Gesammelte Schriften von Ludrvig Bamberger. » Band I. W. Berlin Rosenbaum 6c Hart M Studien und Agitationen. Aus fünfunddreistig Jahren. Von Luöwig Vamberger. Berlin Nosenbaum öc Ljart ^393. Inhalts - Verzeichnis. Seite Weihnachtsbriefe..................... 1 1. Die Kunst zu schenken.............. 5 2. Etwas über das Briefschreibcu........... 18 3. Ein Weihnachtsbrief.........,..... 32 4. Über Toaste.................. 45 5. Fragen an die ewigen Sterne........... 69 6. Über einige Formen des geselligen Verkehrs ..... 87 7. Über das Alter................. 108 Tie Französclei am Rhein, ivie sie kam und wie sie ging .... 126 Ein Vadeinccum für deutsche Unterthanen........... 192 Die deutsche Kolonie in Paris......>........ 213 Das Reich und die Wissenschaft............... 256 Verdirbt die Politik den Charakter?............. 293 Staatsmännische Indiskretionen............... 316 Die wahre Militärpakte!.................. 326 Dunkle Vorstellungen................... 335 Die Aera der Toaste................... 342 Fleisch und Brot — oder Papier?.............. 353 Der staatserhaltende Beruf der Hölle............. 361 Unsere Neuesten..................... 387 Die neueste Aera der Spekulation.............. 401 Vor 25 Jahren..................... 417 Frankreich und Rußland.................. 453 Weihnachtsbriefe. Ludwig Bamderger's Ges. Schriften. I. WeihnachtsbrLefe .^o darf ich die hier folgenden sieben Stücke im Sinne ihrer Entstehung und Stimmung wohl nennen. Um die Mitte Dezember des Jahres M8 redete mich mein Freund, der Herausgeber der „Nation", darauf an, ob ich nicht für die Festwoche einen Beitrag liefern wolle. INich reizte der Gedanke, mit uuserem Publikum, wie die Jahreszeit es nahe legte, mich einmal von Dingen zu unterhalten, die etwas abseits vom gewohnten Wege lägen und zugleich durch die Intimität des Stoffes den Autor und seine Leser etwas menschlicher zusammenführten. Auf diese Weise kam mir das erste Stück „über die Kunst zu schenken" in die Feder. Und da es Beisall fand, ward die Bitte, das Experiment zu wiederholen, jedes Jahr gegen die Festzeit hin erneuert und erfüllt, von den auf diese Weise bis zu Weihnachten erschienenen neun Briefen folgen hier nur sieben, weil der vom Jahre ^38Z über „Die Aera der Toaste" an eine spätere Stelle dieses Bandes gerückt worden ist, und der vom Jahre „In Ferienstimmung" schon in dem H. Band dieser Sammlung, den „Charakteristiken", Aufnahme gefunden hat. Auanst ^gz?. L. V. i* Me Kunst zu schenken I^s, k»ooQ äs äouusr vsut wisux MS es Hu'oa äoims. LorneUIe. schenken ist keine Kunst, aber gut und richtig zu schenken ist ein Stück aus der höchsten aller Künste, der Kunst des Lebens. Warum gerade dieses Kapitel seine besonderen Feinheiten und demzufolge seine besonderen Schwierigkeiten hat, begreift sich schon aus dem Umstand, daß das Geschenk seiner genetischen Natur nach eine Wohlthat ist. Wie aber Liebe und Haß, so grenzen Wohl- und Wehethun trotz oder wegen ihres Gegensatzes hart aneinander. Hier kommt das zur Geltung, was wir Takt nennen, eines jener Fremdwörter, welches sicherlich auch der Herr General-Postmeister des Deutschen Reichs nicht für entbehrlich erklären zu wollen den Takt hat. Takt bedeutet die gerechte Ausgleichung zwischen dem eigenen Gefühl und dem des anderen, mit der Maßgabe, daß im Zweifel das Recht des eigenen Ich dem Recht des anderen zu weichen hat. Takt ist die Blüte der Humanität oder, wenn man sich den modernsten deutschen Jargon aneignen wollte, das praktische Christentum im gesellschaftlichen Verkehr, auf welchem Ge- — 6 — biete übrigens die orientalischen Völker den abendländischen über sind. Nichts wäre irriger, als ihn zu verwechseln mit der Kunst, die Menschen zu behandeln, welche ja auch zu der Kunst des Lebens gehört, aber in ein ganz anderes Kapitel. In diesem spielt umgekehrt das Wehethun eine hervorragende Rolle. Die Kunst der Menschenbehandlung wird geschichtlich erwiesenermaßen auch sehr erfolgreich ausgeübt durch Mißhandlung. Die Menschen haben von jeher am meisten Verehrung gezeigt für die, welche sie verachteten und zum Schemel ihrer Füße machten. Nicht nur die Eroberer, Herrscher und Staatsmänner haben dies Geschäft mit Virtuosität betrieben, ' sondern durch alle Abstufungen des Lebens hindurch läßt sich die Erscheinung beobachten. An dem willensstarken Künstler, welcher die neueste Epoche der deutschen Musik in sich verkörpert hat, habe ich stets die konsequente und raffinierte Kunst, sich Anbetung durch Mißhandlung zu schaffen, angestaunt, und der Philosoph des Pessimismus, welcher durch eine bedeutsame innere Verkettung der Liebling dieser musikalischen Schule geworden ist, hat zugleich in seiner Lehre den spekulativen Schlüssel zu diesem Geheimnis den Jüngern als sein Vermächtnis hinterlassen. Vor etlichen Jahren hat ein Engländer ein Büchlein geschrieben, in welchem er die Summe der Regeln des guten Anstandes unter dem Titel vvn't! zusammenfaßte. Was man alles thun soll, wenn man ein ordentlicher Mensch sein will, findet nach der lakonischen Formel, über welche diese praktische englische Sprache verfügt, seinen besten Wegweiser in der Erkenntnis dessen, was man nicht thun soll. Zwar sagt der, auch nicht unpraktische, Italiener elli n1g,isir. Im siebzehnten Jahrhundert bekam das Wort sogar ganz besonders den Sinn eines den Frauen gegebenen Festes, und man bediente sich der Wendung 6vrro.sr anx isnuiiks n,n , nol isllvl k loro iuttg. Isllelts,.*) Ich kannte vor Zeiten eine Familie von reichen Emporkömmlingen, eine der snobbischsten im Ursprungslande der Snobs, die sich für ihr neues Wappen den Spruch wählte: Usss Ms kg.it xsnr. Lessing hat in der Dramaturgie schlagend nachgewiesen, welchen Mißbrauch der Dichter treibt, wenn er sich aufs Überraschen des Publikums verlegt. Weil in Art und Unart der Mensch nur im anderen lebt, giebt es nichts Falscheres als Menschenverachtung. Großen Gewaltigen hat man sie von jeher nachgesagt, und doch, wie stünde ein Trachten nach Weltherrschaft und Weltruhm im Widerspruch zur Verachtung derer, auf deren Vorstellung allein es damit abgesehen sein kann? Konsequent ist nur, die misanthropische Stimmung in den Timon zu verlegen, der sich in die Wildnis zurückzieht, den aber der Dichter dennoch ad absurdem führt. Und der „Jn- differentist", der da spricht: „Ob nichts dein langes Leben war hienicden Als für's Gewürm des Grabes eine Mast; Ob du, der Menschheit Fesseln anzuschmieden, Ein toller Held die bange Welt durchrast, Ist just so wichtig als: ob nur im Kreise Einförmig stets das Aufgußtierchen schwimmt, Ob es vielleicht nach rechts die große Reise, Vielleicht nach links im Tropfen unternimmt. —" Auch dieser Gleichgiltige ist ein Dichter, der der Menschheit nicht sein Absagelied sänge, wenn er nicht voraussetzte, daß ihn die Menschheit hörte. — 39 — Der Meister aller Meister, der nicht in Wüsten fliehen mochte, weil nicht alle Blütenträuine reifen, hat, wie überall, auch hier das Richtige getroffen: „die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen", und: „ich weiß mir keine größere Pein, als im Paradies allein zu sein". Ins anspruchlos Liebliche übersetzt lautet es: „I^ss krdrs8 pÄrlbnt xsu, äit, 1s don I^kontsing, vs-ciu'im dois m'insxirs, ^'aiws avoir xrss 6s moi (jusiciu'un ä <^ui Is äirs," Am besten aber verweilt sich's bei dem anderen, schönen, schlichten, tiefen Goethe-Spruch: „Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darin denkt; aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, in dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns dieses Erdenrund zu einem bewohnten Garten." Auf solchem Bilde sucht der Mensch und findet er Zuflucht, wenn ihm über dem Schreiben, oder auch vor oder nach demselbeu das brutale Wort des brummigen Samuel Johnson in die Ohren klingt: der sei ein rechter Esel, welcher aus anderen Gründen schriftstellere als ums liebe Brot. Eine schöne Entschuldigung bleibt es immer, das soll garnicht bestritten werden, ein „mildernder Umstand" für viele litterarische Vergehen. Aber gewiß hätten wir nie den Faust bekommen, wenn der alte englische Brummbär unbedingt recht hätte. Und so, mein lieber Freund, bin ich nach mancher Irrfahrt angekommen, wo ich landen wollte — etwas spät, aber was macht das? „Man darf immer seine Worte suchen, vorausgesetzt, daß man sie finde", sagt Talleyrand. Ich wollte Ihnen nämlich zu Weihnachten erklären, warum Sie diese Wochenschrift in die Welt gesetzt haben, warum ich Ihnen darin mit Vergnügen zur Hand gehe, und warum ich endlich mich nach etlichem Sträuben sogar von Ihnen bereden lasse, es sei meine Schuldigkeit, an diesem Tage vor unserem Publikum zu erscheinen. Als Sie vor beinahe einem Jahrzehnt den Entschluß faßten, dies Blatt ins Leben zu rufen, dachte mancher von uns, es würde eine Stimme in der Wüste werden. Doch es kam anders! Nach etwas mühevollen Anfängen ist es immer mehr geworden, was es werden sollte: der Resonanzboden, der uns Kunde giebt, daß vieler Orten an Bergen, Flüssen und in Städten jemand wohnt, der mit uns übereinstimmt und dessen Lebensfreude und Lebensmut im Austausch der Stimmen gehoben wird, so daß ein gut Stückchen Garten erblüht ist. Das Belehren zwar ist schwer, und wer nicht Mephistos Rat befolgen will, sich aufs Verwirren zu legen, muß mit Geduld sich rüsten. Bald, nach wenigen Jahren, hatten wir die Hauptsache erreicht: wir waren eine Gemeinde. Und immer mehr hat sie sich ausgebreitet. Immer mehr klingt es wieder, klingt es zurück, bald aus der Nähe, bald aus der Ferne, wie in der offenen Presse, so in verschlossenen Zuschriften. Diese Zuschriften insbesondere sind von Wert. Sie brauchen sich garnicht zu entschuldigen, lieber Leser, und vor allem nicht Sie, verehrte Leserin, daß Sie Ihren Gefühlen, besonders den zustimmenden, Luft machen in einem Privatbrief. Die Kinder, sie hören es gerne. Auch ist es so hübsch, wenn man draußen auf Reisen, zumal im Sommer, darauf angeredet wird. ^o.ok'ic> sono xittors, auch ich gehöre zum Leserkreis der „Nation". Die Menschen von einer Meinung zu anderen herüberzubringen gelingt vielleicht noch eher im Reden als im Schreiben. Denn im gesprochenen Wort, wenn es den rechten Ton trifft, liegt etwas vom elektrischen Fluidum, welches, wie der stehende Ausdruck lautet, zündet und fortreißt, obwohl es nicht gerade die weisesten Reden sind, die dies vollbringen. Das Geschriebene thut es, mit seltenen Ausnahmen, darin dem Reden nicht gleich. Aber in einer anderen Richtung ist es mächtiger. Es vermag zu sammeln, denn seine Tragweite ist unbegrenzt, es dringt weit hinaus, sucht die vielen, die wenigen und den einzelnen auf, und wenn es regelmäßig wiederkehrt in bestimmter Gestalt und gleichartig fortfließendem inneren Zusammenhange, so gelingt ihm mehr und mehr, die Übereinstimmenden zu verbinden, zu wecken, zu befestigen und jedem der Gesammelten neue Kräfte zur Expansion und Weiterwirkung zu geben. Diesen Erfolg haben wir im Laufe der Jahre durchgesetzt, und dessen dürfen wir uns freuen. Was wir denken und erstreben, wird lebendig, indem es in Tausenden abgespiegelt zum deutlichen Bewußtsein kommt. Eine Zeit, in welcher dunkle Mächte ihre Fittige über das Leben der Nation ausbreiten, ruft das Begehren nach einem gegenseitigen Erkennen wach zwischen denen, die wüster Verwirrung entgegenzutreten für ihre Pflicht halten. Aus solchem Drang heraus sehen wir den Versuch einzelner Männer von edler Denkungsart entstehen, durch Bereine und Versammlungen einen Kern zu bilden für das Zusammenstehen in rein menschlicher Gesinnung. So sehr man ihnen Erfolg wünschen möge, er ist auf diesem Wege kaum zu hoffen. Mehr als auf jedem anderen Boden ist nach dem Dichterwort das Niederträchtige das Mächtige besonders da, wo es gilt, helle Haufen zusammen zu rufen. Die Massenpolitik hat wie die Massenproduktion ihre Entwicklungskrankheiten durchzumachen. Wir sehen sie jetzt aller Orten in trüber Gührung. Hier giebt es keine Umkehr. Nur vorwärts zu arbeiten ist Leben, und diese Arbeit heißt Klärung. Es geht jetzt ein Klagen durch Deutschland. Nichts ist ansteckender, und — 42 — wenn es unter dem Vortritt eines seine Zeit beherrschenden Mannes zu Gunsten seiner Standes genossen in der Gesetzgebung ausgenützt worden ist, so treibt das natürlich zur Nachahmung an. Das Klagen wird ein Gewerbe und es lernt sich leicht. Es ist ja wahr, die Geschäfte liegen vielfach darnieder, und zwar in der ganzen Welt. Aber ist das ein Wunder? Endlich mußte doch die Häufung rasender Thorheit, die seit anderthalb Jahrzehnten der wirtschaftlichen Thätigkeit der Völker alle erdenklichen Steine in den Weg gewälzt hat, ihren Effekt hervorbringen. Und jetzt wundert man sich! Widersinnige Handelspolitik, Gewerbepolitik, Steuerpolitik, Sozialpolitik und dazu ein Wüten mit unproduktiven Ausgaben für Land- und Seewehr, welche die Ersparnisse der Völker auffrißt, eine Verschwendung von Geld, Zeit und Kraft in gesetzlichen Neuerungen, so wurde die Kerze au beiden Enden abgebrannt; und man wundert sich, wenn es endlich jeder am eigenen Leibe fühlt. Da wird der Gerechte mit dem Ungerechten getroffen. Auch das noch relativ vernünftige England muß gerade so mit leiden, wie die anderen. Was in Deutschland den Klagen jetzt einen neuen besonderen Ton gegeben hat, ist, daß sie auch aus einer Region ertönen, die sich zu Lobliedern verpflichtet und gestimmt fühlte, so lange ihr unfehlbarer Gebieter am Ruder stand. Jetzt, seit bald drei Jahren, gelangen auch seine Verehrer allmählich wieder zu eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen, und mit ihren Klagen verbinden sie weiter den Zweck auch einer Huldigung für ihn und eines Tadels für seinen Nachfolger. Gar vieles von den Trauertönen, die sich jetzt in das Weherufeu der Zeit mischen, kommt von denen her, die ihre Harfen aufgehängt haben an der Saline zu Kissingen oder auf dem Marktplatz zu Jena. O hätten wir doch keine anderen Schmerzen! - 43 — Ich habe einen alten Bekannten. Er gehört zu denjenigen, denen es Gesundheitsbedürfnis ist, sich zu entrüsten, nicht um Bismarcks willen von wegen etwa eines abgelehnten zweiten Büreaudirektors, sondern aus ehrlichem, demokratischem Gemüt „für Freiheit und Recht". Von Zeit zu Zeit besucht er mich. Mit finsterer Miene tritt er ein und sieht mich an, als wäre ich an allem schuld. Dann entwickelt sich folgender Dialog: Er: Nuu, was sagen Sie jetzt? Ich: Was soll ich sagen? Er: Soll das alles so weiter gehen? Ich: Wissen Sie ein Mittel dagegen? Er: Das Mittel will ich von Ihnen hören. Sie sind ein Mann in öffentlicher Stellung. Ich: Glauben Sie mir, wenn ich es wüßte, wüßten Sie's auch. Er.(immer zorniger): Also muß man es aushalten? Ich: Mir scheint's; es ist wohl auch von jeher in der Welt nicht viel besser gewesen. Er: Ist das Ihre Ansicht? Ich: Ganz gewiß. Wir sahen's nur für andere Zeiten nicht so in der Nähe. Er: Und soll man nichts thun, um's zu bessern? Ich: O sicherlich. Er: Was denn? Ich: Man soll sich wehren. Er: Das thu' ich jetzt schon mein Leben lang. Ich: Und dabei sind Sie alt geworden und befinden sich wohl. Er: Wenn aber das Wehren nicht hilft? Ich: Es hilft doch Ihrer Gesundheit, und die ist die Hauptsache. Er? Und Besseres wissen Sie mir nicht zu sagen? — 44 — Ich: Sobald mir was Besseres einfällt, lasse ich Sie es wissen. Aber, glauben Sie mir, sich wehren gehört schon zum Besten, was die Menschheit je erfunden, so lange es ihr, wie von je, schlecht gegangen ist. Wer weiß, ob sie viel Besseres vertrüge. Ein berühmter Dichter des Landes, das uns in diesen Dingen um etliche hundert Jahre voraus ist, hat das in den Vers zusammengefaßt: ^,8 z^ou all kvovv, ssearlt/ Is mortals etustsst Msm^, das heißt auf deutsch: Wie Ihr All' wißt, ist Sicherheit Des Menschen größte Fährlichkeit. Seien Sie mir nicht böse und grüßen Sie Weib und Kind. Ich glaube, jedesmal, wenn er fortgeht, verachtet er mich. Aber er kommt doch immer wieder. Ihr L. Bamberger. ?. 3. Ich will mich auf keine Weise hiermit für nächste Weihnachten verpflichtet haben. IV. Wer Toaste. A)ie erklärt es sich, daß die Verbindung von Reden und Trinken gerade unter englischer Firma zu uns gekommen ist, und nicht nur zu uns, sondern auch zu anderen Völkern, die weniger geneigt sind, sich vom Fremdartigen reizen zu lassen? Das Trinken brauchten wir nicht von außen zu importieren, und die Redseligkeit suchen wir nicht gerade bei den Engländern. Ist es nicht merkwürdig, daß ein Land, dessen Boden keinen Tropfen Wein erzeugt,*) den rebenbauenden Galliern der Gironde, den Winzern des Rheins und der Mosel die Formel für die Eloquenz des liebevollen weinumkränzten Bechers diktiert hat? Allerdings haben in neuester Zeit die Franzosen neben dem bereits eingebürgerten Ausdruck „rm, toast" auch das Wort „rm, xunod" von jenseits des Kanals eingeführt. Das läßt sich jedoch einigermaßen erklären. Die Hauptbestandteile des Punsches, Rum oder Arak, werden in den englischen Kolonien erzeugt; und da man doch einmal einen absonderlichen Namen für eine neue Art von Gasterei *) In alten Zeiten soll auch in England, wie in der Mark, ein saurer Wein gezogen worden sein. — 46 — brauchte, die sowohl der Tageszeit als dem Stoff und dem Sinn nach schwer unterzubringen war, so stellte sich das den dampfenden Wohlgeruch versinnlichende Wort nicht ungelegen ein. Wenn ich nicht irre, ist es zunächst für Offiziersgelage angewendet worden und möchte vielleicht von der Marine abstammen. Bei der jüngsten frankorussischen Verbrüderung, die mit sechzehn Frühstücken und Mittagsessen unmöglich ihren Herzensdrang befriedigen konnte, wurden auch die „?unoti" uoch in die schwer zu findenden Lücken eingeschoben. Den llvk o'oloLl: tsa, welchen die französische Damenwelt auch schon von drüben herüber geholt hatte — das dritte englische Wort also für ein gemeinsames Trinken — konnte man den nordischen Seehelden nicht wohl anbieten, und die fünfzig Millionen russischer Weiblichkeit — alles bewundernswerte Geschöpfe! — mußte man sich begnügen, aus der Ferne zu feieru und zu verehren. Dabei fällt mir ein, wie merkwürdig es ist, daß unser großer Dichter bei seinem berühmten Lied auf den Punsch in einen etymologischen Widerspruch geraten ist. Denn während er bekanntlich die Verherrlichung der elementaren Vierzahl seinem Gesang zu Grunde legt, bedeutet das Wort Punsch ganz genau die Zahl fünf, und Punschlied müßte eigentlich übersetzt werden: Fünflied. Unser deutsches Wort fünf so gut wie das griechische xsutg. und das lateinische quin^us mit allen ihren Ableitungen kommt nämlich direkt vom sanskritanischen ?ÄQLti!Z. her, das, wie wir aus unserem geographischen Unterricht wissen, auch dem Land der fünf Ströme, dem Pendschab, seinen Namen gegeben hat. Punsch heißt das Getränk, weil es ursprünglich aus fünf, nicht aus vier Ingredienzien gebraut wurde. Dies Fünfte war nämlich der Zimmt, welcher also schon zu Schillers Zeit der Vergessenheit anheimgefallen sein mußte. Der Zimmt ist überhaupt von der Höhe seines — 47 — früheren Ruhmes herabgestiegen. Noch vor fünfzig Jahren spielte er in der Küche und in der Znckerbäckerei eine wichtigere Rolle als heute, wie denn überhaupt ohne Zweifel mit einer Verfeinerung der Nerven eine Menge -von Gewürzen teils ganz ausgeschieden, teils in ihrer Verwendung sehr eingeschränkt worden sind. Bei unseren Großmüttern galt es noch für sehr fein, etwas Vanille dem Thee zuzusetzen, und wer die teuren Stengel nicht erschwingen konnte, half sich ganz verschämt mit Zimmt, ein Gedanke, der heute wohl einer Waschfrau Schauder erregen würde. Es kam auch vielfach vor, daß die Krämer dem Thee, um ihm einen edlen Parfüm zu geben, einen leisen Anfing von Berga- mottöl beibrachten. Wenn man die Geschichte des Geschmacks in allen Dingen zurückverfolgen will, kann man viel aus der Beobachtung auf dem Platten Lande schöpfen, wo die Wandlung erst auf Distanz nachfolgt. Kommt man bei uns auf ein Dorf, so wird in dem Maß, als der Gast geehrt werden soll, die Suppe mehr oder minder stark nach Muskatnuß schmecken, wie das ehemals wohl allgemein der Fall war. Muskat, Cardamom, Ingwer, Coriander, das alles gehörte zum eiserneu Bestand einer guten bürgerlichen Küche, an Nelken wurde nicht gespart — lauter Dinge, die heute nur in ganz bescheidenen Dosen figurieren. Es mag sein, daß die Mannigfaltigkeit und Stärke der Gewürze in der Zeit, da der Handel des Mittelalters sie zuerst aus dem Orient nach Europa brachte — und man weiß, welche Rolle sie in diesem Handel spielten — einen größeren Zauber auf den Gaumen ausübten und daß sich das die Jahrhunderte lang fortpflanzte, nur ganz allmählich sich abstumpfend, oder vielmehr der Verfeinerung des Nervensystems weichend. War es doch nicht anders mit den Wohlgerüchen und Schminken! Vermutlich würde man uns mit den Bisambüchsen des siebenzehnten Jahrhunderts heute — 48 — Meilen weit hinweg jagen, und die tollste Kokette würde nicht wagen, sich so viel Rot aufzulegen, wie eine würdige Dame am Hofe des fünfzehnten Ludwig. Je mehr die Kultur voranschreitet, desto schonsamer haust sie mit den Eindrücken — siehe auch das Strafverfahren! — und wo wir ein Bedürfnis nach Verschärfung wahrnehmen, können wir eine Nückwärtsbewegung der Kultur auf dem besonderen Gebiete ahnen, so z. B. in der modernen Belletristik und Dramatik mit ihrer grausamen Nervenbehandlung des Publikums; demselben vergröberten Triebe entstammt die Sehnsucht mancher Gesetzgeber nach Wiedereinführung der Prügelstrafe. Mit all dem ist meinen Leserinnen nicht klarer geworden, warum die englische Institution der Toaste sowohl dem Namen als der Sache nach eine weltbeherrschende geworden ist. Gerade so erging es nämlich mir. Ich hatte mir darüber den Kopf zerbrochen, mit all den Abschweifungen, auf die man gerät, wenn man sich vergeblich bemüht, einer Sache beizukommen. Auch alle Nachschlagsbücher, die ich zu Rate zog, einschließlich des neuesten großen Werkes aus englischer Feder über die Geschichte des Trinkens*), führten mit unsicheren Andeutungen nicht weiter zurück, als etwa in den Anfang des vorigen Jahrhunderts und auf bekannte Erklärungen über die Entstehung des sonderbaren Wortes „Toast". Da brachte mir eines Tags die Post einen Brief und ein Buch. Das letztere führt den Titel Kistor^ l^oastiriA or OriukiuA Hsg.1t.li8 in LllAls.ri.<1" und der Brief war von einer Dame, welche mir etwa Folgendes schrieb: Sie haben vor längerer Zeit einmal bei Tische in meiner Gegenwart den *) kistor? ok Drink, zweite Auflage, London 1880, von James Samuelson. — 49 — Wunsch geäußert, etwas Genaueres über die Geschichte des Toastens in England zu erfahren. Ich habe mich bei meinem längeren Aufenthalt in diesem Lande bemüht, diesen Dingen nachzugehen, und schicke Ihnen als Ergebnis beiliegende Sachen. Außer dem Buch befand sich bei der Sendung noch eine Anzahl sehr sorgfältig gemachter Abschriften aus anderen Werken über dasselbe Thema. Daß ich von solcher Aufmerksamkeit lebhaft gerührt war, wird die gütige Leserin verstehen (darum habe ich mich oben speziell an sie gewendet), wenn schon ich aus natürlicher Diskretion alle die edle Geberin im übrigen zierenden Vorzüge verschweige. Mit begreiflicher Spannung machte ich mich an die nähere Bekanntschaft mit dem neuen Material. Als Verfasser stand auf dem Titel des Buches genannt: RkvsrsQä Niekarä Valx^ ?rknvli v. v. I.., L. R-sotor oif Lüg,nrns,rtüi g.ncl ^ilorieli. Der Mann ist also ein Geistlicher, Doktor und Mitglied einer illustren Gesellschaft, er amtiert im englischen Welschland. Der Verlag befaßt sich mit der Spezialität der Mäßigkeits- vereiue, und in deren Sinn und Dienst ist die Abhandlung geschrieben, doch tritt der heilige Abscheu gegen die geistigen Getränke erst am Schluß hervor. Bis dahin ist das Thema eher mit Liebe behandelt. Soweit war alles gut. Aber bei näherer Besichtigung entdeckte ich, daß der Verfasser an einem schrecklichen Fehler litt, den ich nur zu gut kenne, weil er auch zu den meinen gehört. Er hat sich nämlich von seinem Gegenstand verführen lassen, zu weit auszuholen. Bei der litterarischen Behandlung eines Stoffes geht es nicht wie sonst im Leben, wo sich der Arme beschränken muß und der Reiche sich gehen lassen kann. Hier gilt das Umgekehrte. Wer einen reichen Stoff unter den Händen hat, muß sich beschränken lernen, wer es mit einem bescheidenen zu thun hat, darf sich gehen Lud vig Bamberger's Gcs, Schriften. I. . — 50 — lassen. Und wie groß war gerade bei diesem Stoff die Versuchung, vom einen zum anderen, vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten! Man denke sich: Hauptthema das Reden beim Trinken, oder vielmehr das Trinken mit Reden. Die ganze Geschichte des Trinkens und die ganze Geschichte des Redens öffnete ihre Pforten rückwärts bis zur Sintflut. Und unser Mann Gottes hat sich nicht einmal von der Sintflut aufhalten lassen. Umgekehrt wie jener Richter im Stücke Racines, der den seine Rede mit der Schöpfung anhebenden Advokaten drängt, wenigstens bis zur Sintflut vorwärts zu kommen: Advokat: ^vs,nt Is, ns-issÄneg 6u, mooäg . . . Richter: L,voog,t>, all! xassons au äslu.xs geht er in seinem Entdeckungseifer hinter dieselbe zurück. Die Frage ist freilich eine höchst interessante: Hat Noah erst nach der Sintflut angefangen Wein zu pflanzen? Gemeinhin wird die Sache so aufgefaßt. Aber einige theologische und sprachliche Sachkenner sind anderer Ansicht. Gestützt auf den Wortlaut der Genesis (IX. 20), insbesondere in Verbindung gebracht mit einer Stelle in Matthäus (XXIV. Z7—39), die mir entschieden zu ihren Gunsten zu sprechen scheint, behaupten sie lesen zu müssen, Noah habe lediglich fortgefahren, seinen Wein zu bauen wie ehedem. Und so schließt daraus nun unser Müßigkeitsapostel ganz fein: hat Noah schon vorher Wein gepflanzt, so hat er auch schon vorher getrunken, und hat er getrunken, so guckte er wohl auch zuweilen etwas zu tief ins Glas — kurz und gut, er war em Säufer, daher ein Sünder, und darum schickte Gott, um die Welt und ihn zu strafen, die Flut, in der alles andere begraben wurde. Schon damals hätte, rechtzeitig organisiert, eine richtige Mäßigkeitsgesellschaft alles Unglück verhüten können — also homöopathisch ausgedrückt: — 51 — Wasser, zu rechter Zeit angewendet, hätte vor dem Untergang durch Wasser bewahrt, Kann'es ein schöneres Z herausfindet, eine schöne Ausrede fürs Trinken. Daher kommt auch, daß alle diese Sitten sich ausschließlich an den Genuß der gegorenen Getränke anlehnen, weil eben nur die im Übermaße, über den Durst, genossen werden. Für die anderen sucht man nach keiner Ausrede. Obwohl Thee und Kaffee zuträglicher für die Gesundheit sind als Wein und Bier, bestand und besteht doch kein Brauch, Gesundheiten darin auszubringen. Der einzige, welcher hier erwähnt werden könnte, wäre der in einem Teil des bayerischen Frankenlandes bestehende, demgemäß bei großen Damenkaffees am Schlüsse die Vornehmste der Gesellschaft sich er- — 59 — hebt und in feierlicher Rede sich so vernehmen läßt: „Wir danken für die treffliche Bewirtung und bedauern die verursachte» Unkosten." Daß der Wein für ein der Gesund- heit besonders zuträgliches Getränk gilt, ist Wohl auch nur eine ^xouss tor clrinliiriA, und daß man ihn nicht seiner Heilkraft wegen auf die Gesundheit anderer trinkt, erhellt schon daraus, daß, wie beschrieben, die Toaste ursprünglich gar nicht beim Wein, sondern bei anderen Spiritussen aufgekommen sind. Von Schnapstoasten ist glücklicherweise in der zivilisierten Welt noch nicht die Rede. Das spricht deutlich 'zu Ehren des Weins, dessen unbestreitbar eingeborenes poetisches Element im Bnnde mit der guten Ausrede das Fundament der Trinksitten geliefert hat. Es giebt aber neben der Poesie des Trinkens auch eine des Essens, eine höchst ehrenvolle, ja menschlich höher stehende als die des Trinkens. Eine der höchsten Freudeu des Daseius, ein behagliches Gespräch zu mehreren, fließt am schönsten beim Mahle dahin, und das Wesen des Mahles ist eben das Essen, nicht das Trinken, wenn auch das letztere dazu gehört. Die Nation, welche am meisten Sinn für Konversation hat, die französische, hat auch am meisteu Sinn für die Küche. Bei deu berühmten Soupers des achtzehnten Jahrhunderts spielte das Trinken keine Rolle. Das hängt auch schon damit zusammen, daß die Damenwelt an ihnen beteiligt war, die glücklicherweise bis auf den heutige» Tag dem Genuß geistiger Getränke im ganzen gleichgiltig gegenübersteht — ein Gesichtspunkt, welcher bei den Bestrebungen nach völliger Gleichstellung der Geschlechter nicht übersehen werden sollte. Zwar kann wohl überhaupt als ausgemacht angesehen werden, daß das weibliche Geschlecht im ganzen weniger Wert nicht nur auf das Trinken, sondern auch auf das Essen legt, als das männliche. Auf zehn Frauen kommt höchstens eine, die viel darauf hält, — 60 — und solche, die es im Übermaß treiben, sind höchst seltene Ausnahmen. Ob sie nach anderen Richtungen hin sich dafür schadlos halten, ist eine Frage, die begreiflicherweise hier nicht untersucht werden soll. Man behauptet zuweilen, ihre Gleichgiltigkeit gegen das Essen rühre von ihrer Beschäftigung mit der Küche her. Dieser naheliegende Ein- wurf hält aber nicht Stich. Denn auch Frauen, die nach ihrem Stande garnichts mit der Küche zu thun haben, gleichen darin allen anderen, und ihre Gleichgiltigkeit gegen den Wein erklärt sich gewiß nicht auf diese Weise, da sie doch beinah nie die Aufsicht über den Keller führen. Am meisten trinken die Damen von jeher in England. Aus vergangenen Jahrhunderten wird Schlimmes darüber berichtet, und auch heutigen Tages soll ihre Leistungsfähigkeit über die ihrer Schwestern vom festen Lande bedeutend hinausgehen. Vielleicht hängt damit zusammen, daß sie auch an der Politik viel mehr Teil nehmen und z. B. bei Wahlbewegungen jetzt sich gewaltig in eigener Person hervorthun. Alles in allem möchte ich behaupten, daß wohlverstandenes Essen und wohlverstandene Unterhaltung zusammen gehören, und in beidem leisten da, wo sie überhaupt dazu begabt sind, die Männer das Höhere. Zu einer vollendeten kleinen Tafelrunde gehören gewiß auch Damen, aber sie haben mehr begleitende Funktionen dab^i. Zunächst soll ihre äußere Erscheinung das Ganze verschönern, und dann sollen sie sozusagen den Taktstock dabei führen. Wer das Glück hatte, in feinem Leben angenehme Erfahrungen auf diesem Gebiete zu sammeln, weiß, welche hohe Kunst eine sachverständige Herrin des Hauses üben kann, indem sie den Gang der Unterhaltung ohne sichtbare Eingriffe, und vor Allem ohne Pedanterie zu leiten und zu belebeu versteht. Sobald man's merkt, wird's unausstehlich. Zu einer guten Tafelrunde gehört eine Mehrzahl — 61 — von Männern und eine kleinere Anzahl Damen, schon damit die Versuchung der Galanterie nicht bei Tisch rege werde, wo sie nicht hingehört. Die Soupers des achtzehnten Jahrhunderts waren so zusammengesetzt. Das Essen als Kunstgenuß und zugleich als ein Element des verfeinerten geselligen Verkehrs nimmt überhaupt im französischen Leben einen breiteren Platz ein als bei irgend einer Nation. Auch die nördlicheren lassen es am Schmausen nicht fehlen, z. B. vor allem die Belgier, aber sie betreiben es einseitiger. Die Italiener legen weniger Gewicht aufs Essen und Trinken als auf den allerdings nicht zu verachtenden Luxus der Bedienung der Tafel. In Frankreich am meisten gelangen Sinnlichkeit und geistige Bewegung bei Tafel zu gleichmäßiger Geltung. Achte man auf die französische Komödie. In ihren Stücken kommt so häusig eine Szene vor, in der man sich zu Tisch setzt, und wer die Memoirenlitteratur kennt, wird beobachtet haben, wie oft einer erzählt, das und jenes sei passiert, als er gerade bei dem und jenem zu Gaste gewesen sei; auch zu Zeiten größter Aufregung und von Katastrophen hört man nicht auf, sich einander einzuladen. Diese Art wohltemperierter Geselligkeit verträgt sich aber nicht mit einer, bei der man vom zweiten Gang an sofort aus dem Fluß der Unterhaltung und aus dem Gleichgewicht des Gemüts gerissen wird, dadurch, daß einer der Gäste an ein Glas klopft, sich erhebt und eine mehr oder minder feierliche Anrede beginnt, wie dies leider bei uns furchtbar überHand genommen hat. Ich weiß nicht, ob es andern ähnlich geht, aber meine erste Bewegung in solchem Fall ist immer die, daß ich unter den Tisch kriechen möchte. Und das ist gar nicht unnatürlich. Eine ebenmäßig und ebenbürtig zusammengesetzte, behaglich plaudernde Tafelrunde wird mit einem Schlag umgewandelt in ein Publikum und einen Schauspieler; es ist, als wenn alle Sitze auseinander- — 62 — gerückt würden und ein Podium aus der Mitte aufstiege, und als wenn die vier Wände fielen, um in ihre behagliche Atmosphäre die kalte Luft von draußen hereinströmen zu lassen. Aber nicht nur das, der ganze moralische Zustand der Gesellschaft wird sofort verschlechtert durch zersetzende psychologische Elemente, die sich aus der neuen Szenerie entwickeln. Ein Ehrgeiziger und ein Parterre von Kritikern schießen auf, da, wo vor einer Minute noch unbefangene mir aufs Genießen bedachte Menschenkinder beisammen saßen. Auch wer nur aus Gefälligkeit oder aus Nnvermeid- lichkeit eine Tischrede hält, kann sich von dem Wunsch, seine Sache gut zu machen, nicht frei halten, und selbst jener Mann, den ich einmal seinen Speech so einleiten hörte: „Ich weiß zwar, daß ich stecken bleiben werde", war nicht frei vou der Anwandlung relativen Ehrgeizes. Nichts ist aber der Lebensfreudigkeit feindlicher als Ehrgeiz. Daß einer mit einer Rede im Leibe sich am Genuß des Weines ergetze, ist denkbar, ja er wird eine Art Trockenheit der Zunge empfinden, die von der Erwartung erzeugt wird; aber mit der Würdigung der Speisen, zu welcher ein vollkommenes Gleichgewicht der Seele erfordert wird, ist die Bereitschaft zum Ergreifen des Wortes unvereinbar. Mit der Konversation geht es nicht anders. Während der Redner irr sxs scheinbar sich mit seiner Nachbarin unterhält, wiederholt er sich im Stillen die Knalleffekte oder den Anfang oder den Schluß seiner kurz oder laug vorher präparierten Ansprache. Wenn nur einer reden wollte, das ginge noch an, und darum stelle ich mir z. B. die feierlichen Geburtstagsessen, bei denen nur eine hohe Gesundheit ausgebracht wird, unbekannterweise, recht schön vor. Aber bei minder erhabenen Anlässen ersaßt ja der Redeteufel einen nach dem andern, und so bildet sich um die Wette eine Kette innerer Bewegung, welche auf die Ge- samtheit der Unterhaltung und Verdauung störend einwirkt. Da, wie in der gesamten Schöpfung, auch unter den Rednern es mehr schlechte als gute giebt, so ist die Zuhörerschaft, obwohl die passive Rolle für sie die bei weitem glücklichere ist, von Pein auch nicht frei. Es gehört zu den elendesten Momenten, wenn bei Tisch ein ungeschickter Redner zu stolpern und zn holpern beginnt. Und nun erst die Mißhandlung, welche die Hauptsache, die Speisung, dabei erfährt, die Gerichte, die durch Warten verderben, der Appetit, der durch lange Unterbrechungen vergeht, die endlose Länge des Stillsitzens zwischen den zwei nämlichen Nachbarn, mit denen sich der Gesprächsstoff, wenn er überhaupt bei solchen Unterbrechungen aufkommen kann, doch schließlich erschöpfen muß, endlich die indiskreten oder einfältigen Gesichter der zuhörenden Aufwärter. Ein gräulicher Unfug ist ferner das Aufstehen nach jedem Toast, um die am Schluß derselben genannte Person noch mit persönlichem Anstoßen zu feiern. Das wird ein tumultuarisches Umherlaufen und ein gegenseitiges Begießen mit überfließenden Gläsern, welches auch den letzten Rest von Komfort zerstört. Da jeden Redner mehr oder weniger der Toast, den er im Leibe hat, inkommodiert, so sucht er ihn möglichst früh los zu werden. Die anerkannten Staatsredner haben dabei den Vorteil, daß sie ihre Last zuerst abladen und dann in Ruhe essen können. Um ihr Privilegium auszunützen, stehen sie meistens auch schon gleich nach der Suppe auf; und hat das Unheil einmal angefangen, dann folgt natürlich Schlag auf Schlag. Jeder will sobald als möglich auf seinen Lorbeeren ruhend schmausen. Zu den Lasten eines öffentlichen Berufs gehört die manchmal nicht zu umgehende Notwendigkeit, an einem Zweckessen teilzunehmen. Alle bereits geschilderten Qualen erreichen hier ihren Höhe- — 64 — Punkt. Da die Sache gewöhnlich so eingerichtet ist, daß die Getränke von den Gästen je nach Verbrauch dem Unternehmer bezahlt werden, so hat derselbe ein doppeltes Interesse, durch sparsam bemessene Bedienung lange Pausen entstehen zu lassen, die durch Reden und Trinken ausgefüllt werden. Je weniger kultiviert die Völker sind, desto länger sind ihre Ceremonien. Ein afrikanisches Palaver dauert mehrere Tage. Die Tischberedsamkeit ist eine besondere Art, von der man beileibe nicht verächtlich sprechen soll. Wie jegliche Kunst ist sie schwer und hat ihre Feinheiten. Jeder, der überhaupt Reden halten kann, ist auch imstande, eine Tischrede und sogar eine gute zu halten, wenn er einigermaßen vorbereitet ist, was ich überhaupt für die Regel bei guten Reden halte. Gewiß, es giebt vortreffliche Improvisationen, aber keine unfehlbaren Improvisatoren. Der gewissenhafte Redner wird, wenn er kann, sich immer lieber vorher besinnen auf das, was er zu sagen hat. Das ist er sich und seinen Hörern schuldig. Die Leute, die immer aus dem Handgelenke reden können, sind meistens Flachköpfe. Die Franzosen, welche doch gewiß eine redebegabte Nation sind, extemporieren nicht nur selten, sondern sie sprechen selten frei. Ich habe Viktor Hugo und Louis Blanc in einer großen Volksversammlung ihre Reden aus geschriebenen Heften ablesen sehen. Sie lasen nicht gerade jedes Wort, aber den Anfang jeder Periode und, nachdem sie sichtbarerweise das Ende derselben noch rasch ins Auge gefaßt hatten, erhoben sie den Blick nach den Zuschauern (sie sprachen nämlich von der Bühne eines der größten Theater aus) und. rentierten den Rest auswendig. Die Gestikulation, welche den deklamatorischen Vortrag begleitete, half einigermaßen über die Schwerfälligkeit einer solchen Diktion hinaus und gab ihr etwas mehr Leben. In Deutschland wäre eine derartige Prozedur unter solchen Umständen nicht denkbar, und der deutsche Geschmack scheint mir hierin der bessere zu sein. Der Grundgedanke der rednerischen Wirkung liegt in der Vorstellung, daß sie einem lebendigen, im Augenblick hervorsprudelnden Quell entspringe. Dem widerspricht der Eindruck mechanischer Abhaspelung voraus aufgewundener Gespinnste. Im deutschen Parlament ist das Vorlesen von Reden nach der Geschäftsordnung ausgeschlossen. Die Franzosen legen so großen Wert auf die korrekte Form, daß sie der Sicherheit halber die schriftlich präparierte vorziehen. Aber hierbei wird die wahre Natur der Aufgabe allzusehr der Formvollendung geopfert. In Frankreich gestattet es die Sitte sogar, an der Bahre des Verstorbenen eine Rede auf denselben abzulesen. Bei uns würde das geradezu verletzend auf das Gefühl wirken, und dies Gefühl ist im Rechte. Aber was hier gegen die im voraus in allen Einzelheiten festgelegte Rede gesagt wird, soll nicht umgekehrt der Improvisation zu gute kommen. Die Regel für eine gute Rede, wie für einen guten Feldzug ist, daß sie im voraus wohl überlegt seien, was nicht ausschließt, daß die Umstände zu richtigen Eingebungen des Moments wie zu glücklichen Gefechten führen können und sollen. Die Debatte, also vor allem die parlamentarische Verhandlung mit ihrer Aufgabe, dem meist erwarteten, aber auch dem unerwarteten Angriff zu begegnen, drängt ja von selbst auf die Improvisation hin. Aber auch hier wird der beste Improvisator der sein, der schon lange vorher alle Seiten einer Frage in sich überdacht und seinen Köcher mit Pfeilen für alle denkbaren Fälle ersehen hat. Eine solche innere Vorbereitung allgemeiner Natur ist die Bedingung für jede ernste rednerische Qualifikation, sie ist ihrem Wesen nach verwandt mit dem, was man sich unter Übung denkt. Dieser Übung darf natürlich, um auf unseren Ludwig Bamberger'S Ges> Schriften. I. ? — 66 — besonderen Fall zurückzukommen, auch der Tischredner nicht entbehren. Ja, wenn für irgend eines, so ist für dieses Genre die Leistung aus dem Stegreif nicht nur die erlaubte, sondern die erwünschte. Die Stimmung ist es, welche hier Inhalt und Form der Rede geben soll, und wenn schon mancher gute Toast auch von einem „unvorbereitet wie er sich hatte" gehalten worden ist, so verdient doch als der Tischredner von Talent und Beruf nur der bezeichnet zu werden, welcher wenigstens im Effekt den Eindruck der Unmittelbarkeit hervorbringt. Denn natürlich nur auf den Effekt kommt es an, nicht auf das, was ihm im Stillen vorangegangen ist. Ich glanbe, auch die guten Tischredner sammeln in ihren Mußestunden einen Vorrat von humoristischen Wendungen bei sich an, die sie im richtigen Moment als augenblicksgeborene Raketen aufsteigen lassen. Das geht aber niemandem etwas an. Wie eine Sache zustande gekommen, verschwindet vor der Thatsache, daß sie gelungen ist. Schon der alte Goethe, der alles gesagt hat, sagt: Was gut gemacht ist, scheint leicht gemacht zu sein. Die Deutschen sind im großen und ganzen als Nation nicht unter die mit der Redegabe besonders gesegneten zu rechuen, aber ich wüßte doch unter Verstorbenen und Lebenden eine stattliche Zahl gerade vorzüglicher deutscher Tischredner auf« zuzählen, und es ist nicht schwer zu erklären, warum wir gerade in dieser Spezialität uns auszeichnen. Nur das glaube ich auch bemerkt zu haben, daß hervorragende Tischredner auch sonst in ihren Vorträgen etwas haben, was an die farbenfrohe Produktivität der Weinlaune erinnert. Unsere großen politischen Redner haben nie bei Tische sich besonders hervorgethan. Ich kann mich nicht besinnen, von irgend einem zierlich ausgesponnenen Toaste Bismarcks gehört zu haben. Laster war beinah niemals zu einem solchen zu bringen, und Eugen Richter verspürt, wenn ich — 67 — nicht irre, dieselbe Antipathie. Umgekehrt Windthorst ließ sich keine Gelegenheit entgehen. Saß man auch nur ein halbes Dutzend bei Tisch, es dauerte nicht lange, der kleine, im buchstäblichen Sinne des Wortes leutselige, Schalk klopfte an sein Glas und hielt einen schnurrigen Vortrag. Da man von vornherein geneigt war, der einflußreichen, bejahrten und hochstehenden Exzellenz dankbar zu sein, so war sie des Beifalls gewiß, und diese Gewißheit giebt bekanntlich die zum Gelingen sehr viel beitragende Seelenruhe. Ein Redner in großem Stil war der überlegene Debater und Taktiker bekanntlich überhaupt nicht. Sein Pathos war meistens trivial und geschmacklos, und das Anziehendste in seinen Parlamentsreden waren auch seine guten, beißenden, improvisierten Scherze. Waren Damen bei Tisch, für deren dem berühmten Manne natürlich zuströmende Huldigungen er sehr empfänglich war, so galt gewöhnlich ihnen sein im Nokokostil der Galanterie gehaltener Toast. Mit all dem hat er unzählige Male seinen Wirten und Tischgenossen Freude gemacht, wie ihm, was man auch sonst von seiner Wirksamkeit denke, nie vergessen werden darf, daß er ein humaner, liebenswürdiger Mensch war — ein Zug, der in unserem Politischen Leben täglich mehr dem anderen Extrem weicht. Da jede Geschichte eine Moral haben soll, so möchte ich diese lange mit folgender zum Schluß bringen. Toaste müssen sein, das beweist ihre uralte und ausgebreitete Existenz. Auch sie haben ihre Vernünftigkeit, und unter Umständen sogar ihre Annehmlichkeit. Aber für deutscheu Brauch wäre außerordentlich wünschenswert, daß er aus die großen Vorbilder zurückginge, die ihm die klassischen Bräuche zeigen, die des Altertums und die der Engländer. Hier galt oder gilt als Regel, mit dem Trinken auf das Wohl erst anzufangen, wenn das Essen vorüber ist. Erst nach 5* — 68 — dem eigentlichen Gastmahl, dem Deipnon, begann das Symposion, das Zusammentrinken mit dem Zutrinken. So auch bei den Engländern; erst wenn das Tischtuch abgenommen, fängt das Trinken und Reden an, weshalb der Toast auch der ^ktsr-äliiiisr sxskvli heißt. Wenn dies auch bei uns eingeführt würde, so fiele die Versuchung weg, die aus dem Brauch einen Mißbrauch macht; der Mensch, welcher die wahre schöne Tafelfreude gern genießt, gut zu essen und sich dabei gut zu unterhalten, könnte ungestört sich dieser Gottesgaben freuen und dann, sofern er nach guten und schlechten Reden und nach Übermaß des Weins kein Bedürfnis fühlt, sich — lachend oder weinend — aus dem Bunde stehlen. V, Fragen an Sie ewigen Sterne. i. !)as erste politische Ereignis, dessen Eintritt mir deutlich vor der Erinnerung steht, war die Juli-Revolution zu Paris im Jahre 1830. Ich hatte damals eben das siebente Jahr erreicht, aber es wurde in meiner nächsten Umgebung so viel politisiert, daß der kindliche Sinn schon lebhaft auf die Weltbegebenheiten hinhorchte. In dem dem Elternhause gegenüberliegenden Laden des alten Junggesellen, der ein Geschäft mit Schreibmaterialien betrieb, gingen täglich beschäftigte und unbeschäftigte Leute aus und ein, die sich beim Zusammentreffen über die neuesten Begebenheiten unterhielten und — ich vermute — mit mehr oder weniger Weisheit darüber kannegießerten. Wir Knaben hatten unser Hauptquartier da aufgeschlagen, um zuzuhören und die Bilder zu betrachten, vor allem die Schlacht bei Navarin und Kaspar Hauser an der Thorwache zu Nürnberg. Es waren damals fünfzehn Jahre seit dem Abschluß der Napoleonischen Ära vergangen. Ehedem hätte man das für einen langen Zeitraum gehalten und gemeint, danach müßte das Viertelsäkulum der vorausgegangenen Umwälzungsperiode tief in den Untergrund historischer Vergangenheit — 70 — versunken gewesen sein. Aber wir, die wir die Jahre 1870 und 1871 erlebt haben, wissen das jetzt besser. In den nächsten Sommer fällt die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr der großen Kriegszeit, und wem, der dabei gewesen, ist alles nicht noch gegenwärtig, als wäre es gestern geschehen? Im Jahre 1830 waren seit dem zweiten Pariser Frieden erst fünfzehn Jahre vorübergegangen und viel stillere als die, welche uns heute vom letzten großen Völkerkampfe trennen. So erkläre ich mir, daß bei der ersten Kunde von der Verjagung Karls X. in der Stadt Mainz, die mit ihrem Schicksal in den ersten Sturz der Bourbonen uud dann wieder in den des kaiserlichen Eroberers eng verwickelt worden war, auch die Bilder vergangener Zeiten und, mit ihnen verbunden, die Fragen an das Schicksal wieder unter ähnlichen Zeichen auftauchten. Da kamen sie denn zu Haus in jenen ersten Tagen des August, alle die Redseligen und Staatskundigen, in deren Gedächtnis die ältesten oder die alten Geschichten, der Einmarsch des Generals Custine oder der Rückzug aus Rußland, getragen von dem Selbstgefühl, Zeuge großer Dinge gewesen zu sein, lebendiger noch als sonst wieder emporstiegen. Vor Allem waren es die alten Soldaten der großen Armee, Veteranen genannt, die sich berufen fühlten, ihre Stimme abzugeben. Manche von ihnen stehen mir noch deutlich vor Augen, ich könnte sie malen, wenn ich malen könnte. Einer besonders, ein geborener Franzose, einer derer, die am Orte sitzen geblieben waren mit Haus und Hof, als seine Landsleute abzogen, interessierte uns Knaben ganz besonders. Er hielt jetzt einen Biergarten vor dem Thor. (Gott weiß, was das für Zeug war, was uns damals als schäumender Gerstensaft aus steinernen Krügen geschenkt ward!) Aber er hatte ehemals bei den kaiserlichen Kürassieren gedient, ein baumlanger Kerl, der natürlich auch nie menschliches — 71 — Deutsch reden gelernt hatte. Was unsere Ehrfurcht für ihn mehr als für die anderen seines gleichen steigerte, war, daß es hieß, ihm fehle, unter der Hülle des Stiefels, die große Zehe, die ihm in der Schlacht abgeschossen worden. Mit wahrer Andacht hafteten unsere Augen auf diesem historischen Oberleder. Was wird nun in Frankreich werden? lautete die schwere Frage ans Schicksal, und die Mehrzahl der Korona war überzeugt, demnächst würde wieder der große Invasionskrieg losgehen, würden „die Franzosen kommen", wie die stereotype Wendung lautete. — Aber was da kam, war genau das Gegenteil. Dem Bürger- kvnig Ludwig Philipp lag nichts wärmer am Herzen, als seinen Kollegen auf den von Gottes Gnaden angestammten Thronen die Überzeugung beizubringen, daß er an alles eher denke als an die Erneuerung eines Heldendramas. So ward die Periode vom Juli 1830 bis zum Februar 1848, welche nicht bloß in der guten Stadt Mainz (der Kaiser Napoleon hatte sie nämlich zur Würde einer der „doniiss villsL äs Kranes" zu erheben geruht), sondern in ganz Deutschland und weit darüber hinaus bei ihrem Anbruch als eine Ära des Krieges diagnostiziert worden war, zu dem friedlichsten Abschnitte, den die Annalen der Weltgeschichte zu verzeichnen haben — eine Zeit der Verzweiflung für die Lieutnants und die Hauptleute, die im stilleu Familienleben des Garnisondienstes ergrauten. Ich höre noch, wie die Rede ging: Offiziere seien beschäftigte Müßiggänger. Zwar hatte die friedselige Stimmung durch die syrisch- ägyptischen Wirren eine momentane Unterbrechung erlitten, als das Ministerium Thiers mit seinen heroischen Geberden die kriegerische Muse des Niklas Beckerscheu Rheinliedes herausforderte. Aber gerade dieser Zwischenfall hatte um so deutlicher gezeigt, wie wenig Ernst es dem vernünftigen, nüchternen Orleans mit der Lust nach militärischen Wen- — 72 — teuern war; und die Welt sah danach um so beruhigter in die Zukunft, als der Geschichtschreiber der republikanischen und imperialistischen Feldzüge dem Geschichtschreiber der Zivilisation seinen Platz an der Spitze des Kabinets hatte überlassen müssen. Da kam ein neuer Schlag von ganz anderer Seite durch einen grausamen, scheinbar tief in die Weltgeschicke eingreifenden Zufall. Ich erinnere mich deutlich des Momentes. Wieder war es ein heißer Julitag im Jahre 1842. Ich hatte in der Glut der Mittagsstunde während des zweistündigen eintönigen Vortrages im Kolleg über römische Institutionen mühsam gegen den Schlaf gekämpft. Beim Austritt empfing uns die Nachricht, daß der französische Thronfolger, der junge, schöne, vielgeliebte Herzog von Orleans, durch einen unglücklichen Sprung aus dem Wagen ums Leben gekommen. Auf ihn, auf die Volksgunst, die man ihm nachrühmte, hatten die politischen Berechnungen ihren Glauben aufgebaut, daß Ludwig Philipps Krone ohne Schwierigkeit auf den Nachfolger übergehen werde. Von nun an trat an die Stelle dieser Zuversicht die bange Frage für alle Staatsweisen: was wird einst aus der Ruhe Europas, wenn Ludwig Philipp die Augen schließt? Und als Ludwig Philipp 1850 in Claremont starb, kümmerte sich kein Mensch mehr um die Folgen seines Endes. Das Ereignis war absolut gleichgiltig für die Weltgeschichte, sogar noch gleichgiltiger als der Tod, der drei Jahrzehnte später den armen Sohn der Kaiserin Eugenie im fernen Afrika aus den Möglichkeiten französischer Überraschung mit dem Assegai eines Zulukaffern herausstrich. Zum dritten Mal seit Waterloo tauchte der Gedanke auf, die Franzosen würden sich nach dem Rhein stürzen, als am 24. Februar 1848 die Republik ausgerufen ward. Doch galt dies mehr für Deutschland als für Frankreich. Die Warnung sollte bei uns Dienste thun, um dem guten Bürger vor seinen eigenen politischen Gelüsten bang zu machen. Die Lust, den angestammten Fürsten etliche Machtvollkommenheiten abzuknöpfen, sollte abgelenkt werden auf die Notwendigkeit, sich gegen den von außen drohenden Erbfeind zu verteidigen. Aber der Erbfeind kam nicht, und die Hoffnung, welche das deutsche Volk auf die berühmten und berüchtigten Bewilligungen jener Märztage gesetzt hatte, sollte nicht an solchen Erbfeinden deutscher Einheit und Freiheit, die jenseits des Rheines wohnen, zu Schanden werden. Da jedoch die Schrecken nicht aufhören, so kam nun ein neuer auf, mit dem wir erst in unseren Tagen intimere Bekanntschaft gemacht haben, das „rote Gespenst". Heute leben wir unter dem Eindruck, als sei die Gefahr sozialer Umwälzung erst neuerer Zeit, sagen wir seit der Pariser Kommune und der Rückwirkung des allgemeinen Stimmrechts, der Welt ins Bewußtsein gedrungen. Das ist ein Jrrtnm. Wer sich des Jahres Achtundvierzig erinnert oder dessen Annalen nachschlägt, muß konstatieren, daß schon damals jener Schrecken der Menschheit sofort gewaltig in die Glieder fuhr; sogar ehe noch die große von Cavaignac niedergeworfene Erhebung des Proletariats im Juni 1848 zum ersten Mal ein großes Blutbad unter Entfaltung der roten Fahne angerichtet hatte. Ein kleiner Vorgang aus meiner persönlichen Erinnerung giebt eine komische Illustration zu der ernsten Bestürzung, welche damals die Menschen ergriffen hatte. Es war im Mai 1848. Vor wenigen Wochen war ich aus der Stille der Studierstube in die Redaktionsstube der „Mainzer Zeitung" eingetreten und hatte mich lustig ins Getümmel gestürzt. Da bat mich der ehrbare Verleger der Zeitung, ein wohlgestellter und wohlbegüterter, gemütlicher Herr, um eine Unterhaltung. — 74 — Ihn verlangte, meinen weisen Rat zu haben über die Frage, ob er fortfahren solle, die regelmäßigen Terminszahlungen an die Lebensversicherung zu machen, bei der er die Zukunft seiner kleinen Töchter versorgt hatte. Er hatte eben einige Zeitungsartikel gelesen, welche allen diesen Einrichtungen philisterhafter Kapitalansammlung den Krieg erklärten, und stellte mir die Frage, ob ich ihm rate, sein gutes Geld weiter in bisheriger Weise solchen vom Umsturz bedrohten Kassen anzuvertrauen, oder es lieber bei sich in bestmöglichem Bersteck aufzubewahren. Ich freue mich noch heute, daß meine Antwort nicht so dumm ausfiel, wie leicht hätte passieren können, denn ich hatte eifrig Louis Vlanc und Proudhon studiert und, wenn auch ohne den wahren Glaubeu, doch nicht ohne Wohlgefallen kommentiert. Aber die Logik half mir über die Klippe hinweg. Von zwei Dingen eines, sagte ich, von dem Vertrauen des gesetzten Mannes in meine grüne Einsicht gerührt: entweder die bürgerliche Ordnung bleibt bestehen, dann werden Sie wohl gethan haben weiter zu zahlen und nicht Ihre bisherigen Einzahlungen verfallen zu lassen (mit dieser Strafe pflegten damals noch die Policen sehr streng versehen zu sein); oder der Kommunismus siegt, dann werden Sie doch des angesammelten Eigentums beraubt. Und er hat weiter gezahlt, seine Töchter sind zu wohlversorgten Müttern und Großmüttern geworden, nnd seine Urenkel, wenn deren vorhanden sind, haben zu einem gewissen Teil nicht ohne mein Verdienst ein wenig von jenem schnöden Eigentum geerbt, das ihnen bis jetzt weder Bebel noch Vollmar konfisziert haben, und diese werden es auch sobald nicht konfiszieren, selbst wenn das geniale Werk, das man mit einem der schönsten deutschen Wortgebilde neuereu Stils die „Umsturzvorlage" nennt, nicht demnächst seinen Einzug in die nationale Strafgesetzgebung halten sollte. Einstweilen fühlen — 75 — alle Besitzenden in ihren Taschen viel eher die Finger des Finanzministers als die der Sozialisten oder Anarchisten. Und ich vermute, es wird noch lange so bleiben. Wenn ich lese, daß eine im Rate der Krone sitzende Exzellenz mit einem neuen Plane zur Ausgleichung der irdischen Gerechtigkeit, d. h. mit einer neuen Steuer, schwanger geht, so fühle ich die Heiligkeit meines Privateigentums viel mehr gefährdet, als wenn Herr Bebel ein neues Buch schreibt oder Herr Singer eine grimme Rede hält. Doch kehren wir einstweilen zurück zum roten Gespenst des Jahres Acht- nndvierzig. Die Rolle des Retters aus dieser Gefahr hatte zunächst Louis Napoleon übernommen. Nicht die Gespenster der Zukunft, sondern die der Vergangenheit, der französische Imperialismus und der deutsche Bund waren wieder aus ihren Gräbern herauf gerufen und in das Reich des Lebens eingesetzt worden, beides abermals gegen die Berechnung der klugen Leute beider Länder. Denn als das Parlament in die Paulskirche einzog, ließen sich die wenigsten unter den guten Deutschen träumen, der Bund, der alte Hund, sei nur auf kurze Zeit scheintot; und als der thörichte Abenteurer von Boulogne und Straßburg seine Kandidatur dem strammen republikanischen General Cavaignac gegenüber stellte, wollten die Klügsten unter den Franzosen das nicht ernst nehmen. Das war ein schwerer Irrtum. Aber in einem Punkt irrte sich freilich niemand: sobald einmal der Prinz als Präsident aus der Wahlurne emporgestiegen war, blieb kein Zweifel, daß die Komödie nach wenigen Akten mit dem Neffen als Onkel enden müsse. Mit der Wahl war die Partie für ihn gewonnen; und, nun einmal der Kaiser auf seinem Thron saß und nicht Miene machte, sich wie Louis Philipp von einer Handvoll Barrikadenjungen ins Bockshorn jagen zu lassen, stand der Welt wieder die — 76 — eine Frage beständig vor Augen: was wird werden, wenn der glückliche Usurpator dereinst auf natürliche oder unnatürliche Weise — diese lag besonders nahe — ums Leben kommt? Bis das geschähe, glaubte man auf ruhige Tage zählen zu dürfen. Freilich an den Nachfolger mochte niemand glauben, fo oft und hartnäckig er auch dem gaffenden Volk in allem Prunk legitimer Ausstafsierung vorgeführt wurde. Jedesmal, wenn der kaiserliche Prinz in den Ely- säischen Feldern in der großen offenen Karosse an mir vorüber rasselte, vorn ein Trupp Kürassiere in Stahlpanzern, hinterher ein Trupp Dragoner mit fliegenden Helmbüschen, stieg in mir die Frage auf: in welchem Winkel Europas oder Amerikas wirst Du armer Junge als hoffnungsloser Prätendent dereinst vegetieren? Er war sich seiner Aufgabe, das Publikum an seine Thronfolge zu gewöhnen, so bewußt, daß er einmal, als sein Lehrer Filon ihm eine Strafe diktieren wollte, drohte: „wenn man mich straft, strecke ich bei der nächsten Ausfahrt dem Volk die Zunge heraus." „8i l'oo, ms xunit tirsrai lg, lanAns an xsuxls." Doch schon der Vater sollte sterben, ohne daß ein Hahn danach krähte, gerade wie Louis Philipp, in England. Abermals sollten die Sterne die Frage an ungesuchter Stelle beantworten. Mit dem Jahre 1866 kam ein neuer Schicksalsmensch auf die Weltbühne, und wenn je einer darnach ausgesehen, daß er nicht zu entwurzeln und nicht zu entbehren sei, so war er es. Auf dem ganzen Erdenrund nannte man ihn den Eisernen, d. h. den, der nicht einmal von innen geschweige von außen zu erschüttern wäre. Und abermals fragte die Klugheit: Was wird werden, wenn er einmal dem unentrinnbaren Los der Sterblichen verfallen wird? Aber auch er wird einstens, wenn seine Zeit gekommen, dahin gehen, ohne daß es am leisesten Krachen in den Fugen des von ihm längst geräumten Staatsgebäudes sich verraten wird. Wie anders doch hatte man sich das gedacht! Welch ein Schreck fuhr den Leuten in die Glieder, als der Unentbehrliche eines Morgens, ohne alles Eingreifen himmlischer Mächte, vom Schauplatz verschwand! Nicht bloß seine Anhänger, auch die Gleichgiltigen, ja viele seiner Gegner übersiel es wie ein Grauen vor dem Unbekannten, dem unnötigerweise die Thore aufgethan würden, und sie warfen die Frage auf, ob es zu verantworten sei, daß man dem Manne, der die größte politische Autorität in der Welt besaß und sie in den Dienst des Weltfriedens gestellt hatte, bei lebendigem Leibe zu den Toten werfe. Aber siehe da! Kein Sturm erhob sich, nicht die kleinste Welle kräuselte sich. Keinen Augenblick seitdem drängte sich die Versuchung auf, nach dem Steuermann zu rufen, den man gerade für den äußeren Frieden als unentbehrlich angesehen hatte. Ja, die Wahrheit zu sagen: Deutschlands Beziehungen zu den anderen Nationen sind nnter Bismarcks Nachfolger bessere geworden, als sie es vorher gewesen. Die Welt sieht heute friedlicher aus als jemals in den drei Jahrzehnten, während derer der größte Diplomat seiner Zeit die auswärtigen Angelegenheiten des preußischen und des deutschen Staatswesens leitete. Sind wir damit die Fragen an die Sterne los geworden? So lange Sterne über den Häuptern der armen Erdensöhne wandeln, wird auch der Quell der Fragen nicht versiegen. Heute weniger als jemals. — 78 — H. ^< As^I'X S. Da ist's denn wieder, wie die Sterne wollten: Bedingung und Gesetz und aller Wille Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten, Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille. Goethe. Ein Umschwung der allertiefsten und breitesten Wirkung hat sich im letzten Vierteljahrhundert vollzogen, und am deutlichsten wird er erkennbar eben an der Art, wie anders die Frage an die Zukunft sich jetzt gestaltet. Nicht mehr an den Lebensfaden einzelner Menschen knüpft sie an. Die Menschheit lacht der spinnenden Parzen; sie webt nun selbst ihr künftiges Kleid. Wir sind ins Zeitalter der Demokratie eingetreten, nicht der kleinen Demokratien Griechenlands oder Roms, sondern der einen, weltumspannenden. Von den Schicksalen einzelner hängts nicht mehr ab, nicht mehr von einem König oder Kaiser der Franzosen, und auch nicht mehr von einem Kanzler, sei er einer von Eisen oder aus minder hartem Stoff. Ja unter dem eisernen selbst hat die große Wendung begonnen, und er hat in eigener Person nicht wenig dazu gethan. Unverkennbar hat Deutschland nach dem großen Krieg und Sieg und unter der weltbeherrschenden Fascination seines gewaltigen Staatsmannes den tonangebenden Einfluß auf die Entwicklnug der Staatsidee in der ganzen Welt ausgeübt; und — trotz aller Anstrengung, mit welcher die monarchische Idee jetzt bei uns neu vergoldet werden soll, hat es den Ausschlag gegeben für den Marsch hinaus nach der breiten Demokratie. Indem Fürst Bismarck in Ausführung seines Programms zum allgemeinen Stimmrecht griff, hat er — dem Augenblick dienend, aber den ewigen Gesetzen gehorchend, — die Psorten geöffnet, durch welche die Schicksalsfrage des — 79 — sozialistischen Problems in die moderne Staatsgeschichte eintrat. Jetzt fragt man nicht mehr: Wer wird leben, wer wird sterben? sondern: was wird die breite Bewegung der Geister aus ihrem Innern und ihrer Tiefe heraus im Gang der Jahrzehnte, der Jahrhunderte herausgestalten? Zum Heil oder zum Untergang? Das ist die Frage an die Sterne, mit der wir ins neue Jahrhundert übertreten (wenn doch einmal an diese Kalenderzahlen das Horoskop anknüpfen soll). Das allgemeine Stimm- und Wahlrecht ist keine deutsche Erfindung. Es ist vor uns dagewesen und wäre ohne uns weiter geschritten. Aber das ist unverkennbar: gerade indem das — bis dahin und zum Teil noch heute feudalistisch und patriarchalisch regierte — Deutschland seine Neugestaltung auf dieser Basis aufbaute, hat es damit einen durchschlagenden Eindruck auf die politische Kulturwelt gemacht. Ist damit gesagt, daß der Griff nach diesem Instrument ein Fehler gewesen? Von allen, die das jetzt andeuten, ist schwerlich einer, der da glaubt, der Schritt könne wieder zurückgethan werden. Nicht einmal für kurze Zeit, geschweige denn für lange. Er ist auch keine primäre Erscheinung, er ist selbst nur Produkt einer anderen universelleren Ursache, die da heißt: Ausbreitung des Lehrens, Lernens und Wissens. Deutschland wurde tonangebend für die Ausdehnung des Wahlrechtes, weil es tonangebend geworden war für den obligatorischen Unterricht und den allgemeinen Heerdienst. Damit wurde die Intelligenz der Massen in den bewußten Staatsdienst gezogen. Das Stimmrecht konnte ihnen nicht vorbehalten bleiben. Von dem Mal an aber, wo die Massen aufgefordert wurden, Mann für Mann am Staatswohl mitzuarbeiten, mußte auch der Gedanke, den Staat zum Werkzeug der allgemeinen materiellen Gleichheit zu machen, zum wahren Thronprätendenten werden. Das — 80 — hat man auf den Thronen und in ihrer Nähe so deutlich gefühlt, daß die Neigung, einen Ausgleich mit diesem Prätendenten auf Kosten der besitzenden Klassen zu finden, immer stärker wird. Ist das Weisheit oder Irrtum? — Frage an die Sterne! Der alte Sir Francis Bacon sagt einmal: „In der menschlichen Natur steckt im ganzen mehr vom Narren als vom Weisen, und darum haben diejenigen Kräfte, welche auf den närrischen Teil des menschlichen Sinnes wirken, auch am meisten Gewalt über ihn." Nachdem einmal der Grundsatz der allgemeinen Volksbildung (bei uns sogar der Zwang zur höheren Fortbildung), des allgemeinen Heerdienstes und damit des allgemeinen Wahlrechts zum Grundgesetz der Staatsfunktioneu gemacht ist, wird es immer klarer, daß das Rätsel der Möglichkeit eines sozialistischen Staates immer mehr Massen an sich heranziehen muß. Das Experiment ist im Weiterschreiten. Nur die engste Ausfassung kann sich auf den Plan verlegen, hier mit Strafmitteln oder Polizei Einhalt zu thun. Selbst ein so großer, überzeugter und bis dahin optimistischer Individualist wie Herbert Spencer hat unlängst in einem Brief den Ausspruch gethan: „Ein böses Wetter wütet durch die ganze Welt. Nach meiner Ansicht kommt der Sozialismus unausbleiblich. Er wird das größte Unglück sein, das je die Welt über sich ergehen sah." Doch auch er kann sich irren. Eins ist bei allem Fürchten und Hoffen auf diesen Wegen vor Mißverständnis zu retten. Die Angst vor dem, was man im Jahre 1848 das rote Gespenst nannte, hat mit dem Ernst der Frage an die Zukunft nichts gemein. Wohl stört sie noch die Bewohner der Paläste und den behäbigen Bürger viel mehr im Schlaf als die Theorien der sozialen Frage. Aber die Unruhe der Großen und Kleinen beweist nichts. Sie sehen hier, wie in vielem anderen, — 81 — nicht selten falsch. Nur in der stillen Entwicklung vou innen heraus steckt die Gefahr, wenn sie eine ist. So lange die Gesellschaft nicht an sich selbst verzweifelt, wird sie immer die Kraft haben, gewaltsame Einbrüche von außen niederzuschlagen. Die Junikämpfe unter der zweiten französischen Republik, der Kommuneaufstand der dritten, die Rebellion im Lütticher Land, die wiederholten Ausbrüche in den Vereinigten Staaten, sie alle sind nach etlichen Konvulsionen zertreten worden. Der Anarchismus der That ist eine gräuliche Tollheit, für die der Ausgangspunkt Rußland charakteristisch ist. Mit Dynamit kann man einzelne Häuser und Menschen zerstören, aber nicht eine Staats- und Gesellschaftsordnung. Das kann nur der falsche Geist, der sich des Ganzen bemächtigt. Am wenigsten unter allen Ländern hat Deutschland von gewaltsamen Umsturzversuchen zu fürchten. Es ist das sozialistischste und zugleich das wenigst revolutionäre Volk der Welt. Und dazu hat es die bei weitem bestdisziplinierte Armee. Der Kaiser hatte gar nicht nötig, den jungen Soldaten ausdrücklich zu sagen, daß sie zur Not auf ihre Väter und Brüder schießen müßten. Wenn Feuer kommandiert wird, thun sie es. Darum ist es ein so gründlicher Irrtum, zu wühuen, daß das Umsichgreifen der sozialistischen Idee mit Waffen besiegt werden müsse und könne, die auf den anarchistischen Ansturm berechnet sind. Ja, man setzt dem Irrtum noch die Krone auf, indem man sich schmeichelt, mit Konzessionen an die Idee ihr den schädlichen Stachel zu nehmen. Beinah könnte es den Anschein gewinnen, als ob der Staatssozialismus, der den Volkssozialismus austreiben will, die Theorien des Tuberkulins und des Diphtherieserums vorausahnend kopiert hätte. Man nimmt das sozialistische Gift, überträgt es auf das Professoren- und Mandarinentum und, nachdem es darin gezüchtet, spritzt man es in verdünntem Zustand dem Ludwig Bamberger's Ges. Schriften, I. ^ — 82 — Volkskörper ein, in der Hoffnung, ihn damit gegen die große sozialistische Ansteckung immun zu machen. Dies Antitoxin hat sich jedenfalls nicht bewährt. Was es bewirkt hat, zeigen die Zahlen der Wahlresultate. Es ist merkwürdig und doch aus seiner ganzen Natur erklärlich, daß eiu großer Mann wie Bismarck in diesen beiden Punkten sich so gründlich täuschen konnte, und es gehört diese Täuschung zum ganzen Verhängnis. Der Gedanke, daß man der Sache mit Gewalt beikommen könne, war das Ursprüngliche bei ihm und ist es bis zuletzt geblieben. Die Idee, durch homöopathische Dosen des Krankheitsstoffes die Krankheit selbst zu töten, kam ihm erst allgemach und hat wahrscheinlich niemals sich bei ihm sehr festgesetzt. Durch Hermann Wagener und Bucher stand er von lange her unter dem Einfluß eines gewissen sozialistischen Dämonismus. Beide haßten die Welt des prosaischen bürgerlichen Erwerbs. Bismarcks Staatssozialismus war lediglich eine opportunistische Diversion, wie seine Kolouial- politik; beide wurden nur von seinen Nachbetern ernst genommen. Eine meiner letzten Unterredungen mit dem Kanzler, ehe die große Umkehr in der Handelspolitik eintrat, drehte sich um diesen Punkt. Ich hatte eben in der „Deutschen Rundschau" den ersten Teil einer Abhandlung über „Deutschland und den Sozialismus" veröffentlicht, in welchem ich ausführte, wie die Deutschen am meisten von allen Völkern zum sozialistischen Experiment prädestiniert seien. Fürst Bismarck ließ mich, während er einer Reichstagssitzung beiwohnte, in sein Kabinet bitten. Es war mir schon vorher zu Ohren gekommen, daß er sich beifällig über die Arbeit ausgesprochen habe, und er wiederholte das jetzt unter vier Augen. Nachdem das Gespräch sich eine Zeit lang über den Gegenstand verbreitet hatte, gelangte er zu dem, worauf es ihm eigentlich ankommen mochte. Er sei begierig zu hören, welches Mittel der Abhilfe ich im noch ausstehenden zweiten Teil der Arbeit vorschlagen werde. Dem praktischen Staatsmanne war das nicht zu verdenken. Aber der schreibende Beobachter hatte ihm keine Kurmethode zu bieten. Falsche Ansichten, meinte ich, seien nur durch Verbreitung der richtigen zu bekämpfen. Nicht doch, meinte er: „wenn man keine Kücken haben will, muß man die Eier zerschlagen". Das war die Quintessenz der Sozialistengesetze. Ich habe später bedauert (bereuen ist in der Politik ein falscher Ausdruck), daß ich in den ersten Stadien diesem Gesetze meine Stimme gegeben habe. Aber hinterher läßt sich nicht abwägen, wozu der Moment schließlich nötigte. Und das Experiment war unvermeidlich. Wäre es nie angestellt worden, so würde man noch heute triumphierend behaupten, es hätte gelingen müssen. Es giebt Dinge, vor denen man keine Ruhe hat, bis sie einmal probiert worden sind. Man hat, nicht mit Unrecht, behauptet, die Verfolgungen hätten die Sozialdemokratie gestärkt. Aber auch dies war nur eine Frage der Zeit. Wenn Dinge in der Luft liegeu, so hilft ihnen eben Alles, die Gewalt wie die Nachsicht. Am wenigsten zweifelhaft ist, daß der gouvernemen- tale Sozialismus sich an der Propaganda sehr wirksam mitbeteiligt hat. Es liegt eine sonderbare Verkennung der ganzen Natur dieser Dinge darin, daß der Staat sich zum sozialistischen Prinzip bekehrt und mit Strafgesetzen die Ziehnng der Konsequenzen verbieten will. Doch, will mau ganz gerecht sein, so muß man zugeben: auch dieser Irrtum trägt nur einen Teil der Verantwortung, weil, mit ihm oder ohne ihn, das Einrücken der Massen in die Mitbestimmung der Politik zum sozialistischen Experiment hindrängt. Das zeigen uns selbst so relativ gesunde Staats- 6* — 84 — Wesen wie die Schweiz und England. Und erst Belgien! Wo war das Reich der individualistischen Selbstherrlichkeit fester stabiliert als da? Beide regierende Parteien, liberale wie klerikale, gehörten ihm auf gleiche Weise mit Leib und Seele an. Vor vielen Jahren fand ich mich einmal in einer Gesellschaft zu Brüssel mit dem noch heute im Amte befindlichen Bürgermeister der Stadt, Herrn Buls, einem Manne von hoher Einsicht und Bildung zusammen. Es war die Zeit, wo die neue staatssozialistische Richtung der BiSmarck- schen Politik mit Macht verkündet ward. „Sonderbar!" sagte Herr Buls zu mir, „erklären Sie mir doch das Rätsel: als ich in Heidelberg studierte, galt es als ein Axiom, daß die deutsche Nation den Individualismus verkörpere. Jetzt sehe ich sie an der Spitze der entgegengesetzten Richtung marschieren." Wie ich ihm die Sache erklärte und ob es mir gelang, ist mir nicht mehr gegenwärtig. Aber heute hat es Herr Buls, noch immer Bürgermeister, erlebt, daß der damalige Ministerpräsident und altaugestammte Vertreter des Lütticher Landes, Frsre-Orban, einer der festesten und begabtesten Vertreter der individualistischen Weltanschauung, von seinem alten Sitz in der Kammer durch eineu Sozialisten verdrängt worden, und — sofort mit einein Spruug — ist das Land von der hintersten Front der sozialistisch bedrängten Länder in die vorderste gerückt. Ebenfalls in Folge des ausgedehnten Wahlrechts. Aber auch dies Wahlrecht wurde von den bisherigen Parteimächten nicht freiwillig eingeräumt, sondern ihnen durch einen elementaren Druck entwunden. Es steht eben in den Sternen geschrieben, daß wir in eine Zeit der vollen demokratischen Entwicklung eingetreten sind, und daß diese auf dem einen oder anderen Umweg, auf dem republikanischen, dem konstitutionellen oder dem absolutistischen zum sozialistischen Experiment hindrängt. Aber — 85 - die Sterne, in denen das geschrieben steht, geben uns wohlweislich keine Antwort ans die Frage, wie es ausfallen wird. Sie behalten sich vor, uns oder vielmehr unsere Nachkommen mit der Lösung zu überraschen, in einer Weise und an einer Stelle, die kein Lebender ahnt, ähnlich so, wie sie es mit den Vorgängern gemacht haben. Sie haben Zeit vor sich, die Sterne, mehr als die kurze Spanne jener Menschenleben, wegen derer man früher sie zu Rate zog. Im Stilleu denkt jetzt mancher: wohl dir, daß du kein Enkel bist! Aber ganz ernst ist es ihm damit doch nicht. Hinge es von ihm ab, die Nengier hielte ihn doch immer wieder vom letzten Schritt zurück, damit er einst noch erfahre, was aus all dem werden muß. Das Glück ist ein so fraglich Ding, das Leben schon schön, wenn es nur interessant ist. Wer möchte nicht gar so gerne wissen, wie es auf dieser tollen Erde aussehen wird in Hunderten von Jahren, wenn selbst seine Asche nicht mehr davon bewegt wird! Jüngst, ehe der Reichstag das alte Haus verließ, iu dem ich ein Vierteljahrhundert mit ihm geliebt, gelitten und gestritten (viel weniger gehaßt, als der Vulgus meint), ging ich noch einmal in die bescheidene Wandelhalle, die zum Rednersaal führt, von ihr Abschied zu nehmen, auf Nimmerwiedersehen. Und es blickten von den Wänden rings umher die Bilder volkstümlicher, freisinnniger Männer, die Bilder von Schiller, Uhland, Pfitzer, Humboldt, Arndt, Stein, Scharnhorst, Mathy, Dahlmann, Fichte, mit ihren Kernsprüchen verziert, ans mich wehmütig herab. Das war der Schmuck im Geiste des Jahres 1870. Dann ging ich von dieser stillen Stätte mit ihren bürgerlichen Namen und Reden hinüber zu jenem Prachtbau, in dem mir zahllose Wappen, Untiere mit Kronen, Schnäbelu und Krallen entgegengrinsten, dazu geharnischte Ritter mit offenem und geschlossenem Visier, Lanzen und Schwertern und Namen — 86 — von Fürsten und Herren. Und mancherlei ging mir durch den Sinn, was hier besser verschwiegen bleibt. Draußen am Eingang fand ich dann den bereits berühmten unbeschriebenen Stein, den ts-eits Icxznkuwm. Es heißt, er wäre bestimmt gewesen zur Inschrift: „Dem deutschen Volke". Wie wäre es, wenn — ein Vorschlag zur Güte — die Worte hiueingemeißelt würden: Dsv iZnoto? VI. Wer einige Formen öes geselligen Verkehrs. Liebe Freundin! Äls ich Ihnen jüngst klagte, daß unser Schoßkind „Die Nation", sich auf alten Brauch berufend, wieder einen Weihnachtsartikel von mir verlange, ich aber fürchte, gerade vom alten Brauch aufgebraucht zu seiu, meinten Sie, ich sollte es doch noch einmal wagen uud gaben mir obiges Thema dazu. Ich gehorche, wenn auch uicht ohne Zagen, denn das ist ein klippenvolles Gestade. Zwar hab ich einmal vor Zeiten in einer politischen Tischrede unter dem Beifall meiner Zuhörer (Mitesser sind meistens ein gütiges Publikum) den Satz ausgeführt, der Mensch solle, was er etwa durch Alter an Autorität erworben habe, dazu verwenden, um sich zu kompromittieren, d. h. um Wahrheiten auszusprechen, die ein Jüngerer nicht wagen dürfte, ohne sich seinen Weg in die Zukunft zu erschweren. Aber im weiteren Fortschreiten der Jahre kommt der Mensch, der sich bekanntlich immer ändert, wenn er nicht zu dumm dazu ist, auch wieder von diesem Übermut seiner dritten oder vierten Jugend zurück und zu der Einsicht, daß er besser thue, das kleine Kapital an gutem Namen, welches er zu- — 88 — sammengespart haben möchte, nicht auf seine alten Tage leichtsinnig zu verthun. Mit anderen Worten: ich bitte um Nachsicht. Da Sie mir empfohlen haben, ich solle, um meine Befangenheit los zu werden, anfs Geratewohl drauf losschreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, so folge ich diesem Rat, indem ich gleich an die zwei Worte anknüpfe, die zu Häupten dieses Schreibens stehen. Ich habe nämlich eine gewisse Antipathie gegen daS Eigenschaftswort „verehrt" da, wo es bei uns auch im freundschaftlichen und intimen Briefstil als Form der Anrede allgemein üblich ist. Nun sind zwar Formen, oder, wie man hier vielleicht besser sagen könnte, Formalien in der Hauptsache dazu da, daß man nicht nachzudenken braucht, und sie verlangen daher auch gar nicht, daß man sich bei ihnen etwas denke. Damit bin ich grenzenlos einverstanden, so sehr, daß mir alle Wahrheitsfanatiker im menschlichen Verkehr von Grund aus zuwider sind, heißen sie nun Ibsen oder nur Nordau. Ich behaupte, das genieinsame Leben wäre nicht eine Stunde zu ertragen, wenn jeder jedem jeden Augenblick alles oder nur das sagen müßte, was er denkt. Als der Mensch, nachdem er vom Baume der Erkenntnis gegessen, entdeckte, daß er nackt sei, beschloß er wohlweislich, sich Kleider anzuschaffen, nicht um sich vor Kälte, sondern um sich und die anderen vor der nackten Wahrheit seiner körperlichen Erscheinung zu schützen. Ebenso brauchen wir auch für unsere Gedanken und Gefühle Kleider. Der Anstand verlangt, daß wir sie nicht nackt zeigen, und die Gewohnheit, sie nur in Verhüllung zu geben und zu empfangen, erzieht uns dazu, daß wir unsere eignen nicht mehr in ihrer Nacktheit sehen und uns vorstellen, sondern nur in der Form, in der sie zu sehen nns die gute Sitte zur zweiten Natur gemacht hat. — 89 — Wie überall, kommt es bei der Anwendung eines Prinzips auch hier darauf an, die richtige Grenze zu ziehen. Wie stark soll man, mit Mephisto zu reden, lügen, wenn man höflich ist? Hier fängt das Reich des guten Geschmacks an, und ihm ist auferlegt, die Schattierungen anzubringen. Ich habe nichts dagegen, daß man in der kühlen Zone des brieflichen Verkehrs zur einfachen Ehrsamkeit seine Zuflucht nehme. Je banaler desto besser. Ehre ist im Grunde beinah das gesetzlich vorgeschriebene Maß von Anerkennung, das ich meinem Nebenmenschen schulde bei Strafe der Beleidigung, und da es in keinem Lande der Welt so viele Beleidigungsklagen aller Dimensionen bis in die vierte des volrls svsirtualis hinein giebt wie in Deutschland, so ist es auch ganz folgerichtig, daß nnvertraulicher Weise einer den andern als „Geehrter Herr" oder „Geehrte Frau" apostrophiert. Um so unnatürlicher ist das, sobald die Beziehung eine etwas wärmere Temperatur annimmt. Wenn ich, wie das täglich geschieht, von einem lieben alten Kameraden, mit dem ich seit Jahrzehnten mich vertragen oder auch gestritten habe, ein Handschreiben erhalte, an dessen Kopf steht „Geehrter Freund", so ist mir immer, als würde mir ein Eimer Wasser über den Kopf geschüttet: und wenn ich das Vergnügen habe, an eine junge hübsche Dame zu schreiben und soll oben aufsetzen „Geehrte Frau" oder „Geehrtes Fräulein", so kommt mir das immer vor, als wenn ich ihr eine Matronenhaube aufstülpte. So fürchterlich steif uud zugeknöpft! Man rückt auf zehn Schritt ab. Freilich, die Titel, mit denen wir uns das Leben erschweren, legen sich schon vorher absperrend in den Weg. Denn, um abermals mit Mephisto zu reden, der Doktortitel, der die Weiber vertraulich macht, ist genau das Gegenteil vom Geheimratstitel in weiblicher Gestalt. „Liebe Fran Geheime Rätin", das kann man doch ohne Schauder» einer Dame — 90 — unter, sagen wir, sechzig Jahren nicht schreiben, und es giebt deren, mit diesem Titel versehene, die kaum die Hälfte dieses Wegs zurückgelegt haben. Es ist ja das Unglück für unsere Sitte, und ein bezeichnendes, daß wir nicht, wie Franzosen, Engländer, Italiener, Spanier, von lange her die Gewohnheit haben, uns einfach mit Herr und Fran anzureden, und je nach der Ferne oder Nähe der Beziehung diesen Titel mit dem Ehren oder dem Lieben bekränzen können. Aber dem ist nun einmal nicht abzuhelfen. Das Ohr hat sich daran gewöhnt, in „Mein Herr" einen beleidigenden Unterton zu hören; wer einen Brief so überschrieben empfängt, denkt zunächst, daß ihm ein Duell auf den Leib rückt. „Meine Frau" ist vollends unmöglich. „Lieber Herr" und „Liebe Frau" klingt bald ironisch herablassend, bald unterwürfig zudringlich. In Ladengeschäften und sogar auf öffentlichen Märkten habe ich in neuerer Zeit von Verkäufern öfter die Anrede vernommen: „Mein Herr" oder „Meine Dame", und es wäre ganz gut, daß das sich ausbreitete; es könnte sich allmählich so einbürgern, daß das ungewohnte possessive Fürwort „mein" nicht mehr nnsanft berührte, weil man sich nichts mehr dabei dächte. Daß wir so weit noch nicht gekommen, erfuhr ich jüngst, als ein vornehmes Fräulein ganz entrüstet nach Hause kam und sich verschwor, in den bewußten Laden nie wieder den kleinen Fuß zu setzen, denn der Kommis habe sie angeredet: „Meine Dame" und dieses untergeordneten Menschen Dame sei sie doch nicht. Ist unser Ohr nicht an die kurze Formel anderer Nationen gewöhnt, so ist es dagegen ganz vertraut mit der Einflechtung des Familiennamens in die Anrede. Das ist zwar auch nicht schön, aber doch weder unbequem uoch steif, und wenn wir uns nur damit befreunden könnten, die Titulaturen wegzulassen, so könnten wir schon einen Schritt nach der Seite anmutigerer und wärmerer Formen — 91 — thun, indem wir uns gewöhnten zn schreiben: „Lieber Herr oder Liebe Frau Soundso", nnd „Lieber Freund oder Liebe Freundin". Ich habe selbst im Kleinen erprobt, daß man durch hartnäckige Anwendung seiue Korrespondenten zn dieser Formel erziehen kann. Das große Kapitel von den Titulaturen hier anzuschneiden, habe ich nicht den Mnt, so sehr es reizen könnte, die tiefgehende Frage zu untersuchen, welche von den zwei Narrheiten die praktischere sei, die französische des roten Bändchens oder die deutsche des „Rats" in allen seinen Abstufungen. So weit meine Beobachtung geht, kommt der Herr oder die Frau Kommer- zien- oder Negierungsrat mit ihren höheren Potenzen des Geheimen und Wirklichen Geheimen in der Konversation ein wenig aus der Mode; ein Gefühl für das unendlich Zopfige der Sache scheint sich allmählich Bahn zu brechen. Ob es auch mit den Amtstitulatureu so geht, vermag ich nicht zu beobachten, beispielsweise ob in juristischen Kreisen die Anrede „Frau Erste Staatsauwalt" gebräuchlich ist. Als ich vor einem halben Jahrhundert in Gießen stndierte, gab es da eine „Frau reitende Försterin". Soll man sagen: Frau Geheime Rätin? oder Frau Geheime Rat? Darüber wäre Daniel Sanders zu konsultieren. Seit einiger Zeit haben sich die „Exzellenzen" so kaninchenhaft vermehrt, daß man auch über diese Bezopfung allerwegen in der Konversation stolpert. Wie viele Exzellenzen Wert darauf legen mögen, daß man alle zwei Minuten ihnen dieses Epitheton im Zwiegespräch an den Kopf wirft, weiß ich nicht; sicher ist, daß es eine Menge Krähwinkler beiderlei Geschlechts giebt, welche eine stille Wollust durch ihre Glieder rinuen fühlen, wenn sie nicht nur jedem Satz diesen Titel als Vokativ einfügen, sondern auch in der dritten Person von solch einem erhabenen Wesen redend sagen können: „Exzellenz Sonndso ist mir im Tiergarten begegnet". — 92 — Wenn dieser unschönen Dinge gedacht wird, so sollen auch die schönen nicht unerwähnt bleiben. Da ist z. B. der biedere Händedruck nach Tisch mit ausdrücklicher oder stillschweigender Segnung der genossenen Mahlzeit. Früher nur in Norddentschland gebräuchlich hat er sich, seitdem Berlin Reichshauptstadt geworden, mit großer Schnelligkeit über ganz Deutschland ausgebreitet, und die Ausländer, welche den Brauch hier kennen lernen, finden sich mit Vergnügen darein. Es liegt etwas Natürliches und Gutartiges zu Grunde. Nachdem der Mensch sich in Speise nnd Trank gütlich gethan, fühlt er sich auf der Höhe seines Wohlwollens. Nicht selten kommt auch noch das beseligende Gefühl dazu, nach ach! manchmal mehr als zweistündiger Festgebanntheit auf demselben Stuhl zwischen den zwei selben Nachbarn endlich erlöst zu sein. Es giebt wenig Dinge, über welche die Menschheit so einig ist, als darüber, daß Mahlzeiten mit zahlreichen Gästen und massenhaftem Aufmarsch von Speis' und Trank eigentlich vom Übel sind. Jedermann preist die Vorzüge der kleinen Tafelrunde mit gemeinsamer Unterhaltung uud wenigen Gängen, aber nirgends trifft mehr das vickso msliors, xrodvczus, ckstsrioi-g, ssquor zu als darin. Die Pruukmahlzeit im großen Stil ist so tief in der üppigen Geselligkeit begründet, daß ihre Herrschaft nie aufhören wird, wie sie besteht, seitdem es Luxus und Gesellschaft giebt. Je nach dem Geist der Zeiten herrscht die Mahlzeit oder das Gespräch in der Form der geselligen Zusammenkunft vor. Das, was man den „Salon" nennt, trägt vorwiegend das Gepräge der Konversation und ist, in diesem seinem engeren Sinne genommen, bekanntlich eine Schöpfung der Pariser Aristokratie aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts. Das Hotel Rambouillet mit seinen geistreichen Spielereien bildet den Ausgangspunkt. Unter der Regentschaft bekam mit der Ausgelassenheit der — 93 — Sitten das sinnliche Element das Übergewicht. Die gouxsrs üsZsuLS sind sprichwörtlich geblieben. Die Gesellschaft der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ist durch ihre unabsehbare Memoirenlitteratur die bekannteste von allen. Sie ist das getreue Kaleidoskop jener interessanten Epoche, in welcher alle hösischen nnd aristokratischen Fehler und Vorzüge, Verfeinerung, Galanterie und Intrigue, sich mit den gewaltigsten vulkanischen Gährungen mischten und über die ganze Welt ihre Anziehungskraft ausübten. Bereits im siebzehnten Jahrhundert kam der Gebrauch auf, den Salon „die Welt" zu nennen, 1s lluznäs, und die kleinste aller Welten heißt 1s Zi-and monds. Als Madame Rscamier 1849 starb, meinte Ste. Beuve, mit ihr sei die letzte Personifikation dieser schönen Überlieferung zu Grabe gegangen. Hier hatte ganz das geistige Element das luxuriöse überwogen, ohne das der weiblichen Herrschaft auszuschließen. Etwas Ähnliches in verjüngtem Maßstab bot die kleine Berliner Gesellschaft, die sich um Rahel und einige Damen dieses Kreises sammelte. Unter dem Direktorium drang die Politik gleichberechtigt mit der Litteratur in die Salons ein und erstreckte von da ihren Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Währeud des zweiten Kaiserreichs waren die Salons einer der fühlbarsten Mittelpunkte für die Opposition. Da mit wenigen Ausnahmen die ganze gute Gesellschaft entweder legitimistisch, oder orleanistisch, oder republikanisch war, sammelte sich hier alles, was dem bonapartistischen Regiment widerstrebte, und gereichte diesem zu unaufhörlichem Mißbehagen. In diesen Kreisen lernte ich beinah alle interessanten Persönlichkeiten der Epoche kennen uud damit den Wert dieser Art des Verkehrs schätzen. Die beliebteste Form war die von Mittagessen von beschränktem Umfang, selten über ein Dutzend, zu welchen am Abend Besucher in großer Zahl stießen. Das letztere war eigentlich — 94 — der Hauptzweck, das vorausgehende Diuer nur ein Mittel, sich einen festen Stamm zu sichern, während der abendliche Zufluß der offenen Thüre ohne feste Verabredung dem Zufall anheimgestellt war. Die Esfensstunde war damals noch sechs Uhr, jetzt ist sie auf acht hinausgerückt. In Berlin beschränkt sich dieser Modus bis jetzt auf wenige schüchterne Versuche. Man scheut sich, seiueu Freunden zuzumuten, daß sie erst nach aufgehobener Tafel kommen, sn czurs-äsuts, als Zahnstocher, wie man es scherzhaft im Französischen, aber ohne bösen Nebengeschmack, ausdrückt. Nach meiner Erfahrung hat diese Form sehr viel für sich. Sie schützt vor der Unannehmlichkeit, einen Abend zu eröffnen, an dem niemand kommt oder nur eine Zahl von Personen, die nicht gut zusammenpassen. Das Dutzeud wohl zusammengestellter Hauptfiguren verbürgt den guten Verlauf des Abeuds, der zum Zweck vielfacher Bewegung und beweglicher Unterhaltung doch die Hauptsache bleibt. Allerdings legt er den Gastgebern und namentlich dem aktivsten Teil, der Hausfrau, eine große Anstrengung auf. Sie muß von der ersten Stunde bis nach Mitternacht unter den Waffen bleiben. Aber ohne Anstrengung wird nichts gut gemacht, am wenigsten die Gesellschaft, und unter Anstrengung ist hier nicht bloß die Mühe, sondern die geschickt angebrachte Mühe zu verstehen. Die verantwortliche Herrin eines Salons muß stets auf dem „Hui vivs" bleiben, wie ein Schlachtenlenker, und dabei dürfen die Gäste von der Aktion nicht die Arbeit, sondern nur den wohlthuenden Effekt merken. Bekanntlich hängt vom Terrain, auf dem man sich gesellschaftlich begegnet, alles ab. Dieselben Personen werden sich in dem einen Salon vortrefflich amüsieren, die sich in dem anderen tötlich langweilen. Der Geist des Hauses ist das Entscheidende, und dieser Geist geht von der Herrin aus. Zum Ganzen dieser sozialen Institution gehört eben 95 — darum eine gewisse Herrschaft des Weiblichen, wenn sie auch besser nicht, wie in Frankreich, so weit geht, daß die Gnnst einflußreicher Dameu bei Besetzung einträglicher Ämter wirksam eingreift. Diese Macht der weiblichen Persönlichkeit erklärt sich zwar ans dem besonders lebhaften geschlechtlichen Sinn der Nation, bernht aber seiner allgemeineren Natur uach auf dem Sinn für das Persönliche überhaupt, aus welchem die Veranlagung des französischen Ingeniums für Gespräch und Geselligkeit entspringt. Auch die Männer unter sich kommen leichter in Fluß und halten länger dabei aus. Bekanntlich giebt es in Paris eine Menge von regelmäßig alle Monate an einem bestimmten Tag wiederkehrenden Diners, bei denen sich eine bestimmte Gesellschaft zusammen findet. Den Kern bildet gewöhnlich das Schriftstellerpersoual. Zu einer gewissen Berühmtheit gelangten die Dürers Lts. Lkirvk, auch Dirisrs clu vsircZrsdi genannt, weil sie ihre Freigeisterei (bezeichnend für Frankreich) in der Sünde gegen das Gebot der Fastenspeisen znr Schau stellten. — Vor vielen Jahren kam einem unserer berühmtesten Gelehrten der Gedanke, etwas Ähnliches in Berlin zu versuchen. Er wendete sich um Beistand an mich, und ich sagte, mit einigem Zweifel in das Gelingen, zu. Wir brachten, ich darf wohl sagen, das Beste, was die Hauptstadt bot, zusammen. Gelehrte, Künstler, Schriftsteller, Männer des praktischen Lebens, Parlamentarier u. s. w.; um nur von seitdem Verstorbenen einige zu nennen: Helm- holtz, Werner Siemens, Wilhelm Scherer, Max Maria von Weber, Adalbert Delbrück, Heinrich Homberger waren dabei; im Ganzen ungefähr ihrer dreißig. Im ersten Winter ging es so ziemlich. Ein recht frischer Zug kam nie hinein. Im folgenden zögerte ich mit der Einberufung, aber Scherer, der — vielleicht dank seinem österreichischen Naturell — einen lebhaften Unterhaltungs- und Umgangstrieb hatte, ^/ — 96 — verlangte eine Wiederholung des Versuchs. Doch im Verlauf dieses neuen Anlaufs erwies sich, daß die Sache weder einem Bedürfnis entsprach, noch Befriedigung eintrug. Es kam keine rechte Annäherung uud auch keine angeregte Unterhaltung in Fluß. Der Besuch wurde immer lückenhafter, der Geist erlahmte. Als im Beginn des dritten Winters Scherer mich aufsuchte, um die Einladungen von neuem zu erlassen, sagte ich ihm, wenn sich außer ihm noch ein Zweiter meldete, der nach dem Wiederbeginn begehre, würde ich vorgehen. Aber dieser zweite erschien nicht, und so ging es klanglos zu Ende. Obwohl das nur ein isolierter Vorgang, ist er als charakteristisch erwähnenswert. Zwar giebt es in Berlin eine Reihe von festen Tafelrunden, sogenannte Kränzchen, von Gelehrten, Künstlern u. s. w.; aber der Sammelpunkt vereinigt immer nur Vertreter bestimmter Berufszweige oder Jnteresfen. Das allgemein Menschliche, das nur auf die freie weltliche Unterhaltung geht, genügt nicht; die einzelnen interessieren sich nicht genug für einander, um an ihrer Begegnung lebhafte Freude zu haben und dieselbe durch Mitteilung zu nähren. Hier liegt offenbar eine Verschiedenheit der Naturanlage der beiden Rassen zu Grunde, und wenn Sie mich darüber noch ein wenig weiter plaudern lassen wollen, thue ich das nächste Woche in einem zweiten Briefe. Ihr L. Bamberger. (Zweiter Brief.) Liebe Freundin! Gewiß giebt es unter den Deutschen ebenso viele gute Freundschaften als unter den Franzosen. Aber da, wo das beste aufhört, und das Mittelgut des menschlichen Zu- — 97 — sammenhangs beginnt, ist der Deutsche kälter, das heißt unpersönlicher als der Franzose. Die Dinge interessieren ihn mehr als die Menschen. Sachliche Zusammenhänge ziehen ihn mehr an als persönliche. Selbst das Institut der Kneipe, von seiner burschikosen Urform an bis in seine verschiedensten Auszweigungen ins spätere Leben, scheinbar ein so geselliges und für seine „Gemütlichkeit" besungenes, bestätigt nur die Thatsache, daß das Persönliche in den Hintergrund tritt. In diesen langen Reihen nebeneinander sitzender, mit Trinken und Rauchen beschäftigter Gäste fließt selten die Unterhaltung und wird selten das individuelle Juteresse vom einen zum anderen erweckt. In der Kneipe braucht man nur die Zahl, nur den Anblick des Versammeltseins zu haben, und die Gemütlichkeit ruht wesentlich auf der Formlosigkeit, mit der man sich gehen lassen kann. Die Kneipe ist aus Zählern ohne Nenner zusammengesetzt, und dieser Mangel an persönlicher Vertraulichkeit bei eiuer nach Vertraulichkeit aussehenden Ungeniertheit ist mir im Laufe einer mit der Studentenzeit beginnenden und mit einer langen parlamentarischen Laufbahn abschließenden Erfahrung immer deutlicher zur Erkenntnis gekommen. Es ist mir anfänglich ein Gegenstand des Erstaunens gewesen, bis ich mich allmählich — wenn auch nur unvollkommen — daran gewöhnte, daß so wenig menschlicher Zusammenhang aus z. B. langjähriger politischer Zeltgenossenschaft unter den Mitgliedern einer Partei erwuchs. Mit wenig Ausnahmen weiß einer um den andern, kümmert sich einer um den andern, nur wenn er ihn vor Augen hat. Es braucht einer noch gar nicht von der Bühue abzutreten, um vergessen zu werden. In den Jahren, wo ich eine gewisse Parteiaufsicht führte, kam mir das mehr als sonst zum Bewußtsein. Wenn einen Kollegen irgend ein Ungemach nach Hause rief, sei es, daß er krank ward, oder ihm ein Unglück in der Familie Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. » — 98 — widerfuhr, wartete ich ab, ob die Rede auf den Abwesenden kommen, ob jemand sich nach seinem Schicksal erkundigen werde. Nur in den seltensten Fällen geschah es. Ich hatte mir zur Regel gemacht, fiktiver Weise im Auftrage der Fraktion an den Abwesenden zu schreiben, aber die ob solch seltener Teilnahme gerührte Antwort behielt ich still für mich in der Tasche. Das Alles beruht vielleicht weniger auf Verschiedenheit des Innern als auf Verschiedenheit der Epidermis. Die Haut ist der Sitz der Höflichkeit, das Herz der Sitz der Güte. Ganz zu trennen sind sie bekanntlich nicht, sie stehen in Wechselwirkung. An ?o1itssss äu «zosrii- fehlt es dem Deutschen. Selbst aus der Verschiedenheit der Zustände, nach den Temperaturen von Zeit und Ort läßt sich ermessen, wie sogar dieselben Subjekte bald mehr bald weniger lebendig und warm in persönlicher Berührung reagieren. So war in den ersten Jahren nach der Gründung des Deutschen Reichs, wo das Leben frischer und wärmer pulsierte, auch der soziale Zusammenhang in der politischen Welt ein viel schönerer. Zum Beispiel verewigten sich alle Parteien des Reichstages zu gemeinsamen Abendunterhaltungen, über denen eine Stimmung gegenseitigen Wohlwollens lag. Damals trugen Fürst Bismarcks feste Samstagsabende den Stempel einer großartigen eleganten Geselligkeit. Angeweht von der Conrtoisie, die er in der vollendetsten Weise des guten Tons zu entfalten weiß, verbreitete sich über die bunt zusammengesetzte Gesellschaft eine Atmosphäre, die ich europäisch nennen möchte. Nnr im Vorzimmer erinnerte der für die Trinkgelder der Dienerschaft aufgestellte Teller an nicht europäischen Brauch. Später, als der Geist des Reichs abwärts ging, wurden aus den europäischen Abenden bayerische Frühschoppen, die sich im Lauf einer Stunde abspielten, auch ohne den Schmuck des Dainenflors, der in — 99 — der früheren besseren Zeit den Vereinigungen ihr großweltliches Gepräge gab. Der politische wie der musikalische Salon haben ihre Bedeutung für die Geselligkeit. Ihnen gebührt jedoch nicht die erste Stelle, weil sie nur einen spezifischen Charakter tragen und, wo sie vorherrschen, das allgemein Menschliche, welches das wahre Fundament bilden soll, zurückdrängen. Gerade umgekehrt dazu verhält sich das Litterarische. Es ist kein Zufall, daß der französische Salon, welcher Europa das Vorbild geliefert hat, schöngeistigen Liebhabereien seine Entstehung verdankt. Wenn er auch schon nach nicht langer Zeit ins Kraut der?rsoisii8ss Riäioulss schoß und bis auf den heutigen Tag von einzelnen Damen immer wieder mit ähnlicher blaustrümpfiger Affektiertheit betrieben worden ist, so sind doch die litterarischen Interessen das wahre nnd wirksame Flnidum, um eine gute Gesellschaft zu beleben und zu erhalten. Wir stehen in diesem Punkt hinter Frankreich nnd England zurück aus demselben Grunde, weshalb in Deutschland so viel weniger Bücher gekauft uud Zeitschriften gehalten werden als in anderen Kulturländern. In Paris gehört zum guten Ton, daß man nicht in eine größere Gesellschaft gebildeter Männer und Frauen geht, ohne wenigstens oberflächlich über die litterarischen Neuheiten Bescheid zu wissen, und umgekehrt erscheint kein belletristisches Werk, ja kein gelungenes Feuilleton, ohne Gegenstand allgemeinen Gesprächs in diesen Zirkeln zu werden. Desgleichen reißt man sich da um einen Schriftsteller, sobald er mit irgend einer die Aufmerksamkeit erregenden Produktion hervorgetreten ist. Wahrscheinlich steht in Wechselwirkung damit, daß im Roman wie im Schauspiel uusere Schriftsteller so selten den Ton des leibhaftig Lebendigen zu treffen wissen. Sie und die Gesellschaft, soweit wir eine solche haben, berühren einander zu wenig. 7* — 100 — Eitelkeit ist ein unentbehrliches Element größerer Geselligkeit. Hier, mehr als sonst wo, trifft das Goethesche Wort zu, daß sie sich mitten hineinstellt, um Großes und Kleines zu verbinden. Wo sollte sie am Platze sein, wenn nicht hier, im Aufwand der Gastgeber, vor Allem im Putz der Damen? Bei uns können diese ihn ja nicht einmal mehr im Theater zeigen, seitdem nach Bayreuther Vorbild die alberne Sitte eingeführt ist, während der Vorstellung das Haus iu ägyptische Finsternis zu versenken, damit das Publikum gezwungen werde, unablässig, auch während der gleichgültigsten Szeuen, auf die Bühne zu starren, wie die Schulkinder auf die Tafel, an der der Herr Lehrer doziert. Übrigens scheint mir, daß in vielen Stücken die Berliner Gesellschaft eher im Voranschreiten als im Rückgang begriffen ist. Man wird kaum mehr auf die unbrauchbar frühe Stunde von vier oder fünf Uhr zum Mittagessen eingeladen, nnd das leidige Abendbrot, welches lange späte Stunden hin an den Tisch festnagelt, verschwindet sichtbarerweise. Etwas anderes kommt auch ein wenig in Abnahme, doch noch lange nicht genug: das Vorstellen. Für die Herrschaft des Unpersönlichen ist nichts so bezeichnend. Gerade unter dem Borwand allgemein gebotener persönlicher Annäherung sinkt die Prozedur zum wesenlosesten Schein herab, und nicht zum schönen. Welch ein langweiliges, hölzernes, mechanisches und unbequemes Verfahren! Ich habe den Verdacht, es stammt aus irgend einer Vorschrift her, die im Kadettenhaus gelehrt wird, und dieser Eindruck erneuert sich mir jedesmal, wenn ich jüngere Leute zu solcher Vorstellung einzeln oder in Massen antreten sehe. Daß man mit anständigen Menschen zusammen sein werde, kann man voraus wissen, ehe man ein Haus betritt. Aus der Vorstellung erfährt man nichts dazu. Bekanntlich hört mau auch den Namen, der doch gar nichts besagt, wenn er nicht — 101 — ein berühmter ist und zugleich deutlich artikuliert wird, — beides gehört zu den Ausnahmsfüllen — beinahe niemals. Höchstens wird noch der Name des einen Teils vernehmlich gesprochen; beim zweiten füllt meistens die Stimme des Vorstellenden tonlos zu Boden. Der Zweck, dem die Vorstellung vernünftigerweise dienen soll, kann nur darin liegen, daß die Vorgestellten wissen, welches besondere Interesse sie an einander haben können. Darüber klärt der Name gar nicht auf, auch nicht der Titel. Der „Herr Direktor" kann mit der Leitung einer Ziegelei oder einer Abteilung im Ministerium des Innern betraut sein. Zur Unterhaltung auf gesellschaftlichem Boden ist es auch nicht nötig, in die Stellung der an derselben Teilnehmenden eingeweiht zu sein. Ein gebildeter Mensch wird es vermeiden, seine Ansichten über heikle Dinge in einem nicht vertraulichen Kreise scharf auszusprechen. Er wird weder seinen religiösen noch seinen politischen Glauben zum besten geben und sogar mit seinen Ansichten über Homöopathie oder Wagnersche Musik zurückhalten, um keinen Nebenmeuschen unsanft zu berühren; auch wird er uicht, wie der glückliche Philister, der ein Eisenbahngespräch anbindet, von den Ruhmesthaten seines Erstgeborenen in der Tertia des Gymnasiums erzählen. Die ersprießliche Art der Vorstellung verlangt, wie jede gesellschaftliche Aufgabe, nicht fabrikmäßig in Bausch und Bogen, sondern mit Takt im konkreten Fall behandelt zu werden. Auch da ist alles Arbeit, und besonders für die Hausfrau. Sie hat jeden der beiden Vorzustellenden mit einigen Worten unter vier Augen über die Person des anderen Teils aufzuklären und dann den Schlußakt zu vollziehen, nachdem sie des gegenseitigen Einverständnisses gewiß geworden, was nicht immer überflüssig ist. Einem meiner Bekannten passierte es einmal in einem Pariser Salon, daß die Dame des Hauses ihn frug: ,,Darf — 102 — ich Sie dem Herzog von N. vorstellen?" worauf er dankend ablehnte mit den Worten: „Lieber nicht, ich bin zu meinem Vergnügen hier." Eine der scheußlichsten Lagen, in die man öfter durch deu Mißbrauch dieser Ceremonie kommt, ist die folgende. Man steht im Gespräch mit jemandem; man hat sich, vager physiognomischer Erinnerung nach, mit Freundlichkeit als Bekannte begrüßt, ohne sich gegenseitig des Namens zu erinnern, und redet auf gut Glück fernerer Jdentitätsermittelung weiter. Da tritt plötzlich ein Dritter feierlich heran mit den Worten: „Bitte, wollen Sie mich dem Herrn vorstellen". Aber der so Aufgeforderte weiß weder den einen noch den anderen beim Namen zu neuneu: Tableau! Das Sichselbstvorstellen ohne Kommentar wirkt grotesk, aber es ist nicht so fatal wie das, was ich die Mitrailleusenvorstellung nenne. Man tritt in eine Gesellschaft. Zwanzig oder mehr Personen stehen oder sitzen in der Runde. Eine Sekunde, nachdem man guten Tag gesagt hat, setzt sich der Vvrstellungsapparat in rasende Bewegung die ganze Reihe herum, und nun ist man der Voraussetzung überliefert, das Alles zu kennen. Es giebt Menschen, die es sogar für einen Mangel an gutem Ton halten und übel aufnehmen, wenn man sie nicht aufs schnellste dieser Kanonade aussetzt. Eher fühlen sie kein Recht anfs Dasein im neuen Kreise. Aus derselben Ursache wie den des Sinnes für das Persönliche entbehrenden Vorstellungsformalismus leite ich den Brauch her, Familienereignisse, mit den intimsten Gefühlsäußerungen geschmückt, durch die Zeitung anzukündigen. Am ersten läßt sich die einfache Benachrichtigung auf dem Wege des Inserats noch bei einem Todesfall motivieren. Hier ist schnelle Meldung angezeigt, nnd der Kreis der sich dafür Interessierenden nicht leicht festzustellen; aber freilich wäre nur die Thatsache und nicht die Art und — 103 — das Maß der dadurch hervorgerufenen Gemütsbewegung zur Kenntnis eines geehrten Publikums in Stadt und Land zu bringen. Und sonderbar, während die innigste Rührung hier sich vor den Augen der gleichgültigen Menge Luft macht, bleibt wieder die Persönlichkeit der Gerührten im tiefsten Dunkel. „Heute Morgen 9 Uhr gefiel es Gott dem Allmächtigen, unseren innigst geliebten Gatten, Vater, Bruder und Schwager Herrn N. N. nach langen schweren Leiden aus dem tiefgebeugten Kreise seiner Familie in ein besseres Jenseits abzuberufen. Um stille Teilnahme bitten die Hinterbliebenen." Selbst in Briefform, nicht nur in Zeitungsmeldungen, kommt diese Anonymität häufig vor. Wer sind die Hinterbliebenen? Wenn man doch auf Teilnahme, sei es auch nur auf stille, rechnet, fo mögen die ,.Hinterbliebenen" wenigstens sich nennen, damit der, welcher ihnen diese Teilnahme beweisen will, sie sich vorstellen uud sie zur Not finden kann. Gar nicht selten geschieht es, daß man auf diese Weise den Tod eines Menschen erfährt, den man vor Zeiten schätzen gelernt hat, ohne seine Familienverhältnisfe verfolgt zu haben. Man möchte das den „Hinterbliebenen" sagen, aber im Dunkel dieser Namen- losigkeit ist das oft schwer zu erreichen. Der Appell unbekannter Berkünder an ein ihnen zum allergrößten Teil unbekanntes Publikum steigert sich nun gar ins Komische bei den wehmütigen Nachrufen, welche einem Verstorbenen in dem Inseratenteil der Zeitung gewidmet werden, nicht um seinen früher bekannt gemachten Tod zu melden, sondern um die Zeitungsleser in die Gefühlswelt einiger ihm nahestehenden Überlebenden einzuweihen, beispielsweise seiner Angestellten oder seiner Geschäftsteilhaber oder anderer in ähnlichen Beziehungen zu ihm gewesenen Personen. Sie gehorchen dem Dränge aus ihrem tiefsten Innern, sich vor den Abonnenten der Zeitung auszuweinen; sie müsfen diesen die Gewißheit geben, daß ihr Schmerz um den Hingeschiedenen Büreauvorsteher oder Mitverwaltungsrat in ihrer Seele nie ausklingen wird. Damit dies allgemein beherzigt werde, gelangt es auf dem sicheren Wege und aus derselben Seite zum Ziel, auf dem ueueste Matjesheringe oder die Kunst, sich unfehlbar das Haar zu färben, empfohlen werden. Nicht selten erhebt sich der Schmerzensschrei in so stimmungsvoller Gesellschaft sogar zur dichterischen Form, zu lyrischen Versen erhabenen Stils. Daß die Trostlosigkeit ihre Stimme ins Weite hinausschallen läßt, mag immerhin noch einige Entschuldigung finden. Aber die heiße Liebe zu einem lebenden Wesen, von deren bester Sorte „niemand nichts weiß", wie kommt die dazu, es auszuposaunen? Will man eine Geburt, obgleich das gar uicht solche Eile hat, möglichst schnell herumbringen, gut! so lasse mans in die Zeitnng setzen. Aber daraus folgt uoch nicht die Notwendigkeit, bei diesem Anlaß zu inserieren, daß man seine Gattin „innigst liebt", und daß sie einen „beglückt" hat, was sich beides eigentlich von selbst verstehen sollte. Doch es ist ja sogar gebräuchlich, in die Zeitung zu setzen, daß man sich verlobt, d. h. mit Erfolg verliebt hat. Mag es hingehen, daß eine Heiratsanzeige eingerückt wird, denn das Gesetz will die Öffentlichkeit durch das Standesamt wegen der Standesveränderung. Aber eine Verlobung, das kaum den Lippen entsprungene Bekenntnis gegenseitiger, zum Vorsatz eines Ehebundes gesteigerter Zuneigung, der Schlußakkord einer Liebeserklärung, die sich eben erst von den Banden des Geheimnisses befreit hat, durch Maueranschlag zu verkünden, ist in der That eine Verletzung des Schamgefühls. Zwar: „Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein" aber, ob Wohl ein Dichter, ähnlich wie Frau Marthe Schwerdtlein, singen möchte: ich rückt' es gern in alle Blätter ein? — Die Ehen — 105 — werden, im Anfang wenigstens, auf Lebenszeit geschloffen. Aber Verlobungen können rückgängig werden, und das ist sogar keine Seltenheit. Dann verlangt die Konsequenz, daß auch diese Vergänglichkeit von Lieb und Treu im Blättchen zu jedermanns Nachachtuug gebracht werde, ansonst jedermann bis dahin zum Festhalten an dem alten Glauben berechtigt bleibt. Wie lieblich sich das für die Beteiligten lesen muß: „Mein Verlöbnis mit Fräulein N. N. ist wieder aufgehoben, was hiermit zur Keuutnis gebracht wird". Wie das die Phautasie der Leser auregt, sie einlädt, nachzudenken über die gewechselten Eidschwüre, Briefe, Geschenke, Händedrücke und Küsfe! Ach, die Händedrücke und Küsfe. Da wäre ein Kapitel zu schreiben über die berechtigten oder unberechtigten Eigentümlichkeiten von Brautpaaren uud jungen Eheleuten, die sich vor aller Welt Augen an der 1°s,d1s 6'kvts, in der Eisenbahn, und wie erst in Freundes- und Bekauutenkreisen, mit recht sichtbaren Zärtlichkeiten dem uubewußten Triebe ihrer sinnlichen Erregung hingeben. So oft man dies von Deutschen sehen kanu, so niemals sieht man es bei anderen civilisierten Nationen. Man sagt, es käme von der Unschuld her. Schade nur, daß nicht das richtige Gefühl für das, was man den anderen schuldet, die Unschuld davor behütet, zur Unart anszuschreiteu. Dies, liebe Freundin, sind so einige von vielen Bemerkungen, die sich mir im Laufe der Jahre angesammelt haben. Indem ich sie niederschreibe, fällt mir ein, daß ich vorher Albertis Komplimentierbuch hätte nachsehen sollen, ob sie nicht darin erledigt sind, denn leider kenne ich es nicht. Doch jetzt ist es zu spät, der Brief ist geschrieben, und unsere Freundin „Die Nation" läßt mir keine Zeit zum Aufschub. Der Henker, in Gestalt des Druckerbuben, steht vor der Thür. Darum breche ich ab. Ich hätte noch — 106 — manches, Schlimmeres oder Besseres, aus verwandten Gegenden anzuführen. Zum Beispiel, warum gehört es in Deutschland zu den seltenen Ausnahmen, daß auf eine erwiesene Aufmerksamkeit, Gefälligkeit, ja mühevolle Dienstleistung ein dankendes Echo zurückschallt? Ich habe darin die närrischsten Erfahrungen gemacht, namentlich in dem ersten Jahrzehnt meiner öffentlichen Laufbahn, da ich noch naiver war als später. (Wer kaun sagen, daß er nicht mehr naiv ist?) Erst allmählich gewöhnte ich mir ab, zu antworten, wenn ich von einem mir gänzlich unbekannten Familienvater eine vertrauliche Anfrage bekam, z. B. wie ich ihm rate, seines Sohnes Ausbildung zu leuken, oder sein Vermögen anzulegen, uud hundert ähnliche Dinge. Auf einen gewissenhaften Bescheid ging in der Regel nicht die einfachste Empfangsbescheinigung ein. Der am Fuße des Briefes ausgedrückte „Dank im Voraus" hatte Alles geregelt. Merkwürdig ist, daß unter den Charakterzügen der Germanen schon Taeitus diesen hervorhebt: Zauäsnt rnuns- ridns, ssck nse cts-ts, iinzzutant nsv aczesxtis odliAantru'. Von Zeit zu Zeit, in ganz besonders verlockeuden Fällen reizt es mich noch immer, wieder einmal ein Experiment anzustellen, ob vielleicht ein Fortschritt zu konstatieren sein mochte. Leider bis jetzt ohne Erfolg! Meine zwei letzten Versuche wurden bei folgendem Anlaß gemacht. Kurz nacheinander wandten sich zwei Personen, jede in ansehnlicher Stellung, der eine sogar eine Berühmtheit, an mich mit der Bitte, ihnen den Wert einer bestimmten Art und Zahl Geldstücke älterer Zeit aus heutige» Wert umzurechnen. Die Sache ist nicht einfach. Man muß viel uachschlagen und rechnen. In beiden Fällen ließ ich mich zum Experiment verführen und gab sorgfältigen Bescheid. Mein Vertrauen auf Meister Stephans Apparat ist so groß, daß ich sicher bin, die beiden Herren haben meinen Brief erhalten. Aber — 107 — von ihnen selbst habe ich es nie erfahren. Und das sind nur zwei Exempel aus Erlebnissen ohne Zahl. Erklären Sie mir, wie kommt es, daß in diesen Stücken gewiß nicht alle, aber doch viele biedere Deutsche so wenig empfinden, was dem natürlichen Gefühl entspricht. Aber Sie werden mirs nicht erklären, wenigstens nicht vor Zeugen. Sie hüten sich vor der oüsusio Zsutinro., zu der Sie mich verlockten. Sie sind, — das weiß ich längst — klüger als Ihr Ergebener L. Bamberger. VII. Ußer öas Alter. i. Einstmals trat ich bei einer Freundin zum Besuche ein und fand sie in verdrießlicher Stimmung. Auf die Frage nach der Ursache gestand sie: „Sie haben recht, ich zürne mir — das ist ja der bestberechtigte Grund, verstimmt zu sein, denn nur über seine eigenen Fehler, nicht über die der anderen soll man sich grämen — ich habe soeben etwas sehr Dummes gethan. Frau N., Sie wissen ja, die langweilige, schwerfällige, hat mir zwei Stunden lang auf dem Halse gesessen. In der ersten' Stunde hab' ich mich noch durchgequält mit dem alltäglichen Klatsch, aber in der zweiten wußt' ich gar nichts mehr zu sagen, und in der Verzweiflung hab' ich ihr alle meine Geheimnisse erzählt!" So geht mirs nach der Hand mit dem Brauche, auf den ich mich eingelasfen habe, alljährlich hier mit einer Weihnachtsgabe zu erscheinen. Mir ist bang, meine Charakterschwäche, die es mir schwer macht, eine freundliche Bitte abzuschlagen, verleitet mich zu demselben Fehler, dessen sich obenerwähnte Dame bezichtigte, und ich thäte besser, mich des Meisters zu erinnern, der mich vor langen Jahren in die Geheimnisse der praktischen Finanz einführte. Die Hauptkunst für einen Bankier, belehrte er mich nämlich, ist, Nein sagen zu können. Ich glaube sogar, der Spruch ließe sich noch auf andere, wenn nicht ans sämtliche Gebiete des praktischen Lebens übertragen. Nun ist es bereits das ueunte Mal, daß ich der Versuchung erliege, meine stillen Gedanken auszuplaudern, und ich könnte nicht sagen, daß es mir besonders gut bekommen Ware. Mehr als einmal, wo es mir nicht Paßte, wurde ich schon mündlich oder noch öfter brieflich an etwas erinnert, was ich da früher geschrieben habe. Ich Hütte mich so und so über das Briefschreiben oder über das Schenken geäußert, oder ich sei zwar gegen das Vorstellen oder gegen das Toasten, und nun habe ich doch selbst vorgestellt oder — Gott sei's geklagt! nicht selten — toastet. — Ja, rufe ich dann, Liebster oder Liebste, wenn Sie mich beim Wort nehmen, kann ich überhaupt uicht schreiben. Es ist schon an sich genugsam eine brotlose Kunst; soll man auch noch gar gehalten sein, immer vor Augen zu haben, was man einmal hat drucken lassen, dann hole der Teufel das Handwerk. Bor Zeiten sagte mir einmal eine Dame nach jahrelangem freundschaftlichem Verkehr (sie entstammte der alten feinsinnigen Generation des Faubourg St. Germain): „Was Ihnen bei unserer ersten Begegnung meine Sympathie verschaffte, das war: ich merkte alsbald, Sie sind nicht auf Ihre Ideen versessen, ^js rkrQÄrHUÄis Schriften, I, cz ohne Zweifel an substantiellen Merkmalen im Gehirn hastenden Erinnerungen so lebendig erhalten bleiben, so liegt nahe, daß auch Jugendgefühle uns ins Alter begleiten, natürlich rnutatis rnutancliZ. Der Traumzustand, der unbewußt Vorhandenes im unkontrolierten Verstandeszustand auf die Oberfläche kommen läßt, liefert einen besonderen Beleg für die Richtigkeit dieser Behauptung. Wie oft träumen wir uns jung, erneuern weit zurückliegende Eindrücke, die sich tief ins Gehirn eingegraben haben. Alte Leute träumen noch manchmal, daß sie im Examen stehen, und freuen sich beim Erwachen, daß es nur ein Traum war. Und wie unschuldig waren zu ihrer Zeit die Examina, und wie leicht nahm man sie! Wie schwer muß erst der Alp einst auf den Unglücklichen liegen, die heute durch dies Fegefeuer gehen! Damals hatten doch die Exa- minanten noch die Hauptaufgabe, die jungen Leute zuzulassen, heute dagegen, sie abzustoßen. Dies Beispiel vom Examenstraum, das ich hier herausgreife, fällt mir zunächst deshalb ein. weil es jüngst in einem Zwiegespräch mit einem berühmten Nervenpathologen zu meiner Belehrung dienen mußte. Die Unterhaltung drehte sich um die beliebten Themata des Hypnotismns und der Suggestion. Wir haben uns ja alle mehr oder weniger mit diesen Dingen als natürlichen Erscheinungen befreundet, die nicht bloß nichts Spiritualistisches oder Mystisches an sich haben, sondern umgekehrt der sogenannten materialistischen Auffassung durchaus zu Hilfe kommen. Bei einer gewissen Wendung des Gesprächs sagte ich zu meinem Professor, es gebe Dinge, die ich trotz allem nicht glauben könne. So z. B. wenn der gelehrte Psychiater von Krafft-Ebing behaupte, er hätte einer in mittleren Jahren stehenden Fran im Zustand der Hypnose mit Erfolg suggeriert, sie sei ein siebenjähriges Kind. Ich meinte, durch einen künstlich her- — 115 — vorgebrachten Traum könne das Bewußtsein nicht bis zu dieser niedrigen Stufe hinabgeschraubt werden. — Aber warum nicht? warf mein Freund ein. Haben Sie nicht manchmal noch in späteren Jahren geträumt, Sie ständen im Examen? — Ich mußte bejahen, und so waren wir dahin gekommen, zu bekennen, daß das übrige nur ein Quantitätsunterschied sei. Dies nie ganz entschwindende Stück Jugend ist nicht ein Geschöpf des reflektierenden Verstandes; es ist lebendige Wirklichkeit, und jeder gesunde Mensch in höheren Jahren kann es an sich erproben. Man thut auch ganz gut, es in sich zu nähren, man muß nur sich hüten, es sehen zu lassen. Denn es macht auf den dritten, der nur unsere Gegenwart sieht, einen etwas komischen Eindruck. Ich bemerke das manchmal an einem ganz unverfänglichen Vorgang. Wenn ein alter Mensch in seiner Erzählung etwas von seiner Mutter oder gar Großmutter einflicht, so sehen ihn jüngere Leute mit einem gewissen, verwunderten Lächeln an. Ihnen erscheint als etwas Sonderbares, daß jener auf einen Zustand zurückgreift, der so weit hinter ihnen und — wie sie meinen — auch hinter ihm liegt; ihm jedoch scheint er nah und natürlich nah zu liegen. Das Eigenste und damit oft das Beste in sich muß der Mensch in sich verschließen, ebenso wie er nach des Dichters Rat das Dümmste und Schlimmste geheim in der Brust halten muß. Das ist ein Kapitel aus dem Abschnitt von der Schamhaftigkeit und berührt sich mit dem Satz, daß der Mensch lernen müsse, alt zu werden, d. h. unter Umständen zu verbergen, wie jung er innerlich noch sei, ein Satz, der aus der Lebenskunst wieder in die Ästhetik hinüberführt. Man hört oft sagen, daß besonders den schönen Frauen es schwer ankomme, alt zu werden. Ich verstehe das. Eine bewunderte schöne Frau zu sein, ist gewiß eine der herr- 8* — 116 — lichsten Berufsarten dieser schlechten Welt, und, diesem Beruf zu entsagen, muß eine harte Aufgabe sein. Je verfeinerter eine Kultur ist, desto mehr hat sie Verständnis für diese Eigentümlichkeit. Man kann bemerken, daß mit der Sänftigung der Sitten und der Hebung des Wohlstandes die Grenzen der Jahre für die Anerkennung der weiblichen Grazie sich erweitern. Die Franzosen, in welchen der Sinn dafür am meisten ausgebildet ist, haben das von lange her kultiviert. Die Diane de Poitiers, Ninon de l'Enclos, Rscamier, die noch in hohen Jahren durch ihre weiblichen Reize herrschten, sind historische Typen, denen im Privatleben Tausende an die Seite getreten sind. Man kann auch die Maintenon dazu rechnen, denn ihre geistige Überlegenheit war von ihrer Weiblichkeit nicht zu trennen. Eine französische Herzogin schickte der Kurfürstin Sophie von Hannover zu ihrem siebenzigsten Geburtstag einen rosenfarbenen Schlafrock und schrieb dazu: a, 8vixants-<11x ans ou rexrenZ 1s ross. In großen Städten genießt die Lebensdauer weiblicher Reize längeren Spielraum als in kleinen oder auf dem Lande, und in der Gegenwart mehr als zur Zeit unserer Mütter und Großmütter. Zu den mannigfachen Unarten unserer neusten Journalistik gehört es, mit dem Adjektiv „greis" bei jeder Gelegenheit um sich zu werfen, ohne Zweifel, weil das Anwenden von Adjektiven überhaupt zu den beliebtesten Griffen des Handwerks gehört. Kaum hat ein Mann die „Sechzig" hinter sich, so heißt er schon der „greise Künstler", der „greise Akademiker" n. s. w. Ich vermute, mancher noch recht muntere berühmte Mann schüttelt sein unehrwürdiges Haupt, wenn er sich mit diesem Ehrentitel verziert in seiner Zeitung findet. Der Unfug kommt wohl auch davon her, daß die Journalisten oft noch gar so jung sind, oder daß die berühmten Leute nach neuerem Stil sich schon beim erfüllten neunundfünfzigsten Jahre als Jubilare anfeiern lassen. II. Bietet die Kontinuität des Ich dem Druck des Alters ein Gegengewicht, so mildert sie auch die Wirkung der Entbehrungen, die es auferlegt. Der Verlust an Genüssen, den die Jahre mit sich führen, wird übertrieben, weil nicht bedacht wird, daß an dem Genuß das Kennen einen großen Anteil hat. „In dem Genuß verschmacht ich nach Begierde." Mit dem Kennenlernen des Genusses verliert derselbe für den Menschen einen Teil des Reizes, den er für ihn hatte. Ein Glück gekannt zu haben, ist ein unverlierbares Stück dieses selbigen Glückes, aber es lang und genau gekannt zu haben, ruft Sättigung hervor. In dem „Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist! daß man doch zu seiner Qual nimmer es vergißt!" enthält die erste Zeile einen Trost, den die zweite verleugnet, und auch in dem „nsssun' ras-Mior clolors oks ricoräs-rsi Lslios nslls, missria," liegt ein Irrtum. Ein Mädel, das alle Touren durchgetanzt hat, geht viel leichteren Herzens vom Ball als eine, die den Schimmel halten mußte. Ein Leben, das nicht ein verfehltes war, wird den Abgang der Genüsse, den das Alter mit sich bringt, viel weniger schmerzlich empfinden, als die Reflexion es sich ausdenkt. Es liegt etwas Charakteristisches darin, daß gerade Fanny Lewald es war, die ihren Freund Lasker wegen seines Altersoptimismus ziemlich scharf abkanzelte. Gewiß hatte sie kein verfehltes Leben hinter sich, als sie zu vierundsechzig Jahren ihm nachwies, was man alles mit den Jahren einbüßt. Aber sie hatte erst zu dreiundvierzig Jahren geheirathet, — 118 — und ein etwas anempfundenes retrospektives Jugend-Liebesglück begleitete sie durchs Leben. Das erschien ihr nun, vorüber, um so unersetzlicher, als sie es nur in der Sehnsucht gekannt hatte. Ihr starkes Plaidoyer gegen das Alter war eine Jugendrache. Ihr wirkliches Alter war sehr befriedigt, und sie sah als Matrone auch besser aus als in jüngeren Jahren. Sie hatte sich mit den dunklen Augen, dem vollen Kinn, der würdevoll bewußten Haltung und den, wenn auch nicht autochthonen, weißen Locken einen hübschen Kopf zurecht gemacht. Eine oft gemachte Beobachtung lehrt, daß Menschen, welche einst im Vollbesitz aller Überflüssigkeiten des täglichen Lebens gewesen, deren Entbehrung leichter tragen als solche, die nur wenig davon genossen haben. Alle Welt war z. B. erstaunt, mit welcher heiteren Resignation die französischen Emigranten den Übergang aus hoher Stellung und raffiniertem Luxus zu dürftiger Existenzweise hinnahmen. Sie hatten den Überfluß in vollem Maße kennen gelernt und an sich erfahren, daß er zum Glück nicht so viel beiträgt, wie der dieser Genüsse Unerfahrene sich einbildet. Das Gegenstück dazu liefert der Mensch, der, wenn er im Alter die Fülle dessen erreicht, was er in der Jugend sich gewünscht hat, doch findet, daß die Zeit der unerfüllten Wünsche die bessere war. (?'stg>it> Ik dsau tsrQps, ^'«t,g.1s disn mallikursuLk, lautet das sinnige Wort der alten Schauspielerin Sophie Arnould. Das Gesetz der Ausgleichung, welches viel tiefer in die Rechnung von Glück und Unglück eingreift, als gemeinhin bedacht wird, spielt auch in der Abwägung von Vorzügen und Mängeln des Alters seine wichtige Rolle. Jeder Lebensgenuß unterliegt in seiner Wertschätzung dem Abwägen von Anstrengung und Befriedigung. Das verständige Alter, welches weniger Ansprüche an sich selbst und an die — 119 — Anderen macht, kommt mit weniger aus, als die jungen Jahre, welche die Welt im Sturm erobern wollen und mit ihren Ansichten durchdringen zu müssen meinen, bis daß sie endlich dahin gelangen, mit dem alten Goethe zu sagen, daß man über das allmächtige Niederträchtige sich nicht beklagen dürfe, oder mit dem alternden Heine: „es begreift nicht solch ein Maulheld, warum der Mensch zuletzt das Maul hält". Nachdem die am Ende der siebziger Jahre vom Fürsten Bismarck eingeleitete, rückläufige Bewegung der Geister im Laufe von anderthalb Dezennien auf dem Tollpunkt von Krähwinkelei angekommen war, auf dem unsere wirtschaftliche Gesetzgebung dermalen sich noch weiter belustigt, hatte ich mir als Gegengift gegen den Unmut, der mich beim Anhören gewisser Reden im Reichstag erfaßte, eingeprägt, mich daran zu erinnern, von wieviel Aberglaube die Menschheit sich von jeher auf anderen Gebieten hat beherrschen lassen, sich bis auf diesen Tag beherrschen läßt und wahrscheinlich, wenn nicht in alle, doch noch lange Zeiten wird beherrschen lassen; und daß es dennoch geht und weiter gehen wird, hauptsächlich deshalb, weil die einzelnen in ihren persönlichen Angelegenheiten so viel besser und klüger sind als die Gesamtheiten in den ihnen überlassenen. Bringt das Alter seine Kompensationen gegen desperate Anstrengungen und desperate Stimmungen, so darf es diesen Vorteil auch wiederum nicht zu fatalistischer Unterwerfung unter die dunklen Mächte verwenden. Dadurch würde es gerade das Beste einbüßen, die Erhaltung des Teils von Jugend, der dank der Kontinuität des Ich in uns fortlebt, und desfen Strom möglichst lang und stark fortzuleiten das Geheimnis des relativen Jungbleibens ausmacht. Ich fage: das Fortleiten des Stroms, vor zwanzig Jahren hätte ich noch gesagt: den Zufluß von Öl auf die — 120 — Lampe. So müssen auch die Bilder Schritt halten mit der Zeit. Es giebt wirklich Mittel, die zu diesem Ziele fördern helfen. Der Mensch, welcher sich möglichst jung erhalten will, möge vor allen Dingen den Schuljungen in sich konservieren. Wir sinds doch alle einmal gewesen, und die meisten recht gründlich. Drum ist es nicht schwer, den ersten alten Adam weiter zu züchten. Jeden Tag was lernen zu wollen, jeden Abend eine Aufgabe gefertigt zu haben und, wenn nicht mehr vor dem Professor auf dem Katheder, doch vor dem Zuchtmeister im eigenen Busen zu zittern, wenn die schöne Zeit vertrödelt worden ist. In einem soeben zum ersten Mal publizierten Briefe der George Sand an Ste. Beuve schreibt die sechsundfünfzigjährige: „Trotz allem scheint mir, daß es ein immenses Vergnügen ist, im Altwerden seine Erziehung von neuem zu beginnen: man hat Momente, wo man sich ganz jung glaubt und ganz naiv Schülerbetrachtungen in kleine Hefte einträgt". (ü,svus cls vom 1. Dezember 1896.) Unter den Schatten, die auf das Alter fallen, hört man immer auch aufzählen, daß das meiste, was uns lieb war, eben ins Reich der Schatten dahin geht und uns vereinsamt zurückläßt. Es ist wahr: Leben heißt Überleben. Aber Leben heißt auch Erleben, und wollen wir nur die Augen offen halten, es giebt dessen so viel und immer mehr, und „wo ihrs packt, da ist es interessant". Selbst die Dummheiten der Regierten und der Regierenden tragen zu unserer Unterhaltung bei, und dieser Stoff versagt nie. Gerade im und am Alter rächt sich ein beschränkter Egoismus, der für Menschen und Dinge außer dem Kreis seiner nächsten Angehörigen und Interessen keinen Sinn hat. Man kann beobachten, daß Menschen solchen Kalibers am meisten im Alter sich gelangweilt und vereinsamt fühlen, d. h. am frühesten alt werden. Es giebt — 121 — ja auch ein Jungbleiben oder Jungbleibenwollen, das zur Karrikatur wird. Alter schützt vor Thorheit nicht, sagt ein Sprichwort. Sehr mit Recht pflegte dagegen eine kluge Frau meiner Bekanntschaft hinzuzusetzen: „Doch Thorheit schützt vor Alter". Eine vorsichtige Dosis Jugendeselei mit sich zn führen, ist gar so übel nicht. Selbst das so oft des Schwindens angeklagte Gedächtnis kann durch Übung länger bei Kräften gehalten werden, als wenn man es widerstandslos einrosten läßt. Man muß es nicht außer Gang kommen lassen, gerade wie die Gliedmaßen. Beides finde ich bei Cicero bestätigt; Cato, dem er seine Ansichten in den Mund legt, beruft sich auf seine eigene Übung im hohen Alter, und an einer anderen Stelle sagt er: der Greis, in dem noch etwas Jugendliches ist, gefällt mir. „3sQsm, in (zuo sst, s>1i^uid s,dv1ssesQt,i8, prvlzv." Wo von den Leiden des Alters die Rede ist, darf das Kapitel vom Sterben und Tod nicht fehlen. Das nahe Ende soll seinen Schatten auf die Tage voraus werfen, die ihm immer näher rücken. Dagegen wird in der Regel der Trost gespendet, daß dies auch für das jüngste Menschenleben gelte, worauf der Pessimist jedoch mit der gesteigerten Wahrscheinlichkeit repliziert. Der Heide Cicero nimmt in ziemlich ausgedehnter Betrachtung den Trost der Unsterblichkeit der Seele zu Hilfe, während Grimm, der Christ, sich sachte an ihr vorbeidrückt. Aber auch Cicero zeigt sich nicht frei von Skepsis; er flicht dieselbe Bemerkung ein, welche so viel später Pascal in sein bekanntes Bild einkleidete: wenn ich doch über Unbekanntes wetten soll, will ich auf das wetten, was mir zu gute kommt, falls ich gewinne, und nicht auf meinen Schaden. Die Angst vor dem Sterben ist natürlich, die Angst vor dem Totsein ist eine Gedankenlosigkeit. Wahrscheinlich ist auch in den meisten Fällen die Angst vor dem Sterben unberechtigt. — 122 — Die große Mehrzahl der Menschen stirbt, ohne daß sie es ahnt. Der Talmud sagt, das Sterben geht so sanft vor sich, wie wenn man ein Haar durch die Milch zieht. Leopardi läßt einen Mann in die Unterwelt hinabsteigen und sich mit den Einwohnern der Särge unterhalten, die er über ihr Ende ausfragt. Keiner weiß, wie es gekommen ist. Es giebt seltene Umstände, unter denen Menschen mit vollem Bewußtsein sterben und vorher noch eine schöne Anrede halten; aber am meisten geschieht dies auf der Bühne oder gar in der Oper, wo sie noch sterbend wunderschon singen. Das müßte eine herrliche Empfindung sein, solch ein stimmungsvoller Abgang. Auf jeden Fall brauchten sich die Menschen über das Totsein nicht den Kopf zu zerbrechen, wenn sie nur das Eine bedenken wollten, daß sie doch Aeonen tot waren, ehe sie auf die Welt kamen, und daß ihnen das gar keinen Kummer gemacht hat. Ich hatte eine Freundin, die ein stilles, aber sehr heiteres Dasein bis ans Ende ihrer fünfzig Jahre geführt hatte und dann oft mit mir über die Ungerechtigkeit des AufHörens stritt. Vergeblich stellte ich ihr vor, daß sie das Leben gerade so leicht entbehren werde, wie sie es bis vor sechzig Jahren entbehrt hatte. Sie ließ es nicht gelten und meinte, es sei eine Schändlichkeit, nun man sie es habe kosten lassen, es ihr wieder zu entziehen. Wie schlecht berechnet, ohne die Notwendigkeit dessen, was wir Vergänglichkeit nennen! Das ist eine der bestverleumdeten Eigenheiten unseres endlichen Daseins. Zu welcher Folter würde der größte Genuß, wenn er, man braucht noch lange nicht zu sagen ewig währte! Die kluge Madame Du Deffant, obschon hoch an Jahren und trotz oder wegen ihrer Blindheit sehr lebenslustig, schrieb doch ihrem Freund: ns iais xs,s ü HKÄHt. In der Hauptsache ist alles, was die Menschen über — 123 — ihren Tod denken und reden, nur Sache der Reflexion und nicht des Gefühls. Das Gefühl ist aber die Hauptsache. Das Nichts, das Nichtsein zu fühlen oder auch nur sich vorzustellen, geht über die Fähigkeiten des im Sein Eingesperrten hinaus. Da sitzt auch die wahre Wurzel des Unsterblichkeitsglaubens. Die Unmöglichkeit, sich das Nichts vorzustellen, zwingt das Gefühl, sich sein eigenes Sein in eine Ewigkeit hinaus, die es doch nicht begreift, zu projizieren. Dann übernimmt der Glaube, die bereits ins Unendliche projizierte Vorstellung je nach Land und Leuten zu möblieren. Der Unterschied des Glücksgefühls zwischen denen, die an ein Jenseits und denen, die nicht daran glauben, ist lange nicht so groß, wie man gemeinhin annimmt. Auf der einen Seite ist das Aufhören zu unmöglich vorzustellen, als daß es vorempfunden werden könnte; aber auf der anderen Seite ist auch die Ewigkeit etwas so Unfaßbares, daß der lebendige Glaube daran auf einer Selbsttäuschung beruht. Renan behauptet, die Märtyrer, die für ihren Glauben in den Tod gegangen seien, hätten diesen Glauben nicht allzu stark gehabt. Für etwas, dessen man ganz sicher sei, fühle man gar nicht die Versuchung, mit dem Leben zu zeugen. Es steckt etwas schalkhafte Wahrheit in diesem Verdacht, der an den Ausspruch Proudhon's erinnert: wenn ihm etwas fataler sei als die Henker, so seien es die Märtyrer. Der Mensch wurzelt so tief und unentrinnbar im Leben, daß er sich gar nicht herausdenken kann, und diesem unbewußten Seelenzustand ist es zu verdanken, daß wir nicht nur in die Breite, sondern auch in die Länge der Fortsetzung hinaus uns eins fühlen mit der Gesamtheit nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Zukunft. Das ist in altruistischer Richtung das Nämliche, was in egoistischer der Idee des Nachruhms, des Fortlebens in der Geschichte zu Grunde liegt. Wie viele, — 124 — die einer gewissen Notorietät genießen, mögen nicht selten an den Nekrolog denken, der ihnen einst wird gewidmet werden! Wie viel schöne Stiftungen verdanken wir vielleicht dieser holden Schwäche! Von Lord Brougham, der ein raffinierter Lebemann war, erzählte man, er habe sich einmal einige Wochen lang im südlichen Frankreich versteckt und tot sagen lassen, um sich den Genuß der Lektüre seiner Nekrologe zu verschaffen. Sein oder Nichtsein, das ist nicht die Frage, sondern der einzige entscheidende Unterschied. So lange der Mensch ist, und weil er ist, bleibt seinem Fleisch und Blut das Nichtsein unverständlich. Lomo Ildsr cls nM», rs rninus LvAitat 1111 disn sslni äs äsmain n'axxartisut ä xsrsoiuis. Die Französelei am Rhein, wie sie kam, und wie sie ging.*) ^ie Erscheinungen in ihrer allgemeinen Bedeutung zu erfassen, das ist, worauf die Sehnsucht des Gedankens geht. Allein das Problem, um das er wirbt, gleicht der Prinzessin im Märchen. Es sendet ihn erst weit hinweg nach mühsamen Arbeiten, ehe daß ihm bei der Rückkehr sein Lohn werde. Ins Einzelne sich zu vertiefen, um das Zusammenwirkende zu begreifen, das ist der Weg des Erkennens. Um ein volkspsychologisches Rätsel zu entziffern, welches sich ein halbes Jahrhundert hindurch den ganzen Rhein entlang abspielt, vom Elsaß bis nach Holland hinunter, hab' ich eiuen einzigen Punkt — allerdings den interessantesten — des Stromgebietes fixiert, und hoffe, was ich an Umfassung aufgegeben, vielfach an Sicherheit gewonnen zu haben. Beiläufige Schattierungen abgerechnet, entwickelt sich der nämliche Prozeß auf der ganzen Strecke, und der Teil ist der Spiegel des Ganzen. Mein Vorsatz ist, zu zeigen: wie der deutsche Sinn am Rhein, indem er zu Falle kam, ein Opfer des Feudalismus war. Feudalistisch nenne ich schlechthin diejenige Staatsverfassung, welche Herrschafts- oder Regierungsgewalten auf etwas anderes zurückführt, als auf die vernunftgemäß erkannten Bedingungen des Gemeinwohls; welche vielmehr Machtverhältnisse aus Privatrechten ab- *) Aus den „Demokratischen Studien", herausgegeben von Ludwig Walesrode 1861. — 127 — leitet und ein politisches Eigentum bevorzugter Familien anerkennt. Auch heute noch ist Deutschland ein Feudalstaat, und derjenige, welcher, zu Häupten ihrer Geschicke stehend, die Einigung der Nation nicht anders zu begreifen vermag als unter Schonung jener sogenannten Rechte Dritter, der macht uns jede Täuschung über die Nichtigkeit seines Strebens unmöglich. Nur auf den Trümmern der Feudalherrschaft kann Deutschland die Geistesgröße finden, in der seine, wie jede Kraft ruht. Wer das Recht der Nation auf Selbsterhaltung und Wiedergeburt in eine Linie stellt mit dem Rechte Dritter, wer Deutschlands Sicherheit und Zukunft nicht heiliger hält als das longo- bardische Lehnrecht und das Jnstrumentum des osnabrückischen Friedens, der mag sich des Beifalls seiner hochgeborenen Standesgenosfen freuen. An Deutschlands Zukunft hat er keinen Teil. Das blutige Spiel des Kriegs besitzt eine tiefe Gewalt über die Gemütsart des Franzosen. Diesem Zug von Barbarei vermochte sogar die große Revolution nicht beizukommen. Im Gegenteil, sie hat ihm — einzig in seiner Art — vielleicht neue Kraft und Nahrung eingegeben. Jede Kampfbegierde braucht aber ein Länderziel, wie jeder Roman eine Heirat braucht zum guten Ende. Das Liebchen der französischen Schlachtenphantasieen alle ist und bleibt der Rhein. Die Kanonen, welche in den Zeughäusern schlafen, von Bayonne bis Metz, träumen Jahr aus Jahr ein vom Wiedersehen mit unseren grünen Rebenhügeln. Und wie sie träumen, so denken von hundert Menschen neunzig in diesem Lande. Unter den zehn übrigen aber sind fünfe, welche nur mit Hilfe angestrengter Reflexion die gleiche Sinnesart überwinden. Sonderbar, daß man diesem Volke Beweglichkeit zum Vorwurf macht. — 128 — Von allen Kultur tragenden ist keines so in Charaktereinförmigkeit gebannt. Bei keinem gilt mehr Erblichkeit, mehr Allgewalt landläufiger Anschauungen. Zu letztern gehört der Glaube an die Berechtigung des Wunsches nach dem Besitz der Rheinlande. Darin eben unterscheidet sich dies Kriegsgelüste von ähnlichen. Der Gedanke an eine Fehde mit England bringt das französische Blut in viel heftigere Wallung, aber es sitzt auf dessen Grund viel mehr blinde Leidenschaftlichkeit als politische Ansicht. Die Antipathie gegen England ist sozusagen bestialischer Natur. Es ist nicht mehr Rechtsbewußtsein in ihr, als in einem mit der Muttermilch eingesogenen Hasse sein kann. Noch weniger knüpft sich an sie die Vorstellung des dauernden Besitzes irgend eines Teils der britischen Inseln. Selbst an die Einbürgerung im katholischen Irland denkt Niemand ernstlich. Ganz umgekehrt verhält es sich mit dem Appetit nach einem Stück Deutschland, für welchen in den verschiedenen Abstufungen der Gesellschaft verschiedene Legitimitätsrechnungen den Ausgangspunkt bilden. Jede derselben hat sich in ihrem betreffenden Kreise die Geltung einer notorischen Wahrheit verschafft. Die Massen, und dazu gehört auch der Soldat aller Grade (dies zu beider Ehre), knüpfen an den Besitzstand des Kaisertums und der Revolution an und leben in der naiven Entrüstung fort, daß die Verträge von 1815 einen schändlichen Raub an Frankreich begangen hätten. Die Leute von der Presse und der Politik bearbeiten die Theorie der natürlichen Grenzen und der Abrundung in allen möglichen Tonarten; der profundeste Gelehrtenstand endlich, der sich mit dem Kultus des alten Galliertums ein Steckenpferd nach Art unserer Jahne und Arndte aufgezäumt hat, beweist Euch, daß die ganze Bevölkerung des linken Rheinufers (geschweige denn die von Belgien bis ans Meer hinauf) echt gallischen Blutes und — 129 — nur durch oberflächliche Verfälschung etwas deutsch übertüncht worden sei! Die Mehrzahl der Anhänger dieser drei verschiedenen Anschauungen stimmen dahin überein, daß die Franzosen am Rhein willkommene Gäste sein würden.*) Früher wurde der Deutsche kaum über die Richtigkeit dieser Voraussetzung befragt, heute thut man ihm wenigstens die Ehre an, ihn um Bestätigung derselben einigermaßen zweifelnd anzugehen. Immerhin bleibt es eine der demütigendsten Mahnungen an die Schimpflichkeit unserer heimischen Vergangenheit und Gegenwart, solchen Interpellationen Rede stehen zu müssen, und rührten sie auch von dem Oberflächlichsten und Übermütigsten aller Franzosen her. Aber wenigstens haben wir doch jetzt den Trost, diesen Fragen mit gutem Gewissen einen feierlichen Protest entgegensetzen zu können, wenigstens vermögen wir ohne die Hilfe eines frommen Betrugs zu versichern, daß der Gedanke an einen Abfall von Deutschland in den Rheinlanden heute gänzlich verpönt und unmöglich geworden ist. — Ist es immer so gewesen? Sind die französischen Vorstellungen von der Zuneigung ihrer Grenznachbarn jedes historischen Vorwands ledig? Dies ist eine Frage, die heute vorzunehmen erlaubt ist, heute, da die Spukgestalten der undeutschen Gesinnung am Rhein tot und begraben sind, eingesargt in die Gruft der unverantwortlichen Die drei obigen Theorieen in einer Person vereinigt, sehe man in dem kürzlich von H. Thsophile Lavallee in der Revue nationals veröffentlichten Aufsatze „l^ss troutierss naturelles." Die Arbeit schließt mit folgenden Worten: „I^s. Revolution äs 1789 üt äs I'iäss äss trau- tierss naturelles uus iäss touts Z^uloiss, oui äsvint eomrus on ss.it ls, xassiou äs Is, touls et la> xsnsvs ns>tioiig,Is." Herr Lavallee ist bezeichnenderweise Professor der Geschichte an der Militärschule von St. Cyr. Die jungen Offiziere empfangen ihre historischen Ansichten aus seiner Hand. Ludwig Baml>ergcr'S Ges. Schriften. I. n — 130 — Geschichte, so gut wie der Verrat des falschen Ganelon von Mainz. Aber es ist noch nicht so lange her, daß es möglich gewesen wäre, diesen Verhältnissen zu Leibe zu gehen, ohne sich der Gefahr beschämender Gestündnisse preis zu gebeu. Die Wetterscheide beider Zustände bildet einzig und scharf das Jahr 1848. So heilsam, so befruchtend ift alles, was den Namen Freiheit trügt, daß selbst ein vergänglichster Hauch, ein traumhaftes Vorüberziehe» dankenswerte Keime des Guten ausstreut. Vom Anbeginn der neunziger Jahre bis zum ersten Erscheinen einer deutschen Volksvertretung treibt sich das Gebilde der Verschwisterung mit Frankreich in mannigfachen Schattierungen am Rhein herum, und die geschichtliche Untersuchung dieses Phänomens ist nach unserem Erachten mehr als jemals heutigen Tages ein anziehendes und lohnendes Studium. Wie gesagt, ist es aber auch erst in unseren Tagen möglich geworden, diesen Gegenstand in verlautbarer Weise aufzugreifen, weil er, von nun an erst aller Anfechtung entrückt, uns nicht mehr der Schmach aussetzt, in deutscheu oder gar in fremden Augen den Anschein zu haben, als hielten wir es für notwendig, noch lebendige Abtrünnigkeits- gelüste zu bekämpfen. Die Vergangenheit ist der Spiegel der Gegenwart. Schauen wir hinein, und wir werden gar zu oft mit Schrecken an dem, was wir waren, erkennen, was wir sind. Der erste Teil unseres Rückblickes wird uns ein Zerrbild deutscher Wehrverfasfung vorführen, welches in seinen gröberen Zügen uns lebhaft die Schäden entgegenhalten muß, an denen wir noch heute so hilflos herumslicken. Nicht blos werden Zerfahrenheit der Kräfte und Verwahrlosung der Mittel uns an die Sorgen der Gegenwart erinnern. Es werden auch die abenteuerlichsten Bilder eines unglaublich hohlen Selbstvertrauens und eines erbärmlichen Adels- — 131 — Übermutes uns lehren, der Siegeszuversicht jenes dünkelhaften Junkertums zu mißtrauen, welchem deutsche Regenten ohne Ausnahme die Führung ihrer Heere in allen Graden und damit die Kraft des Landes überantworteten. Noch weit mehr aber wird es unserer Aufmerksamkeit wert sein, zu beobachten, unter welchen Umständen der Abfall eines Teils der Nation von ihrem eigenen Ich vor sich gehen konnte, und welcher Weise sie später wieder zu sich selbst zurückgekehrt ist. Nicht die äußersten Gegensätze werden dabei das Merkwürdigste sein, sondern die zwischenliegenden Übergänge; und diesen mit dem Auge folgend, werden wir aus dem Prozeß des Erkrankens, mehr noch aus dem Prozeß des Gesundens, die wahren Ursachen nationalen Zerfalls und die Bedingungen nationaler Wiedergeburt mit Händen greifbar vor uns sehen. Nur Freiheit gewährt uns Schutz und Macht. Auf Schritt und Tritt wird dieser Gedanke sich aufdrängen. Wir werden sehen, wie im Anbeginn keinerlei volkstümliche Überlieferung der Hinneigung zu einer fremden Nation vorgearbeitet hat, und wie die unteren Masfen teils kalt, teils heftig sich der zugemuteten Umgestaltung entgegenstemmen; wie aber die Kontraste von Freiheit, Aufschwung und Macht einerseits, von Botmäßigkeit, Zerfall und Fäulnis andererseits zuerst die besten Köpfe und die edelsten Gemüter der Bevölkerung zum ausländischen Elemente hinziehen; wie von diesen sodann abwärts der herrschende Gedanke sich ausbreitet und Wnrzel faßt; wie später, da unter dem Kaisertum das Anziehungsmittel der Freiheit verschwunden ist, der Vorzug einer geläuterten und gesicherten Rechtsverfassung und die politische Gleichheit noch hinreichen, die Hineinbildung in das französische Wesen zu befördern, und wie — abgesehen von jeglichem Inhalte — die äußere Thatsache des Zusammenstehens^mit^einem 9* — 132 - großen und gefurchtsten Reichskörper noch verführerisch anf den Sinn ehemaliger Unterthanen eines Zwergstaates wirken muß. Wir werden ferner wahrnehmen, nicht nur, wie nach der Wiedervereinigung mit Deutschland dieselben Ursachen noch eine geraume Zeit lang in Erhaltung von Ab- nnd Zuneigungen weiterarbeiten, sondern auch vornehmlich wie die undeutsche Gesinnung zuerst unter dem Einfluß der deutschen Kleinstaaterei und aller Folgen des Wiener Kongresses ihre traurigste und abgeschmackteste Gestalt annimmt, indem sich die Mißgeburt des rechtsrheinischen Beamten- servilismus mit der Mißgeburt der linksrheinischen Fran- zöselei zum Urbild der Charakterlosigkeit zusammenthut. Schließlich werden wir erleben, wie der Sturm von 1848 die Luft von diesen Unreinlichkeiten säubert; wie ein einziges Jahr halbwegs freier Regnng das Nationalgefühl in einer Bevölkerung auferweckt, die unter dem Ekel an dem erbärmlichen Wesen engerer und weiterer Vaterländer dreißig Jahre und darüber für deutsches Bewußtsein uuempfäng- lich geblieben war; wir werden den Trost erübrigen, das; die unerbittliche und gehässige Reaktion der fünfziger Jahre nicht alle im kurzen Freiheitslenz empfangenen Keime zu ersticken vermocht hat, indem ein guter Ansatz deutschen Nationalsinns zurückgeblieben ist: so zwar, daß — mit vereinzelten Ausnahmen — die lächerlichen Figureil verschwunden sind, die alle Träume von Glück und Triumph in ein französisches Departement verlegt hatten. Der Staatsstreich und das daraus entstandene absolute Kaisertum tragen schließlich das ihrige dazu bei, die alten Ver- irrungen auszubrennen, denn es war durchschnittlich die Sympathie für französisches Wesen von liberalen Instinkten ausgegangen, die sich nunmehr mit Entrüstung vom Nach- barlande abwenden und damit das Bedürfnis politischer Existenz an den natürlichen Quell deutscher Wiedergeburt — 133 — zurückweisen. So wahr ist es, daß Nationalität und Freiheit nur zweierlei Formen einer und derselben Wesenheit sind. Um die ersten Berührungen der französischen — oder wie man damals sagte — der fränkischen Republik mit dem Kurfürstentum Mainz erschöpfend aufzufassen, müßte man sich lebhaft versinnlichen können, wie das politische und bürgerliche Leben in einem deutschen Kleinstaate und dazu noch in einem geistlichen des achtzehnten Jahrhunderts beschaffen war. Der Rahmen gegenwärtiger Studie erlaubt nicht, sich dieser Schilderung hinzugeben, und dennoch kommt dem raschen Vorübergehen an solcher Aufgabe nicht — wie man zu glauben versucht sein könnte — die Beruhigung zu Hilfe, daß jene Zustände ihrem vorwiegenden Charakter nach als hinreichend bekannt vorausgesetzt werden dürften. Nirgends mehr als bei der Untersuchung staatlicher Mißbildungen gilt der Satz, daß nur aus der Beobachtung des Einzelnen die Erkenntnis des Allgemeinen hervorzugehen vermag. Stünde der Politik etwas zu Gebote wie die Retorte und das Mikroskop des Physiologen, so wäre kein Streit mehr darüber, ob Freiheit die unerläßliche Bedingung der Wohlfahrt fei. Aber mit der Erwerbung dieser Erkenntnis geht es dem Unterdrückten, wie dem Kurzsichtigen, der seine Brille vermißt. Um sie zu finden, müßte er vorerst eine Brille auf der Nase habeu. Genug, wer sich nicht die ausführliche Schilderung irgend einer Episode des mittelalterlichen Europas (und dies Mittelalter dauert bis zur französischen Revolution) vor die Seele führt, der vergißt, wie rechtlos und elend in jenen Zuständen der gemeine Mann war, wie übermütig beschränkt und Pfuscherhaft die herrschenden Klassen zu Werke gingen, — 134 — welche ihn bis in seine Nahrung und Kleidung hinein ausbeuteten und bevormundeten. Hat doch noch heutzutage niemand den deutlichen Einblick in die Masse ökonomischer Verkehrtheiten und Verwüstungen, welche von den deutschen Kleinstaaten an sich selbst und ihren Nächsten begangen werden! An der Spitze unseres Kurfürstentums stand ein von den zwanzig Domkapitularen auf Lebenszeit erwählter absoluter Herrscher. Bei solcher Verfassung konnte die Nichr- erblichkeit der Allgewalt nur ihre schädliche Seite herauskehren. Die privilegierten Mitglieder des Wahlkörpers sicherten sich bei jeder neuen Ernennung neue Zugeständnisse, und jeder Neuernannte benutzte seine Herrschaft, um seine Verwandten und Günstlinge mit fetten Ämtern auszusteuern. Es war dabei um so mehr Eile nötig, als der Erkorene meistens schon alt ans Ruder kam. Wenn keine Stellen ledig waren, so schuf man das Amt für den Mann. Alles wie in Rom unter den Päpsten. Die ganze sogenannte Verwaltung natürlich in den Händen des Adels und der zumeist aus ihm rekrutierten hohen Geistlichkeit. Beide Stände im Genusse von zahlreichen Privilegien, von Gerechtsamen an Land und Leuten, von Zehnten, und überdies vollständiger Steuerfreiheit. Zwischen dem Fürsten und den hohen Ständen eine Mittelstufe von ganz oder beinahe souveränen Herrschaftlichkeiten, welche das patrimoniale Zaunkönigtum ins Unendliche hinein fortsetzen und jede das Ihrige zur Plackerei und Tributpflichtigkeit des Volkes mitwirken. Bei Gelegenheit der am 18. März 1793 abgegebenen Unabhängigkeitserklärung der ephemeren Rheinischen Republik erfahren wir, daß auf dem Landstreifen von Lan- dau bis Bingen allein benebst dem Kurfürsten von Mainz noch 24 selbständige Regierungen walteten. Beim Klang jener endlosen Namen entsteigt dem vielgeknechteten Boden — 135 — vor unsern Augen das ganze Jammerbild der Feudalwirtschaft. Da galten noch außer dem Mainzischen die Rechte des Fürsten von Worms, des Fürsten von Speier, der Fürsten von Nassau-Weilburg und Usingen, des Markgrafen von Baden, des Fürsten von Salm, des Wild- und Rheingrafen vom Stein und zu Grumbach, des Fürsten von Leiningen- Dürkheim, der Grafen von Falkensteiu, der Grafen von Leiningen-Westerburg, Dachsburg und Guntersblum, der Grafen von Löwenhaupt und Manderscheid, der Grafen von Wartenberg, Degenfeld, Sickingen, Hallberg, der Freiherren von Dahlberg u. s. w. Wie es uns bei dieser Aufzählung zn Mute ist, so mag es dereinst kommenden Geschlechtern sein, wenn sie die Kontingentenliste der heutigen deutschen Bundesmatrikel überlesen; und sie werden ihre Großeltern bedauern wie wir die unseligen. Zu allen von älterer Zeit überlieferten Mißständen hatte das achtzehnte Jahrhundert seine kuriosen Eigentümlichkeiten hinzugefügt, jegliches noch bunter nnd verderblicher gemengt. Die Genußsucht der Mächtigen hatte die Formen des Übermuts und der Verfeinerung von den bekannten Vorbildern angenommen, Maitresfen waren bei den geistlichen Herren — den Kurfürsten nicht ausgeschlosfen — eine gewöhnliche Erscheinung; Freigeisterei, Jlluminaten-, Rosenkreuzer- und Freimaurerwesen durchflochten sich — manchmal in derselben Person und jedenfalls in derselben Regierung — mit Jesuiteuherrschaft, Obskurantismus und Verfolgungssucht. Der vorletzte Kurfürst Emmerich Joseph (von Breitenbach) 1763—1774, ein Mann von guten Absichten und reinen Sitten, unterstützt von seinem wirklich strebsamen und thätigen Kanzler von Benzel hatte unter dem Einfluß der Basedowschen Neuerungen den Grund zur Umbildung des Schulwesens gelegt, welches bis dahin in den Händen der unwissenden Mönche und Nonnen verrottet - 13l> — war. Aber die Nachwirkungen eines verwahrlosten VolkS- unterrichts sind so schnell nicht zu beseitigen. Die Massen waren bigott und roh geblieben. Die Insassen von nicht weniger als zwanzig Klöstern hatten die Einwohnerschaft gegen die Aufklärungstendenzen fanatisiert, und beim Tode Emmerich Josephs wurde unter erbärmlichen Pöbeldemonstrationen die Strengglänbigkeit wieder eingesetzt. Um diese Epoche und von ihr an fortwirkend machte sich nämlich eine durch den Klerus von unten aufgewühlte Reaktion gegen die Aufklärungsversuche Luft, denen das Emporkommen unserer ersten klassischen Literatur, die Regsamkeit zahlreicher Gelehrten und Publizisten, die Gönnerschaft einzelner bildungsfreundlicher Fürsten und schließlich die modernisierenden Anwandlungen des Papsttums unter Ganganelli beträchtlichen Nachdruck verliehen hatten. Mit des letzteren famosem Breve Dominvis Nsclsrrixtor riostsr und der darin dekretierten Unterdrückung der Jesuiten (1773) waren endlich auch in Deutschland die Pfaffenfeinde zu einem praktischen Erfolg, aber gleichzeitig auch zu einem Wendepunkt in ihrem Einfluß gediehen. Der Kurfürst von Mainz war einer der ersten, welche das Breve in Vollzug setzten; aber als die frommen Väter unter einer Kavallerie-Eskorte abzogen, folgte ihnen das Wehegeheul der Weiber, und zu den Fenstern des Schlosses stiegen die Verwünschungen der Dummgläubigen hinauf. Bald darauf starb Emmerich Joseph, und der Nachfolger machte Miene (er mußte es schon, um seine Wahl zu sichern), als Werkzeug jener Reaktion aufzutreten, welche von damals ab, wie im Vorgefühl der kommenden Dinge, jeden neuen Regenten ergriff, dem ein Aufklärer vorausgegangen war. Karl Friedrich begann in Mainz als Frömmler und Verdammer seines Vorgängers, wie später in Baiern Karl Theodor — innerlich gleich dem Mainzer Karl ein — 137 — frivoler Weltling — die unter Maximilian Joseph beseitigte geistliche Oberherrschaft wieder einsetzte; wie Leopold von Toscana — sogar ein ehemaliger Lichtfreund — die Erbschaft Josephs II. dem Klerus und der Aristokratie Mieder in die Hände lieferte; wie endlich Friedrich Wilhelm H. mit seinen Wöllner und Bischofswerder auf dem Grabe Friedrichs des Großen seinen Sabbath aufführte. Überall Dunkelmänner mit der unzertrennlichen Maitressen- und Luxuswirtschaft als die instinktive Rückwirkung des Monarchismus gegen sich selbst, insofern er in den freigeisterischeu Fürsten seiner Natur untreu geworden war. Unser Karl Friedrich (von Erthal) jedoch hatte zum Despoten und Obskuranten kein rechtes Talent. Ob er auch damit begonnen, sich in süßliche Andächtelei zu hüllen, und eine kurze Periode von mystischer Sentimentalität einzuleiten!, während welcher die Hofsitte den Ton zu gottverzückter Brünstelei zwischen Pfäfflein und Betschwestern angab, so dauerte es doch nicht lange, und es schlug der Wind von oben um. Die Triebfedern des jetzigen Fürsten waren andere als die seines Vorgängers. Lebsucht und Politik zogen ihn aus den Armen der finstern Orthodoxie. Er liebte Prunk, Jagd, Weiber und, zur Vervollständigung des Zeitbildes, freie Lektüre aller Art. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, war fein Vorleser. Die Favoritin, Frau von Coudenhoven, rezitierte ihm die ?nosUs ä'OrlsZ.ns und die I^sttrss?srLairss. Dies verhinderte nicht, daß in den Reihen der Geistlichkeit die gleichgültigsten Ketzereien blutig verfolgt wurden, während derselben Zeit, daß der Kurfürst den Plan in Ausführung setzte, Mainz zu einer imposanten Universität umzuschaffen. Der früher wegen seiner Freisinnigkeit verabschiedete Benzel ward zurückberufen und zum Kurator der Hochschule ernannt, Berühmtheiten wurden aus ganz Deutschland herbeigezogen, darunter zahl- — 138 — reiche Protestanten. Erinnern wir nur an die Namen, welche in der deutschen Wissenschaft sich ein bleibendes Andenken erworben haben, als da sind: Sömmerring, Johannes von Müller, Georg Forster. Die Professoren Blau (Theologie), Vogt (Mathematik — mit seinem noch lebenden berühmten Namensvetter nicht verwandt), Wedekind (Arznei) und Hofmann (Philosophie), wenn auch keine Größen ersten Ranges, doch ausgezeichnete Gelehrte, werden uns später mehr beschäftigen. Diese bizarre Mischung widerstreitender Elemente deutet in augenfälliger Weise an, daß der Umbildungs-Prozeß, welchem der Ausbruch in Frankreich entsteigen sollte, auch in das deutsche Nachbarland (und in so manches andere) transpiriert hatte, etwa wie eine Feuchtigkeit, die über den Rand ihres eigentlichen Bodens tritt. Auch machte sich, sobald nur die ersten Geburtswehen der herannahenden Revolution fühlbar wurden, das Gesetz geltend, welches in solchen Fällen niemals zu beseitigen ist. Die politischen und sozialen Gegensätze, welche in einer Art von Unschuldsstand nebeneinander gelebt hatteu, wurden sich sofort ihrer wechselseitigen Feindseligkeit bewußt. Was die Wurzel seines Daseins im alten Moder fühlte, entbrannte in blindem Eifer gegen die französischen Neuerer und ihre Nachahmer. Vergessen war die bisher dilettantisch betriebene Lichtfreundschaft, vergessen die beliebten Voltaire und Rousfeau, vergessen Justinus Febronius und der Einser Kongreß, vergessen der kleindentsche Fürstenbund (dessen Hauptförderer unser Kurfürst gewesen) und von nun an waren Jesuiten, Kaiser, Papst, König und Kurfürst, Alles wieder ein Herz und eine Seele, im instinktiven Haß gegen die Revolution. — 139 — Sehr bezeichnend hat der General Eikemayer (dessen Memoiren durch den um die Schilderung jener Epoche so verdienten Heinrich König veröffentlicht worden sind) seiner Beschreibung der Übergabe von Mainz die Erzählung einer „rettenden That" vorausgeschickt, deren Einzelheiten das klassische Urbild des eigentümlichen Reaktionsgenies deutscher Fürsten und Ritter zusammensetzen. Die Geschichte des Lüttich er Feldzugs ist ein historisches Museum der Armseligkeit, Feigheit, Barbarei und Ruhmredigkeit, mit welchen eine Reichstruppe zu Gunsten eines beim ersten Schreck ausgerissenen Landesfürsten interveniert. Es ist zum Verwundern, wie der Erzähler — überhaupt ein ganz moderner Mensch — die interessante Seite jener Episode herausgegriffen hat, gleich als ob er mit einer Art zweiten Gesichts die künftigen Wiederholungen ähnlicher Kreuzzüge vorhergeschaut und seiner Nachwelt das Bleibende im Wechsel deutscher Junkerwirtschaft hätte vors Gewissen halten wollen. Im Jahre 1789 war nämlich — immer mit den Pariser Ereignissen im Zusammenhang — der Fürstbischof von Lüttich aus seiner Residenz entwichen, versteht sich, nachdem er Tags vorher den aufrührerischen Bürgern „Alles bewilligt" und sich im Triumph von ihnen hatte umher tragen lassen, — ob mit oder ohne schwarz-rot-goldene Fahne, verschweigt unser Berichterstatter. Darauf Reichs- Exekution, um den gesetzlichen Landesherrn zurückzuführen. Der Kurfürst von Mainz hatte die Ehre, sein Kontingent dieser glorreichen Expedition beizugesellen. Der Feldzug dauerte ein ganzes Jahr vom Frühling 1790 bis 91. Welch' ein Charakterbild vom ersten Anfang bis zum letzten Ende! Wie die Armee von 7000 Mann sich schwerfällig auf ängstlichen Umwegen zum Angriff begiebt; wie sie vor einem einzigen Kanonenschuß Reißaus nimmt; wie aber wehrlose Kirchenbesncher von ihr niedergesäbelt werden; wie sie dann, zur Erholung, in den Kantonierungen auf echt strafbayrisch*) sich mästet; wie unter kläglichen Norwänden auf dem Rückzug einzelne Häuser niedergebrannt, Weiber und Kinder totgeschossen, Wagen voll unschuldiger mit Ketten beladener Bauern von heroischen Bewaffneten umringt eingebracht werden; wie der Kaiser durch Mürzverheißungen die Häupter der Liberalen gewinnt und diese — schwach und geblendet — wiederum ihre Mitbürger zur Niederlegung der Waffen beschwatzen; wie darauf die „siegreichen" Truppen in der reaktionären Stadt Verviers sich von den vornehmen Damen mit Lorbeerkränzen und wehenden Taschentüchern empfangen lassen, und wie dann schließlich der nach Mainz zurückkehrende adelige Lieutenant seine Heldenthaten im Wirtshaus erzählt und bedauert, daß nicht wütiger gegen die Rebellen gehaust worden sei, — das Alles lebt einem beim Nachlesen so unter den Händen, daß man sich beständig fragt, ob denn nicht doch von 1849 statt von 1791 die Rede sei? Im starken Bewußtsein dieser Kriegsthat, trunken von jenem hohlen Übermut, welchen die Aristokratie auf allen Wegen, niemals aber so thöricht wie im Angesicht der großen Revolution, entfaltet hat, beschloß der erhabene Potentat von Mainz, Kriegsherr ganzer dreitausend Mann Soldaten, die französische Nation, welche ihm durch einen außerordentlichen Gesandten Frieden und Neutralität hatte anbieten lassen, aus freien Stücken anzugreisen, indem er seine Armee den bereits im Felde stehenden österreichischen Truppen zu Hilfe schickte. Der Grund zu diesem herausfordernden Benehmen muß aber nicht in etwaiger Lehenstreue gegen den Kaiser gesucht werden (denn man kam ja eben erst von der preußischen Fürstenkoalition gegen das Reichsoberhaupt), Anspielung auf die im Jahre 1851 nach Hessen von Bundeswegen gesandten bayrischen Truppen. — 141 sondern in der Beeinträchtigung, welche Karl Friedrich vermöge seiner Eigenschaft als Lehensherr einer Hanau-Lichten- bergischen Landschaft im Elsaß durch die berühmten Dekrete der Nationalversammlung vom 4. August erfahren zu haben glaubte. Leider vergönnt der Umfang dieser Arbeit nicht, alle die charakteristischen Details wiederzugeben von welchen jene Demonstrationen begleitet waren, aber ich kann mir nicht versagen, einzuflechten, daß, während der französische Gesandte oben vom Kurfürsten stolz abgewiesen wurde, unten am Schloß die Emigranten einen Scheereuschleifer postiert hatten, der ihre Säbel abzog. Sollte man sagen, daß der Gardelieutenant so wenig ein Urgewächs der Mark Brandenburg sei? Bei den ausgelassensten Festgelagen versammelte der Kurfürst die Häupter des französischen Adels, den Kaiser Franz II., den König von Preußen, viele deutsche Fürsten nebst dero Gemahlinnen und Kronprinzen zu einem Kongreß gegen die französische Nation; und Mainz, welches im neunten Jahrhundert die falschen Dekretalen in die Welt gesetzt, im fünfzehnten das Konkordat des Baseler Konzils durch seine Kanzlei zu Gunsten der Päpste gefälscht, im achtzehnten den berüchtigten Bellarmin wieder aufgelegt und im neunzehnten die schwarze Kommission beherbergt hat, kaun sich auch rühmen, die Wiege des braunschweigischen Manifestes zu sein. Allda schrieb der wackere Herzog in die Welt hinaus^), daß er Paris der Erde gleich machen werde. Allda aber — das vergaß er dabei, das macht alles gut — hatten auch einige Jahrhunderte srüher die ersten Druckerpresseu gestanden. Wir können nicht lange verweilen bei den militärischen Borgängen, welche den kurzen Zeitraum zwischen jenen Sa- *) Das Manifest ist bekanntlich nicht sein eigenes Werk. Es wurde ihm aufgezwungen vom adeligen Gelichter. — 142 — turnalicn einer aufgeblasenen Aristokratie und ihrer kläglichen Demütigung ausfüllen. Da aber einmal die historischen Aufzeichnungen, durch Vorurteil und Bequemlichkeit veranlaßt, uns über alles Soldatische ausführliche Berichte erstatten, so müssen wir einige der letzteren hier aufführen. Auch verfallen wir damit nicht in die Einseitigkeit, deren wir Andere bezichtigen, denn niemals konnte man so sehr überzeugt sein, aus dem Einen alles Andere kennen zu lernen. Bedenkt man, daß die vornehmen Herren ihren ganzen Verstand auf das edle Soldatenspiel verlegten, erfährt man andererseits, in welcher Verfassung sich ihr Kriegswesen befand, nachdem sie aus eigenem Antrieb sich in Feindseligkeiten eingelassen, so kann man — gewiß aber nicht ausreichend — sich vorstellen, wie es mit der bürgerlichen Verwaltung beschaffen gewesen sein mag. Was nur jemals die Komik hat erfinden können, um ein Heer von Krähwinkel zu beschreiben, das begegnet uns hier auf Schritt und Tritt. Obenerwähnter Armeebestand von 3000 Köpfen erfreute sich des Befehls ganzer zwölf Generale aus den ersten adligen Häusern. Die Thätigkeit des Geniekorps bewährt sich hauptsächlich im Gemüsebau auf dem Glacis und in den Gräben der Festung. Daß beim Ausbruch der Feindseligkeiten meistens die Geschütze und die Kugeln durch unverträgliches Kaliber in Mißverständnis mit einander geraten, ist in den Annalen der Bundesgarnisonen bis auf unsere Tage etwas so Herkömmliches, daß es uns für damalige Zeit nicht befremden darf. Die Kopfzahlen, welche bei der thatsächlichen Kriegführung zur Sprache kommen, bleiben hinter denen zurück, welche Heuer eine jede Hofoper beim Wallenstein oder dem Nordstern zur Disposition hat. Da hören wir von 17 Husaren (ein starkes Drittteil der gesamten kurfürstlichen Kavallerie), welche dem anrückenden Feind entgegengeschickt werden; ein andermal von 6 Jägern, welche — 143 — am Rhein postiert bleiben, um den Rückzug aufs rechte User zu sichern (man kann sich denken, mit welchem Erfolg). Nach dem Gefecht bei Speier (30. September 1792). wo die Mainzer zum erstenmale an der Seite der Kaiserlichen im Felde gestanden hatten, verflog das kurfürstliche Heldentum in einem Atemzug. Es waren seine schönsten Leute mit den schönsten Aufschlägen — das gelbe Regiment geheißen, wie in reichen Bauernhäusern das vornehme gelbe Zimmer — welche der erhabene Kriegsherr ausgeschickt hatte, um die lumpigen Republikaner zu Paareu zu treiben, und der sie befehligende Oberst von Winkelmann hatte — mit Brannschweigs Manifest nicht zufrieden — einen eigenen Plan ausgedacht, wie man Paris verbrennen möchte, ohne anch nur eiuen Bewohner entrinnen zu lasfen. Jetzt kam die Schreckensbotschaft, uud jetzt erst dachte man an ernstliche Verteidiguugsanstalten für die wichtigste Reichsfestung. Natürlich abermals nur eine zweite und verstärkte Auflage von Tölpelei, Fastnachtsspiel und hohler Bärbeißigkeit, die alles Frühere übertraf. Vor allen Dingen machten sich die hohen Herrschaften, den Kurfürsten an der Spitze, auf die Sohlen. Zu Wagen, zu Roß, selbst mit Ochsengespann, wälzte sich ein Zug von schwerbepackten Mainzer Adligen und französischen Emigranten über die Rheinbrücke nach Frankfurt, Homburg, Darmstadt, Heidelberg, Aschaffenburg. Würzburg, immer weiter und immer weiter, getrieben teils vom eigenen Schreck, teils gestoßen von der Angst der hohen Bundesgenvssen, die jetzt ein Asyl geben sollten, die aber — vor einer Stunde noch in gemeinsamer Angriffswut schnaubend — sich jetzt die kompromittierenden Gäste verbaten uud an ihren Frieden mit dem Reichsfeind dachten. Alle Schätze und Kleinodien des Staats und der Stadt, alle öffentlichen Kassen wnrden in landesväterlicher Umsicht mit weggeführt, damit der zurück- — 144 — bleibende Bürger nachher allein die Ernährung des Feindes zu tragen habe. So weit ging die Bedachtsamkeit, daß auch die städtische Waisenkasse „gerettet" wurde. Doch muß den Hofbeamten nachgerühmt werden, daß sie ihre Anstrengung mehr ans Sicherung der eigenen Habe als auf diejenigen Schloßgerätschaften verwendeten, welche der Souverän nicht selbst hatte mitnehmen können und die um deswillen auch zurückblieben. Nach richtig abgesandter Bagage und im Begriffe, selbst in den Wagen zn steigen, erließ sodann jedweder hohe Beamte einen verzweifelten Aufruf an die braven Bürger in dem noch heute üblicheu Guts- und Blntsstyl. Und nun wurde aus allerhand Nolks, einigen hundert Mann invaliden Österreichern, einigen kur- mainzischen Soldaten, nassauischen und ysenburgischen Kontingenten, Bürgern, Handwerksburschen, Lehrlingen, preußischen Werbefeldwebeln u. f. w. u. f. w. ein Festungsdienst organisiert, der natürlich in Wahrheit nur ein Posfenspiel war. Wenn die Jungen aus der Schule kamen, liefen sie nach den Wällen, und die sehr ermüdlichen Artilleristen riefen ihnen zu: Kommt her, Ihr Buben, helft einmal die Kanon' richten! Das hab' ich mehr als einmal von Augenzeugen erzählen hören, und nicht minder jene bekannte Geschichte, wie der Festungskommandant General Freiherr von Gymnich des Vormittags zu Pferde am Neuthor hielt, auf dem Kopf eine baumwollene Nachtmütze und darüber gestülpt den Generalshut, und zu dem versammelte» Volke sagte: Seid ruhig, Ihr Burger, forcht Euch nit, ich übergeb die Festung nit, bis mir das Sacktuch hier im Sack brennt; und wie am folgenden Morgen durch dasselbe Neuthor kraft der vom General unterzeichneten Kapitulation die Franzosen einzogen. Gleichermaßen hatte nach der Affaire von Speier der Staatskanzler Albini die Bürgerschaft ver- — 145 — sammelt und zum Sterben oder Siegen angefeuert: als die Nachricht laut wurde, des Herrn Kanzlers Packwagen habe soeben glücklich die Brücke passiert. Beim ersten Alarmschuß, dem verabredeten Signal, daß jedermann sich auf seinen Posten begeben solle, hatte das Kontingent des Fürsten von Nassau-Weilburg für gut befunden, sich aus dem Staube zu machen und in sein engeres Vaterland zurückzukehren. Unter solchen und ähnlichen Karnevalsszenen vergingen etwa 14 Tage. Einmal kam ein besoffener Husar (drei Mann war der ganze Vorposten stark) mit verhängtem Zügel angesprengt und brachte alles in Alarm, ein andermal wurde das Angebot eines preußischen Feldwebels acceptiert, der sich anheischig machte, ganz allein die Franzosen durch eine Kriegslist wegzutreiben. Bis daß der General Cüstine sich vor die Stadt legte und, von den Reichsznständen sattsam durch seine bisherige Erfahrung unterrichtet, mittelst einiger drohenden Anstalten und Zuschriften an den Kommandanten die Kapitulation durchsetzte, welche der Garnison freien Abzug bewilligte. (21. Oktober 1792.) So war das linke Rheinufer mit dem Bollwerk des Reichs von einer zusammengerafften, an allem notleidenden Armee von nicht 20 000 Mann ohne Belagerungsgeschütz und vor allem ohne tüchtige Führung genommen worden. Denn Cüstine hatte weder Feldherrngabe, noch Mut, noch jenen revolutionären Schwung, welcher in andern Menschen seiner Zeit manche technischen Fähigkeiten ersetzte. Er blieb den Republikanern stets als Lü-äkvant. verdächtig, erwies sich unzulänglich uach der Einnahme von Mainz bei dem Zusammenstoß in Frankfurt, und noch viel gründlicher bei dem ganzen spätern Feldzug, den er, nebst Beauharnais, in Paris mit seinem Kopfe bezahlen mußte. Was aber mehr als alles unser Augenmerk auf sich ziehen muß, und was wir deshalb so oft hervorgehoben haben, Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. — 14k — das ist der bodenlose Übermut, mit welchem die Fürsten- und Adelsklique durch Hegung der Emigranten, durch jedwede Anfeindung und schließlich durch direkten Angriff selbst den Sturm herauf beschwor, dem sie auf so unbeschreiblich jammervolle Art erliegen sollte; nicht ohne vorher durch ihr Maulheldentum, durch Guts- und Blutsgeschrei und Säbelschleifen dem leichtgläubigen Bürger ein albernes Selbstvertrauen eingeredet zu haben. Von Dresden bis München geht eben so manches vor, zu desseu Beurteilung uns jene historischen Exempel dienen sollten, uud nicht minder die sehr denkwürdige Thatsache, welche wir hier noch beifügen wollen. Während der kurzen Verhandlungen nämlich, welche der Kapitulation vorangingen, ließ der Kurfürst dem feindlichen General Einigungsvorschläge auf dem Fuß eines Separatfriedens, respektive eines Neutralitätsversprechens machen. Der General aber war damals nicht in der Lage, einen monarchischen Rheinbnnd verwenden zu können. Die hastige Schilderung, welche uns bis hierher von den Zeitverhältnissen und Ereignissen unmittelbar vor dem Übergang von Mainz zu geben vergönnt war, könnte — obwohl der Aufgabe im strengsten Sinne fremd — schon aus dem Gesichtspunkt der Analogie älterer und neuerer Zustände als berechtigt erscheinen. Sie war aber hier um so unvermeidlicher, als nur mittelst der ihr zu entnehmenden Einsicht die Phänomene zu verstehen und zu beurteilen sind, denen wir jetzt, als dem Mittelpunkt gegenwärtiger Darstellung, uns zuwenden wollen. Während nämlich der offizielle Kurstaat die Emigration beherbergt und seine Theaterblitze gegen die Pariser Rebellen geschmiedet hatte, war in den gebildeten Geistern und besonders im Gelehrtenstande eine Strömung von gerade entgegengesetzter Richtung mächtig geworden. — 147 — Wir stehen an dem Momente, der uns den urplötzlichen Durchbruch einer unglaublich heftigen, entschiedenen, mächtig neuen Sinnesart enthüllt. Nichts Eigentümlicheres, als die von Kopf bis zu den Füßen gerüstete Schlagfertigkeit, mit welcher die edelsten Bestandteile der kurmainzi- schen Unterthanen — und darunter eine auffallend große Anzahl knrmaiuzischer Beamten — sich in Jakobiner und ihren kleinen Staat in eine Kolonie der französischen Republik verwandeln. Vieles begreift sich dabei allerdings aus der Zauberkraft, welche in ihrer Heroenzeit die Pariser Revolution auf begeisterungsfähige Menschen ausüben mußte; Vieles begreift sich aus dem kosmopolitischen und darum so nachahmungslustigen Naturell des Deutschen. Aber nichtsdestoweniger glich die ganze Erscheinung an Inhalt und Gewaltigkeit einem vulkanischen Ausbruch und erklärt sich daher zureichend nur demjenigen, welcher beschaut, was vorher unter der Oberfläche sich begeben; wie so lange schon die mannigfaltigsten Schichtungen sich unterirdisch durcheinandergelagert und in gärendem Zusammenstoß einer Eruption zugearbeitet hatten. Es waren damals, wie sie es heute noch sind, Deutschlands Ehre und Deutschlands Schmach dieselben: sein staatliches Rüstzeug unbrauchbar und rostzerfressen, sein Ideengehalt reif und großartig. Neben dem offiziellen Deutschland, welches, wie der General Gymnich, eine baumwollene Nachtmütze und darüber einen Dreimaster trug, den ellenlangen Zopf nicht zu vergesfen, gab es ein gebildetes, angeregtes, modernes Deutschland, dessen klassische Litteratur seit zwanzig Jahren in mächtigster Entfaltung begriffen uud schier auf ihrer Höhe angekommen war. Lessing und Kant waren mit ihrer Vollkraft durchgedrungen und neben ihnen die zahlreiche Schaar der so bedeutenden Zeitgenosfen, deren Namen bei Nennung jener beiden von selbst in unserem Andenken herauf- 10* — 148 — kommen. Schiller und Goethe hatten ihre Weltherrschaft mit leuchtender Herrlichkeit angetreten. Dichterbünde, Gelehrtenvereine, Zeitschriften hatten die Geister in lebhafte Wechselwirkung gebracht, und selbst das politische Bedürfnis hatte in einzelnen Organen, wie vor allen in Schlözers Staatsanzeigen sich lebendiger Befriedigung zu erfreuen gehabt. Während auf diese Weise das geistige Leben von den ernstesten Grundlagen aufwärts sich jugendlich emporgerungen, hatte der einmal aufgeregte Bildungs- und Neuerungstrieb in vielfältigen, mehr oder weniger dilettantischen Formen die größeren Massen in das Problem des Jahrhunderts hineingezogen. Wir haben bereits oben auf die Rolle hingedeutet, welche die humanistische Aufklärungsund Geheimbündelei bei der Vorbereitung des uns beschäftigenden Umschwungs gespielt haben. Sie hatten den Klubgeist eingeübt; sie hatten sozusagen zu der revolutionären Gymnastik erzogen, während von der Philosophie und Litteratur die stoffgebende Nahrung aufgespeichert worden war. So fanden sich Form und Inhalt vorbereitet. Daß aber die Sachen, einmal so weit fertig, das französische Gewand annahmen, das würde sich schon hinreichend aus der verführerischen Leichtigkeit erklären, mit welcher die Umstände dasselbe herbeitrugen. In der That, so gewiß der Versuch dieser deutschen Wiedergeburt in französischer Gestalt ein Irrtum war, so gewiß war der Irrtum damals verzeihlich. Vergessen wir nicht, daß die ganze Nationalitätsfrage erst in unserm Jahrhundert Gegenstand des allgemeinen Nachdenkens geworden ist; und wie ungeweckt der nationale Instinkt auf dem Herzensgrunde jener Deutschen schlafen mußte, welche seit Jahrhunderten halb dem Bischof von Mainz, halb etwa dem Grafen von Salm nnd Stein und so gut wie nicht dem Schattenkaiser angehörten. Übersehen wir nicht, wie die, welche hernach gern in der Not — 149 — des Augenblicks ein Deutschtum heraufbeschworen hätten, die Fürsten und Adeligen nämlich, selbst am meisten der französischen Propaganda vorgearbeitet hatten. Denn was und wer hatte sich der französischen Art in den vornehmen Zirkeln entzogen? Der größte deutsche Regent dachte in der Sprache Voltaires, wie die kleinste gräfliche Maitresse im Stile der Dubarry lebte. Die gesamte Aufklüruugs- litteratur war von jenseits des Rheins herübergedrungen, und schließlich hatte der so vorwiegend humanistische Beruf des Jahrhunderts mit Recht die allgemeine Erlösungsaufgabe so sehr in den Vordergrund geschoben, daß über der Arbeit an den Menschenrechten die Arbeit an den Bürgerrechten zurückgestellt werden mußte. Was heute wie Abstraktion aussieht, war damals eiue sehr konkrete Kraft. Viel ausgesprochener aber noch als in der Gemeinschaft der universellen Aufklärung hatten sich deutsches und französisches Wesen in jenen der Epoche eigentümlichen Verbrüderungen gemengt, deren mächtigste die Freimaurerei war. Die herrschenden deutschen Logen standen unter französischem Einfluß und zeitweise unter direkter französischer Leitung. Was Wunder also, wenn das revolutionäre Frankreich nur die Arme ausbreiten durfte, damit sich die der mittelalterlichen Hudelei entwachsenen Deutschen hineinstürzten? Denke man sich Menschen, entzündet vom Feuer der Wissenschaft und Freiheit, die noch von den Jesuiten als Neuerer verfolgt wurden, weil sie etwa Bürger statt Burger oder „an Gott" statt „in Gott glauben" zu schreiben wagten, oder auch weil sie das in der Mathematik profanierten; versinnliche man sich, welchen Ekel uud welche Ungeduld die falstaffische Verteidigungswirtschaft in ihnen zu allem bereits Vorhandenen aufgehäuft haben mußte: und man wird sich deutlich vorstellen können, wie es im — 150 — gebildetsten Teile der Einwohner aussah, während die kurfürstlichen Truppen bei der ersten Annäherung des Feindes die Außenwerke ohne Widerstandsversuch räumten und mit ihren harmlosen Kanonen auf den inneren Schanzen rumorten, alles Herrschaftliche aber in wilder Flucht davon rannte. Eben war der preußische Feldzug in der Champagne, so übermütig begonnen, aufs Kläglichste zu Ende gegangen. Am 12. Oktober hatte Verdun, am 18. Longwy den Franzosen übergeben werden müssen. Am selbigen Tag begann Cüstine die engere Einschließung von Mainz. Worms war acht Tage früher ohne Schwertstreich in seine Hände gefallen. Drei Tage darauf war alles fertig, und die Franzosen rückten in die Stadt ein. Wie immer nach einer Niederlage durch eigene Unfähigkeit, schrie die kurfürstliche Partei hinterher über Verrat. Der Major Eikemayer sollte dem Kommandanten erst übertriebene Angst eingeflößt und dann den Kriegsrat zur Übergabe beschwatzt haben. Eikemayer hat sich von dieser schon in sich thörichten Anklage vollständig gereinigt und für wen, der mit uns einen Blick auf die Zustände geworfen, bedarf es erst noch des Beweises, daß für die etwaigen Franzoseufreunde in der Stadt jede Verratsanstrengung der purste Luxus gewesen wäre, und daß niemand, sollte er auch Lust verspürt haben, die Zeit gefunden hätte, zum Verräter zu werden? Ob Cüstine durch gleichgesinnte Mainzer von der Widerstandsunfähigkeit der Festung unterrichtet worden oder nicht, ist, praktisch wie psychologisch betrachtet, ganz gleichgültig. Hauptsache bleibt, daß weder kalte noch glühende Kugeln, weder Bajonett noch Hunger an den General Gymnich herandrangen, sondern daß zwei bärbeißige Briefe Cüstines, in welchen dieser den Jakobinischen Wauwau machte, hinreichten, dem gemütlichen Kommandanten alle Verteidigungslust zu benehmen. Am 21. Oktober 1792 waren die Franzosen eingerückt, am 23. bereits ward ein Klub unter dem Namen „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" im Akademiesaale des kurfürstlichen Schlosses eingeweiht. Keiu Fremder hatte die Hand dabei im Spiele, die Sommitäten der Mainzer Bevölkerung hatten auf ganz eigene Faust die Sache ins Werk gesetzt. Sie waren längst geschult in allem, was nach Pariser Muster dazu erheischt wurde. Es bedürfte nur des Dekorationswechsels, damit die schon seit mehreren Jahren bestehende Lesegesellschaft sich in einen demokratischen Klub verwandelte. Vergebens hatte in der letzten Zeit die Zensur die französischen Zeitungen und Flugschriften fern zu halten, vergebens hatten die emigrierten Adligen sich einzuschwärzeu gesucht. Die Augen hingen an Paris- die Herzen an der Revolution. Eines Morgens schon ein Jahr zuvor hatte man in den Straßen der Stadt die Emigranten einander triumphierend iu die Arme stürzen sehen. Es war die Nachricht eingetroffen, Ludwig XVI. sei aus Paris entronnen. Des Abends füllte die festlich gestimmte Adelsschaar die Logen des kurfürstlichen Theaters. Plötzlich bricht das Parterre in brausenden Jubel aus. Was ist geschehen? Die Kunde ist eingetroffen, daß Ludwig in Varennes gefangen iu die Hauptstadt zurückgebracht worden: entsetzt verschwindet die vornehme Welt aus den Logen. Das geschah schon unter kurfürstlichem Scepter. Was Wunder also, daß unter dem Bürger-General der ueu- fräukischen Republik im Nu ein kleines Paris erstand? Freilich mischte sich unreife Selbgefälligkeit in den Eifer, mit welchem der revolutionäre Apparat aufgerichtet wurde. Man hatte sein Paris studiert und wollte zeigen, daß man desfen Grundsätze, Formen und Sprache vollständig los hatte. Aber sei man deshalb nicht ungerecht, und glaube, es sei nur äffische Nachahinnngseitelkeit im Spiele gewesen. — 152 — Zeit und Menschen waren jugendlich, alles war so neu, so unverbraucht, so unerprobt; denke man, welchen Zauber die pathetischen Formen noch heute auf unser erfahrungssattes, nüchternes Geschlecht im gegebenen Augenblick zu üben vermögen, und berechne man, wie sie damals packen mußten im Moment des grellsten Übergangs und der in Wahrheit inhaltreichen Begeisterung! Wie theoretisch rein nud rein theoretisch die Triebfedern der ganzen Bewegung waren, erhellt am unzweifelhaftesten aus dem Umstände, daß die Gelehrten aller Gattung und unter ihnen die ausgezeichnetsten an der Spitze standen. Wir haben Forster genannt; Gervinus und Schlosser, gewiß zwei unverdächtige Zeugen, entheben uns der Mühe, seine Rettung zu unternehmen. Neben ihm stehen Andreas Hofmann, Profesfor der Philosophie, erst vor wenigen Jahren gestorben und bis zum letzten Augenblick seines hochbetagten Lebens ungebändigt in seinem starken ewigtreuen Freiheitssinn; Blau, Vorsteher des Seminars und erster Profesfor der Theologie, der liebenswürdigste, humanste Charakter aus jener Gruppe, den selbst die pöbelhaftesten Gegner nicht zu verdächtigen wagen; Wedekind, Leibarzt des Kurfürsten und Profesfor der Medizin, später Oberarzt der französischen Armee, der regsamste und feurigste der Klubbisten, der Haupt-Redner und Journalist, überall gegenwärtig und zu allem geschickt; ihm ähnlich Metternich, Profesfor der Mathematik; Enthusiasten von leichterer Art; der Gymnasiallehrer Böhmer aus Worms und der ehemalige Mainzer Kanonikus Dorsch; sodann noch der Profesfor Vogt, der Hofgerichtsrat Hartmann und der edle Enthusiast Adam Lux, den ein Jahr darauf der Anblick der Pariser Blutwirtschaft zur Verzweiflung an seinem Freiheitsideale, zum Selbstmordsversuch und schließlich auf die Guillotine brachte, nachdem er absichtlich unter den Augen ihrer Richter die That der enthaupteten Charlotte Corday — 153 — verherrlicht hatte. Die wenigsten der genannten Männer waren geborene Mainzer. Lux gehörte zu diesen wenigen. Sein Vater trieb Landwirtschaft auf dem rechtsrheinischen Dorfe Kostheim bei Mainz. Er selbst hatte allda studiert. Die große Mehrzahl unserer deutschen Jakobiner gehörte zu den vom Kurfürsten aus andern deutschen Landen herbeigezogenen Universitätslehrern, zu ihren Schülern, den Studenten und zu den Beamten. Die profunde, man möchte sagen: wissenschaftliche Begeisterung, welche bei der ganzen Entpuppung obwaltete, liegt nicht in dem Charakter des Rheinländers. Er konnte sich mit seiner Beweglichkeit und Anstelligkeit rasch in das neue Wesen hineinfinden, auch dafür Feuer fangen, aber es Jahre lang aus der Ferne studieren, verfolgen, theoretisch anbeten, das war seine Sache nicht. Daher dominieren in der ganzen Bewegung die deutschen Ausländer, dabei sehr viele Norddeutsche und Protestanten. Der Kern der Bürgerschaft, die Kaufleute, die GeWerke sträubten sich bis zum Ende der ersten Okkupation gegen die Französieruug, vertraten den Stabilismus; um so begreiflicher, als Innungen und Zunftbann sie zu Bevorrechteten gemacht hatten, welchen die neue Ordnung zu nahe kam. Die „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" ward nun der Mittelpunkt des politischen Lebens, welches in jugendlicher Üppigkeit nach allen Seiten hin Blätter, Blüten und auch viel Unkraut trieb. Beinah täglich Versammlungen im großen Akademiesaale des kurfürstlichen Schlosses. Reden ohne Zahl und ohne Ende, meistens im Brutus- und Cassius-Stil der französischen Vorbilder. Selbst Forster, der oft präsidierte, obwohl in seinen Reisen und Briefen so wahr und liebenswürdig, widersteht nicht der schlechten Mode pausbackiger Deklamation und universeller Überschwünglichkeit, nicht bloß im Fluß der Rede, sondern auch in seinen zahlreichen — 154 — schriftlichen Veröffentlichungen, denn neben dem Klubwesen hatte sich alsbald auch eine lebhafte publizistische Thätigkeit entfaltet. Es regnete Journale, Wochenschriften, Brochüren. Wedekind, das wahre revolutionäre Faktotum, gab unter Forsters lebhafter Mitwirkung in unregelmäßigen Heften den „Patrioten" heraus. Wenn uns heute schon die ihrer Zeit effektvollsten Reden der berühmten Konvents-Mitglieder bombastisch und unverdaulich im Magen liegen bleiben, so darf man sich nicht wundern, auch au den Ergehungen des „Patrioten", mögen sie nun von Forster oder von andern herrühre», keinen Gefallen finden zu können. Doch begegnet nns hie und da auch echter philosophischer Ernst und philosophischer Gehalt; freilich mehr Roufseau als Kant, wie es eben natürlich und nützlich war. Von Gedichten ein undurchdringlicher Urwald. Drei verschiedene Übertragungen des Marseille? Marsches; auch das deutsche irg. fehlt nicht. Um nicht hinter dem ?öl-us rQQQioixg.1isoii8 ä, toros, schreibt Merlin nach Hause, ohne sich der geringsten Illusion hinzugeben, und welcher Art die Begeisterung war, auf die er glaubte rechnen zu dürfen, wird aus einem Erlaß anschaulich, in welchem zur Belehrung der Eidverweigerer feierlich beteuert wird: es sei nicht wahr, daß, wie man ausgesprengt habe, der Frei- heitsschwur die Verpflichtung zum Kriegsdienst für die Republik nach sich ziehe. Auch das half nicht viel, wie es scheint: die Zünfte, die Geistlichkeit und die Dikasterien bestürmten die Kommissare mit Vorstellungen um Rücknahme der Eidesdekretierung. Der ungestüme Merlin wurde ungeduldig, und vom Bitten wurde zum Drohen, vom Drohen zum Ausführen geschritten, besonders in dem Maße, als die Kriegsgefahr näher rückte. Güter-Konfiskation und Austreibung wurden über die Xor^urors verhängt, zumal, wie wir weiter unten sehen werden, als die nachmals engeingeschlossene nnd ausgehungerte Stadt iu der Verfolgung zugleich eine Erleichterung snchte. Einstweilen waren die Urwahlen zur Ernennung -der Deputierten, Beamten und Richter mit größerem oder geringerem Anhang abgehalten worden, und am 17. März 1793 konstituierte sich „der Konvent der Rheinisch-Deutschen Republik der Völker von Laudan bis Bingen." Er hielt seine Sitzungen im Rittersale des Deutschen Ordens-Hauses, schlechthin das „Deutsche Haus" genannt. Die Zahl der Deputierte« war sechszig. Hofmann wurde zum Präsideuten, Forster zum Vizepräsidenten erwählt. Als Geschäftsordnung wurde kurzweg die des Pariser Konvents angenommen. Eines der ersten Dekrete verfügte, „daß jeder, welcher in diese nun frei gewordene deutsche Provinz kommen würde, um etwas mehr als Bürger sein zu wollen, mit dem Tode gestraft werden solle." Am dritten Sitzungstage endlich begann die entscheidende Beratung über die drei Grundsragen: Soll Mainz mit dem ganzen linken Rheiuufer eiue für sich allein bestehende Republik ausmachen? Soll die neue Republik durch ein Bündnis mit Frankreich sich uuter den Schutz dieser großen Republik begeben? oder endlich soll die neue Republik Frankreich bitten, daß es diesen rheinisch-deutscheu Staat mit sich vereinige? Nach zweitägiger heißer, aber nicht hitziger Debatte, denn alle waren derselben Meinung, wurde einstimmig beschlossen, wie folgt: „daß das rheinisch-dentsche Volk die Einverleibung iu die fränkische Republik wolle und bei derselben darum anhalte, und daß zu diesem Ende eine Deputation aus der Mitte dieses rheinisch-deutschen Nationalkonvents ernannt werden solle, um dessen Wunsch dem französischen Konvente Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften. I. ^ ^ — 162 — vorzutragen." Die Mission wurde den drei Abgeordneten Georg Forster, Adam Lux und Kaufmann Patocki aufgetragen. Die Schicksale der beiden erstgenannten sind bekannt*). Beide liegen in Paris begraben, beide haben den Ernst, die Heiligkeit ihrer idealen Überzeugung mit ihrem Tode besiegelt. Ihr Wesen, erfüllt von deutsch-theoretischer, sauft-gebildeter Freiheitsliebe, ward vom Anblick der eisenherzigen brutalen Revolution zerschmettert. Ihre Zeugeu- schast reicht aber auch hin, die ganze Episode, deren besten Ausdruck sie darstellen, von dem Verdachte eine? hohlen Possenspiels zu reinigen. Zahlreiche andere, im Dunkel gebliebene Opfer haben nicht minder ihr Leben für dieselbe, ehrlich gemeinte, aber falsch angelegte Sache hingegeben. Dem Mainzer Konvente war kein langes Leben vorbehalten. Die alsbald sich dicht herandrängenden Kriegsbegebenheiten schoben alles andere in den Hintergrund. Am 30. März hielt er seine letzte Sitzung. Cüstine uud seine Generale hatten den Krieg rheinabwärts lau und ungeschickt betrieben. Ende desselben Monats März hatten sie nach einem erbärmlichen Widerstandsversuch den Preußen die Nahe-Linie, Bingen und Krenznach überlassen. Preußen, Sachsen und Hessen hatten sich schon bis dicht um Kastel zusammengezogen. Cüstine, ebenso leicht demoralisiert wie übermütig, mehr auf die Erhaltung seiner Verbindung mit Frankreich, als auf die Behauptung des Rheins bedacht, retirierte nach dem Elsaß hin, dem General Doyre den Oberfehl von Mainz überlassend. Ein Teil des Cüstinescheii Korps aber konnte den Rückzug nicht durchsetzen, denn er stieß oberhalb Mainz auf den Feind nnd mußte irolsn? vo1sn8 in die Festung zurückkehren, deren Mannschaft dadurch ans ungefähr 22 000 Köpfe gebracht wurde. Im Patocki blieb später im Elsaß. — 16? — April begann die engere Belagerung, und damit die Zeit der verzweifelten Maßregeln; um so mehr, als die Nähe der deutschen Truppen allen Widerstandslustigen neue Kräfte gab. In immer wachsenden Massen, mit immer zunehmender Strenge wurden die Ausweisungen betrieben. Anfangs hatte man sich auf die ausdrücklich Widersetzlichen beschränkt; von ihnen geht man jetzt zu den Verdächtigen über; zuerst kommeu die Geistlichen, dann ehemalige Beamte und Privilegierte, schließlich deren Angehörige an die Reihe. Politischer Verdacht und materielle Not steigern gleichzeitig die Verfolgungssucht. Den Ausgetriebenen wird verboten, irgend etwas Anderes als die notwendigste Habe, nur was sie selbst tragen können, mitzunehmen. Der Rest des Vermögens wird konfisziert, ebenso das Eigentum derer, die vorher freiwillig ausgewandert waren: ein förmliches Emigrantengesetz nach französischem Muster. Endlich auch, nach einer damals bestehenden Gewohnheit, wird zur Sicherung künftiger Repressalien eine gewisse Zahl angesehener Bürger als Geiseln ins innere Frankreich abgeführt, hauptsächlich Kaufleute (beinahe lauter noch heute gut bekannte Namen. Gröser, Werner, Kaiser, Ackermann). Der Sturm des Völker- uud Bürgerkriegs ist entfesselt. Vor den Wällen schlägt man sich, beinah allnächtlich ein Ausfall, bald da, bald dorteu; innen ersteht ein Revolutionstribunal, fünf Richter, ein öffentlicher Ankläger und auf alle politische Vergehen die Todesstrafe; und damit nichts fehle, auch Assignaten, nicht die französischen, sondern, wie man alles auf eigene Faust macht, anch eine aparte rheinisch-deutsche Belagerungs-Münze. Denn man ist eben ganz und gar von Frankreich abgeschnitten, ohne irgend ein Mittel, die Truppen und deren Lieferanten anders zu bezahlen. Was in Paris vorgeht, weiß man seit Monaten nicht; hie und oa erfährt man etwas vom Feinde, aber natürlich nur unter 11* — 164 — Vorbehalt, und mit Recht: denn es heißt (und spielt bei der Übergabe der Stadt eine besondere Rolle), in Frankfurt würden falsche Monitenre gedruckt mit Erzählungen, welche auf die Einschüchterung der Belagerten berechnet seien. Unter solchen Umstünden laßt sich denken, wie viel republikanische Begeisterung in dem deutschen Städter mag zurückgeblieben sein. Selbst die französischen Berichte wissen nichts zu rühmen. Wie groß überhaupt ist die Zahl der friedseligen Menschen, deren Gesinnung solchen Prüfungen widerstünde? von denen ein solcher Widerstand sich billigermaßen verlangen ließe? Und vollends hier; nach hundertjähriger Unmündigkeit und Spießbürgerei, nach einem darauf gefolgteu kurzen Rausche, unter den Klängen einer fremden Sprache, dem Walten eines fremden Geistes? Wäre auch nicht das Zeugnis der weit und weiter getriebenen Ausweisungen vorhanden, das Bild der Zustände allein könnte genügen, uns die Überzeugung zn sichern, daß von einer freiwilligen, von Hause aus sympathische» Hinneigung zn Frankreich bei den Massen damals nicht die Rede war: trotzdem dies nicht nur bei den Franzosen bis auf den heutigen Tag ein Glaubensartikel ist, sondern zu allen Zeiten in Deutschland vielfach behauptet wurde; zunächst auf das Zeugnis hin der rachedurstigen Wiedereroberer, deren Brutalität nach einer möglichst großen Zahl von Opfern, nach Vorwünden für ununterschiedliche Plünderung verlangte. Kehren wir noch einmal zurück zu den Belagerten. Es ist Ende Juni geworden, uud zu allen Schrecken des Kriegs ist die eigentliche Beschießung hinzugetreten. Tagelang regnete es Bomben. „Wir lebten unter eiuem feurigen Dache," sagt ein Augenzeuge. Die stattlichen Paläste, der Dom, viele Kirchen stehen nach der Reihe in Brand. Mangel an Fleisch, an Futter, Medikamenten. Immer und immer wilder geht der Gang der Austreibungen. Nicht mehr — 165 — hundert-, sondern tansendweise ziehen die Schaaren der Unglücklichen über die Rheinbrücke nach dem jenseitigen Ufer; einmal wird ein ganzes Dors, Finthen, wegen Eidesverweigerung hinausgemaßregelt (die Ortschaft ist noch heute besonders gut katholisch und war 1848 der Bewegung weniger zugänglich als irgend eine andere Landgemeinde), Als höchst seltsam verdient ein besonderer Judenschub erwähnt zu werden, und zwar schon unterm 2. April erscheint vom Präsident Hofmann unterzeichnet ein Befehl: „Im Namen des souveränen Volks wird den ungeschworenen Jnden auf Befehl des Nationalkonvents bedeutet, daß sie heute 12 Uhr, und zwar unter Todesstrafe auf dem Schloßplatze erscheinen sollen (zur Wegführuug von da). Wer sich heute nicht allda einsinden wird, soll ohne Weiteres aufgeknüpft werden." In allen Dingen hat die rheinische Republik dem französischen Muster folgen können; Gott, König und Vaterland hat sie überwunden: über den spezifisch deutschen Judenhaß kann sie nicht hinaus; Atta Troll muß sein Amendement stellen, so daß selbst der Bannstrahl die Absonderung aufrecht erhält. Und noch merkwürdiger: unter diesen gedrückten, schon seit jenen Zeiten her der Staatspolizei so verdächtigen Juden finden sich ganze Schichten, welche dem Abfall vom Reich das Exil vorziehen, und damit den Verlust des teuren Eigentums. Es giebt sonderbare Naturspiele, von denen kein Rittergutsbesitzer eine Ahnung hat. Da schließlich alle Vorwände der Verfolgung erschöpft, aber immer noch zu viele Menschen in der Stadt sind, treibt der Befehlshaber zu freiwilligen Auswanderungen. Der Feind kann diese Erleichterung nicht zugeben. Er begrüßt die ausgestoßeuen Landslente mit Kanonen, der eben so erbarmungslose Himmel sendet ein Unwetter auf sie herab; so verbringen die Elenden, meistens Hülflose Weiber uud Kinder, eine schauervolle Nacht im — im; — Felde. Das Herz der französischen Soldaten öffnet sich zuerst der Menschlichkeit: die Chasseurs bringen Weiber und Kinder auf ihren Pferden, mit ihren Mänteln bedeckt, in die Stadt zurück. Die französischen Nationalgarden selbst, nicht für diesen eintönigen von der Heimat abgeschnittenen Festungskrieg gemacht, verlieren die Spannkraft. Selbstmord wird epidemisch, drei Offiziere erschießen sich in einer Nacht. Noch einmal — es war das letzte — erhebt die Republik ihr Haupt in festlichem Aufzug. Es ist der 14. Juli; Waffenstillstand. Vor den Wällen feiern die Preußen die Einnahme von Conds, innerhalb der Mauern wird das Jahrgedächtnis des Pariser Bastillestnrms begangen. Auf dem Schloßplatze ist ein Altar der Freiheit errichtet, über welchem der General en Chef einem Neugebornen die republikanische Taufe giebt; Reden und Kanonendonner — doch Freude uud Zuversicht sind verraucht; bereits wird heimlich mit deu Preußen unterhandelt und am 22. desselben Monats kapituliert. Auch da ist wieder vou Perrat die Rede. Es kommt hier nicht darauf au, die französische Ehre zu retten, aber das allgemeine geschichtliche Wahrheits- interesse rät zu beiläufiger Verwahrung. Erst sollte Eike- maher, später Cüstine, diesmal nach dem einen Doyrs, nach dem andern Merlin, nach dem dritten sollen alle gekauft gewesen seiu. Im Mittelalter sah man bei allem Unglück Hexerei, im 16. nnd 17. Jahrhundert überall Vergiftung, in Revvlutioueu sieht mau überall Spionage und Verrat. Sichtbare Widerwärtigkeiten erklärt die Trägheit des Verstandes am liebsten mit dem schnell fertigen Unsichtbaren. Eins aber fesselt unsere Aufmerksamkeit in den Verhandlungen, welche der Übergabe vorausgehen, in den Ereignissen, welche sich aus ihr entwickeln: das Schicksal nämlich jener Mainzer, die sich rückhaltslos in die republikanische Bewegung geworfen hatten und denen jetzt die Znchtrute des restaurierten Kurfürsten und seiner Verbündeten drohte. Ihr Lvs, das Gebaren ihrer Verfolger wie ihrer Beschützer ist bezeichnend für den Geist der Parteien. Ihre Leiden beanspruchen nnser inniges Mitgefühl, ihre Gleichgültigkeit gegen die deutsche Nationalität darf es ihnen nicht entziehen. Ein Jahr darauf finden wir ihre Peiniger, finden wir Osterreich nnd Preußen um die Wette kabalierend, wer dem Reichsfeind das linke Ufer an den Hals werfen dürfe, um sich eine andere Territorialentschädigung zu sichern. Wer empfand oder dachte damals etwas von deutscher Nationalität? Wenn wir glauben festgestellt zu haben, daß die Anzahl der Neuerungslustigen mir iu geringem Verhältnis zur Gesamtheit der Bürger gestanden hatte, so dürfen wir nicht verkennen, daß, wie schon angedeutet, Reinheit der Motive und der Überzeugung in dieser Minorität vorwaltete. Durch alle Prüfungen hindurch bewies sie nachmals heldenmütige Ausdauer bei ihrer Sinnesart. Aber in den Augen der Obrigkeit von Gottes Gnaden ist kein Widerstand gehässiger als der des uneigennützig freisinnigen Denkers, und sie hat von jeher die süßeste Befriedigung hineingelegt, das Edle in ihm geflissentlich ignorierend, ihn als ehrlosen Verbrecher herabzuwürdigen. Schöngcistelnde deutsche Fürsten haben nach 1830 und nach 1849 mit besonderer Wonne Schriftsteller, Philosophen, Dichter zum Wollznpfen, Spinnen, Marmorschleifeu anhalten lassen, ganz wie Ferdinand von Neapel seine Minister mit Mördern an eine Kette schloß. Auch dem damaligen völlig von Preußen lag nichts mehr am Herzen, als der Legitimität die Opfer eines wollüstigen Rachefestes zn sichern. Darüber läuft beiuahe ausschließlich die Korrespondenz zwischen den Befehlshabern in und außerhalb der Festung hin und her. Der König will unbedingt sich ans nichts einlassen, was die sogenannten Patrioten vor künftigen Heimsuchungen schützen könnte. Merlin zeigt sich dabei — 1L8 — eben so ehrenhaft und human, wie sein Gegner sich klein und brutal zeigt. Er erklärt im Kriegsrat, lieber die ganzen Verhandlungen abzubrechen, als diejenigen, welche auf die Republik vertraut hatten, ihren Feinden Preis zu geben; er bietet sich selbst als Geisel und Kriegsgefangenen an, wenn der König den Klubisten freien Abzng gestatten wolle. Endlich vereinigt man sich zu einer Fiktion, welche beiden Teilen aus der Verlegenheit helfen soll. In der Kapitulatiou wird von den Patrioten nicht die Rede sein; da aber allen Franzosen freier Abzug verbürgt ist, so möge wer da wolle sich mit der Masse davou machen, der König verzichtet auf eine Kontrole der Abziehenden. Allein es war schon dafür gesorgt, daß die Rache des Herrn nicht um ihren Fraß komme. Was unter der Bedeckung der ersten Kolonnen marschierte kam glücklich durch, aber die weiter hinten folgenden Anführer wußten sich der Schutzbedürftigen nicht mit der nötigen Energie anzunehmen, die Haufen der ehemals Ausgetriebenen warfen sich nach Vergeltung lechzend auf die Klubbisten, und viele der letzteren wurden tötlich mißhandelt. In der Stadt ging es noch schlimmer her. Soldaten und Nolkshaufen übten Plünderung und Mißhandlung in allen Häusern, welche dafür gelteu mußten, Klubbisten beherbergt zu haben. Diejenigen der letzteren, welche auf höheren Befehl gefänglich eingezogen wurden, kamen deswegen nicht besser davon. Mit Stricken an einander gebunden über die Rheinbrücke geführt, wurden sie noch bis nach Frankfurt hin den Angriffen des Pöbels preisgegeben. Der harmlose, menschenfreundliche Professor Blau starb an den Folgen der an ihm verübten Rohheiten, ein neunzehnjähriges Mädchen wurde mit Gewehrkolben erschlagen, weil sie in einem klubbistischen Liebhabertheater mitgespielt hatte, ihren beiden Schwestern gings ebenso. Männer und Frauen wurden in Menge nach den Festungen — 109 — Königstein und Erfurt gebracht und da in feuchten Löchern einer elenden Gefangenschaft überlasten. Ein Teil dieser Unglückseligen war ausdrücklich dazu vorbehalten worden, deutscheu Gefangenen in Frankreich zur Freiheit zu verhelfen. Das Geiselnehmen war nämlich, zur Unehre der Revolution, von dieser eingeführt worden. Die französischen Heere hatten schon 1792 bei ihren ersten Einfällen iu Saarbrück, Bliescastel, Zweibrücken Geiseln aufgehoben und ins Innere geschickt. Die Österreicher übten hernach Vergeltung im Elsaß und sendeten die von ihnen Ausgehobenen nach Mainz uud Wesel in die Festungen. Wahrend der Belagerung hatte, wie oben erzählt, der Konventskommissar eine Anzahl Mainzer nach Frankreich transportieren lassen, Man hielt sie in Metz uud Nancy gefangen. Bei der Kapitulation nun war ausgemacht wordeu, daß eiue gewisse Kategorie von Klubbisten so lange zurückgehalten werden sollte, bis jene Mainzer Geiseln entlassen wären. Aber die Ausführung unterblieb lange, teils durch französische, teils durch deutsche Schuld. Mittlerweile verkamen die Gefangenen in den Gewölben alter Festungsverließe, obgleich sich nachträglich ein Umstand herausstellte, der ihre Ansprüche ans Erlösung verstärkte. Während nämlich Mainz durch die Belagerung von Frankreich abgeschnitten und ohne Kunde geblieben war, hatte der Konvent das von Forster, Lux und Patocki überbrachte Angebot der Einverleibung in die fränkische Republik angenommen, und so waren diejenigen, welche dafür optieren wollten, beim Abzug des belagerten Heeres, französische Bürger. Zwei Jahr lang wurde darüber zwischen den Konventsleuten und den deutscheu Autoritäten negociiert. Merlin nahm sich ununterbrochen rühmlich seiner ehemaligen Schutzbefohlenen an. In seiner öffentlichen nnd Privatkorrespondeuz finden wir ihn fortwährend dafür thätig, sie ans ihrer Haft zu erlösen. Er — 170 — betreibt, wie er immer kann, die Rücksendung der Metzer und Ranziger Geiseln, damit auch die Kerker von Erfurt und Königstein sich öffnen möchten. Unterdessen bleiben die gefangenen Klubbisten sowohl, wie die, welche nach Frankreich entkommen sind, mit der Naivetät ihrer ersten Schwärmerei der Revolution und der Republik zugethan. Ihre Briefe sind rührend zu lesen. Einer fällt an Merlins Seite im Krieg gegen die Vendver, nachdem er fünfmal in derselben Schlacht an der Spitze seiner Legion angegriffen hat. Er war Vater einer zahlreichen Familie, die in Paris zurückblieb. Sein Familien-Name Riffel ist seitdem in Mainz wieder zu besonders katholischem Klang gekommen. Rühmliches Andenken verdient eine Frau Falziola, geborene Meletta, deren Mann, Sohn, Schwager, deren sämtliche Freunde in deutschen Kasematten lagen. Sie ruhte und rastete nicht, die Sache der Unglücklichen zu betreiben, bald ist sie hinter dem Konvent, bald hinter dem Wohlfahrtsausschuß, bald hinter Merlin her, und wirklich nicht ohne Verdienst an der schließlichen Erlösung. Dieselbe erfolgte während der zweiten Umzingelung von Mainz durch die Frauzoseu. Noch über fünfzig ehemalige Klubbisten wurden damals von dem preußischen Befehlshaber an die republikanischen Vorposten ausgeliefert. Es geschah dies am 9. Februar 1795. Merlin hatte wiederum die Korrespondenz geführt. Die Befreiten gingen nach Frankreich, die meisten ins Elsaß. Nach dem, was sie erlebt und erlitten, war es nicht zu verwundern, daß ihre Wünsche uud ihre Hoffnungen bei Frankreich blieben. Die Wiedereroberuug des linken Rhein- ufers war für ihre Vorstellung die einzig deutbare Beendigung des Exils, und sie kehrten in der That beinahe alle nach dem Frieden von Campo Formio in die Heimat zurück. Jene Anschauung war ihnen um so weniger zu verargen, als selbst den Vorkämpfern deutscher Nation die — 171 — Abtretung der Rheinlande an Frankreich während dieser ganzen Zeitläufte ein vertrauter Gedanke blieb und im genannten Friedensschluß nichts znr Erfüllung gedieh, als was bald österreichische, bald preußische Diplomaten dem Wohlfahrtsausschuß und dem Direktorium seit vier Jahreu nahe gelegt hatten. Auch war es in der ganzen Zeit zwischen dem Rückzug der Franzosen und ihrer Wiederkehr deutscherseits nicht zu einem friedlichen Besitzstand gekommen. Den Kurfürsten zwar hatten die preußischen Heere zurückgeführt. Er hatte während der Belagerung nur einen Besuch von wenigen Tagen bei den Zelten des Königs gemacht und zur Schonung seines landesvüterlichen Herzens vorgezogen, in Aschaffenburg zu residieren, während seine Heerde bombardiert wurde. Dafür fuhr er hinter den siegreichen Truppen als Triumphator wieder ein. Die treueu Metzger, als Sinnbilder ohne Zweifel des vom Geist besiegten Fleisches, zogen seinen Wagen. Sein erster Regentenakt war die Einsetzung eines Kriminalsenats zur Untersuchung gegen die Hochverräter, unmittelbar darauf folgt eine ganze Reihe von Erlasfen znr Annullierung aller Trauungen, Taufen, Absolutionen und sonstigen Verrichtungen der Priester, welche der Republik geschworen hatten. Alle Perücken der guten alten Zeit wurden von neuem gekräuselt und gepudert. Von da ab hörte natürlich auch jede politische Meinungsäußerung in der Stadt wieder auf. Die Häupter wareu vertrieben oder gefangen, und der permanente Kriegsstand erdrückte alle Formen des bürgerlichen Lebens. Lange Zeit hindurch geriet das ganze linke Ufer mit Ausnahme der Stadt Mainz wieder in französische Gewalt. Diese selbst wurde im Herbst 1794 umzingelt und im Lanf des Winters von 94 auf 95 förmlich belagert. Es war ein Jahr, welches im Kalender für seinen unerhörten Frost berüchtigt blieb. Auf der Eisdecke — 172 — des Rheins manövrierten die Kanonen wie auf fester Erde; der französische Soldat, ohnehin entblößt, litt furchtbar. Aber weder der Konvent, noch der Wohlfahrtsausschuß, noch die Generale mochten dem Gedanken Raum geben, auf Mainz, als den Schlüssel des Rheinlandes, zu verzichten. Auf welchem Stand sich damals das deutsche Nationalbewußtsein befand, ist in einer ebenso traurigen als denkwürdigen Art aus den Verhandlungen zu ersehen, die sich zunächst um den Baseler Frieden drehen. Preußen wie Österreich gaben dem Wohlfahrtsausschuß unter der Hand Aussicht auf die Rheinlande gegen Länderentschädigungen auf dem rechten Ufer, zu welchen Frankreich die Hand bieten sollte. Osterreich verlangte Baiern, Preußen Hannover. In der Pariser Regierung gab es eine preußische uud eine österreichische Partei. Merlin gehörte zu letzterer. Der Friede mit dem Kaiser schien ihm wichtiger als der mit dem König, und „wenn wir jenem schließlich denn Baiern zugestehen müssen, um den Rhein zu erhalten," schreibt er nach Hause, „ins, loi novis saut-si-ons 1s datoir." Doch kam der Abschluß mit Preußen zuerst zu Stande. Das Schicksal der Rheinlande wurde künftigem Abkommen vorbehalten, ein großer Teil vorläufig für neutrales Gebiet erklärt. Inzwischen hatte Clerfayt die Franzosen zur Aufhebung der Belagerung von Mainz gezwungen, uud es blieb unter Österreichs Schutz, bis es von diesem im Frieden von Campo Formio an Frankreich desinitiv abgetreten wurde. Von da ab beginnt, wie man es im Lande nennt, die „französische Zeit"; denn die dreiundneunziger Episode, oder wie sie in der Überlieferung der Volkssprache heißt: die Guschtine-Zeit (Cüstine) war nicht sowohl französischer als revolutionärer Gesinnung. Der Einverleibungsbeschluß des Konvents, obgleich er auf alle Fälle zu einer Verschmelzung mit Frankreich hätte führen müssen, war in der 173 — Fiktion seiner Urheber doch nur aus der mechanischen Notwehr hervorgegangen. Bis dahin hatte es sich in ihrem allerdings leichtfertigen Sinn nur um Freiheit auf eigenen deutschen Füßen gehandelt. In keinem einzigen der massenhaften Erlasse der französischen Generale und Kominissarien erhebt sich der Anspruch an eine Inkorporation. Alle öffentlichen Aktenstücke erscheinen bloß in dentscher Sprache. Der Mainzer Konvent selbst konstituiert sich ausdrücklich für einen deutschen Freistaat, nnd die jenseitigen Versuche zur Berufung auf einen gemeinsamen Stammesurspruug tragen, wo sie auftauchen, gerade das entgegengesetzte Gepräge derer, welche man uns heute vorbereitet. Die Revolution, der es doch an Kühnheit der Theorieen sonst nicht gebrach, hatte sich noch nicht dahin verstiegen, aus deu deutscheu Rheinbewohnern gallische Abkömmlinge machen zu wollen, wie wir das heut erleben. Die Schüler Rousseaus, wesentlich auf das abstrakte Veruunftrecht erpicht, kamen für ihr historisches Bedürfnis mit der Anlehnung an die antike Republik aus. Es war dem gelehrten Frankreich des 19. Jahrhunderts vorbehalten, seine historische Schule, welche gleich seiner romantischen aus deutschen Anregungen entsprungen ist, nach mystischen Belegen für die Ansprüche auf deu Rheiu auszusenden und letztere in dem angeblichen vorsünd- slutlichen Besitzstand jener keltischen Nation zu finden, deren ganze Existenz von sagenhaften Problemen umhüllt ist. Wenn man heute das keltische Blut auf deutschem Bodeu nachweisen möchte, so appellierte man 1792 umgekehrt an die Nachweisuug des germanischen Blutes auf dem fran- zösischen Boden. Und das hatte jedenfalls die Wahrheit für sich. Mau machte Konzessionen, statt sie zu verlangen. Mau nannte sich die neu-fräukische Republik, um daran zn erinnern, daß man eigentlich nnr ein Ableger jener alten Germanen sei, welche Gallien unterworfen nnd zu einem — 174 — großen Teil bevölkert hatten: und bis in das Konsulat hinein wurden aus deu Bewohnern der Rheinlande besondere „fränkische Legionen" (I^Zions clss?i'g,n(zs) in den Heeren der Republik gebildet. — Die Gesamtheit dieser Erscheinungen, obgleich sür die spätere Geschichte ohne praktische Bedeutung, verdient unsere Aufmerksamkeit um des Unterschiedes willen, welchen sie zwischen der republikanischen und der monarchischen Propaganda nachweist. Das Prinzip der Freiheit ist dem Prinzip der Nationalität hold, wenn es nicht mit ihm gleichbedeutend ist. Obwohl die Idee der Nationalität als solche im 18. Jahrhundert entfernt nicht so entwickelt und popularisiert war wie im gegenwärtigen, so konnte doch das erobernde Frankreich, so lange es selbst Freistaat war, nicht umhin, überall nationale Republiken und nicht Annexionen hervorzurufen, in Italien, wie in Holland, wie am Rhein. War es auch nur Politik unter Vorbehalt, es war doch ein Tribut an den Grundsatz. Der Monarchismus dagegen, ohne Achtung für die Freiheit, ist auch ohne Achtung für die Nationalität. Unter dem Konsulat und dem Kaisertum werden die Gebiete des linken Rheinufers durch und durch assimiliert. Mainz wird eine französische Präfektur. Der einförmige Militärdespotismns hat bald verwischt, was von Anhänglichkeit an die französische Revolution oder an das deutsche Reich mochte übrig gewesen sein. Jede mechanische Gewalt hat die Mittel, sich der Masse der Geister zu bemächtigen, weil sie dazu nur die schlechten Instinkte zn hegen und zu pflegen braucht, welche eben so wie die guten in jedem Bolkscharakter schlummern. Ein Statusauo, welcher an die Seelengröße der Nation appelliert, wird sie groß finden; der sie aber kleinlich wünscht, braucht nur ihren ^lrümersinn wachzurufen. Das Kaisertum blendete mit Macht und Pomp, bestach mit den Gewinnsten, welche dem Bürger aus den Anhäufungen und Durchmärschen der end- — 175 — losen und übermütigen Armeen zuflössen. Als eine Grenzfestung ersten Ranges sah die Stadt beinahe alle Kolonnen des unermüdlichen Kriegers aus- und einziehen, und da der Soldat, so lange er auf fremdem Boden war, keine Löhnung bezog, so ward Mainz für ihn, was die großen Hafenplätze für den Matrosen sino: ein Ort der Ausrüstung bei der Abfahrt, ein Ort des Genusses bei der Rückkehr. Mainz wurde wieder, seinem Ursprung getreu, ein Tummelplatz der Legionen, welche von diesem Lager aus die Erde überströmten. Wie vor zweitausend Jahren rief die heroische Willenskraft des Imperators große Zivilisationsanstalten ins Leben: zunächst zum Zweck seiner Kriege die großen Heerstraßen, an denen es zu Kurfürsteuzeiten gänzlich gefehlt hatte. Eine steinerne Brücke sollte sich über den Rhein erheben. — Während eines halben Menschenalters täglich Angenzengen der ins Unbündige wachsenden Übermacht auf der einen Seite, der Demütigung des Baterlandes auf der anderen, lebten sich die Bewohner des Rheinlandes in den Gedanken ein, wie das Elsaß unzertrennlich nnt Frankreich vereinigt zu sein. Die kaiserliche Allgewalt, welche schon so blendend wirkte, ließ sich sogar zeitweise zu den kleinen billigen Schmeicheleien herab, welche das Herz des Spießbürgers kitzeln. Mainz wurde zu einer der „donnss villss cks I^-s-riOs" ernannt, um ihm keinen Zweifel mehr über seine Nationalität aufkommen zu lassen; Napoleon und Maria Louise residierten zeitweise in dem alten deutschen Ordenshanse. So sehr hatte sich die Sinnesentfremdnng eingenistet, daß selbst, als die Zeit der schweren Prüfungen kam, der Gedanke eines Abfalls uicht Raum fand. Die rasenden Konskriptivns-Aushebungen der Jahre 1811, 12 und 13, der Rückzug aus Rußland, die Kriegspest und der Typhus, welcheu die schauerlich demoralisierten Truppen der Stadt einimpften, so daß die Bürgerschaft selbst von ekelhaften — 176 — Krankheiten dezimiert wurde, kurz der konzentrierte Ausbruch des ganzen Jammers, welchen die Napoleonische Barbarei über die Welt gebracht hatte, weckte nicht Haß gegen Frankreich, nicht Hinneigung zu Deutschland. Noch nach der Schlacht bei Leipzig, als die wirren Soldatenknäuel sich bei Hanau eiueu blutigen Rückweg gebrochen hatten und in die Zuflucht der Festuug hineinströmten, verfiel in der Stadt niemand auf den Gedanken, daß die Siege der Alliierten das Nheinufer wieder an Deutschland bringen könnten. Die ganze jugendfrische, heldentümliche, patriotische Erhebung des Nordens hatte nicht das leiseste Echo in diesen Mauern wach gerufen. Im Gegenteil. Das Rachegefühl, mit welchem 179?! die preußischen Soldaten in die abtrünnige Stadt eingezogen, war auf beiden Seiten zur gehässigen Überlieferung geworden. Das „Mainzer Klubbistenvolk" blieb als ein Gegenstand des Abscheus sprichwörtlich im Munde der deutschen Offiziere, und nach dem Gesetze der Wiedervergeltung erhielt sich aus der anderen Seite die Vorstellung einer deutscheu Truppe unzertrennlich von der Vorstellung eines boshaft brutalen Stockprügelregimentes über alle bürgerlichen Sphären. Als 1814 nach dem Pariser Frieden Mainz an Deutschland zurücksiel, begegnete man sich mit diesen Reden ans den Lippen. Vor der Räumnng der Stadt ging das Gespräch nnter der Bürgerschaft: wer von den abziehenden Franzosen irgend etwas kaufe, werde mit den unvermeidlichen „fünfundzwanzig" traktiert werden. Diese heilige Zahl war das Gestirn, unter welcher das Licht der Nationalität wieder in den Augen der Leute aufging, und die Schaaren von Kosaken, Baschkiren, Notmünteln, mit welchen ihre Hänser jetzt belegt wurden, trugen nicht sonderlich zur Milderung dieser Ansichten bei. Bis 1816 dauerte dieser Zustand. Einquartierungen und Kriegsstenern preßten die Stadt aus. Trotz — 177 — einiger brüderlichen Proklamationen wurde sie als eine eroberte behandelt. Eine bairisch-österreichische Administration für die Provinz, eine österreichisch-preußische für die Stadt selbst stellten eine Art provisorischer Regierung vor, die im Juli des ebengenannten Jahres der Hessen-darmstädtischen den Platz räumte. Wäre damals nicht Deutschland um den Lohn seiner blutigen Arbeit so schmählich betrogen worden, es würde ihm auch die Schmach erspart geblieben sein, einen Teil seiner Bevölkerung noch Jahrzehnte hindurch den Fallstricken einer thörichten Verirrung zu überlassen. Erstand den Deutschen ein politisches Vaterland, so war im selben Augenblick die böse Saat des französischen Zwischenreichs vernichtet, es war, wie die Volkssprache am Krankenbett sich ausdrückt, der Natur geholfen. Denn nicht nur leicht beweglichen Blutes ist der Rheinländer, sondern auch allen guten Regungen von Herzen zugänglich. Aber alles, was er jetzt erlebte, drängte ihm nur die eine Empfindung auf: daß die deutschen Fürsten nichts anderes erstrebten, als die Wiederherstellung jener verhaßten feudalen Kleinstaaterei, deren Sturz er mit Beifall begrüßt und im Lauf der Erfahrung gesegnet hatte; und es bemächtigte sich seiner Seele jener andere menschliche Zug, das Gute in die Vergangenheit zu verlegen. Wie Frankreich selbst im Ingrimm über das bourbonische Pfaffenregiment den Namen des gestürzten Despoten zum Losungswort des freisinnigen Widerstands machte und die Volksgeißel als Volksidol besang, so warfen sich die Rheinländer im Mißmut über die deutsche Junkerwirtschaft in die Liebängelei mit dem französischen Wesen. Glücklicherweise mit geringem Erfolg. Kein Bsranger und kein Thiers verherrlichten hier die gefahrvolle Richtung, kein Joinville führte die Toten zurück; und das Jahr Achtundvierzig versiegelte diesseits die Gruft, welche es jenseits wieder geöffnet hat. — Aber kehren wir Ludwig Bambcrger's Ges. Schriften. I. -.^ — 178 — zurück zum Jahr sechszehn. Nicht einmal den morschen Haltpunkt der treuherzigen Anhänglichkeit an einen alten Herrn gab die neue Seelenverteilung dem Bewohner jener Provinz. Selbst die guten Leute, welche sich in Cassel an dem wiederkehrenden Anblick des kurfürstlichen Zopfes freuen mochten, fanden in Mainz nicht ihren Augentrost. Gab es doch deren bei uns noch lange, welche behaupteten: seit Kurfürsten-Zeiten wäre kein schöner Sommer mehr über das Land gekommen. Jetzt sollte ihnen auf einmal über Nacht Lieb' und Treu' zu dem Großherzog von Darmstadt aufblühen. Was wußten sie von Darmstadt? Daß der Landgraf 1792 bei Cüstines Anmarsch über Hals und Kopf seine Truppen an sich gezogen und, nachdem er mit den andern bramarbasiert hatte, Mainz im Stiche gelassen, um seine Neutralität zu saldieren;*) daß später einmal der Großherzog von Bonapartes Gnaden drüben bei Kastel an dem Brückenkopf zwei geschlagene Stunden lang de- und wehmütig auf den Kaiser gewartet, um ihm seinen Bückling zu machen, und daß ihn der Mann im kleinen Hütchen NonZlkui- cks Oarmstg-db geheißen! Natürlich schickte der neue Potentat Beamte, die auf seinem eigenen Mist gewachsen, zur Verwaltung und Assimilierung der frischerworbenen Provinz aus. Das war ihm nicht zu verdenken. Es hätte es jeder an seiner Stelle gethan. Aber dem Linksrheinischen war eben darum der Rechtsrheinische nur noch mehr zuwider als ohnedies ein nächster Nachbar dem *) 1791 hatte der Landgraf von Darmstadt den Reichstag bestürmt, ihm zu seinen Gütern und Rechten im Elsaß zu verhelfen, auf daß nicht „ein seit Jahrhunderten verchrungswürdig gewesener Fürst der Kattcn in seinem eigenen Lande aufs möglichste unvermögend werde." Als ihn ein Jahr darauf die Mainzer um Hülfe anriefen, antwortete er: „Die Franzosen hätten seine Güter im Elsaß so gut behandelt, daß er sich nicht mit ihnen überwerfen wolle." (K. Klein, Geschichte von Mainz.) — 179 — andern, da wo einmal der Geist des Partikularismus überhaupt der Kleinlichkeit und Eifersüchtelei das Signal gegeben hat. Nichts hat mehr Drang zur Konsequenz ins Unendliche hinein, als das Prinzip der Teilung. Schnurstracks geht seine Logik fort bis zum Atom. Bei der Teilung Deutschlands hatte die fürstliche Eigennützigkeit an die pro- vinziale Selbstsucht, an das spießbürgerliche Vorurteil appelliert, um einen populären Boden zu finden. Warum sollten diese politischen Untugenden just an den Grenzen stehen bleiben, welche die Phantasie der Diplomaten gezogen hatte? Wahres und Falsches verbanden sich in der volkstümlichen Anschauung zum Widerwillen und zur Verachtung gegen alles, was aus den jenseitigen Provinzen herrührte. „Darmstädtisch" wurde eine Bezeichnung für den Inbegriff der Abgeschmacktheit und Armseligkeit, der letztern besonders auch um deswillen, weil sich das gesegnete Rheinland als die Kornkammer ansah, von deren Reichtümern der von Haus aus dürftige Hof mit der ganzen Beamtenschaar der minder fruchtbaren Erbstaaten zehre. Sand und Zwiebeln, hieß es, sei alles, was sie hervorbrächten, und was dergleichen nachbarliche Bosheiten mehr sind. War man doch überdies nicht bloß dem Darmstädter Unterthan, sondern noch dazu dem Österreicher und dem Preußen, welche mit deutsch-militärischer Brutalität das Regiment über die Stadt führten. Das Verhalten des Soldaten gegen den Bürger kam mehr als alles andere der Vorliebe für den Fremden zu Hilfe. Seit den Feldzügen des Mittelalters hatte sich der französische Kriegsmann den Ruf der Urbanität, der spanische den der Habsucht, der deutsche den der Roheit erworben. Die Greuel, welche unter Ludwig XIV. begangen worden, kommen, wie die Dragonaden und alle dahin einschlagenden Teufeleien, ganz besonders auf die Rechnung des pseudogroßen Königs und des Katholicismus. Bei der 12* ' INMMlMVMMNMjMßUbML > ------ — > ^ — 180 — Invasion von 1792 erregte die Menschenfreundlichkeit des republikanischen Heeres nicht bloß das allgemeine Erstaunen, sondern sogar die Indignation der Gegner. Einem von Speyer zurückkommenden kurfürstlichen Offizier, welcher sich in Anerkennung darüber ausbreiten wollte, herrschte der Kommandant zu, er möchte schweigen, und nicht den Feind populär machen. Es wäre ihm lieber, setzte er hinzu, daß Cüstine mit Feuer und Schwert gehanst hätte. Freilich sagte man, das sei lauter Berechnung und Politik. Aber wo Cüstine es für klug fand, schonend zu verfahren, da hätten ein Haynau oder Urban gewiß Gründe entdeckt, aus Politik Weiber und Kinder füsilieren zu lassen. Selbst in den Zeiten der härtesten Prüfung hatte der Franzose seine Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit nicht verleugnet. Jene Episode aus der ersten Belagerung, die auch Göthe erzählt, haben wir schon oben erwähnt: sogar auf dem Rückzug aus Rußland und nach der Flucht von Leipzig benahm sich der Soldat nicht wüst und wild. Wie stach dagegen das Auftreten der Fähnriche ab, welche von „Galgenstrick" und „Klubbistenvolk" Überflossen! Schon Anno dreiundneunzig nach der Einnahme einer pfälzischen Stadt hatte ein preußischer Oberst die als jakobinisch denunzierten Bürger, ja sogar einige Frauen, unter vorgehaltenem Bajonett gezwungen, den Platz, wo der Freiheitsbaum gestanden, mit Kehrbesen zu säubern. Und wie stolz mag das Offizierkorps auf die Heldenthat gewesen sein. Besonders der preußische Lieutenant — „den mein' ich immer, wenn ich Lieutenant sage," mit seiner Kombination von Übermut und Hungerleiderei ward dem harmlosen und wohlgenährten Bürger ein Ziel für Spott und Abscheu. Ich höre sie noch, die alten Leute, wie sie sich die unsterblichen Geschichtchen erzählten. Statt der Westen, sagte der eine, hatten sie einen Lappen roten — 181 — Flanells zwischen die Bruststücke des Fracks eingenäht; — unsere Talglichter, rief der andere, stahlen die Feldwebel, um sich die Zöpfe zu wichsen; — ach, weißt du noch, rief die alte Frau dazwischen, der Lieutenant Grauer, der bei uns einquartiert, dem nichts recht zn machen war, und der des Abends, wenn er zu Ball ging, die schwarzwollenen Strümpfe der Köchin borgte! Solche Narreteien im Bunde mit dem „eingefrorenen Dünkel" waren außerdem nicht einmal nötig, damit man sich von beiden Seiten abstieße. Die gemischte Besatzung selbst gab den Ton dazu an, daß der Deutsche den Deutschen als Fremden und als Feind behandle. Es kam in den ersten Jahren nach dem Frieden manchmal zu wahren Gefechten zwischen österreichischen und preußischen Soldaten. Die schöne Tradition ist bekanntlich noch heute nicht verklungen. Die eigentliche Wurzel aber der Anhänglichkeit an die Fremde saß im bürgerlichen Rechtsleben. Hier war vor allen Dingen eine thatsächliche Gemeinsamkeit mit dem ehemaligen Eroberer, eine Scheidung von dem neuen Landes- regimente stehen geblieben; und alles darin zeugte von den Vorzügen des ersteren, von den Mängeln des letzteren. Es kann nicht gestattet sein, bei dieser Gelegenheit in eine Untersuchung der Materie selbst einzudringen. Die Sache ist bekannt und gewürdigt. Seit fünfzig Jahren ringt Deutschland und bis jetzt nur mit teilweisem Erfolg nach jenen ersten Bedingungen einer vernünftigen Gesetzgebung, welche das Genie der Revolution in seiner kurzen Blütezeit mit unerreichter Meisterschaft vollendet hat. Geschworenengerichte, Öffentlichkeit, Mündlichkeit, ein aller Welt zugängliches feststehendes Gesetzbuch, allgemeine Gleichheit vor demselben bildeten einen leuchtenden Gegensatz zu den mittelalterlichen Institutionen der angrenzenden Lande von Darmstadt oder Nassau. Jnquisitionsgerichte, unendliches Schreiber- — 182 — Wesen, privilegierte Gerichtsstände, Vermischung der Justiz nnd Verwaltung und ein legislativer Wust, der auf die Verhältnisse des modernen Lebens nicht mehr anzupassen war, erfüllten den Rheinländer mit Grauen vor einer legalen Berührung mit den allernächsten Städtchen. Wie sollte er Geschäfte machen mit seinem Nassauer oder Darmstädter Nachbar? Bei dem ersteren gab es nicht den Schatten eines Wechsel- oder Handelsrechtes, bei dem letzteren ward es einem dunkel vor den Augen, wenn man den Spinngeweben des Starkenburger, Solmser, Lycher, Katzeneln- bogener Landrechts nahe kam, ich nenne nur die erhabensten. Ist es da zu verwundern, daß sich im Juristenstande vor allen anderen die Franzoselei festsetzte? Er blieb das Gefäß der lebendigen Erinnerung an die Fremdherrschaft, der Antipathie gegen das Altertümliche, welches von jenseits eifersüchtig herüberlugte. Man sagt, es gebe keine Nase, die ganz lotrecht auf dem Gesichte stehe. Mehr noch als die Nase ist der Verstand des Menschen von Natur einseitig. Das Schwergewicht seiner Selbstliebe und seines Ruhebedürfnisses drängt ihn aus der schwebenden Unparteilichkeit in die festgepfählte Beschränktheit hinein. Die Verehrung des Franzosentums ward in unseren Gerichtsleuten zum Steckenpferd, um so widerwärtiger, als ihm der Ausgangspunkt des politischen Liberalismus bei der Mehrzahl nach und nach abhanden kam. Eine der wenigen Gründungen der französischen Gesetzgebung, an welche die hessische Regierung sogleich Hand anzulegen gewagt hatte, war die freie Advokatur. Sie hatte mit richtigem Instinkte auch diese von ihrer Ernennung abhängig gemacht. Der Richterstand blieb zwar unabsetzbar, doch ist diese äußere Garantie gegen herrschaftliche Einflüsfe überall da sehr bedingt, wo das Avancement von der Regierung abhängt, denn auf letzteres ist der Richter ange- — 183 — wiesen, und am allermeisten bei dem französischen System, welches — zum mindesten damals — ihn höchst kümmerlich bezahlte. So drängte sich leicht von der einen Seite der Beamtenservilismus ein, ohne von der anderen das antideutsche Vorurteil hinauszudrängen. Nur der Spiritus des revolutionären Instinktes ging zum Teufel. Die Eitelkeit der fremden Form blieb vorzugsweise Gegenstand der Verehrung. Schauer der Unendlichkeit rieselten den Rücken herab, wenn die Sprache auf die roten Talare des Pariser Kassationshofs kam, und mit ehrfurchtsvoller Rührung erzählten die ergrauten Kanzlisten uns spätgeborenen Kandidaten, wie zur guten alten Zeit der Assisenpräsident seinen feierlichen Aufzug gehalten und einer Schildwache vor seiner Thüre genossen habe; und was der Schnurren dieses Kalibers mehr waren. Besonders lebhaft schillerten alle diese Thorheiten da, wo sich die soldatischen Reminiscenzen einmischten, denn diese waren vielfach im Juristenstand vertreten. Mancher hatte beim Regierungswechsel den Degen mit der Toga vertauscht, und die Leute, welche sich als Offiziere der großen Armee in Spanien und Rußland herumgeschlagen hatten, wurden nicht eben die schlechtesten Praktiker. Aber sie blieben stolz auf ihre Feldzüge, verzeihlicher Weise. Es schmeichelte dem Selbstgefühl, an den fabelhaften Zügen einer alexandrinischen Periode thätigen Anteil genommen zu haben. Daß man zu Deutschlands Erniedrigung mitbeigetragen habe, mochte keinem beikommen. Es hatte vorher kein Deutschland gegeben und gab keines nachher. Wer sich davon überzeugen wollte, brauchte bloß die Akten der schwarzen Kommission nachzusehen, die er unter der Hand hatte, oder die des Bundestags, die ihm nahe lagen. In der besten Gesellschaft hatte man dem Korsen gedient. Prinzen aus dem Geblüt des eben neu angestammten Herrschers erinnerten sich mit Wohlgefallen — 184 — ihrer französischen Campagnen. Hatten doch von jeher die kleinen deutschen Fürsten mit Stolz unter französischen Bannern gedient. Die Namen der zwölf deutschen Regimenter, welche unter dem vierzehnten, und der fünfundzwanzig, welche unter dem fünfzehnten Ludwig in der französischen Armeeliste figurieren, haben die Erinnerung jener Dienstbarkeit verewigt. Eines derselben hieß sogar aller- eigentlichst: Hssss-Oai-rQsts.llt. Neben ihm gab es: ein Regiment ?urstsndsrA, Ro^al ^llsro.a,M, K-o^al Lg.- visrs, Kairo., I^ÄrnÄrk, Rasss-u, R-o^s-l Osnx-?c>rits, u. s. w.*) Der Soldat, hinter dem kein großes national fühlendes Vaterland steht, kann bei der besten Charakteranlage nichts werden, als ein Landsknecht. Was natürlicher, als daß der Veteran des Rheinbunds lieber in der Gloriole seiner Waffenthaten fortlebte, als in dem zerknirschenden Bewußtsein der Erniedrigung, an der er selbst mitgearbeitet hatte? In dem Maße als die Kaiserzeit der Geschichte anheimfiel, bildete sich das heroische Element ihrer Abenteuer noch legendenhafter aus, und ihre Überbleibsel mochten sich nicht den Luxus versagen, sich selbst und den Nachgeborenen ein Gegenstand der Verehrung zu werden. Ein förmlicher napoleonischer Kultus wurde in Gestalt der s. g. Veteranenvereine hergestellt. Der Zusatz von historischer Ehrwürdigkeit, welcher die Sache etwa bei nachsichtiger Beschauung hätte retten können, verschwand unter der läppischen Selbstgefälligkeit, welche dem paradeseligen Spießbürgertum und dem ruhmredigen Alter beiwohnt; und vollends unerträglich war die Naivetät, mit welcher die guten Leute sich in gänzlicher Unwissenheit zu der Rolle verhielten, welche sie als Deutsche unter ihrem großen Kaiser gespielt hatten. Wer nur immer durch die verzweifelten Aufgebote *) ?istkv, Hist. äss trollxv8 strs-o^örss au ssrvios äe la Kranes. - 185 — der letzten Widerstandsversuche Bonapartes für einige Tage unters Gewehr gekommen war, kredenzte sich jetzt die Süßigkeit, als ein Trümmer der „Großen Armee" wieder aufzutauchen. Alljährlich am 5. Mai begingen die Vereine die Todesfeier ihres Feldherrn. Ein trophäengeschmückter Saal empfing die Getreuen. Namen für Namen wurde aufgerufen, und der Überlebende antwortete stolz mit dem urtextlichen „?rsssrit,"! Die Trommel wirbelte die alten Märsche, und der großmütige Rhein lieferte in Fülle den Saft der Begeisterung zum Andenken an seine eigene Entehrung. Ganz natürlich und ohne allen Arg thronte zu Häupten der Gesellschaft und noch über dem Idol von Austerlitz die Büste Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Hessen und bei Rhein. Die loyalen Imperialisten erfreuten sich der allerhöchsten Protektionen. Staatsbeamte der obersten Rangstufen präsidierten, Gerichtspräsidenten, Richter, Advokaten, Notare stiegen brüderlich herab zu dem gemeinen Handwerker. Die schöne Idee der französischen Herrschaft verband alle Gemüter! Die Regierung, welche dem unschuldigen Bruder Studio sein schwarz-rot-goldnes Band nicht gönnen mochte, ließ die Sonne ihrer Huld über dem kaiserlichen Adler leuchten. Und mit Recht: denn obgleich die Burschenschäftelei beschränkt und ungefährlich war, wie die Fransquillonerie, so lag doch in jener prinzipiell wenigstens der bedenklichere Keim. Der Gedanke einer nationalen Wiedergeburt ist den Fürsten von jeher schrecklicher gewesen als der Gedanke eines Angriffs von außen. Der wesentliche Dienst, welchen der Kultus der französischen Reminiscenzen dem Landesoberhaupt leistete, bestand in der Unterhaltung des pro- vinzialen Sondergeistes. Mochte man auch der absurdesten und streng genommen feindseligsten Überlieferung anhangen, man war doch nicht brüderlich deutsch gesinnt; mochte das Auge nach Frankreich hinüberschielen, wenn nur das Ohr dem Pulsschlag eines gemeinsamen Vaterlands im Herzen der Nation taub blieb. Die Gährung, welche der Pariser Julirevolution in Deutschland nachfolgte, fand unter solchen Umständen wenig Nahrungsstoff in Rheinhessen. Wahrhafter Freiheitstrieb ist ohne nationales Bewußtsein nicht denkbar. Einzelne Persönlichkeiten, die ihren Geist an deutschen Hochschulen erweitert hatten, beteiligten sich wohl an den deutsch-patriotischen Versuchen, deren Schauplatz das nahe Rheinbaiern ward, allein die Gesamtbevölkerung blieb beinahe gleichgültig. Selbst der Krawall im benachbarten Frankfurt und die von da eingebrachten und den Festungsgefängnissen übergebenen Studenten erweckten kein lebendiges Mitgefühl. Wenn andererseits mit dem allmählichen Aussterben der älteren Generation die Verehrung für die Trikolore erkalten mußte, fo wuchs an ihrer Stelle doch mehr Gleichgültigkeit als deutscher Sinn auf. Die Drohungen des Ministeriums Thiers vermochten ebenso wenig nationale Begeisterung anzufachen, als es die Ermunterungen der Wirth und Siebenpfeiffer zehn Jahre vorher auf umgekehrtem Wege vermocht hatten. Mit völliger Gemütsruhe und wie etwas, das ihn wenig kümmerte, sah der lustwandelnde Bürger zu, wie die Österreicher und Preußen ihre Festung verpallisadierten. Es ist wahr: man wünschte nicht mehr die Franzosen herbei, aber man zitterte auch nicht vor dem Gedanken ihrer Rückkehr. Das schlechte Lied von Niklaus Becker ward einigen Singvereinen andoktriniert, aber populär wurde es hier nur mit einer sehr ausgesprochen ironischen Betonung. Nirgends mußte man auch besser wissen, daß frei und deutsch und Rhein sich nur spottweise reimen ließ. Wie sehr in diesem unvermeidlichen Bewußtsein uud in der historisch begründeten Hoffnungslosigkeit einer Vater- — 187 — ländischen Regeneration der Jndifferentismus der Episoden von 1830 und 1841 gewurzelt hatte, das erhellt ganz augenscheinlich aus dem urplötzlichen Stimmungsumschlag des Jahres Achtundvierzig. Beim ersten Lichtblick einer großen deutschen Zukunft war der ganze Spuk im Nu zerronnen, die Erinnerung selbst an die herkömmliche Aus- länderei war wie weggewischt, und Jedem lag es sonnenklar vor Augen: der Instinkt der politischen Freiheit befand sich zum ersten Male auf dem Wege, als er die Idee eines einigen deutschen Vaterlands empfangen hatte. Keinen Augenblick während der vielgestaltigen Bewegung dieses Jahres erhob sich der Schatten der Französelei aus dem Grabe, in welches ihn die neue Zeit für immer gebettet hat. Ja, was noch mehr ist: alle Schamlosigkeiten der nun folgenden zehnjährigen Reaktion vermochten nicht, den Volkscharakter von dieser Seite zu demoralisieren. Von allen die einzige Märzerrungenschaft, welche übrig blieb, war die Vereinigung im Geiste mit einer — allerdings noch zu schaffenden — deutschen Nation. Natürlich: es war auch die einzige Errungenschaft, welche nicht großherzoglichen Bewilligungen verdankt wurde. Was die Großmut der Krone in ihren Nöten gegeben hatte, das nahm sie alsbald zurück bis auf den letzten Faden. Und so ist's recht: denn geschenkte Freiheit ist wie des Spielers gewonnenes Geld. Sie kehrt dahin zurück, woher sie gekommen. Nur was die Krone nicht gegeben hatte, das konnte sie auch nicht nehmen: die Erkenntnis des einzigen Heils für alle Zukunft. „Ein unglückliches Volk hat kein Vaterland," sagt ein Redner der großen Revolution. Man muß aber auch hinzufügen: ohne Vaterland giebt es kein Volksglück. In diese beiden sich ergänzenden Sätze faßt sich die Einsicht zu- — 188 — sammen, welche wir aus der Verfolgung des bisher geschilderten Entwickelungsganges gewinnen wollten. Nicht müßige Unterhaltung an schon oft erzählten Vorfallenheiten war unser Endzweck, sondern der praktische Schluß auf Verhältnisse einer brennenden Thatsächlichkeit. Es ist überflüssig, nachzuweisen, wie nahe die Möglichkeit kriegerischer Ausbrüche vor uns liegt. Königliche Reden erinnern uns oft genug daran, wenn es gilt, die Steuern und die Bataillone zu vermehren. Daß es damit allein nicht geschehen, fällt den erhabenen Sprechern in ihrer Besorgnis um die „Rechte Dritter" nicht ein. Auch mit der bloßen Beseitigung der Ausländerei ist es nicht gethan. Nichts Geringeres kann uns retten, wenn die oft angerufene Gefahr einmal hereinbrechen sollte, als der lebendige, feurige, sachbewußte Glaube der Nation an sich selbst. Dazu gehört aber, daß sie als Nation, als staatliche Einheit vorhanden sei. Mit der idealen Einheit der für Gott im Himmel singenden Zungen ist es ein unfruchtbares Wesen. Schwärmerei und Betrug abwechselnd haben aus dem Nationalitätsprinzip ein mystisches und abstraktes. Ding gemacht. So konnte es nur erscheinen, wenn es von dem Gesamtbegriff, dessen es nur ein Teil ist, losgelöst wurde. Dieser Gesamtbegriff aber ist nichts anderes als die Selbstherrlichkeit der Völker: die Freiheit. Daß ein Volk auf seine Weise frei sei, das heißt: Nationalität. Sie wird wie alle Erscheinungen des Lebens nur da zur Wahrheit, wo die materielle Thatsache für die geistige Empfindung die Möglichkeit der Existenz schafft. Der dynastische Egoismus hat sich der Nationalitätsfrage, wie aller anderen Probleme, abwechselnd in den widersprechendsten Deutungen bedient. Oft hat er die ganze Sache höhnend abgeleugnet, andere Male wieder hat er dieselbe Sache mit solcher endlosen Konsequenz bejaht, daß jede Quadratmeile autonom werden — 189 — sollte. Ein drittes Mal endlich, und dies ist im deutschen Bunde der Fall, hat er sie, wie alles Unterthanenglück, in ein geistiges Jenseits verlegt, in den Himmel des Fühlens und Dichtens. Diese platonische Einheit kann aber heute noch weniger frommen als je. Dem Stoffe ist das Jahrhundert ergeben, und stofflich will es besitzen, wonach es verlangt. Der ganze enthusiastische Aufschwung der nationalen Triebe ist nichts anderes, als dies Bedürfnis: aus dem Reich des abgezogenen Denkens in das Reich der körperlichen Thatsachen überzugehen. Jede Nation will sein, d. h. sie will nicht blos Einen Geist, sondern auch Einen Körper haben. Selbstbestimmung, äußere wie innere, ist der höchste Ausdruck des sittlichen Lebens. Aus dem Recht auf sie, aber auch nur aus diesem, entquillt das Recht auf Anerkennung der Nationalität. Allerdings kann ein Volk Nationalitätsdrang besitzen ohne gleichzeitig erkanntes Bedürfnis nach politischer Freiheit, aber doch nur so, wie das im Werden begriffene Individuum mit dunklen Instinkten der Ernährung sich zu der Einsicht der bewußten Selbsterhaltung emporringt. Warum es auf nationale Weise hat sein wollen, begreift ein Volk erst, wenn es auch die Freiheit begriffen hat. Umgekehrt aber auch kann eben deshalb ein Volk, welches seine politische Naivetät abgelegt hat, an seine Nationalität nicht mehr glauben ohne den Glauben an seine Freiheit. Darum war das Gesamtbewußtsein der Italiener, besonders derer des Nordens, zäher als das der Deutschen, weil jene in ihren Republiken wenigstens das Bild der Freiheit vor Augen hatten, diese aber im Anblick von Zwergdespotismus den Sinn jeder Politischen Existenz aus dem Gesichte verlieren mußten. Der Absolutismus in Form der Kleinstaaterei hat von jeher den Fremden nach Deutschland hereingeführt, bald als Bewerber um die Kaiserkrone, bald als Verbündeten, bald als Feind. — 190 — Was in der Ausländerei liberaler Instinkt war, das unterhielt er durch den Kontrast, was von Knechtssinn in ihr stak, durch die Verwandtschaft seiner Engherzigkeit. Die wenigen Franzosenverehrer, welche es noch heute in der Nheinprovinz geben mag, sind alle — deß sei man sicher — vortrefflich darmstädtisch gesinnt. Die Kleinstaaterei ist die Brücke zwischen Frankreich und Deutschland, nicht minder ist sie die Scheidewand zwischen Deutschland und sich selbst, seinem Gesamtbewußtsein, seiner Kraft, seiner Existenz als Großmacht, die nur in der wirklichen Staatseinheit zum Dasein kommen kann. Alle föderalistischen Surrogate, die eine solche Einheit entbehrlich machen sollen, sind jämmerliche Quacksalbereien; kein bloßes Parlament und keine Trias, noch sonstige Phantasiegeburt abenteuerlicher Doktrinäre vermag derjenigen geistigen und physischen Kraft die Wage zu halten, welche der moderne Großstaat aus seiner strengen Einheit zieht. Die Zeit, welche begriffen hat, daß zur humanen Erziehung das Turnen gehört, sollte auch begreifen, daß zur geistigen Volkseinheit eine strenge körperliche Jneinanderbildung unentbehrlich ist. Der Föderalismus hat nirgends die Probe bestanden von Hellas bis Nordamerika. Es ist die letzte, aber vergebliche Transaktion des Familiengeistes mit dem politischen Beruf. Natürliche Grenzen hat nur die Gemeinde. Zwischen ihr und dem Staat soll es nichts Drittes geben. Überall ist der Fortschritt auf dem Wege der Union, überall das Gegenteil auf dem Wege der Bündelei. Großbritannien, Frankreich, die Schweiz haben Freiheit und Kraft erst in der vollständigen Einigung gefunden, Italien erlebt das Nämliche, und nur die Feinde seiner Zukunft bemüheu sich, ihm Konföderation mit einem Dutzend Autouomieen aufzuschwatzen. Während im äußersten Westen der Föderalismus eines der glorreichsten Staatengebilde nach kurzer Blüte aufzulösen ver- — 191 — sucht, um die Sklaverei heilig zu sprechen, zersprengt im äußersten Osten der innere Entwickelungsdrang eines wenn auch vorerst nur despotisch vereinigten Landes die Bande der Leibeigenschaft. Außer den allgemeineren geschichtlichen Hülfsquellen, außer zahlreichen von mir benutzten Journalen und anderen Drucksachen der Zeit, verweise ich besonders auf nachstehende Schriften und Aktenstücke: Darstellung der Mainzer Revolution oder umständliche und freimütige Erzählung aller Vorfallenheiten, die sich seit dem entstandenen französischen Revolutionskrieg zugetragen, und die einen Bezug auf den Krieg, auf die Übergabe der Festung oder auf den Klub und desfen grausames Verfahren gegen die Andersgesinnten haben, mit allen nötigen Beilagen. Frankfurt und Leipzig 1794. — Die Belagerung der Stadt Mainz durch die Franzosen und ihre Wiedereroberung durch die deutschen Truppen. Mainz 1793. — Mainz im Genusse der durch die Franzosen errungenen Freiheit und Gleichheit. Deutschland 1793. — Der Patriot, vom I. 1793. — Georg Forsters Schriften, herausgegeben von Gervinus. —- Denkwürdigkeiten aus dem letzten Dezennium des 18. Jahrhunderts von Friedrich Hurter. Schaffhausen 1840. — Memoiren des General Eikemayer, herausgegeben von H. König. — Geschichte der Politik, Kultur und Aufklärung des 18. Jahrhunderts, von Bruno Bauer. — I^g. Vis 6s Lt.-^ii8t xg-r Hg.ro.k1. — Revolution als 1s, (üorQiQuns clss Ltrgst>ori.rA. — Vis st L?orrssxoiuIg,iiOs itioQ ok tds Ilnitsä Lts,tss. Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. Schriften, I. — 226 — Kinder, welche darin sogar ziemlich schnell vorwärts kommen. Die Hessen leben ganz und gar unter sich. Die ersten Ankömmlinge, zu deren Zeit es noch keine Ostbahn gab, hatten sich im Quartier St. Marcel, vorzugsweise zwischen dem Panthson und dem Val-de-Grace, angesiedelt; in der Folge, und besonders, seitdem der Sturmbock der Prüfektur in diese alteu Schlupfwinkel Bresche geschlagen, zogen sie sich nach Norden, der Richtung der Eisenbahn folgend, die sie ins Vaterland zurückbringt. Hierher gehört noch etwas anderes, womit wir zugleich ein neues Blatt deutschen Lebens in Paris aufschlagen. Deutschland ist im großen und ganzen ein religiöses, aber kein sehr gläubiges Land. Es ist weniger Glauben, aber mehr religiöse Überzeugung dort zu Hause als anderswo; man stößt nicht leicht auf Väter, die Jünger Voltaires sind und dabei die Erziehung ihrer Kinder Mönchen anvertrauen, wie das in Frankreich geschieht. Unter den Studierten in Deutschland zählt man mehr Atheisten als in der ganzen übrigen Welt. Allerdings sind Strenggläubigkeit uud protestantischer Mystizismus nicht ohne Macht, besonders in den hohen amtlichen Kreisen, sehen sich aber mehr oder minder durch die unmittelbare Nähe einer Kritik gehemmt, welche Schonung weder giebt noch fordert. Sie auch wandern gern aus, um sich auf fremdem Boden der Landeskinder zu bemächtigen, die von der zersetzenden Atmosphäre der Heimat hier unberührter geblieben sind. Die Missionare der in Deutschland sogenannten lutherischen Pietistischen Kirche haben unsere Kolonie hessischer Straßenkehrer zu einer Art von protestantischem Paraguay gemacht, dessen Doktor Francia ein Pastor namens Bohelschwingh war, ein Bruder des ehemaligen preußischen Ministers. Wir müssen sofort hinzufügen, daß das Werk dieser Propaganda durchaus achtungswert ist, mag man im übrigen — 227 — über solche Dinge denken, wie man will. Es wird mit unermüdlicher Hingebung betrieben und macht durch wahre Wohlthaten an Aufsicht und Erziehung den geistigen und sittlichen Schaden wett, welchen ein etwas dunkler und süßlicher Mystizismus im Geiste ungebildeter Menschen anzurichten geeignet ist. Diese Nahrung ist keine gesunde, bei Leibe nicht, aber vollständiger Verwahrlosung immerhin vorzuziehen. So lange sich die Gesellschaft nicht entschließen kann, jederzeit und überall über die sittliche Erziehung — d. h. die Schulung der unteren Klassen zu wachen, so lange findet auch die Schulthätigkeit der Priester ihren Rechtsgrund in der Saumseligkeit dieser Gesellschaft. Vor fünf oder sechs Jahren begann der Pastor Bodel- schwingh sich der religiösen Organisierung des deutschen Proletariats in Paris — und besonders der armen Hessen — zu widmen. Von St. Marcel führte er eine zweite Kolonie nach dem Quartier de La Billette, wo er ein Grundstück erwarb, an der routs ä'^11sro.s,Ans zur Rechten zwischen La Billette und Belleville gelegen, und gab der neuen An- siedlung den biblischen Namen des „Hügels", weil der Boden dort ein wenig ansteigt. „Der Hügel" ist die Zentral- Niederlassung der Straßenkehrer geworden. Die gegenwärtig dort bestehenden vier Knaben- und Mädchenschulen und vier Kleinkinderbewahranstalten haben im Jahre 1865 dreihundertfünfzig Kindern Aufnahme gewährt. Bei den Erwachsenen kommt das Fegehandwerk teilweise ab, schon zieht eine beträchtliche Anzahl vor, in den nahen Zuckerfabriken zu arbeiten. Wenige Jahre nach Gründung des Hügels entstand in den Batignolles, in der Gegend der Rue d'Orlsans eine dritte Kolonie, die jetzt schon eine hübsche kleine Kirche und damit verbunden eine Doppelschule für die Kinder beider Geschlechter besitzt. Den Unterricht erteilt ein elsässisches Ehepaar. Von den hundertzwanzig 15* — 228 — Schulkindern stammen fast alle aus Oberhessen. Es ist bemerkenswert, daß die Geistlichen ein monatliches Schulgeld von zwölf Sons verlangen und allem Anschein nach weise daran thun. Selbst den Ärmsten schreckt diese kleine Steuer nicht ab, die damit rechnet, daß der Bauer den verkauften Unterricht weit höher achten wird als den geschenkten. Für sechzig Centimes monatlich findet er denselben billig, den umsonst erteilten würde er geringer achten. Man vergesse aber nicht: die Leute kommen aus einem Lande, wo der Elementar-Unterricht seit vierzig Jahren obligatorisch ist; daher können die Eltern alle lesen und schreiben, wissen also den Segen dieser Errungenschaft zu würdigem Man stellt heute manchmal die Nützlichkeit des Schulzwanges wieder in Frage — man lege diesen nur einer einzigen Generation auf, und er wird überflüssig geworden sein. Ist es nicht das allerbeste Argument, das zu Gunsten einer Einrichtung ins Feld geführt werden kann, wenn man beweist, in wie kurzer Zeit sie das gewünschte Resultat verwirklicht? Die hessischen Straßenkehrer bilden unter größerer oder geringerer Vermischung mit anderen deutschen Arbeitern, hie und da auch mit protestantischen Elsässern, außer den drei oben genannten noch eine ganze Zahl von Kolonien. Die älteste derselben liegt an der Barrisre de Fontaine- bleau, gerade an der Stelle, wo General Brsa (im Juni 1848) getötet worden ist, und reicht mit ihrem Ursprung sogar über die von St. Marcel hinauf. Ihre Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus rheinbayrischen Einwanderern, die in den nahen Steinbrüchen arbeiten und kaum weniger elend daran sind als die Straßenkehrer. Endlich beherbergt auch noch das Quartier St.-Antoine eine deutsche Bevölkerung, eine zahlreichere sogar als die irgend eines anderen Viertels; aber diese Leute leben größtenteils in viel besseren — 229 — Verhältnissen: es sind Handwerker der verschiedensten Art. Auch hier, namentlich auf dem Boulevard Richard-Lenoir und auf der Stätte selbst, wo sich früher die Fabrik dieses Jndnstrieherrn befand, haben die protestantischen Missionare Kirchen und Schulen in Menge gegründet. Bau und Erhaltung derselben erfordern beträchtliche Summen, die in den lutherischen Gegenden des Heimatlandes*) durch regelmäßige Kollekten beschafft werden. Aber trotz aller Bemühungen sind einige der Gemeinden doch noch stark verschuldet. Von den Geistlichen, welche den Kolonien vorstehen, spricht man allgemein mit Hochachtung. Der Prediger hat dort ein furchtbar schweres Amt: es sind sehr viele Taufen zu vollziehen und, aus den oben dargelegten Gründen, noch mehr Trauungen. Im verflossenen Jahre hatte allein der Pfarrer der kleinen Batignolles-Gemeinde achtzig Paare einzusegnen, die alle bei ihrer Ankunft im Lande in wilder Ehe standen. Noch härtere Anforderungen stellt der Dienst bei deu Kranken, Sterbenden und Toten. Die Verheerungen, welche die Not unter den Kolonisten, besonders unter den Straßenkehrern anrichtet, sind entsetzlich: Mangel, Entbehrungen, ungesunde Arbeit, Heimweh, all dies im Verein lichtet ihre Reihen, und von allen Epidemieen werden sie ergriffen. Dazu kommen noch besondere Krankheiten, die als eine Folge ihrer Beschäftigung anzusehen sind, z. B. Bruchleiden. Von letzteren werden übrigens die Straßenkehrer französischer Nationalität viel seltener heimgesucht, da sie sich nach Aussage der Ärzte weit besser auf die Handhabung ihres Werkzeugs verstehen: sie bewegen nur *) Trotz der offiziellen Vereinigung der beiden protestantischen Kirchen ist die alte Scheidung in Lutheraner und Reformierte praktisch noch immer von großer Bedeutung für das religiöse Leben. Es handelt sich besonders um Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf den Katechismus, an welchen jede Partei mit der in solchen Dingen hergebrachten Hartnäckigkeit festhält. — 230 — die Arme, während der Deutsche den ganzen Körper krümmt. Die Gesamtzahl der Hessen schätzt man auf mindestens dreitausend. Sie leben so vollständig für sich, daß sie keinerlei anderen Umgang haben, selbst nicht mit den übrigen Landsleuten, und wohnen zu vielen Familien in großen Häusern zusammengedrängt, die sie „deutsche Höfe" nennen. Gerade so hießen zur Zeit der Hansa die deutschen Kolonieen zu Antwerpen und London. Daß sie solide und mäßig leben, versteht sich von selbst: wer bei einer täglichen Einnahme von zwei Franken nicht mit dem Gelde haushalten wollte, möchte es schwerlich je zu Ersparnissen bringen. Nach dem Zeugnis ihrer eigenen Geistlichen sind sie sogar Anbeter des Mammons, geizig und geldgierig bis zum äußersten, rauhen Geistes, harten Gemüts, und es muß dem lutherischen Pietismus recht schwer werden, diese widerstrebenden Elemente aus dem gewohnten Geleise zu bringen. Auch lassen unsere guten Hessen nimmermehr von ihrem ererbten, aus der Heimat mitgebrachten Katechismus, einem alten Tröster, den ein Darmstädter Hofprediger namens Stark verfertigt hat, und der bei ihnen mit einem unfreiwilligen und sehr bezeichnenden Wortspiel nur als das „starke Handbuch" bekannt ist. III. Wollten wir die Geschichte und Lebensbeschreibung aller Klassen von Deutschen unter der Pariser Bevölkerung ebenso ausführlich geben, wie die der Straßenkehrer, so müßten wir nicht nur den Raum eines Bandes zu unserer Verfügung haben, sondern auch noch die heutzutage so ausgebildete Kunst, zu erzählen, was man nicht weiß. Solange es sich darum handelte, fest zusammengeschlossene Kolonien durchzugehen, für die der Pfarrer, welcher die — 231 Gemeinde leitet, sich freundlich zum Cicerone hergiebt, solange war die Sache verhältnismäßig leicht. Sobald wir aber diesen Boden verlassen, fangen wir an, weniger sicher zu gehen. Fortan werden wir es nicht mit derartigen Gemeinschaften, gleichsam deutschen Inseln mitten im französischen Ozean, zu thun haben. Mit Ausnahme jenes kleinen Bruchteils verliert sich der ganze Rest der deutschen Einwanderung mehr oder minder unter der Menge und ist in seinen Spuren um so schwerer zu verfolgen, je mehr diese Fremden das Talent, die Gelegenheit, ja oft die Sucht besitzen, sich in die Hülle einer anderen Nationalität zu schlüpfen. Man stößt nicht selten auf Deutsche, die ein unerklärliches Vergnügen daran finden, für Angehörige eines fremden Volkes zu gelten. Mehr als einmal ist es dem Verfasser dieser kleinen Studie iu Paris begegnet, daß er mit Arbeitern zu thuu hatte, die er am ersten B oder P mit unfehlbarer Sicherheit als Fleisch von seinem Fleisch und Beiu von seinem Bein erkannte. Aber wollen sie einen verstehen, wenn man sie deutsch anredet? Nicht im geringsten! Sie fühlen sich beleidigt und verschließen sich in erhabener und gleichgültiger Taubheit. Diese mit den Fehlern und Vorzügen des deutschen Charakters eng verknüpfte Schwäche steht nicht außer Beziehung zu der politischen Geschichte des Landes, zu der traurigen Rolle, die es unter der Führung seiner kleinern Fürsten vor Europas großen Nationen spielen mußte. Uud falls das in Nikols- burg eingeleitete Werk der Einigung nicht auf halbem Wege stecken bleibt, wollen wir jede Wette eingehen, daß man in gegebener Zeit keinen deutschen Schwachkopf mehr finden wird, der sich versucht fühlen wird, über seinen Ursprung zu erröten. Wie die hessischen Ansiedler die einzigen sind, die mit bestimmtem Vorsatz der Heimkehr kommen, so sind sie auch — 232 — die einzigen, die sich nicht mit der übrigen Bevölkerung verschmelzen, nichts von der Sprache lernen. Die anderen zerstreuen sich sämtlich; nur der Zufall entscheidet, wer von ihnen sich der neuen Umgebung geschwinder oder langsamer anpassen wird, und wer nicht; alle eignen sich bald die notwendigste Sprachkenntnis an, und die Kinder sprechen zumeist die Muttersprache nicht mehr. Wieviele Deutsche mag es nun in Paris geben, nicht Tonristen, Fremde, die in Gasthöfen absteigen, sondern Ansässige, die sich hier auf Lebenszeit oder doch wenigstens für eine gewisse Dauer einrichten? Wer sich den allgemeinen Eindruck vergegenwärtigt, der zahlreichen Begegnungen denkt, die er in öffentlichen Versammlungen, auf den Boulevards und vor allem in Konzerten und Brauhäusern mit Deutschen gehabt hat, wird antworten: eine Unzahl! Befragt man einen Kenner des öffentlichen Lebens, einen jener Leute, die berufsmäßig verpflichtet sind, alles zu wissen, so bekommt man eine dem unbestimmten Eindruck entsprechende Ziffer zu hören; die Angaben schwanken zwischen 80 000 und 150 000, ja uns ist sogar gesagt worden, es seien 220 000, also beinahe ein Achtel von ganz Paris. Hält man aber, um diese Behauptungen auf ihre Wahrheit zu prüfen, die amtlichen Ziffern dagegen, so gewinnt die Sache einen ganz anderen Anstrich. Das statistische Amt des Hotel de Ville hat dem Verfasser mit einer Gefälligkeit, die er mit Vergnügen anerkennt, sämtliche aus der eben erst vollendeten Volkszählung gewonnenen Ziffern für diese Untersuchung zur Verfügung gestellt. Und wieviele Deutsche weist diese Zählung auf? Sämtliche Staaten des ehemaligen Bundes, die deutschen Provinzen des Kaisertums Osterreich mit einbegriffen, haben zusammen für ganz Paris, die Arrondissements Saint-Denis und Sceaux mit einbegriffen, den Zählungsbeamten keine höhere Summe als — 233 — 34 273 geliefert, d. h. nicht einmal ganz zwei Prozent der hauptstädtischen Bevölkerung. Es liegt guter Grund vor, diese amtliche Ziffer als weit hinter der Wirklichkeit zurückbleibend anzusehen. Der Verfasser hatte selbst Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß die von Haus zu Haus gehenden Beamten nicht immer, wie die Regel ihnen vorschreibt, nach der Nationalität fragen. Da das Hotel de Ville für diesen Dienst auf eine Klasse von Personen angewiesen ist, welche aus der auf und ab wogenden Bevölkerung der Arbeitslosen genommen werden, so kann es ungeachtet eifriger Kontrolle auf keinen mustergiltigen Betrieb rechnen.*) Allein trotz aller Ungenauigkeiten, welchen diese statistische Erhebung unterliegt, trotz der Unsicherheit der Angaben, die nur durch den guten Willen der Befragten zu erlangen sind, kommt sicherlich die amtliche Ziffer der Wahrheit näher als alle Schützungen aus der Bogelperspektive. Es ist bekannt, wie sehr die Einbildungskraft dazu neigt, die Gesamtzahl der Einzelwesen zu vergrößern, die an unserem Blicke vorüberziehen. Marschieren nur zehntausend Soldaten vorbei, gleich glauben wir ein furchtbares Heer vor uns zu haben.**) Ehemals Hütten uns vielleicht die Polizeiregister einige Auskunft geben können, aber seitdem der Paßzwang glück- *) In Berlin sind mit einem Aufruf an die Bürger zu freiwilliger Dienstleistung in Sachen der Volkszählung wunderbare Resultate in Bezug auf Genauigkeit erzielt worden. **) Folgendermaßen verteilen sich die Deutschen auf die einzelnen Stadtviertel, und wer Paris kennt, kann aus dieser Angabe zugleich entnehmen, welcher Art ihre Hauptbeschäftigungen sind: die größte Anzahl findet sich im XIX. (Billette, Belleville -c.), 3019. Es folgen die Quartiere de la Chaussee d'Antin mit 2700, de la Roquette mit 2724 (IX. und XI.), dann das Quartier de Clignancourt (XVm.), de Saint-Denis und de Saint-Martin (X.) mit ungefähr je 2200. Die andern haben durchschnittlich 1300 bis 1700. Das XV. und XVI. (Grenelle, Auteuil und Passy) weisen die kleinsten Zahlen auf, 500—600. — 234 — licherweise aufgehoben worden ist, sind diese Quellen nicht mehr vorhanden, und da die Unwissenheit, sonst auf allen Gebieten eine Todsünde, in Polizeisachen eine Kardinaltugend ist, so liegt uns nichts ferner als darüber zu klagen. Hingegen erlauben wir uns, es der Pariser Handelskammer angelegentlich zu empfehlen, daß sie bei ihren alle fünf Jahre stattfindenden Erhebungen die Frage der Nationalitäten mit berücksichtigen möge. Diese mit soviel Sorgfalt und Kosten geführten Untersuchungen können sich gar nicht auf geuug Einzelheiten zugleich ausdehnen, wenn man sichs schon einmal Geld und Mühe kosten lassen will. Vergebens haben wir die ungeheuren Quartbände über die beiden letzten Erhebungen von 1860 und 1865 durchgesehen, es war nicht einmal der Versuch dazu gemacht. Wie dem nun auch sei, eins ist zweifellos: von Nordamerika abgesehen übt kein Punkt des Erdballs ein gleiche Anziehungskraft auf die deutschen Auswanderungslustigen aus wie Paris.*) Unter allen in Paris ansässigen Ausländern sind wiederum am stärksten die Deutschen vertreten, wie aus der beifolgenden vergleichenden Übersicht der letzten Volkszählung von 1866 hervorgeht: Deutsche.......... 34273 Belgier........... 33088 Schweizer.......... 10 687 Engländer.......... 9 106 Italiener.......... 7 903 Holländer.......... 6 254 Amerikaner......... 4 400 Polen........... 4 294 Spanier.......... 2 536 Russen........... 1356 Skandinavier........ 531 Rumänen.......... 329 Türken........... 313 Griechen.......... 290 Verschiedene....... 3 766 Summa: 119126 — 235 — Nächst New-Iork, Philadelphia, St. Louis und einigen aufblühenden Städten des amerikanischen?ar-^Vsst empfängt keine fremde Stadt größeren Zuzug von Deutschen als Paris. IV. Zu einer gewissen Zeit hatte die Anziehungskraft der Freiheit etwas mit diesem Zustrom zu schaffen, und auch in dieser Hinsicht stritt damals Paris mit Amerika um den Vorzug, den vor der Bedrückung des Vaterlandes fliehenden Auswanderer aufnehmen zu dürfen. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als Frankreich allen europäischen Höfen Humanitätsprofesforen sandte, war Paris die Quelle des freien Geistes, zu der die hervorragenden Ausländer kamen, um an der Quelle des neuen Lebens zu schöpfen. Unter den Deutscheu, welche damals in diesem Boden Wurzel schlugen, hat mehr als einer in der Geschichte des französischen Geistes Bürgerrecht erworben. Ein solcher war der Baron Grimm, anfänglich der Freund und dann der Schrecken Rousseaus; ferner Holbach, mutmaßlicher Verfasser des „L^stöms lg. ns-turs" und Gründer des nach Man zählt: Franzosen, aus dem Departement de la Seine gebürtig 733 478 „ aus anderen Departements gebürtig . . 1 295 258 Naturalisierte...... 3 054 Summa: 2150 916 Nach diesen Ziffern würde das fremde Element von der Pariser Bevölkerung nur Prozent ausmachen. Auch diesmal sind die amtlichen Ziffern ebenso vorsichtig aufzunehmen wie zuvor für die deutsche Bevölkerung im besonderen; augenscheinlich bleiben sie abermals hinter der Wirklichkeit zurück. -M' 236 ihm genannten Klubs; Anacharsis Cloots, der „Redner des Menschengeschlechts"; Adam Lux, der Verteidiger Charlotte Cordays und der Gironde; ein solcher war endlich in seiner Weise auch jener Eulogius Schneider, ein früherer Franziskaner und Hofprediger, der wandernde Henker des Elsaß, eine Art gelehrter Possenreißer, der znr Erinnerung an sein altes Gewerbe mit einem Gefolge von zwölf Spießgesellen, seinen „Aposteln", durchs Land zog. Cloots, Lux und Schneider haben ihr Bürgerrecht aus dem Schaffst bar bezahlt, und uur Eulogius hatte zugleich die Schuld seiner Missethaten zu entrichten. Später, nach 1830, wurde Paris abermals für einige Zeit die Schule, in welcher die Politiker des Kontinents den Konstitutionalismus der Gegenwart nnd den Revolutionarismus der Zukunft studierten. Deutschlands unruhige Geister fanden sich hier um so zahlreicher ein, als sie selten verfehlten, sich daheim ein Verbannungsurteil zuzuziehen. Von dieser Epoche an bis zum Beginn des zweiten Kaiserreichs bilden die deutschen Schriftsteller und Gelehrten in Paris eine ununterbrochene Reihe, und viele derselben gründeten sich hier eine lebenslängliche Heimat. Um an die thätige und glänzende Rolle zu erinnern, welche diese geistige Immigration spielte, brauchen wir nur die Namen Heinrich Heine und Ludwig Boerne zu nennen. Sie und ihre Nachfolger von geringerer Bedeutung haben beiden Nationen ausgezeichnete Dienste geleistet, indem sie eine in das Leben der anderen einweihten. Wenn die Franzosen, durch Heines Verdienst vorzüglich, einigermaßen mit deutschen Dingen vertraut geworden sind, so war die entsprechende Wirkung jenseits des Rheins bei weitem gewaltiger und allgemeiner. Beide waren von Grund aus deutsch, sowohl durch ihre Individualität als durch ihre Geistesrichtung, und liebten zugleich die Vorzüge des französischen Volkes und die parisische Anmut mit wahrer Zärt- — 237 — lichkeit. Cormenin hat dies in seinen Worten über Boerne vortrefflich ausgedrückt: „Er liebte Frankreich als sein zweites Vaterland, er liebte Frankreich im Interesse Deutschlands." Das politische, soziale und litterarische Leben Frankreichs fand in Deutschland mächtigen Widerhall, als Männer von solchem Range, deren eigenartiger und bezaubernder Stil allein schon die Leser anzog, Sorge trugen, es den Deutschen nahe zu bringen. Jene Briefe und Bücher, welche von den Menschen und Dingen, den Salons und Straßen, den Kämpfen des Pariser Lebens erzählten, deren Verfasser in ihren täglichen Beobachtungen sozusagen wissenschaftlicher verfuhren als der Franzose selbst, machten die Deutschen mit allen älteren und gegenwärtigen Ideen des Landes bekannt, weihten sie bis auf die kleinen Anekdoten von Stadt und Hof herab in das französische Leben ein und haben bewirkt, daß noch jetzt der gebildete Deutsche Paris betritt wie sein Eigentum, im voraus mit der ganzen Überlieferung und Topographie des Ortes vertraut. Nach Boerne und Heine kam die Gewohnheit auf und bestand einige Zeit, daß jeder schriftgewaudte Landsmann, der nach Paris kam, seinen Band Briefe drucken ließ. Es wurde eine ganze Sammlung daraus. Karl Gutzkow, das Haupt des seiner Zeit sogenannten „jungen Deutschlands" (das eine entfernte Ähnlichkeit mit der französischen romantischen Schule hat) beschenkte uns so gut wie die anderen mit einem Band „Briefe aus Paris". Wiederholt versuchten es diese litterarischen und politischen Kreise, ein periodisches Organ in deutscher Sprache zu gründen; es gelang niemals. Will der Deutsche sich mit den französischen Dingen bekannt machen, so schöpft er, hüben wie drüben, lieber gleich an der Quelle, die ihm zugänglich ist, sobald er nur über ein bescheidenes Maß geistiger Bildung verfügt. Um seine eigenen Angelegenheiten kennen zu lernen, greift er lieber — 238 — nach einheimischen Blättern. Daher hat es solchen Unternehmungen immer an Lesern gefehlt. Der Galignani wird deren stets Tausende finden, welchen ihr Thee und Toast nur mundet, wenn sie ein englisches Format und einen englischen Text dabei haben. Den Deutschen verlangt nach Lokalfarbe; er liest 1s ?intg.mg,rrs (Witzblatt), während er seine rg.tg.toriiUs verspeist. Hat es doch Flüchtlinge aus dem Frankfurter Aufstande vom Jahre 1331 gegeben, die sich nach ihrer Rückkehr ins Vaterland immer noch den verhältnismäßig teuren ts-ds-L vs-xoral schicken ließen und behaupteten, kein anderes Kraut käme diesem Erzeugnis der trefflichen Regie gleich. Ludwig Boerne — wir verweilen bei ihm ganz besonders, weil er der erste unter diesen Vermittlern ist — kam seit dem Jahre 1819 verschiedene Male nach Frankreich. 1822 veröffentlichte er seine „Bilder aus Paris", die Frucht zweijährigen Aufenthalts, während dessen er einen überaus heftigen Kampf gegen die Regierung der Restauration geführt hatte. Er kehrte dann nach Deutschland heim; aber als die Juli-Revolution zum Ausbruch kam, die er so heiß herbeigesehnt, hielt er es dort nicht länger aus und eilte wieder zurück. Von dieser Zeit an datieren seine „Briefe aus Paris". Er richtete sie an eine deutsche Dame, mit welcher er bis zum Ende seines Lebens durch die reinste und herzlichste Freundschaft verbunden blieb, die ihm auch nach Paris gefolgt war und hier erst vor wenigen Jahren gestorben ist. Aus diesen Briefen ist Boernes große Popularität entsprungen; sie schlugen gleichsam eine Brücke zwischen Frankreich und Deutschland. Der Verfasser stand im innigen Bunde mit Frankreichs vornehmsten Geistern, unter anderen mit Lamennais, dessen ?a,ro1ös ä'iin oro^s-nt er ins Deutsche übersetzt hat. Der Tod überraschte ihn bei der Ausführung seines Lieblingsplanes, ein geschichtliches Werk über die französische Re- — 239 — volution zu verfassen. Nachdem er lange an einer Brust- krankheit gelitten, starb er zn Paris im Jahre 1837. Raspail rief ihm den Scheidegruß zu, sein Denkmal schmückte David, und Cormenin schrieb das Begleitwort zu einigen seiner ins Französische übersetzten Werke. Der Mann, dem als Ideal die herzlichste Vereinigung der beiden Nationen vorgeschwebt hatte, war solcher Gastfreundschaft würdig. Wie fern liegt doch diese Zeit der heutigen Generation, der es vor allem darauf ankommt, die Gewehre der Nachbarn zu zählen und ihre Zahl zu überbieten! Im Jahre 1836 hatte Boerne, damit seine Idee Gestalt gewinne, den Plan gefaßt, in Paris eine in den beiden Sprachen abgefaßte Revue zu gründen. Er hieß sie „die Wage" (1s. Ls.1s.nos), in der Erinnerung an eine Zeitschrift, die er vordem in Deutschland herausgegeben hatte, und deren Name sich mit seinem Gedanken vorzüglich deckte. Aber „die Wage" erlebte nur wenige Nummern und ging ein, aus Mangel an Unterstützung jeglicher Art. Zwei andere Versuche hatten nacheinander dasselbe Schicksal. Im Jahre 1841 waren die „Hallischen Jahrbücher", das berühmte Organ der Junghegelianer, und 1843 ihre Fortsetzung, die „deutschen Jahrbücher", verboten worden. Der Herausgeber Arnold Rüge entschloß sich, sie nach Paris zu verpflanzen. Der Dichter Herwegh, der Sozialist Marx und einige andere schlössen sich ihm an, und es erschien eine Lieferung der neuen Zeitschrift unter dem Titel „Deutsch-Französische Jahrbücher" (Paris 1844). Wiederum waren diese ersten zwei Nummern zugleich die letzten. Zu jener Zeit hatte die sozialistische Bewegung einen beträchtlichen Teil des jungen Paris ergriffen, und viele der Deutschen, die sich um die Redaktion scharten, hatten sich gleichfalls hineingestürzt. Selbst Cabet lieferten sie einige Jünger. Die Verschiedenheit der Schulen führte naturgemäß zu Spaltungen. Die Zeitschrift wurde in ein kleines Blatt, den „Vorwärts" umgewandelt, das — 240 — unter anderen den berühmten Russen Bakunin, den Ehrenbürger aller Revolutionen, zu seinen Mitarbeitern zählte. Guizot ließ die Redakteure ausweisen; mit der Redaktion wäre es auch ohne ihn bald zu Ende gewesen. Seither ist kein ernstlicher Versuch wieder gemacht worden, ein deutsches Organ in Paris zu gründen. Von Zeit zu Zeit wurde wohl noch eine kleine Zeitung in die Welt gesetzt, aber niemals fiel das Unternehmen auf guten Boden, und seine Aussichten, denselben je zu finden, verringern sich tagtäglich. Die Amnestien, Deutschlands neuerwachtes politisches Leben haben nach und nach fast alle zurückgerufen, die nicht entweder mit unauflöslichen Banden an Frankreich geknüpft waren oder für ihr Vaterland nichts mehr empfanden. Auch Paris war ihnen begreiflicherweise nicht mehr das Paris früherer Tage, weder so gastlich mehr, noch so reizvoll, noch die Schule, die es gewesen. Heutzutage haben die in Paris lebenden Deutschen keinen geistigen Mittelpunkt. Man hat wohl versucht, dem Turnverein ein wenig Schwung zu geben, aber bis jetzt ist es diesem nicht gelungen, und kaum wird es ihm jemals gelingen, diejenigen Elemente in genügendem Maße zu vereinen, deren es zur Erfüllung einer großen Aufgabe bedarf. Das kleine Theater der Salle Beethoven ist noch um vieles unbedeutender und nie über ein klägliches Dasein hinausgekommen. Vielleicht hätte eine Veranstaltung, die sich einzig auf die Zerstreuungen des geselligen Lebens gerichtet, bessere Aussichten gehabt, weil sie vielleicht das unter den Deutschen in Paris so stark vertretene kaufmännische Element angezogen haben würde. Aber als vor vier oder fünf Jahren eine große Anzahl der tonangebenden Personen der Kolonie den Gedanken faßte, einen Lsrols zn gründen, scheiterte der Plan daran, daß die Polizeipräfektur die Erlaubnis verweigerte. Da man nicht recht wußte, — 241 — wodurch dieses Mißtrauensvotum veranlaßt war, tauchte damals die Vermutung auf, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann, die deutsche Diplomatie hätte hinter dem Verbot gesteckt, vielleicht ihre Staatsangehörigen vor der Berührung mit einigen demokratischen Namen, die an der Spitze der Liste standen, zu behüten. V. Das einzige allgemeine Band für die Deutschen in Paris bildet ein Wohlthätigkeitsverein, welcher Bedeutendes leistet. Derselbe unterstützt jährlich an 14 000 Arme auf alle mögliche Weise und verfügt außerdem bereits über die Anfänge eines Fonds, der zur Errichtung eines Spitals bestimmt ist, weil sich vor allem das Bedürfnis herausgestellt hat, armen alten Leuten eine Zuflucht zu schaffen. Was die gewöhnlichen Krankheiten anbetrifft, so öffnet das gastliche Paris seine wohlthätigen Anstalten einem jeden ohne Unterschied der Nationalität. Nur die Asyle für solche, die an der Krankheit des Alters und der Armut leiden, schließen die Nichtfranzosen aus. Die Wohlthätigkeitsbälle, welche genannter Verein einmal jährlich veranstaltet, bieten dem Deutschen zugleich die einzige Gelegenheit, die ganze elegante Gesellschaft seiner Landsleute auf einem Punkte vereinigt anzutreffen. Natürlicherweise können 40- oder 80 000 Deutsche sich nicht an den musikalischen Unterhaltungen genügen lassen, die für zwei Millionen gewöhnlicher Sterblicher ausreichen. Die Franzosen meinen, die Musik bei sich eingebürgert zu haben, weil sie schließlich dahin gelangt sind, sich für die klassischen Konzerte zu begeistern. Ein Deutscher ist nicht zufrieden, wenn er nur stürmisch Beifall klatscht, Bravo, Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. — 242 — Brava und Bravi ruft: er muß zum mindesten an einigen Feldzügen einer Gesellschaft für Vokal- oder Instrumentalmusik in aktivem Dienst beteiligt sein. Die Anzahl der in Paris vorhandenen deutschen philharmonischen Gesellschaften ganz genau anzugeben, wäre eine fast ebenso schwierige Aufgabe, wie die Anzahl der Deutschen selbst festzustellen. Von allen Fachautoritäten, die wir über diesen Punkt befragten, erhielten wir die gleiche Antwort: „Fünf, sechs, sieben .... aber es müssen noch mehr sein, die ich nicht kenne". Hier wäre nun der richtige Ort, um vom Bier zu reden, denn das „Lied" läßt sich nicht ganz ohne den Schoppen denken. Doch ist der Schoppen keine deutsche Eigentümlichkeit mehr. Schon vor Entlehnung der Landwehr und des Hinterladers, und ohne daß zu diesem Zwecke irgend eine Kommission zusammengetreten wäre, hat Frankreich den Bierkultus von seinen Nachbarn herübergenommen. Die bayrischen Brauereien liefern jahraus jahrein für den Pariser Konsum eine in ungeheurem Maße zunehmende Menge^) (ganz abgesehen von der inländischen Produktion), und die Zahl ihrer Agenten hat sich im Lause der letzten Jahre verzehnfacht. Dadurch, daß dieses Gebräu allen Laien zugänglich geworden, geschieht doch dem Bestehen einiger geheiligter Stätten, welche die wahren Anbeter eines orthodoxen „boczlc" zu besuchen Pflegen, durchaus kein Abbruch. Wer um Mitternacht in das Cafs du Grand Balcon geht, dem wird ein ausgesprochenes Vorherrschen blonden Haarwuchses, hie und da auch das Vorhandensein der klassischen Pfeife mit dem langen Rohre auffallen, wie sie furchtbare 1866 ist die Einfuhr von bayrischem Bier durch die-lange Herrschaft der Cholera beeinträchtigt worden. Für dieses Jahr wird die Quantität des ausschließlich von Bayern her eingeführten Bieres auf 26 000 Fässer zu je 67 L. geschätzt. Das übrige Deutschland liefert ebenfalls welches^ der größte Teil aber wird im Lande selbst erzeugt. — 243 — Wolken vor sich hinbläst oder feierlich an einem Riegel hängt, der an ein ehrwürdiges Brett geschraubt ist. Von den Tempeln des Bierkönigs Gambrinus ist der Grand Balcon der vornehmste. Seit einiger Zeit hat das Wiener Bier auf dem Platz am neuen Opernhause seine Zelte aufgeschlagen und will dem Münchener vom Boulevard des Italiens deu Rang ablaufen. Es bleibt abzuwarten, wer hier den Sieg davon tragen wird, das Bier aus dem Lande Mozarts oder das aus Richard Wagners Reich. Dringt man weiter nordöstlich vor, bis auf die Höhe des Faubourg Poissonnisre, so lassen sich diese Studien durch die gauze gesellschaftliche Stufenleiter hindurch verfolgen. Manche jener Gastwirtschaften stehen mit Nebengeschäften in Verbindung, wo Sauerkraut und Würstchen, diese allen wohlgearteten Herzen so teuren Gerichte, feilgehalten werden. Die Bayern und Frankfurter haben das Gebiet des Flüssigen in Pacht genommen, das Feste füllt den Wienern zu. In diesen Lokalen bildet der in Paris ziemlich zahlreich vertretene deutsche Malschüler die Blüte des Publikums, das grobe Material liefert der Haudlungsgehilfe. Früher war es auch unter den deutschen Studenten der Medizin, denen ihre Mittel dies erlaubten, üblich, zur Vollendung ihrer Studien auf ein bis zwei Semester nach Paris zu kommen. Jetzt aber soll sich diese Gewohnheit verlieren. Ob das nun dem Aufschwung der dortigen oder dem Rückgange der hiesigen medizinischen Fakultäten zugeschrieben werden muß, ist schwierig zu entscheiden und entzieht sich unserer Beurteilung. Indessen hat sich unter den jungen Ärzten der Gebrauch erhalten, eine kürzere Zeit, die etwa für den Besuch der Krankenhäuser und Kliniken ausreicht, in Paris zuzubringen, und dieser Umstand hat in Verbindung mit dem anderen, daß sich ungefähr zwanzig deutsche Ärzte dauernd in Paris aufhalten, die besonders ihre Landsleute 16* - 244 — zu behandeln haben, die Gründung einer deutschen medizinischen Gesellschaft veranlaßt, welche regelmäßige Sitzungen abhält uud darüber wacht, daß jedes der beiden Länder in Bezug auf die wissenschaftlichen Fortschritte des anderen auf dem Laufenden erhalten bleibe. Allwöchentlich werden dort interessante Berichte erstattet; ein nicht weniger interessantes Festmahl findet alljährlich statt. Die Berichte und Diskussionen werden deutsch geführt, die Küche französisch, und ganz gewiß ist in dieser Gesellschaft noch nie vom Niedergange des Restaurant „Vachette" die Rede gewesen. Seit langer Zeit ist die Augenheilkunde ein Spezial- fach der Deutschen. Nachdem vor mehr als dreißig Jahren die Beersche Schule zu Wien ins Leben getreten war, führte Dr. Sichel die Neuerungen derselben in Paris ein. Als nun eine neue deutsche Schule sich jüngst daran machte, die alten Überlieferungen umzuarbeiten und das, was bisher im wesentlichen eine empirische Kunst gewesen, in eine exakte Wissenschaft zu verwandeln, die auf den Fortschritten der modernen Naturkunde fußte: da ward diese neue Schule alsbald in Paris glanzvoll vertreten. Seit Jahren an den Arbeiten der Meister beteiligt, welche die neue Augenheilkunde begründet haben, hat sich Dr. R. Liebreich mit wunderbarer Schnelligkeit zum Range eines der ersten Ärzte von Paris erhoben, und seine durch ihn geschaffene und ausschließlich durch ihn erhaltene Klinik (rus Wt-Ik-Oosru?) hat die zwiefache Bedeutung einer wohlthätigen und einer öffentlichen Lehranstalt erlangt. Noch andere sehr verdienstvolle Deutsche, die aus derselben Schule hervorgegangen sind, so die Drs. Meyer und Weckher, haben es in kurzer Zeit in demselben Fach zn hohem Ansehen gebracht und bedeutende Kliniken gegründet. Beiläufig sei hier erwähnt, daß die Homöopathie, diese ausschließlich deutsche Erfindung, in Paris eine zweite Heimat — 245 — und sogar eine zahlreichere und gläubigere Jüngerschaft gefunden hat als im eigenen Vaterlande. Da wir von der Medizin reden, müßten wir von rechtswegen auch die Theologie ein wenig zu Worte kommen lassen; aber wenn man auf einem Blatte alles sagen muß, so legt die allzeit opferwillige Religion es einem gar zu verlockend nahe, sie mit Stillschweigen zu übergehen. Überdies haben wir dem Protestantismus bei der Musterung der Straßenkehrer unsere Aufwartung gemacht; wir wollen jetzt bei der Besprechung der Dienstboten dem römischen Stuhl unseren Besuch abstatten. Die deutschen katholischen Priester in Paris haben sich das besondere Recht vorbehalten, die Köchinnen und Hausmädchen unter ihren Schutz zu nehmen. Es existiert (wiederum in demselben Viertel, in der Umgebung der Nue Lafayette) ein St. Josephskloster, welches den neu ankommenden oder stellenlosen deutschen Dienstmädchen zum Absteigequartier dient und den Hausfrauen mit gutem Gewissen empfohlen werden kann. Die süddeutschen Staaten, welche bei weitem das größte Kontingent der deutschen Einwanderung stellen, sind, mit Ausnahme Württembergs und eines Teils des Großherzogtums Baden, vorzugsweise katholisch. Diese Gegenden und besonders auch das Moselland, Luxemburg, Trier, sowie das badische Oberland, sämtlich Grenzgebiete, senden uns jene Scharen von deutschen Dienstmädchen zu, welche die Schwestern der Rue Lafayette unter ihre Fahne sammeln. Wie alles, was mit der katholischen Organisation zusammenhängt, hat auch diese Sache eine viel realistischere Färbung als die Mission der protestantischen Geistlichen von La Billette. Indeß diese es für angezeigt hielten, ein Werk der Erziehung nnd sittlichen Veredelung im Sektengeist zu gründen, haben jene sich in Gestalt eines Stellenvermittlungsbureaus ein Mittel geschaffen, treue Jünger zu werben. Allerdings ist — 246 — es leichter, eine Armee von Straßenkehrern zu überwachen als eine Legion Mädchen. Selten findet man einen deutschen Haushalt in Paris, dem nicht wenigstens ein deutsches Dienstmädchen angehörte. Der Ausländer gewöhnt sich schwer an den Pariser Dienstboten: er ist ihm zu unbotmäßig, zu anmaßend, und auch der durch Molisre unsterblich gewordene Typus des vertraulichen, impertinenten Dieners ist, wie sich denken läßt, keineswegs der Phantasie des Dichters entsprungen vielmehr ganz und gar aus dem Charakter und den Sitten seines Volkes und vorzüglich seiner lieben Vaterstadt geschöpft. Keine andere Lustspiel- Litteratur hat eine ähnliche Gestalt auszuweisen, ausgenommen vielleicht die alte römische in der Rolle des vertrauten Sklaven. Um sich der Tyrannei der französischen Dienstboten zu entziehen, versehen sich unsere Landsleute in Paris unausgesetzt mit deutschen, besonders was den weiblichen Teil der Dienerschaft anbetrifft. Durch diesen Umstand erklärt es sich zum Teil auch, warum in den amtlichen Angaben über die Zahl der Deutschen in Paris die Frauen mit fast ebenso hohen Ziffern vertreten sind wie die Männer; so weist die letzte Volkszählung 18 591 Männer und 15 628 Frauen auf. Den Schlüssel zu dieser auffallenden Thatsache — gleiches Verhältnis der beiden Geschlechter bei einer ausländischen Bevölkerung, in der man doch ein beträchtliches Vorherrschen des viel beweglicheren männlichen Elements erwarten sollte — giebt die vorstehende Thatsache. Der erwähnte Umstand beeinflußt um so mehr die Erscheinungen, mit welchen wir es zu thun haben, als die in dieses Gebiet eingreifenden Sittenzustände eine beständige Erneuerung des Materials bedingen. Man kann rechnen, daß durchschnittlich ein Zeitraum von drei Jahren dazu gehört, eine gute Deutsche, die aus dem Inneren ihres — 247 — Landes als Dienstmädchen nach Paris kommt, zu demoralisieren. Am Anfang ihrer Laufbahn kennt sie weder ein Wort der Sprache, noch den allerkleinsten Kniff, durch welchen sie ihre Herrschaft hintergehen könnte, versteht sich auch noch sehr schlecht auf einen Liebeshandel. Ein halbes Jahr später weiß sie sich vermittelst eines durchaus verständlichen, oft sogar mit allen Feinheiten des fünften Stockwerks gewürzten Kauderwelsch durchzuschlagen. Nach anderthalb Jahren hat sie sich die Kunst der Schwanzes Pfennige (iairs äMser 1's,Qss du xanisr) von Grund aus zu eigen gemacht. Noch ein Jahr — so unterhält sie in vollendeter Weise ihren (Ag-rcls ro.riiÜLixg>1 oder ihren Schlächtergesellen, wenn nicht beide zugleich. Hat gar die Herrschaft, um die Fortschritte ihrer Untergebenen zu beschleunigen, sie bei dem berühmten Koch irgend eines Lsrels oder Restaurants ausbilden lassen, so vollzieht sich der moralische Umschwung mit verdoppelter Schnelligkeit. An diesem Punkte angelangt, läßt unsere blauäugige Blondine ihre Herrschaft sitzen und verschwindet in dem großen Abzugskanal des Pariser Dienstbotenvolks, dessen Lebens- und zugleich Krankheitsprinzip die achttägige Kündigung ist. Niemals kann in einem Lande, wo, wie in Deutschland, für beide Teile eine vierteljährliche oder sechswöchentliche Kündigungszeit gilt, die leidige Feindschaft zwischen Herrn und Diener einen derartig heftigen und erbitterten Charakter annehmen wie in den Ländern mit kurzer Kündigungsfrist. Mit so rebellischen Leuten ließe sich nicht noch monatelang nach der Kündigung ein Haushalt führen. Nimmt man an, daß jede deutsche Familie mindestens ein Mädchen hält und durchschnittlich alle drei Jahre Ersatz braucht, so möge man sich hiernach die Zahl derer berechnen, welche durch diesen Brauch fortgesetzt aus dem heimatlichen Boden gerissen und der Hölle zugeführt werden. Neben dem eigent- — 248 — lichen Dienstboten haben wir dann noch den klassischen deutschen Gasthofskellner. Auch sein Name ist Legion; er bedient in allen Gasthöfen ersten und zweiten Ranges, fehlt aber vollständig im Cafs und Restaurant. Dort bedarf man des Franzosen. Der lärmende Possenreißer und kurzweilige Fant, dieser staunenswert bewegliche Überall und Nirgendwo, das naseweise Faktotum, welches geradewegs von der Bühne des Palais-Royal herabgestiegen zu sein scheint, um sich von da aus erst über die nächste Umgebung der Arkaden und dann über ganz Paris zu verbreiten, bildet eine besondere Figur des gallischen Repertoires. Hingegen ist der dienstbeflissene, unterwürfige, zurückhaltende Gasthofskellner, der nichts sagt, dafür aber mit der Sprache und den Lebensgewohnheiten von drei oder vier Nationen vertraut ist, fast ausnahmslos von deutscher Herkunft. Der Franzose ist ein gewandter erfindungsreicher Diener und versteht wie kein anderer, dem Gaste im kritischen Augenblick ohne viel Besinnen einen Ausweg aus einer Verlegenheit zu öffnen; der Deutsche ist umsichtig, vorbedacht, sorgsam; von vornherein widmet er sich der Aufgabe, es dem Gaste behaglich zu machen. Aus dieser Naturverschiedenheit erklärt sich die große Überlegenheit der deutschen Badeorte. Überall wird der Fremde gerupft, aber nur in Deutschland beutet man ihn mit Ehrerbietung aus. Wenn der germanische Stamm erst das rechte Maß für ein Bett und eine Tasse Kaffee gefunden hat, wird er an der Spitze der europäischen Gastlichkeit marschieren. Der Beruf des Kellners nimmt übrigens in der gesellschaftlichen Rangordnung eine so hohe Stufe ein, daß junge Leute aus guter Familie sich nicht schämen, die elegante Jacke anzulegen, unter dem Vorbehalt, sie einstmals mit dem hochachtbaren, vornehmen Frack des Oberkellners zu vertauschen, den die Gäste feierlich mit Herr anreden. Es kommt sehr häufig vor, daß ein Millionär, — 249 — der Besitzer eines jener großen Gasthöfe am Rhein, seine Söhne in die Fremde schickt, damit sie dort im bescheidenen Stande des Kellners ihre Lehrzeit durchmachen. Die deutschen Kellner in Paris gehören dem Verbände sämtlicher Kellner der Hauptstadt an, einer ganz eigenartigen, mit vieler Einsicht organisierten und für ihre Mitglieder höchst wertvollen Vereinigung, die z. B. durch ihre Stellenvermittlung die Verschiebung dieser fliegenden, bald hier bald dort begehrten Scharen erleichtert und auch das Personal aller Restaurants, Cafss und Bierlokale der Stadt vom Kopf bis zu den Füßen kleidet. VI. Außerdem sind noch in vielen anderen Berufsarten Deutsche thätig, die, je nachdem der Zufall sie in die Heimat zurückführt oder dauernd in Paris festhält, eine halb bewegliche, halb seßhafte Bevölkerung bilden. Allgemein bekannt ist die Spezialität des deutschen Schneiders; sowohl im Reich der Hose als auch auf finanziellem Gebiete sind die Deutschen in Paris mit den berühmtesten Namen vertreten. Infolge eines Zufalls, der eigentlich keiner ist, haben sich sogar die beiden Klassen vorzugsweise in einem und demselben Stadtteil — dem Quartier Feydean — angesiedelt. Wer von der Rue Laffitte und der Chaussse- d'Antin aus nach der Börse geht, den führt sein Weg vom Sitz der deutschen hohen Finanzwelt her durch ein Spalier von Schneidern gleichen Stammes. Der zu Hause arbeitende Schuhmacher (dottisr sn oliaiiikrk), der Kunsttischler, Stellmacher, Wagenbauer und noch manche andere Handwerker deutscher Nationalität sind hauptsächlich im Faubourg St. Antoine zu finden. Der französische Meister hat den deutschen Arbeiter gern: er ist fleißig, folgsam und vor — !>50 — allem regelmäßig in seiner Arbeit, da er wenig blauen Montag macht; aber in der Geschicklichkeit kann er nicht mit dem französischen Handwerker wetteifern. Wo es darauf ankommt, einer Sache den letzten Schliff, das Zierliche zu geben, das den Reiz des artiels cls ?3,riL ausmacht, da zieht der Meister die Hand des Franzosen vor, selbst in der Kunsttischlerei, einem der Fächer, welches die Deutschen im übrigen gepachtet haben. Wir erwähnten vorher das Finanzwesen. Da dasselbe heutzutage im Vordergrunde des öffentlichen Lebens steht, so ist auch der Laie hierüber gut unterichtet. Allem schon der Name desjenigen, den man so treffend den König der Bankiers und den Bankier der Könige genannt hat, würde hinreichen, um daran den Einfluß des deutschen Elementes auf das Pariser Handelsleben zu ermessen. Übrigens ist dieser Einfluß nicht etwa nur der Gunst der Umstände in diesem einen Lande zu verdanken: in England, Holland, Amerika hat sich das Handelsgenie der Deutschen unter viel schwierigeren Verhältnissen einen hervorragenden Platz zu erobern verstanden. Ehemals hatten sich die Wandervölker den Hirtenstand erwählt, heute stellen sie Bankiers, Importeure und Kommissionäre. Die Londoner City, die Quais von Rotterdam und Amsterdam, die Häfen von New-Iork, Pernambuco, Schanghai und Jokohama wimmeln von deutschen Firmen. Selbst die unternehmungslustigen Engländer siedeln sich doch nur in gewissen Ländern an, die Deutschen aber ziehen überall hin. Weil Paris ohne Seehafen ihnen unzulänglich schien, haben sie eine zweite große Kolonie in Havre gegründet. Wer das Namensverzeichnis der Pariser kg,uw daraus durchgeht, dem drängt sich eine höchst merkwürdige Wahrnehmung auf: dieser Zweig liegt fast ausschließlich in den Händen zweier fremden Nationen, der Schweizer (namentlich der Genfer) und der — 251 — Deutschen. Die großen französischen Häuser sind mit der Zeit fast sämtlich verschwunden; man denke nur an die Laffitte, Gouin, Ganneron, Leroy de Chabrol und wieviele andere! Läßt man die Aktien- und Kommandit-Gesellschaften außer Acht, so findet man unter der Kants ünane« nur wenige Leute von rein französischer Herkunft: fast alle sind Schweizer oder Deutsche, eine Eigentümlichkeit, die in innigem Zusammenhange mit dem Nationalcharakter steht. Dieselbe Ursache, welche den Franzosen abhält, fremde Sprachen zu lernen oder überhaupt auf irgend eine Art aus seiner Persönlichkeit herauszugehen, macht ihn weniger geschickt zu solchen Geschäftsunternehmungen, deren sehr zutreffend als „Arbitrage" bezeichnete Hauptverrichtung in einer beständigen Ausgleichung sämtlicher in der ganzen Welt vorhandenen Kursverschiedenheiten besteht. Die zu einer solchen Wachsamkeit erforderliche Ubiquität und Weltkenntnis vertragen sich nicht mit einer derartig in sich selbst geschlossenen und gesättigten Sinnesweise. Der Franzose, welchen vor allen Dingen Klarheit, Genauigkeit, kurzum die Gabe der Analyse auszeichnet, eignet sich nicht in gleichem Grade für Kombinationen, die sich über ein unendliches Gebiet verbreiten, er ist ein Spieler, d. h. er macht seine Berechnungen an Ort und Stelle, er ist kein Spekulant in die Ferne. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich im Warenhandel. Gilt es, ein Geschäft mit dem Auslande abzuschließen, so erhebt er zumeist den Anspruch, daß der Kontrahent zu ihm komme und in seiner Sprache, seinen Maßen und Münzen mit ihm verhandle. Der Pariser Fabrikant oder Importeur führt in seinen Beziehungen zu anderen Ländern nicht nur den Briefwechsel in französischer Sprache, er verlangt auch, daß sein Konto auf Franken, Meter und Kilogramme laute; am anderen ist es, sich anzubequemen und sich zu übersetzen, und er läßt sich nicht lange darum — 252 — bitten, denn diese Unterwerfung ist selber noch eine Ware mehr, die so teuer wie möglich verkauft wird. Für den Deutschen, den jede neue Verwandlung seines Wesens beglückt, ist solch ein Geschäft ein wahrer Fund, nnd Tausende von Zwischenmännern wissen sich in Paris eine Quelle des Gewinns zu schaffen, indem sie den Binnenhandel auf diese Art mit den äußersten Grenzen der Erde in Verbindung setzen. Seitdem die satirische Litteratur sich darauf beschränkt sieht, ihre Nahrung nur mehr von den Nebengebieten des öffentlichen Lebens zu holen, seitdem durch ein sicherlich nicht zufälliges Zusammentreffen die Welt des Börsenspiels die Zielscheibe der sozialen Kritik geworden ist, ist auch der deutsche Börsenmann zu der Ehre eines — wie die Engländer sagen — „öffentlichen Charakters" gelangt. Im ganzen gilt er für ungemein gewandt und für einen ausgemachten Baissier. Es ist etwas Wahres an beidem. Eine Charakterstudie, welche den Börsenspieler der verschiedenen Länder zu ihrem Gegenstande nähme, würde eines Führers durch Europa — wenn dieser einst als Fortsetzung des Führers durch Paris erscheinen soll — würdig sein. Haben die Deutscheu auf diesem so viel geschmähten und so viel umworbenen Gebiete den Zeitungsschreibern und Sittenpredigern ihren Beitrag an Stoff geliefert, so giebt es doch noch manch anderes Feld des nationalen Lebens, auf dem sie sich einen weit größeren Anteil an dem wahren Verdienst und dem schönsten Ruhme zugeeignet haben. Im Studium der altfranzösischen Sprache und Litteratur sind sie in gewissem Grade sogar die Vorläufer der Franzosen selbst gewesen, was sich aus der ganz besonderen Beanlagung des deutschen Gehirns für philologische Arbeit jeglicher Art erklärt. Die jüngste der Wissenschaften, die Sprachwissenschaft, ist eine deutsche Schöpfung. Sobald dieselbe entdeckt hatte, daß alle Sprachen Schwestern seien, — 253 — zauderte sie nicht, ihre Entdeckung praktisch zu verwerten, und sie hat es darin jener anderen so lange schon anerkannten und weniger denn je geübten Theorie, daß alle Menschen Brüder seien, gar sehr zuvorgethan. Die deutsche Gelehrsamkeit hat sich ebenso liebevoll in das Studinm der französischen Sprache versenkt, wie sie sich dem Kultus der eigenen weiht, auch die ganze französische Litteratur der vergangenen Jahrhunderte erforscht und erläutert. Gleichwie Schiller nnd Goethe es nicht verschmähten, Racine, Voltaire zu übersetzen, so stiegen auch Schlegel und Uhland bis zu den tiefen Wurzeln der französischen Litteratur hinab. Die Fabliaux und Romans sind das Ziel eingehendsten Studiums gewesen. Noch heute gilt ein Deutscher, Diez, in Bezug auf proven^alische Sprache und Poesie und alles, was für die Zeit der Troubadours charakteristisch ist, überall als erste Autorität. Ein anderer Gelehrter, Brinckmeier, hat diese Studien in einem Werk „Die provenyalischen Troubadours, ihre Sprache, ihre soziale Stellung, ihr Leben und ihr Einfluß" fortgesetzt. Eine unter Lemckes Leitung in Leipzig erscheinende periodische Sammelschrift beschäftigt sich ausschließlich mit romanischer und englischer Sprache. Männer, die unter Deutschlands Dichtern und Schriftstellern einen hohe» Rang einnehmen, haben die proven?alischen und bretonischen Dichtungen übersetzt; wir nennen nur Schack, Paul Heyse, Hartmann und Pfau. — Zu guterletzt dürfen wir auch die stetige, starke Teilnahme der Deutschen an den Forschungen orientalischer Philologie in Frankreich nicht mit Stillschweigen übergehen; welch glänzenden Anteil an diesen stellen nicht in Paris die Namen Mohl, Oppert, Munk, Derenbonrg dar! Steigen wir von jenen Höhen der Wissenschaft in das Reich der Tageslitteratur herab, so finden wir hier ebenfalls eine beträchtliche Anzahl Deutscher als Mitarbeiter an — 254 — französischen Zeitschriften. So sehr auch diese Beiträge an Bedeutung hinter der vorerwähnten Thätigkeit zurückstehen, so gewähren sie doch den Deutschen gute Gelegenheit, auch ihrerseits auf die Bildung des Volksgeistes einzuwirken, wie ihnen das gleichermaßen durch ihre zahlreiche Beteiligung am Lehramt vergönnt ist. Der Volksgeist aber — und dies sei zu seinem Ruhme gesagt — kümmert sich um Stammesunterschiede nicht, wenn sie sich nur in seine Art zu schicken wissen. Nur wenigen wird es bekannt sein, daß die beiden größten französische» Preise iu den letzten Jahren Deutschen zugefallen sind. Der Preis für dasjenige wissenschaftliche Werk, welches Frankreich die meisten Ehren eintrüge, wurde, nachdem ihn zuerst Thiers erhalten, im darauffolgenden Jahre Oppert zugesprochen, dem Erklärer der Keilschrift, einem unverfälschten Deutschen. Ebenso ging es mit dem Preise, welchen Ruhmkorff für die sinnreichste und nützlichste Verwendung der Elektrizität errang. Niemand hat diese merkwürdige Erscheinung beachtet, noch macht sich jemand eine Vorstellung davon, wieviele deutsche Federn zur Litteratur der Zeitungen und Zeitschriften beisteuern. Aller- höchstens kennt man noch Albert Wolf, den Ritter von der streitbaren Plauderei, der seine Waffe so gewandt und spottlustig zu schwingen versteht, daß man fast versucht sein könnte, an der Existenz der nach allgemeiner Übereinkunft „Gallischer Geist" genannten Spezialität zu zweifeln. Wir wollen von keiner Seite um die nationalen Verschiedenheiten klagen, die in solcher Weise unbemerkt bleiben. Dieser Vorgang ist das ehrenvollste Zeugnis für beide Teile und deutet auf eiue der schönsten Tugenden des französischen Volkes hin. Kein anderes Volk der Welt beweist dem Fremden in gleichem Maße jene Gastlichkeit des Herzens, jene naive Güte, deren höchstes Verdienst darin besteht, daß sie sich selbst nicht kennt. — 255 — In manchem deutschen Fürstentum stößt ein Schuhmacher aus dem benachbarten Herzogtum bei seiner Ansiedelung auf mehr Schwierigkeiten als ein deutscher Gelehrter, der nach einer Professur an der Hnivsrsits ds Kranes strebt, deren findet. Die Natur hat dem Menschen Eigenliebe jeder Art eingepflanzt; die aber, mit welcher der französische Charakter erwiesenermaßen ausgestattet ist, ist wenigstens von jener guten Sorte, die mehr gute als schlechte Eigenschaften hervorbringt. Durch ganze Generationen hat dieses Volk derartig der felsenfesten Überzeugung von seiner allumfassenden Überlegenheit gelebt, daß der Gedanke, den Fremden als einen Eindringling mit Eifersucht zu verfolgen, ihm niemals auch nur in den Sinn kam; im Gegenteil schien es ihm immer nur natürlich, daß die anderen zu ihm kämen, um sich bei ihm zu unterrichten, zu bereichern, zu zerstreuen. Alle Fremden waren ihm Franzosen in sxs, berufen, ihren Anteil am Glücke der Nation entgegenzunehmen, sobald ihre Stunde gekommen wäre. Im Grunde war dies einer der Gedanken der Revolution, dies die Bedeutung des Bürgerrechts, das sie Klopstock und Schiller zuerkannte. Diese Anschauungen sind gegenwärtig im Verschwinden begriffen. Manches Unglück hat dem Lande Bescheidenheit gepredigt, und man ist seiner selbst nicht mehr sicher genug, um den Fremden Bürgerkronen anzubieten. Um so mehr sollten diese den Vorzügen des französischen Volkes Gerechtigkeit widerfahren lasten. Zu den lieblichsten derselben gehört gerade jene herzliche, ja mit wahrer Lust dargebrachte Gefälligkeit gegen alle, die den Fuß auf seine gastliche Erde setzen. Solchen Empfang bereitet dem Ausländer nicht wie anderswo eine wohlüberlegte Gerechtigkeit, vielmehr entspringt er schon aus der so gutmütigen wie anmutigen Sinnesart des liebenswürdigsten Volkes der Welt. Vas Neich unö Sie Wissenschaft/) i. A)er der Volksvertretung ein bißchen ins Herz sehen mochte, als sie daran ging, das bis dahin preußische archäologische Institut in Rom zu einer Reichsanstalt zu erheben, würde vermutlich wahrgenommen haben, daß neben dem guten Willen für den Selbstzweck der Wissenschaft und für die Ehrenstellung der Nation noch zwei Motive negativer Natur bei vielen mitthätig waren. Man freut sich nämlich, andern Strömungen dienen zu können als solchen, welche die Menschheit heutzutag unwiderstehlich fortreißen; altmodisch zu reden, einmal andern Göttern zu opfern als dem Mars und Mercur, welche zusammen die zwei Seiten der realistischen Macht darstellen. Beide, so fühlt man, muß man gewähren lassen, und wer einmal eine historisch unvermeidliche Richtung begreift, der kann auch nicht mehr bei der Resignation stehen bleiben, sondern muß sich zum Beifall erheben. Bei der Kriegsmacht füllt dies den meisten nicht zu schwer. Aber auch den heiligen Golddurst als vollberechtigt walten zu lassen, das kostet manchen Stoßseufzer, *) AuZ den Beilagen der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 17. bis 22. Juli 1872. — 257 — der sich aus dem Zustand der Geister vollkommen rechtfertigt. Trotzdem nämlich, daß die Theorien von der Gütererzeugung stets und überall besprochen werden, finden sie bei ihrer Neuheit in den meisten Köpfen noch einen ganz unvorbereiteten Boden, und die landläufig gewordenen Stichwörter werden nicht halbwegs verstanden. Die einfache Wahrheit, daß es in der Natur keine reine Hervorbringung giebt, sondern nur eine Versetzung von Stoffen, ist den wenigsten bewußt, und sie betrachten daher alles, was nicht Stoff oder Form zu schaffen scheint als ein parasitisches Thun. Daher übersehen sie die befruchtende und schöpferische Macht des Geldes, welches das behendeste Vehikel der Stoffversetzung ist. Zwischen den beiden Extremen, einmal in dem Geld allein den Reichtum zu sehen und ein andermal nur dessen falschen Schein, schwankt seit Jahrhunderten die populäre Anschauung auch der Negierungen hin und her; ja diese beiden falschen Extreme sind nicht selten in demselben Gehirn und System nebeneinander angenistet. In einer und derselben Periode sahen wir die Wirtschaftspolitik der Staaten beiden Extremen huldigen, die Ausfuhr des Geldes als des höchsten Gutes behindern, und den Handel, um dessentwilleu allein das Geld da ist, als etwas in sich Unproduktives geringschätzen. Was gerade am meisten einer Epoche not thut, daher mit Urgewalt in ihr sich Bahn bricht und eben deshalb den schnellsten, d. h. üppigsten Lohn abwirft, das erscheint der ersten Auffassung immer als verdächtig, als Raub am Gemeinwesen; und die, welche nicht Beruf, Lust oder Geschick haben, mit dem neu hereinbrechenden Strom zu schwimmen, erscheinen sich als die Tugendhaften und Zurückgesetzten. In der Blütezeit des zweiten Empire, welches gern zu dem höchsten Luxus des Genießens auch den Luxus der Tugend sich zulegen mochte, schrieb ein talentvoller Staatsanwalt, Oscar de Lavallee, Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. -<>? — 258 — ein Buch „I^ss ro.g.nisrii's ä'arAsnt", welches die Scheinkünste der Geldleute ins Licht setzen sollte und wie Augiers Börsenstücke vom Kaiser mit Lob ausgezeichnet wurde. Die produktive Rolle der heutigen Geldwirtschaft wird erst richtig gewürdigt werden, wenn sie über die Periode der Neuheit hinaus und dadurch auch dem Niveau der allgemeinen Ge- winnabwerfung wird näher gebracht sein. Vorerst aber ist es vergeblich, der Zeit voraneilen zu wollen, und es ist nicht mehr als eine gerechte Kompensation, daß die Geschäftszweige, welche ihrem neuen Aufschwung unverhältnismäßige Vorteile verdanken, auch einen Teil Haß und Verachtung mit in den Kauf nehmen müssen. Ein zweites hängt innig damit zusammen. Die Kunst, Geld mit Geld zu verdienen, ist, weil sie ihrer Natur nach auf der geradesten Linie operiert, auch dazu angethan, ihren Mann im geschwindesten Tempo aus dem Staub emporzuwirbeln, und wenn sie bei den Kombinationen des einen die feinste Fühlung aller in einander greifenden Weltverhältnisse zum Gelingen voraussetzt, so genügt ihr oft beim andern der rohe, schnell zu erwerbende Instinkt der sogenannten Spekulation. Die letztere Art giebt hohle Emporkömmlinge, ohne Bildung, mit Eitelkeit, Prunk- und Genußsucht, und so wird zugleich mit der Antipathie gegen das Handwerk die Antipathie gegen die Handwerker herausgefordert. Die Bank- und Industrie- Herren der Gegenwart werden sich in der Geschichte einst weniger stattlich ausnehmen, als die Medici und Strozzi, die Fugger, Welser, Volkamer, Hirsvogel, Viati, Peller, Holzschuher des 15. und 16. Jahrhunderts, obwohl vielleicht auch hier etliche optische Täuschung mit unterläuft. Die Deutschen gelten sich selbst und andern für das bestunterrichtete Volk der Welt. Ich möchte nicht mißverstanden sein, wenn ich hier einen Vorbehalt im Punkte des Kaufmannstandes einschalte, der in seinem besonderen Be- — 259 — ruf ohne Zweifel an Tüchtigkeit und Unternehmungsgeist dem aller anderen Nationen vorgeht. Über die Rührigkeit, Intelligenz und Ausdauer, welche der deutsche Kaufmann in die Fremde bis in die entferntesten Zonen trägt, als Prinzipal wie als Kommis und Handlungsreisender, ist nicht Erstaunliches genug zu sagen. Da steht er ganz unerreicht da. Nur im Punkte der sogenannten klassischen Bildung und der Berührung überhaupt stehen die Kaufleute Englands und Frankreichs ihrer gelehrten Welt im ganzen näher. Das kommt allerdings zum Teil daher, daß die Gelehrten selbst in beiden letztgenannten Ländern der Welt und insbesondere den reichen Klassen der Heimat näher stehen als bei uns — ein Unterschied gegen deutsche Zustände, der früher noch viel stärker ausgeprägt war, und diesseits im Abnehmen begriffen ist. Die meisten dieser Erscheinungen hängen mehr oder weniger mit unserem Vermögensrückstand, verglichen mit dem jener beiden anderen Nationen, zusammen. An diesen knüpft sich unter anderm der altüberkommene Mißbrauch, daß während der Lehrzeit die jungen Leute viele Jahre hindurch umsonst arbeiten, ja manchmal für die Erlaubnis, als Lehrlinge zu arbeiten, dem Prinzipal zahlen müssen. Letztere Unsitte verliert sich nachderhand, aber das erstere bildet noch die Regel, während in England der kleinste Junge, vom Tage seines Eintritts an, Gehalt bezieht, und in Frankreich meist nach dem ersten Jahr. Daher kommt es, daß die Knaben bei uns früher aus der Schule genommen werden. Deutschland ist auch speziell das Land der „Realschulen", ein Gattungsbegriff, den man anderwärts nicht kennt. Ein Versuch, den ein französischer Unterrichtsminister (Fortoul) machte, die Schüler der höheren Anstalten von den mittleren Klassen an nach der wissenschaftlichen und der realistischen Laufbahn „bifurkieren" zu lassen, kam nicht auf, und im 17* — 260 — Durchschnitt bildet die klassische Erziehung des Kaufmanns, wie bei uns die Ausnahme, so in England und Frankreich die Regel. Über die Zweckmäßigkeit soll hier nicht gestritten werden, die Thatsache an sich spielt aber eine Rolle in der Gesamterscheinung, welche als um sich greifender, verflachender Materialismus in Deutschland beunruhigt. Zu einem gewissen Grad entspringt eine ausgleichende Wirkung aus der Tendenz, welche die individuellen Geschäfte zu unpersönlichen Gesellschaften umbildet; denn diese ziehen durch den Bedarf nach höheren Verwaltungskräften eine Anzahl studierter Juristen oder Kameralisten in das Kaufmannsfach herüber. Das ideale Bedürfnis des höheren Mittelstandes wurde bei uns sonst beinahe ausschließlich durch die Musik befriedigt; diese sinnlichste der Künste eignet sich auch am besten dazu, die größten Massen in den Kreis des ästhetischen Lebens zu ziehen, schon ihrer Wohlfeilheit wegen. Es ist eine überall zu verfolgende Erscheinung, daß die Malerei zu ihrer Hegung mehr des Geldes bedarf. In Italien, in Süddeutschland, in Flandern, in Holland, in den letzten Decennien in Frankreich, erblühte die Malerei unter der Gunst der sich anhäufenden Reichtümer. Wo die Geschäfte und namentlich wo die Börsen florieren wächst die Bilderliebhaberei. Man frage die deutschen Maler nach dem Verbrauch und den Preisen, die vor zehn Jahren noch in Wien und Berlin maßgebend waren, verglichen mit den heutigen. Die gelderwerbenden Klassen haben eine besondere Neigung, sich auf das Gemäldesammeln zu werfen. Das Bild ist nicht wie die Musik ein im Moment des Genusses verfliegendes Produkt, es ist körperlich bleibend, faßbar. Das ist schon eines. Das zweite ist, daß in dem Luxus der Gemälde jede noch so große Summe Platz findet. Und ist diese Geschmacksrichtung einmal Mode, so wird zum Überfluß das Geschäft des — 261 — Sammelns auch als Geschäft nicht schlecht; in glücklicher Hand repräsentiert der steigende Marktwert guter Bilder mehr als den Zinsverlust des toten Kapitals. Endlich eignet sich das Ding zum Schmuck und zur Schaustellung zugleich; ein bekannter, eingerahmter Name wirkt, ohne an Schönheitseffekt einzubüßen, nebenher auch als eingerahmtes Bankbillet. Ein Engländer machte sich die Sache einfacher, indem er, statt einer Galerie, die einzige im Betrag von 10 000 Pf. St. ausgegebene Note der Bank von England in seinem Salon unter Glas an die Wand hängte. Bei der Wechselwirkung zwischen der Finanzwelt und dem Atelier gereicht es zur Beruhigung, daß letzteres nicht viel Gefahr läuft, sich von ersterer falsche Geschmacksrichtungen einflößen zu lassen. Höchstens wird einmal etwas Extravaganz oder Manier ermutigt; aber im ganzen haben die Maler eine gesunde Verachtung für ihr reiches Publikum und fühlen sich ihm gegenüber zur Geschmacksdiktatur verpflichtet, und der wachsende Luxus, der vielfach den musikalischen Geschmack verdirbt, läutert den der Malerei. Ihr kommt eben zu gute, daß sie nicht vor großen versammelten Massen auf einmal einschlägt und nicht auf händeklatschenden Applaus angewiesen ist. Die Versuchung zur Abirrung ins Triviale, ins Nebensächliche, ins Gemeine, bleibt ihr dadurch ferne, und während Ballet, Cancan, elektrisches Licht und andere zum Teil höhere Blendwerke der Jnscenierung und Instrumentation sich der Oper bemächtigten, vertiefte und vereinfachte sich die Richtung der Malerei, welche das flache Pfeifenkopf-Genre und die kaum weniger flache Behandlung historischer Theatergruppen links liegen ließ. Dagegen sind wir allerdings auch bedroht, in dem Punkte der geist- und verstandlosen Kuriositätensammelei in die französischen Fußstapfen zu treten. Die schnelle Anhäufung von Reichtümern, welche auch im Luxus stets nach einem dem Zufluß ent- — 262 — sprechenden Abzugskanal sucht, läuft dieser Mode nach, weil sie ebenfalls Gelegenheit bietet, unbeschränkte Summen auf Gegenstände der Schaustellung zu verwenden, welche (vorläufig wenigstens) bleibenden Wert repräsentieren, und weil sie dabei dem Besitzer die Mitgliedschaft in einer Art Freimaurerei des guten Tons gewährt, welche sich auf das tüftelige Kunstverständnis an allen Gickchen und Gackchen japanischer, chinesischer und anderer Spielzeuge was zu gute thut. Dagegen siehts noch immer nicht aus, als wollten sich unsere Reichen auch im Bücherkaufen die Franzosen und Engländer zum Muster nehmen, während namentlich unter dem Einfluß der Wiener Gesellschaft, in welcher das Kavaliertum mit der Finanzwelt am innigsten verschwistert ist, die Sucht nach Adelsdiplomen und anderem derartigen läppischem Quark ihre Komik mit wachsendem Ernste weiter treibt. Man sollte denken, der Mißbrauch mit diesen angeblichen Auszeichnungen biete durch die numerische Vermehrung der Ausgezeichneten das beste Gegengift. Allein dem ist nicht so, wie an dem Beispiel der französischen Ehrenlegion am besten zu erkennen ist. Trotzdem, wie jüngst ein Franzose bemerkte, daß durch die unter der Republik aufs höchste gesteigerte Verschwendung des roten Bandes die eine Hälfte der Nation der andern Hälfte zur Bewunderung vorgeführt wird, wachsen die Bittgesuche der strammen Republikaner nach dem auszeichnenden Kreuz in hundertfachem Verhältnis zu den Spendierungen desselben. Nicht dekoriert zu sein setzt in der Gesellschaft beinahe dem Verdacht aus, unter dem Niveau der gemeinen Ehrenhaftigkeit zu stehen. So muß nach Wiener Vorstellungen ein respektabler Finanzmann ebenso bald den bürgerlichen Schimpf abstreifen,*) wie nach preußischer Hofsitte ein General. *) Ach, sagte vor einigen Jahren der Baron B. zum Baron A. auf der Wiener Börse, mir ist das Pläsier an meinem Adel verdorben, seit- Dank dem langen Arm, welchen die Börse über die Presse ausstreckt, finden diese Thorheiten nicht einmal bei unseren Juvenalen die wünschenswerte Behandlung. Ist nun im großen und ganzen bei all dem nicht zu leuguen, daß Vermehrung des Nationalreichtums unerläßlich ist zur Hebuug der allgemeinen Geisteshöhe, so versteht man doch nur zu gut, wie das an sich günstige Wachstum in Form von Nebenprodukten allerlei Beunruhigendes und Widerwärtiges ansetzen mag. Es sind auch nicht bloß die uxxsr tsu ttiou8Äii6, die oberen Zehntausend, welche solchen Stoff liefern. Die Jagd nach Erwerb geht durch die Umstände heutzutage noch öfter aus einer Notwendigkeit, als aus eiuer bloßen Sucht hervor, und muß entgeistigend auf Lebenskreise wirken, denen zwar nicht der Idealismus der Armut zu wünschen ist, die aber ohne eine Dosis Idealismus des Strebens nicht gedeihen können. II. Die hier vorausgeschickten Betrachtungen haben mit einem römischen und griechischen Institut für Altertumsforschung scheinbar wenig zu thun. Und doch wirkten sie als mehr oder weniger bewußte Motive auf die freudige Bereitwilligkeit, welche der Reichstag diesen Anstalten entgegentrug. Es klingt ja etwas komisch, wenn ein Redner zu verstehen giebt: man müsse zehn- oder zwanzigtausend Thaler jährlich aussetzen, um die realistische Richtung des Zeitalters zu bekämpfen. Aber es ist ein ernster Sinn in dem Wort, und gerade die Bescheidenheit der gebotenen Mittel hat auch ihren tieferen Grund. Bei einigem Nachdem man den C. auch geadelt hat. Mir, erwiderte der Angeredete, macht der meinige schon keinen Spaß mehr, seitdem Sie Baron geworden sind. — 264 — denken stellt sich bald heraus, daß es der Volksvertretung zwar willkommen sein muß, dem wissenschaftlichen Geiste der Nation mit einer Darlegung ihres guten Willens zu huldigen, daß sie aber sehr wohl zaudern darf über der Wahl richtiger Methode zur Protektion der Gelehrsamkeit. Fühlt auf der einen Seite das deutsche Volk, daß es dem reinen und gründlichen Forschergeist seiner Gelehrten zum größten Dank verpflichtet ist für deren tiefeingreifenden Anteil an seiner eigenen inneren und äußeren Entwicklung, daß es ihnen daher im eigensten Interesse jedwede Förderung schuldet, so drängt sich nicht minder von der anderen Seite der Gedanke aus: daß die schöne und reiche Entfaltung des deutschen Forscherfleißes vor allem der stillen, frommen, hingebenden Arbeit des einzelnen entsprossen ist; daß gerade die keusche, unverdrossene, nur sich selbst lebende Liebe zur Sache dem deutschen Studium seinen schönsten Charakterzug gesichert hat, und daß es gilt, sich zweimal zu besinnen ehe man mit offizieller Gunst den stillen Arbeiter in den vier Wänden seiner beschaulichen Zelle heimsucht. Glücklicherweise sind wir noch nicht in Gefahr, dem perennierenden Lorbeer- und Weihrauchsaustausch der Akademien und anderer auf Gegenseitigkeit beruhender Lobesassekuranz- anstalten zu verfallen; glücklicherweise sind so abgeschmackte Komödien, wie die jüngste Preisausteilung am Schlüsse der Pariser Kunstausstellung bei uns nicht denkbar. Selbst mit Kindern, geschweige denn mit erwachsenen Künstlern, würde man nicht diese ekelhaft affektierte Verzückung aufführen, daß bei Überreichung eines Ordens oder einer Medaille der Minister den Empfänger an seine Brust drückt und abschmatzt und das im Anblick schwelgende Publikum zu der theatralischen Rührscene auch theatralisch Bravo klatscht. Bewahre uns der Himmel vor solcher Affenliebe zu Kunst und Wissenschaft, und hüte sich ein jeglicher, uns — 265 — in diese Bahnen zu drängen! Verfänglich ist selbst die an sich verteidigbare Redewendung, daß die Nation um ihrer eigenen Ehre willen die Wissenschaft unterstützen müsse. Je weniger in diesen Dingen die Rede ist von allem was nach dem „Marsch an der Spitze der Zivilisation" klingen könnte, desto besser! Nicht Ruhmestempel zur preiskrönenden Ermunterung, sondern Arbeitsstätten und Arbeitsmittel soll das Gemeinwesen dem Gelehrtentum widmen, und nur da, wo sichtbar die individuellen Hilfsquellen der Aufgabe nicht gewachsen sind. Am besten kennzeichnet sich der Fall da, wo aus der freien und stillen Arbeit der einzelnen allmählich ein solcher Unterbau entstanden ist, daß die Fortführung Mächtigeres heischt als was Einzelkräfte leisten können. Das genau ist der Gang der Dinge in der Geschichte unseres archäologischen Instituts zu Rom gewesen. Im Jahr 1829 gründeten einige Gelehrte im Bunde mit Gönnern der Wissenschaft zu Rom diese Gesellschaft. Der wahre Schöpfer und die Seele des Ganzen war der gelehrte Gerhard; die weltliche Leitung, so zu sagen, kam in die Hände des Herrn v. Bunsen, des langjährigen Preußischen Gesandten in Rom (später in London). Neben ihnen figurierten bei der Stiftung unter andern noch Welcker und Thorwaldsen. Auch Engländer und Franzosen beteiligten sich an der Schöpfung, von letzteren in erster Reihe der Herzog von Blacas, einer der höchstgestellten jener Aristokraten, die in Frankreich wie in England so viel mehr für Wissenschaft und Kunst leben als unser beinahe ausschließlich für die Uniform dressierter Adel.