Gesammelte Schriften von Ludrvig Bamberger. » Band I. W. Berlin Rosenbaum 6c Hart M Studien und Agitationen. Aus fünfunddreistig Jahren. Von Luöwig Vamberger. Berlin Nosenbaum öc Ljart ^393. Inhalts - Verzeichnis. Seite Weihnachtsbriefe..................... 1 1. Die Kunst zu schenken.............. 5 2. Etwas über das Briefschreibcu........... 18 3. Ein Weihnachtsbrief.........,..... 32 4. Über Toaste.................. 45 5. Fragen an die ewigen Sterne........... 69 6. Über einige Formen des geselligen Verkehrs ..... 87 7. Über das Alter................. 108 Tie Französclei am Rhein, ivie sie kam und wie sie ging .... 126 Ein Vadeinccum für deutsche Unterthanen........... 192 Die deutsche Kolonie in Paris......>........ 213 Das Reich und die Wissenschaft............... 256 Verdirbt die Politik den Charakter?............. 293 Staatsmännische Indiskretionen............... 316 Die wahre Militärpakte!.................. 326 Dunkle Vorstellungen................... 335 Die Aera der Toaste................... 342 Fleisch und Brot — oder Papier?.............. 353 Der staatserhaltende Beruf der Hölle............. 361 Unsere Neuesten..................... 387 Die neueste Aera der Spekulation.............. 401 Vor 25 Jahren..................... 417 Frankreich und Rußland.................. 453 Weihnachtsbriefe. Ludwig Bamderger's Ges. Schriften. I. WeihnachtsbrLefe .^o darf ich die hier folgenden sieben Stücke im Sinne ihrer Entstehung und Stimmung wohl nennen. Um die Mitte Dezember des Jahres M8 redete mich mein Freund, der Herausgeber der „Nation", darauf an, ob ich nicht für die Festwoche einen Beitrag liefern wolle. INich reizte der Gedanke, mit uuserem Publikum, wie die Jahreszeit es nahe legte, mich einmal von Dingen zu unterhalten, die etwas abseits vom gewohnten Wege lägen und zugleich durch die Intimität des Stoffes den Autor und seine Leser etwas menschlicher zusammenführten. Auf diese Weise kam mir das erste Stück „über die Kunst zu schenken" in die Feder. Und da es Beisall fand, ward die Bitte, das Experiment zu wiederholen, jedes Jahr gegen die Festzeit hin erneuert und erfüllt, von den auf diese Weise bis zu Weihnachten erschienenen neun Briefen folgen hier nur sieben, weil der vom Jahre ^38Z über „Die Aera der Toaste" an eine spätere Stelle dieses Bandes gerückt worden ist, und der vom Jahre „In Ferienstimmung" schon in dem H. Band dieser Sammlung, den „Charakteristiken", Aufnahme gefunden hat. Auanst ^gz?. L. V. i* Me Kunst zu schenken I^s, k»ooQ äs äouusr vsut wisux MS es Hu'oa äoims. LorneUIe. schenken ist keine Kunst, aber gut und richtig zu schenken ist ein Stück aus der höchsten aller Künste, der Kunst des Lebens. Warum gerade dieses Kapitel seine besonderen Feinheiten und demzufolge seine besonderen Schwierigkeiten hat, begreift sich schon aus dem Umstand, daß das Geschenk seiner genetischen Natur nach eine Wohlthat ist. Wie aber Liebe und Haß, so grenzen Wohl- und Wehethun trotz oder wegen ihres Gegensatzes hart aneinander. Hier kommt das zur Geltung, was wir Takt nennen, eines jener Fremdwörter, welches sicherlich auch der Herr General-Postmeister des Deutschen Reichs nicht für entbehrlich erklären zu wollen den Takt hat. Takt bedeutet die gerechte Ausgleichung zwischen dem eigenen Gefühl und dem des anderen, mit der Maßgabe, daß im Zweifel das Recht des eigenen Ich dem Recht des anderen zu weichen hat. Takt ist die Blüte der Humanität oder, wenn man sich den modernsten deutschen Jargon aneignen wollte, das praktische Christentum im gesellschaftlichen Verkehr, auf welchem Ge- — 6 — biete übrigens die orientalischen Völker den abendländischen über sind. Nichts wäre irriger, als ihn zu verwechseln mit der Kunst, die Menschen zu behandeln, welche ja auch zu der Kunst des Lebens gehört, aber in ein ganz anderes Kapitel. In diesem spielt umgekehrt das Wehethun eine hervorragende Rolle. Die Kunst der Menschenbehandlung wird geschichtlich erwiesenermaßen auch sehr erfolgreich ausgeübt durch Mißhandlung. Die Menschen haben von jeher am meisten Verehrung gezeigt für die, welche sie verachteten und zum Schemel ihrer Füße machten. Nicht nur die Eroberer, Herrscher und Staatsmänner haben dies Geschäft mit Virtuosität betrieben, ' sondern durch alle Abstufungen des Lebens hindurch läßt sich die Erscheinung beobachten. An dem willensstarken Künstler, welcher die neueste Epoche der deutschen Musik in sich verkörpert hat, habe ich stets die konsequente und raffinierte Kunst, sich Anbetung durch Mißhandlung zu schaffen, angestaunt, und der Philosoph des Pessimismus, welcher durch eine bedeutsame innere Verkettung der Liebling dieser musikalischen Schule geworden ist, hat zugleich in seiner Lehre den spekulativen Schlüssel zu diesem Geheimnis den Jüngern als sein Vermächtnis hinterlassen. Vor etlichen Jahren hat ein Engländer ein Büchlein geschrieben, in welchem er die Summe der Regeln des guten Anstandes unter dem Titel vvn't! zusammenfaßte. Was man alles thun soll, wenn man ein ordentlicher Mensch sein will, findet nach der lakonischen Formel, über welche diese praktische englische Sprache verfügt, seinen besten Wegweiser in der Erkenntnis dessen, was man nicht thun soll. Zwar sagt der, auch nicht unpraktische, Italiener elli n1g,isir. Im siebzehnten Jahrhundert bekam das Wort sogar ganz besonders den Sinn eines den Frauen gegebenen Festes, und man bediente sich der Wendung 6vrro.sr anx isnuiiks n,n , nol isllvl k loro iuttg. Isllelts,.*) Ich kannte vor Zeiten eine Familie von reichen Emporkömmlingen, eine der snobbischsten im Ursprungslande der Snobs, die sich für ihr neues Wappen den Spruch wählte: Usss Ms kg.it xsnr. Lessing hat in der Dramaturgie schlagend nachgewiesen, welchen Mißbrauch der Dichter treibt, wenn er sich aufs Überraschen des Publikums verlegt. Weil in Art und Unart der Mensch nur im anderen lebt, giebt es nichts Falscheres als Menschenverachtung. Großen Gewaltigen hat man sie von jeher nachgesagt, und doch, wie stünde ein Trachten nach Weltherrschaft und Weltruhm im Widerspruch zur Verachtung derer, auf deren Vorstellung allein es damit abgesehen sein kann? Konsequent ist nur, die misanthropische Stimmung in den Timon zu verlegen, der sich in die Wildnis zurückzieht, den aber der Dichter dennoch ad absurdem führt. Und der „Jn- differentist", der da spricht: „Ob nichts dein langes Leben war hienicden Als für's Gewürm des Grabes eine Mast; Ob du, der Menschheit Fesseln anzuschmieden, Ein toller Held die bange Welt durchrast, Ist just so wichtig als: ob nur im Kreise Einförmig stets das Aufgußtierchen schwimmt, Ob es vielleicht nach rechts die große Reise, Vielleicht nach links im Tropfen unternimmt. —" Auch dieser Gleichgiltige ist ein Dichter, der der Menschheit nicht sein Absagelied sänge, wenn er nicht voraussetzte, daß ihn die Menschheit hörte. — 39 — Der Meister aller Meister, der nicht in Wüsten fliehen mochte, weil nicht alle Blütenträuine reifen, hat, wie überall, auch hier das Richtige getroffen: „die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen", und: „ich weiß mir keine größere Pein, als im Paradies allein zu sein". Ins anspruchlos Liebliche übersetzt lautet es: „I^ss krdrs8 pÄrlbnt xsu, äit, 1s don I^kontsing, vs-ciu'im dois m'insxirs, ^'aiws avoir xrss 6s moi (jusiciu'un ä <^ui Is äirs," Am besten aber verweilt sich's bei dem anderen, schönen, schlichten, tiefen Goethe-Spruch: „Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darin denkt; aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, in dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns dieses Erdenrund zu einem bewohnten Garten." Auf solchem Bilde sucht der Mensch und findet er Zuflucht, wenn ihm über dem Schreiben, oder auch vor oder nach demselbeu das brutale Wort des brummigen Samuel Johnson in die Ohren klingt: der sei ein rechter Esel, welcher aus anderen Gründen schriftstellere als ums liebe Brot. Eine schöne Entschuldigung bleibt es immer, das soll garnicht bestritten werden, ein „mildernder Umstand" für viele litterarische Vergehen. Aber gewiß hätten wir nie den Faust bekommen, wenn der alte englische Brummbär unbedingt recht hätte. Und so, mein lieber Freund, bin ich nach mancher Irrfahrt angekommen, wo ich landen wollte — etwas spät, aber was macht das? „Man darf immer seine Worte suchen, vorausgesetzt, daß man sie finde", sagt Talleyrand. Ich wollte Ihnen nämlich zu Weihnachten erklären, warum Sie diese Wochenschrift in die Welt gesetzt haben, warum ich Ihnen darin mit Vergnügen zur Hand gehe, und warum ich endlich mich nach etlichem Sträuben sogar von Ihnen bereden lasse, es sei meine Schuldigkeit, an diesem Tage vor unserem Publikum zu erscheinen. Als Sie vor beinahe einem Jahrzehnt den Entschluß faßten, dies Blatt ins Leben zu rufen, dachte mancher von uns, es würde eine Stimme in der Wüste werden. Doch es kam anders! Nach etwas mühevollen Anfängen ist es immer mehr geworden, was es werden sollte: der Resonanzboden, der uns Kunde giebt, daß vieler Orten an Bergen, Flüssen und in Städten jemand wohnt, der mit uns übereinstimmt und dessen Lebensfreude und Lebensmut im Austausch der Stimmen gehoben wird, so daß ein gut Stückchen Garten erblüht ist. Das Belehren zwar ist schwer, und wer nicht Mephistos Rat befolgen will, sich aufs Verwirren zu legen, muß mit Geduld sich rüsten. Bald, nach wenigen Jahren, hatten wir die Hauptsache erreicht: wir waren eine Gemeinde. Und immer mehr hat sie sich ausgebreitet. Immer mehr klingt es wieder, klingt es zurück, bald aus der Nähe, bald aus der Ferne, wie in der offenen Presse, so in verschlossenen Zuschriften. Diese Zuschriften insbesondere sind von Wert. Sie brauchen sich garnicht zu entschuldigen, lieber Leser, und vor allem nicht Sie, verehrte Leserin, daß Sie Ihren Gefühlen, besonders den zustimmenden, Luft machen in einem Privatbrief. Die Kinder, sie hören es gerne. Auch ist es so hübsch, wenn man draußen auf Reisen, zumal im Sommer, darauf angeredet wird. ^o.ok'ic> sono xittors, auch ich gehöre zum Leserkreis der „Nation". Die Menschen von einer Meinung zu anderen herüberzubringen gelingt vielleicht noch eher im Reden als im Schreiben. Denn im gesprochenen Wort, wenn es den rechten Ton trifft, liegt etwas vom elektrischen Fluidum, welches, wie der stehende Ausdruck lautet, zündet und fortreißt, obwohl es nicht gerade die weisesten Reden sind, die dies vollbringen. Das Geschriebene thut es, mit seltenen Ausnahmen, darin dem Reden nicht gleich. Aber in einer anderen Richtung ist es mächtiger. Es vermag zu sammeln, denn seine Tragweite ist unbegrenzt, es dringt weit hinaus, sucht die vielen, die wenigen und den einzelnen auf, und wenn es regelmäßig wiederkehrt in bestimmter Gestalt und gleichartig fortfließendem inneren Zusammenhange, so gelingt ihm mehr und mehr, die Übereinstimmenden zu verbinden, zu wecken, zu befestigen und jedem der Gesammelten neue Kräfte zur Expansion und Weiterwirkung zu geben. Diesen Erfolg haben wir im Laufe der Jahre durchgesetzt, und dessen dürfen wir uns freuen. Was wir denken und erstreben, wird lebendig, indem es in Tausenden abgespiegelt zum deutlichen Bewußtsein kommt. Eine Zeit, in welcher dunkle Mächte ihre Fittige über das Leben der Nation ausbreiten, ruft das Begehren nach einem gegenseitigen Erkennen wach zwischen denen, die wüster Verwirrung entgegenzutreten für ihre Pflicht halten. Aus solchem Drang heraus sehen wir den Versuch einzelner Männer von edler Denkungsart entstehen, durch Bereine und Versammlungen einen Kern zu bilden für das Zusammenstehen in rein menschlicher Gesinnung. So sehr man ihnen Erfolg wünschen möge, er ist auf diesem Wege kaum zu hoffen. Mehr als auf jedem anderen Boden ist nach dem Dichterwort das Niederträchtige das Mächtige besonders da, wo es gilt, helle Haufen zusammen zu rufen. Die Massenpolitik hat wie die Massenproduktion ihre Entwicklungskrankheiten durchzumachen. Wir sehen sie jetzt aller Orten in trüber Gührung. Hier giebt es keine Umkehr. Nur vorwärts zu arbeiten ist Leben, und diese Arbeit heißt Klärung. Es geht jetzt ein Klagen durch Deutschland. Nichts ist ansteckender, und — 42 — wenn es unter dem Vortritt eines seine Zeit beherrschenden Mannes zu Gunsten seiner Standes genossen in der Gesetzgebung ausgenützt worden ist, so treibt das natürlich zur Nachahmung an. Das Klagen wird ein Gewerbe und es lernt sich leicht. Es ist ja wahr, die Geschäfte liegen vielfach darnieder, und zwar in der ganzen Welt. Aber ist das ein Wunder? Endlich mußte doch die Häufung rasender Thorheit, die seit anderthalb Jahrzehnten der wirtschaftlichen Thätigkeit der Völker alle erdenklichen Steine in den Weg gewälzt hat, ihren Effekt hervorbringen. Und jetzt wundert man sich! Widersinnige Handelspolitik, Gewerbepolitik, Steuerpolitik, Sozialpolitik und dazu ein Wüten mit unproduktiven Ausgaben für Land- und Seewehr, welche die Ersparnisse der Völker auffrißt, eine Verschwendung von Geld, Zeit und Kraft in gesetzlichen Neuerungen, so wurde die Kerze au beiden Enden abgebrannt; und man wundert sich, wenn es endlich jeder am eigenen Leibe fühlt. Da wird der Gerechte mit dem Ungerechten getroffen. Auch das noch relativ vernünftige England muß gerade so mit leiden, wie die anderen. Was in Deutschland den Klagen jetzt einen neuen besonderen Ton gegeben hat, ist, daß sie auch aus einer Region ertönen, die sich zu Lobliedern verpflichtet und gestimmt fühlte, so lange ihr unfehlbarer Gebieter am Ruder stand. Jetzt, seit bald drei Jahren, gelangen auch seine Verehrer allmählich wieder zu eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen, und mit ihren Klagen verbinden sie weiter den Zweck auch einer Huldigung für ihn und eines Tadels für seinen Nachfolger. Gar vieles von den Trauertönen, die sich jetzt in das Weherufeu der Zeit mischen, kommt von denen her, die ihre Harfen aufgehängt haben an der Saline zu Kissingen oder auf dem Marktplatz zu Jena. O hätten wir doch keine anderen Schmerzen! - 43 — Ich habe einen alten Bekannten. Er gehört zu denjenigen, denen es Gesundheitsbedürfnis ist, sich zu entrüsten, nicht um Bismarcks willen von wegen etwa eines abgelehnten zweiten Büreaudirektors, sondern aus ehrlichem, demokratischem Gemüt „für Freiheit und Recht". Von Zeit zu Zeit besucht er mich. Mit finsterer Miene tritt er ein und sieht mich an, als wäre ich an allem schuld. Dann entwickelt sich folgender Dialog: Er: Nuu, was sagen Sie jetzt? Ich: Was soll ich sagen? Er: Soll das alles so weiter gehen? Ich: Wissen Sie ein Mittel dagegen? Er: Das Mittel will ich von Ihnen hören. Sie sind ein Mann in öffentlicher Stellung. Ich: Glauben Sie mir, wenn ich es wüßte, wüßten Sie's auch. Er.(immer zorniger): Also muß man es aushalten? Ich: Mir scheint's; es ist wohl auch von jeher in der Welt nicht viel besser gewesen. Er: Ist das Ihre Ansicht? Ich: Ganz gewiß. Wir sahen's nur für andere Zeiten nicht so in der Nähe. Er: Und soll man nichts thun, um's zu bessern? Ich: O sicherlich. Er: Was denn? Ich: Man soll sich wehren. Er: Das thu' ich jetzt schon mein Leben lang. Ich: Und dabei sind Sie alt geworden und befinden sich wohl. Er: Wenn aber das Wehren nicht hilft? Ich: Es hilft doch Ihrer Gesundheit, und die ist die Hauptsache. Er? Und Besseres wissen Sie mir nicht zu sagen? — 44 — Ich: Sobald mir was Besseres einfällt, lasse ich Sie es wissen. Aber, glauben Sie mir, sich wehren gehört schon zum Besten, was die Menschheit je erfunden, so lange es ihr, wie von je, schlecht gegangen ist. Wer weiß, ob sie viel Besseres vertrüge. Ein berühmter Dichter des Landes, das uns in diesen Dingen um etliche hundert Jahre voraus ist, hat das in den Vers zusammengefaßt: ^,8 z^ou all kvovv, ssearlt/ Is mortals etustsst Msm^, das heißt auf deutsch: Wie Ihr All' wißt, ist Sicherheit Des Menschen größte Fährlichkeit. Seien Sie mir nicht böse und grüßen Sie Weib und Kind. Ich glaube, jedesmal, wenn er fortgeht, verachtet er mich. Aber er kommt doch immer wieder. Ihr L. Bamberger. ?. 3. Ich will mich auf keine Weise hiermit für nächste Weihnachten verpflichtet haben. IV. Wer Toaste. A)ie erklärt es sich, daß die Verbindung von Reden und Trinken gerade unter englischer Firma zu uns gekommen ist, und nicht nur zu uns, sondern auch zu anderen Völkern, die weniger geneigt sind, sich vom Fremdartigen reizen zu lassen? Das Trinken brauchten wir nicht von außen zu importieren, und die Redseligkeit suchen wir nicht gerade bei den Engländern. Ist es nicht merkwürdig, daß ein Land, dessen Boden keinen Tropfen Wein erzeugt,*) den rebenbauenden Galliern der Gironde, den Winzern des Rheins und der Mosel die Formel für die Eloquenz des liebevollen weinumkränzten Bechers diktiert hat? Allerdings haben in neuester Zeit die Franzosen neben dem bereits eingebürgerten Ausdruck „rm, toast" auch das Wort „rm, xunod" von jenseits des Kanals eingeführt. Das läßt sich jedoch einigermaßen erklären. Die Hauptbestandteile des Punsches, Rum oder Arak, werden in den englischen Kolonien erzeugt; und da man doch einmal einen absonderlichen Namen für eine neue Art von Gasterei *) In alten Zeiten soll auch in England, wie in der Mark, ein saurer Wein gezogen worden sein. — 46 — brauchte, die sowohl der Tageszeit als dem Stoff und dem Sinn nach schwer unterzubringen war, so stellte sich das den dampfenden Wohlgeruch versinnlichende Wort nicht ungelegen ein. Wenn ich nicht irre, ist es zunächst für Offiziersgelage angewendet worden und möchte vielleicht von der Marine abstammen. Bei der jüngsten frankorussischen Verbrüderung, die mit sechzehn Frühstücken und Mittagsessen unmöglich ihren Herzensdrang befriedigen konnte, wurden auch die „?unoti" uoch in die schwer zu findenden Lücken eingeschoben. Den llvk o'oloLl: tsa, welchen die französische Damenwelt auch schon von drüben herüber geholt hatte — das dritte englische Wort also für ein gemeinsames Trinken — konnte man den nordischen Seehelden nicht wohl anbieten, und die fünfzig Millionen russischer Weiblichkeit — alles bewundernswerte Geschöpfe! — mußte man sich begnügen, aus der Ferne zu feieru und zu verehren. Dabei fällt mir ein, wie merkwürdig es ist, daß unser großer Dichter bei seinem berühmten Lied auf den Punsch in einen etymologischen Widerspruch geraten ist. Denn während er bekanntlich die Verherrlichung der elementaren Vierzahl seinem Gesang zu Grunde legt, bedeutet das Wort Punsch ganz genau die Zahl fünf, und Punschlied müßte eigentlich übersetzt werden: Fünflied. Unser deutsches Wort fünf so gut wie das griechische xsutg. und das lateinische quin^us mit allen ihren Ableitungen kommt nämlich direkt vom sanskritanischen ?ÄQLti!Z. her, das, wie wir aus unserem geographischen Unterricht wissen, auch dem Land der fünf Ströme, dem Pendschab, seinen Namen gegeben hat. Punsch heißt das Getränk, weil es ursprünglich aus fünf, nicht aus vier Ingredienzien gebraut wurde. Dies Fünfte war nämlich der Zimmt, welcher also schon zu Schillers Zeit der Vergessenheit anheimgefallen sein mußte. Der Zimmt ist überhaupt von der Höhe seines — 47 — früheren Ruhmes herabgestiegen. Noch vor fünfzig Jahren spielte er in der Küche und in der Znckerbäckerei eine wichtigere Rolle als heute, wie denn überhaupt ohne Zweifel mit einer Verfeinerung der Nerven eine Menge -von Gewürzen teils ganz ausgeschieden, teils in ihrer Verwendung sehr eingeschränkt worden sind. Bei unseren Großmüttern galt es noch für sehr fein, etwas Vanille dem Thee zuzusetzen, und wer die teuren Stengel nicht erschwingen konnte, half sich ganz verschämt mit Zimmt, ein Gedanke, der heute wohl einer Waschfrau Schauder erregen würde. Es kam auch vielfach vor, daß die Krämer dem Thee, um ihm einen edlen Parfüm zu geben, einen leisen Anfing von Berga- mottöl beibrachten. Wenn man die Geschichte des Geschmacks in allen Dingen zurückverfolgen will, kann man viel aus der Beobachtung auf dem Platten Lande schöpfen, wo die Wandlung erst auf Distanz nachfolgt. Kommt man bei uns auf ein Dorf, so wird in dem Maß, als der Gast geehrt werden soll, die Suppe mehr oder minder stark nach Muskatnuß schmecken, wie das ehemals wohl allgemein der Fall war. Muskat, Cardamom, Ingwer, Coriander, das alles gehörte zum eiserneu Bestand einer guten bürgerlichen Küche, an Nelken wurde nicht gespart — lauter Dinge, die heute nur in ganz bescheidenen Dosen figurieren. Es mag sein, daß die Mannigfaltigkeit und Stärke der Gewürze in der Zeit, da der Handel des Mittelalters sie zuerst aus dem Orient nach Europa brachte — und man weiß, welche Rolle sie in diesem Handel spielten — einen größeren Zauber auf den Gaumen ausübten und daß sich das die Jahrhunderte lang fortpflanzte, nur ganz allmählich sich abstumpfend, oder vielmehr der Verfeinerung des Nervensystems weichend. War es doch nicht anders mit den Wohlgerüchen und Schminken! Vermutlich würde man uns mit den Bisambüchsen des siebenzehnten Jahrhunderts heute — 48 — Meilen weit hinweg jagen, und die tollste Kokette würde nicht wagen, sich so viel Rot aufzulegen, wie eine würdige Dame am Hofe des fünfzehnten Ludwig. Je mehr die Kultur voranschreitet, desto schonsamer haust sie mit den Eindrücken — siehe auch das Strafverfahren! — und wo wir ein Bedürfnis nach Verschärfung wahrnehmen, können wir eine Nückwärtsbewegung der Kultur auf dem besonderen Gebiete ahnen, so z. B. in der modernen Belletristik und Dramatik mit ihrer grausamen Nervenbehandlung des Publikums; demselben vergröberten Triebe entstammt die Sehnsucht mancher Gesetzgeber nach Wiedereinführung der Prügelstrafe. Mit all dem ist meinen Leserinnen nicht klarer geworden, warum die englische Institution der Toaste sowohl dem Namen als der Sache nach eine weltbeherrschende geworden ist. Gerade so erging es nämlich mir. Ich hatte mir darüber den Kopf zerbrochen, mit all den Abschweifungen, auf die man gerät, wenn man sich vergeblich bemüht, einer Sache beizukommen. Auch alle Nachschlagsbücher, die ich zu Rate zog, einschließlich des neuesten großen Werkes aus englischer Feder über die Geschichte des Trinkens*), führten mit unsicheren Andeutungen nicht weiter zurück, als etwa in den Anfang des vorigen Jahrhunderts und auf bekannte Erklärungen über die Entstehung des sonderbaren Wortes „Toast". Da brachte mir eines Tags die Post einen Brief und ein Buch. Das letztere führt den Titel Kistor^ l^oastiriA or OriukiuA Hsg.1t.li8 in LllAls.ri.<1" und der Brief war von einer Dame, welche mir etwa Folgendes schrieb: Sie haben vor längerer Zeit einmal bei Tische in meiner Gegenwart den *) kistor? ok Drink, zweite Auflage, London 1880, von James Samuelson. — 49 — Wunsch geäußert, etwas Genaueres über die Geschichte des Toastens in England zu erfahren. Ich habe mich bei meinem längeren Aufenthalt in diesem Lande bemüht, diesen Dingen nachzugehen, und schicke Ihnen als Ergebnis beiliegende Sachen. Außer dem Buch befand sich bei der Sendung noch eine Anzahl sehr sorgfältig gemachter Abschriften aus anderen Werken über dasselbe Thema. Daß ich von solcher Aufmerksamkeit lebhaft gerührt war, wird die gütige Leserin verstehen (darum habe ich mich oben speziell an sie gewendet), wenn schon ich aus natürlicher Diskretion alle die edle Geberin im übrigen zierenden Vorzüge verschweige. Mit begreiflicher Spannung machte ich mich an die nähere Bekanntschaft mit dem neuen Material. Als Verfasser stand auf dem Titel des Buches genannt: RkvsrsQä Niekarä Valx^ ?rknvli v. v. I.., L. R-sotor oif Lüg,nrns,rtüi g.ncl ^ilorieli. Der Mann ist also ein Geistlicher, Doktor und Mitglied einer illustren Gesellschaft, er amtiert im englischen Welschland. Der Verlag befaßt sich mit der Spezialität der Mäßigkeits- vereiue, und in deren Sinn und Dienst ist die Abhandlung geschrieben, doch tritt der heilige Abscheu gegen die geistigen Getränke erst am Schluß hervor. Bis dahin ist das Thema eher mit Liebe behandelt. Soweit war alles gut. Aber bei näherer Besichtigung entdeckte ich, daß der Verfasser an einem schrecklichen Fehler litt, den ich nur zu gut kenne, weil er auch zu den meinen gehört. Er hat sich nämlich von seinem Gegenstand verführen lassen, zu weit auszuholen. Bei der litterarischen Behandlung eines Stoffes geht es nicht wie sonst im Leben, wo sich der Arme beschränken muß und der Reiche sich gehen lassen kann. Hier gilt das Umgekehrte. Wer einen reichen Stoff unter den Händen hat, muß sich beschränken lernen, wer es mit einem bescheidenen zu thun hat, darf sich gehen Lud vig Bamberger's Gcs, Schriften. I. . — 50 — lassen. Und wie groß war gerade bei diesem Stoff die Versuchung, vom einen zum anderen, vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten! Man denke sich: Hauptthema das Reden beim Trinken, oder vielmehr das Trinken mit Reden. Die ganze Geschichte des Trinkens und die ganze Geschichte des Redens öffnete ihre Pforten rückwärts bis zur Sintflut. Und unser Mann Gottes hat sich nicht einmal von der Sintflut aufhalten lassen. Umgekehrt wie jener Richter im Stücke Racines, der den seine Rede mit der Schöpfung anhebenden Advokaten drängt, wenigstens bis zur Sintflut vorwärts zu kommen: Advokat: ^vs,nt Is, ns-issÄneg 6u, mooäg . . . Richter: L,voog,t>, all! xassons au äslu.xs geht er in seinem Entdeckungseifer hinter dieselbe zurück. Die Frage ist freilich eine höchst interessante: Hat Noah erst nach der Sintflut angefangen Wein zu pflanzen? Gemeinhin wird die Sache so aufgefaßt. Aber einige theologische und sprachliche Sachkenner sind anderer Ansicht. Gestützt auf den Wortlaut der Genesis (IX. 20), insbesondere in Verbindung gebracht mit einer Stelle in Matthäus (XXIV. Z7—39), die mir entschieden zu ihren Gunsten zu sprechen scheint, behaupten sie lesen zu müssen, Noah habe lediglich fortgefahren, seinen Wein zu bauen wie ehedem. Und so schließt daraus nun unser Müßigkeitsapostel ganz fein: hat Noah schon vorher Wein gepflanzt, so hat er auch schon vorher getrunken, und hat er getrunken, so guckte er wohl auch zuweilen etwas zu tief ins Glas — kurz und gut, er war em Säufer, daher ein Sünder, und darum schickte Gott, um die Welt und ihn zu strafen, die Flut, in der alles andere begraben wurde. Schon damals hätte, rechtzeitig organisiert, eine richtige Mäßigkeitsgesellschaft alles Unglück verhüten können — also homöopathisch ausgedrückt: — 51 — Wasser, zu rechter Zeit angewendet, hätte vor dem Untergang durch Wasser bewahrt, Kann'es ein schöneres Z herausfindet, eine schöne Ausrede fürs Trinken. Daher kommt auch, daß alle diese Sitten sich ausschließlich an den Genuß der gegorenen Getränke anlehnen, weil eben nur die im Übermaße, über den Durst, genossen werden. Für die anderen sucht man nach keiner Ausrede. Obwohl Thee und Kaffee zuträglicher für die Gesundheit sind als Wein und Bier, bestand und besteht doch kein Brauch, Gesundheiten darin auszubringen. Der einzige, welcher hier erwähnt werden könnte, wäre der in einem Teil des bayerischen Frankenlandes bestehende, demgemäß bei großen Damenkaffees am Schlüsse die Vornehmste der Gesellschaft sich er- — 59 — hebt und in feierlicher Rede sich so vernehmen läßt: „Wir danken für die treffliche Bewirtung und bedauern die verursachte» Unkosten." Daß der Wein für ein der Gesund- heit besonders zuträgliches Getränk gilt, ist Wohl auch nur eine ^xouss tor clrinliiriA, und daß man ihn nicht seiner Heilkraft wegen auf die Gesundheit anderer trinkt, erhellt schon daraus, daß, wie beschrieben, die Toaste ursprünglich gar nicht beim Wein, sondern bei anderen Spiritussen aufgekommen sind. Von Schnapstoasten ist glücklicherweise in der zivilisierten Welt noch nicht die Rede. Das spricht deutlich 'zu Ehren des Weins, dessen unbestreitbar eingeborenes poetisches Element im Bnnde mit der guten Ausrede das Fundament der Trinksitten geliefert hat. Es giebt aber neben der Poesie des Trinkens auch eine des Essens, eine höchst ehrenvolle, ja menschlich höher stehende als die des Trinkens. Eine der höchsten Freudeu des Daseius, ein behagliches Gespräch zu mehreren, fließt am schönsten beim Mahle dahin, und das Wesen des Mahles ist eben das Essen, nicht das Trinken, wenn auch das letztere dazu gehört. Die Nation, welche am meisten Sinn für Konversation hat, die französische, hat auch am meisteu Sinn für die Küche. Bei deu berühmten Soupers des achtzehnten Jahrhunderts spielte das Trinken keine Rolle. Das hängt auch schon damit zusammen, daß die Damenwelt an ihnen beteiligt war, die glücklicherweise bis auf den heutige» Tag dem Genuß geistiger Getränke im ganzen gleichgiltig gegenübersteht — ein Gesichtspunkt, welcher bei den Bestrebungen nach völliger Gleichstellung der Geschlechter nicht übersehen werden sollte. Zwar kann wohl überhaupt als ausgemacht angesehen werden, daß das weibliche Geschlecht im ganzen weniger Wert nicht nur auf das Trinken, sondern auch auf das Essen legt, als das männliche. Auf zehn Frauen kommt höchstens eine, die viel darauf hält, — 60 — und solche, die es im Übermaß treiben, sind höchst seltene Ausnahmen. Ob sie nach anderen Richtungen hin sich dafür schadlos halten, ist eine Frage, die begreiflicherweise hier nicht untersucht werden soll. Man behauptet zuweilen, ihre Gleichgiltigkeit gegen das Essen rühre von ihrer Beschäftigung mit der Küche her. Dieser naheliegende Ein- wurf hält aber nicht Stich. Denn auch Frauen, die nach ihrem Stande garnichts mit der Küche zu thun haben, gleichen darin allen anderen, und ihre Gleichgiltigkeit gegen den Wein erklärt sich gewiß nicht auf diese Weise, da sie doch beinah nie die Aufsicht über den Keller führen. Am meisten trinken die Damen von jeher in England. Aus vergangenen Jahrhunderten wird Schlimmes darüber berichtet, und auch heutigen Tages soll ihre Leistungsfähigkeit über die ihrer Schwestern vom festen Lande bedeutend hinausgehen. Vielleicht hängt damit zusammen, daß sie auch an der Politik viel mehr Teil nehmen und z. B. bei Wahlbewegungen jetzt sich gewaltig in eigener Person hervorthun. Alles in allem möchte ich behaupten, daß wohlverstandenes Essen und wohlverstandene Unterhaltung zusammen gehören, und in beidem leisten da, wo sie überhaupt dazu begabt sind, die Männer das Höhere. Zu einer vollendeten kleinen Tafelrunde gehören gewiß auch Damen, aber sie haben mehr begleitende Funktionen dab^i. Zunächst soll ihre äußere Erscheinung das Ganze verschönern, und dann sollen sie sozusagen den Taktstock dabei führen. Wer das Glück hatte, in feinem Leben angenehme Erfahrungen auf diesem Gebiete zu sammeln, weiß, welche hohe Kunst eine sachverständige Herrin des Hauses üben kann, indem sie den Gang der Unterhaltung ohne sichtbare Eingriffe, und vor Allem ohne Pedanterie zu leiten und zu belebeu versteht. Sobald man's merkt, wird's unausstehlich. Zu einer guten Tafelrunde gehört eine Mehrzahl — 61 — von Männern und eine kleinere Anzahl Damen, schon damit die Versuchung der Galanterie nicht bei Tisch rege werde, wo sie nicht hingehört. Die Soupers des achtzehnten Jahrhunderts waren so zusammengesetzt. Das Essen als Kunstgenuß und zugleich als ein Element des verfeinerten geselligen Verkehrs nimmt überhaupt im französischen Leben einen breiteren Platz ein als bei irgend einer Nation. Auch die nördlicheren lassen es am Schmausen nicht fehlen, z. B. vor allem die Belgier, aber sie betreiben es einseitiger. Die Italiener legen weniger Gewicht aufs Essen und Trinken als auf den allerdings nicht zu verachtenden Luxus der Bedienung der Tafel. In Frankreich am meisten gelangen Sinnlichkeit und geistige Bewegung bei Tafel zu gleichmäßiger Geltung. Achte man auf die französische Komödie. In ihren Stücken kommt so häusig eine Szene vor, in der man sich zu Tisch setzt, und wer die Memoirenlitteratur kennt, wird beobachtet haben, wie oft einer erzählt, das und jenes sei passiert, als er gerade bei dem und jenem zu Gaste gewesen sei; auch zu Zeiten größter Aufregung und von Katastrophen hört man nicht auf, sich einander einzuladen. Diese Art wohltemperierter Geselligkeit verträgt sich aber nicht mit einer, bei der man vom zweiten Gang an sofort aus dem Fluß der Unterhaltung und aus dem Gleichgewicht des Gemüts gerissen wird, dadurch, daß einer der Gäste an ein Glas klopft, sich erhebt und eine mehr oder minder feierliche Anrede beginnt, wie dies leider bei uns furchtbar überHand genommen hat. Ich weiß nicht, ob es andern ähnlich geht, aber meine erste Bewegung in solchem Fall ist immer die, daß ich unter den Tisch kriechen möchte. Und das ist gar nicht unnatürlich. Eine ebenmäßig und ebenbürtig zusammengesetzte, behaglich plaudernde Tafelrunde wird mit einem Schlag umgewandelt in ein Publikum und einen Schauspieler; es ist, als wenn alle Sitze auseinander- — 62 — gerückt würden und ein Podium aus der Mitte aufstiege, und als wenn die vier Wände fielen, um in ihre behagliche Atmosphäre die kalte Luft von draußen hereinströmen zu lassen. Aber nicht nur das, der ganze moralische Zustand der Gesellschaft wird sofort verschlechtert durch zersetzende psychologische Elemente, die sich aus der neuen Szenerie entwickeln. Ein Ehrgeiziger und ein Parterre von Kritikern schießen auf, da, wo vor einer Minute noch unbefangene mir aufs Genießen bedachte Menschenkinder beisammen saßen. Auch wer nur aus Gefälligkeit oder aus Nnvermeid- lichkeit eine Tischrede hält, kann sich von dem Wunsch, seine Sache gut zu machen, nicht frei halten, und selbst jener Mann, den ich einmal seinen Speech so einleiten hörte: „Ich weiß zwar, daß ich stecken bleiben werde", war nicht frei vou der Anwandlung relativen Ehrgeizes. Nichts ist aber der Lebensfreudigkeit feindlicher als Ehrgeiz. Daß einer mit einer Rede im Leibe sich am Genuß des Weines ergetze, ist denkbar, ja er wird eine Art Trockenheit der Zunge empfinden, die von der Erwartung erzeugt wird; aber mit der Würdigung der Speisen, zu welcher ein vollkommenes Gleichgewicht der Seele erfordert wird, ist die Bereitschaft zum Ergreifen des Wortes unvereinbar. Mit der Konversation geht es nicht anders. Während der Redner irr sxs scheinbar sich mit seiner Nachbarin unterhält, wiederholt er sich im Stillen die Knalleffekte oder den Anfang oder den Schluß seiner kurz oder laug vorher präparierten Ansprache. Wenn nur einer reden wollte, das ginge noch an, und darum stelle ich mir z. B. die feierlichen Geburtstagsessen, bei denen nur eine hohe Gesundheit ausgebracht wird, unbekannterweise, recht schön vor. Aber bei minder erhabenen Anlässen ersaßt ja der Redeteufel einen nach dem andern, und so bildet sich um die Wette eine Kette innerer Bewegung, welche auf die Ge- samtheit der Unterhaltung und Verdauung störend einwirkt. Da, wie in der gesamten Schöpfung, auch unter den Rednern es mehr schlechte als gute giebt, so ist die Zuhörerschaft, obwohl die passive Rolle für sie die bei weitem glücklichere ist, von Pein auch nicht frei. Es gehört zu den elendesten Momenten, wenn bei Tisch ein ungeschickter Redner zu stolpern und zn holpern beginnt. Und nun erst die Mißhandlung, welche die Hauptsache, die Speisung, dabei erfährt, die Gerichte, die durch Warten verderben, der Appetit, der durch lange Unterbrechungen vergeht, die endlose Länge des Stillsitzens zwischen den zwei nämlichen Nachbarn, mit denen sich der Gesprächsstoff, wenn er überhaupt bei solchen Unterbrechungen aufkommen kann, doch schließlich erschöpfen muß, endlich die indiskreten oder einfältigen Gesichter der zuhörenden Aufwärter. Ein gräulicher Unfug ist ferner das Aufstehen nach jedem Toast, um die am Schluß derselben genannte Person noch mit persönlichem Anstoßen zu feiern. Das wird ein tumultuarisches Umherlaufen und ein gegenseitiges Begießen mit überfließenden Gläsern, welches auch den letzten Rest von Komfort zerstört. Da jeden Redner mehr oder weniger der Toast, den er im Leibe hat, inkommodiert, so sucht er ihn möglichst früh los zu werden. Die anerkannten Staatsredner haben dabei den Vorteil, daß sie ihre Last zuerst abladen und dann in Ruhe essen können. Um ihr Privilegium auszunützen, stehen sie meistens auch schon gleich nach der Suppe auf; und hat das Unheil einmal angefangen, dann folgt natürlich Schlag auf Schlag. Jeder will sobald als möglich auf seinen Lorbeeren ruhend schmausen. Zu den Lasten eines öffentlichen Berufs gehört die manchmal nicht zu umgehende Notwendigkeit, an einem Zweckessen teilzunehmen. Alle bereits geschilderten Qualen erreichen hier ihren Höhe- — 64 — Punkt. Da die Sache gewöhnlich so eingerichtet ist, daß die Getränke von den Gästen je nach Verbrauch dem Unternehmer bezahlt werden, so hat derselbe ein doppeltes Interesse, durch sparsam bemessene Bedienung lange Pausen entstehen zu lassen, die durch Reden und Trinken ausgefüllt werden. Je weniger kultiviert die Völker sind, desto länger sind ihre Ceremonien. Ein afrikanisches Palaver dauert mehrere Tage. Die Tischberedsamkeit ist eine besondere Art, von der man beileibe nicht verächtlich sprechen soll. Wie jegliche Kunst ist sie schwer und hat ihre Feinheiten. Jeder, der überhaupt Reden halten kann, ist auch imstande, eine Tischrede und sogar eine gute zu halten, wenn er einigermaßen vorbereitet ist, was ich überhaupt für die Regel bei guten Reden halte. Gewiß, es giebt vortreffliche Improvisationen, aber keine unfehlbaren Improvisatoren. Der gewissenhafte Redner wird, wenn er kann, sich immer lieber vorher besinnen auf das, was er zu sagen hat. Das ist er sich und seinen Hörern schuldig. Die Leute, die immer aus dem Handgelenke reden können, sind meistens Flachköpfe. Die Franzosen, welche doch gewiß eine redebegabte Nation sind, extemporieren nicht nur selten, sondern sie sprechen selten frei. Ich habe Viktor Hugo und Louis Blanc in einer großen Volksversammlung ihre Reden aus geschriebenen Heften ablesen sehen. Sie lasen nicht gerade jedes Wort, aber den Anfang jeder Periode und, nachdem sie sichtbarerweise das Ende derselben noch rasch ins Auge gefaßt hatten, erhoben sie den Blick nach den Zuschauern (sie sprachen nämlich von der Bühne eines der größten Theater aus) und. rentierten den Rest auswendig. Die Gestikulation, welche den deklamatorischen Vortrag begleitete, half einigermaßen über die Schwerfälligkeit einer solchen Diktion hinaus und gab ihr etwas mehr Leben. In Deutschland wäre eine derartige Prozedur unter solchen Umständen nicht denkbar, und der deutsche Geschmack scheint mir hierin der bessere zu sein. Der Grundgedanke der rednerischen Wirkung liegt in der Vorstellung, daß sie einem lebendigen, im Augenblick hervorsprudelnden Quell entspringe. Dem widerspricht der Eindruck mechanischer Abhaspelung voraus aufgewundener Gespinnste. Im deutschen Parlament ist das Vorlesen von Reden nach der Geschäftsordnung ausgeschlossen. Die Franzosen legen so großen Wert auf die korrekte Form, daß sie der Sicherheit halber die schriftlich präparierte vorziehen. Aber hierbei wird die wahre Natur der Aufgabe allzusehr der Formvollendung geopfert. In Frankreich gestattet es die Sitte sogar, an der Bahre des Verstorbenen eine Rede auf denselben abzulesen. Bei uns würde das geradezu verletzend auf das Gefühl wirken, und dies Gefühl ist im Rechte. Aber was hier gegen die im voraus in allen Einzelheiten festgelegte Rede gesagt wird, soll nicht umgekehrt der Improvisation zu gute kommen. Die Regel für eine gute Rede, wie für einen guten Feldzug ist, daß sie im voraus wohl überlegt seien, was nicht ausschließt, daß die Umstände zu richtigen Eingebungen des Moments wie zu glücklichen Gefechten führen können und sollen. Die Debatte, also vor allem die parlamentarische Verhandlung mit ihrer Aufgabe, dem meist erwarteten, aber auch dem unerwarteten Angriff zu begegnen, drängt ja von selbst auf die Improvisation hin. Aber auch hier wird der beste Improvisator der sein, der schon lange vorher alle Seiten einer Frage in sich überdacht und seinen Köcher mit Pfeilen für alle denkbaren Fälle ersehen hat. Eine solche innere Vorbereitung allgemeiner Natur ist die Bedingung für jede ernste rednerische Qualifikation, sie ist ihrem Wesen nach verwandt mit dem, was man sich unter Übung denkt. Dieser Übung darf natürlich, um auf unseren Ludwig Bamberger'S Ges> Schriften. I. ? — 66 — besonderen Fall zurückzukommen, auch der Tischredner nicht entbehren. Ja, wenn für irgend eines, so ist für dieses Genre die Leistung aus dem Stegreif nicht nur die erlaubte, sondern die erwünschte. Die Stimmung ist es, welche hier Inhalt und Form der Rede geben soll, und wenn schon mancher gute Toast auch von einem „unvorbereitet wie er sich hatte" gehalten worden ist, so verdient doch als der Tischredner von Talent und Beruf nur der bezeichnet zu werden, welcher wenigstens im Effekt den Eindruck der Unmittelbarkeit hervorbringt. Denn natürlich nur auf den Effekt kommt es an, nicht auf das, was ihm im Stillen vorangegangen ist. Ich glanbe, auch die guten Tischredner sammeln in ihren Mußestunden einen Vorrat von humoristischen Wendungen bei sich an, die sie im richtigen Moment als augenblicksgeborene Raketen aufsteigen lassen. Das geht aber niemandem etwas an. Wie eine Sache zustande gekommen, verschwindet vor der Thatsache, daß sie gelungen ist. Schon der alte Goethe, der alles gesagt hat, sagt: Was gut gemacht ist, scheint leicht gemacht zu sein. Die Deutschen sind im großen und ganzen als Nation nicht unter die mit der Redegabe besonders gesegneten zu rechuen, aber ich wüßte doch unter Verstorbenen und Lebenden eine stattliche Zahl gerade vorzüglicher deutscher Tischredner auf« zuzählen, und es ist nicht schwer zu erklären, warum wir gerade in dieser Spezialität uns auszeichnen. Nur das glaube ich auch bemerkt zu haben, daß hervorragende Tischredner auch sonst in ihren Vorträgen etwas haben, was an die farbenfrohe Produktivität der Weinlaune erinnert. Unsere großen politischen Redner haben nie bei Tische sich besonders hervorgethan. Ich kann mich nicht besinnen, von irgend einem zierlich ausgesponnenen Toaste Bismarcks gehört zu haben. Laster war beinah niemals zu einem solchen zu bringen, und Eugen Richter verspürt, wenn ich — 67 — nicht irre, dieselbe Antipathie. Umgekehrt Windthorst ließ sich keine Gelegenheit entgehen. Saß man auch nur ein halbes Dutzend bei Tisch, es dauerte nicht lange, der kleine, im buchstäblichen Sinne des Wortes leutselige, Schalk klopfte an sein Glas und hielt einen schnurrigen Vortrag. Da man von vornherein geneigt war, der einflußreichen, bejahrten und hochstehenden Exzellenz dankbar zu sein, so war sie des Beifalls gewiß, und diese Gewißheit giebt bekanntlich die zum Gelingen sehr viel beitragende Seelenruhe. Ein Redner in großem Stil war der überlegene Debater und Taktiker bekanntlich überhaupt nicht. Sein Pathos war meistens trivial und geschmacklos, und das Anziehendste in seinen Parlamentsreden waren auch seine guten, beißenden, improvisierten Scherze. Waren Damen bei Tisch, für deren dem berühmten Manne natürlich zuströmende Huldigungen er sehr empfänglich war, so galt gewöhnlich ihnen sein im Nokokostil der Galanterie gehaltener Toast. Mit all dem hat er unzählige Male seinen Wirten und Tischgenossen Freude gemacht, wie ihm, was man auch sonst von seiner Wirksamkeit denke, nie vergessen werden darf, daß er ein humaner, liebenswürdiger Mensch war — ein Zug, der in unserem Politischen Leben täglich mehr dem anderen Extrem weicht. Da jede Geschichte eine Moral haben soll, so möchte ich diese lange mit folgender zum Schluß bringen. Toaste müssen sein, das beweist ihre uralte und ausgebreitete Existenz. Auch sie haben ihre Vernünftigkeit, und unter Umständen sogar ihre Annehmlichkeit. Aber für deutscheu Brauch wäre außerordentlich wünschenswert, daß er aus die großen Vorbilder zurückginge, die ihm die klassischen Bräuche zeigen, die des Altertums und die der Engländer. Hier galt oder gilt als Regel, mit dem Trinken auf das Wohl erst anzufangen, wenn das Essen vorüber ist. Erst nach 5* — 68 — dem eigentlichen Gastmahl, dem Deipnon, begann das Symposion, das Zusammentrinken mit dem Zutrinken. So auch bei den Engländern; erst wenn das Tischtuch abgenommen, fängt das Trinken und Reden an, weshalb der Toast auch der ^ktsr-äliiiisr sxskvli heißt. Wenn dies auch bei uns eingeführt würde, so fiele die Versuchung weg, die aus dem Brauch einen Mißbrauch macht; der Mensch, welcher die wahre schöne Tafelfreude gern genießt, gut zu essen und sich dabei gut zu unterhalten, könnte ungestört sich dieser Gottesgaben freuen und dann, sofern er nach guten und schlechten Reden und nach Übermaß des Weins kein Bedürfnis fühlt, sich — lachend oder weinend — aus dem Bunde stehlen. V, Fragen an Sie ewigen Sterne. i. !)as erste politische Ereignis, dessen Eintritt mir deutlich vor der Erinnerung steht, war die Juli-Revolution zu Paris im Jahre 1830. Ich hatte damals eben das siebente Jahr erreicht, aber es wurde in meiner nächsten Umgebung so viel politisiert, daß der kindliche Sinn schon lebhaft auf die Weltbegebenheiten hinhorchte. In dem dem Elternhause gegenüberliegenden Laden des alten Junggesellen, der ein Geschäft mit Schreibmaterialien betrieb, gingen täglich beschäftigte und unbeschäftigte Leute aus und ein, die sich beim Zusammentreffen über die neuesten Begebenheiten unterhielten und — ich vermute — mit mehr oder weniger Weisheit darüber kannegießerten. Wir Knaben hatten unser Hauptquartier da aufgeschlagen, um zuzuhören und die Bilder zu betrachten, vor allem die Schlacht bei Navarin und Kaspar Hauser an der Thorwache zu Nürnberg. Es waren damals fünfzehn Jahre seit dem Abschluß der Napoleonischen Ära vergangen. Ehedem hätte man das für einen langen Zeitraum gehalten und gemeint, danach müßte das Viertelsäkulum der vorausgegangenen Umwälzungsperiode tief in den Untergrund historischer Vergangenheit — 70 — versunken gewesen sein. Aber wir, die wir die Jahre 1870 und 1871 erlebt haben, wissen das jetzt besser. In den nächsten Sommer fällt die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr der großen Kriegszeit, und wem, der dabei gewesen, ist alles nicht noch gegenwärtig, als wäre es gestern geschehen? Im Jahre 1830 waren seit dem zweiten Pariser Frieden erst fünfzehn Jahre vorübergegangen und viel stillere als die, welche uns heute vom letzten großen Völkerkampfe trennen. So erkläre ich mir, daß bei der ersten Kunde von der Verjagung Karls X. in der Stadt Mainz, die mit ihrem Schicksal in den ersten Sturz der Bourbonen uud dann wieder in den des kaiserlichen Eroberers eng verwickelt worden war, auch die Bilder vergangener Zeiten und, mit ihnen verbunden, die Fragen an das Schicksal wieder unter ähnlichen Zeichen auftauchten. Da kamen sie denn zu Haus in jenen ersten Tagen des August, alle die Redseligen und Staatskundigen, in deren Gedächtnis die ältesten oder die alten Geschichten, der Einmarsch des Generals Custine oder der Rückzug aus Rußland, getragen von dem Selbstgefühl, Zeuge großer Dinge gewesen zu sein, lebendiger noch als sonst wieder emporstiegen. Vor Allem waren es die alten Soldaten der großen Armee, Veteranen genannt, die sich berufen fühlten, ihre Stimme abzugeben. Manche von ihnen stehen mir noch deutlich vor Augen, ich könnte sie malen, wenn ich malen könnte. Einer besonders, ein geborener Franzose, einer derer, die am Orte sitzen geblieben waren mit Haus und Hof, als seine Landsleute abzogen, interessierte uns Knaben ganz besonders. Er hielt jetzt einen Biergarten vor dem Thor. (Gott weiß, was das für Zeug war, was uns damals als schäumender Gerstensaft aus steinernen Krügen geschenkt ward!) Aber er hatte ehemals bei den kaiserlichen Kürassieren gedient, ein baumlanger Kerl, der natürlich auch nie menschliches — 71 — Deutsch reden gelernt hatte. Was unsere Ehrfurcht für ihn mehr als für die anderen seines gleichen steigerte, war, daß es hieß, ihm fehle, unter der Hülle des Stiefels, die große Zehe, die ihm in der Schlacht abgeschossen worden. Mit wahrer Andacht hafteten unsere Augen auf diesem historischen Oberleder. Was wird nun in Frankreich werden? lautete die schwere Frage ans Schicksal, und die Mehrzahl der Korona war überzeugt, demnächst würde wieder der große Invasionskrieg losgehen, würden „die Franzosen kommen", wie die stereotype Wendung lautete. — Aber was da kam, war genau das Gegenteil. Dem Bürger- kvnig Ludwig Philipp lag nichts wärmer am Herzen, als seinen Kollegen auf den von Gottes Gnaden angestammten Thronen die Überzeugung beizubringen, daß er an alles eher denke als an die Erneuerung eines Heldendramas. So ward die Periode vom Juli 1830 bis zum Februar 1848, welche nicht bloß in der guten Stadt Mainz (der Kaiser Napoleon hatte sie nämlich zur Würde einer der „doniiss villsL äs Kranes" zu erheben geruht), sondern in ganz Deutschland und weit darüber hinaus bei ihrem Anbruch als eine Ära des Krieges diagnostiziert worden war, zu dem friedlichsten Abschnitte, den die Annalen der Weltgeschichte zu verzeichnen haben — eine Zeit der Verzweiflung für die Lieutnants und die Hauptleute, die im stilleu Familienleben des Garnisondienstes ergrauten. Ich höre noch, wie die Rede ging: Offiziere seien beschäftigte Müßiggänger. Zwar hatte die friedselige Stimmung durch die syrisch- ägyptischen Wirren eine momentane Unterbrechung erlitten, als das Ministerium Thiers mit seinen heroischen Geberden die kriegerische Muse des Niklas Beckerscheu Rheinliedes herausforderte. Aber gerade dieser Zwischenfall hatte um so deutlicher gezeigt, wie wenig Ernst es dem vernünftigen, nüchternen Orleans mit der Lust nach militärischen Wen- — 72 — teuern war; und die Welt sah danach um so beruhigter in die Zukunft, als der Geschichtschreiber der republikanischen und imperialistischen Feldzüge dem Geschichtschreiber der Zivilisation seinen Platz an der Spitze des Kabinets hatte überlassen müssen. Da kam ein neuer Schlag von ganz anderer Seite durch einen grausamen, scheinbar tief in die Weltgeschicke eingreifenden Zufall. Ich erinnere mich deutlich des Momentes. Wieder war es ein heißer Julitag im Jahre 1842. Ich hatte in der Glut der Mittagsstunde während des zweistündigen eintönigen Vortrages im Kolleg über römische Institutionen mühsam gegen den Schlaf gekämpft. Beim Austritt empfing uns die Nachricht, daß der französische Thronfolger, der junge, schöne, vielgeliebte Herzog von Orleans, durch einen unglücklichen Sprung aus dem Wagen ums Leben gekommen. Auf ihn, auf die Volksgunst, die man ihm nachrühmte, hatten die politischen Berechnungen ihren Glauben aufgebaut, daß Ludwig Philipps Krone ohne Schwierigkeit auf den Nachfolger übergehen werde. Von nun an trat an die Stelle dieser Zuversicht die bange Frage für alle Staatsweisen: was wird einst aus der Ruhe Europas, wenn Ludwig Philipp die Augen schließt? Und als Ludwig Philipp 1850 in Claremont starb, kümmerte sich kein Mensch mehr um die Folgen seines Endes. Das Ereignis war absolut gleichgiltig für die Weltgeschichte, sogar noch gleichgiltiger als der Tod, der drei Jahrzehnte später den armen Sohn der Kaiserin Eugenie im fernen Afrika aus den Möglichkeiten französischer Überraschung mit dem Assegai eines Zulukaffern herausstrich. Zum dritten Mal seit Waterloo tauchte der Gedanke auf, die Franzosen würden sich nach dem Rhein stürzen, als am 24. Februar 1848 die Republik ausgerufen ward. Doch galt dies mehr für Deutschland als für Frankreich. Die Warnung sollte bei uns Dienste thun, um dem guten Bürger vor seinen eigenen politischen Gelüsten bang zu machen. Die Lust, den angestammten Fürsten etliche Machtvollkommenheiten abzuknöpfen, sollte abgelenkt werden auf die Notwendigkeit, sich gegen den von außen drohenden Erbfeind zu verteidigen. Aber der Erbfeind kam nicht, und die Hoffnung, welche das deutsche Volk auf die berühmten und berüchtigten Bewilligungen jener Märztage gesetzt hatte, sollte nicht an solchen Erbfeinden deutscher Einheit und Freiheit, die jenseits des Rheines wohnen, zu Schanden werden. Da jedoch die Schrecken nicht aufhören, so kam nun ein neuer auf, mit dem wir erst in unseren Tagen intimere Bekanntschaft gemacht haben, das „rote Gespenst". Heute leben wir unter dem Eindruck, als sei die Gefahr sozialer Umwälzung erst neuerer Zeit, sagen wir seit der Pariser Kommune und der Rückwirkung des allgemeinen Stimmrechts, der Welt ins Bewußtsein gedrungen. Das ist ein Jrrtnm. Wer sich des Jahres Achtundvierzig erinnert oder dessen Annalen nachschlägt, muß konstatieren, daß schon damals jener Schrecken der Menschheit sofort gewaltig in die Glieder fuhr; sogar ehe noch die große von Cavaignac niedergeworfene Erhebung des Proletariats im Juni 1848 zum ersten Mal ein großes Blutbad unter Entfaltung der roten Fahne angerichtet hatte. Ein kleiner Vorgang aus meiner persönlichen Erinnerung giebt eine komische Illustration zu der ernsten Bestürzung, welche damals die Menschen ergriffen hatte. Es war im Mai 1848. Vor wenigen Wochen war ich aus der Stille der Studierstube in die Redaktionsstube der „Mainzer Zeitung" eingetreten und hatte mich lustig ins Getümmel gestürzt. Da bat mich der ehrbare Verleger der Zeitung, ein wohlgestellter und wohlbegüterter, gemütlicher Herr, um eine Unterhaltung. — 74 — Ihn verlangte, meinen weisen Rat zu haben über die Frage, ob er fortfahren solle, die regelmäßigen Terminszahlungen an die Lebensversicherung zu machen, bei der er die Zukunft seiner kleinen Töchter versorgt hatte. Er hatte eben einige Zeitungsartikel gelesen, welche allen diesen Einrichtungen philisterhafter Kapitalansammlung den Krieg erklärten, und stellte mir die Frage, ob ich ihm rate, sein gutes Geld weiter in bisheriger Weise solchen vom Umsturz bedrohten Kassen anzuvertrauen, oder es lieber bei sich in bestmöglichem Bersteck aufzubewahren. Ich freue mich noch heute, daß meine Antwort nicht so dumm ausfiel, wie leicht hätte passieren können, denn ich hatte eifrig Louis Vlanc und Proudhon studiert und, wenn auch ohne den wahren Glaubeu, doch nicht ohne Wohlgefallen kommentiert. Aber die Logik half mir über die Klippe hinweg. Von zwei Dingen eines, sagte ich, von dem Vertrauen des gesetzten Mannes in meine grüne Einsicht gerührt: entweder die bürgerliche Ordnung bleibt bestehen, dann werden Sie wohl gethan haben weiter zu zahlen und nicht Ihre bisherigen Einzahlungen verfallen zu lassen (mit dieser Strafe pflegten damals noch die Policen sehr streng versehen zu sein); oder der Kommunismus siegt, dann werden Sie doch des angesammelten Eigentums beraubt. Und er hat weiter gezahlt, seine Töchter sind zu wohlversorgten Müttern und Großmüttern geworden, nnd seine Urenkel, wenn deren vorhanden sind, haben zu einem gewissen Teil nicht ohne mein Verdienst ein wenig von jenem schnöden Eigentum geerbt, das ihnen bis jetzt weder Bebel noch Vollmar konfisziert haben, und diese werden es auch sobald nicht konfiszieren, selbst wenn das geniale Werk, das man mit einem der schönsten deutschen Wortgebilde neuereu Stils die „Umsturzvorlage" nennt, nicht demnächst seinen Einzug in die nationale Strafgesetzgebung halten sollte. Einstweilen fühlen — 75 — alle Besitzenden in ihren Taschen viel eher die Finger des Finanzministers als die der Sozialisten oder Anarchisten. Und ich vermute, es wird noch lange so bleiben. Wenn ich lese, daß eine im Rate der Krone sitzende Exzellenz mit einem neuen Plane zur Ausgleichung der irdischen Gerechtigkeit, d. h. mit einer neuen Steuer, schwanger geht, so fühle ich die Heiligkeit meines Privateigentums viel mehr gefährdet, als wenn Herr Bebel ein neues Buch schreibt oder Herr Singer eine grimme Rede hält. Doch kehren wir einstweilen zurück zum roten Gespenst des Jahres Acht- nndvierzig. Die Rolle des Retters aus dieser Gefahr hatte zunächst Louis Napoleon übernommen. Nicht die Gespenster der Zukunft, sondern die der Vergangenheit, der französische Imperialismus und der deutsche Bund waren wieder aus ihren Gräbern herauf gerufen und in das Reich des Lebens eingesetzt worden, beides abermals gegen die Berechnung der klugen Leute beider Länder. Denn als das Parlament in die Paulskirche einzog, ließen sich die wenigsten unter den guten Deutschen träumen, der Bund, der alte Hund, sei nur auf kurze Zeit scheintot; und als der thörichte Abenteurer von Boulogne und Straßburg seine Kandidatur dem strammen republikanischen General Cavaignac gegenüber stellte, wollten die Klügsten unter den Franzosen das nicht ernst nehmen. Das war ein schwerer Irrtum. Aber in einem Punkt irrte sich freilich niemand: sobald einmal der Prinz als Präsident aus der Wahlurne emporgestiegen war, blieb kein Zweifel, daß die Komödie nach wenigen Akten mit dem Neffen als Onkel enden müsse. Mit der Wahl war die Partie für ihn gewonnen; und, nun einmal der Kaiser auf seinem Thron saß und nicht Miene machte, sich wie Louis Philipp von einer Handvoll Barrikadenjungen ins Bockshorn jagen zu lassen, stand der Welt wieder die — 76 — eine Frage beständig vor Augen: was wird werden, wenn der glückliche Usurpator dereinst auf natürliche oder unnatürliche Weise — diese lag besonders nahe — ums Leben kommt? Bis das geschähe, glaubte man auf ruhige Tage zählen zu dürfen. Freilich an den Nachfolger mochte niemand glauben, fo oft und hartnäckig er auch dem gaffenden Volk in allem Prunk legitimer Ausstafsierung vorgeführt wurde. Jedesmal, wenn der kaiserliche Prinz in den Ely- säischen Feldern in der großen offenen Karosse an mir vorüber rasselte, vorn ein Trupp Kürassiere in Stahlpanzern, hinterher ein Trupp Dragoner mit fliegenden Helmbüschen, stieg in mir die Frage auf: in welchem Winkel Europas oder Amerikas wirst Du armer Junge als hoffnungsloser Prätendent dereinst vegetieren? Er war sich seiner Aufgabe, das Publikum an seine Thronfolge zu gewöhnen, so bewußt, daß er einmal, als sein Lehrer Filon ihm eine Strafe diktieren wollte, drohte: „wenn man mich straft, strecke ich bei der nächsten Ausfahrt dem Volk die Zunge heraus." „8i l'oo, ms xunit tirsrai lg, lanAns an xsuxls." Doch schon der Vater sollte sterben, ohne daß ein Hahn danach krähte, gerade wie Louis Philipp, in England. Abermals sollten die Sterne die Frage an ungesuchter Stelle beantworten. Mit dem Jahre 1866 kam ein neuer Schicksalsmensch auf die Weltbühne, und wenn je einer darnach ausgesehen, daß er nicht zu entwurzeln und nicht zu entbehren sei, so war er es. Auf dem ganzen Erdenrund nannte man ihn den Eisernen, d. h. den, der nicht einmal von innen geschweige von außen zu erschüttern wäre. Und abermals fragte die Klugheit: Was wird werden, wenn er einmal dem unentrinnbaren Los der Sterblichen verfallen wird? Aber auch er wird einstens, wenn seine Zeit gekommen, dahin gehen, ohne daß es am leisesten Krachen in den Fugen des von ihm längst geräumten Staatsgebäudes sich verraten wird. Wie anders doch hatte man sich das gedacht! Welch ein Schreck fuhr den Leuten in die Glieder, als der Unentbehrliche eines Morgens, ohne alles Eingreifen himmlischer Mächte, vom Schauplatz verschwand! Nicht bloß seine Anhänger, auch die Gleichgiltigen, ja viele seiner Gegner übersiel es wie ein Grauen vor dem Unbekannten, dem unnötigerweise die Thore aufgethan würden, und sie warfen die Frage auf, ob es zu verantworten sei, daß man dem Manne, der die größte politische Autorität in der Welt besaß und sie in den Dienst des Weltfriedens gestellt hatte, bei lebendigem Leibe zu den Toten werfe. Aber siehe da! Kein Sturm erhob sich, nicht die kleinste Welle kräuselte sich. Keinen Augenblick seitdem drängte sich die Versuchung auf, nach dem Steuermann zu rufen, den man gerade für den äußeren Frieden als unentbehrlich angesehen hatte. Ja, die Wahrheit zu sagen: Deutschlands Beziehungen zu den anderen Nationen sind nnter Bismarcks Nachfolger bessere geworden, als sie es vorher gewesen. Die Welt sieht heute friedlicher aus als jemals in den drei Jahrzehnten, während derer der größte Diplomat seiner Zeit die auswärtigen Angelegenheiten des preußischen und des deutschen Staatswesens leitete. Sind wir damit die Fragen an die Sterne los geworden? So lange Sterne über den Häuptern der armen Erdensöhne wandeln, wird auch der Quell der Fragen nicht versiegen. Heute weniger als jemals. — 78 — H. ^< As^I'X S. Da ist's denn wieder, wie die Sterne wollten: Bedingung und Gesetz und aller Wille Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten, Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille. Goethe. Ein Umschwung der allertiefsten und breitesten Wirkung hat sich im letzten Vierteljahrhundert vollzogen, und am deutlichsten wird er erkennbar eben an der Art, wie anders die Frage an die Zukunft sich jetzt gestaltet. Nicht mehr an den Lebensfaden einzelner Menschen knüpft sie an. Die Menschheit lacht der spinnenden Parzen; sie webt nun selbst ihr künftiges Kleid. Wir sind ins Zeitalter der Demokratie eingetreten, nicht der kleinen Demokratien Griechenlands oder Roms, sondern der einen, weltumspannenden. Von den Schicksalen einzelner hängts nicht mehr ab, nicht mehr von einem König oder Kaiser der Franzosen, und auch nicht mehr von einem Kanzler, sei er einer von Eisen oder aus minder hartem Stoff. Ja unter dem eisernen selbst hat die große Wendung begonnen, und er hat in eigener Person nicht wenig dazu gethan. Unverkennbar hat Deutschland nach dem großen Krieg und Sieg und unter der weltbeherrschenden Fascination seines gewaltigen Staatsmannes den tonangebenden Einfluß auf die Entwicklnug der Staatsidee in der ganzen Welt ausgeübt; und — trotz aller Anstrengung, mit welcher die monarchische Idee jetzt bei uns neu vergoldet werden soll, hat es den Ausschlag gegeben für den Marsch hinaus nach der breiten Demokratie. Indem Fürst Bismarck in Ausführung seines Programms zum allgemeinen Stimmrecht griff, hat er — dem Augenblick dienend, aber den ewigen Gesetzen gehorchend, — die Psorten geöffnet, durch welche die Schicksalsfrage des — 79 — sozialistischen Problems in die moderne Staatsgeschichte eintrat. Jetzt fragt man nicht mehr: Wer wird leben, wer wird sterben? sondern: was wird die breite Bewegung der Geister aus ihrem Innern und ihrer Tiefe heraus im Gang der Jahrzehnte, der Jahrhunderte herausgestalten? Zum Heil oder zum Untergang? Das ist die Frage an die Sterne, mit der wir ins neue Jahrhundert übertreten (wenn doch einmal an diese Kalenderzahlen das Horoskop anknüpfen soll). Das allgemeine Stimm- und Wahlrecht ist keine deutsche Erfindung. Es ist vor uns dagewesen und wäre ohne uns weiter geschritten. Aber das ist unverkennbar: gerade indem das — bis dahin und zum Teil noch heute feudalistisch und patriarchalisch regierte — Deutschland seine Neugestaltung auf dieser Basis aufbaute, hat es damit einen durchschlagenden Eindruck auf die politische Kulturwelt gemacht. Ist damit gesagt, daß der Griff nach diesem Instrument ein Fehler gewesen? Von allen, die das jetzt andeuten, ist schwerlich einer, der da glaubt, der Schritt könne wieder zurückgethan werden. Nicht einmal für kurze Zeit, geschweige denn für lange. Er ist auch keine primäre Erscheinung, er ist selbst nur Produkt einer anderen universelleren Ursache, die da heißt: Ausbreitung des Lehrens, Lernens und Wissens. Deutschland wurde tonangebend für die Ausdehnung des Wahlrechtes, weil es tonangebend geworden war für den obligatorischen Unterricht und den allgemeinen Heerdienst. Damit wurde die Intelligenz der Massen in den bewußten Staatsdienst gezogen. Das Stimmrecht konnte ihnen nicht vorbehalten bleiben. Von dem Mal an aber, wo die Massen aufgefordert wurden, Mann für Mann am Staatswohl mitzuarbeiten, mußte auch der Gedanke, den Staat zum Werkzeug der allgemeinen materiellen Gleichheit zu machen, zum wahren Thronprätendenten werden. Das — 80 — hat man auf den Thronen und in ihrer Nähe so deutlich gefühlt, daß die Neigung, einen Ausgleich mit diesem Prätendenten auf Kosten der besitzenden Klassen zu finden, immer stärker wird. Ist das Weisheit oder Irrtum? — Frage an die Sterne! Der alte Sir Francis Bacon sagt einmal: „In der menschlichen Natur steckt im ganzen mehr vom Narren als vom Weisen, und darum haben diejenigen Kräfte, welche auf den närrischen Teil des menschlichen Sinnes wirken, auch am meisten Gewalt über ihn." Nachdem einmal der Grundsatz der allgemeinen Volksbildung (bei uns sogar der Zwang zur höheren Fortbildung), des allgemeinen Heerdienstes und damit des allgemeinen Wahlrechts zum Grundgesetz der Staatsfunktioneu gemacht ist, wird es immer klarer, daß das Rätsel der Möglichkeit eines sozialistischen Staates immer mehr Massen an sich heranziehen muß. Das Experiment ist im Weiterschreiten. Nur die engste Ausfassung kann sich auf den Plan verlegen, hier mit Strafmitteln oder Polizei Einhalt zu thun. Selbst ein so großer, überzeugter und bis dahin optimistischer Individualist wie Herbert Spencer hat unlängst in einem Brief den Ausspruch gethan: „Ein böses Wetter wütet durch die ganze Welt. Nach meiner Ansicht kommt der Sozialismus unausbleiblich. Er wird das größte Unglück sein, das je die Welt über sich ergehen sah." Doch auch er kann sich irren. Eins ist bei allem Fürchten und Hoffen auf diesen Wegen vor Mißverständnis zu retten. Die Angst vor dem, was man im Jahre 1848 das rote Gespenst nannte, hat mit dem Ernst der Frage an die Zukunft nichts gemein. Wohl stört sie noch die Bewohner der Paläste und den behäbigen Bürger viel mehr im Schlaf als die Theorien der sozialen Frage. Aber die Unruhe der Großen und Kleinen beweist nichts. Sie sehen hier, wie in vielem anderen, — 81 — nicht selten falsch. Nur in der stillen Entwicklung vou innen heraus steckt die Gefahr, wenn sie eine ist. So lange die Gesellschaft nicht an sich selbst verzweifelt, wird sie immer die Kraft haben, gewaltsame Einbrüche von außen niederzuschlagen. Die Junikämpfe unter der zweiten französischen Republik, der Kommuneaufstand der dritten, die Rebellion im Lütticher Land, die wiederholten Ausbrüche in den Vereinigten Staaten, sie alle sind nach etlichen Konvulsionen zertreten worden. Der Anarchismus der That ist eine gräuliche Tollheit, für die der Ausgangspunkt Rußland charakteristisch ist. Mit Dynamit kann man einzelne Häuser und Menschen zerstören, aber nicht eine Staats- und Gesellschaftsordnung. Das kann nur der falsche Geist, der sich des Ganzen bemächtigt. Am wenigsten unter allen Ländern hat Deutschland von gewaltsamen Umsturzversuchen zu fürchten. Es ist das sozialistischste und zugleich das wenigst revolutionäre Volk der Welt. Und dazu hat es die bei weitem bestdisziplinierte Armee. Der Kaiser hatte gar nicht nötig, den jungen Soldaten ausdrücklich zu sagen, daß sie zur Not auf ihre Väter und Brüder schießen müßten. Wenn Feuer kommandiert wird, thun sie es. Darum ist es ein so gründlicher Irrtum, zu wühuen, daß das Umsichgreifen der sozialistischen Idee mit Waffen besiegt werden müsse und könne, die auf den anarchistischen Ansturm berechnet sind. Ja, man setzt dem Irrtum noch die Krone auf, indem man sich schmeichelt, mit Konzessionen an die Idee ihr den schädlichen Stachel zu nehmen. Beinah könnte es den Anschein gewinnen, als ob der Staatssozialismus, der den Volkssozialismus austreiben will, die Theorien des Tuberkulins und des Diphtherieserums vorausahnend kopiert hätte. Man nimmt das sozialistische Gift, überträgt es auf das Professoren- und Mandarinentum und, nachdem es darin gezüchtet, spritzt man es in verdünntem Zustand dem Ludwig Bamberger's Ges. Schriften, I. ^ — 82 — Volkskörper ein, in der Hoffnung, ihn damit gegen die große sozialistische Ansteckung immun zu machen. Dies Antitoxin hat sich jedenfalls nicht bewährt. Was es bewirkt hat, zeigen die Zahlen der Wahlresultate. Es ist merkwürdig und doch aus seiner ganzen Natur erklärlich, daß eiu großer Mann wie Bismarck in diesen beiden Punkten sich so gründlich täuschen konnte, und es gehört diese Täuschung zum ganzen Verhängnis. Der Gedanke, daß man der Sache mit Gewalt beikommen könne, war das Ursprüngliche bei ihm und ist es bis zuletzt geblieben. Die Idee, durch homöopathische Dosen des Krankheitsstoffes die Krankheit selbst zu töten, kam ihm erst allgemach und hat wahrscheinlich niemals sich bei ihm sehr festgesetzt. Durch Hermann Wagener und Bucher stand er von lange her unter dem Einfluß eines gewissen sozialistischen Dämonismus. Beide haßten die Welt des prosaischen bürgerlichen Erwerbs. Bismarcks Staatssozialismus war lediglich eine opportunistische Diversion, wie seine Kolouial- politik; beide wurden nur von seinen Nachbetern ernst genommen. Eine meiner letzten Unterredungen mit dem Kanzler, ehe die große Umkehr in der Handelspolitik eintrat, drehte sich um diesen Punkt. Ich hatte eben in der „Deutschen Rundschau" den ersten Teil einer Abhandlung über „Deutschland und den Sozialismus" veröffentlicht, in welchem ich ausführte, wie die Deutschen am meisten von allen Völkern zum sozialistischen Experiment prädestiniert seien. Fürst Bismarck ließ mich, während er einer Reichstagssitzung beiwohnte, in sein Kabinet bitten. Es war mir schon vorher zu Ohren gekommen, daß er sich beifällig über die Arbeit ausgesprochen habe, und er wiederholte das jetzt unter vier Augen. Nachdem das Gespräch sich eine Zeit lang über den Gegenstand verbreitet hatte, gelangte er zu dem, worauf es ihm eigentlich ankommen mochte. Er sei begierig zu hören, welches Mittel der Abhilfe ich im noch ausstehenden zweiten Teil der Arbeit vorschlagen werde. Dem praktischen Staatsmanne war das nicht zu verdenken. Aber der schreibende Beobachter hatte ihm keine Kurmethode zu bieten. Falsche Ansichten, meinte ich, seien nur durch Verbreitung der richtigen zu bekämpfen. Nicht doch, meinte er: „wenn man keine Kücken haben will, muß man die Eier zerschlagen". Das war die Quintessenz der Sozialistengesetze. Ich habe später bedauert (bereuen ist in der Politik ein falscher Ausdruck), daß ich in den ersten Stadien diesem Gesetze meine Stimme gegeben habe. Aber hinterher läßt sich nicht abwägen, wozu der Moment schließlich nötigte. Und das Experiment war unvermeidlich. Wäre es nie angestellt worden, so würde man noch heute triumphierend behaupten, es hätte gelingen müssen. Es giebt Dinge, vor denen man keine Ruhe hat, bis sie einmal probiert worden sind. Man hat, nicht mit Unrecht, behauptet, die Verfolgungen hätten die Sozialdemokratie gestärkt. Aber auch dies war nur eine Frage der Zeit. Wenn Dinge in der Luft liegeu, so hilft ihnen eben Alles, die Gewalt wie die Nachsicht. Am wenigsten zweifelhaft ist, daß der gouvernemen- tale Sozialismus sich an der Propaganda sehr wirksam mitbeteiligt hat. Es liegt eine sonderbare Verkennung der ganzen Natur dieser Dinge darin, daß der Staat sich zum sozialistischen Prinzip bekehrt und mit Strafgesetzen die Ziehnng der Konsequenzen verbieten will. Doch, will mau ganz gerecht sein, so muß man zugeben: auch dieser Irrtum trägt nur einen Teil der Verantwortung, weil, mit ihm oder ohne ihn, das Einrücken der Massen in die Mitbestimmung der Politik zum sozialistischen Experiment hindrängt. Das zeigen uns selbst so relativ gesunde Staats- 6* — 84 — Wesen wie die Schweiz und England. Und erst Belgien! Wo war das Reich der individualistischen Selbstherrlichkeit fester stabiliert als da? Beide regierende Parteien, liberale wie klerikale, gehörten ihm auf gleiche Weise mit Leib und Seele an. Vor vielen Jahren fand ich mich einmal in einer Gesellschaft zu Brüssel mit dem noch heute im Amte befindlichen Bürgermeister der Stadt, Herrn Buls, einem Manne von hoher Einsicht und Bildung zusammen. Es war die Zeit, wo die neue staatssozialistische Richtung der BiSmarck- schen Politik mit Macht verkündet ward. „Sonderbar!" sagte Herr Buls zu mir, „erklären Sie mir doch das Rätsel: als ich in Heidelberg studierte, galt es als ein Axiom, daß die deutsche Nation den Individualismus verkörpere. Jetzt sehe ich sie an der Spitze der entgegengesetzten Richtung marschieren." Wie ich ihm die Sache erklärte und ob es mir gelang, ist mir nicht mehr gegenwärtig. Aber heute hat es Herr Buls, noch immer Bürgermeister, erlebt, daß der damalige Ministerpräsident und altaugestammte Vertreter des Lütticher Landes, Frsre-Orban, einer der festesten und begabtesten Vertreter der individualistischen Weltanschauung, von seinem alten Sitz in der Kammer durch eineu Sozialisten verdrängt worden, und — sofort mit einein Spruug — ist das Land von der hintersten Front der sozialistisch bedrängten Länder in die vorderste gerückt. Ebenfalls in Folge des ausgedehnten Wahlrechts. Aber auch dies Wahlrecht wurde von den bisherigen Parteimächten nicht freiwillig eingeräumt, sondern ihnen durch einen elementaren Druck entwunden. Es steht eben in den Sternen geschrieben, daß wir in eine Zeit der vollen demokratischen Entwicklung eingetreten sind, und daß diese auf dem einen oder anderen Umweg, auf dem republikanischen, dem konstitutionellen oder dem absolutistischen zum sozialistischen Experiment hindrängt. Aber — 85 - die Sterne, in denen das geschrieben steht, geben uns wohlweislich keine Antwort ans die Frage, wie es ausfallen wird. Sie behalten sich vor, uns oder vielmehr unsere Nachkommen mit der Lösung zu überraschen, in einer Weise und an einer Stelle, die kein Lebender ahnt, ähnlich so, wie sie es mit den Vorgängern gemacht haben. Sie haben Zeit vor sich, die Sterne, mehr als die kurze Spanne jener Menschenleben, wegen derer man früher sie zu Rate zog. Im Stilleu denkt jetzt mancher: wohl dir, daß du kein Enkel bist! Aber ganz ernst ist es ihm damit doch nicht. Hinge es von ihm ab, die Nengier hielte ihn doch immer wieder vom letzten Schritt zurück, damit er einst noch erfahre, was aus all dem werden muß. Das Glück ist ein so fraglich Ding, das Leben schon schön, wenn es nur interessant ist. Wer möchte nicht gar so gerne wissen, wie es auf dieser tollen Erde aussehen wird in Hunderten von Jahren, wenn selbst seine Asche nicht mehr davon bewegt wird! Jüngst, ehe der Reichstag das alte Haus verließ, iu dem ich ein Vierteljahrhundert mit ihm geliebt, gelitten und gestritten (viel weniger gehaßt, als der Vulgus meint), ging ich noch einmal in die bescheidene Wandelhalle, die zum Rednersaal führt, von ihr Abschied zu nehmen, auf Nimmerwiedersehen. Und es blickten von den Wänden rings umher die Bilder volkstümlicher, freisinnniger Männer, die Bilder von Schiller, Uhland, Pfitzer, Humboldt, Arndt, Stein, Scharnhorst, Mathy, Dahlmann, Fichte, mit ihren Kernsprüchen verziert, ans mich wehmütig herab. Das war der Schmuck im Geiste des Jahres 1870. Dann ging ich von dieser stillen Stätte mit ihren bürgerlichen Namen und Reden hinüber zu jenem Prachtbau, in dem mir zahllose Wappen, Untiere mit Kronen, Schnäbelu und Krallen entgegengrinsten, dazu geharnischte Ritter mit offenem und geschlossenem Visier, Lanzen und Schwertern und Namen — 86 — von Fürsten und Herren. Und mancherlei ging mir durch den Sinn, was hier besser verschwiegen bleibt. Draußen am Eingang fand ich dann den bereits berühmten unbeschriebenen Stein, den ts-eits Icxznkuwm. Es heißt, er wäre bestimmt gewesen zur Inschrift: „Dem deutschen Volke". Wie wäre es, wenn — ein Vorschlag zur Güte — die Worte hiueingemeißelt würden: Dsv iZnoto? VI. Wer einige Formen öes geselligen Verkehrs. Liebe Freundin! Äls ich Ihnen jüngst klagte, daß unser Schoßkind „Die Nation", sich auf alten Brauch berufend, wieder einen Weihnachtsartikel von mir verlange, ich aber fürchte, gerade vom alten Brauch aufgebraucht zu seiu, meinten Sie, ich sollte es doch noch einmal wagen uud gaben mir obiges Thema dazu. Ich gehorche, wenn auch uicht ohne Zagen, denn das ist ein klippenvolles Gestade. Zwar hab ich einmal vor Zeiten in einer politischen Tischrede unter dem Beifall meiner Zuhörer (Mitesser sind meistens ein gütiges Publikum) den Satz ausgeführt, der Mensch solle, was er etwa durch Alter an Autorität erworben habe, dazu verwenden, um sich zu kompromittieren, d. h. um Wahrheiten auszusprechen, die ein Jüngerer nicht wagen dürfte, ohne sich seinen Weg in die Zukunft zu erschweren. Aber im weiteren Fortschreiten der Jahre kommt der Mensch, der sich bekanntlich immer ändert, wenn er nicht zu dumm dazu ist, auch wieder von diesem Übermut seiner dritten oder vierten Jugend zurück und zu der Einsicht, daß er besser thue, das kleine Kapital an gutem Namen, welches er zu- — 88 — sammengespart haben möchte, nicht auf seine alten Tage leichtsinnig zu verthun. Mit anderen Worten: ich bitte um Nachsicht. Da Sie mir empfohlen haben, ich solle, um meine Befangenheit los zu werden, anfs Geratewohl drauf losschreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, so