthun ist; man bekommt, wenn man nichts thut, hundcrterlev Ideen, die man sonst schwerlich würde bekommen haben. Auch ich z. E. habe vor lauter Müßiggang und Langerweile den Einfall bekommen, das englische Buch, welches ich Ihnen schicken wollte, zu übersetzen. ES ist auch wirklich schon unter der Presse, und ich will Ihnen chstcnS den ersten Bogen davon schicken. DaS ist zugleich die Ursache, warum ich Ihnen jetzt nicht das Original schicken' kann. Sie sollen meine Ucbcc- setzung zugleich kritiflren, der ich verschiedene eigne Grillen beyzufügen gesonnen bin, die ich unterdessen gehascht habe, vorher aber mit Ihnen überlegen muß. Ich möchte närrisch werden, daß cS nicht mündlich geschehen kann. Denn noch muß ich sechs Wochen hier bleiben, so ein vortheilhaftes Anfchn auch mein Proceß bey dem letzten Termin gewonnen hat. — Lassen Sie unterdessen fcin die Schönheitslinie nicht aus Ihren Gedanken, und schreiben Sie mir ja alles, was Sie davon entdecken; schreiben Sie mir es aber so, daß ich es verstehe; denn von der Geometrie weiß ich jetzt weniger, als ich jemahls gewußt habe. Komme ich aber wieder nach Berlin, so sollen Sie erstaunen, wie sehr ich mich darauf legen will. Wir wollen alsdann thun, als ob gar keine schönen Wissenschaften mehr in der Welt wären. — Leben Sie unterdessen wohl, mein liebster MostS, ich schreibe Ihnen mit nächstem viel mehr. Ihr Gedanke, daß derjenige, der cS für die größte Rache hält, jemanden lasterhaft zu machen, eine starke Anlage zur Tugend haben müsse, klingt paradox, er ist aber wahr. Den» so ein Mensch muß lasterhaft zu seyn für das größte Unglück halten, und tugendhaft zu seyn für das größte Glück. Was kann ihn also noch abhalten, an seinem Glücke zu arbeiten? — (ES ist hier nichts weiter zu überlegen, mein lieber Nicolai; und ich muß Sie versichern, daß ich beynahe eben das dem Verfasser des FrevgcistS gesagt habe.) Leben Sie nochmals wohl, liebster Freund; ich bin ganz der Ihrige Lessing. LessingS Briefe. 17Z8. 107 An Glcim. Leipzig, den 6. Februar 1758. Liebster Freund! Versöhnen Sie mich immer wieder mit unserm Grenadier, wenn er wirklich auf mich zürnen sollte. Sie wissen ja wohl: wenn der Poet nicht zugleich Soldat ist, so ist der Poet eine sehr nachlässige Creatur. Den Grenadier hat nur sein Stand so thätig und pünktlich gemacht; als Dichter würde er eS gewiß nicht seyn. Wenn ich cs aber in Zukunft nicht etwas mehr werde, so machen Sie zur Strafe, daß er mich anwirbt, und mich durch Hülfe sein-S CorporalS von meiner Faulheit curirt. Unterdessen versichern Sie ihn, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr bewundere, und daß er alle meine Erwartung so zu übertreffen weiß, daß ich das Neueste, was er gemacht hat, immer für das Beste halten muß. Ein Bekenntniß, zu dem mir noch kein einziger Dichter Gelegenheit gegeben hat! DaS Lied auf den Sieg bey Lowositz, und das auf den bey Lissa, ist wirklich schon unter der Presse, und beyde werden so, wie das auf den Roßbacher Sieg, gedruckt. Dem ungeachtet bleibt cS gewiß dabey, daß alle seine Lieder zusammen gedruckt werden sollen, und zwar noch eher als der Feldzug wieder angehen wird. Ich hoffe gar, noch diesen Monat; denn einige Zeit muß der Verleger haben, die einzelnen zuvor unterzubringen. Hatten Sie nicht in Ihrem vorhergehenden Briefe ausdrücklich verlangt, daß sie zuvor einzeln sollten gedruckt werden, so könnte jetzt gleich mit der Sammlung angefangen werden. Lassen Sie sich daher diesen kleinen Verzug gefallen, dem auf keine Weise noch abzuhelfen ist. — Und der Grenadier erlaubt cS doch noch, daß ich eine Vorrede dazu machen darf? Ich habe verschiedenes von den alten Kricgslicdcrn gesammelt; zwar ungleich mehr von den Kricgslicdcrn der Barden und Skalden, als der Griechen. Ich glaube aber auch, daß jene für uns interessanter sind, und auch ein größeres Licht auf die Lieder unsers neuen Skalden werfen. Was Sie unterdessen darüber angemerkt oder gesammelt haben, das theilen Sie mir ja mit; cS könnte leicht etwas seyn, was mir entwischt wäre. Der alte» Sicgeslicdcr wegen habe ich sogar das alte Heldcnbuch durchgelcscn, und diese Lectüre hat mich hernach weiter auf die zwcv so genannten Heldengedichte aus dem Schwäbischen Jahrhunderte gebracht, welche die Schweizer jetzt herausgegeben haben. Ich habe verschiedene Züge daraus angemerkt, die zu meiner Absicht dienen können, und wenigstens von dem kriegerischen Geiste zeugen, der unsere Vorfahren zu einer Nation von Helden machte. Beyläufig habe ich aber auch gesehen, daß die Herren Schwei- 108 Lessings Briefe. 1768. zer eben nicht die geschicktesten sind, dergleichen Monumente der alten Sprache und DenkungSart herauszugeben. Sie haben unverantwortliche Fehler gemacht/ und es ist ihr Glück, daß sich wenige von den heutigen Lesern in den Stand setzen werden, sie bemerken zu können, — Wie wollen Sie nun, mein liebster Glcim, daß der Titel zu den Liedern unsers Grenadiers heißen soll? Den müssen Sie selbst machen; aber machen Sie ihn so kurz als möglich. Dasjenige, was ich eben jetzt von Ihnen bekommen habe, wird also daS erste, und die übrigen folgen nach der Zcitordnung. Haben Sie wegen der historischen Richtigkeit derselben hin und wieder einige Anmerkungen zu machen, so unterlassen Sie eS nicht. Die Trommel bleibt stehn z der Obcrst- wachmeister hat cS erlaubt. — Haben Sie daS Schlachtlied gelesen, daS Morhof in seinem Unterricht zur deutschen Sprache und Poesie anführt? (S. 313.) ES ist überhaupt schlecht, die letzte Strophe aber hat mir gefallen, ob sie gleich nichts mehr enthalt, als was Sie in den zwey Zeilen sagen: Auch kommt man aus der Welt davon Geschwinder als der Blitz zc> Vielleicht haben Sie den Mordof nicht: hier ist derAnfang dcrStrophc. Kein secl'ger Tod ist in der Welt, Als wer fiir'm Feind erschlagen- Aus grüner Haid', im frevcn Feld, Darf nicht hör'» groß Wedklagen, Im engen Bett, da cin'r allein Mus! au den Todesrcvhn; Hier aber findt er Gesellschaft sein,' Falle» mit, wie Kräuter im Map» — :c. Sie haben doch mit den letzten Eremplarcn von dem Roßbacher SicgcSliede auch den Chrisiischen CataloguS bekommen? Wenn Sie nicht schon Jemand haben, dem Sie Ihre Commissionen geben, so senden Sie sie nur mir. Wollen Sie denn noch TrappS Anakreon? Der Herr von Rleist sagt mir ia, daß Sie diese Ausgabe schon hätten. Sehen Sie doch vorher nach; denn was soll sie Ihnen zweymal? Ich umarme Sie, liebster Freund, und bin ganz der Ihrige oder mit Gottschcden zu sprechen: Und dein Bewundrer bleibt der deine.') Lessing. °) Mit diesem Bersc hatte Gottsched damals ein Gedicht an Friedrich ii. geendigt. Lessings Briefe. 175». An Moses Mendelssohn. Liebster Freund! Ich bin krank gewesen, und befinde mich noch nicht recht wohl; sonst würde ich Ihnen schon längst wieder geschrieben haben. Ich will nicht wünschen, daß Sie eine gleiche Entschuldigung haben mögen. Meine Übersetzung des bewußten englischen Buchs ist größten- theils fertig, noch ist aber nichts davon gedruckt. So wie ein Bogen abgedruckt ist, werde ich ihn Ihnen zuschicken. Und alsdenn schreiben Sie mir fein alles, was Sie davon oder dabey gedacht haben. ES kommen, wie Sie finden werden, sehr schöne Anmerkungen darinn vor; allein das ganze Gebäude taugt nichts. Der Verfasser sagt- alle unsre Leidenschaften theilten sich in zwey Hauvtäste; in Leidenschaften, welche die Selbstcrhaltung beträfcn, und in Leidenschaften, die auf das gesellschaftliche Leben zielten. Die erstem, weil ihre Gegenstände nur Schmerz und Gefahr wären, würden zur Quelle des Erhabnen; und die andere, die sich auf Liebe gründeten, zur Quelle des Schönen. WaS sagen Sie zu diesem System? Daß der Verfasser einen sehr seltsamen Begriff von der Seele haben müsse. Den hat er auch. Die Leidenschaften sind ihm etwas, das Gott so in unsre Seele gelegt hat; etwas, daS nicht aus dem Wesen der Seele, auS einer gewissen Gattung von Vorstellungen entspringt; sondern etwas, das Gott dem Wesen der Seele obendrein gegeben habe. Eine Menge Empfindungen, sagt er, entstehen blos aus der mechanischen Struktur des Körpers, aus der natürlichen Bildung und Beschaffenheit der Seele, und gar nicht aus Folgen von Vorstellungen und Schlüssen derselbe«. So besitzt z. E. unsre Seele etwas, das er Sympathie nennt, und auS dieser Sympathie sind die Wirkungen herzuleiten, die das Unglück anderer, es mag wirklich oder nachgeahmt seyn, auf uns hat. — Das heißt ohne Zweifel sehr commodc Philosophiren! Doch, wenn schon des Verfassers Grundsätze nicht viel taugen, so ist sein Buch doch als eine Sammlung aller Eräugnungcn und Wahrnehmungen, die der Philosoph bey dergleichen Untersuchungen als unstreitig annehmen muß, ungcmein brauchbar. Er hat alle Materialien zu einem guten System gesammlet, die niemand besser zu brauchen wissen wird, als Sie. Ich bin sehr begierig, Ihre mit dem Hrn. Nicolai gemeinschaftliche Kritik des Codrus und des Frevgeists zu sehen. Der Verfasser des letzter» hat jetzt einen Dvurus gemacht, in Versen ohne Reime, « VM?^/^^'.^ 110 Lcssings Briefe. 1768. der seinem ersten Versuche nicht ähnlich sieht. Bey der Corrcktur des CodruS, habe ich mich meines ersten Entwurf» zu einem Trauerspiele über diesen Helden größtenthcils wieder erinnert. Ich würde die ganze Begebenheit in dem Dorischen Lager vorgehen lassen. Das Orakel müßte auf beiden Theilen bekannt seyn; und die Dorier müßten, dieses Orakels wegen/ bereits seit einiger Zeit alle Schlachten sorgfältig vermieden haben. AuS Furcht/ den CodruS unbekannter Weise zu ermorden, müßten sie in den kleinern Gefechten die Athcnicnscr nur zu greifen, und keinen zu todten suchen. Diese würden hierdurch natürlicher Weise eine große Überlegenheit gewinnen, und diese Ucber- lcgcnheit könnte so weit gehen, daß die Dorier den ganzen Krieg aufzuheben und Attika zu Verlassen gezwungen würden. Und von diesem Zeitpunkte würde sich mein Trauerspiel anfangen. Codrus, würde ich nun weiter dichten, habe es erfahren, daß die Dorier sich zurück ziehen wollten, und fest entschlossen, sich die Gelegenheit, für sein Vaterland zu sterben, nicht so aus den Händen reißen zu lassen, habe er sich verkleidet in das Lager der Dorier begeben. Hier giebt er sich für einen Mcgarenscr und heimlichen Feind von Athen aus, und findet Gelegenheit, den Feldherrn der Dorier zu überreden, daß die Athc- nienser'daS Orakel bestochen hatten, um ihnen eine so sonderbare Antwort zu ertheilen, durch die sie ihre Feinde zu schonen sich gcmüßiget fanden. Der Dorische Feldherr, der schon seinem Charakter nach eben so ungläubig ist, als sein Heer abcrgläubig, beschließt hierauf, alle gefangne Athcnicnscr auf cincn Tag umbringen zu lassen, und den Krieg fortzusetzen. Umsonst widersetzt sich ihm der Priester, der das Orakel geholt, und zeigt ihm die Mittclstraßc, die er zwischen der übermäßigen Furcht des Pöbels und der gänzlichen Verachtung dcS Göltcrspruchs halten solle. Er bcharrt auf seinem Entschlüsse, in welchem ihn der verkleidete CodruS zu bestärken weiß. Der beleidigte Priester schlägt sich also auf die Seite derer, die lieber zu viel als zu wenig glauben, und bringt den gemeinen Soldaten auf, der den Rath- gcbcr, den verkleideten CodruS, in der ersten Hitze des Aufruhrs ermordet. Und indem es nun bekannt wird, daß ihre Wuth das Orakel erfüllet, haben die Athenicnsischcn Gefangnen, deren nach meiner Anlage eine große Anzahl seyn können, sich in Freyheit gesetzt, und richten unter den Doriern eine so schreckliche Niederlage an, daß sie die Flucht ergreifen müssen. — WaS sagen Sie von diesen ersten Zügen? Man müßte sehr unfruchtbar seyn, wcnn man nicht ohne alle Episoden, fünf Auszüge darnach vollmachen könnte. Die meiste Kunst würde darinn bestehen, daß die Person des CodruS immer die vor- O Messings Briefe. 1758. 111 nehmste bliebe, und daß die verstellte Rolle, die er spielt, seinem Charakter und seinem edlcu Vorsatze nicht nachtheilig würde. Wenn Sie und Herr Nicolai etwas Gutes in diesem Entwürfe finden, so will ich ihn, weiter und besser ausgeführt, seiner Kritik an einem bequemen Orte mit einrücken. So scheint er noch ein wenig kahl. Wegen des Hrn. von Crouegk sagen Sie nur Hrn. Nicolai, daß cS hier eine längst bekannte Sache sey, daß niemand, als dieser junge Baron, der Verfasser des CodruS sey. Es befinden sich hier eine ziemliche Anzahl von seinen Freunden, auf die er sich kühnlich deswegen berufen kann. Wie wird cS mit dem Portrait zu dem dritten Bande werden? An das Portrait des Hrn. von Kleist ist gar nicht zu denken. Leben Sie wohl, liebster Freund, und schreiben Sie mir doch ja fein bald, und fein viel, damit unser Briefwechsel wieder in sein altes Gleis komme. Nun wird er zwar am längsten gedauert haben. An Hrn. Nicolai will ich nächstens umständlich schreiben. Ich bin ganz der Ihrige Leipzig, Lcssing. den 18. Febr. 1768.__ An Nicolai. Leipzig, d- 3. März 1768. Liebster Freund, Ihre Anmerkungen über meine Recension des Theokrit haben mir viel Vergnügen gemacht. Sie müssen das Griechische sehr fleißig treiben. Treibt es unser lieber Moses auch so?') Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie bald mehr davon wissen, als ich in meinem Leben davon gewußt habe. Auf Ihre Einwürfe unterdessen zu antworten, muß ich mir erst wieder einen Theokrit borgen, und mir hernach die Zelt ablauern, wenn ich zu solchen Untersuchungen Lust habe. Jetzt will ich Ihnen nur in der Geschwindigkeit auf einige Punkte antworten. °) Moses hatte damals angefangen sich auf das Griechische zu lege». Er hielt erst für allzuschwcr, es noch lernen zu könne». Auf mein Zureden, fing er im Z. 1767 an, es bcv dem scl. Ncclor Damm zu lernen, und machte in Kurzem schnelle Fortschritte. Wir beyde halte» darauf vier Jahre lang wöchentlich zwev Zusammenkünfte mit dem Nckt. Damm, jedesmal von zwev bis drcv Stunden, worin wir den ganze» Homer, einige Oden des Pndar, verschiedene Schriften des Plntarch u»d Xcuopl'o» gesellschaftlich durchlascn. ES waren sehr a»gc»chme und lehrreiche Stunde». Der alte 112 Lessings Briefe. 1768. Idyll XX. 30. 31. ES ist mir gar sehr wohl bekannt, daß die ^IUei vornehmlich das neuli'um plul-rilv mit dem Vcrbo im Singnlari konstrnircu. Allein, mein lieber Nicolai, 6' a'^x« ist nicht der Plnralis. Wen» Sie sich hier irren: so kömmt cö bloß daher, daß Sie den Dorischen Dialekt noch nicht völlig in Ihrer Gewalt haben. Und das ist auch von dem Lateinischen Ueberseher zu sagen; denn wenn «?^>xw der PluraliS wäre: sagen Sie mir, worauf sollte es gehen? auf welches Substanti- vum sollte es sich beziehn? Geht nicht ilao-«-, ^w«l-<-s, wenn ich mich recht besinne, gleich vorher? Und wie können Sie «?-vx« mit verbinden? Nein; «^x« steht dorisch für ä^-vx^; das ist leicht. Wie wollen wir aber mit ^« .zurecht kommen? und sehen Sie hier, was Loilritlius >I>i- ralis r aclclunt Dores; ut ^c>-> ^-c>^ ra-, /^ovcra-., o-^ <^ Allein Corinthus hätte dieses nicht allein von dem Nominativs PluraliS, sondern auch Singularis sagen sollen. Denn waS ist nunmehr hier deutlicher, als daß der dorische Dichter für ^ wie gewöhnlich « und anstatt «, 7« gesagt hat, so wie er für «l, sagt. S- 371. Nein, mein lieber Nicolai, >.-v/^c-5^ ist kein Adverbium, ob eS gleich hier adverbialiter gebraucht wird- Und das, wissen Sie wohl, ist ein großer Unterschied. Wie viele Genitivt brauchen wir nicht auch im Deutschen adverbialiter, die deswegen keine Adver> via sind! Die gemeinsten Lerica sagen: 5-^ pariiculu gli^u-»«!» aliun. llsns, alis^uanlio inoturn a loco ligniliei>n5. Diese ziuilicula also, in der letzten Bedeutung dem Dativ angehängt, und das jow ludlcrlpwm mit herangenoinmen, entsteht ^.Z-^-v, dorisch >^/Zl«^-v. Ein ähnliches Wort kömmt bey dem Homer vor, is^-v nehmlich, welches die Ausleger durch ^ ^? erklären. Doch vielleicht schreiben Sie, und finden auch vielleicht >^/Zv«^-v geschrieben; und alsdann haben Sie das, was ich vom joia luklei-ipto sage, nicht immer nöthig- ^- Ziehen Sie nur dieser zwey Punkte wegen Herrn Damm zu Rector Damm hatte, bey einer auffallenden Pedanterie, überaus viel gesunde» Verstand und Gutmülhigkcit. Er war uns ein lebendiges Lcricon, durch das uns keine Bedeutung eines Wortes fehlen konnte. Das Buch ward oft aus der Hand gelegt; wir hörten seine Wortcrklarungcn, und er unsere Bemerkungen über poetische Schönheiten, Charaktere, n. d. gl. Moses las nachher für sich den ganzen Plato, nud einen Theil des Aristoteles, griechisch. Man s. auch meinen Aufsatz in der Berlinischen Monatschrist im Mavstück des Z. 1800. S. 338. ff. Nicolai. LcssingS Briefe. 175«. 113 Rathe, wenn Sie anders noch sein Schüler und ihm nicht schon zu Kopfe gewachsen sind. Nun nicht ein Wort mehr vom Griechischen! Doch die Veränderung des Longpicrre soll ich Ihnen noch anzeigen. Er liefet in der letzten Zeile für Llz-^«?, öö--^«?. Diese Verbesserung ist mir allezeit so glücklich vorgekommen, daß ich sie seit langer Zeit im Gedächtniß behalten habe. Da ich mich aber von Longpicrre weiter nichts als seinen Anakrcon gelesen zu haben crinnrc, so muß sie wohl in seinen Noten über diesen Dichter stehen. Kein Wort mehr vom Griechischen, aber auch sonst kein Wort mehr. Denn eben letzt kommt Hrn. Dvck'S Bursche, und will den Brief haben. Den Augenblick! Aber, mein lieber Mann, er mag cS verantworten, daß ich Hrn. Nicolai nicht mehr, und Herrn MoseS diesmal gar nicht schreibe!-- Leben Sie beyde wohl, und lieben mich ferner. Ich bin ganz der Ihrige, Lessing. Nachschrift. Oder hat etwa keinludscii^>tuui? Der Zweifel fällt mir jetzt erst ein. Ich will mich dieses Punkts wegen unterrichten, sobald ich eine Grammatik haben werde. Bin ich nicht ein Grieche! An Glcim. Leipzig, den 8. März 1758. Liebster Freund, Daß ich ein wenig nachlässig bin, daS wissen Sie schon. Daß unser lieber Rleist seit vierzehn Tagen auf Commando ist, das wissen Sie auch schon. Folglich werden Sie sich wohl nicht sehr gewundert haben, daß Sie seit vierzehn Tagen keine Nachricht von uns aus Leipzig erhalten haben. Nun aber bekommen Sie auf einmal so viel Neues, so viel Interessantes, daß Ihnen dabei? ein langer Brief von mir sehr ekel sevn würde. Zwcv Exemplare von den neuen Gedichten unsers Freundes, und vierzig von den beyden Siegcslicdern meines Grenadiers! Brauchen Sie von den letzter» mehr, so melden Sie cS> cS stehen so viele zu Ihrem Befehle, als Sie verlangen. Was sagt der Grenadier von dem Major? Eine Compagnie solcher Poeten, so will ich den ganzen Französischen Witz damit zum Teufel jagen. Leben Sie wohl, mein Lcsliugs Merke XU. 8 L-ssings Briefe, 1768, licbstcr Glcim; und Sie mögen mir auf diese Zeilen antworten oder nicht, so schreibe ich Ihnen doch mit erster Post ei» mchrereS. Ich bin Ihr ergebenster Frcnnd Lessing An Kleist.") Liebster Freund, Unser Glcim ist ein recht böser Mann, daß er mir den Tag seiner Ankunft beh Ihnen, gemeldet zu haben vorgicbt, und zwar bey guter Zeit gemeldet zu haben vorgicbt. Ich habe seit vier Wochen keine Zeile von ihm gesehen, ob ich ihm gleich die Exemvlarc von seinen Licdcrn lind ihren neuen Gedichten schon längst geschickt habe. N»r erst vorigen Sonnabend bekomme ich einen Brief von ihm, der den 27. Februar datirt ist, und worin freylich etwas von seiner Reise zu Ihnen steht; ich möchte aber wohl wissen, wo dieser Brief liegen geblieben Ware, ob bey ihm in Halberstadt oder hier in Leipzig. Da ich also die Zeit, wenn er bey Ihnen seyn wolle, nicht eher erfahren habe, als bis er schon längst wieder weg war; so kann ich wohl mit Recht sagen, daß ich sie gar nicht erfahren habe. Rechnen Sie mir, licbstcr Freund, mein Aussenblcibcn also nicht zn; und seyn Sie ja nicht ungehalten. Ich habe doch einzig und allein das meiste dabcv verloren. — Aber ist es wirklich andem, daß der Herr Pastor Lange mit seiner Doris zugleich bey Ihnen gewesen ist? Was würden wir einander für Gesichter gemacht haben! Und der boshafte Glciin, was für Einfalle würde er auf unser beyder Rechnung haben strömen lassen! Er würde uns haben versöhnen wollen, und wir würden haben thun müssen, als ob wir niemals Feinde gewesen waren. Es ist mir bey dem alle» recht lieb, daß ich dieser Verlcgcnhcit entgangen bin. Sie bleiben auch gewaltig lange weg, liebster Freund. Und gleichwohl darf ich es nun kaum recht wagen, Sie zu besuchen. Denn ich weiß, daß der Herr General schon zu verschicdnen Malen gesagt hat, daß er Sie alle Tage wieder erwarte. Morgen geht daS Bataillon Garde von hier weg; nach Breßlau, wie man sagt. Das ist die einzige Neuigkeit, die ich Ihnen von hier °) Zuerst in dem Briefwechsel mit Gleim gedruckt. Zum Theil liiho- raphiert i» „Facsimile von Handschriften berühmter Männer und Franc» aus der Sammlung dcs Herausgebers, bekannt gemacht von vr Wilhelm Dorow", Heft 11, Berlin (ohne Zahr), N. 28. Lessings Briefe. 1768. 115 melden kann. Oder wollen Sie noch etwas neues von Gottschcdcn wissen? Er wird mit dem Gesalbten unsers GleimS immer bekannter/ immer vertrauter. Es hat wieder französische Verse gesetzt, nebst einer goldncii Tabatiere und einem Ringe. Er macht gar kein Geheimniß draus; er ist vielmehr so stolz drauf/ daß er die ganze Unterredung, die er hier mit dem Könige gehabt hat, in sein Neuestes hat eindrucken lassen. Gott wolle nicht, daß unser Gleim seinen Patrio- tiSmum auch so weit treibt, daß ihm Gottsched durch diese Bekanntschaft rcspcctablec wird! Jetzt ist es vielmehr die rechte Zeit, neue und blutigere Satyrcn wider ihn zu machen, als man noch je gemacht hat- Und wenn wir damit zaudern, so wird er uns selbst zuvorkommen. Denn es ist ganz gewiß, daß er wieder eine neue Aesthetik in einer Nuß drucken laßt. Ihre neuen Gedichte werden ihm gleich noch zur rechten Zeit gekommen seyn. Wenn ich doch nur auch unterdessen etwas geschrieben hatte, damit ich nicht etwa vergessen würde! — Leben Sie wohl, theuerster, liebster Freund, und kommen Sie ja bald wieder. Ich bin Zeit Lebens Leipzig ganz der Ihrige den 1-t März 175,3. Leßing. An Moses Mendelssohn. Liebster Freund! Sie haben einen Theil der Entschuldigungen meines langen Stillschweigens errathen. Ich bin verschiedene Tage außer Leipzig gewesen; obgleich nicht auf Erecution. Wollen Sie auch meine übrigen Entschuldigungen wissen? Ich bin auf einmal in eine Arbeit gerathen, in der ich mich gern auf keine Weise habe unterbrechen wollen. Sie kennen mich, und ich kenne mich selbst; ich muß meine erste Hitze zu nutzen suchen, wenn ich etwas zu Stande bringen will. Unterdessen haben Sie nicht Ursache, auf diese Arbeit neugierig zu seyn. Gegen Sie werde ich am wenigsten damit groß thun. Sie ist fast von der Art, von der nur Sie mich in Berlin ziemlich abgezogen haben; und ihre Gegenstände sind von alle dem so gänzlich unterschieden, worüber Sie mir geschrieben haben, und ich Ihnen antworicn sollen, daß ich dicscsmal, liebster Freund, an Sie oder den Hrn. Nicolai zu schreiben, nothwendig für eine Zerstreuung ansehen mußte. Ich bin darüber sogar von meinem Engländer abgekommen, und ich schicke ihn daher unterdessen zu Ihnen. Unterhalten Sie sich so lange mit ihm, bis ich 8° LcssingS Briefe. 1758. mich aus dem Wüste von Gelehrsamkeit, in welchen ich jetzt versunken, wieder heraus gearbeitet habe. Meine Ucbcrsctzung kann zur Messe nunmehr doch nicht fertig werden; und ich habe Sie ohnedem über verschiedne Punkte derselben vorher zu Rathe zu ziehen. Wie wollen Sie z. E. äoliZkt, in so fern cS unser Engländer dem plealuie entgegen stellet, übersetzen? Doch das ist eine Kleinigkeit; ich erwarte von Ihnen weit wichtigere Anmerkungen über das ganze System des Verfassers. Schreiben Sie mir alles, was Ihnen darüber einfällt. Ich hebe Ihre Briefe heilig auf, und werde alle Ihre Gedanken zu nutzen suchen, sobald ich mich der Sphäre der Wahrheit wieder nähern werde. Jetzt schweife ich in der Sphäre der historischen Ungewißheit herum, und Sie glauben nicht, mit welcher Menge von nichtSwürdi- gen Kleinigkeiten mein Kopf jcht angefüllt ist. Der einzige Vortheil, den ich davon wegbringen werde, ist dieser, daß ich das alte schwäbische Deutsch gelernt habe, und die Gedichte darin», welche die Schweizer anS Licht bringen, mit vieler Leichtigkeit nunmehr lese. Ich wollte daher, daß Herr Nicolai nicht schon die Fabeln der Minnesinger und die Krimhilden Rache recensier hätte; ich würde Verschiedenes dabey zu erinnern haben, welches zeigen könnte, daß die Schweizer dieser Arbeit bcv weitem nicht so gewachsen sind, als sie glauben. Sie haben in ihren Alollui'ii«, die sie dem alten Dichter beygefügt, sehr grobe Fehler gemacht. Zu so einer Arbeit finde ich mich allenfalls jetzt aufgelegt, nicht aber GlcimS Fabeln zu recensircn. Unterdessen, da Sie und Herr Nicolai eS durchaus haben wollen, so soll eS geschehen, ich werde aber sehr wenig zu dem Ihrigen hinzusehen, außer der Vcr- gleichung, die ich zwischen der Fabel von den Pferden auS dem Gay und der Gleimschen Nachahmung anstellen will. — Nunmehr aber auch auf Ihren Brief über das Wesen der schönen Wissenschaften zu kommen. Wollen Sie mir nicht ein wenig einen deutlichern Begrif davon machen, als mir Herr Nicolai davon gemacht hat? WaS habe ich denn dabcv zu thun, daß mir Herr Nicolai schon den Nahmen Theophrast gegeben hat? Thcophrast! Je nun; wenn es nicht anders ist, so bin ich hiermit Leipzig, ganz der Ihrige den 2. April 1758. , Theophrast.') °) Moses Halle in des erste» Bandes zweyte»! Stucke der Bibliothek der schone» Wissenschaften eine Abhandlung über die Quelle» und die Verbindungen der schönen Künste und Msseiischaflc» eingenickt. Diese Materie war oft der Gegenstand unserer Unterredungen, und wir kamen bey diesem LcsstngS Briefe. 1768. t17 An Glcim. Leipzig, den 19, April 1758. Liebster Freund, Ich wünsche von Ernnd meiner Seelen, daß Sie der liebe Gott bey dem vortrefflichen Einfalle, der mir Ihren letzten Brief so angenehm gemacht hat, bis hicher möge erhalten haben. Ja, liebster Glcim, lassen Sie sich ja nicht» abhalten, daS Schwabensvrüngelchen zu thu»! Unser bester Freund bleibt wenigstens noch vierzehn Tage hier. DaS Regiment hat zwar Befehl bekommen, sich marschfertig zu halten; aber da der Prinz Heinrich sein CorpS wohl schwerlich so bald zusammenziehen möchte, und da noch vorher ein Regiment aus Berlin hier eintreffen soll, um daS Hauscnsche abzulösen: so können Sie sich sicher auf den Weg machen. Ich stehe Ihnen dafür, daß lclirrcichcn Gcdankcnwcchscl in einen freundschaftlichen Streit, weil ich Verschiedenes, besonders in Anwendung auf die schönen Künste, aus einem ganz andern Gesichtspunkte ansab, als mein Freund Moses. Ich wollte erst eine zweyte Abhandlung über diese Materie schreiben; bcrnach aber überlegte ich, es würde besser sevn, daß jeder von uns beiden die Sache aus seinem eigenen Gesichtspunkte betrachtete. Ich schlug also vor: wir wollten einander Briefe schreiben, worin jeder seine Gründe vortrüge, und die Gründe des Andern nach seiner Art widerlegte, ungefähr wie in Moses Briefen über die Empfindungen, Unsere Briefe wollten wir dann an Lcssmg schicken, der uns auch antworten, und auf diese Art an der Aufklärung der uns so interessanten Materie Theil nehmen sollte. Wir glaubten so ein lehrreicheres Buch zusammen zu bringen, als wenn jeder eine Abhandlung schriebe. Moses billigte diesen Borschlag nngcmein. Ich schlug vor, das; wir die Briefe mit antiker Simplicität zn schreiben suche» und griechische Namen »ntcrjeiclincn sollten; für Moses schlug ich dc» Namen Euphranov vor, sür mich Ra- loplnl, und sür Lcssing Tkeoplirafl. Moses schrieb, dieser Idee zufolge, gleich an mich den ersten Brief. Ich war eben beschäftigt denselben zu beantworte», als ich eine» Brief an Lessing schricb, der gleich so vielen andern verloren gcganqcn ist. Darin gab ich ihni von unserm Borbabc», doch nur auf eine versteckte Art, Nachricht, um ihn neugierig zu inachcn. Ich schrick' ihm zugleich: er werde de» Name» Thcophrast a»»ch»icn müssen. Als Lcssing kurz darauf »ach Berlin kam, gaben wir ilmi unsere bcidcn Briefe, Wir schwatzten schr oft und sehr viel über alle zu diesem Gegenstände gehörigen Materien. Thcovhrast aber schricb keinen Brief, und unsere beiden sind wahrscheinlich mit seinen 'Papieren, die er zn verschiedenen Zeilen verloren hat, auch verlöre» gegangen. Nicolai. ^t»t 118 Lesswgs Briefe. 1758. Sie nicht fehl reisen werden. Was werden wir für Freude habe»/ wenn Sie kommen! — Sie kommen doch ganz gewiß? Aber wie haben Sie glauben können, daß ich die Sammlung der KriegeSliedcr vergessen würde? Ich habe bisher mit Fleiß davon geschwiegen, um Sie nächstens damit zu überraschen. Das Format wird ungefähr wie die Gedichte unsres Freundes; aber noch ein wenig kleiner- Lassen Sie mich nur machen- ich will Ihnen zeigen, daß ich ein ziemlich gustöscc Buchhändler geworden wäre, wenn mir nickt das eigensinnige Schicksal/ anstatt Bücher drucken zu lassen und reich zu werden, auferlegt hätte/ Bücher zu machen und nicht reich zu werden. Herr Ramler versvrach mir in seinem letzten Briefe/ zu jedem Liede eine eigne Composition aus Berlin.zu schicken; ich habe ihn bey sei» nein Worte gehalten, und erwarte sie nächstens. Sie sollen in Kupfer dazu gestochen werden. Äabc ich dem Grenadier schon sagen lassen, daß mir seine Zusätze zu dem Roßbachcr Liede ungemcin gefallen haben? Nur ist die Strophe vom Nürnberger ein wenig zu fein, als daß das Lächerliche darin eben so geschwind auf den Leser wirken könnte, wie in den ander» ähnlichen Strophen. Von seiner vorgeschlagenen Verkürzung des Eingangs zum Lissaischen Liede halte ich, eigentlich zu reden, nichts. Will er aber durchaus lieber einige Schönheiten verlieren, als den Beyfall der Runstrichtcr von kurzem Athem (denn nur ein kurzer Athem kann den Eingang zu lang finden) entbehren; so muß er wenigstens die erste und letzte Strophe davon beybehalten. Und wenn er die übrigen wegwirft, so werde ich sie doch, allen Schwindsüchtigen zum Trotze, entweder in einer Anmerkung oder in der Vorrede beybehalten. Herr Aeyer') hat unS besucht, aber nur immer auf einige Augenblicke. Wenn er wieder aus Dresden zurück kommt, hoffen wir ihn länger zu genießen. Herr Voeise hat sehr übel daran gethan, daß er den Grenadier verrathen hat. Ich will ihn dafür wieder verrathen, und Ihnen entdecken, daß beylegende Lieder von ihm sind. Sie werden einige sehr artige darunter finden. Aber zwey Dritthcilc hätte er, meines Erach- tcnS, gar nicht sollen drucken lassen. Der gute Mann ist jetzt krank- Leben Sie wohl, liebster Freund, und kommen Sie ja so bald als möglich. Ich bin ganz der Ihrige Lcssing. °) Damals Kammer-Sckrclair in Halbcrstadt, itzt Geheimer Fmanzrach in Berlin, Verfasser vo» Gedichten uiilcr dem Tilcl: Vermischte Poesien. Lesfiugs Briefe. 4758, > An Glcim. Berlin.- den 8. Julius. 17S8. Liebster Freund, Sie glauben nicht, wie zufrieden ich mit Ihnen und dem Grenadier bin. Er hat sich vortrefflich auS dem Handel gezogen/ und ich wüßte nicht das geringste, was in seinem Collinischen Liede zu ändern wäre. ES kam noch eben zurecht, obgleich der Druck schon bis in das Roßbachische Lied fortgerückt war. Einer so interessanten Vermehrung wegen, hat ja leicht ein Bogen können weggeworfen werden. Sieben Lieber hat Herr Rrause comvonirt; daS Collinische muß das achte seyn. Denn dieses muß nothwendig eine andre Melodie bekommen, weil ein eigner Geist darin herrscht, der zu den andern Melo- diccn nicht passen würde. Ich hoffte, Ihnen heute den Abdruck des TitclkupfcrS, von der Erfindung des Herrn Meil, mitschicken zu können; da uns aber der Kupferdrucker aufhält, so soll cS künftigen Posttag folgen. ES wird Ihnen gefallen. Endlich hat unser lieber ZUeist alle meine Briefe erhalten; er wird also nun auch wohl den Ihrigen bekommen haben, da Sie ihm von hieraus geschrieben. Ich habe gestern verschiedene Veränderungen seiner letzte» Hymnen von ihm erhalten. Auch hat er mir ein ziemliches Stück auS seinem größten Gedicht Cissides mitgeschickt, welches ich Ihnen abschreiben, und daS nächstemal gewiß schicken will. Sie haben es errathen: Herr Ramler und ich machen Projccte über Projectc. Warten Sie nur noch ein Vierteljahrhundcrt, und Sie sollen erstaunen, was wir alles werden geschrieben haben! Besonders ich! Ich schreibe Tag und Nacht, und mein kleinster Vorsah ist jetzt, wenigstens noch drevmal so viel Schauspiele zu machen, als Lope de Vega. Ehestens werde ich meinen Doctor Faust hier spiele» lassen. Kommen Sie doch geschwind wieder nach Berlin, damit Sie ihn sehen können! Mit unserer Sammlung auserlesener Epigrammen werden wir nun bald hcrvorrückcn. Wenn cS sich unterdessen noch etwas verziehen möchte, so hat niemand daran Schuld, als ein Freund in Halbcrstadt, der uns seine Epigrammen verändert einzuschicken versprochen hat. Er hat auch versprochen, seine alten deutschen Dichter nachzuschn, und was uns nützlich seyn könnte, daraus mitzutheilen. Aber der gute Mann hat nur einen Sonntag in der Woche, und da kann er srcvlich nicht alles thun. Besonders so lange ihn der Grenadier Sonntags besucht! 120 Messings Briefe. 1768. Hicrbcy erfolgen die verlangten zwcv Exemplare von Bachs Gel- lertschcn Oden. Werden Sie nur >a nicht gar zu fromm daraus! Ich hoffe zwar, daß Sie sie bloß der Musik wegen kommen lassen. Und in so fern wünsche ich fröhlichen Gebrauch. Ich bin, mein liebster Gleim, auf immer und ewig Jbr ergebenster Lcssing. -An Glcim. Berlin, den e. Aug. 1758. Liebster Freund, Ach habe Ursache, Sie tausendmal um Vergebung zu bitten. Sie hätten cS sich wohl schwerlich eingebildet, daß ich Ihnen auf Ihren letzten Brief die Antwort so lange schweig bleiben sollte. Aber glauben Sie mir nur, niemand anders, als der Grenadier ist daran Schuld. Seine KricgSlieder sind schon seit vierzehn Tagen fertig, und nur der verdammte Notcnstecher hat uns von einem Tage zum andern aufgehalten, daß ich Ihnen kein vollständiges Exemplar habe schicken können. Heute bekomme ich endlich den ersten Abdruck (und doch fehlen noch die pa^in»?, wohin jede von den Melodiccn zu binden ist, daran:) und ich will nicht länger anstehn, Ihnen wenigstens eine Probe zu schicken, WaS sagen Sie dazu? Wird der Grenadier damit zufrieden seyn? Vertrösten Sie ihn nur noch zwey oder drey Tage, bis der Bogen Noten völlig abgedruckt ist, und er soll so viele Ercmplarc, als er nur immer haben will, nachbekommen. Vor allen Dingen machen Sie ja, daß er mit meinem Vorbericht nicht ganz unzufrieden ist. Hätte ich gern in der Welt etwas recht gut machen wollen, so wäre c» dieser Vorbericht gewesen; aber was hilft cS, daß man etwas will, wenn man nicht die Kräfte dazu hat! Alles, was ich hätte sagen können, zu sagen, dazu hatte ich nicht Platz: und da» wichtigste und vornehmste davon zu sagen, nicht die erforderliche UntcrschcidungSkraft, ohne Zweifel. Sollte also der Grenadier mit meinem guten Wille» eben so wenig zufrieden seyn, als ich eS selbst bin: so versprechen Sie ihm nur, daß ich eS bey einer zweyten Auslage besser machen will. Denn alsdann sollen Sie, liebster Freund, mir mit Ihrem guten Rathe mehr an die Hand gehen, und in dem Vorbcrichte ändern, auS- strcichcn, hinzusetzen, wie und wo eS Ihnen gut dünkt. Lcssingö Briefe. 1768. 121 Um auf die loo Thaler zu kommen, die Sie mir auf Order unseres Freundes zu schicken die Gütigkeit gehabt haben — ich habe sie richtig erhalten, und hier erfolgt eine bürgerliche Quittung darüber, so gut ich eine zu machen weiß. Ich würde Ihnen die Unwahrheit sagen, wenn ich vorgeben wollte, daß ich das Geld nicht brauchen könnte. Allein es wäre auch die Unwahrheit, wenn ich Ihnen sagte, daß ich eS unumgänglich nothwendig brauchte. Der Herr von Meist ist ein zu großmüthiger Freund; und auch das heißt schon, sein gutes Herz mißbrauchen, wenn man nur alles annimmt, was er frcvwillig thut. Ich habe mir diese Vorwürfe schon längst zu macheu, und bin nicht selten darüber mißvergnügt. Uehermorgen schreibe ich wieder an ihn, und schicke ihm ein Exemplar von den Kriegcsliedern. Wissen Sie, daß ich Jhrentwcgcn in Sorge gewesen bin, als ich die abermalige Annäherung der Soubisischcn Armee vernahm? Wie gut, daß Sie wieder zurück ist! Von hieraus wüßte ich Ihnen auch nicht das geringste Neue zu schreiben, so still ist alles. Aber in desto größerer Erwartung sind wir. Leben Sie wohl, liebster Freund. Uebermorgen schreibe ich gewiß wieder. Ich bin ganz der Ihrige Lessing. An (?ilcim. Berlin, den 11. August 1758. Liebster Freund/ Endlich kann ich heute Exemplare von den Kriegcsliedern abschicken. Es sollte mir leid thun, wenn der Grenadier über das ewige Zaudern ungeduldig geworden wäre. Allein er wird wohl wissen, daß sich nicht alles zwingen läßt; denn sonst hätte er uns auch wohl schon längst wieder etwas von einem neuen Siege, und seinem Liede auf denselben hbren lassen. Nun schreiben Sie mir auch ja bald, was er zu der Ausgabe überhaupt, und insbesondre zu meinem Vorberichtc, gesagt hat. Ein dergleichen gebundenes Eremplar, als Sie mit erhalten, haben hier auch die Herren Sulzcr, Rainler, Rrause und Agricola in Ihrem Namen bekommen. Desgleichen habe ich auch gestern eins an unsern lieben Rlcist abgeschickt. ^i>'.'.-v-< 122 Lessings Briefe. 1768. Sollten Sie mehr als beykommcndc 25, Ercmplarc benbthigt sevn, so dürfen Sie nur verlangen. Herr Voß läßt sich Ihnen bestens empfehlen. Sie haben doch meine zwey letzten Briefe erhalten? Ich bin, liebster Freund, ganz der Ihrige _ _ Lessing. An Glcim. Berlin, den 5. September 1758. Liebster Freund, Die verdammte Saumsaal von einem Buchbinder ist Schuld, daß ich Ihnen nicht eher geschrieben habe. Hier erhalten Sie denn end- lich die sünf gebundenen Exemplare, wovon ich das sechste an Herrn Bach geschickt habe. Wegen der ersten gebundenen Exemplare, welche im Namen des Grenadiers Ihre hiesigen Freunde bekamen, habe ich nichts ausgelegt. ES war ein Einfall, welchen Herr voß hatte; und als Verleger kann er diese kleine Ausgabe schon vergessen. ES ist ihm unterdessen sehr lieb, daß eS Ihren Beyfall erhalten hat. Aber so ist er denn wirklich todt, unser Grenadier? Die verdammten Russen! Ich habe eS wohl gedacht, daß solche Barbaren keinen Respect für die Poesie haben würden. Ich hoffte aber doch immer, der Grenadier würde mit einer Wunde wegkommen. Und wenn er dann verwundet und dem Tode für seinen König nahe wäre, dachte ich, so würde er vielleicht sein Schwancnlied singen. Seine Wunde und sein herannahender Tod hätte einem SiegcSliedc eine sonderbare Wendung verschaffen können. Die griechische Grabschrift, die ich ihm, vielleicht aus einer heimlichen Ahndung, gesetzt habe,sind zwcv alte Verse, die bereits Archi- lochuS von sich gesagt hat: Ich bin ein Anechr des Enyalischcn Rönigs (des MarS), und habe die liebliche Gabe der Musen gelernt- Sie schienen mir wegen ihrer cdeln Simplicität der Anführung würdig zu seyn, und drücken den doppelten Charakter eines solchen kriegerischen Dichters aus. Würden sie nicht auch vortrefflich unter das Bildniß unsers Rleisto passen? Was ich seinetwegen in Sorgen bin! Ich fürchte, ich fürchte, er wird jetzt mehr zu thun finden, als er sich wünscht. Von dem Siege über die Russen hat man die ersten Tage so mancherley und sich widersprechende Nachrichten hier gehabt, daß ich Ih- LcssingS Briefe. 1758. 123 m» bloß deswegen nichts habe schreiben wollen. Alles, was wir jetzt Zuverlässiges davon wissen, steht in den Zeitungen. Die zehn Thaler habe ich nach Ihrem Verlangen angewendet; cS sind dreyßig Exemplare davon geheftet worden, und sie liegen schon seit mehreren Tagen unter den gehörige» Addresscn eingepackt. Da aber der König einen großen Theil von den Regimentern, welche bey Zorndorf geschlagen, mit sich genommen hat, und man nicht weiß, wo diese sich jetzt befinden, so will man die Pakete auf der Post noch nicht annehmen. Verlassen Sie sich aber darauf, daß alles nach Ihrer Absicht auf daS Beste besorgt werden soll. Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich umarme Sie tausendmal. Meine Empfchlnng an Herrn Äcver. Ich bin Ihr ergebenster ' _ Lesstng. An Glcini. Berlin, den 19. Octobcr 1758. Liebster Freund, WaS werden Sie von mir sagen, daß ich mir immer wenigstens vierzehn Tage zu einer Antwort nehme? Sie werden sagen, daß ich immer derselbe bin! Gebe Gott, daß ich cS auch bleiben möge! Denn ich besorge sehr, daß ich noch bequemer, noch wollüstiger werde. Unterdessen sind Sie doch mein lieber Gleim, der sich über die natürlichen Gebrechen seiner Freunde nicht erzürnt, sondern sie zum besten auslegt. Von den bcvdcn Werken des Mably war in der Vossischcn Buchhandlung nur eins vorrätbig. Man machte mir Hoffnung, daß es alle Tage von der Messe kommen müsse; und dieses ist die wahre Ursache meiner verzögerten Antwort. ES ist aber noch nicht da, und nun will ich nicht länger warten. DaS profitircn Sie doch dabcv, daß Sie an> statt eines neuen Stücks der Bibliothek, zwey derselben erhalten. Die Recension von Ihren Fabeln hat Herr Moses gemacht. Ich habe selbst noch nicht recht ponderirt, ob Sie damit zufrieden scvn können. Nun ich mich bey Ihnen entschuldiget habe, werde ich mit Ihnen zn zanken anfangen. Warum bereden Sie mich denn, daß der Grenadier bey Zorndorf geblieben wäre? Der Major, der es doch wohl besser wissen muß, schreibt mir das Gegentheil, und sagt, daß er ein vortreffliches Stück aus einem Liede über diesen letzten Sieg von ihm 124 Lessings Briefe. 1768. erhalten habe. Sie haben mich ganz gewiß bey ihm verkleinert, daß er es nicht auch mir geschickt hat. Machen Sie ja, daß ich eS erhalte, oder — oder ich werde Ihre Uebcrsctzungen des Anakrcon ganz grausam kritisiern, Sie denken dieser Drohung vielleicht auszuweichen, wenn Sie mir sie nicht schicken. O, ich kann sie kritisiren, ohne sie gelesen zu haben. Aber in Ernst, liebster Freund, versprechen Sie Ihren Freunden doch nicht-, was Sie nicht halten wollen. Ich will Ihren Anakrcon mit nächster Post haben. Mein Bcvfall ist eine Kleinigkeit; aber auch Kleinigkeiten können manchmal neue Lust zu einer bey Seite gelegten Arbeit machen. Da ich so faul bin, so mochte ich doch gern Sie und unsern Rlcist und unsern Ramleu recht fleißig machen. Dem letztem bin ich auch, wegen unsers Logaus/ ihr ziemlich scharf auf dem Dache; oder er mir. Und unser lieber Rlcist soll sich auch ehestens wieder gedruckt sehn. Ich habe seinen CissideS nun ganz, alle seine Veränderungen eingetragen; Herr Meil macht Vignetten dazu, und er soll mit ehestem ein Pendant zu den KriegeSliedern werden. An dem Drucke wäre auch schon angefangen worden, wenn Herr Voß nicht auf der Messe gewesen wäre. Da Sie nicht im Stande seyn würden, einigen Vortheil von einem auf Ihre Unkosten zu unternehmenden Drucke zu zieh», und auch an keinen Vortheil denken, so überlassen Sie ihn nur Herrn Voß, der ihn mit Vergnügen übernimmt. Ihre Rechnung wird er Ihnen schon schicken. DaS Stück von Gellerts Oden durch Vach kostet 1 Rthlr. Künftig will ich Ihnen eine Liste von den Regimentern senden, an welche Exemplare von Ihren Liedern abgeschickt worden. Wissen Sie, daß das Hauscnschc Regiment bereits einen Marsch davon hat? AllcS Neue, was wir hier wissen, werden Sie aus unsern Zeitungen sehen können. Wie war cS aber immer möglich, sich von den Oestreichcrn überfallen zu lassen! *) Und/ muß dem schläfrigen Dann so ein Streich gelingen! Aber der Konig hat selbst dem Hofe bald bessere Nachrichten versprochen; und wir hoffen sie. Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich bin ganz der Ihrige Lcssing. -------- °) Vcy Hochkirchc». Lcssings Briefe. 176?. 125 An Gleim. Berlin/ den 16. Deccmb. 1728. Liebster Freund! Ich bleibe Ihnen die Antwort auf Ihre letzten sehr angenehmen Briefe lange schuldig. Sie werden die Ursache gleich hören. Vor allen Dingen muß ich Ihnen sagen, daß ich das Gedicht unser-Z Grenadiers, als ein Gedicht, mit dem größten Vergnügen gelesen habe. Er ist hier weit ernster, feyerlichcr, erhabener, als in seinen Liedern, ohne deswegen auS seinem Charakter zu gehen. Allein soll ich eS für nichts, als für eine Wirkung seiner frappanten Art zu malen halten, wenn mir bey verschiedenen Stellen vor Entsetzen die Haare zu Berge gestanden haben? Sehen Sie, liebster Freund, ich bin aufrichtig, und ich kann es gegen Sie ohne Gefahr seyn. Ich wollte diese Stellen nicht zum zwcytcnmal lesen, und wenn ich noch so viel damit gewinnen könnte. Ja, gesetzt, es wird über kurz oder lang Friede; gesetzt, die itzt so feindselig gegen einander gesinnten Mächte söhnen sich auS — (ein Fall, der ganz gewiß erfolgen muß) —: waS meinen Sie, daß alsdann die kältern Leser, und vielleicht der Grenadier selbst, zu so mancher Uebertreibung sagen werden, die sie itzt in der Hitze des Af- fcctS für ungezwcifcltc Wahrheit halten? Der Patriot überschrcvct den Dichter zu sehr, und noch dazu so ein soldatischer Patriot, der sich auf Beschuldigungen stützt, die nichts weniger als erwiesen sind! Vielleicht zwar ist auch der Patriot bey mir nicht ganz erstickt, obgleich das Lob eines eifrigen Patrioten, nach meiner DcnkungSart, daS allerletzte ist, wonach ich geihcn würde; des Patrioten nehmlich, der mich vergessen lehrte, daß ich ein Weltbürger scvn sollte. In diesem Falle also, wenn eS nehmlich eine bloße Collision des Patriotismus ist, die mich dicseSmal mit unserm Grenadiere weniger zufrieden macht, als ich sonst zu seyn so viel Ursach habe — vei-iam peiimus cladi- mus^iiL vicillim. Ich war auch, in Betrachtung dessen, gar nicht Willens, daS Gedicht unsers Grenadiers zu unterdrücken, oder wenigstens vom Drucke abzuhalten. Allein da jetzt nicht eine Zeile ohne Censur und Erlaubniß hier in Berlin gedruckt werden darf, so mußte eS nothwendig vorher ccnsirt werden, und erst heute erfahre ich, baß eS die Censur nicht passircn kann. Ohne Zweifel ist die anstößige Erwähnung des von Ratt die vornehmste Ursache. Der König hat sich in dieser Sache selbst zu öffentlich Unrecht gegeben, als daß eS ihm angenehm seyn könnte, sich auf eine solche Weise daran erinnert zu sehen. >M > ' 12« LcssingS Briefe. 1758. 176!). ^ Unterdessen, liebster Freund, werde ich das Gedicht doch der, mir behalten, und in wenig Wochen einen Gebrauch davon machen, bey welchem der Dichter keine Gefahr läuft, und der Herausgeber sich nichts vorzuwerfen hat. Sie sollen damit zufrieden seyn; ich weiß es gewiß. Zeigen Sie aber dem Grenadier diesen meinen Brief nicht, denn ich fange wirklich an mich vor ihm zu fürchten. ES scheint, er läßt sich zu leicht in Harnisch jagen. Sein Major hat weit kälteres Blut, und ich würde wider den Schluß seines CissideS nichts zu sagen haben, wenn ich auch der eifrigste Verfechter der Gcgenvarthcv wäre. Ich bin es aber nicht; daS wissen Sie. Leben Sie wohl, liebster Freund, und schreiben Sie mir mit nächster Post, wenn ich nicht glauben soll, daß ich Sie durch diesen Brief unwillig gemacht habe. Ich bin Zeitlebens Ihr ergebenster Freund. Lessing, An Glcim. Berlin, d. 14. Febr. 1759. Liebster Freund, Ich wollte Ihnen eben schreiben, und unserm kleinen Streit ein Ende machen, als ich Ihren Brief mit der neuen Abschrift erhielt- Er macht, daß ich Ihnen ganz anders schreiben muß, als ich mir vorgenommen hatte, denn Ihre Verbesserungen haben der Sache eine andere Gestalt gegeben. Alle unsere Freunde hier müssen mir bezeugen, wie sehr ich mit dem Gedichte des Grenadiers, als einem Gedichte, gleich vom Anfange zufrieden gewesen bin. Es ist mir nichts darin anstößig gewesen — (auch nicht einmal rippeln :c) — als bloß die Verwünschungen, von welchen ich überhaupt ein abgesagter Feind bin. Und diese Verwünschungen haben nothwendig einen so starken Eindruck auf mich machen müssen, da sie einen Prinzen betrafen, von dessen Charakter ich weit anders überzeugt bin, als daß ich das von ihm glauben sollte, was ihm die Flüche des Grenadiers zugezogen hat. Er verdient sie ganz gewiß nicht; und wenn er sie auch verdient hätte, so wäre es doch besser, daß der Grenadier das Verfluchen den Priestern überließe. Als Priester mag Herr Lange dieses unselige Vorrecht immer ausüben, und die nähere Erlaubniß dazu von Fricderich dem Soldaten itzt erschleichen, die ihm Fricderich der philosophische Rönig zu einer andern Zeit LcssingS Briefe. 1759. 127 gewiß verweigert hätte. Der Grenadier thut sich selbst Unrecht, wenn er sich alles für erlaubt halten will, was einem Lange erlaubt ist, der sich damit begnügt, wenn er nur tht ein paar Monate hindurch gelesen wird, und nichts darnach fragt, wenn man seine Gedichte über Jahr und Tag gar nicht mehr kennt. Der Grenadier soll und muß auf die Nachwelt denken; oder wenn Er es nicht thun will, so werden es seine Freunde für ihn thun. Ocffncn Sie unterdessen, liebster Freund, unserm Grenadier nur über zwey Stellen meines so anstößig befundenen Briefs das Verständniß! Wenn ich geschrieben habe, daß ich mich vor ihm zu fürchten ansinge, so bcdaurc ich nur, daß ich den Ton und die Miene nicht habe mit schreiben können, mit welcher ich eS ihm mündlich würde gesagt haben. Ich glaubte, als ich cS schrieb, mit keinem lächerlichern Einfalle meinen Brief beschließen zu können, mit dessen ernsthaftem Anfange ich nicht zufrieden war. WaS ich aber von dem übertriebenen Patriotismus einstießen lassen, war weiter nichts als eine allgemeine Betrachtung, die nicht sowohl der Grenadier, als tausend ausschweifende Reden, die ich hier alle Tage hören muß, bcv mir rege gemacht hatten. Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (cS thut mir leid, daß ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre. — Doch lassen Sie mich davon nichts weiter schreiben. Ick, rühme mich, daß ich von der Freundschaft desto höhere Begriffe habe, und daß noch tausend solche kleine Uneinigkeiten meiner Liebe und Hochachtung gegen meinen lieben Gleim und wackern Grenadier nicht im geringsten nachthcilig seyn können. Und wie könnten sie auch, da ich sehe, daß er weit mehr nachgiebt, als ich selbst würde nachgegeben haben? Ich danke cS ihm zum Bcvspicl nicht (als nur in so fern es ein Zeichen seiner Freundschaft gegen mich seyn soll), daß er die Verwünschung der Sclbsthcrrscherin in Ruhm und Segen verwandelt hat. So viel habe ich niemals gefordert; und ich wünschte, daß er cS bloß so verändert hätte: „Aber welch ein LooS soll ich dir wünschen, Sclbstherrscherinn! wenn du" zc. Unterdessen kann cS um so viel eher gedruckt werden, und ich hoffe Ihnen nächstens Exemplare zu schicken. Aber was werden Sie sagen, daß ich schon im voraus Gebrauch davon gemacht habe? Weil ich nicht glaubte, daß cS so bald könne gedruckt werden, so gab ich dem Verfasser der Briefe über die neueste Litteratur eine Abschrift von den schönsten Stellen; und wenn Sie das, waS bey Gelegenheit 428 Lessings Briefe. 1769. der ausgelassenen anstößigen Stellen gesagt worden ist, beleidigen sollte/ so bitte ich im voraus um Verzeihung. Ich sende Ihnen hierbev diese Briefe, weil Sie sie verlange». Aber wenn Sie glauben, daß ich der Verfasser davon bin, so thun Sie mir keinen Gefallen. ES sind wohl einige Bolzen von mir darin; weiter aber auch nichts. Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich bin Ihr ergebenster Lcssing. An Gleim. Berlin, den 18. Marz. 17.1'.'. Liebster Freund, Hier ist endlich das so lange verzögerte Gedicht unsers Grenadiers. Da er es in dem Formate der Kriegslicder hat wollen gedruckt haben, so hat es nicht besser können ausfallen. Ich habe einige Exemplare für Sie sogleich broschiren lassen, und cS sind davon so viele zu Ihrem Befehl, als Sie verlangen. Daß Sie vor langer als sechs Wochen noch drey blau gebundene Eremplare von den Liedern, für die Prinzen von Braunschweig, verlangten, werden Sie vielleicht schon wieder vergessen haben. Rechnen Sie mir aber die Saumseligkeit des Buchbinders nicht zu. Ihre Oden des Anakccon haben mir sehr viel Vergnügen gemacht. Vergessen Sie ja nicht, mir in jedem Briefe eine oder zwcv zu schicken. Ich hoffe, wenn ich sie mit dem Griechischen vergleichen werde, noch mehr Schönheiten darin zu finden, die Ihnen eigenthümlich gehören, als ich bey dem ersten Lesen wahrgenommen habe, .lauer oanli-v l'Origm»! ist auch hier der einzige Weg, gut zu übersehen. ES thut mir leid, daß ich nicht Ihre versprochene Verbesserung von der streitigen Stelle: Nicht deines Helden :c. habe abwarten können. ES war mit dem Drucke schon zu weit. Schicken Sie mir sie aber nur; gesetzt auch, sie wäre nicht mehr für das Publicum zu brauchen. Die zwey Wörter rippeln, und unan- gepackt hat Herr Ramler, weil sie Herrn Gärtner anstößig gewesen, und es also auch noch mehreren seyn könnten, mit gleichgültigen verwechselt. LessingS Briefe. 4769. 129 Noch folgt hlerbev ein Exemplar von einem kleinen Trauerspiele tphilotas), welches Ihnen der Verfasser, der sich nicht genannt hat/ mit ergebenster Empfehlung zuschickt. Er möchte gern durch mich erfahren/ was Sie davon halten. Leben Sie wohl, liebster Freund, und erfreuen Sie mich bald mit einem Briefe. Ich bin Ihr ergebenster Lcssing. An Gleim. Berlin/ den letzten März 1769. Liebster Freund/ Ich kann Ihnen nicht beschreiben/ welch eine Freude Sie dem Verfasser des philoras durch die angefangene Übersetzung gemacht haben. Er schließt daraus, daß er doch einigermaßen Ihren Beyfall habe» müsse. Ich setze hinzu / daß Ihre Uebcrsetzung/ wenn Sie so fortfahren/ vortrefflich und die beste Kritik für den Verfasser werden wird. Schenken Sie ihm immer das Muster, das ihm bis jetzt noch mangelt,- das Muster, meine ich/ einer cdcln tragischen Sprache, ohne Schwulst und ohne die zierlichen kleinen Redensarten/ die meinem Bcdünkcn nach das ganze Verdienst der französischen tragischen Poesie ausmachen. Der Einfall/ den Namen des Grenadiers dazu zu borgen/ ist vortrefflich; nur besorge ich, daß das Publicum in einem etwas verdrießlichen Tone fragen möchte: aber warum macht uns denn der Grenadier nicht selbst ein Trauerspiel? — Geduld; er wird es schon noch machen! Aber wissen Sie, liebster Freund, daß unser Rleist in Leipzig ist? Jtzt wird er wohl schon wieder fort seyn. Er hat Herrn Ramlcr und mir von daher einen gemeinschaftlichen Brief geschrieben, der außerordentlich lustig und aufgeräumt ist! Wenn doch diese Laune recht lange bey ihm dauern wollte! Gott weiß, ich wollte gern für ihn verdrießlich seyn. Ich würde dabey gewinnen; denn wenn ich verdrießlich bin, bleibe ich fein an meinem Tische sitzen, schreibe an meine Freunde, oder arbeite etwas. Hier folgen die rückständigen Stücke der Briefe :c. Herr Sulzer hat mir gesagt, daß Dodmeu ein Epigramm auf das Gedicht an die KriegeSmuse gemacht habe. Ich habe cS aber noch nicht gelesen. L-ssings Werke xii> g Lcsfmgs Briefe. 1759. Ihnen wird er es doch schon geschickt haben? Darf man es allenfalls in den Briefen brauchen? Unser Ramler hält zu dem Drucke Ihrer Lieder alles fertig Schicken Sie sie nur! Und mir vergessen Sie auch nicht, mehr ana- krcontische Lieder zu schicken. Ich möchte gar zu gern eine recht prächtige Ausgabe des Anakreon besorgen, mit Ihrer Uebersetzung auf der Seite, Ich weiß zwar wohl, daß Sie es selbst vorgehabt haben, und es freylich auch am besten im Stande wären; denn Sie haben bereits so vjelcrlcy dazu gesammelt. Aber ich besorge, wenn Sie es länger verschieben, so vergeht Ihnen die Lust. Mit der vorgeschlagncn Ausgabe dcS Opiiz, liebster Freund, möchte cS wohl nichts seyn. Die Schweizerische und Trillcrischc Ausgabe liegen noch allzuhäustg in den Läden, als daß sich ein Buchhändler damit abgeben dürste. Sobald wir aber mit unserm Logau fertig sind, soll cS mit vereinten Kräften über den Tschcrning hergehen. Und Sie werden es sich schwerlich träumen lassen, was wir auch sonst noch für ein großes Project haben. Wir werden Sie auch mit anspannen. Leben Sie wohl, liebster Freund, und erfreuen Sie mich bald wieder mit einem Briefe. Ich bin Ihr ergebenster Freund Lessing. An Glcim. Berlin, den 12. May. 175,9. Liebster Freund! Ich bitte Sie, vergeben Sie mir mein langes Stillschweigen, und schließen Sie ja nichts anders daraus, als daß mich die allerdringendsten Arbeiten — (nergelnde Buchhändler zu befriedigen) — müssen abgehalten haben, auf Ihren letzten angenehmen Brief eher zu antworten. Nun sind wir, Gott se» Dank, mit unserm Logau ganz fertig, und künftige Woche hoffen wir, Ihnen Exemplare davon schicken zu können. Die erste freye Stunde habe ich schon seit vierzehn Tagen dazu bestimmt, Ihnen, und unserm lieben Rleist zu schreiben, und ich freue mich, daß sie endlich gekommen ist. Empfangen Sie vor allen Dingen meinen Dank für Ihren Phi- lotaS. Sie haben ihn zu dem Ihrigen gemacht, und der ungenannte Lessmgs Briefe. 1769. 131 prosaische Verfasser kann sich wenig, oder nichts davon zueignen. Ich wußte es ja wohl voraus, daß der Grenadier nicht überseyen könnte. Und er thut auch wohl daran, daß er es nicht kann. Auch das wußte ich einigermaßen voraus, daß er viel zu viel Dichter ist, als daß er sich zu der tragischen Einfalt ganz herablassen werde. Seine Sprache ist zu voll; seine Einbildungskraft zu hitzig; sein Ausdruck oft zu kühn, und oft zu neu; der Affcct steht auf einmal bey ihm in Flammen; kurz, er hat alles, um unser Aeschylus zu werden, und wir müssen zu unserm ersten tragischen Muster keinen Aeschvlus haben. Unterdessen werde ich seinen Philotas doch drucken lassen, weil ich so stolz bin zu glauben, daß daraus, woraus ich so manches gelernt habe, noch hundert andere eben so viel lerne» können; in Ansehung nehmlich der Würde des StvlS, des Nachdrucks, des Gebrauchs der Versart, u. s. w. Wenn er es mir erlauben will, werde ich mich in einem Vorberichte über verschiedene Punkte naher erklären; und warum sollte er cS mir nicht erlauben wollen, da ich nichts als Schönheiten werde auszusetzen und zu kritisiren finden? Bis dahin hiervon genug. Das zweyte, wofür ich Ihnen zu danken habe, ist die Mittheilung dcS Briefes von Herrn El-ert. Der Herr HyperkritikuS M* hat Recht, und hat auch nicht Recht. Tyrräus war freylich kein geborner Spartaner, ob er gleich auch nichts weniger als ein Mcsscnier war, wofü- ihn dieser Herr ausgicbt. Aber er war ein spartanischer Feldherr; und war Reich kein Preuße, weil er ei» Schotte von Gebutt war? Einerley KriegeSzucht, nicht einerley Himmelsstrich, macht im Solda- tcnstandc den LandSmann. Mehr braucht ich zu meiner Vertheidigung nicht zu sagen. Empfehlen Sie mich unterdessen Herrn Ebert bestens; und da ich gesehen, daß ihm verschiedne hiesige Neuigkeiten noch nicht zu Händen gekommen, so will ich sie für ihn mit beylegen. Ich wollte unterdessen nicht gern, daß er mich platterdings für den Verfasser der Briefe über die neueste Litteratur hielte, wie ich es denn auch eigentlich nickt bin. Die neuesten Stücke davon werden Sie hoffentlich durch Herrn Nicolai's Besorgung bis auf die drey letzten erhalten haben, welche hierbey folgen. Leben Sie wohl, liebster Freund, und verzeihen Sie, daß ich nach so langem Stillschweigen dennoch so kurz schreibe. Der Abgang der Post heißt mich dieseSmal eilen- Ich bin ganz der Ihrige Lessing. 9° 132 LessingS Briefe. 1769. Hochzuchrcnder Herr Vater/ Abwechselnde Krankheiten, Beschäftigungen, kleine Reisen, und andre Hindcrniße sind Schuld, daß ich in so langer Zeit nicht nach Hause geschrieben, ob ich gleich mit meinen Gedanken sehr oft da gewesen bin. Ich hoffe unterdeßen, daß sie sich allesamt so wohl werden befunden haben, als man sich zu den itzigen unruhigen Zeiten nur immer befinden kann. Daß Ihnen Erdmann so viel Verdruß machet, bctaurc ich von Herzen. Ich habe an einen Hauptmann von dem Wunschi- schcn Frevbatallion, der ein Verwandter von einem meiner Freunde ist, schreiben und mich bev ihm nach dem Bruder erkundigen laßen. Noch habe ich keine Antwort. Wenn er nur groß genug ist, Soldat zu werden, so will ich ihm viel Glück dazu wünschen, und werde vielleicht auch in Stande seyn können, ihn wo anzubringen, wo er, wenn er sich darnach aufführet, sein Glück machen kann. Hat er aber weiter keine Absicht, als nur bey einem Offlcicr die Schuh zu putzen, so weiß ich nichts für ihn zu thun. Das heißt zu niedrig anfangen, um etwas zu werden. Ich freue mich darauf, daß TheophiluS bald befördert werden wird. Wenn ich unterdeßen meinen Proceß gewinne, so wollen wir alsdann recht vergnügt zusammen leben. Daß ich ihn gewinnen muß ist nunmehr keine Frage mehr; aber noch werde ich mich einige Zeit gedulden müßen. Sie werden es selbst wißen, wie sehr ein Proceß in Sachsen auf die lange Bank geschoben werden kann. Ich habe gehofft, daß Gottlob aus Wittenbcrg einmal an mich schreiben werde. Studirt er Jura, oder was studiert er? Ich wollte wünschen, daß ich ihm worinn nützlich seyn; eben so wohl als Gottfrieden i» Leipzig. Aber itzt bin ich es leider nicht im Stande. Sobald ich es bin, soll es gewiß geschehen. Was Gottlob unterdeßen an Büchern brauchen sollte, könnte ich ihm von hier aus schicken, wenn ihm damit gedient wäre. Hier folgen einige Neuigkeiten. Wenn Ihnen unter den Fortsetzungen einige Stück fehlen sollten, so haben Sie nur die Gülig- kcit, es mir zu melden. 1. Logaus Sinngedichte; 2. Sammlung vermischter Schriften > 3. Briefe über die neueste Litteratur, so weit sie heraus sind; 4. Fortsetzung der Beyträge; 5. Fortsetzung derOrtman- tiischen Briefe; e. Viertes Stück meiner Theat. Bibliothek; 7. Philo- taS; (von mir). Meine Fabeln, wovon Sie den Titel im Mcßcatalogo werden gelesen haben, sind noch nicht ganj gedruckt. Ich werde sie senden, sobald sie fertig sind. Lessings Briefe. 1769. 133 Vor itzo empfehle ich mich gehorsamst Ihnen und der Frau Mutter und verharre nach abgelegtem Gruße an meine liebe Schwester und übrigen Geschwister Dero Berlin, gehorsamster Sohn den 12 JuniuS Gotthold. 17S9. An Gleim. Berlin, d. 23. Julius, 1759. Liebster Freund, Sie haben mich auch sehr lange in der Ungewißheit gelassen, ob der Grenadier mit meinem Urtheile über seinen PhilotaS zufrieden gewesen. So viel wußte ich zwar voraus, daß er meine Freyheit nicht übel nehmen würde, denn einem Soldaten ist eS schon recht, wenn man mit ihm von der Leber wegspricht. Er soll es ehestens sehen, was ich mit seiner Arbeit gemacht habe; »nd ich verlasse mich auf Ihre Versicherung, daß es ihm gleich viel ist, was für einen Gebrauch ich davon machen werde: wie er sich denn Gegentheils auf meine Hochachtung gegen ihn verlassen kann, daß ich nichts damit vornehmen werde, was seiner Ehre nachthcilig seyn könnte. Das schreiben Sie ihm; — vor allen Dingen aber schreiben Sie ihm, wie sehr ich ihm für das poetische Geschenk verbunden bin, das er mir aus Ihrem Domkeller hat machen lassen. Ich weiß mich itzt nicht besser dafür zu bedanken, als daß ich bey jedem Glase seine Gesundheit trinken, oder wenigstens mit einschließen will. Wie viel Muth, wie viel Herz werde ich mir für ihn trinken! Und wie doppelt gut würde mir das Wcinchen schmecken, wenn Sie zu uns kämen, und ihn mit uns könnten auStrinkcn helfen! Auf meiner Sommerstube sollte es Ihnen gewiß nicht mißfallen. Nur glauben Sie um Gottes willen nicht, daß ich da arbeite. Ich bin nie fauler, als wenn ich in dieser meiner Einsicdcley bin. Wenn cS hoch kömmt, mache ich Projecte: Projekte zu Tragödien und Komödien; die spiele ich mir dann selbst in Gedanken, lache und weine in Gedanken, und klatsche mir auch selbst in Gedanken, oder vielmehr lasse mir meine Freunde, auf deren Beyfall ich am stolzesten bin, in Gedanken klatschen. Aber haben Sie sich nicht gewundert, wie frey ich mit Ihnen umgehe? Ich behielt ein Eremplar von Ihren Minnesingern, ohne um Erlaubniß gebeten zu haben. Ich war gar zu begierig darauf; im 134 LessingS Briefe. 175»». Laden waren noch keine Exemplare vorhanden/ und Herr Professor Sulzer versicherte mich, daß Sie es nicht übel nehmen würden. Sie haben vielleicht das Exemplar einem andern Freunde bestimmt, und In diesem Falle machen Sie sich kein Bedenken, es mir wieder abzufordern. Ich sehe eS bloß für geliehen an. Leben Sie wohl, liebster Freund, und entschlagen Sie sich aller Grillen, die Ihnen Ihre schlimmen Gäste, oder die ichigen Umstände überhaupt, etwa könnten gemacht haben. ES wird alles noch gut gehen; in dieser großen Zuversicht leben wir hier alle. Ich umarme Sie tausendmal, und bin Ihr ergebenster Freund Lcssing. An Glcim. Berlin, d. 25>. August. 175s. Liebster Freund, Wir sind hier bis gestern mit Ihnen in gleicher Ungewißheit wegen unsers lieben Rleist's gewesen. Nunmehr aber wissen wir leider, daß er sich in Frankfurt unter den Gefangenen befindet, und verwundet ist. Der beste Mann! Ob er gefährlich verwundet ist, wissen wir nicht, und wir wollen eS nicht hoffen. Ich habe heute den Weg über Danzig suchen müssen, an ihn zu schreiben; denn gerades WegeS ist eS nicht möglich, einen Brief.nach Frankfurt zu bekommen. Wir haben zugleich in der Geschwindigkeit hier die Verfügung getroffen, daß er in Frankfurt, oder, wenn er von da nach Polen oder Preußen sollte gebracht werden, in Danzig so viel Geld bekommen kann, als er nöthig hat, weil eS leicht möglich ist, daß ihn die Russen zugleich rein ausgeschält haben. Sehen Sie, liebster Freund, ich habe Ihnen eine so schlimme Nachricht ohne die geringste Vorbereitung geschrieben, weil alle meine Vorbereitungen Sie vielleicht noch eine schlimmere hätten können vermuthen lassen. Er lebt noch, unser liebster Rietst; er hat seinen Wunsch erreicht, er hat geschlagen und sich als einen braven Mann gezeigt; er wird von seiner kleinen Wunde bald wieder genesen, und dieser Zufall wird ihn zufriedner mit sich selbst machen. Mit dieser angenehmen Hoffnung trösten Sie sich unterdessen, liebster Gleim, bis wir nähere Umstände von ihm erfahre». Für jetzt bin ich nicht im Stande mehr zu schreiben; und ohne Zweifel werden Sie auch nicht Messings Briefe. 175!1. 136 im Stande seyn, mehr lesen zu wolle». Mit der nächsten Post mehr. Leben Sie wohl. Ich bin ganz der Ihrige _ Lessing. An Glcim. Berlin, den 1. September 1759. Liebster Freund/ Ich setze in der größten Verwirrung die Feder an. Ich weiß, Sie werden sich alle Posttage nach einem Briefe von mir umsehen; ich muß Ihnen also nur schreiben, ob ich Ihnen gleich auch itzt noch nichts ganz Zuverlässiges von unserm theuersten Rleist melden kann. Herr von Brand ist bey der Armee des Königs gewesen, und vorgestern Abends wieder zurückgekommen- Er hat sich genau nach unserm Freunde erkundigt und von dem Obersten von Rleisi, seinem Vetter, erfahren, daß er sich in Frankfurt noch bis äalo befände. Er soll nicht mehr als sechs Wunden haben. Der rechtschaffene Mann! Er hat sich, — und das hat nicht allein der Oberste, sondern das haben ihm noch viele andere Officicre gesagt — an dem unglücklichen Tage außerordentlich hervorgethan. Er hat die ersten Wunden gar nicht geachtet, sondern ist vor seinem Bataillon noch immer zu Pferde geblieben; und als er endlich gestürzt, hat er noch auf der Erde seinen Leuten zugerufen und sie aufS beste angefeuert. Loch auch hier hat alles nichts helfen wollen; er hat müssen auf der Wahlstatt liegen bleiben, und ist so, nebst allen andern schwer Verwundeten, den Russen tn die Hände gefallen. Gestern erhielten wir Nachricht, daß die Russen Frankfurt verlassen hätten. Sie haben sich nach Guben gezogen, um sich mit den Oestrcichern zu vereinigen. Ich schrieb also gleich, nebst dem Herrn Professor Sulzer, nach Frankfurt. Aber kaum war mein Brief fort, so machte man mich besorgt, daß ich ihn wohl würde vergebens geschrieben haben. Herr venino") nehmlich, der gleichfalls bey der Armee gewesen ist, will da für gewiß erfahren haben — kaum kann ich es Ihnen schreiben, aber ich muß — er will erfahren haben, daß unser liebster Freund bereits an seinen Wunden gestorben sey. Noch mehr; heute ist ein Journal von dem, was sich von Tag zu Tag während der Anwesenheit der Russen in Frankfurt daselbst zugetragen °) Ein italiänischer Kaufmann in Berlin. Lessings Briefe. 1759. hat, hier angekommen, und auch in diesem Journal soll es mit angemerkt stehen, daß ein Major Rleist daselbst begraben worden. — Nnn hören Sie, womit ich mich noch tröste. (56 sind mehr Majore Rleist, und ich weiß auch gewiß, daß noch ein anderer Major Rleist/ ich kann mich nicht gleich erinnern von welchem Regimentc, mit dem unsrigen ein gleiches Schicksal gehabt hat. Dieser wird gestorben seyn, und nicht unser Aleist. Nein unser Aleist ist nicht gestorben; es kann nicht seyn; er lebt noch. Ich will mich nicht vor der Zeit betrüben; ich will auch Sie nicht vor der Zeit betrüben. Lassen Sie uns das Beste hoffen. Mit der rückkommenden Frankfurter Post werden wir alles erfahren. Wenn er noch lebt, so besuch- ich ihn. Ich sollte ihn nicht mehr sehen? Ich sollte ihn in meinem Leben nicht mehr sehe», sprechen, umarmen? — Leben Sie wohl. Ich bin ganz der Ihrige Lessing. An Gleim. Berlin, d. «. September 1759. Ach, liebster Freund, es ist leider wahr. Er ist todt. Wir haben ihn gehabt. Er ist in dem Hause und in den Armen des Professors Nicolai gestorben. Er ist beständig, auch unter den größten Schmerzen, gelassen und heiter gewesen. Er hat sehr verlangt seine Freunde noch zu sehen. Wäre es doch möglich gewesen! Meine Traurigkeit über diesen Fall ist eine sehr wilde Traurigkeit. Ich verlange zwar nicht, daß die Kugeln einen andern Weg nehmen sollen, weil ein ehrlicher Mann da steht. Aber ich verlange, daß der ehrliche Man» — Sehen Sie; manchmal verleitet mich der Schmerz, auf den Maun selbst zu zürnen, den er angeht. Er hatte schon drey, vier Wunden; warum ging er nicht? Es haben sich Generale mit weniger» und kleinern Wunden unschimpflich bey Seite gemacht. Er hat sterben wollen. Vergeben Sie mir, wenn ich ihm zu viel thue. Er wäre auch an der letzte» Wunde nicht gestorben, sagt man; aber er ist versäumt worden. Versäumt worden! Ich weiß nicht, gegen wen ich rasen soll. Die Elenden, die ihn versäumt haben! — Ich muß abbrechen. Der Professor wird Ihnen ohne Zweifel geschrieben haben. Er hat ihm eine Standrcde gehalten. Ein anderer, ich weiß nicht wer, hat auch ein Trauergedicht auf ihn gemacht. Sie müssen nicht viel an Rleist verloren haben, die das itzt im Stande LesflngS Briefe. 1769. waren! Der Professor will seine Rede drucken lassen, und sie ist so elend! Ich weiß gewiß, Rleist hätte lieber eine Wunde mehr mit ins Grab genommen, als sich solches Zeug nachschwatzen lassen. Hat ein Professor wohl ein Herj? Er verlangt itzt auch von mir und Ramler Verse, die er mit seiner Rede zugleich will drucken lassen. Wenn er eben das auch von Ihnen verlangt hat, und Sie erfüllen sein Verlangen — Liebster Glenn, das müssen Sie nicht thun! Das werden Sie nicht thun. Sie empfinden itzt mehr, als daß Sie, was Sie empfinden, sagen könnten. Ihnen ist es auch nicht, wie einem Professor, gleich viel, was Sie sagen, und wie Sie es sagen. — Leihen Sie wohl. Ich werde Ihnen mehr schreiben, wenn ich werde ruhig seyn. Ihr ergebenster L-ssing. An Gleim. Berlin, den 23. Oktober 4769. Liebster Freund, Ich schäme mich recht, daß ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe. Aber ich weiß, Sie entschuldigen mich, wenn Sie hören, daß ich krank gewesen bin, oder doch sehr verdrießlich: denn der Verdruß ist bey mir eine Krankheil; und ich bin nicht länger gesund, als ich vergnügt bin. Anbey habe ich müssen meine Lappalien vollends fertig machen. Hier erhalten Sie ein Exemplar davon. ES sind Fabeln, liebster Freund; und ich kann eS voraussehen, daß weder meine Fabeln noch meine Abhandlungen den Beyfall eines Dichters, und folglich auch Ihren nicht, erhalten können. Ich habe, wie Sie sehen werden, lieber einen anderen und schlechteren Weg nehmen, als mich der Gefahr einer nachtheiligen Parallele mit den Gleims und La Fontaine,» aussetzen wollen. Herr Ohrlich hat Ihre Briefe an uns abgegeben, und Sie haben mir in ihm keinen ganz unbekannten Menschen empfohlen. Er ist der Verfasser der Lobrede auf den König, die hier in Berlin gedruckt worden, und in der That viele schöne Stellen enthält. Die Lobrede auf unsern Rleist ist fertig, und Herr Rainleu und ich haben sie gelesen. Unser Rath dabey ist dieser gewesen, daß man seiner Freunde darin ganz und gar nicht gedenken müsse, damit es -U^^M^^ZN 138 LessingS Briefe. 1759. 1760. nicht scheine, als ob einer von ihnen Antheil daran habe. Sonst ha> den wir eben nichts Nachtheiliges darin gefunden. Sie wissen doch, daß Sie vor dem fünften Baude der Bibliothek in Kupfer gestochen sind? Es ist ein recht hübsches Gesicht; nur Schade, daß es nicht das Ihrige ist. Der Kupferstecher entschuldiget sich da« mit, daß das Gemälde nichts getaugt habe. ES war ein Gemälde von Herrn Hempel- Der Pendant unsers Rleists ist ungleich besser gerathen. Leben Sie wohl, liebster Freund, und entschuldigen Sie diesmal, so wie mein langes Stillschweigen, auch diesen Brief, welcher weder halb noch ganz ist. Ich bin Ihr ergebenster Lcssing. An Glcim. >H Berlin, d. 28. Febr. 1760. Liebster Freund, Ich muß es Ihnen nur gesteheu, warum ich Ihnen auf Ihr letztes angenehmes Schreiben nicht den Augenblick geantwortet habe. So bald ich es gelesen hatte, war es das erste, daß ich die Abschrift, die Sie mir von dem versificirten PhilolaS geschickt haben, suchte. Ich fand sie nicht. Ich besann mich, daß ich sie einem Freunde, auf inständiges Anhalten, hatte leihen müssen. Ich schicke ju ihm; er läßt mich versichern, daß er sie mir wiedergegeben; ich suche auf's neue; er sucht; und wir suchen noch. Liebster Freund, ich fürchte ich bin drum. Sehen Sie, das konnte ich Ihnen doch sogleich nicht schreiben; denn es ist wirklich schlecht, wenn man die Sachen seiner Freunde so verwirft. Doch ich tröste mich, daß Sie noch eine Abschrift behalten haben. Seyn Sie so gütig und senden Sie mir sie mit der ersten Post. Mir kann es nicht anders als sehr schmeichelhaft seyn, daß Sie den Druck beschlossen haben. Ich will alles besorgen. Nur müssen Sie mir Zueignungsschrift, Lorbericht, und alles was dazu kommen soll, gleich mit schicken. Melden Sie zugleich, wie Sie es am liebsten gedruckt hätten. Ich will den Druck schon so Pressiren, daß ich die Zeit, die wir durch meine Nachlässigkeit verloren habe», wieder einbringe. f"^ L-ssingS Briefe. 17K0. 139 Ihr Urtheil von meinen Fabeln ist allzugütig. Ich danke Ihnen für Ihren freundschaftlichen Beyfall. Für einen freundschaftlichen Tadel würde ich Ihnen noch mehr danken. Denn dieser könnte mich besser machen, und von jenem besorge ich, daß er mich stolz machen wird. Liebster Freund, habe ich nicht in Ihrer Bibliothek eine italiänische Ucbcrsetzung des Sophokles gesehn? Wollten Sie wohl die Eütigkeit haben und sie mir auf eine kurze Zeit leihen? Oder wenn Sie sonst etwas besitzen, das diesen alten Tragicus angeht, der mich jetzt wehr als alles Andere beschäftigt? Leben Sie wohl, liebster Freund, und antworten Sie mir und schicken Sie mir die verlangte Abschrift ja gleich; oder ich glaube, daß Sie über mein langes Zaudern verdrießlich geworden sind. Ich bin ganz der Ihrige Lessing. Hochzuehrendcr Herr Vater, Ich kann mich mit nichts ander», entschuldigen, Ihnen auf drey Briefe nicht geantwortet zu haben, als damit, daß der Fuhrmann allezeit zu geschwind wieder abgegangen. Auch izt läßt er mir kaum so viel Feit nur ein Paar Zeilen zu schreiben. Ich freue mich herzlich, daß Sie sich mit der Frau Mutter seit her noch gesund und wohl befunden haben. Ich habe unzähliche mal nach Hause gedacht, und Ihnen bey den dortigen kritischen Umständen alle mögliche Ruhe und Sicherheit sehnlich gewünscht. Wen» itzige Ostern, wie ich Hoffnung habe, in meinem Processe eine gute Sentenz für mich gesprochen wird, so habe ich mir feste vorgenommen, Sie auf einige Zeit zu besuchen, und alsdann auch der Schwester zu bezeugen, daß ich Sie nicht vcrgeßen habe. Mein lieber Bruder TheophiluS lauert mich inniglich. Ich will das beste hoffen. Seine Loustitution ist nie die beste gewesen. Der Tod Ihres Herrn Bruders, meines lieben alten Vetters, ist mir recht nahe gegangen. Hierbei) folgen allerley Neuigkeiten. Es ist noch eine andere Widerlegung von D. Scmmlcrn in Halle, gegen die Müllersche Nachricht von der begeisterte» Person in Kcmberg hcra»Sgeko»imcn, die ich aber itzt nicht bey der Hand habe. Ich will sie das nächstcmal mit schicken. Wo Ihnen von den periodische» Schriften, die ich uiit schicke, etwa Stücke fehle» sollten, so haben Sie die iÄütigkcil es mir zu melde». 140 Lessings Briefe. 1760. Aon den Briefen über die Litteratur wird Ihnen hoffentlich nun nichts mehr fehlen. Ich bin itzt mit einem großen Werke, das in die griechische Litteratur einschlagt, beschäftiget, -von welchem künftige Michaelis zwey Bände auf einmal ans Licht treten sollen. Desgleichen muß ich eine zweyte Auflage von meinen Fabeln besorgen, die ich in verschiedenen Stücken zu ändern, und sonst ansehnlich zu vermehren gedenke. Ich werde also künftigen Sommer zu thun genug haben. Und so lange ich noch von meiner Arbeit leben kann, und ziemlich gemächlich leben kann, habe ich nicht die geringste Lust der Sklave eines AmtS zu werden. Trägt man mir eines an, so will ich cS annehmen; aber den geringsten Schritt nach einem zu thun, dazu bin ich, wo nicht eben zu gewißcn- haft, doch viel zu commode und nachläßig. Die Nachrichten von Gottlob und Carl freuen mich. Wenn sie fleißig sind, so kann es nicht fehlen, Sie werden auch einmal ihr Glück finden. Was aber für ein Glück erdwann mache» wird, das sehe ich noch nicht. Er fängt zu tief an, um es zu etwas zu bringen. Ich habe nun lange keine Nachricht von ihm einzichn können. Ich mnß abbrechen, weil der Fuhrmann eilt. Ich empfehle mich Ihnen und der Fr. Mutter, und verbleibe Lebenslang Wenn der Fuhrmann wieder nach Berlin kömmt, bitte ich mir folgende zwey Bücher, welche sich unter Theophilus Büchern befinden müßen, mitzuschicken. Ich brauche sie itzt, und will Theophilo eine Menge andre Bücher schicken, wenn er sie haben will. 1 Lomeri Opera in 2 Bänden in Duodez. 2 8os>i>oelis IrgAoeiZiav in 2 Octav Bänden. Aus Eilfertigkeit hätte ich rS fast vergeßcn, mich bey der Frau Mutter für die übcrschickten Strümpfe zu bedanken. Sie sind mir recht sehr lieb gewesen. Dero Berlin, den 3 April 1760. gehorsamster Sohn Eotlhold. An Gleim. Berlin, d. 13. April, 1760. Liebster Freund, Endlich habe ich das Vergnügen, Ihnen unseren PhilotaS zu senden. Werden Sie über den Verzug nicht ungehalten. Zum Theil ist Lessings Briefe. 1760. 141 die Vignette, am meisten aber der König daran Schuld, daß sein Grenadier nicht gehörig gefördert worden. Denn der König hat mit dem Grenadier einerley Verleger haben wollen, und seine Gedichte haben in einer Zeit von vierzehn Tagen fertig seyn muffen. Herr Voß nimmt sich die Freyheit, Ihnen, mit ergebenster Empfehlung, ein Exemplar davon zu senden. Ich bin höchst begierig zu wissen, was Sie dazu sagen werden; zu wissen, ob Sie den Dichter oder den König für größer halten? Herr Dreyer hat versprochen, von den meisten Stücken eine Ucbcrsetzung in Versen zu liefern. Wenn ihn der Grenadier übersetzen wollte, so würde ich mir ganz andere Dinge davon versprechen. Doch der Grenadier übersetzt nur seine Freunde, die nicht böse werden, sonder» es ihm vielmehr Dank wissen, wenn er sie verschönert. Ich würde die feinern Exemplare des PhilolaS hier für Sie haben binden lassen, wenn ich Ihren Willen gewußt hätte. Ihre hiesigen Freunde haben jeder ein Exemplar erhalten, und Sie können über mehr befehlen, wenn, und wie Sie wollen. Herr Professor Sulzev befindet sich für itzt in Magdeburg, und ohne Zweifel werden Sie da ihn, oder er wird Sie besuchen. Sie werden es schon wissen, wie sehr wir ihn bedauern müssen. Wenn ich mir von Ihrem Sophoklcsschen Vorrathe etwas auskitten dürfte, so wäre es die zweyte lateinische llebersetzung von — ja, wie heißt er nun? Ich habe Ihren Brief nicht bey der Hand. Nicht die vom Vitus Violemius, sondern die andere. ES ist eben die, von welcher Fabricius in seiner griechischen Bibliothek sagt, daß er sie nie gesehen. Ich bin also um so viel begieriger darnach. Verzeihen Sie, daß ich mich diesesmal so kurz fasse. Ich fürchte die Post zu versäumen, und möchte Ihnen doch gern das Vergnügen machen, daß Sie das erste Exemplar von den Gedichten des Königs in Halberstadl hätten. Leben Sie wohl, liebster Freund, und lieben Sie mich. Ich bin Ihr ergebenster Ltsstrig. Hochzuehrcndcr Herr Vater, Ich freue mich herzlich, abermalige Versicherung von dem Wohlbefinden meiner lieben Acltcrn erhalten zn haben, und wünsche, daß ich sie noch lange lind oft erhalten möge. 142 LessingS Briefe. 1700. Ich hatte erfahren, daß der Bruder Gottlob von Wittenbcrg ab> wesend sey. Ick stand also an, ihm das versvrochnc Geld jn schicken, und wollte vorher erst wieder einen Brief von ihm abwarten. Ehe ich mich aber versah, trat er selbst zu mir in die Stube. Er kam vorigen Frcytag vor acht Tagen, und blieb bis auf den folgende» Donnerstag bey mir. Er hat die zehn Thaler mit bekommen. Ich hätte ihn gern länger bey mir behalten, wenn es die Umstände der Feit erlaubt hätten. Es hätten sich Lorfälle cräugncn können, die es hier sehr unruhig gemacht hätten, die mich vielleicht gcnöthigct hätten, selbst von hier wegzugehen; was würde ich alsdann mit ihm angefangen haben? Es war mir also diescsmal lieb, daß er selbst darauf drang, bey Zeiten wieder zurückzukehren. Ich bin übrigens recht wohl mit ihm zufrieden, und ganz faul scheint er doch nicht gewesen zu seyn. Anbey folge» einige Neuigkeiten, so viel ich deren in der Geschwindigkeit zusammen finde. Ich empfehle mich meinen werthesten Aeltcrn, und verbleibe Zeit Lebens Dero Berlin, gehorsamster Sohn den 7 September 4760. Eouhold. An Ramler. Brcslau, d. 6. Deccmb. 1760. Liebster Freund, Ich würde mir eS nimmermehr vergeben, meine Freunde wegen meines Schicksals so lange in Ungewißheit gelassen zu haben, wenn ich nicht bisher selbst in der größten Ungewißheit desselben gewesen wäre. Endlich weiß ich, woran ich bin, und Herr Aoß wird Ihnen von meinen jetzigen Umständen so viel erzählen können, als Sie nur wissen wollen. Erlauben Sie mir immer, daß ich Sie an ihn verweise; ich kann unmöglich dergleichen Kleinigkeiten mehr als einmal schreiben. Sie werden sich vielleicht über meinen Entschluß wundern. Die Wahrheit zu gestehen, ich habe jeden Tag wenigstens eine Viertelstunde, wo ich mich selbst darüber wundere. Aber wollen Sie wissen, liebster Freund, was ich alsdann zu mir selbst sage? „Narr!" sage ich, und schlage mich an die Stirn: „wann wirst du anfangen, mit „dir selbst zufrieden zu seyn? Freylich ist es wahr, daß dich eigentlich „nichts aus Berlin trieb; daß du die Freunde hier nicht findest, die „du da verlassen; daß du wenig Feit haben wirst, zu studieren. Aber LessingS Briefe. 1760. 143 „war nicht alles dein freyer Wille? Wärest du nicht Berlins satt? „Glaubtest du nicht, daß deine Freunde deiner satt seyn müßten? daß „es bald wieder einmal Zeit sey, mehr unter Menschen als unter „Büchern zu leben? daß man nicht bloß den Kopf, sondern, nach „dem dreyßigsten Jahre, auch den Beutel zu füllen bedacht seyn müsse? „Geduld! dieser ist geschwinder gefüllt, als jener. Und alsdann; als- „dann bist du wieder in Berlin, bist du wieder bey deinen Freunden, „und studierst wieder. O wenn dieses alsdann schon morgen wäre!" — — Und so, liebster Freund, macht mich die Hoffnung allgemach wieder ruhig; macht, daß ich meinen gethanen Schritt billige; macht, daß ich mir schmeichle, auch meine Freunde werden ihn billigen. Sie kenne» mich; und wenn ich nicht zu loben bin, so bin ich doch wenigstens zu entschuldigen. Versichern Sie mich dessen ja bald! Ihre Briefe werden ein Großes beytragen, daß ich mir wenigstens die Reue, die unnützeste von allen unangenehmen Empfindungen, erspare. Denn wenn Sie mir oft schreiben, so werde ich Sie seltner vermissen. Ich mache meinen Ueberschlag so: Wenigstens immer um den dritten Tag vertrieben wir einer dem andern eine Stunde; jeder von uns wende diese Stunde auf einen Brief; und so habe ich für Eine glückliche Stunde zwey: die, da ich an Sie schreibe, und die, da ich Ihre Antwort erhalte. An Stoff soll cS uns nicht fehlen, so lange unsere Freundschaft dauert, so lange Horaz und alte deutsche Dichter in der Welt sind. Ich habe von den letzter» schon verschiedene hier bckom men, die ich sehr werth halte. Wollen Sie, daß ich Ihnen künftig clwaS davon schreiben soll? Recht gern; aber mit der Bedingung, daß ich gleich mit dem ersten Briefe eine Horazische Ode von Ihnen erhalte! Und nun? Was machen unsere Freunde? WaS macht mein lieber Gase") und sein HauS? Empfehlen Sie mich ihm, ihr, seinen Kindern (hier wird er sich ein väterliches Air geben) und Allen, mit wel chcn wir in Ihrer Gesellschaft so manchesmal lustig gewesen sind; vornehmlich der Madame Therbusch. — Und alsdann, unsern Klub") nicht zu vergessen! Alle Frcytag Abends klopft mir das Herz, und ich weiß nicht, was ich darum gäbe, wenn ich mich noch itzt alle *) Herr v. Easc war ci» alter Bekannter Lcssings. i?r hcirathclc in Bcr lln die Wittwe des Malers Mallhicn, eine gcbornc Lisicwska, eine geschickte Künstlerin». Von Berlin ging er ungefähr um 1766 nach Braunschwcig, wo er im Z. 1779 Professor am Karolinum ward. Nicolai. **) Dieser Klubb ewigcr Gelehrter ward 1748 in Berlin errichtet, und crisiirt noch. Nicolai. 144 LessingS Briefe. 4760. Wochen einmal in Gesellschaft so vieler rechtschaffner Leute satt essen, satt lachen, und satt zanken konnte; besonders über Dinge satt zanken konnte, die ich nicht verstehe. Mein großes Kompliment an die Herren Quanz und Agricola. Die griechische Musik war doch besser, als die auf den Breslauischen Kaffeehäusern! — Unser» lieben Krause") rechne ich mit zum Klub. Ich bin itzt in seinem Vaterland«, und, bey Gott! er hat recht wohl daran gethan, daß er in Schlesien jung geworden ist! Noch ein Wort von meinen kleinen häuslichen Angelegenheiten. Haben Sie die Güligkeit, liebster Freund, und kundigen Sie meiner Wirthin mit dem itztlaufenden Monate das Quartier auf. Ich werde Ihnen mit nächstem Postiage eine Assignation schicken, um zu ihrer Bezahlung das nöthige Geld zu heben. Ich werde Ihnen Mühe machen; aber ich weiß, Sie verzeihen es mir. Leben Sie wohl, liebster Freund; und wenn Sie an Eleim schreiben, und Gleim an Sie schreibt, und auch ein Wort von mir an Sie schreibt: so will ich mich Gleim bestens empfohlen haben. Ach! bald hätte ich das Wichtigste vergessen. Ich reisete durch Frankfurt, und wollte das Grab unsers Freundes sehen. — Doch die Geschichte dieser Wallfahrt verdient einen eigenen Brief. Sie sollen sie ehestens haben. Leben Sie nochmals wohl. Ich bin der Ihrige, Lcssing. An Moses Mendelssohn. Bester Freund! Ich reiste mit allem Bedacht aus Berlin, ohne von Ihnen Abschied zu nehmen, weil ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, die Thorheil meines Entschlusses auf einmahl in ihrem völligen Lichte zu sehn. Die Reue wird ohnedem nicht außenbleibcn, eine so gänzliche Veränderung meiner Lebensart in der bloßen Absicht, mein sogenanntes Glück zu machen, vorgenommen zn haben. Wie nahe ich dieser Reue bereits bin, weiß ich eigentlich selbst nicht. Denn noch bin ich in Breßlau nicht zu mir selbst gekommen. *) Verfasser des Buchs über die musikalische -Poesie. Nicolai. LessingS Briefe. 17lZ0. Was Sie mir aus den Berliner Zeitungen melden, ist eine wahre Neuigkeit für mich.") Ihnen brauche ich es nicht lange zu versichern, daß mir diese Ehre, besonders in den Umständen, worinn ich mich gegenwärtig befinde, sehr gleichgültig ist. Auch ist es mir sehr gleichgültig, was Herr S. für ein Betragen dabey geäußert. °°) Ob er falsch ist, weiß ich nicht; daß er aber öfters sehr inconseauent ist, das weiß ich. Vielleicht war er auch daSmahl nur das Letzte. Und Sie haben Recht; es ist immer einerley, ob man von einem General, oder von einem Präsidenten der Akademie abhängt. Wenn dieser mehr Kopf bat, so bat er auch mehr HalS: und es ist sicherlich schlimmer mit ihm auszukommen, als mit jenem. Meinen halte ich noch bis jetzt für einen sehr guten Mann, vor dessen Hastigkcit, wenn sie anders sein Fehler ist, ich ganz gesichert zu seyn glaube. Was Ephraim übrigens anbelangt, so ist mir lieb, daß alle die Gefälligkeiten, die er sich von mir versprechen kann, von der Art sind, daß ich niemanden dadurch schaden, auch mich selbst keiner Verantwortung dabey aussetze» kann: doch werde ich darum nicht aufhören, anf meiner Hut zu seyn; und Sie, liebster Freund, werden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mir dann und wann, von diesem und jenem, einen kleinen Wink geben."") Unsre ersicn Briefe sind sehr trocken. Wir müssen einander fleißiger, und mehr, und angenehmere Eilige schreiben. Sie gehen auf Ihrem Pfade ungehindert fort. Vcrlichrcn Sie mich ja nicht ganz aus den Augen; lassen Sie mich ja an allen Ihren Beschäftigungen noch ferner den Antheil *) Lessing war zum Mitglicdc der Akademie in Berlin ernannt worden. Nicolen. ") S. LessingS Leben, Th. I. S. 2tt. Nicolai. "*) MoscS Halle von dem Charakter des im siebenjährigen Kriege so bekannt gewordenen MlinzcnlrcprcncurS Heyne veitel Ephraim des Vaters, keine gute Meinung. Die Kontrakte über daS Ausmünzen des geringhaltigen Geldes waren vom Könige dem General von Tancnzicn ausgelragcn, und folglich halte Lcssing unmillclbar damit das meiste zu lhnn. MoscS haßte diese Müiizcnlrcprisc auss äußerste, weil er sie für das hielt, was sie war: für unrecht- Er wollte auch nichl das geringste damit, selbst nur mittelbar, zu thun haben, ungeachtet ihm der alle Ephraim sehr glänzende Vorschläge that, um ihn dadcv zu brauchen. Außer der eigentlichen Unternehmung selbst, die er für höchst unrecht hielt, waren ihm auch die Ncbcnintrigucn, wodurch oft dieses und jenes eingeleitet und durch die dritte oder siebente Hand erlangt wurde, sehr verbaßt. Daher warnte er seinen Freund Lcssing. Lcssing bat sich auch, wie jeder bezeugt, der von den Sachen weiß, höchst billig, gerade und uneigcnniitzig bcv diesem Geschäft betragen. Nicolai- LcsMgS Werk- X». IN 4- , ^--M > MM 146 Lcssings Briefe. 1760. 1761. nehmen, den ich zu meinem große» Nutzen bisher daran genommen habe. Das wird das einzige Mittel seyn, wenn ich nicht ganz in Nichtswürdigkeiten versinken soll. WaS macht Herr Nicolai? Als Bräutigam hat er nicht Zeit meine Briefe zu lesen. Ich will den Honigmonat Vorbeygehen lassen, ehe ich ihm schreibe. Doch kann er sichre Rechnung darauf machen, daß er binnen 14 Tagen die versprochnen Briefe haben soll.') Sie haben ohne Zweifel nntcrdcffcn alles geschrieben. Daß ich ja mit nächstem die Stücke alle bekomme, die ich nicht gelesen habe! Leben Sie wohl, bester Freund, und empfehle» Sie mich allen Ihren Freunde». Breslau, . Lessing, den 7. Dec. 1760. An Moses Mendelssohn. Ach, liebsier Freund, Ioel ist ein Lügner! Ihnen gestehe ich es am allerungernsicn, daß ich bisher nichts weniger als zufrieden gewesen bin. Ich muß es Ihnen aber gestehe», weil es die einzige Ursache ist, warum ich so lange nicht an Sie geschrieben habe. Nicht wahr, nur ein einzigcsmahl habe ich von hier ans an Sie geschrieben! Wetten Sie kühnlich darauf, daß ich also auch nur ein cinzigeSmahl recht zu mir selbst gekommen bin. Nein, das hätte ich mir nicht vorgestellt! aus diesem Tone klagen alle Narren. Ich hätte mir eS vorstellen sollen und können, daß unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden müßten, als das anstrengendste Studieren; daß in dem Zirkel, in welchen ich mich hineinjau- bcrn lassen, erlogene Vergnügen und Zerstreuungen über Zerstreuungen die stumpf gewcrdcne Seele zerrütten würde»; daß — Ach, bester Freund, Ihr Lessing ist vcrlohrcn! In Jahr und Tag werden Sie ihn nicht mehr kennen. Er sich selbst nicht mehr. O meine Zeit, meine Zeit, mein Alles, was ich habe — sie so, ich weiß nicht was für Absichten aufzuopfern! Hunderlmahl habe ich schon den Einfall gehabt, mich mit (?cwalt aus dieser Verbindung zu reißen. Doch kann man einen unbesonnenen Streich mit dem andern wieder gut machen? Aber vielleicht habe ich heute nur einen so sinsierii Tag, an welchem sich mir nichts in seinem wahren Lichte zeigt. Morgen schreibe *) Beyträge zu den so genannten Liltcraturbriefc». Nicolai. Lessings Briefe. 1761. ich Ihnen vielleicht heiterer. O schreiben Sie mir doch ja recht oft; aber mehr als bloße Vorwurfe über mein Stillschweigen. Ihre Briefe sind für mich ein wahres Almosen. Und wollen Sie Almosen nur der Vergeltung wegen ertheilen? Leben Sie wohl, mein liebster Freund. Die erste gute Stunde, die mir mein Mißvergnügen läßt, ist ganz gewiß Ihre. Ich sehe ihr mit alle dem unrnhigen Verlangen entgegen, mit welchem ein Schwärmer himmlische Erscheinungen erwartet. Breslau, Lrssing. den 30. März 1761. An Ramler. BrcSlau, d. 7. Septemb. 1761. Liebster Freund, Ibrcn Brief vom ?2sten vorigen MonatS habe ich erst gestern empfangen. Ich will wünschen, daß meine Antwort geschwinder in Berlin ankommen möge, damit sie " noch treffe. ') — Ihnen will ich das ganz Feine von diesem Handel Zeit genug entdecken. Feit genug? Sobald wir wieder znsainmcn kommen werden. Aber wenn wird das geschehen? Wenn ich in dem alten römischen Sinne be.ilus sctin werde? Ach, liebster Freund, dazu gehört viel. Und bey mir gehört gleich noch einmal so viel dazu, als bey einem ander». Indeß bin ich von dieser Seite so ziemlich zufrieden; und wenn es Ihr Ernst ist, daß Sie mein l'relorlei- werden wollen: gut, lassen Sie »nr die Wege wieder recht sicher werden, oder längstens den December herankommen. Zehnmal so viel, als Sie itzt weggebe», könnte ich Ihnen schon schicken. Aber was ist das? Vielleicht könnte ich auch schon noch einmal so viel haben, wenn ich nicht so viel Bücher kaufte, deren ich bereits hier wenigstens dreymal so viel habt, als ich Ihnen zurückgelassen. Dazu kommen noch zwanzig andere Ausgaben; und kurz ich bin kein Wirth. Die Wahrheit zu sagen, ich mag eS auch nicht seyn. Denn vielleicht, daß ich so, weil eher wieder in meine alte Sphäre zurückkomme, als wenn ich cS wäre, als wenn ich mir das Zeitliche zn sehr angelegen seyn ließe, und dadurch nach und nach an einer Lebensart Geschmack fände, die für Keinen ist, *) DaS Ausgelassene bctrifft bloß Familienangelegenheiten. Nicolai. io- Äi^ 148 LcssingS Briefe. 17kl. I7l?2^ >)uom tu, klel^omvne, lemel ^akeontom ^>Ial!i,lo lumino villoiis. Ich lege noch eine Rarität bey, die ich hier auf einer öffentlichen Bibliothek ausgcstänkert habe. Es ist die erste Angabe unsers Logan. Wenn Sie ste genug gebraucht, und Ihre Augen daran geweidet haben, so erbitte ich sie mir wieder zurück. Was sagen meine Freunde in Berlin von mir? Kaum bin ich es werth, noch welche zu haben. Toch nein; ich habe nie welche gehabt, wenn ich sie nicht noch habe, und sie durch mein bisheriges Stillschweigen kaltsinnig geworden sind, dieses Komplilnent machen Sie nur allen, und machen Sie auch sich selbst, wenn Sie anders — Nein, Sie, liebster Freund, kenne ich zu gut. Sie sind der nach sichtSvolleste vou allen, und ich weiß, daß Ihnen meine schlechte Seile eben so lieb isi, als meine gute. Leben Sie wohl. Ich umarme Sie tausendmal. Die Lde nicht zu vergessen, wenn Sie das nächstcmal an mich schreiben! Bald mehr. Ich bin ganz der Ihrige, _ Lessing. An Ramlcr. BreSlan, d. 30. May 175,2. Liebster Freund, Ich habe Ihnen ans drey Briefe zu antworten: auf zwey, die ich erhalten habe, und an leinen, den ich nicht erhallen habe. Wenn ich Ihnen sage, daß dieser letztere mir die andern zwey fast zn Räthseln gemacht hat, so ist cS wohl kein Räthsel, welches der verunglückte von den dreyen sey. Der erste, leider! den Sie dem jungen Herrn von Kleist mitgegeben hatten; mit dem Sie mir die erste kleine Ausgabe des Logau wieder zurück schickten. Brief und Logan sind mit dem Tornister des jungen Kleist unter Weges verloren gegangen. Ein ärgerlicher Zufall! Sie wissen, daß der Logan nicht mein eigen war, sondern einer hiesigen Bibliothek (zu Sr. Magdalena) zugchörte, Ich verzweifle durchaus, ihr diesen Ncrlust ersetzen zu können; allem Ansehen nach war es noch das einzige Exemplar in der Welt. — Nun was mehr? ES ist weg; und ich habe mich wohl gehütet, de» jungen Kleist meine Empfindlichkeit darüber merken zu lassen. Denn er bat gar zu sehr um Verzeihung; und einmal ist er doch unsers KleistS Reveu. Was wollte ich dem nicht vergeben? Ihn seinen eignen dabey erlittenen Schaden einigermaßen vergessen zu mache», habe Lessings Briefe. 17l!2. ich ihm in der Geschwindigkeit die nöthigsten Bedürfnisse wieder anschaffen lassen. Ich habe ihm auch offne Kasse bey mir angeboten, nnd es wird nur auf ihn ankommen, wie sehr er sich noch weiter dieses Anerbieten zu Nutze machen will. °) Und so ist sie wirklich todt? Liebe Mamsell, was das mm wieder für ein romanhafter Streich ist! Wenn sie sich nicht besser aus dem Handel jii ziehen gewußt haben! — Aber um Gottes willen, liebster Freund, verwickeln Sie mich mit ihren Erben in keinen Prozeß! Geben Sie ihnen alles, was sie verlangen. Ich will hoffen, daß sie nicht mehr verlangen werde», als ich gehabt habe. ES würde mir leicht seyn, ihnen eine Art eines sehr gültigen Anspruchs auf dieses und jeueS zu producircu, wenn es sich der Mühe verlohnte, eine dritte Person darüber abhöre» zn lassen, welche die Mamsell zn ihrem Hin- und Wiedcrschickcn brauchte. Allem ich habe mir ei»mal für allemal vorgenommen, keine Erbschaft imtcr hundert tausend Thalern anzunehmen; und die »oualioiies inter vivos, wen» sie von einem Frauenzimmer herkommen, sind nicht immer die anständigsten. Ein einziges hätte ich gewünscht: die Möbeln für gute baare Bezahlung zum Andenken behalten zu könne». Wenn die Erben diese uiir noch verkaufen wollen, so werde ich ihnc» dafür vcrbnndc» sey». Schließe» Sie de» Handel, liebster Freund, und ich will Ihnen sogleich das Geld dazu assignircn. Denn »uisscn wir denn nicht Möbeln haben, wen» wir eilimal beysammen wohnen wollen? Ich bitte mir cS ans, daß dieses einmal für allcmal eine abgeredete Sache bleibt. Wenn die Zeit doch nur schon da wäre! Ich bin meiner jetzigen Silualion so übercrüßig, als ich noch einer in der Welt gewesen bin. Nur bald Friede, oder ich halte cS nicht länger ans! <^)u,«I i'vliciiiuiii--Lichtwehr ist ein Narr. — Daß Sie Oden drucken lassen, die Sir mir nicht schicken, das ist nicht fei». — Unserm lieben Xranse zu seiner abermaligen Veränderung tausend Glück! Ich schreibe ihm mit nächstem Posttage unfehlbar.--Elcim und die Karschi»! Die letzte hat an mich geschrieben, nnd ich werde ihr nicht antworlc». Wenn doch Meist noch lebte! — Hier ist ein Brief von seinem Ncvcu. Er klagt, daß er schon zweymal a» Sie geschrieben, ohne eine Antwort zu erhalten. Einen Brief, weiß ich, habe ich ihm selbst durch den Buchhändler Meyer bestellt. Habe» *) Auch Ramlcr schickte ih» mit Reisegeld fort. Nicolen- _ IZo LessingS Briefe. l!76?. Sie den nicht erhalten?--Was machen Langemackund Sulier? — WaS macht — Ich mnß schließen, liebster Freund. Sie wissen ja ohnedies wohl, nach wem ich sonst noch etwa hätte fragen können. Grüßen Sie sie alle! Leben Sie wohl, und schreiben Sie so oft an mich, als ich an Sie denke. Das ist öfter, als Sie glauben; denn sonst würden Sie mich nicht auf den Fuß eines Menschen behandeln, dessen Stillschweigen man mit Stillschweigen bestrafen muß. Ich bin ganz der Ihrige, Lessing. An Nicolai. Liebster Freund, Endlich dringt mich die Noth, an Sie zu schreiben, lind zwar eine doppelte Noth. Fürs erste: ich kann unmöglich langer Ihre Briefe entbehren. Da Sie mir sie also nicht als ein Almosen wollen zukommen lassen — (Sie sollten sich schämen, mit mir auf so genaue Rechnung zu leben. Zug um Zug, ist eine Regel in der Handlung, aber nicht in der Freundschaft. Handel und Wandel leidet keine Freundschaft: aber Freundschaft leidet auch keinen Handel und Wandel, lind wozu machen Sie unsern Briefwechsel anders, als zu einem eigennützigen Handel, wenn Sie wollen, daß er in dem eigentlichsten Wortverstande nichts als ein Briefwechsel seyn soll? Wenn Sie mit keinem andern Wechsel übers Ohr gehauen werden, als mit diesem, so wird Ihr Beutel ein sehr gesegneter Beutel bleiben, und Ihre Freundschaft eine Capitalislinn werden. Denn jeder Ihrer Briefe, den ich nicht beantworte, ist ein Capital, welches Sie bey mir unterbringen. Und die Interessen dieses Capitals werden von Zeit zu Zeit zu dem Capitale geschlagen, und tragen neue Interessen, welche wieder zu dem Hauptstuhle geschlagen werden; so daß, je länger ich nicht antworte, desto größer Ihr Capital wird. Begreifen Sie das nicht! Sie haben Recht: da ist nichts zu begreifen- Lauter eingebildete Reichthümer! — Lieber Freund, verschmähen Sie doch die eingebildeten Reichthümer nicht! Lassen Sie uns noch drey Jahre munzcu, und die begreiflichsten Reichthümer sollen zu Einbildungen werden, ^aue ^alulci elsudsutur — vor allen Dingen meine ParenlhesiS)--: Lessings Briefe. 17K2. — So muß ich mir schon gefallen lassen, sie als Antworten zu erpressen. Und damit Sie anch gleich wissen, was Sie mir antworte» sollen, so vernehmen Sie meine zweyte Noth. Auf beyliegendem Zettel stehen Bücher, die ich mir aus dem Baumgartenschen Calalogo ') — (Der ehrliche Mann, höre ich, ist an einer poetischen Dysenterie") gestorben. Daran sterbe ich nicht. Eher ..--ch an einer poetischen Ob- struction, Coustipation — wie heißt das griechische Wort! Schlagen Sie Hcbenstreils Anhang zu Woyts mcdicinischem Lexico nach; da finden Sie es ganz gewiß. Sehen Sie, wenn ich jetzt auch noch so viel vergesse, ich behalte doch wenigstens die Bücher, wo ich es wieder finden kann, lind kann ich mir nun die Bücher vollends selber kaufen — das kann ich jetzt — so gewinne ich ja offenbar im Ler- licrcn. Denn in den Büchern steht sicherlich mehr, als ich vergesse. Geben Sie nur Acht, je mehr ich vergesse, desto gelehrter werde ich werden! Und ein dickes Buch bekömmt die Welt nach meinem Tode — vielleicht auch «och vor meinem Tode, gewiß noch von mir zu sehen. Nehmlich Liuliotliecam I^el'ürigiaiiimi seit (üalaloAum liuiorum «zuos lkuni lapere legere viverv «lelullet, collegit vir cum riaueis kio llnllis eomi>arnnclu8, Loktl». L^illr. I^efli»g <^.'o. Aus diesem Catalogo habe ich vor der Hand nichts gezogen, — sondern aus dem Baumgartenschen Latalogo) — — gezogen habe, und die ich alle haben muß. Seyn Sie also so gut, und lassen Sie mir sie erflehen. Oder erstehen Sie mir sie vielmehr selbst. Können Sie nicht abkommen ? Warten Sie, ich will Sie loS bitten: „Madame Nicolai," „Unbekannter Weise — das ist ein Glück für mich; denn wen» „Sie mich kennten, würden Sie auf meine Bitte nicht viel geben — „nehme ich inir die Freyheit, Dieselben hiermit ganz ergcbenst zu ersuchen, mir zu Liebe und Ihnen selbst zur großen (5hrc, die Selbstüberwindung zu haben, und zu erlauben, daß Ihr Mann-- „Ihr lieber Mann sollte ich sagen; denn ich erinnere mich, daß Sie „eben noch nicht lange mit ihm vcrhcirathet sind — — daß Ihr „lieber Mann also — — Aber, wenn cS noch Ihr lieber Mann ist, *) Aus dem Verzeichnisse der sehr beträchtliche» Bibliothek des scl. Obcr- konststorialratbs Natha»acl Baumgartc» in Berlin, die damals verkaust wurde. Nicolai. ") Er hatte eine Sicgcspredigt in Versen gehalten. Nicolai. Messings Briefe. 1762. „so wird Ihnen die Selbstüberwindung allzuviel kosten. — Es bleibt „also bey dem ersten — daß Ihr Mann schlechtweg, so lange als „die Banmgartensche Auction dauert — eS ist keine Möbel-Anction, „Madame; wo Geschmeide oder Silberzeug zu erstehen ist, da werden „Sie ihn wohl von selbst hinschicken, — sich alle Rachmittage ein „Paar Stunden von Jh.