*) Auch der Herzog v. Luynes, einem der ältesten und reichsten Ge- *) Dagegen hat Österreich drei hervorragende Dichter aus der Aristokratie in unserer Zeit aufzuweisen. — 266 — schlechter Frankreichs angehörend, trat später zu. Es war die harmlose Zeit, da die politische Nichtigkeit Deutschlands seinen Gelehrten die zutrauliche Anerkennung ihrer nachbarlichen Gönner und Mitarbeiter in vollem Maß sicherte. Drei Sektionen sollten die hauptsächliche Mitarbeiterschaft der verschiedenen Gelehrtenkreise gruppieren: eine deutsche, eine italienische und eine französische. Das Institut stellte sich bald nach seinem Entstehen unter den Schutz des damaligen Kronprinzen, nachmaligen Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm IV. Alle unsere hervorragenden Altertumsforscher haben selbstredend innige Beziehungen zu diesem Mittelpunkte der Archäologie gepflegt. Nennen wir außer den bereits erwähnten als eifrige Förderer nur noch: Otfried Müller, Böckh, A. W. v. Schlegel, Lepsius, Mommsen, Meineke, Curtius. Die Hauptthätigkeit für die Festigung und Erweiterung der Anstalt ging von dem dazu am besten situierten und eifrigst gesinnten Herrn v. Bunsen aus, der sie auch unter Dach und Fach brachte. Das tarpejische Haus nämlich, an der Stelle gelegen wo früher, sagt man, der verhängnisvolle Felsen gestanden, dicht am Forum und, wie sprichwörtlich bekannt, am Kapital, wurde der Sitz der Gesellschaft, welche sich an das hier ursprünglich von Bunsen gegründete evangelisch-deutsche Hospital anbaute (1835 bis 1838). Das Institut war ursprünglich darauf angelegt, nachdem einmal seine Gründungskosten von den Interessenten bestritten worden, sich selbst durch den Vertrieb der von ihm veröffentlichten Werke zu erhalten. Auch leistet bis auf den heutigen Tag der Erlös dieser Arbeiten noch einen wesentlichen Zuschuß zu dem Budget der Anstalt. Nur war dieselbe bereits im Jahr 1843 so ansehnlich und umfassend geworden, daß dieser Einnahmeposten allein nicht mehr zur Ausgleichung der Bilanz hinreichte und eine gewisse Schuldenlast aufgelaufen war. Um dieser peinlichen — 267 — Lage ein Ende zu machen, wnrde das gesamte Institut mit seinem Anwesen der Krone Preußen übertragen, welche auch die Schulden tilgte. Die Substituierung ging um so leichter von statten, als neben dem tarpejischen Haus in dem Palast Caffarelli die preußische Gesandtschaft am päpstlichen Hofe seit Jahren zur Miete wohnte. Dieser Palast selbst ward im Jahr 1854 von Friedrich Wilhelm IV. angekauft. Er liegt auf dem Gipfel des Kapitols, an der merkwürdigsten, sichtbarsten und sehenswertesten Stelle des alten und neuen Rom, gewissermaßen im Nabelpunkt der alten und mittelalterlichen Welt. Bis vor wenigen Monaten wohnte da Graf Arnim als Vertreter der preußischen Monarchie beim Oberhaupte der katholischen Christenheit. Seitdem das italienische Königreich mit Victor Emanuel infolge der Schlacht von Sedan seinen Einzug in die ewige Stadt gehalten, war der ihm nachfolgende Preußische und deutsche Gesandte Graf Brassier v. Saint-Simon, in Ermangelung einer besseren Niederlassung in der überfüllten Stadt, gezwungen, ein notdürftiges Unterkommen in einem Gasthofe zu suchen, bis ihm schließlich in neuester Zeit der Palast Caffarelli eingeräumt werden konnte, welcher für den vorerst beim Papst das Reich vertretenden Lieutenant Stumm (norosn amen) nicht in Anspruch genommen wird. So residiert jetzt da, wo sonst der Gesandte des Königs von Preußen bei dem heiligen Vater zu wohnen Pflegte, der Gesandte des Deutschen Kaisers beim König von Italien, und zwar ans der Stelle, welche die Macht und Herrlichkeit des alten Rom versinnlicht. Ein interessantes Stück lokalisierten Geschichtsumschwunges! Es darf vielleicht neben dieser großen Signatur der Zeit noch als ein bedeutsames Zusammentreffen berührt werden, daß die Erneuerung der revidierten Statuten des Instituts ausgefertigt ist mit der Unterschrift: „Hauptquartier Versailles, den 2. März 1871, gez. Wilhelm". — 268 — Nach dem Text genannter Statuten hat das „Institut für archäologische Korrespondenz" (so lautet der offizielle Titel) zum Zweck: „auf dem Gebiete der Archäologie und den verwandten Gebieten der Philologie die Beziehungeil zwischen den Heimatländern alter Kunst und Wissenschaft und der gelehrten Forschung zu beleben und zu regeln, und die neu aufgefundenen Denkmäler der griechischen und römischen Epoche in rascher und genügender Weise zu veröffentlichen." Das Institut ist bis heut eine königlich preußische Anstalt, zwar der Form nach unter der obersten Leitung der Berliner Akademie (philosophisch-historische Klasse), in der That aber mit seiner Eigenthätigkeit in Rom, wo zwei Sekretäre, unterstützt von zwei Assistenten (Stipendiaten) der wesentlichen Führung der Geschäfte obliegen. Diese Geschäfte konzentrieren sich zunächst auf Betreibung und Verfolgung solcher Arbeiten, durch welche die sichtbaren Spuren der Lebensäußerung der Völker von Rom und Griechenland zu Tage gefördert und verwertet werden. Das Institut hat seinen Korrespondenten in jeder kleinen Stadt, man könnte sagen in jedem Dorf Italiens,*) erhält und verbreitet die Kunde von jedem neuen Funde. Die Ergebnisse seiner Forschung bringt es zunächst auf zweifachem Weg in die Öffentlichkeit. Monatlich erscheint ein Heft „Lullsttirio äsAli ^ims-li Instituts", außerdem giebt es jährlich zwölf Tafelu „Nonvunsiiti insäiti dsll' In- stituto" mit einem Textband, „^.imali". Hauptgegenstand der Darstellung und Behandlung sind die Fünde der Ausgrabungen, soweit sie sich auf die Kunst, die Topographie und die Epigraphik beziehen. Diese Publi- *) Rede des Professors Dr. Forchhammer im preußischen Abgeordnetenhaus am 25. Januar 1868. Man vergleiche auch den Aufsatz von Gustav Floerke, in Nr. 24 der „Gegenwart" von 1872 und die daselbst erwähnte Jubiläumsschrift von Gerhard. — 269 — kationen werden buchhändlerisch Vertrieben und sind für die ganze Welt eine der höchstgeschätzten Hülssquellen der Altertumsforschung geworden. Nicht minder wichtig aber ist das Institut als Mittelpunkt des Lebens und als lebendiger Anhaltspunkt der gelehrten Tradition für die zahlreichen Deutschen, welche solcher Studien halber nach Rom kommen. Je mehr die Wissenschaft sich vertieft, desto mehr ist sie genötigt, in die kleinsten Einzelheiten sich einzugraben, Spezialitäten des Studiums zu schaffen, und in demselben Maße steigert sich die Forderung, den Zusammenhang zwischen den einzelnen, das geistige Band, zu sichern. Ebenso können die Früchte der einzelnen Anstrengungen nur erhalten und vervielfacht werden, wenn auch der Zeit nach das Ineinandergreifen und Fortführen verbürgt ist. Daraus erhellt, wie unentbehrlich und segensreich ein lebendiger ununterbrochen rotierender Mittelpunkt am Hauptsitze dieser Studien sein muß. Das Institut, seine Beamten und seine Bibliothek sind nicht bloß der Herd der Thätigkeit, um welchen sich die Jünger sammeln, sondern es ist jenes recht eigentlich die Herberge für — man erlaube den Ausdruck — die wandernden Gesellen des archäologischen Handwerkes. Das alte baufällige Haus bietet in dem unwirtbaren Schmutznetze, zu dem die Pfaffenherrschaft Rom gemacht hat, unter seinen hohen Dachfirsten den zuwandernden Jüngern, zu den unseren gelehrten Landsleuten zugänglichen bescheidenen Mietpreisen, ein Unterkommen, in dem sie zwar keinen Komfort, aber den Blick auf das Forum, die Kaiserpaläste, das Colosseum vor dem Fenster und weiter hinaus den Gesichtskreis der ganzen Siebenhügelstadt bis zu dem magischen Hintergrunde der Albaner- und Sabinergebirge vor Augeu haben. Zur Regelung und Befruchtung des wissenschaftlichen Verkehrs werden während der Wintermonate einmal wöchentlich Vorträge gehalten, außerdem zwei feier- — 270 — liche Versammlungen, am sogenannten Winckelmannstage (8. Dezember) und am sogenannten Jahrestage der Gründung Roms (21. April). Endlich werden noch die Aspiranten und Freunde der Altertumswissenschaft von den angesessenen Meistern des Instituts von Zeit zu Zeit, an Ort und Stelle der öffentlichen Sammlungen, Museen, Galerien und dergl. umhergeführt, und durch unmittelbare Anschauung und Auslegung belehrt. („Periegesis".) Die in Rom leitenden Sekretäre sind im Augenblick Professor Dr. Henzen und Dr. Helbig, und die Berliner Zentraldirektion wird gebildet von Curtius, Haupt, Lepsius, Mommsen, Abeken und Hercher. Alle die unschätzbaren Leistungen, welche teils von diesem Institut ausgegangen, teils im engsten Zusammenhang mit demselben möglich geworden sind, haben von Seiten der preußischen Krone bis jetzt mit der geringen Subvention von etwa 6000 Thalern jährlich sich behelfen müsseu. Daneben figurierten noch zwei Stipendiaten mit je 600 Thalern. Die beiden Sekretäre beziehen (wenn ich nicht irre) das für die jetzigen römischen Geldverhältnisse lächerlich ungenügende Gehalt von 1200 und 800 Thalern, die Räume für die Bibliothek, eine Sammlung ganz einziger und unersetzlicher Art, sind, so zu sagen, einsturzdrohend und ganz unfähig, die vorhandenen Werke zu fassen, welche in Kisten auf Speichern und in Kellern einer besseren Zukunft harreu. Höreu wir, wie sich Theodor Mommsen über den Stand der Dinge und die Notwendigkeit der Besserung (in einer privatim an den Schreiber dieser Zeilen gerichteten Notiz) äußert: „Die wissenschaftliche Förderung der Archäologie ist in erster Reihe bedingt durch Zusammenfassung des ungeheuern Materials nach methodisch gesonderten und kritisch gesichteten Gruppen. Die epigraphische Wissenschaft ist zum Leben erwacht von dem Augenblick an, wo die „Oorxora" ins Leben — 271 — traten. Eine Münzwissenschaft haben wir jetzt nicht, weil wir keine entsprechenden Sammelwerke besitzen. Was in der-eigentlichen Archäologie solche Vereinigung leisten kann, hat zuerst Gerhards große Sammlung der etruskischen Spiegel gezeigt. Das Institut hat seit Jahren begriffen, daß es durch Veröffentlichung der wichtigen Novitäten seinen Zweck nur halb erfüllte, daß zusammenfassende Gruppenveröffentlichungen eigentlich erst das wahre Fundament seiner Arbeiten zu schaffen haben. Soweit seine Mittel reichten, hat es dergleichen ins Leben gerufen; fast der gesamte Reservefonds ist dafür verwendet oder präliminiert. Von den etruskischen kleinen Sarkophagen, den sogenannten Alabaster-Urnen, ist der erste Band, 100 Tafeln umfassend, auf Kosten des Instituts von Professor Brunn in München hergestellt worden, der zweite Band in der Herstellung begriffen. Eine ähnliche noch umfassendere Arbeit über die römischen Sarkophage ist dem Dr. Matz in Göttingen vom Institut übertragen. Arbeiten sind reichlich, Arbeitsstoff ist überreichlich vorhanden; Statuen, Vasen, Mosaiken, Stadtanlagen, Architekturreste aller Art erwarten noch ähnliche Fundamentierung; es sind ungeheure Arbeiten noch zu bewältigen, großartige Resultate zu erwarten. Das individuelle Talent kann der Staat nicht schaffen, kaum fördern. Aber die Arbeitmassen, welche der einzelne Forscher nicht bewältigen kann, die durch-sich selbst das individuelle Talent steigern und disciplinieren, kann der Staat herstellen, und er sollte es, wenn nicht aus Ehrgefühl, so doch aus Klugheit. Unsere deutsche Forschung ist in einer gefährlichen Lage. Der Wettstreit der Nationen droht auf diesem Gebiet aufzuhören, und in anderen Richtungen pulsiert das Leben der Nation jetzt so kräftig' daß die früher nicht mit Unrecht gescholtene Hypertrophie der deutschen Wissenschaft leicht in Atrophie sich umwandeln könnte, die denn doch — 272 — wieder auf den ganzen Organismus schwer zurückwirken müßte. Das Institut hat bis jetzt solche Unternehmungen aus den spärlichen und durchaus zufälligen Überschüssen bestreiten müssen, die ihm besonders aus dem Verkauf seiner früheren Veröffentlichungen erwuchsen. Die Arbeit selbst zu bezahlen war das Institut nicht in der Lage; weder Brunn noch Matz haben für ihre Mühe einen Groschen empfangen. Selbst die Vorarbeiten umfassend anzugreifen, insbesondere die nötigen Reisen anzuordnen, gestattete der schmale Kassenbestand oft nicht. Dies könnte und sollte anders werden. Da solcher Unternehmungen eine große Anzahl erforderlich ist, und dieselben füglich und zweckmäßig unter verschiedene Arbeiter verteilt und gleichzeitig durchgeführt werden können, so würden 2000 Thaler jährlich für diese besonderen Zwecke eine sehr bescheidene Summe sein. Dies wird gestatten, nach dem Muster des „Loi-xus Inserixtionrun, latins-rum" den einzelnen Redakteuren mäßige Jahresgehalte auszusetzen, und daneben für Reisen, Zeichnen, Stechen die nötigsten Mittel zu gewähren." Unter der Einwirkung solcher und anderer von verschiedenen Seiten ausgegangener Anregungen war es, daß zunächst die mit der Vorberatung des Budgets für das Reichskanzleramt beauftragte Gruppe der Abgeordneten den Antrag einbrachte: „Den Herrn Reichskanzler aufzufordern, auf die Umwandlung des archäologischen Instituts zu Rom in eine Reichsanstalt mit einer angemessenen Dotierung bei Aufstellung des Haushaltsetats für 1874 Bedacht zu nehmen." Muß nach dem Obigen die „angemessene Dotierung" in erster Linie den von Professor Mommsen als dem kompetentesten Sachverständigen vorgezeichneten Aufgaben entsprechen, so sind damit, auch nach dessen eigenen Angaben, die gerechten Ansprüche noch lange nicht befriedigt. — 273 — Das enge und baufällige Haus muß erneuert und mit Wohnräumen ausgestattet werden, welche den gelehrten Residenten sichere und zweckmäßige Zuflucht bieten — eine Verwendung, die übrigens bei Erhebung einer billigen Miete dem Reiche gestatten wird, auf deu entsprechenden Teil seiner Kosten zn kommen. Besonders aber muß ein genügender Bau für die kostbare Bibliothek aufgerichtet werdeu, welche in letzter Zeit noch ansehnliche Schätze aus dem Nachlaß Otto Jahns und Dr. Partheys teils käuflich, teils als Legat erworben hat, ohne sie unterbringen zu können. Das Interesse der einheitlichen Leitung wie des Zusammenhangs mit der heimischen Pflege wird gebieten, daß der formale Sitz der Oberleitung nach wie vor in Berlin verbleibe. Aber es wird der Erweiterung des Instituts znr Reichsanstalt darin Rechnung zn tragen sein, daß auch andere als Berliner Gelehrte in diese Oberleitung miteinberufen werden. Vor allem muß wohl München Angezogen werden, natürlich unter solchen statutarischen Bestimmungen, daß die auswärtigen Direktoren nicht jeder Sitzung beizuwohnen brauchen, aber jeder beizuwohueu berechtigt sind, und durch Reise-Entschädigung in den Stand gesetzt werden, wenigstens einmal im Jahre zu einer Haupt- sitznng sich uach Berlin zu begeben. Das übrige mag durch Korrespondenz im Gang erhalten werden. Denn wir müssen darauf bedacht sein, über den Vorteilen der Ausdehnung nnd Konzentration unserer Kräfte nicht auch die Vorteile der über ganz Deutschland verbreiteten geistigen Lebensthätigkeit preiszugeben. Das gilt besonders in wissenschaftlichen Dingen. Wir haben an uns und andern genug über Zentralisation und Dezentralisativn gelernt und beobachtet, um zu wisseu, daß in keiner von beiden Methoden einseitig das Heil liegt, sondern daß es aus einer glücklichen Verteilung beider zu erwerben ist. Ludwig Bambcrgcr's Gcs, Cchrlstcn, I. io — 274 — III. Der Reichstag hat sich nicht begnügt, die Übernahme des römischen Instituts zu begehren. Auf Antrag der erwähnten Gruppe und mit derselben Einmütigkeit hat er seinem Beschluß einen zweiten Teil beigefügt, dahin zielend: „die Gründung einer Zweiganstalt dieses (des römischen) Instituts in Athen ins Auge zu fassen und eventuell eine entsprechende Summe dafür in den Haushaltsetat von 1874 aufzunehmen." Schon im preußischen Landtag hatte Prof. Forchhammer 1868 diesen Gegenstand angeregt. Soll überhaupt einmal der Erforschung des klassischen Altertums auf ihrer Weg- bahnuug Beistaud geleistet werden, so bedarf es kaum der Motivierung des Ansinnens, welches auf Griechenland hinweist. Griechenland und Rom verhalten sich wie Original und Kopie. Wäre das Gerhardsche Institut uicht in den Grenzen persönlicher Initiative, sondern nach planmäßiger Absicht entstanden, so hätte es sich gewiß nicht mit Italien begnügt. Aber gerade den Mitteln der einzelnen entsprach die römische Gründung besser. In der ewigen Stadt hat seit den großen Kriegen der alten Republik bis herab auf das jüngste Papsttum die Eroberung, die Weltherrschaft, der Durst nach Reichtum und der Durst nach Genuß und Glanz in Konsuln, Patriziern, Kaisern, Prokonsulu, Päpsteu und Nepoten das Unmögliche aufgeboten, um die Plätze, Paläste, Gärten und Kirchen, kurz die ganze Stadt, zu einem großen Museum der Kunst und Geschichte des Erdkreises herzurichten. Diese Zentralisation machte es auch der Privatthätigkeit möglich, hier mit beschränkten Mitteln unausgesetzt am reichsten Stoff zu arbeiten. Anders sieht es in Griechenland aus. Seitdem Rom seine rauhe und gierige Hand über die zerfallenden Staaten von Hellas aus- — 275 — gestreckt, wanderten die Werke der griechischen Kunst eines nach dem andern ins Abendland hinüber, und während das Papsttum seine Residenz zum Mittelpunkte der christlichen Kultur nnd namentlich der italienischen Kunst erhob, versank das alte Vaterland der Musen in barbarische Verwilderung. Erst die letzten Jahrzehnte haben versucht, die Schuld der Pietät gegen das europäische Mutterland der Bildung abzutragen, nnd die Spuren des Genius daselbst wieder aufzusuchen und zu heiligen. Aber eine arme und verwahrloste Bevölkeruug und das ihr nach der konstitutionellen Schablone verschriebene Regiment, die kaum das eigene Staatswesen am Leben zu erhalten die Mittel besitzen, haben natürlich nichts übrig zur genügenden Unterstützung wissenschaftlicher Unternehmungen. Vereinzelte Anstrengungen opulenter Kunstfreunde (namentlich also englischer) oder unerschrockener Gelehrten haben sporadisch Großes geleistet. Um eine regelmäßige und ineinandergreifende Thätigkeit einzusetzen, mnßte von außen her eine öffentliche Anstalt importiert werden. Das haben die Franzosen gethan. Ihrem nationalen Ehrgeiz gebührt die Anerkennung, daß er, wenn anch in erster Linie ans Kriegsruhm, doch seit lange in zweiter darauf gestellt war, in Kunst und Wissenschaft Lorbeeren zu suchen. Mag die angeborne Eitelkeit ihren Anteil an diesen Liebesmühen im Dienste der Kultur haben, wo Gutes erzielt wird ziemt es nicht, allzu scharf nach den menschlichen Triebfedern zu fragen. Diese höhere Richtung in der französischen Ruhmsucht knüpft wie, trotz allem, so viel Gutes an die erste Revolution an. Die Idee der wissenschaftlichen Mission, welche den General Bonaparte nach Ägypten begleitete, entsprang nicht sowohl seinem Geist (denn er war in seiner Seele ein Barbar) als dem Humanitären Geist, welcher den Anfängen der großen Erhebung zu Grunde lag, und auch in deren Entartung nie ganz verloren ging. 18* — 276 — Jene Expedition und das unter des vielseitigen Monge Direktion in Kairo eingesetzte ägyptische Institut gaben den Anstoß und das Vorbild zu den später von andern Regierungen veranstalteten oder begünstigten Expeditionen. Auch Frankreich war es, das eine wissenschaftliche Anstalt in Griechenland stiftete, aber — dürfen wir wiederum hinzusetzen — angeregt durch den Vorgang des deutschen Instituts zu Rom, welches Graf Salvandy 1846 bei Errichtung der französischen Schule von Athen zunächst vor Augen hatte. Sie ist reich dotiert. Ihr Gesamtbudget beträgt 110,000 Fr. Der Direktor bezieht ein Gehalt von 25,000 Fr., vier Stipendien sind für Philologen, eines ist für einen Naturforscher ausgeworfen. Die Stipendiaten erhalten freie Wohnung im Hanse, jährlich 4000 Franken nnd genießen eine bedeutende Preisermäßigung auf den Dampfbooten der französischen Gesellschaft, welche den Orient befahren. Die Stipendien werden auf zwei bis drei Jahre gewährt; in dem letzten Jahr müssen die jungen Leute Fragen bearbeiten, deren Themata die französische Akademie giebt. Letztere richtete diese Aufgaben bisher so ein, daß daraus eine Reihe von Monographien über den größeren Teil der griechischen Inseln und des Festlandes hervorging. Die Arbeiten erscheinen in den „^.rolrivss äss iriissivns soiöirtiüquss st littki-airss." Die jungen Architekten, welche an der französischen Akademie in Rom studieren, sind verpflichtet, wenigstens drei Monate bei der athenischen Schule zuzubringen nnd den Philologen mit ihren Aufklärungen an die Hand zu gehen. Der Segen der Schule hat sich besonders erwiesen in der Ausbildung der Unternehmungskräfte für größere wissenschaftliche Expeditionen (Macedonien, Bithynien, Galatien, Thracien) nnd für die Jnschriften- sammlungen der Pariser Akademie. Neben den unbestreitbaren Leistungen dieser Anstalt wird als mangelhaft be- — 277 — zeichnet ihr Sinn für die alte Knnst im engeren Sinn und ihr geringer Zusammenhang mit den Studien und Ergebnissen der einheimischen griechischen Gelehrsamkeit. Überhaupt wird geklagt über Mangel au systematischer und geduldiger Beobachtung in fortlausender Pflege, welche für die Archäologie mehr leistet als eine Fülle vereinzelter Hypothesen nnd Kombinationen. Ein ,.Bulletin, äs 1'sools irg.u auf ihren Hut stecken möchten, sind wohl auch in der preußischen Armee auf den Aussterbe-Etat gestellt, und dieser Sorte war übrigens das Verhaßtsein ein Genuß, selbst zu Zeiten, als niemand sie fürchtete. Mit den höheren Studien, auf welche in der Ausbildung unserer Offiziere ein so eminentes Gewicht gelegt wird, und welche aus unserem Generalstab in der That eine gelehrte Körperschaft ersten Grades geschaffen haben, wächst von selbst das humane Bedürfnis, zur übrigen Welt in wechselseitigen Beziehungen des Denkens, Lebens und Wohlwollens zu stehen. Von der andern Seite wirken nicht minder die kriegerischen Erfolge drastisch für die Verbreitung unserer Sprache und Litteratur im Ausland. Es ist erstaunlich, wie seit 1806, — 289 — und noch viel mehr seit 1870, das Studium der deutschen Sprache in fremden Ländern an Jüngern gewonnen hat. Wenn es wahr ist, wie man sagt, daß der preußische Schulmeister die Schlacht von Königgrätz gewonnen hat, so haben umgekehrt die Schlachten von Königgrätz und Sedan auch unzählige Schulmeister gewonnen. Es sei nun mit dem Krieg wie es wolle: nichts imponiert der Menschheit mehr als thatsächliche Überlegenheit, nnd Moltke hat mehr Italienern und Franzosen die Lust uach dem Deutschlernen erweckt als Schiller. Kehren wir aber noch einmal zum eigensten Interesse der Wissenschaft selbst zurück, in welche die hier zur Sprache kommende Sache noch von einer anderen Seite mit Bedeutung eingreift. Mit der Anschauung an Ort und Stelle nämlich hängt der Fortschritt von der trockenen Buchgelehrsamkeit zur lebendigen Anschauung, zur menschlichen Auffassung der Geschichte uud Litteratur der Alten aufs innigste zusammen. Man weiß, wie die Philologie ehedem, namentlich unter dem Einfluß der scholastischen Methode, verknöchert und vertrocknet war; wie in Deutschland noch besonders durch die Dürftigkeit und Kleinseligkeit der ganzen Existenz, daneben im katholischen Deutschland durch die geisttötende, das Gedächtnis mechanisierende Prozedur der Jesuiten, im protestantischen durch das dürre Magister- weseu die Philologie noch mehr als jede andere Wissenschaft zum Urbild der im Bücherstaub erstickten Forschung geworden war. Wir wollen nicht leugnen, daß dieses stupende Grübeln und Haarspalten, dieses grammatische Buchstabeuklauben und ameisenartige Anhänfen von Parallelstellen in seiner Weise die höhere Entwicklungsperiode der Linguistik so vorbereitet und möglich gemacht hat, wie etwa der Zopf-, Lederzeug- und Gamaschen-Kultus früherer und späterer Preußenkönige den Grund zu dem fein organi- Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. i» — 290 — sierten und vollkräftigen Instrument gelegt hat, in welchem Moltkes durchgeistigtes Feldherrngenie den adäquaten Vollzieher seiner Konzeptionen finden konnte. Die Sprachkunde von heute verhält sich zu der von vor hundert Jahren etwa wie die Eisenbahn- und Telegraphen-Bataillone unserer jetzigen Armee zu den steifen Riesengrenadieren Friedrich Wilhelms I.") Aus einem toten Wortkram, einer gelehrten Wachtparaden-Spielerei ist die Philologie die höchste und fruchtbarste Wissenschaft der Natur und des Lebens geworden, eine würdige Schwester der Physiologie, welche in den tiefsten Prozeß der Entwicklung des Menschengeschlechts eindringt und ihm das geheimnisvolle Werden seines eigenen Denkens an dessen unmittelbarer Gestaltung in Laut, Wort und Satz zur Vorstellung bringt. In keinem Zweige modernen Wissens aber sind die Deutschen so unbestrittenerweise die Meister der Welt gewesen und bis auf diesen Tag geblieben, wie eben in dieser Linguistik; das vermag nicht einmal die wahrlich nicht zimperliche Verkleinerungs- sncht der Franzosen zu bestreiten. Jene geniale Kombinierung von historischen, Philologischen uud Philosophischen Vertiefungen, welche das wunderbare Gebilde der heutigen Sprachkunde geschaffen hat, ist die Frucht des deutscheu Jugeuiums in Verbindung mit deutschem Fleiße, und wenn die andern Nationen in den Champollion, De Sacy, Fauriel, *) Auch der allgemeine Wehrdienst sorgte in seiner Weise für die Durchdringung von Leben und Gelehrsamkeit. Die jungen Philologen, welche 187» das Gewehr trugen, waren keine Stubenhocker, und der Reitersmann, welcher den Bericht über Scdan auf Sanskritisch schrieb, war nicht der einzige seiner Fakultät. Zwei tüchtige Forscher, die ich oft auf der Bibliothek in Paris über Manuskripten brütend gefunden, Brackelmann und Pabst, sind vor Metz gefallen. Einen Sanskritaner, der jetzt in Straßburg Professor ist, traf ich in Meudon auf Wache als freiwilligen Jäger mit der Büchse auf der Schulter und der unvermeidlichen Brille auf der Nase. — 291 — Littre, Pritchard, Layard und mehreren anderen namhafte Mitarbeiter gestellt haben, so sind doch alle vereint nicht imstande, der unabsehbaren Reihe bahnbrechender Geister nahe zu kommen, in welche wir nur hineinzugreifen brauchen, um mit vollen Händen deutsche Namen erster Größe herauszuziehen, wie die Fr. A. Wolf, Otfried Müller, Nie- buhr, Thiersch, Böckh, Bopp, Grimm, Lachmann, Welcker, Humboldt, Diez, Pfeiffer, Mommsen, Lepsius, Max Müller u. a. Diese herrliche Sprachwissenschaft, welche ein Eckstein der Psychologie und die Blüte der Philosophie, welche das Fundament der gesamten Altertumskunde und Ethnographie geworden ist, der wahre Mikrokosmus der menschlichen Naturgeschichte, weil sie am Jntersektionspunkt aller Physischen und intellektuellen Entwicklungsstufen und Thätigkeiten liegt, dieser wunderbare, noch im rüstigsten Aufstreben begriffene Bau, dessen Meisterschaft aller Orten der deutschen Gelehrsamkeit zuerkannt wird, charakterisiert sich aber vor allem dadurch, daß die Jünger sich nicht von totem Wissen, sondern vom lebendigen Schauen ernähren. Freilich wird der 'gewaltige Fleiß der Studierstube stets die Grundlage alles Wissens bleiben müssen und der Schweiß der einsamen Arbeit. Aber produktiv wird dieses Wissen erst, wenn es selbst deu Puls des Lebens in großen Weiten aufspüren und verstehen lernt. Man denke an die obengenannten Männer und was ihnen alles ans der Beobachtung versiegter oder noch sprudelnder Quellen des Volkslebens aufgegangen, wie ihr Wisseu mehr als geistig, man kann mit bestem Fuge sagen Poetisch, durchweht ist, so zwar, daß mit gutem Recht ein Dichter, wie Uhland, als philologischer Kollege Grimms genannt werden darf, und umgekehrt Grimm als poetischer Kollege Uhlands. Und dies ist es, was der Förderung unserer auswärtigen archäologischen Institute im höchsten Grade die Gunst der Nation 19* — 292 — zu gewinnen verdient. Der lebensvolle Geist, der über die Gelehrten und die Gelehrsamkeit kommt, wenn sie an Ort und Stelle das erloschene, aber noch in tausend Zeugnissen sprechende Dasein der alten Völker rekonstruieren, anlehnend an das, was sie von der frischen Gegenwart der nachgekommenen Geschlechter umgiebt — dieser Geist ist es, von dem nicht nur ihre spezielle Wissenschaft, sondern die gesamte wissenschaftliche Richtung der Nation den größten Segen zu erwarten hat. Veröiröt Sie Politik öen Eharakter?') i. ^)ie berühmte Frage, was das Glück sei, harrt noch immer ihrer Beantwortung — trotz aller Fortschritte der Elektrizität und Mikroskopie. Und das ist ein wahres Glück! Schon das leidige Bedürfnis nach Glück mache das Leben unerträglich, meint ein stiller Denker unserer Zeit. Wie erst, wenn das Rätsel gelöst würde? Wenn männiglich sich nach dem erkannten einen Ziele hindrängte? Denn daß die Menge der Bewerber immerfort anschwillt, darin liegt das Zeichen der Zeit. Das Bedürfnis nach Glück breitet sich aus in Form erwachender Erkenntnis und treibt weiter vorwärts, zieht immer größere Zahlen zu immer größerem Bedürfnis heran. Befriedigt aber wird der Mensch niemals. Was man Fortschritt und Kultur nennt, ist nichts anderes als der ewig neue Durst, der auf den eben gelöschten folgt. Ein anderes Glück giebt es nicht, da es keinen Stillstand giebt. Daher der Ausspruch: das Glück sei eigentlich das Unglück. ^) Dieser Artikel, sowie der darauf folgende von Karl Hillebrand erschien in einer der ersten Nummern der „Freien Stunden", eines litterarischen Beiblattes zur „Tribüne", im März und April 1882. Er war veranlaßt durch die Gründung eines sogenannten parteilosen Blattes, welches unter dem Wahlspruch, daß die Politik den Charakter verderbe, angekündigt wurde. Allem Streit in der Politik liegt dieser Zwiespalt zu Grunde. Die Einen suchen zurückzuhalten, weil sie meinen, je mehr Elektrizität und Mikroskopie, desto mehr Bedürfnis nach Glück, d. h. desto mehr Unglück für die Welt. Die andern schieben vorwärts, weil sie denken: ein anderes Glück giebt es überhaupt nicht. Bedeutet das Gewinnen in die Breite wirklich einen Verlust nach innen? Sind die wenigen Bevorzugten glücklicher gewesen, als das Bedürfnis nach Glück noch die vielen nicht aus dem Schlaf geweckt hatte? Und waren zugleich die vielen damals weniger unglücklich? Zwei Weltanschauungen beherrschen die Geister. Man könnte sie die qualitative und die quantitative nennen. Jener kommt es gar nicht darauf au, welche Zahlen an einem Zustand der Vollkommenheit Teil nehmen, sondern nur, wie vollkommen der Zustand selbst ist. Man kann diese Auffassungsweise auch nach der negativen Weise wenden und z. B. von einer großen Katastrophe behaupten, ihre Furchtbarkeit bestehe nur in der Phantasie der Zuschauer; im Grunde sei es einerlei, ob tausend Menschen zugleich umkommen oder nur einer, weil doch jeder nnr seinen Tod stirbt. Die qualitative Weltanschauung ist die aristokratische. Die Bevorzugten und die Feinschmecker des Lebens huldigen ihr vom positiven, die schlachtberauschten Völkerbezwinger vom negativen Standpunkt aus. Napoleon sprach von einer Million Menschen, die er für einen neuen Feldzug brauche, wie von einer Kleinigkeit. Umgekehrt vertritt die Demokratie das Recht der Quantität. Es kann kein Einsichtiger bezweifeln, welcher Gedanke heute die Menschen und ihre Entwicklung beherrscht: alle Probleme werden gefaßt und gelöst im Sinne der Demokratisierung des Daseins. — 295 — Ob die höchste Wissenschaft daran Ärgernis nimmt, daß sie vom populären Bortrag in die Verflachung gezogen werde; — ob die über die Straßen der Hauptstadt rollende Karosse des Reichen sich an der Schiene der Pferdebahn stößt — es geht hier und dort ein- und dasselbe vor. Die Heerstraße des Lebens wird immer breiter, gewaltiger, geräuschvoller, verschlingt alles und zieht alles au. ->- ->- 5 Macht die Politik, d. h. die Beschäftigung mit ihr uu- glücklich? Denn darauf wird die Warnung vor ihr hinauslaufen müssen, wenn dieselbe auf abschreckenden Erfolg rechnen will. Die Gefahr, an innerer Vortrefflichkeit einzubüßen, würde wenig Eindruck auf die Menschen machen, wenn sie nicht dächten, es sei darunter die Gefahr der Einbuße an Wohlbehagen verstanden. Soll etwa hier mit der Warnuug vor der Politik ein sanfter Versuch gemacht werdeu, die demokratische Bewegung der Zeit auf Nebenwegen in aristokratische Bahnen zu lenken? Dabei kann es weder auf die oberen noch auf die unteren, sondern einzig und allein auf die mittleren Schichten abgesehen sein. Denn da nicht die Politik überhaupt aus dem Leben verbannt werden soll, so kann auch nicht der Gedanke bestehen, sie allen zu verleiden. Zunächst nicht denen, die auf der Höhe des Lebeus wandeln. Fürsten, Minister, Würdenträger des Staats sind von der Politik nicht loszulösen, Männer der Wissenschaft nicht, wo immer diese in die Politik hineinragt, also Rechtsgelehrsamkeit uud Philosophie mit ihrer Ausmüudung in die Volkswirtschaft und — das Wort sagt es schon — Sozialpolitik. Der Kreis erweitert sich bei weiterer Betrachtung immer mehr. Man denke z. B. nur an Finanz und Großhandel in ihrem Zusammenhang mit den Staatsgeschästen. — 29tt — So wenig wie an die oberen Schichten der Gesellschaft, so wenig wendet sich die Warnung an die unteren, nur aus dem entgegengesetzten Grunde. Jene kann man nicht fernzuhalten denken, diese braucht man nicht fernzuhalten in dem Sinne, wie es hier gemeint ist. Ihr Leben gehört viel zu sehr der Plage ums tägliche Brot, als daß sie stark der Versuchung ausgesetzt wären, sich Kopf und Busen mit Sorgen anzufüllen, die keine Lebenssorgen sind. Und wenn einmal die Versuchung Macht gewinnt über den Sinn der großen Massen, sei es, weil sie von außen aus ihrer Gleichgültigkeit aufgestört werden, sei es, weil sie ein Fieber von innen schüttelt, ach! da lassen sie gewiß sich nicht irre machen durch die wohlmeinende, schönselige Mahnung, daß sie Schaden leiden könnten an ihrem unsterblichen Teil, an dem harmonischen Gleichgewicht des Gemüts. Das ist ein Luxus, um den sie nicht bange sind. Die Warnung vor der Politik wendet sich recht eigentlich und ausschließlich an diejenigen, welche man schlechthin als den gebildeten Mittelstand bezeichnet, an den breiten Durchschnitt, der über einen mäßigen Vorrat geistiger und häuslicher Mittel zur Bestreitung des Daseins verfügt. I^atst a-riAuis in. tisrda. Einst zur Schöpfungszeit war die Mission der Schlange gewesen, die Menschheit aus der Unschuld des Paradieses herauszulocken. Jetzt scheint ihr der Auftrag geworden zu fein, sie wieder in die Unschuld hineinzulügen, die doch — einmal verloren, und wie verloren heute! — nie mehr wieder zu erobern ist. Nun soll ein neues Paradies der Unwissenheit und Harmlosigkeit umfriedigt werden für die, welche gerade Anteil genug am menschlichen Dasein haben, um sich dessen mit einigem Behagen zu freuen. Es ist kein Zufall, daß solch ein frommer Ratschlag gerade jetzt kommt, in einer Zeit nämlich, wo die Politik — 297 — Miene macht, das ganze menschliche Dasein an sich zu reißen. Schon vor langer Zeit bemerkte jemand sehr richtig: Möget Ihr Euch nicht mit der Politik beschäftigen, — das wird diese nicht abhalten, sich mit Euch zu beschäftigen! Uud wie bescheiden und begrenzt in ihrem Dichten und Trachten war noch die Politik, von welcher jener sprach! Heute — was gehört ihr nicht? was soll ihr nicht in Bälde alles zufallen! Von der Wiege bis zur Bahre, vom Morgen bis zum Abend, wie er wohnt, wie er sich nährt, wie er sich amüsiert und wie er denkt, ja wie er für seine Nächsten im tiefsten Innern fühlt, Alles soll dem Menschen, — nein nicht mehr dem Menschen, dem „Staatsbürger" — die Allweisheit, Allmacht, Allgüte des Staates vorzeichnen. Dagegen alles was er aus sich selbst heraus empfinden, hoffen und schaffen kann, wird zum Greuel gestempelt, als das gottlose „Gehenlassen wies Gott gefällt". Tretet ein mit Eurer ganzen Seele in das Staatsparadies, d. h. befehlet Enren Geist in die Hände der Politik und: sritis sicut vkus. So lautet der modernste Schlangenspruch, — und in demselben Moment fügt das liebe Tier hinzu: „Kümmert Euch nicht um die Politik! Dankt dem Herrgott jeden Morgen, daß Ihr nicht braucht fürs römische Reich zu sorgen." Ist das nicht wunderbar? Ist es nicht wunderbar, wenn ein großer Politiker, der alles und jedes zu Politik macht, uicht müde wird, zu sagen: Volksvertreter sollten eigentlich keine Politiker sein!? Wer denkt da nicht an das unappetitliche Bild von der Suppe, die dem Tischnachbar verdorben wird? Soviel ist klar: wollte die von selbst immer breiter werdende mittlere Schichte die Mahnung zur Gottähnlichkeit beherzigen, sie würde eingezwängt und eingepreßt werden in eine große eiserne Klammer, deren zwei Arme heißen: Aristokratie und Proletariat, eine herrschende und eine — 2W — dienende Klasse, eine, welche alles und eine, welche nichts zu verlieren haben soll. Wehe denen, die in der Mitte liegen! Damit sie hübsch still halten, sollen sie sich erziehen zu einer reinlichen Gesellschaft, welche nicht wissen will, was für sie in der Staatsküche gekocht wird. Denn gewiß, der Einblick in die Küche verdirbt den Appetit, wie die Einmischung in die Politik den Charakter verdirbt. Wenn mans nur nicht essen müßte! Ein weiseres Wort aber sagt: Kocht Jhrs gut, esst'Jhrs gut; oder^ auch: Wie man sein Bett macht, so liegt man. Die an die gebildete Mittelklasse gerichtete Warnung vor der Politik ist eine fromme Kupplerin jener Cäsaren- demagogie, welche mit den Massen liebäugelt und darum nicht will, daß die Mittelklasse sich ausdehne nnd die unteren Klassen in ihren Schoß aufnehme. Diejenigen, welche den schönen Spruch von der charakterverderbenden Politik auf dem Markt der öffentlichen Meinung umhertragen, sind gewiß nicht eingeweiht in jene Pläne; aber sie gehorchen dem Instinkt gemeiner Betriebsamkeit, die sich überall zudrängt, wo ungerechte Beute verteilt wird. Wohin soll sie nuu gehen, die Flucht vor der Verderbnis des teuren Charakters? Dichter, Künstler und Gelehrte, welche den Staub der Landstraße fliehen und die einsame Zelle für ihr Denken und Schaffen begehren, hat es immer gegeben. Um diese aber handelt es sich nicht. Der Warnungsruf geht nicht aus von den schöpferischen Geistern, welche dem Jahrmarkt des Lebens vornehm den Rücken wenden, sondern von Leuten, welche ihre Bude auf der Straße aufgeschlagen haben und als kleine Wiederverkäufer das Brot des Geistes pfennigweise Verschleißen. Ihre Warnung vor der Politik soll die eigne Ware anempfehlen. Was aber bieten sie an Stelle der schädlichen Politik? In Frankreich heißt es — Figaro! Das Ideal, l — 299 — das der stündlich wachsenden Zunft der literarischen Zuckerbäcker vorschwebt, ist jenes Organ für Altar und Alkoven, welches einer der größten Pariser Cyniker unter dem zweiten Empire mit tiefer Erkenntnis seiner Epoche ins Leben gerufen hat. Wie viele Exemplare des französischen Originals regelmäßig nach Deutschland gehen? Viele Hunderte jedenfalls und vielleicht mehrere Tausende. Denn in den Zeitnngs- buden jeder Eisenbahn und jeder großen Stadt ist es regelmäßig auf Lager. Und dem großen Vorbilde nachzustreben, mühen sich daheim aller Orten Federn ohne Zahl ab. Wie in Frankreich, so in Deutschland wird allmählich derjenige Teil der Tageslitteratur, welchen man „die Chronik" nennt, zur Hauptsache, und es ist nur natürlich, daß der mit schalem Zuckerzeug übersättigte Appetit bald nach stärkerer Würze verlangt, die zuletzt aus Skandal bereitet wird. Das alles muß man sich gefallen lafsen, wie alles, was die Zeit bringt trotz der nie fehlenden Jeremiaden, die nie etwas abgewendet haben. Nur soll man uns nicht noch obendrein diese saubere Kost als heilsames Schutzmittel vor der Beschädigung des Charakters anpreisen. -p s Aber verdirbt die Politik nicht dennoch in der That den Charakter? Ohne Zweifel! Wasser, Luft und Licht verderben jedwedes, was da lebt. Alles Leben verzehrt sich in der Reibung mit allem Leben. Und was sich vor diesen zerstörenden Kräften des Lebens retten wollte durch die Flucht vor der Berührung mit Luft, Licht und Wasser, ginge erst recht schnell und elend zu Grunde. So auch verdirbt die Polilik den Charakter, wie der Charakter die Politik; noch mehr aber thut es die künstliche Absperrung gegen das starke und immer stärker werdende Element des gemeinsamen Lebens im Staate, welches nun einmal das Leben — 300 — in der Gesellschaft und im Erwerb immer mehr dnrchdringt. Ist der Philister, der sich vergnügt die Hände reibt, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen, ein besserer Mensch als der Neugierige, der da erfahren möchte, welche Experimente die hohen und gelehrten Herren auf der Höhe des Staats mit seiner s-nirns. vilis vorhaben? Ob es ihm mehr fromme, eine Mietssteuer oder eine Petroleumsteuer zu zahlen, auf Staats- oder auf Privatbahnen zn fahren, Monopol- oder freigezogenes Kraut zu rauchen, seine Söhne auf Realschulen oder Gymnasien erziehen, sie zwei oder drei Jahre dienen zu lassen? Waren sie glücklicher, als ihre heutigen Enkel, jene Vorfahren, denen Serenissimus, weil sie sich gegen seine Maitresse auflehnten, ernstlichst verbot, sich nm seine Angelegenheiten zn kümmern, „maßen er keine Naisonneurs zu Unterthanen haben wolle?" Und ist er so charaktergroß, der heutige Residenzphilister, der, aus dem Samen jener Lieben und Getreuen aufgegangen, all sein Fühlen, all sein Denken in die allerhöchsten Landesfarben kleidet? Den Charakter, der sich im Gefühl des süßen Friedens sonnt, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen, kann man sich vorstellen. Aber der Charakter, der sich beruhigt das Wänstlein streicht, wenns ihm selbst an Kopf und Kragen geht, ist schwer zu konstruieren. Auf den ersten Blick erscheint es wie ein vollkommener Widerspruch, daß die breite Mittelstraße des Besitzes und der Bildung reingehalten werden soll vom Drängen und Stoßen des öffentlichen Lebens just in einer Zeit, wo dieses öffentliche Leben Bildung und Besitz und was nicht alles in das Bereich seiner Funktionen zieht. Und doch, wie begreiflich ist es, daß in einer Zeit, in welcher die Massen tiefer uud tiefer aufgewühlt werden, den friedlich und reinlich gesinnten Bürgerstand die Sehnsucht überkommt, dieser — 301 — schwülen und staubigen Atmosphäre zu entrinnen. Leugnen läßt sich nicht, daß ein Zug nach Verbildung des öffentlichen Lebens durch die Welt geht. Sowohl die überall sich vollziehende Ausdehnung des Wahlrechts als des Staatsberufs drängt dazu. Die Massenkämpfe mit ihrer handwerksmäßigen Ausbeutung aller Leidenschaften uud Vorurteile eröffnen demjenigen die bessere Aussicht, welcher besser als seine Mitkämpfer den Widerwillen gegen die Berührung uud die Verbrüderung mit Leidenschaft, Vorurteil und allen anderen in der Tiefe schlummernden Mächten überwinden mag. Und auch hier berühren sich die Extreme. Man kann entweder so fest im Besitz von Ansehen und Stellung sein, um sich ohne Furcht vor Einbuße auch in die schlechteste Gesellschaft zu stürzen — die Kirche hat einen guten Magen, kann ungerechtes Gut vertragen — oder man kann so auf gewagtes Erringen angewiesen und angelegt sein, daß man keinen noch so dunklen Durchgang fürchtet, um erst zu Macht und Ansehen zu gelangen, die hinterher Indemnität, verschaffen. Aristokratische und plebejische Demagogie reichen über den Stand der Mitte hinaus denen die Hand, welche von ihnen als die „Enterbten" herbeigerufen und eingeladen werden, das Erbe in guter Brüderschaft mit ihnen, den Enterbern, zu teileu. Wo der Löwenanteil hinfallen soll, bleibt vorerst zwischen den Bundesgenossen im Unklaren. Nur soviel ist gewiß: der schwerfällige Bär, um dessen Fell es sich handelt, wird auf Gemütlichkeit gezähmt, damit er wehrlos still halte. Volksvertreter mit dem höchsten Beruf, bei den Ministern zu speisen, und Bürger, erfüllt von Abscheu vor der charakterverderbenden und langweiligen Politik unter einem Staatsregimente, welches für alle großen nnd kleinen Geschäfte des Lebens die Sorge übernimmt, welch ein himmlischer Aufenthalt für das Heil der Seelen! Welch sinnreiche Kombination, die politische Überwachung der Re- — 302 — gierung von Leuten ausüben zu lassen, die auf dem Standpunkte stehen, daß die Politik den Charakter verdirbt! Ills is t-Irs Löntur/ nk'vv iuvsritions kor l^illinA lzocUss kor 8g.vüiA souls! Unsere Großmütter erzählten, die Rotmäntel hätten 1813 gesagt: „Lasset Euch nur den Hals abschneiden, Ihr werdet sehen, es thut nicht weh!" Ist es Berechnung oder nur Instinkt, wenn herrschsüchtige Politik der Gemeinheit in der Entfesselung der Parteikämpfe Vorschub leistet? Haben der Pöre Duchesue und seinesgleichen täglich so viel wie möglich Lons LouZrss und ähnliche Kraftausdrücke in den Mund genommen, um die anständigen Leute durch Ekel aus der Politik zu verscheuchen, und wirkt ein ähnliches Motiv in der demagogischen Presse, von welcher die Aristokratie unserer Tage sich bedienen läßt? Die Politik verdirbt den Charakter, wie alles, wenn es danach getrieben wird. Wie haben Religion, Gelehrsamkeit, Kunst die Gabe, den Charakter zu verderben, wenn sie mit schlechten Neigungen verquickt werden! Wie haben theologische Streitigkeiten vormals das Leben in Deutschland vergiftet! Und müßte man heute nicht mit noch mehr Recht als von der Politik von der Kirche sagen, daß sie den Charakter verdirbt? Aber da es keine Flucht giebt aus den Sorgen, welche das Leben beherrschen, ohne daß dabei das Leben selbst aufs Spiel gesetzt wird, so muß man dem, was verderblich an diesen Sorgen ist, auf andere Weise beizukommen suchen als durch die Flucht. Die, welchen an der Güte ihres Charakters etwas gelegen ist, die, welche an ihr noch etwas zu verlieren haben, müssen genau das Gegenteil thun von dem, was man ihnen rät. Sie müssen durch ihre Einmischung den Teil des Lebens zu veredeln trachten, welchen man ihnen verekeln möchte. Keine Frage! Eine gewisse «, — 303 — Barbarei hat Macht gewonnen über die heutige Welt. Es ist, als ob gegen das überwältigende Wachstum der die Menschen verbindenden friedlichen Künste die rohen und trennenden Elemente zum letzten Widerstand sich aufraffen wollten. Der Geist der Nationalität, einst aus Vorstellungen der Freiheit und Selbständigkeit erwachsen, ist seltsam zum rohen Naturalismus ausgeartet, und in den zu erhöhter Selbstempfindung gelangten Volksseelen destilliert sich daS Gift des Völkerhasses. Sollen Metalle von den Schlacken gereinigt werden, so setzt man ihnen zuerst noch mehr Schlacken zu. Es ist, als ob eine starke Dosis Barbarei zur Macht gekommen wäre, um alle aus vergangenen Zeiten übrig gebliebenen Reste des Barbarentums zuerst an sich und dann, selbst verschwindend, mit sich aus der Zivilisation zu ziehen. Nicht dieser unedlen Beimischung das Feld zu räumen, ist die Ausgabe, sondern geläutert aus dem brodelnden Schaum des dunklen Prozesses Hervorzugeheu. H. Offene Antwort an Ludwig Bamberger. Arcachon. 22. März 1882. Mein lieber Freund, Sie können sich denken, mit wie geteilten Gefühlen ich Ihren Aufsatz: „Verdirbt die Politik den Charakter?" in der mir heute zugekommenen Nummer der „Freien Stuuden" gelesen habe. Was Sie über die zwei Weltanschauungen sagen, die Sie höchst prägnant „qualitativ" und „quantitativ" nennen und die sich in die Herrschaft der Geister teilen, hat natürlich meinen ganzen Beifall. Welche die bessere von beiden sei, sagen Sie nicht. Sie werden sich nicht wundern, wenn ich kecker bin und s — 304 — ohne Zaudern die „qualitative" als die höhere, philosophischere, als die wahre bezeichne und daß ich das Leben eines Goethe für das Wohl einer Nation, ja der Menschheit höher schätze als das Leben von tausend Kommunards. Das hindert übrigens durchaus nicht, daß in den Thatsachen die „quantitative" Weltanschauung doch immer Recht behält. Es ist eben damit wie mit Pessimismus uud Optimismus: kein denkender Mensch kann auch nur einen Augenblick zweifeln — so lange er die Dinge mit der Leuchte der Vernunft betrachtet — daß das Übel in der Welt das Maß des Guten unendlich überschreitet; aber das Gefühl straft die Vernunft Lügen, indem es uns sagt, das Leben sei ein Gnt, das um jeden Preis festzuhalten sei, und man müsse sich mit Händen und Füßen dagegen sträube», aus diesem Jammerthal gerissen zu werden. So ist es auch mit der Demokratie; ob man sie als ein Übel ansehe oder als ein Gut, sie ist einmal da und wird von Tag zu Tag wachsen und alle müssen ihr Heeresfolge leisten, die Aristokraten des Geistes wie die der Geburt. Es ist so offenbar unmöglich, die Menschheit auf eine andere Bahn zu leiten, daß nur Verblendete daran denken können, den Strom aufzuhalten. Kein Wunder, daß heute alle Probleme im Sinne der Demokratisierung des Daseins gefaßt und gelöst werden, wie Sie sagen. Ebenso sehr pflichte ich Ihnen bei, wenn Sie behaupten, daß es mit der Warnung vor der Politik „weder auf die oberen, noch die unteren, sondern einzig und allein auf die mittleren Schichten abgesehen sein" kann. Nur unterscheiden Sie meiner Ansicht nach nicht genugsam zwischen den beiden Hälften der mittleren Schichten, zwischen denen doch der Bildungsabstand viel größer ist, als zwischen einer von ihnen und der Aristokratie einer-, der arbeitenden Klasse anderseits. Und nicht nur durch die Bildung steht — 305 - der Handwerksmeister dem Arbeiter näher als dem ehemaligen Gymnasiasten; auch sein „Leben gehört viel zu sehr der Plage ums tägliche Brot, als daß er stark der Versuchung ausgesetzt wäre, sich Kopf und Busen mit Sorgen anzufüllen, die keine Lebenssorgen sind." Findet dies doch auch auf den höheren Mittelstand, namentlich die Studierten, eine Anwendung, und ist es doch gerade ein Grund mehr, warum sie sich von der thätigen Politik fernhalten sollten. Und damit komme ich zu dem Punkte, den Sie mir nicht bestimmt genug hervorgehoben zu haben scheinen. Die Demokratie, sagen wir alle, ist Thatsache und wirds immer mehr werden. Alle Demokratie aber in großen Staaten setzt Vertretung voraus. Die vollständige Selbstregierung durch UrVersammlungen ä la, Rousseau ist undenkbar im Großstaate. Es fragt sich also nur: erstens, wo wählt die Demokratie am besten ihre Vertreter? und zweitens, was und wieviel von der Staatsthätigkeit kann diesen Vertretern delegiert werden? Mir scheint nun die Antwort auf die erste Frage doch ziemlich unzweifelhaft: man wählt die Verwalter, die Aufseher und die Gesetzgeber am besten unter den Leuten, die das Metier gelernt und nichts anderes zu thun haben. Aristokratien, wie die römische, venetianische, englische, wo die Staatskunst als Familientradition gepflogen wurde, werden wohl nicht wieder aufkommen; darum aber bleibt die Staatskunst doch eine Kunst, d. h. eine Spezialität, die erlernt sein will. Diese zu erlangen braucht Muße oder eine ausschließliche Konzentration auf diese eine Thätigkeit. Es ist hundertmal gesagt worden: ein Schuhmacher brauche vier Jahre Lehrzeit, um sein Handwerk zu lernen; sollte einem die Staatskunst anfliegen? Kann man sich ihr nur mit Erfolg hingeben, wenn man ein anderes Geschäft daneben treibt? Eine einsichtige Demokratie wird demnach wohl daran thun, ihre Verwalter Ludwig Bambcrger'S Ges. Schriften. I. - Ms> — und Gesetzgeber unter den Leuten zu suchen, die Muße besitzen und eine große Geschäftserfahrung hinter sich haben; „denn die Verwaltung der eigenen Güter unterscheidet sich nur in der Größe von der der öffentlichen Geschäfte. Im übrigen sind sie gleich," sagte schon Sokrates. Oder aber man nehme Leute, die sich speziell zum Staatsdienste herangebildet haben, d. h. Beamte. Allen Respekt vor Professor und Arzt, wie vor Gevatter Schneider und Handschuhmacher, aber ich zweifle, ob sie dieselbe politische Kapazität besitzen als jene; und, wie ein Aktionär in der Generalversammlung lieber gewiegte Finanz-Männer in den Verwaltungsrat wählt als seine Kollegen im Lehrer-, Schuster- und Schneiderhandwerk, so wird auch der Staatsbürger, der ja auch ein Aktionär ist, am besten Fachmänner zur Verwaltung wie zur Gesetzgebung wählen. Das ist aber leider nicht die Tendenz der Demokratie in Großstaaten, wenn wir nach dem Beispiel von Nordamerika und Frankreich schließen, wo die Fähigen und Erfahrenen immer mehr vom Amt wie von den Kammern ausgeschlossen werden, die Mittelmäßigkeit und Unerfahrenheit einen immer breiteren Raum einnimmt. Deshalb brauchen die politisch Ungebildeten und anderweitig Beschäftigten nicht durchaus von der Politik ausgeschlossen zu werden. Wohl ist die Linie schwer zu ziehen, wo die Beteiligung anfangen, wo sie aufhören sollte. Ich halte z. B. das Geschworenengericht für eine Funktion, die der Laie nur schlecht und zu seinem eigenen Nachteil ausüben kann, während mir eine gewählte Lokalverwaltung sehr fruchtbar scheint, vorausgesetzt, daß der Staat, der das allgemeine Interesse gegenüber dem lokalen zu vertreteu hat, die hohe Hand über sie behalte. Zu diesem engen Kreise reicht eben die enge Erfahrung des Kleinstädters und Bauern meist aus. Etwas anderes ist die nationale Politik, die Provinzialverwaltung uud die Gesetzgebung. — 307 — Ich wills ja gewiß meinem Schuhmacher oder dem Professor des Zivilprozesses nicht benehmen, sein Urteil über eine Rede Bismarcks, wie über ein Gemälde Menzels oder einen Vortrag von Helmholtz zu haben und auszusprechen; aber mir scheint es nicht gemeinnützlich, noch vorteilhaft, für seine eigenen Interessen, wenn er selbst Gesetze beraten, Bilder malen oder physiologische Untersuchungen anstellen will. Mögen sich immer die Leute, die nicht Politiker von Fach sind, für Politik interessieren wie für Kunst uud Wissenschaft; aber sobald sie selber thätige Politik, Kunst oder Wissenschaft treiben, kann nichts als eitel Pfuscherei herauskommen. Auch sollte sich meiner Ansicht nach die Beschäftigung mit der Politik keineswegs auf ein bloßes Interesse beschränken; nicht nur die gewählten Vertreter der Nation, nicht nur die Presse, nein, die Nation direkt kann und sollte sich heute überall in Europa an der Kontrolle der Verwaltung beteiligen, wie sie dies z. B. in England nie unterläßt. Dort ist ja die Masse ganz von der thätigen Politik ausgeschlossen, ja erst seit fünfzehn Jahren, und auch nur teilweise, zum Wahlrecht zugelassen; die Verwaltung ist ganz in den Händen einer Gesellschaftsklasse, und der Masse steht nur die Kontrolle zu, welche sie durch Korrespondenz mit der Presse, Denunziation in den Meetings, gerichtliche Klagen oder endlich durch das Organ ihrer Vertreter im Parlament mittelst Interpellation ausübt; aber nie kann jemand aus dem Volke selber Magistrat werden. Man meint dort, es sei mit der Politik wie mit anderen Feldern menschlicher Thätigkeit: jeder solle das Recht haben, seinen Arzt und seinen Advokaten zu diskutieren, beziehungsweise abzuschaffen, aber nur wer gewisse Garantieen fachlicher Befähigung aufweisen könne, dürfe selber als Arzt oder Advokat fungieren. 20* — 308 — Daß die Politik überdies „den Charakter verdirbt" ist eine Nebenfrage, immerhin eine, die schwer zu verneinen ist. Schon das einfache Interesse am politischen Kampfe, wie am religiösen, entfacht die Leidenschaften über Gebühr, weil man bei dem besten Willen Partei nehmen muß: wer aber Partei sagt, der sagt: Opfer der Wahrheit, der Überzeugung und der Unabhängigkeit auf dem Altar der Leidenschaft. Auch bin ich garnicht so sicher wie Sie, daß das Interesse an der „Chronik" einer Zeituug soviel schlimmer ist, als das an den politischen Parteikämpfen. Die Politisch gebildetste Nation Europas, die englische, ist gerade diejenige, welche für die Verbrechen der „Chronik" das lebhafteste Interesse an den Tag legt. Und dieses Interesse ist doch immer psychologischer Natur, es ist außerpersönlich, daher immer noch edler als das an der Politik, wobei das Persönliche, sei es auch nur indirekt durch die Partei, stets eine Rolle spielt. Die Sache wird aber noch viel bedenklicher, wenn es sich um thätige Politik handelt. Sie sagen: „Die Politik verdirbt den Charakter, wie alles, wenn es danach betrieben wird. Wie haben Religion, Gelehrsamkeit, Kunst die Gabe, den Charakter zu verderben, wenn sie mit schlechten Neigungen verquickt werden." Da liegts eben; „wenn sie mit schlechten Neigungen verquickt werden"; das ist also nicht notwendig der Fall, während die thätige Politik notwendig schlechte Neigungen erweckt und entwickelt. Wohl herrscht auch unter Künstlern und Gelehrten, Kaufleuten und Ärzten Neid und Gehässigkeit, wie's bei aller Konkurrenz um Geld oder Ruhm nicht anders sein kann; aber sie herrschen doch nicht immer und überall auf diesen Thätigkeitsfeldern und sie gedeihen nicht so üppig als da, wo die Konkurrenz direkten Zusammenstoß der Personen mit sich bringt, wie im öffentlichen Leben, das ja recht eigentlich in dem lauten, offenen Streit besteht. Man muß — 309 — sehr guten Charakters sein, um nicht, wie Hermanns Vater, übler Laune aus dem Gemeinderat, geschweige denn aus einer Kammerdebatte zu kommen, namentlich wenn man das Handwerk schlecht versteht und sich am Ende doch gestehen muß, daß mau da in etwas hineingepfuscht hat, das man nicht gelernt hat. Alle Pfuscherei aber macht unzufrieden. Ich für mein Teil, und ich gehöre doch auch zum großen Mittelstande, den man vor der Politik warnt, habe immer gefunden, daß schon eine politische Diskussion in abstracto mir böses Blut machte, und habe sie immer bereut, was mir nie mit einer literarischen oder künstlerischen Diskussion passiert ist. Was wäre es erst gewesen mit einer Diskussion, welche die Wirklichkeit beeinflußt und bestimmte Interessen schädigt oder fördert? Wenn Sie damit einverstanden sind, wünsche ich, daß dieser Brief unter meinem Namen in den „Freien Stunden" veröffentlicht werde. Nur dürfen die Freunde nicht aus diesem ärmlichen Hälmchen schließen, die Brache wäre aus für mich. Das ist leider nicht der Fall.*) Die Ärzte wollen mich noch immer „ruhen" lassen und, da ich kein Demokrat bin, verstehe ich zu gehorchen, auch wo ich die Befehle nicht begreife oder gar mißbillige. Ihr treuer Karl Hillebrand. *) In der That erlag der Schreiber, der damals zur Erleichterung seiner Leiden im südlichen Frankreich weilte, im Jahre 1834 seiner in den letzten Jahren nicht mehr zum Stillstand gekommenen tödtlichen Krankheit. — 310 — HI. Zur Naturgeschichte des Politikers. An Karl Hillebrand in Arcachon. Lieber Freund! Wir Politiker sind vielleicht doch keine so schlechten Menschen wie Sie denken. Vielleicht! sage ich, denn allerdings glaube ich erfahren zu haben, daß der Mensch sich immer weniger kennt, je länger er mit sich umgeht; daher er sich auch immer weniger gut mit sich vertrügt. Wenn man nämlich auch mit den Jahren mit seinen Fehlern auskommen lernt, so gereicht doch ein auf wachsender Nachsicht beruhender mocZus vivsudi oum ss ixsc> nicht gerade zu wachsendem Vergnügen. Das holde Einverständnis mit sich selbst ist das Beste am Jugendglück, und schon deshalb — von vielem anderen abgesehen! — gehöre ich nicht zu denen, welche das Alter als die Blüte des Lebens preisen. Aller Anfang ist leicht; und die Kunst zu leben insonderheit wird immer schwerer, je länger man sie treibt. Wundern Sie sich nicht darüber, daß ich mit dieser Abschweifung anfange. Das soll Sie vielmehr darauf vorbereiten, daß meine Antwort fast nur aus Abschweifungen bestehen wird. Denn wie? Dies bescheidene Blättlein, welches die Eintagslaune unter den Auspicien unseres gemeinsamen Freundes als „Freie Stunden" in die Welt gesetzt hat, ist, wie man mir sagt, schon von Seiner Majestät dem Publikum von Gottes Gnaden viel zu ernst befunden worden; und wenn ich nun gar mit Ihnen eine Verhandlung über die Höhen und Tiefen des Weltganges hier weiter- fpänne, so Hütten auch die Nachsichtigsten ein Recht sich zu beklagen, daß man sie noch in ihre Muße hinein mit der Politik verfolge. Ich bitte mich wohl zu verstehen. Was — 311 — Sie, mein Lieber, aus diesem spröden Holz herausschlagen, wird allen ebenso willkommen sein, wie sie mir es verdächten, wollte ich Ihren Spuren folgen. Sie sind ein Künstler der Litteratur und Kulturgeschichte; Sie haben die Hörer gewöhnt, Ihnen mit Andacht und Behagen zu lauschen. Sie dürfen getrost über Politik reden, weil Sie eben nicht vom Handwerk sind. Aber ich! ^c>t.' möchte ich mit dem Präsidenten des Reichstags ausrufen. Denn das gebe ich Ihnen zu: ein vergnügliches Handwerk ist es nicht, und zumal nicht in der lieben Heimat, seine Feder schier dreißig Jahre lang „in das Tintenfaß des Sisyphus zu tauchen", wie mir jüngst eine geistreiche Freundin vorhielt. Seien Sie ruhig! sie ist füufundsiebenzig Jahre alt. Den Jüngeren imponiert das bischen Druckerschwärze und die Kindertrompete der?a,ro.a, vulZ1va,As, (zu deutsch: Zeitungslärm) immerhin etwas mehr, wenn auch lange nicht so sehr, wie ein fingerfertiges Klavierspiel oder gar ein sekundenlanger Triller. Jedesmal, wenn ich einen Bericht lese über die imposante Versammlung von wenigstens tausend Köpfen (in Wirklichkeit waren es fünfhundert), welche in dem größten Saal der Stadt Mann an Mann gedrängt den Worten des „berühmten" Redners lauschte, steigt mir die Frage auf: wie viele wären wohl gekommen, wenn man ihnen die fünf Mark Eintrittsgeld abverlangt hätte, die sie für das Spiel des Signor N. oder den Gesang der Signora N. N. so willig zahlen? Es ist schon ein großer Erfolg, falls sie aushalten ohne Bier zu trinken und zu rauchen! Sehen Sie! So weit bin ich mit Ihnen einverstanden: znr Freude der Menschen hat Gott die Politiker nicht erschaffen. Wir sind vielmehr eines von den vielen notwendigen Übeln, deren Überwiegen in dieser schlechten Welt Sie mit Recht anerkennen. „Rous sommsL zzas ioi xour nons Äinnssr", pflegte unser Freund Ulbach in Paris zn sagen, wenn er — 312 — ein Kartenspiel vorschlug. Sie wundern sich, daß man an diesem vom Übel beherrschten Leben so zähe hängt. Ich habe immer bemerkt, daß die Mädchen, welche die wenigsten Tänzer sinden, am längsten aus den Bällen ausharren. Doch, was ich sagen wollte! Wir Politiker sind so schlecht nicht. Jedenfalls, so behaupte ich, sind von allen Erdensöhnen, welche sich mit der Vielköpfigkeit ihresgleichen befassen, wir weitaus die demütigsten. Wir werden zur Unempfindlichkeit für die Kritik, für Ungerechtigkeit, für Bosheit und Dummheit (viel schlimmer ist sie als die Bosheit) großgeprügelt. Ein Dramatiker setzt sich für seine „Premiere" ein Auditorium aus vorbegeisterten guten Freunden zusammen, und wenn er deren nicht genug hat, um das große Theater der Hauptstadt damit zu füllen, so verlegt er seinen ersten „durchschlagenden" Erfolg nach einer kleinen Residenzbühne, wo ein kunstliebender Herrscher (Gott erhalte ihn: ich meine knnstliebend) Gastfreundschaft und Ritterkreuz gewährt. Die Musiker haben den Vorteil, daß die Hörer, welche nichts verstehen, es für ehrenvoller halten, Enthusiasmus zu empfinden als unempfänglich zu seiu, und die Maler und Bildhauer, wenn sie nicht mit Gold aufgewogen werden, trösten sich damit, daß die Laien samt und sonders Esel seien. Jeder Poet endlich, sei er gereimt oder ungereimt, hat die Erlaubnis, sich für den ersten seiner Zeit zu halten, und viele machen davon Gebrauch. Wir aber, xovsri noi! wir thun nie den Mund auf, ohne daß von Rechtswegen zur Hälfte geschworene Feinde dabeisitzen, die auf Eid und Gewissen verpflichtet sind, alles was wir thun und sagen abscheulich zu finden, selbst wenn sie es verstehen — was nicht immer der Fall ist. Aber das Publikum, zu welchem auch Sie sich rechnen zu sollen meinen — ich widerspreche nicht ganz! — ahnt nicht, wie geduldig wir das alles tragen als ein selbstverständliches Stück unseres Feldgepücks. — 313 — — „Haben Sie sich wieder tüchtig geärgert?" so wird man in der Regel am Ende einer Session von seinen Bekannten angeredet; oder: „Ärgern Sie sich nur nicht viel!" am Anfang einer neuen. Du lieber Gott! Wie lange wäre Wohl die Durchschnitts-Lebensdauer eines Politikers, wenn er sich jedesmal ärgerte, wo es das Publikum meint? Wir brauchen uns keine Hofnarren zu halten, die uns an unsere Schwächen und Irrtümer erinnern. Die ganze „andere Seite des Hauses" übernimmt diese Arbeit in einer gar nicht spaßhaften oder verblümten Manier. Und wenn wir halbwegs verständig sind, so warten wir gar nicht erst ab, daß uns dieser Schelmendienst von da drüben und draußeu geleistet werde, sondern legen uns an jedem Morgen die Frage vor, ob wir am vorhergegangenen Tage keine Dummheit begangen. Im übrigen vertragen wir uns auch von rechts und links menschlich besser, als Ihr da draußen meint, und zwar lächeln wir nicht, wenn wir uns in der Stille begegnen, wie die Haruspiccs, sondern wir seufzen leise und schämen uns manchmal ein wenig. Und eben deswegen habe ich, um am Ende das zu sagen, was meine Einleitung sein sollte, Ihren Brief, so wie ich ihn nur eben gelesen hatte, flugs den „Freien Stunden" geschickt, auf daß sich alle diejenigen daran ergötzten, die mir unrecht geben. Ich gönne den Leuten das Pläsier, sich einzubilden, Karl Hillebrand stimme mehr mit ihnen überein als mit mir. Zu Ehren des guten Tags, an dem Sie, mir und allen Freunden zur Freude, wieder dem Setzer Arbeit gaben, sollen unsere gemeinsamen Gegner einen Festtag haben. Ist das nicht eiu schöner Gedanke? In der Hauptsache sind wir ja doch einig: die Politiker sollen die Politik machen — nicht die NichtPolitiker, die man auch bei uns heute damit betrauen will. Gerade weil der Demokratie die Zeit gehört, muß die Demagogie be- — 314 — kämpft werden, und die der Patrizier ist viel verderblicher als die der Plebejer. Diese Pointe ist Ihnen entgangen. Als ich schrieb, hatte ich das Deutsche Reich von heute vor Augen, welches nicht nach den vergilbten Blättern von vor zehn Jahren beurteilt werden darf. Sie hingegen dachten an Frankreich und seines Gambetta Gefolge von (üvuunis vo^ÄAsru-s — welche übrigens vorerst doch nicht die Herren geworden sind. Setzen Sie an die Stelle des Oommis vo^aAkur den Bruder Bauer und Bruder Handwerker st) 6s nodis ladula, naii-Ätrur. Daß dies nicht trostreicher ist, könnte ich Ihnen nur begreiflich machen, wenn ich hier ernstlich sprechen dürfte. Die Reden, über welche Sie dem „Schuhmacher" nur wider Willen ein Urteil gestatten, sind ganz eigens darauf gemünzt, ihm die Überzeugung beizubringen, er allein sei der wahre Gesetzgeber, natürlich unter väterlicher Leitung. Und die Beamten, die Sie im Kopf haben, sind längst kalt gestellt. Doch pst! Der Mensch ist Heuer nie sicher, ob er nicht jemanden beleidigt, und wenn er nicht Zustimmungsadressen telegraphiert, schweigt er am klügsten still. Wo man nicht tadeln darf, darf mau auch nicht loben. Letztere Entbehrung wird immer weniger fühlbar. Ich bin ganz damit einverstanden, daß für die großen Staaten nicht die UrVersammlungen a 1a. Rousseau Passen, wie Sie sagen, aber wenn mau schon einmal so etwas hat — und das UrWahlrecht ist ja doch eiu Stück davon — so soll man dessen Nivean nicht möglichst herabzudrücken suchen. Läuft übrigens unsere Diskussion nicht in ihrem tiefsten Grunde auf das Problem hinaus, welches gerade für Rousseau der Anstoß war zu seinem ersten entscheidenden Schritt in die Welt? Es sind etwas wie hundertvierzig Jahre her, daß die Preisfrage der Akademie von Dijon ihn in das Naturrecht und die Politik hineinrief. „Ob der Fortschritt der Wissenschaften nnd Künste dazu beigetragen hat, die — 315 — Sitten zu verderben oder zu reinigen?" — Von seiner Antwort an datiert seine weltumwälzende Schriftstellerei, — und dennoch hat derselbe Jean Jacques von sich behauptet: nichts sei ihm verhaßter als Politik und Disput! So kennt man sich! Wenn wir uns aber einmal, wie auch Sie zugestehen, in die Thatsache der sich immer mehr demokratisierenden Welt schicken müssen, so scheint es mir besonders gefährlich, romantische Durchblicke iu den Wald der Tagespolitik zu schlagen. Hüten wir uns vor der Romantik! Ich weiß nicht, ob die Welt dem Gesetz ewiger Perfektibilität gehorcht. Ich weiß nur, daß die Ströme niemals aufwärts fließen. Können wir uns aber nicht vor romantischen Anwandlungen bewahren (wer ist dessen sicher!), so werden wir gut thun, uns damit in unser Studio einzuschließen. Andernfalls möchten wir, während uns stille Reminiscenzen an das italienische Linczukosnw oder an das französische (Z^avcZ, siöols locken, uns in Gegenden verirren, wo eine Romantik ganz anderer Herkunft haust. Es giebt uämlich auch eine, die nach der Sakristei, und sogar eine, die nach dem Stall duftet. Daß Sie Ihrem Doktor gehorchen, der Ihnen noch Ruhe auferlegt, ist recht. Weil Sie kein Demokrat seien, fügen Sie hinzu. Meinetwegen! wenn nur er kein Doktor der Aristokratie ist! Denn diese hat eine besondere Vorliebe für Charlatans. Für einen Rekonvalescenten ist Ruhe jedenfalls die erste Bürgerpflicht. Hat aber Ihr Doktor Sie erst in den Vollbesitz Ihrer angestammten, ausgezeichneten Konstitution zurückgeführt, so daß Sie ihm nicht mehr blind zn gehorchen brauchen, so werde ich ihn lieben und verehren, auch wenn er von der Höhe eines Stammbaumes von sechzehn Ahnen des blausten Blutes herabsähe auf Ihren treuen Berlin, 4. April 1882. L. Bamberger. HLaatsnmnmsche InöLskretionen. Lkerekoro sei it «Zovn, tkat an kadit ok secrsox i8 dotk xolitio aiicl uioral. Lavon „Lssaxs^. ^)er Brauch, intime Aktenstücke über die Entstehungsgeschichte politischer Ereignisse aus kurz vergangener Zeit in die Öffentlichkeit zu bringen, ist neueren Datums. Vergangenen Jahrhunderten war er ungewohnt, und noch in der ersten Hälfte des unsrigen begegnen wir ihm selten. Er ist ein Merkmal der demokratischen Strömung, welche das heutige Geschlecht unwiderstehlich nach einer Zukunft hinführt, deren letztes Wort — ob gut oder schlecht — noch von keinem Mitlebenden geahnt werden kann. Jmmermehr neigt sich die Fahne vor der großen Zahl, welche als xrot's.iiQrll, vrÜAus zu hassen und fern zu halten der alte Dichter sich rühmen konnte; immer mehr schmilzt Quantität und Qualität der Geheimnisse. Alle werden berufen mit zu thun, mit zu genießen und folglich auch mit zu wissen, und darum bemühen sich auch die Höchsten immer mehr um die Stimme dieser großen Zahl. Begreiflichermaßen nicht immer mit den gewähltesten Mitteln. Wie bei jeder Neuerung ist auch hierbei nicht alles *) Aus der „Nation" vom 13. Oktober 1883. — 317 — reiner Gewinn. Das wird man wohl dem demokratischen Zeitalter selbst ins Gesicht sagen dürfen, insonderheit aber denen, welche, obwohl nicht verschmähend, die demokratische Zugkraft des Jahrhunderts als höchst brauchbar an ihren Wagen zu spannen, dabei durchaus nicht verhehlen können noch mögen, daß sie die Erhaltung und Befestigung der Autorität für das Unentbehrlichste ansehen. Und zwar nicht nur die persönliche Autorität der überlegenen Einsicht, welche noch am ersten neben der demokratischen Souveränetät denkbar ist, sondern Autorität der verschiedensten Art: Autorität der Obrigkeit göttlichen Ursprungs, der Geburt, der Stellung, der Kirche nnd der über jede Diskussion erhabenen Sittenlehre. Hier ist es, wo wir stutzig werden dürfen, wenn wir sehen, daß hervorragende Vertreter dieses Autoritätsprinzips die Gefahr heraufbeschwören, durch Enthüllungen aus den geheimen Briefschaften die Menschheit irre zu machen an der Gemeingültigkeit der Grundsätze, welche sie zwar tagtäglich in salbungsvollen Worten dem Volke predigen lassen, deren bindende Kraft aber man in ihrem politischen Raten und Thaten, wie sie es da enthüllen, vergeblich sucht. Wohlverstanden, es ist hier die Rede nicht von dem, was man thut, sondern von dem, was man eingesteht. Es ist in der Politik immer mit trübem Wasser gekocht worden, das weiß man und wird es sobald nicht ändern. Aber daneben verdient die Frage aufgeworfen zu werden, welche Rückwirkung es auf die große Zahl ausüben muß, auf die große Zahl, an welche jetzt immer mehr appelliert wird, wenn man sie auf die nackten Thatsachen, welche sich zu sehr zweifelhafter Moral bekennen, sozusagen mit der Nase hinstößt. Denn was von diesen politischen Enthüllungen als moralischer Niederschlag zurückbleibt, ist doch immer wieder das,. — 318 — was man den Lehren der Jesuiten als den schwersten Vorwurf angeheftet und womit man ihnen auch den schwersten Stoß versetzt hat: daß der Zweck die Mittel heilige. Ganz haben es auch die Jesuiten niemals Wort haben wollen, und ausdrücklich habe« sie es niemals so formuliert. Aber in Wirklichkeit lag die zersetzende Quintessenz ihrer Sittenlogik darin, daß sie nach Umständen jede sonst verbotene Handlung für erlaubt und sogar für geboten erklärten, wenn es dem Thäter nur gelänge, bei seiner verbotenen That mehr auf die erlaubte Endabsicht, als auf auf den dahin- führenden Weg feine Intention zu richten. Die Welt, die sehr wohl verstand, daß sich bei dieser Sophistik das zu ihrem Bestehen unentbehrliche Fundament des Sittengebäudes nicht erhalten ließe, hat dieselbe verdammt. Und wenn die faktische Gutheißung der politischen Jesuitenmoral, welche unvermeidlich aus den Urkunden der geheimen Archive durchsickert, so weiter geht wie im letzten Jahrzehnt, so wird dadurch eine Gefahr für das allgemeine Bewußtsein herbeigeführt werden, vielleicht und hoffentlich auch eine Heilung im Brauch selbst. Fürst Bismarck hat in den ersten auf seine großen Triumphe folgenden Jahren wiederholt sich verwahrt gegen den Spruch von Blut und Eisen, den man ihm in den Mund gelegt hatte. Er gehorchte darin einem richtigen Impuls. Und so wenig wir auch glauben, daß er damals ein anderer gewesen wie jetzt, wir können uns des Gedankens nicht erwehren, daß das Gefühl für die Notwendigkeit dieser Verwahrung ihm damals aus dem lebendigeren Zusammenhang aufstieg, in welchen er mit den edleren Freiheits- und Humauitätsbcstrebungen der Nation sich befand. Es war die Zeit, da er mit den Jesuiten beider Konfessionen gebrochen hatte, in der Hauptsache wohl nur, weil sie seiner großen Politik Hindernisse in den Weg legten; — 319 — aber Form und Inhalt lassen sich nie so ganz scheiden, daß man nicht glauben dürfte, der Mann von ehemals, welcher den Intriganten der Kurie und den Deklaranten der Kreuzzeitung ein Dorn im Auge gewesen, habe eine lebhaftere Empfindung für die Bedürfnisse des Volksbewußtseins gehabt, als der, welcher heute um die Allianz jener Mächte wirbt und von ihnen beglückwünscht wird, weil er ihnen zum Schemel ihrer wieder emporstrebenden Macht zu werden verspricht. Schwerlich hätte damals der Kanzler die drei umfangreichen Bände seiner Frankfurter Berichte in die Welt ent« sendet, in denen neben außerordentlich viel Bewunderns- wertem auch des Bedenklichen nicht wenig zu lesen ist. Er hätte auch das Bedürfnis dazu nicht empfunden, denn kein ehrlicher Deutscher brauchte damals durch die Vergleichung von Sonst und Jetzt auf die Verdienste des Mannes aufmerksam gemacht zu werden, welcher das Deutsche Reich ins Leben zurückgerufen hat. Als die Aushängebogen mit dem Anziehendsten aus den Poschingerschen Enthüllungen an die Zeitungen verabfolgt wurden, fielen natürlich Redaktionen und Leser über die schmackhaften Bissen her. Über dem ersten Genuß an solch leckerer Kost schweigen die Bedenken, uud die befriedigte Neugierde zollt gern den Tribut ihrer gerechten Bewunderung. Doch das die moralische Gesundheit angreisende Element, welches zu diesem Gaumenkitzel gerade am meisten beiträgt, ist damit nicht unschädlich gemacht. Auch der so flüchtige Zeitungsgennß läßt eine Gesamtwirkuug zurück, die sich zu einem bleibenden Ansatz verdichtet und für das Urteilen wie das Handeln der Menschen mit bestimmend wird. Im vorliegenden Fall haben wir es überdies nicht bloß mit den rasch servierten Gerichten zu thuu, welche die Tagespresse auftischt. Drei starke Bände, wenn schon keine Nahrung — 320 — für jedermann, werden sich doch, von so eminenter Autorschaft getragen und von so denkwürdigem Inhalt erfüllt, immer und immer wieder der Wißbegierde aufdrängen, und was auf diese Weise auch nur minder großen Kreisen der Zeitgenossen bewnßt wird, erweitert sich in seinen wichtigsten Ergebnissen allmählich zum Gemeingut. Die vertraulichen Instruktionen Friedrichs des Großen an seine Geschäftsträger, welche jetzt aus den Archiven veröffentlicht werden, sind auch gerade nicht als moralische Erbauungsbücher zu verwenden. Aber hundert und vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und lassen immerhin Raum für die tröstliche Vermutung, daß die Politik heute auf geraderen Wegen wandle als damals. Auch begreift man eben deswegen den Sinn des lange gepflogenen Herkommens, wonach die Einsicht in die geheimen Urkunden neuester Politik der Geschichtsforschung vorenthalten wird. Wie aber, wenn der Schleier gelüftet wird, welcher den Zeitgenossen daK Miterlebte in seinen geheimsten Ansätzen und Vorbereitungen wohlthätig verborgen hielt? Eine Mailänder Zeitung „Perseveranza" brachte Ende August dieses Jahres ein Aktenstück zum Abdruck, welches, wie wohl kaum ein anderes der betreffenden Gattung, dazu geeignet scheint, die bedenkliche Seite dieser modernen Indiskretionen ins Licht zu setzen. Es handelt sich um einen Brief Cavours an Victor Emanuel, der eineu merkwürdigen Beitrag zur Vorgeschichte des österreichisch-italienischen Krieges liefert. Das Schreiben, welches aus Baden-Baden unterm 24. Juli 1858 datiert ist, erzählt den Hergang mehrerer Besprechungen zwischen dem italienischen Staatsmann und dem Kaiser der Franzosen. Die Besprechungen selbst hatten nicht in Baden stattgefunden, sondern in Plom- bisres, aber an Ort und Stelle war ersterem nur Zeit zu einer flüchtigen chiffrierten Depesche an seinen König ge- — 321 — blieben. Von Baden aus holte er das Verschobene nach, nicht ohne sich gütlich zu thun in der Breite einer behaglichen Expektoration, der man es deutlich anmerkt, daß sie ebensowohl auf den Beifall des Adressaten, wie auf die Sicherheit des Geheimnisses rechnet. Die sorgfältig angelegte Wiedergabe der Unterhaltung zwischen Cavour und Napoleon III. strotzt von scharf gewürzten Äußerungen, namentlich wo sie aus das Heiratsprojekt zwischen dem Prinzen Jerome Napoleon und der Tochter des Königs, Prinzessin Clothilde, eingeht. Doch dieser Teil, so amüsant er ist, soll hier nicht in unsere Betrachtungen hereingezogen werden; ebensowenig der schon näher liegende, welcher die Abtretung von Savoyen und Nizza als den Kaufpreis der Unterstützung im Krieg gegen Osterreich ins Auge faßt. Das Höchste an Unverfrorenheit liefert das Gespräch da, wo es sich darum dreht, eiuen Vorwand zur Offensive gegen Osterreich ausfindig zu machen, und bei diesem Teil wollen wir einen Augenblick verweilen. Napoleon erklärt dem Italiener von vornherein, er sei entschlossen, ihm in einem solchen Kriege beizustehen, aber es dürfe kein Grund revolutionärer Natur dem Krieg zum Anlaß dienen, fondern einer, der sich vor der europäischen Diplomatie und namentlich vor der öffentlichen Meinuug Frankreichs und Europas sehen lassen könne. Und nun erzählt Cavour, wie er dem Kaiser eiue Garnitur von Vorwänden nach der anderen präsentiert habe, die sich aber sämtlich bei genauerer Besichtigung mehr oder minder als unbrauchbar erwiesen; es galt also neue Vorwände aufzutreiben. Hier müssen wir ihn selbst reden lassen; denn nur die buchstäbliche Wiedergabe kanu von dem Aktenstück ein richtige Idee geben. „Meine Lage ward sehr unbequem, denn ich hatte nichts Greifbares mehr vorzuschlagen. Jetzt kam mir der Kaiser zu Hilfe, und wir machten uns gemeinsam Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften, I. - 322 - daran, alle die einzelnen Staaten Italiens durchzugehen, um jenen so schwer zu findenden Anlaß zum Kriege aufzutreiben. Nachdem wir beinahe die ganze Halbinsel erfolglos durchstöbert hatten, langten wir, so zu sagen, ohne etwas dabei zu denken, in Massa und Carrara an, und da entdeckten wir auf einmal, was wir so eifrig suchten. Als ich nun dem Kaiser eine genaue Schilderung dieses unglücklichen Landes gemacht hatte, kamen wir überein, daß man eine Petition der Einwohner an Ew. Majestät ins Werk setzen müsse, worin um Dero Schutz und sogar um die Einverleibung in das Königreich Sardinien nachgesucht würde. Ew. Majestät würde zwar auf diesen Vorschlag nicht eingehen, aber sich doch der unterdrückten Bevölkerung annehmen und dem Herzog vou Modena eine hochfahrend und drohend abgefaßte Note zuschicken. Der Herzog, auf Österreichs Unterstützung rechnend, würde in einem inpertinenten Ton antworten. Daraufhin würde Ew. Majestät Massa besetzen lassen, und der Krieg wäre besorgt." Wir können uns das Übrige schenken. Faktisch kam achtzehn Monate später das solchermaßen ersonnene Mittel nicht zur Anwendung, aber das ist für uns gleichgültig. Was uns interessiert, ist, daß man Zettelungen von so über die Maßen verfänglicher Art vor den Augen der Zeitgenossen zur Schau stellt. Cavour steht als einer der besten und uneigennützigsten Patrioten da. Von allen Staatsmännern der neueren Zeit hat wohl keiner, indem er so Großes leistete, so ganz die Sympathien seines Volkes, ja der Welt besessen und verdient wie er. Er hat seine Kraft nicht nur der Einigung seines Landes, sondern auch der Befestigung freisinniger und gerechter Institutionen gewidmet, deren Geist ihn Zeit — 323 — seines Lebens beseelt hatte. Wenn er mit einer frivol erscheinenden Kaltblütigkeit dem König die Dinge erzählt, wie sie sich in Plombisres begaben, so galt eben zwischen ihnen als ausgemacht, daß sie auf jede Weise den Bruch mit Osterreich herbeiführen mußten und in den Mitteln nicht gar wählerisch zu sein die Möglichkeit hatten. Aber Cavour hätte sich wohl nicht in dieser Weise gehen lassen, wenn ihm der Gedanke gekommen wäre, daß man seinen Bries dem großen Publikum nach fünfundzwanzig Jahren Preisgeben würde.*) Über die Frage, in wie weit es erlaubt sei, deu Knoten historischer Verhängnisse unter dem Deckmantel der List mit der scharfen Schneide der Gewalt zu zerhauen, mag man so oder anders denken. Gewiß ist aber, daß das öffentliche Sichbekennen zu solcher Handlungsweise viel weiter trägt, als dem Sinne der Handelnden entspricht. Was ein die anderen überragender Mann an besonderer Stelle in besonderer Lage zu thun sich entschließt, giebt noch nicht das Maß für das, was er als Mensch in gewöhnlich menschlichen Dingen sich erlauben würde, uud so lange die Fäden seiner Gedanken uud seiner Pläne unter dem Schutz eines, wenn auch halb durchsichtigen, Geheimnisses verborgen bleiben, wird wenigstens die Scham des öffentlichen Bewußtseins, die letzte Zuflucht des Lc>Qssnsri.8 oirmirun, nicht vergewaltigt. Von dem Moment ab jedoch, wo solche Geständnisse aus dem gemeinen Markt des täglichen Lebens umhergestreut werden, entlehnt der erste beste daraus das *) In den von Chiala herausgegebenen 2 Bänden „Briefe Cavour's" befinden sich deren zwei an La Marmora vom selben Datum (24. und 25. Juli 1858), worin er dem General den gedrängten Inhalt obigen an den König gerichteten und unzweifelhaft echten Schreibens wiedergiebt, welche aber auch von der ganzen Glut und Hingebung seiner patriotischen Energie Zeugnis ablegen. 21* Recht, sich danach ein Vorbild zu machen und dieses auf Beweggründe und Zwecke zu übertragen, welche himmelweit vom Vorbilde entfernt liegen. Es liegt uns fern zu behaupten, daß in den Bis- marckschen Berichten aus der Frankfurter Zeit sich Auslassungen fänden, die sich an Verfänglichkeit und Ungeniertheit mit dem oben angeführten Aktenstück messen könnten. Zwar ist die Poschingersche Sammlung nicht aller Zurichtung entgangen, aber wir kennen aus ihr und aus zahlreichen früheren Enthüllungen die Art und Weise der Bismarckschen Feder genugsam, um in aller Sicherheit sagen zu können, daß sie mit einer Bedachtsamkeit und Selbstbeobachtung geführt zu werden Pflegt, die solche Ausschreitungen undeuk- bar macht. Einem Friedrich Wilhelm IV. uud Manteuffel gegenüber wäre außerdem eine so lose Sprache, wie der italienische Minister sie dem selbst für einen Italiener noch besonders ungebundenen Victor Emauuel zum besteu gab, von vornherein unmöglich gewesen. Nichtsdestoweniger besteht eine Verwandtschaft zwischen dem Gedankengang, der sich dnrch die Frankfurter Berichte, und dem, welcher sich durch die successiv veröffentlichten geheimen Akten des österreichisch-italienischen Kriegs zieht. Die Analogie der geschichtlichen Vorgänge selbst entspricht bekanntlich durchaus dieser Analogie der Akten. Die Verschiedenheit des Temperaments, der Sitte, des Glaubens, der ganzen Lebensformen kommt natürlich in der Verschiedenheit zum Ausdruck, in welcher die geheimen Bekenntnisse des katholischen Südens gegen die des protestantischen Nordens abstechen. Aber die Wirkung auf die umgebende Welt gleicht sich eben deshalb auch wieder aus. An dem unstrengen und leichtlebigen Italiener wird kaum beachtet vorübergleiten, was den ernst und gradlinig denkenden Deutschen vor den Kopf stößt. Wir hören jetzt so unendlich — 325 — viel von der Notwendigkeit reden, das Volk in seiner Religion zu befestigen, und die hohen Politiker, welche ihr Augenmerk darauf hin richten, thun es eingestandenermaßen nur in der Absicht, durch die Religion für die Moralität zu sorgen. Ganz gewiß aber sind alle theoretischen Aufklärungen, mit welchen Satzungen des Glaubens angezweifelt werden, nicht entfernt so bedenklich für die Sittlichkeit, als die hohen Vorbilder einer sittlichen Praxis, welche den Konflikt mit der bürgerlichen Moral thatsächlich predigen. Me wahre MMärparkei/) bekanntlich sind es die Kanonen, mit deren Hilfe sich die Könige in letzter Instanz unter einander verständlich machen. Auch die Väter der Republiken, welche sich einbilden, besser zu sein als die Könige, verschmähen es nicht, in diesen Zungen zu reden, zumal wenn sie hoffen, das letzte Wort zu behalten. Die Völker aber überlassen, bis zu dem Augenblick, wo sie mit dieseu überzeugendsten Gründen der praktischen Vernunft bearbeitet werden, das Geschäft der internationalen Auseinandersetzung ihren Diplomaten und Journalisten. So lange die Welt steht, hat noch niemand das Lob der Diplomaten gesungen. Aber eben deswegen möchte es ihnen schwer fallen, ^ncht besser zu sein als ihr Ruf. Vermutlich sagt man ihnen so viel Übles nach, weil man sie so wenig fürchtet. Im ganzen sind sie heutzutage ein harmloses Geschlecht, welches seinen Hauptberuf darin findet, Feste zu geben und Feste mit seiner Anwesenheit zu verherrlichen, die den Teilnehmern das wohlthuende Bewußtsein verschaffen, die höchste Stufe auf der Leiter gesellschaftlicher Verfeinerung erklommen zu haben. Diese sanften Lebensgewohnheiten bringen es mit sich, daß unsere Ge- Aus der „Nation" vom 15. Dczcmber 1883. — 327 — sandten mit seltenen Ausnahmen friedliebende Leute sind. Schon der berechtigte Wunsch, ihre Gemahlinnen im sonnigen Genuß dieser erstrebenswertesten aller Befriedigungen weiblichen Ehrgeizes nicht zu stören, stimmt sie zu jener Milde der Gesinnung, welche ihnen als Gehilfen der Völkerhirten wohl ansteht. Wie anders verhält es sich mit den Journalisten! Auch sie werden zwar viel gescholten, aber noch mehr gelobt, weil sie nämlich viel gefürchtet werden; und wie sollte es anders sein, da sie es in der Hand haben, die Menschen gut und schlecht zu machen, oder was noch wirksamer ist, berühmt und unberühmt. Denn wer möchte heute nicht berühmt sein, wer hätte nicht ein Buch geschrieben, das er gelobt, oder wenn es nicht anders sein kann, wenigstens getadelt zu lesen wünscht? Der Journalist aber kann schweigen, er kann totschweigen, wie der furchtbare, eben darum so bezeichnende Ausdruck lautet. Das Nichtreden ist die schärfste Waffe, welche Mutter Natur dem redseligsten aller Geschöpfe für den Kampf ums Dasein mit auf den Weg gegeben hat, und oft ist dasselbe grausam genug, von ihr Gebranch zu machen. Aber leider schweigt es nicht immer an der rechten Stelle! Wie viel besser stünde es um die Auseinandersetzungen zwischen den Völkern, wenn die Journalisten sich etwas weniger laut um dieselben kümmern wollten! Der französisch-deutsche Krieg vou 1870 wäre schwerlich zum Ausbruch gekommen ohne die Pariser Zeitungen, und wenn seitdem der Friede erhalten geblieben, so ist es nicht das Verdienst der französischen, aber wohlgemerkt, auch nicht der deutschen und der russischen Journalisten. Wären die Regierenden und ihre Diplomaten nicht kaltblütiger und friedliebender als die Stimmführer in der Presse, so würde es schon längst wieder von den Vernunftgründen der — 328 - Druckerschwärze zu den Vernunftgrüuden des Schießpulvers gekommen seiu. Noch immer Hort man hie und da von klugthuenden Ausländern die alte Mähr von der preußischen „Militärpartei" vorbringen, welche mit aller Gewalt zum Völkerschlachten dränge. Wie wenig stimmt das mit der Wahrheit! In demselben Atem, mit dem diese hohen Politiker die Greuel der preußischen Militärpartei enthüllen, Pflegen sie uns auch den Vorwurf an den Kopf zn werfen, die fünfnndvierzig Millionen Deutsche seien lauter arme Knechte unter Bismarcks Alleinherrschaft. Selbst die letztere Behauptung ist nicht so wahr, wie es scheint, aber sie ist wahr genug, um sagen zu können: was würde eine Militärpartei bedeuten, die nicht mit Bismarck identisch wäre? Und doch giebt es vielleicht in ganz Preußen keinen Menschen, der weniger Militärpartei wäre, als er, trotz der Uniform, in welcher er einhergeht. Wäre sein Sinn so groß für das Bedürfnis des inneren wie für das Bedürfnis des äußeren Landfriedens, „wie lieb folltst du mir sein"! Auch in Frankreich hat es bei Ausbruch des Krieges keine Militärpartei in jenem gemeingefährlichen Sinne gegeben. Weiber, Intriganten und Journalisten haben den Krieg gegen Deutschland angeblasen, zu dem Napoleon selbst nicht hinneigte. Die Wahrheit ist, daß in der Regel hier wie dort die Häupter des Militärwesens den Krieg weder wünschen, noch Ursache haben, ihn zu wünschen. Vielen gut dotierten Stellen und allem, was dazu an Armatur gehört, mögen sie dies- wie jenseits hold sein; aber gerade die Inhaber der hohen Chargen haben vom Krieg mehr zu fürchten, als zu hoffen. Fähnriche und Lieutenants, welche, um zn avancieren, einen Feldzug ersehnen und deshalb stets prophezeien, daß es nächstens losgehen wird, giebt es überall, aber glücklicherweise haben die Lieutenants und die Fähn- — 329 — riche mehr Einfluß auf junge Damen als auf alte Schnauzbärte. Die wahre Militärpartei find die Journalisten. Es ist merkwürdig genug, daß man den Satz „Gott bewahre mich vor meinen Freunden", schon erfunden hat, ehe die Zeitungen erfunden waren. Die Menschen gebrauchen die Sprache viel weniger, um anderen Mitteilungen zu machen, als um zum eigenen Vergnügen laut zu denken; die Journalisten aber, welche nicht immer die tiefsten Denker sind, machen ihre Reflexionen am lautesten von allen Menschen, und ihr Beruf hat sie dazu ausgebildet, vornehmlich das zu denken, was ihre und ihrer Leser Eigenliebe im Moment am meisten kitzelt. Überdies ist es leider sehr verführerisch, von denen, mit denen man schlecht steht, schlecht zu denken. Dies Geschäft übernehmen die Zeitungen für sich und für ihr Publikum. Die unzerstörbare Naivetät der Menschen bleibt an der Vorstellung haften, daß die Blätter geschrieben würden, um über Thatsachen und Verhältnisse zu belehren. In Wahrheit werden sie geschrieben, um zu unterhalten, und nichts ist so unterhaltend wie üble Nachrede — die laute gegen die Feinde, die leise gegen die Freunde. Seitdem die Politik in das Zeichen der Nationalität eingetreten ist, hat die gegenseitige Völkerverlästerung einen ungeheuren Aufschwung genommen. Das an sich wohlberechtigte Prinzip ist zu solchen Extremen getrieben worden, daß man den Moment kommen sieht, wo es sich überschlagen wird. Nach dem Vorgang der großen Nationalitäten, welche alte Kulturen tragen und verkörpern, wird jetzt für die kleinsten, kanm definierbaren, halb barbarischen Gruppen die Selbstherrlichkeit gefordert. Nicht zufrieden mit der Unabhängigkeit des Vaterlandes nach außen, gräbt man im Innern desselben nach nationalen Wurzeln, um auf dem eigenen gemeinsamen Boden möglichst viel Ele- mente befehden, verdrängen, unterdrücken und isolieren zu können. Man sollte denken, die sozialistische Bewegung, welche jetzt im Aufsteigen begriffen ist, müßte als ihrer Natur nach huinanitarisch, d. h. kosmopolitisch, die nationale zurückdrängen, und die Logik der reinen Kommunisten erkennt das auch an. Aber wo einmal die Freude am Hassen sich der Gemüter bemeistert hat, greift sie nach jedwedem Gefäß, um ihren Durst zu stillen. So sehen wir in Deutschland eine Sekte sich breit macheu, die es fertig bringt, einen extremen Nationalismus mit Sozialismus zu verquicken, — Wasser mit Feuer; freilich weil eS ihr im Herzen so wenig um das eine wie um das andere zu thun und das Ächten und Verachten ihr Hauptsache ist. „Die Sektiererei ist so recht für die Lumpen gemacht, denn sie giebt ihnen eine Konsistenz, die sie ans sich selbst niemals schöpfen könnten." So schrieb schon vor hundertundzehn Jahren der Abbate Galiani. Man hört so oft die Frage auswerfen: was soll aus der Menschheit werden, wenn die Vermehrung der bewaffneten Macht zn Land und zu Wasser sich wechselseitig steigernd immer so weiter geht und das Mark der Völker aufzehrt? Ehrwürdige Leute, welche sich nicht schämen für Illusionäre zu gelten, versuchen immer wieder, Vorschläge zu allgemeiner Abrüstung auf die Tagesordnung zu setzen. Wie wäre es, wenn einmal die Journalisten an dem Apparat des Völkerhasses abzurüsten versuchten? Liegt doch ohne Zweifel in ihm eine der Hauptursacheu, welche zur ewig wachsenden Höhe der eisernen Rüstungen hindrängen! Man wird den Gedanken, daß eine solche Mahnuug Gehör finden könne, ebenfalls für eine blanke Illusion erklären. Wer auch dürfte hoffen, er besäße die Stimme, in diesem wüsten Wortgetöse sich vernehmbar zu machen? — 331 — Vor allem erhebt jeder, an den man sich wendet, die Einrede: „der andere hat angefangen!" Frage man in Deutschland, in Frankreich, Rußland, überall stößt man auf die Antwort: „nicht wir sind die Schuldigen, jene draußeu sind es". Aus diesem vitiösen Zirkel giebt es offenbar nur den einen Ausweg, daß jeder bei sich anfange, ohne zu fragen, was der andere thut. Wo jeder den anderen anklagt, darf auch jeder sich sagen, daß er nicht ganz von Sünden frei sein wird. Und wo jeder Partei ist, kann niemand Richter sein. Das Hauptunglück kommt daher, daß die meisten Journalisten morgens, mittags und abends die Zoruesaus- brüche ihrer ausländischen Kollegen lesen, sich ganz davon erfüllen und durch eine mir zu natürliche Reflexbewegung der Nerven getrieben werden, mit gleicher Münze heimzuzahlen, ja, dies für ihre heiligste Pflicht halten. O! es geschieht alles im besten Glauben; das ist eben das Unglück. Und wenn die Journalisten sich zanken, meinen die Völker sich in den Haaren zu liegen. Es würde einem, der selbst die Feder führt, schlecht anstehen, geringschätzig von der Presse zn reden. Aber dennoch möchte ich einem, jeden, der sich über einen Zeitungsartikel erbost und zn neuer Bosheit fortreißen läßt, die schöne Geschichte wiederholen, die Alfred de Musset von sich erzählt. Eines Tags, da seine große Verstimmung einem alten englischen Herrn aufsiel, frug ihn dieser nach der Ursache. Müsset erwiderte, ein Journal habe ihn schändlich angegriffen, worauf der Engländer in seinem gebrochenen Französisch ausrief: Hu'sst-os «zu'uri ^ourrial? IIn ^oruns,! e'sst uns ^snns Iromms. „Was ist ein Journal? Ein Journal ist eine junge Mensch!" Und wie viele solche junge Menschen giebt es auch unter den ältesten ihres Geschlechts! Die deutschen Journalisten uud deutschen Leser be- — 332 — schäftigen sich viel zu sehr mit auswärtigen Dingen. Das ist noch eine der schädlichen Erbschaften unserer erst halb überwundenen politischen Krähwinkelei nnd unserer noch gar uicht überwundenen geistigen Zersplitterung. Wer den Deutschen etwas sagen will, ist noch heute sicherer es ihnen überall zu Gehör zu bringen, wenn er es in die „Times" oder in den „Temps" setzt, als in irgend ein deutsches Blatt. Unsere Zeitungen bringen regelmäßig nicht nur die in den Parlamenten, sondern auch die in den Fraktionen gehaltenen Reden der französischen Abgeordneten. Noch niemals, darauf kann man jede Wette eingehen, hat ein fremdes Blatt erzählt, was in einer Berliner Fraktion gesprochen worden ist. Ja! wenn Jules Simon in einer Fraktion spricht, ist er viel sicherer durch die „Französische Korrespondenz" in die Berliner Blätter zu kommeu, als Gneist an Ort und Stelle. Wer kennt nicht Jules Simon in Deutschland? Wer außer den Gelehrten des Fachs kennt Gneist in Frankreich? Und doch steckt in Gneist zehnmal mehr wie in Simon. Als jüngst der Lordmayor von London „unserem" Stöcker die Erlaubnis im Stadthause zu reden wieder entzog, erklärte er, bei der ursprünglichen Zusage gar nicht gewußt zu haben, wer Stöcker sei. „^Vlio 1s Ltosolcsr? Wer ist Stöcker?" rief er, „ich hatte keine Ahnnng!" — Für Deutschlands Ehre wäre es besser gewesen, er hätte es nie erfahren. Aber uehmen wir an, es gäbe in England eine so seltsame Figur, d. h. einen am Morgen vor dem Hof predigenden und am Abend in vorstädtischen Bierlokalen agitierenden Geistlichen, unsere kleinsten Dorfzeitungen hätten sein Bild schon lange in ihrer Sonntagsbeilage gebracht. Dies Erbübel ist zu einem guten Teil mit Schuld daran, daß unsere Presse immer mit dem Ausland „verzankt" ist." Die Selbstverleuguuug ihrer kosmopolitischen Neugierde gleicht sie dann durch die Übertreibung ihres — 333 nationalen Selbstgefühls wieder aus. Das ist „ein Schwören, Rasen, Poltern" ohne Ende. Und zu welchem Zweck? Allerdings, es schafft Erleichterung von dem Unwillen, den man über das Schwören, Rasen, Poltern des andern Teils empfunden hat. Aber wenn es vergönnt wäre, von der Fiktion auszugehen, daß die Presse da sei, um bessernd ans Menschen und Zustände zu wirken, so müßte man doch zu erwägen geben, ob die Leute durch die Grobheiten oder Bosheiten, die man ihnen an den Kopf wirft, gebessert werden, auch wenn sie noch so unrecht haben. Wir sind nicht bloß Jahr aus Jahr ein mit Frankreich und Rußland verzankt, sondern mit der halben Welt. Es giebt ein paar große deutsche Blätter, die stets mit Haß und Verachtung gegen die Engländer geladen sind, die respektabelste Nation der Welt, die uus weder liebt uoch haßt. Uud warum dies? zu welchem Zweck? das hat noch niemand ergründen können. Aufmerksamen Zeitungslcsern wird es uicht entgangen sein, daß deutsche Korrespondenten in fremden Ländern beinahe immer gegen die Regierung des Landes, über das sie berichten, Partei nehmen, statt sich objektiv zu verhalten, wie Fremden natürlich oder mindestens geziemend wäre. Wenn wir von diesem Hader nach außen noch wenigstens das Hütten, daß wir etwas brüderlicher nach innen empfänden; wenn wir wenigstens die Lehre des Evangeliums verwerteten, wie jener Kapuziner: „Liebet Euch unter einander, denn wer sonst, zum Teufel, soll Euch lieb haben?" Aber selten ist Deutschland so in Uneinigkeit zerrieben gewesen, wie seitdem es „ein einig Bolk von Brüdern" geworden. Wir hätten doch einen besonderen Grund, das Beispiel der Mäßigung zu geben. Deutschland ist Sieger gewesen und ist heute jedem einzelnen gegenüber gewiß der Stärkere. Lassen wir das Aufbrausen denen, die ihren, wenn nicht gerechten, so doch begreiflichen Groll noch zn 334 — verwinden haben. Die „große Politik" kann ja manchmal in ihrer Weisheit es für nützlich halten, einen „Krieg in Sicht-Artikel" loszulassen, dafür hat sie dann ihre eigenen Organe. Wenn ich aber die Ehre hätte, ein großes unabhängiges Blatt zu redigieren und es würde ein solcher Dienst von mir verlangt, fo würde ich die Antwort geben, welche der Aufseher des zoologischen Gartens in Frankfurt a. M. dem Bedienten der Baronin Bethmann gab. Dieser richtete nämlich im Namen seiner in der Nähe wohnenden Gebieterin den Auftrag aus, der Hirsch, welcher — sei es aus Zahnschmerzen oder aus Liebesschmerzeu — so sehr schrie, möchte zum Schweigen gebracht werden. „Bitte", lautete die Antwort, „kommen Sie doch herein und sagen Sies dem Hirsche selbst". Die Tagespresse hat viel zu thun, aber sie thut noch mehr als man von ihr verlangt. Dazu gehört das Wiedergeben und Widerlegen aller Jnvektiven, welche irgend ein auswärtiges Blatt — manchmal ein ganz obskures — losläßt. Es wäre besser und würde viel weniger Arbeit machen, wenn man sich darauf beschränkte, das hervorzuheben, was zur Beruhigung beitragen kann; der militärischen Kriegstüchtigkeit würde das keinen Eintrag thun. Am nächsten Weihnachtstag werden wir, wie alljährlich, an dem Kopf jeder Zeitung einen Schulaufsatz finden, voll Orgelton und Glockenklang, überschrieben: „Freude im Himmel und Friede auf Erden." Darin wird er besungen und belobigt der liebliche Knabe gelagert am ruhigen Bach. Ich möchte einen Vorschlag zur Güte machen. Einmal im Jahr ein Donnerwetter zur Erleichterung der kriegerischen Journalistenbrust, und die übrigen 364 Tage möglichst viel von dem, was zur Besänftigung der Nationen gereichen könnte, die doch schließlich alle dieselben menschlichen Fehler und Tugenden mit sich herum tragen. Dunkle Vorstellungen') sind meines Wissens nur in den Theatern Deutschlands eingeführt. In Italien, Frankreich uud England weiß man nichts davon und würde man sie auch nicht ertragen. Bei uns sind sie noch nicht seit einem Menschenalter eingebürgert. Ehe die Gasbeleuchtung im Gebrauch war, konnte das Auf- und Abschrauben der Massenflammen nicht hergestellt werden. Der erste Versuch, den der Intendant der königlichen Schauspiele am letzten Montag gemacht hat, seinen Zuschauerraum mit einer festlich geschmückten Menge zu füllen, hat die Aufmerksamkeit auf diese eigentümliche Sitte gelenkt, und schon um deswillen sollte man ihm für denselben dankbar sein. Auf den ersten Hieb scheint ja die Sache mißglückt zu sein, uud manchmal ist gerade der erste Hieb entscheidend. Aber — ob mit besserem Erfolg oder nicht — die Versuche werden fortgesetzt werden, und ob man ihnen hold oder abhold gesinnt sei, sie werden Anlaß geben, mehr als einen Seitenblick auf die Theaterordnung und alles, was damit zusammenhängt, zu werfen, so daß ein Gewinn übrig bleibt. Wenn wir bei dieser Gelegenheit die dunklen Vorstellungen los werden könnten, so *) Aus der „Nation" vom 14. Januar 1888. wäre das ganz entschieden ein solcher. Ich weiß, die Wagnerianer wird man nicht dazn bekehren, denn der Meister hat es so gewollt, und man braucht nicht einmal zu fragen: wer weiß, was er gewollt? wie es am Ende des Burschenschaftliedes heißt. Man weiß es ganz genau. Über Religion läßt sich nicht streiten, und das Wagnertum ift Religion. Daß Dunkelheit zum Mysterium gehört, ist selbstverständlich. Unsichtbares Orchester, unsichtbare Zuhörer, unsichtbare Mächte und noch etliche andere Unsichtbarkeiten tragen zur Steigerung dunkler Gefühle bei und haben gewiß das ihrige gethan, der Bayreuther realistischen Romantik den Weg zu bahnen. Neben der Wagner-Religion hat noch eine zweite zur Verdunkelung der Vorstellungen mit eingesetzt, nämlich die Religion der Meininger. Ist es dem Wagnerischen Sinn mehr um die nächtliche Dämmerung im Bereich der Zuhörer zu thun, so handelt es sich bei dem des Meiningers um die möglichst große Helligkeit auf der Bühue. Weun der Zuschauer ergötzt werdeu soll durch die echte Ziselierung einer römischen Vase im Schlafzimmer Cäsars, so muß ein grelles Licht auf die Bühne fallen, und zwar auf die Bühne allein, damit alle die einzelnen Nebenfachen, welche hier zur Hauptsache gemacht siud, um so wirkungsvoller zur Geltung kommen. Diese beiden Religionen und ihr Kultus sollen also unbehelligt bleiben. Ich fühle mich ihnen gegenüber so profan, daß mir nicht beikommt, mit ihnen rechten zu wollen. Aber lasfet uns andere als gewöhnliche Menschenkinder menschlich miteinander reden. Graf Hochberg hat ganz gewiß recht, wenn er meint, ein Schauspiel werde dadurch erhöht, daß alles dabei Mitwirkende harmonisch ineinander greife, und daß vollends die große Oper geradezu nach solcher Harmonie schreie. Mitwirken, sage ich, und mit vollem Bewußtsein. Denn wirken nicht die Zuschauer mit? — 337 — Was braucht es mehr als das Zitat aus dem Buch der Bücher: „Die Damen geben sich und ihren Putz zum Besten Und spielen ohne Gage mit." Ja, sie spielen mit, sie sollen mitspielen, uud auch wir anderen, wir — wenn wir nicht Offiziere sind — unscheinbar gekleideten Männer sollen mitthun, denn was wären sonst — in aller ihrer Herrlichkeit! — die Damen? Ein Theaterstück kommt nur dadurch zur Existenz, daß es vor einer Menge aufgeführt wird, an deren nicht individualisiertem, sondern an deren Kollektivbewußtsein es seine Strahlen bricht. Man frage nur die Schauspieler! Sie müssen dieses Mitwirkens von der andern Seite so fortwährend teilhaftig werden, daß sie ohne Beisallsbezeugungen nicht gut spielen können. Die Rachel versicherte, daß ihr selbst der Schein dieses Beifalls, die bezahlte Claque, unentbehrlich sei. Und nicht bloß dem thätigen Teil, dem „Akteur", geht es so, auch dem passiven, dem Zuschauer. Aus dem einzigen Umstand, daß König Ludwig II. für sich allein Vorstellungen geben ließ, drängt sich schon unvermeidlich der Rückschluß auf, daß er kein normaler Mensch war. Das Theater läßt sich nur in Gemeinsamkeit mit der großen Zahl genießen. Alle seine Eindrücke gelangen erst dann zu ihrer vollen Bestimmung, wenn sie elektrisierend die Kette der Zuhörer durchschüttern und dieselben zu einem in potenzierter Erkenntnis und Empfindung verbundenen Gesamtwesen verschmelzen. Die Sinne, Auge und Ohr, durch welche das Theater auf die Menge oder richtiger mit der Menge zusammenwirkt, verlangen dabei natürlich ihre Befriedigung vor allem aus dem Born der Schönheit, am meisten aber gerade in der Oper. In dieser soll das Höchste geleistet werden, was die Phantasie durch den Zauber der Erscheinung und der Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. — 338 — Töne in Schwingung setzen kann. Was ist natürlicher, als das Verlangen, den Einklang damit auch im mitspielenden Publikum herzustellen? Es ließe sich viel über den Maßstab, der hier anzulegen ist, sagen. Doch würde das zu weit von meinem Endzwecke ableiten, welcher dahin geht, zu zeigen, daß ein festlich geschmücktes Auditorium bei unseren während der Vorstellung verdunkelten Häusern ein Unsinn wäre. Der gebildete Mensch kommt doch höchstens fünf Minuten vor dem Aufrollen des Vorhangs. Es gehört zu den kostbarsten Vorzügen unserer Bühnengewohnheiten, daß wir nicht die tötend langen Zwischenakte haben, welche z. B. in Paris zum unerläßlichen Anstand gehören, damit nicht Gott bewahre die Vorstellung vor Mitternacht zu Ende sei. Es ist zu fürchten, daß, wenn die geputzten Abende durchgreifen, die Zwischenakte länger werden, wenn nicht die wahre Hilfe kommt in Gestalt des Lichts auch während des Akts. IIn xiü äi lues! das ist der Ruf, den Graf Hochberg bei dieser Gelegenheit erhören sollte. Oder meint er wirklich, eine Dame werde zwei Stunden lang Toilette machen, um in zwei oder drei Zwischenakten zehn Minuten lang angesehen zu werden? Mit zwei Stunden trete ich gewiß keiner zu nahe, es ist ein gutes Durchschnittsbedürfnis, das hier zu Grunde gelegt ist. Und warum sollte dieses Dunkel nicht gelichtet werden? Ich behaupte, das Verdunkeln des Zuschauerraums ist nur nebenher der Absicht entsprungen, durch den Gegensatz die Erscheinungen der Bühne in möglichst Helles Licht zu setzen. Zwei andere Beweggründe haben mitgewirkt, zunächst ein rechnerischer, die Ersparnis von Gas und dann ein pädagogischer, die Erzwingung der Aufmerksamkeit. Letzterer spielt ohne Zweifel die Hauptrolle dabei; damit stimmt auch der Umstand, daß wir es hier mit einer deutschen Erfindung - 339 — zu thun haben. Der Deutsche ist vor allem ein geduldiger Schüler. Geduldig über die Maßen und ein Schüler seine lieben Lebtage lang. So sagt ihm denn der Schauspiel- direkor beim Eintritt in sein Haus: mein Sohn, oder meine Tochter, du wirst dich während der Schule jetzt nicht mit Allotris abgeben, und um dessen gewiß zu sein werde ich dich nötigen, während des Unterrichtes unverwandten Auges auf die Bühne zu schauen, wie du in der Klasse auf die schwarze Tafel schautest (oder auch nicht), wenn der Herr Lehrer eine geometrische Figur explizierte. Natürlich lächelte ein solcher Pädagogischer Brauch ganz besonders den Meiningern, die sich einbilden, das Publikum zu erziehen, und dem Meister Wagner, welcher wußte, daß man das Publikum tyrannisieren muß, um ihm zu imponieren, besonders in Deutschland. Und so ist in Ausbildung dieses Unwesens glücklich das schöne Ziel erreicht, daß mir verboten ist, mein Auge, so lange gespielt wird, auch nur eine Minute lang mit etwas anderem als den Vorgängen auf der Bühne zu beschäftigen. Ich muß zusehen, wie die zwei als Löwen verkleideten Buben in der Zauberflöte ihre Späße ausführen, wie die Hohepriester ihre Tuba feierlich vor sich aufpflanzen, wie Almaviva mit Rosiue am Klavier tändelt, während Bartolo hinausgelaufen ist, oder wie Kaspar die Kugeln gießt, während die Eule mit den Flügeln schlägt; nichts wird mir erlassen, was dem kleinen heute zum erstenmal ins Theater geführten Mädchen unbändige Freude macht, was mich alten Menschen aber schon etliche dutzendmal zur Verzweiflung gebracht hat. Und während ich als braver Schüler hier Acht geben muß, möchte ich lieber als unbraver die nette Dame da drüben ansehen, die sich auf Wunsch der Intendantur heute extraschön gemacht hat, aber nun in Dunkelarrest sitzt und sich langweilt wie ich. Und giebt es keine Sänger, die schlecht spielen, keine Sängerinnen, 22* — 340 — die man als Julie viel mehr genießt, wenn man statt ihrer irgend eine hübsche Zuschauerin fixiert? Die alt gewordene Persiani oder die dick gewordene Alboni machten ihren Bewunderern noch immer Freude, weil diese uicht gezwungen waren, sie anzusehen, wenn Don Giovanni sie zur Laube einlud, wo ihr schönstes Stündchen schlüge. Es ist anch auf den Bühnen anderer Länder vollauf hell genug, um die Herrlichkeiten des Madrider Ballets und das Minenspiel der Öomsclis FiÄnyÄiss bis auf die letzten Feinheiten zu genießen, und die Dunkelmacherei in unseren Theatern ist in Wahrheit Heller Unsinn. Will Graf Hochberg seinem Versuch nicht von vornherein das Lebenslicht ausblasen, so muß er diese schulmeisterliche Pedanterie abschaffen. Daß ihm dann gelingen wird, die „Gesellschaftsabende", ich darf nicht sagen einzubürgern, denn sie sollen ja das Gegenteil von bürgerlich sein — möchte ich darum noch nicht garantieren. Eine Opernvorstellung, die mit allem Luxus einer reich geschmückten Damenwelt ausgestattet ist, hat unleugbar einen großen Reiz und leistet, wenn die Hauptaufgabe darüber nicht hintangesetzt wird, erst damit das Vollmasz dessen, was sie leisten kann. Vielleicht aber liegt dann die Gefahr nach der anderen Seite, daß die Frivolität die Oberhand gewinnt. In Italien ist die Oper so sehr eine Geselligkeitsanstalt, daß man das Schwatzen als die Hauptsache betrachtet und durch die Sänger darin gestört wird. In Paris ist die Oper unter dem Glanz der Ausstattung auf der Bühne wie im Zuschauerraum musikalisch gewaltig zurückgegangen. Die Damen machen ihre Toilette auch nicht für die Vorstellung allein, sondern für die Gesellschaft, in welche sie nachher gehen. Wie steht es aber in Berlin mit der Gesellschaft? Eine kitzliche Frage! Ob überhaupt eine Gesellschaft aufkommen kann, wo die militärische Uniform — 341 — dem Ganzen ihr Gepräge aufdrückt? wo Sporen und Säbel mit ihrem allbeherrschenden Klirren sich vordrängen? wo man beispielsweise heute den Damen empfiehlt, in ausgeschnittenen Ballkleidern im Parket zu erscheinen, während derselbe Platz zn gemein erklärt wird, um auch nur einen Lieutenant oder Kadetten zu beherbergen? Wenn die Oper elegantes Publikum im ersten Rang haben wollte, so müßte sie zunächst doch Platz machen für dasselbe, Platz für die Damen, denen jetzt der Zutritt auf ein Minimum beschränkt wird dadurch, daß es für einen Mann in Uniform nicht standesgemäß erscheint, sich ebener Erde zu zeigen. Um einen großen Theatersaal zu sülleu, braucht man die große Zahl, und wenn man den Anspruch an sie erhebt, daß sie sich „schön mache", so muß man ihr die Gleichheit dafür einräumen. Aber wie weit sind wir noch entfernt von der praktisch durchgeführten Erkenntnis, daß zu einer wahren guten Gesellschaft die Gleichberechtigung aller Menschen von Bildung und Geschmack gehört. Dünkel von oben und Unterthänigkeit von unten halten alle Elemente, aus denen ein höherer Verkehr sich ernährt, noch viel zu sehr in Banden, und wir bekommen vielleicht noch eher Gesellschaftsabende in der Oper, als eine Gesellschaft überhaupt. Schaffte man uns inzwischen etwas mehr Licht auch während der Vorstellung, so wären wir wenigstens ein Stück vom Schulmeister los, der eine unserer größten Plagen geworden ist, seitdem er es zum Reservelieutenant gebracht hat. Die Aera öer Toaste. ') ^m zweiten Viertel dieses Jahrhunderts lebte zu Paris ein Schriftsteller mit Namen Gsrard de Nerval. Uns Deutsche darf er besonders interessieren, weil er mit Liebe und Geschick viele unserer klassischen Dichterwerke, auch den Faust, ins Französische übersetzt hat. Diese Arbeiten und mehr noch die Originalität seines persönlichen Wesens brachten ihn in den Ruf eines Genies, aber freilich eines Genies von jener bedenklichen Gattung, die aus Überfluß an Geist mit der prosaischen Führung des Lebens nicht fertig wird und schließlich verbummelt. Zuletzt verfiel er dem Trunk, wie merkwürdiger Weise einige andere hervorragende Poeten seiner Nation; und eines Morgens fand man seine Leiche am Laternenpfosten eines verlorenen, jetzt verschwundeneu Gäßchens, der rns cls lg. luQs, wo er sich in einer dunklen Winternacht aufgehängt hatte. Man erzählt allerhand schnurrige Geschichten von ihm. Eine kam mir jüngst wieder ins Gedächtnis, als ich las, ein beredter Mund hätte bei einem Gastmahl der Journalisten den Ausspruch gethau: alle bestehenden Parteien hätten sich überlebt, oder wie eine Zeitung das später frei übersetzte, sie seien zu altem Trödel Aus der „Nation" vom 21. Dezember 1889. - 343 — geworden. Wenn Gsrard de Nerval in seiner noch guten Zeit eine Erholungsreise macheu wollte, so mochte er sich nicht erst lauge den Kopf über den einzuschlagenden Weg zerbrechen. Er ging an den Schalter des Bahnhofs, griff in seine Hosentasche, langte eine Handvoll Münzen heraus uud legte diese dem Beamten aufs Zählbrett mit den Worten: „Geben Sie mir für mein Geld, vorms^-moi xonr rnon arZkut". In Paris giebt es fünf große Bahnhöfe, deren Linien nach den Hauptregionen in die verschiedenen Weltgegenden ausstrahlen. So konnte unser lustiger Patron noch immer sicher seiu, daß er je nach dem Bahnhof in eine Gegend des Nordens oder Südeus, Ostens oder Westens gelangen werde. Verlege man ihn aber mit seiner Laune in den Zentralbahnhof der Friedrichstraße, so würde die Methode noch viel abenteuerlicher. Nun scheint mir, daß der liebens- und bewundernswürdige Oberbürgermeister von Frankfurt, der den oben erwähnten Toast ausbrachte, den deutschen Wählern und Gewühlten einen Rat erteilt, welcher dazu angethan wäre, sie stark auf die Fährte des genialen Franzosen zu verlocken. Zur Zeit als Herr Windthorst noch das Zentrum regierte, Pflegte er, wenn die Reichsregieruug mit einem neuen Ansinnen hervortrat, den Schwerpunkt seiner Gegenrede in den Ausspruch zu legen, daß er erst wissen möchte: wohin die Reise geht. Mit diesem Programm, welches ungefähr das Gegenteil sagt, wie das neueste Motto des Herrn Miquel, hat Herr Windthorst über ein Jahrzehnt lang seine großen parlamentarischen Schlachten geschlagen und in einem langen, zähen Feldzug den Kanzler mitsamt seinem treuesten Anhang besiegt. Allerdings diese schönen Zeiten sind auch für Windthorst vorüber. Nachdem er den Kanzler im Kampf um Rom überwunden, hat auch er den Wechsel des Kriegsglücks — 344 — über dem Kampf um Kornzölle und Branntweinliebesgaben erfahren müssen. Er darf jetzt nicht mehr so laut frageu, wohin die Reise geht; es könnten sonst die stattlichsten Mannen in seinen eigenen Reihen zu meutern anfangen: und manchmal muß er ein Auge zudrücken, um den Weg, den die Reise einschlägt, nicht zu erkennen. Als er vermeintlich den Pfad der Begeisterung für die Befreiung der Sklaven betrat, stellte sich alsbald heraus, daß er nur ein Hülfsheer für die Zöllner des Sultaus von Zanzibar auf die Beine gebracht hatte; er hatte gedacht mit dem Kardinal Lavigerie in See zu stechen und erwachte an Bord an der Seite des Herrn Direktor Vohsen von der Ostafrikanischen Gesellschaft. Zu den Bräuchen vieler afrikanischen Stämme, mit denen wir uns aus nationalen Gründen jetzt immer mehr beschäftigen müssen, gehört es bekanntlich, auf dem Grabe eines ansehnlichen Toten eine Zahl seiner lebenden Angehörigen abzuschlachten. Bei dem Leichenfeste, welches der berühmte Parlamentarier in Frankfurt an den alten überlebten Parteien veranstaltete, durfte es auch an einer solchen Hekatombe nicht fehlen; und so schwang er, im Zuge wie er nun einmal war, sein blinkendes Opfermesser auch über das Parlament selbst. Er meinte, es mache seine Leute dumm. Man lege es also zu den Toten! Herr Miquel hatte damals, wie ganz unzweifelhaft feststeht, noch die bestimmte Absicht, zum nächsten Reichstag kein Mandat mehr anzunehmen, und so war es eigentlich nur konsequent, wenn er mit diesem, wenn auch für seine Vergangenheit wenig verbindlichen Bekenntnis von der Bühne abtrat. Denn: Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, Mußt dich ums Vergangene nicht bekümmern. Inzwischen hat der Urheber jener beiden drastischen Sätze sich, wie glaubhaft erzählt wird, von einer gewiß unWider- — 345 stehlichen Autorität bestimmen lassen, seine bewährte Kraft auch dem kommenden Reichstag nicht zu entziehen, und man kann auf den Gedanken verfallen, daß gerade seine geringe Meinung von den alten Parteien und von der parlamentarischen Weisheit zur Erhöhung des Vertrauens in seine künftige Wirksamkeit beigetragen hat. Die kleine Verlegenheit, welche solches Dilemma einem Durchschnittsmenschen bereiten könnte, wird er spielend überwinden. Eine abgethane Vergangenheit hinter sich und einen Reiseplan in unentdeckte Länder vor sich, was könnte es für einen unternehmenden Politiker Schöneres geben? Wir breiten nur den Mantel aus, Der soll uns durch die Lüfte tragen. Du nimmst bei diesem kühnen Schritt Nur keinen großen Bündel mit. Ein bischen Feucrluft, die ich bereiten werde, Hebt uns behend von dieser Erde. Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf; Ich gratulier' zum neuen Lcbenslauf. Ernsthaft, wie ich nun leider einmal bin, hab ich mir die Frage vorgelegt, ob man auf einen Trinkspruch so großes Gewicht legen dürfte, um daran gewissermaßen Betrachtungen über die Einweihung einer neuen Ära in der Entwicklung des deutschen politischen Lebens zu knüpfen. Die Toaste, welche, wie schon das Wort sagt, aus England stammen, obwohl ihr Ursprung bis ins graue Altertum zurückführt, genießen auf jenem ihrem klassischen Boden eine Art von Freibrief. Was ein Mann in einem ^AsräirursrLxSSLli gesagt hat, soll ihm am folgenden Tage nicht mehr bei Heller und Pfennig vorgerechnet werden. Auch ist, was insbesondere die Aussage von der verdummenden Gewalt des Parlamentarismus betrifft, noch zu beherzigen, daß sie vor einer Tafelrunde von Journalisten von einem der ersten deutschen Parlamentarier gethan worden. Dieser verfügt über alle Künste, aus denen die Kunst der Rede sich zusammensetzt, ich wüßte uicht eine, die ihm fehlte. Dazu gehört auch etwas Koketterie. Ich denke nicht schlecht von ihr, sonst würde ich das nicht so offen sagen. Mit Maß nnd Geschmack einem Schatz von guten Gaben beigemischt, trägt sie zum Reiz des Verkehrs nicht nur unter den beiden verschiedenen Geschlechtern bei. Sie ist eine jener Würzen, die ihren Adel dadurch bekunden, daß sie nur in der aller- feinsten Qualität oder gar nicht genießbar sind. Nun ist es gewiß schon ein Zug artigster Koketterie, wenn ein Mann, der die reichsten Lorbeeren in parlamentarischen Gefilden gepflückt hat, von der verdummenden Luft der Parlameute spricht. Thut er das aber gar vor einer Galerie von angeheiterten Journalisten, so ist er sicher, seinen Effekt aufs Höchste zu steigern, denn der Journalist ist dem Parlamentarier im Innersten seiner Seele — sagen wir: nicht gerade hold. Beide Teile stehen in einem Verwandtschaftsverhältnis, sie sind auf einander angewiesen, aneinander- gekettet, und daraus erklärt sich, wie so oft, das bissele Falschheit. Die Journalisten der Parlamente gar, die Berichterstatter, die sitzen oben auf der Galerie und schauen auf uns herab und müssen — fragt mich nur nicht wie? — nachschreiben, was wir sagen. Will mans ihnen verdenken, wenn sie den Kopf schütteln oder selbst fluchen? Und daß die Leute, welche einen so aus der Nähe beobachten, mehr Dummheit sehen als andere, ist auch bekannt. Ob sie recht haben? ist ja eine andere Frage. Wenn sie unten säßen, würden sie es wohl auch nicht besser machen, besonders in einem deutschen Parlament. Denn kein Wesen macht eine so alberne Figur, wie eines, das nur der Schein von dem ist, was es sein soll. Machtlosigkeit mit dem Schein hoher Stellung verbunden ist ein trübselig Ding. Aber so 347 — meint es Herr Miquel ja nicht. Was ihm dumm und verdummend vorkommt, ist etwas ganz anderes, eigentlich das Gegenteil, mit einem Wort die Mühe, welche sich die Menschheit seit Jahrtausenden giebt, Freiheit und Gerechtigkeit gegen Macht und Ungerechtigkeit durchzusetzen. Und wo ließen sich solche Gegensätze leichter überspringen als bei Toasten? In England gehen sie seit alter Zeit neben dem parlamentarischen Brauch begleitend einher, aber wohl niemals hat man den Versuch gemacht, sie an die Stelle der parlamentarischen Autorität zu setzen. Deutschland hingegen steht gegenwärtig recht eigentlich unter - dem Zeichen der Toaste. Man kann das schon an äußerlichen Merkmalen erkennen. Thue man nur eiuen Blick in die Zeitungen; die telegraphischen Eilberichte aus dem Reichstage werden in kleiner Schrift gedruckt, die Toaste aber in möglichst großer. Sie drängen sich vor alles andere mit fettglänzenden Buchstaben hervor. Nun ist es ja um Fest und Freude eine schöne Sache. Glockenklang und Gläserklingen, Lichterglanz und Fahnenschmuck sind nicht zu verachten, und bescheiden, wie die Menschheit einmal ist, — so bescheiden, wie sie jetzt bei uns ist, war sie seit lange nicht mehr gewesen — erbaut sich die große Zahl derer, welche nicht mit zur Tafel gezogen werden, schon an dem Studium der ausführlichen leckeren Speisekarte, sogar dann, wenn nicht die vaterlandslosen Saucen als deutsche Tunken eingetragen sind. Ob man das nun gut finde oder schlecht, ob maus als eine tiefgehende Bewegung oder als eine Tagesmode ansehe, so viel steht fest: die Erscheinung ist eine herrschende, und wer sich über sie forthelfen wollte mit der Deutuug, daß sie von einzelnen gemacht, mehr oder weniger künstlich erzeugt sei, würde in demselben Irrtum verkehren, welcher dem Gedanken zu Grunde liegt, daß ein großes Gemein- — 348 — Wesen die Blüte seiner tausendjährigen Entwicklung einigen Tautropfen fürstlichen Wohlwollens oder selbst vielen Schweißtropfen bürgerlicher Oberleitung verdanke. Nein, wenn irgendwo im kindischen Spiel ein tiefer Ernst zu finden ist, so hier im inneren Zusammenhang zwischen der Ära der Jubelouvertüreu, in der wir leben, und dem Bekenntnis von der Nichtigkeit aller Parteiunterschiede und der Thorheit parlamentarischer Sinnesweise. Es ist doch mehr als ein Zufall, daß die beiden so verschieden angelegten, aber beide mit Recht sich hoher Ehren erfreuenden Repräsentanten des ehemals liberalen, behäbigen Bürgerstandes eine Zeitlang dem Parlamente den Rücken gekehrt hatten und erst wiederkamen, um an Stelle der Zeiten saurer Arbeit die Zeiten der frohen Feste setzen zu helfeu. Mau kaun doch nicht sagen, daß gerade in der dazwischen liegenden Zeit, nämlich in der ersten Hälfte des laufenden Jahrzehnts, die Krönung des Gebäudes, an dein sie ihr Leben lang redlich mitgearbeitet hatten, so herrliche Fortschritte gemacht oder gar Vollendung erfahren habe. Sie felbst werden vielmehr kaum bestreiten, daß diese Arbeit zur Zeit ihres einstigen Ausscheidens abgebrochen und seitdem verworfen worden ist; und gerade diese Thatsache war daran schuld, daß sie sich entfernten. Es ist in der That saure Arbeit zu allen Zeiten gewesen, in deutschen Landen noch mehr als in den meisten anderen, den Druck der Jahrhunderte abzuwälzen, und die Arbeit ist immer saurer geworden, je mehr die Energie auf Seiten des Bürgerstandes zurückging und auf Seiten seiner Gegner wuchs. Vor etlichen und zwanzig Jahren, nach den ersten großen Erfolgen des damals durchaus liberalen Bürgertums, pflegte Miauel mit Vorliebe einen Grundgedanken voranzustellen und zu beleuchten. Es entspricht ja seinem Phantasie- und geistvollen Naturell, stets irgend eine Lieblings- — 349 — forme! so recht aus ursprünglicher Tiefe mit überraschendem Effekt zu Tage zu fördern. Wie heute die Formel von den veralteten Parteien, so war es damals die von der Grnnd- verschiedenheit Deutschlands ost- und westwärts der Elbe. Der norddeutsche Bund war eben geschlossen, in Süddeutschland tobte der Kampf zwischen den Gegnern und Anhängern Preußens. Es hatte gewiß die Originalität für sich, darauf hinzuweisen, daß der wahre Zwiespalt nicht zwischen Nord und Süd, sondern zwischen Ost und West bestehe. Und was uoch mehr ist, die Formel war gar nicht so falsch. Nur war sie, wohlverstanden, so gemeint, daß die Aufgabe für uns Liberale sei, den Geist des Ostens mit dem Geist des Westens zu besiegen, nicht Hannover mit Schwaben zu bekämpfen, sondern beider vorgerückte politische Kultur siegreich über die Elbe zu führen. Mit einigem Vergnügen, wenn auch nicht ohne einige Wehmut, denke ich noch jetzt an die Stunden zurück, da der farbensprühende Feuergeist uns jene neue Lehre vortrug. Schade nur, daß sie just ins Gegenteil verkehrt worden ist. Denn wenn mans kurz zusammenfassen will, die Summe der inneren deutschen Entwicklung ist heute die: der Osten hat den Westen besiegt. Und besiegt in des Wortes tiefster Bedeutung: der Geist des feudalen Ostens hat den Geist des bürgerlichen Westens unterjocht und zn seiner Anbetung herabgedrückt. In der Sprache des Tages nennt man das „Kartell". Das heißt die Jünker des Ostens mit Gefolge ziehen in die Reichs- sestnng als Sieger ein, und die Bürger des Westens blasen die liberale Musik dazu. Kapellmeister sind eben die beiden großen Parlamentarier. Wenn ich von den Junkern spreche, muß ich mich immer dagegen verwahren, als dächte ich gering von ihnen. Schon weil sie unsere Herren geworden sind, fällt mir das nicht ein. Es ist thöricht und geschmacklos sich über seinen Herrn lustig zu machen, zumal — 350 — wenn er es geworden ist dank der Eigenschaft, die uns selbst fehlt. Auch hat man nie gehört bis jetzt, daß die weltlichen oder geistlichen Anführer des Ostens ihre Anhänger zu der Meinung bekehren wollen, ihre Partei oder ihre Parteigrundsätze Hütten sich überlebt und seien, in der Nähe besehen, dummes Zeug. Im Gegenteil, den Moment, wo die Koryphäen des alten Liberalismus denselben für einen „überwundenen Standpunkt" erklären, wählen die Koryphäen der verbündeten Junker und Klerikalen beider Konfessionen, um dem Reich die Rückkehr zu der seit einem Jahrhundert überwundenen Zunftordnung des Handwerks aufzudrängen. Wenn man doch da einmal von „altem Trödel" reden und an die berühmte Formel: was wohl das Ausland dazu sagen möge? appellieren wollte! Das eben ist ja das Charakteristische an der nihilistischen Kartellpolitik, die gar keinen Inhalt hat, daß sie die Herrschaft des östlichen Feudalismus nicht wieder, sondern zum ersten Mal in Preußen, seit dem es besteht, ans Ruder gebracht hat. Preußen ist nie von den Junkern, sondern von seinen Monarchen und der Büreaukratie regiert worden. Die letztere aber hat neben manchen Fehlern auch große Vorzüge gehabt. Sie war im Grunde nie der Altertümelei ergeben und nie frivol, sie hat in ihren guten Zeiten dem modernen Geist, wenn auch in ihrer Weise, gehuldigt. Ihre guten Zeiten sind freilich vorüber, und wie ihr der Geist selbständigen Wissens und strenger Sachlichkeit ausgetrieben worden, ist bekannt. Seitdem an Stelle der sauren Arbeit in den Reihen der Gesetzgeber wie der Büreaukratie die himmelhohen Zukunftsprojekte getreten sind, ist ganz naturgemäß an Stelle der ruhigen Abwägung der Dinge auch der Posaunenton des Prophetentums getreten; und schließlich sind wir an -dem Punkt angekommen, wo Festeslärm und Festesblendung — 351 — den Inhalt des Politischen Lebens aufzusaugen drohen. In die Litteratur ist natürlich damit auch der Geschmack über- schwänglichster Selbstverherrlichung eingezogen, und im Theater wird in des Wortes verwegenster Bedeutung unter Pauken und Trompeten das Prophetenhandwerk mit allen seinen Kunstgriffen geübt. Warum auch nicht, wenn schon im prosaischen Tagewerk die Zukunftsmusik alles andere übertönt? Wir leben nur noch im Futurum. Der eine wirft sich mehr auf das einfache, der andere auf das tu- t,rrruni sxaczturri, die zukünftige Vergangenheit. Der eine legt die ersehnten Ziele aller Mühsal freiheitsgläubiger Generationen als überwundene Standpunkte zu den Toten, um auf feurigem Wagen in den Himmel aufzufahren, wo ungeahnte Probleme gelöst werden; der andere feiert die kümmerlichsten Anfänge von Versuchen als siegreich vollzogene Großthaten. Die nur noch auf dem Papier stehenden Paragraphen einer eng umschriebenen und hart umstrittenen Sozialgesetzgebung werden in stolzem Aufmarsch als die sicheren Vorboten einer gelösten sozialen Frage vor unseren Augen vorüber geführt; und in den Lederstrumpfgebilden der Kolonialromantik erscheinen die Lehmhütten afrikanischer Negerdörfer als die sicheren künftigen Rivalen hindostanischer Kultur, deren Entfaltung den Anfängen unserer eigenen um Jahrtausende vorangegangen ist. Schließlich, wenn die Zweifel aus der Nähe gar nicht zu bewältigen sind, muß der „Deutsche im Ausland" zu Hilfe kommen. Natürlich im möglichst fernen Ausland, weit weit über die See. Wenn die Salutschüsse im Hafen ertönen, wenn die Flagge lustig im Morgenwinde weht, wenn der Konsul an Bord kommt und beim Knallen der Champagnerstöpsel die Gläser klingen, wenn das unterseeische Kabel all dies Herrliche uach Hause berichtet, — wie klein und eng erscheint dann der Mann, der sich untersteht zu fragen, ob der draußen ge- — 352 — feierte Deutsche zu Hause hundert Millionen mehr oder weniger für eine Schlachtflotte aufzubringen nötig hat? oder ob was Besseres dafür geschehen könnte? Ein Kultus, der zur Ekstase drängt, braucht natürlich seine Idole; und wo Idole gebraucht werden, da stellen sie sich ein. Kein größerer Gegensatz kann gedacht werden, als zwischen dem hausbackenen Liberalismus der alten Schule und der Toastpolitik der ueueu. Selbst der Gegensatz, der uns von den Ultras der Rechten trennt, ist nicht so unübersehbar. Es handelt sich da doch nur um hundert und etliche Jahre Entwicklung. Die Begeisterten der neuesten Richtung dagegen meinen, alles Alterstrebte sei entweder erreicht oder nicht erstrebenswert. Wir andern meinen, es sei noch wenig erlangt und schier noch alles zu thun. Jene meinen, wir ständen am Ende, wo uns scheint, wir stehen erst im Anfang. Der wohlerworbene Besitz von Freiheit und Gerechtigkeit als sichere Grundlage des politischen Daseins, das tägliche Brot eines emanzipierten Volkes ist, was uns noch fehlt. Es war einmal ein Mann, der liebte schlecht und recht mit Maß uud Ziel auch sein Schnäpschen, und er hatte sich sein Vaterunser auf den einfachsten Ausdruck gebracht. Jeden Morgen betete er: „Lieber Gott, gieb mir heute mein täglich Brot, meinen Branntwein stell ich mir selbst." Haben wir erst einmal unser täglich Brot von Freiheit und Gerechtigkeit, so wollen wir für den Branntwein der Begeisterung schon selber sorgen. Misch unö Brot, oöer — Papier? ) den neuesten Zeitungen steht zu lesen, daß künftig in den Seminarien für Volksschullehrer auch die Grundbegriffe der Volkswirtschaft gelehrt werden sollen. Wenn einstmals die Lehrer, welche man jetzt in die Seminarien zu diesem Zweck entsenden wird, wieder Lehrer herangebildet haben, die dann ihre Schüler mit diesen richtigen Begriffen versehen haben, und wenn diese Schüler zu Staatsbürgern herangewachsen sein werden, dann, o dann wird vielleicht manches besser sein als heute. Wir wollen uns dieses Gedankens schöne Stunde nicht trüben durch die Frage: welche Begriffe welcher Volkswirtschaft? Es werden ja die allermeisten von uns nicht mehr im rosigen Lichte wandeln, wenn die Halme dieser jetzt auszustreuenden Saat dereinst in Ähren prangen. Aber darum fühlen wir uns berechtigt, auch etwas für die Gegenwart zu verlangen. Denn doch auch der Lebende hat bekanntlich ein Recht, und das vornehmste dieser Rechte ist das Recht zu leben. Zum Leben aber muß mau essen. Man sollte denken, das sei eine schon jetzt anerkannte Wahrheit und vor allem ein feststehender Begriff der Volkswirtschaft. Und *) Aus der „Nation" vom 15. November 1890. Ludwig Bambcrgcr's Gks, Zchristc», 1. — 354 — dennoch könnte man sich zufrieden geben, wenn einstweilen, bis zu jener entfernten Zukunft, diese Wahrheit anerkannt würde. Aber nicht in den Seminarien, denn bis sie aus diesen wieder herauskäme, hätte der Hunger wohl die Geduld verloren. Ich schlage einen kürzeren Weg vor, ein Notgesetz, wie man es in deutschen Landen zu machen pflegt, wenn die Gelehrten noch nicht einig sind über alle Paragraphen einer für die Ewigkeit zu schaffenden Satzung. Dies Notgesetz würde lauten: „In den Ministerien soll gelehrt werden, daß der Mensch essen muß um zu leben, mit besonderer Berücksichtigung der Grundsätze des Einmaleins." Auch in der Volksvertretung sind ja diese Wahrheiten zur Zeit noch wenig bekannt, aber man kann ganz ruhig darüber sein, daß, wenn erst die Minister dazu bekehrt wären, auch die Weisheit der Gesetzgeber ihnen nicht lange widerstehen würde. Wie wäre es, wenn bald nach Wiedereröffnung des Reichstags der am besten dazu berufene Vertreter der verbündeten Regierungen etwa folgende Rede hielte: „Meine Herren! Unter der Leitung des großen Staatsmannes, welchem wir die deutsche Einheit verdanken, haben wir vor etwas länger als zehn Jahren den Versuch gemacht, auch die Volkswirtschaft auf eine neue Grundlage zu stellen. Mit der Behauptung, daß zwei und zwei vier sei, wurde damals in mutigem Anlauf gebrochen. Gewiß, der Gedanke war genial; er wäre es noch mehr gewesen, wenn er sich hätte durchführen lassen. Aber zu unserem Bedauern haben wir immer mehr konstatieren müssen, daß die Zeit für solche großartige Neuerung noch nicht reif war; und wir schlagen Ihnen deshalb vor, wenigstens provisorischerweise wieder zum Einmaleins zurückzukehren. Um nur das Wichtigste anzuführen, hat sich z. B. folgendes herausgestellt: wenn jemand in Rußland oder Österreich — Z55 — eine Quantität Mehl kauft, oder in Dänemark einige Pfund Fleisch, und wenn er, um dies über die Grenze zu bringen, an dem Zollamte dafür, sagen mir fünfzig Pfennige, erlegen muß, so hat er besagtes Mehl oder Fleisch um eben dieselben fünfzig Pfennig teurer bezahlt, als wenn er ohne diese Auslage mit seinem Einkauf über die Grenze hätte gehen können. Sehr lauge hatten wir gezweifelt, ob sich das wirklich so verhalte. Und Sie, geehrte Herren, haben unsere Zweifel in Ihrer großen Mehrheit geteilt. Mit vollem Recht durften Sie damals annehmen, daß nur blinder Widerspruchsgeist und die Gewohnheit negativen Verhaltens sich weigern konnten, dem größten aller lebenden Staatsmänner in seinem populären Feldzug gegen das Einmaleins zu folgeu. „Aber, m. H.! immerhin den Thatsachen müssen wir als praktische Männer Rechnung tragen. Und Thatsache ist es, daß Fleisch und Brot jenseits unserer Grenzen wohlfeiler sind, als in Deutschland. Wir stellen Ihnen anheim, ob Sie es für angezeigt halten wollen, eine Kommission aus Ihrer Mitte an unsere östlichen Grenzen zu schicken. Dieselbe wird sich dort überzeugen können, daß Tag und Nacht unzählige kleine Leute in das Nachbarland gehen, um Fleisch und Brot zu kaufen und es in den beschränkten Quantitäten, welche zollfrei sind, nach Hause zu tragen. Wir vermuten, die Kommission wird feststellen, daß die Leute das nicht zum Vergnügen thun. Und wir vermuten ferner, daß sämtliche Bewohner des Deutschen Reiches ebenfalls ihr Fleisch und Brot gern auf dieselbe Weise billiger kaufen möchten, wenn ihnen die Entfernung von der Grenze und das Zollgesetz nicht im Wege stünden. „Geehrte Herren! Sie wissen, daß die Könige von Preußen von jeher ihren Stolz darein gesetzt haben, gerade die minder Begüterten ihrer Unterthanen zu schützen und 23* — 356 — daß sie daher nur mit Schmerzen sehen, wenn dieselben Hnnger leiden. Unter der Leitung unseres genialen Staatsmannes war mit dem Einmaleins auch der Grundsatz abgeschafft worden, daß teures Brot und Fleisch ein Unglück für die armen Leute sei. Sogar das Gegenteil schien ein Axiom der neuen Volkswirtschaft werden zu sollen. Je teurer desto besser! Aber auch darin hat sich die Zeit noch nicht als reif erwiesen. Es läßt sich nicht leugnen, daß, seitdem Fleisch und Brot viel teurer geworden sind, auch mehr Geld dazu gehört, um sie zu kaufen, und daß diejenigen, welche nicht Geld genug besitzen, um mehr als früher dafür auszugeben, jetzt weniger zn esfen haben. „Meine Herren! In diesem Augenblick wartet die ganze Welt mit höchster Spannung auf die letzte Entschleierung des wunderbaren Geheimnisses, das ein deutscher Gelehrter entdeckt hat, um die Menschheit von einem ihrer verheerendsten Feinde zu befreien, von dem Bazillus der Lungentuberkel. Sie, meine Herren, können sich um Ihre Mitbürger ein gleiches Verdienst erwerben. Der Hunger- bazillus ist nicht minder schädlich als der Lungenbazillus, vielfach ist er dessen engster Verbündeter. Diesen Hunger- bazillus aber werden Sie, weun auch nicht mit allseitigem, doch mit großem und sofortigem Erfolg bekämpfen, wenn Sie zu der früheren Annahme zurückkehren wollen, daß der Mensch essen muß um zu leben, und daß ihm das Essen gemeiniglich um so schwerer wird, je mehr er dafür bezahlen muß." -i- -5 s Leider mache ich mir keine Illusionen darüber, daß der Minister, der diese Rede hielte, noch nicht gefunden ist; die Zeiten scheinen noch nicht reif dafür. Gewiß, unsere gegenwärtigen Minister haben nicht weniger Mitgefühl für den — 357 — Hunger als irgend einer von uns, und es fehlt ihnen nicht am guten Willen zu helfen. Aber zwölf Jahre der Sinnverwirrung haben in der Welt die Köpfe so verrückt gemacht, daß die einfache Rückkehr znr Wahrheit jetzt wie eine kolossale Neuerung erscheint, zu der man sich so kurz- weg nicht entschließen dürfte. Denn nicht bloß bei uns steht es ja so. Wir haben Schule gemacht, denn wir waren ja seit zwanzig Jahren die leitende Nation auf dem Kontinent. Und nichts ist leichter, als für Sinnverwirrung und beschränkten Eigennutz Propaganda zu machen. Nicht bloß der Russe zeigt, wie der bekannte Spruch sagt, den Barbaren, wenn man die Oberfläche abkratzt, sondern auch der übrige Teil der mehr 'oder weniger zivilisierten Menschheit. Was wir in den Republiken von Amerika und Frankreich neuerdings an wirtschaftlichem Aberwitz erlebt haben und erleben, enthebt uns jeder Notwendigkeit, uns auf nationaler Grundlage zu schämen. Die Barbarei in der Handelspolitik fand in der Weltanschauung des Fürsten Bismarck einen verwandten Grundzug. Den Handel, welchen die Zivilisation als ein Werkzeug der Kultur ansieht, sah er in der Stille für Betrug an. Gar oft blickt in seinen Reden der Gedanke durch: wer verkauft, sucht zu betrügen, wer kauft, muß sich vor dem Betrug hüten; wer kauft, schädigt sich, wer verkauft schädigt den andern; jeder Tausch wird zwischen zwei Leuten abgeschlossen, einem Betrüger und einem Betrogenen. Daher stellte er an die Spitze seiner Politik bei Abschluß von Handelsverträgen das Leitmotiv: Wer ist der Betrogene? Hui troraxg-t-oii ioi? So bezeichnete er es selbst im Reichstag mit dem berühmten Satz aus der Komödie des Beaumarchais unter dem Beifall seiner Bewunderer. Das ist genau der Standpunkt wilder Völkerschaften in Handel und Wandel. Umgekehrt, je höher die Kultur — 358 — steigt, desto ehrlicher wird der Verkehr. Auf Pferdemärkten ist das Feilschen und Bieten noch im Schwung, der Pferdehandel war das Prototyp, nach dem auch die Bismarcksche Handelspolitik ihre Weisheit bemaß. In modernen Geschäften handelt man mit festen Preisen, und der einsichtsvolle Kaufmann weiß, daß nichts sich besser bezahlt, als reelle Bedienung. Aber es gilt noch immer für die höchste staatsmänuische Weisheit, auszuklügeln, wie man in Handelsverträgen sich am besten davor hüte, übers Ohr gehauen zu werden, und folgerichtig als hohe Aufgabe, in dieser Kunst selbst der Schlauere zu sein. Und dabei schmeichelt sich jeder Beteiligte, seine Geheimnisse zu besitzen, die der Gegenpart nicht errate. In einer ehemaligen freien Reichsstadt hielten sich zwei Familien zusammen die „Augsburger Allgemeine Zeitung". Eines Tags wurde das Blatt von dem ersten Empfänger vor der Auslieferung an die zweite Familie verlegt. Als ungeduldig danach geschickt wurde, ließ der Hausherr seinem Mitabonnenten sagen: er dürfe ihm heute die Zeitung nicht schicken, es stehe ein Geheimnis drin. An diese Geschichte mahnt es mich immer, wenn ich höre, daß die Herren Minister mit klugem Stirnrunzeln die bei ihnen vorstellig werdenden Korporationen warnen, doch bei Leibe nicht zu verraten, was sie eigentlich wünschen. Der Österreicher und der Russe weiß ja nicht, wo uns der Schuh drückt, und so wissen auch wir nichts von ihm. Gott bewahre! Nicht so komisch wie diese Geheimthuerei, aber viel verderblicher, ist das Drohen und Schrauben mit gegenseitigen Schädigungen. Die Vernunft lehrt, daß jede aus purer Bosheit zur Strafe des anderen Teils verfügte Absperrung das eigene Land schädigt. Aber auch die Unvernünftigsten müßten doch endlich erfahren haben, daß diese — 359 — Schraube der gegenseitigen Chikanen eine Schraube ohne Ende ist, die vom Schutzzoll zum Prohibitivsystem führt. Vorerst droht sie bei uns zu einem System zu führen, das selbst unter Bismarck noch für zu schlimm und gefährlich galt, zum System der Differentialzölle. Auch auf dem Höhepunkt ihrer Macht hatte Fürst Vismarcks Schutzzollpolitik sich gehütet, das Stichwort der Differentialzölle etwa zu Gunsten von Österreich und mit der Spitze gegen Rußland auszugeben. Man sollte es nicht für möglich halten, daß die Erben seiner Handelspolitik gerade in dem Augenblicke, da dieselbe, wie so viele andere seiner Ver- irrungen, an den Thatsachen zu Schanden wird, in aller Unschuld auf diese selbst von ihm vermiedene Klippe zusteuern könnten. Aber glaubhafte Mitteilungen machen leider das Unwahrscheinliche zum Wahrscheinlichen. Mit allen Zollsteigerungen, die als Unterhandlungsware dienen sollten, ist in zehn Jahren nicht eine einzige Konzession ertrotzt worden. Jeder Teil hat sich nur zu neuen Extremen dadurch treiben lassen. In welche Sackgasse sind die österreichisch-rumänischen, die französisch-italienischen Beziehungen dadurch hineingeraten! Welch ein Glück noch, daß Europa klug genug war, sich vor Drohungen gegen die Mac Kinley-Bill warnen zu lassen! Nichts wäre deren Anhängern willkommener gewesen als dies, und nimmer hätten wir den glorreichen Sieg ihrer Gegner erlebt, wenn wir mit Drohungen dem republikanischen Tarifkrieg in die Hände gearbeitet hätten. Nicht anders liegt die Sache mit Rußland. Welch jämmerliches Fiasko hat in feiner wirtschaftlichen Kurzsichtigkeit Fürst Bismarck mit dem gewaltsamen Ausfall gegen den russischen Staatskredit gemacht! Statt ihn zu untergraben, hat er ihm auf ungeahnte Höhen hinaufgeholfen! Die Hauptsache aber ist diese: während die Minister — 360 — sich mit saurer Mühe die Köpfe zerbrechen über alle Finessen, die monatelang auszuklügeln wären, um ein kunstreiches Geflecht von Oo ciss mit Österreich auszutüfteln, und während sie liebenswürdig bitten, um Gotteswillen nur uicht zu drängeln, damit die andereu nicht merken, wie ernst es uns mit den Dingen ist, pocht der Hunger an die Thüre und verlangt Einlaß für Brot und Fleisch. Je länger ich miterlebe, wie die Völker sich selbst regieren oder sich regieren lassen, desto mehr bewundere ich die zartfühlende Zurückhaltung, mit welcher sich der alte schwedische Kanzler über ihre Einsicht in den berühmten Brief an seinen Sohn ausgedrückt hat. Aber ich will mir ihn zum Muster nehmen und für diesmal schließen. Ger staaLserhalkenöe Beruf öer Hölle.") i. er gemeine Menschenverstand, der sogenannte vom- m0Q ssriss, ist, wie alles Sprichwörtliche, auch nur mit Borbehalt zu brauchen. Es giebt sogar Irrtümer, welche ihm so sehr angeboren sind, die Engländer nennen sie zlÄllaoiSs, daß kein Gegenbeweis, wie verbreitet und anerkannt er sei, sie aus der Welt schaffen kann; sie kommen immer wieder, wenn sie eine Zeit lang zurückgedrängt waren, und treten jedesmal mit ungeschwächter Naivetät als Axiome auf, wie wenn sie noch niemals widerlegt worden wären. Zum Beispiel: wenn eine Staatsausgabe mit der Albernheit gerechtfertigt wird, daß doch das Geld im Lande bleibe. Alexander von Mazedonien war schon soweit in der Nationalökonomie vorgeschritten, daß er mit Verachtung den Mann abwies, der gegen eine Belohnung die Kunst ausüben wollte, Linsen durch ein Nadelöhr zu werfen. Das hinderte zweitausend Jahre später einen preußischen Feldmarschall nicht, feierlich zu erklären, daß die Garnisonftädte von ihren Besatzungen ernährt würden. Ja vor einiger Zeit hat ein die Handelsangelegenheiten berufsmäßig vertretender Konsul Aus der „Nation" vom 20. nnd 27. Februar 1892. — 3K2 — eines großen Staates mir den — seiner Einsicht nach un- widerleglichen — Satz vorgetragen, es sei doch noch ein wahres Glück, daß die Länder jetzt so starke Heere im Frieden unterhielten, denn wohin sollte es kommen, wenn alle diese Millionen von Soldaten auch noch in Gewerben produzierend arbeiteten und damit die ohnehin schon so große Konkurrenz vermehrten! Es giebt gewiß sehr viele ansehnliche Versammlungen, in denen eine solche Betrachtung Glück machen würde. Zu den unausrottbaren Verirrungen dieser Art gehört auch der blinde Glaube an das, was man in der Lehre vom Strafrecht die Abschreckungstheorie nennt. Wenn die Menschen meistens aus Mangel an logischem Urteil fehlen, so geschieht es hier umgekehrt aus zu starrer einseitiger geradliniger Schlußfolgerung, die nicht mit den viel gewundenen Bewegungen des menschlichen Wesens rechnet. Die Furcht vor einem Übel ist gewiß ein Grund zur Abhaltung von einer That; aber die Versuchung zu einer That entspringt Trieben, welche entfernt nicht in ein mathematisches Verhältnis zu jener Furcht zu bringen sind. Darin liegt der Irrtum der Abschreckungstheorie, von welchem das Urteil immer dann am meisten bestrickt wird, wenn es unter dem Eindruck heftiger Erregung steht. In einer großen Stadt erlebte ich einmal den Fall, daß das kleine Kind wohlhabender Eltern in einem öffentlichen Garten auf geheimnisvolle Weise seiner Wärterin entführt wurde. Es erhob sich natürlich eine gewaltige Aufregung unter den Müttern aller Stände, und immer wieder mußte man aus ihrem Munde die heftigsten Aussprachen darüber hören, daß das Gesetz die Schuld trage, welches ein solch unerhörtes Verbrechen nicht mit genugsam harten Strafen bedrohe. Die Phantasie der Erbitterten gefiel sich im Erfinden aller nur erdenklichen Grausamkeiten, welche auf eine solche Misse- — 363 — that gesetzt werden müßten, damit sie sich nicht wiederholte. Das Kind wurde, was ich zur Beruhigung aller Mitfühlenden hinzusetzen will, nach einigen Tagen, wie sich die österreichische Polizeisprache ausdrückt, wieder „zu Stande gebracht", und die Urheberin der That wurde mit einigen Monaten Gefängnis bestraft. Seitdem sind etliche dreißig Jahre vergangen, und meines Wissens ist ein ähnliches Vergehen in jener Stadt nicht wieder vorgekommen. Aber nicht bloß erregbare Frauen können in solche Extreme verfallen, sondern auch erfahrene Männer, die sich der Gesetzgebung widmen. Wir stehen noch mitten in einem Erlebnisse dieser Art. Als vor mehreren Wochen herauskam, daß einige Bankiers die bei ihnen hinterlegten Wertpapiere ihrer Kunden treulos zu Gelde gemacht hatten, versetzten die Entdeckungen das Publikum in um so größere Bestürzung, als man lange nicht von einer Mehrzahl solcher Fälle gehört hatte, wie denn auch die jüngst thatsächlich vorgekommenen, verglichen zu der Zahl der in den Tausenden von diesen Geschäften bestehenden analogen Verhältnisse, noch für höchst vereinzelte Erscheinungen gelten müssen. Berlin, der große deutsche Geldmarkt, hat seit den Verheerungen der Gründerperiode vor beinah zwanzig Jahren nicht einen einzigen sensationellen Bankbruch erlebt, wie London oder Paris. Gleichwohl brauste jüngst alles auf, als wäre nun zur Kenntnis gekommen, daß solche Veruntreuungen zu den normalen Ergebnissen des heutigen Bank- und Börsenverkehrs gehörten, denen schleunigst ein Riegel vorgeschoben werden müsfe, — nk c^uiä 6st,i'imsnt,i res xudlios. eaxiat,. Auf welche Weise das zu bewerkstelligen sei, auch darüber natürlich kein Zaudern. Die angedrohte Strafe muß schärfer werden. Ist sie nur scharf genug, so wird der Bankier sich schon künftig eines redlichen Wandels befleißigen. — 364 - Nicht Gefängnis, sondern Zuchthaus muß angedroht werden. Also formulierten gewiegte, hochansehnliche Männer ihr Verlangen. Nun denke man sich: Herr Kommerzienrat Wolf, Inhaber einer alten Firma, eines prunkvollen Hauses, einer angesehenen gesellschaftlichen Stellung, Mitglied großer Verwaltungskorporationen, Haupt einer Familie steht vor seinem Kassenschrank. Et ist an dem Punkt angekommen, wo er sich nicht mehr verhehlen kann, daß er, sei es in thörichter Verschwendung, sei es in falschen Spekulationen, mehr Schulden gemacht hat als er bezahlen kann, nnd, um sich aus der Verlegenheit zu helfen, hält er, nach der Vorstellung jener Gesetzesweisen, folgenden Monolog: Wie wäre es, wenn ich die hier vor mir liegenden Aktien und Obligationen der Witwen Meyer und Müller verpfändete, ohne sie rechtzeitig wieder einlösen zu können; kommt das schließlich an den Tag und komme ich wegen dieser und einer Reihe ganz ähnlicher Vergehen vor Gericht, so werde ich meine Ehre verlieren, in Schande, in Gefangenschaft geraten, meine Familie ins tiefste Unglück stürzen und für alle Zeiten ein verlorener, elender Mann sein — aber, setzt er hinzu: das alles ist doch kein Abhaltungsgrund. Komme ich auf drei, vier Jahre ins Gefängnis, so ist das zwar mit manchen Unbequemlichkeiten verbunden, allein gar so schlimm ist es nicht; vielleicht wird man mir sogar die Begünstigung gewähren, daß ich nur Düten zu kleben brauche, wie ein Zeitungsschreiber, welcher wegen Beleidigung verurteilt wird, das Kleben ist ja überhaupt jetzt eine sozialpolitische Bürgerpflicht im Deutschen Reich. So läge die Sache, bis die Gesetzgebung statt der Gefängnisstrafe das Zuchthaus in Aussicht stellt. Nun ändert sich mit einem Schlag das ganze Bild. Wieder steht ein Kommerzienrat vor seinem Effektenschrank, wieder zwingt ihn die Not, sich insolvent — 365 — zu erklären oder die Veruntreuung zu begehen; vor Schande, Elend, Gefängnis würde er nicht zurückweichen, aber vor der schärferen Strafe des Zuchthauses beugt er sich und bleibt ein ehrlicher Mann! Das ist der Unsinn der Abschreckungstheorie, wie sie im blinden Zufahren der Gedankenlosigkeit vorausgesetzt wird. Auch die ernstlich wägende und prüfende Strafrechtslehre verwirft allerdings uicht das Element der Bedrohung und folglich der Abschreckung, aber niemals hat sie es in dieser plumpen Weise verstanden. Die große Mehrzahl der Philosophen uud Juristen, welche dem rationellen Grund des Strafrechtes nachgeforscht haben, von Aristoteles bis auf unsere Zeitgenossen, scheiden das Moment der Abschreckung beinahe gänzlich aus, und selbst die, welche ihm am meisten Einfluß gestatten, wie Hobbes, Feuerbach und Schopenhauer, verstehen es nicht in der mechanischen Auffassung, daß, je größer die Härte der Strafen, desto größer die Sicherheit vor Übertretung sei. Wie wäre es auch sonst erklärlich, daß die Welt mit dem Fortschritte der Jahrhunderte, d. h. mit der wachsenden Erkenntnis, immer mehr zur Milderung der Strafen, zur Abschaffung der besonders grausamen, Schrecken und Abscheu erregenden Züchtigungen gekommen ist? Wie wäre es sonst zu erklären, daß die Rückfälligen so zahlreich sind, und wie — um nur neben vielen anderen Beweisen noch das eine zu erwähnen — daß man die Todesstrafe nicht mehr öffentlich vollzieht? Denn die Abschreckung soll nach der Ansicht aller derer, die sie nicht ganz verwerfen, doch uicht auf den überführten Verbrecher, sondern auf die noch nicht in Schuld verfallenen, der Versuchung ausgesetzten wirken. Die Zulässigkeit der Todesstrafe an sich ist meines Trachtens eine offene, praktische, nicht eine prinzipielle Frage; aber als Bismarck bei der Beratung des Strafgesetzes im Norddeutschen Reichstag — 366 — die Einfügung der Todesstrafe zur Kabinetsfrage machte und mir kraft dieses Pressionsmittels bei der Abstimmung durchsetzte, war er ohne Zweifel von dem Gedankengang der rohen Abschreckungstheorie beseelt. Das Vertrauen auf den Mechanismus der brutalen Gewalt gehörte zu den Grundzügen seiner Menschenbehandlung, wenn auch die Künste der List und der liebenswürdigen Bestricknng nicht unterschätzt wurden. Noch heute kranken wir an der Erbschaft dieser Methode in vielen Stücken, und was wir in diesem Augenblick erleben, steht damit in engerem Zusammenhang, als auf den ersten Blick hervortritt. Das neue Schulgesetz, dessen Quintessenz in der Vorstellung sitzt, daß die Schreckmittel der ewigen Strafen, künftig besser eingeschärft, das wahre Mittel zur Erhaltung der Monarchie seien, ist dem Geiste nach ein Vermächtnis des „alten Kurses", wenn auch der Urheber des alten Kurses vielleicht zu vorsichtig gewesen wäre, diese Nutzanwendung davon zu machen. Es mag seiner Schadenfreude zu wohlgefälliger Sättigung gereichen, daß sein Nachfolger nun mit der Vollstreckung dieses stillen Vermächtnisses in den größten Fehler verfiel, den er überhaupt begehen konnte. Wie scharf man immer die innere Politik des Bismarck der letzten zehn Jahre verurteilen mag, man wird ihm doch die Gerechtigkeit ange- deihen lasten müssen, daß er den Fehler des Kulturkampfes eingesehen hatte und aus dieser Einsicht heraus den Kampf nach Möglichkeit wieder zu beschwichtigen bestrebt war. Wenn auch andere Motive nebenher mitwirkten, diese bessere Einsicht war doch der leitende Gedanke, seitdem Falk, als Sündenbock mit Bismarcks Schuld beladen, in die Wüste gejagt worden war. Hier hatte der Fürst — wenn auch spät — die Grenze der Nützlichkeit brutaler Gewalt erkannt. Und wie groß alle die Übel seien, welche der Versuch, das Mißlingen und das Wiedereinlenken auf Gene- 367 — rationen hinaus im deutschen Reichskörper zurückgelassen haben: es war — wie die Dinge einmal lagen — dvch ein unermeßlicher Gewinn, daß Bismarck selbst noch die Pforten des Kulturkampfes wieder geschlossen und Jahre der wachsenden Beruhigung unter seinem Regiment erlebt hatte. Diesen so teuer erkauften kostbaren Gewinn hat leider die jetzige Regierung wieder verschleudert. Verschleudert sage ich, weil sie über dem Verdacht steht, den gewaltigen Mißgriff des Volksschulgesetzentwurfs mit Vorbedacht und in voller Schätzung seines Effekts begangen zu haben. Man muß hier eher an einen Irrtum als an eine Absicht glauben. So wenigstens erscheint es nach der ganzen Haltung, die der neue Kanzler in den zwei Jahren seines Waltens beobachtet hat; so auch erscheint es nach den Reden, mit denen er sich in den Debatten über die Sache beteiligte. Es werden in der Welt oft große Fehler begangen, weil ihre Urheber sich in einem Zustand friedlicher Befangenheit befinden, die sie verleitet, unbefangen ins Unheil hineinzugehen. Es könnte ja vermessen erscheinen, dergleichen einem Mann von der Stellung und Bedeutung des neuen Kanzlers zuzutrauen, aber daß es möglich ist, sich auch mit Augen, die durch Erfahrung auf diesem Gebiet viel mehr geschärft sein mußten als die seinen, zu täuschen, dafür haben wir einen unwiderleglichen Beweis in der Mitversündigung des Finanzministers. Wenn nicht alle Zeichen trügen, hat Miquel den Effekt dieses Gesetzentwurfs lange nicht stark genug vorausgefühlt. Über das, was im Stadium der Vorberatung im Schoße des Kabinets sich begeben hat, schwebt noch ein Dunkel. Aber soviel scheint ausgemacht: die höchste Energie des Widerstandes ist vom Finanzminister im entscheidenden Augenblick nicht eingesetzt worden, um das Unglück zu verhüten, eben weil er dessen Größe nicht ermaß. Und das — 368 — ist doppelt merkwürdig bei einem Mann, der alles Elend des Kulturkampfes von der ersten bis zur letzten Stunde mit durchlebt und dessen Schäden stets lebhaft empfunden hatte. Es ist bezeichnend für die Verschiedenheit der Naturen, daß Herr von Bennigsen sich hierin ein viel richtigeres Gefühl bewahrt hat, denn aller Wahrscheinlichkeit nach ist er zu seinem resoluten Auftreten im Reichstag ohne vorheriges Einverständnis mit seinem alten Zeltgenossen gekommen. Dem Geist wie der Ausführung nach scheint das Verdienst dieses Auftretens Herrn von Bennigsen allein angerechnet werden zu müssen. Merkwürdiger Weise sind von denen, die bis jetzt zum Widerstand aufgerufen haben, die wenigsten über die schwerste Folge des Mißgriffs, daß nämlich der Kulturkampf wieder eröffnet wird, zur Erkenntnis gekommen, ja ihr Unwille schreibt sich zum Teil davon her, daß in ihnen selbst wieder der Dämon des Kulturkampfes erweckt worden ist. Unbewußt geben sie Zeugnis davon, wie schlimm es ist, daß man ihren Unwillen herausgefordert hat. Denn so groß das Übel au sich schon ist, welches die Verkirch- lichnng der Volksschule anrichten würde, noch größer ist das Übel der neu eröffneten Fehde, und jedenfalls noch schneller und unmittelbar heftiger tritt diese böse Wirkung ein — man kann sagen: sie ist bereits eingetreten. Wie das Schulgesetz schließlich ausfällt, ob es zu Stande kommt, wie es arbeiten, wie es sich in der Praxis stark oder schwach erweisen mag, das alles sind Dinge, die späterer Zeit vorbehalten sind, und die, soviel Sorgen sie auch mit Recht machen, vielleicht nicht ganz so unheilvoll werden, als man jetzt denkt. Aber sofort und jetzt und wie es auch gehe, ist der konfessionelle Hader wieder entfesselt, der seit vier Jahrhunderten Deutschlands größtes politisches Unglück war. Täusche man sich doch nicht darüber! So groß die Zahl derer sein mag, welche aus innerster Überzeugung für — 369 — die Sache der Freiheit in der Erziehung und gegen jede kirchliche Usurpation sich erheben, der Kern der ganzen Gegenbewegung und das Feuer der Wut sitzt doch bei denjenigen Protestanten, welche in dem neuen Gesetz insbesondere die Machterweiterung der katholischen Geistlichkeit erblicken. Und nicht bloß auf Seiten des Angriffs sieht es so aus, auch auf Seiten der Verteidigung. Das Centrum wirft alles, was es unter der Flagge „Freiheit, Wahrheit und Recht" seit Jahrzehnten an Bord führte, als schädlichen Ballast ins Meer, um diese kostbarste Fracht in den Hafen zu bugsieren. Mag auch die Regierung an ihrem Teil den Kulturkampf nicht wieder eröffnet haben für jetzt, in der Bevölkerung ist er bereits wieder ausgebrochen, und das Schlimmste am alten Kulturkampf war nie, daß er von der Regierung, sondern daß er von einen: Teil der Bevölkerung gegen den anderen geführt ward. Übrigens, wenn es in der Bevölkerung tobt, wird schließlich die Regierung, die jetzt über beiden Teilen zu schweben sich einbildet, doch selbst wieder mit hineingezogen werden. Windthorst hat es ja immer gesagt: wenn alles fertig ist, dann kommen wir mit dem Schulgesetz. Diesen Aeolus- schlauch hat, trotz aller Waruungeu, das Ministerium Caprivi wieder angestochen, hat sich zum Testamentsvollstrecker dieser Ankündigung gemacht. Es hat die Ära des Kulturkampfes wieder hereingeführt, aber unter wie viel ungünstigeren Bedingungen, als zur Zeit, da Fürst Bismarck sie eröffnete! In der Glorie seiner wunderbarsten Erfolge, an der Spitze eines neuen Reichs und ganz allein mit der Richtung gegen den Papst in Rom hatte Bismarck die Fehde begonnen. Kaum daß ein kleiner Bruchteil der orthodoxen lutherischen Kirche im Stillen mit den Ultramontanen zu sympathisieren wagte. Jetzt steht eine neue Regierung, die sich zwar Respekt, aber noch keine Lorbeeren erwerben konnte, die in ihren eigenen Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I. — 370 — Regionen mit Gegenströmungen zu kämpfen hat, einer katholischen Kirche gegenüber, die in langen heißen Kämpfen von Sieg zu Sieg gekommen, mit Beute beladen und an Gewinn so reich geworden ist, daß sie jedes Spiel ohne Furcht vor empfindlichem Verlust wagen kann. Und mit ihr im offenen Bnnde steht beinah die ganze Heerschar der protestantischen Strenggläubigkeit. Jene brauchte noch lange nicht die überlegene Strategin zu sein, die sie ist, um mit wahrer Wollust in die Schranken des neuen Kampfplatzes zu stürzen, der ihr hier von der preußischen Regierung geöffnet worden ist. Und warum? Was nötigte dieses neue, seinem Beruf und seiner Natur, ja höchst wahrscheinlich seiner ganzen Absicht nach auch auf den inneren Frieden angelegte Regiment, diese schreckliche Pandorabüchse wieder zu öffnen? Eine geistreiche Frau pflegte zu sagen: „das meiste Unglück kommt von den überflüssigen Fehlern der Menschen her." Ein solch ganz überflüssiger Fehler war die Erfindung dieses unglückseligen Gesetzes. Soll aber die nackte, letzte, einfältige Wahrheit über den Kern seines Entstehens gesagt werden, so muß die Aussage dahin lauten: Weil man sich nicht genug mit der Wehr und Waffe des Diesseits, mit Strafgesetz und Polizei gewappnet glaubt, um die Bedrohung der Monarchie von feiten der Sozialdemokratie erfolgreich überwinden zu können, hat man die Schreckmittel der Hölle herbeirufen zu müssen geglaubt, und diese von Grund aus herbeizuschaffen, soll durch die Schule die Kirche besorgen. Das ist des Pudels Kern, welcher ein Teufelspudel ist. Und die alte vornehme Fallacie, daß der Teufel Schildwache stehen müsse, damit kein Schaden geschieht, ist wieder zum Vorschein gekommen. Mit dem faden Tränklein der sozialpolitischen Versorgungsgesetze und mit dem scharfen Schwert des Sozialistengesetzes hat man es versucht, den Schaden der Sozialdemokratie zu kurieren. Es ist nicht geglückt. Jetzt soll die Furcht vor dem höllischen Feuer zn Hilfe genommen werden. Hnocl mscUeg-msiita norr sa.rlg.irt tsri^m sanat,, Hnod tsriirin noir sanat, iZnis SÄna-t. II. Am 12. März 1873, also noch vor den beiden Attentaten, schrieb Kaiser Wilhelm I. an den Feldmarschall von Roon: „Diese Gottesleugnung geht Hand in Hand mit der Sozialdemokratie, und so sind wir mitten im Frieden dahin gekommen, wohin die französische Revolution in der Schreckenszeit geriet, d. h. Gott abzuschaffen und dann wieder einzusetzen, obgleich letzteres unsere Gottesleugner noch nicht thun!" — Und am 26. Dezember: „Wohin wir gekommen wären ohne den 2. Juni (Attentat Nobiling) ist nicht zn berechnen, und wie ich es öffentlich ausgesprochen, will ich gern geblutet haben, wenn manchem die Augen geöffnet sind und wir zum Besseren steuern! Der Anfang ist gemacht durch das neue Gesetz, aber uun muß noch der gelockerte Boden der Kirche befestigt werden." Hier ist ein Programm fix und fertig. Nicht zu alleu Zeiten hat die Gedankenverbindung zwischen Erhaltung der Monarchie und der Religion bestanden. Förmlich ausgebildet ist sie erst seit den letzten hundert Jahren. Monarchen und Monarchien wurden von Verschwörern angegriffen und gestürzt, ohne daß die Gottlosigkeit dafür verantwortlich erklärt worden wäre. Ja der hervorragendste Fall und vielleicht der einzige im Altertum, wo der Unglaube als ein Verbrechen gegen die Staatserhaltung mit der Strafe des Hochverrats geahndet wurde, ist in einer Republik vorge- 24* — 372 — kommen, die Hinrichtung des Sokrates. Die Königs- und Fürstenmörder, deren Thaten das neuere christliche Zeitalter aufgezeichnet hat, waren, soviel man weiß, keine ungläubigen Menschen, viele von ihnen waren sogar sehr fromm oder gar fanatisch — man denke an Jacques Element, Ravaillac, Balthasar Gsrard, Damiens oder gar an Oliver Cromwell und seine Heiligen. Der fromme Dichter des verlorenen Paradieses, der sich doch von Berufs wegen mit Himmel und Hölle eingehend genug beschäftigt hatte, war der eifrigste Verteidiger der Hinrichtung des Königs von England. Zu seinen berühmtesten Schriften gehören die Abhandlungen zur Rechtfertigung dieses Verfahrens; in der zweiten derselben, der Ds^susio ssviiiiclg, xro xoxulo g,nAlics.iio oontrs. inkamrun lidsllrmn Ärwu^umro., eui titulus: R,sZü S3.Q- grünis olamor g,ct eoslum aclvsrsuL Pg-rrioidÄS MAliczanos (von dem Franzosen Salmasius verfaßt) heißt es unter anderem: „es entspricht dem Gesetz und ist zu allen Zeiten so beobachtet worden für alle, welche die Macht dazu besitzen, einen Tyrannen oder schlechten König zur Verantwortung zu ziehen und ihn, nach richtiger Überführung abzusetzen und vom Leben zum Tode zu bringen, wenn die ordentlichen Obrigkeiten verweigert oder vernachlässigt haben, das zu thun". Auch daß Anckarström oder die Orlosfs und Genosfen besonders gottlos gewesen, wird nicht berichtet. Bekanntlich verteidigte die Kasuistik Mariannas und Bellarmins den Fürsteumord von Glaubens wegen. Das halbe Dutzend entthronter Herrscher, welche Candide in Venedig versammelt findet, weiß bei der Erzählung seiner Schicksale noch nichts von den bösen Wirkungen des Unglaubens zu erzählen. Erst mit der französischen Revolution wendet sich die Sache. Da ihr die Periode der philosophischen Aufklärung vorangegangen war, da der Kampf gegen das Königtum — gewiß in innerem Zusammenhang — mit — 373 — dem Kampf gegen die Kirchen verbunden ward, so verbanden sich natürlich auch die Ideen des Royalismus und der Rechtgläubigkeit in der gemeinsamen entgegensetzten Anschauung. Ihr vollendetes Prototyp erstand in dem Grafen Joseph de Maistre, dem Sohne des Savoyerlandes, welches die natürliche Brücke vom päpstlichen Italien zum bour- bouischen Frankreich bildet. Der Begriff der Legitimität, welcher in seiner staatsrechtlichen Bedeutung auch erst der neueren Zeit entstammt und in der heiligen Allianz seinen vollendetsten Ausdruck gefunden hat, erhob die Identität von Monarchie und Religion zum Prinzip. Aber bis zur Februar-Revolution des Jahres Achtundvierzig blieb die ganze Jdeenverbindung lediglich im Zustande einer allgemeinen Weltauffassung, welche darauf hinausging, daß Kirche und Thron das gemeinsame Interesse und die Mittel hätten, einander zu halten. In Deutschland haben sich die freidenkerischen und die politisch liberalen Bestrebungen bis in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts durchaus nicht gedeckt. Unsere berühmten Philosophen waren sämtlich gute Unterthanen, und der weltlichste und letzte von ihnen, Arthur Schopenhauer, war ein überzeugter Reaktionär. Andererseits hatten die Liberalen der Demagogenzeit nach den Befreiungskriegen ebensowenig wie die der dreißiger Jahre einen Zug zur Freigeisterei. Die Verbindung von philosophischem und politischem Radikalismus beginnt erst mit den Ausläufern der jung- hegelischen Schule, den Arnold Rüge, Ludwig Feuerbach und Gebrüder Bauer. Aber noch David Friedrich Strauß war ein guter Konservativer, und der große Revolutionär und Republikaner Mazzini erfand noch das Feldgeschrei: „vio s ?0xo1c>." Der Kommunist Blanqui freilich verkündete den Spruch: „M Disu ru. m^itrs." In dem Verlangen nach einer sozialistischen Um- — 374 — gestaltung der Gesellschaft wirkt offenbar der Grundgedanke sehr stark mit, daß es für das Elend dieser Welt keine Entschädigung 'in einer anderen gebe und daß die materiell ausgleichende Gerechtigkeit schon auf Erden hergestellt werden müsse. Darum ist logisch nichts einzuwenden, wenn die Abwehr gegen den Sozialismus sich aufgefordert fühlt, denselben mittelst der Lehre vom Glauben au ein besseres Jenseits zu bekämpfen, natürlich mit den Mitteln, welche im Zeitalter der Glaubensfreiheit und der Lehrfreiheit noch Erfolg versprechen. Aber hier ist es, wo die Vorkämpfer des Glaubens ihren großen Fehler begingen, indem sie sich von ihren Gegnern zu einer verhängnisvollen Inkonsequenz fortreißen ließen. Sie gaben stillschweigend die Hilfsmittel der ewigen Gerechtigkeit auf, indem sie sich um die Wette mit der Sozialdemokratie bereit erklärten, die Gerechtigkeit des materiellen Lebens schon auf Erden herzustellen. Damit war das Fundament ihres ganzen Standpunktes preisgegeben. Natürlich gestanden und gestehen sie den Verzicht nicht förmlich zu, aber der Rückschluß liegt so nahe, daß er nicht verborgen bleiben konnte. Wie Deutschland überhaupt der Bahnbrecher des Sozialismus geworden ist, so hat sich auch dieser treibende Faktor desselben am stärksten in Deutschland entwickelt. Deutschland ist nicht nur das Vaterland des Katheder- sozialismns, sondern auch das Vaterland des zum System erhobenen christlichen Sozialismus. Viele mögen ihm dies zur Ehre und zum Verdienst anrechnen, — hier soll darüber nicht gestritten werden. Aber die Thatsache steht außer Zweifel. — Fürst Bismarck, der sehr viel für die Ausbreitung der sozialistischen Ideen gethan hat, obwohl er ihr abgesagter Feind war, hat auch auf diesem besonderen, die Religion kompromittierenden Wege, mitgearbeitet. Mit der — 375 — scharfen Witterung, die er für alle Verführungskünste in der Benutzung öffentlicher Strömungen zu momentanen Machterfolgen besaß, hatte er sich nach seiner letzten Trennung vom Liberalismus Ende der siebenziger Jahre entschlossen, auch die sozialistischen, dem Liberalismus feindlichen Ideen als Vorspann zu gebrauchen. Und da ihm nicht entgangen war, daß die militierende Kirche sich auf diesen Weg begeben hatte, stellte er sein Segel so, daß er auch diesen Wind mit einzufangen vermochte. Es geschah gewiß mit wohl überlegtem Vorbedacht, daß er eines Tages das von ihm erfundene Wort vom „praktischer! Christentum" in die Debatte warf. Das war so ganz seine Art, einen Feldzug zu eröffnen. Die hochkirchlichen Bundesgenossen, welchen er hiermit das Zeichen zum Anschluß gab, ließen es sich nicht zweimal sagen. Sie hatten schon lange voraus das Programm in Angriff genommen. Bischof von Ketteler darf für den Stifter der ganzen Schule angesehen werden, welche man unter dem Namen des christlichen Sozialismus zusammenfaßt. Diese starke Persönlichkeit hat überhaupt an der konfessionellen Gestaltung der deutschen Geschichte einen viel bedeutenderen Anteil, als man in großen Kreisen zu wissen scheint. Meiner Beobachtung nach war er derjenige, welcher zuerst mit energischem Vorbedacht daran ging, die katholische Kirche in Deutschland wieder zu einer aufwärts strebenden Großmacht emporzuheben, und ihm gelang es, die Unterlage für den Kampf herzustellen, auf welcher Windt- horst später weiter arbeiten konnte. Herr von Ketteler war es auch, welcher zuerst die soziale Frage in den Bereich der geistlichen Thätigkeit zog. Es ist bekannt, wie diese Bestrebungen zu einer von gegenseitigem Wohlwollen getragenen Berührung zwischen ihm und Lassalle führten. Der protestantische Sozialismus folgte erst später diesem Beispiel nach. Als nun Bismarck mit — 376 — seinem neuen Stichwort des „praktischen Christentums" einsprang, nahm die Richtung in beiden Konfessionen einen verstärkten Aufschwung. Es ist für alle drei Beteiligten sehr bezeichnend, daß Lassalle sowohl mit Bismarck als mit Ketteler eine Zeit lang in freundliche Berührung kommen konnte. Aber je mehr sich dieses Christentum in jene neue Richtung hineinarbeitete, desto mehr verzichtete es ans den wesentlichsten Inhalt seiner Lehre. Allerdings hat es immer die Nächstenliebe auch zur Linderung irdischer Leiden gepflegt, aber sein stärkstes Argument war und blieb doch stets das Reich, welches nicht von dieser Welt ist und die Mühseligen und Beladenen in die bessere verweist. Indem es nun den kirchlichen Boden der freien Nächstenliebe verließ, um seine Aufgabe in die diesseitige Ausgleichung mit Staatsmitteln zu verlegen, trat es in den Wettlauf mit denen, deren Wahlspruch lautet, daß sie nicht mit „Wechseln auf die Sterne" bezahlt sein wollen. Der Hinweis auf den Ausgleich im Jenseits verstummte bald ganz und gar, und die Konkurrenz um den sozialistischen Erfolg wurde eine ganz materielle, deren Problem sich einfach um die Alternative drehte, wer es besser vermöchte irdisches Glück zu bereiten, die Kirchen oder die Sozialdemokratie. Wenn man die Schriften und Reden aus dem Lager des christlichen Sozialismus liest, wird man vergeblich nach den Überzeugungsmitteln suchen, welche sich an den Trost auf ein ausgleichendes besseres Jenseits wenden. In den feierlichsten Ansprachen tritt derselbe zurück, wenn sie sich an die Handwerker oder an die Arbeiter wenden. Einen interessanten Beleg dazu bildet noch die neueste päpstliche Encyklika vom vorigen Jahr, „Xavs-i-nm rsrrun.". Der frühere Kardinal Pecci, Erzbischof von Perugia, ist bekanntlich ein auch in weltlichen Wissenschaften gebildeter — 377 — Mann, der sich lange, ehe er Papst wurde, insbesondere auch mit Nationalökonomie beschäftigt und in denkwürdigen Publikationen, namentlich über die sozialistische Bewegung, ausgesprochen hat. Großes Aufsehen machte namentlich eine ältere Encyklika vom 28. Dezember 1878. Seiner Richtung nach stand er damals auf dem Boden der individualistischen Schule, er beruft sich auf Bastiat und Montesquieu. Auch in dem neuesten Erlaß ist dieser Standpunkt noch nicht ganz preisgegeben, aber eine Annäherung an das Prinzip der Staatseinmischung doch stark vorherrschend. Wie sehr es nun auch gelingen mag, plausibel zu machen, daß mit diesem Anschluß an den Staatssozialismus die Religion ihr supranaturalistisches Prinzip nicht preisgebe: ohne starke Erschütterung konnte dasselbe aus dieser neuen Wendung nicht hervorgehen. In all den Wettkämpfen mit der Sozialdemokratie wagt man ihr nicht mehr auf den Kopf zuzusagen, daß ihre Klagen deshalb unberechtigt seien, weil die wahre Abhilfe im Jenseits liege, man verzichtet auf dies Argument, weil man es für unwirksam hält. Und durch diesen Verzicht auf das, was doch die Grundwahrheit des Glaubens darstellt, erhielt der ganze gläubige Sozialismus den Charakter des künstlich Erzwungenen. Der ungläubigen Sozialdemokratie erscheint er als ein nachgeahmter, gefälschter, als eine Art Kunst-Sozialismus, der sich dem echten glaubenslosen unterzuschieben sucht. Allerdings hindert das auch andererseits die Sozialdemokratie nicht, sich auf das darin liegende Zugeständnis zu stützen. Sind doch bei uns in Deutschland Staat und Kirchen, wenn auch nicht ganz, doch eine Strecke weit bereits zum Sozialismus übergegangen. Unsere Gesetzgebung hat sich auf staatssozialistischen Boden gestellt, und die Geistesrichtung in Aristokratie und Hochkirchentum sympathisiert — 378 — nicht wenig mit dem Krieg gegen das Kapital, wenn auch nur das sogenannte mobile, welches man im Stillen der Sozialdemokratie auszuliefern geneigt wäre, ließe sich nur die Scheidung praktisch und ohne gefährliche Konsequenzen vollziehen. Was die höheren Regionen zur Zeit an der Sozialdemokratie beunruhigt, ist weniger deren eigenes inhaltliches Bekenntnis, als ihr revolutionär erscheinender Charakter. Bekennte sich die Sozialdemokratie zur monarchischen Staatsform, wäre ihr Programm mit derselben vereinbar, so würde man mit sich reden lassen. Es springt in die Augen, daß der bürgerliche Liberalismus in Europa nicht mehr an gewaltsamen Umsturz denkt. Die gegenwärtige französische Republik ist nicht aus einer Revolution hervorgegangen. Wer in Deutschland an die Gefahr einer solchen glaubt, dem schwebt nur die Möglichkeit einer sozialistischen Schilderhebung vor. Nicht weil sie sozialistisch, sondern weil sie revolutionärer Absichten verdächtig ist, werden daher neuerdings wieder so große Anstrengungen gemacht, jene Partei zu bekämpfen. Wir kennen genug von dem Gedankenkreise, in dem sich die Bewohner der höchsten Regionen bewegen, um zu wissen, daß das Bild einer blutigen Empörung hier niemals verschwindet. Friedrich Wilhelm IV. und Kaiser Wilhelm hatten es leibhaftig aus der Nähe gesehen, und in ihren beklommenen Momenten stieg es immer wieder auf. Aus diesem Jdeeukreis sind neuerer Zeit eine Reihe von Manifestationen zu erklären, deren Sinn dahin geht, daß mit allen Mitteln einer solchen Bewegung vvrznbeugen sei. Und nachdem dieselbe gemäß dem hier bezeichneten Gedankengang nur von einem ungläubigen Programm ausgehen könnte, lag es nahe, auch die Stärkung des Glaubens als ein Gegenmittel ins Auge zu fassen. Die Kirchen waren von jeher stets bereit zu kommen, wenn sie zu Hilfe — 37!> — gerufen wurden. Aber nachdem sie dem Glauben an die Überzeugungskraft der überirdischen Freuden durch ihren Staatssozialismus einen so starken Stoß versetzt haben, bleibt ihnen ungemindert nur noch das Mittel der Furcht vor den unterirdischen Leiden. Und darum liegt dem neuen Anlauf zur Wiederbefestigung der Dogmen viel weniger der Gedanke an das Paradies, als der an die Hölle zu Grunde. Mit der Furcht vor den Schrecken der Hölle ist es aber ein eigenes Ding. Sie stehen noch im Nachteil gegen die Schrecken der diesseitigen Strafen. Ein kluger, erfahrener Mann stellte einmal folgende Betrachtung an: Wie mag ich nur darauf rechnen, daß ein gewöhnlicher Mensch aus Furcht vor den entfernten und Ungewissen Strafen einer künftigen Welt den Versuchungen des Augenblicks widerstehen wird, wenn ich so oft erlebe, daß die gescheitesten und gebildetsten Leute sich den Magen verderben? Die üblen Folgen einer Unmäßigkeit in Speise und Trank stehen doch so sicher fest und unmittelbar hinter dem Vergehen, daß sie ungleich viel unabwendbarer erscheinen als die einer anderen Welt, die niemand kennt. Und wenn eine Indigestion auch mit geringerer Pein droht, als das höllische Feuer, so ist doch andererseits der Widerstand gegen die Versuchung der Tafelfreuden so viel leichter, als der gegen die Verführung zu großen Sünden — von der Gewißheit im einen und dem Zweifel im anderen Fall nicht zu reden. Wer will behaupten, daß, wenn es eine Hölle gäbe und ein oder der andere Sünder zeitweise aus derselben auf diese Welt zurückkäme, ein solcher nicht auch wieder rückfällig werden könnte? Wie gering mag aber die Zahl derer sein, welche so ganz ohne Anwandlung von Zweifel an die Hölle glauben? Frau von Motteville erzählt, Papst Urban VIII. habe bei der Nachricht vom Tode des Kar- — 380 — dinals Richelieu bemerkt: „Nun, wenn es einen Gott giebt, so wird er bald seine Strafe zu zahlen haben; aber in der That, wenn es keinen Gott giebt, so war er ein Ehrenmann."*) Da sie das als etwas eben Gemeldetes niederschreibt, muß es ihr und ihrem Kreis nicht unwahrscheinlich geklungen haben, und dem eleganten, für seine Zeit modern zu nennenden Florentiner sieht es auch nicht unähnlich. Wenn das in den Zeiten Ludwigs des Dreizehnten so beiläufig einem Papst nachgesagt werden konnte, so mag man danach berechnen, welche Nahrung diesen Zweifeln seit zweihundertfünfzig Jahren zugeführt worden sein muß. Die Lehre von der Hölle ist übrigens bekanntlich nichts weniger als eine spezifisch christliche oder jüdische und dogmatisch vielen Deutungen auch im Christentum unterworfen. Unser deutsches Wort ist sogar unmittelbar der eigenen nordischen Mythologie entnommen. Die böse Hellia ist eine Tochter des Loki. Die alten Religionen, insonderheit die ägyptische, beschäftigen sich noch ausgiebiger als die neueren mit der Unterwelt, wenigstens soweit sie als Wohnstätte der Abgeschiedenen überhaupt und nicht ausschließlich als der Ort der Strafen und Qualen betrachtet wird. Diese Unterscheidung geht auch durch die Ansichten der Kirchenväter, unter denen speziell Origenes mit dem Anhang der orientalischen Schule den Nachdruck auf den indifferenten Zustand der bloßen Abgeschiedenheit legt. Der altgriechische Hades, welches Wort auch in das neue Testament für die Bezeichnung der Unterwelt übergegangen ist, bedeutet, wie das hebräische Scheol, lediglich den Aufenthalt der Verstorbenen. Sogar Abrahams Schoß, der xo^Troc '^/S?««^, wird in diese Unterwelt verlegt, wie der Aufenthalt der edö ss »li s Oio, dsn tosto lo MZ-ard.; ms, vsr»- wsute, ss noii e's Oio s Aälxmtuomo," — 381 — alten Erzväter und der ungetansten Kinder limkus xs-truirr und limdus ints.iit.iurQ. Im Orkus und Tartarus begegnen wir dagegen den besonderen Martern derer, die die Götter gereizt haben, den Jxion, Tantalus und Genossen. Die Jammerstätte des Judentums ist eigentlich eine irdische, das Gehinnom, d. h. das in der Nähe von Jerusalem gelegene Thal Hinnom, Gegend von Elend und Schierke mit Goethe zu redeu. Darum sagen wir, wenn es uns nicht behaglich ist, noch heute, daß wir uns geniert fühlen, bekanntlich abgeleitet vom französischen Zsus, das wieder von Gehinnom, (Z^trsiiiis, herrührt. Die heiligen Schriften werden von den Kirchenlehrern nur mit wenigen Stellen für diese Regionen angerufen; aus dem alten Testament hauptsächlich eine Stelle, Genesis 37, 35, wo Jakob bei der Nachricht von Josephs Tode spricht: „Ich werde mit Leid hinunterfahren zu meinem Sohne in die Grube", und aus dem neuen die Stellen Ev. Marci 19, 43: „Es ist Dir besser, daß Du eiu Krüppel zum Leben eingehest, denn daß Du zwei Hände habest und fahrest in die Hölle, in das ewige Feuer", und Matthäus 25, 41: „Gehet hin in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln". Über das, was die Hölle in der Höllenfahrt Christi bedeutet, den OssLsuZus g.6 inlsrniim gehen dagegen die Auslegungen wieder auseinander. Ohne Zweifel haben mythenbildende Vorstellungen, ver- sinnlicht von Dichtern und Malern, einen sehr wesentlichen Beitrag zur Ausstattung dieser Glaubensphautasie geliefert. Zweierlei physikalische Elemente treten uns dabei als die vorherrschenden entgegen: die Verlegung des Strafortes unter die Oberfläche unseres Planeten und das Zuchtmittel des Feuers. Letzteres ist noch ganz besonders verstärkt worden durch den erst später von der katholischen Kirche zwischen Himmel und Hölle eingeschobenen Begriff des Fege- — -!82 — feuers, welches immer mehr an die Stelle der ewigen Verdammnis treten mußte, je mehr die Praxis von der Lehre der Erlösung durch die den Ablaß vermittelnde Autorität sich ausbreitete. Merkwürdigerweise spielt bei dem größten Repräsentanten des Mittelalters, der Himmel und Hölle zur höchsten dichterischen Gestaltung erhoben hat, das Feuer keine große Rolle, nicht einmal im zweiten Teil seiner göttlichen Komödie, die eigens das Fegefeuer, allerdings nur Purgatorio genannt, zum Gegenstand hat. Erst gegen Ende, im fünfundzwanzigsten Gesang, bei den Bußen der Wollüstigen, treffen wir auf die schmerzenden Flammen, die letzte Pein, ultima tortui-g., wo die Bergeswand Flammen ausschleudert und den Dichter die Furcht vor dem Feuer zurückhält. Auch verlegt Dante das ganze Purgatorium nicht uuter die Oberfläche der Erde, sondern auf einen Berg, der aus einer Insel aufsteigt. In den neun Kreisen der Hölle wird mehr von anderen Qualen als denen des Feuers Gebrauch gemacht, und man kann nicht sagen, daß Dante Hölle oder Fegefeuer zum Schutz der Monarchie verwendet. Im Gegenteil, Herrscher, Tyrannen, sowohl weltliche als geistliche, stellen ein großes Kontingent zum Heere der Bestraften, während die Rebellen kaum unter den Büßenden vorkommen. Im achtundzwanzigsten Gesang der Hölle stoßen wir aus Bertrand de Born, den Sänger, der seinen Kopf in der Hand trägt wie eine Laterne, weil er den Prinzen Heinrich gegen seinen Vater, den König von England aufgewiegelt, wie Ahitophel den Absalon gegen Vater David. Aber es ist nicht die politische Rebellion, die hier ihre grausame Strafe findet, sondern. „Weil Menschen ich getrennt, die sonst sich lieben. So trag ich mein Gehirn getrennt nllhier Von seinem Quell, der in dem Rumpf geblieben'" — 333 — Ganz zum Schluß, im letzten Gesang der Hölle, treffen wir noch Brutus und Cassius, welche das dreiköpfige Ungeheuer rechts und links von Judas Jschariot zwischen den Zähnen hält. Es ist nicht die Empörung, sondern der Verrat, der hier bestraft wird, und, wie um keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, begegnen wir sofort im darauf folgenden ersten Gesang des Fegefeuers dem mit besonderer Liebe behandelten Cato von Utica, dem die Freiheit so teuer war. daß er dafür das Leben ließ. sai eks non ti iu xsr Isi kmürs, In Iltills, morts. In der ganzen Höllenordnuug mit der Strafeinteilung der neun Kreise findet sich unter der Aufzählung aller Sünde» keine der politischen Auflehnung. Der Teufelspoet des siebenzehnten Jahrhunderts besingt in seinem verlorenen Paradies allerdings die Empörung der gefallenen Engel gegen Gott, aber wie er über die analogen irdischen Verhältnisse dachte, ist schon oben besprochen worden. Die Topographie der Miltonschen Hölle ist schwankend und unklar, während die Dantesche uns genau als im Centrum der Erde befindlich beschrieben ist, von einer Axe aus erreicht, deren Spitze von Jerusalem herabgeht. Was die Dichter gesungen und was die Volkssage ausgesponnen hat, gehört selbstverständlich nicht zu den Glaubenslehren. Aber die allgemein menschliche Auffassung von der Beschaffenheit der Strafen im Jenseits malt sich darin unleugbar. Eine sinnlich ergreifende Vorstellung von einem bestimmten Aufenthalt der Qual für Gestorbene wird immer, wie es in der That in allen Mythen der Fall ist, auf einen unterirdischen Raum und als vornehmstes Strafmittel auf das Feuer hinauslaufen. Bei der Ahnung übersinnlicher Freuden läßt sich die Phantasie zur Not auf Unbestimmtes ein. Überraschung und Ungeahntes kann hier seine Macht — 384 — ausüben. Aber um Schrecken zu erregen bedarf es der sinnlichen Vorstellungen. Übersinnliche Pein ist ein viel zu ätherischer Gedanke, um auf das Gemüt des von irdischer Versuchung heimgesuchten Sterblichen zu wirken. Das können höchstens greifbare materielle Schreckmittel besorgen. So wenig nun die Naturwissenschaften jemals die Philosophie ganz ersetzen werden, so wenig werden sie in denjenigen menschlichen Sphären, denen die Religion zur Befriedigung ihres moralischen und geistigen Bedürfnisses unentbehrlich ist, diese ersetzen können. Aber so viel ist richtig: in einem Zeitalter, welches die Naturwissenschaften so wie das heutige in den Vordergrund der breitesten Bildung gestellt hat, dürfen die religiösen Vorstellungen nicht in auffälligen Widerspruch mit den physikalischen Wahrheiten kommen, ohne dabei Schisfbruch zu leideu. Eine Höllenanstalt im Schoß unseres Planeten findet schwer ihren Platz auch in den elementarsten Begriffen der Physikalischen Geographie — von den sieben Himmeln nicht zu reden. Wer sich die Mühe geben will, aus dieser einfachen Betrachtung die naheliegenden Rückschlüsse zu ziehen, wird leicht entdecken, welcher Art heut zu Tage Versuche zur Verbesserung religiösen Unterrichts nicht sein dürfen, wenn sie überhaupt wirksam sein wollen. Ganz besonders diejenigen, welche die Sozialdemokratie unter dem Gesichtspunkt ihres Unglaubens bekämpfen wollen, begehen den größten Irrtum, indem sie ihr mit religiösen Apparaten entgegentreten, deren Gebrechlichkeit so augenfällig ist. Es ist mit Recht gesagt worden, daß gerade die Vergröberung des Religionsunterrichts — und die Verschärfung des konfessionellen Formalismus ist eine solche Vergröberung — die Jugend umsomehr ins sozialdemokratische Lager treiben werde. Aus demselben Grunde können die, welche mittelst der Erhaltung der Religion das Band zwischen Monarchie und Volk stärken wollen, keinen schwereren Fehler begehen, als wenn sie die Religion auf die jetzt vorgeschlagene Manier zu stärken -vermeinen. Sie stellen damit die Monarchie auf die allerbedenklichste Voraussetzung. Es ist — mutatiZ mritanäis — etwa so, als wenn sie meinten, zur Erhaltung der Monarchie müßte die Prügelstrafe wieder eingeführt werden. Sieht man genau zu, so besteht wohl auch eine innere Verwandtschaft zwischen den Liebhabern der Prügelstrafe und den Gönnern des neuen Schulgesetzes. Der Deutsche versteht im ganzen nicht übermäßig viel Spaß, am wenigstens aber in Sachen der Religion. Es ist ihm damit viel mehr Ernst als allen anderen Nationen, auch denen, die frömmer erscheinen als er. In Frankreich, England und Amerika hat das stillschweigend anerkannte Bedürfnis fester moralischer Ordnung instinktiv die wohlhabenden Klassen zu einer Respektierung der religiösen Äußerlichkeiten erzogen, welche deren formale Anerkennung zu einer Anstandspflicht macht. Nicht fromm erscheinen ist in England einfach not i-ss^sotg-dls, wie unanständig gekleidet zu sein. Ähnlich in Frankreich, wenn jetzt auch der politische Radikalismus dagegeu Sturm läuft. Der feine und im stillen ganz ungläubige Rivarol, welcher der Schreckenszeit nach Deutschland aus dem Weg ging, gebraucht einmal die sehr bezeichnende Wendung, Gottlosigkeit — 1'iro.xists — sei die größte aller Indiskretionen. Etwas trivialer drückt sich Thiers dahin aus, ungläubiges Gebaren gehöre zu den schlechtesten Manieren. Den Franzosen ist darum der Katholizismus 1s. rsliZion äss Zkus eomms il Fant, weil er sich auf schädliche Diskussionen nicht einläßt. Derartiger Jndifferentismus liegt dem deutschen Wesen fern. Wenn Goethe den Hikmet Nameh sagen läßt: Ludwig Bamberger'S Gcs. Schrislcn, I. — 386 - „Soll man dich nicht aufs Schmählichste berauben, Verbirg dein Gold, dein Weggehn, deinen Glauben" so denkt er nicht an die anderen, sondern an sich in seiner stillen Höhe. Eine Ehe, in welcher der Mann ungläubig ist und seine Frau behaglich der Bigotterie überläßt, die Regel in Frankreich, ist in Deutschland gewiß eine Seltenheit. Wo die Religion Fuß gefaßt hat, wirkt sie hier viel stärker als dort. Der politische Einfluß der katholischen Geistlichkeit, auch in den ländlichen Wahlkreisen, ist dort unendlich viel geringer als bei uns. Die rasche, breite und tiefgehende Erregung, welche in allen Schichten der Bevölkerung durch den Schulgesetzentwurf hervorgerufen worden ist, giebt von neuem Zeugnis von dem gewaltigen Ernst, mit welchem die Deutschen diese religiösen Fragen erfassen. Zahlenmehrheiten in Kommissionen und Parlamenten können — dank den Septennatswahlen — dies Schulgesetz dem Lande auflegen; aber denen, die es ersonnen haben, und denen, die es begrüßen, möchte es schlecht bekommen. Der Monarchie, die sie stützen wollen, kann man nur raten zu dem Gott zu beten, der vor übelberatenen Freunden behütet. Unsere Neuesten/) jüngst schrieb ich einem befreundeten Franzosen, der sich viel mit Studien über Deutschland beschäftigt, zahlreiche Arbeiten über unsere Litteratur nnd Politik, namentlich auch die soziale uud philosophische veröffentlicht hat,**) und bemerkte ihm am Schluß des Briefes, daß zur Zeit Friedrich Nietzsche mit besonderer Vorliebe bei uns gelesen werde. Merkwürdiger Weise kreuzte sich dies Schreiben mit einem des Adressaten, in welchem es am Schlüsse hieß: „Unsere Jugend treibt jetzt sehr viel Nietzsche." Das ist doch höchst bezeichnend. Es sind die „Neuesten", die auf diesem Kriegspfad gegen das Alte wandern; und wenn irgend etwas ihre Brust schwellt, so ist es gewiß das Bewußtsein der Originalität, des Emporragens über alles Dagewesene. Und nun zeigt sich, daß diese Menschheit letzter Ausgabe doch auch einer allgemeinen, um nicht zu *) Aus der „Nation" vom 23. Juli 1892. Ich benutze diesen Anlaß, um insbesondere auf das letzte Buch dieses Schriftstellers aufmerksam zu machen, „I^s Lovialisuis allswkuä st 1s ÜNiMsms ru8ss xar ^. Louräsau (?aris, ^.Ivkw), in welchem die Geschichte, die Theorien und die Kritik der Ideen und Persönlichkeiten mit außerordentlicher Sachkenntnis und Unbefangenheit behandelt sind. Der Autor hat sich zu verschiedenen Epochen längere Zeit in Deutschland ausgehalten, Menschen und Zustände aus naher Berührung, vertraut mit der Geschichte und Litteratur, kennen gelernt. 25* — 388 — sagen gemeinen Zeitströmung unterthänig ist; daß sie gehorcht, während sie zu befehlen wähnt. Eine Mahnung sicherlich zur Bescheidenheit, wenn in zwei so verschiedenen, so vielfach einander befehdenden Regionen der europäischen Gesellschaft in so absonderlichen Dingen Gleichheit herrscht. Das Phänomen dieses Zusammenstimmens ist allerdings nicht vereinzelt, und es läßt sich ferner nicht verkennen, daß dabei der Zug mehr von Deutschland nach Frankreich hinübergeht als umgekehrt; nicht unbedingt und einseitig jedoch. Denn wir haben von den Franzosen den Naturalimus, Realismus, Impressionismus, Pleinairismus und auch etlichen Cynismus in Kunst und schöner Litteratur herübergenommen. Daß wir darin mehr Nachahmungstrieb als Geschick bewähren, gereicht uns eher zu Nutz und Frommen, wenn auch nicht gerade zur Ehre: denn an gutem Willen zum Bösen fehlt es eigentlich nicht. Dagegen haben beispielsweise jene von uns bezogen: Schopenhauer, Richard Wagner, Treitschke-Ahlwardt, Nietzsche — ich nenne sie in der chronologischen Ordnung ihres Umzugs, ohne sie ihrer Würdigkeit nach untereinander klassifizieren zu wollen. Handelspolitisch gesprochen haben wir die aktive Bilanz auf unserer Seite. Unsere Ausfuhr übersteigt au Wucht und Erfolg bedeutend unsere Einfuhr. Es wäre neben der eigenen Ausfuhr auch noch der Export- Zwischenhandel zu nennen, auf dessen Wegen wir es sind, welche z. B. den Franzosen Ibsen zugeführt haben. Den ganzen Staatssozialismns nicht zu vergessen, den wir zwar nicht allein und einseitig erfunden haben, desfen Ursprung sogar eher in Frankreich zu suchen ist, den wir aber durch selbständige Behandlung (mittelst des Verfahrens, welches das römische Recht die Spezifikation nennt) so nach unserer besonderen Art umgemodelt haben, daß er unser geistiges Eigentum geworden ist. Unseren Staatssozialismus haben — 389 — wir nicht nur zu den Franzosen, sondern durch die weite Welt bis zu den selbstherrlichen Angelsachsen verbreitet. So scheint die Thatsache festzustehen, daß Deutschland seit dem letzten Kriege als herrschende Macht den Stempel seines Ingeniums der Mitwelt aufgedrückt hat und zwar am meisten den grollenden Besiegten. Von Rechts wegen muß hier auch der Grundsatz der allgemeinen Schul- und Dienstpflicht als eine nach deutschem Vorbild von beinah ganz Europa nachgeahmte Einrichtung erwähnt werden; und müßte nicht schließlich auch an den Siegeszug des deutschen Bieres erinnert werden? Einzelne unter diesen Strömungen haben sogar zur Zeit jenseits unserer Grenzen ihre Ufer mehr ausgebreitet als im Lande des Entspringens. Wagner beherrscht den Geschmack der Musiker und jedenfalls der „schönen Welt" in Frankreich noch stärker als bei uns. Schopenhauer, in Deutschland schon älter, tritt hier mehr in den Hintergrund, während er dort eine Art populäre Figur geworden ist, der man in Romanen und Feuilletons begegnet, die vor zwei Jahren sogar einmal in einer Posse über die Bühne eines Tingeltangels ging. Der Staatssozialismus kommt in einzelnen Formen der Gesetzgebung vielleicht dort ebenso stark oder noch stärker zum Ausdruck als bei uns, denn manches in ihm entspricht mehr dem französischen Ingenium als dem deutscheu, aber er wird schwerlich sich des ganzen Lebensgebietes in demselben Grade bemächtigen wie bei uns, weil die Verteilung des Besitzes ihm in den tonangebenden Klaffen Frankreichs viel weniger Sympathie zuführt, als er diesseits aus der Mitte des Adels und der Studierten empfängt. Noch schwächer dürfte dort die Zukunft des Antisemitismus sein. Der heitere Sinn für Leben und Lebenlasfen findet auf die Dauer keinen Geschmack an der „ethischen" Aufgabe, seinem Nebenmenschen das Leben zu vergiften. Um so mehr dürfen wir uns — 390 — freuen, daß die eminent deutsche Begabung für Musik und spekulative Philosophie sich auf dem Gebiet des widerstrebenden Nachbars so wohlwollender Aufnahme erfreut. Sind doch beide ganz besonders dazu da, das Leben zu versüßen! Ist es nicht ganz schön, wenn die verfeindeten Nationen wenigstens auf zwei solchen Regenbogenbrücken, dergleichen der liebe Gott seiner Zeit eine erscheinen ließ, um sich jede weitere Revanche am Menschengeschlecht zu verschwören, einander die Händen reichen? Gewährt nicht Bayreuth, wohin das tont?a.i-is sich drängt, von Sommer zu Sommer immer mehr den Anblick eines musikalischen Anti-Kronstadt? Auch Schopenhauer und besonders Nietzsche lassen zwar an prismatischem Farbenspiel nichts zu wünschen übrig; aber freilich Philosophie wird für die Massenbewegung niemals Brücken bauen, und gerade diese neueste am wenigsten. Denn wenn philosophische Systeme schon an sich zur Domäne der Geistesaristokratie gehören, so tragen noch die der beiden Genannten den Stempel aristokratischer Exklusivität ganz besonders an sich. Ja gerade auf diesen aristokratischen Zug ist das Glück, welches unsere zwei neuesten Denker hier und dort gemacht haben, zurückzuführen. Oder, um es anders auszudrücken, ihr Denken selbst wurzelt in der Natur eines, trotz allem, beide Nationen beherrschenden Zeitgeistes. Wir haben es mit einem aristokratischen Rückschlag gegen den Demokratismus der Zeit zu thun. Schopenhauer legte in den stillen Anfängen den Grund, seine Saat ging ja auch erst später auf. Nietzsche"'), der jenen seinen Lehrer nennt, — und man würde das merken, wenn er es auch nicht sagte, — fing gleichfalls in der Stille an und explodierte erst in den letzten Jahren weit hinaus. Beide er- Ich beziehe mich hier vorzugsweise auf „Genealogie der Moral". — 391 — lebten ihre wahren Triumphe nicht mehr, der Gang der Zeiten erst half ihnen dazu. Obwohl Nietzsche noch nicht leiblich tot ist, muß man doch leider von ihm als einem Abgeschiedenen reden, und obwohl er mit seinen letzten Folgerungen sich gerade im vollsten Gegensatz zu Schopenhauer zu setzen meint, stimmt er doch im Resultat der Nutzanwendung mit ihm zusammen. Der eine leugnet das Glück des eigenen Daseins, der andere das Beglückenwollen des Daseins der Vielen. Aber in der Hauptsache begegnen sich beide. Wenn Nietzsche meint, er sei kein Pessimist, so ist das nur ein Kunststück. Er ist Optimist für eine kleine Aristokratie des Lebens oder der Kraft. Das ist nur ein Streit um ein ganz kleines, im Verhältnis zur Menschenwelt verschwindend kleines Eiland, wo die Auserwählten sitzen. Schopenhauer schmeißt das Ganze zum Teufel und rettet nur nebenher seinen moäus vivsiM auf das Floß des Mitleids, welches Nietzsche mit Verachtung von sich stößt. Schopenhauers Vornehmheit besteht darin, zu wissen, welche Kanaille das Leben ist, und das ist auch schon aristokratisch genug. Nietzsche ist nicht so bescheiden, er will das Leben als Gut für sich retten auf Kosten der Kanaille. Seit Schopenhauer hat eben die Demokratie solche Fortschritte gemacht und so in die Breite gewonnen, daß das Bedürfnis der Reaktion bedeutend stärker geworden ist. In der Reaktion der beiden Philosophen geht der Weg von der Resignation des Nirwana zur Legitimierung der Wolfsherrschaft, vom Frieden zum Krieg. Es ist im Grunde dasselbe, nur mittelst einer geistreichen Dialektik umgestülpt, wie auch der Darwinismus von Nietzsche bekriegt und doch benützt wird. Er verlacht das Fortleben durch Anpassen; aber das sich Anpassen ist doch nur ein Angepaßtwerden, wie er selbst es den Schwachen im Namen der Starken verkündet. Das alles, Herrenmoral und Sklavenmoral, Wolf — 392 — und Lamm, Jenseits von Gut und Böse ist lange nicht neu. Nietzsche weiß es und führt es an, wenn auch nur beiläufig. Man denke nur an den Fürst des Macchiavell, an Hobbes, an Joseph de Maistre, ebenfalls Zeugen demokratischer Bewegungen in der Menschheit. Es soll auch kein Vorwurf sein, daß die Grundgedanken nicht nagelneu sind, denn das ist bekanntlich nie der Fall, am wenigsten in der Philosophie; und wenn es ganz gewiß ein Verdienst ist, Altes, schon Dagewesenes auf neue und anziehende Manier gedacht und gesagt zu haben, so kann es diesem neusten Propheten gewiß nicht bestritten werden. Es möchte schwer fallen, origineller zu sein als er, und es war besonders schwer nach Schopenhauer. Beiden gemeinsam und charakteristisch für sie ist, daß sie ihre aristokratische Philosophie für und ihr Glück durch die Leute von Welt gemacht haben. Die Ironie auf ihre Abkehr vom xrokÄHnrQ vulgns ist, daß sie Vulgari- satoren wurden, demokratisiert wider Willen. Sie dienten dem Geist ihrer Zeit, indem sie ihn bekämpften. Auf Schopenhauer gilt das nur zum Teil, weil der Grundstock seiner Werke mit dem Ausgang von Kant sich in den strengeren Formen des Denkens bewegt. Nietzsche dagegen arbeitet im Geist der analysierenden Dialektik Hegelscher Manier recht eigentlich mit Aperyüs. Aber beiden ist gemein, daß sie gemeinverständliches und schönes Deutsch zu schreiben bemüht und befähigt waren. Beide, der eine in seinen populäreren, der andere in seinen sämtlichen Werken, zogen zum erstenmal das weltliche Publikum in die Kreise ihres abstrakten Denkens. Im Gegensatz dazu blieb ihr Einfluß auf die gelehrte Welt bedeutungslos. Weder wie Kant noch wie Hegel, nur um die größten zu nennen, machten sie Schule in der Wissenschaft der Philosophie und den mit dieser zusammenhängenden Wissenszweigen. So bewährten sie, wider Willen, daß sie dem Zeitalter der — 393 — Demokratie folgten, und dieser ihrer modernen Eigenschaft verdanken sie auch ohne Zweifel ihre französische Popularität.*) Hegel hatte seiner Zeit in der eklektischen Philosophenschule Frankreichs Einfluß auf den Katheder gewonnen, und wie Taine uns bezeugt, wird gegenwärtig in den obersten Klassen der Gymnasien Frankreichs ein „neu- kantisches" System gelehrt, das, wie er ohne Zweifel mit Recht behauptet, keine Fühlung mit dem Leben hat. Selbst August Comte, der ins Lebendige eingriff und mit der Politik zusammenhing, fand in seinem Vaterlande nicht nachhaltigen Anklang in die Breite, nicht einmal so viel wie in England, wo er durch die Vermittelung Mills Einfluß gewann. Bekanntlich dauerte es lange, ehe Schopenhauer bei uns durchdrang. Entscheidend für den Umschlag war ganz gewiß der Umschlag im öffentlichen Leben. Mit dem Beginn der fünfziger Jahre nach dem Scheitern des deutschen Regenerationsversuchs kam das Studium der Philosophie auf den Hochschulen in Verfall. Der Liberalismus der gelehrten und besonders der litterarischen Politiker ") Für solche, die sich näher für die Sache interessieren, sei bemerkt: die größeren Werke Nietzsches sind bis jetzt noch nicht ins .Französische übersetzt. Aber zwei Übersetzungen seiner sämtlichen Werke sind in der Arbeit. Nur eine ältere Schrift: „Richard Wagner in Banrcuth", ist vor längerer Zeit erschienen. Dagegen brachte der Pole Wyzewa in der »Rsvns bleue" im Jahre 1831 einen Artikel: ?rsäsri<: ZNstxsells, lg äernisr HlstÄxk^sieiöii, und eine Erwiderung auf dieselbe erschien 1892 in der Zeitschrift „I^s Lan^ust" I^ibrairie Ron^ustts), die seit kurzem von einer Anzahl ganz junger Leute herausgegeben wird. Ähnliche Richtung verfolgt die belgische Zeitschrift „I^a sooists raocksiiis", welche Übersetzungen des „Fall Wagner" und „Zarathustra" gab. Welche Übereinstimmung auch hier mit unseren „Neuesten"! Die von ihnen herausgegebene Zeitschrift „Die Gesellschaft" beschäftigt sich ebenfalls viel mit Nietzsche. In Frankreich ist er schon lo weit vorgedrungen, daß hie und da der „Figaro" gegen die Richtung ausfällt. — 394 — hatte noch seine Wurzeln in der nachhegelschen Periode gehabt. Seine Niederlage sowie der ganze Katzenjammer des wieder eingezogenen bundestäglichen Regiments drückten den Geist der Nation auf eine Stimmung flacher Nüchternheit herab. Aus diesem Elend half eine Weltanschauung heraus, die Resignation mit ernster Vornehmheit verschönte, und die Eleganz, die pikante Geistreichigkeit der Behandlung, die sarkastischen Ausfälle gegen die ohnehin vereinsamte Kathederweisheit, das alles, weiter getragen durch einige begeisterte und rührige Jünger, siel als eine fruchtbare Saat auf den wohlvorbereiteten Boden. Es ist bezeichnend, daß nach dem großen Krieg in Deutschland ein Stillstand in dieser Bewegung eintrat, während die Popularität Schopenhauers erst damals in Frankreich einzusetzen begann, eine natürliche Folge der jetzt hinübergezogenen moralischen Depression, und zugleich eine Reaktion gegen den in der Form und der Praxis des Staats zur Herrschaft gekommenen Demokratismus, namentlich auch gegen die geistige Verflachung, welche in der Volksvertretung und der Beamtenwelt an die Oberfläche emporstieg, Gam- bettas „vierte Schicht". Schon lange vorher hatte eine sehr kritische Behandlung der Revolution von 1789 immer mehr Anklang in der jüngeren Gelehrtenwelt gefunden. Zu der gleichen Zeit und aus dem frischen Zug der neuen Gestaltung der Diuge trat in Deutschland an die Stelle der auietistischen Richtung die heroische. Aber gemeinsam war beiden das Bedürfnis der Auflehnung gegen das sichtbare Übergewicht des Demokratismus. Bei uns ging der Kultus der nationalen Kraftherrlichkeit und derjenigen Persönlichkeit, in welcher man diese Herrlichkeit verkörpert sah, seelenverwandt dem Wolfsbewußtseiu, dem Nietzsche seine Legitimität bescheinigen sollte, voraus. Aber es war jener Kultus noch mit dem sittlichen und religiösen Oant versetzt, — 395 — den der ehrliche Nietzsche verschmäht. Die „Schneidigkeit" war nur nach unten schneidig, nach oben war sie platt und stumpf. Sie kleidete das Recht des Stärkeren in das An- standsgewand der „Zucht". Nietzsches Wolfsherrschaft beruft sich einfach auf das biologische Gesetz. Die vornehme Verachtung der Philantropie ist beiden gemein als Anwandlung von Schwäche, von falscher Sentimentalität. Wenn man den Begriff der „Zucht" chemisch in seine Teile auflöst und das Element der Sittlichkeit ausscheidet, bleibt einfach die Herrenmoral der Neuesten übrig. Philantropie ist im Grunde nur ein anderes Wort für Demokratie, wenigstens heutzutage, da — trotz allem — der aufgeklärte Despotismus keinen öffentlichen Kredit besitzt. So wiederholt sich hier, was wir in allem Vorangehenden beobachtet haben: wir sehen eine geistige Bewegung vor uns, welche sich aus dem unwiderstehlich vorwärtstreibenden Drang des Demokratismus als vornehme Reaktion gegen denselben herauswindet, und welche wiederum doch dem Zeitgeist gehorcht, der sie in die Breite und die Tiefen drängt. Das Genie wimmelt Heuer in den Gassen und wühlt in den Gossen, sieht aber doch mit Verachtung auf alles herab, was da ist und besonders was gewesen. Die Vulgarisation des Geuialitätsanspruchs ist eines der amüsantesten Phänomene der Gegenwart. In Frankreich hat man dafür den Namen L.n zus Nsssisrirs 1s8 assa-ssins OomiQsiiczsnt)! Weder Tolstois Milch und Honig, noch de Maistres blutiges Schwert, auch nicht die Beethovensche Harmonie des „Neuen Glaubens" verursachen uns zur Zeit viel Anfechtung. Dagegen schreitet die Kraftmeierei des Genies immer breitspuriger durch die Reihen unserer „Erzieher". Und Gott weiß, es ürst stex in der 5Is^v ksvisv vom Juli d. I. — 400 — fehlt uns nicht daran. Ob wirklich der anonyme Weltgeist so sehr viel Ursache hat, mit Selbstbefriedigung sich zu sagen: auf die Vielen kommt es mir nicht an, sofern ich mein Spiegelbild nur in meinen Herren vom Genie erblicke. — Aber gerade darum thun sie sich zusammen. Was immer den Kitzel des Genie-Snob- bisms in seinem heiligen Innern fühlt, Männlein und Weiblein, drängt sich heran. Die Solidarität der Genies schart sich um ihre Sturmfahne und predigt den heiligen Krieg gegen den Lsn8us communis, den alten prosaischen Menschenverstand. O tägliches Brot des gesunden Verstandes von Gottes Gnaden, komme zu uns und laß uns bewahrt sein vor dem Genie, seinem Pomp und seinen Werkend Amen! Die neueste Aera öer Spekulation.''1 i. ^)ie epochemachenden Erscheinungen gewaltig auftretender Spekulationen sind um eine eigenartige bereichert. Abgeschlossen ist sie noch nicht, und das macht die Sache um so spannender. Man kann Vergleichungen anstellen mit welthistorischen Erfahrungen ähnlicher Natur. Alle sind schon untereinander verschieden, aber vielleicht ist noch keine dagewesen, die den früheren so wenig gleicht. Die Entfesselung des Spiels zur Zeit der englischen Südsee- Gesellschaft, die Ausschweifungen zur Zeit von Laws Herrschaft in Frankreich, die Thorheiten der holländischen Tulpenagiotage nahmen von vornherein einen anderen Verlauf. Die Entdeckung der Goldfelder in Kalifornien uud Australien entfaltete sich nicht in der Weise, wie die nns jetzt beschäftigenden afrikanischen Unternehmungen. Am ersten ließen sich noch Parallelen ziehen mit den Perioden des rasch in Schwung gekommenen Eisenbahnbaues, welcher auf Grund thatsächlich auszuführender, vielverheißender Kulturaufgaben, den Unternehmungsgeist uud, im Gefolge, desfen Übertreibung betäubend in Gang setzte. In den Spekulations- 5) Aus der „N.ition" vom 28. Dezember 18V5. Ludwig Bambcrgcr'S Ges. Schriften, I. — 402 — fiebern des vorigen Jahrhunderts war das Chimärische vorherrschend; die Phantasie, namentlich auf das Überseeische gerichtet, berauschte die Erwartungen. In der Mitte unseres Jahrhunderts lieferte die Umgestaltung der Erde durch den Damps und die Schiene dem Kapital eine neue massenhafte Beschäftigung, erhöhte seinen Zins und führte durch die, uach Vorbild der, von den Gebrüdern Psreire in Frankreich zuerst ins Leben gerufenen, Mobiliarkreditgesellschaften zur Anreizung des finanziellen nnd industriellen Unternehmungsund Spieltriebs. Um das Ganze in Fluß zu bringen, mußte die Rechtsform der anonymen Gesellschaften zu neuer vielfältiger und beweglicher Anwendung gebracht werden. Die Flut ging aufwärts bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre, erlebte baun eine starke Rückstauung, erhob sich wieder nach dem italienischen Krieg uud hielt sich mit auf- und absteigenden Perioden im Ganzen bis zum großen französisch-deutschen Krieg. Man weiß, daß der auf ihn folgende Friede den Anstoß zu einem neuen Aufschwung und, in dessen Konsequenz, zu neuer gewaltiger Überspekulation gab, die mit dem von Amerika und Österreich ausgehenden „Krach" endete. Von Wien ist dies börsendeutsche Onomatopoietikon in die europäischen Kulturspracheu übergegangen, hat auch das Zeitwort „verkrachen" geliefert. Seit jener Zeit hat sich vieles wieder gebessert, einzelne Epochen wie der Beginn der achtziger Jahre nahmen einen frischen Anlauf. Aber es ist doch seit jenem Krach nicht wieder erlebt worden, daß die ganze Handelswelt mit Weiterwirkung auf das große Publikum zu sanguinischen Massenkäufen spekulativer Werte, begleitet von phänomenal in die Höhe schnellenden Preisen, fortgerisfen worden wäre. Ganz allein die südafrikanischen Goldbergwerke haben, und zwar erst seit etwa Jahresfrist, immer Li-ssosiräo diese wilde Jagd nach Gewinn wieder entfesselt. Das Erlebnis ist seiner — 4N3 — allgemeinen nnd seiner besonderen Natur nach so interessant, daß es bereits die Aufmerksamkeit anch der nicht daran beteiligten Kreise auf sich gezogen hat; und das noch in der Entwicklung begriffene Schauspiel wird sich lauge uud bedeutend genug fortsetzen, um zu rechtfertigen, daß fich die Beobachtung der Zeitgenossen näher mit ihm beschäftigte. Einige Zeit, ehe der Krach der siebziger Jahre hereinbrach, habe ich einmal in einer Reichstagsrede vor dem Ende der damals noch hochgehenden Spekulation gewarnt, als ein gewaltiges Steigen in Bergwerksaktien losging. Ich sagte damals, auf meine Erfahrung aus den fünfziger Jahren gestützt, daß, wenn erst die Aktien der Bergwerke ins Blaue hinausznwirbeln ansingen, der Vorabend des Umschlags gekommen sei uud mau sich auf das Hereinbrechen eines Sturmes gefaßt machen müsse. Ich hatte richtig prophezeit, und im Gegensatz zu schlechten Erfahrungen, die man im Prophetengeschäst zu machen Pflegt, hat mich mancher meiner damaligen Zuhörer noch nach langen Jahren an jenen Ausspruch erinnert, den ich schier vergessen hatte. Diesmal kommt aber die Sache so, daß man analoge Schlußfolgerungen nicht ziehen kann. Die Agiotage, welche im spätern Verlauf längerer allgemeiner Spekulationsperioden sich auch auf Bergwerke stürzt, entspringt dem Suchen des Spieltriebs nach neueu Objekten, und weil alsdann die Rückschläge in den bereits ausgenützten Objekten zu beginne» Pflegen, bedeutet das Auflodern der Bergwerksagiotage meist den Anfang des Endes. Diesmal jedoch verhält sich die Sache gerade umgekehrt. Die Bergwerke haben den Anstoß gegeben. Ans ganz natürlichem Wege drängten sie sich dem Unternehmungsgeist auf. Man könnte sagen: die Börse ist nicht zum Berg gegangen, sondern der Berg zur Börse. Genau genommen handelt es sich auch nicht ausschließlich um bergmännischen Betrieb. 26* — 404 — Denn dieser ist zwar überwiegend Gegenstand der neuesten Gesellschaften, aber es hat sich doch die von ihm ausgehende Belebung der Goldsuche auch auf die Gebiete ausgedehnt, bei welchen das edle Metall auf andere Weise gewonnen wird. II. Seit etwa füuf Jahren gab es an der Londoner Börse einen Winkel, in welchem die Geschäfte sich ausschließlich mit Anteilen an südafrikanischen Minen befaßten. Man nannte ihn ironisch tks XaLllr liool:, d. h. den Kasfern- winkel. Zwar lag — weiter rückwärts — ein Exempel vor, welches gehörigen Respekt einzuflößen wohl geeignet war. Lange vor den Goldgruben waren im südlichen Afrika die Diamantgruben erschlossen worden. Sie hatten vielen große Reichtümer eingetragen. Die Namen Kimberley, De Beer, Jagersfontein hatten einen guten Klang und haben ihn bis auf diesen Tag bewahrt. Die Aera des Goldes begann erst etliche dreißig Jahre später. Im Jahre 1887 wurden die ersten wiuzigen Ausbeuten zu Tage gebracht und zwar aus dem Bodeu jener nach Transvaal verpflanzten Boereu, d. h. der holländischen Bauernrcpublik, auf welchen jetzt die Blicke der ganzen Welt gerichtet sind. Im Lande Transvaal selbst ist der bei weitem reichste Bezirk der, welcher den Namen Witwatersrand führt, anch kurzweg zuweilen Rand genannt. Von der gesamten Goldausbeute des Jahres 1892 kamen neun Zehntel auf den Rand, ein Zehntel auf anderes südafrikanisches Gebiet. Die Anfänge waren, wie gesagt, zwar schwach; doch der Zauberklang des Wortes Gold genügt, die Gewinnlust in Aufregung zu bringen. Die Spekulatiouslust bemächtigte sich der Sache, und es dauerte nicht lange, so hatte sie sich überschlagen und ihre — 405 — Opfer verzehrt. Nicht nur eine Menge schwindelhaft angepriesener Gesellschaften nahmen den Leichtgläubigen das Geld aus der Tasche, sondern da, wo wirklich etwas zu holen war, setzte greuliche Mißwirtschaft ein. Abenteurer, die uie einen Schacht gesehen hatten, ernannten sich zn technischen Direktoren, und andere, die einiges verstanden, benutzten ihre Kenntnisse, um das Publikum mit falschen Effekten zu blenden. Eines der beliebtesten Kunststücke war, den Goldlagern „die Augen auszustechen", d. h. einzelne seltene Kerne reinen Metalls (nnMsts) auszubohren und sie als maßgebend für ganze Lagerungen den künftigen Gewinnberechnnngen zu Grunde zu legen. So kam es in diesem Spiel vorerst zu eiuem Krach, an dem namentlich in England ziemlich viel Geld verloren wurde. Aber die Schuld lag nur an dem Leichtsinn der Menschen, nicht an der Sache. Um Hilfe zu schaffen, rief man mehr uud mehr ernste Männer von Fach herbei, und nun zeigte sich bald, daß man im Anfang die neu entdeckten Gefilde nicht überschätzt, sondern unterschätzt hatte. Selten hat sich ein Betricbsfeld in solcher Progression entwickelt. Im Jahr 1888 betrug die Ausbeute des Randes nicht mehr als 7173 Kilo Gold, 1890 schon über das Doppelte, im Jahr 1893 das Siebenfache, 1894 das Neunfache — oder, mit gemeinverständlichen Zahlen, im Jahr 1888 wurde für etwa 16 Millionen Gold gefördert, im Jahre 1894 für 145 Millionen. Die Zahlen für 1895, welche wir bis Ende August besitzen, sichern eine weitere Steigerung. Man kann das Endresultat des Jahres auf 166 Millionen Mark veranschlagen. Damit wäre der Rand allein in sieben Jahren von der untersten Stufe in die höchste der Gold produzierenden Regionen aufgerückt. Ein so fabelhafter Aufschwung konnte sich nicht vollziehen, ohne daß zwei Bedingungen erfüllt wurden. Spe- — 40s. — kulation, aber auch sachliche Tüchtigkeit mußte eingreifen. Die Sittlichkeitsheroeu, welche sich jetzt rüsten, im deutschen Reichstag ein Börsengesetz zu machen, um, wo möglich, alle Spekulation von Grund aus mit der Wurzel zu vertilgen, könnten, wenn sie überhaupt geneigt und fähig wären zu lernen, aus der näheren Beobachtung dieser äußerst kurzen Entwicklung lernen, wie der Sporn der Spekulation an der Verbesserung menschlicher Zustände mitarbeitet, und wie er zugleich den Fleiß und Scharssinn vieler Berufszweige antreibt. Die Spekulation mußte das Kapital beschaffen, aber um ihren Lohn zu finden, mußte sie alle Hilfsmittel der verfeinerten Technik heranziehen. Man weiß, was das charakteristische Wahrzeichen dieses südafrikanischen Goldbetriebes bildet. Während die großen Funde in Kalifornien und Australien, die in der Weude der vierziger auf die fünfziger Jahre die Welt überraschten, aus sogenanntem Schwemmgold herrührten, haben wir es hier mit einem im sesten Gestein eingenisteteten Gold zu thun, das in regelrechtem bergmännischen Bau gefördert wird. Aus diesem Gegensatz ergiebt sich der folgenschwere Schluß, daß es sich hier um einen Betrieb handelt, der nicht jener schnellen Erschöpfung ausgesetzt ist, welche den Unglückspropheten der „Goldnot" diente, um aus den Fundorten des Schwemmgoldes Kapital zn schlagen. Heutigen Tages rühren, wie der Direktor der preußischen Bergakademie vr. Hauchecorne in seinem vorzüglichen amtlichen Bericht nachgewiesen hat, schon siebenzig Prozent der gesamten Goldproduktion aus bergmännischem Betrieb her. Der zweite bedeutsame Charakterzug ist durch die Verbesserungen gegeben, welche im Dienste der kapitalistischen Unternehmuug alle Zweige der wissenschaftlichen Technik herbeigeschafft haben. Zunächst war es ein eigentümliches Naturspiel, daß die Entdeckung der großen Diamantgruben — 4>? — 418 — damals Tag für Tag das Denkwürdige des Erlebten niedergeschrieben hatte. Und weil es an allgemeinen Betrachtungen nicht fehlen wird, ist vielleicht ein kleiner Beitrag nicht unwillkommen, der nur persönliche Reminiszenzen bringt, etliche kleine Züge, bald dieser, bald jener Aufzeichnung entnommen, etwa zu Staffage verwendbar in eiuem großen Gesamtbild, das sich die Gegenwart von dem damals Geschehenen zu machen wünscht. Ich greife zu diesem Zweck einige Notizen heraus aus dem ersten Abschnitt, da der Krieg begann, und einige aus dem zweiten, da er zu Ende ging uud mit dem Deutschen Reich zum ersehuteu Abschluß führte. _ - Im Juni 187V, nach Schluß des dritten Zollparlaments, war ich noch einmal nach Paris gereist, um verschiedene alte Angelegenheiten zu ordne». Am 5. Juli brachte die offiziöse Zeitung „I^s (üonsdi- tutionnsl" einen Artikel gegen die Kandidatur des Prinzen von Hohenzollern in Spanien. Man sprach viel darüber, und die Börse erfuhr einen leichten Rückgang; doch schien die Sache noch nicht ernst. Am folgenden Tage, am 6., fand ich in der Abendzeitung den Text von Gramonts Erklärung in der Kammer über dieses Thema mit der Phrase, daß die französische Regierung die Wiederanfrichtung des Thrones Karls V. uicht zugeben könne. Sofort ward mir klar, daß jetzt eine ernste Kriegsgefahr aufgetaucht sei. Ich fuhr rasch nach dem Boulevard, um Näheres zu erfahre». Auf dem Wege kreuzte ich mich mit dem Minister Ollivier, mit dem ich bekannt war, und der mir einen sonderbaren, mir auffallenden Blick zuwarf. Bor ungefähr zwei Jahren hatte ich ihn aus Anlaß der Luxemburger Angelegenheit in seiner Wohnung aufgesucht, uud es kam zu einer lebhaften Auseinandersetzung, als er mir demonstrierte, Frankreich könne — 419 — nie zugeben, daß der Norddeutsche Bund die Mainlinie überschreite. Er war damals noch liberaler Abgeordneter. Zwischen Aufregung und Spannung über den Fortgang der Dinge verliefen die Tage bis zum 10. Es war eiu prächtiger, sonniger Sonntag. Im Gehölz von Bonlogne begegnete ich einem Freunde, der sofort seinen Wagen halten ließ, heraussprang und mir sagte, daß nach soeben ihm zugekommenen Nachrichten an der Absicht, es zum Kriege zu treiben, kein Zweifel mehr sein könne. Ich selbst teilte die Überzeugung durchaus. Die Wolke, die seit dem Frieden von Nikolsburg am Horizont heraufgezogen war, bald still stehend, bald wieder verhängnisvoll dräuend, sollte nun wirklich zur furchtbaren Entladung kommen. Der Gedanke, für Menschlichkeit und Zivilisation an sich schon grausam genug, mußte mich, der ein halbes Menscheualter in Frankreich verbracht, sehr viel Gntes genossen und gelernt, zahlreiche schöne Freundschaften geschloffen hatte, doppelt und dreifach schmerzlich sein. Um so schmerzlicher, als gerade im letzten Jahrzehnt dentsche Wissenschaft und Bildung mit Vorliebe bei den französischen Gelehrten Eingang gefunden hatte, eine ganze Schule daraus hervorgegangen war. Ich sah voraus, welch tiefer unheilbarer Riß auf lange Zeit zwischen den beiden Nationen unmittelbar bevorstand. Hippolyte Taine war eben erst, mit Empfehlungen auch von mir versehen, nach Deutschland gereist. Er kehrte alsbald um und blieb von da an ein bitterer Feind. Aber aller Schmerz konnte nicht verhindern, zu sehen, daß keine Rettung mehr war, daß im kaiserlichen Lager der Krieg beschlossen war. Merkwürdiger Weise schien die deutsche Presfe uoch keine Ahnuug davvn zu haben. Die Berliner, die rheinischen Blätter ergingen sich in superklugen Betrachtungen über die Wichtigkeit, die man fälschlich in Paris der spanischen Sache beimesse. Es war zu befürchten, 27* — 420 — daß diese Auffassung einer französischen, dem Anschein nach wohl vorbereiteten Überrumpelung in die Hände arbeiten werde. Ich eilte zu einem deutschen Freunde, einem in Paris angesehenen Arzte, und wir überlegten zusammen, was zu thun sei, um die deutsche Presse und die auf sie hörenden Regierungen auf die Größe und rasche Annäherung der Gefahr hinzuweisen. Nach Deutschland telegraphieren konnte man nicht. Ich beschloß als das kürzeste Mittel, an einen alten Universitätskameraden zu schreiben, der ganz nahe an der französischen Grenze wohnte. Es war dies der Amtsrichter Justizrat Bulling, welcher in Oberstein, dem oldenburgischen Enclave an der Nahe, seinen Sitz hatte. Ich schrieb ihm, sofort bei Empfang meines Briefes an den mir befreundeten Vetter des Bundeskanzleramtspräsidenten Delbrück, Herrn Adalbert Delbrück in Berlin, zu telegraphieren, daß man nicht länger an dem Angriff von französischer Seite zweifeln solle. Der Brief, den ich mir später vom Empfänger zurückgeben ließ, ist noch bei meinen Akten. Auf brieflichem Wege machte ich noch einigen anderen dazu geeigneten Freunden klar, daß alle Hoffnung auf friedliche Beilegung Illusion sei. Schon am Tage vorher hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem der höchsten Hofbeamten des kaiserlichen Palastes. Ich hielt ihm vor, welch thörichtes Wagnis dieser Krieg sei. Er antwortete mir: „Sie haben recht, wir sind verrückt, aber das macht gerade unsere Stärke; wenn wir nicht verrückt wären, würden wir abwärts gehen wie die anderen lateinischen Nationen, aber Frankreich ist unzerstörbar." Ich entgegnete ihm: „es wird geschlagen werden und Elsaß verlieren," worauf er: „nun, dann wird es dasselbe später wiedernehmen, mit uns werdet ihr nicht fertig" — und lachend, lustig läuft er davon. Dem entsprechend sieht das Getümmel auf dem Boulevard aus; eine muntere Erregt- — 421 — heit spricht aus der bunt bewegten Menge. Dieses unzerstörbare Temperament erklärt viel Glück und Unglück im Schicksal der Nation. Meine Frau, die im Wiesbadener Lazarett die Verwundeten Pflegen half und wegen ihrer Kenntnis der Sprache der französischen Abteilung angehörte, konnte nicht genug erzählen, wie die Gefangenen und Besiegten viel lustiger waren als die freien Sieger. Am Montag früh besuchte mich der mir nah befreundete republikanisch gesinnte Deputierte Auf seinen Wunsch hatte ich ihm acht Tage früher, als die Debatte über den Beitrag Deutschlands zur Herstellung der Gotthardbahn in der französischen Kammer ein kleines Vorgefecht für die kriegerische Stimmung geliefert hatte, im Interesse des Friedens Material zusammengestellt, welches den friedlichen Sinn der nationalen Bewegung in Deutschland nachweisen sollte. Er wollte in diesem Geist bei der Beratung des Budgets sprechen. Als T. weggegangen, kommt ein anderer Deputierter C., nicht Republikaner, mit dem ich befreundet war, und erzählt, er sei selbst dabei gewesen, wie Jsrome David berichtet habe, daß er am Morgen des 6. Juli beim Kaiser gewesen, und man über Verschiedenes da gesprochen habe, was für die Scene am Abend in der Kammer zu thuu sei, so daß die Ultras der kaiserlichen Partei die Gramer de Cassagnac, Dugus de la Fauconnerie, Element Duvernois und andere nach Gramonts Erklärung in einen wvhlvorbereiteten Applaus ausbrechen konnten nnd die anderen mit fortrisfen. „Als es vorüber war," fuhr mein Freund fort, „sahen wir uns gegenseitig an und fragten uns: was haben wir gethan? Wir gestanden uns, daß wir uns zu einer patriotischen Demonstration hatten fortreißen lassen, wie das im ersten Augenblick zu geschehen Pflegt, wo niemand zurückzubleiben wagt, um nicht gleichgültig zu erscheinen." Er wie .5. sagten sofort, daß nur eine kleine Minderheit in der Kammer gegen den Krieg sein werde. — 422 — Fest überzeugt, daß Frankreich so schnell als möglich los gehen werde, beschließe ich, sofort nach Deutschland zurückzureisen und setze meiue Abfahrt auf Mittwoch früh, den 13.^ fest. Dienstag, den 12., gehe ich noch einmal nm 2 Uhr in die Kammer, die von einem ungeheuren Zudrange von Menschen umwogt ist; alle Zugänge sind von Equipagen und Fußgängern belagert. Ich lasse mir T. herausrufen. Er erzählt, Ollivier habe focbeu eiuen Brief des Fürsten von Hohenzolleru mitgeteilt, in welchem derselbe für seinen Sohn ablehne; doch sei dies nur im Wandelgange der Kammer geschehen, nicht offiziell, aber Ollivier habe sich befriedigt erklärt und gesagt: e'est 1s. xsix. Ich sehe Thiers mit eher unzufriedener Miene weggehen. Draußen im Publikum verbreitet sich der Glaube, daß der Friede gerettet sei, und so klingt es auch von der Börse zurück. Anderen Morgens um halb acht Uhr fahre ich mit der Nordeisenbahn nach Belgien. Es war ein Mittwoch, ein unvergeßlicher Tag. Der „«ÜMstitutionnsl^, den ich mir im Bahnhofe kaufe, kliugt ganz friedlich. An der letzten französischen Grenzstation, in Jeumont, drängt sich die Bevölkerung iu höchster Aufregung an die Wagen und verlangt Neuigkeiten. Die Passagiere werfen ihnen ihre Zeitungen zu und verbreiten die Friedensnachrichten. Die bis dahin freudig aufgeregte» Mieuen verwandeln sich sofort in enttäuschte. Man war offenbar vorbereitet gewesen, in Kriegsjnbel anszubrechen. Ich wendete mich zunächst nach Spaa, wo ich jemanden zu sprechen hatte. Dort trafen mich die Nachrichten von der Scene in Eins zwischen dem Könige nnd Benedetti. Ich fahre nach Köln, wo ich Donnerstag, den 14., abends 10 Uhr ankomme und mich sofort auf die Redaktion der „Kölnischen Zeitung" begebe. Ich treffe den Hauptredakteur, Herrn Schulz; er will noch immer nicht bestimmt an den Krieg glauben, und als ich — 42.? — ihm sage, daß ich seit sünf Tagen den Krieg als gewiß ansehe nnd ihn bereits als eingetreten betrachte, antwortet er mir: „Das ist mir sehr interessant." Nächsten Morgen gehe ich direkt nach Mainz. Der Gouverneur Prinz von Holstein läßt mich zu sich bitteil. Er sagt mir, Preußen sei fertig und ganz gerüstet und gauz ruhig. Ich schreibe einen Artikel für die „MainzerZeitung", datiert vom 19. Juli und überschrieben: „Deutschland nnd Frankreich" mit dem Schluß: „Ich habe Grund, zu glauben, daß trotz allen französischen Kriegseifers und Kriegstalents schon so manchem an der Seine klar zu werden anfängt, daß man uns endlich über die Verlegenheit hinausgeholfen: wie Deutschland fertig zu machen? Die Lokomotive am Main hat Kohlen nnd Wasser gefaßt; Napoleon hat gepfiffen, wir fahren zu. und glückliche Reise, Kronprinz von Preußen!" Ich übergehe die Ereignisse von da bis zur Ankunft des Hauptquartiers in Mainz, insbesondere die interessante Episode einer patriotischen Volksversammlung, die wir in Darmstadt veranstalten wollten, und die vom Ministerium Dalwigk verboten wurde aus dem Grunde, daß bei einer demnächst zu befürchtenden Besetzung durch die Franzosen dafür schwere Rache genommen werden könnte. Am 2. August, morgens 51/2 Uhr, kommt der König mit dem Hauptquartier in Mainz an. Um begab ich mich zu Herrn vou Keudell und berichtete ihm zunächst über die erwähnte Darmstädter Angelegenheit und ähnliche Vorgänge daselbst. Kendell erzählte mir, daß man auf preußischer Seite auf ein viel rascheres Vorgehen der Franzosen geschlossen hatte. Des Nachmittags war ich bei Kupferberg, in desfen Hause Graf Bismarck Quartier genommen hatte, mit diesem, Abeken und Keudell zu Tisch. Vismarcks Bagage war zurückgeblieben; er mußte sich ein Hemd kaufen, war äußerst guter Laune, sagte, daß ihm Wein nnd Früchte vom Arzt — 424 — verboten seien, verzehrte aber nichtsdestoweniger von beiden, sowie vom Gefrorenen ansehnliche Portionen. Nach Tisch wird ein ausführliches Gespräch gepflogen, namentlich über das Verhältnis zu Osterreich und Ungarn. Bismarck bittet mich, mit Herrn von Abeken über verschiedene Preßsachen zu konferieren. In den folgenden Tagen setzen sich diese Besprechungeil über die vcrschiedeusteu Gegenstände fort. Viel Merkwürdiges in meinen Aufzeichnungen. Endlich kommen die ersten Kriegsnachrichteu vou Weißenburg. Ich esse mit einigen Freunden im Holländischen Hof, wo Moltke in unerschütterlicher Ruhe zu Häupten der Tafel sitzt. Es laufen Depeschen ein, die er mit Befriedigung liest; dann steckt er ruhig seiue Cigarre au und bleibt noch längere Zeit nach aufgehobener Tafel sitzen. Am 7. morgens kommt die Nachricht vom Siege bei Wörth. Bismarck sandte nach mir; er fragt mich, ob ich mit dem Hauptquartier und ihm mitausrücken wolle, um die Verbindung mit der deutscheu Presse zu unterhalten. Drei Beweggründe von gleicher Stärke bestimmen mich, alle schweren entgegenstehenden Bedenken zurückzudrängen: zunächst der Wunsch, in diesem großen Augeublick für mein kleines Teil mich nützlich zu machen, im Hinblick ans die inneren politischen Angelegenheiten der deutschen Einigung, welche fetzt zum Austrag kommen mußten. Sodann der Anreiz, bei dieser wohl nie wiederkehrenden Gelegenheit ein solch historisches Ereignis wie einen großen Krieg in nächster Nähe zu sehen; und endlich nicht am weuigsteu das Anziehende, mit einer genialen Persönlichkeit, wie die des großen Kanzlers, bei demselben Anlaß in enge Berührung zu kommeu, nachdem ich, ohne ihn gesehen zu haben, ihn zum Heldeu eiues kleinen Buchs gemacht hatte. Eine Stunde, nachdem ich zugesagt hatte, saß ich mit ihm in seinem Salonwagen in der Eisenbahn. — 425 — Dabei waren nur noch Herr von Abeken und der junge Herr von Bismarck-Bohlen, welche zum engeren Gefolge des Kanzlers gehörten. Wir fuhren den ganzen Tag, und beinahe ebenso lange hatte ich den Genuß einer, man kann sich denken, wie interessanten Unterhaltung unter vier Augen mit dem Grafen Bismarck. Auch hier unterdrücke ich den größten Teil meiner Notizen. Für vieles, was ich von jetzt an erlebte, ist die Zeit der Veröffentlichung noch nicht gekommen; nur gauz weniges soll hier im Auszuge stehen. Auch damals sagte mir Bismarck, aber ohne des in neuester Zeit mitgeteilten Gesprächs mit Moltke und Roon wegen der Emser Depesche zu erwähnen, daß, nachdem ihm einmal die Gewißheit des Angriffs von feiten Frankreichs festgestanden, er den König möglichst rasch zur Mobilisierung der Armee getrieben habe. Ich brachte dann das Gespräch auf das, was mir am meisten am Herzen lag: wie soll aus diesem Kriege als Frucht die deutsche Einheit gezeitigt werden. Der Kanzler ging nur sehr vorsichtig auf das Thema ein; ihn präoccupierte vor allen Dingen das gute Verhältnis zu den einzelnen Bundesfürsten; Preußen dürfe sich nicht den Anschein geben, als wolle es, nachdem die deutschen Regierungen, und speziell auch die bayerische, sich jetzt zum Kriege entschlossen hätten, diesen Krieg benutzen, um sie zu berauben. Für den Fall des Sieges wolle er Elsaß und auch Metz (hierüber schwankte im Laufe des Feldzugs seine Meinung) als Reichsland zwar mit Baden verbinden, aber Baden dürfe doch nicht größer werden; je mehr kleine Staaten es gebe, desto besser sei es für die zu schaffende Einheit. Selbst Waldeck habe er nur widerstrebend in Preußeu inkorporiert, die richtige Politik sei, die einzelnen Dynastien zu schonen. Nach den ersten Niederlagen werde Frankreich wohl zur Republik werden, aber das sei ihm ganz recht; — 42k — ob rote, blaue oder schimmelgraue sei ihm ganz einerlei, die Frage werde nur sein, mit wem einen Frieden schließen, wenn das Kaisertum besiegt sei. So zutreffend scharf sah er schon damals die künftige Entwicklung der Dinge; sür die Presse wünscht er ganz besonders, daß die bayerischen Truppen gelobt werden. Diese kluge Bedachtsamkeit auf Schonung, nicht auf Reizung zweifelhafter Elemente, hatte ich im Lauf der Dinge uoch öfter zu bemerken Gelegenheit; sie bildete das Gegenstück zu rücksichtsloser Energie, wenn es geraten schien, gewaltsam zuzugreifen. So finde ich ein interessantes Gespräch vom 23. August, also schon nach den Erfolgen bei Metz, iu Pont-s.-Monsson. Bismarck war beunruhigt über Oesterreichs Rüstuugeu, die sehr ernst zu werden schienen. Er schickte mir durch Herrn von Keudell einen Bericht des Majors von Brandt aus Wieu vom 19. mit allen Details. Dabei zeigte er mir einen Artikel aus einer deutscheu Zeitung, worin über Beust und Andrassy Hohn ergossen ward, daß sie jetzt zurückwichen. Bismarck war darüber sehr unwillig und sagte: wenn sie wirklich auf dem Wege sind, zurückzuweichen, so soll man sie nicht provozieren, sondern durch gute Worte darin bestärken. Bald in dieser, bald in jener Richtung erhielt ich sast täglich meine Instruktionen für die Behandlung der Dinge in der Presse. Meine Hauptverbindungen waren mit der „Kölnischen Zeitung" und mit der „Mainzeitung" in Darmstadt, die mein jüngerer Freund Fritz Dernbnrg redigierte. Durch die geistreiche und schlagfertige Opposition, welche er von lange her darin dem Ministerium Dalwigk machte, hatte er das kleine Blatt zu einem über den engen Kreis des hessischen Großherzogtums hinaus wirkenden Organ erhoben. Die interessanteste Enthüllung, welche mir anvertraut wurde, siel gleich in den Anfang unseres Auszugs, als das Hauptquartier noch — 427 — in Homburg in der Pfalz lag. Es geschah am 8. August. Bismarck übergab mir zur Veröffentlichuug Kopien des eigenhändigen Schreibens und geheimen Vertragsentwurfs von Benedetti vom 5. August 1866, woriu von Vichy aus für Frankreich ein Stück Rheinpreußen, Rheinbayern und Rheinhessen verlaugt wird. Bismarck erzählte mir dazu Einzelheiten, wie z. B. Benedetti sich geäußert habe: si rwn, o'sst lg, Ausrrs. Bismarck stellte ihm vor, das sei doch zu unsinnig, worauf Benedetti erwiderte: si iron, o'sst ls, xerts cks Is, ck^astis. Die Tage vom 14. bis zum 20. August, die ich im Hauptquartier zu Pont-g-Monsson verbrachte, gehörten mehr dem großen Eindrucke der blutigen Ereignisse, die sich uuter unseren Augen abspielten. Doch alsbald traten auch die Politischen Aufgaben wieder in den Vordergrund. Mit der Notwendigkeit, die besetzten Gebiete in eine gewisse Ordnung zu bringen, sprangen auch alle die Fragen wieder auf, welche sich um die spätere definitive Erwerbung neuer Provinzen und ihr Verhältnis zu Deutschland und dessen einzelnen Dynastien gruppieren sollten. Es tauchten die verschiedensten Kombinationen auf, die ich natürlich hier übergehe. Am selben 23. August ging ich des Abends mit dem Grafen Reuard auf Bismarcks Wunsch nach Naney. Mir war der Anlaß willkommen, mich wieder deutschem Boden zu nähern. Von den Greueln des Krieges hatte ich genug gesehen, im Lager war für die inneren deutschen Angelegenheiten vorerst uichts mehr zu thun, und die politischen Freuude hatteu sich an die Arbeit gemacht, bei den süddeutschen Regierungen für die Herstellung des Reichs zu wirken. Einige Tage darauf wurde ich durch Telegramm ersucht, mit Herrn von Kühlwetter nach dem Elsaß zn gehen. Straßburg war noch belagert, deswegen vorläufig Hagenau zum Sitz der Regierung erwählt. Am 27. traf ich daselbst — 428 — ein; General von Bismarck-Bohlen war Militärgouverneur, Kühlwetter Präfekt. Er bat mich, ihm ein offizielles Preß- orgau ins Werk zu setzen. Ich trat mit einer rheinbayerischen Fabrik von Schnellpressen in Verbindung, und am 1. September erschien die erste Nummer der „Amtlichen Anzeigen für das Gouvernement Elsaß". Am selben Tage konnte ich einige Tage Urlaub erwirken, um nach Mainz und Wiesbaden zu meiner Frau zurückzukehren. Unterwegs auf der Eisenbahn erfuhr ich die Nachricht von Sedan und kam in Mainz gerade noch an, um am 3. und 4. die große Siegesfeier mitzumachen. Am Abend beschloß ein großer Fackelzug die Festlichkeit. Aus dem Gutenbergsplatz vor dem Theater war die Menschenmenge unter Fackeln und Illuminationen zusammengedrängt. Dies schien mir der Moment, um das Ziel, welches vom ersten Anfang an in meinen Augen das wichtigste war, die deutsche Einheit und das Deutsche Reich, als den wahren Siegespreis hervorzuheben. Vom Balkon des Theaters herab rief ich der Menge zu, daß der äußere Feind zwar abgewiesen, der innere jedoch erst teilweise bezwungen sei, jetzt handle es sich darum, die Grenze nach innen zu beseitigen. „Die Zeit ist gekommen, — so schloß ich — zu fordern ein fest konstituiertes Deutsches Reich, Verschwinden der unseligen Mainlinie, ein einziges deutsches Parlament." Am folgenden Tage ging ich noch auf kurze Zeit nach Hagenau zurück. Es entsprach nicht meiner Absicht, an diesem Punkte, wo ich dem größeren politischen Ziele nicht dienen konnte, länger sitzen zu bleiben. Ich suchte nach einer passenden Persönlichkeit für die Redaktion der „Amtlichen Nachrichten" und erinnerte mich eines trefflichen jungen deutschen Gelehrten, den ich in Paris kennen gelernt hatte, und der mir außerordentlich gut dazu geeignet schien. — 429 — Es war Dr. Wilhelm Lexis aus Duisburg. Ich war so glücklich, ihn ausfindig zu macheu; er kam, übernahm die Stellung, zog später mit der Regierung in Straszburg ein, nahm daraus Anlaß, sich zuerst als Privatdozent an der neu gegründeten Universität für Nationalökonomie zu habilitieren, und ist seitdem, wie bekannt, einer unserer ersten Volkswirtschaftslehrer geworden, mit dem ich nach 23 Jahren wieder in der Silberkommission zusammenzukommen die Freude hatte. II. Denen, die heute das Fest feiern, erscheint nichts einfacher, als daß die Ereignisse jener Tage mit der Verkündung von Kaiser uud Reich abschlössen. Wer aber die Zeit selbst miterlebt und um das Werden der Dinge sich ge- und bekümmert hat, weiß, daß das so leicht und einfach nicht von statten ging. Der König von Preußen und sein Kanzler, mitten im Lager, umringt beinahe ausschließlich von Feldherren und Fürsten, welchen das Ziel einer staatlichen Umbildung Deutschlands keine Herzensangelegenheit, auch keine geschichtliche Überlieferung war, eher das Gegenteil. König Wilhelm war, besonders in höheren Jahren, ein sehr konservativer Mann. Ganz erfüllt von seinem monarchischen Recht und Beruf, verband er damit konsequenter Weise eine entsprechende Achtung vor den Rechten nnd Überlieferungen seiner dynastischen Bundesgenossen. Es ist bekannt, daß er sogar einem hervorragenden Parlamentarier, welcher 1866 am eifrigsten für das Aufgehen Hannovers in Preußen eingetreten war, diese angebliche Untreue gegen seinen „angestammten" Herrn nie recht verzeihen konnte, obgleich er die Vergrößerung selbst zu gunsten Preußens sich wohl gefallen ließ. Die Er- — 430 — iuuerungeu an das Jahr 1848, an die eigentümliche Stellung, welche sein verstorbener Brnder und Vorgänger zu der damals angebotenen Kaiserkrone eingenommen hatte, werden gewiß auch nicht ohne Einfluß auf ein inneres Widerstreben gegen Verwirklichung dieses Gedankens gewesen sein. Lag der Errichtung des Kaisertums auch eine monarchische Idee zn Grunde, so hatte sie doch einen revolutionären Beigeschmack. Dies und das natürliche Widerstreben eines alteu Manues, die sichere hundertjährige Erbschaft eines preußischen Thrones gegen ein neugebackenes Kaisertum, das doch auch immer etwas von einem Experiment an sich trug, auszutauschen, läßt stark vermuten, daß nicht unbegründet war, was man sich damals von des Königs Widerstreben und der Schwierigkeit es zu überwinden, erzählte. Im engsten Kreise der Kaiserin Augusta erzählte man vou einem Briefe, in welchem sich ihr königlicher Gemahl nichts meniger als erfreut über die ueue Würde ausgesprochen hatte. Und selbst als das Kaisertum im Prinzip bei ihm durchgedrungen war, blieben noch Schwierigkeiten formaler Art zu überwinden, da er mit dem Titel „Deutscher Kaiser" wenig einverstanden war und entweder „Kaiser von Deutschland" oder „Kaiser der Deutschen" vorgezogen hätte. So wenigstens lautete die Kunde, welche damals mir aus einer sehr guten Quelle zukam. Was den Kanzler betrifft, so habe ich schon erzählt, wie viel mehr Gewicht er auf die Schonung dynastischer Empfindlichkeiten, als auf die Erfüllung populärer Wünsche legte; und das entsprach seiner ganzen Denkweise. Indessen muß man hier wohl unterscheiden. Die Überzeugung, daß Deutschland aus dem Kriege geeinigt hervorgehen, und daß die Mainlinie verschwinden müsse, stand gewiß auch bei ihm von Anfang an fest. Man brauchte nicht ein Staatsmann wie er zu seiu, um zu diesem Schluß zu kommen. — 431 Als ich nach dem im Eingang geschilderten ersten Gedankenanstausch über diesen Gegenstand in einem Privatgespräch mit Herrn von Abeken diesem meine Enttäuschung über Bismarcks Lauheit uach dieser Richtung hin aussprach, erwiderte er, ich sollte mich dadurch uicht beirreu lassen; der Kanzler stehe in seinen Gedanken der Erfüllung dieser Dinge nicht so fern, wie nach seinen Änßernngen scheinen könne. Und ich glaube, er hatte recht. Es war so seine Art, in Dingen, die oben unliebsam aufgenommen werden konnten, sich lieber von außen drängen zu lassen und aus diese Pression berufen zn können, als sie in eigenem Namen zu begehreu. Und des Nachdrängen? von unten konnte er hier reichlich sicher seiu. Weuu also die staatliche Eiuiguug Deutschlands auf ihn zählen konnte, so verhält es sich doch mit dem Kaisertitel anders. Auf diesen mochte er im positiven wie im negativen Sinne wenig Gewicht legen. Doch, als die Dinge sich zur Erfüllung zuspitzten, drängte sich das Kaisertum von selbst auf. Gar nichts haben dazu jedenfalls die gethan, welche sich heute als die feurigsten der Kämpfer für Kaiser und Reich gebaren, die Preußischen Konservativen. Es kann niemandem verdacht werden, wenn er gute Miene zum bösen Spiel macht; aber gegen eine geschichtliche Fälschung, welche das Verdienst um die Schaffung der staatlichen Einheit und des Kaisertums nachträglich den Konservativen zuführen möchte, muß gerade in diesem Angeu- blick besonders Verwahrnng eingelegt werden. Die thatsächliche Ausführung in letzter Instanz ist dem Genie Bismarcks und Moltkes zu verdanken; jedoch die Inspiration und die Macht des Volkswillens, welche wahrhaft unwiderstehlich zur Gestaltung hiudrängteu, gingen einzig vvm liberalen Bürgertum aus, fanden volles Verständnis nur bei einzelneu Fürsten, wie dem Kronprinzen von Preußen und dem Großherzog von Baden. Dies sollten die Könige — 432 — von Preußen als deutsche Kaiser in ihrem eigenen Interesse niemals vergessen. Eine der frühesten Demonstrationen nach dieser Richtung hin ging auch von Baden aus. Alsbald nach Sedan richtete der Oberbürgermeister Fauler von Freiburg, ein vortrefflicher, wahrhaft liberal gesinnter Mann, im Namen seiner Mitbürger eine Adresse an den Großherzog, in welcher er dessen Unterstützung zur Einsammlung einer nationalen Ernte aus den Thaten des Krieges anrief, und am 17. September erteilte der Großherzog eine zusagende Antwort in dem edlen Geiste, dem er von jeher und bis auf den heutigen Tag bei jeder neuen Gelegenheit gehuldigt hat. Es heißt darin: „Die Bewohner Freiburgs haben sich mit Zuschrift vom 6. September an mich gewendet, worin sie der Hoffnung Ausdruck geben, daß aus den opferreichen Siegen des deutschen Volkes die Einheit und Größe des Vaterlandes hervorgehen mochte, und sprechen dabei vertrauensvoll die Hoffnung aus, daß auch ich bestrebt sein werde, diesen Gewinn dem deutschen Volk als Frucht des ruhmreichen Kampfes zu sichern. Ich freue mich dieser Kundgebung und erkenne darin ein Zengnis aufrichtiger Vaterlandsliebe — ich teile von ganzem Herzen die Hoffuungen und Wünsche der Bewohner Freiburgs für die Wohlfahrt des teuren Vaterlandes und glaube, daß die Kraft, Entschlossenheit und Einsicht des im Riesenkcnnpfe unserer Tage bewährten Volkes die sichere Bürgschaft bieten für die Schaffung eines einigen und mächtigen Gemeinwesens deutscher Nation."' Diesen Erlaß veröffentlichte Fauler mit der Nachschrift: „Es ist mit Zuversicht zu hoffen, daß bei gleich hochsinniger, edler, patriotischer Hingabe aller deutschen Fürsten an das Vaterland dessen Einheit und Größe aus dem großen nationalen Kampfe dauernd begründet hervorgeht. Freiburg, den 22. September 1870. Eduard Fauler, Oberbürgermeister." Ich bemühte mich, diese Kundgebung möglichst viel zu verbreiten mit der Überschrift: „Deutschland erobere sich — 433 — selbst". Fauler, welcher zugleich Reichstagsabgeordneter war, stand in besonders intimem Verhältnis zu Lasker, der sich, wie aus seinen in der „Deutschen Revue" *) abgedruckten Briefen bekannt ist, ganz besonders der Aufgabe gewidmet hatte, bei den süddeutschen Regierungen für die Beseitigung der Mainlinie und das Znstandekommen einer deutschen Reichsverfassung wirksam einzugreifen. Vereint mit Forcken- beck, Bennigsen, Stauffenberg, Marquard - Barth, Kiefer, Hölder und anderen einflußreichen Abgeordneten, besonders des Südens, begab er sich nach Baden, Württemberg uud Bayern und trat mit den Ministern in persönliche Verbindung. Ich selbst blieb mit diesen Kollegen und Freunden auch in lebhaftem, teils mündlichem, teils brieflichem Verkehr. Ich hatte mich seit der Rückkehr aus dem Hauptquartier zuerst in Baden-Baden und dann in Heidelberg niedergelassen, von wo ich auch mit der inzwischen nach Versailles vorgerückten Umgebung des Kanzlers durch den die Korrespondenz führenden Moritz Busch in Berührung blieb. Am 27. Oktober erhielt ich von diesem einen Brief, daß es dem Kanzler erwünscht sei, wenn ich nach Versailles käme. Natürlich folgte ich diesem Rufe. Am selben Tage machte ich mich auf den Weg. Es war eine abenteuerliche und mühevolle Reise, die meine schon damals nicht gerade für den Felddienst qualifizierte körperliche Widerstandskraft auf eine schwere Probe stellte. Aber die Aufregung half alle Schwierigkeiten mit einer Elastizität überwinden, deren ich mich nicht mehr fähig gehalten hätte. Gleich am ersten Abende begannen die Hindernisse. Als ich von der badischen Seite über die Kehler Brücke mit dem Wagen nach Straßburg hineinfahren wollte, war der Rhein durch plötzlich eingetretene Regengüsse so angeschwollen, daß ein Jvch 5) Von den Monaten April und folgenden 1892. Ludwig Bambergcr's Gcs. Schriften. I. ^ — 434 — weggerisfen war, und die Brücke jeden Augenblick auseinander zu bersten drohte. Mein Kutscher weigerte sich, weiter zu fahren, und ich mußte mitten auf der Brücke aussteigen, mein Gepäck in beide Hände und, da der Sturmwind mir den Hut wegzureißen drohte, diesen zwischen die Zähne nehmen. So kam ich nach einem schweren Gange endlich keuchend ans jenseitige Ufer. Als ich in den Bahnhof gelangte, war der Zug, mit dem ich weiter gehen wollte, abgefahren. Ich mußte die Nacht iu Straßburg bleiben, ging in den Gasthof zum Roten Haus und fing gleich an, am neuen Abschnitt meines Tagebuchs zu schreiben. Doch war ich bald so müde, daß ich über dem Schreiben einschlief. Am anderen Morgen ging es fort nach Nancy. Unterwegs kam die erste Nachricht von der Kapitulation von Metz. Ich blieb einen Tag in Nancy, wo ich den Grafen Renard aufsuchte und viel Interessantes von ihm erfuhr. Er war eben in Metz gewesen, um die Übergabe mitanzusehen. Am 29. morgens fuhr ich von Nancy ab, hatte unterwegs manche abenteuerlichen Begegnungen und kam des Abends um halb zehn in Nanteuil an. Ein furchtbarer Regen hatte den Bahnhof in einen See verwandelt; von Nachtlager keine Rede. Ich mußte die Nacht in einem Waggon dritter Klaffe, mit vielen anderen zusammengepackt, verbringen. Am anderen Morgen um fünf Uhr geht der Zug zurück; man muß sich entschließen, auszusteigen oder uach ClMeau- Threrry zurückzufahren, wo eher auf einen Wagen zur Weiterbeförderung zu rechnen sei. Schon bin ich resigniert dazu, habe mein Gepäck wieder in den Wagen geschafft, da gewahre ich im Dunkel des Bahnhofs ein paar brennende Wagenlaternen und davor ein paar schnaubende Rosse. Wem gehören sie? — Lieutenant von Tümpling, ruft ein schöner großer Offizier dicht an meinem Wagen, sie gehen leer nach Lagny. Sofort ward mir erlaubt, mitzufahren, — 435 — und wer war glücklicher als ich! Ich überspringe den Rest meiner Abentener, wie ich über Lagny auf einer mir vom General Chauvin daselbst Punkt für Punkt vorgezeichneten Route mit den verschiedensten Fahrzeugen nach Versailles gelange, nicht ohne mehrere Male in Gefahr gewesen zu sein, daß die französischen Fuhrleute mich in die französischen Linien hineingefahren hätten. Beim Wegfahren aus Nanteuil hatte mich der frenndliche Offizier mit Parole und Feldgeschrei für die Deutschen versehen, doch im offenen Wagen fiel ich alsbald in einen tiefen Schlaf, uud als ich erwachte, war beides radikal vergesfen. Am 31. Oktober spät abends komme ich in Versailles an und steige im Hotel de la Chasse ab. Merkwürdiger Anblick des mir unter einem ganz anderen Bild vertrauten städtischen Stilllebens von ehedem. Mein erster Gang war zu Herrn von Keudell. Er erzählte mir, daß Thiers fortwährend mit Bismarck in Unterhandlung sei und ihn ganz in Anspruch uehme. Zugleich sagt er mir: „daß ein Deutscher Kaiser gemacht wird, stehe beinahe fest"; man wolle den Reichstag zu diesem Zweck nach Versailles kommen lassen. Ich erwidere, die letztere Idee scheine mir barock. Am Nachmittage komme ich mit dem Bundeskanzleramtspräsidenten Delbrück zusammen. Wir machen einen langen Spaziergang. Er teilt mir ausführlich mit, wie man sich das künftige Verhältnis zu den deutschen Südstaaten denke, und daß z. B. die Abgeordneten dieser Staaten im künftigen Reichstage bei denjenigen Materien, in denen sie sich nicht dem Reiche anschlössen, zwar anwesend bleiben aber nicht mitstimmen sollten. Ich kann mich auch mit diesem Gedanken nicht befreunden. — Das Wetter war herrlich; ich machte verschiedene Spaziergänge in die Umgebung uud erlebte Interessantes. Am 4. November wnrde ich zum Essen zu Bismarck eingeladen. In dem Salon standen auf dem 28* - 436 — Kamin zwei Leuchter je mit einer Kerze, die dritte Kerze mitten auf dem großen runden Tische in einer grünen Weinflasche. Keudell, Abeken, Lothar Bucher und einige andere zu Tisch. Bismarck ist bei sehr gutem Appetit und sehr gesprächig. Er fragt mich, was ich von der Berufung des Reichstags nach Versailles halte. Ich antworte, das wäre ein Epigramm und kein Staatsakt. Er: wenn es aber nicht anders geht, muß der Staatsakt sich auch epigrammatisch einrichten; wenn der König auf einem krepierten Pferde nach der Schlacht bei Gravelotte ein Stück Käse ißt uud dabei vor der Front Kriegsrat hält, so ist das auch epigrammatisch. Diesem fügt er noch einen anderen Vergleich bei, der etwas zu derb ist, um ihn hier zu wiederholen. Mir wollen alle diese Vergleiche nicht einleuchten. Er fragt mich, wie lange die Wahlperiode des Zollparlaments noch laufe. Ich sage: bis März 1871. Er: „dann müssen Sie auch noch her." Der Reichstag könne nicht ohne ihn, den Kanzler, gehalten werden, und er nicht ohne den König sein; denn wenn ihm der König solche Vollmachten in dlsnoo gebe, daß er mit dem Reichstag frei agieren könne, dann erscheine der König als zu überflüssig; der König könne sich aber nicht entfernen, weil sonst die Generale unter einander nach verschiedenen Seiten zögen. So müsse das Parlament absolut zum König; die Notwendigkeit sei unvermeidlich, möglicherweise könne er als eigentümliches Gegenstück zur selben Zeit einen französischen Kongreß in Kassel halten lassen; wir hätten ja dazu eine ganze Regierungsgarnitur in Deutschland. Er wolle auch den Friedensvertrag und die Annexion von Elsaß-Lothringen und vielleicht sogar die ganze Verfassungsänderung, als eine organische Umgestaltung des Zollparlaments, vor diesen hier zu haltenden Reichstag bringen. So könne er eine politische Aktion durchführen, was ihm doch bis jetzt nicht gelungen sei, weil er jedesmal — 437 — bei Eintritt solcher Kombinationen, mit der nationalen Partei brouilliert, als ein schmollender Achilles unter seinem Zelt gesessen hätte. An juristischen Bedenken werde er sich nicht stoßen, das sei nie seine Sache gewesen. — Das Gespräch kam nun auf andere minder wichtige Angelegenheiten, wobei er von anekdotischen und witzigen Einfällen sprudelte. Bei der Cigarre nach Tisch sagte er, er rauche jetzt wieder mehr als zu Anfang des Krieges. Ich erwidere: wen der Krieg nicht umbringt, den macht er gesünder. Worauf er: „Der Krieg ist des Menschen natürlicher Zustand." Nach längerem Gespräch kommt Bismarck noch einmal auf die Idee des in Versailles zu haltenden Reichstags zurück. Ich frage ihn, ob man den Gedanken in die Öffentlichkeit bringen könne, worauf er entgegnet, die Sache sei bereits heute nach Berlin telegraphiert worden. Ich erwidere: dann wird schon die Presse der Sache in den Weg treten; ich halte sie für indiskutabel. Er repliziert: es geht aber nicht anders, wenn ich heiraten will, muß ich mir jetzt auch meine Braut ins Lager kommen lassen. — Es folgen noch eine ganze Reihe von spaßhaften Äußerungen über dieses Thema, und abwechselnd wieder sehr ernste. Der wahre Gruud, weshalb ich gegen die Berufung des Reichstags nach Versailles hartnäckig am Widerspruch festhielt, bestand darin, daß ich zunächst voraussah, die bürgerlichen Vertreter des Volks würden unter der Wucht der hier konzentrierten bewaffneten Macht eine untergeordnete und etwas peinliche Stellung einnehmen, die bei ihrem ersten Auftreten als Repräsentation des gesamten Deutschland keine glückliche Wirkung haben könnte. Auch schien es mir eine unnötige Demütigung der Besiegten, einen solchen Staatsakt vor die belagerte Hauptstadt zu verlegen. Unter den Kollegen zu Hause, mit denen ich darüber korrespondierte, waren die Meinungen geteilt. Bennigsen sagte mir später, er sei — 43tt — entschieden für die Sache gewesen; aber jedenfalls kam sie nicht zn Stande, und es blieb bei der Kaiserproklamation in Anwesenheit der Reichstagsdeputation und der Fürsten, gegen welche viel weniger einzuwenden war. III. In den ersten Tagen nach meiner Ankunft unterhielt man sich in Versailles noch von dem Nachspiel, welches der Versuch, mit Bazaine Verhandlungen anzuknüpfen, gehabt hatte. Der General Boyer war unlängst dagewesen, ohne daß es zu einer Verständigung gekommen, und war wieder nach Metz zurückgekehrt. Die Unterhandlungen mit ihm waren nur die Fortsetzung derer, die im September durch den aus jener Episode bekannt gewordenen Rsgnier angebandelt worden waren. Im September war dieser im deutschen Hauptquartier mit der Photographie und Unterschrift des Sohnes Napoleons III. erschienen und hatte sich Ermächtigung erbeten, eine dazu geeignete Person zu Unterhandlungen mit der Kaiserin Engenie in England aus Metz herauszuholen. Man hatte ihn nach Metz hineingelassen, und er war mit Bonrbaki herausgekommen, der nach England reiste, aber von der Kaiserin Eugenie zurückgewiesen ward. Darauf verlangte Bourbaki wieder nach Metz hineingelassen zu werden. Der König gab die Ermächtigung dazu, aber Prinz Friedrich Karl nahm Anstand, ihn durchzulassen. Bourbaki besteht auf der ihm gegebenen Zusage. Man berichtet von Metz aus an den König zurück, worauf an den Prinzen Friedrich Karl positive Ordre gegeben wird, Bourbaki wieder nach Metz hineinzulassen. Mittlerweile war dieser des Harrens uud Schreibens müde geworden und nach Tours gegangen. Es wurde damals lebhaft darüber diskutiert, ob es nicht besser gewesen wäre, daß er — 439 — wieder nach Metz hineingelassen und mit den anderen gefangen worden wäre. Bezeichnend für Bismarcks Methode schien mir, daß er sich mit dem durchaus unbekannten und seinem ganzen Auftreten nach den Stempel des Abenteurers tragenden Regnier überhaupt eingelassen hatte. Ich konnte mir dies damals nicht recht erklären. Nach längerer Erfahrung im Laufe der Zeit verstand ich es jedoch. Bismarck verschmähte es nie, irgend einen Faden zu ergreifen, der, wenn auch auf ganz unwahrscheinliche Weise, zu seinem Ziele führen konnte, vorausgesetzt, daß er sich selber dabei nichts vergab. So viele Eventualitäten als möglich sich offen zu halten, um die brauchbare zu benutzen, lag immer in seiner Methode. Im Punkt der Benutzung von Menschen sagte er mir später bei einer ganz anderen Gelegenheit: „Einmal versuche ich es mit jedem; täusche ich mich, so lege ich ihn bei Seite." Doch diese Borgänge traten für meine Aufmerksamkeit zurück hinter dem Wichtigsten, den Verhandlungen mit den Einzelstaaten über die Reichsverfasfung und die Schaffung des Kaisertums. Mit Bayeru schien die Sache noch sehr schwierig zu stehen; noch kein einziger Punkt des Eintritts sei sicher gestellt, sagte mir ein Wohlunterrichteter. Ein eigentümliches Zwischenspiel bildeten die Verhandlungen mit Württemberg, das seine Zustimmung an die von Bayern knüpfte, während preußischerseits verlangt wurde, daß Württemberg vorangehe, um Bayern nachzuziehen. Am 8. November besuchte mich Delbrück und erzählte, daß es mit Bayern sehr schlecht, beinahe auf dem Nullpuukt stehe; ohne Bayerns Zutritt sei der Fürstenkongreß und die Kaiserproklamation hier in Versailles nicht durchzuführen. Unter- deß waren auch die Verhandlungen mit Thiers abgebrochen worden. Sie scheiterten an der Bedingung, daß während eines Waffenstillstandes Paris verproviantiert werden sollte, — 440 — worauf natürlich deutscherseits nicht eingegangen wurde. Am 9. sagte mir Graf Berchem, der diplomatische Attachs Bayerns, ein sehr gut gesinnter Mann, die parlamentarische und militärische Einheit werde wohl auch mit Bayern zu stände kommen; man lasse Bayern jetzt nur in seiner Widerspenstigkeit gewähren, um erst mit den anderen süddeutschen Staaten fertig zu machen und sie nicht an den Reservaten teilnehmen zu lassen, welche man Bayern geben müsse. Während die Tage vom 10. und 11. November durch die Nachrichten des Rückzugs von Orleans nicht ohne Beklemmung dahin gingen, wurden namentlich die Verhandlungen mit Württemberg lebhaft betrieben. Delbrück ließ mich zu sich entbieten und bat mich, dahin mitzuwirken, daß in Württemberg die Nationalpartei sich mit der ministeriellen verständige. Ich schreibe an einige Freunde nach Stuttgart. Mit Bayern stand es noch immer schlecht. Am 13. November kommt Delbrück zu mir: „Ich habe es Ihnen ja immer gesagt, mit den deutschen Sachen ist man nie gewiß, fertig zu werden; auf morgen 11 Uhr war die Unterzeichnung der neuen Bundesakte für Württemberg, Hessen und Baden festgesetzt, da kommt Plötzlich gestern abends ein Telegramm des Königs von Stuttgart: die Minister sollen nicht unterschreiben ohne ausdrückliche Autorisation; jedenfalls trägt, die bayerische Sonderstellung die Schuld. Württemberg soll uicht ohne sein besonderes Würstchen ausgehen, wenn Bayern eins bekommt." Ein dritter hoher Staatsbeamter, der bei der Unterhaltung zugegen war, sagt: die Monarchen sind wirklich im stände, die Leute zu Republikanern zu machen, worauf ich erwidre: ihr Glück ist nur, daß die Republikaner die Leute wieder zu Monarchisten machen. Mittnacht und Suckow, die württembergischen Minister, sind sofort abgereist; sie wollen erst unterwegs nach Hause tele- 441 — graphieren, das; sie kommen, damit man sie nicht zurückhalte. Auch versprechen sie, eine Kabinetsfrage aus der Sache zn machen. Hessen und Baden sollen nun definitiv morgen um 1 Uhr unterschreiben. Am 16. kam Lothar Bncher zu mir in des Kanzlers Auftrage, um die württembergische Angelegenheit mit mir zu besprechen. Ich sagte zum Schluß, es sei wohl besser, daß ich mit Bismarck selbst eine Unterredung habe, worauf dieser mich zu sich bitten ließ. Er war sehr angegriffen und ärgerlich; seine Galle machte ihm zu schaffen. Er sprach besonders von den Umtrieben in Stuttgart, und wie auch die Frauen, namentlich die Frau von Gasser, daran mitarbeiteten. Während der bayerische Gesandte, Graf Bray, versprochen hätte, die Württemberger zum Unterschreiben zu drängen, habe der König von Württemberg gesagt, er unterschreibe nicht ohne die Bayern. Am folgenden Tage lag Bismarck zu Bett. In meinem Tagebuch heißt es hier: „Nun haben wir lauter Kranke oder Rekonvaleszenten; Roon so krank, daß er durch Stosch ersetzt werden soll; Moltke Rekonvaleszent, nur der König bleibt stramm." Nachträglich höre ich, der wahre Grund von Bismarcks neuer Erregung sei eine Auseinandersetzung mit dem Kronprinzen gewesen wegen der deutschen Angelegenheiten. Aus der Umgebung des Kronprinzen verlautet, daß dieser selbst von einer sehr heftigen Szene zwischen ihm und dem Kanzler erzählt habe. Aus Anlaß der diplomatischen Nückwärtsbewegung Württembergs in der deutschen Angelegenheit habe er sich zu Bismarck begeben und ihm Vorwürfe gemacht, daß er nicht energischer auftrete, um Kaiser und Reich und ein Oberhaus zu schaffen; die große Zeit müsse benützt werden zu großen Dingen. Bismarck habe erwidert, er frage, ob er sich mit Württemberg und Bayern, den treuen Bundesgenosfen, überwerfen solle, worauf der Kronprinz gesagt habe: wenn sie nicht — 442 — mitthun wollten, möchten sie gehen, man könne eS mich ohne sie machen. Minister Jolly erzählt mir, er habe Mühe gehabt, die deutsche Bundeskokarde für das badische Kontingent durchzusetzen; man habe ihm die preußische geben wollen. Es würde zu weit führen, wollte ich hier meine Notizen ausführlich wiedergeben. Aber ich mnß lächeln, wenn ich lese, wie in offiziellen Reden aller Dank auf die Hochherzigkeit der deutschen Fürsten gehäuft wird. Ich über- spriuge die weiteren Erlebnisse auf diesem und anderen Gebieten bis zum 26. November. An diesem Tage wurde ich zu Bismarck gerufen. Ich finde ihn um zwölf Uhr mittags im Schlafrock, furchtbar beschäftigt. In meinem Tagebuch heißt es hier: „es ist doch ganz unsagbar, wie dieser Mann sich anstrengt; er macht alles selbst, innere Politik, deutsche, auswärtige, dabei ein Stück Krieg; die ganzen Hofintriguen sämmtlicher kleinen Höfe, Presse, alles geht durch seine Hand; es ist kein Wunder, weuu er überreizt ist. Es ist ein Drängen, Jagen, Nennen ohne Ende; sein Glück ist, daß er lange schlafen kann." Wir sprechen über Württemberg. Ich teile ihm den Inhalt meiner aus Stuttgart empfangenen Briefe mit. Er bemerkt, daß er bereits in gleichem Sinne Delbrück instruiert habe; übrigens sei man jetzt mit Württemberg und Bayern fertig, es habe keinen Anstand mehr; der Bruch wäre keinen Augenblick ernst gewesen. Er fuhr fort, Bayern hätte ihm Dinge angesonnen, auf die er geantwortet, das würde ihm der Reichstag nie uud nimmer votieren, worauf die Bayern damit herausgerückt feie», daß die Nationalliberalen dies schon bei Laskers Anwesenheit in München zugegeben hätten. Als ich eine ungläubige Bemerkung dazu machte, ward er wild, daß ich anzweifle, was er schriftlich habe, und ließ die Akten bringen. Auf dem einen Bündel stand mit Bleifeder — 443 geschrieben: „Lasker", auf dem anderen: „Marquard-Barth". Aus den Akten Lasker las er mir vieles vor, während ich mir Noten machte. Sie enthielten zehn Punkte, in welchen Bayern Abweichungen von dem Bundesvertrag eingeräumt waren, namentlich im Punkte der Militärübereinkunft. Ich sagte, die allgemeine Ansicht der Partei gehe gerade dahin: lieber kein Bayern im Bunde als so viele Vorbehalte, daß es kein Bund mehr sei; worauf Bismarck, das sei nicht seine Ansicht, vor allen Dingen müssen alle herein; welche Figur würden wir vor Europa machen, wenn Bayern sich abblätterte, wir würden unsere Stellung gegen Österreich schwächen, — uein, nur erst einmal alle herein! Wenn die Rede auf Lasker kam, brach immer eine verhaltene Gereiztheit bei Bismarck hervor. Gleich in den ersten Tagen, als wir am Abend des 8. August beim Abendessen im Zimmer des Gasthofes zu Homburg in der Pfalz saßen, war Bismarcks Blick auf Robert Blums lithographisches Bild gefallen, welches an der Wand hing. Wenn der noch lebte, sagte er, würde er nicht so radikal sein wie Lasker; er habe überhaupt manche gute Seite gehabt, besonders, daß er gar nicht sozialistisch angehaucht gewesen sei. Ich lasse mir später von Bücher die zehn Punkte Laskers und auch die Notizen von Marquard-Barth geben, schreibe sie ab uud schicke eine weitere Abschrift an Lasker mit der Aufforderung, sich zu erklären. Als ich am Abend dieses Tages beim Kanzler war, sagte mir Herr von Keudell: eben wird alles fertig gemacht und unterzeichnet, nämlich die Deutsche Bundesakte. Roon kam gerade heraus, und Bismarck sah strahlend aus. Von anderer Seite wurde mir mitgeteilt, die Bayern sollen die Kaiserkrone bringen. Bald darauf hatte ich Antwort von Lasker. In der That waren die zehn Punkte von ihm, dagegen hatte Lasker nicht das abgesonderte Kriegsbudget Bayern gewähren wollen, — 444 - das ihm jetzt belassen wurde. Am Tage des 26., nachdem ich die Gewißheit erlangt hatte, daß nunmehr Kaiser und Reich sichergestellt seien, konnte ich mir nicht versagen, von Ort und Stelle aus noch am selben Abend meinen Gedanken schriftlich ihren Lauf zu lassen. Ich hatte in den drei Perioden des Zollparlaments von 1868 bis 1870 eine Reihe von Briefen an die Wühler geschrieben, welche den Zeitungen der nationalliberalen Partei zngingen und von ihnen veröffentlicht wurden. Der letzte war vom 22. Mai des Jahres datiert. Nun war der Moment gekommen, dem Zollparlament für immer das ersehnte Lebewohl zu sagen. Dies that ich mit dem hier folgenden Rundschreiben, welches sowohl als Merkzeichen des Erlebten, wie um seines Ausblicks in die Zukunft wegen hier einen Platz finden darf — um fo mehr, als es in dem soeben erschienenen IV. Band meiner gesammelten Schriften nicht abgedruckt ist, weil ich mein Tagebuch erst nach dem Erscheinen wieder öffnete. Mein letzter Zollparlamentsbrief.*) „Durch Einheit zur Einigkeit." Das amtliche Blatt der deutschen Regierung zu Versailles verkündet heute am Sonnabend, 26. November 1870, einem Datum welches man sich merken sollte, daß der deutsche Bund gegründet und besiegelt ist. Hier im Angesicht von Paris ist wundersam bezeichnender Weise die große Arbeit vollbracht worden. Was sich alles über diesen Schicksalsweg denken läßt, wer vermag es zu umfassen! Heute Nacht sind die bayerischen Minister in ihre Heimat abgereist, gewiß leichteren Herzens, als wäre ihnen gelungen, alle ererbten Privilegien der Krone unvermindert in stolzer Einsamkeit zu erhalten, wie es einmal werden zu wollen den Anschein gehabt. Endlich auch zeigt uns noch der „Moniteur des Departements Ssius et Oiss" **) am Horizont etwas, das, wenn nicht mein Auge trügt, ähnlich sieht einem näher wallenden deutscheu Kaisermantel. In Abgedruckt u. a. in der „National-Zeitung" vom 7. Dezember 187V. **) Die vom Hauptquartier in Versailles herausgegebene französisch abgefaßte amtliche Zeitung. — 445 — seinem prophetischen Schwung erhebt sich der Artikel sogar zum Ausspruch, das; so etwas wie ein wiederhergestelltes heiliges römisches Reich — ich hätte beinahe gesagt: drohe. „I^s Salut Lmvirs" sagt er zwar nur, ohne „römisch" hinzuzusetzen, und dasür wollen wir immerhin ihm dankbar sein. Aber da sich die Redaktion mit wachsendem Erfolg eines der preußischen Kriegskunst würdigen eleganten Französisch befleißigt, so weiß sie ohne Zweifel, daß Samt Dwxii-s bedeutet: Heiliges römisches Reich, worüber dann die Eingeborenen dieses schönen Departements sehr große Augen machen und von uns vermeintlich Eingeweihten Aufklärung verlangen. Wir sagen ihnen, daß es mit der Heiligkeit bloß ein Scherz ist, sie habe uns weder ein heiliges Reich noch als heilige Allianz sonderlich viel Glück gebracht, und hoffentlich läßt man es schlecht und recht bei Deutschem Kaiser und Reich bewenden. Hegt doch schon mehr als Einer Bedenken dagegen, daß die eingerostete Thür zum Kyffhäuser geöffnet, und der verstaubte Purpur mit der ueuen Lebensluft in Berührung gebracht werde. Aber es giebt Dinge, die geschrieben stehen, d. h. die, so uns wahrnehmbar, ihrer Erfüllung entgegengehen, daß es Zeitverlust wäre, ihnen mit Wenn und Aber den Weg zu verlegen. Den Kaiser werden wir haben, davon beißt keine Maus keinen Faden ab, und so sei er uns in Gottes Namen bestens willkommen! So lange wir ein Bundesstaat mit vielen monarchischen Spitzen sind, wenn auch verschiedentlich abgestumpften, ist es nicht mehr als streng folgerichtig, daß sich die oberste Bundcsgcwalt ebenfalls in einer monarchischen Spitze versinnliche, oder ans gut deutsch zu reden: die lieben Fürsten groß und klein, sie werden sich leichter unter die Oberherrlichkeit eines deutschen Kaisers bequemen, als unter einen Bundespräsidenten und preußischen König. Die Handvoll romantischer Bläue, die über dem alten Purpur schwebt, thut auch etwas dazu und ist am Ende auch dem Bolke des Südens, welches im großen nnd ganzen unleugbar seinen Spaß an der Sache hat, zu gönnen für hehre Fest- uud Feiertage. Soweit wäre denn alles gut, und Tausende mögeu denken, das Opfer an Blut und Thränen sei nicht zu groß gewesen, um zu diesem Ende zu gelangen, dem Anfang zugleich einer gewaltigen Zukunft. Doch manchen: bleibt das Herz noch schwer bei der Betrachtung, daß wir durch diesen Strom von Blut und Thränen waten mußten, bloß um über den Mainfluß zu kommen. Diesen stände ein höherer Trost bevor, wenn jetzt ein guter Geist ins deutsche Volk herniedersteigen wollte: wenn nämlich mit der Einheit auch die Einigkeit zurückkehrte unter die freigesinnten Deutschen. O, dann wäre das Blut gesühnt, dann wären die Thränen zu trocknen! Warum doch muß die Kenntnis der menschlichen Natur — 446 - uns diese schöne Hoffnung rauben? Wer nicht rechnet mit der kleinen Eigenliebe der Menschen, mit persönlichen Stellungen, in welchen die einst grundsätzlichen Ausgänge sich festgerankt haben, der müßte jetzt sagen: mit der Vollziehung der deutschen Einheit ist der entscheidende Grund des Zwiespalts zwischen den liberalen Deutschen weggefallen. „Die .Nationalen' haben ihr Ziel im wesentlichen erreicht, ihre erste Arbeit ist gethan, ihr Programm erfüllt. Sie müssen jetzt nach anderer Arbeit ausgehen, nach der nimmer erledigten für innere Freiheit und Wohlfahrt. Aus der national- liberalen Aufgabe wird in erster Reihe eine liberale. Das Gleiche gilt vom entgegengesetzten Lager. Wenn der Bund von Fürsten, Reichs- und Landtagen besiegelt, wenn der Kreis geschlossen, wenn das Eine Deutsche Reich fest gemauert in der Erde dasteht, werden die bisherigen Gegner des Nordbundes blindlings fortfahren, zu schreien: man soll ihn nicht lassen wachsen, man soll nicht in ihn eintreten, man soll die Mainlinie etwa wiederherstellen? Auch dieses Programm, dürfen wir annehmen, ist beseitigt, und es bleibt von ihm genau dieselbe wie vom nationalliberalen: die Sorge um Freiheit und bürgerliche Wohlfahrt innerhalb der befestigten Grenzen. Selbst das Begehren nach der Wiederaufnahme von Deutsch-Österreich ist kein Grund des Zwiespalts mehr. Nnn es sich nicht mehr darum handeln kann, Deutschland entzwei zu sprenget?, suche, wer Lust hat, und wie ihm gut dünkt, das Reich ostwärts zu mehren. Die letztlich, welche den Nachdruck aus die republikanische Staatsform legen, müssen, insofern überhaupt sie politisch zu denken verstehen, einräumen, daß wir unmöglich, nach eben unter so schweren Wehen für den deutschen Staat geborener Form, sofort nach einer neuen ausgehen können, statt an der Verbesserung der gewonnenen zu arbeiten. Man sollte meinen, das abschreckende Exempel von den üblen Folgen der nimmer ruhenden Staatsexperimentierkunst, das wir vor Augen haben, wird genügen. So blieben denn nur die Sozialisten und die Ultramontnnen, mit denen an Frieden nicht zu denken wäre. Gerade in diesem Augenblick, da Frankreich uns vor den einen und die preußischen Wahlen uns vor den anderen heilsam warnen, müßten die aus Freiheitsliebe bisher dem Nordwinde und Preußen feindlichen Politiker froh sein, den beschämenden Koalitionen zu entrinnen und reine Freiheitsarbeit machen zu können. Auf diese Weise wird, wie man oft vorausgesagt, bei der eroberten Einheit keine Sache besser gefahren sein als die Sache der Freiheit. Diese Errungenschaft erst, die Wiedervereinigung der alten liberalen Parteien, wäre die würdige Vollendung der großen Begebenheit, die strahlende Verherrlichung des neugeborenen Deutschen Reichs; sie erst würde dieses Fest zu einem heiligen machen. Da und dort, an einzelnen, stillvernünftigen Grtwpen dies- und — 447 — jenseits mag diese Hoffnung zur Wirklichkeit werden. So vieles, das für unmöglich galt, ist möglich geworden, daß wir nicht mutlos vor diesem schönen Bestreben wollen die Hände in den Schoß sinken lassen. Aber im großen und ganzen, fürchte ich, wird die menschliche Natur, die Macht der Gewohnheit, die Lust der Persönlichkeiten an Reibungen und Geltung, ja sogar der Reiz des Hassens und Verachtens die Oberhand behalten. Und das alles, trotzdem jeder zugeben muß: wer jetzt noch den Nachdruck auf das nationale Programm legen wollte, gliche dem Manne, der mit der Brille aus der Nase umherläuft, seine Brille zu suchen. Und die gar, welche noch immer mit der Front gegen Preußen, gegen den Bund und das Jahr 1866 stehen, gemahnen an jenen treuen Diener, welcher durchaus nicht wollte, daß die Tochter des Hauses den Lehrer heirate, und stets ausrief: „ich bin gegen die Partie, ich bin gegen die Partie!" Dennoch heiratete die Tochter den Lehrer, es kam Hochzeit, und es kam Kindbett' der treue Diener trug die kleinen Bübchen und Mädchen treppauf treppab in seinen Armen, und sie zupften ihn am Bart, er aber konnte nicht lassen, zurufen: ich bin gegen die Partie, ich bin gegen die Partie! Versailles, am 26. November, dem ersten Tage der deutschen Einheit und glücklicherweise dem letzten des Zollparlaments. Am 3. Dezember aß ich in interessanter Gesellschaft bei Odo Russell, dem englischen Agenten in Versailles und späteren Botschafter in Berlin. Er war bezaubert von Bis- marck und sagte, wenn der Krieg mit England wegen der Kündigung des russischen Vertrages von 1856 vermieden wurde, so sei es rein Bismarcks Verdienst. Am 4. Dezember ließ Bismarck Herrn von Roggenbach rufen und bat ihn, spornstracks nach Berlin zu reisen, um einen Druck auf die Abgeordneten zu üben, da Delbrück sehr besorgt sei über die Abstimmung im Reichstage wegen der Verträge. Bereits waren auf gleiche Veranlassung schon vor drei Tagen verschiedene in Versailles anwesende Reichstagsabgeordnete über Hals und Kopf nach Berlin gereist. Es schien, daß man sich an der Militärselbständigkeit Bayerns bei der nationalliberalen Partei zn sehr stoße und darauf rechne, Bayern müsse doch schließlich nachgeben. Als ich zu Roggenbach — 448 — ging, der von mir Abschied nehmen wollte, sagte er mir, Bismarck ließe mich bitten, um jede Stunde desselben Abends zu ihm zu kommen. Ich traf etwa um neun Uhr bei ihm ein. Unten sagte man mir, ich müsse mich eilen, denn er sei auf dem Punkte auszufahren, und man ließ mich überhaupt nur durch, als ich mich legitimierte, daß ich gerufen sei, wie denn überhaupt seit Wochen, seit Thiers letzter Anwesenheit, niemand angemeldet ward, der nicht gerufen war. Ich faud Bismarck, wie beinahe immer, au seinem Schreibtisch bei der Lampe mit einer Masse von Papieren vor sich. Er bot mir sofort eine Cigarre an und begann dann die Situation zu schildern. Das Thema war: wie unerläßlich es sei, inmitten aller Schwierigkeiten, die aus Deutschland selbst auftauchten, Deutschland dem Ausland gegenüber abzuschließen; wie sonst Beust und Osterreich überhaupt nie ihre Absichten auf Bayern aufgeben würden, und wie gefährlich es sei, dieses isoliert zu lassen; wie Rußland momentan zwar gut gestimmt, aber wie wenig auch in dieser Beziehung auf die Zukunft zu rechnen sei. Dann erzählte er mir Näheres über die Schritte, die er beim König von Bayern gethan habe, um ihn dazu zu bringen, daß er dem König von Preußen die Kaiserkrone anbiete, und wie seine Bemühungen von Erfolg gekrönt worden. Als ich ihm sagte, ich könne mir gar nicht erklären, wie die Nationalliberalen es auf sich nehmen möchten, die Verträge zu verwerfen oder auch nur so zu amendieren, daß sie in Frage kämen, und ich es deshalb für geraten hielte, ehe ich zurückreifte, erst einmal bei Bennigsen telegraphisch anzufragen, ob sich die Sache wirklich so bedenklich verhalte, erwiderte Bismarck, ich könne fest überzeugt sein, daß der Widerstand hauptsächlich von den Nationalliberalen ausgehe, die die Sache so behandelten, als gelte es nur, sich einen Wunschzettel zu machen. Als ich mich nun bereit — 449 — erklärte, nach Berlin zu gehen, um seine Ansicht zu unterstützen, nahm er dies außerordentlich dankbar au, und als ich ihm sagte, daß ich einen Platz in der Post für den morgigen Tag bestellen wollte, fiel er ein: sorgen Sie für nichts, ich schicke einen Wagen und alles, was Sie nötig haben; kommen Sie morgen noch einmal zum Essen um fünf Uhr, dann können wir noch sprechen. So geschah es, nnd wir hatten bei Tisch noch ein höchst interessantes Gespräch, auch über die Kriegsangelegenheiten. Nach Tisch blieb ich noch lange mit ihm unter vier Augen. Ich zeigte ihm zunächst die Telegramme, die ich des Morgens an Bennigsen und andere geschickt hatte. Es war zwar abends vorher zwischen uns verabredet worden, daß ich mich in Berlin nicht ankündigen, sondern plötzlich ankommen solle; allein ich hatte mir die Nacht überlegt, daß es vor allen Dingen gelte, die Führer zu verhindern, unwiderruflich zur Frage Stellung zu nehmen, sodaß sie verhindert wären, später eine Wendung zu machen. Darin pflichtete mir Bismarck durchaus bei, sowie zu dem Inhalt meiner Telegramme. Dann sprach er noch ausführlich über die Mängel der abgeschlossenen Verträge. Ich beanstandete einen einzigen Passus, an dem Bayern kein Interesse habe, und der doch bedenklicher Natur sei. Er zitierte Bucher herbei, sah sich die Texte nochmals an und beauftragte ihn, in dem von mir angeregten Sinne an Delbrück zu telegraphieren. Gegen Ende der Unterhaltung sagte er: ich weiß ja, wenn die Vertrüge in drei bis fünf Jahren Gegenstand von allen möglichen Ausstellungen sein werden, wird man schreien: wie hat der dumme Kerl so etwas unterschreiben können! Ich fiel ihm in die Rede, für Dummheit werde ihm wohl niemals jemand etwas auslegen, eher noch für Bosheit. Ja, sagte er, der miserable preußische Junker wird man sagen, und dann schilderte er mir von neuem 29 — 450 — alle Schwierigkeiten, die er noch immer bei den Höfen zu überwinden habe. Am Montag Abend 9V» Uhr fuhr ich aus Versailles heraus in einem besonderen Wagen mit Postillon. Am Thor wollte man die Losung wissen. Ich hatte vergessen, sie mir geben zu lassen; aber nach einem mir früher für solchen Fall empfohlenen Kniff bat ich die Schildwachc selbst sie mir zu sagen. Richtig ließ sie sich nicht lange bitten, die Losung war: Egmont — das Feldgeschrei: Cvntre- maraue. Damit kamen wir überall durch. In der Gegend von Villeneuve St. Georges kampierten die Trnppen, da man wegen der Ausfälle uoch sehr besorgt war, und lagen Scharen tief schlafend auf dem nackten Pflaster. In Pom- ponne an der Seine gegenüber Lagnh angekommen, fand ich noch Roggeubach, der durch Mangel an Fahrgelegenheit aufgehalten worden war; ich suchte mir einen Platz in der Eisenbahn und kam in ein gutes Coups erster Klasse mit drei bayerischen Offizieren und dem Grafen Hochberg. Die Bayern waren verwundet und erzählten viel von ihren Leiden bei Orleans. Es war eine greuliche Kälte. Ich war von Heidelberg leichtsinnigerweise ohne warme Überkleider abgereist, und in Versailles war alles so ausverkauft, daß ich mir nichts anschaffen konnte. Nie habe ich so gefroren wie in dieser Nacht. Als einzige Rettung hatte ich einen Fußsack, den ich mir noch in Versailles verschafft hatte. Aber alles schadete mir nichts; ich fuhr durch über Straßburg und Frankfurt ohne Aufenthalt nach Berlin. Abends am 7. Dezember um 9 Uhr in Berlin angekommen, fchrieb ich an Bennigsen, der am andern Morgen in aller Frühe zu mir kam und mir sagte: Roggenbachs und meine Reise seien nicht nötig gewesen, die Verträge wären doch durchgegangen. Dann suchte ich Lasker auf, bei dem Roggenbach schon gewesen war, und der mir dieselbe Ansicht wieder- — 451 — holte. In der That trat die Partei geschlossen für die Genehmigung ein. So war nun auch von feiten der Volksvertretung das Reich unter Dach gebracht. Ich ging von Berlin nach Mainz, um meinen Wahlfeldzug für die Kandidatur zum Reichstag vorzubereiten. Hier wartete meiner noch ein schwerer Kampf. Ein kleines Nachspiel zu den Erlebnissen des Krieges sollte ich vorher uoch erleben. Meine Frau war, während ich in Versailles war, zu Freundeu nach Lansanne gereist. Ich kam zu Weihnachten dahin. Kaum war ich da, so ward mir von Mainz ein Telegramm nachgeschickt, welches aus Genf für mich eingelaufen war. Ein Mitglied der französischen Deputiertenkammer, mit dem ich auf vertrautem Fuß gestanden, drückt mir darin den Wunsch aus, eine Unterredung mit mir zu habeu und schlug mir ein Zusammentreffen in Basel vor. So konnte ich ihm nun den näheren Weg zu mir nach Lausanne anbieten. Er kam und eröffnete mir, daß es sich darum handle, in seinem und einiger Kollegen Namen mit Bismarck in Berührung zu kommen, um zu ermitteln, ob man ans friedlichem Wege Lothringen und ein Stück Oberelsaß noch für Frankreich retten könne. Ich fragte ihn, ob er sich auch stark genug fühle, mit solchen Vorschlägen nach der französischen Seite hin herauszukommen. Er versicherte, auf Thiers zählen zu können, freilich nicht auf Gambetta, den zu stürzen, wie er mir sagte, schon mehrere, aber freilich vergebliche Versuche in Tours gemacht worden seien. Ich schrieb an Bismarck nach Versailles, meldete den Vorfall und fragte, ob die betreffenden Franzosen eventuell freies Geleite ins Hauptquartier bekommen könnten. Durch Verbindung mit der preußischen Gcsandschaft in Bern wurde eine chiffrierte und telegraphische Verbindung mit mir hergestellt, und ich erhielt Vollmacht, mit den französischen Unterhändlern nach Ver- 29* — 452 — sailles zu kommen. Mein Freund reiste nach Genf zurück, beriet mit einigen Kollegen, kam dann wieder nach Lausanne und formulierte da unter meiner Mitwirkung die einzelnen Punkte zu einer Verständigung. Dann reiste ich noch einmal nach Genf, wo ich mit ihm und seinen Kollegen eine letzte Besprechung hatte. Aber Thiers hatte seine Mitwirkung schließlich versagt, und ich sah, daß der sichere Boden fehlte. Dies berichtete ich sofort nach Versailles, und damit verlief die Sache im Sande. Übrig blieb nur meine Bekanntschaft mit dem Gesandten, dem General von Röder, demselben, der 1866 den Kurfürsten von Hessen gewaltsam aus seiner Residenz hinausgeführt hatte. Der liebenswürdige alte Herr Pflegte seine Sommer in seinem Landhause in Jnterlaken zuzubringen, und als ich ihn 1875 da wieder aufsuchte, geschah es, daß ich auf seinen Rat und mit seiner Hilfe mich unmittelbar neben seinem Hause ankaufte. So erstand mir aus der letzten Episode des Krieges ein friedlicher Besitz, in dem ich noch viele Jahre lang nachbarlich mit dem menschenfreundlichen Diplomaten und seiner liebenswürdigen Frau verkehrte, und wo ich mich von da au jeden Sommer von den winterlichen Strapazen des Deutschen Reichstages erholen durfte, der nach so viel großen und kleinen Geschicken unter meinen Augen zu Stande gekommen war. Frankreich unö NuMnö/) i. ^rotz Breslau und Wien, trotz Dänemark und England, Paris bleibt doch, je nachdem man es auffassen will, das Mekka oder das Bayreuth der Zarenreise. Nicht nur für die Franzosen, sondern auch für das übrige Europa, für die Russen und höchst wahrscheinlich auch für den Zaren selbst. Da allein soll sich, nach der Vorstellung der hohen Herrschaften und des verehrten Publikums, manches Rätsel lösen oder auch knüpfen; da allein treffen die beiden entgegengesetzten Pole, Selbstherrscherschaft und Demokratie, hoch aufblitzend auf einander, da allein wird die „Volksseele" (ein Wort, welches ich bei dieser Gelegenheit den Parisern abtreten möchte) ihren vollen Anteil an Inhalt und Form des Liebes- und Frendenfestes haben. Alles andere erscheint nur wie ein Beiwerk oder ein Vorwand, zu dem man sich entschließen mußte, um das Ganze nicht gar so einseitig wirken zu lassen. Was es für den Ernst des Völkerlebens bedeutet, braucht man im Ernst nicht zu fragen. Wenn die meisten Heiraten so glücklich abliefen wie die meisten Hochzeiten, wäre die Welt zu schöu. Die Feiern sind erschaffen, um die gemeine *) Aus der „Nation" vom 26. September 1896. — 454 — Wirklichkeit zu korrigieren, und deswegen sind sie berufen, mit möglichst wenig Nachdenken genossen zu werden. Ein paar Jährchen nachdem der französische Imperator die Braut aus der Habsburgischen Hofburg unter Entfaltung alles heraldischen Pomps in die Tuilerien geführt hatte, stand er im Kampf auf Leben und Tod mit ihrem Vaterhause. Ein paar Jährchen, nachdem König Wilhelm der umschmeichelte Gast in Compisgne gewesen, sah er den tief gedemütigten Gastgeber bei Sedan zu seinen Füßen. Und wer sich des Befreiungs- nnd Dankesrausches entsinnt, unter dessen Fahnen, Blumen uud Umarmungen die französische Armee am 6. Juni 1859 nach der Schlacht von Magenta in Mailand einzog, wird nicht minder der Gefahr entgehen, den Bundesliedern ewiger Lieb und Treu ein allzugläubiges Ohr zu leihen. Aber eben weil es in dieser schlechten Welt des Wechsels und der Vergänglichkeit der Dinge nichts ewig Bleibendes giebt, darum hat auch das Flüchtige seinen Wert, und es zu gering zu schätzen, wäre ebenso falsch, wie es über seinen Wert zu veranschlagen. Diese dritte Jnscenirung des französisch-russischen Herzensbundes, — nach Kronstadt Toulon, nach Toulon Paris, und nach den Flotten der Zar und seine Familie in Person, es ist doch auch nichts Gleichgültiges, nichts Bedeutungsloses; wer sich nur darüber lustig machen wollte, würde gerade so unwahr sein, wie die tanzenden Preßderwische in Paris, die sich vor inbrünstiger Anbetung des Kaisers aller Reußeu uud seiner hundert Millionen Unterthanen überschlagen. Richtig ist doch, daß dies Rußland, dessen gewaltigem Autokraten vor vierzig Jahren die Verzweiflung über seine Niederlage den Tod brachte, heute als die über die Geschicke der Völker Europas gebietende Macht gefürchtet und umschmeichelt dasteht. Das Wettkriechen ist da, ob Fürst Bismarck es abwies oder uicht. — 455 — Und ob Fürst Bismarcks Politik dazu beigetragen hat oder nicht, wird man in Deutschland erst fragen dürfen, wenn es nicht mehr für eine Blasphemie gelten wird, zu fragen, ob auch dieser größte Meister der Diplomatie sich nicht irrte, als er die Rolle des ehrlichen Maklers übernahm und den Dreibund stiftete; ob es wohlgethan war, als er im weiteren Verlauf derselben Aktion Rußland den Finanzkrieg auf Leben und Tod ankündigte und es der französischen Geldmacht in die Arme trieb. Allerdings darf man nicht vergessen, daß der erste und ausschlaggebende Wendepunkt ini deutsch-französischen Kriege lag, daß Nußlands Wider- gebnrt aus dem Grabe der französischen Waffen emporstieg, daß schon in Versailles 1870 der Pariser Friedensvertrag von 1856 zerrissen ward. Alles was seit jenen Schicksalstagen geschah, ist mehr oder weniger die eingeborene logische Konsequenz jener ersten großen Entscheidung. Bis zum russisch-türkischen Krieg war es der deutscheu Staatsweisheit gelungen, sich auf derselben klugen Linie zu halten, die sie damals einschlug, als sie Rußland seinen Anteil an der neuen Konstellation durch die Wiedereröffnung des Schwarzen Meeres verschaffte. Der Umschlag datirt von 1875, und seitdem hat Frankreichs Liebeswerben — ob von deutschen Fehlgriffen begünstigt oder nicht (der alte Kaiser Wilhelm war bekanntlich hier nicht immer mit seinem Kanzler einverstanden) — sich mit unleugbarem Erfolg bemüht, Rußlands Sinn und Interesse auf seine Seite zu zieheu. Man hat gut sich darüber lustig machen, daß die demokratischen Republikaner, daß die Kommunisten des Pariser Stadtrats dem obersten Zwingherrn der sibirischen Verließe Hymnen singen und Kränze winden; daß sie die einst so heiß geliebten polnischen Brüder vergessen haben; daß selbst die ^llianos israslit« vor den Leiden ihrer verfolgten Glaubensgenossen die Augen ver- — 456 schließen und sich in diplomatisches Schweigen hüllen muß. Die guten Leute sind sich alles dessen wohl bewußt, aber die Republik und die Republikaner sagen sich mit ihrem einstigen biederen, schlauen Bearner König: „die Notwendigkeit, welche das oberste Gesetz der Zeiten ist, verlangt vom Herrschenden, daß er bald der einen Ansicht huldige, bald der anderen." Ans alle Widersprüche oder Übertreibungen, die man ihnen vorhält, antworten sie: Frankreich, Frankreich über alles! lind wenn der patriotische Historiker und Prophete Jules Michelet noch lebte, er würde ohne Zweifel mitthun, wie die anderen, obgleich er in den ersten Tagen des Jahres 187l ans der Schweiz eine Flugschrift entsandte unter dem Titel „I^a, ?ranv6 clsvant, um seine Warnnngsstimme dagegen zu erheben, daß Deutschland durch seine Siege über Frankreich nur der moskowitischen Invasion den Weg aufgeschlossen habe. Da heißt es unter anderen: „Das Angesicht des Herrn von Bismarck sah mir aus, wie das eines russischen Generals. Ich habe mich nicht getäuscht .... Seine blutige Diktatur dezimirt heute Deutschland und wird ihn morgen vor die Kanonen Rußlands spannen ^unKZQwm insipisn»)"; und dies weiter ausführend, zeigt Michelet, wie der Zar, nach Metz und Sedan triumphierend, darauf sinnt, seine Heeresmacht zu verdoppeln und einen gewaltigen Rnf an die Barbarenmassen seines Reiches ergehen zu lassen: dlavo, uäg, vsllknuro.. Was bedeutet: rexlg-esr tss stsinkiits clivsrs ckans v.Q ^ust« sHuilidrs? Zur Vervollständigung — 402 — dieser Einleitung gehört ihrer Natur nach die „Konklusion", mit welcher der Verfasser seineu neuesten dritten und letzten Band schließt. Sie lautet iu der Quintessenz wie folgt: „Napoleons und Alexanders maßlose Pläne haben nur dazu geführt, Eugland groß zu machen, d. h. Rußland bedrohliche Gegnerschaften zu bereiten, ohue ihm irgendwie zur Erreichung seiner politischen Ziele zu helfen. Nach verschiedenen Annäherungsversuchen und Irrungen ist endlich die Solidarität beider Länder zum Dnrchbruch gekommen, sowohl fiir das nationale Bewußtsein als in einem Aufschwung der Liebe, der zn einem Pakt der Völker wird, nachdem der Versuch zwischen deu beiden Herrschern 1807 und 1808 sich als vergänglich erwiesen. In dem neuen Einverständnis erblickt ein Beobachter, welcher nicht dem Ansturm seiner Gefühle folgt, sondern mitten im Geschrei der Menge sein kaltes Blut behält, ein unermeßliches Heil sür die beiden Vaterländer uud zugleich ein Opfer; eine Bürgschaft der Sicherheit und Würde; auch die „Vertagung" überlieferter Projekte des Ehrgeizes uud unzerstörbarer Hoffnungen (iriclöstrrivtiklss ssxsraruzss); ein gemeinsames Opfer dargebracht dem Frieden nnd der Menschheit. Die Allianz könnte sich zum Wahlspruch nehmen: iriaintisrulr^i. „Nachdem sie das, von jetzt an erneuerte und vereinfachte, Gleichgewicht Europas wiederhergestellt, hält sie den bestehenden Zustand aufrecht, ohne seine Gefahren und seine Mängel zn verkennen, sie hält die bewahrten oder eingenommenen Stellungsnahmen aufrecht, ja sogar die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit (Polen?) um größere zu verhüten. Konservativ und defensiv wird sie nur in Aktion treten, um ehrgeizige Friedensstörungen zu zügeln, das Gleichgewicht der Kräfte zu sichern und an Stelle jedes Eroberungsgelüstes billige Verteilung des Einflusses zu setzen. Dies ist ihr Daseinsgrund, ihre Größe und ihre Grenze." — 463 — Damit schließt das Werk, und damit mögen auch diese Betrachtungen ihren Schluß finden. Nur eines möchte ich unseren, nach allen Seiten hin ausschlagenden deutschen Chauvinisten unter die Augen rücken: der Gruudgedanke, unter dessen Zeichen die Verherrlichung der russisch-sranzö- sischen Verbrüderung hier erscheint, ist der Antagonismus gegen England in seiner Untrennbarkeit vom Antagonismus gegen Preußen, d. h. Deutschland. Jnterlaken, Ende September. Druck von Rosenbaum k Hart, Berlin V,, Wtlhelmstrasic 47, » Ä ss^^IWs« » D M ^ N D l ' N - M ^ W M ^ U ^ K ^ ^ ^ UM WWMW Charakteristiken von Ludwig Bamberger. Berlin Rosenbaum 6c 1894, Inhalts - Verzeichnis. Seite Vorwort.............. 1 Adam Lux.............. 3 Moriz Hartmann............ 