folge ich diesem Rat, indem ich gleich an die zwei Worte anknüpfe, die zu Häupten dieses Schreibens stehen. Ich habe nämlich eine gewisse Antipathie gegen daS Eigenschaftswort „verehrt" da, wo es bei uns auch im freundschaftlichen und intimen Briefstil als Form der Anrede allgemein üblich ist. Nun sind zwar Formen, oder, wie man hier vielleicht besser sagen könnte, Formalien in der Hauptsache dazu da, daß man nicht nachzudenken braucht, und sie verlangen daher auch gar nicht, daß man sich bei ihnen etwas denke. Damit bin ich grenzenlos einverstanden, so sehr, daß mir alle Wahrheitsfanatiker im menschlichen Verkehr von Grund aus zuwider sind, heißen sie nun Ibsen oder nur Nordau. Ich behaupte, das genieinsame Leben wäre nicht eine Stunde zu ertragen, wenn jeder jedem jeden Augenblick alles oder nur das sagen müßte, was er denkt. Als der Mensch, nachdem er vom Baume der Erkenntnis gegessen, entdeckte, daß er nackt sei, beschloß er wohlweislich, sich Kleider anzuschaffen, nicht um sich vor Kälte, sondern um sich und die anderen vor der nackten Wahrheit seiner körperlichen Erscheinung zu schützen. Ebenso brauchen wir auch für unsere Gedanken und Gefühle Kleider. Der Anstand verlangt, daß wir sie nicht nackt zeigen, und die Gewohnheit, sie nur in Verhüllung zu geben und zu empfangen, erzieht uns dazu, daß wir unsere eignen nicht mehr in ihrer Nacktheit sehen und uns vorstellen, sondern nur in der Form, in der sie zu sehen nns die gute Sitte zur zweiten Natur gemacht hat. — 89 — Wie überall, kommt es bei der Anwendung eines Prinzips auch hier darauf an, die richtige Grenze zu ziehen. Wie stark soll man, mit Mephisto zu reden, lügen, wenn man höflich ist? Hier fängt das Reich des guten Geschmacks an, und ihm ist auferlegt, die Schattierungen anzubringen. Ich habe nichts dagegen, daß man in der kühlen Zone des brieflichen Verkehrs zur einfachen Ehrsamkeit seine Zuflucht nehme. Je banaler desto besser. Ehre ist im Grunde beinah das gesetzlich vorgeschriebene Maß von Anerkennung, das ich meinem Nebenmenschen schulde bei Strafe der Beleidigung, und da es in keinem Lande der Welt so viele Beleidigungsklagen aller Dimensionen bis in die vierte des volrls svsirtualis hinein giebt wie in Deutschland, so ist es auch ganz folgerichtig, daß nnvertraulicher Weise einer den andern als „Geehrter Herr" oder „Geehrte Frau" apostrophiert. Um so unnatürlicher ist das, sobald die Beziehung eine etwas wärmere Temperatur annimmt. Wenn ich, wie das täglich geschieht, von einem lieben alten Kameraden, mit dem ich seit Jahrzehnten mich vertragen oder auch gestritten habe, ein Handschreiben erhalte, an dessen Kopf steht „Geehrter Freund", so ist mir immer, als würde mir ein Eimer Wasser über den Kopf geschüttet: und wenn ich das Vergnügen habe, an eine junge hübsche Dame zu schreiben und soll oben aufsetzen „Geehrte Frau" oder „Geehrtes Fräulein", so kommt mir das immer vor, als wenn ich ihr eine Matronenhaube aufstülpte. So fürchterlich steif uud zugeknöpft! Man rückt auf zehn Schritt ab. Freilich, die Titel, mit denen wir uns das Leben erschweren, legen sich schon vorher absperrend in den Weg. Denn, um abermals mit Mephisto zu reden, der Doktortitel, der die Weiber vertraulich macht, ist genau das Gegenteil vom Geheimratstitel in weiblicher Gestalt. „Liebe Fran Geheime Rätin", das kann man doch ohne Schauder» einer Dame — 90 — unter, sagen wir, sechzig Jahren nicht schreiben, und es giebt deren, mit diesem Titel versehene, die kaum die Hälfte dieses Wegs zurückgelegt haben. Es ist ja das Unglück für unsere Sitte, und ein bezeichnendes, daß wir nicht, wie Franzosen, Engländer, Italiener, Spanier, von lange her die Gewohnheit haben, uns einfach mit Herr und Fran anzureden, und je nach der Ferne oder Nähe der Beziehung diesen Titel mit dem Ehren oder dem Lieben bekränzen können. Aber dem ist nun einmal nicht abzuhelfen. Das Ohr hat sich daran gewöhnt, in „Mein Herr" einen beleidigenden Unterton zu hören; wer einen Brief so überschrieben empfängt, denkt zunächst, daß ihm ein Duell auf den Leib rückt. „Meine Frau" ist vollends unmöglich. „Lieber Herr" und „Liebe Frau" klingt bald ironisch herablassend, bald unterwürfig zudringlich. In Ladengeschäften und sogar auf öffentlichen Märkten habe ich in neuerer Zeit von Verkäufern öfter die Anrede vernommen: „Mein Herr" oder „Meine Dame", und es wäre ganz gut, daß das sich ausbreitete; es könnte sich allmählich so einbürgern, daß das ungewohnte possessive Fürwort „mein" nicht mehr nnsanft berührte, weil man sich nichts mehr dabei dächte. Daß wir so weit noch nicht gekommen, erfuhr ich jüngst, als ein vornehmes Fräulein ganz entrüstet nach Hause kam und sich verschwor, in den bewußten Laden nie wieder den kleinen Fuß zu setzen, denn der Kommis habe sie angeredet: „Meine Dame" und dieses untergeordneten Menschen Dame sei sie doch nicht. Ist unser Ohr nicht an die kurze Formel anderer Nationen gewöhnt, so ist es dagegen ganz vertraut mit der Einflechtung des Familiennamens in die Anrede. Das ist zwar auch nicht schön, aber doch weder unbequem uoch steif, und wenn wir uns nur damit befreunden könnten, die Titulaturen wegzulassen, so könnten wir schon einen Schritt nach der Seite anmutigerer und wärmerer Formen — 91 — thun, indem wir uns gewöhnten zn schreiben: „Lieber Herr oder Liebe Frau Soundso", nnd „Lieber Freund oder Liebe Freundin". Ich habe selbst im Kleinen erprobt, daß man durch hartnäckige Anwendung seiue Korrespondenten zn dieser Formel erziehen kann. Das große Kapitel von den Titulaturen hier anzuschneiden, habe ich nicht den Mnt, so sehr es reizen könnte, die tiefgehende Frage zu untersuchen, welche von den zwei Narrheiten die praktischere sei, die französische des roten Bändchens oder die deutsche des „Rats" in allen seinen Abstufungen. So weit meine Beobachtung geht, kommt der Herr oder die Frau Kommer- zien- oder Negierungsrat mit ihren höheren Potenzen des Geheimen und Wirklichen Geheimen in der Konversation ein wenig aus der Mode; ein Gefühl für das unendlich Zopfige der Sache scheint sich allmählich Bahn zu brechen. Ob es auch mit den Amtstitulatureu so geht, vermag ich nicht zu beobachten, beispielsweise ob in juristischen Kreisen die Anrede „Frau Erste Staatsauwalt" gebräuchlich ist. Als ich vor einem halben Jahrhundert in Gießen stndierte, gab es da eine „Frau reitende Försterin". Soll man sagen: Frau Geheime Rätin? oder Frau Geheime Rat? Darüber wäre Daniel Sanders zu konsultieren. Seit einiger Zeit haben sich die „Exzellenzen" so kaninchenhaft vermehrt, daß man auch über diese Bezopfung allerwegen in der Konversation stolpert. Wie viele Exzellenzen Wert darauf legen mögen, daß man alle zwei Minuten ihnen dieses Epitheton im Zwiegespräch an den Kopf wirft, weiß ich nicht; sicher ist, daß es eine Menge Krähwinkler beiderlei Geschlechts giebt, welche eine stille Wollust durch ihre Glieder rinuen fühlen, wenn sie nicht nur jedem Satz diesen Titel als Vokativ einfügen, sondern auch in der dritten Person von solch einem erhabenen Wesen redend sagen können: „Exzellenz Sonndso ist mir im Tiergarten begegnet". — 92 — Wenn dieser unschönen Dinge gedacht wird, so sollen auch die schönen nicht unerwähnt bleiben. Da ist z. B. der biedere Händedruck nach Tisch mit ausdrücklicher oder stillschweigender Segnung der genossenen Mahlzeit. Früher nur in Norddentschland gebräuchlich hat er sich, seitdem Berlin Reichshauptstadt geworden, mit großer Schnelligkeit über ganz Deutschland ausgebreitet, und die Ausländer, welche den Brauch hier kennen lernen, finden sich mit Vergnügen darein. Es liegt etwas Natürliches und Gutartiges zu Grunde. Nachdem der Mensch sich in Speise nnd Trank gütlich gethan, fühlt er sich auf der Höhe seines Wohlwollens. Nicht selten kommt auch noch das beseligende Gefühl dazu, nach ach! manchmal mehr als zweistündiger Festgebanntheit auf demselben Stuhl zwischen den zwei selben Nachbarn endlich erlöst zu sein. Es giebt wenig Dinge, über welche die Menschheit so einig ist, als darüber, daß Mahlzeiten mit zahlreichen Gästen und massenhaftem Aufmarsch von Speis' und Trank eigentlich vom Übel sind. Jedermann preist die Vorzüge der kleinen Tafelrunde mit gemeinsamer Unterhaltung uud wenigen Gängen, aber nirgends trifft mehr das vickso msliors, xrodvczus, ckstsrioi-g, ssquor zu als darin. Die Pruukmahlzeit im großen Stil ist so tief in der üppigen Geselligkeit begründet, daß ihre Herrschaft nie aufhören wird, wie sie besteht, seitdem es Luxus und Gesellschaft giebt. Je nach dem Geist der Zeiten herrscht die Mahlzeit oder das Gespräch in der Form der geselligen Zusammenkunft vor. Das, was man den „Salon" nennt, trägt vorwiegend das Gepräge der Konversation und ist, in diesem seinem engeren Sinne genommen, bekanntlich eine Schöpfung der Pariser Aristokratie aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts. Das Hotel Rambouillet mit seinen geistreichen Spielereien bildet den Ausgangspunkt. Unter der Regentschaft bekam mit der Ausgelassenheit der — 93 — Sitten das sinnliche Element das Übergewicht. Die gouxsrs üsZsuLS sind sprichwörtlich geblieben. Die Gesellschaft der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ist durch ihre unabsehbare Memoirenlitteratur die bekannteste von allen. Sie ist das getreue Kaleidoskop jener interessanten Epoche, in welcher alle hösischen nnd aristokratischen Fehler und Vorzüge, Verfeinerung, Galanterie und Intrigue, sich mit den gewaltigsten vulkanischen Gährungen mischten und über die ganze Welt ihre Anziehungskraft ausübten. Bereits im siebzehnten Jahrhundert kam der Gebrauch auf, den Salon „die Welt" zu nennen, 1s lluznäs, und die kleinste aller Welten heißt 1s Zi-and monds. Als Madame Rscamier 1849 starb, meinte Ste. Beuve, mit ihr sei die letzte Personifikation dieser schönen Überlieferung zu Grabe gegangen. Hier hatte ganz das geistige Element das luxuriöse überwogen, ohne das der weiblichen Herrschaft auszuschließen. Etwas Ähnliches in verjüngtem Maßstab bot die kleine Berliner Gesellschaft, die sich um Rahel und einige Damen dieses Kreises sammelte. Unter dem Direktorium drang die Politik gleichberechtigt mit der Litteratur in die Salons ein und erstreckte von da ihren Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Währeud des zweiten Kaiserreichs waren die Salons einer der fühlbarsten Mittelpunkte für die Opposition. Da mit wenigen Ausnahmen die ganze gute Gesellschaft entweder legitimistisch, oder orleanistisch, oder republikanisch war, sammelte sich hier alles, was dem bonapartistischen Regiment widerstrebte, und gereichte diesem zu unaufhörlichem Mißbehagen. In diesen Kreisen lernte ich beinah alle interessanten Persönlichkeiten der Epoche kennen uud damit den Wert dieser Art des Verkehrs schätzen. Die beliebteste Form war die von Mittagessen von beschränktem Umfang, selten über ein Dutzend, zu welchen am Abend Besucher in großer Zahl stießen. Das letztere war eigentlich — 94 — der Hauptzweck, das vorausgehende Diuer nur ein Mittel, sich einen festen Stamm zu sichern, während der abendliche Zufluß der offenen Thüre ohne feste Verabredung dem Zufall anheimgestellt war. Die Esfensstunde war damals noch sechs Uhr, jetzt ist sie auf acht hinausgerückt. In Berlin beschränkt sich dieser Modus bis jetzt auf wenige schüchterne Versuche. Man scheut sich, seiueu Freunden zuzumuten, daß sie erst nach aufgehobener Tafel kommen, sn czurs-äsuts, als Zahnstocher, wie man es scherzhaft im Französischen, aber ohne bösen Nebengeschmack, ausdrückt. Nach meiner Erfahrung hat diese Form sehr viel für sich. Sie schützt vor der Unannehmlichkeit, einen Abend zu eröffnen, an dem niemand kommt oder nur eine Zahl von Personen, die nicht gut zusammenpassen. Das Dutzeud wohl zusammengestellter Hauptfiguren verbürgt den guten Verlauf des Abeuds, der zum Zweck vielfacher Bewegung und beweglicher Unterhaltung doch die Hauptsache bleibt. Allerdings legt er den Gastgebern und namentlich dem aktivsten Teil, der Hausfrau, eine große Anstrengung auf. Sie muß von der ersten Stunde bis nach Mitternacht unter den Waffen bleiben. Aber ohne Anstrengung wird nichts gut gemacht, am wenigsten die Gesellschaft, und unter Anstrengung ist hier nicht bloß die Mühe, sondern die geschickt angebrachte Mühe zu verstehen. Die verantwortliche Herrin eines Salons muß stets auf dem „Hui vivs" bleiben, wie ein Schlachtenlenker, und dabei dürfen die Gäste von der Aktion nicht die Arbeit, sondern nur den wohlthuenden Effekt merken. Bekanntlich hängt vom Terrain, auf dem man sich gesellschaftlich begegnet, alles ab. Dieselben Personen werden sich in dem einen Salon vortrefflich amüsieren, die sich in dem anderen tötlich langweilen. Der Geist des Hauses ist das Entscheidende, und dieser Geist geht von der Herrin aus. Zum Ganzen dieser sozialen Institution gehört eben 95 — darum eine gewisse Herrschaft des Weiblichen, wenn sie auch besser nicht, wie in Frankreich, so weit geht, daß die Gnnst einflußreicher Dameu bei Besetzung einträglicher Ämter wirksam eingreift. Diese Macht der weiblichen Persönlichkeit erklärt sich zwar ans dem besonders lebhaften geschlechtlichen Sinn der Nation, bernht aber seiner allgemeineren Natur uach auf dem Sinn für das Persönliche überhaupt, aus welchem die Veranlagung des französischen Ingeniums für Gespräch und Geselligkeit entspringt. Auch die Männer unter sich kommen leichter in Fluß und halten länger dabei aus. Bekanntlich giebt es in Paris eine Menge von regelmäßig alle Monate an einem bestimmten Tag wiederkehrenden Diners, bei denen sich eine bestimmte Gesellschaft zusammen findet. Den Kern bildet gewöhnlich das Schriftstellerpersoual. Zu einer gewissen Berühmtheit gelangten die Dürers Lts. Lkirvk, auch Dirisrs clu vsircZrsdi genannt, weil sie ihre Freigeisterei (bezeichnend für Frankreich) in der Sünde gegen das Gebot der Fastenspeisen znr Schau stellten. — Vor vielen Jahren kam einem unserer berühmtesten Gelehrten der Gedanke, etwas Ähnliches in Berlin zu versuchen. Er wendete sich um Beistand an mich, und ich sagte, mit einigem Zweifel in das Gelingen, zu. Wir brachten, ich darf wohl sagen, das Beste, was die Hauptstadt bot, zusammen. Gelehrte, Künstler, Schriftsteller, Männer des praktischen Lebens, Parlamentarier u. s. w.; um nur von seitdem Verstorbenen einige zu nennen: Helm- holtz, Werner Siemens, Wilhelm Scherer, Max Maria von Weber, Adalbert Delbrück, Heinrich Homberger waren dabei; im Ganzen ungefähr ihrer dreißig. Im ersten Winter ging es so ziemlich. Ein recht frischer Zug kam nie hinein. Im folgenden zögerte ich mit der Einberufung, aber Scherer, der — vielleicht dank seinem österreichischen Naturell — einen lebhaften Unterhaltungs- und Umgangstrieb hatte, ^/ — 96 — verlangte eine Wiederholung des Versuchs. Doch im Verlauf dieses neuen Anlaufs erwies sich, daß die Sache weder einem Bedürfnis entsprach, noch Befriedigung eintrug. Es kam keine rechte Annäherung uud auch keine angeregte Unterhaltung in Fluß. Der Besuch wurde immer lückenhafter, der Geist erlahmte. Als im Beginn des dritten Winters Scherer mich aufsuchte, um die Einladungen von neuem zu erlassen, sagte ich ihm, wenn sich außer ihm noch ein Zweiter meldete, der nach dem Wiederbeginn begehre, würde ich vorgehen. Aber dieser zweite erschien nicht, und so ging es klanglos zu Ende. Obwohl das nur ein isolierter Vorgang, ist er als charakteristisch erwähnenswert. Zwar giebt es in Berlin eine Reihe von festen Tafelrunden, sogenannte Kränzchen, von Gelehrten, Künstlern u. s. w.; aber der Sammelpunkt vereinigt immer nur Vertreter bestimmter Berufszweige oder Jnteresfen. Das allgemein Menschliche, das nur auf die freie weltliche Unterhaltung geht, genügt nicht; die einzelnen interessieren sich nicht genug für einander, um an ihrer Begegnung lebhafte Freude zu haben und dieselbe durch Mitteilung zu nähren. Hier liegt offenbar eine Verschiedenheit der Naturanlage der beiden Rassen zu Grunde, und wenn Sie mich darüber noch ein wenig weiter plaudern lassen wollen, thue ich das nächste Woche in einem zweiten Briefe. Ihr L. Bamberger. (Zweiter Brief.) Liebe Freundin! Gewiß giebt es unter den Deutschen ebenso viele gute Freundschaften als unter den Franzosen. Aber da, wo das beste aufhört, und das Mittelgut des menschlichen Zu- — 97 — sammenhangs beginnt, ist der Deutsche kälter, das heißt unpersönlicher als der Franzose. Die Dinge interessieren ihn mehr als die Menschen. Sachliche Zusammenhänge ziehen ihn mehr an als persönliche. Selbst das Institut der Kneipe, von seiner burschikosen Urform an bis in seine verschiedensten Auszweigungen ins spätere Leben, scheinbar ein so geselliges und für seine „Gemütlichkeit" besungenes, bestätigt nur die Thatsache, daß das Persönliche in den Hintergrund tritt. In diesen langen Reihen nebeneinander sitzender, mit Trinken und Rauchen beschäftigter Gäste fließt selten die Unterhaltung und wird selten das individuelle Juteresse vom einen zum anderen erweckt. In der Kneipe braucht man nur die Zahl, nur den Anblick des Versammeltseins zu haben, und die Gemütlichkeit ruht wesentlich auf der Formlosigkeit, mit der man sich gehen lassen kann. Die Kneipe ist aus Zählern ohne Nenner zusammengesetzt, und dieser Mangel an persönlicher Vertraulichkeit bei eiuer nach Vertraulichkeit aussehenden Ungeniertheit ist mir im Laufe einer mit der Studentenzeit beginnenden und mit einer langen parlamentarischen Laufbahn abschließenden Erfahrung immer deutlicher zur Erkenntnis gekommen. Es ist mir anfänglich ein Gegenstand des Erstaunens gewesen, bis ich mich allmählich — wenn auch nur unvollkommen — daran gewöhnte, daß so wenig menschlicher Zusammenhang aus z. B. langjähriger politischer Zeltgenossenschaft unter den Mitgliedern einer Partei erwuchs. Mit wenig Ausnahmen weiß einer um den andern, kümmert sich einer um den andern, nur wenn er ihn vor Augen hat. Es braucht einer noch gar nicht von der Bühue abzutreten, um vergessen zu werden. In den Jahren, wo ich eine gewisse Parteiaufsicht führte, kam mir das mehr als sonst zum Bewußtsein. Wenn einen Kollegen irgend ein Ungemach nach Hause rief, sei es, daß er krank ward, oder ihm ein Unglück in der Familie Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. » — 98 — widerfuhr, wartete ich ab, ob die Rede auf den Abwesenden kommen, ob jemand sich nach seinem Schicksal erkundigen werde. Nur in den seltensten Fällen geschah es. Ich hatte mir zur Regel gemacht, fiktiver Weise im Auftrage der Fraktion an den Abwesenden zu schreiben, aber die ob solch seltener Teilnahme gerührte Antwort behielt ich still für mich in der Tasche. Das Alles beruht vielleicht weniger auf Verschiedenheit des Innern als auf Verschiedenheit der Epidermis. Die Haut ist der Sitz der Höflichkeit, das Herz der Sitz der Güte. Ganz zu trennen sind sie bekanntlich nicht, sie stehen in Wechselwirkung. An ?o1itssss äu «zosrii- fehlt es dem Deutschen. Selbst aus der Verschiedenheit der Zustände, nach den Temperaturen von Zeit und Ort läßt sich ermessen, wie sogar dieselben Subjekte bald mehr bald weniger lebendig und warm in persönlicher Berührung reagieren. So war in den ersten Jahren nach der Gründung des Deutschen Reichs, wo das Leben frischer und wärmer pulsierte, auch der soziale Zusammenhang in der politischen Welt ein viel schönerer. Zum Beispiel verewigten sich alle Parteien des Reichstages zu gemeinsamen Abendunterhaltungen, über denen eine Stimmung gegenseitigen Wohlwollens lag. Damals trugen Fürst Bismarcks feste Samstagsabende den Stempel einer großartigen eleganten Geselligkeit. Angeweht von der Conrtoisie, die er in der vollendetsten Weise des guten Tons zu entfalten weiß, verbreitete sich über die bunt zusammengesetzte Gesellschaft eine Atmosphäre, die ich europäisch nennen möchte. Nnr im Vorzimmer erinnerte der für die Trinkgelder der Dienerschaft aufgestellte Teller an nicht europäischen Brauch. Später, als der Geist des Reichs abwärts ging, wurden aus den europäischen Abenden bayerische Frühschoppen, die sich im Lauf einer Stunde abspielten, auch ohne den Schmuck des Dainenflors, der in — 99 — der früheren besseren Zeit den Vereinigungen ihr großweltliches Gepräge gab. Der politische wie der musikalische Salon haben ihre Bedeutung für die Geselligkeit. Ihnen gebührt jedoch nicht die erste Stelle, weil sie nur einen spezifischen Charakter tragen und, wo sie vorherrschen, das allgemein Menschliche, welches das wahre Fundament bilden soll, zurückdrängen. Gerade umgekehrt dazu verhält sich das Litterarische. Es ist kein Zufall, daß der französische Salon, welcher Europa das Vorbild geliefert hat, schöngeistigen Liebhabereien seine Entstehung verdankt. Wenn er auch schon nach nicht langer Zeit ins Kraut der?rsoisii8ss Riäioulss schoß und bis auf den heutigen Tag von einzelnen Damen immer wieder mit ähnlicher blaustrümpfiger Affektiertheit betrieben worden ist, so sind doch die litterarischen Interessen das wahre nnd wirksame Flnidum, um eine gute Gesellschaft zu beleben und zu erhalten. Wir stehen in diesem Punkt hinter Frankreich nnd England zurück aus demselben Grunde, weshalb in Deutschland so viel weniger Bücher gekauft uud Zeitschriften gehalten werden als in anderen Kulturländern. In Paris gehört zum guten Ton, daß man nicht in eine größere Gesellschaft gebildeter Männer und Frauen geht, ohne wenigstens oberflächlich über die litterarischen Neuheiten Bescheid zu wissen, und umgekehrt erscheint kein belletristisches Werk, ja kein gelungenes Feuilleton, ohne Gegenstand allgemeinen Gesprächs in diesen Zirkeln zu werden. Desgleichen reißt man sich da um einen Schriftsteller, sobald er mit irgend einer die Aufmerksamkeit erregenden Produktion hervorgetreten ist. Wahrscheinlich steht in Wechselwirkung damit, daß im Roman wie im Schauspiel uusere Schriftsteller so selten den Ton des leibhaftig Lebendigen zu treffen wissen. Sie und die Gesellschaft, soweit wir eine solche haben, berühren einander zu wenig. 7* — 100 — Eitelkeit ist ein unentbehrliches Element größerer Geselligkeit. Hier, mehr als sonst wo, trifft das Goethesche Wort zu, daß sie sich mitten hineinstellt, um Großes und Kleines zu verbinden. Wo sollte sie am Platze sein, wenn nicht hier, im Aufwand der Gastgeber, vor Allem im Putz der Damen? Bei uns können diese ihn ja nicht einmal mehr im Theater zeigen, seitdem nach Bayreuther Vorbild die alberne Sitte eingeführt ist, während der Vorstellung das Haus iu ägyptische Finsternis zu versenken, damit das Publikum gezwungen werde, unablässig, auch während der gleichgültigsten Szeuen, auf die Bühne zu starren, wie die Schulkinder auf die Tafel, an der der Herr Lehrer doziert. Übrigens scheint mir, daß in vielen Stücken die Berliner Gesellschaft eher im Voranschreiten als im Rückgang begriffen ist. Man wird kaum mehr auf die unbrauchbar frühe Stunde von vier oder fünf Uhr zum Mittagessen eingeladen, nnd das leidige Abendbrot, welches lange späte Stunden hin an den Tisch festnagelt, verschwindet sichtbarerweise. Etwas anderes kommt auch ein wenig in Abnahme, doch noch lange nicht genug: das Vorstellen. Für die Herrschaft des Unpersönlichen ist nichts so bezeichnend. Gerade unter dem Borwand allgemein gebotener persönlicher Annäherung sinkt die Prozedur zum wesenlosesten Schein herab, und nicht zum schönen. Welch ein langweiliges, hölzernes, mechanisches und unbequemes Verfahren! Ich habe den Verdacht, es stammt aus irgend einer Vorschrift her, die im Kadettenhaus gelehrt wird, und dieser Eindruck erneuert sich mir jedesmal, wenn ich jüngere Leute zu solcher Vorstellung einzeln oder in Massen antreten sehe. Daß man mit anständigen Menschen zusammen sein werde, kann man voraus wissen, ehe man ein Haus betritt. Aus der Vorstellung erfährt man nichts dazu. Bekanntlich hört mau auch den Namen, der doch gar nichts besagt, wenn er nicht — 101 — ein berühmter ist und zugleich deutlich artikuliert wird, — beides gehört zu den Ausnahmsfüllen — beinahe niemals. Höchstens wird noch der Name des einen Teils vernehmlich gesprochen; beim zweiten füllt meistens die Stimme des Vorstellenden tonlos zu Boden. Der Zweck, dem die Vorstellung vernünftigerweise dienen soll, kann nur darin liegen, daß die Vorgestellten wissen, welches besondere Interesse sie an einander haben können. Darüber klärt der Name gar nicht auf, auch nicht der Titel. Der „Herr Direktor" kann mit der Leitung einer Ziegelei oder einer Abteilung im Ministerium des Innern betraut sein. Zur Unterhaltung auf gesellschaftlichem Boden ist es auch nicht nötig, in die Stellung der an derselben Teilnehmenden eingeweiht zu sein. Ein gebildeter Mensch wird es vermeiden, seine Ansichten über heikle Dinge in einem nicht vertraulichen Kreise scharf auszusprechen. Er wird weder seinen religiösen noch seinen politischen Glauben zum besten geben und sogar mit seinen Ansichten über Homöopathie oder Wagnersche Musik zurückhalten, um keinen Nebenmeuschen unsanft zu berühren; auch wird er uicht, wie der glückliche Philister, der ein Eisenbahngespräch anbindet, von den Ruhmesthaten seines Erstgeborenen in der Tertia des Gymnasiums erzählen. Die ersprießliche Art der Vorstellung verlangt, wie jede gesellschaftliche Aufgabe, nicht fabrikmäßig in Bausch und Bogen, sondern mit Takt im konkreten Fall behandelt zu werden. Auch da ist alles Arbeit, und besonders für die Hausfrau. Sie hat jeden der beiden Vorzustellenden mit einigen Worten unter vier Augen über die Person des anderen Teils aufzuklären und dann den Schlußakt zu vollziehen, nachdem sie des gegenseitigen Einverständnisses gewiß geworden, was nicht immer überflüssig ist. Einem meiner Bekannten passierte es einmal in einem Pariser Salon, daß die Dame des Hauses ihn frug: ,,Darf — 102 — ich Sie dem Herzog von N. vorstellen?" worauf er dankend ablehnte mit den Worten: „Lieber nicht, ich bin zu meinem Vergnügen hier." Eine der scheußlichsten Lagen, in die man öfter durch deu Mißbrauch dieser Ceremonie kommt, ist die folgende. Man steht im Gespräch mit jemandem; man hat sich, vager physiognomischer Erinnerung nach, mit Freundlichkeit als Bekannte begrüßt, ohne sich gegenseitig des Namens zu erinnern, und redet auf gut Glück fernerer Jdentitätsermittelung weiter. Da tritt plötzlich ein Dritter feierlich heran mit den Worten: „Bitte, wollen Sie mich dem Herrn vorstellen". Aber der so Aufgeforderte weiß weder den einen noch den anderen beim Namen zu neuneu: Tableau! Das Sichselbstvorstellen ohne Kommentar wirkt grotesk, aber es ist nicht so fatal wie das, was ich die Mitrailleusenvorstellung nenne. Man tritt in eine Gesellschaft. Zwanzig oder mehr Personen stehen oder sitzen in der Runde. Eine Sekunde, nachdem man guten Tag gesagt hat, setzt sich der Vvrstellungsapparat in rasende Bewegung die ganze Reihe herum, und nun ist man der Voraussetzung überliefert, das Alles zu kennen. Es giebt Menschen, die es sogar für einen Mangel an gutem Ton halten und übel aufnehmen, wenn man sie nicht aufs schnellste dieser Kanonade aussetzt. Eher fühlen sie kein Recht anfs Dasein im neuen Kreise. Aus derselben Ursache wie den des Sinnes für das Persönliche entbehrenden Vorstellungsformalismus leite ich den Brauch her, Familienereignisse, mit den intimsten Gefühlsäußerungen geschmückt, durch die Zeitung anzukündigen. Am ersten läßt sich die einfache Benachrichtigung auf dem Wege des Inserats noch bei einem Todesfall motivieren. Hier ist schnelle Meldung angezeigt, nnd der Kreis der sich dafür Interessierenden nicht leicht festzustellen; aber freilich wäre nur die Thatsache und nicht die Art und — 103 — das Maß der dadurch hervorgerufenen Gemütsbewegung zur Kenntnis eines geehrten Publikums in Stadt und Land zu bringen. Und sonderbar, während die innigste Rührung hier sich vor den Augen der gleichgültigen Menge Luft macht, bleibt wieder die Persönlichkeit der Gerührten im tiefsten Dunkel. „Heute Morgen 9 Uhr gefiel es Gott dem Allmächtigen, unseren innigst geliebten Gatten, Vater, Bruder und Schwager Herrn N. N. nach langen schweren Leiden aus dem tiefgebeugten Kreise seiner Familie in ein besseres Jenseits abzuberufen. Um stille Teilnahme bitten die Hinterbliebenen." Selbst in Briefform, nicht nur in Zeitungsmeldungen, kommt diese Anonymität häufig vor. Wer sind die Hinterbliebenen? Wenn man doch auf Teilnahme, sei es auch nur auf stille, rechnet, fo mögen die ,.Hinterbliebenen" wenigstens sich nennen, damit der, welcher ihnen diese Teilnahme beweisen will, sie sich vorstellen uud sie zur Not finden kann. Gar nicht selten geschieht es, daß man auf diese Weise den Tod eines Menschen erfährt, den man vor Zeiten schätzen gelernt hat, ohne seine Familienverhältnisfe verfolgt zu haben. Man möchte das den „Hinterbliebenen" sagen, aber im Dunkel dieser Namen- losigkeit ist das oft schwer zu erreichen. Der Appell unbekannter Berkünder an ein ihnen zum allergrößten Teil unbekanntes Publikum steigert sich nun gar ins Komische bei den wehmütigen Nachrufen, welche einem Verstorbenen in dem Inseratenteil der Zeitung gewidmet werden, nicht um seinen früher bekannt gemachten Tod zu melden, sondern um die Zeitungsleser in die Gefühlswelt einiger ihm nahestehenden Überlebenden einzuweihen, beispielsweise seiner Angestellten oder seiner Geschäftsteilhaber oder anderer in ähnlichen Beziehungen zu ihm gewesenen Personen. Sie gehorchen dem Dränge aus ihrem tiefsten Innern, sich vor den Abonnenten der Zeitung auszuweinen; sie müsfen diesen die Gewißheit geben, daß ihr Schmerz um den Hingeschiedenen Büreauvorsteher oder Mitverwaltungsrat in ihrer Seele nie ausklingen wird. Damit dies allgemein beherzigt werde, gelangt es auf dem sicheren Wege und aus derselben Seite zum Ziel, auf dem ueueste Matjesheringe oder die Kunst, sich unfehlbar das Haar zu färben, empfohlen werden. Nicht selten erhebt sich der Schmerzensschrei in so stimmungsvoller Gesellschaft sogar zur dichterischen Form, zu lyrischen Versen erhabenen Stils. Daß die Trostlosigkeit ihre Stimme ins Weite hinausschallen läßt, mag immerhin noch einige Entschuldigung finden. Aber die heiße Liebe zu einem lebenden Wesen, von deren bester Sorte „niemand nichts weiß", wie kommt die dazu, es auszuposaunen? Will man eine Geburt, obgleich das gar uicht solche Eile hat, möglichst schnell herumbringen, gut! so lasse mans in die Zeitnng setzen. Aber daraus folgt uoch nicht die Notwendigkeit, bei diesem Anlaß zu inserieren, daß man seine Gattin „innigst liebt", und daß sie einen „beglückt" hat, was sich beides eigentlich von selbst verstehen sollte. Doch es ist ja sogar gebräuchlich, in die Zeitung zu setzen, daß man sich verlobt, d. h. mit Erfolg verliebt hat. Mag es hingehen, daß eine Heiratsanzeige eingerückt wird, denn das Gesetz will die Öffentlichkeit durch das Standesamt wegen der Standesveränderung. Aber eine Verlobung, das kaum den Lippen entsprungene Bekenntnis gegenseitiger, zum Vorsatz eines Ehebundes gesteigerter Zuneigung, der Schlußakkord einer Liebeserklärung, die sich eben erst von den Banden des Geheimnisses befreit hat, durch Maueranschlag zu verkünden, ist in der That eine Verletzung des Schamgefühls. Zwar: „Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein" aber, ob Wohl ein Dichter, ähnlich wie Frau Marthe Schwerdtlein, singen möchte: ich rückt' es gern in alle Blätter ein? — Die Ehen — 105 — werden, im Anfang wenigstens, auf Lebenszeit geschloffen. Aber Verlobungen können rückgängig werden, und das ist sogar keine Seltenheit. Dann verlangt die Konsequenz, daß auch diese Vergänglichkeit von Lieb und Treu im Blättchen zu jedermanns Nachachtuug gebracht werde, ansonst jedermann bis dahin zum Festhalten an dem alten Glauben berechtigt bleibt. Wie lieblich sich das für die Beteiligten lesen muß: „Mein Verlöbnis mit Fräulein N. N. ist wieder aufgehoben, was hiermit zur Keuutnis gebracht wird". Wie das die Phautasie der Leser auregt, sie einlädt, nachzudenken über die gewechselten Eidschwüre, Briefe, Geschenke, Händedrücke und Küsfe! Ach, die Händedrücke und Küsfe. Da wäre ein Kapitel zu schreiben über die berechtigten oder unberechtigten Eigentümlichkeiten von Brautpaaren uud jungen Eheleuten, die sich vor aller Welt Augen an der 1°s,d1s 6'kvts, in der Eisenbahn, und wie erst in Freundes- und Bekauutenkreisen, mit recht sichtbaren Zärtlichkeiten dem uubewußten Triebe ihrer sinnlichen Erregung hingeben. So oft man dies von Deutschen sehen kanu, so niemals sieht man es bei anderen civilisierten Nationen. Man sagt, es käme von der Unschuld her. Schade nur, daß nicht das richtige Gefühl für das, was man den anderen schuldet, die Unschuld davor behütet, zur Unart anszuschreiteu. Dies, liebe Freundin, sind so einige von vielen Bemerkungen, die sich mir im Laufe der Jahre angesammelt haben. Indem ich sie niederschreibe, fällt mir ein, daß ich vorher Albertis Komplimentierbuch hätte nachsehen sollen, ob sie nicht darin erledigt sind, denn leider kenne ich es nicht. Doch jetzt ist es zu spät, der Brief ist geschrieben, und unsere Freundin „Die Nation" läßt mir keine Zeit zum Aufschub. Der Henker, in Gestalt des Druckerbuben, steht vor der Thür. Darum breche ich ab. Ich hätte noch — 106 — manches, Schlimmeres oder Besseres, aus verwandten Gegenden anzuführen. Zum Beispiel, warum gehört es in Deutschland zu den seltenen Ausnahmen, daß auf eine erwiesene Aufmerksamkeit, Gefälligkeit, ja mühevolle Dienstleistung ein dankendes Echo zurückschallt? Ich habe darin die närrischsten Erfahrungen gemacht, namentlich in dem ersten Jahrzehnt meiner öffentlichen Laufbahn, da ich noch naiver war als später. (Wer kaun sagen, daß er nicht mehr naiv ist?) Erst allmählich gewöhnte ich mir ab, zu antworten, wenn ich von einem mir gänzlich unbekannten Familienvater eine vertrauliche Anfrage bekam, z. B. wie ich ihm rate, seines Sohnes Ausbildung zu leuken, oder sein Vermögen anzulegen, uud hundert ähnliche Dinge. Auf einen gewissenhaften Bescheid ging in der Regel nicht die einfachste Empfangsbescheinigung ein. Der am Fuße des Briefes ausgedrückte „Dank im Voraus" hatte Alles geregelt. Merkwürdig ist, daß unter den Charakterzügen der Germanen schon Taeitus diesen hervorhebt: Zauäsnt rnuns- ridns, ssck nse cts-ts, iinzzutant nsv aczesxtis odliAantru'. Von Zeit zu Zeit, in ganz besonders verlockeuden Fällen reizt es mich noch immer, wieder einmal ein Experiment anzustellen, ob vielleicht ein Fortschritt zu konstatieren sein mochte. Leider bis jetzt ohne Erfolg! Meine zwei letzten Versuche wurden bei folgendem Anlaß gemacht. Kurz nacheinander wandten sich zwei Personen, jede in ansehnlicher Stellung, der eine sogar eine Berühmtheit, an mich mit der Bitte, ihnen den Wert einer bestimmten Art und Zahl Geldstücke älterer Zeit aus heutige» Wert umzurechnen. Die Sache ist nicht einfach. Man muß viel uachschlagen und rechnen. In beiden Fällen ließ ich mich zum Experiment verführen und gab sorgfältigen Bescheid. Mein Vertrauen auf Meister Stephans Apparat ist so groß, daß ich sicher bin, die beiden Herren haben meinen Brief erhalten. Aber — 107 — von ihnen selbst habe ich es nie erfahren. Und das sind nur zwei Exempel aus Erlebnissen ohne Zahl. Erklären Sie mir, wie kommt es, daß in diesen Stücken gewiß nicht alle, aber doch viele biedere Deutsche so wenig empfinden, was dem natürlichen Gefühl entspricht. Aber Sie werden mirs nicht erklären, wenigstens nicht vor Zeugen. Sie hüten sich vor der oüsusio Zsutinro., zu der Sie mich verlockten. Sie sind, — das weiß ich längst — klüger als Ihr Ergebener L. Bamberger. VII. Ußer öas Alter. i. Einstmals trat ich bei einer Freundin zum Besuche ein und fand sie in verdrießlicher Stimmung. Auf die Frage nach der Ursache gestand sie: „Sie haben recht, ich zürne mir — das ist ja der bestberechtigte Grund, verstimmt zu sein, denn nur über seine eigenen Fehler, nicht über die der anderen soll man sich grämen — ich habe soeben etwas sehr Dummes gethan. Frau N., Sie wissen ja, die langweilige, schwerfällige, hat mir zwei Stunden lang auf dem Halse gesessen. In der ersten' Stunde hab' ich mich noch durchgequält mit dem alltäglichen Klatsch, aber in der zweiten wußt' ich gar nichts mehr zu sagen, und in der Verzweiflung hab' ich ihr alle meine Geheimnisse erzählt!" So geht mirs nach der Hand mit dem Brauche, auf den ich mich eingelasfen habe, alljährlich hier mit einer Weihnachtsgabe zu erscheinen. Mir ist bang, meine Charakterschwäche, die es mir schwer macht, eine freundliche Bitte abzuschlagen, verleitet mich zu demselben Fehler, dessen sich obenerwähnte Dame bezichtigte, und ich thäte besser, mich des Meisters zu erinnern, der mich vor langen Jahren in die Geheimnisse der praktischen Finanz einführte. Die Hauptkunst für einen Bankier, belehrte er mich nämlich, ist, Nein sagen zu können. Ich glaube sogar, der Spruch ließe sich noch auf andere, wenn nicht ans sämtliche Gebiete des praktischen Lebens übertragen. Nun ist es bereits das ueunte Mal, daß ich der Versuchung erliege, meine stillen Gedanken auszuplaudern, und ich könnte nicht sagen, daß es mir besonders gut bekommen Ware. Mehr als einmal, wo es mir nicht Paßte, wurde ich schon mündlich oder noch öfter brieflich an etwas erinnert, was ich da früher geschrieben habe. Ich Hütte mich so und so über das Briefschreiben oder über das Schenken geäußert, oder ich sei zwar gegen das Vorstellen oder gegen das Toasten, und nun habe ich doch selbst vorgestellt oder — Gott sei's geklagt! nicht selten — toastet. — Ja, rufe ich dann, Liebster oder Liebste, wenn Sie mich beim Wort nehmen, kann ich überhaupt uicht schreiben. Es ist schon an sich genugsam eine brotlose Kunst; soll man auch noch gar gehalten sein, immer vor Augen zu haben, was man einmal hat drucken lassen, dann hole der Teufel das Handwerk. Bor Zeiten sagte mir einmal eine Dame nach jahrelangem freundschaftlichem Verkehr (sie entstammte der alten feinsinnigen Generation des Faubourg St. Germain): „Was Ihnen bei unserer ersten Begegnung meine Sympathie verschaffte, das war: ich merkte alsbald, Sie sind nicht auf Ihre Ideen versessen, ^js rkrQÄrHUÄis Schriften, I, cz ohne Zweifel an substantiellen Merkmalen im Gehirn hastenden Erinnerungen so lebendig erhalten bleiben, so liegt nahe, daß auch Jugendgefühle uns ins Alter begleiten, natürlich rnutatis rnutancliZ. Der Traumzustand, der unbewußt Vorhandenes im unkontrolierten Verstandeszustand auf die Oberfläche kommen läßt, liefert einen besonderen Beleg für die Richtigkeit dieser Behauptung. Wie oft träumen wir uns jung, erneuern weit zurückliegende Eindrücke, die sich tief ins Gehirn eingegraben haben. Alte Leute träumen noch manchmal, daß sie im Examen stehen, und freuen sich beim Erwachen, daß es nur ein Traum war. Und wie unschuldig waren zu ihrer Zeit die Examina, und wie leicht nahm man sie! Wie schwer muß erst der Alp einst auf den Unglücklichen liegen, die heute durch dies Fegefeuer gehen! Damals hatten doch die Exa- minanten noch die Hauptaufgabe, die jungen Leute zuzulassen, heute dagegen, sie abzustoßen. Dies Beispiel vom Examenstraum, das ich hier herausgreife, fällt mir zunächst deshalb ein. weil es jüngst in einem Zwiegespräch mit einem berühmten Nervenpathologen zu meiner Belehrung dienen mußte. Die Unterhaltung drehte sich um die beliebten Themata des Hypnotismns und der Suggestion. Wir haben uns ja alle mehr oder weniger mit diesen Dingen als natürlichen Erscheinungen befreundet, die nicht bloß nichts Spiritualistisches oder Mystisches an sich haben, sondern umgekehrt der sogenannten materialistischen Auffassung durchaus zu Hilfe kommen. Bei einer gewissen Wendung des Gesprächs sagte ich zu meinem Professor, es gebe Dinge, die ich trotz allem nicht glauben könne. So z. B. wenn der gelehrte Psychiater von Krafft-Ebing behaupte, er hätte einer in mittleren Jahren stehenden Fran im Zustand der Hypnose mit Erfolg suggeriert, sie sei ein siebenjähriges Kind. Ich meinte, durch einen künstlich her- — 115 — vorgebrachten Traum könne das Bewußtsein nicht bis zu dieser niedrigen Stufe hinabgeschraubt werden. — Aber warum nicht? warf mein Freund ein. Haben Sie nicht manchmal noch in späteren Jahren geträumt, Sie ständen im Examen? — Ich mußte bejahen, und so waren wir dahin gekommen, zu bekennen, daß das übrige nur ein Quantitätsunterschied sei. Dies nie ganz entschwindende Stück Jugend ist nicht ein Geschöpf des reflektierenden Verstandes; es ist lebendige Wirklichkeit, und jeder gesunde Mensch in höheren Jahren kann es an sich erproben. Man thut auch ganz gut, es in sich zu nähren, man muß nur sich hüten, es sehen zu lassen. Denn es macht auf den dritten, der nur unsere Gegenwart sieht, einen etwas komischen Eindruck. Ich bemerke das manchmal an einem ganz unverfänglichen Vorgang. Wenn ein alter Mensch in seiner Erzählung etwas von seiner Mutter oder gar Großmutter einflicht, so sehen ihn jüngere Leute mit einem gewissen, verwunderten Lächeln an. Ihnen erscheint als etwas Sonderbares, daß jener auf einen Zustand zurückgreift, der so weit hinter ihnen und — wie sie meinen — auch hinter ihm liegt; ihm jedoch scheint er nah und natürlich nah zu liegen. Das Eigenste und damit oft das Beste in sich muß der Mensch in sich verschließen, ebenso wie er nach des Dichters Rat das Dümmste und Schlimmste geheim in der Brust halten muß. Das ist ein Kapitel aus dem Abschnitt von der Schamhaftigkeit und berührt sich mit dem Satz, daß der Mensch lernen müsse, alt zu werden, d. h. unter Umständen zu verbergen, wie jung er innerlich noch sei, ein Satz, der aus der Lebenskunst wieder in die Ästhetik hinüberführt. Man hört oft sagen, daß besonders den schönen Frauen es schwer ankomme, alt zu werden. Ich verstehe das. Eine bewunderte schöne Frau zu sein, ist gewiß eine der herr- 8* — 116 — lichsten Berufsarten dieser schlechten Welt, und, diesem Beruf zu entsagen, muß eine harte Aufgabe sein. Je verfeinerter eine Kultur ist, desto mehr hat sie Verständnis für diese Eigentümlichkeit. Man kann bemerken, daß mit der Sänftigung der Sitten und der Hebung des Wohlstandes die Grenzen der Jahre für die Anerkennung der weiblichen Grazie sich erweitern. Die Franzosen, in welchen der Sinn dafür am meisten ausgebildet ist, haben das von lange her kultiviert. Die Diane de Poitiers, Ninon de l'Enclos, Rscamier, die noch in hohen Jahren durch ihre weiblichen Reize herrschten, sind historische Typen, denen im Privatleben Tausende an die Seite getreten sind. Man kann auch die Maintenon dazu rechnen, denn ihre geistige Überlegenheit war von ihrer Weiblichkeit nicht zu trennen. Eine französische Herzogin schickte der Kurfürstin Sophie von Hannover zu ihrem siebenzigsten Geburtstag einen rosenfarbenen Schlafrock und schrieb dazu: a, 8vixants-<11x ans ou rexrenZ 1s ross. In großen Städten genießt die Lebensdauer weiblicher Reize längeren Spielraum als in kleinen oder auf dem Lande, und in der Gegenwart mehr als zur Zeit unserer Mütter und Großmütter. Zu den mannigfachen Unarten unserer neusten Journalistik gehört es, mit dem Adjektiv „greis" bei jeder Gelegenheit um sich zu werfen, ohne Zweifel, weil das Anwenden von Adjektiven überhaupt zu den beliebtesten Griffen des Handwerks gehört. Kaum hat ein Mann die „Sechzig" hinter sich, so heißt er schon der „greise Künstler", der „greise Akademiker" n. s. w. Ich vermute, mancher noch recht muntere berühmte Mann schüttelt sein unehrwürdiges Haupt, wenn er sich mit diesem Ehrentitel verziert in seiner Zeitung findet. Der Unfug kommt wohl auch davon her, daß die Journalisten oft noch gar so jung sind, oder daß die berühmten Leute nach neuerem Stil sich schon beim erfüllten neunundfünfzigsten Jahre als Jubilare anfeiern lassen. II. Bietet die Kontinuität des Ich dem Druck des Alters ein Gegengewicht, so mildert sie auch die Wirkung der Entbehrungen, die es auferlegt. Der Verlust an Genüssen, den die Jahre mit sich führen, wird übertrieben, weil nicht bedacht wird, daß an dem Genuß das Kennen einen großen Anteil hat. „In dem Genuß verschmacht ich nach Begierde." Mit dem Kennenlernen des Genusses verliert derselbe für den Menschen einen Teil des Reizes, den er für ihn hatte. Ein Glück gekannt zu haben, ist ein unverlierbares Stück dieses selbigen Glückes, aber es lang und genau gekannt zu haben, ruft Sättigung hervor. In dem „Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist! daß man doch zu seiner Qual nimmer es vergißt!" enthält die erste Zeile einen Trost, den die zweite verleugnet, und auch in dem „nsssun' ras-Mior clolors oks ricoräs-rsi Lslios nslls, missria," liegt ein Irrtum. Ein Mädel, das alle Touren durchgetanzt hat, geht viel leichteren Herzens vom Ball als eine, die den Schimmel halten mußte. Ein Leben, das nicht ein verfehltes war, wird den Abgang der Genüsse, den das Alter mit sich bringt, viel weniger schmerzlich empfinden, als die Reflexion es sich ausdenkt. Es liegt etwas Charakteristisches darin, daß gerade Fanny Lewald es war, die ihren Freund Lasker wegen seines Altersoptimismus ziemlich scharf abkanzelte. Gewiß hatte sie kein verfehltes Leben hinter sich, als sie zu vierundsechzig Jahren ihm nachwies, was man alles mit den Jahren einbüßt. Aber sie hatte erst zu dreiundvierzig Jahren geheirathet, — 118 — und ein etwas anempfundenes retrospektives Jugend-Liebesglück begleitete sie durchs Leben. Das erschien ihr nun, vorüber, um so unersetzlicher, als sie es nur in der Sehnsucht gekannt hatte. Ihr starkes Plaidoyer gegen das Alter war eine Jugendrache. Ihr wirkliches Alter war sehr befriedigt, und sie sah als Matrone auch besser aus als in jüngeren Jahren. Sie hatte sich mit den dunklen Augen, dem vollen Kinn, der würdevoll bewußten Haltung und den, wenn auch nicht autochthonen, weißen Locken einen hübschen Kopf zurecht gemacht. Eine oft gemachte Beobachtung lehrt, daß Menschen, welche einst im Vollbesitz aller Überflüssigkeiten des täglichen Lebens gewesen, deren Entbehrung leichter tragen als solche, die nur wenig davon genossen haben. Alle Welt war z. B. erstaunt, mit welcher heiteren Resignation die französischen Emigranten den Übergang aus hoher Stellung und raffiniertem Luxus zu dürftiger Existenzweise hinnahmen. Sie hatten den Überfluß in vollem Maße kennen gelernt und an sich erfahren, daß er zum Glück nicht so viel beiträgt, wie der dieser Genüsse Unerfahrene sich einbildet. Das Gegenstück dazu liefert der Mensch, der, wenn er im Alter die Fülle dessen erreicht, was er in der Jugend sich gewünscht hat, doch findet, daß die Zeit der unerfüllten Wünsche die bessere war. (?'stg>it> Ik dsau tsrQps, ^'«t,g.1s disn mallikursuLk, lautet das sinnige Wort der alten Schauspielerin Sophie Arnould. Das Gesetz der Ausgleichung, welches viel tiefer in die Rechnung von Glück und Unglück eingreift, als gemeinhin bedacht wird, spielt auch in der Abwägung von Vorzügen und Mängeln des Alters seine wichtige Rolle. Jeder Lebensgenuß unterliegt in seiner Wertschätzung dem Abwägen von Anstrengung und Befriedigung. Das verständige Alter, welches weniger Ansprüche an sich selbst und an die — 119 — Anderen macht, kommt mit weniger aus, als die jungen Jahre, welche die Welt im Sturm erobern wollen und mit ihren Ansichten durchdringen zu müssen meinen, bis daß sie endlich dahin gelangen, mit dem alten Goethe zu sagen, daß man über das allmächtige Niederträchtige sich nicht beklagen dürfe, oder mit dem alternden Heine: „es begreift nicht solch ein Maulheld, warum der Mensch zuletzt das Maul hält". Nachdem die am Ende der siebziger Jahre vom Fürsten Bismarck eingeleitete, rückläufige Bewegung der Geister im Laufe von anderthalb Dezennien auf dem Tollpunkt von Krähwinkelei angekommen war, auf dem unsere wirtschaftliche Gesetzgebung dermalen sich noch weiter belustigt, hatte ich mir als Gegengift gegen den Unmut, der mich beim Anhören gewisser Reden im Reichstag erfaßte, eingeprägt, mich daran zu erinnern, von wieviel Aberglaube die Menschheit sich von jeher auf anderen Gebieten hat beherrschen lassen, sich bis auf diesen Tag beherrschen läßt und wahrscheinlich, wenn nicht in alle, doch noch lange Zeiten wird beherrschen lassen; und daß es dennoch geht und weiter gehen wird, hauptsächlich deshalb, weil die einzelnen in ihren persönlichen Angelegenheiten so viel besser und klüger sind als die Gesamtheiten in den ihnen überlassenen. Bringt das Alter seine Kompensationen gegen desperate Anstrengungen und desperate Stimmungen, so darf es diesen Vorteil auch wiederum nicht zu fatalistischer Unterwerfung unter die dunklen Mächte verwenden. Dadurch würde es gerade das Beste einbüßen, die Erhaltung des Teils von Jugend, der dank der Kontinuität des Ich in uns fortlebt, und desfen Strom möglichst lang und stark fortzuleiten das Geheimnis des relativen Jungbleibens ausmacht. Ich fage: das Fortleiten des Stroms, vor zwanzig Jahren hätte ich noch gesagt: den Zufluß von Öl auf die — 120 — Lampe. So müssen auch die Bilder Schritt halten mit der Zeit. Es giebt wirklich Mittel, die zu diesem Ziele fördern helfen. Der Mensch, welcher sich möglichst jung erhalten will, möge vor allen Dingen den Schuljungen in sich konservieren. Wir sinds doch alle einmal gewesen, und die meisten recht gründlich. Drum ist es nicht schwer, den ersten alten Adam weiter zu züchten. Jeden Tag was lernen zu wollen, jeden Abend eine Aufgabe gefertigt zu haben und, wenn nicht mehr vor dem Professor auf dem Katheder, doch vor dem Zuchtmeister im eigenen Busen zu zittern, wenn die schöne Zeit vertrödelt worden ist. In einem soeben zum ersten Mal publizierten Briefe der George Sand an Ste. Beuve schreibt die sechsundfünfzigjährige: „Trotz allem scheint mir, daß es ein immenses Vergnügen ist, im Altwerden seine Erziehung von neuem zu beginnen: man hat Momente, wo man sich ganz jung glaubt und ganz naiv Schülerbetrachtungen in kleine Hefte einträgt". (ü,svus cls vom 1. Dezember 1896.) Unter den Schatten, die auf das Alter fallen, hört man immer auch aufzählen, daß das meiste, was uns lieb war, eben ins Reich der Schatten dahin geht und uns vereinsamt zurückläßt. Es ist wahr: Leben heißt Überleben. Aber Leben heißt auch Erleben, und wollen wir nur die Augen offen halten, es giebt dessen so viel und immer mehr, und „wo ihrs packt, da ist es interessant". Selbst die Dummheiten der Regierten und der Regierenden tragen zu unserer Unterhaltung bei, und dieser Stoff versagt nie. Gerade im und am Alter rächt sich ein beschränkter Egoismus, der für Menschen und Dinge außer dem Kreis seiner nächsten Angehörigen und Interessen keinen Sinn hat. Man kann beobachten, daß Menschen solchen Kalibers am meisten im Alter sich gelangweilt und vereinsamt fühlen, d. h. am frühesten alt werden. Es giebt — 121 — ja auch ein Jungbleiben oder Jungbleibenwollen, das zur Karrikatur wird. Alter schützt vor Thorheit nicht, sagt ein Sprichwort. Sehr mit Recht pflegte dagegen eine kluge Frau meiner Bekanntschaft hinzuzusetzen: „Doch Thorheit schützt vor Alter". Eine vorsichtige Dosis Jugendeselei mit sich zn führen, ist gar so übel nicht. Selbst das so oft des Schwindens angeklagte Gedächtnis kann durch Übung länger bei Kräften gehalten werden, als wenn man es widerstandslos einrosten läßt. Man muß es nicht außer Gang kommen lassen, gerade wie die Gliedmaßen. Beides finde ich bei Cicero bestätigt; Cato, dem er seine Ansichten in den Mund legt, beruft sich auf seine eigene Übung im hohen Alter, und an einer anderen Stelle sagt er: der Greis, in dem noch etwas Jugendliches ist, gefällt mir. „3sQsm, in (zuo sst, s>1i^uid s,dv1ssesQt,i8, prvlzv." Wo von den Leiden des Alters die Rede ist, darf das Kapitel vom Sterben und Tod nicht fehlen. Das nahe Ende soll seinen Schatten auf die Tage voraus werfen, die ihm immer näher rücken. Dagegen wird in der Regel der Trost gespendet, daß dies auch für das jüngste Menschenleben gelte, worauf der Pessimist jedoch mit der gesteigerten Wahrscheinlichkeit repliziert. Der Heide Cicero nimmt in ziemlich ausgedehnter Betrachtung den Trost der Unsterblichkeit der Seele zu Hilfe, während Grimm, der Christ, sich sachte an ihr vorbeidrückt. Aber auch Cicero zeigt sich nicht frei von Skepsis; er flicht dieselbe Bemerkung ein, welche so viel später Pascal in sein bekanntes Bild einkleidete: wenn ich doch über Unbekanntes wetten soll, will ich auf das wetten, was mir zu gute kommt, falls ich gewinne, und nicht auf meinen Schaden. Die Angst vor dem Sterben ist natürlich, die Angst vor dem Totsein ist eine Gedankenlosigkeit. Wahrscheinlich ist auch in den meisten Fällen die Angst vor dem Sterben unberechtigt. — 122 — Die große Mehrzahl der Menschen stirbt, ohne daß sie es ahnt. Der Talmud sagt, das Sterben geht so sanft vor sich, wie wenn man ein Haar durch die Milch zieht. Leopardi läßt einen Mann in die Unterwelt hinabsteigen und sich mit den Einwohnern der Särge unterhalten, die er über ihr Ende ausfragt. Keiner weiß, wie es gekommen ist. Es giebt seltene Umstände, unter denen Menschen mit vollem Bewußtsein sterben und vorher noch eine schöne Anrede halten; aber am meisten geschieht dies auf der Bühne oder gar in der Oper, wo sie noch sterbend wunderschon singen. Das müßte eine herrliche Empfindung sein, solch ein stimmungsvoller Abgang. Auf jeden Fall brauchten sich die Menschen über das Totsein nicht den Kopf zu zerbrechen, wenn sie nur das Eine bedenken wollten, daß sie doch Aeonen tot waren, ehe sie auf die Welt kamen, und daß ihnen das gar keinen Kummer gemacht hat. Ich hatte eine Freundin, die ein stilles, aber sehr heiteres Dasein bis ans Ende ihrer fünfzig Jahre geführt hatte und dann oft mit mir über die Ungerechtigkeit des AufHörens stritt. Vergeblich stellte ich ihr vor, daß sie das Leben gerade so leicht entbehren werde, wie sie es bis vor sechzig Jahren entbehrt hatte. Sie ließ es nicht gelten und meinte, es sei eine Schändlichkeit, nun man sie es habe kosten lassen, es ihr wieder zu entziehen. Wie schlecht berechnet, ohne die Notwendigkeit dessen, was wir Vergänglichkeit nennen! Das ist eine der bestverleumdeten Eigenheiten unseres endlichen Daseins. Zu welcher Folter würde der größte Genuß, wenn er, man braucht noch lange nicht zu sagen ewig währte! Die kluge Madame Du Deffant, obschon hoch an Jahren und trotz oder wegen ihrer Blindheit sehr lebenslustig, schrieb doch ihrem Freund: ns iais xs,s ü HKÄHt. In der Hauptsache ist alles, was die Menschen über — 123 — ihren Tod denken und reden, nur Sache der Reflexion und nicht des Gefühls. Das Gefühl ist aber die Hauptsache. Das Nichts, das Nichtsein zu fühlen oder auch nur sich vorzustellen, geht über die Fähigkeiten des im Sein Eingesperrten hinaus. Da sitzt auch die wahre Wurzel des Unsterblichkeitsglaubens. Die Unmöglichkeit, sich das Nichts vorzustellen, zwingt das Gefühl, sich sein eigenes Sein in eine Ewigkeit hinaus, die es doch nicht begreift, zu projizieren. Dann übernimmt der Glaube, die bereits ins Unendliche projizierte Vorstellung je nach Land und Leuten zu möblieren. Der Unterschied des Glücksgefühls zwischen denen, die an ein Jenseits und denen, die nicht daran glauben, ist lange nicht so groß, wie man gemeinhin annimmt. Auf der einen Seite ist das Aufhören zu unmöglich vorzustellen, als daß es vorempfunden werden könnte; aber auf der anderen Seite ist auch die Ewigkeit etwas so Unfaßbares, daß der lebendige Glaube daran auf einer Selbsttäuschung beruht. Renan behauptet, die Märtyrer, die für ihren Glauben in den Tod gegangen seien, hätten diesen Glauben nicht allzu stark gehabt. Für etwas, dessen man ganz sicher sei, fühle man gar nicht die Versuchung, mit dem Leben zu zeugen. Es steckt etwas schalkhafte Wahrheit in diesem Verdacht, der an den Ausspruch Proudhon's erinnert: wenn ihm etwas fataler sei als die Henker, so seien es die Märtyrer. Der Mensch wurzelt so tief und unentrinnbar im Leben, daß er sich gar nicht herausdenken kann, und diesem unbewußten Seelenzustand ist es zu verdanken, daß wir nicht nur in die Breite, sondern auch in die Länge der Fortsetzung hinaus uns eins fühlen mit der Gesamtheit nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Zukunft. Das ist in altruistischer Richtung das Nämliche, was in egoistischer der Idee des Nachruhms, des Fortlebens in der Geschichte zu Grunde liegt. Wie viele, — 124 — die einer gewissen Notorietät genießen, mögen nicht selten an den Nekrolog denken, der ihnen einst wird gewidmet werden! Wie viel schöne Stiftungen verdanken wir vielleicht dieser holden Schwäche! Von Lord Brougham, der ein raffinierter Lebemann war, erzählte man, er habe sich einmal einige Wochen lang im südlichen Frankreich versteckt und tot sagen lassen, um sich den Genuß der Lektüre seiner Nekrologe zu verschaffen. Sein oder Nichtsein, das ist nicht die Frage, sondern der einzige entscheidende Unterschied. So lange der Mensch ist, und weil er ist, bleibt seinem Fleisch und Blut das Nichtsein unverständlich. Lomo Ildsr cls nM», rs rninus LvAitat 1111 disn sslni äs äsmain n'axxartisut ä xsrsoiuis. Die Französelei am Rhein, wie sie kam, und wie sie ging.*) ^ie Erscheinungen in ihrer allgemeinen Bedeutung zu erfassen, das ist, worauf die Sehnsucht des Gedankens geht. Allein das Problem, um das er wirbt, gleicht der Prinzessin im Märchen. Es sendet ihn erst weit hinweg nach mühsamen Arbeiten, ehe daß ihm bei der Rückkehr sein Lohn werde. Ins Einzelne sich zu vertiefen, um das Zusammenwirkende zu begreifen, das ist der Weg des Erkennens. Um ein volkspsychologisches Rätsel zu entziffern, welches sich ein halbes Jahrhundert hindurch den ganzen Rhein entlang abspielt, vom Elsaß bis nach Holland hinunter, hab' ich eiuen einzigen Punkt — allerdings den interessantesten — des Stromgebietes fixiert, und hoffe, was ich an Umfassung aufgegeben, vielfach an Sicherheit gewonnen zu haben. Beiläufige Schattierungen abgerechnet, entwickelt sich der nämliche Prozeß auf der ganzen Strecke, und der Teil ist der Spiegel des Ganzen. Mein Vorsatz ist, zu zeigen: wie der deutsche Sinn am Rhein, indem er zu Falle kam, ein Opfer des Feudalismus war. Feudalistisch nenne ich schlechthin diejenige Staatsverfassung, welche Herrschafts- oder Regierungsgewalten auf etwas anderes zurückführt, als auf die vernunftgemäß erkannten Bedingungen des Gemeinwohls; welche vielmehr Machtverhältnisse aus Privatrechten ab- *) Aus den „Demokratischen Studien", herausgegeben von Ludwig Walesrode 1861. — 127 — leitet und ein politisches Eigentum bevorzugter Familien anerkennt. Auch heute noch ist Deutschland ein Feudalstaat, und derjenige, welcher, zu Häupten ihrer Geschicke stehend, die Einigung der Nation nicht anders zu begreifen vermag als unter Schonung jener sogenannten Rechte Dritter, der macht uns jede Täuschung über die Nichtigkeit seines Strebens unmöglich. Nur auf den Trümmern der Feudalherrschaft kann Deutschland die Geistesgröße finden, in der seine, wie jede Kraft ruht. Wer das Recht der Nation auf Selbsterhaltung und Wiedergeburt in eine Linie stellt mit dem Rechte Dritter, wer Deutschlands Sicherheit und Zukunft nicht heiliger hält als das longo- bardische Lehnrecht und das Jnstrumentum des osnabrückischen Friedens, der mag sich des Beifalls seiner hochgeborenen Standesgenosfen freuen. An Deutschlands Zukunft hat er keinen Teil. Das blutige Spiel des Kriegs besitzt eine tiefe Gewalt über die Gemütsart des Franzosen. Diesem Zug von Barbarei vermochte sogar die große Revolution nicht beizukommen. Im Gegenteil, sie hat ihm — einzig in seiner Art — vielleicht neue Kraft und Nahrung eingegeben. Jede Kampfbegierde braucht aber ein Länderziel, wie jeder Roman eine Heirat braucht zum guten Ende. Das Liebchen der französischen Schlachtenphantasieen alle ist und bleibt der Rhein. Die Kanonen, welche in den Zeughäusern schlafen, von Bayonne bis Metz, träumen Jahr aus Jahr ein vom Wiedersehen mit unseren grünen Rebenhügeln. Und wie sie träumen, so denken von hundert Menschen neunzig in diesem Lande. Unter den zehn übrigen aber sind fünfe, welche nur mit Hilfe angestrengter Reflexion die gleiche Sinnesart überwinden. Sonderbar, daß man diesem Volke Beweglichkeit zum Vorwurf macht. — 128 — Von allen Kultur tragenden ist keines so in Charaktereinförmigkeit gebannt. Bei keinem gilt mehr Erblichkeit, mehr Allgewalt landläufiger Anschauungen. Zu letztern gehört der Glaube an die Berechtigung des Wunsches nach dem Besitz der Rheinlande. Darin eben unterscheidet sich dies Kriegsgelüste von ähnlichen. Der Gedanke an eine Fehde mit England bringt das französische Blut in viel heftigere Wallung, aber es sitzt auf dessen Grund viel mehr blinde Leidenschaftlichkeit als politische Ansicht. Die Antipathie gegen England ist sozusagen bestialischer Natur. Es ist nicht mehr Rechtsbewußtsein in ihr, als in einem mit der Muttermilch eingesogenen Hasse sein kann. Noch weniger knüpft sich an sie die Vorstellung des dauernden Besitzes irgend eines Teils der britischen Inseln. Selbst an die Einbürgerung im katholischen Irland denkt Niemand ernstlich. Ganz umgekehrt verhält es sich mit dem Appetit nach einem Stück Deutschland, für welchen in den verschiedenen Abstufungen der Gesellschaft verschiedene Legitimitätsrechnungen den Ausgangspunkt bilden. Jede derselben hat sich in ihrem betreffenden Kreise die Geltung einer notorischen Wahrheit verschafft. Die Massen, und dazu gehört auch der Soldat aller Grade (dies zu beider Ehre), knüpfen an den Besitzstand des Kaisertums und der Revolution an und leben in der naiven Entrüstung fort, daß die Verträge von 1815 einen schändlichen Raub an Frankreich begangen hätten. Die Leute von der Presse und der Politik bearbeiten die Theorie der natürlichen Grenzen und der Abrundung in allen möglichen Tonarten; der profundeste Gelehrtenstand endlich, der sich mit dem Kultus des alten Galliertums ein Steckenpferd nach Art unserer Jahne und Arndte aufgezäumt hat, beweist Euch, daß die ganze Bevölkerung des linken Rheinufers (geschweige denn die von Belgien bis ans Meer hinauf) echt gallischen Blutes und — 129 — nur durch oberflächliche Verfälschung etwas deutsch übertüncht worden sei! Die Mehrzahl der Anhänger dieser drei verschiedenen Anschauungen stimmen dahin überein, daß die Franzosen am Rhein willkommene Gäste sein würden.*) Früher wurde der Deutsche kaum über die Richtigkeit dieser Voraussetzung befragt, heute thut man ihm wenigstens die Ehre an, ihn um Bestätigung derselben einigermaßen zweifelnd anzugehen. Immerhin bleibt es eine der demütigendsten Mahnungen an die Schimpflichkeit unserer heimischen Vergangenheit und Gegenwart, solchen Interpellationen Rede stehen zu müssen, und rührten sie auch von dem Oberflächlichsten und Übermütigsten aller Franzosen her. Aber wenigstens haben wir doch jetzt den Trost, diesen Fragen mit gutem Gewissen einen feierlichen Protest entgegensetzen zu können, wenigstens vermögen wir ohne die Hilfe eines frommen Betrugs zu versichern, daß der Gedanke an einen Abfall von Deutschland in den Rheinlanden heute gänzlich verpönt und unmöglich geworden ist. — Ist es immer so gewesen? Sind die französischen Vorstellungen von der Zuneigung ihrer Grenznachbarn jedes historischen Vorwands ledig? Dies ist eine Frage, die heute vorzunehmen erlaubt ist, heute, da die Spukgestalten der undeutschen Gesinnung am Rhein tot und begraben sind, eingesargt in die Gruft der unverantwortlichen Die drei obigen Theorieen in einer Person vereinigt, sehe man in dem kürzlich von H. Thsophile Lavallee in der Revue nationals veröffentlichten Aufsatze „l^ss troutierss naturelles." Die Arbeit schließt mit folgenden Worten: „I^s. Revolution äs 1789 üt äs I'iäss äss trau- tierss naturelles uus iäss touts Z^uloiss, oui äsvint eomrus on ss.it ls, xassiou äs Is, touls et la> xsnsvs ns>tioiig,Is." Herr Lavallee ist bezeichnenderweise Professor der Geschichte an der Militärschule von St. Cyr. Die jungen Offiziere empfangen ihre historischen Ansichten aus seiner Hand. Ludwig Baml>ergcr'S Ges. Schriften. I. n — 130 — Geschichte, so gut wie der Verrat des falschen Ganelon von Mainz. Aber es ist noch nicht so lange her, daß es möglich gewesen wäre, diesen Verhältnissen zu Leibe zu gehen, ohne sich der Gefahr beschämender Gestündnisse preis zu gebeu. Die Wetterscheide beider Zustände bildet einzig und scharf das Jahr 1848. So heilsam, so befruchtend ift alles, was den Namen Freiheit trügt, daß selbst ein vergänglichster Hauch, ein traumhaftes Vorüberziehe» dankenswerte Keime des Guten ausstreut. Vom Anbeginn der neunziger Jahre bis zum ersten Erscheinen einer deutschen Volksvertretung treibt sich das Gebilde der Verschwisterung mit Frankreich in mannigfachen Schattierungen am Rhein herum, und die geschichtliche Untersuchung dieses Phänomens ist nach unserem Erachten mehr als jemals heutigen Tages ein anziehendes und lohnendes Studium. Wie gesagt, ist es aber auch erst in unseren Tagen möglich geworden, diesen Gegenstand in verlautbarer Weise aufzugreifen, weil er, von nun an erst aller Anfechtung entrückt, uns nicht mehr der Schmach aussetzt, in deutscheu oder gar in fremden Augen den Anschein zu haben, als hielten wir es für notwendig, noch lebendige Abtrünnigkeits- gelüste zu bekämpfen. Die Vergangenheit ist der Spiegel der Gegenwart. Schauen wir hinein, und wir werden gar zu oft mit Schrecken an dem, was wir waren, erkennen, was wir sind. Der erste Teil unseres Rückblickes wird uns ein Zerrbild deutscher Wehrverfasfung vorführen, welches in seinen gröberen Zügen uns lebhaft die Schäden entgegenhalten muß, an denen wir noch heute so hilflos herumslicken. Nicht blos werden Zerfahrenheit der Kräfte und Verwahrlosung der Mittel uns an die Sorgen der Gegenwart erinnern. Es werden auch die abenteuerlichsten Bilder eines unglaublich hohlen Selbstvertrauens und eines erbärmlichen Adels- — 131 — Übermutes uns lehren, der Siegeszuversicht jenes dünkelhaften Junkertums zu mißtrauen, welchem deutsche Regenten ohne Ausnahme die Führung ihrer Heere in allen Graden und damit die Kraft des Landes überantworteten. Noch weit mehr aber wird es unserer Aufmerksamkeit wert sein, zu beobachten, unter welchen Umständen der Abfall eines Teils der Nation von ihrem eigenen Ich vor sich gehen konnte, und welcher Weise sie später wieder zu sich selbst zurückgekehrt ist. Nicht die äußersten Gegensätze werden dabei das Merkwürdigste sein, sondern die zwischenliegenden Übergänge; und diesen mit dem Auge folgend, werden wir aus dem Prozeß des Erkrankens, mehr noch aus dem Prozeß des Gesundens, die wahren Ursachen nationalen Zerfalls und die Bedingungen nationaler Wiedergeburt mit Händen greifbar vor uns sehen. Nur Freiheit gewährt uns Schutz und Macht. Auf Schritt und Tritt wird dieser Gedanke sich aufdrängen. Wir werden sehen, wie im Anbeginn keinerlei volkstümliche Überlieferung der Hinneigung zu einer fremden Nation vorgearbeitet hat, und wie die unteren Masfen teils kalt, teils heftig sich der zugemuteten Umgestaltung entgegenstemmen; wie aber die Kontraste von Freiheit, Aufschwung und Macht einerseits, von Botmäßigkeit, Zerfall und Fäulnis andererseits zuerst die besten Köpfe und die edelsten Gemüter der Bevölkerung zum ausländischen Elemente hinziehen; wie von diesen sodann abwärts der herrschende Gedanke sich ausbreitet und Wnrzel faßt; wie später, da unter dem Kaisertum das Anziehungsmittel der Freiheit verschwunden ist, der Vorzug einer geläuterten und gesicherten Rechtsverfassung und die politische Gleichheit noch hinreichen, die Hineinbildung in das französische Wesen zu befördern, und wie — abgesehen von jeglichem Inhalte — die äußere Thatsache des Zusammenstehens^mit^einem 9* — 132 - großen und gefurchtsten Reichskörper noch verführerisch anf den Sinn ehemaliger Unterthanen eines Zwergstaates wirken muß. Wir werden ferner wahrnehmen, nicht nur, wie nach der Wiedervereinigung mit Deutschland dieselben Ursachen noch eine geraume Zeit lang in Erhaltung von Ab- nnd Zuneigungen weiterarbeiten, sondern auch vornehmlich wie die undeutsche Gesinnung zuerst unter dem Einfluß der deutschen Kleinstaaterei und aller Folgen des Wiener Kongresses ihre traurigste und abgeschmackteste Gestalt annimmt, indem sich die Mißgeburt des rechtsrheinischen Beamten- servilismus mit der Mißgeburt der linksrheinischen Fran- zöselei zum Urbild der Charakterlosigkeit zusammenthut. Schließlich werden wir erleben, wie der Sturm von 1848 die Luft von diesen Unreinlichkeiten säubert; wie ein einziges Jahr halbwegs freier Regnng das Nationalgefühl in einer Bevölkerung auferweckt, die unter dem Ekel an dem erbärmlichen Wesen engerer und weiterer Vaterländer dreißig Jahre und darüber für deutsches Bewußtsein uuempfäng- lich geblieben war; wir werden den Trost erübrigen, das; die unerbittliche und gehässige Reaktion der fünfziger Jahre nicht alle im kurzen Freiheitslenz empfangenen Keime zu ersticken vermocht hat, indem ein guter Ansatz deutschen Nationalsinns zurückgeblieben ist: so zwar, daß — mit vereinzelten Ausnahmen — die lächerlichen Figureil verschwunden sind, die alle Träume von Glück und Triumph in ein französisches Departement verlegt hatten. Der Staatsstreich und das daraus entstandene absolute Kaisertum tragen schließlich das ihrige dazu bei, die alten Ver- irrungen auszubrennen, denn es war durchschnittlich die Sympathie für französisches Wesen von liberalen Instinkten ausgegangen, die sich nunmehr mit Entrüstung vom Nach- barlande abwenden und damit das Bedürfnis politischer Existenz an den natürlichen Quell deutscher Wiedergeburt — 133 — zurückweisen. So wahr ist es, daß Nationalität und Freiheit nur zweierlei Formen einer und derselben Wesenheit sind. Um die ersten Berührungen der französischen — oder wie man damals sagte — der fränkischen Republik mit dem Kurfürstentum Mainz erschöpfend aufzufassen, müßte man sich lebhaft versinnlichen können, wie das politische und bürgerliche Leben in einem deutschen Kleinstaate und dazu noch in einem geistlichen des achtzehnten Jahrhunderts beschaffen war. Der Rahmen gegenwärtiger Studie erlaubt nicht, sich dieser Schilderung hinzugeben, und dennoch kommt dem raschen Vorübergehen an solcher Aufgabe nicht — wie man zu glauben versucht sein könnte — die Beruhigung zu Hilfe, daß jene Zustände ihrem vorwiegenden Charakter nach als hinreichend bekannt vorausgesetzt werden dürften. Nirgends mehr als bei der Untersuchung staatlicher Mißbildungen gilt der Satz, daß nur aus der Beobachtung des Einzelnen die Erkenntnis des Allgemeinen hervorzugehen vermag. Stünde der Politik etwas zu Gebote wie die Retorte und das Mikroskop des Physiologen, so wäre kein Streit mehr darüber, ob Freiheit die unerläßliche Bedingung der Wohlfahrt fei. Aber mit der Erwerbung dieser Erkenntnis geht es dem Unterdrückten, wie dem Kurzsichtigen, der seine Brille vermißt. Um sie zu finden, müßte er vorerst eine Brille auf der Nase habeu. Genug, wer sich nicht die ausführliche Schilderung irgend einer Episode des mittelalterlichen Europas (und dies Mittelalter dauert bis zur französischen Revolution) vor die Seele führt, der vergißt, wie rechtlos und elend in jenen Zuständen der gemeine Mann war, wie übermütig beschränkt und Pfuscherhaft die herrschenden Klassen zu Werke gingen, — 134 — welche ihn bis in seine Nahrung und Kleidung hinein ausbeuteten und bevormundeten. Hat doch noch heutzutage niemand den deutlichen Einblick in die Masse ökonomischer Verkehrtheiten und Verwüstungen, welche von den deutschen Kleinstaaten an sich selbst und ihren Nächsten begangen werden! An der Spitze unseres Kurfürstentums stand ein von den zwanzig Domkapitularen auf Lebenszeit erwählter absoluter Herrscher. Bei solcher Verfassung konnte die Nichr- erblichkeit der Allgewalt nur ihre schädliche Seite herauskehren. Die privilegierten Mitglieder des Wahlkörpers sicherten sich bei jeder neuen Ernennung neue Zugeständnisse, und jeder Neuernannte benutzte seine Herrschaft, um seine Verwandten und Günstlinge mit fetten Ämtern auszusteuern. Es war dabei um so mehr Eile nötig, als der Erkorene meistens schon alt ans Ruder kam. Wenn keine Stellen ledig waren, so schuf man das Amt für den Mann. Alles wie in Rom unter den Päpsten. Die ganze sogenannte Verwaltung natürlich in den Händen des Adels und der zumeist aus ihm rekrutierten hohen Geistlichkeit. Beide Stände im Genusse von zahlreichen Privilegien, von Gerechtsamen an Land und Leuten, von Zehnten, und überdies vollständiger Steuerfreiheit. Zwischen dem Fürsten und den hohen Ständen eine Mittelstufe von ganz oder beinahe souveränen Herrschaftlichkeiten, welche das patrimoniale Zaunkönigtum ins Unendliche hinein fortsetzen und jede das Ihrige zur Plackerei und Tributpflichtigkeit des Volkes mitwirken. Bei Gelegenheit der am 18. März 1793 abgegebenen Unabhängigkeitserklärung der ephemeren Rheinischen Republik erfahren wir, daß auf dem Landstreifen von Lan- dau bis Bingen allein benebst dem Kurfürsten von Mainz noch 24 selbständige Regierungen walteten. Beim Klang jener endlosen Namen entsteigt dem vielgeknechteten Boden — 135 — vor unsern Augen das ganze Jammerbild der Feudalwirtschaft. Da galten noch außer dem Mainzischen die Rechte des Fürsten von Worms, des Fürsten von Speier, der Fürsten von Nassau-Weilburg und Usingen, des Markgrafen von Baden, des Fürsten von Salm, des Wild- und Rheingrafen vom Stein und zu Grumbach, des Fürsten von Leiningen- Dürkheim, der Grafen von Falkensteiu, der Grafen von Leiningen-Westerburg, Dachsburg und Guntersblum, der Grafen von Löwenhaupt und Manderscheid, der Grafen von Wartenberg, Degenfeld, Sickingen, Hallberg, der Freiherren von Dahlberg u. s. w. Wie es uns bei dieser Aufzählung zn Mute ist, so mag es dereinst kommenden Geschlechtern sein, wenn sie die Kontingentenliste der heutigen deutschen Bundesmatrikel überlesen; und sie werden ihre Großeltern bedauern wie wir die unseligen. Zu allen von älterer Zeit überlieferten Mißständen hatte das achtzehnte Jahrhundert seine kuriosen Eigentümlichkeiten hinzugefügt, jegliches noch bunter nnd verderblicher gemengt. Die Genußsucht der Mächtigen hatte die Formen des Übermuts und der Verfeinerung von den bekannten Vorbildern angenommen, Maitresfen waren bei den geistlichen Herren — den Kurfürsten nicht ausgeschlosfen — eine gewöhnliche Erscheinung; Freigeisterei, Jlluminaten-, Rosenkreuzer- und Freimaurerwesen durchflochten sich — manchmal in derselben Person und jedenfalls in derselben Regierung — mit Jesuiteuherrschaft, Obskurantismus und Verfolgungssucht. Der vorletzte Kurfürst Emmerich Joseph (von Breitenbach) 1763—1774, ein Mann von guten Absichten und reinen Sitten, unterstützt von seinem wirklich strebsamen und thätigen Kanzler von Benzel hatte unter dem Einfluß der Basedowschen Neuerungen den Grund zur Umbildung des Schulwesens gelegt, welches bis dahin in den Händen der unwissenden Mönche und Nonnen verrottet - 13l> — war. Aber die Nachwirkungen eines verwahrlosten VolkS- unterrichts sind so schnell nicht zu beseitigen. Die Massen waren bigott und roh geblieben. Die Insassen von nicht weniger als zwanzig Klöstern hatten die Einwohnerschaft gegen die Aufklärungstendenzen fanatisiert, und beim Tode Emmerich Josephs wurde unter erbärmlichen Pöbeldemonstrationen die Strengglänbigkeit wieder eingesetzt. Um diese Epoche und von ihr an fortwirkend machte sich nämlich eine durch den Klerus von unten aufgewühlte Reaktion gegen die Aufklärungsversuche Luft, denen das Emporkommen unserer ersten klassischen Literatur, die Regsamkeit zahlreicher Gelehrten und Publizisten, die Gönnerschaft einzelner bildungsfreundlicher Fürsten und schließlich die modernisierenden Anwandlungen des Papsttums unter Ganganelli beträchtlichen Nachdruck verliehen hatten. Mit des letzteren famosem Breve Dominvis Nsclsrrixtor riostsr und der darin dekretierten Unterdrückung der Jesuiten (1773) waren endlich auch in Deutschland die Pfaffenfeinde zu einem praktischen Erfolg, aber gleichzeitig auch zu einem Wendepunkt in ihrem Einfluß gediehen. Der Kurfürst von Mainz war einer der ersten, welche das Breve in Vollzug setzten; aber als die frommen Väter unter einer Kavallerie-Eskorte abzogen, folgte ihnen das Wehegeheul der Weiber, und zu den Fenstern des Schlosses stiegen die Verwünschungen der Dummgläubigen hinauf. Bald darauf starb Emmerich Joseph, und der Nachfolger machte Miene (er mußte es schon, um seine Wahl zu sichern), als Werkzeug jener Reaktion aufzutreten, welche von damals ab, wie im Vorgefühl der kommenden Dinge, jeden neuen Regenten ergriff, dem ein Aufklärer vorausgegangen war. Karl Friedrich begann in Mainz als Frömmler und Verdammer seines Vorgängers, wie später in Baiern Karl Theodor — innerlich gleich dem Mainzer Karl ein — 137 — frivoler Weltling — die unter Maximilian Joseph beseitigte geistliche Oberherrschaft wieder einsetzte; wie Leopold von Toscana — sogar ein ehemaliger Lichtfreund — die Erbschaft Josephs II. dem Klerus und der Aristokratie Mieder in die Hände lieferte; wie endlich Friedrich Wilhelm H. mit seinen Wöllner und Bischofswerder auf dem Grabe Friedrichs des Großen seinen Sabbath aufführte. Überall Dunkelmänner mit der unzertrennlichen Maitressen- und Luxuswirtschaft als die instinktive Rückwirkung des Monarchismus gegen sich selbst, insofern er in den freigeisterischeu Fürsten seiner Natur untreu geworden war. Unser Karl Friedrich (von Erthal) jedoch hatte zum Despoten und Obskuranten kein rechtes Talent. Ob er auch damit begonnen, sich in süßliche Andächtelei zu hüllen, und eine kurze Periode von mystischer Sentimentalität einzuleiten!, während welcher die Hofsitte den Ton zu gottverzückter Brünstelei zwischen Pfäfflein und Betschwestern angab, so dauerte es doch nicht lange, und es schlug der Wind von oben um. Die Triebfedern des jetzigen Fürsten waren andere als die seines Vorgängers. Lebsucht und Politik zogen ihn aus den Armen der finstern Orthodoxie. Er liebte Prunk, Jagd, Weiber und, zur Vervollständigung des Zeitbildes, freie Lektüre aller Art. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, war fein Vorleser. Die Favoritin, Frau von Coudenhoven, rezitierte ihm die ?nosUs ä'OrlsZ.ns und die I^sttrss?srLairss. Dies verhinderte nicht, daß in den Reihen der Geistlichkeit die gleichgültigsten Ketzereien blutig verfolgt wurden, während derselben Zeit, daß der Kurfürst den Plan in Ausführung setzte, Mainz zu einer imposanten Universität umzuschaffen. Der früher wegen seiner Freisinnigkeit verabschiedete Benzel ward zurückberufen und zum Kurator der Hochschule ernannt, Berühmtheiten wurden aus ganz Deutschland herbeigezogen, darunter zahl- — 138 — reiche Protestanten. Erinnern wir nur an die Namen, welche in der deutschen Wissenschaft sich ein bleibendes Andenken erworben haben, als da sind: Sömmerring, Johannes von Müller, Georg Forster. Die Professoren Blau (Theologie), Vogt (Mathematik — mit seinem noch lebenden berühmten Namensvetter nicht verwandt), Wedekind (Arznei) und Hofmann (Philosophie), wenn auch keine Größen ersten Ranges, doch ausgezeichnete Gelehrte, werden uns später mehr beschäftigen. Diese bizarre Mischung widerstreitender Elemente deutet in augenfälliger Weise an, daß der Umbildungs-Prozeß, welchem der Ausbruch in Frankreich entsteigen sollte, auch in das deutsche Nachbarland (und in so manches andere) transpiriert hatte, etwa wie eine Feuchtigkeit, die über den Rand ihres eigentlichen Bodens tritt. Auch machte sich, sobald nur die ersten Geburtswehen der herannahenden Revolution fühlbar wurden, das Gesetz geltend, welches in solchen Fällen niemals zu beseitigen ist. Die politischen und sozialen Gegensätze, welche in einer Art von Unschuldsstand nebeneinander gelebt hatteu, wurden sich sofort ihrer wechselseitigen Feindseligkeit bewußt. Was die Wurzel seines Daseins im alten Moder fühlte, entbrannte in blindem Eifer gegen die französischen Neuerer und ihre Nachahmer. Vergessen war die bisher dilettantisch betriebene Lichtfreundschaft, vergessen die beliebten Voltaire und Rousfeau, vergessen Justinus Febronius und der Einser Kongreß, vergessen der kleindentsche Fürstenbund (dessen Hauptförderer unser Kurfürst gewesen) und von nun an waren Jesuiten, Kaiser, Papst, König und Kurfürst, Alles wieder ein Herz und eine Seele, im instinktiven Haß gegen die Revolution. — 139 — Sehr bezeichnend hat der General Eikemayer (dessen Memoiren durch den um die Schilderung jener Epoche so verdienten Heinrich König veröffentlicht worden sind) seiner Beschreibung der Übergabe von Mainz die Erzählung einer „rettenden That" vorausgeschickt, deren Einzelheiten das klassische Urbild des eigentümlichen Reaktionsgenies deutscher Fürsten und Ritter zusammensetzen. Die Geschichte des Lüttich er Feldzugs ist ein historisches Museum der Armseligkeit, Feigheit, Barbarei und Ruhmredigkeit, mit welchen eine Reichstruppe zu Gunsten eines beim ersten Schreck ausgerissenen Landesfürsten interveniert. Es ist zum Verwundern, wie der Erzähler — überhaupt ein ganz moderner Mensch — die interessante Seite jener Episode herausgegriffen hat, gleich als ob er mit einer Art zweiten Gesichts die künftigen Wiederholungen ähnlicher Kreuzzüge vorhergeschaut und seiner Nachwelt das Bleibende im Wechsel deutscher Junkerwirtschaft hätte vors Gewissen halten wollen. Im Jahre 1789 war nämlich — immer mit den Pariser Ereignissen im Zusammenhang — der Fürstbischof von Lüttich aus seiner Residenz entwichen, versteht sich, nachdem er Tags vorher den aufrührerischen Bürgern „Alles bewilligt" und sich im Triumph von ihnen hatte umher tragen lassen, — ob mit oder ohne schwarz-rot-goldene Fahne, verschweigt unser Berichterstatter. Darauf Reichs- Exekution, um den gesetzlichen Landesherrn zurückzuführen. Der Kurfürst von Mainz hatte die Ehre, sein Kontingent dieser glorreichen Expedition beizugesellen. Der Feldzug dauerte ein ganzes Jahr vom Frühling 1790 bis 91. Welch' ein Charakterbild vom ersten Anfang bis zum letzten Ende! Wie die Armee von 7000 Mann sich schwerfällig auf ängstlichen Umwegen zum Angriff begiebt; wie sie vor einem einzigen Kanonenschuß Reißaus nimmt; wie aber wehrlose Kirchenbesncher von ihr niedergesäbelt werden; wie sie dann, zur Erholung, in den Kantonierungen auf echt strafbayrisch*) sich mästet; wie unter kläglichen Norwänden auf dem Rückzug einzelne Häuser niedergebrannt, Weiber und Kinder totgeschossen, Wagen voll unschuldiger mit Ketten beladener Bauern von heroischen Bewaffneten umringt eingebracht werden; wie der Kaiser durch Mürzverheißungen die Häupter der Liberalen gewinnt und diese — schwach und geblendet — wiederum ihre Mitbürger zur Niederlegung der Waffen beschwatzen; wie darauf die „siegreichen" Truppen in der reaktionären Stadt Verviers sich von den vornehmen Damen mit Lorbeerkränzen und wehenden Taschentüchern empfangen lassen, und wie dann schließlich der nach Mainz zurückkehrende adelige Lieutenant seine Heldenthaten im Wirtshaus erzählt und bedauert, daß nicht wütiger gegen die Rebellen gehaust worden sei, — das Alles lebt einem beim Nachlesen so unter den Händen, daß man sich beständig fragt, ob denn nicht doch von 1849 statt von 1791 die Rede sei? Im starken Bewußtsein dieser Kriegsthat, trunken von jenem hohlen Übermut, welchen die Aristokratie auf allen Wegen, niemals aber so thöricht wie im Angesicht der großen Revolution, entfaltet hat, beschloß der erhabene Potentat von Mainz, Kriegsherr ganzer dreitausend Mann Soldaten, die französische Nation, welche ihm durch einen außerordentlichen Gesandten Frieden und Neutralität hatte anbieten lassen, aus freien Stücken anzugreisen, indem er seine Armee den bereits im Felde stehenden österreichischen Truppen zu Hilfe schickte. Der Grund zu diesem herausfordernden Benehmen muß aber nicht in etwaiger Lehenstreue gegen den Kaiser gesucht werden (denn man kam ja eben erst von der preußischen Fürstenkoalition gegen das Reichsoberhaupt), Anspielung auf die im Jahre 1851 nach Hessen von Bundeswegen gesandten bayrischen Truppen. — 141 sondern in der Beeinträchtigung, welche Karl Friedrich vermöge seiner Eigenschaft als Lehensherr einer Hanau-Lichten- bergischen Landschaft im Elsaß durch die berühmten Dekrete der Nationalversammlung vom 4. August erfahren zu haben glaubte. Leider vergönnt der Umfang dieser Arbeit nicht, alle die charakteristischen Details wiederzugeben von welchen jene Demonstrationen begleitet waren, aber ich kann mir nicht versagen, einzuflechten, daß, während der französische Gesandte oben vom Kurfürsten stolz abgewiesen wurde, unten am Schloß die Emigranten einen Scheereuschleifer postiert hatten, der ihre Säbel abzog. Sollte man sagen, daß der Gardelieutenant so wenig ein Urgewächs der Mark Brandenburg sei? Bei den ausgelassensten Festgelagen versammelte der Kurfürst die Häupter des französischen Adels, den Kaiser Franz II., den König von Preußen, viele deutsche Fürsten nebst dero Gemahlinnen und Kronprinzen zu einem Kongreß gegen die französische Nation; und Mainz, welches im neunten Jahrhundert die falschen Dekretalen in die Welt gesetzt, im fünfzehnten das Konkordat des Baseler Konzils durch seine Kanzlei zu Gunsten der Päpste gefälscht, im achtzehnten den berüchtigten Bellarmin wieder aufgelegt und im neunzehnten die schwarze Kommission beherbergt hat, kaun sich auch rühmen, die Wiege des braunschweigischen Manifestes zu sein. Allda schrieb der wackere Herzog in die Welt hinaus^), daß er Paris der Erde gleich machen werde. Allda aber — das vergaß er dabei, das macht alles gut — hatten auch einige Jahrhunderte srüher die ersten Druckerpresseu gestanden. Wir können nicht lange verweilen bei den militärischen Borgängen, welche den kurzen Zeitraum zwischen jenen Sa- *) Das Manifest ist bekanntlich nicht sein eigenes Werk. Es wurde ihm aufgezwungen vom adeligen Gelichter. — 142 — turnalicn einer aufgeblasenen Aristokratie und ihrer kläglichen Demütigung ausfüllen. Da aber einmal die historischen Aufzeichnungen, durch Vorurteil und Bequemlichkeit veranlaßt, uns über alles Soldatische ausführliche Berichte erstatten, so müssen wir einige der letzteren hier aufführen. Auch verfallen wir damit nicht in die Einseitigkeit, deren wir Andere bezichtigen, denn niemals konnte man so sehr überzeugt sein, aus dem Einen alles Andere kennen zu lernen. Bedenkt man, daß die vornehmen Herren ihren ganzen Verstand auf das edle Soldatenspiel verlegten, erfährt man andererseits, in welcher Verfassung sich ihr Kriegswesen befand, nachdem sie aus eigenem Antrieb sich in Feindseligkeiten eingelassen, so kann man — gewiß aber nicht ausreichend — sich vorstellen, wie es mit der bürgerlichen Verwaltung beschaffen gewesen sein mag. Was nur jemals die Komik hat erfinden können, um ein Heer von Krähwinkel zu beschreiben, das begegnet uns hier auf Schritt und Tritt. Obenerwähnter Armeebestand von 3000 Köpfen erfreute sich des Befehls ganzer zwölf Generale aus den ersten adligen Häusern. Die Thätigkeit des Geniekorps bewährt sich hauptsächlich im Gemüsebau auf dem Glacis und in den Gräben der Festung. Daß beim Ausbruch der Feindseligkeiten meistens die Geschütze und die Kugeln durch unverträgliches Kaliber in Mißverständnis mit einander geraten, ist in den Annalen der Bundesgarnisonen bis auf unsere Tage etwas so Herkömmliches, daß es uns für damalige Zeit nicht befremden darf. Die Kopfzahlen, welche bei der thatsächlichen Kriegführung zur Sprache kommen, bleiben hinter denen zurück, welche Heuer eine jede Hofoper beim Wallenstein oder dem Nordstern zur Disposition hat. Da hören wir von 17 Husaren (ein starkes Drittteil der gesamten kurfürstlichen Kavallerie), welche dem anrückenden Feind entgegengeschickt werden; ein andermal von 6 Jägern, welche — 143 — am Rhein postiert bleiben, um den Rückzug aufs rechte User zu sichern (man kann sich denken, mit welchem Erfolg). Nach dem Gefecht bei Speier (30. September 1792). wo die Mainzer zum erstenmale an der Seite der Kaiserlichen im Felde gestanden hatten, verflog das kurfürstliche Heldentum in einem Atemzug. Es waren seine schönsten Leute mit den schönsten Aufschlägen — das gelbe Regiment geheißen, wie in reichen Bauernhäusern das vornehme gelbe Zimmer — welche der erhabene Kriegsherr ausgeschickt hatte, um die lumpigen Republikaner zu Paareu zu treiben, und der sie befehligende Oberst von Winkelmann hatte — mit Brannschweigs Manifest nicht zufrieden — einen eigenen Plan ausgedacht, wie man Paris verbrennen möchte, ohne anch nur eiuen Bewohner entrinnen zu lasfen. Jetzt kam die Schreckensbotschaft, uud jetzt erst dachte man an ernstliche Verteidiguugsanstalten für die wichtigste Reichsfestung. Natürlich abermals nur eine zweite und verstärkte Auflage von Tölpelei, Fastnachtsspiel und hohler Bärbeißigkeit, die alles Frühere übertraf. Vor allen Dingen machten sich die hohen Herrschaften, den Kurfürsten an der Spitze, auf die Sohlen. Zu Wagen, zu Roß, selbst mit Ochsengespann, wälzte sich ein Zug von schwerbepackten Mainzer Adligen und französischen Emigranten über die Rheinbrücke nach Frankfurt, Homburg, Darmstadt, Heidelberg, Aschaffenburg. Würzburg, immer weiter und immer weiter, getrieben teils vom eigenen Schreck, teils gestoßen von der Angst der hohen Bundesgenvssen, die jetzt ein Asyl geben sollten, die aber — vor einer Stunde noch in gemeinsamer Angriffswut schnaubend — sich jetzt die kompromittierenden Gäste verbaten uud an ihren Frieden mit dem Reichsfeind dachten. Alle Schätze und Kleinodien des Staats und der Stadt, alle öffentlichen Kassen wnrden in landesväterlicher Umsicht mit weggeführt, damit der zurück- — 144 — bleibende Bürger nachher allein die Ernährung des Feindes zu tragen habe. So weit ging die Bedachtsamkeit, daß auch die städtische Waisenkasse „gerettet" wurde. Doch muß den Hofbeamten nachgerühmt werden, daß sie ihre Anstrengung mehr ans Sicherung der eigenen Habe als auf diejenigen Schloßgerätschaften verwendeten, welche der Souverän nicht selbst hatte mitnehmen können und die um deswillen auch zurückblieben. Nach richtig abgesandter Bagage und im Begriffe, selbst in den Wagen zn steigen, erließ sodann jedweder hohe Beamte einen verzweifelten Aufruf an die braven Bürger in dem noch heute üblicheu Guts- und Blntsstyl. Und nun wurde aus allerhand Nolks, einigen hundert Mann invaliden Österreichern, einigen kur- mainzischen Soldaten, nassauischen und ysenburgischen Kontingenten, Bürgern, Handwerksburschen, Lehrlingen, preußischen Werbefeldwebeln u. f. w. u. f. w. ein Festungsdienst organisiert, der natürlich in Wahrheit nur ein Posfenspiel war. Wenn die Jungen aus der Schule kamen, liefen sie nach den Wällen, und die sehr ermüdlichen Artilleristen riefen ihnen zu: Kommt her, Ihr Buben, helft einmal die Kanon' richten! Das hab' ich mehr als einmal von Augenzeugen erzählen hören, und nicht minder jene bekannte Geschichte, wie der Festungskommandant General Freiherr von Gymnich des Vormittags zu Pferde am Neuthor hielt, auf dem Kopf eine baumwollene Nachtmütze und darüber gestülpt den Generalshut, und zu dem versammelte» Volke sagte: Seid ruhig, Ihr Burger, forcht Euch nit, ich übergeb die Festung nit, bis mir das Sacktuch hier im Sack brennt; und wie am folgenden Morgen durch dasselbe Neuthor kraft der vom General unterzeichneten Kapitulation die Franzosen einzogen. Gleichermaßen hatte nach der Affaire von Speier der Staatskanzler Albini die Bürgerschaft ver- — 145 — sammelt und zum Sterben oder Siegen angefeuert: als die Nachricht laut wurde, des Herrn Kanzlers Packwagen habe soeben glücklich die Brücke passiert. Beim ersten Alarmschuß, dem verabredeten Signal, daß jedermann sich auf seinen Posten begeben solle, hatte das Kontingent des Fürsten von Nassau-Weilburg für gut befunden, sich aus dem Staube zu machen und in sein engeres Vaterland zurückzukehren. Unter solchen und ähnlichen Karnevalsszenen vergingen etwa 14 Tage. Einmal kam ein besoffener Husar (drei Mann war der ganze Vorposten stark) mit verhängtem Zügel angesprengt und brachte alles in Alarm, ein andermal wurde das Angebot eines preußischen Feldwebels acceptiert, der sich anheischig machte, ganz allein die Franzosen durch eine Kriegslist wegzutreiben. Bis daß der General Cüstine sich vor die Stadt legte und, von den Reichsznständen sattsam durch seine bisherige Erfahrung unterrichtet, mittelst einiger drohenden Anstalten und Zuschriften an den Kommandanten die Kapitulation durchsetzte, welche der Garnison freien Abzug bewilligte. (21. Oktober 1792.) So war das linke Rheinufer mit dem Bollwerk des Reichs von einer zusammengerafften, an allem notleidenden Armee von nicht 20 000 Mann ohne Belagerungsgeschütz und vor allem ohne tüchtige Führung genommen worden. Denn Cüstine hatte weder Feldherrngabe, noch Mut, noch jenen revolutionären Schwung, welcher in andern Menschen seiner Zeit manche technischen Fähigkeiten ersetzte. Er blieb den Republikanern stets als Lü-äkvant. verdächtig, erwies sich unzulänglich uach der Einnahme von Mainz bei dem Zusammenstoß in Frankfurt, und noch viel gründlicher bei dem ganzen spätern Feldzug, den er, nebst Beauharnais, in Paris mit seinem Kopfe bezahlen mußte. Was aber mehr als alles unser Augenmerk auf sich ziehen muß, und was wir deshalb so oft hervorgehoben haben, Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. — 14k — das ist der bodenlose Übermut, mit welchem die Fürsten- und Adelsklique durch Hegung der Emigranten, durch jedwede Anfeindung und schließlich durch direkten Angriff selbst den Sturm herauf beschwor, dem sie auf so unbeschreiblich jammervolle Art erliegen sollte; nicht ohne vorher durch ihr Maulheldentum, durch Guts- und Blutsgeschrei und Säbelschleifen dem leichtgläubigen Bürger ein albernes Selbstvertrauen eingeredet zu haben. Von Dresden bis München geht eben so manches vor, zu desseu Beurteilung uns jene historischen Exempel dienen sollten, uud nicht minder die sehr denkwürdige Thatsache, welche wir hier noch beifügen wollen. Während der kurzen Verhandlungen nämlich, welche der Kapitulation vorangingen, ließ der Kurfürst dem feindlichen General Einigungsvorschläge auf dem Fuß eines Separatfriedens, respektive eines Neutralitätsversprechens machen. Der General aber war damals nicht in der Lage, einen monarchischen Rheinbnnd verwenden zu können. Die hastige Schilderung, welche uns bis hierher von den Zeitverhältnissen und Ereignissen unmittelbar vor dem Übergang von Mainz zu geben vergönnt war, könnte — obwohl der Aufgabe im strengsten Sinne fremd — schon aus dem Gesichtspunkt der Analogie älterer und neuerer Zustände als berechtigt erscheinen. Sie war aber hier um so unvermeidlicher, als nur mittelst der ihr zu entnehmenden Einsicht die Phänomene zu verstehen und zu beurteilen sind, denen wir jetzt, als dem Mittelpunkt gegenwärtiger Darstellung, uns zuwenden wollen. Während nämlich der offizielle Kurstaat die Emigration beherbergt und seine Theaterblitze gegen die Pariser Rebellen geschmiedet hatte, war in den gebildeten Geistern und besonders im Gelehrtenstande eine Strömung von gerade entgegengesetzter Richtung mächtig geworden. — 147 — Wir stehen an dem Momente, der uns den urplötzlichen Durchbruch einer unglaublich heftigen, entschiedenen, mächtig neuen Sinnesart enthüllt. Nichts Eigentümlicheres, als die von Kopf bis zu den Füßen gerüstete Schlagfertigkeit, mit welcher die edelsten Bestandteile der kurmainzi- schen Unterthanen — und darunter eine auffallend große Anzahl knrmaiuzischer Beamten — sich in Jakobiner und ihren kleinen Staat in eine Kolonie der französischen Republik verwandeln. Vieles begreift sich dabei allerdings aus der Zauberkraft, welche in ihrer Heroenzeit die Pariser Revolution auf begeisterungsfähige Menschen ausüben mußte; Vieles begreift sich aus dem kosmopolitischen und darum so nachahmungslustigen Naturell des Deutschen. Aber nichtsdestoweniger glich die ganze Erscheinung an Inhalt und Gewaltigkeit einem vulkanischen Ausbruch und erklärt sich daher zureichend nur demjenigen, welcher beschaut, was vorher unter der Oberfläche sich begeben; wie so lange schon die mannigfaltigsten Schichtungen sich unterirdisch durcheinandergelagert und in gärendem Zusammenstoß einer Eruption zugearbeitet hatten. Es waren damals, wie sie es heute noch sind, Deutschlands Ehre und Deutschlands Schmach dieselben: sein staatliches Rüstzeug unbrauchbar und rostzerfressen, sein Ideengehalt reif und großartig. Neben dem offiziellen Deutschland, welches, wie der General Gymnich, eine baumwollene Nachtmütze und darüber einen Dreimaster trug, den ellenlangen Zopf nicht zu vergesfen, gab es ein gebildetes, angeregtes, modernes Deutschland, dessen klassische Litteratur seit zwanzig Jahren in mächtigster Entfaltung begriffen uud schier auf ihrer Höhe angekommen war. Lessing und Kant waren mit ihrer Vollkraft durchgedrungen und neben ihnen die zahlreiche Schaar der so bedeutenden Zeitgenosfen, deren Namen bei Nennung jener beiden von selbst in unserem Andenken herauf- 10* — 148 — kommen. Schiller und Goethe hatten ihre Weltherrschaft mit leuchtender Herrlichkeit angetreten. Dichterbünde, Gelehrtenvereine, Zeitschriften hatten die Geister in lebhafte Wechselwirkung gebracht, und selbst das politische Bedürfnis hatte in einzelnen Organen, wie vor allen in Schlözers Staatsanzeigen sich lebendiger Befriedigung zu erfreuen gehabt. Während auf diese Weise das geistige Leben von den ernstesten Grundlagen aufwärts sich jugendlich emporgerungen, hatte der einmal aufgeregte Bildungs- und Neuerungstrieb in vielfältigen, mehr oder weniger dilettantischen Formen die größeren Massen in das Problem des Jahrhunderts hineingezogen. Wir haben bereits oben auf die Rolle hingedeutet, welche die humanistische Aufklärungsund Geheimbündelei bei der Vorbereitung des uns beschäftigenden Umschwungs gespielt haben. Sie hatten den Klubgeist eingeübt; sie hatten sozusagen zu der revolutionären Gymnastik erzogen, während von der Philosophie und Litteratur die stoffgebende Nahrung aufgespeichert worden war. So fanden sich Form und Inhalt vorbereitet. Daß aber die Sachen, einmal so weit fertig, das französische Gewand annahmen, das würde sich schon hinreichend aus der verführerischen Leichtigkeit erklären, mit welcher die Umstände dasselbe herbeitrugen. In der That, so gewiß der Versuch dieser deutschen Wiedergeburt in französischer Gestalt ein Irrtum war, so gewiß war der Irrtum damals verzeihlich. Vergessen wir nicht, daß die ganze Nationalitätsfrage erst in unserm Jahrhundert Gegenstand des allgemeinen Nachdenkens geworden ist; und wie ungeweckt der nationale Instinkt auf dem Herzensgrunde jener Deutschen schlafen mußte, welche seit Jahrhunderten halb dem Bischof von Mainz, halb etwa dem Grafen von Salm nnd Stein und so gut wie nicht dem Schattenkaiser angehörten. Übersehen wir nicht, wie die, welche hernach gern in der Not — 149 — des Augenblicks ein Deutschtum heraufbeschworen hätten, die Fürsten und Adeligen nämlich, selbst am meisten der französischen Propaganda vorgearbeitet hatten. Denn was und wer hatte sich der französischen Art in den vornehmen Zirkeln entzogen? Der größte deutsche Regent dachte in der Sprache Voltaires, wie die kleinste gräfliche Maitresse im Stile der Dubarry lebte. Die gesamte Aufklüruugs- litteratur war von jenseits des Rheins herübergedrungen, und schließlich hatte der so vorwiegend humanistische Beruf des Jahrhunderts mit Recht die allgemeine Erlösungsaufgabe so sehr in den Vordergrund geschoben, daß über der Arbeit an den Menschenrechten die Arbeit an den Bürgerrechten zurückgestellt werden mußte. Was heute wie Abstraktion aussieht, war damals eiue sehr konkrete Kraft. Viel ausgesprochener aber noch als in der Gemeinschaft der universellen Aufklärung hatten sich deutsches und französisches Wesen in jenen der Epoche eigentümlichen Verbrüderungen gemengt, deren mächtigste die Freimaurerei war. Die herrschenden deutschen Logen standen unter französischem Einfluß und zeitweise unter direkter französischer Leitung. Was Wunder also, wenn das revolutionäre Frankreich nur die Arme ausbreiten durfte, damit sich die der mittelalterlichen Hudelei entwachsenen Deutschen hineinstürzten? Denke man sich Menschen, entzündet vom Feuer der Wissenschaft und Freiheit, die noch von den Jesuiten als Neuerer verfolgt wurden, weil sie etwa Bürger statt Burger oder „an Gott" statt „in Gott glauben" zu schreiben wagten, oder auch weil sie das in der Mathematik profanierten; versinnliche man sich, welchen Ekel uud welche Ungeduld die falstaffische Verteidigungswirtschaft in ihnen zu allem bereits Vorhandenen aufgehäuft haben mußte: und man wird sich deutlich vorstellen können, wie es im — 150 — gebildetsten Teile der Einwohner aussah, während die kurfürstlichen Truppen bei der ersten Annäherung des Feindes die Außenwerke ohne Widerstandsversuch räumten und mit ihren harmlosen Kanonen auf den inneren Schanzen rumorten, alles Herrschaftliche aber in wilder Flucht davon rannte. Eben war der preußische Feldzug in der Champagne, so übermütig begonnen, aufs Kläglichste zu Ende gegangen. Am 12. Oktober hatte Verdun, am 18. Longwy den Franzosen übergeben werden müssen. Am selbigen Tag begann Cüstine die engere Einschließung von Mainz. Worms war acht Tage früher ohne Schwertstreich in seine Hände gefallen. Drei Tage darauf war alles fertig, und die Franzosen rückten in die Stadt ein. Wie immer nach einer Niederlage durch eigene Unfähigkeit, schrie die kurfürstliche Partei hinterher über Verrat. Der Major Eikemayer sollte dem Kommandanten erst übertriebene Angst eingeflößt und dann den Kriegsrat zur Übergabe beschwatzt haben. Eikemayer hat sich von dieser schon in sich thörichten Anklage vollständig gereinigt und für wen, der mit uns einen Blick auf die Zustände geworfen, bedarf es erst noch des Beweises, daß für die etwaigen Franzoseufreunde in der Stadt jede Verratsanstrengung der purste Luxus gewesen wäre, und daß niemand, sollte er auch Lust verspürt haben, die Zeit gefunden hätte, zum Verräter zu werden? Ob Cüstine durch gleichgesinnte Mainzer von der Widerstandsunfähigkeit der Festung unterrichtet worden oder nicht, ist, praktisch wie psychologisch betrachtet, ganz gleichgültig. Hauptsache bleibt, daß weder kalte noch glühende Kugeln, weder Bajonett noch Hunger an den General Gymnich herandrangen, sondern daß zwei bärbeißige Briefe Cüstines, in welchen dieser den Jakobinischen Wauwau machte, hinreichten, dem gemütlichen Kommandanten alle Verteidigungslust zu benehmen. Am 21. Oktober 1792 waren die Franzosen eingerückt, am 23. bereits ward ein Klub unter dem Namen „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" im Akademiesaale des kurfürstlichen Schlosses eingeweiht. Keiu Fremder hatte die Hand dabei im Spiele, die Sommitäten der Mainzer Bevölkerung hatten auf ganz eigene Faust die Sache ins Werk gesetzt. Sie waren längst geschult in allem, was nach Pariser Muster dazu erheischt wurde. Es bedürfte nur des Dekorationswechsels, damit die schon seit mehreren Jahren bestehende Lesegesellschaft sich in einen demokratischen Klub verwandelte. Vergebens hatte in der letzten Zeit die Zensur die französischen Zeitungen und Flugschriften fern zu halten, vergebens hatten die emigrierten Adligen sich einzuschwärzeu gesucht. Die Augen hingen an Paris- die Herzen an der Revolution. Eines Morgens schon ein Jahr zuvor hatte man in den Straßen der Stadt die Emigranten einander triumphierend iu die Arme stürzen sehen. Es war die Nachricht eingetroffen, Ludwig XVI. sei aus Paris entronnen. Des Abends füllte die festlich gestimmte Adelsschaar die Logen des kurfürstlichen Theaters. Plötzlich bricht das Parterre in brausenden Jubel aus. Was ist geschehen? Die Kunde ist eingetroffen, daß Ludwig in Varennes gefangen iu die Hauptstadt zurückgebracht worden: entsetzt verschwindet die vornehme Welt aus den Logen. Das geschah schon unter kurfürstlichem Scepter. Was Wunder also, daß unter dem Bürger-General der ueu- fräukischen Republik im Nu ein kleines Paris erstand? Freilich mischte sich unreife Selbgefälligkeit in den Eifer, mit welchem der revolutionäre Apparat aufgerichtet wurde. Man hatte sein Paris studiert und wollte zeigen, daß man desfen Grundsätze, Formen und Sprache vollständig los hatte. Aber sei man deshalb nicht ungerecht, und glaube, es sei nur äffische Nachahinnngseitelkeit im Spiele gewesen. — 152 — Zeit und Menschen waren jugendlich, alles war so neu, so unverbraucht, so unerprobt; denke man, welchen Zauber die pathetischen Formen noch heute auf unser erfahrungssattes, nüchternes Geschlecht im gegebenen Augenblick zu üben vermögen, und berechne man, wie sie damals packen mußten im Moment des grellsten Übergangs und der in Wahrheit inhaltreichen Begeisterung! Wie theoretisch rein nud rein theoretisch die Triebfedern der ganzen Bewegung waren, erhellt am unzweifelhaftesten aus dem Umstände, daß die Gelehrten aller Gattung und unter ihnen die ausgezeichnetsten an der Spitze standen. Wir haben Forster genannt; Gervinus und Schlosser, gewiß zwei unverdächtige Zeugen, entheben uns der Mühe, seine Rettung zu unternehmen. Neben ihm stehen Andreas Hofmann, Profesfor der Philosophie, erst vor wenigen Jahren gestorben und bis zum letzten Augenblick seines hochbetagten Lebens ungebändigt in seinem starken ewigtreuen Freiheitssinn; Blau, Vorsteher des Seminars und erster Profesfor der Theologie, der liebenswürdigste, humanste Charakter aus jener Gruppe, den selbst die pöbelhaftesten Gegner nicht zu verdächtigen wagen; Wedekind, Leibarzt des Kurfürsten und Profesfor der Medizin, später Oberarzt der französischen Armee, der regsamste und feurigste der Klubbisten, der Haupt-Redner und Journalist, überall gegenwärtig und zu allem geschickt; ihm ähnlich Metternich, Profesfor der Mathematik; Enthusiasten von leichterer Art; der Gymnasiallehrer Böhmer aus Worms und der ehemalige Mainzer Kanonikus Dorsch; sodann noch der Profesfor Vogt, der Hofgerichtsrat Hartmann und der edle Enthusiast Adam Lux, den ein Jahr darauf der Anblick der Pariser Blutwirtschaft zur Verzweiflung an seinem Freiheitsideale, zum Selbstmordsversuch und schließlich auf die Guillotine brachte, nachdem er absichtlich unter den Augen ihrer Richter die That der enthaupteten Charlotte Corday — 153 — verherrlicht hatte. Die wenigsten der genannten Männer waren geborene Mainzer. Lux gehörte zu diesen wenigen. Sein Vater trieb Landwirtschaft auf dem rechtsrheinischen Dorfe Kostheim bei Mainz. Er selbst hatte allda studiert. Die große Mehrzahl unserer deutschen Jakobiner gehörte zu den vom Kurfürsten aus andern deutschen Landen herbeigezogenen Universitätslehrern, zu ihren Schülern, den Studenten und zu den Beamten. Die profunde, man möchte sagen: wissenschaftliche Begeisterung, welche bei der ganzen Entpuppung obwaltete, liegt nicht in dem Charakter des Rheinländers. Er konnte sich mit seiner Beweglichkeit und Anstelligkeit rasch in das neue Wesen hineinfinden, auch dafür Feuer fangen, aber es Jahre lang aus der Ferne studieren, verfolgen, theoretisch anbeten, das war seine Sache nicht. Daher dominieren in der ganzen Bewegung die deutschen Ausländer, dabei sehr viele Norddeutsche und Protestanten. Der Kern der Bürgerschaft, die Kaufleute, die GeWerke sträubten sich bis zum Ende der ersten Okkupation gegen die Französieruug, vertraten den Stabilismus; um so begreiflicher, als Innungen und Zunftbann sie zu Bevorrechteten gemacht hatten, welchen die neue Ordnung zu nahe kam. Die „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" ward nun der Mittelpunkt des politischen Lebens, welches in jugendlicher Üppigkeit nach allen Seiten hin Blätter, Blüten und auch viel Unkraut trieb. Beinah täglich Versammlungen im großen Akademiesaale des kurfürstlichen Schlosses. Reden ohne Zahl und ohne Ende, meistens im Brutus- und Cassius-Stil der französischen Vorbilder. Selbst Forster, der oft präsidierte, obwohl in seinen Reisen und Briefen so wahr und liebenswürdig, widersteht nicht der schlechten Mode pausbackiger Deklamation und universeller Überschwünglichkeit, nicht bloß im Fluß der Rede, sondern auch in seinen zahlreichen — 154 — schriftlichen Veröffentlichungen, denn neben dem Klubwesen hatte sich alsbald auch eine lebhafte publizistische Thätigkeit entfaltet. Es regnete Journale, Wochenschriften, Brochüren. Wedekind, das wahre revolutionäre Faktotum, gab unter Forsters lebhafter Mitwirkung in unregelmäßigen Heften den „Patrioten" heraus. Wenn uns heute schon die ihrer Zeit effektvollsten Reden der berühmten Konvents-Mitglieder bombastisch und unverdaulich im Magen liegen bleiben, so darf man sich nicht wundern, auch au den Ergehungen des „Patrioten", mögen sie nun von Forster oder von andern herrühre», keinen Gefallen finden zu können. Doch begegnet nns hie und da auch echter philosophischer Ernst und philosophischer Gehalt; freilich mehr Roufseau als Kant, wie es eben natürlich und nützlich war. Von Gedichten ein undurchdringlicher Urwald. Drei verschiedene Übertragungen des Marseille? Marsches; auch das deutsche irg. fehlt nicht. Um nicht hinter dem ?öl-us rQQQioixg.1isoii8 ä, toros, schreibt Merlin nach Hause, ohne sich der geringsten Illusion hinzugeben, und welcher Art die Begeisterung war, auf die er glaubte rechnen zu dürfen, wird aus einem Erlaß anschaulich, in welchem zur Belehrung der Eidverweigerer feierlich beteuert wird: es sei nicht wahr, daß, wie man ausgesprengt habe, der Frei- heitsschwur die Verpflichtung zum Kriegsdienst für die Republik nach sich ziehe. Auch das half nicht viel, wie es scheint: die Zünfte, die Geistlichkeit und die Dikasterien bestürmten die Kommissare mit Vorstellungen um Rücknahme der Eidesdekretierung. Der ungestüme Merlin wurde ungeduldig, und vom Bitten wurde zum Drohen, vom Drohen zum Ausführen geschritten, besonders in dem Maße, als die Kriegsgefahr näher rückte. Güter-Konfiskation und Austreibung wurden über die Xor^urors verhängt, zumal, wie wir weiter unten sehen werden, als die nachmals engeingeschlossene nnd ausgehungerte Stadt iu der Verfolgung zugleich eine Erleichterung snchte. Einstweilen waren die Urwahlen zur Ernennung -der Deputierten, Beamten und Richter mit größerem oder geringerem Anhang abgehalten worden, und am 17. März 1793 konstituierte sich „der Konvent der Rheinisch-Deutschen Republik der Völker von Laudan bis Bingen." Er hielt seine Sitzungen im Rittersale des Deutschen Ordens-Hauses, schlechthin das „Deutsche Haus" genannt. Die Zahl der Deputierte« war sechszig. Hofmann wurde zum Präsideuten, Forster zum Vizepräsidenten erwählt. Als Geschäftsordnung wurde kurzweg die des Pariser Konvents angenommen. Eines der ersten Dekrete verfügte, „daß jeder, welcher in diese nun frei gewordene deutsche Provinz kommen würde, um etwas mehr als Bürger sein zu wollen, mit dem Tode gestraft werden solle." Am dritten Sitzungstage endlich begann die entscheidende Beratung über die drei Grundsragen: Soll Mainz mit dem ganzen linken Rheiuufer eiue für sich allein bestehende Republik ausmachen? Soll die neue Republik durch ein Bündnis mit Frankreich sich uuter den Schutz dieser großen Republik begeben? oder endlich soll die neue Republik Frankreich bitten, daß es diesen rheinisch-deutscheu Staat mit sich vereinige? Nach zweitägiger heißer, aber nicht hitziger Debatte, denn alle waren derselben Meinung, wurde einstimmig beschlossen, wie folgt: „daß das rheinisch-dentsche Volk die Einverleibung iu die fränkische Republik wolle und bei derselben darum anhalte, und daß zu diesem Ende eine Deputation aus der Mitte dieses rheinisch-deutschen Nationalkonvents ernannt werden solle, um dessen Wunsch dem französischen Konvente Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften. I. ^ ^ — 162 — vorzutragen." Die Mission wurde den drei Abgeordneten Georg Forster, Adam Lux und Kaufmann Patocki aufgetragen. Die Schicksale der beiden erstgenannten sind bekannt*). Beide liegen in Paris begraben, beide haben den Ernst, die Heiligkeit ihrer idealen Überzeugung mit ihrem Tode besiegelt. Ihr Wesen, erfüllt von deutsch-theoretischer, sauft-gebildeter Freiheitsliebe, ward vom Anblick der eisenherzigen brutalen Revolution zerschmettert. Ihre Zeugeu- schast reicht aber auch hin, die ganze Episode, deren besten Ausdruck sie darstellen, von dem Verdachte eine? hohlen Possenspiels zu reinigen. Zahlreiche andere, im Dunkel gebliebene Opfer haben nicht minder ihr Leben für dieselbe, ehrlich gemeinte, aber falsch angelegte Sache hingegeben. Dem Mainzer Konvente war kein langes Leben vorbehalten. Die alsbald sich dicht herandrängenden Kriegsbegebenheiten schoben alles andere in den Hintergrund. Am 30. März hielt er seine letzte Sitzung. Cüstine uud seine Generale hatten den Krieg rheinabwärts lau und ungeschickt betrieben. Ende desselben Monats März hatten sie nach einem erbärmlichen Widerstandsversuch den Preußen die Nahe-Linie, Bingen und Krenznach überlassen. Preußen, Sachsen und Hessen hatten sich schon bis dicht um Kastel zusammengezogen. Cüstine, ebenso leicht demoralisiert wie übermütig, mehr auf die Erhaltung seiner Verbindung mit Frankreich, als auf die Behauptung des Rheins bedacht, retirierte nach dem Elsaß hin, dem General Doyre den Oberfehl von Mainz überlassend. Ein Teil des Cüstinescheii Korps aber konnte den Rückzug nicht durchsetzen, denn er stieß oberhalb Mainz auf den Feind nnd mußte irolsn? vo1sn8 in die Festung zurückkehren, deren Mannschaft dadurch ans ungefähr 22 000 Köpfe gebracht wurde. Im Patocki blieb später im Elsaß. — 16? — April begann die engere Belagerung, und damit die Zeit der verzweifelten Maßregeln; um so mehr, als die Nähe der deutschen Truppen allen Widerstandslustigen neue Kräfte gab. In immer wachsenden Massen, mit immer zunehmender Strenge wurden die Ausweisungen betrieben. Anfangs hatte man sich auf die ausdrücklich Widersetzlichen beschränkt; von ihnen geht man jetzt zu den Verdächtigen über; zuerst kommeu die Geistlichen, dann ehemalige Beamte und Privilegierte, schließlich deren Angehörige an die Reihe. Politischer Verdacht und materielle Not steigern gleichzeitig die Verfolgungssucht. Den Ausgetriebenen wird verboten, irgend etwas Anderes als die notwendigste Habe, nur was sie selbst tragen können, mitzunehmen. Der Rest des Vermögens wird konfisziert, ebenso das Eigentum derer, die vorher freiwillig ausgewandert waren: ein förmliches Emigrantengesetz nach französischem Muster. Endlich auch, nach einer damals bestehenden Gewohnheit, wird zur Sicherung künftiger Repressalien eine gewisse Zahl angesehener Bürger als Geiseln ins innere Frankreich abgeführt, hauptsächlich Kaufleute (beinahe lauter noch heute gut bekannte Namen. Gröser, Werner, Kaiser, Ackermann). Der Sturm des Völker- uud Bürgerkriegs ist entfesselt. Vor den Wällen schlägt man sich, beinah allnächtlich ein Ausfall, bald da, bald dorteu; innen ersteht ein Revolutionstribunal, fünf Richter, ein öffentlicher Ankläger und auf alle politische Vergehen die Todesstrafe; und damit nichts fehle, auch Assignaten, nicht die französischen, sondern, wie man alles auf eigene Faust macht, anch eine aparte rheinisch-deutsche Belagerungs-Münze. Denn man ist eben ganz und gar von Frankreich abgeschnitten, ohne irgend ein Mittel, die Truppen und deren Lieferanten anders zu bezahlen. Was in Paris vorgeht, weiß man seit Monaten nicht; hie und oa erfährt man etwas vom Feinde, aber natürlich nur unter 11* — 164 — Vorbehalt, und mit Recht: denn es heißt (und spielt bei der Übergabe der Stadt eine besondere Rolle), in Frankfurt würden falsche Monitenre gedruckt mit Erzählungen, welche auf die Einschüchterung der Belagerten berechnet seien. Unter solchen Umstünden laßt sich denken, wie viel republikanische Begeisterung in dem deutschen Städter mag zurückgeblieben sein. Selbst die französischen Berichte wissen nichts zu rühmen. Wie groß überhaupt ist die Zahl der friedseligen Menschen, deren Gesinnung solchen Prüfungen widerstünde? von denen ein solcher Widerstand sich billigermaßen verlangen ließe? Und vollends hier; nach hundertjähriger Unmündigkeit und Spießbürgerei, nach einem darauf gefolgteu kurzen Rausche, unter den Klängen einer fremden Sprache, dem Walten eines fremden Geistes? Wäre auch nicht das Zeugnis der weit und weiter getriebenen Ausweisungen vorhanden, das Bild der Zustände allein könnte genügen, uns die Überzeugung zn sichern, daß von einer freiwilligen, von Hause aus sympathische» Hinneigung zn Frankreich bei den Massen damals nicht die Rede war: trotzdem dies nicht nur bei den Franzosen bis auf den heutigen Tag ein Glaubensartikel ist, sondern zu allen Zeiten in Deutschland vielfach behauptet wurde; zunächst auf das Zeugnis hin der rachedurstigen Wiedereroberer, deren Brutalität nach einer möglichst großen Zahl von Opfern, nach Vorwünden für ununterschiedliche Plünderung verlangte. Kehren wir noch einmal zurück zu den Belagerten. Es ist Ende Juni geworden, uud zu allen Schrecken des Kriegs ist die eigentliche Beschießung hinzugetreten. Tagelang regnete es Bomben. „Wir lebten unter eiuem feurigen Dache," sagt ein Augenzeuge. Die stattlichen Paläste, der Dom, viele Kirchen stehen nach der Reihe in Brand. Mangel an Fleisch, an Futter, Medikamenten. Immer und immer wilder geht der Gang der Austreibungen. Nicht mehr — 165 — hundert-, sondern tansendweise ziehen die Schaaren der Unglücklichen über die Rheinbrücke nach dem jenseitigen Ufer; einmal wird ein ganzes Dors, Finthen, wegen Eidesverweigerung hinausgemaßregelt (die Ortschaft ist noch heute besonders gut katholisch und war 1848 der Bewegung weniger zugänglich als irgend eine andere Landgemeinde), Als höchst seltsam verdient ein besonderer Judenschub erwähnt zu werden, und zwar schon unterm 2. April erscheint vom Präsident Hofmann unterzeichnet ein Befehl: „Im Namen des souveränen Volks wird den ungeschworenen Jnden auf Befehl des Nationalkonvents bedeutet, daß sie heute 12 Uhr, und zwar unter Todesstrafe auf dem Schloßplatze erscheinen sollen (zur Wegführuug von da). Wer sich heute nicht allda einsinden wird, soll ohne Weiteres aufgeknüpft werden." In allen Dingen hat die rheinische Republik dem französischen Muster folgen können; Gott, König und Vaterland hat sie überwunden: über den spezifisch deutschen Judenhaß kann sie nicht hinaus; Atta Troll muß sein Amendement stellen, so daß selbst der Bannstrahl die Absonderung aufrecht erhält. Und noch merkwürdiger: unter diesen gedrückten, schon seit jenen Zeiten her der Staatspolizei so verdächtigen Juden finden sich ganze Schichten, welche dem Abfall vom Reich das Exil vorziehen, und damit den Verlust des teuren Eigentums. Es giebt sonderbare Naturspiele, von denen kein Rittergutsbesitzer eine Ahnung hat. Da schließlich alle Vorwände der Verfolgung erschöpft, aber immer noch zu viele Menschen in der Stadt sind, treibt der Befehlshaber zu freiwilligen Auswanderungen. Der Feind kann diese Erleichterung nicht zugeben. Er begrüßt die ausgestoßeuen Landslente mit Kanonen, der eben so erbarmungslose Himmel sendet ein Unwetter auf sie herab; so verbringen die Elenden, meistens Hülflose Weiber uud Kinder, eine schauervolle Nacht im — im; — Felde. Das Herz der französischen Soldaten öffnet sich zuerst der Menschlichkeit: die Chasseurs bringen Weiber und Kinder auf ihren Pferden, mit ihren Mänteln bedeckt, in die Stadt zurück. Die französischen Nationalgarden selbst, nicht für diesen eintönigen von der Heimat abgeschnittenen Festungskrieg gemacht, verlieren die Spannkraft. Selbstmord wird epidemisch, drei Offiziere erschießen sich in einer Nacht. Noch einmal — es war das letzte — erhebt die Republik ihr Haupt in festlichem Aufzug. Es ist der 14. Juli; Waffenstillstand. Vor den Wällen feiern die Preußen die Einnahme von Conds, innerhalb der Mauern wird das Jahrgedächtnis des Pariser Bastillestnrms begangen. Auf dem Schloßplatze ist ein Altar der Freiheit errichtet, über welchem der General en Chef einem Neugebornen die republikanische Taufe giebt; Reden und Kanonendonner — doch Freude uud Zuversicht sind verraucht; bereits wird heimlich mit deu Preußen unterhandelt und am 22. desselben Monats kapituliert. Auch da ist wieder vou Perrat die Rede. Es kommt hier nicht darauf au, die französische Ehre zu retten, aber das allgemeine geschichtliche Wahrheits- interesse rät zu beiläufiger Verwahrung. Erst sollte Eike- maher, später Cüstine, diesmal nach dem einen Doyrs, nach dem andern Merlin, nach dem dritten sollen alle gekauft gewesen seiu. Im Mittelalter sah man bei allem Unglück Hexerei, im 16. nnd 17. Jahrhundert überall Vergiftung, in Revvlutioueu sieht mau überall Spionage und Verrat. Sichtbare Widerwärtigkeiten erklärt die Trägheit des Verstandes am liebsten mit dem schnell fertigen Unsichtbaren. Eins aber fesselt unsere Aufmerksamkeit in den Verhandlungen, welche der Übergabe vorausgehen, in den Ereignissen, welche sich aus ihr entwickeln: das Schicksal nämlich jener Mainzer, die sich rückhaltslos in die republikanische Bewegung geworfen hatten und denen jetzt die Znchtrute des restaurierten Kurfürsten und seiner Verbündeten drohte. Ihr Lvs, das Gebaren ihrer Verfolger wie ihrer Beschützer ist bezeichnend für den Geist der Parteien. Ihre Leiden beanspruchen nnser inniges Mitgefühl, ihre Gleichgültigkeit gegen die deutsche Nationalität darf es ihnen nicht entziehen. Ein Jahr darauf finden wir ihre Peiniger, finden wir Osterreich nnd Preußen um die Wette kabalierend, wer dem Reichsfeind das linke Ufer an den Hals werfen dürfe, um sich eine andere Territorialentschädigung zu sichern. Wer empfand oder dachte damals etwas von deutscher Nationalität? Wenn wir glauben festgestellt zu haben, daß die Anzahl der Neuerungslustigen mir iu geringem Verhältnis zur Gesamtheit der Bürger gestanden hatte, so dürfen wir nicht verkennen, daß, wie schon angedeutet, Reinheit der Motive und der Überzeugung in dieser Minorität vorwaltete. Durch alle Prüfungen hindurch bewies sie nachmals heldenmütige Ausdauer bei ihrer Sinnesart. Aber in den Augen der Obrigkeit von Gottes Gnaden ist kein Widerstand gehässiger als der des uneigennützig freisinnigen Denkers, und sie hat von jeher die süßeste Befriedigung hineingelegt, das Edle in ihm geflissentlich ignorierend, ihn als ehrlosen Verbrecher herabzuwürdigen. Schöngcistelnde deutsche Fürsten haben nach 1830 und nach 1849 mit besonderer Wonne Schriftsteller, Philosophen, Dichter zum Wollznpfen, Spinnen, Marmorschleifeu anhalten lassen, ganz wie Ferdinand von Neapel seine Minister mit Mördern an eine Kette schloß. Auch dem damaligen völlig von Preußen lag nichts mehr am Herzen, als der Legitimität die Opfer eines wollüstigen Rachefestes zn sichern. Darüber läuft beiuahe ausschließlich die Korrespondenz zwischen den Befehlshabern in und außerhalb der Festung hin und her. Der König will unbedingt sich ans nichts einlassen, was die sogenannten Patrioten vor künftigen Heimsuchungen schützen könnte. Merlin zeigt sich dabei — 1L8 — eben so ehrenhaft und human, wie sein Gegner sich klein und brutal zeigt. Er erklärt im Kriegsrat, lieber die ganzen Verhandlungen abzubrechen, als diejenigen, welche auf die Republik vertraut hatten, ihren Feinden Preis zu geben; er bietet sich selbst als Geisel und Kriegsgefangenen an, wenn der König den Klubisten freien Abzng gestatten wolle. Endlich vereinigt man sich zu einer Fiktion, welche beiden Teilen aus der Verlegenheit helfen soll. In der Kapitulatiou wird von den Patrioten nicht die Rede sein; da aber allen Franzosen freier Abzug verbürgt ist, so möge wer da wolle sich mit der Masse davou machen, der König verzichtet auf eine Kontrole der Abziehenden. Allein es war schon dafür gesorgt, daß die Rache des Herrn nicht um ihren Fraß komme. Was unter der Bedeckung der ersten Kolonnen marschierte kam glücklich durch, aber die weiter hinten folgenden Anführer wußten sich der Schutzbedürftigen nicht mit der nötigen Energie anzunehmen, die Haufen der ehemals Ausgetriebenen warfen sich nach Vergeltung lechzend auf die Klubbisten, und viele der letzteren wurden tötlich mißhandelt. In der Stadt ging es noch schlimmer her. Soldaten und Nolkshaufen übten Plünderung und Mißhandlung in allen Häusern, welche dafür gelteu mußten, Klubbisten beherbergt zu haben. Diejenigen der letzteren, welche auf höheren Befehl gefänglich eingezogen wurden, kamen deswegen nicht besser davon. Mit Stricken an einander gebunden über die Rheinbrücke geführt, wurden sie noch bis nach Frankfurt hin den Angriffen des Pöbels preisgegeben. Der harmlose, menschenfreundliche Professor Blau starb an den Folgen der an ihm verübten Rohheiten, ein neunzehnjähriges Mädchen wurde mit Gewehrkolben erschlagen, weil sie in einem klubbistischen Liebhabertheater mitgespielt hatte, ihren beiden Schwestern gings ebenso. Männer und Frauen wurden in Menge nach den Festungen — 109 — Königstein und Erfurt gebracht und da in feuchten Löchern einer elenden Gefangenschaft überlasten. Ein Teil dieser Unglückseligen war ausdrücklich dazu vorbehalten worden, deutscheu Gefangenen in Frankreich zur Freiheit zu verhelfen. Das Geiselnehmen war nämlich, zur Unehre der Revolution, von dieser eingeführt worden. Die französischen Heere hatten schon 1792 bei ihren ersten Einfällen iu Saarbrück, Bliescastel, Zweibrücken Geiseln aufgehoben und ins Innere geschickt. Die Österreicher übten hernach Vergeltung im Elsaß und sendeten die von ihnen Ausgehobenen nach Mainz uud Wesel in die Festungen. Wahrend der Belagerung hatte, wie oben erzählt, der Konventskommissar eine Anzahl Mainzer nach Frankreich transportieren lassen, Man hielt sie in Metz uud Nancy gefangen. Bei der Kapitulation nun war ausgemacht wordeu, daß eiue gewisse Kategorie von Klubbisten so lange zurückgehalten werden sollte, bis jene Mainzer Geiseln entlassen wären. Aber die Ausführung unterblieb lange, teils durch französische, teils durch deutsche Schuld. Mittlerweile verkamen die Gefangenen in den Gewölben alter Festungsverließe, obgleich sich nachträglich ein Umstand herausstellte, der ihre Ansprüche ans Erlösung verstärkte. Während nämlich Mainz durch die Belagerung von Frankreich abgeschnitten und ohne Kunde geblieben war, hatte der Konvent das von Forster, Lux und Patocki überbrachte Angebot der Einverleibung in die fränkische Republik angenommen, und so waren diejenigen, welche dafür optieren wollten, beim Abzug des belagerten Heeres, französische Bürger. Zwei Jahr lang wurde darüber zwischen den Konventsleuten und den deutscheu Autoritäten negociiert. Merlin nahm sich ununterbrochen rühmlich seiner ehemaligen Schutzbefohlenen an. In seiner öffentlichen nnd Privatkorrespondeuz finden wir ihn fortwährend dafür thätig, sie ans ihrer Haft zu erlösen. Er — 170 — betreibt, wie er immer kann, die Rücksendung der Metzer und Ranziger Geiseln, damit auch die Kerker von Erfurt und Königstein sich öffnen möchten. Unterdessen bleiben die gefangenen Klubbisten sowohl, wie die, welche nach Frankreich entkommen sind, mit der Naivetät ihrer ersten Schwärmerei der Revolution und der Republik zugethan. Ihre Briefe sind rührend zu lesen. Einer fällt an Merlins Seite im Krieg gegen die Vendver, nachdem er fünfmal in derselben Schlacht an der Spitze seiner Legion angegriffen hat. Er war Vater einer zahlreichen Familie, die in Paris zurückblieb. Sein Familien-Name Riffel ist seitdem in Mainz wieder zu besonders katholischem Klang gekommen. Rühmliches Andenken verdient eine Frau Falziola, geborene Meletta, deren Mann, Sohn, Schwager, deren sämtliche Freunde in deutschen Kasematten lagen. Sie ruhte und rastete nicht, die Sache der Unglücklichen zu betreiben, bald ist sie hinter dem Konvent, bald hinter dem Wohlfahrtsausschuß, bald hinter Merlin her, und wirklich nicht ohne Verdienst an der schließlichen Erlösung. Dieselbe erfolgte während der zweiten Umzingelung von Mainz durch die Frauzoseu. Noch über fünfzig ehemalige Klubbisten wurden damals von dem preußischen Befehlshaber an die republikanischen Vorposten ausgeliefert. Es geschah dies am 9. Februar 1795. Merlin hatte wiederum die Korrespondenz geführt. Die Befreiten gingen nach Frankreich, die meisten ins Elsaß. Nach dem, was sie erlebt und erlitten, war es nicht zu verwundern, daß ihre Wünsche uud ihre Hoffnungen bei Frankreich blieben. Die Wiedereroberuug des linken Rhein- ufers war für ihre Vorstellung die einzig deutbare Beendigung des Exils, und sie kehrten in der That beinahe alle nach dem Frieden von Campo Formio in die Heimat zurück. Jene Anschauung war ihnen um so weniger zu verargen, als selbst den Vorkämpfern deutscher Nation die — 171 — Abtretung der Rheinlande an Frankreich während dieser ganzen Zeitläufte ein vertrauter Gedanke blieb und im genannten Friedensschluß nichts znr Erfüllung gedieh, als was bald österreichische, bald preußische Diplomaten dem Wohlfahrtsausschuß und dem Direktorium seit vier Jahreu nahe gelegt hatten. Auch war es in der ganzen Zeit zwischen dem Rückzug der Franzosen und ihrer Wiederkehr deutscherseits nicht zu einem friedlichen Besitzstand gekommen. Den Kurfürsten zwar hatten die preußischen Heere zurückgeführt. Er hatte während der Belagerung nur einen Besuch von wenigen Tagen bei den Zelten des Königs gemacht und zur Schonung seines landesvüterlichen Herzens vorgezogen, in Aschaffenburg zu residieren, während seine Heerde bombardiert wurde. Dafür fuhr er hinter den siegreichen Truppen als Triumphator wieder ein. Die treueu Metzger, als Sinnbilder ohne Zweifel des vom Geist besiegten Fleisches, zogen seinen Wagen. Sein erster Regentenakt war die Einsetzung eines Kriminalsenats zur Untersuchung gegen die Hochverräter, unmittelbar darauf folgt eine ganze Reihe von Erlasfen znr Annullierung aller Trauungen, Taufen, Absolutionen und sonstigen Verrichtungen der Priester, welche der Republik geschworen hatten. Alle Perücken der guten alten Zeit wurden von neuem gekräuselt und gepudert. Von da ab hörte natürlich auch jede politische Meinungsäußerung in der Stadt wieder auf. Die Häupter wareu vertrieben oder gefangen, und der permanente Kriegsstand erdrückte alle Formen des bürgerlichen Lebens. Lange Zeit hindurch geriet das ganze linke Ufer mit Ausnahme der Stadt Mainz wieder in französische Gewalt. Diese selbst wurde im Herbst 1794 umzingelt und im Lanf des Winters von 94 auf 95 förmlich belagert. Es war ein Jahr, welches im Kalender für seinen unerhörten Frost berüchtigt blieb. Auf der Eisdecke — 172 — des Rheins manövrierten die Kanonen wie auf fester Erde; der französische Soldat, ohnehin entblößt, litt furchtbar. Aber weder der Konvent, noch der Wohlfahrtsausschuß, noch die Generale mochten dem Gedanken Raum geben, auf Mainz, als den Schlüssel des Rheinlandes, zu verzichten. Auf welchem Stand sich damals das deutsche Nationalbewußtsein befand, ist in einer ebenso traurigen als denkwürdigen Art aus den Verhandlungen zu ersehen, die sich zunächst um den Baseler Frieden drehen. Preußen wie Österreich gaben dem Wohlfahrtsausschuß unter der Hand Aussicht auf die Rheinlande gegen Länderentschädigungen auf dem rechten Ufer, zu welchen Frankreich die Hand bieten sollte. Osterreich verlangte Baiern, Preußen Hannover. In der Pariser Regierung gab es eine preußische uud eine österreichische Partei. Merlin gehörte zu letzterer. Der Friede mit dem Kaiser schien ihm wichtiger als der mit dem König, und „wenn wir jenem schließlich denn Baiern zugestehen müssen, um den Rhein zu erhalten," schreibt er nach Hause, „ins, loi novis saut-si-ons 1s datoir." Doch kam der Abschluß mit Preußen zuerst zu Stande. Das Schicksal der Rheinlande wurde künftigem Abkommen vorbehalten, ein großer Teil vorläufig für neutrales Gebiet erklärt. Inzwischen hatte Clerfayt die Franzosen zur Aufhebung der Belagerung von Mainz gezwungen, uud es blieb unter Österreichs Schutz, bis es von diesem im Frieden von Campo Formio an Frankreich desinitiv abgetreten wurde. Von da ab beginnt, wie man es im Lande nennt, die „französische Zeit"; denn die dreiundneunziger Episode, oder wie sie in der Überlieferung der Volkssprache heißt: die Guschtine-Zeit (Cüstine) war nicht sowohl französischer als revolutionärer Gesinnung. Der Einverleibungsbeschluß des Konvents, obgleich er auf alle Fälle zu einer Verschmelzung mit Frankreich hätte führen müssen, war in der 173 — Fiktion seiner Urheber doch nur aus der mechanischen Notwehr hervorgegangen. Bis dahin hatte es sich in ihrem allerdings leichtfertigen Sinn nur um Freiheit auf eigenen deutschen Füßen gehandelt. In keinem einzigen der massenhaften Erlasse der französischen Generale und Kominissarien erhebt sich der Anspruch an eine Inkorporation. Alle öffentlichen Aktenstücke erscheinen bloß in dentscher Sprache. Der Mainzer Konvent selbst konstituiert sich ausdrücklich für einen deutschen Freistaat, nnd die jenseitigen Versuche zur Berufung auf einen gemeinsamen Stammesurspruug tragen, wo sie auftauchen, gerade das entgegengesetzte Gepräge derer, welche man uns heute vorbereitet. Die Revolution, der es doch an Kühnheit der Theorieen sonst nicht gebrach, hatte sich noch nicht dahin verstiegen, aus deu deutscheu Rheinbewohnern gallische Abkömmlinge machen zu wollen, wie wir das heut erleben. Die Schüler Rousseaus, wesentlich auf das abstrakte Veruunftrecht erpicht, kamen für ihr historisches Bedürfnis mit der Anlehnung an die antike Republik aus. Es war dem gelehrten Frankreich des 19. Jahrhunderts vorbehalten, seine historische Schule, welche gleich seiner romantischen aus deutschen Anregungen entsprungen ist, nach mystischen Belegen für die Ansprüche auf deu Rheiu auszusenden und letztere in dem angeblichen vorsünd- slutlichen Besitzstand jener keltischen Nation zu finden, deren ganze Existenz von sagenhaften Problemen umhüllt ist. Wenn man heute das keltische Blut auf deutschem Bodeu nachweisen möchte, so appellierte man 1792 umgekehrt an die Nachweisuug des germanischen Blutes auf dem fran- zösischen Boden. Und das hatte jedenfalls die Wahrheit für sich. Mau machte Konzessionen, statt sie zu verlangen. Mau nannte sich die neu-fräukische Republik, um daran zn erinnern, daß man eigentlich nnr ein Ableger jener alten Germanen sei, welche Gallien unterworfen nnd zu einem — 174 — großen Teil bevölkert hatten: und bis in das Konsulat hinein wurden aus deu Bewohnern der Rheinlande besondere „fränkische Legionen" (I^Zions clss?i'g,n(zs) in den Heeren der Republik gebildet. — Die Gesamtheit dieser Erscheinungen, obgleich sür die spätere Geschichte ohne praktische Bedeutung, verdient unsere Aufmerksamkeit um des Unterschiedes willen, welchen sie zwischen der republikanischen und der monarchischen Propaganda nachweist. Das Prinzip der Freiheit ist dem Prinzip der Nationalität hold, wenn es nicht mit ihm gleichbedeutend ist. Obwohl die Idee der Nationalität als solche im 18. Jahrhundert entfernt nicht so entwickelt und popularisiert war wie im gegenwärtigen, so konnte doch das erobernde Frankreich, so lange es selbst Freistaat war, nicht umhin, überall nationale Republiken und nicht Annexionen hervorzurufen, in Italien, wie in Holland, wie am Rhein. War es auch nur Politik unter Vorbehalt, es war doch ein Tribut an den Grundsatz. Der Monarchismus dagegen, ohne Achtung für die Freiheit, ist auch ohne Achtung für die Nationalität. Unter dem Konsulat und dem Kaisertum werden die Gebiete des linken Rheinufers durch und durch assimiliert. Mainz wird eine französische Präfektur. Der einförmige Militärdespotismns hat bald verwischt, was von Anhänglichkeit an die französische Revolution oder an das deutsche Reich mochte übrig gewesen sein. Jede mechanische Gewalt hat die Mittel, sich der Masse der Geister zu bemächtigen, weil sie dazu nur die schlechten Instinkte zn hegen und zu pflegen braucht, welche eben so wie die guten in jedem Bolkscharakter schlummern. Ein Statusauo, welcher an die Seelengröße der Nation appelliert, wird sie groß finden; der sie aber kleinlich wünscht, braucht nur ihren ^lrümersinn wachzurufen. Das Kaisertum blendete mit Macht und Pomp, bestach mit den Gewinnsten, welche dem Bürger aus den Anhäufungen und Durchmärschen der end- — 175 — losen und übermütigen Armeen zuflössen. Als eine Grenzfestung ersten Ranges sah die Stadt beinahe alle Kolonnen des unermüdlichen Kriegers aus- und einziehen, und da der Soldat, so lange er auf fremdem Boden war, keine Löhnung bezog, so ward Mainz für ihn, was die großen Hafenplätze für den Matrosen sino: ein Ort der Ausrüstung bei der Abfahrt, ein Ort des Genusses bei der Rückkehr. Mainz wurde wieder, seinem Ursprung getreu, ein Tummelplatz der Legionen, welche von diesem Lager aus die Erde überströmten. Wie vor zweitausend Jahren rief die heroische Willenskraft des Imperators große Zivilisationsanstalten ins Leben: zunächst zum Zweck seiner Kriege die großen Heerstraßen, an denen es zu Kurfürsteuzeiten gänzlich gefehlt hatte. Eine steinerne Brücke sollte sich über den Rhein erheben. — Während eines halben Menschenalters täglich Angenzengen der ins Unbündige wachsenden Übermacht auf der einen Seite, der Demütigung des Baterlandes auf der anderen, lebten sich die Bewohner des Rheinlandes in den Gedanken ein, wie das Elsaß unzertrennlich nnt Frankreich vereinigt zu sein. Die kaiserliche Allgewalt, welche schon so blendend wirkte, ließ sich sogar zeitweise zu den kleinen billigen Schmeicheleien herab, welche das Herz des Spießbürgers kitzeln. Mainz wurde zu einer der „donnss villss cks I^-s-riOs" ernannt, um ihm keinen Zweifel mehr über seine Nationalität aufkommen zu lassen; Napoleon und Maria Louise residierten zeitweise in dem alten deutschen Ordenshanse. So sehr hatte sich die Sinnesentfremdnng eingenistet, daß selbst, als die Zeit der schweren Prüfungen kam, der Gedanke eines Abfalls uicht Raum fand. Die rasenden Konskriptivns-Aushebungen der Jahre 1811, 12 und 13, der Rückzug aus Rußland, die Kriegspest und der Typhus, welcheu die schauerlich demoralisierten Truppen der Stadt einimpften, so daß die Bürgerschaft selbst von ekelhaften — 176 — Krankheiten dezimiert wurde, kurz der konzentrierte Ausbruch des ganzen Jammers, welchen die Napoleonische Barbarei über die Welt gebracht hatte, weckte nicht Haß gegen Frankreich, nicht Hinneigung zu Deutschland. Noch nach der Schlacht bei Leipzig, als die wirren Soldatenknäuel sich bei Hanau eiueu blutigen Rückweg gebrochen hatten und in die Zuflucht der Festuug hineinströmten, verfiel in der Stadt niemand auf den Gedanken, daß die Siege der Alliierten das Nheinufer wieder an Deutschland bringen könnten. Die ganze jugendfrische, heldentümliche, patriotische Erhebung des Nordens hatte nicht das leiseste Echo in diesen Mauern wach gerufen. Im Gegenteil. Das Rachegefühl, mit welchem 179?! die preußischen Soldaten in die abtrünnige Stadt eingezogen, war auf beiden Seiten zur gehässigen Überlieferung geworden. Das „Mainzer Klubbistenvolk" blieb als ein Gegenstand des Abscheus sprichwörtlich im Munde der deutschen Offiziere, und nach dem Gesetze der Wiedervergeltung erhielt sich aus der anderen Seite die Vorstellung einer deutscheu Truppe unzertrennlich von der Vorstellung eines boshaft brutalen Stockprügelregimentes über alle bürgerlichen Sphären. Als 1814 nach dem Pariser Frieden Mainz an Deutschland zurücksiel, begegnete man sich mit diesen Reden ans den Lippen. Vor der Räumnng der Stadt ging das Gespräch nnter der Bürgerschaft: wer von den abziehenden Franzosen irgend etwas kaufe, werde mit den unvermeidlichen „fünfundzwanzig" traktiert werden. Diese heilige Zahl war das Gestirn, unter welcher das Licht der Nationalität wieder in den Augen der Leute aufging, und die Schaaren von Kosaken, Baschkiren, Notmünteln, mit welchen ihre Hänser jetzt belegt wurden, trugen nicht sonderlich zur Milderung dieser Ansichten bei. Bis 1816 dauerte dieser Zustand. Einquartierungen und Kriegsstenern preßten die Stadt aus. Trotz — 177 — einiger brüderlichen Proklamationen wurde sie als eine eroberte behandelt. Eine bairisch-österreichische Administration für die Provinz, eine österreichisch-preußische für die Stadt selbst stellten eine Art provisorischer Regierung vor, die im Juli des ebengenannten Jahres der Hessen-darmstädtischen den Platz räumte. Wäre damals nicht Deutschland um den Lohn seiner blutigen Arbeit so schmählich betrogen worden, es würde ihm auch die Schmach erspart geblieben sein, einen Teil seiner Bevölkerung noch Jahrzehnte hindurch den Fallstricken einer thörichten Verirrung zu überlassen. Erstand den Deutschen ein politisches Vaterland, so war im selben Augenblick die böse Saat des französischen Zwischenreichs vernichtet, es war, wie die Volkssprache am Krankenbett sich ausdrückt, der Natur geholfen. Denn nicht nur leicht beweglichen Blutes ist der Rheinländer, sondern auch allen guten Regungen von Herzen zugänglich. Aber alles, was er jetzt erlebte, drängte ihm nur die eine Empfindung auf: daß die deutschen Fürsten nichts anderes erstrebten, als die Wiederherstellung jener verhaßten feudalen Kleinstaaterei, deren Sturz er mit Beifall begrüßt und im Lauf der Erfahrung gesegnet hatte; und es bemächtigte sich seiner Seele jener andere menschliche Zug, das Gute in die Vergangenheit zu verlegen. Wie Frankreich selbst im Ingrimm über das bourbonische Pfaffenregiment den Namen des gestürzten Despoten zum Losungswort des freisinnigen Widerstands machte und die Volksgeißel als Volksidol besang, so warfen sich die Rheinländer im Mißmut über die deutsche Junkerwirtschaft in die Liebängelei mit dem französischen Wesen. Glücklicherweise mit geringem Erfolg. Kein Bsranger und kein Thiers verherrlichten hier die gefahrvolle Richtung, kein Joinville führte die Toten zurück; und das Jahr Achtundvierzig versiegelte diesseits die Gruft, welche es jenseits wieder geöffnet hat. — Aber kehren wir Ludwig Bambcrger's Ges. Schriften. I. -.^ — 178 — zurück zum Jahr sechszehn. Nicht einmal den morschen Haltpunkt der treuherzigen Anhänglichkeit an einen alten Herrn gab die neue Seelenverteilung dem Bewohner jener Provinz. Selbst die guten Leute, welche sich in Cassel an dem wiederkehrenden Anblick des kurfürstlichen Zopfes freuen mochten, fanden in Mainz nicht ihren Augentrost. Gab es doch deren bei uns noch lange, welche behaupteten: seit Kurfürsten-Zeiten wäre kein schöner Sommer mehr über das Land gekommen. Jetzt sollte ihnen auf einmal über Nacht Lieb' und Treu' zu dem Großherzog von Darmstadt aufblühen. Was wußten sie von Darmstadt? Daß der Landgraf 1792 bei Cüstines Anmarsch über Hals und Kopf seine Truppen an sich gezogen und, nachdem er mit den andern bramarbasiert hatte, Mainz im Stiche gelassen, um seine Neutralität zu saldieren;*) daß später einmal der Großherzog von Bonapartes Gnaden drüben bei Kastel an dem Brückenkopf zwei geschlagene Stunden lang de- und wehmütig auf den Kaiser gewartet, um ihm seinen Bückling zu machen, und daß ihn der Mann im kleinen Hütchen NonZlkui- cks Oarmstg-db geheißen! Natürlich schickte der neue Potentat Beamte, die auf seinem eigenen Mist gewachsen, zur Verwaltung und Assimilierung der frischerworbenen Provinz aus. Das war ihm nicht zu verdenken. Es hätte es jeder an seiner Stelle gethan. Aber dem Linksrheinischen war eben darum der Rechtsrheinische nur noch mehr zuwider als ohnedies ein nächster Nachbar dem *) 1791 hatte der Landgraf von Darmstadt den Reichstag bestürmt, ihm zu seinen Gütern und Rechten im Elsaß zu verhelfen, auf daß nicht „ein seit Jahrhunderten verchrungswürdig gewesener Fürst der Kattcn in seinem eigenen Lande aufs möglichste unvermögend werde." Als ihn ein Jahr darauf die Mainzer um Hülfe anriefen, antwortete er: „Die Franzosen hätten seine Güter im Elsaß so gut behandelt, daß er sich nicht mit ihnen überwerfen wolle." (K. Klein, Geschichte von Mainz.) — 179 — andern, da wo einmal der Geist des Partikularismus überhaupt der Kleinlichkeit und Eifersüchtelei das Signal gegeben hat. Nichts hat mehr Drang zur Konsequenz ins Unendliche hinein, als das Prinzip der Teilung. Schnurstracks geht seine Logik fort bis zum Atom. Bei der Teilung Deutschlands hatte die fürstliche Eigennützigkeit an die pro- vinziale Selbstsucht, an das spießbürgerliche Vorurteil appelliert, um einen populären Boden zu finden. Warum sollten diese politischen Untugenden just an den Grenzen stehen bleiben, welche die Phantasie der Diplomaten gezogen hatte? Wahres und Falsches verbanden sich in der volkstümlichen Anschauung zum Widerwillen und zur Verachtung gegen alles, was aus den jenseitigen Provinzen herrührte. „Darmstädtisch" wurde eine Bezeichnung für den Inbegriff der Abgeschmacktheit und Armseligkeit, der letztern besonders auch um deswillen, weil sich das gesegnete Rheinland als die Kornkammer ansah, von deren Reichtümern der von Haus aus dürftige Hof mit der ganzen Beamtenschaar der minder fruchtbaren Erbstaaten zehre. Sand und Zwiebeln, hieß es, sei alles, was sie hervorbrächten, und was dergleichen nachbarliche Bosheiten mehr sind. War man doch überdies nicht bloß dem Darmstädter Unterthan, sondern noch dazu dem Österreicher und dem Preußen, welche mit deutsch-militärischer Brutalität das Regiment über die Stadt führten. Das Verhalten des Soldaten gegen den Bürger kam mehr als alles andere der Vorliebe für den Fremden zu Hilfe. Seit den Feldzügen des Mittelalters hatte sich der französische Kriegsmann den Ruf der Urbanität, der spanische den der Habsucht, der deutsche den der Roheit erworben. Die Greuel, welche unter Ludwig XIV. begangen worden, kommen, wie die Dragonaden und alle dahin einschlagenden Teufeleien, ganz besonders auf die Rechnung des pseudogroßen Königs und des Katholicismus. Bei der 12* ' INMMlMVMMNMjMßUbML > ------ — > ^ — 180 — Invasion von 1792 erregte die Menschenfreundlichkeit des republikanischen Heeres nicht bloß das allgemeine Erstaunen, sondern sogar die Indignation der Gegner. Einem von Speyer zurückkommenden kurfürstlichen Offizier, welcher sich in Anerkennung darüber ausbreiten wollte, herrschte der Kommandant zu, er möchte schweigen, und nicht den Feind populär machen. Es wäre ihm lieber, setzte er hinzu, daß Cüstine mit Feuer und Schwert gehanst hätte. Freilich sagte man, das sei lauter Berechnung und Politik. Aber wo Cüstine es für klug fand, schonend zu verfahren, da hätten ein Haynau oder Urban gewiß Gründe entdeckt, aus Politik Weiber und Kinder füsilieren zu lassen. Selbst in den Zeiten der härtesten Prüfung hatte der Franzose seine Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit nicht verleugnet. Jene Episode aus der ersten Belagerung, die auch Göthe erzählt, haben wir schon oben erwähnt: sogar auf dem Rückzug aus Rußland und nach der Flucht von Leipzig benahm sich der Soldat nicht wüst und wild. Wie stach dagegen das Auftreten der Fähnriche ab, welche von „Galgenstrick" und „Klubbistenvolk" Überflossen! Schon Anno dreiundneunzig nach der Einnahme einer pfälzischen Stadt hatte ein preußischer Oberst die als jakobinisch denunzierten Bürger, ja sogar einige Frauen, unter vorgehaltenem Bajonett gezwungen, den Platz, wo der Freiheitsbaum gestanden, mit Kehrbesen zu säubern. Und wie stolz mag das Offizierkorps auf die Heldenthat gewesen sein. Besonders der preußische Lieutenant — „den mein' ich immer, wenn ich Lieutenant sage," mit seiner Kombination von Übermut und Hungerleiderei ward dem harmlosen und wohlgenährten Bürger ein Ziel für Spott und Abscheu. Ich höre sie noch, die alten Leute, wie sie sich die unsterblichen Geschichtchen erzählten. Statt der Westen, sagte der eine, hatten sie einen Lappen roten — 181 — Flanells zwischen die Bruststücke des Fracks eingenäht; — unsere Talglichter, rief der andere, stahlen die Feldwebel, um sich die Zöpfe zu wichsen; — ach, weißt du noch, rief die alte Frau dazwischen, der Lieutenant Grauer, der bei uns einquartiert, dem nichts recht zn machen war, und der des Abends, wenn er zu Ball ging, die schwarzwollenen Strümpfe der Köchin borgte! Solche Narreteien im Bunde mit dem „eingefrorenen Dünkel" waren außerdem nicht einmal nötig, damit man sich von beiden Seiten abstieße. Die gemischte Besatzung selbst gab den Ton dazu an, daß der Deutsche den Deutschen als Fremden und als Feind behandle. Es kam in den ersten Jahren nach dem Frieden manchmal zu wahren Gefechten zwischen österreichischen und preußischen Soldaten. Die schöne Tradition ist bekanntlich noch heute nicht verklungen. Die eigentliche Wurzel aber der Anhänglichkeit an die Fremde saß im bürgerlichen Rechtsleben. Hier war vor allen Dingen eine thatsächliche Gemeinsamkeit mit dem ehemaligen Eroberer, eine Scheidung von dem neuen Landes- regimente stehen geblieben; und alles darin zeugte von den Vorzügen des ersteren, von den Mängeln des letzteren. Es kann nicht gestattet sein, bei dieser Gelegenheit in eine Untersuchung der Materie selbst einzudringen. Die Sache ist bekannt und gewürdigt. Seit fünfzig Jahren ringt Deutschland und bis jetzt nur mit teilweisem Erfolg nach jenen ersten Bedingungen einer vernünftigen Gesetzgebung, welche das Genie der Revolution in seiner kurzen Blütezeit mit unerreichter Meisterschaft vollendet hat. Geschworenengerichte, Öffentlichkeit, Mündlichkeit, ein aller Welt zugängliches feststehendes Gesetzbuch, allgemeine Gleichheit vor demselben bildeten einen leuchtenden Gegensatz zu den mittelalterlichen Institutionen der angrenzenden Lande von Darmstadt oder Nassau. Jnquisitionsgerichte, unendliches Schreiber- — 182 — Wesen, privilegierte Gerichtsstände, Vermischung der Justiz nnd Verwaltung und ein legislativer Wust, der auf die Verhältnisse des modernen Lebens nicht mehr anzupassen war, erfüllten den Rheinländer mit Grauen vor einer legalen Berührung mit den allernächsten Städtchen. Wie sollte er Geschäfte machen mit seinem Nassauer oder Darmstädter Nachbar? Bei dem ersteren gab es nicht den Schatten eines Wechsel- oder Handelsrechtes, bei dem letzteren ward es einem dunkel vor den Augen, wenn man den Spinngeweben des Starkenburger, Solmser, Lycher, Katzeneln- bogener Landrechts nahe kam, ich nenne nur die erhabensten. Ist es da zu verwundern, daß sich im Juristenstande vor allen anderen die Franzoselei festsetzte? Er blieb das Gefäß der lebendigen Erinnerung an die Fremdherrschaft, der Antipathie gegen das Altertümliche, welches von jenseits eifersüchtig herüberlugte. Man sagt, es gebe keine Nase, die ganz lotrecht auf dem Gesichte stehe. Mehr noch als die Nase ist der Verstand des Menschen von Natur einseitig. Das Schwergewicht seiner Selbstliebe und seines Ruhebedürfnisses drängt ihn aus der schwebenden Unparteilichkeit in die festgepfählte Beschränktheit hinein. Die Verehrung des Franzosentums ward in unseren Gerichtsleuten zum Steckenpferd, um so widerwärtiger, als ihm der Ausgangspunkt des politischen Liberalismus bei der Mehrzahl nach und nach abhanden kam. Eine der wenigen Gründungen der französischen Gesetzgebung, an welche die hessische Regierung sogleich Hand anzulegen gewagt hatte, war die freie Advokatur. Sie hatte mit richtigem Instinkte auch diese von ihrer Ernennung abhängig gemacht. Der Richterstand blieb zwar unabsetzbar, doch ist diese äußere Garantie gegen herrschaftliche Einflüsfe überall da sehr bedingt, wo das Avancement von der Regierung abhängt, denn auf letzteres ist der Richter ange- — 183 — wiesen, und am allermeisten bei dem französischen System, welches — zum mindesten damals — ihn höchst kümmerlich bezahlte. So drängte sich leicht von der einen Seite der Beamtenservilismus ein, ohne von der anderen das antideutsche Vorurteil hinauszudrängen. Nur der Spiritus des revolutionären Instinktes ging zum Teufel. Die Eitelkeit der fremden Form blieb vorzugsweise Gegenstand der Verehrung. Schauer der Unendlichkeit rieselten den Rücken herab, wenn die Sprache auf die roten Talare des Pariser Kassationshofs kam, und mit ehrfurchtsvoller Rührung erzählten die ergrauten Kanzlisten uns spätgeborenen Kandidaten, wie zur guten alten Zeit der Assisenpräsident seinen feierlichen Aufzug gehalten und einer Schildwache vor seiner Thüre genossen habe; und was der Schnurren dieses Kalibers mehr waren. Besonders lebhaft schillerten alle diese Thorheiten da, wo sich die soldatischen Reminiscenzen einmischten, denn diese waren vielfach im Juristenstand vertreten. Mancher hatte beim Regierungswechsel den Degen mit der Toga vertauscht, und die Leute, welche sich als Offiziere der großen Armee in Spanien und Rußland herumgeschlagen hatten, wurden nicht eben die schlechtesten Praktiker. Aber sie blieben stolz auf ihre Feldzüge, verzeihlicher Weise. Es schmeichelte dem Selbstgefühl, an den fabelhaften Zügen einer alexandrinischen Periode thätigen Anteil genommen zu haben. Daß man zu Deutschlands Erniedrigung mitbeigetragen habe, mochte keinem beikommen. Es hatte vorher kein Deutschland gegeben und gab keines nachher. Wer sich davon überzeugen wollte, brauchte bloß die Akten der schwarzen Kommission nachzusehen, die er unter der Hand hatte, oder die des Bundestags, die ihm nahe lagen. In der besten Gesellschaft hatte man dem Korsen gedient. Prinzen aus dem Geblüt des eben neu angestammten Herrschers erinnerten sich mit Wohlgefallen — 184 — ihrer französischen Campagnen. Hatten doch von jeher die kleinen deutschen Fürsten mit Stolz unter französischen Bannern gedient. Die Namen der zwölf deutschen Regimenter, welche unter dem vierzehnten, und der fünfundzwanzig, welche unter dem fünfzehnten Ludwig in der französischen Armeeliste figurieren, haben die Erinnerung jener Dienstbarkeit verewigt. Eines derselben hieß sogar aller- eigentlichst: Hssss-Oai-rQsts.llt. Neben ihm gab es: ein Regiment ?urstsndsrA, Ro^al ^llsro.a,M, K-o^al Lg.