-N grünen Seite entfernen darf. Er soll „so gut seyn, und Bücher für mich erstehen, wenn Sie so gnl seyn „und es ihm erlauben wollen. — Die verdammten Bücher! — „Werden Sie nicht ungehalten, Madame; für sich soll er kein Blatt „erstehen. Wer Frau und Kinder zu versorgen hat, muß freylich sein „Geld klüger anwenden. Aber unser eins; ich bin so ein Ding, was „man Hagestolz nennt. Das hat keine Frau; und wenn es schon „dann und wann Kinder hat, so hat cS doch keine zu versorgen. — „WaS machte ich mit dem Gelde, wenn ich nicht Bücher kaufte? „Schlecht Geld ist es ohnedies, herzlich schlecht Geld; so schlecht, daß „man sich ein Gewissen daraus machen muß, seine alten Schulden „damit zu bezahlen. Denn sonst könnte ich es auch dazu anwenden. „Aber behüte Gott! — Lieber mögen meine alten Schulden bis auf „das alte Geld meiner lieben künftigen Frau warten. — Denn ich „bin ein Hagestolz, der cS nicht ewig bleiben will. Das Exempel „unsrer Freunde ist ansteckend — Liebe Madame, haben Sie etwa „eine gute Freundinn mit altem Gelde, welches Sie recht hübsch untergebracht wissen möchten? Sie wissen vielleicht nicht, welchen gro- „ßcn Antheil ich an Ihrer Verbindung habe. Ihr Mann war außer „Maßen unentschttissig, ob er Ihr Mann werden wollte oder nicht. „Hatte ich ihm nicht so sehr zugeredet, ich glaube, Sie hätten ihn „noch nicht. Wenn Sie nun eine erkenntliche Frau seyn wollen-- „Ich muß toll im Kopfe seyn, daß ich heute alles so ohne Ueberle- „gung hinschreibe! Wenn Sie eine erkenntliche Frau sind, so kratze» „Sie mir vielleicht lieber die Augen aus dem Kopfe. — Nein Ma- „dame, ich habe ihm nicht zugeredet. Wenigstens habe ich Ihnen „nicht zugeredet. Mag in Ihrem Ehestandskalender doch für Wetter „stehen, welches will; mir dürfen Sie weder den Sonnenschein noch „den Sturm zuschreiben. — Aber wieder auf die Auclion zu kom- „men! — Steht Sonnenschein im Kalender, so entlassen Sie Ihren „Mann freundlich in die Auction; — steht Sturm, so jagen Sie „ihn hinein. — Er mag gern gehen oder nicht gern; Ihnen werde „ich es in beyden Fällen zu verdanken haben. — Empfangen Sie „also meinen Dank. — Ich präuumerire meinen Dank sehr gern. „Denn wer Henker kaun eine Gefälligkeit abschlage», für die man LessingS Briefe. 1762, 153 „schon den Dank empfangen hat? Nein, Madame, das ist nicht mög- „lich; uiid in fester Ueberzeugung dieser Unmöglichkeit verharre ich, - „Madame," „Dero" „unbekannter Weise" „ganz ergebenster Diener." Lieber Freund, ich will Ihnen eben nicht zumuthen, daß Sie alle Briefe an Ihre Frau bestellen sollen; aber diesen können Sie immer bestellen. — Sie gehen also in die Auction, und erstehen mir die Bücher. — Hier werden sehr oft Pferde und Packsättel verauc- tionirt: ich bin wieder zu Ihren Diensten. Die ich mit einem * uo- lirt habe, müssen Sie mir um Gottes willen nicht weglassen.") Ich muß sie absolut haben! Die rechte Hand schreibt: absolut; und die linke schnippt mit den Finger» dazu: eS ist also mein Ernst. — DaS Geld dafür will ich Ihnen auf Ihr erstes ^vilo asstgnire». Darauf können Sie sicherern Staat machen, als wenn ich Ihnen einen Beytrag zu Ihren Briefen oder zu Ihrer Sammlung") verspräche. — Und » pi'o»o8, ich verspreche Ihnen einen, wenn Sie mir wollen Ihre Edition vom MusäuS schicken, wobey die griechischen Scholien sind. °") Ich habe über dieses Gedicht einige Grillen gefangen; aber ich muß vorher, wo möglich, alle Ausgaben zu Rathe zie- °) Das war halb in Scherz, halb in Ernst gesagt. Er Halle bcv der sehr großen Anzahl der angezeichneten Bücher keine Preise bestimmt, sondern mir überlassen, wie viel ich wollte bieten lassen. Bey einigen Büchern aber balle er bemerkt, das; er sie schlechterdings haben wollte. Unglücklicher Weise halte er diese meistens griechische» und cngländischcn Bücher sich gleich im Anfange, da er daS Bücherverzeichnis; durchgelaufen, auf einen Zettel geschrieben, und vorher schon einem andern Freunde auf diese Bücher ungeniesscnc Kommission gegeben, aber dies nachbcr vergessen, als er sich vornahm, mcbr Bücher zu kaufen, nnd mir den Auftrag deshalb gab. Es wurde daber ein Buch von wenigen Bänden, von zwcv Personen, zum allgemeinen Erstaunen, bis 6l) oder 70 Thaler hinaus getrieben. Da erklärten sich bcvde bietende Personen, das! sie ungcmcsscne Koniniissio» hätten, und das Buch nicht konnte» fahre» lasse». Als sie, um aus einander zu komme», von einander zu wissen vcrlanglen, für wen sie bolcn, fand sich, daß sie beyde für Lcssing gcbolcn halten. Nicolai. ") Ich gab damal eine Sammlung vermischter Schriften und Abhandlungen heraus, worin auch verschiedene Uebersetzungen waren. Nicolai. °°°) Ich schickte ihm meine» Musäus; aber der Beytrag zu dcu Briefen über die Litteratur ist nicht erfolgt. Nicolai, 464 Lessings Briefe. 1762. 1763. he», ehe ich sie wieder fliegen lasse. — Leben Sie wohl, lieber Freund. Mein Complimcnt an MoseS. Ich habe einen langen Brief an ihn angefangen; ich kann ihn aber nicht schließen, denn eben muß ich fort — Peile'), I» Eile. Ihr Wisse» Sie wo das liegt? cracbemler Trennd Ich wollte, daß ich es auch crgcven,ler gremiv, nicht wüßte. - Lessing. Den 22. Oktober 1762. An Nicolai. Breslau, d. 17. Januar 1763. Liebster Freund, Ich danke Ihnen tausendmal für die Besorgung meiner Bücher. Ihre Assignation habe ich honorirr. Ich hatte mich auf mehr gefaßt gemacht, und es thut mir leid, daß ich die übrigen Bücher nicht auch erhalten habe. Doch kann ich den Dryden i-eeta aus England wohlfeiler haben. Ich erwarte von daher nächstens wieder verschiedene neue Sachen, welche zum Theil für Ihre Sammlung sehr brauchbar seyn werden. Mit nächster Post schicken Sie mir von den erstandenen Büchern: 1) "I'Iiemislü Orlilionos. 2) I^e I?l!>t erfahre. Tie erste verstehe ich nicht, sie ist hebräisch, und die andre habe ich »och nicht. Aber von der Münze mnß ich Ihnen sagen, von der nehmlich auf den Frieden mit Rußland. (Ohne Zweifel sollen Sie auf den allgemeinen Frieden auch eine erfinden, und meine Erinnerungen können also immer noch zu einer gelegnen Zeit kommen.) Sie ist ein wenig zu gelehrt. Meine, so hatte er mit uns darüber manchen scherzhafte» srcmidschafllichcn Elrcit. In spätere» Jahre» dachlc er milder über diese Ecgcnstättdc. Nicolai. *) Ei» Jude, der sich danial i» Brcslan aushielt. Er war wegen vieler witzige» Einfälle bekannt, Nicolai, ") Hier fehlt mm nieinc ganze Korrespondenz mit Lcssing, von 1763 bi« 17t>7, welche durch die Unart der Erben meines Freundes Moses, mir meine Korrespondenz vorzucntbalic», und sie ohne mein Wissen und ohne meine Erlaubniß hier und da niitzulhcilc», verloren gegangen ist. Nicolai, 166 LcssingS Briefe, 1763, die ich damahls in Gedanken hatte, wäre so gelehrt nicht gewesen. Die eine Seite hatte einen Adler gezeigt, von mehr als einer Ratter umschluiigcn. Unvermögend sich ihrer aller zu eiuwchren, kömmt ihm aus den Wolken ein Strahl des Jupiters zu Hülfe, der die gewaltigste ihm von der Brust schlägt, mit der Ucberschrift: IXvtZug via- ilice llignus. Auf der andern Seite hätte man um das Brustbild des Kaisers gelesen: veus ex maclima. Denn was war der unglückliche Mann anders, als ein armseliger Trilagonist, auScrschen in der Larve eines Gottes den ungeschickten Knoten eines blutigen Schauspiels zu zerschneiden? Er spielt seine Rolle so so, und fährt wieder hinter die Scene und ist vergessen. Wenn ich endlich einmahl Zeit bekomme, liebster Freund, Ihnen meine Anmerkungen über Ihre philosophischen Schriften mitzutheilen: so können Sie leicht glauben, daß ich mich anch des seltsamen Menschen °) darinn annehmen werde. Ich habe eine Menge Sophisicrcycn über das Spiel auszukramen. Das fehlte noch, werden Sie sagen. Allerdings; denn das Pharao für sich ist so gedankenlos, daß man sich doch mit etwas dabey beschäftigen muß. Unter andern bin ich dahinter gekommen — Aber lassen Sie mich nicht vom Spiele, sondern von Spinoza noch ein Paar Worte mit Ihnen plaudern. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mit Ihrem ersten Gespräche seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden bin. Ich glaube, Sie waren damahls, als Sie es schrieben, auch ein kleiner Sophist, und ich muß mich wundern, daß sich noch niemand LeibnitzenS gegen Sie angenommen hat. °°) Sagen Sie mir, wenn Spinoza ausdrücklich behauptet, daß Leib und Seele eines und ebendasselbe einzelne Ding sind, welches man sich nur blos bald unter der Eigenschaft des Denkens, bald unter der Ausdehnung vorstelle, (Sittenlehre Th. II. §> ISli,) was für eine Harmonie Ihnen dabey hat cnifaUcn können? Die größte, wird man sagen, welche nur seyn kann; nehmlich die, welche das Ding mit sich selbst hat. Aber heißt das nicht mit Worten spielen? Die Harmonie, welche das Ding mit sich selbst hat! Leibniy will durch seine Harmonie das Räthsel der Vereinigung zweyer so verschiedenen Wesen, als Leib und Seele sind, auslösen. Spinoza hingegen sieht nichts Aerschiednes, sieht also keine Vereinigung, sieht kein Räthsel, das aufzulösen wäre. Die Seele, sagt Spinoza an einem andern Orte, (Th. II. *) M. f. Lcssiiigs Leben, Th. I. S. 2Z2, Nicolai- ") Mit den, Folgenden vergleiche man Band xi, S> 112. Lcssings Briefe. 17K3. §. 1s,3.) ist mit dem Leibe auf eben die Art vereinigt, als der Be- grif der Seele von sich selbst, mit der Seele vereiniget ist. Nun gehört der Begriff, den die Seele von sich selbst hat, mit zu dem Wesen der Seele, und keines laßt sich ohne das andere gedenken. Also auch der Leib läßt sich ohne die Seele nicht gedenken! und nur dadurch, daß sich keines ohne das andere denken laßt, dadurch, daß beyde eben dasselbe einzelne Ding sind, sind sie, nach Spinozens Meinung, mit einander vereinigt. (5s ist wahr, Spinoza lehrt, die Ordnung der Verknüpfung der Begriffe sey mit der Ordnung der Verknüpfung der Dinge einerley, lind was er in diesen Worten blos von dem einzigen selbsiständigen Wesen behauptet, bcjabct er anderwärts, und noch ausdrückliches, insbesondere von der Seele. <5H. V. ß. Z81.) So wie die Gedanken und Begriffe der Dinge in der Seele geordnet und unter einander verknüpft sind: eben so sind auch aufs genauste die Beschaffenheiten des Leibes oder die Bilder der Dinge in dem Leibe geordnet und unter einander verknüpft. — Es ist wahr, so drückt sich Spinoza aus, und vollkommen so kann sich auch Leibnitz ausdrücken. Aber wcuu beyde sodann einerley Worte brauchen, werden sie auch einerley Begriffe damit verbinden? Unmöglich. Spinoza denket dabey weiter nichts, als daß alles, was ans der Natur Gottes, und der zufolge, aus der Natur eines einzelnen Dinges, koim!>lilei' folge, in selbiger anch niijeelivo. nach eben der Ordnung und Verbindung, erfolgen muß. Nach ihm stimmt die Folge und Verbindung der Begriffe in der Seele, blos deswegen mit der Folge und Verbindung der Veränderungen des Körpers überein, weil der Körper der Gegenstand der Seele ist; weil die Seele nichts als der sich denkende Körper, und der Körper nichts als die sich ausdehnende Seele ist. Aber Leibnitz? — Ich werde abgehalten, weiter zu schreiben. Und nun wollte ich, daß ich gar nicht geschrieben hätte! Noch ist es auch nicht viel mehr als gar nichts. — Leben Sie wohl, liebster Frcnnd, leben Sie wohl! Lessing. Berlin, d. 21. Jnli 1773.*) Mein liebster Ramler, daß Sie recht wohl leben, ist die Absicht Ihrer Reise, und das ist auch das Einzige, warum man Ihre Llb- *) Soll ohne Zweifel heißen 1763. Bcrgl. Mendelssohns Brief a» Lcssing vom 1. Slng. 1763. 168 Lessings Briefe, 1763. Wesenheit so lange gern erträgt. Doch ivenn Sie auch in Berlin wohl leben können; so kommen Sie bald zurück. Ihre Freunde und die Komödie erwarten Sie.*) Ihr Lessing. Hochjuehrender Herr Vater, So sehr mich gewißcrmaaßen der Besuch meines Bruders Gottlob an ciiicm Orte bcsrcmdcn mußte, wo ich selbst nur zum Besuche bin, und sehr wenig Zeit habe: So angenehm ist er mir jedennoch gewesen; besonders da er mich mit der erwünschten Nachricht von dem Wohl' befinden mciner.wcrthcsten Acltcrn und sämtlichen GeschwisterS erfreuet. Ich bediene mich seiner Rückreise um endlich mein Versprechen einmal zn erfüllen, das ich gewiß längstens erfüllet hätte, wenn die Schwierigkeit der Geld-Sorten und der Überwachung mich nicht daran verhindert hätte. Ich habe ihm nehmlich 170 Rthlr. in Sächsisch ^ mitgegeben; davon sind 60 Rthlr. für den Bruder Carl in Leipzig als auf zwey Quartale der ausgesetzten Zubuße. Die übrigen lltl Rthlr. werden der Herr Vater nach Befinden unter die übrigen Geschwister vertheilen, besonders würde eS mir angenehm seyn, wenn Gottlob davon sich eraminiren laßen könnte, weil er mich versichert, daß seine Beförderung blos und allein hiervon abHange. Ich glaube schwerlich länger als drey oder vier Wochen noch all- hicr in Potsdam zn bleiben, und gehe sodaun vor der Hand mit dem General Lieul. v. Tauentzien, welcher Gouverneur von ganz Schlesien geworden, wieder nach BreSlau zuiück. Ich werde aber vorher gewiß »och einmal nach Hause schreiben, und es positiv mcldcn, ob ich diesen Sommer noch selbst anf einige Tage dahin kommen kann. Der Mangel der Zeit verhindert mich jetzo mehr zn schreiben, und Gottlob wird mündlich mehr berichten können. Ich empfehle mich meinen werthesten Acltcrn und verharre Lebenslang Dero Potsdam den 4 August. gehorsamster Sohn 1763. Gotthold. *) Dieser kurze Brief ist nur ein Anbang eines großer», den ein anderer Berlinischer Freund an Siamlcrn schrieb, welcher damals in Pommern auf dem Lande war. Nicolai. LessiugS Briefe. 1763. 1764. 159 Aus cincm Briefe vom 30. November 1763.") Meine werthesten Eltern betrachten mich, als wenn ich hier in BrcSlau schon etablirt wäre; und dieses bin ich doch so wenig, daß ich gar leicht meine längste Zeit hier gewesen seyn dürfte. Ich warte nur noch einen cinjigen Umstand ab, und wenn dieser nicht nach meinem Willen anSsälll, so kehre ich zu meiner alten Lebensart wieder zurück. Ich hoffe ohnedies nicht, daß Sie mir zutrauen werden, als hätte ich mein Studieren an den Nagel gehängt, und wollte mich bloß elenden Beschäftigungen cle psue luei'-mclo widmen. Ich habe mit diesen Nichtswürdigkeiten nun schon mehr als drey Jahr verloren. Ls ist Zeit, daß ich wieder in mein Geleise komme. Alles, was ich durch meine jetzige Lebensart intendirle, das habe ich erreicht; ich habe meine Gesundheit so ziemlich wieder hergestellt, ich habe ausgeruhet, und mir von dem wenigen, was ich ersparen können, eine treffliche Bibliothek angeschafft, die ich mir nicht umsonst angeschafft haben will. Ob ich soiist einige hundert Thaler übrig behalten werde, weiß ich selbst nicht. Wenigstens werden sie mir nebst dem, was ich aus meinem gewonnenen Processe erhalte, sehr wohl zu Statten kommen, daß ich ein Paar Jahr mit desto mehr Gemächlichkeit stndircn kann. Indessen soll mich dieses nicht hindern, für meine Brüder mein Acußer- sles zu thun. Hochzuchrendcr Herr Vater, Ich schmeichle mir, daß Sie von meiner aufrichtigen Liebe gegen mein Geschwister zu wohl überzeugt sind, als daß Sie iu der That von meinem bisherigen Stillschweigen auf die betrübte Nachricht von dem Tode meines BrnderS Gottfried eine üble Auslegung machen sollten. Ich habe seinen Tod empfunden, als man nur immer einen solchen Zufall empfinden kaun; und mehr vielleicht, als man ihn empfinden sollte. Die Betrübniß ward durch den Antheil vermehret, den ich meine werthesten Acllcrn daran nehmen sahe. Aber eben dieser Antheil befahl mir die Bezeigung des mcinigcn zurückzuhalten. Warum sollen Traurige einander ihre Traurigkeit mittheilen, und fie vorsctzlich dadurch vcrstcrkcu? ^5ic einzige wahre Pflicht, die mir der Tod meines Bruders auflegen kann, ist diese, daß ich mein übriges Geschwister desto inniger liebe, und die Zuneigung, die ich gegen den Todten nicht mehr zeigen kann, auf die Lebendigen übertrage. Viele bctaurcu im *) Lcssings «eben, Th. i, S.250. 160 Lcssings Briefe. 1764. Tode, was sie im Leben nicht geliebt haben. Ich will im Leben lic- ben, was mir die Natur zu lieben befiehlt, und nach dem Tode so wenig als möglich zn bctauren suchen. Möchte meine Liebe meinem Geschwister nur auch so ersprießlich seyn können, als sie cS zu seyn wünschet! An den Bruder Carl in Leipzig habe ich schon vor länger als vier Wochen geschrieben, und ihm 8 Ducatcn geschickt. Er kann ferner auf meinen geringen Beystand rechnen, lind da ich vermuthe, daß nunmehr Gottlob bey dem Herrn Letter (dem ich mich ergebensi zu empfehlen bitte) in Gottfrieds Stelle treten dürfte, indem er doch wohl keine bcßere Schule zu seiner künftigen Prari finden kann: So habe ich Carlen sogar vorgeschlagen, ob er nach Ostern zu mir kommen und vor der Hand bey mir leben wcllc. Allein er hat mir die Veränderung seiner Studien vorgestellt, die es allerdings nothwendig macht, daß er noch einige Feit auf der Universität bleibe. Ich umarme mciq Geschwister und empfehle mich meinen liebsten Acltcrn, deren ruhiges und gluckliches Alter der eifrigste von allen meinen Wünschen ist. ?cro BreSla» d. 9 Febr. 1764. gehorsamster Sohn Gotthold. An Ramlcr. BrcSlan, d. 1.1. März 1764. Liebster Freund, Sorgen Sie nicht. Ihr letzter Brief ist eine Art von Geschäfts brief; den werde ich gewiß gleich beantworten. Aber wie tief muß der gefallen seyn, dem dergleichen Nichtswürdigkeiten dringender scheinen, als die Bezeugnngen seiner Freundschaft und Hochachtung! Erlauben Sie, daß ich Ihren Trost von ganzem Herzen ergreife. Wir sind einer von des andern Hochachtung und Freundschaft zu sehr versichert, als daß wir nicht glauben dürften, vieler schriftlichen Versicherungen entbehren zu können. Ihr Freund will wissen, wer des Ministers Ohr hat? Ich wollte, daß Ihr Freund sich mir ein klein wenig hätte wollen merken lassen, von welcher Beschaffenheit sein Ansuchen sey. In diesen Sachen hat es vielleicht der, in andern jener. Doch ist der KricgSralh Bälde wohl derjenige, der cS in den meisten, wo nicht in allen, hat. An den muß er sich wenden, und ich wünsche ihm viel Glück! Lessings Briefe. 1764. Ihre vortreffliche Ode halte ich hercils gelesen. Ich bin Schuld daran? und seit dem Januar 1769 an mehreren solchen Schuld? Run komme einer, und sage, daß ich seit dieser Zeit nichts gemacht! Ich will lieber an der geringsten von Ihren Oden Schuld seyn, als, ich weiß nicht was, selbst gemacht haben. Und ich will hoffen, daß mir es die Nachwelt auch höher anrechnen wird. Ich umarme Sie, liebster Freund, und bin der Ihrige ganz, Lessing. Hochjuchrcnder Herr Vater, Ich muß schon wiederum um Ihre gütige Nachsicht bitten, daß ich meine Antwort so lange verzögert habe. Meine itzigen Umstände müßen mich zum Theil entschuldigen, und die Ungewißheit und Unent- schloßenheit, in der ich mich solchen nach befinde. Meine Verwirrung wird durch den Zufall, daß der G. v. T. ge- fäbrlich krank liegt, noch größer. Es mag aber diese Krankheit auS- schlagcn wie sie will, so ist die totale Veränderung meiner itzigen Situation immer gewiß, lls sollte mir leid thun, wenn sich meine liebsten Eltern durch unrichtig eingezogene Nachrichten von meinen bisherigen Umständen einen falschen Begrif sollten gemacht haben. Ich habe meines Theils gewiß keine Gelegenheit dazu gegeben, vielmehr mich mchr als einmal geäußert, daß mein itziges Engagement von keiner Dauer seyn könne, daß ich meinen alten Plan zu leben nicht aufgegeben, und daß ich mehr wie jemals cntschloßcn, von aller Bedienung die nicht vollkommen nach meinem Sinne ist, zu abstrahi- ren. Ich bin über die Helfle meines Lebens, und ich wüßte nicht, was mich nöthigen konnte, mich auf den kürzern Rest deßclben, noch zum Sklaven zu machen. — Ich schreibe Ihnen dieses, liebster Va^ tcr, und muß Ihnen dieses schreiben, damit es Ihnen nicht befremde, wann Sie mich in kurzen wiederum von allen Hoffnungen und Ansprüchen ans ein firirtcS Glück, wie man es nennt, weit entfernet sehen sollten. Ich brauche nur noch einige Zeit, mich aus allen den Rechnungen und Verwirrungen, in die ich verwickelt gewesen, herauszusetzen, und alsdann vcrlaße ich BrcSlau ganz gewiß. Wie es weiter werden wird ist mein geringster Kummer. Wer gesund ist, und arbeiten will, hat in der Welt nichts zn fürchten. Sich langwierige Krankheiten und ich weis nicht was für Umstände befürchten, die einen außer Stand zu arbeiten setzen könnten, zeigt ein schlechtes Ve» trauen auf die Vorsicht. Ich habe ein keßeres, und habe Freunde. LeslmgS Werke xii. z z 162 LessingS Briefe. 1764. Mein Bruder Thcovhilus wird meine Antwort erwartet haben. Mit seinem Besuche ans 14 Tage war mir nichts gedient. Ich habe ihm also bis jetzt zu antworten unterlaßcn können, und er hat eS schon aus meinem Stillschweigen schließen müßen, daß ich seinen län- gern Besuch nach JohanniS erwarte. Meine bevorstehende Vcrände rung mag seyn wie sie will, so werde ich ihn doch immer mit Lc» gnügen bey mir sehen, und es soll mir lieb seyn, wenn ich ihn wenigstens knit von meinen wirklichen Umstanden setzen kan. Ich höre, daß er eben itzt zn Hanse ist, und kann inir also die nochmalige schriftliche Einladung ersparen. — Ich erwarte Dich gewiß, mein lieber Bruder! — Auch Carl hat mir aus Leipzig geschrieben, und mir gemeldet, daß er zu mir komme» werde. Meine liebsten Eltern werden sich erinnern, daß ich ihm den Antrag dazu vorige» Winter selbst gemacht, allein damals lehnte er ihn ab, und hielt cS für nöthig, bey der unternommenen Veränderung seiner Studien, wenigstens noch ein Jahr auf Universitäten zu bleiben. Warum er sich nun auch hierin» geändert, kann ich nicht sagen. Es möchte aber alles seyn, wenn ich nur darauf eingerichtet wäre, ihn mit Thcophilo zugleich komme» zu laße»; das übrige sollte sich wohl finde». Da ich aber dieses nicht bin, so muß er es mir nicht übel nehmen, wenn ich ihn wegen seiner AnHerkunft so lange in Ungewißheit laße, bis ich höre, ob Thcophilus gewiß kommen will. Meine eifrigsten Wünsche gehen ans das rubige, und zufriedene Alter meiner werthesten Eltern, die ich beschwöre, um mich sich keinen Kummer zu machen, wohl aber versichert zn seyn, daß niemand seine Eltern und Geschwister aufrichtiger lieben kann als Dero gehorsamster Sohn Breslau d. 13 Jnnius Gotthold. 1764. An Hcyne. BreSlau, den 28. Jul. 1764. Hochedelgcborner Herr, Hochzuehrcndcr Herr Professor, So flüchtig auch die Bekanntschaft war, die ich vor verschiedenen Jahren mit Ewr. Hochedelgeboren in Dresden zu machen das Glück hatte: so lebhaft hat sich dennoch das Andenken derselben bey mir LcssingS Briefe. 1764. erhalten; und nichts hätte »lir angenehmer seyn können, als die unerwartete Versicherung, daß sich auch Ew. :c. meiner noch erinnern, und mit einer Art des Zutrauens erinnern, welches mir um so viel schmeichelhafter sehn muß, je weiter mich meine jetzigen Umstände von allein, was Gelehrsamkeit heißt, unglücklicher Weise entfernen. Ich müßte indeß aber auch alle Liebe zu den Wissenschaften verloren haben, wenn mir die Arbeiten eines Mannes von so viel Geschmack und Einsicht, als ich bey dem neuesten Ausleger des TibulluS gefunden, gleichgültig seyn könnten. ApolloniuS ist ein Dichter, dem ich längst eine brauchbarere Ausgabe gewünscht habe, und ich freue mich, daß sie in solche Hände gefallen. Ein Manuscript von ihm ist wirklich auf der hiesigen Bibliothek zu St. Elisabeth vorhanden. Beylegende Antwort des Herrn Reclor Arletius überhebt wich der Mühe, es Ihnen wcitläuftig zu beschreiben. Es ist sehr neu; aus der Mitte des IZtcn Jahrhunderts, von der Hand des Padnanischen Medicus, Nicolaus de passara. Es ist ohne den Scholiastcn, aber hin und wieder zwischen den Zeilen mit einer Glosse. Die Hand ist leserlich und ziemlich corrcct; mir hat der Abschreiber, wie ich im Durchblättern gefunden, nicht selten den poetischen Dialekt vernachlässiget, nnd dadurch das Sylbcnmaß öfters verstümmelt. So schreibt er z. E. (1 B. F. 19) ^)>->v ^.K^,«^? anstatt «a.»^--,v. — Herr Arletius, wie ich weiß, wird cS Ewr. Hochedelgcborcn nicht schwer machen, das Manuscript selbst zu erhalten. Sollten Sie es aber, nach unsrer Beschreibung, nicht für werth achten, es so einen weiten Weg kommen zu lassen, so ist er crbötig, es mit aller Sorgfalt zu vergleichen. Auch ich würde mich mit Vergnügen zu dieser geringen Arbeit erboten haben. Sonst findet sich noch in eben derselben Bibliothek die erste Florcntinischc Ausgabe des Dichters, aus deren Gebrauche ich mir fast mehr versprechen wollte, als aus dem Manuskripte selbst. — In dem nehmlichen Bande, welcher dieses Manuscript enthält, ist auch eins von den ArgonauliciS des Orpheus. Wie sehr wünschte ich, daß auch diesem Gedichte Ew. :c. wegen des verwandten Inhalts, einen kritische» Blick schenken wollten. «Lschenbacho Arbeit darüber ist mir immer sehr mittelmäßig vorgekommen; es wäre denn, daß er in der zweyten Ausgabe, die ich versprochen finde, aber nie gesehen habe, etwas Besseres geleistet hätte. Die erste Fiorenrinische Ausgabe des Orpheus, welche gleichfalls hier ist, hat geschriebene Naudgloffen, die vielleicht von Gelang seyn dürften. — Eine deutsche Uebcrsctzung des Apollonius würde allerdings eine Zierde unsrer Litteratur seyn. Wer aber soll sich daran machen? Unsere witzigcu 11« 164 LcssingS Briefe. 1764. Köpfe sind meistens schlechte Griechen, und unsere guten Griechen sind meistens — Wie muß mau einen Rciskc nennen? Um des Himmels willen, was für einen Dcinosthencs giebt uns dieser Mann! Wollen Sie, daß Ihren Apollonius nicht vielleicht ein gleiches Schicksal treffe: so erfüllen Sie un§ Ihren Wunsch selbst. Diese Arbeit ist eben so wenig über Ihre Kräfte, als uuter Ihrer Würde. Der Kritiker, der die Schönheiten eines Alten aufklärt und rettet, hat meinen Dank; der aber von ihnen so durchdrungen, so ganz in ihrem Besitze ist, daß er sie seiner eignen Zunge vertrauen darf, hat meinen Tank und meine Bewunderung zugleich. Ich erblicke ihn nicht mehr hinter, ich erblicke ihn neben seinem Alten. Ich verharre mit der vorzüglichsten Hochachtung, und in der angenehmen Hoffnung, öfter mit Dero Zuschrift beehrt zu werden, Ewr:c. gehorsamster Diener Lessing. An Ramlcr. Breslau, d. 5. August 1764. Liebster Freund, Tausend Dank für Ihre besorgsame Freundschaft! — Krank will ich wohl einmal seyn, aber sterben will ich deswegen noch nicht. Ich bin so ziemlich wieder hergestellt; außer daß ich noch mit häufigem Schwindel beschwert bin. Ich hoffe, daß sich auch dieser bald verlieren soll; und alsdann werde ich wie neugeboren seyn. Alle Veränderungen unsers Temperaments, glaube ich, sind mit Handlungen unserer animalischen Oekcnomie verbunden. Die ernstliche Epoche meines Lebens nahet heran; ich beginne ein Mann zu werden, und schmeichle mir, daß ich in diesem hitzigen Fieber den letzten Rest meiner jugendlichen Thorheiten verraset habe. Glückliche Krankheit! Ihre Liebe wünschet mich gesund; aber sollten sich wohl Dichter eine athletische Gesundheit wünschen? Sollte der Phantasie, der Empfindung, nicht ein gewisser Grad von Unpäßlichkeit weit zuträglicher seyn? Die Ho- raze und Ramlcr wohnen in schwächlichen Körpern. Die gesunden Theophile") und Lesfinge werden Spieler und Säufer. Wünschen Sie mich also gesund, liebster Freund; aber wo möglich, mit einem *) Lessing meint Thcophilus Do'bbclin, den breitschultrigen Schauspieler. Nicolai. LessingS Briefe. 17K4. 1K5 kleinen Denkzeichen gesund, mit einem kleinen Pfahl im Fleische, der den Dichter von Feit zu Feit den hinfälligen Menschen empfinden lasse, und ihm zu Gemüthe führe, daß nicht alle Tragici mit dem Sophokles W Jahr werden; aber, wenn sie es auch würden, daß Sophokles auch an die ncuiizig Trauerspiele, und ick erst ein einziges gemacht! Neunzig Trauerspiele! Auf einmal überfallt mich ein Schwindel! O lassen Sie mich davon abbrechen, liebster Freund! — Ihre litterarischen Neuigkeiten sind mir sehr angenehm gewesen. Ich danke Ihnen, daß Sie mich auf die Wilhelmine aufmerksam gemacht haben; ohne Ihr Lob hätte ich sie schwerlich des Ansehens gewürdiget. Ich kenne den Verfasser nicht; und Gott gebe, daß es cm Mann isi, den wir Beide nicht kennen! Denn so wird Deutschland ein poetisches Genie mehr haben! — Melden Sie mir doch, ob ich für den unbekannten Verfasser, der Ihnen sein Trauerspiel zugeschickt hat, den nehmlichen Wunsch thun darf! Ich verspreche Ihnen wenig davon, aber überraschen Sie mich mit desio mchrcrem. — — Dem Herrn Anthclmy muß ich mich für sehr verbunden erkennen. Aber ich wünschte recht sehr, daß er mit der Ehre, die er mir erzeigen will, noch ein halbes Jahr anstehen wollte! In dieser Zeit hoffe ich mit der zweyten Ausgabe meiner Fabeln gewiß fertig zu seyn. Besonders die Abhandlungen bedürfen mancherley Erläuterungen, wenn mich seine Landsleute gehörig verstehen sollen. Lerschicdne französische Recensenten haben bereits Mißdeutungen davon gemacht, die mir sehr unangenehm sind. Haben Sie die Gütigkeit, liebster Freund, den Herrn Anthclmy dieses ungefähr wissen zu lassen. Wenn Sie Ihrer Oden wegen, die mau itzt in Paris übersetzt, einen Liitreiiioltoui' brauchen, so will ich es hier wiederum seyn. — Und das wäre die Antwort auf Ihre gelehrten Neuigkeiten! Was schreibe ich Ihnen für welche? Auf den ersten September ist die Revüe bey Brieg, und auf den vierte» bey HundSfcld. Leben Sie wohl, liebster Freund, leben Sie wohl. Ich bin ganz der Ihrige, _ Lessing. An Ramlcr. BrcSlau. d. 20. August 1764. Liebster Freund, Ihr Schreiben, das mir Herr Ricd überbrachte, hat mir seinen Besuch doppelt angenehm gemacht. Ich muß ihn nicht ohne Antwort 166 Lessmgs Briefe. 1764. abreisen lassen, damit er wiederum das Vergnügen haben kann, Sie zu besuchen. Meinen vorigen Brief werden Sie von dem Herrn Hauptmann von Diebilsch wohl erhalten haben. Er war so giitig, für Herrn Voß etwas mitzunehmen; von welchem ich sehr begierig bin zu hören, ob es gut überkommen. — Er und Herr Ried haben mir versichert, daß Sie sich recht wohl befinden. Bleiben Sie ja dabey, und kränkeln Sie nicht! Kränkeln, sag ich; denn seit einiger Zeit halte ich das Kränkeln für schlimmer, als das krank seyn. Ein ärgerliches Leben, wenn man auf ist, und vegetirt, und für gesund angesehen wird, ohne es zu seyn! Ich war vor meiner Krankheit in einem Train zn arbeiten, in dem ich selten gewesen bin. Roch kann ich nicht wieder hineinkommen, ich mag es anfangen wie ich will. Ich brenne vor Begierde, die letzte Hand an meine Minna von Bavnhelm zu legen; und doch wollte ich auch nicht gern mit halbem Kopfe daran arbeiten. Ich habe Ihnen von diesem Lustspiele nichts sagen können, weil es wirklich eins von meinen letzten Projekten ist. Wenn es nicht besser, als alle meine bisherigen dramatischen Stücke wird, so bin ich fest entschlossen, mich mit dem Theater gar nicht mehr abzugeben. Es könnte doch seyn, daß ich zu lange gcfeyert hätte. — Sie sollen der erste seyn, von dem ich mein Urtheil erwarte.') — Vorher aber sagen Sie mir noch Ihr Urtheil, liebster Freund, von beiliegenden Reimcreycn.") Kaum sollte ich es zwar wagen, Ihnen solche Nichtswürdigkeiten vorzulegen; und ich kann eS selbst kaum begreifen, wie ich seil Jahr und Tag wieder in diesen Geschmack gekommen bin. Wenn sie nicht ganz verwerflich sind, und es sich der Mühe verlohnt, daß Sie Ihre Feile ansetzen, so thun Sie es doch! Nicht sowohl, damit ich öffentlich Gebrauch davon machen kann; als vielmehr, damit mir meine Nachlässigkeiten nur recht deutlich werden, und ich von *) L. hielt dies Versprechen. Er brachte Ramlcr» jede» Akt, las ihm solche» selbst vor, und ließ ihn so lange !» seine» Händen, bis er ihm den folgenden Akt vorlesen komite. Es war dabey ausgemacht worden, das; R. i» jeden Alt ein Zcttclchcn mit Kritik oder Vorschlägen zur Verbesserung legen sollte. L. »ahm diese auch srcundschasllich a», bis auf zwey oder drey, worin er seinen Willen haben wollte. Nicolai. ") Dieses waren drey komische Erzählungen, »chmlich die Brille, Nir Bodcnstrom, und die Theilung. Die beiden ersten hat Namlcr i» seine Fabcllcsc aufgciwmim»; auch stehen sie im zweyten Theile von Lessiiigs sämmtliche» Schriften. I^Band I, S. 12t. 123.^ Die dritte ist als Anhang in, 2Zstcn Th. abgedruckt. s^Band i, S. 210. Z Nicolai. Lesstngs Briefe. 17K4. 167 scblst errathen kann, welchem Kunsirichter ich das übrige Zeug dieser Art zu reinigen und zu läutern geben muß. Ihrem Urtheile über die ^vilhelmine falle ich völlig bey. Wie sehr freue ich mich, daß mein Wunsch in Ansehung des Verfassers eingetroffen. Tcn ekeln Freund, der niedrige Stellen darin gefunden, wollte ich errathen. Er, der den feinen Geschmack des HofcS und der großen Welt allein zu haben glaubt!') Er, der allein von Flöhen singen kann, ohne in Plattitüden zu fallen. Kenne ick ihn? Leben Sie wohl, liebster Freund, und behalten Sie mich lieb, Ihren getreusten Lessing. An Herrn Daniel Jtzig in Berlin."") e. p. Ewr. Hochi5deln Schreiben vom Illtcn dieses habe wohl erhalten, und daraus nicht ohne Befremden ersehen, was Herr Ephraim für eine Anforderung wegen der freyen Ansmüuzung der 60000 Mkf. in dem Lontractc vom 7 März 1769 an dieselben machen zu dürffeil glaubet. Ohne Zweifel aber muß er sich nicht erinnern, daß diese freye Allsmünzuiig kcincswcgcs ein lZeueüoiuiir des damals mit ihm gemeinschaftlich enlrirtcn LontractS ist, sondern sich von den 112164 Mark herschreibct, mit welchen Ew. Hoch(5dl. in den mit Euwperz und MoseS Jsaac geführten Entreprisen vom Itcu Novbr 1765 — vlt. lau. 176'.» in Rückstand geblieben. Solcher Rückstand ist von dem Hrn. Tirector Kröncke, welcher auf Befehl Sr. Königl. Majestät damals die Rechnungen dieser Entreprisen rcvidircn müßen, für richtig erkannt, auch von Sr. Königl. Majestät die freye AuSmün- zuug darüber, in einem Handschreiben an mich ei. ä. BrcSlau den 4tcn März, in pohlnischen Tympfcn accordiret worden. Bey Ecle- genhcil des ContractS vom 7>c» Märtz 69 aber, ist die Summa benannter 112164 Mark auf 60000 Mark herunter gcsetzet und diese dafür die Mark zu 24 Rthlr. auszumünzen verstattet worden; wie solches die unterm 7tcn März 59 Ew. HochEdeln nebst dem Eumperz ') Lessing meinte wahrscheinlich Sulzcrn. Nicolai- "1 Mit Ausnahme der Unterschrift ganz von LessingS Hand. Im Besitz des Herrn B. Fricdländcr. 168 Lessings Briefe. 1764. 1765. und Moses Isaac allsgefertigte General-Dccharge mit mehren» besaget. Selbst die ausdrücklichen Worte des mchrcrwähntcn Lontracts vom 7 März 59, wenn es § 4 heifit „Und da die vorigen Entre- „prennenrs bey der ersten Entreprise 112164 Mark 10 Loth 7 Gran „frey und ohne Schlagcschatz auszumünzen gehabt hätten :c." — beweisen deutlich, daß Herr Ephraim an dem Inhalte dieses § keinen Theil haben kann, indem er unter die vorigen Enrreprcnneurs nicht gehöret. Ich zweifle im geringsten nicht, daß Herr Ephraim, nach gehöriger Erwägung dieser Umstände, von seiner Prätcnsion nicht abstehen sollte; und können Ewr HochEdl. allenfalls ganz ruhig seyn, indem die Sache so klar, daß die Entscheidung, cS komme auch zu welcher es wolle, nothwendig für Sie ausfallen muß. Breslau den 16 Scptbr. 1764. B. F. Tauentzie». Hochzuehrender Herr Vater, Es würde unverzeihlich seyn, wenn ich es noch länger anstehen ließe, meinen werthesten Eltern einige Nachricht von mir zu ertheilen, und mich nach ihrem mir so theuern Wohlergehen zu erkundigen. Mein bisheriges Stillschweigen werden Sie mir gütigst verzeihen; Arbeit und Verdruß und meine bevorstehende Veränderung, haben mich, so zu reden, meiner selbst vergeßen gemacht, und ich werde nn» schon auch nicht eher wieder zu mir selbst kommen, als bis ich aus BreSlau weg bin. Dieses sind denn auch die Ursachen, warum ich den Besuch meines Bruders Carl verbitten muß. Ich möchte ihn zwar sehr gern sprechen, aber die Zeit verstattet cS itzo nicht, und ich muß mir dieses Vergnügen schon bis auf das Frühjahr »ersparen, da ich ganz gewiß auf einige Tage nach Hause zu kommen hoffe. Und zwar von Berlin aus; wenn ich meine Sachen daselbst nur erst in Ordnung gebracht habe. Er will wieder nach Leipzig gehen, und ich darf es ihm nicht wiederraihen. Wenn er nur weiß, wie er da leben kann. Ich meines wenigen Theils kaun ihm weiter auf nichts Hoffnung machen; es thut mir leid, daß ich dieses so gerade heraussagen muß, aber es würde ihm schädlich seyn, wenn er sich uugcgrüiidete Rechnung machte. Von dem ganzen Winklerschen Processe sind mir kaum 3W Rlhlr. übrig geblieben; und das ist, außer meiner Bibliothek und meinen Sachen, mein einziger und letzter Nothpfennig, der gänzlich geschmolzen seyn wird, noch ehe ich mich in Berlin wieder Lessings Briefe. 1766. 169 eingerichtet habe. Es folgt hierbei) ein Brief an ihn, von einem seiner Universitätsfreunde, an den ich die 26 Rthlr., welche er ihm schuldig gewesen, mit 28 Rthlr. 12 Er. hiesigem Courant bezahlt habe. Ich wünschte sehr, ich könnte ihm seine übrige Schulden auch tilgen. Aber, wie gesagt, ich kann nichts versprechen. Ich bin zwar Willens, wenn ich nach Berlin komme, einen Theil meiner Bücher zu verkauffcn, ich habe auch sonst noch einige kleine Forderungen außenstehe». Aber alles das ist nichts gewißcs, und auf der Universität muß man auf etwas gewißcs rechnen können. Geht es mir indeß damit, wie ich denke, so kann er versichert seyn, daß ich seiner nicht vcrgcßen werde. Auch Gottlob hat an mich geschrieben. Er äußert nicht viel Zufriedenheit mit seinen gegenwärtigen Umständen. Er will wieder weg, und ich soll ihm rathen. Wenn sich doch nur eines guten Raths wegen niemand an mich wenden wollte! Ich kann niemand rathen, und will niemand rathen. In Wahrheit, ich weis nicht, was ich ihm antworten soll, und daher werde ich ihm gar nicht antworten müßen. Könnte ich ihm helffen, so wollte ich es von Gründ der Seelen gerne thun; aber wie und womit? Ich wünsche zu dem angetretenen Neuen Jahre meinen werthesten Eltern und sämtlichen Geschwister alles Wohlergehen. Ihnen besonders, liebster Vater, wünsche ich noch viele gesunde und vergnügte Jahre, welche die Vorsicht Ihnen von der Zahl der Meinigen zulegen wolle. Schenken Sie nur ferner Ihre Liebe Tcro Breslau, d. 10 Jan. 1766. gehorsamsten Sohne Eotthold. Hochzuehrendcr Herr Vater, Es ist meine Schuldigkeit, meinen werthesten Eltern zu melden, daß meine Abreise von hier auf den IZtcn oder 16tc» künftigen Monats festgesetzet ist. Ich gehe nach Berlin, nicht so wohl um auf lange Zeit daselbst zu bleiben, als vielmehr blos, um meine zerstreuten Sachen allda zusammen zu bringen, und doch cinigcrmaaßen einen looum uucle nennen zu können. Vor dem May werde ich jedoch nicht dort eintreffen, indem ich mich noch unter WegcnS, theils in Frankfurt!), theils bey einigen von Adel auf dem Lande, die meine Freunde sind, verschiedne Tage verweilen will. Von Berlin aus 470 Lessings Briefe. 4766. werde ich eine Tour nach Dresden machen, wo ich mich vielleicht einen oder zwey Monate aufzuhalten gedenke, und es versteht sich, daß ich von da aus mehr als einmal nach Camcnz kommen werde. Nichts wird mir erfreulicher seyn, als meine wertheste Ellern gesund und vergnügt anzutreffen. Der Verdruß, den sie liebster Vater noch immer dort haben, ist ein Beweis, wie schlecht man in meiner Vaterstadt denkt. Andrer Leute Thorheiten müßen uns indeß nicht kränken, und ich halte auch den Bruder Theophilus für zu gesetzt, als daß er es für eine Beschimpfung halten sollte, den Beyfall des Camtzcr Pöbels nicht zu haben. Sollte ich wieder Vermuthen an der Ausführung meines itzt erwähnten Anschlages verhindert werden, und sollten mich gewifie Umstände nöthigen, den Sommer über in Berlin zn bleiben, so werde ich sodann den Bruder Carl zu mir kommen laße». ES wird mir aber lieb seyn, wenn er mir vorher noch schreibet, und besonders, wenn er mir die versprvchne Ausarbeitung schicket. Daß die Wäsche fertig ist, dafür bin ich meiner lieben Schwester recht sehr verbunden. Da ich keine andere Gelegenheit, sie anher zu bekommen weis, so soll Sie sie nur in eine leichte Äüsie, mit WachS- lcinewand wohl verwahrt, einpacken und unfranauirl ivela auf die fahrende Post anher geben. Ich will lieber diese wenigen Unkosten daran wenden, als sie noch länger entbehren. Sie muß es aber mit der ersten Post thu», damit ich sie längstens noch vor den Feyerlagen erhalte. Zugleich soll Sie mir melden, was ich ihr für Auslage und Arbeit schuldig bin. Ich empfehle mich meinen werthesten Eltern und verbleibe Lebenslang Dero Breslau, d. 17 März 1766. gehorsamster Sohn (Sotthold. Hochzuchreuder Herr Vater, Ich bin zwar bereits vor sechs Wochen glücklich in Berlin ange- langt; ich habe aber durch die Rachläßigkeit und Untreue meines neuen Bedienten, de» ich mit meinen Sachen von Breslau anher gehen laßen, alles Meinige in solcher Verwirrung gefunden, und dadurch so viel verdrießliche Abhaltungen bekommen, daß es mir unmöglich gewesen, an die Erfüllung meines Versprechens eher zu denken. Endlich thu ich es, und übersende dem Bruder Carl beygehend Zg Rlhlr., über deren Anwendung ich mich in meinem Briefe an ihn näher erkläre. Was ich hiernächst meiner Schwester versprochen, habe LcssingS Briefe. 1765, ich nicht vergessen; ich werde es auch nicht vergessen; ich bitte Sie aber nur, noch einige Geduld mit mir zu haben. Denn ich fühle mich jetzo ein wenig gar zu sehr entkräftet, indem mich meine gemachte Veränderung und hiesige Einrichtung unglaublich viel kosten. Sie ist eine zu gute Schwester, als daß sie es übel nehmen sollte, wenn ich das dringendste zu erst besorge. Ich hoffe und wünsche, daß Sie stch allerseits noch bey vollkommenem Wohlseyn befinden. Daß die Sache mit dem Schönbach einen so erwünschten Ausgang gewonnen, ist mir wegen des Antheils, den Sie daran nehmen müssen, sehr angenehm zu hören gewesen. Ich glaube doch, daß sich Theophilus nunmehr um die Stelle bewerben wird. Aus Caprice muss er es wenigstens nicht zu thun unterlassen. Es ist Satisfaction genug für ihn, daß die, so ihm zuwider gewesen, so schimpflich angelauffen. Mein Vorsatz nach Dresden zu kommen, bleibet noch fest. Nur dürfte es nunmehr einige Monate später geschehen. Ich muß meine Bibliothek zuvor hier in Ordnung haben, auch vorher noch etwas drucken laßen, ohne welchem meine Reise vergebens seyn würde. Hicmit empfehle ich mich meinen werthesten Eltern und verharre Zeit Lebens Dero Berlin den 4 Jul. 1765. gehorsamster Sohn (Solthold. ?. 8. Mit der rückgehcndcn Gelegenheit, mit welcher Carl anhcr kommen wird, will ich Ihnen, lieber Herr Vater, vcrschiednc neue Sachen senden. Oder wenn dieses zu lange dauern sollte, so will ich es Dero Verlangen gemäss, mit der Post thun. Hochzuehrendcr Herr Vater, Dero Letzteres, aus welchem ich mit vielem Vergnügen Dero und der Frau Mutter Wohlbefinden ersehen, würde ich unfehlbar gleich mit dem Fuhrmaniie beantwortet haben, wenn solcher, als er es abgegeben, uns zu Hause getroffen hätte, und es uns also nicht erst zu Häuden gekommen wäre, als er schon wieder abgereiset war. Ich bctancre sehr, dass man noch immer fortfährt, Ihnen Unruhe und Verdruss zu machen, und dass Sie dadurch gcnöthigct worden, bey dem Richter desfallS Hülfe zn suchen. Ich bin zwar nicht dafür, daß man na Feinden, die nichts als Verachtung verdienen, wegen boshafter Verleumdungen gerichtliche Genugthuung suchen soll; cS kann aber 172 LesstngS Briefe. 1766. freylich wohl Umstände geben, in welchen man seinen guten Namen nicht anders zu retten weis, und da ich überzeugt bin, daß Klagen und Proccßiren ihre Sache sonst gar nicht ist, so bin ich versichert, daß auch die Umstände von der Art gewesen. Inzwischen, da man doch nur in der Absicht klaget, vin Genugthuung zu erhalten, so sollte ich denken, es wäre eines, ob sich der Schuldige selbst zu dieser Genugthuung verstünde, oder ob er vom Richter dazn gezwungen würde. Ist also die Beleidigung und Beschimpfung nicht allzuöffenl- lich geschehen, sa wäre mein Rath, Sie ließen es dabey bewenden, wenn der Püschel, in Gegenwart einiger Zeugen, seine Verleumdungen zurücknähme. Ohne dieses den Proceß aber so schlechthin hängen zu laßen, dazu rathe ich nicht. Alles kömmt dabey auf ihre künftige Ruhe und auf das an, was man sich von einem versöhnten Feinde, von dem Charakter wie Püschel, zu versprechen habe. Ich kenne ihn zu wenig, und darf es also kaum wagen, seinetwegen etwas positives zu rathen. Scheint es sein wahrer Ernst, in Zukunft friedlich mit Ihnen zu leben, so wäre es allerdings gut, wenn man ihn nicht auf das äußerste brächte. Gedenkt er aber nur, Sie vor itzo auf eine Zeit lang los zu werden, weil er stch auch von andern Seilen angegriffen zu werden fürchtet, und besorget, daß Sie ihm auch auf diesen andern Seiten entgegen seyn würden, so verdient er im geringsten keine Nachsicht, sondern was Sie mit ihm einmal angefangen, müßen Sie mit ihm durchsetzen. Sie werden dieses selbst aus den Umständen am besten schließen können; auf diese kömmt alles au, ich nur bin zu wenig davon unterrichtet. Daß Gottlob hier gewesen ist, wird Carl in seinem vorigen Briefe schon gemeldet haben. Er ist nun gänzlich aus Mecklenburg weg, und in Schlesien auf den Gütern des Grafen v. Boos als Ju- stitiarius. Seine einträgliche EouditioneS hat er sich schlecht zu Nutze gemacht, und wenn er nicht bald anfängt, ein beßerer Wirth zu werden, so ist mir für ihn bange. Auf insteheude Ostcrmesse denke ich nach Leipzig und von da nach Dresden zu reisen. Ob es gewiß geschiehet, werde aber noch vorher melden; da ich mir dann die fertigen Sachen von der Schwester nach Leipzig auSbitten will, wen» sich nicht eher eine Gelegenheit hicher finden sollte. In Erwartung einer baldigen Nachricht, von Dero und der Frau Mutter fortdauernden Wohlbefinden verharre Dero Berlin, den 20 März 1766. gehorsamster Sohn Gotthold. Lessmgs Briefe. 1766. 173 An Glcim. Berlin, den 13. May 176«. Liebster Freund, Ich bin so eitel, auch Ihnen meinen Laokoon zu übersenden; ob ich gleich voraus sehe, daß Sie alle Ihre Freundschaft gegen mich werde» nöthig haben, um diesen Mischmasch von Pedanterie und Grillen zn lesen und nur nicht ganz verwerflich zu finden. Wie leben Sie sonst, liebster Freund? Ist es wahr, daß Sie krank sind? Ich bcdaure Sie herzlich. Aber ich hoffe, daß Ihre Krankheit weder anhaltend noch von Folgen seyn wird. Ich denke künftigen Monat eine Reise nach Pyrmont zu thun, und meinen Weg über Halberstadt zu Nehmen. Ich verspreche mir, Sie gesund und vergnügt zu umarmen; wenigstens wünsche ich Sie so gesund, daß Sie zu eiliger Wiederherstellung Ihrer Gesundheit die nehmliche Reise mit thun konnten. Melden Sie mir, ob ich Hoffnung dazu haben kann? Außerdem verspreche ich mir wenig Vergnügen an einem Orte, den ich weder der Gesundheit noch des Vergnügens wegen, sondern bloß um mein Wort zu halten, besuchen werde. Ich bitte um die Fortdauer, — wie ich wohl vielmehr nach so vielen Jahren sagen sollte, (irncucrung — Ihrer Freundschaft, und verharre Dero ergebenster und treuster Freund «tssing. An Klotz. °) Berlin den 9ten Irin. 1766. Auch ich erinnere mich sehr wohl, iu meiner Kindheit, mit einem Netter, welcher zu Putzkau, eine halbe Meile von Bischofswcrde, Pastor war, und meine Unterweisung über sich genommen hatte, zu ver- schicdncn malen in t?w. Wohlgcborn väterlichen Hause gewesen zu seyn. Nothwendig werde ich auch Dieselben damals gesehen und gekannt ha« *) Briefe Deutscher Gelehrten a» den Herr» Geheimen Rath Klotz, herausg. von I. Z. A. v. Hage», Halle 1773, II. Theil, S. 173. 174 LessingS Briefe, 1760. ben, ob mir schon nur ein sehr dunkles Bild davon beywohnet. Aber auch ohne ein dergleichen deutlicheres Bild, hat, seit Dero erstem Ein- tritte in die gelehrte Welt, Ihr blosser Name jederzeit meine ganze Aufmerksamkeit an sich gezogen. Ich glaubte Ihre Schriften als das Wort eines alten Freundes betrachten zu dürfe»; und urtheilen Sie selbst, ob die rühmlichen Erwehnungen, die ich von mir darin zu finden das überraschende Vergnügen hatte, mich in dieser Vorstellung bestärken können. Ich bekenne eS; sie hätten, diese schmeichelhafte Erwehnungen, mir eine Einladung seyn sollen, mich Ihnen wiederum zu nähern, und den ersten Schritt zu thun um einer gleichsam ange- bornen stillschweigenden Freundschaft das Siegel der Erklärung aufzudrücken. Ich würde eS auch neulich, bey Gelegenheit meines LaokoonS gethan haben; allein ich befürchtete, mein Nricf mochte mehr eine schriftstellerische Empfehlung, als eine freundschaftliche Aeusserung scheinen. Kurz, eS war Ihnen aufbehalte», mir auch hicrinncn zuvorzukommen. Ich verspreche meinem Laokoon wenig Leser; und ich weiß eS, daß er noch weniger güllige Richter haben kann. Wenn ich Bedenken trug, den einen davon in Ihnen zu bestechen: so geschah eS gewiß weniger aus Stolz, als aus Lchrbegierde. Ich habe Ihnen zuerst widersprochen; und ich würde sagen, es sey blos aus der Absicht geschehen, mir Ihre Widersprüche ohne allen Rückhalt zu versichern, wenn ich glaubte, daß ein rechtschaffner Mann erst gercitzet werden müßte, wenn er nach Ueberzeugung sprechen sollte. Der häßliche Tyersites soll unter uns eben so wenig Unheil stiften, als ihm vor Troja zu stiften gelang. Schreibt man denn nur darum, um immer Recht zu haben? Ich meyuc mich um die Wahrheit eben so verdient gemacht zu haben, wenn ich sie verfehle, mein Fehler aber die Ursache ist, daß sie ein anderer entdeckt, als wenn ich sie selber entdecke. Mit diesen Gesinnungen kann ich mich auf Ihr ausführliches Urtheil in den ^olis liUoi-. nicht anders als freuen. Eben so sehr freue ich mich auf Ihren neuen Eommentar über den TyrtäuS, so wie auf Ihre übrige gelehrte Arbeiten. Aber sollte sich ein Gelehrter über die Bedcnklichkeilcn, uuS den ganzen Strato mitzutheilen, nicht hinwegsetzen können? Was kann darin» vorkommen, was wir nicht schon in zwanzig allen Schriftstellern gelesen? Zu dem würde daS Griechische dem ctwanigcn Aergernisse die Schranken enge genug setzen, wenn das Freyste ohne Ucbcrsctzung und Anmerkungen bliebe. Ich reise in einigen Tagen nach Pyruiont, und denke wenigstens meinen Rückweg über Halle zu nehmen. Ich bitte um Erlaubniß, LessingS Briefe, 1766. 175 Ihnen meine Aufwartung machen zu dürfen. Auch mir einen Augenblick, da ich das Vergnügen haben werde, Ihnen mündlich meiner Hochachtung und t?rgcbcnhcit zu versichern, wird unter den Vortheilen, die ich mir von meiner Reise verspreche, nicht der geringste seyn. Ich bin -c. An Glcim. Berlin, den 31. October, 1766, Liebster Freund, Was werden Sie von mir denken? Ich genieße in Ihrem Hause so viel Höflichkeit, so viel Freundschaft, ich mache noch oben drein Schuld, und denke eben so wenig daran, mich für jenes zu bedanken, als diese abzutragen. Aber verzeihen Sie mir immer, daß ich Sie unter diejenigen meiner Freunde rechne, mit denen ich mir auch eine noch größere Unregelmäßigkeit erlauben dürfte. Ich bin indeß krank gewesen, ich bin verreiset und wieder verreiset gewesen, ich habe Verdruß, ich habe Beschäftigungen gehabt. — ?och wozu diese (5ntschnldi- gnngen? Ich weiß, Sie haben mir meine Nachlässigkeit schon verziehen. Ja, bald wäre ich unverschämt genug, noch oben drei» mit Ihnen zu zanken, liebster Freund! Wer wollte mir denn mit erster Post den vcrsificirten Tod AdamS schicken? Ich bin gar nicht damit zufrieden, daß ich ihn nicht eher gehabt habe, als ihn die ganze Well hat. Schreiben Sie mir doch aufrichtig, wie ihn Rlopstock aufgenommen hat. Ich sage aufrichtig: nicht, weil Sie es mir verhehlen würden, wen» er nicht damit zufrieden gewesen wäre, sondern, weil Sie mir vielleicht verschweigen dürften, wie sehr er damit zufrieden ist. Mein Urtheil sollen Sie alsdann haben, wenn ich das scinigc weiß. Nur so viel versichere ich Ihnen voraus, daß mir Ihre Vcrsification besser gefällt, als KlopsiockS eigene im Salomon. Was machen Sie denn nunmehr? Senn etwas werden Sie doch wieder unter der Feder haben. Wie steht es mit der vollständigen AnSgabc Ihrer Werke? Liebster Freund, wir werden alle Tage älter; lassen Sie uns bald thun, was wir noch thun wollen. Jtzt schicke ich Ihnen nur erst das Geld wieder, welches ich Ihnen abgeborgt habe. t?S waren doch nicht mehr als 6 Pistolen? Wahrhaftig, ich muß mich schämen, wie ich in dergleichen Sachen so ganz und gar ohne Nachdenken seyn kann. Aber die Bücher, die ich von Ihnen habe, brauche ich noch. Ich brauchte sogar noch eins oder zwey mehr, die ich bey Ihnen gesehen habe; aber — als wenn Sie 176 LcssingS Briefe. 1766. Ihre Bücher nicht selbst brauchten! Wenn es noch Pistolen wären! Leben Sie wohl, liebster Freund; und wenn ich nicht glauben soll, das; Sie böse auf mich find: so antworten Sie mir bald. Ich bin Zeit Lebens Ihr ganz ergebener Freund . Lesstng. An Karl Gotthclf Lcssing. Hamburg, den 22. December 1766. Liebster Bruder, Deinen Brief, datirr den — December — (Du mußt weder Komödienzettel noch AcitungSblatt bei der Hand gehabt haben; denn daß wir keinen .Kalender haben, das weiß ich wohl) Deinen, also nicht datirtcn Brief habe ich zwar richtig, aber nicht eher erhallen, als nachdem ich bereits zehn Tage in Hamburg gewesen. Doch hierin liegt auch der Lorwurf, daß ich Tir noch nicht geschrieben habe; und Vorwurf gegen Norwurf mag aufgchn. Was hatte ich Tir zwar eher schreiben sollen, da ich Dir jeizl noch nicht viel zu schreiben habe? Ich kann Tir nur erst so viel melden, daß die bewußte Sache, derentwegen ich hauptsachlich hier bin, einen sehr guicu Gang nimmt, und daß es nur auf mich ankömmt, sie mit den vorlbeilhaftcstcn Bedingungen zu schließen. Allein Tu kennst mich, daß der klingende Vortheil bei mir eben nicht der vornehmste ist; und solchemnach äußern sich andre Bedcnklichkciicn, derentwegen ich erst beruhigt seyn muß, ehe ich mich völlig bestimme. Nächstens also vielleicht hiervon ein mehrereS, wenn ich es nicht bis auf meine Zuruckkunft verspare, die ich länger als auf den fünften oder sechsten künftigen MonathS nicht verschieben werde. Herr von Brenkenhof ist wieder in Berlin angekommen. ?r hat sich doch nicht über meine Abwesenheit gewundert? Hast Du sonst wegen der Stelle bei seinem Valer zu sprechen Gelegenheit gehabt« Logiert er noch bei uns, uud will er diesen Winter bei uns wohnen bleiben ? Dieses melde mir unfehlbar mit der ersten Post, und adrcsstre den Brief nur recta in den schwarzen Adler, wo ich mich cinauar- tiert habe. Unser LogiS mußt Du gegen das Neujahr (vergiß es nicht) bei Schleuens aufsagen. Es mag mit mir werden, wie es will in Ansehung Hamburgs, so bleibe ich doch nicht über Ostern in Berlin. Lessings Briefe. 1766. 1767. 177 Was giebt es sonst Neues? Erkundige Dich doch bei Lossens oder bei Starkens, wo wir unser» Club haben, ob der Sekretair Weiß aus Danzig schon »ach Hamburg abgereist ist, oder wann er abzureisen denkt. Wenn es sich thun läßt, so haben wir abgeredet, mit einander nach Berlin zurückzureisen. Ginge eS nicht an, so möchte ich mich gern bei Feiten nach einem andren Reisegefährten umthun. Lebe wohl, lieber Bruder, und antworte mir gleich. Meinen Empfehl an alle unsre Freunde. Dein treuer Bruder, Gotthold. An Gleim. Berlin, den 1. Februar 1767. Liebster Freund! Ihr Brief vom 6tcn p. hat mich in Hamburg gesucht, als ich von da schon wieder weg war. Erst gestern habe ich ihn retour erhalten, und ich hoffe also Verzeihung, daß ich ihn so spät beantworte. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll: so viclerlcy habe ich Ihnen zn melden. Ja, in Hamburg bin ich gewesen; und in neun bis zehn Wochen denke ich wieder hin zu gehen, — wahrscheinlicher Weise, um auf immer da zn bleiben. Ich hoffe, es soll mir nicht schwer fallen, Berlin zu vergessen. Meine Freunde daselbst werden mir immer theuer, werden immer meine Freunde bleiben; aber alles übrige vom größten bis zum kleinsten — Doch ich erinnere mich, Sie hören es ungern, wenn man sein Mißvergnügen über diese Königin der Städte verräth. — WaS hatt' ich auf der verzweifelten Galeere zu suchen? — Fragen Sie mich nicht: auf was ich nach Hamburg gehe. Eigentlich auf nichts. Wenn sie mir in Hamburg nur nichts nehmen, so geben sie mir eben so viel, als sie mir hier gegeben haben. Doch Ihnen brauche ich nichts zu verhehlen. Ich habe allerdings mit dem dortigen neuen Theater, und den Entrepreneurs desselben, eine Art von Abkommen getroffen, welches mir auf einige Jahre ein ruhiges und angenehmes Leben verspricht. Als ich mit ihnen schloß, fielen mir die Worte aus dem Juvcnal bey: — Huoü von «laut niocereg, claliit Ilislrio. — Ich will meine theatralischen Werke, welche längst auf die letzte Hand gewartet haben, daselbst vollenden, und aufführen lassen. Solche Umstände waren nothwendig, die fast erloschene Liebe zum Theater Leslmgs Werke X». 12 178 LcsstngS Briefe. 1767. wieder bey mir zu entzünden. Ich fing eben an, mich in andere Studien zn verlieren, die mich gar bald zn aller Arbeit des 4 complet, in 235 Bänden; den I>Iorcuro elo tu-aner- bis auf 1768, in 264 Banden; die Hel-l I'.i'u-Iil»i'iim, die Hini^e« lillei-nii-es «1o kreron, kurz einen Praß von solchen Werken von stebciitchalbhnndcrt Bänden, die mir herzlich zur Last sind, und die man doch nur selten so vollständig findet. Denn die letzten Jahre, die daran fehlen, sind überall zu haben. Schade, daß der Graf von Wcrnigcrode nur Bibeln sammelt! Mit einem Anschlage auf Casscl ist eS also nichts. Ich sage dem Herrn Kammerherrn von Spiegel für die Mühe, die er sich deshalb gemacht hat, gehorsamsten Dank. LcssingS Briefe. 1767, 179 Ich wünschte selbst, ich wäre mit Ihnen in Dresden gewesen. Wen» eS mir mir einigermaßen möglich ist, so reise ich doch noch hin, ehe ich von hier nach Hamburg abgehe: wäre es auch nur, um den Herrn von Hagedorn persönlich kennen zu lernen. Alle Welt rühmt ihn, so wie alle Welt in Hamburg mit Entzücken an seinen Bruder denkt. Der Maun muß noch etwas Besseres gewesen seyn, als ein vortrefflicher Dichter. Leben Sie wohl, werthester Freund, und empfehlen Sie mich den Ihrigen. — Doch noch ein Wort! Wenn Ihr Schäfcrspiel fertig ist, so soll cS Schnch nicht haben, sondern ich will es haben, und es in Hamburg aufführen lassen. Schicken Sie es mir, je eher, je lieber. — Ich bin auf immer Ihr ergebenster Freund Lessing. An Karl G. Lesung. Hamburg, den 21. April 17K7. Lieber Bruder, Du wirst von Herrn Ramler gehört haben, wie es gekommen, daß ich, ohne Dich noch einmal zu sprechen, abreisen müssen. Alles was Brüter einander bei ihrem Abschiede zu sagen haben, versteht sich unter uuS Beyden von selbst; allein, ich hatte sonst noch manches zu erinnern, was ich nun nicht anders als schriftlich nachholen kann. — So weit, lieber Bruder, liegt dieser Brief schon seit vierzehn Tagen angefangen. Glaubst du wohl, daß ich wieder dazu kommen können? Endlich kann ich cS unmöglich langer verschieben, Dich aus der Verlegenheit zu setzen, in welche Dich mein Stillschweigen bringen dürfte. Ich habe indeß Deinen Brief erhallen, der mir sehr angenehm gewesen ist. Er würde mir noch angenehmer gewesen seyn, wenn Tu mir ein wenig umständlich gemeldet hättest, durch welchen Zufall Du hinter NcichcuS °) seine Streiche gekommen. Ich hoffe, daß Tu cS ') Dieser Reich war Soldat unlcr dem damals in Berlin stehenden Rcn- zelschcn Negimcnlc. Sei» Hauplmann, von Stein, ein Bekannter von Lcssing, machte ihn zum Frcvwächlcr, mit der Bcdmauiia,, als Auswärtcr bcv Lcsstn- gcn zu scpn. Bon Stein bat aber Lcssiugcn sehr, dem Soldaten ja nicht den Zügel zu lassen: er sey ein Ausländer, der um sich wisse. Als von Stein 12° Lcssings Briefe. 1767. ahm nicht so hingehen lassen wirst. Thue wenigstens Dein Möglichstes, daß ick, das Heldenbuch wieder bekomme. Wie steht es mit meinen Sachen? Ich will doch hoffen, das; sie abgegangen sind? Ich kann weder eher in Ordnung noch in Ruhe kommen, als bis ich meine Bücher um mich habe. Ich logiere hier bey dem Herrn Commissionsrath Schmid, auf dem Brocke, wohin Du künftig Deine Briefe adrcssiren wirst. Das erste und vornehmste, was ich Dir nunmehr aufzutragen Lessingcn einst vorhielt, das; er jenem so manches, vornehmlich seine Kleider, in Verwahrung ließe, weil er sich leicht derselben bediene», auf die Post setzen, oder sonst auf eine Art damit auf und davon machen könnte; erwiederte Lessing ihm unbesorgt: er kann liieinc Kleider nicht anziehen; er ist noch ein paar Kopf großer als ich. Dieser Soldat, wie man am Ende erfuhr, war aus Straßburg, der Sohn eines Hauptmanns, hatte einen andren im Duelle erstochen, und bei seiner Flucht aus Straßburg eine Bürgcrstoch- tcr mitgenommen. Nach vielem Hin- und Hcrstrciscn gcricth er preußischen Werbern in die Hände, welche ihm versprachen, das; er bald Officier werden sollte. Er lachte aber, und sagte ganz offenherzig: er wußte wohl, daß er nichts als Ecmcincr würde. Verspräche mau ihm aber einen Trauschein, so wäre er bereit. Den versprach und gab man ihm. Er hatte übrigens nicht das Windige und Leichtsinnige von denen, nach welchen man gewöhnlich den Französischen Charakter schildert: vielmehr war er gesetzt, verschlossen und mit den Worten äußerst sparsam; auch ein guter Soldat, aber zu den groben Arbeiten etwas zu sein gebildet. Lessing konnte noch weniger über ihn klage»; nur kam ihm zuweilen Geld weg, und einstmals fand er in seinem Schrcib- kalcnder (denn damals halte er einen) alle die Striche, wenn er ihm sei» Monathsgeld gegeben, ausgekratzt. Ma» bcmcrktc viele solche Streiche vo» Reich, ohne einen auf ihn bringen zu können. Als Lessing schon über vierzehn Tage von Berlin weg war, kam Reich zu mir, und verlangte seinen Lohn von zwei Jahren, als so lange er bei meinem Bruder gewesen. Der Hauptmann und der Feldwebel sahen die Unverschämtheit dieser Forderung ein; der General aber wollte eine» der verdientesten Leute von seinem Regiment, das ist einen der schönste» und größten, nicht unterdrückt wissen, und die Sache wurde den Negimcntsgcrichlcn übergeben. Nichts brachte den Franzosen aus seiner Fassung, als da man ihm vorstellte, daß, wenn Lessing schwöre, ihn monatlich ordentlich bezahlt zu haben, er Spießruthcn lause» müsse. R. G, Lessing. Lcssings Bibliothek war damals so groß, daß alle Wände in seiner Wohnung mit Ncposilvricn besetzt waren. Daher stand vor Einem Nc« positorium ei» Bette. Hinter demselben hatte der Aufwärtcr unvermerkt die dahinter stehende» Bücher weggenommen, und als Makulatur in einen But- tcrlcllcr verkauft. Unglücklicherweise war darunter das Ercmplar des Hel- deiibuchs, worin Lcssings vortreffliche Annierkuttgen eingelegt waren. Nicolai. Lcssings Briefe. 1767. 181 habe, ist dieses. Du weißt, daß ich Schönstädtcn, dem Verfasser des OSmaiis, eine Condilion hier angelragen, die er auch angenommen. Der gute Mensch wird nicht wissen, woran er ist. Suche ihn also auf, (Du wirst ihn in Webers Buchhandlung ausfragen können) und sage ihm, daß er sich mit der ersten Post aufsetzen und hierher kommen soll. Wenn er Reisegeld nöthig hat, so ersuche Herrn Voß, daß er ihm 2l) Thaler, oder was er nöthig haben dürfte, vorschießt; ich will ihm diese Auslage durch einen hiesigen Buchhändler oder Kaufmann in Leipzig auf der Messe baar remboursiren lassen. Sollte es ihm an nöthiger Kleidung fehlen, so führe ihn zu meinem Schneider, wo er sich auf mein Conto kann machen lassen, was er braucht. Den Schneider will ich dort schon bezahlen lassen. Sobald er im Stande ist, soll er auf weiter nichts warten, sondern sogleich mit der Post her kommen, und indeß in einem Wirthshause absteigen, von wo er mich seine Ankunft nur darf wissen lassen. Morgen wird das hiesige Tbcatcr eröffnet. Sage Herrn Ram- lcr, nebst meinem vielfältigen Empfehl, daß ich, sobald diese Unruhe vorbey ist, ihm unfehlbar schreiben werde. Indeß sollte er so gut seyn und dem jungen H° und Madame Schniid sage», daß, ehe hier die bereits cngagirten AcleurS sich nicht gezeigt hätten, die Entrepreneurs keine ncne annehmen wollten. Ich ließe sie sonach bitten, nur »och vierzehn Tage Geduld zu haben, da sie denn meine kategorische Antwort gewiß erhalte» sollten. Ich kann Dir selbst diesmal nicht mehr schreiben. Nächstens ein mchrcres. Indeß schreibe mir so oft als möglich. WaS macht Schlich? was passirt sonst NcneS? An Brcnkeiihof werde ich selbst schreibe», und mich von seiner Commission zn acauit- tircn suchen. Auch will ich von hier aus nach Hause schreiben. Versäume die Gelegenheit nicht, den Wein zu schicken. Leb wohl. Ich bin Dein treuer Bruder, Gotthold. An Karl G. Lcssmg. Hamburg, den 22. May 1767. Liebster Bruder, Ich bin über Deine» letzten Brief, in welchem Du mir Reiche»s »»Verschämtheit meldest, erstaunt, u»d würde sogleich darauf geaut- 182 LesstngS Briefe. 17«iiielll Ausgabe von ^lexanclri ab ^Vlexülläio D. l?.; Z) der erste Band von Hans Sachsens Gedichten; K) kavorini I^exi cori Araeeurii; 7) Liutlni sävei-sm'ia, — und, ich mag gern nicht daran denken, was noch alles. Ziehe die vollständigen Titel dieser sieben Stücke aus dem Catalog, und mache ein Avcrtisscment davon in der Zeitung mit Erbietung zu einem RecompcnS, wer davon Nachricht geben kaun. Vielleicht erfahren wir etwas, und können dem Spitzbuben sodann näher zu Leibe gehen. Von meinen Umständen weiß ich selbst nicht recht, was ich Dir melden soll. Mit unserm Theater (das im Vertrauen!) gehen eine Menge Dinge vor, die mir nicht anflehn. Es ist Uneinigkeit unter den Entrepreneurs, und keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist. Indeß habe ich den Anfang zu dem Wochcnblatte gemacht, wovon Du hier die ersten Stücke erhältst. Sie sind in meiner eigenen Druckercy gedruckt; denn da ich mich doch auf einige Weise hier fixiren wollte, so habe ich mich bereden lassen, die Druckerey eines gewissen Herrn Bode zu übernehmen, der mit einem russischen Obriflen auf Reisen gegangen ist. Ich werde ja sehen, wie es damit geht. Es kann Dir nichts helfen, wenn ich Dich mehr an init von dieser Sache setzen wollte. So viel kannst Dn mir auf mein Wort glauben, daß ich dadurch in Arbeit und EmbarraS gekommen, der mir nicht viel Zeit 2ind Lust läßt, Briefe zu schreiben. Du mußt mir es daher vergeben, wenn ich Dir nicht ordentlich antworte, aber dennoch Dich bitte, mir fleißig zu schreiben. Entschuldige mich gleichfalls zu Hause; ich werde schreiben, sobald ich ruhiger bin. Laß ja an dem Katalog» fleißig drucken, und setze von den dort zurückgebliebenen Büchern noch dazu, was Dn willfl, ohne mir eS erst zu schicken. Unter den mcdicinischcn Disputationen aber suche mir eine auS: von dem Zupfen der Sterbenden; ich weiß nicht, wie der Verfasser heißt, auch kann ich mich auf den lateinischen Titel nicht besinnen: Du wirst sie aber bald erkennen, und sie muß zuverlässig da seyn. Schicke mir sie gleich. LcssingS Briefe. 17K7, 183 Was ist denn die neue Aclrice, die Schlich bekomme» hat, für ciu Ding? Wie geht es denn Schlichen? Frage ihn, ob er sonst noch ei» junges Frauenzimmer haben will, das sehr große Lust zum Theater hat. Ich kau» ihm eine recommaiidiren, die gewiß einschlagen wird. Wir würde» sie selbst behalten, wenn wir nicht schon so über- siüßig mit Frauenjimmcr» versehe» wären. Wie steht es sonst mit Dir? Siehe nur, wie Tu Dich bis Michaelis behilfst, »iid wenn sich indeß in Berlin für Dich nichts findet, so wollen wir schon sehen, wie wir es machen. Mache Herrn Weiße (Dänen) mein Compliment; ich würde ihm nächstens antworten, und vielleicht zu seiner Zufriedenheit. t?r kann versichert seyn, daß ich ih» nicht vergessen werde. Auch Herrn Ramlcr nnd Moses werte ich nächsten Posttag unfehlbar schreiben. Herr Loß ist wohl noch nicht von der Messe? Sobald ich glaube, daß er zurück ist, werde ich ihm auch schreiben. Lebe indeß wohl und schreibe mir bald. Ich bi» auf immer Dein treuer Bruder, Gotthold. ^lil Karl G. Lcssmg. Hamburg, den 14. Aug. 17K7. Mein lieber Binder, .Hier schreibe ich Dir nun endlich wieder einmal. Aber Gott weiß, ich schreibe Dir nur deswegen so selten, weil ich Dir gar nichts Angenehmes zu schreibe» habe. > Hier hast Du die Blätter von der Dramaturgie, die Dir fehlen; künftig sollst Du sie ordentlicher haben. Der Nachdruck ist mir sehr unangenehm, und wir müssen ihm zu steuern suchen. Mit nächstem will ich Dir den Katalogiim »lit Preisen schicken, unter welchen Du die Bücher nicht weggehen lasse» sollst. Mache nur, daß der Katalog fein herunigeschickt wird. Ich kann mir cS einbilden, daß Dn Geld brauchen wirst. Aber cS würde mir schwer werden, Dir jetzt mit etwas zu diene». B... ist mir »och einige ^0 Thaler schuldig geblieben. Laß Dir diese von ihm gebe». Wie wirst Du es zu Michaelis mit dem Logis machen? Wo willst Du bleibe»? Wo wirst Du hingehe»? Was ist Dein Anschlag? Der Capitain Stein hat mir geantwortet, daß Reich auf seiner Forderung bestände, und daß er die Sache bei dem Ncgimenlsgericht 184 Lcssings Briefe. 1767. anhängig machen müßte. Ich will doch sehen, wer mich zwingen soll etwas zu bezahlen, was ich nicht schuldig bin. WaS machen sie zu Hause? Sie sind doch noch alle gesund? Mit ehestem will ich von hier aus dahin schreiben. Lebe unterdessen wohl und schreib mir bald wieder. Du hast mir ja eine Komödie schicken wollen. Wenn sie fertig ist, so schicke sie mir mit der Gelegenheit, mit welcher Du diesen Brief bekommen wirst. Es ist mein hiesiger Wirth, der Commissionsralh Schmid, welcher ihn mitnimmt. Dein treuer Bruder, Gotthold. An Karl G. Lessing. Hamburg, den 21. September 1767. Lieber Bruder, Hier schicke ich Dir den Katalog mit beygefügten Preisen, unter welchen Du die bemerkten Bücher nicht wohl mußt gehen lassen. Weise ihn aber vorher Herrn ZZoß, und höre seine Meynung in Ansehung der Hauptbücher, als des Journal lies 8avans, des Alorcui-o :c. Ich hoffe nicht, daß ich die Preise zu hoch angesetzt; und da ich vielleicht mehr als die Hälfte gar nicht tarirt habe, so sollte ich mcy- nen, daß doch wciiigsienS die 660 Thlr., auf die ich den Ueberschlag gemacht, nach Abzug der Kosten herauskommen müßten. DaS Geld muß an Herrn Voß berechnet werden, dem ich, wie Du weißt, 6t)g Thlr. schuldig bin. Die Miethe mußt Du davon bezahlen, das versteht sich; und was Du sonst nothwendig brauchst, kannst Du Dir auch davon nehmen. Die Sache mit Reich ist an den hiesigen Residenten von Hecht gelangt. Ich denke, sie soll nun aus seyn. Denn ich habe mich erklärt, zu schwören, wen» ich vorher weiß, was für SatiSfaction ich sodann von dem Schurken haben soll. Außer dem habe ich Hechten schon erklärt, daß ich weder schwören noch bezahlen will: denn ich will doch sehen, wer mich zu dem einen oder zu dem andern hier zwingen soll. DaS Promemoria wegen der Minna hat mir so viel als nichts geholfen, und das Stück bleibt verboten. Hecht sagte: er habe mehr als einmal bey dem Minister von Finkcnsiein dcSfallS angehalten, aber keine Antwort bekommen; und so lange er diese nicht habe, LessmgS Briefe. 1767. 185 könne der hiesige Magistrat zwar thun, was er wolle, jedoch auf seine Gefahr. Was Du auf den Winter für Einrichtungen mit Dir machen wirst, bin ich begierig zu hören. So viel als ich Dich noch unterstützen kann, werde ich gern thun. Lebe indeß wohl und grüße Eltern und Geschwister von mir. Ich bin Dein treuer Bruder Gotthold. N. S. Ich bin Willens, meinen D- Faust noch diesen Winter hier spielen zu lassen. Wenigstens arbeite ich aus allen Kräften daran. Da ich aber zu dieser Arbeit die Llavicula Salomonis brauche, die ich mich erinnere Herrn Fl"' gegeben zu haben, um sie gelegentlich zu verkaufen; so mache ihm mein Compliment, mit dem Ersuchen, sie bey dem ersten Pakele, das er an einen hiesigen Buchhändler sendet, mitzuschicken. Eben läßt mir der Resident von Hecht sagen, daß die Minna nun endlich gespielt werden dürfe. Hochzuehrender Herr Vater/) Wenn es möglich wäre, Ihnen zu beschreiben, in was für Ler- wirruugcn, Sorgen und Arbeiten ich seit Jahr und Tag stecke, wie mißvergnügt ich fast immer gewesen, wie erschöpft ich mich oft an Leibes und Scelcnkräftcn befunden: ich weiß gewiß, Sie würden mir mein zcithcriges Stillschweigen nicht allein verzeihen, sondern es auch für den einzigen Beweis meiner kindlichen Achtung und Liebe halten, den ich Ihnen in dieser Zeit zu geben im Stande gewesen bin. Wenn ich einmal schreibe, ist mir es nicht möglich, anders zu schreiben, als ich eben denke und empfinde. Sie würden den unangenehmsten Brief zu lesen bekommen haben, und ich würde mit meinen Umständen noch nnzufricdncr geworden seyn, wenn ich mir vorgestellt hätte, wie viel Kummer sie meinen Aellern verursachen müßten. Am besien also, ich ließ sie gar nichts davon wißcn; welches aber nicht anders geschehen konnte, als daß ich gar nicht schrieb. Ich verließ mich übrigens auf Carl», daß er Sie meinetwegen vor der Hand beruhigen würde; so wie ich von Zeit zu Zeit durch ihn die Nachricht ") Das Original dieses Briefes besitzt Herr Geh. Obcrrcgicriiiigsrath von Tzschovpe, der dasselbe dem Herausgeber gefälligst luilgclhcilt hat. 18k Messings Briefe. 1767. erhielt, daß Sie sich insgesammt »och gesund und wohl befänden. Ich wüßte nicht, was mir zu allen Zeiten erwünschter kommen könnte, als diese Nachricht; ich betaure mir, so oft ich sie erhalte, daß ich so wenig im Stande bin, Ihnen das Alter eben so bequem und angenehm zu machen, als cS Ihnen Gott ruhig und gesund gemacht hat. Die instchende Feycr Ihres Amlsjubiläi muß Ihnen nothwendig zu einem großen Vergnügen gereichen, da sie eine so große Wohlthal des Himmels isi. Mochten sich nur recht viele in Caincnz finden, die dieses Vergnügen aufrichtig mit Ihnen theilten! Aber ich muß fürchten, daß außer unsern Anverwandten deren nicht viele sci)n dürften, da ich aus Thcophili Briefe ersehe, wie grausam man Ihnen den kleinen Trost verweigert hat, ihren Sohn neben sich in dem Amte zu sehen. Ich zweifle nicht, daß sie sich nicht beide über diese Kränkung hinwegsetzen werden; und wer weiß wozu es für den Bruder gut ist. t5s scheinet als ob wir alle ein wenig spät zur Ruhe kommen sollten; aber endlich, hoffe ich, werden wir doch auch dazu kommen. Ich bin von Berlin weggegangen, nachdem mir das einzige, worauf ich so lange gehest, und worauf man mich so oft vertröstet, fehlgeschlagen. Gewiße Vorschläge lockten mich hierher nach Hamburg, aber auch aus diesen ist wenig geworden, und ich habe mich endlich ent- schloßen, meine Versorgung und mein Glück von mir selbst abhängen zu laß«n. Ich habe nehmlich alles, was ich noch im Vermögen ge> habt, bis auf den letzten Heller zusammengenommen, nnd in Gemein« schaft mit einem Freunde, Namens Bode, allhicr eine Druckerey angelegt. Der Vorschuß, den dieses Lt!>ulisseiiieiit erfodcrt, hat mich geuöthigel, den größten Theil meiner Bücher zu Gelde zu machen; aber ich hoffe, es soll mich nicht reuen. Wenn das Werk einmal im Gange ist, so hoffe ich für meine» Antheil als ein ehrlicher Mann davon leben zu können; und diese Aussicht ist mir um so viel schmeichelhafter, wenn ich mir vorstelle, daß ich meine bcßere Umstände anch mein Geschwister werde können genießen laßen. Voritzo nur muß es Nachsicht mit mir habe», und ich kann auch nicht einmal tiarln gegenwärtig so unter die Arme mehr greifen, als ich gern wollte. Inzwischen wird es ihm auch nicht schade», wenn er selbst zusehen muß, wie er fertig werden kann. Sobald die (5lbe wieder fahrbar ist, will ich unfehlbar eine kleine Provision an Zucker und Wein über Dresden an Sie übcrmache». Ich wollte, daß es zu der Jnbelfcyer geschehen könnte; aber die Fracht zur Achse ist nach dorthin eben so kostbar, als selten. LessiiigS Briefe. 1767. 1768. 187 Ich cmpfchle mich indeß Dero väterlichem Andenken und Scegen, niid wünsche Ihnen, nebst der Frau Mutter und Schwester, einen glücklichen und vergnügten eintritt des bevorstehenden N-uenjahrcs. Der ich Zeitlebens verharre Tcro Hamburg den 21 December gehorsamster Sohn 1767. Eotthold. An Nicolai. Hamburg, d. 2. Februar 1768. Liebster Freund, Es ist doch Sund' und Schande, daß Sie mir gar nicht schreiben. Denn dicsesmal weiß ich doch ganz gerecht, sind Sie mir eine Antwort schuldig, auf den Brief nehmlich, worin ich Ihnen Ihre Spoticrcyen über die Buchdrucker Bode und Lessing °), und über das *) Lcssing hatte mit Bode, der als Ucbcrsetzcr des Tristram Shandv berühmt geworden, damals i» Hamburg ein Unternehmen angefangen, dessen wabrc Beschaffenheit ich hier um so viel lieber etwas ans einander setzen will, da der jüngere Herr Lessing, in dem Leben seines Bruders, S. 268 einen nicht ganz deutliche» Begriff davon gegeben hat, und da in den folgenden Briefen, wie in meine» Anmcrknngcn, mebr davon vorkommen wird. Bode balle in Hamburg eine Bnchdrnckcrev angelegt, und dachte sie ins Große zu treiben. Daß seine Absicht damals gewesen scv, mit ciucm russischen Officicr ans Reise» zu gehe», (wie Lcssing i» einem Briefe an seine» Bruder, sS. 182j sag») ist veniiulhllch eine Idee gcwesc», die nicht ausgeführt ward; den» Bode wollte damals eben henrathcn, und die Buchdruckcrcv erforderte feine Gegcnwarl. Bode war ein vortrefflicher Mann, hatte aber die Buchdruckcrcv nicht gelernt, und also von der Art, wie man sie mit Vorlbcilc betreiben muß, nicht ganz richtige Begriffe. Auch vom Buchhandel, sowohl von der Art, wie er zu betreiben wäre, als von dem Vortheile, den er abwerfen tonnlc, Halle er ebenfalls viele unrichlige Ideen. Beides bat cr mir nachher, als cr durch Erfahrung war belehret worden, selbst gestanden. Lcssing war auch ei» vortrefflicher Mann, machte sich aber vom Buchhandel ebenfalls ganz unrichtige Vorstellungen, auf die er mit seinem gewohnten Scharfsinne ein System davon aufbaue» wollte. Darüber hatte ich znwcilc» mit ihm mündlich, halb i» Scherz, halb i» Ernst, gestritten, wobey Moses, da es mcistcns aus allgcmrinc Principien der Kanfnia»»schaft ankam, auf meiner Seite war. Obgleich Lcssing sich von mir nicht überzeugen tick, so hatte cr doch durch unsern Streit so vicl cingcschcn, dasj bey jeder Unlcrnchmung eines Buchhau- 188 LessingS Briefe. 1768- neue Journal beantwortet. Für das letzte sollen Sie mm wohl Respect bekommen! nachdem wir Klopsiocks .Herrmann, dessen Oden und Abhandlungen über das Sylbenmaß der Alten, Gerstcnbergs llgolino, ein Lustspiel von Zachariä, und ich weiß selbst nicht, wie viel andere schöne dcls ein Risiko vorhanden ist, dessen Umfang man ohne lange Erfahrung nicht wohl voraussehen, und dem man oft, bey aller Borsicht, nicht entgehen kann. Da er mm sich mit Bodc in die Uittcrncbinung einließ, war er hauptsächlich darauf bedacht, dies Risiko zu vermeiden; weil er wohl cinsab, der große Vortheil, den sich beide Gesellschafter versprachen, möchte sonst nur eingebildet sevn. Hierzu halte sein Scharfsinn folgende beide Mittel erdacht: 1) Sie wollten die Bücher, welche sie verlegten, nicht selbst auf den Messen verkaufen, sondern sie noch vor jeder Messe nach dem bescheinigten kostenden Preise mit 20 i>. r. Vortheil an einen Buchhändler verkaufe», welcher über die Summe seine Wechsel auf billige Zahlungstermine gerichtet, geben sollte. 2) Sie wollten nichts als die Werke der besten deutschen Schriftsteller drucken, und diese sollte» iu cincm Journale erscheinen, wovon i» jeder Messe zwey oder mehr Bände herauskommen sollten. Bon diesem Projekte gab mir Lessing in einem jetzt Verlornen Briefe Nachricht, und verlangte meine Meinung. Ich antwortete in einem gleichfalls nicht mehr vorhandenen Briefe: »8. meynen Sie, daß meine Dramaturgie noch so ziemlich nach diesen Briefen schmeckt? Leben Sie wohl, liebster Frennd, und schreiben Sie mir bald einmal, und recht viel Neues. Ihr ergebenster Freund, Lcssing. An Gcrsle»bcrg.°) Hamburg, den 25 Februar 17l>8- vw. Hochwohlgcboren - erste Zuschrift hat mich ans eine so angenehme Art überrascht, daß es mir damit gegangen, wie dem Kinde, dem man unverhofft ein Geschenk wacht, nach welchem es sich längst gesehnt; vor lauter Freuden vergißt es, steh dafür zu bedanken. Ich verdiene so viel zuvorkommende Freundschaft nicht: aber um so mehr verdiene ich den Verweis des zweyten Briefes. Was kann ich weiter darauf antworten? Ich bin von jeher ein sehr nachlässiger Bricfschreiber gewesen; ich bin unter allen meinen Freunden dafür bekannt; desto besser, daß mich auch der Hr. von G. je eher je lieber dafür kennen lernt! — Doch wenn diese Entschuldigung ein wenig zu leichtsinnig klingt; hier ist eine ernsthaftere, und die wahre. Ich fand gleich auf Ihren ersten Brief so viel zn antworten, und über Dinge, die mir nicht gleichgültig stnd, daß ich mir Zeit dazu nehmen mußte. Ich wartete auf einen ruhigen und heiteren Augenblick; und diefe Augenblicke sind jetzt bey mir so selten! Wenn ich Ihnen bloß zu versichern gehabt hätte, wie sehr mir Ihr Ugolino gefallen, und was für eine große Idee er von dem Genie seines Verfassers bey mir zurück gelassen: so hätte ich mich nur hinsetzen und schreiben dürfen. Was man so lebhaft empfunden, wird einem so leicht zu schreiben, daß man geschwinder den Anfang, als das Ende findet. Sie haben ein Sujet gewählt, dessen Contertur sich aller dramatischen Form zu verweigern scheint: aber es hat müssen werden, was Sie gewollt haben. Sie haben Schwierigkeiten überstiegen, die mich zur Verzweiflung gebracht hätten. Der körperliche *) Im Znlelligcnzblatt der Zcnaischen allgemeine» Litteraturzeitung vom I. 1805, N. SS. 67. 68. IsÄ»»»WZ^!^!^> LcssiiigS Briefe. I7li^. 1<11 Sch»icrz ist uusireilig untcr alle» Leide» am schwersten zu behandeln: lind Sie haben die schrecklichste Art desselben mit so großer Wahrheit, und mit so mannichfaltigcr Wahrheit behandelt, daß »icinc Rührung mehr als ciiimal durch das Erstaunen über die Mmst unterbrochen worden. Aber Sie verlangten nicht sowohl meinen Lobsprnch, als meine Anmerkungen. — Es ist schlimm, wenn man im Verdachte ist, daß man über Alles Aumcrkungcu macht. — Wenn ich nun keine gemacht hätte? Und wirklich habe ich keine von allen denen gemacht, die Sie mir so gütig leihen wollen. Tic kleinen Flecken, welche die zweyte Va»d Ihrem Werke abgewischt, habe ich vormals eben so wenig bemerkt, als ich sie jct-t vermisse. Meinetwegen hätten sie immer bleiben können: doch besser ist freylich besser! Eine einzige Anmerkung habe ich geäußert — und es auch schon wieder bedauert, sie geäußert zu haben. Indeß, ehe sie Ihnen auf eine oder die andere Weise unrecht hintcrbracht wird — Am besten, ich schreibe sie Ihnen selbst. Tas war vom Anfange mein Wille. Nur wollte ich mir Zeit lassen, sie noch mehr zu überlege». Ich habe sie überlegt und überlegt; aber wenn ich Ihnen nicht eher antworten wollte, als bis ich sie genug überlegt zu habe» glaubte, so würde ich Ihnen vielleicht gar nicht antworten. — Und antworte» muß ich doch endlich!") Hier ist sie also, so gut ich sie zur Feit gebe» kann. — Sie ist aus einem t?efübl entstanden, das ich mich bey keiner Tragödie gehabt zu haben erinnere, als bey dem Ugvlino. — Mein Mitleid ist mir zur Last geworden: oder vielmehr, mein Mitleid hörte auf Mitleid zu seyn, und ward zu einer gänzlich schmcrjhaftc» Empfindung. ES ward mir auf einmal recht wohl, als das Stück zu Ende war, das ich ohne meine Ncugicrdc, die jedoch weniger auf das Fiel, als auf die Art ging, mit welcher der dichter zu diesem Fiele gelangen werde, schwerlich z» Ende gebracht hätte. Ich eilte, mich von den Eindrücken, die cS ans mich gemacht hatte, zu zerstreuen; u»d ich bekenne cS, ich werde es schwerlich wagen, diese Eindrücke wiederum bey mir zu erneuern. Es ist mir lieb, Ihren Ugolino einmal gelesen zu haben, nehmlich in der Absicht, mich der Täuschung zn überlassen: zum zwey- tcnmale lese ich ihn in dieser Absicht gewiß nicht wieder. Woher dieses? Ihre Personen leiden alle. — ^Dic mchrcsicn derselben leiden völ- ') Das Folgende im Concept unter den Breslauischc» Papiere». 192 LessingS Briefe. 1768. lig unschuldig — Kinder mußten die Schuld ihres LaterS nur mittragen. °) Die einzige Person, die vielleicht nicht ganz unschuldig leidet, leidet doch gar nicht in Proportion ihrer Schuld, ihres «.u,«^/!«, welches völlig außer dem Stucke ist, und von dem wir fast gar nichts erfahren. Sie werden sagen: dieses trift den Dante so gut als mich. — Nein: Bey dem Dante hören wir die Geschichte als geschehen: bey Ihnen sehn wir sie als geschehend. Es ist ganz etwas anders, ob ich das Schreckliche hinter mir, oder vor wir erblicke. Ganz etwas anders, ob ich höre, durch dieses Elend kam der Held durch, das überstand er: oder ob ich sehe, durch dieses soll er durch, dieses soll er überstehen. Der Unterschied der Gattung macht hier alles. Die Vernunft befiehlt mir, mich der Lorsicht in allen Lorfällen geduldig zu unterwcrffen: sie verbietet mir, meinem Elende durch meine Zerstörung ein Ende zu machen. Warum? weil ich alle Augenblicke hoffen darf, ohne dieses gewaltsame Mittel mein Elend geendet zu sehen. Die Borsicht kann es enden, und wird eS enden, sobald es mir dienlich ist. In dieser Hoffnung durchschritt Ugolino seinen schrecklichen Pfad, bis ans Ende. Er that wohl, daß er lieber verhungern, als Hand an sich legen wollte. „Vielleicht, mußte er denken so lange er denken konnte, springen eben itzt die Thüren des Gefängnisses auf, und ich bin gerettet, wenn ich diesen Augenblick geduldig abgewartet habe." Aber wie steht es mit dieser Hoffnung in den Nachahmungen der Kunst Z — Dünkt Ihnen nicht, daß sie durch das Wesen gewisser Gattungen nothwendig aufgehoben werde? Dieses Wesen ist bekannt; der Dichter verspricht uns eine Tragödie; und obgleich eine Tragödie eben so wohl einen glücklichen, als einen unglücklichen AuSgang haben kann, so sehen wir es doch gleich aus der ersten Anlage, welchen von beyden sie haben wird; sobald die Exposition vorbey, wissen wir cS zuverlässig/ daß Ugolino mit seinen Kindern verhungern muß. Und nnn kömmt meine Grille. — Die Ungewißheit des AuSgan« ges, welche den Ugolino allein zurückhalten kann, an sich und seinen Kindern eine rasche That zu verüben — (allein? ich glaube, ja) — diese Ungewißheit, die es wenigstens allein macht, daß der größte *) Im Concept „Kinder, welche die Strafe ihres Vaters nicht theilen nuisjtcii." LesfingS Briefe. 1768. 1S3 Theil der Menschen seine Geduld nicht als Feigheil und Klcinmnlh, sondern als Standhaftigkeit und Uiiterwcrffung betrachtet! diese Ungewißheit dünkt mich hier mit der Gewißheit, die wir, ich will nicht sagen aus der vorläufflgen Kenntniß der Geschichte, sondern aus dem Wesen der Galtung, aus der Anlage des Dichters haben, in eine sonderbare Collision zu kommen. Ugolino muß aushalten, weil er nicht weis wie es alle Augenblicke mit ihm werden könnte: und wir, die wir wissen, daß nichts zu seinem Besten sich cräugnen kann, wir — sind unwillig, daß er aushält. Ich sage wir: weil ich nicht gern glauben möchte, daß ich eine Empfindung haben könnte, die sonst niewand hat». Wenn ich in dem Kerker des Ugolino wirklich zugegen gewesen wäre, würde ich mich wohl gehütet haben, ihn zu etwas anderm, als zur Geduld zu ermähnen; denn ich halte mich mit ihm in gleicher Ungewißheit befunden: aber vor der Bühne kann ich den Augenblick kaum erwarten, da er endlich den Einschluß faßt, seiner und meiner Marter auf die kürzeste und beste Art ein Ende zu wachen. Hieraus würde folgen — Doch ich breche lieber ab. Ich muß erst hören, ob ich mich deutlich genug erklärt habe. Es mag aber daraus folgen, was wolle: Ihr Ugolino bleibt immer ein Werk von sehr großen, außerordentlichen Schönheiten. — Dero ganz ergebenster Lessing. Hochjuchrender Herr Vater, Gott weiß es, daß ich auf Tero letztes Schreiben nicht eher antworten können! Ich erliege unter Arbeit und Sorgen, und von diesen letzter» ist eS gewiß nicht meine geringste, daß ich meine Acltern in so dringender Verlegenheit wißcn muß, und nicht im Stande bin, ihnen so geschwind bcyznstehen, als ich wünschte. Ich hoffe, daß mich mein Vater kennt, und daß er nicht glauben wird, daß ich bloße Ausflüchte und Weigerungen mache. ES geht mir durch die Seele, daß ich Ihnen, liebster Vater, unmöglich zn Ostern mit dem verlangten helffen kann. Aber zu Johannis will ich Rath schaffen/ es mag herkommen/ woher es will. Alles was ich noch gehabt, steckt in der Lntrepiige, von der ich in meinem vorigen Briefe gemeldet, und zu der ich noch dazu fremdes Geld aufnehmen müßen, das mich sehr drückt. Ich bin hier Lessmgs Werke xil. 13 194 Lessings Briefe. 1768. fremder als an einem Orte, wo ich noch gewesen, lind kann mich kam» einem oder zwey vertrauen, deren Beystand ich bereits mehr als gebraucht habe, und deren Kräfte doch auch nicht weit reichen. SS wird ja wohl möglich seyn, daß Sie auf ein oder die andre Weise noch das Vierteljahr Hinhalten; auf Johannis, wiederhohl ich noch einmal, will ich die hundert Thaler ganz gewiß, und baar senden. Meine itzigen Umstände müßen mich auch bey TheophiluS entschuldigen, wenn ich ihn bitten muß, daß er sich vor der Hand noch geduldet. Ich will ihn nicht vcrgeßcn: aber wenn er itzt bey mir seyn sollte, würde er sicherlich aus dem Regen in die Trauffc kommen. Ich hoffe, daß Sie sich sonst mit der Frau Mutter, und dem Geschwister gesund und wohl befinden. Haben Sie nur, bitte ich sie allesammt, nicht die schlimme Meinung von mir, daß ich mich wenig darum bekümmern möge, wie es zu Hause aussieht. Aber was hilft daS bekümmern, wenn man sich nicht mit der That rechtfertigen kann? Ich mache meinen Brief so kurz als möglich, denn ich weis es am besten, was ich dabey empfinde. Sollte ich, wieder Vermuthen, Gelegenheit finden, mein Versprechen eher zu halten: so könne» Sie gewiß versichert seyn, einen länger» Brief zu erhalle», den ich mit mehr Vergnüge» schreibe» werde, als diesen. Ich empfehle mich Ihrer väterlichen Liebe, und bin Zeitlebens Tcro gehorsamster Sohn Hamburg, d. 20 März 1768. Eotihold. A» Karl G. Lcssiiig. Hamburg, den 26. April 1768. Lieber Bruder, Ich bitt Dir, glaube ich, nunmehr auf drey Briefe Antwort schuldig. Aber es war immer der dritte, auf den ich lauerte: der nehmlich mit den Vignetten; und dieser ist doch zu spät gekommen. Herr Meil ist krank gewesen, und das entschuldigt freylich. Sage ihm indeß, daß mir die Vignetten sehr wohl gefallen, und daß er daS Geld dafür unfehlbar durch Herrn Voß oder Herrn Nicolai, bey Ihrer Rückkunft von der Leipziger Messe, erhalten wird. — Vielleicht reise ich diese Woche noch selbst nach Leipzig, „nd da könnte cs leicht koin- LesfingS Briefe. 1768. men, daß ich meinen Rückweg nach Hamburg über Berlin nähme. — Wenn dieses aber nicht geschieht, so sollst Dn doch wenigstens einen weitläuftigen Brief von mir aus Leipzig erhalten, worin ich Dir melden werde, wie es mit meinen Büchern zu halten. Das ^ourn.il lZ. 8. und den HIei'oure möchte ich wohl her verlangen; denn für ein Spottgeld will ich sie in Berlin nicht verkauft wissen. — Ich danke Dir für Deine Nachrichten von der Aufführung der Minna. Die vornehmste Ursache, warum sie so oft gespielt worden, mag wohl die seyn, daß Döbbclin keine, oder nur wenige andere Stücke besetzen kann. Wenigstens hat mich hier jemand, der eben aus Berlin kam, versichert, daß es öfters sehr leer darin gewesen. Meinetwegen! Ich sehne mich darum doch nicht wieder nach Berlin, und wünschte sehr, daß auch Du mit guter Manier wieder heraus wärest. Ich hätte Dich gern wieder bey wir; aber ich bin jetzt weder so logirt, noch sonst in den Umständen, daß es wohl möglich ist. Gott sey Dank, bald kommt die Zeit wieder, daß ich keinen Pfennig in der Welt mein nennen kann, als den, den ich erst verdienen soll. Ich bin unglücklich, wenn es mit Schreiben geschehen muß! — Nimm meinen brüderlichen Rath, und gieb den Vorsatz ja auf, vom Schreiben zu leben. Den, mit jungen Leuten auf die Universität zu gehen, billige ich auch nicht sehr. Was soll am Ende heraus kommen? Sich, daß Tu ein Sekretair wirst, oder in ein Collegium kommen kannst, es ist der einzige Weg, über lang oder kurz nicht zu darben. Für mich ist es zu spät, einen andern einzuschlagen. Ich rathe Dir damit nicht, zugleich alles gänzlich aufzugeben, wozu Dich Lust und Genie treiben. Doch mündlich hiervon mehr. Lebe indessen wohl; und wenn Du mir etwas Neues zu schreiben hast, so schreibe mir es nach Leipzig, wo ich künftige Woche einzutreffen denke. Ich bin Dein treuer Bruder, Gotthold. An Nicolai. Hamburg, d. 9. Jun. 1768. Liebster Freund, Ich bin geraden Weges von Leipzig nach Hamburg zurück gereiset, und nicht nach Halle gekommen. Seit Ihrer Abreise hörte und las ich noch Verschiedenes von dem bewußten Manne, so daß mir alle 1Z« LessiugS Briefe, 17K8, Lust verging, mich mit ihm mündlich zu besprechen. Ich hätte Gefahr gelaufen, mich in diesem und jenem vielleicht zu »erschnappen, was ich jetzt gegen ihn Willens bin. Er hat mir die Ehre erzeigt, meiner in seinem Büchclchcn von geschnittenen Steinen dreymal zu gedenken, und mich dreymal eines Bessern zu belehren. Aber alle dreymal hat er mich entweder aus Kurzsichtigkeit nicht verstanden, oder aus Ncckcrcy nicht verstehen wollen. DaS verdrießt mich — und geben Sie nur auf die nächsten Blätter der hiesigen neuen Zeitung Acht. Doch daS wird nur Kleinigkeit seyn; ich bin im Anschlage, ihm noch eine ganz andere Salve zu geben. Haben Sie seine Vorrede zu den Abhandlungen des CavluS gelesen? Haben Sie gelesen, waS er da für eine Entdeckung von den /»inAinii«« «in^oi-unt bey den alten Römern will gemacht haben? ES ist unbeschreiblich, welche Unwissenheit er durch diese Entdeckung verrath. Ich habe mich hingesetzt, und seine Ungereimtheiten ein wenig zergliedert. Von ungefähr betrifft eS eine Sache, die ich mir schon vorlängst aufs Reine gebracht hatte, und ich führe den Streit auf einem mir ziemlich bekannten Boden. Desto lustiger muß er werden. Aber denken Sie ja nicht, daß daS etwa eine Recension für Ihre Bibliothek werden soll! ES muß eine eigene Schrift werden: Ueber die Ahnenbilder der alten Römer. Ich bilde mir ein, daß auf dem Titel dieser Schrift Ihr Name als Verleger nicht übel paradiren würde. Was mcvncn Sie, soll ich sie für Ihre Rechnung hier drucken? Sie kann vielleicht zehn bis zwölf Bogen werden; und die Einrichtung des Drucks müßten Sie mir lediglich überlassen. Indeß verbindet Sie diese Anfrage zu nichts, und Sie können ohne Umstände Nein sagen. Ich drucke sie sodann entweder für Hrn. Voß oder für Hrn. CramerS aus Bremen Rechnung. Denn gedruckt muß sie werden, und zwar unverzüglich. Der Mann nimmt daS Maul gar zu voll, und möchte lieber ein Orakel in solchen Dingen vorstellen. Gleichwohl bin ich gewiß, daß cS nie einen unwissender» armen Teufel gegeben, der sich des kritischen Drcyfußes bemächtigen wollen. Sein Ding von den geschnittenen Steinen ist die elendeste und unverschämteste Compilation auS Livpert und Winkcl- mann, die er öfters gar nicht verstanden hat, und alles waS er von dem Scinigen dazu gethan, ist jämmerlich. — Schreiben Sie mir also mit der nächsten umgehenden Post Ihren Willen, und, falls Sie nicht abgeneigt sind, wie stark die Auflage werden soll. WaS machen meine Schuhe? Sobald sie fertig sind, schicken Sie mir sie doch ja. Die Weiber, denen sie gehören, glaube ich, müsse» indeß barfuß laufen; so sehr plagen sie mich darum. LcsflngS Brief-, 1768. 197 Gott wird mir helfen, daß ich einmal an unsern Moscs schreibe und auch an Ramler.' Grüßen Sie indeß beyde von mir herzlich. Ich bin Ihr ergebenster Freund/ Lessing. An Karl G. Lessing. Hamburg, den 9. IuniuS 1708. Lieber Bruder, Das ist wahr, meine Briefschuld bey Dir ist groß. Aber daß Dich dieses ja nicht abhalte, fleißig an mich zu schreiben! Es ist der nächste Weg gar nicht bezahlt zu werden, wenn man seinen Schuldnern weitern Credit versagt. Du hast wohl gethan, daß Du den Katalog drucken lassen. Sobald er fertig, schicke mir ein Exemplar, und ich will Dir die Preise dabey notiren, für welche ich sie lassen will; das ^ouriigl cle8 8avaus aber nicht unter 100, und den Meicuio nicht unter eo Thaler. Ich bin in Leipzig gewesen, aber weder die Zeit noch andere Umstände haben es mir erlauben wollen, über Berlin zurück zu reisen. Herr Voß wird Dir Verschiedenes von mir haben sagen können- Hier habe ich alle Hände voll zu thun, und vornehmlich beschäftigt mich noch die Dramaturgie. Sie ist nicht weiter heraus, als bis Nro. 82. Der Rest des zweyten Bandes wird in einigen Wochen zusammen erscheinen. Wenn ich das Werk noch weiter fortsetze, so soll cS Bandweise, und nicht Bogenweise geschehen. Du sollst ein complcttcS Exemplar haben, sobald eins fertig ist. Sage Herrn Meil, daß er sein Geld unverzüglich erhalten wird, wo er es nicht schon itzt erhalten hat. Der Buchhändler, der das Geld in Leipzig auszahlen sollte, hat uns nicht Wort gehalten. Ich habe freylich angefangen, hier Verschiedenes von meinen Sa- chen drucken z» lassen, unter andern auch dramatische. Aber noch ist Nichts so weit, daß ich cS Dir mittheilen könnte. Du hast die Tragödien von Brawe drucken lasse»? Ich will Dir nur sagen, daß mir Herr Winter nichts dafür gegeben, als 30 Thaler Sächsische Drittel. ES ist also billig, daß er Dir noch etwas nachbezahlt. Ein Exemplar hättest Du mir wohl davon schicken können! Du arbeitest außerdem selbst «n einer Tragödie? Recht gut. Mich dünkt auch immer, daß man in dem dramatischen Fache eher mit ei- 198 Lessmgs Briefe. 1768. ner Tragödie als mit einer Komödie den Versuch machen sollte. ES ist leichter, zum Mitleiden zu bewegen, als lachen zu machen. Man lernt eher, was Glück und Unglück/ als was sittlich und unsittlich, anständig und lächerlich ist. — Ich wäre aber begierig, erst Deinen Plan zu sehen. Hat Dir Herr Nicolai Theile vom Johnson, vom Cibber und vom Shadwell gegeben? Schicke sie mir bey Gelegenheit, denn ich brauche sie. Döbbclin ist ein Narr, das habe ich immer geglaubt. Wenn das Deutsche Theater durch ihn empor kommen soll, so helf ihm Gott! Ist denn die Schulzin noch bey ihm? desgleichen die Felbrig? Mich dünkt, die erste soll eS noch bedauern, daß sie von Hamburg weg gegangen ist. Jetzt bekommen wir die Brandes hierher, denen cS in Leipzig nicht gefallen will. Ich habe jetzt auch Kochs Theater gesehen. Die Verzierungen ausgenommen, und den Bau des Theaters selbst, kann ich Dich versichern, daß cS dem hiesigen weit nachstehen muß. Ich habe die Minna da spielen sehen. Der einzige Brückner hat seine Rolle, den Tellhcim, besser gemacht, als hier Eckhof, die übrigen alle sind unendlich weit unter den hiesigen Akteurs. Leb wohl und schreib mir bald wieder. Ich bin Dein treuer Bruder, Gotthold. An Nicolai. Hamburg, d. Z. Jul. 176S. Liebster Freund, Die Schuhe habe ich richtig bekommen, und ich bedanke mich. — ES ist mir lieb, wenn Ihnen mcine Kriegserklärung gegen Hrn. Klotz gefallen hat, Sie sollen bald ganz andere Dinge sehen. Aber eine Recension von seinem Buche über die geschnittenen Steine erwarten Sie nur nicht. Ich habe über dieses Buch so viel zu erinnern, daß ich bereits an dem 2Zstcn Briefe darüber, in Form und Tone des in den Korrespondenten eingerückten, schreibe, und dicse Briefe zusammen lasse ich unter dem Titel: Briefe antiquarischen Inhalts, und meinem Namen, drucken. Sie sollen nächstens die ersten Bogen davon haben. Auch die Abhandlung über die Ahnenbilder will ich nun LessingS Briefe. 1768. unter meinem Namen herausgebe», welches ich Anfangs nicht Willens war. Hr. Klotz wird Feuer sveve»; aber mag er doch! Er verdient nicht, daß man das geringste Mcnagemcnt für ihn braucht. Ich ärgere mich nur, daß mir hier zu dergleichen Arbeiten verschiedene Bücher fehlen, um Hrn. Klotz seines I'Iaßil desto augenscheinlicher zu überführen. Er ist der unwissendste, unverschämteste Ausschrciber, den ich kenne. Wie ich auS den Zeitungen sehe, so bestätiget sich die Nachricht von WinkclmanuS Tode. Das ist seit kurzem der zweyte Schriftsteller, dem ich mit Vergnügen ein Paar Jahre von meinem Leben geschenkt hätte. Das kömmt aber daraus, wenn man Kaiser besucht, und Schätze sammeln will. Das Recept in Klotzens Bibliothek gelobt zu werden, dürften die hiesigen Zeitungsschreiber wohl nicht zu brauchen wagen. Noch fürchten sie sich alle vor Klotzen. Lebe» Sie wohl, und grüßen Sie mir Hrn. Moses und Ramler. Ihr ergebenster Freund, Lessing. An Nicolai. Hamburg, d. 1. August 1768. Liebster Freund, Ich bin in voller Arbeit wider Klotzen. Mein Bruder schreibt mir zwar, daß cS mir Hr. MoseS verdenke, daß ich mich mit dem Narren abgebe. Aber ich denke doch, daß cS ein für allemal nöthig ist. Haben Sie die folgenden Briefe in der hiesigen neuen Zeitung gelesen? Da haben Sie hier die vier ersten Bogen, so wie ich sie zusammen drucke» lasse; unter dem Titel: Briefe antiquarischen Inhalts! Die Materie wird interessanter, sobald ich über meine Vertheidigung weg bin, lind auf das Buch des Hrn. Klotz selbst komme- Denn ich nehme Gelegenheit, verschicdnc Dinge nach meinem Sinn auseinander zu setzen, iu welchen ich glaube, daß sich sogar Livvcrt geirrt hat. Ich will, daß Sie diese Briefe auch verlege» sollen. So viel wird die Bibliothek schon abwerfen. Sie werden 15 >>is 16 Bogen stark werden; und ich dächte, ich machte eine Abhandlung von den Ahnenbildern der Römer als den ziveuten Theil, weil ich sie leicht in solche Briefe zergliedern kann. Den Druck wollen wir Ihnen so Lessings Briefe. 17KS. billig machen, als möglich. Mein Honorarium hingegen möchte ich gern so hoch angesetzt wissen, als möglich. Denn für wenig oder nichts kann ich mich nicht mit einem solchen Dummkopf zanken. Geben Sie doch in dem nächsten Stücke deS Corrcspondenten auf die Recension von MeuselS Apollodor Acht. Sie ist von mir. Ich hätte sonst noch Fehler genug darin angestrichen, daß ich leicht auch eine Recension für Ihre Bibliothek machen könnte; aber ich habe nicht Zeit. Mein Bruder sagt mir, daß Hr. MoseS Klotzens Büchclchen vom Alterthum recensirt habe: schicken Sie mir doch das, sobald es gedruckt ist. Leben Sie indeß wohl und vergessen Sie nicht, daß Sie mir noch außer diesem auf einen Brief Antwort schuldig sind. Ich bin Ihr ergebenster Freund, Lessing. An Nicolai. Hamburg, d. 27. August 1708. Liebster Freund, Ich bin einige Tage auf dem Lande gewesen; das ist die Ursache, warum Sie keinen Aushängebogen bekommen. Hier haben Sie nun deren sechse auf einmal. Aber alle ohne Signatur! Ich muß Ihnen nur gestchen, daß sie der Buchdrucker nicht vergessen, sondern auf mein ausdrückliches Verlangen weglassen müssen. Wozu der Bettel, der das Viereck der Columnen so schändlich verstellt? Da ist der Cu- stoS, da sind die Pagina, der Kolumnentitel, die Zahl der Briefe; und alles das ist noch nicht genug, die Bogen zusammen zu finden? Muß auch der Bursche, welcher collationiret, noch sein besonderes Hülfsmittel haben? Und warum kann er nicht nach der Folge der Pag. t. 17. 33. 49. L5. u. s. w. collationiren? So raisonnirte ich: und ich hätte nimmermehr geglaubt, daß Sie wider die kleine Neuerung so sehr protestiren würden. Nun gut, bev dem zweyten Theile wollen wir die Signatur wieder herstellen: aber mitten in diesem Theile sie wieder vorzusuchcn, bedenken Sie selbst, welchen Uebelstand das verursachen würde! Lieber, daß sie mit Fleiß weggelassen, als zur Hälfte vergessen zu seyn scheint. Ich will schon sorgen, daß die Exemplare richtig und gut zusammengeschlagen werden. LessingS Briefe. 1768. Die Recension von Meusels Avollodor ist von mir: aber sehen Sie einmal, mit welchen Druckfehlern sie der *' mit Fleiß abdrucken lassen! Er ist KlohenS geschworner Waffenträger. Ick lege auch die Zeitung bey, in welcher ich auf Klotzens kahle Antwort im 133 Stücke des Korrespondenten geantwortet. Ueber den Punkt der Heftigkeit werde ich mich in der Vorrede zu den Briefen entschuldigen. Dergleichen Dinge müssen ein wenig heftig gesagt werden, oder es hilft gar nichts. Nächstens ein mchrercs! Aber antworten Sie mir auch. Dero ergebenster Freund und Diener, Lcssing. An Gleim. Hamburg, den 24. September 17K8. Liebster Freund, Haben Sie mich ganz vergessen? — Ich will es nicht glauben. Ich schmeichle mir, daß Sie noch einige Freundschaft für mich haben. In diesem Vertrauen wage ich es, Ihnen den Ueberbringer Herrn Aönig aus Hamburg, welcher mein und Herrn Zachariäs specieller Freund ist, bestens zn empfehlen. Er hat Wcchsclgcschäfte gegen einen Juden in Halberstadt; und wenn Sie ihm mit gutem Rathe dabey dienen können, so weiß ich gewiß, Sie werden es thun. Dieses schreibe ich in der größten Eil. Erwarten Sie nächstens einen weitläustigcn Brief. Ich habe Ihnen über hundert Dinge zu schreiben; doch möchte ich fürs erste gewiß seyn, ob ich Ihnen noch immer so unverholen schreiben darf, als ehemals. So viel ich erfahre, sind Sie gesund und wohl. Machen Sie bald, wenn Sie während meines Hierseyns noch einmal Hamburg besuchen wollen. Künftigen Februar reise ich nach Italien. Doch auch davon in meinem nächsten Briefe ein mehrercS. Leben Sie recht wohl, liebster Freund, und lassen Sie mich ja in dem Gedanken, daß Sie noch mein Freund sind. Dero ganz ergebenster Diener Lessing. 