41 Reminiscenzen an Napoleon III....... 49 Eduard Laster............ 87 Lasters Briefwechsel aus dem Kriegsjahre . , , 117 Zur Erinnerung an Friedrich Kapp . ' . . , , 127 Karl Hillebrand............ 137 Heinrich von Treitschte.......... 171 In Ferienstimmung........... 213 Heinrich Hombergers Essays....... . 227 Ernst Renan............. 237 Adolph Soetbeer............ 2ö1 Arthur Chuquet............ 263 Otto Gildemeister............ 309 Uorwort Oft und seit längerer Zeit an mich herangetretenen Anregungen und Wünschen, mehr als meinem eigenen Urteil, folgend, lasse ich zunächst in diesem Bande eine Sammlung älterer und neuerer Studien über einzelne Persönlichkeiten veröffentlichen. Ein jüngerer sachverständiger Freund hat sich aus eigenem Antrieb der Mühe unterziehen wollen, die Herausgabe zu leiten und zu überwachen. Von den hier vereinigten Arbeiten ist die früheste über Adam Lux im Jahre 18L6 in französischer Sprache für die L-svus mocierirs (vordem üsviis Zsrro.g,v.iHUs genannt) erschienen und zum Zweck gegenwärtiger Publikation unter meiner Aufsicht ins Deutsche übersetzt worden. Die Mehrzahl bilden Nekrologe, welche beim Hintritt alter Freunde entstanden; von diesen trägt einen besonderen Charakter der über Eduard Lasker, weil er bei der von einer großen Ver- Ludwig Bambergcr'S Ges. Schriften. II. 1 sammlnng veranstalteten Todtenfeier die oratorische Form erhielt. Ohne Zweifel werden die in einem Zeitraum von mehr als fünfundzwanzig Jahren sich aneinander reihenden Gedankenbilder auch die Spuren der sich nicht in allen Stücken gleich gebliebenen Auffassung ihres Verfassers erkennen lassen. Doch bedarf dies keiner Entschuldigung. Berlin, Ende 1393. L. Bamberger. Adam Lux. *) Aus der ..Nsvus Noäsrns". XXXIX. 1. Oktober 1866. 1* I. on jeher haben die heroischen Gestalten der Charlotte Cordan und der Madame Roland die historische Neugierde besonders gereizt. Nun ist aber unter all den Individualitäten jenes wunderbaren Zeitalters sicherlich keine zweite zu finden, die so wie Lux dem Charakter dieser beiden Heldinnen nahe stände. Die drei bilden miteinander gleichsam ein Trio, in welchem die Majorität mit Recht auf Seiten der Frauen ist, da der geineinsame Tnpus in hohem Grade weibliche Eigenart aufweist. Die Ueberzeugungs- treue, für die es kein Kompromiß mit der einmal erkannten Wahrheil giebt, die rückhaltlose Hingebung, der unbedingte Glaube nnd jene abstrakte Auffassung, die ganz unvermittelt in die Wirklichkeit überzutreten begehrt — das alles entspricht der Natur des Geschlechts, welches gewöhnlich dem öffentlichen Leben fernsteht, und, wenn es dennoch zu ihm Eingang findet, eine naive Größe hineinträgt, die dem erfahrenen und bedachten Manne naturgemäß fernliegt. In der Sprache Michelets könnte man sagen, von diesen drei Frauen sei der Mann die jungfräulichste, obwohl er Gatte und Familienvater gewesen. Als die erste französische Republik ihren Vorstoß in die deutschen Rheinlande machte, war hier im Grenzgebiet die große Masse des Volkes — wer die Geschichte jener Tage eingehend studiert, wird sich dieser Wahrnehmung nicht verschließen — den Franzosen und der Revolution keineswegs zugethan. Eine Minderheit, hervorgegangen aus den intelligentesten Schichten der Bevölkerung, war es, welche die Eroberer mit grenzenloser Begeisterung willkommen hieß.'-) In diesen Kreisen war seit Jahren alles daraus vorbereitet, die demokratische Taufe zu em- , pfangen, und die Verschiedenheit der Nationalitäten erschien kaum als ein Hindernis gegenüber dem Problem der Verschmelzung der beiden Rassen. Hierin vor allem weicht die öffentliche Meinung der heutigen Zeit von der damals herrschenden ab; es sei mir darum vergönnt, bevor ich zn den Thatsachen übergehe, einen Augenblick bei der Erklärung dieses Phänomens zu verweilen. In jenen Zeiten des ersten Erwachens war die Freiheit das wahre, das einzige Baterland. Von dieser Höhe aus gesehen, vcrschwaudeu alle Verschiedenheiten des Bodens und der Sprache. Die Menschheit stand in der Fülle der Jugend. Der Jugcud aber ist es eigen, nur mit dem Prinzip bewassnct vorwärts zu gehen; jedes Zugeständnis erscheint ihr moralisch unmöglich. Einem reiferen Alter erst ist es vorbehalten, einzusehen, daß in dieser Welt der endlichen nnd begrenzten Wesen der Fortschritt in der Richtung vom Einzelnen zum Allgemeinen sich bewegt. Der Philosoph, der die Gottheit nicht definieren wollte, weil jede Definition eine Verneinung enthielte, hat damit bloß seinen Atheismus eingestanden. Was existieren will, bedarf vor allen Dingen der Bestimmtheit; je schärfer ein Wesen sich bestimmt, desto mehr behauptet und bethätigt es sich. Der entgegengesetzte Weg sührt nach dem Orient, in die indische Welt, deren Ideal die Anfhebuug der Jndividua- *) Man vergleiche meine Darstellung in der .,Nsvus Aoüsrns" vom 1. September 1865, ..Iss Kvmxatnies transaisss »rix Koräs Sn Rtiin.' lität ist, das Eintauchen derselben in die farblosen Fluten des Weltwesens. Das Abendland hat sich in umgekehrtem Sinne entwickelt, sich durch die Freude am Detail zu immer größerer Mannigfaltigkeit differenziert. So erwuchs die moderne Herrschaft der Natur- und Sozialwissenschaften. Die Wiederbelebung des Nationalitäts-Bewußtseins, welche wir überall mit Händen greifen, gehört in denselben Gedankengang hinein. Sie bedeutet erstlich eine Rückkehr zur Natur, insofern als sie den vorhandenen, auf physiologische Ursachen gegründeten Rassen-Unterschieden das Recht einräumt, sich geltend zu machen. Zweitens liegt für das Individuum, wenn es dahin gelangt, sich stärker zu betonen, die Nötigung vor, mit dem Ideal einer unbestimmten kosmopolitischen Vollkommenheit zu brechen. Die Völker des klassischen Altertums gehorchten diesem Gesetz bis zum Aeußersten, so zwar, daß ein jedes nur seine eigene Nationalität anerkannte und die fremde mit Füßen trat. Dieser Selbstüberhebung hatte ihr Genius jene Kraft zu verdanken, deren Nachwirkungen so gewaltig durch zwanzig Jahrhunderte hindurch bis in unsere eigene Mitte hineinragen. Es ist überflüssig, hinzuzufügen, daß diese Ueber- macht der Persönlichkeit sich nur auf Kosten der Humanitären Empfindungsweise entwickeln konnte, und daß die wahre Lösung des Problems in der Anerkennung des gleichen Rechtes aller jener Nationalitäten besteht, die von verschiedenen Richtungen her dem einen Ziele einer gemeinsamen Kultur zustreben. Indem das moderne Leben seine Oberfläche in ganz anderer Weise ausbreitete als das Altertum, sah es sich genötigt, neue Stützpunkte im Detail zu suchen und in das innerste Wesen aller Dinge tiefer einzudringen. Aus dieseni Grunde sind die chemische Analyse nnd der Gebrauch des - 8 — Mikroskops an die Spitze der Studien getreten: hierauf beruht die Notwendigkeit der demokratischen, mit sozialen Gedanken stark gesättigten Tendenzen; daher schreibt sich der moderne Roman, mit anderen Worten die Herrschaft der subjektiven Dichtungsart, welche das individuelle Prinzip in der Poesie darstellt. Wer vou seiner eigenen Zeit redet, kann nicht umhin, Richter und Partei in einer Person zu sein. Müssen wir gleich unter diesem Vorbehalt zugeben, daß wir um ein Stuck Weges weiter gekommen sind, so bleibt daneben doch die Besorgnis bestehen, wir möchten vielleicht der früheren Generation nicht Zeit genug gelassen haben, ihr Werk zu vollenden. Der Kopf, der mit allgemeinen Ideen erfüllt ist, ist dem Herzen näher und infolge dessen mehr zu starkem und großmütigem Handeln ausgelegt, als die Intelligenz, welche sich an die Thatsachen hält. Wenn wir die offizielle Organisation fast aller Gesellschaften unserer Tage ins Auge fassen, mit ihren Auswüchsen, ihren Gebrechen und Widersprüchen, liegt da nicht der Gedanke nahe, wir seien ein wenig zu srüh gekommen, es wäre für die Enthusiasten und sogar für die Narren der Theorie noch viel zu thun übrig gewesen, um die Ueberbleibsel der feudalen Welt radikal auszurotten? Dies will in Betracht gezogen fein, wenn man einen Schwärmer der Revolutionszeit zu beurteilen unternimmt. Was auf uns lastet, das ist der Widerstreit zwischen unseren Ideen und den Thatsachen um uns her — was uns beim Zurückdenken au unsere Vorgänger rühren sollte, das ist der Anblick, wie die Idee bei ihnen Fleisch wird, wie sie ihr Blut nicht minder freudig als ihre Worte verspritzen. — 9 — II. Adam Lux wurde in dem Dorfe Obernburg bei Aschaffenburg als Sohn eines Landwirts geboren. Sein Landesherr war der Kurfürst von Mainz. Das Datum seiner Geburt ist in den Anfang des Jahres 1766 zu verlegen, nicht 1773, wie die LioZraptiis Universelle angiebt. Lux selber hat es so in seinem Strafprozeß zu Protokoll gegeben, nnd die bei der Familie eingezogenen Erkundigungen bestätigen die Thatsache. Dieselbe ist deshalb nicht glcichgiltig, weil daraus zu entnehmen ist, daß er bei seinem ersten Erscheinen im öffentlichen Leben bereits ein Siebenundzwanzig- jähriger mar, also uicht der junge Thor, der Schüler beinahe, für den man ihn allgemein gelten läßt. Lux war in das Leben so eingetreten, wie Andere es verlassen, mit Neigungen, welche gewöhnlich erst am Schlüsse einer langen Kette von Kämpfen und Enttäuschungen erworben werden. Die Landwirtschaft und die Bücher füllten zu gleichen Teilen sein Dasein ans. Nach beendigtem Studium, mit 19 Jahren, wurde er zum Doktor der Medizin und Philosophie promoviert. Infolge einer tiefen Abneigung gegen die anatomischen Beschäftigungen verzichtete er indessen auf die ärztliche Laufbahn; er nahm eine Stelle als Hofmeister un Hause eines Mainzer Bürgers an, lernte dort eine junge Verwandte der Familie Namens Sabine Reuter kennen und vermählte sich bald darauf mit ihr. Kaum ist er verheiratet, so denkt er nur noch daran, der Stadt zu entfliehen, kauft sich ein kleines Grundstück in dem Dorfe Kostheim, Mainz gegenüber, und widmet sein Leben der Bestellung seines Feldes und seiner Philosophie. Hinter seinem Pfluge herschreitend — so schildert er sich selber — überließ er sich seinen Lieblingsbetrachtungen über das menschliche Schicksal. Welches war nun das Wesen der Lehren, die sich dieses Geistes bemächtigt hatten? Es ist nicht zu bezweifeln, daß er in Übereinstimmung mit dem größeren Teile der Führer der Revolution ein begeisterter Anhänger Rousseaus war. Chsron de Villers, der in seiner Biographie Charlotte Cordays bei der Episode „Adam Lux" länger verweilt, als die anderen Geschichtsschreiber, nennt ihu ,,un x>äls rsvsur g,Usmg.ncl st, rni pdilosopds ä'ondrs üdiir". Die hergebrachten Formeln sind immer wohlfeil anzuwenden, wo es sich um das Fremde handelt. Wenn der Mann, der am Schlüsse seines Testaments wünscht, daß man ihm zur Grabschrift setze: „Li-Mt, un clizc-ipls 6e ^sav. ^a^rres" ein Träumer war, so tragen gewiß die Werke Kants nicht Schuld darau; und wenn der Landwirt, der Vater von zwei reizenden Kindern, es bei seinem Leben in sreier Luft fertig brachte, bleich zu sein, so muß die Gewohuheit des Nachdenkens allerdings sehr schädlich auf die Gesundheit einwirken. Für den großen Haufen ist die deutsche Philosophie eine Art metaphysischen Romans, den Hosfmannschen-) nahe verwandt. In Wahrheit läuft uichts den Fähigkeiten eines Träumers so schnurgerade zuwider, wie jene analytische Arbeit, die den Kern der Untersuchungen Kants uud seiner Nachfolger ansmacht. Man könnte jede Wette eingehen, daß dieselben Leute, welche von diesem vermeintlichen Mystizismus mit Verachtung reden, ihrerseits mit mehr oder minder unklaren Ideen über ihr Wesen und Werden angefüllt find, indeß die analytische Beweisführung sich in den denkbar selbstlosesten Forschungen bei Brot und Wasser ergeht. Kein Irrtum ist gröber als der, die angestrengte Arbeit der Abstraktion mit dem freien Spiel der Phantasie zu verwechseln. Demselben Genie, welchem Kants Kritik und Hegels Phänomenv- *) E. T. A. Hoffmann war bei den Franzosen der bekannteste deutsche Romanschriftsteller. logie entsprangen, sind auch jene erstaunlichen Arbeiten auf den Gebieten der Philologie, Archäologie, Chemie und Physiologie zu verdanken, die der deutschen Wissenschaft den Ruhm gesichert habeu, die gewissenhafteste und unermüdlichste von allen zn sein. Lux hat indessen mit diesem Geschlecht von Pionieren nichts zu schaffen. Der im übrigen echt germanische Stamm, welcher das Rheinthal bewohnt, hat, sei es seinem Ursprung, sei es seiner örtlichen Lage nach, etwas Leichtes und Oberflächliches in seinem Charakter, wodurch er sich einerseits vor der Pedanterie seiner Landsleute bewahrte, während es ihm andererseits versagt blieb, den großen Ernst, die edle Tiefe bei sich zn entfalten, welche den Kern des deutschen Wesens bilden; und Lux, wiewohl in einiger Entfernung vom Rheinthal geboren, hatte doch von früh an seinen Geist in dieser Luft genährt und gebildet. Er war dem Studium sehr ergeben, seine Lieblinge waren die alten Klassiker und die Franzosen seiner eigenen Zeit. Aus seinen Briefen, von denen ich einige im Auszuge gebe, geht hervor, daß er sich in der Philosophie einzig Rousseaus System angeeignet und dieses noch dazu besonders von seiner pathetischen und sentimentalen Seite ergriffen hatte. Er trug sich mit Reiseplänen, richtete seine Augen erst auf England, daun auf Italien, mit der geheimen Hoffnung, über Frankreich zurückzukehren; aber seine eigenen Mittel gestatteten ihm die Ausführung dieses Vorhabens nicht, nnd die Verwandten seiner Frau wollten — aus Antipathie gegen alles, was sich damals in Frankreich ereignete, — am wenigsten von einer französischen Reise hören, wie er selbst uns erzählt. Hier folge eine Stelle ans devl Briefe, den er im Mai 1792 an den damals in England weilenden Freund richtete, den er hatte begleiten sollen: „Allein da Sic allein und ohne Frennd sind, so nehme ich es Ihnen gar nicht übel, daß Sic in den Wäldern mit dem Ossiaii herumstreichen; ja in Ihrem Alter und in Ihrer Lage würde ich es selbst gerade cbenso machen: denn die Empfindungen find nicht nur nährender, sondern, zur Bildung eines Mannes, selbst nützlicher als Kenntnisse', ja wenn ein Jüngling nicht bis zu einem gewissen Grad seine Seele durch die Empfindung genährt und gestärkt hat. so kann er sich nie nachher in rcifcrn Jahren jene wahrhast männlichen Kenntnisse eines Rousseau, eine? Cato, eines SocratcS erwerben, die alle den nämlichcn Wcg gingen, von dem ich rede. — Wenn Sie daher bei Ihrer Zurückkunft auch gar nicht Ihre Kenntnisse vermehrt hätten, sondern nur ein Herz mitbringen, das durch die Empfindungen der Natnr belebet nnd gestärkt, fest der wahren Religion und der Tugend ergeben ist, so ist alles gewonnen." Doch muß hinzugefügt werden, daß dieser Mann nichtsdestoweniger wit einem gewissen praktischen Blick für die politischen Angelegenheiten begabt war. Im September 1792, als seine Heimat noch unter der Herrschaft des Kur- fürsteu stand und die Koalition ihr Haupt noch hoch trug, schrieb er an denselben Freund- „Denn ich verspreche mir bis künftigen Frühling Friede; denn ich sehe nicht, wie die unnöthigeu, unüberlegten und intrcssc-widrigen Schritte, und dic schon zum theil gescheiterten Plane fortdauern solltcin ich meines theils glaube, daß dic Fortsetzung des Kriegs eher der franz. Democratie, als den Thronen Europcns nützlich sein werde; und man wird doch nicht so unbesonnen-ehrgeizig sein wollen, daß man dn Iic>ue? tjusl rsiusäe! I^ss uns äs vous raauo^usut äs oouraKS, 1ö8 autrss äs olair-vo^auos. Uli bisu! js äouusrai aux visuiiers. I'sxvmvls äu luepris ä'uns vis äus aux äsvoirs, st aux autrss ^'s äouusrai mou sanA pour Karaut äs uia douus toi äau^ russ rstlsxious ei-jointss..... üsxrsssutauts varisiens! svsillsü- vous, rsvsne^ ä'uus äiseussiou si kunssts.....Hus ,js Zsiuis souvsut sn lisaut Is rseit ä'un Loerats, ä'uu Vuooion. ä'uu ^lsan ^lac^ues Rousseau, outraZss, ealoiuuiss, luöins traäuits ä 1s. wort xour avoir airve 1a vertu st la euoss uudlic^us! Dt luoi, ^j'irais ä ?aris xour voir rsnouvsler äs varsillss sosuss? Noi ^s ^'urs ä'strs lilzre ou äs zuourir. l?ar oousec^ueut, il est Iiis» teiuvs äs ui'su aller. O'ailleurs, ^js erois c^u'il taut äaus ostts eriss uu parsil aots vour äonusr c>uslc>us iiuuulsiou aux autrss. Daut-il sueors uns tois uu Ourtius uour sauvsr 1a olioss puvlic^us! I^s voiei! . . . Nalusursux rspressutants ä'uu vsuvls imiueuss äout 1s Kouusur sst inou äsruisr souuir avs^ Is vouraZs äs vuuir Iss tourdss, äs vsuAsr 1a violatiou äs 1a rsvrsseutatiou nationale, äs sauvsr 1a libsrts ou äs luourir ä luou sxswvls. ^.äaiu Dux, äspute äs Hlavsuos. l?aris, 6. ^uiu 1793. I/au II äs 1a üsuu- oliizus t'rau^aiss. I^ota. ^ss vsux strs sntsrr^, Iiabills ooiuius ^js suis äaus es urowsut, ü Driusnouvills, st ss vris Is oitovsu Airaräiu ä'aArssr ä uia poussiere uus vlaos sur 1a eollins sntrs Is teiuuls äs la vtülosouuie st Is towdsau äs .Isau-^aquss Rousseau, sous I'orudrs ä'uu elisus, au uisä äuo,usl il v aura uus visrrs msäiovrs (sie) (jus l'iusoriution soit siiuulsiusnt: <üi-Ait ^.äaiu I>ux, uu äisoipls äs ^l.-^I. Rousseau."^) *) „Seit zwei Monaten ist meine einzige Beschäftigung gewesen, den Gang eurer Beratungen zu prüscn. Zuerst seufzte ich über eure Diskussionen, über jenen Pcirteigcist, welcher beständig einen jeden veranlaßt, in heftigen Ausfällen dem anderen die redliche Meinung abzusprechen..... Ach! ist ein Curtius von Nöten, der, sich in den Abgrund stürzend, die allgemeine Sache rette? Welch ein Heilmittel! Den Einen unter euch sehlt es an Mut, den Andern an Einsicht. Wohlan! ich will den crstcrcn das Beispiel der Verachtung eines der Pflicht geweihten Lebens geben, und den anderen mein Blut als Bürgschaft der rcdlicheu Meinung, in welcher ich die nach- — 19 — Diese Schrift hat einen Nachtrag unter dem Titel: ,Ms8 rensxiori8 prsssutsss s, 1a Oonvsntiov. rrs.tiov.a1s pvur strs luss 1s isv.Zsio.aiv. cis mg. in ort."'") Durch das bereits Augeführte ist der Leser hinreichend mit Lux's Ideen vertraut gemacht; daher kann ich mir die Einfügung dieses Stückes ersparen und schreibe nur die interessanteste Stelle heraus, weil sie den moralischen Zustand treulich wiederspiegelt, in welchen! sich dieser Neuling im Revolutionsstrudel damals befand: arrivÄirt ?g,ris, il V s, clsux Ivois, ^'lAnorais tont oeln,, ^'iAnorsis estts 1uttt>, est ssxrit cls vs.rti c^ui ctistivAus folgenden Betrachtungen anstelle.....Pariser Volksvertreter erwachet, laßt ab von so verhängnisvollem Streit .... Wie oft seufze ich, wenn ich von einem Socrates, einem Phokion, einem Jcan-Jaqucs Rousseau lese, welche beschimpft, verleumdet, ja selbst zu Tode gebracht wurden, weil sie die Tugend und das Gemeinwohl liebten! — Und ich, ich sollte nach Paris gekommen sein, um > solche Schauspiele erneuert zu sehen? — Ich schwöre, daß ich frei sein will oder sterben. Daher ist es hohe Zeit für mich, aus dem Leben zu gehen. Ucbcrdies glaube ich, daß es in dieser Krisis einer solchen That bedarf, um den anderen einigen Antrieb zu geben. Ist noch einmal ein Curtius von Nöten, um die allgemeine Sache zu retten? Hier ist er!.....Unglückliche Vertreter eines großen Volks, dessen Glück mein letzter Hauch gehört, habet den Mut, die Schurken zu bestrasen, die Vergewaltigung der Volksvertretung zu ahnden, die Freiheit zu retten oder nach meinem Beispiel zu sterben. Adam Lux, Abgeordneter von Mainz. Paris, den 6. Juni 1793, im 2- Jahre der französischen Republik. Anmerkung. Ich will so wie ich in diesem Augenblick gekleidet bin, in Ermcnonville begraben sein und bitte den Bürger Girardin, meinem Staube einen Platz auf dem Hügel zwischen dem Tempel der Philosophie und dem Grabe Jcan-Jaqucs Rousscau's zu gewähren, im Schatten einer Eiche, an deren Fuße sich ein anspruchsloser Stein befinden soll. Die Inschrift sei einfach: Hier ruht Adam Lux, ein Jünger I. I. Rousscau's." -) „Mcinc Betrachtungen, die ich dem Nationalkonvent widme, damit sie dort am Tage nach meinem Tode verlesen werden." 2* — 20 — In, l?lsins äs Is. ^lautStzns. Li ^'svsis SU st prsvu tout SS «zui u merosntilss (sie) ou sAsrss, insitrissit Is. insjorits äs 1» lüou- vsution.....Voisi nies ooussils. II taut svsnt tout: 1) rsv- 1>oi'tsr Is äsvrst cVs.rrssts.tiou äss trsnts-äsux rusrnbi-ss; 2) von- vciousr Iss ssssruvlsss vrimsires; 3) rsiusttrs Iss rsnss äu Avuvsi'nsmsnt sxssutii sux lusins ä'un norniris os.vs.v1s, sür, vsrtusux st rsvuvliss.iu. I?sut-ötrs est uoiurus sst Rolsucl aus ^js n's.i js.ins.is vu (sornrus Lrissot nou ulus.)"^^^ Und er schließt mit einer Mahnung zur Eintracht. Das Ganze ist vom 6. Jnni 1793 datiert. 5) „Als ich vor zwei Monaten in Paris ankam, wußte ich von alledem nichts, nichts von diesem Kampf, diesem Partcigeist, der die Plaine von der Montagne scheidet. Hätte ich alles, was sich von März bis Juni zugetragen hat, wissen und voraussehen können, ich hätte davon Abstand genommen, die Männer meines Landes zur Vereinigung mit Frankreich aufzufordern, bevor noch dieses sich eine Regierung geschaffen.....ich gestehe sogar, daß ich mit jacobinischen Vornrteilen hierhergekommen bin.....bei meiner Auknnft war ich gesonnen, alle Sitzungen der Jacobincr zu besuchen; aber schon die zweite genügte, um mir einen Ekel davor einzuflößen; ich vernahm nichts als Verleumdungen und Scheußlichkeiten....." 55) „Statt alles dies zu finden, sah ich im Tempel der Freiheit selbst eine Handvoll Intriganten, gestützt auf die käuflichen oder irregeleiteten Gerichte, die Majorität des Konvents meistern..... Dies ist meiu Nat, Mau muß vor allem 1) den gegen die zwei- nnddrcißig Mitglieder gerichteten Verhastsbeschluß zurücknehmen, — 21 - Nachdem er diese Schriftstücke versaßt hatte, Zeugnisse eines Geistes, der in keiner Weise über den Durchschnitt der Ideen seines Zeitalters hinaus ragt und sich mit nur allzu großer Leichtigkeit alles aneignet, was sie an falschem Pathos und abgedroschenen Phrasen in ihrem Strome mit sich führten, gab Lux seinen persönlichen Gefühlen wieder Raum und überließ sich den letzten Herzensergießungen gegen die Seinigen. Wir ersehen aus seineu Briefen, daß der Gedanke, von sich reden zu machen, damals eine gewisse Herrschaft über seine Phantasie erlangt haben mnßte; wir erkennen ferner daraus, welche entscheidende Rolle in dieser reinen Seele der unerschütterliche Glaube au ein zweites, dem irdischen unmittelbar folgendes Dasein spielte, und wir umfassen mit einein Blick die Vergangenheit und Gegenwart seines Lebens. Am nächsten Tage, dem 7. Juui, schreibt er, wie folgt, au sein Frau: Wcrthc Frau! Liebste Sabine! Die öffentlichen Blätter werden eher als dieser Brief zn Dir gelangen und Dir Nachricht von meinem Ende geben. Wenn darin die Beweggründe angegeben werden, wie sie sind, so wirst Dn denken: „mein Mann hat seiner würdig gehandelt", und ist darin die Geschichte anders dargestellt, so wirst Du Dir sagen: „Das ist gelogen, mein Mann kann nur durch groize, wichtige Gründe und zum Nutzen des Vaterlandes bewogen sein worden, diesen merkwürdigen Schritt zu thun. — So ist es auch wirklich, es würde mir aber hier zu weitläufig werden. Dir dieselben auseinander zu setzen. — Es ist natürlich, daß es mir nahegehen musz, Dich und unsere Kinder im Stiche zu lassen, allein wenn es das Beste des Vaterlandes betrifft, muß man nicht balancircu, 2) die Versammlungen der Urwähler einberufen, N die Zügel der ausübenden Gewalt in die Hände eines fähigen, zuverlässigen, tugendhaften und republikanisch gesinnten Mannes legen. Vielleicht wäre Noland, den ich nie gesehen habe (wie auch Brissot nicht), dieser Manu." Uebrigcns habe ich ganz genau kalkulirt: kann die Freiheit nicht siegen, so bin ich aus alle Weise verloren und kann nicht überbleiben; sieget sie, so wird die fr. Nation nie weder Dich noch unsere Kinder vergessen. — Getroste Dich also, mein Herz, über meinen Verlust; Du hast nun schon bereits sechs Monate ohne mich zubringen lernen, so wirst Du es auch weiterhin ertragen, denn was kann der Mensch gegen das Schicksal? — Ein Ziegel vom Dache hätte mich erschlagen können :c. und mein Tod wäre dadurch verloren gewesen für die Freiheit; so aber sterbe ich mit Ehre; dieser Gedanke wird Dich gewiß trösten. Du wirst meinen Verlust beklagen, aber Dich dcshalben geehrt glauben und Dich trösten. — Unsere Töchter kann ich nicht erziehen helfen, dafür hinterlasse ich ihnen meine Denkungsarl, mein Leben und meinen Tod zum Angedenken; Du wirst dasselbe einst bei ihnen geltend zu machen wissen. Ich erthcilc ihnen meinen väterlichen Segen, er wird für sie nicht verloren sein. — Ich bitte Dich um Verzeihung wegen des Verdrusses, den ich Dir in der Vergangenheit erregt haben mag durch meine oftmals, empörende") Laune, die in einer Spannung meiner Ideen ihren Grund hatte und mich oft aus den Schranken der Vernunft und Billigkeit trieb. Wenn wir wieder wären zusammengekommen, so würde ich diesen Fehler haben vermieden, denn ich bin während unserer Abwesenheit durch Nachdenken rechtschaffener geworden, und nie habe ich eine Zeit in meinem Leben so würdig gelebt, als die zwei Monate in Paris. — Ich will nicht vergessen. Dich um Verzeihung zn bitten wegen des Ungemachs, das unser Schicksal und mein Entschluß für Dich nach sich zieht, und besonders wegen meiner sehr tadclnswcrthen Nachlässigkeit, womit ich unsere häuslichen Angelegenheiten betrieb. — So. lebe denn wohl, meine liebe Sabine, aber wir sehen nns Beide wieder, das weißt Du! Noch mehr, in einigen Tagen bin ich noch näher bei Dir als seit sechs Monaten, denn mein Geist, von seiner irdischen Hülle gelöst, wird nicht säumen, um Dich und unsere Kinder zu schweben, ich werde sehen, ob Ihr mich gleich mit sterblichen Augen nie werdet wahrnehmen können. Stets wird's mir ein Vergnügen sein, unsere lieben Töchter in Unschuld und Sittsnmkeit aufwachsen zn sehen. Sehr oft werde ich von Empörend heißt wahrscheinlich dies unleserliche Wort. — 23 — dem Aufenthalt der unsterblichen Götter Euch besuchen, bis wir endlich alle zusammen nach dieser Zeit der Prüfung uns wieder vereinigen. Ich bin und bleibe stets Dein zärtlicher Freund. Adam Lux. Lux ahnte nicht, da er dieses schrieb, bis zu welchem Grade die Zukunft es übernehmen sollte, jene Klausel auszuführen, durch welche er seine Denkungsweise, das Beispiel seines Lebens und Todes seinen Töchtern vermachte. Niemals ist ein Vermächtnis vollständiger zur Ausführung gekommen. Marie, der Aeltesten, war es vorbehalten, zu leben und zu sterben wie ihr Vater, den sie nicht gekannt hatte. Ein zweiter Brief ist für denselben Jean Dumont bestimmt, an welchen schon die oben erwähnten, vom Mai und September 1792, gerichtet waren. Nach einer Einleitung, die mit dem Anfang des Briefes an seine Frau fast wörtlich übereinstimmt, fährt er also fort: Paris, 6. Juni 1793. Ich glaube, daß mein Tod nützlicher als mein Leben sein wird, und einige Sensation der herrschenden Lrthargie geben wird. Zwar lasse ich meine liebe Frau und meine artigen Kinder — ohne Stütze — allein Curtius, Dccius, Brutus, durften auch nicht so genau kalkuliren. Ucbrigcns erwarte ich, daß Sie meine unglückliche Familie nie vergessen werden. Mein Entschluß ist reiflich überlegt und schon seit 1. Juni gefaßt. Der Zustand meiner Empfindungen währenddcß verdiente wohl eine weitläufige Beschreibung für den Liebhaber der Kenntniß des menschlichen Herzens, allein es ist mir eben nicht darum, lange zu schreiben. So viel nur sage ich Ihnen, daß der Zustand meiner Empfindungen gleichermaßen hcstig und angenehm ist. Zum Schluß vermacht er ihni seine Papiere, die jener erst nach zehn Jahren veröffentlichen soll, und verspricht ihm, im Aufenthalt der Seligen oft seiner zu gedenken. Der dritte Brief ist an Nicolaus Vogt, Professor an der Universität Mainz, einen treuen Anhänger der Revolution, gerichtet. Dieser Brief sieht die Dinge heiterer, ja scherzhafter an, als die vorhergehenden. Zuerst sagt er ihm, man müsse nicht au der allgemeinen Sache verzweifeln, er sei voller Vertrauen und keineswegs niedergeschlagen, und so heftig auch seine Gefühle auf und nieder schwankten, seien sie im Grunde doch uicht vou denen verschieden, die ihn einstmals bewegten, da er noch in seinem Dorfe hinter dem Pfluge herschritt. Dauu schließt er, indem er ganz und gar zum Scherz übergeht: „Was macht Ihre Frau Liebste? Gibt's bald was Junges? — Das ist uuu eben schade, daß unsere wechselseitige» Gevatterschaften einen Strich bekommen. Ich bin nnn bereits mit drei Mädchen*) geschlagen und hatte mir, dem Eigensinn der Natur zum Trotz vorgenommen, einen Sansculotten uoch zu bekommen. Aber nu» geht es nicht an, denn die verdammten Jakobiner hier haben mir nnd meiner armen cöds ciroit einen hundssötiischeu Streich gespielt und ich will versuchen, ihnen einen dagegen zu spiele». Scherz beiseite, lieber Vogt, Sie wissen, daß oft kleine Mittel große Wirkungen hervorbringe», voilü., die Gründe meines Schrittes, ^.clisu clonL, aber, ungeachtet Ihres Systems, nicht für allezeit! Der Heinrich sitzt schon droben hinter einem Himmels- sciistcr mit seiner Koppe und einem Handtuch umgürtet, ich komme mit Stiefeln hin, und Ihr werdet am Ende nolsns volvns in Eurem SchlafwammS kommen. Adieu!" Diese Briefe finden ihre Ergänzung in einem letzten, zwölf Tage später, am 19. Juni, an Guadet gerichteten. Wahrscheinlich haben wir auch hier ein Origiualschreiben vor uns, das erst nach der Ausführung des verhängnisvollen Planes an seine Adresse gelangen sollte. Der Inhalt ist im wesentlichen folgender: „tüitovsn i^naclet. Mg-ncl,ss vov.5 l^i oonrmuniHns, il v g, Iinit ^onrs, mon clssssin cls mourir, vous tüe^is? cis rns tÄirg ^> Eine von den Dreien starb in sehr zartem Alter. - 25 - cl>ü,nAer ms, rvsolution, s'g.i pss» vos ralsous. .ss Iss ti-o^ive jias suitisantss. O»ns uns varsrlls oriss. il t'^nt nn sxompls. 8i Iss oliosss eontinnsnt. js no survivr^i v.^. 8i eile-? onan- Akut, js ^si'iii oomptö. ^j'ssp^rs. ^arini csv.x czni g.v.ront oon- trilzns ci, o>. xeu piss itsss^z pour oouclui-s <^us sstds psisonns cisvait nicmrrsi- >.ui coni-ÄKS öxtraoi-üinairs. tü'stait Is> «suis ictss cls > s coui'KKS c^ui in'ycLuriait ciau8 1^ i'us 8^ivt-Hc>- nors sn 1^ vo^^iit axpioilisi' suv ii^ «Ii^rvstte. ^lecis <^ue1 tut ^) „Nach cincr Erklärung dieser Art möge! ihr mir je nach cnrem Ermessen die Ehre eurer Kerker oder eurer Guillotine erweisen." - 27 — MSN etonnsMSiit lc>rs „Am 17. Juli, dem Tcigc ihrer Hinrichtung, wnrdc ich dnrch dicsc überstürzte Verurteilung überrascht, deren Einzelheiten mir dennoch sämtlich bekannt waren. Ich wußte ungefähr genug davon, um schließen zu könuen, dasz dieses Mädchen einen außerordentlichen Mut zeigen würde. Nur allein der Gedanke an diesen Mut beschäftigte mich in der R-ue Laint-Honors, da ich sie auf dem Karren herannahen sah. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich neben der Unerschrockcnheit, die ich erwartete, diese unwandelbare Sanftmut inmitten barbarischen Geheuls, dicsc so süßcn und zugleich durchdriugendcn Blicke gewahr wurde. Eugclsblicke, die ins Innerste meines Herzens drangen, cS mit heftigen, bisher unbekannten Bewegungen erfüllend. Sie hat mir nnvcrsicgbarcs Leid und Sehnen zurückgelassen." „Der bloße Gedanke an dicscm zum Tode geführten Engel wird mich die Macht ihrer Henker verachten lehren. Anmerkung: Gedächten sie mir gleichfalls die Ehre ihrer Guillotine zu erweisen, die fortan in meinen Augen nichts als ein Altar ist, aus welchem man die Opfer schlachtet, so bitte ich diese Hcnkcr, meinem abgeschlagenen Haupte cbcnsovicle Backcnstreiche geben zu lassen, wie sie deren dem Hanpic Charlottens geben ließen . . . . Wer diese Flugschrift ganz gelesen hat, für den steht die Thatsache außer Zweifel, daß Lux sich Charlotten nie zuvor genähert hatte. Jenes erste Mal, daß er sie mit Augen sah, war zugleich das letzte, und wenn auch seiue Begeisterung sür sie gewisse Wendungen aus der Sprache der Liebenden entlehnt, so konnte doch dies Gefühl an den Motiven einer längst beschlossenen Handlungsweise im Ernst nicht den mindesten Anteil haben; beides ist sicher. Jedenfalls wird man ohne weiteres zugeben, daß der Verfasser derartiger Ausfälle gegen die Machthaber fest entschlossen sein mußte, zu sterben: denn es war mit Leuten nicht zu scherzen, welche nicht einmal solcher Anreizung bedurften, um einen Widersacher aus dem Wege zu räumen. Auch wurde Lux fünf Tage später, am 24. Juli, in seiner Wohnung im Hütsl 6s8 ?g,ti-iotss LoI1gn6s,i8. L-us 6es Noulivs, verhaftet. Man nahm seine Papiere in Beschlag, bei welchen sich unter anderem eine gedruckte deutsche Nebersetzung der Verfassung vom 24. Juni 1793 vorfand. Er wurde noch an demselben Tage verhört und gestand mit wildein Freimut seine Ideen und seinen Haß ein. Nach seiner Aussage war er bemüht gewesen, mit Gnadet und Pstion Verbindungen anzuknüpfen, diese aber hatten ihm gegenüber Zurückhaltung in einem Grade beobachtet, daß er sich verletzt fühlte. Ueber die Beweggründe zu seinein Selbstmordvorhaben befragt, antwortet er: ,.I^s probst n'sst zzus iiissnss. .s'asoMs c^u'il osl un i 1s, MÄmrn»irs. Ich freue mich ihrer Uebcrlcgenheit, denn ziemt es sich nicht, daß der angebetete Gegenstand immer erhabener und höher sei als der Anbeter?" 19. Juli 1793. -) ,,Der Plan ist nicht unsinnig, ich füge hinzu, daß es eine gewisse Sprache der Tugend gicbt, die man mit denen nicht reden kann, welche deren Grammatik nicht kennen." — 29 — Darauf setzt ihm der Richter hart zu wegen des Ungewöhnlichen und Verdächtigen seines Schrittes, den Vorsatz des Selbstmordes Guadet und Pstion im voraus mitzuteilen. Lux verwahrt sich energisch gegen eine derartige Unterstellung. Vier Tage später wird er von dem Oornits 6s Sürsts Zkners-ls vor das Nevolutions-Tribuncil geschickt. Am 30. August findet das zweite Verhör in Übereinstimmung mit dem ersten statt. IV. Die erste Septemberwoche war reich an Zwischenfällen, die mit dem Schicksal des Gefangenen in Verbiudung steheu. Erstens finden wir in den Akten den Brief eines Landsmannes, vom 4. datiert und an den öffentlichen Ankläger gerichtet, dem er in unterwürfigem Tone Vorwürfe darüber macht, daß Lux noch nicht verurteilt und hingerichtet sei: .,Huc>i! ost soriv^ln tsMörs,irs vlt sncoi's, lui c>ul o-vait I'g,n(lÄLS eis tiÄirsr Alarat SU monstrs st son Äi>5«.8sin Sil IZrntus! ^loi, scm c»oinzz^ti'iots. ^js ras eliN'AS cls -j» povii'suits, et p!tr sparet -V votrs xs,triotisros ctsoicls, ,js vous piövisns aus ss Is >lsnonosrl>i l>.ux Ooräslisrs st s.ux ^acolzins pour liktsr' son cliütimsut. ^s sui« avso rssxsot I^s pk>.triots ^losolislllisi'A." ^) „Was, dieser ucrivegenc Schrifistcllcr lebt noch, er, der sich erfrechte, Marat ein Ungeheuer zu heißen und seine Mörderin mit Brutus zu vergleichen! Ich, sein Landsmann, nehme seine Verfolgung auf mich, und aus Rücksicht sür Euren außer Frage stehenden Patriotismus lasse ich Euch hiermit wissen, das; ich ihn den Oor^slisi-s und Jakobinern dennnzieren werde, um seine Bestrafung zu beschleunigen. Ich bin mit Hochachtung der Patriot Moschcnbcrg." — 30 — Als ich diesen Brief und seine Absicht mit den Briefen verglich, in welchen der Gefangene drei Tage später fordert, daß man ihn richten möge, fiel mir ihre Aehnlichkeit auf, und ich glaube mich uicht zu täuschen, wenn ich annehme, daß Lux einen falschen Denunzianten erfunden hat, um die Aufmerksamkeit des Rächers auf sich zu lenken. Der Name am Ende des Briefes ist in den Annälen der Mainzer Revolution vollständig unbekannt und dieser gehässige Eifer durchaus unwahrscheinlich einem Manne gegenüber, der wohl keinen persönlichen Feind hatte. Er besaß vielmehr — wie wir sogleich erfahren werden— Freunde, welche ihn gegen seinen Willen retten wollten und sich dadurch seinen Groll zuzogen. Als nach drei Tagen — so vermute ich wenigstens — der Brief des falschen Denunzianten nicht die gewünschte Wirkung that, schreibt Lux unter seinem eigenen Namen an den öffentlichen Ankläger. Er beschwert sich, daß er, seit dem 25. Juli in lci Force gesangen gehalten, vergebens darum gebeten habe, gerichtet zu werden, und daß ihn jetzt gut- oder böswillige Menschen, wie er sie uennt, für närrisch wollen gelten lassen. Er beruft sich dieserhalb auf die Nummer 94 des Journal 6o 1a NontsAlls, und indem er sich gegen den Verfasser verteidigt, der ihn für irrsinnig ausgiebt, fordert er die Gerechtigkeit auf. über seinen geistigen Znstand und sein Schicksal zu entscheiden- ,.^s clsmkuäs a stro MAS promxtsmsnt, gLu c^us 1s tri- Iiuus,! <1esiüs si suis rs^)u>)Ii<:a,iu ou oontrs - rsvolutiounairs. tou c>u inisonnadls . , . (üar tout ms vs,ra,!t xröler!Z,l)1s »1'op- prolirs insuste st irmnsrits cl'strs nourri st snt'srms ?owius inutilö. pitovadls, mspris-i-dls .... HusIIs c^ns soit Ig, suits clu ^UASmsnt, sro^vs? c^us toujours vous m'aursx ot>1iZs."^) *) „Ich verlange schleunigst gerichtet zu werden, damit das Tribunal darüber entscheide, ob ich Republikaner oder Gegcnrevo- lntioucir, geisteskrank oder bei Sinnen sei...... Denn alles scheint mir annehmbarer als die ungerechte und unverdiente — 31 — Denselben Brief schreibt er an demselben Tage an den Bürger Foucault, Richter im Revolutions-Tribunal, uud 13 Tage später, am 20. September, stellt er sein Ansuchen zum dritten Male, indem er sich mit folgenden bittenden Worten an den Präsidenten wendet: .,^7s ns 1'iZnol'S pss qus o'sst uns immsnsits äs trirvanx hm vons oceuvs; iridis sts-nt a,ux vi'isons äsxui8 clsux niois, 1'Iionnsnr äs vons kairs rsssouvsnir äs moi sn von^ priknt äs äsciäsr s'il v :>, Iis» ä's.oous^tion contrs irioi st ä'kLoölersl- mon ^juAsmsnt."^) Wer war wohl dieser Mann, der unter der Hülle der Anonymität behauptete, Lux sei wahnsinnig, und dadurch die Entrüstung des Gefangenen auf sich zog? Ich müßte mich sehr täuschen, wenn es nicht derselbe Dr. Wedekind wäre, welcher später Lux's Schriften herausgab, sein Kollege im Mainzer Konvent. Diesem war es gelungen, sich bei der Uebergabe der Stadt nach Frankreich zu retten und sich den barbarischen Verfolgungen zu entziehen, mit welchen die ehemaligen Herren ihren Rachedurst stillten, nachdem preußische Bajonnette sie in ihre Staaten zurückgeführt hatten. Selbst die Frauen der „Klubbisten", wie man sie nannte, erfuhren die schmachvollste Behandlung; es war der reine „weiße Schrecken". Nehmen wir nun jenes Journal 6s 1s. Nov.ra.AQs vom 4. September zur Hand, so finden wir jenen Artikel, der, Schmach, wie ein unnützes, erbärmliches, verachtenswcrthes Wesen gefüttert und eingeschlossen zu werden......Wie auch das Urthcil ausfallen möge, ihr werdet mich immer zu Dank verpflichtet haben" 5) „Ich weiß es wohl, daß eine Unznhl von Arbeiten Euch beschäftigt, aber da ich mich seit zwei Monaten im Gefängnis befinde, so habe ich die Ehre, Euch wieder an mich zu erinnern, indem ich Euch bitte, zn entscheiden, ob Grund zur Anklage gegen mich vorliegt, und mein Urtheil zu beschleunigen." einen wohlgesinnten Areuud unter der Maske eines Ver- lüsterers bergend, ein seltsames Gegenstück zu der Kriegslist des Opfers bildet, das an demselben 4. September als sein eigener Ankläger auftritt. Es sei mir gestattet, den Artikel noch anzuführen; er giebt ein lebendiges Bild von den Menschen und Dingen dieser merkwürdigen Zeit: „II V » cisus les prisous cls Is Ooueisi'k'Sl-is Uli ^IIs>usu>l c^ui nierits visimeur 1a vitis clss vsti-iotss. vsc-ev c^us 1a, tste lui s toui'ns st gu'il est cleveuu slzsolumsnt t'ou. O'est Is >ioiume I^ux. rueiuvre s sinbrssss I» Revo- lution svso un ^sle sicleut. et v'sst lui quis tsit Ureter Is ssr- meut eivious s tous les cultivsreurs cls sou osuton. lüsveuclsut les ruslkeurs cls sss eoueitovsns, Is« sisus out tsit uue iuivrss- sion vrot'oncle sur so» iins^instion clsjs sxsltos psr Is solituds st ps,i' 1'etucls protoucls cle Is rnstsvQVsiczus. 8ss vossessions out et« drüless st clevsstees. ss tsiurns st sss sutsnts sont toiu- lies sntrs lös insins clss l?russisus, st il s vsrclu tout ssuoir cls revoir ss pstris st cls ^jouir svsv sss ooneitovsus clu donlisur cl'etrs lilire. .^rrivs s ?sris coiniue clevute cls Is Louveutiou de Nsvsuos, il s oru trouvsr clsus estte Krsn>ls vills Iss inosurs ustrisrosles et rsvuoliosiuss clout il s'stsit torZe clsus ss soli- tucls Is clelieisuss iclee; inosurs c>ui lni psrsisssisnt uns suits neeesssire clu urincips 1s cls ses ssus. et 1^ vus äs (,'dgi-lotts «üovclkiv, Ig. seuls Isings veut-etre czu'il s.1t i-siuni^uc^s clsunis c^u'il sst g. l?g.ris, g^g.ut 1'git sui' lui uns iiuvi'sssiou uliz'siqus sxtrsmsinsut Idi-ts. s. poit>' g.u oomlzls 1s tvoulols. I» coutusiou st Ig uoirs uielkmoolis <^ui iSAUgisut clsjtc clgus ^on g,ms. II g vgrls g, tort st g tt'g.vsi'S cls Llcgrlotts lüorügv, 11 g. clit c^u'il clesii-sigit ruouvi^ voui° s1!s; et g In. suits cls sss ziiDvos il g. ste uiis su pt'isou. .,Oepuis c^ll'H v sst sut'si'ius, 11 us clssü's g.uti-s cilwss czus cls uiouriv; 11 g. clit ii, sss »mis, c^ui psuvsut 1s voll'. c>u'11 u'v s. cl'guti-s Izonusui- pou^ lui c^us Ig. u^ort, st c^u'il vent 1g,irs tont es 1s poui' AÄ^usi- Iss clsnutes cls Ns^snos u'out p^s usu oouti'i^us tourusr Ig. tiits cls est.^IIsiUÄncl; ils lui out usiut s-vso les soulsuivs Iss plus uoires Iss scsnes tsi-riolss c^us In, uisolis.ucsts clss suusruis cls 1s, Rsvolutlou out i-sucluss usvsssg.ii'ss. lZuvslovvss cls psg.ux cl'gxusg-u. ils us ss raouwgisut ic lui c^us soMius clss Iicuumss vurs. ooraws clss Äinis cls l'oi'äis. clss lois, souuus clss xliilosoxliss. g,uus 6s I'Iiuiug.uits': l'ou us vovgit vgs Iss poiZugi-ils cjtie Iss uioustrss a.iKuisg.isut su sserst voui' SMi'Ksi' ls vsupls. LoQ imaKinÄtiou ünuvss tiouolg.it sg. i'g.isou st il seutg.it saus 1-g.isouusi' .z>Is tisns tous ess ks.1ts cl'uu lusclsoiu cls Alaysues czui eounitit I^ux. czui xlaint sou sort st oi'vit c^u'il v^ut misux 1'su- Ludwig Bmnbcrger's Gcs. Tchriften. II. g — 34 — t'si'insr clkms un o.öplts.1 Msqu'ü, s» Zuvrison. c».^ Is t'kirs pÄSSsr sn ^msriczus, (zus äs ls Auillotinsr/- - - . . Solche Sprache glaubte man damals führen zu müssen, uni ihn dein Tode zu entreißen, indem man den Machthaber?! schmeichelte. Die Angabe, daß sein Besitzthum verwüstet und seine Familie weggeführt worden sei, berichte auf Erfindung. Aber dieser Kunstgriff vermochte eben- 5) „In den Kerkern dcr Concicrgerie befindet sich cin Deutscher, welcher wahrlich da? Mitleid dcr Patrioten verdient, weil sein Sinn verwirrt und er vollkommen verrückt geworden ist. Es ist cin gewisser Lux, Mitglied des Mainzer Konvents. Dieser Mann, der in dem Dorfe Kosthcim bei Mainz wohnte, lebte dort als Philosoph von dem Ertrage eines kleinen Landgutes, das er besaß. Zur Zeit als die Franzosen in das Land einruckten, wandte er sich der Revolution mit glühendem Eifer zu, und auf seinen Antrieb leisteten alle Landwirte seines Bezirks den Vürgcrcid. Indessen hat das Unglück seiner Mitbürger, sowie sein eigenes, auf sciue durch Einsamkeit und inniges Versenken in die MethaphrM bereits überspannte Einbildungskraft einen tiefen Eindrnck gemacht. Seine Besitzungen sind verbrannt nnd verwüstet worden: seine Frau und Kinder in die Heinde der Preußen gefallen, und er hat alle Hoffnung verloren, sein Vaterland wiederzusehen und mit seinen Mitbürgern das Glück dcr Freiheit zu genießen. Als Abgeordneter des Mainzcr Konvents nach Paris gesandt, glaubte er in dieser großen Stadt die patriarchalischen und republikanischen Sitten zu finden, von denen er sich in seiner Einsamkeit cin liebliches Ideal zurechtgezimmert hatte, nnd die ihm aus dem Prinzip dcr Revolution, welche scinc Scclc so feurig ergriffen, mit Nothwcndigkeit hervorzugehen schienen. Abcr sein Unglück und sein Temperament legen ihm einen dichten Schleier vor die Augenz er hat in dieser großen Stadt nichts weiter gesehen als die Verbrechen dcr Aristokraten, die ausschweifenden Sitten der Freihcitsfeindc, die Spaltungen unter den Patrioten, die Schurkerei oder die frevelhafte Glcichgiltigkeit einer Menge von Menschen, denen die Rettung des Vaterlandes und die Begründung dcr Republik anvertraut ist; und dieses Bild, das sich ihm einzig darstellte, hat in Verbindung mit dem Gefühl — 35 sowenig, ihn zu retten, wie derjenige, den er selbst in entgegengesetzter Absicht angewandt, es vermocht hatte, sein Verderben zu beschleunigen. Sein Schicksal ward noch nicht entschieden. Chöron de Villers erzählt in seinem bereits erwähnten Buche, auf die Autorität eines Mitgefangenen von Lnx gestützt, dessen Name nicht genannt ist, man habe dem Gefangenen die von seinem und seiner Mitbürger Unglück seine Schwermut vergrößert und sie zu einem gewissen Wahnsinn ausarten lassen, welcher ihn das Menschengeschlecht verabscheuen und den Tod herbeisehnen lehrt. „Ein anderer Umstand hat diesen Wahnsinn ausbilden helfen. Lux liebte seine Frau sehr und hat, obgleich er außerordentlich leidenschaftlich ist, seit seiner Trennung von ihr in strenger Enthaltsamkeit gelebt. Diese neue Lage vermehrte seiuc Sinncsverwirrung, und der Anblick der Charlotte Cordan, vielleicht der einzigen Frau, die er seit seiner Ankunft in Paris beachtet, machte ans ihn einen äußerst starken, sinnlichen Eindruck und trieb die Verstörtheit, die Zer- rüttnngnnd düstere Schwermut, welche bereits in seinerSecle herrschten, auf ihren Gipfel. Er hat ins blaue hinein von Charlotte Cordan gesprochen, ja behauptet, er wünsche für sie in den Tod zu gehen, nnd ist insolgc solcher Reden eingekerkert worden. „Sei! seiner Gefangennahme wünscht er nur »och zu sterben; er hat gegen Freunde, die ihn besuchen dürfen, geäußert, es gebe für ihn kein anderes Glück als den Tod, und er wolle alles thun, was in seiner Macht stehe, um baldigst guillo- tiuirt zu werden! In der That schreibt er oft an die Jakobiner und sendet ihnen für Robcspierrc, Danton, Hebert und einige andere Männer Briese, in welchen er alles vorträgt, was ihm dazu an- gcthan scheint, schuldig zu erscheinen. „Um diesen Menschen zu heilen, wenn anders seine Krankheit heilbar ist, bedürfte es eines kleinen Landhauses und einer anmutigen Lebensgefährtin, die ihm bald ein Kind schenkte. Die Sitten unserer guten, patriotischen Landbevölkerung würden ihm einen andern Begriff von der Menschheit geben, nnd wäre die Revolution dann vollendet, so würde er eingesehen haben, daß ein großes Volk nicht in einem Tage entartet, und daß die Un- 3* - 36 — Freiheit angeboten unter der Bedingung, daß er verspräche, über die politischen Vorgänge in Frankreich Schweigen zu beobachten. Diese Erzählung, die sich auch im Datum seines Todes um ungefähr einen Monat irrt, ist höchst unwahrscheinlich. Die gerichtliche Zustellung der Anklage datiert vom 12. Brumaire des Jahres II, und die Verhandlung sand am 14. statt. Vor dem Gerichtshof, wo Dumas den Vorsitz führte, war die Haltung des Angeklagten schlicht, frei von aller Prahlerei. Aus die Frage des Präsidenten, ob er etwas zu seiner Verteidigung zu sagen habe, antwortete er nichts weiter als: „,Is ins souinsts s. 1s, loi."-) An demselben Abend wurde sein Wunsch erhört; am 4. November 1793 fiel sein Haupt aus dem Schafott. ordnung und das heftige Aufeinanderstoßen der Leidenschaften von einer großen Umwälzung nicht zu trennen sind. „Die Brissotins, die ihr möglichstes gcthan haben, um die Mainzer Deputierten für sich zu gewinnen, haben auch nicht wenig dazu beigetragen, diesem Deutschen den Kops zu verdrehe«, indem sie ihm die schrecklichen Scencn, welche die Bosheit der Feinde der Republik nötig gemacht hat, in dcu schwärzesten Farben malten. In Schafskleider gehüllt, stellten sie sich ihm einzig als Männer von lauterer Gesinnung, Freunde der Ordnung und des Gesetzes und menschmfreundlichc Philosophen dar; die Dolche blieben unsichtbar, die sie heimlich schärften, um dem Volke damit aus Leben zu gehen. Seine erschütterte Phantasie trübte seine Verminst, nnd er überließ sich gedankenlos seinen Gefühlen. „Alle diese Thatsachcn weiß ich von einem Mainzer Arzt, der Lux kennt, sein Schicksal beklagt und der Meinung ist, es sei besser, ihn bis zn seiner Heilung in ein Krankenhaus zu bringen, oder ihn nach Amerika zu schaffen, als ihn zu guillotinircn." L . . ." „Ich unterwerfe mich dem Gesetze." — 37 — Das kleine Portrait in Profil, welches Lux's Tochter''! von ihm besitzt, zeigt Freimut nnd Entschlossenheit in seinen Mienen ausgeprägt; der etwas vorspringende Stirnknochen nnd die ein wenig emporgebvgene Nase verraten Lebhaftigkeit und Intelligenz, während der Mund mit den sehr festen Konturen einen höchst energischen Willen bekundet. Seine Frau überlebte ihu bis zum Jahre 1814; sie wurde in Mainz vom Typhus hingerafft, den oer Rückzug der großen Armee in die Stadt eingeschleppt hatte. Jener letzte Brief, dnrch welchen Lux ihr und den Kindern seinen Segen sandte, war nie in ihre Hände gelangt. Er ist bei den Akten geblieben, die ich vor mir habe, und mit vielen anderen zusammen in einein grauen Umschlag vergraben, der in einfacher und schrecklicher Zusammenfassung den Titel ,,Nm-t." trägt. Nie hat Sabine ihren Töchtern jenen Scheidegruß vorlesen können, durch welchen ihr sterbender Vater ihnen seine Deukuugsweise, das Beispiel feines Lebens uud Todes vermachte. Und dennoch trat — seltsamerweise! — die älteste von diesen Töchtern jene Hinterlassenschaft mit beklagenswerter Treue an. Sie hatte in gewissem Grade den Geist ihres Vaters geerbt, die Liebe zur Einsamkeit, die Freude am Studium, den überschwenglichen Kultus des Ideals, dem er sich zugewandt, deu unwiderstehlichen Trieb zum Tode. Ihre Geschichte ist Dies ist Lux's zwcitc Tochter. Zur Zeit, da dieser Artikel geschrieben wurde, im Jahre 1866, wcir sie noch am Leben: sie stand im Alter von 78 Jahren und wohnte in Nürnberg. Der Verfasser hat mehrere Einzelheiten, die in der Biographie vorkommen, von ihr erbitten lassen. Sie befand sich im vollen Besitz ihrer Fähigkeiten, und der Freund, der sie im Auftrage des Verfassers befragte, war überrascht von der Vornehmheit nnd Würde, welche sie trotz einer mehr als bescheidenen Existenz bewabrt hatte. — 38 — ziemlich bekannte sämmtliche Biographen Jean Pauls haben sie wiedererzählt; besonders vollständig haben Förster nnd Otto die merkwürdigen Briese abgedruckt, welche zwischen dem Dichter und der Tochter des Gerichteten gewechselt worden sind. Jean Paul war damals in Deutschland für alles, was uach dem Zarten und Erhabenen trachtete, der aus- erivählte Schriftsteller, Ein geistiger Nachkomme von Lawrence Sterne, dessen Humor, sentimentale Ader und willkürliche Abschweifungen sich bei ihm wiederfinden, ist er ebenso mit spiritualistischer Philosophie durchtränkt, wie jener von realistischen Neigungen erfüllt war. Er bildet den Nebcrgang von den skeptischen Humoristen des achtzehnten Jahrhunderts zu den romantisch-katholischen Dichtern ans der Schule der Schlegel, Tieck und Stolberg. Indessen nähert ihn sein von Grund aus ehrenhafter und freisinniger Charakter weit mehr seinen Vorgängern als seinen Nachfolgern. Marie Lux, welche sich — mit Unrecht, wird uns gesagt — sür zu häßlich hielt, als daß sie je darauf Anspruch hätte machen können, das Herz eines Mannes zu gewinnen, vergrub sich in ihre Bücher und verschlang Jean Pauls umfangreiche Werke. Der Dichter hatte damals die Füufzig überschritten, aber das hinderte die Fünfnndzwanzigjährige nicht, sich in den Mann zu verlieben, welchen sie nie gesehen hatte und nie sehen sollte. Sie trat in Briefwechsel mit ihm und erhielt zur Antwort auf ihre Briefe voll glühender Leidenschaft Zeichen eines zärtlichen Wohlwollens. Aber bittere Zweifel, die zu wiederholten Malen ihr Herz befielen, und zu denen sich Enttäuschungen anderer Art gesellten, versenkten sie zuletzt in düstere Traurigkeit; und der Gedanke, dem Tode entgegenzugehen, welchen das väterliche Beispiel in diese junge nnd von Kindheit ans vereinsamte Seele gelegt haben — 39 — mußte, keimte und gewann von Tag zu Tag mehr Herrschaft über ihren Geist. Endlich, nachdem ein erster Versuch durch Freundesbemühuugen vereitelt worden, gelang es ihr, den verhängnisvollen Plan auszuführen. Halbtot aus den Fluten des Rheins gezogen und ins Leben zurückgerufen, kämpfte sie iu wildem Heroismus beharrlich gegen alle Sorgfalt des Arztes und errang oen Sieg. Sie stand genau iu dem Alter, welches ihr Vater erreicht hatte, als ihn der Kultns der Freiheit zum Tode trieb. Ihre letzten Briefe an Jean Paul erinnern, zuweilen in wortlicher Übereinstimmung, an die letzten Schriften von Adam Lux. Zweifellos muß die Anlage zur Ucber- schwenglichkeit und Hingebuug, welche das väterliche Blut in ihre Nderu hinübergeleitet hatte, an der heimlichen Gewalt, die ihr Dasein beherrschte, einigen Anteil gehabt haben. Das Andenken ihres Vaters, dessen edles Blut auf fremder Erde in einer Umgebung von sagenhaft gewordenen Ereignissen vergossen war, hatte gewiß nicht wenig dazu beigetragen, den Keim des ererbten Temperaments zur Entfaltuug zu briugen. Da ich die Menschen und Dinge in keinem anderen Interesse als in dem der Wahrheit studiere, habe ich mich nicht gescheut, neben Lux's Bild das seiner Tochter zu stellen, obgleich mir wohl bewußt ist, daß das Geschick derselben das Urteil der Nachwelt über ihn leicht zu trüben vermöchte. Wenn uns indessen die genaue Kenntnis seines Lebens und seiner Schriften dahin führt, anzunehmen, daß er mit großer Ueberschwenglichkeit des Gefühls, wie sie übrigens seiner ganzen Zeit eigen war, ein ehrliches Herz, eine auf Gründe gestützte und, alles in allem genommen, ziemlich vernünftige Ueberzeuguug vereinigte, so ermächtigt uns ein eingehendes Studium des Lebensganges seiner Tochter vollkommen, dieselbe vielmehr als von übergroßem Idealismus verzehrt, denn als das Opfer einer Geistesverwirrung zu betrachten. Sie war nach allen Zeugnissen eine zärtliche und hingebende Tochter und Schwester. Mit einer Ueberlcgung, die zum mindesten aus ein zartes Gewissen deutet, wartete sie, uin das Leben zu verlassen, bis ihre Mutter ihr ins Grab vorausgegangen und die jüngere Schwester verheiratet war. Wenn man sieht, mit welcher Leidenschaftlichkeit dieser Kampf zivischeu der Moutagne und der Plaine noch jetzt, nach einem Jahrhundert, litterarisch geführt wird, so wird es uicht viel Mühe kosten, sich die surchtbare Wirkung zu vergegenwärtigen, welche dieser Kampf iu der Wirklichkeit auf einen jungen, heißen, wenn auch im übrigeu vollkommen gesunden Kopf hervorbringen mußte. Lux stellt uus uicht nur jenen heutzutage so selten gewordeneu Glaubeu an die Ideen vor Augen! er ist auch gleichzeitig der vollkommene Typus des edleu Weltbürgertums, das seinem Zeitalter zur Ehre gereicht. Damals erstreckte sich die Brüderlichkeit sozusagen bis in Verfolgung und Tod hinein. Wer einen Blick in die Akten des Revolutionstribunals gethau hat, dem wird sicherlich gleich mir aufgefallen sein, welche große Zahl von Ausländern vor dieser gesürchteten Behörde erschienen ist. Weder Richter noch Angeklagte kamen auf den Gedanken, sich um die Verschiedenheit der Herkunft oder der Sprache zu kümmern oder sich darauf zu berufen. Sterben um ;u sterben! Jedenfalls kam die Menschenwürde bei diesen Hekatomben weit mehr zu ihrem Rechte, als bei jenen internationalen Zerfleischungen ohne Idee noch Größe, bei denen die Völker sich hassen lemen, weil ihre Her-ren es gebieten. Moriz Hartmann.") ('s- 13. Mai 1872.) Feuilleton der „Presse" vom 18. Mai 1372 (Morgenblatt). Hiuer der schönst begabten Menschen ist vor der Zeit dahingegangen, seit vier Iahren ein herrlicher Dulder in des Wortes edelstem Sinne. Der körperlichen und der davon unzertrennlichen seelischen Qualen ohnerachtet war er einer der selteu glücklichen Sterblichen. Wie groß muß danach sein Auteil an den wahren Schätzen des Lebens gewesen, oder auch wie gering nnd unvollkommen mnß der Anteil sogar des Bestbedachten ans Erden sein! Beides ist wahr. — Er war geziert sast mit allem, was dem Menschen Wert giebt für sich und für andere: Klugheit, Charakter, Geist, Wissen, Anmut und endlich das wahrlich nicht gering anzuschlagende Geschenk der Schönheit. Es war eine Harmonie des Wesens, wie die Götter sie nur ihren Lieblingen bescheren. Die Persönlichkeit in ihrer einfachen Wirkung, in ihrem Gleichmaß und in ihrer Anziehungskraft war das Hervorstechende. So viele uud schöne Eigenschaften der Dichter nnd Schriftsteller auch besaß, mehr noch als durch sie gewann und beherrschte der Mensch selbst durch die unmittelbare Ausstrahlung seines ganzen Ichs. Das Prädikat der Liebenswürdigkeit, aus so wenige Menschen, namentlich der nordischen Rassen, anwendbar, gebührte ihm ohne jeglichen Vorbehalt; er konnte wahrhaft als der Typus der Liebenswürdigkeit in allen ihren Feinheiten und Wirtungen aufgestellt werdeu. Nur bei den — 44 — südlicheren Völkern ist solche bezaubernde Grazie nicht selten auch inMännern zn begegnen, nnd gerne mochte man glauben, was er manchmal halb im Scherze hinwarf, daß er von den unter Ferdinand und Jsabella ans Spanien vertriebenen Juden abstamme, seine Vorfahren nach der Einwanderung in Deutschland den früheren Namen des bekannten Geschlecht der Dueros in die Sprache des adoptierten Vaterlands überseht hätten. Etwas von der gemessenen Würde des Spaniers war mit der Sanftheit der Erscheinung wohlthätig verschmolzen. Das Gefühl dieser Würde entsprang in seiriem Gemüte aus einem hervorstechenden Bedürfuiß nach Selbstachtung, welches den Stahl zum Charakter lieferte. Die Schule des Lebens gab ihm früh die Mittel, jenen Stahl zu härteu, doch sie giebt nur dem, welcher zu empfangen iveiß. Er war der Sohn einer mehr mit Kindern als mit Gütern gesegneten Familie. Der Großvater, ein angesehener Mann, weit und breit im Lande wegen seiner Lebensivcioheit nnd Menschenfreundlichkeit bekannt und geliebt, lebte uoch in der andächtigen Erinnerung des Enkels, der den Sroff zu manchen seiner trautesten und fesseludsteu Erzählungen au den Knieen des ehrwürdigen Alteu iu sich aufgenommen hatte. Der Vater betrieb einen Eisenhammer ans dem Fuße begrenzter ländlicher Geiverbsthätigkeit in dem böhmischen Dorfe Dnschnik und trug in seinem Wesen Spuren vvu der Härte seines Berufes. Die Mutter, wie immer, war die Gcbcrin des Guten und Bedeutenden in der Natur des Sohues. Sie muß nach seinen Schilderungen eine vortreffliche Frau gewesen sein, gut, edel, klug und selbstlos wie nur Mütter sind. Er war ihr Augapfel, sie die sanfte Heilige, die er schmerzvoll im Busen durchs Leben trug; denu früh riß ihn das Exil von ihr hinweg und ihr Auge sollte brechen, ohne daß ihr vergönnt war, — 45 — den lang Entbehrten nvch einmal an die treue Brust zu drücken, uoch eiumal von Augesicht zu Augesicht zu schauen. Nur sterbend konnte sie ihn segnen, während er selbst im fernen Orient krank darniederlag. Wie oft und sehnlich gedenken die besten seiner Lieder dieser entfernten süßeu Mutter! Als zarter Knabe verlies; er das elterliche Haus uud kam zu Verwandten nach dem Städtchen Juugbuuzlau, um daselbst das Gymnasium zu besuchen. Hier schon öffnete sich der Sinn für Dichtung und Historie; uur die exakten Wissenschaften wollten dem jungen Kopf nicht behagen. „Hartmann Moritz, von Mathematik keinen Begriff", sagte ärgerlich beim Exameu der alte Pater, welcher der scholastisch geleiteten Anstalt vorstand. Dies Wort liebte der Gereifte im heiteren Freundeskreise niit Selbstironie zu zitieren. Von Juug- bunzlau zog er uach Wien und, stolz wie er war, mochte er kaum den väterlichen Zuschuß in Anspruch uehmen zu seiuer ferneren Ausbilduug. Um lernen zu können, lehrte er, uud auch uicht selten — hungerte er. Wie mauchmal, wenn er mit uns — in ach so vielen guten Stuuden! — zusammen war, hielt er uns vor, wie nns anderen das Leben und Lernen leicht geworden, im Vergleiche zu ihm; wie er so manche Nacht hungrig sich zn Bette gelegt oder nur mit einer trockenen Brotkruste die Begehruug des achtzehnjährigen Magens zur Ruhe gebracht. Diese Kunst im Entsagen, diese Selbstbeschränkung hat ihn im Lebeu nie verlassen, hat ihm Dienste vom tiefsten moralischen Wert geleistet. Denn er war eifersüchtig bis zum Peinlichen aus seine Unabhängigkeit; uud ein Liebling der Menschen, wie wenige, hat er von der Gunst der Freunde und Bewunderer nur den kärgsten Gebrauch gemacht, auch dauu mit Widerstreben. Seine Haltuug ging ihm über alles. Darum war er stets daraus aus, hauszuhalten. — 46 — Einen besseren Oekonomen konnte man nicht sehen, als der Junggeselle war, noch zur Zeit als ihn, den berühmten Schriftsteller, die Verleger umwarben. Mehr als einmal sand ich ihn, mitten im üppigen Paris, Ivo Hunderte strotzender Häuser ihm dankbar ihre Gastfreundschaft boten, mit ein paar gedörrten Pflanmen frühstückend, die er um zwei Sons beim Krämer eingethan und eine nach der anderen aus der Tasche langte. Der noch nicht zwanzigjährige Studeut ward in Wien Erzieher. Auch später noch lag er hier und da dieser schweren Kunst ob, und er war ein Meister darin wie wenige. Die Menschen, die er geformt hat, sind alle gelungen, alle vom Grund aus durchdrungen worden mit der Achtung vor den Idealen des Lebens. Nichts vielleicht war er in so reichem Maße, als ein Künstler in der Behandlung der Menschen, und dies Talent kam seinen Zöglingen zugute. Alle hängen noch heute mit kindlicher Dankbarkeit an ihm nnd seinem Andenken und weinen aus sein frisches Grab. — Von Wien ging er nach Leipzig, wo damals, gegen Mitte der vierziger Jahre, die ganze junge litterarische Welt zusammenlebte. Im Jahre 1845 erschienen die ersten Poesien, „Kelch und Schwert", welche, vom unmittelbarsten Ersolg begleitet, ihm sofort einen auserlesenen Standort im deutschen Dichterwalde sicherten. Schon vor der Krise von 1348 mit der österreichischen Justiz in politische Konflikte geraten, wurde er zum ersten deutschen Parlament von dem böhmischen Kreise Leitmeritz gewählt. Von da an gehört er mit seinem Wirken und Schreiben der Geschichte unseres Vaterlandes und unserer Litteratnr, und es ist heute nicht der Tag, dies reiche, schöne Leben, Weben rmd Leiden zusammenstellend, zu erzählen. Die holde Figur des Pfaffen Mauritius, Ver- — 47 — fassers der Reimchronik (ein Wurf wie ihm kaum einer besser gelungen), die Schicksale des Reichsboten in den Oktobertagen Wiens, in denen er mit der knavpesten Not dem Lose seines Gefährten Robert Blum entging, — das und fo vieles andere taucht heute aus den« Lethescheu Strom mit der bittereu Klage um den unwiederbringlich Verlorenen und ewig Unvergeßlichen in den lebendigsten Zügen vor der Seele auf. Nach der gewaltsamen Auflösung des Stuttgarter Parlaments ging er in die Schweiz, und von damals an ergab er sich jahrelang dem poetischen Wandertrieb, der zu seinen charakteristischen Eigenheiten gehörte. Er war der geborene Tourist. Er verstand die Kunst des Reifens, des Schauens, Beobachtens, Beschreibens — und vor allem des mündlichen Erzählens aus dem Fundament. Ueberall fesselte es ihn, überall trieb es ihn weiter. Es gehörte zu seinen humoristischen Liebhabereien, an jedem schönen Fleck der Erde, vom Bosporus bis zum Kattegat, sich ein Haus auszuersehen, das er sich zu eigen wünschte. Wunderbar, dieser unermüdliche Nomade mit dem lebhaftesten Sinn für gefesselte Häuslichkeit! Noch im vierten und letzten Jahr seines furchtbaren Siechthums, wenige Monde vor seiner Aullösung, liebkoste er den Gedanken einer Reise nach Italien und eines Hauskaufes in Baden bei Wien zugleich. Noch eins — denn ich muß schließen — sei berührt. Er war ein guter deutscher Patriot, obgleich ein Kosmopolit, der Freunde und Bewunderer auf der weiten Welt in Hülle und Fülle gesammelt hatte. Mit der gewaltsamen Lösung des deutschen Problems im Jahre 1866 wollte sein poetischer und rigoroser Sinn sich nicht befreunden. Er schmollte damals bitter den Ereignissen und vielfach ungerecht den Menschen. Denn er konnte, wenn nicht hassen, — 48 — doch zürnen, und auch lieben mit der energischen Kraft eines ganzen Mannes, der er war vom Wirbel bis zur Zehe. Ganz ausgesöhnt mit der preußischen Politik hat er sich nie, obwohl er nach 1870 ihre Lichtseiten nicht mehr verkennen mochte. Und als der Sturm von Frankreich losbrach, da erhob sich noch einmal der Geist des Dichters und Patrioten mit Urgewalt, und aus dem bereits schier von der Krankheit verzehrten Leib loderte noch einmal die Flamme der begeisterten Seele für Recht und Vaterland glühend und ringsum erleuchtend zum Himmel auf. Ganz Deutschland las damals mit Wonnebeben und Dank die mächtigen Worte des Rufers im Streit. Das mar sein Schivanengesang, sein letztes Ermannen. Daun entwand der schleichende Feind den Griffel der schönen Hand für immer. Er hinterlaßt der dankbaren Anhänger zahllose, der trostlosen Freunde eine ganze Schar; er hinterläßt ein edles Weib, das zu loben niemand wert ist, einen holdseligen Knaben, in den er bereits durch seine wunderbare Lenkung den schönsten Keim gelegt hat. Der Nest ist Schweigen. . Reminiscenzen an Napoleon III. - I (1' 9. Januar 1873.) Beilage zur „Augsburgcr Allgemeinen Zeitung" vom 16., 18., 19. und 21. Januar 1873. Ludwig Bmnberger'S Ges. Schriften. II. 4 nimer wieder von neuem werden wir gemahnt, wie schwer es doch ist, unter die Oberfläche geschichtlicher Zusammenhänge zu dringen, wie unsicher alles erscheinen muß, was nur über längst vergangene Dinge zn wissen glauben, da schon ein ernster Versuch, nur denjenigen auf den Grund zu geheu, die sich vor unseren Augen abspielen, auf so viele Hindernisse stößt. Jetzt ist ein Mann gestorben, aus den, solange er an der Spitze der europäischen Politik stand, d, h. während einundzwanzig Jähren, aller Augen gerichtet waren. Hunderte von Federn waren Tag für Tag geschäftig, über ihn zn berichten; auch das Geringfügigste in seinem Thun und Lassen, das einer auskuudschafteu und mitteilen konnte, war kostbare Beute. Dabei lebte der Gegenstand dieser Neugierde im geheimnißlosesten Lande der Welt, wo alle alles wisseu, uud jeder jedem erzählt, was er weiß; ein Land der Beobachter, Memoirenschreiber nnd angenehmen Plauderer. Nnd dennoch, auf die Frage, ob jemand bis heute in überzengender und erschöpfender Weise über das innere Leben, den Charakter, die Geistesanlagen dieses Mannes Aufschluß gegeben habe, muß die Antwort verneinend lauten. Aus demselben Grnnde steht bis heute nicht fest, welchen persönlichen Anteil der Held des kaiserlichen 45 - 52 — Romans an der Urheberschaft der geschichtlichen Vorgänge genommen hat, die in so langer Reihe und mit so tiefeingreifender Wirkung unter seinem Namen in dem großen Buch der Weltgeschicke figurieren. Von jenem Uebcrfall des 2. Dezembers 1851 an bis zum unwiderruflichen Entschluß zum deutschen Krieg am 14. Juli 1870, vou jener Nacht au, da der kaiserliche Pnrpnr in den Straßen von Paris erbeutet, bis zu jenem Tag, da er nach zwanzigjähriger Herrlichkeit im Pulverdampf von Sedan verweht wurde — was vou allem, so geschah, war das eigene Werk Louis Napoleons, was war das Werk Anderer? Wie verhielt er sich zu sich selbst in seinem Wollen und Handeln? Bis heute hat niemand festgestellt, ob der Präsident selbst den Plan zum Staatsstreich ausgebrütet hat, ob er bei der Leitung der blutigen Aktion vorangegangen oder nachgefolgt ist? Bis heute läßt sich darüber streiten, ob er es gewesen, der den deutschen Krieg gewollt? Wie überhaupt hat er seine Rolle aufgefaßt? Reizte ihn am Thron nnr der Vollgenuß des Lebens in Macht und Glanz und Ehren — oder gab er sich einen tiefern Beruf, eine Sendung zum Besten des Landes? Hat er an sich geglaubt? In diesem Augenblick, da sich das Totengericht niedersetzt über den Manu, den, weun nicht sein Wesen, doch sein Schicksal zu einem der merkwürdigsten unserer Zeit gemacht hat, wiederholen Tausende ohne Zweifel das Urteil, das sie schon oft vorher über ihn gefällt haben! sie brechen den Stab über den Verbrecher, über sein Regiment und sein Andenken. Dem ist er ein gewöhnlicher Missethäter, jenem ein Spieler, noch andern ein Schwachkopf. Nicht selten konstatieren wir das Eigentümliche, daß die, welche ihm alle geistige Begabung absprechen, ihn anklagen, er allein habe die 38 Millionen Franzosen während seiner — 53 Herrschaft um alle Einsicht und Moralität gebracht. Ich bin fest überzeugt, daß niemand den Kaiser so tief verantwortlich macht für den sittlichen und intellektuellen Verfall der ganzen Nation als die, welche ihn tagtäglich einen „Iradkoils" nannten. Werden nur jemals reine Wahrheit über ihn erfahren? Es ist überhaupt ein eigenes Ding um die Einschätzung dessen, was der einzelne Mensch aus der Anlage der Gesamtheit, und was die Anlage der Gesamtheit aus dem einzelnen Menschen macht. Neuerdings geht der Zug der Geoanken dahin' Gutes und Böses mehr auf Rechnung allgemeiner bestimmender Ursachen, als ans die Kräfte hervorragender Individuen zu schreiben. Sonst suchte sich die Vorsehung ein Werkzeug in einem Mann, jetzt bohrt sich die Natur der Dinge ihren Weg durch die Masse. Der „Iimmuk 6s ls. proviclsnLs" der alten Methode war eigentlich der größere. Er empsing direkt vom Himmel die göttliche Ausstattung, um seine Aufgabe zu erfüllen. Heute, da er in seiner Zeit nnd in seinem heimischen Boden wurzelt, und deren Quintessenz aus sich entfaltet, hat er ein größeres Teil von seiner Glorie an die Gesamtheit herauszuzahlen. Im ganzen, will mir scheinen, steckt im naturforschenden nnd demokratischen Zng der Gegenwart zu viel Neigung, den Werth nnd die Wichtigkeit der genialen Persönlichkeit zu unterschätzen. Das läßt sich stets am besten versinnlichen, wenn man die Probe auf die Litteratur macht. Shakespeare und Goethe wurzelten allerdings auch in ihrem Volk uud ihrer Zeit, und vieles in ihnen war durch andere vorbereitet. Aber hätte, wären sie nicht geboren worden, ein anderer den Hamlet und den Faust geschrieben, etwa weil diese Werke in der Luft lagen? Und wenn nicht, wäre unsere geistige Welt dieselbe ohne die Verfasser des Hamlet nnd des Faust? Der embryologische Zusall, aus dem ein geniales Gehirn entsteht, spielt eine große Rolle in der Welt, und kein Satz ist falscher, als daß es keine unersetzlichen Menschen gebe. Nun sind nur freilich abgekommen vom Gegenstand unserer Betrachtung; denn wie hoch oder niedrig er auch gestellt zu werden verdiene, ein Genie war Napoleon III. sicherlich nicht. Selbst zu der Annahme, daß er ein Mensch von mehr als gewöhnlicher Begabung gewesen, zwingt eher der Rückschluß aus seinen Schicksalen, als die Anschauung seiner Thaten. Bei dem geringen Grade von Wahrheitsliebe, welchen die Parteilichkeit der französischen Geschichtschreibung aufkommen läßt, werden wir vielleicht niemals ausrichtige Rechenschaft aus dem Munde scharfer Beobachter empfangen, welchen tiefer Einblick in die Natur dieses Menschen gestattet war. Schon daß er ans diese Weise geheimnisvoll bleiben konnte bis zuletzt, muß als ein Zeichen gelten, daß er nicht der erste beste war. Sein mütterlicher Halbbruder Mornu hat ihn wohl am genauesten gekannt, denn er hat ihn vielfach geleitet. Rouher, der einzige Hervorragende unter den Würdenträgern, der den Meister überlebt, und der beinahe von Anbeginn ihm zur Seite stand, wäre der Mann, vielleicht einmal in seinen Memoiren die Welt sattsam aufzuklären- denn er ist klug genug und, wo er die Emphase nicht geschäftlich sür nötig hält, auch kühl genug. In den künstlerischen Kreisen von Paris, auch zn der deutschen Welt nicht ohne Beziehnngen, lebte eine zartsiunige Frau, welche als die beste Kcnuerin des verschwiegenen Herrn galt. Sie war die erste, sagt man, die das Herz des Jünglings besessen, und sie behielt zeitlebens einen im besten Sinn verwerteten Einfluß auf ihn. Viel vou dem, was man in vertraulichem Gespräch über ihu vernahm, stammt von ihr her. Auch sie ist wahrscheinlich tot: — 55 — wenigstens war sie schon 1869 so krank, daß man an ihrem Aufkommen verzweifelte, und ich habe seitdem nichts mehr von ihr gehört. Alles was über die Zeit vor der Präsidentschaft von biographischer Litteratur über den Sohn der Königin Hortense existiert, ist äußerst lückenhaft und hat wenig authentischen Wert. Die einen holten sich ihre Eingebungen ans den Tuilerieu, die anderen brauten feindlichen Klatsch zusammen. Von der ganzen Jugendgeschichte ist so gut wie nichts in die Oeffentlichkeit gekommen, und mit dem Einblick in die Entwicklung fehlt der wahre Schlüssel zum Charakter. Zerstreute Augabeu finden sich in Chateaubriand« „Nsilloirsg ä'vutrs tovabs," und in diesen jedenfalls unbefangene. Dagegen ist schon das, was in Vsrons „Us- inoii-ss 6'rw dorirZsois äs ?ari8" vorkommt, unzuverlässig, denn die Aktenstücke wurden dem Verfasser von Mocqnard, dem Geheimsekretär und Lxiriws Fs-miliaiis des Kaisers, geliefert. Zu gebrauchen, aber mit Vorsicht, ist die Schrift des ehemaligen Unterlieutenants Laich über den Putsch von Straßburg (1837), welche dem Verfasser eine Verur- teiluug durch den Pairshof eintrug; iu gleicher Weise die Memoiren von Mademoiselle Cochelet über die Königin Hortense nnd Persignvs „Rslg-dioll cls 1'^ntrspi8« är> xrinok UkpolsoQ" (1837). Paul Lacroix, der Bibliophile Jacob, hat 1853 eine ,,Hi8koirs ÄQscssiKNöur, o'sst tond ii. tÄt snpsrtkn, ^js suis vsuvs avse cjuatrs sn^avts. Ä c^uoi bon m'kponssr?" Als er später in: Februar 1848 (er wartete nach dem 24. nicht einmal da? Ende des kurzen Monats ab, um sich als Prätendent zu melden) nach Paris kam, war einer seiner ersten Besuche bei der alten Liebe. Er hielt noch als Kaiser die Beziehungen zu ihr aufrecht und stattete jedes ihrer Kinder mit hunderttausend Franken aus. „^orrMrrs il ms rsyoit Kisu/- schloß sie ties gerührt ihre Erzählung, ..st s« vous deiQÄQds rnr psrr es c^u'il psut ikirs vieills kellims vomiQk inoi!" Die Hunderttausende, ivelche diese alte Flamme verzehrte, wurden bei Miß Howard zu Millionen. Sie wnrde Frau v. Beauregard und bewohnte in der Nähe von Versailles das Schloß gleichen Namens, welches zum Ankauf und Ausbau allem fünf Millionen gekostet hat. General Schmidt residierte darin während der Belagerung. Die herrlichen Möbel und köstlichen Nippsachen standen unangetastet auf ihren Plätzen, nur die Orangerie war verdorrt und verwildert. Die Schäferei war vou ewigen Offizieren mittelst eleganter Vorhänge und Sofas zu eiuem Pariser Boudoir eingerichtet worden, und in demselben aß ich deutsche Kartoffelklöße, vom Regimentskoch gar vorschriftsmäßig zubereitet. Madame de Beauregard war damals schon gestorben. Das Schloß gehörte zur Zeit des Krieges einer legitimistischen Prinzessin, und jüngst ist es nnter dem Hammer um 800000 Franken in die Hände eines deutschen Fiucmzbarons gekommen. III, Eine Atmosphäre, wie sie uns aus diesen und vielen anderen Beziehungen anweht, war nicht geeignet den Sinn für die Erhabenheit des Thrones vorzubereiten. Auch schleppte sich das Uebel unausrottbar alle Jahre hindurch in der Geschmacksrichtung des Hofes und selbst in ernsteren Dingen nach. Auf eine liederliche und frivole Mutter, einen unfähigen Lehrer uud Liebschaften zu Frauenzimmern niedrigen Schlags folgten im Laufe der Zeiten eine schöne, weltliche, bigotte Frau und die cmnsch gewissenlosen Helfershelfer des Staatsstreichs, deren Joch nicht mehr abzuschütteln war; es gehörte doch wohl ein beträchtlicher Grad von Umsicht und Sammlung dazu, um dem erabenteuerten Regiment trotz alledem etwas von jenem großen Anstrich und Einfluß zu geben, mit dem es sich jahrelang auf der Hohe der europäischen Politik behauptet hat. Der Krieg in der Krim, der Krieg in Italien, die freie Handelspolitik, die Bekämpfung des eingewurzelten französischen Hasses gegen England, das energische Bestreben mit diesem Land dauernd verbündet zn bleiben, das sind lanter Thntsachen, die nicht wegzuleugnen sind, ebensowenig wie die Lösung der Aufgabe: zwanzig Jahre Monarch von Frankreich zu bleiben, wenn man alle politischen Parteien gegen sich hat — ein Problem, dessen Schwierigkeit zu beurteilen wir vou jeher Gelegenheit hatten, dessen Schwierigkeit uns zu dieser Stunde mehr als je einleuchten muß. Man ziehe von der Beweiskraft dieser Thatsachen noch so viel ab, es wird immer etwas übrig bleiben, das zu Gunsten der in ihrem Autor liegenden Potenz spricht. Daß nach den aufsteigenden Jahren die abwärts führenden kamen, war hier mehr als je Naturgesetz. Mit dem Ende des niexikanischen Krieges ivar Napoleon ein gebrocheuerManu. Il sdait, an dvnt, de son rvulsau, wie einer seiner Freunde von ihm sagte. Ter Krimkricg und das Bündniß mit England, wie die moderne Handelspolitik, waren sein eigenes Werk gewesen. Sie waren das Produkt des besseren Teils ieiucr Eindrücke vom englischen Leben. Die freihändlerische Ueberzengnng hatte er ebenso wenig wie andere leitende Gedanken aus tiefen und ernsten Studien, sondern viel mehr aus allgemeinen Intuitionen, in denen fich seine geistige Thätigteit bewegte. Ein Hang ,;n stillem Britten und Nachsinnen muß als das meist hervortretende Merkmal seiner geistigen Konstitution bezeichnet werden. Scharfes exaktes Arbeiten war seine Sache nicht, dazn war er nicht erzogen worden,, und selbst Talente ersten Ranges lernen das selten noch spät im Leben ans sich selber. Hätte er die Kunst besessen, sich durch eigenen Fleiß Rechenschaft von den Dingen zu geben, so würde er sich nie jene traumartige Gewißheit von der vollendeten Kriegsbereitschaft haben beibringen lassen, mit der er von seiner Umgebung in den deutschen Krieg hineingehudelt worden ist. Aber er liebte es seinen Weg still voranzutasten. Von Menschen, die schwierige Aufgaben lösen, hatte er ganz entschieden die Eigenschaft an sich, daß er einen Gedanken zäh, unab- weichbar festhielt; er ließ sich nie darin irre machen und wollte nicht darin irre gemacht sein. Rathgebern, welche seinen Hauptplan zu durchkreuzen unternahmen, wendete er sich unwillig ab; er wollte nur Ratschläge, die seiner Idee zu Hilfe kamen, nicht solche, welche sie für falsch oder unausführbar erklärten. Er ist, sagte mir eines Tages ein feiner Beobachter, wie ein Erfinder, der unablässig seinem Problein nachhängt; in allen anderen Dingen läßt er sich gern von andern leiten, vertraut sich ihnen an, nur in seinen besonderen Gedanken ist ihm die Opposition unerträglich, da sucht er nur Leute, die ihm beistimmen und an der Ausführung mithelfen wollen. Er will keine Einwände, sondern Ratschläge. Geht ihm etwas schief, so kommt er eben deshalb leicht aus dem Gleichgewicht und verliert den Faden. So weit war sein Willensinstrumeut gang richtig für feine Zwecke gestimmt, uud hätte er nie die Maxime vergessen, die ihm einer seiner Verehrer in den Mund legt, daß die Welt dem intelligenten Phlegma gehöre, so wäre er wohl in den Tuilerien gestorben. Die Idee, daß er einst Kaiser werden müsse, beherrschte ihn bekanntlich von dem ersten Erwachen seines Bewußtseins au uud blieb unerschütterlich, trotz der tiefen Demütigungen, welche das klägliche Scheitern wiederholter Versuche ihm bereiten mußte. Nicht Selbstgewißheit, sondern die Konzentration des Mühens und Denkens auf deu einen Punkt hin war seine Stärke. Als er nach deni Putsch von Boulogne vor dem Pairshof ftaud, sagte er in einer Pause der Gerichtsverhandlungen zu seinem Advokaten, auf die Knopfe der vor ihm stehenden Gendarmen zeigend: „Wenn ich Kaiser sein werde, werde ich die ändern." Dabei war sein Auftreten nicht ruhmredig oder dreist, sondern das Gegenteil. Man erinnert sich, wie ungeschickt uud verlegen er sich als Mitglied der konstituierenden Versammlung des Jahres 1848 ausnahm, ein blasser, befangener, schwerfälliger, stotternder, unansehnlicher Mensch: so schildern ihn die Leute, welche Zeugen seiues ersten Redeversuches wareu. Zusammengehalten mit den lächerlichen Anläufen von Straßburg und Boulogne vereinigte sich alles, ihm den Schein eines unfähigen und unschädlichen Menschen aufzudrücken. Auch er galt einmal für den ?o1itiqus ro.our Zeit der'Juli-Monarchie, war ein feiner Kopf, ein ausgezeichneter Lateiner und Grieche, ein Meister des Stils. Wie viele der großen Stilisten in Frankreich, hatte er den Grundsatz, nicht bloß selbst seine Aufsätze unzahlige Mal zu überlesen, sondern auch nie etwas zu veröffcnt- licheu, ohne es von einem Dritten durchsehen zu lassen. Man sagt^ Ernst Renan korrigiere seine Druckbogen zuweilen vierzehnmal). Moequard prüfte alles, was Napoleon inachte, und verbesserte mit dem größten Freimut. Nur an seine Hauptideen ließ der Verfasser nicht rühren. Persigni), der eigentliche Prophet der Gesellschaft, war in dieser Eigenschaft auch ein bischen verrückt. Von Zeit zu Zeit, wenn ein extravagantes Vorgehen angezeigt war, holte man ihn herbei; machte er es dann zn bunt, so wurde er wieder aus sein Schloß Chamarande geschickt, das der Kaiser drei- oder viermal bezahlte, uud das noch nicht bezahlt war, als der Duc starb. Dieser konnte sich wälzen vor Lachen, wenn er schilderte, wie man es angefangen, um die Republik in den Sack zu stecken. „Um diese Zeit — erzählte er einmal — brauchten wir besonders Generale, die uns Helsen sollten. Ich ging eines Tags aus dem Elvsee hinaus, gerade iu Gedanken versunken, wo ich einen höheren Offizier erkunden könnte, der sich uns verkaufen möchte. So schlenderte ich das Wasser entlang, als aus einmal der General Regnaud de St. Angsln aus mich zukam. Ich blieb bei ihm stehen und fing ein Geplauder an. Er sprach mir sehr sympathisch vom Präsidenten. Wie sich das trifft! rief ich — 76 — aus, eben hat der Präsident beschlossen, Ihnen ein großes Kommando zu geben. Kommen sie gleich mit in den Palast, Gesagt, gethan. Nim handelte es sich aber darum, dem Prinzen im voraus beibringen zu lassen, daß er Regnand ernannt habe, ehe ich mit demselben vor ihm erschien. Es gelang mir, ihn in den Vorzimmern zu verlieren, und erst wiederzufinden, als derPrinz verständigt war." Regnaud hieß übrigens ganz einfach Regnaud und war aus dem Dorse St. Ang-zly gebürtig. Ein Pariser Holzhändler desselben Namens, aus demselben Dorfe, hielt es nicht für schädlich noch verboten, seine Firma gleichen Inhalts auf seinen Karren zu setzen. Die Gerichte, welche der General anries, legten sich aber dazwischen und erklärten! ein Holzhändler dürse sich nicht nach seinem Dorfe nennen. IV. Heute glauben wenig Unbefangene mehr an die Schätze, welche Louis Napoleon in Euglaud und Amerika aufgehäuft haben sollte. Wer annähernd die richtige Vorstellung von seinem Wesen hatte, konnte diesen Angaben niemals innere Wahrscheinlichkeit einräumen. Er war kem Haushälter und kein Rechner. Darum saß Achille Fould als Fiuanzminister so fest bei ihm, der ihn der Mühen und der Langweile des ziffermäßigeu Einsehens überhob. Fould wußte immer Mittel herbeizuschaffen; nach dessen Tod nahmen die Verlegenheiten der Zivilliste manchmal einen aknten Charakter an. Sie lief stetig ihren Einnahmsterminen mit ihren Ausgaben voraus, und mehr als einmal wußte der Beamte des Privatschatzes sich keineu Rat, wenn der Kaiser auf ihn anwies. Er gab gern und leicht bis zur Schwäche, wie jemand, dem Geld nur eiue Nebensache ist, und der nie darum gearbeitet hat. Gegen seine Umgebung war er weich, liebenswürdig und anspruchslos; jemanden aus seinem Dienst zu entlassen, war ihm entsetzlich unangeuehm; er entschloß sich nur im unvermeidlichsten Fall dazu. Die Dienerschaft betete ihn mu Eugenie soll sich nicht des Gleichen rühmen können, behauptet die Chronik. Von Mocquard ließ er sich am meisten gefallen, manchmal wahre Unschicklichkeiten. Für geleistete Dienste blieb er lebhaft dankbar. Nur den Hauptdicnst, den ihm Ludwig Philipp geleistet hatte, als er ihn nicht erschießen ließ, hat er schlimm vergolten. Sobald es an die Staatsraison ging, gab es keine Skrupel, worin ihm wohl die meisten Gewaltigen der Erde von jeher ähnlich waren. Zu Arenenberg, als er noch ein Knabe war, nannte ihn seine Muttern irroir 6oux svtsts, mein sanfter Hartkopf. Menschenkenntnis hatte er wenig, Menschenverachtung ziemlich viel, aber vor Gelehrsamkeit nnd Kunst aufrichtigen Respekt, doch guten Geschmack im höheren Sinne gar nicht, für Musik totale Uuempsindlichkeit. Die gemeinsten Witzstücke des Palais Royal wurden in den kaiserlichen Schlössern aufgeführt und mit dem größten Erfolg. Seiue Menschenverachtung entsprang vornehmlich dem Umgang mit dem abenteuerlichen Gelichter, unter dem er sich uamentlich in London umhergetrieben, und das er für seine halsbrechenden Unternehmungen brauchte. Alle staken vor dem Staatsstreich in Schulden und waren nach demselben nicht satt zu machen. Mit Geldspenden allein war da nicht auszukommen, keine Zivilliste nnd keine Bestallung hätte für den Durst der Baude ausgereicht. Das Konzessionswesen allein konnte Helsen, indem es eine Schleuse von der Börse in den Palast legte. Das war ein Gründen sondergleichen. Es gab eine Zeit, da jedes — 78 — neue Unternehmen, Eisenbahn, Kanal, Docks, Straßen u. s. w. mit eineni Prolog anhob, gesprochen von einem eleganten Herrn oder oft auch von einer eleganten Dame! „Mein Herr, der Kaiser, möchte mich gern eine Million oder zwei verdienen lassen, und hat mir beigehende Konzession überlassen." Uebrigens hat die große und kleine Gesellschaft in Frankreich von jeher solche finanzielle Staatskünste mit Virtuosität praktiziert, unter den Boubonen wie unter Gambetta in Tours und Bordeaux: das ganze System der Schutzzölle und namentlich der darauf basierten Rückvergütungen ist die organisierte Hintergehung des Fiskus durch die großen Fabrikanten. Die Kunst der Zuckerfabrikation besteht in der Geschicklichkeit mehr Rückvergütung für Zoll zu erzielen als man ausgelegt hat, und wenn erst einmal das Thierssche System durchgeführt wäre, allen Rohstoffen Zölle aufzulegen und allen verarbeiteten Waaren bei der Ausfuhr sie wieder zu erstatten, so würde man seine Wunder an Ausbeutung des Staates durch die Industrie erleben. Im Sinne des Schutzzolles ist dieses auch gar kein Betrug, sondern die Art, wie Handel nnd Wandel begünstigt werden müssen. So dachte man im Palast von den Leuten, welchen das Geld im Konzessionswege geschenkt wurde, und die es in bunter Weise verpraßten. Der Ladenbesitzer denkt noch heute nicht anders und sagt' kait ius,r müssen die Aussichten sehr blühend gewesen sein. Ich finde in meinen Notizen die authentische Mitteilung verzeichnet, daß große Personnagen vom Hof systematisch ungeheure Verkäufe au der Börse machen ließen und Auftrag gaben, sie mit den stärksten Opfern offen zu halten, weil diesmal der bewußte Krieg unfehlbar kommen müsse. Endlich kam er. Noch jüngst sagte ein deutscher Parlamentsredner, dieser Krieg sei seit zwanzig Jahren das Ziel gewesen, auf das Napolcou losging. Mit besserm Recht könnte man sagen: zwanzig Jahre lang hat sich Louis Napoleon gegen die Versuchung dieses Krieges gewehrt, den ihm das Land in die Wiege gelegt hattc, und den ihn seine Umgebung unablässig in die Ohren schrie. Krankheiten, wie die, welcher er unterlag, brechen die moralische Kraft des Menschen. Er hatte seinen eigenen Willen verloren, als er sich in diesen Krieg begab, und er ließ sich vom Thron gleiten in demselben träumerischen Fatalismus, mit dem er ihn erstrebt und behauptet hatte. Nach abermals zwanzig Jahren, während deren Aumale oder Gambetta ihre Negierurigsmoral uud Regierungskunst an Frankreich werden erprobt haben, wird die Zeit gekommen sein, die Rechnung Napoleons III. endgiltig abzuschließen. So viel man vernehmen konnte, haben die bedeutenden Staatsmänuer, welche ihn am Werk gesehm, Bismarck uud Cavour inbegriffen, niemals so verächtlich über ihn abgeurteilt, wie die grimmen Scharfrichter, die jetzt auf ihren Nekrologen feinen Leichnam zum Galgen schleifen. Lduard Lasker.'' Rede gehalten in der Singakademie zu Berlin am Abend des Bcgräbnißtagcs, 28. Januar 1884. er jene größte Bitternis im menschlichen Leben gekostet hat, daß der schwere Augenblick über ihn kam, da er zum letzten Male das Antlitz eines geliebten Menschen in sich aufzunehmen verlangte, wer jenes tiefschmerzliche Sehnen kennt, mit dem wir noch einmal in nnser Auge die Züge eines Theuern, den nnS der unerbittliche Tod entführt, festzusaugen verlangen, der weiß auch, daß, nachdem aus immer die Scheidewand getreten ist zwischen den Anblick des geliebten Wesens nnd unser Ange — daß dann von neuem der Wunsch, die Sehnsucht entsteht, nnS ein festes Bild zu machen von den Zügen, die uns der Tod entrissen hat. Daun rnft menschliche Phantasie die Knnst, dann ruft sie Piusel nnd Palette, Thou und Meißel herbei, um wenigstens im Abbild uoch dao sich zu bewahren, was der Kraft lebendiger Vorstellung festzuhalten versagt ist. Aber, wie wir die sichtbaren natürlichen Züge eines tenern Wesens festzuhalten verlangen, gan^ so, vielleicht noch mehr, fühlen wir das Bedürfnis, anch den geistigen Inhalt, die Seele, den Kern, das ganze Wesen eines Menschen in dem Augenblicke, da er sür immer von nnS scheidet, vor uns hinzustellen, nnd diesem Bedürfnis Befriedigung zu verschaffen, darum, meine geehrten Versammelten, sind wir heute hierher gekommen. Möge es mir, so schwer die Aufgabe ist, so ungenügend ich meine Kräfte für dieses große Beginnen fühle, möge es mir gelingen, wenigstens ans dem Innersten meiner Empfindung nnd meines Denkens - 90 - schöpfend, Ihnen in kurzen Zügen den Inhalt jenes reichen, großen Lebens für den Augenblick wieder vor die Seele zn führen, damit Sie den heutigen Tag nicht beschließen, ohne auch in dieser Weise sich eiu Gemälde von dem bewahrt zn haben, von dem dieser Tag nns so schmerzlich getrennt hat. Zwar ein solches Bild ist heute morgen schon an nns vorübergezogen, ein Bild, in seiner Würdigkeit großartiger, mehr bedeutend als alles, was meine Worte sagen könneiu das Bild einer großen Bürgerschaft, einer politischen Gemeinschaft, eiuer gauz Deutschland in seinen edelsten Elementen vertretenden Begleitung, die andächtig diesem Zuge folgte, die andächtig sich um die Bahre sammelte. Einfach, ohne Gepränge, wie es ihm anstand, und namentlich ohne das offizielle Gepränge, von dem er stets sich fern gehalten hat und das wir auch heute, als es nicht seinein Sarge folgte, nicht vermißt haben, weil es nicht zu seinem Wesen gehörte, der ganz Bürger, ganz auf sich selbst gestellter Manu, ganz Volksvertreter war, der nie andere Stützen verlangte, als die, deren Rechte er vertrat. Möge es mir nun gelingen, vor allem deu Menscheu zu zeichnen, der so viele Herzen an sich zu fesseln vermochte. Weun ich mich srage, was nur heute mit nuserm lenern Freunde in die Erde gelegt habeu, so giebt mir mein Nachdenken vor allen Dingeu die Autivort' es war eiu Stück deutscher, vaterländischer Geschichte, und es war ein Stück der besten deutschen Geschichte, das wir heute zu Grabe geleiteten. Wv immer seit beinahe zwei Jahrzehuten Großes iu Deutschland geleistet wordeu ist für das gemeinsame Ganze, da glänzte der Name Laskers in erster Reihe, da wurde auf feine Mitwirkung iu erster Reihe gezählt. Jene Begeisterung, die das Volk zu großen Thateu führte, er hat an ihr mitgearbeitet, jene Ernte großer Thaten, die - 91 - sich zu Ergebnissen fester Gebilde im deutschen StaatSlebeu , herausarbeitete, sie trägt vor allem die Spuren der Hand dieses großen politischen Künstlers, der unser teurer Freund war. Er war es, der wohl mehr als irgend einer seiner Genossen so ununterbrochen, so allseitig thätig im Vordergründe dieser politischen Wirksamkeit dastand. Vielleicht, daß einzelne seiner Freunde und Mitarbeiter in einzelnen Zweigen des politischen Berufs mehr geglänzt haben; einzelne mögen sormvollere Beredsamkeit, andere eine strengere staatsmännische Haltung entfaltet habein aber in allem zugleich so stetig wirksam, so immer nnd immer auf der Bresche, redend, arbeitend, schaffend, in der Volksvertretung wie im Volke selbst, vorarbeitend und nachsorgend, so mit allem untrennbar verknüpft iu allen Fibern, wie er seit 1865 bis kurz vor seinem Tode mit dem öffentlichen Leben Deutschlands ver- buudeu war, so, dars ich sagen, tritt mir auch bei allem Besinnen keine Figur aus uuserm öffentlichen Leben entgegen. Wimderbarerweise haben wir es erleben müssen - uud ich stehe ja da, um heute das Andenken dieses Mannes in allen Stücken wieder aufleben zu lassen, deswegen unterdrücke ich aneh diesen Gedanken nicht — wnnderbarerweise haben nur es erleben müssen, daß in den letzten Jahren der Kranz des Nnhmes, der so strahlend nnd blühend jahrelang aus seinem Hanpt geprangt, ihm eutrisseu werden zu solleu schien. Zwar ist dies im Leben der Völker und im Walten der Volksgunst nichts Unerhörtes; nur dürfen nns hier nicht beklagen, da mir beim Nachschlagen in den Büchern der Geschichte nicht selten sehnliches verzeichnet finden, nnd gewiß, er selbst war Kenner der politischen Dinge und Geschichte genug, um in jeueu vielleicht prüsuugsvolleu Momenten, in denen er die Wendung der öffentlichen Gunst gewahren mochte, sich - 92 — zu erinnern an Beispiele dieser Art, Dürfeil wir doch z. B, daran gemahnen, daß in einein Lande von so viel höherer politischer Entwicklung, in Großbritannien, ein Mann, der ihni würdig, ja sogar iu der Aktion noch bedeutsanier au die Seite gestellt werden kann, anch einmal diese Wenduug der Vollsguust erlebt hat, Richard Cobden, der, ähnlich wie unser Freund, für die Rechte des Volkes in deu Fragen der Ernährung gegenüber den Privilegien der Aristokratie seines Landes gekämpft hatte. Auch er mußte es nach zehn Jahren glänzender Triumphe erfahren, als er mit der kriegerischen Politik des mächtigen Palmerston nicht übereinstimmte, daß die. Lauue des Volks sich von ihm wendete, Uud wie unser verewigter Freuud bei deu letzten Wahlen kein Mandat zum Hause der Abgeordueteu Preußens, dessen Zierde er so lauge gewesen war, erlangen kouute, so erging es auch Cobdeu. Im Jahre 1857 konnte er lein Mandat zum englischen Uuterhause finden. Diese Weuduug der öffeutlicheu Lauue darf uns nicht betrüben, sie ist kein Makel an dem Bilde eines Mannes, der gewohnt war, in Sturm und Wetter auch die schwereu Tage des öffentlichen Lebens kennen zu lerneu. Doch was wir uns sageu müssen, das ist, daß ein Volk sich selber schwer verkeimt, indem es vergißt, daß der Manu, dem es seine Gunst entzieht, ein Stück, wie ich vorhin sagte, nicht bloß seiner Geschichte gewesen, sondern seiner besten Geschichte, daß er dagestanden in den Reihen der Vordersten unter den Kämpfern uud Arbeitern in der Zeit, da Deutschlands höchste und heiligste Wünsche ihre Erfüllung saudeiu daß, wenn irgend einer, er es war, der die Fahne hinübertrug aus der halbhundertjährigen Zeit, da Deutschland nach der Verwirklichuug seiner Ideale strebte, daß er die Fahne, auf welcher alle diese Ideale verzeichnet standen, hinübertrng in die neue Zeit des neuen Reiches. Und — 93 - wenn ein solcher Mann verkannt wird, wenn versucht wird, ihm den Kranz des Ruhmes von der Stirn zn nehmen, dann reißt ein solches Volk sich selbst den Rnhmeskranz vom eigenen Haupte, dann verleugnet es seine eigene beste Geschichte. Aber, meine werten Zuhörer, es war auch nur das Werk vorübergehender Trübung, wenn die öffentliche Meinung in ihrem Verhalten anzudeuten schien, daß die Anerkennung der großen Verdienste dieses großen Patrioten für immer in Verfall, in Vergessenheit gerateil wäre. Der Tod ist ein großer Meister; indem er das Endliche am Leben vernichtet, erhebt er das Leben auch über die Befangenheit der zeitlichen Schranken, in denen es sich bewegte, er faßt es als Ganzes vor dem Auge der Ueberlebenden zusammen in einen Moment. Und dieses Meisterstück hat auch der Tod vollbracht, als die Kunde von jenseits des Ozeans zu uns herüberdrang: Lasker ist tot! In diesem Moment war die Wolke, die in den letzten Jahren sich auf Laskers Namen in einigen Schichten der Nation gelagert hatte, durchbrochen. Und wie dieser wehklagende Ruf und der Ruf der Bewunderung von jenseits des Ozeans herüberdrang, so drang auch durch das deutsche Volk von Nord nach Süd, von Ost nach West der Rns der Teilnahme, der Dankbarkeit, der Bewunderung nnd der Trauer um Laster. Und wir können wohl sagen, daß dieser Moment des Todes allein schon wieder die Gerechtigkeit hergestellt hat, die ihm eine Weile versagt zu sein schien. Wohl hat heute an seiner Bahre jede amtliche Vertretung gefehlt; allein nur Deutscheu haben glücklicherweise historischen Sinn genug, um nicht darin so lenkbar zu sein wie unsere Nachbarn, denen jede nene Regierung vorschreibt, daß die alten Namen alter Straßen und alter Gebäude verändert werden müssen nach jeder Laune der neuesten zur Herrschaft gekommenen Richtung. Wir lasseil uns dergleichen nicht befehlen, und keine amtliche Enthaltsamkeit, keine Verleugnung von oben wird das deutsche Volk des Bewußtseins berauben, daß Eduard Laster eiuen großen, unvergeßlichen und wohlverdienten Platz im schönsten Teile seiner Geschichte einnimmt. Und wenn nur es hätten vergessen können, meine verehrten Zuhörer, haben nur nicht eben durch den Ruf, der vou jenseits des Ozeans zu uus herüberdrang, schon von selbst gewahrt, was die Geschichte einst urteilen wird? Ganz ähnlich, wie die Trennung iu der Zeit, wirkt die Trenuuug im Ranme. Wie nur sicher, sein könueu, daß entfernte Geschlechter, frei vom Dunst der Vorurteile, der sich gesammelt über diesem ruhmvollen Haupte, ihm das Verdienst richtig zumessen werdeu, so haben wir schon dank der räumlichen Entfernung gewahrt, wie die Welt urteilt. Männer, die Dentsch- laud ehren ohne Unterschied der Partei, die Deutschland lieben, die die innigsten Wünsche für Deutschland hegen, und die es ans eigener Erfahrung auf das genaueste kennen, Männer, wie Karl Schnrz und Andrew White, der einst als Gesandter der Noröamerikanischen Staaten viele Jahre Berlin bewohnt und als Gelehrter wie als Ztaatsmann Deutschland zn würdigen gelernt hat, sie habeu zuerst Zengnis gegeben von Laskers Universalruhm ^ und der Kongreß der amerikanischen Repräsentanten — denen, wie ich glaube, Deutschlands sreigesinnte Männer hier ihren Dank dnrch meinen Mund aussprechen dürsen — dieser Kongreß hat in dem ehrenvollen Votum, welches er zum Andenken unseres Freuudes abgab, uns geengt, wie nicht nnr die räumlich, sondern auch die zeitlich entfernte Welt, die Nachwelt, über ihn urteilen wird. Und wie sollte es anders sein! wie sollten, wenu wir das Wirken des Mauues, ich meine seine Wirkung auf — 95 - seine Mitbürger, uns in Erinnerung rufen, wie sollten wir anders dies uns erklären, als dadurch, daß auch er aus dein innersten nnd besten Herzen der deutschen Nation heraus zu sprechen und zn handeln wußte, O, er war nicht angethan mit den Mitteln des Volksverführers, niemand konnte weniger von einem Demagogen an sich haben, niemandem war weniger das milde Element verwandt, welches die Leidenschaften einer leichtbeweglichen Menge durch das Blendwerk der Rede mit sich fortreißt. Nichts ebnete ihm von Hause aus die Wege, uichts unterstützte ihn äußerlich in seiner Wirkung auf die Welt; er hatte uichts weniger als jenen Vorzug aristokratischer Geburt, die uoch in Deutschland zu besonderer Gunst leicht verhilft. Was er hatte, was ihm die Herzen gewann, was machte, daß sein Wort mehr galt als das Wort von Tausenden, das war, daß er aus dem Innern eines gauzeu Volks heraus sprach: das machte ihn gewaltig, und es giebt nur diese eine wahrhafte Redegewalt; ein Redner kann bestechen, kann gefallen; aber wer über ein Jahrzent lang die Sinne, die Gedanken, die Entschlüsse und die Anschauungen seiner Mitbürger bestimmt, dem geliugt es nur dadurch, daß er eius mit ihnen ist, daß er in dem tiefsten Grnnde ihrer Seele gelesen hat und das Wort immer auszulösen vermag, das ihnen ungelöst vor ihren Gedanken schwebte. Das war seiue Kuust, das seiu Geheimnis; nicht er, die deutsche Nation in ihrer Mehrheit hat mehr als zehn Jahre laug durch seinen Mund gesprochen, lind wenn ich noch Eins herbeiführen darf zur Erklärung des umviderstehlichen Zaubers, den er so lange ausgeübt hat im Kreise der höchsten politischen Körperschaften, wie in der großen Menge populärer Versainmluugen, so war es, daß jeglicher von ihm das Gefühl hatte! hier ist ein vollkommeues Zusammenstimmen von Seiu, Denken und Handeln, Die volle Ein- — 96 — heit des Wesens, jener tiefe Ernst, der jedes Wort und jede Handlung znm Ausdruck desseu machte, ivas iu der Seele des Mannes lebte, das war es, was ihm Gewalt über die andern gab: denn dafür hat das Ohr und das Auge des öffentlichen Lebens einen gar feinen Sinn; es läßt sich bestimmen von Manchen, denen Geistesgaben, denen Klugheit uud Gewandtheit behülflich sind, nnd die vielleicht im Innern, verzeihlicher- und begreiflicherweise, nicht immer frei sind von jenen Anwandlungen der Selbstironie, die an den Dingen, und gerade an denen des öffentlichen Lebens, auch die audere, die Schattenseite sehen; — aber so war er nicht, er ging ganz auf in dem, was er wollte uud was er sagte, hier gab es keiue Ziveiheit, keineu doppelten Gedanken, alles war eins und identisch in ihm, uud das war die wahre Kraft, durch die er die Menningen und die Sinne seiner Mitbürger bezwang, das Vertrauen derselben gewann, welches man nicht erschleicht zehn Jahre lang, welches man nicht durch Berückuug sich erwirbt, sondern dadurch, daß man die volle Einsicht und die volle Ernsthaftigkeit hat für des Volkes Wirken und Streben. Noch Eines lassen Sie mich aussprechen, denn ich habe mir bei der Schwierigkeit der Aufgabe, die mir die Freunde heute auferlegten, gesagt: ich will bei dem Bilde, das ich zu zeichnen unternehme, auch nicht der Gefahr erliegen, daß ich etwas der Wirkung oder der Stimmung zu Liebe verschönere; er hat der guten uud der schönen Seiten, der herrlichen Eigenschaften so viele geboten, daß ihm Unrecht gethan wäre, wenn man eine Kritik herausfordern wollte dadurch, daß man sich von der strengen Wahrheit entfernte. Wir wollen ihn ganz vor uns sehen, auch mit deni, was hier oder da sich weuiger gläuzend ausnehmen könnte. Doch, waS ich jetzt von ihm schildern will, was — 97 — eine so scchr anziehende Kraft auf die Nation ausübte, mag kaum als eine Uuvollkoinmenheit angesehen werdend es war dies jene eigentümliche Mischung des kleinlebigen Daseins mit großen Geistesthaten, welche, wenn mich nicht alles trügt, überhaupt das Abzeichen des deutschen Lebens ist; das deutsche Leben, welches gipfelt in der gelehrten Forschung, in dem wissenschaftlichen Denken uud in der Hingebung sürs Vaterland, es hat von jeher diesen eigentümlichen Charakter an sich getragen, daß große Geistes- thaten vollbracht wurden von Männern, die nichts verlangten, als dem erhabenen Geist der Wissenschast und des Vaterlandes m dienen, ohne dafür einen Anteil an der Macht uud Herrlichkeit der praktischen Welt zu begehren. Dies Gepräge des deutschen Lebens, das vielleicht noch zu sehr auch nnserm politischen Leben aufgedrückt ist, dies Gepräge trug Laster gauz in seinem Wesen. Es hatte etwas Rührendes — und dies Rührende gewann ihm die Herzen der Menschen — es hatte etwas Rührendes, diesen, wie ja heute schon von anderen Rednern gesagt worden ist, kindlich anspruchslosen Menschen bald als einen streitbaren Kämpfer in schwerer Rüstung den höchstgestellten und gewichtigsten Männern des Staates mutig entgegentreten, und bald wieder in der harmlosesten Form der bescheidenen Lebensführung mit seinen Mitbürgern verkehren zu sehen. Dies ist ja noch das Siegel unseres deutschen öffentlichen Lebens vielleicht zu sehr, daß das Volk und seine Vertreter noch nicht gelernt haben, sich den praktischen Anteil an der Leitung der Staatsgeschäfte zu vindizieren, der, jedem politisch freien Volk gebührt: daß sie zufrieden sind, wenn sie die geistige Arbeit gethan, wenn sie ihr Blut auf dem Schlachtfelde gelassen, wenn sie in der Gesetzgebung sich, wie unser hingeschiedener Freund, zu Tode gearbeitet haben-, daß die Ernte an Macht und die Verfügung über den Staat Ludwig Bmnberger'S Gcs. Schriften. II. 7 — 98 — denen bleibt, die durch irgend ein Privilegium der Stellung von jeher die Staatsmacht in Deutschland einseitig in Händen gehabt haben. Diese eigentümliche Mischung von kleinbescheidenem Wesen mit hohen, ernsten, kühnen Aspirationen und Triumphen, diese war es, die Laster während eines Jahrzehnts, man darf es ohne Uebertreibung sagen, in weiten, weiten Gebieten des deutschen Vaterlandes zum Liebling der Nation gemacht hat. Und wenn ich nuu srage, was war der Kern dieses Kämpfers, dieses Mannes, der sich so hervorthat in Staat und Volk? Ich möchte nicht sagen, daß er eigentlich das war, was man einen Mann der Freiheit nennt, auch nicht „der Mann des Volkes" deckt und erschöpft den Begriff, Ganz gewiß, von beiden war viel, ein gut und reichlich Teil in ihm; aber wenn ich aufgefordert würde, mit einem einzigen Worte den Mann zn zeichnen, die Flamme, die am stärksten in ihm loderte und von Grnnd aus der Zpiritus rsowr seines ganzen Denkens nnd Thuns war, wenn ich dies nennen sollte, so würde ich sagen' Er war ein Mann des Rechts! Recht und Gerechtigkeit, das war die Gottheit, die in seiner Seele lebte, aus der sein ganzes Thun und sein ganzes Denken und Wirken zu begreifen war. Ich selbst sand dieser Tage in den Aufzeichnungen, die ich nachschlug, um mir diesen reichen Lebenslauf wieder Zu vergegenwärtigen, die ersten Spuren seines öffentlichen Auftretens verzeichnet, und ich fand sie in einem Akt der Vindikation des Rechts nnd der Gerechtigkeit, Es handelte sich darum, in einem Berliner Wahlbezirke einen liberalen Kandidaten für das Abgeordnetenhaus zu Anfang des Jahres 1865 aufzustellen i vorgeschlagen war ein Staatsanwalt mit Namen Schwarck, Da trat aus der Versammlung ein noch von niemand gekannter, unscheinbarer Mann auf und opponierte gegen — 99 — diese Ernennung; er brachte in Erinnerung, daß der Kandidat im Prozeß Stieber eine eigentümliche Rolle gespielt hatte, er stellte ihn zur Rede vor der Versammlung: mit der ganzen Schärfe und Behendigkeit seines juristischen Vermögens nahm er ihn in ein Kreuzverhör, und der Erfolg war, daß nicht mehr als drei oder vier Stimmen für diesen Kandidaten abgegeben wurden, der intakt in die Versammlung getreten war; ein erster Akt zur Sühne der öffentlichen Gerechtigkeit war es, mit dem unser Freund im öffentlichen Leben debütierte, und diesem Berufe ist er treu geblieben bis zu seinem Ende. Und so auch ist die größte und unvergessenste That, mit der sein Wirken eingeschrieben ist in das Buch deutscher Geschichte, die Herstellung einer einheitlichen und gemeinschaftlichen Rechtsgesetzgebung. Er war es, der im Bunde mit Miquel deu Antrag stellte auf Ausarbeitung eines gemeinsamen dentschen Rechtsgesetzes, von dem ein beträchtlicher Teil schon vollendet ins Leben getreten ist und an dessen Rest unablässig fvrtgearbeitet wird. Mögen wir an dem, was bereits fertig ist, dies nnd jenes auszusetzen haben, so ist es doch-, auch wenn es Fehler in sich bergen sollte, eine große Eroberung für die ganze Nation, die wahre einigende Klammer derselben; und selbst mit Mängeln behaftet, wäre es immer noch besser als eine Menge selbst besserer kleiner Einzelgesetzgebungen. Und nicht bloß in der Rechtsgesetzgebung wollte er Gerechtigkeit dem Volke sichern. Es ging sein Sehnen darin noch weiter: ja er legte das eigentliche Schwergewicht seines Bernfes, zu kämpfen für die Herstellung der Gerechtigkeit, nicht so sehr in die Rechtsprechung, als er sie legte in die Gerechtigkeit auf allen Wegen der Verwaltung. Er war der erbitterste, unerbittlichste Feind dessen, was man den Polizeistaat nennt. Die Willkür der Verwaltung — 100 — war es, die am meisten zu bekriegen er für seine Ausgabe hielt, und darum legte er noch viel mehr Gewicht als auf Rechtsgesetzgebung anf die Herstellung der Provinzial- nnd Kreisverfassung, in der er nach seinem Sinne hinter jedem Akt der Verwaltung auch eine Berufung, einen Weg des Rechts und der Gerechtigkeit erschließen wollte. Ich erinnere mich noch sehr gnt der Zeit, da er hoffnungsvoll nn dieser Arbeit thätig war, da er unermüdlich bis zur Ueber- scittigung der Freunde die Herrlichkeit eiues solchen Zieles darstellen konnte! daß niemand von irgendwelcher Behörde ein Unrecht sich brauchte gefallen zn lassen, daß überall der Weg des Rechts im Verkehr, in der Verwaltung den Behörden gegenüber gesichert sein sollte. In jenen langen, ernsten Studien, denen er in England obgelegen, hatte er diesen Geist des Rechts gerade in Sachen der Verwaltung in sich aufgenommen. Sein Ideal war, daß jeder von sich sagen könne.' in keinem Falle bin ich der Willkür ausgesetzt. Er hatte sich vollgesogen mit diesem Gedanken. Natürlich war auch, daß er bei diesem Drange, der ihn so ganz erfüllte, nicht frei von derjenigen Übertreibung blieb, welche einen Menschen überkommt, wenn er mit seinem ganzen Eifer sich einer Sache hingiebt. Er war ein Mann der Gerechtigkeit und des Rechts, er hatte einen Zug, den man in Erinnerung an eine klassische Figur den aristidischen nennen könnte, einen Zug jener Sinnesart, die überall in den verschluugeuen Wegen des Lebens allzu, sehr die gerade Linie des Rechts angewendet zu sehen verlangt. Er hatte sich aus dieser Anschauung des Rechts, und nicht immer würdigend die Anforderungen des Lebens, nicht bloß das Ideal eines Rechtsstaats, er hatte sich auch das Ideal eines Richters 'gebildet, und er war geneigt, diesen Richter in einem Lichte zu sehen, das in ihm wohl loderte und leuchtete, das aber von jedem Richter, der auch — 101 — nur Mensch ist wie andere Menschen, zu verlangen zu viel wäre. Wenn irgend eine Täuschung in seinem öffentlichen Wirken mit unterlies, so war es vielleicht diese Überschätzung der richterlichen Geisteskraft, — nicht der richterlichen Unbestechlichkeit, denu ich glaube, wir dürfen sagen, daß es keinen reinern und makellosem Richterstand giebt als den nnserigen; aber die Geistesschärfe, die Geisteskraft, die Unabhängigkeit des Denkens, die zn einem uusehlbaren Richter gehören, sie wurden als tatsächlich bestehend von ihm vorausgesetzt in einem Grade, welchem die Wirklichkeit nicht entsprechen kann. Hier vielleicht sind Spuren seiner Wirksamkeit in der Gesetzgebung, welche die Erfahrung wieder verändern wird. Und mit derselben Zdeenrichtung hängt es zusammen, daß er zu Zeiten das richtige Maß nicht eingehalten haben mag in der Verfolgung gewisser Mißbräuche, Er war Volksanwalt, Jeder, der eine Klage hatte, jeder, dem ein Unrecht geschehen war, kam zn ihm, ihm sein Leid vorzutragen-, und die Höhe seiner Popularität und Wirksamkeiten siel in jeue Zeit, da der Rausch eines großen Erfolges und eines unerhörten Aufschwungs in der Erwerbsthätigkeit der ganzen Welt, nicht bloß Deutschlands, auch die Lust zu Erwerb und Gewinn in unbändige»-. Maße entfesselt hatte. Damals machte er Bekanntschaft mit jener Verletzung der Redlichkeit uud geradezu des Rechts in manchen Kreisen, — uud wie es dem geht, der mehr Kranke als Gesunde vor sich siehr, er unterlag der Gefahr, das gesunde Leben etwas zu sehr uach dem kranken zu beurteilen. Er wurde ergriffen von heftigem Univillen gegen das ganze Geschästsleben eurer gegebenen Periode, der ihn in seinen Anklagen gegen gewisse Exeesse mehr anfeuerte, als dem Bedürfnis der gesunden Gesellschaft entsprach. Was ihu dabei antrieb, das mar der reine — 102 — Rechtssinn; was ihn dabei anstachelte, war gerade, daß er die Macht des Staates, die Macht hoher Gebnrt, die Macht besvnderer Stellung im Lande dazu verwertet sah, auf unredliche Weise die Rechte des Staats auszubeuten -ür Privatzwecke. Das waffnete ihn damals zu jener denkwürdigen Attacke gegen das Eisenbahn-Konzessionswesen im Abgeordnetenhause des preußischen Staates. Gewiß, bewuuderuswert war der Mut, mit dem er den einflußreichsten Leuten des Landes entgegentrat; er wnßte wohl, daß er es nicht mit ungefährlichen Gegnern zu thnn hatte, er wußte wohl, wohin er traf; aber den un- ciichrockcnen Mann beirrte nichts in seinem Unterfangen, nichts in der Ueberzengung, daß er dem Rechte zum Siege verhelfen müsse iu der Verwirrung der öffentlichen Angelegenheiten. Das war die gewiß auch heilsame Thätigkeit, die ihm damals so ungeheuere Popularität eintrug. Aber er berücksichtigte dabei uicht, daß das Uebel, das er sah, durchaus nicht den Charakter des allgemeinen Erwerbslebens wiedergab, daß die große Masse des Volks, des großen und kleinen Erwerbslebens sich bewegt nur auf Psaden eines Ungeheuern Vertrauens, einer großen Sicherheit, einer Redlichkeit, die zwischen Mein und Dein tausend- und hunderttausendmal am Tage den einzelnen auf die Probe stellt und ihn beinahe immer bewährt findet. Bei der Glut der Anfeuerung, die er damals mit seinen Schilderungen verband, geschah es, daß er emen Anhang nach sich zog, der nicht von Lasters Begeisterung, aber von Haß und andern Motiven bewegt, ihn zum Schild nahm, um unlautere Zwecke zu erreichen. Wein: ich hierin etwas von einem Mißgriff erblicke, so gehe ich vielleicht nach der Vorstellung vieler meiner Zuhörer zu weit; ich thue es, weil ich, wie gesagt, mich bemühen will, allen Ge- — 103 — danken gerecht zu werden, die sich mit der Vorstellung dieses bedeutenden Mannes verbinden, und weil ich lieber einem Einwurf gegen meine Auffassung Raum gewahren will, als ihn dein Verdacht aussetzen, man habe, nm ihn zu erheben nnd zu preisen, auch verdecken müssen, ums nicht vollkommen war an ihm. Kehren wir nun zurück zu seiner politischen Thätigkeit. so sinden wir, daß anch auf einem andern Gebiete, das scheinbar dem Rechte fremd ist, für ihn der Gesichtspunkt der Gerechtigkeit der bestimmende war. In den letzten sünf Iahren hat die Verkehrspolitik des Deutschen Reiches, wie Sie wissen, einen bedeutenden, von ihm oft beklagten Umschwung erfahren. Als es sich darum handelte, diese Verkehrspolitik aus der freien, die sie bis dahin gewesen war, zu einer unfreien zu machen, war mein Freund Laster im Anfang wenig von der Sache berührt. Ei' sympathisierte wohl im ganzen mit der überlieferten deutschen Handelspolitik, die deu freien Austausch der Produkte nnter den Völkern zum Grundsatze genommen hatte; er sympathisierte damit schon aus der allgemeine:: humanen Anschauung heraus, welche den Frieden im Verkehr der Völker untereinander fördern will: aber das Für und Gegen der einzelnen wirtschaftlichen Erwägungen rührte sein Herz eigentlich wenig, nnd er war in Privaterörterungen über diese Frage ost geneigt, zn glauben, daß ich und manche seiner Frennde ans diesen Punkt wohl zn viel Gewicht legten. Aber als er daran ging, die rechtliche Seite dieser Umwälzung ins Ange zu fassen, als die nötigsten Nahrungsmittel des Volkes besteuert werden sollten, als das tägliche Leben des bedürftigen Mannes erschwert werden sollte zu Gunsten bevorzugter Klassen; als er merkte, daß es galt, die Großindustrie und den Großgrundbesitz zu begünstigen unter dem Scheine, dem armen Manne Wohl- thaten zu erweisen, oa faßte er den Gegenstand mit der ganzen Wärme seines Gerechtigkeitsgefühls, da hielt er vielleicht die heftigste Rede, die ich je von ihm gehört habe, die Rede über den Petrolenmzoll, dem er vorwarf, das Licht der Arbeiter zu besteuern. Von dieser Seite ergriss ihn auch in ökonomischen Fragen das Feuer, wurde er ganz der Anschauung gewonnen, die im freien Verkehr allein den wahren Weg der Volksernährung sieht, lind davon weitergehend bemerkte er mit seinem scharfen Blick sofort, welches der Kernpunkt in dem Umschwuuge der iuueru Politik des Deutscheu Reiches seit 1879 geworden war. Da sprach er das charakteristische Wort' „Wir haben jetzt eine aristokratische Politik." Diese Teudeuz der „aristokratischen Politik," die wir iu den ucuen Gesetzen sich immer mehr entsalten und entlarven sehen, griff er mit dem ihm eigeu- tümlicheu Scharfblick heraus aus den noch unfertigen Entwürfen, uud er traf damit so sehr das Richtige, das; das Wort an der Stelle, wohin es gesandt war, den höchsten Unwillen erregte? dmu ein guter Taktiker weiß sehr wohl, daß man an der schwächsten Stelle auch die stärksten Kanonen aufführen muß, und deshalb erregte das Wort von der neuen aristokratischen Politik, welche 1879 inangnriert war, auch die höchste Indignation. Im übrigen war er vielleicht von allen denen, welche die neueste Zeit entsernt hatte von dem mächtigen Staatsmanns der Deutschlands Geschicke leitet, derjenige, welcher am meisten mit gewissen herrschenden Zügen seiner neuern Politik sympathisierte. Er war es, der ihm eigentlich zu dem verholsen hatte, was ihm am meisten Macht gab, seine innere Politik in den letzten Zahren durchzusetzen: ohne Laster wäre wohl die Eisenbahnverstaatlichung nicht durchgesetzt worden. Sein Einfluß war es, der im Abgeordneten- Hause in seiner Fraktion die Eisenbahnverstaatlichung vor- — 105 — bereitet hatte. Und wie wir wissen, daß im öffentlichen Leben nur mit Undank bezahlt wird, namentlich wenn man mit den Großen der Welt zn thun hat, so ist ihm auch für diese große Hilfeleistung kein Dank zuteil geworden. Ja, er war, wenn man so will, von uns allen am ehesten ein Stückchen von einem Staatssozialisteu. Er hatte in seinem konstruktiven Geiste und seinem Gerechtigteitsbe- dürfnis die Vorstelluug, es müsse über die Zufälligkeit des Kampfes um Mein und Dein hinaus auch durch die Macht, durch die Weisheit des Staates dafür gesorgt werden, daß, natürlich in vernünftigem und bescheidenem Maße, bei Verteilung der Güter dieser Erde nicht soviel der Zusall wirke, wie es im sreien Verkehr geschieht. Er hatte viel Sinn für diese sozialistische Regung der modernen Welt; er war vielleicht der Nächste darin zu den Gedanken des leitenden Staatsmannes, aber vielleicht deshalb war er ihm am wenigsten sympathisch; denn darüber dürsen nur uus nicht täuschen, obgleich er selbst eine kurze Zeit in diesem holden Irrtum gelebt han sympathisch war er dem Kanzler niemals, anch in seinen besten Zeiten nicht. Aber ich glaube zu wissen, daß er neben der großen Bewunderung und Verehrung, die jeder deutsche Patriot dem großen Staatsmann zollt, noch eine menschliche Empfindung hegte, die etwas mehr für die Persönlichkeit übrig hatte, die aber gewiß von jener Seite nicht erwidert wurde. Darin glich er nicht seinem Freunde Twesten, der sehr wohl wußte, worcm er war mit seinem großen Gegner, der ihm eine herzliche Antipathie widmete, weil er ivnßte, auch jener bleibe ihm nichts schuldig. Und damit will ich durchaus keineu Mißton in meiue Rede gebracht haben, keine Kritik üben an der menschlichen Seite dieser Verhältnisse: denn wer so mächtig die Staatsgeschäfte führt, für den giebt es keine andere Empfindung im Verhältnis zum politischen Menscheil als die Staatsraisvu. Wenn heute wir, durch einen wunderbaren Zusall vielleicht, nicht einen einzigen Vertreter der öffentlichen Macht ain Sarge Lasters sahen, — wenn dies aber doch nicht btoß Zufall war, sondern vielleicht eine Vorsehung hinter diesem Zufall waltete — so geschah es offenbar, weil diese Vorsehung sich sagte' der Geist Lasters ist mir so gefährlich, daß ich ihn noch in seinem Tode nicht ehren darf, indem ich mich ihm scheinbar nähere. Fürwahr, meine Verehrten, ich will nicht sagen eine schönere, aber eine dankenswerthere und bezeichnendere Huldigung konnte der Geisteskraft Lasters nicht gegeben werden als durch die Abwesenheit, die heute unter uns glänzte, da wir ihn begruben; denn sie zeigt uus, was wir in ihm besaßen; sie zeigt uns, daß für nötig erachtet wird, die Gedanken, das Streben, den Geist, der in ihm wirkte, noch weiter zu bekämpfen, weil der tote Laoter noch weiter lebt und wie ein Lebender uns führt. Er war der Manu des Volkes, der nicht vom offiziellen Staate irgend etwas verlangt, auch keine Anerkennung oder Huldigung, Und wenn er das war, so war er es durch Leistungen unvergleichlich au Größe und unvergleichlich an Zahl. Wie gern möchte ich Ihnen, wenn ich an Ihre Geduld die Anforderung stellen dürfte, ein kleines Bild nur entrollen von jener unvergleichlichen Fülle der Thätigkeit, die dieser Manu unter deu Augen derer, die mit ihm zu arbeiten das Glück hatten, entfaltete. Man hat ihn einen großen Redner genannt. Gewiß, er war ein Redner, ivenn nicht in vollkommenster Bedeutung des Wortes, — denn wer wäre das? — aber er war ein Redner von den größten Gaben. Er hatte nicht das Blendwerk einer großen bilderreichen Sprache, wiewohl er manchmal treffende Bilder in seine Rede wirkte, er hatte nicht Phantasie mit allen ihren Chören, um seine Zuhörer fortzureißen; aber er hatte jene Fülle, jenen Vorrat von Gedanken, aus dem in jedem Augenblick ohne Besinnen geschöpft werden kann, und der wurde bedient von einer Geistesgegenwart ohnegleichen, welche die ihm Nächststehenden im entscheidenden Augenblicke immer von neuem überraschte. Ja, wenn er an etwas litt in seiner Beredsamkeit, so war es eine zu große Fülle von Gedanken, die ihm aufsprangen in dem Augenblicke, wo er sich erhob, um einen Gegner zu bekämpfen. Dann begegnete es ihm wohl, daß an den ersten Gedanken in der Mitte sich ein zweiter einschob, an den zweiten ein dritter, an den dritten ein vierter. Und wenn er zu Ende kommen wollte und den Weg zurückfinden, fo hatte vielleicht der erste oder zweite Gedanke in der Verwicklung einen Arm oder ein Bein zurückgelassen; man mußte sich mit einer unvollendeten Periode begnügen. Aber so geistesgegenwärtig, so überraschend, wie ich ihn im entscheidenden Augenblicke habe reden hören, so kenne ich nicht viele. Und doch, meine Verehrten, doch war die oratorische Leistung das Wenigste an ihm. Die Parlamente sind gewissermaßen nur der gedeckte Tisch, an den man sich zum fertigen Mahle setzt, wenn in der Küche vorher die große Arbeit gethan ist. In dieser Küche mußte man ihn sehen, um zu wissen, was er leistete; hier gab es die wahre Arbeit, den wahren Geistesauswand, die wahre Thätigkeit. Man mußte ihn in der Fraktion sehen, wie ich ihn sah. Man hört oft, er sei kein praktischer Mann gewesen. Gewiß, etwas Wahres ist an diesem in die Allgemeinheit hinausgegangenen Urteil, insofern er das praktische Leben manchmal zu sehr aus der Fülle des Geistes konstruierte und ihm nicht immer in allen Verschiedenheiten gerecht wurde. Aber wo er anfaßte, wo er genau hinsah, da hat er praktisch gewirkt. Wie hat er in den Kommissionen gewirkt, — 108 - wo das tüchtigste Werk gefördert werden muß! Ich habe in diesen Tagen eine Zusammenstellung der Kommissionen, in denen er gearbeitet hat, mir machen lassen. Von seinem Eintritte in das Abgeordnetenhaus, bis er zuletzt von uns schied, hat er in siebenundfünfzig Kommissionen gesessen! Siebenuudfüufzig Kommissionen, d, h. wohl über tausend Sitzungen angestrengter Art, in denen sicherlich niemand thätiger, angestrengter, beredter war als Laster. In dreizehn Kommissionen hat er die Referate übernommen, dabei die schwierigsten, uud das alles war noch lange nicht seine gestimmte Thätigkeit, In diesen Kommissionen arbeitete er auch für das, was ihm am meisten am Herzen lag, vor allem für das, was man sozialpolitische Angelegenheiten nennt. Er war es, der mitwirkte, im Anfange des Deutschen Reichstages schon, in den Kommissionen sür Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, Aufhebung der Beschlagnahme des Lohnes der Arbeiter, Bildung des Gesetzes sür freie Eriverbsgeuossenschaften. Dcmu kamen die großen Justizkommissionen und die Kommission für das Hnpotheken- wesen. Auch iu den Aufgaben der Provinzialoerwaltung war er bald Referent, bald thätigstes Mitglied. Ferner in der Kommission sür das Militärstrafgesetz und das eigentliche Militärgesetz, das Gesetz über die Heeresdienstleistung, hat er gesessen. Ja, auch in der Konimission für die Bankgeschgebnng war er mein tüchtigster Mitarbeiter: da habe ich erfahren können, was wahr ist an jener sonderbaren Behauptung, daß er keinen praktischen Sinn gehabt habe. In Bezug aus die beiden Dinge, über welche ich ein Urteil zn besitzen glaube und in denen man glauben könnte, daß er ein Fremdling geivesen sei, die Münzgesetzgebung und die Bankgesetzgebung, kann ich sagen, er war mein bester und nützlichster Mitarbeiter. Wenn es darauf ankam, einen Gesichtspunkt herauszugreifen, der wichtig — 109 — und entscheidend war, niemand sah ihn schneller als Laster, niemand war schneller behilflich, die Verbesserungen zum richtigen Ende zu führen. Die Thätigkeit in den Kommissionen giebt aber noch lange nicht ein Bild der Wirksamkeit, die ich vor Ihnen entrollen muß. Ich möchte Ihnen nur eiumal zeigen, wie es war, wenn man morgens in die sogenannte Fraktionssitzung kam. Der erste war er sicherlich! In dem großen Saale saß er schon oben allein am Tisch, beladen mit Aktenstößen. Dann sammelte man sich, dann kam das Präsidium uud nannte die Tagesordnung. Irgend ein großes wichtiges Gesetz sollte geprüft werden, aber es waren noch vier oder acht Tage bis zur Debatte in der Plenarversammlung. Einige hatteu die Vorlage gelesen, von diesen hatten wenige schon gewagt, sich ein Urteil zu bilden, die meisten hatten überhaupt uoch keine Kenntnis davon. Danu erösfuete das Präsidium die Beratung und fragte, ob jemand zur Vorlage sprechen wolle. Allgemeine Stille; man weiß schon, wie es kommen wird. Nach einer Anstandspause erhebt sich Lasker und bringt die ganze Vorlage so faßlich, so deutlich nach all ihren Gesichtspunkten zusammengestellt unter die Augen der Anwesenden, daß nun mit einem Male eine Menge von Meistern ersteht, die ganz gut Bescheid wissen, und die Debatte entwickelt sich. So, ich rufe jeden, der mit ihm gearbeitet hat, zum Zeugen auf. verliefen die Dinge, und ich habe die große Freude und Befriedigung, daß ein ehemaliger Parteigenosse, der sich jetzt so weit rechts gewendet hat — vielleicht auch haben wir uns etwas weiter nach links gewendet —, daß er beinahe zu einem Gegner geworden ist, aber mit treuem Schwabenherzen, in einem süddeutschen Blatte eine mit dieser meiner Erinnerung ganz zusammentreffende Schilderung giebt aus jener ersten Zeit, da er unter Laskers - 110 — Kommando in der Fraktion war. Lasker war nicht nur ihr Generalstabschef, er war auch ihr Feldwebel, er sorgte für jeden: der neue Ankömmling konnte versichert sein, unter seine Obhut und seine Flügel genommen zu werden. Wer einen Antrag zu stellen, ein Amendement zu formulieren hatte, wer sich zum Wort melden wollte, waudte sich an Lasker. War die Sitzung zu Ende, so konnte man sicher sein, der letzte, der aus dem Hause ging, war Lasker. Ich, der ich in derselben Straßenrichtung wohnte wie er, hatte oft Lust mit ihm heimzugehen; aber zu meinen größten Geduldsproben gehörte es, wenn ich auf Lasker warten mußte, bis er fertig war, Audienz zu geben. Er hörte jeden an: wenn er in einer halben Stunde fertig war, so war das schnell. Wie viele Menschen kamen nicht zu ihm mit allerlei Anliegen! es gab nichts, was er verachtete. Wer ihm einen Gedanken, ein Projekt vorschlagen wollte, konnte sicher sein, Gehör zu finden. Er entschied nicht ini voraus, er untersuchte, ob nicht ein Körnchen Möglichkeit in dein, was man bringen wollte, vorhanden sei. Er war von einer unerschöpflichen Langmut, auch für die schlimmsten Querulanten. Mit diesen außerordentlichen Fähigkeiten verband er einen Scharfsinn im Erraten, des Taktes in leitenden politischen Angelegenheiten, der wahrhast staunenswert war. Zuuächst hatte er ausgezeichnete Sinne, was ja auch nicht die Eigenschaft eines unpraktischen Menschen ist; er hatte ein vortreffliches Auge, er kannte, ich glaube, jedes Mitglied des Parlaments dem Gesicht und der Gesinnung nach, und wenn wir vor einer entscheidenden Abstimmung standen, bei der wir mit Herzklopfen warteten, wie es gehen würde, wobei es sich oft um wenige Stimmen handelte, da hatte er sein Tableau schon gemacht uud berechnet, wie jeder stimmen mußte, und selten hat er sich betrogen. Sie werden mir zugeben: das war kein un- — III — praktischer Mann, der so die parlamentarische und politische Maschine zu führen wußte. Er war auch kein Utopist; nur in einem Punkte vielleicht, in seiner Wohlthätigkeit. Man hört manchmal von einem Menschen, der einen großen Aufwand in der Lebensführung macht, sagein woher nimmt er die Mittel zu solchem Aufwände? Bei Laster konnte davon freilich nicht die Rede sein, aber ich, der ich in seine Verhältnisse hineingeblickt habe, ich habe mich manchmal gefragte woher nimmt er die Mittel für alle seine Wohlthätigkeit? Für irgend einen Hilfsbedürftigen, wenn ein Jüngling im Studium, oder weun eine herabgekommene Familie zu unterstützen war, immer war Laster unter denen, die sich selbst am höchsten besteuerten. So vom Größten bis zum Kleinsten war er voller Aufopferung, voller Menschlichkeit und Hingebung, nnd dies ist anch für ihn das schönste Bewußtsein, der schönste Lohn in seinem Leben für seine Thaten gewesen. Vielleicht hat er iu den letzten Jahre anch der schmerzlichen Gefühle mancherlei durch seine Seele ziehen fühlen — wem wäre dies erspart geblieben? Unter dem, was ihn drückte,' darf nicht verschwiegen werden jener eigentümliche Zug, der sich in Deutschland seit einigen Jahren kenntlich gemacht hat, und der, weil die Zeit nicht mehr den Fanatismus des Glaubens verträgt, einen neueu Fanatismus für das Bedürfnis der Fanatiker erfunden hat, den Fanatismus der Rasse. Vielleicht hat er uuter diesem Uebel mit am meisten gelitten, aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß es ihn um seiner selbst willen, um seiner ihm Nächststehcnden willen besonders bekümmert habe. Wenn er alle diese unschönen Erscheinungen schmerzlich empfunden, so war es, weil er sie empfand als einen Fleck auf den: Ehrenschilde der ganzen Nation, weil er glaubte, daß die Nation vor sich selbst und noch — 112 — mehr vor der ganzen Welt dadurch herabgesetzt werde; auch übersah er uicht, daß das, ums künstliche Aufachung zu jener traurigen Bemeguug gethcm hat, wohl mit der Absicht zusammenhing, ihm selbst Hindernisse im öffentlichen Leben zn bereiten. Das Bitterste davon hat er wohl schwerlich empfunden, denn seine Seele war so edel geartet, daß er für das Element von Gemeinheit, das in dieser Bewegung liegt, nicht die ganze Empfindung hatte. Er stand so hoch, daß er das Niedrigste in dieser Bewegung, die nicht selten ja auch einen vornehmen Mantel umhängt, gar uicht empfaud. Man sagt, er sei am gebrochenen Herzen gestorben. Meine verehrten Herren, Männer, die so für die Gesmnmtheit mit Hingebung arbeiten, sterben nicht an gebrochenen! Herzen; sie haben einen Vorrat von Glanben in Brust und Herzen, der nicht auszurotten ist durch vorübergehende Erscheinungen. Er halte ein Herz, viel zu tapfer, um durch eine kurze Periode der Ungunst sich anfechten und abschrecken zu lassen, ein Herz, kühn und tapfer und fest bis zum letzten Augenblick. Wenn Sie wissen wollen, woran er gestorben ist, sofern wir Menschen davon überhaupt Rechenschaft gebeu können, so sage ich, er ist an Ueberarbeitung gestorben. Er hat das Wort „Schonung" nicht gekannt; die Pflichterfüllung war bei ihm im besten Sinne des Wortes des großen deutschen Philosophen, der unsere Sprache mit dem hehreu Begriff des kategorischen Imperativs bereichert hat, das unwiderstehliche Gebot. Er war so ganz identifiziert und verkörpert nnt der Pflichterfüllung, daß er in anderen die Nachlässigkeit nicht begriff. Hatte jemand bei einer wichtigen Sitznng gefehlt, er glaubte mit kindlicher Einfalt die fadenscheinigste Ausrede, weil es ihm nicht in den Sinn kam, daß ein anderer leicht in seiner Pflicht fehlen könne. So hat er sich ausgearbeitet, zuletzt gerade, indem er der Regierung des Deutscheu - 113 - Reiches einen schätzenswerten Dienst leistete, für den allein sie ihm dankbar zu sein verpflichtet wäre. Er hat sich krank gearbeitet an dem Gesetz, welches die Kranken kassen- vorlage gebracht hat. Er allein hat das Verdienst, wenn anders es eines war, daß es zu Stande kam. Es wurde vorgelegt verwickelt nnt dem Unfallversicherungsgesetz, das uns noch in der Zukunft beschäftigen soll. An einem jener Tage ging ich mit Lasker spazieren, und ich warf ohne weiter viel dabei zu denken — und vielleicht bereue ich es heute — die Worte ins Gespräch' „Von diesem Gesetze wäre ein Teil möglicherweise zu retten, wenn man die Krankenkassen herausschälte." Sofort widmete er sich diesem Gedanken, sofort ging er nach Hause und arbeitete ihn aus, und allein seinen riesigen Anstrengungen in der Kommission war es zu danken, wenn das Gesetz zu Stande kam, wenn es ans dem Wust herausgearbeitet wurde. Seine letzte Rede, welche er vor uns gehalten hat — sein Geist war noch frisch und klar, nur erlahmt waren die Schwingen - galt eben diesem Gesetz; damit hauchte er seine letzte Kraft aus. Dann war es ihm noch vergönnt, sich einen Wunsch zu erfüllen, den er seit langen Jahren im Herzen getragen. Er wollte jenes große, frei aufstrebende Land sehen, dem er einen großen Teil der Zukunft der Welt zuteilte; es ward ihm vergönnt, es zu sehen nicht nur, sondern es übte dasselbe au ihm noch einen Teil jener Gerechtigkeit aus, die ihm sein eigenes Land in den letzten Jahren versagt hat. Aber so wenig auf äußern Schein, auf Eitelkeit und Ruhmesgepränge war er versessen, daß er in keiner einzigen Meldung, die von dort herüberkam, dessen erwähnte. Was hatte er auch an Ovationen in Deutschland in bessern frühern Jahren genossen! Wer an seiner Stelle hätte sich nicht die Brust höher schwelleu lassen, sich stolzer Ludwig Bambergen Ges. Schriften. II. Z — 114 — gefühlt, als er es that bei allen Huldigungen, die ihm in den Jahreu von 1870 bis 1875 dargebracht wurden? Heute muß man daran erinnern, daß zwei deutsche Universitäten, Freiburg uud Leipzig, ihn zum voewr nonoris sagt, un- bemerkt vorübergegangen, wenn nicht Hillebrand selbst in einem Anhang seines Buches sie hervorgehoben uud widerlegt hätte. Seitdem und gerade dadurch ist der Streit über die Frage, ob nicht die Chronik jenes Konsuls der Seidenzunft von Florenz (1280—1320) das Werk eines Fälschers sei, nicht mehr zur Ruhe gekommen. Abhandlungen ohne Zahl und viele dicke Bände siud in diesen zwanzig Jahren darüber geschrieben worden. Unsere gelehrten Landsleute, deren Fleiß und Scharfsinn so viel Reiz darin findet zu „retten", was für schlecht oder falsch, und zu veruichten, was für gut oder echt gilt, haben selbstverständlich keinen geringen Anteil an diesem Streit genommen. Ein ausgezeichneter deutscher Forscher, Professor Scheffer-Boichorst, hatte den Reigen der Angreifer eröffnet (Historische Zeitschrift, XXIV); der Verteidigung kam zuletzt mit gewaltiger Macht ein bändereiches Werk des Professors Del Luugo in Florenz zu Hilfe, welcher eine neue Ausgabe der Chronik mit einer ungeheuren Ansammluug gelehrten Materials über die Frage herausgab. Del Luugo stellt sich, wie die Akademie der Crusea, ganz entschieden auf die Seite Hille- brauds. Dieser selbst war, als die ersten Ansechtuugen auftauchten, wie natürlich, von seinen Neidern als das — 145 - Opfer einer oberflächlichen Täuschung verspottet worden. Die „Lnti-ernariAeris prvte88org,1k", ein Wort, das schon etliche hundert Jahre alt ist, verrät, daß die Gewohnheit nicht ausschließlich den Deutschen zukommt. Hillebrand ließ sich nie irre machen und hat auch auf den Rest von Zweifeln, die Del Lungo fest hielt, noch eine treffende Antwort gegeben. Auf jeden Fall steht tatsächlich fest, daß im Laufe der Zeit die Mehrheit der gelehrten Kritiker in der Hauptsache die Echtheit der Chronik wieder anerkannt hat, und daß der Streit sicherlich nicht zu Hillebrands Nachteil ausgegangen ist. Das sagt, denke ich, genug für die Erstlingsarbeit des damals kaum über die Dreißig zählenden Gelehrten. Im Jahre darauf hatte die Akademie von Bordeaux eine Preisfrage ausgeschrieben: Hnsl8 swisut. 1'st,g,t 8itiov. 6ss S8^)i'it8 g.ux spoczuss, lzi'illa, 1a Konus ocnnsclik? — Ds8 s1smsnt8 analvAuss sxi8tsnt-il8 Ärrjonrä'liui ?rs.r>LS?" Erst zwei Monate vor dein anberaumten Bewerbungstermine — so berichtet Hillebrand in seiner Vorrede — bekam er Kunde von dieser Ausschreibung, als er gerade im Begriff war, nach Deutschland zu reisen. Dennoch gewann er den Preis. Die Schrift ist 1863 bei Durand in Paris erschienen. Kannte ich Hillebrand in dieser ersten Periode nicht, so hatte mich der Zufall mit dem Hause, in dem er aufgewachsen war, iu Berührung gebracht. Der Vater war mir an der Gießener Universität ein lieber und verehrter Lehrer gewesen. Seine Geschichte der deutschen Nationalliteratur, von welcher der Sohn Mitte der siebziger Jahre eine dritte Ausgabe besorgte, ist noch heute ein weit bekanntes und hochgeschätztes Werk. Papa Hillebrand, aus dem Hildesheimschen stammend, ursprünglich zum katholischen Theologen bestimmt und nach Ludwig Bombergcr's Ges. Schriste». II. Ig — 146 — Empfang der ersten Weihe zum Protestantismus übergetreten, war ein deutscher Professor von der besten Art, ganz in seinem Beruf aufgehend und des Lehramts wie eines frommen Priestertums waltend, ohne zu ahuen, ivie wenig der Troß der akademischen Jugend, welche die „Zwaugskvllegien" Logik und Psychologie zu hören kam, sich für das interessierte, was er in heiligem Ernst, aber allerdings auch im echten Kauderwelsch der damals blühenden Schelling-Hegelischen Terminologie ihr vortrug. Seiue „schlechthinige An- und Fürsichlichkeit" ist kein Geschöpf der muthcnbildenden Schülertradition, sondern leibhaftig in unsere Hefte übergegangen. Daß er eigentlich ein Eklektiker war, kam denen, die seine Belehrung ernst nahmen, zu statten. Seine breitere Wirkung lag auf dem literarischen Gebiet, in dem er uud das wollte uicht wenig heißen — selbst den Gießener Bruder Studio zur Audacht brachte. Er war Goetheverehrer und — die Wahrheit zu sagen — Schillerverächter. Das ist besonders bemerkenswert für die Geistesverwandtschaft zwischen Vater und Sohn, die auch im Grundzug der Liebenswürdigkeit einander vollkommen ähnlich waren. Die gesamte Familienatmosphäre war von echter Humanität nnd natürlicher Vornehmheit durchweht. Auch die anderen Geschwister beiderlei Geschlechts erhoben sich alle über das Maß der Gewöhnlichkeit, und der Vater hat sich in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre eine politisch würdevolle Stellung in dem Dalwigkschen Hessen-Darmstadt zu bewahren gewußt. Das alles stand noch in lebhafter Erinnerung mir vor der Seele, als ich im Jahre 1866 den Namen Karl Hillebrand im .Iorrrn.s.1 iAtrt1^ Ksvis^. über Voltaire, über Rousseau und über Diderot. Den Schluß bilden zwei Aufsätze älteren Datums über den Tom Jones und über Lawrence Sterne. Der erstere war schon 1865 in den Dsbats erschienen. Der vierte Band nennt sich „Profile". Die einzelnen Abhandlungen, litterargeschichtliche Biographien enthaltend, — 159 — waren nach einander im Laufe des Jahres 1875 erschienen und sind hier in einem Bande vereinigt. Eine Vorrede „über moderne Sammellitteratur und ihre Berechtigung" ist der Legitimiruug solcher Zusammenstellung gewidmet, eine Mühe, welcher sich der Verfasser wohl hätte entschlagen dürfen. Gerade bei unserer Zersplitterung, welche keinem eine Stelle bietet, von der aus er darauf rechnen kann, zu der überwiegenden Mehrheit der Gebildeten zu sprechen, ist es ein wahres Bedürfnis, das Gute aus solchen Zeitschristen vor dem allzuraschen Uutergaug zu retten. In diesem Band sind u. A. Doudau, Dauiel Steru, Thiers, Renan, Taine, Gino Cappoui, Macchiavell, Rabelais, Tasso nnd Milton behandelt. Der fünfte Band bezeichnet den Uebergang aus den fiebenziger Jahreu in die achtziger. Er führt den Titel: „Aus dem Jahrhundert der Revolution", mit Montesqnien beginnend und mit Metternich schließend. Die Schilderung Montescmieus ist neben der später in seine Geschichtswerke hineingearbeiteten Schilderung von Thiers nach meiner Ansicht das Vollendetste, was Hillebrand als Porträtmaler geleistet hat. Hier sind mit künstlerischer Intuition und mit Meisterhand lebensvolle Bilder geschaffen, welche die bekannte Wirkung auf deu Beschauenden hervorbringen, daß er sich sagt: Das muß ähnlich sein. Viele dieser, wie der im sechsten Band enthaltenen Aufsätze wareu vorher in der „Deutschen Rundschan" erschienen, nnter anderen die heute wieder so zeitgemäß geivordeuen über „das belgistlie Experiment". Auch der über Settembriuis Denkwürdigkeiten ist eine Perle. Was wäre alles zu sageu über den Reichtum an Stoff und Kritik, die in diesen sechs Bänden aufgestapelt sind! Aber wer gönnt mir die Zeit, mich aufzuhalten? Mnß ich doch erst wieder zurückgreifen in die Reihe der siebziger — 160 — Jahre, um nur ganz flüchtig anzudeuten, was alles, taum darf ich sagen nebenher, geschafft und geschasfeu wurde. Im Jahre 1874 gründete Hillebrand die „Jtalia", ein Jahrbuch zur Verbiudung der Geister zwischen Italien nnd Deutschland. Vier Bände sind davon bis 1877 erschienen (Leipzig, H. Härtung). Die einzelnen Beiträge sind teils von Deutschen deutsch geschrieben, teils aus dem italienischen Manuskript der Mitarbeiter übersetzt; daneben italienische metrische Uebertragungen deutscher Dichter, zum Schluß jedes Bandes eine umfassende Neberschau der italienischen Politik aus der Feder des Herausgebers. Die wertvolle Publikation, in welcher viele erste Namen beider Länder figurierten, mnßte leider, aus leicht zu erratenden Gründen, nach dem vierten Band abbrechen. Im selben Jahr wie der erste Band „Jtalia" ist endlich auch ein anonym erschienener Band „Briefe eines ästhetischen Ketzers" zu verzeichnen (Berlin R. Oppenheim). Ein Kapitel über die „Museomanie", welches darin enthalten ist, sollte immer von neuem gelesen werden. Wie viele hätten sich mit solcher Arbeit und Leistung begnügen dürfen. Ihm aber erschien es, als ob er die Anfgabe seines Lebens erst jetzt in Angriff zu nehmen hätte. Die „Geschichte Frankreichs von der Thronbesteigung Ludwig Philipps bis zum Falle Napoleons III." sollte recht eigentlich das Werk seiner gereiften Kraft werden. Sie war auf füuf Bände berechnet; zwei davon sind erschienen. Sie gehören der Sammlung von Ukert und Heeren, jetzt Giesebrecht, an. Der zweite Band schließt mit der Februarrevolution. Zu dem Schmerzlichsten, was ihm die dreijährige Krankheit bereitete, gehörte die Unterbrechung dieser Arbeit uud die Ahnung, daß er sie unvollendet hinterlassen werde. Den dritten Band hat er mit Aufbietung seiner — 161 - letzten Kräfte während der Krankheit der Vorbereitung nnd Ordnung des Stoffs nach vollendet; er sollte bis Ende 1852 reichen. Unter den Fachleuten, mit denen sich der Verfasser öfter schlecht vertragen hat, ist dieser rein historischen Arbeit nicht ungeteilte Anerkennung geworden ', mir will scheinen, daß zwei Elemente ihr besonderen Werth verleihen ^ Verständnis des Landes auf Grund so durchdringender Kenntnis und die fleißige, scharssinnige Ausnutzung einzelner Archive. Aber vielleicht haben die von diesen zwei Elementen durchsetzten Bestandteile so viel Licht aufgesogen, daß anderes dafür mehr im Schatten geblieben ist. Seinen berechtigten Platz in unserer Geschichtschreibnng wird dem inhaltreichen Werke niemand streitig machen. Ich habe bis jetzt vornehmlich der französisch nnd deutsch geschriebenen Werke gedacht. Daneben gingen bekanntlich englische und italienische her. Die letzteren fallen der Zahl und Bedeutung nach am wenigsten ins Gewicht, bestehen aus Beiträgen in der seitdem eingegangenen Wochenschrift „R,a,8ssgna. sedtimairals" und in der „Anovs ^.utoloZig.". Eiue gelehrte Gesellschaft als Mittelpunkt für die florentinische Welt der Intelligenz, der oiroolo tUoloZiLo, ist hauptsächlich Hillebrands Werk. Hat er viel mehr über Italien als in dessen Sprache geschrieben, so nimmt seine englische Schriftstellerei in dem letzten Jahrzehnt einen großen Platz nnter seinen Leistungen ein. Man weiß, daß gerade seit einem Dezennium die halbmonatlichen „Rsvls^s" recht eigentlich das Geistesleben Englands beherrschen nnd selbst den Einfluß der größten Blätter, die „Times" nicht ansgenommen, zurückgedrängt haben, fürwahr kein schlechtes Symptom sür das öffentliche Leben dieses ernsten, männlichen Volkes. Die drei Lvvis^vs, von welchen aus heutzutage die treibenden Ideen sich Bahn brechen, sind.' Lontsm^oi-ar^ ^sinstssutll Ludwig Bomberger's Gos. Schrislen. II. 1Z — 162 — (ZkQwr^ und ?c>rwiZK^, und in allen diesen war Hille- biand ein gern gesehener Gast. Einen besonderen Band bilden seine .,(^erms.Q tdouZts" «London, Longmann), in welchen ein Cyklus von sechs Vorlesungen, die er 1879 in der „Ro^sl sooiet,)-" hielt, gesammelt ist. Auch amerikanischen Revuen mar er eiu sehr beliebter Mitarbeiter, insbesondere der ^ortd .