- visrs, Kairo., I^ÄrnÄrk, Rasss-u, R-o^s-l Osnx-?c>rits, u. s. w.*) Der Soldat, hinter dem kein großes national fühlendes Vaterland steht, kann bei der besten Charakteranlage nichts werden, als ein Landsknecht. Was natürlicher, als daß der Veteran des Rheinbunds lieber in der Gloriole seiner Waffenthaten fortlebte, als in dem zerknirschenden Bewußtsein der Erniedrigung, an der er selbst mitgearbeitet hatte? In dem Maße als die Kaiserzeit der Geschichte anheimfiel, bildete sich das heroische Element ihrer Abenteuer noch legendenhafter aus, und ihre Überbleibsel mochten sich nicht den Luxus versagen, sich selbst und den Nachgeborenen ein Gegenstand der Verehrung zu werden. Ein förmlicher napoleonischer Kultus wurde in Gestalt der s. g. Veteranenvereine hergestellt. Der Zusatz von historischer Ehrwürdigkeit, welcher die Sache etwa bei nachsichtiger Beschauung hätte retten können, verschwand unter der läppischen Selbstgefälligkeit, welche dem paradeseligen Spießbürgertum und dem ruhmredigen Alter beiwohnt; und vollends unerträglich war die Naivetät, mit welcher die guten Leute sich in gänzlicher Unwissenheit zu der Rolle verhielten, welche sie als Deutsche unter ihrem großen Kaiser gespielt hatten. Wer nur immer durch die verzweifelten Aufgebote *) ?istkv, Hist. äss trollxv8 strs-o^örss au ssrvios äe la Kranes. - 185 — der letzten Widerstandsversuche Bonapartes für einige Tage unters Gewehr gekommen war, kredenzte sich jetzt die Süßigkeit, als ein Trümmer der „Großen Armee" wieder aufzutauchen. Alljährlich am 5. Mai begingen die Vereine die Todesfeier ihres Feldherrn. Ein trophäengeschmückter Saal empfing die Getreuen. Namen für Namen wurde aufgerufen, und der Überlebende antwortete stolz mit dem urtextlichen „?rsssrit,"! Die Trommel wirbelte die alten Märsche, und der großmütige Rhein lieferte in Fülle den Saft der Begeisterung zum Andenken an seine eigene Entehrung. Ganz natürlich und ohne allen Arg thronte zu Häupten der Gesellschaft und noch über dem Idol von Austerlitz die Büste Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Hessen und bei Rhein. Die loyalen Imperialisten erfreuten sich der allerhöchsten Protektionen. Staatsbeamte der obersten Rangstufen präsidierten, Gerichtspräsidenten, Richter, Advokaten, Notare stiegen brüderlich herab zu dem gemeinen Handwerker. Die schöne Idee der französischen Herrschaft verband alle Gemüter! Die Regierung, welche dem unschuldigen Bruder Studio sein schwarz-rot-goldnes Band nicht gönnen mochte, ließ die Sonne ihrer Huld über dem kaiserlichen Adler leuchten. Und mit Recht: denn obgleich die Burschenschäftelei beschränkt und ungefährlich war, wie die Fransquillonerie, so lag doch in jener prinzipiell wenigstens der bedenklichere Keim. Der Gedanke einer nationalen Wiedergeburt ist den Fürsten von jeher schrecklicher gewesen als der Gedanke eines Angriffs von außen. Der wesentliche Dienst, welchen der Kultus der französischen Reminiscenzen dem Landesoberhaupt leistete, bestand in der Unterhaltung des pro- vinzialen Sondergeistes. Mochte man auch der absurdesten und streng genommen feindseligsten Überlieferung anhangen, man war doch nicht brüderlich deutsch gesinnt; mochte das Auge nach Frankreich hinüberschielen, wenn nur das Ohr dem Pulsschlag eines gemeinsamen Vaterlands im Herzen der Nation taub blieb. Die Gährung, welche der Pariser Julirevolution in Deutschland nachfolgte, fand unter solchen Umständen wenig Nahrungsstoff in Rheinhessen. Wahrhafter Freiheitstrieb ist ohne nationales Bewußtsein nicht denkbar. Einzelne Persönlichkeiten, die ihren Geist an deutschen Hochschulen erweitert hatten, beteiligten sich wohl an den deutsch-patriotischen Versuchen, deren Schauplatz das nahe Rheinbaiern ward, allein die Gesamtbevölkerung blieb beinahe gleichgültig. Selbst der Krawall im benachbarten Frankfurt und die von da eingebrachten und den Festungsgefängnissen übergebenen Studenten erweckten kein lebendiges Mitgefühl. Wenn andererseits mit dem allmählichen Aussterben der älteren Generation die Verehrung für die Trikolore erkalten mußte, fo wuchs an ihrer Stelle doch mehr Gleichgültigkeit als deutscher Sinn auf. Die Drohungen des Ministeriums Thiers vermochten ebenso wenig nationale Begeisterung anzufachen, als es die Ermunterungen der Wirth und Siebenpfeiffer zehn Jahre vorher auf umgekehrtem Wege vermocht hatten. Mit völliger Gemütsruhe und wie etwas, das ihn wenig kümmerte, sah der lustwandelnde Bürger zu, wie die Österreicher und Preußen ihre Festung verpallisadierten. Es ist wahr: man wünschte nicht mehr die Franzosen herbei, aber man zitterte auch nicht vor dem Gedanken ihrer Rückkehr. Das schlechte Lied von Niklaus Becker ward einigen Singvereinen andoktriniert, aber populär wurde es hier nur mit einer sehr ausgesprochen ironischen Betonung. Nirgends mußte man auch besser wissen, daß frei und deutsch und Rhein sich nur spottweise reimen ließ. Wie sehr in diesem unvermeidlichen Bewußtsein uud in der historisch begründeten Hoffnungslosigkeit einer Vater- — 187 — ländischen Regeneration der Jndifferentismus der Episoden von 1830 und 1841 gewurzelt hatte, das erhellt ganz augenscheinlich aus dem urplötzlichen Stimmungsumschlag des Jahres Achtundvierzig. Beim ersten Lichtblick einer großen deutschen Zukunft war der ganze Spuk im Nu zerronnen, die Erinnerung selbst an die herkömmliche Aus- länderei war wie weggewischt, und Jedem lag es sonnenklar vor Augen: der Instinkt der politischen Freiheit befand sich zum ersten Male auf dem Wege, als er die Idee eines einigen deutschen Vaterlands empfangen hatte. Keinen Augenblick während der vielgestaltigen Bewegung dieses Jahres erhob sich der Schatten der Französelei aus dem Grabe, in welches ihn die neue Zeit für immer gebettet hat. Ja, was noch mehr ist: alle Schamlosigkeiten der nun folgenden zehnjährigen Reaktion vermochten nicht, den Volkscharakter von dieser Seite zu demoralisieren. Von allen die einzige Märzerrungenschaft, welche übrig blieb, war die Vereinigung im Geiste mit einer — allerdings noch zu schaffenden — deutschen Nation. Natürlich: es war auch die einzige Errungenschaft, welche nicht großherzoglichen Bewilligungen verdankt wurde. Was die Großmut der Krone in ihren Nöten gegeben hatte, das nahm sie alsbald zurück bis auf den letzten Faden. Und so ist's recht: denn geschenkte Freiheit ist wie des Spielers gewonnenes Geld. Sie kehrt dahin zurück, woher sie gekommen. Nur was die Krone nicht gegeben hatte, das konnte sie auch nicht nehmen: die Erkenntnis des einzigen Heils für alle Zukunft. „Ein unglückliches Volk hat kein Vaterland," sagt ein Redner der großen Revolution. Man muß aber auch hinzufügen: ohne Vaterland giebt es kein Volksglück. In diese beiden sich ergänzenden Sätze faßt sich die Einsicht zu- — 188 — sammen, welche wir aus der Verfolgung des bisher geschilderten Entwickelungsganges gewinnen wollten. Nicht müßige Unterhaltung an schon oft erzählten Vorfallenheiten war unser Endzweck, sondern der praktische Schluß auf Verhältnisse einer brennenden Thatsächlichkeit. Es ist überflüssig, nachzuweisen, wie nahe die Möglichkeit kriegerischer Ausbrüche vor uns liegt. Königliche Reden erinnern uns oft genug daran, wenn es gilt, die Steuern und die Bataillone zu vermehren. Daß es damit allein nicht geschehen, fällt den erhabenen Sprechern in ihrer Besorgnis um die „Rechte Dritter" nicht ein. Auch mit der bloßen Beseitigung der Ausländerei ist es nicht gethan. Nichts Geringeres kann uns retten, wenn die oft angerufene Gefahr einmal hereinbrechen sollte, als der lebendige, feurige, sachbewußte Glaube der Nation an sich selbst. Dazu gehört aber, daß sie als Nation, als staatliche Einheit vorhanden sei. Mit der idealen Einheit der für Gott im Himmel singenden Zungen ist es ein unfruchtbares Wesen. Schwärmerei und Betrug abwechselnd haben aus dem Nationalitätsprinzip ein mystisches und abstraktes. Ding gemacht. So konnte es nur erscheinen, wenn es von dem Gesamtbegriff, dessen es nur ein Teil ist, losgelöst wurde. Dieser Gesamtbegriff aber ist nichts anderes als die Selbstherrlichkeit der Völker: die Freiheit. Daß ein Volk auf seine Weise frei sei, das heißt: Nationalität. Sie wird wie alle Erscheinungen des Lebens nur da zur Wahrheit, wo die materielle Thatsache für die geistige Empfindung die Möglichkeit der Existenz schafft. Der dynastische Egoismus hat sich der Nationalitätsfrage, wie aller anderen Probleme, abwechselnd in den widersprechendsten Deutungen bedient. Oft hat er die ganze Sache höhnend abgeleugnet, andere Male wieder hat er dieselbe Sache mit solcher endlosen Konsequenz bejaht, daß jede Quadratmeile autonom werden — 189 — sollte. Ein drittes Mal endlich, und dies ist im deutschen Bunde der Fall, hat er sie, wie alles Unterthanenglück, in ein geistiges Jenseits verlegt, in den Himmel des Fühlens und Dichtens. Diese platonische Einheit kann aber heute noch weniger frommen als je. Dem Stoffe ist das Jahrhundert ergeben, und stofflich will es besitzen, wonach es verlangt. Der ganze enthusiastische Aufschwung der nationalen Triebe ist nichts anderes, als dies Bedürfnis: aus dem Reich des abgezogenen Denkens in das Reich der körperlichen Thatsachen überzugehen. Jede Nation will sein, d. h. sie will nicht blos Einen Geist, sondern auch Einen Körper haben. Selbstbestimmung, äußere wie innere, ist der höchste Ausdruck des sittlichen Lebens. Aus dem Recht auf sie, aber auch nur aus diesem, entquillt das Recht auf Anerkennung der Nationalität. Allerdings kann ein Volk Nationalitätsdrang besitzen ohne gleichzeitig erkanntes Bedürfnis nach politischer Freiheit, aber doch nur so, wie das im Werden begriffene Individuum mit dunklen Instinkten der Ernährung sich zu der Einsicht der bewußten Selbsterhaltung emporringt. Warum es auf nationale Weise hat sein wollen, begreift ein Volk erst, wenn es auch die Freiheit begriffen hat. Umgekehrt aber auch kann eben deshalb ein Volk, welches seine politische Naivetät abgelegt hat, an seine Nationalität nicht mehr glauben ohne den Glauben an seine Freiheit. Darum war das Gesamtbewußtsein der Italiener, besonders derer des Nordens, zäher als das der Deutschen, weil jene in ihren Republiken wenigstens das Bild der Freiheit vor Augen hatten, diese aber im Anblick von Zwergdespotismus den Sinn jeder Politischen Existenz aus dem Gesichte verlieren mußten. Der Absolutismus in Form der Kleinstaaterei hat von jeher den Fremden nach Deutschland hereingeführt, bald als Bewerber um die Kaiserkrone, bald als Verbündeten, bald als Feind. — 190 — Was in der Ausländerei liberaler Instinkt war, das unterhielt er durch den Kontrast, was von Knechtssinn in ihr stak, durch die Verwandtschaft seiner Engherzigkeit. Die wenigen Franzosenverehrer, welche es noch heute in der Nheinprovinz geben mag, sind alle — deß sei man sicher — vortrefflich darmstädtisch gesinnt. Die Kleinstaaterei ist die Brücke zwischen Frankreich und Deutschland, nicht minder ist sie die Scheidewand zwischen Deutschland und sich selbst, seinem Gesamtbewußtsein, seiner Kraft, seiner Existenz als Großmacht, die nur in der wirklichen Staatseinheit zum Dasein kommen kann. Alle föderalistischen Surrogate, die eine solche Einheit entbehrlich machen sollen, sind jämmerliche Quacksalbereien; kein bloßes Parlament und keine Trias, noch sonstige Phantasiegeburt abenteuerlicher Doktrinäre vermag derjenigen geistigen und physischen Kraft die Wage zu halten, welche der moderne Großstaat aus seiner strengen Einheit zieht. Die Zeit, welche begriffen hat, daß zur humanen Erziehung das Turnen gehört, sollte auch begreifen, daß zur geistigen Volkseinheit eine strenge körperliche Jneinanderbildung unentbehrlich ist. Der Föderalismus hat nirgends die Probe bestanden von Hellas bis Nordamerika. Es ist die letzte, aber vergebliche Transaktion des Familiengeistes mit dem politischen Beruf. Natürliche Grenzen hat nur die Gemeinde. Zwischen ihr und dem Staat soll es nichts Drittes geben. Überall ist der Fortschritt auf dem Wege der Union, überall das Gegenteil auf dem Wege der Bündelei. Großbritannien, Frankreich, die Schweiz haben Freiheit und Kraft erst in der vollständigen Einigung gefunden, Italien erlebt das Nämliche, und nur die Feinde seiner Zukunft bemüheu sich, ihm Konföderation mit einem Dutzend Autouomieen aufzuschwatzen. Während im äußersten Westen der Föderalismus eines der glorreichsten Staatengebilde nach kurzer Blüte aufzulösen ver- — 191 — sucht, um die Sklaverei heilig zu sprechen, zersprengt im äußersten Osten der innere Entwickelungsdrang eines wenn auch vorerst nur despotisch vereinigten Landes die Bande der Leibeigenschaft. Außer den allgemeineren geschichtlichen Hülfsquellen, außer zahlreichen von mir benutzten Journalen und anderen Drucksachen der Zeit, verweise ich besonders auf nachstehende Schriften und Aktenstücke: Darstellung der Mainzer Revolution oder umständliche und freimütige Erzählung aller Vorfallenheiten, die sich seit dem entstandenen französischen Revolutionskrieg zugetragen, und die einen Bezug auf den Krieg, auf die Übergabe der Festung oder auf den Klub und desfen grausames Verfahren gegen die Andersgesinnten haben, mit allen nötigen Beilagen. Frankfurt und Leipzig 1794. — Die Belagerung der Stadt Mainz durch die Franzosen und ihre Wiedereroberung durch die deutschen Truppen. Mainz 1793. — Mainz im Genusse der durch die Franzosen errungenen Freiheit und Gleichheit. Deutschland 1793. — Der Patriot, vom I. 1793. — Georg Forsters Schriften, herausgegeben von Gervinus. —- Denkwürdigkeiten aus dem letzten Dezennium des 18. Jahrhunderts von Friedrich Hurter. Schaffhausen 1840. — Memoiren des General Eikemayer, herausgegeben von H. König. — Geschichte der Politik, Kultur und Aufklärung des 18. Jahrhunderts, von Bruno Bauer. — I^g. Vis 6s Lt.-^ii8t xg-r Hg.ro.k1. — Revolution als 1s, (üorQiQuns clss Ltrgst>ori.rA. — Vis st L?orrssxoiuIg,iiOs itioQ ok tds Ilnitsä Lts,tss. Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. Schriften, I. — 226 — Kinder, welche darin sogar ziemlich schnell vorwärts kommen. Die Hessen leben ganz und gar unter sich. Die ersten Ankömmlinge, zu deren Zeit es noch keine Ostbahn gab, hatten sich im Quartier St. Marcel, vorzugsweise zwischen dem Panthson und dem Val-de-Grace, angesiedelt; in der Folge, und besonders, seitdem der Sturmbock der Prüfektur in diese alteu Schlupfwinkel Bresche geschlagen, zogen sie sich nach Norden, der Richtung der Eisenbahn folgend, die sie ins Vaterland zurückbringt. Hierher gehört noch etwas anderes, womit wir zugleich ein neues Blatt deutschen Lebens in Paris aufschlagen. Deutschland ist im großen und ganzen ein religiöses, aber kein sehr gläubiges Land. Es ist weniger Glauben, aber mehr religiöse Überzeugung dort zu Hause als anderswo; man stößt nicht leicht auf Väter, die Jünger Voltaires sind und dabei die Erziehung ihrer Kinder Mönchen anvertrauen, wie das in Frankreich geschieht. Unter den Studierten in Deutschland zählt man mehr Atheisten als in der ganzen übrigen Welt. Allerdings sind Strenggläubigkeit uud protestantischer Mystizismus nicht ohne Macht, besonders in den hohen amtlichen Kreisen, sehen sich aber mehr oder minder durch die unmittelbare Nähe einer Kritik gehemmt, welche Schonung weder giebt noch fordert. Sie auch wandern gern aus, um sich auf fremdem Boden der Landeskinder zu bemächtigen, die von der zersetzenden Atmosphäre der Heimat hier unberührter geblieben sind. Die Missionare der in Deutschland sogenannten lutherischen Pietistischen Kirche haben unsere Kolonie hessischer Straßenkehrer zu einer Art von protestantischem Paraguay gemacht, dessen Doktor Francia ein Pastor namens Bohelschwingh war, ein Bruder des ehemaligen preußischen Ministers. Wir müssen sofort hinzufügen, daß das Werk dieser Propaganda durchaus achtungswert ist, mag man im übrigen — 227 — über solche Dinge denken, wie man will. Es wird mit unermüdlicher Hingebung betrieben und macht durch wahre Wohlthaten an Aufsicht und Erziehung den geistigen und sittlichen Schaden wett, welchen ein etwas dunkler und süßlicher Mystizismus im Geiste ungebildeter Menschen anzurichten geeignet ist. Diese Nahrung ist keine gesunde, bei Leibe nicht, aber vollständiger Verwahrlosung immerhin vorzuziehen. So lange sich die Gesellschaft nicht entschließen kann, jederzeit und überall über die sittliche Erziehung — d. h. die Schulung der unteren Klassen zu wachen, so lange findet auch die Schulthätigkeit der Priester ihren Rechtsgrund in der Saumseligkeit dieser Gesellschaft. Vor fünf oder sechs Jahren begann der Pastor Bodel- schwingh sich der religiösen Organisierung des deutschen Proletariats in Paris — und besonders der armen Hessen — zu widmen. Von St. Marcel führte er eine zweite Kolonie nach dem Quartier de La Billette, wo er ein Grundstück erwarb, an der routs ä'^11sro.s,Ans zur Rechten zwischen La Billette und Belleville gelegen, und gab der neuen An- siedlung den biblischen Namen des „Hügels", weil der Boden dort ein wenig ansteigt. „Der Hügel" ist die Zentral- Niederlassung der Straßenkehrer geworden. Die gegenwärtig dort bestehenden vier Knaben- und Mädchenschulen und vier Kleinkinderbewahranstalten haben im Jahre 1865 dreihundertfünfzig Kindern Aufnahme gewährt. Bei den Erwachsenen kommt das Fegehandwerk teilweise ab, schon zieht eine beträchtliche Anzahl vor, in den nahen Zuckerfabriken zu arbeiten. Wenige Jahre nach Gründung des Hügels entstand in den Batignolles, in der Gegend der Rue d'Orlsans eine dritte Kolonie, die jetzt schon eine hübsche kleine Kirche und damit verbunden eine Doppelschule für die Kinder beider Geschlechter besitzt. Den Unterricht erteilt ein elsässisches Ehepaar. Von den hundertzwanzig 15* — 228 — Schulkindern stammen fast alle aus Oberhessen. Es ist bemerkenswert, daß die Geistlichen ein monatliches Schulgeld von zwölf Sons verlangen und allem Anschein nach weise daran thun. Selbst den Ärmsten schreckt diese kleine Steuer nicht ab, die damit rechnet, daß der Bauer den verkauften Unterricht weit höher achten wird als den geschenkten. Für sechzig Centimes monatlich findet er denselben billig, den umsonst erteilten würde er geringer achten. Man vergesse aber nicht: die Leute kommen aus einem Lande, wo der Elementar-Unterricht seit vierzig Jahren obligatorisch ist; daher können die Eltern alle lesen und schreiben, wissen also den Segen dieser Errungenschaft zu würdigem Man stellt heute manchmal die Nützlichkeit des Schulzwanges wieder in Frage — man lege diesen nur einer einzigen Generation auf, und er wird überflüssig geworden sein. Ist es nicht das allerbeste Argument, das zu Gunsten einer Einrichtung ins Feld geführt werden kann, wenn man beweist, in wie kurzer Zeit sie das gewünschte Resultat verwirklicht? Die hessischen Straßenkehrer bilden unter größerer oder geringerer Vermischung mit anderen deutschen Arbeitern, hie und da auch mit protestantischen Elsässern, außer den drei oben genannten noch eine ganze Zahl von Kolonien. Die älteste derselben liegt an der Barrisre de Fontaine- bleau, gerade an der Stelle, wo General Brsa (im Juni 1848) getötet worden ist, und reicht mit ihrem Ursprung sogar über die von St. Marcel hinauf. Ihre Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus rheinbayrischen Einwanderern, die in den nahen Steinbrüchen arbeiten und kaum weniger elend daran sind als die Straßenkehrer. Endlich beherbergt auch noch das Quartier St.-Antoine eine deutsche Bevölkerung, eine zahlreichere sogar als die irgend eines anderen Viertels; aber diese Leute leben größtenteils in viel besseren — 229 — Verhältnissen: es sind Handwerker der verschiedensten Art. Auch hier, namentlich auf dem Boulevard Richard-Lenoir und auf der Stätte selbst, wo sich früher die Fabrik dieses Jndnstrieherrn befand, haben die protestantischen Missionare Kirchen und Schulen in Menge gegründet. Bau und Erhaltung derselben erfordern beträchtliche Summen, die in den lutherischen Gegenden des Heimatlandes*) durch regelmäßige Kollekten beschafft werden. Aber trotz aller Bemühungen sind einige der Gemeinden doch noch stark verschuldet. Von den Geistlichen, welche den Kolonien vorstehen, spricht man allgemein mit Hochachtung. Der Prediger hat dort ein furchtbar schweres Amt: es sind sehr viele Taufen zu vollziehen und, aus den oben dargelegten Gründen, noch mehr Trauungen. Im verflossenen Jahre hatte allein der Pfarrer der kleinen Batignolles-Gemeinde achtzig Paare einzusegnen, die alle bei ihrer Ankunft im Lande in wilder Ehe standen. Noch härtere Anforderungen stellt der Dienst bei deu Kranken, Sterbenden und Toten. Die Verheerungen, welche die Not unter den Kolonisten, besonders unter den Straßenkehrern anrichtet, sind entsetzlich: Mangel, Entbehrungen, ungesunde Arbeit, Heimweh, all dies im Verein lichtet ihre Reihen, und von allen Epidemieen werden sie ergriffen. Dazu kommen noch besondere Krankheiten, die als eine Folge ihrer Beschäftigung anzusehen sind, z. B. Bruchleiden. Von letzteren werden übrigens die Straßenkehrer französischer Nationalität viel seltener heimgesucht, da sie sich nach Aussage der Ärzte weit besser auf die Handhabung ihres Werkzeugs verstehen: sie bewegen nur *) Trotz der offiziellen Vereinigung der beiden protestantischen Kirchen ist die alte Scheidung in Lutheraner und Reformierte praktisch noch immer von großer Bedeutung für das religiöse Leben. Es handelt sich besonders um Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf den Katechismus, an welchen jede Partei mit der in solchen Dingen hergebrachten Hartnäckigkeit festhält. — 230 — die Arme, während der Deutsche den ganzen Körper krümmt. Die Gesamtzahl der Hessen schätzt man auf mindestens dreitausend. Sie leben so vollständig für sich, daß sie keinerlei anderen Umgang haben, selbst nicht mit den übrigen Landsleuten, und wohnen zu vielen Familien in großen Häusern zusammengedrängt, die sie „deutsche Höfe" nennen. Gerade so hießen zur Zeit der Hansa die deutschen Kolonieen zu Antwerpen und London. Daß sie solide und mäßig leben, versteht sich von selbst: wer bei einer täglichen Einnahme von zwei Franken nicht mit dem Gelde haushalten wollte, möchte es schwerlich je zu Ersparnissen bringen. Nach dem Zeugnis ihrer eigenen Geistlichen sind sie sogar Anbeter des Mammons, geizig und geldgierig bis zum äußersten, rauhen Geistes, harten Gemüts, und es muß dem lutherischen Pietismus recht schwer werden, diese widerstrebenden Elemente aus dem gewohnten Geleise zu bringen. Auch lassen unsere guten Hessen nimmermehr von ihrem ererbten, aus der Heimat mitgebrachten Katechismus, einem alten Tröster, den ein Darmstädter Hofprediger namens Stark verfertigt hat, und der bei ihnen mit einem unfreiwilligen und sehr bezeichnenden Wortspiel nur als das „starke Handbuch" bekannt ist. III. Wollten wir die Geschichte und Lebensbeschreibung aller Klassen von Deutschen unter der Pariser Bevölkerung ebenso ausführlich geben, wie die der Straßenkehrer, so müßten wir nicht nur den Raum eines Bandes zu unserer Verfügung haben, sondern auch noch die heutzutage so ausgebildete Kunst, zu erzählen, was man nicht weiß. Solange es sich darum handelte, fest zusammengeschlossene Kolonien durchzugehen, für die der Pfarrer, welcher die — 231 Gemeinde leitet, sich freundlich zum Cicerone hergiebt, solange war die Sache verhältnismäßig leicht. Sobald wir aber diesen Boden verlassen, fangen wir an, weniger sicher zu gehen. Fortan werden wir es nicht mit derartigen Gemeinschaften, gleichsam deutschen Inseln mitten im französischen Ozean, zu thun haben. Mit Ausnahme jenes kleinen Bruchteils verliert sich der ganze Rest der deutschen Einwanderung mehr oder minder unter der Menge und ist in seinen Spuren um so schwerer zu verfolgen, je mehr diese Fremden das Talent, die Gelegenheit, ja oft die Sucht besitzen, sich in die Hülle einer anderen Nationalität zu schlüpfen. Man stößt nicht selten auf Deutsche, die ein unerklärliches Vergnügen daran finden, für Angehörige eines fremden Volkes zu gelten. Mehr als einmal ist es dem Verfasser dieser kleinen Studie iu Paris begegnet, daß er mit Arbeitern zu thuu hatte, die er am ersten B oder P mit unfehlbarer Sicherheit als Fleisch von seinem Fleisch und Beiu von seinem Bein erkannte. Aber wollen sie einen verstehen, wenn man sie deutsch anredet? Nicht im geringsten! Sie fühlen sich beleidigt und verschließen sich in erhabener und gleichgültiger Taubheit. Diese mit den Fehlern und Vorzügen des deutschen Charakters eng verknüpfte Schwäche steht nicht außer Beziehung zu der politischen Geschichte des Landes, zu der traurigen Rolle, die es unter der Führung seiner kleinern Fürsten vor Europas großen Nationen spielen mußte. Uud falls das in Nikols- burg eingeleitete Werk der Einigung nicht auf halbem Wege stecken bleibt, wollen wir jede Wette eingehen, daß man in gegebener Zeit keinen deutschen Schwachkopf mehr finden wird, der sich versucht fühlen wird, über seinen Ursprung zu erröten. Wie die hessischen Ansiedler die einzigen sind, die mit bestimmtem Vorsatz der Heimkehr kommen, so sind sie auch — 232 — die einzigen, die sich nicht mit der übrigen Bevölkerung verschmelzen, nichts von der Sprache lernen. Die anderen zerstreuen sich sämtlich; nur der Zufall entscheidet, wer von ihnen sich der neuen Umgebung geschwinder oder langsamer anpassen wird, und wer nicht; alle eignen sich bald die notwendigste Sprachkenntnis an, und die Kinder sprechen zumeist die Muttersprache nicht mehr. Wieviele Deutsche mag es nun in Paris geben, nicht Tonristen, Fremde, die in Gasthöfen absteigen, sondern Ansässige, die sich hier auf Lebenszeit oder doch wenigstens für eine gewisse Dauer einrichten? Wer sich den allgemeinen Eindruck vergegenwärtigt, der zahlreichen Begegnungen denkt, die er in öffentlichen Versammlungen, auf den Boulevards und vor allem in Konzerten und Brauhäusern mit Deutschen gehabt hat, wird antworten: eine Unzahl! Befragt man einen Kenner des öffentlichen Lebens, einen jener Leute, die berufsmäßig verpflichtet sind, alles zu wissen, so bekommt man eine dem unbestimmten Eindruck entsprechende Ziffer zu hören; die Angaben schwanken zwischen 80 000 und 150 000, ja uns ist sogar gesagt worden, es seien 220 000, also beinahe ein Achtel von ganz Paris. Hält man aber, um diese Behauptungen auf ihre Wahrheit zu prüfen, die amtlichen Ziffern dagegen, so gewinnt die Sache einen ganz anderen Anstrich. Das statistische Amt des Hotel de Ville hat dem Verfasser mit einer Gefälligkeit, die er mit Vergnügen anerkennt, sämtliche aus der eben erst vollendeten Volkszählung gewonnenen Ziffern für diese Untersuchung zur Verfügung gestellt. Und wieviele Deutsche weist diese Zählung auf? Sämtliche Staaten des ehemaligen Bundes, die deutschen Provinzen des Kaisertums Osterreich mit einbegriffen, haben zusammen für ganz Paris, die Arrondissements Saint-Denis und Sceaux mit einbegriffen, den Zählungsbeamten keine höhere Summe als — 233 — 34 273 geliefert, d. h. nicht einmal ganz zwei Prozent der hauptstädtischen Bevölkerung. Es liegt guter Grund vor, diese amtliche Ziffer als weit hinter der Wirklichkeit zurückbleibend anzusehen. Der Verfasser hatte selbst Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß die von Haus zu Haus gehenden Beamten nicht immer, wie die Regel ihnen vorschreibt, nach der Nationalität fragen. Da das Hotel de Ville für diesen Dienst auf eine Klasse von Personen angewiesen ist, welche aus der auf und ab wogenden Bevölkerung der Arbeitslosen genommen werden, so kann es ungeachtet eifriger Kontrolle auf keinen mustergiltigen Betrieb rechnen.*) Allein trotz aller Ungenauigkeiten, welchen diese statistische Erhebung unterliegt, trotz der Unsicherheit der Angaben, die nur durch den guten Willen der Befragten zu erlangen sind, kommt sicherlich die amtliche Ziffer der Wahrheit näher als alle Schützungen aus der Bogelperspektive. Es ist bekannt, wie sehr die Einbildungskraft dazu neigt, die Gesamtzahl der Einzelwesen zu vergrößern, die an unserem Blicke vorüberziehen. Marschieren nur zehntausend Soldaten vorbei, gleich glauben wir ein furchtbares Heer vor uns zu haben.**) Ehemals Hütten uns vielleicht die Polizeiregister einige Auskunft geben können, aber seitdem der Paßzwang glück- *) In Berlin sind mit einem Aufruf an die Bürger zu freiwilliger Dienstleistung in Sachen der Volkszählung wunderbare Resultate in Bezug auf Genauigkeit erzielt worden. **) Folgendermaßen verteilen sich die Deutschen auf die einzelnen Stadtviertel, und wer Paris kennt, kann aus dieser Angabe zugleich entnehmen, welcher Art ihre Hauptbeschäftigungen sind: die größte Anzahl findet sich im XIX. (Billette, Belleville -c.), 3019. Es folgen die Quartiere de la Chaussee d'Antin mit 2700, de la Roquette mit 2724 (IX. und XI.), dann das Quartier de Clignancourt (XVm.), de Saint-Denis und de Saint-Martin (X.) mit ungefähr je 2200. Die andern haben durchschnittlich 1300 bis 1700. Das XV. und XVI. (Grenelle, Auteuil und Passy) weisen die kleinsten Zahlen auf, 500—600. — 234 — licherweise aufgehoben worden ist, sind diese Quellen nicht mehr vorhanden, und da die Unwissenheit, sonst auf allen Gebieten eine Todsünde, in Polizeisachen eine Kardinaltugend ist, so liegt uns nichts ferner als darüber zu klagen. Hingegen erlauben wir uns, es der Pariser Handelskammer angelegentlich zu empfehlen, daß sie bei ihren alle fünf Jahre stattfindenden Erhebungen die Frage der Nationalitäten mit berücksichtigen möge. Diese mit soviel Sorgfalt und Kosten geführten Untersuchungen können sich gar nicht auf geuug Einzelheiten zugleich ausdehnen, wenn man sichs schon einmal Geld und Mühe kosten lassen will. Vergebens haben wir die ungeheuren Quartbände über die beiden letzten Erhebungen von 1860 und 1865 durchgesehen, es war nicht einmal der Versuch dazu gemacht. Wie dem nun auch sei, eins ist zweifellos: von Nordamerika abgesehen übt kein Punkt des Erdballs ein gleiche Anziehungskraft auf die deutschen Auswanderungslustigen aus wie Paris.*) Unter allen in Paris ansässigen Ausländern sind wiederum am stärksten die Deutschen vertreten, wie aus der beifolgenden vergleichenden Übersicht der letzten Volkszählung von 1866 hervorgeht: Deutsche.......... 34273 Belgier........... 33088 Schweizer.......... 10 687 Engländer.......... 9 106 Italiener.......... 7 903 Holländer.......... 6 254 Amerikaner......... 4 400 Polen........... 4 294 Spanier.......... 2 536 Russen........... 1356 Skandinavier........ 531 Rumänen.......... 329 Türken........... 313 Griechen.......... 290 Verschiedene....... 3 766 Summa: 119126 — 235 — Nächst New-Iork, Philadelphia, St. Louis und einigen aufblühenden Städten des amerikanischen?ar-^Vsst empfängt keine fremde Stadt größeren Zuzug von Deutschen als Paris. IV. Zu einer gewissen Zeit hatte die Anziehungskraft der Freiheit etwas mit diesem Zustrom zu schaffen, und auch in dieser Hinsicht stritt damals Paris mit Amerika um den Vorzug, den vor der Bedrückung des Vaterlandes fliehenden Auswanderer aufnehmen zu dürfen. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als Frankreich allen europäischen Höfen Humanitätsprofesforen sandte, war Paris die Quelle des freien Geistes, zu der die hervorragenden Ausländer kamen, um an der Quelle des neuen Lebens zu schöpfen. Unter den Deutscheu, welche damals in diesem Boden Wurzel schlugen, hat mehr als einer in der Geschichte des französischen Geistes Bürgerrecht erworben. Ein solcher war der Baron Grimm, anfänglich der Freund und dann der Schrecken Rousseaus; ferner Holbach, mutmaßlicher Verfasser des „L^stöms lg. ns-turs" und Gründer des nach Man zählt: Franzosen, aus dem Departement de la Seine gebürtig 733 478 „ aus anderen Departements gebürtig . . 1 295 258 Naturalisierte...... 3 054 Summa: 2150 916 Nach diesen Ziffern würde das fremde Element von der Pariser Bevölkerung nur Prozent ausmachen. Auch diesmal sind die amtlichen Ziffern ebenso vorsichtig aufzunehmen wie zuvor für die deutsche Bevölkerung im besonderen; augenscheinlich bleiben sie abermals hinter der Wirklichkeit zurück. -M' 236 ihm genannten Klubs; Anacharsis Cloots, der „Redner des Menschengeschlechts"; Adam Lux, der Verteidiger Charlotte Cordays und der Gironde; ein solcher war endlich in seiner Weise auch jener Eulogius Schneider, ein früherer Franziskaner und Hofprediger, der wandernde Henker des Elsaß, eine Art gelehrter Possenreißer, der znr Erinnerung an sein altes Gewerbe mit einem Gefolge von zwölf Spießgesellen, seinen „Aposteln", durchs Land zog. Cloots, Lux und Schneider haben ihr Bürgerrecht aus dem Schaffst bar bezahlt, und uur Eulogius hatte zugleich die Schuld seiner Missethaten zu entrichten. Später, nach 1830, wurde Paris abermals für einige Zeit die Schule, in welcher die Politiker des Kontinents den Konstitutionalismus der Gegenwart nnd den Revolutionarismus der Zukunft studierten. Deutschlands unruhige Geister fanden sich hier um so zahlreicher ein, als sie selten verfehlten, sich daheim ein Verbannungsurteil zuzuziehen. Von dieser Epoche an bis zum Beginn des zweiten Kaiserreichs bilden die deutschen Schriftsteller und Gelehrten in Paris eine ununterbrochene Reihe, und viele derselben gründeten sich hier eine lebenslängliche Heimat. Um an die thätige und glänzende Rolle zu erinnern, welche diese geistige Immigration spielte, brauchen wir nur die Namen Heinrich Heine und Ludwig Boerne zu nennen. Sie und ihre Nachfolger von geringerer Bedeutung haben beiden Nationen ausgezeichnete Dienste geleistet, indem sie eine in das Leben der anderen einweihten. Wenn die Franzosen, durch Heines Verdienst vorzüglich, einigermaßen mit deutschen Dingen vertraut geworden sind, so war die entsprechende Wirkung jenseits des Rheins bei weitem gewaltiger und allgemeiner. Beide waren von Grund aus deutsch, sowohl durch ihre Individualität als durch ihre Geistesrichtung, und liebten zugleich die Vorzüge des französischen Volkes und die parisische Anmut mit wahrer Zärt- — 237 — lichkeit. Cormenin hat dies in seinen Worten über Boerne vortrefflich ausgedrückt: „Er liebte Frankreich als sein zweites Vaterland, er liebte Frankreich im Interesse Deutschlands." Das politische, soziale und litterarische Leben Frankreichs fand in Deutschland mächtigen Widerhall, als Männer von solchem Range, deren eigenartiger und bezaubernder Stil allein schon die Leser anzog, Sorge trugen, es den Deutschen nahe zu bringen. Jene Briefe und Bücher, welche von den Menschen und Dingen, den Salons und Straßen, den Kämpfen des Pariser Lebens erzählten, deren Verfasser in ihren täglichen Beobachtungen sozusagen wissenschaftlicher verfuhren als der Franzose selbst, machten die Deutschen mit allen älteren und gegenwärtigen Ideen des Landes bekannt, weihten sie bis auf die kleinen Anekdoten von Stadt und Hof herab in das französische Leben ein und haben bewirkt, daß noch jetzt der gebildete Deutsche Paris betritt wie sein Eigentum, im voraus mit der ganzen Überlieferung und Topographie des Ortes vertraut. Nach Boerne und Heine kam die Gewohnheit auf und bestand einige Zeit, daß jeder schriftgewaudte Landsmann, der nach Paris kam, seinen Band Briefe drucken ließ. Es wurde eine ganze Sammlung daraus. Karl Gutzkow, das Haupt des seiner Zeit sogenannten „jungen Deutschlands" (das eine entfernte Ähnlichkeit mit der französischen romantischen Schule hat) beschenkte uns so gut wie die anderen mit einem Band „Briefe aus Paris". Wiederholt versuchten es diese litterarischen und politischen Kreise, ein periodisches Organ in deutscher Sprache zu gründen; es gelang niemals. Will der Deutsche sich mit den französischen Dingen bekannt machen, so schöpft er, hüben wie drüben, lieber gleich an der Quelle, die ihm zugänglich ist, sobald er nur über ein bescheidenes Maß geistiger Bildung verfügt. Um seine eigenen Angelegenheiten kennen zu lernen, greift er lieber — 238 — nach einheimischen Blättern. Daher hat es solchen Unternehmungen immer an Lesern gefehlt. Der Galignani wird deren stets Tausende finden, welchen ihr Thee und Toast nur mundet, wenn sie ein englisches Format und einen englischen Text dabei haben. Den Deutschen verlangt nach Lokalfarbe; er liest 1s ?intg.mg,rrs (Witzblatt), während er seine rg.tg.toriiUs verspeist. Hat es doch Flüchtlinge aus dem Frankfurter Aufstande vom Jahre 1331 gegeben, die sich nach ihrer Rückkehr ins Vaterland immer noch den verhältnismäßig teuren ts-ds-L vs-xoral schicken ließen und behaupteten, kein anderes Kraut käme diesem Erzeugnis der trefflichen Regie gleich. Ludwig Boerne — wir verweilen bei ihm ganz besonders, weil er der erste unter diesen Vermittlern ist — kam seit dem Jahre 1819 verschiedene Male nach Frankreich. 1822 veröffentlichte er seine „Bilder aus Paris", die Frucht zweijährigen Aufenthalts, während dessen er einen überaus heftigen Kampf gegen die Regierung der Restauration geführt hatte. Er kehrte dann nach Deutschland heim; aber als die Juli-Revolution zum Ausbruch kam, die er so heiß herbeigesehnt, hielt er es dort nicht länger aus und eilte wieder zurück. Von dieser Zeit an datieren seine „Briefe aus Paris". Er richtete sie an eine deutsche Dame, mit welcher er bis zum Ende seines Lebens durch die reinste und herzlichste Freundschaft verbunden blieb, die ihm auch nach Paris gefolgt war und hier erst vor wenigen Jahren gestorben ist. Aus diesen Briefen ist Boernes große Popularität entsprungen; sie schlugen gleichsam eine Brücke zwischen Frankreich und Deutschland. Der Verfasser stand im innigen Bunde mit Frankreichs vornehmsten Geistern, unter anderen mit Lamennais, dessen ?a,ro1ös ä'iin oro^s-nt er ins Deutsche übersetzt hat. Der Tod überraschte ihn bei der Ausführung seines Lieblingsplanes, ein geschichtliches Werk über die französische Re- — 239 — volution zu verfassen. Nachdem er lange an einer Brust- krankheit gelitten, starb er zn Paris im Jahre 1837. Raspail rief ihm den Scheidegruß zu, sein Denkmal schmückte David, und Cormenin schrieb das Begleitwort zu einigen seiner ins Französische übersetzten Werke. Der Mann, dem als Ideal die herzlichste Vereinigung der beiden Nationen vorgeschwebt hatte, war solcher Gastfreundschaft würdig. Wie fern liegt doch diese Zeit der heutigen Generation, der es vor allem darauf ankommt, die Gewehre der Nachbarn zu zählen und ihre Zahl zu überbieten! Im Jahre 1836 hatte Boerne, damit seine Idee Gestalt gewinne, den Plan gefaßt, in Paris eine in den beiden Sprachen abgefaßte Revue zu gründen. Er hieß sie „die Wage" (1s. Ls.1s.nos), in der Erinnerung an eine Zeitschrift, die er vordem in Deutschland herausgegeben hatte, und deren Name sich mit seinem Gedanken vorzüglich deckte. Aber „die Wage" erlebte nur wenige Nummern und ging ein, aus Mangel an Unterstützung jeglicher Art. Zwei andere Versuche hatten nacheinander dasselbe Schicksal. Im Jahre 1841 waren die „Hallischen Jahrbücher", das berühmte Organ der Junghegelianer, und 1843 ihre Fortsetzung, die „deutschen Jahrbücher", verboten worden. Der Herausgeber Arnold Rüge entschloß sich, sie nach Paris zu verpflanzen. Der Dichter Herwegh, der Sozialist Marx und einige andere schlössen sich ihm an, und es erschien eine Lieferung der neuen Zeitschrift unter dem Titel „Deutsch-Französische Jahrbücher" (Paris 1844). Wiederum waren diese ersten zwei Nummern zugleich die letzten. Zu jener Zeit hatte die sozialistische Bewegung einen beträchtlichen Teil des jungen Paris ergriffen, und viele der Deutschen, die sich um die Redaktion scharten, hatten sich gleichfalls hineingestürzt. Selbst Cabet lieferten sie einige Jünger. Die Verschiedenheit der Schulen führte naturgemäß zu Spaltungen. Die Zeitschrift wurde in ein kleines Blatt, den „Vorwärts" umgewandelt, das — 240 — unter anderen den berühmten Russen Bakunin, den Ehrenbürger aller Revolutionen, zu seinen Mitarbeitern zählte. Guizot ließ die Redakteure ausweisen; mit der Redaktion wäre es auch ohne ihn bald zu Ende gewesen. Seither ist kein ernstlicher Versuch wieder gemacht worden, ein deutsches Organ in Paris zu gründen. Von Zeit zu Zeit wurde wohl noch eine kleine Zeitung in die Welt gesetzt, aber niemals fiel das Unternehmen auf guten Boden, und seine Aussichten, denselben je zu finden, verringern sich tagtäglich. Die Amnestien, Deutschlands neuerwachtes politisches Leben haben nach und nach fast alle zurückgerufen, die nicht entweder mit unauflöslichen Banden an Frankreich geknüpft waren oder für ihr Vaterland nichts mehr empfanden. Auch Paris war ihnen begreiflicherweise nicht mehr das Paris früherer Tage, weder so gastlich mehr, noch so reizvoll, noch die Schule, die es gewesen. Heutzutage haben die in Paris lebenden Deutschen keinen geistigen Mittelpunkt. Man hat wohl versucht, dem Turnverein ein wenig Schwung zu geben, aber bis jetzt ist es diesem nicht gelungen, und kaum wird es ihm jemals gelingen, diejenigen Elemente in genügendem Maße zu vereinen, deren es zur Erfüllung einer großen Aufgabe bedarf. Das kleine Theater der Salle Beethoven ist noch um vieles unbedeutender und nie über ein klägliches Dasein hinausgekommen. Vielleicht hätte eine Veranstaltung, die sich einzig auf die Zerstreuungen des geselligen Lebens gerichtet, bessere Aussichten gehabt, weil sie vielleicht das unter den Deutschen in Paris so stark vertretene kaufmännische Element angezogen haben würde. Aber als vor vier oder fünf Jahren eine große Anzahl der tonangebenden Personen der Kolonie den Gedanken faßte, einen Lsrols zn gründen, scheiterte der Plan daran, daß die Polizeipräfektur die Erlaubnis verweigerte. Da man nicht recht wußte, — 241 — wodurch dieses Mißtrauensvotum veranlaßt war, tauchte damals die Vermutung auf, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann, die deutsche Diplomatie hätte hinter dem Verbot gesteckt, vielleicht ihre Staatsangehörigen vor der Berührung mit einigen demokratischen Namen, die an der Spitze der Liste standen, zu behüten. V. Das einzige allgemeine Band für die Deutschen in Paris bildet ein Wohlthätigkeitsverein, welcher Bedeutendes leistet. Derselbe unterstützt jährlich an 14 000 Arme auf alle mögliche Weise und verfügt außerdem bereits über die Anfänge eines Fonds, der zur Errichtung eines Spitals bestimmt ist, weil sich vor allem das Bedürfnis herausgestellt hat, armen alten Leuten eine Zuflucht zu schaffen. Was die gewöhnlichen Krankheiten anbetrifft, so öffnet das gastliche Paris seine wohlthätigen Anstalten einem jeden ohne Unterschied der Nationalität. Nur die Asyle für solche, die an der Krankheit des Alters und der Armut leiden, schließen die Nichtfranzosen aus. Die Wohlthätigkeitsbälle, welche genannter Verein einmal jährlich veranstaltet, bieten dem Deutschen zugleich die einzige Gelegenheit, die ganze elegante Gesellschaft seiner Landsleute auf einem Punkte vereinigt anzutreffen. Natürlicherweise können 40- oder 80 000 Deutsche sich nicht an den musikalischen Unterhaltungen genügen lassen, die für zwei Millionen gewöhnlicher Sterblicher ausreichen. Die Franzosen meinen, die Musik bei sich eingebürgert zu haben, weil sie schließlich dahin gelangt sind, sich für die klassischen Konzerte zu begeistern. Ein Deutscher ist nicht zufrieden, wenn er nur stürmisch Beifall klatscht, Bravo, Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. — 242 — Brava und Bravi ruft: er muß zum mindesten an einigen Feldzügen einer Gesellschaft für Vokal- oder Instrumentalmusik in aktivem Dienst beteiligt sein. Die Anzahl der in Paris vorhandenen deutschen philharmonischen Gesellschaften ganz genau anzugeben, wäre eine fast ebenso schwierige Aufgabe, wie die Anzahl der Deutschen selbst festzustellen. Von allen Fachautoritäten, die wir über diesen Punkt befragten, erhielten wir die gleiche Antwort: „Fünf, sechs, sieben .... aber es müssen noch mehr sein, die ich nicht kenne". Hier wäre nun der richtige Ort, um vom Bier zu reden, denn das „Lied" läßt sich nicht ganz ohne den Schoppen denken. Doch ist der Schoppen keine deutsche Eigentümlichkeit mehr. Schon vor Entlehnung der Landwehr und des Hinterladers, und ohne daß zu diesem Zwecke irgend eine Kommission zusammengetreten wäre, hat Frankreich den Bierkultus von seinen Nachbarn herübergenommen. Die bayrischen Brauereien liefern jahraus jahrein für den Pariser Konsum eine in ungeheurem Maße zunehmende Menge^) (ganz abgesehen von der inländischen Produktion), und die Zahl ihrer Agenten hat sich im Lause der letzten Jahre verzehnfacht. Dadurch, daß dieses Gebräu allen Laien zugänglich geworden, geschieht doch dem Bestehen einiger geheiligter Stätten, welche die wahren Anbeter eines orthodoxen „boczlc" zu besuchen Pflegen, durchaus kein Abbruch. Wer um Mitternacht in das Cafs du Grand Balcon geht, dem wird ein ausgesprochenes Vorherrschen blonden Haarwuchses, hie und da auch das Vorhandensein der klassischen Pfeife mit dem langen Rohre auffallen, wie sie furchtbare 1866 ist die Einfuhr von bayrischem Bier durch die-lange Herrschaft der Cholera beeinträchtigt worden. Für dieses Jahr wird die Quantität des ausschließlich von Bayern her eingeführten Bieres auf 26 000 Fässer zu je 67 L. geschätzt. Das übrige Deutschland liefert ebenfalls welches^ der größte Teil aber wird im Lande selbst erzeugt. — 243 — Wolken vor sich hinbläst oder feierlich an einem Riegel hängt, der an ein ehrwürdiges Brett geschraubt ist. Von den Tempeln des Bierkönigs Gambrinus ist der Grand Balcon der vornehmste. Seit einiger Zeit hat das Wiener Bier auf dem Platz am neuen Opernhause seine Zelte aufgeschlagen und will dem Münchener vom Boulevard des Italiens deu Rang ablaufen. Es bleibt abzuwarten, wer hier den Sieg davon tragen wird, das Bier aus dem Lande Mozarts oder das aus Richard Wagners Reich. Dringt man weiter nordöstlich vor, bis auf die Höhe des Faubourg Poissonnisre, so lassen sich diese Studien durch die gauze gesellschaftliche Stufenleiter hindurch verfolgen. Manche jener Gastwirtschaften stehen mit Nebengeschäften in Verbindung, wo Sauerkraut und Würstchen, diese allen wohlgearteten Herzen so teuren Gerichte, feilgehalten werden. Die Bayern und Frankfurter haben das Gebiet des Flüssigen in Pacht genommen, das Feste füllt den Wienern zu. In diesen Lokalen bildet der in Paris ziemlich zahlreich vertretene deutsche Malschüler die Blüte des Publikums, das grobe Material liefert der Haudlungsgehilfe. Früher war es auch unter den deutschen Studenten der Medizin, denen ihre Mittel dies erlaubten, üblich, zur Vollendung ihrer Studien auf ein bis zwei Semester nach Paris zu kommen. Jetzt aber soll sich diese Gewohnheit verlieren. Ob das nun dem Aufschwung der dortigen oder dem Rückgange der hiesigen medizinischen Fakultäten zugeschrieben werden muß, ist schwierig zu entscheiden und entzieht sich unserer Beurteilung. Indessen hat sich unter den jungen Ärzten der Gebrauch erhalten, eine kürzere Zeit, die etwa für den Besuch der Krankenhäuser und Kliniken ausreicht, in Paris zuzubringen, und dieser Umstand hat in Verbindung mit dem anderen, daß sich ungefähr zwanzig deutsche Ärzte dauernd in Paris aufhalten, die besonders ihre Landsleute 16* - 244 — zu behandeln haben, die Gründung einer deutschen medizinischen Gesellschaft veranlaßt, welche regelmäßige Sitzungen abhält uud darüber wacht, daß jedes der beiden Länder in Bezug auf die wissenschaftlichen Fortschritte des anderen auf dem Laufenden erhalten bleibe. Allwöchentlich werden dort interessante Berichte erstattet; ein nicht weniger interessantes Festmahl findet alljährlich statt. Die Berichte und Diskussionen werden deutsch geführt, die Küche französisch, und ganz gewiß ist in dieser Gesellschaft noch nie vom Niedergange des Restaurant „Vachette" die Rede gewesen. Seit langer Zeit ist die Augenheilkunde ein Spezial- fach der Deutschen. Nachdem vor mehr als dreißig Jahren die Beersche Schule zu Wien ins Leben getreten war, führte Dr. Sichel die Neuerungen derselben in Paris ein. Als nun eine neue deutsche Schule sich jüngst daran machte, die alten Überlieferungen umzuarbeiten und das, was bisher im wesentlichen eine empirische Kunst gewesen, in eine exakte Wissenschaft zu verwandeln, die auf den Fortschritten der modernen Naturkunde fußte: da ward diese neue Schule alsbald in Paris glanzvoll vertreten. Seit Jahren an den Arbeiten der Meister beteiligt, welche die neue Augenheilkunde begründet haben, hat sich Dr. R. Liebreich mit wunderbarer Schnelligkeit zum Range eines der ersten Ärzte von Paris erhoben, und seine durch ihn geschaffene und ausschließlich durch ihn erhaltene Klinik (rus Wt-Ik-Oosru?) hat die zwiefache Bedeutung einer wohlthätigen und einer öffentlichen Lehranstalt erlangt. Noch andere sehr verdienstvolle Deutsche, die aus derselben Schule hervorgegangen sind, so die Drs. Meyer und Weckher, haben es in kurzer Zeit in demselben Fach zn hohem Ansehen gebracht und bedeutende Kliniken gegründet. Beiläufig sei hier erwähnt, daß die Homöopathie, diese ausschließlich deutsche Erfindung, in Paris eine zweite Heimat — 245 — und sogar eine zahlreichere und gläubigere Jüngerschaft gefunden hat als im eigenen Vaterlande. Da wir von der Medizin reden, müßten wir von rechtswegen auch die Theologie ein wenig zu Worte kommen lassen; aber wenn man auf einem Blatte alles sagen muß, so legt die allzeit opferwillige Religion es einem gar zu verlockend nahe, sie mit Stillschweigen zu übergehen. Überdies haben wir dem Protestantismus bei der Musterung der Straßenkehrer unsere Aufwartung gemacht; wir wollen jetzt bei der Besprechung der Dienstboten dem römischen Stuhl unseren Besuch abstatten. Die deutschen katholischen Priester in Paris haben sich das besondere Recht vorbehalten, die Köchinnen und Hausmädchen unter ihren Schutz zu nehmen. Es existiert (wiederum in demselben Viertel, in der Umgebung der Nue Lafayette) ein St. Josephskloster, welches den neu ankommenden oder stellenlosen deutschen Dienstmädchen zum Absteigequartier dient und den Hausfrauen mit gutem Gewissen empfohlen werden kann. Die süddeutschen Staaten, welche bei weitem das größte Kontingent der deutschen Einwanderung stellen, sind, mit Ausnahme Württembergs und eines Teils des Großherzogtums Baden, vorzugsweise katholisch. Diese Gegenden und besonders auch das Moselland, Luxemburg, Trier, sowie das badische Oberland, sämtlich Grenzgebiete, senden uns jene Scharen von deutschen Dienstmädchen zu, welche die Schwestern der Rue Lafayette unter ihre Fahne sammeln. Wie alles, was mit der katholischen Organisation zusammenhängt, hat auch diese Sache eine viel realistischere Färbung als die Mission der protestantischen Geistlichen von La Billette. Indeß diese es für angezeigt hielten, ein Werk der Erziehung nnd sittlichen Veredelung im Sektengeist zu gründen, haben jene sich in Gestalt eines Stellenvermittlungsbureaus ein Mittel geschaffen, treue Jünger zu werben. Allerdings ist — 246 — es leichter, eine Armee von Straßenkehrern zu überwachen als eine Legion Mädchen. Selten findet man einen deutschen Haushalt in Paris, dem nicht wenigstens ein deutsches Dienstmädchen angehörte. Der Ausländer gewöhnt sich schwer an den Pariser Dienstboten: er ist ihm zu unbotmäßig, zu anmaßend, und auch der durch Molisre unsterblich gewordene Typus des vertraulichen, impertinenten Dieners ist, wie sich denken läßt, keineswegs der Phantasie des Dichters entsprungen vielmehr ganz und gar aus dem Charakter und den Sitten seines Volkes und vorzüglich seiner lieben Vaterstadt geschöpft. Keine andere Lustspiel- Litteratur hat eine ähnliche Gestalt auszuweisen, ausgenommen vielleicht die alte römische in der Rolle des vertrauten Sklaven. Um sich der Tyrannei der französischen Dienstboten zu entziehen, versehen sich unsere Landsleute in Paris unausgesetzt mit deutschen, besonders was den weiblichen Teil der Dienerschaft anbetrifft. Durch diesen Umstand erklärt es sich zum Teil auch, warum in den amtlichen Angaben über die Zahl der Deutschen in Paris die Frauen mit fast ebenso hohen Ziffern vertreten sind wie die Männer; so weist die letzte Volkszählung 18 591 Männer und 15 628 Frauen auf. Den Schlüssel zu dieser auffallenden Thatsache — gleiches Verhältnis der beiden Geschlechter bei einer ausländischen Bevölkerung, in der man doch ein beträchtliches Vorherrschen des viel beweglicheren männlichen Elements erwarten sollte — giebt die vorstehende Thatsache. Der erwähnte Umstand beeinflußt um so mehr die Erscheinungen, mit welchen wir es zu thun haben, als die in dieses Gebiet eingreifenden Sittenzustände eine beständige Erneuerung des Materials bedingen. Man kann rechnen, daß durchschnittlich ein Zeitraum von drei Jahren dazu gehört, eine gute Deutsche, die aus dem Inneren ihres — 247 — Landes als Dienstmädchen nach Paris kommt, zu demoralisieren. Am Anfang ihrer Laufbahn kennt sie weder ein Wort der Sprache, noch den allerkleinsten Kniff, durch welchen sie ihre Herrschaft hintergehen könnte, versteht sich auch noch sehr schlecht auf einen Liebeshandel. Ein halbes Jahr später weiß sie sich vermittelst eines durchaus verständlichen, oft sogar mit allen Feinheiten des fünften Stockwerks gewürzten Kauderwelsch durchzuschlagen. Nach anderthalb Jahren hat sie sich die Kunst der Schwanzes Pfennige (iairs äMser 1's,Qss du xanisr) von Grund aus zu eigen gemacht. Noch ein Jahr — so unterhält sie in vollendeter Weise ihren (Ag-rcls ro.riiÜLixg>1 oder ihren Schlächtergesellen, wenn nicht beide zugleich. Hat gar die Herrschaft, um die Fortschritte ihrer Untergebenen zu beschleunigen, sie bei dem berühmten Koch irgend eines Lsrels oder Restaurants ausbilden lassen, so vollzieht sich der moralische Umschwung mit verdoppelter Schnelligkeit. An diesem Punkte angelangt, läßt unsere blauäugige Blondine ihre Herrschaft sitzen und verschwindet in dem großen Abzugskanal des Pariser Dienstbotenvolks, dessen Lebens- und zugleich Krankheitsprinzip die achttägige Kündigung ist. Niemals kann in einem Lande, wo, wie in Deutschland, für beide Teile eine vierteljährliche oder sechswöchentliche Kündigungszeit gilt, die leidige Feindschaft zwischen Herrn und Diener einen derartig heftigen und erbitterten Charakter annehmen wie in den Ländern mit kurzer Kündigungsfrist. Mit so rebellischen Leuten ließe sich nicht noch monatelang nach der Kündigung ein Haushalt führen. Nimmt man an, daß jede deutsche Familie mindestens ein Mädchen hält und durchschnittlich alle drei Jahre Ersatz braucht, so möge man sich hiernach die Zahl derer berechnen, welche durch diesen Brauch fortgesetzt aus dem heimatlichen Boden gerissen und der Hölle zugeführt werden. Neben dem eigent- — 248 — lichen Dienstboten haben wir dann noch den klassischen deutschen Gasthofskellner. Auch sein Name ist Legion; er bedient in allen Gasthöfen ersten und zweiten Ranges, fehlt aber vollständig im Cafs und Restaurant. Dort bedarf man des Franzosen. Der lärmende Possenreißer und kurzweilige Fant, dieser staunenswert bewegliche Überall und Nirgendwo, das naseweise Faktotum, welches geradewegs von der Bühne des Palais-Royal herabgestiegen zu sein scheint, um sich von da aus erst über die nächste Umgebung der Arkaden und dann über ganz Paris zu verbreiten, bildet eine besondere Figur des gallischen Repertoires. Hingegen ist der dienstbeflissene, unterwürfige, zurückhaltende Gasthofskellner, der nichts sagt, dafür aber mit der Sprache und den Lebensgewohnheiten von drei oder vier Nationen vertraut ist, fast ausnahmslos von deutscher Herkunft. Der Franzose ist ein gewandter erfindungsreicher Diener und versteht wie kein anderer, dem Gaste im kritischen Augenblick ohne viel Besinnen einen Ausweg aus einer Verlegenheit zu öffnen; der Deutsche ist umsichtig, vorbedacht, sorgsam; von vornherein widmet er sich der Aufgabe, es dem Gaste behaglich zu machen. Aus dieser Naturverschiedenheit erklärt sich die große Überlegenheit der deutschen Badeorte. Überall wird der Fremde gerupft, aber nur in Deutschland beutet man ihn mit Ehrerbietung aus. Wenn der germanische Stamm erst das rechte Maß für ein Bett und eine Tasse Kaffee gefunden hat, wird er an der Spitze der europäischen Gastlichkeit marschieren. Der Beruf des Kellners nimmt übrigens in der gesellschaftlichen Rangordnung eine so hohe Stufe ein, daß junge Leute aus guter Familie sich nicht schämen, die elegante Jacke anzulegen, unter dem Vorbehalt, sie einstmals mit dem hochachtbaren, vornehmen Frack des Oberkellners zu vertauschen, den die Gäste feierlich mit Herr anreden. Es kommt sehr häufig vor, daß ein Millionär, — 249 — der Besitzer eines jener großen Gasthöfe am Rhein, seine Söhne in die Fremde schickt, damit sie dort im bescheidenen Stande des Kellners ihre Lehrzeit durchmachen. Die deutschen Kellner in Paris gehören dem Verbände sämtlicher Kellner der Hauptstadt an, einer ganz eigenartigen, mit vieler Einsicht organisierten und für ihre Mitglieder höchst wertvollen Vereinigung, die z. B. durch ihre Stellenvermittlung die Verschiebung dieser fliegenden, bald hier bald dort begehrten Scharen erleichtert und auch das Personal aller Restaurants, Cafss und Bierlokale der Stadt vom Kopf bis zu den Füßen kleidet. VI. Außerdem sind noch in vielen anderen Berufsarten Deutsche thätig, die, je nachdem der Zufall sie in die Heimat zurückführt oder dauernd in Paris festhält, eine halb bewegliche, halb seßhafte Bevölkerung bilden. Allgemein bekannt ist die Spezialität des deutschen Schneiders; sowohl im Reich der Hose als auch auf finanziellem Gebiete sind die Deutschen in Paris mit den berühmtesten Namen vertreten. Infolge eines Zufalls, der eigentlich keiner ist, haben sich sogar die beiden Klassen vorzugsweise in einem und demselben Stadtteil — dem Quartier Feydean — angesiedelt. Wer von der Rue Laffitte und der Chaussse- d'Antin aus nach der Börse geht, den führt sein Weg vom Sitz der deutschen hohen Finanzwelt her durch ein Spalier von Schneidern gleichen Stammes. Der zu Hause arbeitende Schuhmacher (dottisr sn oliaiiikrk), der Kunsttischler, Stellmacher, Wagenbauer und noch manche andere Handwerker deutscher Nationalität sind hauptsächlich im Faubourg St. Antoine zu finden. Der französische Meister hat den deutschen Arbeiter gern: er ist fleißig, folgsam und vor — !>50 — allem regelmäßig in seiner Arbeit, da er wenig blauen Montag macht; aber in der Geschicklichkeit kann er nicht mit dem französischen Handwerker wetteifern. Wo es darauf ankommt, einer Sache den letzten Schliff, das Zierliche zu geben, das den Reiz des artiels cls ?3,riL ausmacht, da zieht der Meister die Hand des Franzosen vor, selbst in der Kunsttischlerei, einem der Fächer, welches die Deutschen im übrigen gepachtet haben. Wir erwähnten vorher das Finanzwesen. Da dasselbe heutzutage im Vordergrunde des öffentlichen Lebens steht, so ist auch der Laie hierüber gut unterichtet. Allem schon der Name desjenigen, den man so treffend den König der Bankiers und den Bankier der Könige genannt hat, würde hinreichen, um daran den Einfluß des deutschen Elementes auf das Pariser Handelsleben zu ermessen. Übrigens ist dieser Einfluß nicht etwa nur der Gunst der Umstände in diesem einen Lande zu verdanken: in England, Holland, Amerika hat sich das Handelsgenie der Deutschen unter viel schwierigeren Verhältnissen einen hervorragenden Platz zu erobern verstanden. Ehemals hatten sich die Wandervölker den Hirtenstand erwählt, heute stellen sie Bankiers, Importeure und Kommissionäre. Die Londoner City, die Quais von Rotterdam und Amsterdam, die Häfen von New-Iork, Pernambuco, Schanghai und Jokohama wimmeln von deutschen Firmen. Selbst die unternehmungslustigen Engländer siedeln sich doch nur in gewissen Ländern an, die Deutschen aber ziehen überall hin. Weil Paris ohne Seehafen ihnen unzulänglich schien, haben sie eine zweite große Kolonie in Havre gegründet. Wer das Namensverzeichnis der Pariser kg,uw daraus durchgeht, dem drängt sich eine höchst merkwürdige Wahrnehmung auf: dieser Zweig liegt fast ausschließlich in den Händen zweier fremden Nationen, der Schweizer (namentlich der Genfer) und der — 251 — Deutschen. Die großen französischen Häuser sind mit der Zeit fast sämtlich verschwunden; man denke nur an die Laffitte, Gouin, Ganneron, Leroy de Chabrol und wieviele andere! Läßt man die Aktien- und Kommandit-Gesellschaften außer Acht, so findet man unter der Kants ünane« nur wenige Leute von rein französischer Herkunft: fast alle sind Schweizer oder Deutsche, eine Eigentümlichkeit, die in innigem Zusammenhange mit dem Nationalcharakter steht. Dieselbe Ursache, welche den Franzosen abhält, fremde Sprachen zu lernen oder überhaupt auf irgend eine Art aus seiner Persönlichkeit herauszugehen, macht ihn weniger geschickt zu solchen Geschäftsunternehmungen, deren sehr zutreffend als „Arbitrage" bezeichnete Hauptverrichtung in einer beständigen Ausgleichung sämtlicher in der ganzen Welt vorhandenen Kursverschiedenheiten besteht. Die zu einer solchen Wachsamkeit erforderliche Ubiquität und Weltkenntnis vertragen sich nicht mit einer derartig in sich selbst geschlossenen und gesättigten Sinnesweise. Der Franzose, welchen vor allen Dingen Klarheit, Genauigkeit, kurzum die Gabe der Analyse auszeichnet, eignet sich nicht in gleichem Grade für Kombinationen, die sich über ein unendliches Gebiet verbreiten, er ist ein Spieler, d. h. er macht seine Berechnungen an Ort und Stelle, er ist kein Spekulant in die Ferne. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich im Warenhandel. Gilt es, ein Geschäft mit dem Auslande abzuschließen, so erhebt er zumeist den Anspruch, daß der Kontrahent zu ihm komme und in seiner Sprache, seinen Maßen und Münzen mit ihm verhandle. Der Pariser Fabrikant oder Importeur führt in seinen Beziehungen zu anderen Ländern nicht nur den Briefwechsel in französischer Sprache, er verlangt auch, daß sein Konto auf Franken, Meter und Kilogramme laute; am anderen ist es, sich anzubequemen und sich zu übersetzen, und er läßt sich nicht lange darum — 252 — bitten, denn diese Unterwerfung ist selber noch eine Ware mehr, die so teuer wie möglich verkauft wird. Für den Deutschen, den jede neue Verwandlung seines Wesens beglückt, ist solch ein Geschäft ein wahrer Fund, nnd Tausende von Zwischenmännern wissen sich in Paris eine Quelle des Gewinns zu schaffen, indem sie den Binnenhandel auf diese Art mit den äußersten Grenzen der Erde in Verbindung setzen. Seitdem die satirische Litteratur sich darauf beschränkt sieht, ihre Nahrung nur mehr von den Nebengebieten des öffentlichen Lebens zu holen, seitdem durch ein sicherlich nicht zufälliges Zusammentreffen die Welt des Börsenspiels die Zielscheibe der sozialen Kritik geworden ist, ist auch der deutsche Börsenmann zu der Ehre eines — wie die Engländer sagen — „öffentlichen Charakters" gelangt. Im ganzen gilt er für ungemein gewandt und für einen ausgemachten Baissier. Es ist etwas Wahres an beidem. Eine Charakterstudie, welche den Börsenspieler der verschiedenen Länder zu ihrem Gegenstande nähme, würde eines Führers durch Europa — wenn dieser einst als Fortsetzung des Führers durch Paris erscheinen soll — würdig sein. Haben die Deutscheu auf diesem so viel geschmähten und so viel umworbenen Gebiete den Zeitungsschreibern und Sittenpredigern ihren Beitrag an Stoff geliefert, so giebt es doch noch manch anderes Feld des nationalen Lebens, auf dem sie sich einen weit größeren Anteil an dem wahren Verdienst und dem schönsten Ruhme zugeeignet haben. Im Studium der altfranzösischen Sprache und Litteratur sind sie in gewissem Grade sogar die Vorläufer der Franzosen selbst gewesen, was sich aus der ganz besonderen Beanlagung des deutschen Gehirns für philologische Arbeit jeglicher Art erklärt. Die jüngste der Wissenschaften, die Sprachwissenschaft, ist eine deutsche Schöpfung. Sobald dieselbe entdeckt hatte, daß alle Sprachen Schwestern seien, — 253 — zauderte sie nicht, ihre Entdeckung praktisch zu verwerten, und sie hat es darin jener anderen so lange schon anerkannten und weniger denn je geübten Theorie, daß alle Menschen Brüder seien, gar sehr zuvorgethan. Die deutsche Gelehrsamkeit hat sich ebenso liebevoll in das Studinm der französischen Sprache versenkt, wie sie sich dem Kultus der eigenen weiht, auch die ganze französische Litteratur der vergangenen Jahrhunderte erforscht und erläutert. Gleichwie Schiller nnd Goethe es nicht verschmähten, Racine, Voltaire zu übersetzen, so stiegen auch Schlegel und Uhland bis zu den tiefen Wurzeln der französischen Litteratur hinab. Die Fabliaux und Romans sind das Ziel eingehendsten Studiums gewesen. Noch heute gilt ein Deutscher, Diez, in Bezug auf proven^alische Sprache und Poesie und alles, was für die Zeit der Troubadours charakteristisch ist, überall als erste Autorität. Ein anderer Gelehrter, Brinckmeier, hat diese Studien in einem Werk „Die provenyalischen Troubadours, ihre Sprache, ihre soziale Stellung, ihr Leben und ihr Einfluß" fortgesetzt. Eine unter Lemckes Leitung in Leipzig erscheinende periodische Sammelschrift beschäftigt sich ausschließlich mit romanischer und englischer Sprache. Männer, die unter Deutschlands Dichtern und Schriftstellern einen hohe» Rang einnehmen, haben die proven?alischen und bretonischen Dichtungen übersetzt; wir nennen nur Schack, Paul Heyse, Hartmann und Pfau. — Zu guterletzt dürfen wir auch die stetige, starke Teilnahme der Deutschen an den Forschungen orientalischer Philologie in Frankreich nicht mit Stillschweigen übergehen; welch glänzenden Anteil an diesen stellen nicht in Paris die Namen Mohl, Oppert, Munk, Derenbonrg dar! Steigen wir von jenen Höhen der Wissenschaft in das Reich der Tageslitteratur herab, so finden wir hier ebenfalls eine beträchtliche Anzahl Deutscher als Mitarbeiter an — 254 — französischen Zeitschriften. So sehr auch diese Beiträge an Bedeutung hinter der vorerwähnten Thätigkeit zurückstehen, so gewähren sie doch den Deutschen gute Gelegenheit, auch ihrerseits auf die Bildung des Volksgeistes einzuwirken, wie ihnen das gleichermaßen durch ihre zahlreiche Beteiligung am Lehramt vergönnt ist. Der Volksgeist aber — und dies sei zu seinem Ruhme gesagt — kümmert sich um Stammesunterschiede nicht, wenn sie sich nur in seine Art zu schicken wissen. Nur wenigen wird es bekannt sein, daß die beiden größten französische» Preise iu den letzten Jahren Deutschen zugefallen sind. Der Preis für dasjenige wissenschaftliche Werk, welches Frankreich die meisten Ehren eintrüge, wurde, nachdem ihn zuerst Thiers erhalten, im darauffolgenden Jahre Oppert zugesprochen, dem Erklärer der Keilschrift, einem unverfälschten Deutschen. Ebenso ging es mit dem Preise, welchen Ruhmkorff für die sinnreichste und nützlichste Verwendung der Elektrizität errang. Niemand hat diese merkwürdige Erscheinung beachtet, noch macht sich jemand eine Vorstellung davon, wieviele deutsche Federn zur Litteratur der Zeitungen und Zeitschriften beisteuern. Aller- höchstens kennt man noch Albert Wolf, den Ritter von der streitbaren Plauderei, der seine Waffe so gewandt und spottlustig zu schwingen versteht, daß man fast versucht sein könnte, an der Existenz der nach allgemeiner Übereinkunft „Gallischer Geist" genannten Spezialität zu zweifeln. Wir wollen von keiner Seite um die nationalen Verschiedenheiten klagen, die in solcher Weise unbemerkt bleiben. Dieser Vorgang ist das ehrenvollste Zeugnis für beide Teile und deutet auf eiue der schönsten Tugenden des französischen Volkes hin. Kein anderes Volk der Welt beweist dem Fremden in gleichem Maße jene Gastlichkeit des Herzens, jene naive Güte, deren höchstes Verdienst darin besteht, daß sie sich selbst nicht kennt. — 255 — In manchem deutschen Fürstentum stößt ein Schuhmacher aus dem benachbarten Herzogtum bei seiner Ansiedelung auf mehr Schwierigkeiten als ein deutscher Gelehrter, der nach einer Professur an der Hnivsrsits ds Kranes strebt, deren findet. Die Natur hat dem Menschen Eigenliebe jeder Art eingepflanzt; die aber, mit welcher der französische Charakter erwiesenermaßen ausgestattet ist, ist wenigstens von jener guten Sorte, die mehr gute als schlechte Eigenschaften hervorbringt. Durch ganze Generationen hat dieses Volk derartig der felsenfesten Überzeugung von seiner allumfassenden Überlegenheit gelebt, daß der Gedanke, den Fremden als einen Eindringling mit Eifersucht zu verfolgen, ihm niemals auch nur in den Sinn kam; im Gegenteil schien es ihm immer nur natürlich, daß die anderen zu ihm kämen, um sich bei ihm zu unterrichten, zu bereichern, zu zerstreuen. Alle Fremden waren ihm Franzosen in sxs, berufen, ihren Anteil am Glücke der Nation entgegenzunehmen, sobald ihre Stunde gekommen wäre. Im Grunde war dies einer der Gedanken der Revolution, dies die Bedeutung des Bürgerrechts, das sie Klopstock und Schiller zuerkannte. Diese Anschauungen sind gegenwärtig im Verschwinden begriffen. Manches Unglück hat dem Lande Bescheidenheit gepredigt, und man ist seiner selbst nicht mehr sicher genug, um den Fremden Bürgerkronen anzubieten. Um so mehr sollten diese den Vorzügen des französischen Volkes Gerechtigkeit widerfahren lasten. Zu den lieblichsten derselben gehört gerade jene herzliche, ja mit wahrer Lust dargebrachte Gefälligkeit gegen alle, die den Fuß auf seine gastliche Erde setzen. Solchen Empfang bereitet dem Ausländer nicht wie anderswo eine wohlüberlegte Gerechtigkeit, vielmehr entspringt er schon aus der so gutmütigen wie anmutigen Sinnesart des liebenswürdigsten Volkes der Welt. Vas Neich unö Sie Wissenschaft/) i. A)er der Volksvertretung ein bißchen ins Herz sehen mochte, als sie daran ging, das bis dahin preußische archäologische Institut in Rom zu einer Reichsanstalt zu erheben, würde vermutlich wahrgenommen haben, daß neben dem guten Willen für den Selbstzweck der Wissenschaft und für die Ehrenstellung der Nation noch zwei Motive negativer Natur bei vielen mitthätig waren. Man freut sich nämlich, andern Strömungen dienen zu können als solchen, welche die Menschheit heutzutag unwiderstehlich fortreißen; altmodisch zu reden, einmal andern Göttern zu opfern als dem Mars und Mercur, welche zusammen die zwei Seiten der realistischen Macht darstellen. Beide, so fühlt man, muß man gewähren lassen, und wer einmal eine historisch unvermeidliche Richtung begreift, der kann auch nicht mehr bei der Resignation stehen bleiben, sondern muß sich zum Beifall erheben. Bei der Kriegsmacht füllt dies den meisten nicht zu schwer. Aber auch den heiligen Golddurst als vollberechtigt walten zu lassen, das kostet manchen Stoßseufzer, *) AuZ den Beilagen der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 17. bis 22. Juli 1872. — 257 — der sich aus dem Zustand der Geister vollkommen rechtfertigt. Trotzdem nämlich, daß die Theorien von der Gütererzeugung stets und überall besprochen werden, finden sie bei ihrer Neuheit in den meisten Köpfen noch einen ganz unvorbereiteten Boden, und die landläufig gewordenen Stichwörter werden nicht halbwegs verstanden. Die einfache Wahrheit, daß es in der Natur keine reine Hervorbringung giebt, sondern nur eine Versetzung von Stoffen, ist den wenigsten bewußt, und sie betrachten daher alles, was nicht Stoff oder Form zu schaffen scheint als ein parasitisches Thun. Daher übersehen sie die befruchtende und schöpferische Macht des Geldes, welches das behendeste Vehikel der Stoffversetzung ist. Zwischen den beiden Extremen, einmal in dem Geld allein den Reichtum zu sehen und ein andermal nur dessen falschen Schein, schwankt seit Jahrhunderten die populäre Anschauung auch der Negierungen hin und her; ja diese beiden falschen Extreme sind nicht selten in demselben Gehirn und System nebeneinander angenistet. In einer und derselben Periode sahen wir die Wirtschaftspolitik der Staaten beiden Extremen huldigen, die Ausfuhr des Geldes als des höchsten Gutes behindern, und den Handel, um dessentwilleu allein das Geld da ist, als etwas in sich Unproduktives geringschätzen. Was gerade am meisten einer Epoche not thut, daher mit Urgewalt in ihr sich Bahn bricht und eben deshalb den schnellsten, d. h. üppigsten Lohn abwirft, das erscheint der ersten Auffassung immer als verdächtig, als Raub am Gemeinwesen; und die, welche nicht Beruf, Lust oder Geschick haben, mit dem neu hereinbrechenden Strom zu schwimmen, erscheinen sich als die Tugendhaften und Zurückgesetzten. In der Blütezeit des zweiten Empire, welches gern zu dem höchsten Luxus des Genießens auch den Luxus der Tugend sich zulegen mochte, schrieb ein talentvoller Staatsanwalt, Oscar de Lavallee, Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. -<>? — 258 — ein Buch „I^ss ro.g.nisrii's ä'arAsnt", welches die Scheinkünste der Geldleute ins Licht setzen sollte und wie Augiers Börsenstücke vom Kaiser mit Lob ausgezeichnet wurde. Die produktive Rolle der heutigen Geldwirtschaft wird erst richtig gewürdigt werden, wenn sie über die Periode der Neuheit hinaus und dadurch auch dem Niveau der allgemeinen Ge- winnabwerfung wird näher gebracht sein. Vorerst aber ist es vergeblich, der Zeit voraneilen zu wollen, und es ist nicht mehr als eine gerechte Kompensation, daß die Geschäftszweige, welche ihrem neuen Aufschwung unverhältnismäßige Vorteile verdanken, auch einen Teil Haß und Verachtung mit in den Kauf nehmen müssen. Ein zweites hängt innig damit zusammen. Die Kunst, Geld mit Geld zu verdienen, ist, weil sie ihrer Natur nach auf der geradesten Linie operiert, auch dazu angethan, ihren Mann im geschwindesten Tempo aus dem Staub emporzuwirbeln, und wenn sie bei den Kombinationen des einen die feinste Fühlung aller in einander greifenden Weltverhältnisse zum Gelingen voraussetzt, so genügt ihr oft beim andern der rohe, schnell zu erwerbende Instinkt der sogenannten Spekulation. Die letztere Art giebt hohle Emporkömmlinge, ohne Bildung, mit Eitelkeit, Prunk- und Genußsucht, und so wird zugleich mit der Antipathie gegen das Handwerk die Antipathie gegen die Handwerker herausgefordert. Die Bank- und Industrie- Herren der Gegenwart werden sich in der Geschichte einst weniger stattlich ausnehmen, als die Medici und Strozzi, die Fugger, Welser, Volkamer, Hirsvogel, Viati, Peller, Holzschuher des 15. und 16. Jahrhunderts, obwohl vielleicht auch hier etliche optische Täuschung mit unterläuft. Die Deutschen gelten sich selbst und andern für das bestunterrichtete Volk der Welt. Ich möchte nicht mißverstanden sein, wenn ich hier einen Vorbehalt im Punkte des Kaufmannstandes einschalte, der in seinem besonderen Be- — 259 — ruf ohne Zweifel an Tüchtigkeit und Unternehmungsgeist dem aller anderen Nationen vorgeht. Über die Rührigkeit, Intelligenz und Ausdauer, welche der deutsche Kaufmann in die Fremde bis in die entferntesten Zonen trägt, als Prinzipal wie als Kommis und Handlungsreisender, ist nicht Erstaunliches genug zu sagen. Da steht er ganz unerreicht da. Nur im Punkte der sogenannten klassischen Bildung und der Berührung überhaupt stehen die Kaufleute Englands und Frankreichs ihrer gelehrten Welt im ganzen näher. Das kommt allerdings zum Teil daher, daß die Gelehrten selbst in beiden letztgenannten Ländern der Welt und insbesondere den reichen Klassen der Heimat näher stehen als bei uns — ein Unterschied gegen deutsche Zustände, der früher noch viel stärker ausgeprägt war, und diesseits im Abnehmen begriffen ist. Die meisten dieser Erscheinungen hängen mehr oder weniger mit unserem Vermögensrückstand, verglichen mit dem jener beiden anderen Nationen, zusammen. An diesen knüpft sich unter anderm der altüberkommene Mißbrauch, daß während der Lehrzeit die jungen Leute viele Jahre hindurch umsonst arbeiten, ja manchmal für die Erlaubnis, als Lehrlinge zu arbeiten, dem Prinzipal zahlen müssen. Letztere Unsitte verliert sich nachderhand, aber das erstere bildet noch die Regel, während in England der kleinste Junge, vom Tage seines Eintritts an, Gehalt bezieht, und in Frankreich meist nach dem ersten Jahr. Daher kommt es, daß die Knaben bei uns früher aus der Schule genommen werden. Deutschland ist auch speziell das Land der „Realschulen", ein Gattungsbegriff, den man anderwärts nicht kennt. Ein Versuch, den ein französischer Unterrichtsminister (Fortoul) machte, die Schüler der höheren Anstalten von den mittleren Klassen an nach der wissenschaftlichen und der realistischen Laufbahn „bifurkieren" zu lassen, kam nicht auf, und im 17* — 260 — Durchschnitt bildet die klassische Erziehung des Kaufmanns, wie bei uns die Ausnahme, so in England und Frankreich die Regel. Über die Zweckmäßigkeit soll hier nicht gestritten werden, die Thatsache an sich spielt aber eine Rolle in der Gesamterscheinung, welche als um sich greifender, verflachender Materialismus in Deutschland beunruhigt. Zu einem gewissen Grad entspringt eine ausgleichende Wirkung aus der Tendenz, welche die individuellen Geschäfte zu unpersönlichen Gesellschaften umbildet; denn diese ziehen durch den Bedarf nach höheren Verwaltungskräften eine Anzahl studierter Juristen oder Kameralisten in das Kaufmannsfach herüber. Das ideale Bedürfnis des höheren Mittelstandes wurde bei uns sonst beinahe ausschließlich durch die Musik befriedigt; diese sinnlichste der Künste eignet sich auch am besten dazu, die größten Massen in den Kreis des ästhetischen Lebens zu ziehen, schon ihrer Wohlfeilheit wegen. Es ist eine überall zu verfolgende Erscheinung, daß die Malerei zu ihrer Hegung mehr des Geldes bedarf. In Italien, in Süddeutschland, in Flandern, in Holland, in den letzten Decennien in Frankreich, erblühte die Malerei unter der Gunst der sich anhäufenden Reichtümer. Wo die Geschäfte und namentlich wo die Börsen florieren wächst die Bilderliebhaberei. Man frage die deutschen Maler nach dem Verbrauch und den Preisen, die vor zehn Jahren noch in Wien und Berlin maßgebend waren, verglichen mit den heutigen. Die gelderwerbenden Klassen haben eine besondere Neigung, sich auf das Gemäldesammeln zu werfen. Das Bild ist nicht wie die Musik ein im Moment des Genusses verfliegendes Produkt, es ist körperlich bleibend, faßbar. Das ist schon eines. Das zweite ist, daß in dem Luxus der Gemälde jede noch so große Summe Platz findet. Und ist diese Geschmacksrichtung einmal Mode, so wird zum Überfluß das Geschäft des — 261 — Sammelns auch als Geschäft nicht schlecht; in glücklicher Hand repräsentiert der steigende Marktwert guter Bilder mehr als den Zinsverlust des toten Kapitals. Endlich eignet sich das Ding zum Schmuck und zur Schaustellung zugleich; ein bekannter, eingerahmter Name wirkt, ohne an Schönheitseffekt einzubüßen, nebenher auch als eingerahmtes Bankbillet. Ein Engländer machte sich die Sache einfacher, indem er, statt einer Galerie, die einzige im Betrag von 10 000 Pf. St. ausgegebene Note der Bank von England in seinem Salon unter Glas an die Wand hängte. Bei der Wechselwirkung zwischen der Finanzwelt und dem Atelier gereicht es zur Beruhigung, daß letzteres nicht viel Gefahr läuft, sich von ersterer falsche Geschmacksrichtungen einflößen zu lassen. Höchstens wird einmal etwas Extravaganz oder Manier ermutigt; aber im ganzen haben die Maler eine gesunde Verachtung für ihr reiches Publikum und fühlen sich ihm gegenüber zur Geschmacksdiktatur verpflichtet, und der wachsende Luxus, der vielfach den musikalischen Geschmack verdirbt, läutert den der Malerei. Ihr kommt eben zu gute, daß sie nicht vor großen versammelten Massen auf einmal einschlägt und nicht auf händeklatschenden Applaus angewiesen ist. Die Versuchung zur Abirrung ins Triviale, ins Nebensächliche, ins Gemeine, bleibt ihr dadurch ferne, und während Ballet, Cancan, elektrisches Licht und andere zum Teil höhere Blendwerke der Jnscenierung und Instrumentation sich der Oper bemächtigten, vertiefte und vereinfachte sich die Richtung der Malerei, welche das flache Pfeifenkopf-Genre und die kaum weniger flache Behandlung historischer Theatergruppen links liegen ließ. Dagegen sind wir allerdings auch bedroht, in dem Punkte der geist- und verstandlosen Kuriositätensammelei in die französischen Fußstapfen zu treten. Die schnelle Anhäufung von Reichtümern, welche auch im Luxus stets nach einem dem Zufluß ent- — 262 — sprechenden Abzugskanal sucht, läuft dieser Mode nach, weil sie ebenfalls Gelegenheit bietet, unbeschränkte Summen auf Gegenstände der Schaustellung zu verwenden, welche (vorläufig wenigstens) bleibenden Wert repräsentieren, und weil sie dabei dem Besitzer die Mitgliedschaft in einer Art Freimaurerei des guten Tons gewährt, welche sich auf das tüftelige Kunstverständnis an allen Gickchen und Gackchen japanischer, chinesischer und anderer Spielzeuge was zu gute thut. Dagegen siehts noch immer nicht aus, als wollten sich unsere Reichen auch im Bücherkaufen die Franzosen und Engländer zum Muster nehmen, während namentlich unter dem Einfluß der Wiener Gesellschaft, in welcher das Kavaliertum mit der Finanzwelt am innigsten verschwistert ist, die Sucht nach Adelsdiplomen und anderem derartigen läppischem Quark ihre Komik mit wachsendem Ernste weiter treibt. Man sollte denken, der Mißbrauch mit diesen angeblichen Auszeichnungen biete durch die numerische Vermehrung der Ausgezeichneten das beste Gegengift. Allein dem ist nicht so, wie an dem Beispiel der französischen Ehrenlegion am besten zu erkennen ist. Trotzdem, wie jüngst ein Franzose bemerkte, daß durch die unter der Republik aufs höchste gesteigerte Verschwendung des roten Bandes die eine Hälfte der Nation der andern Hälfte zur Bewunderung vorgeführt wird, wachsen die Bittgesuche der strammen Republikaner nach dem auszeichnenden Kreuz in hundertfachem Verhältnis zu den Spendierungen desselben. Nicht dekoriert zu sein setzt in der Gesellschaft beinahe dem Verdacht aus, unter dem Niveau der gemeinen Ehrenhaftigkeit zu stehen. So muß nach Wiener Vorstellungen ein respektabler Finanzmann ebenso bald den bürgerlichen Schimpf abstreifen,*) wie nach preußischer Hofsitte ein General. *) Ach, sagte vor einigen Jahren der Baron B. zum Baron A. auf der Wiener Börse, mir ist das Pläsier an meinem Adel verdorben, seit- Dank dem langen Arm, welchen die Börse über die Presse ausstreckt, finden diese Thorheiten nicht einmal bei unseren Juvenalen die wünschenswerte Behandlung. Ist nun im großen und ganzen bei all dem nicht zu leuguen, daß Vermehrung des Nationalreichtums unerläßlich ist zur Hebuug der allgemeinen Geisteshöhe, so versteht man doch nur zu gut, wie das an sich günstige Wachstum in Form von Nebenprodukten allerlei Beunruhigendes und Widerwärtiges ansetzen mag. Es sind auch nicht bloß die uxxsr tsu ttiou8Äii6, die oberen Zehntausend, welche solchen Stoff liefern. Die Jagd nach Erwerb geht durch die Umstände heutzutage noch öfter aus einer Notwendigkeit, als aus eiuer bloßen Sucht hervor, und muß entgeistigend auf Lebenskreise wirken, denen zwar nicht der Idealismus der Armut zu wünschen ist, die aber ohne eine Dosis Idealismus des Strebens nicht gedeihen können. II. Die hier vorausgeschickten Betrachtungen haben mit einem römischen und griechischen Institut für Altertumsforschung scheinbar wenig zu thun. Und doch wirkten sie als mehr oder weniger bewußte Motive auf die freudige Bereitwilligkeit, welche der Reichstag diesen Anstalten entgegentrug. Es klingt ja etwas komisch, wenn ein Redner zu verstehen giebt: man müsse zehn- oder zwanzigtausend Thaler jährlich aussetzen, um die realistische Richtung des Zeitalters zu bekämpfen. Aber es ist ein ernster Sinn in dem Wort, und gerade die Bescheidenheit der gebotenen Mittel hat auch ihren tieferen Grund. Bei einigem Nachdem man den C. auch geadelt hat. Mir, erwiderte der Angeredete, macht der meinige schon keinen Spaß mehr, seitdem Sie Baron geworden sind. — 264 — denken stellt sich bald heraus, daß es der Volksvertretung zwar willkommen sein muß, dem wissenschaftlichen Geiste der Nation mit einer Darlegung ihres guten Willens zu huldigen, daß sie aber sehr wohl zaudern darf über der Wahl richtiger Methode zur Protektion der Gelehrsamkeit. Fühlt auf der einen Seite das deutsche Volk, daß es dem reinen und gründlichen Forschergeist seiner Gelehrten zum größten Dank verpflichtet ist für deren tiefeingreifenden Anteil an seiner eigenen inneren und äußeren Entwicklung, daß es ihnen daher im eigensten Interesse jedwede Förderung schuldet, so drängt sich nicht minder von der anderen Seite der Gedanke aus: daß die schöne und reiche Entfaltung des deutschen Forscherfleißes vor allem der stillen, frommen, hingebenden Arbeit des einzelnen entsprossen ist; daß gerade die keusche, unverdrossene, nur sich selbst lebende Liebe zur Sache dem deutschen Studium seinen schönsten Charakterzug gesichert hat, und daß es gilt, sich zweimal zu besinnen ehe man mit offizieller Gunst den stillen Arbeiter in den vier Wänden seiner beschaulichen Zelle heimsucht. Glücklicherweise sind wir noch nicht in Gefahr, dem perennierenden Lorbeer- und Weihrauchsaustausch der Akademien und anderer auf Gegenseitigkeit beruhender Lobesassekuranz- anstalten zu verfallen; glücklicherweise sind so abgeschmackte Komödien, wie die jüngste Preisausteilung am Schlüsse der Pariser Kunstausstellung bei uns nicht denkbar. Selbst mit Kindern, geschweige denn mit erwachsenen Künstlern, würde man nicht diese ekelhaft affektierte Verzückung aufführen, daß bei Überreichung eines Ordens oder einer Medaille der Minister den Empfänger an seine Brust drückt und abschmatzt und das im Anblick schwelgende Publikum zu der theatralischen Rührscene auch theatralisch Bravo klatscht. Bewahre uns der Himmel vor solcher Affenliebe zu Kunst und Wissenschaft, und hüte sich ein jeglicher, uns — 265 — in diese Bahnen zu drängen! Verfänglich ist selbst die an sich verteidigbare Redewendung, daß die Nation um ihrer eigenen Ehre willen die Wissenschaft unterstützen müsse. Je weniger in diesen Dingen die Rede ist von allem was nach dem „Marsch an der Spitze der Zivilisation" klingen könnte, desto besser! Nicht Ruhmestempel zur preiskrönenden Ermunterung, sondern Arbeitsstätten und Arbeitsmittel soll das Gemeinwesen dem Gelehrtentum widmen, und nur da, wo sichtbar die individuellen Hilfsquellen der Aufgabe nicht gewachsen sind. Am besten kennzeichnet sich der Fall da, wo aus der freien und stillen Arbeit der einzelnen allmählich ein solcher Unterbau entstanden ist, daß die Fortführung Mächtigeres heischt als was Einzelkräfte leisten können. Das genau ist der Gang der Dinge in der Geschichte unseres archäologischen Instituts zu Rom gewesen. Im Jahr 1829 gründeten einige Gelehrte im Bunde mit Gönnern der Wissenschaft zu Rom diese Gesellschaft. Der wahre Schöpfer und die Seele des Ganzen war der gelehrte Gerhard; die weltliche Leitung, so zu sagen, kam in die Hände des Herrn v. Bunsen, des langjährigen Preußischen Gesandten in Rom (später in London). Neben ihnen figurierten bei der Stiftung unter andern noch Welcker und Thorwaldsen. Auch Engländer und Franzosen beteiligten sich an der Schöpfung, von letzteren in erster Reihe der Herzog von Blacas, einer der höchstgestellten jener Aristokraten, die in Frankreich wie in England so viel mehr für Wissenschaft und Kunst leben als unser beinahe ausschließlich für die Uniform dressierter Adel.