202 LcssingS Briefe, 17K8, An Karl G. Lessing. Hamburg, den 24. September 1768. Lieber Bruder/ Ich würde Dir auch vielleicht heute noch nicht schreiben, wenn man mir nicht eine Commission an Herrn Schuch aufgetragen hätte, die ich durch Dich will verrichten lassen. Unser hiesiges Theater geht auf Advent nach Hannover, und bleibt daselbst bis Ostern. Die Stadt ist also von Weihnachten bis dahin ohne Spektakel, und das Haus steht leer. Ich zweifle, ob dieses die beste Zeit für Herrn Schuch in Berlin seyn wird. Frage ihn also, ob er Lust habe, hierher zu kommen: mit seiner Truppe, versteht sich. Ich mache mich anheischig, ihm die Erlaubniß auszuwirken, und das HauS um eine sehr billige Miethe zu schaffen. ES kann nicht schien, daß er nicht hier gute Sachen machen sollte, da man so sehr für das Neue ist. Uebcrhaupt, glaube ich, wird unsere Truppe auf Ostern aus einander gehen, und es würde für ihn gut seyn, wenn er auch nur dieser Conjunktur wegen hier wäre, indem er sich vielleicht mit guten Leuten dabey versehen könnte. Wie gesagt: frage ihn, und überschreibe mir mit der ersten Post seine Antwort. Sie muß aber positiv und sicher seyn. Ich hoffe, daß die Neuhof und Jaqucmin noch bey ihm sind. ES ist vorgcwcscn, an Döbbelin nach Danzig zu schreiben: doch mit dem mag ich nichts zu thun haben; und dazu ist er zu weit entfernt, und verdient ohne Zweifel jetzt in Danzig genug. Meine Briefe wider Klotzen sind fertig, und morgen schicke ich sie nach Leipzig ab, von wo Dir Herr Nicolai ein Ercmplar mitbringen soll. Wenn dieser noch in Berlin ist, so frage ihn doch, wie er mich auf mein Letztes vom 2Lsten vorigen MonathS ohne Antwort lassen könne. An Herrn Voß werde ich nach Leipzig selbst schreiben, und ihm eine Neuigkeit melden, die ich Dir jetzt nur vorläufig mit wenig Worten sagen will. Auf den instchenden Februar gehe ich mit dem ersten Schiffe von hier nach Livorno, und von da gerades Weges nach Rom. Ich verkaufe alle meine Bücher und Sachen, wovon der Katalog bereits gedruckt und die Auktion auf den loten Januar angesetzt ist. Nächstens ei» MehrercS. Lebe wohl. Ich bin Dein treuer Bruder, Gotthold. LessmgS Briefe. 1768. 203 An Nicolai. Hamburg, d. 28. Septemb. 1768. Liebster Freund, Den 24stcn dieses habe ich Ihren Brief bekommen, und den28stcn haben Sie von Berlin abgehen wollen. Ich habe Ihnen also nicht nach Berlin antworten können: das sehen Sie wohl. Es ist Ihre eigene Schuld; warum lassen Sie mich vier Wochen auf eine Antwort lauern? Der erste Theil ist fertig. Wenn Sie wollen, so will ich an dem zweyten sacht anfangen lassen. Materie sehe ich genug vor mir: aber cS ekelt mich schon vor Klotzen; ich werde fleißig Abschweifungen machen, um mir bessere Gegner zu suchen. Aber — Dieses Aber will ich Ihnen gleich erklären. Ich gehe künftigen Februar von Hamburg weg. Und wohin? Geraden Weges nach Rom. Sie lachen; aber Sie können gewiß glauben, daß es geschieht. Gott sey Ihnen gnädig, wenn vor dieser Zeit der zweyte Theil nicht fertig ist! Ich dächte also, ich überschlüge meine Zeit genauer, und finge lieber gar nicht an, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß er fertig werden könnte. Was meynen Sie? Was ich in Rom will, werde ich Ihnen aus Rom schreiben. Von hier aus kann ich Ihnen nur so viel sagen, daß ich in Rom wenigstens eben so viel zu suchen und zu erwarten habe, als an einem Orte in Deutschland. Hier kann ich des Jahres nicht für 800 Rthlr. leben; aber in Rom für 300 Rthlr. So viel kann ich ungefähr noch mit hinbringen, um ein Jahr da zu leben; wenn das alle ist, nun so wäre es auch hier alle, und ich bin gewiß versichert, daß es sich lustiger und erbaulicher in Rom muß hungern und betteln lassen, als in Deutschland. Ich lasse das Verzeichnis^ von meinen Büchern drucken, welche im Januar hier verauktionirt werden sollen. Ich will Ihnen Exemplare nach Berlin schicken. Machen Sie meinetwegen immer eine Ausnahme, und lassen Sie, nicht den Buchhändler, sondern den Freund, sie ein wenig bekannt machen. Sie werden besonders vortreffliche Italiänische Sachen darin antreffen. Zu Ersparung der Kosten bin ich entschlossen, von hier nach Li- vorno zu Schiffe zu gehen. ES ist also gewiß, daß wir einander so bald nicht wieder zu sprechen bekommen dürften, wenn Sie nicht noch nach Hamburg kommen. Ich dächte Sie kämen, um zugleich auch noch unser Theater zu sehen, welches auf Ostern gleichfalls auffliegt, 204 Lessings Briefe. 1768. Die besten ActeurS gehen alle ab: denn Ackermann übernimmt es wieder. Damit wäre es also auch vorbey! Ich schreibe Ihnen so viel von meinen Umständen/ nicht sie andern zu sagen / welches ich Sie sehr bitte/ nicht zu thun: sondern bloß/ damit Sie sie wissen/ und Moses und Ramler. Von meiner Verbindung mit Boden habe ich mich auch bereits losgesagt, und nichts in der Welt kann mich länger hier halten. Alle Umstände scheinen es so einzuleiten/ daß meine Geschichte die Geschichte von SalomonS Katze werden soll/ die sich alle Tage ein wenig weiter von ihrem Hause wagte/ bis sie endlich gar nicht wieder kam. Indeß habe ich noch viel zu thu». Ich muß meine Dramaturgie noch fertig machen/ und ich denke/ man wird es dem Ende anmerken/ daß ich es/ den Kopf schon voller antiquarischen Grillen/ geschrieben. AuS dieser Ursache wünschte ich auch lieber an dem zweyten Theile der antiquarischen Briefe arbeiten zu können, als hieran. Die Recensionen in der deutschen Bibliothek über Klotzen haben mir beyde sehr wohl gefallen. Sein Geschmiere von Münzen habe ich nicht gelesen; ich habe nie etwas anders darin vermuthet/ als was Sie darin gefunden haben. Ich halte übrigens jetzt von seinem Charakter noch weit weniger/ als von seiner Gelehrsamkeit. Sie haben doch wohl die neuesten Stücke des Correspondcnten gelesen? Er beschwert sich darin über Anzüglichkeiten, die ich ihm soll gesagt haben? Darf der Mann sich über Anzüglichkeiten beschweren, der in seiner Zeitung und Bibliothek die Leute brandmarkt? — Doch nichts mehr von ihm! Melden Sie mir doch, waS Hr. Lambcrt von der Folge der Briefe gesagt hat, in welchen mehr von der Perspcktiv vorkömmt. Allerdings ist mir sein Beyfall nicht gleichgültig*), und ich wünschte mich über verschiedene Dinge mit ihm crplicircn zu können. Machen Sie doch, daß Hagedorn in Dresden und Ernesti in Leipzig ein Exemplar in meinem Namen erhalten. Dem AppellationSrath Platner") schicken Sie gleichfalls cinS. Leben Sie wohl, und wenn Sie können, so schreiben Sie mir einmal aus Leipzig. Dero ergebenster Freund, Lcssing. *) Ich halte Lcssinqcn gemeldet, daß seine antiquarische» Briefe dem Mathematiker Lambcrt gcsielc». Nicolai. ") Dcm Berf. dcr l>-,»x s-uur», dcm ältern Bruder des jctztlcbcndc» berühmten Philosophen. Nicolai. LessingS Briefe. 1768. 205 An Nicolai. Hamburg, d. 7. Octobcr 17L8. Liebster Freund/ In dem Meßcatalogo habe ich Vcrschicdnes gesunde»/ worüber ich Nachricht haben möchte. Was für ein Ding sind die romantischen Briefe, die Sie verlegt haben? Wer hat sie geschrieben?*) Was ist Ratzcbergcrs Vertheidigung für ein Schartekchcn?") Wer hat die kritischen Wälder ankündigen lassen? Wenn Sie mir nicht während der Messe antworten können: so ') Ich kenne den Verfasser dieser in nicinciii Verlage gedruckten Briefe noch nicht. Ich erhielt sie vom Hrn. Prof. Müller, der damals in Berlin am Zoachimslhalischc» Evnmasium stand. Der im I. 1800 hcrausgckom- nicnc 2lc Theil, worin die Geschichte geendigt wird, hat einen andern Verfasser. Nicolai. ") Ich halte die erste Idee zum Vademekum für lustige Leute/ und war Willens, sie in meinem Verlage einmal künftig auszuführen. Dies wusuc der sel. Buchhändler Mvlius in Berlin. Als er sich clablirte, ersuchte er mich, ihm diese Idee zur Ausführung zu überlassen. Ich willigle ein, nnd gab ihm die Bücher, die ich schon dazu gesammelt Halle. Ich halte au der Ausfübrung keinen Tl'cil, auszcr daß ich dem Verleger nachher bcv Gele- gcnhcit Bcvtragc gab, und die zwevlc Auflage des ersten Theils ganz durch- korrigirlc, weil dieser Theil meist aus ^v>- i»iiler's ^ek>», aber ganz uner- lräglich steif, übersetzt war. Ich wählte auch den Tilel, über den man erst scdr unschlüssig war, und machte i» einer munlern Viertelstunde, unter dem Namen Lic, Ratzcbergcrs, cinc Zucignungsschrifl, an dcn damals aus Spott so gcnannlcn schwarzen Zeitungsschreiber in Hamburg, odcr dcn Verf. der Hamb gelehrten Nachrichten/ einen Mann, der sich gegen alle gesunde Vernunft aufleimte. Diese Zueignungsschristcn setzte ich ans Bitte» des Verlegers bis zum 7tcn Theile forl, und lachte darin über diese und jene litterarischen Thorhcitc» der Zcit. Dcr Klotzischc Unfug nalmi damals sehr zu. Ich kündigte daher im Mckkatalog eine Schrift an: Lic. Rayebergcrs ^Viderlcgung dcr listigen Findlcin, womit seine Feinde ihm bösen Leumund machen wollen. Ueber den Inhalt, sclie mau meinen folgenden Brief. Das Ding blieb nachher ungedruckt. Dic höchst uuanstän- digcn Scenen, dic .Klotz und scinc Anhänger spicllcn, sind jetzt vcrgcsscn, und wcnn man allcufalle! clwas aus dcr Zcit licsct, ergreift einen gleich der Ekel. Damals aber war es bcvnahe Pflicht, dic unocrschämlcn Scharlatanerie», dic der dculschcu Literatur Schande machtcn, in ihrer Blöße darzustcllcu. Ware dies nicht geschehen, so wäre das Publikum noch länger von unwissenden Menschen hintcrgangcn worden, und das gründliche Sludium dcr Wissenschaften hätte darunter gelitten. Nicolai. 206 Lcssnigs Briefe, 1768, thun Sie es wenigstens gleich „ach der Messe. Schreiben Sie mir doch auch/ wo die neue Auflage der Fragmente*) bleibt? Leben Sie wohl! Ich bin Dero ergebenster, ^^^^^ Lcssing, An Ebcrt. Werthester Freund! Ich hoffe, daß dieser mein zweyter Brief an Sie nicht verloren gehen soll: er muß auch nicht, wenn ich noch weiter einen von Ihnen zu verdienen scheinen soll. VorS erste meinen großen Dank, daß Sie mir die persönliche Bekanntschaft des Herrn EschenburgS verschaffen wollen. — Ich dächte, wir machten uns die guten Köpfe, welche heranwachsen, ja auf alle Weise zu Freunden. Sie möchten sonst, anstatt bloß in unsre Fußtapfen zu treten, uns die Schuhe austreten. — Meinetwegen zwar: denn machen uns diese nicht schon vergessen, so thun es sicherlich spätere. — Sie sehen, daß ich mich seht eben nicht im Schriftsteller-Enthusiasmus befinden mag. Meine Antwort also auf Ihre freundschaftliche Ercquirungen können Sie errathen. Zum Henker mit alle dem Bettel! WaS ich in meinem Leben noch schreibe, soll genau nach den verdrehten Worten des Thucydidcs abgemessen seyn, die Sie auf meinen antiquarischen Briefen lesen. Das Schreiben will ich Euch andern Schwärmern überlassen: so, dann und wann, ein kleines c-z,^<7^« -r«lz«x?^« «xo-vklv, um sieben Neuntheile von meinen lieben schreibenden Landsleuten auf mich toll und rasend zu machen, das ist alles was ich mir vornehme. Meinen Sie nicht, daß diese antiquarische Briefe ein ziemlicher Anfang sind? Ich freue mich schon in voraus auf alle die Ehrentitel, die ich dafür bekommen werde. Nur ärgert es mich, daß cS so wenige wissen können, wie sehr ich mich darüber freue. Aber ich erinnere mich, daß Sie mich in diesem Tone nicht gerne hören. Also etwas, was Sie lieber hören. Der Ugolino ist fertig, und Sie erhalten mit dieser Gelegenheit ein Exemplar. Wieder ein Knochen für die kritischen Hunde! Wenn sie sich genung darüber werden zerbissen haben: so will ich auch meinen Knittel drunter werfen. Nämlich Herders Fragmente. Nicolai Lessiilgö Briefe, 175)8, 207 Vorläufig aber machen Sie nur, daß er in den Braunschwcigischcn Zeitungen gut rccensirt wird. Ich nenne gut/ mit einem Funken von dem Genie/ mit welchem er geschrieben worden. — Bald schicken wir Ihnen auch die Schlacht Hermanns: sie wird über Hals über Kopf gedruckt/ und zu einer Absicht die eine zweyte Messiade wird, wenn sie dem Verfasser gelingt- — Noch könnte ich Ihnen melden, daß unser Freund Ebert den Jordin*) übersetzt, wovon er mir bey seinem Hiersevn nicht ein Wort gesagt. Ich will ihm gern jede Uebcr- setzung als ein eignes Werk anrechnen- aber nur von der Religion müßte cS nicht handeln. Das pr» und das conlra über diesen Punkt habe ich eines so satt/ wie das andre. Lieber schreibt von geschnittn?» Steine»/ ihr werdet sicherlich wenig Gutes, aber auch wenig Böses stiften: Ich falle schon wieder in einen Ton, den Sie nicht leiden können. Nun was können Sie denn recht leiden? Soll ich Ihnen noch von meiner Reise etwas sagen? ES bleibt fest dabey. Ueber acht Tage sollen Sie meinen CataloguS erhalten. Aber wissen Sie, waS mich ärgert? Daß alle denen ich sage, „ich reise nach Rom," sogleich auf WInkelmanncn verfallen. Was hat Winkelmann und der Plan/ den sich Winkclmann in Italien machte, mit meiner Reise zu thun? Niemand kann den Mann höher schätzen/ als ich: aber dennoch möchte ich eben so ungern Winkclmann seyn, als ich oft Lessing bin! Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich will nur schließen, denn ich treffe den Ton heute doch nicht/ der Ihnen gefällt. Dero ergebenster Fr. und Dr. Hamburg/ Lcssing, den 18, Octbr. 1708. An Nicolai. Hamburg, d. 21. Oktober 1768. Liebster Freund, Ich schreibe heute größten Theils an Sie in der Angelegenheit eines alten guten Bekannten, der sich gegenwärtig in Berlin befindet. ES ist Hr. ** aus Leipzig, der von dort weggehen müssen und *) Iordins Abhandlungen über die Wahrheit der christliche» Religion. Hamburg 17LS. I» 8. 208 Lessings Briefe. 1768. gern in Berlin unterkommen möchte. Ich habe ihn an " recomman- dict: aber cS scheint, daß entweder nichts kann oder nichts will für ihn thu». Hören Sie als»/ was ich von Ihnen verlange. Hr. Eberhard ist unser guter Freund; bitten Sie diesen, in meinem Namen, daß er bey dem Minister Horst diesem Manne irgend eine kleine Acci- sebcdicnung in der Provinz verschaffe.- Ich sollte meynen, daß dieses etwas sehr leichtes seyn müßte, "'ist ein gcborner preußischer Unterthan; sollte er nicht eben so viel verdienen, als ein--Franzose? — Oder wissen Sie, lieber Nicolai, sonst etwa einen Rath? Der Mann versteht sich auf den Wollenhandel, und wie ich gehört habe, gut. Könnte ihn MoseS nicht etwa bey einer dortigen Wollcnfabrik anbrin- gen? Indeß bitte ich Sie, ihm, auf meine Rechnung, zwey oder drey LouiSdor zu geben, und ihm solche nebst bcvlicgendcm Briefe zustellen zu lassen. Er logtet im schwarzen Adler, der Post gegenüber. — Wenn ich Ihnen sage, daß mir der Mann sehr nahe geht, so weiß ich, werden Sie Ihr Bestes thun. Haben Sie schon gelesen, wie verächtlich Klotz von den antiquarischen Briefen in seiner Zeitung urtheilt? Aus dieser Recension soll man schließen, daß ich ihm nichts, als Druckfehler vorgeworfen, oder Dinge gegen ihn behauptet hätte, die ganz und gar nicht wahr wären. Er besteht z. E- darauf, daß MarcuS Tuscher ein Steinschneider gewesen, weil cS Füeßly, Eiulianelli und Gori sagen. Aber wenn es noch zwanzig solche Herren in i, sagten- so ist es doch nicht wahr. Denn sie haben eS alle dem Marictte nachgeschrieben, welcher eS sich hat weis machen lassen. Nattern, der so lange mit Tuschern gelebt hat, in Rom und Dänncmark, ist hierin allein zu glauben. Endlich, wenn Tuscher ein Steinschneider war, so mag er uns seine Werke nennen! — Hernach wollte ich, daß man in einer Recension anmerkte, daß ein Mann wie Klotz, der die Scribcnten nicht verspottet, sondern brandmarkt, und die infamircndsten Pcrsonalitäten von ihnen in die Welt schreibt, alles Recht verloren hat, sich über die Anzüglichkeit des Styls, den man gegen ihn braucht, zu beschweren. Dieser Styl hat anzüglich seyn sollen, und muß cS seyn, wenn man die Welt wegen eines solchen Windbeutels desabusiren will. Hr. Klotz kann Staat darauf machen, daß ich mich so bald von seiner Spur nicht will abbringen lassen, er mag auch noch so viel Scitensprünge versuchen. Wenn cr der gelehrte Mann wäre, für den man ihn hält, so verlohnte cS sich ja wohl der Mühe, seine Fehler zu verbessern; denn es wären die Fehler eines gelehrten Mannes, in die ein minder gelehrter noch eher fallen kann. In der That hat cr auch Lcssings Briefe. 1768. manche mit sonst gelehrten Leuten gemein; und diese sind es. bey welchen ich mich in dem zweyten Theile der Briefe vornehmlich aufhalten will: damit er nicht sagen kann, daß sie eine bloß persönliche Zankschrist wären. Hr. Prof. Hcyne in Göttingen hat, so bald er die Briefe erhalten, an mich geschrieben. Er ist eS selbst, der die Anmerkung gegen meine Deutung des Borghesischcn Fechters in den Göttingischen Anzeigen gemacht hat. Aber er bekennt nun selbst, daß er seine Meynung anders hatte ausdrücken sollen, und daß er auf keine Weise hätte sagen müssen, daß ich diese Statue mit einer zu Florenz verwechselte. Er verspricht mir sogar, dieses nächstens zu widerrufen. Seine Meynung ist bloß, daß meine Deutung des Borghesischcn Fechters noch eher auf den MilcS Veles zu Florenz passen würde, als auf jenen. Und das ist freylich etwas ganz anders, als er in den Anzeigen gesagt zu haben schien. Ich werde an dem zweyten Theile der Briefe anfangen, sobald ich mit meinem CataloguS und der Dramaturgie fertig bin; welches in vier oder fünf Wochen seyn dürfte. Ich denke auch gewiß vor meiner Abreise noch damit fertig zu werden, die auf den Februar festgesetzt Kivot. Ich habe Hrn. Klopstock versprochen, ihn noch zuvor in Kopenhagen zu besuchen. Sein Herrmann wird nun gedruckt, und zwar in einer Absicht, die für seinen Ruhm eine zweyte Mcssiadc werden kann, wenn sie ihm gelingt.') Aber dieses Rälhsel muß zur Zeit noch unter unsern Freunden bleiben, so Rälhscl, als cS ist. Ich denke zwar, ich habe Ihnen in Leipzig schon etwas davon gesagt. Wenn Sie von Hcrdcrn erlangen können, daß ich die Aushängebogen seiner Wälder zu sehen bekomme, so soll cS mir lieb seyn. Denn sonst dürfte ich sie wohl so bald nicht zu lese» erhalten. Ich denke in Rom andre Arbeit vor mir zu finden; und ich erlasse Sie daher Ihres Versprechens, mir die gelehrten Neuigkeiten unsers Vaterlandes nachzusenden. *) Man halte nämlich, auf das Wort des Grafen v. Dictrichstei», Rom. Kais. Gesandten in Kopenhagen, die Hoffnung geschöpft, Kaiser Joseph (der damals noch nicht einmal allein regierte) wolle die vorzüglichsten deutschen Gelehrten mich Wien ziehen, und für dir deutsche Gelehrsamkeit viel thu». Dies erregte damals in Kopenhagen und Hamburg sebr große Hoffnungen. Sie wurden freylich nicht erfüllt, und man würde nicht einmal die Hoffnung geschöpft haben, wenn man Kaiser Joseph's wahre Gesinnung über Gelcbr- samtcit, und den Zustand der Literatur in Wien unter Maria Theresia, recht gekannt hätte. Nicolai. LesgngS Wecke XII, 14 LesflngS Briefe. 4768. Vor vierzehn Tagen war der Kammcrrath Heinckcn hier; er besuchte mich, und von ihm hörte ich zuerst, daß cS mit Klotzens Berufung nach Dresden nichts seyn könnte. Er sagte mir aber dabey/ daß Hagedorn dessen großer Freund sey. Ich darf also nicht hoffen/ daß dieser mit den antiquarischen Briefen sehr zufrieden seyn wird.") Leben Sie wohl! Meine Empfehlung an Moses und Ramlcr: wenigstens werde ich beyden noch einmal schreiben, ehe ich von hier abreise. Dero ergebenster Freund/ Lcssing. An Karl G. Lcssing. Hamburg, den 28. Oktober t768. Mein lieber Bruder, Ich habe an Herrn Voß geschrieben, waö ich mit den aus der Auktion zurückgebliebenen Büchern zu machen wünschte, besonders mit dem Journal 9, von welchen ich hier eine ansehnliche Menge zusammengebracht habe. Denn selten ist ein Hamburger, der sich zu Cadix bereichert, wieder zurückgekommen, ohne ein Paar Komödien mitzubringen. Von einer habe ich in dem «ostcn bis «Ssten Stücke meiner Dramaturgie einen weitläuftigen Auszug geliefert; und ich möchte wohl wissen, ob Ihnen diese unter dem Namen deS Verfassers irgendwo vorgekommen? Einige ähnliche Auszüge könnte ich Ihnen zu Ihrem spanischen Tbcater liefern. Aber vielleicht haben wir nur ganze Übersetzungen darin zu erwarten, und da gestehe ich gern, daß mir noch kein spanisches Stück vorgekommen ist, von dem ich eine solche zu machen Kräfte und Lust genug gehabt hätte. Von allen, habe ich immer geglaubt, dürfte die Hälfte größer scheinen, als das Ganze. — Nächstens wird die Dramaturgie fertig, und mit dem zwevten Bande geschlossen seyn. Ich werde nicht crmangeln, sie Ihnen zu senden. Jetzt aber sende ich Ihnen ein Verzeichnis) von Büchern, deren ich mich hier entlasten muß, weil ich Hamburg und Deutschland in einigen Monaten zu verlassen gedenke. Ich bilde mir nicht ein, daß für Ihre öffentliche Bibliothek etwas darunter seyn sollte; vielleicht aber sind sonst Liebhaber in Göttingen, an welche ich die Exemplare zu vertheilen bitte. — Ich will nach Italien; und wenn ich meine Reise noch zu Lande mache, so könnte ich leicht meinen Weg über Göttingcn nehmen, da ich ohnedies über Frankfurt und Augsburg gehen würde. Aber was hilft cS, bev Quellen anzusprechen, wenn man nur noch durstiger sich wieder von ihnen entfernen muß? — Leben Sie wohl, werthester Freund, und vergessen Sie nicht, daß Sie der einzige sind, der in mehr als Einem Fache unsere Kenntnisse der fremden Litteratur erweitern kann. Ich bin mit der aufrichtigsten Hochachtung Dero ergebenster Fr. und Dr. Lessing. Noch eine Frage: ist wohl in Ihrer öffentlichen Bibliothek des Vvtlori Dillortnlio ^I^ptoLrn^Iiicn, und wäre cS wohl möglich, gegen alle zu verlangende Sichcrbcit, sie auf acht Tage hierher zu bekommen? Hier kann ich sie nicht auftrcibcn, und eS ist zu spät, sie mir aus Italien kommen zu lassen. — 222 Lessings Briefe. 1769. An Rciskc. Hamburg, den 12. Febr. 17L9. ES geschieht mit dem größten Vergnügen, daß ich Euer Hochcdcl- gebohrcn anbei meine Aldiuischc Ausgabe des Demosthcncs übersende. Ich habe sie bloß wieder zurückgekauft, weil ich nicht wußte, daß Sie selbst der Liebhaber wären, der darauf bieten ließ, und ich sie nicht in Hände kommen lassen wollte, aus welchen sie dem neuen Herausgeber dieses Griechen nicht so leicht zukommen dürfte. Sie ist zu Ihrem Gebrauch, auf so lange Zeit Sie wollen; und ich wünsche nur, daß sie die Mühe und Zeit belohnen mag, welche ein Mann darauf wenden wird, der aus seinem Kopfe mehr nehmen kann, als er auch von dem Gelehrtesten dabei angemerket finden könnte. ES ist mir schlechterdings unbekannt, wessen Hand es ist, der nicht allein die Druckfehler sorgfältig darinn verbessert, sondern auch manche richtigere Lesarten dabei citirct hat, die bekannt gemacht zu werden verdienen, sie mögen nun ans Vermuthung oder aus ältern Handschriften geflossen seyn. Zwar vielleicht sind sie schon bekannt: denn ich habe nicht die Tavlorsche Ausgabe, sondern nur hin und wieder die Wölfische damit zu vergleichen Zeit und Gelegenheit gehabt. Die größten Anmerkungen, die da und dort zur Erläuterung beigefügt sind, könnten wohl gar Stellen des Ulpianö seyn. Denn ich bekenne, daß ich das wenigste zu entziffern fähig gewesen bin: besonders da sie bei einem neuen Beschneiden des Buchs gelitten haben. Ich bin begierig das Zuvcrläszigcrc hierüber von Euer Hochcdclgcbohrncn zu erfahren. Da ich übrigens kaum geglaubt hätte, Euer Hochedelgebohrnen auch nur dem Namen nach bekannt zu seyn, so muß mir der Beifall, dessen Sie meine leichte Arbeiten würdigen, desto schmeichelhafter seyn. Ich hatte lange gewartet, ob sich niemand an den plumpen Goliath der gelehrten Philister machen wolle: endlich konnte ich seinen dummen Hohn unmöglich länger ertragen, ohne ihm ein paar Steine aus meiner Tasche an den Kopf zu werfen. Getroffen haben sie: ob er sie aber fühlen wird, das kömmt auf seinen dicken Schcdcl an. Ich weiß wohl, daß ihn wahre Gelehrte jederzeit verachtet haben, aber das weiß ich nicht, ob ihre stillschweigende Verachtung genug ist, das Publikum, welches er verwirret, an ihm zu rächen. Einer sollte doch endlich die Stimme erheben. Und wahrlich, wenn keine, oder doch so wenige, von meiner Seite zu seyn öffentlich bezeigen, so fürchte ich, er hat mich, mit seinen in ganz Deutschland zerstreuten Spießgesellen in kur- LessingS Briefe. 1769. 223 zcm wieder überschrieen. Ihm aber immer auf dem Rücken zu sitzen, ist meine Sache anch nicht. Die Mißhandlung, die er sich mit Ihrem deutschen Dcmosthcncs erlaubt hat, muß jedes billigen Mannes Unwillen erregen, Aller der trivialen Dinge ungeachtet, die er dagegen sagt, sollte er doch wohl empfunden haben, wieviel ihm noch fehlt, um eine solche Uebcrschung machen zu können. Unsern kleinen Schönschrcibern wird sie freylich wohl nie gefallen: aber Leute, welche Wahrheit und Nachdruck schätzen, welche wissen, wie weit die alte povulairc Beredsamkeit sich von dem süßen Tone, von den gelehrten Sprachschnirkeln eines neuen Kanzcl- redncrS entfernet, werden sie um wie vieles nicht missen wollen; dock, wem auch dieses nicht begreiflich zu machen, der muß sie doch wenigstens für den deutlichsten und sichersten Commcntar des Originals erkennen, und zugestehen, daß sich ein Reichthum der deutschen Sprache darin» zeiget, den so wenige unserer Schriftsteller in ihrer Gewalt haben Ich bin -c. _____ Lcssing. An Nicolai. Hamburg, d. 44. März 1769, Liebster Freund, Sie werden freylich nicht wissen, woran Sie mit mir sind; aber meine Auktion und hundert andere Verwirrungen haben mir es unmöglich gemacht, Ihnen eher zu schreiben. Sie sehen indessen aus beygebenden fünf Aushängebogen, daß ich in voller Arbeit an den antiquarischen Briefen bin. Sie können sich darauf verlassen, daß ich nicht eher von hier gehen werde, als bis sie vollendet sind. Die Materie häuft sich unter der Hand, und ich möchte Ihnen gern noch den dritten Theil zurücklassen. Aber das muß lediglich von Ihrer Convenicnz abhängen. Wenn Sie Ihre Rechnung nicht dabey finden, so lassen Sie nur den Quark auffliegen. Klotz hat doch wohl genug. Zwar macht cS der Tölpcl immer ärger. Haben Sie seine scurri- lischen Briefe*) gelesen? — Was Sie in der Vorrede zum neuesten Theile Ihrer Bibliothek wider ihn angefügt haben, ist schon so recht. — Nächstens ein mchrercS. Leben Sie jetzt wohl. Ihr ergebenster Freund, Lcssing. °) Dieses haßliche Produkt soll von Ricdcl gewesen scvn. Nicolai. 2'24 Lcsstngs Briefe. I/Ki». An Nicolai. Hamburg, d. 26. März 47K9. Liebster Freund, In drey Wochen längstens muß der zweyte Theil der antiquarischen Briefe fertig seyn. In dieser Zeit werde ich auch mit dem dritten Theile fertig, so daß sogleich damit fortgefahren werden kann. WaS ich davon nicht selbst abgedruckt abwarten kann, werde ich mit allem Fleiße abgeschrieben zurücklassen. Denn länger als noch den künftigen Monat will und kann ich mich hier nicht verweilen. Mein Weg soll von hier nach Göttingcn, Casscl und Nürnberg gehen. Ob von da weiter über Wien, das weiß ich selbst noch nicht. Wenigstens denke ich gar nicht mehr daran, mich in die geringste Verbindung einzulassen. Mit der Recension meines Laokoon in dem letzten Stücke Ihrer Bibliothek, kann ich sehr wohl zufrieden seyn. Ich denke, daß ich den Namen des Recensenten schon weiß. Aber was gehen mich Namen an? Die Person werde ich doch nicht kenne» lernen.*) Wenn er die Fortsetzung meines Buches wird gelesen haben, soll er wohl finden, daß mich seine Einwürfe nicht treffen. Ich räume ihm ein, daß Verschiedenes darin nicht bestimmt genug ist, aber wie kann cS, da ich nur kaum den Einen Unterschied zwischen der Poesie und Malercv zu betrachten angefangen habe, welcher aus dem Gebrauche ihrer Zeichen entspringt, in so fern die einen in der Zeit, und die andern im Raume eristicen? Beyde können eben sowohl natürlich, als willkührlich seyn; folglich muß eS nothwendig eine doppelte Malercv und eine doppelte Poesie geben: wenigstens von beyden eine höhere und eine niedrige Gattung. Die Malcrey braucht entweder coexistirende Zeichen, welche natürlich sind, oder welche willkührlich sind; und eben diese Verschiedenheit findet sich auch bey den consecutiven Zeichen der Poesie. Denn cS ist eben so wenig wahr, daß die Malercv sich nur natürlicher Zeichen bediene, als eS wahr ist, daß die Poesie nur willkührliche Zeichen brauche. Aber das ist gewiß, daß je mehr sich die Malercv von den natürlichen Zeichen entfernt, oder die natürlichen mit willkührliche» vermischt, desto mehr entfernt sie sich von ihrer Vollkommenheit: wie hingegen die Poesie sich um so mehr ihrer Vollkommenheit nähert, je mehr sie ihre willkührliche» Zeichen den natürlichen näher bringt. °) Es ist die Frage, ob Lcssing auf den rechten Name» gcralhc» hat; die Recension ist von Garve. Nicolai- LessingS Briefe. 1769. 22Z Folglich ist die höhere Malcrey die/ welche nichts als natürliche Zeichen im Raume brauchet, und die höhere Poesie die, welche nichts als natürliche Zeichen in der Zeit brauchet. Folglich kann auch weder die historische noch die allegorische Mnlerev zur höhern Malcrey gehören, als welche nur durch die dazu kommenden willkührlichen Zeichen verständlich werden können. Ich nenne aber willkührliche Zeichen in der Malercy nicht allein alles, was zum Costume gehört, sondern auch einen großen Theil des körperlichen Ausdrucks selbst. Zwar sind diese Dinge eigentlich nicht in der Malercy willkührlich; ihre Zeichen sind in der Malcrey auch natürliche Zeichen: aber eS sind doch natürliche Zeichen von ivillrührlichen Dingen, welche unmöglich eben das allgemeine Verständniß, eben die geschwinde und schnelle Wirkung haben können, als natürliche Zeichen von natürlichen Dingen. Wenn aber bct' diesen Schönheit da» höchste Gesetz ist, und mein Recensent selbst zugicbt (S- 35.?.), daß der Maler alsdann auch in der That am meisten Maler sey: so sind wir ja einig, und, wie gesagt, sein Ein- wurf trifft mich nicht. Denn alles was ich noch von der Malercy gesagt habe, betrifft nur die Malcrey nach ihrer höchsten und eigenthümlichsten Wirkung. Ich habe nie gcläugnet, daß sie auch, außer dieser, noch Wirkungen genug haben könne; ich habe nur läugnen wollen, daß ihr alsdann der Name Malerey weniger zukomme. Ich habe nie an den Wirkungen der historischen und allegorischen Malercy gezweifelt, noch weniger habe ich diese Gattungen aus der Welt verbannen wollen; ich habe nur gesagt, daß in diesen der Maler weniger Maler ist, als in Stücken, wo die Schönheit seine einzige Absicht ist. Und giebt mir das der Recensent nicht zu? — Nun noch ein Wort von der Poesie, damit Sie nicht mißverstehen, was ich eben gesagt habe. Die Poesie muß schlechterdings ihre willkührlichen Zeichen zu natürlichen zu erheben suchen; und nur dadurch unterscheidet sie sich von der Prose, und wird Poesie. Die Mittel, wodurch sie dieses thut, sind der Ton, die Worte, die Stellung der Worte, das Sylbenmaß, Figuren und Tropen, Gleichnisse u. s. w. Alle diese Dinge bringen die willkührlichen Zeichen den natürlichen näher; aber sie machen sie nicht zu natürlichen Zeichen: folglich sind alle Gattungen, die sich nur dieser Mittel bedienen, als die niedern Gattungen der Poesie zu betrachten; und die höchste Gattung der Poesie ist die, welche die willkührlichen Zeichen gänzlich zu natürlichen Zeichen macht. Das ist aber die dramatische; denn in dieser hören die Worte auf willkührliche Zeichen zu seyn, und werden natürliche Zeichen willkührlichcr Dinge. Daß die dramatische Poesie die höchste, ja die einzige Poesie ist, hat schon LessingS Werke xii. 15 2?k LcssingS Briefe. 17<>!», Aristoteles gesagt/ und er giebt der Epovee n»r in so fern die zweyte Stelle, als sie größten Theils dramatisch ist, oder seyn kann, Der Grund, den er davon angiebt, ist zwar nicht der mcinige; aber er läßt sich auf meinen rcducircn, und wird nur durch diese Reduktion auf meinen, vor aller falschen Anwendung gesichert. Wenn Sie mit Hrn. MoseS eine halbe Stunde darüber plaudern wollen, so melden Sie mir doch, waS er dazu sagt. Die weitere Ausführung davon soll den dritten Theil meines LaokoonS ausmachen. So sehr ich aber mit der Recension drS LaokoonS zufrieden bin, so wenig bin ich es mit der von HeinckenS Nachrichten. Sie ist ungerecht auf alle Wcise. Warum soll sich Hcineken nicht merken lasse», daß in der Familie HeinckenS einmal ein gelehrtes Kind gewesen?') . schön. Wissensch. nickt etwa in den meisten Stücken Recht?') War denn daS Hagc'oornischc Raisonnemcnt nicht etwa sehr schielend; sowie alles, was dieser Man» geschrieben hat? Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich Hagedornen für einen Meißner halte"), dem alleS Lob willkommen ist, auch daS plumpste von Klotzen, und der eS sehr übel nimmt, daß man Klotzen, der ihn zum großen Lehrer des Schönen erhoben, jetzt so herunter seht. Nehmen Sie mir meine Freyheit nicht übel, und leben Sie wohl. Dero ergebenster Freund, Lessing. An Hcync. Hamburg, den t. April 170?. Ich bat mir die Erlaubniß aus, Ihnen diejenigen von meinen antiquarischen Briefen, welche unsern kleinen Zwist betreffen, im Manuskripte zuschicken zu dürfen. Aber die Kürze der Zeit, (da der zweyte Theil, wo möglich, noch zur Messe fertig werden soll) hat mir es nicht erlauben wollen, und Sie empfangen sie hierbei? bereits gedruckt. Ich erwarte Ihr aufrichtiges Urlheil darüber, und bitte sehr, mich Ihrer unverhohlnen Belehrung in allen den Stücken zu würdigen, worin Sie anderer Meinung scv» dürften. ten. Er kümmcrle sich gar nicht lim das Praktische; sei» Zweck war, seine scharssinnige Theorie deutlich auscinandcr zu setzen, ohne Rücksicht, ob und wie sie der Malcr anwende» könnte oder wollte. Endlich bezog sich bcv Hagedorn das meiste auf Landschaften, Eolorit, Helldunkel: Dinge, die Lcssing in seiner Theorie für so viel als nichts hielt. Wie konnten diese beiden Männer zusammen kommen? Bloß praktische Künstler, besonders Maler, ur- thcilcn »och jetzt von Lcssings Laokoo», wie Lcssing von Hagedorn: so ei» vortreffliches Werk auch der Laokoon ist. Aber bcv allem dicscm würde Lcs- sing doch mit Hagedorn eher zusammen gekommen ievn, als mit einem so verwirrt schwatzenden Schriftsteller, wie Heinckcn. Nicolen. °) Er behauptete offenbar falsche Dinge. Lcssing hatte dies nicht untersuchen können. Nicolai. °°) So falsch hatte Heinckcn den guten unschuldigen Hagedorn gcschil' dert, dcsscn Schuld nicht war, daß Klotz ihn gclobt hattc. Wie hämisch sich Hcincke» gegen U?inkclmann betrug, ist zu sehe» in Winkilmanns Briefen an Einen seiner vertrauteste» Freunde (Berlin. 17S1) Ister Theil. S. 48. Nicslai. Lessings Brief-, 1769. 229 Sie werde» finden, daß ich es sorgfältig vermieden habe, Sie zu nennen, um Sie auf keine Weise mit einem Menschen zu eompromit- tircn, der seit einiger Zeit, wie ein rasender Hund/ alles anfällt, wovon er weiß, daß es in einiger Verbindung mit mir steht. Indeß muß ihm auch das schon nicht angestanden haben, was Ihnen von den antiquarischen Briefen in den Anzeigen zu sagen beliebt. Die Infamie geht weit, die er sich in den scurrilischei» Briefe» darüber erlaubt. Ich weiß nicht, ob Sie diese Scharteke bereits gesehen haben. In Erwartung einiger Antwort verharre ich ic. ' Lcssing. An Nicolai. (Nach Leipzig.) Hamburg, d. tZ. April t76S. Liebster Freund, Wenn Sie in der Messe Zeit haben zu schreiben- so melden Sie mir doch auch, was Neues da vorgeht. Und wenn von Klotzen oder sonst jemand elwaS heraus gekommen seyn sollte, waS mich besonders intcressiren konnte, so schicken Sie mir es gerade mit der Post. Z, E> Die Bogen aus der Bibliothek, welche die Recension des Lao- koon enthalten. Die litterarischen Briefe habe ich schon. Wer muß den Quark geschrieben haben? Auch habe ich schon den 2ten Theil von Riedcls Philos. Bibl, Dem Schlucker juckt auch die Haut! Aber ohne Zweifel denkt er, daß ich seine Briefe über das Publicum und die philos. Bibliothek hier in der neuen Zeitung recensirt habe, wo er garstig mitgenommen worden. Da irrt er sich aber. Brauchen Sie noch einen guten Recensenten zu theologischen und philosophischen Schriften, so will ich Ihnen den Pastor Rautenberg in Braunschweig vorschlagen. Da so viele Narren itzt über den Laokoon herfallen, so bin ich nicht übel Willens mich einen Monat oder langer, in Kassel oder Göt- tingen auf meiner Reise zu verweile», um ihn zu vollenden. Noch hat sich keiner, auch nicht einmal Herder, träumen lassen, wo ich hinaus will. Aber Herder will ja die kritischen Wälder nicht geschrieben haben! Sagen Sie mir doch, wie ich seine Protcstation VeSfallS nehmen soll. Der Verfasser sey indeß, wer er wolle: so ist er doch der einzige, um den cS mir der Mühe lohnt, mit meinem Krame ganz an den Tag zu kommen. Es ist mein völliger Ernst, den dritten Theil noch hier drnckcn zu lassen. Denn uiiter fünf bis sechs Wochen komme ich hier noch 230 LcssmgS Briefe- 17K9. nicht weg. Antworten Sie mir, ob Sie cS zufrieden sind. Ich mache mit Fleiß allerlei? Digressionen, damit cS nicht lasse, als ob cS mir sonst um nichts zu thun sey, als Klohen lächerlich zu machen. Ist cS wahr, daß Hr. MoseS in Leipzig ist? Ich dächte, er hätte wohl eben so gut nach Hamburg reisen können. Noch muß ich Ihnen sagen, daß mir von Wien aus sehr ansehn liche Vorschläge gemacht werden. Sie werden aber leicht errathen, daß sie das Theater betreffen, um das ich mich nicht mehr bekümmern mag. Wenn ich also wenigstens meinen italiänischen Plan mit diesen Vorschlägen auf eine oder die andere Art nicht verbinden kann, so dürfte ich sie wohl gänzlich von mir weisen. Schicken Sie doch in meinem Namen zu dem Appellalionsrath Platncr, und lassen ihn um das Bewußte mahnen- Er hat das Littc- rarium von Christen für mich abschreiben lassen, und was die Gebühren für das Abschreiben etwa seyn möchte», haben Sie die Güte, für mich zn bezahlen. Noch eins: was sagt man zu meinem Epilog der Dramaturgie? Ich werde bey den Buchhändlern das Kalb in die Augen geschlagen haben; aber immerhin. Dero ergebenster Freund und Diener, L-ssing. An Nicolai. Hamburg, d, 3». JuniuS !7V9, Liebster Freund, Hier erhalten Sie, mit Gelegenheit Herrn RaphaclS, auf einmal einen ganzen Wust Aushängebogen. Künftige Woche folgen die letzten zwey von dem zwcvtcn Theile, und zugleich die ersten von dem dritten.*) Sie sehen also, daß es mein Ernst ist, Ihnen auch diesen noch zu liefern. Meine Abreise verzieht sich ohnedies von einer Woche bis zur andern,- besonders habe ich versprochen, noch gewisse Dinge aus Wien erst mit abzuwarten. Aber wie steht es denn nun um die Kupfer? Treiben Sie doch Hrn. Meil an.") Ich glaube, Klotz stirbt sonst vor Ungeduld. Was ') Dies ist nie geschehe». Nicolai. ") Wegen der viele» Beschäftig»»^» des Kmistlcrk kam der zweyte Theil ci«ige Moiiatc später heraus. Nicolen, Lessiugs Briefe, t7«!'1. 231 meynen Sie, daß er zu seinen eigenen Briefen sagen wird, die er hier gedruckt findet? Und >vaS seine College» in Halle dazu sagen werden? Er warf Ihnen letztens vor, daß Sie alle Professoren auf den preussische» Universitäten verächtlich zu machen suchten. Ans seine» Briefen sieht man, wie verächtlich er selbst von der besten der preussischen Universitäten, von Halle, spricht. Leben Sie wohl; nächstens ein mehrcrcS. Dero ergebenster, Lessing. An Karl G. Lcssing. Hamburg, den «. JuliuS 1709. Lieber Bruder, Ich danke Dir für die übcrschickrcu gedruckten Sachen. Deine Komödien koinmcn zwar ein wenig zu spät: denn Du kannst Dir leicht einbilden, daß sich meine Neugicrde nicht so lange gedulden konnte. Ich habe sie gelesen, sobald sie hier zu haben waren. Und nun willst Du mein Urtheil darüber wissen? Wohl; aber merke Dir voraus', daß cS daS Urtheil cincS aufrichtigen Bruders ist, der Dich wie sich selbst liebt. ES muß Dich nicht beleidigen, wenn cS Dich auch Anfangs ein wenig verdrießen sollte. Dein stummer Plauderer und Dein LottcriclooS haben meinen Beifall gar nicht; und eS ist nur gut, daß Du diese sehr mittelmäßigen Versuche ohne Deinen Namen herauSgc geben hast. Aber fürchtest Du denn nicht, daß Klo» ihn gar bald dennoch auskundschaften wird? Und wahrlich, Du hast ihm und seinen Gehülfen gar zu viel Prise gegeben. Der größte Fchler dieser Stücke ist eine platte Schwahhastigkcit, und der Mangel alles Inte- rcsse. Der Wildfang ist ungleich besser, nnd konnte schon unter den guten Stücken mit unterlaufen. Aber Du weißt, wie wenig davon Dein ist; und Du hast nicht wohl gethan, daß Du Deine Quelle verschwiegen. Ich bitte Dich nochmals, meine Fceymüthigkcit nicht übcl zu nehmen. Wenn Du die trockne Wahrheit von mir nicht hörst, wer wird Dir sie denn sagen? Ich habe Dir eS schon oft mündlich ge- sagt, woran ich glaube, daß es Dir fehlt. Du hast zu wenig Philoso phie, und arbeitest viel zu leichtsinnig. Um die Zuschauer so lachen zu machen, daß sie nicht zugleich über uns lachen, muß man auf seiner Studicrstube lange sehr ernsthaft gewesen sevn. Man muß nie 232 LessiugS Briefe. 176'^. schreiben, was einem zuerst in den Kor-f kommt. Deine Sprache selbst zeugt von Deiner Ruschelcy. Auf allen Seiten sind grammatische Fehler, und corrckt, eigen und neu ist fast keine einzige Rede. Ich nehme wiederum den Wildfang zum größten Theile aus. — Freylich muß ich Dir zum Trost sagen, daß Deine ersten Stücke immer so gut sind, als meine ersten Stücke; und wenn Du Dir nur immer zu jedem neuen Stücke, wie ich es gethan habe, vier bis sechs Jahre Zeit lässest, so kannst Du leicht etwas Besseres machen, als ich je gemacht habe, oder machen werde. Aber wenn Du fortfährst, Stücke über Stücke zu schreiben; wenn Du Dich nicht dazwischen in andren Aufsähen übst, um in Deinen Gedanken aufzuräumen und Deinem Ausdrucke Klarheit und Nettigkeit zu verschaffen: so spreche ich Dir cS schlechterdings ab, es in diesem Fache zu etwas Besonderem zu bringen; und Dein hundertstes Stück wird kein Haar besser fern, als Dein erstes. Nun genug gehofmcistcrt! Schreibe mir doch, lieber Bruder, was von meinen Büchern noch vorräthig ist. Notire mir die vorzüglichsten nur mit einem Worte auf, damit ich urtheilen kann, ob cS sich der Mühe verlohnt, sie hierher kommen und verauktioniren zu lassen. Ich muß alles zu Gelde machen, was ich noch habe; und auch so noch werde ich meine Reise nur kümmerlich bestreiken können. Das Herz blutet mir, wenn ich an unsere Eltern denke. Aber Gott ist mein Zeuge, daß eS nicht an meinem Willen liegt, ihnen ganz zu helfen. Ich bin in diesem Augenblicke so arm, als gewiß keiner von unserer ganzen Familie ist. Denn der ärmste ist doch wenigstens nichts schuldig; und ich stecke bei dem Mangel deS Nothwendigsten oft in Schulden bis über die Ohren. Gott mag helfen! Lebe wohl, »nd sey versichert, daß ich cS recht gut mit Dir mevnen muß, da ich so rund mit Deiner Eigenliebe zu Werke gehe. Dein treuer Bruder, Golthold. An Nicolai. Hamburg, d. 25. August 4709. Liebster Freund, Da Sie die lehtcn Bogen deS zweyten Theils noch nicht haben: so lege ich sie diesem Briefe bey. Nicht weil Sie eben sehr begierig darauf seyn müssen, sondern weil ich sehr begierig bin, je eher je lie- Lessinas Briefe. 4769. 233 der von Ihnen z» hören, wie Sie meine Erklärung wegen der allgemeinen Bibliothek aufgenommen haben.*) Ihre Bibliothek kann darunter nichts verlieren; aber für mich war sie höchst nöthig. Wegen des Herrn von Heinckcn wünschte ich mich mündlich mit Ihnen erklären zu können, ich halte ihn auf alle Weise für einen bessern und nützlichern Mann als den andern Herrn von H.") Aushängebogen von dem dritten Theile der Briefe sollen Sie nächstens erhalten, aber ich sorge sehr, daß mich der Buchdrucker im Stiche lassen wird/ um ihn zur Michaelismesse völlig fertig zu schaffen. Doch vielleicht ist Ihnen so viel nicht daran gelegen, wenn Sie nur versichert scv» können, daß er fertig wird, ehe ich Hamburg verlasse. Und daS soll er seyn. Herr CommissionSrath Schmid"'), mein hiesiger Wirth, wird Ihnen eine gefaßte Gemme mitbringen, die Sie mir zum Illten Theile sollen stechen lassen, so vergrößert, versteht sich, als ein Octavblatt leiden will. ES ist eine Gemme mit dem Namen dcS vermeinten griechischen Künstlers, von welchem Stosch schon eine bekannt gemacht hat. Ich denke aber durch meine zu erweisen, daß cS gar keinen solchen Künstler gegeben hat, und daß ^.-^u? ganz etwas andres bedeutet. Wenn cS möglich wäre, möchte ich den Ring mit der nämlichen Gelegenheit gern wieder zurück haben. Was Ihnen Gleim von Wien gesagt hat, ist ganz ohne Grund; aber Gleim hat von dem Projekte in Wien ohne Zweifel so reden wollen, wie man eS allenfalls in Berlin noch einzig und allein goutiren könnte. Wien mag seyn wie cS will, der deutschen Litteratur verspreche ich doch immer noch mehr Glück, als in Eurem französirten Berlin. Wenn der Phädon in Wien confiscirt ist: so muß cS bloß geschehen seyn, weil er in Berlin gedruckt worden, und man sich nicht einbilden können, daß man in Berlin für die Unsterblichkeit der Seele schreibe. Sonst sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freyheit zu denken und zu schreiben ja nichts. Sie reducirt sich einzig und allein auf die Freyheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freyheit muß sich der rechtliche Mann nun °) Nämlich, das; Lesstng nie eine Recension in der Mg. d. Bibl. geschrieben habe. Natürlicher Weise konnte ich mit dieser Erklärung nicht un- zufrieden seyn, da sie der Wahrheit gemäß war, Nicolai. °°) Als ich Lcssingcn nachher mündlich darüber sprach, hatte er von dem erster» Hr». v. H. doch in manchem Betrachte eine ganz andere Meinung gefaßt. Nicolai. "°) Er ging in der Folge nach Wien, wo er gestorben ist, Nicolai. 234 LcssingS Briefe. j7t!i1. bald z» bedienen schämen- Lassen Sic eS aber doch cinmal eine» in Berlin versuchen, über andere Dinge so frey zu schreibe»/ als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sic cS ihn versuchen, dem vornehmen Hofvobel so die Wahrheit zu sagen / als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Unterthanen, der gegen AuSsaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie cS itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa isi> Ein jeder thut indeß gut, den Ort, in welchem er seyn muß, sich als den besten einzubilden; und der hingegen thut nicht gut, der ihm diese Einbil- dnng benehmen will. Ich hätte mir also wohl auch diese letzte Seite ersparen könne». Leben Sic wohl,'liebster Freund! Liebster Freund, ES ist auf alle Weis- meine Schuldigkeit, »ach Braunschweig zu kommen, um dem Erbprinzen in Person für die Gnade zu danken, die er für mich haben will, cS mag davon so viel oder so wenig würk. lich werden, als kann. Erwarten Sic mich also zu Anfange künftigen MonatS zuverlässig und brauchen Sic diese Zwischenzeit, alles nach Ihrem besten Gutdünken einzuleiten. Ich bin sehr überzeugt, daß Ihnen mein Vortheil angelegner ist, als mir selbst. — Anbcv folget meine Untersuchung über den Tod der Alten; nebst dem Kupfer für den zweyten Theil der Antiquarischen Briefe. Ich lege von jener ein zweytes Exemplar bey, wenn Sie etwa für rathsam halten sollten, es dem Prinzen gelegentlich zu zeigen. Denn es ihm ausdrücklich tn meinem Nahmen überreiche» zu lassen, würde mehr sevn, als eine Streitschrift mit Klotzen verdiente. Leben Sie wohl, liebster Freund, und melden Sic mir inzwischen mit cincm Worte, ob alles noch so zu seyn fortfährt, daß ich kom- men kann. Dcro ergebenster, Lessing. An Eben. Dero Hamburg, den lt. Octbr. 17«9. ganz ergebenster Lessing. Lessiugs Briefe. 170i). 235 An Nicolen. Hamburg, d. 3». October 17eu. Liebster Freund/ Jck> habe eck ivohl gedacht/ daß der ganze Lcrm/ welchen Kloh hier mit Lipvertcn und mit Ihrer und meiner Corrcspoiidciiz machen lasse»/ nichts als Nothschüsse wären. Er muß sich wirklich auf das äußerste gebracht fühlen: denn er thut seit einiger Zeit nichts als schimpfen und drohen. Im Schimpfen steht ihm Niedcl redlich bey; aber auch dieser soll in dem dritten Theile der antiquarischen Briefe sein Paket bekommen. WaS der Mensch für Zeug in seiner philosophischen Bibliothek wider den Laokoon schreibt! Was für Unwissenheit rr verräth! Auch Lessingische Briefe hat er in den Erfurlischcn Zeitungen versprochen, und eine Geschichtsklitterung der jetzigen Händel. Von jenen hat er auch schon den ersten geliefert, und Sie werden wohl gelesen habe»/ wie er sich nun heraus zu winden sucht, wegen seiner Vcfrcmdung über unser verschiedenes Urtheil von Hcincken. Ick bin mit allem, was Sie von diesen Stänkcrcven bcv Gelegenheit des Anlir'rinr'us') gesagt haben, sehr wohl zufrieden. Aber warum soll Raspe der erste") gewesen sevn, der sich wider Klotzens Buch von geschnittenen Steinen erklärt habe? Mein erster Theil der Briefe war längst heraus, als seine Anmerkungen erschienen. Und warum sind denn die antiquarischen Briefe jetzt nicht mit zugleich angezeigt worden? — Daß Sie den Nachdruck der Dramaturgie mißbilligen, und meine Partie gegen Schurken nehmen würde»/ die mich bestohlen zu haben glaube»/ und gleichwohl mich noch turlipinirc» zu dürfen glaube»/ daran habe ich nie gezweifelt: und ich muß Ihnen für die Art danke»/ wie Sie es thun wolle». In einigen Stücken bin ich indeß Ihrer Meynung nicht, und Sie haben verschiedenes avancirt/ was mit Ihrer Erlaubniß ganz falsch ist. Z. B- In Frankreich kann ein Gelehrter, was er für seine Kosten hat drucken lassen, durch die Kolporteurs verkaufen und vertrödeln lassen, wie er will "') ') Allg. d. BIbl. x. 2. S. IM ff. Nicolai. ") Nicht ich, sondern ein anderer Recensent (> c. S. 97), Halle gc^ sagt, Raspe Halle zuerst in einem Journale eine Recension von Klol>cnc> Buche machen wollen. Nicolai "*) Dies bezicht sich auf ei» paar Worlc, die ich nbcr die Vuchhand- lungsvcrsassung im chcmaligcn Frankreich i» der Mg. d. Bidl. X. 2. S. 5. gesagt halte. Lcssing irrte sich aber. Ich Halle mich mit den sraiizösischcn Rcglciucnls, die Buchhandlung betreffend, sorgsällig bckannt gemacht! cr Lcssings Briefe. 1769. Er bedarf der Vermittelung eines Buchhändlers gar nicht. Freylich darf er keinen offnen Laden haben, ohne dafür zu bezahlen; aber den will auch der Gelehrte nicht. Der Gelehrte will nichts, als das Recht seine Producte unmittelbar verkaufen zu dürfen :c. — UebrigcnS suchen Sie mir cZ doch nur ja nicht auszureden, daß Reich und mehrere Buchhändler, wenn schon nicht unter der Compagnie von DodZlcv begriffen, dennoch für ihre Unternehmungen, den Gelehrten den Selbst- druck zu verleiden, sehr wohl gestnnet sind.*) nicht. Nicht nur durften die Kolporteurs bloß kleine Traktätchen verkaufen (s. meine folgende Briefe vom 8. Nov. 17L9 und vom 43. Zulv 177V) und also schon deswegen keine eigentliche» Bücher, sonder» es sollte auch, dem Gesetze nach, jedes Bnch, auch das 'kleinste Traktätchen, ehe es zum Vcr. kans kam, vorher in der c'ii-imiir« sv>">>c!,i>- registrirt sey». Die vorma. ligc» Gesetze i» Frankreich, den Buchhandel betreffend, waren weder zum Vortheil des Gelehrten noch des Buchbäiidlers,' vielmehr für beide sehr drückend. Die Absicht dieser Gesetze war bloß, daß die Regierung kein Buch wollte vcr- kaiisen lassen, was ihr mißfiel. Dafür wollte man die 8>n>iics der Buchhändler responsabcl machen; also war es natürlich, daß man kci» einziges Buch anders als durch die Buchhändler zu verkaufe» Erlaubniß gab, die wieder ohne Vorwisscn der »Duales gesetzmäßig nichts verkaufe» sollte». Daher mußte auch jeder Gelehrte, der ei» Buch auf seine Kosten drucken ließ, es erst registrircn lassen, nnd anzeigen, wem er den Verkauf übertrage» hätte. Wäre der Eclcbrlc befugt gewesen, es durch jeden Kolporteur verkaufen zu lassen, so hätte ja der Kolporteur mehr Freyheit gehabt, als der Buchhändler. Und aus Freyheit waren gewiß die ehemaligen französische» Buchhandlungsgcsctzc nicht gerichtet. Nicolai. ") Lessing irrte sich l'icr abermal scbr, wie ich dieses im folgenden Bricse anzeige. Er machte sich einen ganz falschen Begriff von der Bnchl'andlnng und vom Verlagswesen. Daß seine Untcrnel'mnng in Gesellschaft mit Bodc nicht gelang, lag freylich daran, daß sie ibrcr Natur »ach nicht gelinge» konnlc, und daß auch in der Ausführung ganz gewaltige Fehler vorginge». Aber Lessing glaubte fest, durch seine Unlcrnrhniung, die nur der erste Schritt zu mrhrern ähnlicher Art scvn sollte, würde der Handel mit Bücher» eine ganz andere Gestalt gewinnen; daher bildete er sich ein, die Buchhändler hätten die Unternehmung gestürzt. Ueber Reich war Lcssing sehr empfindlich, weil ihm derselbe bey Gelegenheit einiger Komödien, die er der Weidmännischen Handlung in Verlag gebe» wollte, in der That ziemlich unartig begegnet hatte. (M, s. meine Anmerkungen zn Lcssings Brief an Moses vom 8. December 1756.) Es war bekannt, daß Reich der Diktator der Buchhändler seyn, nnd in allem, was dieselben anging, den Ton geben wollte: nnd da Lcsfing sich einbildete, die Buchhändler in liurvor,- hätten die Dvdslcvischc Ankündigung von Nachdruck angestiftet, so hatte er auch den Argwohn, Reich Lessings Briefe, 176S. 237 Wegen der Abhandlung von den Abncnbildern muß alles von Ihrer Convenicnz abhängen. Da ich Hrn. Voß ohnedies noch verschiedene Abhandlungen solcher Art versprochen habe: so gebe ich ihm diese mit dazu. Ich glaube es wohl, daß Ihnen die allgemeine Bibliothek Kosten genug verursacht; aber nach dem hiesigen Debit zu urtheilen*), müssen Sie doch auch ansehnlichen Vortheil davon haben. Mit dem dritten Theile der Briefe wird nun nächstens angefangen; und auch das muß lediglich von Ihnen abhängen, ob dieser Theil der letzte sevn soll. Nur melden Sie mir cS, um die Materie doch ein wenig zu arrondiren. A propoS, — ob ich schon nicht glaube, daß ich für diesen dritten Theil noch eben viel von Ihnen zu erhalten haben dürste; so müssen Sie mir doch nun schon noch den Gefallen thun, eine kleine Assigna- tlon, die Ihnen etwa künftige Woche präscntirt werden möchte, für mich zu honoriren. Sie können versichert seyn, daß ich Ihnen diesen Dienst so bald nicht wieder zumuthcn will. So bald der Erbprinz von Berlin zurück ist, und auf die erste Nachricht davon, habe ich nach Rraunschweig zu kommen versprochen, Ich denke, daß der Handel so gut wie richtig ist. Leben Sie wohl, und grüßen Sie unsern MoseS, Ich bin ganz der Ihrige, Lcssing. stecke dahinter. Aber er that diesem sehr unrecht. Welche Fehler auch Reich gehabt habe» konnte; den Fehler, Nachdruck begünstigen zu wollen, halte er gewiss nicht. Nicolai. °) Man kann vom Dcbitc einer Stadt nicht aufs Allgemeine schließen. Hamburg vertrieb damals mehr Srcmplarc der Mg. d. Bibl., als manckc ganze deutsche Provinzen. (Man sehe meine Nciscbcschreibnng iVr Band S. 9»9.) Außerdem war gar nicht vom Debile der deutschen Bibliothek, ob er Vortheil brächte, die Rede, sondern ob der Vortheil sich vermindere, wenn der Verleger eines solchen großen Werks noch mehrere Unternehmungen im Verlag unoerhältnißmäßig macht; ob nichts daran gelegen ist, wenn er in Schulden stecken bleibt, oder aber, ob er lieber mit Ernste nur daran denke» sollte, die schuldigen Kapitale abzuzahlen, und wohl thue, sich deshalb in Vcrlagsuntcrncbmungcn auf alle Weise einzuschränken. Bon der Bilanz und dem Verhältniß, das hierin, besonders nach der Natur des deutschen Buchhandels, Statt finden muß, wenn man nicht, bcv anscheinend großen und glücklichen Geschäften, zurück kommen will, haben vielleicht viele Buchhändler nicht einen richtigen Begriff; wie konnte ihn Lcssing haben? Nicolai. ?38 «essiugS Briefe. j7> An Eben. Liebster Freund! Erst »och einen Brief, ehe ich selbst komme, damit Sie nur gewiß bleiben, das? ich komme, »nd mich nicht früher erwarte», als ich kommen kann. Ich weiß cS, was es ist, vergebens anf jemand warten; und auch mir fallen auf einmal alle Unarten desjenigen bcv, auf den ich warte. °) Also, liebster Freund,— ob ich mir schon keiner Unarten bewußt bin, die Ihnen von mir bcyfallen konnten, es war- denn, das Pharao und Göyc, — ich weiß nicht, was Ihnen dieses unschuldige Paar gethan hat? — Mit einem Worte, vor Morgen über 8 Tage (wird seyn der 15, dieses) kann ich unmöglich abreisen. Ich bin leider hier so tief eingenistet, daß ich mich gemächlich losreiße» muß, wenn nickt hier und da ein Stück Haut mit sihen bleiben soll. Besonder» wenn ich cS so einrichten will, daß ich allenfalls nicht wiederkommen dürfte. Sie werden diese Verzögerung bey dem E. Pr. so einzukleiden wissen, und mich so entschuldigen, daß er weder glauben darf/ ich bildete mir ein, mit Ungeduld von ihm erwartet zu werde», noch argwohnen darf, ich würde nicht auf alle mögliche Ärt eilen, wenn ich vermuthen dürfte, von ihm mir einigermaaßcn erwartet zu werden. Ich wüßte nichts in der Welt, wodurch sich der Prinz meiner ganzen Ergebenheit und Verehrung mehr hätte versichern können, als dadurch, daß er Bekanntschaft mit meinem ältesten und besten Freunde in Berlin machen wollen. Daß sie einander gefallen würden, war kein Zweifel, und was wollte ich nicht drum geben, wenn rS möglich wäre, daß ihn der Prinz aus jenem Orte ziehen könnte, wo ich weiß, daß er ganz gegen seine Neigung ist! Des Quartieres, welches Sie für mich zu besorge» die Güte gehabt, werde ich mich um soviel lieber bedienen, je geschwinder ich dadurch Gelegenheit bekomme, die Bekanntschaft mit dem Herrn v. K- zu erneuern, dem ich mich indeß zu empfehlen bitte. Wenn Sie mir vor meiner Abreise »och einmal schriebein so wäre °) Sein Freund hatte ib» vermuthlich mit der Bemerkung gewarnt, die Z)oilcau gemacht hat, daß man wahrend der Zeit, daß man auf jemand lange warte» muß, sich aller seiner übrige» Fehler zu erinnern pflege. Ebert^ Messings Briefe, i7tt'>. 2Z9 eS desto besser! Leben Sie wohl, mein lieber, dienstwilliger Freund, und werden Sie in nicht vor der Zeit müde, das zu seyn, was ich Sie nenne, Ocro Hamburg, ergebenster den 7. Nov. 176S. LesMg, Ihr Triumph, mein lieber Ebcrt, wird immer großer! Ich glaubte ganz unfehlbar heute wegkommen zu können, und nun muß ich noch ein paar Tage zugeben; ich mag wollen oder nicht- Indeß zweifle ich, ob wir uns cincrlcv Begriffe hicbcy machen. Ich bilde mir einen Morast ein, in dem ich versunken wäre- Je geschwinder man sich heraus arbeiten will, desto tiefer sinkt man. Sonnabend aber, oder Montag, den 18. oder W. dieses, reise ich ganz gewiß ab, und langer soll mich nichts in der Welt halten. Und zwar reise ich über Zelle, wo sich S. gegenwärtig befindet, mit dein ich noch eines und das andre abzuthun habe. Wenn ich mich einen oder ein paar Tage daselbst aufhalten muß, so lassen Sie sich es nicht wundern, falls ich nicht mit der ordentlichen Post benannten TageS eintreffen sollte. Ich werde keine Zeit muthwillig verlieren, sondern Sie überraschen, ehe Sie cS glauben. Blasen Sie untcrdcß, lieber Freund, bcv dem Pr. ein wenig in die Kohle», damit sie nicht ganz erloschen sind, wenn wir unsern Schwcfelfadcn zünden wollen. Und leben Sie wohl ! Dero Hamburg, ganz ergebenster den 15. Nov. 1769. p.s,7„. An Ebcrt. Liebster Freund! Ich habe mich in zwey Tagen und zwey Nächten zwar nothdürftig naß, aber doch sonst gut und wohlbehalten, nach Hambnrg geschlafen. Schon bin ich acht Tage wieder hier, und Sie haben noch kein Wort von mir. Wie sehr ich Ihnen verbunden aus Braunschwcig ge- rcisct bin, wissen Sie selbst. Wie gern Ich Ihnen verbunden bin, und cS auf Zeitlebens seyn werde, weiß ich vorS erste nur allein. Indeß ist Ihre freundschaftliche Rolle noch nicht aus. Bis ich ganz bey Ihnen bitt/ ziehen Sie ja keinen Augenblick die Hand von 240 LessingS Briefe. 1769. Ihrem Werke. Sie allein können mich in der guten Meinung so vieler rechtschaffnen Leute erhalten, auf deren nähern Umgang ich mich freue. Ich betrachte den E-P. selbst aus keinem andern Gesichtspunkte. ES kann seyn und ich habe Ursache, cS zu besorgen, daß ich auf ihn nicht die vvrtheilhaftcstcn Eindrücke gemacht habe. Ich pflege so wenig auf meiner Hut zu seyn; ich bin so unbesorgt, immer nur meine gute Seite zu zeigen, und meine gute Seite selbst ist so schielend, daß ich sehr zufrieden seyn muß, wenn man mich die erste Zeit nur nicht ganz verachtet. Vielleicht wenn er eS länger mit mir versucht—denn auf die Lange, habe ich wohl erfahren, gewinnt man bey einem guten Manne gewiß, wenn man aufrichtig bey ihm gewinnen will. Ich finde hier alle Hände voll zu thun, und ich werde Mühe haben, zu der vcrsprochnen Zeit in Braunschwcig wieder einzutreffen- Wann ich dann nur so kurze Zeit als möglich in Braunschwcig bleiben darf! Nicht, weil cS mir in Braunschwcig nicht gefallt/ sondern weil nichts herauskömmt,*) lange an einem Orte zu seyn, wo cS einem gefällt. Ihre Empfehlungen habe ich bereits an die meisten Ihrer hiesigen Freunde ausgerichtet. Bode hat die IlMm-^ ok an ^tom verliehen! er Host sie aber heute oder morgen wieder zu bekommen, und sodann will ich sie Ihnen gleich übcrschicken. Alberti befindet sich wohl; und was mich an ihm eben so sehr freuet, als seine Gesundheit, ist, daß seine Versöhnung mit Götzen ein falsches Gerüchte gewesen. Yorick wird daher wohl predigen und seinen Sermon mit nächsten einsenden. Empfehlen Sie mich allen unsern Freunden, namentlich dem Herrn von Kuntsch, Zachariä, Gärtner, Schmidt, und dem ganzen Grafischen Hause. Scvn Sie auch nicht so saumseclig im Antworten, als ich im Schreiben! dergleichen Nachlässigkeit kleidet wenig Menschen so gut als mich: und Sie gar nicht. Dero Hamburg, den 28. Dec. 1709, ergebenster Lessing. °) Sbcrt an Lcssmq, 27. Ja». 17K9, „wenn Sie — mich hier — mit Ihrer gewöhnliche» Antwort abfertigen wollten: Es kömmt doch »lischt dabey heraus." LcssingS Briefe, 1770. 241 An Karl G. Lcssing. Homburg, den 4, Januar 1770. Lieber Bruder/ Daß ich in Braunschwcig gewesen, und was ich daselbst ausgerichtet/ brauche ich Dir wohl nicht noch erst zu erzählen. Das Resultat von allem weißt Du, wodurch ich freylich für die Zukunft so ziemlich aus aller Verlegenheit gerissen bin. Aber für das Gegenwärtige ist darum meine Verlegenheit nicht geringer, und c<5 wird mir noch viele Mühe und Sorge kosten, ehe ich mich ganz auf das Trockene sehe. Ich stecke hier in Schulden bis über die Ohren, und sehe schlechterdings noch nicht ab, wie ich mit Ehren weg kommen will. Ich wünschte nur, daß unsere Aeltcrn hiervon überzeugt seyn möchten, damit sie nicht etwa glauben, cS liege bloß an meinem Willen, daß ich mein längst gethanes Versprechen noch nicht gehalten habe. Gott weiß, daß es mir nicht möglich gewesen, und daß ich noch nicht gewiß sagen kann, wann es mir möglich seyn wird. Ehe ich in Wol- fcnbüttcl eingerichtet biii/ werde ich von meinem ordentlichen Gehalte wenig erübrigen können. Aber es ist mein fester Vorsatz, alles was ich erübrigen kann/ dazu anzuwenden, daß ich mein Wort halte. Ich will gewiß auch Dich sodann nicht vergessen, und vielleicht erlauben es die Umstände, Dich wieder bey mir zu haben. Wenn Du Dich nur fürs erste bis dahin bergen kannst. Freylich hättest Du schlechterdings meinem Rathe und Deinem eigenen Vorsätze treuer bleiben, und Dich einer ernsthaften bürgerlichen Beschäftigung widmen sollen. Auch die glücklichste Autorschaft ist das armseligste Handwerk! Du hast mir zuletzt ein Verzeichnis? von rückständigen Büchern geschickt, die in den Auktionen nicht weggegangen. Sind sie denn aber auch alle noch in Deiner Gewalt, und kann ich sie hierher bekommen? Denn ich erinnere mich, einmal an Herrn Voß geschrieben zu haben, daß er z. E. das ^„ui-nal ilo« Savans und den Morcui-o zu sich nehmen solle. Ist das geschehen oder nicht? WaS Du hast, und sich der Mühe verlohnt, packe ein, und schicke mir ie eher je lieber. Vorher aber eine kleine Note, was Du mir schicken willst. Ich muß alles zu Gelde machen, und Bücher kann ich nun am ersten entbehren. Lebe wohl und antworte mir bald Dein treuer Bruder, Gotthold. ttssmgS Merke xn. It> 242 Lcssings Briefe, l770. An Glcim. Hamburg, den 8. Januar 1770. Liebster Freund, Ihre Geschichte ist die meinige. Seit acht Monaten liegt ein Brief an Sie angefangen, und mehr als angefangen, fertig bis zum Schlüsse. Ihn völlig zu schließen, wollte ich nur noch verschiedene Conjuncturen abwarten, die mein künftiges Schicksal bestimmen mußte». Ich weiß, daß Ihnen dies nicht gleichgültig ist; ich wollte Ihnen nichts eher davon schreiben, als bis ich Ihnen das Zuverlässigste schreiben konnte. Das Rad ist laNLc gcdrchct worden; und siehe, endlich kömmt eine Zahl heraus, von der ich mir etwas versprochen hatte. Aber die Freundschaft hatte sie für mich besetzt. — Kurz, mein lieber Glenn, eS ist wahr, was Sie gehört und gelesen haben. Ich habe die Bibliothekar-Stcllc in Wolfcnbüttel angenommen, mit der Versicherung, daß meine Reise nach Italien dadurch nicht rückgängig, sondern nur so lange verschoben werden soll, bis ich meinen Platz hinlänglich kennen lerne, um sie auch für diesen nützlich zu machen. Ich komme also allerdings Ihnen für'S erste naher, als ich noch jemals gewesen bin, und es versteht sich, daß meine erste Ausflucht von Wolfcnbüttel zu Ihnen seyn wird: wenn Sie nicht lieber mir zuvorkomme», und mich mit dem Frühlinge daselbst besuchen wollen. Bis auf diese unsere Zusammenkunft vcrsvare ich alles, was ich Ihnen in jenem angefangenen Briefe sagen wollte. ES sind auch wirklich lauter Dinge, die sich gar wohl vcrsvaren lassen, ja über die ich sicherlich weder Buchstaben noch Worte verlieren würde, wenn Glcim nicht ein allzugeflissentliches Stillschweigen in allen seinen Briefen darüber beobachtet hätte. Dieses Geflissentliche allein war mir anstößig, schien mir einen stummen Vorwurf zu enthalten, und daher einer Erklärung zu bedürfen. Auch wird eine Erklärung darüber immer noch gut seyn, nur ist sie nicht pressant. Denn was das Wesentliche davon seyn kann, das weiß ich doch schon. Ich weiß, daß zu einem Manne wie Sie, sich täglich neue Freunde drängen müssen. Ich weiß aber auch, daß neue Freunde den alten zwar obrogircn, niemals aber die alten abro- gircn können. Wenn ich Ihre Freundschaft jemals gehabt habe, und ich bin überzeugt, daß ich sie gehabt habe: so habe ich sie noch. Und wenn ich Sie versichere, daß Hochachtung bey mir Freundschaft ist: so kann der meinige» Niemand gewisser sevn, als Sie. — Das ist vor- läuffg genug, denke ich: genug, uns beyden genug. Lessmgs Briefe. 1770. 2-13 Für das Geschenk Ihrer neuesten Gedichte, danke ich Ihnen recht sehr. Aber Sie glauben doch wohl nicht, daß ich sie itzt erst gelesen habe? An den Oden nach dem Horaz gefällt mir fast alles, nur daS nicht, was an so manchen Werken uns öfters einzig und allein gefällt: der Titel. Die Ode an mich ist, außer ihrer poetischen Schönheit, ein vortreffliches freundschaftliches Comvliment unter vier Augen; aber als ein solches hätten Sie cS auch, ungeachtet jener Schönheit, besser unterdrückt. DaS Lob ist so invidiös, daß ich alle die Spöttereyen voraussehe, die man darüber machen wird. Unter Ihre» Sinngedichten sind die meisten recht sehr schön; auch Ihr Gedicht an Jacob, ist voll von den naiven Schönheiten, in welchen Sie noch immer allein Meister sind. Aber wozu in diesem letztem verschiedene beißende Züge auf die ernsthaften Dichtungsartcn, und andere gelehrte Beschäftigungen? Die wenigsten verstehen in diesem Punkte Scherz; und die ihn verstehen, wollen ihn oft nicht verstehen. Daher die Repressalien gegen die Dichter der Freude; daher-- Ich muß schließen. Leben Sie wohl, liebster Freund, und sorgen Sie, daß ich Sie, wenn ich Sie nun bald umarme, gesund und vergnügt umarmen kann. Dero ergebenster Lcsstng. An Ebcrt. Liebster Freund! ES hat mir gcahnct, daß sich meine Abreise von hier wohl nicht ohne Ursache so lange verziehen müssen. Ich würde eS bedauert haben, wenn ich jej?t schon weg wäre. Denn rathen Sie, wer vor einigen Tagen hier ankam? Herder. Daß er von Riga vor einiger Zeit auf einmal weg und nach Frankreich gegangen, daS wissen Sie. Von da hat ihn der Bischof von Lübeck verlangt, dessen Prinzen er als Prediger auf Reisen begleiten soll. ES hat mir nothwendig sehr angenehm scvn müssen, diesen Mann von Person kennen zu lernen; und ich kann Ihnen jetzt nur so viel von ihm sagen, daß ich sehr wohl mit ihm zufrieden bin. Er gehet die ersten Tage künftiger Woche nach Euti», und sobald er weg ist, werde ich mit Ernst an meine Abreise den- kcn. Ich denke nicht, daß mich der vierzehnte dieses noch hier finden soll. 10» 244 LcsfingS Briefe, 4770. Ich schreibe Ihnen zuverlässig noch einmal vor meiner Abreise. Empfehlen Sie mich indeß allen unsern Freunden und bleiben der meinigc. Mein Gott! Ich habe Ihnen, liebster Freund, bloß Zeit lassen wollen, auch andern ehrlichen Leuten einmal zu antworten und nicht bloß mir. Da sehn Sie nun, wie man mit der besten Absicht fahren kann. Im Ernst, ich nehme die Erkundigungen des Herzogs, wie ich sie nehmen muß. An den Herrn Kammerherrn von Kuntsch gerichtet, geschahen sie nur ein Gespräch mit ihm zu haben: Bcfremdungen, daß ich zu lange ausbleibe, konnten sie nicht seyn. Denn ich habe mich ausdrücklich auf acht bis zehn Wochen bey ihm beurlaubt. Noch ist kaum der kürzere, geschweige der längre Termin verlaufen. Diesen werde ich einhalte»/ so genau eS nur immer Sitte ist, dergleichen Termine einzuhalten. Ich bin in vierzehn Tagen, längstens drcv Wochen unfehlbar bey Ihnen. Freylich hätte ich Ihnen auch nur das, indeß ein paarmal schreiben können. Aber ich dachte es verstünde sich von selbst und ich verließ mich auf meiner Freunde aMciola inemlavi!,, dergleichen ich für meine Freunde jederzeit in Vorrath habe. Zudem ist ein Punkt in Ihrem vorletzten Briefe, den ich lieber gar nicht zu beantworten hätte. — ES ist sehr viel Gnade von unserm E. P-, daß er mir die Kosten meines Aufenthalts in Braunschweig vergüten lassen. Aber Sie glauben nicht, lieber Ebert, wie argwöhnisch ich bin, besonders in solchen Dingen. Ich kann mir nicht einbilden, daß der E. P. von selbst darauf gefallen ist. Ich fürchte man hat eS ihm zu verstehen gegeben, daß ich etwas dergleichen erwartet hätte. Ich habe zwanzigmal mein ganzes Betragen in Braunschwcig überlaufen, und mich jedes Worts zu erinnern gesucht, ob ich das geringste gethan oder gesagt, was diese Erwartung verrathen können. Der E- P. mag immerhin glauben, daß ich der Erstattung bedarf: aber ich möchte nicht gern, am ungcrnsten von ihm, für einen Menschen gehalten seyn, der etwas erwarten oder verlangen könnte, bloß deswegen, weil er eS bedarf. ES ist mir unmöglich diescrwegen an ihn zu schreiben; ich werde ihm bey Gelegenheit mündlich danken, und ich bin überzeugt, daß ihm das ge- nung seyn wird. Mein hiesiges Verweilen war, und ist noch höchst Dero Hamburg, den 3. Febr. 177». ergebenster Lessing. An Ebert. LessiiigS Briefe. 177». 245 nöthig, wie ich Ihnen einmal umständlich erklären will. Zum Theil bezicht eS sich auf meine verlobte Braut selbst.') Ich möchte nicht gern, wenn mir sie der Herr Geh. Ralh von Praun überliefert, sie weniger zu kcnncn scheinen, als sie nur ein Gelehrter in der Welt kennen kann, der ihres Umgangs nicht selbst genossen. In Wahrheit also, ich habe, so lange ich wieder hier bin, weder an antiquarische Briefe noch an Komödien gedacht: was ich von beyden mitbringe, ist noch immer in Iiorlia. — Ich muß hier abbrechen, um Ihnen mit der ersten umgehenden Post antworten zu können. Nächstens ei» mehreres. Dero Hamburg, ergebenster Freund den 19. Febr. 1770. Lessing. An Ebcrt. Liebster Freund! ES bleibt dabey, daß ich noch diese Woche von hier abreise. Ich kann darum aber doch nicht bestimmen, wenn ich in Braunschwcig eintreffen möchte; indem ich vielleicht einen ziemlichen Umweg nehme, um nicht von Wolfcnbüttcl aus wieder eine Reise thun zu dürfen, ehe ich noch da warm geworden. Vielleicht, sage ich, und vielleicht auch nicht. Kurz ich bin bey Ahnen, ehe Sie eS sich verschen. Freylich möchte ich gern mein alteS Quartier wieder haben, weil ich wohl voraus sehe, daß ich nicht so gerade durch nach meiner Residenz werde passircn können. Allein eS müßte schlechterdings mit keines Menschen Unbequemlichkeit geschehen, als welche zu vermeiden, die Gasthdfe, meyne ich, erfundcn sind. Ich steige allenfalls da wieder ab, wo ich zuerst abstieg. Mein erster Gang ist sodann zu Ihnen, und das übrige findet sich. Ihre Bücher, die ich erst vorgestern erhalte» habe, schicke ich morgcn mit dcr Post ab Ich hätte sie eben so gut selbst mitbringe» können, wenn eS so lange Zeit gehabt hätte. Aber Sie brauchen sie unstreitig, und ich will an Ihren Schriftstcllcr-Verspätigungen keine Schuld haben. Gott weiß, daß ich mich herzlich sehne, vors erste in Ruhe zu kommen, weil ich doch in Ruhe kommen soll, des Sperlings Leben aufm Dache, ist nur recht gut, wenn man ihm kein Ende abzuschn braucht. Wc»» es nicht immer dauern kann, dauert es jeden Tag zu lange. Machen Sie also ja, lieber Ebcrt, so viel an Ihnen liegt ') Die Wolscnbültclschc Bibliothek. 246 Lessings Briefe. 1770. daß ich nicht allzulange in Braunschweig aufgehalten werde. Bitten Sie unsern E. P. meine Abfertigung so viel möglich beschleunigen zu lassen. Denn bedenken Sie nur selbst, wie viel Komödien ich Ihnen, wie viel CatalogoS ich dem Geh. R. v. S*', und wie viel ich antiquarische Briefe Klotzen zu liefern habe. Wie soll ich fertig werden, wenn ich nicht je eher je lieber anfange? ES verlohnt sich kaum der Mühe, mich meinen Freunden in Braunschweig noch empfehlen zu lassen. Ich nehme Ihnen das letzte Wort aus dem Munde, und sitze schon in Gedanken mit dem Herrn v. K- und Zachariä und Ihnen bey Puntsch uud Quindccim. Ihr aller Wohlseyn und va rolle! Liebster Freund! Ich hätte nicht geglaubt, Ihnen noch einmal aus Hamburg zu schreiben; denn ich war fest entschlossen, gestern abzureisen, und zwar in Gesellschaft des Herrn Brcucr, welcher als Professor nach Erlangen kömmt. Allein der ganz unglückliche Schnee, welcher seit einigen Tagen hier gefallen, und der die Wege so unpraktikabel macht, daß verschiedene Posten weder gekommen noch abgegangen sind, hat meinen Reisegefährten schüchtern gemacht, und jedermann räth mir, mich nicht der Gefahr auszusetzen, unter Wegcns liege» bleiben zu müssen. Das ist auch grade die einzige Unbequemlichkeit, die ich bey dem Reisen scheue! Also, mein lieber Ebcrt — Wahrlich, es würde lassen, als ob ich mich, wer weiß wie nöthig, in Braunschweig glaubte, wenn ich mich schlcchtcrdinges a» nichts kehren wollte, um nur zwei? oder drey Tage früher dort zu seyn. Wem liegt so viel an mir? Und wem an mir liegt, der weiß mich selbst itzt lieber unter dem Dache, als auf dem Wege. Unser E- P- ist viel zu gut, bey solchem Wetter auch einem Hunde einen unnöthigen Weg zu machen. Das glaube ich, und wenn Sie, mein argwöhnischer Freund, etwa den Schnee nicht glauben wollen, so lesen Sie den heutigen Correspondcntcn. Mir zu gefallen lügt der nichts! Ich verharre — nehmlich vors erste hier in Hamburg, bis das Wetter aufgeht, Lcssing. Hamburg, den 13. März 1770. An Ebcrt. Dero Hamburg, den 17. März 1770. ganz ergebenster Lcssing. Lcssmgs Briefe. 1770, 247 An Ebert. Liebster Freund! Ich könnte allenfalls die Attestate dreyer Aerzte mitbringe», daß ich mich länger als vierzehn Tage mit einem Flußffcber geschleppt habe, das ich noch nicht ganz loS bin. Demohngeachtct soll mich nun länger nichts abhalten/ übermorgen meine Reise anzutreten, besonders da sich Gelegenheit gefunden, cS mit aller Bequemlichkeit zu thun. In diesem Vorsahe habe ich heute mit der Post einen Koffer unter Ihrer Adresse abgeschickt, den Sie aber nur bis zu meiner Ankunft auf der Post dürfen stehen lassen. Meine übrigen Sachen sind gleichfalls schon vor ein paar Tagen mit Frachtfuhrleuten abgegangen: so daß ich aller Bedürfnisse entblößt bin, und nun wohl fort muß/ cS mag auch kommen, wie cS will. Bereiten Sie meine Entschuldigung bey unserm E. P. ja vor. Die schlimmen Wege/ die so unvcrmuthet einfielen, und mein darauf folgendes Fieber sind in der That und Wahrheit eigentlich Schuld/ daß ich über die Zeit ausgeblieben. Hamburg, ob cS gleich Ihr unvergleichliches, göttliches, einziges Hamburg ist, würde mich allein nicht gehalten haben. Nicht allein, sage ich. Denn im Grunde will ich cS Ihnen doch nur gestchen, daß ich vcrschicdne Freunde hier sehr un- gcrne verlasse; und noch ungerner verlassen würde/ wenn ich nicht IhrcS gleichen wieder zu finden hoffen dürfte. Leben Sie die paar Tage noch recht wohl, damit ich Sie, liebster Freund, gesund und vergnügt umarmen kann. Liebster Freund! Ich bin Ihnen unter den Händen weggekommen. Aber cS verlohnt auch wohl der Mühe, daß man Abschied nimmt, wenn man stirbt — oder von Brannschwcig nach Wolfenbüttcl reiset! — Denke» Sie ja nicht, weil ich dieses beydcS zusammcnschc, daß ich mich gestorben zu seyn glaube. Man kann nicht ruhiger und zufriedner leben, als ich diese drey Tage gelebt habe. Euch Schwärmern, die ihr alle Tage hofiert, alle Tage zu Gaste seyd, muß freylich ein solches Leben Tod dünftn. Ruft Immer mit jenem französischen Bedienten: es lebe das Dero Hamburg, den 15. Avrtl 1770. ganz ergebenster Lcssing. An Ebcrt. 248 LessiugS Briefe, 1770. Lebe»! Ich ruft- eS lebe der Tod! — sollte es auch nur seyn, um mit keinem Franzosen etwas gemein zu haben. — Eben besann ich mich heute morgen, daß wir schon den 7. schrieben, und daß den 14, meine Auction in Hamburg ist. Geschwind also »och ein vaar CatalogoS zusammen gepackt und sie Ebcrtcn geschickt, der immer klagt, daß er kein Geld habe, und doch immer Bücher kaust, als ob er seines Geldes kein Ende wüßte. Vertheilen Sie sie doch an Ilelluones — liliroi'uin meine ich, — JhrcS gleichen. Ihr unglücklichen Leute, die ihr noch Gelder für Bücher ausgeben müßt! Diese Thorheit habe ich überstanden, und inSkünstige kann ich daS Geld, das ich sonst auf Bücher wandte, ver — Was meinen Sie, was ich schreiben wollte? vertrinken? verspielen? vcrhuren? — Wahrlich, ich wollte schreiben, vergraben.' Tausend Grüsse an den K. v. K- und Zachariä. — Schade, daß der E. P. Prinz ist, und in diese Klasse nicht so recht paßt. — Wo sonst Complimente sür mich anzubringen sind, das wissen Sie besser, als ich. Sie haben volle Macht mit meinen Komplimenten zu schalten und zu walten, wie es Ihnen gutdünkt. Wenn Sie CommtssioneS nach Hamburg schicken wollen, so schicken Sie sie doch an den AuctionSschrciber Kocstcr, wohnhaft auf dem Braucr- knechtgraben. Ziehn, — um mit einem Nürnberger zu schließen, — bezicht seine Leute. Leben Sie wohl, daS ist, arbeiten Sie fleißig, damit etwas in die Pressen und in die Bibliotheken kommt. Wolfenbüttel, Ihr ergebenster 1770. Lessing. An Conrad Arnold Schmid. Wolfenbüttel, d- 23. Map 1770. Ich danke Ihnen, liebster Schmid, für Ihren Adelmann: aber nun? — Kein Exemplar für die Bibliothek? oder soll daS, welches Sie mir geschickt haben, für die Bibliothek? Recht wohl; so habe ich mich für die Bibliothek bedankt. Ich gebe meine Hofnung nicht auf, noch etwas von Adclmanncn selbst, oder von Bercngarius aufzutreibcn, um einmal eine ansehnliche Ausgabe zu veranstalten. Vorlaufig habe ich schon etwas gefunden, welches wenigstens unter den ltterarischen Anhängen eine Stelle verdienen wird, und das Sie jetzt schon recht gut hätten nutzen können. ES betrift nehmlich die nähere Bestimmung des Sterbejahres Ihres Lcssings Briefe. 1770. 249 Adclmanns. Weder GalearduS noch andere BrcSciancr, wollen ihn gerne so lange leben lassen, daß ihn das Gebot dcS Pabst NicolauS II. areeiidi a «liviuis «li.ieonos saeorclalog^uo schreibt, daß der Triumph der guten Frauen des Morgens angeschlagen gewesen, daß aber der Hof die Minna zu sehen verlangt, welche denn auch recht gut gespielt worden. Ich weiß nicht, der V. schreibt so viel Gutes von Scylcrn und seiner Truppe, daß cS wohl unmöglich bloßes Mitleid seyn kann. Ich denke, Madame H, oder sonst eine Theater- schöne, hat sich mit ihm ausgesöhnt. Das Merkwürdigste ist noch dieses, daß Sevler auf dem Ackermannischen Theater diesen Abend gespielt, welches man in Gutem nicht eröfncn wollen, so daß cS auf Refehl des Bürgermeisters mit Gewalt erbrochen werden müssen. Wie ich höre, soll Ackermann Gift und Galle darüber speien. Aber Schade auf das ganze Theater! Ich habe Ihnen noch etwas besseres zu schreiben. Professor M, mit seinem Gefährten Pater St., haben mich heute besucht. Haben Sie nicht auch in der Meinung gestanden, daß er schon längst wieder zurück wäre? Er hat cS recht sehr bedauert, daß er Sie in Hamburg nicht getroffen. Er ist mit seiner Reise, was die Absicht derselben anbelangt, sehr wohl zufrieden- nur von den Russen hat er eine sehr schlechte Idee mitgebracht. Er versicherte mich, daß er seinen Weg blos meinetwegen über Wolfenbüttel genommen, da er sonst über Hannover gehen wollen. Ich bin dem Manne recht sehr gut, ob er gleich ein Jesuit ist. Nun, meine liebste Madam, lassen Sie mich bald von Nürnberg von Ihnen etwas hören. Ich habe mich niemahls mehr geschnet, dem Lessmgs Briefe. 1770. 255 Herrn von M. in Nürnberg meine persönliche Aufwartung machen zu können/ als ihr. Sie brauchen ihn aber deswegen nicht von mir zu grüßen, wenn Sie ihn etwa sehen sollten. Leben Sie recht wohl. Ich bin mit aller Hochachtung und Freundschaft, und was Sie noch hinzusetzen wollen, Dero Wolfcnbüttcl, ergebenster den 19. Aug. 1770. Lcssing. ' N. S. Daß Sie mir ja den Pelz nicht wiederschickcn, sondern hübsch wiederbringen! An Madame König. Meine liebste Madam! Ich verzeihe Ihnen den angewandelten Zorn, in Ihrem Leben keine Zeile mehr an mich zu schreiben, von Herzen gern. Aber wenn ich ihn durch nichts anders verdienen kann, als dadurch, was Sie besorgten, so ist mir nicht sehr bange davor. Schade, daß ich nicht auch nach Augsburg soll an Sie schreiben können! Ich hatte noch nie dahin geschrieben, und werde nun wohl auch nie dahin schreiben. Aber nach München habe ich schon geschrieben; denn eben finde ich, daß der Pater St., von dem ich Ihnen gesagt habe, nicht in Heidelberg, sondern in München ist. Sehen Sie, so gut behalte ich meine Correspondenten, wenn es weiter nichts als meine Korrespondenten sind! Ich habe ihm ohngcfehr vor zehn Wochen auf einen Brief geantwortet, und ich will hoffen, daß er meine Antwort erhalten hat. Wie wird es indeß mit der Addresse an Sie nach München werden? Mündlich gaben Sie mir eine, an einen Herrn von Thiereck, und in Ihrem Brief erhalte ich eine an die Gebrüder — Nocker — Nakcr — Notcr — Natcr — Wahrlich, ich kann den Nahmen nicht lesen, so gut ich auch Ihre Hand sonst lese, die deutlich und schön ist. Was schadet cS? Ich will Ihre Züge auf dem Couvcrte so gut nachmahlen, als möglich: was ich hier nicht zusammen buchstabircn kann, werden die Postbvthcn in München schon können. Was ich Ihnen aber nicht verzeihe, liebste Madam, ist, daß Sie nicht vergnügt sind. Sie können cS, und müssen es wieder werden- Alles in der Welt hat seine Zeit, alles ist zu überstehen und zu übersehen, wenn man nur gesund ist. Und daß Sie gcsnnd sind, daran läßt mich Ihr Brief wenigstens nicht zweifeln. 256 LessmgS Briefe. 1770, Ich selbst bin itzt nichts weniger als vergnügt. Mein alter Vater ist gestorben. Er konnte freylich, nach dem Laufe der Natur, nicht lange mehr leben; und ich mußte seinen Tod alle Tage erwarten. Aber gleichwohl geht er mir so nahe, als ob er mir noch so frühe entrissen worden. Ich bin seit sechs Tage», daß ich diese Nachricht erhalten, zu allem ungeschickt. Dabey sihc ich hier allein, von allen Menschen verlassen, und habe mich in eine Arbeit verwickelt, die nichts weniger als angenehm ist. Wahrlich, ich spiele eine traurige Rolle in meinen eignen Augen. — Und dennoch, bin ich versichert, wird sich und muß sich alles um mich herum wieder aufheitern, ich will nur immer vor mich weg, und so wenig als möglich hinter mich zurück sehen- Thun Sie ein Gleiches, meine liebste Freundinn, und lassen Sie so viel Entschlossenheit und Muth, als Sie sonst in Ihrer ganzen Aufführung bezeigen, nicht verloren seyn. — AuS Hamburg habe ich neuerlich keine Nachricht. Denn ich muß Ihnen nur gestehen, daß ich dem V. auf sein Letztes noch nicht geantwortet habe. Sie werden indeß hoffentlich von Ihrer Familie gute Nachricht haben, und desfalls ruhig seyn können. Das Heimweh wird Ihnen am ersten vergehen, wenn Sie sich nur recht oft sagen, daß Sie diese beschwerliche Reise ja nur zum Besten Ihrer Familie thun. Herr C- hat sein Bestes gethan. Ich bin so ziemlich mit ihm zufrieden; vielleicht weil ich immer besorgte, daß ich es ganz und gar nicht seyn würde. Wie viel ich aus meiner Imagination zu seiner Geschicklichkcit hinzuthun muß, kann ich eigentlich nicht sagen. Aber auch das ist schon genug, daß meine Imagination seiner Geschicklichkcit zu Statten kommen kann; denn wenigstens muß seine Geschicklichkcit meiner Imagination nicht hinderlich seyn. Bey Lichte zwar, und einer Partie WiSque mögte ich das Bild freylich nicht untersuchen lassen: wenn man keine Honneurs in der Hand hat, ist einem in dem Augenblicke nichts recht. — Vergessen Sie nur den Mahler in München nicht, damit wir etwas zu vergleichen haben, wenn ich das Vergnügen habe, Sie wieder hier zu sehen. Wegen Ihrer weitern Reise rathe ich Ihnen freylich auch lieber zu Lande, als zu Wasser zu gehen. Die Reise auf einem Flusse ist bey schlechtem Wetter eine klägliche Reise: und so gut als ich mir die Wege dort habe beschreiben lassen, werden Sie es in der Chaise auch gerade eben so commode haben. Nicht zu vergessen, daß eine Reise zu Wasser immer ungesunder ist, als eine zu Lande. Lessings Briefe. 1770. 257 Eine Nachricht aus Hamburg hätte ich bald vergessen, Ihnen mitzutheilen, die ich auS einem Brief von B. an den H. K- v. K. habe. Nemlich, daß die Lotterie daselbst bey der letzten Ziehung mehr als hundert tausend Mark verloren. Die Herren Pächter sollen ganz allen Muth verlieren. Und damit ich unsers guten K- nicht vergebens gedacht habe: so muß ich Ihnen zugleich melden, daß er in die bewußte Person so toll, so rasend verliebt ist, daß ich besorge, er begeht eine Thorheit. Der Alte soll schon ganz laut, und zu allen Leuten sagen, daß er mit seiner Tochter versprochen sey, WaS sagen Sie dazu? Oder vielmehr, was sagen Sie dazu, daß ich Sie mit solchen Possen unterhalte? Wer nicht sehen will, mag fühlen; der Mann daurct mich indeß; und ich weiß, das wird er Sie auch. Nun leben Sie recht wohl, meine liebste Madam; und schreiben Sie mir bald wieder. Wenn Sie noch keinen Brief von mir haben, so denken Sie nur immer, daß einer unter WcgenS ist. Sie werden sich meistens nicht irren: und sollte eS ja kein Brief seyn, so sind es doch meine Gedanken und Wünsche, die gewiß den Weg Ihnen nach nicht leer lassen. Ich bin Mein liebster Bruder, Ich kam vorigen Montag von Braunschwcig, wo ich mich einige Tage aufgehalten hatte, und wollte cS mein erstes seyn laßen, Dir auf Deinen Brief auS Pirna zu antworten, als ich einen zweyten von Deiner Hand hier vorfand. Das schwarze Siegel ließ mich gleich alles besorgen — Ich denke, ich habe cS bey Dir nicht nöthig, viel klägliche Worte zu brauchen, um Dich zu versichern, wie sehr mich die Nachricht von dem Tode unsers VatcrS betrübt und niedergeschlagen hat. Ich kann noch kaum wieder zu mir selbst kommen. Seine Gesundheit von der er'mich noch in seinem letzten Schreiben versicherte, ließ mich nichts weniger, als sein so nahes Ende besorgen. WaS mich einiger Maaßen tröstet, ist, daß er nach seinem Wunsche gestorben. Laß uns, mein lieber Bruder, eben so rechtschaffen leben, als er gelebt hat, um wünschen zu dürfen, eben so plötzlich zu sterben, als er gestorben ist. Das wird die einzige beste Weise seyn, sein Andenken LeMngS Wette xii, 17 Ihr Wolfenbüttcl, den 8, Septcmbc. 1770. ganz ergebenster Lcssing. An Theophilus Lcssing. LcssingS Briefe. 1770, zu ehren. — Mein nächster Kummer dabey geht auf unsere Mutter Ich weiß, Du wirst alles anwenden, Sie zu trösten. Mache besonders, daß weder Sie, noch unsere Schwester sich wegen der Zukunft bekümmern. Ich will hoffen, daß der scclge Vater doch noch den Brief wird erhalten haben, den ich vor sechs oder acht Wochen an ihn geschrieben. Wenn sie daraus die Unmöglichkeit gesehen, ihnen bis anhcr bcvjustehcn: so können sie doch gewiß versichert sevn, daß diese Unmöglichkeit auf das Künftige wegfällt, und sie auf meine äußerste Unterstützung unfehlbare Rechnung machen können. Schaffe Dn nur, mein lieber Bruder, vor das erste Rath, und glaube, sicherlich, daß ich Dich nicht werde stecken laßen. Es kann nicht anders seyn, cS müßen sich Schulden finden. Ich nehme sie alle auf mich, und will sie alle ehrlich bezahlen; nur muß'man mir Zeit laßen. Schreibe mir, was man für Versicherung dcSfallS von mir verlangen kann, und ich will sie mit Vergnügen stellen. Nur muß unsre Mutter dadurch völlige Ruhe bekommen. Auch bitte ich Dich, lieber Bruder, wegen des Lcichcnstcines und der Kupfernen Tafel in der Kirche alles nach Deinem Gutdünken zu besorgen. ES wird mir alles recht seyn, und ich will die Kosten nicht allein mit, sondern recht gern ganz tragen. Ich habe eS höchst nöthig, mich den traurigen Ideen, ohne die ich diesen Brief nicht schreiben können, zn entreißen. Nimm mir cS also nicht übel, wenn ich schon abbreche. Vcrsichre meine Mutter von meiner Wchmuth und innigsten Zärtlichkeit gegen sie, die ich lieber durch die That, als durch viele Worte beweisen will; und zugleich umarme für mich unsere Schwester, und sage ihr, daß ich meine Thränen mit den ihrigen verbinde, und sie nicht vergeßen soll, daß Sie einen Bruder hat, der bereit ist, alles für sie zu thun, was ihm in der Welt nur möglich ist. Lebt zusammen recht wohl, und gedenkt meiner im Besten! Dein Wolfcnbüttcl den 8 Sevtbr. treuer Bruder 177«. _ Gotthold. An Madamc Königs Meine liebste Madam! Allerdings habe ich Ihnen nach München geschrieben, und mein Brief muß nunmehr in Ihren Händen seyn, oder meine nachgemahlte Addrcsse hat ihn verunglücken lassen. Lcssings Briefe. 1770. 25!) Acht will ich nur eilen, damit Sie diesen Brief, wo möglich bc» Ihrer Ankunft in Wien, schon vorfinden. Denn sehe» Sie nur, was ich Ihnen schicke! Wenn Ihnen die Pulver nur ein cinzigcSmal wieder Erleichterung verschaffen, so sind sie das Postgeld hundertfältig werth. Aber warum wollen Sie nicht lieber, meine beste Freundinn, ohne die Pulver gesund seyn? Warlich, Sie dürfen nur vergnügt seyn, und die Gesundheit findet sich von selbst. Und vergnügt wird man unfehlbar, wenn man sich nur immer vorsetzt, vergnügt zu scyn. Folgen Sie dem Rathe, den ich Ihnen in meinem Vorigen gegeben, und olles wird gut gehen. Sollte denn nichts in der Welt seyn, was Ihnen das Leben von neuem angenehm machen könnte? Und wenn so etwas noch ist, so denken Sie nur an daS, und Sie werden vergnügt und werden gesund scyn. Was schreibe ich Ihnen nun »och geschwind? Denn die Post geht in einer halben Stunde ab, und ich will schlechterdings mit dieser ersten Post, nach Erhaltung Ihres Briefes aus Regcnsburg schreiben. Sie müssen zu den Excellenzen in Wien gesunder kommen, als zu denen in München. WaS in Hamburg neues vorfallt, wird Ihnen ja wohl Ihr Herr Schwager melden, z. E. daß Götze sein Seniorat niedergelegt; daß der Rath erst Ulbcrn, und hernach Winklcrn das Seniorat wieder übertragen wollen, beide aber eS ausgcschlagcn, und daß endlich Hcrrn- schmidt Senior geworden. Nach meiner Denkungsart ist das der empfindlichste Streich, den Götze nnserm ehrlichen Albcrti hätte versetzen können. E- ist wiedergekommen, und hat alles beym Alten verlassen: außer Madam K- bey etwas Jungen. S- hat in der letzten Ziehung eine Tcrne von 25oo Mark gewonnen, und das ist mir wahrlich so lieb, als ob ich sie selbst gewonnen hätte. Ackermann ist nun hier, und ich wollte, daß er nie wieder nach Braunschwcig käme. Sein klcinäugigics Dortchen ist mir durch den Zufall mit K- herzlich fatal geworden. Denn Zufall, blinder Zufall, kann cS doch nur seyn, wenn man in so ein Ding verliebt wird.--Aber ich muß schließen. Leben Sie recht wohl! Und in Ihrer Antwort auf diesen Brief nur keine Spöttercy über die Pulver! Dero Wolfcnbüttcl, den 20. Scvtcmbr. t770. ergebenster L-ssing. 17° LessüigS Briefe, 1770. An Nicolai. Wolfenbüttel, d. — Octobcr 1770. Liebster Freund/ Der verdammte Klotz! Nicht genug, daß er uns den Streich mit dem Portrait-') gespielt: hören Sie nur, was er noch gethan hat! Da hat mir der Schuft ein altes verwünschtes Manuskript in die Hände gespielt, und mir nicht eher Ruhe gelassen/ als bis ich ein ganzes Alphabet Wischt-Waschi darüber niedergeschrieben. Und das alles/ wie cS offenbar ist/ bloß/ damit der dritte Theil von den antiquarischen Briefen nicht gedruckt würde. Denn gewiß werden Sie nun überhaupt die Lust verloren haben/ ihn ganz und gar drucken zu lassen: besonders da der Schalk mit Fleiß sich selbst so verächtlich gemacht, daß sich schon niemand mehr die Mühe nehmen wollen, den zweyten zu lesen. Melden Sie mir doch geschwind, ob ich recht vermuthe: und leben Sie indeß wohl. Ihr ergebenster _______ Lessing. An Reiske. Braunschweig, d. 1Z. Octobcr 177». Ich muß mich äußerst schämen, Euer Wohlgebohrncn länger als ein halbes Jahr Antwort auf Dero Briefe schuldig zu seyn, deren jeder mir so besonders angenehm gewesen. Um Dero Verzeihung dcs- falls zu erlangen, glaube ich wohl, wird cS das beste seyn, die lautere Wahrheit zu gestehen. Ich fand bey Anlretung meiner jetzigen Stelle auf einmal so viel Arbeit vor mir, daß ich mir sofort das Gesetz machte, während dem ganzen Sommer, keinem einzigen von allen meinen Gönnern und Freunden weder zu schreiben, noch zu antworten. Ich rechnete auf ihrer aller Nachsicht, und ich wünsche nur, daß ich auf die Nachsicht Euer Wohlgebohrnen vornehmlich nicht umsonst möge gerechnet haben. Was mich am meisten beschäftigt, ist die Ankündigung eines hiesigen ManuscriptS, wovon Ueberbringcr dieses Denenselbcn ein Exemplar überreichen wird- Ich weiß wohl, daß weder der Verfasser noch die Materie für einen Gelehrten, wie Euer Wohlgebohrnen, sehr interessant *) Man sehe Nicolais Brief vom 23. Zuni 1770. Lessings Briefe. 1770, 261 seyn kann. Ich würde selbst das Manuscript, wenn ich nur auf seinen wahren Werth hätte achten wollen/ kaum des Ansehens gewürdiget haben. Nur in Betrachtung, daß eS so eine außerordentliche Seltenheit sey, glaubte ich, zu Ehren der mir anvertrauten Bibliothek, schon einigen Fleiß darauf wenden zu müssen. Zu dem wollte ich mich gerne als einen solchen Bibliothekar ankündigen, dem nicht alles und jedes gleichgültig sey, was nicht in sein Licblingsstudium einschlägt, um schlechterdings keine Art von Gelehrten abzuschrecken, sich der Bibliothek durch mich zu bedienen. Freylich würde es mir lieber gewesen seyn, Denenselben, zum Behuf ihrer Ausgabe der griechischen Redner, eines und das an!?ere auffinden zu können. Aber ich muß Euer Wohlgebohrnen leider melden, daß unter den Manuscriptcn sich schlechterdings nichts findet, was zu dieser Absicht dienlich seyn könnte. Unter den gedruckten Büchern ist zwar manches, was den ^zi-n-al.im liter-u-ium von diesen Rednern überhaupt vollständiger machen könnte: allein was zur Berichtigung des Textes ersprieslich seyn könnte, davon ist mir nur wenig in die Hände gekommen, und das Wenige ist von keiner besondern Wichtigkeit. Ich rechne dahin ein Commelinisches Exemplar der kleinen Redner, welches Chr. Gryphio gehört, der auf den Rand einiges dabey angemerkt, desgleichen den ganz griechischen Abdruck der einzeln Rede deS Demosthcnes «cn« Xovuvo? vu«,,«? (I^arilus apull ^»annom I^utlovioum l'ilel.inum 45ZS, in 4to) der von einer unbekannten Hand mancherley verschied«- Lesarten und Verbesserungen hat, die mir nicht unbeträchtlich geschienen, nur habe ich noch nicht Zeit gehabt nachzusehen, ob sie nicht schon in nachhcrigen Ausgaben genutzt worden. Ich will beydes des nächsten TageS genauer anseh», und was sich nur einigermaßen der Mühe verlohnt, für Euer Wohlgebohrnen daraus abschreiben lassen. Bey dieser Gelegenheit muß ich aber doch nicht vergessen zu fragen, ob Denenselben das Manuscript vom AeschineS in der Bibliothek zu Helmstädt schon bekannt? Wenn dieses nicht wäre, so könnte ich Euer Wohlgebohrnen gar leicht nähere Nachricht, ia bcnbthigtcn Falls, den eignen Gebrauch davon verschaffen. Auch habe ich unter den Rcimarussischen Manuscriptcn in Hamburg ungedruckte griechische Scholia über die zwey Reden deS AeschineS und 5-11-, !ra--«5s>-o-/Zkic-? gesehen: doch da Hemsterhuis derselben in seinen Noten, über den Timon des LucianS gedenkt, so werden diese Euer Wohlgebohrnen gewiß nicht verborgen geblieben seyn. Widrigenfalls ich gleichfalls gar leicht die Abschrift davon verschaffen könnte. Ich vctaure nur, daß Euer Wohlgebohrnen so wenig Unter- 262 LcssiiigS Briefe, 177», stülMg vo» außen finde». A» meiner Empfehlung in Hamburg habe ich cS nicht mangeln lassen, aber auch da ist es mit dem Studium der griechischen Sprache ziemlich aus, und ich habe es vorausgesehen, daß die Subscription nicht besonders ausfallen werde. Ich habe lleberbringer dieses zugleich aufgetragen, die Pränumc- ration auf zwey Ercniplarc des Demosthenes gegen Quittung zn entrichten, wovon das eine für die Bibliothek soll, und das andere für den hiesigen Herrn Professor Ebcrl, der sich Denensclbcn vielmals empfehlen läßt. Von erstcrm habe ich den übersendeten ersten Theil bereits erhalten, und ich erwarte dazu nur noch den zweyten, wenn er anders schon fertig ist. Den Herrn Randal habe ich „persönlich nicht kennen lernen. Er war durch Wolfenbüttcl gegangen, ehe ich »och daselbst angekommen war, und hatte den Brief zurückgelassen. Auch diese Zeilen schreibe ich noch in der äußersten Zerstreuung allhicr in Braunschweig, und ich muß es auf meine Zurückkunft nach Wolfeubüttel versparcn, was ich sonst Euer Wohlgebohrncn zu melden vorhatte. Nur wünschte ich vorher von Dero Verzeihung eines so unhöflichen laugen Stillschweigens mit einem Worte versichert zu seyn, Der ich bis dahin verharre ic. Lesung. An Madame König. Wolfeubüttel, den 25. Oklbr. 1770. Meine liebste Freundinn! Gott gebe, daß Sie ja geglaubt haben, cS müsse ei» Brief von mir initerwegcs seyn: denn sonsi kann ich erst in ein und zwanzig Tagen wiederum etwas von Ihnen hören. Das häßliche Wien, daß cS so weit ist! Auf alle meine Briefe haben Sie mir nun geantwortet: und cS kömmt darauf an, ob Sie mir einen aus freyem Willen schreiben. Einen wohl zwar — denke ich — aber den zweyten doch gewiß nicht. Ich freue mich recht sehr, daß Sie glücklich in Wien angekommen sind, und alles daselbst »ach Wunsch gefunden haben. An Freunden und Zerstreuung und Beschäftigung wird cS Ihnen nicht fehlen; und ich kann daher ein großes Theil für Sie nun ruhiger seyn, als ich während der Reise seyn durfte, wo Sie Ihrer eigenen Gesellschaft überlassen waren. Den» Ihr Mädchen war so gut als keine, wo Lcssings Briefe. ^770^ 263 nicht gar noch schlimmer als keine. Zwar, wer weiß? Am Ende ist es doch wohl besser gewesen, daß das Creatürchcn seine eigenen Angelegenheiten hatte, daß es liebte und trank, den ersten den besten Kerl und Wein — als wenn es ein gutes empfindliches Ding gewesen wäre, das seine Frau nicht aus den Augen gelassen, und um die Wette mit ihr geweinet hätte. Durch jenes winden Sie Ihren eigenen Gedanken entrissen: durch dieses waren Sie in Ihrem Kummer bestärkt worden. Sie werden sagen, daß ich eine besondere Gabe habe, etwas Gutes an etwas Schlechtem zu entdecken. Die habe ich allerdings; und ich bin stolzer darauf, als auf alles, was ich weiß und kann. Sie selbst, wie ich oft gemerkt habe, besitzen ein gutes Theil von dieser Gabe, die ich Ihnen recht sehr überall anjubringen empfehle; denn nichts kann uns mit der Well zufriedner machen, als eben sie. Ho! ho! Ich fange gar an zu moralisircn: ich bitte Sie recht herzlich um Verzeihung. — Seit einigen Tagen denke ich mir Ihren Aufenthalt in Wien angenehmer, als jemals; und fange fast an zu zweifeln, ob man eben in Wien mehr als an andern Orten Gelegen- heil hat, die nur gedachte Gabe, an dem Schlechten etwas Gutes aufzusuchen, in Ausübung zu bringen. Es mag wohl, denke ich nun, in Wie» eben so viel gute und vortrcfliche Leute geben, als irgend anderswo: die wenigstens, die gut da sind, können vielleicht recht sehr gut seyn. Sehen Sie, was ein Paar Beyspiele vermögen! Zwey Wiener Grafen und Kaiserliche Kammerherrn, von Winzer' nnd von Chotck, haben sich ans ihrer Durchreise einige Tage hier aufgehalten, und außer dem Bcyfallc, den sie bey Hofe erhalten — Sie wissen wohl, wie weit der Beyfall bey Hofe her ist — uns alle in Erstaunen gesetzt. Sie wissen eben so wohl, wen ich unter uns allen verstehe; die alle, welche ein Reisender nur einigermaßen dem Nahmen nach kennen kann. Sie haben jeden von diesen besucht; und von ungefähr war ich eben zu Braunschwcig und logirte in meiner Rose, — in eben dem Zimmer, wo Sie logüt haben — und glücklicher Weise mußten diese Herren ebenfalls da einkehren. ES sind wirklich ein Paar vortrcfliche Leute, voller Kenntniß nnd Geschmack. Sie sind auf ihrer Rückreise nach Wien, und werden zu Ende künftigen Mo- »atS da cintresscn. erzählen Sie eS ja in allen Gesellschaften, wie sehr sie hier gefallen haben, damit ihr guter Ruf ihnen zuvorkomme. E. machte ihnen das Kompliment, daß sie eine sehe merkwürdige Ausnahme von ihren Landslcuten wären. Das Kompliment war nicht das feinste; aber die Antwort, die ihm der jüngere, welches 264 Lcssings Briefe. 1770. der Graf Chorek ist, darauf ertheilte, war desto feiner: wir schämen uns, wenn wir es sind. Ter andere ist schon ein Mann, und hat Euter in Italien, bey Mayland, wo er sich auch seil nenn Jahren aufgehalten, in welcher Feit er in Wien gar nicht gewesen, so daß ihn vielleicht auch da niemand kennt. Ich darf nicht besorgen, daß Sie mich fragen: was gehen mich die Leute an? denn, wie gesagt, es sind recht sehr gute Leute; und alle gute Leute gehen einander an. Und nicht wahr, aus der nehmlichen Ursache sind Sie, und der Schwedische GesandtschaftSprcdiger auch um meinen ehrlichen Götzen so sehr besorgt? Mich wundert nur, daß man Ihnen aus Hamburg nichts davon geschrieben. Der letzt- vergangene Bußtag in Hamburg ist, es gewesen, an welchem die Mine gesprungen. Götze fragte bey dem Magistrale an, wie es mit dem streitigen Gebete gehalten werden sollte, und bekam zur Antwort, daß es bey Seite gelegt, und ein anders dafür gewählt werten sollte. Voller Verdruß hierüber, bat er um Erlassung von seinem Seniorale, und erhielt sie sogleich. Man erzählt, seine Frau sey darüber vor Schrecken in Ohnmacht gefallen, und will daraus schließe», daß ihm selbst die gesuchte vrlassung über alles Vermuthen gekommen. Aber nicht wahr, das ist daraus nicht zu schließen? Sondern alles was daraus zu schließen ist, ist dieses, daß sich natürlicher Weise eine Frau über den Verlust eines Titels nicht so leicht trösien kann, als der Mann. Wenn die Frau Seniorinn auf einmal wieder Frau Pastorinn werden soll, das ist keine Narrensposse! Meinen Sie nicht? Jetzt sollen die abscheulichsten PaSauille wider diejenigen in Hamburg herum gehen, die Götzen zn diesem Schritte gezwungen: und wenn diese nichts helfen, so bedauert er es am Ende doch wohl selbst, daß er das Heft aus den Händen gegeben. Von andern Neuigkeiten aus Hamburg weiß ich, so zu rede», gar nichts. Denn ich muß es zu meiner Schande bekennen, daß ich in zwey Monaten an keinen Menschen dahin geschrieben. Meine verzweifelte Arbeit hat mich daran verhindert. Aber Gott sey Dank, nun bin ich damit zu Stande; und in dem nächsten Wiener Verzeichnisse von verbotenen Büchern, werde» Sie den Titel wohl angezeigt finden. Sie glauben nicht, in was für einen lieblichen Geruch von Rechtgläubigkeil ich mich dagegen bey unsern lutherischen Theologen gesetzt habe. Machen Sie sich nur gefaßt, mich für nichts geringeres, als für eine Stütze unserer Kirche ausgeschrieen zu hören. Ob mich das aber so recht kleide» möchte, und ob ich das gute Lob nicht bald wieder verlieren dürfte, das wird die Zeit lehren. LessingS Briefe, 1770. 