*) Auch der Herzog v. Luynes, einem der ältesten und reichsten Ge- *) Dagegen hat Österreich drei hervorragende Dichter aus der Aristokratie in unserer Zeit aufzuweisen. — 266 — schlechter Frankreichs angehörend, trat später zu. Es war die harmlose Zeit, da die politische Nichtigkeit Deutschlands seinen Gelehrten die zutrauliche Anerkennung ihrer nachbarlichen Gönner und Mitarbeiter in vollem Maß sicherte. Drei Sektionen sollten die hauptsächliche Mitarbeiterschaft der verschiedenen Gelehrtenkreise gruppieren: eine deutsche, eine italienische und eine französische. Das Institut stellte sich bald nach seinem Entstehen unter den Schutz des damaligen Kronprinzen, nachmaligen Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm IV. Alle unsere hervorragenden Altertumsforscher haben selbstredend innige Beziehungen zu diesem Mittelpunkte der Archäologie gepflegt. Nennen wir außer den bereits erwähnten als eifrige Förderer nur noch: Otfried Müller, Böckh, A. W. v. Schlegel, Lepsius, Mommsen, Meineke, Curtius. Die Hauptthätigkeit für die Festigung und Erweiterung der Anstalt ging von dem dazu am besten situierten und eifrigst gesinnten Herrn v. Bunsen aus, der sie auch unter Dach und Fach brachte. Das tarpejische Haus nämlich, an der Stelle gelegen wo früher, sagt man, der verhängnisvolle Felsen gestanden, dicht am Forum und, wie sprichwörtlich bekannt, am Kapital, wurde der Sitz der Gesellschaft, welche sich an das hier ursprünglich von Bunsen gegründete evangelisch-deutsche Hospital anbaute (1835 bis 1838). Das Institut war ursprünglich darauf angelegt, nachdem einmal seine Gründungskosten von den Interessenten bestritten worden, sich selbst durch den Vertrieb der von ihm veröffentlichten Werke zu erhalten. Auch leistet bis auf den heutigen Tag der Erlös dieser Arbeiten noch einen wesentlichen Zuschuß zu dem Budget der Anstalt. Nur war dieselbe bereits im Jahr 1843 so ansehnlich und umfassend geworden, daß dieser Einnahmeposten allein nicht mehr zur Ausgleichung der Bilanz hinreichte und eine gewisse Schuldenlast aufgelaufen war. Um dieser peinlichen — 267 — Lage ein Ende zu machen, wnrde das gesamte Institut mit seinem Anwesen der Krone Preußen übertragen, welche auch die Schulden tilgte. Die Substituierung ging um so leichter von statten, als neben dem tarpejischen Haus in dem Palast Caffarelli die preußische Gesandtschaft am päpstlichen Hofe seit Jahren zur Miete wohnte. Dieser Palast selbst ward im Jahr 1854 von Friedrich Wilhelm IV. angekauft. Er liegt auf dem Gipfel des Kapitols, an der merkwürdigsten, sichtbarsten und sehenswertesten Stelle des alten und neuen Rom, gewissermaßen im Nabelpunkt der alten und mittelalterlichen Welt. Bis vor wenigen Monaten wohnte da Graf Arnim als Vertreter der preußischen Monarchie beim Oberhaupte der katholischen Christenheit. Seitdem das italienische Königreich mit Victor Emanuel infolge der Schlacht von Sedan seinen Einzug in die ewige Stadt gehalten, war der ihm nachfolgende Preußische und deutsche Gesandte Graf Brassier v. Saint-Simon, in Ermangelung einer besseren Niederlassung in der überfüllten Stadt, gezwungen, ein notdürftiges Unterkommen in einem Gasthofe zu suchen, bis ihm schließlich in neuester Zeit der Palast Caffarelli eingeräumt werden konnte, welcher für den vorerst beim Papst das Reich vertretenden Lieutenant Stumm (norosn amen) nicht in Anspruch genommen wird. So residiert jetzt da, wo sonst der Gesandte des Königs von Preußen bei dem heiligen Vater zu wohnen Pflegte, der Gesandte des Deutschen Kaisers beim König von Italien, und zwar ans der Stelle, welche die Macht und Herrlichkeit des alten Rom versinnlicht. Ein interessantes Stück lokalisierten Geschichtsumschwunges! Es darf vielleicht neben dieser großen Signatur der Zeit noch als ein bedeutsames Zusammentreffen berührt werden, daß die Erneuerung der revidierten Statuten des Instituts ausgefertigt ist mit der Unterschrift: „Hauptquartier Versailles, den 2. März 1871, gez. Wilhelm". — 268 — Nach dem Text genannter Statuten hat das „Institut für archäologische Korrespondenz" (so lautet der offizielle Titel) zum Zweck: „auf dem Gebiete der Archäologie und den verwandten Gebieten der Philologie die Beziehungeil zwischen den Heimatländern alter Kunst und Wissenschaft und der gelehrten Forschung zu beleben und zu regeln, und die neu aufgefundenen Denkmäler der griechischen und römischen Epoche in rascher und genügender Weise zu veröffentlichen." Das Institut ist bis heut eine königlich preußische Anstalt, zwar der Form nach unter der obersten Leitung der Berliner Akademie (philosophisch-historische Klasse), in der That aber mit seiner Eigenthätigkeit in Rom, wo zwei Sekretäre, unterstützt von zwei Assistenten (Stipendiaten) der wesentlichen Führung der Geschäfte obliegen. Diese Geschäfte konzentrieren sich zunächst auf Betreibung und Verfolgung solcher Arbeiten, durch welche die sichtbaren Spuren der Lebensäußerung der Völker von Rom und Griechenland zu Tage gefördert und verwertet werden. Das Institut hat seinen Korrespondenten in jeder kleinen Stadt, man könnte sagen in jedem Dorf Italiens,*) erhält und verbreitet die Kunde von jedem neuen Funde. Die Ergebnisse seiner Forschung bringt es zunächst auf zweifachem Weg in die Öffentlichkeit. Monatlich erscheint ein Heft „Lullsttirio äsAli ^ims-li Instituts", außerdem giebt es jährlich zwölf Tafelu „Nonvunsiiti insäiti dsll' In- stituto" mit einem Textband, „^.imali". Hauptgegenstand der Darstellung und Behandlung sind die Fünde der Ausgrabungen, soweit sie sich auf die Kunst, die Topographie und die Epigraphik beziehen. Diese Publi- *) Rede des Professors Dr. Forchhammer im preußischen Abgeordnetenhaus am 25. Januar 1868. Man vergleiche auch den Aufsatz von Gustav Floerke, in Nr. 24 der „Gegenwart" von 1872 und die daselbst erwähnte Jubiläumsschrift von Gerhard. — 269 — kationen werden buchhändlerisch Vertrieben und sind für die ganze Welt eine der höchstgeschätzten Hülssquellen der Altertumsforschung geworden. Nicht minder wichtig aber ist das Institut als Mittelpunkt des Lebens und als lebendiger Anhaltspunkt der gelehrten Tradition für die zahlreichen Deutschen, welche solcher Studien halber nach Rom kommen. Je mehr die Wissenschaft sich vertieft, desto mehr ist sie genötigt, in die kleinsten Einzelheiten sich einzugraben, Spezialitäten des Studiums zu schaffen, und in demselben Maße steigert sich die Forderung, den Zusammenhang zwischen den einzelnen, das geistige Band, zu sichern. Ebenso können die Früchte der einzelnen Anstrengungen nur erhalten und vervielfacht werden, wenn auch der Zeit nach das Ineinandergreifen und Fortführen verbürgt ist. Daraus erhellt, wie unentbehrlich und segensreich ein lebendiger ununterbrochen rotierender Mittelpunkt am Hauptsitze dieser Studien sein muß. Das Institut, seine Beamten und seine Bibliothek sind nicht bloß der Herd der Thätigkeit, um welchen sich die Jünger sammeln, sondern es ist jenes recht eigentlich die Herberge für — man erlaube den Ausdruck — die wandernden Gesellen des archäologischen Handwerkes. Das alte baufällige Haus bietet in dem unwirtbaren Schmutznetze, zu dem die Pfaffenherrschaft Rom gemacht hat, unter seinen hohen Dachfirsten den zuwandernden Jüngern, zu den unseren gelehrten Landsleuten zugänglichen bescheidenen Mietpreisen, ein Unterkommen, in dem sie zwar keinen Komfort, aber den Blick auf das Forum, die Kaiserpaläste, das Colosseum vor dem Fenster und weiter hinaus den Gesichtskreis der ganzen Siebenhügelstadt bis zu dem magischen Hintergrunde der Albaner- und Sabinergebirge vor Augeu haben. Zur Regelung und Befruchtung des wissenschaftlichen Verkehrs werden während der Wintermonate einmal wöchentlich Vorträge gehalten, außerdem zwei feier- — 270 — liche Versammlungen, am sogenannten Winckelmannstage (8. Dezember) und am sogenannten Jahrestage der Gründung Roms (21. April). Endlich werden noch die Aspiranten und Freunde der Altertumswissenschaft von den angesessenen Meistern des Instituts von Zeit zu Zeit, an Ort und Stelle der öffentlichen Sammlungen, Museen, Galerien und dergl. umhergeführt, und durch unmittelbare Anschauung und Auslegung belehrt. („Periegesis".) Die in Rom leitenden Sekretäre sind im Augenblick Professor Dr. Henzen und Dr. Helbig, und die Berliner Zentraldirektion wird gebildet von Curtius, Haupt, Lepsius, Mommsen, Abeken und Hercher. Alle die unschätzbaren Leistungen, welche teils von diesem Institut ausgegangen, teils im engsten Zusammenhang mit demselben möglich geworden sind, haben von Seiten der preußischen Krone bis jetzt mit der geringen Subvention von etwa 6000 Thalern jährlich sich behelfen müsseu. Daneben figurierten noch zwei Stipendiaten mit je 600 Thalern. Die beiden Sekretäre beziehen (wenn ich nicht irre) das für die jetzigen römischen Geldverhältnisse lächerlich ungenügende Gehalt von 1200 und 800 Thalern, die Räume für die Bibliothek, eine Sammlung ganz einziger und unersetzlicher Art, sind, so zu sagen, einsturzdrohend und ganz unfähig, die vorhandenen Werke zu fassen, welche in Kisten auf Speichern und in Kellern einer besseren Zukunft harreu. Höreu wir, wie sich Theodor Mommsen über den Stand der Dinge und die Notwendigkeit der Besserung (in einer privatim an den Schreiber dieser Zeilen gerichteten Notiz) äußert: „Die wissenschaftliche Förderung der Archäologie ist in erster Reihe bedingt durch Zusammenfassung des ungeheuern Materials nach methodisch gesonderten und kritisch gesichteten Gruppen. Die epigraphische Wissenschaft ist zum Leben erwacht von dem Augenblick an, wo die „Oorxora" ins Leben — 271 — traten. Eine Münzwissenschaft haben wir jetzt nicht, weil wir keine entsprechenden Sammelwerke besitzen. Was in der-eigentlichen Archäologie solche Vereinigung leisten kann, hat zuerst Gerhards große Sammlung der etruskischen Spiegel gezeigt. Das Institut hat seit Jahren begriffen, daß es durch Veröffentlichung der wichtigen Novitäten seinen Zweck nur halb erfüllte, daß zusammenfassende Gruppenveröffentlichungen eigentlich erst das wahre Fundament seiner Arbeiten zu schaffen haben. Soweit seine Mittel reichten, hat es dergleichen ins Leben gerufen; fast der gesamte Reservefonds ist dafür verwendet oder präliminiert. Von den etruskischen kleinen Sarkophagen, den sogenannten Alabaster-Urnen, ist der erste Band, 100 Tafeln umfassend, auf Kosten des Instituts von Professor Brunn in München hergestellt worden, der zweite Band in der Herstellung begriffen. Eine ähnliche noch umfassendere Arbeit über die römischen Sarkophage ist dem Dr. Matz in Göttingen vom Institut übertragen. Arbeiten sind reichlich, Arbeitsstoff ist überreichlich vorhanden; Statuen, Vasen, Mosaiken, Stadtanlagen, Architekturreste aller Art erwarten noch ähnliche Fundamentierung; es sind ungeheure Arbeiten noch zu bewältigen, großartige Resultate zu erwarten. Das individuelle Talent kann der Staat nicht schaffen, kaum fördern. Aber die Arbeitmassen, welche der einzelne Forscher nicht bewältigen kann, die durch-sich selbst das individuelle Talent steigern und disciplinieren, kann der Staat herstellen, und er sollte es, wenn nicht aus Ehrgefühl, so doch aus Klugheit. Unsere deutsche Forschung ist in einer gefährlichen Lage. Der Wettstreit der Nationen droht auf diesem Gebiet aufzuhören, und in anderen Richtungen pulsiert das Leben der Nation jetzt so kräftig' daß die früher nicht mit Unrecht gescholtene Hypertrophie der deutschen Wissenschaft leicht in Atrophie sich umwandeln könnte, die denn doch — 272 — wieder auf den ganzen Organismus schwer zurückwirken müßte. Das Institut hat bis jetzt solche Unternehmungen aus den spärlichen und durchaus zufälligen Überschüssen bestreiten müssen, die ihm besonders aus dem Verkauf seiner früheren Veröffentlichungen erwuchsen. Die Arbeit selbst zu bezahlen war das Institut nicht in der Lage; weder Brunn noch Matz haben für ihre Mühe einen Groschen empfangen. Selbst die Vorarbeiten umfassend anzugreifen, insbesondere die nötigen Reisen anzuordnen, gestattete der schmale Kassenbestand oft nicht. Dies könnte und sollte anders werden. Da solcher Unternehmungen eine große Anzahl erforderlich ist, und dieselben füglich und zweckmäßig unter verschiedene Arbeiter verteilt und gleichzeitig durchgeführt werden können, so würden 2000 Thaler jährlich für diese besonderen Zwecke eine sehr bescheidene Summe sein. Dies wird gestatten, nach dem Muster des „Loi-xus Inserixtionrun, latins-rum" den einzelnen Redakteuren mäßige Jahresgehalte auszusetzen, und daneben für Reisen, Zeichnen, Stechen die nötigsten Mittel zu gewähren." Unter der Einwirkung solcher und anderer von verschiedenen Seiten ausgegangener Anregungen war es, daß zunächst die mit der Vorberatung des Budgets für das Reichskanzleramt beauftragte Gruppe der Abgeordneten den Antrag einbrachte: „Den Herrn Reichskanzler aufzufordern, auf die Umwandlung des archäologischen Instituts zu Rom in eine Reichsanstalt mit einer angemessenen Dotierung bei Aufstellung des Haushaltsetats für 1874 Bedacht zu nehmen." Muß nach dem Obigen die „angemessene Dotierung" in erster Linie den von Professor Mommsen als dem kompetentesten Sachverständigen vorgezeichneten Aufgaben entsprechen, so sind damit, auch nach dessen eigenen Angaben, die gerechten Ansprüche noch lange nicht befriedigt. — 273 — Das enge und baufällige Haus muß erneuert und mit Wohnräumen ausgestattet werden, welche den gelehrten Residenten sichere und zweckmäßige Zuflucht bieten — eine Verwendung, die übrigens bei Erhebung einer billigen Miete dem Reiche gestatten wird, auf deu entsprechenden Teil seiner Kosten zn kommen. Besonders aber muß ein genügender Bau für die kostbare Bibliothek aufgerichtet werdeu, welche in letzter Zeit noch ansehnliche Schätze aus dem Nachlaß Otto Jahns und Dr. Partheys teils käuflich, teils als Legat erworben hat, ohne sie unterbringen zu können. Das Interesse der einheitlichen Leitung wie des Zusammenhangs mit der heimischen Pflege wird gebieten, daß der formale Sitz der Oberleitung nach wie vor in Berlin verbleibe. Aber es wird der Erweiterung des Instituts znr Reichsanstalt darin Rechnung zn tragen sein, daß auch andere als Berliner Gelehrte in diese Oberleitung miteinberufen werden. Vor allem muß wohl München Angezogen werden, natürlich unter solchen statutarischen Bestimmungen, daß die auswärtigen Direktoren nicht jeder Sitzung beizuwohnen brauchen, aber jeder beizuwohueu berechtigt sind, und durch Reise-Entschädigung in den Stand gesetzt werden, wenigstens einmal im Jahre zu einer Haupt- sitznng sich uach Berlin zu begeben. Das übrige mag durch Korrespondenz im Gang erhalten werden. Denn wir müssen darauf bedacht sein, über den Vorteilen der Ausdehnung nnd Konzentration unserer Kräfte nicht auch die Vorteile der über ganz Deutschland verbreiteten geistigen Lebensthätigkeit preiszugeben. Das gilt besonders in wissenschaftlichen Dingen. Wir haben an uns und andern genug über Zentralisation und Dezentralisativn gelernt und beobachtet, um zu wisseu, daß in keiner von beiden Methoden einseitig das Heil liegt, sondern daß es aus einer glücklichen Verteilung beider zu erwerben ist. Ludwig Bambcrgcr's Gcs, Cchrlstcn, I. io — 274 — III. Der Reichstag hat sich nicht begnügt, die Übernahme des römischen Instituts zu begehren. Auf Antrag der erwähnten Gruppe und mit derselben Einmütigkeit hat er seinem Beschluß einen zweiten Teil beigefügt, dahin zielend: „die Gründung einer Zweiganstalt dieses (des römischen) Instituts in Athen ins Auge zu fassen und eventuell eine entsprechende Summe dafür in den Haushaltsetat von 1874 aufzunehmen." Schon im preußischen Landtag hatte Prof. Forchhammer 1868 diesen Gegenstand angeregt. Soll überhaupt einmal der Erforschung des klassischen Altertums auf ihrer Weg- bahnuug Beistaud geleistet werden, so bedarf es kaum der Motivierung des Ansinnens, welches auf Griechenland hinweist. Griechenland und Rom verhalten sich wie Original und Kopie. Wäre das Gerhardsche Institut uicht in den Grenzen persönlicher Initiative, sondern nach planmäßiger Absicht entstanden, so hätte es sich gewiß nicht mit Italien begnügt. Aber gerade den Mitteln der einzelnen entsprach die römische Gründung besser. In der ewigen Stadt hat seit den großen Kriegen der alten Republik bis herab auf das jüngste Papsttum die Eroberung, die Weltherrschaft, der Durst nach Reichtum und der Durst nach Genuß und Glanz in Konsuln, Patriziern, Kaisern, Prokonsulu, Päpsteu und Nepoten das Unmögliche aufgeboten, um die Plätze, Paläste, Gärten und Kirchen, kurz die ganze Stadt, zu einem großen Museum der Kunst und Geschichte des Erdkreises herzurichten. Diese Zentralisation machte es auch der Privatthätigkeit möglich, hier mit beschränkten Mitteln unausgesetzt am reichsten Stoff zu arbeiten. Anders sieht es in Griechenland aus. Seitdem Rom seine rauhe und gierige Hand über die zerfallenden Staaten von Hellas aus- — 275 — gestreckt, wanderten die Werke der griechischen Kunst eines nach dem andern ins Abendland hinüber, und während das Papsttum seine Residenz zum Mittelpunkte der christlichen Kultur nnd namentlich der italienischen Kunst erhob, versank das alte Vaterland der Musen in barbarische Verwilderung. Erst die letzten Jahrzehnte haben versucht, die Schuld der Pietät gegen das europäische Mutterland der Bildung abzutragen, nnd die Spuren des Genius daselbst wieder aufzusuchen und zu heiligen. Aber eine arme und verwahrloste Bevölkeruug und das ihr nach der konstitutionellen Schablone verschriebene Regiment, die kaum das eigene Staatswesen am Leben zu erhalten die Mittel besitzen, haben natürlich nichts übrig zur genügenden Unterstützung wissenschaftlicher Unternehmungen. Vereinzelte Anstrengungen opulenter Kunstfreunde (namentlich also englischer) oder unerschrockener Gelehrten haben sporadisch Großes geleistet. Um eine regelmäßige und ineinandergreifende Thätigkeit einzusetzen, mnßte von außen her eine öffentliche Anstalt importiert werden. Das haben die Franzosen gethan. Ihrem nationalen Ehrgeiz gebührt die Anerkennung, daß er, wenn anch in erster Linie ans Kriegsruhm, doch seit lange in zweiter darauf gestellt war, in Kunst und Wissenschaft Lorbeeren zu suchen. Mag die angeborne Eitelkeit ihren Anteil an diesen Liebesmühen im Dienste der Kultur haben, wo Gutes erzielt wird ziemt es nicht, allzu scharf nach den menschlichen Triebfedern zu fragen. Diese höhere Richtung in der französischen Ruhmsucht knüpft wie, trotz allem, so viel Gutes an die erste Revolution an. Die Idee der wissenschaftlichen Mission, welche den General Bonaparte nach Ägypten begleitete, entsprang nicht sowohl seinem Geist (denn er war in seiner Seele ein Barbar) als dem Humanitären Geist, welcher den Anfängen der großen Erhebung zu Grunde lag, und auch in deren Entartung nie ganz verloren ging. 18* — 276 — Jene Expedition und das unter des vielseitigen Monge Direktion in Kairo eingesetzte ägyptische Institut gaben den Anstoß und das Vorbild zu den später von andern Regierungen veranstalteten oder begünstigten Expeditionen. Auch Frankreich war es, das eine wissenschaftliche Anstalt in Griechenland stiftete, aber — dürfen wir wiederum hinzusetzen — angeregt durch den Vorgang des deutschen Instituts zu Rom, welches Graf Salvandy 1846 bei Errichtung der französischen Schule von Athen zunächst vor Augen hatte. Sie ist reich dotiert. Ihr Gesamtbudget beträgt 110,000 Fr. Der Direktor bezieht ein Gehalt von 25,000 Fr., vier Stipendien sind für Philologen, eines ist für einen Naturforscher ausgeworfen. Die Stipendiaten erhalten freie Wohnung im Hanse, jährlich 4000 Franken nnd genießen eine bedeutende Preisermäßigung auf den Dampfbooten der französischen Gesellschaft, welche den Orient befahren. Die Stipendien werden auf zwei bis drei Jahre gewährt; in dem letzten Jahr müssen die jungen Leute Fragen bearbeiten, deren Themata die französische Akademie giebt. Letztere richtete diese Aufgaben bisher so ein, daß daraus eine Reihe von Monographien über den größeren Teil der griechischen Inseln und des Festlandes hervorging. Die Arbeiten erscheinen in den „^.rolrivss äss iriissivns soiöirtiüquss st littki-airss." Die jungen Architekten, welche an der französischen Akademie in Rom studieren, sind verpflichtet, wenigstens drei Monate bei der athenischen Schule zuzubringen nnd den Philologen mit ihren Aufklärungen an die Hand zu gehen. Der Segen der Schule hat sich besonders erwiesen in der Ausbildung der Unternehmungskräfte für größere wissenschaftliche Expeditionen (Macedonien, Bithynien, Galatien, Thracien) nnd für die Jnschriften- sammlungen der Pariser Akademie. Neben den unbestreitbaren Leistungen dieser Anstalt wird als mangelhaft be- — 277 — zeichnet ihr Sinn für die alte Knnst im engeren Sinn und ihr geringer Zusammenhang mit den Studien und Ergebnissen der einheimischen griechischen Gelehrsamkeit. Überhaupt wird geklagt über Mangel au systematischer und geduldiger Beobachtung in fortlausender Pflege, welche für die Archäologie mehr leistet als eine Fülle vereinzelter Hypothesen nnd Kombinationen. Ein ,.Bulletin, äs 1'sools irg.u auf ihren Hut stecken möchten, sind wohl auch in der preußischen Armee auf den Aussterbe-Etat gestellt, und dieser Sorte war übrigens das Verhaßtsein ein Genuß, selbst zu Zeiten, als niemand sie fürchtete. Mit den höheren Studien, auf welche in der Ausbildung unserer Offiziere ein so eminentes Gewicht gelegt wird, und welche aus unserem Generalstab in der That eine gelehrte Körperschaft ersten Grades geschaffen haben, wächst von selbst das humane Bedürfnis, zur übrigen Welt in wechselseitigen Beziehungen des Denkens, Lebens und Wohlwollens zu stehen. Von der andern Seite wirken nicht minder die kriegerischen Erfolge drastisch für die Verbreitung unserer Sprache und Litteratur im Ausland. Es ist erstaunlich, wie seit 1806, — 289 — und noch viel mehr seit 1870, das Studium der deutschen Sprache in fremden Ländern an Jüngern gewonnen hat. Wenn es wahr ist, wie man sagt, daß der preußische Schulmeister die Schlacht von Königgrätz gewonnen hat, so haben umgekehrt die Schlachten von Königgrätz und Sedan auch unzählige Schulmeister gewonnen. Es sei nun mit dem Krieg wie es wolle: nichts imponiert der Menschheit mehr als thatsächliche Überlegenheit, nnd Moltke hat mehr Italienern und Franzosen die Lust uach dem Deutschlernen erweckt als Schiller. Kehren wir aber noch einmal zum eigensten Interesse der Wissenschaft selbst zurück, in welche die hier zur Sprache kommende Sache noch von einer anderen Seite mit Bedeutung eingreift. Mit der Anschauung an Ort und Stelle nämlich hängt der Fortschritt von der trockenen Buchgelehrsamkeit zur lebendigen Anschauung, zur menschlichen Auffassung der Geschichte uud Litteratur der Alten aufs innigste zusammen. Man weiß, wie die Philologie ehedem, namentlich unter dem Einfluß der scholastischen Methode, verknöchert und vertrocknet war; wie in Deutschland noch besonders durch die Dürftigkeit und Kleinseligkeit der ganzen Existenz, daneben im katholischen Deutschland durch die geisttötende, das Gedächtnis mechanisierende Prozedur der Jesuiten, im protestantischen durch das dürre Magister- weseu die Philologie noch mehr als jede andere Wissenschaft zum Urbild der im Bücherstaub erstickten Forschung geworden war. Wir wollen nicht leugnen, daß dieses stupende Grübeln und Haarspalten, dieses grammatische Buchstabeuklauben und ameisenartige Anhänfen von Parallelstellen in seiner Weise die höhere Entwicklungsperiode der Linguistik so vorbereitet und möglich gemacht hat, wie etwa der Zopf-, Lederzeug- und Gamaschen-Kultus früherer und späterer Preußenkönige den Grund zu dem fein organi- Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. i» — 290 — sierten und vollkräftigen Instrument gelegt hat, in welchem Moltkes durchgeistigtes Feldherrngenie den adäquaten Vollzieher seiner Konzeptionen finden konnte. Die Sprachkunde von heute verhält sich zu der von vor hundert Jahren etwa wie die Eisenbahn- und Telegraphen-Bataillone unserer jetzigen Armee zu den steifen Riesengrenadieren Friedrich Wilhelms I.") Aus einem toten Wortkram, einer gelehrten Wachtparaden-Spielerei ist die Philologie die höchste und fruchtbarste Wissenschaft der Natur und des Lebens geworden, eine würdige Schwester der Physiologie, welche in den tiefsten Prozeß der Entwicklung des Menschengeschlechts eindringt und ihm das geheimnisvolle Werden seines eigenen Denkens an dessen unmittelbarer Gestaltung in Laut, Wort und Satz zur Vorstellung bringt. In keinem Zweige modernen Wissens aber sind die Deutschen so unbestrittenerweise die Meister der Welt gewesen und bis auf diesen Tag geblieben, wie eben in dieser Linguistik; das vermag nicht einmal die wahrlich nicht zimperliche Verkleinerungs- sncht der Franzosen zu bestreiten. Jene geniale Kombinierung von historischen, Philologischen uud Philosophischen Vertiefungen, welche das wunderbare Gebilde der heutigen Sprachkunde geschaffen hat, ist die Frucht des deutscheu Jugeuiums in Verbindung mit deutschem Fleiße, und wenn die andern Nationen in den Champollion, De Sacy, Fauriel, *) Auch der allgemeine Wehrdienst sorgte in seiner Weise für die Durchdringung von Leben und Gelehrsamkeit. Die jungen Philologen, welche 187» das Gewehr trugen, waren keine Stubenhocker, und der Reitersmann, welcher den Bericht über Scdan auf Sanskritisch schrieb, war nicht der einzige seiner Fakultät. Zwei tüchtige Forscher, die ich oft auf der Bibliothek in Paris über Manuskripten brütend gefunden, Brackelmann und Pabst, sind vor Metz gefallen. Einen Sanskritaner, der jetzt in Straßburg Professor ist, traf ich in Meudon auf Wache als freiwilligen Jäger mit der Büchse auf der Schulter und der unvermeidlichen Brille auf der Nase. — 291 — Littre, Pritchard, Layard und mehreren anderen namhafte Mitarbeiter gestellt haben, so sind doch alle vereint nicht imstande, der unabsehbaren Reihe bahnbrechender Geister nahe zu kommen, in welche wir nur hineinzugreifen brauchen, um mit vollen Händen deutsche Namen erster Größe herauszuziehen, wie die Fr. A. Wolf, Otfried Müller, Nie- buhr, Thiersch, Böckh, Bopp, Grimm, Lachmann, Welcker, Humboldt, Diez, Pfeiffer, Mommsen, Lepsius, Max Müller u. a. Diese herrliche Sprachwissenschaft, welche ein Eckstein der Psychologie und die Blüte der Philosophie, welche das Fundament der gesamten Altertumskunde und Ethnographie geworden ist, der wahre Mikrokosmus der menschlichen Naturgeschichte, weil sie am Jntersektionspunkt aller Physischen und intellektuellen Entwicklungsstufen und Thätigkeiten liegt, dieser wunderbare, noch im rüstigsten Aufstreben begriffene Bau, dessen Meisterschaft aller Orten der deutschen Gelehrsamkeit zuerkannt wird, charakterisiert sich aber vor allem dadurch, daß die Jünger sich nicht von totem Wissen, sondern vom lebendigen Schauen ernähren. Freilich wird der 'gewaltige Fleiß der Studierstube stets die Grundlage alles Wissens bleiben müssen und der Schweiß der einsamen Arbeit. Aber produktiv wird dieses Wissen erst, wenn es selbst deu Puls des Lebens in großen Weiten aufspüren und verstehen lernt. Man denke an die obengenannten Männer und was ihnen alles ans der Beobachtung versiegter oder noch sprudelnder Quellen des Volkslebens aufgegangen, wie ihr Wisseu mehr als geistig, man kann mit bestem Fuge sagen Poetisch, durchweht ist, so zwar, daß mit gutem Recht ein Dichter, wie Uhland, als philologischer Kollege Grimms genannt werden darf, und umgekehrt Grimm als poetischer Kollege Uhlands. Und dies ist es, was der Förderung unserer auswärtigen archäologischen Institute im höchsten Grade die Gunst der Nation 19* — 292 — zu gewinnen verdient. Der lebensvolle Geist, der über die Gelehrten und die Gelehrsamkeit kommt, wenn sie an Ort und Stelle das erloschene, aber noch in tausend Zeugnissen sprechende Dasein der alten Völker rekonstruieren, anlehnend an das, was sie von der frischen Gegenwart der nachgekommenen Geschlechter umgiebt — dieser Geist ist es, von dem nicht nur ihre spezielle Wissenschaft, sondern die gesamte wissenschaftliche Richtung der Nation den größten Segen zu erwarten hat. Veröiröt Sie Politik öen Eharakter?') i. ^)ie berühmte Frage, was das Glück sei, harrt noch immer ihrer Beantwortung — trotz aller Fortschritte der Elektrizität und Mikroskopie. Und das ist ein wahres Glück! Schon das leidige Bedürfnis nach Glück mache das Leben unerträglich, meint ein stiller Denker unserer Zeit. Wie erst, wenn das Rätsel gelöst würde? Wenn männiglich sich nach dem erkannten einen Ziele hindrängte? Denn daß die Menge der Bewerber immerfort anschwillt, darin liegt das Zeichen der Zeit. Das Bedürfnis nach Glück breitet sich aus in Form erwachender Erkenntnis und treibt weiter vorwärts, zieht immer größere Zahlen zu immer größerem Bedürfnis heran. Befriedigt aber wird der Mensch niemals. Was man Fortschritt und Kultur nennt, ist nichts anderes als der ewig neue Durst, der auf den eben gelöschten folgt. Ein anderes Glück giebt es nicht, da es keinen Stillstand giebt. Daher der Ausspruch: das Glück sei eigentlich das Unglück. ^) Dieser Artikel, sowie der darauf folgende von Karl Hillebrand erschien in einer der ersten Nummern der „Freien Stunden", eines litterarischen Beiblattes zur „Tribüne", im März und April 1882. Er war veranlaßt durch die Gründung eines sogenannten parteilosen Blattes, welches unter dem Wahlspruch, daß die Politik den Charakter verderbe, angekündigt wurde. Allem Streit in der Politik liegt dieser Zwiespalt zu Grunde. Die Einen suchen zurückzuhalten, weil sie meinen, je mehr Elektrizität und Mikroskopie, desto mehr Bedürfnis nach Glück, d. h. desto mehr Unglück für die Welt. Die andern schieben vorwärts, weil sie denken: ein anderes Glück giebt es überhaupt nicht. Bedeutet das Gewinnen in die Breite wirklich einen Verlust nach innen? Sind die wenigen Bevorzugten glücklicher gewesen, als das Bedürfnis nach Glück noch die vielen nicht aus dem Schlaf geweckt hatte? Und waren zugleich die vielen damals weniger unglücklich? Zwei Weltanschauungen beherrschen die Geister. Man könnte sie die qualitative und die quantitative nennen. Jener kommt es gar nicht darauf au, welche Zahlen an einem Zustand der Vollkommenheit Teil nehmen, sondern nur, wie vollkommen der Zustand selbst ist. Man kann diese Auffassungsweise auch nach der negativen Weise wenden und z. B. von einer großen Katastrophe behaupten, ihre Furchtbarkeit bestehe nur in der Phantasie der Zuschauer; im Grunde sei es einerlei, ob tausend Menschen zugleich umkommen oder nur einer, weil doch jeder nnr seinen Tod stirbt. Die qualitative Weltanschauung ist die aristokratische. Die Bevorzugten und die Feinschmecker des Lebens huldigen ihr vom positiven, die schlachtberauschten Völkerbezwinger vom negativen Standpunkt aus. Napoleon sprach von einer Million Menschen, die er für einen neuen Feldzug brauche, wie von einer Kleinigkeit. Umgekehrt vertritt die Demokratie das Recht der Quantität. Es kann kein Einsichtiger bezweifeln, welcher Gedanke heute die Menschen und ihre Entwicklung beherrscht: alle Probleme werden gefaßt und gelöst im Sinne der Demokratisierung des Daseins. — 295 — Ob die höchste Wissenschaft daran Ärgernis nimmt, daß sie vom populären Bortrag in die Verflachung gezogen werde; — ob die über die Straßen der Hauptstadt rollende Karosse des Reichen sich an der Schiene der Pferdebahn stößt — es geht hier und dort ein- und dasselbe vor. Die Heerstraße des Lebens wird immer breiter, gewaltiger, geräuschvoller, verschlingt alles und zieht alles au. ->- ->- 5 Macht die Politik, d. h. die Beschäftigung mit ihr uu- glücklich? Denn darauf wird die Warnung vor ihr hinauslaufen müssen, wenn dieselbe auf abschreckenden Erfolg rechnen will. Die Gefahr, an innerer Vortrefflichkeit einzubüßen, würde wenig Eindruck auf die Menschen machen, wenn sie nicht dächten, es sei darunter die Gefahr der Einbuße an Wohlbehagen verstanden. Soll etwa hier mit der Warnuug vor der Politik ein sanfter Versuch gemacht werdeu, die demokratische Bewegung der Zeit auf Nebenwegen in aristokratische Bahnen zu lenken? Dabei kann es weder auf die oberen noch auf die unteren, sondern einzig und allein auf die mittleren Schichten abgesehen sein. Denn da nicht die Politik überhaupt aus dem Leben verbannt werden soll, so kann auch nicht der Gedanke bestehen, sie allen zu verleiden. Zunächst nicht denen, die auf der Höhe des Lebeus wandeln. Fürsten, Minister, Würdenträger des Staats sind von der Politik nicht loszulösen, Männer der Wissenschaft nicht, wo immer diese in die Politik hineinragt, also Rechtsgelehrsamkeit uud Philosophie mit ihrer Ausmüudung in die Volkswirtschaft und — das Wort sagt es schon — Sozialpolitik. Der Kreis erweitert sich bei weiterer Betrachtung immer mehr. Man denke z. B. nur an Finanz und Großhandel in ihrem Zusammenhang mit den Staatsgeschästen. — 29tt — So wenig wie an die oberen Schichten der Gesellschaft, so wenig wendet sich die Warnung an die unteren, nur aus dem entgegengesetzten Grunde. Jene kann man nicht fernzuhalten denken, diese braucht man nicht fernzuhalten in dem Sinne, wie es hier gemeint ist. Ihr Leben gehört viel zu sehr der Plage ums tägliche Brot, als daß sie stark der Versuchung ausgesetzt wären, sich Kopf und Busen mit Sorgen anzufüllen, die keine Lebenssorgen sind. Und wenn einmal die Versuchung Macht gewinnt über den Sinn der großen Massen, sei es, weil sie von außen aus ihrer Gleichgültigkeit aufgestört werden, sei es, weil sie ein Fieber von innen schüttelt, ach! da lassen sie gewiß sich nicht irre machen durch die wohlmeinende, schönselige Mahnung, daß sie Schaden leiden könnten an ihrem unsterblichen Teil, an dem harmonischen Gleichgewicht des Gemüts. Das ist ein Luxus, um den sie nicht bange sind. Die Warnung vor der Politik wendet sich recht eigentlich und ausschließlich an diejenigen, welche man schlechthin als den gebildeten Mittelstand bezeichnet, an den breiten Durchschnitt, der über einen mäßigen Vorrat geistiger und häuslicher Mittel zur Bestreitung des Daseins verfügt. I^atst a-riAuis in. tisrda. Einst zur Schöpfungszeit war die Mission der Schlange gewesen, die Menschheit aus der Unschuld des Paradieses herauszulocken. Jetzt scheint ihr der Auftrag geworden zu fein, sie wieder in die Unschuld hineinzulügen, die doch — einmal verloren, und wie verloren heute! — nie mehr wieder zu erobern ist. Nun soll ein neues Paradies der Unwissenheit und Harmlosigkeit umfriedigt werden für die, welche gerade Anteil genug am menschlichen Dasein haben, um sich dessen mit einigem Behagen zu freuen. Es ist kein Zufall, daß solch ein frommer Ratschlag gerade jetzt kommt, in einer Zeit nämlich, wo die Politik — 297 — Miene macht, das ganze menschliche Dasein an sich zu reißen. Schon vor langer Zeit bemerkte jemand sehr richtig: Möget Ihr Euch nicht mit der Politik beschäftigen, — das wird diese nicht abhalten, sich mit Euch zu beschäftigen! Uud wie bescheiden und begrenzt in ihrem Dichten und Trachten war noch die Politik, von welcher jener sprach! Heute — was gehört ihr nicht? was soll ihr nicht in Bälde alles zufallen! Von der Wiege bis zur Bahre, vom Morgen bis zum Abend, wie er wohnt, wie er sich nährt, wie er sich amüsiert und wie er denkt, ja wie er für seine Nächsten im tiefsten Innern fühlt, Alles soll dem Menschen, — nein nicht mehr dem Menschen, dem „Staatsbürger" — die Allweisheit, Allmacht, Allgüte des Staates vorzeichnen. Dagegen alles was er aus sich selbst heraus empfinden, hoffen und schaffen kann, wird zum Greuel gestempelt, als das gottlose „Gehenlassen wies Gott gefällt". Tretet ein mit Eurer ganzen Seele in das Staatsparadies, d. h. befehlet Enren Geist in die Hände der Politik und: sritis sicut vkus. So lautet der modernste Schlangenspruch, — und in demselben Moment fügt das liebe Tier hinzu: „Kümmert Euch nicht um die Politik! Dankt dem Herrgott jeden Morgen, daß Ihr nicht braucht fürs römische Reich zu sorgen." Ist das nicht wunderbar? Ist es nicht wunderbar, wenn ein großer Politiker, der alles und jedes zu Politik macht, uicht müde wird, zu sagen: Volksvertreter sollten eigentlich keine Politiker sein!? Wer denkt da nicht an das unappetitliche Bild von der Suppe, die dem Tischnachbar verdorben wird? Soviel ist klar: wollte die von selbst immer breiter werdende mittlere Schichte die Mahnung zur Gottähnlichkeit beherzigen, sie würde eingezwängt und eingepreßt werden in eine große eiserne Klammer, deren zwei Arme heißen: Aristokratie und Proletariat, eine herrschende und eine — 2W — dienende Klasse, eine, welche alles und eine, welche nichts zu verlieren haben soll. Wehe denen, die in der Mitte liegen! Damit sie hübsch still halten, sollen sie sich erziehen zu einer reinlichen Gesellschaft, welche nicht wissen will, was für sie in der Staatsküche gekocht wird. Denn gewiß, der Einblick in die Küche verdirbt den Appetit, wie die Einmischung in die Politik den Charakter verdirbt. Wenn mans nur nicht essen müßte! Ein weiseres Wort aber sagt: Kocht Jhrs gut, esst'Jhrs gut; oder^ auch: Wie man sein Bett macht, so liegt man. Die an die gebildete Mittelklasse gerichtete Warnung vor der Politik ist eine fromme Kupplerin jener Cäsaren- demagogie, welche mit den Massen liebäugelt und darum nicht will, daß die Mittelklasse sich ausdehne nnd die unteren Klassen in ihren Schoß aufnehme. Diejenigen, welche den schönen Spruch von der charakterverderbenden Politik auf dem Markt der öffentlichen Meinung umhertragen, sind gewiß nicht eingeweiht in jene Pläne; aber sie gehorchen dem Instinkt gemeiner Betriebsamkeit, die sich überall zudrängt, wo ungerechte Beute verteilt wird. Wohin soll sie nuu gehen, die Flucht vor der Verderbnis des teuren Charakters? Dichter, Künstler und Gelehrte, welche den Staub der Landstraße fliehen und die einsame Zelle für ihr Denken und Schaffen begehren, hat es immer gegeben. Um diese aber handelt es sich nicht. Der Warnungsruf geht nicht aus von den schöpferischen Geistern, welche dem Jahrmarkt des Lebens vornehm den Rücken wenden, sondern von Leuten, welche ihre Bude auf der Straße aufgeschlagen haben und als kleine Wiederverkäufer das Brot des Geistes pfennigweise Verschleißen. Ihre Warnung vor der Politik soll die eigne Ware anempfehlen. Was aber bieten sie an Stelle der schädlichen Politik? In Frankreich heißt es — Figaro! Das Ideal, l — 299 — das der stündlich wachsenden Zunft der literarischen Zuckerbäcker vorschwebt, ist jenes Organ für Altar und Alkoven, welches einer der größten Pariser Cyniker unter dem zweiten Empire mit tiefer Erkenntnis seiner Epoche ins Leben gerufen hat. Wie viele Exemplare des französischen Originals regelmäßig nach Deutschland gehen? Viele Hunderte jedenfalls und vielleicht mehrere Tausende. Denn in den Zeitnngs- buden jeder Eisenbahn und jeder großen Stadt ist es regelmäßig auf Lager. Und dem großen Vorbilde nachzustreben, mühen sich daheim aller Orten Federn ohne Zahl ab. Wie in Frankreich, so in Deutschland wird allmählich derjenige Teil der Tageslitteratur, welchen man „die Chronik" nennt, zur Hauptsache, und es ist nur natürlich, daß der mit schalem Zuckerzeug übersättigte Appetit bald nach stärkerer Würze verlangt, die zuletzt aus Skandal bereitet wird. Das alles muß man sich gefallen lafsen, wie alles, was die Zeit bringt trotz der nie fehlenden Jeremiaden, die nie etwas abgewendet haben. Nur soll man uns nicht noch obendrein diese saubere Kost als heilsames Schutzmittel vor der Beschädigung des Charakters anpreisen. -p s Aber verdirbt die Politik nicht dennoch in der That den Charakter? Ohne Zweifel! Wasser, Luft und Licht verderben jedwedes, was da lebt. Alles Leben verzehrt sich in der Reibung mit allem Leben. Und was sich vor diesen zerstörenden Kräften des Lebens retten wollte durch die Flucht vor der Berührung mit Luft, Licht und Wasser, ginge erst recht schnell und elend zu Grunde. So auch verdirbt die Polilik den Charakter, wie der Charakter die Politik; noch mehr aber thut es die künstliche Absperrung gegen das starke und immer stärker werdende Element des gemeinsamen Lebens im Staate, welches nun einmal das Leben — 300 — in der Gesellschaft und im Erwerb immer mehr dnrchdringt. Ist der Philister, der sich vergnügt die Hände reibt, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen, ein besserer Mensch als der Neugierige, der da erfahren möchte, welche Experimente die hohen und gelehrten Herren auf der Höhe des Staats mit seiner s-nirns. vilis vorhaben? Ob es ihm mehr fromme, eine Mietssteuer oder eine Petroleumsteuer zu zahlen, auf Staats- oder auf Privatbahnen zn fahren, Monopol- oder freigezogenes Kraut zu rauchen, seine Söhne auf Realschulen oder Gymnasien erziehen, sie zwei oder drei Jahre dienen zu lassen? Waren sie glücklicher, als ihre heutigen Enkel, jene Vorfahren, denen Serenissimus, weil sie sich gegen seine Maitresse auflehnten, ernstlichst verbot, sich nm seine Angelegenheiten zn kümmern, „maßen er keine Naisonneurs zu Unterthanen haben wolle?" Und ist er so charaktergroß, der heutige Residenzphilister, der, aus dem Samen jener Lieben und Getreuen aufgegangen, all sein Fühlen, all sein Denken in die allerhöchsten Landesfarben kleidet? Den Charakter, der sich im Gefühl des süßen Friedens sonnt, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen, kann man sich vorstellen. Aber der Charakter, der sich beruhigt das Wänstlein streicht, wenns ihm selbst an Kopf und Kragen geht, ist schwer zu konstruieren. Auf den ersten Blick erscheint es wie ein vollkommener Widerspruch, daß die breite Mittelstraße des Besitzes und der Bildung reingehalten werden soll vom Drängen und Stoßen des öffentlichen Lebens just in einer Zeit, wo dieses öffentliche Leben Bildung und Besitz und was nicht alles in das Bereich seiner Funktionen zieht. Und doch, wie begreiflich ist es, daß in einer Zeit, in welcher die Massen tiefer uud tiefer aufgewühlt werden, den friedlich und reinlich gesinnten Bürgerstand die Sehnsucht überkommt, dieser — 301 — schwülen und staubigen Atmosphäre zu entrinnen. Leugnen läßt sich nicht, daß ein Zug nach Verbildung des öffentlichen Lebens durch die Welt geht. Sowohl die überall sich vollziehende Ausdehnung des Wahlrechts als des Staatsberufs drängt dazu. Die Massenkämpfe mit ihrer handwerksmäßigen Ausbeutung aller Leidenschaften uud Vorurteile eröffnen demjenigen die bessere Aussicht, welcher besser als seine Mitkämpfer den Widerwillen gegen die Berührung uud die Verbrüderung mit Leidenschaft, Vorurteil und allen anderen in der Tiefe schlummernden Mächten überwinden mag. Und auch hier berühren sich die Extreme. Man kann entweder so fest im Besitz von Ansehen und Stellung sein, um sich ohne Furcht vor Einbuße auch in die schlechteste Gesellschaft zu stürzen — die Kirche hat einen guten Magen, kann ungerechtes Gut vertragen — oder man kann so auf gewagtes Erringen angewiesen und angelegt sein, daß man keinen noch so dunklen Durchgang fürchtet, um erst zu Macht und Ansehen zu gelangen, die hinterher Indemnität, verschaffen. Aristokratische und plebejische Demagogie reichen über den Stand der Mitte hinaus denen die Hand, welche von ihnen als die „Enterbten" herbeigerufen und eingeladen werden, das Erbe in guter Brüderschaft mit ihnen, den Enterbern, zu teileu. Wo der Löwenanteil hinfallen soll, bleibt vorerst zwischen den Bundesgenossen im Unklaren. Nur soviel ist gewiß: der schwerfällige Bär, um dessen Fell es sich handelt, wird auf Gemütlichkeit gezähmt, damit er wehrlos still halte. Volksvertreter mit dem höchsten Beruf, bei den Ministern zu speisen, und Bürger, erfüllt von Abscheu vor der charakterverderbenden und langweiligen Politik unter einem Staatsregimente, welches für alle großen nnd kleinen Geschäfte des Lebens die Sorge übernimmt, welch ein himmlischer Aufenthalt für das Heil der Seelen! Welch sinnreiche Kombination, die politische Überwachung der Re- — 302 — gierung von Leuten ausüben zu lassen, die auf dem Standpunkte stehen, daß die Politik den Charakter verdirbt! Ills is t-Irs Löntur/ nk'vv iuvsritions kor l^illinA lzocUss kor 8g.vüiA souls! Unsere Großmütter erzählten, die Rotmäntel hätten 1813 gesagt: „Lasset Euch nur den Hals abschneiden, Ihr werdet sehen, es thut nicht weh!" Ist es Berechnung oder nur Instinkt, wenn herrschsüchtige Politik der Gemeinheit in der Entfesselung der Parteikämpfe Vorschub leistet? Haben der Pöre Duchesue und seinesgleichen täglich so viel wie möglich Lons LouZrss und ähnliche Kraftausdrücke in den Mund genommen, um die anständigen Leute durch Ekel aus der Politik zu verscheuchen, und wirkt ein ähnliches Motiv in der demagogischen Presse, von welcher die Aristokratie unserer Tage sich bedienen läßt? Die Politik verdirbt den Charakter, wie alles, wenn es danach getrieben wird. Wie haben Religion, Gelehrsamkeit, Kunst die Gabe, den Charakter zu verderben, wenn sie mit schlechten Neigungen verquickt werden! Wie haben theologische Streitigkeiten vormals das Leben in Deutschland vergiftet! Und müßte man heute nicht mit noch mehr Recht als von der Politik von der Kirche sagen, daß sie den Charakter verdirbt? Aber da es keine Flucht giebt aus den Sorgen, welche das Leben beherrschen, ohne daß dabei das Leben selbst aufs Spiel gesetzt wird, so muß man dem, was verderblich an diesen Sorgen ist, auf andere Weise beizukommen suchen als durch die Flucht. Die, welchen an der Güte ihres Charakters etwas gelegen ist, die, welche an ihr noch etwas zu verlieren haben, müssen genau das Gegenteil thun von dem, was man ihnen rät. Sie müssen durch ihre Einmischung den Teil des Lebens zu veredeln trachten, welchen man ihnen verekeln möchte. Keine Frage! Eine gewisse «, — 303 — Barbarei hat Macht gewonnen über die heutige Welt. Es ist, als ob gegen das überwältigende Wachstum der die Menschen verbindenden friedlichen Künste die rohen und trennenden Elemente zum letzten Widerstand sich aufraffen wollten. Der Geist der Nationalität, einst aus Vorstellungen der Freiheit und Selbständigkeit erwachsen, ist seltsam zum rohen Naturalismus ausgeartet, und in den zu erhöhter Selbstempfindung gelangten Volksseelen destilliert sich daS Gift des Völkerhasses. Sollen Metalle von den Schlacken gereinigt werden, so setzt man ihnen zuerst noch mehr Schlacken zu. Es ist, als ob eine starke Dosis Barbarei zur Macht gekommen wäre, um alle aus vergangenen Zeiten übrig gebliebenen Reste des Barbarentums zuerst an sich und dann, selbst verschwindend, mit sich aus der Zivilisation zu ziehen. Nicht dieser unedlen Beimischung das Feld zu räumen, ist die Ausgabe, sondern geläutert aus dem brodelnden Schaum des dunklen Prozesses Hervorzugeheu. H. Offene Antwort an Ludwig Bamberger. Arcachon. 22. März 1882. Mein lieber Freund, Sie können sich denken, mit wie geteilten Gefühlen ich Ihren Aufsatz: „Verdirbt die Politik den Charakter?" in der mir heute zugekommenen Nummer der „Freien Stuuden" gelesen habe. Was Sie über die zwei Weltanschauungen sagen, die Sie höchst prägnant „qualitativ" und „quantitativ" nennen und die sich in die Herrschaft der Geister teilen, hat natürlich meinen ganzen Beifall. Welche die bessere von beiden sei, sagen Sie nicht. Sie werden sich nicht wundern, wenn ich kecker bin und s — 304 — ohne Zaudern die „qualitative" als die höhere, philosophischere, als die wahre bezeichne und daß ich das Leben eines Goethe für das Wohl einer Nation, ja der Menschheit höher schätze als das Leben von tausend Kommunards. Das hindert übrigens durchaus nicht, daß in den Thatsachen die „quantitative" Weltanschauung doch immer Recht behält. Es ist eben damit wie mit Pessimismus uud Optimismus: kein denkender Mensch kann auch nur einen Augenblick zweifeln — so lange er die Dinge mit der Leuchte der Vernunft betrachtet — daß das Übel in der Welt das Maß des Guten unendlich überschreitet; aber das Gefühl straft die Vernunft Lügen, indem es uns sagt, das Leben sei ein Gnt, das um jeden Preis festzuhalten sei, und man müsse sich mit Händen und Füßen dagegen sträube», aus diesem Jammerthal gerissen zu werden. So ist es auch mit der Demokratie; ob man sie als ein Übel ansehe oder als ein Gut, sie ist einmal da und wird von Tag zu Tag wachsen und alle müssen ihr Heeresfolge leisten, die Aristokraten des Geistes wie die der Geburt. Es ist so offenbar unmöglich, die Menschheit auf eine andere Bahn zu leiten, daß nur Verblendete daran denken können, den Strom aufzuhalten. Kein Wunder, daß heute alle Probleme im Sinne der Demokratisierung des Daseins gefaßt und gelöst werden, wie Sie sagen. Ebenso sehr pflichte ich Ihnen bei, wenn Sie behaupten, daß es mit der Warnung vor der Politik „weder auf die oberen, noch die unteren, sondern einzig und allein auf die mittleren Schichten abgesehen sein" kann. Nur unterscheiden Sie meiner Ansicht nach nicht genugsam zwischen den beiden Hälften der mittleren Schichten, zwischen denen doch der Bildungsabstand viel größer ist, als zwischen einer von ihnen und der Aristokratie einer-, der arbeitenden Klasse anderseits. Und nicht nur durch die Bildung steht — 305 - der Handwerksmeister dem Arbeiter näher als dem ehemaligen Gymnasiasten; auch sein „Leben gehört viel zu sehr der Plage ums tägliche Brot, als daß er stark der Versuchung ausgesetzt wäre, sich Kopf und Busen mit Sorgen anzufüllen, die keine Lebenssorgen sind." Findet dies doch auch auf den höheren Mittelstand, namentlich die Studierten, eine Anwendung, und ist es doch gerade ein Grund mehr, warum sie sich von der thätigen Politik fernhalten sollten. Und damit komme ich zu dem Punkte, den Sie mir nicht bestimmt genug hervorgehoben zu haben scheinen. Die Demokratie, sagen wir alle, ist Thatsache und wirds immer mehr werden. Alle Demokratie aber in großen Staaten setzt Vertretung voraus. Die vollständige Selbstregierung durch UrVersammlungen ä la, Rousseau ist undenkbar im Großstaate. Es fragt sich also nur: erstens, wo wählt die Demokratie am besten ihre Vertreter? und zweitens, was und wieviel von der Staatsthätigkeit kann diesen Vertretern delegiert werden? Mir scheint nun die Antwort auf die erste Frage doch ziemlich unzweifelhaft: man wählt die Verwalter, die Aufseher und die Gesetzgeber am besten unter den Leuten, die das Metier gelernt und nichts anderes zu thun haben. Aristokratien, wie die römische, venetianische, englische, wo die Staatskunst als Familientradition gepflogen wurde, werden wohl nicht wieder aufkommen; darum aber bleibt die Staatskunst doch eine Kunst, d. h. eine Spezialität, die erlernt sein will. Diese zu erlangen braucht Muße oder eine ausschließliche Konzentration auf diese eine Thätigkeit. Es ist hundertmal gesagt worden: ein Schuhmacher brauche vier Jahre Lehrzeit, um sein Handwerk zu lernen; sollte einem die Staatskunst anfliegen? Kann man sich ihr nur mit Erfolg hingeben, wenn man ein anderes Geschäft daneben treibt? Eine einsichtige Demokratie wird demnach wohl daran thun, ihre Verwalter Ludwig Bambcrger'S Ges. Schriften. I. - Ms> — und Gesetzgeber unter den Leuten zu suchen, die Muße besitzen und eine große Geschäftserfahrung hinter sich haben; „denn die Verwaltung der eigenen Güter unterscheidet sich nur in der Größe von der der öffentlichen Geschäfte. Im übrigen sind sie gleich," sagte schon Sokrates. Oder aber man nehme Leute, die sich speziell zum Staatsdienste herangebildet haben, d. h. Beamte. Allen Respekt vor Professor und Arzt, wie vor Gevatter Schneider und Handschuhmacher, aber ich zweifle, ob sie dieselbe politische Kapazität besitzen als jene; und, wie ein Aktionär in der Generalversammlung lieber gewiegte Finanz-Männer in den Verwaltungsrat wählt als seine Kollegen im Lehrer-, Schuster- und Schneiderhandwerk, so wird auch der Staatsbürger, der ja auch ein Aktionär ist, am besten Fachmänner zur Verwaltung wie zur Gesetzgebung wählen. Das ist aber leider nicht die Tendenz der Demokratie in Großstaaten, wenn wir nach dem Beispiel von Nordamerika und Frankreich schließen, wo die Fähigen und Erfahrenen immer mehr vom Amt wie von den Kammern ausgeschlossen werden, die Mittelmäßigkeit und Unerfahrenheit einen immer breiteren Raum einnimmt. Deshalb brauchen die politisch Ungebildeten und anderweitig Beschäftigten nicht durchaus von der Politik ausgeschlossen zu werden. Wohl ist die Linie schwer zu ziehen, wo die Beteiligung anfangen, wo sie aufhören sollte. Ich halte z. B. das Geschworenengericht für eine Funktion, die der Laie nur schlecht und zu seinem eigenen Nachteil ausüben kann, während mir eine gewählte Lokalverwaltung sehr fruchtbar scheint, vorausgesetzt, daß der Staat, der das allgemeine Interesse gegenüber dem lokalen zu vertreteu hat, die hohe Hand über sie behalte. Zu diesem engen Kreise reicht eben die enge Erfahrung des Kleinstädters und Bauern meist aus. Etwas anderes ist die nationale Politik, die Provinzialverwaltung uud die Gesetzgebung. — 307 — Ich wills ja gewiß meinem Schuhmacher oder dem Professor des Zivilprozesses nicht benehmen, sein Urteil über eine Rede Bismarcks, wie über ein Gemälde Menzels oder einen Vortrag von Helmholtz zu haben und auszusprechen; aber mir scheint es nicht gemeinnützlich, noch vorteilhaft, für seine eigenen Interessen, wenn er selbst Gesetze beraten, Bilder malen oder physiologische Untersuchungen anstellen will. Mögen sich immer die Leute, die nicht Politiker von Fach sind, für Politik interessieren wie für Kunst uud Wissenschaft; aber sobald sie selber thätige Politik, Kunst oder Wissenschaft treiben, kann nichts als eitel Pfuscherei herauskommen. Auch sollte sich meiner Ansicht nach die Beschäftigung mit der Politik keineswegs auf ein bloßes Interesse beschränken; nicht nur die gewählten Vertreter der Nation, nicht nur die Presse, nein, die Nation direkt kann und sollte sich heute überall in Europa an der Kontrolle der Verwaltung beteiligen, wie sie dies z. B. in England nie unterläßt. Dort ist ja die Masse ganz von der thätigen Politik ausgeschlossen, ja erst seit fünfzehn Jahren, und auch nur teilweise, zum Wahlrecht zugelassen; die Verwaltung ist ganz in den Händen einer Gesellschaftsklasse, und der Masse steht nur die Kontrolle zu, welche sie durch Korrespondenz mit der Presse, Denunziation in den Meetings, gerichtliche Klagen oder endlich durch das Organ ihrer Vertreter im Parlament mittelst Interpellation ausübt; aber nie kann jemand aus dem Volke selber Magistrat werden. Man meint dort, es sei mit der Politik wie mit anderen Feldern menschlicher Thätigkeit: jeder solle das Recht haben, seinen Arzt und seinen Advokaten zu diskutieren, beziehungsweise abzuschaffen, aber nur wer gewisse Garantieen fachlicher Befähigung aufweisen könne, dürfe selber als Arzt oder Advokat fungieren. 20* — 308 — Daß die Politik überdies „den Charakter verdirbt" ist eine Nebenfrage, immerhin eine, die schwer zu verneinen ist. Schon das einfache Interesse am politischen Kampfe, wie am religiösen, entfacht die Leidenschaften über Gebühr, weil man bei dem besten Willen Partei nehmen muß: wer aber Partei sagt, der sagt: Opfer der Wahrheit, der Überzeugung und der Unabhängigkeit auf dem Altar der Leidenschaft. Auch bin ich garnicht so sicher wie Sie, daß das Interesse an der „Chronik" einer Zeituug soviel schlimmer ist, als das an den politischen Parteikämpfen. Die Politisch gebildetste Nation Europas, die englische, ist gerade diejenige, welche für die Verbrechen der „Chronik" das lebhafteste Interesse an den Tag legt. Und dieses Interesse ist doch immer psychologischer Natur, es ist außerpersönlich, daher immer noch edler als das an der Politik, wobei das Persönliche, sei es auch nur indirekt durch die Partei, stets eine Rolle spielt. Die Sache wird aber noch viel bedenklicher, wenn es sich um thätige Politik handelt. Sie sagen: „Die Politik verdirbt den Charakter, wie alles, wenn es danach betrieben wird. Wie haben Religion, Gelehrsamkeit, Kunst die Gabe, den Charakter zu verderben, wenn sie mit schlechten Neigungen verquickt werden." Da liegts eben; „wenn sie mit schlechten Neigungen verquickt werden"; das ist also nicht notwendig der Fall, während die thätige Politik notwendig schlechte Neigungen erweckt und entwickelt. Wohl herrscht auch unter Künstlern und Gelehrten, Kaufleuten und Ärzten Neid und Gehässigkeit, wie's bei aller Konkurrenz um Geld oder Ruhm nicht anders sein kann; aber sie herrschen doch nicht immer und überall auf diesen Thätigkeitsfeldern und sie gedeihen nicht so üppig als da, wo die Konkurrenz direkten Zusammenstoß der Personen mit sich bringt, wie im öffentlichen Leben, das ja recht eigentlich in dem lauten, offenen Streit besteht. Man muß — 309 — sehr guten Charakters sein, um nicht, wie Hermanns Vater, übler Laune aus dem Gemeinderat, geschweige denn aus einer Kammerdebatte zu kommen, namentlich wenn man das Handwerk schlecht versteht und sich am Ende doch gestehen muß, daß mau da in etwas hineingepfuscht hat, das man nicht gelernt hat. Alle Pfuscherei aber macht unzufrieden. Ich für mein Teil, und ich gehöre doch auch zum großen Mittelstande, den man vor der Politik warnt, habe immer gefunden, daß schon eine politische Diskussion in abstracto mir böses Blut machte, und habe sie immer bereut, was mir nie mit einer literarischen oder künstlerischen Diskussion passiert ist. Was wäre es erst gewesen mit einer Diskussion, welche die Wirklichkeit beeinflußt und bestimmte Interessen schädigt oder fördert? Wenn Sie damit einverstanden sind, wünsche ich, daß dieser Brief unter meinem Namen in den „Freien Stunden" veröffentlicht werde. Nur dürfen die Freunde nicht aus diesem ärmlichen Hälmchen schließen, die Brache wäre aus für mich. Das ist leider nicht der Fall.*) Die Ärzte wollen mich noch immer „ruhen" lassen und, da ich kein Demokrat bin, verstehe ich zu gehorchen, auch wo ich die Befehle nicht begreife oder gar mißbillige. Ihr treuer Karl Hillebrand. *) In der That erlag der Schreiber, der damals zur Erleichterung seiner Leiden im südlichen Frankreich weilte, im Jahre 1834 seiner in den letzten Jahren nicht mehr zum Stillstand gekommenen tödtlichen Krankheit. — 310 — HI. Zur Naturgeschichte des Politikers. An Karl Hillebrand in Arcachon. Lieber Freund! Wir Politiker sind vielleicht doch keine so schlechten Menschen wie Sie denken. Vielleicht! sage ich, denn allerdings glaube ich erfahren zu haben, daß der Mensch sich immer weniger kennt, je länger er mit sich umgeht; daher er sich auch immer weniger gut mit sich vertrügt. Wenn man nämlich auch mit den Jahren mit seinen Fehlern auskommen lernt, so gereicht doch ein auf wachsender Nachsicht beruhender mocZus vivsudi oum ss ixsc> nicht gerade zu wachsendem Vergnügen. Das holde Einverständnis mit sich selbst ist das Beste am Jugendglück, und schon deshalb — von vielem anderen abgesehen! — gehöre ich nicht zu denen, welche das Alter als die Blüte des Lebens preisen. Aller Anfang ist leicht; und die Kunst zu leben insonderheit wird immer schwerer, je länger man sie treibt. Wundern Sie sich nicht darüber, daß ich mit dieser Abschweifung anfange. Das soll Sie vielmehr darauf vorbereiten, daß meine Antwort fast nur aus Abschweifungen bestehen wird. Denn wie? Dies bescheidene Blättlein, welches die Eintagslaune unter den Auspicien unseres gemeinsamen Freundes als „Freie Stunden" in die Welt gesetzt hat, ist, wie man mir sagt, schon von Seiner Majestät dem Publikum von Gottes Gnaden viel zu ernst befunden worden; und wenn ich nun gar mit Ihnen eine Verhandlung über die Höhen und Tiefen des Weltganges hier weiter- fpänne, so Hütten auch die Nachsichtigsten ein Recht sich zu beklagen, daß man sie noch in ihre Muße hinein mit der Politik verfolge. Ich bitte mich wohl zu verstehen. Was — 311 — Sie, mein Lieber, aus diesem spröden Holz herausschlagen, wird allen ebenso willkommen sein, wie sie mir es verdächten, wollte ich Ihren Spuren folgen. Sie sind ein Künstler der Litteratur und Kulturgeschichte; Sie haben die Hörer gewöhnt, Ihnen mit Andacht und Behagen zu lauschen. Sie dürfen getrost über Politik reden, weil Sie eben nicht vom Handwerk sind. Aber ich! ^c>t.' möchte ich mit dem Präsidenten des Reichstags ausrufen. Denn das gebe ich Ihnen zu: ein vergnügliches Handwerk ist es nicht, und zumal nicht in der lieben Heimat, seine Feder schier dreißig Jahre lang „in das Tintenfaß des Sisyphus zu tauchen", wie mir jüngst eine geistreiche Freundin vorhielt. Seien Sie ruhig! sie ist füufundsiebenzig Jahre alt. Den Jüngeren imponiert das bischen Druckerschwärze und die Kindertrompete der?a,ro.a, vulZ1va,As, (zu deutsch: Zeitungslärm) immerhin etwas mehr, wenn auch lange nicht so sehr, wie ein fingerfertiges Klavierspiel oder gar ein sekundenlanger Triller. Jedesmal, wenn ich einen Bericht lese über die imposante Versammlung von wenigstens tausend Köpfen (in Wirklichkeit waren es fünfhundert), welche in dem größten Saal der Stadt Mann an Mann gedrängt den Worten des „berühmten" Redners lauschte, steigt mir die Frage auf: wie viele wären wohl gekommen, wenn man ihnen die fünf Mark Eintrittsgeld abverlangt hätte, die sie für das Spiel des Signor N. oder den Gesang der Signora N. N. so willig zahlen? Es ist schon ein großer Erfolg, falls sie aushalten ohne Bier zu trinken und zu rauchen! Sehen Sie! So weit bin ich mit Ihnen einverstanden: znr Freude der Menschen hat Gott die Politiker nicht erschaffen. Wir sind vielmehr eines von den vielen notwendigen Übeln, deren Überwiegen in dieser schlechten Welt Sie mit Recht anerkennen. „Rous sommsL zzas ioi xour nons Äinnssr", pflegte unser Freund Ulbach in Paris zn sagen, wenn er — 312 — ein Kartenspiel vorschlug. Sie wundern sich, daß man an diesem vom Übel beherrschten Leben so zähe hängt. Ich habe immer bemerkt, daß die Mädchen, welche die wenigsten Tänzer sinden, am längsten aus den Bällen ausharren. Doch, was ich sagen wollte! Wir Politiker sind so schlecht nicht. Jedenfalls, so behaupte ich, sind von allen Erdensöhnen, welche sich mit der Vielköpfigkeit ihresgleichen befassen, wir weitaus die demütigsten. Wir werden zur Unempfindlichkeit für die Kritik, für Ungerechtigkeit, für Bosheit und Dummheit (viel schlimmer ist sie als die Bosheit) großgeprügelt. Ein Dramatiker setzt sich für seine „Premiere" ein Auditorium aus vorbegeisterten guten Freunden zusammen, und wenn er deren nicht genug hat, um das große Theater der Hauptstadt damit zu füllen, so verlegt er seinen ersten „durchschlagenden" Erfolg nach einer kleinen Residenzbühne, wo ein kunstliebender Herrscher (Gott erhalte ihn: ich meine knnstliebend) Gastfreundschaft und Ritterkreuz gewährt. Die Musiker haben den Vorteil, daß die Hörer, welche nichts verstehen, es für ehrenvoller halten, Enthusiasmus zu empfinden als unempfänglich zu seiu, und die Maler und Bildhauer, wenn sie nicht mit Gold aufgewogen werden, trösten sich damit, daß die Laien samt und sonders Esel seien. Jeder Poet endlich, sei er gereimt oder ungereimt, hat die Erlaubnis, sich für den ersten seiner Zeit zu halten, und viele machen davon Gebrauch. Wir aber, xovsri noi! wir thun nie den Mund auf, ohne daß von Rechtswegen zur Hälfte geschworene Feinde dabeisitzen, die auf Eid und Gewissen verpflichtet sind, alles was wir thun und sagen abscheulich zu finden, selbst wenn sie es verstehen — was nicht immer der Fall ist. Aber das Publikum, zu welchem auch Sie sich rechnen zu sollen meinen — ich widerspreche nicht ganz! — ahnt nicht, wie geduldig wir das alles tragen als ein selbstverständliches Stück unseres Feldgepücks. — 313 — — „Haben Sie sich wieder tüchtig geärgert?" so wird man in der Regel am Ende einer Session von seinen Bekannten angeredet; oder: „Ärgern Sie sich nur nicht viel!" am Anfang einer neuen. Du lieber Gott! Wie lange wäre Wohl die Durchschnitts-Lebensdauer eines Politikers, wenn er sich jedesmal ärgerte, wo es das Publikum meint? Wir brauchen uns keine Hofnarren zu halten, die uns an unsere Schwächen und Irrtümer erinnern. Die ganze „andere Seite des Hauses" übernimmt diese Arbeit in einer gar nicht spaßhaften oder verblümten Manier. Und wenn wir halbwegs verständig sind, so warten wir gar nicht erst ab, daß uns dieser Schelmendienst von da drüben und draußeu geleistet werde, sondern legen uns an jedem Morgen die Frage vor, ob wir am vorhergegangenen Tage keine Dummheit begangen. Im übrigen vertragen wir uns auch von rechts und links menschlich besser, als Ihr da draußen meint, und zwar lächeln wir nicht, wenn wir uns in der Stille begegnen, wie die Haruspiccs, sondern wir seufzen leise und schämen uns manchmal ein wenig. Und eben deswegen habe ich, um am Ende das zu sagen, was meine Einleitung sein sollte, Ihren Brief, so wie ich ihn nur eben gelesen hatte, flugs den „Freien Stunden" geschickt, auf daß sich alle diejenigen daran ergötzten, die mir unrecht geben. Ich gönne den Leuten das Pläsier, sich einzubilden, Karl Hillebrand stimme mehr mit ihnen überein als mit mir. Zu Ehren des guten Tags, an dem Sie, mir und allen Freunden zur Freude, wieder dem Setzer Arbeit gaben, sollen unsere gemeinsamen Gegner einen Festtag haben. Ist das nicht eiu schöner Gedanke? In der Hauptsache sind wir ja doch einig: die Politiker sollen die Politik machen — nicht die NichtPolitiker, die man auch bei uns heute damit betrauen will. Gerade weil der Demokratie die Zeit gehört, muß die Demagogie be- — 314 — kämpft werden, und die der Patrizier ist viel verderblicher als die der Plebejer. Diese Pointe ist Ihnen entgangen. Als ich schrieb, hatte ich das Deutsche Reich von heute vor Augen, welches nicht nach den vergilbten Blättern von vor zehn Jahren beurteilt werden darf. Sie hingegen dachten an Frankreich und seines Gambetta Gefolge von (üvuunis vo^ÄAsru-s — welche übrigens vorerst doch nicht die Herren geworden sind. Setzen Sie an die Stelle des Oommis vo^aAkur den Bruder Bauer und Bruder Handwerker st) 6s nodis ladula, naii-Ätrur. Daß dies nicht trostreicher ist, könnte ich Ihnen nur begreiflich machen, wenn ich hier ernstlich sprechen dürfte. Die Reden, über welche Sie dem „Schuhmacher" nur wider Willen ein Urteil gestatten, sind ganz eigens darauf gemünzt, ihm die Überzeugung beizubringen, er allein sei der wahre Gesetzgeber, natürlich unter väterlicher Leitung. Und die Beamten, die Sie im Kopf haben, sind längst kalt gestellt. Doch pst! Der Mensch ist Heuer nie sicher, ob er nicht jemanden beleidigt, und wenn er nicht Zustimmungsadressen telegraphiert, schweigt er am klügsten still. Wo man nicht tadeln darf, darf mau auch nicht loben. Letztere Entbehrung wird immer weniger fühlbar. Ich bin ganz damit einverstanden, daß für die großen Staaten nicht die UrVersammlungen a 1a. Rousseau Passen, wie Sie sagen, aber wenn mau schon einmal so etwas hat — und das UrWahlrecht ist ja doch eiu Stück davon — so soll man dessen Nivean nicht möglichst herabzudrücken suchen. Läuft übrigens unsere Diskussion nicht in ihrem tiefsten Grunde auf das Problem hinaus, welches gerade für Rousseau der Anstoß war zu seinem ersten entscheidenden Schritt in die Welt? Es sind etwas wie hundertvierzig Jahre her, daß die Preisfrage der Akademie von Dijon ihn in das Naturrecht und die Politik hineinrief. „Ob der Fortschritt der Wissenschaften nnd Künste dazu beigetragen hat, die — 315 — Sitten zu verderben oder zu reinigen?" — Von seiner Antwort an datiert seine weltumwälzende Schriftstellerei, — und dennoch hat derselbe Jean Jacques von sich behauptet: nichts sei ihm verhaßter als Politik und Disput! So kennt man sich! Wenn wir uns aber einmal, wie auch Sie zugestehen, in die Thatsache der sich immer mehr demokratisierenden Welt schicken müssen, so scheint es mir besonders gefährlich, romantische Durchblicke iu den Wald der Tagespolitik zu schlagen. Hüten wir uns vor der Romantik! Ich weiß nicht, ob die Welt dem Gesetz ewiger Perfektibilität gehorcht. Ich weiß nur, daß die Ströme niemals aufwärts fließen. Können wir uns aber nicht vor romantischen Anwandlungen bewahren (wer ist dessen sicher!), so werden wir gut thun, uns damit in unser Studio einzuschließen. Andernfalls möchten wir, während uns stille Reminiscenzen an das italienische Linczukosnw oder an das französische (Z^avcZ, siöols locken, uns in Gegenden verirren, wo eine Romantik ganz anderer Herkunft haust. Es giebt uämlich auch eine, die nach der Sakristei, und sogar eine, die nach dem Stall duftet. Daß Sie Ihrem Doktor gehorchen, der Ihnen noch Ruhe auferlegt, ist recht. Weil Sie kein Demokrat seien, fügen Sie hinzu. Meinetwegen! wenn nur er kein Doktor der Aristokratie ist! Denn diese hat eine besondere Vorliebe für Charlatans. Für einen Rekonvalescenten ist Ruhe jedenfalls die erste Bürgerpflicht. Hat aber Ihr Doktor Sie erst in den Vollbesitz Ihrer angestammten, ausgezeichneten Konstitution zurückgeführt, so daß Sie ihm nicht mehr blind zn gehorchen brauchen, so werde ich ihn lieben und verehren, auch wenn er von der Höhe eines Stammbaumes von sechzehn Ahnen des blausten Blutes herabsähe auf Ihren treuen Berlin, 4. April 1882. L. Bamberger. HLaatsnmnmsche InöLskretionen. Lkerekoro sei it «Zovn, tkat an kadit ok secrsox i8 dotk xolitio aiicl uioral. Lavon „Lssaxs^. ^)er Brauch, intime Aktenstücke über die Entstehungsgeschichte politischer Ereignisse aus kurz vergangener Zeit in die Öffentlichkeit zu bringen, ist neueren Datums. Vergangenen Jahrhunderten war er ungewohnt, und noch in der ersten Hälfte des unsrigen begegnen wir ihm selten. Er ist ein Merkmal der demokratischen Strömung, welche das heutige Geschlecht unwiderstehlich nach einer Zukunft hinführt, deren letztes Wort — ob gut oder schlecht — noch von keinem Mitlebenden geahnt werden kann. Jmmermehr neigt sich die Fahne vor der großen Zahl, welche als xrot's.iiQrll, vrÜAus zu hassen und fern zu halten der alte Dichter sich rühmen konnte; immer mehr schmilzt Quantität und Qualität der Geheimnisse. Alle werden berufen mit zu thun, mit zu genießen und folglich auch mit zu wissen, und darum bemühen sich auch die Höchsten immer mehr um die Stimme dieser großen Zahl. Begreiflichermaßen nicht immer mit den gewähltesten Mitteln. Wie bei jeder Neuerung ist auch hierbei nicht alles *) Aus der „Nation" vom 13. Oktober 1883. — 317 — reiner Gewinn. Das wird man wohl dem demokratischen Zeitalter selbst ins Gesicht sagen dürfen, insonderheit aber denen, welche, obwohl nicht verschmähend, die demokratische Zugkraft des Jahrhunderts als höchst brauchbar an ihren Wagen zu spannen, dabei durchaus nicht verhehlen können noch mögen, daß sie die Erhaltung und Befestigung der Autorität für das Unentbehrlichste ansehen. Und zwar nicht nur die persönliche Autorität der überlegenen Einsicht, welche noch am ersten neben der demokratischen Souveränetät denkbar ist, sondern Autorität der verschiedensten Art: Autorität der Obrigkeit göttlichen Ursprungs, der Geburt, der Stellung, der Kirche nnd der über jede Diskussion erhabenen Sittenlehre. Hier ist es, wo wir stutzig werden dürfen, wenn wir sehen, daß hervorragende Vertreter dieses Autoritätsprinzips die Gefahr heraufbeschwören, durch Enthüllungen aus den geheimen Briefschaften die Menschheit irre zu machen an der Gemeingültigkeit der Grundsätze, welche sie zwar tagtäglich in salbungsvollen Worten dem Volke predigen lassen, deren bindende Kraft aber man in ihrem politischen Raten und Thaten, wie sie es da enthüllen, vergeblich sucht. Wohlverstanden, es ist hier die Rede nicht von dem, was man thut, sondern von dem, was man eingesteht. Es ist in der Politik immer mit trübem Wasser gekocht worden, das weiß man und wird es sobald nicht ändern. Aber daneben verdient die Frage aufgeworfen zu werden, welche Rückwirkung es auf die große Zahl ausüben muß, auf die große Zahl, an welche jetzt immer mehr appelliert wird, wenn man sie auf die nackten Thatsachen, welche sich zu sehr zweifelhafter Moral bekennen, sozusagen mit der Nase hinstößt. Denn was von diesen politischen Enthüllungen als moralischer Niederschlag zurückbleibt, ist doch immer wieder das,. — 318 — was man den Lehren der Jesuiten als den schwersten Vorwurf angeheftet und womit man ihnen auch den schwersten Stoß versetzt hat: daß der Zweck die Mittel heilige. Ganz haben es auch die Jesuiten niemals Wort haben wollen, und ausdrücklich habe« sie es niemals so formuliert. Aber in Wirklichkeit lag die zersetzende Quintessenz ihrer Sittenlogik darin, daß sie nach Umständen jede sonst verbotene Handlung für erlaubt und sogar für geboten erklärten, wenn es dem Thäter nur gelänge, bei seiner verbotenen That mehr auf die erlaubte Endabsicht, als auf auf den dahin- führenden Weg feine Intention zu richten. Die Welt, die sehr wohl verstand, daß sich bei dieser Sophistik das zu ihrem Bestehen unentbehrliche Fundament des Sittengebäudes nicht erhalten ließe, hat dieselbe verdammt. Und wenn die faktische Gutheißung der politischen Jesuitenmoral, welche unvermeidlich aus den Urkunden der geheimen Archive durchsickert, so weiter geht wie im letzten Jahrzehnt, so wird dadurch eine Gefahr für das allgemeine Bewußtsein herbeigeführt werden, vielleicht und hoffentlich auch eine Heilung im Brauch selbst. Fürst Bismarck hat in den ersten auf seine großen Triumphe folgenden Jahren wiederholt sich verwahrt gegen den Spruch von Blut und Eisen, den man ihm in den Mund gelegt hatte. Er gehorchte darin einem richtigen Impuls. Und so wenig wir auch glauben, daß er damals ein anderer gewesen wie jetzt, wir können uns des Gedankens nicht erwehren, daß das Gefühl für die Notwendigkeit dieser Verwahrung ihm damals aus dem lebendigeren Zusammenhang aufstieg, in welchen er mit den edleren Freiheits- und Humauitätsbcstrebungen der Nation sich befand. Es war die Zeit, da er mit den Jesuiten beider Konfessionen gebrochen hatte, in der Hauptsache wohl nur, weil sie seiner großen Politik Hindernisse in den Weg legten; — 319 — aber Form und Inhalt lassen sich nie so ganz scheiden, daß man nicht glauben dürfte, der Mann von ehemals, welcher den Intriganten der Kurie und den Deklaranten der Kreuzzeitung ein Dorn im Auge gewesen, habe eine lebhaftere Empfindung für die Bedürfnisse des Volksbewußtseins gehabt, als der, welcher heute um die Allianz jener Mächte wirbt und von ihnen beglückwünscht wird, weil er ihnen zum Schemel ihrer wieder emporstrebenden Macht zu werden verspricht. Schwerlich hätte damals der Kanzler die drei umfangreichen Bände seiner Frankfurter Berichte in die Welt ent« sendet, in denen neben außerordentlich viel Bewunderns- wertem auch des Bedenklichen nicht wenig zu lesen ist. Er hätte auch das Bedürfnis dazu nicht empfunden, denn kein ehrlicher Deutscher brauchte damals durch die Vergleichung von Sonst und Jetzt auf die Verdienste des Mannes aufmerksam gemacht zu werden, welcher das Deutsche Reich ins Leben zurückgerufen hat. Als die Aushängebogen mit dem Anziehendsten aus den Poschingerschen Enthüllungen an die Zeitungen verabfolgt wurden, fielen natürlich Redaktionen und Leser über die schmackhaften Bissen her. Über dem ersten Genuß an solch leckerer Kost schweigen die Bedenken, uud die befriedigte Neugierde zollt gern den Tribut ihrer gerechten Bewunderung. Doch das die moralische Gesundheit angreisende Element, welches zu diesem Gaumenkitzel gerade am meisten beiträgt, ist damit nicht unschädlich gemacht. Auch der so flüchtige Zeitungsgennß läßt eine Gesamtwirkuug zurück, die sich zu einem bleibenden Ansatz verdichtet und für das Urteilen wie das Handeln der Menschen mit bestimmend wird. Im vorliegenden Fall haben wir es überdies nicht bloß mit den rasch servierten Gerichten zu thuu, welche die Tagespresse auftischt. Drei starke Bände, wenn schon keine Nahrung — 320 — für jedermann, werden sich doch, von so eminenter Autorschaft getragen und von so denkwürdigem Inhalt erfüllt, immer und immer wieder der Wißbegierde aufdrängen, und was auf diese Weise auch nur minder großen Kreisen der Zeitgenossen bewnßt wird, erweitert sich in seinen wichtigsten Ergebnissen allmählich zum Gemeingut. Die vertraulichen Instruktionen Friedrichs des Großen an seine Geschäftsträger, welche jetzt aus den Archiven veröffentlicht werden, sind auch gerade nicht als moralische Erbauungsbücher zu verwenden. Aber hundert und vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und lassen immerhin Raum für die tröstliche Vermutung, daß die Politik heute auf geraderen Wegen wandle als damals. Auch begreift man eben deswegen den Sinn des lange gepflogenen Herkommens, wonach die Einsicht in die geheimen Urkunden neuester Politik der Geschichtsforschung vorenthalten wird. Wie aber, wenn der Schleier gelüftet wird, welcher den Zeitgenossen daK Miterlebte in seinen geheimsten Ansätzen und Vorbereitungen wohlthätig verborgen hielt? Eine Mailänder Zeitung „Perseveranza" brachte Ende August dieses Jahres ein Aktenstück zum Abdruck, welches, wie wohl kaum ein anderes der betreffenden Gattung, dazu geeignet scheint, die bedenkliche Seite dieser modernen Indiskretionen ins Licht zu setzen. Es handelt sich um einen Brief Cavours an Victor Emanuel, der eineu merkwürdigen Beitrag zur Vorgeschichte des österreichisch-italienischen Krieges liefert. Das Schreiben, welches aus Baden-Baden unterm 24. Juli 1858 datiert ist, erzählt den Hergang mehrerer Besprechungen zwischen dem italienischen Staatsmann und dem Kaiser der Franzosen. Die Besprechungen selbst hatten nicht in Baden stattgefunden, sondern in Plom- bisres, aber an Ort und Stelle war ersterem nur Zeit zu einer flüchtigen chiffrierten Depesche an seinen König ge- — 321 — blieben. Von Baden aus holte er das Verschobene nach, nicht ohne sich gütlich zu thun in der Breite einer behaglichen Expektoration, der man es deutlich anmerkt, daß sie ebensowohl auf den Beifall des Adressaten, wie auf die Sicherheit des Geheimnisses rechnet. Die sorgfältig angelegte Wiedergabe der Unterhaltung zwischen Cavour und Napoleon III. strotzt von scharf gewürzten Äußerungen, namentlich wo sie aus das Heiratsprojekt zwischen dem Prinzen Jerome Napoleon und der Tochter des Königs, Prinzessin Clothilde, eingeht. Doch dieser Teil, so amüsant er ist, soll hier nicht in unsere Betrachtungen hereingezogen werden; ebensowenig der schon näher liegende, welcher die Abtretung von Savoyen und Nizza als den Kaufpreis der Unterstützung im Krieg gegen Osterreich ins Auge faßt. Das Höchste an Unverfrorenheit liefert das Gespräch da, wo es sich darum dreht, eiuen Vorwand zur Offensive gegen Osterreich ausfindig zu machen, und bei diesem Teil wollen wir einen Augenblick verweilen. Napoleon erklärt dem Italiener von vornherein, er sei entschlossen, ihm in einem solchen Kriege beizustehen, aber es dürfe kein Grund revolutionärer Natur dem Krieg zum Anlaß dienen, fondern einer, der sich vor der europäischen Diplomatie und namentlich vor der öffentlichen Meinuug Frankreichs und Europas sehen lassen könne. Und nun erzählt Cavour, wie er dem Kaiser eiue Garnitur von Vorwänden nach der anderen präsentiert habe, die sich aber sämtlich bei genauerer Besichtigung mehr oder minder als unbrauchbar erwiesen; es galt also neue Vorwände aufzutreiben. Hier müssen wir ihn selbst reden lassen; denn nur die buchstäbliche Wiedergabe kanu von dem Aktenstück ein richtige Idee geben. „Meine Lage ward sehr unbequem, denn ich hatte nichts Greifbares mehr vorzuschlagen. Jetzt kam mir der Kaiser zu Hilfe, und wir machten uns gemeinsam Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften, I. - 322 - daran, alle die einzelnen Staaten Italiens durchzugehen, um jenen so schwer zu findenden Anlaß zum Kriege aufzutreiben. Nachdem wir beinahe die ganze Halbinsel erfolglos durchstöbert hatten, langten wir, so zu sagen, ohne etwas dabei zu denken, in Massa und Carrara an, und da entdeckten wir auf einmal, was wir so eifrig suchten. Als ich nun dem Kaiser eine genaue Schilderung dieses unglücklichen Landes gemacht hatte, kamen wir überein, daß man eine Petition der Einwohner an Ew. Majestät ins Werk setzen müsse, worin um Dero Schutz und sogar um die Einverleibung in das Königreich Sardinien nachgesucht würde. Ew. Majestät würde zwar auf diesen Vorschlag nicht eingehen, aber sich doch der unterdrückten Bevölkerung annehmen und dem Herzog vou Modena eine hochfahrend und drohend abgefaßte Note zuschicken. Der Herzog, auf Österreichs Unterstützung rechnend, würde in einem inpertinenten Ton antworten. Daraufhin würde Ew. Majestät Massa besetzen lassen, und der Krieg wäre besorgt." Wir können uns das Übrige schenken. Faktisch kam achtzehn Monate später das solchermaßen ersonnene Mittel nicht zur Anwendung, aber das ist für uns gleichgültig. Was uns interessiert, ist, daß man Zettelungen von so über die Maßen verfänglicher Art vor den Augen der Zeitgenossen zur Schau stellt. Cavour steht als einer der besten und uneigennützigsten Patrioten da. Von allen Staatsmännern der neueren Zeit hat wohl keiner, indem er so Großes leistete, so ganz die Sympathien seines Volkes, ja der Welt besessen und verdient wie er. Er hat seine Kraft nicht nur der Einigung seines Landes, sondern auch der Befestigung freisinniger und gerechter Institutionen gewidmet, deren Geist ihn Zeit — 323 — seines Lebens beseelt hatte. Wenn er mit einer frivol erscheinenden Kaltblütigkeit dem König die Dinge erzählt, wie sie sich in Plombisres begaben, so galt eben zwischen ihnen als ausgemacht, daß sie auf jede Weise den Bruch mit Osterreich herbeiführen mußten und in den Mitteln nicht gar wählerisch zu sein die Möglichkeit hatten. Aber Cavour hätte sich wohl nicht in dieser Weise gehen lassen, wenn ihm der Gedanke gekommen wäre, daß man seinen Bries dem großen Publikum nach fünfundzwanzig Jahren Preisgeben würde.*) Über die Frage, in wie weit es erlaubt sei, deu Knoten historischer Verhängnisse unter dem Deckmantel der List mit der scharfen Schneide der Gewalt zu zerhauen, mag man so oder anders denken. Gewiß ist aber, daß das öffentliche Sichbekennen zu solcher Handlungsweise viel weiter trägt, als dem Sinne der Handelnden entspricht. Was ein die anderen überragender Mann an besonderer Stelle in besonderer Lage zu thun sich entschließt, giebt noch nicht das Maß für das, was er als Mensch in gewöhnlich menschlichen Dingen sich erlauben würde, uud so lange die Fäden seiner Gedanken uud seiner Pläne unter dem Schutz eines, wenn auch halb durchsichtigen, Geheimnisses verborgen bleiben, wird wenigstens die Scham des öffentlichen Bewußtseins, die letzte Zuflucht des Lc>Qssnsri.8 oirmirun, nicht vergewaltigt. Von dem Moment ab jedoch, wo solche Geständnisse aus dem gemeinen Markt des täglichen Lebens umhergestreut werden, entlehnt der erste beste daraus das *) In den von Chiala herausgegebenen 2 Bänden „Briefe Cavour's" befinden sich deren zwei an La Marmora vom selben Datum (24. und 25. Juli 1858), worin er dem General den gedrängten Inhalt obigen an den König gerichteten und unzweifelhaft echten Schreibens wiedergiebt, welche aber auch von der ganzen Glut und Hingebung seiner patriotischen Energie Zeugnis ablegen. 21* Recht, sich danach ein Vorbild zu machen und dieses auf Beweggründe und Zwecke zu übertragen, welche himmelweit vom Vorbilde entfernt liegen. Es liegt uns fern zu behaupten, daß in den Bis- marckschen Berichten aus der Frankfurter Zeit sich Auslassungen fänden, die sich an Verfänglichkeit und Ungeniertheit mit dem oben angeführten Aktenstück messen könnten. Zwar ist die Poschingersche Sammlung nicht aller Zurichtung entgangen, aber wir kennen aus ihr und aus zahlreichen früheren Enthüllungen die Art und Weise der Bismarckschen Feder genugsam, um in aller Sicherheit sagen zu können, daß sie mit einer Bedachtsamkeit und Selbstbeobachtung geführt zu werden Pflegt, die solche Ausschreitungen undeuk- bar macht. Einem Friedrich Wilhelm IV. uud Manteuffel gegenüber wäre außerdem eine so lose Sprache, wie der italienische Minister sie dem selbst für einen Italiener noch besonders ungebundenen Victor Emauuel zum besteu gab, von vornherein unmöglich gewesen. Nichtsdestoweniger besteht eine Verwandtschaft zwischen dem Gedankengang, der sich dnrch die Frankfurter Berichte, und dem, welcher sich durch die successiv veröffentlichten geheimen Akten des österreichisch-italienischen Kriegs zieht. Die Analogie der geschichtlichen Vorgänge selbst entspricht bekanntlich durchaus dieser Analogie der Akten. Die Verschiedenheit des Temperaments, der Sitte, des Glaubens, der ganzen Lebensformen kommt natürlich in der Verschiedenheit zum Ausdruck, in welcher die geheimen Bekenntnisse des katholischen Südens gegen die des protestantischen Nordens abstechen. Aber die Wirkung auf die umgebende Welt gleicht sich eben deshalb auch wieder aus. An dem unstrengen und leichtlebigen Italiener wird kaum beachtet vorübergleiten, was den ernst und gradlinig denkenden Deutschen vor den Kopf stößt. Wir hören jetzt so unendlich — 325 — viel von der Notwendigkeit reden, das Volk in seiner Religion zu befestigen, und die hohen Politiker, welche ihr Augenmerk darauf hin richten, thun es eingestandenermaßen nur in der Absicht, durch die Religion für die Moralität zu sorgen. Ganz gewiß aber sind alle theoretischen Aufklärungen, mit welchen Satzungen des Glaubens angezweifelt werden, nicht entfernt so bedenklich für die Sittlichkeit, als die hohen Vorbilder einer sittlichen Praxis, welche den Konflikt mit der bürgerlichen Moral thatsächlich predigen. Me wahre MMärparkei/) bekanntlich sind es die Kanonen, mit deren Hilfe sich die Könige in letzter Instanz unter einander verständlich machen. Auch die Väter der Republiken, welche sich einbilden, besser zu sein als die Könige, verschmähen es nicht, in diesen Zungen zu reden, zumal wenn sie hoffen, das letzte Wort zu behalten. Die Völker aber überlassen, bis zu dem Augenblick, wo sie mit dieseu überzeugendsten Gründen der praktischen Vernunft bearbeitet werden, das Geschäft der internationalen Auseinandersetzung ihren Diplomaten und Journalisten. So lange die Welt steht, hat noch niemand das Lob der Diplomaten gesungen. Aber eben deswegen möchte es ihnen schwer fallen, ^ncht besser zu sein als ihr Ruf. Vermutlich sagt man ihnen so viel Übles nach, weil man sie so wenig fürchtet. Im ganzen sind sie heutzutage ein harmloses Geschlecht, welches seinen Hauptberuf darin findet, Feste zu geben und Feste mit seiner Anwesenheit zu verherrlichen, die den Teilnehmern das wohlthuende Bewußtsein verschaffen, die höchste Stufe auf der Leiter gesellschaftlicher Verfeinerung erklommen zu haben. Diese sanften Lebensgewohnheiten bringen es mit sich, daß unsere Ge- Aus der „Nation" vom 15. Dczcmber 1883. — 327 — sandten mit seltenen Ausnahmen friedliebende Leute sind. Schon der berechtigte Wunsch, ihre Gemahlinnen im sonnigen Genuß dieser erstrebenswertesten aller Befriedigungen weiblichen Ehrgeizes nicht zu stören, stimmt sie zu jener Milde der Gesinnung, welche ihnen als Gehilfen der Völkerhirten wohl ansteht. Wie anders verhält es sich mit den Journalisten! Auch sie werden zwar viel gescholten, aber noch mehr gelobt, weil sie nämlich viel gefürchtet werden; und wie sollte es anders sein, da sie es in der Hand haben, die Menschen gut und schlecht zu machen, oder was noch wirksamer ist, berühmt und unberühmt. Denn wer möchte heute nicht berühmt sein, wer hätte nicht ein Buch geschrieben, das er gelobt, oder wenn es nicht anders sein kann, wenigstens getadelt zu lesen wünscht? Der Journalist aber kann schweigen, er kann totschweigen, wie der furchtbare, eben darum so bezeichnende Ausdruck lautet. Das Nichtreden ist die schärfste Waffe, welche Mutter Natur dem redseligsten aller Geschöpfe für den Kampf ums Dasein mit auf den Weg gegeben hat, und oft ist dasselbe grausam genug, von ihr Gebranch zu machen. Aber leider schweigt es nicht immer an der rechten Stelle! Wie viel besser stünde es um die Auseinandersetzungen zwischen den Völkern, wenn die Journalisten sich etwas weniger laut um dieselben kümmern wollten! Der französisch-deutsche Krieg vou 1870 wäre schwerlich zum Ausbruch gekommen ohne die Pariser Zeitungen, und wenn seitdem der Friede erhalten geblieben, so ist es nicht das Verdienst der französischen, aber wohlgemerkt, auch nicht der deutschen und der russischen Journalisten. Wären die Regierenden und ihre Diplomaten nicht kaltblütiger und friedliebender als die Stimmführer in der Presse, so würde es schon längst wieder von den Vernunftgründen der — 328 - Druckerschwärze zu den Vernunftgrüuden des Schießpulvers gekommen seiu. Noch immer Hort man hie und da von klugthuenden Ausländern die alte Mähr von der preußischen „Militärpartei" vorbringen, welche mit aller Gewalt zum Völkerschlachten dränge. Wie wenig stimmt das mit der Wahrheit! In demselben Atem, mit dem diese hohen Politiker die Greuel der preußischen Militärpartei enthüllen, Pflegen sie uns auch den Vorwurf an den Kopf zn werfen, die fünfnndvierzig Millionen Deutsche seien lauter arme Knechte unter Bismarcks Alleinherrschaft. Selbst die letztere Behauptung ist nicht so wahr, wie es scheint, aber sie ist wahr genug, um sagen zu können: was würde eine Militärpartei bedeuten, die nicht mit Bismarck identisch wäre? Und doch giebt es vielleicht in ganz Preußen keinen Menschen, der weniger Militärpartei wäre, als er, trotz der Uniform, in welcher er einhergeht. Wäre sein Sinn so groß für das Bedürfnis des inneren wie für das Bedürfnis des äußeren Landfriedens, „wie lieb folltst du mir sein"! Auch in Frankreich hat es bei Ausbruch des Krieges keine Militärpartei in jenem gemeingefährlichen Sinne gegeben. Weiber, Intriganten und Journalisten haben den Krieg gegen Deutschland angeblasen, zu dem Napoleon selbst nicht hinneigte. Die Wahrheit ist, daß in der Regel hier wie dort die Häupter des Militärwesens den Krieg weder wünschen, noch Ursache haben, ihn zu wünschen. Vielen gut dotierten Stellen und allem, was dazu an Armatur gehört, mögen sie dies- wie jenseits hold sein; aber gerade die Inhaber der hohen Chargen haben vom Krieg mehr zu fürchten, als zu hoffen. Fähnriche und Lieutenants, welche, um zn avancieren, einen Feldzug ersehnen und deshalb stets prophezeien, daß es nächstens losgehen wird, giebt es überall, aber glücklicherweise haben die Lieutenants und die Fähn- — 329 — riche mehr Einfluß auf junge Damen als auf alte Schnauzbärte. Die wahre Militärpartei find die Journalisten. Es ist merkwürdig genug, daß man den Satz „Gott bewahre mich vor meinen Freunden", schon erfunden hat, ehe die Zeitungen erfunden waren. Die Menschen gebrauchen die Sprache viel weniger, um anderen Mitteilungen zu machen, als um zum eigenen Vergnügen laut zu denken; die Journalisten aber, welche nicht immer die tiefsten Denker sind, machen ihre Reflexionen am lautesten von allen Menschen, und ihr Beruf hat sie dazu ausgebildet, vornehmlich das zu denken, was ihre und ihrer Leser Eigenliebe im Moment am meisten kitzelt. Überdies ist es leider sehr verführerisch, von denen, mit denen man schlecht steht, schlecht zu denken. Dies Geschäft übernehmen die Zeitungen für sich und für ihr Publikum. Die unzerstörbare Naivetät der Menschen bleibt an der Vorstellung haften, daß die Blätter geschrieben würden, um über Thatsachen und Verhältnisse zu belehren. In Wahrheit werden sie geschrieben, um zu unterhalten, und nichts ist so unterhaltend wie üble Nachrede — die laute gegen die Feinde, die leise gegen die Freunde. Seitdem die Politik in das Zeichen der Nationalität eingetreten ist, hat die gegenseitige Völkerverlästerung einen ungeheuren Aufschwung genommen. Das an sich wohlberechtigte Prinzip ist zu solchen Extremen getrieben worden, daß man den Moment kommen sieht, wo es sich überschlagen wird. Nach dem Vorgang der großen Nationalitäten, welche alte Kulturen tragen und verkörpern, wird jetzt für die kleinsten, kanm definierbaren, halb barbarischen Gruppen die Selbstherrlichkeit gefordert. Nicht zufrieden mit der Unabhängigkeit des Vaterlandes nach außen, gräbt man im Innern desselben nach nationalen Wurzeln, um auf dem eigenen gemeinsamen Boden möglichst viel Ele- mente befehden, verdrängen, unterdrücken und isolieren zu können. Man sollte denken, die sozialistische Bewegung, welche jetzt im Aufsteigen begriffen ist, müßte als ihrer Natur nach huinanitarisch, d. h. kosmopolitisch, die nationale zurückdrängen, und die Logik der reinen Kommunisten erkennt das auch an. Aber wo einmal die Freude am Hassen sich der Gemüter bemeistert hat, greift sie nach jedwedem Gefäß, um ihren Durst zu stillen. So sehen wir in Deutschland eine Sekte sich breit macheu, die es fertig bringt, einen extremen Nationalismus mit Sozialismus zu verquicken, — Wasser mit Feuer; freilich weil eS ihr im Herzen so wenig um das eine wie um das andere zu thun und das Ächten und Verachten ihr Hauptsache ist. „Die Sektiererei ist so recht für die Lumpen gemacht, denn sie giebt ihnen eine Konsistenz, die sie ans sich selbst niemals schöpfen könnten." So schrieb schon vor hundertundzehn Jahren der Abbate Galiani. Man hört so oft die Frage auswerfen: was soll aus der Menschheit werden, wenn die Vermehrung der bewaffneten Macht zn Land und zu Wasser sich wechselseitig steigernd immer so weiter geht und das Mark der Völker aufzehrt? Ehrwürdige Leute, welche sich nicht schämen für Illusionäre zu gelten, versuchen immer wieder, Vorschläge zu allgemeiner Abrüstung auf die Tagesordnung zu setzen. Wie wäre es, wenn einmal die Journalisten an dem Apparat des Völkerhasses abzurüsten versuchten? Liegt doch ohne Zweifel in ihm eine der Hauptursacheu, welche zur ewig wachsenden Höhe der eisernen Rüstungen hindrängen! Man wird den Gedanken, daß eine solche Mahnuug Gehör finden könne, ebenfalls für eine blanke Illusion erklären. Wer auch dürfte hoffen, er besäße die Stimme, in diesem wüsten Wortgetöse sich vernehmbar zu machen? — 331 — Vor allem erhebt jeder, an den man sich wendet, die Einrede: „der andere hat angefangen!" Frage man in Deutschland, in Frankreich, Rußland, überall stößt man auf die Antwort: „nicht wir sind die Schuldigen, jene draußeu sind es". Aus diesem vitiösen Zirkel giebt es offenbar nur den einen Ausweg, daß jeder bei sich anfange, ohne zu fragen, was der andere thut. Wo jeder den anderen anklagt, darf auch jeder sich sagen, daß er nicht ganz von Sünden frei sein wird. Und wo jeder Partei ist, kann niemand Richter sein. Das Hauptunglück kommt daher, daß die meisten Journalisten morgens, mittags und abends die Zoruesaus- brüche ihrer ausländischen Kollegen lesen, sich ganz davon erfüllen und durch eine mir zu natürliche Reflexbewegung der Nerven getrieben werden, mit gleicher Münze heimzuzahlen, ja, dies für ihre heiligste Pflicht halten. O! es geschieht alles im besten Glauben; das ist eben das Unglück. Und wenn die Journalisten sich zanken, meinen die Völker sich in den Haaren zu liegen. Es würde einem, der selbst die Feder führt, schlecht anstehen, geringschätzig von der Presse zn reden. Aber dennoch möchte ich einem, jeden, der sich über einen Zeitungsartikel erbost und zn neuer Bosheit fortreißen läßt, die schöne Geschichte wiederholen, die Alfred de Musset von sich erzählt. Eines Tags, da seine große Verstimmung einem alten englischen Herrn aufsiel, frug ihn dieser nach der Ursache. Müsset erwiderte, ein Journal habe ihn schändlich angegriffen, worauf der Engländer in seinem gebrochenen Französisch ausrief: Hu'sst-os «zu'uri ^ourrial? IIn ^oruns,! e'sst uns ^snns Iromms. „Was ist ein Journal? Ein Journal ist eine junge Mensch!" Und wie viele solche junge Menschen giebt es auch unter den ältesten ihres Geschlechts! Die deutschen Journalisten uud deutschen Leser be- — 332 — schäftigen sich viel zu sehr mit auswärtigen Dingen. Das ist noch eine der schädlichen Erbschaften unserer erst halb überwundenen politischen Krähwinkelei nnd unserer noch gar uicht überwundenen geistigen Zersplitterung. Wer den Deutschen etwas sagen will, ist noch heute sicherer es ihnen überall zu Gehör zu bringen, wenn er es in die „Times" oder in den „Temps" setzt, als in irgend ein deutsches Blatt. Unsere Zeitungen bringen regelmäßig nicht nur die in den Parlamenten, sondern auch die in den Fraktionen gehaltenen Reden der französischen Abgeordneten. Noch niemals, darauf kann man jede Wette eingehen, hat ein fremdes Blatt erzählt, was in einer Berliner Fraktion gesprochen worden ist. Ja! wenn Jules Simon in einer Fraktion spricht, ist er viel sicherer durch die „Französische Korrespondenz" in die Berliner Blätter zu kommeu, als Gneist an Ort und Stelle. Wer kennt nicht Jules Simon in Deutschland? Wer außer den Gelehrten des Fachs kennt Gneist in Frankreich? Und doch steckt in Gneist zehnmal mehr wie in Simon. Als jüngst der Lordmayor von London „unserem" Stöcker die Erlaubnis im Stadthause zu reden wieder entzog, erklärte er, bei der ursprünglichen Zusage gar nicht gewußt zu haben, wer Stöcker sei. „^Vlio 1s Ltosolcsr? Wer ist Stöcker?" rief er, „ich hatte keine Ahnnng!" — Für Deutschlands Ehre wäre es besser gewesen, er hätte es nie erfahren. Aber uehmen wir an, es gäbe in England eine so seltsame Figur, d. h. einen am Morgen vor dem Hof predigenden und am Abend in vorstädtischen Bierlokalen agitierenden Geistlichen, unsere kleinsten Dorfzeitungen hätten sein Bild schon lange in ihrer Sonntagsbeilage gebracht. Dies Erbübel ist zu einem guten Teil mit Schuld daran, daß unsere Presse immer mit dem Ausland „verzankt" ist." Die Selbstverleuguuug ihrer kosmopolitischen Neugierde gleicht sie dann durch die Übertreibung ihres — 333 nationalen Selbstgefühls wieder aus. Das ist „ein Schwören, Rasen, Poltern" ohne Ende. Und zu welchem Zweck? Allerdings, es schafft Erleichterung von dem Unwillen, den man über das Schwören, Rasen, Poltern des andern Teils empfunden hat. Aber wenn es vergönnt wäre, von der Fiktion auszugehen, daß die Presse da sei, um bessernd ans Menschen und Zustände zu wirken, so müßte man doch zu erwägen geben, ob die Leute durch die Grobheiten oder Bosheiten, die man ihnen an den Kopf wirft, gebessert werden, auch wenn sie noch so unrecht haben. Wir sind nicht bloß Jahr aus Jahr ein mit Frankreich und Rußland verzankt, sondern mit der halben Welt. Es giebt ein paar große deutsche Blätter, die stets mit Haß und Verachtung gegen die Engländer geladen sind, die respektabelste Nation der Welt, die uus weder liebt uoch haßt. Uud warum dies? zu welchem Zweck? das hat noch niemand ergründen können. Aufmerksamen Zeitungslcsern wird es uicht entgangen sein, daß deutsche Korrespondenten in fremden Ländern beinahe immer gegen die Regierung des Landes, über das sie berichten, Partei nehmen, statt sich objektiv zu verhalten, wie Fremden natürlich oder mindestens geziemend wäre. Wenn wir von diesem Hader nach außen noch wenigstens das Hütten, daß wir etwas brüderlicher nach innen empfänden; wenn wir wenigstens die Lehre des Evangeliums verwerteten, wie jener Kapuziner: „Liebet Euch unter einander, denn wer sonst, zum Teufel, soll Euch lieb haben?" Aber selten ist Deutschland so in Uneinigkeit zerrieben gewesen, wie seitdem es „ein einig Bolk von Brüdern" geworden. Wir hätten doch einen besonderen Grund, das Beispiel der Mäßigung zu geben. Deutschland ist Sieger gewesen und ist heute jedem einzelnen gegenüber gewiß der Stärkere. Lassen wir das Aufbrausen denen, die ihren, wenn nicht gerechten, so doch begreiflichen Groll noch zn 334 — verwinden haben. Die „große Politik" kann ja manchmal in ihrer Weisheit es für nützlich halten, einen „Krieg in Sicht-Artikel" loszulassen, dafür hat sie dann ihre eigenen Organe. Wenn ich aber die Ehre hätte, ein großes unabhängiges Blatt zu redigieren und es würde ein solcher Dienst von mir verlangt, fo würde ich die Antwort geben, welche der Aufseher des zoologischen Gartens in Frankfurt a. M. dem Bedienten der Baronin Bethmann gab. Dieser richtete nämlich im Namen seiner in der Nähe wohnenden Gebieterin den Auftrag aus, der Hirsch, welcher — sei es aus Zahnschmerzen oder aus Liebesschmerzeu — so sehr schrie, möchte zum Schweigen gebracht werden. „Bitte", lautete die Antwort, „kommen Sie doch herein und sagen Sies dem Hirsche selbst". Die Tagespresse hat viel zu thun, aber sie thut noch mehr als man von ihr verlangt. Dazu gehört das Wiedergeben und Widerlegen aller Jnvektiven, welche irgend ein auswärtiges Blatt — manchmal ein ganz obskures — losläßt. Es wäre besser und würde viel weniger Arbeit machen, wenn man sich darauf beschränkte, das hervorzuheben, was zur Beruhigung beitragen kann; der militärischen Kriegstüchtigkeit würde das keinen Eintrag thun. Am nächsten Weihnachtstag werden wir, wie alljährlich, an dem Kopf jeder Zeitung einen Schulaufsatz finden, voll Orgelton und Glockenklang, überschrieben: „Freude im Himmel und Friede auf Erden." Darin wird er besungen und belobigt der liebliche Knabe gelagert am ruhigen Bach. Ich möchte einen Vorschlag zur Güte machen. Einmal im Jahr ein Donnerwetter zur Erleichterung der kriegerischen Journalistenbrust, und die übrigen 364 Tage möglichst viel von dem, was zur Besänftigung der Nationen gereichen könnte, die doch schließlich alle dieselben menschlichen Fehler und Tugenden mit sich herum tragen. Dunkle Vorstellungen') sind meines Wissens nur in den Theatern Deutschlands eingeführt. In Italien, Frankreich uud England weiß man nichts davon und würde man sie auch nicht ertragen. Bei uns sind sie noch nicht seit einem Menschenalter eingebürgert. Ehe die Gasbeleuchtung im Gebrauch war, konnte das Auf- und Abschrauben der Massenflammen nicht hergestellt werden. Der erste Versuch, den der Intendant der königlichen Schauspiele am letzten Montag gemacht hat, seinen Zuschauerraum mit einer festlich geschmückten Menge zu füllen, hat die Aufmerksamkeit auf diese eigentümliche Sitte gelenkt, und schon um deswillen sollte man ihm für denselben dankbar sein. Auf den ersten Hieb scheint ja die Sache mißglückt zu sein, uud manchmal ist gerade der erste Hieb entscheidend. Aber — ob mit besserem Erfolg oder nicht — die Versuche werden fortgesetzt werden, und ob man ihnen hold oder abhold gesinnt sei, sie werden Anlaß geben, mehr als einen Seitenblick auf die Theaterordnung und alles, was damit zusammenhängt, zu werfen, so daß ein Gewinn übrig bleibt. Wenn wir bei dieser Gelegenheit die dunklen Vorstellungen los werden könnten, so *) Aus der „Nation" vom 14. Januar 1888. wäre das ganz entschieden ein solcher. Ich weiß, die Wagnerianer wird man nicht dazn bekehren, denn der Meister hat es so gewollt, und man braucht nicht einmal zu fragen: wer weiß, was er gewollt? wie es am Ende des Burschenschaftliedes heißt. Man weiß es ganz genau. Über Religion läßt sich nicht streiten, und das Wagnertum ift Religion. Daß Dunkelheit zum Mysterium gehört, ist selbstverständlich. Unsichtbares Orchester, unsichtbare Zuhörer, unsichtbare Mächte und noch etliche andere Unsichtbarkeiten tragen zur Steigerung dunkler Gefühle bei und haben gewiß das ihrige gethan, der Bayreuther realistischen Romantik den Weg zu bahnen. Neben der Wagner-Religion hat noch eine zweite zur Verdunkelung der Vorstellungen mit eingesetzt, nämlich die Religion der Meininger. Ist es dem Wagnerischen Sinn mehr um die nächtliche Dämmerung im Bereich der Zuhörer zu thun, so handelt es sich bei dem des Meiningers um die möglichst große Helligkeit auf der Bühue. Weun der Zuschauer ergötzt werdeu soll durch die echte Ziselierung einer römischen Vase im Schlafzimmer Cäsars, so muß ein grelles Licht auf die Bühne fallen, und zwar auf die Bühne allein, damit alle die einzelnen Nebenfachen, welche hier zur Hauptsache gemacht siud, um so wirkungsvoller zur Geltung kommen. Diese beiden Religionen und ihr Kultus sollen also unbehelligt bleiben. Ich fühle mich ihnen gegenüber so profan, daß mir nicht beikommt, mit ihnen rechten zu wollen. Aber lasfet uns andere als gewöhnliche Menschenkinder menschlich miteinander reden. Graf Hochberg hat ganz gewiß recht, wenn er meint, ein Schauspiel werde dadurch erhöht, daß alles dabei Mitwirkende harmonisch ineinander greife, und daß vollends die große Oper geradezu nach solcher Harmonie schreie. Mitwirken, sage ich, und mit vollem Bewußtsein. Denn wirken nicht die Zuschauer mit? — 337 — Was braucht es mehr als das Zitat aus dem Buch der Bücher: „Die Damen geben sich und ihren Putz zum Besten Und spielen ohne Gage mit." Ja, sie spielen mit, sie sollen mitspielen, uud auch wir anderen, wir — wenn wir nicht Offiziere sind — unscheinbar gekleideten Männer sollen mitthun, denn was wären sonst — in aller ihrer Herrlichkeit! — die Damen? Ein Theaterstück kommt nur dadurch zur Existenz, daß es vor einer Menge aufgeführt wird, an deren nicht individualisiertem, sondern an deren Kollektivbewußtsein es seine Strahlen bricht. Man frage nur die Schauspieler! Sie müssen dieses Mitwirkens von der andern Seite so fortwährend teilhaftig werden, daß sie ohne Beisallsbezeugungen nicht gut spielen können. Die Rachel versicherte, daß ihr selbst der Schein dieses Beifalls, die bezahlte Claque, unentbehrlich sei. Und nicht bloß dem thätigen Teil, dem „Akteur", geht es so, auch dem passiven, dem Zuschauer. Aus dem einzigen Umstand, daß König Ludwig II. für sich allein Vorstellungen geben ließ, drängt sich schon unvermeidlich der Rückschluß auf, daß er kein normaler Mensch war. Das Theater läßt sich nur in Gemeinsamkeit mit der großen Zahl genießen. Alle seine Eindrücke gelangen erst dann zu ihrer vollen Bestimmung, wenn sie elektrisierend die Kette der Zuhörer durchschüttern und dieselben zu einem in potenzierter Erkenntnis und Empfindung verbundenen Gesamtwesen verschmelzen. Die Sinne, Auge und Ohr, durch welche das Theater auf die Menge oder richtiger mit der Menge zusammenwirkt, verlangen dabei natürlich ihre Befriedigung vor allem aus dem Born der Schönheit, am meisten aber gerade in der Oper. In dieser soll das Höchste geleistet werden, was die Phantasie durch den Zauber der Erscheinung und der Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. — 338 — Töne in Schwingung setzen kann. Was ist natürlicher, als das Verlangen, den Einklang damit auch im mitspielenden Publikum herzustellen? Es ließe sich viel über den Maßstab, der hier anzulegen ist, sagen. Doch würde das zu weit von meinem Endzwecke ableiten, welcher dahin geht, zu zeigen, daß ein festlich geschmücktes Auditorium bei unseren während der Vorstellung verdunkelten Häusern ein Unsinn wäre. Der gebildete Mensch kommt doch höchstens fünf Minuten vor dem Aufrollen des Vorhangs. Es gehört zu den kostbarsten Vorzügen unserer Bühnengewohnheiten, daß wir nicht die tötend langen Zwischenakte haben, welche z. B. in Paris zum unerläßlichen Anstand gehören, damit nicht Gott bewahre die Vorstellung vor Mitternacht zu Ende sei. Es ist zu fürchten, daß, wenn die geputzten Abende durchgreifen, die Zwischenakte länger werden, wenn nicht die wahre Hilfe kommt in Gestalt des Lichts auch während des Akts. IIn xiü äi lues! das ist der Ruf, den Graf Hochberg bei dieser Gelegenheit erhören sollte. Oder meint er wirklich, eine Dame werde zwei Stunden lang Toilette machen, um in zwei oder drei Zwischenakten zehn Minuten lang angesehen zu werden? Mit zwei Stunden trete ich gewiß keiner zu nahe, es ist ein gutes Durchschnittsbedürfnis, das hier zu Grunde gelegt ist. Und warum sollte dieses Dunkel nicht gelichtet werden? Ich behaupte, das Verdunkeln des Zuschauerraums ist nur nebenher der Absicht entsprungen, durch den Gegensatz die Erscheinungen der Bühne in möglichst Helles Licht zu setzen. Zwei andere Beweggründe haben mitgewirkt, zunächst ein rechnerischer, die Ersparnis von Gas und dann ein pädagogischer, die Erzwingung der Aufmerksamkeit. Letzterer spielt ohne Zweifel die Hauptrolle dabei; damit stimmt auch der Umstand, daß wir es hier mit einer deutschen Erfindung - 339 — zu thun haben. Der Deutsche ist vor allem ein geduldiger Schüler. Geduldig über die Maßen und ein Schüler seine lieben Lebtage lang. So sagt ihm denn der Schauspiel- direkor beim Eintritt in sein Haus: mein Sohn, oder meine Tochter, du wirst dich während der Schule jetzt nicht mit Allotris abgeben, und um dessen gewiß zu sein werde ich dich nötigen, während des Unterrichtes unverwandten Auges auf die Bühne zu schauen, wie du in der Klasse auf die schwarze Tafel schautest (oder auch nicht), wenn der Herr Lehrer eine geometrische Figur explizierte. Natürlich lächelte ein solcher Pädagogischer Brauch ganz besonders den Meiningern, die sich einbilden, das Publikum zu erziehen, und dem Meister Wagner, welcher wußte, daß man das Publikum tyrannisieren muß, um ihm zu imponieren, besonders in Deutschland. Und so ist in Ausbildung dieses Unwesens glücklich das schöne Ziel erreicht, daß mir verboten ist, mein Auge, so lange gespielt wird, auch nur eine Minute lang mit etwas anderem als den Vorgängen auf der Bühne zu beschäftigen. Ich muß zusehen, wie die zwei als Löwen verkleideten Buben in der Zauberflöte ihre Späße ausführen, wie die Hohepriester ihre Tuba feierlich vor sich aufpflanzen, wie Almaviva mit Rosiue am Klavier tändelt, während Bartolo hinausgelaufen ist, oder wie Kaspar die Kugeln gießt, während die Eule mit den Flügeln schlägt; nichts wird mir erlassen, was dem kleinen heute zum erstenmal ins Theater geführten Mädchen unbändige Freude macht, was mich alten Menschen aber schon etliche dutzendmal zur Verzweiflung gebracht hat. Und während ich als braver Schüler hier Acht geben muß, möchte ich lieber als unbraver die nette Dame da drüben ansehen, die sich auf Wunsch der Intendantur heute extraschön gemacht hat, aber nun in Dunkelarrest sitzt und sich langweilt wie ich. Und giebt es keine Sänger, die schlecht spielen, keine Sängerinnen, 22* — 340 — die man als Julie viel mehr genießt, wenn man statt ihrer irgend eine hübsche Zuschauerin fixiert? Die alt gewordene Persiani oder die dick gewordene Alboni machten ihren Bewunderern noch immer Freude, weil diese uicht gezwungen waren, sie anzusehen, wenn Don Giovanni sie zur Laube einlud, wo ihr schönstes Stündchen schlüge. Es ist anch auf den Bühnen anderer Länder vollauf hell genug, um die Herrlichkeiten des Madrider Ballets und das Minenspiel der Öomsclis FiÄnyÄiss bis auf die letzten Feinheiten zu genießen, und die Dunkelmacherei in unseren Theatern ist in Wahrheit Heller Unsinn. Will Graf Hochberg seinem Versuch nicht von vornherein das Lebenslicht ausblasen, so muß er diese schulmeisterliche Pedanterie abschaffen. Daß ihm dann gelingen wird, die „Gesellschaftsabende", ich darf nicht sagen einzubürgern, denn sie sollen ja das Gegenteil von bürgerlich sein — möchte ich darum noch nicht garantieren. Eine Opernvorstellung, die mit allem Luxus einer reich geschmückten Damenwelt ausgestattet ist, hat unleugbar einen großen Reiz und leistet, wenn die Hauptaufgabe darüber nicht hintangesetzt wird, erst damit das Vollmasz dessen, was sie leisten kann. Vielleicht aber liegt dann die Gefahr nach der anderen Seite, daß die Frivolität die Oberhand gewinnt. In Italien ist die Oper so sehr eine Geselligkeitsanstalt, daß man das Schwatzen als die Hauptsache betrachtet und durch die Sänger darin gestört wird. In Paris ist die Oper unter dem Glanz der Ausstattung auf der Bühne wie im Zuschauerraum musikalisch gewaltig zurückgegangen. Die Damen machen ihre Toilette auch nicht für die Vorstellung allein, sondern für die Gesellschaft, in welche sie nachher gehen. Wie steht es aber in Berlin mit der Gesellschaft? Eine kitzliche Frage! Ob überhaupt eine Gesellschaft aufkommen kann, wo die militärische Uniform — 341 — dem Ganzen ihr Gepräge aufdrückt? wo Sporen und Säbel mit ihrem allbeherrschenden Klirren sich vordrängen? wo man beispielsweise heute den Damen empfiehlt, in ausgeschnittenen Ballkleidern im Parket zu erscheinen, während derselbe Platz zn gemein erklärt wird, um auch nur einen Lieutenant oder Kadetten zu beherbergen? Wenn die Oper elegantes Publikum im ersten Rang haben wollte, so müßte sie zunächst doch Platz machen für dasselbe, Platz für die Damen, denen jetzt der Zutritt auf ein Minimum beschränkt wird dadurch, daß es für einen Mann in Uniform nicht standesgemäß erscheint, sich ebener Erde zu zeigen. Um einen großen Theatersaal zu sülleu, braucht man die große Zahl, und wenn man den Anspruch an sie erhebt, daß sie sich „schön mache", so muß man ihr die Gleichheit dafür einräumen. Aber wie weit sind wir noch entfernt von der praktisch durchgeführten Erkenntnis, daß zu einer wahren guten Gesellschaft die Gleichberechtigung aller Menschen von Bildung und Geschmack gehört. Dünkel von oben und Unterthänigkeit von unten halten alle Elemente, aus denen ein höherer Verkehr sich ernährt, noch viel zu sehr in Banden, und wir bekommen vielleicht noch eher Gesellschaftsabende in der Oper, als eine Gesellschaft überhaupt. Schaffte man uns inzwischen etwas mehr Licht auch während der Vorstellung, so wären wir wenigstens ein Stück vom Schulmeister los, der eine unserer größten Plagen geworden ist, seitdem er es zum Reservelieutenant gebracht hat. Die Aera öer Toaste. ') ^m zweiten Viertel dieses Jahrhunderts lebte zu Paris ein Schriftsteller mit Namen Gsrard de Nerval. Uns Deutsche darf er besonders interessieren, weil er mit Liebe und Geschick viele unserer klassischen Dichterwerke, auch den Faust, ins Französische übersetzt hat. Diese Arbeiten und mehr noch die Originalität seines persönlichen Wesens brachten ihn in den Ruf eines Genies, aber freilich eines Genies von jener bedenklichen Gattung, die aus Überfluß an Geist mit der prosaischen Führung des Lebens nicht fertig wird und schließlich verbummelt. Zuletzt verfiel er dem Trunk, wie merkwürdiger Weise einige andere hervorragende Poeten seiner Nation; und eines Morgens fand man seine Leiche am Laternenpfosten eines verlorenen, jetzt verschwundeneu Gäßchens, der rns cls lg. luQs, wo er sich in einer dunklen Winternacht aufgehängt hatte. Man erzählt allerhand schnurrige Geschichten von ihm. Eine kam mir jüngst wieder ins Gedächtnis, als ich las, ein beredter Mund hätte bei einem Gastmahl der Journalisten den Ausspruch gethau: alle bestehenden Parteien hätten sich überlebt, oder wie eine Zeitung das später frei übersetzte, sie seien zu altem Trödel Aus der „Nation" vom 21. Dezember 1889. - 343 — geworden. Wenn Gsrard de Nerval in seiner noch guten Zeit eine Erholungsreise macheu wollte, so mochte er sich nicht erst lauge den Kopf über den einzuschlagenden Weg zerbrechen. Er ging an den Schalter des Bahnhofs, griff in seine Hosentasche, langte eine Handvoll Münzen heraus uud legte diese dem Beamten aufs Zählbrett mit den Worten: „Geben Sie mir für mein Geld, vorms^-moi xonr rnon arZkut". In Paris giebt es fünf große Bahnhöfe, deren Linien nach den Hauptregionen in die verschiedenen Weltgegenden ausstrahlen. So konnte unser lustiger Patron noch immer sicher seiu, daß er je nach dem Bahnhof in eine Gegend des Nordens oder Südeus, Ostens oder Westens gelangen werde. Verlege man ihn aber mit seiner Laune in den Zentralbahnhof der Friedrichstraße, so würde die Methode noch viel abenteuerlicher. Nun scheint mir, daß der liebens- und bewundernswürdige Oberbürgermeister von Frankfurt, der den oben erwähnten Toast ausbrachte, den deutschen Wählern und Gewühlten einen Rat erteilt, welcher dazu angethan wäre, sie stark auf die Fährte des genialen Franzosen zu verlocken. Zur Zeit als Herr Windthorst noch das Zentrum regierte, Pflegte er, wenn die Reichsregieruug mit einem neuen Ansinnen hervortrat, den Schwerpunkt seiner Gegenrede in den Ausspruch zu legen, daß er erst wissen möchte: wohin die Reise geht. Mit diesem Programm, welches ungefähr das Gegenteil sagt, wie das neueste Motto des Herrn Miquel, hat Herr Windthorst über ein Jahrzehnt lang seine großen parlamentarischen Schlachten geschlagen und in einem langen, zähen Feldzug den Kanzler mitsamt seinem treuesten Anhang besiegt. Allerdings diese schönen Zeiten sind auch für Windthorst vorüber. Nachdem er den Kanzler im Kampf um Rom überwunden, hat auch er den Wechsel des Kriegsglücks — 344 — über dem Kampf um Kornzölle und Branntweinliebesgaben erfahren müssen. Er darf jetzt nicht mehr so laut frageu, wohin die Reise geht; es könnten sonst die stattlichsten Mannen in seinen eigenen Reihen zu meutern anfangen: und manchmal muß er ein Auge zudrücken, um den Weg, den die Reise einschlägt, nicht zu erkennen. Als er vermeintlich den Pfad der Begeisterung für die Befreiung der Sklaven betrat, stellte sich alsbald heraus, daß er nur ein Hülfsheer für die Zöllner des Sultaus von Zanzibar auf die Beine gebracht hatte; er hatte gedacht mit dem Kardinal Lavigerie in See zu stechen und erwachte an Bord an der Seite des Herrn Direktor Vohsen von der Ostafrikanischen Gesellschaft. Zu den Bräuchen vieler afrikanischen Stämme, mit denen wir uns aus nationalen Gründen jetzt immer mehr beschäftigen müssen, gehört es bekanntlich, auf dem Grabe eines ansehnlichen Toten eine Zahl seiner lebenden Angehörigen abzuschlachten. Bei dem Leichenfeste, welches der berühmte Parlamentarier in Frankfurt an den alten überlebten Parteien veranstaltete, durfte es auch an einer solchen Hekatombe nicht fehlen; und so schwang er, im Zuge wie er nun einmal war, sein blinkendes Opfermesser auch über das Parlament selbst. Er meinte, es mache seine Leute dumm. Man lege es also zu den Toten! Herr Miquel hatte damals, wie ganz unzweifelhaft feststeht, noch die bestimmte Absicht, zum nächsten Reichstag kein Mandat mehr anzunehmen, und so war es eigentlich nur konsequent, wenn er mit diesem, wenn auch für seine Vergangenheit wenig verbindlichen Bekenntnis von der Bühne abtrat. Denn: Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, Mußt dich ums Vergangene nicht bekümmern. Inzwischen hat der Urheber jener beiden drastischen Sätze sich, wie glaubhaft erzählt wird, von einer gewiß unWider- — 345 stehlichen Autorität bestimmen lassen, seine bewährte Kraft auch dem kommenden Reichstag nicht zu entziehen, und man kann auf den Gedanken verfallen, daß gerade seine geringe Meinung von den alten Parteien und von der parlamentarischen Weisheit zur Erhöhung des Vertrauens in seine künftige Wirksamkeit beigetragen hat. Die kleine Verlegenheit, welche solches Dilemma einem Durchschnittsmenschen bereiten könnte, wird er spielend überwinden. Eine abgethane Vergangenheit hinter sich und einen Reiseplan in unentdeckte Länder vor sich, was könnte es für einen unternehmenden Politiker Schöneres geben? Wir breiten nur den Mantel aus, Der soll uns durch die Lüfte tragen. Du nimmst bei diesem kühnen Schritt Nur keinen großen Bündel mit. Ein bischen Feucrluft, die ich bereiten werde, Hebt uns behend von dieser Erde. Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf; Ich gratulier' zum neuen Lcbenslauf. Ernsthaft, wie ich nun leider einmal bin, hab ich mir die Frage vorgelegt, ob man auf einen Trinkspruch so großes Gewicht legen dürfte, um daran gewissermaßen Betrachtungen über die Einweihung einer neuen Ära in der Entwicklung des deutschen politischen Lebens zu knüpfen. Die Toaste, welche, wie schon das Wort sagt, aus England stammen, obwohl ihr Ursprung bis ins graue Altertum zurückführt, genießen auf jenem ihrem klassischen Boden eine Art von Freibrief. Was ein Mann in einem ^AsräirursrLxSSLli gesagt hat, soll ihm am folgenden Tage nicht mehr bei Heller und Pfennig vorgerechnet werden. Auch ist, was insbesondere die Aussage von der verdummenden Gewalt des Parlamentarismus betrifft, noch zu beherzigen, daß sie vor einer Tafelrunde von Journalisten von einem der ersten deutschen Parlamentarier gethan worden. Dieser verfügt über alle Künste, aus denen die Kunst der Rede sich zusammensetzt, ich wüßte uicht eine, die ihm fehlte. Dazu gehört auch etwas Koketterie. Ich denke nicht schlecht von ihr, sonst würde ich das nicht so offen sagen. Mit Maß nnd Geschmack einem Schatz von guten Gaben beigemischt, trägt sie zum Reiz des Verkehrs nicht nur unter den beiden verschiedenen Geschlechtern bei. Sie ist eine jener Würzen, die ihren Adel dadurch bekunden, daß sie nur in der aller- feinsten Qualität oder gar nicht genießbar sind. Nun ist es gewiß schon ein Zug artigster Koketterie, wenn ein Mann, der die reichsten Lorbeeren in parlamentarischen Gefilden gepflückt hat, von der verdummenden Luft der Parlameute spricht. Thut er das aber gar vor einer Galerie von angeheiterten Journalisten, so ist er sicher, seinen Effekt aufs Höchste zu steigern, denn der Journalist ist dem Parlamentarier im Innersten seiner Seele — sagen wir: nicht gerade hold. Beide Teile stehen in einem Verwandtschaftsverhältnis, sie sind auf einander angewiesen, aneinander- gekettet, und daraus erklärt sich, wie so oft, das bissele Falschheit. Die Journalisten der Parlamente gar, die Berichterstatter, die sitzen oben auf der Galerie und schauen auf uns herab und müssen — fragt mich nur nicht wie? — nachschreiben, was wir sagen. Will mans ihnen verdenken, wenn sie den Kopf schütteln oder selbst fluchen? Und daß die Leute, welche einen so aus der Nähe beobachten, mehr Dummheit sehen als andere, ist auch bekannt. Ob sie recht haben? ist ja eine andere Frage. Wenn sie unten säßen, würden sie es wohl auch nicht besser machen, besonders in einem deutschen Parlament. Denn kein Wesen macht eine so alberne Figur, wie eines, das nur der Schein von dem ist, was es sein soll. Machtlosigkeit mit dem Schein hoher Stellung verbunden ist ein trübselig Ding. Aber so 347 — meint es Herr Miquel ja nicht. Was ihm dumm und verdummend vorkommt, ist etwas ganz anderes, eigentlich das Gegenteil, mit einem Wort die Mühe, welche sich die Menschheit seit Jahrtausenden giebt, Freiheit und Gerechtigkeit gegen Macht und Ungerechtigkeit durchzusetzen. Und wo ließen sich solche Gegensätze leichter überspringen als bei Toasten? In England gehen sie seit alter Zeit neben dem parlamentarischen Brauch begleitend einher, aber wohl niemals hat man den Versuch gemacht, sie an die Stelle der parlamentarischen Autorität zu setzen. Deutschland hingegen steht gegenwärtig recht eigentlich unter - dem Zeichen der Toaste. Man kann das schon an äußerlichen Merkmalen erkennen. Thue man nur eiuen Blick in die Zeitungen; die telegraphischen Eilberichte aus dem Reichstage werden in kleiner Schrift gedruckt, die Toaste aber in möglichst großer. Sie drängen sich vor alles andere mit fettglänzenden Buchstaben hervor. Nun ist es ja um Fest und Freude eine schöne Sache. Glockenklang und Gläserklingen, Lichterglanz und Fahnenschmuck sind nicht zu verachten, und bescheiden, wie die Menschheit einmal ist, — so bescheiden, wie sie jetzt bei uns ist, war sie seit lange nicht mehr gewesen — erbaut sich die große Zahl derer, welche nicht mit zur Tafel gezogen werden, schon an dem Studium der ausführlichen leckeren Speisekarte, sogar dann, wenn nicht die vaterlandslosen Saucen als deutsche Tunken eingetragen sind. Ob man das nun gut finde oder schlecht, ob maus als eine tiefgehende Bewegung oder als eine Tagesmode ansehe, so viel steht fest: die Erscheinung ist eine herrschende, und wer sich über sie forthelfen wollte mit der Deutuug, daß sie von einzelnen gemacht, mehr oder weniger künstlich erzeugt sei, würde in demselben Irrtum verkehren, welcher dem Gedanken zu Grunde liegt, daß ein großes Gemein- — 348 — Wesen die Blüte seiner tausendjährigen Entwicklung einigen Tautropfen fürstlichen Wohlwollens oder selbst vielen Schweißtropfen bürgerlicher Oberleitung verdanke. Nein, wenn irgendwo im kindischen Spiel ein tiefer Ernst zu finden ist, so hier im inneren Zusammenhang zwischen der Ära der Jubelouvertüreu, in der wir leben, und dem Bekenntnis von der Nichtigkeit aller Parteiunterschiede und der Thorheit parlamentarischer Sinnesweise. Es ist doch mehr als ein Zufall, daß die beiden so verschieden angelegten, aber beide mit Recht sich hoher Ehren erfreuenden Repräsentanten des ehemals liberalen, behäbigen Bürgerstandes eine Zeitlang dem Parlamente den Rücken gekehrt hatten und erst wiederkamen, um an Stelle der Zeiten saurer Arbeit die Zeiten der frohen Feste setzen zu helfeu. Mau kaun doch nicht sagen, daß gerade in der dazwischen liegenden Zeit, nämlich in der ersten Hälfte des laufenden Jahrzehnts, die Krönung des Gebäudes, an dein sie ihr Leben lang redlich mitgearbeitet hatten, so herrliche Fortschritte gemacht oder gar Vollendung erfahren habe. Sie felbst werden vielmehr kaum bestreiten, daß diese Arbeit zur Zeit ihres einstigen Ausscheidens abgebrochen und seitdem verworfen worden ist; und gerade diese Thatsache war daran schuld, daß sie sich entfernten. Es ist in der That saure Arbeit zu allen Zeiten gewesen, in deutschen Landen noch mehr als in den meisten anderen, den Druck der Jahrhunderte abzuwälzen, und die Arbeit ist immer saurer geworden, je mehr die Energie auf Seiten des Bürgerstandes zurückging und auf Seiten seiner Gegner wuchs. Vor etlichen und zwanzig Jahren, nach den ersten großen Erfolgen des damals durchaus liberalen Bürgertums, pflegte Miauel mit Vorliebe einen Grundgedanken voranzustellen und zu beleuchten. Es entspricht ja seinem Phantasie- und geistvollen Naturell, stets irgend eine Lieblings- — 349 — forme! so recht aus ursprünglicher Tiefe mit überraschendem Effekt zu Tage zu fördern. Wie heute die Formel von den veralteten Parteien, so war es damals die von der Grnnd- verschiedenheit Deutschlands ost- und westwärts der Elbe. Der norddeutsche Bund war eben geschlossen, in Süddeutschland tobte der Kampf zwischen den Gegnern und Anhängern Preußens. Es hatte gewiß die Originalität für sich, darauf hinzuweisen, daß der wahre Zwiespalt nicht zwischen Nord und Süd, sondern zwischen Ost und West bestehe. Und was uoch mehr ist, die Formel war gar nicht so falsch. Nur war sie, wohlverstanden, so gemeint, daß die Aufgabe für uns Liberale sei, den Geist des Ostens mit dem Geist des Westens zu besiegen, nicht Hannover mit Schwaben zu bekämpfen, sondern beider vorgerückte politische Kultur siegreich über die Elbe zu führen. Mit einigem Vergnügen, wenn auch nicht ohne einige Wehmut, denke ich noch jetzt an die Stunden zurück, da der farbensprühende Feuergeist uns jene neue Lehre vortrug. Schade nur, daß sie just ins Gegenteil verkehrt worden ist. Denn wenn mans kurz zusammenfassen will, die Summe der inneren deutschen Entwicklung ist heute die: der Osten hat den Westen besiegt. Und besiegt in des Wortes tiefster Bedeutung: der Geist des feudalen Ostens hat den Geist des bürgerlichen Westens unterjocht und zn seiner Anbetung herabgedrückt. In der Sprache des Tages nennt man das „Kartell". Das heißt die Jünker des Ostens mit Gefolge ziehen in die Reichs- sestnng als Sieger ein, und die Bürger des Westens blasen die liberale Musik dazu. Kapellmeister sind eben die beiden großen Parlamentarier. Wenn ich von den Junkern spreche, muß ich mich immer dagegen verwahren, als dächte ich gering von ihnen. Schon weil sie unsere Herren geworden sind, fällt mir das nicht ein. Es ist thöricht und geschmacklos sich über seinen Herrn lustig zu machen, zumal — 350 — wenn er es geworden ist dank der Eigenschaft, die uns selbst fehlt. Auch hat man nie gehört bis jetzt, daß die weltlichen oder geistlichen Anführer des Ostens ihre Anhänger zu der Meinung bekehren wollen, ihre Partei oder ihre Parteigrundsätze Hütten sich überlebt und seien, in der Nähe besehen, dummes Zeug. Im Gegenteil, den Moment, wo die Koryphäen des alten Liberalismus denselben für einen „überwundenen Standpunkt" erklären, wählen die Koryphäen der verbündeten Junker und Klerikalen beider Konfessionen, um dem Reich die Rückkehr zu der seit einem Jahrhundert überwundenen Zunftordnung des Handwerks aufzudrängen. Wenn man doch da einmal von „altem Trödel" reden und an die berühmte Formel: was wohl das Ausland dazu sagen möge? appellieren wollte! Das eben ist ja das Charakteristische an der nihilistischen Kartellpolitik, die gar keinen Inhalt hat, daß sie die Herrschaft des östlichen Feudalismus nicht wieder, sondern zum ersten Mal in Preußen, seit dem es besteht, ans Ruder gebracht hat. Preußen ist nie von den Junkern, sondern von seinen Monarchen und der Büreaukratie regiert worden. Die letztere aber hat neben manchen Fehlern auch große Vorzüge gehabt. Sie war im Grunde nie der Altertümelei ergeben und nie frivol, sie hat in ihren guten Zeiten dem modernen Geist, wenn auch in ihrer Weise, gehuldigt. Ihre guten Zeiten sind freilich vorüber, und wie ihr der Geist selbständigen Wissens und strenger Sachlichkeit ausgetrieben worden, ist bekannt. Seitdem an Stelle der sauren Arbeit in den Reihen der Gesetzgeber wie der Büreaukratie die himmelhohen Zukunftsprojekte getreten sind, ist ganz naturgemäß an Stelle der ruhigen Abwägung der Dinge auch der Posaunenton des Prophetentums getreten; und schließlich sind wir an -dem Punkt angekommen, wo Festeslärm und Festesblendung — 351 — den Inhalt des Politischen Lebens aufzusaugen drohen. In die Litteratur ist natürlich damit auch der Geschmack über- schwänglichster Selbstverherrlichung eingezogen, und im Theater wird in des Wortes verwegenster Bedeutung unter Pauken und Trompeten das Prophetenhandwerk mit allen seinen Kunstgriffen geübt. Warum auch nicht, wenn schon im prosaischen Tagewerk die Zukunftsmusik alles andere übertönt? Wir leben nur noch im Futurum. Der eine wirft sich mehr auf das einfache, der andere auf das tu- t,rrruni sxaczturri, die zukünftige Vergangenheit. Der eine legt die ersehnten Ziele aller Mühsal freiheitsgläubiger Generationen als überwundene Standpunkte zu den Toten, um auf feurigem Wagen in den Himmel aufzufahren, wo ungeahnte Probleme gelöst werden; der andere feiert die kümmerlichsten Anfänge von Versuchen als siegreich vollzogene Großthaten. Die nur noch auf dem Papier stehenden Paragraphen einer eng umschriebenen und hart umstrittenen Sozialgesetzgebung werden in stolzem Aufmarsch als die sicheren Vorboten einer gelösten sozialen Frage vor unseren Augen vorüber geführt; und in den Lederstrumpfgebilden der Kolonialromantik erscheinen die Lehmhütten afrikanischer Negerdörfer als die sicheren künftigen Rivalen hindostanischer Kultur, deren Entfaltung den Anfängen unserer eigenen um Jahrtausende vorangegangen ist. Schließlich, wenn die Zweifel aus der Nähe gar nicht zu bewältigen sind, muß der „Deutsche im Ausland" zu Hilfe kommen. Natürlich im möglichst fernen Ausland, weit weit über die See. Wenn die Salutschüsse im Hafen ertönen, wenn die Flagge lustig im Morgenwinde weht, wenn der Konsul an Bord kommt und beim Knallen der Champagnerstöpsel die Gläser klingen, wenn das unterseeische Kabel all dies Herrliche uach Hause berichtet, — wie klein und eng erscheint dann der Mann, der sich untersteht zu fragen, ob der draußen ge- — 352 — feierte Deutsche zu Hause hundert Millionen mehr oder weniger für eine Schlachtflotte aufzubringen nötig hat? oder ob was Besseres dafür geschehen könnte? Ein Kultus, der zur Ekstase drängt, braucht natürlich seine Idole; und wo Idole gebraucht werden, da stellen sie sich ein. Kein größerer Gegensatz kann gedacht werden, als zwischen dem hausbackenen Liberalismus der alten Schule und der Toastpolitik der ueueu. Selbst der Gegensatz, der uns von den Ultras der Rechten trennt, ist nicht so unübersehbar. Es handelt sich da doch nur um hundert und etliche Jahre Entwicklung. Die Begeisterten der neuesten Richtung dagegen meinen, alles Alterstrebte sei entweder erreicht oder nicht erstrebenswert. Wir andern meinen, es sei noch wenig erlangt und schier noch alles zu thun. Jene meinen, wir ständen am Ende, wo uns scheint, wir stehen erst im Anfang. Der wohlerworbene Besitz von Freiheit und Gerechtigkeit als sichere Grundlage des politischen Daseins, das tägliche Brot eines emanzipierten Volkes ist, was uns noch fehlt. Es war einmal ein Mann, der liebte schlecht und recht mit Maß uud Ziel auch sein Schnäpschen, und er hatte sich sein Vaterunser auf den einfachsten Ausdruck gebracht. Jeden Morgen betete er: „Lieber Gott, gieb mir heute mein täglich Brot, meinen Branntwein stell ich mir selbst." Haben wir erst einmal unser täglich Brot von Freiheit und Gerechtigkeit, so wollen wir für den Branntwein der Begeisterung schon selber sorgen. Misch unö Brot, oöer — Papier? ) den neuesten Zeitungen steht zu lesen, daß künftig in den Seminarien für Volksschullehrer auch die Grundbegriffe der Volkswirtschaft gelehrt werden sollen. Wenn einstmals die Lehrer, welche man jetzt in die Seminarien zu diesem Zweck entsenden wird, wieder Lehrer herangebildet haben, die dann ihre Schüler mit diesen richtigen Begriffen versehen haben, und wenn diese Schüler zu Staatsbürgern herangewachsen sein werden, dann, o dann wird vielleicht manches besser sein als heute. Wir wollen uns dieses Gedankens schöne Stunde nicht trüben durch die Frage: welche Begriffe welcher Volkswirtschaft? Es werden ja die allermeisten von uns nicht mehr im rosigen Lichte wandeln, wenn die Halme dieser jetzt auszustreuenden Saat dereinst in Ähren prangen. Aber darum fühlen wir uns berechtigt, auch etwas für die Gegenwart zu verlangen. Denn doch auch der Lebende hat bekanntlich ein Recht, und das vornehmste dieser Rechte ist das Recht zu leben. Zum Leben aber muß mau essen. Man sollte denken, das sei eine schon jetzt anerkannte Wahrheit und vor allem ein feststehender Begriff der Volkswirtschaft. Und *) Aus der „Nation" vom 15. November 1890. Ludwig Bambcrgcr's Gks, Zchristc», 1. — 354 — dennoch könnte man sich zufrieden geben, wenn einstweilen, bis zu jener entfernten Zukunft, diese Wahrheit anerkannt würde. Aber nicht in den Seminarien, denn bis sie aus diesen wieder herauskäme, hätte der Hunger wohl die Geduld verloren. Ich schlage einen kürzeren Weg vor, ein Notgesetz, wie man es in deutschen Landen zu machen pflegt, wenn die Gelehrten noch nicht einig sind über alle Paragraphen einer für die Ewigkeit zu schaffenden Satzung. Dies Notgesetz würde lauten: „In den Ministerien soll gelehrt werden, daß der Mensch essen muß um zu leben, mit besonderer Berücksichtigung der Grundsätze des Einmaleins." Auch in der Volksvertretung sind ja diese Wahrheiten zur Zeit noch wenig bekannt, aber man kann ganz ruhig darüber sein, daß, wenn erst die Minister dazu bekehrt wären, auch die Weisheit der Gesetzgeber ihnen nicht lange widerstehen würde. Wie wäre es, wenn bald nach Wiedereröffnung des Reichstags der am besten dazu berufene Vertreter der verbündeten Regierungen etwa folgende Rede hielte: „Meine Herren! Unter der Leitung des großen Staatsmannes, welchem wir die deutsche Einheit verdanken, haben wir vor etwas länger als zehn Jahren den Versuch gemacht, auch die Volkswirtschaft auf eine neue Grundlage zu stellen. Mit der Behauptung, daß zwei und zwei vier sei, wurde damals in mutigem Anlauf gebrochen. Gewiß, der Gedanke war genial; er wäre es noch mehr gewesen, wenn er sich hätte durchführen lassen. Aber zu unserem Bedauern haben wir immer mehr konstatieren müssen, daß die Zeit für solche großartige Neuerung noch nicht reif war; und wir schlagen Ihnen deshalb vor, wenigstens provisorischerweise wieder zum Einmaleins zurückzukehren. Um nur das Wichtigste anzuführen, hat sich z. B. folgendes herausgestellt: wenn jemand in Rußland oder Österreich — Z55 — eine Quantität Mehl kauft, oder in Dänemark einige Pfund Fleisch, und wenn er, um dies über die Grenze zu bringen, an dem Zollamte dafür, sagen mir fünfzig Pfennige, erlegen muß, so hat er besagtes Mehl oder Fleisch um eben dieselben fünfzig Pfennig teurer bezahlt, als wenn er ohne diese Auslage mit seinem Einkauf über die Grenze hätte gehen können. Sehr lauge hatten wir gezweifelt, ob sich das wirklich so verhalte. Und Sie, geehrte Herren, haben unsere Zweifel in Ihrer großen Mehrheit geteilt. Mit vollem Recht durften Sie damals annehmen, daß nur blinder Widerspruchsgeist und die Gewohnheit negativen Verhaltens sich weigern konnten, dem größten aller lebenden Staatsmänner in seinem populären Feldzug gegen das Einmaleins zu folgeu. „Aber, m. H.! immerhin den Thatsachen müssen wir als praktische Männer Rechnung tragen. Und Thatsache ist es, daß Fleisch und Brot jenseits unserer Grenzen wohlfeiler sind, als in Deutschland. Wir stellen Ihnen anheim, ob Sie es für angezeigt halten wollen, eine Kommission aus Ihrer Mitte an unsere östlichen Grenzen zu schicken. Dieselbe wird sich dort überzeugen können, daß Tag und Nacht unzählige kleine Leute in das Nachbarland gehen, um Fleisch und Brot zu kaufen und es in den beschränkten Quantitäten, welche zollfrei sind, nach Hause zu tragen. Wir vermuten, die Kommission wird feststellen, daß die Leute das nicht zum Vergnügen thun. Und wir vermuten ferner, daß sämtliche Bewohner des Deutschen Reiches ebenfalls ihr Fleisch und Brot gern auf dieselbe Weise billiger kaufen möchten, wenn ihnen die Entfernung von der Grenze und das Zollgesetz nicht im Wege stünden. „Geehrte Herren! Sie wissen, daß die Könige von Preußen von jeher ihren Stolz darein gesetzt haben, gerade die minder Begüterten ihrer Unterthanen zu schützen und 23* — 356 — daß sie daher nur mit Schmerzen sehen, wenn dieselben Hnnger leiden. Unter der Leitung unseres genialen Staatsmannes war mit dem Einmaleins auch der Grundsatz abgeschafft worden, daß teures Brot und Fleisch ein Unglück für die armen Leute sei. Sogar das Gegenteil schien ein Axiom der neuen Volkswirtschaft werden zu sollen. Je teurer desto besser! Aber auch darin hat sich die Zeit noch nicht als reif erwiesen. Es läßt sich nicht leugnen, daß, seitdem Fleisch und Brot viel teurer geworden sind, auch mehr Geld dazu gehört, um sie zu kaufen, und daß diejenigen, welche nicht Geld genug besitzen, um mehr als früher dafür auszugeben, jetzt weniger zn esfen haben. „Meine Herren! In diesem Augenblick wartet die ganze Welt mit höchster Spannung auf die letzte Entschleierung des wunderbaren Geheimnisses, das ein deutscher Gelehrter entdeckt hat, um die Menschheit von einem ihrer verheerendsten Feinde zu befreien, von dem Bazillus der Lungentuberkel. Sie, meine Herren, können sich um Ihre Mitbürger ein gleiches Verdienst erwerben. Der Hunger- bazillus ist nicht minder schädlich als der Lungenbazillus, vielfach ist er dessen engster Verbündeter. Diesen Hunger- bazillus aber werden Sie, weun auch nicht mit allseitigem, doch mit großem und sofortigem Erfolg bekämpfen, wenn Sie zu der früheren Annahme zurückkehren wollen, daß der Mensch essen muß um zu leben, und daß ihm das Essen gemeiniglich um so schwerer wird, je mehr er dafür bezahlen muß." -i- -5 s Leider mache ich mir keine Illusionen darüber, daß der Minister, der diese Rede hielte, noch nicht gefunden ist; die Zeiten scheinen noch nicht reif dafür. Gewiß, unsere gegenwärtigen Minister haben nicht weniger Mitgefühl für den — 357 — Hunger als irgend einer von uns, und es fehlt ihnen nicht am guten Willen zu helfen. Aber zwölf Jahre der Sinnverwirrung haben in der Welt die Köpfe so verrückt gemacht, daß die einfache Rückkehr znr Wahrheit jetzt wie eine kolossale Neuerung erscheint, zu der man sich so kurz- weg nicht entschließen dürfte. Denn nicht bloß bei uns steht es ja so. Wir haben Schule gemacht, denn wir waren ja seit zwanzig Jahren die leitende Nation auf dem Kontinent. Und nichts ist leichter, als für Sinnverwirrung und beschränkten Eigennutz Propaganda zu machen. Nicht bloß der Russe zeigt, wie der bekannte Spruch sagt, den Barbaren, wenn man die Oberfläche abkratzt, sondern auch der übrige Teil der mehr 'oder weniger zivilisierten Menschheit. Was wir in den Republiken von Amerika und Frankreich neuerdings an wirtschaftlichem Aberwitz erlebt haben und erleben, enthebt uns jeder Notwendigkeit, uns auf nationaler Grundlage zu schämen. Die Barbarei in der Handelspolitik fand in der Weltanschauung des Fürsten Bismarck einen verwandten Grundzug. Den Handel, welchen die Zivilisation als ein Werkzeug der Kultur ansieht, sah er in der Stille für Betrug an. Gar oft blickt in seinen Reden der Gedanke durch: wer verkauft, sucht zu betrügen, wer kauft, muß sich vor dem Betrug hüten; wer kauft, schädigt sich, wer verkauft schädigt den andern; jeder Tausch wird zwischen zwei Leuten abgeschlossen, einem Betrüger und einem Betrogenen. Daher stellte er an die Spitze seiner Politik bei Abschluß von Handelsverträgen das Leitmotiv: Wer ist der Betrogene? Hui troraxg-t-oii ioi? So bezeichnete er es selbst im Reichstag mit dem berühmten Satz aus der Komödie des Beaumarchais unter dem Beifall seiner Bewunderer. Das ist genau der Standpunkt wilder Völkerschaften in Handel und Wandel. Umgekehrt, je höher die Kultur — 358 — steigt, desto ehrlicher wird der Verkehr. Auf Pferdemärkten ist das Feilschen und Bieten noch im Schwung, der Pferdehandel war das Prototyp, nach dem auch die Bismarcksche Handelspolitik ihre Weisheit bemaß. In modernen Geschäften handelt man mit festen Preisen, und der einsichtsvolle Kaufmann weiß, daß nichts sich besser bezahlt, als reelle Bedienung. Aber es gilt noch immer für die höchste staatsmänuische Weisheit, auszuklügeln, wie man in Handelsverträgen sich am besten davor hüte, übers Ohr gehauen zu werden, und folgerichtig als hohe Aufgabe, in dieser Kunst selbst der Schlauere zu sein. Und dabei schmeichelt sich jeder Beteiligte, seine Geheimnisse zu besitzen, die der Gegenpart nicht errate. In einer ehemaligen freien Reichsstadt hielten sich zwei Familien