265 Das Wenige, was Sie mir von dem Wiener Theater melden, würde meine Reugierde eben nicht sehr reizen, wenn ich nicht kürzlich in verschiedenen Feitungen gelesen hätte, daß nun bald das deutsche Theater in Wien allen Theatern in der Welt trotzen würde, nachdem der Herr von Sonnenfels die Aufsicht darüber erhalten. Besuchen Sie es doch also ja fleißig, und verschweigen Sie mir keines von den Wundern, die darauf erscheinen. Es soll mich sehr freuen, wenn S. in Wien mehr Gutes stiftet, als mir in Hamburg zu stiften gelingen wollen. Aber ich sorge, ich sorge, es wird dort auch zu nichts kommen. Schon des Herrn von S. allzustrenger Eifer gegen das Burleske, ist gar nicht der rechte Weg, das Publikum zu gewinnen. Wenn er indeß Ihnen, meine liebe Freundinn, nur recht viel Freundschaft in Wien erweiset: so will ich ihm von Herzen gern alle Fehler vergeben, die er in seiner Theater-Nerwaltung machen dürfte. Von den Theologen kam ich auf das Theater; nunmehr von dem Theater auf die Lotterie, und wir stnd mit allem fertig, was in diesem und jenem Leben frommen und vergnügen kann. Die Hamburger Lotterie soll in den beyden letzten mahlen sehr glücklich gewe^ sen seyn. Sie glauben nicht, wie ansehnliche Einsätze sie auch von hier cchält. Demohngeachlet zaudert und zaudert man, die hiesige zu Stande zu bringen. Ich kann nicht begreifen, woran es liegt. Aber eS giebt ja auch in Wien eine solche Lotterie? Haben Sie da noch nicht eingesetzt? Wollen wir wohl auf folgende fünf Nummern zusammen einsetze»? 9. 13. 2t. 57. 88. Aber nicht höher als einen Louisd'or, welchen Sie nach Ihrem Belieben vertheilen mögen. Wenn wir in Wien darauf nichts gewinnen: so will ich es sodann in Hamburg damit versuchen. Oder bestimmen Sie fünf Nummern, auf die wir in Berlin zusammen einsetzen wollen. — Und nun ist ja wohl mein Brief lang genug. Sagen Sie mir aufrichtig, wie vielmal Sie ihn weggeworfen haben, ehe Sie bis hierher gekommen? Aber rächen Sie sich auch zugleich, indem Sie mir eben so weitläuftig antworte». Leben Sie recht wohl, meine Beste. Ich bin Ihr ganz ergebenster Lcssiiig. 266 Lcssings Briefe. 1770. An Glcim. Wolfcnbültcl, den 29. Oclobcr 1770. Liebster Freund, Ist cS nicht die größte Ungereimtheit, daß ich Ihnen beygebendes Buch schicke? Nur die dürfte noch größer seyn, daß ich es geschrieben habe. Gott wolle nicht, daß Sie das für Bescheidenheit halten: denn wahrlich ich bin stolz genug, von mir selbst zu glauben, daß ich mit eben der Zeit, und mit eben dem Fleiße, weit etwas Besseres hätte schreiben können. Der Bibliothekar muß mich bey Leuten Ihres gleichen entschuldigen. Thun Sie also, was ich gewiß thun würde, wenn Sie für das Dom-Capitel einen Prozeß müßten drucken lassen: Das Exemplar, das Sie mir davon schickten, würde ich, als von Ihren Händen kommend, mit Vergnügen annehmen, — aber nicht lesen. Ich bin Ihr ganz ergebenster Frcnnd Lcsstng. Wolfcnbültcl, d. 2!). Octobcr 177V. Mein lieber, bester Ramlcr, ES ist schon so lange her, daß unser Briefwechsel ins Stecken gerathen, daß ich kaum mehr weiß, wer von uns dem andern den letzten Brief schuldig geblieben ist. Wer cS nun auch seyn mag, dem verzeih es Gott! Aber nicht wahr, der andere hatte doch auch nicht so hart seyn, und seinem Freunde nicht mehr als Eine Zeche borgen sollen? — Was hatte ich Ihnen nicht alles zu schreiben! — Doch daran muß ich ja nicht denken. Denn eben daß ich Ihnen immer so viel zu schreiben gehabt, ist mit die Ursache, warum ich Ihnen gar nicht geschrieben. Der Teufel könnte leicht sein Spiel haben, daß ich aus eben der Ursache auch diesen Brief nicht zu Stande brachte! Also von dem Ersten, dem Besten: oder hier vielmehr, von dem Besten, dem Ersten. Herr MoseS hat mich versichert, daß wir bald einen zweyten Theil von Ihren Oden bekommen werden. Was sind Sie für ein braver Mann! Wie klein nnd verächtlich komme ich mir dagegen vor, den sein böser Geist mit Lero-iMi-ii«, und solchen Lliin- LcssingS Bricfc. 1770, 267 pcrcyc», in das weite Feld lockt. Kaum daß ich mir mehr zutraue, etwas Besseres bearbeiten zu könne», als solchen Bettel. Wenn ich mich weit versteige, so sammle ich zu unserm Wörterbuchc. Sie müs. scn mir schon erlauben, daß ich es noch immer unser Wörterbuch nenne. Denn wenn ich wüßte, daß ich es nicht mit Ihrer Hülfe zu Stande bringen sollte: wahrlich, so ließe ich auch diese Arbeit liegen, und schriebe von nun an bis in Ewigkeit nichts als Kataloges. Wenn ich wenigstens noch einen Monat auf Ihre Lden warten müßte, bis sie ganz gedruckt waren: so schicken Sie mir, liebster Freund, nur eine oder zwey zum Norschmacke, und sagen Sie mir dabey, daß Sie es noch einmal wagen wollen, mich zu einem ordentlichen Bricfschreibcr zn machen. Gewiß, ich verspreche Ihnen — Aber lieber nichts versprochen, und desto mehr gehalten. Leben Sie indeß recht wohl. Ganz der Ihrige Lcssing. An Karl G. Lcssing. Wolfcnbüttcl, den 2!). Octobcr 1770. Mein lieber Bruder, Ich bin Dir wenigstens auf ein halbes Dutzend Briefe, die mir alle sehr angenehm gewesen sind, Antwort schuldig. Aber wahrlich! meine Zeit ist mir diesen Sommer so kurz zugeschnitten gewesen, oder vielmehr ich habe sie mit meiner thörichten Arbeit über den Bcrcnga- riuS mir selbst so klamm gemacht, daß ich mir es schlechterdings zum Gesetze machen mußte, so wenig Briefe als möglich zu beantworten. Daß die Deinigen mit darunter seyn mußten, war um so viel natür- lichcr, je gewisser ich Deiner Nachsicht hierin seyn konnte. Auch noch jetzt kann ich Dir wenig mehr schreiben, als daß ich Dir nächstens recht viel schreiben will; wenn ich nehmlich auf Herrn Vossens Letztes antworten werde. Suche indeß doch in meinen zurückgelassenen Papieren nach, ob Du nicht ein paar in Groß-Folio zusammengeheftete, aber in Quart gebrochene Bogen finden kannst, auf die ich mich verschiedene Anmerkungen über Stellen im Horaz geschrieben zu haben erinnere; und wenn Du sie findest, so schicke sie mir sogleich. Herrn Loß versichere, daß ich bereits in voller Arbeit an dem ersten Theile meiner vermischten Schriften bin; und wenn die Angelegenheiten meines Beutels mich nicht zwingen, vor allen Dingen einen zweyte» 268 Lessings Briefe. 1770. Theil des BerengariuS zu schreiben, so kann er versichert seyn, daß ich fleißig fortfahren werde. Lebe wohl. Dein treuer Bruder, Golthold. An Karl G. Lessmg. Wolfenbültcl, den 11. November 1770. Mein lieber Bruder, Herr Moses wird Dir so etwas von einem Briefe mitgebracht haben, in welchem ich Dir versprach, nächstens mehr zu schreibe». Das will ich jetzt zu thun versuchen, obschon mein Kopf seit einigen Tagen auch nicht die geringste Anstrengung vertragen will. Doch ich weiß, Du nimmst mir es nicht übel, wenn ich auch noch so verwirrt und albern schreibe. Vor allen Dingen bitte ich Dich, Herrn Moses zu ersuche», daß er mir die zwey versprochenen Bücher schickt. Wenn er nicht Zeit hat, so laß Dir sie nur von ihm geben, und sende sie mir mit der ersten fahrenden Post. Es ist John Bunckel, oder wie er sich schreibt, und Ferguson. Auf den ersien hat er mich gar zu neugierig gemacht, und den andern mochte ich auch gern lieber Englisch als Deutsch lese». ES ist nicht mehr als billig, daß Du auch die Vertheidigung des P * ' gegen den Abt Pcrnetti übersetzest. Aber willst Du mir es nicht übel nehmen, wenn ich Dich erinnere, etwas mehr Achtsamkeit und Genauigkeit sowohl auf Deinen Styl als auf den Sinn Deines Verfassers zu wenden? Besonders sind Dir in Ansehung des letztern in den zwey Theilen einige wunderbare Fehler entwischt, die ich Dir wohl ein andermal mittheilen will. Ich bin es nicht, der sie bemerkt hat, sondern der hiesige Hofprediger Mittelstadt hat Deine Uebersetzung mit dem Originale verglichen, und mir einige derselben angezeigt; ob er schon die Uebersetzung überhaupt sonst nicht für schlecht erkennt. Hiernächst aber rathe ich Dir sehr, weniger zu schreiben, das ist, weniger drucken zu lassen, und desto mehr für Dich zu studieren. Ich versichere Dich, daß ich diesen Rath für mein Theil selbst weil mehr befolgen würde, wenn mich meine Umstände weniger nöthigten, zu schreiben. Da ich mit meinem ordentlichen Gehalte nur eben auskommen kann; so habe ich schlechterdings kein andres Mittel, mich nach LesstngS Briefe, 1770. 269 und nach ans meinen Schulden zu setzen, als zu schreiben. Ich habe es, Eoti weiß, nie nöthiger gehabt, um Geld zu schreiben, als jetzt: und diese Nothwendigkeit hat, natürlicher Weise, sogar Einfluß auf die Materie, wovon ich schreibe. Was eine besondere Heiterkeit des Geistes, was eine besondere Anstrengung erfordert; was ich mehr aus mir selbst ziehen muß, als aus Büchern: damit kann ich mich jetzt nicht abgeben. Ich sage Dir dieses, damit Du Dich nicht wunderst, wenn ich Deines Mißfallens ungeachtet, etwa gar noch einen zweyten Theil zum BerengariuS schriebe. Ich muß das Brett bohren, wo eS am dünnsten ist: wenn ich mich von außen weniger geplagt fühle, will ich das dicke i^nde wieder vornehmen. Ich fühle es, daß mir schon die Umarbeitung meiner allen Schriften mehr Zeit kosten wird, als der ganze Bettel werth ist. Indeß habe ich es Herrn Voß einmal zu thun versprochen, und ich will mein Möglichstes anwenden, wenn er auch nur jede Messe einen Band bekömmt. Wahrlich, ich möchte Dir gern noch manches schreiben — besonders was TheophiluS und unsere Mutter betrifft; — aber der Kopf ist mir über meine schurkischen Umstände vollends noch so wüste geworden, daß ich kaum mehr weiß, was ich schreibe. Lebe wohl. Ich bin Dein treuer Bruder, Eotthold. An Hcyne. Wolfcubütt-l, d. 20. Nov. 1770. Was werden i?w. Wohlgeb. von mir denken, daß ich Ihnen auf Dero letztes, nebst dem beygefügten mir so angenehmen Geschenke, meine Antwort und meinen Dank so lange schuldig bin? Ich will mich lieber gar nicht entschuldigen, als schlecht. Abhaltungen und Zerstreuungen zwar, habe ich die Zeit, die ich hier in Wolfenbüttel bin, genug gehabt; — sollte ich mir sie auch schon muthwillig selbst gemacht haben, wovon vielleicht der Beyschluß ein Beweis ist, der mir vermuthlich bey wenigen (5hrc machen wird. Ich will aber auch gar nicht, daß man so etwas für mehr ansehen soll, als für die Arbeit eines Bibliothekars, die mit dem Staubabkehrcn in einer Klasse steht. Ob mich der Widerspruch, womit Sie mich beehrt haben, beleidigen könne? — Wenn gewisse Männer mich nicht besser kennen, so sollten sie wenigstens sich selbst besser kennen. Mag doch von uns beyden Recht haben, wer da will, wenn nur Rloy nichl Recht hat. 270 LessingS Briefe, 1770, Ich hatte gehofft, von meiner Untersuchung über den Tod in den Göttingischen Anzeigen etwas zu lesen. Wenn man davon schweigt, weil sich der ganze Plunder nicht der Mühe verlohnt: so hat man sehr wohl gethan. Wenn cS aber geschieht, nm Rloycn nicht zu mißfallen: so — muß ich es den» wohl auch zufrieden seyn. Ich bitte um Ewr. Wohlgcboren fernere Freundschaft, und bin mit der vollkommensten Hochachtung -c. L-ssing. An Ebert. Liebster Freund! Eben habe ich das Vergnügen, einen Brief von Ramlcrn zu erhallen. Ich muß es wohl mit Ihnen theilen, weil das meiste darin» Sie selbst aiigchr. Hier ist er also mit sammt den Beschlüssen. Das für unsern E. P. bestimmte Exemplar haben Sie die Güte zu über geben. Ich bekenne, daß ich die Ode an die Venus Urania — nicht recht verstehe: weil ich weder den CyneaS, noch des Eyncas Sohn in Berlin kenne. Um so viel mehr aber, ohne Zweifel, gefällt mir das, was ich davon verstehe. — Den Brief und die geschriebene Ode an die Könige, bitte ich mir wieder aus. — Auch bestellen Sie wohl das Kompliment an RamlcrS chmaligcn fleißigen Korrespondenten. — ^. propos. WaS haben die Engelländer für gute Epigrain- matistcn? Außer ihrem lateinischen Owen, der nichts taugt. Die bekanntesten ihrer Dichter, weiß ich wohl, haben ciiizelne gute Epigramme gemacht: aber ob sie so einen Wernicke oder Logau haben, das weiß ich nicht. Wenn sie dergleichen haben, so ist er auch bey Ihnen zu finden, und Sie erzeigen mir einen Gefallen, wenn Sie mir ihn auf einige Tage herüber schicken. Ihr Wolfenbiittel. ergebenster Freund den 22. Nov. 1770. j-cssing. An Madame König. Wolfcnbütlel, den 29. Nov. 1770. Meine liebste Madam! Ich kann nicht begreifen, wie mein letzter Brief so lange nntcr- weges seyn können! aber doch muß er es gewesen seyn. Ich weiß Lcssingö Briefe. 1770. 271 zwar selten, wie ich in der Feit lebe: aber eben dadurch wird mein Datum so viel zuvcrläfiigcr, weil ich jedesmal erst in den Kalender sehen muß. Ich will nicht hoffen, daß Sie so schlimm sind, und glauben, ich könnte mich wohl mit Fleiß geirrt haben? Ich hatte die Tage fleißig gezahlt, nach welchen ich eine Antwort von Ihnen erhalten könnte. Da diese aber so lange über die Zeit ausblieb, so ficng ich an zu vermuthen, daß Sie wohl schon gar von Wien wieder abgereiset wären. Und blos diese Vermuthung ist Schuld, daß ich keine neue Bricfc nachgeschickt. Ich erschrecke, wenn ich bedenke, was Sie für cincn Rückweg in dieser Jahreszeit zn machen haben: und noch wollen Sie ihn gar mit einem Umwege machen! Doch dieser Umweg dürfte bey alle dem recht gut seyn, und ich verspreche mir davon für Ihre Zufriedenheit und Heiterkeit recht viel. Die uns am nächsten angehen, behalten doch immer den meisten Einfluß auf uns. Auch das, meine liebe Freundinn, lobe ich recht sehr, daß Sie in Wien fleißiger in die Kirche gehen, als in das Theater. Denn ich glaube in allein Ernste, daß cS freylich für jeden guten Menschen, der nicht ganz undenkend ist, in den Wiener Kirchen mehr zu lachen geben muß, als in dem Wiener Theater. Gott verzeihe mir die Sünde, wenn es nicht wahr ist, und wenn ich Unrecht thue, daß ich mir die Oesterreichschen Prediger noch elender vorstelle, als die Oester« reichschen Poeten und Komödianten. Als ich Ihren vorletzten Brief erhielt, hatte ich eben in der Erfurter gelehrten Zeitung, welche die Posaune des Herrn von S. ist, eine sehr prächtige Ankündigung gelesen, was man sich unter seiner Aufsicht nunmehr alles für Wunder von dem Wiener Theater zu versprechen habe. Ich weiß nicht, ob ich mehr lachte, oder mich mehr ärgerte, als ich aus Ihrem Briefe ersähe, daß seine Aufsicht so geschwind ihre Endschaft erreicht habe. Doch will ich hoffen, daß er darum seine Hand nicht ganz abziehen wird. Dem Stücke, welches ihm diese kleine Kränkung verursacht hat, bin ich selbst nicht gut. Ich würde eS kaum auf einem deutschen Theater dulden, wenn Roxe- lane auch eine Deutsche wäre: nun aber gar in der vermeinten Hauptstadt von Deutschland — denn dafür will S. Wien mit aller Gewalt gehalten wissen, — den Triumph einer Französischen Stumpfnasc auf die Bühne zu bringen, ist schlechterdings unerträglich. Ich will auch hoffen, daß es mehr dieser Umstand, als das Schnupftuch oder Spiegel ist, welcher die Dame oder die Damen in Wien bewogen hat, das Stück verbieten zu lassen. An dem neuen Stücke, die Hausplagc, so gut es sonst seyn mag, finde ich den Titel sehr zu tadeln. Als 272 Lesslngs Briefe. 1770. ob die Hausplage nicht eben so wohl vom mannlichen als weiblichen Geschlechte seyn könnte! Und ich muß mich nur über Sie, meine liebe Freundinn, wundern, daß Sie wir davon sprechen, als ob eS sich schon von selbst verstünde, daß es von nichts andcrm, als einer bösen Frau handeln könne. Ihre Anmerkung übrigens, daß die Weiber da sehr gut seyn müssen, wo es sich der Mühe verlohnt, eine Böse auf das Theater zu bringen, finde ich sehr richtig: und wo nur nicht gar eine solche Vorstellung mehr Schaden als Gutes stiftet! Viel Weiber sind gut, weil sie nicht wissen, wie man es machen muß, um böse zu seyn. Daß man an dem Pfälzischen Hofe auf die Errichtung eines deutschen Theaters denke, höre ich von Ihnen zuerst. Ich wünsche sehr, daß etwas daran seyn möge.' Aber an dem Umstände ist wenigstens noch vors erste nichts, daß Seyler dahin kommen solle. Er selbst weiß so wenig davon, daß er stch recht ernstlich um andere Aussichten bewirbt. Er möchte gern hierher nach Braunschwcig, und ich hoffe, daß wir es ihm auswirken wollen. Nur kann er selbst vor dem März nicht kommen, weil er ein Abonnement nach Osnabrück angenommen hat, wohin er in kurzem geht. Schlimm genug, daß Sie zu meinen übcrschriebcnen Nummern so wenig Zutrauen haben. Ich habe auf die Ihrigen desto mehr. Ich sehe es ihnen an, daß wir wenigstens eine Terne daraus gewin- nen werden. Wohin soll ich Ihnen den Antheil Ihres GewinnstcS übermachcn? Oder soll ich ihn so lange in Verwahrung behalten, bis Sie ihn selbst bey mir abfordern? Wagen Sie das nicht; denn ich könnte ihn dann sehr leicht in andern Lotterien wieder verspielt haben. Das Billet habe ich bereits; auf den Montag wird gezogen; auf den Donnerstag erhalte ich Nachricht, und auf den Freyrag überschreibe ich Ihnen die Nachricht, sie mag nun gut oder schlecht klingen. Aber des Billets wegen habe ich eben nicht dürfen nach Hamburg schreiben. Es sind in Braunschweig Cvllckteurs für die Hamburger Lotterie die Menge. — Doch habe ich nach Hamburg nunmehr wieder geschrieben; und ich hoffe, daß Sie in langer Zeit keine Klagen weiter hören werden. Wer die Freundinn ist, die Ihnen den Verweis an mich aufgetragen, bedarf wohl keines langen RathenS. Ich wette, cS ist eben die, von der ich heute einen Brief bekommen habe. Nun rathen Sie; wenn Sie nicht glauben, daß ich es getroffen habe. Aber lieber, lassen Sie uns die Briefe einander nicht so zuzählen. Sonst setze ich mich einmal hin; und zähle nicht Ihre Briefe, sondern die Worte Ihrer Briefe. Dann wollen wir sehen, wer von uns bey- Lessings Briefe. 1770. 273 den dem andern im Reste ist. Sie haben von jemanden schreiben gelernt, der das Papier nicht zu schonen brauchte. Wir Schriftsteller aber müssen ganz klein schreiben lernen, sonst kriegen wir auch nicht einmal das Papier bezahlt. Nun leben Sie recht wohl, meine liebste Freundinn, und vergessen Sie nicht, wenn man Ihnen in Wien recht viel Gefälligkeit und Freundschaft erweiset, daß Sie an jedem andern Orte das Nehmliche zu erwarten Recht haben. Ich bin Ihr ganz ergebenster Lessing. An Madame König. Wolfenbüttel, den 15. Dec. 1770. Meine liebste Madam! Ich weiß zwar nicht, ob ich es wagen darf, noch einmal nach Wien an Sie zu schreiben. Denn wenn Sie zu Ende des Januars wieder in Hamburg sey» wollen, so kann Sie dieser Brief unmöglich mehr in Wien antreffen. Doch was wagen? Alles Unglück, was daraus erfolgen kann, ist, daß man Ihnen den Brief nachschickt. Ich bin vorige Woche auf die unangenehmste Weise abgehalten worden, Ihnen von dem Ausfalle unsers Lotlcriegcschäfts zu Hamburg Nachricht zu geben. Schließen Sie aus dieser Verzögerung aber nur ja nicht, daß es schlecht müsse abgelaufen seyn. Nichts weniger, als schlecht; wir haben sehr viel gewonnen: denn wir haben nichts verloren. Ich halte das Billet so eingerichtet, daß wir auf einen simpeln Auszug schadlos waren, und den haben wir ans Nummer 19. bekommen; gerade auf die Nummer, auf die ich mir am wenigsten etwas versprochen hätte, weil sie in den vorhergehenden sieben Ziehungen bereits dreymal herausgekommen war. Damit Sie sehen, daß ich in wichtigen Angelegenheiten ein ordentlicher Mann bin, so lege ich Billet und ZiehungSschcin mit bey. Ich denke auch, daß ich Ihre Einwilligung haben werde, unser Glück auf der nächsten Ziehung noch einmal zu versuche». Das Billet ist schon genommen, und zwar auf die nehmlichen Nummern, nur Rummer 19. nicht, wofür ich 7. gewählt habe: denn 19. wird doch nicht des Henkers seyn, und sich wieder herausziehen lassen! Lessings Werk- XII. 18 274 LessingS Briefe. 1770. Wenn wir alle fünf Quateruen, und was denen anhängig, gewinnen: so komme ich Ihnen bis Mannheim entgegen. Aber ich traue der Hamburger Lotterie nun vollends nicht, seitdem ich weiß, daß unser Z>. eine Actie darum hat. Wenn habe ich gegen den jemals einen Heller gewinnen können? Es zeigt sich auch schon: denn alle Ihr mitverbundncs Glück hat gerade nur machen können, daß wir nichts verloren haben. Zwar wenn S. recht urtheilt, so ist es unserm V. bey dieser Entreprise nicht so wohl um das Geld, als um etwas anders zu thun. Denn Sie wissen doch wohl, daß auch in Hamburg eine jede Nummer mit einem Mädchen besetzt ist, daS gern heyrathen will? Und auf diese, versichert S., hätten sich die Actioni- stcn den Verkauf bedungen. V. ahcr habe sich mit den andern Aclio> nisten abgefunden, und beschicke die fünf glücklichen Mädchen alle drey Wochen allein. Was für ein abscheuliches Wetter ist heute hier um den Blocksberg! Wenn es da, wo Sie jetzt sind, nicht besser ist: wie sehr beklage ich Sie, daß Sie reisen müssen. So sehr ich mich auf Ihre Rückkunft freue: so wünschte ich doch, Sie kämen erst in den schönsten Frühlingstagen zurück! Kommen Sie nur ja gesund und vergnügt. Mehr schreibe ich Ihnen daSmal nicht: denn es könnte doch leicht geschehen, wenn Sie schon unterwegeS wären, daß Ihnen mein künftiger Brief eher zu Händen käme, als dieser. Leben Sie recht wohl, meine beste Freundinn: und wenn Sie an einen Menschen denken wollen, der Ihnen auf das aufrichtigste ergeben ist: so denken Sie an mich. Dero Lessing. An Ramlcr. Wolfenbüttcl, d. 16. Dccemb. 1770. Liebster Freund, Tausend Dank für Ihre beiden vortrefflichen Oden! Daß Sie aber diesen Dank nicht eher bekommen, daran ist Ihr Milchbrudcr Schuld'), der die Oden mit sammt dem Briefe länger als vierzehn *) So nannte Hr. R. Hrn. Hofralh Ebcrt, von dem sehr viele, und unter andern auch der regierende Herzog v. Braunschwcig gesagt hatten, daß er ihm außerordentlich ähnlich wäre. Nicolai. LessingS Briefe. 1770. 276 Tage bey sich gehabt, und sie mir erst heute wieder geschickt hat. So wie ich ihm Ihren Brief ganz geschickt habe, so will ich Ihnen auch nun seinen schicken: so erhalten Sie hübsch auf Einen Brief zwey Antworten, welches ich mir indefi gut zu schreiben bitte. Die Ode an die Könige will ich mir dreymal laut vorsagen, so oft ich werde Lust haben, an meiner antityrannischen Tragödie zu a» bcitcn. Ich hoffe mit Hülfe derselben aus dem Spartacus einen Helden zu machen, der aus andern Augen sieht, als der beste römische. Aber wenn! wenn! Diesen Winter gewiß nicht. Denn diesen werde ich wohl so ziemlich gerade an dem andern Ufer des Flusses, wo ich, auch unter dem Schnee, bunte Stcinchen und.Muscheln aufsuche, verschleudern, und verschleudern müssen. Sie werden mich wohl verstehen, wenn Sie von Herrn Voß oder meinem Bruder gehört haben, daß ich mich endlich bereden lassen, meine kleinen Schriften wieder herauszugeben, und mit den Sinngedichten den Anfang machen will; weil ich zum Glück oder zum Unglück, von diesen Dingen unter meinen alten Papieren noch eine ziemliche Anzahl gefunden habe, die nicht gedruckt sind, und mit welchen ich ungefähr die ersetzen kann, die von den gedruckten nothwendig wegbleiben müssen. Aber glaubten Sie wohl, wie sehr ich dabey auf Sie gerechnet habe? — In allem Ernste, liebster Freund, was ich Sie nun bitten will, müssen Sie mir schlechterdings nicht abschlagen. Mit heutiger Post schicke ich bereits die ersten vier Bogen von diesen erneuerten und vermehrten Sinngedichten, und sie sollen schlechterdings nicht eher in die Druckercy, als bis sie Ihre Censur passiret sind. Streichen Sie aus, was gar zu mittelmäßig ist; (ich sage, gar zu mittelmäßig, denn leider müssen es nicht allein Sinngedichte, sondern Bogen voll Sinngedichte werden) und wo eins durch eine geschwinde Verbesserung sich noch ein wenig mehr aufstutzen läßt, so haben Sie doch ja die Freundschaft, ihm diese Verbesserung zu geben.") Ihnen kann so etwas nicht viel Muhe kosten; denn Sie haben noch alle poetische Farben auf der Palette, und lch weiß kaum mehr, was poetische Farben siud. Desgleichen wünsche ich, daß die Sinngedichte mit al len den orthographischen Richtigkeiten gedruckt würden, über die wir eins geworden, die mir aber zum Theil wieder entfallen sind. *) Ist geschehen; und Lcssing verließ sich so sehr auf seine» Frcmid, daß er sich die Handschrift nicht erst zurückschicken, sc'ndcr» sie i» Berlin bev Boß drucken ließ. Nicolai. 18" 27k Lessings Briefe. 1770. Ich verlasse mich darauf, liebster Freund, daß Sie sich dieser Anfoderung auf keine Weise entziehen. Die Zeit, die Sie darüber verlieren, will ich Ihnen auf eine andere Art wieder einbringen: z. E. durch Beyträge zu dem zweyten Theil Ihrer gcsammten Sinngedichte, die gewiß nicht schlecht sind, und sich zum Theil von Dichter» hcr- schreiben, die itzt völlig unbekannt sind. erfreuen Sie mich indeß bald wieder mit einem Briefe, und leben Sie recht wohl. Ihr ganz ergebenster, Lessing. Wolfeiibüttel, d. 1k. Decembr. 1770. Das wissen Sie ja wohl, mein lieber Schmid, daß Sie mir allezeit ein Vergnügen machen, wenn Sie mir Gelegenheit geben, etwas in der Bibliothek nachzusuchen; und immer ein um so viel größeres Vergnügen, wenn es etwas betrift, woran ich sonst auch nicht im Traume gedacht hatte. Ihre llebersetznng des Tussignano ist gar keine Thorheit, so bald etwas Gutes darum steht, was sonst nicht überall zu finden. Die Bibliothek aber hat von diesem seinem Tractate von der Pest keine einzelne besondere Ausgabe, und ich kann ihn nirgends als in dem Zascikul des KelhamS finden, und auch von diesem ist weiter keine Ausgabe da, als die von 1495. zu Venedig. Wenn Sie diese nutzen zu können glauben, so will ich sie Ihnen gern herüber schicke». Sonst hätte es sich leicht treffen können, daß ich Ihnen anstatt eines gedruckten umei'i8 muItimxuIiZ vorhanden sind, von denen selbst Xylander nichts gewußt hat, und die überall noch nicht gedruckt find. Leben Sie wohl, bester Freund, und schreiben Sie mir bald wieder. Sie sehe» wohl, was ich an der Zeit versäume, bringe ich an der Länge ein. Meinen Gruß an Nicolai, dem ich auch nächstens schreiben werde. Daß er mir doch ja nicht den — wie heißt der närrische Kerl?') — zn schicken vergißt. Dero ergebenster Freund Lessmg. An Madame König. Wolfenbüttel, den 13. Jan. 1771. Meine liebste Freundinn! Ich habe mir die vierzehn Tage her Gewalt anthun müssen, Ihnen nicht zu schreiben. Denn ich glaubte Sie, Ihren letzten Nachrichten zufolge, schon unfehlbar untcrwcgeS, und hoffte alle Tage von Ihnen ') Die »lewoirs vs Joli» 0u»clc. Nicolai. 284 Lesstngs Briefe. 1771. zu hören, wo am nächsten mein Brief 'Sie wieder treffen würde. Sie haben aber recht sehr wohl gethan, daß Sie noch nicht abgereiset sind. Nur wenn Sie auf Frost gewartet haben, der die Wege besser machen sollte: so mögen Sie nunmehr auch nur auf gelinde» Frost warten; denn wenigstens hier ist es so strenge kalt, daß ich nicht ein« mahl gern an das Fenster trete. Was für eine seltsame Besorgnis; hat mich um das Vergnügen gebracht, von Ihnen um Rath gefragt zu werden! Sie fürchten, daß ich Sie bedauern oder verlachen würde. Bedauern, das wäre möglich gewesen: und ich danke Ihnen, daß Sie mir keine mißvergnügte Stunde mehr machen wollen. Aber verlachen? Wie fingen Sie es denn an, daß ich Sie verlachen könnte? Mit einem lachen, mit einem zugleich über eine Verlegenheit lachen, aus der er sich selbst nicht geschwind genug helfen kann, das ist ja nicht das, was das häßliche Verlachen sagen will, sondern ist eine unschuldige Lust, die sich Freunde einander nicht versagen sollten. Sehen Sie also, daß Sie Unrecht haben; und wenn man Sie wiederum irre machen sollte: so hoffe ich wenigstens, daß Sie nicht zum zweytenmahle werden Unrecht haben wollen. Freylich haben Sie einen weit bessern Ralhgebcr ganz in der Nähe, als ich größtenthcils zu seyn das Unglück habe. Aber demohngeachtet können Sie meinen Rath doch immer hören: wäre es auch nur um zu erfahren, ob Ihnen nicht etwa mein Rath wegen Ihrer Besorgniß Genugthuung machte; ich meyne, ob er Ihnen nicht etwa Gelegenheit schaffte, vielmehr mich zu bedauern oder zu verlachen. Ich komme auf unser gemeinschaftliches Projekt, glücklich — wollte ich sagen, reich zu werden. Wahrlich, Sie sind, sehe ich, eine Frau, mit der man schlechterdings nichts verlieren kann. Wir sind wiederum, in der neunten Ziehung, .mit einer Nummer herausgekommen; wie sie aus beygehendem Ziehungsscheine sehen werden. Nehmlich mit Nummer 69. Ich habe auch schon dafür ein neues Billet auf die zehnte Ziehung genommen: nur ist mir leid, daß eS schon ausgefertiget war, als ich Ihren letzten Brief erhielt, und Nummer 19. dieseSmahl noch nicht wieder an seine Stelle kommen können. Für Nummer 69. habe ich 77. genommen, und unser Billet lautet nun zusammen, auf 7. 36. 45. 47. 77. Noch etwas Besonders dabey muß ich Ihnen melden. Auch in Strahlsund hat man nunmehr ein Lotto, und vor kurzem ist die erste Ziehung geschehen. Hätten wir da mit unserm Billette eingesetzt gehabt — was meinen Sie, daß wir gewonnen hätten? — Leider doch auch nur eine Ambe. Lessings Briefe. 1774. 286 Und was ist uns mit einer Ambe gedient? Alles oder nichts. K. und Compagnie soll unsere Louisd'or haben: oder wir ihre sechzig tausend Thaler. Wer weiß, ob dieses nicht der einzige Weg für mich seyn sollte, mich an dem V. zu erholen; und ich denke, es ist eine schlimme Vorbedeutung für ihn, daß er, um Geld parat zu haben, immer im Voraus seinen Garten verkauft hat. Ich bin meiner Sache so gewiß, daß ich Ihnen fast rathen möchte, nicht eher von Wien abzureisen, als bis Sie meine Nachricht von der zehnten Ziehung erhalten haben. Denn es ist nur wegen des Entgegenkommens; und damit wir einander nicht fehl reisen. Daß der Herr von S. mein guter Gönner und Freund seyn will, muß ich mir gefallen lassen. Er hat es, durch seine unerträglichen Großsprechereyen von seiner vermeinten Hauptstadt des deutschen Reichs, und durch seine Freunde, die Herren Klotz, Riedel und Sch. ziemlich bey mir verdorben. Wer sich an solche elende Leute hängen kann, der muß um ein Bischen Lob sehr verlegen seyn. Es kann ihm gar nicht schaden, wenn man ihn in Wien ein wenig demüthiget. Versäumen Sie es doch aber ja nicht, ihm seinen Willen zu thun und den Hausvater zu sehen. Ich bin sehr begierig zu wissen, ob er in Wien besser gespielt wird, als wir ihn in Hamburg gesehen haben. Vor einigen Tagen trug man sich hier mit der Nachricht, daß Ackermann todt sey, und daß Mamsell mit ihrem Bruder nach Wien gehen würde. Ob nun aber auch Mamsell das Muster seyn könnte, das S. wegen des AnstandeS unserer hiesigen ActeurS zu widerlegen geschickt wäre, möchte ich eben nicht sagen. — Was zum Henker nur will denn der Mann mit seinein Anstande überhaupt? Wenn seine ActeurS nichts wie Anstand haben, so können sie noch sehr, sehr elende ActeurS seyn. Mit unserm K. haben Sie cS errathen- Die Abwesenheit scheint ihn wenigstens curirt zu haben. Er ist jetzt auf seinem Ente, und kömmt erst zur Messe wieder. Es wird aber darauf ankommen, ob sein Feuer nicht wieder aufflammt, wenn er den Gegenstand wieder vor Augen bekömmt. Alsdenn gebe ich aber auch nicht einen Heller um seine Seele; denn bey solchen Krankheiten sind die Recidive das Gefährlichste. - Ich kann nicht schließen, ohne mich noch ein wenig wegen Ihrer fortdanrendcn Schwermut!) zu zanken. Ich muß Ihnen nur sagen, daß ich die Schwermuth für eine sehr muthwillige Krankheit halte, die man nicht los wird, weil man sie nicht los werden will. Nur darum wünsche ich Ihre Zurückkunft: denn ich glaube doch, daß Sie 286 LessingS Briefe, 1771, in Hamburg »och eher Gelegenheit haben, sich aufzuheitern und sich aufheitern zu »vollen/ als in Wien, Leben Sie wenigstens nur sonst recht wohl. Dero ergebenster Freund Lessing. Ali Madame König. Wolfcnbütlcl, den 12. Febr. 1771. Meine liebste Freundinn! Ich bin gestern von Braunschweig zurückgekommen, wo ich mich länger aufgehalten, als ich Willens war. Ich hatte nicht befohlen, mir die eingehenden Briefe einzuschicken, lind fand also Ihr letztes Schreiben vom 26. Icnner, das leicht schon seit vier oder fünf Tagen angekommen seyn mochte. Aber in welche Unruhe setzt mich dieses Schreiben! Sie sind krank, und von einem sehr gefährlichen Falle krank — Wenn Sie nicht Wort gehalten, und mir gleich den nächsten Posttag darauf wieder geschrieben, so werde ich glauben, daß Sie nicht schreiben können — Doch wer martert sich im Voraus? und wer sollte nicht immer das Beste hoffen? Sie sind schon völlig wieder hergestellt, und ich denke mir Sie, nach dem AuSbruche und der Hebung einer kleinen Krankheit, die Ihnen längst in den Gliedern gesteckt, gesunder, als Sie noch jemahls in Wien gewesen. Und auf diesen Fuß will ich Ihnen auch schreiben: ein Gesunder an eine Gesunde, ein Vergnügter an eine Vergnügte. Wahrhaftig, wenn man das Erste ist, so muß man auch das Andere seyn, und kann es seyn, wenn man nur will. Besorgen Sie meinetwegen also nur nichts: ich habe es mir zum Gesetze gemacht, vergnügt zu seyn, wenn ich auch noch so wenig Ursache dazu sehe; und so wie ich hier lebe, wundern sich mehr Leute, daß ich nicht vor Langerweile und Unlust umkomme, als sich wundern würden, wenn ich wirklich unikäme. Freylich kostet es Kunst, sich selbst zu überreden, daß man glücklich ist: aber welches Glück besteht denn anch in etwas mehr, als in unserer Ueberredung? — Nicht wahr, ich Philosophire Ihnen hier etwas sehr Tröstliches vor? Aber ich will Sie auch blos meinetwegen beruhigen; und ich wünschte sehr, Sie könnten mich eben so leicht auch Ihrentwcgen beruhigen. Was Sie in meinem letzten LessingS Briefe, 1771- 287 Briefe für eine Klage angesehen haben, mag es im Grunde freylich wohl gewesen seyn, aber doch sollte es sich eigentlich nur auf den Rath beziehen, den Sie im Begriffe gewesen, von mir einzuholen. Ich weiß, daß ich ein sehr elender Rathgeber bin; und gerade gegen meine Freunde noch wohl oben drein ein sehr eigennütziger. Hatten Sie also nicht Anlaß genug bekommen können, über mich zu lachen, oder auch mich zu bedauern? Und nun nur noch ein Wort über diese unterlassene Zuratheziehung: wenn das Gewissen wiederum einmal dabey in Anschlag kommen sollte, so möchte ich Ihnen lieber gleich im Voraus rathen, andere ehrliche Leute ein wenig mehr zu hören, als sich selbst. Denn ich habe immer gemerkt, daß Sie geneigter sind, Ihr Gewissen zu überspannen, als ihm viel nachzulassen — Vor allen aber hören Sie nunmehr Ihre dortigen Freunde, wenn sie verlangen werden, daß Sie ihre Rückreise noch aufschieben sollen. Die Krankheit, von der Sie sich eben itzt erholen, macht es schlechterdings nothwendig, und wenn es auch bis mitten in den Frühling damit anstehen müßte. Sie sind ja doch einmal bey Ihrem vornehmsten Geschäfte; und Ihre Familie, wissen Sie, ist in guter Aufsicht. Was könnte Sie also hindern, nicht lieber bessere Wege und bessere Witterung abwarten zu wollen? Wenn ich für mein Antheil, Sie darüber später wieder zu sehen bekomme: so will ich suchen, Sie sodann desto länger wieder zu sehen, und Ihnen vielleicht nach Hamburg folgen. Denn mit dem Entgegenkommen wird es immer mißlicher. In der zehnten Ziehung hat uns endlich der häßliche V. ganz durchfallen lassen; und ob ich es gleich in der cilften Ziehung mit einer Kleinigkeit aufs neue versucht habe, wobey ich, um desto sicherer zu gehe», alle Ihre vorgeschriebene Nummern wieder nahm, so hat es doch auch da nicht glücken wollen; und am besten, wir geben alle weitere Versuche auf. Ich soll durch ElückSfälle eben so wenig reich werden, als Sie, meine liebe Freundinn: und wenn ich es recht überlege, so ist diese Art, reich zu werden, auch weder Ihrer noch meiner würdig. Ich mag sie nicht, sagte der Fuchs; und was thut das, wenn seine Entschließung auch mir daher kam, daß er sie nicht haben konnte? Gern möchte ich Ihnen noch was Neues, das Sie recht herzlich zu lachen machte, schreiben können. — Sie wissen doch, daß Klopsiock in Hamburg ist. Sie wissen auch, wie sehr er sich mit den Damen abgeben kann. Ich weiß nicht, wie viel Frauen und Madchen er schon beredet haben soll, auf den Schlittschuhen laufen zu lernen, um ihm Gesellschaft zu leisten. Aber das ist noch gar nichts gegen eine Lescgcsellschaft, die er bey der Frau von W. errichtet hat, und 288 Lcssings Briefe. 1774. von der alle unsere Freundinnen sind. Doch man wird Ihnen ohne Zweifel schon von Hamburg aus davon geschrieben haben; und ich möchte nur gern von Ihnen wissen, ob Sie es nicht, wenn Sie nach Hamburg zurückgekommen, Ihr Erstes werden seyn lassen, ein Mitglied von dieser empfindsamen Gesellschaft zu werden? — Ich hätte große Lust, Ihnen immer im Loraus das Patent nach Wien zuferli- gen zu lassen; wenn ich nur eist gewiß wüßte, daß Sie schon wieder völlig gesund wären, oder es auch dadurch werden könnten. Inzwischen macht diese Ungewißheit, daß ich an nichts anders denken kann und wag. Schreiben Sie mir ja, liebste Madam, gleich nach Empfang dieses, auch nur ein Paar Zeilen, wenn Sie es nicht schon gethan haben. Daraus allein will ich erkennen, ob Ihnen an dem Antheile, welches ich an allem nehme, was Sie betrifft, das Geringste gelegen ist. Dero ergebenster Freund Lcssing. An Nicolai. Wolfenbüllcl, d. 10. Februar 1771. Liebster Freund, Schreibe nur einer in Betreff der Bibliothek an mich, so soll er wohl sehen, wie geschwind ich antworte. Aber dessen ungeachtet kann ich Ihrem Herrn — wie heißt er? — nicht unmittelbar antworten. Denn Sie nennen ihn in Ihrem Briefe nicht, und in seinem Briefe kann ich den Namen nicht lesen, eben so wenig als seine Adresse. Seyn Sie so gut, und melden ihm also, daß von dem JsidoruS LharaccnuS hier nichts zu haben ist, so wie überhaupt von keinem der kleinern griechischen Geographen, die Hudson herausgegeben hat — damit es ihm nicht etwa einfalle, eben so vergeblich nach einem andern derselben zu fragen. Und nun, bey der Gelegenheit, was uns angeht. Ich weiß es freylich wohl, daß Klotz sein Büchelchcn lateinisch herausgeben will: und wie man mich versichern wollte, so soll cS so gar schon serlig seyn. In gller Wahrheit; auf diese Ausgabe habe ich nur auch mit gewartet, ehe ich mich an den dritten Theil der antiquarischen Briefe machte. Warum sollte ich dem Manne mir noch mehr Fehler ausmustern helfen? Er wird in der Ucbersetzung Gebrauch davon machen, dachte LcssingS Briefe. 1771. 289 ich, und mich doch noch dabey herunter reißen. Hiernächst aber habe ich fast noch mehr auf Riedels Lcssingische Briefe gehofft, wovon die ersten drey, wie Sie wissen, in den Erfurter Zeitungen, so wie deren völlige Ausgabe in ein Paar Meßcatalogen hinter einander/ gestanden. Wo klebt denn der elende Mensch? oder hat er mich etwa nur durch Drohungen abschrecken wollen? — Dieses zusammen, liebster Freund, ist die eigentliche Ursache, warum ich den dritten Theil noch liegen gelassen, und mich indeß mit andern Possen beschäftigt habe. Epigramme habe ich nun zwar nicht gemacht, (höchstens nicht mehr als zwey oder drey), sondern mich jetzt nur geschämt, sie einmal gemacht zu haben. Die kleinen Schriften sollen nun mit aller Gewalt wieder gedruckt werden, und da habe ich ja wohl meine allen Papiere durch- stänkern müssen, um das gar zn Elende, wenn nicht durch etwas Besseres, wenigstens durch etwas Anderes zu ersetzen. Viel lieber hätte ich an dem zweyten Theile des Bcrengarius gearbeitet. Denn sagen Sie davon, was Sie wollen, es ist doch dasjenige Buch von allen meinen Büchern, bey dessen Niederschreibnng ich das meiste Vergnügen gehabt habe, und mir die Zeit am wenigsten lang geworden ist. Warum soll ich wich mit andern Dingen lieber martern, und doch am Ende nichts Rechtes heraus bringen? Mein SpartacuS soll darum doch noch eher fertig werden, als wir in Deutschland ein Theater haben. Was Sie mir von unserm MoseS melden, freuet mich recht sehr; und wenn bey dem allen keine Pension darauf folgt, so hat ihm doch die Acadcmie mehr genommen als gegeben. Grüßen Sie ihn von mir. Ich denke doch, er wird den Diophantus empfangen haben. Wie will er sich gegen die Jcnaischc Zeitung verhalten, die ich endlich nun gelesen habe? Er wird es doch nicht wiederum, nach einem so hämischen Schlage mit einem verraiherischcn Streicheln hinterher, gut seyn lassen wollen? Wo bleibt denn Ihre Bibliothek? Und ^olin Luiiclo? — Lassen Sie mich doch ja nicht länger nach diesem schmachten. Bedenken Sie doch nur, daß ich in meiner Einsamkeit einen solchen Gesellschafter ja wohl brauche. Wegen ° ° ° werde ich ohne Zweifel sehr gern Ihrer Meynung seyn: aber daß ich es wegen Klop- stock seyn muß, thut mir leid. Leben Sie recht wohl. :c. Der Ihrige. Lcssing. '^ssingü Werk- xii. I!> 2!M Lessings S^ricfc. 1771 An Madmnc König. Wolfcnbüttcl, dcn ^1. März 1771. Meine liebste Madam! Wie sehr freue ich mich, daß Ihre Unpäßlichkeit von keinen Folgen gewesen, und daß Sie sich frisch und gesund wirklich auf der Rückreise befinden. Roch mehr werde ich mich freuen, wenn ich Sie endlich vollkommen so gesund und vergnügt wiedersehe, als ich mir Sie wünsche. Wenn an beyden noch etwas fehlen sollte, glauben Sie mir nur, das wird sich alles finden, wenn Sie nur erst wieder in Hamburg bey Ihren Kindern und Freunden sind. Wien und die Wiener mögen wohl recht gut seyn, wenn man nichts BcsserS kennt. Ich bin einigt Tage abgehalten worden; und nunmehr darf ich es wohl nicht mehr wagen, Ihnen nach AugSbnrg zu schreiben. Ich thue eS also nur gleich nach Heidelberg, wo Sie mein Brief gewiß nicht am mißvergnügtesten treffen wird. Ich beurtheile Sie hierin» nach mir: denn unmöglich, denke ich, würde ich bey meiner alten Mutter, und an dem Orte, wo ich meine Jugend vergnügt zugebracht, mißvergnügt seyn können. Es mengen sich da zu viel angenehme Ideen der Erinnerung in die gegenwärtigen Empfindungen: und im Grunde ist cS immer eins, ob man sich über das Gegenwärtige oder über das Vergangene zu freuen hat; wenn man sich denn nur freuet. Freylich hätte ich es Ihnen doch nicht geglaubt, wenn Sie mir gedrohel hätten, diese Gegend vorbey zu reisen, ohne mich zn besuchen. Ich weiß nicht anders, als daß der Weg von Kassel allerdings bey Wolfenbüttel vorbeygeht: und ich will Ihnen vor dem Thore schon aufpassen lassen, wenn ich nur erst den Tag Ihrer Durchkuufl ungefähr weiß. Wenigstens hoffe ich doch, daß sich Ihre Verrichtungen ni Braunschweig unterdessen so werden gehäuft haben, daß Sie wenigstens derenwegen einige Tage daselbst bleiben müssen. Aber in der Rose müssen Sie da nicht wieder logircn, sondern gleich daneben im Sterne. Da ist jetzt mein Absteigequartier, und Zimmer und alles ist da besser. Aus meinem Letzten werden Sie sonst wohl gesehen haben, daß ich die Hoffnung aufgegeben, Ihnen entgegen zu kommen. Wenn cS zwar wahr wäre, was man erzählt, daß vorige Woche der Teufel selbst, in höchsteigener Person, des NachtS in Hamburg die Lotterie gezogen habe; daß eine von den gezogenen Nummern einem Nacht- LcsstngS Briefe. 1717. 2ö1 w^chlcr auf den Kopf gefallen, welcher darüber an dem Tode liege; daß sechs andere Teufel dabey die Tcputirtcn vorgestellt, und mit feu- rigcn Krausen auf dein Gerüste gesessen: wenn das alles wahr wäre, so hätte ich doch fast Lust, mein Heil noch einmal zu versuchen. Denn ohne Zweifel würde sich der dumme Teufel, der souach die Dircclion von der Lotterie bekommen, einbilden, daß mir vieles Geld gar nichts nütze, daß ich nichts wie Böses damit stiften würde, und würde mir es also zuschanzen. Aber hätte ich eS denn nur einmal; wäre jemals der Teufel betrogen worden, so sollte er es von mir werden! Wer mir das Histörchen aus Hamburg geschrieben hat, ist Madame Sch.; und ich hätte sie mögen dabey lachen hören. Auch Sie wird sich sehr auf Ihre Zurückkunft freuen; und cS sollte mir leid thun, wenn der Kaltsinn, der zwischen Ihrem Herrn Schwager und dem C. R. gegenwärtig ist, auch auf sie beyde Einfluß haben sollte. Sie sind zwar beyde unfähig, ihre Freundschaft eines fremden Zanks wegen aufzuheben: aber cS könnte doch leicht geschehen, daß sie einander darüber seltner zu sehen bekämen. Die Sache mit dem Dänischen Lotto, wie mir K. wenigstens schreibt, soll so richtig noch nicht seyn. Denn der König habe noch einmal Bericht darüber verlangt, und Jsclin in Koppcnhagcn, auf welchen bey der Entreprise am meisten gerechnet worden, welle nun nichts damit zu thun haben. Auf allen Fall aber, weiß ich wohl, hat K. Sch ... cn die General-Collecte in Hamburg versprochen. Eben besinne ich mich, daß Sie itzt in der Nähe von unserm Pater Mayer sind; vielleicht, daß Sie ihn wohl gar zu sprechen bekommen. Wenn dieses geschehen sollte: so haben Sie doch die Güte, ihm meinen Empfchl zu machen, und ihn zu erinnern, was er mir für die Fürsiliche Bibliothek versprochen: »emlich seine Werke, die er in Petersburg drucken lassen. Er soll Ihnen wenigstens nur sagen, ob sie in Mannheim wo zu kaufen sind: und alSdcnn haben Sie ja wohl die Güte, die Auslage dort zu thun, und mir sie mitzubringen. Recht viel Neues von dem Wiener Theater bringen Sie mir ohnedem mit: aber Sie sind selbst Schuld, wenn ich mich nicht eben besonders auf diese Neuigkeiten freue, — sondern nur auf das, was Sie mir dabey zn erzählen haben werden. Wenn Sie aber auch nur selbst das Theater fleißiger besucht hätten! In Heidelberg werden Sie denn auch wohl hören, was an der Rede gewesen, oder noch ist, daß der Pfälzische Hof selbst ein deutsches Theater haben wolle. Nun leben Sie recht wohl, meine liebste Freundinn, und setzen Sie Ihren Weg recht glücklich fort. Gott wolle nur nicht, daß in 19° 292 LessingS Briefe. 1771. diesem Monate wiederum ein solcher Schnee einfallt, als vor dem Jahre, wozu eS hier wenigstens ziemlich das Ansehen gewinnen will. Doch möchte es doch, wenn Sie nur erst in Brauuschwcig wären, lind von da aus nicht weiter fortkommen könnten. Ich rechne darauf, daß Sie mir von Kassel oder Nürnberg aus noch einmal schreiben: denn von da aus werden Sie wohl ziemlich den Tag Ihrer Ankunft bestimmen können. Ich bin voller Verlangen nach dieser, Dero ganz ergebenster Freund und Diener Lcssing. ?l» Nciokc. Wolfcnbüttcl. d, 26. April 1771. Ich halte mir eben vorgeworfen, daß ich Euer Wohlgcbohrncn abermals auf zwey Briefe Antwort schuldig sey, als ich bey meiner Zuruckkunfl nach Wolfcnbültcl (denn ich habe mich einige Zeit in Braunschweig aufhalten müssen) einen dritten vorfand. Und welch einen dritten! Die Ehre, welche mir Euer Wohlgcbohrncn durch Zueignung dcs neuen Bandes griechischer Redner erwiesen, war mir so unvermuthct, ist so ausnehmend, daß ich Ihnen die schmeichelhafte Bestürzung, in die ich darüber geriet!), nicht beschreiben kann, ohne meine Eitelkeit allzusehr zu verrathen. Ich suche auch nur vergebens Worte zu einer Danksagung, die aus weit mehr bestehen müßte, als aus Worten, wenn ich mich nur zu mchrcrm vermögend sähe. Ein Glück ist eS aber bey dem allen für mich, daß mir Euer Wohlgcbohruen selbst die Gefälligkeiten anzeigen, die Sie, — statt alles Dankes, von mir erwarten. Aber wahrlich, diese sind einer solchen Bestechung nicht werth, und ich finde mich von selbst geneigt genug, sie einem Gelehrten von Ihrer Art lieber aufzudringen, als zu gewähren. Empfangen Dieselben also meinen Dank zugleich auch dafür, daß Sie mir Gelegenheit geben wollen, mich wenigstens darin» von der gewöhnlichen Gattung der Bibliothekare auszuzeichnen, daß ich das, waS ich nicht selbst zu nutzen verstehe, fremder Nutzung nicht neidisch vorzuenthalten suche. In dieser Gesinnung nehme ich keinen Anstand, Euer Wohlge- bohrnen den verlangten Codex des LibaniuS zu übermachen. Ich bitte Lessings Briefe. 1771. 293 bloß die Güte zu haben, mir mit einem Worte den richtigen Empfang desselben zu versichern: liiid sodann können Sie ihn nach Ihrer völligen Bequemlichkeit brauchen, und auch so lange behalten, als es Ihre anderweitigen Arbeiten erfordern. Der Codex selbst gehört unter die Manuscripte des Marg. Gudius. Warum er aber in dem gedruckte» Catalogo dieser Manuscripte mein, lirnnaoeus zier.'uiliczuu» heißt, weiß ich nicht zu sagen. So viel weiß ich gewiß, daß kein anderer in unserer ganzen Bibliothek vorhanden, welcher etwas von den Reden des Libanins enthielte, lim seine Briefe aber ist Ihnen nichts zu thun. Indem ich ihn durchblättere, finde ich, daß er zum Schlüsse ansehnliche Excerpte aus verschiedenen andern griechischen Schriftstellern enthält, welche alle weder in dem gedruckten Catalogo der Eudiusschen Manuscripte, noch in unseren geschriebenen Catalogis angezeigt sind. Außer den größcrn Stucken ans den Gemälden des Philostratus und den Betrachtungen des Antoninus, finde ich da verschiedene Gedichte des Moschus und einige Epigramme. Die Gedichte des Moschus haben sogar griechische Schollen, dergleichen ich bey keiner gedruckten Ausgabe dieses Dichters gesehen zu haben, mich erinnere, und von deren Werthe ich von Euer Wohlgebohrncn bey Rücksendung des Manuscripts wohl unterrichtet zu seyn wünschte. Wollten Dieselben überhaupt sodann eine kurze Notiz beylegen, was diese Excerpta insgesammt enthalten, so würde ich es mit so viel größcrem Dank erkennen, denn ich muß gestehen, daß ich einiges darunter angetroffen, was mir gänzlich unbekannt gewesen. Ich wünsche übrigens, daß auch dieser Codex Euer Wohlgebohrncn so angenehm und wichtig seyn möge, als es der Hcluistädtische gewesen ist. In Ansehung des letztem haben Dieselben aber sehr wohl gethan, daß Sie auf keine Weise den in eigner Person davon gemachten Gebrauch zu verbergen gesucht. Das Unhcil, das für mich daraus entstehen kann, wird nicht groß seyn, und ich wüßte nicht was Sie anders hätten machen sollen. Von dem Ilein-. 5ul. IZIuine, der diesen Codex der Helmsiädtischen Bibliothek verehret, werden Sie i» Burchards Ilitloiia Ijililiollwc?,« ^uxutlas umständliche Nachrichten finde». Das Buch ist gemein genug, und die Register in beyden Theilen weisen die ihn betreffenden Stellen so treulich nach, daß ich aller weiter» Anführung daraus überhoben seyn kann. Und nun komme ich auf die Hofnung, welche mir Euer Wohlgebohrncn gemacht, mich und Ihre andern hiesigen Verehrer diesen Sommer mit Dero Frau Gemahlin zu besuchen. Ich wüßte nicht, was mir die Aus- 294 LcssingS Briefe. 1771. ficht iii diesen Sommer angenehmer machen könnte, als so eine Hof- nung, nnd ich brenne vor Verlangen, zwey Personen, die ich abwesend so sehr verehre, auch persönlich meine Ergebenheit bezeugen zu können. Machen Sie ja, das; der Erfüllung dieser Hofnung nichts in den Weg kömmt; ich werde es inir äußerst angelegen seyn lassen, Ihnen den hiesigen Aufenthalt so angenehm zu mache», als nur Immer in meinem Vermögen steht. Ich weiß zwar, daß Euer Wohl- gebohrnen unsere Bibliothek schon ehemals besucht haben, welches ich aus einem Geschenke gesehen, das Sie ihr zurückgelassen. Doch vielleicht findet sich doch noch manches, welches damals Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, und das einen zweyten Besuch zu belohnen im Stande ist. Der Faktor unserer WayscnhauSbuchhandlung, Herr Gabler, hat den Auftrag von mir, alle meine Schulden bey Euer Wohlgebohrncn zu berichtigen: sowohl die rückständige Pränumcration auf zwey Exemplare der griechischen Redner, als auch den Betrag für die übersandten Bücher. Euer Wohlgebohrncn müssen in diesem Punkte, auch gegen Ihre besten Freunde schlechterdings nichts als Kaufmann seyn. Da Sie ohnedem schon alles thun, was man nur immer von dem uneigennützigsten Gelehrten erwarten kann: so müssen sich gerade Ihre Freunde das meiste Bedenken machen, auch nur in einer Kleinigkeit diese Ihre Uncigennützigkeit zu misbrauchen. Ich empfehle mich Dcro Frau Gemahlinn, und verharre mit der vollkommensten Hochachtung :c. Lessing. An Madame König. Wolfenbüttel, den 1. May 1771. Meine liebste Freundinn! Meine besten Wünsche haben Sie vergebens begleitet, wenn Sie nicht den Sonntag bey guter Zeit gesund und munter in Hamburg angekommen sind; wenn Sie Ihre Kinder nicht eben so gesund nnd munter nach so langer Zeit wieder umarml haben; wenn Sie nicht alles in Ihrem Hause und in Ihren Geschäften so gefunden haben, als Sie es sich nur immer wünschen können. Ohne Zweifel fangen Sie nun auch au, sich von Ihren Faligucn zu erholen. Aber daß Sie ja nicht auf einmal sich zu bewegen aufhören! Laufen Sie, und fahren Sie ja noch alle Tage wenigstens zwey Meilen, bis Sie der völligen Ruhe wiederum gewohnt werden. Es könnte Ihrer Gesundheit rcssiiigs Briefe. 1771. 295 sehr »achlhcilig sei)», wenn Sie plötzlich mit Eins gänzlich stille sitzen, und wenig oder gar nicht aus Ihrem Hause kommen wollten. Doch ich verlasse mich dcSfalls auf alle unsere Freunde, die so erfreut seyn müsse», Sie wieder zu habe», und sich zuverlässig die ersten Wochen nicht wenig um Sie reißen werden. Wen» ich wenigstens nur die Woche einmal mit dabey seyn könnte! In Gedanken werde ich es oft genug seyn, aber wahrlich in Gedanken Sie mir doch lieber allein, als in Gesellschaft aufsuchen. Schenken Sie mir nur auch in Hamburg manchmal eine Viertelstunde, um mir zu antworten. Denn nur das kann mich versichern, daß Sie meine Besuche in Gedanken nicht verschmähen, sondern erwiedern. Der K. v. K. empfiehlt sich Ihnen auf das angelcgemlichsic noch- mals. Wahrlich, sein Auftrag ist Scherz, aber sehr ernstlicher Scherz. Wann Sie nur wollen, so ist seine Sache auch in sehr guten Hände»; und mit Hülse von Madam St. ° ° sollten ja wohl noch andere Dinge möglich werden können. Sie brauchen sich dabey auch nicht so gcnan an Ordre zu binden: denn ist es nicht die, so ist es eine Andere. Nur muß das, was Sie wissen, immer das Nehmliche seyn. Ich bin wahrlich begierig, von Ihnen zu erfahren, ob Sie das Herz haben, zu so eiuer Angelegenheit die Hand zu bieten. Ich werde sicherlich eine ganze Menge Schlüsse darauf bauen, und Sie müssen cS errathen können, was ich am liebsten daraus schließen möchte. — Dieser Brief ist sehr kurz: aber er soll auch eigentlich weiter nichts, als Sie nur in Hamburg willkommen heißen. Leben Sie recht wohl, meine liebste Freundinn. Ich bin mit der aufrichtigsten Ergebenheit Dero beständigster Frcnnd und Diener Lcssing. An Madame König. Meine liebste Freundinn! llnscrc Briefe sind einander begegnet. Aber ohne daß ich wissen konnte, was der Ihre enthalte, wird meiner so gut, als eiuc Antwort darauf gewesen seyn. Ist es nur möglich, daß Sie mich so falsch verstehen können? Ich sollte keine Nachricht von Ihnen erwarten, keine Nachricht von Ihnen wünschen — als nur über den einen Punkt? Und warum sollte mich denn dieser cine Punkt nitcressirc», '5 V> 296 Lcssings Briefe. 1771. wenn mir nicht jede Kleinigkeit, die Sie betrifft, eben so interessant wäre? — Doch Sie erklären Ihren Argwohn selbst für einen hypochondrischen iSinfall, und in eben dem Augenblicke erhalle ich auch Ihren zweyten Brief, in welchem Sie mir etwas mehr Gerechtigkeit wieder- fahren lassen. Nur bey weitem noch nicht olle, die ich verlangen kann. Ich habe freylich, leider, Briefe genug zu schreiben, und wurde deren noch viel mehr zu schreiben haben, wenn ich es weinen Cor- respondenten nicht allzuoft zu verstehen gäbe, wie ungern ich überhaupt Briefe schreibe, sobald Briefe etwas anders seyn sollen, als freundschaftliche Plauderei) mit einem Abwesenden. Den meisten von den Herren, denen ich antworten muß, wenn wir an einem Orte zusammen lebten, würde ich vielleicht nicht Jahr und Tag unter die Augen kommen: was kann ich für Lust haben, an Leute zu schreiben, mit denen ich nur sehr selten Lust haben würde, zu sprechen? Wie wenig aber das mein Fall mit Ihnen ist, das müßten Sie ja wohl von Ihrem Aufenthalt in Brauuschwcig wissen, wenn Sie es auch sonst nicht wissen könnten. Wie sehr habe ich Sie immer da belagert gehalten? Und immer ist es mir zu spät eingefallen, daß ich Ihnen übcrlästig seyn müsse. Ich sehe es voraus, wenn ich diesen Sommer nach Hamburg komme, daß ich eS nicht besser machen werde. Ich werde sicherlich nur allzuoft um Ihnen seyn. Aber eben daher erlauben Sie mir auch, daß ich mich Ihres gütigen Anerbietens, das Logis bey Ihnen zu nehmen, nicht bediene. Sie würden keinen Augenblick vor mir Ruhe haben: und ich will überhaupt keinem meiner Freunde die geringste Unruhe verursachen. Ich will in meinem alten schwarzen Adler wieder absteigen, wo ich niemanden belästige, und wo ich um so viel mehr Herr von meiner Zeit und von meinen Besuchen bleibe. Desto schlimmer; wenn sich unser Zirkel so sehr erweitert hat. Besser ist er dadurch gewiß nicht geworden, und weder der Hamburgische Adel noch die Hamburgischcn Rathsverwandten sind jemals sehr nach meinem Geschmacke gewesen. Am besten also, wir machen sodann einen ganz kleinen Ausschuß von unserm alten Zirkel, und bleiben unter uns. Auf Madam Sch. habe ich sechs Tage in Brauuschwcig gewartet, und ich würde sie sicherlich noch länger erwartet haben, wenn sie mir es nicht endlich abgeschrieben hätte. Ich hätte eS voraus wissen können, daß aus ihrer Durchkuuft nichts werden würde, da sie mit einem so ungefälligen Peter reisctc. Reisen Sie, meine liebe Freundinn, immer lieber ganz allein, wen» Sie ja einmal wieder reisen müssen! Lessings Briefe. 1771. 297 Zwar wenn ich bedenke, daß es nicht immer ungefällige Reisegefährten sind, daß es öfters auch das eigene Hypochonder seyn kann, welches die besten Anschläge zu nichte macht — Wahrlich, Sie sind sehr gransam, daß Sie mir es nun erst hinten nach bekennen, cS sey Ihr Wille gewesen, sich einige Tage länger in Braunschweig aufzuhalten! Und was trieb Sie denn also? An meinen Bitten hätte es gewiß nicht fehlen sollen, wenn ich nicht um Etwas zu bitten gefürchtet, was ganz wider Ihren Willen sey. Gleichwohl, werde ich mich des- falls an Ihnen nicht rächen, sondern ich werde sicherlich bis auf den letzten Augenblick in Hamburg bleiben, als ich nur immer bleiben kann. Mit künftiger Post muß ich schon einmal wieder an den V. schreiben; denn wenn ich es, wie wir ausgemacht haben, nicht wenigstens immer auf seinen zweyten Brief thue, so bekomme ich nie einen wieder von ihm. Gänzlich mich aber um seine Corrcspondenz zu bringen, möchte ich nicht gern. Sie ist so lehrreich, so erbaulich — Wenn ihn nur nicht der verdammte Lottvlogist um alle seine gute Laune gebracht hat. Doch ich hoffe, er wird auch das bald abgeschüttelt haben; um so mehr, da ich sehr gewiß zu sey» glaube, daß man ihm von Str--aus nichts vorzuwerfen haben kann. Ihm aber das Schicksal seines Bruders mit aufzumutzen, das ist niederträchtiger, als beissend. lind auch daher schon halte ich cS nicht für möglich, daß Sch — an solchen Nichtswürdigkeiten Theil haben sollte. Daß aber sein liebes G doch nun auch von der Lesegesellschaft ist, das muß er mir zu verschweigen seine Ursachen gehabt haben. Nun will ich auch gern um so viel weniger von der Gesellschaft selbst anders als mit der größten Hochachtung sprechen. Ehe ich mir cS versehe, sind Sie, meine liebe Freundinn, wohl auch selbst davon? Und warum sollten Sie nicht? Lassen Sie sich von der alten B°° nicht abhalten. Die bey Klopstocks Messias Nase und Maul aufsperren zu sehen, würde mir selbst lächerlich vorkommen. Aber ich wette was, daß doch ihre Tochter Madam B. unter die Mitglieder gehört: denn ihr Mann selbst ist eine viel zu große Stütze des Parnasses. Folgen Sie also immer dem Exempel der Tochter, uud lassen Sie die Mutter schmähen. Der Kitt zum Porccllain bestehet aus geronnener Milch und gelöschtem Kalke; nur muß jene ganz ohne Rahm seyn, und durch ein Tuch rein ausgedruckt werden. Sodann nehmen sie drey Theile dieser geronnenen Milch und ein Theil von dem gelöschten Kalke, streichen es mit der Messerspitze gut durch einander, und leimen damit, was Sie 298 Lessings Briefe. 4771. leimen wollen. — Wenn es so lange hält, als unsre Freundschaft hallen soll, so ist es ein Kitt, den wir loben wollen. Leben Sie recht wohl, meine Beste; und Gott sey Dank, daß unsere Briefe nicht mehr vierzehn Tage laufen dürfen! Dero zc. Wolfenbüttel!---Wegen des Datums. Ich dalire immer recht. Aber der Fehler kann manchmal darum seyn, daß meine Briefe in Braunschweig liegen blieben, weil ich nur immer nachsehe, wenn die Briefe von Braunschwcig abgehen, und öfters vergesse, daß ich sie einen Tag vorher dahin abschicken muß. — Geschrieben also auch diesen Brief — zwar wirklich den 12. May. Doch stehe ich nicht dafür, daß Sie ihn nicht eher erhalten, als ob er einen Postlag später geschrieben wäre. An Madame König. Braunschwcig, den 23. May 1771. Meine liebste Freundinn! Ich danke Ihnen recht sehr, daß Sie Ihr Glück noch einmal mit mir versuchen wollen. Wenn Sie aber Ihrem eignen Glücke dadurch nur nicht im Lichte stehen. Indeß will ich Ihnen bey der Gelegenheit nur auch sagen, daß ich ebenfalls die Nummern 1!). 36. 4Z. 47. 69., welche Sie mir einmal aus Wien überschrieben, zcither, aber ganz sachte an, auf gemeinschaftlichen Gewinn conlinnirl habe. Noch hat meine Ehrlichkeit keine Gefahr gelaufen, noch habe ich Ihnen nichts zu verschweigen gehabt; es wäre denn der simple Auszug von voriger Ziehung, auf den ich den Einsatz wieder bekam. Aber wahrlich, ich sehe nicht, was für Recht ich habe, wir wehr zuzutrauen, als Sie sich zutrauen. Damit auch ich ehrlich theilen muß/ so wissen Sie nun hübsch, ob und wenn Sie auf Theilung zu dringen haben. Das Liebste wäre mir, wenn es gleich diesmal geschehen könnte. Denn Sie wissen rS nun schon, welche Quaterne wir auf die Nummern gewonnen haben: wir aber erfahren es hier erst morgen. Hier, in Braunschwcig; denn ich schreibe diesen Brief aus Braunschweig, wo ich seit gestern bin; erstlich, um das Geld sogleich in Empfang zu nehmen, und zweytcns, um beyher der Herzogin von Weimar meine Cour zu machen. Nicht wahr, Sie müssen lachen, wenn Sie mich und Cour machen zugleich denken? Ich gehe auch dazu, als ob ich dazu geprügelt würde. Lessings Briefe. 1771. 2W Dem K. habe ich seine Interims-Sentenz vorgelesen. Aber die Sache scheint sich nun ins Weite zu ziehen, da Madam St" sich nicht zugleich damit abgeben kann. Thun Sie indeß Ihr Bestes: er ist bereit, bey der geringsten anscheinenden Hoffnung in Person überzukommen, und ich habe ihm versprochen, ihn zu begleiten, es sey auch wenn cS wolle. Und wenn es auch noch vor dem August wäre, da ich ohnedem in Hamburg seyn will. Doch denke ich nicht, daß mir mein Ziel durch diese Sache sehr soll verrückt werden. Warum ich unmöglich eher in Hamburg seyn kann, habe ich Ihnen, meine liebste Freundinn, glaube ich, schon mündlich gesagt. Ich muß, zu Ausgang des Julius, noch erst einen Besuch aus Leipzig abwarten; der zwar nicht eigentlich mir, sondern der Bibliothek gilt, dem ich aber eben auch darum um so weniger aus dem Wege reisen darf. Wie ungern schlage ich das Vergnügen aus, den Brunnen in Ihrer Gesellschaft zu trinken! Ihn aber so lange zu verschieben, das ist auf keine Weise rathsam, weder für den Brunnen, noch für den, dem er helfen soll. Fangen Sie also immer je eher je lieber damit an, und ich will auf meinem Wolfcnbüttelschen Schloßwalle ein Gleiches thun. Werden Sie nur dadurch so gesund, als ich zu werden denke, so können wir das Wasser, das wir mit einander nicht getrunken haben, mit einander in Wein nachholen. Nicht wahr, das ist gerade eine Partie, wie man sie einer Dame vorschlagen muß? Doch es ist so böse nicht gemeint; denn ich will Ihnen bey dieser Gelegenheit nur sagen, daß ich mir den Wein ganz und gar abgewöhne; und daß ich also schon Einen Ort weiß, den ich in Hamburg nicht wieder besuchen werde, den Reller. ES wäre denn, daß ich mich einmal von dem V. dahin schleppen ließe, um die scandalöse Chronik des Jahres meiner Abwesenheit mit ihm durchzublättern — und um ihm zugleich den Text zu lesen, wegen seines Betragens mit Sch. Dieses ist sehr unartig; und wenn sich die dadurch verursachte Trennung indeß nicht wieder zusammen zieht, so habe ich in Hamburg ein Vergnügen weniger, worauf ich mit gerechnet hatte. Aber ich kenne Jemand, der mich auch dafür schadlos halten soll. ES ist eine verfängliche Sache, wenn man auf sich selbst rathe» soll; eS sey im Guten oder im Bösen. Indeß weiß ich nicht, wer cS mir schon gesagt hatte, daß ich in leibhafter Person auf dem Theater in Hamburg seit einiger Zeit spielen solle. Nun ist es mir um so viel lieber, von Ihnen zu hören, daß es doch in so gar leibhafter Person nicht ist. Denn wahrlich, ich möchte meine Person 300 Lessmgs Briefe. 1771. doch lieber ganz und gar für mich behalten; mag sie doch seyn, wie sie will. Zwar, wenn dieser mein Repräsentant gefällt/ so bin ich eitel geinig zu wünschen, daß Sie nicht unter allen allein das schärfste und beste Auge gehabt hätten. Denn es ist eine schlimme Sache, mit so scharfen und gntcn Angcn zu thun zu haben. Und wiederum so gar schlimm doch auch nicht. Schlimm aber, oder nicht schlimm: wenn Sie nicht bald finden, daß ich ihm ähnlich sehe, so mag ich ihm auch nickt ähnlich sehen. Bey Gelegenheit der Aehnlichkcit! Ich habe hier Ihr Portrait nicht zu sehen bekommen. Haben Sie aber doch auch das nicht gesehen, was ich habe. Und mag Ihres doch anch noch so ähnlich seyn; ich weiß mir meines ganz gewiß noch weit ähnlicher zu machen. Leben Sie recht wohl, nieine liebste Freundinn. Ich bin ganz der Ihrige Lessing. An Karl G. Lcssmg. Braunschweig, den 26. May 177t. Mein lieber Bruder, Ich weiß nicht, was Du für Ursachen kannst gehabt haben, so lange ni.cht an mich zn schreiben; aber warum ich Dir nicht geschrieben, weißt Du. Krank bin ich zwar uu» nicht mehr; aber wenn ich sagte, daß ich deswegen so wäre, wie ich zu seyn wünschte, so müßte ich es lügen. Unter allen Elenden, glaube ich, ist der Elendeste, der mit seinem Kopfe arbeiten soll, auch wenn er sich keines KopfcS bewußt ist. Doch was hilft alles Klagen? Habe nur die Güte für mich, mein lieber Bruder, und besorge die Correctur noch weiter. In den letzten vier Bogen mußt Du ebenfalls des Bettels müde geworden seyn; denn es sind Fehler stehen geblieben, welche allen verstand verderben. Als I». 213. Z. 11. für Noch muß -S heißen Nicht, p. 216. F. 1. für Erwählung unzähliger Gegenstände — Erwäynuug unzähliger, p. 255. Z. 3. für gesetzt — gesagt. Z. 13. für Policen — prc>- biren. p. 259. Z. 19. für lateinischen Marmor — lacoinschei» Marmor. i>. 275. Z. 1. für indem das Spiel — indem das Schild, p. 278. Z. 1. für Zärtlichkeit — Zierlichkeit. Lerschicdner Fehler in den iioniiuilius pror>rÜ8 nicht zu gedenken. Ich weiß, Du nimmst es mir nicht übel, wenn ich Dich bitte, Dir LessingS Briefe. 1771. 301 lieber bey der Corrcctur das Manuscript vorlesen zu lassen; wenigstens bey der zweyten. Denn freylich, alle die Fehler, wo ein Wort für das andre gesetzt worden, find sehr bald zn übersehen, wenn sich nur einigermaßen noch ein Sinn dabey denken laßt. Herr Moses hat mir seine neue Ausgabe der philosophischen Schriften geschickt, und mir dadurch sehr viel Vergnügen gemacht. — Aber um so mehr betrübte wich sein Brief. Ich will hoffen, daß es sich seit der Zeit schon mit ihm wieder gebessert hat. Versichere ihn, daß ich seinetwegen recht sehr unruhig bin. Aber was ist denn das wieder für ein neuer Anfall von Lavater? Was sind denn das für Juden, die, auf Veranlassung seiner Streitigkeiten mit ihm, Christen sollen geworden seyn? Ich werde ihm nächstens selbst schreiben, wenn ich weiß, daß er sich besser befindet. Auch schreibe ich mit der nächsten Post an Herrn Ramlcr, den ich nnn für meine Lieder um eben den Freundschaftsdienst bitten muß, den er mir bey den Sinngedichten erwiesen. Bereite ihn immer vorläufig darauf. Ich bin cS allenfalls zufrieden, daß von den Liedern überhaupt nicht mehr wieder gedruckt werden, als er für seine Lieder der Deutschen darunter ausgesucht hatte. Dein Urtheil über den neuen AmadiS ist sehr das mcinige. Inzwischen ist das Schlechteste darin doch unendlich besser, als das Beste in der Inoculation der Liebe. Die Uebersetzungcn aus dem Homer und Sophokles in Klotzens Bibliothek habe ich noch nicht gelesen. Die Nachricht von Koch, daß er nach Berlin gehen werde, habe ich der Herzogin von Weimar gesagt, die sie aber nicht glauben will. Sie versicherte, daß er sich anheischig gemacht, diesen Sommer wieder nach Weimar zu kommen. Ist denn Döbbclin wieder in Berlin? ES liegt jetzt eine Aktrice, Madame Mccour, hier müßig, die von Ackermann abgegangen ist, und mit der er seine Truppe sehr verbessern konnte. Melde ihm doch daS; entweder mündlich oder schriftlich, wenn Tu weißt, wo er sich aufhält. Die Frau ist sehr gut, und ich wünschte sehr, daß sie in Deutschland bliebe, da sie sonst nach Rußland zu gehen gesonnen ist. Lebe wohl und schreibe mir bald wieder. Dein treuer Bruder, Gotlhold. 302 Lcssings Briefe, 1771. An Madame König. Wolfcnbüttcl. den 3. Inn. 1771. Meine liebste Freundinn! eben erhalte ich einen Brief von Madam Sch., aus welchem ich sehe, daß Sie schon wieder einen schlimmen Fall gethan haben. Aber was heißt denn das, daß Sie so oft fallen? Und warum setzen Sie mich selbst nicht geschwind aus der Unruhe, in der ich mich wegen dieser Nachricht befinden muß? Ich will nicht hoffen, daß Folgen dieses Falles Sie daran verhindern. Das wäre allzuarg; mid so arg macht es mir Madam Sch. doch nicht, wenn sie mir anders das Schlimmste nicht lieber hat verschweigen wollen. Sie waren so geschwind, mir zu melden, daß Sie ein Glück mit mir theilen wollten. Wenn die weit langsamere Meldung, daß Sie keines mit mir zu theilen haben, nicht Ihre Unpäßlichkeit zum Grunde hat, so danke ich Ihnen auch dafür. Und doch würde mir die eben so geschwinde Versicherung, daß Sie mich eben darum für kein Un glückskind halten, weil man in meiner Gesellschaft sein Geld verspielt, nicht weniger willkommen gewesen seyn. vine einzige Feile, meine liebste Freundinn, so bald cS Ihnen möglich ist! Ich bitte Sie recht sehr darum. Die Wcimarischc Herrschaft kömmt diesen Nachmittag, die Bibliothek zu besehen: und ich wollte, dieser Besuch wäre schon vorbey. ES ärgert und kränket mich jetzt ohnedem schon so Vieles, daß ich, um fremden Leute» ganz unausstehlich vorzukommen, nicht noch nöthig habe, Sie krank zu besorgen. Aber Sie sind es auch nicht. Nicht wahr, Sie sind es nicht? Dero ergebenster _ Lessing. An Glcim. Wolfenbüttel, d. «. IuniuS 1771. Liebster Freund, Ich bleibe Ihnen meinen Dank für das angenehme Geschenk Ihrer Elise etwas lange schuldig. Aber Sie kenne» meine Nachlässigkeit im Schreiben seit langer Zeit, und haben nie etwas Nachteiliges daraus geschlossen. Sollten Sie nun erst anfangen, an meiner Freundschaft und Hochachtung darum zu zweifeln? Das thun Sie gewiß nicht. Lcssings Brief-, 1771. 303 Elise hat mir sehr wohl gefallen, und wurde mir ohne Zweifel noch mehr gefallen haben, wenn meine Empfindungen itzl nicht so selten mit dem Tone solcher Gedichte gleich gestimmt wären. Der Bü- chcrstaub fällt immer mehr und mehr auf meine Nerven, und bald werden sie gewisser feiner Schwingungen ganz und gar nicht wehr fähig seyn. Aber was ich nicht mehr fühle, werde ich, ehemals gefühlt zu haben, doch nie vergessen. Ich werde,, weil ich stumpf geworden, nie gegen diejenigen ungerecht werden, die es noch nicht sind; ich werde keinen Sinn verachten, weil ich ihn unglücklicher Weise verloren habe. Daß ich aber hiermit nichts mehr von mir sage, als was die Wahrheit ist, davon wird Sie mein Sculterus sehr deutlich überführen. Ich vergebe es allen, die mich damit auslachen werden. Ich habe es mehr als einmal gesagt, daß es wenig Geschmack verräth, die Reime eines solchen Schulfuchses iyt wieder drucken zu lassen. Ich könnte mich zwar mit dem Orte entschuldigen, für den er eigentlich bestimmt war: für Zachariäs Sammlung. Aber ich will doch lieber gestehen, daß ich nun einmal leider so weit heruntergekommen bin, daß ich an Dingen Lust und Nahrung finde, die ein gesunder Magen für sehr saftlos und unverdaulich erklärt. Haben Sie die Güte, liebster Freund, das zweyte Exemplar des Sculterus Herrn ZZenzler in meinem Namen zu geben, welcher mich vor einigen Tagen mit der ersten Ausgabe von Logaus Sinngedichten sehr angenehm überrascht hat. Versichern Sie ihn meines verbindlich- sien Dankes, den ich ihm selbst abzustatten nicht ermangeln würde, wenn ich wüßte, wo er wäre. Aber er bezicht sich auf Sie, und ich erwarte, daß Sie mich ihn kennen lehren. Leben Sie wohl, liebster Freund, und vergessen Sie nicht, daß Sie mich schon vor einem Jahre einmal zu überfallen versprochen. Dero ganz ergebenster Freund Lessing. An Karl G. Lcssmg. Wolfcnbüttcl, den 4. Julius 1771. Mein lieber Bruder, Wenn Dir um sonst nichts bange ist, als daß ich wich durch das schale Lob der Theologen dürfte verführen lassen, mich mehr mit ihren 304 LesstngS Briefe. 1771. QuiSquilien und Ungereimtheiten zu beschäftigen- so kannst Du meinetwegen ganz ohne Sorgen seyn. Aber ich muß Dir leider sagen, daß das Unglück sonst sein Spiel mit mir hat. Ich bin, seitdem ich Dir das letztem«! geschrieben, auch nicht einmal im Stande gewesen, mich mit theologischem Unsinn abzugeben, geschweige, daß ich etwas Ecschcidtcres vorzunehmen fähig gewesen wäre. Selbst diesen Brief schreibe ich, wie halb im Traume. Ich habe schlechterdings die ganze Zeit über meine Gedanken nicht eine Viertelstunde auf die nehmliche Sache fixircn können; und jede Zeile, die ich, auch nicht zum Drucke, schreiben müsse», hat mir Angstschweiß ausgepreßt: so wie cS wirklich auch von diesen Zeilen noch wahr ist. Acht Tage habe ich dazu einen Ausschlag über den ganzen Körper gehabt, daß ich mich kaum vor jemanden sehen lassen konnte; und nun habe ich seit vier Tagen den Pyrmonter-Brunnen zu trinken angefangen, wobei mir mein Arzt schlechterdings gerathen, mich so viel, wie möglich, ernstlicher Beschäftigungen zu einschlagen. Wundre Dich daher nicht, daß das Bißchen Manuskript, welches hicrbey folgt, alles ist, was ich indessen habe zusammen stümpern können. Noch weniger wundre Dich, wenn ich die noch übrige Zeit, da ich den Brunnen trinke, nicht viel mehr zu Stande bringe. Ich glaube wohl, daß es Herrn Voß unangenehm seyn wird; aber Gott weiß, er thut mir Unrecht, wenn er meynt, daß Gemächlichkeit oder gesellschaftliche Zerstreuungen die wahre Ursache meines UnfleißcS sind. Ich komme hier zu keinem Menschen, und nie von meiner Stube, als wenn ich auf die Bibliothek gehe. Roch weniger darf er sich einbilden, daß ich für Andre an etwas anderem arbeite. Ich verspreche ihm vielmehr, daß ich sicherlich nicht die geringste Kleinigkeit eher annehmen will, als bis ich mit den vermischten Schriften zu Stande bin. Nur muß er mich wieder zu mir selber kommen lassen, und nicht ungeduldig werden. Ich versichere Dich, die Vorstellung, daß er es manchmal seyn möchte, ist eine der unangenehmsten, die ich habe, und nichts als das Gefühl der Unmöglichkeit, ihm besser zu dienen, kann mich deSfalls beruhigen. ES wird mir äußerst sauer, mehr zu schreiben. Laß Dich dieses aber nicht abschrecken, mir recht oft und recht viel zu schreiben. Du erzeigst mir eine wahre Wohlthat damit; denn jeder Brief, den ich von einem Bekannten oder Freunde bekomme, verschafft mir ein sehr ersprießliches Jntervallum. Wie befindet sich unser Moses? An Ramler habe ich seit vierzehn Tagen einen Brief angefangen, aber noch nicht über die erste LessingS Briefe. 1771. 306 Seite kommen können. Lebe wohl, mein lieber Bruder — besser als ich, würde nicht viel sagen. Dein treuer Bruder, Gctthold. Meine liebe Mutter, Ich würde Ihnen gewiß mit dem Hrn. von Carlowitz geschrieben haben, wenn ich bey seiner Abreise im Stande gewesen wäre, Ihnen mein Versprechen zu halten. Aber dieses thun zu können, habe ich erst meine zu JohanniS gefällige Besoldung heben müßen, womit eS sich dicseSmal länger als gewöhnlich verzogen hat. Sie werden mir es also vergeben, daß die zugesagten 5,0 Rthlr. erst nunmehr hierbey erfolgen; womit lch nichts als die Bitte verknüpfe, gewiß von mir zu glauben, daß ich die Summe gern vermehret hätte, wenn cS mir möglich gewesen wäre. Ich hoffe indeß, und will mein bestes dazu thun, daß ich Ihnen in einigen Monaten wiederum eine kleine Re- messe machen kann. Daß Sie eS mit der Schwester nöthig haben werden, kaun ich mir sehr leicht vorstellen: und Gott ist mein Zeuge, wie gern ich Sie aus aller Verlegenheit auf einmal setzen wollte, wenn ich mich nur selbst noch zur Zeit in beßern Umständen befände. Haben Sie also mit meinem Unvermögen Erduld, und seyn Sie versichert, daß ich dieses Unvermögen nicht blos vorwende. l?S ist allerdings unsere Schuldigkeit, daß die Schulden, in welche ein so guter Vater durch seine Kinder gerathen ist, auch von seinen Kindern bezahlt werden. Ich habe mich auch schon wehr als einmal erbothen, sie- sämmtlich über mich zu nehmen: das ist, sie schriftlich über mich zu nehmen, und eine Obligation oder Wechsel dagegen auszustellen. Wem von unsern Schuldnern dieses gefällig ist, der kan zu der Zeit, die ich ihm festsetzen will, sich gcwiße Bezahlung versprechen. Wer aber aus Grobheit oder Eigensinn sogleich baar bezahlt seyn will, — dem helfe Gott! Ich kann ihm nicht helfen, und zu Unmöglichkeiten ist kein Mensch verbunden. ES bekümmert mich auch wenig, was die Leute indeß sagen. Ich bin bey mir überzeugt, daß ich eS mit dem Andenken meines Vaters rechtschaffen meine, und kein Mensch soll mit der Zeit einen Heller durch ihn verloren haben. Aber Zeit muß man mir laßen: oder man sage mir, wie ich es sonst anfangen soll. Lesiings Wette xn, 2g Z06 LessingS Briefe. 1771. Was das zu druckende Andenke» anbelangt, so will ich mit nächsten an Thcophilus wcitläuftig darüber schreiben. So wie cS TheophiluS aufgesetzt hat, ist es recht gut: aber ich sehe wahrlich nicht ein, warum cS, den dummen und boshaften Lamzer» zu gefallen, gedruckt werden muß. Eben so vollständige Nachrichten von unsers Vaters Leben sind schon an mehr als einem Orte gedruckt, und es ist immer noch Feit, der Welt zu seinem Lohe etwas zu sagen. Rnr muß taS eben nicht in einem gedruckten LcbcnSlanfe sehn, wie er nach der Leichenpredigt abgelesen wird. Ich habe mir es fest vorgenommen, etwas aufzusetzen: aber es soll etwas seyn, was man weiter als in ^amenz, und länger als ein Halbjahr nach dem Bcgräbnißc liefet, Dazu aber brauche ich Feit und Gesundheit., woran es mir leider itzl fehlet. Beruhigen Sie sich also immer, meine liebste Mutier, über diesen Punkt! Die beste Ehre, die wir unserm verstorbnen Vater erzeigen können, ist, daß wir Sie um so viel mehr lieben, und so sehr als möglich ist unterstützen. Beides dieses gelobe ich Ihnen hiermit aus ganzem Herzen; und ich bin cS auch von meinen übrigen Brüdern überzeugt, daß sie sich um die Wette darum bemühen werden. Leben Sie indeß mit der Schwester, die ich vielmals grüße, recht wohl, und versichern Sie mich bald, daß Sie allezeit in gutem au mich denken. Dero Wolfenbültel gehorsamster Sohn den 7 Julius 1771. Gotthold. An Rciske. Wolfcubütlcl, d. 7. Iul. 1771. Ich lebe »och immer der angenehmen Hofnung nun bald die Ehre und das Vergnügen zn haben, Euer Wohlgebohrncn und Dero Frau Gemahlinn allhier in Wolfenbültel aufzuwarten. Ich vcrspare also alles, was der Inhalt dieses Briefes sonst seyn könnte und müßte, bis auf mündliche Unterhaltung, und will bloß durch diese Zeilen Dieselben crgebcust ersuchen, die Eütigkcit zn haben, mir den Tag der Abreise und vermuthlichen Ankunft allhier unbeschwert zu melden. Demi da ich mich jetzt von Zeit zu Zeit ciiicn oder mehrere Tage in Braunschweig aufhalten muß: so könnte es sich sonst leicht treffen, daß ich gerade abwesend wäre, wenn ich Dieselben empfangen sollte. So höchst unangenehm mir dicfcS seyn würde: so sehr werden Lessings Briefe. 1771. 307 mich Euer Wohlgebohrnen durch eine kleine vorläufige Nachricht verpflichten, in deren erwünschter Erwartung ich vor jetzt mit vollkommenster Hochachtung verharre :c. Lessing. An Madame König. Wolfenbüttel, den 29. Zul. 1771. Meine liebste Freundinn! Ich habe mir sehr lange das Vergnügen, an Sie zu schreiben, versagen müssen. Aber schmeichle ich mir nicht zu viel, wenn ich glaube, daß Sie die Ursache davon zu wissen verlangen? Ich bin in allem Ernste seit sechs Wochen so krank gewesen, als nur immer ein Mensch seyn kann, der nicht im Bette und nicht auf den Tod liegt. Besonders ist es mir bey meinem ganz unerklärlichen Zufalle schlechterdings unmöglich gewesen, das Geringste zu schreiben. Bey jeder Zeile, die ich anfing, trat mir der Angstschweiß vor die Stirne, und ich verlor alle Gedanken. Ich könnte Ihnen mehr, wie einen Brief an Sie, mit beylegen, die ich alle auf der ersten halben Seite wieder abbrechen müssen. Nach dem Pyrmonter Brunnen, den ich gestern beschlossen, nachdem ich ihn 18 Tage getrunken, scheinet mir ein wenig besser zu werden. Aber doch nur ein wenig, und Sie sehen es diesem Anfange eines Briefes wohl nicht an, daß ich schon länger als eine halbe Stunde darauf zubringe. Nach jeder halben Zeile fast muß ich einmal aufspringen, um — frisch Athem zu holen. — So wie ich eS auch bey diesem Striche lhnn mußte. Nur daß ich leider wieder eine sehr lange Pause machen müssen. Senn es war den 24. dieses, als ich mit Mühe und Noth bis an diesen Strich geschrieben; und heute ist der 2!1te, da ich es versuchen will, weiter fortzufahren. — ES wäre kein Wunder, ich verlöre alle Geduld. Das Einzige, was mich noch in der Fassung erhält, ist, daß cS mit meiner Reise nach Hamburg demohngcachtct sein Bewenden behält. Mein Arzt dringet darauf, mir eine Ncränderung zu machen, und glaubt, daß meine Umstände nichts als eine Folge von meiner zcithc- rigen Lebensart sind, die von meiner vorigen allzusehr abgefallen. Aber ich muß mich schämen, so viel Geschwätz von mir selbst zu machen. — Statt alles Mitleids, meine liebste Freundinn, bitte ich Sie um baldige Nachricht, daß Sie sich um so viel besser befinden, als ich. 20" 308 LessingS Briefe. 1771. Wenn ich diese Nachricht länger entbehren könnte, so würde ich Ihnen auch noch diesen Brief nicht schreiben. Ich würde es eher darauf ankommen lassen, daß Sie mein Stillschweigen erklärten, wie Sie wollten, als daß ich Ihnen einen Brief schreibe, der Ihnen eben so verwirrt vorkommen muß, als sauer er mir geworden. Aber ich sehe wohl, ich muß Ihnen diesen Brief schreiben, wenn ich anders einen Buchstaben von Ihnen noch vor meiner Abreise erhalten will. Und den muß ich doch noch haben; denn ich glaube weder sicher noch ruhig reisen zu können, wenn Sie mir es nicht nochmals versichern, daß ich Ihnen noch immer eben so willkommen seyn werde, als Sie mich es in Ihren Briefen dann und wann hoffen lassen. — Eben, da ich dieses schreibe, fallt mir ein, ob meine jetzigen Umstände auch wohl Hypochonder seyn sollten? Aber das habe ich ja niemals gehabt: und ich wüßte gar nicht, wie ich nun erst dazu käme? — Ich habe die Zeit über, da ich glaube, daß Sie den Brunnen getrunken, zwanzigmal des Tages an Sie gedacht. In dem Jungfernstiege, und bey so unangenehmer Witterung! Wenn er Ihnen denn nur recht bekommen ist. Aber Sie werden fragen, ob ich nicht noch öfters bey der großen Wassersgefahr an Sie gedacht, in der Hamburg gestanden? Zu meinem Glücke habe ich erst vor einigen Tagen etwas davon erfahren; denn ich lese keine Zeitung. Wahrlich, da muß doch keine angenehme Zeit in Hamburg gewesen seyn! Und wie traurig muß es noch um Hamburg aussehen! Der liebe E. will deswegen dieses Jahr gar nicht hinkommen. Er denkt mit traurigem Herze» au die Gärten, in welchen er daSmal doch nicht lraktiret werden könnte. — Eben so glücklich, wer gar keinen Garten hat! Aber Schelmenglück muß der habe», der seinen Garten so zu rechter Zeit noch verkaufen können, als unser V. Denn ich denke doch, daß sein gewesener Garten auch ganz artig unter Wasser wird gestanden haben. Ich danke Ihnen recht sehr für das Neue vom Jahre. Aber wie angenehmer würde es mir gewesen seyn, wenn wenigstens nur die Addresse von Ihrer eignen Hand gewesen wäre. Denn freylich, daß Sie es auch mit ein Paar Worten begleiten sollen — das war zu viel verlangt, da ich Ihnen »och auf zwey Briefe Antwort schuldig war. Sie sind eine harte schlimme Frau! Auch Madam Sch. hat mir ein gleiches Präsent zu schicken die Güte gehabt, wofür ich ihr meinen Dank noch schuldig bin. Habe» Sie die Freundschaft, mich deshalb bey ihr zu entschuldige». ES soll in der ersten guten Stunde geschehen, die ich nun wieder haben werde. Heute ist mir es unmöglich: und Gott sey Dank, daß ich nur mit Lessings Briefe. 1771. 309 diesem Briefe so weit gekommen. Ich weiß es vollkommen wohl, wie geschwind ich darauf Antwort haben kann. So viel Posttage, als Sie mich länger darauf warten lassen, so viel Posttage, werde ich denken, ist Ihnen mein Brief auch noch immer zu früh gekommen. Wollen Sie mich das wirklich denken lassen? Leben Sie recht wohl, meine beste Freundinn. Ich bin auf immer Dero ergebenster Freund und Diener ^__Lessing. An Heync. Wolfenbüttel, d. 29. Jul. 1771. Schon hatte ich, werthester Freund, den zweyten Theil Ihres Virgils gelesen, und hatte mir eben gesagt, wie nothwendig es sey, Ihnen für die darin gethane Erwähnung meiner zn danken: als ich Dero Letztes mit dem Geschenke des Buches selbst erhielt. Empfangen Sie also für beydes hiermit meinen doppelten Dank, mit welchem ich noch den dritten für das Vergnügen und die Belehrung überhaupt verbinden muß, die ich in Ihren Anmerkungen so reichlich gefunden habe. Ueber die Stelle vom Laokoon, sehe ich, sind wir so ziemlich einig. Ich fürchte, daß wir es über die vom Schilde weniger seyn werden. Vielleicht bin ich auch wirklich für die Manier des Homers zu parlheyisch gewesen: und es kann nicht fehlen, das Sie für die Manier Ihres Virgils nicht manches werden zu sagen wissen, was meiner Aufmerksamkeit entgangen ist. Zu den Virgilischen Catalectis ist in unserer Bibliothek nicht viel vorräthig. Ein einziger kleiner Codex ist vorhanden, in welchem sich die (!»i>a und das klorotum befinden. Das beste aber, was Sie in dieser Absicht werden brauchen können, ist mir nur erst kürzlich unter den Büchern, welche der Professor Äaudis anhcr vermacht, in die Hände gekommen. Nehmlich ein Exemplar von LindcnbruchS Appell- lliee VirAiIii, mit dieses eigenhändigen Verbesserunge» und Vermuthungen, auch angestellten Vergletchungen mit verschiedenen Manuskripten. Unter andern ist das Moretmn mit einem Florentinischen Manuscripte verglichen, dessen häufige Varianten mir zum Theil von Wichtigkeit zu seyn scheinen. Beydes, so wohl jener Codex, als diese Lindenbruchsche Ausgabe stehen auf den ersten Wink zu Ihrem Befehle. Künftige Woche erwarte ich den Herrn Reiste. Wie sehr wünschte ich, daß ich mir hätte Hoffnung machen können, auch Sie, werthester 310 LessingS Briefe, 1771- Freund, diese» Scinmer einmal hier zu sehen! Aber Herr Boje scheu hat mir diese Hoffnung schlechterdings abgesprochen. Hc>r Xciske ist Willens, von hier nach Eöttingcn j» gehe»; und wie gern möchte ich diese Reise mit ihm machen! Doch eine andere, meiner kleinen Angelegenheiten wegen nothwendige Reise kommt dazwischen. Ich bedenke noch, daß ich vor allen Dingen meine Saumseligkeit, Ihnen zu antworte», hätte entschuldigen müssen. Aber wenn ich Ihnen klage, daß ich nu» sast seil sechs Monaten so schlecht bin, daß mir bey der geringsten Anstrengung alle bedanken vergehen, daher ich vor allem, was Schreiben heißt, eine ordentliche Wasserscheu, wenn ich eS so nennen darf, habe: so, weiß ich, werden Sie Mitleiden mit nur habe», und mir verzeihen. Wenn mich meine Reise nicht wieder verstellt, so bin ich fähig, alle (?eduld zu verliere». Ich hätte »och itzt Ihnen eins und das andere z» schreiben; aber eben mein seltsamer Schwindel nöthiget mich abzubrechen. Leben Sie recht wohl, und empfehlen Sie mich Ihrer würdigen Frau Gemahlin. Dero ganz ergebenster :c. Lcssiug. A» Madmnc König. Braunschweig, den 22. Aug. l77l. Meine liebste Freundinn! Nur erst gestern bin ich mcinen Besuch aus Leipzig losgeworden, der mir fast ein wenig zu lange daurcn wollen, so lieb er mir auch sonst gewesen, lind nun denke ich an nichts, als an meine Abreise nach Hainburg, die jedoch, so sehr ich sie auch beschleunige, nicht eher als künftigen Mittwoch, welches der 28. diese« seyn wird, vor stch gehen kann. Und auch dann noch muß ich noch erst nach Hannover, von wannen ich weiter, mit der daselbst neu angelegten Postchaisc, über Felle nach Hamburg abzugehen gedenke. Schwerlich also dürfte ich noch diesen Monat in Hamburg eintreffen; aber die ersten Tage des folgenden ganz unfehlbar. Das ist es alles, was ich Ihnen Zuverlässiges von meiner Ankunft jetzt melden kann. Wenn Sie aber erlauben, so melde ich Ihnen den eigentlichen Tag derselben noch aus Hannover. Haben Sie die Eüte, unserer lieben Sch. dieses auch zu sage», und mich zu entschuldigen, daß ich ihr wiederum nicht antworte. Die Versöhnung zwischen Ihrem und den, K... schcn Hause ist inir LessingS Briefe. 1774. 3l1 recht sehr angenehm, und ich hoffe, daß der L. auf die Zukunft artiger seyn wird- — In einer Stunde soll ich noch nach Lcchelde zu dem Herzog Ferdinand. Ich schreibe dieses aber in Brannschweig, wo ich gestern der ersten Ziehung des Lotto bchgewohnet habe. Und wissen Sie schon, daß wir auf unser Billet, das Sie mir aus Wie» Übermacht, eine Ambe gewonnen haben? Nehmlich auf l>!) und 47. Schade nur, daß ich sie so lumpicht besetzt. Indeß ist doch auch diese Kleinigkeit gut, den Spaß wieder eine Weile mit ansehen zu können. Leben Sie recht wohl, meine liebste Freundinn. Sie glaube» nicht, wie sehr ich mich auf Sie freue. Dero ganz ergebenster Lessing. An Madainc König. Braunschweig, den 30. Aug. 1771. Meine liebste Freundinn! Die Gesellschaft, mit der ich vorgestern über Hannover nach Hamburg reisen wollte, hat sich zerschlagen. Ich reise also erst morgen von hier ab; aber nunmehr auch den geraden Weg, und bin künftige» Dienstag bey Ihnen. Wünschen Sie mir gutes Wetter; guten Weg zu wünschen, wäre doch nur vergebens. Hier regnet eS Tag vor Tag; und wenn Brannschwcig den Regen über Hamburg bekommt: so ist das eine nasse Aussicht für mich. Aber das Vergnügen, Sie zu sehen, wird mich für alles schadlos halten. Leben Sie bis dahin noch recht wohl. Dero ganz ergebenster L. An Karl G. Lcssing. Brannschweig, de» 30. August 177 t. Mein lieber Bruder, Endlich folgt hier, womit ich glaube, daß es am besten ist, den ersten Theil meiner vermischten Schriften zu vollenden. Ich habe 312 Lessings Briefe. 1771. mit den kritischen Untersuchungen schlechterdings abbrechen müssen; und ohne Zweifel ist es für die Schriften selbst um so viel besser. Denn diese kritischen Alfanzercycn sind doch nur nach weniger Leser Geschmack; da cS hingegen ungleich mehreren angenehm sevn wird, auch die Lieder in dem Bande zu finden, zu welchen ohnedies keine Abhandlungen kommen können, weil ich über die ganze Gattung nichts zu sagen weiß, als was schon tausendmal gesagt worden ist. Du bekommst also hiermit, außer dem Beschlusse der Abhandlung über die griechische Anthologie, ein corrigirteS Exemplar der Lieder, bey dessen Abdrucke Folgendes zu beobachten ist: I. Die zwei Bücher sollen in Eins gezogen werden, und die Lieder selbst können in der Ordnung auf einander folgen, wie cS der Raum leidet, oder Herr Ramler cS für gut findet. II. Die mit einem Pfeile bezeichneten, und durchstrichenen Stücke bleiben gänzlich weg, weil eS nichts als elende Rcimcrcven sind. III. Die mit einem Haken bezeichneten würde ich ebenfalls ganz weglassen, wenn nicht auf diese Weise zu wenige übrig blieben. Herr Ramler mag ein Werk der Barmherzigkeit an ihnen thun, so viel cS seine Zeit erlauben will. IV. In denen, welche Herr Ramler in seine Lieder der Deutschen aufgenommen hat, und in den zweyten Theil derselben aufzunehmen gesonnen ist, adoplirc ich alle von ihm gemachte Aenderungen und Verbesserungen: ausgenommen die einzige Wcglassung der letzten Strophe in dem Liede, die Gespenster, welche durch die doppelte bevaeschricbene Veränderung (wovon er die beste wählen mag) ungleich bescheidener und erträglicher geworden. Ich habe meine eigene Ursachen, warum ich diese Strophe der Kritik nicht aufopfern will. Entschuldige mich nochmals bei Herrn Ramler, daß ich ihm nicht selbst bezeuge, wie sehr ich ihm für die Mühe, die er sich mit den Sinngedichten gegeben, verbunden bin. Ich habe iht, wenn ich cS so nennen darf, eine eigentliche Wasserscheu vor allem, waS schreiben heißt. Aber morgen reise ich nach Hamburg, und wenn ich da, in anderer Gesellschaft und anderer Luft, meine alte Laune und Heiterkeit wiederfinde, so soll ein Brief an ihn das Erste sevn, was ich vor die Hand nehme. Nachdem eS mir in Hamburg gefällt, oder nicht, bin ich vielleicht im Stande, auf einige Tage nach Berlin zu kommen. Lebe bis dahin wohl, und empfiehl mich Herr» Voß, dem ich eine kleine Vorrede zu dem ersten Bande nächstens aus Hamburg senden will, in der eS am schicklichsten seyn wird, etwas von dem Nachdrucke LessingS Briefe. 1771. 313 zu sagen. Indeß mag er in seiner Zeitung davon bekannt machen lassen, was er will. ES soll mir alles recht seyn. Dein treuer Bruder, Eotthold. An Madame König. Berlin, den S9. Sept. 1771. Meine liebste, beste, einzige Freundinn! Das Herz blutet mir, wenn ich bedenke, in welcher Betrübniß Sie sich wegen des AbsterbenS Ihrer Mutter befinden. — Aber nicht befinden sollten. Dieser Schlag war Ihnen so vorbcrgcsehen, ist dem Laufe der Dinge so gemäß — Doch ich bin nicht klug, Sie mit kalten Betrachtungen trdstcn zu wollen. Wollte nur der Himmel, daß Ihnen die Versicherung, bey dem allen noch eine Person in der Welt zu wissen, die Sie über alles liebt, zu einigem Troste gereichen könnte! Diese Person erwartet alle Glückseligkeit, die ihr hier noch beschicken ist, nur allein von Ihnen, und sie beschwört Sie, um dieser Glückseligkeit willen, sich allem Kummer über das Vergangene zu entreißen, und Ihre Augen lediglich auf eine Zukunft zu richten, in welcher es mein einziges Bestreben sevn soll, Ihnen neue Ruhe, neues von Tag zu Tag wachsendes Vergnügen zu verschaffen. Machen Sie ja, meine Liebe, daß ich Sie nicht niedergeschlagener finde, als ich Sie verlassen habe! Wie gerne wäre ich eher wieder bev Ihnen gewesen>- wie gerne wäre ich bey Ihnen geblieben, wenn diese Berlinische Reise nicht so nothwendig gewesen wäre, und meine Rückkunft von mir allein abgehangen hätte. Aber es gefällt dem V. hier, und er will mit Gewalt eine Lottoziebung hier abwarten- Diese geschieht morgen, und gestern sind wir bereits achr Tage hier gewesen. Unsere Meinung ist, sogleich nach der Ziehung abzureisen: aber wenn wir über Potsdam gehen, und uns da noch einen Tag aufhalten; wenn der V. gar darauf bestehet, den Weg über Ludwigslust im Meklcnburgischcn zu nehmen: so werden wir schwerlich vor künftigem November in Hamburg wieder eintreffen. Wie sehr wünschte ich, daß mir alles, was mir in Hamburg lieb und werth ist, in Ihnen entgegen kommen wollte! Ich werde Ihnen von Potsdam oder LudwigS- lust aus, den Tag unserer Ankunft noch positiver melde». — !Z14 Lcssings Briefe. 1771. Aber, daß ich nicht eher an Sie geschrieben habe? Wahrlich, ich bin den ganzen Tag immer so belagert/ und des Abends so lange in Gesellschaft gewesen, daß dieses der erste freye Augenblick ist, den ich auf meines Bruders Stube ohne Zeugen zubringen kann, um mich ganz dem Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten, zu überlassen. An Sie gedacht habe ich stündlich, und Sie würden mich auf das äußerste betrüben, wenn Sie daran zweifeln wollten. K. - S empfehlen sich Ihnen. Die Vorsprache wegen Sch — will ich bis nach Hamburg, aus guten Ursachen, »ersparen. Leben Sie indeß recht wohl! Ich umarme und küsse Sie tausend mal, meine liebste, beste, einzige Freundinn! Lessing. A» Madame König. Braunschweig/ den :?1. Oktobr. 1771. Meine Liebe! Ich bin glücklich und gesund, obschon erst am Dienstage früh, in Braunschweig angekommen. Naß bin ich zwar nicht geworden, aber von dem kalten stürmischen Winde habe ich die erste Nacht mehr ausgestanden, als ich mich je in dem härtesten Winter ausgestanden zu haben erinnern kann. Bald hätte ich eS bereuet, daß ich gereiset war. Aber nun ist alles überstanden; und ich bin versichert, daß es Ihnen und unsern Freunden nunmehr selbst angenehm ist, daß ich nicht erst noch reisen muß. Ich bleibe bis Morgen noch hier in Braun- schwetg; und alSdcnn willkommen in mein liebes einsames Wolfcnbüttel! wo immer mein dritter Gedanke, Sie wissen schon, wer seyn wird. Möchte ich jetzt diesen Augenblick, da ich Ihnen mein Befinden melde, nur auch wissen, wie Sie sich befinden! Wohl, recht wohl: das wünsche ich, und hoffe ich. Lassen Sie mich ja von Ihnen alles — wichtiges und unwichtiges — wissen. Doch nichts ist mir unwichtig, was Sie angeht. Vor allen Dingen lassen Sie mich nie hören, daß Sie krank oder traurig sind. Nicht daß Sie mir eS verschweigen sollen, wenn Sie eS wirklich sind — denn das würde für mich eine Kränkung mehr seyn — sondern, daß Sie es in der That nie seyn wollen. Ich sage wollen; weil wirklich bey bevden Punkten mehr auf unser wollen ankommt, als man sich öfters einbildet. Wie schön wäre es, wenn ich meine Gesundheit und meinen Leichtsinn mit Ihnen theilen könnte! — Ich sage Ihnen von unsern eigentlichen Angelegenheiten nichts, und werde Ihnen auch in meinen folgenden LessingS Briefe. 1771. 315 Briefen nur wenig davon sagen. Sie glauben nicht, wie viel ich auf ein einziges Wort von Ihnen baue, und wie überzeugt ich bin, daß so ein einziges Wort bey Ihnen auf immer gilt. Bleiben Sie dieses auch nur von mir überzeugt, und ich bin gewiß, cS wird sich endlich allcS nach unsern Wünschen bequemen. Nächster Tage, meine Liebe, ein MchrcreS! — Empfangen Sie noch meinen Dank für alle das Gute, womit Sie mich in Hamburg überschüttet — ob ich schon weiß, daß Sie mir diesen Dank gern schenken. — Meinen besten Empfehl an alle unsere Freunde, denen ich aber nicht eher als aus Wolfenbüttel schreiben kann. — Ich bin mit Empfindung der aufrichtigsten Zärtlichkeit ganz der Ihrige Lcssing. N- S. Noch eine Kleinigkeit! Ich habe mich unterwcgcS erinnert, den Fuhrmann für die letzte Stunde, die ich Abschied zu nehme» herumgefahren, in meinem Quartier nicht bezahlt zu haben. ES kann höchstens zwey Mark betragen. Haben Sie die Güte, meine Liebe, und senden Sie diese zwey Mark in meinem Nahmen in den schwarzen Adler: Sie sollen sie bey mir zu gute haben. — Weiße Bohnen habe ich für Sie bereits. A» Karl G. Lessing. Braunschweig, den 31. October 1771. Ich habe nicht eher an Dich schreiben wollen, als bis ich wieder an Ort und Stelle wäre. Nun bin ich cS fast. Denn ich befinde mich seit gestern wieder in Braunschwcig, und denke morgen oder übermorgen vollends nach Wolfenbüttel zu gehn, um wieder einmal einen recht ruhigen und fleißigen Winter zu verleben. Gesund genug fühle ich mich dazu, und zu dem übrigen, was dazu nöthig ist, wird wohl auch Rath werden. Ehe ich aber weiter schreibe, danke Ich Dir erst sür alle Liebe und Freundschaft, die Du mir in Berlin erwiesen. Ich denke, Du bist von mir überzeugt, daß Du in allen Fällen ein gleiches von mir fordern und erwarten kannst. Meine Umstände, wenn ich gesund bleibe, müssen sich sehr bald wieder ins Reine bringen lassen, und ich werde die Verbindlichkeiten gewiß nicht vergessen, die ich gegen Dich habe. Nur jetzt wird mir noch vieles äußerst schwer, wo nicht gar unmöglich, was ich sonst mit dem größten Vergnügen -thu» würde. Als: eben 316 LcssjngS Briefe. 1771. habe ich, noch in Hamburg, einen Brief von unserer Mutter bekommen. Sie klagt, und mag leider mehr Mangel leiden, als sie äußert. Ich hatte geglaubt, ihr zu Michaelis wieder etwas schicken zu können, aber ich kann cS nicht, und ich will mich glücklich schätzen, wenn nur noch zu Wcyhnachten etwas daraus werden kann. Wenn Du ihr indeß mit etwas helfen kannst — so brauche ich Dich nicht erst zu bitten, es zu thun. Stelle sie wenigstens so bald als möglich zufrieden, und versichere sie, daß meine Schuld bey ihr gewiß die erste seyn soll, die ich abtragen werde. Selbst kann ich unter diesen Umständen unmöglich an sie schreiben. Die Exemplare von den vermischten Schriften habe ich erhalten. Allein Herr Voß muß so gut scvn, und mir noch einige (worunter ein Paar auf feinerem Papier) anher senden. Bitte ihn in meinem Namen, den PliniuS mit bey packen zu lassen, wozu Du auch das Exemplar von SulzerS Theorie legen kannst. Mit der Post aber schicke mir diese Sachen nicht, weil das preußische Postgeld gar zu erorbitant ist; sondern nur mit einem Fuhrmann«: etwa unter Einschluß der Way- senhausbuchhandlung. Daß aber durch die Ausgabe dieser Schriften der Nachdruck doch nicht hintertrieben werden können, das thut mir leid: ob ich schon glaube, daß er wenig Liebhaber finden wird, da er so elend gedruckt ist, und auch die dramatischen Stücke enthält, die schon längst korrekter und besser in den meisten Händen sind- Versichere übrigens unsern Freund, daß er auf den zweyte» Theil und auf den Band der Trauerspiele diesen Winter zuverlässige Rechnung machen kann. Ich schreibe ihm darüber, so bald ich in Wolfen- büttel bin, selbst das Nähere. Was macht unser MoseS? Ist er gesund ? Hat er bloß Fritschen, oder auch den König noch gesprochen? Sobald ich in Ruhe bin, werde ich ihm selber schreiben, wie auch Herrn Ramlcr und Nicolai, denen Du mich indeß empfehlen wirst. Dein treuster Bruder, Gotthold- Au Madame König. Wolfenbüttel, den 3. Novembr. 1771. Meine Liebe! Mein vorläufiger Brief aus Braunschweig wird Sie wegen meiner Ueberkunft beruhiget haben. — Aber Sie sollen sich meinetwegen nie LessnigS Briefe. 1771. 317 beunruhigen. Als ob Sie der Sorgen und Unruhe nicht ohnedem schon genug hätten! Sie sollen an mich nur immer mit den heitersten zufriedensten Vorstellungen gedenken. — Ich bin nicht allein in Braun- schwcig glücklich angekommen, sondern sitze nun auch schon wieder seit zwey Tagen auf meiner Burg in Wolfenbüttel, und bin gesund und vergnügt. Frcvlich würde ich unendlich vergnügter seyn, wenn meine Einsamkeit durch den Umgang der einzigen Person belebet würde, nach deren beständigem Umgange ich jemals geseufzet habe. Aber schon die Hofnung, daß mir dieses Glück noch aufgehoben, macht mich vergnügt; und soll man darum mißvergnügt seyn, weil man nicht so vergnügt ist, als man zu seyn wünschet? Meine Liebe, erhalten Sie sich ja bey Ihrem alten Muthe. ES wird gewiß noch alles für Sie so gehen, als Sie cS verdienen. ES wird sich eine Schwierigkeit nach der andern verlieren, und mich dünkt bereits die erste in der Aeußerung Ihres Schwagers gehoben zu sehen. Da er Ihnen einmal bekennt, daß es mit seiner Frankfurtschcn Hof- nung nichts ist, so seyn Sie gegen ihn nicht zu kalt und zurückhaltend. Dringen Sie nun in ihn, wie Sie in ihn zu dringen Recht haben. Er ist doch immer ein Mann, der Ihres Vertrauens werth ist, und der vielleicht nur zweifelt, ob Sie ihn wirklich dafür halten. Die Antwort aus Salzburg hätte freylich für die nähere Erfüllung unserer Wünsche besser ausfallen können. Aber ohne Grund mag sie doch wohl nicht seyn. Mein Rath kann in dieser Sache so viel als nichts gelten: und gleichwohl dünkt mich auch, daß Sie ein Geschäfte nicht so platterdings abgeben müssen, welches Ihnen so viel Mühe und Sorge gekostet, wenn cS sich anders anläßt, diese Sorge und Mühe einmal zu belohnen. Sich weiter derangiren müssen Sie freylich nicht; Sie müssen nicht noch mehr hineinstecken: aber es auf den Fuß zu continuiren, auf dem cS sich bereits befindet, daS, sollte ich meinen, müßte doch möglich und vorthcilhaft seyn. ES kömmt alles darauf an, daß Sie einen Mann finden, der Ihnen die Arbeit dabey erleichtert: und ich hoffe, daß Ihnen der in Ihrem Schwager nun schon gewiß ist. Wie sehr wünschte ich, daß ich es selbst scvn könnte, der Ihnen alle diese Lasten abzunehmen im Stande wäre! Oder noch mehr, daß ich Sie antreiben könnte, alle diese Lasten nicht abzulegen, sondern abzuwerfen, in der Versicherung, Sie dafür schadlos zu halten! — Ich denke auf Neues, was ich Ihnen zu unserer Beyder Zerstreuung schreiben könnte. — Herr W** ist hier ganz durchgefallen. Er schmeichelt sich vergebens, wenn er sich die geringste Hofnnng 318 LessingS Briefe. 