zusammen die „Augsburger Allgemeine Zeitung". Eines Tags wurde das Blatt von dem ersten Empfänger vor der Auslieferung an die zweite Familie verlegt. Als ungeduldig danach geschickt wurde, ließ der Hausherr seinem Mitabonnenten sagen: er dürfe ihm heute die Zeitung nicht schicken, es stehe ein Geheimnis drin. An diese Geschichte mahnt es mich immer, wenn ich höre, daß die Herren Minister mit klugem Stirnrunzeln die bei ihnen vorstellig werdenden Korporationen warnen, doch bei Leibe nicht zu verraten, was sie eigentlich wünschen. Der Österreicher und der Russe weiß ja nicht, wo uns der Schuh drückt, und so wissen auch wir nichts von ihm. Gott bewahre! Nicht so komisch wie diese Geheimthuerei, aber viel verderblicher, ist das Drohen und Schrauben mit gegenseitigen Schädigungen. Die Vernunft lehrt, daß jede aus purer Bosheit zur Strafe des anderen Teils verfügte Absperrung das eigene Land schädigt. Aber auch die Unvernünftigsten müßten doch endlich erfahren haben, daß diese — 359 — Schraube der gegenseitigen Chikanen eine Schraube ohne Ende ist, die vom Schutzzoll zum Prohibitivsystem führt. Vorerst droht sie bei uns zu einem System zu führen, das selbst unter Bismarck noch für zu schlimm und gefährlich galt, zum System der Differentialzölle. Auch auf dem Höhepunkt ihrer Macht hatte Fürst Vismarcks Schutzzollpolitik sich gehütet, das Stichwort der Differentialzölle etwa zu Gunsten von Österreich und mit der Spitze gegen Rußland auszugeben. Man sollte es nicht für möglich halten, daß die Erben seiner Handelspolitik gerade in dem Augenblicke, da dieselbe, wie so viele andere seiner Ver- irrungen, an den Thatsachen zu Schanden wird, in aller Unschuld auf diese selbst von ihm vermiedene Klippe zusteuern könnten. Aber glaubhafte Mitteilungen machen leider das Unwahrscheinliche zum Wahrscheinlichen. Mit allen Zollsteigerungen, die als Unterhandlungsware dienen sollten, ist in zehn Jahren nicht eine einzige Konzession ertrotzt worden. Jeder Teil hat sich nur zu neuen Extremen dadurch treiben lassen. In welche Sackgasse sind die österreichisch-rumänischen, die französisch-italienischen Beziehungen dadurch hineingeraten! Welch ein Glück noch, daß Europa klug genug war, sich vor Drohungen gegen die Mac Kinley-Bill warnen zu lassen! Nichts wäre deren Anhängern willkommener gewesen als dies, und nimmer hätten wir den glorreichen Sieg ihrer Gegner erlebt, wenn wir mit Drohungen dem republikanischen Tarifkrieg in die Hände gearbeitet hätten. Nicht anders liegt die Sache mit Rußland. Welch jämmerliches Fiasko hat in feiner wirtschaftlichen Kurzsichtigkeit Fürst Bismarck mit dem gewaltsamen Ausfall gegen den russischen Staatskredit gemacht! Statt ihn zu untergraben, hat er ihm auf ungeahnte Höhen hinaufgeholfen! Die Hauptsache aber ist diese: während die Minister — 360 — sich mit saurer Mühe die Köpfe zerbrechen über alle Finessen, die monatelang auszuklügeln wären, um ein kunstreiches Geflecht von Oo ciss mit Österreich auszutüfteln, und während sie liebenswürdig bitten, um Gotteswillen nur uicht zu drängeln, damit die andereu nicht merken, wie ernst es uns mit den Dingen ist, pocht der Hunger an die Thüre und verlangt Einlaß für Brot und Fleisch. Je länger ich miterlebe, wie die Völker sich selbst regieren oder sich regieren lassen, desto mehr bewundere ich die zartfühlende Zurückhaltung, mit welcher sich der alte schwedische Kanzler über ihre Einsicht in den berühmten Brief an seinen Sohn ausgedrückt hat. Aber ich will mir ihn zum Muster nehmen und für diesmal schließen. Ger staaLserhalkenöe Beruf öer Hölle.") i. er gemeine Menschenverstand, der sogenannte vom- m0Q ssriss, ist, wie alles Sprichwörtliche, auch nur mit Borbehalt zu brauchen. Es giebt sogar Irrtümer, welche ihm so sehr angeboren sind, die Engländer nennen sie zlÄllaoiSs, daß kein Gegenbeweis, wie verbreitet und anerkannt er sei, sie aus der Welt schaffen kann; sie kommen immer wieder, wenn sie eine Zeit lang zurückgedrängt waren, und treten jedesmal mit ungeschwächter Naivetät als Axiome auf, wie wenn sie noch niemals widerlegt worden wären. Zum Beispiel: wenn eine Staatsausgabe mit der Albernheit gerechtfertigt wird, daß doch das Geld im Lande bleibe. Alexander von Mazedonien war schon soweit in der Nationalökonomie vorgeschritten, daß er mit Verachtung den Mann abwies, der gegen eine Belohnung die Kunst ausüben wollte, Linsen durch ein Nadelöhr zu werfen. Das hinderte zweitausend Jahre später einen preußischen Feldmarschall nicht, feierlich zu erklären, daß die Garnisonftädte von ihren Besatzungen ernährt würden. Ja vor einiger Zeit hat ein die Handelsangelegenheiten berufsmäßig vertretender Konsul Aus der „Nation" vom 20. nnd 27. Februar 1892. — 3K2 — eines großen Staates mir den — seiner Einsicht nach un- widerleglichen — Satz vorgetragen, es sei doch noch ein wahres Glück, daß die Länder jetzt so starke Heere im Frieden unterhielten, denn wohin sollte es kommen, wenn alle diese Millionen von Soldaten auch noch in Gewerben produzierend arbeiteten und damit die ohnehin schon so große Konkurrenz vermehrten! Es giebt gewiß sehr viele ansehnliche Versammlungen, in denen eine solche Betrachtung Glück machen würde. Zu den unausrottbaren Verirrungen dieser Art gehört auch der blinde Glaube an das, was man in der Lehre vom Strafrecht die Abschreckungstheorie nennt. Wenn die Menschen meistens aus Mangel an logischem Urteil fehlen, so geschieht es hier umgekehrt aus zu starrer einseitiger geradliniger Schlußfolgerung, die nicht mit den viel gewundenen Bewegungen des menschlichen Wesens rechnet. Die Furcht vor einem Übel ist gewiß ein Grund zur Abhaltung von einer That; aber die Versuchung zu einer That entspringt Trieben, welche entfernt nicht in ein mathematisches Verhältnis zu jener Furcht zu bringen sind. Darin liegt der Irrtum der Abschreckungstheorie, von welchem das Urteil immer dann am meisten bestrickt wird, wenn es unter dem Eindruck heftiger Erregung steht. In einer großen Stadt erlebte ich einmal den Fall, daß das kleine Kind wohlhabender Eltern in einem öffentlichen Garten auf geheimnisvolle Weise seiner Wärterin entführt wurde. Es erhob sich natürlich eine gewaltige Aufregung unter den Müttern aller Stände, und immer wieder mußte man aus ihrem Munde die heftigsten Aussprachen darüber hören, daß das Gesetz die Schuld trage, welches ein solch unerhörtes Verbrechen nicht mit genugsam harten Strafen bedrohe. Die Phantasie der Erbitterten gefiel sich im Erfinden aller nur erdenklichen Grausamkeiten, welche auf eine solche Misse- — 363 — that gesetzt werden müßten, damit sie sich nicht wiederholte. Das Kind wurde, was ich zur Beruhigung aller Mitfühlenden hinzusetzen will, nach einigen Tagen, wie sich die österreichische Polizeisprache ausdrückt, wieder „zu Stande gebracht", und die Urheberin der That wurde mit einigen Monaten Gefängnis bestraft. Seitdem sind etliche dreißig Jahre vergangen, und meines Wissens ist ein ähnliches Vergehen in jener Stadt nicht wieder vorgekommen. Aber nicht bloß erregbare Frauen können in solche Extreme verfallen, sondern auch erfahrene Männer, die sich der Gesetzgebung widmen. Wir stehen noch mitten in einem Erlebnisse dieser Art. Als vor mehreren Wochen herauskam, daß einige Bankiers die bei ihnen hinterlegten Wertpapiere ihrer Kunden treulos zu Gelde gemacht hatten, versetzten die Entdeckungen das Publikum in um so größere Bestürzung, als man lange nicht von einer Mehrzahl solcher Fälle gehört hatte, wie denn auch die jüngst thatsächlich vorgekommenen, verglichen zu der Zahl der in den Tausenden von diesen Geschäften bestehenden analogen Verhältnisse, noch für höchst vereinzelte Erscheinungen gelten müssen. Berlin, der große deutsche Geldmarkt, hat seit den Verheerungen der Gründerperiode vor beinah zwanzig Jahren nicht einen einzigen sensationellen Bankbruch erlebt, wie London oder Paris. Gleichwohl brauste jüngst alles auf, als wäre nun zur Kenntnis gekommen, daß solche Veruntreuungen zu den normalen Ergebnissen des heutigen Bank- und Börsenverkehrs gehörten, denen schleunigst ein Riegel vorgeschoben werden müsfe, — nk c^uiä 6st,i'imsnt,i res xudlios. eaxiat,. Auf welche Weise das zu bewerkstelligen sei, auch darüber natürlich kein Zaudern. Die angedrohte Strafe muß schärfer werden. Ist sie nur scharf genug, so wird der Bankier sich schon künftig eines redlichen Wandels befleißigen. — 364 - Nicht Gefängnis, sondern Zuchthaus muß angedroht werden. Also formulierten gewiegte, hochansehnliche Männer ihr Verlangen. Nun denke man sich: Herr Kommerzienrat Wolf, Inhaber einer alten Firma, eines prunkvollen Hauses, einer angesehenen gesellschaftlichen Stellung, Mitglied großer Verwaltungskorporationen, Haupt einer Familie steht vor seinem Kassenschrank. Et ist an dem Punkt angekommen, wo er sich nicht mehr verhehlen kann, daß er, sei es in thörichter Verschwendung, sei es in falschen Spekulationen, mehr Schulden gemacht hat als er bezahlen kann, nnd, um sich aus der Verlegenheit zu helfen, hält er, nach der Vorstellung jener Gesetzesweisen, folgenden Monolog: Wie wäre es, wenn ich die hier vor mir liegenden Aktien und Obligationen der Witwen Meyer und Müller verpfändete, ohne sie rechtzeitig wieder einlösen zu können; kommt das schließlich an den Tag und komme ich wegen dieser und einer Reihe ganz ähnlicher Vergehen vor Gericht, so werde ich meine Ehre verlieren, in Schande, in Gefangenschaft geraten, meine Familie ins tiefste Unglück stürzen und für alle Zeiten ein verlorener, elender Mann sein — aber, setzt er hinzu: das alles ist doch kein Abhaltungsgrund. Komme ich auf drei, vier Jahre ins Gefängnis, so ist das zwar mit manchen Unbequemlichkeiten verbunden, allein gar so schlimm ist es nicht; vielleicht wird man mir sogar die Begünstigung gewähren, daß ich nur Düten zu kleben brauche, wie ein Zeitungsschreiber, welcher wegen Beleidigung verurteilt wird, das Kleben ist ja überhaupt jetzt eine sozialpolitische Bürgerpflicht im Deutschen Reich. So läge die Sache, bis die Gesetzgebung statt der Gefängnisstrafe das Zuchthaus in Aussicht stellt. Nun ändert sich mit einem Schlag das ganze Bild. Wieder steht ein Kommerzienrat vor seinem Effektenschrank, wieder zwingt ihn die Not, sich insolvent — 365 — zu erklären oder die Veruntreuung zu begehen; vor Schande, Elend, Gefängnis würde er nicht zurückweichen, aber vor der schärferen Strafe des Zuchthauses beugt er sich und bleibt ein ehrlicher Mann! Das ist der Unsinn der Abschreckungstheorie, wie sie im blinden Zufahren der Gedankenlosigkeit vorausgesetzt wird. Auch die ernstlich wägende und prüfende Strafrechtslehre verwirft allerdings uicht das Element der Bedrohung und folglich der Abschreckung, aber niemals hat sie es in dieser plumpen Weise verstanden. Die große Mehrzahl der Philosophen uud Juristen, welche dem rationellen Grund des Strafrechtes nachgeforscht haben, von Aristoteles bis auf unsere Zeitgenossen, scheiden das Moment der Abschreckung beinahe gänzlich aus, und selbst die, welche ihm am meisten Einfluß gestatten, wie Hobbes, Feuerbach und Schopenhauer, verstehen es nicht in der mechanischen Auffassung, daß, je größer die Härte der Strafen, desto größer die Sicherheit vor Übertretung sei. Wie wäre es auch sonst erklärlich, daß die Welt mit dem Fortschritte der Jahrhunderte, d. h. mit der wachsenden Erkenntnis, immer mehr zur Milderung der Strafen, zur Abschaffung der besonders grausamen, Schrecken und Abscheu erregenden Züchtigungen gekommen ist? Wie wäre es sonst zu erklären, daß die Rückfälligen so zahlreich sind, und wie — um nur neben vielen anderen Beweisen noch das eine zu erwähnen — daß man die Todesstrafe nicht mehr öffentlich vollzieht? Denn die Abschreckung soll nach der Ansicht aller derer, die sie nicht ganz verwerfen, doch uicht auf den überführten Verbrecher, sondern auf die noch nicht in Schuld verfallenen, der Versuchung ausgesetzten wirken. Die Zulässigkeit der Todesstrafe an sich ist meines Trachtens eine offene, praktische, nicht eine prinzipielle Frage; aber als Bismarck bei der Beratung des Strafgesetzes im Norddeutschen Reichstag — 366 — die Einfügung der Todesstrafe zur Kabinetsfrage machte und mir kraft dieses Pressionsmittels bei der Abstimmung durchsetzte, war er ohne Zweifel von dem Gedankengang der rohen Abschreckungstheorie beseelt. Das Vertrauen auf den Mechanismus der brutalen Gewalt gehörte zu den Grundzügen seiner Menschenbehandlung, wenn auch die Künste der List und der liebenswürdigen Bestricknng nicht unterschätzt wurden. Noch heute kranken wir an der Erbschaft dieser Methode in vielen Stücken, und was wir in diesem Augenblick erleben, steht damit in engerem Zusammenhang, als auf den ersten Blick hervortritt. Das neue Schulgesetz, dessen Quintessenz in der Vorstellung sitzt, daß die Schreckmittel der ewigen Strafen, künftig besser eingeschärft, das wahre Mittel zur Erhaltung der Monarchie seien, ist dem Geiste nach ein Vermächtnis des „alten Kurses", wenn auch der Urheber des alten Kurses vielleicht zu vorsichtig gewesen wäre, diese Nutzanwendung davon zu machen. Es mag seiner Schadenfreude zu wohlgefälliger Sättigung gereichen, daß sein Nachfolger nun mit der Vollstreckung dieses stillen Vermächtnisses in den größten Fehler verfiel, den er überhaupt begehen konnte. Wie scharf man immer die innere Politik des Bismarck der letzten zehn Jahre verurteilen mag, man wird ihm doch die Gerechtigkeit ange- deihen lasten müssen, daß er den Fehler des Kulturkampfes eingesehen hatte und aus dieser Einsicht heraus den Kampf nach Möglichkeit wieder zu beschwichtigen bestrebt war. Wenn auch andere Motive nebenher mitwirkten, diese bessere Einsicht war doch der leitende Gedanke, seitdem Falk, als Sündenbock mit Bismarcks Schuld beladen, in die Wüste gejagt worden war. Hier hatte der Fürst — wenn auch spät — die Grenze der Nützlichkeit brutaler Gewalt erkannt. Und wie groß alle die Übel seien, welche der Versuch, das Mißlingen und das Wiedereinlenken auf Gene- 367 — rationen hinaus im deutschen Reichskörper zurückgelassen haben: es war — wie die Dinge einmal lagen — dvch ein unermeßlicher Gewinn, daß Bismarck selbst noch die Pforten des Kulturkampfes wieder geschlossen und Jahre der wachsenden Beruhigung unter seinem Regiment erlebt hatte. Diesen so teuer erkauften kostbaren Gewinn hat leider die jetzige Regierung wieder verschleudert. Verschleudert sage ich, weil sie über dem Verdacht steht, den gewaltigen Mißgriff des Volksschulgesetzentwurfs mit Vorbedacht und in voller Schätzung seines Effekts begangen zu haben. Man muß hier eher an einen Irrtum als an eine Absicht glauben. So wenigstens erscheint es nach der ganzen Haltung, die der neue Kanzler in den zwei Jahren seines Waltens beobachtet hat; so auch erscheint es nach den Reden, mit denen er sich in den Debatten über die Sache beteiligte. Es werden in der Welt oft große Fehler begangen, weil ihre Urheber sich in einem Zustand friedlicher Befangenheit befinden, die sie verleitet, unbefangen ins Unheil hineinzugehen. Es könnte ja vermessen erscheinen, dergleichen einem Mann von der Stellung und Bedeutung des neuen Kanzlers zuzutrauen, aber daß es möglich ist, sich auch mit Augen, die durch Erfahrung auf diesem Gebiet viel mehr geschärft sein mußten als die seinen, zu täuschen, dafür haben wir einen unwiderleglichen Beweis in der Mitversündigung des Finanzministers. Wenn nicht alle Zeichen trügen, hat Miquel den Effekt dieses Gesetzentwurfs lange nicht stark genug vorausgefühlt. Über das, was im Stadium der Vorberatung im Schoße des Kabinets sich begeben hat, schwebt noch ein Dunkel. Aber soviel scheint ausgemacht: die höchste Energie des Widerstandes ist vom Finanzminister im entscheidenden Augenblick nicht eingesetzt worden, um das Unglück zu verhüten, eben weil er dessen Größe nicht ermaß. Und das — 368 — ist doppelt merkwürdig bei einem Mann, der alles Elend des Kulturkampfes von der ersten bis zur letzten Stunde mit durchlebt und dessen Schäden stets lebhaft empfunden hatte. Es ist bezeichnend für die Verschiedenheit der Naturen, daß Herr von Bennigsen sich hierin ein viel richtigeres Gefühl bewahrt hat, denn aller Wahrscheinlichkeit nach ist er zu seinem resoluten Auftreten im Reichstag ohne vorheriges Einverständnis mit seinem alten Zeltgenossen gekommen. Dem Geist wie der Ausführung nach scheint das Verdienst dieses Auftretens Herrn von Bennigsen allein angerechnet werden zu müssen. Merkwürdiger Weise sind von denen, die bis jetzt zum Widerstand aufgerufen haben, die wenigsten über die schwerste Folge des Mißgriffs, daß nämlich der Kulturkampf wieder eröffnet wird, zur Erkenntnis gekommen, ja ihr Unwille schreibt sich zum Teil davon her, daß in ihnen selbst wieder der Dämon des Kulturkampfes erweckt worden ist. Unbewußt geben sie Zeugnis davon, wie schlimm es ist, daß man ihren Unwillen herausgefordert hat. Denn so groß das Übel au sich schon ist, welches die Verkirch- lichnng der Volksschule anrichten würde, noch größer ist das Übel der neu eröffneten Fehde, und jedenfalls noch schneller und unmittelbar heftiger tritt diese böse Wirkung ein — man kann sagen: sie ist bereits eingetreten. Wie das Schulgesetz schließlich ausfällt, ob es zu Stande kommt, wie es arbeiten, wie es sich in der Praxis stark oder schwach erweisen mag, das alles sind Dinge, die späterer Zeit vorbehalten sind, und die, soviel Sorgen sie auch mit Recht machen, vielleicht nicht ganz so unheilvoll werden, als man jetzt denkt. Aber sofort und jetzt und wie es auch gehe, ist der konfessionelle Hader wieder entfesselt, der seit vier Jahrhunderten Deutschlands größtes politisches Unglück war. Täusche man sich doch nicht darüber! So groß die Zahl derer sein mag, welche aus innerster Überzeugung für — 369 — die Sache der Freiheit in der Erziehung und gegen jede kirchliche Usurpation sich erheben, der Kern der ganzen Gegenbewegung und das Feuer der Wut sitzt doch bei denjenigen Protestanten, welche in dem neuen Gesetz insbesondere die Machterweiterung der katholischen Geistlichkeit erblicken. Und nicht bloß auf Seiten des Angriffs sieht es so aus, auch auf Seiten der Verteidigung. Das Centrum wirft alles, was es unter der Flagge „Freiheit, Wahrheit und Recht" seit Jahrzehnten an Bord führte, als schädlichen Ballast ins Meer, um diese kostbarste Fracht in den Hafen zu bugsieren. Mag auch die Regierung an ihrem Teil den Kulturkampf nicht wieder eröffnet haben für jetzt, in der Bevölkerung ist er bereits wieder ausgebrochen, und das Schlimmste am alten Kulturkampf war nie, daß er von der Regierung, sondern daß er von einen: Teil der Bevölkerung gegen den anderen geführt ward. Übrigens, wenn es in der Bevölkerung tobt, wird schließlich die Regierung, die jetzt über beiden Teilen zu schweben sich einbildet, doch selbst wieder mit hineingezogen werden. Windthorst hat es ja immer gesagt: wenn alles fertig ist, dann kommen wir mit dem Schulgesetz. Diesen Aeolus- schlauch hat, trotz aller Waruungeu, das Ministerium Caprivi wieder angestochen, hat sich zum Testamentsvollstrecker dieser Ankündigung gemacht. Es hat die Ära des Kulturkampfes wieder hereingeführt, aber unter wie viel ungünstigeren Bedingungen, als zur Zeit, da Fürst Bismarck sie eröffnete! In der Glorie seiner wunderbarsten Erfolge, an der Spitze eines neuen Reichs und ganz allein mit der Richtung gegen den Papst in Rom hatte Bismarck die Fehde begonnen. Kaum daß ein kleiner Bruchteil der orthodoxen lutherischen Kirche im Stillen mit den Ultramontanen zu sympathisieren wagte. Jetzt steht eine neue Regierung, die sich zwar Respekt, aber noch keine Lorbeeren erwerben konnte, die in ihren eigenen Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. — 370 — Regionen mit Gegenströmungen zu kämpfen hat, einer katholischen Kirche gegenüber, die in langen heißen Kämpfen von Sieg zu Sieg gekommen, mit Beute beladen und an Gewinn so reich geworden ist, daß sie jedes Spiel ohne Furcht vor empfindlichem Verlust wagen kann. Und mit ihr im offenen Bnnde steht beinah die ganze Heerschar der protestantischen Strenggläubigkeit. Jene brauchte noch lange nicht die überlegene Strategin zu sein, die sie ist, um mit wahrer Wollust in die Schranken des neuen Kampfplatzes zu stürzen, der ihr hier von der preußischen Regierung geöffnet worden ist. Und warum? Was nötigte dieses neue, seinem Beruf und seiner Natur, ja höchst wahrscheinlich seiner ganzen Absicht nach auch auf den inneren Frieden angelegte Regiment, diese schreckliche Pandorabüchse wieder zu öffnen? Eine geistreiche Frau pflegte zu sagen: „das meiste Unglück kommt von den überflüssigen Fehlern der Menschen her." Ein solch ganz überflüssiger Fehler war die Erfindung dieses unglückseligen Gesetzes. Soll aber die nackte, letzte, einfältige Wahrheit über den Kern seines Entstehens gesagt werden, so muß die Aussage dahin lauten: Weil man sich nicht genug mit der Wehr und Waffe des Diesseits, mit Strafgesetz und Polizei gewappnet glaubt, um die Bedrohung der Monarchie von feiten der Sozialdemokratie erfolgreich überwinden zu können, hat man die Schreckmittel der Hölle herbeirufen zu müssen geglaubt, und diese von Grund aus herbeizuschaffen, soll durch die Schule die Kirche besorgen. Das ist des Pudels Kern, welcher ein Teufelspudel ist. Und die alte vornehme Fallacie, daß der Teufel Schildwache stehen müsse, damit kein Schaden geschieht, ist wieder zum Vorschein gekommen. Mit dem faden Tränklein der sozialpolitischen Versorgungsgesetze und mit dem scharfen Schwert des Sozialistengesetzes hat man es versucht, den Schaden der Sozialdemokratie zu kurieren. Es ist nicht geglückt. Jetzt soll die Furcht vor dem höllischen Feuer zn Hilfe genommen werden. Hnocl mscUeg-msiita norr sa.rlg.irt tsri^m sanat,, Hnod tsriirin noir sanat, iZnis SÄna-t. II. Am 12. März 1873, also noch vor den beiden Attentaten, schrieb Kaiser Wilhelm I. an den Feldmarschall von Roon: „Diese Gottesleugnung geht Hand in Hand mit der Sozialdemokratie, und so sind wir mitten im Frieden dahin gekommen, wohin die französische Revolution in der Schreckenszeit geriet, d. h. Gott abzuschaffen und dann wieder einzusetzen, obgleich letzteres unsere Gottesleugner noch nicht thun!" — Und am 26. Dezember: „Wohin wir gekommen wären ohne den 2. Juni (Attentat Nobiling) ist nicht zn berechnen, und wie ich es öffentlich ausgesprochen, will ich gern geblutet haben, wenn manchem die Augen geöffnet sind und wir zum Besseren steuern! Der Anfang ist gemacht durch das neue Gesetz, aber uun muß noch der gelockerte Boden der Kirche befestigt werden." Hier ist ein Programm fix und fertig. Nicht zu alleu Zeiten hat die Gedankenverbindung zwischen Erhaltung der Monarchie und der Religion bestanden. Förmlich ausgebildet ist sie erst seit den letzten hundert Jahren. Monarchen und Monarchien wurden von Verschwörern angegriffen und gestürzt, ohne daß die Gottlosigkeit dafür verantwortlich erklärt worden wäre. Ja der hervorragendste Fall und vielleicht der einzige im Altertum, wo der Unglaube als ein Verbrechen gegen die Staatserhaltung mit der Strafe des Hochverrats geahndet wurde, ist in einer Republik vorge- 24* — 372 — kommen, die Hinrichtung des Sokrates. Die Königs- und Fürstenmörder, deren Thaten das neuere christliche Zeitalter aufgezeichnet hat, waren, soviel man weiß, keine ungläubigen Menschen, viele von ihnen waren sogar sehr fromm oder gar fanatisch — man denke an Jacques Element, Ravaillac, Balthasar Gsrard, Damiens oder gar an Oliver Cromwell und seine Heiligen. Der fromme Dichter des verlorenen Paradieses, der sich doch von Berufs wegen mit Himmel und Hölle eingehend genug beschäftigt hatte, war der eifrigste Verteidiger der Hinrichtung des Königs von England. Zu seinen berühmtesten Schriften gehören die Abhandlungen zur Rechtfertigung dieses Verfahrens; in der zweiten derselben, der Ds^susio ssviiiiclg, xro xoxulo g,nAlics.iio oontrs. inkamrun lidsllrmn Ärwu^umro., eui titulus: R,sZü S3.Q- grünis olamor g,ct eoslum aclvsrsuL Pg-rrioidÄS MAliczanos (von dem Franzosen Salmasius verfaßt) heißt es unter anderem: „es entspricht dem Gesetz und ist zu allen Zeiten so beobachtet worden für alle, welche die Macht dazu besitzen, einen Tyrannen oder schlechten König zur Verantwortung zu ziehen und ihn, nach richtiger Überführung abzusetzen und vom Leben zum Tode zu bringen, wenn die ordentlichen Obrigkeiten verweigert oder vernachlässigt haben, das zu thun". Auch daß Anckarström oder die Orlosfs und Genosfen besonders gottlos gewesen, wird nicht berichtet. Bekanntlich verteidigte die Kasuistik Mariannas und Bellarmins den Fürsteumord von Glaubens wegen. Das halbe Dutzend entthronter Herrscher, welche Candide in Venedig versammelt findet, weiß bei der Erzählung seiner Schicksale noch nichts von den bösen Wirkungen des Unglaubens zu erzählen. Erst mit der französischen Revolution wendet sich die Sache. Da ihr die Periode der philosophischen Aufklärung vorangegangen war, da der Kampf gegen das Königtum — gewiß in innerem Zusammenhang — mit — 373 — dem Kampf gegen die Kirchen verbunden ward, so verbanden sich natürlich auch die Ideen des Royalismus und der Rechtgläubigkeit in der gemeinsamen entgegensetzten Anschauung. Ihr vollendetes Prototyp erstand in dem Grafen Joseph de Maistre, dem Sohne des Savoyerlandes, welches die natürliche Brücke vom päpstlichen Italien zum bour- bouischen Frankreich bildet. Der Begriff der Legitimität, welcher in seiner staatsrechtlichen Bedeutung auch erst der neueren Zeit entstammt und in der heiligen Allianz seinen vollendetsten Ausdruck gefunden hat, erhob die Identität von Monarchie und Religion zum Prinzip. Aber bis zur Februar-Revolution des Jahres Achtundvierzig blieb die ganze Jdeenverbindung lediglich im Zustande einer allgemeinen Weltauffassung, welche darauf hinausging, daß Kirche und Thron das gemeinsame Interesse und die Mittel hätten, einander zu halten. In Deutschland haben sich die freidenkerischen und die politisch liberalen Bestrebungen bis in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts durchaus nicht gedeckt. Unsere berühmten Philosophen waren sämtlich gute Unterthanen, und der weltlichste und letzte von ihnen, Arthur Schopenhauer, war ein überzeugter Reaktionär. Andererseits hatten die Liberalen der Demagogenzeit nach den Befreiungskriegen ebensowenig wie die der dreißiger Jahre einen Zug zur Freigeisterei. Die Verbindung von philosophischem und politischem Radikalismus beginnt erst mit den Ausläufern der jung- hegelischen Schule, den Arnold Rüge, Ludwig Feuerbach und Gebrüder Bauer. Aber noch David Friedrich Strauß war ein guter Konservativer, und der große Revolutionär und Republikaner Mazzini erfand noch das Feldgeschrei: „vio s ?0xo1c>." Der Kommunist Blanqui freilich verkündete den Spruch: „M Disu ru. m^itrs." In dem Verlangen nach einer sozialistischen Um- — 374 — gestaltung der Gesellschaft wirkt offenbar der Grundgedanke sehr stark mit, daß es für das Elend dieser Welt keine Entschädigung 'in einer anderen gebe und daß die materiell ausgleichende Gerechtigkeit schon auf Erden hergestellt werden müsse. Darum ist logisch nichts einzuwenden, wenn die Abwehr gegen den Sozialismus sich aufgefordert fühlt, denselben mittelst der Lehre vom Glauben au ein besseres Jenseits zu bekämpfen, natürlich mit den Mitteln, welche im Zeitalter der Glaubensfreiheit und der Lehrfreiheit noch Erfolg versprechen. Aber hier ist es, wo die Vorkämpfer des Glaubens ihren großen Fehler begingen, indem sie sich von ihren Gegnern zu einer verhängnisvollen Inkonsequenz fortreißen ließen. Sie gaben stillschweigend die Hilfsmittel der ewigen Gerechtigkeit auf, indem sie sich um die Wette mit der Sozialdemokratie bereit erklärten, die Gerechtigkeit des materiellen Lebens schon auf Erden herzustellen. Damit war das Fundament ihres ganzen Standpunktes preisgegeben. Natürlich gestanden und gestehen sie den Verzicht nicht förmlich zu, aber der Rückschluß liegt so nahe, daß er nicht verborgen bleiben konnte. Wie Deutschland überhaupt der Bahnbrecher des Sozialismus geworden ist, so hat sich auch dieser treibende Faktor desselben am stärksten in Deutschland entwickelt. Deutschland ist nicht nur das Vaterland des Katheder- sozialismns, sondern auch das Vaterland des zum System erhobenen christlichen Sozialismus. Viele mögen ihm dies zur Ehre und zum Verdienst anrechnen, — hier soll darüber nicht gestritten werden. Aber die Thatsache steht außer Zweifel. — Fürst Bismarck, der sehr viel für die Ausbreitung der sozialistischen Ideen gethan hat, obwohl er ihr abgesagter Feind war, hat auch auf diesem besonderen, die Religion kompromittierenden Wege, mitgearbeitet. Mit der — 375 — scharfen Witterung, die er für alle Verführungskünste in der Benutzung öffentlicher Strömungen zu momentanen Machterfolgen besaß, hatte er sich nach seiner letzten Trennung vom Liberalismus Ende der siebenziger Jahre entschlossen, auch die sozialistischen, dem Liberalismus feindlichen Ideen als Vorspann zu gebrauchen. Und da ihm nicht entgangen war, daß die militierende Kirche sich auf diesen Weg begeben hatte, stellte er sein Segel so, daß er auch diesen Wind mit einzufangen vermochte. Es geschah gewiß mit wohl überlegtem Vorbedacht, daß er eines Tages das von ihm erfundene Wort vom „praktischer! Christentum" in die Debatte warf. Das war so ganz seine Art, einen Feldzug zu eröffnen. Die hochkirchlichen Bundesgenossen, welchen er hiermit das Zeichen zum Anschluß gab, ließen es sich nicht zweimal sagen. Sie hatten schon lange voraus das Programm in Angriff genommen. Bischof von Ketteler darf für den Stifter der ganzen Schule angesehen werden, welche man unter dem Namen des christlichen Sozialismus zusammenfaßt. Diese starke Persönlichkeit hat überhaupt an der konfessionellen Gestaltung der deutschen Geschichte einen viel bedeutenderen Anteil, als man in großen Kreisen zu wissen scheint. Meiner Beobachtung nach war er derjenige, welcher zuerst mit energischem Vorbedacht daran ging, die katholische Kirche in Deutschland wieder zu einer aufwärts strebenden Großmacht emporzuheben, und ihm gelang es, die Unterlage für den Kampf herzustellen, auf welcher Windt- horst später weiter arbeiten konnte. Herr von Ketteler war es auch, welcher zuerst die soziale Frage in den Bereich der geistlichen Thätigkeit zog. Es ist bekannt, wie diese Bestrebungen zu einer von gegenseitigem Wohlwollen getragenen Berührung zwischen ihm und Lassalle führten. Der protestantische Sozialismus folgte erst später diesem Beispiel nach. Als nun Bismarck mit — 376 — seinem neuen Stichwort des „praktischen Christentums" einsprang, nahm die Richtung in beiden Konfessionen einen verstärkten Aufschwung. Es ist für alle drei Beteiligten sehr bezeichnend, daß Lassalle sowohl mit Bismarck als mit Ketteler eine Zeit lang in freundliche Berührung kommen konnte. Aber je mehr sich dieses Christentum in jene neue Richtung hineinarbeitete, desto mehr verzichtete es ans den wesentlichsten Inhalt seiner Lehre. Allerdings hat es immer die Nächstenliebe auch zur Linderung irdischer Leiden gepflegt, aber sein stärkstes Argument war und blieb doch stets das Reich, welches nicht von dieser Welt ist und die Mühseligen und Beladenen in die bessere verweist. Indem es nun den kirchlichen Boden der freien Nächstenliebe verließ, um seine Aufgabe in die diesseitige Ausgleichung mit Staatsmitteln zu verlegen, trat es in den Wettlauf mit denen, deren Wahlspruch lautet, daß sie nicht mit „Wechseln auf die Sterne" bezahlt sein wollen. Der Hinweis auf den Ausgleich im Jenseits verstummte bald ganz und gar, und die Konkurrenz um den sozialistischen Erfolg wurde eine ganz materielle, deren Problem sich einfach um die Alternative drehte, wer es besser vermöchte irdisches Glück zu bereiten, die Kirchen oder die Sozialdemokratie. Wenn man die Schriften und Reden aus dem Lager des christlichen Sozialismus liest, wird man vergeblich nach den Überzeugungsmitteln suchen, welche sich an den Trost auf ein ausgleichendes besseres Jenseits wenden. In den feierlichsten Ansprachen tritt derselbe zurück, wenn sie sich an die Handwerker oder an die Arbeiter wenden. Einen interessanten Beleg dazu bildet noch die neueste päpstliche Encyklika vom vorigen Jahr, „Xavs-i-nm rsrrun.". Der frühere Kardinal Pecci, Erzbischof von Perugia, ist bekanntlich ein auch in weltlichen Wissenschaften gebildeter — 377 — Mann, der sich lange, ehe er Papst wurde, insbesondere auch mit Nationalökonomie beschäftigt und in denkwürdigen Publikationen, namentlich über die sozialistische Bewegung, ausgesprochen hat. Großes Aufsehen machte namentlich eine ältere Encyklika vom 28. Dezember 1878. Seiner Richtung nach stand er damals auf dem Boden der individualistischen Schule, er beruft sich auf Bastiat und Montesquieu. Auch in dem neuesten Erlaß ist dieser Standpunkt noch nicht ganz preisgegeben, aber eine Annäherung an das Prinzip der Staatseinmischung doch stark vorherrschend. Wie sehr es nun auch gelingen mag, plausibel zu machen, daß mit diesem Anschluß an den Staatssozialismus die Religion ihr supranaturalistisches Prinzip nicht preisgebe: ohne starke Erschütterung konnte dasselbe aus dieser neuen Wendung nicht hervorgehen. In all den Wettkämpfen mit der Sozialdemokratie wagt man ihr nicht mehr auf den Kopf zuzusagen, daß ihre Klagen deshalb unberechtigt seien, weil die wahre Abhilfe im Jenseits liege, man verzichtet auf dies Argument, weil man es für unwirksam hält. Und durch diesen Verzicht auf das, was doch die Grundwahrheit des Glaubens darstellt, erhielt der ganze gläubige Sozialismus den Charakter des künstlich Erzwungenen. Der ungläubigen Sozialdemokratie erscheint er als ein nachgeahmter, gefälschter, als eine Art Kunst-Sozialismus, der sich dem echten glaubenslosen unterzuschieben sucht. Allerdings hindert das auch andererseits die Sozialdemokratie nicht, sich auf das darin liegende Zugeständnis zu stützen. Sind doch bei uns in Deutschland Staat und Kirchen, wenn auch nicht ganz, doch eine Strecke weit bereits zum Sozialismus übergegangen. Unsere Gesetzgebung hat sich auf staatssozialistischen Boden gestellt, und die Geistesrichtung in Aristokratie und Hochkirchentum sympathisiert — 378 — nicht wenig mit dem Krieg gegen das Kapital, wenn auch nur das sogenannte mobile, welches man im Stillen der Sozialdemokratie auszuliefern geneigt wäre, ließe sich nur die Scheidung praktisch und ohne gefährliche Konsequenzen vollziehen. Was die höheren Regionen zur Zeit an der Sozialdemokratie beunruhigt, ist weniger deren eigenes inhaltliches Bekenntnis, als ihr revolutionär erscheinender Charakter. Bekennte sich die Sozialdemokratie zur monarchischen Staatsform, wäre ihr Programm mit derselben vereinbar, so würde man mit sich reden lassen. Es springt in die Augen, daß der bürgerliche Liberalismus in Europa nicht mehr an gewaltsamen Umsturz denkt. Die gegenwärtige französische Republik ist nicht aus einer Revolution hervorgegangen. Wer in Deutschland an die Gefahr einer solchen glaubt, dem schwebt nur die Möglichkeit einer sozialistischen Schilderhebung vor. Nicht weil sie sozialistisch, sondern weil sie revolutionärer Absichten verdächtig ist, werden daher neuerdings wieder so große Anstrengungen gemacht, jene Partei zu bekämpfen. Wir kennen genug von dem Gedankenkreise, in dem sich die Bewohner der höchsten Regionen bewegen, um zu wissen, daß das Bild einer blutigen Empörung hier niemals verschwindet. Friedrich Wilhelm IV. und Kaiser Wilhelm hatten es leibhaftig aus der Nähe gesehen, und in ihren beklommenen Momenten stieg es immer wieder auf. Aus diesem Jdeeukreis sind neuerer Zeit eine Reihe von Manifestationen zu erklären, deren Sinn dahin geht, daß mit allen Mitteln einer solchen Bewegung vvrznbeugen sei. Und nachdem dieselbe gemäß dem hier bezeichneten Gedankengang nur von einem ungläubigen Programm ausgehen könnte, lag es nahe, auch die Stärkung des Glaubens als ein Gegenmittel ins Auge zu fassen. Die Kirchen waren von jeher stets bereit zu kommen, wenn sie zu Hilfe — 37!> — gerufen wurden. Aber nachdem sie dem Glauben an die Überzeugungskraft der überirdischen Freuden durch ihren Staatssozialismus einen so starken Stoß versetzt haben, bleibt ihnen ungemindert nur noch das Mittel der Furcht vor den unterirdischen Leiden. Und darum liegt dem neuen Anlauf zur Wiederbefestigung der Dogmen viel weniger der Gedanke an das Paradies, als der an die Hölle zu Grunde. Mit der Furcht vor den Schrecken der Hölle ist es aber ein eigenes Ding. Sie stehen noch im Nachteil gegen die Schrecken der diesseitigen Strafen. Ein kluger, erfahrener Mann stellte einmal folgende Betrachtung an: Wie mag ich nur darauf rechnen, daß ein gewöhnlicher Mensch aus Furcht vor den entfernten und Ungewissen Strafen einer künftigen Welt den Versuchungen des Augenblicks widerstehen wird, wenn ich so oft erlebe, daß die gescheitesten und gebildetsten Leute sich den Magen verderben? Die üblen Folgen einer Unmäßigkeit in Speise und Trank stehen doch so sicher fest und unmittelbar hinter dem Vergehen, daß sie ungleich viel unabwendbarer erscheinen als die einer anderen Welt, die niemand kennt. Und wenn eine Indigestion auch mit geringerer Pein droht, als das höllische Feuer, so ist doch andererseits der Widerstand gegen die Versuchung der Tafelfreuden so viel leichter, als der gegen die Verführung zu großen Sünden — von der Gewißheit im einen und dem Zweifel im anderen Fall nicht zu reden. Wer will behaupten, daß, wenn es eine Hölle gäbe und ein oder der andere Sünder zeitweise aus derselben auf diese Welt zurückkäme, ein solcher nicht auch wieder rückfällig werden könnte? Wie gering mag aber die Zahl derer sein, welche so ganz ohne Anwandlung von Zweifel an die Hölle glauben? Frau von Motteville erzählt, Papst Urban VIII. habe bei der Nachricht vom Tode des Kar- — 380 — dinals Richelieu bemerkt: „Nun, wenn es einen Gott giebt, so wird er bald seine Strafe zu zahlen haben; aber in der That, wenn es keinen Gott giebt, so war er ein Ehrenmann."*) Da sie das als etwas eben Gemeldetes niederschreibt, muß es ihr und ihrem Kreis nicht unwahrscheinlich geklungen haben, und dem eleganten, für seine Zeit modern zu nennenden Florentiner sieht es auch nicht unähnlich. Wenn das in den Zeiten Ludwigs des Dreizehnten so beiläufig einem Papst nachgesagt werden konnte, so mag man danach berechnen, welche Nahrung diesen Zweifeln seit zweihundertfünfzig Jahren zugeführt worden sein muß. Die Lehre von der Hölle ist übrigens bekanntlich nichts weniger als eine spezifisch christliche oder jüdische und dogmatisch vielen Deutungen auch im Christentum unterworfen. Unser deutsches Wort ist sogar unmittelbar der eigenen nordischen Mythologie entnommen. Die böse Hellia ist eine Tochter des Loki. Die alten Religionen, insonderheit die ägyptische, beschäftigen sich noch ausgiebiger als die neueren mit der Unterwelt, wenigstens soweit sie als Wohnstätte der Abgeschiedenen überhaupt und nicht ausschließlich als der Ort der Strafen und Qualen betrachtet wird. Diese Unterscheidung geht auch durch die Ansichten der Kirchenväter, unter denen speziell Origenes mit dem Anhang der orientalischen Schule den Nachdruck auf den indifferenten Zustand der bloßen Abgeschiedenheit legt. Der altgriechische Hades, welches Wort auch in das neue Testament für die Bezeichnung der Unterwelt übergegangen ist, bedeutet, wie das hebräische Scheol, lediglich den Aufenthalt der Verstorbenen. Sogar Abrahams Schoß, der xo^Troc '^/S?««^, wird in diese Unterwelt verlegt, wie der Aufenthalt der edö ss »li s Oio, dsn tosto lo MZ-ard.; ms, vsr»- wsute, ss noii e's Oio s Aälxmtuomo," — 381 — alten Erzväter und der ungetansten Kinder limkus xs-truirr und limdus ints.iit.iurQ. Im Orkus und Tartarus begegnen wir dagegen den besonderen Martern derer, die die Götter gereizt haben, den Jxion, Tantalus und Genossen. Die Jammerstätte des Judentums ist eigentlich eine irdische, das Gehinnom, d. h. das in der Nähe von Jerusalem gelegene Thal Hinnom, Gegend von Elend und Schierke mit Goethe zu redeu. Darum sagen wir, wenn es uns nicht behaglich ist, noch heute, daß wir uns geniert fühlen, bekanntlich abgeleitet vom französischen Zsus, das wieder von Gehinnom, (Z^trsiiiis, herrührt. Die heiligen Schriften werden von den Kirchenlehrern nur mit wenigen Stellen für diese Regionen angerufen; aus dem alten Testament hauptsächlich eine Stelle, Genesis 37, 35, wo Jakob bei der Nachricht von Josephs Tode spricht: „Ich werde mit Leid hinunterfahren zu meinem Sohne in die Grube", und aus dem neuen die Stellen Ev. Marci 19, 43: „Es ist Dir besser, daß Du eiu Krüppel zum Leben eingehest, denn daß Du zwei Hände habest und fahrest in die Hölle, in das ewige Feuer", und Matthäus 25, 41: „Gehet hin in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln". Über das, was die Hölle in der Höllenfahrt Christi bedeutet, den OssLsuZus g.6 inlsrniim gehen dagegen die Auslegungen wieder auseinander. Ohne Zweifel haben mythenbildende Vorstellungen, ver- sinnlicht von Dichtern und Malern, einen sehr wesentlichen Beitrag zur Ausstattung dieser Glaubensphautasie geliefert. Zweierlei physikalische Elemente treten uns dabei als die vorherrschenden entgegen: die Verlegung des Strafortes unter die Oberfläche unseres Planeten und das Zuchtmittel des Feuers. Letzteres ist noch ganz besonders verstärkt worden durch den erst später von der katholischen Kirche zwischen Himmel und Hölle eingeschobenen Begriff des Fege- — -!82 — feuers, welches immer mehr an die Stelle der ewigen Verdammnis treten mußte, je mehr die Praxis von der Lehre der Erlösung durch die den Ablaß vermittelnde Autorität sich ausbreitete. Merkwürdigerweise spielt bei dem größten Repräsentanten des Mittelalters, der Himmel und Hölle zur höchsten dichterischen Gestaltung erhoben hat, das Feuer keine große Rolle, nicht einmal im zweiten Teil seiner göttlichen Komödie, die eigens das Fegefeuer, allerdings nur Purgatorio genannt, zum Gegenstand hat. Erst gegen Ende, im fünfundzwanzigsten Gesang, bei den Bußen der Wollüstigen, treffen wir auf die schmerzenden Flammen, die letzte Pein, ultima tortui-g., wo die Bergeswand Flammen ausschleudert und den Dichter die Furcht vor dem Feuer zurückhält. Auch verlegt Dante das ganze Purgatorium nicht uuter die Oberfläche der Erde, sondern auf einen Berg, der aus einer Insel aufsteigt. In den neun Kreisen der Hölle wird mehr von anderen Qualen als denen des Feuers Gebrauch gemacht, und man kann nicht sagen, daß Dante Hölle oder Fegefeuer zum Schutz der Monarchie verwendet. Im Gegenteil, Herrscher, Tyrannen, sowohl weltliche als geistliche, stellen ein großes Kontingent zum Heere der Bestraften, während die Rebellen kaum unter den Büßenden vorkommen. Im achtundzwanzigsten Gesang der Hölle stoßen wir aus Bertrand de Born, den Sänger, der seinen Kopf in der Hand trägt wie eine Laterne, weil er den Prinzen Heinrich gegen seinen Vater, den König von England aufgewiegelt, wie Ahitophel den Absalon gegen Vater David. Aber es ist nicht die politische Rebellion, die hier ihre grausame Strafe findet, sondern. „Weil Menschen ich getrennt, die sonst sich lieben. So trag ich mein Gehirn getrennt nllhier Von seinem Quell, der in dem Rumpf geblieben'" — 333 — Ganz zum Schluß, im letzten Gesang der Hölle, treffen wir noch Brutus und Cassius, welche das dreiköpfige Ungeheuer rechts und links von Judas Jschariot zwischen den Zähnen hält. Es ist nicht die Empörung, sondern der Verrat, der hier bestraft wird, und, wie um keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, begegnen wir sofort im darauf folgenden ersten Gesang des Fegefeuers dem mit besonderer Liebe behandelten Cato von Utica, dem die Freiheit so teuer war. daß er dafür das Leben ließ. sai eks non ti iu xsr Isi kmürs, In Iltills, morts. In der ganzen Höllenordnuug mit der Strafeinteilung der neun Kreise findet sich unter der Aufzählung aller Sünde» keine der politischen Auflehnung. Der Teufelspoet des siebenzehnten Jahrhunderts besingt in seinem verlorenen Paradies allerdings die Empörung der gefallenen Engel gegen Gott, aber wie er über die analogen irdischen Verhältnisse dachte, ist schon oben besprochen worden. Die Topographie der Miltonschen Hölle ist schwankend und unklar, während die Dantesche uns genau als im Centrum der Erde befindlich beschrieben ist, von einer Axe aus erreicht, deren Spitze von Jerusalem herabgeht. Was die Dichter gesungen und was die Volkssage ausgesponnen hat, gehört selbstverständlich nicht zu den Glaubenslehren. Aber die allgemein menschliche Auffassung von der Beschaffenheit der Strafen im Jenseits malt sich darin unleugbar. Eine sinnlich ergreifende Vorstellung von einem bestimmten Aufenthalt der Qual für Gestorbene wird immer, wie es in der That in allen Mythen der Fall ist, auf einen unterirdischen Raum und als vornehmstes Strafmittel auf das Feuer hinauslaufen. Bei der Ahnung übersinnlicher Freuden läßt sich die Phantasie zur Not auf Unbestimmtes ein. Überraschung und Ungeahntes kann hier seine Macht — 384 — ausüben. Aber um Schrecken zu erregen bedarf es der sinnlichen Vorstellungen. Übersinnliche Pein ist ein viel zu ätherischer Gedanke, um auf das Gemüt des von irdischer Versuchung heimgesuchten Sterblichen zu wirken. Das können höchstens greifbare materielle Schreckmittel besorgen. So wenig nun die Naturwissenschaften jemals die Philosophie ganz ersetzen werden, so wenig werden sie in denjenigen menschlichen Sphären, denen die Religion zur Befriedigung ihres moralischen und geistigen Bedürfnisses unentbehrlich ist, diese ersetzen können. Aber so viel ist richtig: in einem Zeitalter, welches die Naturwissenschaften so wie das heutige in den Vordergrund der breitesten Bildung gestellt hat, dürfen die religiösen Vorstellungen nicht in auffälligen Widerspruch mit den physikalischen Wahrheiten kommen, ohne dabei Schisfbruch zu leideu. Eine Höllenanstalt im Schoß unseres Planeten findet schwer ihren Platz auch in den elementarsten Begriffen der Physikalischen Geographie — von den sieben Himmeln nicht zu reden. Wer sich die Mühe geben will, aus dieser einfachen Betrachtung die naheliegenden Rückschlüsse zu ziehen, wird leicht entdecken, welcher Art heut zu Tage Versuche zur Verbesserung religiösen Unterrichts nicht sein dürfen, wenn sie überhaupt wirksam sein wollen. Ganz besonders diejenigen, welche die Sozialdemokratie unter dem Gesichtspunkt ihres Unglaubens bekämpfen wollen, begehen den größten Irrtum, indem sie ihr mit religiösen Apparaten entgegentreten, deren Gebrechlichkeit so augenfällig ist. Es ist mit Recht gesagt worden, daß gerade die Vergröberung des Religionsunterrichts — und die Verschärfung des konfessionellen Formalismus ist eine solche Vergröberung — die Jugend umsomehr ins sozialdemokratische Lager treiben werde. Aus demselben Grunde können die, welche mittelst der Erhaltung der Religion das Band zwischen Monarchie und Volk stärken wollen, keinen schwereren Fehler begehen, als wenn sie die Religion auf die jetzt vorgeschlagene Manier zu stärken -vermeinen. Sie stellen damit die Monarchie auf die allerbedenklichste Voraussetzung. Es ist — mutatiZ mritanäis — etwa so, als wenn sie meinten, zur Erhaltung der Monarchie müßte die Prügelstrafe wieder eingeführt werden. Sieht man genau zu, so besteht wohl auch eine innere Verwandtschaft zwischen den Liebhabern der Prügelstrafe und den Gönnern des neuen Schulgesetzes. Der Deutsche versteht im ganzen nicht übermäßig viel Spaß, am wenigstens aber in Sachen der Religion. Es ist ihm damit viel mehr Ernst als allen anderen Nationen, auch denen, die frömmer erscheinen als er. In Frankreich, England und Amerika hat das stillschweigend anerkannte Bedürfnis fester moralischer Ordnung instinktiv die wohlhabenden Klassen zu einer Respektierung der religiösen Äußerlichkeiten erzogen, welche deren formale Anerkennung zu einer Anstandspflicht macht. Nicht fromm erscheinen ist in England einfach not i-ss^sotg-dls, wie unanständig gekleidet zu sein. Ähnlich in Frankreich, wenn jetzt auch der politische Radikalismus dagegeu Sturm läuft. Der feine und im stillen ganz ungläubige Rivarol, welcher der Schreckenszeit nach Deutschland aus dem Weg ging, gebraucht einmal die sehr bezeichnende Wendung, Gottlosigkeit — 1'iro.xists — sei die größte aller Indiskretionen. Etwas trivialer drückt sich Thiers dahin aus, ungläubiges Gebaren gehöre zu den schlechtesten Manieren. Den Franzosen ist darum der Katholizismus 1s. rsliZion äss Zkus eomms il Fant, weil er sich auf schädliche Diskussionen nicht einläßt. Derartiger Jndifferentismus liegt dem deutschen Wesen fern. Wenn Goethe den Hikmet Nameh sagen läßt: Ludwig Bamberger'S Gcs. Schrislcn, I. — 386 - „Soll man dich nicht aufs Schmählichste berauben, Verbirg dein Gold, dein Weggehn, deinen Glauben" so denkt er nicht an die anderen, sondern an sich in seiner stillen Höhe. Eine Ehe, in welcher der Mann ungläubig ist und seine Frau behaglich der Bigotterie überläßt, die Regel in Frankreich, ist in Deutschland gewiß eine Seltenheit. Wo die Religion Fuß gefaßt hat, wirkt sie hier viel stärker als dort. Der politische Einfluß der katholischen Geistlichkeit, auch in den ländlichen Wahlkreisen, ist dort unendlich viel geringer als bei uns. Die rasche, breite und tiefgehende Erregung, welche in allen Schichten der Bevölkerung durch den Schulgesetzentwurf hervorgerufen worden ist, giebt von neuem Zeugnis von dem gewaltigen Ernst, mit welchem die Deutschen diese religiösen Fragen erfassen. Zahlenmehrheiten in Kommissionen und Parlamenten können — dank den Septennatswahlen — dies Schulgesetz dem Lande auflegen; aber denen, die es ersonnen haben, und denen, die es begrüßen, möchte es schlecht bekommen. Der Monarchie, die sie stützen wollen, kann man nur raten zu dem Gott zu beten, der vor übelberatenen Freunden behütet. Unsere Neuesten/) jüngst schrieb ich einem befreundeten Franzosen, der sich viel mit Studien über Deutschland beschäftigt, zahlreiche Arbeiten über unsere Litteratur nnd Politik, namentlich auch die soziale uud philosophische veröffentlicht hat,**) und bemerkte ihm am Schluß des Briefes, daß zur Zeit Friedrich Nietzsche mit besonderer Vorliebe bei uns gelesen werde. Merkwürdiger Weise kreuzte sich dies Schreiben mit einem des Adressaten, in welchem es am Schlüsse hieß: „Unsere Jugend treibt jetzt sehr viel Nietzsche." Das ist doch höchst bezeichnend. Es sind die „Neuesten", die auf diesem Kriegspfad gegen das Alte wandern; und wenn irgend etwas ihre Brust schwellt, so ist es gewiß das Bewußtsein der Originalität, des Emporragens über alles Dagewesene. Und nun zeigt sich, daß diese Menschheit letzter Ausgabe doch auch einer allgemeinen, um nicht zu *) Aus der „Nation" vom 23. Juli 1892. Ich benutze diesen Anlaß, um insbesondere auf das letzte Buch dieses Schriftstellers aufmerksam zu machen, „I^s Lovialisuis allswkuä st 1s ÜNiMsms ru8ss xar ^. Louräsau (?aris, ^.Ivkw), in welchem die Geschichte, die Theorien und die Kritik der Ideen und Persönlichkeiten mit außerordentlicher Sachkenntnis und Unbefangenheit behandelt sind. Der Autor hat sich zu verschiedenen Epochen längere Zeit in Deutschland ausgehalten, Menschen und Zustände aus naher Berührung, vertraut mit der Geschichte und Litteratur, kennen gelernt. 25* — 388 — sagen gemeinen Zeitströmung unterthänig ist; daß sie gehorcht, während sie zu befehlen wähnt. Eine Mahnung sicherlich zur Bescheidenheit, wenn in zwei so verschiedenen, so vielfach einander befehdenden Regionen der europäischen Gesellschaft in so absonderlichen Dingen Gleichheit herrscht. Das Phänomen dieses Zusammenstimmens ist allerdings nicht vereinzelt, und es läßt sich ferner nicht verkennen, daß dabei der Zug mehr von Deutschland nach Frankreich hinübergeht als umgekehrt; nicht unbedingt und einseitig jedoch. Denn wir haben von den Franzosen den Naturalimus, Realismus, Impressionismus, Pleinairismus und auch etlichen Cynismus in Kunst und schöner Litteratur herübergenommen. Daß wir darin mehr Nachahmungstrieb als Geschick bewähren, gereicht uns eher zu Nutz und Frommen, wenn auch nicht gerade zur Ehre: denn an gutem Willen zum Bösen fehlt es eigentlich nicht. Dagegen haben beispielsweise jene von uns bezogen: Schopenhauer, Richard Wagner, Treitschke-Ahlwardt, Nietzsche — ich nenne sie in der chronologischen Ordnung ihres Umzugs, ohne sie ihrer Würdigkeit nach untereinander klassifizieren zu wollen. Handelspolitisch gesprochen haben wir die aktive Bilanz auf unserer Seite. Unsere Ausfuhr übersteigt au Wucht und Erfolg bedeutend unsere Einfuhr. Es wäre neben der eigenen Ausfuhr auch noch der Export- Zwischenhandel zu nennen, auf dessen Wegen wir es sind, welche z. B. den Franzosen Ibsen zugeführt haben. Den ganzen Staatssozialismns nicht zu vergessen, den wir zwar nicht allein und einseitig erfunden haben, desfen Ursprung sogar eher in Frankreich zu suchen ist, den wir aber durch selbständige Behandlung (mittelst des Verfahrens, welches das römische Recht die Spezifikation nennt) so nach unserer besonderen Art umgemodelt haben, daß er unser geistiges Eigentum geworden ist. Unseren Staatssozialismus haben — 389 — wir nicht nur zu den Franzosen, sondern durch die weite Welt bis zu den selbstherrlichen Angelsachsen verbreitet. So scheint die Thatsache festzustehen, daß Deutschland seit dem letzten Kriege als herrschende Macht den Stempel seines Ingeniums der Mitwelt aufgedrückt hat und zwar am meisten den grollenden Besiegten. Von Rechts wegen muß hier auch der Grundsatz der allgemeinen Schul- und Dienstpflicht als eine nach deutschem Vorbild von beinah ganz Europa nachgeahmte Einrichtung erwähnt werden; und müßte nicht schließlich auch an den Siegeszug des deutschen Bieres erinnert werden? Einzelne unter diesen Strömungen haben sogar zur Zeit jenseits unserer Grenzen ihre Ufer mehr ausgebreitet als im Lande des Entspringens. Wagner beherrscht den Geschmack der Musiker und jedenfalls der „schönen Welt" in Frankreich noch stärker als bei uns. Schopenhauer, in Deutschland schon älter, tritt hier mehr in den Hintergrund, während er dort eine Art populäre Figur geworden ist, der man in Romanen und Feuilletons begegnet, die vor zwei Jahren sogar einmal in einer Posse über die Bühne eines Tingeltangels ging. Der Staatssozialismus kommt in einzelnen Formen der Gesetzgebung vielleicht dort ebenso stark oder noch stärker zum Ausdruck als bei uns, denn manches in ihm entspricht mehr dem französischen Ingenium als dem deutscheu, aber er wird schwerlich sich des ganzen Lebensgebietes in demselben Grade bemächtigen wie bei uns, weil die Verteilung des Besitzes ihm in den tonangebenden Klaffen Frankreichs viel weniger Sympathie zuführt, als er diesseits aus der Mitte des Adels und der Studierten empfängt. Noch schwächer dürfte dort die Zukunft des Antisemitismus sein. Der heitere Sinn für Leben und Lebenlasfen findet auf die Dauer keinen Geschmack an der „ethischen" Aufgabe, seinem Nebenmenschen das Leben zu vergiften. Um so mehr dürfen wir uns — 390 — freuen, daß die eminent deutsche Begabung für Musik und spekulative Philosophie sich auf dem Gebiet des widerstrebenden Nachbars so wohlwollender Aufnahme erfreut. Sind doch beide ganz besonders dazu da, das Leben zu versüßen! Ist es nicht ganz schön, wenn die verfeindeten Nationen wenigstens auf zwei solchen Regenbogenbrücken, dergleichen der liebe Gott seiner Zeit eine erscheinen ließ, um sich jede weitere Revanche am Menschengeschlecht zu verschwören, einander die Händen reichen? Gewährt nicht Bayreuth, wohin das tont?a.i-is sich drängt, von Sommer zu Sommer immer mehr den Anblick eines musikalischen Anti-Kronstadt? Auch Schopenhauer und besonders Nietzsche lassen zwar an prismatischem Farbenspiel nichts zu wünschen übrig; aber freilich Philosophie wird für die Massenbewegung niemals Brücken bauen, und gerade diese neueste am wenigsten. Denn wenn philosophische Systeme schon an sich zur Domäne der Geistesaristokratie gehören, so tragen noch die der beiden Genannten den Stempel aristokratischer Exklusivität ganz besonders an sich. Ja gerade auf diesen aristokratischen Zug ist das Glück, welches unsere zwei neuesten Denker hier und dort gemacht haben, zurückzuführen. Oder, um es anders auszudrücken, ihr Denken selbst wurzelt in der Natur eines, trotz allem, beide Nationen beherrschenden Zeitgeistes. Wir haben es mit einem aristokratischen Rückschlag gegen den Demokratismus der Zeit zu thun. Schopenhauer legte in den stillen Anfängen den Grund, seine Saat ging ja auch erst später auf. Nietzsche"'), der jenen seinen Lehrer nennt, — und man würde das merken, wenn er es auch nicht sagte, — fing gleichfalls in der Stille an und explodierte erst in den letzten Jahren weit hinaus. Beide er- Ich beziehe mich hier vorzugsweise auf „Genealogie der Moral". — 391 — lebten ihre wahren Triumphe nicht mehr, der Gang der Zeiten erst half ihnen dazu. Obwohl Nietzsche noch nicht leiblich tot ist, muß man doch leider von ihm als einem Abgeschiedenen reden, und obwohl er mit seinen letzten Folgerungen sich gerade im vollsten Gegensatz zu Schopenhauer zu setzen meint, stimmt er doch im Resultat der Nutzanwendung mit ihm zusammen. Der eine leugnet das Glück des eigenen Daseins, der andere das Beglückenwollen des Daseins der Vielen. Aber in der Hauptsache begegnen sich beide. Wenn Nietzsche meint, er sei kein Pessimist, so ist das nur ein Kunststück. Er ist Optimist für eine kleine Aristokratie des Lebens oder der Kraft. Das ist nur ein Streit um ein ganz kleines, im Verhältnis zur Menschenwelt verschwindend kleines Eiland, wo die Auserwählten sitzen. Schopenhauer schmeißt das Ganze zum Teufel und rettet nur nebenher seinen moäus vivsiM auf das Floß des Mitleids, welches Nietzsche mit Verachtung von sich stößt. Schopenhauers Vornehmheit besteht darin, zu wissen, welche Kanaille das Leben ist, und das ist auch schon aristokratisch genug. Nietzsche ist nicht so bescheiden, er will das Leben als Gut für sich retten auf Kosten der Kanaille. Seit Schopenhauer hat eben die Demokratie solche Fortschritte gemacht und so in die Breite gewonnen, daß das Bedürfnis der Reaktion bedeutend stärker geworden ist. In der Reaktion der beiden Philosophen geht der Weg von der Resignation des Nirwana zur Legitimierung der Wolfsherrschaft, vom Frieden zum Krieg. Es ist im Grunde dasselbe, nur mittelst einer geistreichen Dialektik umgestülpt, wie auch der Darwinismus von Nietzsche bekriegt und doch benützt wird. Er verlacht das Fortleben durch Anpassen; aber das sich Anpassen ist doch nur ein Angepaßtwerden, wie er selbst es den Schwachen im Namen der Starken verkündet. Das alles, Herrenmoral und Sklavenmoral, Wolf — 392 — und Lamm, Jenseits von Gut und Böse ist lange nicht neu. Nietzsche weiß es und führt es an, wenn auch nur beiläufig. Man denke nur an den Fürst des Macchiavell, an Hobbes, an Joseph de Maistre, ebenfalls Zeugen demokratischer Bewegungen in der Menschheit. Es soll auch kein Vorwurf sein, daß die Grundgedanken nicht nagelneu sind, denn das ist bekanntlich nie der Fall, am wenigsten in der Philosophie; und wenn es ganz gewiß ein Verdienst ist, Altes, schon Dagewesenes auf neue und anziehende Manier gedacht und gesagt zu haben, so kann es diesem neusten Propheten gewiß nicht bestritten werden. Es möchte schwer fallen, origineller zu sein als er, und es war besonders schwer nach Schopenhauer. Beiden gemeinsam und charakteristisch für sie ist, daß sie ihre aristokratische Philosophie für und ihr Glück durch die Leute von Welt gemacht haben. Die Ironie auf ihre Abkehr vom xrokÄHnrQ vulgns ist, daß sie Vulgari- satoren wurden, demokratisiert wider Willen. Sie dienten dem Geist ihrer Zeit, indem sie ihn bekämpften. Auf Schopenhauer gilt das nur zum Teil, weil der Grundstock seiner Werke mit dem Ausgang von Kant sich in den strengeren Formen des Denkens bewegt. Nietzsche dagegen arbeitet im Geist der analysierenden Dialektik Hegelscher Manier recht eigentlich mit Aperyüs. Aber beiden ist gemein, daß sie gemeinverständliches und schönes Deutsch zu schreiben bemüht und befähigt waren. Beide, der eine in seinen populäreren, der andere in seinen sämtlichen Werken, zogen zum erstenmal das weltliche Publikum in die Kreise ihres abstrakten Denkens. Im Gegensatz dazu blieb ihr Einfluß auf die gelehrte Welt bedeutungslos. Weder wie Kant noch wie Hegel, nur um die größten zu nennen, machten sie Schule in der Wissenschaft der Philosophie und den mit dieser zusammenhängenden Wissenszweigen. So bewährten sie, wider Willen, daß sie dem Zeitalter der — 393 — Demokratie folgten, und dieser ihrer modernen Eigenschaft verdanken sie auch ohne Zweifel ihre französische Popularität.*) Hegel hatte seiner Zeit in der eklektischen Philosophenschule Frankreichs Einfluß auf den Katheder gewonnen, und wie Taine uns bezeugt, wird gegenwärtig in den obersten Klassen der Gymnasien Frankreichs ein „neu- kantisches" System gelehrt, das, wie er ohne Zweifel mit Recht behauptet, keine Fühlung mit dem Leben hat. Selbst August Comte, der ins Lebendige eingriff und mit der Politik zusammenhing, fand in seinem Vaterlande nicht nachhaltigen Anklang in die Breite, nicht einmal so viel wie in England, wo er durch die Vermittelung Mills Einfluß gewann. Bekanntlich dauerte es lange, ehe Schopenhauer bei uns durchdrang. Entscheidend für den Umschlag war ganz gewiß der Umschlag im öffentlichen Leben. Mit dem Beginn der fünfziger Jahre nach dem Scheitern des deutschen Regenerationsversuchs kam das Studium der Philosophie auf den Hochschulen in Verfall. Der Liberalismus der gelehrten und besonders der litterarischen Politiker ") Für solche, die sich näher für die Sache interessieren, sei bemerkt: die größeren Werke Nietzsches sind bis jetzt noch nicht ins .Französische übersetzt. Aber zwei Übersetzungen seiner sämtlichen Werke sind in der Arbeit. Nur eine ältere Schrift: „Richard Wagner in Banrcuth", ist vor längerer Zeit erschienen. Dagegen brachte der Pole Wyzewa in der »Rsvns bleue" im Jahre 1831 einen Artikel: ?rsäsri<: ZNstxsells, lg äernisr HlstÄxk^sieiöii, und eine Erwiderung auf dieselbe erschien 1892 in der Zeitschrift „I^s Lan^ust" I^ibrairie Ron^ustts), die seit kurzem von einer Anzahl ganz junger Leute herausgegeben wird. Ähnliche Richtung verfolgt die belgische Zeitschrift „I^a sooists raocksiiis", welche Übersetzungen des „Fall Wagner" und „Zarathustra" gab. Welche Übereinstimmung auch hier mit unseren „Neuesten"! Die von ihnen herausgegebene Zeitschrift „Die Gesellschaft" beschäftigt sich ebenfalls viel mit Nietzsche. In Frankreich ist er schon lo weit vorgedrungen, daß hie und da der „Figaro" gegen die Richtung ausfällt. — 394 — hatte noch seine Wurzeln in der nachhegelschen Periode gehabt. Seine Niederlage sowie der ganze Katzenjammer des wieder eingezogenen bundestäglichen Regiments drückten den Geist der Nation auf eine Stimmung flacher Nüchternheit herab. Aus diesem Elend half eine Weltanschauung heraus, die Resignation mit ernster Vornehmheit verschönte, und die Eleganz, die pikante Geistreichigkeit der Behandlung, die sarkastischen Ausfälle gegen die ohnehin vereinsamte Kathederweisheit, das alles, weiter getragen durch einige begeisterte und rührige Jünger, siel als eine fruchtbare Saat auf den wohlvorbereiteten Boden. Es ist bezeichnend, daß nach dem großen Krieg in Deutschland ein Stillstand in dieser Bewegung eintrat, während die Popularität Schopenhauers erst damals in Frankreich einzusetzen begann, eine natürliche Folge der jetzt hinübergezogenen moralischen Depression, und zugleich eine Reaktion gegen den in der Form und der Praxis des Staats zur Herrschaft gekommenen Demokratismus, namentlich auch gegen die geistige Verflachung, welche in der Volksvertretung und der Beamtenwelt an die Oberfläche emporstieg, Gam- bettas „vierte Schicht". Schon lange vorher hatte eine sehr kritische Behandlung der Revolution von 1789 immer mehr Anklang in der jüngeren Gelehrtenwelt gefunden. Zu der gleichen Zeit und aus dem frischen Zug der neuen Gestaltung der Diuge trat in Deutschland an die Stelle der auietistischen Richtung die heroische. Aber gemeinsam war beiden das Bedürfnis der Auflehnung gegen das sichtbare Übergewicht des Demokratismus. Bei uns ging der Kultus der nationalen Kraftherrlichkeit und derjenigen Persönlichkeit, in welcher man diese Herrlichkeit verkörpert sah, seelenverwandt dem Wolfsbewußtseiu, dem Nietzsche seine Legitimität bescheinigen sollte, voraus. Aber es war jener Kultus noch mit dem sittlichen und religiösen Oant versetzt, — 395 — den der ehrliche Nietzsche verschmäht. Die „Schneidigkeit" war nur nach unten schneidig, nach oben war sie platt und stumpf. Sie kleidete das Recht des Stärkeren in das An- standsgewand der „Zucht". Nietzsches Wolfsherrschaft beruft sich einfach auf das biologische Gesetz. Die vornehme Verachtung der Philantropie ist beiden gemein als Anwandlung von Schwäche, von falscher Sentimentalität. Wenn man den Begriff der „Zucht" chemisch in seine Teile auflöst und das Element der Sittlichkeit ausscheidet, bleibt einfach die Herrenmoral der Neuesten übrig. Philantropie ist im Grunde nur ein anderes Wort für Demokratie, wenigstens heutzutage, da — trotz allem — der aufgeklärte Despotismus keinen öffentlichen Kredit besitzt. So wiederholt sich hier, was wir in allem Vorangehenden beobachtet haben: wir sehen eine geistige Bewegung vor uns, welche sich aus dem unwiderstehlich vorwärtstreibenden Drang des Demokratismus als vornehme Reaktion gegen denselben herauswindet, und welche wiederum doch dem Zeitgeist gehorcht, der sie in die Breite und die Tiefen drängt. Das Genie wimmelt Heuer in den Gassen und wühlt in den Gossen, sieht aber doch mit Verachtung auf alles herab, was da ist und besonders was gewesen. Die Vulgarisation des Geuialitätsanspruchs ist eines der amüsantesten Phänomene der Gegenwart. In Frankreich hat man dafür den Namen L.n zus Nsssisrirs 1s8 assa-ssins OomiQsiiczsnt)! Weder Tolstois Milch und Honig, noch de Maistres blutiges Schwert, auch nicht die Beethovensche Harmonie des „Neuen Glaubens" verursachen uns zur Zeit viel Anfechtung. Dagegen schreitet die Kraftmeierei des Genies immer breitspuriger durch die Reihen unserer „Erzieher". Und Gott weiß, es ürst stex in der 5Is^v ksvisv vom Juli d. I. — 400 — fehlt uns nicht daran. Ob wirklich der anonyme Weltgeist so sehr viel Ursache hat, mit Selbstbefriedigung sich zu sagen: auf die Vielen kommt es mir nicht an, sofern ich mein Spiegelbild nur in meinen Herren vom Genie erblicke. — Aber gerade darum thun sie sich zusammen. Was immer den Kitzel des Genie-Snob- bisms in seinem heiligen Innern fühlt, Männlein und Weiblein, drängt sich heran. Die Solidarität der Genies schart sich um ihre Sturmfahne und predigt den heiligen Krieg gegen den Lsn8us communis, den alten prosaischen Menschenverstand. O tägliches Brot des gesunden Verstandes von Gottes Gnaden, komme zu uns und laß uns bewahrt sein vor dem Genie, seinem Pomp und seinen Werkend Amen! Die neueste Aera öer Spekulation.''1 i. ^)ie epochemachenden Erscheinungen gewaltig auftretender Spekulationen sind um eine eigenartige bereichert. Abgeschlossen ist sie noch nicht, und das macht die Sache um so spannender. Man kann Vergleichungen anstellen mit welthistorischen Erfahrungen ähnlicher Natur. Alle sind schon untereinander verschieden, aber vielleicht ist noch keine dagewesen, die den früheren so wenig gleicht. Die Entfesselung des Spiels zur Zeit der englischen Südsee- Gesellschaft, die Ausschweifungen zur Zeit von Laws Herrschaft in Frankreich, die Thorheiten der holländischen Tulpenagiotage nahmen von vornherein einen anderen Verlauf. Die Entdeckung der Goldfelder in Kalifornien uud Australien entfaltete sich nicht in der Weise, wie die nns jetzt beschäftigenden afrikanischen Unternehmungen. Am ersten ließen sich noch Parallelen ziehen mit den Perioden des rasch in Schwung gekommenen Eisenbahnbaues, welcher auf Grund thatsächlich auszuführender, vielverheißender Kulturaufgaben, den Unternehmungsgeist uud, im Gefolge, desfen Übertreibung betäubend in Gang setzte. In den Spekulations- 5) Aus der „N.ition" vom 28. Dezember 18V5. Ludwig Bambcrgcr'S Ges. Schriften, I. — 402 — fiebern des vorigen Jahrhunderts war das Chimärische vorherrschend; die Phantasie, namentlich auf das Überseeische gerichtet, berauschte die Erwartungen. In der Mitte unseres Jahrhunderts lieferte die Umgestaltung der Erde durch den Damps und die Schiene dem Kapital eine neue massenhafte Beschäftigung, erhöhte seinen Zins und führte durch die, uach Vorbild der, von den Gebrüdern Psreire in Frankreich zuerst ins Leben gerufenen, Mobiliarkreditgesellschaften zur Anreizung des finanziellen nnd industriellen Unternehmungsund Spieltriebs. Um das Ganze in Fluß zu bringen, mußte die Rechtsform der anonymen Gesellschaften zu neuer vielfältiger und beweglicher Anwendung gebracht werden. Die Flut ging aufwärts bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre, erlebte baun eine starke Rückstauung, erhob sich wieder nach dem italienischen Krieg uud hielt sich mit auf- und absteigenden Perioden im Ganzen bis zum großen französisch-deutschen Krieg. Man weiß, daß der auf ihn folgende Friede den Anstoß zu einem neuen Aufschwung und, in dessen Konsequenz, zu neuer gewaltiger Überspekulation gab, die mit dem von Amerika und Österreich ausgehenden „Krach" endete. Von Wien ist dies börsendeutsche Onomatopoietikon in die europäischen Kulturspracheu übergegangen, hat auch das Zeitwort „verkrachen" geliefert. Seit jener Zeit hat sich vieles wieder gebessert, einzelne Epochen wie der Beginn der achtziger Jahre nahmen einen frischen Anlauf. Aber es ist doch seit jenem Krach nicht wieder erlebt worden, daß die ganze Handelswelt mit Weiterwirkung auf das große Publikum zu sanguinischen Massenkäufen spekulativer Werte, begleitet von phänomenal in die Höhe schnellenden Preisen, fortgerisfen worden wäre. Ganz allein die südafrikanischen Goldbergwerke haben, und zwar erst seit etwa Jahresfrist, immer Li-ssosiräo diese wilde Jagd nach Gewinn wieder entfesselt. Das Erlebnis ist seiner — 4N3 — allgemeinen nnd seiner besonderen Natur nach so interessant, daß es bereits die Aufmerksamkeit anch der nicht daran beteiligten Kreise auf sich gezogen hat; und das noch in der Entwicklung begriffene Schauspiel wird sich lauge uud bedeutend genug fortsetzen, um zu rechtfertigen, daß fich die Beobachtung der Zeitgenossen näher mit ihm beschäftigte. Einige Zeit, ehe der Krach der siebziger Jahre hereinbrach, habe ich einmal in einer Reichstagsrede vor dem Ende der damals noch hochgehenden Spekulation gewarnt, als ein gewaltiges Steigen in Bergwerksaktien losging. Ich sagte damals, auf meine Erfahrung aus den fünfziger Jahren gestützt, daß, wenn erst die Aktien der Bergwerke ins Blaue hinausznwirbeln ansingen, der Vorabend des Umschlags gekommen sei uud mau sich auf das Hereinbrechen eines Sturmes gefaßt machen müsse. Ich hatte richtig prophezeit, und im Gegensatz zu schlechten Erfahrungen, die man im Prophetengeschäst zu machen Pflegt, hat mich mancher meiner damaligen Zuhörer noch nach langen Jahren an jenen Ausspruch erinnert, den ich schier vergessen hatte. Diesmal kommt aber die Sache so, daß man analoge Schlußfolgerungen nicht ziehen kann. Die Agiotage, welche im spätern Verlauf längerer allgemeiner Spekulationsperioden sich auch auf Bergwerke stürzt, entspringt dem Suchen des Spieltriebs nach neueu Objekten, und weil alsdann die Rückschläge in den bereits ausgenützten Objekten zu beginne» Pflegen, bedeutet das Auflodern der Bergwerksagiotage meist den Anfang des Endes. Diesmal jedoch verhält sich die Sache gerade umgekehrt. Die Bergwerke haben den Anstoß gegeben. Ans ganz natürlichem Wege drängten sie sich dem Unternehmungsgeist auf. Man könnte sagen: die Börse ist nicht zum Berg gegangen, sondern der Berg zur Börse. Genau genommen handelt es sich auch nicht ausschließlich um bergmännischen Betrieb. 