1771. macht, daß seine Vorschläge wegen einer Bank noch Statt finden werden. Sie sind lediglich von ihm selbst und den mit ihm verwandten Familien in Braunschwcjg gekommen; und der Hof hat sich ganz leidend dabcv verhalten. Ich will wünschen, daß ihm andere Projekte besser gelingen mögen. Wegen seiner Akademie hat er, ich weiß nicht ob im Spaße oder Ernste, Zachariä Vorschläge gethan, und ihm die Direktion davon mit 1000 Dukaten angetragen, wenn er zugleich eine Art von Protektion von Seiten des Hofes dafür auswirken könnte. Schreiben Sie mir doch, ob es sich bestätiget, daß er sie demohngeach- tct nun will auffliegen lassen. — Oder schreiben Sie mir lieber, was mich mehr intcrcssirct. Denn was gehen uns fremde Angelegenheiten an? Sie können mir cS nicht oft genug schreiben, daß Sie mich lieben, und sich von meiner Liebe überzeugt halten. Die Antwort auf den Brief Ihres Herrn Bruders lege ich das nächstcmal bcv- Leben Sie indeß recht wohl- Ich umarme Sie tausendmal und empfinde in Gedanken alle diese Umarmungen erwiedert- Dero getreucstcr __^ Lessing. An Karl G. Lcssmg. Wolfcnbüttel, den 14. Nov. 1771. Mein lieber Bruder, Da ich heute an Herrn Voß den Anfang zum zweiten Theile der vermischten Schäften sende: so will ich auch zugleich auf Deinen letzten Brief, und besonders den vornehmsten Punkt desselben, antworten. Ich sage Dir also kurz und gut — Ob ich schon mit meiner gegenwärtigen Situation eigentlich nicht Ursache habe, unzufrieden zu seyn, auch wirklich nicht bin; so sehe ich doch voraus, daß meine Beruhigung dabey in die Länge nicht dauern kann. Besonders würde ich die Einsamkeit, in der ich zu Wolfcnbüttel nothwendig leben muß, den gänzlichen Mangel des Umgangs, wie ich ihn an andern Orten gewohnt gewesen, auf mehrere Jahre schwerlich ertragen können. Ich werde, mir gänzlich selbst überlassen, an Geist und Körper krank: und nur immer unter Büchern vergraben seyn, dünkt mich wenig besser, als im eigentlichen Verstände begraben zu seyn. Folglich, wenn ich voranSsehe, daß eine Veränderung mit mir endlich doch nothwendig seyn würde- so wäre es freylich eben so gut, wenn ich je eher je lieber dazu thäte; besonders, wenn diese Verändcrnng wirkliche Verbcsse- Messings Briefe. 1771. 31!» rung meiner äußerlichen Umstände seyn konnte, die nach den,/ was mir alles auf dem Halse liegt, viel zu kümmerlich sind. — Aber ein Vorschlag nach Wien? Was kaun da» für einer scvn? Wenn er das Theater betrifft: so mag ich gar nichts davon wissen. Das Theater überhaupt wird mir von Tage zu Tage gleichgültiger/ und mit dem Wiener Theater, welche» unter einem eigennützigen Jmpressario steht, mochte ich vollends nichts zu thun haben. Die schönsten Vcrsvrechun- gcn, die bündigsten Verabredungen, die ich dort fodern und erwarten konnte, würden doch nur Versprechungen und Verabredungen von und mit einem Particulicr seyn, und man müßte mir cS hier sehr verdenken, wenn ich eine gewisse dauerhafte Versorgung ungewissen Aussichten aufopfern wollte. — Doch vielleicht betrifft der Vorschlag das Theater nicht, wenigstens nicht unmittelbar; und in diesem Falle, gestehe ich Dir, würde ich mich nicht sehr bedenken, Wolfenbüttcl mit Wien zu vertauschen. Ich sehe voraus, daß ich bey diesem Tausch in allem Betracht gewönne. So viel kannst Du dem Herrn Professor Sulzer in meinem Namen versichern, mit dem verbindlichsten Danke für seine gütige Verwendung bey dieser Sache. Ich erwarte sodann seine weitere Aeußerung, und zwar je eher je lieber, weil ich sonst hier gewisse Dinge allzulange verzögern müßte/ die mich hernach mehr binden würden, als ich im Grunde itzt gebunden bin. Ucberrciche zugleich Herrn Sul- zcr ein Exemplar vom ersten Theile der vermischten Schriften. WaS den Abdruck des zwcvtcn anbelangt, so bitte ich Dich recht sehr, die (sorrectur so genau wie möglich zu besorgen. Ich sende heute den Abschnitt der Oden, an der Zahl IX Stück, und den Abschnitt der Fabeln und Erzählungen, an der Zahl 14 Stück, welche in der Ordnung so folgen müssen, wie sie numerirt sind. Wenn Herr Ram- lcc auch von diesen Bogen die letzte Revision übernehmen wollte, so wäre mir cS um so viel lieber. Er kann in der Geschwindigkeit gewiß Manches glücklicher ändern, als ich es im Stande bin; zudem würde die Rechtschreibung auch übereinstimmender. Bitte ihn also darum in meinem Namen. Das letzte Stück unter den Oden ist in der Vossischcn Zeitung benannten Jahres gedruckt, welche Du nachsehen kannst, wo das Geschriebene nicht deutlich scvn sollte. Lebe wohl »nd schreibe mir bald. Dein treuer Bruder, Gotthold, 320 Lessings Briefe. 1771. An Madame König. Wolfenbüttel, den 20. Nov. 1771. Meine Liebe! Ich würde mit der Nachricht, die ich Ihnen in meinem Letzten überschrieben/ nicht so gceilet haben/ wenn ich hätte vermuthen können, was für eine Nachricht indeß in Ihrem Briefe an mich untcr- weges wäre. Wahrlich, eine unangenehme Nachricht!— Aber ist denn daS eben dieser W, von dessen Freundschaft gegen unsern seligen Freund Sie mir wohl sonst so viel Rühmens gemacht haben? So will er Ihnen diese Freundschaft noch nach seinem Tode sehr theuer bezahlen lassen. Denn es ist natürlich, daß Sie sehr viel verlieren müssen, wenn er Sie zwinget, das Werk so auf den Plotz, vielleicht für das erste beste Geboth, zu verkaufen. — Indeß, meine Liebe, Sie müssen auch schon dieses über sich ergehen lassen. Halten Sie sich an Ihrem Troste, daß Sie an alle dem Unglück nicht Schuld sind. Erhalten Sie sich nur heiter, um sich gesund erhalten zu können; verlieren Sie, was Sie verlieren müssen; erhalte» Sie für Ihre Rinder so viel, als Sie erhalten können; und überlassen Sie ruhig alles Uebrige der Vorsicht. — Wenn Sie weiter in Wien nichts zu suchen haben, wenn Sie nichts mehr nöthiget, vielmehr da, als an einem andern Orte zu leben: so ist auch mir Wien ein sehr gleichgültiger Ort, den ich, unter den allervortheil- hastesten Bedingungen von der Welt, nicht mit meinem gegenwärtigen Aufenthalte vertauschen wollte. Ich werde also sicherlich alle Vorschläge dahin ablehnen, und keinen weitem Gebrauch davon machen, als daß ich mir hier damit, wo möglich, irgend eine Verbesserung zu verschaffen suche. Und alsdcnn, meine Liebe, können Sie weiter keine Ausflucht haben, mir Ihr Wort zu halten. Wenn Sie lieber in dem elendsten Winkel, lieber bey Wasser und Brod leben wollten, als länger in Ihrer gegenwärtigen Verwirrung: so ist Wolfenbüttel Win. kels genug, und an Wasser und Brod, auch noch an etwas mehr, soll es uns gewiß nicht fehlen. — Fahren Sie indeß ja fort, mich in Ihren Briefen vornehmlich von Ihren Umständen zu unterhalten. Bloße Neuigkeiten aus Hamburg können mir andere schreiben, für die ich weniger empfinde. Durch die Widerwärtigkeiten, welche Ihnen zustoßen, kann meine Liebe unmöglich erkalten. Eher, fühle ich, daß sie das könnte, wenn Sie sehr glücklich wären. — Der gute Ackermann! — er thut mir leid. Bst. halte die Nachricht mitgebracht/ daß er sich das Bein wirklich abnehmen lassen, oder LessingS Briefe. 1771. 321 doch fest entschlossen gewesen, es thun zu lassen. Man fragte mich schon, ob er mit dem Stelzfüße auch noch den Wachtmeister spielen könnte? Aber mir war um die FranciSka bange/ so viel ich ihrer Zuneigung auch sonst trauen würde. — Ich glaube es nicht, daß W. in Angelegenheiten der Bank hier gewesen. Denn cr hat in Braunschwcig niemanden gesprochen, als die Familien, mit welchen er sich versteckt hat. Ich will wünschen, daß auch Sie mit ihm aufs Reine seyn mögen. Vor einigen Tagen habe ich hier einen Besuch gehabt von dem W-, den Bb. nach Wien geschickt hatte, um ihm das bewußte Privilegium auszuwirken. Er sagte mir, daß ihm Bb. die ganze Sache nunmehr abgetreten habe, und daß cr auf Ostern wieder nach Snoim reisen werde, um die Fabrik auf einem nicht weit davon gelegnen Schlosse des Fürsten von Lichtenstein einzurichten. Ich glaube aber, es ist lauter Wind- denn eigentlich reiset dieser W- für die E...sche Lotterie. — Ich bedaure, meine Liebe, daß ich das Verlangte noch nicht absenden können. Um die Linsen und Erbsen recht gut zu haben, versprach mir der G. K. v. H., sie mir von seinem Gute kommen zu lassen. Ich sehe ihnen alle Tage entgegen. — Auch habe ich Malchcn nicht vergessen- aber ick) habe nicht nöthig, die Salbe erst zu schicken; Sie können sie leicht selbst machen. Die Hauptsache kömmt darauf an, daß sie sich an den crfcorncn Fingern recht oft mit ganz kaltem Wasser, oder lieber mit Schnee wäscht, und sodann die Hände mit der Salbe überstreicht, und Handschuh darüber zieht. Die Salbe ist nichts, als Provenccröl mit weißem Wachs über einem gelinden Kohlfeucr gut vermischt. — Ist die kleine Kiste mit den Büchern bereits abgegangen? Es sind einige darin», die ich bald brauchen dürfte. Leben Sie recht wohl, meine liebste, beste Freundinn. Ich gehe jetzt des Abends manche schöne halbe Stunde auf meinem Zimmer auf und nieder, und denke an nichts, als an Sie. Mit meinen Augen will es so recht dock) »och nicht fort: und ich kann sie auf keine bessere Weise schonen, als wenn ich mich, anstatt sie anzustrengen, in Gedanken mit Ihnen unterhalte. Malchcn, Engelbert und Fritz sind doch wohl und munter? Ich umarme Sie mit ihnen allen tausendmal, und bin ganz der Ihrige Lcssing. L-sn»gS Wcrkc xii. 2l 32? LessingS Briefe. 4771, An Karl G. Lcssing. Wolfcnbüttcl, de» tsten Decbr. 477l Mein lieber Bruder, Ich sende heute an Herrn Voß die corrigirte Sara. Eine Veränderung habe ich mit dem Namen des Vatcrö machen müssen. Die Engländer brauchen das Sir nie, als vor dem Taufnamcn. Er kann also nicht schlechtweg Sir Samvson heißen; sondern muß in der Anzeige der Personen, und in dem Stücke selbst, wo er vorkommt, Sir William Sampson, verkürzt Sir William, heißen. Ich habe es überall corrigirt, und Du wirst schon Acht geben, daß der alte Fehler nicht irgendwo stehen bleibt. Von Herrn Sulzcr hast Du wohl noch keine nähere Antwort? — Du hast sehr Recht: mit 1>ln» Rthlrn. würde ich mich in Wien noch nicht viel verbessert haben; 2<«>a Rthlr. müßten cS wenigstens sc»n. Doch, wie kann ich Forderungen machen, da ich noch nicht weiß, was man von mir erwartet! Mich verlangt nach der weitern Erklärung sehr; denn durch ungewisse Hoffnungen möchte ich mich hier nicht gern an diesem und jenem hindern lassen, was ich gleichwohl auch nicht unternehmen und anfangen möchte, wenn mich eine gänzliche Veränderung außer Stand setzte, eS zu vollenden. Auf etwas Englisches, das Du übersetzen könntest, will ich denken; und sobald ich nach Braunschweig komme, Prof. Ebcrten mit darum zu Rathe ziehen, welcher das Beste und Neueste nicht allein kennt, sondern größtentheilS auch bekömmt- Lebe indeß recht wohl. Dein treuer Bruder, Gottbold. An Madamc König. Braunschwcig, den e. D«. 477t. Meine Liebe! Ich habe einen Posttag überschlagen, weil ich noch erst einen Brief von Berlin in der bewußten Sache abwarten wollte. Und bald überschlüge ick) auch den zweyten; denn ich bin schon wieder in Braunschweig, wo ich allerdings nicht so leicht zum Schreiben kommen kann. Doch ich habe den Brief von Berlin erhalten, und muß Ihnen, wenn es auch noch so wenige Worte werden sollten, nothwendig schreiben. — Der Lessings Briefe. 1771. Vorschlag nach Wien bctrift das Theater nicht; und da es doch so ganz ausgemacht noch nicht ist, daß Sie sich von Wien gänzlich trennen müssen: so bleibt es bey meinem ersten Gedanken, und ich habe nochmals geäußert, daß ich mir die Veränderung wolle gefallen lassen. Man hat meinen Entschluß sogleich nach W- gemeldet, und in einigen Wochen kann ich mich von dorther der völligen Erklärung gewärtigen. Vorläufig versichert man nur, daß ich auf zwcv tausend Thaler Rechnung machen könnte; und liefe, denke ich, werden in W. doch wenigstens immer so gut seyn, als sechs oder acht hundert Thaler allhicr. ES ist gewiß, und ich fange es wieder sehr deutlich an zu empfinden, daß, so einsam und verlassen ich jctzo da leben muß, mein Aufenthalt ohnedem von Dauer daselbst nicht mehr sevn würde: und da ich voraus sehe, daß ich doch, über lang oder kurz, mich nach einer Veränderung sehnen würde; so wäre es thöricht, wenn ich diese Gelegenheit wollte auS den Händen gehen lassen. Besonders bev der so weit auS- schcinenden Hoffnung, die Sie mir auf Wolfenbüttel machen können: da es hingegen ungleich wahrscheinlicher ist, daß wir eher an jenem dritten Orte uns wieder zusammen finden können. Möchte cS doch nur so bald als möglich geschehen! Sie glauben nicht, wie sehnlich ich dieses wünsche, und wie vergnügt es mich macht, daß ich versichert seyn kann, daß Sie es auch ein wenig wünschen. Die böse Zwischenzeit! wer diese nur erst überstanden hätte! Doch, wenn wir sie mir gesund überstehen, das Andere wird sich auch finden. — Und Sie sind doch noch gesund, meine Liebe? Ich will hoffen, daß ich morgen die Versicherung davon erhalte. Denn Sie werden doch nimmermehr so grausam gewesen sevn, und auch nicht geschrieben haben? — Die gute Z.! wahrlich, sie dauert mich; aber ich denke, cS wird so gefährlich noch nicht sevn. Wenn cS eine hitzige Krankheit ist, so bleiben Sie aber lieber von ihr weg. — Eben werde ich durch einen übcrlästigcn Besuch gcstörct. Ich umarme Sie tausendmal, meine liebste Freundinn, und bin von ganzer Seele ganz der Ihrige Lcssing. An Madame König. Wolfenbüttel, den 11. Dcc. 1771. Meine Liebe! Ich werde sobald keinen Posttag wieder überschlagen; denn ich sehe, Sie lassen die Strafe zu geschwind nachfolgen. Doch können 21 * 324 LcssingS Briefe. 1771. Sie nicht auch Abhaltungen oder andere Ursachen gehabt haben, ohne mich eben strafen zu wollen? Mein voriger Brief war abermals aus Braunschweig. Sie werden nicht wissen, was ich so oft in Braunschwelg mache. Ich will Ihnen also nur die Wahrheit gestehen, daß ich diesesmal blos der Komödie wegen da war. Ddbbelin mit seiner Truppe hatte schon vierzehn Tage gespielt/ und ich mußte ihn doch wohl einmal sehen. Er hatte sich olmedcm schon eingebildet, daß ich etwas gegen ihn hätte, weil ich zu keinem von den Stücken hereingekommen war, die er von mir aufgeführet. Und doch würde ich mir den Weg um ihn auch noch nicht gemacht haben, wenn er mich, nebst seiner Frau, nicht ausdrücklich selbst abgeholet hätte. Nun habe ich ihn dreymal spielen sehen, und bin wieder hier. Seine Frau ist hübscher, als die Ackermannin, und doch will ich die Ackermannin unendlich lieber sehen. Apropos der Komödie! Sie versprachen mir ja, sie dort fleißig zu besuchen, und mir alle die neuen Stücke zu melden, die Ackermanns aufführen würden. DaS ist kein einzigesmal geschehen, und ich will doch nicht hoffen, daß Sie seitdem auch kein cinzigcSmal wieder hineingekommen? Auch nicht einmal Brockmanncn zu Gefallen? — Künftige Woche, dic ersten Tage, schicke ich den Vorrath, den ich für Sie bereits eingekauft habe, theils morgen oder übermorgen noch erhalte, unfehlbar ab. Wenn ich cS auf dem Markte hätte wollen einkaufen lassen, so würde ich schlechte Ehre damit eingelegt haben. So aber, denke ich, sollen Sie zufrieden damit seyn. Ich will daS Faß, worein ich es packe, von hier nach Toder Horsts in Braunschwcig schicken, die es dann weiter crpcdiren mögen. Ich will ihnen aber schon dabey schreiben, daß sie cS nicht so damit machen sollen, als mit meiner Kiste, die sie so lange in Braunschweig liegen lassen- Gut nur, daß ich sie doch endlich habe, und die Bücher von der Nasse nicht gelitten haben. Von meiner Wiener Angelegenheit erwarte ich das Nähere täglich. Auch bestärkt sich mein Vorsah immer mehr und mehr, diese Gelegenheit nicht aus den Händen gehen zu lassen. Besonders da ich min auch ungefähr weiß, worauf es ankommt. Es kömmt dock zu Stande, wovon man schon vor zwey Iahren in Hamburg gesprochen; daß nehmlich der Kaiser eine Akademie der Wissenschaften in Wien anlegen will. Und ich höre schon von einigen Andern, die er gleichfalls berufen läßt. Ist cS wahr, was man hier erzählet, daß Mamsell Ackermann ihrem Vater eine so schöne und herzbrechende Parcntation auf dem Lessings Briefe. 1771. 325 Theater gehalten, daß man die Wirkung, die sie auf die ehrlichen Hamburger gehabt, des andern Tages an der Einnahme sehr merklich gespürct hätte? ES sind doch sonderbare Leute, die Hamburger, die lieber jeder andern Ursache wegen in die Komödie gehen wollen, als des Geschmacks wegen! Und Madam Z. befindet sich besser? — So schreibt mir wenigstens Madam Sch., von der ich eben einen Brief erhalten, den ich den nächsten Posttag beantworten will. Sie sprechen sich wohl jetzt weniger, als jemals? K- klagt, daß es mit der Lotterie nicht so recht fort wolle; und daß sie seit Kurzem über 150M0 Mk. verloren hätten. Ob eS wohl wahr ist? Ich sehe aus seinem Briefe zugleich, daß der arme W. nun auch seinen Posten bey dem Lotto verloren hat. Aber haben sie ihm diesen denn so nehmen können? Wenn mir recht ist, so hörte ich einmal, daß Ihr Herr Schwager von dem Eintrage desselben noch seinen Antheil gehabt. Es sollte mir leid thun, wenn er nun auch darum mit ihm wäre! Sie, meine Liebe, werden- mit ihm wohl gleichfalls hängen geblieben sevn? K. schreibt mir, daß er noch gut weggekommen. Er wird also auch schon damals seinen Rückenbalter gehabt haben, als Sie sich wunderten, daß er so viele Wechsel für ihn gi- riret hätte. — Wenn ich Ihnen sage, meine Liebe, daß ich dieses bey Licht in der Stunde der Mitternacht schreibe: so werden Sie mir verzeihen, daß cS so unleserlich geschrieben ist. Ich kann es kaum selbst erkennen, was ich geschrieben habe; so wenig will es mit meinen Augen wieder fort. Und doch brauche ich ganz und gar nichts, als licbcS kaltes Wasser. Ich bin diesen ganzen Abend bey Ihnen gewesen, und nun will ich mich mit Gedanken an Sie niederlegen. Leben Sie recht wohl, meine beste, meine liebste Freundinn. Der Ihrige L- An Madame König. Wolfcnbüttel, den 1k. Dec. 177l. Meine Liebe! Ihr Brief vom inten sehte mich in die äusserste Bckümmerniß; mehr wegen Ihrer Gesundheit, als wegen alles andern. Ich erkenne es daher mit tausend Dank, daß Sie unverzüglich ein Paar Zeilen nachfolgen lassen, die mich wieder beruhigen sollen; aber »och lange 326 LessingS Briefe, 171 1, nicht mich völlig beruhiget haben. Denn auch nach diesen sind Sie nicht wohl — und wenn nur nicht schlimmer, als Sie mir melden mögen! O, meine Liebe, lassen Sie sich ja Dinge nicht so nahe ans Herz gehen, die nun einmal nicht zu andern sind. Bedenken Sie, daß Ihre Gesundheit das Kostbarste ist, was Sie Ihren Kindern erhalten können. Sonst ist ja der Schritt, den Sie gethan haben, recht gut, so sauer er Ihnen auch geworden. Sie haben Luft, und können Ihre Anordnungen mit Gemächlichkeit machen. Auch ist cS allerdings ein Glück, daß Sie in allen Fällen einen einsichtsvollen, ehrlichen Mann nunmehr zu Rathe ziehen können. Ich hoffe, es wird alles noch besser gehen, als Sie glauben. Wenn aber in Kurzem Ihr Herr Schwager, oder Sie, nach Wien müssen: so wünschte ich doch, daß Sie selbst die Reise dahin thäten; versteht sich, wenn cS Ihre Gesundheit erlaubt, und cS bis zum Frühjahr verschoben werden könnte. Denn ich denke, daß Sie selbst mehr ausrichten würden, als jede andere Mannsperson, auch außer Ihrem Schwager. — Und dann wünschte ich dieses auch meinetwegen. Ich fände Sie sonach wohl schon in Wien, und — doch, ich will mir mein Glück nicht gar zu gewiß vorstellen- Lassen Sie uns ruhig scrn, und das Beste hoffen, und icden Augenblick nur immer das thun, was Rechtschaffenhcit und Klugheit für das Gegenwärtige von uns fordern. Rechtschaffenheit und Klugheit — beyde zugleich, meine Liebe! Ich fürchte, ich fürchte, daß Sie bey der gegenwärtigen Lage Ihrer Sachen nur allzu geneigt sind, die erstere zu überspannen. Auch daher ist mir eS lieb, daß sich nun ein Mann dabey intcressirt, der hoffentlich von dieser Seite mehr Kaufmann ist, als Sie. Ich wollte Ihnen um alles in der Welt nicht rathen, sich eine unredliche oder auch nur zwevdcutige Handlung zu erlauben, wenn Sie auch, ich weiß nicht was, damit retten oder gewinnen könnten. Ich wäre es werth, mich um alle Achtung damit bey Ihnen zu bringen. Aber ich sorge nur, daß Sie sich über Diuge Bedenklichkeiten machen könnten, nicht, weil sie Ihnen unredlich, sondern weil sie Ihnen nur nicht uneigennützig genug vorkommen. — Schreiben Sie mir ja bald wieder, meine Liebe, wenn cS auch nur ein Wort seyn sollte. — Mein voriger Brief reuet mich. Denn so viel ich mich erinnere, habe ich Ihnen nichts als Thorheiten dämm geschrieben, die Ihnen ganz zur Unzeit werden gekommen seyn. Ich glaubte Sie eben so ruhig, als mich. — Ich muß Sie noch auf unsere gute Z. verweisen! Wollten Sie mit ihr tauschen? Wollten Sie Lcssiugs Briefe. 4771. 327 lieber ei» einziges Kind verlieren, als i» der Verwirrung »och einige Zeit fortleben, in der Sie sich jetzt befinde»? — Denken Sie daran, »icinc Liebe, und leben Sie recht wohl. Der Ihrige L. An Madame König. Wolfenbüttcl, den 23. Dec, 1771. Meine Liebe! Ich hatte diesen Morgen das Vergnügen, zwcv Briefe zugleich von Ihnen zu erbrechen. Aber wie gern hätte ich Ihnen den einen geschenkt! die Nachricht von Ihrer Gesundheit darin» ausgenommen. — Sie glauben nicht, wie sehr mir der Unfall des C. R. S " durch die Seele geht. Um so mehr, da ich glauben muß, daß cS allerdings Unvermögen ist, was ihm denselben zugezogen. Gott, wie soll cS der armen Frau gehen? und einer so zahlreichen unerzogenen Familie! Wenn sie von ihren Freunden noch Etwas zu erwarten hat, so werden sie cS ihr sauer genug machen, und ihr sicherlich den Schritt, den sie wider ihren Willen gethan, auf jedem Bissen vorwerfen. Das ist das Schrecklichste, was ich mir denken kann. — Ich bin ihm, Sch noch einige hundert Mark schuldig. Ich will mein Möglichstes thu»/ sie ihm nächstens zu übcrmachcn. Ich weiß wohl, daß ihn diese Lumperei) nicht retten kann; aber ich mag ihm doch auch unter diesen Umständen nicht länger schuldig seyn. Ich muß ihm die Gerechtigkeit wiedersah«» lassen, daß er immer sehr freundschaftlich gegen mich gewesen, und nur cS ausdrücklich überlassen, ihm das, was ich ihm bey meiner Vcrlassung seines HauscS schuldig blieb, nach meiner Bequemlichkeit abzutragen. Ich habe cS auch zum Theil gethan; würde aber doch emsiger darinn gewesen seyn, wenn ich mir seine Verlegenheit so dringend vorgestellet hätte. Ich glaubte, bey meiner letzten Ausflucht von Hamburg nach Berlin, ihn ganz befriedigen zu können: aber cS schlug mir fehl, und was ich damals dort ctnzubekoinmen hoffte, bekomme ich nun erst dieses neue Jahr, und wer weiß auch, ob noch alles. — Ich gehe morgen nach Braunschwcig; und ich schreibe Ihnen von da aus den nächste» Posttag ausführlicher. Ich habe diesen nur nicht vorbey lassen wollen, ohne Ihnen zu bezeugen, wie sehr mich die guten Nachrichten von Ihrer sich wieder einstellenden Gesundheit 328 Lessmgs Briefe. 1771, erfreuen. Ganz gewiß wird sich auch alles Ucbrigc finden, — Leben Sie indeß recht wohl, meine Beste. Dero ergebenster L- An Madame König. Wolfenbüttcl, den 26, Dcc. 1771. Meine Liebe! Ich wollte gestern nach Braunschwcig, bin aber nicht weiter, als bis auf das WeghauS gekommen. Da fand ich Zachariä, aß mit ihm zu Mittage und Abend, plauderte mich mit ihm aus, und fuhr glücklich wieder nach Wolfenbüttcl. Denn eigentlich wollte ich doch in Braunschwcig nichts, als mich einmal zerstreuen i und da ich diese Zerstreuung auf halbem Wege fand, so hatte ich dort weiter nichts zu suchen. Was ich mit dem ersten Posttage von dort aus thun wollte, thue ich also von hier — an Sie schreiben, meine Liebe. Und damit will ich mir den zweyten Feyertag recht angenehm vertreiben. Frcvlich wäre ich lieber eine Stunde bey Ihnen! Die Sonne hat gestern und heute so schön geschienen, und cS ist so angenehmes Wetter gewesen, daß wir, wenn eS bey Ihnen auch so ist, sicherlich einen Spazicrgang auf den Wall gemacht hätten. Aber Sie haben ihn doch auch gewiß ohne mich gethan? Halten Sie ja heilig, was Sie dem Doktor versprochen, und Ihrer eignen Gesundheit so schuldig sind! Ich bin versichert, daß, wenn cS nur erst mit der wieder recht gut stehet, alles Ucbrigc Ihnen ein Spiel seyn wird; — ein Spiel, ob schon nicht mit den besten Karten, doch aber immer noch gut genug, die Partie hinzuhalten. Endlich kommen denn wieder einmal gute Karten, und die Erinnerung ist angenehm, auch einmal unglücklich gespielt zu haben. Ich habe die Tage her Sch .. S nicht eine Stunde aus den Gedanken verlieren können; und mich verlangt äußerst, aus Ihrem nächsten Briefe zu ersehen, ob und wie dieses Ungcwittcr vorübergegangen. Ich denke, daß F" noch Geduld haben wird- Lieb ist mir dabcv, daß das Lotto-Comtoir unter M Namen geht: denn ich habe dieses den Interessenten der hiesigen Lotterie, an die Stelle des jungen T- H., bestens empfohlen, und eS ist mir noch Hoffnung gemacht, daß cS die dortige General-Collccte für Braunschweig erhalten soll. Wenn eS aber nur nicht auch mit auffliegt! Denn in Hamburg weiß es doch Lessings Briefe. 1771. 329 jedermann, wer eigentlich der Unternehmer davon ist/ und es kann leicht, wenigstens dort, an seinem Kredit vieles verlieren. In meiner Wiener Sache/ schreibt man mir aus Berlin, habe ich nun nächstens unmittelbar von dorther Briefe zu erwarten. K-- n habe ich nur so viel davon geschrieben/ daß eine Veränderung mit mir im Werke sey; ohne die geringsten wettern Umstände. Ich war dieses schuldig zu thun, weil er sonst mit seinen Söhne»/ die er auf die Schule anher nach Wolfcnbüttel thun wollte/ auf mich gerechnet hätte; und eS wäre unartig gewesen/ wenn ich ihn bis auf die letzte Stunde in seiner Meinung, daß ich hier bliebe, gelassen hätte. Ich hoffe, daß er auch nur gegen Sie so indisccet wird gewesen seyn, sich von der Sache etwas merken zu lassen. Ich habe ihn ernstlich gebeten, keinem Menschen etwas davon zu sagen, und cS wäre mir sehr unangenehm, wenn öffentlich in Hamburg davon gesprochen würde. Zwar stehet von dem Vorhaben des Kaisers selbst bereits etwas in verschiedenen politischen und gelehrten Zeitungen/ wo auch einer und der andere nahmhaft gemacht wird/ der in dieser Absicht nach Wien berufen worden. Ich wollte aber dennoch/ daß meiner dabey so spät als möglich gedacht würde; und ja nicht eher/ als bis ich hier selbst dem Herzoge davon hätte Meldung thun können. Aus Berlin hat man den Professor Sulzcr/ und einige andere von der Akademie, dahin verlangt, und aus Leipzig einen gewissen Professor Garve. Aber was mich wundert, so hat auch Professor Ricdel aus Erfurt, ein sehr schlechter Mann, den Ruf dahin erhalten; daß mir also bange ist, die guten Wiener werden nicht immer die beste Wahl treffen. Erkundigen Sie sich doch, meine Liebe, bey dem Doktor Mumsui/ (Tobias, meine ich, denn der ist es doch wohl/ den Sie brauchen?) ob an Klopstockcn kein Antrag geschehen? Sie dürfen nur sagen, daß Sie in den Zeitungen davon gelesen. Wenn etwas aus der Sache werden soll, so wissen Sie wohl/ was ich zugleich wünsche, und ohne welches mir wenig oder nichts daran liegt. Wien muß Ihnen auf keine Weise ein fataler Ort geworden seyn; und ich denke auch, daß er es nicht werden wird: ob ich schon aus Ihrem Widerwillen/ selbst die Reise dahin zu thun/ fast schließen sollte, daß er es bereits ist. Doch auch das giebt sich denn wohl wieder, und ich will mich in das Zukünftige nicht zu tief einlassen. Bey Ihrem Hamburger Waarenlager, meine Liebe, ist mir eingefallen, ob Sie nicht hätten versuchen sollen, cS in das Ocstreichsche einführen zu dürfen. Ich glaube gewiß, man würde Ihnen die Erlaubniß dazu, in Betrachtung der Fabrik/ nicht versagt haben. Doch 330 LcssingS Briefe. 1771. wenn es thunlich wäre/ so würde eS Ihnen schon längst eingefallen seyn; und eS ist nur lächerlich/ wenn ich Ihnen in solchen Dingen einen Rath geben will. Mit T> H- auf der Höhe, glaube ich, mag es freylich wohl auch nicht zum Besten stehen. Doch weiß man von einem Moratoriv/ das sie erhalten hätten, in Braunschweig nichts. Leben Sie recht wohl, meine Beste, und erfreuen Sie mich doch ja recht bald wieder mit guten Nachrichten von Ihnen. Das Bey wort gut geht lediglich auf Ihre Gesundheit. Ich bin auf immer ' ganz der Ihrige (!--!' ^-ys ni^x- 'Sii^tniMi' °V -v l-'f L. An Karl G. Lcssmg. Wolfcnbüttcl, den 31. Decbr. 1771. Mein lieber Bruder, Ich habe zur Zeit noch nichts in der bewußten Angelegenheit aus Wien vernommen, und ich muß Dir sagen / wenn man daselbst verlangt, daß ich erst zum Besuche hinkommen soll, so kann auS der ganzen Sache nichts werden. Denn denke nur selbst, wie unanständig und unsicher eS seyn würde, zu einer solche» Reise den Herzog um Urlaub zu bitten. Sollte ich ihm die Wahrheit sagen? oder sollte ich sie ihm nicht sagen? Sagte ich sie nicht: was könnte ich für einen Vorwand brauchen? und welcher Vorwand würde wahrscheinlich genug scvN/ daß man nicht sogleich hindurch sehen könnte? Sagte ich ihm aber die Wahrheit, nehmlich, daß ich mich in Wien besehen wollte, ob eS mir zu einem beständigen Aufenthalt da gefiele: was konnte ich mir für eine Antwort gewärtigen? Ich sehe nun überhaupt wohl, was eS mit dem ganzen Dinge ist. ES steht in öffentlichen Blättern ja min schon genug davon; und in den Erfurter Gelehrten Zeitungen lese ich/ „daß Prof Ricdcl mit einer sehr ansehnlichen Besoldung nach Wien zu der Stelle eines K- K. Raths berufe»/ und ihm dabey die freye Uebung der protestantischen Religion gestattet worden. Er werde im Anfang künftigen Jahres seine Stelle antreten und in solchen Geschäften gebraucht werden/ die für die Litteratur unsres Vaterlandes von größter Wichtigkeit sevn würden." Aber/ lieber Gott! wenn die guten Wiener mit Riedcln den Anfang machen: was kann man sich viel davon versprechen? Und wenn sie Riedcln auf seine Kuimm, und auf Treu und Glauben Anderer/ LessingS Briefe. 1771. 331 sofort berufen können: warum wollen sie mich denn erst sehen? warum muthen sie mir denn erst eine Reise auf Besichtigung zu? Du wirst sagen, die Besichtigung sey für mich. Aber es kömmt mir ganz so vor, als ob sie eben sowohl für die Wiener seyn solle, wie für mich. Kurz, wie gesagt- ohne völlige Gewißheit zu haben, thue ich keinen Schritt. — Und zieht Riedcl seinen ganzen Anhang nach sich, wie er ohne Zweifel zu thun suchen wird, so soll es mir eben so lieb seyn, wenn man mich laßt, wo ich bin. — Die Zeit wird cS lehren. — Also von andern Dingen. — Es thut mir leid, daß ich Dir in Deinem Vorhaben, etwas aus dem Englischen zu übersetzen, weder rathen noch helfen kaun. In die Bibliothek kömmt von neuen englischen Sachen gar nichts, und Ebert hat auch seit langer Zeit nichts bekommen. Von denen, die Du in Vorschlag bringst, würde ich am meisten für Dowc'S Nachricht von Hindostan seyn, aus Gründen, die Du selbst berührt hast. Doch ich bin nicht vermögend, Dir die neue Ausgabe zu schaffen. An den Bunclc wollte ich nicht, daß Du Dich machtest. Zum Uebcrsctzen ist er schlechterdings nicht; und etwas Achn- lichcS aus ihm für deutsche Leser zu machen, das würde keine Mcßar- bcit seyn. Die ^uMsanec la i-oligloii naturelle kenne ich nicht; aber, wenn sie so ist, wie Du sagst, so ist sie ein nützliches und gutes Buch, bey welchem ich bleiben würde. Mit meiner Tragödie geht cS so ziemlich gut, und künftige Woche will ich Dir die ersten drey Acte übersenden. Mich verlangt, was Du davon sagen wirst- Mache nur, daß sogleich daran kann gedruckt werden. Wenn im zweyten Theile der Schriften die Erzählung, das illuster der «Lhen, noch nicht abgedruckt ist, so soll cS mir lieb seyn. Denn ich kann nicht begreifen, wie vom Anfange an die letzte Zeile darin so ganz widersinnig abgedruckt worden. ES muß nehmlich nicht heißen: Die Frau war taub, der Man» war blind; , sondern umgekehrt: Der Mann war taub, die Frau war blind. Acndrc das also, wenn cö noch Zeit ist. Bey meiner letzten Anwesenheit in Berlin habe ich Herrn Mcil ein Paar alte geschnittene Steine, als Ringe in Gold gefaßt, gelassen. Er versprach mir, eine Zeichnung davon zu machen, und sie zu radt- ren. Erinnere ihn daran, und laß Dir die Ringe wieder geben. Er braucht zur Zeichnung weiter nichts, als einen guten Abdruck in Siegellack, den er davon nehmen kann. Die Ringe selbst aber schicke mir je eher je lieber; und da keine Fuhrleute hierher gehn, so schicke mir 332 Lcssings Briefe. 1771. 1772. sie/ in Baumwolle wohl verwahrt/ mit den Büchern/ so viel deren sind/ gerade mit der Post. — Lebe wohl und schreibe mir bald. Dein treuer Bruder/ _ Gotthold. An Madamc König. Braunschweig, den 2. Jan. 1772. Meine Liebe! Ich habe zwcv Briefe in den Händen, auf die ich Ihnen zu antworten schuldig bin; ausser dem dritte»/ auf den ich Ihnen aber mit nichts/ als mit meinem herzlichen Danke antworten kann. Sie sind allzu gütig/ und ich würde mich schämen müssen, daß ich mit so gar nichts im Stande bin/ Ihnen wieder eine Freude zu machen/ wenn mich Nicht Ort und Umstände von selbst deswegen bey Ihnen entschuldigten. AuS meiner Reise nach Braunschweig zu den Fcvertagen ward nichts, wie ich in meinem Letzten gemeldet. Aber zu dem neuen Jahr habe ich doch hingemußt/ und es ist aus Braunschweig, daß ich Ihnen dieses schreibe. UntcrwcgcS auf dem Weghause horte ich/ daß man Bohnen an Sie abgeschickt, aber nur eine kleine Quantität, und die mit der Post/ damit Sie mir schreiben können/ ob sie Ihnen gut genug sind. Hier habe Ich nun noch anderthalb Hunten Erbsen, und eben so viel Linsen / und die gehen morgen oder übermorgen unfehlbar mit einem Fuhrmann ab. Sie wären schon seit acht Tagen abgegangen/ wenn die Erbsen nicht erst hätten müssen gelesen werden/ die übrigens gut seyn sollen. Wegen des Thüringschcn Sauerkrauts hat Zachariä noch keine Antwort, ob cS schon abgegangen oder nicht. Das Präsent an Madam D- ist recht schön. Madam König versprach mir nichts dergleichen; aber wohl Madam K- Ich denke, Madam K- wird ihres fertig machen/ wenn ich wieder nach Hamburg komme. Alles, was Sie mir von Ihren Angelegenheiten melden, beruhiget mich recht sehr; vornehmlich weil ich sehe, daß Sie nun mit mehr kaltem Blute daran arbeiten, und sich es wenigstens vornehmen, keine Bcdenklichkeiten da zu sehen, wo keine sind. — Ich wollte Ihnen noch recht viel schreiben — aber das verwünschte Braunschweig, wo ich keine Viertelstunde allein seyn kann! Wenn ich Ihnen noch mit der heutigen Post schreiben will, so muß ich schließen. Und das will ich doch lieber thun, als Ihnen ganzer acht Tage nicht LesfmgS Briefe, 1772. 333 gesagt habe,,/ wie sehr ich Sie liebe! — Soll ich Ihnen noch zum neuen Jahr wünschen, oder vielmehr mir selbst wünschen, wovon Sie wissen, daß ich nicht aufhöre, es zu wünschen? Leben Sie recht wohU Dero ergebenster L. An Madame König. Braunschwcig, den 9. Jan. 1772. Meine Liebe! Ich bin, seit meinem Letzten, leider! noch in Braunschweig, wo ich so lange auf Briefe aus Berlin gewartet, die ich nun eben erst erhalten, die mich aber demohngcachtct nöthigen, noch einige Tage hier zu verweilen. Ich kann gar nicht sagen, daß mir dieser Aufenthalt angenehm sey, und ich wollte zehnmal lieber ganz einsam in meinem Wolfenbüttcl sitzen, als alle die hiesigen Lustbarkeiten mitnehmen, die ohnedem schon so herzlich schaal sind. Ihr letzter Brief hat mir abermals keine geringe Freude gemacht, da ich sehe, daß unter dem Rathe und Beystand des Herrn SchubachS Ihre Sachen so einen guten Gang zu nehmen fortfahren. Was mir aber am angenehmsten zu vernehmen gewesen, können Sie leicht selbst ermessen: die Hoffnung, Sie bald zu sehen! Wenn ich nicht noch um Ihre Gesundheit besorgt wäre, so würde ich dieses Vergnügen mit der äußersten Ungeduld erwarten. Aber so mäßiget jene Besorgniß meine Ungeduld um ein Großes: und ich wünsche recht sehr, daß Sie sich wohl vorher prüfen mögen, ob Sie die Ungemächlichkeitcn eines solchen WegcS auszuhalten im Stande sind. — Dieses macht mich an Ihren Doktor gedenken. Allerdings habe ich geglaubt, daß Sie dem grundgelehrten Mann, wie ihn K- nennt, seinen Abschied gegeben, und dafür Mumscn angenommen. Ich wollte auch wohl wetten, daß dieser Name in einem von Ihren Briefen vorkäme, die ich aber nicht bey mir habe, um jetzt nachzusehen. Doch kann es auch wohl seyn, daß ich für Matscn Mumscn gelesen. ES wäre ganz natürlich, daß ich bey Ihren damaligen Umständen eben so geschwind an einen Doktor der Arzney, als an eine» Doktor der Rechte gedacht hätte. — Indeß ist es mir für Schubach selbst lieb, wenn Sie sich bey seinem Rathe noch immer so befinden, daß Sie nicht nöthig gehabt, 334 Lessiiigs Briefe. 1772. zu einem andern Ihre Zuflucht zu nehmen. Nur besorge ich nunmehr, daß Sie es doch nicht thaten, wenn Sie es auch nöthig hätten. — Ich fange nun auch an zu merken, daß man in Wien sich eben nicht zu übereilen pflegt. Ich habe noch von daher nichts, wohl aber mit voriger Post abermals über Berlin eine sonderbare Anfrage: ob ich nicht geneigt scv, auf Kosten des Kaisers, auch nur zum Besuche vorS erste, nach Wien zu kommen, um mir selbst meine Bedingungen zu machen, und VcrschicdneS einrichten zu helfen. WaS sagen Sie dazu? Ich habe fast empfindlich darauf geantwortet. Denn wie wäre es möglich, daß ich zu so einer Reise aufs Ungewisse, wie sie es doch immer bey allen möglichen Versicherungen scheinen würde, hier um Erlaubniß anhalten könnte? — Sollte sich die nähere Aufklärung dieser Sache noch einige Zeit verschieben, und es käme zu Ihrer Reise, so hoffte ich von Ihnen, meine Liebe, manches zu erfahren, was ich sehr gerne wissen möchte. Besonders, was S. daran für Antheil hat, oder mit der Zeit haben dürfte? Mir ist bange gewesen, daß sich auch Klotz mit in das Spiel mischen möchte: aber der Mann hat sich dasmal klüger erwiesen, als ich gedacht hätte, — er ist gestorben. Ich möchte gern über diesen Zufall lachen: aber er macht mich ernsthafter, als ich auch gedacht hätte. — Leben Sie recht wohl, meine beste Freundinn. Mein Nächstes ist aus Wolfcnbüttcl, und um so viel klüger! Dero ergebenster auf immer Lcssing. An Madamc König. Braunschweig, den 1K. Jan. 1772. Meine Liebe! Ich bin zu meinem großen Verdrusse noch in Braunschwcig, und seit einigen Tagen an einer verzweifelten Kolik fast bcttlägrig gewesen, die ich mir durch Erkaltung zugezogen. Heute ist mir wieder ganz erträglich, und wenn es so anhält, so gehe ich morgen unfehlbar nach Wolfenbüttel, um von da, auf die erste Nachricht von Ihrer Durch- kunft, wieder anher zu kommen. Sie glauben nicht, wie sehr ich mich auf diese Durchkunft freue, ob Sie mir gleich drohen, daß sie nur von wenig Stunden seyn werde. LcssmgS Briefe, 4772, 335 Tag und Nacht müssen Sie wenigstens hier ausruhen: und überhaupt Ihre Reift so langsam und gemächlich einrichte»/ als cS nur immer möglich sevn will. Zwar werde ich auch so noch Ihrer Gesundheit wegen unendlich besorgt seyn: und ich bitte Sie nochmals um alles, warum ich Sie bitten kann, ja auf diese mehr Rücksicht zu nehmen, als auf alle Vorstellungen Ihrer Freunde. Prüfen Sie sich noch ja wohl, und wenn Sie die geringsten Bedcnklichkeitcn bev sich spüren, so folgen Sie Ihrem eignen Gefühle, und unterlassen die ganze Reift. Was konnte eZ helfen, wenn Sie krank nach Wien kamen? — Doch vielleicht ist Ihnen die Reise auch selbst zuträglich: und Sie sehen wohl, wie sehr sich meine Besorgntß um Ihre Gesundheit, und mein Verlangen, Sie zu sehen, hier mit einander vermischen. Wenn Sie nach Braunschwcig kommen; — denn daß Sie über Brannschweig, und nicht über Uclzen gehen, das versieht sich doch wohl von selbst; nicht? — so steigen Sie, meine Liebe, nur immer wieder in dem Stern oder in der Rose, Ihrem vorigen Quartiere, ab. Denn das Haus, worinn ich meine gewöhnliche Niederlage habe, ist zu schlecht, und in der Messe mit allcrlev Leuten angefüllt. Was ich von dem Gange, den Ihre Angelegenheiten iht nehmen, überhaupt denke, habe ich Ihnen schon gesagt. Sicher genug scheinet Herr Schubach gehen zu wollen: aber mich dünkt nur, wenn man in solchen Sachen allzu sicher gehen will, so wird auf der andern Seite die Aussicht zum Verdienst so geringe, daß die Sorge und Mühe, die man darauf wendet, kaum mehr der Mühe lohnen. Ich darf mir in HandlungSgcschäften nicht die geringste Einsicht anmaßen: aber es könnte doch seyn, daß sich auf daS Fabriken-Wesen Herr Schubach auch eigentlich nickt verstünde; und da wünschte ich denn wohl, daß Sie sich mehr auf Ihre eignen Einsichten, als auf seine verließen. Sie werden, meine Liebe, wenn Sie an Ort und Stelle sind, alles am besten übersehen können: auch sogar die Lage meiner Sache. WaS ich in Ansehung dieser wünsche, und warum ich es wünsche, daS wissen Sie am besten, und werden mir daher auch am besten rathen können — bald hätte ich dazu gesetzt: wenn Sie wollen. Doch ich bin cS überzeugt, daß Sie wollen: — und mündlich davon ein MehrereS. Sie schreiben mir doch gewiß vorher, ehe Sie abreisen? — wenn Sie anders noch abreisen. Ich möchte gern den Tag Ihrer Ankunft genau wissen, um jeden Augenblick von Ihnen zu genießen, ohne lange vergebens in dem elenden Braunschwcig zu warten, wo ich nun auf lange Zeit nichts mehr zu thun habe. 33k Lessings Briefe, 1772. Leben Sie recht wohl, meine liebste, beste Freundinn. Aus Wol- fenbüttcl schreibe ich Ihnen, sobald ich da angekommen. Ich bin ganz der Ihrige L. A» Madmne König. Wolfenbüttcl, den 23. Jan. 1772. Meine Liebe! Gott sey Dank, daß ich endlich wieder in Wolfenbüttcl bin. DaSmal bin ich Braunschweig so satt geworden, daß nichts in der Welt mich so bald wieder hinbringen sollte, wenn Sie nicht wären. Aber wie sehr freue ich mich nun, Sie bald da zu sehen! Und Sie gesund zu sehen! Wenn Sie von dieser Seite nichts zu befürchten haben: o so reisen Sie doch ja, und je eher je lieber! Ob ich Ihren Besuch wünsche? Diese Frage soll ich Ihnen vorher recht gewissenhaft beantworten? Ich bin weit gekommen, wenn Sie mir diese Frage noch im Ernste thun! Sollten Sie meine Besorgnis? um Ihre Gesundheit wohl übel verstanden haben? Wenn ich diescrwegcn Ihre Reise nicht so schlechterdings wünschte: sollten Sie mir das wohl für Gleichgültigkeit ausgelegt haben? Demohngcachtct wiederhole ich eS nochmals: Ihre Gesundheit geht mir über alles, und lieber will ich Ihren Anblick noch lange entbehren, als diese der geringsten Gefahr ausgesetzt wissen. Doch ich bin deSfalls nun durch Ihren letzten Brief völlig beruhiget. Wie gut ist cS, daß sich Ihr Herr Bruder auch hier ins Mittel schlagen wollte! Ich danke ihm dafür mehr, als für alles andere, was er sonst für Sie gethan. Denn mit unserm Freund Grund ist eS doch so ganz richtig nicht; und ich möchte einen, der Gesundheit braucht, eben so wenig an ihn verweisen, als einen, der Geld sucht, an unsern Freund K. Schrieb ich Ihnen nicht in meinem Vorigen, daß ich einige Tage mit einer Kolik geplagt gewesen? Ich habe sie glücklich mit nach Wolfenbüttcl gebracht, aber mich mit einer Dosis Ipecacuanha auch schon wieder ziemlich davon kurirt. Wenn ich in meiner Ordnung bleiben kann, so bin ich der gesundeste Mensch von der Welt: und eben so gut, daß die geringste Unordnung gleich so einen empfindlichen Eindruck auf mich macht. Ich hatte mich in der Komödie erkältet, hatte darauf bis um Mitternacht Punsch getrunken, und war, ohne Pelz LessingS Briefe. 1772. 337 und alles, in der Kalte nach Hause gegangen, wo ich obendrein kein warmes Zimmer fand. Das soll mir nun gewiß nicht wieder begegnen. In Wien, meine Liebe, erkundigen Sie sich schriftlich wegen meiner nur nach nichts. Ich möchte selbst gern nicht den geringsten Schritt thun, weder mittelbar noch unmittelbar. So viel schreibt man mir, daß Riedcl ein bloßer Nothnagel sey, und daß weder er noch S. auf die Sache einen großen Einfluß haben werde. ES ist am besten, ich warte cS ruhig ab, bis Sie mündlich unter der Hand sich nach allem erkundigen können. Einen Brief an den Staatörath Gebler will ich Ihnen mitgeben. Er hat sehr verbindlich an mich geschrieben, und mir zwev neue Stücke geschickt. Indeß Sie hinkommen, wird auch mein neues Stück gedruckt scvn, welches Sie ihm mitbringen sollen. Aber wie rechne ich denn auch? Wenn Sie zu Ende dieses Monats noch gewiß von Hamburg abreisen wollen: so wird Sie ja dieser Brief nur noch eben treffen. — Und den Augenblick erhalte ich Ihr Letztes vom 17ten, das nach Wolfcnbüttcl gekommen, als ich noch nicht da war, und wieder nach Braunschwcig geschickt worden, als ich eben von da weg war. Auf dieses, meine Liebe, habe ich Ihnen nur wenig zu antworten. Ich halte Sie für eine recht ehrliche Frau: aber daSmal denke ich doch, daß Sie mit Betrug umgehen, und daß Sie, nicht etwa mehr, sondern ganz und gar nichts in der Lotterie gewonnen haben. Gcsiehn Sie mir die Wahrheit! — Da ich sonst in diesen Ihren letzten Zeilen nicht finde, wenn Sie von Hamburg abzugehen gedenken, so bilde ich mir ein, daß eS doch so geschwind noch nicht geschehen wird. Ich werde Ihnen also auch noch schreiben können, und eS ganz unfehlbar thun; denn ich bin nun wieder in Wolfcnbüttcl. Leben Sie recht wohl, meine Liebe! Ganz der Ihrige L- An Karl G. Lcssing. Wolfcnbüttcl, den 25. Januar 1772. Mein lieber Bruder, Ich habe das Paket mit den Büchern erhalten, wofür ich Dir recht sehr verbunden bin. Nur Schade, daß gerade das darin gefehlt hat, was ich am begierigsten erwartete. Nehmlich einige Ercmplare Lcsiiiigs Mcekc xn 22 338 Lessings Briefe, 1772. von dem ersten Theile der vermischten Schriften. Ich muß nothwendig eins oder zwei nach Gdttingen, und noch ein Paar anderwärts wohin schicken, wo sonst keine Bekanntmachung derselben erfolgt, als woran Herrn Voß selbst gelegen seyn muß. Versäume also ja nicht, mir deren wenigstens ein halbes Duhend mit erster fahrender Post zu schicken; und lege zugleich mit den französischen Traktat von Falconct über seine Stniue oczu^tio. oder wie sonst der Titel heißt, bey, den ich gleichfalls unter dem Uebcrsandtcn nicht gefunden, den ich aber auf Deiner Stube liegen lassen. DeS lU-n'lim Stni-i!» llell-, »liiüil-!,, die mir Herr Kirnbcrger geschickt, ist mir sehr angenehm. Frage ihn aber doch, ob er mir das Eremvlar ganz ablassen will, und was eS kosten soll. Auch möchte ich Herrn KirnbcrgerS neuestes Werk gern haben, das hier in den Buch- lädcn nicht zu finden ist. Die erste Hälfte meiner neuen Tragödie wirst Du nun wohl haben; und ich bin sehr begierig, Dein Urtheil darüber zu vernehmen. Ich habe über keine Zeile derselben eine Seele, weder hier noch in Hamburg, können zu Rathe ziehn: gleichwohl muß man wenigstens über seine Arbeit mit jemand sprechen können, wenn man nicht selbst darüber einschlafen soll. Die bloße Versicherung, welche die eigene Kritik uns gewährt, daß man auf dem rechten Wege ist und bleibt, wenn sie auch noch so überzeugend wäre, ist doch so kalt und unfruchtbar, daß sie auf die Ausarbeitung keinen Einfluß hat. Binnen acht Tagen, wenn ich mit dem Abschreiben nicht ausgehalten werde, soll der Rest folgen. Nun bitte ich Dich nur, auf die Correctuc allen Fleiß zu wenden. Am besten würde eS seyn, wenn Du Dir das Manuscript bey der Corrcctur könntest vorlesen lassen. In der Orthographie der Namen ändrc nichts, und besonders bleibe mir mit dem Ramlerschen K daraus weg, welches mich schon in den Abhandlungen über das Epigramm choqnirt hat. Die Namen sind italienisch, und müssen also auch ihre italienischen Buchstaben behalten. AuS Wien habe ich nichts gehört, und selbst will ich schlechterdings keinen Schritt thun, weder mittelbar noch unmittelbar. Sonst dürfte ich mich nur bey dem StaatSrath Gebler erkundigen, welcher mir seine neuesten Stücke geschickt hat. Der Maler Calau, den ich ganz wohl kenne, ist freylich kein großer Hexenmeister; auch seine Art zu malen mag jetziger Zeit sehr entbehrlich seyn: aber so viel muß ich ihm zum Ruhme nachsagen, daß ich aus seinen Urtheilen und Meinungen, die Art der Alten zu malen betreffend, verschiedene Stellen im ältern PliniuS habe verstehen LessmgS Brief-. 177'.', 3Z9 lernen, die mir unerklärlich gewesen sind, und über die alle Ausleger nichts als ungereimtes Zeug schwatzen. Döbbclin spielt in Braunschweig mit sehr mäßigem Beyfall, und reich soll er wenigstens dabey nicht werden. Daß Koch in Berlin sich besser stehen mag, ist mein Wunsch, — Schreibe mir bald wieder, lieber Bruder, und lebe indeß wohl. Dein treuer Bruder, Gotthold. An Madamc König. Braunschweig, den 31. Jan, 1772 Meine Liebe! Was meinen Sie? Ich schreibe Ihnen schon wieder aus Braun- schweig, wohin ich so bald nicht wieder kommen wollte. Aus Ursachen — aber die Ursachen hiervon sind so mancherley und so klein, daß cS sich nicht der Mühe lohnet, einen Brief damit anzufüllen. Ich »erspare sie also auf unsre mündliche Unterredung. Wie sehr freue ich mich auf diese! Und möchte Ihr Schwager doch nur lieber bleiben, wo er ist, wenn er Ursache seyn soll, daß Sie um so viel mehr eilen müssen. WaS kann er Ihnen ohnedem auf so wenige Zeit in Wien nutzen? Und dann, meine Liebe, wäre es frcv- lich besser, wenn Sie mich gerade in Wolfenbüttel besuchten. Aus dem Wege wäre es ja ganz und gar nicht. Denn von Braunschwcig auS müssen Sie über Wolfenbüttel doch, Sie mögen auch für einen Weg nach Wien nehmen, welchen Sie wollen. DaS Einzige, warum ich doch wünschte, daß Ihr Schwager Sie begleiten mochte, sind die Ungcmächlichkcitcn der Reise selbst, von welchen er Ihnen wenigstens einen größer» Theil konnte übertragen helfen, als wenn Sie wiederum blos und allein mit Ihrem Mädchen reisen müßten, die auf nichts weiter denken würde, als ihre vorigen Bekanntschaften zu erneuern. Ich sehe und spreche Sie nun aber allein, oder in Gesellschaft Ihres Schwagers, hier oder in Wolfenbüttel, so sehe und spreche ich Sie doch. Das ist das Einzige, woran ich itzt denke. Den Brief an den StaatSrath Gebler sollen Sie gewiß finden. Und ob schon meine Bekanntschaft mit ihm noch ganz neu ist, so sehe ich doch nicht, warum ich ihm deswegen nicht Ihre Angelegenheiten empfehlen dürfte. 22* 340 Lessings Briefe, 1772. Meine neue Tragödie dürfte schwerlich »m diese Zeit schon abgedruckt seyn. Aber ich hoffe doch, sie Ihnen noch nachschicken zu können, ehe Sie in Wien angekommen sind. Wegen meiner Gesundheit, meine Liebe, sevn Sie nur ganz unbesorgt. Ich bin so gut, als wieder hergestellt; und ich hatte sehr Unrecht, einer Kolik wegen ein Wort zu verlieren. Auf dem Wege, wie ich mir die zuzog, will ich mir gewiß in meinem Leben keine wieder zuziehen. Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich hier in Braunschwcig zu schwirren pflege? Es fehlt nicht viel, daß ich hier nicht eben so einsam lebe, als in Wolfcnbüttcl: und mein ganzes Schwirren ist, daß ick dann und wann mit Zachariä ein Glas Punsch trinke. Punsch aber, der Citronen wegen, wird von allen Mcdicis als ein sehr gutes Präservativ gegen die hier im Schwange gehenden Krankheiten empfohlen. Den Tod seiner Frau hat mir B- selbst gemeldet: aber der Tod des General JanuS war mir ganz etwas NeueS und Unerwartetes. Ich hätte dem Manne, seinem Ansehen nach, doch auch ein längeres Leben gegeben. Seine Wittwe wird indeß wohl ungefähr eben so betrübt sevn, als jener Wittwcr. Spricht man denn schon davon, daß er auf die A- ein Auge hat? — Und lieber Gott! wie zerstört muß cS in unserm ehemaligen Zirkel aussehen, wenn auch G" und B*° nicht mehr zusammen halten. Die Revolution in Kopenhagen ist besonders. Und so war cS auch einzig und allein möglich, St" zu stürzen. Man sieht, man hat seinen Fall dem König abgezwungen: aber was man ihm denn nun, vor den Augen der Welt, zur Last lege» wird, das bin ich sehr begierig zu erfahren. Freylich wird die Sache den Anhängern von B" nur halb recht sevn, da dieser noch nicht zurückberufen worden. Gleichwohl hat eS ja schon in der neuen Zeitung ausdrücklich gestanden, daß er eine Staffelte erhalten, auf welche er unverzüglich nach Kopenhagen abgegangen- und ich sollte meinen, L.g würde doch so etwas zuverlässig haben wissen können. Vielleicht hat er aber gemcinet, cS könne gar nicht fehlen. — Ich will sehr wünschen, daß auch für W. sich dabey eine gute Conjunctur äußern möge. So viel weiß ich, daß er mit R' * lange schon in Korrespondenz gestanden. — Nicman den bedaure ich dabey mehr, als Sturzen. Aber ich werde mich auch nimmermehr bereden, daß er sich in etwas sollte eingelassen haben, was unter kcinerley Uttiständen einem rechtschaffnen Manne geziemt. — L-fsingS Briefe. 1772. 341 Nun leben Sie recht wohl, meine Liebe. Nicht wahr, Sie sind doch völlig gesund? Und die Arzneyen Ihres Herrn Bruders fahren auch fort, die guten Wirkungen zu unterhalten? Ehe Sie abreisen, schreibe ich Ihnen gewiß noch mehr als einmal. — Wovon ich Ihnen nichts weiter schreiben sollen, davon schreibe ich Ihnen auch nichts weiter. Um Verzeihung habe ich Sie in meinem Herzen auch gebeten. Aber das Spiel mochte ich doch kennen, in welchem Sie mit mir in Compagnie spielen könnten, wenn eS nicht das Lotto wäre! — Leben Sie nochmals wohl. Ihre Familie ist doch auch recht wohl und munter? Ich bin auf immer ganz der Ihrige L- An Madame König. Meine Liebe! Ich bin noch in Braunschwcig,- und da heute schon der ote ist, so denke ich, daß ich eben so wohl thue, wenn ich nur gleich bis zum 15tcn hier bleibe. So habe ich doch eine angenehme Ursache, die mich hier hält; und ich kann mir und andern sagen, daß, wenn ich kein Vergnügen hier habe, ich wenigstens Vergnügen hier erwarte. Aber so sehr ich mich auf dieses Vergnügen freue, so viel Kummer machen mir auch die Sorgen und Verdrießlichkeiten, die Sie ohne Zweifel noch zu überstehen haben werden, ehe Sie sich werden ruhig in den Wagen sehen können. Und wer ist denn der Mann, der Ihnen vorzüglich so viele Kränkungen macht? Ich will doch niminermchr hoffen, daß cS Ihr Schwager ist? Ich habe zwar die gntc Meinung lange nicht mehr von ihm, die ich sonst von ihm gehabt habe. Aber das könnte ich mir doch auch nicht von ihm vorstellen, daß er, außer seiner Indolenz, Ihnen noch muthwillig Verdruß machen könne. Allerdings haben Ihre Geschwister alle Ursache, bev einer so wci tcn Reise, zu einer solchen JahrSzeit, um Sie in Sorgen zu seyn. Auch ich würde äußerst unruhig darüber sevn, wenn ich mich nicht auf Ihre Versicherung verließe, daß cS wirklich mit Ihrer Gesundheit gegenwärtig so wohl stehet, daß Sie hoffen dürfen, die Reise werde Ihnen zuträglicher, als nachthcilig seyn. Mit meiner Gesundheit ist cS ganz wieder bey dem Alten. Doch muß ich mich vor Erkältungen noch in Acht nehmen, und das thue 342 Lessiiigs Briefe. 1772. ich. Einen ganz außerordentlichen Anstoß mit meinen Augen hatte ich vor einigen Tagen in der Komödie. Ick) sah- auf dem Theater anstatt Eines Lichts zwölfe, aber keine Personen. Sie werden denken/ daß ich mich auch wohl mit meinen Augen da könnte versündiget haben, wo ich daran gestraft ward. Aber nein, meine Liebe, so etwas Außerordentliches war es nicht. Wie ich wieder in die frische Lust kam, war es vorbey, und die Aerzte rathen mir blos, je eher je lieber zur Ader zu lassen, welches auch morgen oder übermorgen geschehen soll. Ich schreibe Ihnen da mächtig wichtige Dinge. Aber ich habe Ihnen auch von mir nichts WichtigcrS zu schreiben; so wie von fremden Neuigkeiten ganz und gar nichts. Daß jedermann über die Messe hier klagt, das versteht sich von selbst. Gleichwohl ist die ganze Welt vorgestern auf der Rcdoutc gewesen; nur ich nicht. Wenn mancher darunter gewesen, der seine Grillen zu vertanzen gesucht: so habe ich sie doch noch lieber verschlafen wollen. Ich wollte wohl, daß die reiche W- als meine Frau gestorben wäre; wenn sie anders gestorben, und nicht verreckt ist. Wahrscheinlich genug, daß sie bey mir auch früher davon gemußt hätte. Denn ich würde ohne Zweifel das Versehen ihrer Magd öfters begangen, und Dukaten anstatt Marken hingegeben haben. In Ihrem nächsten Briefe, welchen ich heute oder morgen erwarte, hoffe ich die nochmalige Versicherung von Ihrer Ankunft zu finden. Sobald ich diese habe, will ich Ihnen Quartier, nicht in meinem elenden Wirlhghause, auch nicht in der Rose, sondern in dem Sterne bestellen, wenn Sie nicht ausdrücklich etwas wider den Stern haben. — Aber ich will doch nimmermehr glauben, daß eS Ihr guter Ernst ist, falls Ihr Schwager Sie nicht begleitet, ganz allein zu kommen? DaS ist, auch sogar ohne Mädchen? Das wagen Sie doch ja nicht, meine Liebe; und wenn Sie auf voriger Reise auch noch so wenig Dienste von der Kreatur gehabt haben, so lassen Sie sie demohn- geachtct nicht zurück. Hören Sie, thun Sie das ja nicht: sonst laufen Sie Gefahr, wenn Sie so ganz allein kommen, daß ich Sie bis nach Wien begleite. Denn ganz allein lasse ich Sie wirklich nicht weiter reisen. Machen Sie sich darauf nur gefaßt: wenigstens bringe ich Sie bis vor die Thore von Wien: denn ganz herein zu kommen, würde mit meiner letzten Erklärung, die ich dahin schreiben lassen, nicht besiehe». Man möchte denken, ich hätte mich anders besonnen, und käme nun, cS näher zu geben. LesstugS Briefe. 1772, 343 Lebe» Sie wohl, meine Liebe »en »ach Hamburg schreiben kann. bis auf noch einen, den ich Jh- Der Ihrige L. An Madame König. Braunschwcig, den 10 Fcbr> 1772. Meine Liebe! Eben wird Sie dieser Brief noch in Hamburg treffen können, um Ihnen glückliche Reise zu wünschen, wenn cS bey dem ersten Entschlüsse, den IStcn dieses abzureisen, anders noch geblieben. Dock) ich denke, der Aufschub wird Statt gefunden haben, und ich werde mich auf das Vergnügen, Sie zu sehen, acht Tage länger freuen müssen. In dem einen, oder in dem andern Falle, ist eS aber nun schon beschlossen, Sie hier zu erwarten, ohne erst wieder nach Wolfenbüttel zurückzukehren. — Denn Sie wollen mir ja nicht zumuthcn, daß ich blos Jbrcntwcgcn nach Braunschweig käme. — Wissen Sie, meine Liebe, daß mich das fast verdrießen sollte? Doch cS mag so eigentlich nach den Worten nicht gcmeinct sevn! Denn wahrlich, sonst müßte ich Sie dabey halten. — Merken Sie nur, daß alle Komplimente in das Gleichgültige fallen. Geschwind von etwas anderm, damit ich diese Idee verliere. — Das ist ja ein recht glücklicher Zufall für Z", der die Zärtlichkeit seiner Frau noch so spät für ihn anfeuert. Wenn dahinter mir nicht etwas anders steckt! Doch diese Anmerkung ist hämisch. Und warum sollte eine nicht ganz schlechte Frau, wenn ihr Herz durch Betrübniß weich gemacht worden, nicht das aus Mitleid thun, was sie nie auS Liebe thun wollen? Ihr Freund, Herr Schubach, ist unstreitig ein sehr ehrlicher und sehr einsichtsvoller Manu. Ich wünschte aber doch, daß er Sie mit allzu vielen Bedcnklichkciten iht verschonte. Ich stelle mir vor, daß Sie eher keinen festen Entschluß fassen können, als in Wien. Der Verkauf ist frcvlich das Klügste, wenn Sie einen billigen machen können. Aber aus Furchtsamkeit, auS Klcinmuth allzu viel aufopfern-- Doch ich redr, wie der Blinde von der Farbe. Ich wollte, es beträfc eine Schwierigkeit, in die ich mich mischen könnte! — Nur cinS möchte ich wisse»; wen» dergleichen Fabriken in Wien nicht sollen Bestand haben, wo sollen sie ihn denn haben können? — 344 LessingS Briefe. 1772. Nicht wahr, ich darf mit nächster Post ein Paar Zeilen von Ihnen hoffen, die mir wegen Ihrer Ankunft das Gewisse melde»? — Und indeß leben Sie wohl, meine liebste, beste Freundinn. Ich schreibe Ihnen heute nur, um Ihnen geschrieben j» haben. Ganz der Ihrige L. An Karl G. Lessing. Braunschweig, den 10. Febr. 1772. Liebster Bruder, Es ist mir recht sehr lieb, daß Dir mein Ding von einer Tragödie noch so ziemlich gefallen hat. Und Deine Anmerkungen darüber sind mir sehr willkommen gewesen. Ich bitte Dich, auch in Ansehung des UebcrresieS damit fortzufahren. Die Stelle S 41. Die Furcht hat ihren besondern Sinn; muß ich Dir gestehen, ist, so wie sie ist, zwar kein Fehler des Abschreibers. Doch laß ich mir Deine Veränderung gefallen. Im Grunde soll es gar keine besondere tiefe Anmerkung sevn, welche Emi- lia freylich in ihrer Verfassung nicht machen konnte; sondern sie soll bloß damit sagen wollen, daß sie nun wohl sehe, die Furcht habe sie getäuscht. Aber freylich, der Ausdruck ist ein wenig zu gesucht. Wenn cS der Claudia in den Mund gelegt wird, so laß hinter das Wort Sinn nur einen Strich ( —) setzen, daß cS mit dem Folgenden nicht zusammen ausgesprochen wird. WaS Du von dem Charakter der Emilia sagst, hat viel Wahres. Aber so ganz Recht kann ich Dir doch nicht geben, aus folgenden Ursachen: 1) Weil das Stück Emilia heißt, ist eS darum mein Vorsatz gewesen, Emilien zu dem hervorstechendsten, oder auch nur zu einem hervorstechenden Charakter zu machen? Ganz und gar nicht. Die Alten nannten ihre Stücke wohl nach Personen, die gar nicht aufS Theater kamen. 2) Die jungfräulichen Heroine» und Philosophinncn sind gar nicht »ach meinem Geschmacke. Wenn Aristoteles von der Güte der Sitten handelt, so schließt er die Weiber und Sklaven ausdrücklich davon aus. Ich kenne an einem unverheirathctcn Mädchen keine höhere Tugenden, als Frömmigkeit und Gehorsam. Lessings Briefe. 1772. 345 3) Zeigt denn jede Beobachtung der äußerlichen Gebräuche einer positiven Religion von Aberglauben und schwachem Geiste? Wolltest Du wohl alle die ehrlichen Leute verachten, welche in die Messe gehen, und während der Messe ihre Andacht abwarten wollen, oder Heilige anrufen? — Wegen des Zuges mit dem Traume hast Du ganz Unrecht; wesfalls Du das Manuscrivt nur wieder nachsehen darfst. Emilia glaubt nicht an den Traum; sondern sie erkennt mit ihrer Mutter den Traum für sehr natürlich: wegen ihres grbßern Geschmacks an Perlen als an Steinen. Aber, ob sie schon nicht an den Traum als Vorbedeutung glaubt: so darf er doch gar wohl sonst Eindrücke auf sie machen. Appiani ist es, der sich dabey länger aufhält, als sie beyde. Aber auch den lasse ich die Ursache davon angeben. 4) Am Ende wird denn auch freylich der Charakter der Emilia interessanter, und sie selbst thätiger. — Nur käme das ein wenig zu spät, wenn es wahr wäre, daß sie schon einen kleinen Begriff von sich erweckt hätte. — Doch es sey auch mit dem allen, wie cS wolle; wenn das Stück nur im Ganzen Wirkung hervorbringt. DaS Süjet davon war eins von meinen ältesten, das ich einmal in Hamburg auszuarbeiten anfing. Aber weder das alte Süjet noch die Hamburger Ausarbeitung habe ich jetzt brauchen können, weil jenes nur in drey Acte abgetheilt, und diese so angelegt war, daß sie nur gespielt, aber nie gedruckt werden sollte. Was Du von dem Charakter der Orsina sagen wirst, verlangt mich am meisten zu hören. Wenn er einer guten Schauspielerin in die Hände fällt, so muß er Wirkung thun. Antworte mir je eher, je lieber, und wenn es unter acht bis zehn Tagen geschieht, so antworte mir nur reeta nach Braunschwcig, wo ich mich bis gegen den 20stcn aufhalten werde. Lebe wohl. Dein treuer Bruder, Gotthold. An Madame König. Braunschwcig, den 24. Febr. 1772. Meine Liebe! Ich verfolge Sie in den dritten Tag unablässig mit meinen Gedanken. Nun wird es Zeit seyn, Sie auch mit meinen Briefen zu verfolgen; wenn Sie anders einer in Nürnberg treffen soll. 346 Lessings Briefe, 1772. Endlich sind Sie doch da wohl und gesund angelangt? Und haben Ihren Weg so gut und glücklich zurückgelegt, als cS bev der schlechten Witterung nur immer möglich gewesen? — Machen Sie ja, daß ich in den nächsten Tagen Versicherung davon erhalte. Sie glauben nicht/ wie besorgt ich um Sie bin. Mich hat die Nacht in meinem Bette gefroren, wenn ich aufwachte und mich besann, was Sie in diesem Augenblick vielleicht ausstehen müßten. Wenn ich Sie nur erst über Nürnberg weiß, und zuverlässig glauben darf, daß Sie gesund sind. ES wäre noch zu zeitig, etwas von dem schriftlich zu wiederholen, was wir einander mündlich versichert haben. Ich rechne auf Ihr gutes Gedächtniß, und weiß, daß.das Gedächtniß noch einmal so gut ist, wenn ihm das Herz ein wenig cinhilft. Also wird dieser Brief auch ganz kurz fern; welches er schon deswegen seyn müßte, weil die Post den Augenblick abgehet, wornach ich mich zu spät erkundigt habe. — Nur noch eine Neuigkeit. Eben als Sie weg waren, erfuhr ich, daß Bernstorf den 48ten in Hamburg plötzlich gestorben. Es ist doch sonderbar! Nun leben Sie recht wohl, und reisen Sie glücklich weiter. Meinen vielfältigen Empfehl an den Herrn Schwager. Ich bin ganz der Ihrige L. N. S- Itzt sehe ich erst, daß ich keine Addrcsse nach Nürnberg von Ihnen habe; sondern nach Augsburg, weswegen der Brief auch wohl noch einen Posttag liegen bleiben kann. An den Herzog Karl von Brauiischwcig. °) Ich unterstehe mich, eine große Kleinigkeit an Ew. Durchlaucht zu bringen, die jedoch für mich darum keine Kleinigkeit ist, weil ich nicht gern das Geringste thun oder geschehen lassen wollte, was Ew. Durchlaucht wünschen könnten, daß es gar nicht oder anders geschehen wäre. Döbbelin hatte erfahren, daß eine neue Tragödie von mir, die ich aber bereits vor einigen Jahren ausgearbeitet, gegenwärtig in Berlin gedruckt werde. Er bat mich, ihm das Manuscript davon zukom- *) Lessings Leben I, S. 330. Ltssings Briefe. 1772. 347 men zu lassen/ um sie auf den bevorstehenden Geburtstag der Herzoginn Kdnigl. Hoheit aufzuführen. Ich konnte ihm solches nicht wohl verweigern. Doch nahm ich mir sogleich dabey vor, so bald ein Abdruck in meinen Händen sey» würde, durch Vorlegung desselben vor allen Dingen mich der Genehmigung Ewr. Durchlaucht zu versichern. Ich thue solches hiermit/ ob schon das ganze Stück noch nicht gänzlich abgedruckt ist/ und ich Ewr. Durchlaucht nur die Bogen bis in den vierten Aufzug vorlegen kann. Indeß werden auch schon diese hinlänglich sevn, einen Begriff von dem Ganzen zu machen, welches weiter nichts als die alte Römische Geschichte der Virginia in einer modernen Einkleidung seyn soll. Ich weiß nicht, ob cS überhaupt schicklich ist, an einem so erfreulichen Tage eben ein Trauerspiel aufzuführen; noch weniger weiß ich, ob Ew. Durchlaucht an diesem Tage nicht etwas ganz anders zu sehen wünschen könnten. Sollte dieses sevn- so ist cS zu einer Abänderung noch immer Zeit; und falls Ew. Durchl. dem Döbbclin nicht unmittelbar Dero WillenSmevnung darüber wissen zu lassen geruhen wollen: so erwarte ich nur einen Wink, um unter irgend einem leicht zu findenden Vorwande die Aufführung dieses neuen Stücks zu hintertreiben. A» Karl G. Lchmg. Braunschweig/ den 1. März 1772. Liebster Bruder, Hier kommt endlich der Schluß. Ich will wünschen, daß cr Dich in Deiner Erwartung nicht betrügen möge. Vom Gedruckten habe ich bis jetzt nur die ersten vier Bogen; und wenn man indeß nicht fleißiger gewesen ist, so darf ich wohl nicht hoffen, ein fertiges Exemplar zum 13ten hier zu haben. Mit der Corrcctur bin ich ziemlich zufrieden. Nur auf dem Bogen R haben sich verschiedene häßliche Fehler cingcschlichen. Z. E. S. 2L2. dritte Zeile von unten. Von der ersten könnte nur ein Narr so sprechen, muß eS heißen- von der rechten — nehmlich von der rechten Emilia; von der, die ich (der Prinz) meyne. S- 265. vierte Zeile von unten. Als hätte sie nie ein Wort gewechselt, muß heißen: mir uns gewechselt. S. 20k. ctlfte Zeile von unten: Retten? da ist viel zu retten: muß es heißen- ist da viel zu retten? 343 Lcssiiigs Briefe. 1772. Dieses wäre eine Kleinigkeit, aber jene beyden Fehler sind leider so, daß sie den Verstand verderben. Auch sind sonst einige Kleinigkeiten geändert worden / die ich nicht billigen kann. Z. E- S. 263. Z. 10. Lassen Sie den Grafen diesen Gesandten seyn. So habe ich ganz gewiß nicht geschrieben, und es ist undeutsch. ES muß heißen: Lassen Sie den Grafen dieser Gesandte seyn. S. 265. Zeile 11. Bedauern, wenn eS so viel heißt als Mitleiden haben, muß betauern geschrieben werden; denn eS kommt von trauern. Dauern heißt währen, änrare. Wenigstens habe ich diesen Unterschied beständig beobachtet. Nimm cö mir nicht übel, daß ich so eigensinnig bin. Aber Du weißt ja wohl, was eS meistenthcils für Leute sind, die unsere Schauspiele lesen: Leute, die der offenbarste Fehler irre machen kann; auch schon ein solcher wie S. 271. Z> 12. wo es für gesehen, heißen mnß geschehen. Was ist denn das für ein Fehler, der in der Sara stehen geblieben? Ich habe nicht Zeit ihn zu suchen. Melde mir ihn, damit ich sehe, ob er einen Carton werth ist. Die hier angezeigten ersten zwey wären ihn sehr werth. Schreibe mir nun ja bald, lieber Bruder, und sage mir, wie Dir das Ganze gefällt. Du siehst wohl, daß es weiter nichts, als eine modernisiere, von allem Staatsinteresse befrcycte Virginia seyn soll. Lebe wohl. Dein treuer Bruder, Gotthold. N- S. Wenn Act 5. Se. 1. noch nicht gedruckt ist, so laß ans den Worten deS Marinclli: Der alte garstige Neidhardt, das garstig weg; der alte Neidhardt ist genug! Wenn Koch die Emilia spielt, so ist mir bange, daß die Steinbrecherin die Emilia wird machen sollen. — Das wäre aber eine Rolle, um die älteste Schickin damit in Arbeit zu seyen. Man vcrgicbt dem jungen Mädchen immer mehr, als der alten Actricc. Und sie müßte ja wohl abzurichten seyn. Haben Ramler, MoseS und Nicolai etwas von der Galotti gelesen? Und was sagen sie dazu? LcsflngS Briefe. 1772, 349 An Madame König. Wolfenbüttel, den 15. März 1772. Meine Liebe! Ich habe bereits drey Briefe; und selbst habe ich Ihnen erst ein cinzigcSmal geschrieben, nehmlich nach Augsburg. Aber die bcvdcn ersten waren aus dem verwünschten RattclSdorf, wohin ich dock) nicht antworten konnte. Gott sey Dank, daß Sie endlich einmal da weg sind! Und Gott gebe, daß Sie die Verdrießlichkeiten und das Unglück, welches Sie auf dieser Reise nun einmal haben sollen, auf dem Wege nach Rattelsdorf, alles mit eins überstanden haben! Ihre Beschreibung davon würde mich äußerst beunruhigt haben, wenn sie nicht in einem noch so ziemlich lustigen Tone abgefaßt gewesen wäre. Dafür aber , bekümmert mich das, was Sie mir von Ihrer Gesundheit melden, um so viel mehr. Ich hoffe zwar, daß Ruhe und Pflege, die Sie sich wenigstens in Salzburg werden gegönnt haben, alles so ziemlich wieder gut gemacht haben wird. Die eigentliche Ursache aber, warum Sie daselbst keinen Brief von mir werden gefunden haben, ist mein neues Stück, welches ich Ihnen durchaus mitschicken wollte. Erst gestern habe ich Exemplare davon erhalten; und ich wünsche sehr, daß bevfolgcndcs Sie in Regensburg treffen möge, um cS ohne Umstände nach Wien hereinbringen zu können. Der Brief an den Herrn von Gebler liegt darinn, dem ich zugleich geschrieben, daß er das neue Stück von Ihnen erhalten werde. Wenn Sie es gelesen, so können Sie es ihm ja wohl geben: denn mehr als ein Exemplar zu schicken, würde sich mit der reitenden Post nicht haben thun lassen. Es ist am IZtcn dieses, vorgestern, als an dem Geburtstage der regierenden Herzoginn, in Braunschwcig aufgeführt worden. Ich bin aber nicht bcv der Aufführung gewesen; denn ich habe seit acht Tagen so rasende Zahnschmerzen, daß ich mich bey der eingefallenen strengen Kälte nicht herüber getraut habe. — Diesen Zahnschmerzen, meine Liebe, müssen Sie cS auch zuschreiben, wenn ich Ihnen dasmal ein wenig sehr lüderlich und verwirrt schreibe. — Morgen wird cS zum zweytenmal gespielt, aber ich glaube schwerlich, daß ich cS werde sehen können, ob ich schon ausdrückliche Einladung erhalten habe. Ich denke doch, daß Sie den Brief an G- selbst übergeben, oder ihn doch wenigstens, nachdem Sie ihn abgeben lassen, besuchen werden. Denn ich bin sehr begierig, von Ihnen bald zu hören, ob Gebier» oder Sonncnfclscn von meinem vorgcwescncn Rufe etwas zu LcssingS Briefe. 1772. Ohren gekommen. Wenn Sie sich darnach erkundigen, so werden Sie es schon so zu machen wissen, daß es weder scheint, als ob ich gar zu begierig darnach, noch auch, als ob ich gar zu abgeneigt davon wäre. Von Hamburg habe ich seit vier Wochen nicht die geringste Nachricht: welches aber an mir liegt. Morgen oder übermorgen aber schreibe ich gewiß an Sch. und K-, und was ich durch diese erfahre, will ich Ihnen alles melden. Mit der Lotterie war es daSmal wieder nichts. Ich bekomme den Pelz auf keine Weise: denn cS sind herausgekommen 1. 6. 3t. 39. und 83. wovon Sie und Ihr Herr Schwager keine einzige Nummer haben; und wovon ich zwar 1. und 39. gewonnen, aber doch so wenig dabey profltirt habe, daß ich von dem theuren Pelze kaum zu ein Paar Handschuhen kaufen könnte. In Kopenhagen werden die Jnquisiten fleißig vernommen. Aber was man will, daß sie gestehen sollen, oder was sie gestanden haben, davon erfährt kein Mensch elwaS. Man kann aus den Nachrichten von daher gar nicht klug werden, aber so viel sieht man, daß sie selbst mit Struenseen etwas glimpflicher zu verfahren anfangen. — Ich wünsche nochmals, daß Sie dieser Brief in Regensburg noch treffen, und vornehmlich bey guter Gesundheit treffen möge. Meine Zähne wollen mir kaum erlauben, mehr zu schreiben. — Nur noch eins- Ihr Portrait, meine Liebe, habe ich nicht erhalten: aber wohl Klotzen seines. Wie kam Ihnen ein, mir das Fcatzengcsicht zu schicken? Und es mir, ohne ein einziges Wort von Ihnen, zu schicken? — Nun leben Sie, und reisen Sie weiter recht wohl. Sobald Sie in Wien glücklich angekommen: so melden Sie mir es doch gleich, nicht wahr? Meinen Empfchl an den Herrn Schwager. Freylich ist rs ein hundsf— Leben,') besonders wenn man Zahnschmerzen hat. Ich umarme Sie tausendmal, und bin der Ihrige auf immer L. An Ebert. Liebster Freund! Ich wollte um wie vieles nicht bey der Vorstellung meines neuen Stücks gewesen seyn: denn so hätte ich Ihren Brief darüber nicht *) Sie schrieb am 28. Februar von ihrem Schwager „So wie cm U» gluck kam, so sagte er: Herr Lessing hat Recht: cS ist wahrhaftig ein hundsfiittisch Leben." LessiugS Briefe. 1772. erhalten. — Wenn ich nicht längst wüßte, wie ein gar zu warmer Freund Sie sind: so kbnntc mich dieser Ihr Brief bereden / etwas besonders gemacht zu haben. Aber heute, da Sie hoffentlich kälter sind, würde er schon ganz anders lauten. Und noch mehr dürsten Sie davon zurück nehmen, wenn Sie das Stück nunmehr gedruckt lesen. Hier ist eS. Sie werden dald finden, wie manches der Schauspieler hineingelegt, und wie vieles Sie selbst hinzugedacht, was Ihre Illusion beförderte. Das zweyte Exemplar haben Sie die Güte, des Erbprinzen Durchl. zu überreichen. Ich unterstehe mich nicht, ihm ei» paar Worte dazu zu schreiben. Wie angenehm mir sein geringster Beyfall sevn würde, versteht sich von selbst, dazu würde ich mich gegen ihn wegen einer Arbeit entschuldigen müssen, die jetzt meine Arbeit nicht seyn sollte: und ich entschuldige mich so ungern! Gelegentlich werden Sie ihm wohl sagen, daß cS wirklich eine Arbeit ist, die schon vor einigen Jahren größtcntheilS gethan war, und an die ich nur letzt die letzte Hand gelegt. Auch heute kann und mag ich daS Stück noch nicht spielen sehen. Kann nicht, weil ich krank bin. Mag nicht, weil mir der Kopf davon noch warm ist, und cS mir erst wieder fremd werden muß, wenn mir das Sehen etwas nützen soll. Leben Sie recht wohl. Dero Wolfenbüttel, ergebenster Freund den 16. März 1772. Lessing. An Glcim. Wolfenbüttel, d. 22. März 1772. Liebster Freund, Sie haben mir mit Ihren Liedern für'S Volk eine wahre und große Freude gemacht. — Man hat oft gesagt, wie gut und nothwendig cS sey, daß sich der Dichter zu dem Volke herablasse. Auch hat cS hier und da ein Dichter zu thun versucht. Aber noch keinem ist cS eingefallen, eS auf die Art zu thun, wie Sie es gethan haben: und doch denke ich, daß diese Ihre Art die vorzüglichste, wo nicht die einzig wahre ist. Sich zum Volke herablassen, hat man geglaubt, heiße: gewisse Wahrheiten (und meistens Wahrheiten der Religion) so leicht und 352 Lessings Briefe. 1772. faßlich vortragen, daß sie der Blödsinnigste aus dem Volke verstehe. Diese Herablassung also hat man lediglich auf den verstand gezogen; und darüber an keine weitere Herablassung zu dem Stande gedacht/ welche in einer täuschenden Versetzung in die mancherley Umstände des Volkes besteht. Gleichwohl ist diese letztere Herablassung von der Beschaffenheit, daß jene erstere von selbst daraus folgt; da hingegen jene erstere ohne diese letztere nichts als ein schales Gewäsch ist, dem alle individuelle Application fehlt. Ihre Vorgänger, mein Freund, haben das Volk bloß und allein für den schwachdcnkendsten Theil des Geschlechts genommen; und daher für das vornehme und für das gemeine Volk gesungen, Sie nur haben das Volk eigentlich verstanden, und den mit seinem Körper thätigern Theil im Auge gehabt, dem cS nicht sowohl am Verstände, als an der Gelegenheit fehlt, ihn zu zeigen. Unter dieses Volk haben Sie sich gemengt: nicht, um es durch gcwinstlose Betrachtungen von seiner Arbeit abzuziehen, sondern um es zu seiner Arbeit zu ermuntern, und seine Arbeit zur Quelle ihm angemessener Begriffe, und zugleich zur Quelle seines Vergnügens zu machen. Besonders athmen in Ansehung des letztem die meisten von diesen Ihren Liedern das, was den alten Weisen ein so wünschcnSwcrthcS, ehrenvolles Ding war, und was täglich mehr und mehr aus der Welt sich zu verlieren scheint: ich meine, jene fröhliche Armuth, lad-, ^ausieil.i«, die dem Epikur, und dem Scncca so sehr gcffcl, und bey der eS wenig darauf ankömmt, ob sie erzwungen oder frevwillig ist, wenn sie nur fröhlich ist. Sehen Sie, mein Freund, das wäre cS ungefähr, was ich Ihren Liedern vorzusetzen wünschte, um den aufmerksamern Leser in den eigentlichen Gesichtspunkt derselben zu stellen. Aber wo bin ich mit meinen Gedanken? und wie wenig geschickt, den geringsten Einfall so auszuarbeiten, als cS die Stelle, die ich ihm geben wollte, verdiente? Ich hätte Ihnen auch schon eher geantwortet, wenn ich nicht in der dringendsten und zugleich unangenehmsten Arbeit bis über die Ohren steckte. Der alte verlegene Bettel meiner vermischten Schriften kostet mir viele Zeit: und noch mehr hat mir das neue Stück weggenommen, das ich Zhnen hierbei? schicke — oder vielmehr der Freundin meiner Minna schicke. — Meynen Sie nicht, daß ich der Mädchen endlich zu viel mache? Sara! Minna! Emilia! Leben Sie wohl, bester Freund, und empfehlen Sie mich dem Herrn Jacoln und Herrn Michaelis. Des letztem beyde Briefe sind, im Ganzen genommen, vortrefflich. Nur einige kleine Dunkelheiten und Nachlässigkeiten in dem ersten hätte er sich nicht erlauben LcssmgS Briefe. 1772. 353 solleil/ hätten ihm seine Freunde in Halberstadt, in deren Werken alles so ausgefeilt, alles so voller Licht ist, nicht sollen hingehen lassen. Dero ganz ergebener L-sstng. An Madame König. Wolfenbüttel, den 10. April 1772. Meine Liebe! Gott scv Dank/ daß ich Sie nun endlich gesund und wohl in Wien weiß. Denn eben erhalte ich Ihren Brief vom Iten diescS; und ich will keinen Augenblick versäume», darauf zu antworten. Warum ich Ihnen aber nicht schon längst wieder geschrieben? warum Sie keinen Brief in Wien von mir vorgefunden? daran ist dieses die Ursache: ich bin krank gewesen. Nicht eben so krank, daß ich durchaus keinen Brief hätte schreiben können: aber doch kränker, als daß ich Ihnen hätte schreiben können, ohne mir meine Krankheit merken zu lassen. Und was war das nöthig? Jtzt schreibe ich Ihnen um so viel lieber, daß ich mich recht wohl befinde, und daß ich mich nur besser befinden könnte, wenn ich bey Ihnen wäre. Ich wünschte sehr, Sie könnten und wollten mir das Nehmliche antworten. Aber leider! scheinen Sie mir, was die Hauptabsicht Ihrer Reise anbelangt, nur schlechte Hoffnung zu haben. Doch wer weiß, was sich indeß cräugnct hat. Ich will das Beste hoffen. Besonders verspreche ich mir dieses von dem Wrgc, den Sie in Ihrem Vorigen einschlagen zu wollen geneigt schienen; nehmlich der Kaiserinn selbst die Sache zu vffeciren. Wenn cF Ihnen gelingt, bey der einen guten Vorsprecher zu finden, so denke ich, kann cS Ihnen nicht fehlen. Ein Particulier wird Sie freylich bis auf das Acußcrste dringen; und eS wäre doch Schade, wenn Sie, den Handel zu erleichtern, schlechterdings die Tapetenfabrik aufopfern müßten, mit welcher Sie so wohl zufrieden zu sevn scheinen. Sie wissen wohl, meine Liebe, warum ich eS so gern sähe, wenn Sie fürs erste noch einen festen Fuß in Wien behielten. ES könnte mich in meinen Anschlägen dahin allein bestärken; da meine Hiessgen Umstände doch nur ein pls-allei- sind. Oh ne eigentlich zu wissen, was mir Gebier schreiben will oder wird: so bin ich auch schon von anderwärts versichert, daß es mir da nicht leicht fehlen soll, so bald ich mich selbst um etwas bewerben will. Doch das Seldstbcwerlicil ist für mich eine gar harte Nuß; und ich t!eslmgS Werk- xu. 23 364 Lcssings Briefe. 1772. würde nur sehr schwer, in Rücksicht auf eine Person, die ich mehr liebe, als mich selbst, dazu zu bringen scvn. — Sonderbar ist cS bey dem allen, daß weder Sonnenfels noch Gcblcr selbst wissen, was um sie herum vorgeht; daß sie weder wissen, wer Ricdcln berufen hat, noch was der Mann eigentlich da soll. Nunmehr muß er doch wohl auch in Wien angekommen seyn; denn es ist länger als sechs Wochen, daß er durch Leipzig gercisct; und bcv seiner Ankunft wird cS sich doch wenigstens gezeigt haben, wer seine Gönner sind, und was man mit ihm will. WaS Sie Näheres davon hören, werden Sie mir wohl melden- — Vor einigen Tagen habe ich einen Brief von Herr Seylcrn auS Wien bekommen, der mir eine neue Tragödie von dem Herrn O. L von Avrenhoff übcrschickt hat, dje mir dieser zuzuschreiben für gut befunden. Der Herr von A. hat mir damit viel Ehre erwiesen; aber mich auch zugleich in nicht geringe Verlegenheit gcscht. Denn was soll ich dem guten Manne antworten? Sein Stück, unter unS gesagt, ist herzlich mittelmäßig- und antworten muß ick ihm doch, und muß ihm verbindlich antworten. Was ist cS denn sonst für eine Art von Mann? Schreiben Sie mir doch, was Sie von ihm hören. Herr Seyler ist hockst »»zufrieden mit Wien; und ich habe gleich darauf gerathen, daß die schleckte Aufnahme der Madam Hensel daselbst an dieser Unzufriedenheit wohl vornehmlich Schuld haben könnte. Aber wenn diese nicht in Wien bleiben kann: was will sie bcv uns in Braunschwctg? Hier hat Döbbelin eine Art von sehr vorthcilhaf tcm festen Engagement vom Hofe erhallen, warum sich dcr selige Acker mann umsonst bemühte. Wir gönnen es ihm alle gar nicht; und hatten es Ackermanns iveit lieber gegönnt. Mein neues Stück hat er dreymal gespielt; aber ich habe «S kein cinzigcsmal gesehen, und will es auch so bald nicht sehen. Unterdessen versichern mich alle, daß die Aufführung ganz wider Vermuthen gut ausgefallen, und daß diese Truppe noch kein Stück so gut aufgeführt habe. Ich bin begierig zu hören, was man in Wien davon urtheilt; und was besonders der allweise Herr von Sonnenfels geruhen wird, darüber zu äußern. Da er Sie, meine Liebe, so freundschaftlich aufgenommen hat, so kann ich auf ihn nicht ganz böse sevn, welches ich sonst von Grund der Seele wollte. Denn nach allem, was ich sonst von ihm höre, muß cS dcr unerträglichste Narr auf Gottes Erdboden sevn. Stcuensee hat noch seinen Kopf, und er wird ihn anch wohl behalten. Man will nehmlich wissen, daß ihn die Richter vernrthcilt hätten, lebendig gcvierthcilt zn werden: aber auf Vorspräche dcr Königinn sey diese Sentenz in eine ewige Gefangenschaft gelindert wor- «cssings Briefe. 1772. 365 den. Indeß wenn er auch den Kopf verlöre/ so verlöre er ihr eben nicht sehr viel. Denn er beträgt sich durchaus, besonders gegen den heuchlerischen elenden Münter, der ihn bekehren will, als ein Mann ohne Kopf- Bey der Gelegenheit danke ich Ihnen auch noch für die abgeschriebne Recension von Münters Predigt. Sie hat mir außerordentlich gefallen: und überhaupt freue ich mich, daß mein Urtheil über die ganze skandalöse Geschichte immer allgemeiner wird. — Und nun wieder auf uns selbst zu kommen — Vor allen Dingen, meine Liebe, bleiben Sie recht gesund, und schreiben Sie mir fleißig. Nur das soll mich überzeugen, daß Sie Ihre Gesinnungen gegen mich nicht andern, und auch von der Aufrichtigkeit und Beständigkeit der meinigcn überzeugt sind. Ich umarme Sie tausendmal! Mein Kompliment an den Herrn Schwager- Dero ganz ergebenster L. An Ramlcr. Braunschweig, d. 21. Aprill 1772. Liebster Freund, Wie sehr ich Ihnen für Ihren Beyfall und Ihr- freundschaftliche Bemühung, meiner Emilie eine gute Aufnahme zu verschaffen, verbunden zu seyn Ursache habe, das können Sie nur selbst am besten erachten. — Aber nun auch die bessere Art des Beyfalls, die wir einander unter uns geben können: Ihre Kritik! Sie haben mir sie versprochen, und ich erwarte sie so gewiß, als bald. Kritik, will ich Ihnen nur vertrauen, ist das einzige Mittel mich zu mehrerem aufzufrischen, oder vielmehr aufzuhetzen. Denn da ich die Kritik nicht zu dem kritisirten Stücke anzuwenden im Stande bin; da ich zum Verbessern überhaupt ganz verdorben bin, und daS Verbessern eines dramatischen Stücks insbesondere fast für unmöglich halte, wenn cS einmal zu einem gewissen Grade der Vollendung gebracht ist, und die Verbesserung mehr als Kleinigkeiten betreffen soll: so nutze ich die Kritik zuverlässig zu etwas Neuem. — Also, liebster Freund, wenn auch Sie eS wollen, daß ich wieder einmal etwas NcucS in dieser Art machen soll, so sehen Sie, worauf eS dabey mit ankömmt: — mich durch Tadel zu rcitzcn, nicht dieses Nehmliche besser zu machen, sondern überhaupt etwas Besseres zu machen. Und wenn auch dieses Bessere sodann nothwendig noch seine Mängel haben muß: so ist dieses 23" 3S6 Lessings Briefe. 1772. allein der Ring durch die Nase/ an dem man mich in immerwähren- dem Tanze erhalten kann. — Melden Sie mir doch auch mit einem Worte, wie die Vorstellung bey Koch ausgefallen. Die hiesige bey Dbbbelin habe ich noch nicht gesehen: aber man sagt durchgängig, daß Emilia unter allen seinen Stücken dasjenige ist, was er am besten spielt. — Ueberbringer wünschte sehr, ein Paar Zeilen von mir an Sie zu haben: und diese sind es nur eben, die ich ihm jetzt in der Geschwindigkeit geben kann. Ich befinde mich jetzt manchen Tag wieder nichts weniger als wohl, an welchem mein Kopf so schwach, so dumm ist, daß ich nur noch kaum den Wunsch thun kann: Ach, wenn doch Müßiggchen Arbeiten wäre! Jetzt schließe ich noch mit dem Wunsche, daß Sie diesen Wunsch nicht auch zu thun Ursache haben mögen. Dero ganz ergebenster Freund, _ Lcssing. An Karl G. Lcssing. Braunschwcig, den 22. April 1772. Lieber Bruder, Du wirst cS vielleicht errathen, warum ich Dir so lange Zeit nicht geschrieben. — Weil ich in eben so langer Zeit nichts arbeiten können. Fast bin ich wieder da, wo ich vor dem Jahre war; und wenn ich mich schlechterdings anstrengen muß, so kann es noch schlimmer werden. Diese meine Zerrüttung (Krankheit kann ichs freilich nicht nennen) ist denn auch Schuld, daß ich mein neues Stück »och nicht aufführen sehen, ob es gleich schon dreimal aufgeführt worden. Ich befand mich jedesmal nichts weniger als in der Fassung, in der ich fähig gewesen wäre, zu urtheilen, was in meiner eigenen Arbeit gut oder schlecht sey. Was hätte ich denn also in der Vorstellung gesollt? Mir schale Urtheile hinterbringen lassen? oder noch schalere Lobeserhebungen einernten? Und also, wie Du siehst, kann ich Dir auch nicht sagen, ob oder wie sehr ich mit Döbbelins Vorstellung zufrieden bin. Indeß könnte cS, nach allem was ich höre, leicht seyn, daß sie im Ganze» hier doch noch besser ausgefallen wäre, als ich besorgen muß, daß sie in Berlin ausgefallen ist. Nicolai schreibt mir, daß nach der Scene mit der Mutter und Marinclli das Stück ein wenig matt würde. Wenn wirklich dieses so geschienen hat, so muß cS schlechterdings daher kommen LessingS Briefe. 1772. 357 daß die Starkin allzu gut/ Herr Schubert aber und Madame Koch allzu schlecht gespielt haben. Denn ich sehe nicht/ warum in dem Stücke selbst/ nach jener Scene/ das Interesse, statt zu steigen, fallen sollte. — Unsers guten »" 6 Recension ist freilich ein wenig schielend/ und cS könnte mich fast verdrießen, daß er mich ohne allen Streit für eben so gut halt/ als die Beaumarchais und Falbaires. Doch ich kenne überhaupt seine Art zu urtheilen/ bei der er sich überall Hinterthüren offen lassen muß. Besonders, weißt Du wohl, muß er seinem --die Stange halten, und kann also nicht so schlechterdings billigen, wo die Ausführung den Regeln desselben widerspricht. Allerdings hätte ich lieber ein Urtheil von unserm Moses gehabt. Seine Anmerkung über den Charakter des Prinzen ist nicht so ganz ohne: denn ich erinnere mich sehr wohl, daß ich ihn, so wie er jetzt in dem ersten Acte ist, zu einer Zeit angelegt habe, als ich noch nicht ganz gewiß bei mir war, wie viel Antheil ich ihn an dem Ausgange würde können nehmen lassen. — Lebe für itzt wohl, mein lieber Bruder, und schreibe mir bald wieder. Nach Hause habe ich vor länger als acht Tagen geschrieben und 50 Rthlr. Übermacht. ES ist mir schlechterdings nicht möglich gewesen, mehr zu schicken; des empfindlichen Briefes ungeachtet, den ich von unsrer lieben Schwester wegen meiner unkindlichen Aufführung') erhielt. Dein treuer Bruder, _ Eotthold- An Eschcnburg.") den 25. April 1772. Ich war am vorigen Sonntage des Morgens noch vor Ihrer Thür, um über einiges in Ihren Anmerkungen"*) noch mit Ihnen zu con- *) Weil er noch nicht den Lcbcnslauf des Vaters gemacht, den er ihr versprochen. Rarl G- Lcssini;. ") Ich besitze außer den liier »litgrthciltc» Briefe» einen wenigstens noch dreymal so großen Verrath derselben. Ihr Inhalt aber ist theils für das Public»», durchaus nicht interessant, theils vertragen sie auch in andrer Rücksicht kci»c öffentliche Bcra»»i»iachnna. Eschcnlnirg. '") Die Rede ist bicr von meinen Anmcrlttngc» zur Ucbcrsctzmig von Hlirds Commciilar über die Horazischc» Episteln an die Pisonc» und au den August, die zu Leipzig in, Z. 1772 In zwey Bänden herauskam. Jene 358 Messings Briefe. 1772. fcrircn, — Z. E. ich wünschte/ daß Sie aus der Erklärung des Aristotelischen ?>-,>.a,'5t,--o5ov'das Wort pflicht»iäs;ig wegließen. Sie scheinen es aus dem IcZv der Hcinsiusschen Umschreibung genommen zu haben, wo cS aber nicht absolute sieht, sondern auf /.«mn,-!/«/^ geht, und so viel als vi-tc-iio /-»»lnn-Vnt/« seyn soll. Das Pflicht- maßige wäre, meiner Meinung nach, gerade wider das ^^a,^u-rov. Denn es wäre unstreitig unsre Pflicht, uns über das Unglück eines BösewichtS zu freuen; wenn Pflicht das heißt, was dem positiven Gesetze gemäß ist. Aber dieser Pflicht ungeachtet, können wir ihn nicht ganz ohne Mitleid lassen, weil dieser Böscwicht doch ein Mensch ist. Für o^->,,i>«xl« setzen Sie lieber,<»^^,>or. llella I>Iu8iea abstehen, und was er dafür haben will. — Lebe wohl, nächstens ein MchrereS. Dein treuer Bruder, __Gotthold. An Reiste. Wolfcnbüttcl, d. 1«. Mav 1772. Was müssen Euer Wohlgcbohrncn in aller Welt von mir denken? ES dürfte mich nicht wundern, wenn Sie mich für den allcrsorglose- stcn, nachläßigsten, unempfindlichsten und uncrkenntlichsten Menschen hielten. Ich mag cS nicht zählen, auf wie viele Briefe ich Ihnen so lange Zeit Antwort schuldig bin. Und keiner dieser Briefe ist ohne einen Beweis Ihrer Freundschaft, und Ihrer Uncigcnnütztgkcit gewesen, die ich aber fast Lust hätte, mit für einen kleinen Eigensinn zu erklären. An Entschuldigungen meines StilleschweigcnS sollte es mir endlich nicht fehlen. Doch was hilft cS, wenn ich Sie auch überführe, daß ich die Zeit über, da Sie mich für sehr nachlässig gehalten, sehr unzufrieden und in den verdrießlichsten Zerstreuungen und Geschäften verwickelt gewesen. Ich habe eS daher mit allen meinen Freunden nicht besser gemacht, als mit Ihnen; und ich komme schlecht weg, wenn sie nicht alle eben so nachsehend gegen mich sind, als ich mir gewiß schmeichle, daß Sie zu seyn sich werden erbitten lasse». Ich komme daher also auch gleich zur Sache, ohne die ich vielleicht auch noch 362 Lessings Briefe. 1772. jetzt nicht geschrieben hätte. Ich erinnere mich nehmlich, daß vorige Michaelismesse meine Pränumeration ans die griechischen Redner nicht berichtiget worden/ und es wäre unverantwortlich, wenn ich auch diese Messe so wollte hingehen lassen. Es erfolgen also anbey ?3 rthlr. in Gold, womit ich Euer Wohlgcbohrnen ersuche, alles was ich Ihnen in diesem Artikel schuldig bin, zu berichtigen: nehmlich die Pränume- ration auf zwey Exemplare, so weit ich solche schon längst hätte berichtigen sollen, oder eben jetzt berichtigen müßte. Ich bitte aber dabev um eine Quittung für das eine Exemplar, welches für die Bibliothek ist: und zwar um eine Quittung auf alle 5 Theile, weil ich sie in meiner nächst abzulegenden Rechnung mit beyfügen muß. Ein anderer Punkt, der nicht weniger nothwendig ist, bctrift den tünlalogiim ÜI.inus»ttii»,j,si^ Q,,vi» ti»,w " '1 . L. An Madame König. Wolfenbüttel, den 27. Jun. 1772. Meine Liebe! Freylich hätte ich Ihnen öfter schreiben sollen; und wenn ich Ihnen so oft geschrieben hätte, als ich eS thun wollen/ so hätte ich Ihnen auch wirklich sehr oft geschrieben. Aber ich weiß selbst nicht/ waS bald diesen, bald jenen Posttag, eben in dem Augenblicke, da ich mich Hinsehen wollte zu schreiben, mich leider daran verhindern müssen. Nur das weiß ich, daß die Ursache, warum cS seit drey Wochen nicht geschehen, lediglich diese ist, weil ich einen Brief an Gcblcrn mit beschließen wollte, und auf seine Komödien, wovon ich ein Exemplar unserm Herzog überreichen sollen, von einer Zeit zur andern warten mußte. Ich habe sie auch nur vor einigen Tagen erst bekommen, und sie nur erst gestern überreicht; wovon ich ihm die gnädige Aufnahme in Beylegendem mit mehrern melde. Denn auch ich sehe nun wohl, warum eS dem guten Mann zu thun ist. Er will Weihrauch; und es ist ihm gleichviel, wer ihm diesen streuet. Mir aber ist es nicht gleichviel, daß ich das wenigstens im Namen eines Herzogs loben darf, was ich in meinem Namen weder loben kann noch mag. Inskünftige will ich cS aber wohl bleiben lassen/ und mich durch solche, uns nichts angehende Dinge, um das Vergnügen Ihrer Briefe bringen. Den» wahrlich, meine Liebe, Sie mögen mir von der Freude/ die Ihnen die mcinigen machen, sagen, was Sie wollen, so kömmt sie doch sicherlich nicht der Freude bey, die mir Ihre Briefe verursachen. Wer hiernächst von uns beyden ihr am meisten aufgemuntert zu werden nöthig hat, das wäre noch eine große Frage. Sie haben doch weiter nichts als Sorgen, deren Ende Sie absehen können, auf eine oder die andere Weise. Mir aber ist iht nicht selten das ganze Leben so ekel — so ekel! Ich verträume meine Tage mehr, als daß ich sie verlebe. Eine anhaltende Arbeit, die mich abmattet, ohne mich zu vergnügen; ein Aufenthalt, der mir durch den gänzlichen Mangel alles Umganges — (denn den Umgang, welchen ich haben könnte, den mag Zkf. LessingS Briefe. 1772. ich nicht haben) — une>«träglich wird; eine Aussicht in das cwigc, liebe Einerley — das alles sind Dinge, die einen so nachthciligc» Einfluß auf meine Seele, und von der auf meinen Körper haben, daß ich nicht weiß, ob ich krank oder gesund bin. Wer mich sieht, der macht mir ein Kompliment wegen meines gesunden Aussehens: und ich möchte dieses Kompliment lieber immer mit einer Ohrfeige beantworten. Denn waS hilft eZ, daß ich noch so gesund ausseht/ wenn ich mich zu allen Verrichtungen eines gesunden Menschen unfähig fühle? Kaum, daß ich noch die Feder führen kann; wie Sie wohl selbst ans dem unleserlichen Briefe sehen werden, den ich mehr wie fünfmal abbrechen müssen. Mein Trost ist, daß dieser Zustand unmöglich anhalte» kann, und daß er sich hoffenllich bcv dem Brunnen verlieren wird, den ich in einigen Tagen zn trinken anfangen will. Aber was klage ich Ihnen da vor? Sie müssen mich wirklich lieber für hypochondrisch halten, als alles so genau nach den Worten nehmen. Wenigstens bin ich noch darüber sehr empffndlich und erfreuet, daß Sie, meine Liebe, sich wohl befinden, und dic beste Hoffnung haben, in Ihren Angelegenheiten glücklich zu seyn. Denn allerdings sollte ich meinen, daß der Vorschlag, den man Ihnen gethan, sehr annehmlich wäre, wenigstens waS die zwey ersten Punkte anbelangt. Bey dem dritten, den Sie mir verschweigen, kann ich nur auf zweyer- ley denken: und ob mich schon das Eine nicht so gleichgültig lassen sollte, so will ich Ihnen doch gestehen, daß ich eben so ruhig dabey bin, als wenn cS das Andre wäre. Denn ich bin gewiß versichert, daß Sie zu dem Einen so wenig fähig sind, als zu dem Andern. Doch allem Ansehen nach, wird man auf diesen dritten Punkt auch nicht bestehen, wenn es mit den zwey ersten nur einigermaßen ein Ernst ist. - Daß Sie die Bekanntschaft von Madam Huberinn gemacht, ist mir sehr angenehm. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon einmal erzählet, daß ich sie als Mademoisell Lorcnzinn gekannt, ich weiß auch nicht, ob sie selbst sich dessen noch erinnert. Wenigstens sind eS nahe an fünf und zwanzig Jahr, daß ich sie zulcht gesehen, und in einer solchen Zeit kann man, glaube ich, noch vertrautere Bekanntschaften vergessen, als dic unsrige gewesen. Sie kann gar wohl noch eine ganz gute Frau seyn; aber sie muß anch dabey eine sehr eifersüchtige Actrice seyn, die keine neben sich aufkommen lassen will. Wenn ihre Verdienste ihr dazu einiges Recht geben, so mag es noch hingehen- aber man sagt, daß auch diese nicht so besonders scvn sollen. Ich denke auch noch immer, daß cS bloße Kabale ist, wenn dic Hänsclinn nicht Lessings Briefe. 1772. in alle» Stücken mehr Beyfall erhalt, als sie. Daß diese wieder sicher zurückkomme/ hat man für gewiß gesagt: und um so viel weniger begreife ich, warum eS lieber als Madam Scylerinn, und nicht als Madam Hänselinn, geschehen soll. Unser K- ist noch in Hamburg; aber wie weit eS mit seiner Sache ist, weiß ich nicht. Nur so viel weiß ich, daß er für sein Theil sich noch alle gute Hoffnung macht, und nur deswegen so lange in Hamburg bleibt. In Hamburg aber muß er sehr geheim zu Werke gehen; denn Sch- wenigstens wußte nichts davon. Dieser ist vorgestern wieder hier durch nach Dresden gegangen, und wie er mich versichert, so ist er mit seiner dortigen Angelegenheit so gut als zu Stande. Ich will eS ihm sehr wünsche»; auch war cr ganz aufgeräumt, und ich habe ihm versprochen, bey seiner Rückreise im August ihn nach Hamburg zu begleiten: versteht sich, wenn Sie, meine Liebe, schon wieder allda zurück sind. Von dortigen Neuigkeiten wüßte ich Ihnen sonst nichts zu melden, als daß Nicolini seine erste Pantomime gegeben, und sehr großen Zulauf gehabt. Denn cr hat über ooo Thaler, in dem großen Komödien-Hause, das er gänzlich umgeworfen, und gcräumlicher und schöner ciligerichlct, eingenommen; wovon die Ackcrmannin die Hälfte bekömmt, so wie er wieder von Ackermanns Vorstellungen die Hälfte zieht. ES ist beyden zu gönnen, wenn die Hamburger lange in diesem Geschmacke aushalten wollen. — Das Schicksal der übrigen Staatsgefangenen in Kopenhagen wissen Sie ja wohl auch schon aus den Zeitungen. Sie sind alle auf freyen Fuß gesetzt, außer Falkenskiold, welcher auf Zeitlebens nach Monkholm gebracht worden. Der Iustiz- rath Struensce kömmt wieder als geheimer Rath in Preußische Dienste. Sturz ist durch Hamburg gekommen, aber hat sich von keinem einzigen seiner Bekannten sprechen lassen. Die Königinn ist endlich zur Görde angelangt, allivo sie in einigen Tagen ihre Schwester, unsre Erbprinzessinn, besuchen wird. Sie soll munter und unbekümmert scvn, und täglich auSreitcn. Unsre Erbprinzcssin muß sie für völlig unschuldig halten, sonst würde sie sie gewiß nicht besuchen. Aber ist eS möglich, meine Liebe, daß ich Ihnen noch nicht den Empfang Ihres Portraits gemeldet hätte? Ist eS möglich, daß ich Ihnen noch nicht für das Vergnügen, das es mir täglich macht, sollte gedankt haben? Unmöglich! Und wenn Sie in den Briefen, die Sie von mir in den Händen haben, nichts davon finden, so ist ganz gewiß einer verloren gegangen: denn ich crinncrc mich cs noch allzu genau, daß ich, und wie ich davon geschrieben. Die Zahl meiner Briefe 368 Lesfings Briefe. 1772. trifft ohnedem nicht ein; und ich habe Ihnen sicherlich mehr als drey« ma geschrieben. Daß aber meine Briefe meistentheils später eingehen, als sie eingehen sollten, kömmt vielleicht daher, daß ich sie erst nach Braunschweig senden, und da auf die Post geben muß. Wenn sie denn nicht gleich daselbst abgegeben werden, so bleiben sie bis zum folgenden Posttage liegen. Nun denn, meine Liebe, einer guten Sache kann man nicht zu viel thun. Empfangen Sie nochmals meinen zärtlichsten, aufrichtigsten Dank für den zwar stummen und todten, aber für mich doch sehr unterhaltenden, besten, liebsten Gesellschafter in meiner Wölfen- büttelschen Einsamkeit. Ach, wenn — Sie wissen, was ich wünsche! — Eben da ich mich hinsetzen,, und den Brief an G. schließen will, werde ich auf die unvermeidlichste Art daran verhindert. Ich lasse ihn also bis auf den nächsten Posttag; aber diesen Brief sende ich ab. Um so eher mnß ich, und will ich auch Ihnen wieder schreiben. Entschuldigen Sie mich indeß bey ihm, wenn er gelegentlich meine Antwort schon längst erwartet zu haben äußern sollte. Was ich sonst wünschte, daß Sie meinetwegen mit ihm sprechen möchten, weiß ich selbst kaum. Denn von dem Manne, der Riedeln anhilft, möchte ich mich nicht gern empfohlen oder angebracht wissen. — Ist es wahr, daß der alle van Swictcn, wo nicht schon todt ist, doch auf den Tod liegt? Mich dünkt, daß sein Tod auch hier und da etwas verändern dürfte. — Apropos — bey Gelegenheit eines Abgehenden — Hat man Ihnen schon aus Hamburg gemeldet, daß die G . . . nun einmal in allem Ernste guter Hofnung ist? — Und das nenne ich doch einen Brief! lang, überflüssig; aber freylich leider kaum zu lesen. Ich will Sie mit Rathen und Buchstabiren nicht länger martern, und mich Ihnen empfehlen. Leben Sie recht wohl, meine Liebe. Möchten Sie doch barmherzig genug gegen mich gewesen seyn, und an mich geschrieben haben, noch ehe dieser Brief in Ihre Hände kömmt! — Ich bin mit ganzer Seele auf immer der Ihrige L. LcssingS Briefe. 1772. 3K9 An Madame König. Wolfenbüttel, den 29. Jul. 1772. Meine Liebe! Ich habe es seit vierzehn Tagen mehr als einmal versucht, an Sie zu schreiben: aber vergebens, lind es wird ein großes Glück seyn, wenn ich endlich doch diesen Brief zu Stande bringe. So sehr hat mich der Brunnen angegriffen, den ich gestern geendet, und von dem ich mir mehr gute Wirkungen verspreche, als ich noch zur Zeit empfinde. — Mochte es aber doch mit mir nur seyn, wie es wollte: wenn eS nur mit Ihnen so wäre, wie ich wünsche. Ihr letzter Brief verschweigt mir sicherlich mehr, als er mir sagt; und ich muß mir alle Gewalt anthuii, mir, vorncmlich in Betrachtung Ihrer Gesundheit, nicht das Allerschlimmstc vorzustellen. In dieser Furcht bestärkt mich, daß ich keine Briefe von Ihnen, sondern nur immer Antworten erhalte. Ich weiß, daß Sie mir doch sonst ein paar Briefe geborgt haben, bis ich Ihnen meine Schuld mit Interessen abtragen konnte. Und daß Sie cS itzt nicht thun, daran ist gewiß nicht Ihr bloßes Nichtwollcn Schuld. T'aS verwünschte Wien! Wenn cS auch Ihnen leere Heffnuugeu vorgespiegelt hat, so werde ich ihm auf Feit meines Lebens gram werden. Konnte ich wenigstens doch nur itzt abkommen, um mich desto geschwinder in Ihrer Gesellschaft von der Neigung zu kurircn, die noch dann und wann für diesen betrügerischen Ort bei mir spricht. Ich käme Ihnen, ehe Sie cS sich versähen, über den Hals, mochte doch der Herr von Geblcr davon denken, was er wollte. ?a Sie mir nicht melde», daß er eben etwas Besonders für Sie thut, und da er hingegen so viel sür den elenden Ricdcl thut: so ist er wir herzlich ekel, und cS wird mir die äußerste Ueberwindung kosten, wieder an ihn zu schreiben. Heute thu' ich es schon gewiß nicht; wenn ich gleich weiß, daß ich so nach auch desto länger fein Kompliment über die Aufführung der (üuilie werde entbehre» müssen. Wie gern will ich es ihm ganz schenken! Und wie gern hätte ich auch die ganze Zlnfführnng dem Wicncrlhcatcr erlassen wollen. Nach allem, was Sie mir davon schreiben, muß sie ganz abscheulich ausgefallen seyn. Tcr abscheuliche Kerl, der Stephanie!') Und das alles lassen *) Sie schrieb am 15. Juli „Den Prinzen machte Slcpbanic der Zlclterc, ich möchte fast sagen: so schlecht wie möglich. Die schöne Secnc mit dem Mahler, die verliert hier ihre» ganzen Werth. Denn die spielt der Prinz und der Mahler, bcpdc zugleich so abgeschmackt, daß man sie möchte mit Nasenstübern vom Theater schicken. Stephanie wird täglich affcktirtcr LeMngS Werke xn. 24 370 Lessings Briefe, 1772. sich die Wiener so gefallen? Zwar die Wiener Zuschauer sind mir schon langst eben so verdächtig, als die Akteurs. Daß sie indeß hier und da in meinem Stucke gelacht haben, ob es gleich eine Tragödie seyn soll, verdrießt mich nun wol?l nicht: aber freilich, wenn die Akteurs alles Ihrige dazu beigetragen, daß die Zuschauer da lachen müssen, wo sie sicherlich hier bei uns nicht gelacht habe», so hat es der Kaiser wohl schwerlich zum Lobe des Stuckes gesagt, daß er in keiner Tragödie wehr gelacht habe, als in dieser. O meine Liebe, ich fürchte, ich wurde ein noch weit ungebildeter und noch weit undankbarer Publikum vor mir haben, wenn das geschähe, was Sie zn wünschen scheinen! Und doch wurde ich es darauf wagen, wenn — Sie wissen ja wohl. Aber welche ungewisse Aussichten! — Was Sie mir von Riedcln schreiben, haben wir hier wirklich zum Theil schon gehört, und zum Theil ist es sogar schon gedruckt, es fehlte noch, wenn Sie glauben, daß Gebier Sie leicht selbst in Verdacht haben könnte, wenn er erfährt, daß man seine saubere Kreatur auch hier kennet. Und doch glaube ich nicht, daß er es von R" weiß, was Sie vermuthen, daß er von uuscrer Freundschaft wisse. Wenn davon etwas nach Wien gekommen ist, so ist eS ganz gewiß allein durch Wagnern dahin gekommen. — — Bald hätte ich Ihnen etwas nach Wien geschickt, was Sie als den Dank für das mir überschickte Portrait von Klotzen hätten ansehen mögen, lind vielleicht thue ich eS mit der nächsten Post doch noch. Sie wissen ja, daß ich voriges Jahr in Berlin mich von Grafen mußte mahlen lassen. Dieses Portrait ist itzt von Baust» in Leipzig gestochen, sehr schön gestochen; ob aber auch ähnlich, und so äußerst ähnlich, als mich die Leute bereden wollen, das werde ich am besten von Ihnen, meine Liebe, erfahren können. — Gestern hat mich, rathen Sie wer? aus Hamburg besucht. Doktor Matsen; den ich in einem Ihrer Briefe einmal für D. Muwscn las. i5r ist in Angelegenheiten des RathSherrn Rickcrt hier, welcher ein ziemliches bei Todcr HorstS zu fordern hat. Dieses Hau« hat schon seit einiger Zeit aufgehöret zu bezahlen, und seine Gläubiger in Hamburg stnd mit dem Mcratorio, das man ihm hier gegeben, sehr übel zufrieden. Aber ich denke doch, daß es dabei bleiben wird, und und unerträglicher, besonders in seinem stummen Spiele. Was thut er zuletzt in Ihrem Stücke? Er reißt sein ohnedem großes Maul bis an die Ohren auf, streckt die Zunge lang mächtig ans dem Halse, und leckt das Blut von dem Dolche, womit Emilia erstochen ist." Lcssings Briefe. 1772. 371 daß D. Matsen wird vergebens hier gewesen sey». Neues hat er mir eben aus Hamburg nicht viel erzählet, was ich glauben könnte, was Sie nicht schon wußten. Aber was ihn selbst betrifft, haben Sie vielleicht noch nicht gehört: ncmlich, daß man sagt, er werde die Mumscn heyrathen. Und nach dem zu urtheilen, wie er sich über Sie äußert, möchte es wohl auch wahr werden. Wenigstens hat er mich versichert, daß B. die Mumscn gewiß nicht bekömmt; denn auch mit der Mumscn hatte man B. schon iu Gedanken verheirathct; nicht allein mit der Mamsell Albcrti. Sie wissen doch, wen diese nun bekömmt? Nicht den reichen Portugiesen, oder Spanier, den Sie ihr so gern gegönnt hätten; sondern einen jungen Toktor, Namens Hä> seler, in Altona; den Bruder des dortigen Stadiphysici. Ebert reiset mit Matsen in einigen Tagen zurück nach Hamburg, und er hat mir sehr angelegen, von ihrer Gesellschaft zu seyn. Aber was soll ich i» Hamburg? Sie, meine Liebe, »och lebhafter vermissen? In jeder von unsern gewöhnlichen Gesellschaften würde mir eine Person fehlen; und mehr als eine würde mir zu viel seyn. — K. ist auch »och in Hamburg; und sein Geschäfte geht sehr langsam; wenn es anders gar geht. — Daß Wutford als Gesandter nach Koppen- Hagen geht, werden Sie wohl i» den Zeitungen gelesen haben? llnsere arme F—! das geht hart über sie her! Wenn sie alles verloren hat, wird sie endlich doch auch das verliere», was sie längst gern verloren hätte. Zink ist wirklich schon mehr tod, als lebendig, — Nun lebe» Sie wohl, meine Liebe. Gott beschere mir bald angenehme Nachrichten von Ihnen. Ich uniarmc Sie tausendmal; und bin Zeit Lebens ganz der Ihrige L. An Wicland.') Ich glaube einen, Manne zu antworten, der es nicht erst seit gestern weiß, wie unendlich hoch ich ihn schätze. Aber eben das macht meine Antwort um so schwerer. Dieser Mann, weit unter dem, in der vermessensten Stunde meiner Eigenliebe, ich mich immer in allem gefühlt, worauf Schriftsteller stolz seyn können, — dieser Mann versichert mich, über eines meiner *) Aus dem Genius der Zeit, hkrausg, von Aug. Hennings, V? in (Altona, Dcccmb. 1794), S. L35. 24 d 372 Messings Briefe. 1772. Werke, von dem ich nicht wünschte, daß es mein bestes bleiben möchte, seines Beifalls auf eine Art — auf eine Art! Ironie kann es nicht seyn. Was soll ich diesem Manne antworten? Gänzliche Ablehnung seines Lobes, wäre Beleidigung. Eigenlob wäre eben so grosse Beleidigung; und schaler. Er antworte sich selbst, statt meiner. Aber wenn Ewilia nicht völlig die Wirkung eines ungewohnten betrügerischen Weines auf ihn gehabt hat, der uusere Geister eben so schnell wieder sinken läßt, als schnell er sie erhoben! wenn er izt in einer kalten nüchternen Stunde — und ich habe leider meine Antwort bis auf diese kalte Stunde verschieben müssen; — wenn er ijt seinen Brief nicht bereuet: welche gefährliche Rcizung für mich! Ist der vollkommenste Leser den ich mir denken kann damit zufrieden: wohl gut — Doch er besorge nicht, daß ich sein Lob miSbrauchen werde. Ich will es nicht vergessen, daß der vollkommenste Leser auch zugleich der gutherzigste ist. Was er selbst hinzudenkt, macht ihn wärmer, als was er liefet: und doch hat er die Gefälligkeit, seine ganze Empfindung dem Buche zu tanken. Aber nun genug den Autor rede» lassen. — Ach, mein liebster Wieland! — denn so habe ich Sie jederzeit in Gedanken genennet. Sie glauben nur, daß wir Freunde werden könnten? Ich habe nie anders gewußt, als daß wir es längst sind. Eine Kleinigkeit fehlt: uns gesehen zu haben. Eine wahre Kleinigkeit; denn ich bin gewiß, mit dem ersten Anblicke werde ich Sie schon viele Jahre gesehen zu haben glauben. Und doch wünschte ich sehr, daß auch diese Kleinigkeit unserer Freundschaft nicht fehlte. Vielleicht daß Ihre gegenwärtige Veränderung uns bald einmal zusammen bringt. Tiese Veränderung — o daß Sie eben so gut dabei fahren mögen, als der Prinz! Ich sage Ihnen, liebster Wieland, wir sind alle Freunde, und Sie sehen, wie völlig ich Sie auf den Fuß eines allen ZrenndcS genommen habe. Ich antworte Ihnen so spät: aber ich bin krank gewesen; und ich bin noch nicht gesund. Lassen Sie mich diesen Zufall nicht entgelten. Ich antworte wenig Leuten gern; aber gewissen, um so viel lieber. Wollen Sie es noch einmal versuche»? Mir wenigstens zu sagen, daß Sie meiner Entschuldigung glauben. Vor einigen Tagen überraschte mich Herr Seylcr. Wer das dritte Wort unsers Gesprächs gewesen, mag er Ihnen selbst sagen. Der Mann ist gut; aber in gewissen Umständen können nur wenig Menschen so gut scheinen, als sie sind. Wenn Sie sich seiner in Weimar Lcsstngs Briefe. 1772. 373 annehmcn können, thun Sie eS ja. Was soll der rechtschaffene Mann bei Hofe, wen» er Unglüklichcn nicht helfen will? Aber wem sag ich das ? Leben Sie recht wohl, mcin liebster Wieland; und lassen Sie mich dieses ja vor vier Monaten geschrieben haben. Wolfenbüttel, d. 2. Septbr. 1772. Leßing. An Nicolai. Braunschweig, d. 22. Octob. 1772. Liebster Freund, Ihr Brief ist mir recht sehr angenehm gewesen. Denn daß es mir nicht ganz gleichgültig seyn kann, wie die Vorstellung meiner Emilia bey Ihnen ausgefallen, das versteht sich; und wenn ich eS schon nicht Wort haben wollte, so würden Sie wir es doch nicht glauben. Aber das war mir freylich nicht angenehm zu ersehen, daß sie eben nicht zum besten ausgefallen seyn müsse. Denn, mit Ihrer Erlaubniß, wenn das Stück, nach der Scene der Mutter mit dem Marinclli, ein wenig matt zu werden geschienen hat, so liegt es nothwendig an dem Spiele des Vaters und der Orsina. Denn daß das Interesse von jener Scene an nicht immer stiege: das wüßte ich doch wabrlich nicht. Madame Starke kann auch wohl, bey allem ihrem vortrefflichen Spiele, zu vortrefflich gespielt haben. Denn auch das ist ein Fehler: und ein verstandiger Schauspieler muß nie seine Rolle, wo es nicht nöthig ist, zum Nachtheil aller andern heben. — Aber was mich noch mehr als die Vorstellung meines Stücks interessirt hat, war, Ihr eignes Urtheil darüber zu vernehmen. Ich will darauf schwören, und wenn Sie wollen, anch wetten, daß Sie in den meisten Stücken Ihrer Kritik Recht haben mögen. Nur untersuchen mag ich es jetzt nicht. Ich danke Gott, daß ich den ganzen Plunder nach und nach wieder aus den Gedanken verliere, und will wir ibn durch eine solche Untersuchung nicht wieder auffrischen. Ich habe in dieser Absicht wohl noch wehr gethan: ich habe der hiesigen Vorstellung nicht ein elnzigeSwal beygewohnt. Ehe ich die dramatische Arbeit nicht gänzlich wieder aus dein Kopfe habe, will keine andere hinein. Aber warum mnfi ich sie denn ans dem Kopfe haben? Fragen Sie das? — Ich will nicht hoffen, daß Sie es in Srnst fragen. — Mir ist dieser Tage eingefallen: ob denn die Fortsetzung unsrer antiguarischcn Briefe nothwendig, und mit Klotze» abgestorben sey» muß? Der Ton kann und muß freylich nicht wehr der nehm- 374 Lessings Briefe. 1772. liche seyn: denn es ist eben so unanständig als unnützlich, sich mir einem Todten zu zanken, der sich selbst weder mehr bessern, noch andre mehr verführen kann. Aber die trocknen Anmerkungen gegen sei» Buch, und zwanzig andre Bücher des nehmlichen Inhalts, die sich nach der Feit bey meiner umschweifenden Lectüre sehr vermehrt haben, wären doch wohl der Mühe werth, gesagt zu werden. Lassen Sie mich Ihre Gedanken einmal darüber hören: und leben Sie für jetzt recht wohl. Dero ergebenster Freund, Lessing. An Madamc König. Wolfcnbütlel, d. 2K. Oktob. 1772. Ist eS möglich, meine Liebe, ist es in aller Welt möglich, daß ich Ihnen in so langer Zeit nicht geschrieben habe? daß ich es habe aushalten könne», in so langer Zeit nichts von Ihnen zn sehen und zu hören? — Wenn Sie argwohnisch wären! Wenn ich nicht glaubte, daß Sie mich zu wohl kcunlc»! — Besorgt mögen Sie immer um mich gewesen seyn; aber wenn Sie je eine» argen Gedanke» der meiner und Ihrer unwürdig wäre, von mir gehabt haben: wahrlich, so verdiene ich, daß Sie mir es abbiltcn. — Richt wahr, der Wendung hätten Sie sich nicht versehen? Ich verlange Abbitte, und sollte sie selbst thun. — Nun ja, meine Liebe, ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, wenn ich Ihnen einen einzigen mißvergnügten und bekümmerten Augenblick gemacht habe. Gleichwohl würde ich untröstlich seyn, wenn ich Ihnen auch ganz und gar keinen gemacht hätte. — Aber, werden Sie fragen, woran lag es denn nun? — An tausend und tausend Tingen, die all so klein sind, daß sie sich gar nicht e» zehlen lassen; die aber doch zusammengenommen so eine außerordentliche Würkung auf wich gehabt haben, daß ich, um wenig zn sagen, die ganze Zeit über, die ich nichts von mir hören lassen, so gut als gar nicht gelebt habe. Nicht, daß ich etwa krank gewesen; ob ich mich schon auch nicht gesund befunden. Ich bin schlimmer als krank gewesen; mißvergnügt, ärgerlich, wild; wieder mich, und wieder die ganze Welt aufgebracht; Sie allein ausgenommen. Dazu kam, daß ich mich in eine Arbeit verwickelt hatte, die mir weit mehr Zeit und Anstrengung kostete, als ich voraus sehe» könne». Seit ei» Paar LessingS Briefe. 1772, 376 Tagen habe ich einen kleinen Stillcstand mit dieser Arbeit machen müssen, und vielleicht kommt eS eben daher, daß ich mich jetzt ein wenig ruhiger befinde, Jä, will mir diese Augenblicke zu Nutze machen, die ohne Zweifel bald wieder verschwinden dürften; und will mich wenigstens gegen eine Person in der Welt ganz ausschütten, lind wer könnte diese einzige Person anders seyn, als Sie? — Sie wissen, meine Liebe, was ich Ihnen oft gestanden habe: daß ich es auf die Länge unmöglich hier aushalten kann. Ich werde in der Einsamkeit, in der ich hier leben muß, von Tag zu Tag dümmer und schlimmer. Ich muß wieder unter Menschen, von denen ich hier so gut als gänzlich abgesondert bin. Denn was hilft eS mir, daß ich hier und in Braunschweig diesen und jenen besuchen kann? Besuche sind kein Umgang; und ich fühle es, daß ich nothwendig Umgang, und Umgang mit Leuten haben muß, die mir nicht gleichgültig sind, wenn noch ein Funken Gutes an mir bleiben soll. Ohne Umgang schlafe ich ei», und erwache blos dann und wann, um eine Sottise zn begehen. — Also hören Sie, meine Liebe, was ich mir für einen Plan gemacht habe. Denn wie es mit Ihnen gehen dürfte, sehe ich nun wohl. Sie werden entweder nie, oder sobald nicht von Wien wegkommen. Wenn ich also hier bleiben und die Hände in den Schooß legen will, so wird aus allem nichts, was ich mir in glücklichen Augenblicken manchmal so möglich und so leicht vorgestellt habe. Dieses einzige folglich kann mich noch retten, oder nichts. — Sie erinnern sich, daß, als ich meine itzigc, Stelle annahm, ich mir ausdrücklich vorbehielt, in einigen Jahren eine Reise nach Italien thun zu dürfen. Nun bin ich beinahe drei Jahre hier; und eS darf niemanden be- fremden, wenn ich nun bald auf diese Reise dringe. Daß ich sodann den Weg über Wien nehme, das versteht sich: theils aus der Ursache, die niemand besser weiß, als Sie; theils um mit meinen eigenen Augen da zu sehen, was für mich zu thun seyn dürfte. Ich habe neuerlich, durch den Grafen K., welcher mich hier in Wolfenbüttel besuchte, sehr dringende Aeranlassnngen bekommen, diese Reise nach Wien doch ja einmal zu thu»; mit der Aersicheruug, daß sie unmöglich anders, als sehr zu meinem Glücke ausschlagen könne. DaS will ich sehen, um mir selbst nichts vorzuwerfen zu haben. Aber ich will eS so sehen, daß ich nicht darauf rechne. Ich bin versichert, daß unser Herzog, wenn ich ihn auf Jahr und Tag um Urlaub bitte, mir ihn ohne Umstände geben, und mir nicht allein meine Pension fortsetzen, sondern auch meine Stelle, so lange ich außenbleibc, offen lassen wird. Ja eS sollte mich ein Wort kosten, so wollte ich noch 376 Lessings Briefe. 1772. eine eigene Zulage zur Reise erhalten. Doch dieses würde mich zu sehr binden, und ich will mich an jenem begnügen lassen. Finde ich es nun in Wien so, daß ich Wolfenbüttel darüber vergessen kann: desto besser. Finde ich es nicht, so habe ich mich doch wieder mit Ihnen, meine Liebe, besprochen, und ich weiß, woran ich bin. — Das Schlimmste hierbei ist nur, daß ich nicht gleich morgen aufpacken kann. Aber daß ich es je eher je lieber können möge, das ist itzt mein einziges Bestreben. Jene ganze Arbeit, von der ich Ihnen gesagt habe, zielt dahin ab; weil ich doch nicht gern die Bibliothek in Unordnung und ohne ein Andenken von mir verlassen möchte. Der Winter wird wohl wenigstens daraus gehen; und ich werde mehr in diesem einen Winter arbeiten müssen, als ich sonst nicht in dreien gethan habe. Was schadet das? Eine einzige gute Aussicht kann mich alles ertragen machen. — Doch, meine Liebe, habe ich auch Recht gethan, Ihnen alles das zu schreiben? Sie sehen, wieviel ich von Ihrer Seite dabei voranS setze; wie sehr-ich darauf rechne, daß Sie noch immer die nem- liche sind. Möchte Ihnen dieser Brics mir nicht zu einer gar zu unruhigen Stunde zu kommen. Möchten Sie wcnigsicnS eine recht ruhige Stunde finden, mir darauf zu antworten. Das Herz bricht mir, wenn ich daran denke, wie wenig Sie ruhige Stunden haben mögen. Hierbcy liegt ein Brief an den St. R. (Zebler. Ich traue dem Manne noch nicht recht, und daß er noch so wenig für Sie gethan hat, macht mich noch mißtrauischer in ihn. Melden Sie mir doch, ob Ihnen vielleicht seitdem seine Bekanntschaft etwas genutzt hat. Neues kann ich Ihnen nichts melden; außer daß vor einigen Wochen des Commissionsraths Sohn wieder hierdurch nach Dresden ging, und mich versicherte, daß er von Dresden nach Wien gehen werde. Ich höre aber, daß er schon wieder zurück nach Hamburg seyn soll. Er war so voller großer Projekte, daß, wenn aus keinem nichts geworden, ich ihn bedaurc. Leben Sie wohl, Liebe; und melden Sie mir es bald, daß Sie wohl leben. Ich bin mit ganzer Seele der Ihrige Lessing. LcssingS Briefe, 1772. 377 An Karl G. Lcssiiig. Wolfciibüttcl, den 28. Oct. 1772. Lieber Bruder, Tu weißt es ja wohl schon längst, wie es mit mir steht, wenn ich in langer Zeit von mir nichts hören lasse, nehmlich, daß ich sodann äußerst mißvergnügt bin. Wer wird durch Mittheilung und Freundschaft die Sphäre seines Lebens auch zu erweitern suchen, wenn ihm beynahe des ganzen Lebens ekelt? Oder, wer hat auch Lust, nach vergnügten Empfindungen in der Ferne umher zu jagen, wenn er in der Nähe nichts um sich sieht, was ihm deren auch nur Eine gewähren könnte? Krank bin ich nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr, und bin daher auch schon seit geraumer Zeit nicht müßig gewesen. Ich habe gearbeitet, mehr als ich sonst zn arbeiten gewohnt bin. Aber lauter Dinge, die, ohne mich zu rühmen, auch wohl ein größerer Stümper eben so gut hätte machen können. Ehestens will ich Dir den ersten Band von Beytrügen zur Geschichte und Litteratur, aus den Schätzen der Herzog!. Bibliothek zu Wolfen- biittel :c, schicken, womit ich so lange ununterbrochen fortzufahren gedenke, bis ich Lust und Kräfte wieder bekomme, etwas EcscheidtcreS zu arbeiten. Das dürfte aber so bald sich nicht ereignen, lind in der That, ich weiß auch nicht einmal, ob ich eS wünsche. Solche trockne Bibliothekar-Arbeit läßt sich so recht hübsch hinschreiben, ohne alle Theiliiehmuug, ohne die geringste Anstrengung des Geistes. Dabey kann ich mich noch immer mit dem Troste beruhigen, daß ich meinem Amte Genüge thue, und manches dabey lerne; gesetzt auch, daß nicht das Hundertste von diesem Manchen werth wäre, gelernt zu werden. — Doch warum schreibe ich Dir dies alles, und mache Dich unruhiger, als Du bey meinem gänzlichen Stillschweigen nicht gewesen seyn würdest? — Ich wünsche, daß Tu Deines Theils wirklich so vergnügt seyn magst, als Du eS in Deinem Briefe ungefähr scheinst. Daß Du lange damit an Dich gehalten, in der Meynung, ich sey verreist/ thut mir leid. Ich bin den ganzen Sommer nicht weiter gekommen, als von Braunschwcig nach Wolfciibüttcl, und von Wolfciibüttcl nach Braunschweig. Und auch diese Lcrändcrungeu werde ich mir schlechterdings aufs künftige versagen müsse». Doch das soll mein geringster Kummcr seyn, und ich will mich gern noch weit mehr aller Gesellschaft entziehen, um hier in der Einsamkeit zu kahlmäusern und zu büffeln, wenn ich nur sonst von einer andern Seite meine Ruhe wieder damit gewinnen kann. 378 LessingS Briefe. 1772. Was Dir Graf von der Dresdner Agripvine gesagt hat, hatte ich auch bereits von daher gehört. Aber wenn auch nur dieses wahr ist, daß der Kopf nicht zu dem Körper paßt: ist es dann nicht schlimm genug, daß Winkelmann und Casanova von diesem Umstände gänzlich geschwiegen? Ob der Kopf für sich genommen, endlich auch antik oder nicht antik ist, geht mich gar nichts an, und ich habe gar nicht nöthig, mich darauf einzulassen. Er sey eS immerhin. Genug, diese Statue ist nicht nur ohne diesen, sondern ohne allen Kopf in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu Rom auSgegraben worden; und dieses ist, was die Dresdner großsprecherischen Kenner entweder nickt wissen, oder nicht wissen wollen. Ich habe es hier in der Bibliothek von ungefähr entdeckt, wo diese Statue ehedem, nicht allein ohne Kopf, sondern auch ohne Arme, die ebenfalls neu sind, gesian- den. Aber sage Du, lieber Bruder, wenn Du von der Sache sprechen mußt, dieses eben nicht weiter. Denn wenn sie in Dresden nachzusuckcn anfangen, so könnten sie leicht dahinter kommen; und ich möchte gern einmal mit diesem Exempel die windigen Künsiler beschämen, die immer auf ihren untrüglichen Geschmack pochen, und alle antiquarische Gelehrsamkeit, die man aus Büchern schöpft, verachten. Murr ist ein —, der mir endlich einen Brief abgequält, und der bloß mir zum Possen diesen Brief jetzt drucken lassen, und deu ganzen Quark von Klotzens Leben gegen mich geschrieben hat, weil ich ihm seitdem nie wieder auf einen Brief geantwortet habe. Die Livvertschen Abdrücke sind allerdings ein sehr elendes Sammelsurium. Aber -> pi-opos dieser Abdrücke: ist es denn wahr, daß Herr Meil die beyden Steine gestochen? Er soll mir die Platten schicken, oder wenigstens einen Abdruck davon, und mir melden lassen, was ich ihm dafür schuldig bin; so will ich das Geld an ihn einsenden. Ich wünsche sehr, daß es wahr seyn mag, daß der König endlich für Kochen etwas thun will. Hier thut der Herzog für Döbbelin mehr, als er werth ist, ob eS gleich dem ungeachtet nicht mit ihm geht. Er ist ein--, der zur wahren Aufnahme des Theaters eben so wenig thun kann als will. Nun lebe wohl, und schreibe mir bald wieder. Dein treuer Bruder, Golthold. LessingS Briefe. 1772. 379 An Madainc König. Braunschweig, d. 15. Nov. 1772. Meine Liebe! Ich bin seit drei Tagen in Braunschweig, wo ich allerlei z» thun habe, so daß ich Ihnen schwerlich von hieraus schreiben wurde, wenn mir nicht etwas auf dem Herzen brennte, das ich unmöglich länger für mich behalten kann, und das ich Ihnen nothwendig mit ein Paar Worten melden muß. Man läßt sich, über Berlin, durch den Kanal des Pr. S. und des jungen B. von Sch,, welcher, wie Sie wissen, Kaiserlicher Gesandte in Berlin ist, bei mir erkundigen, ob ich wohl geneigt wäre, unter voriheilhaftcn Bedingungen nach Wien zu kommen. Naher will man sich darüber nicht auSlassen, bis ich mich vorläufig erkläret, ob man überhaupt auf mich rechnen könne oder nicht. Ich antworte mit heuliger Post, wenn der Lorschlag nicht das Theater beträfc, so könne man auf mich rechnen. Nur mit dem Theater möchte ich nichts zu thun habe», wenigstens so lange nicht, als es unter einem Impressario stehe, und nicht unmittelbar von dem Hofe abhänge. Doch ich glaube auch nicht, daß der Lorschlag das Theater betrifft, sondern daß etwas ganz anders im Werke ist. Habe ich recht geantwortet, meine Liebe? — Ich will cS hoffen, und Sie begreifen leicht, was meine liebste Aussicht dabei sein kann. Was geschehen soll, weiß die Lorsicht am allerbesten zu lenken. — Wenigstens sehe ich doch aus dieser Anfrage, daß man in Wien an mich denkt — an dem Orte, von welchem Sie so gern loS seyn möchten, und von welchem Sie vielleicht nie loskommen sollen. -»- Wenn Sie doch dieser Gedanke nur im geringsten aufheitern könnte! Sie glauben nicht wieviel ich leide, wenn ich mir Sie niedergeschlagen denken muß! Nähestens, sobald ich wieder in Wolfenbüttcl bin, ein mchrcres. Seyn Sie indeß wenigstens gesund! Mit der Lersicherung meiner innigsten Liebe brauche ich hoffentlich keine Zeit zu verlieren. Ich schreibe Ihnen heute nur, um Ihnen etwas neues zu melden; nicht aber, um Ihnen etwas altes zu wiederhohlc». Ich bin, meine liebste, beste Freundinn, ganz der Ihrige L. 380 LcssmgS Briefe. 1772. An Madame König. Wolfeiil'ültcl, den 3. Dec. 1772. Meine Liebe! Am vorigen Frcytage siel Ihr Schwager, in doppeltem Verstände, für mich vom Himmel; weil er so unerwartet kam, und weil er von Ihnen kam. Meine erste Frage war: ob er allein sey? und meine zweyte: ob er keinen Brief habe? Allein, sagte er: und keinen Brief. Er wollte sogleich durchreisen; aber ich bat ihn, die Post nach Braunschweig nur fahren zu lassen; ich wolle ihn gegen Abend selbst hinbringen. Das geschah; und des Morgens darauf ging er mit der Hamburger Post wieder ab. Ich hörte die ganze Zeit unsers Bey- sammenseyns nicht auf, ihn zu fragen: aber warum denn keinen Brief? Madame König muß meinen letzten Brief ja schon vor Ihrer Abreise empfangen gehabt babcn. — DaS, sagte er, wisse er so recht nicht; aber Sie wären die letzten Tage vor seiner Abreise außerordentlich beschäftiget gewesen, und vermuthlich würde ein Brief untcr- wegeS seyn. Mit diesem Troste kehrte ich, sobald er aus Braunschwcig war, nach Wolfcnbüttcl zurück; und mit diesem Trost mußte ich mich ein, zwey, drey Tage Hinhalten. Denn erst den zweyten dieses habe ich ihn endlich bekomme», Ihren Brief vom 19. des vorigen. Auf dem Couverle war Nürnberg ausgestrichen, und von einer fremden Hand Prag dafür geschrieben. Vielleicht ist dieses die Ursache, warum er so spät eingetroffen. Aber ich hätte ihn doch auch sonst schwerlich vor der Ankunft Ihres Schwagers erhalten können; da Sie meinen Brief vor seiner Abreise noch nicht in Händen hatten. — Ich bedaurc es sehr, meine Liebe, wenn dieser Umstand Ursache gewesen, daß Sie etwas gegen ihn geäußert, welches Sie lieber gegen ihn nicht möchten geäußert haben. Ich kann Ihnen aber versichern, daß er von dieser Entdeckung, wenn cS anders eine für ihn gewesen ist, gegen mich keinen schlimmen Gebrauch gemacht hat. Denn er hat gar keinen davon gemacht, und sich durchaus nichts merken lassen. Sie werten am besten wissen, wie Sie dieses von ihm auslegen sollen. Ich wünschte sehr, daß Sie gut von ihm dächten; noch mehr, daß Sie es von ihm zu denken Ursache hätten. Das gestand er mir mit vieler Aufrichtigkeit, daß er Ihnen in Wien so viel als nichts geholfen; daß es aber nicht an seinem Willen, sondern an der Sache selbst ge^ legen; und so wie er mir diese vorstellte, mag cS auch wohl wahr seyn. — Wie sehr habe ich Sie dabey beklagt! lind allerdings, es mag biegen oder breche», so müssen Sie ein Ende damit zu machen Lessings Briefe. 1772. 381 suchen. Auf die rechtschaffenste Art; das versteht sich: aber nicht auf die scrupiilöseste. Freylich wäre es am besten, wenn Sie das Werk zu erhalten suchten, ES wäre in einigen Iahren doch immer eine Art von Etablissement für Ihren ältesten Sohn, der es vollends schon aufs Reine bringen konnte, wenn er arbeitsam seyn wollte. Und ich sehe nicht, warum es Ihnen Ihre (!reditorcs sauer machen sollten, es behalten z» können, wenn es gegenwärtig doch nicht ohne den äußersten Verlust aufgegeben, oder verkauft werden könnte. Legten sie es aber durch ihre Strenge darauf an, so wäre es auch nicht mehr, wie billig, als daß sie den Verlust mit Ihnen theilten, Es geschehe indeß das eine, oder das andere: so hoffe ich, Sie doch noch gewiß in Wien zn sehen. Sie fragen mich, ob mein Plan auch iu einer recht ruhigen Stunde gemacht sey? Ruhig oder nicht ruhig; genug, er ist gemacht, und ich bin »och in meinem Leben von keinem Plane abgegangen. Freylich werden sich noch Schwierigkeiten dabey äußern; aber diese Schwierigkeiten selbst werden mich desto hartnäckiger machen, ihn durchzusetzen. Wenn sie nur erst schon vorbey wären, diese sechs Monate! Zwar die Zeit wird geschwind genug vergehen. Ich meyne, wenn mir schon auch alles das gemacht und geschehen wäre, was in der Zeit geschehen muß. Genug, daß ich eS an meinem Fleiße nicht will ermangeln lassen. Tie beständige Erinnerung der Absicht, die ich dabey habe, wird mich und kann mich allein gesund und munter erhallen — lind nun von etwas andern. — Sie kommen doch noch von Zeit zu Zeit zu dem Hrn. von Sonnenfels? Sagen Sie ihm doch, daß seine Lorrcsvondcnz mit Klotzen gedruckt worden; und daß ich eS ihm melden ließe, wenn er es nicht etwa bereits wußte. Vielleicht versieht er, was ich damit sagen will. Sie können noch hinzufügen, wenn Sie wollen; daß ich wir über eine gewisse Stelle eine öffentliche Erläuterung mit nächsten von ihm ausbitten würde. — Doch warum will ich Ihnen diesen Austrag machen? Der falsche und niederträchtige Mann könnte leicht Ihnen selbst darüber fcind werden. Besser, daß ich mit nächsten selbst an ihn schreibe. Auch ist eine Stelle in seinen Briefen, wo er sehr uichlSwürdig von G. spricht, vs soll mich wundern, was unter den beyden saubern Herren daraus entstehe» wird. — Ricdcl kömmt noch lange gut weg. Wenn er die tausend Du- catcn nicht schon voraus verzehrt hat, so kann er sich an einem andern Orte ein besser Schicksal damit machen, als wahrscheinlicher Weise in Wien auf ihn gewartet hätte. — Aber nun etwas recht ReneS. Zwey von unsern Bekannten hcyralhcn. Rathen Sie, wer? M2 Lessings Briefe. 1772. Der eine ist Z. Und wen? das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Bewundern Sie indeß seine Beständigkeit. — Aber der andere? — damit ich Sie nicht lange rathen lasse: (5.! der göttliche E! Und wen? die göttliche Mademoiselle G. Hätten Sie sich so etwas träumen lassen? Z. ist noch eher zu entschuldigen; oder vielmehr, A. thut auf alle Weise Recht, daß er einer alten eingewurzelten Neigung ans sein Aller mehr Bequemlichkeit und mehr Anständigkeit verschaffen will. Aber E.! Ein Mann, der wenigstens zehn Jahr alter seyn muß, als ich! das unerträglichste, naseweiseste junge Ding! Manchmal gönne ich es ihm, daß ihm in dem Hause, wo er so lange Zeit schma- rutzt hat, der Strick über die Hörner geworfen wird. Aber manchmal denke ich doch auch, daß diese Strafe für ein fettes Maul zu arg ist. — So gewiß indeß das eine sowol als das andere wahr ist, wird es Ihnen nicht befremden, wenn ich Ihnen sage, daß weder Z. noch E. mir zur Zeit das Geringste davon merken lassen? — Doch wieder auf Dinge zu komme», die uns angehen. Wenn Sie in Wien bleiben, so müssen Sie wenigstens Malchen und meinen Pathen schlechterdings zn sich nehmen. Ich würde eS Ihnen verdenken, wenn Sie ganz ohne Ihre Kinder seyn wollten, lind warum sollten Sie das? ES ist unmöglich, daß cS in Wien an Gelegenheit fehlen sollte, sie da so gut als irgendwo erziehen zu können. Wenn ich mich den Winter auf acht Tage abmüßigen kann, so möchte ich doch wohl noch nach Hamburg reisen. Und daß Ihre Kinder nicht das klcinsic Vergnügen sind, auf das ich mich allda freue, versteht sich. Mit der nächsten fahrenden Post will ich Ihnen nun endlich schicken, was Sie, da Ihr Schwager mm weg ist, wenigstens ohne neugierige Nachfragt erhalte» können, lind alsdenn ein MehrcreS! Hcnte muß ich hier schließen, damit ich nur die Post nicht versäume. — Nun leben Sie recht wohl, meine Liebe; und glauben Sie ge- wiß, daß es mir nicht möglich ist, anders zu seyn, als auf Zeitlebens der Ihrige Lessing. An Karl G. Lcssing. Wolfcnbüttel, den 5. December 1772. Mein lieber Bruder, Ich antworte Dir wieder sehr spät, und meine Entschuldigung ist wieder wie gewöhnlich. Ich wollte Dir überhaupt nicht eher wieder Lcssings Briefe. 1772. 383 schreiben, als bis ich Dir meine Beyträge -c. mitschicken könnte. Allein es möchte unter vierzehn Tagen noch nicht geschehen können, weil plötzlich mein Buchdrucker hier gestorben ist, und ich noch in den Ge- burtsschmerzcn der Vorrede darnieder liege. So lange aber darf ich es wohl nicht anstehen lassen, Dir über einen andern Punkt zn schreibe», den ich immer vergessen habe, zu berühren, Er betrifft den englischen Roman, den Tu jetzt übersetzest. Nicht zwar die Stelle, worüber Tu meine Meynung verlangst, und in der ich nicht wüßte, wie das rüst anders zu übersetzen wäre als durch Rost, mag es doch klingen, wie es will: sondern die Uebcrsetzung selbst. Tu glaubst nicht, in welche Verlegenheit Tu mich unwissend dadurch setzest. — Kennst Tu den jungen S"? Hier lies einen Brief, den er schon vor langer als einem halben Jahre an mich geschrieben. Mit diesem Briefe, oder kurz vorher, hatte ich von ihm ein Exemplar von dem Mnn os iecliiig erhallen, von welchem er mein Urtheil zu wissen verlangte. Tir die Wahrheit zu gestchen, ich habe ihm noch nicht geantwortet. Aber was er davon denken dürfte, sollte mir gleich viel seyn; wenn er nur nicht denken könnte, daß ich besagtes Exemplar Tir geschickt hätte, damit Tu es für einen andern Verleger übersetzen könntest. Tu weißt, daß das nicht ist. Thue mir also den Gefallen, ihm las Verständniß darüber zu eröffnen, welches durch Vorzeigung TeincS Exemplars am besten geschehen kann. TaS seinige will ich ihm nächstens zurückschicken. Ich habe es verleihen müssen, und der c§ hat, ist jetzt verreist. Diese Kleinigkeit ist mir wirklich ärgerlich. Und ich möchte wohl wissen, wie der Geyer Dich gerade auf einen Roman hat führen müssen, dessen Ucbersetzung dieser junge S ° ° auch schon längst in dem Mcßkatalog angekündigt hat! Kennst Tu ihn noch nicht, so wird cS eben so gut seyn, wenn Tu seine Bekanntschaft bei dieser Gelegenheit machst. Es ist vielleicht kein unebener Mensch. Herr Voß hat mir noch nicht geantwortet. Wenn er böse auf mich ist, so thut es mir leid. Gott weiß, daß es mir unmöglich gewesen, bisher mehr für ihn zu arbeiten. Die Beyträge mußten schlechterdings gemacht seyn: denn ich will auch nicht umsonst Bibliothekar heißen; und eS würde mir am Ende sehr verdacht werden, wenn ich mich mit lauter fremden Arbeiten beschäftigte. Den zweyten Theil meiner vermischten Schriften soll er auf Ostern gewiß haben; was ich ihm aber sonst auf diese Zeit versprechen könnte, wüßte ich nicht. Denn daß ich etwas wieder für das Theater machen sollte, will ich wohl bleiben lassen. Kein Mensch unterzieht sich gern Arbeiten, von Z84 Lessings Briefe. 1772. welchen er ganz und gar keinen Vortheil hat, weder Geld, noch Ehre, noch Vergnügen. In der Feit, die mir ein Stück von zehn Bogen kostet, könnte ich gnt und gern mit weniger Muhe hundert andere Bogen schreiben. Zwar habe ich, nach meinem letzten Ucberschlage, wenigstens zwölf Stücke, Komödien und Tragödien zusammengerechnet, deren jedes ich innerhalb sechs Wochen fertig machen könnte. Aber wozu mich, für nichts und wieder für nichts, sechs Wochen auf die Folter spannen? Sie haben mir von Wien aus neuerdings bnn- dcrt Dukaten für ein Stück geboten: aber ich will hundert LouiSd'or; und ei» Schelm, der jemals wieder eins macht, ohne diese zn bekommen! Du wirst sagen, daß dies sehr eigennützig gedacht sey, gesetzt daß meine Stücke auch so viel werth waren. Ich antworte Dir darauf: jeder Künstler setzt sich seine Preise; jeder Künstler sticht so gemächlich von seinen Werken zu leben, als möglich: warum denn nun nicht auch der Dichter? Wenn meine Stücke nicht hundert LouiSd'or werth sind; so sagt mir lieber gar nichts mehr davon: denn sie sind sodann gar nichts mehr werth. Für die Ehre meines lieben Vaterlandes will ich keine Feder ansetzen; und wenn sie auch in diesem Stücke ans immer einzig und allein von meiner Feder abhängen sollte. Für meine Ehre aber ist es mir genug, wenn man nur ungefähr sieht, daß ich allenfalls in diesem Fache etwas zu thun im Stande gewesen wäre. Also, Geld für die Fische — oder beköstigt euch noch lange mit Operetten. ES wäre auch närrisch, wenn ich den einzige» Weg, Geld zu verdienen, mir wenigstens nicht offen halten, und daS Public»,» erst mit meinen Stücken sättige» wollte. DaS Geld ist gerade das, was mir fehlt; und mir mehr fehlt, als cS mir jemals gefehlt hat. Ich will schlechterdings in Jahr und Tag keinem Menschen mehr etwas schuldig seyn, und dazu gehört ein besserer Gebrauch meiner Zeit, als für das Theater. — Von Herrn Mcil habe ich noch nichts gesehn. Erinnere ihn doch. — Kennst Du denn den Rector Hehnatz? Was er von der Sprache meines Stückes sagt, ist in vielen Stücken wahr. — v> i>rc>- pos! Kannst Du mir nicht Dorats l^!,lilc!8 schaffen? Sie sind vielleicht bey einem französischen Buchhändler in Berlin zu finden. Der Mann soll greulich auf mich geschimpft haben; und das müßte ich ja wohl lesen. Lebe wohl und antworte mir bald. Gotthold. LessingS Briefe. 1773. 385 An Madame Konig. Wolfcnbüttcl. den 8. Jan. 1773. Meine Liebe! Sie sehen wohl, daß ich in meinen üblen Gewohnheiten unverbesserlich bin. Wenn es nicht etwa unter meine guten Gewohnheiten gehört, daß ich schlechterdings an Personen, die ich nur einigermaßen liebe, nicht schreiben kann, wenn ich den Kopf voller Grillen, und das Herz voller Galle habe. Daß ich gegen meine beste Freundinn hierum eine Ausnahme machen müßte, wird sie vielleicht verlangen. Aber sie wird es aus allzu großer Güte verlangen, die ich lieber nicht ju erkennen, als zu mißbrauchen scheinen will. Genug, daß sie auch so schon mehr von meiner Unzufriedenheit erfahrt, als ich mir schmcichlen darf, daß zu ihrer eignen Zufriedenheit gut ist. — Wahrlich, meine Liebe, ich hätte Ihnen mehr Kummer gemacht, als erspart, wenn ich Ihnen eher geschrieben hätte, als jetzt. Denn nun fange ich eben wieder an, mich aufzuheitern; und noch vor acht Tagen würde Ihnen jedes Wort verrathen haben, in welcher unglücklichen EemülhSvcrfassung ich wich befunden. Ich kann mir es leider nicht länger bergen, daß ich hypochondrischer bin, als ich jemals zn werden geglaubt habe. Das Einzige, was mich noch tröstet, ist dieses, daß ich aus der Erfahrung erkenne, daß meine Hypochondrie wenigstens noch nicht sehr eingewurzelt seyn kann. Denn sobald ich aus dem verwünschten Schlosse wieder unter Menschen komme: so geht eS wieder eine Weile, lind dann sage ich mir: „Warum auch länger „auf diesem verwünschten Schlosse bleiben?" Wenn ich noch der alte Sperling auf dem Dache wäre, ich wäre schon hundertmal wieder fort. — lind seit acht Tagen habe ich wohl müssen unter Menschen seyn. Juni neuen Jahre bin ich in Braunschwcig bey Hofe gewesen, und habe mit andern gethan, was zwar nichts hilft, wenn man es thut, aber doch wohl schaden kann, wenn man es beständig unterläßt: ich habe Bücklinge gemacht, und das Maul bewegt. — Der einzige Wunsch, bey dem ich diese Feit über an etwas dachte, war — — Ah, Sie wissen ihn ja wohl, meine Liebe! Sollte denn kein glück- licheS Jahr mehr für Sie und für mich kommen? — Noch öfterer hatte ich diese Gedanken, als ich einige Tage darauf, den tilcn dieses, auf Zachariäs Hochzeit war. Es hielt schwer, ehe ich lustig werden konnte. Aber endlich riß mich das Beyspiel fort; und ich ward es, weil cS alle waren. Sie kennen Z.; aber doch würden Sie sich schwerlich einbilden können, was das' sür eine LestingS Ä'iikc XU. 25 38k LcsstngS Briefe, 1773. angenehme n»d in allem Betracht herrliche Hochzeit war. Es fehlte an nichts; und zwanzig Dinge waren da, an die kein Mensch gedacht hätte. Wer alles darauf gewesen, können Sie aus dem Bogen Verse scheu, den ich um das Bewußte gewickelt, uud gestern auf die fahrende Post gegeben habe. Wir haben bis an den andern Tag geschwärmt; und niemand ist zu Bette gegangen, als Braut und Bräutigam. Daß sie auf dem Wcghaufe war, die Hochzeit, versteht sich. Es hat ganz das Ansehe,!, daß auch die andern Schwestern, ihre alten getreuen Liebhaber bewegen werden, den nehmlichen Schritt zn thun. Wenigstens ist es mit der einen, die seit vielen Iahren bey einem gewissen O. C. im Hause ist, schon so gut als gewiß. — Ihr letzter Brief, meine Hebe, ist vom 6ten vorigen Monats; aber es ist keine Aulwort auf meinen letzten. In diesem, so viel ich mich erinnere, ließ ick schon etwas von S. uud seinen Briefe» einstießen, noch ehe ich von Ihnen erfuhr, wie unglücklich er dadurch zu werden Erfahr laufe. Thue Zweifel haben Sie diese Briefe nun auch selbst gelesen; und Sie werden die Stellen hoffentlich nickt so ganz gleichgültig überhüpft haben, worum der eitle Narr meiner gedenkt. Ich bin besonders über eine nicht wenig aufgebracht gewesen; nemlich über die, wo er sagt, daß ich den Ruhm eines guten Mannes weniger habe, als Kl., und nicht undeutlich zu verstehen gibt, daß ihm, ich weiß nickt, waS für Schandflecke meines moralischen Charakters, bekannt wären. Ich war eben im Begriff, einen sehr empfindlichen Brief deSfallS an ihn zu schreiben, ja gar diesen Brief drucken zu lassen, als ich den Ihrigen erhielt. Sie haben mich mitleidig gegen ihn gcmackt, ohne eS zu wollen. Auf wen alle zuschlagen, der hat vor mir Friede. Wenn indeß die Sache doch noch besser für ihn ausfällt, als es vor der Hand das Ansehen hat: so wünschte ich doch, daß Sie gelegentlich einmal ihn ans gedachte Stelle bräckten, und ihm zu verstehen geben wollten, was verschoben sey, sey darum nicht geschenkt. Tenn das habe ich mir allerdings noch vorbehalten, sobald er den Kopf wieder zu hoch trägt, und die Lehre vergißt, die er vielleicht von manchen andern jetzt erhalten wird, ihm sodann eS doppell empfinden zu lassen, wen er auf eine so uichtöwür- dige Art beleidiget bat. — Eben erhalte ich einen Brief von G., mit seinem neuen Stücke, die Versöhnung. Haben Sie es denn wohl gesehen, meine Liebe? Es ist elender als alles, was er noch geschrieben, lind solch Acug findet in Wien Beyfall? Er meldet mir zugleich, daß ihn der Vorfall mit den Kl. Briefen veranlaßt habe, durch ein (!ircnlarschrcibcn LcssingS Briefe. 1773. 387 an alle seine Freunde, seine sämtlichen an sie erlassenen Bricfc im Original znruck zu fordern. Ta er dieses nun auch von mir verlangt, so will ich nächstens alle seine Triefe zusammen geben, und sie ihm mit dem Andeuten zuschicken, daß es wohl das Beste seyn dürfte, wcuu wir einander ganz und gar nicht mehr schrieben. Mit meinen Briefen kaun er machen, was er will. Denn ich bin mir nicht bewußt, au jemanden jemals eine Feile geschrieben zu haben, welche nicht die ganze Welt lesen könnte. Gleichwohl verdrießt es mich indeß, daß, wie ich merke, er meine Briefe in Wien sogleich wieder ausplaudert. Denn cS ist allerdings wahr, daß ich so etwas, als Sie von der Jaquer gehört haben, wegen der Hcuselinn an ihn geschrieben habe. °) Und ich habe Recht, wenn sie mir auch alle einmal dafür die Augen auskratzten. Wenn die H. noch auszunehmcu ist, so kömmt es daher, weil sie als L. schon eine ziemlich gute Ac- trice in Sachsen war, und wenigstens also in Wien nicht geworden ist, was sie ist. — Sic glaubten wohl gar, meiuc Liebe, weil ich so lauge nicht geschrieben, ich sey in Hamburg? — Aber so fest ich es fast Willens war, auf ein Paar Wochen hiiijurciscn: so durfte nun doch wohl nichts daraus werde». Tic Zeit geht mir so schon allzuschncll vorbey: »ud ich hahc noch so viel zu thun! Neues von daher kann ich Ihnen nicht melden. Tcr Vetter hat mir zwar wieder einmal geschrieben; aber ich bin ihm nun wenigstens auf den achten Brief Antwort schuldig. Und so mache ich es mit allen Freunden, theils aus obengcmcldclcr Ursache, theils aus Geiz mit meiner Zeit. Ihnen allein darf ich und will ich diese aufopfern. Welch ein Opfer! werden Sie sagen. Größer, als Sic glauben. Ein Brief ist zwar bald geschrieben; aber noch habe ich keinen an Sie geschrieben, der mich nicht auf acht Tage unruhig, und mir alle Arbeit ckcl gemacht hätte. — Leben Sie recht wohl, meine Liebe; denn sonst behalte ich kaum Platz, Ihnen zu sagen, was ich Ihnen zwar nicht mehr sagen sollte: daß ich Sic über allcS liebe, und in Gedanken tausendmal des Tages umarme. Tcr Ihrige auf immer G. t5. L. °) /, Entweder imißlrn die hiesigen Schauspielerinnen lauter Göttinnen, oder auch Kreuzer-Spielerinnen scpn, weil eine H- nicht unter ihnen gefallen tonne." 25° 388 LessingS Briefe. 1773. Mein lieber Ebert! Hier haben Sie einen ganzen Misiwagen voll MooS und Schwämme." Sine Frage fällt mir dabey ein, die Sie mir gelegentlich beantworten können. — Ist es die Eiche, oder ist es der Boden, worinn die Eiche stehet, welcher das MooS und die Schwämme um und an der Eiche hervorbringt? — Ist es der Boden! was kann die Eiche dafür, wenn endlich des Mooses und der Schwämme so viel wird, daß sie alle Nahrung an sich ziehen, und der Gipfel der Eiche darüber verdorret? — Tech er verdorre immerhin! Die Eiche, so lange sie lebt, lebt nicht durch ihren Gipfel, sonder» durch ihre Wurzeln. Den 12. Ienner 1773. Lessing. An Conrad Arnold Schmid. Hier schicke ich Ihnen endlich, was doch nnr eigentlich für Sie und etwa noch für ein Dutzend andere Pedanten unsers Gleichen geschrieben ist. Lesen Sie es aber auch hübsch durch, und melden Sie mir, was Sie hier und da dabey anzumeiken befunden. — Zugleich schicke ich Ihnen wieder etwas, was Sie mir abschreiben sollen. Denn Sie machen es gar zu gut; und hundert Dinge, die dazu nöthig sind, sind Ihnen geläufiger, als mir. Nehmlich in begehenden Bande von S. 183-197 den I^i'.ismus Htellu «lo iwnnlis prikcis intcr ^Il)im et 8al»m. Sie müssen aber die vorstehende Dedication an den Churfürsten von Sachsen auch mitnehmen. Ich weiß gewiß, daß diese Schrift noch nicht gedruckt ist, und daß sie Menke einmal in ganz Deutschland mit Laternen suchen ließ. Es versieht sich aber, daß ich Ihnen diese Mühe nicht für einen bloßen Dank machen will. Sie müssen fordern, was ich Ihnen geben soll: oder wir sind in diesem Punkte auf das weitere gcschicdne Leute. Dero ergebenster Lcssing. * Dieser Ausdruck bezicht sich auf mi Urtheil ubcr Lessings viel umfassendes Genie in Eberts Epistel an C. A, Schmid 1772. Lessings Briefe, 1773. 389 An Heyne. Wolfenbüttel, den 13. Jan. 1773. Ew. Wohlgcboren prophezeylen mir einmal, daß. mir jener Fund des BercngariuS theuer zu stehen kommen werde; indem er wir an solchen Untersuchungen Geschmack machen würde, die mich um meine Feit brächte», und sich nur selten noch so belohnen würden. Da haben Sie die Erfüllung dieser Prophezeyuna! Wenn Sie so gütig sind, und glauben, daß ich wohl etwas Besseres hätte schreiben können: so vergessen Sie nicht, daß ein Bibliothekar nichts Besseres schreiben soll. Der bin ich einmal, und mochte cS nicht gern bloß dem Namen nach seyn. Ich bin mit der vollkommensten Hochachtung :c. Lessing. Mein lieber Eberl! Hier ist eine Gelegenheit, daß Sie ein gutes Werk befördern können, und dafür kenne ich Sie, daß Sie wollen, wenn Sie können. Tie Superintcncur von Schöninge» ist offen, und H. will sich darum bewerbe», Er schreibt heule an den E. P., und es könnte kommen, daß der E. P. Sie fragte, ob Sie den Mann kennen. Er kennt ihn zwar schon selbst, wie ich glaube, von keiner schlechten Seite. Aber er dürfte doch hören wollen, ob er auch andern so bekannt sey. lind ich denke, das ist er Ihnen, wo nicht ans persönlichen Umgänge, doch aus meinen öftern Erwähnnngen. Nun mag ich freylich wohl schlecht urtheilen können, was für Salbung eigentlich zu einem Superintendenten gehört. Aber ich sollte doch meinen, daß wenigstens Gelehrsamkeit und Rcchtschaffenheit dieser Salbung nicht hinderlich sind, und daß cS der heilige Geist nicht übel nehmen kann, wenn man ihm einen solchen Mann unterzuschieben sucht. Er ist neulich von der Akademie zu Eöltingen zu ihrem Korrespondenten ernannt worden. Und sehen Sie- es ist doch eben auch nicht hübsch, wenn Leute, die außer dem Lande den meisten Ruf haben, in dem Lande das schlechteste Brod essen. Also, und so weiter — Leben Sie recht wohl, und nehmen Sie den Lohn dafür von Gott. Wolfenbüttel, den 14. Ienner 1773. Lcssing. 3W LcsstngS Briefe. 1773. An Rciske. Wolfcnbüttcl, d. '22. Jan. 1773. Wen» Euer Wohlgebohrncii nicht ein so gar gütiger Mann wären, so müßten Sie wohl über mich und mein hartnäckiges Stillschweigen zürnen. Wer weiß auch was Sie thun, ohne es sich merken zu lassen. WaS soll ich aber zu meiner Cnlschnldignng sagen? Ich denke ja, auch Sie wissen es schon, daß wenn ich mißvergnügt bin, ich es lieber gar vergessen möchte, daß es noch Menschen in der Welt gibt, die ich schätze und liebe, lind mißvergnügt bin ich die Feil her nicht wenig gewesen. Daher ist cS auch gekommen, daß der erste Theil meines versprochenen Werkes so lange ausgeblieben. Hier ist er endlich; und wenn er allzuticf unter Ihrer Erwartung ist, so bitte ich, haben Sie mehr Mitleiden, als Verachtung gegen den Verfasser. Vielleicht wird die Fortsetzung besser: wenigstens fcblt es an Materie nickt. Sie werden finden, daß ich anch in der griechischen Literatur gepfuscht habe, und was sagen Sie zu dein lächcrlickcn O-uid pro quo des Bandini? In dem Codex des LibaninS, den Sie bey sich gehabt haben, habe ich, mit Hülfe Ihres Verzeichnisses über die Anthologie, doch noch fünf ungcdrucklc Stücke gefunden, die in dem zweyten Beytrage erscheinen solle». Nur Schade, daß sie eben nicht von den vorzüglicksien sind. Denn das eine ist ein arithmetisches Problem, und die andern viere sind Räthsel, wovon ich zwey zn allein Unglück anch nicht einmal verstehe. Gedacht werden Euer Wohlgebohrncii Ihrer in diesem crsicn Theile mehr als einmal finden! und nun werden Sie anck wohl abnehmen können, wie Sie im Stande sind, der Fortsetzung durch Ihre Theil- nehinung einen besondern Wenh zn geben. (5. wenn sich in dem Codice des LibaniuS etwas uugcdrucktcs gefunden hätte, oder sich in beygehendem Codice der Briefe des Syuesius und LibaniuS finden sollte; und Sie ließen sich gefallen, solches vorläufig durch diesen Canal bekannt zu machen: oder wenn Sie sich sonst eines griechischen oder arabischen Manuskripts aus unserer Bibliothek erinnerten, woraus cS sich der Mühe verlohnte, der Well etwas mitzutheilen. Cs versteht sich, daß Sie Ihre Arbeit nicht für die lauge Weile thäten, sondern sich die Bezahlung gefalle» ließen, die ich selbst erhalle. Warum ich Euer Wohlgcbohrueu den letztem Codex nicht schon längst geschickt, hat seine Ursachen von Seite» der Bibliothek gehabt, Messings Briefe. 1773. 3>»1 die nur jetzt erst gehoben sind. Ich erbitte mir des nächsten einen Schein darüber, den Sie nach Ihrer Bc.incmlichkeit, auf einen selbst gefälligen Termin stellen können. In dem übersandten k'akilogo sticht mir manches in die Augen, das ich gar zu gerne für mich oder für die Bibliothek haben möchte, wenn mir nicht auf alle Weise die Hände gebunden wären. Wenn die Auclion weuigstens doch nur erst gegen künftige Iohannis gehal' ten würde! Weil kein Titel dabey gelegen, habe ich nicht sehen kön- nen, wenn sie angesetzt ist. Und vielleicht ist sie schon längst vorbey. Wie gesagt, wenn sie aber doch noch bis zu besagtem Termin, an welchem ich sodann die diesjährigen Bibliothckgeldcr zu beben hätte, ausgesetzt wäre: so würde ich aus verschiedenes Anspruch machen, und mir dabey Dero gütige Besorgung erbitten. Für das verflossene Zahr habe ich ohnedem schon über die Schnur gehauen, und mehr gekauft, als ich sollte. Einen ausserortcnllichcn Beytrag aber von dem Herzog zn erbitten, darzu sind leider die Zeiten nicht. ?aß Herr d'äblcr die letzte Messe nicht in Leipzig gewesen, hat gemacht, daß ich mich auch noch in Euer Wohlgcbohrnen Ecldschnld bcsinde. Und zwar bin ich nicht allein für die Prännmcration auf den neuen Theil der griechischen Redner noch in Rest, sondern auch noch für die ^»imitilvcilit,»«!,, und die übrigen Stücken Ihres eignen Verlages. Nicht zu gedenke», daß durch das Ictztgcsandtc Geld unmöglich schon auch der Bandiui bezahlt seyn kann. Wenn ich künftige Ostern alles dieses zusammen richtig mache, so verspreche ich es zugleich so einzurichten, daß ich auf das Weitere eher in Vorschuß als in Schuld bey Euer Wohlgcbohrnen stehe. Indessen hoffe ich auch dieser Nachlässigkeit wegen Vcrzcihnng, und empfehle mich Tcro fernern Freundschaft, der ich mit der vollkommensten Hochachtung verharre :c. Lessing. An Madamc König. Braunschwcig, den 15. Febr. 1773. Meine Liebe! Ich bin seit vierzehn Tagen in Brannschiveig, auf ausdrückliches Verlange» des Erbprinzen, und habe Ihnen von einem Tage zum ander» von einer Sache Nachricht geben wollen, die für mich, und also auch für Sie, wie ich mir schmeichle, sehr interessant ist. Nur, weil ich Ihnen die volle Gewißheit gern sogleich davon melden wollte, habe ich cö noch immer müssen anstehe» lasse». Ta aber vor einige» 3!)2 L-ssings Briefe. 1773. Tagen der vrbprinz nnvermuthct nach Potsdam verreisen müsse», nnd indeß die Betreibung der Sache stille steht: so denke ich, ist es doch besser, daß ich Ihnen nur vorläufig etwas davon melde, als daß ich Sie gänzlich ohne Briefe von mir ließe, welches Sie ohnedem schon länger sind, als es der Inhalt Ihres Letzter» sollte verstattet haben. Also mit wenig Worten: es ist hier vor Kurzem ein Hofrath ge. sterben, den der Herzog vornehmlich in solchen Sachen brauchte, welche die Geschichte und die Rechte des Hauses betrafen. Der Erbprinz hat geglaubt, daß, wenn ich wollte, eS mir nicht schwer werde» konnte, in wenig Zeit die hierzu nöthigt Kenntniß und Eeschicklichkeit zu erlangen. Er trug mir also diese Stelle, mit Bcybehaltung des Bi- bliothekariatS, an, und versicherte mich, daß er mich so dabey setzen wollte, daß ich mit möglichster Zufriedenheit mich hier finren könnte. Aber darauf, sagte er, kömmt es sodann auch an! Sie müssen bey uns bleiben, und ihr Projekt, noch in der Welt viel herumzu- schwärmen, aufgeben. Ich weiß nicht, ob er Wind bekommen habe» mußte, was mein gegenwärtiger Plan sey. Aber Sie können sich leicht einbilden, was ich ihm antwortete. Ich nahm seinen Antrag vorläufig an, ohne ihm jedoch zu verschweigen, daß ich allerdings, ohne eine bessere Aussicht, nicht mehr sehr lange allhier dürfte ausgehalten haben. Durch diese Stelle, sagte er, bekommen Sie bey uns einen Fuß auf alles, und es wird nur auf Sie ankommen, ob Sie in ihrer gegenwärtigen Carriere bleiben, oder eine andere einschlagen wollen. Kurz, die Sache ward unter uns so weit richtig, daß sie vielleicht schon völlig zu Stande wäre, wenn, wie gesagt, seine Reise nicht so unvermuthet dazwischen gekommen wäre. t?r kömmt den 28ten dieses wieder zurück, und sodann, denke ich, kann es nicht lange mehr dauern, daß sich mein künftiges Schicksal nicht wahrscheinlicher Weise auf immer entscheiden sollte. Ich brauche nicht hinzuzufügen, warum ich Ihnen dieses schreibe. Ich schmeichle mir vielmehr, daß Sie dieses für die vollständigste Antwort halten werden, die ich Ihnen besonders auf die eine Stelle in dem Briefe Ihres Herrn Bruders geben könnte. Desto besser, wenn Sie es sodann so einrichten können, daß Sie auch gar nicht mehr an Wien zu denken brauchen. Ich bin diese» ganzen Morgen von Besuchen belagert, und muß schließen, wenn ich die Post nicht versäumen will. Nächstens ein MehrcreS. Ich umarme Sie tausendmal, meine Liebe, und bin ewig ganz der Ihrige L. LessingS Briefe. 1773. 393 An Madame König. Wolfenbüttel, den 3. April 1773. Meine Liebe! Ich möchte rasend werden! Was werden Sie von mir denken? Was müssen Sie von mir denken? Ich schrieb Ihnen vor länger als acht Wochen, daß allhier etwas für mich im Werke sey, was mein künftiges Schicksal auf einmal bestimmen werde, und hoffentlich so bestimmen werde, wie ich es wünsche. Wie ich es aber wünsche, weiß niemand besser als Sie. Ich glaubte gewiß, daß keine acht, keine vierzehn Tage vergehen könnten, ohne daß ich Ihnen die völlige (Gewißheit von der Sache schreiben konnte. Aber diese vierzehn Tage sind viermal vergangen, und Sie haben keine Zeile von mir gesehen, lind wenn ich Ihnen nicht eher wieder schreiben wollte, als bis ich cS so kann, wie ich gerne wollte: so könnten leicht noch einmal acht Wochen darüber hingehen; und wer weiß, ob ich Ihnen am Ende doch nicht schreiben müßte, daß ich betrogen worden. Möchte ich nun nicht rasend werden! Ohne die geringste Veranlassung von meiner Seite, laßt man mich ausdrücklich kommen, thut, wer weiß wie schön mit mir, schwiert mir das Maul voll, und hernach thnt man gar nicht, als ob jemals von etwas die Rede gewesen wäre. Ich b!» zweymal seitdem wieder in Braunschweig gewesen, habe mich sehen lassen, und verlangt zu wissen, woran ich wäre. Aber keine oder doch so gut wie keine Antwort! Run bin ich wieder hier, und habe es verschworen, den Fnß nicht eher wieder nach Braunschweig zu setzen, bis man eben so von freyen Stücken die Sache zu Ende bringt, als man sie angefangen hat. Bringt man sie aber nicht bald zu Ende, und läßt man wich erst hier in der Bibliothek und mit gewissen Arbeiten fertig werden, mit welchen ich nicht anders als in Wolfenbüttel fertig werden kann und muß, wenn ich nicht alle meine daselbst zugebrachte Zeit verlohren haben will: so soll mich sodan» auch nichts in der Welt hier zu halten vermögend seyn. Ich denke überall soviel wieder zu finden, als ich hier verlasse. Und wenn ich cS auch nicht wieder fände. Lieber betteln gegangen als so mit sich handeln lassen! Darf ich Sie, meine Liebe, nun noch so viel bitten, daß Sie Mitleiden mit mir haben, und alle schlechte Gedanken von mir, von sich entfernen wollen? Aber nothwendig müssen Sie deren haben, denn sonst hätten Sie mir längst mit ein paar Feilen Nachricht von sich gegeben. 394 LcssingS Briefe, 1773. Gott weiß, ich bin schlechterdings unfähig Ihnen inchr zu schreiben: so voll habe ich den Kopf, und so voll von den verdrießlich fieii fingen. Wenn Sie jemals, wie ich iiiir schmeicheln darf, Freundschaft für mich empfunden haben: so lassen Sie mich es ja bald höre», daß Sie deren noch empfinden, und mich bedauern. Möchte es Ihnen doch nur wenigstens wohl gehen! das ist der uneigennützigste Wunsch, schmeichle ich mir, den jemals ein Freund gethan hat. t?S gehe mir, wie es gehe: ich werde nie aufhören können, Sie hochzuschätzen und zu liehen. Dero ganz ergebenster ?li,Z >ri«O,k»^ >j 5, S-iu . ,ttp.a»kn«-. t«lk«i« Ä>i? An Karl bi. Lcss.nq. Wolfenbüttel, den L. April 177^. Mein lieber Bruder, Du bist hoffentlich, ungeachtet meines abermaligen lange» Stillschweigens, übcrjeugt, daß ich Dich liebe, und an Deinem letzten Unfall recht sehr viel Theil genommen. Ich danke Dir von ganzem Herzen, daß Du mir nicht eher etwas davon gemeldet, als bis Du Dich völlig außer Gefahr befandest. Ich konnte doch also wenigstens wieder einmal froh seyn; und auch das ist schon Vergnügen für einen, der sonst von keinem weiß. Du siehest nun wohl, daß mein Stillschweigen »och immer die nehmliche Ursache hat. Ich bin ärgerlich und arbeite, weil Arbeiten doch das einzige Mittel ist, um einmal aufzuhören, jenes zu sey». Aber Du und Herr Loß, Ihr irret euch sehr, wenn Ihr glaubt, daß es mir bey solchen Umständen ja wohl gleichgültig seyn könne, was ich arbeite. Nichts weniger: weder in Ansehung der Arbeit, noch in Ansehung der vornehmsten Absicht, warum ich arbeite. Ich bin in meinem Leben schon in sehr elenden Umsiändcn gewesen, ahcr doch noch nie in solchen, wo ich im eigentlichen Verstände um Brodt geschrieben hätte. Ich habe meine Beyträge bloß darum cingcsangcn, weil diese Arbeit fördert, indem ich nur einen Wisch nach dem andern in die Druckercy schicken darf, und ich doch dafür von Feit zu Zeit ei» Paar LouiSd'or bekomme, um von einem Tage zum andern zu leben. Wenn Du nicht begreifen kannst, wie ei» Mensch, der doch jährlich liW Thaler hat, in so kümmerlichen Umständen seyn kann: Lessings Briefe. 1773. 395 so muß ich Dir sagen, daß ich auf länger als anderthalb Jahre mein ganzes Salarium vor einiger Zeit aufnehmen müssen, um nicht verklagt ju werden. Urlaube mir nur, daß ich Dir weiter nichts hierüber schreibe; und wer nun noch daran zweifelt, daß es die absolute Unmöglichkeit ist, warum ich gewisse Pflichten nicht erfülle, mein Versprechen in gewissen Dingen nicht halte, den bin ich sehr geneigt eben so sehr zu verkennen, als er mich verkennt. Vor einiger Zeit ließ es sich hier an, als ob man mir glücklichere Aussichten machen wollte. öS war der Erbprinz selbst, der mir von freyen Stücken Vorschläge deswegen that. Aber ich sehe wohl, daß man mir nur das Maul schmieren wollen; denn seil acht Wochen höre ich nichts weiter davon. Ich bin seit dieser Feit auch nicht wieder in Braunschweig gewesen, und fest entschlossen, nicht einen Fuß wieder dahin zu setzen, als bis man die Sache eben so ohne alle mein Zuthun zu Stande bringt, als man sie angefangen hat. Denkt man aber gar nicht, oder nicht so bald darauf, und läßt man mich erst mit meiner Arbeit in der Bibliothek fertig werden, so können sie sehr versichert seyn, daß ich für nichts in der Welt mich hier halten lasse; und in Jahr und Tag längstens schreibe ich Dir aus einem andern Orte, als aus Wvlfcnbüttel. Es ist ohne dies zwar recht gut, eine Zeitlang in einer großen Bibliothek zn studieren; aber sich darin vergraben, ist eine Raserey. Ich merke cS so gut als Andere, daß die Arbeiten, die ich jetzt thue, mich stumpf machen. Aber daher will ich auch je eher je lieber mit ihnen fertig seyn, und meine Beyträge ununterbrochen, bis auf die letzte Armseligkeit, die nach meinem ersten Plan hineinkommen soll, fortsetzen und ausführen. Dieses nicht thun, würde heißen, die drey Jahre, die ich nun hier zugebracht, muthwillig verlieren wollen. Du fragst mich, wie cS mit Wien sey, und ob man da noch anstehe, ein Stück von mir mit hundert Lonisd'or zu bezahlen? Ich will doch nicht hoffen, daß Du Dir einbildest, daß ich Anträge deswegen gemacht, oder auch nur machen lassen? Von dem Theater auf die Kanzel zn kommen. Wenn Herr Eber hard mich nicht besser versteht, als Du mich zu verstehen scheinst, so hat er mich sehr schlecht verstanden. So habe ich wirklich, mcynst Du, mit meinen Gedanken über die ewigen Strafen den Orthodoxen die Cour machen wollen? Du mcynst, ich habe eS nicht bedacht, daß auch sie damit weder zufrieden seyn können noch werden? Was gehen mich die Orthodoxen an? Ich verachte sie eben so sehr, als Du; nur verachte ich unsere neumodischen Geistlichen noch mehr, die Theologen 396 LessingS Briefe. 1773. viel zu wenig, und Philosophen lange nicht genug sind. Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie aufkommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisiren werden, als es die Orthodoxen jemals gethan haben. Aber so sehr, als Du, verachte ich gewisse gelehrte Arbeiten nicht, die, dem ersten Anschein nach, mühsamer als nützlich sind. Die eitle Arbeit des Kennicot, wie sie Dir vorkömmt, hat uns zufälliger Weise zu einem Stuck aus den verlernen Büchern des Livius geholfen. Daß Cacault hier bey mir in Wolfenbüttel ist, wirst Du ohne Zweifel schon gehört haben. t?r studiert sehr fleißig deutsche Philosophie; und da ich hier fast niemanden sehe, so ist eS mir eben nicht unangenehm, daß er mich alle Abende besucht. Dein _ Gotthold. An Madame König. Wolfenbüttel, den 27. Iu». 1773. Meine Liebe! Wenn ich mich entschuldigen soll, daß ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe: so muß ich Ihnen eine Beschreibung von einem Leben machen, das gewiß trauriger und elender gewesen, als Sie es immer bey Ihren zcitherigen Unruhen und Kränkungen können erfahren haben. Aber ich bitte Sie, erlassen Sie mir diese Entschuldigung und diese Beschreibung. Denn wenn ich damit anfangen muß: so sehe ich voraus, kömmt auch dieser Brief nicht zu Stande, welches wenigstens der zwanzigste ist, den ich seit acht Woche» an Sie anfange. Nachdem ich drey Monate zu keinem Mensche» gekommen, und die ganze Zeit auf der Stube oder der Bibliothek zugebracht, wo ich mehr fleißig seyn wollen, als fleißig gewesen: haben mich die Umstände vorige Woche endlich wieder einmal nach Braunschwcig genö- thigel. Ich habe mich sechs Tage da aufhalten müssen, und bin gestern wieder gekommen. Heitrer ein wenig: aber um nichts gebessert. Können Sie glauben, daß ich noch immer nicht weiß, woran ich bin? das Verfahren ist mir unerträglich; und nichts geringeres als Ihr ausdrückliches Verbot hat mich abhalten können, einen unbesonnenen Schritt zu thun, den ich dcmohngeachtet doch noch alle Augenblicke in der Versuchung bin zu thun. Werde ich ihn anch nicht endlich thun müssen? denn, bey Gott, ich kann es nicht langer ausstehen. t5s muß brechen oder biegen. LcssingS Briefe. 1773. 397 Ich kenne Sie, meine Liebe, und ich errathe sehr wohl, warum auch Sie mir in so langer Zeit nichts von sich wissen lassen, welches Sie ein andermal nicht würden gethan haben, wenn die Reihe zu schreiben auch schon eben so wenig an Ihnen gewesen wäre, erlauben Sie mir nur, daß ich mich mit einem einzigen dabey schmeichle: damit nehmlich, daß Sie mir wenigstens Ihre Abreise von Wien, und Ihr vermuthliches durchkommen dieser Gegend, würden gemeldet haben. Man schreibt mir aus Hamburg, daß man Sie alle Tage daselbst erwarte. Aber das kann nicht seyn, und es ist unmöglich, daß Sle dieser Brief nicht noch in Wien treffen sollte: Oder wenn eS möglich ist — Ich mag mir den Gedanken nicht ausdenken. — Sie werden unter unsern Freunden allhier eine große Veränderung finden. Daß Z. verheyrathet ist, habe ich Ihnen ja wohl schon gemeldet. Nun ist es auch 26 402 LcssingS Briefe. 1773. chen wollen/) ist nicht weit her. Doch will ich Ihnen darin nicht hinderlich seyn; und Sie sollen das verlangte Maaß mit der nächsten fahrenden Post haben. Ich will es um das wickeln, was ich Ihnen schon so lange zu schicken versprochen, und nun ganz unfehlbar schicken will. Mit dem Theile von Ihnen, mit dem sie noch in Hamburg sind, hoffe ich, steht alles gut. Nächstens denke ich mehr davon zu hören. Denn K . . . welcher seinen Karl nach Eellcrfcld auf die Schule bringen will, wird hier durch kommen. Vielleicht läßt er ihn auch hier in Wolfcnbllttel auf der Schule. Es kommt mir vor, als ob er doch nicht Lust hätte, sich seine Söhne viel kosten zu lassen. Genug er sammelt ja für sie. Lassen Sie sich das Format und die Füge dieses Briefes nicht befremden. Er ist bey Lichte geschrieben, wo ich ganz weilläuftig schreiben muß, um noch schreiben zu können; und in so schmahlen Feilen, als nur lhunlich, um grade schreiben zn können. Denn meine Augen! meine Augen! lind mm lebe» Sie wohl, meine Liebe. Melden Sie mir ja bald, daß Sie gesund sind. Ich umarme Sie tau sendmal, und bin Zeitlebens Mein lieber Eben! Hier ist der zweyte Karrn voll MooS und Schwämme. Nehmen Sie so vorlieb. Das Exemplar, welches ich durch Sie übergeben lassen wollte, habe ich geraden Weges mit einer gleichgültigen Zeile abgeschickt. Ich weiß, daß er nicht an mich erinnert seyn will, und das war die beste Weise, es am wenigsten zu thun. Sie hätten es doch nicht stillschweigend auf den Tisch legen können, und ich mußte fürchten, i>e Ilutlio uostri peeces, or>ora veliemonti miiiistvi-, oder wie die Worte lauten. ganz der Ihrige L. Ihr Wolfenbüttcl, den Z. Octbr. 1773. ergebenster Freund Lessing. ') Ihm eine Weste zu sticke». Messings Briefe. 1773. 403 An Hcyne. Wolfenbüttel, d. 30. Octob. 1773. Ich bin sehr nachlässig, aber nicht gleich midicnsifertig. Hätte ich in unsrer Bibliothek das geringste gefunden, was Ew. Wohlgeb. zum Pindar zu brauchen wünschten: so würde ich eS gewiß sogleich übcrschickt haben, hätte es auch ohne Begleitung einer Sylbe geschehen sollen. 5ic einzige Handschrift, die wir von den OIvmp. und I^tk. hier haben, und die ehedem Tar. Dati dem Nicol. Heinsius verehrt hat, hielt ich nicht einmal der Erwähnung würdig, weil ste nur ans Papier und höchst neu, das ist, offenbar aus der Zeit ist, da man gedruckte Pindare schon die Menge hatte. Sollten Sie indeß, wcrlbcsicr Freund, vermuthen, (wie der Raine der Männer, durch de- rcu Hände sie gegangen, auch wohl vermuthen lassen sollte) daß sie gleichwohl die Abschrift irgend eines alte» guten Manui'cripts seyn könnte: nun gut, so steht sie noch zu Ihrem Befehle. Das wäre der kleinste Tank, den ich Ihnen für Ihren Piudar (nicht bloß für das geschenkte Exemplar desselben) abstatten könnte. Gegen wich hätten Sie es nicht nöthig gehabt, Ihre daran gewandte große Mühe so zu verkleinern und zu verachten. Ich denke sogar von Rennicora Arbeit gut. Und muß ja wohl; wenn man auch von meinen Kahl- mäusercyen nicht allzu verächtlich urtheilen soll, von welchen ich Ihnen hierbei) das zweyte Stück zu überreichen, mir die Freyheit nehme. lind nun von allen gelehrten Armseligkeiten weiter kein Wort. Ihr letzter gütiger Brief giebt mir einen bessern Stoff. Wie sehr danke ich Ihnen für den vortrefflichen Einfall, mich und unsere Bibliothek mit dem Herrn Professor Dicye zu besuchen! Es bleibt dabey. Ich komme aufs Frühjahr nach Göttingen, um Sie selbst abzuholen. Wie sehr ich mich auf dieses Vergnügen freue, will ich Ihnen nicht lange sagen. Aber ich verspreche Ihnen beyden zu zeigen, daß ich cS zu empfinden und zu genießen weiß. Wenn doch nur schon der garstige Winter vorüber wäre, der mir um so trauriger werden wird, da ich, meiner Auge» wegen, die langen Abende nicht miycn, und aus Maiigel guter Gesellschaft, sie nicht unbcrcuct verlieren kann. Ich bin mit der vollkommensten Hochachtung ic. «esstng. 404 Lessmgs Briefe. 1773. An Madamc König. Wolfenbüttel, den 1. Der. 1773. Meine Liebe! Was soll ich sagen, daß ich Ihnen abermals so lange nicht geschrieben habe? Noch immer die alte Leyer: Ich bin mißvergnügt, ärgerlich, hypochondrisch, und in so einem Grade, daß mir noch nie das Leben so zuwider gewesen. Soll ich fortfahren, Ihnen das so recht zu beschreiben? Ich bin seit vier Monaten so gut, wie gar nicht, aus Wolfenbüttel und aus meinem verwünschten Schlosse gekommen. Ich bin nur zweymal auf ein paar Stunden in Braunschweig gewesen; denn ich habe.es verredet, in meiner gegenwärtigen Lage niemals wieder eine Nacht in dem Brauuschweig zu bleiben, wo man sich gegen mich (Sie wissen wer) auf eine Art beträgt, die mir unerträglich fällt; auf eine Art, die ich zn anderer Zeit, unter andern Umständen, um alles in der Well so lange nicht ertragen hätte. Ich will ihm daher schlechterdings nicht in die Augen zu kommen Gefahr laufen. Wenn er mich bey der Nase geführt haben will, so hab er eS! Aber ich werde es ihm in meinem Leben nicht vergessen. Künftigen Januar wird eS ein Jahr, daß er wir den ersten Antrag eigenhändig that. So lange warte ich nur noch, um ihm alSdcnn meine Meynung so bitter zu schreiben, als sie gewiß noch keinem Prinzen geschrieben worden. Was kann ich aber indeß thun, als mich unter meine Bücher vergraben, um unter ihnen, wo möglich, alle Aussicht in die Zukunft zu vergessen? Ich habe auch nun weit länger als an Sie, meine Liebe, an keinen Menschen in der Welt geschrieben; weder an meine Brüder, noch an meine Mutter, noch an sonst jemanden. Ich antworte auch keinem Menschen, der in irgend einer andern Sache an mich schreibt, als in Sachen der Bibliothek. Daß meine Korrespondenz nach Hamburg also auch völlig abgebrochen ist, versteht sich. Doch ist dicßmal K. mir eine Antwort schuldig, nicht ich ihm. (5r wollte Michaelis nach dem Harze reisen, und seinen Sohn nach Wolfenbüttel auf die Schule bringen. Aber er ist nicht gekommen, und soll mir seit acht bis zehn Wochen auf meinen Brief antworten, in welchem ich ihm meldete, daß ich bey dem hiesigen Rcclor alles abgeredet hätte. Am besten würde ich thun, wenn ich an alle meine Bekannte, von deren vielen ich auch nicht einmal einen Brief zu sehen verlange, ein Circulare ergehen ließe, mich für todt zu achten. Denn wahrlich, meine Liebe, es ist mir fast unmöglich zn schreiben. Lessings Briefe. 1773. 406 Mehr als zehn Briefe habe ich selbst an Sie angefangen, und sie wieder zerrissen. Wer weiß, was diesem noch geschieht, ehe ich die Seite herunter bin? Doch, eS fällt mir auch langer unmöglich, ohne Nachricht von Ihnen zu sey», lind ein Brief muß doch einmal fertig werden, mag er doch werden, wie er will. Die einzige gute Nachricht kann ich Ihnen schreiben, daß ich sehr gesund bin. Ich glaube, der Aerger hält mich gesund. Möchte ich ein Gleiches doch auch von Ihnen versichert seyn. Nicht zwar, was den Aerger anbelangt; denn der, weiß ich, bekömmt Ihnen nicht so gut, als mir. Tiefes ärgerliche Wesen verräth sich in jedem Worte, das ich spreche oder schreibe. Ich muß eS also lieber darauf ankommen lassen, ob der Hr. von Eebler klein genug ist, eS Ihnen empfinden zu lassen, daß ich mir so wenig mit ihm zu thun mache: als daß ich an ihn schreibe, und ihm Dinge schreibe, die seiner Eitelkeit ganz gewiß nicht schmeicheln würden, und die er Ihnen wieder empfinden zu lassen, sich wohl noch mehr berechtiget zu seyn glauben dürfte. Daß der Baron v. B . . . aus Wien jetzt in hiesigen Gegenden ist, werden Sie vielleicht wissen. Er war vor einiger Zeit in Braunschweig , und kam nach Wolfenbültel, wo er auch mich sprechen wollte, aber ich ließ mich verläuguen. Endlich hat er sich hinter den Hrn. von K. . gesteckt, daß wir uns einander ein RendeSvouS auf dem Weghause gaben. Der Mann gefällt mir besser, als mir noch sonst ein Wiener gefallen hat. Jetzt ist er in Hannover, wo er, wie ich höre, den Winter bleiben wird. W., dessen lächerlich traurige Geschichte Sie mir in Ihrem Letzten schreiben, habe ich immer für einen dummen Kerl gehalten. Aber nun sehe ich, daß er auch ein boshafter Schurke ist. Ein einziger Umstand in seiner Klätschercy ärgert mich; aber indem ich an diesen denke, werde ich so wild, daß ich meinen Brief gleich schließen muß. Sonst schreibe ich noch gewiß Dinge, die mich ihn zu zerreißen nöthigen. Leben Sie recht wohl, meine Liebe; und seyn Sie lieber ein wenig gegen mich unwillig, als daß Sie Mitleiden mit wir haben sollten, wenn Ihnen dieses Mitleid den geringsten Kummer machen sollte. Ich bin dennoch ganz der Ihrige L. Wolf-nbüttel, 1773. Ob ich gleich denke, mein lieber Schund, daß man nur Ursachen haben kann, sich »ach dem Alter der Pferde und Esel, nicht aber 4oe Lessings Briefe. 1773. der Gelehrten zu erkundigen: so bin ich doch kein Frauenzimmer, das seine Jahre lieber verschweigen möchte. Ich bekenne Ihnen nnd Ihrem Namensvetter in Gießen also aufrichtig, daß ich 172!) gebohren bin, und zwar im Jcnncr. Wo? will er ja wohl nicht wissen; und ich wüßte es vielleicht selbst nicht. SS wird mich herzlich freuen, Sie vor den Feyertagcn hier zu sehen. Besinnen Sie sich ja nicht anders. Ich habe Ihnen so viel zu sagen/ daß ich gar nicht weiter schreiben mag. Dero ergebenster L-ssing. D. 12. Dccemb. 1773. Mein lieber Schmid! Das ist mir freylich nun nicht recht lieb, daß unser Stella schon gedruckt ist. Wer Henker kann alle Sammlungen und Schmierercyen der I^onZoliorurn kennen und im Kopfe haben? Indeß ist mir es doch auch nicht so ganz unangenehm. Denn gegen Sie, unter vier Augen, einmal zu prahlen, so kann man aus beyden Ausgaben nun sehen, was für ein Unterschied es ist, wenn ich oder Longolius so einen Quark herausgebe. Mit allem Fleiße, den Longolius daraus verwendt, hat er doch den einzigen wichtigen Gebrauch nicht gesehen, der davon zu machen war. Nehmlich die daraus fließende Enldccknng, daß das Tieyemannsche Epitaphium in Leipzig untergeschoben, und von Stella untergeschoben ist. Halle ich gewußt, daß die Schrift von Stella schon gedruckt sey, so würde ich sie nicht des AnschnS gewürdigt haben, und so würde diese Entdeckung vielleicht nie seyn gemacht worden. Aber wie gesagt, lieber Schmid, diese Großsprecherei) unter uns! Ich will es gewissen Leuten gern gönnen, sich damit groß zu machen, und zu kitzeln, daß sie so etwas besser gewußt, als ich. DaS wird hoffentlich auch der Fall des Herrn Schirach seyn, dessen Zei- lungSblatt ich noch nicht gelesen habe. Sie werden mir einen Gefallen thun, wenn Sie mir es gleich mit der morgenden Post schicken. Mündlich mehr. Ihr ergebenster Lessiug. Zugleich bitte ich Sie, mein lieber Schmid, um eine Abschrift Ihres neuen Gedichts. Ich will keine» schlimmen Gebrauch davon mache». Aber eine Dame hat mich darum gebeten. LessingS Briefe. 4774, 407 An Eschenburg. Den 4. Januar 1774. Aus der neunten Novelle des Bandelt» soll, nach der Lenop/ Romeo und Juliet genommen sey». Aber Dandello hat drey Theile. Und haben Sie sich nicht etwa verschrieben Z Wenigstens kann ich in unserm Bandello nichts finden. Sehen Sie doch noch einmal nach; weil ich Ihnen auf das Ungewisse von einer vermuthlich noch ältern Quelle gern nichts sagen möchte. °) Die Muthmaßung des Johnson, woher Shakspeare seinen Sturm könne genommen haben, ist so gut wie nichts, wenn er nicht näher angeben kann, wo und bey wem diese Novelle von Aurelio und Isabella zu finden seyn soll. Wenn er bloß aus dem Titel geschlossen, und dieses wohl gar der Titel der bekannten Historie des e?iova,!,ii >cn hicrbey sende, (Liorn. IV. IXov. I. 32.) ist nur die Hclste meiner Entdeckung, j» welcher mir der Engländer, der das Snpplcnicnt zu dem Werke der Äenox geschrieben, immer mag zuvor gekommen seyn. Die andre Helfte ist die wichtigere, und betrifft die Quelle, aus welcher selbst Fiorentino geschöpft hat. Diese nehmlich sind die ehedem sehr bekannten 6,'e/ia ^tome-noi-um moi-a/i/ae«, die zuverlässig im drcyzehutcu Jahrhunderte zusammen geschrieben worden, da Fiorentino erst im vierzehnten, gegen 1376, geschrieben.'") Selbst °) Dies war die ältere italiänische Novelle, deren ich im Anhange zum cilften Bande des deutschen Shakspeare, S> 523. f. crwäbnt habe. Bandelt» hat allerdings die Erzäblimg von Nomeo und Julie gleichfalls, wie ich dort angeführt bavc; und ans ibiu ZZoistcau i» seinen iiMoires rra- giqueü. Eschenburg. ") Die spätern englischen Auklcgcr des Sh. haben selbst eingestanden, daß es mit dieser Vermuthung nicht scine Richtigkeit balle; und man weiß die eigentliche Quelle des noch immer nicht nachzuweisen. Eschenb. Man vergleiche hierüber meinen Anbang zu dem oben gedachten Schauspiele. Das; die t?e/7» /!oni»,ioi'»»> diese Erzählung haben, ist den spätern englischen Auslegern des Sh. nicht entgangen; und Nlarton hat dem drillen Bande seiner Geschichte der englischen Poesie eine eigne Abband lung über jenes incrtwürdigc alle Buch vorangcsctzt, und iu 6Vn///i piülo- logi» 8»cr» den Petrus Bcrchoriiis als Sammler desselben cnldcckt. Eschenburg. 408 Lessings Briefe, 1774. Bocca; hat diese t-'e/'/a ^omr»-«,»',«»» gebraucht, die ich in meiner Geschichte der Aescpischen Fabel, die gegenwärtig in dem zweyten Theile meiner vermischten Schriften zn Berlin gedruckt wird, weitläuft tig beschreibe. Weil die verschiedenen lateinischen Ausgaben kein Register haben, und in der Ordnung der erzehlten Historien alle von einander abgehen; so kann ich in ihnen die Geschichte, wovon die Rede ist, nicht gleich finden, und muß Ihnen indeß nur eine alte deutsche Uebersetzung schicken, in welcher sie auf dem cingcschlagnen Blatte unter der beygeschriebnen Zahl 66 steht. — °) Sie werden mir leicht glauben, daß mich das kleine Theater eher nach Braunschweig locken könnte, als das so genannte große"); wenn ich mir nicht den Lorwurf zu machen hätte, daß ich seit kurzem schon zu viel Zeit in Braunschweig versplittert. Ich muß wieder einmal fleißig seyn, oder wenigstens thun, als ob ich es wäre.--- An Karl G. Lcssmg. Wolfenbuttel, den ?. Februar 1774. Lieber Bruder, Erwarte keine Entschuldigung wegen meines langen Stillschweigens. Tu wurdest nur die nehmliche Lcyer hören. Lieber kein Wort, was Dich meinetwegen unruhig oder bekümmert machen könnte. Ich habe Dir auf zwey oder gar drey Briefe zu antworten; und wenn ich es nicht thäte, so möchte ich einen vierten wohl nie bekommen. Ich fange bey dem letzten an, in welchem Tu mich, ich weiß nicht, in welcher Arbeit vergraben glaubst. Deine Nachrichten von °) „Da nun die ^!»ma». in Deutschland vor Alters sehr bekannt waren, und vielleicht gar von einem deutschen Mönche geschrieben worden, so ist um so bcgrcifflichcr, wenn die nehmliche Historie von uralte» Zeile» her auch aus das dcmsche Theater gekommen, ohne vom Shakcspcar gciiommc» zu seyn. Ich habe sie selbst uiilcr dem Titel der .Kaufmann von Venedig vor zehn Jahre» bcvni alten Schuch mehr als einmal auffuhren sehe»." Diese Ergänzung ist aus dem Concept des Briefes untcr den Brcs- lauischcn Papieren: der Herausgeber steht aber nicht dafür daß er alles richtig gelesen hat. ") Dies bezicht sich auf eine Einladung zur Vorstellung dcr Minna VON Barnhelm auf cincm kleinen gesellschaftlichen Theater. tLschenburg. Lessings Briefe. 1774. 40S mir müssen nicht die zuverlässigsten seyn, vin deutsches Lexikon zusammen zu schreiben, diesen albernen Gedanken habe ich lange aufgegeben; und ich würde ihn nun wohl am wenigsten wieder hcrvorsu- chen, da ich ihn taliter liualiter von einem Andern ausgeführt sehe. Aus diesem laliter n habe ich mich nur in dem Namen geirrt. Der Charakter ist auf unserm alten Theater sehr gewöhnlich gewesen, und ist cS unter den gemeinen Komödianten im Reiche noch. Aber er heißt nicht Tölpel, sondern Rüpel. Beyde Wörter bedeuten das Nehmliche; und wenn Ihnen das letztere etwa weniger bekannt seyn sollte, so werden Sie cS beym Spaten durch Iiomn »xi-elli«, llijies. erklärt finden; welches auch die eigentliche Bedeutung von tAo»m eben so gut, wie der deutsche Rüpel, ausdrückt, da sie bev aller ihrer Plumpheit zugleich possenhaft und schelmisch sind. Daß dieser Rüpel nicht auch in ältern gedruckten Komödien vorkommen sollte, ist kein Zweifel. Ich habe deren aber jetzt zu wenig bev der Hand, um nachzusehen.')-- An Eschcnburg. Den 21. Oktober 1774. Ich bin eine Zeit her so krank, so verdrießlich, so beschäftigt gewesen, daß ich eS gan; vergessen habe, Ihnen zu antworten. Sie werden mir verzeihen. Gestern habe ich Ihnen aber mit unserm Schmid die zwey verlangten Bücher geschickt, woraus Sie selber ziehen werden, was Ihnen gut dünkt. Mühe wird es Ihnen doch kosten, sich einen hinlänglichen und deutlichen Begriff (wenn Sie ihn nicht schon haben) daraus zu machen, was denn nun eigentlich der Graal gewesen, welcher in allen alten Romanen Normännisch-Englischer Erfindung, mehr oder weniger, vorkommt, indem sich die Thaten ihrer Helden fast Immer auf Beschützung oder Eroberung des EraalS beziehen. Was in den griechischen Heldengedichten Ilion ist, das ist in diesen der Graal. Von der Abstammung des Worts .8/. «^aai habe ich meine eigne Meynung. Ich glaube nehmlich, daß es so viel heißen solle, als ') Ich gestehe jedoch, das; mir bis jetzt i» alte» deutsche» Lustspielen, deren mir ziemlich viele durch die Hände gegangen sind, dieser <5l,.iraklcr unter dieser Benennung noch nicht vorgekommen ist. Eschenburrr. Lcssinqs Briefe. 1774. 419 e>«o^, und daß es also das Blut selbst, nicht das Gefäß bedeute, worin cS Joseph von Arimathla aufbewahrte. Die Abcnthcucr nun mit diesem Gefäße, seine Ucbcrbringung besonders nach England, und seine dasigen ersten Schicksale, sind es, die den Inhalt des eigentlichen Romans vom Graal ausmachen, und in einem alten französischen Gedichte verfaßt sind, welches sich noch in den Biblischeren findet, und wovon der erste Theil des übersandten französischen Werks nur ein prosaischer Auszug ist. Der andere Theil desselben enthält die Geschichte des Lanzellot und Parzival, die sich zum Romane vom Graal verhält, wie O.uinrus Talaber zum Homer. Und so sind auch die deutschen Heldengedichte des Eschilbach nicht eigentlich Roman vom Graal; sondern nur von Helden, die eS sich um den Graal auch einmal sauer werden lassen, außerdem aber noch rausend andere Abcntheuer gehabt haben. — Wenn ich wüßte, was ^varburron von dem Graale sagt, so könnte ich Ihnen näher anzeigen, was darin etwa falsch wäre,") — Leben Sie recht wohl, und erlauben Sie, daß ich Ihnen noch hierbei) den neuesten Theil meiner Beiträge übcrschickc. An den Buchhändler Chr. Fricdr. Noß in Berlin.") Liebster Freund, Ich antworte Ihnen auf der Stelle, um Ihnen nur mit wenigem zu sagen, wie sehr mich Ihr Brief gerührt hat. Rechnen Sie darauf, daß, wenn ich je Wort gehalten habe, Sie sogleich nach Wcyhnachtcn das As. zu dem zwcvtcn Theile der vermischten Schriften unfehlbar erhalten sollen. Auch will ich Ihnen etwas mitschicken, (wenn ich cS Ihnen nichr eher schicke) welches zwar nicht meine Arbeit, aber besser als meine Arbeit ist, und wovon ich mich auf dem Titel als Herausgeber nenne, wenn Ihnen daran gelegen ist. — Wollen Sie mir nun aber auch verzeihen, daß ich Sie vergessen zu haben geschienen? Das hatte ich gewiß nicht. Aber ich wünschte Sie könnten eS wissen, in welcher unglücklichen Lage ich mich befinde! Wie leicht würden Sie sich daraus alles erklären, was Ihnen in meinem Betragen vielleicht befremdlich und tadelhaft vorkönu. In meinen verzweifelten Umstan- °) Vergl. meine Urbcrsctzung des Shakspeare, B. in, S. wo ich schon den grosttc» Tbcil dieses Briefes niitgcibcilt babe. Eschenburcr. °°) Im Besitz des Herrn Buchhändlers G. Bctl'gc in Berlin, und von demselben in Abschrift gefällig milgcil'eilt. 27* 420 LessingS Briefe, 4774, den sollte auch wohl der beste Mensch als der nichtswürdigstc erscheinen. Leben Sie recht wohl! Ich bin Mein lieber Herr Eschenburg, Haben Sie tausend Dank für das Vergnügen, welches Sie mir durch Mittheilung des Gothischen Roman» gemacht haben. Ich schicke ihn noch einen Tag früher zurück, damit auch andere dieses Vergnügen je eher je lieber genießen können. Wenn aber ein so warmes Produkt nicht mehr Unheil als GutcS stiften soll: meynen Sie nicht, daß cS noch eine kleine kalte Schlußrede") haben müßte? Ein Paar Winke hinterher, wie Werther zu einem so abentheucrlichen Charakter gekommen; wie ein andrer Jüngling, dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren habe. Denn ein solcher dürfte die poetische Schönheit leicht für die moralische nehmen, und glauben, daß der gut gewesen seyn müsse, der unsre Thcilnehmung so stark beschäftiget. Und das war er doch wahrlich nicht; ja, wenn unsers J""S Geist völlig in dieser Lage gewesen wäre, so müßte ich ihn fast — verachten. Glauben Sie wohl, daß je ein römischer oder griechischer Jüngling sich so, und darum, daS Leben genommen? Gewiß nicht. Die wußten sich vor der Schwärmer?» der Liebe ganz anders zu sichern; und zu Sokrares Zeiten würde man eine solche -5 -^o? «a^ox^, welche ^ 7->>,/>«,' lx^o-lv antreibt, nur kaum einem Mädclchen verziehen haben. Solche kleingroße, verächtlich schäybare Originale hervor zu bringen, war nur der christlichen Erziehung vorbehalten, die ein körperliches Bedürfniß so schön in eine geistige Vollkommenheit zu verwandeln weiß. Also, lieber Göthe, noch ein Kapitelchen zum Schlüsse; und je cvnischer, je besser! DaS Ding über Göiz von Berlichinricn ist Wischiwaschi. ") Wenn Sie sonst etwas neues haben, theilen Sie mir es doch wiederum mit. °) So hat Eschcnbnrg drucken lassen. Z» einer Abschrift, die der Herausgeber dem jetzigen Besitzer des Briefes, Herr» Archivrath Kcstncr in Hannover, verdankt, steht „noch eine Andre Art Schlußrede." °°) Ueber Götz von Berlichiiigen; eine dramaturgische Abhandlung. Leipz. 1774. 8. (vom Hr». Ncgicrungsratl) Schmid in Gieße»,) tLschcnburg. Wolfenbüttel den 22 Octobcr 1774. ganz der Ihrige, Lessing, Dero Wolfenb- den 2« October 1774. ganz ergebenster F. Lcssing. Lessings Briefe, 4774, 421 An Karl G. Lcssiiig. Wolfcnbüttcl, den 1l. Nov, 1774. Liebster Bruder, ES ist viel Liebe von Dir, wenn Du über mein hartnäckiges langes Stillschweigen nicht zürnst. Auch diesen Brief fange ich an, ohne zu wissen, ob ich ihn enden werde. Und solcher Anfänge von Briefen an Dich liegen in meinem Schreibtische mehr als Einer. Ich freue mich, daß Du Dich wohl befindest, und daß die hypochondrische Laune, in welcher Du einen von Deinen letzten Briefen schriebst, nur ein Ucbergang gewesen. Die meinige ist etwas hartnäckiger, und das einzige Mittel sie zu betäuben ist, mich aus einer nichts- würdigen litterarischen Untersuchung in die andere zu stürzen. Daher kommt cS, daß meine Beyträge noch daS einzige sind, waS ich fortsetze. Und doch fürchte ich, daß ich auch diese nicht mehr lange werde fortsetzen können. Ich sehe meinen Untergang hier vor Augen, und ergebe mich endlich drein. Schwerlich werde ich Dir auf das viel zu antworten haben, was Du mir von gelehrten oder theatralischen Vorurthcilcn geschrieben. Ich bin meistcntbcilS Deiner Meynung. Die letzteren haben längst aufgehört, mich zu interessiren, und nicht selten gereichen sie mir zu dem äußersten Ekel. Recht gut; sonst liefe ich wirklich Gefahr, über daS theatralische Unwesen (denn wahrlich fängt eS nun an in dieses auszuarten) ärgerlich zu werden, und mit Göthcn, trotz seinem Genie, worauf er so pocht, anzubinden. Aber davor bewahre mich ja der Himmel! Lieber wollte ich mir mit den Theologen eine kleine Komödie machen, wenn ich Komödie brauchte. Dahin bezicht sich gewissermaßen auch das, was ich Herrn Voß versprochen zu schicken. Aber vielleicht ist eS ihm gerade dicser- wegcn auch nicht einmal angenehm, da er vielleicht S** und T** zu schonen hat. Von eben demselben Verfasser nehmlich, von welchem das Fragment über die Duldung der Dcisten ist, wollte ich ihm ein anderes über den Canon schicken, das ich mit meiner Vorrede herauszugeben Willens wäre, unter dem Titel: Eine noch freyere Untersuchung des Canons alten und neuen Testaments :c. Dieses noch freyere, siehst Du wohl, geht auf ScmlerS freye Untersuchung. Voß mag sich die Sache überlegen. Wenn er das Manuscript drucken will, so kann er eS haben so bald er will. Gott weiß ohnedies, wie eS mit dem zweyten Theile der vermischten Schriften werden wird, zu welcher Arbeit ich ungerncr gehe, als der Dieb zum Galgen. In- 422 Lessmgs Briefe. 1774. deß muß ich daran doch auch, u»d sind nicht schon die ersten Bogen deS zweyten Theils gedruckt? Ich kann sie hier unter meinen Papieren nicht finden. Er soll also so gut seyn, und sie mir mit erster Post überschickcn; zugleich mit den gedruckten Bogen meines Sophokles, mit welchen ich ebenfalls etwas vorhabe, damit ich heute oder morgen wenigstens reinen Tisch verlasse. Dein Einfall mit Adam Neusern ist nicht unrecht. Aber hast Du denn schon den Masaniello aufgegeben? Wenn Du an diesen noch denkst, so kann ich Dir nun ein Paar italiänische Schriften schicken, die ausdrücklicher von diesem Tumulte handeln, und die Du schwerlich dürftest gesehen haben. DicscS erinnert mich an Deine Komödien. Werde aber nur nicht böse, wenn ich sie Dir noch nicht schicke, und Dich überhaupt bitte, sie nicht drucken, auch nicht spielen zu lassen. ES ist manches Gute darin, das Du aber aus Eilfertigkeit selber nicht geltend machen wollen. Ich erinnere mich, daß mir Herr MoseS einmal eine besondere Anmerkung über die prosol^tas poi-wo gemacht, auf welche ich mich aber gar nicht besinnen kann. Frage ihn doch darum, mit meinem besten Gruße an ihn. Mit seiner Besserung hat es doch Bestand? Noch muß ich Dich fragen: ob denn Büsching die Schriften von Ihre drucken lassen, die er angekündigt? Wenn cS geschehen, und sie in Berlin zu haben sind, und nicht allzuviel kosten, so sey so gut und schicke sie mir. Gotthold. An Ramlcr. Wolfenbüttel, d. 12. Novemb. 1774. Liebster Freund, Haben Sie tausend Dank für Ihre schöne Bliiinenlcse! Fast könnte ich Sie beneiden, daß Sie noch Blumen lesen, da ich verdammt bin, nichts als Dornen zu sammeln. Das ist Ihre Schuld! werden Sie sagen. Ich sollte nicht meynen. Ich sehe auf meinem ganzen Felde nichts als Dornen; und einmal ist cS nun mein Feld. Umsonst erinnern Sie mich unserer gemeinschaftlichen Entschlüsse, ein blumcnrci- chereS anzubauen. ES hat nicht seyn sollen! Mit mir ist cS auS; und jeder dichterische Funken, deren ich ohnedies nicht viel hatte, ist in mk erloschen. Aber Ihr Feuer ist noch in vollem Brande. Was kümmern Sie die Jahre? Die jugendlichen Theile, welche zum dramatischen Dichter gehören, sind noch dazu die wenigsten und entbehr- Lessiiigs Briefe. 1774. 1775. 423 lichsten. Leiste» Sie allein, was wir zusammen leisten wollten. Ein Meisterstück von Ihnen wird noch eben zu recht kommen, unser The«, ter von einem neuen Verderben zu retten. — Wie sehr wünschte ich, Sie einmal wieder zu sehen! Möchte eS doch Ihr recht ernstlicher Vorsatz seyn, mich zu besuchen. Sie reisen ja doch ohnedies alle Jahre. Warum nicht auch einmal nach Braun- schwcig, wo Sie noch nicht gewesen sind, und wo Sie so viele Freunde haben? Ich, der ich die ganze Welt ausreisen wollte, werde, allem Ansehen nach, in dem kleinen Wolfcnöüttel unter Schwarten vermodern, und wohl auch Berlin nie wieder sehen. Bedenken Sie das, und bestärken Sie mich wenigsten» in einer so süßen Hoffnung; einer von den wenigen, mit deren Hülfe ich den melancholischen Winter, der mir bevorstehet, zu ertragen hoffe! Ganz der Ihrige, Lessing. An Sschcnburg. Den 16. December 177». Hier haben Sie schon heute daS Luc^eloiieclic/ue °) mit dem besten Danke zurück. Was die Herren von mir und meinem Stücke darin sagen, hat mich weder gefrcuet noch geärgert. Aber wenn daS Französische gedruckt werden sollte, will ich mir die Lust machen, cS selbst zu übersetzen. Wie mir der Graf von M- gesagt hat, soll es auch schon gedruckt seyn, und der Hr. v. F. soll ein Exemplar davon haben. Wenn das ist, so haben Stc doch die Eure, mir durch Ihren Kanal ein eignes Exemplar kommen zu lassen, cS mag kosten, was cS will.-- A» Madamc König. Wolfcnbüttel, d. 1». Jan. 1775. Ja wohl, meine Liebe, würde ich selbst nicht begreifen, wie es möglich gewesen, daß ich in so langer Zeit nicht an Sie schreiben können, wenn ich nicht von einem Tage zum andern mich gar wohl zurück erinnern könnte, wie cS unterblieben. Vorigen ganzen Sommer °) ES war darin ein AuSzng der ^1»>«-i» ^. Meine Liebe! Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen weder aus Salzburg noch aus Brescia habe schreiben können. Nur an diesen beyden Orten haben wir uns einen einzigen Tag aufgehalten, welcher mit Besuchen hingegangen. Gestern sind wir hier in Mavland angelangt, und ich befinde mich nock recht wohl, außer daß meine Augen von der Sonne und dem Staube, die wir so häufig untcrwegcnS gehabt, sehr gelitten haben. Den 12tcn gehen wir nach Venedig ab, wo wir den 20lcn einzutreffen gedenken. Daß unsre Reise von da wieder zurück geht, ist VorS erste so gut, als ausgemacht. Und so viel von mir! Wenn ich doch nun, so bald als möglich, versichert scvn könnte, daß Sie sich, meine Liebe, recht wohl, recht sehr wohl befinden. ES gehet fast keine Stunde hin, wo ich nicht einmal Gelegenheit finde, es zu bedauern, daß ich nicht lieber mit Ihnen reise. Denn Nuhcn werde ich nur sehr wenig von meiner Neisc haben, da ich überall mit dem Prinzen gebeten werde, und so alle meine Zeit mit Besuchen und am -.HvtzHö 432 LesslngS Briefe. 1775. Tische vergeht. Heute habe» wir bcv dem Erzherzoge gcsveisct. Nur der Vortheil, den ich vielleicht von dieser Reise künftig in Wolfcn- liüttel haben dürfte, kann mir eine solche Lebensart erträglich machen. Ob, wenn und wie Sie abgercißt sind, meine Liebe, hoffe ich nächstens durch ein Paar Zeilen von Ihnen zu erfahren. Ich werde nicht eher ruhig werden, bis ich Sie gesund an Ort und Stelle weiß. Alles übrige hoffe ich, soll sich zu unsrer beyden Vergnügen wohl geben, cS sey nun da oder dort. Behalten Sie mir nur Ihre Liebe, als woran ich nicht sowohl zweifle, als warum ich vielmehr nicht aufhören muß, Sie zu bitten, weil diese Ihre Liebe mein einziges Glück in der Welt machen kann. Hiermit umarme ich Sie tausendmal- Ich erwarte mit Sehnsucht Ihre Briefe, die Sie, wenn Sie noch in Wien seyn sollten, nur rckta an Vockclten schicken dürfen, außerdem aber nach Wien unter dem Couvertc deS StaatSralbS GeblerS. Auch hoffe ich eine weitlauftigcrc Beschreibung Ihrer Reise von Ihnen zu erhalten, als ich Ihnen von der meinigen geben kann. Wenn meine Augen mir wieder besser werden, so ist alles gut. Ich küsse Sie nochmals tausend und tausendmal in Gedanken, und bin Zeitlebens ganz der Ihrige L- An Madame Kvnig. Venedig, d. 2. Jun. 177-;. Meine Liebe! Wir sind den 23ten vorigen Monats glücklich allhier angekommen. Wenn ich Ihnen aber erst heute schreibe, so ist die Schuld nicht sowohl an den Zerstreuungen, die ich täglich und stündlich gehabt, als vielmehr daran, daß ich mich die ganze Zeit hier in Venedig nichts weniger als wohl befunden habe. Endlich habe ich vorgestern zur Ader gelassen (welches, wie Sie sich erinnern werden, ich schon in Wien thun wollte) und nun ist mir gestern und heute wieder so ziemlich wohl. Ich hoffe auch, daß sich alles wieder völlig geben wird, da wir morgen Venedig verlassen, und wieder in eine bcßre Luft kommen. — Aber nun lassen Sie sich das Schlimmste klagen, meine Liebe. Wir kehren nicht gleich wieder nach Wien zurück, sondern gehen noch erst nach Florenz: so daß, wenn ich alles auf das kürzeste überschlage, wir schwerlich eher als in der Mitte des Julius wieder in Wien seyn können. Der Prinz kann und will sich nicht eher wieder in Wien sehen LessingS Briefe. 1776. 433 lassen, als bis alles daselbst scinethalben rcguliret ist. Und das hat man nun davon, wenn man sich mit Prinzen abgiebt! Man kann niemals auf etwas gewisses mit ihnen rechnen, und wenn sie einen einmal in ihren Klauen haben, so muß man wohl aushalten, man mag wollen oder nicht. Wenn Sie also nicht länger in Heidelberg bleiben wollen, als Sie mir schreiben — (Ihren Brief vom 2. April habe ich erst hier in Venedig erhalten) so bleibt mir nichts übrig, als daß ich Sie gleich nach meiner Zurückkunft in Hamburg wieder aufsuche. Gott gebe nur, daß sich alles andre so schickt, als ich es zu unsrer beyder Besten wünsche! Darin haben Sie vollkommen recht, daß auf die Länge Wolfen- büttel mehr mein Ort ist, als jeder andrer, und daß mittelmäßige Umstände in Wolfenbüttcl für uns beyde vorthcilhafter seyn werden, als noch so glänzende in Wien, oder anderwärts. Ganz gewiß werde ich auch also alles darauf anlegen, um in Wolfenbüttel zu bleiben. Nur auf den Fuß, wie ich bisher gewesen, kann ich es unmöglich. Daher ich denn auch, blos in dieser Rücksicht, nicht alles so gar weit von mir werfen werde, was man etwa in Wien mir antragen möchte. Antragen sage ich, denn anbieten werde ich mich gewiß nicht, sondern in allen Stücken mich so daselbst zu betragen fortfahren, als ich einmal angefangen. Daß ich den rechtschaffnen Haen nicht noch besucht, habe ich mir schon mehr als einmal vorgeworfen. Ich will es aber gewiß wieder gut zu machen suchen, und bey meiner Zurückkunft mir seine Bekanntschaft angelegen seyn lassen. Auch dem Baron D. will ich mich durch seinen Schwager aufführen lassen, da Sie ihm Verbindlichkeiten zu haben versichern. Einer von meinen ersten Gängen hier in Venedig ist nach St. Christoforo gewesen, um zu sehn, wo »iiser Freund ruht, und seinem Andenken auf seinem Grabe, eine aufrichtige Thräne zu schenken. Der nehmliche Mann, in dessen Armen er gestorben, hat mich herausgebracht, von welchem ich dann auch die gewisse Versicherung erhalten, daß cS mit seinem Tode sehr natürlich zugegangen. Ich weiß, daß Sie einmal nicht ohne Argwohn waren, und dcßfallS ruhig zu scvn wünschten. Das können Sie nun. Wegen eines kleinen Denkmals, das Sie auf sein Grab noch müssen sehen lassen, mündlich ein mchrcreS. Meinen Brief aus Mavland, hoffe ich, werden Sie erhalten haben, und vermuthlich noch in Wien. Gott gebe, daß Sie dieser nirgend anders, als in Hamburg findet, in Gesundheit und Ruhe unter LessingS Werke Xll. 23 434 Lcssings Briefe. 1775. Ihren Kindern! Wie Ihre Reise abgelaufen ist/ bin ich äußerst begierig zu erfahren. Ich bin den ganzen Weg mehr mit Ihnen gefahren, als mit dem Pr.; das glauben Sie mir doch wohl? Wenn mir das Opfer, das ich dem Pr. gemacht habe, nicht auf eine andre Weise wieder ersetzt wird, so werde ich eS Zeitlebens bedauern- Denn wahrlich von der Reise selbst habe ich weder viel Vergnügen, noch viel Nutzen. Ich hoffe, daß ein Brief von Ihnen an mich unter WegenS ist. Auch schreibe ich Ihnen noch gewiß einmal aus Italien. Und nun, meine Liebe, lassen Sie sich tausendmal von mir in Gedanken umarmen, und erhalten Sie mir Ihr Herz, dessen ganzen Werth ich kenne, und in dessen Besitze allein ich noch auf den Rest meines Leben- glücklich zu scvn hoffen darf. Leben Sie wohl, leben Sie recht wohl, und küssen Sie Ihre Kinder für mich in meiner Seele. Der Ihrige G. E. L- ?ln Madame Konig. Florenz, d. 40- Ju». 1775. Meine Liebe! Ich bin in der äußersten Verlegenheit, daß ich bis auf den heutigen Tag keinen andern Brief von Ihnen habe, als den vom 29, April aus Wien. Ich weiß also nicht, ob und wie Sie abgereiset sind, und darf gar nicht daran denken, baß Sie wohl gar eine Krankheit an der Abreise und am Schreiben bisher gehindert. Meine beyden Briefe, den einen aus Mayland, und den andern auS Venedig, werden Sie doch wohl erhalten haben. Jenen habe ich an den jungen Herrn von Lutz eingeschlossen, und den andern, unter der alten Addrcsse von Kü- nertS abgehen lassen. Diesen dritten schreibe ich bloß, um Ihnen zu melden, daß ich endlich wieder auf der Rückreise zu seyn glaube. Denn wir gehen noch heute von hier nach Turin ab. Sollte cS das Unglück wollen, daß wir uns da eine Zeitlang aufhalten müßten: so schreibe ich Ihnen noch einmal von da aus, um Ihnen zuverlässig zu melden, wenn ich wieder in Wien zu seyn hoffen darf. Wahrhastig, ich sehne mich herzlich wieder nach Deutschland. Denn in dieser Hitze in Italien herum reisen, um sich zu besehen, welches man an Ort und Stelle doch wenigstens die Nacht nicht thu» kann, ist eine Sache, die mich gewaltig mitnimmt. Gesund bin ich zwar noch so ziemlich, aber eS ist mir doch immer, als ob das so lange nicht mehr dauern könnte. LessingS Briefe. 1775. 435 Ich habe es unzähligemal bereut, daß ich mich auf eine ungewisse Aussicht wieder auf einmal so weit von Ihnen trennen lassen. Und wenn es nun vollends auch mit dieser Aussicht nichts wäre — Merken Sie cS, daß ich Ihnen in einer hypochondrischen Stunde schreibe? Gott gebe nur, daß ich von Ihnen keine unangenehme Nachricht erhalte, wenn ich endlich welche erhalte. Jetzt tröste ich mich bloß noch damit, daß Sie vielleicht Ihren Brief an mich an Geblcrn nnd nicht an Vokelten gegeben, und daß ihn jener in Italien herum laufen laßt, ohne zu wissen wo ich bin. Denn daß Sie mir vor Ihrer Abreise gar nicht sollten geschrieben haben, kann ich mir kaum einbilden. Ware cS indeß doch, nun so haben Sie gewiß andre Ursachen dazu gehabt/ als Unwillen wider mich. Nicht wahr? Aber so komme ich auch immer wieder auf den schrecklichen Gedanken zurück, daß Sie krank sind, und sehr krank. Er verwirrt mich so, dieser Gedanke, daß ich kein Wort weiter hinzusetzen kann. Ich umarme Sie tausendmalz und wenn ich mich Ihrer Liebe jemals schmeicheln dürfen: so machen Sie, daß ich wenigstens in Wien Nachricht von Ihnen finde. ____ L. . An Madame König. Wie», den 26. Dcc. 1775. Meine Liebe! Ich bctheurc Ihnen bey allem, was heilig ist, daß ich seit Ihrem Briefe vom 29tcn April, den ich in Venedig erhielt, wahrend meines ganzen Aufenthalts in Italien, weiter keinen Buchstaben von Ihnen gesehen habe. Was konnte ich, was durfte ich also anders glauben, ohne Ihnen Unrecht zu thun, als daß Sie todt, oder wenigstens so krank seyn müßten, daß Sie mir unmöglich einige Nachricht von sich zukommen lassen könnten? Mit diesen schwarzen Gedanken habe ich mich geschleppt bis den 7ten dieses MonatS, da ich auf unsrer Rückreise in Bologna einen Brief von dem K- v. K- fand, aus welchem ich ersehe, daß Sie, ich weiß nicht wenn, Braunschweig gesund und wohl passieret wären. Sogleich beschloß ich von München auS, wo ich ohnedem nicht weiter mit dem Prinzen gehen konnte, geraden WegeS nach Wien zu gehn, wo schlechterdings, sagte ich mir, Briefe von Ihnen liegen müssen. Vorgestern Abends bin ich hier angekommen, und habe cS würklich, Gott sey Dank gefunden, daß man mir Ihre Briefe mit der unverantwortlichsten Nachlässigkeit bloß vorbehalten hat. Zwey Briefe einer vom 5. Innius und der andere vom 2ten JuliuS 28° 436 LesfingS Briefe. 