26* — 404 — Denn dieser ist zwar überwiegend Gegenstand der neuesten Gesellschaften, aber es hat sich doch die von ihm ausgehende Belebung der Goldsuche auch auf die Gebiete ausgedehnt, bei welchen das edle Metall auf andere Weise gewonnen wird. II. Seit etwa füuf Jahren gab es an der Londoner Börse einen Winkel, in welchem die Geschäfte sich ausschließlich mit Anteilen an südafrikanischen Minen befaßten. Man nannte ihn ironisch tks XaLllr liool:, d. h. den Kasfern- winkel. Zwar lag — weiter rückwärts — ein Exempel vor, welches gehörigen Respekt einzuflößen wohl geeignet war. Lange vor den Goldgruben waren im südlichen Afrika die Diamantgruben erschlossen worden. Sie hatten vielen große Reichtümer eingetragen. Die Namen Kimberley, De Beer, Jagersfontein hatten einen guten Klang und haben ihn bis auf diesen Tag bewahrt. Die Aera des Goldes begann erst etliche dreißig Jahre später. Im Jahre 1887 wurden die ersten wiuzigen Ausbeuten zu Tage gebracht und zwar aus dem Bodeu jener nach Transvaal verpflanzten Boereu, d. h. der holländischen Bauernrcpublik, auf welchen jetzt die Blicke der ganzen Welt gerichtet sind. Im Lande Transvaal selbst ist der bei weitem reichste Bezirk der, welcher den Namen Witwatersrand führt, anch kurzweg zuweilen Rand genannt. Von der gesamten Goldausbeute des Jahres 1892 kamen neun Zehntel auf den Rand, ein Zehntel auf anderes südafrikanisches Gebiet. Die Anfänge waren, wie gesagt, zwar schwach; doch der Zauberklang des Wortes Gold genügt, die Gewinnlust in Aufregung zu bringen. Die Spekulatiouslust bemächtigte sich der Sache, und es dauerte nicht lange, so hatte sie sich überschlagen und ihre — 405 — Opfer verzehrt. Nicht nur eine Menge schwindelhaft angepriesener Gesellschaften nahmen den Leichtgläubigen das Geld aus der Tasche, sondern da, wo wirklich etwas zu holen war, setzte greuliche Mißwirtschaft ein. Abenteurer, die uie einen Schacht gesehen hatten, ernannten sich zn technischen Direktoren, und andere, die einiges verstanden, benutzten ihre Kenntnisse, um das Publikum mit falschen Effekten zu blenden. Eines der beliebtesten Kunststücke war, den Goldlagern „die Augen auszustechen", d. h. einzelne seltene Kerne reinen Metalls (nnMsts) auszubohren und sie als maßgebend für ganze Lagerungen den künftigen Gewinnberechnnngen zu Grunde zu legen. So kam es in diesem Spiel vorerst zu eiuem Krach, an dem namentlich in England ziemlich viel Geld verloren wurde. Aber die Schuld lag nur an dem Leichtsinn der Menschen, nicht an der Sache. Um Hilfe zu schaffen, rief man mehr uud mehr ernste Männer von Fach herbei, und nun zeigte sich bald, daß man im Anfang die neu entdeckten Gefilde nicht überschätzt, sondern unterschätzt hatte. Selten hat sich ein Betricbsfeld in solcher Progression entwickelt. Im Jahr 1888 betrug die Ausbeute des Randes nicht mehr als 7173 Kilo Gold, 1890 schon über das Doppelte, im Jahr 1893 das Siebenfache, 1894 das Neunfache — oder, mit gemeinverständlichen Zahlen, im Jahr 1888 wurde für etwa 16 Millionen Gold gefördert, im Jahre 1894 für 145 Millionen. Die Zahlen für 1895, welche wir bis Ende August besitzen, sichern eine weitere Steigerung. Man kann das Endresultat des Jahres auf 166 Millionen Mark veranschlagen. Damit wäre der Rand allein in sieben Jahren von der untersten Stufe in die höchste der Gold produzierenden Regionen aufgerückt. Ein so fabelhafter Aufschwung konnte sich nicht vollziehen, ohne daß zwei Bedingungen erfüllt wurden. Spe- — 40s. — kulation, aber auch sachliche Tüchtigkeit mußte eingreifen. Die Sittlichkeitsheroeu, welche sich jetzt rüsten, im deutschen Reichstag ein Börsengesetz zu machen, um, wo möglich, alle Spekulation von Grund aus mit der Wurzel zu vertilgen, könnten, wenn sie überhaupt geneigt und fähig wären zu lernen, aus der näheren Beobachtung dieser äußerst kurzen Entwicklung lernen, wie der Sporn der Spekulation an der Verbesserung menschlicher Zustände mitarbeitet, und wie er zugleich den Fleiß und Scharssinn vieler Berufszweige antreibt. Die Spekulation mußte das Kapital beschaffen, aber um ihren Lohn zu finden, mußte sie alle Hilfsmittel der verfeinerten Technik heranziehen. Man weiß, was das charakteristische Wahrzeichen dieses südafrikanischen Goldbetriebes bildet. Während die großen Funde in Kalifornien und Australien, die in der Weude der vierziger auf die fünfziger Jahre die Welt überraschten, aus sogenanntem Schwemmgold herrührten, haben wir es hier mit einem im sesten Gestein eingenisteteten Gold zu thun, das in regelrechtem bergmännischen Bau gefördert wird. Aus diesem Gegensatz ergiebt sich der folgenschwere Schluß, daß es sich hier um einen Betrieb handelt, der nicht jener schnellen Erschöpfung ausgesetzt ist, welche den Unglückspropheten der „Goldnot" diente, um aus den Fundorten des Schwemmgoldes Kapital zn schlagen. Heutigen Tages rühren, wie der Direktor der preußischen Bergakademie vr. Hauchecorne in seinem vorzüglichen amtlichen Bericht nachgewiesen hat, schon siebenzig Prozent der gesamten Goldproduktion aus bergmännischem Betrieb her. Der zweite bedeutsame Charakterzug ist durch die Verbesserungen gegeben, welche im Dienste der kapitalistischen Unternehmuug alle Zweige der wissenschaftlichen Technik herbeigeschafft haben. Zunächst war es ein eigentümliches Naturspiel, daß die Entdeckung der großen Diamantgruben — 4>? — 418 — damals Tag für Tag das Denkwürdige des Erlebten niedergeschrieben hatte. Und weil es an allgemeinen Betrachtungen nicht fehlen wird, ist vielleicht ein kleiner Beitrag nicht unwillkommen, der nur persönliche Reminiszenzen bringt, etliche kleine Züge, bald dieser, bald jener Aufzeichnung entnommen, etwa zu Staffage verwendbar in eiuem großen Gesamtbild, das sich die Gegenwart von dem damals Geschehenen zu machen wünscht. Ich greife zu diesem Zweck einige Notizen heraus aus dem ersten Abschnitt, da der Krieg begann, und einige aus dem zweiten, da er zu Ende ging uud mit dem Deutschen Reich zum ersehuteu Abschluß führte. _ - Im Juni 187V, nach Schluß des dritten Zollparlaments, war ich noch einmal nach Paris gereist, um verschiedene alte Angelegenheiten zu ordne». Am 5. Juli brachte die offiziöse Zeitung „I^s (üonsdi- tutionnsl" einen Artikel gegen die Kandidatur des Prinzen von Hohenzollern in Spanien. Man sprach viel darüber, und die Börse erfuhr einen leichten Rückgang; doch schien die Sache noch nicht ernst. Am folgenden Tage, am 6., fand ich in der Abendzeitung den Text von Gramonts Erklärung in der Kammer über dieses Thema mit der Phrase, daß die französische Regierung die Wiederanfrichtung des Thrones Karls V. uicht zugeben könne. Sofort ward mir klar, daß jetzt eine ernste Kriegsgefahr aufgetaucht sei. Ich fuhr rasch nach dem Boulevard, um Näheres zu erfahre». Auf dem Wege kreuzte ich mich mit dem Minister Ollivier, mit dem ich bekannt war, und der mir einen sonderbaren, mir auffallenden Blick zuwarf. Bor ungefähr zwei Jahren hatte ich ihn aus Anlaß der Luxemburger Angelegenheit in seiner Wohnung aufgesucht, uud es kam zu einer lebhaften Auseinandersetzung, als er mir demonstrierte, Frankreich könne — 419 — nie zugeben, daß der Norddeutsche Bund die Mainlinie überschreite. Er war damals noch liberaler Abgeordneter. Zwischen Aufregung und Spannung über den Fortgang der Dinge verliefen die Tage bis zum 10. Es war eiu prächtiger, sonniger Sonntag. Im Gehölz von Bonlogne begegnete ich einem Freunde, der sofort seinen Wagen halten ließ, heraussprang und mir sagte, daß nach soeben ihm zugekommenen Nachrichten an der Absicht, es zum Kriege zu treiben, kein Zweifel mehr sein könne. Ich selbst teilte die Überzeugung durchaus. Die Wolke, die seit dem Frieden von Nikolsburg am Horizont heraufgezogen war, bald still stehend, bald wieder verhängnisvoll dräuend, sollte nun wirklich zur furchtbaren Entladung kommen. Der Gedanke, für Menschlichkeit und Zivilisation an sich schon grausam genug, mußte mich, der ein halbes Menscheualter in Frankreich verbracht, sehr viel Gntes genossen und gelernt, zahlreiche schöne Freundschaften geschloffen hatte, doppelt und dreifach schmerzlich sein. Um so schmerzlicher, als gerade im letzten Jahrzehnt dentsche Wissenschaft und Bildung mit Vorliebe bei den französischen Gelehrten Eingang gefunden hatte, eine ganze Schule daraus hervorgegangen war. Ich sah voraus, welch tiefer unheilbarer Riß auf lange Zeit zwischen den beiden Nationen unmittelbar bevorstand. Hippolyte Taine war eben erst, mit Empfehlungen auch von mir versehen, nach Deutschland gereist. Er kehrte alsbald um und blieb von da an ein bitterer Feind. Aber aller Schmerz konnte nicht verhindern, zu sehen, daß keine Rettung mehr war, daß im kaiserlichen Lager der Krieg beschlossen war. Merkwürdiger Weise schien die deutsche Presfe uoch keine Ahnuug davvn zu haben. Die Berliner, die rheinischen Blätter ergingen sich in superklugen Betrachtungen über die Wichtigkeit, die man fälschlich in Paris der spanischen Sache beimesse. Es war zu befürchten, 27* — 420 — daß diese Auffassung einer französischen, dem Anschein nach wohl vorbereiteten Überrumpelung in die Hände arbeiten werde. Ich eilte zu einem deutschen Freunde, einem in Paris angesehenen Arzte, und wir überlegten zusammen, was zu thun sei, um die deutsche Presse und die auf sie hörenden Regierungen auf die Größe und rasche Annäherung der Gefahr hinzuweisen. Nach Deutschland telegraphieren konnte man nicht. Ich beschloß als das kürzeste Mittel, an einen alten Universitätskameraden zu schreiben, der ganz nahe an der französischen Grenze wohnte. Es war dies der Amtsrichter Justizrat Bulling, welcher in Oberstein, dem oldenburgischen Enclave an der Nahe, seinen Sitz hatte. Ich schrieb ihm, sofort bei Empfang meines Briefes an den mir befreundeten Vetter des Bundeskanzleramtspräsidenten Delbrück, Herrn Adalbert Delbrück in Berlin, zu telegraphieren, daß man nicht länger an dem Angriff von französischer Seite zweifeln solle. Der Brief, den ich mir später vom Empfänger zurückgeben ließ, ist noch bei meinen Akten. Auf brieflichem Wege machte ich noch einigen anderen dazu geeigneten Freunden klar, daß alle Hoffnung auf friedliche Beilegung Illusion sei. Schon am Tage vorher hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem der höchsten Hofbeamten des kaiserlichen Palastes. Ich hielt ihm vor, welch thörichtes Wagnis dieser Krieg sei. Er antwortete mir: „Sie haben recht, wir sind verrückt, aber das macht gerade unsere Stärke; wenn wir nicht verrückt wären, würden wir abwärts gehen wie die anderen lateinischen Nationen, aber Frankreich ist unzerstörbar." Ich entgegnete ihm: „es wird geschlagen werden und Elsaß verlieren," worauf er: „nun, dann wird es dasselbe später wiedernehmen, mit uns werdet ihr nicht fertig" — und lachend, lustig läuft er davon. Dem entsprechend sieht das Getümmel auf dem Boulevard aus; eine muntere Erregt- — 421 — heit spricht aus der bunt bewegten Menge. Dieses unzerstörbare Temperament erklärt viel Glück und Unglück im Schicksal der Nation. Meine Frau, die im Wiesbadener Lazarett die Verwundeten Pflegen half und wegen ihrer Kenntnis der Sprache der französischen Abteilung angehörte, konnte nicht genug erzählen, wie die Gefangenen und Besiegten viel lustiger waren als die freien Sieger. Am Montag früh besuchte mich der mir nah befreundete republikanisch gesinnte Deputierte Auf seinen Wunsch hatte ich ihm acht Tage früher, als die Debatte über den Beitrag Deutschlands zur Herstellung der Gotthardbahn in der französischen Kammer ein kleines Vorgefecht für die kriegerische Stimmung geliefert hatte, im Interesse des Friedens Material zusammengestellt, welches den friedlichen Sinn der nationalen Bewegung in Deutschland nachweisen sollte. Er wollte in diesem Geist bei der Beratung des Budgets sprechen. Als T. weggegangen, kommt ein anderer Deputierter C., nicht Republikaner, mit dem ich befreundet war, und erzählt, er sei selbst dabei gewesen, wie Jsrome David berichtet habe, daß er am Morgen des 6. Juli beim Kaiser gewesen, und man über Verschiedenes da gesprochen habe, was für die Scene am Abend in der Kammer zu thuu sei, so daß die Ultras der kaiserlichen Partei die Gramer de Cassagnac, Dugus de la Fauconnerie, Element Duvernois und andere nach Gramonts Erklärung in einen wvhlvorbereiteten Applaus ausbrechen konnten nnd die anderen mit fortrisfen. „Als es vorüber war," fuhr mein Freund fort, „sahen wir uns gegenseitig an und fragten uns: was haben wir gethan? Wir gestanden uns, daß wir uns zu einer patriotischen Demonstration hatten fortreißen lassen, wie das im ersten Augenblick zu geschehen Pflegt, wo niemand zurückzubleiben wagt, um nicht gleichgültig zu erscheinen." Er wie .5. sagten sofort, daß nur eine kleine Minderheit in der Kammer gegen den Krieg sein werde. — 422 — Fest überzeugt, daß Frankreich so schnell als möglich los gehen werde, beschließe ich, sofort nach Deutschland zurückzureisen und setze meiue Abfahrt auf Mittwoch früh, den 13.^ fest. Dienstag, den 12., gehe ich noch einmal nm 2 Uhr in die Kammer, die von einem ungeheuren Zudrange von Menschen umwogt ist; alle Zugänge sind von Equipagen und Fußgängern belagert. Ich lasse mir T. herausrufen. Er erzählt, Ollivier habe focbeu eiuen Brief des Fürsten von Hohenzolleru mitgeteilt, in welchem derselbe für seinen Sohn ablehne; doch sei dies nur im Wandelgange der Kammer geschehen, nicht offiziell, aber Ollivier habe sich befriedigt erklärt und gesagt: e'est 1s. xsix. Ich sehe Thiers mit eher unzufriedener Miene weggehen. Draußen im Publikum verbreitet sich der Glaube, daß der Friede gerettet sei, und so klingt es auch von der Börse zurück. Anderen Morgens um halb acht Uhr fahre ich mit der Nordeisenbahn nach Belgien. Es war ein Mittwoch, ein unvergeßlicher Tag. Der „«ÜMstitutionnsl^, den ich mir im Bahnhofe kaufe, kliugt ganz friedlich. An der letzten französischen Grenzstation, in Jeumont, drängt sich die Bevölkerung iu höchster Aufregung an die Wagen und verlangt Neuigkeiten. Die Passagiere werfen ihnen ihre Zeitungen zu und verbreiten die Friedensnachrichten. Die bis dahin freudig aufgeregte» Mieuen verwandeln sich sofort in enttäuschte. Man war offenbar vorbereitet gewesen, in Kriegsjnbel anszubrechen. Ich wendete mich zunächst nach Spaa, wo ich jemanden zu sprechen hatte. Dort trafen mich die Nachrichten von der Scene in Eins zwischen dem Könige nnd Benedetti. Ich fahre nach Köln, wo ich Donnerstag, den 14., abends 10 Uhr ankomme und mich sofort auf die Redaktion der „Kölnischen Zeitung" begebe. Ich treffe den Hauptredakteur, Herrn Schulz; er will noch immer nicht bestimmt an den Krieg glauben, und als ich — 42.? — ihm sage, daß ich seit sünf Tagen den Krieg als gewiß ansehe nnd ihn bereits als eingetreten betrachte, antwortet er mir: „Das ist mir sehr interessant." Nächsten Morgen gehe ich direkt nach Mainz. Der Gouverneur Prinz von Holstein läßt mich zu sich bitteil. Er sagt mir, Preußen sei fertig und ganz gerüstet und gauz ruhig. Ich schreibe einen Artikel für die „MainzerZeitung", datiert vom 19. Juli und überschrieben: „Deutschland nnd Frankreich" mit dem Schluß: „Ich habe Grund, zu glauben, daß trotz allen französischen Kriegseifers und Kriegstalents schon so manchem an der Seine klar zu werden anfängt, daß man uns endlich über die Verlegenheit hinausgeholfen: wie Deutschland fertig zu machen? Die Lokomotive am Main hat Kohlen nnd Wasser gefaßt; Napoleon hat gepfiffen, wir fahren zu. und glückliche Reise, Kronprinz von Preußen!" Ich übergehe die Ereignisse von da bis zur Ankunft des Hauptquartiers in Mainz, insbesondere die interessante Episode einer patriotischen Volksversammlung, die wir in Darmstadt veranstalten wollten, und die vom Ministerium Dalwigk verboten wurde aus dem Grunde, daß bei einer demnächst zu befürchtenden Besetzung durch die Franzosen dafür schwere Rache genommen werden könnte. Am 2. August, morgens 51/2 Uhr, kommt der König mit dem Hauptquartier in Mainz an. Um begab ich mich zu Herrn vou Keudell und berichtete ihm zunächst über die erwähnte Darmstädter Angelegenheit und ähnliche Vorgänge daselbst. Kendell erzählte mir, daß man auf preußischer Seite auf ein viel rascheres Vorgehen der Franzosen geschlossen hatte. Des Nachmittags war ich bei Kupferberg, in desfen Hause Graf Bismarck Quartier genommen hatte, mit diesem, Abeken und Keudell zu Tisch. Vismarcks Bagage war zurückgeblieben; er mußte sich ein Hemd kaufen, war äußerst guter Laune, sagte, daß ihm Wein nnd Früchte vom Arzt — 424 — verboten seien, verzehrte aber nichtsdestoweniger von beiden, sowie vom Gefrorenen ansehnliche Portionen. Nach Tisch wird ein ausführliches Gespräch gepflogen, namentlich über das Verhältnis zu Osterreich und Ungarn. Bismarck bittet mich, mit Herrn von Abeken über verschiedene Preßsachen zu konferieren. In den folgenden Tagen setzen sich diese Besprechungeil über die vcrschiedeusteu Gegenstände fort. Viel Merkwürdiges in meinen Aufzeichnungen. Endlich kommen die ersten Kriegsnachrichteu vou Weißenburg. Ich esse mit einigen Freunden im Holländischen Hof, wo Moltke in unerschütterlicher Ruhe zu Häupten der Tafel sitzt. Es laufen Depeschen ein, die er mit Befriedigung liest; dann steckt er ruhig seiue Cigarre au und bleibt noch längere Zeit nach aufgehobener Tafel sitzen. Am 7. morgens kommt die Nachricht vom Siege bei Wörth. Bismarck sandte nach mir; er fragt mich, ob ich mit dem Hauptquartier und ihm mitausrücken wolle, um die Verbindung mit der deutscheu Presse zu unterhalten. Drei Beweggründe von gleicher Stärke bestimmen mich, alle schweren entgegenstehenden Bedenken zurückzudrängen: zunächst der Wunsch, in diesem großen Augeublick für mein kleines Teil mich nützlich zu machen, im Hinblick ans die inneren politischen Angelegenheiten der deutschen Einigung, welche fetzt zum Austrag kommen mußten. Sodann der Anreiz, bei dieser wohl nie wiederkehrenden Gelegenheit ein solch historisches Ereignis wie einen großen Krieg in nächster Nähe zu sehen; und endlich nicht am weuigsteu das Anziehende, mit einer genialen Persönlichkeit, wie die des großen Kanzlers, bei demselben Anlaß in enge Berührung zu kommeu, nachdem ich, ohne ihn gesehen zu haben, ihn zum Heldeu eiues kleinen Buchs gemacht hatte. Eine Stunde, nachdem ich zugesagt hatte, saß ich mit ihm in seinem Salonwagen in der Eisenbahn. — 425 — Dabei waren nur noch Herr von Abeken und der junge Herr von Bismarck-Bohlen, welche zum engeren Gefolge des Kanzlers gehörten. Wir fuhren den ganzen Tag, und beinahe ebenso lange hatte ich den Genuß einer, man kann sich denken, wie interessanten Unterhaltung unter vier Augen mit dem Grafen Bismarck. Auch hier unterdrücke ich den größten Teil meiner Notizen. Für vieles, was ich von jetzt an erlebte, ist die Zeit der Veröffentlichung noch nicht gekommen; nur gauz weniges soll hier im Auszuge stehen. Auch damals sagte mir Bismarck, aber ohne des in neuester Zeit mitgeteilten Gesprächs mit Moltke und Roon wegen der Emser Depesche zu erwähnen, daß, nachdem ihm einmal die Gewißheit des Angriffs von feiten Frankreichs festgestanden, er den König möglichst rasch zur Mobilisierung der Armee getrieben habe. Ich brachte dann das Gespräch auf das, was mir am meisten am Herzen lag: wie soll aus diesem Kriege als Frucht die deutsche Einheit gezeitigt werden. Der Kanzler ging nur sehr vorsichtig auf das Thema ein; ihn präoccupierte vor allen Dingen das gute Verhältnis zu den einzelnen Bundesfürsten; Preußen dürfe sich nicht den Anschein geben, als wolle es, nachdem die deutschen Regierungen, und speziell auch die bayerische, sich jetzt zum Kriege entschlossen hätten, diesen Krieg benutzen, um sie zu berauben. Für den Fall des Sieges wolle er Elsaß und auch Metz (hierüber schwankte im Laufe des Feldzugs seine Meinung) als Reichsland zwar mit Baden verbinden, aber Baden dürfe doch nicht größer werden; je mehr kleine Staaten es gebe, desto besser sei es für die zu schaffende Einheit. Selbst Waldeck habe er nur widerstrebend in Preußeu inkorporiert, die richtige Politik sei, die einzelnen Dynastien zu schonen. Nach den ersten Niederlagen werde Frankreich wohl zur Republik werden, aber das sei ihm ganz recht; — 42k — ob rote, blaue oder schimmelgraue sei ihm ganz einerlei, die Frage werde nur sein, mit wem einen Frieden schließen, wenn das Kaisertum besiegt sei. So zutreffend scharf sah er schon damals die künftige Entwicklung der Dinge; sür die Presse wünscht er ganz besonders, daß die bayerischen Truppen gelobt werden. Diese kluge Bedachtsamkeit auf Schonung, nicht auf Reizung zweifelhafter Elemente, hatte ich im Lauf der Dinge uoch öfter zu bemerken Gelegenheit; sie bildete das Gegenstück zu rücksichtsloser Energie, wenn es geraten schien, gewaltsam zuzugreifen. So finde ich ein interessantes Gespräch vom 23. August, also schon nach den Erfolgen bei Metz, iu Pont-s.-Monsson. Bismarck war beunruhigt über Oesterreichs Rüstuugeu, die sehr ernst zu werden schienen. Er schickte mir durch Herrn von Keudell einen Bericht des Majors von Brandt aus Wieu vom 19. mit allen Details. Dabei zeigte er mir einen Artikel aus einer deutscheu Zeitung, worin über Beust und Andrassy Hohn ergossen ward, daß sie jetzt zurückwichen. Bismarck war darüber sehr unwillig und sagte: wenn sie wirklich auf dem Wege sind, zurückzuweichen, so soll man sie nicht provozieren, sondern durch gute Worte darin bestärken. Bald in dieser, bald in jener Richtung erhielt ich sast täglich meine Instruktionen für die Behandlung der Dinge in der Presse. Meine Hauptverbindungen waren mit der „Kölnischen Zeitung" und mit der „Mainzeitung" in Darmstadt, die mein jüngerer Freund Fritz Dernbnrg redigierte. Durch die geistreiche und schlagfertige Opposition, welche er von lange her darin dem Ministerium Dalwigk machte, hatte er das kleine Blatt zu einem über den engen Kreis des hessischen Großherzogtums hinaus wirkenden Organ erhoben. Die interessanteste Enthüllung, welche mir anvertraut wurde, siel gleich in den Anfang unseres Auszugs, als das Hauptquartier noch — 427 — in Homburg in der Pfalz lag. Es geschah am 8. August. Bismarck übergab mir zur Veröffentlichuug Kopien des eigenhändigen Schreibens und geheimen Vertragsentwurfs von Benedetti vom 5. August 1866, woriu von Vichy aus für Frankreich ein Stück Rheinpreußen, Rheinbayern und Rheinhessen verlaugt wird. Bismarck erzählte mir dazu Einzelheiten, wie z. B. Benedetti sich geäußert habe: si rwn, o'sst lg, Ausrrs. Bismarck stellte ihm vor, das sei doch zu unsinnig, worauf Benedetti erwiderte: si iron, o'sst ls, xerts cks Is, ck^astis. Die Tage vom 14. bis zum 20. August, die ich im Hauptquartier zu Pont-g-Monsson verbrachte, gehörten mehr dem großen Eindrucke der blutigen Ereignisse, die sich uuter unseren Augen abspielten. Doch alsbald traten auch die Politischen Aufgaben wieder in den Vordergrund. Mit der Notwendigkeit, die besetzten Gebiete in eine gewisse Ordnung zu bringen, sprangen auch alle die Fragen wieder auf, welche sich um die spätere definitive Erwerbung neuer Provinzen und ihr Verhältnis zu Deutschland und dessen einzelnen Dynastien gruppieren sollten. Es tauchten die verschiedensten Kombinationen auf, die ich natürlich hier übergehe. Am selben 23. August ging ich des Abends mit dem Grafen Reuard auf Bismarcks Wunsch nach Naney. Mir war der Anlaß willkommen, mich wieder deutschem Boden zu nähern. Von den Greueln des Krieges hatte ich genug gesehen, im Lager war für die inneren deutschen Angelegenheiten vorerst uichts mehr zu thun, und die politischen Freuude hatteu sich an die Arbeit gemacht, bei den süddeutschen Regierungen für die Herstellung des Reichs zu wirken. Einige Tage darauf wurde ich durch Telegramm ersucht, mit Herrn von Kühlwetter nach dem Elsaß zn gehen. Straßburg war noch belagert, deswegen vorläufig Hagenau zum Sitz der Regierung erwählt. Am 27. traf ich daselbst — 428 — ein; General von Bismarck-Bohlen war Militärgouverneur, Kühlwetter Präfekt. Er bat mich, ihm ein offizielles Preß- orgau ins Werk zu setzen. Ich trat mit einer rheinbayerischen Fabrik von Schnellpressen in Verbindung, und am 1. September erschien die erste Nummer der „Amtlichen Anzeigen für das Gouvernement Elsaß". Am selben Tage konnte ich einige Tage Urlaub erwirken, um nach Mainz und Wiesbaden zu meiner Frau zurückzukehren. Unterwegs auf der Eisenbahn erfuhr ich die Nachricht von Sedan und kam in Mainz gerade noch an, um am 3. und 4. die große Siegesfeier mitzumachen. Am Abend beschloß ein großer Fackelzug die Festlichkeit. Aus dem Gutenbergsplatz vor dem Theater war die Menschenmenge unter Fackeln und Illuminationen zusammengedrängt. Dies schien mir der Moment, um das Ziel, welches vom ersten Anfang an in meinen Augen das wichtigste war, die deutsche Einheit und das Deutsche Reich, als den wahren Siegespreis hervorzuheben. Vom Balkon des Theaters herab rief ich der Menge zu, daß der äußere Feind zwar abgewiesen, der innere jedoch erst teilweise bezwungen sei, jetzt handle es sich darum, die Grenze nach innen zu beseitigen. „Die Zeit ist gekommen, — so schloß ich — zu fordern ein fest konstituiertes Deutsches Reich, Verschwinden der unseligen Mainlinie, ein einziges deutsches Parlament." Am folgenden Tage ging ich noch auf kurze Zeit nach Hagenau zurück. Es entsprach nicht meiner Absicht, an diesem Punkte, wo ich dem größeren politischen Ziele nicht dienen konnte, länger sitzen zu bleiben. Ich suchte nach einer passenden Persönlichkeit für die Redaktion der „Amtlichen Nachrichten" und erinnerte mich eines trefflichen jungen deutschen Gelehrten, den ich in Paris kennen gelernt hatte, und der mir außerordentlich gut dazu geeignet schien. — 429 — Es war Dr. Wilhelm Lexis aus Duisburg. Ich war so glücklich, ihn ausfindig zu macheu; er kam, übernahm die Stellung, zog später mit der Regierung in Straszburg ein, nahm daraus Anlaß, sich zuerst als Privatdozent an der neu gegründeten Universität für Nationalökonomie zu habilitieren, und ist seitdem, wie bekannt, einer unserer ersten Volkswirtschaftslehrer geworden, mit dem ich nach 23 Jahren wieder in der Silberkommission zusammenzukommen die Freude hatte. II. Denen, die heute das Fest feiern, erscheint nichts einfacher, als daß die Ereignisse jener Tage mit der Verkündung von Kaiser uud Reich abschlössen. Wer aber die Zeit selbst miterlebt und um das Werden der Dinge sich ge- und bekümmert hat, weiß, daß das so leicht und einfach nicht von statten ging. Der König von Preußen und sein Kanzler, mitten im Lager, umringt beinahe ausschließlich von Feldherren und Fürsten, welchen das Ziel einer staatlichen Umbildung Deutschlands keine Herzensangelegenheit, auch keine geschichtliche Überlieferung war, eher das Gegenteil. König Wilhelm war, besonders in höheren Jahren, ein sehr konservativer Mann. Ganz erfüllt von seinem monarchischen Recht und Beruf, verband er damit konsequenter Weise eine entsprechende Achtung vor den Rechten nnd Überlieferungen seiner dynastischen Bundesgenossen. Es ist bekannt, daß er sogar einem hervorragenden Parlamentarier, welcher 1866 am eifrigsten für das Aufgehen Hannovers in Preußen eingetreten war, diese angebliche Untreue gegen seinen „angestammten" Herrn nie recht verzeihen konnte, obgleich er die Vergrößerung selbst zu gunsten Preußens sich wohl gefallen ließ. Die Er- — 430 — iuuerungeu an das Jahr 1848, an die eigentümliche Stellung, welche sein verstorbener Brnder und Vorgänger zu der damals angebotenen Kaiserkrone eingenommen hatte, werden gewiß auch nicht ohne Einfluß auf ein inneres Widerstreben gegen Verwirklichung dieses Gedankens gewesen sein. Lag der Errichtung des Kaisertums auch eine monarchische Idee zn Grunde, so hatte sie doch einen revolutionären Beigeschmack. Dies und das natürliche Widerstreben eines alteu Manues, die sichere hundertjährige Erbschaft eines preußischen Thrones gegen ein neugebackenes Kaisertum, das doch auch immer etwas von einem Experiment an sich trug, auszutauschen, läßt stark vermuten, daß nicht unbegründet war, was man sich damals von des Königs Widerstreben und der Schwierigkeit es zu überwinden, erzählte. Im engsten Kreise der Kaiserin Augusta erzählte man vou einem Briefe, in welchem sich ihr königlicher Gemahl nichts meniger als erfreut über die ueue Würde ausgesprochen hatte. Und selbst als das Kaisertum im Prinzip bei ihm durchgedrungen war, blieben noch Schwierigkeiten formaler Art zu überwinden, da er mit dem Titel „Deutscher Kaiser" wenig einverstanden war und entweder „Kaiser von Deutschland" oder „Kaiser der Deutschen" vorgezogen hätte. So wenigstens lautete die Kunde, welche damals mir aus einer sehr guten Quelle zukam. Was den Kanzler betrifft, so habe ich schon erzählt, wie viel mehr Gewicht er auf die Schonung dynastischer Empfindlichkeiten, als auf die Erfüllung populärer Wünsche legte; und das entsprach seiner ganzen Denkweise. Indessen muß man hier wohl unterscheiden. Die Überzeugung, daß Deutschland aus dem Kriege geeinigt hervorgehen, und daß die Mainlinie verschwinden müsse, stand gewiß auch bei ihm von Anfang an fest. Man brauchte nicht ein Staatsmann wie er zu seiu, um zu diesem Schluß zu kommen. — 431 Als ich nach dem im Eingang geschilderten ersten Gedankenanstausch über diesen Gegenstand in einem Privatgespräch mit Herrn von Abeken diesem meine Enttäuschung über Bismarcks Lauheit uach dieser Richtung hin aussprach, erwiderte er, ich sollte mich dadurch uicht beirreu lassen; der Kanzler stehe in seinen Gedanken der Erfüllung dieser Dinge nicht so fern, wie nach seinen Änßernngen scheinen könne. Und ich glaube, er hatte recht. Es war so seine Art, in Dingen, die oben unliebsam aufgenommen werden konnten, sich lieber von außen drängen zu lassen und aus diese Pression berufen zn können, als sie in eigenem Namen zu begehreu. Und des Nachdrängen? von unten konnte er hier reichlich sicher seiu. Weuu also die staatliche Eiuiguug Deutschlands auf ihn zählen konnte, so verhält es sich doch mit dem Kaisertitel anders. Auf diesen mochte er im positiven wie im negativen Sinne wenig Gewicht legen. Doch, als die Dinge sich zur Erfüllung zuspitzten, drängte sich das Kaisertum von selbst auf. Gar nichts haben dazu jedenfalls die gethan, welche sich heute als die feurigsten der Kämpfer für Kaiser und Reich gebaren, die Preußischen Konservativen. Es kann niemandem verdacht werden, wenn er gute Miene zum bösen Spiel macht; aber gegen eine geschichtliche Fälschung, welche das Verdienst um die Schaffung der staatlichen Einheit und des Kaisertums nachträglich den Konservativen zuführen möchte, muß gerade in diesem Angeu- blick besonders Verwahrnng eingelegt werden. Die thatsächliche Ausführung in letzter Instanz ist dem Genie Bismarcks und Moltkes zu verdanken; jedoch die Inspiration und die Macht des Volkswillens, welche wahrhaft unwiderstehlich zur Gestaltung hiudrängteu, gingen einzig vvm liberalen Bürgertum aus, fanden volles Verständnis nur bei einzelneu Fürsten, wie dem Kronprinzen von Preußen und dem Großherzog von Baden. Dies sollten die Könige — 432 — von Preußen als deutsche Kaiser in ihrem eigenen Interesse niemals vergessen. Eine der frühesten Demonstrationen nach dieser Richtung hin ging auch von Baden aus. Alsbald nach Sedan richtete der Oberbürgermeister Fauler von Freiburg, ein vortrefflicher, wahrhaft liberal gesinnter Mann, im Namen seiner Mitbürger eine Adresse an den Großherzog, in welcher er dessen Unterstützung zur Einsammlung einer nationalen Ernte aus den Thaten des Krieges anrief, und am 17. September erteilte der Großherzog eine zusagende Antwort in dem edlen Geiste, dem er von jeher und bis auf den heutigen Tag bei jeder neuen Gelegenheit gehuldigt hat. Es heißt darin: „Die Bewohner Freiburgs haben sich mit Zuschrift vom 6. September an mich gewendet, worin sie der Hoffnung Ausdruck geben, daß aus den opferreichen Siegen des deutschen Volkes die Einheit und Größe des Vaterlandes hervorgehen mochte, und sprechen dabei vertrauensvoll die Hoffnung aus, daß auch ich bestrebt sein werde, diesen Gewinn dem deutschen Volk als Frucht des ruhmreichen Kampfes zu sichern. Ich freue mich dieser Kundgebung und erkenne darin ein Zengnis aufrichtiger Vaterlandsliebe — ich teile von ganzem Herzen die Hoffuungen und Wünsche der Bewohner Freiburgs für die Wohlfahrt des teuren Vaterlandes und glaube, daß die Kraft, Entschlossenheit und Einsicht des im Riesenkcnnpfe unserer Tage bewährten Volkes die sichere Bürgschaft bieten für die Schaffung eines einigen und mächtigen Gemeinwesens deutscher Nation."' Diesen Erlaß veröffentlichte Fauler mit der Nachschrift: „Es ist mit Zuversicht zu hoffen, daß bei gleich hochsinniger, edler, patriotischer Hingabe aller deutschen Fürsten an das Vaterland dessen Einheit und Größe aus dem großen nationalen Kampfe dauernd begründet hervorgeht. Freiburg, den 22. September 1870. Eduard Fauler, Oberbürgermeister." Ich bemühte mich, diese Kundgebung möglichst viel zu verbreiten mit der Überschrift: „Deutschland erobere sich — 433 — selbst". Fauler, welcher zugleich Reichstagsabgeordneter war, stand in besonders intimem Verhältnis zu Lasker, der sich, wie aus seinen in der „Deutschen Revue" *) abgedruckten Briefen bekannt ist, ganz besonders der Aufgabe gewidmet hatte, bei den süddeutschen Regierungen für die Beseitigung der Mainlinie und das Znstandekommen einer deutschen Reichsverfassung wirksam einzugreifen. Vereint mit Forcken- beck, Bennigsen, Stauffenberg, Marquard - Barth, Kiefer, Hölder und anderen einflußreichen Abgeordneten, besonders des Südens, begab er sich nach Baden, Württemberg uud Bayern und trat mit den Ministern in persönliche Verbindung. Ich selbst blieb mit diesen Kollegen und Freunden auch in lebhaftem, teils mündlichem, teils brieflichem Verkehr. Ich hatte mich seit der Rückkehr aus dem Hauptquartier zuerst in Baden-Baden und dann in Heidelberg niedergelassen, von wo ich auch mit der inzwischen nach Versailles vorgerückten Umgebung des Kanzlers durch den die Korrespondenz führenden Moritz Busch in Berührung blieb. Am 27. Oktober erhielt ich von diesem einen Brief, daß es dem Kanzler erwünscht sei, wenn ich nach Versailles käme. Natürlich folgte ich diesem Rufe. Am selben Tage machte ich mich auf den Weg. Es war eine abenteuerliche und mühevolle Reise, die meine schon damals nicht gerade für den Felddienst qualifizierte körperliche Widerstandskraft auf eine schwere Probe stellte. Aber die Aufregung half alle Schwierigkeiten mit einer Elastizität überwinden, deren ich mich nicht mehr fähig gehalten hätte. Gleich am ersten Abende begannen die Hindernisse. Als ich von der badischen Seite über die Kehler Brücke mit dem Wagen nach Straßburg hineinfahren wollte, war der Rhein durch plötzlich eingetretene Regengüsse so angeschwollen, daß ein Jvch 5) Von den Monaten April und folgenden 1892. Ludwig Bambergcr's Gcs. Schriften. I. ^ — 434 — weggerisfen war, und die Brücke jeden Augenblick auseinander zu bersten drohte. Mein Kutscher weigerte sich, weiter zu fahren, und ich mußte mitten auf der Brücke aussteigen, mein Gepäck in beide Hände und, da der Sturmwind mir den Hut wegzureißen drohte, diesen zwischen die Zähne nehmen. So kam ich nach einem schweren Gange endlich keuchend ans jenseitige Ufer. Als ich in den Bahnhof gelangte, war der Zug, mit dem ich weiter gehen wollte, abgefahren. Ich mußte die Nacht iu Straßburg bleiben, ging in den Gasthof zum Roten Haus und fing gleich an, am neuen Abschnitt meines Tagebuchs zu schreiben. Doch war ich bald so müde, daß ich über dem Schreiben einschlief. Am anderen Morgen ging es fort nach Nancy. Unterwegs kam die erste Nachricht von der Kapitulation von Metz. Ich blieb einen Tag in Nancy, wo ich den Grafen Renard aufsuchte und viel Interessantes von ihm erfuhr. Er war eben in Metz gewesen, um die Übergabe mitanzusehen. Am 29. morgens fuhr ich von Nancy ab, hatte unterwegs manche abenteuerlichen Begegnungen und kam des Abends um halb zehn in Nanteuil an. Ein furchtbarer Regen hatte den Bahnhof in einen See verwandelt; von Nachtlager keine Rede. Ich mußte die Nacht in einem Waggon dritter Klaffe, mit vielen anderen zusammengepackt, verbringen. Am anderen Morgen um fünf Uhr geht der Zug zurück; man muß sich entschließen, auszusteigen oder uach ClMeau- Threrry zurückzufahren, wo eher auf einen Wagen zur Weiterbeförderung zu rechnen sei. Schon bin ich resigniert dazu, habe mein Gepäck wieder in den Wagen geschafft, da gewahre ich im Dunkel des Bahnhofs ein paar brennende Wagenlaternen und davor ein paar schnaubende Rosse. Wem gehören sie? — Lieutenant von Tümpling, ruft ein schöner großer Offizier dicht an meinem Wagen, sie gehen leer nach Lagny. Sofort ward mir erlaubt, mitzufahren, — 435 — und wer war glücklicher als ich! Ich überspringe den Rest meiner Abentener, wie ich über Lagny auf einer mir vom General Chauvin daselbst Punkt für Punkt vorgezeichneten Route mit den verschiedensten Fahrzeugen nach Versailles gelange, nicht ohne mehrere Male in Gefahr gewesen zu sein, daß die französischen Fuhrleute mich in die französischen Linien hineingefahren hätten. Beim Wegfahren aus Nanteuil hatte mich der frenndliche Offizier mit Parole und Feldgeschrei für die Deutschen versehen, doch im offenen Wagen fiel ich alsbald in einen tiefen Schlaf, uud als ich erwachte, war beides radikal vergesfen. Am 31. Oktober spät abends komme ich in Versailles an und steige im Hotel de la Chasse ab. Merkwürdiger Anblick des mir unter einem ganz anderen Bild vertrauten städtischen Stilllebens von ehedem. Mein erster Gang war zu Herrn von Keudell. Er erzählte mir, daß Thiers fortwährend mit Bismarck in Unterhandlung sei und ihn ganz in Anspruch uehme. Zugleich sagt er mir: „daß ein Deutscher Kaiser gemacht wird, stehe beinahe fest"; man wolle den Reichstag zu diesem Zweck nach Versailles kommen lassen. Ich erwidere, die letztere Idee scheine mir barock. Am Nachmittage komme ich mit dem Bundeskanzleramtspräsidenten Delbrück zusammen. Wir machen einen langen Spaziergang. Er teilt mir ausführlich mit, wie man sich das künftige Verhältnis zu den deutschen Südstaaten denke, und daß z. B. die Abgeordneten dieser Staaten im künftigen Reichstage bei denjenigen Materien, in denen sie sich nicht dem Reiche anschlössen, zwar anwesend bleiben aber nicht mitstimmen sollten. Ich kann mich auch mit diesem Gedanken nicht befreunden. — Das Wetter war herrlich; ich machte verschiedene Spaziergänge in die Umgebung uud erlebte Interessantes. Am 4. November wnrde ich zum Essen zu Bismarck eingeladen. In dem Salon standen auf dem 28* - 436 — Kamin zwei Leuchter je mit einer Kerze, die dritte Kerze mitten auf dem großen runden Tische in einer grünen Weinflasche. Keudell, Abeken, Lothar Bucher und einige andere zu Tisch. Bismarck ist bei sehr gutem Appetit und sehr gesprächig. Er fragt mich, was ich von der Berufung des Reichstags nach Versailles halte. Ich antworte, das wäre ein Epigramm und kein Staatsakt. Er: wenn es aber nicht anders geht, muß der Staatsakt sich auch epigrammatisch einrichten; wenn der König auf einem krepierten Pferde nach der Schlacht bei Gravelotte ein Stück Käse ißt uud dabei vor der Front Kriegsrat hält, so ist das auch epigrammatisch. Diesem fügt er noch einen anderen Vergleich bei, der etwas zu derb ist, um ihn hier zu wiederholen. Mir wollen alle diese Vergleiche nicht einleuchten. Er fragt mich, wie lange die Wahlperiode des Zollparlaments noch laufe. Ich sage: bis März 1871. Er: „dann müssen Sie auch noch her." Der Reichstag könne nicht ohne ihn, den Kanzler, gehalten werden, und er nicht ohne den König sein; denn wenn ihm der König solche Vollmachten in dlsnoo gebe, daß er mit dem Reichstag frei agieren könne, dann erscheine der König als zu überflüssig; der König könne sich aber nicht entfernen, weil sonst die Generale unter einander nach verschiedenen Seiten zögen. So müsse das Parlament absolut zum König; die Notwendigkeit sei unvermeidlich, möglicherweise könne er als eigentümliches Gegenstück zur selben Zeit einen französischen Kongreß in Kassel halten lassen; wir hätten ja dazu eine ganze Regierungsgarnitur in Deutschland. Er wolle auch den Friedensvertrag und die Annexion von Elsaß-Lothringen und vielleicht sogar die ganze Verfassungsänderung, als eine organische Umgestaltung des Zollparlaments, vor diesen hier zu haltenden Reichstag bringen. So könne er eine politische Aktion durchführen, was ihm doch bis jetzt nicht gelungen sei, weil er jedesmal — 437 — bei Eintritt solcher Kombinationen, mit der nationalen Partei brouilliert, als ein schmollender Achilles unter seinem Zelt gesessen hätte. An juristischen Bedenken werde er sich nicht stoßen, das sei nie seine Sache gewesen. — Das Gespräch kam nun auf andere minder wichtige Angelegenheiten, wobei er von anekdotischen und witzigen Einfällen sprudelte. Bei der Cigarre nach Tisch sagte er, er rauche jetzt wieder mehr als zu Anfang des Krieges. Ich erwidere: wen der Krieg nicht umbringt, den macht er gesünder. Worauf er: „Der Krieg ist des Menschen natürlicher Zustand." Nach längerem Gespräch kommt Bismarck noch einmal auf die Idee des in Versailles zu haltenden Reichstags zurück. Ich frage ihn, ob man den Gedanken in die Öffentlichkeit bringen könne, worauf er entgegnet, die Sache sei bereits heute nach Berlin telegraphiert worden. Ich erwidere: dann wird schon die Presse der Sache in den Weg treten; ich halte sie für indiskutabel. Er repliziert: es geht aber nicht anders, wenn ich heiraten will, muß ich mir jetzt auch meine Braut ins Lager kommen lassen. — Es folgen noch eine ganze Reihe von spaßhaften Äußerungen über dieses Thema, und abwechselnd wieder sehr ernste. Der wahre Gruud, weshalb ich gegen die Berufung des Reichstags nach Versailles hartnäckig am Widerspruch festhielt, bestand darin, daß ich zunächst voraussah, die bürgerlichen Vertreter des Volks würden unter der Wucht der hier konzentrierten bewaffneten Macht eine untergeordnete und etwas peinliche Stellung einnehmen, die bei ihrem ersten Auftreten als Repräsentation des gesamten Deutschland keine glückliche Wirkung haben könnte. Auch schien es mir eine unnötige Demütigung der Besiegten, einen solchen Staatsakt vor die belagerte Hauptstadt zu verlegen. Unter den Kollegen zu Hause, mit denen ich darüber korrespondierte, waren die Meinungen geteilt. Bennigsen sagte mir später, er sei — 43tt — entschieden für die Sache gewesen; aber jedenfalls kam sie nicht zn Stande, und es blieb bei der Kaiserproklamation in Anwesenheit der Reichstagsdeputation und der Fürsten, gegen welche viel weniger einzuwenden war. III. In den ersten Tagen nach meiner Ankunft unterhielt man sich in Versailles noch von dem Nachspiel, welches der Versuch, mit Bazaine Verhandlungen anzuknüpfen, gehabt hatte. Der General Boyer war unlängst dagewesen, ohne daß es zu einer Verständigung gekommen, und war wieder nach Metz zurückgekehrt. Die Unterhandlungen mit ihm waren nur die Fortsetzung derer, die im September durch den aus jener Episode bekannt gewordenen Rsgnier angebandelt worden waren. Im September war dieser im deutschen Hauptquartier mit der Photographie und Unterschrift des Sohnes Napoleons III. erschienen und hatte sich Ermächtigung erbeten, eine dazu geeignete Person zu Unterhandlungen mit der Kaiserin Engenie in England aus Metz herauszuholen. Man hatte ihn nach Metz hineingelassen, und er war mit Bonrbaki herausgekommen, der nach England reiste, aber von der Kaiserin Eugenie zurückgewiesen ward. Darauf verlangte Bourbaki wieder nach Metz hineingelassen zu werden. Der König gab die Ermächtigung dazu, aber Prinz Friedrich Karl nahm Anstand, ihn durchzulassen. Bourbaki besteht auf der ihm gegebenen Zusage. Man berichtet von Metz aus an den König zurück, worauf an den Prinzen Friedrich Karl positive Ordre gegeben wird, Bourbaki wieder nach Metz hineinzulassen. Mittlerweile war dieser des Harrens uud Schreibens müde geworden und nach Tours gegangen. Es wurde damals lebhaft darüber diskutiert, ob es nicht besser gewesen wäre, daß er — 439 — wieder nach Metz hineingelassen und mit den anderen gefangen worden wäre. Bezeichnend für Bismarcks Methode schien mir, daß er sich mit dem durchaus unbekannten und seinem ganzen Auftreten nach den Stempel des Abenteurers tragenden Regnier überhaupt eingelassen hatte. Ich konnte mir dies damals nicht recht erklären. Nach längerer Erfahrung im Laufe der Zeit verstand ich es jedoch. Bismarck verschmähte es nie, irgend einen Faden zu ergreifen, der, wenn auch auf ganz unwahrscheinliche Weise, zu seinem Ziele führen konnte, vorausgesetzt, daß er sich selber dabei nichts vergab. So viele Eventualitäten als möglich sich offen zu halten, um die brauchbare zu benutzen, lag immer in seiner Methode. Im Punkt der Benutzung von Menschen sagte er mir später bei einer ganz anderen Gelegenheit: „Einmal versuche ich es mit jedem; täusche ich mich, so lege ich ihn bei Seite." Doch diese Borgänge traten für meine Aufmerksamkeit zurück hinter dem Wichtigsten, den Verhandlungen mit den Einzelstaaten über die Reichsverfasfung und die Schaffung des Kaisertums. Mit Bayeru schien die Sache noch sehr schwierig zu stehen; noch kein einziger Punkt des Eintritts sei sicher gestellt, sagte mir ein Wohlunterrichteter. Ein eigentümliches Zwischenspiel bildeten die Verhandlungen mit Württemberg, das seine Zustimmung an die von Bayern knüpfte, während preußischerseits verlangt wurde, daß Württemberg vorangehe, um Bayern nachzuziehen. Am 8. November besuchte mich Delbrück und erzählte, daß es mit Bayern sehr schlecht, beinahe auf dem Nullpuukt stehe; ohne Bayerns Zutritt sei der Fürstenkongreß und die Kaiserproklamation hier in Versailles nicht durchzuführen. Unter- deß waren auch die Verhandlungen mit Thiers abgebrochen worden. Sie scheiterten an der Bedingung, daß während eines Waffenstillstandes Paris verproviantiert werden sollte, — 440 — worauf natürlich deutscherseits nicht eingegangen wurde. Am 9. sagte mir Graf Berchem, der diplomatische Attachs Bayerns, ein sehr gut gesinnter Mann, die parlamentarische und militärische Einheit werde wohl auch mit Bayern zu stände kommen; man lasse Bayern jetzt nur in seiner Widerspenstigkeit gewähren, um erst mit den anderen süddeutschen Staaten fertig zu machen und sie nicht an den Reservaten teilnehmen zu lassen, welche man Bayern geben müsse. Während die Tage vom 10. und 11. November durch die Nachrichten des Rückzugs von Orleans nicht ohne Beklemmung dahin gingen, wurden namentlich die Verhandlungen mit Württemberg lebhaft betrieben. Delbrück ließ mich zu sich entbieten und bat mich, dahin mitzuwirken, daß in Württemberg die Nationalpartei sich mit der ministeriellen verständige. Ich schreibe an einige Freunde nach Stuttgart. Mit Bayern stand es noch immer schlecht. Am 13. November kommt Delbrück zu mir: „Ich habe es Ihnen ja immer gesagt, mit den deutschen Sachen ist man nie gewiß, fertig zu werden; auf morgen 11 Uhr war die Unterzeichnung der neuen Bundesakte für Württemberg, Hessen und Baden festgesetzt, da kommt Plötzlich gestern abends ein Telegramm des Königs von Stuttgart: die Minister sollen nicht unterschreiben ohne ausdrückliche Autorisation; jedenfalls trägt, die bayerische Sonderstellung die Schuld. Württemberg soll uicht ohne sein besonderes Würstchen ausgehen, wenn Bayern eins bekommt." Ein dritter hoher Staatsbeamter, der bei der Unterhaltung zugegen war, sagt: die Monarchen sind wirklich im stände, die Leute zu Republikanern zu machen, worauf ich erwidre: ihr Glück ist nur, daß die Republikaner die Leute wieder zu Monarchisten machen. Mittnacht und Suckow, die württembergischen Minister, sind sofort abgereist; sie wollen erst unterwegs nach Hause tele- 441 — graphieren, das; sie kommen, damit man sie nicht zurückhalte. Auch versprechen sie, eine Kabinetsfrage aus der Sache zn machen. Hessen und Baden sollen nun definitiv morgen um 1 Uhr unterschreiben. Am 16. kam Lothar Bncher zu mir in des Kanzlers Auftrage, um die württembergische Angelegenheit mit mir zu besprechen. Ich sagte zum Schluß, es sei wohl besser, daß ich mit Bismarck selbst eine Unterredung habe, worauf dieser mich zu sich bitten ließ. Er war sehr angegriffen und ärgerlich; seine Galle machte ihm zu schaffen. Er sprach besonders von den Umtrieben in Stuttgart, und wie auch die Frauen, namentlich die Frau von Gasser, daran mitarbeiteten. Während der bayerische Gesandte, Graf Bray, versprochen hätte, die Württemberger zum Unterschreiben zu drängen, habe der König von Württemberg gesagt, er unterschreibe nicht ohne die Bayern. Am folgenden Tage lag Bismarck zu Bett. In meinem Tagebuch heißt es hier: „Nun haben wir lauter Kranke oder Rekonvaleszenten; Roon so krank, daß er durch Stosch ersetzt werden soll; Moltke Rekonvaleszent, nur der König bleibt stramm." Nachträglich höre ich, der wahre Grund von Bismarcks neuer Erregung sei eine Auseinandersetzung mit dem Kronprinzen gewesen wegen der deutschen Angelegenheiten. Aus der Umgebung des Kronprinzen verlautet, daß dieser selbst von einer sehr heftigen Szene zwischen ihm und dem Kanzler erzählt habe. Aus Anlaß der diplomatischen Nückwärtsbewegung Württembergs in der deutschen Angelegenheit habe er sich zu Bismarck begeben und ihm Vorwürfe gemacht, daß er nicht energischer auftrete, um Kaiser und Reich und ein Oberhaus zu schaffen; die große Zeit müsse benützt werden zu großen Dingen. Bismarck habe erwidert, er frage, ob er sich mit Württemberg und Bayern, den treuen Bundesgenosfen, überwerfen solle, worauf der Kronprinz gesagt habe: wenn sie nicht — 442 — mitthun wollten, möchten sie gehen, man könne eS mich ohne sie machen. Minister Jolly erzählt mir, er habe Mühe gehabt, die deutsche Bundeskokarde für das badische Kontingent durchzusetzen; man habe ihm die preußische geben wollen. Es würde zu weit führen, wollte ich hier meine Notizen ausführlich wiedergeben. Aber ich mnß lächeln, wenn ich lese, wie in offiziellen Reden aller Dank auf die Hochherzigkeit der deutschen Fürsten gehäuft wird. Ich über- spriuge die weiteren Erlebnisse auf diesem und anderen Gebieten bis zum 26. November. An diesem Tage wurde ich zu Bismarck gerufen. Ich finde ihn um zwölf Uhr mittags im Schlafrock, furchtbar beschäftigt. In meinem Tagebuch heißt es hier: „es ist doch ganz unsagbar, wie dieser Mann sich anstrengt; er macht alles selbst, innere Politik, deutsche, auswärtige, dabei ein Stück Krieg; die ganzen Hofintriguen sämmtlicher kleinen Höfe, Presse, alles geht durch seine Hand; es ist kein Wunder, weuu er überreizt ist. Es ist ein Drängen, Jagen, Nennen ohne Ende; sein Glück ist, daß er lange schlafen kann." Wir sprechen über Württemberg. Ich teile ihm den Inhalt meiner aus Stuttgart empfangenen Briefe mit. Er bemerkt, daß er bereits in gleichem Sinne Delbrück instruiert habe; übrigens sei man jetzt mit Württemberg und Bayern fertig, es habe keinen Anstand mehr; der Bruch wäre keinen Augenblick ernst gewesen. Er fuhr fort, Bayern hätte ihm Dinge angesonnen, auf die er geantwortet, das würde ihm der Reichstag nie uud nimmer votieren, worauf die Bayern damit herausgerückt feie», daß die Nationalliberalen dies schon bei Laskers Anwesenheit in München zugegeben hätten. Als ich eine ungläubige Bemerkung dazu machte, ward er wild, daß ich anzweifle, was er schriftlich habe, und ließ die Akten bringen. Auf dem einen Bündel stand mit Bleifeder — 443 geschrieben: „Lasker", auf dem anderen: „Marquard-Barth". Aus den Akten Lasker las er mir vieles vor, während ich mir Noten machte. Sie enthielten zehn Punkte, in welchen Bayern Abweichungen von dem Bundesvertrag eingeräumt waren, namentlich im Punkte der Militärübereinkunft. Ich sagte, die allgemeine Ansicht der Partei gehe gerade dahin: lieber kein Bayern im Bunde als so viele Vorbehalte, daß es kein Bund mehr sei; worauf Bismarck, das sei nicht seine Ansicht, vor allen Dingen müssen alle herein; welche Figur würden wir vor Europa machen, wenn Bayern sich abblätterte, wir würden unsere Stellung gegen Österreich schwächen, — uein, nur erst einmal alle herein! Wenn die Rede auf Lasker kam, brach immer eine verhaltene Gereiztheit bei Bismarck hervor. Gleich in den ersten Tagen, als wir am Abend des 8. August beim Abendessen im Zimmer des Gasthofes zu Homburg in der Pfalz saßen, war Bismarcks Blick auf Robert Blums lithographisches Bild gefallen, welches an der Wand hing. Wenn der noch lebte, sagte er, würde er nicht so radikal sein wie Lasker; er habe überhaupt manche gute Seite gehabt, besonders, daß er gar nicht sozialistisch angehaucht gewesen sei. Ich lasse mir später von Bücher die zehn Punkte Laskers und auch die Notizen von Marquard-Barth geben, schreibe sie ab uud schicke eine weitere Abschrift an Lasker mit der Aufforderung, sich zu erklären. Als ich am Abend dieses Tages beim Kanzler war, sagte mir Herr von Keudell: eben wird alles fertig gemacht und unterzeichnet, nämlich die Deutsche Bundesakte. Roon kam gerade heraus, und Bismarck sah strahlend aus. Von anderer Seite wurde mir mitgeteilt, die Bayern sollen die Kaiserkrone bringen. Bald darauf hatte ich Antwort von Lasker. In der That waren die zehn Punkte von ihm, dagegen hatte Lasker nicht das abgesonderte Kriegsbudget Bayern gewähren wollen, — 444 - das ihm jetzt belassen wurde. Am Tage des 26., nachdem ich die Gewißheit erlangt hatte, daß nunmehr Kaiser und Reich sichergestellt seien, konnte ich mir nicht versagen, von Ort und Stelle aus noch am selben Abend meinen Gedanken schriftlich ihren Lauf zu lassen. Ich hatte in den drei Perioden des Zollparlaments von 1868 bis 1870 eine Reihe von Briefen an die Wühler geschrieben, welche den Zeitungen der nationalliberalen Partei zngingen und von ihnen veröffentlicht wurden. Der letzte war vom 22. Mai des Jahres datiert. Nun war der Moment gekommen, dem Zollparlament für immer das ersehnte Lebewohl zu sagen. Dies that ich mit dem hier folgenden Rundschreiben, welches sowohl als Merkzeichen des Erlebten, wie um seines Ausblicks in die Zukunft wegen hier einen Platz finden darf — um fo mehr, als es in dem soeben erschienenen IV. Band meiner gesammelten Schriften nicht abgedruckt ist, weil ich mein Tagebuch erst nach dem Erscheinen wieder öffnete. Mein letzter Zollparlamentsbrief.*) „Durch Einheit zur Einigkeit." Das amtliche Blatt der deutschen Regierung zu Versailles verkündet heute am Sonnabend, 26. November 1870, einem Datum welches man sich merken sollte, daß der deutsche Bund gegründet und besiegelt ist. Hier im Angesicht von Paris ist wundersam bezeichnender Weise die große Arbeit vollbracht worden. Was sich alles über diesen Schicksalsweg denken läßt, wer vermag es zu umfassen! Heute Nacht sind die bayerischen Minister in ihre Heimat abgereist, gewiß leichteren Herzens, als wäre ihnen gelungen, alle ererbten Privilegien der Krone unvermindert in stolzer Einsamkeit zu erhalten, wie es einmal werden zu wollen den Anschein gehabt. Endlich auch zeigt uns noch der „Moniteur des Departements Ssius et Oiss" **) am Horizont etwas, das, wenn nicht mein Auge trügt, ähnlich sieht einem näher wallenden deutscheu Kaisermantel. In Abgedruckt u. a. in der „National-Zeitung" vom 7. Dezember 187V. **) Die vom Hauptquartier in Versailles herausgegebene französisch abgefaßte amtliche Zeitung. — 445 — seinem prophetischen Schwung erhebt sich der Artikel sogar zum Ausspruch, das; so etwas wie ein wiederhergestelltes heiliges römisches Reich — ich hätte beinahe gesagt: drohe. „I^s Salut Lmvirs" sagt er zwar nur, ohne „römisch" hinzuzusetzen, und dasür wollen wir immerhin ihm dankbar sein. Aber da sich die Redaktion mit wachsendem Erfolg eines der preußischen Kriegskunst würdigen eleganten Französisch befleißigt, so weiß sie ohne Zweifel, daß Samt Dwxii-s bedeutet: Heiliges römisches Reich, worüber dann die Eingeborenen dieses schönen Departements sehr große Augen machen und von uns vermeintlich Eingeweihten Aufklärung verlangen. Wir sagen ihnen, daß es mit der Heiligkeit bloß ein Scherz ist, sie habe uns weder ein heiliges Reich noch als heilige Allianz sonderlich viel Glück gebracht, und hoffentlich läßt man es schlecht und recht bei Deutschem Kaiser und Reich bewenden. Hegt doch schon mehr als Einer Bedenken dagegen, daß die eingerostete Thür zum Kyffhäuser geöffnet, und der verstaubte Purpur mit der ueuen Lebensluft in Berührung gebracht werde. Aber es giebt Dinge, die geschrieben stehen, d. h. die, so uns wahrnehmbar, ihrer Erfüllung entgegengehen, daß es Zeitverlust wäre, ihnen mit Wenn und Aber den Weg zu verlegen. Den Kaiser werden wir haben, davon beißt keine Maus keinen Faden ab, und so sei er uns in Gottes Namen bestens willkommen! So lange wir ein Bundesstaat mit vielen monarchischen Spitzen sind, wenn auch verschiedentlich abgestumpften, ist es nicht mehr als streng folgerichtig, daß sich die oberste Bundcsgcwalt ebenfalls in einer monarchischen Spitze versinnliche, oder ans gut deutsch zu reden: die lieben Fürsten groß und klein, sie werden sich leichter unter die Oberherrlichkeit eines deutschen Kaisers bequemen, als unter einen Bundespräsidenten und preußischen König. Die Handvoll romantischer Bläue, die über dem alten Purpur schwebt, thut auch etwas dazu und ist am Ende auch dem Bolke des Südens, welches im großen nnd ganzen unleugbar seinen Spaß an der Sache hat, zu gönnen für hehre Fest- uud Feiertage. Soweit wäre denn alles gut, und Tausende mögeu denken, das Opfer an Blut und Thränen sei nicht zu groß gewesen, um zu diesem Ende zu gelangen, dem Anfang zugleich einer gewaltigen Zukunft. Doch manchen: bleibt das Herz noch schwer bei der Betrachtung, daß wir durch diesen Strom von Blut und Thränen waten mußten, bloß um über den Mainfluß zu kommen. Diesen stände ein höherer Trost bevor, wenn jetzt ein guter Geist ins deutsche Volk herniedersteigen wollte: wenn nämlich mit der Einheit auch die Einigkeit zurückkehrte unter die freigesinnten Deutschen. O, dann wäre das Blut gesühnt, dann wären die Thränen zu trocknen! Warum doch muß die Kenntnis der menschlichen Natur — 446 - uns diese schöne Hoffnung rauben? Wer nicht rechnet mit der kleinen Eigenliebe der Menschen, mit persönlichen Stellungen, in welchen die einst grundsätzlichen Ausgänge sich festgerankt haben, der müßte jetzt sagen: mit der Vollziehung der deutschen Einheit ist der entscheidende Grund des Zwiespalts zwischen den liberalen Deutschen weggefallen. „Die .Nationalen' haben ihr Ziel im wesentlichen erreicht, ihre erste Arbeit ist gethan, ihr Programm erfüllt. Sie müssen jetzt nach anderer Arbeit ausgehen, nach der nimmer erledigten für innere Freiheit und Wohlfahrt. Aus der national- liberalen Aufgabe wird in erster Reihe eine liberale. Das Gleiche gilt vom entgegengesetzten Lager. Wenn der Bund von Fürsten, Reichs- und Landtagen besiegelt, wenn der Kreis geschlossen, wenn das Eine Deutsche Reich fest gemauert in der Erde dasteht, werden die bisherigen Gegner des Nordbundes blindlings fortfahren, zu schreien: man soll ihn nicht lassen wachsen, man soll nicht in ihn eintreten, man soll die Mainlinie etwa wiederherstellen? Auch dieses Programm, dürfen wir annehmen, ist beseitigt, und es bleibt von ihm genau dieselbe wie vom nationalliberalen: die Sorge um Freiheit und bürgerliche Wohlfahrt innerhalb der befestigten Grenzen. Selbst das Begehren nach der Wiederaufnahme von Deutsch-Österreich ist kein Grund des Zwiespalts mehr. Nnn es sich nicht mehr darum handeln kann, Deutschland entzwei zu sprenget?, suche, wer Lust hat, und wie ihm gut dünkt, das Reich ostwärts zu mehren. Die letztlich, welche den Nachdruck aus die republikanische Staatsform legen, müssen, insofern überhaupt sie politisch zu denken verstehen, einräumen, daß wir unmöglich, nach eben unter so schweren Wehen für den deutschen Staat geborener Form, sofort nach einer neuen ausgehen können, statt an der Verbesserung der gewonnenen zu arbeiten. Man sollte meinen, das abschreckende Exempel von den üblen Folgen der nimmer ruhenden Staatsexperimentierkunst, das wir vor Augen haben, wird genügen. So blieben denn nur die Sozialisten und die Ultramontnnen, mit denen an Frieden nicht zu denken wäre. Gerade in diesem Augenblick, da Frankreich uns vor den einen und die preußischen Wahlen uns vor den anderen heilsam warnen, müßten die aus Freiheitsliebe bisher dem Nordwinde und Preußen feindlichen Politiker froh sein, den beschämenden Koalitionen zu entrinnen und reine Freiheitsarbeit machen zu können. Auf diese Weise wird, wie man oft vorausgesagt, bei der eroberten Einheit keine Sache besser gefahren sein als die Sache der Freiheit. Diese Errungenschaft erst, die Wiedervereinigung der alten liberalen Parteien, wäre die würdige Vollendung der großen Begebenheit, die strahlende Verherrlichung des neugeborenen Deutschen Reichs; sie erst würde dieses Fest zu einem heiligen machen. Da und dort, an einzelnen, stillvernünftigen Grtwpen dies- und — 447 — jenseits mag diese Hoffnung zur Wirklichkeit werden. So vieles, das für unmöglich galt, ist möglich geworden, daß wir nicht mutlos vor diesem schönen Bestreben wollen die Hände in den Schoß sinken lassen. Aber im großen und ganzen, fürchte ich, wird die menschliche Natur, die Macht der Gewohnheit, die Lust der Persönlichkeiten an Reibungen und Geltung, ja sogar der Reiz des Hassens und Verachtens die Oberhand behalten. Und das alles, trotzdem jeder zugeben muß: wer jetzt noch den Nachdruck auf das nationale Programm legen wollte, gliche dem Manne, der mit der Brille aus der Nase umherläuft, seine Brille zu suchen. Und die gar, welche noch immer mit der Front gegen Preußen, gegen den Bund und das Jahr 1866 stehen, gemahnen an jenen treuen Diener, welcher durchaus nicht wollte, daß die Tochter des Hauses den Lehrer heirate, und stets ausrief: „ich bin gegen die Partie, ich bin gegen die Partie!" Dennoch heiratete die Tochter den Lehrer, es kam Hochzeit, und es kam Kindbett' der treue Diener trug die kleinen Bübchen und Mädchen treppauf treppab in seinen Armen, und sie zupften ihn am Bart, er aber konnte nicht lassen, zurufen: ich bin gegen die Partie, ich bin gegen die Partie! Versailles, am 26. November, dem ersten Tage der deutschen Einheit und glücklicherweise dem letzten des Zollparlaments. Am 3. Dezember aß ich in interessanter Gesellschaft bei Odo Russell, dem englischen Agenten in Versailles und späteren Botschafter in Berlin. Er war bezaubert von Bis- marck und sagte, wenn der Krieg mit England wegen der Kündigung des russischen Vertrages von 1856 vermieden wurde, so sei es rein Bismarcks Verdienst. Am 4. Dezember ließ Bismarck Herrn von Roggenbach rufen und bat ihn, spornstracks nach Berlin zu reisen, um einen Druck auf die Abgeordneten zu üben, da Delbrück sehr besorgt sei über die Abstimmung im Reichstage wegen der Verträge. Bereits waren auf gleiche Veranlassung schon vor drei Tagen verschiedene in Versailles anwesende Reichstagsabgeordnete über Hals und Kopf nach Berlin gereist. Es schien, daß man sich an der Militärselbständigkeit Bayerns bei der nationalliberalen Partei zn sehr stoße und darauf rechne, Bayern müsse doch schließlich nachgeben. Als ich zu Roggenbach — 448 — ging, der von mir Abschied nehmen wollte, sagte er mir, Bismarck ließe mich bitten, um jede Stunde desselben Abends zu ihm zu kommen. Ich traf etwa um neun Uhr bei ihm ein. Unten sagte man mir, ich müsse mich eilen, denn er sei auf dem Punkte auszufahren, und man ließ mich überhaupt nur durch, als ich mich legitimierte, daß ich gerufen sei, wie denn überhaupt seit Wochen, seit Thiers letzter Anwesenheit, niemand angemeldet ward, der nicht gerufen war. Ich faud Bismarck, wie beinahe immer, au seinem Schreibtisch bei der Lampe mit einer Masse von Papieren vor sich. Er bot mir sofort eine Cigarre an und begann dann die Situation zu schildern. Das Thema war: wie unerläßlich es sei, inmitten aller Schwierigkeiten, die aus Deutschland selbst auftauchten, Deutschland dem Ausland gegenüber abzuschließen; wie sonst Beust und Osterreich überhaupt nie ihre Absichten auf Bayern aufgeben würden, und wie gefährlich es sei, dieses isoliert zu lassen; wie Rußland momentan zwar gut gestimmt, aber wie wenig auch in dieser Beziehung auf die Zukunft zu rechnen sei. Dann erzählte er mir Näheres über die Schritte, die er beim König von Bayern gethan habe, um ihn dazu zu bringen, daß er dem König von Preußen die Kaiserkrone anbiete, und wie seine Bemühungen von Erfolg gekrönt worden. Als ich ihm sagte, ich könne mir gar nicht erklären, wie die Nationalliberalen es auf sich nehmen möchten, die Verträge zu verwerfen oder auch nur so zu amendieren, daß sie in Frage kämen, und ich es deshalb für geraten hielte, ehe ich zurückreifte, erst einmal bei Bennigsen telegraphisch anzufragen, ob sich die Sache wirklich so bedenklich verhalte, erwiderte Bismarck, ich könne fest überzeugt sein, daß der Widerstand hauptsächlich von den Nationalliberalen ausgehe, die die Sache so behandelten, als gelte es nur, sich einen Wunschzettel zu machen. Als ich mich nun bereit — 449 — erklärte, nach Berlin zu gehen, um seine Ansicht zu unterstützen, nahm er dies außerordentlich dankbar au, und als ich ihm sagte, daß ich einen Platz in der Post für den morgigen Tag bestellen wollte, fiel er ein: sorgen Sie für nichts, ich schicke einen Wagen und alles, was Sie nötig haben; kommen Sie morgen noch einmal zum Essen um fünf Uhr, dann können wir noch sprechen. So geschah es, nnd wir hatten bei Tisch noch ein höchst interessantes Gespräch, auch über die Kriegsangelegenheiten. Nach Tisch blieb ich noch lange mit ihm unter vier Augen. Ich zeigte ihm zunächst die Telegramme, die ich des Morgens an Bennigsen und andere geschickt hatte. Es war zwar abends vorher zwischen uns verabredet worden, daß ich mich in Berlin nicht ankündigen, sondern plötzlich ankommen solle; allein ich hatte mir die Nacht überlegt, daß es vor allen Dingen gelte, die Führer zu verhindern, unwiderruflich zur Frage Stellung zu nehmen, sodaß sie verhindert wären, später eine Wendung zu machen. Darin pflichtete mir Bismarck durchaus bei, sowie zu dem Inhalt meiner Telegramme. Dann sprach er noch ausführlich über die Mängel der abgeschlossenen Verträge. Ich beanstandete einen einzigen Passus, an dem Bayern kein Interesse habe, und der doch bedenklicher Natur sei. Er zitierte Bucher herbei, sah sich die Texte nochmals an und beauftragte ihn, in dem von mir angeregten Sinne an Delbrück zu telegraphieren. Gegen Ende der Unterhaltung sagte er: ich weiß ja, wenn die Vertrüge in drei bis fünf Jahren Gegenstand von allen möglichen Ausstellungen sein werden, wird man schreien: wie hat der dumme Kerl so etwas unterschreiben können! Ich fiel ihm in die Rede, für Dummheit werde ihm wohl niemals jemand etwas auslegen, eher noch für Bosheit. Ja, sagte er, der miserable preußische Junker wird man sagen, und dann schilderte er mir von neuem 29 — 450 — alle Schwierigkeiten, die er noch immer bei den Höfen zu überwinden habe. Am Montag Abend 9V» Uhr fuhr ich aus Versailles heraus in einem besonderen Wagen mit Postillon. Am Thor wollte man die Losung wissen. Ich hatte vergessen, sie mir geben zu lassen; aber nach einem mir früher für solchen Fall empfohlenen Kniff bat ich die Schildwachc selbst sie mir zu sagen. Richtig ließ sie sich nicht lange bitten, die Losung war: Egmont — das Feldgeschrei: Cvntre- maraue. Damit kamen wir überall durch. In der Gegend von Villeneuve St. Georges kampierten die Trnppen, da man wegen der Ausfälle uoch sehr besorgt war, und lagen Scharen tief schlafend auf dem nackten Pflaster. In Pom- ponne an der Seine gegenüber Lagnh angekommen, fand ich noch Roggeubach, der durch Mangel an Fahrgelegenheit aufgehalten worden war; ich suchte mir einen Platz in der Eisenbahn und kam in ein gutes Coups erster Klasse mit drei bayerischen Offizieren und dem Grafen Hochberg. Die Bayern waren verwundet und erzählten viel von ihren Leiden bei Orleans. Es war eine greuliche Kälte. Ich war von Heidelberg leichtsinnigerweise ohne warme Überkleider abgereist, und in Versailles war alles so ausverkauft, daß ich mir nichts anschaffen konnte. Nie habe ich so gefroren wie in dieser Nacht. Als einzige Rettung hatte ich einen Fußsack, den ich mir noch in Versailles verschafft hatte. Aber alles schadete mir nichts; ich fuhr durch über Straßburg und Frankfurt ohne Aufenthalt nach Berlin. Abends am 7. Dezember um 9 Uhr in Berlin angekommen, fchrieb ich an Bennigsen, der am andern Morgen in aller Frühe zu mir kam und mir sagte: Roggenbachs und meine Reise seien nicht nötig gewesen, die Verträge wären doch durchgegangen. Dann suchte ich Lasker auf, bei dem Roggenbach schon gewesen war, und der mir dieselbe Ansicht wieder- — 451 — holte. In der That trat die Partei geschlossen für die Genehmigung ein. So war nun auch von feiten der Volksvertretung das Reich unter Dach gebracht. Ich ging von Berlin nach Mainz, um meinen Wahlfeldzug für die Kandidatur zum Reichstag vorzubereiten. Hier wartete meiner noch ein schwerer Kampf. Ein kleines Nachspiel zu den Erlebnissen des Krieges sollte ich vorher uoch erleben. Meine Frau war, während ich in Versailles war, zu Freundeu nach Lansanne gereist. Ich kam zu Weihnachten dahin. Kaum war ich da, so ward mir von Mainz ein Telegramm nachgeschickt, welches aus Genf für mich eingelaufen war. Ein Mitglied der französischen Deputiertenkammer, mit dem ich auf vertrautem Fuß gestanden, drückt mir darin den Wunsch aus, eine Unterredung mit mir zu habeu und schlug mir ein Zusammentreffen in Basel vor. So konnte ich ihm nun den näheren Weg zu mir nach Lausanne anbieten. Er kam und eröffnete mir, daß es sich darum handle, in seinem und einiger Kollegen Namen mit Bismarck in Berührung zu kommen, um zu ermitteln, ob man ans friedlichem Wege Lothringen und ein Stück Oberelsaß noch für Frankreich retten könne. Ich fragte ihn, ob er sich auch stark genug fühle, mit solchen Vorschlägen nach der französischen Seite hin herauszukommen. Er versicherte, auf Thiers zählen zu können, freilich nicht auf Gambetta, den zu stürzen, wie er mir sagte, schon mehrere, aber freilich vergebliche Versuche in Tours gemacht worden seien. Ich schrieb an Bismarck nach Versailles, meldete den Vorfall und fragte, ob die betreffenden Franzosen eventuell freies Geleite ins Hauptquartier bekommen könnten. Durch Verbindung mit der preußischen Gcsandschaft in Bern wurde eine chiffrierte und telegraphische Verbindung mit mir hergestellt, und ich erhielt Vollmacht, mit den französischen Unterhändlern nach Ver- 29* — 452 — sailles zu kommen. Mein Freund reiste nach Genf zurück, beriet mit einigen Kollegen, kam dann wieder nach Lausanne und formulierte da unter meiner Mitwirkung die einzelnen Punkte zu einer Verständigung. Dann reiste ich noch einmal nach Genf, wo ich mit ihm und seinen Kollegen eine letzte Besprechung hatte. Aber Thiers hatte seine Mitwirkung schließlich versagt, und ich sah, daß der sichere Boden fehlte. Dies berichtete ich sofort nach Versailles, und damit verlief die Sache im Sande. Übrig blieb nur meine Bekanntschaft mit dem Gesandten, dem General von Röder, demselben, der 1866 den Kurfürsten von Hessen gewaltsam aus seiner Residenz hinausgeführt hatte. Der liebenswürdige alte Herr Pflegte seine Sommer in seinem Landhause in Jnterlaken zuzubringen, und als ich ihn 1875 da wieder aufsuchte, geschah es, daß ich auf seinen Rat und mit seiner Hilfe mich unmittelbar neben seinem Hause ankaufte. So erstand mir aus der letzten Episode des Krieges ein friedlicher Besitz, in dem ich noch viele Jahre lang nachbarlich mit dem menschenfreundlichen Diplomaten und seiner liebenswürdigen Frau verkehrte, und wo ich mich von da au jeden Sommer von den winterlichen Strapazen des Deutschen Reichstages erholen durfte, der nach so viel großen und kleinen Geschicken unter meinen Augen zu Stande gekommen war. Frankreich unö NuMnö/) i. ^rotz Breslau und Wien, trotz Dänemark und England, Paris bleibt doch, je nachdem man es auffassen will, das Mekka oder das Bayreuth der Zarenreise. Nicht nur für die Franzosen, sondern auch für das übrige Europa, für die Russen und höchst wahrscheinlich auch für den Zaren selbst. Da allein soll sich, nach der Vorstellung der hohen Herrschaften und des verehrten Publikums, manches Rätsel lösen oder auch knüpfen; da allein treffen die beiden entgegengesetzten Pole, Selbstherrscherschaft und Demokratie, hoch aufblitzend auf einander, da allein wird die „Volksseele" (ein Wort, welches ich bei dieser Gelegenheit den Parisern abtreten möchte) ihren vollen Anteil an Inhalt und Form des Liebes- und Frendenfestes haben. Alles andere erscheint nur wie ein Beiwerk oder ein Vorwand, zu dem man sich entschließen mußte, um das Ganze nicht gar so einseitig wirken zu lassen. Was es für den Ernst des Völkerlebens bedeutet, braucht man im Ernst nicht zu fragen. Wenn die meisten Heiraten so glücklich abliefen wie die meisten Hochzeiten, wäre die Welt zu schöu. Die Feiern sind erschaffen, um die gemeine *) Aus der „Nation" vom 26. September 1896. — 454 — Wirklichkeit zu korrigieren, und deswegen sind sie berufen, mit möglichst wenig Nachdenken genossen zu werden. Ein paar Jährchen nachdem der französische Imperator die Braut aus der Habsburgischen Hofburg unter Entfaltung alles heraldischen Pomps in die Tuilerien geführt hatte, stand er im Kampf auf Leben und Tod mit ihrem Vaterhause. Ein paar Jährchen, nachdem König Wilhelm der umschmeichelte Gast in Compisgne gewesen, sah er den tief gedemütigten Gastgeber bei Sedan zu seinen Füßen. Und wer sich des Befreiungs- nnd Dankesrausches entsinnt, unter dessen Fahnen, Blumen uud Umarmungen die französische Armee am 6. Juni 1859 nach der Schlacht von Magenta in Mailand einzog, wird nicht minder der Gefahr entgehen, den Bundesliedern ewiger Lieb und Treu ein allzugläubiges Ohr zu leihen. Aber eben weil es in dieser schlechten Welt des Wechsels und der Vergänglichkeit der Dinge nichts ewig Bleibendes giebt, darum hat auch das Flüchtige seinen Wert, und es zu gering zu schätzen, wäre ebenso falsch, wie es über seinen Wert zu veranschlagen. Diese dritte Jnscenirung des französisch-russischen Herzensbundes, — nach Kronstadt Toulon, nach Toulon Paris, und nach den Flotten der Zar und seine Familie in Person, es ist doch auch nichts Gleichgültiges, nichts Bedeutungsloses; wer sich nur darüber lustig machen wollte, würde gerade so unwahr sein, wie die tanzenden Preßderwische in Paris, die sich vor inbrünstiger Anbetung des Kaisers aller Reußeu uud seiner hundert Millionen Unterthanen überschlagen. Richtig ist doch, daß dies Rußland, dessen gewaltigem Autokraten vor vierzig Jahren die Verzweiflung über seine Niederlage den Tod brachte, heute als die über die Geschicke der Völker Europas gebietende Macht gefürchtet und umschmeichelt dasteht. Das Wettkriechen ist da, ob Fürst Bismarck es abwies oder uicht. — 455 — Und ob Fürst Bismarcks Politik dazu beigetragen hat oder nicht, wird man in Deutschland erst fragen dürfen, wenn es nicht mehr für eine Blasphemie gelten wird, zu fragen, ob auch dieser größte Meister der Diplomatie sich nicht irrte, als er die Rolle des ehrlichen Maklers übernahm und den Dreibund stiftete; ob es wohlgethan war, als er im weiteren Verlauf derselben Aktion Rußland den Finanzkrieg auf Leben und Tod ankündigte und es der französischen Geldmacht in die Arme trieb. Allerdings darf man nicht vergessen, daß der erste und ausschlaggebende Wendepunkt ini deutsch-französischen Kriege lag, daß Nußlands Wider- gebnrt aus dem Grabe der französischen Waffen emporstieg, daß schon in Versailles 1870 der Pariser Friedensvertrag von 1856 zerrissen ward. Alles was seit jenen Schicksalstagen geschah, ist mehr oder weniger die eingeborene logische Konsequenz jener ersten großen Entscheidung. Bis zum russisch-türkischen Krieg war es der deutscheu Staatsweisheit gelungen, sich auf derselben klugen Linie zu halten, die sie damals einschlug, als sie Rußland seinen Anteil an der neuen Konstellation durch die Wiedereröffnung des Schwarzen Meeres verschaffte. Der Umschlag datirt von 1875, und seitdem hat Frankreichs Liebeswerben — ob von deutschen Fehlgriffen begünstigt oder nicht (der alte Kaiser Wilhelm war bekanntlich hier nicht immer mit seinem Kanzler einverstanden) — sich mit unleugbarem Erfolg bemüht, Rußlands Sinn und Interesse auf seine Seite zu zieheu. Man hat gut sich darüber lustig machen, daß die demokratischen Republikaner, daß die Kommunisten des Pariser Stadtrats dem obersten Zwingherrn der sibirischen Verließe Hymnen singen und Kränze winden; daß sie die einst so heiß geliebten polnischen Brüder vergessen haben; daß selbst die ^llianos israslit« vor den Leiden ihrer verfolgten Glaubensgenossen die Augen ver- — 456 schließen und sich in diplomatisches Schweigen hüllen muß. Die guten Leute sind sich alles dessen wohl bewußt, aber die Republik und die Republikaner sagen sich mit ihrem einstigen biederen, schlauen Bearner König: „die Notwendigkeit, welche das oberste Gesetz der Zeiten ist, verlangt vom Herrschenden, daß er bald der einen Ansicht huldige, bald der anderen." Ans alle Widersprüche oder Übertreibungen, die man ihnen vorhält, antworten sie: Frankreich, Frankreich über alles! lind wenn der patriotische Historiker und Prophete Jules Michelet noch lebte, er würde ohne Zweifel mitthun, wie die anderen, obgleich er in den ersten Tagen des Jahres 187l ans der Schweiz eine Flugschrift entsandte unter dem Titel „I^a, ?ranv6 clsvant, um seine Warnnngsstimme dagegen zu erheben, daß Deutschland durch seine Siege über Frankreich nur der moskowitischen Invasion den Weg aufgeschlossen habe. Da heißt es unter anderen: „Das Angesicht des Herrn von Bismarck sah mir aus, wie das eines russischen Generals. Ich habe mich nicht getäuscht .... Seine blutige Diktatur dezimirt heute Deutschland und wird ihn morgen vor die Kanonen Rußlands spannen ^unKZQwm insipisn»)"; und dies weiter ausführend, zeigt Michelet, wie der Zar, nach Metz und Sedan triumphierend, darauf sinnt, seine Heeresmacht zu verdoppeln und einen gewaltigen Rnf an die Barbarenmassen seines Reiches ergehen zu lassen: dlavo, uäg, vsllknuro.. Was bedeutet: rexlg-esr tss stsinkiits clivsrs ckans v.Q ^ust« sHuilidrs? Zur Vervollständigung — 402 — dieser Einleitung gehört ihrer Natur nach die „Konklusion", mit welcher der Verfasser seineu neuesten dritten und letzten Band schließt. Sie lautet iu der Quintessenz wie folgt: „Napoleons und Alexanders maßlose Pläne haben nur dazu geführt, Eugland groß zu machen, d. h. Rußland bedrohliche Gegnerschaften zu bereiten, ohue ihm irgendwie zur Erreichung seiner politischen Ziele zu helfen. Nach verschiedenen Annäherungsversuchen und Irrungen ist endlich die Solidarität beider Länder zum Dnrchbruch gekommen, sowohl fiir das nationale Bewußtsein als in einem Aufschwung der Liebe, der zn einem Pakt der Völker wird, nachdem der Versuch zwischen deu beiden Herrschern 1807 und 1808 sich als vergänglich erwiesen. In dem neuen Einverständnis erblickt ein Beobachter, welcher nicht dem Ansturm seiner Gefühle folgt, sondern mitten im Geschrei der Menge sein kaltes Blut behält, ein unermeßliches Heil sür die beiden Vaterländer uud zugleich ein Opfer; eine Bürgschaft der Sicherheit und Würde; auch die „Vertagung" überlieferter Projekte des Ehrgeizes uud unzerstörbarer Hoffnungen (iriclöstrrivtiklss ssxsraruzss); ein gemeinsames Opfer dargebracht dem Frieden nnd der Menschheit. Die Allianz könnte sich zum Wahlspruch nehmen: iriaintisrulr^i. „Nachdem sie das, von jetzt an erneuerte und vereinfachte, Gleichgewicht Europas wiederhergestellt, hält sie den bestehenden Zustand aufrecht, ohne seine Gefahren und seine Mängel zn verkennen, sie hält die bewahrten oder eingenommenen Stellungsnahmen aufrecht, ja sogar die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit (Polen?) um größere zu verhüten. Konservativ und defensiv wird sie nur in Aktion treten, um ehrgeizige Friedensstörungen zu zügeln, das Gleichgewicht der Kräfte zu sichern und an Stelle jedes Eroberungsgelüstes billige Verteilung des Einflusses zu setzen. Dies ist ihr Daseinsgrund, ihre Größe und ihre Grenze." — 463 — Damit schließt das Werk, und damit mögen auch diese Betrachtungen ihren Schluß finden. Nur eines möchte ich unseren, nach allen Seiten hin ausschlagenden deutschen Chauvinisten unter die Augen rücken: der Gruudgedanke, unter dessen Zeichen die Verherrlichung der russisch-sranzö- sischen Verbrüderung hier erscheint, ist der Antagonismus gegen England in seiner Untrennbarkeit vom Antagonismus gegen Preußen, d. h. Deutschland. Jnterlaken, Ende September. Druck von Rosenbaum k Hart, Berlin V,, Wtlhelmstrasic 47, »