1776. lagen bey dem Staatsrath Gcbler, und ein dritter vom 3. August bey dem H. v. L- Es sind nur kahle Entschuldigungen dieser Herren, daß sie niemals gewußt, wo ich recht wäre. Sie hätten die Briefe nur an Vokclten schicken, und den für die weitere Bestellung sorgen lassen dürfen. Mein letzter Brief an Sie, meine Liebe, wo ich mich recht besinne, war aus Livorno, in welchem ich Ihnen meldete, daß, gewisser Umstände wegen, der Prinz noch nicht zurückgehen könne, und daß wir indeß eine Reise nach Korsika machen, und von Korsika über Genua nach Turin gehen würden. Als wir nach Turin kamen, war das Schicksal des Prinzen noch nicht entschieden, wir gingen also von Turin über Bologna und Lorctto nach Rom, von Rom nach Neapel, und von Neapel wieder zurück nach Rom, wo endlich der Prinz Befehl von seinem Vater erhielt, so schleunig als möglich zurück zu kommen. Wie alles dieses zusammenhängt, kann ich Ihnen nur mündlich erklären, und ich habe ohnedem, um mit der heutigen Post zu schreiben, nur noch kaum so viel Zeit, ein Paar Worte über Dinge, die uns naher angehen, hinzuzufügen. Ich werde nur wenig Tage in Wien bleiben, und um gewisse Fragen und AuSbolungcn zu vermeiden, zu niemanden von dem großen Geschmeiße kommen, sondern mich lediglich auf die Bekannten meines Gleichen einschränken. Auch hieraus werden Sie schon abnehmen, daß ich von allen Projekten auf hier ab- sicahire, besonders da man mir von Braunschweig aus die besten Versicherungen machen lassen, und wenigstens der alte Herzog mir gewiß wohl will. Ein pis-aller will ich mir indeß immer aussparen, wozu ich neuerdings aus Dresden einen sehr guten Anlaß erhalten habe. Denn auf den bisherigen Fuß kann ich weiter in Wolfenbüttcl schlechterdings nicht bleiben, so gern ich auch immer daselbst bleiben zu können wünschte, und aus den nehmlichen Ursachen cS wünschte, auS welchen Ihnen, meine Liebe, dieser Ort vor allen andern gefällt. Ich gehe längstens den t. Jan. von hier über Prag und Dresden nach Berlin, und denke vor Al-lauf des Monats gewiß wieder in Wol- fenbüttcl zu seyn. Schreiben Sie mir mittlerweile, meine Liebe, ich beschwöre Sie, nach Berlin, und addreßiren Sie Ihren Brief nur in die Vossische Buchhandlung. Ich brenne vor Verlangen, cS von Ihnen selbst zu erfahren, daß Sie sich gesund und wohl befinden, und mir Ihre Liebe, trotz der fatalen Reise, nach wie vor schenken. Ihre Freundinnen, an die Sie hier schreiben, wissen nicht anders, als daß Sie gesund sind: aber Malchcn soll krank seyn? — Arme Mutter! wie sehr bedaure ich Sie; — mit der nächsten Post schreibe ich Ihnen LessiNZs Briefe. 1776. 1776. 437 gewiß, gan; gewiß wieder. Ich umarme Sie tausendmal, und bin Zeitlebens der Ihrige L. An Madame König. Dresden/ den 23. Jan. 1776. Meine Liebe! Je heiliger ich verspreche zu schreiben, desto gewisser werde ich daran verhindert. Ich hatte den ersten Januar einen Brief mit den besten Wünschen an Sie angefangen: aber da liegt der Anfang noch, und nun kann ich ihn doch nicht so ausschreiben, als ich ihn angefangen habe. Also nur das Wichtigste: Ich blieb in Wien bey meinem Entschlüsse, von meinen großen und vornehmen Bekannten dieseS- mal keinen einzigen zu sprechen, als ich »«vermuthet erfuhr, daß der B. v. Sch- aus Berlin angekommen sey. Mit diesem war die Ausnahme unvermeidlich; ich ging also zu ihm, und er überredete mich, mit ihm wenigstens zum Fürst K- zu gehen. Des Tages darauf ließ mich der Fürst zum Essen bitten: und um da nicht erscheinen zu dürfen, was that ich? Ich ließ mich entschuldigen, weil ich den nehm- lichen Tag noch schlechterdings abreisen müßte, und reiste würklich ab, so gern Ich auch noch einige Tage geblieben wäre. Es war der Ste, da ich von Wien abreiste, und den loten bin ich über Prag allhier in Dresden angekommen. Weil ich das Vorigc- mal, und schon seit cilf Jahren, meine alte Mutter nicht gesehn hatte, so konnte ich diescsmal unmdglich so wieder bey ihr vorbeyrctsen. Aus dem einen Tage, auf welchen ich sie besuchen wollte, wurden viere; und so hat sich mein Aufenthalt in Dresden wohl bis heute verziehen müssen. Ich habe indeß alle Ursache, sehr damit zufrieden zu seyn. Ich habe den Churfürsten selbst gesprochen, und dem Minister, Grafen v. S., habe ich versprechen müssen, wenn ich jemals Wolfenbüttel verließe, nirgends anders, als nach Dresden zu kommen. Der Churfürst hat mir die Stelle des Hrn. von Hagedorn, die 18oa Rthlr. einträgt, und welcher blind und krank ist, zugedacht, und bis dahin, wenn ich eher käme, sollte schon auch für mich Rath werden. Dieses nun ist recht gut, um in Braunschwcig auf Etwas fußen zu können, wenn man das nicht für mich thun will, was man gegenwärtig vielleicht zu thun gesonnen, und was mir immer unter allen das Liebste seyn würde. Und damit Ste sehen, daß ich nicht eitle 438 Lcssings Briefe. 1776. Schlösser in die Lust baue; so lege ich Ihnen hier einen Brief von K- mit bey, über den ich mir zugleich Ihren Rath auSbitte. Was er mir darinn vorschlägt, ist freylich das Kürzeste, um aus allen meinen Verlegenheiten auf einmal zu kommen: nur ist mir das dabey unerträglich, daß ich, so lange der Abzug dauerte, gebunden seyn würde, und andre vottheilhafte Gelegenheiten aus den Händen lassen müßte. AuS diesem Briefe von K- werden Sie, meine Liebe, zugleich ersehen, daß ich Ihren letzten Brief nicht anders, als sehr spät muß erhalten haben. Er ist zwevmal in Wien gewesen, von wannen er das letztemal mir endlich hier in Dresden zu Händen gekommen ist. Rechnen Sie mir cS also nicht zu, wenn ich keinen einzigen von allen Ihren Aufträgen für Wien ausrichten können. Ihre hinterlassene Kleidung konnte ich unmöglich alle mitbringen; und was Sie am liebsten davon gehabt hätten, wußte ich nicht. Hr. v. L. wird sie Ihnen nächstens sämtlich überschickcn. Der Einfall Ihres ältesten SohnS ist so unrecht gar nicht, wenn er nur erst völlig und sicher kurirt ist. Wenn er dieses schon jetzt wäre: so könnte ich vielleicht in B. jetzt für ihn thun, was Sie in Wien gethan haben wollten. Denn Sie werden eS wohl wissen, daß B- 4000 Mann in Englischen Sold gibt. Morgen, als den 24tcn, gehe ich unfehlbar von hier nach Berlin ab, wo ich bereits eine Antwort von Ihnen auf mein Letztes zu finden hoffe, und vermuthlich so lange bleiben werde, daß ich auch auf diesen Brief Ihre Antwort dahin bekommen kann. Addreßircn Sie nur alles in die Vossische Buchhandlung, weil ich nicht weiß, wo mein Bruder, bey dem ich logircn will, jetzt wohnt. Ich habe den festen Vorsatz, Ihnen sogleich nach meiner Ankunft in Berlin zu schreibe». Gott gebe, daß ich ihn erfülle! In einem andern Ton will ich nun gar nicht mehr an meine Freunde zu schreiben versprechen. Leben Sie recht wohl, meine Beste, und erhalten Sie mir Ihre Liebe, die würklich das größte Gut, meine Glückseligkeit allein ausmachen kann. Ich umarme Sie tausendmal in Gedanken, und bin auf immer ganz der Ihrige L. le'cssnigg Briefe. 177t!, 43» An Madame König. Berlin, den 11. Febr. 177S. Meine Liebe! Ich bin über 14 Tage in Berlin, ohne Ihnen zu schreiben — immer noch der alte Fehler, den ich wohl schwerlich ablegen werde/ als bis ich Ihnen nicht mehr zu schreiben brauche. — Wenn aber üble Laune, Unentschlossenhcit und Ekel gegen Alles, waS um uns ist, Krankheiten sind: so bin ich die ganze Zeit über recht gefährlich krank ge- wesen, und Sie müssen mir dießmal schon wieder verzeihen. Hierzu kam, daß ich mich Anfangs nur drei) oder vier Tage aufhalten zu wollen dachte: ich wollte bloß die Kälte ein wenig abschlagen lassen, die mich von Dresden aus so schrecklich mitgenommen hatte, daß mich am warmen Ofen schauderte, wenn ich nur daran dachte, daß ich in eben der Kälte weiter reisen sollte. Und jetzt fiel auf einmal daS jetzige nasse mir noch unerträglichere Wetter ein! Ein Tag verging nach dem andern; bis ich nun endlich so weit bin, daß ich, trotz Weg und Wetter, dennoch in ein Paar Tagen abreisen muß und will. — DaS ist, meine Liebe, daS Vornehmste, was ich Ihnen zu melden habe; jeyt zu melden habe. DaS eigentlich Wichtige für uns, muß sich die ersten Tage in Braunschweig entscheiden. Und dann trauen Sie mir doch zu,, meine Liebe, daß ich keinen Augenblick versäumen werde, Ihnen davon Nachricht zu geben? Wenn ich dann, wenn ich eigentlich weiß, was und wie ich Ihnen schreiben kann, Ihnen zu schreiben verschiebe, wenn ich dann nachläßig bin: so sollen Sie mir cS nie vergeben — so will ich mir selbst cS nie vergeben — so will ich mich selbst verachten — was ich wahrlich jetzt noch nicht thun kann, weil ich cS doch am besten wissen muß, wie viel eS mich kostet, wie nahe cS mir geht, wenn ich schlechter scheinen muß, als ich bin. Freylich wären noch zwanzig Dinge in Ihrem Briefe, auf die ich Ihnen antworten müßte — aber wenn ich jetzt damit anfangen soll: so kommt sicherlich dieser Brief auch diesen Posttag nicht fort. Man läßt mich so wenig zu Hause, und wenn ich zu Hause bin, so bin ich so wenig allein - Gott! wenn wird dieses Leben einmal aufhören! Wenn werde ich einmal in Ruhe und Einsamkeit Ihnen und mir selbst leben können! Ganz der Ihre L- LessiugS Briefe. 4776. An Madamc König. Bramischwcig, den 26. Febr. 1776. Endlich, meine Liebe/ bin ich am 2Nen dieses glücklich wiederum in Vraunschwcig angelangt. Ich sage glücklich; das heißt, ohne auf der Reise bis dahin Schaden genommen zu haben. Ob ich sonst zur glücklichen oder unglücklichen Stunde wieder gekommen, davon weiß ich noch nicht», die nächsten Tage werden es lehren. Denn noch habe ich mich bey dem Herzoge und der Familie kaum melden können, und den Erbvrinzcn habe ich eigentlich noch gar nicht gesprochen. Außer diesem haben sie sich alle sehr gcfrcuet, mich wieder zu sehen, auch alle sehr gnädig empfangen: aber Sie begreifen wohl/ wie wenig das Alles noch sagen will. Meiner SeitS bin ich fest entschlossen, mir den Vorschlag deS Hrn. v. K-, den Sie selbst gcbilliget haben, gefallen zu lassen. Nur kömmt es darauf an, die Sache so einzuleiten, daß ich mich nicht dabey wegwerfe. Ich werde also, wenn mir kein anderer Anlaß vorkömmt, noch acht oder vierzehn Tage ruhig warten, und so- dann dem Herzoge gerade heraus schreiben, daß mich das gänzliche De- rangcment meiner Affairen nöthige, eine Verbesserung zu suchen, und da ich diese in Braunschwcig nicht abzusehen wisse, ich genöthigt sey, um meinen Abschied zu bitten. Will man etwas für mich thun, so wird man es auf diese Erklärung gewiß thun. Will man nicht — ja nun freylich, so werde ich meinen Abschied bekommen. — Ja, meine Liebe, an diese Zukunft kann ich nicht denken, ohne die Feder wegzuwerfen. Gott gebe, daß diese Zeilen Sie mit den Ihrigen gesund und vergnügt finden mögen. Ich schreibe Ihnen, wo nicht posttäglich, doch wöchentlich gewiß: oder ich habe Sie nie geliebt. Ganz der Ihrige L. An Madame König. Braunschweig, den 2. März 1776. Können Sie glauben, meine Liebe, daß ich noch in Braun- schweig bin? Und daß ich noch in nichts, auch nur den kleinsten Schritt weiter bin? Vorgestern Abends traf ich den E. P. auf der Gasse. Er bezeigte sich sehr freundlich, mich wieder zu sehen, er versicherte, cS sey ihm nichts gesagt worden, daß ich bey ihm gewesen, und sehte hinzu, daß er mich nothwendig zu sprechen habe, und daß er mich unfehlbar rufen lassen wollte, wenn ich noch einige Tage hier bliebe. Lessingö Briefe. 177k. 441 Ich antwortete ihm. daß ich bis Sonntag bliebe. Aber noch hat er nicht geschickt, und wird wohl auch nicht schicken. Indeß will ich doch mein Wort halten/ und erst Montag früh nach Wolfcnbüttcl abgehen. Schickt er noch, so soll er alles höre,,/ was ich auf dem Herzen habeschickt er nicht, so hat er längstens auf die Mittwoche einen Brief von mir, dergleichen er wohl nicht oft dürfte bekommen haben. Ich schreibe Ihnen dieses bloß, meine Liebe/ nur um Ihnen zu schreiben. Sie werden unruhig sey,,/ aber lange kann diese Unruhe nun doch nicht mehr dauern. Meinen vorigen Brief haben Sie doch erhalten? Da ich schon Antwort darauf haben könnte/ und ich weiß/ wie pünktlich Sie im Antworten sind: so bin ich für Ihre Gesundheit besorgt. Nur ein Wort/ das; Sie sich mit den Ihrigen wohl befinden' — Ich umarme Sie, und bin ewig der Ihrige L- An Karl G. Lcssing. Braunschweig/ den 3. März 1770. Mein lieber Bruder/ Ich danke Dir recht sehr, daß Du mich so bald auö der Ungewißheit wegen Deiner Zurückkunft nach Berlin hast reißen wollen. Aber ich hatte ein gleiches wegen meiner Ankunft allhicr thun sollen? Freylich wohl. Wenn 16), nach meiner Art zu denken und zu handeln, nur gekonnt hätte! So mancherley verdrießliche Dinge haben mich tagtäglich verfolgt, und verfolgen mich noch! Dazu wußte ich ja, daß Du schon durch meinen Reisegefährten erfahren würdest, daß wir allc- sammt glücklich angekommen. Gegenwärtig, lieber Bruder, darf mir nichts angelegener seyn, als Dir Inliegendes zu übermachcn. ES ist freylich weiter nichts, als das, was Du mir baar vorgeschossen; und alles übrige, was Du sonst für mich ausgelegt, und den Aufwand, den ich Dir über das alles gemacht — wirst Du mir schon noch borgen müssen. ES steht jetzt gar zu kümmerlich mit mir. und ich fürchte, ich fürchte, daß cS nächster Tage noch schlechter stehen wird. Die gcboffte Verbesserung allhicr ist in so weitem Felde, daß ich nicht einmal darum ansuchen kann, ohne mich weg zu werfen. Ich kann also keinen andern Wcg einschlagen, als diesen, daß ich um meinen Abschied bitte, und die Ursachen gerade heraus sage/ die mich dazu dringen. Will man auf diese sodann Rücksicht nehme,,/ so ist cs gut. Will man nicht, nun so gehe >,'.i^'»' 442 LessingS Briefe. 177«;. ich, und tröste mich fürs erste damit, daß noch alle Veränderungen, zu welchen mich die Noth gebracht, mehr glücklich als unglücklich für mich ausgeschlagcn sind. In einigen Tagen werde ich Dir mehr schreiben können; denn in einigen Tagen muß es sich zeigen. Und nun noch eine kleine Commission, mein lieber Bruder, für den Kammcrbcrrn von Kuntzsch, der mir in meiner Abwesenheit so viel Freundschaft erwiesen hat, und dem ich also gar zu gern darunter dienen möchte. Du wirst sie auf beygelegtem Papiere finden. Sey so gut und kaufe die Federn ohne alle Umstände, und schicke sie mit der nächsten Post wohl eingepackt an mich. Das ausgelegte Geld dafür sollst Du sogleich wieder haben. Aber sie müssen alle so groß seyn, als das beygelegte Maß, welches ich wieder zurück erbitte. Indeß lebe recht wohl! Wenn ich Zeit habe, lege ich noch ein Paar Worte an den Bruder mit bey, dem ich gleichfalls noch eine Kleinigkeit zu bezahlen habe. Gotthold. An Hcmic. Wolfenbüttel, d. 4. März 1770. Ich weiß nicht gewiß, wer von uns dem andern einen Brief schul, big ist. Ich möchte aber doch nicht darauf schwören, daß ich es nicht wäre. Wetten darauf möchte ich nun vollends gar nicht. Denn wie kam cS denn sonst, daß ich bey meiner Zurückkunft ein Paket, an des Herrn HofrathS Rästner Wohlgeb. überschrieben, noch so wieder fand, als ich eS hatte abschicken »vollen? Ich habe mit meinem Bedienten weidlich darüber gezankt, daß er nicht von selbst errathen können, was ich ihm zu sagen vergessen. Die Heringe sind indeß so alt geworden, daß ich sie, nun wohl ganz zurück behalten könnte. Doch es werden öfter alte für neue abgeschickt; genug, wenn in dem Fäßchen nur Ein neuer ist. Und den kann ich dazu legen. Ich will eS darauf ankommen lassen, ob der Hofrath Rästner erräth, warum ich die Aufsätze deS jungen Jerusalem doch herausgegeben hätte, wenn sie es auch noch weniger verdienten. Wenn ich wüßte, ob ich dürfte, würde ich ihm auch noch iht eine Frage vorlegen, die mir bey dem Fragmente des Firmicus (im 3ten Beytrage) eingefallen ist, und wobey es vielleicht mehr zu rechnen geben dürfte, als sich berechnen läßt. Lessing. Lessings Briefe. 1776. An Eschenblirg. Den 10. März. 1776. Sie würden das Heldenbuch eher bekommen haben, wenn ich nicht gleich den Tag nach meiner Ankunft krank geworden wäre. Es fiel mir auf einmal so schwarz vor die Augen, daß ich noch spät an dem Abend zur Ader lassen mußte. Jetzt befinde ich mich wieder so ziemlich wohl. — Darf ich so frev seyn, Ihnen wegen des Heldenbuchs noch eine kleine Erinnerung zu machen? — Ueber dieses Buch habe ich vor zwanzig Jahren zu einem ganzen Folianten komvilirt, um die Meynungen des Goldast und Gradener zu bestreiken. WaS dieser letztere in einer Folge von Programmen darüber geschrieben, daS kennen Sie doch? Wo nicht, so rathe ich Ihnen, sich über da» Historische dieses Buchs, oder vielmehr der vier verschiedenen Heldengedichte, die cS enthält, gar nicht einzulassen, falls Sie etwa Nachricht davon ertheilen wollten; sondern sich bloß an die Sprache und das Poetische derselben zu halten. An Madame König. Wolfcnbüttcl, den 10. März 1776. Meine Liebe! Ich will keinen Augenblick anstehen, Sie meinetwegen ganz aus aller Unruhe zu ziehen. Ich habe ihn doch gethan, den Schritt, den Sie so sehr befürchteten. Aber freylich habe ich ihn mit mehr Behutsamkeit gethan, als Sie aus meinem Schreiben urlheilen konnten, daß ich es thun würde. Denn vor allen Dingen habe ich mich an den E- P- gewandt, und diesem sein Betragen gegen mich, seit drey Jahren, so handgreiflich vorgelegt, daß es ihn äußerst »iquiren müssen- DaS würden Sie mir, meine Liebe, vielleicht nun gerade abgcrathcn haben. Aber cS hat seine Wirkung gethan. Meine Aeußerung, daß ich bey dem regierenden Herzog meinen Abschied fordern wolle, ist ihm sehr unerwartet gewesen, und er scheint im Ernst alles thun zu wollen, um es nicht dahin kommen zu lassen. Ich schicke Ihnen mit künftiger Post die Abschrift meines Briefes, und das Original des Prinzen, welches ich gestern an K... gewisser Ursachen wegen, geschickt habe. Sie werde» daraus sehen, daß ich mich nur noch bis zu seiner Rück- 444 Lessings Briefe, 177k, kunft von Halberstadt gedulden, und unterdeß keinen Schritt weiter thun soll. Diese erfolgt aber erst den 27tcn dieses. So lange kann ich auch wohl noch warten. — Für Ihr gütiges Anerbieten, meine Liebe, mir mit guter Art Geld zu überschickcn, danke ich Ihnen herzlich. Aber ich werde keinen Gebrauch davon machen. Ich hätte schon behutsamer in diesem Punkte mit Ihnen scvn sollen. Dieses sage ich nicht aus Mißtrauen tn Sie, sondern bloß in Absicht meiner eignen Beruhigung. Auch können Sie gewiß versichert seyn, daß ich auch nicht einmal looo Rthlr. schuldig bin. Wenn ich den Sch.-- Wechsel vom Halse hätte, so könnte ich mich für so gut als ganz rein halten. Nächstens ein Mchrcrcs. Ich umarnie Sie tausendmal, und bin ewig ganz der Ihrige L- An Madame König. Wolfcnbüttcl, den 22. März 1776. Meine Liebe.' Eine nothwendige Reise »ach Braunschwcig hat mich verhindert, Ihnen eher wieder zu schreiben. Der Oberste W — war von Frankfurt wieder gekommen, wohin er den Prinzen zu seinem Rcgimentc begleitet hatte, und mit diesem hatte ich noch verschicdne Dinge, von unsrer Reise her, in Richtigkeit zn bringen. Ehegcstern bin ich erst wieder gekommen, und ob ich gleich kein Bricfchcn von Ihnen vorgefunden, so schreibe ich Ihnen doch, und bin ganz ruhig, wenn ich nur glauben darf, daß Sie gesund sind — Hier sind sie also, die versprochnen Briefe, sie liegen alle drey in dem Couverte des Pr., und Sie müssen sie lesen, wie sie »ummc- rirt sind. ES soll mich verlangen, was Sie zu dem Briefe des Pr. sagen werden. Er ist noch sehr auf Schrauben gestellt, aber gleichwohl versichern mich alle, die ihn gelesen, und den Pr. kennen, daß er mich nimmermehr gehen lassen werde, und daß ich meine Saiten nunmehr immer so hoch spannen könne, als ich wolle. ES wird sich zeigen. Der 27te ist ja nicht mehr so weit. Madam Sch. hat an mich wegen des Kasten geschrieben. Wenn ich doch nur in Hamburg jemanden wüßte, der alles, was darin» ist, (denn voll ist er nicht) in einen kleinern Kasten packen ließe, und mir diesen mit dem ersten besten Fuhrmann hierher sendete. Sie möchte Lesfings Briefe. 1776. 445 ich nicht gern, meine Liebe, mit so Etwas beschweren. Gleichwohl sind mir die Schwarten etwas werth, und ich würde sie ungern verlieren. Aber entschuldigen Sie mich bey M. Sch., daß ich ihr heute nicht antworte, es soll das nächstemal gewiß geschehn. Jetzt sehe ich erst, daß ich Ihnen in Wien doch Eine Konimission ausgerichtet habe. Die nehmlich, mit den Handschuhen. Ich gebe sie unter Ihrer Addresse heute zugleich mit auf die Post. Wenn sie allzutrocken geworden seyn sollten, so hat man mir schon in Wien gesagt, daß Sie dieselben nur mit Mandelöl wieder einschmieren lassen dürsten. Leben Sie wohl, meine Liebe. Ich umarme Sie tausendmal. Küssen Sie statt meiner, meinen Pathcn. Der Ihrige L- An Eschcnburg. DenMärz 177«. Weil ich wohl schwerlich vor Ihrer Abreise nach Hamburg noch das Vergnügen habe» dürfte, Sie zu sprechen, so übersende ich Ihnen hiermit das eine von den alten deutschen Gedichten, von welchen ich glaube, daß eine nähere Bekanntmachung angenehm und nützlich seyn dürfte. ES ist der Ritter Wigamur, dessen Alter Sie aber ja nicht a»S dem Alter der Handschrift beurtheilen dürfen. Er ist sicher weit älter, als diese, weil der T>.,chuser seiner schon gedenkt. Ich will Ihnen die Stelle in der Sammlung der Minnesinger ein andermal nachweisen. Jetzt bitte ich Sie mir noch, mir von den rückständigen Büchern aus der Bibliothek die neue Ausgabe der Dramaturgie des Allacci zu übersenden, oder bei Zachariä zurück zu lassen; auch ihr allenfalls noch ein Paar Theile von Johnsons Shakspeare bcvzufügen. Empfehlen Sie mich allen in Hamburg, die sich meiner freundschaftlich erinnern. Vergnügen Sie sich recht wohl, und kommen Sie gesund wieder. An Madamc König. Wolfcnbüttcl, d. 11. April 1770. Meine Liebe! Würde ich Ihnen wohl so lange nicht geschrieben haben, wenn ich Ihnen was Gewisses zu schreiben gewußt hätte? Ich hofte von 446 Lessings Briefe. 1776. einem Tage zum andern, daß ich es endlich können würde, — und doch kann ich eS noch nicht weiter, als daß ick) wohl sehe, daß mich der Pr. durchaus nicht lassen wird; und daß er bloß ungewiß ist/ wie er am besten mit mir fertig werden soll. Gleich nach seiner Zurückkunft schickte er den Hrn. von K-. an mich/ um mich von meinem Entschlüsse abzubringen, und mir Vorschläge zu machen. K- schlug mir vor, 1) 200 Thaler Zulage. 2> Befreiung von allem Abzüge/ und Zurückgabe des bisherigen crlittnen AbzugeS/ welches doch auch über 300 Thlr. beträgt. 3) Vorschuß von 800 bis 1000 Thlr. auf die Zulage. 4) Ein anderes LogiS/ oder Entschädigung am Gelde. Ich sagte ihm, daß das alles recht gut sey, aber daß eS mir der Pr. nothwendig selbst anbieten müsse, weil ich schlechterdings nicht die geringste Bitte darum verlieren wollte; daß ich auch nicht langer dadurch gebunden sevn wollte/ als eS meine Umstände etwa erlaubten, weil das doch die Verbesserung noch nicht wäre, die mich bewegen könnte/ auf alle andere Verzicht zu thun. Dieses alles hat ihm der Herr v. K - - - haarklein wieder gesagt/ und sast/ erzählte mir dieser/ wäre er ärgerlich darüber geworden. Endlich erklärt er sich doch/ daß er an mich schreiben/ mich kommen lassen/ und mündlich die Sache mit mir in Richtigkeit bringen wolle. Nun denken Sie, was geschieht! Am Sonnabende/ als am siebenten, bekomme ich einen Brief von ihm/ der am fünften geschrieben war/ in welchem er mich auf den sechsten des Morgens zu sich bestellt/ weil er den achten/ als den Sonntag, nothwendig wieder verreisen müsse. Diesen Brief, wie gesagt/ bekomme ich erst den siebente»/ und war den sechsten und siebenten selbst in Braunschweig gewesen, von wannen ich des Abends zurückkam/ und den Brief fand, der erst vor ein Paar Stunden angekommen war. Sollte ich nun nicht leicht glauben, daß er meine Anwesenheit in Braunschwcig gar wohl gewußt/ und daß er mir erst den siebenten unter falschem Dato geschrieben/ damit ich gar nicht mehr Zeit haben könne, ihn zu sprechen? Denn den Sonntag ist er würklich wieder nach Halbcrstadt abgereiset, und mau sagt, daß er sobald nicht wieder kömmt. Der Bri-f indeß, den er mir schrieb/ ist äusserst verbindlich/ und ich habe ihm noch des Sonnabends AbendS mit einer Staffcttc darauf geantwortet. Ich schicke Ihnen das nächstem»! die ganze Korrespondenz/ die jetzt der Herr v. K____noch bey sich hat/ und vielleicht, daß indeß eine Antwort von ihm einläuft/ in der er sich näher erklärt. — Machen Sie doch an Madame K. mein recht großes Kompliment/ und ihm, dem Vetter/ der endlich einmal wieder an mich geschrieben LcssingS Briefe. 177k. 447 hat/ sagen Sie, daß ich ihm gewiß den nächsten Posttag antworten würde. Sie glauben nicht, meine Liebe, wie ärgerlich, verdrießlich und unruhig ich jetzt bin. Ich habe so viel zu arbeiten, und kann nichts machen. Ich muß auch jetzt nun abbrechen, wenn ich diesen Posttag noch schreiben will. Aber Sie befinden sich doch recht wohl wieder, meine Liebe? Und was macht Malchen, von der Sie mir gar nichts schreiben? Ich umarme Sie tausendmal, und bin Zeitlebens ganz der Ihrige S»!»WK.-Vi,i»-««K. So5 ,>t,o«tw»' ',si«,«i „m- ,S. An Madame König. Wolfenbüttcl, d. 14. April 1776. Meine Liebe! Bloß um Ihnen nicht wieder Unruhe zu machen, schreibe ich Ihnen heute. Denn in der That habe ich jetzt kurz vor der Messe noch alle Hände voll zu thun, weil ich verschiedene Dinge scrtig machen muß, die vor dem Jahrmärkte unvollendet geblieben waren. Auch habe ich Ihnen weiter nichts Neues zu melden; denn der Pc. hat nicht geaiuwortct. Hier haben Sie indeß sein Schreiben, welches ich mir mit dem Nächsten wieder auSbittc. ES ist mir lieb, daß Sie ihm »och so viel gute Gesinnung gegen mich zutrauen. Und beynahe dürfte ich selbst nicht mehr daran zweifeln, weil er noch vor seiner Abreise den geheimen Rath von F. über meine Angelegenheit gesprochen hat. Die Zeit, bis das Ding zur Reife kömmt, wird mir nun auch verzweifelt lang werden, und indeß werde ich noch manchen kleinen Verdruß haben. — Die Bücherkiste ist noch nicht angekommen. Die geschnittenen Steine dürfen Sie mir nur schicken, weil ich bereits weiß, wo deS ManneS Frau in Brauuschwcig anzutreffen ist. Sie befinde» sich mit den Ihrigen doch noch wohl? Ich umarme Sie tausendmal, und bin ganz der Ihrige L- 448 Lessings Briefe. 1776. An Karl G. Lcssmg. Wolfenbüttel, den 28. April 1776. Lieber Bruder, Du würdest wegen meines so langen Stillschweigens gewiß nicht unwillig seyn, wenn Dir meine gegenwärtige Lage bekannt wäre. Ich habe Dir nichts davon schreiben mögen, weil sie viel zu ärgerlich ist, als daß ich sie noch in Briefen an Andere wiederkäuen sollte. Kurz, ich habe schon seit sieben Wochen dem Erbprinzen um meinen Abschied geschrieben, und ihm keine von den Ursachen verhalten, die mich dazu bewegen- Er hat mir darauf geantwortet,, daß ihn dieser Entschluß sehr befremde, und daß er im Stande zu seyn wünsche, ihn hintertreiben zu können. Dieses hat Hin- und Hcrschreibens die Menge gemacht, woraus aber bis jetzt noch nichts Rechts geworden, weil der Prinz bcv seinem Regiment in Halberstadt ist. Ich lebe also in der allerunange» nehmstcn Ungewißheit, und kann schlechterdings meine Zeit zu nichts andcrm anwenden, als daß ich mich auf alle Fälle gefaßt mache. Ich muß meine Bibliothckccchnunqcn in Ordnung bringen, ich muß meine Beyträge fertig machen, die ich mit dem 6ten Stück sodann schließen will,- ich muß mir noch so mancherley aus Manuscrivtcn ausziehen, daß ich wahrlich keinen Augenblick müßig seyn müßte, wenn mir gleichwohl meine Gesundheit nicht wider meinen Willen so manchen müßigen Augenblick machte. Und daß ich solche müßige Augenblicke doch auch nicht zum Bricfschrcibcn anwenden kann, das begreifst Du wohl. Wie gern hätte ich Dir sonst schon geantwortet, besonders da ich sehe, daß Dir Dein Pcojcct mit dem Italiänischen Theater am Herzen liegt. Das Project an und für sich selbst ist auch sehr gut. Aber, lieber Bruder, nimmst Du das Ding nicht ein wenig allzu sehr auf die leichte Achsel? Ich schmeichle mir jetzt, doch gewiß ziemlich viel Italiänisch zu wissen, und mit ollen Schriftstellern von l!l»li»e:ce»to fertig werden zu können; aber gleichwohl, wenn ich eine solche Arbeit unternehmen sollte, mir würde dabey übel zu Muthe werden. Ich kann mir es unterdessen leicht einbilden, waS Dich verführt haben wird. Du hast Dir alle nene Italiänische Stücke so vorgestellt, wie die, die ich Dir geschickt habe, welche sämmtlich von dem Marchese Albergatti sind. Allein dieser, und etwa noch die wenigen, die um den Preis in Parma concurriren, sind die einzigen, welche so leicht überscybav schreiben. Denn sie schreiben ei» Französisch-Italiänisch, welches von den meisten andern Schriftstellern noch sehr gemißbilligt wird. Zudem brauchen alle Anderen, die jetzt in Italien Komödien schreiben, zugleich Lessmgs Briefe. 1776, 449 ihren Provincial-Dialect, in welchem sie den niedern Theil ihrer Personen sprechen lassen: z. E. Gozzi den Venctianischen, und Carloni den Neapolitanischen. Wie Du nun mit diesen zurcchte kommen wolltest, das begreife ich nicht. Weißt Du denn auch nicht, daß die sämmtlichen theatralischen Werke des Carlo Gozzi in der Schweiz überseht werden? Sie sind in der Gothaischcn gelehrten Zeitung angekündigt. Ein neues italiänisches Theater, ohne diese, würde eine sehr schlechte Figur machen. — Und also, lieber Bruder, wäre mein Rath- das Project in dem ganzen Umfange gieb nur lieber auf! Und wenn Du ja etwas in dieser Art thun willst, so schränke Dich bloß auf das Theater des Alber- gatti ein, wovon ich Dir die zwev ersten Bände, so weit cS heraus ist, senden will, wenn Du sie verlangst. — Ich traue Dir zu, daß Du mir cS nicht übel nimmst, wenn ich Dir meine Mevnung so gerade heraussage. Wenigstens ist es meine Schuldigkeit gewesen. — Ich kann mir übrigens leicht einbilden, daß auch Andere in Berlin über mein Stillschweigen ungehalten sind. Besonders Herr D- Herz. Ich lasse ihn aber recht sehr bitten, sich nur noch ein wenig zu gedulden. Vielleicht zwar schreibe ich doch noch selbst heute ein paar Worte an ihn. Aber wie steht es denn, lieber Bruder, mit meinen zurückgelassenen Büchern? Hast Du sie denn schon abgeschickt? Wenn eS noch nicht geschehen, so thue es doch ja bald. Vergiß auch nicht, Herrn Voß wegen einer Kiste zu erinnern, die ihm Walther aus Dr-Sdcn gegeben haben will. Ich würde untröstlich seyn, wenn die verloren wäre. Endlich verzeihe mir mein Gesudele. Ich habe Dir doch einmal lieber so, als gar nicht schreiben wollen. Sobald cS mir möglich ist, ein MchrercS. Lebe indeß recht wohl. Gotthold. N- S- Ich muß Dir aber doch wohl auch ein Exemplar von Jerusalems Aufsätzen schicken. Das zweyte ist für Herrn MoscS, nebst meinem Empfchl. Ein drittes ist an Herrn D. Herz eingeschlossen, an den ich selbst zu schreiben noch Zeit gefunden. Mein lieber Ebert! Mit bcvgehendcn hatte ich mir einmal große Dinge vorgesetzt, als es aber zur That kam, sahe ich mich auf einem, zu allen Operationen Lessmgö Werke XII. 29 450 Lcssiiigs Briefe. 177k. so unbequemen Felde, daß ich sehr zufrieden bin, wenn mein Rückzug nur noch so so ausgefallen ist. Der Wolfcnbüttcl, Ihrige den 29. April 1776. Lessing. An Madamc König. Wolfenbüttcl, den ?. May 177«. Meine Liebe! Ich will doch diese Woche nicht ganz vorbev gehen lasse», ohne Ihnen wenigstens ein Paar Worte zu schreiben. Endlich habe ich die Bücherkiste erhalten/ und ich danke Ihnen recht sehr für alle Mühe und Kosten, die Sie dabey gehabt hab,». Auch habe ich die Schachtel mit den geschnittenen Steinen und dem Ringe richtig erhalten. Letzterer ist allerdings ein wenig plump ausgefallen, und gleichwohl werden Sie genug dafür haben bezahlen müssen. Mit den erster» will ich nach Vorschrift verfahren, sobald ich nach Braunschwcig komme. Wüßte ich, daß die Sache dringend wäre, so wollte ich gerne auch ausdrücklich darum herüber. Der E- P- ist noch nicht wieder gckommcn, hat auch noch nicht wieder geschrieben. Etwas Näheres in dieser Sache kann ich Ihnen also nicht melden. Inzwischen, wenn Sie doch selbst aus seinen, Briefe gcurtheilt habe», daß sie nicht ganz übel für mich ausfallen kann: so dächte ich, könnten Sie auch schon Ihrem Geschwister mit aller Zuverlässigkeit schreiben. Auch in Manhcim, dächte ich, könnte» Sie sich nun wohl erklären. Aber mir ist hierbei) eingefallen, ob Sie nicht alles, waS Sie von daher zu ziehen hätten, als das Vermögen Ihrer Kinder, im Lande lassen, und sich so noch den Abzug erspare» könnten. Wenigstens, meine Liebe, muß ich sehr darauf dringen, daß Sie das Kapital, welches der Onkel Ihren Kindern geschenkt hat, nie wieder an sich nehmen, sondern sich schlechterdings aller Ansprüche darauf begeben. Hierüber, und noch über manchcs Andre, hätte ich Ihnen allerdings noch viel z» sagen, welches sich mündlich am beste» sagen ließe. Ich sage also zu dem Vorschlage, Sie in Hamburg zu überraschen, gar nicht Nein. Vielmehr ist eS mein Einfall schon vorher gewesen. Nur sehen Sie wohl, daß cS diesen Monat nicht geschehen kann, daß cS nicht eher geschehen kann, als bis ich mit dem E. P. Lcssings Briefe. 1770. 45t völlig zu Stande bin. Ich wünsche mir bald gute Nachricht von Ihrer Gesundheit, und umarme Sie tausendmal. Der Ihrige L. An Heyne. Wolfcnbüttcl, den 4. May 1776. Ich war eben darauf bedacht/ nach meiner Zurückkunst den Faden unsrer etwanigcn Correspondcnz wieder anzuknüpfen/ als ich Ihren Brief vom 25sten April erhielt. Das Schicksal der ReiSkischen Manuscripte ist allerdings noch nicht entschieden. ES mag aber entschieden werden, wenn und wie cS will: so steht einem Manne wie Sie/ allcS daraus zu Diensten, was er verlangt. Wer in diesem Falle eine andere Antwort von mir bekömmt, der mag eS sich selbst zuschreiben, daß ich dieses wie Sie gegen ihn nicht auch brauchen kann. UebrigenS möchte ich nicht gern/ daß mir das so bald aus den Händen käme, was ich noch so nothwendig brauche. Denn Ihnen kann ich eS wohl sagen, daß ich an dem Leben ihres Urhebers arbeite, dem ich ein genaues Vcrzeichniß eines jeden von ihm hinterlassenen Papieres, das sich nur einigermaßen der Mühe lohnt, beyfügen will. Wenn dieses in der Welt ist: so mag eS mit den Sachen selbst gehen, wie eS kann. Sie mögen hinkommen, wohin sie wollen: nur ein Paar Orte ausgenommen, wider die ich den Verstorbnen aus dem Grabe protcstircn höre. Hierunter gehört meiner, so lange Einer lebt. Ich wünschte sehr, daß Sie nicht bloß in Gedanken mich durch Italien begleitet hätten; wenn cS in Person gewesen wäre, würde ich meine Reise erst haben nutzen können, zu der ich so ganz ohne die allergeringste Vorbereitung kam. Denn was ich längst wieder vergessen hatte, das war doch keine Vorbereitung. Wie eilend cS damit zuging, können Sie unter andern daraus abnehmen, daß ich Vergaß, Beygebendes an Sie auf die Post geben zu lassen, so eingepackt und mit einem Paar Worten begleitet cS auch schon war. Jht lege ich eine neuere Kleinigkeit mit bey, von welcher Sie den wahren Gesichtspunkt wohl bald finden werden. Wäre es denn nicht möglich, daß wir einmal mit einander recht ausplauderten? Unser schönes ehemaliges Projekt! Ich habe durch ganz Italien ein Buch gesucht, und nicht gefunden, eil ^iwlogiii sli Leinaiäiiio valtli, die Lrescimbeni 1702 in Rom herausgegeben. Und noch cinS: >vi I i, Ven. 15K8. Wenn sich diese bcvdcn Bücher in Ihrer Bibliothek befinden: dürste ich mir sie wohl auf kurze Zeit auöbittcn? Ich bin mit der vollkommensten Hochachtung :c. _ Lessing. An Madamc König. Wolfcnbüttel, d. 16. Mai. 1770. Meine Liebe! Ich bin Ihres Befindens wegen äußerst besorgt. Gott gebe, daß Sie völlig wieder hergestellt seyn mögen. Nehmen Sie aber doch ja »«s^fs-Viel mehr den Antrag dcS Herren Schubaks an/ Ihren Brunnen in aller Ruhe und Gemächlichkeit zu trinken. Ich kann es noch nicht sagen / wenn ich eigentlich nach Hamburg kommen kann. Lieber komme ich sodann einige Wochen später. Wer weiß wie lange es sich ohnedem verziehen wird. Denn wenn der Pr. nicht bald wieder kömmt, und mich nicht bald aus meinen hiesigen Verlegenheiten reißt, so halte ich cS nicht länger aus. Ich gehe heute nach Braunschwcig, wo ich Ihr Geschäfte mit der Jüdinn nicht vergessen werde. Ich schreibe Ihnen von da aus, wenn mich alle die Verdrießlichkeiten, die mich erwarten, nicht verhindern. Der Ihrige auf immer Lessing. An Madamc König. Braunschwcig, d. S. Jun. 177L. Meine Liebe! Ihr letztes, das sich mit so guter Gesundheit anfängt, und mit so schlechter sich endet, verursacht mir nicht wenig Kummer. Gott gebe, daß die Besserung angehalten, und Sie sich jetzt wieder völlig hergestellt befinden mögen. Sie sind so besorgt um mich, daß ich cS für Sie, schon aus bloßer Dankbarkeit, nicht genug sein kann. Aber beruhigen Sie sich nur meinetwegen. Mein Verdruß befällt mich immer am lebhaftesten, wenn ich an Sie schreibe; und da entfahren mir denn manchmal Ausdrücke, die die Sache ärger zu machen scheinen, als sie ist. — Für Ihre Bedenklichkeitcn, mir das Geld zu übcrma- chen, bin ich Ihnen mehr verbunden, als ich Ihnen für das Geld selbst seyn würde. Ich glaube auch in der That, cS nun nicht nöthig zu haben. Denn endlich habe ich den E, Pr. nun gesprochen, und Lessings Briefe. 1776, 463 'kann mit ihm zufrieden seyn. Eigentlich zwar hat er nichts mehr gethan, als was er mir gleich Anfangs durch den Herrn von K- antragen ließ; allein seine übrigen Aeußerungen schienen doch so aufrichtig zu seyn, daß ich nicht wüßte, warum er mich zum Besten haben, und mit leeren Hofnungen Hinhalten sollte. Der alte Herzog ist seit einigen Tagen gefahrlich krank. Der Schlag hat ihn auf der rechten Seite gerühret, und wenn dieser Zufall wiederkommen sollte, wie er denn gemeiniglich wiederzukommen pflegt, so ist es, allem Ansehen nach, mit ihm aus. Der Pr. gab mir diese Aussicht deutlich gnug zu verstehen, und ließ noch merken, zu wie mancherley er mich sodann zu brauchen gedächte. DaS glaube ich ihm denn wohl auch, und allenfalls ist es freylich einerley, ob ich mich hier oder anderswo mit Versprechungen speisen lasse. Vor einigen Tagen hat sich dazu ein Fall ereignet, der mir auch nicht gleichgültig ist. Eine alte Frau von Börncc, die gleich neben dem Schlosse ein Herzogliches HauS bcwohnete, ist gestorben. Das Haus ist also leer, und das soll denn nun wohl niemand anders bekommen, als ich. DaS Schlimmste bey allem dem, aber ist dieses, daß ich nun doch noch in meiner gegenwärtigen Lage bis zu IohanniS warten muß. Denn mit IohanniS fängt das Kammerjahr an, und eher können keine neue Arrangements gemacht werden. Ich kann also auch nicht eher meinen Vorschuß erhalten, nicht eher bezahlen und reisen. Doch diese drey Wochen werden auch noch zu verleben seyn. Sobald ich hier fortkommen kann, seyn Sie versichert, meine Liebe, daß ich nicht einen Augenblick zaudern werde, mich auf den Weg zu Ihnen zu machen. Ihre Brunnenkur ist nun wohl auch derangirt worden? Wenn Sie indeß nur noch anfangen, so haben Sie bis zu meiner Ucbcrkunft Zeit genug. Ich selbst bin nicht übel Willens, noch den Brunnen zu trinken, und zwar auf einem Garten bey Braunschwcig, wo ich jetzt fast öfterer bin, als in Wolfcnbüttel. Ich mache gewöhnlich meinen Weg zu Fuße hin und her, und wenn ich dabey nichts esse, befinde ich mich außerordentlich wohl. Solche Kur ist wenigstens sehr wohlfeil. Leben Sie wohl, meine Liebe. Ich wünsche, daß Sie dieser Brief recht gesund treffen möge, und umarme Sie tausendmal. Der Jhrig- L. I'. 8, Schwerlich wohl kann Sch, in Braunschweig seyn. Wenigstens hat er sich von mir nicht sehen lassen. 464 Lessings Briefe. 177K. An Ramlcr. Braunschwctg, d. 1K. Jun. 177V. Liebster Freund, Ihr lieber Milchbruder hat es zwar schon auf sich genommen, den Ueberreicher dieses, Herrn Lcisewitz, bey Ihnen aufzuführen, wie man in Wien zu reden pflegt. Ich kann es aber doch nicht unterlassen, ihn gleichfalls mit ein Paar Worten zu begleiten: wenn es auch nur wäre, um das Vergnügen mit Ihnen zu theilen, welches Sie gewiß, so gut wie ich, über ein solches erstes Stück eines solchen jungen Mannes werden gehabt haben. Ich hoffe, daß er von Ihnen und unsern Freunden in Berlin ermuntert zurück kommen soll; und verspreche mir von dieser Ermunterung recht viel. Er ist zugleich ein großer Liebhaber von Gemälden, so daß Sie ihn sich äußerst verbinden werden, wenn Sie ihn mit zu Herrn Rode und Mad. Thcrbusch nehmen wollen, welchen ich mich zu empfehlen bitte. Ich hoffe, daß er Sie wohl finden soll, und daß cS mit Ihrer Gesundheit ihr recht gut gehet. Fahren Sie nur so damit fort, wie ich mir Sie denke, und behalten Sie mich lieb. Ich bin Fhr ergebenster Lessing. An Karl G. Lessing. Braunschwcig, den 1L> Junius 1776. Liebster Bruder, Der Dir dieses überbringt, ist Herr Leiscwitz, oder, wenn Du diesen Namen noch nicht gehört hast, der Verfasser deS Julius von Tarent. Dieses Stück wirst Du ohne Zweifel gelesen haben; und wenn cS Dir eben so sehr gefallen, als mir, so kann cS Dir nicht anders als angenehm seyn, den Urheber persönlich kennen zu lernen. Ein solcher junger Mann, und ein solches erstes Stück, sind gewiß aller Aufmerksamkeit werth. Er wird sich einige Tage in Berlin aufhalten, und wünscht durch Dich unsere dortigen Freunde kennen zu lernen. Begleite ihn also, so viel cS Deine Zeit erlaubt, und schreibe mir doch, wie sein Stück in Berlin gefällt, und ob man cS aufführen wird. Die traurige Geschichte mit meiner Kiste aus Dresden, hatte ich schon von dem hiesigen Buchhändler Gebler vernommen. Allem Anscheine nach ist sie verloren, und mit ihr zugleich eine Menge Dinge, LcssingS Briefe. 177k. 455 die mir unersetzlich sind. Zugleich die Stücke von Deiner Wasche/ die Dn mir auf allen Fall mitgabst. Bitte doch ja den jungen Herrn Voß, sich z» verwenden, ob vielleicht noch etwas davon zu retten ist. Denn daß sie nicht längst schon sollte aufgeschlagen und spoliirt seyn, darf ich kaum erwarten. Erkundige Dich doch auch zugleich bey ihm, ob er seinen Ballen aus Italien erhalten?') Ich habe eine Kiste darunter, die nun noch die einzige ist, die mir fehlt. Aber was macht Voß der Vater? Ich bin sehr bekümmert um ihn, und der Verlust der Kiste ist mir um seinetwillen vorzüglich unangenehm. ES waren an die vierzig neue Fabeln darin, von denen ich keine einzige wieder herstellen kann. Auch war meine fast völlig fertige Abhandlung von Einrichtung eines deutschen Wörterbuchs darin. Nicht zu gedenken eines ManuscriptS auS der hiesigen Bibliothek, das ich in Dresden collalionircn wollen. Denn wenn ich an das denke, möchte ich vollends auS der Haut fahren. Die Kiste auS Italien, welche meinen Einkauf von Rom und Neapel enthalt, ist bereits in Hamburg. Sobald ich sie hier habe, schicke ich Dir einige dramatische Stücke von Neapolitanischen Schriftstellern. Thue mir den Gefallen, und versuche Dich daran. AlSdann wollen wir mehr davon sprechen. Die Stelle in meiner Vorrede zu Jerusalems Aufsahen scheinst Du ganz mißverstanden zu haben. Der Sinn soll im geringsten nicht sevn, wie Du meynst: „daß der Maler kein großer Colorist werden könne, wenn er das Studium deS menschlichen Gerippes versäume." Grade umgekehrt; ich will sagen: der Maler, der dieses Studium versäumt, kann höchstens nichts, als ein erträglicher (5olorist werden. Noch muß ich Dir doch ein Paar Worte von meinen Umständen schreiben. Sie scheinen besser auszufallen, als ich hoffen dürfte. Ich kann gewiß sevn, nächstens so gesetzt zu werden, daß ich doch noch einmal wieder in Ruhe kommen kann. Ich will sodann Dich auch redlich, in Ansehung unserer Mutter und Schwester, wieder ablösen, weil ich mir leicht einbilden kann, daß Du schon mehr gethan, als Deine Kräfte erlauben wolle». Ich habe auch bereits einen kleinen Anfang damit gemacht, und dem Bruder in Pirna jüngst etwas überschickt. Deine Kritik über die neue Arria ist recht gut. Aber, wenn ich Dir rathen soll, gieb Dich nicht mehr mit diesen Leuten ab. Sie wollen nun nicht anders. Lebe recht wohl. _ _ Gotthold. *) Xcssmg und er hallen einander unvcrmull'tt in Turin getroffen. Aarl G. Lcssing. Lessings Briefe. 4770. Mein lieber Engel,") Ich schicke Ihnen mit diesem Briefchen eine» jungen Mann, der Ihnen lieb seyn wird. Oder anders: ich schicke Ihnen mit diesem jungen Manne ein Bricfchen, das Ihnen vielleicht auch nicht unlieb seyn würde, wenn cS so wäre, wie es seyn sollte. Aber leider; kaum weiß ich es mehr, was und worüber ich Ihnen zu schreiben versprochen. Daß ich so was versprochen, weiß ich wohl: weil eS mir um Ihre Antwort zu thun war. Darum ist mir es auch noch recht sehr zu thun; und ich dachte, Sie wären großmüthig, und schickten mir die Antwort, ehe Sie den Brief hätten. — Schreiben Sie mir doch auch, wie Ihnen Julius von Tarent gefallen, dessen Verfaßer eben der Überbringer ist--Eben erinnere ich mich noch, daß ich Ihnen von des Donafcde Historie der Philosophie gesprochen, aber vergessen habe, Ihnen den Titel zu lassen. Sie heißt: Dolla Istoria e clell'Iu. llolv 6,>>oijW iWym^'W, An Madamc König. Wolfenbüttel, d. 1Z. Sept. 1776. Meine Liebe! ES fehlt nicht viel, so müßte ich meinen ganzen letzten Brief widerrufen. Doch werden Sie nur nicht unruhig; in der Hauptsache widerrufe ich nichts. Ich bin den 6ten höchstens den 8ten künftigen MonatS gewiß bey Ihnen: nur das Ucbrigc muß denn so gut gehen, als eS kann, und Sie müssen nicht verdrießlich werden, wenn eS ein wenig konfus geht. Die Ursache davon ist, weil die Auktion in dem mir angewiesenen Hause erst auf den 2«ten dieses angesetzt ist, und leicht 14 Tage dauern konnte. DaS HauS ist folglich um jene Zeit noch nicht leer, vielwcniger bewohnbar. Ich habe also auf meinen ersten Gedanken zurück kommen müssen, und habe würklich in dem benachbarten Hause, wovon ich Ihnen gesagt, die ganze erste Etage monatsweise gemiethet. Sie ist völlig und gut meublirt, lind auch genügsame reinliche Betten sollen Sie finden, wenn die Ihrigen nicht zu gehöriger Zeit eintreffen könnten, daß Gebrauch davon zu machen Lcsmigs Werk- xu. Zy 466 Lessings Briefe. 1776. wäre. Nur freylich würde ich selbst da schwerlich mit wohnen können, und ich müßte in meinem jetzigen Logis so lange bleiben, Uebcrhaupt bin ich mit dem angewiesenen Hanse, nachdem ich eS genauer in Augenschein genommen, nicht sehr zufrieden. Doch auch dem ist abzuhelfen, und alles soll auf Sie ankommen, meine Liebe. Ist es Ihnen zu klein und zu altvätrisch; nun gut, so ziehen wir in die Stadt, wo sehr gute und schöne Häuser um ein billiges zu miethen sind. WaS sagen Sie zu der Manheimcr Reise? Denn auf meine beiden letzten und wichtigsten Briefe, bin ich noch bis jetzt ganz ohne Ihre Antwort, nach der mich recht sehr verlanget. Mit der nächsten Post schicke ich Ihnen die Briefe an Ihre Herren Brüder ganz ohn- fehlbar. Ich will sodann auch die Antwort des Herzogs beylegen, dem ich die Manbeimer Geschichte doch melden mußte, und die eines Um- standes wegen merkwürdig ist. Um Erlaubniß zu unserer Verhevra- thung habe ich ihm noch nicht geschrieben, er wird aber hoffentlich schon etwas davon wissen. Der SvndicuS Svlm ist jetzt hier, der eS an alle erzählt, die eS von ihm hören wollen, daß unsere Hochzeit ganz ohnfchlbar, sehr bald, und zwar auf dem Vork sev» werde. Diesen letzten Umstand kann er doch unmöglich anders woher, als aus dem Schubackschen Hause selbst wissen. Ich hoffe, meine Liebe, daß Sie sich recht wohl und gesund befinden. Ich umarme Sie mit Ihren Kindern auf das herzlichste, und bin auf immer. ganz der Ihrig- L. An Karl G. Lcssing. Wolfcnbüttcl, den 15. Septbr. 1770. Mein lieber Bruder, Ich habe mir allerdings Vorwürfe zu machen, daß ich Dir in so langer Zeit nicht geschrieben, und daß Du also verschiedene Dinge von mir durch andre Leute erst erfahren müssen, die ich Dir hätte melden sollen. Denn daß Du sie so weder halb noch ganz erfahren, daS hat wohl nicht anders seyn können. Was ich versäumt/ will ich jetzt gut machen. Zuerst ist es eine große Unwahrheit, daß ich mich, der kleinen Verbesserung wegen, die man mir hier gemacht, hätte verpflichten müssen/ niemals von hier wieder wegzugehen. Um zehnmal so viel Messings Briefe. 177C. würde ick) eine solche Verpflichtung nicht eingegangen seyn. So weit solltest Du mich doch wohl kennen. Vielmehr bin ich nur kürzlich gerade auf dem Punkte gewesen, aller der neuen Verbesserungen ungeachtet, die ich nur bedingungsweise angenommen hatte, ganz von hier wegzugehen. Der Kuhrfürst von der Pfalz ließ mir seine Dienste mit einem Gehalte von 2voo (Dulden und selbst zu wählendem Titel antragen; und 200» Gulden sind in der Pfalz so gut, wie hier 4ooo Thaler. Indeß, da man sich in Manheim leicht vorstellen können, daß ich die hiesigen Dienste doch nicht so plötzlich mit den dortigen vertauschen würde, so hat mich der Kuhrfürst fürs erste nur unter die ordentlichen Mitglieder seiner Aka- dcmic aufnehmen lassen, und mir eine jährliche Pension von looLouiS- d'oc ausgesetzt. Das, versteht sich, habe ich angenommen, und kann nunmehr ruhig abwarten, ob man hier weiter etwas für mich thun will, oder nicht. Zaudert man zu lange, so weiß ich wohin. Und das gestehe ich Dir nun gern: nirgends anders hin, als nach der Pfalz. Doch dieses kann leicht noch sehr lange nicht, ja auch wohl gar nie, geschehen. Denn die gänzliche Freiheit, in der ich hier lebe, und die Bibliothek, werden mich gewiß so lange halten, als eS sich mit meinen übrigen Umstanden nur vertragen kann. WaS nun das zwevle anbelangt, wonach Du ohne Zweifel am neugierigsten bist, so wirst Du Dich doch erinnern, daß ich Dir schon vor fünf Jahren gesagt und geschrieben, daß ich mich, aller Wahrscheinlichkeit nach, noch gewiß vcrhcirathcn würde. Nun ist es sonderbar, daß >ene Conncxion, die ich in der Pfalz erhalten habe, mir die Sache so erleichtert, daß ich vermuthlich nun nicht lange mehr zaudern dürfte. Die Person nehmlich, außer der ich nun schlechterdings keine haben mag, ist eine gcbornc Pfälzcrin, die von ihrem Vermögen, (von dem, das sie leider gehabt, und von dem, das sie noch hat) ein Beträchtliches hätte decimiren müssen, wenn sie nicht wieder in ihr Vaterland hätte zurückkommen wollen. Diese Decimation fällt nun hoffentlich weg, und sobald ich die Versicherung davon habe, ist alles auf einmal richtig. Du wirst also kaum Zeit haben, weder Deinen noch einen fremden Pegasus zu satteln, dessen beste Sprünge mir bey dergleichen Gelegenheit ohnedies höchst zuwider sind. Erspare mir immer, was ich Dir auch ersparen will. Genug, daß einer von dem andern versichert ist, wie sehr es ihn demunqeachtct freuet, den Andern glücklich zu wissen. Sogar Deinen Besuch muß ich mir fürs erste verbitten. Denn im December reise ich schon nach Manheim, wohin ich mich anheischig 30° 468 Lesfings Briefe. 1776. machen müssen, alle Jahre einmal zu kommen. Wenn also auch schon meine Verheiratung vorher geschehen sollte, (was doch noch sehr ungewiß ist) so würde ich doch noch gar nicht auf Deinen Empfang eingerichtet sevn können. Es ist mir herzlich lieb, daß endlich meine Turinischc Kiste angekommen ist. Laß mir sie ja so bald als möglich schicken, zugleich aber mir auch die Transportkosten melden, die ich Herrn Vvß sofort erstatten will. ES geht mir sehr nahe, daß ich höre, daß er sich noch nicht wieder vollkommen besser befindet. Mein Compliment an Herrn D. Herz. Nur noch ein Paar Wochen soll er mit mir Geduld haben, und alsdann soll mir gewiß nichlS angelegener seyn, als seine Corrcspondcnz. Sobald Eberhards Schrift gedruckt ist, so schicke mir sie ja. Gotthold. An Madamc König. Braunschwcig, d. 17. Sept. 177K. Meine Liebe! Ein unvcrmuthetcr Besuch von G . . - aus H. hat mich um drey volle Tage gebracht, in welchen ich dock) auch gar nichts in unserer Sache thun können. Daß mir der Mann doch immer so ungelegen kommen muß! Sie erinnern sich, als Sie mit Ihrem Herrn Bruder in Braunschweig waren, kam er mir eben so unerwartet über den Hals. Damals hatte er einen Maler mit, und dieseSmal hatte er gar seine Nichte bey sich. ES ist mir also unmöglich, die Briefe an Ihren Onkel und Ihre Brüder, die schon so gut als fertig sind, noch heute bcyzuschlicssen, und ich antworte Ihnen bloß, um durch die Uebcrschlagung des Post- tages Sie nicht noch etwas schlimmeres argwohnen zu lassen. Denn wohl und gesund befinde ich mich, welches ich auch von Ihnen und den Ihrigen hoffe. Daß Ihnen die Entscheidung der Manhcimer Sache so am liebsten gewesen, hat mich sehr gefreut. ES ist auch wohl gewiß, daß ich so am besten fahre, und daß man es hier im Ernste meinet, mich gerne zu behalten, werden Sie aus beylicgender Antwort des Herzogs sehen, nehmlich aus dem Zusähe seiner ihm dermaleins noch zu bestimmenden Geschäfte: welchen Zusatz aller Wahrscheinlichkeit nach der E. Pr. mit veranlaßt hat, um mir zu verstehen zu geben, mich jene Connexion nicht zu weit verbinden zu lassen. Dem allen »ach, !- e Lcssings Briefe. I77«;. 469 denke ich/ sind meine Aussichten so, daß ich ruhig seyn kann, wenn ich noch ein paar Jahre lebe. Ohne das würde ich Sie, meine Liebe, jetzt freylich in Unruhe und Kosten setzen, die Sie einmal bereuen > müßten. Dicscrwcgen bin ich auch wahrlich jetzt um ein bischen längeres Leben so bekümmert, als ich cS noch nie gewesen. Doch etwas muß man bey allen Unternehmungen in der Welt wagen. WaS ich von Theodoren aus Ihrem und seinem Briefe ersehe, ist mir herzlich lieb, und darin bin ich auch völlig Ihrer Meinung, daß es sehr nöthig ist, ihn unter der Aufsicht des Wundarztes noch einige Monate zu lassen, um gewiß zu sevn, daß seine Heilung von Dauer ist. Unsere Reise nach Manheim, von der ich Ihnen in meinem Vorletzten geschrieben, würde sich sodann auch hierein gut passen. Aber womit beschäftiget er sich indeß? Und womit hat er sich bisher beschäftiget? Wenn er noch gesonnen ist, das Militaire zu ergreifen, so rathen Sie ihm doch, Mathematik und Zeichnung zu studieren, wozu er in Landau vielleicht Gelegenheit haben dürfte. In Wolfcnbüttel soll es ihm sodann an Gelegenheit nicht fehlen, sich noch fester darinnen zu setzen, und ein Bürgerlicher kann mit solchen Kenntnissen im KricgSstande noch immer am sichersten sein Glück machen. Auch ist Ihr Einfall, meine Liebe, mit dem Wiener-Wagen recht gut. Nur die Reise anhcro könnten Sie darin doch nicht thun? Wenn ich indeß ohne eigenen Wagen bis auf den Zvllcnspiekcr käme, so könnten wir zwev in dem Wiener-Wagen zurück reisen, und Ihre Kinder mit dem Mädchen müßten in einem andern folgen, welchen andern ich Ihnen auch nur bis Zelle zu verdingen rathen wollte, weil ich cS so einrichten könnte, daß man uns grade von Zelle eruS nach Wolfcnbüttel abholte, um Braunschweig auf dieser Tour zu vermeiden. Doch hierüber wissen Sie vielleicht bessere Einrichtungen, die Sie mir nur aber bald melden müssen. Nächstens mehr! Ich umarme Sie tausendmal und bin auf immer der Ihrige „'» .m,5i,nn n.asl ,sti,ü>U id«» Sn«L..iw7l-nuiSx An Madame Konig. Wolfenbüttel, d. W. Sept. 1770, Meine Liebe! Hier kommen endlich zwev von den versprochenen Briefen. Daß sie nicht alle viere kommen, ist die Ursache, daß ich leider den Zettel verworfen habe, worauf ihre Addrcsse sieht. Wenn ich ihn nicht wie- ' 47U Messings Briefe. 1770. der finde, so schreibe ich Ihnen entweder die Briefe das nächstemal ohne Aufschrift, oder Sie sind wohl so gut und schreiben mir die Addresse noch einmal. ES ist mir lieb, wenn Sie versichert sevn können, daß Madame Sch. unsere Annahme ihres Anerbietens im Ernste angenehm ist. Aber ich verlasse mich nun auch völlig darauf/ daß sie keine Umstände machen, und schlechterdings keine Gäste und Zeugen dazu bitten wird, außer ihren dortigen Anverwandten und Herrn König. Nach geschehener Verbindung müssen wir uns so kurz als möglich aufhalten: oder, wenn Sie, meine Liebe, noch ein paar Tage dort bleiben können und wollen, so gehe ich allein wieder voraus, und komme Ihnen bis Zelle wiederum entgegen, welches bcvnahe da» Beste seyn würde, weil es sonst mit unserm hiesigen Empfange ein wenig confuS hergehen möchte. Ueberhaupt ist eS nun hohe Zeit, uns über die Reise zu vergleichen. Ich weiß nicht einmal wo der Aork liegt, und ob ich über denZollcn- spiekcr muß oder nicht. Ihre Sachen sind gestern trocken und wohlbehalten angekommen, und stehen in guter und sicherer Verwahrung. Sie sind mir, meine Liebe, immer noch auf meinen zwevten letzten Brief Antwort schuldig; und ich weiß also jetzt nichts mehr hinzuzusetzen — (auch sind mir die Finger ganz «erklommen, so kalt ist eS schon auf meinem Zimmer:) als daß ich Sie tausendmal in Gedanken umarme, und die Zeit nicht erwarten kann, da ick Ihnen gar nicht mehr zu schreiben brauche. Ganz der Ihrige L. An Madame König. Wolfcnbüttcl, d. 23. Sept. 1776. Nun wohl, meine Liebe, so will ich denn den 0tcn gewiß bey Ihnen seyn, und auch alle das Ucbrige sollen Sie einrichten, wie Sie wollen. Aber wahrlich wegen unserer Anherkunft hat mich Ihr letzter Brief ein wenig in Verlegenheit gesetzt. Ich habe würklich geglaubt, daß Sie sehr leicht einen Kutscher in Hamburg fänden, der Sie wenigstens bis Zelle brächte, wohin diesen Leuten die Wege ja wohl bekannt sevn müssen. Freylich will ich hier wohl einen viersitzigen Wagen, entweder zu kaufen oder geliehen bekommen; allein einen viersitzigen Wagen, wenn ich auch nur alleine bin, läßt kein Postmeister unter vier Pferden fahren. Hierher aber würden wir wohl sechse nehmen müssen, f LessingS Briefe. 177k. 471 wenn wir alle in einem Wagen fahren wollten. Wenigstens müßten Sie alsdcnn doch noch Ihren Wiener Wagen mitbringen, in welchem wir allein führen, oder ich wieder allein vorausginge. Denn ich rechne darauf/ daß Sie Ihr Mädchen mitbringen, (und rathe es Ihnen recht sehr, wenn Sie sich etwa anders besinnen wollten,) und so wären wir e Personen, die unmöglich alle in einem Wagen Raum haben. Haben Sie ja die Güte mir hierauf mit erster Post ganz positiv zu antworten, weil ich nicht gerne in Ungewißheit abreisen möchte. — Könnten Sie in Hambnrg Ihren Wiener Wagen gegen einen leichten vier- sitzigcn gut vertauschen, so würde das vielleicht auch nicht übel seyn, und ich dürste so nach bloß in einer Halbchaise zu Ihnen kommen. Auch verlasse ich mich darauf, daß Sie Anfangs nicht ungeduldig werden wollen, und ich unserer Abrede nach, keine fremde Gesellschaft auf dem Bork finde. Denn ich muß Ihnen bekennen, daß ich mir auch nicht einmal einen neuen Rock machen lasse. Ich komme gerade, wie Sie mich in Hamburg gesehen haben. Uebcrmorgcn erst habe ich mir vorgenommen, an den Herzog wegen der Erlaubniß zu schreiben, die ich zuverlässig den andern Tag darauf zu erhalten hoffe. Sobald ich sie habe, will ich sie Ihnen schicken, und Sie können davon Gebrauch machen, wie Sie wollen. Der Brief Ihres Herrn Bruders hat auch mich recht sehr gefreuet, und es ist mir lieb, daß er gleichfalls mit meiner Wahl zufrieden ist- Ich schließe ihn hier wieder mit bey. Meinen Brief an ihn und den Onkel werden Sie nun wohl erhalten haben. Ich umarme Sie tausendmal und bin auf immer der Ihrige L. An Malchcn meinen besten Gruß, das versteht sich, wenn ich sie auch nicht nenne. _ An Madame König. Braunschwcig, d. 20. Sept. 1776. Meine Liebe! Ich sehe aus Ihrem letzten, daß wir wegen unserer Anhcrreise ziemlich zusammen kommen. Freylich wird cS das Beste seyn, wenn Sie dorten eine gute nicht allzu schwere vicrsitzige Kutsche kaufen, die uns auf unsern Reisen nach Manhcim dienen kann. Ob Sie aber so noch auch den Wicnenvagcn behalten wollen, stehet bey Ihnen. Wenn Sie ihn nicht behalten wollen: so muß ich eine zweisitzige Chaise mit 472 Lessings Briefe. 1776. bringen. Behalten Sie ihn aber, so komme ich ohne eignen Wagen, und wir fahren darin zusammen anhcr. DaS also seyn Sie nur so gut/ in Ihrem Nächsten zu bestimmen. Bis nach Zelle werde ich wohl von Wolfenbüttel aus, uns Pferde müssen lassen entgegen kommen, weil sie von Zelle aus die Poststation in Braunschweig schwerlich werden überfahren dürfen. Gestern habe ich einen Brief von dem Baron von Homvcsch aus Manheim erhalten, worin er mich sehr bittet, sobald als möglich zu kommen. Ich möchte aber aus hundert Ursachen nicht gerne eher als im Januar. Ihren Auftrag an den Hostath Spies, will ich, wo mir möglich, heute noch besorgen. Jctzo muß ich nur eilen diesen Brief zu schließen, weil ich sonst in Gefahr bin die Post zu versäumen. Ich umarme Sie, und bin auf immer ganz der Ihrige L. An Karl G. Lcssmg. Wolfenbüttel, den 20. Septbr. 1776. Mein lieber Bruder, Ich hoffe, daß Du meinen letzten Brief wirst erhalten haben, und ich sehe Deiner Antwort, nebst der Turiner Kiste, mit Verlangen entgegen. Jetzt muß ich in einer Tbeatcrsachc an Dich schreiben, deren ich mich durch die jüngst in Manheim erhaltene Connexion nicht wohl entziehen können. Man hat dort nun ein schönes neues Theater; aber noch keine Actcurs. Man sucht besonders einen Vater, eine Mutter, einen Liebhaber, eine Liebhaberin, einen Bedienten und ein Mädchen. Du bist unter diesen Leuten ja so bekannt: weißt Du gute Personen dazu? wenn sie auch schon die allerbesten nicht sind, wenn sie sich nur ein wenig über das Mittelmäßige erheben. Ich will nicht, daß Du Döbbclincn seine Leute abspänstig machen sollst; aber es sind doch immer bey einer Truppe welche, die nicht gern bleiben wollen. Sie müßten indeß zu Anfange des künftigen Septembers in Manheim seyn können. Antworte mir mit erster rückgchendcr Post. Golthold. LessingS Briefe. 1776. 473 An den Lhurfürstl. Sächs. Bibliothekar Daßdorf in Dresden.') Liebster Freund, Nach aller der zuvorkommenden Freundschaft/ mit der Sie mich in Dresden beehrt haben, hätte ich Ihnen wohl eher einmal schreiben, und Sie meiner herzlichen Ergebenheit versichern sollen. Ich hätte dazu auch noch eine andere Ursache gehabt. Ich hätte Ihnen nehmlich vorlängst melden können, daß ich endlich Winkclmanns ganze Corrcsvondcnz mit dem Hrn. von Stosch in Händen habe. Dieser hat mir sie selbst, so wie sie ist, mit dem Bedinge anvertraut, daß man nur das daraus bekannt mache, was die Welt wirklich intcres- sircn könnte, mit Hinweglassung alles individuellen, und aller der kleinen Nachrichten, wovon in seinen Werken das Ausführlichere und Richtigere vorkömmt. Diesen Auszug zu machen, habe ick noch nicht Zeit gehabt. ES wird mir aber sicherlich eine zu angenehme Arbeit scvn, als daß ick nicht die ersten ruhigen Tage dazu bestimmen sollte. Und daß alles sodann ganz zu Ihren Diensten ist, daS versteht sich. Vorläuffig kann ich Ihnen schon sagen, daß verschiedenes darinn vorkommen wird, was Ricdel gar nicht, oder doch sehr unrichtig gewußt hat. WaS sagen Sie überhaupt zu dieser Vorrede? Ohne Zweifel werden Sie, nach dem, was Sie in Händen haben, noch weit mehr darinn zu berichtigen gefunden haben. Mein Vorsah, wegen der Ausgabe der sämmtlichen Winkelmannschcn Werke, ist »och immer fest. Haben Sie die Güte, dem Hrn. Walther das zu versichern. Ich habe alles erhalten, was er mir dazu geschickt hat, und werde ihm nächstens selbst schreiben. Bcvlicgendcn Brief nach Rom, liebster Freund, haben Sie die Güte dem Hrn. Bach einzuhändigen, der auf dem Wege dahin ist, und nächstens durch Dresden kommen wird. Er wünscht nichts eifriger, als einmal bcv der Akademie zu Dresden einen Platz zu finden. Wie sehr er ihn schon jht verdient, und sicherlich bald noch mehr verdienen wird, brauch ich Ihnen nicht zu sagen. Aber es würde ganz gewiß seinen Eifer verdoppeln, wenn man ihn itzt schon im Voraus einige Hoffnung dazu machen könnte; wozu Sie, wie er glaubt, vielleicht nicht wenig beyzutragen im Stande seyn dürften. Wenn Sie es sind, weiß ich, werden Sie es gewiß thun, und Sachsen einen Mann zu versichern suchen, der gewiß einen eben so großen und originellen Mahler verspricht, als seine Vorfahren Tonkünstlcr gewesen sind.— ") Zm Besitz des Herr» Hoftallis Faltc»slci>! in Dresden. 474 Lcssings Briefe. 1776. Hat mein Bruder noch dann uiid wann die t5hre, Sie in Dresden zu sehen? Ich wünsche cs, und um ihre beyder Bekanntschaft, wenn sie schon wieder erloschen seyn sollte, einigermassen zu erneuen, nehme ich mir gleichsam die Freyheit, einen Brief an ihn beyzulegen. Ich bin mit vollkommner Hochachtung Dero Wolfenbüttel ganz ergebenster Fr. u. D. den 26 Sept. 76. Lessing. p. 8. Ich will nicht hoffen, daß Herr Bach schon wieder aus Dresden fort seyn sollte. Aber doch auf diesen Fall, habe ich den Brief nach Rom in einen Brief an ihn selbst eingeschlossen, den ich ihm nachzusenden bitte. An Madamc König. Wolfenbüttel, d. 30. Sept. 1776. Meine Liebe! Wenn ich Ihnen heute nicht zum letztenmal überhaupt schreibe, so wird es doch wahrscheinlich so zum lctztenmale seyn, daß ich keine Antwort mehr von Ihnen darauf erhalten kann, lind gleichwohl bin ich doch noch über so viele Punkte ungewiß! Doch ich werde ja wohl noch heute oder Morgen Briefe von Ihnen erhalten, und was ich wissen will und muß, endlich daraus erfahren. Lor allen Dingen nun — hier ist die Herzogliche Erlaubniß! Machen Sie damit was Sie wollen, oder lassen Sie Herr Sch. damit machen was er will. Weitere Attestate von dem hiesigen Lonsi- storio wird der Prediger in Zork hoffentlich nicht verlangen. Die beyden Briefe an Ihre Herren Brüder folgen numnehro desgleichen, vs ist ei» wenig seltsam, daß sie über Hamburg gehen sollen: aber ich setze voraus, daß Sie selbst ein Wort darzu schreiben. Da ich einmal Briefe mit beyschlicße, so will ich gleich noch ein paar beylegen. Den Brief des Herrn von Hompcsch, und des Spas- scs wegen, einen Brief vom Herrn von K. Gestern ist der zweyte Transport von Ihren Sachen wohl behalten angekommen. Wenn diese beyde Kisten nichts als Bücher enthalten, so hätte ich Ihnen eine so große Bibliothek nicht zugetraut; und es wäre wohl eben so gut gewesen, wenn Sie sie in Hamburg in die Auktion gegeben hätten. Denn Bücher sollen Sie hier genug finden. Ob der dritte Transport noch während meines Hierseyns an- Lessings Briefe. 1776. 475 langen wird, ist die Frage. Aber der Kaufmann, an den er hier in Wolfenbüttel addrcssirt wird, soll ihn schon indeß in gute Verwahrung nehmen. Die Absendung alles Uebrigen thun Sie allerdings besser, »och zu «ersparen. Ucberhaupt wundert sich der hiesige Kaufmann, daß Sie die Sachen nicht zu Wasser über Lüneburg gehen lassen, welches nicht halb soviel wurde gekostet haben. Doch Sie haben ohne Zweifel hierzu Ihre Ursachen gehabt. Daß indeß auch alles gut verwahret bleiben soll, dafür seyn Sie ganz unbesorgt. — Wegen meiner Abreise endlich werde ich kaum etwas ändern können. Mein Vorsatz ist Sonnabends den 6ten Oktober erst von hier abzugehen, da ich den 6ten bey guter Feit in Burtrhude zu seyn gedächte. Wenn ich nun aber auch den vierten Abends abreisen wollte, so konnte ich doch schwerlich eher als in der Nacht vor dem sechsten anlangen, und ich hatte mir zwey schlaflose Nächte gemacht, die ich mir jetzt eben nicht bieten mochte, weil ich mich so ganz vollkommen wohl nicht befinde. Mein Gedanke wäre, es bliebe dabey, daß ich erst den sechsten Abends käme, und gleich den andern Tag, den siebenten, liessen wir uns in aller Geschwindigkeit trauen, sollte cS auch im Hause des Predigers seyn, ohne alle die Gäste abzuwarten, die Herr Sch. gebeten. Aber dieses müßte so lange unter uns bleiben, damit cS das völlige Anschn cincS Impromptu hätte. Bekomme ich heute noch von Ihnen einen Brief, so schreibe ich Ihnen auch gewiß noch Morgen. Wenigstens schreibe ich zuverlässig noch vor meliicr Abreise, besonders wenn es mir möglich seyn sollte, sie 24 Stunden eher anzustellen. Daß ich es sehr gerne thäte, weil es Ihnen und Herrn Sch. so angenehmer seyn würde, das versteht sich. Nach dem crsicn Entwürfe, daß wir den 8ten erst getrauet würden, hätte ich geglaubt, daß wir längstens den IVtcn abreisen könnten, da ich denn den 43ten Pferde von Wolfenbüttel aus, auf die letzte Station bestellte, die uns bey Braunschwcig vorbey und gerades Weges' anhero brächten. Wenn ich daher doch noch auch auf diesen Brief Antwort von Ihnen haben könnte! Melden Sie mir aber ja auch darin, wie es mit Ihrer Gesundheit stehet. Ihr letzter Brief macht mir viel Bcsorgniß! doch vielleicht waren das auch nur übcrhmgchciide Wallungen. Ich umarme Sie und bin ewig der Ihrige L. 476 Lcsstngs Briefe. 1776. Meine liebe Schwester, Dein Brief hat wich in die äußerste Unruhe gesetzt. Gebe doch Gott, daß dieser Brief unsre liebe Mutter nicht nur noch am Leben, sondern auch, so viel als bey ihren Umstanden möglich, wiederhergestellt finden möge! Daß ich nicht längst geschrieben, daran ist nicht allein meine Lerheyrathnng schuld, sondern auch eine gleich darauf erfolgte Unbäßlichscit. Die liebe Mutter wird es mir verleihen, wenn ich ihre ausdrückliche Einwilligung zu meiner Lcrhcyrachung nicht vorher cingchohlt habe. Sie würde mir sie doch nicht verweigert haben, und »ach dem, was ich an Thcophilus davon geschrieben, hielt ich mich ihrrr Vergebung einer versäumten Formalität versichert. Ihr Segen, den Du mir überschrieben, hoffe ich soll beglciben. Denn meine Frau ist in allen Stücken so, wie ich mir sie längst gewünscht habe. Eben so herzlich gut und rechtschaffen, als wir nur immer unsere Mutter gegen unsern Laler gekannt haben. Sie empfiehlt sich ihr und Dir vielfältig, und es ist eine von unsern angenehmsten Hoffnungen, Euch künftigen Sommer zu besuchen. Ein andermal mehr von ihr. — Itzt eile ich nur, Dir in der Geschwindigkeit so viel zu schicke», als ich gleich bey der Hand habe. Ich reise nächster Tage nach Mannheim, wo ich einige Wochen bleibe. Sobald ich wiederkomme, und meine Pension daselbst erhoben habe, schicke ich gewiß ein mehrercS. Küsse unsre liebe Mutter für mich tausendmal, und ermangele ja nicht, mir bald von ihr wieder Nachricht zu geben. Ich bin Dein Wolfenbüttel, den 27 Novb. treuer Brude- 1776. Gottheit. An Karl G. Lessing. Wolfenbüttel, den 1. Tcc. 1776. Mein lieber Bruder, Erst vorgestern habe ich die Kiste mit Büchern erhalten, auf die ich so lange und so sehnlich gewartet. Ich sehe freylich, daß weder Du noch Herr Voß an dieser Verzögerung Schuld hat, weil der Frachtbrief bereits zu Anfange des vorigen MonathS dalirt ist. Indeß ist sie doch zuui Theil die Ursache, warum ich Dir nicht längst geantwortet. Zum Theil, sage ich; denn ich habe noch zwei andre sehr ^ ' _ LHM?^ LessingS Briefe. 1776. 477 wichtige Verhinderungen gehabt: ich habe mich vcrheirathet, und bin krank gewesen. Von meiner Krankheit brauche ich Dir nicht viel ju sagen! denn sie ist vorbey, und ich bin wieder so gesund, als ich seyn kann. Aber von meiner Ncrhciralhung hätte ich Dir recht viel zu sagen, und sollte auch wohl. Meine Frau kennst Tu, ob Du gleich ihrer Dich wohl schwerlich erinnern wirst, weil sie Dich nur ein einzigeS- mal gesehen, nnd sie mir es noch oft vorwirft, daß ich Dich damals nicht in ihr Haus gebracht. Wenn ich Dich versichere, daß ich sie immer für die einzige Frau in der Welt gehalten, mir welcher ich wich zu leben getraute: so wirst Du wohl glauben, daß sie alles hat, was ich an einer Frau suche. Wenn ich also nicht glücklich mit ihr bin, so wurde ich gewiß mit jeder andern noch unglücklicher geworden seyn. Kurz, komm auf den Sommer zu uns, und sich. Sie läßt sich indeß Dir vielmals empfehlen, und wünscht, daß Tu Deinem Brüter, mit eben so vieler Zärtlichkeit auf beyden Seilen, bald nachfolgen mögest. lind nun von Deinem Herrn Christ. Ich wünschte wohl, daß Tu mir etwas Anders und etwas BcsserS hättest vorschlagen können. Besonders waren mir ein Aller und ein Mädchen, die aber beyde gut seyn müßten, sehr angenehm gewesen. Tenn die Rollen von Christ sind gewissermaßen schon besetzt, und seine Kinder kommen in gar keine Betrachtung, da man in Manhcim Kinder genug hat, die man dem Theater bestimmt. Indeß will ich doch auch noch nicht Nein zu seinem Antrage sagen. In einigen Wochen reise ich selbst nach Manheim, und will Tir von da aus das Nähere antworten. Erkundige Tich doch indeß, wer die Mad. Frank in Prag ist. Sollte es etwa die ehemalige Mad. Tilli seyn! — Wegen Tcines jüdischen Kandidaten des Theaters, will ich Tir gleichfalls aus Manheim schreiben, ob allda für ihn etwas zu thun ist. Nächstens ganz gewiß ein Mehreres. Lebe recht wohl. Herr D. Herz bekömmt nächstens gewiß einen großen Brief von mir. Gotthold. An Karl G. Lessiug. Wolfenbüttel, den 9. Der. 1776. Mein lieber Bruder, Ich halte in meinem vorigen vergessen, Tir wieder eine kleine Commission zu geben, dergleichen ich Dir schon einmal gegeben, und 478 Lessings Briefe. 177<>. weswegen ich, wie ich nicht vergessen, sogar noch in Deiner Schuld bin. Ich werde sie gewiß auch abtragen, sobald ich wieder von Man- heim komme. Jetzt sey so gut und schicke wir fiir einliegenden Louisd'or vier Frauenzimmerfedcrn von der Art der letzt übersandten, nehmlich so groß sie zu haben, und zwar 1) eine Lilla, 2) eine Couleur de Rose, ganz blaß, 3) eine blaßgelbe, und 4) eine weiße. Sey so gut, wieder ein kleines Kästchen dazu zu nehmen, und sende sie nur mit der ersten Post unfrankirt an wich ab. Ich sage mit der ersten Post, weil ich sie gern noch zu Weyhnachtcn haben mochte. Sie sind, wie Du leicht denken kannst, für meine Frau und Tochter, die Dich auch beyde recht schon grüßen lassen. Lebe wohl, mein lieber Bruder, und schreib mir doch zugleich, was Du von Hause horst. Weil mir die Schwester geschrieben, daß die Mutter sehr krank ist, so habe ich ihr unverzüglich wieder etwas geschickt, daß sie also keine» Mangel haben kann; und sobald ich von Manheim wieder zurück bin, soll mehr erfolgen. vottholo. Wolfenbüttel den 17 December 1776. Mein lieber Herr Erofimann,°) Ich habe gestern einen Brief von unserm Seyler ans Dresden erhalten, aus welchem ich ersehen, in welcher Absicht Sie sich gegenwärtig in Frankfurt!» befinden. Ich schmeichle mir auch, daß ich ihm in seinen Absichten auf Mannheim wirklich werde nützlich seyn können, (ob cS schon freylich nicht mehr so völlig i-c-s integi'» ist) und schicke Ihnen daher unter vorgeschriebener Adresse bcygehende zwey Briefe. Einen an den ersten Finanz-Minister Baron von Hcmvcsch, anf welchen die ganze Sache ankömmt; und den andern an den Buchhändler Hrn. Schwan, welches ein sehr rechtschaffener Mann ist, der Ihnen alle sonst nöthige Auskünfte mit Vergnügen ertheilen wird. Wenn mir Hr. Seyler von seinen Anträgen etwas Näheres hätte wollen wissen lassen: so könnte ich Ihnen schon mit Wahrscheinlichkeit voraussagen, ob und wie sie angcnommcn werden könnten. Der AuSgang indeß sey, wie er wolle: so könne» Sie doch gewiß versichert seyn, daß für eine» erwünschte» alles beytrage» werte, was in meinem Vermögen sieht, als wornach der Brief au den Minister auch völlig eingerichtet ist. ") Aus der Sammlung des Herrn Archivralbs Kcstncr i» Hannover dem Herausgeber gefälligst niitgciheilt. LessingS Briefe. 1776. 1777. Ich komme selbst in .Kurzem »ach Mannheim. Da ich aber doch schwerlich vor den letzten Tage» dieses Jahres werde abreisen können, so kann ich gar wohl noch eine kleine vorläusfige Antwort von Ihnen erwarten, wie Sie von dem Minister aufgenommen worden. Ich bin mit aller Hochachtung Ihr ganz ergebenster Diener Lessing. ?. 8. Auch bitte ich mir noch den richtigen Empfang dieser Briefe aus Franksnrth zu melden. An Johann Thcophilus Lessing. °) Mein lieber Bruder, Deinen Brief vom 26 Novembr. habe ich zwar zu seiner Zeit erhalten; aber den vorhergehenden, welchen Du Hr. Taßdorfen zum Beschließen gegeben, soll ich noch bekommen. Denn Hr. Daßdorf hat mir noch nicht geantwortet, oder seine Antwort ist verloren gegangen. Ich habe an Hrn. Lippert, durch dessen Beyschluß Du diesen Brief erhältst, geschrieben, um zu hören, welches von beyden wahr ist. Denn cS ist mir wirklich an der Antwort gelegen, und was Du mir in Deinem Briefe von fehlgeschlagencn Hoffnungen meldest, möchte ich auch gern w>ssen, ohne Dir die Muhe zu machen, verdrüßliche Dinge zwcymal zu schreiben. Daß unsre gute Mutler noch nicht völlig wieder hergestellt ist, hat wir die Schwester geschrieben. Ich habe in der Geschwindigkeit so viel gethan, als wir möglich war. Ich hoffe aber es nächstens verbessern zu können. Denn ich reise in einigen Tagen »ach Mannheim, wo ich meine erste Pension zu heben hoffe; ich dürfte aber doch wohl einen Monat und drüber ausbleiben. Sieh nur zu, daß so lange Rath geschafft wird, damit sie ja an nichts Mangel leidet; und ich will gewiß sodann mit meiner Unterstützung nicht säumen. Meine Heyralh (die, wie Du von der Schwester wohl wirst gehört haben, nun vollzogen ist,) hat mir allzuviel gekostet, und meine Einrichtung kostet mir noch fast mehr, als ich ausbringen kann. Aber genug, ") Nach 'einer von dem Eigenthümer des Originals, Herrn Hofrath »r. Falkcnstc!» in Dresden, dem Herausgeber zugesandten Abschrift. Früher schon von H. Grävc milgelbeilt im neuen Lausitzischcn Magazin, 183-1, S. 232. 480 Lessings Briefe. 1777. daß ich in der Folge ordentlicher und vernünftiger zu leben, und auch was übrig zu haben, rechnen kann, welches ich wohl niiiimermchr würde gehabt haben, wenn ich so fortgelebt hatte. Daß der 4. Theil der griechischen Redner gefehlt hat, wundert mich. Wenn Tu ihn noch nicht hast, so melde mir cS, und ich will Dir ihn von Mad. Reiske aus Leipzig schicken lassen. Nun lebe recht wohl, lieber Bruder, und schaffe mir entweder den vorletzten Brief, oder melde mir bald nochmals, was ich gern daraus wissen möchte. Es thut mir leid, wenn man Dir nicht Gerechtigkeit wicdcrfahren lassen. Aber habe nur noch eine kleine Geduld, und das Bessere wird endlich doch kommen. Ich und weine Frau wicderhohlen unsere Einladung auf künftigen Sommer und sie empfiehlt sich Dir recht herzlich. Wolfcnbütlel ^ein treuer Bruder d. 4 Jan. 1777. . Eotthold. a Uonsieui' Alonsieur I^e8!>ii>g iüouroeteur «le 1'ecole I'l'l'N». An Karl G. Lessing. Wolfenbüttcl, den 8. Jan. 1777. Mein lieber Bruder, Du bist in den kleinsten Commissionen, die ich Dir auftrage, so geschwind und pünktlich, daß ich mich meiner Nachlässigkeit gegen Dich in allem Ernste schäme. Ich könnte Dir wohl sagen, daß ich Dich in dem ersten Genusse Deiner lieben jungen Frau mit Glückwünschen, die sich auch unabgelegt verstehen, nicht unterbrechen wollen. Aber das sähe einem Eomplimente eben so ähnlich als einer Lüge. Also lieber nur gerade heraus gestanden, daß ich Dir von einem Posttage zum andern schreiben wollen, weil ich aber das Briefschrcibcn immer bis auf den letzten Augenblick verspare, beständig auf die unvermeid« lichste Art daran verhindert worden. Ich weiß, so vergilbst Du mir meine alten Nückcn noch am ersten. Denn bey dem allen bist Du doch auch überzeugt, daß ich Dir in Gedanken tausend Glück zu Deiner Veränderung gewünscht, und den Tag Deiner Hochzeit gewiß mit meiner Familie würde gcfeyerl LessingS Briefe. 1777. 481 habe», wenn Du mich ihn hättest wollen wissen lassen. Empfiehl mich Deiner lieben Frau auf das herzlichste, und sage ihr, sie solle ja nicht vergessen, warum ich sie bey meinem Abschiede gebeten habe. Ich will hoffen, daß Du ihr die Sache nicht sauer machen wirst. Es ist nichts Geringeres, als Dich zu einem guten ordentlichen Hausvater zu machen, welches Leute, wie wir, doch nicht eher werden, als bis wir es jemanden zu gefallen werden. Deine Kindermördcrin habe ich mit Vergnügen gelesen, und es ist unstreitig, daß sie nur so auf das Theater gebracht werden kann. Wenn nur die ersten Acte nicht dabey gelitten und ein wenig leer geworden wären! Ich dächte, Du hättest früher anfangen und im ersten Acte uns den Hausstand des ehrlichen Metzgers, nebst dem gutherzigen Betragen seiner ganzen Familie gegen den Lieutenant zeigeil sollen, so daß das Verbrechen erst zwischen dem ersten und zweyten Acte vorgegangen wäre. ic. — — Uebrigcns sind viele gute Sachen in der Vorrede gesagt, die doch auch von Dir ist? Lenz ist immer noch ein ganz andrer Kopf, als Klinger, dessen letztes Stück ich unmöglich habe auslesen können. Künftige Woche reise ich nach Manheim, und ich wollte wohl wünschen, daß ich schon wieder hier wäre. Denn mich schaudert, wenn ich nur daran denke, daß ich mich wieder werde mit dem Theater bc- mcngcn müssen. Das vierte Stück von meinen Beyträgen ist eben fertig geworden, welches Du durch Einschluß an Herrn Voß erhalten sollst. ES ist ganz theologisch, und ich bin begierig zu vernehmen, ob die Orthodoxen mit meiner oder des Ungenannten Arbeit zufriedner seyn werde». Lebe recht wohl. Meine Frau empfiehlt sich Dir und der Deinigen. Eotlhold. Meine liebe Schwester, Wie sehr mich die Nachricht in Deinem letzten Briefe gerührt hat, brauche ich Dir nicht zn sagen. Denn so gar schlecht bin ich bey Dir nicht angeschrieben, daß Du von meiner Liebe gegen unsere seel. Mutter, nur erst durch meine Klagen über ihren Tod überzeugt werde» müßlest. Die beste Art über sie zu klagen, glaube ich, ist, Dich nicht zu vergessen, die Tu ihr die letzten Jahre ihres Lebens so erträglich gemacht hast, indem Du Dich für uns alle Deiner Pflicht aufgeopfert. Nimm indeß gegenwärtige Kleinigkeit, die Du vielleicht V-slmgs Werke XII. ZI 482 Lessings Briefe. 1777. zu den Kosten der Leichenbestattung noch wirst nöthig haben, und sey versichert, daß bald mehr folgen soll. Was macht TheophiluS? Er hat an meine Frau in meiner Abwesenheit geschrieben, und Hoffnung gemacht, uns diese Ostern zu besuchen. Er hält doch noch Wort? Wir erwarten ihn alle Tage mit Ungeduld. Meine Frau grüßt Dich bestens, und ich bin lebenslang Liebster Bruder, Dein Brief ist mir einer von den angenehmsten gewesen, die ich nach meiner Rückkunft von Manheim erhalten. — Aber ich fange an, Dir von meiner Rückkunft zu sagen, ehe ich Dir noch von meinem Aufenthalte daselbst gesprochen. DaS geschieht, weil von gewissen Dingen sich gar nicht sprechen läßt. Sprechen zwar wohl, aber nicht schreiben. Man schreibt immer zn wcnig oder zu viel, wenn man bey sich selbst noch kein Resultat gezogen. Im Sprechen aber kann man sich alle Augenblicke corrigiren, welches im Schreiben nicht angeht. So viel dürfte ich Dir im Vertrauen doch fast sagen: daß auch die Manheimer Reise noch bis jetzt inner die Erfahrungen gehört, daß das deutsche Theater mir immer fatal ist; daß ich mich nie mit ihm, es sey auch noch so wenig, bemengen kann, ohne Verdruß und Unkosten davon zu haben. lind Du verdenkst es mir noch, daß ich mich dafür lieber in die Theologie werfe? — Freylich, wenn mir am Ende die Theologie eben so lohnt, als das Theater! — Es sey! Darüber würde ich mich weit weniger beschweren; weil es im Grunde allerdings wahr ist, daß es mir bey meinen theologischen — wie Du es nennen willst — Nccke- reyen oder Slänkereyen, mehr um den gesunden Menschenverstand, als um die Theologie zu thun ist, und ich nur darum die alte orthodoxe » k/Z>,k^nz o»u Ilay^kvo? )>ovv; Il«tzAcvo? Sax^Xt^ov 'iZ^-i, »tzv? »avra «a^ov. 2) Lateinisch. Xon viäiM lu Vii-xinisi xenu? Virginis »I»o>)IillUi» kst ittl »luniii Iionuni. 2) Engländisch Dill >vii never lvo »Mlril-i vetlv » knee? ^Vluit >o» vott?'» wimdle oaU l'Iutt i-j ver> gaod for n». Die französische und italiänische Ucbcrsclzuiig sind, wie ma» aus dem Briefe sieht, verloren gegangen, und erwarte» eine» kritische» Ncstauralor, der sie etwa, wie man es zuwcilc» mit Verlornen Werken der Alten gemacht hat, «x ingoniu wieder herstellen möchte. Nicolai- 488 LessingS Briefe. 1777. Zeiten recht gut. Was geht es mich an, wodurch es jetzt von dem Theater verdrängt wird. Leben Sie wohl! Der Ihre, «essing. An Karl G. Less-ng. Wolfenbüttel. den 2Z. May 1777. Mein lieber Bruder, Da sind ein Paar Wolfenbüttelsche Damen, die ihre Männer nach Berlin schleppen. Die eine davon, Frau von D ° °, ist von langen Zeiten her meine specielle Freundin, und sie will mit aller Gewalt, daß ich ihr einen Brief an Dich mitgeben soll. Nun weiß ich wohl, daß ein junger Ehemann andere Dinge zu thun hat, als sich mit fremden Weibern zu schleppen. Sie wird aber auch nicht mehr von Dir verlangen, als Du mit gutem Gewissen nebenher be- streiten kannst. Sie wird zufrieden sey», wenn Du sie einmal besuchst, und ihr Deine Dienste anbietest. Und das kannst Du doch wohl thun! Auch Nicolai und Ramler will sie kennen lernen, und an Nicolai habe ich ihr gleichfalls einen Brief mitgegeben. Um nun auf die Beantwortung Deines letzter» zu komme», so muß ich Dir vor allen Dingen gerade heraus sagen, daß von dem allen, was man Dir vcn Thealerpreisen zu Manheim gesagt hat, nicht eine Sylbe wahr ist. Ich glaube, ich habe Dir schon einmal ins Ohr gesagt, daß ich sehr wünschte, ich hätte mich neuerdings mit dem Theater unvcrmengt gelassen. Mit einem deutschen Nationalthcater ,sl -S lauter Wind, und wenigstens hat man in Manheim nie einen andern Begriff damit verbünde», als daß ein deutsches Natioiiallhea- ter daselbst ein Theater sey, auf welchem lauter geborne Pfälzer agirlen. An das, ohne welches wir gar keine Schauspieler hätten, ist gar nicht gedacht worden. Auch die Schauspieler selbst halten nur das für ein wahres Ralionalthealer, das ihnen auf lebenslang reichlich Unterhalt verspricht. Stücke, die zu spielen sind, fliegen ihnen ja doch genug ins Maul. Wie wohl ist mir, daß ich eine ganz andere Komödie habe, die ich mir aufführen lasse, so oft eS mir gefällt! Daß die Theologen zu den Fragmenten meines Ungenannten so schweigen, bestärkt mich in der guten Meynung, die ich jederzeit von ihnen gehabt habe. Mit der gehörigen Vorsicht kann man ihrcnlwe- LessingS Briefe. 4777. 489 gen schreiben, was man will. Nicht das, was man ihnen nimmt, sondern das, was man an dessen Stelle setzen will, bringt sie auf, nnd das mit Recht. Denn wenn die Welt mit Unwahrheiten soll hingehalten werden, so sind die alten, bereits gangbaren, eben so gut dazu, als neue. — Ist ein Magister Spittler bey Dir gewesen? Wenn er noch in Berlin ist, so mache ihm meinen Empfchl. Desgleichen Deiner lieben Frau, lind damit lebe wohl! Ectthold. Wclfenbüttel, d. 26. Iun. 1777. Mein lieber Schmid! Ich habe Ihnen auf zwey Briefe nicht geantwortet, und gestern habe ich Sie nicht gesprochen. TaS ist doch recht grob und fatal. Denn Sie sind so wacker und fleißig für mich! Nur habe ich von Eschenburgen gehört, daß Ihnen fast der Muth fallen will, und Sie über das Leere und Unfruchtbare 5e6 ThclaforuS fast unwillig werden. Aber thun Sie es mir zu Gefalle», und werden Sie nicht so unwillig, daß Sie den Quark gar liegen liessen. Mir ist er, wenn nicht an nnd für sich selbst, doch zu andern Dingen höchst nothwendig, und er wird mir sicherlich gewisse Dinge aufklären, aus welchen ich mich gegenwärtig gar nicht zu finden weiß. Wissen Sie was Z Schicken Sie mir immer die ersten Bogen, so weit Sie gekommen sind. Das Uebrigc machen Sie mit Muse und bohren Sie das Brct, wo es am dniinsien ist. Das ist. huschen Sie über das weg, was Sie zu lauge aufhalten wird. Ich glaube, Sie können noch Kinder machen, da Sie noch Epigramme machen können, nnd zwar so gute! Dafür halte ich wenigstens Ihr Epigramm, weil ich cS vor 26 Jahren dafür gehalten hätte. Ob eS noch dafür gelte» kann, werden Sie wohl hören, wenn Sie es in einen Musenalmanach setzen lassen, wohin cS gehört. Die Widerlegung der I^iilr, I^v, Ilen. urmi>»ä mit Arbeiten. Ich muß Ihnen nur den Brodkorb höher hängen und Ihnen nichts mehr geben. — Was bleibt denn auf Morgen übrig, wenn heute alles fertig wird? Die Ihrigen haben Recht, ungehalten auf mich zu werden, wenn sie glauben, daß ich Sie treibe. — Indeß nochmals Tank! Hierbey noch ein paar Fragen an Herr eschenburgen, um mir einen besondern Brief zu ersparen. 1) Wie heißt der ueusic Herausgeber des Chaucer, von dem ich einen Band bey mir habe? 2) Welcher von den Commentatoren des ShakeSpear hat die (,'ella liomanorum gekannt? Aber eben sehe ich, daß Herr öschenburg nicht zu Haufe ist. Nun es hat auch Zeit mit der Beantwortung, bis er wieder kömmt. Ganz der Ihrige. Lessing. An Nicolai. Wolfcnbüttel, d. 20. Septemb. 1777. Liebster Freund, Sie hätten Grund, in Ernst auf mich ungehalten zu seyn. Ich antworte Ihnen nicht eher, als bis Ihnen an meiner Antwort nichts kann gelegen seyn. Denn von dem, was Sie von mir in Ihren beyden letzten Briefen verlangt haben, wollten Sie ohne Zweifel schon diese Michaelismcsse Gebrauch mache»! und ich weiß wohl, wie hoch der Buchhändler ein solches Oisa/i/io-niment aufnimmt. Doch ich habe nicht mit dem Buchhändler, sondern mit meinem Freunde Nicolai zu thun, bey dem ich mich, so wie andere sich auf ihre gerechte Sache verlassen, auf meine ungerechte verlassen kann, an die er schon längst gewöhnt worden, und die er mir schon so manchmal vergeben hat. Unterdessen habe ich doch nicht deswegen nicht geantwortet, weil ich an die ganze Sache nicht gedacht. Vielmehr hätte ich zuverlässig so viel früher antworten können, wenn ich weniger darauf hätte denken wollen. Sie sollen es gleich hören. Das erste betraf alte Lieder. Wenn ich Ihnen nur alte Lieder hätte schicken dürfen, ohne mich darum zu bekümmern, was Sie da- LcssingS Briefe. 1777. 491 von brauchen könnten, oder nicht: so hätten Sie »nt der ersten rück- gchcndcn Post ein Pakctchen bekommen sollen, wofür Ihnen das Porto mehr gekostet hatte, als Sie wahrscheinlich von der ganzen Luti-eurilo des Almanachs einnehmen werden. Aber, da ich Ihnen nur so etwas schicken wollte, das Sie gleich in die Druckerei) hätten senden können: so merkte ich je länger je wehr, daß ich nicht einmal recht wüßte, was Ihnen am zuträglichsten wäre. — Etwas wirklich gutes? — Das wäre gerade wider Ihre Absicht. Z. E. so etwas, wie das Besenbinder-Lied, welches ich in meiner Kindheit von einem Bcsenbindcr selbst gehört habe: „Wenn ich kein Geld zum Saufen hab, „So geh und schneid ich Besen ab, „Und geh die Gassen auf und ab, „Und schreye: Kauft mir Besen ab, „Damit ich Geld zum Saufe» hab. Denn was sind alle neue Trinklieder gegen dieses alte? Und wenn es dergleichen unter dem Volke gäbe, so müßte nnS wahrlich die Aufhebung derselben eine sehr angelegene Sache seyn. Sie aber wollen über das Angelegene dieser Sache gerade spotten. — Eben fällt mir noch eins von diesem bessern Schlage bey: „Zch bin den Barfüßer Mönche» gleich: „Sie sind arm uud ich nicht reich; „Sie trinke» kci» Fleisch, ich esse keine» Wem: „Wie könnt' ich ihnc» dc»» gleicher sehn? „Aber i» einem sind wir zuwider; „Wenn sie aufstehe», leg ich mich erst nieder. 5^der sollte ich Ihnen etwas von der ganz verfehlten Art schicken? Lieder, die gelehrte und studierte Reimschmiede des 14ten und 16tcn Jahrhunderts gemacht haben, die in allem Ernste etwas Gutes machen wollten, und nicht konnten? Dergleichen Lieder, würde man gesagt haben, sind gerade keine Volkslieder.--Also hätte ich bloß ans solche Lieder aufmerksam seyn müssen, die man mit ihrem rechten Namen pöbelsliedev nennen sollte? Denn auf vermengung des Pöbel» und Volkes kommt der ganze Spaß doch nur an. z. B. „Ich stieg auf eine» Birncnbaum, Birncnbaum, „Rüben wollt ich graben: „So hab' ich all mein Lcbe»lang „Keine bcssre Pflaumen gesscn sc. Oder: 492 «essings Briefe, 1777. „Ich wollt' gern singen und weiß nicht wie, „Bon meinem Buhle», der ist nicht hie, :c. Oder: „Ich hab' mein Tag nicht gut gethan, „Habs auch noch nicht im Sinn: „Und wo ich einmal gewesen bin, „Da darf ich nimmer hin, nimmer hin. Oder: „Unser Knecht und unsre Magd „Haben einander genommen. „Hinterm Ofen auf der Bank „Sind sie zusammen gekommen. — Oder: „Ein Brantlcin wollt' nit gehn zu Bett, „Nit weiß, ob sie es hätt' vcrredt, :c. Das Schlimmste war nur bey den Liedern von dieser Art, daß ich die wenigsten ganz zusammen finden konnte. Außer das letzte; von welchem ich aber glaube, daß es «Lschenburg schon in dem Museo hat drucken lassen. Und hierbey muß ich Ihnen dazu sagen, daß ich schon vor vielen Jahren Hrn. Eschenburg das Anziehendeste gegeben habe, was ich von diesem Schrot und Korn in der Bibliothek gefunden. Also, mein lieber Nicolai, haben Sie mich mit Ihrem Verlangen um manche schöne Stunde gebracht, ohne daß sie Ihnen zu Nutze gekommen. Ich würde Ihnen diesen Feitvcrlnst auch wahrlich sehr hoch anrechnen, wenn ich nicht dabey eine andere gute Spur hätte verfolgen können, von der ich Ihnen wohl ein andermal schreibe. — Jetzt muß ich nur Ihrer zweyten Anfrage noch gedenken. Ob ich meine antiquarischen Briefe noch fortsetzen will? — Allerdings. — Aber wenn? — Ja, das weiß Gott! Diesen Winter kann ich schlechterdings nicht. Denn diesen Winter habe ich noch voll auf an dem fünften bis zwölften Stücke meiner Beyträge zu arbeiten, mit welchen ich dieses ganze Werk zu schließen gesonnen bin. Sie glauben nicht, was für eine ekle, undankbare und zcilversplitternde Arbeit ich mir damit auf den Hals geladen habe. An Ihrer neuen Ausgabe der Beschreibung von Berlin, mögen Sie so etwas ähnliches gehabt haben. — Das also muß rch nun je eher je lieber aus den Händen haben, weil ich mir noch Kräfte zu bessern Dingen bewußt bin, zu welchen ich allerdings verschiedene Anmerkungen rechne, die ich auf meiner Reise in Italien gemacht zu haben glaube, und durch welche LesstngS Briefe. 1777. 493 die antiquarischen Briefe noch erst ein Buch werden können. Wissen Sie, was ich Ihnen folglich rathe? Lassen Sie fürs erste beyde Theile dieser Briefe zusammen drucken, welches einen mäßigen Band in groß Octav machen wurde. Ich will eine knrje Vorrede dazu schreiben, in welcher ich mich über die Fortsetzung erkläre, und Sie können rerl- chert seyn, daß diese Forlsetzung eine meiner ersten Arbeiten seyn sol/, so bald ich von jener frey bin. Hiermit leben Sie für diesmal wohl, und bleiben Sie mein Freund. Der Ihrige, Lessing. An Karl G. Lcssing. Wolfcnbüttel, den S0. Septbr, 1777. Mein lieber Binder, In Deinem letzten Briefe lobtest Tu mich, weil Tu zwey Briefe hinter einander von mir erbaltcn hattest. — Siehst Tu wohl, wie viel das Lob bey mir wirkt? Ich schreibe Dir dafür in einem Vierteljahre nicht wieder. Zwar eine vier Wochen früher hätte ich Dir doch wohl geschrieben, wenn ich nicht zur nehmlichen Zeit erfahren hätte, daß Tu abwesend mit S ° ° ° in BreSlau auf Commission wärest, Ohne Zweifel wirst Du nun wieder zurück seyn; und ich darf Dich fragen, nicht was Deine Commission betroffen, sondern wie es Dir in Breslan gefallen? ob Du einige von meinen alten Freunden und Bekannten daselbst kennen lernen? ob Du meinen allen ehrlichen Taucnjien gesprochen? ob Dir der ungarische Wein geschmeckt? ob Komödie da ist, und dergleichen. Während Deiner Abwesenheit ist Deine Schwiegermutter wohl gestorben. Das muß Dir freylich Deine Zurückkunft weniger angenehm gemacht haben. Wäre es aber auch nur wegen des ehrlichen Voß, dem dieses Creigniß sehr nahe zu gehen scheint. Melde mir doch, sobald Du kannst, was er macht, und wie er sich in seinem verlassenen Zustande befindet. Zugleich melde mir doch auch, wo Du jetzt wohnest, wann die Oper instehenden Winter angeht, und ob in Deiner Nachbarschaft wohl ein kleines Quartier für eine einzelne Person auf einen Monath zu miethen ist. Denn ich will Dir sagen, daß ich gern meinen ältesten Sliefsohn — einen jungen Menschen von neunzehn Jahren, der 494 LessingS Briefe. 1777. aber schon sehr gesetzt und sehr forinirt ist, der recht gut Französisch spricht, recht gut, wie man sagt, uns der Violine spielt, und jetzt KriegcSbaukunst studiert, weil er mit aller Gewalt das Militair ergreifen will — daß ich diesen jungen Menschen gern ans einige Wochen nach Berlin schicken möchte, um da naher zu besehen, ob der preußische Dienst wohl seine Sache wäre, Er ist dabey von sehr einnchwender Bescheidenheit, so daß er Dir auf keine Weise lästig seyn könnte noch würde. Nur möchte ich gern, daß er doch einigermaßen unter Deinen Augen bliebe, und Du ihm seine ersten Bekanntschaften machen hülfest. Sey so gut, lieber Bruder, und antworte mir bald hierauf; und nimm mir es nicht übel, daß ich nie firer bin, an Dich zu schreiben, als wenn ich Dich brauche. Grüße mir Deine liebe Frau recht herzlich. Die meinigc läßt sich Euch Beyden bestens empfehlen, und wird Dir nie genug danken können, wenn Du Dich ihres SohncS dort ein wenig annehmen willst. Lebe recht wohl! Gotthold. N. S. Es fällt wir bey. Dich noch um eine Gefälligkeit zu bitten. In dem Aercuro kr-mce vom Jahre 1760 — 69 befindet sich eine aus dem Spanischen übersetzte Komödie, in der ein gemeiner Mann, der, ich weiß nicht wehr, welche sonderbare Gerichtsbarkeit hatte, vermöge solcher sich an einem vornehmen Manne selbst Recht schaffte, der seine Tochter verführt hatte. öS ist mir ein Umstand eingefallen, wodurch dieses Stück, das mir außerordentlich gefallen, sich vollkommen vlideulsche» (etwas mehr als übersetzen) ließe. Nun erinnere ich mich, daß Nicolai den kloreuro von diesen Jahren hatte. Sey doch also so gnt, und suche mir den Band, worin .gedachtes Drama steht, je eher je lieber in einer müßigen Stunde auf, ehe mir der Einfall wieder aus dem Kopfe kommt. Ich könnte Dir wenigstens damit eine Arbeit unter den Fnß geben, die alle Anlage hätte, für unser Theater sehr interessant zu werden. An Karl G. Lcssing. Wolfenbüttel, den 12. Oct. 1777. Mein lieber Bruder, Was für eine angenehme Hoffnung hast Du mir in Deinem letzten Briefe gemacht! Wie sehr sollte es mich verdrießen, wenn nichts daraus würde! denn Du sprichst ja noch so problematisch davon: „Falls " Lesfings Briefe. 1777. 496 ich Urlaub erhalte." Als ob mau Dir den versage» würde! — Mein lieber Bruder, nun mußt Du gewiß kommen, und Dich keine bloße Brdenklichkcitcn abhalten lassen. Und wenn Du doch auch Deine liebe Frau mitbringen könntest! Doch die Ursache, wenn ich recht rathe, warum sie nicht mitkommen kann, ist zu schon, als daß ich mich nicht auch darüber freuen sollte. — ein Vertrauen hiernächst erfordert das andere. Auch ich konnte meine Frau nicht mitbringen, wenn ich Dich zwischen hier und Wcyhnachtcn besuchen wollte und müßte. Sie freuet sich übrigens eben so sehr, als ich mich nur immer freuen kann, Deine Bekanntschaft zu erneuern. Jeder in meinem ganzen Hause erwartet Dich mit sehnlichem Verlangen. Nur wegen eines muß ich bey Dir zuvorkommen. Wir werden Dich jetzt nicht so gut logiren können, als wir gern wollten. Noch wohne ich zur Miethe, und vor Ende des Novembers werde ich schwerlich das neue Haus beziehen, das mir der Herzog angewiesen, seitdem ich nicht mehr auf dem Schlosse wohnen kann. Du wirst selbst sehen, und was nicht so ist, wie es seyn sollte, bestens entschuldigen. Daß Du mit unserm MoseS kömmst, freuet wich ebenfalls nicht wenig. Nur macht mich diese Gesellschaft fürchten, daß Du eben nicht sehr lange bleiben wirst. Aber ich bekomme doch noch einen Brief von Dir, in welchem Du mir meldest, wenn Du abreisest, und welchen Tag Du in Braun^ schweig einzutreffen gedenkest, damit ich Dich daselbst abholen kann? Das ist höchst nöthig. Vergiß nicht. Auch muß ich Dich noch um einen kleinen Weibcrkram bitten. Meine Frau glaubt, da sie in Berlin so schöne Federn haben, daß sie daselbst auch schöne Florblumeu haben müssen. Sey doch also so gut, und bringe mir von den kleinen drey BouauetS mit: ein weißes, ein blaues und ein lilafarbnes; desgleichen zwey von den platten Federn, eine schwarze und eine puce. Weiß ich doch kaum, wie ich das letzte Wort schreiben soll. Ich erstatte Dir die Auslage mit Dank. Und nun, glückliche Reise, mein lieber Bruder! glückliche Reise! Wir empfehlen uns Beyde Euch Beyden. Gotthold. An Eschenburg. Den 27. November 1777. Sie erzeigen mir eine wahre Wohlthat, daß Sie mich vor einer neuen Zerstreuung bewahren wollen. — Also trete ich Ihnen alles .'-.V^lM 49k Lessings Briefe. 1777. Recht auf die Fortsetzung der Zachariäschen Chrestomathie °) nicht allein gutwillig, sondern mit Tank ab, wenn man anders ein Recht abtreten kann, worauf mau selbst kein Recht gehabt. Und damit Sie um so weniger an der Aufrichtigkeit dieser Versicherung zweifeln können, schicke ich Ihnen meinen Tscherning, sowohl den Frühling/ als den Vortrab des Sommers/ welcher letztere sehr rar ist. Das Exemplar des Frühlings hat Tscherning selbst gehabt. Dies ist aus dem Aufrichtig Treu auf dem Titelblatte, welches sein Symbolum war, und aus verschiedenen Stellen arabischer Dichter zu ersehen, die er an den Rand beygeschriebcn; eS sey nu», daß er ste bey seiner Abfassung in Gedanken gehabt, oder nachher nur etwas AehnlicheS darin gefunden habe. Dieses sage ich Ihnen nur, weil ich nicht gern möchte, daß Sie mein Exemplar zerschnitten, um es in die Druckerei) zu schicken. Sie wissen wohl, daß wir Bücherwürmer aus so einem Exemplare etwas machen. Anch habe ich in demselben verschiedene Gedichte mit den ersten einzelucn Drucke» vergliche», die mir iu Schlesien in die Hand fielen. Ich muß mehrere dergleichen erste ungebrauchte Drucke haben; aber wo soll ich sie, in der Zerstreuung, worin sich gegenwärtig alle meine Sachen befinden, suchen? Indeß, glaube ich doch, werden Sie wohl thun, wenn Sie auch nur diese wenigen Proben, wie fleißig der Dichter seine Arbeit korrigirt hat, in Ihrem Auszüge mit beybringen, in welchen, was ich sonst gebracht zu sehen wünschte, ich Ihnen nicht zu sage» brauche. Hat Hr. Gebler meinen Auftrag au unsern Schmid wegen des ^aö^'c-t e. IV. I. bestellt? Wenn das, so habe ich ihn auch bald; denn Schmid/ wenn er ihn auch nicht selbst hat, ulii ulii erit, iuveutum milti euravit. An Karl G. Lessing. Wolfcnbüttcl, den 19. December 1777. Mein lieber Bruder, Daß ich Dir diesmal so spät antworte, kömmt daher, weil ich mir gleich Anfangs vornahm, mit Herrn MoscS zu antworten, nnd ich nicht geglaubt hätte, daß sich seine Reise so lange verzögern *) L- war anfanglich Willens, die auserlesenen Stücke älterer deutscher Dichter des sel. Zachariä fortzusetzen. Die ziemlich kalte Aufnahme des Publicums erlaubte mir mir, dieser Sammlung noch einen dritten Bande beyzufügen. Eschenburg. Lessings Briefe. 1777. 1778. 497 könnte, der ich doch nun alle Stunden mit Verlangen entgegen sehe. Denn noch habe ich ihn selbst nicht gesehen, sondern er ist von Braunschweig aus sogleich nach Hannover gegangen, (von wo er mir alles, was Du ihm mitgegeben, richtig überschickt hat), und will von Hannover über Wolfenbütlel zurückreisen. Wie ärgerlich mir es gewesen, daß Du nicht mitkommen können, brauche ich Dir nicht zu sagen! Mache eS doch nur wenigstens künftigen Sommer möglich, und bringe Deine Frau mit. Sodann können wir Euch auch besser aufnehmen, indem ich noch dieses Jahr meine neue Wohnung beziehe, welche eben so geräumig, als angenehm ist. Und nun, weswegen ich Dir dieses eigentlich schreibe. — Wenn Moses in Hannover nicht wieder aufgehalten worden, so trifft er heute oder morgen in Braunschweig ein, und besucht mich auf den Sonntag. Montags fährt er dann nach Berlin ab, und bringt meinen Stiefsohn mit. — Aber, lieber Bruder, wenn Deine Güte nur nicht voreilig gewesen ist! Denn je mehr ich überlege, in welchen Umständen sich Deine liebe Frau befindet, desio mehr bilde ich mir ein, daß Du ihn schlechterdings nicht wirst aufnehmen können. Bringe ihn sodann doch in Deiner Nachbarschaft unter, und behalte ihn so viel unter Deine» Augen, als möglich. Herrn Voß sage bey Gelegenheit, daß er zu Anfange des Februars eine kleine Schrift von acht bis zehn Bogen von mir erhalten soll, die ich gern noch zu Ostern möchte gedruckt haben. Was es ist, will ich Dir jetzt nicht sagen, und ehe cS ganz fertig ist, mag ich es ihm nicht schicken. Für das Theater ist cS nichts- aber sonst etwas, worauf ich mir nicht wenig einbilde. Wir empfehlen uns Beyde Euch Beyden. Lebt recht wohl. Mit meinem Sohn ein Mchreres! Ich ergreife den Augenblick, da meine Frau ganz ohne Besonnenheit liegt, um Ihnen für Ihren gütigen Antheil zu danken. Meine Freude war nur kurz. Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte so viel Verstand! so viel Verstand! — Glauben Sie nicht, daß die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu so einem Assen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. — War eS nicht Verstand, daß man ihn mit eisernen Zangen auf Lessings Werke xil. Z2 Gotthold. An Eschenburg. Den 3. Januar 1778. 498 LessingS Briefe. 1778. die Welt ziehen mußte? daß er so bald Unrath merkte? — War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? — Freilich zerrt mir der kleine Ruschelkopf auch die Mutter mit fort! — Denn noch ist wenig Hoffnung, daß ich sie behalten werde. — Ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andre Menschen. Aber eS ist mir schlecht bekommen. An Karl G. Lcssing. Wolfenbütlel, den 6. Jan. 1778. Mein lieber Bruder, Bedaure mich, daß ich daSmal so eine gültige Ursache habe, Dir während der Zeit, da Tu so viel Güte für meinen Stiefsohn hast, noch nicht geschrieben zu haben. Ich habe nun eben die traurigsten vierzehn Tage erlebt, die ich jemals hatte. Ich lief Gefahr, meine Fran zu verlieren, welcher Verlust mir den Rest meines Lebens sehr verbittert haben würde. Sie ward entbunden, und machte mich zum Vater eines recht hübschen Jungen, der gesund und munter war. Er blieb es aber nur vier und zwanzig Stunden, und ward hernach das Opfer der grausamen Art, mit welcher er ans die Welt gezogen werden mußte. Oder versprach er sich von dem Mahle nicht viel, zu welchem man ihn so gewaltsam einlud, und schlich sich von selbst wieder davon? Kurz, ich weiß kaum, daß ich Vater gewesen bin. Die Freude war so kurz, und die Betrübniß ward von der größten Besorgniß so überschrieen! Denn die Mutter lag ganzer neun bis zehn Tage ohne Verstand, nnd alle Tage, alle Rächte jagte man mich ein paarmal von ihrem Bette, mit dem Bedeuten, daß ich ihr den letzten Augenblick nur saurer mache. Denn mich kannte sie noch bey aller Abwesenheit des Geistes. Endlich hat sich die Krankheil auf einmal umgeschlagen, nnd seit drey Tagen habe ich die zuverlässige Hoffnung, daß ich sie diesmal noch beHallen werde, deren Umgang mir jede Stunde, auch in ihrer gegenwärtigen Lage, immer unenlbchrlicher wird. Wie Tu mir verzeihest, daß ich Dir seit vierzehn Tagen nicht geschrieben: so verzeihest Tu mir auch, daß ich Dir jetzt nicht mehr schreibe. Ich denke ungern daran, daß Dir jetzt unser Sliefsohn mancherley Jncommodität verursacht. Gott lasse Dich unter ähnlichen Umständen eine freudigere Scene erleben! Gotlhold. «« ^^^m^^^ '-«^ LessingS Briefe. 1778. 4W An Eschenblirg. Den 7. Januar 1778. Ich kann mich kaum erinner», was für ein tragischer Brief das kann gewesen seyn, den ich Ihnen soll geschrieben haben. Ich schäme mich recht herzlich, wenn er das geringste von Verzweiflung verräth. Auch ist nicht Verzweiflung, sondern vielmehr Leichtsinn mein Fehler, der sich manchmal nur ein wenig bitter und menschenfeindlich ausdrückt. — Meine Freunde müssen mich nun ferner schon so dulden, wie ich bin. Die Hoffnung zur Besserung meiner Frau ist seit einigen Tagen wieder sehr gefallen; und eigentlich habe ich jetzt nur Hoffnung, bald wieder hoffen zu dürfen. Ich danke Ihnen für die Abschrift des Goezischen Aufsatzes. *) Diese Materien sind jetzt wahrlich die einzigen, die mich zerstreuen können. Schumanns Antwort") ist weit schlechter ausgefallen, als ich erwartet hatte. Ich weiß kaum, was ich ihm wieder antworten soll, ohne ihn lächerlich zu machen; welches ich nicht möchte. An Eschenblirg. Den 10. Januar 1778. Meine Fran ist todt; und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig seyn können zu machen; und bin ganz leicht. — Anch thut es mir wohl, daß ich mich Ihres, und unsrer übrigen Freunde in Braunschwcig, Beileides versichert halten darf. °) Zu der so genannte» schwarzen Zeitung, oder den Zicgraischc» frev willigen Beyträge» v. I. 1778. S. LZ./ that Goezc dc» erste», obwohl »och ziemlich glimpfliche» und aiioin'inischc», Ausfall aus Lessinn. S. eine Parabel, u. s. w. sÄd x, S, 121 ff.^ Eschenblirg. ") Ueber die Evidenz der Beweise für die Wahrheit der christliche» Religion; Haimov. 1778. 8. — LessingS Antworte» darauf sind die Schriften- Ueber dc» Beweis des Geistes und der Kraft; u»d: das Testament Jo- baiinis, ein Gespräch. Eschenblirg. 32» 600 LessingS Briefe. 1778. An Karl G. Lcssing. Wolfcnbültel, den 12. Ja». 1778. Mein lieber Bruder, Zu was für einem traurigen Boten an meinen Stiefsohn muß ich Dich machen! — Und gleichwohl weiß ich, daß Dein gutes Bruderherz selbst nöthig haben dürfte, vorbereitet zu werden, — Seine gute Mutter, meine Frau, ist todt. Wenn Du sie gekannt hättest! — Aber man sagt, es sey nichts als Eigenlob seine Frau zu rühmen. Nun gut, ich sage nichts weiter von ihr. Aber wenn Du sie gekannt hättest! Du wirst mich, fürchte ich, nie wieder so sehen, als unser Freund MoseS mich gefunden hat: so ruhig, so zufrieden, in meinen vier Wänden! — Gieb den Einschluß nicht eher in die Hände des jungen Menschen, als bis Du ihn so gut vorbereitet hast, als Dir möglich. Laß ihn auch nicht eher abreisen, als bis er sich beruhiget hat. ör kann seine Mutler auch todt nicht mehr sehen; denn sie ist diesen Morgen schon begraben worden. Sollte er zu seiner Rückreise Geld brauchen: so schieße cS ihm vor. Du sollst es mit der nächsten Post baar zurückhaben, wie auch die letzte Auslage, die ich so schändlich vergessen habe. Lebe wohl, und laß mich von Dir und Deiner lieben Frau bald eine Nachricht hören, wie ich Dir von mir und meiner Frau zu geben hoffte, aber wirklich zu geben, unstreitig nicht verdiente. _____, Eotthold. An Eschenburg. Den 14. Januar 1778. Gestern Morgen ist mir der Rest von meiner Frau vollends ans dem Gesichte gekommen. — Wenn ich noch mit der einen Hälfte meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andre Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben; wie gern wollt ich es thun! Aber das geht nicht; und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so fort zu duseln. Ein guter Norrath vom Laudanum literarischer und theologischer Zerstreuungen wird mir einen Tag nach dem andern schon ganz leidlich überstehen helfen. — Haben Sie, zum Behuf der letztern, doch die Güte, liebster Freund, und lassen Sie mir aus Ihrem großen Johnson den ganzen Artikel I?viiznie!fi-r Knorre. Lappenberg. °°) Vo» diesem Briefe besitzt Herr SvndicuS Sicveking in Hamburg eine Abschrift, vo» welcher er die hier abgedruckte hat nehme» lasse». Lessings Briefe. 1778. 606 F. M. Bekenntniß zukommen zu lassen. Es ist schon einmal in Hamburg gewesen; bey Herr Boden- aber — Und izt läuft es hier, durch die Hände der andern Obscrvanz. Es soll mich verlangen, ob eS am Ende doch auch nur Einer verstehen wird. Leben Sie recht wohl. Der Zufall, über welchen Sie mir Ihr Beyleid bezeugt haben, liegt mir noch in den Gliedern. Bey Gott, lieber Claudius, Freund Hein fängt auch unter meinen Freunden an, die Oberstelle zu gewinnen. Ich wollte Ihnen gerne ein Buch für ein Buch, etwa meine Streitschriften mit Goczen, schicken. Aber was machen Sie damit? Ich an Ihrer Stelle, würde sie gewiß nicht lesen; und unlesbare Bücher haben, ist nur Last. Wenn ein electrischer Funke einmal wieder darein schlägt, so werden Sie ihn doch schon, in der Kette, in der Sie einmal sind, mitzufühlen bekommen. Am besten wärs, Sie besuchten mich diesen Sommer, aber nicht so wie vorigen. Ich laß eS ein Vorzug des lieben Gottes seyn, den Willen für die That anzunehmen: im Guten und im Bösen. Denn wenn er es in dem einen thut, so thut er eS auch in dem andern; und ich, weil ich eS in dem andern nicht thun mag, mag eS auch in dem ersten nicht thun. Ich kann Sie izt sehr gemächlich beherbergen, und die Stubenthüren sollen Ihnen die Besucher auch nicht einlaufen. Ich bin von der Welt so ziemlich seauestrirt, und befinde mich dabey wenigstens nicht übler. Nochmals leben Sie wohl; und grüßen Sie Ihre gute Frau und Kinder, in welchen ich mir Sie so innig verwebt so gern denke. Wolfenbültel den 19 April 1778. LG»g. An Karl G. Lcssmg. Wolfenbültel, den 23. Julius 1778. Mein lieber Bruder, Ich muß mich nur gleich hersetzen, Dir zu antworten. Allerdings ist es wahr, daß das hiesige Ministerium, auf Ansuchen des Consi- storii, das neue Fragment und zugleich meine Antigötzischen Schriften verboten; auch mir zugleich untersagt hat, ferner etwas aus dem Ms. der Fragmente drucken zu lassen »c. Ich habe meiue Ursachen, warum ich die Confiscation des neuen Fragments recht gern geschehen lasse. Nur sollte man meine Schriften nicht zugleich mit confisciren; 506 Lessings Briefe. 1778. und darüber beiße ich mich auch noch gewaltig herum, fest entschlossen, die Sache auf das äußerste ankommen zu lassen, und eher meinen Abschied zu nehmen, als mich dieser vermeynten Demüthigung zu unterwerfen. Vom Corpore evaogelico ist nichts gekommen, noch viel weniger vom Reichshofrath; ich denke auch nicht, daß ich mich vor beyden sehr zu fürchten habe. Denn (Du wirst zwar lachen) ich habe ein sicheres Mittel, den Rcichshofrath zu theilen, und unter sich selbst uneinS zu machen; so wie Paulus das Synedrium. Nehmlich, da die mehresten Glieder desselben Katholiken sind, so darf ich meine Sache nur so vorstellen, daß in der Verdammung, welche die Lutherischen Geistlichen über mich aussprechen, eigentlich die Verdammung aller Papisten liegt, welche die Religion eben so wenig auf die Schrift, und auf die Schrift allein, wellen gegründet wissen, als ich. In dieser Absicht habe ich bereits auch einen Bogen geschrieben, den ich Dir hiermit beylegen will.') Du wirst sehen, daß ich auch sonst darin eine Wendung nehme, die den Herrn Hauplpastor wohl capot machen soll. Denn Du hast doch wohl sein zweytes Stück von LessingS Schwächen gelesen, und gesehen, was für eine Erklärung er schlechterdings von mir verlangt? Diese gebe ich ihm hier. Ich habe den Bogen zwar schon nach Hamburg geschickt, um ihn da drucken zu lassen; wenn Du ihn indeß doch auch in Berlin willst drucken lassen, so kannst Du eS nur thun. Um die heulige Post nicht zu versäumen, will ich schließen. Du sollst aber den nächsten Posttag mehr von mir hören; wenigstens sobald ich Dir näher schreiben kann, wie meine Sache laufen zu wollen scheint. Den Bogen des Herrn MoseS habe ich nicht gleich bey der Hand; aber er soll den künftigen Pvsi- tag gewiß auch folgen. Lebe indeß recht wohl. Gotthold. Mein lieber eben! Es ist mir sehr angenehm von Ihnen zu erfahren, daß sich die Hamburgischen Freunde meiner erinnert haben; ich danke jedem in dem Sinne, wie er mich grüßen läßt. Den Aniigoeze bin ich eben noch im Stande Ihnen cowplet zu machen. Aber von dem neuen Fragmente habe ich selbst nur noch °) Es war: Nöthige Antwort auf eine sehr unnölhige Frage des Herrn Hauptpastor Götze in Hamburg. Wolfmbiittcl (aber eigentlich Berlin) 1778. Aarl G. Lessmg. Lessings Briefe. 1778- 607 ein einziges Exemplar. Hätten Sie mich im geringsten vermuthen lassen, daß Ihnen an diesen Kleinigkeiten etwas gelegen wäre, — daß Sie auch nur neugierig darnach wären, so würde ich mir ein Vergnügen drauS gemacht haben, sie Ihnen jederzeit zu geben. Warum ich sie aber ungefordcrt von freyen Stücken niemand gebe, habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Die Confiscation derselben belustiget mich herzlich. An mir soll es gewiß nicht liegen, daß die angefangne Thorheit nicht vollendet wird. Mag doch die eigentliche Triebfeder davon seyn, wer da will! Ich sehe nur nicht, warum ich eben die von dem Verdacht auSuchmen soll, die Sie mir nennen. Einzeln wird es keiner auf sich kommen lassen wollen, und ich weiß vorlängst, daß ein halb Dutzend vernünftige Männer zusammen oft nicht mehr als ein altes Weib sind. Der Wolfenbüttel, Ihrige den 26. Jul. 1778. L-ssing. An Elise Rcimarus. Ihre Besorgniß, meine vortreffliche Freundin, ist mir sehr schmeichelhaft. Und doch muß ich Sie bitten, sich ihrer nur ganz zu ent- schlagen. Die Sache ist bey weiten so schlimm nicht, als Sie fürchten. Freylich hat man das neue Fragment consiScirel, und will mir das weitere Schreiben in diesen Dingen untersagen. Aber über den letzten Punkt beisse ich mich »och trefflich herum, und ich hoffe, daß Goeze die Freude nicht erleben soll, daß ich meine Batterie wenigstens verlegen mnß. Man hat sich die Abwesenheit des Erbprinzen, und die Schwachheit des alten Herzoges, der selbst wenig mehr nachsehen und unterschreiben kann, zu Nutze zn machen gewußt. Allein die Versicherung, daß beyde an dem ganzen Handel wenig oder gar keinen Antheil nehmen, giebt mir um so viel freyer Feld, mich gegen das Ministerium so mausicht zu machen, als ich nur Lust habe. Allerdings könnte es wohl dahin kommen, daß ich mich endlich gedrungen sähe, meinen Abschied zu fordern, den die Herren, die mir ihn geben würden, schon zu seiner Zeit verantworten sollten. Doch was wäre das auch mehr? Goeze und Compagnie sollten dabey so wenig gewinnen, daß alle und jede, welche das Wasser diese» Weg ableiten wollen, ihr ttntcrnchmen wohl bedauern sollten. Denn, im ganzen die Sache zu nehmen, stehe ich für meine Person so sicher, als ich nur stehen kann; und den Spaß hoffe ich noch selbst zu erleben, daß die meisten Z08 LcssingS Briefe. l778. Theologen auf meine Seite treten werden, um mit Verlust eines Fittigs noch eine Weile den Rumpf zu retten. — Kurz; machen Sie sich, meine beste Freundin, meinetwegen nicht den geringsten Kummer. Ich will gewiß keinen unüberlegten Schritt thun; wäre eS auch nur, um wich nicht von einer Bibliothek zu entfernen, die mir zur Fortsetzung meines Streits unentbehrlich werden möchte. — Die Erinnerung, daß es Ihnen nicht gleichgültig ist, welche Wendung mein Schicksal nehmen dürfte, wird mich manchen Augenblick, in welchem der Verdruß, mit so armselige» Schurken angebunden zu haben, die Oberhand zu gewinnen drohet, wieder beruhigen und aufheitern. Leben Sie recht wohl! Tero Wolfeubüttel den 2ten Aug. ergebenster Freund 78. ^^^^ Lessing. An Elisc Rcimarus. Wclfcnbuttel den 9 Aug. 78. Ich bin mir hier ganz allein überlassen. Ich habe keinen einzigen Freund, dem ich mich ganz anvertrauen könnte. Ich werde täglich von hundert Verdrießlichkeiten bestürmt. Ick muß ein einziges Jahr, das ich mit einer vernünftigen Frau gelebt habe, theuer bezahlen. Ich muß alles, alles aufopfern, uur mich einem Verdachte nicht auszusetzen, der mir unerträglich ist. Wie oft möchte ich es verwünschen, daß ich auch einmal so glücklich seyn wollen, als andere Menschen! Wie oft wünsche ich, mit eins in meinen alten isolirten Zustand zurückzutreten, nichts zu seyn, nichts zu wollen, nichts zu thun, als was der gegenwärtige Augenblick mit sich bringt! — Sehe» Sie, weine gute Freundin, so ist meine wahre Lage. Haben Sie also bey so bcwandten Umständen auch wohl Recht, daß Sie mir rathen, blos um einem elenden Feinde keine Freude zu machen, in einem Zustande auszu- dauern, der mir längst zur Last geworden? — Ach, wenn er wüßte, dieser elende Feind, wie weit unglücklicher ich bin, wenn ich ihm zum Possen hier aushalte! — Doch ich bin zu stolz, mich unglücklich zu denken, — knirsche eins mit den Zähnen, — und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht selbst umstürzen will! — öS freuet mich, daß Sie die Taktik meines letzten Bogens so gut verstehen. Ich will ihm vvolutioues vormachen, deren er sich gewiß nicht versieht. Denn da er sich nun einmal verrcdet hat, und wissen LessingS Briefe. 1778. 609 will, nicht was ich von der christlichen Religion glaube/ sondern was ich unter der christlichen Religion verstehe: so habe ich gewonnen, und die eine Hälfte der Christen muß mich immer gegen die andere in meinem Bollwehr schützen. So trennte Paulus das Synedrium; und ich, ich darf uur zu verhindern suchen, was ohnedem nicht geschehen wird; nehmlich nur zu verhindern suchen-, daß die Pabisten nicht Lutheraner und die Lutheraner nicht Pabisten werden. Ich danke Ihnen für die gütigen Wünsche zu Fortsetzung meiner Streitigkeit. Aber ich brauche sie kaum: denn diese Streitigkeit ist nun schon mein Steckenpferd geworden, das mich nie so herabwerffen kann, daß ich den Hals nothwendig brechen müßte. Den Stall wird man meinem Steckenpferde gewiß hier auch nicht versagen, wenn ich ihn nicht selbst aufkündige. Leben Sie recht wohl, meine wertheste Freundin! und sobald sich der Hohepriester nur mit einer Sylbe gegen meine nöthige Antwort regt: so haben Sie doch ja die Güte mir es zu schicken. Dero ganz ergebenster L. An Karl G. Lcssüig. Wolfenbüttel, den 11. Aug. 1778. Mein lieber Bruder, Ich habe den Bogen erhalten, und danke Dir und unserm Loß für die prompte Besorgung. Es wird auf Götzen ankommen, ob meine künftigen Antworten klein oder groß werden. Materie hätte ich zn Folianten; und auch bogenweise lassen stch Folianten zusammen schreiben. Roch weiß ich nicht, was für einen Ausgang mein Handel nehmen wird. Aber ich möchte gern auf einen jeden gefaßt seyn. Du weißt wohl, daß man das nicht besser ist, als wenn man Geld hat, so viel man braucht; und da habe ich diese vergangene Nacht einen närrischen Einfall gehabt. Ich habe vor vielen Jahren einmal ein Schauspiel entworfen, dessen Inhalt eine Art von Analogie mit meinen gegenwärtigen Streitigkeiten hat, die ich mir damals wohl nicht träumen ließ. Wenn Du und MoscS cS für gut finden, so will ich das Ding auf Subscription drucken lassen, und Du kamist nachstehende Ankündigung nur je eher je lieber ein Paar hundertmal auf einem Octavblatte abdrucken lassen, und ausstreuen, so viel und so weit Du 610 Lessinas Briefe. 1778. es für nöthig hältst. Ich möchte zwar nicht gern, daß der eigentliche Inhalt meines anjnkündigenden Stücks allzufrüh bekannt würde; aber doch, wenn Ihr, Du oder Moses, ihn wissen wollt, so schlagt das Decamerono des Loesceio auf: -! 614 LessingS Briefe, 1778. sucht, als den Leuten das Maul aufzusperren. Denn so dächtest Du nun ganz gewiß sehr falsch. Mein Nathan, wie mir Professor Schmid und vschenburg bezeugen können, ist ein Stück, welches ich schon vor drey Jahren, gleich nach meiner Furückkunft von der Reise, vollends aufs Reine bringen und drucken lassen wollen. Ich habe es jetzt nur wieder vorgesucht, weil mir auf einmal beyfiel, daß ich, nach einigen kleinen Veranda rungen des Plans, dem Feinde auf einer andern Seile damit in die Flanke fallen könne. Mit diesen Veränderungen bin ich nun zu Rande, und mein Stuck ist so vollkommen fertig, als nur immer eins von meinen Stucken fertig gewesen, wenn ich sie drucken zu lassen anfing. Gleichwohl will ich noch bis Weyhnachten daran flicken, poliren, und erst zu Weyhnachten anfangen, alles aufs Reine zu schreiben, und ü mesure abdrucken zu lassen, daß ich unfehlbar auf der Ostermesse damit erscheinen kann. Früher habe ich damit nie erscheinen wollen; denn Tu erinnerst Dich doch wohl, daß ich in meiner Ankündigung zu Weyhnachten vorher die Zahl der Subscribenten zu wissen verlangt habe. Und also wäre der Sine Punkt, über den Herr Voß gewiß seyn möchte, ohne alle Schwierigkeit. Ostern 1779 ist mein Stück gedruckt, und wenn auch nicht zwanzig Personen darauf subscribirt hätten; — und wenn ich cS für mein eigenes Geld müßte drucken lassen. Auch könnte ich über den zweyten Punkt ihn völlig beruhigen. Mein Stück hat mir uusern jetzigen Schwarzröcken nichts zu thun; und ich will ihm den Weg nicht selbst verhauen, endlich doch einmal aufs Theater zu kommen, wenn es auch erst »ach hundert Jahren wäre. Die Theologen aller geoffenbarten Religionen werden freylich innerlich darauf schimpfen; doch dawider sich öffentlich zu erklären, werden sie wohl bleiben lassen. Aber nun sage mir, was will eigentlich Herr Voß? Durch wel> ches neue Avertisscment glaubt er mir den besagten Vortheil schaffen zu können? Dieser Vortheil würde mir allerdings sehr willkommen seyn; denn ich bin nie ein Feind vom Gelde gewesen, und jetzt bin ich es am allerwenigsten. Den Besitz meines Stücks nach der Subscription habe ich ihm, von Anfang an, zugedacht. Nur mit dem Pränumeriren möchte ich gern nichts zu thun haben. Denn wenn ich nun plötzlich stürbe? So bliebe ich vielleicht tausend Leuten einem jeden einen Gulden schuldig, deren jeder für zehn Thaler auf mich schimpfen würde. Und wozu auch? Geld bis zu Ostern brauche ich freylich, und die Sorge es anzuschaffen, wird mich oft Lessmgs Briefe. 1778. 615 in einer Arbeit unterbrechen, in der man gar nicht unterbrochen seyn mußte. Aber wenn Tu wirklich mcynst, daß Dein andrer Vorschlag thun- lich sey, und sich wohl noch ein Freund fände, der mir das Benöthigle zu den gewöhnlichen Zinsen vorschösse, so würde ich diesen tausendmal annehmlicher finde». Ich brauchte aber wenigstens lZW Thaler, um mit aller tZcmächlichkcit einer Arbeit nachzuhängen, in welcher auch die kleinsten Spuren der Zerstreuung so merklich werden. Ich will gern alle Sicherheit geben, die ich jetzt zu geben im Stande bin: meinen Wechsel: und wenn ich plötzlich stürbe, würde doch wohl auch noch so viel übrig sey», daß dieser Wechsel bezahlt werten könnte. Ich werde gehindert, Dir auch auf das Ucbrige Deines Briefes zu antworten. Eotthold. An Karl G. Lcssmg. Braunschweig, den 1. Der. 1778. Mein liebster Bruder, In Erwartung Deines letzt Versprochenen, wenigstens in Erwartung, so bald als möglich zu erfahren, ob und wenn ich gewiß darauf rechnen könne, schicke ich Dir hier den Anfang meines Stücks; aus Absicht, die ich iu meinem letzten an Herrn Voß gemeldet habe. Laß einen Bogen anf Papier, wie meine dramatische Schriften, doch so bald als möglich absetzen; damit ich ungefähr wissen kann, waS so ein Bogen faßt, vnd ich meinen Pegasus ein wenig anHallen kann, wenn er freyes Feld sieht. Das Stück braucht eben nicht sechzehn Bogen zu werden, weil ich eine ziemlich starke Vorrede dazu in petto habe. Wenn cS aber auch über sechzehn Bogen wird: so habe ich mich in dem Avcrtisscment wegen des SubscriplionS-Preises bereits erklärt. Wenn ich Dir »och nicht geschrieben habe, daß das Stück in Versen ist: so wirst Du Dich vermuthlich wundern, eS so zu finden. Laß Dir aber nur wenigstens nicht bange seyn, daß ich darum später fertig werden würde. Meine Prose hat mir von jeher mehr Zeit gekostet, als Verse. Ja, wirst Du sagen, als solche Verse! — Mit Erlaubniß; ich dächte, sie wären viel schlechter, wenn sie viel besser wären. Es soll mich verlangen, waS Herr Ramler dazu sagen wird. Ihm und Herrn Moses kannst Du sie wohl weisen, dessen Urtheil vom Tone des Ganzen ich wohl auch zu wissen begierig wäre. ES 33° 616 Lessings Briefe. 1778. verficht sich, wenn der Bogen abgesetzt ist, daß ich das Mainiscript wieder zurückhaben muß. Eotthold. An Elisc Reimarus. Wolfenbüttcl den IKten Decbr. 78. Was Sie mir so gut imd freundschaftlich vorwerfen, habe ich mir schon manchmal sehr bitter vorgeworffcn. Aber es sey nun, daß die eigene Bitterkeit gegen sich selbst eben so bitter nicht ist; oder mir in der Welt nicht leicht etwas bitter genug seyn kann: genug es blieb von einem Tage zum ander» bey dem Lorsatze, diesen Lorwurf nicht länger auf wir sitzen zu lassen, lind wer weiß, wie lange cS noch dabey geblieben wäre, wenn Sie mich nicht angesiossen hätten. t5ben wollte ich völlig einschlafen. — Toch das ist nicht wahr. Meine Schlafsucht hat sich ganz verloren; und wenn Sie sie nicht etwa mit der Zeit in meinem Nalhan wiederfinden: so habe ich von Glück zu sagen. — Wie es mir sonst geht, — wenn ich nur gesund bin — daran ist nicht viel gelegen. (5in bischen Lerdrnß habe ich sogar mit unter gern; und der liebe Gott weiß wohl, was Ich gern habe, und mir gesund ist. — Die Zahl 72 ist eine merkwürdige Zahl. Tenn es ist die eigentliche Zahl, wenn ich mich nicht irre, der rciluiiclo sogenannten 70 Iün- ger, 70 Tollmelscher, 70 Beysitzer im hohen Rath. Ausser diesen Siebjigen, wie viel zählen wir dcuu Apostel? Bey Campen fällt mir ei», daß ich einmal ein Journal schreiben wollen, unter dem Titel: das Beste aus schlechten Büchern. Wenn ich allenfalls dieses Projekt wieder vorsuchc, nnd er seinen AnSzng ") sonst nicht gedruckt bekommen kann: so will ich mir ihn zum ersten oder letzten Stücke besagten Journals auSbittcn. Niemanden verwehrt, nochmals einen Auszug aus dem Auszüge dieses Auszuges zu mache»! Eveze, hat man mir geschrieben, wäre krank, und müßte alle Tage zwei Stunden reite», welches grade die zwei Stunden wären, die er sonst zu meiner Widerlegung bestimmt gehabt hätte. Wenn das ist, so will ich noch heut anfangen, um seine Genesung herzlich zu beten. ") Bezicht sich auf Sainpens damalige» latciuischcu Bibel-Auszug. Lappenberg. LessingS Briefe. 1778. 617 Endlich lassen sich die grossen Wespen doch auch ans dem Loche schrecke». Die Göttingsche sumset nicht so arg, als sie zu stechen drohet, wir Werdens ja sehen. Ich muß nur machen, daß ich mit meinem Nalhan fertig werde. Um geschwind fertig zu werden, mache ich ihn in Versen. Freylich nicht in gereimten: denn das wäre gar zu ungereimt. Sie wissen doch, daß ich Ihren Cato habe? Von dem umständlich, so bald ich den Englischen wieder gelesen habe. Aber das kann ich wohl so bald nicht, wenn ich vors erste mit meinen Versen zufrieden bleiben soll. Erüssen Sie die Brüder und Schwestern: und leben Sie recht wohl. L. Wolfenbüttcl, d. 18. Dcccmb. 1778. Allerdings, mein lieber Ramler, bin ich Ihnen eine Entschuldigung schuldig, warum ich in dem ersten versificirten Stücke, das ich mache, nicht unser verabredetes Metrum gebraucht habe. Die reine lautre Wahrheit ist, daß es mir nicht geläufig genug war. Ich habe Ihren LcpbaluS wohl zehnmal gelesen; und doch wollten mir die Anapästen niemals von selbst kommen. Sie in den fertigen VcrS hinein- slickcn, das wollt' ich auch nicht. — Aber nur Geduld! Das ist bloß ein Versuch, mit dem ich eilen muß, und den ich so ziemlich, in Ansehung des WohlklangcS von der Hand wegschlagen zu können glaube. Denn ich habe wirklich die Verse nicht des WohlklangeS wegen gewählt: sondern weil ich glaubte, daß der orientalische Ton, den ich doch hier nnd da angeben müssen, in der Prose zu sehr auffallen dürfte. Auch erlaube, meynte ich, der Vers- immer einen Absprung eher, wie ich ihn itzl zu meiner anderweitigen Absicht, bey aller Gelegenheit ergreisen muß. Mir gnüget, daß Sie nur so mit der Ver- sifikation nicht ganz und gar unzufrieden sind. Ein andermal will ich Ihrem Muster besser nachfolgen. Doch muß ich Ihnen voraussagen, daß ich sechsfüßige Feilen nie wählen werde. Wenn eS auch nur der armseligen Ursache wegen wäre, daß stch im Drucken auf ordinärem Octav die Zeilen so garstig brechen. — Ihre grammatikalischen Zettel sollen Ihnen unrcrlvren seyn: ich will sie fürs eiste nur noch bey mir behalten, um den Inhalt desto gewisser zu befolgen. — Nnr Fäden mochte ich doch lieber, als Faden; weil Faden sehr leicht für den Singularis genommen werden könnte, wenn der Artikel den nicht recht deutlich von dem unterschieden würde. — Ihre Lesart im 201 Verse: 618 LessingS Briefe. 1778. wem schmeichelt Ihr ic. ist eine wahre Verbesserung, die ich wit vielem Dank annehme. — Ich sende mit heutiger Post wieder einen ziemlichen Flatschcn an meinen Bruder. Wenn Sie auch den lesen: so thun Sie mir einen Gefallen; und ich will ausdrücklich, daß Sie ihn länger als eine Stunde behalten können, um alle Ihre Anmerkungen zu haben. — Für den zweyten Theil der Blumenlese recht vielen Dank! Daß ich Ihre Verbesserungen weiner Dingerchen blindlings unterschreibe, das wissen Sie schon, und ich habe mich weidlich vor einigen Wochen über das dumme Allonaer PostPferd geärgert, welches noch immer den Hagedornischen Lesarten die Stange halten will. — Leben Sie recht wohl! Wir schreiben uuS vor dem Geburtstage ja wohl »och einmal: und wenn ich mit dem Nalhan sodann fertig bin — wer weiß? Lessi"g- An Karl G. Lessmg. Wolfenbültel, den 19. Dec. 1778. Mein lieber Bruder, Ich habe auf Deinen letzten Brief sofort an M. W °° geschrieben; und Gott gebe, daß cS nicht bloßer guter Wille mag gewesen seyn! Sollte er aller der positiven Aeußerungen ungeachtet dennoch verhindert werden, Wort zu halten: so bin ich ganz unglaublich übel daran. Denn ich habe andere Anstalten zu machen, gänzlich versäumt. Du erhältst hierbey die Fortsetzung meines Stücks bis zu Seile 74. Wenn Ramler in diesem neuen Klatschen auch nur wieder eine sechsfüßige Zeile entdeckt, so ist es mir schon lieb. Du mußt doch auch sehen, daß ich wirklich mit allem Ernste fortarbeite. Bey dieser Gelegenheit will ich Dir doch aber auch sagen, daß Du alle Deine Auslagen, die Dir der Nathan schon gemacht hat, und vermuthlich noch macheu wird, ja wohl aufschreiben, und mir zu seiner Feit wieder abfordern mußt. Nun bin ich begierig auf den Prcbcbogen, und zu hören, was Du wegen des Druckes für das dienlichste achtest. Ich will doch nicht hoffen, daß mir der Censor in Berlin wird Händel machen? Denn er dürfte leicht in der Folge mehr sehr auffallende Zeilen finden, wenn er aus der Acht läßt, aus welchem Munde sie komme», und die Per- sonen für den Verfasser nimmt. — Lebe recht wohl! Eotthold. LesfiugS Brief-. , 4778, Meine liebe Schwester, Gott weiß eS, daß ich Dich nicht vergessen, sondern allezeit mit Wehmuth sehr oft an Dich gedacht habe. Aber wenn Du wüßtest, in welchen Sorgen ich seit dem Tode meiner Frau gelebt habe, und wie kümmerlich ich habe leben müssen, so würdest Du gewiß mehr Mitleiden mit mir haben, als mir Vorwürffe machen. Meine Frau ist nun eben ein Zahr tod, und ich weiß nicht einmal ob ich an Theo- philuS ihren Tod gemeldet. Wenn nicht: so mag er mir es verzeihen, daß ich einer so unangenehmen Pflicht gegen ihn nicht eingedenk gewesen bin. Er wird böse auf mich seyn: ich will ihn aber nächstens wieder gut zu machen suchen. Ich freue mich herzlich, daß er an eine bessere Stelle gekommen. Du gehst doch wieder zu ihm? — Nimm indeß mit begehenden A Louisd'or vorlieb. Ich hoffe Dir ehstcnS mehr zu schicken. Lebe recht wohl. Dein treuer Bruder Wolfenbüttel den 28 Decbr. 1778. Gotthold. An Karl G. Lessing. Wolfenbüttel, den 30. Decbr. 1778. Mein lieber Bruder, Ich habe das Geld von M. W °" erhalten, und danke Dir für Deine dabey verwandten Dienste. Auch erhalte ich den Probedruck, welcher mich ein wenig verlegen macht. Allerdings hätte ich gern gesehen, daß es ein ganzer Bogen gewesen wäre; um zugleich eine Probe des Papiers zu haben, das der Buchdrucker liefern kann, an den Du Dich vorläufig gewendet hast. Indeß, nur nach diesem Blättchen zu urtheilen, ist das Papier viel zu klein, und gar nicht das nehmliche, auf welches meine Schriften bey Voß gedruckt find, und welches ich in der Ankündigung versprochen habe. Wenn der Buchdrucker dergleichen nicht hat, auch nicht anschaffen kann, so möchte ich lieber von dem kleinen Forwale ganz und gar abgehen, und das Stück in Groß-Octav drucken lassen. ES kommt auch ohnedies sonst zu wenig auf eine Seite; und statt sechzehn Bogen, auf die ich gerechnet, würde ich kaum mit einigen zwanzig reichen, wenn das Ganze so wie die Probe abgedruckt würde. Auch ist Groß-Octav darum besser, weil die Zeilen sich darauf nicht brechen, welches bey dem kleinen Format ein mir unerträglicher Ucbelstand ist. Allerdings wäre 620 LessiugS Briefe. 1778. 1779. es hiernächst wohl besser, wenn die Druckcrkostcn sich in Berlin um ein Merkliches höher belaufe» sollte», daß ich auswärts drucken ließe; und an mei»e»l Manuskripte sollte es gewiß nicht liegen, daß es nicht geschehen könnte. Auf mein letztes mit der Fortsetzung des MannscripleS habe ich noch keine Antwort. Ich will doch hoffen, daß Du es richtig erhallen. Lebe recht wohl; und wenn Du in dem alten Jahre nicht zufrieden genug gewesen, so hol cS in dem neuen »ach. Gruße mir Deine Frau. Was macht mein Palhc? Mache, daß er laufen kann, und daß Du einen andern Jungen bekömmst: so nehme ich Dir ihn ab. Gotthold. Mein lieber Herder,') Sie sind sehr gütig, daß Sie nach zwey Briefen, die ich nicht so beantworten konnte, als ich gern wollte, und also lieber gar nicht beantwortete, mich noch des dritten würdigen. Sie glauben nicht, wie angenehm er mir gewesen, und wie dankbar ich gern dafür seyn möchte. Denn er antwortet mir ungefragt auf mancherley Dinge, wobey immer einer von meinen ersten Gedanken gewesen ist: was wird Herder dazu sagen? Nathan kann nicht eher als in der Lstermesse erscheinen, und Sie sollen von Leipzig aus die verlangten Exemplare erhalten. Ich will hoffen, daß Sie weder den Propheten Rathan, noch eine Satirc auf Goezen erwarte». (5S ist ein Nathan, der beym Äocca; ^iornulul. Novell» 3.) Melchisedek heißt, und dem ich diesen Namen nur immer halte lasse» können, da er doch wohl, wie Melchisedek, ohne Spur vor sich und nach «ich, wieder aus der Welt gehen wird. 1o- iroite, et Iiie Dir lunt! kann ich indeß sicher meinen Lesern zuruffeo, die dieser Fingerzeig noch unmulhiger machen wollte. Wo auch nur die Hoffnung herkommen könnte, die Fragmente ganz an das Licht zu bringen, weiß ich nicht. Nicht zwar, daß man mich abgeschreckt hätte, der Wahrheit diesen Dienst zu thun; sie mag sich nun endlich finden lassen, ans welcher Seite sie will. Sondern weil ich wirklich das ganze Manuskript nicht in Händen, und cS nur bey Leuten gelesen habe, die entweder viel zu eifersüchtig, oder viel *) Dieser Brief erscheint hier nach dem Original verbessert, welches jetzt der Papierhändler Herr Künzcl in Heilbronn besitzt. Einen andern angeblich migedrncktc» Brief an Herder hat er dem Herausgeber verweigert, weil er durch den Abdruck seinen Werth verliere. Lessings Briefe. 1779, 521 zu furchtsam damit sind, als daß sie mir es anvertrauen möchten; so viel und heilig ich auch die vom letzter» Schlage versichert habe, daß ich alle Gefahr anf mich allein nehmen wolle. Was Ihnen Wcygand geschrieben, hat er nicht recht von mir eingenommen. Nicht deutsche Volkslieder, sondern deutsche Volksge- dichte habe ich herausgeben wollen. Von Liedern habe ich bey unsern Alten wenig oder nichts gefunden, was der Erhaltung werth wäre; ich habe mich vielmehr gewundert, woher Sie noch so viel aufgetrieben. Dem poetischen Genie unsrer Vorfahren Ehre zu machen, müßte man auch wohl mehr das erzählende und dogmatische, als das lyrische Fach wählen. In dem Fache, welches ans jenen beyden zu- sammeugesetzt ist, getraute ich mir z. E. eine Sammlung Fabeln und Erzählungen zu liefern, wie sie kein Volk aus so frühen Zeiten in Europa besser haben müßte. Und gleichwohl waren es weder Erzählungen noch Fabeln, was ich unter dem Namen deutscher Volksgedichte bekannt machen wollte. Sondern es waren Theils pviameln, Theils Äilderreime. — Priamel», wovon itzt noch kaum der Name mehr bekannt ist, waren im IZten und 14ten Jahrhunderte eine Art von kurzen Gedichten, die ich gern das ursprünglich deutsche Epigramm nenne» möchte; alle moralischen Inhalts, obgleich nicht alle von dem züchtigsicn Ausdrucke. Die Bibliothek besitzt davon ansehnliche Sammlungen, von mehr als einer Hand geschrieben. Damit Sie sich einen Begriff davon machen können, will ich einige von denen, die ich abgeschrieben habe, beylegen. Schreiben Sie mir aufrichtig, ob mich das Alterthum nicht verleitet, mehr daraus zu machen, als sie verdienen. — Unter Bildcrreimcn versteh ich die Gedichte, welche sich um das Ende.des löten Jahrhunderts, bis gegen die Mitte des folgenden, so häufig auf einzeln fliegenden Kupferstichen oder Holzschnitten, satyrisch-moralischen, und satyrisch-politischen Inhalts, befinden, deren ich eine ziemliche Menge gesammelt habe, uno die zum Theile, selbst von der Seite der Kunst, nichts weniger als zu verachten sind. AuS diesen zwey Quellen also, wollte ich meine Volksge- dichre schöpfe», von welchen ich zweifle, ob sich irgend etwas davon zu Ihrem Plane schicke» möchte. Mit dem Renner ist mir nur kürzlich ein besondres glückliches Unglück begegnet. Ich halte aus drey Manuskripte», welche unsre Bibliothek besitzt, (die Ihnen bekannte Eudensche Abschrift ist nicht darunter; diese war scho» vorher veräussert worden, ehe Leibniy die übrigen Gudciische» Handschriften kaufen ließ) eine» Renner zusammengeschrieben, wie ich glaubte, daß er wohl könne gewesen sey»; 522 Lessings Briefe. 1779. und wollte ihn eben bey weygand drucken lassen, als mir mivermu- thet ein viertes Manuskript in Hamburg zu Händen kömmt, welches so gut und so alt ist, daß ich alles aufS neue durchgehen muß. Wenn ich aber dazu Zeit finden werde, da ich hier keinen Menschen habe, der mich dessen, was bey solcher Arbeit bloße I)rn6ger^ ist, überheben könnte, weiß Gott. Daß aus Bermchs Hans Sachsen nichts wird, habe ich ungern gelesen. Ich wollte eben an ihn schreiben, und ihn bitten, wenn er doch so viele Alphabete Reime drucken ließ, noch einige Bogen Prosa von dem nehmlichen Verfasser beydrucken zu lassen; wäre es auch nur um zu sehen, wie HaoS Sachsens Prosa gewesen. Denn daß HanS Sachsens prosaische Aufsätze auch ein ganz sonderbares Monument in der RcformationSgeschichte sind, wird mir freylich keiner auf mein Wort glauben, der sie nicht gelesen hat. Wielands Plaisanterie über den Bunkel ist so gerecht als lustig, und Nikolai mag sie auch wohl gegen ihn verschuldet haben. Wen» er nur nicht damit eine ganze Sprosse aus der Leiter ausbräche, die ein gewisses Publicum nothwendig mit besteigen muß, wenn es weiter kommen soll. Sie verstehen mich. Wenn zu Verbreitung solcher Ideen, die doch auch ihren Werth haben, nun nichts besser wäre, als so ein ruppichter Roman? Leben Sie recht wohl. Sie sehen, ich mache noch weniger Umstände, wenn ich an einen Mann schreibe, den ich so von Grund des Herzens hochschätze. Wolfenbüttel den 10. Ienner 79. G. S. Lessing. An Karl G. Lessing. Wolfenbüttel, den 15. Januar 1779. Mein lieber Bruder, Du bekommst hicrbey nicht allein abermals einen neuen Zlatschen des ManuscriptS (von Seite 76 —11k), den ich Dich Ramlern zu communicircn bitte; sondern auch den ersten Klatschen wieder, der nun völlig so ist, wie er kann gedruckt werden. Ich habe, mit den Malern zu reden, die letzten Lichterchen aufgesetzt; das ist, die eigentlichen Vorbereitungen eingeschaltet, die sich ganz vom Anfange nicht absehen lassen. Fangt also nur an zn drucken, sobald ihr wollt. Ich habe einen zu großen Vorsprung, als daß mich die Setzer einholen LefsingS Briefe. 1779. 623 sollten. Ich wähle aber die letztere kleinere Probeschrift, um dem Brechen der Zeilen schlechterdings vorzubeugen: nur muß die Columne um eine oder zwey Zeilen länger und höher seyn; denn mit 19 Zeile» ist sie wirklich gegen die Breite zu kurz. ES thut mir zwar leid, daß ich sonach wenigstens 24 Bogen anstatt 16 Bogen geben muß; doch ich denke, wer von meinen Subscribcnten einen Eulden daran hat wagen wollen, der wagt auch wohl einen Thaler daran, und so komme ich wieder dem Rabatt nach, den ich den Buchhändlern abgebe. Aber nun mochte ich auch gern wissen, wie viel Du und Voß eigentlich Subscribcnten habt? Ich für mein Theil muß wenigstens Iggl) Exemplare haben: denn so viel haben sich bey mir unmittelbar gemeldet; und ich will hoffen, daß Du hierauf schon gerechnet hast, wenn Du mir schreibst, daß eine starke Auflage gedruckt werden müsse. WaS bey dem Abdrucke zu beobachten ist, habe ich für dcn Setzer auf ein einzelnes Blatt geschrieben. Besonders muß der Unterschied an Strichen — und Punkten----ja wohl beobachtet werden. Denn dieses ist ein wesentliches Stück meiner neuen Jnterpunction für die Schauspieler; über welche ich mich in der Lorrede erklären wollte, wozu ich aber nun wohl schwerlich Platz haben dürfte. Auch sollte, nach meinem ersten Anschlage, noch ein Nachspiel dazu kommen, genannt der Derwisch, welches auf eine neue Art den Faden einer Episode des Stücks selbst wieder aufnähme, und zu Ende brächte. Aber auch das muß wegbleiben, und Du siehst wohl, daß ich sonach bei einer zweyten Auflage mein Stück noch um die Hälfte stärker machen kann. Doch ich weiß noch nicht, wie die erste Auflage aufgenommen wird, und denke schon an die zweyte! Sobald ich den zweyten Flalschen Manuscript zurück habe, will ich ihn gleichfalls in wenig Tagen absolviren und wieder zurücksenden. Gotthold. N. S. Herrn Ramlcr antworte ich mit erster reitender Post. Ich muß uur noch auf die Bibliothek gehen, etwas nachzusuchen. Wolfenbüttel, d. 1. Februar 1779. Mein lieber Ramler, Ich muß mich schämen, daß ich Ihre Anfragen wegen des Wer- nikc zurückschicke. Ich wollte Ihnen gern recht viel antworten, und habe es am Nachschlagen nicht fehlen lassen. Die Bibliothek hat von ihm gar »ichtS. Aber den Artikel von ihm in MvIIvri iüimbiia lit- 624 LesstngS Briefe. 177!). lerata, will ich ausschreiben, sobald das Buch zurückkommt, wornach ich schon geschrieben habe. Mein Bruder hat schon langst wieder neues Manuskript. Hat er es Ihnen noch nicht gegeben? Es thut mir leid, daß ich Sie um so viel Zeit bringe; aber Sie werden finden, daß ich fast alles von Ihnen genutzt habe: einige Kleinigkeiten ausgenommen, über die wir uns mündlich leicht verstehen würden. — Ich sende auch heute wieder dem Bruder Manuskript, und mit dem, hoffentlich, sollen Sie nun wohl auch den Gang des Stücks ungefähr absehen. — Mich verlangt, wie Sie mit der Erzählung zufrieden seyn werden, die mir wirklich am sauersten geworden ist. Leben Sie recht wohl. Der Ihrige, __' , Lessing. An Karl G. Lessing. Wolfenbüttel, den 16. März 1779. Mein lieber Bruder, Hier wieder frisches Mauuscript von 172-202, wobey sich bereits die ersten Bogen des fünften Auszuges befinden, lind nun wirst Tu mir doch glauben, daß ich zn Ende dieses MonatS gewiß fertig bin? — Aber wie es um den Druck steht, das mag Gott wisse»! ES sind nun schon wieder vierzehn Tage seit Deinem Letzter» verflossen, und ich sehe und höre nichts von Aushängebogen. Wenn Du mir doch nur wenigstens einen Correcturbogcn von den besagten drehen geschickt hättest! — ES wäre kein Wunder, wenn ich wir, ich weiß nicht was, einbildete. Denn auch von meinen anderweitige» Fragen hast Du mir ja keine einzige beantwortet. Ich weiß ja weder wie viel Sub- scribenten Du, noch wie viel Voß hat. Am Ende kaun ja Voß nicht einmal so viel haben, daß nur die 3V0 Thaler an M. W ° ° in Leipzig davon bezahlt werden können. Alsdann käme ich gut an! Denn ich habe an M. W ° ° einen Wechsel darüber ans vier Monate ausgestellt, der wir sodann auf den Hals käme, ohne daß ich die geringste Anstalt dcsfalls gemacht hätte. Du glaubst nicht, wie mich das bekümmert, und es wäre ein Wunder, wenn man cS meiner Arbeit nicht anmerkte, unter welcher Unruhe ich sie zusammen schreibe. Da ich gar nicht weiß, wie viele Bogen das Stück betragen wird, so habe ich mir nun vorgenommen, ganz und gar keine Vorrede vorzusetzen; sondern diese, nebst dem Nachspiele: der Derwisch/ ' ^ Lesstngs Briefe. 1779. 625 und verschiedenen Erläuterungen, auch einer Abhandlung über die dramatische Jnterpunclion, entweder zu einem zweyten Theile, oder zu einer neuen vermehrten Auflage zurückzubehalten. — Nimm meine. Qualereycn nicht übel und lebe wohl! Eotthold. An Karl G. Lessiiig. Wolfenbultel, den 19. März 1779. Mein lieber Bruder, Ich hatte wein Letztes eben auf die Post gegeben, als ich das Teiiie erhielt, und nun hätte ich gern meins wieder gehabt. Vor allen Gingen vielen Dank von meiner Tochter für die schö- neu Sachen! Doch daß Dn Dich nicht irrest: dieser Dank gehört mehr Deiner lieben Frau, als Dir! Denn von mir und Thcophilus hat sie sichs uun einmal abstrahln, daß wir Brüder uns auf dergleichen Dinge nicht verstehen. — Du wirst mir zu seiner Zeit schon melden, was der allerliebste Plunder kostet. Hierbei) kömmt das letztere Manuscript zurück, so wie es in die Buchdruckerey kann gegeben werden. Unserm MoscS werde ich für seinen gegebenen guten Wink°) mit nächster Po.st selbst danken. — Wenn ich das Ende des ManuscrivtS an Ramlern schicke, so kann eS nur gleich dort bleiben; wenn Du mir seine Anmerkungen nur mit der reitenden Post schickst, auf die ich mit der nehmlichen meine zu machenden Veränderungen einsenden will. Denn mit der fahrenden Post gehl es allzu langsam. Der Aushängebogen gefällt mir überhaupt ganz wohl; hat aber doch verschiedenes, was ich besser und anders wünschte. Ich bin daher nicht übel geneigt, wenn wir fertig sind, das Quarlblatt S. 1. 2. 15. und 1l>. umdruckcn zu lassen: Theils wegen der garstigen gc> brochcncn Feile auf der ersten Seite, Theils wegen ein Paar Unschicklichkeiten auf der 16te», wo der Ansatz (bey Seite) ganz wegfallen, und der Zusatz (lächelnd) aus der ganz kleinen Schrift gesetzt werden *) Es war in einer, ich weiß nicht mehr welcher, Scene eine Stelle, wo Saladin den Tempelherrn fragte, ob seine Mutter nicht ebcmals im Morgcnlandc gewesen scv, (vcrmnlhlich, weil er sich dadurch die Achnlichkcit des Tempelherr» mit seinem Bruder erklären wolllc), und der letztere antwortete: meine Mutter nicht, wohl aber mein Valcr. Dieses wollte Moses weggestrichen wissen, weil es an ein bekanntes Gcschichtchen erinnere, und Lessings nicht würdig sey. L. strich die Stelle auch wirklich weg. D. Friedländer. 626 Lessings Briefe. 4779. muß. Wenn die weitem Zusätze oder Nachrichten für die Schauspieler, welche in den folgenden Bogen häufiger kommen, eben so groß gesetzt worden, so wird das einen schönen Uebelstand geben. Ich will hoffen, daß es nicht geschehen. Der Zusatz (bey Seite) muß darum wegbleiben, weil ich in der Folge durchaus, was bey Seite gesagt werden muß, zum Unterschiede mit Haken bloß eingeschlossen habe. Da ich übrigens nun sehe, daß das Stück zwischen 48 und 19 Bogen wird, so bleibt es dabey, daß ich entweder gar keine, oder doch nur eine ganz kurze Vorrede vorsetze, und daß ich alles llebrige unter dem Titel: der Derwisch, ein Nachspiel zum Nathan, besonders drucken lasse, und zwar auf dem nehmliche» Wege der Subscnption, wenn ich anders sehe, daß es sich der Mühe damit verlohnt. Denn für nur ganz mittelmäßige Vortheile mache ich mich nie wieder auf fünf Monathe zum Sklaven einer dramatischen Arbeit. So viel Zeit, leider! habe ich mir mit dieser verdorben, lind wer weiß, wie sie noch aufgenommen wird! Das neue Englische Buch von der Freymaurerey kenne ich nicht. Wenn es nicht etwas ganz Besonderes ist, so gieb Dich ja mit den Possen nicht ab! Meine Gedanken über den Ursprung des Ordens kann ich Dir nicht wohl mittheilen; denn sonst hätte ich sie in dem vierten und fünften Gespräch bereits selbst bekannt gemacht, welches ich aus nöthigem Menagement für unsern Herzog Ferdinand lieber unterlassen wollen. Lesen sollst Du sie wohl, diese ungedrucktcn Gespräche, wenn Du Dein Wort hältst, und mich instehenden Sommer besuchst; und ich denke, Du sollst viele von den t?rinnerungcn, die Du in der Litteraturzeitung gegen die drey ersten gemacht, beantwortet finden. Und nun schreibe mir doch einmal, was Nicolai macht. Ich fürchte, ihr Beyden seyd eben keine Freunde mehr zusammen. An mich schreibt er auch nicht mehr; welches er doch sonst zuweilen that. Meine theologischen Händel, denke ich, haben ein Loch in unser gutes Verständniß gemacht. Das sollte mir leid thun. — Hiermit lebe wohl mit Deiner guten Frau und Deinem Jungen. Was macht der? Gotthold. Wolfcnbiittel, den 30. März 1779. Mein lieber Rawler, Weder ich, noch Professor Sschenburg, der kürzlich in der poetischen Chrestomathie von Zachariä verschiednes aus der geharnischten LessingS Briefe. 1779. 627 Venus drucken lassen, haben jemals, aller angewandten Mühe ungeachtet, den wahren Namen des Verfassers derselben ausfiindig machen können. Eschenburg hat sogar deswegen an Glcim und Schwaben geschrieben; aber auch die wissen ihn nicht. — In meinem letzten Manuscript haben Sie nur ein Paar sechsfüßige Lerse angemerkt: und weiter nichts? — Sie werden es freylich müde seyn, armer Mann! Aber noch ein kleines Zwing dich Israel: und wir sind fertig. Für die schöne Kollekte danke ich Ihnen herzlich. Wenn Sie auch einmal so ein Treibejagen anstellen wollen: will ich mich gewiß auch nicht lumpen lassen; und Ihnen Subscribenten aus Marocco schaffen, wo ich wirkich jetzt einen guten Freund habe. Leben Sie wohl! _ L-ssina. An Karl G. Lessing. Wolfenbüttel, den — April 1779. Mein lieber Bruder, Ich wollte schon an allem verzweifeln, — den» Tu wußt wissen, daß ich mich dem ärgerlichen, mißtrauischen Aller mit große» schnellen Schritten nähere — als ich endlich Deinen Brief vom 9ten dieses mit den Aushängebogen bekam, und die Möglichkeit daraus erkannte, daß der Nathan noch so eben auf der Messe erscheinen könne. Das beste ist, daß er nicht weit nach Leipzig hat! Freylich, wenn er nur eben mit Thorschlüsse nach Leipzig kömmt, so werde ich ihn schwerlich hier eher haben, als ihn jeder Buchhändler, die alle mit Extrapost »ach Hause fahren, seines Orts mitbringen kann. Und Du glaubst gar nicht, wie unangenehm und nachtheilig mir es ist, daß meine Subscribenten ihn nicht zu allererst aus meinen Händen bekommen sollen. Thue doch also ja Dein Möglichstes, und schreibe dem Buchdrucker, daß er vor allen Dingen, noch ehe er ein Exemplar nach Leipzig sendet, an mich hierher nach Wolfenbüttel 1000 Stück abschickt. Außer diesen 1000 brauche ich noch, wie beygehender Zettel ausweiset, an zwey hundert, die Du Herrn Voß bitten mußt, von da aus zu spediren. Der Preis muß nothwendig 18 Groschen seyn; denn das Stück muß zuverlässig 18 volle Bogen betragen, da die ersten 3 Acte eilf Bogen füllen, und die zwey letzten um nichts kürzer sind, als jene. Ja, ich glaube nicht einmal, daß alles auf 18 Bogen gehen wird. Schicke mir ja die Aushängebogen, so weil Du sie immer hast; denn ich halte es wirklich für nothwendig, die Druckfehler anzuzeigen. So 528 Lessings Briefe. 1779. steht z. E- Dalk anstatt Delk, welches im Arabischen der Name des Kittels eines Derwisch ist. Ich hätte freylich können die fremden Wörter alle erklaren/ j. Div, so viel als Fee, Gimnistan, so viel als Feenland, Iammerlonk, das weite Oberkleid der Araber u. s. w. Aber auch daS kann entweder in einer zwcvten Ausgabe Plah finden, oder im Anhange des Derwisch. Diesen will ich diesen Sommer schon auch noch Zeit finden, auszuarbeiten. Denn mit Semlern will ich vorläufig nur wegen des Anhanges anbinden, und in Ansehung des Uebrigcn abwarten, was unsre Orthodoxen selbst dazu sagen werden. ES ist fast unmöglich, daß sie auf ihn nicht weit härter losbrechen sollten, als auf mich. Auf dem zweyten beiliegenden Blatte habe ich noch einige Verbesserungen von Ramlcrn geschrieben, die ich Dich in der Corrcctur anzunehmen bitte. Eben erhalte ich auch Deinen Brief vom IZten, worauf ich Dir aber weiter nichts antworten kann, als daß die Druckfehler aus den ersten neun Bogen nächstens folgen sollen. _ Gotthold. An Karl G. Lessing. Wolfenbüttel, den 58. April 177S. Mein lieber Bruder, Auf umstehendem Blatte schicke ich Dir die beträchtlicheren Druckfehler. Alle übrigen und sonstigen Unschicklichkeiten des Drucks will ich in dem Exemplare bemerken, das zu einer zweyten Ausgabe bereit seyn soll. Es kann wohl seyn, daß mein Nathan im Ganzen wenig Wirkung thun würde, wenn er auf daS Theater käme, welches wohl nie geschehen wird. Genug, wenn er sich mit Interesse nur liefet, und unter tausend Lesern nur Einer daraus an der Evidenz und Allgemeinheit seiner Religion zweifeln lernt. Und nun muß ich Dir auch schreiben, was Dir der gute Geschmack Deiner Frau für Unheil zuzieht. Du mußt mir schon für die Frau von D ° °, der die Blumen so sehr gefallen haben, noch ein Paar Buketter und einige einzelne schicken; doch dürfen keine Rosen darunter seyn. Kein Kopfzeug mag sie auch nicht dazu; sondern nur Blumen! Blumen! Ach das sind göttliche Blumen! Schreibe mir aber auch den Preis davon. — Grüße mir Deine liebe Frau und Deinen Jungen, und lebt recht wohl. Gotthold. g..«^^ «essings Briefe. 1779. 629 N- S- Wenn Du schon mehr als -ilf gedruckte Bogen in Händen hast: so bitte ich Dich/ die übrigen Druckfehler selbst hinzuzusetzen. Wenn eS welche noch giebt! Wolfenbüttel, den 7 May, 1779. Mein lieber Gleim! Hier sende ich Ihnen das beste und conservirtcste Exemplar der kölnischen Chronik, das sich in unserer Bibliothek befindet. Unter 777 wenigstens wird keines Spiegels gedacht. Ob sonst wo, habe ich itzt unmöglich Zeit aufzusuchen. Auch wird dem Herrn Domdechanten die Stelle schon selbst genauer nachgewiesen scvn, die ich mir allenfalls mitzutheilen bitte. Denn ich muß Ihnen gestehen, ich habe gegen ein so hohes Alter meine großen Zweifel. Und wenn denn auch schon ein Spiegel so früh in dieser Chronik genannt würde: muß er denn darum nothwendig der Stammvater der noch itzt blühenden Familie seyn? Es giebt ja noch dazu zwey Familien dieses Namens: eine Meißnische und eine Wcstphälischc, die, so viel ich weiß, kein gemeinschaftliches Wapen haben, und zu dem nehmlichen Stamme folglich nicht gehören. — Nächstens ein MehrcreS, lieber Gleim, wenn ich Ihnen den Na- than schicke. Ich will diesen Augenblick nach Braunschwcig; weil er vielleicht diesen Morgen mit der gelben Kutsche kommen dürfte. Meine und der Meinigcn Empfehlungen an Sie und die Ihrigen. Lcssing. An Elise Rcimcmis. Meine liebe Freundin, Hierbcy der Vorläuffer! Die übrigen Exemplare kommen mit nächster Post; welche auch meine, so lange verschobene Antwort und die Entschuldigung dieses schändlichen VcrschnbS mitbringt. Bis dahin Dero Wolfcnb. den 12 May 79. ganz ergebenster Fr., .'<>,» «i^.U-.liW i>5 i ,l»«»i!>M5»Mn«>i »dl L... > > ld-- Wolfenbüttel, d. 13. May 1779. Liebster Gleim, Hierbcy Ihre fünfzehn längst bezahlten NathanS! Ein schön eingebundenes Autorexcmplar behalten Sie bey mir »och zu gut. Ich habe jetzt nicht darauf warten mögen. LeslmgS Mcttc xn. 530 LcssmgS Briefe, 177>), Gott gebe, daß Ihnen das Ding wenigstens so so gefallen mag! Meines ganzen HauscS Empfehlung an das Ihrige, Lcssing, An Mademoiselle RcimaruS Nebst 72 Exempl. vom Nathan, Hamburg, Meine werthe Freundin/ Ich weiß, Sie vergebe» mir/ wenn Sie anders einen Augenblick unwillig auf mich gewesen sind. Wie bcylicgcndcS Blatt, könnte ich Ihnen mehrere schicken; wenn cS darauf ankäme, Sie zu überzeugen, daß ich längst antworten wollen. Doch an dem Willen liegt Ihnen nichtS; und Sie möchten lieber wissen, warum cS nicht geschehen. — Der Schubiack Seniler ist einzig daran Schuld. Ich bekam sein Geschmiere, eben als ich noch den ganzen 5tcn Akt am Nathan zu machen hatte, und ward über die impertinente ProfcssorganS so erbittert, daß ich alle gute Laune, die mir zum VerSmachen so nöthig ist, darüber verlor, und schon Gefahr lief, den ganzen Nathan darüber zu vergessen. Danken Sie auch nur Gott, daß ich während der Zeit Ihnen nicht schrieb! Ich würde Ihnen geschrieben haben, daß man nun schlechterdings nicht länger hinter dem Berge halten müsse. Wäre eS auch nur um so einen Esel zu beschämen, wenn sich ein Esel beschämen läßt! Noch jeyt könnte ich für diese Meynung seyn, wenn ich mir einbilden könnte, daß Sie dafür seyn könnte»! — Aber ich will es ihm schon indeß auf eine andere Weise eintränken, und ihm ein Bricfchen aus Bcdlam schreiben, daß er an mich denken soll! Nur ein klein wenig Geduld. Mittlerweile wird ihm mein Nathan schon auch ein wenig cinhcitzen. Was sagen Sie denn zu dem? Lassen Sie mich ja Ihr Urtheil darüber nicht lange entbehren! Ich verstehe unter Ihrem Urtheile zugleich das Urtheil der ganzen Gemeinde. Nöthig hätt' ichs wohl, daß Sie ein wenig gut davon urtheilte», um mich wieder mit mir selbst zufrieden zu machen. Denn das bin ich jeht so wenig, daß ich mir kaum manchmal die Möglichkeit vorstellen kann, wie ichs wieder werden soll. — Meinen Empfchl an die Ihrige». Leben Sie recht wohl! Wolf, den 14 May 79. L, p. 8. Nathan kostet 18 ggr. mit 15 pro (^enta liadliat. Wen» unter Ihren Snbscribenten unsere Freunde sind, als Campe -c. so »er- Lessmgs Briefe. 1779. 631 steht sich, daß Sie kein Geld von ihnen nehmen. Was aber sonst dafür einkömmt, haben Sie die Güte an den Münz-Meister Knorre bezahlen zu lassen. An F. H. Zacobi.°) Wolfcnbüttcl, den 18ten Mai 1779. Der Verfasser des Nathan möchte dem Verfasser des Woldemar die unterrichtende und gefühlvolle Stunde, die ihm dieser gemacht hat, gern vergelten. Aber durch Nathan? Wohl schwerlich. Nathan ist ein Sohn seines eintretenden Alters, den die Polemik entbinden helfen. An Elisc Rcimarns. Meine liebe Freundin, Sie müssen mir den Gefallen thun, und beyliegcnde zwcv Bogen, welche das Fragment vom Durchgange :c. enthalten, sobald es Ihnen möglich ist mit dem Autograph» vergleichen, und mir alle Verschiedenheiten, Zusätze oder Verbesserungen, sorgfältig am Rande bemerken. Denn eine Zahl muß wohl in meinem Manuscriptc verschrieben gewesen scvn, und ich muß mich in meiner Antwort an Seniler auf eine oder die andere Weise darüber erklären. — Daß Ihnen und der Gemeinde mein Nathan gefallen, freut mich sehr. Sobald ich mit Scm- lcrn fertig bin, und auch Lcssen geantwortet habe: arbeite ich meinen frommen Samariter, ein Trauerspiel in 5 Aufzügen, nach der Erfindung des Herrn Jesu Christi, aus. Der Levit und der Priester werden eine gar brillante Rolle dacinn spielen. Hr. Campe soll das Bewußte haben. Er muß sich aber 8 bis 14 Tage noch gedulden. Ich habe cS ein wenig weit verliehen, will mir cS aber unverzüglich wieder schicken lassen. Ich bin eilig. Leben Sie recht wohl! den 25 Map 7». L. An Eschcnburg. Den 17. Juni 1779. Ich danke Ihnen, mein lieber Eschcnburg, für Ihre gütige Besorgnis). Bcttlägrig und schlimm genug bin ich freilich einige Tage °) F. H- Iacobis auserlesener Briefwechsel, Band l, S. 284. ZacobiS Antwort vom 20sie» A»g. 1779 daselbst S. 2L«i. 34" 532 LessingS Briefe. 1779. gewesen; und ich glaubte schon, daß sich mein alter Gefährte, das hitzige Fieber, wieder zu mir finden würde. Aber doch hat er es noch wieder absagen lassen; und cS war nur eine Botschaft von diesem Boten. Ich fühle mich von Tag zu Tag besser, und hoffe künftige Woche gewiß nach Braunschweig zu kommen. Aber, daß Sie ja nicht glauben, daß ich mir hiermit Ihren Besuch auf morgen verbitte. Vielmehr bitte ich Sie darum recht sehr. Ich will Ihnen auch die kleine Entdeckung zeigen, und mitgeben, die ich über das alte Lehrgedicht gemacht habe. Ein ostensibles Bciefchen darüber schreiben, mochte ich wohl so bald nicht können. Ich lese in den Altonaer Zeitungen, daß unser Lcisewiiz die Lebensläufe in aufsteigender Linie geschrieben hat, wovon bereits der zweite Band heraus ist. ES ist doch unrecht, daß er uns gar nichts davon sagt. Setzen Sie ihm doch die Daumschrauben auf; und wenn er gesteht, so bringen Sie mir das Buch mit. An Karl G. Lcssing. Wolfenbüttcl, den 22. Julius 1779. Mein lieber Bruder, Ich wünsche Dir zu Deiner Veränderung, die eine gute Verbesserung zu seyn nicht ermangeln kann, viel Glück. — Und so hatte Dein Stillschweigen eine angenehmere Ursache, als meinS. Denn ich war krank die ganze Zeit über; und habe mich auch noch nicht völlig so erholt, daß ich nicht noch immer alle Tage ein Paar Stnnden auf dem Bette zubringen müßte. Gotthold. An Campc. Wolfcnbüttel, d. o. Nov. 1779. Die Bezeugung Ihres Beyfalls, theuerster Freund, kam mir in einem der Augenblicke, in welchen mir ein solcher Beyfall allmählich anfängt, sehr nothig zu werden. Desto mehr danke ich Ihnen dafür. Er hatte dadurch, daß er nur schriftlich kam, bey mir nichts verloren. Man würde es im Drucke doch nur eine profane Accommodation einer ohnedies schon apokryphischcn Stelle genannt haben, und kein Tadel ist empfindlicher, als der, welchen man einem gutgemeinten, aber übertriebenen Lobe, gleich an die Seite stellt. LcssiiijZs Briefe, 1779. WaS meine Krankheit anbelangt, die darf ich Ihnen wohl nicht beschreiben. Ich bin versichert/ wir würden beyde sehr gesunde Leute scvn, wenn wir eben so viel Schritte machten, als Buchstaben. Einander alle halbe Jahre einmal zu Fuße zu besuchen, das wäre mein Vorschlag. Gleichwohl bilde ich mir ein, daß Zerstreuung und Aufheiterung mir noch mehr fehlt, als Ihnen. Ihre Wünsche schiebe ich Ihnen ganz wieder zurück: denn was ist das Leben, wenn man den Genuß desselben so auSmäkeln muß? Hierbei kömmt endlich die Fortsetzung meiner Freimäurergespräche, von der mir Elise einmal geschrieben, daß Sie solche für einen Freund zu haben wünschten. Sie steht sehr gern zu Jedermanns Einsicht zu Dienste. Nur würde cS mir empfindlich seyn, wenn sie ohne mein Vorwisscn abgeschrieben oder gedruckt würde. Ich habe dem Herzoge Ferdinand versprochen, beydes ohne sein Vorwissen selbst nicht zu thun? und er würde mir nimmermehr glauben, wenn eS geschähe, daß es ohne mein Zuthun geschehen wäre. Leben Sie recht wohl, und fahren Sie recht fleißig fort — versteht sich, so fleißig, als es mit Ihrem Wohlleben bestehen kann — rohe Menschen lieber bilden, als schon gebildete umbilden zu wollen. Auch geschieht dieses vielleicht am besten, wenn man nur jenes zu thun sich anstellt. Ich empfehle mich Ihrer Frau Gemahlin und der Gemeinde. Wenn ich mir jetzt einmal wünsche, Linsen, mein Lieblingsgericht, zu essen, so ist immer ein zweiter Wunsch dabei, cS in Ihrer Gesellschaft zu essen. Lessing. An Karl G. Lcssing. Wolfcnbüttel, den 12. Dec. 1779. Mein lieber Bruder, Unsere letzten Briefe müssen sich unterwegcs getroffen haben, und eS ist mir lieb, daß Du also aus meinem eher, als Du den Deinen bey mir angelangt zu seyn glauben konntest, wirst ersehen haben, wie lingcgründet Deine Bcsorgniß ist; ich hätte bald gesagt, wie ungerecht. Ich habe weiter nichts hinzuzufügen, als daß ich Dir nun auch den Auftrag mit dem Pelze erlasse. Ich werde mich ohnedies diesen Winter nicht weit von Hause verlieren, und brauche ihn so nothwendig nicht. S34 Lcssings Bricfc. 1779. 1780. Vor einigen Tagen habe ich die Schrift des D- TralleS erhalten. WaS sagst Du dazu? Was sagt man in BreSlau dazu? Nur sein hohes Alter rettet den Mann von einem bunten Tanze, den ich sonst mit ihm verführen würde. Ich bin jetzt mit: So genannten Briefen an verschiedene Theologen, denen an meinen theologischen Streitigkeiten Antheil zu nehmen beliebt, beschäftigt. Die erste Verschickung enthält Briefe an den Dr. Walch in Eöttingen, dessen kritische Untersuchung ich vor allen Dingen beantworten muß. Die zweyte wird Bricfc an die Herren Lcß und Räß enthalten, u. s. w. Die erste wird zu Ostern gewiß erscheinen. Aber was Du von der Ankündigung derselben sagen wirst, die Du kurz nach dem neuen Jahre erhältst, soll mich wundern. Du bist doch mit Deiner Frau und Deinem Sohne noch gesund und wohl? Und ihr seyd BreSlau doch nun wohl gewohnter? Lebe recht wohl, und schreibe mir doch! Gotthold. An Campe. Ihr Urtheil über meine Gespräche ist mir sehr schmeichelhaft, und doch könnte ich wünschen, daß Sie meine Tochter wohlgesitteter als wohlausgcstattct gefunden hätten. Auch zweifle ich schr, ob Sic mir Ihren Dialog für meinen geben möchten. Denn noch so viele Blitze machen doch keinen Tag, der auf Ihren philosophischen Gesprächen so sanft und so befriedigend ruhet. — Den preston habe ich allerdings schon selbst gelesen, und den Betrieger oder Betrogenen in einem Grade in ihm gefunden, der mehr Unwillen in mir erregt hat, als die ganze Sache verdient. Ich kann nehmlich erweisen, daß alles, was zu Heinrichs des VI Zeiten in England mit den Frcymaurcrn vorgefallen seyn soll, die eigentlichen Maurer betroffen. Folglich ist das vorgebliche Verhör, das Heinrich mit seiner eigenen Hand geschrieben haben soll, eine bloße Posse, die Lcy- land abzuschreiben und Locke zu commcntircn schwerlich gewürdiget hätten. Denn wenn auch die Bemerkung, daß unter den Vcnctiancrn die Phönizier, und unter Peter Gower PvthagoraS zu verstehen sey, Lockens nicht ganz unwürdig wäre: so kommen doch so viel andere Dinge in diesen Lockischcn Anmerkungen vor, die schlechterdings einen viel flachem Geist verrathen. Locke sollte haben vorgeben können, (Anm. 91.) daß PythagoraS jedes geometrische Thcorcma zu einem Geheimnisse gemacht habe? daß er seine Kenntnisse nur dcnienigen mit- Lessings Briefe. 177S. 1780. getheilt, welche sich ein fünfjähriges Stillschweigen hätten gefalle» lassen? DaS fünfjährige Stillschweigen wäre Locken also die Bedingung, unter welcher, und nicht die Zeit/ in welcher PvthagoraS seine Schüler unterrichtete? Locke sollte haben schreiben können, (Anmerk. 11.) „daß die Gelehrten aller Zeitalter eine allgemeine Sprache sehr gewünscht haben?" Ich biete dem Trotz, der mir vor Airchern, Wallis, ZZechern, Leibniyen :c. die geringste Spur irgend cincS solchen Wunsches bei einem ältern Gelehrten weisen kann! Dieser Wunsch konnte schlechterdings nicht eher entstehen, als ungefähr um eben die Zeit, da mehrere Nationen anfingen, sich um die Wissenschaften verdient zu machen, und man die'Beschwerlichkeit zu merken anfing, zu einem Schlosse so vielerlcy Schlüssel nöthig zu haben. — ES war nichts als ein sehr übertriebenes Lob jenes Pantomimen, ihn zum Dolmetscher bei barbarischen Nationen brauchen zu wolle»; und Locke sollte darum die Pantomime für fähig gehalten haben, deutliche nnd allgemeine Ideen mitzutheilen? Kurz, wer Locken diese Anmerkungen unterschob, war keine Locke! — Dieser Anfang eines Briefes, der sich mit einer Grille über eine Stelle Ihrer philosophischen Gespräche Seit. IIS. ' schließen sollte, ist schon vor acht Tagen geschrieben. In dieser Zeit bin ich selbst krank gewesen, und würde meine Abreise haben aufschieben müssen, wenn ich auch sonst auf keine Kranke zu warten gehabt hätte. Endlich sind wir beide in dem Stande, daß wir diesen Donnerstag oder Frcrtag, gewiß abgehen zu können, hoffen dürfen. Vorher aber bitte ich mir »och die Erlaubniß aus, Sie auf eine» Augenblick überraschen zu dürfe»; um mich nochmals mündlich ein Paar Menschen zu empfehlen, die unter die wenigen gehören, denen ich empfohlen zu sey» wünsche. Lessing. An Elisc »iciiliarlls. Meine liebe Freundin, Endlich hab' ich cS möglich gemacht, Sie wieder einmal zu sehe». In einigen Tagen bin ich auf einige Tage bey Ihnen. Vielleicht folge ich schon i» wenig Stunden diesem Briefe auf dem Fusse »ach * Diese von Lessing I> gc»an»te Grille suidct sich in seinem theolo gischen Nachlaß. 636 Lessings Briefe. 1779. 1780. Ihnen jetzt noch viel zu schreiben, würde heissen, unsern mündlichen Gesprächen Abbruch thun wollein Und schwerlich ist es auch dieses werth, was ich Ihnen etwa zu schreiben hätte. Ein einziges muß ich vom Herzen haben, ehe ich Sie sehe. Der Sohn Ihres Herrn Bruders ist in Braunschweig gewesen, ist hier in Wolsenbüttcl, ist in der Bibliothek gewesen, und hat sich mit keiner Sylbe nach mir erkundiget, geschweige daß er mich gar sollte besucht haben. Gewisse Leute sagen, er habe mit allem Fleisse einen Mann nicht besuchen wollen, der so viel Schande auf seinen seligen GroSvater gebracht habe. ES mag sehr nützlich seyn, seinen christlichen guten Geruch lauter und rein zu erhalten: ob man aber in der Sorgfalt dafür auch nicht zu weit gehen könne, gebe ich der Tochter dieses seines GroSvatcrs zu bedenken, die mich mit andern Augen ansieht, wenn sie ihre Briefe nicht eben so will geschrieben haben, als dieser GroSvater sein letztes und bestes Werk geschrieben haben soll. Leben Sie wohl, und weiter kein Wort von der Politik Ihres Neveu. L. Lieber Ramler, Wenn ich mich recht erinnere, so habe ich Ihnen schon einmal, während unsrer Correspondenz über den Nathan*), geschrieben, daß mir von Wcrniken, außer dem, was im Iöchcr und Möller steht, schlechterdings nichts bekannt sey, als die einzige Anekdote wegen seines TaufnamenS, den die Schweizer nicht auszudrücken gewußt. Dieser kömmt in MorhofS Gedichten vor, bey Gelegenheit der Dissertation, die Wernike unter Morhofen zu Kiel gehalten. Besagte Gedichte haben Sie ohne Zweifel selbst, und sie sind wenigstens keine Seltenheit, daß sie in Berlin nicht leicht aufzufinden seyn sollten. Daß aber die daselbst benannte Dissertation von der großen und kleinen Welt wirklich unserm Wrrnigk (wie er sich damals schrieb) zugchöret, erhellet aus einer Stelle in seinen Anmerkungen zu den Uebcrschriften, wo er selbst sagt, daß er unter Morhofen studiert habe. L-ssing.") *) Diese bestand darin: L. übersandte seine» Nathan, so wie er in der Verfertigung oder vielmehr im Abschreiben, weiter rückte, an seinen Freund; welches achtmal geschah. Jedesmal sandte N. ihm das Manuscript zurück, und legte allemal ein Zcttclchen hinein, nicht mit bloßer Kritik, sondern mit Vorschlägen zur Verbesserung. Nicolai. ") Ich fuge hier noch Lessings prosaische Ucbcrschung der Ode des Hv- raz 0-»ri>iei> bey, die er einst seinem Freunde Ramlcr gab. Nicolai. Lessings Brief«. 1780. .537 A» Eschenburg. Den 18. Januar 1780. Ich wünsche Ihnen und Ihrer lieben Frau tausend Glück!*) Glück/ so viel als Sie Freude haben! Aber sehen Sie, daß ich den Aphorismus des Hippokrates besser inne hatte? Gesunde Farbe der Schwangern bedeutet ein Mädchen, keinen Jungen. Und so ist es auch ganz natürlich. Denn das Mädchen greift die Mutter weniger an, nimmt sie weniger mit. Darnach gehen Sie hübsch heute übcrS Jahr; so werden Sics besser treffen. Auf das Werk des N?oide") will ich für die Bibliothek gern subscribircn: obgleich der Bibliothekar kein Wort davon verstehen wird. Der Todtentanz von Macaber ist nicht In deutschen Versen, wie oa« 8. I.ib. II. Hatte dich je des verwirkten Mcincvds Strafe getroffen; würde nur einer deiner Zahne schwarz, nur einer deiner Nägel häßlicher: so wollt ich dir glauben. Kam» aber bast du das treulose Haupt mit falschen Gelübden verstrickt: so blühst du weit schöner auf, und trittst stolz einher, aller Zünglinge sehnlichstes Augenmerk. Dir steht es frey, der Mutter beygesetzte Asche, die stillen Gestirne der Nacht, und den ganzen Himmel, und alle unsterblichen Götter zu täusche». Venus selbst, wie gesagt, lachet darüber; die guten Nvmphcn lachen; cs lachet der immer brennende Pfeile auf blutigem Wetzstein schleifende, strenge Kupido. Noch mehr: nur dir reifet die Jugend alle, nur dir wachsen in ihr immer neue Sklaven auf; und noch könne» die Alten dich, ihre gewissenlose Gebieterin, nicht meide», so oft sie cs auch gedroht. Dich fürchtcn die Mütter für ihre Söhne; dich fürchten die gcitzigcn Alten; dich fürchte» dic arme» nur erst verhciratbctc» Mädchen, um deren Männer cs geschehen ist, wen» sie einmal deine Spur finden. t. !ui v-»ii»!il wird die Ode überschrieben. Diese Banne war ohne Zweifel eine Freygelassene, welche das Handwerk einer Buhlcri» trieb. Ta». Fabcr hat dicsc» Nanic» in Cäcilie verwandeln wolle», wcil Barinc wcdcr griechisch noch lateinisch sey; und Dacicr billiget dicsc Veränderung. Konnte aber cinc Sklavin, welches Barine gewesen war, nicht leicht aus einem barbarischen Lande, von barbarischen Acltcrn cntsprossm seyn? *) Zu dcr Geburt einer am ersten Octobcr des folgenden Jahrs uns durch den Too wieder entnommene» Tochter. Eschenburg. ") Dies war, wen» ich nicht irrc, das von diesem würdigen Gelehrten herausgegebene ägyptisch-lateinische Lexikon. Eschenburg. 538 Lessmgs Briefe, 178». Warton glaubt-); sondern verkiliu« nlemaimie!«, daS ist, in solchen barbarisch-lateinischen Verse», lM iu moiein moilos l'^lllm»- IUM Leinütiiieorum »mnsiollli l'uut. — Aber so etwas sagt man auch dem Vatcr eines ncugcborncn Kindes! — Leben Sie recht wohl. An Karl G. Lcssmg. Wolfenbüttel, den 25. Fcbr> 1730. Mein lieber Bruder, Dieser Winter ist sehr traurig für mich. Ich falle aus einer Unpäßlichkeit in die andere, deren keine zwar eigentlich tddtlich ist, die mich aber alle an dem Gebrauch meiner Seclenkräftc gleich sehr verhindern. Die letztere, der ich eben entgangen bin, war zwar nun auch gefährlich genug; denn cs war ein schlimmer Hals, der schon zur völligen Bräune gediehen war; und man sagt, ich hätte von Glück zu sagen, daß ich so davon gekommen. Nun >a; so sey es denn Glück, auch nur vegetiren zu können! Du wirst eS indeß bey so bewandten Umständen nicht übel nehmen, wenn ich sogar darüber vergessen habe, Dir zur Vermehrung Deiner Familie Glück zu wünschen. Wenn sie mit dem Wohlbefinden der Mutter verbunden ist, so kann ich es gar wohl begreifen, wie viel Vergnügen sie gewähren, und wie noch ungleich mehr sie versprechen muß. Gott gebe, daß Du cS bis auf den letzten Tropfen auSschmecken mögest! Endlich habe ich die Papiere zusammengesucht, die Dein Sub- scciptionSgcschäft betreffen. Unsertwegen hätten sie immer verloren seyn können^ aber da Du sie vielleicht noch zur Berechnung mit Andern brauchst, so sende ick) sie Dir hierbey. Vorgestern ward ich von Deinem guten Freunde dem Dr. FlieS auf eine angenehme Weise überrascht. Er reiset mit seinem Gefährten, Herrn Steudel, nach Italien, will aber noch vorher in Göttin- gen ein Paar Monate zubringen. Der Mann hat mir gefallen; wäre es auch nur wegen des Gebrauchs, den er von seine,» Vermögen macht. *) In VvartSNS UMvr> ok Lnxlisu l'>i<->,^, Vul. Il, p. s«. sa»d ich damals folgende Stelle von den Todlcntänzcn und de» bey diese» Genial, den befindlichen Versen: „'klies,- verles, kounaeti «u » l»rt uk l>>iril»i>> »!!lt>t»eri«lL, ÄiicienII^ «ulvIir.Uvu in cl>uicltt.ü, vvvrv urijzi»!>U^ vvrillLii Ii? ono Hkttcaic?' i» v«ri»!Ul n>v»»-«." Hierüber befragte ich L, und habe i» der Folge weitere Auskunft darüber gefunden, zu deren Mittheilung aber hier der Ort nicht ist. !Lschcnburg. LessmgS Briefe. 1780. 639 Wie er sagt, schreibt er noch an Dich; und so wirst Du schon mehr von ihm selbst wissen, als ich Dir melden kann. Aber wer ist dieser Herr Steudel? Daß meine Arbeiten, die indeß auch geruhet haben, nur kümmerlich anfangen in Gang zu kommen, kannst Du Dir leicht denken. Voß läßt DiderotS Theater wieder drucken; und ich habe mich von ihm bereden lassen, dieser Uebcrsetzung meinen Namen zu geben, und eine neue Vorrede vorzusetzen, zu welcher ich den Stoff leicht aus meiner Dramaturgie nehmen kann. Auch habe ich ihm die Erziehung des Menschengeschlechts geschickt, die er mir auf ein halbes Dutzend Bogen ausdehnen soll. Ich kann ja das Ding vollends in die Welt schicken, da ich eS nie für meine Arbeit erkennen werde, und mehrere nach dem ganzen Plane doch begierig gewesen sind. — Von den tausend Ducaten, die mir die Amsterdammer Judcn- schast zum Geschenke gemacht haben soll, hast Du ja wohl gehört. Aber den Bogen, den mein Stiefsohn, der sich eben in Wien befand, als diese Lüge daselbst jung ward, dagegen drucken lassen, wirst Du schwerlich gesehen haben. Ich lege ihn also bey, da es doch nun einmal ein doppelter Brief ist, was ich Dir sende. Unterhältst Du denn keine Freundschaft mehr mit dem Herrn Rec- tor KloS ? Sage ihm, daß ich ihm auf die Messe die erste Ausgabe von LogauS Sinngedichten übcrschicken will, die ich in BreSlau noch an eine Bibliothek schuldig bin; und cmpfichl mich ihm übrigens. Setzt er denn sein Journal noch fort? Nun lebe mit den Deinigen recht wohl, und schreibe mir bald. Gotthold. An F. H. Zacobi.") Wslfenbüttel den 13. Juni 1780. Ich zögere keinen Augenblick, Ihnen auf Ihre angenehme M schuft vom ersten dieses (die ich aber den 12ten erst erhalten) zu melden, daß ich den ganzen JuniuS, bis in die Mitte des Julius unfehlbar in Wolfenbüttel zu treffen seyn werde, und daß ich Sie mit großem Verlangen in meinem Hause erwarte, in welchem cS Ihnen gefallen möge, einige Tage auszuruhen. Unsere Gespräche würden sich zwar wohl von selbst gefunden ha- -) Zacobis Briefe über die Lehre des Spinoza, in der erste» Abtheilung des vierten Bandes seiner Werke S. 41. 640 Lesfings Briefe. 1780. ben. Aber es war doch gut, mir einen Fingerzeig zu geben, von wannen wir am besten ausgehen könnten......... Ob cS mir möglich scvn'wird, eine weitere Reise mit Ihnen zu machen, kann ich zur Zeit noch nicht bestimmen. Mein Wunsch wäre cS allerdings. Aber ich wünsche, was ich einmal wünsche, mit so viel vorher empfindender Freude, daß mcistcnthcils das Glück der Mühe überhoben zu seyn glaubt, den Wunsch zu erfüllen u. s. w. An Elise Rcimarus. Meine beste Freundin, Das Befinden Ihres Hrn. Bruders macht mich unruhig. Hr. Campe meldet mir, daß er krank gewesen. Aber ich kann mich mit diesem gewesen noch nicht zufrieden geben. Melden Sie mir also ja mit erster Post, daß er ganz ausser Gefahr, ganz wieder hergestellt ist. Ich weiß nicht welches Mitleid ich jetzt mit allen Kranken zu haben anfange, wenn sie mich so nahe auch nicht angehen. Denn selbst bin ich 'doch eben auch nicht krank; sondern blos nicht gesund. Ich habe ein schlimmes Flußfieber gehabt — und habe cS noch, denn den Augenblick ist es wieder da. Und das macht mir eine verdrießliche Arbeit noch weit verdrießlicher; so daß es gar nicht aus der Stelle damit will, ob ich gleich keine Schrift mit gewaschnern und vollern Händen angefangen habe. Aber, Sie, meine Beste, für Ihre Person, und mit allen übrigen Angehörigen, sind doch gesund? - Schreiben Sie mir doch auch, wenn Sie das sind, und seit einiger Zeit wenigstens so weit gewesen, daß Sie zur Kirche gehen können, ob es wahr ist, daß der Hauptpastor wtcderruffen? Wenn er das gethan hat, so ist er vollends ein Dummkopf und Schurke. Denn ihn konnte nun doch weiter nichts bey kümmerlichen Ehren erhalten, als wenn er allen Unsinn, den er jemals gepredigt und geschrieben, es koste was es wolle, zu vertheidigen fortfährt. Ist der Text von seiner Wiedcrrufspredigt zu haben? propog! Sie haben doch schon gesehen, daß sich endlich die allgemeine deutsche Bibliothek entschlossen, ihr Schweigen zu brechen? Und haben auch doch schon gelesen, wie armselig die Blindschleiche daher gerutscht kömmt? Was meinen Sie, wie ich mich bev beyden verhalten soll? Und noch eins: ES ist Ihnen doch auch zu Gesichte gekommen, was vor einiger Zeit in dem Reichsvostreuter stand? Nehmlich, daß Lcssings Briefe. 1780. 641 mir die Judenschaft in Amsterdam/ wegen Herausgabe der Fragmente, 1000 Dukaten geschenkt habe. Die Nachricht war aus dem Diario zu Wien, wo sich mein Sticfsohn damals gleich aufhielt/ der beiliegenden Bogen irgendwo im Reiche dagegen drucken ließ. Man mag immer glauben, daß ich diesen Bogen wenigstens doch nachgesehen; wenn man mir nur nicht Schuld geben kann/ daß ich die geringste Unwahrheit herein corrigicet. Es thut mir leid> daß ich nicht mehr Exemplare habe/ um sie in Hamburg ein wenig mehr verbreiten zu können. Theilen Sie ihn unterdessen unsern Freunden mit, an deren Billigung mir gelegen. Ich erwarte Ihre Antwort/ so bald wie möglich/ meine Beste; und bin Ihr ganz ergebenster D. u. Fr. Wolfenb. den 22 Juni 1780. Lcssing. An Herder. Wolfcnbüttel, d. 25. Jun. 1780. Meine späte Antwort müssen Sie dtcseSmal bloß dem Verlangen zuschreiben, Ihnen in der Hauptsache so zu antworten, als Sie cS zu wünschen schienen. Sie verlangten die Fortsetzung meiner Frcymau- rer-Gespräche, und ich hatte die einzige reine Abschrift davon sehr weit weg geliehen. In mein Brouillon konnte ich mich selbst nicht mehr finden; geschweige, daß ein andrer hatte klug daraus werden können. Endlich habe ich sie wieder erhalten; und hier ist sie. Wenn Sie das Ding an Hamann senden: so versichern Sie ihn meiner Hochachtung. Doch ein Urtheil darüber möchte ich lieber von Ihnen, als von ihm haben. Denn ich würde ihn doch nicht überall verstehen; wenigstens nicht gewiß scvn können, ob ich ihn verstehe. Seine Schriften scheinen als Prüfungen der Herren aufgesetzt zu scvN/ die sich für PolvhistoreS ausgeben. Denn eS gehört wirklich ein wenig PanHistorie dazu. Ein Wanderer ist leicht gefunden: aber ein Spaziergänger ist schwer zu treffen. Mein Ungenannter scheint ein wenig Luft zu bekommen. Wenigstens Haben — und — sie ihm zu machen, redlich gesucht; so wenig sie cS auch werden Worr haben wollen. Und nun wird sich der Ungenannte schon selbst so weit helfen, als er sich/ nach den Gesetzen einer höhern Haushaltung/ helfen soll. Auf mein eignes Glaubens- bekcnntniß habe ich mich bereits eingelassen; wenigstens mich darüber ausgelassen. Denn zum einlassen gehören zwey; und nachdem ich es 642 L-ssingS Briefe, 1780. als ein ehrlicher Mann gethan, hat niemand davon etwas weiter zu wissen verlangt. Vermuthlich weil es noch zu orthodox war, und hierdurch weder der einen noch der andern Parthey gelegen kam. Ist er noch so weit zurück? dachten die einen. Wenn er nur das will, dachten die andern, was haben wir denn für einen Lermcn über ihn angefangen? — Endlich werde ich, wenn man meine Mcvnung doch ganz und rein wissen soll, noch mit dem einzigen - - - anbinden müssen. Und darüber bin ich auch wirklich aus. Ihre Volkslieder sind mir sehr licb und werth. Aber können Sie wohl glauben, daß ich Ihre Plastik noch nicht gelesen habe? Und wenn ich mich auch gar nicht einmal dafür bedankt hätte! ES juckt mich alle Tage darnach, und doch fürchte ich mich davor. Die Vcrsatilität des Geistes verliert sich, glaube ich, von seinen Eigenschaften am ersten. ES kostet so viel Arbeit, mich umwälzen zu lassen, daß cS kaum mehr der Mühe verlohnt, wenn ich nicht eine geraume Zeit in der neuen Lage wieder verweilen kaun. Und das kann ich ihr noch nicht, wenn ich mich mit Ehren aus meinen theologischen Handeln ziehen soll. Leben Sie recht wohl. Ich erspare mir alle Versicherungen der Hochachtung und Freundschaft, die, wo sie sich nicht von selbst verstehen, doch nur umsonst sind. ^^^^ L-ssing. An F. H. Zacobi.") Lieber Iacobi, Mündlich habe ich von Ihnen nicht Abschied nehmen sollen. Schriftlich will ich cS nicht thun. Oder welches einerley ist, und mir die kindische Antithese erspart; soll ich cS auch nicht. Ich werde oft genug in Gedanken bey Ihnen seyn. Und wie kann man denn sonst bcvcinander seyn, als in Gedanken? Reisen Sie glücklich, und kommen Sie gesund und vergnügt wieder. Ich will indeß alles mögliche anwenden, daß ich sodann weiter mit Ihnen reisen kann. Meinen besten Empfehl an Ihre Schwester. Wolfenbüttel Der Ihrige den Uten Iul. 1780. Lcssing. ') Zacobi über die Lehre des Spinoza, in der ersten Abtheilung des Vierte» Bandes seiner Werte S. 82. SesstngS Briefe. 1780. 543 Meine liebe Tochter,') Ich habe Deinen Brief vom 4tcn dieses/ bey Gott, erst gestern erhalten. Nun hatte ich Dir zwar versprochen, Dir zu schreiben, ohne Deine Briefe abzuwarten. Allein JacobiS kamen, kurz nach Deiner Abreise, und schleppten mich mit nach Halbcrstadt, wo ich einige Tage nicht unangenehm zugebracht habe. Der alte Gleim wollte sich gar nicht zufrieden geben, daß Du nicht mitkämst; und freylich wäre cS beßcr gewesen, wenn Du Dich lieber auf diese kleine Reise eingeschränkt hättest, als daß Du so eine große und lange unternommen, der Deine Kräfte nicht gewachsen sind- Weil ich indeß doch hoftc, daß sie es seyn würden, und ich nicht zweifeln konnte, daß es Dir unter Deinen Anverwandten, die Du würdest kennen lernen, nicht an Vergnügen und Zerstreuung fehlen könnte: so machte ich mir so weniger Bedenken, das Schreiben an Dich zu untcrlasscn; als öftrer wir an Dich dachten. Vergicb mir, wenn ich Dir unnbthigen Kummer gemacht habe. Diese kleine Reise ist mir ausnehmend wohl bekommen; und es sollte mir ewig leid thun, wenn sie Ursache gewesen wäre, daß Dir Deine große nicht bekommen. Doch noch habe ich guten Muth, und hoffe, daß mich der Bruder nächsten Posttag außer allen Sorgen setzen wird. Es wird ein kleiner Zufall Deines alten Übels seyn; und ich will hoffen, daß es in Eschwciler auch nicht an einem geschickten Arzte fehlet, der mit seiner Cur etwa nicht Übel ärger macht. Wenn du selber schreiben kannst: so schreibe mir ja selber! Fritze befindet sich wohl, außer daß ihm ein groß Unglück begegnet, welches ihm viel Thränen gekostet, und mich fast zu lachen gemacht hat. Sein rother Rock ist ihm, wie vom Leibe, gestohlen worden. Engelbert befindet sich auch wohl; und ist mit dem Cantor zu Messe gewesen. An Theodor habe ich bereits vor 14 Tagen geschrieben, und bin alle Tage seine Antwort erwartend. Indeß, so richtig allcö bey uns steht: so vermissen Fritz und ich, Dich doch sehr; und bitten Dich, sobald als möglich wiederzukommen. Zweifle keinen Augenblick wieder an meiner Gesundheit; und suche nur Deine zur Rückreise wieder in Ordnung zu bringen; zu welcher Du hoffentlich weniger Hitze und Staub haben wirst. ') Bei dem erste» Bande von Lessings Werken i» einer Auswahl, Do- nauö'schingcn im Verlage deutscher Klassiker, 1822, ist ei» Facsimile dieses Briefes, „welchen des Verfassers Stieftochter, die Frau Postdircctorin Hcn- ncbcrg von Braunschwcig, gcbornc König, dem Herausgeber iLcrrn EisclcuH mllzulhcilcn die Güte gehabt." 644 Lessinas Briefe. 1780. Wir umarmen Dich insgesammt; und ich verbleibe Dein treuer Vater Braunschwcig Lcsfing. den 17 August. 80. ?. 8. Madam Daveson, die Dich grüssen laßt, hat gestern unsere Messe gemacht, und hoffentlich sollst Du alles nach Verlangen finden. _ An Elise Rcimarus.-, So sehr ich nach Hause geeilt: so ungern bin ich angekommen. Denn das Erste, waS ich fand, war ich selbst. Und mit diesem Unwillen gegen mich selbst soll ich anfangen, gesund zu seyn und zu arbeiten? „Freylich! höre ich meine Freunde mir nachrufen „denn ein Mann, wie Sie, kann alles, was er will." Aber, lieben Freunde, wenn das nur etwas anders hiesse, als: kann alles, was er kann. Und ob ich dieses Können jemals wieder fühlen werde: das, das ist die Frage! Was taugt zwar unversucht? — Nun denn, meine liebe Freundinn; weil Sie mir cS auch rathen: so sey eS. Ich werde Ihnen von meinem Befinden von acht zu acht Tagen sehr regelmässig Nachricht geben. Und wenn ich das thue; nicht wahr: so ist mir schon halb gcholffcn? Indeß empfehle ich mich allen den Ihrigen und dem gesammtcn Campischen Hause bestens. — Wer in dieser Gesellschaft hätte bleiben können! Wer aus dieser Gesellschaft nur einen einzigen hier hätte! ^ An Elise Rcimarus. Meine liebe Freundin, Ehe ich gestern Ihre Antwort erhielt, besorgte ich schon, daß Sie sich die wöchentlichen Berichte verbitten würden. Heute, den Morgen darauf, erkenne ich diese Besorgniß für den hypochondrischsten Einfall, der mir seit langer Zeit durch den Kopf gegangen, und bin um weiter nichts verlegen, als um den Anfang des Berichts. Nun der Anfang ist ja wohl in jeder Sache indifferent. Ost ist er um so viel besser, je indifferenter er ist. — Ich bin zur Zeit weder wohlcr noch schlimmer, als ich in meinen guten Stunden in Hamburg " Den ersten Posttag nach seiner Zuhausekunst von Hamburg. Lessings Briefe. 1780. 546 war. Eine Kleinigkeit nur liegt mir auf dem Herzen. Ich fürchte, daß mit meiner Krankheit eine MetastasiS vorgegangen und sich die klatoria iieocims völlig von dem Körper auf die Seele geworfen. Ich spreche mit der Schwester eines Arztes/ den ich wohl im Vertrauen fragen möchte, ob er schon mehrere Erfahrungen von dem vorgeschriebenen Kräuterthee habe, daß er so etwas zu bewirken pflege. — Weil ich gerne Weihnachten wieder nach Hamburg kommen möchte- so habe ich seit meiner Rückkunft auf nichts als auf das dramatische Stück gedacht, ohne das ich nicht kommen darf. Aber können Sie wohl glauben, wie weit ich schon damit bin? Weyhnachten wird kommen, und ich bin noch nicht mit mir einig, ob es eine Komödie oder Tragödie werden soll. So vertutzt, so unentschlossen, so mißtrauisch bin ich in mich selbst, bin ich in allem und jedem Stücke. Lassen Sie mich lieber nicht weiter davon sprechen: sondern noch ein Paar andre Acht Tage abwarten. — An Scehausen") kann ich mich nicht enthalten Antheil zunehme». Wissen Sie, wenn man nach der Strenge mit ihm verfährt, daß es bey Vätern und Söhnen wieder auf So Jahre in Hamburg um alle Litteratur geschehen ist? Lehrt die Litteratur das? wird man sagen. Und allerdings lehrt sie so etwas. Sie lehrt oder gewöhnt, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, sremdc Gedanken, als die unsrigen zu nutzen. Und wer das Eigenthumsrecht in so einer Kleinigkeit verletzen kann, der kann es auch in grdßern Dingen. Lassen Sie nur die Doktorin,") in ihrem Tone, als ob ihr nichts darum wäre, Dr. Schützen'") fragen, ob besonders die neueren lateinischen Dichter, — und die stehen doch wohl an der Spitze aller Litteratur — nicht Erzdicbe sind, die sich auf ihren Diebstahl noch dazu wer weiß was einbilden; und ob liomo trium iitteiarum im Lateinischen nicht ein Dieb heißt? DaS aber schon trium! — Doch im Ernst, meine Liebe, wenigstens vergessen Sie nicht, jc- ') Lucas Vincent Scchusc» wurde wegen seiner i» den Geschäften seines Handelsherrn gcständlich erwiesenen Untreue, zu welcher er sich durch den Juden Mcvcr Hertz hatte versiihrcn lasse», auf unbestimmte Zeit nach dem Zuchthausc gesetzt. Er ward 1782 entlassen, aber aus der Stadt verwiese» und sein Name als der eines boshaften Fallitcn an das schwarze Brett geschlagen. Lappenbcrg. ") Die Frau des Professor und Doctor Reimarus. Lappenberg. *") Professor der Eloquenz am Hamburgischcn Gvmnasio, Verfasser einer Geschichte Hamburgs, der Schutzschriflc» für die alten Deutschen, Herausgeber der altdeutsche» Ucbersctzungc» des alte» Testamentes. Lappenberg. Lemiigs Merke XI«, ',,5 546 ^-'essiWS Briefe. ^7.^0, dcSmal, daß von Seehausen die Rede ist/ hinMusctzeu gar gehangen. Leben Sie recht wohl- Der Wolfenb. den t.^tcn Novbr. ^780. An Clisc Ncimariis. Meine liebe Freundin, Ich wette, Sie errathe» nicht, was ich Ihnen diescsmal zu melden habe- — Sie vermuthen ohne Zweifel, eine besondere Krisis meiner Krankheit? — Das hat sich wohl! — Doch waS nicht ist, das kann noch werden. Und der Tod selbst ist ja wohl auch eine Krisis der Krankheit. - Ich komme eben von Braunschwcig, wo mich der Herzog gestern rnffcn ließ, um mir kund zuthun---was meinen Sie wohl?--- Daß ihm sein Gesandter in RegenSburg gemeldet/ wie ihm der Sächsische Gesandte im Vertrauen cröfnet, daß nächstens an den Braunschweigischen Hof ein ^xcil.itoi'imn von dem gesammten Corpore Lv.'mgvil'ücii'iim gelangen werde, um mich/ als den Herausgeber und Verbreiter des schändlichen Fragments vo» dem Zwecke Christi »nd seiner Jünger, zu verdienter Strafe zu ziehen. Dieses sagte mir der Herzog auf eine so freundschaftliche und beruhigende Art, daß ich cS zuletzt fast bereuet hätte, ihm so gleichgültig und sicher darauf geantwortet zu haben. Wenigstens hätte ich cS wohl unterlassen können, ihn ausdrücklich zu bitten, daß er sich meiner in keinem Stücke annehmen solle/ sondern in allem, ohne die geringste Rücksicht auf mich, so verfahren möge, wie Er glaube/ daß ein Deutscher Rcichsstand verfahren müsse. Denn ich begreife nun wohl, daß eine solche Aeusserung niemand verdient/ der uns nützlich zu seyn wünscht. Indeß war an meiner mürrischen Gleichgültigkeit doch auch gewiß nicht Schuld/ was Sie denken. Sie denke»/ daS weiß ich wohl: ich möchte nm alles in der Welt gerne verfolgt seyn? und bilden sich ein, daß mir nichts weher thut, als wenn man sich nicht einmal mit mir einlassen will. — Aber, meine Liebe/ wie weit sind Sie noch entfernt, mich zu kennen, wenn Sie das im Ernste von mir denken! Kann seyn, daß allenfalls manchnial eben das in mir vorgeht, was bey ienem Bastart eines grossen Herrn vorging, der nicht sagen wollte, wer er sey/ und sich lieber unschuldig wollte hängen lassen, nur um seinem Richter recht schwere Verantwortung bey und Drei wird Ihrige L. Messings Briefe, 1780. 547 seinem Vater zu mache». Denn im Grunde mag ich mich doch anch wohl dabey tröste»/ daß am Ende jemand kommen wird/ der dem Richter zuruft: Richter, seyd ihr des Teufels, daß ihr unsers gnädigen Herrn Bastart wollt hängen lassen? Und weiß ich denn etwa nicht, wessen großen Herrn lieber Bastart ich bin? — Also nur frisch die Leiter hinan! und daß nur niemand besorge, als werde ich mich wohl gar aus Angst »erschnappen!--- Eben werde ich in diesen HcnkcrSgcdanken unterbrochen. Nächstens ein mehrcrcS! Behalten Sie mir Ihre Freundschaft auf alle Fälle, die ich in keinem zu mißbrauchen, oder hoher zu stimmen versuchen werde. Wolfenb. den 28 Novbr. 178», L. An Elisc Rcimarus. Ich erinnere mich wohl, daß mein voriger Brief weder halb noch ganz war. Denn ich ward unterbrochen, und wollte den Posttag nicht ganz versäumen, Aber daß ich ganz den Ton verfehlt hätte, in welchem ich Ihnen schreiben wollte, das hätte ich mir nicht eingebildet. Ich glaubte recht lustig geschrieben und ein so feines Histörchen mit eingewebt zu haben! Und Sie erschrecken! Mein gntcS Kind, bey Gott! DaS war meine Absicht nicht. Eben so wenig, als ich mit Ihnen zanken wollte, daß Sie mir so viel Paradoxie zutrauen, als wohl schwerlich natürlich zu seyn pflege, Sie könnten ja wohl Recht haben: und was wäre es denn? Ich könnte ja eben so gut Paradoxie, als andere Orthodoxie affectiec». Ich verstehe darüber so gut Spaß, daß cS fast keine Lust ist, mit mir darüber zu spassen, — Seyn Sie ruhig! DaS Wetter hat sich zwar noch nicht verzogen: aber ich habe so viele Ableiter auf meinem Hause, daß wen» die Vielheit der Ab leiter selbst nicht etwa schädlich ist? — worüber Sie Ihre» Herrn Bruder fragen können — ich zu diesem seinem Buche') noch manche schöne Bemerkung zu geben hoffe. — Ich weiß selbst nicht, warum ich, seit einiger Zeit, gegen unsern Herzog ein wenig ärgerlich geworden bin. Aber er ist doch immer ein edler Mann, der keinen kleinen Streich an sich kommen läßt; und ein ehrgeiziger Mann, der sich von keinem vorschreiben laßt, und der eine» Schnl), der ihm Ehre machen kann, lieber aufdringt, als sich abbetteln läßt. Ich seh eS als eine gute Vorbedeutung an, daß er mir anch schon ein Gutachten, über die dermaligen Rcligionsbcwerzungcn, besonders der Uwange- *) Rcimarus Abhandlung über de» Blitz, Lappcnberg, 35" Z48 LessingS Briefe. 1780. lischen Rirche mitgetheilet/ das ich weiß nicht welches ^ousiswrium irgend eines Evangelischen Reichsstandes bey dem Loiporo IZv-MAeli- oorum einreichen lasse»/ und meine schriftliche Meinung darüber verlangt hat. Daß ich diese so geben werde/ daß mir unsere Geistlichkeit wohl vom Halse bleiben/ und aufhören soll, mich mit den neuen Reformatoren zu verwechseln, können Sie sich wohl einbilden: Sie, die Sie am besten wissen, wie weit ich von diesen Herren entfernt bin. Auch bin ich eben darüber aus. Nur betaure ich, daß meine Komödie darüber in die Brüche fallen wird. Denn endlich war cS entschieden worden: daß der Rerl das Mensch haben solle. Und haben soll er cS auch wirklich, wenn sich auch schon die Sache wieder ein wenig verzögert. Wenn die Direktion indeß mit aller Gewalt ein Stück haben muß, so substituire ich Sie an meine Statt. Die.....') ist sehr gut gewählt, und das Ucbrigc, was Ihnen davon zugehört, wird schon auch gut seyn. Aber so ein Fund, wie ich Ihnen nachweisen soll, ist selten. Nun leben Sie wohl, und seyn Sie meinetwegen, neugierig so viel Sie wollen, aber nicht bange. L. Wolfenbüttcl den 4tcn Dcc. 1780.") Lieber Jacobi, Langer, von dem ich diesen Augenblick einen Brief aus Amsterdam erhalte, kann Ihnen gesagt haben, daß er mich im Begriff verlassen, nach Hamburg zu reisen. Da bin ich so lange gewesen, als ich Hoffnung hatte, meine verlorene Gesundheit und Laune unter meinen alten Freunden wieder zu finden. Ich weiß selbst nicht mehr, wie lange das war. Freylich sollte ich sie eher aufgegeben haben, diese Hoffnung. Aber wer giebt die Hoffnung gerne anders, als gezwungen, auf? Endlich bin ich ohnlängst wieder zurückgekommen. Am Körver, bis auf die Augen, allerdings etwas besser: aber am Geiste weit unfähiger. Unfähig zu allem, was die geringste Anstrengung erfordert. Würde ich Ihnen nicht schon längst geschrieben haben? — Möchten Sie doch in meiner Seele eben so fertig lesen können, als ich mich in Ihrer zu lesen getraue. Ich verstehe cS sehr wohl, was Ihnen ekeln mußte, mir noch einmal zu schreiben, nachdem Sie es *" schon °) Unleserlich. Lappenberg. °°) F> H- Jacobis Werke, Bd iv, erste Abtheilung, S. 85. Jacobis Antwort vom 22. Dec. 1780 I» seinem Briefwechsel, Bd I, S. 30«. Lessings Briefe. 1780. 549 einmal geschrieben hatten.............') Auch wüßte ich nicht/ was ich nicht lieber von Ihnen lesen möchte, als eine Rechtfertigung Ihrer selbst. Der Mann, wie Sie, hat bey mir niemals Unrecht, wenn er eS auch gegen eine ganze Welt haben könnte, in die er sich nicht hätte mengen sollen. Hängen Sie, lieber Jacobi, ihren Cameralgeist ganz an Nagel, und setzen sich ruhig hin, und vollführen Ihren Woldemar. Bev Woldemar fällt mir ein, daß ich mich anheischig gemacht, Ihnen meine Gedanken über des HemsterhutS System von der Liebe mitzutheilen. Und Sie glauben nicht, wie genau diese Gedanken mit diesem System zusammenhängen, das, meiner Meynung nach, eigentlich nichts erklärt, und mir nur, mit den Analysten zu sprechen, die Substitution einer Formel für die andere zu seyn scheint, wodurch ich eher auf neue Irrwege geratbe, als dem Aufschlüsse näher komme. — Aber bin ich jetzt im Stande zu schreiben, was ich will? — Nicht einmal, was ich muß. — Denn eins muß ich doch noch wohl; fragen muß ich doch noch wohl, ob der T" ganz und gar in die Jü- lichsche und Bcrgische Geistlichkeit gefahren sey? Ich denke, Sie sind es wohl selbst, der mir das Proclama, oder wie die Abscheulichkeit sonst heißt, zugeschickt hat. Gott! der Nichtswürdigen! Sie sind es werth daß sie vom Pabsttbum wieder unterdrückt, und Sklaven einer grausamen Inquisition werden! WaS Sie näheres von diesem unlutherischcn Schritte wissen, das melden Sie mir doch. Empfehlen Sie mich allen den Ihrigen, besonders denen, die ich kenne. Daß unsere Neigung noch immer einen Unterschied zwischen Leuten macht, die man gesehen, und die man nicht gesehen hat, wissen Sie wohl, „ist nicht meine Erfindung."") Ihrem Herrn Bruder, der nun bald wieder hier durchkommt, sagen Sie, daß D* nicht zu Hause, und alle Wirthshäuser hier, bis auf meines, wegen der Pest verschlossen sind. An Moses Mendelssohn. Liebster Freund, Der Reisende, den Sie mir vor einiger Zeit zuschickten, war ein ') Die hier ausgelassene Stelle betrifft meine damalige politische Lage. Jacobi. ") Diese letzte» Worte beziehen sich auf eine Stelle in Hcmstcrhuis r»r >>vsiiü. Jacobi. Zuerst gedruckt in Moses Mendelssohns Morgenstunden, Th. l (1785), An- merk. S. XXXVIII; berichtigt nach dem Original, welches Herr B. Fricdländer besitzt. LcssingS Briefe, 1780. 1781. neugieriger Reisender. Der, mit dem ich Ihnen itzt antworte, ist ein emigrirender. Diese Klasse von Reisenden findet sich unter Uor- riks Klassen nun zwar nicht; und unter diesen wäre nur der unglückliche und unschuldige Reisende, der hier allenfalls paßte. Doch warum nicht lieber eine neue Klasse gemacht, als sich mit einer beholf- ftn, die eine so unschickliche Benennung hat? Denn cS ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er eS wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Davcson,*) dieser Emigrant; und daß ihm unsre Leute, auf Verhetzung der Ihrigen, sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg »ach dem Europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden giebt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt. An dem Briefchen, das mir v. Flies damals von Ihnen mitbrachte, kaue und nutsche ich noch. DaS saftigste Wort ist hier das edelste. Und wahrlich, lieber Freund, ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr nöthig, wenn ich nicht ganz mißmüthig werden soll. Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tödtend, doch erstarrend. Daß Ihnen nicht alles gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, das wundert mich gar nicht. Ihnen hätte gar nichts gefallen müssen; denn für Sie war nichts geschrieben. Höchstens hat Sie die Zurückcrinncrung an unsere bessern Tage noch etwa bey der und jener Stelle täuschen können. Auch ich war damals ein gesundes schlankes Bäumchen; und bin iht ei» so fauler knorrichtcr Stamm! Ach, lieber Freund! diese Scene ist aus! Gern möchte ich Sie freylich noch einmal sprechen! Wolfenbüttcl den 19 Decbr. 80. », An Elisc Rcimarus. Allerdings, meine Liebe, bin ich wieder krank. — Wenn ich nur beschäftiget wäre: würde ich darum nicht an Sie schreibend — Und *) „Dieser Alexander D.weson war später Herausgeber des während der Anwesenheit der Franzose» i» Berlin erschienene» bcrnchtigtc» Blattes, der Telegraph. Als solcher hics; er Hosrath Lange." Anmcriimg von Herrn B. Fricdländcr. LesimgS Briefe. 1781. kranker als jemals. Nicht daß mein Kopf noch in meinem Magen logirrc. Dank sey es den Pillen Ihres Herrn Bruders! Aber meine Augen logircn drinnen, und ich bin so gut wie blind. Ich habe daher den Ketzer-Almanach zwar gesehen: aber gelesen habe ich ihn noch nicht, bis auf einige Artikel, die ich mir habe vorlesen lassen. Der Verfasser, wenn Sie es noch nicht wissen, ist der Feld- prcdigcr bey den l^ens ci'armes in Berlin. Sein Name ist mir entfallen. Ja, wenn die Oberalten alle über eins dachten! So aber, wenn der eine einen Ketzer, und der andere einen Orthodoxen aus diesem Almanach wählt, und die engere Wahl immer noch dem guten Glücke überlassen bleibt: so wird Hamburg so bald noch nicht aufhören, sich von dieser Seite lächerlich zu machen. Endlich kömmt es mit allem auf eins hinaus. Texte schreiben alle, und lassen sich alle so theuer als möglich bezahlen — und Texte sind Texte. Ich komme wieder auf meine Blindheit. — Aber ich schreibe Ihnen doch: werden Sie sagen — ES ist ein ausscrordcntlich Heller Tag, und ich habe eine neue herrliche Brille. Ihr Herr Bruder wird sich erinnern, daß ich ihm schon vor zehn Fahren über meine Augen geklagt habe. Damals gab er mir zwei kleine Büchschcn, wovon das eine sehr klein, und versiegelt war, und wenn ich mich recht erinnere, ein Arcanum von van Swicten seyn sollte. Dieses habe ich noch uncrbrochcn in meinem Pulte. Wie, wenn ich dieses jetzt probirctc? Ich kann mich nicht mehr erinnern, wodurch ich damals besser ward. Ich lernte mich auch vielleicht nur in mein Unglück schicken, welches damals noch nicht sehr groß war. — Gott, wenn das auch wieder so werden soll! — Und wenn Sie vollends wüßten, wie lange ich über diesen Brief geschrieben! Ich muß ihn nur abbrechen, wenn er endlich heute mit fort soll. Wolfcnbüttcl den 21 Jcnncr Der Ihrige 1781. L. An Herder. Wolfenbüttcl, den 20. Jan. 1781. Ich bin zwar bey weitem noch nicht wieder gesund. Da aber doch das Manuscrivt, um das cS Ihnen zu thun ist, auf meiner Stube liegt: warum sollte ich cS Ihnen nicht gleich schicken? WaS dieses Buch auf meiner Stube macht? fragen Sie. Sie wissen, daß I. V- Andrcä von viele» für den Stifter der Rosenkrcn- 262 Lessings Briefe. 1781. zer gehalten wird. Ich wollte nachsehen/ ob davon einige Spur in seinem Leben zu finden sey. — Aber wenn seine Sooielas (üliriltiuna, an dem gezeichneten Orte unter 1622, nicht Gelegenheit zu diesem Gerede gegeben, so finde ich sonst keine Spur darin. Das sonst nicht alle seine Schriften auf der Bibliothek seyn sollten, würde mich sehr wundern. Wenn ich nur erst wieder auf die Bibliothek könnte! Ich verlange alsdann nur zu hören, was Ihnen fehlt, um eS Ihnen sogleich zu senden. Seine geistliche Rurzweil, seine Christenburg, sein Rinderspiel, erinnere ich mich gesehen zu haben. ^_ Lessing. An Z. G. Z. Breitkopf in Leipzig. °) ?. ?. Endlich erhalte» Ewr. Wohlgeb. hicrbey Ihr Manuscript zurück. Ich hatte mich desselben schon begeben, als es während meiner Abwesenheit in Hamburg hier ankam. Von Hamburg kehrte ich kcanck zurück, und blieb krank, besonders an meinen Augen. Nur seit einigen Togen habe ich erst das Vergnügen gehabt, diesen Anfang Ihres vortrefflichen Werkes zu lesen. — Aber theurer Mann, das sind die Kapitel noch nicht, bey welchen ich Sie erwarte. Diese ^enoraliora wissen Sie alle unendlich bcßer als ich. Ich habe sie noch nirgends so vollständig und einleuchtend abgehandelt gelesen. Gleichwohl geht meine Ncugierde mehr auf die nachfolgenden Kapitel von den ersten Drucken, besonders der Bibel. Sobald diese aufs Reine sind, haben Sie die Güte, sie mir zu schicken. Diese habe ick), fast alle, täglich unter Augen; und wenn ich über diese nichts angemerkt habe, was sich andrer Bemerkung entzogen: so war ich der Ehre gar nicht werth, die mir Ewr. Wohlgeb. durch Mittheilung Ihres Manuscript erwiesen. Dero Wolfenbüttel gehorsamster Diener, den 28 Jenncr 1781. Lessing. *) „Der berühmte Breilkopf in Leipzig hatte an L. unterm 27-Sept. 178» das 1. Hauptstück seiner vielbesprochenen „Geschichte der Buchdruckcrkunst" mit der Bitte übersendet solche« einer Durchsicht zu würdigen und ihm seine Gedanken und Bemerkungen darüber mitzutheilen." Anmerkung des gegenwärtigen Besitzers, Herrn Otto August Schulz in Leipzig, der dem Herausgeber eine Abschrift zugestellt hat. ^««S^W»