^.vasric-ÄQ. Sie brachte u. a. eine Arbeit über Herder. Für Frankreich ist noch seiner Mit- arbeiterschast an der Rsvus oriki<^us zu gedenken. Und da rede ich nicht von seinen ständigen litterarisch- pvlitischen Korrespondenzen sür die angesehensten Wochen- und Tagesblätter Deutschlands und Englands: Augsburger Allgemeine, Nationalzeitnng, Neue freie Presse, Gegenwart, Times und Pall Mall. Die Tiines hatte ihm 1870 nach seiner Ankunft ans Frankreich ihre Korrespondenz aus Italien übertragen. Endlich die Vorträge, die er, wie in England, auch hie und da in Deutschland, u. a. in Bremen, gehalten hat. Am meisten au dieser riesenhaften und vielgestaltigen Produktivität springt deni — wenn ich so sagen darf - weltlichen Beschauer die Merkwürdigkeit iu die Augeu, daß sie sich über die vier großen Sprachgebiete erstreckt, in der That eiu Phänomen, für das ich selbst unter Deutschen kein zweites Beispiel anzuführen wüßte. Die Fähigkeit, vier und sogar mehr Sprachen in der Konversation uud in Briefen zu handhaben, ist allerdings nicht gleich selten, namentlich beim weiblichen Geschlecht. Ich könnte ohne Besinnen an den fünf Fingern Beläge dazu aus meiner eigenen Erfahruug beibringen und brauchte ein Beispiel nicht weiter zu suchen, als in Hillebrands nächster Nähe. Aber die litterarische Darstellung macht ganz andere Anforderungen, und namentlich wenn sie sich nicht, wie bei Fachwissenschaften, auf dem Gebiet der Thatscuhen bewegt, sondern, wie hier der Fall ist, in den Regionen der feinsten — 163 — Gedaukengewebe. Natürlich drängt sich die Frage auf: zu welchem Grad der Vollkommenheit mar er in dieser Kunst gelangt? Aber ich verzichte auf die Becmtmortung einfach ans dem Grunde, iveil ich mir über die Qualität des Stils in einer andern als meiner eigenen Sprache kein cndgiltiges Urteil zutraue. Ist es schon schwer genug, unfehlbar über die Korrektheit zu urteilen, so spielt der unreflektirte Tastsinn des Ohrs, welcher mit der Muttermilch eingesogen wird, die ausschlaggebende Rolle. Am weitesten hatte es Hillcbrcmd ohne Zweisel in dem zuerst erlernten Französischen gebracht. Da selbst ein Franzose vom andern nur selten zugiebt, daß er die Sprache tadellos handhabe, so beweisen mir etliche Vorbehalte, welche ich gelegentlich über Hillebrands Schreibart äußern hörte, nicht viel. Auch ohne zur absoluten Gewißheit über den Grad der erlangten Vollkommenheit vorzudringen, bleibt die Thatsachc der vierfachen Leistungsfähigkeit staunenswert genug. Im Deutschen will mir sein Stil reich und wirkungsvoll erscheinen, wozu seine Gedanken, von Natur scharf ausgeprägt und lebhaft, von selbst trieben. Sein Periodenban ist knapp, wofür ihn der Gebrauch der romanische» Sprachen vorbereitet hatte. Gewisse Ungleichheiten je nach der Zeit, die er sich gönnen durfte, hie und da eine — wenig störende — Wendung aus fremdem Idiom herübergenommen, sind zu bemerken, ohne daß sie zu charakteristischen Fehlern werden. Ueber den Geist nnd Charakter seiner Muse wäre sehr viel zu sagen. Um ihm gerecht zu werden, müßte man das unermeßliche Feld dieser zwanzigjährigen Produktion gemessenen Schritts durchwandern. Nnr eines muß ich hervorheben, was jedem seiner Leser einen starken Eindruck hinterlassen haben wird. Er fordert zum Widerspruch heraus. Zwar giebt es zweierlei Arten von Lesern, 11* — 164 — solche, die vor allem wissen wollen, was ihr Autor will, und es zunächst ruhig an sich vorübergleiteu lassen, und wiederum solche, die während des Aufnehmens mit dem Autor in Diskussion treten. An der letztern Sorte hatte unser Freund schwierige Kunden; wenn ich fremde Exemplare seiner Werte in die Hand bekomme, sind sie häufig mit Ausrufungs-, Fragezeichen und Bemerkungen am Rande versehen. Da alles Denken Generalisieren ist, so gerät ein so akuter Denker, wie er war, notwendig vst in rasches und übergreifendes Generalisieren. Merkwürdigermeise ist er darin genau das Widerstück zu dem von ihm - mit Recht — so hochverehrten Sie. Beuve, dem Meister der ruhigen, unpersönlichen Auffassung. Hillebrand ist, so sehr er sich der Unbefangenheit befleißigt, durch und durch subjektiv. Das hängt mit einer Besonderheit zusammen, die ihm am öftesten zugeschrieben wird, uämlich dem Aristokratischen seines Wesens. Gewiß im großen und Ganzen eine zutreffende Bezeichnung, aber nicht eine erschöpfende. Seine Aristokratie wurzelte iu dem Grundzug seines Schaffensdrangs, dein Bedürfnis, vor allem sein Urteil aus sich selbst zu schöpfen. Das Ott protanrnn vnl^us, welches ihn in den Gewohnheiten des Lebens wie in seiner Geistesarbeit kennzeichnet, ist kein Vornehmchun, sondern ein Selbständigkeitsgefühl. Er haßte vor allem den vuIZus der profanen Gedanken. Daher allerdings einige Neigung zur Paradoxe nicht zu leugnen ist. Aber wie rüttelt und schüttelt ein solches Stück den Denklustigen aus. Man lese nur einmal den kleinen Aufsatz „Nach einer Lektüre" im fünften Bande der „Zeiten, Völker und Menschen". Wie viele neue Ideen flattern da auf jeden Schlag aus dem Neste! Seine Behauptuugeu wirken hie und da schmerzhaft wie eine Knetkur, aber sie setzeu alle Fasern deS Geistes in Bewegung, Und dabei bringt die - 165 — Masse der tatsächlichen Belehrung so viel Abwechslung und Beruhigung, daß die Leiden reichlich ausgeglichen werden. Unaufhörlich fließt es aus dem unerschöpflichen Quell seines stets im Wachsen begriffenen Wissens von vergangenen nnd gegenwärtigen, menschlichen und littera- rischcn Dingen. Er spricht nie um zu zeigen, was er weiß; nur eine Andeutung der verborgenen Schätze drängt sich aus Weg und Steg an die Oberfläche. Dieser Trieb nach Selbstherrfchaft machte ihn auch zum eingefleischten Gegner der demokratischen Politik der Neuzeit, welche der stereotypen Stichworte nicht entbehren kann und der gleichmachenden Mittelmäßigkeit zustrebt. Da er uicht iu seiner Heimat lebte, so hat er sich nie gestattet, unmittelbar auf die praktische Politik seiuer oder einer dritten Nation einzuwirken. Er führte jeder die anderen vor und suchte sie dadurch in ihren eigenen Angelegenheiten zu fördern. Für alle war er ein scharfer .Kritiker, eben weil er überall das ihm fatale Element der Massenherrschaft im Wachsen sah. Deutschland fand in ihni noch bei weitem den günstigsten Dolmetscher, weil sich hier seine Anhänglichkeit und seine Verehrung für geniale Persönlichkeit begegneten. So schrieb er namentlich außer der ?rns8k L0Qt«rQx>orAiue, drei Aussätze für Italien in der Ruvvs, anwloZi^ (1868) unter dem Titel Ltoris, äsll' Illlits, g.1sing.ima, uud für England Ins ?rosx>set8 of I^idörs>lisllr in Osriv.g,Q^ in der ?ort,riiANtl^ Rsvisv (1871). Bei aller Verehrung für Genialität war er von unserer nenen inneren Politik nichts weniger als erbaut. Das Prenßen, über dessen Tendenzen er Franzosen, Engländern und Italienern so vieles Gutes zu sagen wußte, war das Preußen der von Wissenschaft und Geistesschwung erfüllten Staatsmänner des ersten Dritteils des Jahrhunderts, nicht das heutige Ideal der Zunftmeister und der sozialistischen Staatskünstler. Was ihm zur Beherrschung der lebendigen Politik vielleicht sehlte, mar die Erfahrung aus praktischer Mitarbeit. Er kannte ja Staatsmänner und hohe Beamte genug. Aber man muß sie an der Arbeit gesehen haben, um ein erschöpfendes Urteil über das Regieren zu haben. So hatte sein Abscheu vor den Schwächen der Massen nicht das richtige Gegengewicht, und er wnrde mehr der Fehler gewahr, die sich auf der breiten Basis zeigen, als derjenigen, die in den Spitzen versteckt wirken. Wie schwer es ist, sich aus der Ferne vom Zusammenhang der Thatsachen, auch der einfachsten. Rechenschaft zu geben, ersah ich oft aus unserem Briefwechsel, der sich großenteils mit heimischen Angelegenheiten beschäftigte. Es ist ein eigenartiges — vielleicht nicht unbe- neidensivertes — Los, als Patriot im Auslaude zu leben. Man sieht die Gebrechen der fremden Nation in unmittelbarer Nähe, aber ohne den intensiven Schmerz der vollen Beteiligung, und freut sich des Guten, das aus der Ferne sich in großen Umrissen abhebt. Deutsche Untugenden störten ihn nur in den Nebendingen der Lebensformen, wenn sie an ihn Herautraten. Seine Unduldsamkeit gegen gewisse Zudringlichkeiten sind nicht aus Rechnung eines Bedürfnisses nach Absonderung, sondern seines guten Geschmacks zu schreiben. Er war stets so erfüllt von Interesse an den großen Evolutionen der Welt, daß ihm zur Unterhaltung über das Persönliche wenig Raum blieb. Selbst in der Zeit seines schweren Leidens sprach er verhältnismäßig wenig ü^er sich, niemals mit störenden Klagen. Noch am letzten Tage, da ich an seinem Bette saß, wenige Wochen vor seinem, von ihm wohl vorgesühltcn Ende, hatte das Gespräch über Litteratur und Politik den Hauptanteil. Er hatte in den drei Jahren seines Siechtums zwar noch — 167 — manches gearbeitet, aber besonders unglaublich viel Lesestoff aus alter und neuer Zeit in sich ausgenommen. „Ich habe so uiel und über so vieles gedacht, iu all der Zeit", sagte er mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes, „und möchte mich so gerne noch darüber aussprechen". Seine Konversation war vortrefflich, immer reich genährt und fließend, dabei für die Gegenrede dankbar uud empfänglich im höchsten Grade. Sie war mehr gebauten- als geistreich; er hatte viel Sinn für Humor, ohue desseu viel zu produziere«. Das ironische über den Dingen Schweben war sein Streben, aber Sarkasmus blieb ihm fern. Er geHörle zu den Menschen, von denen die Rvbinsonade des reifen Lebens sich träumend ausmalt, wie schöu es wäre, sie einem Konvikt auserlesener Freunde einzuverleiben, mit denen man ein beschauliches Daseiu führen könnte. Denn er hatte auch die Eigenschaften des Herzens und die Liebenswürdigkeit des Umgangs, welche dazu gehören. Allem Pathetischen widerstrebend, hatte er einen wahrhaft zärtlichen Sinn, und die Freundlichkeit der romanischen Verkehrsformen gab diesem Sinu die zugleich wohl bemessene uud doch warme Ausdrucksweise. Er genoß viel Freuudschast und pflegte sie; er gehörte zu denen, welche leicht ganz lieben oder ganz verwerfen. Der, dem er wohl wollte, mußte auf der Hut sein, sich nicht für all das zu halteu, was sein enthusiastisches Auge an ihm gewahrte. Am schönsten war es, wenn er einem guten Kameraden die Honneurs des historischen und artistischen Florenz machen konnte. Hier kannte er die Geschichte jedes Gemäuers, und unter seinem Kommentare singen die Steine an, zu lebeu uud zu reden. Auch hatte er die für warmherzige Meuscheu charakteristische Liebhaberei, die, welche er gern hatte, uuter einander bekannt inachen zu wollen. So war es ihm einst, wofür ich ihm stets dankbar bleiben werde, eiu wahres Fest, mich — 168 — in Florenz zum alten Heusc und zum ehrwürdigen Gino Capponi zu bringen, die ihm seitdem in die Ewigkeit vorangegangen sind. Neben aller litterarischen Arbeit unterhielt er eine starke Korrespondenz, und seine Briese sind so inhaltreich wie seine besten Schriften. In Deutschland, Euglaud, Italien trauern viele der Auserlesensten nm ihn; in Frankreich haben einige hervorragende Gelehrte, mit denen er früher eng verbunden war, und denen er nach wie vor gerecht blieb, ihre Beziehungen der gewollten Borniertheit des nationalen Nachegefühls znm Opfer gebracht, so u. a. Taiue, mit dessen Geistesrichtung die seine verwandt war. Hillebrand besaß die Kunst, mit den Großen der Erde ans gutem Fuße zu stehen, ihnen dauernde Anhänglichkeit einzuflößen; gerade die Höchsten unter seinen Verehrern bewiesen ihm seit Jahren nnd bis in seine letzten Lebenstage echt menschliche Freundschaft. Er war frei von aller sozialen Eitelkeit, auch von der Eitelkeit der galanten Abenteuer, zu welchen die Versuchung dem schönen, liebenswürdigen und berühmten Manne nicht schien konnte. Die Ehe mit der im wahren Sinne des Wortes bedeutenden Frau, welche ihm die letzten Lebensjahre verschönte nnd in der That, dank ihrer aufopferungsvollen Sorgsalt verlängerte, war die erst spät ermöglichte Besiegeluug eines in früher Lebenszeit geschlossenen, trcn bewahrten Herzensbundes. Im Anfang des Jahres 1881 wurde der bis dahin in der Fülle der Kraft prangende, noch jugendlich aussehende Mann plötzlich krank und kam nicht wieder zur Ruhe. Daß seiu Leideu mir der augestreugten rastlosen Arbeit der letzten zehn Jahre zuzuschreiben sei, möchte ich schon darum bezweifeln, weil sämtliche vier Brüder in der Blüte der Jahre dahingerafft wurden. Aber der Keim, der iu ihm schlummerte, ist ohne Zweifel durch die — 169 — gehäuften Anstrengungen gezeitigt worden. Er trug sein Leiden heiter und philosophisch, murrte nur gegen die Abhaltung von der Arbeit, die er aber nicht völlig aufgab, bis ihn in? letzten Sommer die letzten Kräfte verließen. August und September brachte er noch in Schlangenbad und Baden- Baden zu. Als es zu Ende ging, ergriff ihn die Sehnsucht nach seiner Häuslichkeit am Arno. „Dort wird's mir besser werden", sagte erzumir, „wenn ich nicht unterwegs sterbe". Es sollte beinahe wahr werden. Ein Erdrutsch auf der Gotthardbahn zwang die Reisenden zum Aussteigen, und der Tottranke mußte nni sechs in der Frühe eine Strecke Wegs über Schutt uud Felsgeröll klettern. In Florenz angekommen, schien er einen Moment sich besser zu befinden. Es war das letzte Aufleuchten der schwachen Lcbensflamme, die dann sanft erlosch. Die Italiener in ihrer guteu Art erwiesen ihm. wie wahrend seines Lebens viel Schönes und Liebes, so nach dem Tode viel Ehrenvolles. Deutschland kennt ihn noch nicht genug. Seiue Werke verdienen einen Hervonagenden Platz in dem litterarischen Besitzstand des überlebenden Geschlechts. Man darf ihn, vou seinen andern Leistungen absehend, getrost den ersten der deutschen Essanisteu nennen. Die schon von der Krankheit beschatteten Züge des edlen Antlitzes, in welchen der Adel seines ganzen Wesens sich spiegelte, hat die Meisterhand Adolf Hildebrands in Florenz, der ihm durch euge Freundschaft -verbunden war, in einer trefflich gelungenen Büfte verewigt. Heinrich von Treitschke. *) Aus der „Nation" Jahrgang VII. Nr. 25, 26 und 27. Ms giebt zweierlei Maßstab für die Beurteilung eines Menschen und seines Thuns. Man kann ihn messen entweder nach seinem eigenen Vorsatz oder nach seiner Leistung vom Standpunkt des allgemeinen Nutzens. Die dritte Frage, ob im einzelnen Fall jener Vorsatz auf diesen Nutzen gerichtet sei, muß bis zum Beweise des Gegenteils zu Gunsten des Urhebers entschieden werden. Um ein gerechtes Urteil zu fällen, emvfielt es sich immer, mit Anlegung jenes ersten Maßstabes zu beginnen. Uud gerade wo uns das Thun eines Menschen als ein vorzugsweise ungerechtes erscheinen will, regt sich um so lebhafter, kraft einer Art von Gegenwirkung die Lust, ihn mit Gerechtigkeit zu behandeln, d. h. ihn vor jeder weiteren Untersuchung nach seinem eigenen Wollen zu beurteilen. Wer erreicht, was er sich vorgesetzt hatte, giebt einen Beweis von Kraft, die uns Anerkennung aufdrängt. In den niederen uud mittleren Schichten des menschlichen Lebens schiebt sich die Frage dazwischen, ob das Gewollte mit sogenannten erlaubten Mitteln erreicht worden ist oder nicht. In den höheren und höchsten Regionen verschwindet bekanntlich auch diese Unterscheidung mehr oder weniger hinter der Thatsache des Erfolges. Heinrich von Treitschte kann sich rühmen, daß es ihm gelungen ist, einen starken Einsluß auf die Entwicklung des deutschen Geisteslebens unserer Tage zu gewinnen. Er hat nicht nur der seit eiuem Vierteljahrhuudert herangewachsenen — 174 — Generation ihre Neigungen abgelauscht und dieselben verdichtet wiedergegeben, sondern er hat auch aus seinem eigenen inneren Vorrat ein Reis hineingepflanzt und dessen Samen weiter verbreitet. Ein Mann, dem das geglückt ist, kann verlangen, daß man ihm denjenigen Tribut zolle, welcher der Verbindung von hervorragender Fähigkeit mit bedeutender Macht verständigerweise nicht versagt werden kann. Dagegen bleibt jedem das Recht uneingeschränkt, zu fragen, ob das, was der andere gewollt und erreicht hat, auch als gut befunden werden soll. Die Entscheidung hängt hier vor allem davon ab, ob man mit dem Historiker einig geht über die Ausgabe, die der Geschichtsschreibung zu stellen ist; aber die Lösung ist auch damit noch nicht erschöpft. Der Historiker, welcher nicht nur eine falsche Methode anwendet, sondern auch mit dieser eine falsche Weltanschauung verbindet, sündigt doppelt an der Lehre und an den Menschen. Und hier betreten wir im weitesten Umfang das Reich des Widerspruchs gegen unseren Autor. Es sind jetzt gerade hundert Jahre, daß Schiller in Jena seinen Studenten den einleitenden Vortrag über die Zwecke des Studiums der Universalgeschichte hielt. Wer etwa zu der Vermutung hinneigen möchte, hier auf veraltete Voraussetzungen zu stoßen, wird sich auf den ersten Blick vom Gegenteil überzeugen, wenn er z. B. liest, wie ein guter Teil der eindringlichsten Mahnungen sich gegen die Enge und Niedrigkeit der nur auf das Brot- siudium bedachten Jugend richtet. So alt und neu bleibt die Welt sich gleich, und ebenso neu und alt klingt zur Richtschnur der Geschichte Schillers Wort an unser Ohr.' „Was hat der Mensch dem Menschen Größeres zu geben als Wahrheit?" — 175 — Dies ist aber offenbar nicht ganz Treitschkes Meinung. Er deutet es selbst an, z. B. in Anführung einer dazu verwerteten Stelle aus Niebuhr; und wenn er es auch nicht ausdrücklich sagte, sein ganzes Sein und Handeln strotzt von der Ueberzeugung, daß man Geschichte darstellen müsse, nicht um zu erzählen, was gewesen ist, sondern um zu erzielen, was sein soll. Die Geschichte, wie vielleicht alles, soll nach ihm darauf hinausgehen, die Menschen zu Muster- nienschen zu erziehen. Ob das Muster selbst ein gutes oder schlechtes ist, bleibt einer zweiten Entscheidung vorbehalten; aber es springt in die Augen, daß eine Lehre, welche bewußter Weise auf solch ein bestimmtes Ziel los geht, keine Lehre der Wahrheit sein kann. Wer nur Wahrheit sucht, braucht sich kein anderes Ziel zu setzen. Zu allen Zeiten ist Geschichte in einem bestimmten Geist geschrieben worden. Die Ansicht, daß es überhaupt keine wahre Geschichte gebe, weil kein Mensch sich über die voraus bestimmten Grenzen seiner Anschauung Hinanssetzen könne, ist zu einer Art von Gemeinplatz geworden. Wie in allen menschlichen Dingen ist hier die Qualität von der Quantität abhängig. Es fragt sich, in welchem Maße der wahrnehmende Sinn von seiner vorgefaßten Meinung beherrscht ist, ferner wie weit er von derselben beherrscht sein will. Aber selbst die stärkst bewußte Tendenz deckt sich noch nicht mit dein Grundzug des Treitschkeschen Wesens; denn dessen Absicht geht sichtbar hinaus über die Richtigstellung rückwärts liegender Entwickelung zu der Dis- zipliuiruug des Zukünftigen. Die neuste, zur Herrschaft in Deutschland vordriugeude Richtung, das ganze Leben in den Staat zu verlegen, findet hier ihre Anwendung aus die Unterordnung der Erkenntnis unter das Staatsbeste. Es ist etwas ganz anderes, ob man die vergangenen Dinge aus einem bestimmten Gesichtswinkel ansieht oder ob man für die künftigen Entscheidungen einen solchen vvrer- ziehen ivill, wenn schon beides zusammenhängt. Die aristokratisch-republikanische Auffassung eines Tacitus, die rationalistisch-ironische eines Gibbon, selbst die whiggistisch- gesättigte eines Macaulcui, die revolutivnstrunkene eines Louis Blane oder die romantisch-antvritäre eines Heinrich Leo sind alle nur die aus einem bestimmten Geistesspiegel zurückgeworfenen Bilder: nnd selbst derjenige unter den modernen Historikern, welcher an gewollter Einseitigkeit Treitschke am ersten vergleichbar erscheint, Jansen, bleibt doch immer noch Historiker, weil sein Geist, wenn auch mit schärfster vorgefaßter Anstrengung, daraus gerichtet ist, Recht und Unrecht, Vernunft und Unvernunft, Nutzen und Schaden menschlicher Handlungen in einem besonderen Lichte hervortreten zu lassen. Will man sich nach Mustern umschauen, die einige nähere Verwandtschaft mit Treitschke zeigen, — und diese Vergleichung tritt ihm gewiß nicht zn nahe ^ so wären am ehesten noch Carlule und Taine zn nennen. Aber wenn auch beide mit ihm gerade die Eigentümlichkeit gemein haben, daß sie sich im Verlauf ihrer kritisch-historischen Feldzüge zu immer wachsendem Groll steigern, so erreichen sie doch das deutsche Ebenbild lange nicht im Maße der grimmig verzerrenden Manier. Unter den Versuchen, den Menschengeist dnrch systematische Belehrung über Welt und Wissen einem besonderen Zwecke dienstbar zn machen, giebt es nur eiuen, allerdings einen großartigen, welcher darin weiter geht als uuser nationaler Geschichtsschreiber, das ist der Jesuitismus. Es ist kein Zufall, daß unter TreitschkeS Feder das Wort „Zucht" so oft wiederkehrt. Das Wort ist hier ganz in dem strengen Sinn gemeint, ivie das Ideal der Unterwerfung des selbstständigen Denkens unter eine auf Eroberung der Welt ausgehende Gesellschaft sein System ausgebildet hat. Es — 177 — ist auch kein Zufall, daß von der „Vernunft", von auf Vernunft gegründeten Rechts- und Staatsverfassungen überall mit einer an Affektativn grenzenden Verachtung gesprochen wird. Hier wie dort wird die Gescunmtheit der Gläubigen als ein Heer in Waffen gedacht, und die militärische Ordnung ist Grundstein wie Vorbild der ganzen Staatsordnung. Man muß sich ferner daran eriuneru, daß unser Schriftsteller in seinen wissenschaftlichen Arbeiten immer zunächst vom Katheder ausgeht, die Jugend sinnlich und geistig vor Augen hat und, wie die Gesellschaft Jesu, mit der Schulung der jungen Köpfe die dauernde Verbrüderung der aus der Schule in die Welt entsendeten Zöglinge ins Auge faßt. So erklärt sich auch, daß, seitdem unter dem Einfluß dieser Richtung die Züchtung eines eng umgrenzten Staatsideals auf deu Universitäten mit klarem Bewußtsein verfolgt wird, die von ihr begünstigten Studentenverbindungen eine früher nicht dagewesene praktische Bedeutung für das spätere bürgerliche Leben gewonnen haben. Zwar umfassen die Korpsverbindungen die Minderheit der studierenden Jugend. Aber das thut ihrer Macht im Leben keinen Eintrag, kommt ihr eher zu Nutze. Die weltliche Verfeineruug, deren Aufwand den Eintritt ins Korps erschwert, ist auch ein bewährtes Mittel der jesuitischen Ausbildung, und je enger der Keil zusammengehalten wird, desto sicherer dient er dem Zweck der praktischen Ausnützung im Leben. Früher suchte sich der Student seine Verbindungen nach dem Zufall der Neigung und des Herkommens. Aber jetzt ist, wie das Studium selbst immer mehr auf den weltlichen Erfolg gerichtet wird, sogar die Lust und Laune des jugendlichen Uebermuts in diesen Dienst gestellt. Es ist eine bekannte Thatsache, daß neuerdings die jungen Leute ihre Korpsverbindungen mit Rücksicht auf ihre spätere Beamten- Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. II. II — 178 — stellung hin wählen, und daß die Elten: dafür die drückendsten Geldopfer bringen, weil man ihnen sagt, daß die damit in der Zukunft gesicherte Gunst die schweren Auslagen am sichersten wieder einbringen werde. Das ist ein öffentliches Geheimnis, welches an jeder Universität besprochen wird, uud die Sache selbst könnte sich nicht erhalten, wenn es sich nicht bewährte, daß viele hohe Beamte in der Förderung von Stellenberechtigten danach fragen, ob der Bewerber einem Korps nnd welchem er angehört hat, oder vielmehr noch angehört, da ja die Mitgliedschaft jetzt durch das ganze Leben bis ins hohe Alter fortgesetzt und durch Veranstaltungen in Kraft erhalten wird. Wollte man diese Analogie mit der welthistorischen Stiftung Loyolas wörtlich nehmen, so würde man natürlich der Übertreibung beschuldigt. Die Unterschiede der Grundbedingungen und der tragenden Kräfte sind so ungeheuer groß, daß es lächerlich wäre, erst mit deren Auszählung anzufangen. Aber eine Ähnlichkeit des Bestrebens uud des Sinnes, ja sogar des thatsächlich Erreichten ist doch vorhanden. Rechne man noch hinzu, was zur Ergänzung des Werkes der Militarismus im engeren Sinne des Wortes thnt, wie der Reservelieutenant mit dem Korpsburschen parallel geht und hier abermals Unterwerfung unter einen und denselben strengen Geist, äußere Haltung und Kameradschaft durch alle Sphären des Lebens ineinander greifen; wie dem Ganzen ein gewisses Ideal, eine Art weltliche Kirche voll Glanz und Allmacht vorangestellt wird' so bleibt Stoff genug, um über die Analogie der Absichten und der Mittel — aber auch über das Ende solchen Entwicklungsganges nachdenklich zu werden. Man braucht den Kern der Ideen, welchen Treitschkes Geschichtsschreibung dienen soll, nicht lange zu suchen. Das preußische Königtum in seiner persönlichen Verkörperung — 179 — tritt uns hier als das einzige und unfehlbare Heil des deutschen Volkes entgegen. Die ganze deutsche Geschichte dient lediglich zum Beweise dieser dogmatischen Wahrheit, deren Unfehlbarkeit in den kleinsten Zügen an Frennd und Feind bewiesen wird, und deren Nutzanwendung darauf hinweist, wie auch die Zukunft diesem unangreifbaren Dogma angepaßt werden müsse. Die persönliche Entwicklung des Verfassers liefert den einfachen und unwiderleglichen Nachweis dafür, daß mit dieser Schilderung sein Gedanke richtig gekennzeichnet ist. Aus dem Publizisten, der im Bunde mit den deutschen Liberaleu der fünfziger und sechziger Jahre in dem preußischen Staat das unter den obwaltenden Umstäudeu allein gegebene Werkzeug für die Herstellung eines geeinten modernen deutschen Staatswesens erblickte, ist der Mystiker geworden, welcher den in der Tagespolitik seiner Sinnesweise entsprechenden Platz nur noch im Schatten der Kreuzzeitungspartei zn finden weiß. Es ist kein Geheimniß, daß sein Austritt aus der Redaktion der von ihm begründeten „Preußischen Jahrbücher" sich damit erklärt, daß Verleger und Mitarbeiter sich weigerten, dieselben zu einem Organ der Kreuzzeitungspartei zu machen; und das jüngst erfolgte persönliche Auftreten in einer Berliner Wahlversammlung zu Gunsten eines scharf ausgeprägten Vertreters derselben Partei entspringt, ebenso wie der Inhalt der bei diesem Anlaß gehaltenen Rede, dem inneren Bedürfnis, jeden Zweifel nach außen zu beseitigen. Wir haben es also fortan mit einer geschichtlichen Richtung zu thun, welche schlechthin in den ultraorthodox-lutherisch-monarchisch-absolutistischen Mystizismus mündet. Da Treitschke eine durch uud durch militirende Natur ist, so entspricht es gewiß seinem eigenen Sinn, daß sein persönlicher Entwicklungsgang zur Beurteilung seines iL* — 180 — Werkes mit hereingezogen wird. Wir müssen uns überhaupt glücklich schätzen, wenn wir einen solchen unfehlbaren Schlüssel für deu Ausgangspunkt eines urteilenden Zeugen auffinden können. Wie viel besser stünde es nur unser gestimmtes historisches Wissen, wenn uns viele dergleichen untrügliche Einblicke in die Geisteswerkstätte der alteren Autoritäten vergönnt wären! Aber noch ganz Anderes fällt hier ins Gewicht, als das menschlich subjektive Verhalten des Künstlers zu seiuer Schöpfung. An derselben Stelle nistet zugleich der unüberwindliche Widerspruch zwischen dem behandelten Stoff und seiner Behandlung; hier sitzt das Uebel, an welchem sich das Krankhafte nachweisen läßt. Es ist schon recht schwer, man könnte, wenn in der Psychologie das Wort nicht ausgeschlossen? wäre, sageu unmöglich, zu begreifen, wie ein Mann von solchen Gaben, und im Besitz eines solchen Materials, das er — so anschaulich gruppirt — auf seiner kritischen Tenne dnrchwürfelt unter den Händen hat, zu einem so wunderlich dürftigen Schluß kommen mag; wie er an der ultima Thnle landen kann, wo die ganze moderne Entwicklung des deutschen Volkes, und aller auderen Völker, nachträglich sür totgeboren erklärt wird. Vom Staudpunkt der alteu Kreuzzeituugs- partei ist diese Negation, dieser harte Widerstand konsequent. Sie erkennt eigentlich nichts in dem Gewordenen an, weil sie das Werden selbst von Anbeginn verworfen hat, und heute noch verwürfe sie das Gewordene, wenn sie es vermöchte. Wo sie sich mit den Thatsachen abfindet, ist es nur um der Unabänderlichkeit willen, hie und da iveil man gute Mieue zum bösen Spiel machen muß; sauersüß bleibt die Miene doch. Wer an öffentlichen Staatsfeiertagen durch die Straßen Berlins wandert und von diesem oder jeneni Hause statt der drei Reichsfarbeu die schwarz-weiße Fahne — 181 — herausraaen sieht, kann sich sagen, das; dahinter jener korrekte Standpunkt wohnt, welchem eigentlich lieber wäre, es wäre in den letzten fünfundzwanzig Jahren überhaupt nichts geändert wordeu. Eine Auwaudlung von dieser Stimmung brachte auch bekanntlich König Wilhelm I. noch in den Prunksaal von Versailles mit, wo er zum Kaiser ausgerufen ward, und es ift wohl zeitlebens ein Niederschlag davon in seinem Gemüt zurückgeblieben. Daran, daß die kleine aber mächtige Zahl der Verehrer des absoluten preußischen Königtums heute gelegentlich auch mit der deutsch-natioualen Losuug um sich wirft, braucht man sich nicht zn stoßen. Seitdem Fürst Bismarck ihnen das agrarische Thor zu seinem Herzen so sperreweit wieder geöffnet hat, haben sie mit dem nationalen Beiwerk so glänzende Geschäfte gemacht, daß es ihnen auf eiue Wagenladung großer Worte mehr oder weuiger uicht anzukommen braucht. Äber wer die deutsche Geschichte der letzten achtzig Jahre schreibt und, trotz aller schließlich eingenommenen extremen Parteistellung, uicht um zu zeigen, daß alles schief gegangen und mißraten ist, nicht um zu zeigen, daß besser überhaupt nichts geschehen wäre: wer vielmehr umgekehrt als letztes ganz vernünftiges Postulat die Freude am Vaterland, wie es geworden, aufpflanzt; wer die ganze Kette der kleinen nnd großen Evolutionen forschend und prüsend durch die Finger lausen ließ, um zu zeigen, ivie alles uud jedes gekommen ist, — der kann doch unmöglich dies alles mühevoll nnd in einem gewissen Sinne mich liebevoll zustande gebracht haben, um zu dem Schluß zu gelangen, daß das zuletzt als vernünftig begrüßte Endergebnis und die zur gerechten Freude auffordernde Gestaltung der Dinge aus lauter Unvernunft hervorgegangen sei. Denn wozu wäre denn die Vernunft da, wenn das alles lediglich mit Hilfe der puren Unvernunft zustande gekommen wäre? Wer — 182 — dem Faden dieser Erzählung folgt, dem bleibt nicht einmal die Zuflucht, welche Schiller seinen Hörern als letzte eröffnet' „So lange das Schicksal über so viel Begebenheiten den besten Aufschluß noch zurückhält, erklärt er Zärtlichkeit; käme er aber aus einem 'Straßenkampf mit zerschossenem Glied nach Hause, so würde er von seiner Ehehälfte mir Scheltworten empfangen. Meint Herr von Treitschke, Bismark hätte damit sagen wollen, die Frau habe kraft tiefen Nachdenkens sich für soldatische Königstreue und gegen das Recht der Revolution entschieden? Alle großen Triebe, welche die Massen in selbstlose Bewegung setzen, wurzeln im Gemüthe, d. h. im Idealismus, noch viel stärker als die, welche im einzelnen Menschen den Ausschlag geben. Denn schon das Bindemittel, welches den einzelnen über sich selbst hinaushebt und zum Geineingefühl mit der Gesammtheit fortreißt, kann nicht dem analysierenden Verstand entspringen .Ein Skeptiker hat einmal den Ausspruch gethan' „Mit klugen Leuten stürmt man keine Schanzen". Der beißenden Form entkleidet heißt das so viel wie.' mit der Klugheit allein geht niemand in den Tod für ein höheres Ziel, für eine Idee; nnd für den König doch auch sicher nicht, weil derselbe ein Mensch, sondern weil er eine Idee ist. Die Verspottung des Idealismus ist am meisten vom Standpunkt des hingebenden Royalismus aus selbstmörderisch. Nicht umsonst lieben Thron und Altar zusammenzustehen. Die Königstreue^ die nicht eine Art Religion ist, muß gerade ihren überzeugten Aposteln besonders verdächtig sein; sie sinkt auf die Stufe der orleauistischen und kvburgischen Monarchie der dreißiger Jahre hinab, die ihnen verwerflich erscheint, Ludwig Bombcrzer's Ges. Schriften. II. — 194 — weil sie keinen höheren Anspruch erhebt, als den „die beste der Republiken" zu sein. Der Freiheitstrieb, aus welchem die politische Bewegung des deutschen Bürgerthums zunächst im Südwesten hervorging, war uicht ausländischen Ursprungs. Die Bewegung der dreißiger Jahre knüpft ohne Unterbrechung an die der Befreiungskriege und der Burschenschaft au. Viele ihrer Führer entstammen jener Verbindimg, auch der obengenannte Weidig. Aber die Lust entfachte sich neu an den Erlebnissen in der Nachbarschaft, und es ist undenkbar, daß sie sich entfacht hätte ohne einen Zug großmütiger Sympathie mit den Menschen, welche dranßen diese Ideen vertraten. Lief Kritiklosigkeit dabei mit unter, so war sie unentbehrlich. Mit der kalten und sogar falschen Kritik, welche Treitschke nachträglich zur alleinigen Methode erhebt, wäre an ein Erwachen überhaupt uicht zu deuten gewesen. Selbst eine gewisse heilige „Jugendeselei" gereicht bekanntlich den Menschen eher zur Zierde als altkluge Engherzigkeit. Aber es war keine Jugendeselei. Auch ist es falsch, eine undeutsche Richtung dabei für vorherrschend zn erklären. Das selbständig Deutsche tritt in der Mehrzahl der Reden und Schriften der Epoche hervor. Die Nachahmung der Formen und Stichworte, welche die Julirevolution geliefert hatte, lag in der Luft, und nur aus dem, was in der Luft liegt, kann Bewegung in die Massen kommen. Mit Rezepten aus der Apotheke und selbst mit Lehrbüchern läßt sich das nicht machen. Aus den veränderten Voraussetzungen nnd Maßstäben entstanden Mißverhältnisse, die zu Verzerrungen und zu Mißerfolgen führten. Aber schließlich konnten die Dinge auf gar keine andere Weise ins Rutschen kommen, und nur auf diese Weise sind die ersten Anläufe gegen den elenden kleinen Polizeistaat zustande gekommen, mit dem wir noch — 195 — heutigen Tags nicht ganz aufgeräumt haben. Auch der Rotteck-Welckerschen Verfassungsseligkcit kann man den Vorwurf uicht ersparen, der gerade in ihrer Aehnlichkeit mit der Propaganda Treitschkes liegt. Auch jene verfaßten Geschichts- werke und Staatswörterbücher im Geist uud im Dienst einer einseitig ausgeprägten Staatslehre. Aber sie waren dabei mit voller Naivetät an der Arbeit, was Treitschke nicht bestreiten wird. Denn gerade diese Naivetät gewährt ihm den Anhalt zu seiner sarkastischen Behandlung, und er wird eben deshalb nicht dieselbe Entschuldigung für sich iu Anspruch nehmen. Das Staatslexikon, welches Hermann Wagener im Dienste der Kreuzzeitungspartei in die Welt entsendete, war gewiß ebenfalls einseitig, aber man wird nicht behaupten, daß der Mann zu den Naiven gehörte, so weuig wie Treitschke, der mit größerem Jngeniuni und mit größeren Mitteln denselben Weg verfolgt. Naive Einseitigkeit kann sich ins Überschwengliches versteigen, welches die Ironie herausfordert; aber gewollter Paroxismus treibt zur Verzerrung, welche abstößt. Man wird schwerlich in der Rotteck-Welckerschen Litteratur einem Ausspruch begeguen wie dem Seitenhieb, welchen dieser vierte Band einmal gegen den Geist der Berliner Bevölkerung damit zu führen fucht, daß er u. a. ihr verbildetes Wesen aus der frühen Bekanntschaft mit ausländischen Affen in den Menagerien, „wo sie sich ihrer eigenen Affenähnlichkeit bewußt werden", und aus ihrer Unbelanutschaft mit deutschen Rinderherden ableitet. Beiläufig gesagt! heute sind in dem Berliner Viehhof wohl mehr deutsche Rinder zusammen, als iu irgend einem Dorfe Pommerns oder Preußens. Gleichen Kalibers ist u. a. der Ausspruch, daß die Rheinländer mit deutscher Treue an ihrer französischen Gesetzgebung hingen. War doch diese Anhänglichkeit schon groß, als noch kein halbes Menschenalter der Treue die Zeit des Entstehens gelassen 13* — 196 — haben konnte, und sie wurzelte, wie jeder in dieser Atmosphäre Großgewordene weiß, in ganz anderen Bewandtnissen.*) Wer wüßte nicht, wie viel Geschmack, guter uud schlechter, an französischen Dingen in Deutschland geherrscht hat und sogar noch herrscht, seit Jahrhunderten bis znr heutigen Bühnen- nnd Romanlitteratur, nicht am wenigsten genährt und gefördert von deutschen Fürsten nnd Adelsgeschlechtern. Aber gerade die liberale Bewegung der dreißiger Jahre ist weder aus der Schwäche sür das Fremde, noch aus dem Brudersinn für die Fremden hervorgegangen, sondern aus dem inneren Drang der gebildeten deutschen Welt. Der französische Konstitutionalismus der Juli- monarchie war einfach die Formel, welche das europäische Festlaud sich aus der Uebernahme des englischen Vorbildes nach seinen anders gearteten Grundlagen znrecht gelegt hatte, und in dieser Form ergriff der neue Geist alle westlichen Nationen, den südwestlichen Teil Deutschlands nm so mehr, als er iu seiuer eigenen Geschichte gar keinen Anhalt für einen Umschwung in neue Wege vorsand. Denn daß die altwürttembergische Stände- und Schreiberopposition nicht dazu gemacht war, hat die Erfahrung gelehrt und giebt auch Treitschke zu. Was an diesem rationalistischen Verfassungsdoktrinarismus iu allen seineu Spielarten gut oder schlecht war, kann eine offene Frage bleiben und ist in einem gewissem Maße noch heute eine ungelöste Frage. Die gebildeten Klassen des westlichen Europas hatten gar keinen anderen Weg als durch diese Evolution, denn nur diese bot ihnen die Geschichte dar. Das sollte ein Historiker, wenn er nicht Pamphletist sein will, nicht verkennen, d. h. verspotten. Wenn die Libe- Ich selbst habe schon vor dreißig Jahren eine Studie darüber geliefert, „Die Französelci am Rhein, wie sie kam und wie sie ging" (Demokratische Studien, Hamburg 1861). — 197 — raten nach Paris sahen, so geschah es, weil damals die nationalen Gegensätze nicht in Frage standen und alle Augen dahin gerichtet waren, wo das Experiment vorbildlich zum Dnrchbruch kam. Die Liberalen im Südwesten Deutschlands verfolgten die smnzösischen Kammerverhandlungen und Partei- tämpfe mit dem Solidaritätsgefühleigener geistiger Interessen. Vielleicht interessiert es Treitschte und kann er es verwerten, das; der erste Vizepräsident des jüngsten sogenannten Kartellreichstages, Herr Buhl, in der Taufe den undeutschen Vornamen Armand erhielt zum Andenken an Armand Carrel, deu drei Jahre vorher im Duell gebliebenen radikalen Redakteur des Journals „I^s Natiorig,!." Die ganze ununterbrochene Reihe der deutschen Entwicklung, welche mit den Befreiungskriegen anhebt, 1830 und 1848 in neuen Wendepunkten neue Lebenskraft gewann und 1866 und 1870 ihren großen Abschluß fand, ist nicht als eine Episode der Entartung, sondern als eine legitime Geschlechtsfolge zu verstehen. Auch ist es falsch, daß das Eintreten des preußischen Staates in diese Entwicklung uuabhängig von den Vorgängen des Südens gekommen wäre. Der Zollverein allein hat es nicht gemacht. Während unter Friedrich Wilhelms III. patriarchalischer Herrschaft jede äußere Regung in Preußen erstarrt war (die absolutistische Schönseligkeit sagt: aus zarter Rücksicht für den greisen König, aber ohne Gegenseitigkeit) lebte der Norden im Geiste mit den liberalen Kämpfern des Südens uud Westens, wie auch die Rheinländer und Westfalen nachher an die Spitze der liberalen Bewegung in Preußen traten. Den berechtigten Grundzug aller dieser Erscheinungen in der Politik zu übersehen, ist ebenso falsch, wie es falsch ist, die gleichzeitige unter dem „Jungen Deutschland" zusammengefaßte philosophisch-litteransche Be- — 198 — wegung der Geister parallel mit der politischen unter den Eindruck eines herabwürdigenden Gesammtnrteils zu stellen, freilich beides in konsequenter Verfolgung derselben Absicht, III. Professor Theobald Ziegler in Straßbmg hat in diesen Blättern") die Behandlung, welche dein großen deutschen Gelehrten David Friedrich Strauß von Treitschke zuteil geworden ist, zum Gegenstand einer besonderen Abwehr gemacht. Schon aus Anlaß der vorausgegangenen Bände haben andere Fachmänner, wie Baumgarten und Stern, sich gegen eine Reihe einzelner Darstellungen auf Grund kritischer und thatsächlicher Einwürfe erhoben. Mit der gegenwärtigen Besprechung ist weder die Möglichkeit noch der Anspruch verbunden, nach solchem Vorbild an die Charakteristik des gesamten in diesem Bande verarbeiteten Materials zu gehen. Sie muß sich begnügen, den Geist der Darstellung zu schildern und aus dem Gesammteindruck hie und da etwas herauszuheben, ums eiu besonders scharfes Licht auf die Eigenart des Verfassers nnd seine Leistung wirft. Gerade zunächst als Ergänzung der von Ziegler im einzelnen nachgewiesenen Irrtümer und Widersprüche bleibt hier noch der leitende Grundgedanke zu kennzeichnen, aus dem sich Treitschkes ablehnende und selbst in Geringschätzung verfallende Haltnng einem Manne gegenüber erklärt, welcher in der Wissenschaft und in der geistige,! Bewegung seiner Zeitgenossen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hohe Verehrung genossen hat. Diese Haltnng liefert uns eben den Schlüssel zn dem ganzen Kapitel, Nr. 16 der „Nation" vom 18. Januar 1390. — 199 — welches vom jungen Deutschland und der philosophischen Richtung seiner Zeit handelt. Strauß muß hier als der vornehmste Repräsentant einer Weltanschauung herhalten, welche zu dem System Treitschke nicht paßt und deshalb wie alles, was ihm uicht paßt, als undeutsch der Verdammnis überliefert wird. Ziegler bemerkt selbst mit Recht,- daß über Treitschkes eigener philosophischer Ueberzeugung ein uicht leicht zu durchdringender Schleier ruht. Es kommt anch bei ihm weniger als bei irgend einem anderen Denker darauf an, diesen Schleier zu lüfteu. Denn nach seiner ganzen Absicht lehrt er weniger um zu sagen, wie die Dinge sind, als um dahin zu wirken, wie sie werden sollen. Die furchtlose Kritik, welche gerade der hervorstechende Zug der deutschen Philosophie ist, paßt daher am allerwenigsten in sein System, und sie hindert ihn am meisten, wo sie, wie in der neuhcgelschen Zeit, sich ins litterarische und politische Leben hinüberspielte, oder da, wo sie, wie in dem letzten größeren Werk von Strauß den theoretischen Versuch machte, eine Brücke zum Leben hinüber zu schlagen. Den Engländern spricht Treitschke an einer Stelle den spekulativen Sinn ab. Man kann das, Wiesedes schlechthinabsprechendeUrteil,dahingestellt sein lassen; aber soviel kann man ihm gerne zugeben, daß unter den neueren keine Nation mehr die Begabung zur spekulativen Vertiesuug gezeigt hat, als die deutsche. Daher ist auch die von dieser deutschen Philosophie seit Kant entwickelte Kritik wirksamer als alle vorausgegangene und gleichzeitige gewesen. Die Deutschen haben eben wegen der ernsten Vertiefung in die Abstraktion, zu der sie veranlagt siud, die glaubensfreiste Bildung der modernen Welt. Alle Kuuststückchen, an Goethe herumzudeuteln, um ihn für fromme Zwecke auszustaffieren, scheitern an zahllosen positiven Aeußerungen seiner Poesie und Prosa in Schrist und Leben; und es giebt, ihn inbegriffen, in keinem Volk eine — 200 — klassische Litteramr, welche so ganz auf dem Boden der -geistigen Freiheit steht, wie die deutsche. Desgleichen hat keine Nation unter den neueren eine so stattliche Folgenreihe philosophischer Schulen, die ganz auf dein unabhängigen Denken beruhen. Was siud Schuleu, was sind Systeme? Das Wichtigste ist die inuere Freiheit, uud diese ist das Charakteristische uud das Bleibende an allen Schulen, die von Kant bis Schopenhauer einander abgelöst nnd auch einander befehdet hcibeu. Der „französische Atheismus", mit dem Treitschte Schreckeu erregen will, ist dauebeu uur eiue Bogelscheuche. Er hat nicht einmal in der Zeit seiner größten Macht die ganze Eneyklopädistengescllschaft beherrscht. Es wird wohl fchwerlich. je gelingen, der gebildeten deutschen Gesellschaft die englische Kirchlichkeit mit chrem Oant oder die Verbindung von Voltairiauismus mit t'atholisireudem Ooinrns-il-kaut, beizubringen. Darin haben nur ^um Glück die Vorzüge unserer Fehler. Auch Treitschte, so sehr er das Bedürfnis fühlen mag, kennt doch seine Deutschen zn gm, um nach der positiven Seite hin stark ins Zeug ;u gehen. Einige lhevsophische und mystische Andeutungen sind hie und da eingestreut. So z. B. heißt es eben von Strauß, als dem scharfsiuuigen Theologen, der vom Wesen der Religion keine Ahnung gehabt habe! „er begriff auch niemals, daß die Idee des Gottmenschen in einem eingeborenen, unausrottbaren Drange unserer Seele wurzelt und also eine Forderung der praktischen Vernunft ist." Wenn Treitschke recht hat, und darin hat er einmal recht, daß die ganze geistige Bewegung des jnngen Deutschland sich vor allem auf deu Einfluß der Juughegeliauer ,mrückführen läßt, so bleibt hier wenigstens kein Raum für den Vorwurf der Nachahmung der Ausläuder uud für die „Fremdbrüderlichkeit." Weder Hegel uoch seine Schüler — W1 — haben etwas aus der Fremde genommen. Ter Schwabe Hegel schöpfte ganz aus dem Keim seines eigenen Wesens wie der Schwabe Strauß. Zu der Philosophie siud die Deutschen nicht Schüler, sondern Lehrer des Auslandes gewesen, etwa von England und Schottland abgesehen. Franzosen und Italiener haben aus deutschen Quellen geschöpft mm Hegel bis Schopenhauer. Ist also auf diesem Gebiet die Anklage der Nachäfferei nicht einmal dem Schein nach aufrecht zu erhalten, so liegt die innere Notwendigkeit, welcher die Bewegung des jungen Deutschland entsprang, sonnenklar zu Tage. Diese hatte die Ausgabe, zu vermitteln zwischen einerseits der menschlichen und andererseits der staatlichen und gesellschaftlichen Bildung der Nation, aus ersterer die Konsequenzen zu ziehen für letzlere. Was unsere klassische Epoche in den Kopsen ausgereift hatte, das mußte die folgeude ins Leben hinüberführen. Dementsprechend fällt der Wendepunkt gerade mit Goethes Tod zusammen. Ueber den dem Staat und der sogenannten nationalen Idee abgewandteu Sinn der klassischen Epoche ist so viel verhandelt worden, daß man heute keiu Wort mehr darüber zu verlieren braucht. Wenn dieser Sinn in der Zwischenzeit der dreißiger oder vierziger Jahre auch seine herbe Kritik erfahren hat, fo sind wir längst zur gerechteren Erkenntnis zurückgekehrt, und jene Herbigkeit erklärt sich aus den ersten heftigen Ansätzen des Umschlags. Gerade der von Treitschke bestgeschmähte Heine hat die Angriffe auf Goethes Olympiertum stets mit wahrer Empörung zurückgewiesen, was natürlich Treitschke verschweigt. Heine stand an Geisteshöhe und Freiheit Goethe unendlich viel näher als Treitschke. Selbst die Verflachung, welche eine ins Leben hinüberführende litterarifche Richtung anuahm, war unvermeidlich. Treitschke meint, heute lese niemand mehr die Schristen des jungen Deutschland. Man — 202 — wird wohl die Frage offen lassen dürfen, wer nach fünfzig Jahren noch die Werke Heinrichs v. Treitschkc lesen wird. Aber Heine lebt - noch so sehr, daß noch heute, fünfzig Jahre nach seiner Glanzzeit, die größten Anstrengungen gemacht werden, nm die Errichtung seines Denkmals zu bekämpfen. Es ist abzuwarten, ob Treitschke im folgenden Bande dazu kommen wird, die politische Wendung der Jahre 1866 und 1870 von den Ereignissen des Jahres 1848 gänzlich loszulösen nnd damit selbst die Aktion Bismarcks in ihrem Anknüpfungspunkt zu verleugnen. Wer das aber nicht fertig bringt, wird zugeben, daß ein erster Anlauf zu einem großen, politisch zivilisierten Deutschland ohne eine unmittelbar vorausgegangene philosophische und literarische Gahrnng gar nicht denkbar war. Daraus erklärt sich, warum die Professoren- und Litteratenivelt so stark im Frankfurter Parlament vertreten war, daß sie ihm, auch zu seinem Unglück, ihr Gepräge gab. Wenn man noch in Betracht zieht, daß zwischen der Periode klassischen Stilllebens und der des jungen Deutschland eine Zeit der Romantik fällt, welche aus der Stille iu die Dämmerung geführt hatte, so springt erst recht deutlich in die Augen, daß die Anregung, welche von den Neuhegelianern, von Arnold Rüge, Ludwig Feuerbach, Bruno und Edgar Bauer u. a. ausging, die Zensurkämpse der Halleschen Jahrbücher und des Leipziger Litteratenstammes den Sauerteig zur späteren Umgestaltung Deutschlands geliefert haben. Aber auch das soll alles nur äußere fremde Mache sein. Was zur Herabwürdigung der kleinen Verfassungskämpfe noch neben den Franzosen fehlte, die unentbehrlichen Juden, hier finden sie sich. Zwar mit aller Anstrengung kann Treitschke im Verlaus eiues ganzen Menschenalters — 203 — deren nur fünf auftreiben, um zu zeigen, wie sie das große Deutschland verderbt haben. Aber dies einräumend, setzt er zn seiner Rechtfertigung wohlweislich hinzu, es sei ja bekannt, wie die Juden sich in ihrer Wirkung verzehnfachen tonnten; wo ein paar zusammeustäuden, machten sie den Eindruck eiucs großen Hanfens. Nach .Offenbarung dieser tiefen geschichtsphilosophischen Wahrheit zählt er die füns anch ans: Rahel, Börne, Heine, Eduard Gans und wunderbarer Weise den Verleger Zacharias Löwenthal in Mannheim. Solche Ehre hätte der ante Mann bei Lebzeiten sich nicht träumen lassen. Er hat unter einem, noch von ihm veränderten Namen (so wenig glaubte er an seine Unsterblichkeit) ein Geschlecht hinterlassen, welches in den Reihen der christlich-deutschen Wissenschaft eine ehrenvolle Stelle behauptet. Zum Christentum übergetreten waren übrigens alle fünf schon zur Zeit, als ihre unheilvolle Wirksamkeit begann. Damit ist der Beweis geliefert, daß sich das Antisemitentnm nur auf die Rassenthrorie nnd nicht auf die Religiou zurückziehen kann. Ohne ein genealogisches Reichsstammbaumsamt wird demnach die große Reform der Zukunft uicht durchzuführen sein, und man darf sich einstweilen ans die heiteren Enthüllungen freuen, mit welchen manches hochansehnliche Geschlecht beglückt werdeil wird. Irgendwo im Verlauf seiner Erzählung hat der Geschichtsschreiber noch deu sechsten Juden ausgetrieben. Bei etlichen Stuttgarter Unruhen wird der jüdische elsasser Bierbrauer Denninger aufgeführt. Dem Maun ist Unrecht geschehen, und Treitschke in seiner peinlichen Gewissenhaftigkeit wird das sicherlich gut zu machen wünschen. Die von dem Stuttgarter Standesamt erteilte Auskunft lantet wörtlich: „Joh. Jakob Denninger, evangelisch, Bierbrauer aus Schiltigheim bei Straßburg, geboren 21. April 1787, gestorben 28. April 1860, Sohn des Partiknlier — 204 — Demiinger, evangelisch, und einer gleichfalls evangelischen Mutter/' Was aber hat Rahel verbrochen? Ihr kann doch wohl nicht das vorgeworfen werden, ums Treitschke und seine Freunde dem jüdischen Einfluß zuschreiben' zersetzendes skeptisches Verhalten zu den höchsten Dingen. Niemals schlug ein Herz wärmer für das Schone, Wahre und Gute. Oder fühlte sie sich nicht als Deutsche? Sie, die preußische Patriotin, deren Briese aus dem Jahre 1813 solch eine glühende Begeisterung, solches Glück über die Wiedererstehung ihres Laudes atmen? Sie, die kranke Soldaten pflegte, mit hundert Händen hals uud heilte? Sie, die bei der Nachricht, daß der von ihr angebetete Fichte gestorben, sich schämte, daß sie am Leben geblieben war? Was konnte nun Treitschke veranlassen, nachdem er sie halbwegs glimpflich behandelt, zu ihrer Herabwürdigung aus eiuem Brief Arnold Ruges, ohne jegliche Verwahrung, eine Stelle abzudrucken, wo dieser sagU „die Rahel, das eklige Mensch." Wenn er das nicht that, um sein Wohlgefallen daran auszudrücken, warum denn? Hat ein Wort, das in einem Privatbrief hingeworfen, nicht entfernt zur Öffentlichkeit bestimmt, wenn es so unpassend ist, seinen Platz in einem Geschichtswerk? Rüge hätte sich gehütet, es drucken zu lassen. Er hatte eine lose Znnge, die im Briefschreiben und im Reden die Schimpfworte lachend umherwars. Seinen besten Freund tonnte er gelegentlich ein Pferd nennen. Es war ein polternder, aber gutmütiger Schulmeisterhumor. Ich erinnere mich, daß er einmal, als die Rede auf Renan kam, ausriesi „Der? der ist ja noch abergläubischer als Strauß." Als ich seine Briefe an mich für die Veröffentlichung hergab, habe ich mich gehütet, alle Personennamen stehenzulassen. Und was meint Treitschke von dem, was in denselben Briefen, denen er die häßliche — 205 — Stelle über die Rahel schmunzelnd entnimmt, über ihn selbst gesagt wird? Er hat es doch ivvhl auch gelesen und wird der Ansicht sein, daß es nicht schön wäre, es als Zitat drucken zn lassen. Die Verletzung aller Ehrbarkeit ist um so größer, als Rahel niemals durch unweibliches Hervortreten die Kritik herausgefordert hat. Sie hat nichts drucken lassen. Erst nach ihrem Tode erfuhr die Welt von ihr und von dem, was sie ihren Freunden in ihrem heiligen Ernst anvertraut hatte. Mag Treitschke Bettina höher stellen, das ist Geschmackssache. In diesem Punkt züchtiger Weiblichkeit kann sie nicht den Vorrang beanspruchen. Es ist aber freilich im Wesen Rahels etwas, das wie eine um lange Jahre vorausgegangene Verurteilung Treitschkes verstanden werden uud seiue besondere Antipathie erwecken kann. Klingt es nicht wie au seine Adresse gerichtet, wenn sie schreibt' „Man sollte sich wirklich alles von seinen Landslcuten gesallen lassen! denn je mehr sie uns tadeln und verfolgen, je mehr man in Disharmonie mit ihnen ist, je gewisser ist es, daß man auf sie gewirkt hat." Oder ein andermal: „Großer Gott, was ist cS leicht und natürlich, sein Vaterland zu lieben, wenn es einen nur ein bischen wieder liebt! Man thut es ja schon ohne Gegenliebe." Oder: „Geschichte ist in närrischen Händen sehr schädlich. . . . Sollten Männer wie.......nicht selbst wissen, Ivo der dunkle Punkt in ihren neuesten Schriften ist, über welchen sie wegsetzen und willkürlich vorauszusetzen anfangen? Sie machen einen selbst schwanken zwischen dem Zweifel an der Schärfe ihrer Einsicht oder dcni an ihrer Redlichkeit: man weiß nicht, welche mcn^ von beiden beleidigen soll." Und zum Schluß noch dieses: „Was mich empört, ist diese Klasse, die mit Prätention sittlich!!! sind. Dies hebt alles auf, geradezu auf, was nur so genannt werden — L06 - kann, — und nichts anderes, ich kann cs zum Himmel schwören, ist meiner Seele so zuwider/' Eben diese der Rahel so widerwärtige sittliche Prätention erklärt aber auch die innere Willigkeit des Ketzergerichts, dein Heine sowohl als geborener, wie als getaufter Jude verfällt, „Er wurde dem Glauben seines Volkes abtrünnig", heißt es vorwurfsvoll. Gerade das, worin Treitschke und Heine sich ähneln uud das, worin sie sich von einander unterscheiden, flößt den ersteren ab. Heine ist noch ein viel größerer Virtuos als Treitschke in der Kunst, die, welche er nicht mag, als schlecht und lächerlich hinzustellen. Aber er spottet und schmäht lachend, er trauert nicht pathetisch, er geht nicht aus turmhohen Stelzen einher als ein Gesalbter des Herrn, der von der Erhabenheit seines sittlichen Thrones herab zn Gerichte sitzt über die Lebenden und die Toten. Er ist menschlich, oft „menschlich ordinär", wie er es einmal ausdrückt. Män kann nicht von ihm sagen ricleiräo c-g-st-iZat Mores, denn es kommt ihm auf die mores weiter nicht an, aber es wandelt ihn auch nicht entfernt an, sich für einen Sittenrichter auszugeben und jemanden darüber in Zweifel zu lassen; er macht sich nicht besser als er die andern macht; und darum ist er, der Cyniker, eigentlich besser als der Tligendbold, welcher sich mit feierlichem Ernst in seinem Spiegel bewundert. Ueber des Dichters Ruhm zu streiteil ist einfach überflüssig. Er hat sich mit unauslöschlichen Zügen in das Buch der deutschen Litteratur und der deutschen Sprache eingeschrieben, und es war keine Ueber- treibnng, wenn er von sich sagte: „nennt man die besten Namen, so wird auch der meine genannt." Noch heute, nach länger als einem halben Jahrhundert, werden seine Lieder gesungen und gesprochen, seine Verse zitiert so weit die deutsche Zunge klingt. Aus seinem eigenen Born hat — 207 — er den Schatz der deutschen Sprache bereichert und Formen der Dichtung eingebürgert, die weiter wirken bis auf diesen Tag. Nichts ist darin ans fremdländischen Elementen entnommen. Und nichts ist komischer als wenn Treitschke sagt, daß den Juden das deutsche Sprachgefühl abgehe. Das kommt ungefähr aus die Geschichte jener Hamburger Dame hinaus, die, als die Schauspielerin Rachel in Raeines Britanniens auftrat, klug bemerkte! „Man hört aus ihrem Französisch doch die Jüdin heraus, denn sie sagt Kapitol statt Kapital." Es gehört zu Treitschkes kleinen Künsten, daß er solche Gickchen und Gackchen austüftelt, die er als tiefe und feststehende Bemerkungen wie etwas Selbstverständliches einfließen läßt. So soll man an dem jungen schönen Herzog von Orleans, als er am Berliner Hofe erschien, die ganze Erscheinung bewundert, aber alsbald den falschen Zug der Familie Orleans erkannt haben. Von dieser allgemeinen physionomischen Thatsache als einer notorischen hört man in diesem Geschichtswerke znm ersten Male. In hundert ähnlichen Kunststückchen, ans Zufällen herausgegriffenen Zitaten, wiederholt sich dies Spiel. Ich habe vor langen Jahren bei Besprechung seines Bonapartismus einmal erzählt, welche komische Geschichte ihm mit dem ernstgenommenen Straßenwitzwort' 8i?s>ris g-vait, '.ms (üs.uusbisrs iu1zrerr8s zzs.res^v.'sI1s S3t> trss-clistinAuss, o's8t oells ciss uominss cl'un Avüt 8ir>An1isrsiusrlt trri, 6s1isat^ cliKisile, c^rri orlt, tout 1u, c^ui 3g.vsnt toutss OÜosss st) c^ui n'ssriverit risir prssc^us risu parss c^ris 1s 3sv.tirQsut trs8-?it' 6s 1s, psr^estiorr 6sec>rri'aAs cls procluirs. Iis out l^osil si Lls,irvc>z?s,v.r> c^u'ils Apercoivsrit. 1s Lailzls cls torrts8 Iss i6ss8 st cls tous Is8 8t^1s8 z ausrrri pre3tiZs ris les solouit, an LÜHS i'SllomiQss US 1s8 alzu3s; Isrrr A0Üt S8t UN srikls c^ui HS 1ai88s ^>Ä88sr c^us 1s pur lrorasrrt; s's3t uns cls LS8 lzals-risss cl'uns 8SQ8i1)i1its irrllrris c^ui irs ps8SQt c^irs 1'or. 118 8vQt pars88kux, rusis surtorrt, par 6s1iss.ts88s xour us M8 prol'Äiisr par uns osuvrs insoinplsts Isur rsvs 6s psrisotivQ sxcirri8s. Bis auf die Qualifikation der Trägheit, die hier nicht zutrifft, paßt das alles genau auf Homberger. Auf große Austreugungen folgten bei ihm Unterbrechungen, Erschlaffungen. Wiederaufnahmen — der Nachlaß der hier uicht verwerteten Manuskripte ist voll von Fragmeuten, die, zum Teil weit vorangefördert, einen seltenen Reichtum von Beobachtungen und Ideen enthalten. Trotz seiner Anlage zur Meditation fühlte unser Freuud vor allem den Beruf des plastischen Gestaltens als seinen ^) Der zu früh verstorbene H, Rigcmlt. Ich gebe den französischen Text, weil es schade wäre, seine reizend feinen Wendungen in andere Ausdrücke umsetzen zu wollen. 233 — lebhaften und höher berechtigten Drang. In seinem Band Italienische Novellen (1830 in derselben Verlagshandlung wie diese Essays erschienen) legte er die Probe davon ab. Aber auch die Feinheit und Wärme seiner analysierenden Studien, seine in der Darstellung hervortretende Freude au bezeichnenden Thatsachen ist poetischer Abstammung. Den Uebergang von der synthetischen zur analytischen Geistesarbeit vermittelte in ihm der Grundzug des psychologischen Interesses. Die Beobachtung des allgemein Menschlichen und des besonders Persönlichen war die Quelle, aus der er genießend und produzierend schöpfte. Hier konnte ihn das Kleinste in Entzücken versetzen. Er tonnte über eine bezeichnende Anekdote lachen bis an die Grenze des Erstickens, über ein falsches litterarisches Urteil oder eine ungerechte Handlung in eine wahre Ekstase des Zorns geraten. Indem nun dieses starke Empfinden zusammentraf mit feinfühligem und geläutertem ästhetischem Sinn, alles unterhalten und stets neu genährt durch emsige Fortbildung in den historischen, litterarischcn, sprachlichen, ethnologischen Studien, in der praktischen Berührung mit den Zuständen der großen Kulturländer und ihrer Gesellschaft, im Verkehr mit bedeutenden Männern, namentlich Deutschen nnd Italienern, schoß ein Kern qnintesscnzieller Art zusammen. Keiner der vorliegenden Beiträge giebt davon ein sprechenderes Zeugnis als der Nekrolog auf Karl Hillebraud, der seiner Zeit in der „Nation" erschien und in diesem Band abgedruckt ist. Der Gegenstand war auch wie geschaffen, die Quelle einmal breiter fließen zu lassen. Hillebrand, mit dem Homberger in Florenz lange zusammengelebt und sich in enger Freundschaft vcrbuudeu hatte, war, trotz eines sehr verschiedenen geistigen Naturells, doch darin ihm verwandt, daß er aus dem Grund ernster deutscher Vorbildung den Ausblick in die Welt durch — 234 Assimilation mit fremder und namentlich mit romanischer Kulturform erweitert hatte. Beide begegneten sich auch darin, daß ihr höchstes Juteresse immer, auch in der Fremde, auf die deutsche Heimat gerichtet blieb und sie die deutscheu Geschicke während der Epoche des großen Umschwungs, dank ihrer intimen Bekanntschast mit Italien, im Widerspiel der dortigen Evolutionen und in vergleichender Beobachtung der unterlaufeudeu Wechselwirkungen verfolgten. An der Fehde, die sich später über das Verhalten der beiderseitigen Diplomatie im Jahre 1866 entspann, hat Hombcrger einen lebhaften nnd aktiven Teil genommen und namentlich in einigen Abhandlungen (unter anderen auch iu den „Preußischen Jahrbüchern") Beiträge zur Kritik über daS Verhalten La Marmoras geliefert, welches dieser iu seiner berühmten Schrift IIn po' piü cii wos nicht ohne Erfolg verteidigt hat. Doch von diesen politischen Arbeiten ist in die vorliegende Sammlung nichts aufgenommen worden. Dagegen bieten die vier ersten Essays über Manzoni und Azeglio eine Fundgrube von Belehrung über den inneren Znsammenhang der litterarischen nnd politischen Bewegung des modernen Italiens. Der deutsche Leser, welcher Manzoni nur aus den „Verlobten" und etwa noch aus Goethes nicht besonders gelungener Uebersetzung des Oiuc^ns UnAZio kennt, steigt hier au der Hand des kundigen Führers in die Gründe hinab, aus welchen der Klassiker der modernen Litteratur jenseits der Alpen emporgestiegen ist. Nicht minder interessant ist die Abhandlung über Massimo d'Azcglios Denkwürdigkeiten und Briefe, des Vorgängers Cavours, des Malers, Dichters, Soldaten und Staatsmannes, welcher ähnlich und doch in ganz anderer Weise wie einst Alfieri die eigenthnmliche Mischung aristokratischer und menschlich freier, konservativer nnd politisch empfänglicher Denkart — 235 - der vornehmen Persönlichkeiten des Italiens aus der Wende des Jahrhunderts verstehen lehrt. Der Anteil der litterarischen und ästhetischen Probleme ist der beträchtlichste in unserer Sammlung. Deutsche, französische, englische Romane und Dramen bilden hier gleichmäßig die Unterlagen, doch anch die philosophischen und linguistischen finden ihren Platz. Lessing, Schopenhauer, Noirs, Renan kommen zu ihrem Rechte, daneben wird die herrschende Zeitrichtung, der Streit zwischen Realismus und Idealismus, mit der Feinheit des Verständnisses untersucht, die aus der innersten Teilnahme an der Sache selbst entspringt. Homberger hatte unter den Modernen einige Lieblinge, denen er besonders gerne nachging, den Amerikaner Howells, den Franzosen Flanbert, und unter den Deutschen namentlich Louise v. Franvois, deren sünfaktiges Lustspiel „Der Posten der Frau" ihn als Lösnng einer dramatischen Aufgabe über die Maßen inter- essirte und zu einer Filigranarbeit non beträchtlichem Umfang begeisterte. Die Abhandlung erschien ursprünglich in „Nord uud Süd." Homberger hat sich selbst viel mit dramatischen Arbeiten getragen; ein kleines Lustspiel von ihm „Er ist nicht liebenswürdig" kam in München zur Ausführung, die größeren, beinah vollendeten Stücke harrten noch der letzten Handanlegung, als der Autor selbst vou der Bühne des Lebens abgerufen wurde. Sein Sprachsinn ergeht sich in zwei Abhandlungen' „Schriftsprache und Schriftsteller" und „Generalpostmeister und Generalsprachmeister", letztere ein kleines Meisterstück. Die Besprechung von „Wereschagins Katalog" beschäftigt sich mit den Regeln der darstellenden Kunst. Diese auf den kürzesten Ausdruck eingeschränkte Inhaltsangabe möge genügen, um den anregenden Charakter des Buchs zu zeigen. — 236 — Anregend vor allem mußte ein selbst so anregbares Denken und Beobachten wirken, und wer die Leiden und Freuden des Lesens kennt, wird immer besonders dankbar sein, wenn er durch diese rezeptive Thätigleit unmittelbar in geistige Aktion versetzt wird. RsaäinA 18 s, ^vsÄrinss8 t>b.s rninä, sagte der übellaunige Carlyle. Aber er selbst war nichtsdestoweniger ein großer Büch erverschling er. Autoren wie Homberger bauen durch die Art ihres eigenen Denkens der Gefahr vor, daß der Leser zu einen: trägen Gefäß rein passiver Aufnahme werde. Ernst Renan. ^ f 2. Oktober 1392. ») Aus der „Nation" vom 8. Oktober 1392. Mine der größten Glorien des modernen Frankreichs ist mit ihm dahingegangen. Es ist nicht einmal nötig, einschränkend hinzuzusetzen! eine der gelehrten oder litterarischen Glorien, denn seine Stellung zum eigenen Lande und zu allen gebildeten Nationen war eine so hervorragende, daß die Besonderheit des Berufs unter dem hohen Klang des Namens zurücktrat. Eiue markante Figur, anziehend und fesselnd, ein Geist, der sein Licht nach allen Seiten strahlen ließ und zahllosen Freunden geistigen Genusses Nahrung und Freude in reichem Maße geboten hat; zugleich eine so eigenartige Erscheinung, daß die Charakteri- sirung seines Wesens den kritischen Sinn der Beobachter stets ganz besonders reizte und ihm neben seinem großen Ruhm nicht wenig Sarkasmus eingetragen hat. Dabei, trotz aller Eigenartigkeit, ein Ganzes, wie es nur in Frankreich, sagen wir dreist: Paris, denkbar war, weil nur auf diesein Boden und in diesem Milieu es sich so unmittelbar und fühlbar warm lohnt, eine glänzende Feder zu führen, weil eben die lohnende Dankbarkeit der lebendigen Umgebung wieder befruchtend auf den Empfangenden zurückwirkt. Wie gerade diese günstigen Bedingungen zn Renans liebenswürdiger Grazie des Auftretens und zu seiner bestrickenden Kunst der Darstellung beigetragen haben mögen, läßt sich unter anderem aus dem Umstände schließen, daß er einer Provinz entstammte, deren Charakter 240 — die Züge französischer Anmut und Leichtigkeit sonst nicht zukommen. Er war ein Kind der Bretagne, jenes Landes, das, erst im Anfang des 16. Jahrhunderts durch Erbgang völlig mit der französischen Krone vereinigt, bis auf den heutigen Tag sein besonderes Gepräge, selbst in Tracht und Sprache des Volkes, und den Ruf starrer Anhänglichkeit an Königtum und Glauben bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Zu Trsguier in der unteren Bretagne am 27. Februar 1823 geboren, war er, dem frommen Sinne der Landschaft entsprechend, von den Eltern zum geistlichen Stand bestimmt worden. Er hat selbst in einer seiner köstlichsten Schriften die „Geschichte seiner Jngend" erzählt, und es wäre schade, aus diesem Kunstwerk einzelnes herauszuschneiden, wenn auch uicht Zeit uud Raum es untersagten. Seine Seeleukämpfe, das Erwachen des Zweifels gegen den kindlichen Glauben, die Atmosphäre und die Gestalten des Seminars von St. Sulpice, in welchem dieser Lebensabschnitt sich abspielte, das alles will in der Gesamtheit uud in der Feinheit der Schilderung genossen sein, in welcher der Verfasser ein uuübertrofsener Meister war. Und hier kam gerade die besondere Virtuosität zu ihrer vollen Geltung, jene Mischung von Freiheit und Empfindsamkeit, von Schalkhaftigkeit und Mystizismus, die namentlich in den späteren Bekenntnissen des Denkers am meisten hervorsticht und ihnen ihr Gepräge giebt. Die Zweifel führten ihn bereits im Seminar vom Studium der Theologie hinweg zu dem der orientalischen Sprachen. Und diese sind die Grundlage und die vorzüglichste Aufgabe seiner Gelehrtenlaufbahn geblieben. Er trat aus dem Seminar aus, endgiltig dem geistlichen Berufe entsagend, uud machte im Jahre 1848 sein philosophisches Lehrerexamen. Sein erstes philologisches Werk war eine allgemeine und vergleichende Geschichte der — 241 — semitischen Sprachen, die von der Akademie gekrönt wurde. An die orientalischen Sprachstudien schloß sich gewissermaßen organisch die Forschung ans dem Gebiete der Religionsgeschichte an, durch welche Renan dem größeren Publikum naher getreten ist, als durch seine linguistischer? Arbeiten. Eine Aufzählung und Würdigung der großen Reihe von Publikationen, welche eine früh begonnene, unermüdliche nnd produktive Thätigkeit auf diesen beiden Gebieten ans Licht gefördert hat, kann natürlich meine Sache nicht sein. Diese Aufgabe muß dem Gelehrten vorbehalten bleiben. Unter dem frischen Eindruck der Todesnachricht und in wenigen, eilig hingeworfenen Zeilen habe ich nur die Obliegenheit, den Menschen und Schriftsteller, wiL er mir aus der Erinnerung der Lektüre und der eigenen Erlebnisse vorschwebt, zusammenzufassen. Die wissenschaftlichen Freuude Renaus haben immer daran festgehalten, daß seine Hauptstärke im linguistischen Fache zu suchen sei. Noch ehe sein „Leben Jesu" die große Sensation hervorgerufen hatte, welche die Augen der Mitwelt so gewaltig auf ihn lenkten, hatte er das Interesse der gebildeten Kreise durch seine, zum Theil iu der „Rsvus äss 6oux raonäsZ" veröffentlichten und später gesammelten Studien über Religionsgeschichte auf sich gelenkt. Schon in diesen Arbeiten ist die kunstvolle Behandlung der Form und dem Geist nach reich entfaltet; fchon in ihnen auch spiegelt sich jener eigentümliche Dualismus seines Wesens, der zärtliche Sinn für das Halbdunkel und die hoch über allem schwebende Jrouie. Eine streng wissenschaftliche Arbeit, seine Geschichte der arabischen Philosophie (^vsrroöZ st 1'^vsrro'isro.s), die Anfangs der fünfziger Jahre znm ersten Male erschien und später neu aufgelegt wurde, ist weniger ins große Publikum gedrungen. Ludwig Bamberger'S G-s, Schriften. II. Ig Im Jahre 1860 erhielt Renan die Professur der hebräischen Sprache am LolleAs eis ?rauos; aber sein im Jahre 1863 erschienenes „Leben Jesu" wurde der Anlaß, daß ihm dieser Lehrstuhl, der ihm erst nach einer Reihe von Jahren wieder zugänglich wurde, zeitweilig entzogen ward. Wer jene Zeit mit erlebt hat, selbst außerhalb Frankreichs, erinnert sich gewiß des gewaltigen Lärms, den das Buch sowohl als der daraus entbrannte .Kamps damals entfesselte. Man muß sich die eigentümliche Konstellation von Ort und Zeit vergegenwärtigen, uni sich ein Bild des Ganzen zu machen. Napoleon III., auf der Höhe seiner Macht, hin- und hergezerrt zwischen italienischer uud romischer Politik, das freidenkerische Frankreich, die mächtige klerikale Partei an den Rockschößen Eugeniens, die Universität, die Studenten, Paris endlich mit seinem Durst nach Sensation nnd seinem Talent, sie zu genießen, das alles tönte, schrieb, redete, wühlte und wütete durcheinander, und in der Hauptsache war das Ganze vor allem amüsant. Schließlich behauptete die Klerisei die Oberhand und Renan trat ins Privatleben zurück.-) Im Kleinen hatte Renans deutscher Vorgänger, David Friedrich Strauß, zwei Jahrzehnte früher in Zürich Aehnliches erlebt, ja darüber hinaus den hellen Straßen- kampf entfacht. Aber in der Heimat des protestantischen Kritizismus, dem damaligen Deutschland der Zersplitterung und Stagnation, war es natürlich nicht zu Ausbrüchen in solchem Maßstabe gekommen. Daß Strauß seiue Lehrerstelle an einem theologischen Seminar niederlegen mußte, war im Grunde nicht auffällig: eiue Professur philologischer Natur wäre ihm schwerlich entzogen worden. Renan hat *) Ich habe damals in den „Deutschen Jahrbüchern" das Buch unter dem frischen Eindruck der Begebenheiten besprochen. — 243 — im Ausgang seiner Studien gerade aus deutschen Quellen einen großen Teil seiner Belehrung geschöpft uud besonders nach den Vorbildern der Tübinger Theologenschule gearbeitet, daraus auch niemals ein Hehl gemacht. Gerade in den fünfziger und sechziger Jahren des Jahrhunderts hatte sich ein Kreis von französischen Gelehrten in Paris zusammengesuuden, welche gern einräumten, daß sie der deutschen Wissenschaft, namentlich auf dem Gebiet der Linguistik, außerordentlich viel verdankten. Der Krieg hat dann auf geraume Zeit dieses offene Einvernehmen unterbrochen, und bekanntlich wurden bereits im Sommer 1870 zwischen Renan und Strauß Briefe gewechselt, die den Streit der Nationen auch in dem Meinungskampf der sich sonst in gegenseitiger Verehrung nahestehenden Gelehrten widerspiegelten. Renan hat dann noch eine Reihe von Jahren hindurch von Zeit zu Zeit die Gelegenheit ergriffen, um die Niederlage seines Landes mit abfälligen Urteilen über Deutschland rächen zu helfen. Er wäre nicht der Liebling seines Volkes und der für die Wiedergabe aller tiefgehenden Stimmungen fein besaitete Prophet gewesen, wenn er der Versuchung widerstanden hätte, auch seinen Tribut auf den Altar der gekränkten nationalen Eigenliebe niederzulegen. So ließ er, der früher deutsches Wissen verherrlicht, ja den preußischen Osten einmal als das Volk des kategorischen Imperativs gepriesen hatte, sich verleiten, in akademischen Reden und in einem eigentümlichen, nach Art des Sommernachtstraum aufgebauten, , Phantasiestück das deutsche Barbarentum an den Pranger zu stellen. Aber die höhere Natur siegte doch nach den ersten Zeiten wieder über die Liebedienerei gegen die Schwäche der eigenen Nation und gegen das eigene verletzte Gefühl. Wer auch, diesseits oder jenseits der Grenze, könnte sich rühmen, unter dem unmittelbaren 16* — 244 — Eindruck jener Kämpfe aus Leben und Tod eine unparteiische Empfindung bewahrt zu haben! In dem letzten Jahrzehnt ward Renan auch im persönlichen Verkehr mit Deutschen wieder der liebenswürdige unbefangene Mann der früheren Jahre. Dem Buch über das Leben Jesu folgte eine Reihe von Bänden als Fortsetzung, die den Gesammttitel der „Ursprünge des Christentums" tragen: Die Apostel, der heilige Paulus, der Autichrist, Evangelium der zweiten christlichen Generation, die christliche Kirche, Mark Aurel und das Ende der antiken Welt. Der zweite und dritte Band wurden noch viel gelesen und besprochen, wenn auch lange nicht in der Aufsehen erregenden Weise wie der erste. Ton und Tendenz des Lebens Jesu sind der gebildeten Lesewelt von heute vielleicht schon weniger bekannt, als sie es vor zwei bis drei Jahrzehnten waren. Während das Buch von Strauß im streng wissenschaftlichen, wenn auch, nach deni Geist des Verfassers nicht trocken zu nennenden, Ton gehalten war, erklangen in der französischen Schrift alle Zaubertöne der Renanschen Muse in ihren weichsten Schwingungen, und nicht nur das: zum ergreifenden Bilde erhob sich auch vor des Hörers Auge der melancholische Reiz der biblischer! Landschaft. Im Jahre 1860 hatte er sich, in wissenschaftlicher Mission der Regierung, nach Surren begeben. Er bereiste das heilige Land uud alle Stätten der christlichen Verehrung; unter den? lebendigen Eindruck dieser von seinen Forschungen und seiner Phautasie beseelten Natur entstand das warm und innig ausgemalte Bild der magischen Szenerie, in welcher er den Heiland, ihn einmal über das andere den liebensivürdigen Meister, 1'aiiv.g.dls äootsrrr, nennend, noch einmal an den Olivenhainen, an den Seegestaden, an den Felsenhängen jener stimmuugsvollen Welt mit seinen Jüngern dahin ziehen - 245 - , M läßt. Es liegt in dieser Manier der Annäherung nnd Erneuerung entschwundener und fernstehender Gestalten etwas von dem Verfahren, das wir an Mommsen in der Behandlung der römischen Geschichte kennen gelernt haben; und doch ist es wieder ganz etwas anderes. Mommsen übersetzt uns den Pomvejus und Cicero in moderne Soldaten- und Advokateusiguren, um sie unserem Verständnis näher zu bringen. Renan schildert Jesum und seine Schüler so lebenswarm und liebenswürdig, daß sie ans Herz des Lesers nnd nicht am wenigsten der Leserin heranwachsen; und je mehr er der übernatürlichen Vorstellung der Gläubigen den Boden entzieht, desto mehr sucht er sie durch die Naturnachahmung des rein Menschlichen, das er dafür bietet, zu entschädigen. In aufsteigender Liuie gleichsam schließt sich an diese Geschichte der Anfänge des Christentums das Werk an, das er für seine größte Lebensausgabe erklärt hat und welches er nun unvollendet zurückläßt. Von seiner Geschichte des Volkes Israel sind (wenn ich nicht irre) die ersten drei Bände erschienen und ein vierter war unter der Aeder'^). Ist auch in diesem späten ernsten, schwierigen Werke nicht alle und jede Kunst der früheren Art ausgeschieden, so fiudet sich doch darin die blühende und verführerische Darstellung der ersten Bücher nicht mehr. Solches hätte auch nicht der Aufgabe entsprochen. Hier und da begegnen nur noch der Rückkehr zu der alteu Liebhaberei, z. B. bei derSchilderuug desAllerheiligsten im Tenipel znJerusalem, in dem es nach eingeschlossener Luft roch sosls, ssutait. 1'snfsrins). Nebeu dcu mannigfaltigsten Originalarbeiten hat Renan auch eine Reihe von Uebersetzungen publiziert, an denen er Meisterfreude empfand, die Kunst seines wundervollen Stilgefühls zn bewähren. So übersetzte er das hohe Lied, *) Im Jahre 1893 erschien der letzte das Werk vollendende Band auf Grund des fertig vorliegenden Materials. — ^46 — das Buch Hiob, und vor allem das Buch des Predigers (l'soclssi^sts). Ich sage vor allem, denn dieses Kompendium seliger Weltweisheit ist so ganz dem Ingenium des Uebersetzers auf den Leib geschrieben. Wenn ich die Perle unter den Perleu Nenanscher Produktion bezeichnen sollte, so würde ich ohne Besinnen die Einleitung nennen, die er zu dieser Uebersetzung geschrieben hat. Wer ihn von seiner feinsten nnd echtesten Seite kennen lernen will, lese diese Studie! Wie vieles wäre noch zu uennen! Aber man könnte nichts nennen, was zu leseu nicht einen hohen Genuß böte, was, einmal angefangen, aus der Hand zu legen nicht schwer würde. Und es ist nicht bloß die hohe Kunst der Behandlung, es ist die verschwenderisch reiche Facettierung der Betrachtung, die uns sesselt. Wenn mau Renau vorwirft, daß er allzu abgeklärt über den Dingen schwebt, uud daß man ihm deutlich nachfühlt, eigentlich giebt es für ihn keine Wahrheit, so muß man wenigstens zugestehen: Niemals hat jemand in so unendlich reichem Maße die Vorzüge seiner Fehler gehabt. Ja, der beste Theil seiner Leistungen wäre vielleicht undenkbar ohne jene subtile Erkenntnisliebe, die sich sür nichts desinitiv entscheiden kann. Eben in jener Einleitung zum Prediger vergleicht er einmal selbst die Wahrheit mit jenen Leuchttürmen, die, sich immer in verschiedenen Lichtfarben nach d.em Meere zu drehend, den Schiffer vor dem Scheitern bewahren. Man hat sich weidlich lustig gemacht über das süßliche Verhalten zu den Illusionen der Gläubigen, die er zwar peinigt, aber wieder mit Balsam bestreicht. Bekannt ist jener Vergleich: Renan wirft den lieben Gott aus dem Feuster, aber vorher legt er eiue Matratze auf die Straße. Am feinsten hat ihn Doudan in seinen, Renanscher Feinheit ebenbürtigen, Briefen persifliert! „Herr Renan reicht der französischen Jugend mit — 247 - Unendlichkeit verzuckerte Bonbons dar (äs8 bov.dov.8 suorsZ s. 1'intini)." Aber Renan weiß selbst am besten, daß er aus Rücksicht aus die Lebensfrenden der Schwächeren sich diesem zärtlichen Spieltrieb überläßt. Diese seine Weise kann mit keinem passenderen Ausdruck charakterisiert werden, als den er selbst einmal auf den - übrigens von ihm hochverehrten — deutschen Theologen Karl Hase bei Besprechung von dessen Kirchengeschichte anwendet! Ls xs.rti xris 6s nuzäki-Atiou. un psu tsints, es tou. s, Is. t'ois irouic^us st LS.rk88S.rit., s-msusirt uns osrtaius c>d8ourits, ckss Äl1usion8 rsczo.sroo.ss8, cl«8 kseoirs cks ciirs s ctsn^i-rnot, c^rr'vQ psut trouvsr ^rstsv.tisn8S8 st sc>irtourirss8. — In den literarischen Spielereien des letzten Jahrzehnts, besonders in der ^.bds88s 6s ^ousrrs, ist der Uebermut der willkürlichen Laune manchmal recht weit getrieben, und hier und da erscheint der Vorwurf einer durchschimmernden senilen Lüsternheit nicht unbegründet. Man hat das Stück ,,1's.d- ds8ss emx ssllislis8" genannt, und in den etwas stark verzückten seraphischen Stellen älterer Schriften liegt vielleicht schon der Keim dieser, jedoch vor der Größe des Ganzen verschwindenden, Peccadillen. Sieht man tiefer auf den Grund, so stößt man bei den allermeisten der Arbeiten immer wieder auf einen Ernst des Strebens, der alle anderen Erwägungen zurückdrängt, des Strebens nach geistiger Freiheit für sich und die Menschheit. Die Vorrede, welche er im Jahre 1885 zu einer neuen Folge seiner Studien über Religionsgeschichte verfaßt hat, enthält Stellen wabr- haft erbaulichen Charakters nach dieser Richtung, aber auch hier verbirgt er nicht, daß, nm im Leben zum rechten Ziel zu kommen, die gerade Linie nicht immer der kürzeste Weg ist. „Ein Idealist muß, nm etwas Dauerhaftes zu gründen, mit einem Intriganten gefüttert sein." — 248 — „Spinoza hat seine Kirche, mehr noch als er seine Schule hat, eine Kirche, erleuchtet von einem derben Lichte, wie alle Bauten des 17. Jahrhunderts kalt, weil sie zu viel Fenster hat, traurig, weil sie hell ist." „Man wundert sich manchmal, daß Galilei sich ein wenig schwach gezeigt hat, daß er eiugewilligt, zu widerrufen, was er doch für richtig hielt. Das that er, nM er einsah, daß sein Tod nichts zum Nachweis dieser Wahrheiten beitragen würde; man macht sich nur zum Märtyrer für die Dinge, deren man nicht ganz sicher ist." Gewiß, es war auch viel vou einem Kasuisten in ihm, aber der Kasuist schwärmt für Freiheit des Denkens und für — die Freude des Daseins. Niemand stand in geraderem Gegensatz zu allen pessimistischen Ideen der Neuzeit als Renan. Sein Bekenntnis war, daß trotz allem das Leben ein süßes Gut sei, und daß man es sich und den Nebenmenschen zu versüßen suchen müsse. Darin war er ein echtes Kind der äouos Graues, in der man sich einander gelegentlich mit Wildheit zersleischt und die Köpfe abschlägt, in der Hauptsache aber doch das Leben schön und angenehm zu machen sucht. DiesemSinn zur Schönheituud zum Genuß entsprach vor allem auch die Schreibweise Renans, deren Vorzüge uud Reize, zur Genüge bekannt, selbst dem Ausländer zugänglich sind. Man behauptete, Renan lese vor jeder Publikation vierzehn Korrekturen nacheinander. Auf alle Fälle ist das den t-rovato. Im Umgang war er liebenswürdig, mitteilsam, genußfähig wie nur einer. An der Geselligkeit, in der man ihm natürlich huldigte, hatte er seine Freude. Gegen das Ende seines Lebens nahm er etwas von dem gesättigten Wohlwollen an, das man auch Goethe uachsagt. Er ließ jeden gelten und hatte für jede Aeußerung eine 249 — gutmütige Anerkennung. War es bei Goethe die Nachsicht des Olympiers, so war es bei Renan die Bonhomie des Skeptikers. Die Spötter bezeichneten ihn nach diesen Umgangsformen als den Vater der Religion des „^e-in'en- ÜLnisms". Er liebte es, sich als den Bauerusohu der bretonischeu Mutter Erde zu fühlen, meinte, eine lange Generation von Vorfahren, die nur vegetierend das Land bebant, hätten die Gehirnfaser geschont, um alle Kraft für ihn aufzusparen. Jährlich kehrte er zu seinen Landsleuten zurück, hielt Feste mit ihnen und dabei Reden, denen es an gemütlicher Selbstironie nicht fehlte. Ein Zng der Koketterie lag diesem auch für den Beifall der Welt gewiß nicht verschlossenen Wesen natürlich nahe. Renan hat auch mehrmals versucht, in die parlamentarische Laufbahn einzutreten, aber sowohl bei der Kandidatur für die Deputiertenkammer als für den Senat Schiffbruch gelitten. Sein feiner Geist war nicht geeignet, das Wohlgefallen der Menge auf sich zu ziehen. Sie will Farben sehen, aber keine Schattierungen. Mit einer Tochter des berühmten Malers Scheffer, einer hochgebildeten Dame, verheiratet führte Renan ein glückliches Familienleben, das nur durch die Kränklichkeit eines Sohnes getrübt war. Zu seiner Schwester stand er in einem rührend zärtlichen Verhältnis, das oft in seinen intimeren Schriften zur Sprache kommt. Seinen Freunden war er durch Wohlwollen und Liebenswürdigkeit ein ebenso köstlicher wie wertvoller Umgang. Den theologischen Ausgangspunkt hat sein Aeußeres stets festgehalten. Er sah mit den Jahren, als die Körperfülle zunahm, immer mehr aus wie ein Kanonikus. Nicht in den äußeren Umrisfen war die Feinheit seines Wesens zu erkennen, aber umso- mehr am Mienenspiel und in den subtilen Zügen, in denen man, wie in seinen Schriften zwischen den Zeilen, manches lesen konnte. Er war ein glücklicher Mensch, dem man sein Glück gönnte, und dies Glück war, wie die Kunst seines Geistes, eines, wie es nur uuter den Bedingungen der französischen Kultur erwachsen tonnte. Adolph Soetbeer. f 23. Oktober M2. *) Aus der „Nation" vom 29. Oktober l892. HWenn einer so ein siebenzigjähriges Jubiläum feiert, wie wir es jetzt beinah täglich in den Zeitungen verzeichnet lesen, sagt man ihm wohl, um ihm die dabei aufsteigenden trüben Gedanken zu verscheuchen, das bedeute heutzutage gar nichts mehr; verbesserte Lebensweise habe die alt- testamentarischen Grenzen hinausgeschoben, und die, welche man, nach vormaligem Sprachgebrauch, Greise nenne, hätten seit Jahrzehnten die Welt geführt, seien auch bis auf diesen Tag in solchen Stellungen noch so zahlreich auf dem Platz, daß dem Nsrasuto mori die Ehre der Erwähnung gar nicht bei dem gegenwärtigen schönen Feste gebühre. Alles sehr gut! Aber dann kommt doch eines Tages plötzlich Freund Hain und erinnert daran, daß, welche Scherze immer wir uns über seine Gefügigkeit in Sachen des festen Preises erlaubt haben, an seinem alten Tarif im Ernste nichts geändert sei. Denn er bleibt doch bei dem Schlußsatz: „und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig." Auch der vortreffliche Freund, dessen Todesnachricht heute morgen gänzlich unerwartet eintraf, schien einer von denen zn sein, sür welche die biblischen Worte nicht geschrieben ständen. Zwar zählte er der Jahre beinahe achtundsiebenzig, aber seine hohe, rüstige, breitschultrige, aufrechte Gestalt, sein lebensfrisches Interesse an allen großen Fragen und insbesondere sein ewig reger Fleiß und Schaffensdrang gemahnten nicht entfernt an die Zeichen der Vergänglichkeit. In seinem letzten Briefe voin Anfang September hatte er noch seinen regel- - 254 — mäßigen Besuch in Berlin für November angemeldet, um, wie gewohnt, „über vieles sich auszusprechen". — Da kommt auf einmal die schwarzgeränderte Botschaft. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ist er plötzlich „sanft entschlafen". Wohl hatte er seit einiger Zeit geklagt, daß ihm das Arbeiten schwer werde. Aber was er arbeiten nannte, war so viel, daß, auch halbiert, noch ein volles Tagewerk nach gewöhnlichem Maßstab übrig blieb. Und bis in die letzten Wochen hinein erschienen die Erzeugnisse dieses Rastlosen in der Öffentlichkeit. Wer ihn kannte, mußte wissen, er wird das Werkzeug nicht aus der Hand legen, bis ihn der letzte Hauch verläßt. Und so ist es gekommen. Wenn man die Sammlungen der öffentlichen und privaten Bildergalerien durchwandert, ist man darüber erstaunt, wie viele Gemälde jeder einzelne Meister hinterlassen hat. Auch die lange Reihe von Bänden berühmter Schriftsteller macht den Eindruck des Ungewöhnlichen. Aber es geht so viel in ein einziges arbeitsames Menschenleben, und nur von dem allerberühmtesten bleibt alles erhalten und dringt zu Sinnen. Soetbeer war allerdings einer der leistungsfrohsten und produktivsten Schriftsteller auf volkswirtschaftlichem Gebiete, und die gemaltige Zahl der Erzeugnisse seiner Feder geht schon über den Durchschnitt, auch der fleißigen und langlebigen, hinaus. Im November 1814 zu Hamburg geboren, publizierte er seiue erste Schrift im Jahre 1837, „Versuch, die Urform der Hesiodeischen Theogvnie nachzuweisen", und aus demselben Jahre stammt seine Inauguraldissertation „cls ir^nieo arAnrasnto Luripicli8 gnzzxlic-ullr". Er hatte Philologie studiert. In den Conradschen „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik" war vor einigen Jahren ein Inhaltsverzeichnis sämmtlicher Schriften Soetbeers abgedruckt, welches fünfundsiebenzig größere und kleinere Werte desselben Verfassers aufführt. Dasselbe reicht aber nur bis zum Anfang des Jahres 1880. Ein von seiner eigenen Hand für mich gefertigtes Supplement fügt dazu weitere achtzehn Nummern, reicht aber nur bis 1888. Zu diesen dreiundneunzig Schriften sind seitdem noch etliche hinzugetreten, vor allem sein großes, letztes, in seiner Art einziges Werk „Literaturnachweis über Geld- und Münzwesen", alle namhaften Publikationen der Welt seit der Entdeckung Amerikas bis auf diesen Tag umfassend, welches ich noch vor kurzem in der „Nation" besprochen habe.") Doch auch die Zahl vierundneunzig, auf welche wir damit kommen, liefert nur ein ganz uuvollständiges Bild. Man müßte alle die nicht gesammelten einzelnen Abhandlungen dazurechnen, welche etwa voni Jahre 1848 anfangend erschienen sind, uud das wäre Legiou. Die meisten derselben standen in dem „Deutschen Handelsblatt", der „Hamburger Börsenhalle" nnd der Wiener „Neuen freien Presse". Zum Teil sind sie in den eben erwähnten „Litteraturnachweis" aufgenommen. Nur ganz wenige dieser Arbeiten treten über den Rand des volkswirtschaftlichen Gebietes hinaus, z. B. eine im Jahre 1880 in der „Vierteljahrsschrift für Volkswirtschaft" erschienene Untersuchung über das Salomonische Goldland Ofir, Beitrag zur Lösung eines Problems, welches seit den indischen und afrikanischen Goldfunden der Neuzeit wieder öfter aufgeworfen worden ist. Unter den älteren Schriften findet sich auch ein in Hamburg gehaltener Vortrag über ein daselbst befindliches von Graff gemaltes Bildnis Lessings. Hiervon abgesehen sind die Arbeiten sämtlich volkswirtschaftlichen Inhalts, namentlich der Jahrgang IX, Nr. 31. — 256 — Handels-, Steuer-, Einkommen-, Bank- und Münzpolitik gewidmet. Den Ausgangspunkt hatten Untersuchungen über den Stader Zoll geliefert, und eine Reihe von Arbeiten über die Elbschifffahrt schlössen sich von Berufs wegen darau. Im Jahre 1852 gab er eine Übersetzung von I. Stuart Mills Nationalökonomie heraus, die in vierter Auslage 1884 in Wien erschienen ist. Seine wahrhaft epochemachende uud hervorragende Leistung ist bekanntlich auf deni Gebiete der Währungspolitik zu suchen. Die wissenschaftliche Seite des Bankwesens ist mit dieser so eng verwachsen, daß man sie als selbstverständlich damit Hand in Hand gehend und darin einbegriffen ansehen kann. Hier setzt auch Soetbeers praktischer Einfluß auf die vaterländische Gesetzgebung ein. Er hat zwar weder in der Negierung noch in der Volksvertretung aber doch als Bahnbrecher und Führer einen sehr beträchtlichen An- theil an dem großen Werke der deutschen Münzreform zu beanspruchen. Seine vorbereitenden wie seine begleitenden Arbeiten haben denen, welche selbst Hand anzulegen hatten, unschätzbare Dienste geleistet. Dabei ist nicht zu vergessen, daß er von Anbeginn des deutschen Handelstages als ein natürlich sehr angesehenes Mitglied der Institution stimmführend uud rathgebend wirksam gewesen ist. Gerade an diese seine Stellung schließt sich eine Arbeit an, welche in erster Reihe unter denen genannt werden muß, durch welche sich ihr Verfasser seinen Platz unter den Urhebern der deutschen Müuzverfassung gesichert hat. Im Mai 1369 überreichte er den deutschen Regierungen als Anlage zu einer Eingabe des bleibenden Ausschusses des deutschen Handelstages eine „Denkschrift, betreffend deutsche Münzeinigung auf Grundlage durchgängiger Dezimaltheilung und durch Uebergang zur Goldwährung." — 257 - Hier waren die herrschenden Anstände, ihre Mängel und Unzuträglichkeiten, die Geschichte der vorausgegangenen Verbesserungsvorschläge, die den internationalen Münzeinigungen gewidmeten Bestrebungen, endlich die Aufgaben und Ziele der Gegenwart gründlich behandelt. Nachdem der Kongreß der deutschen Nolkswirthe die Frage der deutschen Münzeiuigung bereits im Jahre 1860 angeregt hatte, wurde dieselbe vom ersten deutschen Handelstag zu Heidelberg im Jahre darauf auf die Tagesordnung gesetzt und bis Ende 1865 unausgesetzt auch im bleibenden Ausschuß desselben betrieben. Damals, wohlbemerkt, drehte sich das Interesse noch hauptsächlich um die Münzeinheit, die Frage der Währung schwebte im Unentschiedenen. Aber sie rückte nach dem bekannten ersten Pariser, die lateinische Union begründenden, Münzkongreß von 1865 auch in Deutschland der Goldwährung immer näher. Der volkswirtschaftliche Kongreß, im Jahre 1868 in Hamburg versammelt, sprach sich bereits mit Entschiedenheit in diesem Sinne aus. So war der Beschluß, welchen die Kommission des Handelstags mit Mehrheit im März 1869 zu Gunsten der Goldwährung faßte, vorbereitet, und die in Ausführung des Beschlusses angefertigte, mit den Anlagen dreiundachtzig Quartseiten ausfüllende Denkschrift Soetbeers bildet den ersten großen Markstein in der praktischen Entwicklung des neuen deutschen Münzwesens. Die Schrift ist auch noch heute sehr lehrreich und interessant zu lesen. Vom Jahre 1871 an beginnen Soetbeers Arbeiten naturgemäß den Gang der großen Ordnung unseres Münz- nnd Bankwesens auf Schritt und Tritt zu begleiten. Er half die Lösung jeder einzelnen Aufgabe vorbereiten, er folgte mit seiner Begutachtung allen Stadien der parlamentarischen Beratung und sammelte, sichtete und kommen- Ludwig Bamberger's Ges. Tchristen. H. 17 — 258 - ürte das zum Gesetz Erhobene für das Verständnis und die praktische Anwendung. Seine zwei Handbücher über deutsche Münz- und Bank-Verfassung sind unentbehrliche Hilfsmittel für jeden, der sich mit diesen Dingen befaßt. Er ist unablässig für die Nusrechterhaltung und Durchführung unserer Goldwährung eingetreten, insbesondere für Widerruf der unverantwortlich thörichten Jnhibirnng der Silberverkäufe Bismarckschen Angedenkens, und später für ein Abkommen mit Oesterreich wegen der von diesem Lande ausgeprägten Thaler. Zwei vertrauliche Denkschriften, welche er zu diesem BeHufe noch in den letzten Jahren der Reichsregierung eingehändigt hat, haben wohl das Ihrige dazu beigetragen, daß er noch die Genugthuung erlebte, unter dem Ministerium Caprivi dieses so berechtigte Verlangen erfüllt zu sehen. In all den Zeiten von 1868 an bis zu seinem Ende, ein Vierteljahrhundert lang, hatte ich die Freude und den Vorteil, jede der auftauchenden Fragen brieflich oder mündlich mit ihm durchzuarbeiten und, soweit es sich um die Aufgaben deutscher Gesetzgebung handelte, übereinzustimmen. Oft kam er darauf zurück, wie lieb es ihm sei, nicht an meiner Stelle die Dinge im Reichstage ausechten zu müssen; er beneidete mich nicht um das Vergnügen, mich mit den Phantastereien der landjunkerlichen Währungs- und Bankpolitik herumzuschlagen und. weiß Gott, er hatte Recht darin. Sein friedfertiger Sinn war dazu gar nicht angethan. Aus dieser — mau dürfte sagen — friedseligen Neigung heraus erklärt sich auch das Verhältnis, in das er im Verlauf der Zeiten zur großen Silberfrage kam, soweit es sich um dieselbe als universelle Angelegenheit handelte. Denn, wohl bemerkt, in Sachen der deutschen Münzgesetzgebung hielt er bis zum letzten Augenblick unerschütterlich an der Verteidigung der bestehenden — 259 — Goldwährung fest. Dagegen suchte sein weicher, vermittelnder Sinn einen möglichst unschädlichen Weg, um auch die Silberfreunde zu versöhnen. Als alter Stammverwandter der Hamburger Bank mochte auch sein Herz noch einen stillen Winkel für das so unbarmherzig entthronte weiße Metall in sich schließen. In den achtziger Jahren verstieg er sich einmal in einer seiner Schriften zu dem Gedanken, theoretisch sei eine Doppelwährung mit festem Verhältnis möglich, wenn alle Kulturstaaten sich vertragsmäßig darauf festlegten, aber für die Wirklichkeit erklärte er ein solches Abkommen doch unausführbar. Bekanntlich hat er noch in diesem Sommer für den bevorstehenden Brüsseler Münzkongreß Vorschläge und eine Denkschrift ausgearbeitet, nicht zum Zweck einer vertragsmäßigen Doppelwährung, sondern behufs einer möglichst breiten Ausnutzung des Silbers als Zahlungsmittel zweiter Klasse. Wie er aber noch selbst konstatierte, hat sein Vorschlag keinen Anklang gefunden. Den Monometallisten ging er zu weit und den Bimetallisten nicht weit genug. Er entsprach nur seinem persönlichen, auf Vermittlung gestimmten Naturell. Im Laufe der Zeiten wuchs Soetbeers Beruf immer mehr von der volkswirtschaftlichen Seite nach der statistischen und damit von der deutsch-nationalen nach der universalen Aufgabe hinüber. Hier war der wahre Grund und Boden seiner Leistungskraft, und hier entfaltete sich seine Thätigkeit immer breiter und angesehener. Die Schärfe volkswirth- schaftlicher Argumentation, wie sie z. B. Otto Michaelis in so bewundernswerten! Grade besaß, war nicht Soetbeers Sache. Aber seine Kunst im Sammeln und Ordnen von Thatsachen, verbunden mit dem entsprechenden Fleiß, ist wohl selten übertroffen worden. Auch ist er aus dem Gebiete der Edelmetall- und Währungsstatistik unbedingt der Erste aus dem ganzen Erdenrund gewesen, und sein Name 17* war beständig im Munde derer, die sich der gleichen Aufgabe widmeten. Das nützlichste seiner Werke, das für lange Zeiten einer der Grundsteine dieser besonderen Wissenschaft bleiben wird, sind die „Materialen zur Erläuterung und Beurteilung der wirthschaftlichen Edelmetallverhältnisse und der Währungsfrage" (in zweiter Auflage 1886 in Berlin erschienen)"). An dieses Werk, welches vor allem Soetbeers unsterbliche Leistung auf monetarischem Gebiete bleiben wird, knüpft sich die wichtige Frage: wer in der Zukunft seine Arbeit fortsetzen wird. Denn die Entwicklung dieser Dinge ist gegenwärtig in so raschem Fluß und ihre Bedeutung für die Welt ist so sehr im Wachsen, daß alles, was stehen bleibt, sosort veraltet. Schon ein Jahr nach Vollendung der ersten Auslage sah sich der Verfasser genötigt, eine ergänzte neue zu veranstalten, und nur die Zeit hat ihm gefehlt, weiter damit fortzuschreiten. Auch in seinem Sinn müßte sich jetzt ein Nachfolger finden, welcher diese, allerdings recht schwere Erbschaft anträte. Daß ein solcher auch uach Soetbeers Meinung, vorerst nicht in Sicht ist, zeigt am besten die Größe des Verlustes, welcher die Wissenschaft mit diesem Tode getroffen hat. Am nächsten kommen noch die Jahrespublikationen des Münzdirektors in Washington, jetzt Eduard O. Leech, und seines Kollegen des Ovinptrollsrs oL t,lls (ürrrreno^, jetzt E. S. Laceu. Aber gerade als Mitarbeit und Gegenprobe namentlich auf den Bericht des Münzmeisters, hatten Soetbers fortlaufende Registrierungen noch einen besonderen Wert. Wie viele hervorragende Währungsstatistiker auch in den übrigen Ländern noch an der Arbeit seien, es wird wohl Niemand der Behauptung widersprechen, daß an Universalität und Vollständigkeit die Arbeiten Soetbeers *) Bei Putttamer und Mühlbrecht. — 261 — bis jetzt unerreicht dastehen. Das große Geheimnis seiner großen Leistung war, wie immer, die Liebe zur Sache. Er war mit dem ganzen Herzen dabei. Sie ging Tag und Nacht mit ihm herum. Der Mensch und seine Aufgabe waren ein einziges Wesen geworden. So wird das Beste in der Welt vollbracht. Sein Glück wollte, daß er, in unabhängigen Vermögensverhältnissen lebend, ohne alle Nebenrücksichten sich ganz feiner Aufgabe widmen konnte. Im Schoß seiner Familie fand er dazu den vollen Genuß eines behaglichen, von Arbeit und von treuer Liebe der Seinigen getragenen Daseins. Sein Vater, Heinrich Friedrich Soetbeer, Kaufmann in Hamburg, war früh gestorben. Nach genossener Schulbildung studierte der Sohn in Berlin und Göttingen Philologie und wurde Lehrer am Johanneuni in Hamburg, wo er in Tertia den Homer kommentierte. Ein Freund der Familie, der in dieser Laufbahn wenig Zukunft sah, beredete ihn, eine andere Fährte zu suchen und schlug ihm vor, etwas über den Stader Zoll zu schreiben. Der junge Gelehrte erklärte, dafür gar kein Verständnis zu haben. Der Freund verschaffte ihm Materialien. Die Arbeit gelang, und so verdiente er seine ersten Spören auf dem Gebiet seines künftigen Ruhmes. Im Jahre 1840 wurde er Bibliothekar, 1843 Konsulent der Hamburger Kommerzdeputation (jetzt Handelskammer): 1846 verheiratete er sich mit der Tochter des Senators Meyer, die ihn überlebt. Im 1848 nahm er am Vorparlament in Frankfurt Theil. Im Jahre 1872 legte er seine amtliche Stellung nieder und siedelte als Honorarprofessor an die Göttinger Universität über. Er hielt einige Semester Vorlesungen, aber seine Vorzüge waren nicht die, welche Anziehung auf die Studenten üben. Seine Stärke gehörte der eigenen Arbeit in der Sülle des Kabinets. Er war ein guter — 262 — Anhänger einer gesunden Freihandelsvolitik und ein abgesagter Feind des Staatssozialismus. Obwohl ihm die Anerkennung, die er in der wissenschaftlichen Welt aller Zungen fand, sehr wohl that, blieb er ein bescheidener, schlichter, durch und durch humaner, offenherziger Manu, dessen Sinn in allen Stücken auf das Reine und Gute gerichtet war. Er hat das glücklichste Ende — in hohen Iahren einen unverhoffteil Tod - gefunden. Am Sonnabend, dem 22. d. M., war er noch des Abends im Theater. Heimgekehrt fühlte er sich etwas unwohl, bestellte sich Thee und schlief darauf ruhig eiu. Nach Mitternacht war Alles vorüber. Wenn demnächst, genau einen Monat nach seinem Sterbetag, der internationale Münzkongreß sich in Brüssel versammelt, sollte sein erstes Geschäft sein, des Verewigten Andenken zu ehren. Auch die Bimetallisten könnten ruhig einstimmen, denn so weit es von seinem Willen abhing, hätte sein freundlicher Geist auch ihnen gerne sich gefällig erwiesen. I. ^ede den Werken eines bestimmten Schriftstellers gewidmete Besprechung dient natürlich vor allem der Absicht, die Augen der Lesewelt auf ihn zu lenken, sei es, daß ihm, als einem noch wenig bekannten, Eingang verschafft werden soll, sei es, daß bei schon allgemeiner Bekanntheit besonderer Anlaß genommen wird, eines oder mehrere seiner Erzeugnisse als einen neuer Betrachtungen werten Stoff ins Licht zn setzen. Im folgenden liegt der Ausgangspunkt mehr in der Richtung des ersten als des zweiten Motivs. Unser deutsches Publikum ist mit Chuquet und seinen historischen Arbeiten lauge nicht so vertraut, wie sie es verdienen, sowohl wegen des Nutzens und Vergnügens, die sie dem Leser zn bereiten cmgethau sind, als wegen des Interesses, welches die schriftstellerische Individualität uud der Gegenstand, dem sie sich gewidmet hat, gerade in Deutschland mit vollstem Recht beausvrucheu können. Chuquet ist zwar in engen Kreisen bei uns gekannt und geschätzt; er hat Studien in Deutschland gemacht und persönliche Beziehungen angeknüpft. Germanisten uud Romanisten kennen seine Ausgaben einzelner Werke unserer klassischen Litteratur für den höheren Sprachunterricht, und Historiker von Fach keuuen seine geschichtlichen Arbeiten. Aber der große Kreis der Gebildeten, welcher bei uns, — 266 — trotz aller nationalen Gegensätze, an allgemein verständlichen Erzeugnissen höherer Art in französischer Sprache nach wie vor Geschmack findet, kennt den hier näher zu betrachtenden Autor bis jetzt, so weit meine Beobachtung geht, äußerst wenig; und dieser Anomalie einigermaßen abzuhelfen, wurde mir ein besonderes Vergnügen gewähren, schon aus Dankbarkeit für den Genuß, den mir Chuquets Werke bereitet haben, aus dem ich auf den Dank derer schließen zu könueu hoffe, welche meiner Empfehlung die Ehre erweisen möchten, ihr zu folgeu. Auch darum erscheint es mir angezeigt, zur Verbreitung ernster französischer Bücher beizutragen, weil eine neueste Roman- und Novellenlitteratnr derselben Herkunft sich in Bausch und Bogen bei unseren? Durchschuitts- publikum einer Beliebtheit erfreut, die zwar nicht unerklärlich ist, — dazu ist sie zu alt und verbreitet — aber ihm nicht gerade zu besonderem Ruhm gereicht. Jeder Band, den eine neue pikante oder auch absurde Manier in Paris auf den Markt wirft, wandert sofort in Hunderten von Exemplaren nach Berlin, prangt da in allen Schaufenstern und ist nach wenigen Wochen ein Gesprächsstoff, den zu ignorieren jede Weltdame sich schämen würde. Ich bin natürlich weder der nationale noch der sittliche Rigorist, der sich darüber entrüstet; aber es wäre schöner, wenn es anders wäre. Gewisse Mängel, die unserer eigenen schöngeistigen Pro- duktionsart erbeigentümlich anhängen, gewisse Vorzüge, welche den Franzosen im Gegensatz dazu angeboren scheinen, machen eben ihre unmittelbare Wirkung auf die dem leichten Lesegenuß zugethane Welt in unwiderstehlicher Weise geltend. Verhält es sich doch genau ebenso oder noch mehr so mit dem Theater, obgleich es sich an ein sehr großes uud gemischtes Publikum wendet. Vor etlichen Jahren führte mich der Zufall in eine kleine süddeutsche Stadt und der Abend ins Schauspielhaus. Mau gab ein altes aus dem — 267 — Französischen übersetzes Stück, „Der Gesandtschaftssekretär", welches die Zustände unter der Julimonarchie zur Grundlage hat und in Frankreich längst von der Bühne verschwunden ist. Ich vermute, daß eine Menge der darin vorkommenden Anspielungen in dem dicht besuchten Hause kaum noch ein anderer außer mir verstand. Aber die Zuhörer bis in die Galerien hinauf amüsirten sich über die Maßen. Auch die Anziehungskraft, welche die ernstere Litteratur Frankreichs auf die anderen Nationen und besonders auf die deutsche ausübt, erklärt sich zum Teil gewiß aus denselben Reizen, welche den leichteren Gattungen so breite Wege bahnt. Wie dem nun sei, es ist Thatsache, daß die Schriften z. B. von Renan oder Taine, Memoiren, wie die der Frau von Remusat oder Talleyrands, eine Art höherer Popularität bei uns genießen"), welche ein löbliches Gegengewicht gegen die Erfolge der Zola oder Goncourt bieten. Vielleicht, und das wäre ganz natürlich, trägt zu jener Popularität besserer Art auch die Besonderheit der Stoffe bei, mit welchen sich jene Werke beschäftigen. Das Zeitalter der Revolution und des ersten Kaiserreiches berühren uns selbst in nächster Nähe; auch die philosophisch-historischen Untersuchungen Renan's und Taings ragen stark ins Gebiet der geistigen Atmosphäre Deutschlands herein. Studien über das Leben Jesu oder über Shakespeare sind eigentlich eine vorzugsweise deutsche Spezialität. Einige Neuere, welche aus demselben Grunde ein Recht auf Beachtung haben, sind Ernst Lavisse und Albert Sorel. Elfterer hat früher speziell die Geschichte der Mark Brandenburg zum Gegenstand seiner Studien gemacht, in neuerer Zeit die der Jugend Friedrichs des -) Aehnlichcr Beliebtheit erfreuten sich in früherer Zeit bei uns die historischen Werke von Thiers und Guizot, die englischen von Mncaulay und Buckle. — 268 — Großen und neben diesen streng historischen Arbeiten einen der Gegenwart entnommenen Stoff unter dem Titel! „?rois I^mpersurs ä'^.IIsrQÄAQs" (Wilhelm I., Friedrich II. und Wilhelm II-,) behandelt. Dadurch, daß ein Teil seiner Arbeiten den Weg durch die „Rsvus äss äsux roon^ss" genommen, ist auch die deutsche Lesewelt leichter mit ihm bekannt geworden. Etwas anders steht es mit Sorel, der zwar älter, aber in weiteren Kreisen Deutschlands weniger verbreitet ist als Lavisse, obwohl er es nicht minder verdient. Albert Sorel's bedeutendes Werl ,,1/Lurops st ls. Revolution," von dem bis jetzt vier starke Bände erschienen sind, ist würdig, in jeder Vüchersammlung von Liebhabern historisch-politischer Studien zu figuriren, denn es vereinigt mit dem Ernst und der Umfassung gründlichster Nachforschung die Anziehungskraft einer freien und schwungvollen Durchgeistigung und einer eleganten fesselnden Schreibweise. In den bis jetzt veröffentlichten Bänden ist die Gesammtheit der leitenden Ideen in ihrer Entwicklung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis ans Ende des Jahres 1795 durchgearbeitet"). Eine mächtige Fülle des Stoffes und der Quellen fließt in der ganzen Folgenreihe charakteristischer Abschnitte wohlgeordnet und zugleich natürlich dahin; dabei ist der Reichtum der Thatsachen und Aktenstücke von einem Hauch philosophischen Denkens durchweht, welchem immer neue Anregung entspringt. Sorel hat außer diesem Hauptwerk eine diplomatische Geschichte des Krieges von 1870 in zwei Bänden, einen Band über die Orientalische Frage im achtzehnten Jahrhundert und einen Band' „L88g,is Z'uistoirs st 6s sriti^us" veröffentlicht, in welchem Abhandlungen über verschiedene Themata, einzelne Staatsmänner, Regenten und etliche politische Probleme ?s>i'is, Oolin, Varls, I^ibrail-iö ?Ion. — 269 — der neueren Zeit vereinigt sind. Zu einem Sammelwerk hat er ein Bändchen über Frau von Stasl geliefert, welches ein kleines Meisterstück ist. Was ihn, wie Lavisse und Chuquet, uns Deutschen besonders nahe rückt, ist nebst dem natürlichen Interesse, welches die von ihnen behandelten Stoffe uns einflößen, auch ihre genaue Kenntniß unserer Sprache und Litteratur. Alle drei beherrschen dieselbe in hohem Maße, Chuquet insbesondere als genauer Kenner, der vortreffliches Deutsch schreibt und selbst Einzelnes in deutscher Sprache verfaßt hat; seine philologischen, dem Deutschen zugewandten Studien und Arbeiten gehen Hand in Hand mit seinen geschichtlichen. Eine in lateinischer Sprache geschriebene Abhandlung zur Erlaugung der Doktorwürde an der Pariser Fakultät der Sorbonne aus dem Jahre 1886 hat den Dichter Ewald von Kleist, dessen Leben und Werke zum Gegenstand' „Os Z^alcli Xlsistii Vits, st Lori^tis." Eine Menge kürzerer und längerer Stellen aus des Dichters Werken sind darin metrisch ins Lateinische übersetzt, und das Ganze ist von Anfang bis zum Schluß mit Liebe und ins Kleinste eingehender Sachkenntnis; erläutert, wie Alles, was aus Chuquet's Feder herrührt. Bereits vorher hatte er vier Werke unserer Klassiker für die obersten Gymnasialklassen herausgegeben und mit historischen, littcrarischen und linguistischen Glossen ausgestattet' Goethe's Hermann und Dorothea, Campagne in Frankreich von 1792, Goetz von Berlichingen und Wallenstein'S Lager von Schiller. Einzelne dieser Ausgaben, vor Allem der Goetz, sind mit Einleitungen versehen, die als ästhetischphilologische Abhandlungen in jeder deutschen Fach-Zeitschrift mit Ehren figuriren könnten. An seine große historische Aufgabe lehnen sich Goethe's Tagebuch und Hermann und Dorothea unmittelbar an. Das Tagebuch wird — 270 — ihm zu einer vielbenutzten Quelle, und das Epos schöpft bekanntlich seinen Stoff und manche Einzelheiten aus den gleichen Erlebnissen. II. Aus dem bisher Gesagten ergiebt sich, daß unser Autor mit einer seltenen Weite des Gesichtskreises und Fülle der Mittel schafft. Sein Hauptwerk, um welches es hier sich handelt, ist die jetzt unter dem Gesammttitel! „I^ss (-riisi-rss äs 1s- ükvolntion^ vorliegende Reihe von sieben Bänden^'), welche die Feldzüge gegen Deutschland, Belgien inbegriffen, voni 11. August 1792 bis zum 25. Juli 1793 erzählen. Jeder Band trägt eine selbstständige Ueberschrift. Dieselben lauten der Reihe nach: Die erste preußische Invasion (11. August bis 2. September 17S2). Valmy. Der Rückzug des Herzogs von Braunschweig. Jemappes und die Eroberung Belgiens (1792—93). Der Verrat des Dumouriez. Custine's Expedition. Mainz. Diese sieben Bände sind in drei Serien geteilt. Die erste umfaßt die drei ersten Bände bis nach dem Rückzug des Herzogs von Braunschweig; die zweite den belgischen Feldzug, d. h. die zwei Bände der Thaten und Unthaten des Generals Dumouriez; die dritte Serie erzählt den Zug Custiue's nach dem Rhein, die Einnahme, Belagerung und Kapitulation von Mainz.^') Die Bände sind nicht, wie die meisten französischen historischen Bücher, ein großes, ^) ?s,ris, I>iors,ir1s I^sopolci Osrk. **) Seitdem obiges geschrieben wurde, sind noch zwei Bände hinzugekommen: ^VisssrudourA (1793) und Hoeus st 1s. lur-ts pour (1793-94). — 271 — schweres, sondern ein gewöhnliches Kleinoctav, ein Umstand, der sie handlicher macht als die meisten ihresgleichen. Dasür ist der Druck, obgleich sehr gnt, doch nicht so splendid und raumverzehrend, wie viele französische Ausgaben, die in einem Bande bedeutend weniger umfassen, als wir nach deutschen Begriffen davon erwarten. Wir haben es wirklich mit sieben respektablen Monographien zu thun, und die Erklärung dieser Ausdehnuug, verglichen mit der Kürze der darin behandelten Zeit, liegt in der minutiösen Durchführung der vorgesetzten Ausgabe. Und hier ist auf das Charakteristische dieser Leistung der Nachdruck zu legen. Sie ist trotz dieser Kleinmalerei fesselnd und voll Abwechslung von Anfang bis zn Ende. Es dürfte wenige Darstellungen dieser Art geben, welche das schwierige Problem lösen, aufs Genaueste ins Einzelne zu dringen, und dennoch keinen Augenblick langweilig zu werden. Vielleicht könnte man, um das Erstaunliche der Leistung zu steigern, noch hinzusetzen, daß der Autor dies fertig bringt, obgleich er doch in Wahrheit nur eiue Kriegsgeschichte oder vielmehr einen Schritt für Schritt allen strategischen und taktischen Bewegungen der verschiedenen Feldzügc folgenden Bericht erstattet. Doch dies Hindernis) ist allerdings nur ein scheinbares. Wie die Menschheit einmal beschaffen ist, werden Kämpfe und Kampfbeschreibuugen auch immer ihre besondere Anziehungskraft ausüben. Eine im selben Maßstab detaillirte Berichterstattung über friedliche, noch so interessante, diplomatische oder parlamentarische, sich mehrere Jahre lang hinziehende Verhandlungen würde schwerlich im Stande sein, den Leser so frisch bei Atem zu erhalten. Das Kriegswesen mit Allein, was daran hängt, besitzt nuu einmal seine fascinireude Herrschaft und übt sie aus in allen Regionen des Lebens. Warum spielen die Kinder vor allem das Svldatenspiel? Warum schlägt — 272 — das weibliche Herz dem Träger der Uniform so gern entgegen? Man sagt' wegen der Uniform! Das ist nur zum Teil die Erklärung, und selbst, wenn es den Grund der Thatsache erschöpfte, bliebe noch übrig, daß doch nicht rein zufällig der Vorzug der schmuckeu Uniform gerade dem Soldatenstand zukommt. Es ist auch nicht blos das „zweierlei Tuch," welches mittelst seiner koloristischen Wirkung verführerisch wirkt, die Waffe gehört dazu. Es hat seinen guten Grund, daß der englische gemeine Soldat zwar in Uuisorm, aber ohne Seitengewehr ausgeht, und der Offizier sich nie außer Dienst in Uniform zeigt. Das cutspricht einem Lande bürgerlicher Freiheit, in welchem das Gesetz die höchste Autorität ist. Die Sitte, mit dem Schwert an der Seite in Gesellschaft zu erscheinen, ist ein Symbol, daß die Waffe höher eingeschätzt ist als das Recht. Daß bei uns Minister in den Parlamenten mit Epauletten geschmückt und auf den Degen gestützt sprechen, ist ein Gegenstand des Befremdens für andere Europäer. Bismarck wußte, wie immer, was er that, als er die Gewohnheit dieser Tracht annahm. Er hat darin übrigens nur das Beispiel des Grafen Prokesch von Osten befolgt, von dem er, als er selbst nur noch Lieutenantsuniform prästiren konnte, von Frankfurt aus schrieb, daß er, um zu impo- niren, sich stets in seiner Feldmarschallsuniform zeigte. Es könnte einmal untersucht werden, ob in früheren Jahrhunderten, wo die Tracht der höheren Klaffen überhaupt noch nicht so scharf gegen die militärische abstach, die soldatische Erscheinung weniger Wirkung auf die Menschen und insonderheit auf das schöne Geschlecht gemacht habe. Denkbar wäre es schon. Man trug ja, auch in höheren Bürgerkreisen, noch bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts den Degen an der Seite. Und die Waffe hat an dem Nimbus der militärischen Erscheinung einen bedeutenden — 273 — Anteil. Hat doch der Anblick jeder Waffe, auch getrennt vom Träger, etwas Fascinirendes fürs Auge, als der Anblick eines Dinges, das geeignet ist, über Leben und Tod zu entscheiden. Ja, sogar der Anblick eines Gefäßes, in dem ein tötliches Gift enthalten ist, übt etwas von dieser Gewalt über die Phantasie aus. Es gibt eben nichts Dramatischeres, als die Entscheidung über Leben und Tod, und im Krieg ist sie aus die höchste Potenz gebracht. Daher sind Kriegsgeschichten nichts weniger als ein undankbarer Stoff. Bekanntlich ist es noch gar nicht so lange her, daß die Menschheit verlangt, in ihren Geschichtsbüchern etwas weniger Schlachten und etwas mehr Kultur zu lesen; aber man darf die Behauptung wagen, dies Verlangen ist mehr ein Produkt der Reflexion als der Geschmacksrichtung. Wie vieles ließe sich über dies Thema noch sagen! Hier sollte nur so viel davon berührt werden, als hinreicht, um die Behauptung zu unterstützen, daß die umständliche Schilderung kriegerischer Vorgänge auch in einer sehr langen Aneinanderreihung nicht schlechthin als eine zu überwindende Schwierigkeit anzusehen ist. Allerdings kommt es, wie überall, auf das Wie? an. Und dies eben findet sich hier bis zu einer bewundernswerthen Virtuosität gesteigert. Einige von Chuquet's näheren Freunden behaupten, er sei eigentlich zum Militär geboren und würde ein guter Schlachtensichrer geworden sein. Daß er ein bedeutender Gelehrter geworden ist, beweist nicht das Gegenteil, wie die neuesten Kriegserfahrungen, auch abgesehen von Moltke, gezeigt haben. Die Beschreibung der Märsche und Gefechte, die Kritik von Sieg nnd Niederlage verraten jedenfalls einen Beobachter, dem das Herz für das Fach schlägt, und da seine Feder, einem Pinsel gleich, mit der lebhaftesten Anschauungs- und Darstellungsgabe geführt wird, so ist die Wirkung auf deu Leser, man Ludwig Bambergens Ges. Schriften. II. IS könnte sagen, auf den Zuschauer, unausbleiblich. Natürlich nur, weil die Aufgabe doch ganz anders behandelt ist als in einem Generalstabswerke, welches selbst ini besten Falle zu einer gewissen Trockenheit verurteilt ist. Der Autor ist eben, wenn auch mit Sinn oder Liebhaberei für Kriegssachen begabt, vor Allem Historiker und zwar in des Wortes voller Bedeutung, ein Beobachter, der mit den Augen des Menschenkenners und Politikers schaut. Alle Ereignisse, alle Personen, die er uns vorführt, werden je nach größerer oder geringerer Wichtigkeit — aber immer mit Liebe und Feinheit — portratirt. Das Werk ist auf fast jeder seiner — beiläufig zweitausend — Seiten mit Noten ausgestattet, und zwar stehen dieselben auf demselben Blatt unter dem Text, ein Brauch, welcher der Form eines Anhangs am Schluß des Bandes unendlich vorzuziehen ist. Mir wenigstens will es scheinen, daß ein Leser, welcher nicht durch die Ablenkung auf den Fuß der Seite gestört sein will, ein sonderbarer Kunde ist. Man kann zur Erklärung seiner Einrede doch nur vermutheu, daß er von Noten keine Noüz nehmen möchte. Denn will er sie lesen, so ist es ihm sicherlich unendlich viel bequemer gemacht, wenn er sie sofort zur Stelle findet; verlangt er nicht darnach, so kann er, sie eben stehen lassen und ist überdies als ein uninteressirter auch ein so uninteressanter Leser, daß er keiner Berücksichtigung wert ist. Die besten Leser sind die, welchen die Anmerkung noch lieber ist als der Text. Freilich kommt es auch hier wieder auf das Wie? an. Es giebt Anmerkungeu und Anmerkungen, la^otis st laZots. Hier sind die Anmerkungen niit derselben Geschicklichkeit behandelt wie der Text. Sie sind scharf und knapp. Vor Allem sind sie dem Aufschluß über die Personen gewidmet. Beiuah jeder Name, der uns vorgeführt wird, ist von dem, was man in der Polizeisprache seine Personalakten nennt, be- — 275 — gleitet. Keiner geht unbekannt an uns vorüber. Aber wir erfahren das Nothwendige in wenigen Strichen. Vielleicht könnte man finden, daß hie und da diese Sorgfalt etwas Uebertriebenes an sich hat. Zweierlei wag den Autor dazu, ich will nicht sagen verführt, aber geführt haben. Zunächst der Wunsch, Alles urkundlich zu belegen. Er verlangt, sozusagen, für seine Erzählung und sein Urteil keinerlei Kredit vom Leser. Dieser soll überall selbst sehen. Sodann allerdings auch eine gewisse Liebhaberei. Chuquet ist das, was man auf französisch ,,un otisi-Lksu!-" nennt. Wo ihm etwas aufstößt, will er es sofort ergründen; er verfolgt es bis in seine letzten Spuren. Eine fabelhafte Belesenheit und, ohne Zweifel damit im Bunde, ein ebenso fabelhaftes Gedächtnis kommen ihm dabei zu statten, machen ihm die Aufgabe zu einem willkommenen Spiele. Man erstaunt über alle Quellen, die er aufgetrieben hat. Die kleinsten Publikationen der Vergangenheit und der Gegenwart entgehen seinen Spürangen nicht; das handschriftliche Material der französischen Archive ist nach allen Seiten hin durchforscht. Trotzdem sind die Bemerkungen niemals umfangreich; selten nehmen sie mehr als einige Zeilen auf jedem Blatt in Anspruch oder nöthigen den Leser, das Blatt umzuschlagen über die Seite des Textes hinaus, auf den sie sich beziehen. Sie haben nichts von dem Lästigen und Ermüdenden mancher gelehrten deutschen Werke noch aus dem Anfang dieses Jahrhunderts, welche in weitschweifigen Fußnoten, die selbst wieder mit Noteu in noch kleinerer Schrift versehen sind, den Leser weit vom Standort seines Auges abführen, so daß er nach Erledigung der Note wie von einer langen Reise zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren muß. Vielleicht hätte hier und da etwas erspart werden können, so z. B. namentlich im siebenten Bande, welcher aus Anlaß der Belagerung von Mainz 18* — 276 — die Namen aller, auch ganz obscurer Personen, die an gewissen Vorgängen oder Sitzungen Teil nahmen, verzeichnet. Aber da auch das ganz kurz abgethan ist, so darf man sich damit trösten, daß demjenigen, welchen gewisse Episoden besonders interessiren, damit ein Liebesdienst geleistet wird, der die dafür Gleichgültigeren nicht stört. Den denkwürdigsten Oertlichkeiten der Kriegführung sind kleine übersichtliche Pläne beigefügt. III. Damit sei einstweilen über die Methode genug gesagt. Es wird auch daraus schon von selbst sich ergeben, daß der Stil ein natürlich einfacher und prägnanter ist. Die Sätze gleiten angenehm dahin und lassen keinen Augenblick den Gedanken aufkommen, daß mit der Darstellung nach irgend welcher Seite hin ein besonderer Effekt erreicht werden soll. Die Form stimnit darin ganz niit dem Geist der Darstellung zusammen, welche die leibhaftige Objektivität ist. Obwohl wir es der Hauptsache und der Ankündigung des Verfassers gemäß mit einer Kriegs- und Feld- zugsgeschichte zu thun haben, leuchtet doch ein, daß diese nicht losgelöst von den inneren Zuständen Frankreichs gedacht werden kann, und nichts entspräche weniger dem Sinne des Autors. Vielmehr, wenn auch die militärischen Ereignisse mit einer Lebendigkeit und Anschaulichkeit zur Geltung kommen, die an sich schon — man dars sagen —- spannend und unterhaltend wirkt, kommt doch ein gut Teil der Anziehungskraft auf den Hintergrund der Revolution felbst, über deren Schicksal die Ereignisse entscheiden. Die Zustände und Personen, die Ideen, welche eingreifen, sind eng mit den Vorgängen auf den Schlachtfeldern und - nicht zu vergessen — mit den diplomatischen Zügen und — 277 — Gegenzügen verwebt. Wie das Alles, Schritt für Schritt, einsetzt und sich zusammenfügt und das Ganze dramatisch sich abwickelt, erfahren wir im Fluß der stetig und umsichtig fortgeführten Berichterstattung. Der erste Band hebt mit der Kriegserklärung des damals noch monarchischen Frankreich vom W. April 1792 an, welche ausschließlich gegen Oesterreich gerichtet war. Chuqnet, wie alle unbefangenen französischen Geschichtsforscher, namentlich auch Sorel, spricht unumwunden aus, daß die Juitiative zum Krieg nicht blos der Form, sondern auch der Sache nach von Frankreich ausgegangen ist, oaß die Gironde aus inneren politischen Grüuden den Krieg wollte, wozu dann noch kam, daß Dnmouriez, welcheu Ludwig XVI. kurz vorher zum Kriegsminister ernannt hatte, von Begierde nach Feldherrnthaten entbrannt war. Er, wie beinahe alle, schmeichelten sich damals mit der Aussicht, Preußeu von Oesterreich zu trennen und mit ersterem intimes Verständnis, aus beiderseitige Vorteile berechnet, zu erzielen. Dieser Lieblingsgedanke zieht sich durch den ganzen Verlauf der späteren Ereignisse, gebiert mit wunderlicher Zähigkeit immer neue Spekulationen, auch als schon das preußische Heer im hellen Kampf mit den französischen Waffen und beinahe allein im Felde ihnen gegenüber stand. Diesen Liebeswerbungen, ihren geraden und ihren gewuudeueu Wegen, ihrer naiven Selbstgefälligkeit schenkt unser Berichterstatter, sein besonderes Augenmerk. Es hat etwas besonders Pikantes, in heutiger Zeit, wo das Wort „?rv.88isn" den Inbegriff alles Verab- scheuenswürdigen im Volksmunde ausdrückt, die Schmeicheleien zu lesen, die damals an den König und seine Ner- trauten verschwendet wurden. Vergegenwärtigt man sich dazu noch die heutige Russenliebe, so kann man sich keine wirkungsvollere Gelegenheit wünschen, die Veränderlichkeit allgemeiner Strömungen dieser Art und ihre innere Wertlosigkeit an der Quelle zu studiren. Ein anderes Moment beherrscht in noch viel höherem Maße und ausgiebiger die Aufmerksamkeit des Erzählenden. Es handelt sich um die Wahrheit über die Zustände im französischen Heere jener Epoche, über dessen Leistungen und Charaktereigenschaften. Bekanntlich hat auch auf französischer Seite die so lange im Schwung erhaltene Apotheose der Revolutiousarmee einen gewaltigen Stoß durch das Buch von Camille Rousset, leg VolvQtairs8 1791—94, erhalten. Dasselbe erschien merkwürdiger Weise grade kurz vor Ausbruch des letzten Krieges. Das Vorwort der ersten Ausgabe ist vom März 1870 datirt; seitdem sind noch vier folgende Auflagen erschienen. Der Verfasser erklärt selbst in schlichten Worten, er habe eine Untersuchung (Iilri^ustö) über die Legende der Freiwilligen jener Revolutionsheere sich zur Ausgabe gemacht, und das Ergebnis sei die vollständige Vernichtung dieser Legende. Auch nachdem man Chuquet's sieben Bände aufmerksam zu Ende gelesen hat, kann man, wenn man Alles in ein einziges Wort zusammenfassen soll, zu keinem anderen Verdikt kommen. Die Glorie eines unbegreiflichen Heldentums, welche die republikanisch - nationale Ueberlieferuug den sogenannten Volontärs ums Haupt gewunden hatte, zerfließt auch unter Chuquet's Feder in sehr trübe Nebel. Doch ist der Gesamteindruck hier viel weniger vernichtend."' Es kommt bei ihm neben vielem zu Rousset's Auffassung Stimmenden doch nicht Weniges ans Licht, das besseres Zeugnis giebt. Die beiden Werke sind eben verschiedener Natur. Rousset hat eine Untersuchung angestellt und ist am Schluß derselben zu einem Antrag auf Vernichtuug gelangt. Es ist die Arbeit eines öffentlichen Anklägers, der voraus weiß, auf — 279 — welches Ziel er lossteuert und der seine Akten ausschließlich zu diesem Zweck sammelt. Er verfolgt damit auch eine ganz bestimmte Absicht. Er will die heilige Legende von den Wunderthaten des imprvvisirten Soldaten zerstören, um sein Land vor dem Vertrauen auf diesen Schutz zu warnen. So wunderbar das Zusammentreffen dieser Arbeit mit den unmittelbar darauf folgenden Ereignisfen war, so kann man nicht grade sagen, daß sie in ihrer besonderen Tendenz sich an den Thatsachen bewährt habe. Im Jahre 1870 versagte nicht die improvisirte, sondern die regelmäßig geschulte und organisirte Armee, aus Mangel nicht an Tapferkeit, sondern an fähiger Oberleitung und Fuhrung. Wenn auch im Feldzug an der Loire im Winter 1870 - 71 die von Gambetta zusammengerafften Truppen nicht selten sich die Blößen gaben, die eben bei der Art ihrer Entstehung und Zusammensetzung unvermeidlich waren, — und auch in seiner Lebensbeschreibung Chanzn's läßt Chuquet uns darüber nicht im Unklaren — so kann man ihnen doch im Großen und Ganzen ein bedeutendes Maß von Anerkennung nicht verweigern, nnd dies ist bekanntlich auch von deutscher Seite immer zugestanden worden. Der Vorwurf, welcher 1792 wie 1870 den Urhebern des Krieges von ihrem eignen Lande gemacht worden ist, daß man ihn beschlossen habe, ohne bereit zu sein, trifft viel eher für den älteren als für den späteren Fall zu. Merkwürdiger Weise nämlich spielte das „on n'stait ps.s xret". welches hinterher kommt, auch damals eine ebenso große Rolle, wie in den rückblickenden Urteilen unserer Tage auf den letzten Krieg. Nach den Niederlagen, welche die französischen Truppen bei den ersten Zusammenstößen erlitten, hieß es allgemein, daß man eben gar nicht vorbereitet gewesen sei. Chuauet citirt die Worte Lafauette's in einem Bericht vom 6. Mai! „Ich kann nicht begreifen, wie man den Krieg hat erklären können, während man doch in nichts bereit war ssn n'stMt xrst) sur risu)." Und das paßte auf jene Zeit in des Wortes vollster Bedeutung, weil sowohl der Krieg selbst als der ganze dazu nötige Apparat erst im Moment des Ausbruchs und im Laus der Dinge improvisirt ward, Hals über Kopf und im wilden Tumult der inneren Politik. Von dem Heerwesen des zweiten Kaisertums gilt eher das Gegenteil. Seit lange, lange hatte man an diesen Krieg gedacht. Namentlich seit 1867, seit dem Mißlingen der Mexikanischen Expedition und dem Luxemburger Streit, stand man immer aus dem Sprung. Jeden Morgen konnte man von denen, die sich auf ihre intimen Beziehungen zum Hof oder zur Armee etwas zu gute thaten, in den letzten drei Jahren vor dem Ausbruch hören, daß es demnächst losgehen werde, daß Alles bereit sei, bis auf den letzten Knopf, wie es der Marschall Leboeuf in der That versichert hatte. Neuerdings bringen die Memoiren des Generals Jarras sogar die merkwürdige Enthüllung, daß selbst der Marschall Niel, der für den wissenschaftlichsten, nüchternsten Generalstäbler galt, schon 1369 das „?ont prst" erklärt hatte. Damals sagte der Marschall in bittrem Ton zur Kaiserin, die seit zwei Jahren seinen Eifer schürte, als ob es dessen bei ihm bedurft hätte: „Ich habe nach Ihren Wünschen gethan, Madame; ich bin bereit, und Sie sind es nicht." Zu demselben Herrn Rousset, der das Buch über die Volontärs geschrieben und neuerdings die Memoiren des Generals Jarras besprochen hat, sagte Niel: „Ich habe mich ans Werk gemacht, und endlich ist der Tag gekommen, an dem ich zum Kaiser sagen konnte: wir sind bereit." — Wenige Tage darauf starb Niel. sRsvus äss äsrrx raonclss vom 15. Juli 1892). Das ist eben der Unterschied. Die Leute der Revolution hatten sich gar nicht die Frage gestellt, ob sie bereit seien, sie gingen draus. Die Kriegs- Partei Napoleon's III. hielt sich für vollständig vorbereitet; sie war es auch, nur nicht für diesen Krieg der exakten Führung, den sie nicht kannte. Sie war sozusagen uicht in einem lÄror raot-i, sondern in einein lZrror juris befangen, nnd insofern ist es nicht richtig, wenn die Gegner des gefallenen Kaisers ihm nachträglich vorwerfen, den Krieg ohne die pflichtmäßige Vorbereitung angefaugen zu habeu. Uebrigens hatte nicht er ihn angefangen, sondern er wurde nur durch seine abenteuerliche Umgebung hineingetrieben, wie das Buch von Jarras abermals lehrt. Auch darin herrscht ein vollständiger Gegensatz zwischen jenen Kriegen der neunziger Jahre und den letzten, daß man Alles im Allem sagen muß: in den Feldzügen der Revolution waren die Führer besser als ihr Material, in denen der Neuzeit war bei gutem Material die Führung entschieden ungenügend. Erst in dem letzten Abschnitte, bei dem Kampf im Herzen von Frankreich, tauchten die Chanzu und Faidherbe auf, welche von der Methode der neuesten Kriegsführung genug verstanden. Alle die Berühmtheiten aus der Krim nnd Italien waren ohne Erfahrung und ohne Ahnung der neuesten Kriegskunst und der hochgespannten Ansprüche, welche sie an die oberste Leitung stellt. Die Siege in der Krim waren nur mit unverhältnismäßigen Opfern und in unverhältnismäßig langer Zeit erstritten worden, und die Siege iu Italien nur so im Ramsch davongetragen. Die Bravour hatte das Meiste gethcm. Die allein sollte aber im Kampfe mit der preußischen Heeresleistung nicht mehr genügen, und weil die französische Routine das nicht ahnte, verließ sie sich auf ihre Präcedenzien. In jedem ersten Zusammenstoß zwischen der französischen und preußischen Oberleitung wäre es gerade so gegangen, wenn man auch 282 - noch länger sich vorbereitet hätte. Man war sachlich vorbereitet, aber nicht intellektuell. Das ist der große Unterschied gegen die Bedingungen, unter denen die Revolution sich in den Krieg stürzte. Sie war weit davon entfernt, ihren Gegner zu unterschätzen. Vielmehr, sobald einmal feststand, daß man sich mit Preußen zu messen haben würde, gab man dem Gedanken Raum, daß man es mit einem in militärischer Kunst überlegenen Gegner zu thun haben werde. Der Nimbus der Frideri- cianischen Zeit umschwebte uoch das preußische Heer, Ferdinand von Braunschweig galt für den ersten Feldherrn seiner Zeit. Mirabeau hatte den Ruhm dieser Armee neuerdings wieder nach Frankreich verkündet und sie für die erste der Welt erklärt, und Mirabeau hatte auch vom Braun- schmeiger geschrieben' es sei unfaßbar, aber doch wörtlich wahr, daß er ebenso tief eingeweiht und überlegen sei in den kleinsten Einzelheiten wie in den höchsten Aufgaben der Kriegführung. Die Kommandanten von Verdun und Longivy ließen in Antwort auf die erste Aufforderung der preußischen Parlamentäre sagen, sie seien stolz, dem berühmtesten Kapitän der Zeit gegenüber zu stehen. Dergleichen Aeußerungen ritterlicher Höflichkeit kehren noch oft im Verlaufe der Dinge wieder. Man hatte auch Respekt vor der preußischen Bildung und legte was hinein, ihr mit Anstand zu begegnen. Das ideale Element der Freiheitsbewegung verschwand trotz der traurigsten Excesse niemals ganz aus dem Geiste der Führung und der Offiziere. Wenn die herrschende Partei sich in den Krieg stürzte, so geschah es eben ohne jede weitere Berechnung ihrer militärischen Mittel, aus Gründen der inneren Politik — ein Zug, welcher eine Eigentümlichkeit französischen Staatslebens ist. Es ist zwar gang und gäbe in der höheren Kannegießerei geworden, daß man von jeder Regierung eines — 283 — großen Staates hie und da einmal sagt, sie sei im Stande, einen Krieg heraufzubeschwören, nur um Verlegenheiten im Junern zu entgehen. Aber im Grunde ist diese Auffassung nur französischem Gedankengange nachgebildet und tatsächlich niemals anderwärts Praxis gewesen. Einen großen Frieden, den von Utrecht, hat England einmal aus Motiven innerer Kabinetsiutriguen gemacht, aber einen großen Krieg niemals. Nur die eigentümliche Organisation und Tempe- ramentsart der französischen inneren Politik kennt diese Pferdekuren. Anderwärts hat man höchstens mit der künstlich erregten Furcht vor Krieg in der inneren Politik operirt. Im Frühjahre 1792 stand die Regierung mit einer desorganisirten, in Auflösung und Verwirrung gebrachten Armee da, deren Disziplin gelockert war. Man rechnete darauf, diese au Zahl unzulänglich gewordene regelmäßige Truppe durch selbstständige aus Freiwilligen geworbene Körper zu ersetzen oder doch zu ergänzen. Mit dem Wertverhältuis, in welchem diese Volontärs znr Linie standen, beschäftigt sich die historische Kritik jener Zustände in erster Reihe, und sie ist für das unbefangene Urteil zweifellos dahin gekommen, daß sie die Linie, d. h. den Rest der alten Cadres der Monarchie, bei Weitem für den tanglichsten, nach Manchen für den allein brauchbaren Bestandteil des Heeres erklärt. Die Berichte der im Felde stehenden Generale, so sehr sie die revolutionäre Empfindlichkeit schonen mußten, deren Rache bekanntlich weder langsam noch schonsam war, können nicht umhin, immer wieder auf dieselbe Unterscheidung zurückzukommen. Nur die aller- wildesten und rohesten, später nach Belgien kommenden Konventskommissare verfolgen blindlings die Tendenz, Alles, was aus der monarchischen Zeit herstammt, zu zerstören nnd auszurotten, Offiziere, die oi-cksvants sind, wie die Stämme der Linie. Aber mit dieser einzigen Aus- — 284 — nähme bricht sich immer und überall die entgegengesetzte Auffassung Bahn, und das Problem, dessen Lösung das Pariser Kriegsministcrium ununterbrochen in Atem hielt, war die Frage! auf welche Weise soll das unentbehrliche Element der Freiwilligen und des späteren Massenaufgebots mit der Linie verbunden werden? sollen die Truppenteile aus diesen zwei verschiedenen Elementen gauz getrennt bleiben, sollen sie umgekehrt durch Einreihung, Mann für Mann, aus beiden Elementen in dieselben Cadres ganz verschmolzen, oder soll der einzelne Truppenteil, z. B. das Regiment aus Bataillonen der einen und der anderen Gattung zusammengesetzt werden? Letzteres System, welches man das Amalgame nannte, trinmphirte zum Schluß 'uud gilt z. B. auch einem Skeptiker wie Rousset für das einzige und beste. Chuauet verfolgt, wie sich bei der Art seiner Darstellung erwarten läßt, diese Fragen mit der ihm eigenen Aufmerksamkeit und Unbefangenheit zugleich. Er verwirft im Ganzen nicht unbedingt, wie Rousset, die Leistungen der improvisierten Soldaten. Das ergiebt sich schon daraus, daß Ronsset nur die schlagendsten Aktenstücke in einem Band zusammenstellt, während Chuauet in sieben Bänden drei Feldzüge ins Einzelne hinein verfolgt und auf seinen Wegen nicht selten auch Lobenswertem begegnet. Namentlich unterscheidet er zwischen den Freiwilligen, welche im Jahre l79l eintraten, und denen, welche ans dem das Vaterland in Gefahr erklärenden Dekret vom 11. Juli 1792 hervorgingen. Den letzteren schiebt er den bei Weitem größeren Anteil an dem Makel zu, welchen die ernüchterte Geschichtschreibung auf diefe improvisierten Soldaten gehäuft hat. Und wenn hier der Mangel an jeglicher Disziplin konstatiert wird, so tritt in Wechselwirkung damit der entsetzliche Mangel an Ausrüstung und Ausbildung hinzu. Man hat — 285 - es schon oft gelesen, aber man liest es immer wieder mit neuem Staunen, welche hilflosen, untauglichen Massen eine tumultuarische politische Leitung ins Feld schickte, und zu welchen Excessen gegen Freund und Feind, ja auch gegen ihre Offiziere diese Banden sich hinreißen ließen. Solches ereignete sich aber nicht nur bei den Milizen. Die ersten schmählichen Niederlagen, welche die Armee bei Quievrain und Möns von den Oesterreichern erlitt, kommen auf Rechnung der Linie, namentlich der Kavallerie. Chuquet glaubt nachweisen zu können, daß die Freiwilligen der ersten Aushebung vou 1791 nicht mit der Verachtung behandelt werden dürfen, welche, im Rückschlag gegen die Nebertreibungen der revolutionären Apotheose, die ueuere Kritik ihuen cmge- deihen ließ; er zeigt an vielen Gefechteu, daß ihre politische Begeisterung und ihr guter Wille aus ihnen so gute Soldaten gemacht hatten, wie man es nur nach einer achtmonatlichen Vorbereitung erwarten konnte. Dabei steht er nicht im Geringsten unter dem Einfluß der Ansicht, daß man brauchbare Truppen mittelst des Enthusiasmus aus der Erde stampfen könne; er hat selbst viel zu viel Sinn für Kriegswesen, nm für Dilettantisches voreingenommen zu sein. Die Legende findet an ihm keinen Augenblick eine Stütze, aber sein Gesammturteil, welches nicht einseitig auf Mißachtung der Revolutionsarmee hinausläuft, hilft doch auch allein die Thatsache erklären, daß schließlich die Republik mit wechselndem Kriegsgeschick nicht ohne eine Reihe merkwürdiger Erfolge gekämpft hat und am Ende nicht nur unbesiegt, sondern mit großem Gewinn aus dem Frieden vou 1795 hervorging. Wie viel immer an diesem Ausgang die Fehler und Schäden ihrer Gegner, die Langsamkeit der österreichischen Kriegführung, die deutsche Uneinigkeit, vor Allem die Eifersucht über die Teilung Polens mit schuld gewesen sein mögen, alle zusammen allein können — 286 — einen solchen Ausgang nicht erklären, nnd die Annalen der !»>>»i, Feldzüge iveisen eine Reihe von Waffenthaten auf, die augenscheinlich und nachweislich stark in die Wendung der Dinge mit eingegriffen haben.' Warum hätte sonst am Ende dieses ersten großeil Abschnitts das gesammte Europa, welches sich am Krieg gegen die Republik beteiligt hatte, mit Ausnahme von England nnd Oesterreich, die Waffen gestreckt? Wenn man unbefangen die im Weiteren von unserem Historiker ausgerollten Blätter jener Geschichte verfolgt, kommt man zu demselben Resultat, das auch er in seiner vollendeten Vorurteilslosigkeit sich aneignet, daß nämlich trotz unendlich vieler Sünden und Thorheiten von oben ^ / und von unten, doch in den Massen der französischen Nation Tapferkeit, Geschicklichkeit und nicht zum Mindesten politische Begeisterung einen großen Anteil an dem ihr günstigen Ausgang der Dinge gehabt haben. Sogar eine Besonderheit, welche aus der Erfahrung dieser Kriegszüge als die unzweideutigste hingestellt wird, scheint bei näherer Beleuchtung auch uicht unbedingt festgehalten werden zu dürfen. Die Erwählung der Offiziere durch die Truppe muthet uns bei unseren heutigen militärischen Zuständen, die immer mehr auf eine Präcisivns- maschinerie hinzielen, als eine wunderliche Ausgeburt abstrakter Gleichheitstheorie an. Aber selbst ein so strenger Richter wie Rousset vermag sie nicht ausnahmslos als unpraktisch hinzustellen. Er erwähnt einzelner Konjunkturen, iu denen dies Verfahren sich bewährte. Gelangt man auch aus seiner, wie nicht minder aus Chuquet's Darstellung, zum Schluß, daß die Wahl der Offiziere im Ganzen nichts weniger war als ein Weg, um die bestbefähigteu herauszufinden, so sind doch die Fälle nicht selten, wo aus der Wahl Führer hervorgingen, die später zu großem Ruhm — 287 — gelangten, wie denn in diesen Revolutionskriegen schon die Mehrzahl der späteren Marschälle ihre Sporen verdient hatten. IV. Die Geschichte der Begebenheiten, beginnend mit dem Ausmarsch der beiden Heere und den ihr diesseits und jenseits vorausgegangenen politischen Kombinationen bis zu der in unserer klassischen Litteratur verewigten Kanonade von Valmy, ist oft erzählt worden. Sie fesselt immer wieder von Neuem aus vielen Ursachen, am meisten, weil es doch eigentlich dieser erste Abschnitt war, welcher der großen Einwirkung der Revolution auf Europa die entscheidende Wendung gab, indem ihr Sieg nach außen auch zum Sieg im Innern von Frankreich wurde. Für Deutschland hat dieser Abschnitt noch das besondere Interesse, daß die kraus verschlungenen Gebilde des zerfallenen Reiches und die unmittelbare Nachfolge der Fridericianischen Epoche diplomatisch und militärisch im Vordergrunde stehen. Dazu tritt für die heutige Generation, daß die neueste Kriegsgeschichte ihre größten und merkwürdigsten Tage auf dem Boden derselben Argonnerlandschaft, welche jenem ersten denkwürdigen Zusammenstoß zum Schauplatz gedient hat, erleben und daß Moltke's modernes Genie gerade da am nachdrücklichsten die Scharte auswetzen sollte, welche des braunschweigischen Herzogs veralteter Kunst von dem stürmischen Widerstande eines neu eingreifenden Elements beigebracht worden war. Frankreich inaugurirte damals die Aera der Volkskriege, welche Spanien und Preußen bald darauf gegen Napoleon wieder aufuahmen, beide Male mit Erfolg, bis die neueste Zeit den Volkskrieg in Gestalt des Volksheeres zum allgemeinen Prinzip erhob und seine - 288 — Signatur allen künftigen Kriegen aufdrücken zu wollen scheint — ob mit dem Ende, daß für Europa's Kultur daraus das Verhängnis; oder die Erlösung reifen werde - wer vermag es zu sagen? - Was von allen bereits erwähnten Vorzügen der Darstellung und Behandlung die in diesen beiden ersten Bünden enthaltene mit am meisten auszeichnet, ist, daß hier ein französischer Historiker einmal, so ausgiebig wie nur irgend möglich, sich auch auf deutsche Quellen stützt. Keiner der berühmten und vielgelesenen unter ihnen hat es so gethan, keiner konnte nur deutsch lesen, namentlich nicht Thiers oder Louis Blanc; auch Lanfrey hat seine Geschichte Napoleons geschrieben, ohne ein Wort deutsch zu verstehen. Erst die neuere Generation, welche gründlicher deutsch gelernt hat, war im Stande, diese zur Erforschung der Revolutionsgeschichte unerläßliche Bedingung zu erfüllen. Sorel und Chuquet sind die ersten, welche dieser Aufgabe gewachsen waren und den besten Gebrauch davon gemacht haben. Zwar deutsche Archive standen Chuquet nicht zu Gebot, aber dafür hatten unsere Bearbeiter jener Zeit dieselben gründlich ausgenützt, und der französische Historiker konnte sich ihrer Forschungen bedienen, indem er von seiner Seite aus französischen Archiven das ergänzende Material reichlich herbeiholte. In der Vorrede zum ersten Bande führt er die namhaftesten seiner deutschen Autoritäten an, vor Allem die größeren Werke von Subel, Häusser, Ranke, eine Reihe von Memoiren und Monographien aus der Zeit, und in den am Fuße der Seiten fortlaufenden Noteu stoßen wir immer wieder auf die erfreuliche Fülle auch deutscher, weniger bekannter Schriften, die der Spürsinn des Sammlers aufgetrieben hat. Eine der meist benützten Quellen ist, wie schou Eingangs erwähnt, für diesen Abschnitt Goethe's Tagebuch aus der Campagne in Frank- — 289 — reich, und man irrt vielleicht nicht, wenn man der Vermutung Raum giebt, daß für den Verfasser der erste Anstoß zur Unternehmung dieser ganzen historischen Arbeit von der litterarisch-philologischen Beschäftigung mit diesem Tagebuch ausgegangen ist. Ein Blick in die Einleitung und die Fülle der historischen Anmerkungen, mit welchen diese für französische Schüler bestimmte Ausgabe des deutschen Bändchens versehen M), (sogar eine Karte ist ihr bereits beigefügt), deutet darauf hin, daß der Verfasser sich schon damals in den sachlichen Inhalt vertieft hatte und die Einzelheiten kritisch zu prüfen bestrebt war. In dem ersten Teil des geschichtlichen Hauptwerkes sind die Aufzeichnungen 'Goethes mit Liebe behandelt. Einzelnes, das aus Jrr- thümern des Gedächtnisses zu beruhen scheint, ist aktenmäßig richtig gestellt, aber bei weitaus dem größten Teil des Inhaltes wird das Zeugnis der Genauigkeit und der Glaubwürdigkeit erteilt, ein Zeugnis, das um so bedeutsamer ist, als Goethe das Wenigste unmittelbar niedergeschrieben, vielmehr erst dreißig Jahre später aus Notizen und Erinnerungen wieder aufgebaut hat. Im siebenten Bande hat Chuquet ebenso Goethe's Erinnerungen an die Belagerung von Mainz mit besonderer Vorliebe zu Rathe gezogen. Auch in seinen sehr ausgiebigen Erläuterungen zu Hermann nnd Dorothea geht er überall den Spuren der Eindrücke nach, welche in dem Gedicht als Reminis- cenzen aus jenen Erlebnissen auftauchen. Die drei ersten Bände bilden gewissermaßen einen, ersten eng in sich zusammenhängenden Abschnitt des ganzen Werkes! der Einmarsch der Verbündeten — la prswisrs invasion prusgienns —, Vlllniy und der Rückzug des Herzogs von Braunschweig. Alles ist interessant. *) ?aris, N. DsI»Arsvs. Neueste Ausgabe 1892. Ludwig Bambergsr's Ges. Schriften. II. ^ — '290 — malerisch und lebendig erzählt; der Einfluß der Pariser Ereignisse, die Zustände der beiden Heere geben den genauen Einblick in die allgemeinen Bedingungen, unter denen die Begebenheiten sich entwickeln: dem preußischen Heere und seinen Führern wie den Personen des Königs und seiner Umgebung ist ebenso viel Studium zugewandt, wie denen auf französischer Seite. Das Rätselhafte, das von jeher über dem Abbruch des Feldzugs nach dem eigentlich unentschiedenen und nicht notwendig entscheidenden Tag von Valmn schwebte, weicht auch nach dieser Schilderung keiner größeren Klarheit; aber nicht etwa darum, weil der Erzähler etwas übersieht oder unaufgeklärt läßt, sondern weil er das merkwürdige Phänomen der plötzlich eintretenden Erschlaffung auf deutscher Seite als ein solches auffaßt, das, aus Jnrponderabilien zusammengeballt, sich der exacten Analyse entzieht — entsprechend dem Eindruck, den Goethe's prophetischer Ausspruch auch in Form eines intuitiven und nicht eines logisch aufgebauten Urteils verewigt hat. Aber gerade um deswillen verwendet der Erzähler seine Kunst auf die Einzelheiten des Verlaufes; er läßt uns selbst Alles sehen, damit nicht sein, sondern unser Eindruck erkläre, was diese Wendung herbeigeführt haben mag. Natürlich kommen die bekannten elementaren Mißgeschicke ausführlich zur Sprache, Unwetter und Krankheiten. Aber auch im französischen Lager fehlte es nicht an Plagen, und der Himmel goß seine Finthen auf Alle herab. Die Annäherungsversuche an König Friedrich Wilhelm und seine Umgebung, die vom ersten Anbeginn, schon vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, eine besondere Anziehungskraft auf die Politiker wie aus einzelne Generale ausübten, sind schon Eingangs erwähnt worden. Sie ziehen sich durch den späteren Gang des Feldzuges durch und — 291 — finden schließlich ihre Rechtfertigung im Baseler Frieden. Chuquet verfolgt sie auf Schritt nnd Tritt mit seiner — wie überall — gänzlich unbefangenen Beobachtung, namentlich auch auf den Wegen Dumouriez', der für die Lorbeeren des Diplomaten nicht weniger Sinn hatte, als für die des Feldherrn. Die Züge, aus denen das Charakterbild dieses merkwürdigen Abenteurers sich zu einem Ganzen gestaltet, setzen parallel mit seiner Teilnahme an den Ereignissen ein. Den Abschluß findet es natürlich erst mit dem fünften Bande, der die Ueberschrift „Dumouriez' Verrät" trägt und den belgischen Feldzug bis zum ersten Rückzug aus Belgien uud Holland nach der Schlacht bei Neer- winden beschreibt, nachdem der vierte Band den siegreichen Einmarsch und den Tag von Jemappes zum Mittelpunkt genommen hatte. Auch dem Abtrünnigen gegenüber bewahrt der Psychologe hier seine Objektivität. Wie überall hält ihn seine stets ins Einzelne dringende und dem all- mäligen Verlauf unausgesetzt folgende Nachforschung von Einseitigkeit frei. Er giebt keine summarischen Verdikte von sich, sondern er schildert und berichtet, und so sehen wir überall Menschen mit menschlichen Fehlern und Vorzügen, welche nicht blos durch ihre Willensbewegung, sondern auch durch den Drang der äußeren Ereignisse zu Ehren oder zu Fall kommen. Während unter der Feder Anderer, auch Sorel's, die Figur Dumouriez' von vornherein im Widerschein des Stigmas erscheint, das ihr das Ende aufdrücken sollte, führt sie sich in Chuquets Darstellung eher mit einer gewissen bestrickenden Liebenswürdigkeit ein, welche aus dem übersprudelnden Temperament, der unermüdlichen und unbesiegbaren Widerstandskraft, dem phantasiereichen Humor dieser, trotz ihrer Abstammung aus dem flandrischen Norden, doch durch und durch französischen 19* — 292 — Natur uns entgegentreten. Sein wahrhaftes Feldherrntalent ist nie bestritten worden. Die beiden Bände „Jemappes" und „Dumouriez' Rückzug" bilden zusammen den zweiten Teil des Werkes. Nicht am wenigsten findet in ihrer Schilderung der politische Grund und Boden, auf dem die Kriegsbegebenheiten sich abspielen, Berücksichtigung. Die inneren Zustände Belgiens, dessen Gährung, schon vor der französischen, mit der Lütticher Revolution zum Ausbruch gekommen war, das Hin- und Herwogen zwischen dem neu entzündeten demagogischen Geist und der Anhänglichkeit an die ehrwürdigen Traditionen alter Verfassungszustände, der Kampf zwischen den gläubigen und ungläubigen Teilen der Bevölkerung, die Illusionen des ersten Aufloderns und die bittern Enttäuschungen, welche das Raub- und Plünderungswesen der_ Befreier heraufbeschworen, das Alles ist in lebhasten und eindringlichen Schilderungen wiedergegeben, die zum Besten im ganzen Werke gehören. An wörtlicher Berichterstattung über die kleinsten Einzelheiten geht nur die Arbeit des siebenten Bandes, welcher die Einnahme und die Belagerung von Mainz zum Gegenstand hat, noch weiter. Diese, bis jetzt zwei letzten Bände, „Custine" und „Mainz", bilden den dritten Abschnitt als eine Monographie über dies erste Vordringen der Revolution an den Rhein und seine wechselnden Schicksale. Dem Autor wächst in dem Maße, als er in seiner Arbeit fortschreitet, sichtlich noch immer die Lust an ihr und in Wechselwirkung damit die Meisterschaft. Möglich wäre es, daß dem französischen Leser in diesen beiden Bänden hier und da die Frage sich aufdrängte, warum ihm die Belege in so minutiöser Auszählung unterbreitet werden. Den Deutschen wird ein solches Bedenken nicht anwandeln. Er kann es nur dankbar auerkennen, wenn mit dem Eintritt in das deutsche Gebiet die Anstrengung und Aufmerk- — 293 — samkeit des Forschers noch größeren Eiser entwickelt. Für den einen wie für den andern muß natürlich die Frage sich entscheiden nach dem Reiz, den die Lektüre auf ihn ausübt. Denn auch hier kommt eben Alles darauf an, wie die Sache behandelt ist, mit wieviel Geschmack, Anschaulichkeit und Verwertung des detaillirten Materials zur Erweckung eines endgiltigen Urteils. Der Erzähler hat Vertrauen in seine Methode und meines Erachtens mit vollem Recht. Er giebt sich genau Rechenschaft von den Einwendungen, die ihm gemacht werden könnten, und das beweist schon genug. Seine eignen Worte aus der Vorrede zum ersten Band (sie ist charakteristischer Weise im Gegensatz zur objektiven Erzählung auf ganz wenige Seiten zusammengedrängt), mögen hier am besten feine Grundgedanken wiedergeben: „Vielleicht wird man mir vorwerfen, daß ich ins Kleinliche hineingerate, auf nichtige Dinge Gewicht lege, allzusehr aus Genauigkeit bedacht sei. Aber die geschichtliche Wahrheit ist nur um diesen Preis zu haben. Man kann eine Epoche nur kennen und ihr Leben einhauchen, indem man sich bemüht, Alles zu geben . . . Sollte man nicht reichlich mit Einzelheiten dienen dürfen, vorausgesetzt nur, daß sie bezeichnend ausgeprägt seien und daß ihre große Zahl nicht der Klarheit des Ganzen schade?" Wie in den drei ersten Bänden die Figur Dumouriez' den iuteressanten Mittelpunkt der Kriegsgeschichte abgiebt, so fällt in den beiden letzten das Licht an: meisten auf Custiue. Auch hier gilt, was von Ersterem gesagt wurde: die aufmerksame Behandlung führt im Ganzen zu einer Würdigung, die den vielfach Verurteilten nicht aller gewinnenden Eigenheiten entkleidet, und auch hier bleiben wir schließlich unter dem Gesamteindrucke eines milderen Urteils als bei Sorel. Für den deutscheu Leser hat eine — 294 — nähere Beleuchtung dieser Persönlichkeit besonderes Interesse. Custine war der erste, der die Revolution unter dem Zeichen der philosophisch-politischen Propaganda in einem mehr aus der Schwäche des Reiches als aus der Stärke Frankreichs erklärbaren Siegeszug an den Rhein führte, und das Andenken an jene viel erzählte und viel besprochene Clubbistenzeit hat sich bis aus diese Tage erhalten. Ich hörte noch in meiner Jugend bei alten Leuten von „Güschtine-Zeiten" im Gegensatze zu „Kurfürsten-Zeiten" wie mit einem landläufigen Ausdruck reden. Durch die Person seines Enkels, eines der ersten Enthüller russischer Mysterien und des Korrespondenten derRahel, ist Deutschland später noch einmal wieder an ihn erinnert worden. Der nach der Einnahme von Mainz unternommene und nach kurzem Gelingen wieder mißglückte Handstreich gegen Frankfurt, die Brandschatzung der Stadt, die Verhandlungen und Kämpfe dieser bösen Episode sind in dem Bande Custine mit der vollendetsten Unparteilichkeit und Genauigkeit erzählt. Gleichmäßig durch den vorletzten und dnrch den letzten Band zieht sich parallel die Schilderung der politischen und der kriegerischen Vorgänge der Einnahme, Belagerung und Kapitulation von Mainz im Herbst 1792 bis zum Sommer 1793. Die Belagerung, welche unter die denkwürdigen dieser Art gerechnet wird, ist zwar auch hier wieder mit jener eigentümlichen Mischung von aktenmäßiger Zeichnung und koloristischer Belebung wiedergegeben, welche das Ge- heimniß des Autors ist. Aber innerlich viel mehr zieht uns die Schilderung der geistigen Bewegung an, die sich zu diesen Begebenheiten gesellt. Neben den offiziellen Quellen des „Monitenr" und des Kriegsarchivs liefert hier eine endlose Masse der zeitgenössischen und der späteren Publikationen: Denkwürdigkeiten, Zeitungen, Flugschriften, Abhandlungen, natürlich viel mehr in deutscher als in — 295 — französischer Sprache, ein Quellenmaterial, an welchem sich der Erzähler mehr als an irgend einer anderen Stelle seines Werkes vollgesogen hat. Schwerlich ist ihm irgend ein Blatt älterer oder neuerer Zeit entgangen; in den Arbeiten des Mainzer Gerichtspräsidenten Bockenheimer, dev sich Nachforschungen auf diesem Gebiete zur besonderen Aufgabe gemacht hat, fand er einen Pionier, dem er viel verdankt. Nachdem man Chuquet's Bände Custine und Mainz gelesen hat, kann man mit absoluter Gewißheit das Schlußurteil über den qualitativen und quantitativen Gehalt der Teilnahme fällen, welche die Sache der Revolution und der Gedanke des Anschlusses an Frankreich damals am Mittelrhein aufzuweisen hatten. Unseres Historikers Bericht in allen Einzelheiten und im Gesamteindruck stimmt mit der Ansicht überein, die sich im Lauf der Zeiten immer mehr herausgebildet und festgestellt hat, daß eine Wirkung in die Breite niemals erreicht war. Wie genugsam bekannt, hatte die Revolution bis zum Ausbruch der Schreckenszeit unter den Gebildeten Deutschlands und gerade in den höchsten gelehrten Kreisen begeisterten Anklang gefunden, dem dann Abkehr und Ernüchterung folgten. Ein Kreis von Männern, welche am Sitz des letzten Kurfürsten vereinigt waren, stand örtlich und geistig der Bewegung besonders nah, und das Erscheinen der republikanischen Armee entfesselte natürlich alle bis dahin unterdrückten Regungen. Aber weitaus der größte Teil der Bevölkerung verhielt sich innerlich gleichgültig oder ablehuend, und weder das Auftreten der „Befreier" noch die Erfolge ihrer Thaten leisteten einer tieferen Umwälzung Vorschub. Die spätere Zeit vom Frieden von Campoformio bis zu dem von Paris, ein Zeitraum von reichlich fünfzehn Jahren, schaffte mehr Boden für die Sympathie besonders mit französischen Rechts- institutiouen, als jene erste kurze tumultuarische und schreckensvolle Epoche hinterlassen hatte, und in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts entspann sich daraus rückwärts eine Art Legende, als ob die Massen bei jener ersten Berührung sich gewaltig entzündet hätten. Die Gestalten von Georg Forster und Adam Lux, der Roman Heinrich Königs, „die Clubbisten", und die politische Bewegung der dreißiger Jahre, welche ihre Hauptnahrung aus den französischen Kammerdebatten zog, das Alles wirkte zusammen, um jene weiter zurückliegende Episode mehr, als es der Wirklichkeit entsprach, in die Beleuchtung einer großen Erregtheit zu rücken, welche den Einen in einen: schön romantischen, den Anderen in einem betrübend widerwärtigen Licht erschien. Seitdem hak die historische Kritik Alles aufs richtige Maß zurückgeführt, und die vorliegende Darstellung stimmt damit aufs vollkommenste überein. Genau ebenso verhält es sich mit der parallel gehenden Legende von dem schvnsamen und humanen Verhalten der Invasion gegen die friedlichen Bewohner. Es giebt hier allerdings einzelne Züge zu verzeichnen, die besonders den Führern, hie und da anch den Truppen, zur Ehre gereichen. Es ist richtig und auch von Ehuquet mit allen Belegen ausgestattet, daß namentlich Custine bei seinem ersten Einmarsch gegen Speyer und Mainz von der Absicht durchdrungen war, auf Mannszucht zu halten, Plünderung zu verhüten, mit einem Wort die Erklärung wahr zu macheu, daß man als Befreier nnd Bruder komme. Auch wurden im Anfang namentlich strenge Exempel statuirt. Aber das Fleisch ist in diesem Falle noch viel schwächer als im Durchschnitt überhaupt. Im Beginn eines Feldzuges sind Disziplin und Menschlichkeit in der Regel noch leidlich beherzigt. Aber auf die Länge werden sie immer mehr vergessen, und der Sinn verhärtet. Hier, wo die wüstesten Elemente und eigene Entblößung noch so besonders stark mit eingriffen, ward die — 297 — Raubsucht nun gar bald grausam entfesselt. Je länger der Krieg dauerte, je mehr die Notwendigkeit sich aufdrängte, ihn uach alter Weise durch den Krieg zu ernähren, desto schlimmer wurden die Dinge. Bald darauf erhob bekanntlich die Pariser Regierung das Plünderungsslistem und die indirekte Ausraubung durch Bezahlen mit Assignaten zum System. Namentlich in Belgien wurde danach verfahren und das Werk der „Befreiung" dadurch unvermeidlich diskredilirt. Das Direktorium vervollkommnete noch, was die Konventsregierung eingeleitet hatte, und Napoleon s bekannte Proklamation an seine Soldaten vor dem Niedersteigen in die reichen Gefilde Italiens gab dem nationalen Beuterecht sogar sein Pathos. Ein Teil der Befehlshaber wandte in stiller Prosa die Lehre auf ihre eigene Person an. Der Krieg wird immer ein bösartiges Handwerk bleiben, aber Proklamationen wie die genannte und Privatbereicherung der Generale sind in unserer Zeit, wenigstens in Europa, schwer denkbar. Auf chinesischem Boden haben bekanntlich noch vor wenigen Jahrzehnten etliche Fälle die Erinnerung an die Praxis der früheren Zeit wieder aufgefrischt. Ich erwähne diesen Zug der damaligen Kriegführung, weil er an sich Interesse hat, aber nicht etwa, um nun einen vergleichenden Seitenblick ans die in Frankreich verbreitete Meinung von einem schlimmen Verhalten der deutschen Truppen im letzten Krieg zu werfen; es wäre unbillig, ja unschön, so freimütige und ehrliche Schilderungen, wie sie Chuquet und auch Sorel geben, zn einer Polemik gegen ihre Landsleute zu verwerten. Dagegen verdient ein anderer Gesichtspunkt näher gerückt zu werden, weil er nicht für den Hinblick auf länger oder kürzer Vergangenes, sondern für die große immer noch schwebende Streitfrage zwischen beiden Nationen seine Bedeutung hat. Bei der — 298 - Erörterung der Frage, mit welchem Recht Deutschland die zwei Grenzprovinzen im Frankfurter Frieden in Besitz genommen habe, ist es nicht müßig zu prüfen, welche Anschauung Frankreich über diese Dinge in den neunziger Jahren bekmmt hat. Der Einwurf, daß auch hier die sanftere Denkart der neueren Zeit sich den Hinweis auf jene vergangenen Tage versagen müsse, gleicht sich reichlich aus durch das Gegengewicht der Betrachtung, daß jenes zurückliegende Frankreich das der freiheitlichen Grundsätze war, auf welche uoch heute das allermodernste den Adel seiner Abstammung zurückführt. Und diese Betrachtnng wird noch ansehnlich verstärkt, indem wir beim Einblick in die konkrete Geschichte dieser Ideen erfahren, wie eingehend, vielfach und energisch sie damals in Theorie und Praxis ausgebildet worden sind. Endlich, um auch das noch hinzuzufügen' durch die Verwertung des von unparteiischen französischen Autoritäten gesammelten Materials wird in diesem Falle auch nicht indiskret gegen sie verfahren. Denn es liegt nahe und ließe sich aus ihrer eigenen BeHandlungsweise der Sache nachweisen, daß sie sich über ihrer Arbeit der naheliegenden Nutzanwendung auf die brennende Streitfrage vollauf bewußt waren. Sie geben freilich nicht ihre eigene Ansicht und würden sie schwerlich, wenn direkt darauf angegangen, im Sinne der schlechthinigen Anwendbarkeit jener ehemaligen französischen Lehrsätze auf die Gegenwart, formuliren. Aber das wird auch von dem Historiker nicht verlangt. Genug, er schlägt uns Akten aus, welche offenbar für unseren Streitfall sehr beherzigenswert sind. Die daraus sich ergebenden Schlußfolgerungen find so treffender Art, daß sie ausdrücklicher gar nicht formuliert zu werden brauchen. Indem ich dies Gebiet beschreite, gehe ich über den Rahmen des von Chuquet in den fertig daliegenden sieben — 299 — Bänden verarbeiteten Stoffes hinaus. Der Gegenstand wird zwar bei Gelegenheit der belgischen und der Mainzer Episode gestreift, aber er kam damals nicht zum Austrag. Erst im weiteren Verlauf der Ereignisse nimmt er deutlicher Gestalt an, bis in den Verhandlungen, die zum Baseler Frieden führen, scharfe Erörterungen und greifbare Tatsachen hervortreten. Allein was der Geschichtschreiber bis jetzt noch nicht vollendet hat, ist von dem Litterathistoriker bereits ins Auge gefaßt worden. In der von ihm herausgegebenen ,,R.svus Oritiqus 6'Iristoirs st, 6s Iit.tsrg.turs" vom 7. März d. I. stoßen wir auf die Besprechung des vierten Bandes von Sorel's bereits mehrfach erwähntem Werke, dessen Inhalt und Geist uns immer wieder mit dem zu Grunde gelegten Werke Chuquet's zusammenführt. Dieser Band trägt den bezeichnenden Titel „Die natürlichen Grenzen" (Iss Iimits8 natnrsllss). Ich begnüge mich, einen Teil derjenigen charakteristischen Stellen wiederzugeben, welche Chnquet aus Sorel's Text heraushebt, entweder im Wortlaut oder sie dem Inhalt nach zusammendrängend. Für das genauere Studium muß natürlich auf den Band Sorel's selbst hingewiesen werden. Auf den kürzesten Ausdruck gebracht, giebt die Darstellung den Nachweis, daß die nach Robesvierre's Sturz eingetretene Konventsregierung der Moderierten, später fortgesetzt vom Direktorium, mehr als je den Krieg um ihrer Autorität nach innen hin wollte und wollen mußte, — Sorel hat dafür den Namen „1a gnsri-s äs mg,AiriiissQos" — und daß als praktische Schlußfolgerung daraus die Lehre der höheren Notwendigkeit der „natürlichen Grenzen", insbesondere der Rheingrenze, hervorging. Zunächst knüpfen die Citate an die Schwierigkeiten, welche trotz des Baseler Friedens fort- — 300 — bestanden: die unbesiegte Veudse, die kriegerische Haltung Oesterreichs und Englands. Da heißt es uuu: „Die öffentliche Meinung wirft sich auf die Eroberungen, sie hält den Frieden nur für gesichert, wenu die Verbündeten gedemütigt werden und die Republik hinter der Rheingrenze geschützt steht." — „Die Idee der Eroberung vermischt sich gänzlich mit der Idee der Revolution, und die Aufrichtung der republikanischen Verfassung verknüpft sich mit dem Erwerb der natürlichen Grenzen; es gilt für ein Diplom des Patriotismus (brsvst, 6s xmtriorisnis), sich für die Rheingrenze auszusprechen." - „Wie viele Aussprüche müßte man eitieren," sagt Chuquet einige Zeilen weiter, „die bei den Discussionen über diesen Gegenstand gethau worden, z. B. den von Merlin: „„Um sich für die Uebel und die Unkosten des ungerechtesten aller Kriege zu entschädigen und um einem neuen Krieg vorzubeugen, darf und muß die Republik kraft des Rechtes der Eroberung, d. h. durch die Friedensschlüsse die ihr passenden Gebiete erwerben, ohne deren Einwohner zu befragen""— den Ausspruch von Eschasseriaux: „„Man darf nicht Erobern nennen, was man thut, um sich die Mittel der Verteidigung zu verschaffen-, was Sitten und Institutionen anbelangt, mit denen wird man nach der von Regierung und dem Gesetz gegebenen Weisung fertig werden,"" — vder den Ausspruch von Portiez: „„Der Wille der Völker ist gegeben durch ihr Interesse, und ihr Interesse besteht darin, mit der Republik vereinigt zu werden;"" — den Ausspruch von Carnot: „„Sie, die Mitglieder des Konvents, sind es unseren Armeen schuldig, Frankreich den glorreichen Preis ihres Blutes zu cr- ^1 Notabene Merlin ,i'is, Lsxolci Oörk. — 304 — wahrhaft edlen und außerordentlich seltenen Objektivität die höchste Auszeichnung zuerkennen wollte. In unfern Tagen, wo das nationale Selbstgefühl zur obersten aller Tugenden gestempelt, wo seine Uebertreibung bis zur Karrikatur eines der dankbarsten Popularitätsniittel geworden, gewährt es doppelte Freude, das Auge auf solchen Erscheinungen ruhen zu lassen, und gerade auf französischem Boden, und ganz besonders wo es sich um Auseinandersetzungen mit Deutschland handelt. Schriftsteller von gleicher Objektivität, wie Arthur Chuquet, Albert Sorel, Gabriel Monod^) sind überall eine Seltenheit; sie sind es zumal unter den hier obwaltenden Umständen in Frankreich, und es ist nicht nur eine Freude, sondern auch eine Pflicht, dahin zu wirken, daß sie nach Gebühr verbreitet und anerkannt werden. Auch ist nicht zu vergessen, daß diese ihre Objektivität sie nicht gehindert hat, bei ihren Landsleuten reichsten Beifall zu ernten. Unter den deutschen Historikern unserer Zeit wird Keiner zu finden sein, der im Punkte der Objektivität höher als Chuquet gestellt zu werden verdiente: aber wie Manche könnten darin viel von ihm lernen! Die chauvinistische Geschichtschreibuug ist keine deutsche Erfindung, aber die neuere Zeit hat Nachahmungen dieser Methode bei uns erstehen sehen, die alle ihre Vorbilder an gewollter Einseitigkeit hinter sich zurücklassen. Der Neophntismus hat auch hier seine Neigung zum Extrem bewährt, und die Verkündung der Lehre, daß die Geschichtschreibuug recht eigentlich die Aufgabe habe, den Nationalstolz, oder, in diesem Fall richtiger gesagt, das Nationalvvrniteil zu fördern, ist eines der absurdesten Erzengnisse dieses eigentümlichen Strebcns nach nützlicher Unwahrheit. Die Frage, zu welchem Zweck man Geschichte Der Herausgeber der Lsvus Kistori^us. — 305 — lehren und lernen soll, die bekanntlich so oft und in Deutschland so klassisch behandelt worden ist, mag jeder möglichen Beantwortung offen stehen, aber niemals wird diese Antwort vernünftiger Weise lauten dürfen: man solle keine Geschichte, sondern Erdichtetes schreiben. Und wie überall, so auch hier steht, vom Nutzen zu schweigen, der Genuß, den eine wahrhaftige Behandlung bereitet, unendlich hoch über dem falschen Kitzel, den eine deni eitlen Selbstgefühl des Lesers schmarotzende Schönmalerei erzeugt. Man lese das Werk Chuquet's als Probe daraus. Vor Allem dies Gefühl der Sicherheit! Man empfindet sofort, daß man sich in einem Hause bewegt, iu dem man, so zu sagen, alle Thüren, Schubfächer und Schlösser seiner Wahrnehmung vertrauensvoll offen stehen lassen kann. Es wird nichts heraus- uud uichts hineinpraktiziert, nichts verkleinert und nichts vergrößert. Bei jeder Schilderung hat man die angenehme Gewißheit, wie beim Eintritt in ein wohlzivilisirtes Geschäft: feste Preise: es wird nichts darauf geschlagen, um den Unkundigen zu übervorteilen, und man braucht nicht bei jedem Schluß, der sich uahe legt, still zu stehen mit der Frage: was habe ich davon abzuziehen, um auf das Richtige zu kommen? In dieseni Sicherheitsgefühl liegt mehr als ein substantieller Gewinn, es liegt der größte Reiz darin, der dem Freund der Geschichte geboten werden kann; ein Reiz, der nicht erst aus der Reflexion entspringt, sondern sich unmittelbar in die Form ästhetischer Wahrnehmung umsetzt. Daß, wie der berühmte Naturforscher sagte, der Stil der Mensch sei, mag vielleicht nur mit einer gewissen Einschränkung gelten. Aber daß der Geist, in dem eine Aufgabe gelöst wird, sich im Stil spiegelt, ist außer Frage. Und wenn Reinheit des Geistes irgendwo die erste Bedingung ästhetischer Leistung ist, so ohne Zweifel auf dem historischen Gebiete. Es giebt nichts Wohl- Ludwig Bambergens Ges. Schriften. H. M — - ?n>^ thucuderes auf der Wanderung durch die buutbestandenen Gefilde vielgestalteter Dinge, als die reine Luft eines über der Parteien Haß und Guust erhabenen Geistes zu spüren. Der schlichte Sinn, der alle seine Schärfe darauf richtet, das Thatsächliche zu erfassen und unverfälscht wiederzugeben, flößt in Zeichnung, Farbe und Licht mehr Wohlgefühl ein, als alle koloristischen Künste darstellender Rhetorik zu bereiten vermögen. Es ist auch nicht Zufall, daß Chuquet zu seinem Verfahren gekommen ist, welches man die Kleinmalerei im besten Sinne nennen könnte. Diese Methode ist unmittelbar durch seinen Wahrheitsdrang gegeben, der nur durch das Wissen des Einzelnen zu befriedigen ist. Aber da der Drang lebensvoll und lebens- 1/ lustig ist, so wird unter seinem Schaffen das Kleine nicht trocken und kleinlich, sondern frisch und bedeutsam. Hier ist nichts von der Dürre jeuer seminaristischen Verknöcherung, die man mit dem bezeichnenden spaßhaften Namen der „Quellenmanerei" getauft hat; es ist Blutwärme der Gegenwärtigkeit in der Erzählung. Allerdings, wer die ganze Weltgeschichte, in allen ihren Teilen und Epochen, auf diese Art erzählen oder studieren wollte, der müßte mehr als die Dauer und die Fassungskraft eines menschlichen Gehirns zur Verfügung haben. Es ist auch nicht zu befürchten, daß die ganze Geschichte so geschrieben, geschweige denn von einem einzelnen Menschen so gelesen werde. Aber es giebt Episoden der Weltgeschichte, deren Vorführung immer wieder von Neuem unsere Wißbegierde, um nicht zu sagen unser Sensationsbedürfniß reizt, und zu diesen Episoden gehört die gewaltige Erschütteruug, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts von Frankreich aus über Europa gegangen ist. Genau genommen ist eine vollkommene und erschöpfende französische Geschichte der Revolution noch nicht in Ein Werk so zusammengefaßt — 307 — worden, daß man auf die Fragen welche soll ich lesen? mit Einem Namen antworten könnte. Auch wird man gewiß zu diesem Zwecke nicht diese sieben Bände als das Richtige bezeichnen können. Aber da eben das Ganze nicht bei einander zu haben ist, so kann man in vollkommener Ruhe sagen, wer eine bestimmte Seite des Geschehenen mit sicherem Gewinn und Genuß kennen lernen will, der greife hier zu; er wird es nicht bereuen. Einen besonderen Zug möchte ich noch beiläufig erwähnen, durch den gerade für den deutschen Leser ein Interesse eigentümlicher Art erweckt wird. Wie viele Namen stoßen uns in diesen Berichten auf, die bezeugen, daß ihre Träger, sei es auf deutscher Erde geboren wurden, sei es durch Abstammung ihr angehörten. Um nur Einige zu nennen, die sich auf den ersten Griff bieten, wenn wir die französischen Wciffenthaten und ihre Führer an uns vorüberziehen sehen. Da sind: Luckner, Kellerman, Neuwinger, Wimpfen, Balthasar Schauenburg, Westermann, Stengel, Kleber, Rapp, Ney, Offenstein in erster Reihe. Die zufällige Gestaltung der Ereignisse führte sie in eine Bahn, auf welcher sie iu den Ruhmestempel Frankreichs eingingen. Unter den Konstellationen einer späteren Zeit hätten sie wohl auf der entgegengesetzten Seite gestanden und wären als „Briganten und Barbaren" gebrandmarkt worden. Es giebt viel handgreifliche Dummheit auf der Welt, aber nichts Dümmeres, als die Uebertragung politischer Gegensätze auf das Urteil in Sachen menschlichen Charakters. Und doch ist dieses Verfahren fo verbreitet, daß wir aufs Angenehmste überrascht sind, wenn wir einmal, wie in unserem Fall, keine Spnr davon entdecken. — 308 — Arthur Chuquet ist noch nicht ganz vierzig Jahre alt. Der Umfang und die Qualität seiner bisherigen Leistungen berechtigen zu der Erwartung, daß die lesende und forschende Menschheit ihm noch viel zu verdanken haben und daß er sich einen glänzenden Platz in der Weltliteratur erobern werde. Er ist aus der Levis norrQÄls hervorgegangen, der so viele ausgezeichnete Männer seines LandeZ angehört haben; er hat seine Studien in Berlin und Leipzig sortgesetzt. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland ward er Professor des Deutscheu am Lycse St. Louis und mit derselben Aufgabe an der Leols rioi-urs-ls betraut. Seit dem Jahre 1888 steht er an der Spitze der „R.svus eriti«zus", wo er Gabriel Monod und Gaston Paris ersetzt hat.") Ein gewaltiger Wissens- und Schaffenstrieb mit einem Sinn von seltener Lauterkeit verbunden erinnert bei Allem, was aus seiner Feder stammt, an den Spruch: „Der Mensch ist gut in Dem, was er versteht." 5) Im Jahre 1893 wurde Chuquet auf den Lehrstuhl der germanischen Sprachen am LoUsxs äs Kranes berufen. Otto Gildemeister.'' Zu seinem sieb enzigsten Geburtstage. *) Aus der „Nation" Nr. 24 vom 11. März 1393. Mun kann ich mir von ungefähr vorstellen, wie einem Poeten zn Mute sein mag, wenn er ansetzen will, seinen Helden und dessen Thaten zu besingen. Lust und Liebe kämpfen in seinem Innern mit dem Bangen vor seiner Unzulänglichkeit, und in seiner Not wendet er sich zu höheren Mächten, ihren Beistand herbeizurufen. Da ich aber kein Dichter bin und in keinem persönlichen Verhältnis zu Göttern und Musen stehe, bleibt mir nichts übrig, als mich von Mensch zu Mensch zu wenden, meine Apostrophe an die nächstbetrofsene Person selbst zu richten. Verehrter Freund! Seien Sie mir nicht böse, daß ich dem Ansinnen unserer gemeinsamen Freuudin, der Redaktion dieser Wochenschrift, Gehör gebend, Sie an Ihrem siebenzigsten Geburtstag zum Opfer einer Besprechung mache. Ich weiß wohl, das ist Ihnen fatal. Aber Sie werden mir zugeben, es mußte sein. Entgehen konnten Sie dieser Indiskretion auf keinen Fall. Dafür ist die Buchführung über die Kalendertage der psalmistischen Termine in deutschen Landen zu wachsam, und das ist uns zu verzeihen. Wir thun ja sonst nicht übermäßig viel, um denen, die sich dem Guten, Schönen, Wahren ihr Leben lang widmen, zu zeigen, daß sie nicht vergebens gelebt haben. Wenigstens sofern sie nicht Exzellenzen, Durchleuchte oder etwas noch Höheres auf - 312 — der Stufenleiter der Wesen sind, begnügen wir uns damit, ihnen unsere Schuld abzutragen, wenn sie gestorben sind und wir Sicherheit dafür haben, daß sie sich unserer Dankbarkeit nicht mehr freuen können. Man könnte das lateinische Wort, daß von den Toten nur Gutes zu sagen sei, ins Deutsche übertragen' „Gutes nur von den Toten". Am zweiten oder dritten Tag nach ihrem Scheiden, nämlich unmittelbar ehe man sie deni Schooß der Mutter Erde überliefert, brechen wir das Schweigen, und am fünften oder sechsten Tag darauf setzen wir es wieder fort mit ungeschwächten Kräften. Ja es ist mir sogar, als ich vor einem Vierteljahrhundert wieder in die Heimat zurückkehrte, aufgefalleu, daß hier die Erfüllung selbst dieser rein menschlichen Herzenspslicht viel mehr als anderivärts dem Geistlichen überlassen wird, der, wie es sein Berus mit sich bringt, weniger in die irdische Vergangenheit zurückblickt, als hinaus in die himmlische Zukuuft. Vielleicht fühlen wir das Gute darum nicht minder, weil wir es verschweigen. Gab doch selbst der Dichter, dem man jetzt in seiner Heimat die Ehre des Angedenkens verweigert, dem schweigsamen deutschen Weibe den Vorzug! Nur.so viel scheint mir sicher: sollten wir's auch nicht weniger fühlen, so fühlen wir's jedenfalls weniger lebhaft. Und weniger lebhaft berührt sich immerhin bedenklich nahe mit weniger überhaupt. Die Sitte, den Abschnitt der siebenzig Jahre zu feiern, ist wohl darum bei uns seit geraumer Zeit so stark in Aufnahme gekommen, weil in ihr eine kleine Korrektur für sonstige Unterlassungen gegeben ist. Daß man so lange warten muß, um diese moralische Alters- uud Invaliden- Versorgung zu verdienen, ist freilich eine erschwerende Bedingung. Aber schon hat die moderne Entwicklung auch hier manchmal die bessernde Hand angelegt. Das sechzigjährige Jubiläum hat bereits seiuen Platz in der Reihe der — 313 — nationalen Tafelfreuden erworben, einer Vorsicht entsprechend, die bei der Gebrechlichkeit menschlichen Daseins wohl begründet erscheint. Gewiß! entgangen wären Sie dieser Huldigung auf keinen Fall. Und das werden Sie einräumen' erscheint einmal der Chorus mit dem Lorbeer, so konnten wir von der „Nation" nicht fehlen. „Denn er ist unser", dürfen wir im Präsens sagen, das glücklicher Weise eine Klage zu übertönen uicht berufen ist. Soll ich nun noch aussprechen, warum gerade mir dieser ehrenvolle Auftrag geworden und warum ich ihn nicht glaubte abweisen zu dürfen? Eigentlich giebt es nur Einen, der wirklich der Sache gewachsen wäre, der sie in der knappen und tiefen Erschöpfung, der Forin und dem Inhalt nach, wie sie es verdiente, hätte bewältigen können. Aber dieser Eine ist gerade in diesem Falle so gar nicht zu haben! So mußte denn ein anderer daran, und mancher hätte es in manchem Punkte vielleicht besser gemacht, als der, dem es zugeteilt worden. Nur in einem Punkt möchte er keinem weichen, nämlich in der Erkenntnis, wie schwer es ist, hier das Richtige zu treffen. . Vielleicht ist das seine beste Legitimation gerade in Ihren Augen, verehrter Freund, nämlich, daß er am besten weiß, wie schmerzlich es Ihnen ist, so vor der Oeffentlichteit abgewandelt, vielleicht gelobt zu werden, und zwar von Einem, dem Sie solchen Vertrauensbruch nicht zugetraut hätten. Was ist da zu machen? Bitte, halten Sie still. Auch ein bischen Ehre ist bald vorüber. Ein tiefer, süller, klarer See, in dem sich Sonne, Mond und Sterne spiegeln, das wäre das Bild eines glücklichen Geistes, der aus dem Grund eines räumlich umfriedeten, ruhigeu Daseins höchster Freuden, des Verständnisses von — 314 — Well und Menschen weit umher, in Sein und Wirken, in Kunst und Wissen teilhaftig wird. So in eins zusammengefaßt, tritt dies Lebensbild mir entgegen. Es mögen die eigenartigen Verhältnisse der Heimat etwas dazu beigetragen haben, diese reich zusammengesetzte und harmonisch abgerundete Existenz in ihrer Gestaltung zu begünstigen. Zwar in aller menschlichen Entwicklung, das ist meine Ueber- zeugung, ist die Urcmlage der Individualität das beinah allein bestimmende. Immerhin waren wohl der kleine Staat und die nicht große Stadt des heimatlichen Gebietes dazu angethan, einen festen Standort zu Hause mit einem freien Ausblick in die Weite zu gewähren. Unter den drei hanseatischen Republiken ist Bremen die, in welcher die Vorzüge und Nachteile eines vom großen Hinterlande selbständig abgesonderten Geineinwesens am wenigsten Perrücken- und Philistertum erzeugt, in welchem die Nichtunterthänigkeit ein gesundes bürgerliches Selbstbewußtsein erzogen hatten, das sich willig an die politischen Bestrebungen Gesamt- dentschlands anschloß. Für die Weite des Gesichtskreises nach außen sorgt das brave Meer. Ein gutes Bremer Kind steht nur mit eineni Fuß auf dieser Seite des Ozeaus, mit dem anderen drüben, meistens in Nord- oder Südamerika. Kommt's nicht an jedem in eigener Person leibhaftig zum Austrag, so erfährt er es am Nächsten, am Bruder oder Vetter, am Sohn oder Schwager. Immer ist Gewähr vorhanden, daß Lust und Licht hereindringen. Gildemeister's Jugendreife fiel in die Zeit, da die ersten Zcisen Triebe einer politischen Regung im deutschen Leben schüchtern zu knospen begannen. Es waren die Jahre vor dem Ausbruch von Achtuudvierzig. Diese unsere Generation hatte nicht die vorangehenden Enttäuschungeu der Befreiungskriege und der dreißiger Jahre erlebt, und die späteren lagen noch ungeahnt vor ihr. Sie war nicht über prak- — 315 — tischen Versuchen gestrauchelt, und ein kindlich heiterer Freiheitszug durchwehte platonisch ihre Brust. Dem Stillleben der Nation entsprechend gestaltete sich alles mehr litterarisch als politisch —, ganz wie geschaffen für unseres Jünglings besondere Sinnesart. Wunderbar, wie in diesem Leben alles zusammenstimmt, auch die ersten Blüten mit den Früchten des spaten Alters. Sein erstes Werk, die metrische Übersetzung von Byron s Don Juan, die Arbeit des Bonner Studenten, bildet das Anfangsglied jener Perlenschnur köstlicher Gabeu gleicher Art, mit denen er die deutsche Litteratur bis in die letzte Zeit hinein beschenkt hat. Mir scheint, nichts kann bezeichnender sein für das Wesen eines Mannes, als diese glückliche Symmetrie der Schaffenslust und der Selbsterkenntnis über den langen Zeitraum eines halben Jahrhunderts hin. Welch eine innere Klarheit gehört dazu, so von Anfang an sich zum Richtige,: zu finden, welch eine Weisheit, so daran festzuhalten, welch ein glückliches Naturell unermüdet immer neue Freude mit ueuer Vervollkommnung auf derselben stillen Spur zu finden. Und dazu die rührende Genügsamkeit, sich mit seiner ganzen großen Kraft auf das Eindringen in die Werke der großen Meister anderer Sprache zu verlegen, allerdings mit dem Erfolg, in der eigenen damit schöpferisch zu wirken. Den Jüngling lockt Lord Byron's übermütiger Don Juan. Der Mann legt die Hand an die ganze Reihe der übrigen vielgestaltigen Dichtungen dieses verwegensten und originellsten aller Romantiker. Und damit nicht zufrieden, macht er sich aus, Shakespeares gewaltiger Muse auf ihre steilsten Höhen zu folgen und, selbst mit ihr vertraut, sie dem deutschen Leser zuzuführen. Endlich, in den höheren Jahren gleichsam der Neigung zu heiterem, wohltöuendem Abschluß gehorchend, wendet sich der immer frisch quellende Arbeitsdrang hin nach den südlichen Gefilden melodisch klingender Zunge, bringt uns in rascher Aufeinanderfolge zuerst Ariost's rasenden Roland, des schalkhaften, sinnensrohen Meister Lu- dovico's abenteuerliches, im mittelalterlichen Geist der modernen Byronschen Muse verwandtes Heldengedicht, und unmittelbar darauf die Bewältigung der härtesten unter allen herkulischen Uebersetzungsarbeiten, die Verdeutschung der Göttlichen Komödie. Alles dies gleichzeitig, ja beinahe wie als Erholung neben einer rüstigen Thätigkeit auf den verschiedensten Gebieten ernster Berufspflichten, die mit wahrer Virtuosität erfüllt werden. Ein glückseliges männliches Dasein, dessen hoher Wert sich gerade darin kennzeichnet, daß, um es ganz zu würdigen, man es aus der Nähe beschauen muß. Nichts was auf große Distanzen blendet oder mit schlagenden Effekten erstaunt, aber stiller Reichtum und innerliches Ebenmaß in Hülle und Fülle. Ich vermute, die Gildemeister sind ein altes Bremer Geschlecht, der Name schon klingt so gut reichsstädtisch. Der Vater, Karl Friedrich, geboren 177U, gestorben 1849, war Sekretär des berühmten Bürgermeisters Johann Smidt, den er 1814 ins große Hauptquartier der deutschen Alliierten begleitete. Im Jahre 1816 wurde er zum Mitglied des Senats gewählt, dem er bis zu seinem Tode angehörte. Am 13. März 1823 wurde der Sohn Otto geboren. Schon der Vater hatte Neigung zu den sprachlichen Studien und führte den Sohn ins Italienische, auch in die Lektüre des Dante ein. Nach absolviertem Gymnasium zog der junge Mann auf die Universität nach Berlin und Bonn „zum Studium der geschichtlichen, politischen und volkswirtschaftlichen Wissenschaften, sowie der wichtigsten lebenden Sprachen Europas" — so heißt es in seinen Akten, und keines dieser Gebiete ist hinter dem andern zurückgesetzt, alle sind gleich sorgsam bebaut worden, haben es am Ertrag nicht fehlen lassen. Im Juni 1845 lehrte Gildc- meister in die Vaterstadt zurück, wirkte einige Jahre lang als Mitarbeiter der Weserzeitung und übernahm im Jahre 1850 die Redaktion des Blattes. Im Jahre 1852 zum Regierungssekretär ernannt, legte er die Redaktion nieder und übernahm zunächst die Verwaltung des Staatsarchivs. Im Jahre 1857 ward er, den Spuren des Vaters folgend, in den Senat gewählt; 1871 wurde er zum ersten Male Bürgermeister und bekleidete dies höchste politische und städtische Amt der Heimat, bis er am 11. Februar 1890, nach mehr als dreißigjährigem Senatsdienst, sich in den Ruhestand zurückzog, (die Funktionen des „regierenden" Bürgermeisters wechseln zwischen zwei Titularen Jahr um Jahr ab). Dieses lange, emsige, fruchtbare, vielseitige Dasein spielt sich ab aus dem immer gleichen Grunde der Geburtsstätte. Große Politik und Weltlitteratur beschäftigen ihren Meister unverrückt an derselben heimischen Scholle. Von hier aus spinnt er seine Fäden ins Fabelland der fremden Phantasie und lenkt mit fester Hand die wichtigsten Angelegenheiten des heiniischen kleinen aber feinen Staatswesens nach Innen und Außen. Ueberall, wo Gildemeister anfaßte, ward er alsbald der erste unter seines Gleichen. Seine Redaktion gab dem von ihm geleiteten Blatte ein besonderes Gepräge. Ein litterarischer uud urbcmer Geist wohlthueuder Distinktion weht noch heute, wie ein Abglanz und Vermächtnis alter Zeit, durch die Blätter der „Weserzeitung". Fest und sicher stand er allzeit seinen Mann in den Geschäften des Regierens. Ein klarer, scharfer Kopf in Beherrschung aller Finanzfragen, ein in allen Einzelheiten des Fachs durchgebildeter NationalöLouom, ein ruhiger, unisichtiger und charakterfester Diplomat, das letz- — 318 — tere mit Aufgaben verbunden, die oft recht schwierig wareu, weil und nicht obgleich es sich nm Reibung zwischen dem kleinen Staat und seinem großen Nachbar handelte. Denn dieser war bekanntlich für seine Großmut nie berühmt und zur Schonung des anständigen Schwachen niemals aufgelegt. Als erst die Zeiten kamen, da Fürst Bismarck das Stichwort des Schutzzolles ausgab und nun mit der ganzen Wucht seiner persönlichen Furia wie der klaren Absicht eines künstlich zu züchtenden Nationalfanatismus in Allem und Jedem Unterwerfung unier sein neues Programm verlangte, begannen harte Kämpfe für die im Geist freier wirtschaftlicher Grundsätze groß gewordene Seestadt. Gildemeister hatte seit den Tagen des Norddeutschen Buudes Bremen im Bundesrat vertreten. Seiner volkswirtschaftlichen Bildung gemäß gehörte er mit Leib und Seele der Lehre vom Heil freier Bewegung und männlicher Selbst- verantwortuug an. Das war schon mehr als genug, um ihn in den Augen des argwöhnischen Hassers unter die Allerverdächtigsten zu verstoßen. Nun kam noch gar die Jntrigue hinzu, die angezettelt wurde, um Hamburg uud Bremen in den Zollverein hineinzuzwingen, ihre freihändlerische Gesinnung dadurch an der Wurzel auszurotten, daß man protektionistische, schutzverlangende Interesse in ihrem eigenen Mittelpunkt groß zog. (Im Hintergrunde spielte von Anfang an in der ganzen Kabale König Schnaps eine entscheidende aber für ihn selbst unglückliche Rolle, doch gehört das nicht hierher.) Wie der Vertreter, so stand das ganze freihändlerische Bremen alsbald oben au auf der schwarzen Liste. Aber es lag auf der Hand, daß die kleinere Hansestadt keinen Widerstand mehr leisten konnte, wenn erst die größere zu Kreuz gekrochen. So ivars sich Bismarck zunächst auf Hamburg, und als die ehrbaren Väter der Republik, nach erstem entrüsteten Ausbäumen, — 319 - in heilsamen Schrecken versetzt, reuevoll Abbitte thaten, wurden ihnen großmütige Friedensbedingungen gewährt. DciN kleine Bremen ließ man mit vergnügter Bvshaftigkeit im Vorhof stehen, da sein Schicksal besiegelt war. Das gab natürlich peinliche Aufgaben für einen Vertreter, der für die Erduldung von Despotenhudelei weder im Geist noch im Charakter angelegt war. Während er früher, zur Zeit der Parlmnentstaguug, Monate lang im Bundesrat an dessen Verhandlungen eifrig Teil genommen, kam er jetzt uur uoch selten, wenn es nicht zu vermeiden war, nach Berlin, niemals mehr zu regelmäßigem dauernden Ausenthalte, eine schmerzliche Entbehrung für seine Freuude iu der Hauptstadt. Es gehörte so zu den kleinen unter den großen Miseren der Aera der Verfolgungswut, daß man auch iu seinen stillen Frenden getroffen wurde. Doch für ^ die Abwesenheit des mit iu Deutschland seltenem Konver- sationstaleut begabten Freundes sollten wir durch die ungestörter fließende Muße der Arbeit in der trauten Heimat entschädigt werden. Von 1882 bis 1883 wnrde der Ariost übersetzt, 1834 der Dante nicht nur übersetzt, sondern mit knappen scharf gezeichneten Glossen versehen. Merkwürdig! Erst nach dein Rücktritt aus dem Staatsdienst, im Anfang des Jahres 1890 machte sich der Ueber- setzer des Roland und der Komödie, der tiefe Kenner italienischer Sprache, Geschichte und Kunst auf den Weg, um mit eigenen Augen ihr Land zu schauen, insbesondere Florenz, wo ihm sogar seit Jahreu ein Schwager wohnte, ' Wie bezeichnend für den Mann, der alles vom ruhigen Port seines weitumfassenden und seinfühlenden Geistes aus zu erfassen uud zu genießen veranlagt war. Beinahe ein halbes Jahrhundert hatte er in bürgerlicher Eintönigkeit an der füllen Stätte seines thätigen und beschauliche» Wirkens verlebt, seitdem er seine erste jugendliche Schöpser- freude an der deutschen Nachbildung jenes ruhelosen aristokratischen Temperaments ausgelassen, welches, verstimmt und verhetzt, den Nebeln des Nordens entflohen mar, um Lust und Leidenschaft im südlichen Sonnenbrand auszu- baden und dabei umzukommen. Welch' ein ergiebiger Stoff läge in der Berührung dieser Gegensätze. Aber der würde gewaltig irren, der da meinte, nur Gegensätze lägen hier verborgen. Solches Verständnis ist nicht denkbar ohne innere Verwandtschaft des Geistes wenigstens, wenn auch nicht des Charakters. Man werfe einen Blick in das erste Jugeudwerk, die im Jahre 1845 (bei Schünemann in Bremen) erschienene erste Ausgabe der Don Juan-Uebersetzung. Man lese die Vorrede, man vergleiche sie mit den späteren, und ebenso den Text der Verse. Wie das sprudelt, wie das Funken stiebt! Wie es im frohen trotzigen Freimut selbstbewußten Urteileus alle Schranken überspringt. Und doch schon der gleiche Bienenfleiß, der bis ins hohe Alter hinein so gewissenhast und liebevoll sich ins Kleinste vertieft. Ebenso nach langen vierzig Jahren lockt ihn wieder ein anmutiger und respektloser Schalk, die Lust an den „Narretheien Meister Ludovico's". So blieb er doch stets derselbe, der bereits auf der Schulbank, sagen die Zeitgenossen, zu verbotener Arbeit hinter des Lehrers Rücken mit dem Don Juan begonnen hatte. Erst einundzwanzig Jahre zählte der Verfasser, als er die vollendete Arbeit, mit historischen und litterarischen Glossen versehen, herausgab. — Das war doch eine andere Art von flottem Studeuten- tnm, als das, welches heute mit verpflasterten Schmissen zu Ehren des nationalen Geistes aus den Straßen paradiert. Es kann ja leider nicht vergönnt sein, hier in die Charakteristik dieser und aller folgenden Arbeiten einzudringen. Das Interessanteste wäre eine Vergleichung der ersten Don Juan-Ausgabe nnt der späteren (1864). Letztere, in der Vorrede weniger keck, zugleich in der Form des Textes feiner ausgearbeitet als die frühere, welche eben ihren besonderen Reiz besitzt in der Art, wie sie das Original in seinen losen Wendungen und in den wilden Sprüngen des Versmaßes zu übertrumpfen versteht. Nur ein Beispiel statt vieler. I. Gesang. Strophe 40. Schlußverse: Or Kints ooiuimiktion ot' tlis sxsoiss "Was svsr snK'sr'ü, Isst Iis s^onlü Zrow viizious. Erste Ausgabe: Ging etwas auf die Fortsetzung der Specics So bannt' aus seinem Studienplan stets sie es. Spätere Ausgabe: Was anspielt' auf die Fortpflanzung der Rasse Blieb fern, damit er stets das Laster hasse. - Bekanntlich folgte dem Don Juan die Ucbertragung aller übrigen Gedichte Byron s in sechs Bänden. Einiges, .was in der ersten Ausgabe von 1864 noch zurückgeblieben war, kam ergänzend in der von 1866 hinzu. Seitdem ist eine dritte im Jahre 1877 erschienen (Berlin bei Reimer). Die Byron-Uebersetzung steht in Deutschland, wenn Gilde- meister's Name genannt wird, im Vordergrund. Sie ist das Fundament seines Ruhms in der Geschichte unserer Litteratur geworden und wird es bleiben, ohne daß die gewaltige Leistung aller späteren Arbeiten ihm ein geringeres Recht darauf gäbe. Aber schon als erstes 3ts>näg.r ?^ ^ 'v^' Ä^f « ^ ÄS Lrr » ?U « U ' ^ ^»>>. I?S ^ 'fV^i ^ M K U « M « M ^ M- ^ M M M ?K « z<». W ^ M W -?»T. ^.i -/»v U « '^Z « ^ - - M "' »^s « M «- ^ U ^ N « ^ 7»? ' ^ ^ « N « Z «M M -^W^H^W « R s.« " ^, «MK .., »«jt !^>! ... >iH,>- ^ M >^ -x^- ^i- )K ^ W?. ^ I ^ ^ ?5? » i..^- K « N ^ K « M « ^ M. « U s U ^M.MZ m " ^ ^^^^WM ' ztzi- ' « M ... ^ V ... W ^ M M » M ' ?K AT " KK ^ ' Ak? M ' K Ä ?N K M >^i! ZM> A U ^ ^ Gesammelte Schriften von Ludwig Vamberger. Band m. Werltn Rosenbaum Kart 1895. politische Schriften von 1848 bis 1868. Von Kudnig Kamverger. Berlin Rosenbaum H Hart 189k. Inhalts - Verzeichnis. Sclt- Die Flitterwochen der Preßfreiheit...... 1 Erlebnisse aus der Pfälzer Erhebung..... 59 Juchhe nach Jtalia........... 159 Ans den Demokratischen Studien:...... 193 Vorwort ............. 198 Des Michael Pro Schriftenwechsel niit Thomas Contra aus dem Jahre 1859 ...... 204 Berlin in Paris............ 255 Ueber die Grenzen des Hnmors in der Politik . . 267 Alte Parteien und neue Zustände ...... 291 Nousiöul- clö öismaivk.......... 337 Die Slitterwochen der Preßfreiheit. Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften. 111. I Vorbemerkung. 53ie hier folgenden neun Leitartikel sind einer Sammlung von deren siebenundzwanzig entnommen, welche ich im Mai 1848 unter dem Titel „Llitterwochen der Preßfreiheit" herausgab. Mein erster journalistischer Waffengang fiel mit der durch die französische Lebruar-Revolution in Deutschland hervorgerufenen Märzbewegung zusammen. Am 6. März hatte der Großherzog von Hessen, hauptsächlich auf das immer stürmischer gewordene verlangen seiner rheinischen Provinz und deren Hauptstadt Mainz hin, sein altes Ministerium entlassen, seinen Sohn zum Mitregenten ernannt und die damals stereotypen freiheitlichen Forderungen bewilligt. Am 8. März feierte die Stadt Mainz diese „Revolution" in einem glänzenden öffentlichen Lest. Am folgenden Tage suchte ich den mir bis dahin unbekannten Verleger der „Mainzer Zeitung" auf und bot ihm meine Dienste an, die er sofort annahm, obwohl ich ihm auch ein gänzlich neuer Mensch war, natürlich bei meinen vierundzwanzig Jahren und meinem bis Hahin völlig zurückgezogenen Studienleben. Am 10. März erschien mein erster Leitartikel. Cs folgten noch einige andere, und da sie Aufmerksamkeit erregten, beschloß der Verleger das Lormat der Zeitung, die bis dahin in bescheidenem Guart erschienen war, zu einem für den damaligen Brauch sehr ansehnlichen Großfolio anwachsen zu lassen. Am 1ö. März 1* traten wir in dieser neuen Gestalt auf, und an der Spitze des Blattes paradirte der Leitartikel „Das deutsche Parlament", welcher die erste Nummer der „Slitterwochen" bildet.*) Cr ist auch als der erste in die hier folgende Auslese aufgenommen. Dem Aufsehen, das er erregte, kam ganz besonders zu statten, dasz ihm sofort von der Residenz aus die Ehre einer lebhaften Abwehr zu Teil wurde. Dies verhielt sich so: der Verleger der Zeitung war ein Herr Theodor von Zabern, verheirathet mit der Tochter des Staatsraths Jaup. Letzterer, welcher zu den alten Liberalen in Darmstadt gehörte, war soeben von dem neu ernannten liberalen Minister Heinrich von Gagern an dessen Seite gerufen worden. Als er den Leuerbrand gewahrte, den ich in die bis dahin so friedliche Zeitung seines Schwiegersohns geworfen hatte, stiegen ihm, um dessen willen, sowie wegen der sehr aufgeregten Stimmung, die damals Rheinhessen beherrschte, schwere Bedenken auf. Er sandte also mit seiner Namensunterschrift einen Gegenartikel ein, in dem er vor den republikanischen Tendenzen und vor der Undankbarkeit gegen die deutschen Lürsten warnte, die aus meinem Artikel sehr unverblümt herausschauten. Natürlich ließ ich es an einer Replik nicht fehlen, die zwar respektvoll, aber doch sehr entschieden gehalten, war. Diese beiden Stücke sind im folgenden nicht abgedruckt. Sie mußten jedoch erwähnt werden, weil sie den Keim zu den Schwierigkeiten legten, in deren Solge ich anfangs Mai die Redaktion niederlegte, allerdings, um sie in einer späteren Periode wieder aufzunehmen. Der Kampf, den ich bis dahin in der Mainzer Zeitung gegen die Partei Gagern weiter führte, war in dem Maße, als die politischen Gegensätze zwischen den deutschen März- ministern und der Demokratie sich verschärften, immer heftiger geworden, und meinem Verleger, einem vortrefflichen, aber etwas ') Das kleine Buch, dem die hier folgende Auslese entnommen ist, erschien als die Sammlung aller bis dabin von mir verfaßten Leitartikel bei Joh. Wirth in Mainz unter dem Titel: Die Flitterwochen der Preßfreiheit. Ein Politisches Mosaikbild aus leitenden Artikeln von Ludwig Bamberger, ehemaligem Redakteur der „Mainzer Zeitung'. Die Vorrede ist vom ZU. Mai 1348 datirt. !2l6 Seiten.) behäbigen Manne, bereitete der Federkrieg zwischen seiner Zeitung und dem Vater seiner Frau soviel Mißbehagen, daß ich, um seiner Noth ein Ende zu machen, ihm selbst vorschlug, mich zu entlassen. Auch in der Stadt Mainz waren die Gegensätze sehr schroff geworden, und ein Theil der oberen Fünfhundert, namentlich Beamte und reichere Laufleute, fand sich bewogen, ein gemäßigtes Grgan, die „Rheinische Zeitung" (nicht zu verwechseln mit der kölnischen gleichen Namens) zu gründen. In der Zeit zwischen jenen Erstlingsversuchen im März bis zu meinem Rücktritt im Mai schrieb ich beinahe einen Tag um den andern den Leitartikel abwechselnd mit dem älteren Redakteur Dr. Karl Mische, der später lange Jahre das Auswärtige in der „Kölnischen Zeitung" bearbeitet hat. Daneben besorgten wir zwei allein alles Uebrige der Redaktion. Die im Folgenden ausgewählten Nummern geben ein Stimmungsbild jener Epoche des Vorparlaments und der ersten Tagungen der deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche. Ich wohnte den Sitzungen derselben bei und berichtete darüber in meinem Vlatt. Dreifacher Art sind die Elemente, die da zusammenfließen und sich abspiegeln. Zum ersten: die allgemeine demokratische Richtung; zum zweiten die besondere Art, die in den Rheinlanden vorherrschte, endlich das Zusammentreffen dieser beiden Elemente mit der individuellen Geistesverfassung des Schreibers. Es war eine erste stürmische Eruption, die plötzlich gegen alle Erwartung entfesselt, alles in der Stille angesammelte Material ausströmen ließ. Da drängte sich so vieles und so vielerlei zusammen, daß das Produziren mit wohlthuender Leichtigkeit von statten ging. Man brauchte nur den Zapfen auszustoßen, und es quoll lebendig sprudelnd heraus. Dabei die erste Lust, sich gedruckt zu sehen mit dem blitzschnellen Effekt auf die nächsten Mreise. Nach wenigen Tagen standen schon die Ungeduldigen sich drängend auf der Straße vor dem Vureau der Zeitung, lange ehe sie ausgegeben ward. Das mußte dem natürlichen Feuer noch mehr Nahrung zutragen. Die politische Tendenz galt auch damals schon vor Allein der deutschen Einheit, allerdings nicht mit der preußischen Spitze, denn das preußische war uns besonders antipathisch, und die Demokratie war großdeutsch. Die Einheit konnte ich mir nicht anders vorstellen, als mit Beseitigung der Surften. Der Bundestag, die Landesherren hatten Alles in sich personifizirt, was als Zerstückelung und Unterdrückung der deutschen Nation sich mit kaß beladen hatte. Daher erschien die Einheit kaum anders, als in republikanischer Lorm denkbar, wozu noch die im Cultus der französischen Revolution herangewachsene politische Zinnesweise das ihrige beitrug. Das tiefe Mißtrauen in die Aufrichtigkeit der im Handumdrehen zugestandenen „Bewilligungen" erklärt sich daraus von selbst und ward durch den späteren Verlauf nur zu sehr gerechtfertigt, wie sich dieses finstere Mißtrauen gegen die regierenden Geschlechter und ihre Anhänger mit dem hell auflodernden Seuer der Begeisterung für die große Zeitbewegung mischt — das ist es, was meines Erachtens, diesen ersten politischen und publizistischen versuchen ihr vorherrschendes Gepräge giebt. Der flachklang philosophischer und ökonomischer Studien, zwar etwas doktrinär, aber durch die Srische der Tugend vor Trockenheit bewahrt, fügt dem Colorit eine eigenartige Schattirung bei, die, wenn ich mich nicht täusche, sich auch später nicht verloren hat. Die ökonomische Anschauungsweise, zwar vorzugsweise genährt aus den Werken der klassischen, individualistischen Schule, zeigt die Spuren der Einwirkung von Friedrich List und der sozialistischen Litteratur, kabe ich doch etwas später proudhon's Lsn^us Zu ?eup1s ins Deutsche übertragen und mit einer Vorrede herausgegeben. Alles in Allem wird die nachstehende Probe jugendlichen Beginnens wohl bestätigen, daß der Mensch im Kaufe der Jahre sich zwar ändert, aber doch in vielem derselbe bleibt. Juli 1894. V. Das deutsche Parlament. Geständnis eines Staatsverbrechers. Motto: Das Verbrechen des Hochverraths wird begangen durch Angriff oder Verschwörung . . . . 2) gegen die Selbständigkeit des Staates. (Gr. Hess. Sirasgstzb., Art. 129- Den 16. März 1848. , ^lir haben die Freiheit der Presse, das ist im scru- pulösen Sinne des Wortes die Möglichkeit, durch den Druck jede Meinung auszusprechen, deren Veröffentlichung kein besonderes Gesetz verbietet. Aber wir haben noch mehr als das, wir haben die Freiheit des Moments! Zuckend liegt die alte Welt im Sterben, ein neu Geschlecht stürmt über ihre Leiche, und aus dem Schoß der ringsum bebenden Erde schlägt hoch zum Himmel auf der entfesselte Geist der Menschheit. Halb wach von ihrer Träume Lager aufgesprungen, stehen in dem wilden Schöpfungschaos verlegen zitternd die zwerghaften Gewalten, welche schlafend die scheintodte Welt hüteten. Jugend, deine Zeit ist da! die Zeit, von der du so lange gesprochen und gesungen, die Zeit, mit sieghafter Hand die Errungenschaft des Geistes, das Schlußwort der Erkenntnis als eine That in den Boden deines Landes einzupflanzen! Das ist nicht blos der Augenblick, die Freiheit nach dem Gesetze zu gebrauchen, es ist der Augenblick, die Gesetze der Freiheit zu machen. Nur aus dem Tod erblüht Leben, ewig ist nichts als die Veränderung! Auch die Gesetze müssen fallen, nur die Gesetzlichkeit muß bestehen; wenn stets das Alte gelten soll, wohin soll denn das Neue kommen? Niemand glaube ein Freund der guten Sache zu sein, weil er jetzt in den befriedigten Jubel einstimmt: das ist leicht, auf dem Grabe seines Feindes zu tanzen; wer ernstlich an die Freiheit glaubt, der hat den Mut, im Namen der Zukunft der Gegenwart trotzig ins Gesicht zu reden, der Gegenwart, welche das Gesetz für sich hat, Demi das Gesetz ist der Ausdruck des Bestehenden und der Feind des Werdenden. Das ewige Lied vom gesetzlichen Fortschritt muß verstummen vor dem ewigen Gesetz des Fortschritts. Alle Reformatoren waren Verbrecher! Heraus ihr Schwerter der Justiz! ich will euch einen Hochverräter denuncieren. Über ihn, Männer der Gerechtigkeit! ich zeige ihn euch, ganz Deutschland heißt der Bösewicht! Ja, im Angesicht von achtunddreißig Gesetzbüchern stehen achtunddreißig Millionen Verbrecher. Ihr Losungswort heißt: Deutsches Parlament. Die Wächter des Gesetzes vernehmen es, und sie verstehen es nicht; die Verschworenen verstehen es und sagen es nicht. So will ich der Verräter sein. Der einstimmige Ruf nach einem deutschen Parlament ist bloß der Ausfluß der allgemein und ohne Widerspruch anerkannten Wahrheit, daß nichts wünschenswerter sei, als Deutschland in einen einzigen Staat verwandelt zu sehen. In diesem Gedanken — ich habe darauf vorbereitet — liegt der Keim eines Hochverrates. Aber wenn die Freiheit der Presse es möglich macht, ihn in die Welt hineinzuschicken, so muß die Freiheit des Momentes ihn vor der Verfolgung sichern. Der Augenblick, wo die ganze Welt aufsteht, im Namen der nnverjährbaren Menschenrechte, ergreift alle Geister mit der Gewalt des sittlichen Ernstes und gießt über sie aus die Macht der erhabenen Wahrheit; und während der Zauber dieses heiligen Momentes alle Kräfte, sogar die des Gesetzes bannt, wollen wir hintreten und es aussprechen: Ja. alle Deutsche wünschen nichts sehnlicher, als daß Deutschland ein einziger Staat sei, und ihr Verlangen nach einem deutschen Parlament ist nichts als ein Vorbote oder eine Umschreibung für dies ihr wahres Begehren. Stehe gegen diesen Ausspruch aus, wer behaupten will, daß er eine Lüge, oder die Wahrheit zu sagen eine Sünde sei. Aber mehr noch! Stehe auf, wer behaupten will, daß die Deutschen Unrecht haben, eine solche gänzliche Vereinigung zu wünschen! Beweise Einer, daß es besser sei für die deutsche Nation, in achtunddreißig Souveränetäten zerrissen, als ein einziger Staat zu sein! Wohlan! Vierunddreißig reiche Throne suchen einen Anwalt. Wahrhaftig sie werden keinen finden, der die eiserne Stirne hätte, sie zu verteidigen. Nie haben sich die abtötenden Wirkungen dieser sinnlosen Zersplitterung empfindlicher gezeigt, als in diesem Augenblick, wo die südwestdeutschen Staaten, uach- dem sie so lange in politischer Dürftigkeit gedarbt haben, plötzlich das Erbe der Freiheit an sich rissen. Welche Verwirrung in den Begriffen des Volks, welcher Mangel an politischen Talenten bei den Regierungen! Wie schwer ist es überall, Männer zu finden, welche der Aufgabe gewachsen sind, rasch das Staatsgebäude nach den neuen Grundsätzen zu organisieren! Was ist in Baden, Hessen oder Nassau geschehen, diese kostbare Zeit durch Sicherung der notwendigsten Reformen in den Staats-Einrichtungen — 10 — zu benutzen? Gar Nichts! Was da ist, war die Frucht und das Werk des ersten Augenblicks. Die Schuld davon liegt einzig in dem Mangel an politischen Größen, die sich in den engen Verhältnissen eines Stäätleins nicht entwickeln können. Nicht blos die Naschheit des Blicks, welche durch die Überschaunng umfassender Verhältnisse, nicht bloß die Gewandtheit, welche durch die Mannigfaltigkeit der Erfahrungen erlangt wird, mit Einem Wort, nicht bloß die Geschicklichkeit fehlt unsern Staatsmännern, sondern vielmehr noch der Mut, das Selbstvertrauen, welche aus der Bekanntschaft mit einem großartigen Betriebe erwachsen. Wie auch hätten sich alle diese Fähigkeiten bilden können durch die Teilnahme an einem kleinlichen Staatshaushalte, zu dessen Leitung der beschränkte Blick eines staatsexaminierten Schreibers ausreicht? — Größtenteils aus derselben Quelle entspringen aber auch die demütigende!? Szenen, welche die errungenen Freiheitstriumphe entweihen. Diese ktäglichen Vorstellungen von den eroberten politischen Gütern, welche das Volk zu vandalischen Thaten hinreißen, seine Freunde mit Trauer und seine Feinde mit Frohlocken erfüllen, diese blinde Wut gegen die unbedeutendsten Werkzeuge der obersten Gewalten und gegen die (politisch unschuldigen) häuslichen Frivolitäten der Fürsten, dieses gedankenfeindliche Ungestüm, welches nur zum Geschrei des Unwillens angeführt sein will, diese bornierten und barbarischen Judenverfolgungen endlich sind die Ausbrüche eines Geistes, dem die politische Richtung beinahe gänzlich abgeht. Diese Richtung, der selbständige Lebensgenuß, welcher in dem Bewußtsein liegt, thätiges Mitglied eines Verbandes zu sein, der die Aufgabe hat, nach Innen und Außen die Geschicke des Menschengeschlechts zu entwickeln, kann in einem kleinen Staate bei dem Denker nnr als Wunsch, bei der Mehrzahl gar nicht aufkommen. Solche Vereinigungen suhlen sich in der Begleichung zum großen Ganzen — 11 — zu unbedeutend, als daß sie auf den Gedanken kommen könnten, wichtige Probleme zu lösen; jedwede Art von Kraft dazu fehlt ihnen außerdem; ihre Einwirkung auf die Welt- verhältnisse ist gleich Null. Der ganze Staat ist nichts als ein erweiterter Haushalt, und es ist viel, wenn er nur im Wege der Nachahmung die Fortschritte glücklicherer Nationen auf sich anwenden kann. — So ist es gekommen, daß wir an staatsmännischen Talenten und allgemeiner politischer Gesinnung den empfindlichsten Mangel leiden. Hundert andere Übel, die aus derselben Quelle fließen, haben sich schon im Laufe der vergangenen Zeiten offenbart; sie sind in Aller Mund, und die Grundursache selbst, die Zerrissenheit Deutschlands, ist längst verurteilt. Dergestalt also stehen die Sachen. Fern von aller politischen Skandalsncht uud Polteret sei es gesagt: Kein vernünftiges Bedenken, nur das Interesse der Fürsten steht der Vereinigung Deutschlands im Weg. Der Streit zwischen dem Heute und dem Morgen ist keine Controverse über die Vorzüge zweier politischen Prinzipien, sondern der Konflikt zwischen dem Fortschritt des allgemeinen Wohls und Privatrechten, die nach den bisherigen Gesetzen wohl begründet sind. Es kann nicht oft genug wiederholt werden: nicht in politischer Schmähsucht wenden wir uns an die Fürsten. Wer fühlte sich rein und uneigennützig genug, den Stein aufzuheben gegen die, deren Selbstverläugnnng nicht bis zu dem bittern Opfer einer Thronentsagung geht? Ist es doch — weil die Einsicht so gewaltig von dem eignen Vorteile beherrscht wird — sogar denkbar, daß die deutschen Souveräne die Sonne selbst nicht sehen, die Notwendigkeit von Deutschlands gänzlicher Verschmelzung. Aber es bleibt darum nicht minder wahr, daß der Kampf der Dynastieen mit der Nation kein Kampf gleicher Elemente ist, sondern der Zusammenstoß des öffentlichen Wohls mit einem Eigentumsrechte. Denn, aus dem feudalen Untereigentum entsprungen, hat die Landes- Hoheit es zu keinem andern als einem privatrechtlichen Wert für den Besitzer gebracht, und zu Regensburg und Wien hat man sich nicht um das Recht der Menschheitsbeglückung gestritten. Wie dem immer sei, der stolze Geist, welcher im Vertrauen auf die Heilkraft der Zivilisation mitleidig, doch unerbittlich dahinschritt über die unglücklichen, durch verbesserte Produktionswerkzeuge brodlos gewordenen Proletarier, wird früh oder spät auch den Arbeitern an der deutschen Staatsmaschine verkünden, daß sie entlassen sind, weil das Werk dnrch eine nene Erfindung, die deutsche Einheit, vervollkommnet worden. Und der Ruf nach einem deutschen Parlament ist nichts als das Resultat dieser Erkenntnis, das heimlich brennende Gelüste nach dieser verbotenen Frucht. Habe ich aus der Schule geplaudert, die wohlberechneten Pläne durchkreuzt? Lange genug haben die schlauen Politiker in superkluger Geduld die Stunden des tausendjährigen Reiches ausgerechnet. Versuchen wir es mit der Kraft der Wahrheit! Der Augenblick, da es möglich ist, sie ganz zu sagen, ist kostbar. Deutschtand wird ein Parlament bekommen und wird dann einsehen, wie schwerfällig und untauglich dieses Werkzeug sei. Können sich doch sogar Föderativ-Republiken mit solchen Centralrepräsentationen vieler souveränen Provinzen nicht befriedigen, weil das Bewußtsein der politischen Größe in ihnen ein viel zn schwaches Mittel für seine Zwecke hat; und die Halbheit eines solchen Instituts offenbart sich stets in der Unmöglichkeit, seine Kompetenz mit Genauigkeit zu bestimmen. Nirgends bleibt die praktische Erfahrung bei solchen Staaten-Parlamenten stehen. In der Schweiz ist die Vernichtung der Kantonalsouveränetät so gut wie vollbracht; Nordamerika wird in der Aufhebung der provinziellen Selbständigkeit folgen. Der mexikanische Krieg ist der erste gewaltige Schritt dazu, die Übernahme einer gemeinsamen Schuld zu Lasten der Union ist der Anfang, Steuern zum Besten der Union werden folgen, und in der Sklavenemanzipation wird sich zum erstenmale die Stimme der Majorität absolute Geltung verschaffen. Wo aber die Länder nicht über die Staaten-Parlamente hinausgehen, da weichen sie von ihnen zurück. Irland und Sizilien wollen ihre besondere Vertretung. Nun aber erst denke man nach über die Beschaffenheit eines Kongresses, welcher 38 souveräne Staaten, deren jeder selbst wieder in ein dynastisches und ein volkstümliches Interesse gespalten ist, im Ganzen 76 selbständige Gewalten, unter einen Hut bringen soll. Das Problem ist kaum geringer, als die Organisation der Arbeit in Frankreich, und bis jetzt weiß kein Mensch recht, was da kommen soll. Nur eines sühlen Alle, das deutsche Parlament soll der Anfang und der Ersatz für den deutschen Staat sein. Je mehr es die Souveränetät der Landesherren in sich verschlingt, desto vollkommener wird es seinem Begriffe entsprechen. Sollte es nicht möglich sein, diesen Erfolg von vornherein zu sichern? In vielen deutschen Ländern bereits hat sich die Stimme des Volks nm Aushebung der ersten Kammer erhoben. Diese Stimme wird Gehör finden. Und warum will man bei dem deutschen Parlamente mit dem anfangen, was jeder daheim verwirft? Warum ein Zweikammersystem? Warum ein besonderes Kollegium der Fürsten? Hunderte der angesehensten Männer werden demnächst in Frankfurt zusammenkommen, über die Nationalrepräsentation zu beratschlagen. Wenn sie dann einstimmig aussprechen, daß dieser Kongreß rein aus Deputirteu der Nation zusammengesetzt, daß ihm die Entscheidung über die wichtigsten Gesammtinteressen ausschließlich in die Hand gelegt werden müsse, wer wird dieser Stimme widerstehen? Vielleicht stehen wir am Vorabend einer zweiten friedlichen Revolution! Äm Tage vor Eröffnung des Vorparlaments. Frankfurt, 30. März, 3 Uhr. Heiliger Himmel! — Geschrei! Gewehrfeuer! Frankfurt schwimmt in — Schwarz- Roth-Gold und hat einen provisorischen — Rausch! Sie überladen sich so mit Hoffnung und Triumphgefühlen, daß der Sieg zu einer Nebensache werden könnte. Es sieht hier aus, wie bei einem unschuldigen Pfingstfeste. Die Hänser bedeckt mit Laub, Teppichen und Fahnen, die Straßen voll von geputzten Leuten. Eleganz genug, aber entsetzlich wenig Volk. Deutsche aller Gegenden und Arten strömen zusammen, ehemals fortgejagte und künftig fortzujagende. Eines der ersten Gesichter, das mir aufstieß, war Moras,*) der die bekannte Schwimmprobe abgelegt hat und nun wieder auf dem Trocknen ist, während die preußischen Spione als begossene Hunde herumlaufen. Neben Republikanern mit abwärts hängenden Bärten und nach hinten gestrichenen Haaren gehen Kammerherrengesichter mit aufwärtsgedrehten Schnauzbärten und von hinten nach vorn gequälten Frisuren. Ehrsame Bürger in Hauskäppchen, von ihren bewundernden Frauen und Kindern umgeben, stehen vor ihren Thüren und schießen mit wichtigen Gesichtern in die Luft. An den Läden stehen die Alten und die Jungen mit klugen Mienen, anf denen geschrieben steht: „Es ist doch eine merkwürdige Zeit; was die Leute für närrische Köpfe haben! gewissermaßen auch amüsant, wenn sie nur keine tollen Streiche machen!" Die betagte schwarze Judengasse ist herausgeputzt wie eine Groß- *) Moras war wegen politischer Umtriebe t>or Ausbruch der Bewegung auf Verlangen einer preußischen Behörde in Mainz arretiert worden nnd sollte mit dem Dampfboot rheinabwärts ausgeliefert werden; aber es gelang ihm, auf der Fahrt ins Wasser zu springen und mit Hülfe eines von Freunden bereit gehaltenen Kahnes zu entkommen. Er war ein junger Kaufmann, der später keine Rolle spielte. — 15 — mutier bei der Hochzeit ihres Enkels. Rührender, freudig- wehmütiger Anblick! Was hat sie nicht alles gesehen und erlebt, und auf einmal soll sie in ihrem hohen Alter mit zum Tanze gehen. Gutmüthig läßt sie sich schmücken, mitführen und bemüht sich, fröhlich auszusehen; aber es kam mir vor, als dächte sie im Stillen an die Leiden ihrer begrabenen Kinder und getraue sich nicht, ein Herz zu fassen. Eine Schaar Sachsenhäuser Schützen machte einen guteu Eindruck; Leute in grünen Kitteln und grauen Filzhüten, aber nicht geleckt und gestriegelt, sondern bestaubt, gebräunt und bärtig. Auf den Schultern trugen sie sinnreiche Petitionen — jeder eine gute Doppelflinte. Vor einem Hause auf der Zcil hielten sie an uud gaben eine Salve; ein kleiner, ältlicher Mann im schwarzen Gelehrtenhabit trat ans Fenster und redete sie an. Es war Jordan.*) Die ersten Worte konnte ich nicht verstehen. Der Rest lief darauf hinaus: sie möchten doch nur für die Ordnung Sorge tragen, damit die wichtige Versammlung in ihrem Geschäft nicht gestört werde. Die guten, lieben, alten Herren! Wenn sie nur nicht gar zu gut, zu lieb und zu alt wären. Bis heute Mittag waren 246 Deputierte eingeschrieben. Wenn es wahr ist, daß die ganze Hessen-Darmstädtische erste Kammer sich unter der Zahl befindet, so ist die deutsche Geschichte witziger und frivoler, als der liebe Heinrich Heine selber. Was von der Versammlung zu erwarten steht, weiß man hier noch nicht besser, als anderswo — gar zu viel Wohlwollende und gar zu wenig Wohlgemute. Eine vorbereitende Besprechung gestern Abend im Weidenbusch soll heftig gewesen sein, indem *) Sylvester Jordan, geborener Tyroler, später Professor in Marburg, eines der unschuldigsten Opfer der niederträchtigen kurhessischen Regierung. Nach zwölfjähriger harter Gefangenschaft ward er in oberster Instanz frei gesprochen. Im Jahre 1848 gehörte er zu den zahmsten, schüchternsten alten Liberalen, gleich noch so manchem anderen vormaligen Märtyrer der alten deutschen Despotenlaune. — 16 — die Republikaner bereits hart aneinander gerieten mit den Konstitutionellen. Im fremden Publikum fiehts übrigens republikanischer aus, als ich glaubte. Wenigstens sprechen die Republikaner laut, während die Anderen schweigen. In den Frankfurter Herzen sitzt viel Furcht. „Sind Sie auch für die Republik?" fragen sie mit bangen Gesichtern jeden Ankömmling, und es wird einem ordentlich wichtig zu Mut, mit so gespannter und ängstlicher Miene um seine Meinung konsultiert zu werden. Hinter den lustigen Fahnen pochen enge Herzen. „Kurse?" fragte am Tisch ein stattlicher Herr mit einem großen Schnurrbart, der mehr wie ein Eisen- als wie ein Goldfresser aussah. „Kurse?" — „Keine!" war die Antwort. Daß von allen Seiten kurzweilige Bemerkungen fallen, läßt sich denken: „Was soll man aber mit den Fürsten machen, wenn man sie absetzt?" fragte Einer. — „Ja, da sitzt der Knoten!" erwiderte ernst der Andre. „Historisch" und „Organisch" sind Trumpf; „wasch mir den Pelz und mach ihn nicht naß" ist der kurze Sinn aller schönen Reden und „die verfluchte französische Revolution!" der stille Gedanke vieler guter Seelen. Die Leute vom gesetzlichen Fortschritt wären der Meinung, man solle mit den Franzosen einen Vertrag schließen unter dem Vorbehalt, daß sie in zwanzig Jahren wieder eine Revolution machen, wo wir dann auf dem Wege des gesetzlichen Fortschritts weit genug gediehen wären, den letzten bequemen Sprung zu machen. Herr, erleuchte sie! Die Paulskirche ist ein herrliches Lokal. Ein Rondel, mit hellgelbem (Chamois-farbigem) Stuck bekleidet, mit dreifarbigen Draperien behängt, und Raum für 2500 Zuhörer. Amphitheatralisch geordnete Kirchenbänke füllen die Mitte für die Deputirten aus; dahinter und auf der Galerie ist das Publikum. Vor jenen Bänken steht die ' Rednerbühne und dahinter noch höher der Präsidentensitz, alles in den drei Farben prangend. Symbole genug! Nun, zu früh Lachen taugt nichts, aber zu früh Weinen auch nicht. Morgen den ersten Bericht. Frankfurt, 30. März, spät am Abend. Ich bin jetzt im Stande, Ihnen bestimmtere Auskunft über den Stand der Dinge zu geben, als heute Mittag. Es sieht viel ernster aus, als damals. Im Saale des Weidenbusches und des Wolfsecks sind große Versammlungen abgehalten worden. Das Merkwürdigste von allem, was darin zu Tage kam, war, daß Projekte für die morgen beginnende Versammlung dem Bundestag zur Genehmigung vorgelegt worden sind! Daß diese Idee von den beiden Gagern ausgegangen, wie man mir sagt, bezweifle ich sehr. Von den vielfachen Meinungen, die auftreten, hat die, daß die Versammlung, als mit keinem genügenden Mandat versehen, nichts thun könne, als allgemeine Volkswahlen für eine konstituierende Nationalrepräsentation zu verlangen, die meiste Aussicht. Eine andere Schattirung ist die, daß der Augenblick zu drängend sei, um so formell gewissenhaft zu verfahren. Es müsse also das Notwendigste angeordnet werden und die Versammlung selbst oder ein Ausschuß sich permanent erklären, bis die Volkswahlen zum Ziele gediehen seien. Für diese Ansicht sprachen Raveaux aus Kölu und Rob. Blum aus Leipzig im Wolfseck mit vielem Geiste uud großem Erfolg. Gegen die Republik scheint eine große Majorität zu sein. Zwar erklärten fast alle Redner, daß die Republik der vollkommenste Freiheitszustand sei; Viele sogar bekannten sich laut als Republikaner — darunter namentlich die beiden erwähnten — aber fast Alle sagten, daß die Republik zu proklamieren nicht angehe, weil der Nordosten von Deutschland nicht reif und nicht gesinnt dazu sei; daher ein Bürgerkrieg die Folge der Republik sein müsse. Fast alle Redner aus dem Norden sagen aus, mau habe bei ihnen daheim nur sehr wenige Sympathien für die Republik. Blum sagte unter anderem in seiner Rede: „Die Versammlung müsse einen Riegel den Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 2 — 18 — Einfällen eines Hanswursten vorschieben, der seine bluttriefende Hand nach der deutschen Kaiserkrone ausstrecke." Dies wurde mit donnerndem Applaus approbiert. Raveaux replizierte: „Er könne nichts einwenden gegen Blum, aber er glaube, daß, wenn man die Sünden der anderen Fürsten aufzählen wolle, keine große Differenz herauskäme, sie hätten alle mehr oder weniger Schuld auf dem Haupte, und wenn man doch einmal Einen fortjage, so möge man lieber gleich die anderen 33 mitgehen lassen." (Endloses Bravo.) In der Versammlung im Weidenbusch (der ich nur kurze Zeit beiwohnte) trat Hecker entschieden republikanisch auf. Aber die enorme Mehrzahl waren Konstitutionelle, darunter viele Langweilige. „Einigkeit" wurde in ungemessenen Quantitäten als Knalleffekt verbraucht. Merkwürdige Exemplare von norddeutschen Magistern mit hohen Halskrägen und schweren Uhrgehängen bestiegen die Rednerbühne. Wenn diese erst mit gehörig einstudierten Reden in der Versammlung auftreten, mag's heiler werden. Zu einem republikanischen Resultat kommt das provisorische Parlament gewiß nicht. So etwa mögen die Ansichten gruppiert sein: Für augenblickliche Proklamierung der Republik sind in der Versammlung Wenige, diese Wenigen sind Badenser und Württemberger. Im anwesenden Publikum sind die meisten Frankfurter Bourgeois total konstitutionell, aber das Volk und sehr viele Fremde republikanisch. Während ich der Versammlung im Wolfseck beiwohnte, empfingen Hecker und Struve einen glänzenden Fackelzug. Nonge ist auch hier, desgleichen Venedey. — Z9- — Die Nationalökonomie. Ein Beitrag zur Reform desöffentlichen Unterrichts. Den 9. April 1848. Die Volkswirtschaftskunde ist ihrem Gegenstande nach der populärste, der Zahl ihrer Schüler und Verbreiter nach der unpopulärste Wissenszweig auf der Welt. Der Fehler liegt weniger an der Auffassungsweise ihrer Bearbeiter als an der Natur der Massen. Man hat den Nationalökonomen übertriebene Grübeleien, fruchtlose Distiuktionen schon oft vorgeworfen, wie man es den Logikern noch hundertmal schlimmer angethan hat. Diese Unglücksverwandtschaft ist begreiflich: denn die Nationalökonomie des alten Stils ist und sollte sein nichts anderes, als die Logik des gesellschaftlichen Verkehrs, d. h. die Zerlegung der Thatsachen, aus denen dieser Verkehr sich zusammensetzt, in ihre einzelnen, unterscheidbaren Bestandteile und die Rückführung jeder Wirkung auf ihre wahre, mehr oder weniger dem Auge des Plumpen Praktikers verborgene Ursache. Sie sollte geben im Wesentlichen die Fähigkeit, die Begriffe, mit denen man rechnen muß, zu kennen, nicht aber die Fähigkeit, bestimmte Resultate zu erzielen. Ebenso wie die Logik weder die Erziehungskunst noch Chemie lehrt, zur Erwerbung dieser Kenntnisse aber unentbehrlich ist, ebenso wenig lehrt die alte Nationalökonomie einen glücklichen Staat herstellen, ist aber die notwendige Voraussetzung zur Ergreifung dieser Aufgabe. Dieses Verhältnis, daß die Volkswirtschaftskunde nur eine Analyfis, aber keine Synthesis, nur eine Erkenntnis des Vorhandenen aber zunächst keine Herrschaft über dasselbe sei, war den großen Theoretikern sehr wohl bekannt, und ist namentlich von dem mehr klaren als scharfen Jean Baptiste 2* — 20 — Say geradezu ausgesprochen worden. Diese Wahrheit verringert den Wert der Wissenschaft nur in den Augen derer, die sich aus Unkenntnis eine falsche, wie es gewöhnlich geht, übertriebene Vorstellung von den Resultaten derselben gebildet hatten; sie macht diese Resultate um kein Haar entbehrlicher. Unterscheiden ist Verstehen, verstehen aber muß man überall seinen Gegenstand, wo man ihn mit Erfolg behandeln soll. Wer in seinen Bestrebungen zur Verständigung und zum gemeinschaftlichen Handeln mit der Masse angewiesen ist, den hindert, beugt, verzehrt nichts so sehr, als deren Unbekanntschaft mit jeder Art von Logik, sei's der allgemeinen, sei's der besonderen im gesellschaftlichen Verkehr. Es ist eine aller Denker würdige Aufgabe, sich zu besinnen, ob nicht eine einfache, natürlich von scholastischem Wust gereinigte Logik in die notwendigsten Lehrgegenstände unserer Volksbildungsanstalten aufgenommen werden müsse, und es ist außer allem Zweifel, daß Belehrung über die Begriffe, welche im bürgerlichen Verkehre agiren. auf Jung und Alt ausgedehnt werden muß, wenn wir Verbesserungen in der Organisation der Gesellschaft herbeiführen und zeitweise plumpe Rückschritte verhüten wollen. Wende man seine Vorwürfe nicht gegen den Theoretiker, welcher, um einen verworrenen Knaul von Thatsachen auseinander zu lösen, seine Denkkraft schärfen und anstrengen mußte, wende man sie gegen den faulen, aufgeblasenen Praktiker, welcher beständig den „gesunden Menschenverstand" im Munde führt, d. h. die selbstgenügsame Verachtung jeder gewissenhaften Prüfung, jeder allgemeinen, von besonderen Standes- und Gewohn- Heits-Vorurteilen freien Auffassung, d. h. den Wahn, daß richtiges, zuverlässiges Denken — die schwierigste Sache von der Welt! — weniger besondere Übung und Benützung früherer Erfahrungen erheische, als die Fertigung eines Stiefels. Heute, wo die grausameu Mißdeutungen der Freiheit euch fast zur Verzweiflung an euch selber, weil an eurem — 21 — Volke, bringen, heute werdet ihr doch fühlen, daß alle eure Vorstellungen scheitern gerade an jenem „gesunden Menschenverstand", mit dessen Lobpreisung ihr so lange dem Volke geschmeichelt, mit dem ihr es in dem eigensinnigsten Glauben an die Unfehlbarkeit des ersten besten, vom beschränktesten, kurzsichtigsten Privatvorteil geleiteten Urteils, gesteist habt; daß eure Vorstellungen scheitern an der Geringschätzung, womit jeder Unterricht im höheren Denken gegen die Beibringung der praktischen Handgriffe zurückgesetzt worden ist. Nicht der Fleiß der Denker, die Faulheit der Pfuscher ist es, welche verhindert hat, daß eine so notwendige Kunde, wie die Volkswirtschaftslehre, bis jetzt eine Fremde unter uns war. Nicht einmal Mangel an populärer Schreibart kann man den Theoretikern vorwerfen. Der Begründer der neuesten Schule alten Stils. Adam Smith und sein Evangelist I. B. Sah. haben so einfach, so lebendig und handgreiflich geschrieben, daß gerade diese ihre Schreibart zu den Hauptvorzügen ihrer Leistungen gehört, und der Letztere hat den Inhalt seiner größeren Werke eigens zum Zwecke der Volksbelehruug in einen „Katechismus der Volkswirtschaftslehre" zusammengefaßt, der wahrlich dem menschlichen Verstände näher steht und zugänglicher ist, als der Katechismus von Mysterien und Wundern, welcher dem Kinde fast von seiner Geburt an bis zu seinem Austritt aus der Schule eingetrichtert wird. Es ist wahr, daß die Staatswirtschaftslehre, wie sie bisher studiert worden, keine Staatswohlfahrtslehre, aber es ist nicht minder wahr, daß sie der erste Teil der letzteren ist. Heute fallen die Praktiker des gedankenlosen Schlendrians, wie die Idealisten der noch unpraktischen Theorieen. von zwei Seiten über die guten Nationalökonomen her und werfen ihnen Unfruchtbarkeit für weltliche Zwecke vor. Es geht, wie gewöhnlich: jene haben nichts von ihnen lernen wollen, und diese vergessen, daß sie viel von ihnen gelernt haben. — 22 — Die Bewegung des gesellschaftlichen Verkehrs bietet eine Fülle von Phänomenen dar, die stündlich auf die plumpste Weise verkannt werden, deren plumpe Verkennung die abenteuerlichsten Forderungen und die abenteuerlichsten Maßregeln hervorgerufen hat. Die Nationalökonomie, indem sie die Natur dieser Phänomene zu ergründen sucht, will diese Mißgriffe verhindern. Wie weit ihr dies bis jetzt gelungen, ist eine untergeordnete Frage; genug, daß die Bemühung da ist. Wer so diese Wissenschaft auffaßt, der wird ihr große Leistungen nicht absprechen können. Ob sie praktische Probleme bis jetzt gelöst hat, ob sie solche überhaupt lösen kann, ist eine andere Frage. Es ist ein Anderes, die Erkenntnismethode für tatsächliche Verwicklungen an die Hand zu geben, ein Anderes, die Entscheidung der letzteren im Voraus zu berechnen. Der Fehler der Nationalökonomen lag vielleicht darin, daß sie sich mit zuviel Sicherheitsgefühl auf das letztere Feld begeben haben. Es ist fast unmöglich, den Ursachen und Wirkungen lebendiger Konstellationen ihre Bahn theoretisch auszurechnen. Die kleinste Abweichung in der Stellung der Thatsachen kann das ganze Gebäude umstoßen. Darum sind die Probleme über den Schutz der Industrie, über die Art der Besteuerung, über die Wahl der Zirkulationsmittel (des Geldes) noch immer offene Fragen, die nie auf dem Boden der Theorie allein ihre entschiedene Lösung finden werden. Aber, wer je um diese Theorie sich bemüht hat, der wird auch zugeben, daß es ihm nach den ersten Studien wie Schuppen von den Augen gefallen, daß er plötzlich gewahr geworden ist, wie roh und verworren die Kombinationen des bürgerlichen Geschäftsganges vor seinen Blicken gelegen hatten. Nicht die Kunst, die Welt der gesellschaftlichen Thätigkeit zu lenken, aber das Organ, das Sinneswerkzeug, ihre Elemente zu unterscheiden, wird durch die Nationalökonomie gegeben. Es ist klar, daß diese Lehre die Voraussetzung zur Beherrschung und Leitung der öffent- — 23 — lichen Wohlfahrt ist. Die Nationalökonomen haben nicht den Vorwurf verschuldet, daß sie, gleichgültig gegen die wahre Beglückung des Menschengeschlechtes, sich mit dem alten Zustand der Dinge, mit dem Elend der Armen, mit dem Mißbrauch der Kräfte auf der einen, der Verwüstung der Kräfte auf der anderen Seite befriedigt erklärt hätten. Sie wollten die wahre Volkswohlfahrt herbeiführen helfen; aber daß sie mit ihrer Theorie allein deren Gesetze finden zu können glaubten, das war ihr Irrtum. Ihre Grundsätze von der Heilsamkeit der unbedingt freien Konkurrenz, von der unbedingten Rücksicht auf die Konsumenten waren zweifache Sünden, zum ersten in sich selber Rechnungsfehler, zum zweiten Entscheidungen, welche über die Grenze der bloßen Begriffslehre hinauslagen. Sie hätten bei ihrer eigentlichen Aufgabe, das Vorhandene zu analysiren, bleiben sollen. Aber daß die alten Zustände unvollkommen, und wohin sie zu führen seien, die Schwäche des alten formellen Rechtsbodens gegenüber den Lebensanforderungen der Menschheit, haben sie selber gefühlt und mit einer Klarheit und Überzeugungsstärke ausgesprochen, wie kaum einer der neuesten Sozialisten. Adam Smith, der bescheidene, angebetete, nüchterne Gelehrte, hat einen Satz niedergeschrieben, welcher zu terroristisch klingt, um ihn heute zu zitiren. und der im III. Band, 4. Buch, 5. Kap., 2. Teil seines Hauptwerkes nachzulesen ist;*) er hat ein andermal gelegentlich einen Gedanken hingeworfen, in dem er mit dem extremsten der Kommunisten, mit P. I. Proudhon, über die gleichen Anlagen, den gleichen Wert und die gleichen Ansprüche jedes Arbeiters zusammentrifft: „Die Abweichung der natürlichen Anlagen in verschiedenen *) Ich habe dieses Kapitel im Ad. Smith wieder nachgelesen, ohne bestimmt sagen zu können, auf welche Stelle hier angespielt ist. Vielleicht dachte ich damals an den Schluß von III. S. 66 u. 67 der englischen Baseler Ausgabe von 1791. L. B. — ^4 — Menschen ist in der That viel geringer, als wir merken, und die so ganz verschiedene Geistesfähigkeit, welche zwischen Menschen von verschiedenen Berufszweigen, nachdem sie einmal zur Reife herangewachsen sind, zu herrschen scheint, ist vielfach nicht sowohl die Ursache, als die Wirkung der Arbeitsteilung ...... Wäre nicht die Aufforderung da, alle von den Einzelnen produzirten Dinge gegen einander auszutauschen, so müßte jeder Mensch sich selber alle Mittel zum Leben verschaffen. Nun aber ist es gerade diese notwendige Aufforderung, die Produkte gegenseitig umzutauschen und — als Voraussetzung dazu — sich in die Arbeit zu teilen, welche die zwischen Menschen von verschiedener Profession so auffallende Ungleichheit der geistigen Fähigkeiten erzeugt, und deshalb gerade sind diese Ungleichheiten, die ungleichen Beschäftigungen und Talente gleich nützlich." Sah war ein durchsichtiger, aber kein kühn durchdringender Geist, wie Smith. In allen Dingen fühlt er das Rechte, oft ohne genaue Rechenschaft geben zu können. Im dritten Band seiner Staatswirtschaftslehre sagt er: „Die Notwendigkeit scheint mir durchaus unerwiesen, daß neun Zehntel der Bewohner der meisten Länder Eurapas in einem an die Barbarei grenzenden Zustande lungern." Wir fühlen gar wohl, daß diese kurze Erläuterung nicht allgemein verständlich ist. Es liegt dies in der Natur ihres Vorsatzes. Das können wir nicht unternehmen, eine Wissenschaft auf diesem Wege unter das Volk zu bringen. Wir können nur auffordern, daß Anstalten dazu getroffen werden. Wir wollten versuchen, einen Teil, welcher noch nicht bis zur Würdigung der nationalökonomischen Wissenschaften gediehen, einen andern, welcher darüber hinausgegangen ist, dafür zu gewinnen, daß er bei der Reform des öffentlichen Unterrichts sich dieser Wissenschaft annehme; wir wollten zugleich dem Volke, welches dieselbe noch nicht einmal dem Namen nach kennt, einen Wink geben, der vielleicht trotz der Fremdheit — 25 — des Gegenstandes nicht erfolglos sein wird; einmal, weil wir vielleicht es dahin gebracht haben, daß das Volk uns warme Teilnahme und Urteilsfähigkeit für seine Interessen zutraut, und zum Andern, weil es selber fühlen muß, wie sehr es über seine wichtigsten Angelegenheiten im Dunkeln tappt. Unser Wunsch geht dahin, daß, sobald es die Ruhe der Gemüter irgendwie erlauben wird, von Seiten der Regierungen und der Gemeinden Anstalt getroffen werde, die Jugend wie die Erwachsenen in den Elementen der Volkswirtschaftskunde zu belehren. Aufregendes. Den 11. April 1848. Stolz und glücklich waren alle auf die hohe See des Freiheitskampfes hinausgesteuert, als der erste aus Frankreich kommende Wellenschlag das so lange auf dem Sand zurückgehaltene Staatsschiff wieder flott gemacht hatte. Ach. zu lange nur waren sie des großen, erhabenen, wilden Meeres entwöhnt! Der erste starke Wind, kaum ein Sturm zu nennen, bricht herein, und seekrank, zum Sterben seekrank liegt die halbe Mannschaft danieder. Fort ist alle Lebenslust, fort der letzte Mut, im Schwindel drehen sich die Köpfe, dunkel wird es vor den Augen, in blasser verzweifelter Todesangst wird, das nackte, das arme Leben zu retten, alles, alles, die kostbarste Habe, die erbeutete Freiheit selber über Bord geworfen: — o säßen wir nur wieder in Frieden auf dem Sande! — Habt Ihr darum an jenem großen Abend der Freiheit zugeschworen, daß ihr sie bei dem ersten Windstoß wieder im Stiche lasset? Habt Ihr gemeint, Ihr schwöret, der Freiheit treu zu bleiben bei Gläserklang und schönen Reden, und davon zu laufen beim ersten Wetterleuchten? Die ewigen Sterne droben, die auf Euch herunter sahen, zu denen damals Euer stolzer Schwur, jetzt Euer klägliches Geschrei empor- gestiegen ist. sie lachen Euch ins Gesicht — nnd rückwärts dem Sande entgegen geht das Schiff am sichersten zn scheitern! Ist denn gar nicht zu helfen? Ordnung! ruft Ihr. Ordnung um jeden Preis! und Ihr selber schafft den heillosesten Wirrwarr. Ihr selber seid in Auflösung begriffen! Auflösung, das ist der Zustand, der alles ergriffen hat. die Menschen wie die Verhältnisse, und Sammlung, Organisation, das ist es, was allenthalben Not thut. In Auflösung sind die alten Regierungsgewalten, in Auflösung ist die bürgerliche Thätigkeit, in Auflösung sind die politischeu Bewegungen und Massen, welche der erste Freiheitstrieb ins Leben gerufen hat, in Auflösung endlich sind die Köpfe und die Gemüter selbst. „Polizeistaat!" Daß dieser — oft gedankenlos hingeworfene — Ausdruck die ganze Anstalt der öffentlichen Wohlfahrt im Grund ihres Wesens bezeichnete, das wird jetzt erst recht augenscheinlich: ein träges, steifes, seelenloses Uhrwerk, nicht von dem außer ihm liegenden Zweck, die Interessen der Gesellschaft zu fördern, belebt und bewegt, sondern einzig regiert von den mechanischen Gesetzen, nach denen es erbaut war, von den mechanischen Gesetzen, die auf nichts berechnet waren, als das Uhrwerk selbst zn erhalten; eine Erfindung, deren Absicht nicht das Regieren, sondern das Befehlen, nicht das Wohl des Ganzen, sondern das Ansehen der Herrschenden war, eine Maschine der Maschinisten wegen. Dieses Gesetz galt durch und durch. Die Diener der Obrigkeit, bis zum winzigsten herunter, betrachteten sich als den Zweck und den Bürger als das Mittel; der Bürger betrachtete sie als Feinde und sich selber als das Opfer. Kein Gedanke des wechselseitigen inneren Zusammenhangs von der einen Seite noch der anderen! Die Triebkraft der widersinnigen Maschine war die Furcht. Als mit der Furcht des Bürgers auf einmal die ganze Wohlfahrtsanstalt ins Nichts zerstob. — 28 — da begann erst der Fluch jenes unsinnigen Wesens sich in seiner wahren Größe zu zeigen. Selbsterhaltung war der einzige Zweck, das einzige Bewußtsein der alten Staatsgewalten von oben bis unten, und als sie einsahen, daß es mit ihrer Herrschaft, mit der Furcht, zu Ende war, daß sie nichts mehr für sich selber zu hoffen hätten, da legten sie ruhig die Häude in den Schoß und sahen, sehen noch mit der gleichgiltigsten Miene der Not, der Angst der Gesellschaft zu. Nicht allem die Kraftlosigkeit, auch die perfide Selbstsucht ist es, welche jetzt die Thätigkeit der noch zum Scheine bestehenden Autoritäten gänzlich aufhebt. Sie allein sind noch einigermaßen organisiert, sie auch haben die Übung des Regierens und könnten noch manches leisten, wenn sie den Rest ihrer Geschicklichkeit und Kraft dem Bürger aufrichtig, rückhaltslos leihen wollten. Aber nicht der geringste Versuch wird gemacht. Mit der alten Tyrannei ists aus, was kümmert sie das Wohl des Staates, was hat es sie jemals gekümmert? Das ist die eine fluchwürdige Folge des Polizeistaates, diese ist heute noch eine Beschuldigung gegen die alten Gewalten; die andere Folge, gleichfalls derselben Unglücksquelle entsprungen, ist heute ihre Entschuldigung: das grenzenlose Mißtrauen gegen jede regierende Gewalt, die blinde Verwechselung der Sache mit den Personen, der Institutionen selbst mit den alten Mißbräuchen. Die Polizei — und Polizei war die ganze Regierung — ist in den Augen der Meisten nichts als eine feindliche Macht; keine Regierung will man, denn man kennt die Regierung nur als das böse Prinzip. So ist es gekommen, daß die früheren Autoritäten in sich selber gleichgiltig, vom Volke zurückgestoßen, völlig untauglich sind. Hinter uns ist völlige Auflösung. Das Natürlichste wäre, vorwärts zu organisieren, zu ordnen. Im ersten Augenblick war die Energie dazu vorhanden. Man improvisierte rasch einige leitende Kollegien. Das reichte aus für den — 29 — Moment der allgemeinen Energie, der übereinstimmenden, gutbeseelten Mitwirkung Aller. Aber jetzt ist die Auslösung der Behörden immer weiter gediehen. Zu der Auslösung der Behörden ist die Auflösung der Zustände, zu dieser endlich die Auflösung der Gemüter gekommen. Die Ge- werbsthätigkeit zerfällt, und die Folge ist, daß die Meinungen zerfahren und verderben. Die erste improvisierte Organisation — wenn sie diesen Namen verdiente — ist jetzt zu schwach, Schaden abzuhalten. Gutes zu stiften. Organisation, Ordnung von Gewalten, eine geregelte Wechselwirkung, das ist es. was wir fordern. Aber wenn wir Ordnung rufen, so drehen die Leute die Köpfe rückwärts und sehen sich nach der alten Staatsordnung um! Du lieber Gott! Hinter Euch liegt die Ordnung nicht, vor Euch liegt die freie, selbstthätige Ordnung. Als wir nach den barbarischen Szenen, deren Schauplatz vorige Woche unsere Stadt gewesen,*) bittere Klagen erhoben, als wir zur kräftigen Gegenwirkung, zum Schutz des Eigentums und des Verkehrs aufforderten, da riefen Viele: „Seht! sie ziehen die Segel ein; seht! sie kehren um, sie fühlen, daß sie zu weit gegangen sind!" Dieser rief es triumphierend, jener wohlmeinend und beruhigt — es ist uns wohl zu Ohren gekommen. Gütiger Himmel, wie lächerlich! Welche Gimpel müßten wir sein, wenn wir so wenig wüßten, was wir wollen! Steinigen, nicht loben müßte man uns, wenn wir unsere Stimme in der Besprechung der großen Angelegenheiten der Gegenwart erhoben hätten und, durch die kleinste Wendung irre gemacht, vom eingeschlagenen Wege abgingen; verhöhnen müßte man uns, wenn wir so wenig auf eine solche Wendung gefaßt gewesen wären. Was da geschehen ist, hat uns gar nicht überrascht, wir haben es ja vorausgesagt, und — will man es doch wissen? — *) Die Zerstörung der Taunus-Eisenbahn. — 30 — wir sagen noch Schlimmeres voraus, noch Schlimmeres namentlich, wenn man in dieser Schwebe zwischen dem Alten und Neuen länger noch verharrt. — Haben wir nicht schon vor drei Wochen gewarnt, daß, wenn nicht schnelle Hilfe kommt, allgemeine Auflösung und Verwilderung bevorsteht, haben wir nicht dringend gebeten, daß die Bürger selbst ihre Bewegung organisieren, die in ihren Angelegenheiten durch regelmäßige Diskussionen nnd durch bestimmte Vorschläge die Initiative ergreifen möchten? Ja, wir wollten aufregen, wir wollen es noch, politisch aufregen, die Kräfte in Aktion setzen, die Meinungen zum Ausspruch bringen, wir wollen aufregen zu einer allgemeinen Thätigkeit, die allein zur Ordnung führen kann. Denn die Zerfahrenheit, wie der Popanz, der ehemals regierte, sind gleich unheilvoll. Die VertrauenspsUtik. Den 12. April 1848. Der deutsche Bund ist so sehr ein Bild des Jammers geworden, daß ein ordentlicher Mensch es nicht übers Herz bringen kann, auf ein so kläglich verendetes Wesen loszuschlagen. Diesen Bund, an den sich alle traurigen Erinnerungen der letzten dreiunddreißig Jahre knüpfen, diesen Bund aufrecht zu halten, ist man noch immer bemüht. Zu den wirksamsten Stichwörtern, mit welchen bis jetzt die Regierungen in Deutschland die mattherzigen Kammern gängelten, gehörte das „Vertrauen". Vertrauen war in aller Minister Mund, Vertrauen zwischen Fürst und Volk wnrde bei allen Schlechtigkeiten verlangt, und das unentbehrliche Vertrauen mußte erhalten werden mit Verzicht auf alle anderen Rechte; Vertrauen zum Fürsten um jeden Preis. Vertrauen in Hannover. Vertrauen in Kassel, Vertrauen in Berlin; und wenn man in Oldenburg oder Hessen-Homburg eine Verfassung verlangte, so beschämten der Großherzog und der Landgraf ihre Unterthanen mit Vorwürfen über mangelndes Vertrauen. Während in dem Bundestag die Politik der gemeinsamen Verräterei an dem Volke und des gegenseitigen Neides und Mißtrauens der Fürsten saß, wurde die Nation durch die Politik der schönen Redensarten nnd der Rührung mißbraucht. Als der deutsche Bund, infolge der Anstrengung, die ihn das Preßgesetz vom 3. März gekostet hatte, in Ohnmacht fiel, griff er, sich zu stärken, nach der bewährten Vertrauensessenz und siehe da — es half! Er verlangte, daß man seinen Namen durch die Namen ehrlicher und freisinniger Männer rette, und die Regierungen schickten „Männer des Vertrauens" an den Bund. Die Regierungen wußten wohl, was sie thaten. Sie wußten, daß in Deutschland das politische Leben noch von der Vorstellungsweise des patriarchalischen Lebens beherrscht ist. daß die Pietät, der Respekt, die Dankbarkeit, die Bescheidenheit, überhaupt die sozialen und die familiären Tugenden in die Politik übertragen und immer die Rechte der Sache den Rechten der Person geopfert werden. Sie wußten also, daß ein Schrei des Unwillens sich erheben würde, wenn nur ein Zweifel verlauten wollte gegen Leute, wie Jordan, Uhland, Welcker, Bassermann u. A, die stets als redliche und freisinnige Männer sich bewährt und zum Teil dafür harte Verfolgungen erlitten hatten. Wenn sie sich in dieser Voraussicht nicht getäuscht haben, so ist es Pflicht der Presse, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Glauben die, welche sich des freien Wortes bemächtigen, nicht, daß sie jetzt auf Rosen gebettet seien, seitdem sie die Zensur los sind, glauben sie nicht, daß sie nur der öffentlichen Meinung zu schmeicheln hätten! Nein, mit dem redlichen Wirken für das Allgemeine ist immer Märtyrerschaft verbunden, und der Mnt, welcher ehedem gegen die Gewalt von Oben gebraucht wurde, ist jetzt noch zehnmal nötiger gegen das Vorurteil von Unten. Und wenn noch so sehr über Jmpietät und Ruchlosigkeit geschrieen wird, so darf sich die Presse nicht irre machen lassen, jene gefährliche Gutmütigkeit des blinden Vertrauens und der persönlichen Rücksichten zu bekämpfen. Rühmliche Vergangenheit, guter Charakter, das Alles soll seine Anerkennung finden; aber Taten der Gegenwart, Taten in Sachen des allgemeinen Interesses dürfen nur nach sich selbst und nach weiter nichts beurteilt werden. Die bisherige Wirksamkeit der „Vertrauensmänner" entspricht den Forderungen des deutschen Volkes nicht, und das ist erklärlich. Diese Männer waren bis jetzt in den einzelnen Staaten in der Opposition gegen die Regierung; sie hatten das bestimmte Ziel, gewisse, durch die bisherigen Verfassungen erreichbaren Rechte durchzusetzen; sie haben an der Erreichung dieses Zieles Jahrzehnte mit großen Anstrengungen, mit großen Opfern gearbeitet; sie wurden von den Regierungen als Feinde betrachtet. Es ist sehr natürlich, daß sie in diesem Augenblick, wo ihre Meinung bereits vollständig gesiegt hat, wo sie selber von ihren bisherigen Feinden zu Hilfe gerufen werden, nach so langem, mühevollem Streben sich befriedigt suhlen. Volle Befriedigung mit dem, was schon erreicht ist, das ist der einfache Ausdruck für die Art. wie die Vertrauensmänner und ihre Gleichgesinnten seitdem, und namentlich bei der Fraukfurter Versammlung, ausgetreten sind; Unwille, ärgerlicher Unwille gegen alle die, welche weiter gehen wollen als sie, und völlige Unbekanntschaft mit dem Unterschied zwischen den Forderungen, die das Volk ehemals und die es jetzt gestellt hat. Darnm erscheinen sie immer mit solcher unerschütterlichen Zuversicht, darum nennen sie sich selber mit komischer Selbstgenügsamkeit einmal über das andere „Männer des Vertrauens" und nehmen nun für sich jene Resignation des Volkes auf seine eigene Kontrolle und jene politische Delikatesse in Anspruch, mit der sie selber so lange bekämpft wurden. Heute sind die bisherigen Ver- Handlungen dieser siebenzehn Männer veröffentlicht worden, die sich bereit zeigen, den Bund der Fürsten zu stärken, die des Verlangens nach einem freien deutschen Reiche, das sie so lange besungen und besprochen haben, nicht mehr zu gedenken scheinen, denen nicht einfällt, an dem abgeschmackten Flickwerk des Wiener Kongresses etwas zu ändern, die vielmehr Ludwig Bambsrger's Ges. Schriften. IH. 3 — 34 — jene unsinnige Landesvertretung zur Grundlage ihrer eigenen Beteiligung machen, indem sie die 38 Staaten (nach der bisherigen Abstimmungsordnung der Bundesverfassung für den engeren Rat) mit 17 Stimmen vertreten. Durch diese Veröffentlichung haben wir wenig Neues erfahren. Wir wußten bereits, daß das Grundgesetz für eine deutsche Nationalversammlung, welches der Bundestag noch schnell durch einen Beschluß vom 30. März dem auf den 31. zusammenberufenen Vorparlamente eskamotiren wollte, — dieses Grundgesetz, welches das Vorparlament selber zurückgewiesen und welches Preußen mit solchem Heißhunger durch einen Staatsstreich ins Werk zu setzen versucht hat, daß dieses Grundgesetz mit Fürstenwahl und Fürstenkammer und Aufrechthaltung der achtunddreißig Staaten unter Mitwirkung der Vertrauensmänner entstanden ist. Wir erfahren jetzt, daß dieser Rat der Siebenzehn in einer Sitzung vom 5. April eine Kommission zum Entwurf einer Bundesverfassung niedergesetzt hat, von der wir nach solchen Vorgängen nichts erwarten können. Nein, das sind die Leute nicht, welche Deutschland verjüngen können! Vor den Wahlen. An Freund und Feind. „Raum Ihr Herr'n dem Flügelschlag einer freien Seele." Den 15. April 18^8. Die heilige Zeit, wo das deutsche Volk in den Bund der mündigen Nationen aufgenommen werden und zu dem ersten hohen Akte politischer Selbständigkeit herantreten soll, die Zeit der Wahlen zur Nationalversammlung, steht bevor. Sie kann nicht genug durch ernste Betrachtungen über den mächtigen Schritt, welchen wir bereits vorwärts gethan haben, über die notwendige Umgestaltung unseres öffentlichen Lebens, sie kann nicht weihevoll genug herangewacht werden. Sonderbar, wer bedenkt, daß kaum sechs Wochen verflossen, seitdem wir in einem an Exaltation grenzenden Zustande uns selber dies Recht der Mündigkeit erworben haSen, den muß es billig wundern, daß heute schon eine Ermunterung, wie die oben ausgesprochene, für nötig erachtet werde. Und nötig ist sie; denn aus einem Zustand der Aufregung ist ein großer Teil in den der Erschlaffung, von kühnem Selbstgefühl in jämmerliche Kleinmütigkeit, von großherzigem Zusammenschließen in engherzige Absonderung übergegangen — mit einem Worte: es droht ein Rückfall, der immer gefährlicher ist, als der erste Krankheitszustand, es droht ein — 36 — Rückfall. weil unsere politische Natur uoch nicht Krast und Zähigkeit genug erlangt hat. Die Verhältnisse bilden den Menschen mehr, als der Mensch die Verhältnisse. In einer Staatsverfassung der gehudelten Untertänigkeit konnte kein aufgeweckter und mutiger Bürger heranwachsen. Luft und Licht braucht ein gesunder Keim, um mächtig auszuschlagen; Luft und Licht kann er nicht zu viel haben. Das ist's ja, was uns vor Allem kränkt, daß man das Unglück des Volkes mißbraucht als eine Waffe gegen sein Glück, daß man ihm sagt: werde erst vollkommen gut, ehe du vollkommen frei wirst; daß man das Unmögliche verlangt, um das Mögliche zu verweigern. Wir wissen so gut, als die altklugen Herren, daß weite Strecken unseres Vaterlandes noch lange kein Blütenanger republikanischer Tugenden sind, aber wir verachten die anmaßende Kunstgärtnerei, welche mit wetterprophetischer Nase ein Volk von dreiunddreißig Millionen in dreiunddreißig zierlichen, vor rauhen Winden schützenden konstitutionellen Treibhäuschen zurFreiheit uud Mannesgröße aufziehen will. Wir überschätzen den Geist des Volkes nicht, wie er ist; aber wir glauben, daß er sich rasch entwickeln kann, wenn man ihm die Gelegenheit dazu giebt. Wenn ihr den Sklaven nicht eher frei machen wollet, bis er ein stolzer Mann geworden, so wird er an der Kette sterben. Große Verhältnisse aber bilden im Flug große Menschen, ehrende Stellung giebt Ehrgefühl, freie Bewegung Freiheit. Wie edel, wie rührend edel hat sich das Volk Frankreichs seit den Tagen der letzten Revolution entfaltet! Nicht blos pathetische Zeitungen, die nüchternsten Alltagsmenschen erzählen Wunder von Seelengröße, die sie an diesem „erhabenen Pöbel" erlebt haben. Wen stimmt es nicht bis zu Thränen, wenn er sieht, wie Hunderttausende entblößter, sogenannter ungebildeter Menschen in der höchsten Ausregung sich durch das Wort eines geistreichen Mannes beschwichtigen lassen; wie der dürftige Arbeiter seinen Notpfennig auf den Altar des — 37 — Vaterlandes trägt mit einfachen Worten, vor denen die hochgestochenen Reden eurer Hofpoeten und Staatsdeklamatoren erblassen müssen. Nicht die Paragraphen der heuchlerischen Charte, nicht das Dnchatel'sche Bestechungssystem haben dieses Volk erzogen, sondern die wenigen Tage wiedererlangter Menschenwürde und erhebender Selbstherrschast. Und wenn der Keim dazu schon da lag, so war er zurückgeblieben von der Saat der neunziger Jahre und dem kurzen Sommer des dreißiger Juli. Eure Schullehrerweisheit, ihr gründlichen Professoren, wird kein freies Volk erziehen. Seht hin auf die kurze Zeit eures jungen Regiments, denn es ist wahr, daß seit mehreren Wochen eure doktrinäre Gewalt, eure gelahrte Staatsmethode am Ruder sitzt. Was habt ihr vollbracht? Ein Land, das in erhabenem Unwillen ausgestanden war, ist ein zerfahrener trostloser Wirrwarr geworden, in dem ihr freilich darum desto leichter euer Spiel treibt. Schlimm, wenn ihrs nicht wolltet, schlimmer noch, wenn es euch recht ist! Nicht begreifen können wir, wie gerade in diesen Zeiten viele edel, wahrhaft frei denkende Menschen es für Pflicht halten können, ihre entschiedenen Gesinnungen in sich zurückzudrängen. Auch wir machen uus keine übertriebenen Hoffnungen von der nächsten Zukunft, ja wir sind vielleicht gefaßt, aber nicht eingeschüchtert, in der Erwartung eines grausamen Rückschrittes. Doch, weit entfernt, darin eine Aufforderung zum Schweigen zu sehen, fühlen wir uns nur gestachelt, um so lauter zu reden. Nur die Freiheit er- zieht freie Menschen, das ist unser Bekenntnis. Und eben weil die Freiheit der That entweicht, muß die Freiheit der Gesinnung um so mehr gebraucht werden. Ihr. die ihr im heimlichsten Winkel eures Hauses die Republik heranbeten wollet, euch begreifen wir nicht. Der schüchterne, der furchtsame Glaube gewinnt keine Anhänger: aus offenem Markte müßt ihr zusammenläuteu, wenn ihr Proselytem machen wollet. Wir überlassen es Anderen, die Wahrheit mit dem — 38 — Arzneilöffel auszuteilen, wir kennen keine halben Wahrheiten, wir kennen nicht die schöne, vielbeliebte Erziehungstheorie, welche lehrt, daß man den kindlichen Gemütern erst Lügen beibringen müsse, um dieselben später wieder auszurotten, wenn sie die Wahrheit vertragen können. Gefährliches Experiment, gefährliches Spiel mit dem Höchsten, Heiligsten! Wir wiederholen das oft Gesagte: Unser Vertrauen hat Niemand, als die Wahrheit. Begreifen können wir nicht, wie ein überzeugter Mensch seinen starken Glauben beschneiden kann, um ihn verstümmelt herzugeben; uns treibt die Natur, gauz zu sagen, was wir denken. Akkomodation! Das Wort kennen wir nicht. Vielleicht fallen auch wir ihm zu, wenn wir erst alt und mürbe geworden sind, und wir bitten im Voraus unsere Nachkommen, alsdann derb auf uns loszuschlagen, wie wir es heute auf Andre thun. Wir lassen den Professor, wir lassen den konstitutionsseligen Fanatiker in Ehren gelten, sie sind Diener ihrer eigenen Überzeugung; du aber teurer Freund, der Du uns zwischen vier Wänden gestehst, daß du ein heißer Republikaner seist, daß aber die Zeit nicht da sei, es zu sagen — verzeih es Freund! du bringst uns zum Lachen! Wir haben wahrlich nicht unsre Freude daran, schwachen Seelen ein Ärgernis zu geben. Es ist nicht süß, verketzert zu werden. Gerne würden wir den Trotz unserer Meinung bändigen, wenn wir ihn nicht den Starken wie den Schwachen schuldig wären. Sterbende schickt man in die milden, umschlossenen Thäler, heranwachsende Jugend in die freie Bergluft. Diese lernet ertragen, ihr glaubtet denn, an einer auszehrenden und nicht an einer Entwicklungskrankheit zu leiden. Die Doktoren mögen Mixturen verschreiben, w ir verschreiben rauhen Wind. Sturm zu blasen ist unser Geschäft, Sturm blasen wir heute zu nächsten Wahlen. Unsere Staaten waren bis heute nichts als große Kinderstuben. Landesväter, Landesmütter und Landeskinder führten — 39 — zusammen eine stille Wirtschaft, und die sauberen Landesvettern machen uns noch heute große Sorgen. Das war ein gemütliches Treiben von häuslichen Tugenden und häuslichen Lastern; brummige oder lockere Landesväter waren ein Schrecken oder ein Skandal; teutschen Ludwigs Landessöhne hielten es mit der Mutter, die Landestöchter mit dem Vater und die Landesbedienten mit beiden zugleich; Bescheidenheit und Verschämtheit war die Zierde der Buben und Mädchen; wenn sie Fleisch wollten, forderten sie Salz und bekamen — Prügel; wenn Einer brav war, so durste er es nicht wissen, bis er vom Präzeptor mit einer Prämie überrascht wurde. Das Erziehungssystem war das aus der guten alten Schule, jedes Selbstgefühl zu unterdrücken und die Gefahren des Lebens dem Bevormundeten zu verschweigen. So haben wir jetzt ein blödes, empfindliches, schüchternes Bürgertum, das der freien, politischen Bewegung und namentlich der freien Presse einen schweren Stand bereitet; das sich seiner besten Gefühle und Bestrebungen schämt und bei der geringsten Anklage jämmerlich heult. Lasse man doch endlich im öffentlichen Leben diese Prüderie fahren, dieses Verschämtthun mit seinem Verlangen, welches in die Pensionen gehört! Diese Aufforderung geht an die Einzelnen, wie an die Massen, namentlich für das Geschäft der herannahenden Wahlen. Wer sich fähig und gedrungen fühlt, vom Volke zum Vertreter ernannt zu werden, der warte nicht bis ein zuvorkommender Freund ihn wieder seinen Freunden zum Weitergeben in die Ohren flüstert, der trete frei heraus und sage; „Ich bin euer Mann, mich müsset ihr wählen! das kann ich euch leisten, das sind meine Beweise, das versprech' ich euch zu verfechten!" Warum sich schämen seines guten Eifers, oder selbst seiner Ambition? Es ist kein Geheimnis: wir sind Alle mehr oder weniger eitel, und Jedem wird, Jedem soll es schmeicheln, vom Volke mit Vertrauen beehrt zu werden. Also weg mit falscher Uneigennützig keit, weg mit erlogener — 40 — Bescheidenheit! weg auch mit unzeitigem Ärgernis über Anmaßung und Eigenlob! Für die Parteien gilt dasselbe. Was ihr wollet, das lasset auf den Straßen ausrufen! Konspirirt und koalifirt unter freiem Himmel, werbet so viel ihr könnt! Errötet weder vor Lob noch vor Tadel! Und weil wir an diesem Kapitel einmal halten, schließlich ein Wort für die Presse. Kaum ist sie frei, kaum bedient sie sich ihres Rechtes, einmal selber zu zensieren, statt zensiert zu werden, da erhebt sich ein allgemeines Wimmern und Schelten. Jeden Augenblick kommt Einer, der sich persönlich verletzt fühlt. — In das Privatleben dringt nnser Auge nicht; wer sich aber in die Öffentlichkeit begiebt, der hört auf, eine Person zu sein, der wird eine Sache. Nicht Personen greifen wir an, sondern Sachen und Zustände! Nicht die Personen mögen sich verteidigen, sondern die Sachen. Wie albern, auf Anklagen der Presse mit Injurienklagen zu antworten! Wahrhaftig, liebe empfindliche Leute, eure Erziehung ist schwer genug, ihr müsset sie uns nicht durch Prozeßkosten vertheuern. Die Presse klagt vor dem Publikum. Wer sich gegen sie vor den Gerichten verteidigt, sich hinter die Schliche und Formen des Rechtes zurückzieht, statt die Jury seiner Mitbürger anzurufen, der — merke man es! — der giebt seine Sache verloren! Die intolerante Toleranz. Den 30. April 1848. Je weniger öffentliches Leben, desto mehr Verschiedenheit in der Denkungsart einzelner Teile der Gesellschaft. Still, wie wir bisher in Deutschland lebten, schöpfte Jeder nur aus seinem eignen Selbst, seiner Beschäftigung und Umgebung das Maß seines Urteils. Kein größerer Kontrast kann gedacht werden, als der, welcher zwischen den Ansichten des behäbigen Mittelstandes und den Resultaten der denkenden Kritik herrschte, die, gewissermaßen auf einem archimedischen Punkt außer der Erde stehend, das ganze alte Weltgebäude im Geiste aus den Angeln gehoben hatte. In der Harmlosigkeit eines Lebens, das kaum mehr als den Raum zu einer Existenz hergab, bewegten sich diese Kontraste friedlich neben einander: von der einen Seite beschränkte Selbstzuversicht, die Nichts außer dem Bereich ihrer eigenen Sinnesart kannte, von der anderen höfliche Schonung und Resignation. Kaum daß einmal bei den religiösen Kämpfen ein Vorposten der Kritik, oder — wenn man es gar so nennen will — der Negation mit den Anschauungen der Masse ins Gefecht kam. Da schlägt plötzlich eine Krise herein, eine Krise, so mächtig, daß die ungeheuersten Ergebnisse daraus hervorgehen können. Die, welche in Gedanken weit über die — 42 — jetzige Weltgestaltung hinausgegangen waren, hatten nicht blos das Ziel, sie hatten auch die Methode großer Revolutionen zu erwägen Zeit gehabt und sich durchdrungen von der Überzeugung, daß entschlossenes Ergreifen des unwiederbringlichen Moments die Grundwahrheit aller mächtigen Verbesserungen sei. So ist es gekommen, daß auf einmal lange verhaltene, bisher fremde Ideen hervorbrechen und mit Ungeduld, mit rücksichtslosem Vordrängen sich geltend machen. Man wirft ihnen Heftigkeit und Schonungslosigkeit vor, weil sie unduldsam, ungestüm auftreten. Auch dieser Vorwurs rührt aus der alten Zeit blasser Gleichgültigkeit her. Wo nichts zu erreichen war, steckten die Meinungen kaum den Kopf aus dem Fenster und wünschten sich einen freundnachbarlichen Guten Morgen. Jetzt auf einmal die Entscheidung auf der Straße! Aus den Häusern stürzen die Meinungen hervor, die höflichen Nachbarn fahren mit den Köpfen aneinander, sie sind — Parteien! Wie kindisch, Wehe zn schreien über diese Spaltungen, Bekriegungen, welche den „schönen" Frieden stören. So lange Keiner was wollte, waren wir höfliche, einige Leute, jetzt zum erstenmal giebts einmal Etwas zu gewinnen, jetzt ist der Sieg der einen Überzeugung die Niederlage der andern — und Ihr klagt, daß die höfliche Verträglichkeit der Nachbarn, die „Einigkeit der Bürgerschaft" gestört ist. Ihr klagt, wenn eine Zeitung rücksichtslos Partei ergreift, weil Ihr gewöhnt wart, nur solche zu lesen, die gar nichts wollten; Ihr klagt über die Heftigkeit der Meinungen, weil Ihr nichts kanntet, als Dispute beim Wein oder Thee. Was verfocht, was konnte denn früher eine Zeitung verfechten? Man deklamirte zur Unterhaltung, nicht zur Überzeugung — denn das war nicht nötig — von Preßfreiheit und deutscher Flotte, höchstens stritt man, mit Söldlingen auf beiden Seiten, um Zollsysteme. In der Politik wie in der Religion stolzirte eine vergnügte Halbheit — 43 — als Fortschritt und Aufklärung unwidersprochen einher. Derselbe unwidersprochene Kampf, wie um Preßfreiheit und Münzgleichheit, wurde, fast ohne Gegner, wider Buchstaben- und Wunderglauben geführt. Daß eine Meinung da sei. welcher dies lange nicht genug ist, wußte man kaum. Was Wunder, daß man sich auf einmal skandalisirt, da sie herausbricht, weil sie glaubt, daß die Zeit einen Sprung zu machen im Begriffe und seit dreißig Jahren nur zurückgegangen ist, um einen bessern Anlauf zu haben? — Vielleicht verziehe man noch die grelle Farbe der Meinung, aber die Heftigkeit ihres Auftretens wird durchaus verdammt. Abermals, weil man der Kämpfe aus heiliger Überzeugung entwöhnt ist. „Nichts erbitterter, als Religionskriege" ist ein gangbares Wort. Aber woher denn diese Erbitterung? Ganz einfach, weil die Religion immer eine Sache der vollsten, ernstesten Überzeugung war und kein Paradegaul für „Fortschreitende" und „Aufgeklärte." Darum sind Religionskämpfe erbittert, und darum sind es alle Kämpfe, die in einem heiligen, ganzen Glauben geführt werden. Verächtlich ist die Religion, welche nicht Proselyten machen will, verächtlich die nicht fanatische Religion, welche ihr Größtes und Wichtigstes als eine Nebensache hinstellt und nicht die äußerste Kraft anwendet, es Allen beizubringen. Es ist unhaltbar, vom religiösen Standpunkt aus dem Fanatiker zuzurufen: Störe nicht den sanften Frieden der Bürger und Familien um der Religion halber. Er hat Recht: die Religion, an die er glaubt, steht über all dem und ist für Alle mehr wert, als jene Güter. Die, welche ihm wehren wollen, haben keine Religion. Das sollen sie zugeben, daß sie ihm Schweigen auferlegen wollen im Namen der Irreligiosität; das ließe sich hören; aber ein ernster, braver Mensch kann nie zu frieden sein, einen nach seiner Meinung beseligenden Glauben in der Tasche herumzutragen. Die Religion unserer Zeit heißt: Politik und unser Bekenntnis: Freiheit! Und — 44 — - wir können uns nicht denken, wie ein Freiheitsgläubiger den — seiner Ansicht nach — freiheitsfeindlichen Systemen sachte und schonend entgegentreten kann. Wer uns verübelt, daß wir pochen und stürmen, der hat keinen politischen, wie der „Tolerante" keinen religiösen Glauben, der ist ein Gleichgültiger, und nur der Gleichgültige, dem der häusliche und städtische Friede des Essens und Spazierengehens über Alles geht, kann sich über uns skandalisiren. Wir gestehen es: wir sind politische Fanatiker! und ehren auch den konsequenten religiösen Fanatiker mehr, als den wässerigen „toleranten" Halbaufgeklärten. Der Mittelstand, die „Bourgoisie", welche bis jetzt die Hauptrolle in der Gesellschaft spielte, war dieser Stand der Mitte, der unbewegliche Jndifferenzpunkt in allen Dingen. Nun, da auf einmal die kritische Entschiedenheit losbricht, schließt sich das Volk dieser an. Natürlich auch! Der Gegenstand ihrer Betrachtung war das Volk, und das Volk ist entschieden, heißblütig, fanatisch, wie sie. So werden die Leute aus dem Reiche unserer chinesischen Mitte von vorn gezogen und von hinten gestoßen mit grellen Ideen und heftigen Methoden, von denen sie bisher keine Ahnung hatten. Und darum klagt man Unser Einen an als Unbesonnenen und Volksverführer. — Wem ist es recht, geschmäht und verketzert zu werden? oder Andern ein Ärgernis zu sein? Könnte man es über sich gewinnen, die Ursachen und die Unvermeidlichkeit der Parteiverhältnisse zu begreifen, so würde auf beiden Seiten nichts vom Ernst des Kampfes eingebüßt, aber viel Herzeleid erspart werden. — Vielleicht ist diese Rechtfertiguug verlorene Mühe. Was kann man aber mehr thun als sich erklären? Wenn auch nur Einer bekehrt würde zur Vorurteilslosigkeit, würden wir die Mühe für nicht verloren ansehen. Hundert Jahre Abstand waren zwischen der Gesinnung der Bourgoisie auf der einen und zwischen dem Bedürfnisse des Volks und der Erkenntnis der Kritik auf der anderen Seite. Die hundert Jahre donnern — 45 — - auf einmal zusammen herein. Möglich, daß die vordersten Glieder noch an dem Widerstand des Alten zermalmt werden. Wir könnten begreifen, daß wir zum Notfall aufgerieben werden müßten, um deu Nachdrängenden desto sicherer Bahn zu machen; aber wie man zurückgehen, wie man die Meinung in die Tasche stecken kann, das begreifen wir nich!. Die Zeit, eine kurze Zeit wird uns rechtfertigen. Lasset die ungewohnten Kämpfe und unbekannten Parteien nur eine kurze Periode über im neuen öffentlichen Leben agiren, und Alles, was Euch jetzt unwillig und grimmig und ungerecht macht, wird Euch so nötig werden, wie das tägliche Brot. Fn die Leser der Mainzer- und an die Redaktion der Rheinischen Zeitung. Den 5. Mai 1348. Im Begriffe, einen Entschluß auszusprechen und zu motiviren, der — vermöge meiner bisherigen Beteiligung an der Redaktion der „Mainzer Zeitung" und vermöge der eigentümlichen Weise, wie in den letztverflossenen Wochen das Publikum sein Urteil über die Denk- nnd Redeweise dieses Blattes an meine besondere Persönlichkeit geknüpft hat — auch dem allgemeinen Interesse angehört, im Begriffe meinen Entschluß, heute die Redaktion der M. Z. niederzulegen, mitzuteilen und zu motiviren, glaube ich nicht unbescheiden oder geschmacklos zu handeln, wenn ich selber in diesem Abschiedsworte mit meiner Individualität heraustrete. Sollte ich nicht vermeiden können, eine oder die andere Erklärung zu Gunsten meines persönlichen Verhaltens niederzulegen, so werde ich dabei zu Werke gehen in dem deutlichen Bewußtsein, daß Nichts lächerlicher ist, als mit eigener Hand ein kokettes Bild seiner Seele zn entwerfen. Zu den oben angegebenen Beweggründen kommt noch, daß die heutige Nummer der „Rheinischen Zeitung", mit der ich erst eine duellfähige Opposition ins Leben getreten sehe, so geradezu an und gegen mich gewendet ist. — 47 — daß auch bei dem Willkomm und Abschied, den ich heute dieser Opposition zu geben in der Lage bin, ich mich zu persönlichem Auftreten herausgefordert fühle. Endlich ist noch ein dritter Umstand vorhanden, der dazu nötigt, daß sozusagen meine eigene Naturgeschichte zu der jüngsten Lebensgeschichte der „Mainzer Zeitung" ins Spiel gesetzt werde. Die Intervention einer Gegenpartei, über die ich früher Bericht erstattet habe, konnte durch meinen heutigen Schritt dem Publikum ins Gedächtnis zurückgerufen und mit diesem Schritt in irgend einen Zusammenhang gebracht werden. Ein solcher Zusammenhang existirt aber nicht im Geringsten, und auch um von einer falschen Auffassung dieser Art abzuhalten, muß ich mein persönliches Verhalten zu dem Gang der Zeitung bis zu meinem heutigen Rücktritt in ein deutliches Licht setzen. Es find noch nicht volle zwei Monate, daß ich, zum ersten Mal in meinem Leben, in den Besitz des Marschallstabes, den jeder Deutsche bei seinem Abzug von der Universität im Tornister mit fortträgt, daß ich in den Besitz des leicht zugänglichen Glücks gekommen bin, mich gedruckt zu sehen. Ich hatte — seit drei Jahren von der Hochschule zurückgekehrt — so viel es immer die Erlernung des juristische!? Handwerkes erlaubte, den größten Teil meiner Zeit und den einzigen Ernst meines Strebens darauf verwendet, das Universitätsleben fortzusetzen, d. h. ohne Rücksicht auf eine zu erringende praktische Stellung, einige Wissenszweige zu verfolgen. Überdem brach die welterschütternde Begebenheit des 24. Februar herein, und, wie Viele, riß auch mich die dadurch aufgejagte Wirbelbewegung aus der Geduld einer langsam voranschreitenden Thätigkeit und in die Lust, im Sturmleben der politischen Elementargestaltung wirkend mitzureisen. Man möge immer sagen, daß meine Handlungsweise um deswillen den Vorwurf verdiene, sie sei von dem Bedürfnisse nach einer persönlichen Aktion aus- — 48 — gegangen. Hundert Andere würden sich darüber vielleicht dem Kitzel einer Selbsttäuschung hingeben und sich den leicht zu erringenden Glauben an ein rein objektives Streben erwerben. Ich gebe gern zu, daß teilweise ein Bedürfnis meines Naturells mich in meiner Handlungsweise treibt, ich weiß aber auch, daß die Begierde nach Erkenntnis der menschlichen Dinge sowohl, als viel mehr noch die Lust, das Erkannte verwirklicht zu sehen, ein individueller Trieb ist, welcher nur in dem gänzlich untrennbaren Zusammenhang der einzelnen Persönlichkeit mit der Totalität alles Seienden wurzeln kann. Die oft besprochene Frage über die Wirkung und den Wert des sogenannten Egoismus löst sich in die oft gegebene Entscheidung auf: daß in dem ganzen Bereich unserer Welt die Erreichung der einzelnen und der Gesamtzwecke durch die innerste gegenseitige Verwebung gesichert, daß es ebenso thöricht ist, jenen Egoismus der persönlichen Befriedigung bei einer Wirksamkeit fürs Allgemeine verleugnen zu wollen, als es Unrecht ist, bei einer solchen Wirksamkeit mit der Sonde nach subjektiven Bestimmungsgründen zu suchen. Das Wesen des wirklichen und darum human genannten Menschen ist eben, persönliche Befriedigung aus seiner thätigen Verbindung mit dem Allgemeinen zu schöpfen. — Ich habe vor zwei Monaten das lebhafte Bedürfnis gefühlt, an der politischen und sozialen Aktion Teil zu nehmen, weil die Natur des Menschen und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft der Gegenstand meines überwiegenden Interesses sind, uud ich glaube, daß, indem ich dieses gestehe, ich mich nur durch die Aufrichtigkeit von denen unterscheide, die angeblich mit gänzlicher Selbstverleugnung in die Öffentlichkeit treten. Dieses Bedürfnis war es, welches am Tage, wo die Preßfreiheit verkündet wurde, mich bestimmte, dem Verleger der „Mainzer Zeitung" meine Dienste anzubieten, die von ihm wie von dem damals einzigen Redakteur, meinem seitherigen 49 — Kollegen, mit Zuvorkommenheit angenommen wurden. Es war damals gerade der erste Erfolg errungen worden, und Befriedigung für den Augenblick, wie Hoffnung für die Zukunft beherrschten die Stimmung der Herzen, namentlich auch gegen die Männer, deren Zeit mit jenem Augenblicke gekommen schien. Was die „Rheinische Zeitung" heute als ihr Ziel nennt, was aber in ihrem Munde, weil sie sich mit dem bisherigen Gang der Dinge einverstanden erklärt und mehr als gutmütiger Weise noch keine Reaktion sieht, ein purer Schall ist — die Vereinigung Deutschlands war das, was ich als die Frucht jenes blütemeichen Augenblicks erwartete und jenen Männern als aufrichtigen Vorsatz zutraute. Ich erinnere an den ersten Artikel aus meiner Feder und fordere auf, darin etwas Anderes als jenes Verlangen ausgesprochen zu finden. Möglich, daß eine republikanische Überzeugung darin zu finden gewesen, aber bis zu dem Grade einer Forderung habe ich damals nie diese Überzeugung ausgedehnt. Ich war ebenso entschieden der Anftcht, daß der Herbeiführung der thatsächlichen, nicht blos deklamirten Einheit, jede andere Begehrnis weichen müßte, als ich fest vertraute, daß die wirkliche Konstituirung der deutschen Einheit die Konstituirung der Republik mit sich führen oder wenigstens gewaltig vorbereiten würde. Die Siebenzehner selbst haben im Vorworte zu ihrem Projekt den — ihnen gefährlich scheinenden — Zusammenhang dieser beiden Eventualitäten eingestanden. Von den ersten Tagen des März bis zu der Versammlung des Vorparlaments verliefen vier Wochen, während deren man vergeblich nach einem deutlichen Hervortreten wahrhafter Einheits- und Freiheitsbestrebungen von jenen ans Ruder gekommenen alten Liberalen spähen konnte; und, wie vieler Anderer, war auch mein Glauben an deren Absichten schwankend geworden; ich habe dies deutlich in jener Zeit ausgesprochen und bin, ohne jedoch noch ein Wort von Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III, 4 — so — Republik geäußert zu haben, mit banger Erwartung nach Frankfurt gegangen. Ich bin den dortigen Verhandlungen mit unausgesetzter Aufmerksamkeit von Anfang bis zu Ende gefolgt; ich habe nicht blos die Redner von der Tribüne gehört, sondern alle Parteien in ihrem Treiben unter sich aus der unmittelbaren Anschauung kennen gelernt — und habe dort mit der Überzeugung abgeschlossen, daß die angebliche Vermittlungspartei der alten Liberalen mit Leib nnd Seele den fürstlichen Interessen angehört, von denen sie benützt und von denen ihnen so viele liberale Grundsätze gelassen werden, als vor der Hand zur Erhaltung des noch nicht ganz eutbehrlichen Kredits in der öffentlichen Meinung nötig sind. Von diesem Augenblick, nachdem man zum hundertsten Mal erfahren, daß in der Nähe der Throne auch ehrliche Leute dem Throne mehr als dem Volke ergeben werden, von dem Augenblicke an, als ich sah. daß von der Partei, welche durch die neue Verbindung mit den Dynastieen und durch die früher erworbene Autorität im Volke für die nächste Zeit das Übergewicht erlangen mußte, nichts zu erwarten war, kam ich zu dem Resultat, daß nur gleichzeitig mit dem Verschwinden der Dynastieen Deutschlands Einheit und Freiheit geboren werden könne. Es gehört wirklich eine gute Portion polternder Gedankenlosigkeit dazu, nach Art der „Rheinischen Zeitung", noch keine Reaktion zu sehen in Kabinetten, welche — die ersten acht Tage ihrer Existenz ausgenommen — noch gar nichts gethan haben, als geheime Truppeumärsche anzuordnen, in Kabinetten, deren Generalissimus Matthy in Baden a, la Nikolaus wirtschaftet, und deren Spiritus familiaris Gagern in seiner offiziellen Zeitung jenes famose Projekt für Deutschlands Zukunft veröffentlichen ließ, wogegen das der Siebenzehner noch Demagogie ist; keine Reaktion endlich zu sehen in Kabinetten, welche ihre Bundes - Vertrauensmänner nicht augenblicklich zurückberufen, nachdem sie einen Verfassungs- entwurf ausgeheckt haben, der Einen nicht zur Entscheidung kommen läßt, ob er kolossaler ist durch Lächerlichkeit oder durch Unverschämtheit, und den die „Rheinische Zeitung" selber zu bekämpfen verspricht. Die Reaktion ist da, die Schwäche des Vorparlaments hat ihr auf die Beine geholfen, und es ist die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie noch eine Zeitlang herrschen wird. Diese Entwicklung der Dinge habe ich schon in Frankfurt kommen sehen, und von jenem Zeitpunkt an bin ich rückhaltslos gegen die ganze Vcr- trauensfippschaft und für die republikanische Staatsform aufgetreten. Dieser Wendepunkt hatte eine eigentümliche Wirkung auf meine Stellung gegenüber dem Eigentümer der „Mainzer Zeitung". Als ich ihm meine Dienste anbot, hatte ich ihm natürlich kein Glaubensbekenntnis in einem Dutzend Artikeln abgelegt, sondern wir waren übereingekommen, daß er aus meinen ersten Arbeiten meine Gesinnungen entnehmen möge. Aus dem oben Mitgeteilten erhellt, wie damals noch Mancher mit mir übereinstimmen konnte, der jetzt mir gegenüber steht, und so war es auch zwischen uns der Fall. Nachdem diese Meinungsverschiedenheit unzweifelhaft geworden war, gestanden wir uns auch gegenseitig zu, daß das Verfahren des Einen mit der Mißbilligung des Andern, immer unleidlicher für Beide werden müßte und faßten den Entschluß, uns zu trennen. Dies fiel aber gerade in jene Zeit, wo eine Anzahl von Beamten und Kaufleuten hier an der „Mainzer Zeitung" mit Privatmitteln versuchen wollten, was der Minister Matthy viel klüger mit Bajonetten gegen die „Deutsche Volkszeitung" ausgeführt hat. Der ehreuwerte Charakter des Verlegers — möge er mir es nicht als Anmaßung auslegen, daß ich ihm öffentlich meine Hochachtung auszusprechen wage — sträubte sich natürlich nicht nur gegen die thatsächliche Nachgiebigkeit gegen eine so unwürdige Zumutung, sondern auch gegen den Schein derselben, und jene Intervention allein war schuld. — 52 — daß der Schritt, welchen ich heute thue, uicht schon vor vierzehn Tagen erfolgte. Wir warteten nur auf den vollendeten Rückzug jener Angreifer, um jenen Entschluß auszuführen, und einer dieser Tage, nachdem durch das Erscheinen der „Rheinischen Zeitung" bestätigt war. daß keinerlei Verständigung zwischen dem Eigentümer der Zeitung und meinen Gegnern stattgefunden, war dazu anberaumt. In der heutigen Nummer der Rh. Ztg. fordert mich die neue Redaktion zu einem fortgesetzten Kampfe heraus. Nach dem Beschlusse, welcher feststand, konnte ich diesen Kampf nicht mehr annehmen, ich konnte auch nicht noch mehrere Tage ohne Erwiderung vorübergehen lassen. So wurde ich denn plötzlich heute Morgen zu der Entscheidung getrieben, sogleich in Vollzug zu setzen, was erst im Laufe der folgende:? Woche geschehen sollte. Ich bin dadurch gezwungen, ein Aktenstück, wie das, welches ich gegenwärtig niederlege, ohne die gehörige Muße und Ueber- legung binnen weniger Stunden, und dazu noch überraschter Weise auszuarbeiten. Dem, was ich in der Eile bisher zusammengestellt habe, will ich nur noch eine kurze Antwort auf den Prinzipienstreit, welchen die neue Redaktion der Rh. Z. eröffnet hat, folgen lassen. Was zuerst die streitige Materie angeht, so ist es vor allen Dingen merkwürdig, wie hartnäckig die konstitutionelle Partei immer auf dasselbe Argument zurückkommt und den Schein voranstellt, als wäre es nie widerlegt worden. Dieses Argument besteht darin, daß sie uns den Inhalt ihrer Forderungen, die Freiheiten, welche sie verlangt, entgegenhält und fragt, ob diese Freiheiten einem Volke nicht genügen könnten? Und weil auch die Redaktion der Rh- Z. mit dieser Frage zum tausendsten Male kommt, so müssen wir ihr zum tausendsten Male antworten: daß wir dieselben Freiheiten verlangen, zugleich aber auch eine Garantie für ihre Erhaltung, welche in der Monarchie nicht liegt. Darum ist es schief, sich als großer Geist über Formpedanterien hin- — 53 — aussetzen zu wollen, wo die Form so wesentlich ist. Wenn wir beide Wein wollen, ist es denn gleichgiltig, ob wir ihn in einen Krug oder in ein Sieb fassen wollen? Wir glauben auch, daß die Diktatur des Ehrgeizes lange nicht so schwer zu verhindern ist, als die Übergriffe einer Dynastie, und wo es den Dynastieen an Stärke fehlt, da treibt der Ehrgeiz bald diktatorische Minister ans Ruder. Die Meinung, welcher die Rh. Ztg. ergeben ist, unterscheidet sich, abgesehen von jener Prinzipienfrage, von der Meinung der Partei, welcher ich angehöre, namentlich dadurch, daß sie glaubt, es handle sich um einen kleinen Schritt vorwärts, an den sich im Laufe der Jahre andere Schritte anknüpfen ließe». Unsere Meinung ist, daß es sich um eiue Revolution handelt. Die Gegner leugnen die Notwendigkeit der Revolutionen, wir sind durchdrungen davon. Wenn lange Perioden hindurch erkannte Mißbräuche geherrscht haben, wenn zwischen den bestehenden Zuständen und dem Bedürfnisse der Völker sowie den Resultaten der Erkenntnis ein krasser Zwiespalt existiert, dann sind Revolutionen unvermeidlich. So war es am Ende des vorigen Jahrhunderts, so ist es jetzt, nachdem das gegenwärtige Jahrhundert hinter die erste Revolution zurückgegangen ist. Wir sagen es offen, wir wollen einen Bruch mit der Vergangenheit, weil das Bedürfnis der jetzigen Weltlage und der denkende Geist ebenfalls entichieden mit der Vergangenheit brechen müssen. Wenn ich sage, daß dieser Bruch, daß eine Revolution trotz aller „Entwicklung von innen heraus" kommen wird, so stütze ich mich dabei nicht auf die hellsehende Kraft, welche in die Eingeweide des Weltgeistes hinein schaut, und darinnen findet, daß „die konstitutionelle Monarchie die für das neunzehnte Jahrundert zubereitete Staatsform" ist, sondern auf den praktischen Gang aller Entwicklung, welche sich von der Erreichung eines wohldurchdachten Endzweckes durch nichls abhalten läßt. Ich bin nicht von denen, welche — um — 54 — dem lieben Herrgott durch ihr Zutrauen zu schmeicheln — ausrufen, daß das Gute in der Welt siegen müsse; die Welt war nicht immer auf Rosen gebettet; aber meiner Ansicht nach wächst die Einsicht des Volkes in die gänzliche Un- branchbarkeit unserer Vergangenheit so sehr, daß die Revolution sicher kommt, heute -- morgen — übermorgen. Meine Ansicht greift man mit Gründen an; meine Methode glaubt man der Verdammnis anheimzugeben dadurch allein, daß man sie charakterisiert. Leidenschaft! ruft man aus, Wühlerei! Richtig; ich gebe Beides zu. Revolution befördern, heißt in der Pharisäersprache „Wühlen", und mit Begeisterung streben: „Leidenschaft". Nie ist eine Revolution gemacht worden ohne heftigen Angriff auf das Bestehende, nie ohne Leidenschaft. Die Lente, welche denken, wie die Redaktion der Rhein. Ztg., hätten keine der drei französischen Revolutionen gemacht. Ich will damit nicht zu dem Witze Anlaß geben, als meinte ich, daß es Leute uon meinem Schlage gewesen; sie waren nnr ebenfalls leidenschaftlich und ungeduldig, und in der Erstrebung dessen, was sie als Ziel erkannt hatten, durch keine Bedächtigkeit aufzuhalten. Die Redaktion der Rh. Ztg. meint aber gewiß nicht, daß sie sich nicht den Dank des Menschengeschlechts verdient hätten. Ja, wer Revolutionen will, der liebt die Freiheit brünstig, wie ein Jüngling, und nicht zufrieden, wie ein Mann. Aber die Rh. Ztg. glaubt, wir kämen ohne Revolution durch, die Redaktion, welche, so gut wie ich, im Verstände mit der Vergangenheit gebrochen hat, will die Ruinen von Jahrhunderten in Staub zerfeilen. Es ist aber nicht blos zur Herbeiführung des Neuen, daß die ganze naturalistische Empörung der Menschheit nötig ist, sondern zur Einschüchterung des Alten. „Wehe dem, der wagt, unserer Freiheit zu uahen! Tod und Verderben!" ruft Ihr aus mit wütender Bärbeißigkeit. Gute Redaktion, sie sind schon genaht, — 55 — und Ihr fresset ihnen noch aus der Hand; gute Redaktion! weder Du, noch viel weniger Deine Aktionäre werden den Freiheitsräubern Furcht einjagen, nicht einmal das klein bischen Furcht, das sie unzweifelhaft vor uns Leidenschaftlichen hatten, ehe sie ihrer Soldaten wieder sicher waren. Im Gegentheil. Ihr besonnenen, auf Eure Unnahbarkeit trauenden „Männer" (par exesllönes) allein habt der Reaktion das Heft in die Hände gegeben. Man wird mir einwerfen, daß ja doch meine Methode zu keinem Ziele geführt. Für den Augenblick allerdings nickt; aber das wußte ich gar deutlich voraus. Ich wußte, daß noch ein Rückschlag erfolgen würde, ich wollte nur den Augenblick für die Saat der Zukunft benützen. Ich erinnere an das erste Wort, mit dem ich mein Auftreten in diesem Blatte bezeichnet habe. Ich sagte damals, daß ich mich der Freiheit des Momentes nach Kräften bedienen wollte, der kurzen Epoche, wo, wenn nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, doch nach der Natur der Sache, Jedem die Freiheit der Äußerung in Vorschlägen für Deutschlands Konsiituiruug vergönnt werden müßte, den Vertrauensmännern io gut wie den Republikanern. Dieser Moment geht jetzt rasch zu Ende. In Baden wird er bereits rückwärts verleugnet; wer weiß, was anderswo geschieht. Ich bin zufrieden, daß der Eigentümer der „Mainzer Zeitung" mir Zeit gelassen hat, ihn der Hauptsache nach zu benutzen. In diesen zwei Monaten, wo kein Wort zn kühn war, das nicht in die Köpfe geschleudert wurde, ist Enormes gewonnen worden, hat die Vergangenheit mehr in der Masse des Volkes verloren, als ihr durch die Leichtgläubigkeit der Vertrauenden gelassen wird. Nicht bloß hat das Volk durch diese Bewegung bereits viel gelernt, sondern den Anstoß zu weiterem Lernen erhalten. Ein politisch nicht durchgebildetes Volk wird nicht durch Ausbildung zur Begeisterung, sondern durch Begeisterung zur Ausbildung angetrieben. — 56 — Die Leidenschaft, die aufgewirbelt worden, hat die Köpfe mit der Lust entzündet, Einsicht in politische Dinge zu gewinnen, und wird damit mehr fördern, als hundert besonnene Ermahnungen. Ob die Taktik der Nüchternen uns zum Ziele führt, ob die Agitation der Heißen einen fruchtbaren Keim gelegt, das wird die Zukunft ausweisen. Genug, daß ich zeigte, wie ich nicht planlos zu Werke gegangen, weil ich glühend bin. Die, welche seit zwei Monaten mit mir mündlich oder schriftlich in vertrauliche Berühruug gekommen sind, werden mir das Zeugnis geden, daß ich mich über die heute feststehende erste Entwicklung der Dinge keinen Augenblick täuschte, daß ich diese Niederlage der Freiheit mit der größten Sicherheit erwartete. Ich habe trotz all dem weiter gehandelt, weil ich nur wollte, was ich eben aufzeigte. Ich bereue dies keinen Augenblick, und werde, so wie ich immer kann, so weiter wirken, getrieben durch die Konsequenz der Logik und meinetwegen durch die Hitze der Leidenschaft. Was ich von mir abwälzen wollte, war vor allem der Vorwurf, daß iäi, bewußt oder unbewußt, mit dem Werkzeuge der Öffentlichkeit gespielt habe, wie es die „Rheinische Zeitung" andeutet. Diese dünkelhafte Altklugheit, welche auf ihrer Seite uichts als „ernste männliche Fassung, Besänftigung, Selbstbeherrschung, Wärme, heiliges Feuer, Begeisterung. Kraft, Mut, Männlichkeit u. dgl. m." sieht, auf der anderen aber nur „Ueberflutung der Leidenschaft, Krankhaftigkeit, traurige Opfer, Sklaven, schmähliche Dupes, giftige Gereiztheit, u. s, w.," diese dünkelhafte Altklugheit, sage ich. überrascht mich nicht, ich weiß, daß sie zeitweise die Redaktion, meine alte Freundin, befällt. Glaube sie mir nur, daß, wenn ich auf die Karrikatur, die sie von mir entworfen hat, hätte antworten wollen, mir weder der Stoff noch die Gabe gefehlt hätte, ein Bild nach der Natur zu zeichnen, das mich revanchieren sollte. Aber mir geht es nicht so, daß ich erst, nachdem ich mich weidlich der Lust der — 57 — Verkleinerung hingegeben habe, mich schließlich erinnere, daß die Achtung, welche ich aus einem langen Umgang für einen Charakter geschöpft und welche ich ihm durch denselben bewiesen habe, nicht durch den Witz des Schicksals, das uns gegeneinander- führt. vemichtet werden kann. Darum habe ich mich von vorn herein schon bemüht, als ehrlicher alter Freund mit Respekt aufzutreten; darum aber auch läßt mich ein versöhnlicher Schluß nach vehementen Angriffen völlig kalt; ich weiß, wenn ich anfange, wie ich enden will, und vergesse, wenn ich am Ende bin. den Anfang nicht. Es ist mir leid, daß ich meine Kampffähigkeit einem von mir hochgeachteten Gegner gegenüber nicht erproben kann; es ist mir leid, daß ich von der Ehrlichkeit, mit der er mir gegenüber aufzutreten erklärt, nichts sehe als ein Versprechen für die Zukunft, welches mit der jüngsten Gegenwart kontrastiert. Doch es wird der Redaktion darum noch Gelegenheit genug bleiben, ihre Ehrlichkeit zu beweisen. Ihre Aktionäre und Reaktionäre werden nicht säumeu, sie auf die Probe zu setzen. Ich habe mir in der kurzen Zeit meiner Wirksamkeit bei diesem Blatte warme Freunde und bittere Feinde erworben, jedenfalls in beiden aufmerksame Leser. Ich weiß, daß ich dies mehr der Gunst der heftigen Ereignisse als meiner Fähigkeit verdanke. Jedenfalls ist es mir süß, daß ich es dazu gebracht habe. Ich glaube nicht ohne Einwirkung auf die Lebendigkeit unserer politischen Bewegung geblieben zu sein, und das ist, was ich wollte. Jene Freundschaft hoffe ich von dieser Thätigkeit auf immer erübrigt zu haben, von dieser politischen Bewegung erwarte ich mir spätere Früchte. Ich nehme das Bewußtsein mit mir, nicht nur nach bestem Wissen und Willen, sondern auch nach einem festen, übersichtlichen Plan gehandelt zu haben. Wer sich die Mühe nehmen will, meine Arbeiten rückwärts zu überschauen, der wird, was ich heute erläutere, — 58 — darin bestätigt finden. Ich nehme Abschied mit Dank für die Aufmerksamkeit, die meinen Leistungen zu Teil geworden. Getrost, wie ich mich durch die Ereignisse treiben lasse, weiß ich noch nicht, ob ich auf eine andere Weise wieder in die Öffentlichkeit treten werde. Ich mag heftig und leidenschaftlich geschrieben haben. Unwürdiges habe ich mir nicht zn Schulden kommen lassen. Auch schroff zu sein, ist meine Natur und ich lasse sie so agiren, wo ich glaube, daß Schroffheit taugt. Unseren Lesern ein herzliches Lebewohl. Mainz, 5. Mai 1848. Ludwig HZcrmberger. Lrlebniffe aus der Mlzer Orhebung im Mai und Iuni ZS49. Vorwort. Der und Jener, welchem ich das nachfolgende Schriftchen ganz oder bruchstückweise mitgetheilt habe, ehe ich es dem Drucke übergab, hat mir von der Veröffentlichung desselben abgerathen: der Eine, weil er es überhaupt für zweckwidrig hielt, die Blößen, welche sich die eigne Partei gab, rückhaltlos aufzudecken; der Andere, weil er nur befürchtete, daß der größte Theil des Publikums jener Ansicht sein und mir meine Offenheit hoch verübeln werde. Mich selber haben diese Einwürfe nicht einmal zu ernstem Nachdenken bringen können. Uns bis aufs Kleinste klar zu machen, an welchen Mängeln und Fehlern wir zu Grunde gegangen sind, scheint mir eine so einfache Forderung des Menschenverstandes, daß mein Ohr für jeden Disput darüber taub ist. Daß wir nicht von der eigenen Partei reden können, ohne zugleich von der gegnerischen vernommen zu werden, mag unangenehm, mag nachtheilig sein; doch ist es ein größeres Uebel, seine eignen Unvollkommenheiten nicht zu kennen, als sie dem Gegner zu verrathen. Zudem, was ist denn hier Unbekanntes aufzudecken? Da doch die Thatsache offenkundig ist, daß wir unterlegen sind, so kann es — 62 — tein Geheimniß sein, daß unsere Leistungen ungenügend waren. Wenn die Niederlage die Verrätherin unserer Schwäche ist, so ist das einzige Mittel, diesen Schaden auszubessern, sie auch zur Lehrerin zu machen. In allen Dingen gilt es sonst als Regel, daß man, um eine Aufgabe zu lösen, ihre Schwierigkeiten kennen muß. Im Revolutioniren allein, der schwierigsten aller Unternehmungen, huldigt mau hier und da der Ansicht, daß es gelte, sich und seinen Genossen die Schwierigkeiten, welche zu besiegen sind, zu verheimlichen. Das ist allerdings das beste Mittel, um revolutionäre Versuche hervorzurufen, aber das schlechteste sie durchzuführen. Eine mißlungene Erhebung ist immer ein großes Unglück. Der Satz, daß es recht schlecht kommen müsse, um besser zu werden, ist mir viel zu problematisch, um mich für die positiven Uebel einer Niederlage zu entschädigen. Wäre er mehr als ein armseliger Trost, so müßte man ja absichtlich dem Gegner in die Hände arbeiten, was doch Keiner zu thun den Muth hat. Möge man sich in Deutschland daran gewöhnen, den Schwierigkeiten einer Revolution in's Auge zu sehen und sich von seinen Kräften Rechenschaft zu geben. Fürchtet Einer, solche verständige Vorsicht möchte die Revolution ein für allemal unmöglich machen? Nun, dann fürchtet er auch, daß die Revolution ein für allemal unmöglich sei, und dann müßten wir nach seiner Meinung darauf verzichten. Wenn es ein Verdienst wäre, an den künftigen Sieg der Demokratie zu glauben (man hört nämlich oft aus diesem Glauben eine Tugend und einen Stolz machen, wie in der katholischen Kirche), so wäre es verdienstvoller, zu glauben, daß dieser Sieg mit Umsicht und mit offnen Augen, als daß er bloß mit blindem und tollem Wagen zu erringen sei. Will man den Zufall mit in Rechnung bringen — gut, so überlaste man auch dem Zusall, der den Erfolg bereiten soll, die Revolution — 63 — hervorzurufen. — Die Deutschen haben ihren Ruf der praktischen Untauglichkeit diesmal in einem schrecklichen Grade bewahrheitet, und obgleich namentlich die Niederlage der badischen Sache von der allgemeinen Stimme mehr der prinzipiellen Schwäche der Vrentauo'schen Partei in die Schuhe geschoben wird, so kaun ich mich doch nicht von dem Gedanken los machen, daß das Gelingen vielmehr an das Auftreten praktischer Talente geknüpft war. Es heißt Brentano viel zu sehr als eine staatsmännische Größe hinstellen, wenn man behauptet, er habe die Kraft, welche retten konnte, nicht aufkommen lassen. Wer die unordentliche und gehaltlose Herrschaft Brentano's") nicht stürzen konnte, der konnte noch weniger den europäischen Absolutismus stürzen, und die Partei Struve^) hätte wohl gesiegt, wenn in ihr selber und im Volk ebenso viel Glaube an *) Brentano, Advokat in Karlsruhe, stand während des Auf- standcs an der Spitze der improvisirten, aus dem Landesausschuß hervorgegangcnen, Regierung und übte einige Wochen hindurch eine Art diktatorischer Gewalt aus, namentlich, als unter Struwe eine ungestüm zu größeren Wagnissen drängende Bewegung gegen die provisorische Regierung ausbrach. Brentano ging nach der Niederlage der Revolution nach Nord-Amerika, erlebte das Jahr 1870, kehrte vorübergehend nach Deutschland zurück, und starb am 19. August 1891 in Chicago. Struwe, Gustav, in München geboren, trat als junger Mann in die diplomatischen Dienste des Großhcrzogs von Oldenburg, der ihn in Frankfurt verwendete. Er verließ jedoch bald diese Laufbahn und lebte seit Anfang der vierziger Jahre in Mannheim, wo er sowohl der Politik als dem Studium nachging. Unter anderen trieb erPhrenologie und machte für den Vegetarianismus Propaganda, redigirte auch eme radikale Zeitung. Im Frühling 1848 stellte er sich mit Hecker an die Spitze der ersten badischcn Erhebung, welche mit der Niederlage bei Kandern endete. Er flüchtete in die Schweiz. Von da aus (Rheinfelden) machte er abermals im September einen bewaffneten Vorstoß gegen Baden, wurde dabei zugleich mit Karl — 64 — die Tüchtigkeit ihrer individuellen Kräfte, wie an die Richtigkeit ihrer allgemeinen Grundsätze gewesen wäre. In der Pfalz gar waren die Sachen so, daß ich lachen müßte über denjenigen, welcher behaupten wollte: er hätte es viel besser gemacht, wenn er an's Ruder gekommen wäre. Die Pfälzer Regierung ließ sich selber nicht nur gern von Jedem regieren, sondern hätte sich, glaube ich, auch mit Freuden von jedem revolutionären Usurpator stürzen lassen. Weil ich mir dies nicht verhehle, nehme ich mir auch die Erlaubniß, unverhalten zu tadeln; oder wo mich die Lust anwandelt — zu persifliren. Im Munde des Hochmuths klingt ein scharfes Urtheil widerwärtig und ungerecht. Ich glaube demüthig genug aus der letzten Revolution gekommen zu sein, um mich sogar über meine Nebenmenschen lustig machen zu dürfen. Im Juli 1849. L. B. Blind verhaftet aber bei Ausbruch der Erhebung von 1849 wieder in Freiheit gesetzt. Nun übernahm er die Führung eines Korps und bewährte sich als ein tapferer, wenn auch nicht kriegskundiger Mann. Nach der Niederlage ging er nach Amerika, kehrte 1363 nach Deutschland zurück und ließ sich in Coburg nieder, wo er seine „Weltgeschichte" schrieb. Von da zog er zuerst nach Stuttgart, dann nach Hefzlach in der Nähe von Stuttgart und schließlich nach Wien. Allda starb er im Jahre 1870. Er hatte durchaus den Charakter eines Schwärmers, hingebend und etwas excentrisch. Seine Frau, eine geborene Französin, bethciligte sich lebhaft an seinem Wirken und begleitete ihn auch auf seinem Feldzuge. it Mühe entsinne ich mich, wie die Sache bei uns anging. Nach zwei Monaten herber Erfahrungen und nach der gänzlichen Niederlage des Volkes wird es mir fast unmöglich, mich in die Stimmung der Tage zurückzuversetzen, wo wir — zwar durchschnittlich mit schwerem Herzen — doch immerhin mit einer Art von Schwung dem Ausbruch der Bewegung entgegengingen. Seitdem die Reichsverfassung den Anstoß zu einem endlichen offenen Kampf zwischen den deutschen Großmächten und der Nationalversammlung herbeiführen zu wollen schien, dachte man in Deutschland wieder an eine handgreifliche Revolution. Es wurden auch bei uns, in Rheinhessen, im Stillen Vorbereitungen getroffen, und wie das geht, die Vorbereitungen steigerten die Lust nach der Ausführung. Es wurde Munition angekauft, nach Waffendepots gekundschaftet und dergleichen Dinge mehr getrieben, welche die Gemüther in Spannung setzen und als ahnungs- grauendes Geheimniß die Reihen entlang von Einem dem Andern in's Ohr geflüstert werden. Die ersten Demonstrationen in Württemberg, so miserabel sie nach herkömmlicher Weise verpfuscht wurden, fachten die Volksstimmung noch mehr an. Jedes Gesicht auf der Straße sah Einen, je nach der Gesinnung des Inhabers, argwöhnisch oder erwartungsfreudig an, mit der stillen Frage: geht's los? Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 5 — 66 — und mehr als einmal riefen mir Leute aus dem Volke dies auf offener Straße laut nach. In den öffentlichen Zusammenkünften des demokratischen Vereins wurde es verübelt, wenn man von irgend etwas Anderem als von dem bevorstehenden Kampf sprach. Am buntesten gar ging es auf dem Redaktionsbüreau der Mainzer Zeitung zu. Dort summte von früh bis spät der ganze Schwärm der Ungeduldigen, Neugierigen, Berichterstatter ab und zu; es war nicht mehr möglich, drei Worte im Zusammenhang zu schreiben, und nachdem alles Einriegeln und Hinauswerfen sich als unzureichende Maßregel erwiesen, mußte feierlich beschlossen werden: in Anbetracht der stürm- und drangvollen Zeiten keine leitenden Artikel mehr zu schreiben. Und an dem Allen war merkwürdiger Weise die ehrsame deutsche Reichsverfassung schuld. Was hatte aus dem zahmen Machwerk plötzlich einen Revolutionshebel gemacht? Es war nicht das Vertrauen auf die Bundesgenossenschaft mit dem Reichsphilisterium, welches die Demokratie in Bewegung setzte. Wer wäre so dumm gewesen zu glauben, daß der Philister für sein lange besungenes einiges Deutschland in den Kampf gehen werde? Wenn eine Bevölkerung in Konstitutionelle und Republikaner zerfällt, so zerfällt sie deßhalb nicht auch in solche, welche sich für die Konstitution und solche, welche sich für die Republik schlagen. Da giebt es nur zweierlei Rassen, solche, die sich überhaupt und solche, die sich gar nicht schlagen. Zu der letztgenannten Sorte gehörte eben die deutsche Reichspartei. Denn es war Keinem ein Geheimniß, daß der ganze Troß der Nationalversammlung, der Einheit, kurz der ganzen hochtönenden Reichsposaune eigentlich nichts wollte, als — Nichts, wofür er sich, so lange es anging, wohlklingender Phrasen bediente. Trotzdem der Philister in den ersten Wochen des Verfassungskonfliktes eine wüthige Miene annahm und — 67 — wieder einmal, wie vor Zeiten für Schleswig-Holstein, Gut und Blut verpfändete, wußten wir Alle, daß nicht ein Haar breit auf ihn zu rechnen sei. Man hat seit dem Anbeginn der letzten Bewegung bis auf diesen Moment die Demokratie mit dem Vorwurf verfolgt, daß es ihr mit dem Verfassungsstichwort nicht ernst gewesen sei. So hart es mir ankommt, der gesinnungslosen Bourgeoisie gegenüber, welche das namenlose Unglück Deutschlands zu verantworten hat, die redlichen Absichten der demokratischen Partei zu vertheidigen, so halte ich es doch für nothwendig, über diesen Punkt ein Geständniß niederzulegen. Denn mit dieser Anklage, daß die Demokratie etwas Anderes als die Verfassung im Schilde geführt habe, wird die Bourgeoisie ihre Teilnahmlosigkeit an einer Bewegung entschuldigen, welche um ihrer Prinzipien willen vor sich ging, und mit derselben Anklage werden die königlichen und herzoglichen Gerichte die erwünschten Hochverrathsuntersuchungen gegen die Theilnehmer bemänteln. Die demokratische Partei — das ist wahr — dachte aus einem Siege in dem Verfassungskampf mehr Früchte ziehen zu können, als das Pfuschwerk der von allen Parteien der Nationalversammlung zusammengeflickten Charte. Allein sie rechnete dabei nicht so sehr auf eine Uebertölpelung derjenigen Kampfgenossen, welche nur die Verfassung wollten, als an die Nothwendigkeit, welche aus dem hartnäckigen Widerstande der Verfassungsgegner von selbst hervorgehen mußte. Es war voraus zu sehen, daß die deutschen Fürsten Alles aufbieten würden, die Erhebung zu bemeistern, und daß ein Sieg der letzteren daher nur in einer Beseitigung der ersteren bestehen konnte, ein Resultat, welches dann alle diejenigen wollen mußten, welchen es in Wahrheit um die Garantie der in der Verfassung enthaltenen Grundsätze zu b* — 63 — thun war, ein Resultat, welches aufzuhalten in der Hand eben der deutschen Fürsten jeden Augenblick lag. Wenn die demokratische Partei aus einem Siege der Verfassungskämpfer auf den Sturz der Dynastieen rechnete, so geschah es, weil sie erwartete, daß diese sich selber stürzen würden. Ich sage das nicht, um die Demokratie von Hochverrätherischen Gedanken gegen die Monarchen rein zu waschen, was eiue Lächerlichkeit wäre, sondern um zu zeigen, wie sie in dem der Bourgeoisie angebotenen Bündniß nicht an eine unredliche Uebervortheilung dachte. — So viel ist gewiß: ein großer Theil der demokratischen Partei hielt, abgesehen von allen weiteren möglichen Entwickelungen, den in der Reichsverfassung gesicherten Zustand werth, daß er dem herandrohenden schrankenlosen Absolutismus gegenüber mit allen Opfern eines offenen Kampfes vertheidigt werde. Die Demokratie mochte mehr erstreben als die Verfassung, allein sie wurde bestimmt loszuschlagen, weil selbst dieser äußerst nothdürftige Halt einer künftigen Existenz angegriffen wurde, und sie wäre zu selbiger Zeit nicht auf den Gedanken einer Erhebung gekommen, wenn nicht eben in der Verfassung der letzte Rest der deutschen Freiheit gefährdet gewesen wäre. Selbst ein preußisches Kaiserthum, nach den Beschlüssen der Nationalversammlung eingesetzt, hätte nicht den geringsten Empörungsversuch erfahren. Mit der Verfassungsfrage schien endlich derjenige glückliche Umstand eingetreten, dessen Abwesenheit seit dreißig Jahren alle deutschen Volksbewegungen zum Scheitern gebracht hatte. Die Ausbrüche in einzelnen Staaten waren bisher stets an ihrer Vereinzelung zu Grunde gegangen, und solche, die für alle Theile Deutschlands zugleich vorbereitet wurden, gingen eben daran zu Grunde, daß sie als Komplotte lebensunfähig waren. — 69 — Eine Volkserhebung konnte in Deutschland nur gelingen, wenn am politischen Himmel ein Zeichen erschien, das von selbst, durch seine bloße Erscheinung, allen Stämmen mit gleichem Erfolg zurief: „Jetzt ist es Zeit!" — Ein solches Zeichen mußte, wenn je Etwas, das offene Fehdewort der Fürsten gegen die Nationalversammlung und die Aufforderung der letzteren an das Volk sein. Das war die große Frage: Wird ganz Deutschland sich erheben? Das war es, was den Bedenklichsten, den zähesten Zweifler voranschieben mußte. Ich erinnere mich von allen Seelenzuständen jener verhängnißvollen Tage noch am deutlichsten der peinlichen Verlegenheit, welche jene Frage, von deren Beantwortung Alles abhing, in uns erzengte. Ich war stets der Meinung und habe bei vielen Gelegenheiten danach gehandelt, daß nichts bedächtiger erwogen sein wolle, als der Entschluß, das Signal zu einer Erhebung zu geben. Das Volk ist gleich bereit, seine Haut zu Markt zu tragen, und im Nu sind Tausende dem Elende, der Verfolgung oder dem Exil verfallen. Außerdem bringt natürlich jede Niederlage noch hinter den Zustand zurück, der selber schon als unerträglich zur Erhebung aufgefordert hatte. — Ich habe mir viele, viele Male seit dem trostlosen Ausgang dieser letzten Bewegung die Frage vorgelegt: War es vor der Lage der Dinge gerechtfertigt, daß damals das Zeichen zur Betheiligung an der Erhebung in Nheinhesseu gegeben wurde? Und dann suchte ich mir, so gut es heut noch geht, die Stimmung jener Tage zu vergegenwärtigen. Es war nicht Hoffnung, es war nicht Ekstase, überhaupt kein leidenschaftlicher Zustand, in dem wir uus befanden. Mit einem Herzen voll Unruhe, aber mit dem klaren Bewußtsein eines unvermeidlichen „Muß" entschlossen wir uns zum äußersten Schritt. Dem letzten spärlichen Rest der sogenannten Revolutionserrungenschaften — 70 — war der offne Krieg angekündigt, die höchste Gefahr war leibhaftig da. Es fragte sich: hat das Wagniß eines Kampfes Aussicht auf Gelingen? und die Antwort lautete: Ja, wenn ganz Deutschland sich betheiligt. — Und wird es sich betheiligen? das war die inhaltschwere Frage. Wir hatten unsere großen Zweifel. Allein die Antwort auf alle Bedenklichkeiten lag so nahe, war so unabweisbar kategorisch, daß man nicht anders konnte, als sich zu fügen. Diese Autwort lautete: Wenn Jeder so fragen und zweifeln will, dann ist nie eine deutsche Revolution möglich. In Sachsen schwankte damals der Kampf noch unentschieden; es war ungewiß, ob Berlin sich zu der preußischen Intervention abermals passiv verhalten werde. Am Niederrhein war Alles in Gährung, Düsseldorf, Elber- feld, Jserlohn in offener Erhebung; da kam die Bewegung in Rheinbaiern, die Aufforderung zur Hülfe von dort, das Volk war Feuer und Flamme, und — es war nicht länger zu zaudern — im Vertrauen, daß man überall in Deutschland im selben Moment denselben tausendfach gebotenen Entschluß fassen werde, mußte das verhängniß- volle Wort über die Lippen. Es war am 9. Mai, einem Mittwoch, als Einer der Unscrigen aus Rheinbaiern mit der Botschaft zurückkehrte, daß dort dreißigtausend Männer schlagfertig und entschlossen bereit stünden; daß ein preußisches Detachement auf dem Wege nach Landau anfgehalten und zur Umkehr gezwungen worden sei; und endlich daß man dort fest auf Unterstützung von Rheinhessen aus rechne. Zur selben Stunde brachten die Zeitungen die offizielle, vom Landesvertheidigungsausschuß in Kaiserslautern ergangene Bitte um Zuzug aus Hessen und Baden. Schnell wurde be- rathen und beschlossen. Zitz, ich und ein Dritter"), denen schon vorher die allgemein vorbereitenden Maßregeln übertragen worden waren, erließen sofort eine „Marschordre", in welcher sämmtliche mit Waffen versehene Bewohner Rheinhessens aufgefordert wurden, sich mit Kleidungsstücken und mit Lebensmitteln auf drei Tage ausgerüstet, in Wörrstadt, einem grade in der Mitte der Provinz gelegenen Flecken, zu sammeln. Wir schickten gleichzeitig einen Abgesandten an den pfälzischen Landesvertheidigungsausschuß, der ihn von den getroffenen Maßregeln in Kenntniß setzen, weitere Dispositionen über die zu bildende Schaar von ihm einholen und namentlich auch die Erklärung abgeben sollte, daß wir, ohne eigentlichen militärischen Führer ankommend, sogleich an der Grenze das Korps einem durch den Landesausschuß zu bezeichnenden Offizier übergeben müßten. Der Zufall hatte mich kurz vorher mit einem Manne bekannt gemacht, der uns tauglich schien und sich bereit erklärte, die ersten Anordnungen und die Führung bis zu jenem Moment zn übernehmen. Es war Carl Hänsner, ein geborner Pfälzer, der in der bairischen Armee gedient, die polytechnische Schule durchgemacht und später auf dem Gebiete des Freischaarenkrieges praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Der gänzliche Mangel an Offizieren, an welchem zum Theil die Pfalz und an dem allein Baden zu Grunde gegangen ist, brachte es hernach mit sich, daß Häusner bis wenige Tage vor unserem Rückzüge Kommandant des Korps blieb. Einige Stunden, ehe wir die Marschordre ausfertigten, brachten ihn einige gemeinsame *) Heute ist mir nicht mehr bestimmt gegenwärtig, wer dieser Dritte war. Offenbar war er in Mainz geblieben und ich wollte ihn, als ich die Schrift veröffentlichte, nicht schädigen. Ueber Zitz giebt meine Autobiographie näheren Ausschluß. — 72 — Bekannte auf die Redaktion. Er theilte mir mit, daß er im Begriff sei, nach der Pfalz zu gehen. Eine kurze, überaus kräftige Gestalt, ein offenes Gesicht, einfaches Wesen und mehrere praktische Bemerkungen über den Volkskrieg flößten mir Vertrauen ein, und als es sich gleich hernach um Auffindung eines provisorischen Anführers handelte, bot ich ihm in Ermangelung jeder Auswahl diese Stelle an. Er erklärte sich mit einigen ungezwungenen bescheidenen Verwahrungen bereit. — Von Mittags 1 bis 4 Uhr wurden Marschordres geschrieben, Boten expedirt, Maßregeln berathen. Wir betrieben die ganze Unternehmung mit ungeheurer Hast, denn wir glaubten, die Entscheidung sei nur um einige Tage von uns entfernt. Als endlich im buntesten Wirrwarr, in athemlosen Hin- und Herlaufen das Nöthigste geordnet war, ging ich nach Hanse und packte mir in eine Serviette ein ganz kleines Bündel mit dem Allernöthigsten auf wenige Tage. Wenige Wochen vorher hatte ich mich in einem Garten vor der Stadt eingerichtet, um allda einen idyllischen Sommer zu verbringen. Ich sah den heiteren Rhein, die blauen Berge, die grüne Umgebung noch einmal lange an. Es war mir, ganz im Innersten meiner zweiflerischen Brust, vollständig klar, daß ich auf lange oder gar auf immer Abschied nahm. — Jeder Fleck, auf welchen damals mein Auge fiel, jedes Wort, das gesprochen wurde, hat sich mir in der Schärfe eingeprägt, mit welcher wir in Momenten der höchsten Spannung aus Rathlosigkeit die unbedeutendsten Einzelheiten der Umgebung, eine Blume in der Tapete oder eine Spalte im Fußboden, zu beobachten pflegen. Die Pflicht gebot, zu einem glücklichen Zusammentreffen das Seinige beizutragen, der Verstand sagte mir, daß es ein verlorenes Spiel sei. Zitz, Häusner und ich fuhren nach Wörr- stadt, kamen spät dort an, trommelten noch die Wirths- — 73 — leute aus ven Betten, ließen uns mit dem Bedeuten, daß es jetzt los gehe, Schreibzeug geben und fertigten abermals bis tief in die Nacht Marschordres für die umliegenden Kantone aus. Des andern Morgens um 4 Uhr wurden wir schon durch die Schritte einer unter unseren Fenstern aufmarschirenden Kolonne geweckt. Es war eine Abtheilung Feuerarbeiter von Mainz, die den Tag über Sensen schmieden sollten. Alsbald erdröhnten alle Schmiede- und Schlosserwerkstätten von Wörrstadt von den Hämmern unserer braven Sensenmacher; was an gedienten Soldaten im Orte war, wnrde zusammengesucht, um Patronen zu fabriziren. Alles war voll Eifer, die ganze Einwohnerschaft natürlich auf der Straße und in der größten Aufregung. So weit ging Alles lustig und ohne Anstoß von Statten, und als ich die geschäftige Bewegung, den guten Willen um mich her so rasch entwickelt sah, hob sich mein Muth. Doch die Freude war kurz. Nach wenigen Stunden sollten wir einen Vorgeschmack dessen bekommen, was es heißen wolle, eine Freischaar leiten, ein Geschäft, von dessen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten — wie ich offen gestehen muß — weder Zitz noch ich eine Ahnung gehabt hatten. Gegen drei Uhr zeigte man an, daß die Mainzer einrückten. Wir gingen hinaus ihnen entgegen. Es waren die Turner, wohl bewaffnete und equipirtc Leute, ein Theil des Arbeitervereins, zwar ohne Waffen, aber aus entschlossenen und intelligenten Menschen bestehend, denen wir die ersten anzuschaffenden Gewehre bestimmt hatten, und endlich ein Anhang von etwa hundert Bassermannischen Gestalten"), wie sie der ehrenwerthe Reichs- *) Bassermann'sche Gestalten. So nannte man mit einem damals geläufigen Ausdruck wild und verwildert aussehende Leute, wie sie bei entfesselten Volksbewegungen, namentlich in großen Städten aus dem Boden aufzuschießen scheinen. Der badische Abgeordnete Basser- kommissarius wohl kaum so schrecklich auf der gefährlichsten seiner nächtlichen Wanderungen gesehen hat. Das Rheinufer*) hatte den Kern der Abtheilung geliefert, welcher rasch durch wahlverwandte Elemente angewachsen war. Sogar unterwegs hatte sich die Gesellschaft noch mit vielen Kameraden aus allen Weltgegenden, Handwerksburschen, die in allen Dialekten sprachen, und sogar mit einem Polen verstärkt. Ich muß gestehen, daß mir bei dem Anblick dieser Verfasfungs- kämvfer etwas bassermännisch zu Muth wurde. Vor Allem der erbsündliche demokratische Geldmangel war es, der uns bei dem Anblick dieser furchtbar entblößten und unbewaffneten Schaar erschrecken ließ. Wie konnten wir es verantworten, solche Leute, denen erst das Hemd auf den Leib gegeben werden mußte, so lange, bis ihnen Bedeckung und Bewaffnung angeschafft war, einer Provinz zuzuführen, welche sie ernähren mußte und welcher es wohl auch nicht sowohl an Menschen als an Bewaffneten fehlte? Endlich flößte auch der Mangel an organisirenden militärischen Kräften gerechte Besorgnisse wegen der Diszivlinirung dieser rohen Masse ein. Zitz und ich faßten den Entschluß, die Unbewaffneten zurückzuschicken. Alsbald wurde diese Absicht, wiewohl noch mann, der im Lauf der Begebenheiten zu einer Art Typus des sehr gemäßigten Liberalismus wurde, hatte im Frankfurter Parlament, von einer Reise nach Berlin zurückkehrend, in seiner Rede den schrecklichen Eindruck geschildert, den ihm die unheimlich bewegte Stadt gemacht hatte, und bei den besonders pathetisch betonten Worten: „Ich habe Gestalten gesehen!" brach die Linke in ironisches Gelächter aus. Das Wort Bassermann'sche Gestalten blieb noch lange nach 1848 sprichwörtlich. Die Tagelöhnerbevölkerung, welche am Rhein beim Löschen und Laden der Schiffe und ähnlichen Beschäftigungen, ihren Lebensunterhalt fand, galt von Alters her für ein besonders tumultuarisches und undisziplinirbarcs Element. — 75 — nicht verkündet, ruchbar; dumpfes Murren, Drohungen, Anklagen gingen durch die Menge. Wir ließen Alles, was da war, zu einem Kreise zusammentreten uud legten ihnen unsere Aufforderungen mit allen möglichen Gründen und Beschwörungen vor. Da war Gelegenheit zu sehen, wie sich Volksszenen entwickeln. Im ersten Augenblick schien man sich fügen zu wollen, denn die übergroße Mehrzahl, vielleicht neun Zehntheile, sah die Vernünftigkeit der Sache ein. Aber alsbald übernahm es ein Schreier, einige Worte heraufzurufen. Es war ein kleiner Kerl mit trotziger Miene, der einen feuerrothen Federbusch auf seinem Freischärlerhute und eine Trompete an einer rothen Schnur an der Seite trug. Er begleitete seine Worte mit einem Stoß aus seinem Instrument. Ein zweiter schloß sich an. Es war ein Mann schon stark in den Vierzigen, in zerrissener aber seriöser Philistertracht, einem langen Rock und einem ungeheuren nach oben ausgeschweiften Cylinderhut, einem wahren Prachtstück von Lüiaxsau tronadlon, unter dem ein furchtbar verschlagenes und unheimliches, unrasirtes Gesicht herausguckte. Nun griff es um sich, geballte Fäuste erhoben sich in die Luft, es bildeten sich Gruppen, und bald war die Zuhörerschaft in einen streitenden, tobenden Haufen verwandelt. Je mehr die Vernünftigen uns zu unterstützen suchten, desto wilder wurden die Andern. Das Hauptargument war: sie müßten sich schämen, zurückzukehren, nachdem sie vor wenigen Stunden auf Leben und Tod Abschied genommen hätten; auch habe man ihnen versprochen, daß sie in Wörrstadt Waffen die Masse finden sollten (wovon natürlich nichts geschehen war). Bald mischten sich in diese Entgegnungen Flüche, Anklagen des Verraths, Drohungen. Unterdessen fuhren wir fort, den Einzelnen zuzureden und die Rücksendung einzuleiten. Es gelang, mehrere Züge aufzustellen — 76 — und, nachdem dem Anführer das Zehrgeld für den Rückweg ausgehändigt war, sie zum Abmarsch zu bewegen. Aber nach wenigen Schritten löste sich die Schaar wieder auf, weil sie sah, daß die Anderen nicht folgten. Es war eben unmöglich, die große Mehrzahl von der Stelle zu bringen: die, welche sich zum Fortgehen bewegen ließen, waren eben die, welche wir zu behalten wünschten, und die, welche wir am liebsten losgewesen wären, blieben am gewissesten da. Ich war von Reden, Umherlaufen und Aufregung furchtbar erschöpft; der Vorfall zeigte mir, welche Leiden die Zukunft bringen werde. Ich war einen Augenblick entschlossen, von dem ganzen Unternehmen abzustehen, und erklärte den Umstehenden: Mit Leuten, die schon im ersten Augenblick so widerspenstig seien, wage ich nicht gegen einen wohldisziplinirten Feind zu gehen. Einer der Unsngen, der mit an der Spitze stand, fuhr heftig auf, faßte mich am Arme und schrie mir zu: „Du hast die Sache unternommen und mußt sie ausführen, aber nicht vor der ersten Schwierigkeit zurückweichen, die Du überschätzest!" Der Einwnrf leuchtete mir ein. Ich gab nach. Der energische Mensch aber entfernte sich am dritten Tag von seinem Posten, ging nach Haus an sein bürgerliches Gewerbe und ließ nichts mehr von sich sehen und hören. Im Laufe des Nachmittags und des Abends langten noch fortwährend Zuzüge aus der Provinz an. Die Theil- nehmer waren alle mit Schießwaffen versehen und flößten uns bei dem ersten Anblick das Zutrauen ein, daß es mit dem Verhältniß der Bewaffneten zu den Unbewaffneten doch nicht so schlecht aussehe. Eine neue Täuschung, eine neue Erfahrung im Gebiete des Landsturmkrieges. Als wir die Waffen näher besichtigten, sahen wir, was es bedeutet, wenn der Bauer sagt, daß er eiu Gewehr besitze. — 77 — Gering angeschlagen waren unter zwanzig Flinten im Durchschnitt neunzehn unbrauchbare — daß die brauchbaren selbst wieder von den verschiedensten Sorten, aus den Armeen aller Zeiten und Nationen zusammengestöppelt, daher für Munitionirung und Exercitium gar nicht zu vereinigen waren, vervollständigte die Tröstlichkeit dieser Bewaffnung. Wir beruhigten uns mit den im Gang befindlichen Geldsammlungen und Waffenankäufen und mit der eisernen Nothwendigkeit. Der Ort war über und übervoll mit Zuzüglern, an allen Ecken wurde nach Herzenslust getrommelt, geschossen, musizirt, geschimpft, gejubelt. Alle Strapazen der folgenden zwei Monate, die in dieser Beziehung Großes aufzuweisen hatten, waren Nichts gegen den Eindruck dieses Chaos, aus dem unsere künftige militärische Welt hervorgehen sollte. Endlich, tief in der Dunkelheit, war es uns gelungen, die Leute in den Häusern und Scheunen, übel genug, unterzubringen. Nun mußten noch die nöthigsten Anordnungen getroffen werden. Wir hielten eine Zusammenkunft mit den provisorischen Führern, um die wichtigsten Chargen zu besetzen. Namentlich erinnere ich mich, daß wir uns große Mühe gaben, für die vier als unentbehrlich erklärten Adjutanten gute Reiter ausfindig zu machen. Wir haben später noch oft über jene Anstrengung gelacht, denn im Laufe des ganzen Feldzugs war es uns auch nicht möglich, nur ein einziges vier- füßiges Thier für den Oberkommandanten aufzutreiben. Endlich, lange nach Mitternacht, kauerten wir nns zu zehn bis zwölf in ein Zimmer zusammen. Am Morgen, als sich Einer nach dem Andern aus dem Stroh, den Decken, Mänteln und anderen kriegerischen Schlafanstalten entwickelte, zählte ich noch ein Dutzend mehr, welche sich über Nacht eingefunden hatten. Wir stellten die Leute auf in den Abtheilungen, wie sie gekommen waren, präsentirten — 78 — ihnen den provisorischen Oberkommandanten und beköstigten sie mit Brod und Käse nebst scharfen Ermahnungen zur Disziplin. Unser Kommandant hat im Laufe der späteren Zeit gezeigt, daß ihm sehr viel zu einem militärischen Führer fehle, aber ein großes Geheimniß hatte er von vornherein los, das ich gleich am zweiten Tage probat fand und von ihm ablernte, nämlich ein gut Stück undemokratischer Grobheit im Dienste. Es giebt eine Sorte von Leuten, bei denen Gründe angeben so viel heißt, als sich entschuldigen, und mit denen man auf räsonable Weise daher nie fertig wird, während ihnen eine Derbheit im- ponirt. Ich selber war auch hierin Neuling und glaubte Anfangs mit den Leuten auf dem Tone unterhandeln zu können, wie ich es aus dem Saale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewöhnt war. Allein ich habe nach der Hand tagtäglich so schlagende Beweise von der verderblichen Wirkung der Höflichkeit und der vortrefflichen der Grobheit erlebt, daß ich mich mit einem Theil der Mißbräuche des stehenden Heeres ausgesöhnt habe. Unserer Gestaltenlegion also wurde eine derbe Lektion gemacht, die sie mit großer Fügsamkeit hinnahm. Sodann wurden achtundvierzig von der widerspenstigsten Miene zu einem eigenthümlichen Geschäfte ausgesucht. Mehrere Bürger aus " hatten zu dem Zuge vier kleine eiserne Kanonen, sogenannte Katzenköpfe, geliefert. Diesen „Geschützen" also wurden je zwölf zugetheilt, um sie abwechselnd sechs und sechs zu ziehen. Diese Bespannungsmannschaft erhielt den Titel „Artilleristen", welchen sie mit Stolz führte, so lange sie zu diesem Dienste verwendet wurde. Endlich also brachen wir mit unserer gesammten Macht, *) Auch dieser, damals aus Diskretion verschwiegene Ort ist mir heute nicht mehr bestimmt erinnerlich. — 79 — dem Generalstab, der Artillerie und dem Train gen Alzei auf, wo sich noch eine große, dort gesammelte Abtheilung mit uns vereinigen sollte. In Alzei große Begeisterung, die sich anstrengte, über das ungehobelte Aussehen unseres Zuges die Augen zuzudrücken. Es wurde Mittag gemacht und Alles auf's Gastfreundlichste bewirthet. Ich hörte einen Mann in folgenden Worten sich beschweren: „So oft Preußen hier waren, hab' ich Einquartirung bekommen, heut aber haben sie mir keine gegeben." Von Alzei zog also jetzt das ganze rheinhessische Korps in einer Stärke von beiläufig 1500 Mann nach Pfedders- heim und den umliegenden kleineren Dörfern, wo Nacht gemacht wurde. Ein Detachement wurde auf dem Landsitze des Herrn von Gagern bei Monsheim einquartiert und hat die ihnen zu Theil gewordene Bewirthung nicht genug rühmen können. Wir waren erst zwölf Stunden unterwegs und hatten bis dahin noch nicht das pfälzische Gebiet betreten, als wir schon die erste Probe der Konfusion zu schmecken bekamen, wodurch sich überhaupt das pfälzische Kommando fast in allen seinen Phasen auszeichnete. Ein erster uns durch einen Boten nach Wörrstadt überbrachter Befehl war von dem provisorischen Oberkommandanten Fenner v. Fenneberg*) erlassen und dirigirte uns nachDürkheim an derHaardt, von wo wir uns bis Neustadt ausdehnen und die von der westlichen Ebene in's Gebirge führenden Pässe besetzen sollten. Um zehn Uhr Abends kam ein reitender Bote nach Pfedders- heim, welcher uns von dem Landesvertheidigungsausschuß *) Fenner von Fenneberg, ehemaliger österreichischer Offizier, der in den Dienst der Pfälzer Revolution getreten war. Er ging später auch aus der Schweiz nach Amerika, wo er starb. Er hat Memoiren über seinen Antheil an der Wiener Oktober-Revolution Veröffentlicht. — 80 — die Ordre brachte, nach Kirchheimbolanden, also an die nordwestliche Grenze der Pfalz zu marschiren, von wo aus wir zur Vertheidigung der nördlichen Gebirgspässe gegen die Nahe und die preußische Grenze zu im Alsenzthal verwendet werden sollten. Angesichts dieser sonderbaren Widersprüche — jede der beiden Ordres war offenbar in Unkenntniß der andern gegeben, — mußte also der erste Kriegsrath gehalten werden, der sich nach sehr heftigen Debatten für Befolgung des letzterhaltenen Befehls entschied. Jedoch wurde aus Vorsicht zugleich mir der Auftrag gegeben, dem Korps voraus und nach Kaiserslautern zu reisen, um dort bestimmte Dispositionen entgegenzunehmen. Ich kam des Abends zwischen sechs und sieben in Kaiserslautern an, begab mich in die Frnchthalle, wo der Landesausschuß seinen Sitz hatte, und fand dort dessen Mitglieder mit Ausnahme von Fries,*) auch den noch als Reichskommissär anwesenden Eisenstuck,**) ferner d'Ester***) und Martinn.l') Hier erfuhr ich, daß der Rückmarsch der 800 Mann Preußen ans der Pfalz nicht sowohl in Folge eines unüberwind- *) Fries, pfälzischer Jurist. **) Eisenstuck, sächsisches Mitglied des Frankfurter Parlaments, Reichskoinmissär, zur Beruhigung in die aufgeregte Pfalz geschickt. D'Ester, junger Kölnischer Advokat, Mitglied der Berliner Nationalversammlung, einer der feurigsten und radikalsten Deutschen jener Zeit, mit Karl Marx an der Rheinischen Zeitung betheiligt, starb in der Schweiz. -s-) Martiny aus Westprcußen, Jurist, Mitglied des Frankfurter Parlaments, einer der entschiedensten Anhänger der äußersten Linken außerordentlich liebenswürdiger Lebemann, blieb nach dem Scheitern der Bewegung in Deutschland, wurde verhaftet und nach wechscl- vollen Schicksalen zu Gefängniß verurtheilt, in dem er mehrere Jahre verbrachte. Nach seiner Befreiung ließ er sich als Anwalt in Danzig nieder, wo er noch heute allgemein geehrt und beliebt — 81 — lichen Widerstandes, als auf Befehl des Reichskommissärs geschehen war, welchem die Truppen, als von der Zentralgewalt beordert, Gehorsam geleistet hatten. Zwar hatten die Bürger von Speier sich geweigert, die Preußen einzulassen, und dieselben in die Lage gebracht, eine Nacht hindurch im Walde bei gräulichem Regenwetter zu kampiren. Allein, wie ich später die pfälzischen Truppen und Ver- theidigungsanstalten und den Geist der Pfälzer kennen lernte, glaube ich nicht, daß die Preußen ohne die Intervention Eisenstucks erfolglos linksum gemacht hätten. Eben jener Rückzug aber, welcher uns in Mainz als eine gezwungene strategische Operation geschildert worden war, hatte uns, wie schon bemerkt, großes Zutrauen in den Willen und die Kraft der Pfälzer eingeflößt. Nach meinen Erfahrungen konnten damals noch 300 Preußen siegreich durch die ganze Pfalz ziehen. Eisenstuck hatte auch den auf der Volksversammlung zu Kaiserslautern erwählten Landesvertheidigungsausschuß als eine zur Durchführung der Reichsverfassung eingesetzte Behörde von Reichswegen bestätigt und ihm dadurch bei dem ängstlicheren Theil der Bevölkerung eine bedeutende Stütze gegeben. — Der Zweck meiner Reise war, wie gesagt, zunächst eine Aufklärung über die sich widersprechenden Befehle zu erlangen. Ich stellte in Abwesenheit Fenners den Umstand dem Landesausschuß vor, sah aber aus dessen Antwort alsbald, daß wir die Sache viel zu ernst genommen hatten. Wir glaubte»:, daß bestimmte Dispositionen mit genau gefaßten Plänen wohnt und seiner Gesinnung treu geblieben ist. In der Konfliktszeit (1862—63) wurde er in Mcmel zweimal in das Abgeordnetenhaus gewählt, legte am 7. Februar 1863 sein Mandat nieder, weil er mit einem Antrag, die Sitzungen bis zur Anerkennung des Steuerbewilligungsrechtes auszusetzen, keinen Anklang fand. Ludwig Bamberger's Ges. Schrifien, III. 6 — 82 — vorlägen, und fürchteten durch unsere eigene Entscheidung diese möglicher Weise auf eine gefahrbringende Art durchkreuzt zu haben. Welche Unschuld! Man hörte meinen Bericht au, als ob ich sagte, daß ich nicht wüßte, in welchem von zwei Gasthäusern ich absteigen sollte. Auch fragte ich gar nicht weiter, was zu thun sei, sondern nahm stillschweigend an, daß es bei dem Quartier in und um Kirchheimbolanden, welches sehr gut war, vor der Hand sein Bewenden haben solle. Wir kamen alsbald auf allgemeinere Diskussionen über den Stand der Dinge. Von bestimmten Waffenankäufen, von Engagements höherer Offiziere, von Verbindungen mit anderen Provinzen war noch nichts geschehen und so beiläufig die Rede, wie von Dingen, die man mit aller Muße betreiben könne. Man gab sich noch den neu angekommenen Absagebrief Dufours") herum, über dessen Entscheidung man unbegreiflicher Weise bis zu jenem Augenblick noch gezweifelt hatte, während man in ganz Deutschland über das ihm gemachte Angebot gelacht und in der Schweiz es für eine Ironie gehalten hatte. Selbigen Tags sollte jedoch noch ein Mitglied des Ausschusses nach Paris gehen, um Offiziere zu werben. Ich ging gegen Abend, nachdem man noch lange mehr geplaudert als berathen hatte, mit d'Ester und Martiny nach Hause. Sie klagten mir, als wir allein waren, auf's Heftigste über die Langsamkeit und Unentschiedenheit des Ausschusses. Der Anschein gab ihnen damals in meinen Augen vollständig Recht. Doch habe ich mich während der ganzen Entwicklung der Dinge überzeugt, daß diese *) Dufour, General der Schweizer Eidgenossenschaft, welcher im Sonderbundskrieg die siegreiche Armee befehligt hatte. Er hatte schon in dem Napoleonischen Heer gedient und galt für einen bedeutenden Militär. — 83 — Unentschiedenheit, diese Zögerung und Schonung, welche dem Ausschuß und der späteren Regierung zumeist vorgeworfen wurden und wahrscheinlich in künftigen Schilderungen der Pfälzer Insurrektion eine große Rolle spielen werden, in allen gegebenen Voraussetzungen so tief wurzelten, daß sie trotz anerkannter Schädlichkeit nicht zu vermeiden waren, daß sie die Revolution ruiniren mußten, weil diese von vornherein nicht durchzuführen war, und wenn nicht an der Unentschiedenheit, am Gegentheil zu Gmnde gehen mußte. Diese Behauptung führt mich dazu — von dem chronologischen Bericht der Vorgänge abweichend — zu der Schilderung einiger allgemeinen Zustände überzugehen, welche sich besser in ein Bild zusammenfassen lassen. Ich nehme zuerst: Die politischen Rulturzustände der j?falz. Die Rheinbauern standen von den dreißiger Jahren her in dem Rufe einer sehr erregbaren und freiheitsliebenden Bevölkerung. Sie hatten damals die erste Rolle in Deutschland gespielt. Im Laufe der mit dem März 1848 begonnenen Bewegung hatte man zwar auffallend wenig von dieser Provinz gehört, doch hatte sie ihre Abgeordneten nach Frankfurt sowohl als nach München immer aus der radikalen Partei gewählt, und die Vorgänge, welche der ganzen letzten Insurrektion den Impuls gaben, die Volksversammlung von Kaiserslautern und ihre Folgen, weckten den alten Glauben wieder auf. Ich habe Gelegenheit gehabt, viele Theile von Deutschland aus eigener Anschauung, andere aus getreuen Schilderungen unter diesem Gesichtsvunkt kennen zu lernen. Nach meinem zweimonatlichen Aufenthalt in der Pfalz, wobei ich stets in die Kreuz und Quere das Land durchreiste, kann ich behaupten, daß ich nur einzelne nördliche und i!" — 84 — südliche Theile von Deutschland für weniger demokratisirt halte, als diesen Landstrich. In der Weise, wie bei uns in Rheinhessen, wie in Rheinpreußen, in Franken, Thüringen, Sachsen, wie selbst in Hessen-Darmstadt, Kurhessen, Nassau, war dort während des ganzen vorausgegangenen Jahres durchaus nicht gewirkt worden. Von einer über das Land verbreiteten, wohlorganisirten Demokratie konnte gar keine Rede sein. Hier und da bestand so Etwas, wie ein demokratischer Verein; an eine gemeinsame, permanente, rührige Leitung der Agitation, an eine systematische Propaganda war nicht zu denken. Es fehlte, sei es als Folge, sei es Ursache dieser Zustände, durchaus an agitatorischen Talenten. Als die Einzigen, welche einigermaßen auf diesen Namen Anspruch machen könnten, wurden mir zuweilen zwei Bürger aus Neustadt an der Hardt genannt, welche jedoch durchaus kein allgemeines Ansehen genossen, daher auch wohl nicht vom rechten Zeuge waren. Was ich kennen lernte, war für die eben bezeichnete Aufgabe durchaus unbedeutend. Eine gehörig durchgebildete demokratische Bevölkerung fand ich nirgends, ebenso wenig glühende Begeisterung. Der Anblick des Landes, das ich in den ersten Tagen einer von Erfolgen begleiteten Revolution betrat, war durch und durch matt. Ich reiste von Kirchheim nach Kaiserslautern, von da nach Neustadt, Ludwigshafen, Frankenthal, Grünstadt durch den Theil des Landes, der für den besten galt, ohne in der Bevölkerung auch nur die Spur einer Aufregung zu sehen; hier und da eine freisinnige Aeußerung, ein Wirthshausgespräch, — Enthusiasmus nirgends. Natürlich konnte man, wie von jeher, Alt- banern nicht leiden und zog gegen die Preußen los. Doch habe ich in allen diesen Wuthäußerungen gegen die Preußen, die ich so oft unter den Bürgern, den übergetretenen Soldaten und der Volkswehr vernahm, immer mehr den Aus- — 85 — druck der Furcht als den des kampflustigen Hasses wahrgenommen. Der Terrorismus von Dresden hatte seine guten Wirkungen gethan und viel Verdienst um die Siege der Preußen in der Pfalz. Die Gräuel von Wien haben im November Berlin eingeschüchtert, und die Grausamkeiten von Dresden haben in der Pfalz und vielleicht in ganz Süddeutschland einen Schrecken verbreitet, der überall schon vor den Kanonen siegte, — Namentlich war es das Landvolk, auf welches die demokratische Propaganda in dem übrigen Deutschland so viel Sorgfalt verwendet hatte, und welches sich in der Pfalz in einem Zustand vollständiger Gleichgültigkeit befand. — Die Pfalz ist ein üppiges, reiches, prächtiges Land. Die provisorische Regierung war bis auf die letzten Tage stets in den armseligsten,man kann sagen: in den lächerlichsten Finanzverhältnissen. Was freiwillig hergegeben wurde, war kaum der Rede werth und rührte meist von einzelnen noblen Leuten her. Das Zwangsaulehen mußte zu zwei Drittel durch Exekution eingetrieben werden. Und wenn man nun bedenkt, was dazu gehört, daß ein Volk uud gar eine Zahl von nur 800000 Menschen dem Kolosse königlicher Gewalten widerstehe, welche Opfer seiner Zeit in Polen, welche in Ungarn gebracht werden mußten, um einen nennens- werthen Widerstand möglich zu machen, Opfer, zu welchen nur die höchste Ekstase, die wildeste Freiheitsbegeisterung hinreißen können — wenn man dies bedenkt und sich dagegen den Anblick einer vollkommen nüchternen, hier und da gelind liberalen, aber eben so oft entschieden reaktionären, im Ganzen mit gewohnter Ruhe ihren gewohnten Geschäften nachgehenden Bevölkerung vergegenwärtigt — so wird man allerdings es erklärlich finden, daß die provisorische Regierung auf einen solchen Boden keine großartige Revolutionspolitik zu pflanzen wagte. Mag man noch so sehr — 86 — die Nothwendigkeit kühner, durchgreifender Schritte abstrakter Weise darthun; mit revolutionärem Handeln richtet man nichts aus ohne eine revolutionäre Masse. Ein Terrorist an der Spitze lederner, philiströser Bürger gleicht einem Kavalier mit hohen Reiterstiefeln, großen Sporen und langer Peitsche auf einem elenden Klepper. Er macht eine lächerliche Figur und kann das Thier blutig stacheln, aber nicht beflügeln. Die Pfalz war durch radikale Maßregeln nicht zu retten. Und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht diese Ueberzeugung den Männern der provisorischen Regierung eben jene Scheu vor großen Gewaltsschritten eingeflößt hätte. Waren sie auch nichts weniger als genial an Geist oder Charakter, so war ihr Verstand doch hinreichend und ihre Lage verzweifelt genug, um sie zu entschiedenen Maßregeln zu bringen, wenn diese nützen konnten. Aber ihr Glaube an den Sieg war zu schwach, als daß sie vor ihrem eigenen Gewissen ein starr revolutionäres Handeln hätten verantworten mögen. — Allein wenn dem so ist — wird man fragen — warum gaben sie die Sache nicht auf? Die Antwort lautet: weil sie angefangen war. Den Rest erfrage man bei der menschlichen Natur. Ich selber fand Alles, was ich während meines Aufenthaltes sah, wie man stets von einer Konsequenz zur anderen vorangetrieben wurde, dabei dennoch wiederum vor ganz entschiedenem Handeln schauderte, stets verzweifelte und stets hoffte, — das Alles finde ich sehr natürlich, aber das Einzige, was ich nicht begreife, ist der Theil der Revolution, den ich nicht mit erlebt habe: ihren Anfang. Wie man bei einem solchen politischen Kulturzustandc, den doch die Inländer kennen mußten, das va bs>Qon8", das war das Zauberwort, welches von Anfang bis zu Ende als das Alpha und das Omega seiner militärischen Dispositionen gehört wurde. Er erklärte in allen Fällen, es sei nichts zu thun als „ä tormsr äss xslotons". Dieses Universalmittel, welches darin bestand, daß das Corps statt in neun, in fünf Hauptabtheilungen gebracht werden sollte, weil Ruppert wahrscheinlich es aus früherer Zeit so gewöhnt war, konnte aber nie zu Stande kommen, weil das Corps nie ganz beisammen war. Endlich mit dem Rückmärsche nach Kirchheim war der langersehnte günstige Moment eingetreten, und wie wohl wir nur eine Stunde vom Feinde standen und jeden Augenblick eines Angriffs gewärtigt sein mußten, wurde der Vormittag des 15. Juni dazu bestimmt, dem ewigen Pelotons-Jammer ein Ende zu machen. Aber vergeblich! Nachdem die Mannschaft den ganzen Morgen über versammelt, gezählt, verlesen, und wieder gezählt, gestellt, und wieder gestellt, die die Mittagszeit längst vorüber und ein Drittheil der Leute, welche die Nacht hatten im Freien zubringen müssen, am Umfallen war, hatte es dem guten Ruppert noch nicht gelingen können, seine Pelotons zusammenzubringen, und weil die nöthigsten Sicherheitsmaßregeln über diesem Gamaschengeschäft versäumt worden waren, mußte letztlich unverrichteter Sache geendet werden, um die nöthigen Vorsichtsmaßregeln auf den Abend zu treffen. Kaum waren einige Kompagnien auf die wichtigsten Grenzpunkte abgeschickt, als die Nachricht kam, es sei zwischen einem derselben und den Preußen bei Morschheim zum Treffen gekommen. Es wurde Generalmarsch geschlagen. Der Kommandant lief kopflos herum, und nachdem ich und Andere ihn mehrmals aufgefordert hatten, zu verfügen, — 144 — was geschehen solle, stellte er sich an die vorderste der in einigen Zwischenräumen aufgestellteuKompagnien, kommandierte: links um marsch! nnd zog mit ihr im Eilschritt auf dem Wege nach Morschheim ab, ohne sonst irgend Etwas anzuordnen. Zitz und ich schlössen uns an. Als wir eine Weile marschirt waren, kam uns bereits ein Wagen mit einem Todten entgegen, und in einem kurzen Zwischenraume folgte die Kompagnie, welche nach Morschheim dirigirt worden war, selber nach. Erstaunt fragten wir nach dem Grund dieses Rückmarsches und erfuhren nun den Hergang der Dinge in folgender Weise: Die Kompagnie war, nichts Böses ahnend, vor Morschheim angekommen. Der Hauptmann hatte aus Nachlässigkeit, oder, wie er sich nachmals entschuldigte, weil er sich auf Andere verließ, die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln einer Vorhut u. s. w. versäumt, und ließ die ganze Compagnie unter Trommelschlag auf das Dorf zu marschiren, als plötzlich dicht am ersten Hause aus einem Kornfelde eine Salve fiel, die einen Mann tödtete und zwei leicht verwundete. Im selben Augenblick sprangen etwa 15 Mann Preußen aus dem Korn auf und liefen davon. Der Vorfall ist besonders deßhalb bezeichnend, weil ohne ein ver- rätherisches Einverständniß oder mindestens ohne ver- rätherisches Stillschweigen der Dorfbewohner unsere Leute nicht in die Falle gekommen wären. Einige der Unseren sendeten den Fliehenden Schüsse nach, mit welchem Erfolg ist zweifelhaft. Die große Zahl der Kompagnie aber war so erschrocken, daß sie auf der Stelle umkehrte. Als wir ihnen nach Anhörung dieses Berichts eben deßhalb Vorwürfe machten, war die Antwort, wie immer: „Wir fürchteten umgangen zu werden". Diese Gefahr, welche in der That überall wegen der Mangelhastigkeit der Führung und der Schwäche der Zahl vorhanden war, demoralisirte eben — 145 — alle einzelnen Abtheilungen. Wir marschirten indessen weiter vorwärts, indem die auf dem Rückweg befindliche Kompagnie beordert wurde, sich uns anzuschließen. Es dauerte nicht lange, so gewahrten wir ein Detachement preußischer Kavallerie, welches allerdings die Straße zu unserer Rechten umgangen hatte und nun von der Flanke her auf uns gallopirte, sobald wir aber Position genommen und eine gute Zahl Plänkler ausgesendet hatten, wieder abschweifte und nach der Grenze zu davon ritt. Morschheim wurde nun wieder besetzt und wir blieben dort bis 10 Uhr stehen, ohne daß noch Etwas von einem Feinde sichtbar geworden wäre. Dies und die Vcrgleichung des Terrains überhaupt bestärkte uns in dem Glauben, daß wir in der allernächsten Zeit keinen ernsten Angriff, sondern nur Neckereien zu bestehen haben, die Hauptoperationen aber mehr gegen den Süden in die große Ebene von Mutterstadt gerichtet sein, und wir deßhalb Zeit haben würden die Antwort des Oberkommando's auf das Memorandum von Grünstadt abzuwarten, ohne auf eigene Faust zu handeln. Eine Kompagnie, deren Hauptmann für einen der Tapfersten und Rüstigsten im Korps galt, wurde als Besatzung in Morschheim zurückgelassen, der Rest marschirte wieder nach Kirchheimbolanden. Andern Morgens um 5 Uhr wieder Allarm in allen Gassen, Generalmarsch, entsetzte Gesichter, Hin- und Herrennen, Rufen, Jammern, Fragen. Die Preußen kommen! die Preußen kommen! Kein Tambour wußte Rechenschaft zu geben, wer ihn beordert habe, Keiner wußte zu sagen, woher die Nachricht käme, und wir mußten um so mehr an einen blinden Lärm glauben, als ja alle Zugänge so besetzt worden waren, daß ein solcher plötzlicher Ueberfall unmöglich schien. Wie erstaunte ich aber, als ich, an die Hauptwache kommend, dort die Kompagnie fand, welche wir als Besatzung in Ludwig Bmnbergir's Ges. Schriften. III. 10 — 146 — Morschheim gelassen hatten. Als ich dem Hauptmann meine Verwunderung darüber ausdrückte, antwortete er mir barsch: Die Leute seien zu müde gewesen, um den Feldienst zu versehen und er sei deßhalb im Laufe der Nacht zurückmarschirt! Es war das gewiß ein unverzeihlicher Streich, der aber seine Erklärung allerdings wieder in den Grnndübeln der ganzen militärischen Lage der Pfalz fand. Denn die Leute waren in der That durch die Manöver im Alsenzthal, wo sie in der elendesten Kleidung der schlechtesten Witterung preisgegeben waren, über die Maßen ermüdet und hatten außerdem 24 Stunden weder ein ordentliches Nachtlager noch eine warme Speise auftrerben können. So war nun Morschheim von Besatzung entblößt, und auf der ganzen Kaiserstraße bis nach Kirchheim nicht ein einziger Posten geblieben, und es stellte sich bald heraus, daß die Preußen dort eingerückt waren und mit Macht auf uns los marschirten. Als Rnppert auf dem Sammelplatz erschien, und wieder wie gewöhnlich, einem Automaten gleich herumlief, beschwor ich ihn, doch irgend Etwas anzuordnen, was in dieser dringenden Lage geschehen solle. Allein ich hätte ebenso gut mich an den nächsten Laternenpfosten gewandt. Es war kein zusammenhängender Gedanke und noch weniger irgend eine Anordnung aus ihm herauszubringen. Während sich die Mannschaft noch sammelte und einer der erwähnten polnischen Offiziere sich mit Herstellung der nöthigsten Ordnung beschäftigte, ging ich nach Hause. Ich hatte mir eine Entzündung am rechten Fußgelenke zugezogen, die durch den Marsch vom vorhergehenden Abend so sehr gesteigert war, daß ich kaum länger stehen konnte. Als ich nach Hause kam, fand ich in der Wohnstube Zitz, umgeben von einer großen Anzahl Kirchheimer Bürgern, welche das ganze Zimmer ausfüllten. Bürgermeister, Stadträthe und Offiziere — 147 — der Gürgerwehr, Reaktionäre und Liberale waren brüderlich vereinigt, um uns die dringendsten Vorstellungen gegen eine Vertheidigung des Platzes zu machen, in dessen Folge die Stadt leiden könnte. Ja man setzte sogar hinzu: falls wir dennoch den Kampf annehmen, oder es etwa mit Barrikaden versuchen sollten, so würden wir die Bürger im Rücken zu Feinden haben. Ein Hauptredner dieser liebenswürdigen Deputation war einer der ersten Liberalen des Orts, der mehrere hohe revolutionäre Funktionen versah. Wir antworteten, daß wir selber hier als in einer militärischen Sache nichts zu entscheiden hätten, und daß die Frage auch rein aus dem Gesichtspunkt der strategischen Rathsamkeit gelöst werden müsse. Unterdessen sah man bereits die Preußen von drei Seiten mit Artillerie und Kavallerie in überlegener Zahl heranrücken; die Stimmung unserer Mannschaft war im Allgemeinen nicht die beste. Als unter diesen Umständen der Kommandant Ruppert noch immer nicht zu einer Handlung gekommen war, entschlossen Zitz und ich uns auf eigne Faust zu handeln, wo längere Säumniß mit irgend einer Anordnung das Schlimmste war, was geschehen konnte. An einen Widerstand war, wie aus der obigen Schilderung hervorgeht, nicht zu denken. In Kirchheim selbst standen im Ganzen in jenem Augenblick höchstens etwa 400 Mann; ob die übrigen, welche auf umliegende Dörfer postirt waren, bei einem sich entspinnenden Kampf eintreffen würden, war eine große Frage. Die Zahl der anmarschirenden Preußen betrug mindestens 3000 Mann. Kavallerie und Artillerie hatten wir gar nicht. Es war mithin der Augenblick eingetreten, von dem Vorbehalt des noch unbeantworteten Memorandums Gebrauch zu machen und den Rückzug anzuordnen. Zitz und ich fertigten also an alle einzelnen Compagnieführer schriftliche Ordres aus, sich am Gebirge — 148 — her nach Dürkheim an der Haardt nnd von da nach Neustadt zurückzuziehen. Kurz darauf begaben wir uns nochmals auf den Sammelplatz und überzeugten uns, daß die Ordres ausgeführt waren. Es befand sich kein Mensch mehr daselbst, die Kompagnien waren abgezogen und die preußische Artillerie feuerte die Landstraße herab, auf der wir uns befanden. Eine kurz vorher improvisirte Barrikade war verlassen, die Mannschaft bereits außerhalb der Stadt. Es war mir unmöglich, länger zu Fuß zu gehen, ich ließ mir einen Wagen anspannen, Zitz setzte sich zu mir, und wir fuhren auf der Straße nach Rockenhausen zu, ab. Als wir etwa hundert Schritte weit hinaus waren, fiel der letzte Kanonenschuß und die Preußen zogen von der Kaiserstraße her ein. Später erst erfuhren wir, daß noch eine kleine Zahl der Unsrigen im Schloßgarten zurückgeblieben war. Sei es, daß sie das mehrmals wiederholte Hornsignal nicht vernahmen, sei es, daß sie es mißverstanden, oder daß sie überhaupt nicht weichen wollten: die Schützenkompagnie, wozu sie gehörten, zog ab, ohne zu entdecken, wo die Fehlenden seien. Die anrückenden Preußen fanden sie noch im Schloßgarten und es entspann sich dort ein Kampf. Das Gerücht meldete später, es seien dabei siebzehn Schützen gefallen, doch ist diese Zahl wohl übertrieben. Mehrere, die ausdrücklich mit Namen unter den Gefallenen aufgeführt wurden, sind noch am Leben. Gewiß ist, daß zehn gefangen wurden. Außerdem waren vor der Anordnung des Rückzugs einige Plänkler verwundet worden. Die andere Seite des Gerüchts, daß im Schloßgarten vierzig Preußen gefallen seien, ist sicher übertrieben und giebt einen Maßstab sür das Uebrige ab. Als wir etwa drei Stunden gefahren waren, erfuhren wir, daß Kaiserslautern bereits am Abend vorher geräumt und im Lause des Vormittags von den Preußen besetzt worden sei. Unter allen Unge- — 149 — Herrlichkeiten der pfälzischen Kriegsleitung ist wohl keine merkwürdigere zu finden, als daß man uns Seitens des Oberkommandos ohne Nachricht über diese Räumung und ruhig auf unserem Posten ließ, während man unseren Rücken von einer Seite her Preis gab, wo wir es am allerwenigsten erwarten konnten. Angenommen, irgend ein Grund hätte nns bestimmt, in Kirchheimbolanden ernsten Widerstand zn leisten, angenommen selbst, wir hätten dort den Angriff von Osten her gewahrt, so waren wir zum Lohne dafür einige Stunden später vollständig cernirt und verloren, denn bereits im Lauf des Nachmittags reichten sich die preußischen Vorposten von Kaiserslautern und Kirchheimbolanden her die Hände. Der Einmarsch war zugleich von drei Seiten her erfolgt; von Osten über Kirchheim und Grünstadt, von Westen über Homburg und von Norden über Lauterecken. Von allen drei Seiten her dirigirte sich der Feind auf Kaiserslautern zu. Nirgends fand er ernsten Widerstand. Ueberall war entweder die Zahl von vornherein zu gering oder sie verminderte sich beim ersten Schuß um die Hälfte. Die Volkswehr, die im Lauterthal stand, lies, während der Kommandant auf's Rekognosciren gegangen war, sammt und sonders davon; von 2400 Mann, die bei Grünstadt und Göllheim standen, waren eine Viertelstunde, nachdem das Gerücht von der Annäherung der Preußen sich verbreitet hatte, nur noch 400 Mann übrig. Weiße und blauweiße Fahnen empfingen vielfach die ein- marschirenden Königlichen. Die provisorische Regierung und das Militärkommando waren nach Neustadt gezogen, wo sich auch die Ueberreste der auf dem Rückzug befindlichen Truppen sammelten. Am Ende der von Kaiserslautern nach Neustadt führenden Eisenbahn, deren Lokomotiven alle beim Rückzug mit weggenommen waren, wurden noch einige Befestigungen ausgeführt, sei's, weil man einen — 150 — Augenblick daran dachte, sich in dem engen Thale zwischen Neustadt uud Frankenthal zu halten, sei's, um gegen ein rasches Nachrücken des Feindes gesichert zu sein. In Neustadt setzte sich auf Anordnung Miroslawskys der ganze Zug nach dem Badischen in Bewegung. Fünf Tage, vom Donnerstag den 14. bis Montag den 18. Juni gingen zwischen der Invasion und dem Uebertritt auf das badische Gebiet vorüber, ohne daß es noch irgendwo zu einem ernsten Zusammenstoß gekommen wäre. Bei Dürkheim und im Anweiler Thale gab es noch einige unbedeutende Plänkeleien. Es wäre den Preußen ein Leichtes gewesen, im Lauf von drei Tagen ihre Macht nach dem Rheine hin vorzurücken und den ganzen Rückzug abzuschneiden. Volle 24 Stunden, ehe das pfälzische Korps bei Knielingen über den Rhein ging, standen die Preußen bereits von beiden Seiten um wenige Stunden entfernt in Dahn und in Germersheim. Absicht war es gewiß nicht, diese immerhin noch ansehnliche Macht von etwa 8000 Mann mit sechs Kanonen und vielen Vorräthen ruhig ins Badische gehen zu lassen; wahrscheinlich vielmehr falsche Berechnung unserer Kräfte, deren richtige Schätzung den Feind wohl zu einer ganz andern Operationsweise hätte bestimmen müssen. Es scheint, daß man — vielleicht nicht mit Unrecht — sich zum Grundsatze gemacht hatte, auch nicht das Geringste zu wagen und nur da anzugreifen, wo man der Uebermacht ganz gewiß war. Die Okkupation der Pfalz war ein Marsch, aber kein Sieg. Jetzt erst, als Alles in vollem Rückzug war, entschloß sich Baden, der Pfalz Hülfe zu leisten und kam auf den klugen Einfall, die Operationen gegen Landau zu unterstützen, welche Willich seit jenem früheren Versuch, so gut es mit seinen geringen Kräften und ohne ein Stück Geschütz gehen konnte, geleitet hatte. Ein lächerlicheres Irvp tarci ist nie da gewesen. — 151 - Am 15. oder 16. wurden einige badische Truppen nach Landau geschickt, welche aber am 17. schon wieder zurück- I kamen, weil die Preußen bereits im Begriffe waren, die Verbindung zwischen Germersheim und Landau herzustellen. — Am 18. Juni Vormittags ging der Ueberrest der Pfälzer Revolution, etwa 6000 Mann Infanterie: nämlich sämmtliche Freischaaren, der größte Theil des übergetretenen regulären Militärs und einige Volksivehr, welche letztere zum Theil noch auf dem Rückzug ausgehobeu worden war, ferner 45 Mann Chevauxlegers, die 8 von Baden gekauften Kanonen, der Generalstab, die provisorische Negierung und das ganze Kanzleipersonal auf der zwischen Wörth und Knielingen das bairische und badische Ufer verbindenden Schiffbrücke über den Rhein — ein trauriger, demüthigender Anblick und für mich die klarste Vorbedeutung von dem Schicksal Badens, welches nicht blos kurzsichtiger und eng- , herziger Weise die Pfalz im Stiche gelassen, sondern sich so wenig um deren Schicksal bekümmert hatte, daß ihm dieses Ende der Dinge vollständig unerwartet zu kommen schien, ein Ende, das jeder halbwegs einsichtige Mensch in der Pfalz deutlich vorausgeahnt hatte, und auf welches auch die badischen Führer vorbereitet sein konnten, wenn sie den zahlreichen wahrhaftigen Schilderungen, welche ihnen von Eingeweihten wochenlang voraus gemacht wurden, hätten Gehör schenken wollen. Die ganze Rheinlinie, welche jetzt plötzlich frei wurde, war ungedeckt. Am selben Morgen erst, wo der Uebergang stattfand, wurden bei Knielingen einige Schanzen errichtet, der Uebergang von Speier war nur von ein paar Dutzend Leuteu besetzt, und der Einfall bei Germersheim, der zwei Tage später sich ereignete, war das Produkt derselben Sorglosigkeit. Für die seit drei Tagen erwarteten Pfälzer Truppen war durchaus keine Vorsorge getroffen. Als die ermüdeten Leute ankamen, — 152 — war nicht die kleinste Labung an Speise oder Trank für sie aufzutreiben. Keine Veranstaltung war getroffen, daß sie unter Dach und Fach kämen. Von Morgens 9 bis Mittags 3 Uhr kampirten die Leute, welche zum Theil schon fünf Stunden marschirt waren, auf einer nassen Wiese, ohne einen Bissen Brod oder einen Schluck Bier zu erhäschen, in der Sonnenhitze. Ruppert stand, wie immer, unbeweglich und stumm bei unserem Korps und wußte nicht, was geschehen solle. Es schien mir eine gewagte Sache, sich darauf zu verlassen, daß überhaupt vom pfälzischen oder badischen Oberkommando irgend eine Ordre kommen werde; die Kompagnieen unseres Korps fingen bereits an, sich zu verlaufen, indem Einzelne nach der noch über eine Stunde entfernten Stadt gingen, um sich zu erfrischen; ich sah, daß es hier, wie überall iu solchem Wirrwarr galt, sich selber zu helfen. Ich hielt den ersten besten Wagen an, aus welchem eine schwarzroth-goldne Schärpe herausguckte. Es war gerade Brentano, der darin saß. Ich bat ihn, auszusteigen und mir eine Ouartieranweisung sür unser Korps zuschreiben. Er entsprach meinem Wuusch, die Ordre wurde auf Neurath, ein Dorf eine halbe Stunde nördlich von Knielingen, ausgestellt; ich raffte die Kompagnieen zusammen und führte sie hin. Der Bürgermeister war nicht auf Einquartierung vorbereitet. Der Wirrwarr erneuerte sich also hier, die Einwohner, ebenfalls nicht in Kenntniß gesetzt, hatten weder Lagerstätten noch Speise, und zudem gab Brentano einige Minuten später auch dem Blenker- schen Korps Anweisung aus dasselbe Dorf, das bei einer krassen Armuth nun plötzlich zwölf- bis dreizehntausend Mann beherbergen sollte. Das loyale Karlsruhe, das wenig Einquartierung hatte, wurde dagegen verschont. Die Nahrung, welche unsere Leute nun endlich fanden, bestand in saurer Milch und — Salat. Der vierte Theil saß bar- — 153 — fuß in den Häusern und wartete auf neue Schuhe, um sich von der Stelle bewegen zu können, ebenso viele hatten keine Hosen oder Blousen mehr. Mit dem Augenblick, wo das Korps nach Baden hinüberging, hatten wir den Entschluß gefaßt, die Funktion als Provinzialkomitee, welche nun ganz illusorisch werden mußte, ohne an Verantwortlichkeit oder Last etwas zu verlieren, aufzugeben und das Korps direkt unter das badische Kriegsministerium zu stellen, welches unter allen Umständen, und wäre es auch bloß wegen seiner materiellen Mittel, mehr Vertrauen einflößte, als das pfälzische. Ich ging noch am Abend des 18. zu dem Kriegsminister Werner und machte ihm den betreffenden Vorschlag. Er verlangte, daß ich ihn schriftlich eingebe. Ich gehe nach Haus, schreibe, fertige ein vollständiges Inventar, das ich mit zu übergeben anbiete, und reiche Alles ein. Der andere Tag vergeht, ohne daß ich Bescheid erhalte. Ich gehe wieder aufs Kriegsministerium. Die Eingabe war ungelesen verloren gegangen. Die Unordnung, das Getümmel der Regierungsdilettanten und die Kleinigkeitskrämerei waren gerade wie in der Pfalz. Nachdem ich noch einen Tag vergeblich gewartet hatte, entschloß ich mich, persönlich zu Mieroslawsky nach Heidelberg zu gehen, um wo möglich mit diesem die Sache auf summarische Weise abzumachen. Als ich am Morgen des 20. in dieser Absicht auf den Karlsruher Bahnhof kam, rief mich ein genauer Bekannter aus früherer Zeit an und nahm mich auf die Seite: „Wo willst Du hin?" — Nach Heidelberg zu Mieroslawsky. — „Du kannst nicht. Die Preußen sind bei Germersheim über den Rhein, die ganze Besatzung von Philippsburg ist in einem Zuge bis nach Bruchsal gelaufen, ich selber bin Zivilkommissär von Bruchsal und eben hier, um den Vorfall zu melden." — Dies war Morgens um 10 Uhr, die oben erwähnte Meldung selber schon um — 154 — 9 Uhr gemacht worden. Bei Tisch sprach ich um 2 Uhr mit dem Minister des Innern, der zu dieser Zeit, also volle 5 Stunden nachher noch nichts von diesem inhaltschweren Ereigniß wußte und es nicht glauben wollte! Mache man sich darnach ein Bild von der Handhabung der obersten Regierungsgeschäfte. — Da inzwischen weder ein Bescheid von Seiten des Kriegsministeriums an mich gekommen, noch eine Besprechung mit Mieroslawsky möglich war, so standen wir noch immer in den alten Schuhen, unter pfälzischer Oberleitung und dem segensreichen Kommando des Majors Nuppert. Unter diesen Umständen erhielt das Korps von dem pfälzischen Oberkommando Befehl, nach Eggenstein und Leopoldshafen zu rücken, wo man das erste Gefecht mit den über den Rhein gegangenen Preußen erwartete. Während das Korps von Neureuth aus direkt nach Eggenstein marschirt war, folgte ich mit einer Kompagnie, die in Bulach im Quartier war, nach. Als wir mit den Uebrigen zusammentrafen, standen dieselben, wie sie gekommen waren, auf der Chaussee, und als ich fragte, was denn geschehen, ob hier eine Aufstellung genommen, ob die nachgekommene Kompagnie hier ebenfalls Posto fassen, ob man die Bagagewagen da behalten oder zurückschicken solle u. dgl. m., war Ruppert die alte unerschütterliche Säule. Der Oberst war nicht zu finden, Ordres keine gegeben. Auch der Offizier, welcher die zwei ebenfalls und zwar hinter uns auf der Chaussee postirten Geschütze befehligte, wußte nicht, was er thun solle. Zugleich kamen Gerüchte von ungeheuren feindlichen Massen, die bereits an dem nächsten Orte, Graben, stünden. Es wurde Nacht, wir hörten und sahen Nichts, Keiner wußte, was geschehen solle, was vor, hinter oder neben uns sei, ja es war nicht einmal eine Parole ausgegeben, um Freund von Feind unterscheiden zu können. Das Wort „Verrath" — 155 — ging vielfach durch die Reihen, und wenn auch der Verdacht der Verrätherei in diesem Feldzug aufs Lächerlichste mißbraucht wurde, so war die Lage jener Nacht eine solche, in welcher sich diese Uebertreibung noch am ersten entschuldigen ließ. Als nach einiger Zeit noch immer keine Ordres kamen, verlangten einzelne Offiziere, daß man wenigstens eine Stellung einnehme, die irgend einen militärischen Sinn habe. Ruppert fügte sich und--fing an, seine Pelotons zu organisiren! Abends halb 9 Uhr, fast Angesichts des Feindes! Diese Stupidität war zum Verzweifeln. Aber er war Kommandant, und um die Entmutigung der Leute nicht zu steigern, mußte man ihn gewähren lassen. Er nahm also einen Bleistift und fing wieder an zu zählen und zu rechnen, zerriß die Kompagnieen und stiftete dadurch so viel Unordnung und Ungelenkigkeit als möglich. Nachdem er eine Stunde lang gezählt, abgetheilt ' und wieder abgetheilt hatte, bildete er endlich zwei Carres zu beiden Seiten der Chaussee, — Carres von zwei Mann Höhe, die mit sechs Pferden umzurennen waren. In diesem Zustand, in Dunkelheit und einer empfindlichen Kälte verging die Nacht, während der die Unzufriedenheit und das Mißtrauen immer mehr stiegen. Viele erklärten mir, sie würden anderen Morgens das Korps und Baden verlassen, und es fiel mir auch gar nicht ein, sie davon abwendig zu machen, denn es mußte aus solcher Wirthschaft Jedem klar werden, daß in Baden nicht viel Besseres mehr zu erwarten sei, als in der Pfalz, und ich fand es ganz in der Ordnung, daß die Leute nicht Lust hallen, sich von der Dummheit und Kopflosigkeit opfern zu lassen. Des Morgens kam em Reiter, welcher den mündlichen Befehl überbrachte ' nach Karlsruhe zurückzukehren. Die Mangelhaftigkeit dieser Form gab Grund, die Ausführung zu beanstanden. Einige Kompagnieen gingen zurück, andere blieben da. Ich selber, noch immer am Fuße leidend und durch die Anstrengung der vorausgehenden Tage und der letzten Nacht beinahe völlig unbeweglich geworden, war schon einige Zeit vorher nach Karlsruhe zurückgefahren. Um 7 Uhr kamen Einzelne zu mir aufs Zimmer, die ihren Abschied verlangten, den ich ertheilte. Alsbald mehrte sich die Zahl so, daß das Zimmer stets voll gedrängt uud keine Möglichkeit mehr war, jedem Einzelnen einen schriftlichen Abschied auszufertigen. Während dieses Vorgangs kam Zitz, der ebenfalls in der Nacht in Leopoldshafen gewesen war, aufs Höchste indignirt über das, was er dort, wie an anderen Orten gesehen und mit der festen Erklärung, daß er Denen gegenüber, welche uns gefolgt seien, nicht länger die Verantwortlichkeit tragen könne, sie einer solchen Wirthschaft ex- ponirt zu lassen Wer in Baden dienen wolle, möge es auf eigene Faust und eigene Verantwortung thun; seinem Gewissen sei es unmöglich, die Leute durch seine Mitwirkung noch ferner zu bestärken. Er knüpfte daran gütliche Vorwürfe darüber, daß ich nicht schon in der Pfalz zur Auflösung eingewilligt hätte, wo die Rückkehr den Rheinhessen viel leichter gewesen wäre. Gleichzeitig erklärte er, einige tausend Gulden aus seinem Vermögen opfern zu wollen, um das Korps nach dem Elsaß zu führen, und von dort aus dessen ungehinderte Rückkehr von der hessischen Regierung zu erwirken. Ich stellte ihm vor, daß dieser Plan unausführbar sei. Weder die badische Regierung noch die französische würden den Durchzug resp. Uebertritt gestatten, die hessische Regierung würde sich auf keine Unterhandlung einlassen, und im besten Falle würde die Dislokation und Erhaltung des Korps während der ganzen zur Ausführung nöthigen Zeit, auch eine mit seinen Privat- Mitteln unerschwingliche Summe erheischen. Dagegen gestand''ich zu, daß ich mich nicht minder gedrängt fühle, jetzt, wo mir die Sache durchaus verloren schiene, nicht länger mit meiner Ueberzeugung zurückzuhalten. Zitz ging weg, um die Ansicht der Offiziere, welche er zu einer Besprechung bestellt hatte, einzuholen. Während er abwesend war, ward der Andrang der den Abschied Verlangenden immer stärker. Nachdem nun Zitz die Nachricht zurückgebracht hatte, daß alle Offiziere, welche sich eingefunden, unsere Ansicht theilten, erließen wir eine Erklärung, worin wir unseren Rücktritt aussvrachen und den Einzelnen überließen, in badische Wehrkörper einzutreten. Zugleich verfügten wir die Vertheilung der Gelder und des Inventars. Noch waren wir mit diesen Anordnungen beschäftigt, als uns Warnung auf Warnung zukam, die Herren Reichard und d'Ester, über unsere Maßregel empört, liefen durch die Stadt mit gräulichen Drohungen von Arretiren, Füsiliren u. dgl. m. Es wäre in der That ein eigenthümliches, tragi-komisches Schicksal gewesen, zu Ehren des spät erwachten terroristischen Bedürfnisfes der pfälzer provisorischen Regierung zu fallen, und ich glaubte nicht, daß Herr Reichard so entsetzlich grausam sein würde, uns durch einen Tod zur Rettung seines revolutionären Talents lächerlich zu machen; aber was ich befürchtete, war, daß man als unglücklicher Staatsgefangener möglicher Weise bei einem schnellen Rückzug vergessen und von dem pfälzischen zu dem tragischeren preußischen Terrorismns kommen könne. Wir zogen es daher vor, von Karlsruhe abzureisen. Herr Reichard hat sich nachher noch hoch und theuer verschworen, er hätte uns im Betretungsfalle erschießen lassen. Wenn dem so ist, so wird er nicht verfehlen, aus Dankbarkeit dafür, daß wir ihm diese fruchtlose Gräuelthat er- — 153 — sparten, mir zu verzeihen, daß ich hier seiner etwas frivol erwähnt habe. Ein Theil unserer Leute ging zu den Badensern, ein anderer auf verschiedenen Wegen nach Hause. Ich selber verließ Baden, ohne auch nur den Schatten eines Schattens von Hoffnung für den Widerstand der Badenser mitzunehmen. Juchhe nach Italial Vorbemerkung. ie Flugschrift „juchhe nach Italia" war die erste Arbeit mit welcher ich in Paris, während ich um Geschäftsleben stand, zur politischen Schriftstellerei zurückkehrte, nachdem ich grade zehn Jahre vorher in der Schweiz meine Erinnerungen aus der pfälzer Erhebung veröffentlicht hatte. Den Anstoß gab mir der Hrieg Frankreichs gegen Österreich zur Befreiung Italiens. Bekanntlich ward der Feldzug im Mai 18S9 eröffnet. Es war mir sofort klar, daß mit diesem Ereignis eine neue Aera der europäischen Politik beginne, und daß der Erlösung Italiens die Deutschlands folgen müsse, wenn Preußen nicht ganz taub für den Ruf des Schicksals bleibe. Aber die Strömung in Deutschland war weithin eine entgegengesetzte. Nicht nur im Süden, wo die österreichischen, antipreußischen, katholischen und zum Teil auch die demokratischen Tendenzen eine Parteinahme für Gsterreich gegen Preußen und gegen Louis Napoleon diktirten, sondern auch in vielen Mreisen des nördlichen und westlichen Deutschlands war dieselbe Auffassung vorherrschend. Die großen Blätter, auch am Rhein, huldigten der Idee, Preußen müsse Österreich beispringen, um nicht nach dessen Besiegung zu schwach Frankreich gegenüber dazustehen; der Rhein müsse am Ticino verteidigt werden, wie da- mals die Formel lautete. Eine interessante Gruppe unter den preußischen Kämpfern für Österreich bildeten die drei Männer Lothar Bücher, Roobertus und Kaplan Berg. Berg war ein Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 11 — 162 — rheinischer Katholik, dessen liberalreligiöser MiMzismus sich gut mit verwandten Zügen im Naturell der beiden anderen vertrug, von Wien aus schrieb der aus Amerika zurückgekehrte Julius Sröbel im selben Sinn. — In der festen Überzeugung, daß es ein nationales Unglück für Deutschland märe, sich in diesen Strudel mit hineinziehen zu lassen, fühlte ich den unwiderstehlichen Drang, einen IVarnungsruf zu erheben. So schrieb ich im Mai bei Ausbruch des Krieges sofort den hier folgenden Abschnitt. Aber es war, und das begreift sich bei einem Blick in den Text, nicht möglich, innerhalb Deutschlands einen Verleger für diesen heftigen Ausbruch zu finden. Auch schien es mir aus verschiedenen Gründen nicht angezeigt, mit meinem Namen herauszutreten. Über dem Suchen nach einem Verlag verstrich viel Seit, und die Bemühungen, Preußen zu übertölpeln, griffen immer mehr um sich. Da half Karl Vogt in Genf. Cr teilte ganz meine Ansicht und hatte selbst eine Flugschrift im gleichen Sinne verfaßt.*) Durch seine Vermittlung wurde'.das „Juchhe" bei Reinhold Baist in Frankfurt a. M. heimlich gedruckt und mit der Verlagsangabe „Bern und Genf, Vogts Verlag, 18Z9" in Deutschland verbreitet. Ehe aber noch der Druck- fertig war, war nun auch der Monat Juni vorübergegangen und Anfang Juli der Friede geschlossen. So empfahl es sich auch, dieses Ereignis noch zu berücksichtigen und die Schrift mit einem Anhang zu versehen, der jedoch im Nachstehenden, als weniger bezeichnend für den damaligen Meinungskampf, nicht wiedergegeben ist ,Iuchhe nach Italia" erregte ziemlich viel Aufsehen und Anfeindung. Julius Lröbel in seiner Flugschrift „Deutschland und der Sriede von villafranca" erklärte es für eine von der französischen Regierung bezahlte Arbeit. Der Name des Autors blieb, wenige Eingeweihte ausgenommen, unbekannt. Ich antwortete unter diesem Anonymat noch in einem „Offenen Brief an Julius Sröbel", der *) Studien zur gegenwärtigen Lage Europas. Von Karl Vogt. Genf u. Bern. Selbstverlag des Verfasser», l8Sg. — 163 — als Anhang zu einer Broschüre H>. B. Oppenheims „Deutschlands Not und Ärzte" im selben Jahr 18Z9 im Berliner Verlag von L. C. Huber erschien. Das kleine Soldatenlied am Eingang des Textes hatte das spaßhafte Glück, mehrfach für echt genommen zu werden. Karl Braun berichtet in seinem 1870 (Leipzig, Duncker u, Humblot) erschienenen Band „während des Krieges" das Nähere über einen Sammler, der es als einen interessanten Lund aus dem Nachlaß eines hessischen Soldaten glossierte, enthüllt aber dabei das Geheimnis der Autorschaft, indem er auch nachweist, daß die betreffende Parade nicht im Gktober 177Z, sondern erst sechs Monate später abgehalten worden sei. Lriedrich Kapp, der sich so eingehend mit der Geschichte des Soldatenhandels befaßt hatte, bat mich in einem Briefe aus New-Dork um Auskunft über das auch von ihm für echt gehaltene Lied. 11 Im Mai. Juchheisa nach Amerika Du Deutschland gute Nacht I Ihr Hessen präsentiert's Gewehr, Der Landgraf kommt zur Wacht. Ade Herr Landgraf Friederich Du zahlst uns Schnaps und Bier, Schießt Arm man oder Bein uns ab So zahlt sie England dir. Ihr lausigen Rebellen ihr, Gebt vor uns Hessen Achtl Juchheisa nach Amerika Du Deutschland gute Nacht! (Ein schön und wahrhaftig Soldatenlied, so Anno 1776 am 19. Oktober zu Kassel auf der Paraden von denen abziehenden Militärs mit admi- rabler borms Immern vor Jhro Durchlaucht gesungen worden). ermissimus saßen bei der Chokolade und prüften mit höchsteigenen Augen die neuesten von London eingelaufenen Subsidienrechnungen. Sie bestätigten, daß die Posten mit der berechneten Anzahl von verstümmelten Gliedern ihrer Soldatenlieferung nach dem übereingekommenen Tarif für Arm, Bein, Aug' oder Finger genau stimmten, und geruhten in landesväterlicher Huld einen nicht unansehnlichen Teil dieser Summen auf das Budget des ruhmreichen Karolinums und zur Verschönerung landgräflicher Parkanlagen, zu welchen an Sonn- und Feiertagen auch die getreuen Kasseler Bürger Zulatz hatten, auszuwerfen. Hierauf ließen Durchlaucht dero Leibschimmel vorführen und begaben sich zum Paradeplatz, wo der letzte Transport der an das Ministerium North verkauften Soldaten aufgestellt war, und den gnädigen Landgrafen mit einem wohleinstudierten: Juchhe nach Amerika! empfing. Was damals die kleinsten deutschen Landesherren mit ihren getreuen Unterthanen ausrichten konnten, das läßt sich auch heute noch mit einigermaßen veränderter Manier durchführen. Denn es ist bekannt, daß man dem wackeren Hessensürsten Unrecht thut, wenn man glaubt, er allein habe diesen sauberen Menschenhandel betrieben. Hessenland war nur damals, wie zu aller und neuester Zeit, das erhabene Musterbild eines patriarchalischen deutschen Regiments. Waldeck, Anspach, Anhalt-Zerbst, Braunschweig und Hannover oblagen der nämlichen Industrie, und nicht bloß in den Vereinigten Staaten, auch am Kap und in Batavia kämpften die wackeren Deutschen für fremden Despotismus zur Bereicherung ihrer Souveräne. So verstanden allzeit deutsche Fürsten die Handfestigkeit ihrer Landeskinder für ihre Privatzwecke zu benutzen, und so übten sie diese Kunst mit besonderer Vorliebe da, wo es galt die Ansprüche des Absolutismus gegen irgend ein nach Unabhängigkeit ringendes Volk zu verteidigen. Was wir heute sehen, ist ganz dasselbe Schauspiel, nur mutatis mutanäis. Das Handgeld für die an Österreich zu leistende Hilfe gegen Italien wird zwar nicht in blanken Thalern verrechnet, allein die Trieb- seder ist, wie damals, die Erhaltung und Befestigung der partikulären Landessouveränetät, welche durch eine nationale Bewegung des Kontinents und durch die Erschütterung des — 166 — fundamentalen Habsburgischen Absolutismus mit Recht bedroht erscheint. Und wie innig die Aufrechterhaltung ungeschmälerter Landessouveränetät mit der Vermehrung allerhöchster Zivillisten und Domanialgerechtsamen verwachsen ist, haben deutsche Stände seit 1849 weidlich erfahren können. Der fortgeschrittenen Bildung aber verdanken es die allerhöchsten Herrschaften, daß sie die zu einem lustigen Juchhe nach Amerika! begeisternde Schnapsverteilung nunmehr durch Gestattung burschenschaftlicher Lieder ersparen, und mittels aufgewärmten Franzosenhasses, mittels jesuitischer Umtriebe, besoldeter Zeitungen und herabgekommener Aktienbesitzer eine scheinpatriotische Erhebung in Szene setzen, deren Ausgangs- und Endpunkt in erster Linie die Erhaltung des Habsburgischen Soldaten- und Pfaffen-Despotismus ist. in zweiter Linie die Erhaltung der darauf basirten Zersplitterung Deutschlands in dreißig souveräne Staaten. Ihr wütet für Habsburg gegen Italien und für eure absoluten Landesherren gegen Euch selbst und glaubt eine deutsche, d. h. einheitliche Erhebung zu feiern! O admirable Konus tmmsrir! Wie sie schreien werden — denn Schreien ist ja die Parole, und sie kennen den Zauber dieses Betäubungsmittels — wie sie schreien werden, die Schurken und Schwachköpfe aller Abstufungen, über den Einzelnen, der sich unterfängt, mit frecher Selbstgewißheit sein abstechendes Urteil als den Ausspruch des Menschenverstandes der Stimme einer Nation entgegenzustellen. Nun, es giebt solche Gewißheiten, es giebt Ueberzeugungen, die in Ruhe und Unbefangenheit abgewogen, das Bewußtsein in sich tragen, daß sie allein richtiger sehen, als eine rasende Gesammtheit, die am Ende auch nur von einigen Wenigen geführt, berauscht, gehetzt, sich einherwälzt. Und wer sind sie denn, die sich auf die große Mehrheit, auf die heilige Volksstimme berufen? Sind es die, welche ihr von jeher gehuldigt haben? Nicht doch! — 167 — Es sind die, welche von ewig her nur Hohn und Ungnade für die öffentliche Meinung an den Tag legten, welche nie das freie Wort ertragen konnten, welche den beschränkten Unterthanenverstand in zehnfache Bande zu schlagen für unentbehrlich erklärten, und das Recht klüger, besser und mächtiger zu sein als ganze Völker von einem Gott geerbt zu haben beteuerten. Jetzt aber, wo ihr sie braucht, die derben Arme der verachteten Massen, jetzt wo ihr nach euren wohlüberlieferten geheimen Rezepten sie berückt habt, jetzt soll ich Ehrfurcht hegen vor der erhabenen vox populi? Gemach, Ihr Herren! Wisset ihr, was eine öffentliche Meinung ist? Nicht das blöde Geschrei einer seit zehn Jahren geknebelten, erdrückten, zersetzten, demoralisierten Anzahl von Millionen. Nicht der hohle Widerhall jener allein privilegierten Irrlehren, welche seit zehn Jahren die Dunkelmänner aller Klassen in die Ohren der Nation hineinschreien durften. Nicht der Ausbruch des Giftes, welchen Ultramontanismus und Agiotage unbehelligt dem Volkstörper eingeimpft haben. Ja, wenn in diesen zehn Jahren, welche seit dem letzten National-Bankerott verflossen sind, ein freies Wort hätte in Deutschland erschallen dürfen, wenn gleiches Recht gegolten hätte für die Missionäre der Aufklärung, wie für die der Verdummung. ja, wenn eine Masse da wäre, die man nicht alles politischen Denkens mit Gewalt entwöhnt hätte, ja und wenn dann eine öffentliche Stimme sich erhöbe und mit Alleinigkeit ihr Wort erschallen ließe, wer wollte sich nicht in Demut bengen und seinen Irrtum bekennen? Aber nimmermehr vor diesem eingetrichterten Gebrüll entwürdigter Unterthanen, hinter welchen die ganze Meute wohlabgerichteter Hetzhunde einherbellt — nimmermehr! Meint ihr, die Herren hielten so ganz umsonst auf die ausschließliche Gewalt, die Presse zu besitzen, die Lehrer zu ernennen, die Schulen zu regieren, die Bücher zu zensieren, die Klöster zu stiften, und unwidersprochen Jahr ans Jahr ein ihr — 168 — Lied ertönen zu lassen? Meint Ihr. daß sei blos aus Brodneid auf die Beredtsamkeit ihrer Nebenmenschen und aus Wohlgefallen an ihrer eignen Suada? Nicht doch! Sie wissen es recht gut, daß man ein Volk vergiften, verfälschen, verdummen kann. Und wenn alles künstlich präpariert und einstudiert ist, dann sollen wir die Macht der Wahrheit aus diesem Präparat empfangen, das ihr Volk zu nennen beliebt, wenn ihr Blut und Thaler braucht? Die Stimme des vereinsamten freien Menschenverstandes will nicht verstummen vor diesem mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis veranstalteten Gebrüll zu Gunsten habsburgischer Despotie und deutscher Zaunkönige. Denn, rund heraus sei es gesagt: nicht um Italien handelt es sich für uns, nicht um Bonaparte; es handelt sich um Deutschland, um Deutschlands Wohl, um die Einheit, welche nicht an der Eider und nicht am Po ihre gefährlichsten Feinde hat, sondern an der Donau, und überall da, wo ein Duodeztyrann jetzt Wachtparaden mit Kaiser- Franzens-Hymnen aufführen läßt. Mit Recht ist es gesagt worden. Das Beste, was jetzt geschrieben werden könnte zur Aufklärung Deutschlands, das wäre eine kurze, handgreifliche, volkstümliche Geschichte des Hauses Habsburg. Ja. wenn sie Geschichte kennten! Man hat es oft genug gerügt, wie arm die deutsche Litteratur an großen historischen Talenten sei, aber es ist noch selten zu Gemüte geführt worden, wie innig verwebt diese schlechte historische Erziehung mit dem Unglück deutscher Nation ist. Geschichte! Als brauchte es Geschichte! Ist Malmö und Friederizia Geschichte? Ist Ollmütz Geschichte? Ist Bron- zellen Geschichte? Sind alle die rettenden Thaten von Wien bis Hessen-Kassel, sind die Kriegsgerichte und Spinnhäuser als letztes Siegel aus die Einheitsbestrebungen der Nation Geschichte? Ist das Konkordat mit den Jesuiten Geschichte? Lebendige, brennende Gegenwart, frische Scham- — 169 — röthe um verlorene Anstrengungen, Schmach und gebrochene Worte und zerrissene Verträge, Thränen, die noch fließen sollten um edle Opfer, Blut, das noch dampft, Ketten, die noch klirren. — Geschichte, welcher Lebende braucht von Geschichte was zu wissen, der nicht Gedächtnis und Verstand zugleich verloren hätte! Aber nicht einmal das Gedächtnis zu verlieren, giebt es eine Ausrede. Nehmen sich doch die Herrschaften selbst die Mühe, die glorreiche Erhebung von 1813 anzurufen, als wären diese Jahre des Aufschwungs und der Hingebung nicht unzertrennlich und jämmerlich verbunden mit den Jahren 1815 bis 1818. 19 und alle folgenden, mit der Abläugnung aller Verheißungen, mit der Verfolgung aller Wackeren, mit der Erstickung aller guten Keime. Ja, das, das darf man dem deutschen Michel bieten, wenn man von Gottes Gnaden ist und ihm über die Polizeistunde hinaus zu singen erlaubt. Hätte man doch beinah die Stirne, ihn an 1848 zu erinnern und lassen gewisse Wiener Hofdemokraten schon leise durchblicken, daß man in der Burg die Reichsverfassung noch nicht ganz vergessen habe und mit einer großdeutschen Auferstehung schwanger gehe. Welch ein entsetzlicher Verlust, Haß gerade jetzt der Johann*) gestorben, und wo wird man den Reichshanswursten im Tyroler- röcklein hernehmen, um eine gemüthliche Verwesung einzusetzen, bis daß wieder die Stunde gekommen sei. die Puppe in den Kasten zurückzuschieben und dem Spatz in Frankfurt mit einigem Ernst von Pulver und Blei in der Brigittenau**) ein Ende zu machen! Ja, das alles habt Ihr vergessen und noch viel mehr, wer könnte es aufzählen das Register groß- und kleindeutscher Eidbrüche und zerbrochener Werkzeuge? Und möget Ihr immerhin vergessen, wenn ihr nur denken *) Der Reichstierweser Erzherzog Johann. ") Zu Wien, wo Robert Blum erschossen wurde. — '.70 — wolltet, nur ein klein bischen armseliger Logik, nur den einfachen Satz der Kriminalistik zur Anwendung bringen wolltet: ^>8 ksoit eui xroässt, d. h, der ist der Thäter, welcher den Nutzen davon hat. Ist es Euch denn noch gar nicht eingefallen, warum die Herren von Bayern, von Nassau, von Hannover, ja sogar von Kurhessen auf einmal so wütig patriotisch geworden, warum auf einmal aus dem Mund dieser teilungsseligen Selbstherrscherlein das große ganze Deutschland so armsdick hervorquillt, und warum sie beinah dem Gedanken nahe kommen, die schwarzrotgoldene Fahne nicht mit dem Zuchthause zu bedrohen? Merkst du denn gar nichts teurer Michel? Ach, du merkst es wohl, aber du willst es nicht merken. Es ist so selig, auf Anstiften einer hohen Obrigkeit zu brüllen! Das ist das ganze Geheimnis. Ist denn diesem Volk wirklich noch zu helfen! Einem Volk, das nicht in Hohngelächter ausbricht, wenn Habsburg von deutschen Brüdern spricht, eineni Volk, das nicht stutzig wird, wenn die Jesuiten von Nationalität predigen, einem Volk, das nicht in Unwillen gerät, wenn seine Winkeldespoten das Vaterland in Gefahr erklären? Seht ihr denn nicht, was in Gefahr schwebt? Die österreichische Hausmacht schwebt in Gefahr, das böse Prinzip Deutschlands, und darum alles, was zusammenwurzelt mit diesem böseu Prinzip, die Vielherrschaft, die Zerstückelung, die Dunkelheit, der Jesuitismus, der Rückschritt und die Luderwirtschaft des patriarchalischen Polizeiregiments in allen Graden und Formen. Wahrlich, eine Nation, die nicht von Abscheu und Ekel ergriffen wird, wenn österreichische Kaiser von deutschen Brüdern und von nationaler Einheit sprechen, ist schwer zu retten. Ist auch nur ein Schimmer von Möglichkeit vorhanden, daß ein Habsburg anderes wollen könne, als die Ohnmacht deutscher Stämme, als die Verläugnung aller Nationalität? In demselben Augenblick, wo der Herr von Buol ein Rundschreiben — 171 — an die europäischen Kabinette erläßt, in dem er das Prinzip der Unabhängigkeiten als eine lächerliche Utopie verhöhnt, damit er beweisen könne, daß Italien naturrechtlicherweise unter den slavisch-deutschen Stock gehöre, im selben Augenblick trinkt er mit Deutschland Brüderschaft im Namen der heiligen Blutbande! Ist das nicht Wahnwitz? Und wer hat 1815 und die Schandkarte von Deutschland gemacht? Wer hat die Profoße geliefert, welche die oberste Fuchtel über deutsche Zerstückelung und Entnervung führten, wer hat die Melterniche und Münchbellinghausen geliefert? Wer mußte sie liefern, um nicht von einem wahrhaft verkörperten Deutschland zur Seite geschoben zu werden? In der That, wer nicht aus der Geschichte gelernt hat und nicht mit dem Verstände begreift, daß eine österreichische Hausmacht kein einiges, mächtiges Deutschland vertragen kann, dem ist allerdings nichts besseres zu raten, als daß er in Gottes Namen den Beruf deutscher Nation als getreuer kurhessischer Unterthan erfüllen helfe. Und da glaubten wir, im Jahre der Gnade 1848 sei Deutschland dumm gewesen. Wie groß steht diese Zeit der Erleuchtung doch neben der heutigen! Damals hörte man noch mit Wuth und Verachtung vom Frankfurter Bundestag sprechen, als vom Urquell alles Bösen! Jetzt aber liegen wir seelig in den Armen dieser Bruderanstalt! Oder ist der Buud etwas Anderes als Österreich? Der Repräsentant des österreichischen Korporalstocks in Deutschland, die kaiserlich privelegirte Mutterloge aller Zerstückelung, aller Knechtung und Knebelung? Österreich braucht Italien, wie alle seine fremden Völker, um mit dem fremden Gewicht auf Deutschland lasten zu können, und weil die Gefahr ausbricht, ihm das Rutenbündel zu entreißen, mit dem es uns zu Paaren treibt, deswegen stehen wir für es auf und können den Augenblick nicht erwarten, bis wir den Märtyrertod für unsern Zucht- — 172 — meister sterben. Und wie sie schüren, wie sie jauchzen die guten Landesväter, wie sie patriotisch glühen! Natürlich, sie wissen warum, nur gar zu gut! Österreich ist der Fels, aus dem ihre Kirche steht, Österreich der Eckstein des Kerkers deutscher Einheit und Freiheit, dessen vierunddreißig Zellen sich öffnen würden, wenn die schwarzgelbe Fahne in Frankfurt herabgerissen würde, wenn einer rein deutschen Macht die Möglichkeit in den Schoß fiele, den faulen Plunder raubritterlicher Souveränetäten mit einem kräftigen Stoße in alle Winde zu zerstreuen und aus Deutschland einen wirklichen Staat zu machen. Darum singt Wittelsbach deutsche Lieder, darum hält Nassau Wachtparaden, darum veranstaltet Hessen-Darmstadt Nationalgeistsausbrüche. O diese Wackern! Wie sie vor Rußland, wie sie vor Frankreich krochen, als der Wind des Despotismus von der Newa und der Seine her blies. Jeder schickte seinen winselnden Tribut zu dem Gesellschaftsretter in den Tuilerien und errichtete dem Zaren einen Hausaltar. Jetzt aber sind sie Franzosenfresser und Slawophoben geworden. Derselbige darmstädtische Herzog, welcher jetzt gegen das russenfreundliche Bündnis wappnet, verschrieb sich einen französischen Credit Mobilier aus Paris und führte russische Klassifizirung und Uniformirnng in seinem Ländchen ein, um dem Kaiser Nikolaus näher zu rücken. Ja auch Kurhessen, erhabenen Sinnes, wird deutsch begeistert, vom edlen Hannover nicht zu reden, lauter Schwärmer für Einheit und Fortschritt. So auch die württembergische Reichsritterschaft, welche mit einer Hand ihre modrigen Pergamentsprivilegien und mit der andern das deutsche Einheitspanier trägt. Je mehr sich einer um die Entmündigung, Kränkung. Niedertretung deutscher Nationalität verdient gemacht, desto lauter schreit er jetzt. Ja ihr Herren, wenn Deutschland nicht zu ewiger Blödheit verflucht wäre, es könnte euch schön zu Leibe rücken; wenn dem Habsburger Geier die Krallen abgehackt, wenn die kleineren Raubvögel aus dem Schutze — 173 — seiner Fittiche herausgejagt, wenn das Zion des Jesuitis- mns gebrochen, wenn die Stimmen der Nationen ringsum laut würden, und dann — ja, wenn das möglich wäre! — wenn in Preußen ein Funke von Ehrgeiz, Mut und Aufschwung aufloderte, allerdings dann könnte aus der Fabel Deutschland eine Wahrheit werden, — aber dann hieße ja deutsch sein nicht blind sein, und Elend wäre nicht unser Erbtheil, Was am meisten bei dem ganzen Vorgang empört, das ist zu sehen, auf welche Manier künstlich und diabolisch eine öffentliche Meinung gemacht werden kann, welche gar nicht naturgemäß aus dem eigenen Wesen des deutschen Volkes entspringt. Das gesammte Ausland, welches dermalen unter dem Glauben lebt, es handle sich bei uns um eine großartige spontane Erhebung, um einen lebendigen Ausbruch innerer Gluthgefühle, möge immerhin in diesem Wahne befangen bleiben. Es möge uns dieser Wahn in seinen Augen noch mit einer gewissen Glorie umgeben, denn ein freiwilliger und mit edlem Selbstgefühl zusammenhängender Irrtum gleicht doch von ferne einer Äußerung nationalen Lebens. Aber unter uns dürfen wir nns gestehen, daß der ganze Sturm nur künstlich zusammengeblasen nnd aus den kläglichsten Elementen aufgewirbelt ist. Im deutschen Charakter liegt weder der glühende Nationalhaß gegen das Ausland, noch die katholische Bigotterie, noch die Eroberungs- und Herrschsucht über fremde Völker, welche jetzt auf Anordnung der österreichischen Polizei überall in Musik gesetzt und in den Gassen losgelassen werden. Der Deutsche — das ist ja bekannt — ist kosmopolitisch, anerkennend und vorurteilsfrei. Die Berserkerwuth, die man ihm jetzt einredet, ist nur mit bornirtem Nationalgesühl vereinbar, von dem er nichts weiß. Aber das ist das Kläglichste in der Weltgeschichte, daß die großen Massen nicht einmal selbst die Vorurteile erzeugen, mittelst deren man sie zum gefügigen Spiel- und Werkzeug — 174 — ihrer Herren macht. Nicht die Blutströme sind das Traurigste in den Annalen der Menschheit, sondern die vergifteten Quellen, denen sie entspringen. Wie in den Religionskriegen die Völker von Fürsten und Pfaffen für dogmatische Spitzfindigkeiten fanatisirt wurden, um Hofinteressen, Klostergüter und Landeshoheiten zu verteidigen, so wird jetzt ein antifranzösischer und antiitalienischer Rassenhaß eingetrichtert, um Habsburgs Gut mit deutschem Blut und kurhessische Souveränetät mit einer Intervention in der Lombardei zu verteidigen. Ist doch der ganze Wahnwitz des Nationalhasses nur ein Vermächtnis der Feudalherrschaft und der Unersättlichkeit adliger Raubritterschaft, welche der Plünderung fremder Länder zu lieb das edle Kriegshandwerk ergriff und durch die Konsequenz hundertjährigen Unfugs das Ungetüm der Nationalfeindschaften großgezogen hat. War der Bauer in der Normandie jemals lüstern nach den Feldern seines Unglücksgenossen in der Pfalz, oder träumte der Handwerker in der Lausitz von dem Besitz der Gefilde am Po und am Tessin? Nein! Aber Monarchen und Raufbolde, welche von Hofhistoriographen zu erhabenen Erscheinungen gestempelt worden, schleppten in erbarmungsloser Unersättlichkeit den Bauernsohn vom Pflug hinweg (wenn sie ihn nicht lieber gradezu für blankes Geld verkauften) und zwangen ihn, sich auf den gleich elenden Bauern eines andern Landes zu werfen, und nachdem das zwangsweise gegenseitige Morden und Plündern zum Ruhm und zur Bereicherung einiger erlauchten Häuser ehrwürdig historisch geworden, ist es auch dahin gekommen, daß die armen Teusel verschiedener Zungen sich einen ewigen Haß nachtragen, welcher jedoch nur dann angefacht wird, wenn es den Interessen der Herrschenden dient, die selbst aufgeklärt genug sind, um zu anderen Zeiten mit ihren ausländischen Vettern im herzlichsten Einverständnis zu leben. Um nicht vom glorreichen Rheinbund zu reden, welche süße Eintracht mit Ruß- — 175 — land und mit dem jetzigen Napoleon haben wir nicht selbst erlebt, als es sich darum handelte, mit Hilfe der europäischen Zentralpolizei die eigenen getreuen Untertanen zu maßregeln, welchen man jetzt mit solcher Entrüstung den Erbfeind de- nunzirt. Die Deutschen vollends sind noch mehr als jeder andere Stamm frei vom barbarischen Fremdlingshaß und gar von dem Ehrgeiz, nach Außen zu herrschen. Wie könnte auch in einem Volk, das nie zu einer staatlichen Organisation und zu nationaler Einheitsform gekommen ist, der Drang bestehen, fremde Länder zu unterjochen? Ehe wir fremdes Gut besitzen wollten, müßten wir doch uns selbst besitzen. Aber die gelehrte Burschenschaftsmaskerade will uns jetzt weiß machen, wir hätten von jeher den Beruf gefühlt, über Italien zu herrschen, weil deutsche Landsknechte für Sold und Plünderungsrecht in Italien hausten! Als hätten sie nicht auf allen Seiten für und wider jedes Land und jeden Herzog hundertmal in derselben Schlacht sogar gegeneinander gekämpft, in Frankreich, in Italien, in Spanien und wo nicht? als hätten die Schweizer, die Schotten und alle abenteuer- und rauflustigen Völkerschaften nicht dasselbe getrieben! Wenn die Deutschen der Stimme ihres eigenen Rechtsgefühls und dem Vernunftschluß aus ihrer ganz gleichartigen Unglückslage folgten, so würden sie der italienischen Einheitsbestrebung aus tausend Kehlen zujauchzen. Aber wer das jetzt ausspricht, der wird als sentimentaler Faselhans niedergeschrieen. Denn in diesem politischen Kunstgriff liegen abermals zwei Geheimnisse der modernen Volksausbeutung begraben. Einmal das Niederschreien überhaupt. Wo die Herren einen Grundsatz hervorkeimen sehen, der ihnen im innersten Mark gefährlich werden könnte und dessen logische Konsequenzen bei einiger ungestörter Erörterung mit zwingender Beweiskraft ihnen zu Leibe rücken möchten, da geben sie ihren Claqueurs die Losung, beim ersten Wort mit solchem anscheinenden moralischen Unwillen — 176 — loszubrechen, daß vorab keine Stimme hörbar werde, und daß sodann der verblüffte Philister aus der himmelhohen Entrüstung des tonangebenden Auditoriums auf die Ruchlosigkeit des lautgewordenen Gedankens und auf die Ungeheuerlichkeit seiner eigenen Versuchung bei Duldung solcher Blasphemieen schließen müsse. So war es unter der bour- oonischen Dynastie peremptorisches Stichwort, jede Erinnerung an den Konvent niederzuschreien; so wurde Rüge niedergeschrieen, als er zum ersten Mal gegen Österreichs Herrschaft in Italien sprach. Etwas Bestialität steckt ja immer im Menschen, und wenn man ihm das Toben noch gar zur Ehrensache macht, so hat man doppelt leichtes Spiel. Auch hat man in neuester Zeit die Ausrottung finsterer Vorurteile damit zu hemmen verstanden, daß man die Anfeindung überlieferter Barbareien als unreife Sentimentalität lächerlich zu machen bemüht war. Wenn Gut und Blut für irgend einen angestammten Landesquälhans gebraucht wurde, da war kein Gefühl zu stark, keine Thräne zu heiß, keine Treue zu schwärmerisch. Ein ganzes Ländchen mußte in Rührung schwimmen, wenn die allerhöchste Schwiegertochter glücklich in die Wochen gekommen. Aber handelt es sich um Abschaffung entmenschender Prügelstrafen, um Reinigung mittelalterlicher Halsgerichtsordnungen, welche mit dem Geiste des übermütigen Junkertums innig verwandt sind, so ist jede Humanität und Nachsicht unpraktisches und schädliches Gefühlswesen. Gleicher Weise wird jede Teilnahme für die von Grund aus berechtigte Erhebung Italiens gegen Österreich als unstaatsmäunische Jugendeselei verhöhnt, während es doch auf der Hand liegt, daß Sardinien dieselbe Sache verficht, welche Preußen verfechten müßte, wenn Deutschland zu einer Existenz kommen sollte. Brutalität aller Art als Nrkraft und Gesundheit propagieren, das haben die hochobrigkeitlichen Stimmführer allzeit meisterlich verstanden, wenn es sich nicht etwa darum handelte, über die Schreckensherrschaft der Re- — 177 — volution und die Blutgier der Demokratie Ach und Wehe zu schreien. Noch abgeschmackter als die falsche Starkgeisterei ist das Klugthun der realistischen Politiker, welche mit volkswirtschaftlicher Nüchternheit die Unentbehrlichkeit eines Habsburgischen Territorialbesitzes in Italien nachweisen.*) In der That, Österreichs wirtschaftliche Blüte ist ein schöner Beweis für den Segen seines Ltaws yuo. Es ist kaum glaublich und doch wahr, daß es eine Zeit lang beinahe Stichwort gewesen, dem Fluch österreichischer Verfinsterungspolitik den Segen des materiellen Wohls als Kompensation entgegenzusetzen. Hat wirklich eine Art, dieses materielle Wohl! Ein Land, das in den Krieg hineingeht, verblutet und verarmt, wie sonst kaum eines aus langem Krieg heraus gekommen. Assignaten, allgemeiner Landesbankrutt vor dem ersten Schuß! Ruinirte Industrie, entehrter Handel, Unmöglichkeit des Verkehrs mit dem Ausland. Das sind die Vorteile, welche einem halben Jahrhundert des Friedens unter dem Schutze des Mönchs- und Polizeiwesens entsprossen sind, und welche ganz Deutschland drohen, wenn es die schwäbischen Reichsstände und süddeutschen Curialstimmen dahin bringen, daß habsburgisches Regiment siegreich über den Bund ausgedehnt werde. Ein Land, das alle seine Unternehmungen mit fremden Kapitalien gründen, das um von der Hand in den Mund zu leben, seine Eisenbahnen eine nach der andern um den halben Kostpreis versilbern, seine Domänen ver- *) Einer der banalsten Trugschlüsse in der Nationalökonomie ist, daß man ein Land besitzen müsse, um in vorteilhaften Handelsbeziehungen mit ihm zu stehen. New-Iork war Wohl fruchtbarer sür Liverpool als es noch einer englischen Kolonie angehörte? und Augsburg und Nürnberg hatten keinen blühenderen Verkehr mit Venedig als dieses noch nicht dem österreichischen Bruderstaat einverleibt war? Lasset Oberitalien dem Habsburgischen Bettelmönchsregime entzogen sein, und es wird euch bessere Zinsen abwerfen, als wenn ihr es unter der soldatischen Fuchtel zur Verarmung führet, wie die anderen österreichischen Provinzen. Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 1'^ — 178 — pfänden, seine Kreditinstitute notzüchtigen muß, welches, wie ein recht liederlicher Junker, die Waare bei dem einen Wucherer borgt, um sie daneben beim andern um den Drittelswert zu verpfänden! Arbeitet zehn Jahre an einer Valuta-Regulirung, um das Ideal der gothaischen Einheit von Münz, Maß und Gewicht ins Werk zu setzen, und kann die Maskerade seiner Nachzahlungen nicht vierundzwanzig Stunden auf den Beinen halten, trotzdem bei Stockprügelstrafe verwarnt ist. von einer kaiserlichen Bank Silber gegen Papier zu verlangen. Das sind die Vorteile, welche Deutschland von Österreichs Wohlstand mitgenossen. Hätte es nicht einen Soldaten auf je zehn italienische Untertanen ernähren müssen, so hätte es seine Schulden bezahlen können, und halb Süddeutschland wäre jetzt nicht um ein gut Teil ärmer. Die Armee hat das Land aufgefressen, die Armee hat dem Boden die Hände entzogen, und die Armee war für Italien unentbehrlich. Das sind die vielgerühmten materiellen Segnungen. Oder ist es vielleicht gar die germanische Seeherrschaft in adriatischen und levantinischen Gewässern, welche von der Habsburgischen Zwingherrschaft in Italien bedingt ist? Denn wenn man mit pausbackigen Seehanswurstiaden kommen kann, ist ja der Marineburschenschäftler gleich siegesberauscht. Da habt ihr sie eure österreichische Marine, das berühmte Haxg-x I^owsoon der einzigen unteilbaren Fregatte, deren Husarenbemannung regelmäßig einmal im Jahr ersäuft, worauf dann ein erzherzoglicher Seewolf zur Stelle ans Ufer eilt, um durch höchsteigne Ortsbesichtigung ein persönliches Opfer zu bringen (nicht zu gedenken, des unter allerhöchster kaiserlicher Fürsprache alljährlich erneuerten Pensionsgesuchs des Marinerats Jordan). O ihr praktischen Gimpel, wenn ihr vergleichen wolltet, was die kleine Republik Venedig zur See ausgerichtet, und was der Koloß Österreich mit denselben Häfen zu Stande gebracht hat. Überall nichts als Elend, Unfähigkeit, Verrottung; und das — 179 — Alles blüht auch uns, wenn es gelingt, uns noch mehr, als wir es schon sind, unter die Habsburgische Oberhoheit zu stellen. Denn darum handelt es sich, und darum im besten Fall, nämlich wenn wir mit Österreich siegen; denn was uns pasfirt, wenn wir mit Österreich geschlagen werden, davon mag gar keine Rede sein. Aber nehmen wir an, das große Nationalwerk gelingt, Deutschland wird in den Angriffskrieg gegen Frankreich verwickelt, und Österreich verdankt die Erhaltung seiner Integrität den Umtrieben deutscher Kleinfürsten und ultramontaner Pfaffen. Dann wird es erst recht klar werden, wie der österreichische Despotismus in der deutschen Vielstaaterei wurzelt, wie ihm zu Liebe Preußen erniedrigt und erdrückt werden muß, und dann wird eine Bruderseligkeit zwischen neuen Metternichen und deutschen Landesvätern aufblühen, dergleichen noch nicht dagewesen. Das ist der Kern der Frage, um die es sich jetzt handelt. Welche geringe Vorstellung man immer von dem Verhältnis habe, in welcher das gegenwärtige preußische Herrschergeschlecht seiner deutschen Aufgabe gewachsen ist, wie viel Wahres auch an der süddeutschen Antipathie gegen märkischen Jntelligenzdünkel sei — das ist und bleibt doch der einzige Ausweg aus Deutschlands Jammerzustand, daß Preußen möglichst weit das Raubstaatensystem absorbiere. Wie wenig Zutrauen man immer in dynastische Einigungs- und Be- freiungs-Methoden setze, es ist nicht zu läugnen, daß nach der erbärmlichen Niederlage von 1848, von Berlin aus noch mehr Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang winkt, als von einem Frankfurter Parlamente aus. Und dann handelt es sich jetzt gar nicht um die Wahl zwischen zweierlei Mitteln. Zu einem von unten auf anhebenden Befreiungs- und Ver- einigungs-Versuch liegt nicht das geringste Material da, wogegen noch nie eine so günstige Gelegenheit vorhanden war, die preußisch deutsche Bewegung vorwärts zu schieben. Es handelt sich nicht um Ab- und Zuwägen. es handelt sich ums 12» — 180 — Ergreifen der günstigen Umstände, welche unter den gegebenen deutschen Verhältnissen nur überhaupt denkbar sind. Damit Preußen diesen Rettungsversuch unternehmen könne, muß Habsburg anderwärts beschäftigt und entkräftet sein. Je näher man die Situation ins Auge faßt, desto unschätzbarer und verlockender erscheint sie. In ruhigen Zeiten würde ein preußischer Ausdehnungsversuch an Deutschlands Nachbarn lauter entschiedene Gegner finden. Alle diplomatischen Traditionen der alten europäischen Scheelsuchts- vulKo Gleichgewichtspolitik lauten auf die Notwendigkeit: Deutschland, wie jeglichen Nachbarn durch Teilung und Zersplitterung darnieder zu halten. Es war stets und wird stets das System Rußlands, Frankreichs und Englands bleiben, sich Ästerreichs gegen preußische und Preußens gegen österreichische Fortschritte zu bedienen. Die Geschichte Deutschlands seit 1815 ist nichts als eine Reihenfolge solcher Intriguen. Nun auf einmal sind die beiden gefährlichen Nachbarn einem entschiedenen Vorangehen gewogen, sie sind nicht blos bei dem Überwiegen Preußens über Österreich sondern, was noch seltener der Fall war, bei dem Unterdrücken der kleinen fürstlichen Kläffer direkt interessirt — und diese Gelegenheit, seine ärgsten Widersacher los zu werden, sollte sich Deutschland entgehen lassen! Endlich auch sind die innern Verhältnisse Preußens gerade momentan in einem so glücklich disponirten Stadium, wie dies bei der Halbheit und Zweideutigkeit der Berliner Politik überhaupt nur denkbar ist. Nach Beseitigung eines Regiments/ welches von augenverdrehenden Junkern mit Hilfe einer Bande von Polizeispionen, ^.Asnts provoeawurs und sonstigem Gesindel ä 1a Gödsche, Ohm und Lindenberg dirigirt worden, tritt eine neue Regierung auf, welche zum mindesten einigen Ehrgeiz — das Einzige was Deutschland hoffen kann — zu hegen versprochen hat. Während Rußland und Frankreich gezwungen sind, diesem Ehrgeiz Vor- schub zu leisten, ist England durch Familienbande verhindert, solchen Widerstand in den Weg zu legen, als es sonst wohl zu thun versucht wäre. Und alles das trifft sich glücklicher Weise vor Ablauf des ersten Dezenniums nach Deutschlands letztem Rettungsversuch. Ja, man hätte hoffen dürfen, daß wir noch nicht so ganz und gar vergessen hätten, was wir vor zehn Jahren geträumt, und welche unerhörten Mißhandlungen, Enttäuschungen, welche Abläugnungen und Niedertretungen wir seitdem erfahren haben. Ja man hätte es hoffen dürfen, aber Deutschlands Unstern — so scheint es — ist mächtiger als alle Kombinationen, welche uns das Glück in den Schoß wirst. Wie kommt es. muß man sich fragen, wie ist es nur möglich, daß eine eben aus der Schule der teuersten Erfahrung hervorgegangene Nation ihr Heil so mit Füßen treten, ihre Erlösung mit Wut von sich stoßen könne? O König Lear, o König Lear, wie sehe ich dich dereinst, die Haare ausraufend in der Wildnis irren, wenn dich die vorgezogenen Töchter Austria und Bavaria mit Peitschenhieben werden von ihrer Thür jagen lassen! Freilich erklärt sich zum Teil aus der großen Möglichkeit der Rettung die Größe der Gefahr, denn die Kleinfürsten und ihr Anhang, welche die Dinge viel besser verstehen als ihre getreuen Unterthanen, setzen Himmel und Erde in Bewegung um die öffentliche Meinung auf den österreichischen Abweg zu führen. Jetzt hört man auf Hofburgen, auf Wachtparaden und Regierungsbänken nichts als Deutschland und Brüderschaft rufen. Das erbärmliche Nassau, welches, um eine landesangehörige Dorfschenke zu protegieren, jahrelang sich dem Anschluß nachbarlicher Eisenbahnen widersetzt; welches um einiger Thaler Einkünfte wegen die Aufhebung der Rheinzölle verhindert und in souveränem Starrsinn, gegen den Willen aller größeren Uferstaaten den deutschen Strom veröden läßt, diese Duodeztyrannen, Spielbordellbesitzer und kaiserlich russischen Regimenisinhaber machen - 182 — jetzt schwarz-rot-goldnen Patriotismus, — und Deutschtand berstet nicht vor Lachen! Oder sollen wir an die edlen Aufwallungen von Hessen-Kassel glauben, oder an bayerische Staatsstreichler, welche ihre Nachtmützen-Konstitution noch zu wild finden, um nach erhabenem Lon plaisir zu regieren! O Schilda, mein Vaterland! Aber wenn ein Landesvater deklamiert, wer möchte da widerstehen, und wenn eine hohe Obrigkeit die patriotischen Lieder bis auf weitere Zuchthaus-Konstellationen fteigiebt! Stehen nun gar neben der Landespolizeibegeisterung die katholischen Pfaffen, die man auch in protestantischen Ländern seit 1849 stets nach Belieben schalten und verdunkeln ließ, kommen endlich die „besten Männer" stets von ihrem Instinkt herbeigeführt, da wo eine Eselei zu begehen ist, nnd getreu ihrem Beruf des ungefährlichen und impotenten Patriotismus und der Vertrauensseligkeit; gesellt sich zu allem dem die heilige Truhe, von deren Grnnd hohnlachende österreichische Schuldverbriefungen hervorgähnen: welch ein Rezept für eine öffentliche Meinung zu Habsburgs Erlösung! Steht Einer auf und will an alles das erinnern, so wird er zuerst natürlich niedergeschrieen; als bezahlter Verräter, Franzose, Pole, Jude von der „Augsburger" denunziert, die zur Stunde nur österreichisches Geld anerkennt, (dasür giebts nämlich immer noch Silber in den Kassen.) Ist aber schließlich den Argumenten doch nicht auszuweichen, so kommen die beliebten Theorien, die man je nach Umständen bald aus dem Sack herausholt, bald wieder hineinsteckt. Da heißt es vorab: aller innere Zwist muß schweigen, wenn es sich um äußere Feinde handelt. Mit Verlaub, es wird zwar große sittliche Entrüstung aufwirbeln, aber ich nehme mir die Freiheit doch zu bemerken: der innere Feind ist bei weitem gefährlicher als der fremde, eine Stiefmutter, die mit Vergiftung droht, ist unendlich gefährlicher als ein Nachbar, der mich berauben will, und zuerst suche ich mich - 183 — der Stiefmutter zu entledigen. Je näher mir ein Feind steht, desto hassenswerter und verderblicher ist er, und alles Böse, was Frankreich schon an Deutschland verschuldet hat, ist ein Sandkorn, wenn zu Österreichs hundertjährigem Giftmischersystem verglichen. Während — wie schon oft bemerkt worden — ein Angriff von außen zuweilen eine heilsame Aufrüttelung innerer Kraft nach sich zieht, giebt es gegen das infame Erstickungs- und Erstarrungs-System innerer Blutsauger keine Schadloshaltung. Es frißt beständig um sich, und wächst im Wirken. Habsburgs Despotismus und Jesuiten-Allianz ist hundertjährig*) und endlos, Frankreichs Angriffe sind periodisch, dem Systemwechsel und den Machtbedingungen unterworfen. Österreich ist hundertmal tätlicher für Deutschlands Größe als Frankreich, zunächst aber handelt es sich gar nicht um französische Angriffe. Der Angreifer ist vorerst Österreich und gegen den ersten Angreifer sich zu verteidigen, verlangt der gesunde Menschenverstand; Oesterreich droht uns mit dreifacher Gefahr, einmal indem es den Kampfplatz von seinem oberitalienischen Boden in das Rheinland herüberspielen, indem es unsere Länder statt seiner Länder verwüsten, mit unserm Geld statt mit seinem Nichtgeld die Kroaten ernähren will; zweitens indem es aus der Kalamität eines österreichisch-französischen Kriegs die ungleich größere eines Universal-Krieges schaffen möchte, denn die auf jeden Fall bankerotte und gefährdete Monarchie hat ja doch nichts zu verlieren; drittens schließlich und hauptsächlichst aber indem es durch das in Wirkung gesetzte Solidaritätsverhältnis mit seinen fürstlichen Satrapen und durch die Überstimmung Preußens ganz Deutschland in die Tasche stecken würde. Und das alles sollen wir hinnehmen, ja sollen *) Die Anhänglichkeit für diesen (Jesuiten-)Orden ist in der Familie Habsburg erblich geworden, schrieb Kaiser Joseph II. 1770 an Choiseul. — 184 — mit Heißbegierde, Feuereifer und Glutbegeisterung danach greifen — alles um einer französischen Diversion am Rhein zu entgehen, für die im Augenblick noch nichts als nur halbe Wahrscheinlich spricht! Es wäre ebenso langwierig als müßig, dermalen abzuwägen, was für und wider eine solche Wahrscheinlichkeit aufzubringen sei. Wer kann die tausendfachen Kombinationen voraussehen, die im Verlaufe des Weltengangs in die Ereignisse eingreifen, wer kann den Einfluß des heute noch ganz Ungeahnten auf den Gang der Geschichte ausrechnen? Gewiß ist nur eine Gefahr, das ist die: Deutschland zunächst, und dann Europa durch unsere freiwillige Einmischung mit den Schrecknissen nnd Verwüstungen des Krieges heimzusuchen, und alsdann im besten Fall, im Fall eines österreichischen Obsiegens, den Habsburgischen Stock und die jesuitische Kamarilla definitiv zum Maßstab deutscher Geschicke einzusetzen. Die Gefahr eines Angriffes von außen besteht jederzeit für jeden kontinentalen Staat; sie bestand für Deutschland von französischer Seite her vor der heutigen Verwicklung, und wird nach Beseitigung derselben bestehen, so lange das europäische Festland ein System von Militärstaaten bleiben wird. Aus Furcht vor solchen Angriffen, auf seine Nachbarn offensiv losgehen zu wollen, hieße sich zu einem permanenten Kriegszustand verdammen. Freilich hat es die Soldatenherrschaft aller- wärts schon dahin gebracht, daß der Normalzustand von Europa in gewissen Proportionen diesem ewigen Kriegszustand entspricht, indem jeder Staat Jahr aus Jahr ein fabelhafte Armeen unterhält und fortwährend seine Rüstungen ausdehnt, infolge deren die wechselseitige Beobachtung und Balanzierung dieses Unwesens zu einem wechselseitigen Ueberbieten in länderaussaugeuden Kriegsbudgets führt. Aber wir dächten, dieser perennierende friedliche Kriegsstand sei schon Unglück genug an sich und brauchte nicht noch, um den Kontinent vollends zu Grunde zu richten, zu einem per- manenten Blutvergießen vervollkommnet zu werden. Bornierte Korporalssouveräne können darin allerdings das Ideal ihres erhabenen Berufs finden, aber ein nicht blödsinnig gewordener Bürgerstand kann unmöglich nicht seine ganze Kraft diesem unseligen Treiben entgegensetzen. Die mächtigste Handhabe zur Aufwühlung des öffentlichen Geistes gegen den italienischen Feldzug hat die österreichische und kleinstaatliche Partei allerdings in der persönlichen Geschichte Ludwig Napoleons gefunden, und es ist nicht zu läugnen, daß hier Stoff zu großen Anklagen und Befürchtungen gegeben sei, ja es muß zugestanden werden, daß die desfallsige allgemeine Entrüstung nicht, wie so manche andere Manifestation, zum großen Teil gemacht und künstlich aufgeblasen ist. Unendlich fern — weit ferner als den österreichischen Hofzeitungen und dem schwäbischen Moniteur — liegt uns der Gedanke, für die Lauterkeit der Triebfedern und die Unschädlichkeit der Absichten dieses Mannes einzustehen. In unsere« Augen war er ein ausgemachter Verächter der Menschenwürde und des Menschenrechts zur Zeit, wo sich die Wiener Hofskribenten noch mit seiner Ehrenlegion schmücken ließen, und wo alle gekrönten Häupter Europas in seinem teuren Haupt die einzige Bürgschaft für Erhaltung ihres Thrones und si-^o der Religion, der Familie und des Eigentums erhalten zu sehen beteten. Wir also dürfen diese Edlen jetzt mit gebührender Verachtung heimschicken, wenn sie uns das Schreckensbild seiner schwarzen Seele zu heilsamer Einschüchterung vor Augen führen möchten. Wir haben von seiner Freiheitsliebe und Uneigennützigkeit einen solchen Begriff, daß wir ihn nicht höher schätzen, als jeglichen gnädigen Landesherrn, welcher ihn jetzt vogelfrei erklärt. Das ist aber auch Alles, was wir sagen können. Seine mehr oder weniger zweifelhafte Legitimität macht ihn uns nicht gehässiger oder verächtlicher als seine hundertahnigen deutschen Vettern, und wenn ein - 186 — Unterschied zwischen beiden existiert, so ist es gerade deßhalb zu seinen Gunsten. Denn während die sogenannten legitimen Herrscher von Notwendigkeit und durch ewige Familientradition, ja durch das Blut in ihren Adern zu ewigen Neaktionstendenzen verdammt sind, so liegt in ihm, dem Usurpator. Neuerer, dem abenteuerlichen und unruhvollen Charakter wenigstens die Möglichkeit des Abweichens von dem Grundsatz des trägen Beharrens, und er kann doch, wenn auch wider Willen, aus Neuerungssucht und Ehrgeiz iu eine Unternehmung hineingetrieben werden, welche auf den dunklen Wegen der Geschichte zum Frommen der Menschheit ausschlagen möchte. Was aber ist von einem Habsburger, von einem Wittelsbacher, Nassau-Usinger oder Hessen- Rumpenheimer zu erwarten! Nicht einmal Ambition, als etwa die auf Einführung eines neuen Gamaschenschnitts. Der Charakter der Habsburger und ihrer fürstlichen Hintersassen steht nicht höher als der Louis Napoleons, ihre Motive sind ebenso eigensüchtig wie die seinigen, ihre Menschenliebe ist nicht größer, die Freiheit ist ihnen nicht minder gleichgiltig als ihm, sie ist ihnen von Haus aus noch gehässiger und itsra noch gefährlicher. Da steht also die Wage vollständig ein, und wenn ich daher von den persönlichen Motiven absehe, so bleibt mir nur noch übrig nach dem äußern Thatbestand zu fragen. Da muß denn geantwortet werden: Napoleon dient im Augenblick wenigstens einer guten Sache. Ob er diese Sache später seinen Privatzwecken unterwerfen wolle, steht, wo alles Künftige seiner Natur nach unentschieden ist, dahin. Es wird die Aufgabe der Italiener sein, nachzusehen, daß die Unabhängigkeit, für die sie jetzt mit ihm kämpfen, ihnen nicht hinterher abhanden komme, und wir brauchen für sie nicht klüger zu sein, als sie selbst für sich sein wollen, um so mehr, wenn wir uns als ihre Widersacher erklären. Im Augenblick dient Napoleon ihnen. Die Italiener, welche es — 18. — durch unzerstörbare Thatkraft. Ausdauer und Vaterlandsliebe dahin gebracht haben, daß der seitherige Chef des europäischen Despotismus mit ihnen gegen den historischen Absolutismus kämpfen mutz, welche seinen Ehrgeiz an ihre gute Sache zu fesseln verstanden haben, diese Italiener haben es jedenfalls unendlich weiter gebracht, als die liberalen Schwaben, welche nunmehr zur Gunst gelangen, für die Befestigung der Wiener Zuchtmeisterei verbluten zu dürfen. Garibaldi mag mit mehr Genugthuung unter der blau-weiß-roten Fahne kämpfen, als die Wiener Studentenlegion unter der schwarz-gelben. Denn die französische Trikolore ist zu ihm übergegangen, der erhabene Narr Studiosus aber kriecht zu den Füßen des Kroatenfürsten, welcher ihn vor zehn Jahren hängen, assentieren und spießruten ließ Dort kann die Freiheit um die Früchte des Kriegs betrogen werden, hier streitet der Absolutismus für seinen eingestandenen Selbstzweck. Wenn ein despotischer Kaiser für die Unabhängigkeit zu Felde zieht, so ist er mir jedenfalls lieber als ein französischer Republikspräsident, der für den Papst und die Österreicher zum Schwert greift, und ebenso gut wie der Pseudotugendrepublikaner Cavaignac der italienischen Freiheit den Dolch ins Herz gestoßen hat, ebenso gut kann der Tyrann Bonaparte das Bollwerk der Dynasten- und Pfaffenherrschaft brechen. Er kann es doch wenigstens, und so lange die Möglichkeit existiert, steht es deutschen armen Sündern schlecht an, den Lombarden zu grollen, weil sie nicht so erhaben sind, dem Pathos der Rotteckischen Weltgeschichte zu lieb, mit ihrem Befreiungswerk zu warten, bis sie ein Heldenstück von Brutus und Lukretia ins Werk setzen, und mit ihren Spazierstöcken (denn Waffen hat man ihnen ja nicht gelassen) die dreimalhunderttausend österreichischen Bayonette zum Land hinausschlagen. Ja ein solches vollkommenes Spektakel tragischer Historie verlangt der Herr Professor von seinem Kabinet aus schauen und mit — 188 — dem Gruseln der Bewunderung die überwältigten Heroen unter den Händen der Kroaten verbluten zu sehen; dann wird er sein hochpoetisches Probatum vielleicht in vertraulichem Kreise aussprechen; aber mit fremder Intervention frei zu werden, pfui der Schande! das ist ja gar nicht der Mühe wert! Fremde Intervention! als wäre die ganze politische Geschichte der letzten Jahrhunderte etwas anderes als eine Kette solcher fremden Einmischungen. Erstlich von der Einmischung zum Vorteil dynastischer Interessen zu reden: was waren die drei Teilungen Polens anders? Und dann kam die Intervention Preußens in Holland zu Gunsten der Oranier von wegen der bloßen Verschwägerung; und dann die Koalitionen gegen die französische Republik zu Gunsten der Bourbonen; weiter das Einschreiten der Bourbonen selbst wieder für ihre Vettern in Spanien, und die österreichischen Einmärsche durch ganz Italien, schließlich nicht zu vergessen die Rettung Habsburgs durch die Russen in Ungarn. Nicht wahr, in allen diesen Fällen und vielen vorhergegangenen ist die fremde Intervention kein Gegenstand des Abscheus für die prinzipberittenen Staatshistoriographen? Möchte aber ein entwaffnetes geknebeltes Volk durch fremden Zuzug frei werden, dann satteln die Herren ihr großes trojanisches Abschreckungspferd, dessen Bauch von Gefahren schwanger geht. Ist nicht die eigene österreichische Residenz noch zur rechten Zeit durch den wackern Polenkönig von den Türken befreit worden? Hätte Nordamerika ohne die Hilfe Spaniens und Frankreichs das englische Joch abschütteln können? Sind die Griechen Engländer oder Franzosen geworden, weil sie durch die anglofränkische Allianz aus den Händen der Türken gerissen wurden? Ist Belgien nicht einzig und allein mit Hilfe der französischen Bayonette zu einer staatlichen Selbst- ständigkeit gelangt, die sich zu seinem Besten gewendet hat? Man sieht es: so viele Befreiungen von Fremdherrschaft, so viele Interventionen weist die Geschichte auf, und es wäre — 189 — Zeit, diese läppischen Turniergesetze einzustecken, welche die Gesalbten des Herrn durch ihre Herolde ausposaunen lassen, um vorzuschreiben, wie man sie kavaliermäßig anzugreifen habe — absonderlich um deßwillen, daß auch sie von jeher so loyal zu Werke gegangen sind. Also still einmal mit diesem Gefasel! Der gewöhnlichste Menschenverstand muß begreifen, daß Italien nur durch die sranzösche Hilfe das Habsburgische Joch abschütteln kann; und wenn Deutschland nicht von österreichischen gekrönten und ungekrönten Emissären und Stockjobbers in die Tollheit hineingeritten wäre, so würde nicht nur seine gesunde Vernunft ihnen Beifall zurufen, sondern die vollkommenste Analogie des eignen Schicksals würde dem transalpinischen Einigungswerk aus vollem mitfühlenden Herzen entgegenjauchzen. Wie! die ihr seit einem halben Jahrhundert unter dem Druck der Zerklüftung schmachtet und nach Einheit ringt, die ihr euch vergeblich nach Münze, Maß und Gewicht abquält, ihr fallt wie wilde Tiere über den Italiener her, der für die gleiche Sache mit gleichem Rechte aufsteht! Ihr brüllt Arndtsche Lieder, wenn der Mailänder fragt, ob Wien oder Lemberg sein Vaterland sei? Ihr blinden Narren, ihr merkt nicht, daß man euch einigen gelehrten strategischen Po- und Mincio-Quark unter die Nase schmiert, damit ihr nicht den sauberen fürstlichen Braten riecht? Nicht am Po und nicht am Mincio ist das Bollwerk deutscher Größe, sondern in der endlichen Verwirklichung der zum Kinderspott gewordenen deutschen Einheit, und nicht in Mailand und Verona müsset ihr Herren sein, sondern bei Euch selbst daheim, um ungehindert den nebenbuhlerischen Mächten entgegentreten zu können. Ja verhöhnt sie nur, nach Buol-Schauensteinschen Rezepten, die Einheits- und Nationalbestrebungen der Italiener, damit euch uach demselben Maße ausgemessen werde, und damit ihr die Gebote eures ureignen Heils mit Füßen treten lernet. — 190 — Was hat man doch schnell dem bescheidenen herzoglich nassauischen Kammermitglied von der Regierungsbank herab geantwortet, als es sich, wie die Zeitungen jüngst berichtet, zu fragen erkühnte, ob nicht für die Entwicklung der Bundeseinheit bei Gelegenheit dieses erhabenen Aufschwungs und des in erlauchtem herzoglichem Gemüte erwachenden Nationalgefühls irgend Etwas geschehen möchte, dürfte, könnte? Unzeitige Frage das! Jetzt, wo das Vaterland in Gefahr schwebt, jetzt ist keine Zeit zu inneren „Zwistigkeiten", hernach aber, wenn wir die Franzosen geschlagen und die heilige apostolische Majestät wieder zu Ansehen und Würden gebracht haben werden, dann, ja dann, nun das versteht sich ja! — dann beginnt das große Bruderwerk, dann schlichten wir die inneren „Zwistigkeiten", und ein verehrliches Kammermitglied wird beim Marmorschleifen oder Wollzupfen im Zuchthause zu Diez an der Lahn über die Rechtzeitigkeit deutscher Bundesreformen nachdenken können. Und in Anbetracht dieser sonnenklaren Wahrheiten sind getreue Stände mit Stimmeneinhclligkeit zur Tagesordnung übergegangen, auf allen „Zwist" verzichtend. Solche getreue Gimpel wollen fremden Völkern ihre politische Weisheit vordiktiren, über die Art, wie man sich auf klassische Manier frei macht, oder wollen uns weiß machen, sie haßten in Louis Napoleon den Despoten! Was sie in ihm hassen, das ist der Popanz, welchen der gnädige Landesherr, um dem Kaiser und seinen Jesuiten beizuspringen, ihnen zum Anbellen vorhält, und während die Narren für ihre Nationalität und Unteilbarkeit zu brüllen glauben, lachen sich Serenissimus und die heiligen Patres ins Fäustchen, denn ihr Acker wird wieder einmal vom Schweiß und Blut der dummen Teufel bestellt. Es gibt fürwahr Thorheiten, welche eher das Mitleid als den Unwillen herausfordern. Solcher Art waren die Vertrauenstölpeleien von 1813 und 1848. Den Gelöb- — 191 — nissen des Befreiungskrieges und den Bewilligungen der Märzesnöten zu glauben, war der Unerfahrenheit und Gutmütigkeit noch zu verzeihen; heute aber, wo man nicht einmal gelobt, noch bewilligt, sondern Alles leistet, indem man Gelder für Waffen und Monturen erhebt, — an sich schon ein allerhöchster Genuß — heute geht die Blödheit über jegliche Geduld hinaus. Das ist nicht mehr erlaubt, zu vermeinen, Habsburg und sein Jesuitenbruder der Bayer, diese zwei Urobskuranten, träten für deutsche Nationalität in die Schranke; und es mutz jeder wissen, daß, wo nassauische, hannoverische, kurhessische, badische Landesherren oder schwäbische Reichsunmittelbare zum Schwerte greisen, es nur um die Erhaltung feudaler Privilegien und souveräner Sonderinteressen sich handeln kann. Gegen den Welteroberer Napoleon I. für das zertretene Vaterland in Wut zu entbrennen, war natürlich, und vor dem Gespenst des Sozialismus zurückzuschaudern, war denkbar, aber sich von großen und kleinen Staatsstreichlern einen theoretischen Despotenhaß binnen vierundzwanzig Stunden auf dem Polizeiwege eintrichtern zu lassen, ist abgeschmackt; in einen stupiden Franzosenhaß sich hineinzutollen, ist pöbelhaft; und mit Rohheit über Italien herzufallen, ist kannibalisch. Ja, seid nur recht unvernünftig, rauflustig und lachet über die sentimentalen Verehrer fremder Rechte und fremder Würde. So seid ihr euren Junkern recht, so brauchen sie euch, so entwöhnen sie euch nicht nur selbst des Menschengefühls, in dem euer eignes Freiheits- und Sittlichkeitsbedürfnis wurzelt, so stempeln sie euch auch für den Haß und die Verachtung anderer Nationen, so schüren und verewigen sie die bittere Zwietracht der Völker, den finsteren Unrat, in dem ihre Wurzel haftet. Was kann dem Kaiser in Wien willkommener sein, als wenn das „Norw ai lectssetii« nicht mehr dem österreichischen Soldaten, sondern jedem Deutschen mit Recht gilt, und als wenn der Sachse und Rheinländer die kroatischen Raubthaten mit seinem Blut kontrasignirt? Du blonde Burschenschaft, was schärfst du die Rapiere! Denke an die Frau von Madersvach und übe dich im Weiberpeitschen. Was singt ihr von Eichen? Auf die Haselstaude dichtet euch ein Lied und Haynau ist euer Körner!*) War doch eure erste Waffenthat Anno achtundvierzig, daß ihr die fremde Dirne Lola mißhandeltet, als der deutsche König sie eurem vaterländischen Zorn geopfert, und jagt ihr nicht jetzt mit gleicher Erhabenheit die wälschen Spielpächter über die Grenze, welche das landesväterliche Säckel bereichert haben? Der ersten und besten Gelegenheit aber, welche das Glück euch unverhofft nach dem achtundvierziger Schiffbruch in den Schoß wirft, die Jnfufionsdespoten und die ganze Erbschaft Metternichs los zu werden, der spuckt ihr wahnsinnig ins Angesicht und zum ersten Mal, da seit dem großen Friedrich vielleicht — leider nur vielleicht — der deutschen Sache ein preußischer Arm zu Diensten stehen möchte, um den Plunder des westfälischen Friedens wegzufegen — jetzt rast ihr, ein süßer Lazzaronipöbel, hinter dem Wiener Bomba und seinen blutschwitzenden Heiligen her. Deutschland gute Nacht! *) Der österreichische General von Haynau hatte in Ungarn eine patriotische Dame, Frau von Maderssvach, auf offenem Markte von den Soldaten mit Stockschlägen abstrafen lassen. Äus den Demokratischen Studien (herausgegeben von Ludwig Walesrode). Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften. III. 13 Vorbemerkung. it dem „Iuchhe nach Italia" hatte ich den Entschluß zur Rückkehr in die politische Schriftstellerei ausgeführt. Der Grundgedanke, welcher den Anlaß dazu gegeben, hatte sich auch als richtig legitimiert. Die Zeit des Stillstandes und der Hoffnungslosigkeit war auch für Deutschland vorüber. Darum galt es, nicht mit einzelnen Slugschriften, sondern mit gesammelten Kräften sich an der publizistischen Arbeit zu beteiligen. So geriet ich auf den Gedanken, etwas Umfangreiches und periodisches ins Leben zu rufen, und nachdem ich mit meinen nächsten Lreunden und Gesinnungsgenossen Rat gepflogen, beschlossen wir, den Versuch mit einem Jahrbuch zu machen, für welches der Titel „Demokratische Studien" gewählt ward. Als ein geeigneter Verleger war uns Gtto Meißner in Hamburg, ein politischer Gesinnungsgenosse, empfohlen. Ein litterarischer Herausgeber war nicht leicht zu finden, verschiedene Umstände lenkten meine Wahl auf Ludwig walesrode hin, der damals in Hamburg wohnte. Ich kannte ihn nicht persönlich, sondern nur aus früheren Publikationen der vormärzlichen Zeir, unter denen „Der Humor auf der Bank der Angeklagten" und ein politisches Märchen ihrer Seit Aufsehen gemacht hatten, walesrode hatte als Lreund Johann Jacobns im Vordergrunde der Königsberger Liberalen gestanden. Meine Wahl erwies sich nachträglich als eine sehr unglückliche. An den besten Absichten zwar fehlte es 13* — 196 — dem Herausgeber nicht, aber an Befähigung zu der übernommenen Aufgabe in unglaublichem Grade. Solche Langsamkeit und Schwerfälligkeit ist mir in meinem Leben nicht wieder vorgekommen. Über sechs Monate ließ Ivalesrode das gesammte fertige Material liegen aus dem einzigen Grunde, weil er mit seinem eigenen Veitrag nicht fertig werden konnte. Cs war grade zum verzweifeln. Auch sah er sich gedrungen, dem Vorwort, das ich verfaßt und welches, in die gegenwärtige Sammlung aufgenommen, hier folgt, noch ein vor-vorwort vorauszuschicken, in dem er selbst seine Schuld an der Verspätung beklagt. Der erste Land erschien im Sommer 1860. Zu seiner Charakteristik wird es am besten sein, das Inhaltsverzeichnis wiederzugeben. Cs führt auf: Vor-vorwort des Herausgebers. — Vorwort von L. B. — Unsere Ideale und Enttäuschungen in England und Frankreich, von ls>. B. Oppenheim. — Sichte's politisches Vermächtnis und die neueste Gegenwart, von S. Lassalle. — Ein Blick auf das jetzige Genf, von Karl Vogt. — Des Michael pro Schriftenwechsel mit Thomas Contra, aus dem Jahre ILZ9. Von L. Bamberger. — Deutschland und seine beiden Großmächte, von Ludwig Simon aus Trier. — Cin Brief aus Italien an den Verfasser des „Juchhe nach Italia". von Moritz Hartmann. — Die erste politische Hinrichtung in den vereinigten Staaten. (John Brown.) >von Sriedrich Kapp. — Die beiden Napoleons, von Michelet. — L. v. Schiller. Cin kulturgeschichtlicher Protest, von Adolf Stahr. — Die jüngste Litteratur-Bewegung in Frankreich, von Karl Grün. — Kurhessen unter dem Vater, dem Sohne und dem Cnkel. von *"**. — Über vaterländische Gesinnungsleiden, von Ludwig Ivalesrode. — Der zweite Band erschien im folgenden Jahre 1861. Außer den alten Mitarbeitern lieferten noch Arnold Rüge und 1V. Rüstow Beiträge dazu. Bei diesem zweiten Bande blieb es. Die Sortsetzung wurde entbehrlich, nachdem seiner der Mitbegründer. H. B. Gppenheim. aus ',dem Cril nach Deutschland zurückgekehrt — 197 — war und die Monatsschrift „Deutsche Jahrbücher" in Berlin begründet hatte/ In dem nachfolgenden „Schriftenwechsel" ist die ewige Lrage von Preußens Veruf zur deutschen Hegemonie nach den zwei Seiten hin beleuchtet, nach welchen im Jahre 1866 die deutsche Demokratie sich spalten sollte, L. V. Vorwort. Gewiß hat jeder mit regem Sinn für das politische Leben begabte Deutsche beim Ausbruch des letzten Krieges dieselben Prüfungen durchgemacht, aus denen der erste Anstoß zu dem nachfolgenden Werke hervorgegangen ist. Mit dem Ende des Jahres neunnndvierzig war eine völlige Ohnmacht eingetreten und das öffentliche Bewußtsein der Nation bald ganz und gar geschwunden. Der Kreislauf der Ideen stockte, der Zusammenhang der Organe war unterbrochen, die gemeinsame Empfindung aufgehoben. Diejenigen, welche im Stillen wach geblieben, waren vereinsamt. Da schlug es mächtig in die Nacht herein. Siehe da! es leuchtet und wettert, es flammt von fernher auf, es zuckt durch alle Fibern. So gäbe es noch Bewegung? noch Geschichte? und wäre nicht Alles todt? Und Jeder auf und hinaus, und zum ersten Male nach so langer Zeit wogt in der stürmisch erregten Brust wieder einmal das alte, das gute Bedürfniß: Mensch zu sein mit Menschen, Bürger mit Bürgern; zu denken mit Denkenden, zn fühlen mit Fühlenden, Wort um Wort zu tauschen. — Aber wehe! welche Verwirrung! die stumme Vereinsamung ha^ alle Geister einander entfremdet, hat alles Verständniß aufgehoben, alle Vorstellungen verkehrt. Freunde hauen auf einander los in der Verwirrung des Augenblicks, Feinde rennen Arm in Arm nach vermeintlich gleichen Zielen; und — 199 — wie Mancher erst rettet, thöricht triumphirend, in der Verrücktheit der Eile den bestäubten Perrückenstock, dieweil er die wcrthvollste Habe den zerstörenden Elementen Preis giebt. Wie immer in solchen Katastrophen fehlt es dann nicht an Gesindel, welches sich die allgemeine Bestürzung zu Nutze macht, um ungestört zu plündern; und so geschah es wörtlich, daß im Tumulte dem deutschen Volke so recht das Bewußtsein dessen, was es wollte und mußte, im eignen Lager abhanden kam. Die Diebe — je nun, wer brauchte sie zu uennen? Allmählich begann es zu tagen in den Köpfen und ringsumher. Nun erkennt man sich, nun tritt man zusammen, reicht sich die Hände und sagt sich: bleiben wir zusammen, lassen wir uns nicht mehr in der stummen Finsterniß zerstreuen, das ist die Hauptsache. Um so mehr, als das Wichtigste erst noch geschehen muß, als die Zeiten, die da kommen sollen, die Vereinigung der Gleichen und die Einsicht des Nothwendigen strenger gebieten werden, denn je zuvor. Und so ist — um Vieles zu überspringen — auch hier versucht worden, eine Stätte zu gründen, für gemeinsame Ueberzeugung und gemeinsames Wirken. Freilich nur ein bescheidenes Taschenbuch. So groß der Zweck, so klein das Mittel. Aber das ist ja eben das Kennzeichen der Noth. Besäßen wir die großen Hülfsquellen, so wäre unsere Lage nicht die schlimme, die sie ist. Wer beobachten konnte, in welche Schranken die Reaktion das deutsche Preß- und Vereinswesen zurück geführt hat, der wird sich nicht wundern, daß ein gutgemeinter Versuch in solch ein Büchlein auskaufe. Doch zu Etwas ist auch das Unglück immer gut. Das anspruchslose Gerüste, das wir da aufrichten, ist zu schwach, um eiu großes Schild zu tragen, und so fühlen — 200 — wir uns glücklicherweise der Pflicht entbunden, ein Parteiprogramm aufzustecken. Partei ist eiue unentbehrliche Sache, aber die Programme sind vom Uebel, namentlich im Vaterlande der Philologie und der Definitionen. So möge ein Symbol, eine Fahne genügen. Nennt sie immerhin die demokratische und denkt Euch dabei von Allem, was Ihr je mit diesem Begriff verbunden habt, das Einfachste. Das Uebrige mögen die Leistungen selber erklären und beiläufig die Namen der Personen, von denen ja manche hoffen dürfen, nicht vergessen zu sein. Man kann eben so gut auf die allmählich erwachsene Umgestaltung seiner Ansichten stolz sein, als auf deren ungebeugte Treue gegen sich selbst. Am Besten thut man, auf keines von Beiden stolz zu sein. Hier ist nun Raum für Jeglichen von uns zu zeigen, was ein Jahrzehnt von auf alle Fälle bitteren Erfahrungen aus ihm gemacht hat. Schwerlich haben die Grundanschauungen sich bedeutend verändert, denn sie ruhen auf Ueberzeugungen, welche nicht vom äußern Erfolg einzelner Exerimente abhängen. Wann und wo wir Etwas lernen konnten, war es keines Falls von unsern Gegnern irgend welcher Schattirung; die klägliche Arbeit, welche sie verrichtet haben, seitdem sie allein am Ruder sind, war nur geeignet uns durchaus im Widerspruch zu befestigen. Oder sollten wir bei einem Blick auf deutsche Jammerzustände bedauern, nichts mit dem Vertrauen gemein zu haben, welches die Einen so unfehlbar anmaßend vindizirten und die Andern so unterthänig beschränkt zu Diensten stellten? Nicht minder ausgemacht ist, daß ganze Geschlechter von Anklagen, mit denen man seiner Zeit uns in den Ohren gelegen, heute von selbst in ihr Nichts zerfallen müssen. Will man noch immer das alte Lied von der Ueberstürzung singen? Ich denke, wir haben Zeit gehabt. — 201 — einen Fuß vor den andern zu setzen. Oder gilt es die beliebte Denunziation des Eigennutzes und Ehrgeizes aufzuwärmen? Den Lohn an Würden und Vortheilen soll mir Einer zeigen, welche dem ungebeugten freien Sinn bisher gewinkt hätten, welche ihm von jetzt an winkten. Entsagung, Entbehrung, Verzicht, nicht blos auf weltliche Vortheile, sondern auf das größte Gut, auf die Uebung der eignen Kraft, das war unser Antheil, das wird er — wer weiß wie lange noch — bleiben. Dem Vorwurf des Irrthums bleibt jede Meinung allzeit ausgesetzt, aber den Vorwurf der Leidenschaft können wir hierfüro mit stillschweigender Verachtung vorübergehen lassen. Blinder Haß war niemals unsere Sache, denn Haß ist Vorurtheil, und Demokratie ist Vorurteilslosigkeit. Unser Eines ist eher im Stande zu begreifen, wie so irgend ein König Bomba in aller Unschuld daz°u kommen mag ein Scheusal zu sein, als daß die kleinste Durchlaucht es je zu dem Verständniß brächte, warum der Mensch nicht erst beim Baron anfange. Es geht durch deutsche Lande jetzt im Stillen eine traurige Sage, und mancher Ehrenmann wiederholt sie mit beklagenswerthem Beifall. Ein Angriff von Außen, so heißt es, sei das Einzige, was den inneren Verfall aufhalten, was das Bewußtsein der Nation auf die Höhe ihres Berufs erheben könnte. Klägliches Armuthszeugniß, verzweifeltes Rettungsmittel; Ueberreste jener von oben her eingeschwärzten Irrlehren, welche nur dann an uuser Selbstgefühl zu avpelliren erlauben, wenn die Landeshoheit durch fremde Waffen in Gefahr geräth. Und das sollte das geistgenährteste Volk der Erde sein, welches nicht zur Erkenntniß seines eigenen Ichs gelangen könnte, ohne vom äußeren Feind aufs Blut gestachelt zu werden? Nicht so viel lebendige Seele besäßen wir, um uns mit eigenen Denkkräften aus dem Dämmerungszustaud zu entwinden — 202 — und ims auf unser besseres Selbst zu besinnen, man wecke uns denn mit Kolbenstößen und zünde uns das Dach über den Köpfen an? Wohlan denn, wir, denen die Blutschuld des Bürgerkrieges so oft salbnngsreich vorgehalten worden, wir schaudern zurück vor der Erlösuug durch den Völker- krieg, der zwar nach Fürstenrecht geadelt, aber au Inhalt und Wirkung Hundertwal scheußlicher ist als der innere Zwist. So gönne man uns denn Teil zu nehmen an dem Versuch, ob nicht auf dem Wege des Denkens die Nation zum Gefühl ihres inneren Zusammenhangs, zu der Erkenntnis, daß sie ein mächtiges Ganze sei, gelangen könne. Der Despotismus hat den Satz erfunden: Teile, damit du herrschest; die Freiheit spricht: ich herrsche, indem ich binde. Ein geistiges Band wieder anzuknüpfen, das ist auch unser Ziel und unsere Hoffnung. Denen vor Allen aber sei es erlaubt, mit wehmütiger Freude dieser Hoffnung entgegenzueilen, welche das Gesetz des Überwinders seit länger als einem Jahrzehnt von der Schwelle des Vaterlandes abwehrt. Schiene fügt sich an Schiene; aufblühend vermählt im Dampf sich Nord und Süd, jubelud reicheu die Städte am Rheine sich die Hände, nicht für sie, nicht für sie, die Verbannten. Auch das ist Fluch vou Deutschlands Fluch. Im Lande der Grenzpfähle und der Schlagbäumc sind Meister Engherz und Kleingeist Hof- Rechenkünstler. Deutschland ist kein politisches Vaterland, in dessen Organen die Stimme des Blutes selbst für die verstoßenen Söime spräche. Es ist nur ein Inbegriff polizeilicher Domänen. Es kennt keine Landsleute, sondern nur Unterthanen, getreue und ungetreue. Nie hat der Kopf eines deutscheu Ministers, nie hat das Herz eines deutschen Fürsten sich bis zu dem Gedanken einer wahren Amnestie erheben können; niemals werden sie es. Aber es bleibt eine Amnestie, welche nur vou Volkes Gnaden und vom — 203 — eigenen Willen erteilt wirb. Das ist die lebensfrohe Rückkehr zum geineinsamen Denken und Fühlen, das ist die neubeseelte Wiedervereinigung im Geiste Derer, die zurückgeblieben mit Denen, welche in die Fremde hinaus zerstreut worden bis in den äußersten Westen. Teurer noch als die heimische Erde ist das heimische Wort, wenn es ein Band einträchtigen Strebens für das Vaterland webt zwischen seinen getreuen Söhnen diesseits und jenseits des Rheins, diesseits und jenseits des Ozeans. Paris, am Neujahrstage 1860. L. V. 5 Aes Nimmt Pro Klürifienweliiset mit Tliomas Conlra, aus ckem Jalir 18Z9. i. Thomas Contra an Michael Pro. Mein geliebter Narr in Armiuio! ^ab ich's doch immer gesagt: nicht der Mensch ändert sich, es ändern sich nur die Umstände. Ein Jahrzehnt hindurch hab ich dem süßen Wahn gelebt, Du seiest an Haupt und Gliedern reformiert; doch kaum stellt die Weltbühne wieder von ungefähr die Szenerie wie ehedem vor, so springt auch wieder mein alter Adam in seiner alten Rolle darauf herum. Und da sprechcn die Herren Kriminalisten von Besserungstheorien! Da wollen sie einen armen Schelmen von Dieb zur Urschöne seines guten Prinzips zurückführen, indem sie ihn stumm, taub und blind auf Jahre hinaus in eine kahle Mauerzelle einschließen: wenn doch mein von der Weltgeschichte in eigner Person aus der Politik hinausgeworfener und in den praktischsten Lebensverhältnissen umhergeführter, auch insonsten nicht grade auf den Kopf gefallener Freund ein solches Pracht-Exempel von Unverbesserlichkeit statuiert. Du merkst es, ich erliege schon wieder der Versuchung, in meinen herkömmlichen Protest gegen das pensylvanische Gefängniswescn einzubiegen. Aber wenn ich auch überzeugt bin, es werde eine vernünftige Nachwelt kommen, welcher es ebenso ungeheuerlich und unbegreiflich — 205 — dünken muß, daß man den Verbrecher durch protestantische Einmauerung bekehre, wie die Mitwelt nicht mehr glauben kann, man habe dereinst durch die katholische Folter ihn ausforschen wollen, so verzichte ich immerhin diesmal auf mein Lieblingsthema, schon um der Stunde schönes Gut nicht zu verschwenden, in der ich mich, von ernster Trübsal fern, an Deiner ewig grünen Thorheit zu ergehen denke. Ja, das ist derselbige Mensch, der mir so oft lächelnd gebeichtet, wie man im alltäglichen Leben mit jeglicher Verbesserungslust in Haus oder Stadt, au Freunden, Sippen oder Gesinde nur den Kopf anrenne, derselbige Mensch, welcher jede Erziehung (außer der eignen) zur Fügung und Toleranz als Illusion preisgab, und welcher jetzt — wie find' ich ihn wieder? Kaum hat das erste thörichte Hähnchen aus dem Traume gekräht, so ist mein Jüngling mit einem Sprung ans dem Bette und hinaus, um die frische Brust im Morgenrot des ungeborenen Tages zu baden. Nacht, mein Freund, stockfinstre Nacht! und was Du als das Gold der anbrechenden Sonne begrüßest, das ist der blasse Mondschein Deiner Fantasie, in welchem sich die Gespenster einer längst entschlafenen Welt erlustigen. Also Deutschland willst Du wieder einmal befreien oder vereinen: Huis yuiä ubi, c^nibus auxiliis, «zur Hnomocko Huaocko? Hätte Einer vor Jahresfrist, da noch alle patriotischen Gefühle im Winterschlaf des Dezenniums begraben lagen, mir verkündet, daß er von Neuem das unglaubliche Werk der Wiedererweckung oder vielleicht richtiger gesagt, der Erweckung unseres Vaterlandes zu staatlicher Existenz ins Auge fassen wolle, so hätte ich mit Spannung, wenn auch gewaltig zweifelnd, aufgehorcht; denn ich hätte mir denken müssen, es handle sich um die Anwendung nie geahnter, nie erprobter Kräfte und Mittel. Heute aber weiß ich. woher der Wiud bläst, der Euren Glauben angefacht hat, — 206 — und ich verzweifle von vornherein an diesem windigen Wesen. Ströme schwarzer Tinte und jenseits derselben am fernen Gesichtskreise einige leichte Nebelwölkchen von Preußisch-Blau, das ist Alles, was ich sehe; das ist das gelobte Land, das Ihr wieder einmal vom Horeb Eures Exils aus erblickt und segnet. Und aus diesem Boden soll die Saat der Freiheit, seien wir bescheiden und sagen nur: die Saat der Einheit zum Himmel emporschießen? Gesetzt nun auch, es geschähe das ganz Außerordentliche, gesetzt sämtliche 12 000 Quadratmeilen des deutschen Vaterlandes bedeckten sich mit Adressen an des Prinz-Rc- genlen Königliche Hoheit und mit Manifesten an den Eisenacher Ausschuß; gesetzt es kämen hundert feierliche Deputationen nach Berlin und kassierten hundert schwerbedeutsam nichtssagende Antworten ein; gesetzt auch alle Hoflieferanten von Hannover verlören die königliche Kundschaft ob ihrer Gesinnungstüchtigkeit: soll ich glauben, daß damit auch nur eine arme Unterthanenseele aus dem deutschen Sündenpfuhl erlöst werden möchte? „Mit Hilfe von Brod und Eisen, hat der Commissär des Convents gesagt, kommt man bis ans Ende der Welt, von Schuhen hat er nicht gesprochen:" — von Tinte und Feder aber noch viel weniger. Bei uns daheim sieht es jedoch grade aus, als wäre dem so. Thatlosigkeit und Erstarrung sind vom Übel. Allein es gibt noch etwas Gefährlicheres: das ist die Schein- thätigkeit; das ist die selbstbewußte Selbsttäuschung, die im rastlos drehenden Eichhornskäfig herumwirbelt, ohne vom Fleck zu kommen, und sich Wunder was von ihrer fortschreitenden Regsamkeit einbildet. Meiner Treu, ich sehe Euch noch lieber, wenn Ihr Euch verdrießlich an den Nägeln kaut, als wenn Ihr Euch die Finger krumm schreibt und vermeint, nun habt Jhrs am rechten Ende angepackt. Ich begreise, ja ich begreife es recht gut, und die — '^07 — Schrift hat Recht: am Anfang war das Wort. Aber es heißt doch auch: Bedenke das Ende! Mit unseren großen politischen Unternehmungen geht es wie mit so manchen litterarischen. Man läßt das Publium auf kolossale Encyklopädien unterschreiben, macht sich mit ungeheurem Eifer und Studium an den Buchstaben A, aber ehe die Lieferungen zum C oder D gediehen, sind Autoren, Verleger und Subskribenten in eine bessere Welt hinüber entschlafen, und auf dem Bücherbrett bleiben die ersten Folianten mit einer gelehrten Vorrede und den Abhandlungen „Aar" bis „Beelzebub" verwaist stehen. Schon dreimal hat das Jahrhundert auf ein freies einiges Deutschland subskribirt, und jedesmal hat es bei dem Prospektus und den ersten kostspieligen Nummern sein Bewenden gehabt; eben hängt man zum viertenmal die Bogen aus. Danke schönstens! Habe genug subskribirt; will mir gern das Grimm'sche Wörterbuch kaufen, wenn es erst fertig sein wird und in Eure politische Bewegung einsteigen, wenn ich erst sehe, welcher Orten der Tintenstrom uns ans Land führen soll. Stellt Euch doch nicht, um's Himmelswillen, als sei für die Erkenntnis deutscher Übelstände noch ein so großes Gebiet geistig zu erobern. Die Vögel zwitschern's von den Bäumen und die Buben jodeln's auf den Gassen. Was Deutschland fehlt? Nun, so verblümt beiläufig zu sagen: es ist eigentlich ja keine Krankheit, es ist eine Mißbildung, es ist gar kein Casus für die Medizin, es ist eitel Arbeit für die Chirurgie, und wo diese von Nöten ist, da helfen keine Tränklein noch Salben, so sehr es auch schwache Seelen gelüsten möge, darin Trost zu suchen. Unsere Epoche macht sich selbst den Vorwurf des sogenannten Materialismus. Daß man sich eine Unvoll- kommenheit zur Last lege, bekundet notwendig das Vorhandensein der Vorstellung von einem vollkommneren Zustand, und damit zusammenhängend das Streben nach — 208 - Erreichung desselben. Das Bewußtsein eines Mangels ist mindestens der erste Ansatz zur Überwindung desselben, nicht selten vielmehr das Symptom einer bereits weiter gediehenen Reife. Umgekehrt verrät die Zufriedenheit oder sogar der Stolz über gewisse Leistungen die Beschränktheit der Einsicht in und der Forderungen an sich selbst. So glaubte das Mittelalter Wunder was von seiner Menschenliebe und Wohlthätigkeit, weil das Pfaffen- und Klosterwesen die mit ihm innig verwandten und verwebten Betilerhorden ernährte. Heute klagt sich die Gesellschaft des Elends ihrer unteren Schichten mit schreienden Worten an und erklärt sich schuldvoll, so lange der brennende Vorwurf des Proletariats nicht von ihrem Gewissen getilgt sei. Gleisznerische Obskuranten machen sich diesen scheinbaren Gegensatz zu Nutze, um die Segnungen ihrer guten alten Zeit dem Jammer des heutigen Geschlechts entgegenzusetzen. Aber wie Wenige sollten so einfältig sein ihnen zu glauben, und welch' ein bescheidenes Maß von Kenntnis der Staats- nnd Sittengeschichte gehört dazu, um nicht zu übersehen, daß die Lebenslage der Massen — so beklagenswert sie immer noch sein mag — in diesem Jahrhundert um ein Unendliches besser bestellt ist, als in den früheren? Gleicher Weise verhält es sich mit der Beschuldigung des Materialismus. Thatsächlich waren unsere Voreltern so viel mehr als wir in Rohheit der Anschauung und des Lebens befangen, daß es ihnen gar nicht beikommen mochte, sich der allzu großen Hingebung an die stoffliche Welt zu bezüchtigen. Allerdings sprachen sie vielleicht vom unsichtbaren Geist mit mehr zerknirschter Ehrfurcht als wir. Aber das lag eben daran, daß sie mit allem Geistigen weniger vertraut, dasselbe als ein fremdes, ihnen aus der Ferne vorschwebendes und unheimliches Wesen zitternd anbeteten. In Wirklichkeit ist die Summe des geistigen Lebens in unseren Tagen gegen frühere Zeiten millionenfach vervielfältigt, sowohl in die — 209 — Breite der Massen hinaus als in die Tiefe der Individuen hinein. In demselben Maße haben sich körperliche Brutalität, Grausamkeit und Unempfindlichkeit aus dem öffentlichen Verkehr, dem Familienleben, dem Polizei-, Justiz- und Soldatenwesen verloren. Schauspiele der Rohheit und Scheußlichkeit, welche vor hundert Jahren eine zarte Hofdame mit Gemütsruhe angesehen hätte, würden heute das menschliche und ästhetische Gefühl eines Hökerweibes empören. Unter Georg II, war es noch Sitte, daß die Leute aus der feinsten englischen Gesellschaft an Sommernachmittagen nach Tyburn, dem Richtplatz, hinausfuhren, um sich an dem Anblick der allwöchentlichen Auspeitschungen liederlicher Weiber zu belustigen; und wer von dem Privatleben Friedrich Wilhelm I. von Preußen einige Kenntnis genommen hat, der weiß, daß — auch abgesehen von den Stockschlägen, mit denen er seine Kavaliere traktierte — heute kein Holzhauer sich so unflätig benehmen würde wie jener fromme König. Aber weil zu gleichen Zeiten die religiöse Fantasie sich geräuschvoller als heutzutage mit übernatürlichen Anschauungen herumtrieb, läßt sich unsere Mitwelt von den Nutznießern vermoderter Zustände ob ihrer materialistischen Versunkenheit abkanzeln und schlägt in komischer Einfalt zuletzt selbst an die unschuldige Brust. Nicht anders verhält es sich mit der moralischen Weltbeschaffeuheit. Kehre doch, ich bitte dich, in das erste beste Kapitel der Geschichte ein, und du wirst grade in jenen Zeiten, wo das unsterbliche Seelenheil und die Posaunen des jüngsten Gerichts unablässig widerhallen, auf Schritt und Tritt Beispielen von Verrat, Treulosigkeit, Wortbruch. Gewalt und Eigennutz begegnen, welche heute schier unmöglich wären und damals mit der größten Naivetät begangen wurden. Es ist umgekehrt freilich auch ein unendlich weiter Abstand zwischen meiner Überzeugung und der Überzeugung Derjenigen, welche sich mit satter Zufriedenheit in der Sanftmut und Aufklärung des Jahrhunderts spiegeln Ludwig Bambergsr's Ges. Schriften. HI. 14 — 210 — und uns undankbar finden, daß wir uns nicht dabei beruhigen wollen. Es fehlt wahrlich nicht an Dummheit, Schlechtigkeit und Elend, welche zu beseitigen man für möglich halten darf, ohne ein unpraktischer Schwärmer zu sein, und grade die Erfolge der Vergangenheit können uns darin ermutigen. Aber soviel scheint mir festzustehen, und das ist es, worauf ich nach einem vielleicht zu langen Umwege hinauskommen wollte: die nichts weniger als materialistische, vielmehr vorwiegend geistige Eingenommenheit unseres Geschlechts ist den gefährlichsten Verlockungen ausgesetzt und ganz vorzüglich in dem besonderen Fall der Grundübel, welche an dem deutschen Staatsleben nagen. Unsere ganze politische Aktion und Agitation kommt nicht aus der Form des allerabstrakteften Denk- und Redeprozesses heraus, und, was das Schlimmste dabei ist, wir treiben uns mit dem bekannten hochkomischen, philisterhaften Urbehagen darin herum, in süßestem, breitestem, entzücktestem Selbstgenügen. Das ist der Jammer, das die unheilbare Krankheit. Freilich weiß ich es, was man mir erwidern kann: die schlechte Methode ist nicht Gegenstand der freien Wahl, und die Fehler find nicht einseitig unserem Naturell aufzubürden. Wer hangt, der verlangt, sagt man im Volke; und nur weil es allerdings so ganz verteufelt schwer ist, eine praktische Handhabe znr Beseitigung des auf Deutschland lastenden Feudalwesens aufzufinden, ergibt sich die Nation jenen erbärmlich unfruchtbaren, theoretischen Bemühungen, welche eben Deutschland wieder mit dem hohlsten Wortgeklingel uud der albernsten Scheinbewegung ausfüllen. Zu allen Flüchen rufen wir stets von Neuem auch noch den der Lächerlichkeit herbei. Lächerlichkeit! Es ist eigentlich sündhaft so zu reden, aber die Vorstellung von Glück und Verdienst sind in unserem von Grund aus durch den Dämonismus aller Religionen verschrobenen Gehirn so mit einander verknetet, daß — 211 — man sie nicht ablegen kann, und daß wir Unglück und Schande nie ganz auseinander zu halten vermögen. Der Durst nach Freiheit und Würde, den wir im Innern nähren, verführt uns unablässig, im Gang der Geschichte und des Lebens die Fußspuren einer waltenden Gerechtigkeit zu suchen: während eine unbefangene Einsicht uns belehren könnte, daß wir rückwärts aus dem Erfolgbringenden erst die Begriffe des Guten und Gerechten abgeleitet haben; daß wir solchergestalt von den allgemeinsten Grundanschauungen bis herab zu den einzelnen Lebensangelegenheiten dasjenige, was da glückt, gut nennen, und daß, wenn auch in der Entwicklungskette der Gesamt- und Einzel-Existenzen richtige oder gerechte Wahl häufig mit Erfolg verbunden ist, doch die Uranfänge aller Schicksale sich in handgreiflich unverantwortliches Werden hineinverlieren. Wer den Satz zum Besten gibt, daß es den Nationen nur dann schlecht gehe, wenn sie es nicht besser verdienen, der ist gewiß dabei interessirt. über die Ursachen seiner eigenen Wohlfart und über die Ursachen des öffentlichen Unglücks keine andere Rechenschaft abzulegen, als mit dieser geheimnisvollen Offenbarung aus den Rezepten der Vorsehungsküche; und von den Staatsphilosophen zum mindesten, welche uns neuerlich wieder mit dieser einsichtsvollen Versicherung abfinden, können wir ruhig sagen: sie hätten nur, was sie verdienten, wenn man ihnen den Guelfenorden um den Hals hängte. Ich sage vielmehr: jede Nation verdient so glücklich zu sein als es nur möglich ist, und die Grenzen dieser Möglichkeit, wenn sie überhaupt je gefunden werden können, sind da unsichtbar, wo die freie Erörterung aller Angelegenheiten und die freie Übung aller Kräfte für unstatthaft erklärt sind. Man hat mit vielem Rechte behauptet: die Freiheit der Rede und der Schrift sei das Alles in Allem einer guten Staatsverfasfung, aber man hat dabei meistens übersehen, daß jene Versammlungs- und Preßfreiheit nur da möglich ist, wo auch gleichzeitig nach allen an- 14* — 212 — deren Richtungen hin die von den herkömmlichen Gewalt- habereien aufrecht erhaltenen Schranken gefallen sind, und wenn man jenen Satz anführt, um alle sonstigen Neuerungen auszuschließen, dreht man sich daher in einem falschen Zirkel. Es ist neuerdings ganz besonders Mode geworden, alles Bestehende aus dem Gesichtspunkte seines Entstandenseins zu betrachten. Die Hegelsche Geschichtsphilosophie hat zu diesem Verfahren eine fertige Methode geliefert, und, wie alle Dialektik, ist sie zweischneidig. Diejenigen, welche sich mit Ernst und Innigkeit in ihren bedeutenden geistigen Gehalt vertieften, haben die Kraft der Entwicklung und Befreiung aus ihr gesogen und den fruchtbarsten Samen zur Erweiterung des Denkens und des Lebens ausgestreut. Diejenigen hingegen, welche sich der äußeren Formenkunst ergaben, haben darin ein bequemes Mittel gefunden, mit erhabenem Seelen- anstand die Rechtfertigung aller überlieferten Fäulnis vorzutragen und solche Interessen und Gewalten, welche ihrer ganzen Natur nach dem Denken und der Kritik gradezu entgegengesetzt sind, nebenher auch noch mit einer wolkigen Ge- lehrtenperrücke aufzustutzen. Auf diese Weise haben die so» genannten Kulturphilosophien eines Rieht und Fröbel uns abgestandene Verhältnisse mit einer Geistreichigkeits-Brühe schmackhaft aufzukochen versucht; aber es gehört wenig Scharfsinn dazu, hinter der liebreichen Vertiefung in das Bauerntum, welche jener zur Schau trägt, wie hinter der Begeisterung für die auswärtsstrebende Machtentfaltung, welche dieser predigt, die praktische Nutzanwendung herauszulesen. Die inneren Staatsverhältnisse sollen in seliger Ruhe weiter schlummern, und wer den Nutzen davon hätte, das braucht nicht lange gesucht zu werden. Hat doch der eine dieser erhaltungsbeflissenen Staatsphilosophen uns noch jüngsthin belehren wollen, daß es eben so thöricht sei, für die Sünden der Regierungen die menschliche Urheberschaft der Machthaber verantwortlich zu machen, wie wenn man wegen schad- — 213 lieber Naturereignisse von denselben Rechenschaft fordern wollte. Es wäre allerdings eine zweifach bequeme Lage für diejenigen, welche die Fülle der Gewalt und ihre reichen Früchte kosten, wenn die ausgebeuteten Massen zu allem Schaden auch noch den Spott für ihre UnVollkommenheit allein zu tragen verdienten; und von dieser unterthänigen Ehrfurcht bis zu der Predigt, welche in der Kartoffelkrankheit die gerechte Heimsuchung für die abnehmende Muttergottesverehrung erblickt, ist's wirklich nur eiu kleiner Schritt. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß unsere Staatsphilosophen auch noch den kurzen Weg bis in den Schootz der Alleinseligmachenden zurücklegen werden. Das „Alles verstehen und darum Alles verzeihen" läßt sich nach doppelter Richtung zur Anwendung bringen, und wenn man schon einmal Alles verzeiht, kann man gleich auch Alles loben, besonders da, wo das Lob seine Ermunterung und Belohnung so gewiß erwarten darf. Ist es nuu auch unschwer, die Schleichwissenschaft zu entlarven, welche mit der gelehrten Miene aufgeklärter Forschung überlebten Absolutismus und mittelalterliche Beschränktheiten zu verjüngen strebt, so gibt es für unser — wie oben geschildert — Geiskslüsternes Zeitalter aber auch gefährlichere, weil ehrlicher gemeinte und spontaner erzeugte Bernhigungstheorien unter dem Schein der Freude am Fortschritt. Dahin gehört vor allen Dingen der Glaube an die sich selbst bahnbrechende Macht der Wahrheit, oder wie man es auch nennen hört: der Idee. Das ist abermals so eine billige Zauberformel, mit welcher der gebildete Mensch einen Vorwand findet, die Hände in den Schooß zu legen und, wie man sich ausdrückt, seiner Ketten zu spotten. Macht der Wahrheit! ein schönes Wort, aber leider erst noch von der Erfahrung zu bestätigen. Wir kennen so ein paar tausend Jahre menschlicher Geschichte, nicht mehr glücklicher Weise für unser armes Gehirn und besonders für unseren — 214 — menschlichen Stolz; denn es gibt nichts Traurigeres als die ununterbrochene Kette von Elend und Verbrechen, von Grausamkeit und Hilflosigkeit, welche man Geschichte nennt. Jede Seite ist mit unschuldigem Blut gerötet, jede erzählt den Triumph eines Missethäters. Nichts desto weniger sind die einfachen Wahrheiten, auf die wir heute noch die Hoffnung künftiger besserer Zeiten bauen, von jeher bekannt gewesen. Was Gerechtigkeit und Freiheit sei, hat in der Hauptsache das Altertum so gut gewußt und erörtert wie wir, und konnte für die unverdorbene Auffassung der einfachsten Religionswahrheiten aller Kulturvölker nie zweifelhaft sein. Wenn auch Jehova in Kanaan einiges standrechtliche Ausschreiten und Jupitern viel unkirchlicher Lebenswandel zur Last fällt, so wäre es doch höchst nnkonstitutionell, diese persönlichen Angelegenheiten der göttlichen Majestäten bei der öffentlichen Debatte ihrer Religionsversassung zur Sprache zu bringen; und die Tugend, Sitte. Menschlichkeit und Gerechtigkeit, welche sie als ihnen wohlgefällig verkündeten, sind noch dieselben, welche nach unseren heutigen Begriffen den guten und edlen Bürger schmücken sollten. Aber grade die Gefäße, in welchen die Wahrheitsschätze geborgen werden sollten, wandelten ja ihren Gehalt in giftige Lügen um und fügten sich allenthalben zu herrschenden oder dienenden Werkzeugen der Gewalt und des Eigennutzes. Aus der von Natur aus sittlichen Religions-Empfindung ist überall das Pfaffentum als ihr konträres Gegenteil hervorgegangen, aus der liebenswürdigen Milde der Bergpredigt der Scheiterhaufe der Inquisition. Mächtig ist die Wahrheit allerdings, aber nur in dem, welcher aus ihr die Überzeugung seines guten Rechtes zu wirksamen Thaten abzuleiten vermag, und nicht in dem idealistischen Fuhrmann, welcher sich beseligt lächelnd neben den im Dreck steckenden Karren niederläßt in dem Vertrauen, daß die inwendige Kraft des guten Prinzips ihn aus dem Kothe ziehen werde. Wir glauben erstannlich weit — 215 — über das mythologische Heidentum hinaus gediehen zu sein und laboriren doch noch an den Vorstellungen einer kindlichen göttererfüllten Welt, in der jede kathegorische Abstraktion unseres Denkvermögens als buntgekleidete Persönlichkeit herumspringt. Der Eine sieht die Geschichte, der Andere die Idee, der Dritte die Wahrheit als hochgeschürzte Gestalt leibhaftig über die Weltbühne schreiten; die liberalen Fran- zosen haben denselben Götzendienst für die Revolution in Schwung gebracht. Wo wir ein Buch aufschlagen, wo wir einer Rede horchen, zeigt man uns die eine oder die andere dieser Gestalten als verkörperte Person mit geschäftigen Händen agirend; man explizirt uns ihre ganze Naturgeschichte, die Gesetze ihres Organismus, und baut die weitestgehenden Pläne auf die künftige Mitwirkung derselben fabelhaften Wesen. Daß alle diese Visionen im Grunde nichts sind als eine philosophisch aussehende Travestirung für die gute alte Mutter Vorsehung ist eben so gewiß, als daß die ihnen samt und sonders zu Grunde liegende pantheistische Anschauung nichts anderes dokumenürt. als den vergeblichen Versuch der Losreißung von der angewohnten Vorstellung göttlicher Persönlichkeit und die Rückkehr zu ihr auf dem Umweg einer parabolischen Nebelbahn. Derjenige aber, dessen menschliche Bescheidenheit es nicht bis zum Stolz der christlichen Demut zu bringen vermag, und der auf jeden, wenn auch noch so ehrfurchtsvollen, Verkehr mit allen überirdischen Mächten verzichten muß, der läßt bei Anfassung seiner menschlichen Angelegenheiten nicht blos die biblische Vorsehung, sondern auch alle ihre pan- theistischen Surrogate ungeschoren und rechnet bei seinen Zukunftskombinationen nur mit den handgreiflich gegebenen Verhältnissen an Kraft und Willen, höchstens daneben mit den Sätzen einer vorsichtig anzuwendenden Erfahrung. Also weg mit allen diesen vornehm angethanen Vertrauensvoten an den guten Geist im Menschentum, an die — 216 — sich aus dem Schooß der Welt durchbohrende Wahrheit, an die Nächtens herumpatrouillirende Idee, an die über Berg und Thal einherwallende Geschichte. Trostbedürftige Herzen mögen sich in den Umgang mit diesen erhabenen Gespenstern aus der Dürftigkeit des Lebens flüchten. Was mich betrifft, so habe ich immer gesehen, daß die mechanischen Gewalt- instrumente, wenn auch alle geistige Autorität ihnen fehlt, noch sehr gut ihren Zweck erfüllen, die Menschen niederzu- halteu, und daß im Grunde noch nie eine mechanische Herrschaft schließlich anders denn mit mechanischen Mitteln gebrochen worden ist. Nirgends sollte es überflüssiger sein, an diese Thatsache zu erinnern, als im lieben Vaterlande, und nirgends doch ist sie schwerer verkannt. Gibt es irgendwo in der Welt einen krasseren Gegensatz von Sachverhalt und Bewußtsein als in Deutschlands Verfassung? So ausgemacht ist es seit Jahrzehnten, wie unzureichend, unwürdig nnd unvernünftig unsere staatlichen und nationalen Zustände seien, daß kaum einer unserer absoluten Fürsten oder ihrer servilsten Hof- zeituugsschreiber die Abgeschmacktheit und Zweckwidrigkeit unserer buntscheckigen Verhältnisse öffentlich zu leugnen wagt: und dennoch währt derselbige Jammer, über welchen seit einem halben Jahrhundert das gesamte Volk Zeter und Hohngelächter ergießt, auch schou ein halbes Jahrhundert lang unabänderlich fort. Zwei- bis dreimal, wenn die Welt- stürme sie durcheinander gerüttelt, haben Fürsten und Ritter laut unter Gottes Himmel verkündet, wie das Alles unerträglich sei und von nun an besser werden müsse; uud immer wieder nach »erbrausten Winden ist zu jener alten Ordnung der Dinge zurückgekehrt worden, welcher auf offenem Markt Henkershand den Stab gebrochen hatte. Wo in aller Welt soll ich da die Macht des Geistes, den Fortschritt durch Erkenntnis gewahr werden? Wenn Einsicht und Bewußtsein etwas über Schloß und Riegel ver- — 217 — möchten, so wäre die deutsche Einheit längst aus dem Reiche der Arudt'schen Liederfantasie in das Reich der Wirklichkeit hinausgeschritten; und sie ist es zum großen Teil nur deshalb nicht, weil Hilflosigkeit. Zaghaftigkeit und andere mit diesen verwandte Charakterschwächen uns den Glauben und die Zuflucht in die theoretische Propaganda als einzigen politischen Instinkt untergeschoben haben. Schläft Europa, so schlafen auch wir. Das ist dann freilich das Schlimmste. Fängt sichs aber irgendwo zu regen an, so geht bei uns alsobald der Wortschwall los, und das ist nicht viel besser. Wenn die Fürsten des deutschen Bundes alles uns Mißfällige im Reich blos mit schönen Reden, mit Adressen an ihre getreuen Unterthanen verteidigten, so begriffe ich, daß wir von Gegenreden und Gegenadressen in Fülle unsere Ei' lösung erwarteten; wenn z. B. ein König von Bayern sich der Herstellung eines einigen Deutschlands nie mit Gensdarmen und nur mit Gedichten widersetzt hätte, so würde ich begreifen, daß man ihm mit Gegengewichten zu Leibe ginge. Aber mit Nichten! Mit seinen Gedichten ist er auf unserer Seite und für die Einheit, nur mit seinen prosaischen Gensdarmen ist er einigermaßen dagegen und läßt die Dichter ins Loch sperren. Freilich haben aller Orten und Zeiten nationale Bewegungen mit Rede und Schrist begonnen; aber Rede und Schrift mahnten zu Handlungen. Bei uns fordert eine Schrift die andere und eine Rede die andere heraus. Der Ausschuß erläßt ein Manifest an die Nation, die Nation antwortet mit einem Manifest an den Ausschuß; und wenn Alle unendliche Male feierlich sich einander erklärt haben, daß sie vollständig mit einander einverstanden seien, so werden die nämlichen Redensarten sieben mal sieben Tage um die Feste von Jericho herumtrompetet; da aber die Zeiten der Wunder vorüber sind, so bleiben die Mauern stehen vor wie nach. Ist nun gar irgend ein kleiner Souverän so unschuldig, an diesen Gedaukenrevolutionen — 218 — Ärgernis zu nehmen und etwelchen Unterschreiber mit einer Verfolgung zu beglücken, so ist die Befriedigung vollständig, und das Bewußtsein einer großen That ist gesichert. Dieses ganze politische Scheinleben hat seine höchste Blüte in jenem Typus erreicht, welchem mit Recht der Name Gotha anklebt, als die schimpfliche Erinnerung an die aufgeblasenste Selbstbelügung in dem Augenblick der tiefsten Erniedrigung. Jene sogenannten Männer, welche noch den Himmel zum Zeugen anriefen, daß sie für ihr großes Ver- sassungswerk leben und sterben würden, als sie schon unter Henkersaufsicht die Fetzen desselben am Spottpfahl ihrer letzten öffentlichen Auftritte freiwillig hinunterwürgten, diese sind die echte Versinnlichung der eitlen, mit sich selbst buhlenden Phrase, die in ihrem verstockten Dünkel auch gegen die körperlichste Wirklichkeit schamlos unempfindlich geworden ist. Und wenn mich nicht Alles täuscht, so erkenne ich gar viele der altbekannten Geckenstimmen in dem Chorus unserer neuesten Jubelouvertüre, ja was noch schlimmer ist: der ganze Spektakel ist von Natur darnach geartet, die Herren wieder oben auf zu bringen, und somit läßt sich auch das Ende ihres glorreichen Beginnes haargenau vorausbestimmen. Sage mir doch nicht, ich solle vermeiden, gleich bei dem ersten Versuch der Rückkehr zu einer besseren Zeit den bösen Geist der verderblichen Zwietracht wieder herauf zu beschwören. Das ist eben ein Kennzeichen jener ganz körperlosen Scheingebilde, daß alle wirklichen Unterscheidungen in ihrer Nebelform unsichtbar sind; und nur weil sie auf alle Leiblichkeit und Fruchtbarkeit verzichten, können sich dergleichen politische Kombinationen das Ideal einer universalen geschlechtslosen Parteivermischung vorsetzen. Freilich so lange man nur Adressen schmiert und neue Glückwünsche zum eben ausgesprochenen Glückwunsch wechselt, kann man sich aller noch so wesentlichen Abstände des Verfahrens und der Absichten bemeistern. aber von der ersten Viertelstunde — 219 — des Übergangs ins Leben an würden die Gegensätze nicht minder grell aneinanderprallen. Immer und überall das Bedürfnis der Selbsttäuschung und die ängstliche Vermeidung alles dessen, was an die bittere Wirklichkeit erinnern könnte! Und aus demselben Grunde findet dieser durchweg abstrakte, nur in theoretischen Formen lebende Geist für seine Bedürfnisse keinen höheren und keinen näheren Gegenstand als die Gewährung parlamentarischer Formen. Eine Nationalvertretung, eine Volksrepräsentation beim Bundestag, oder wie sonst die Sache benamst werden mag, das bleibt immer der Brunnen, aus dem ein Trunk den Durst auf ewig stillen soll. Abermals ein Ausfluß des supranaturalistischen Vertrauens in die Macht geistiger Anstalten. Das Dogma des Parlamentarismus entspringt aus einem zweifachen Trugschluß, der seinerseits immer wieder in der spiritualistischen Befangenheit unseres Zeitalters wurzelt. Zum ersten verläßt dies Dogma sich darauf, daß die feierliche Erörterung und Verkündigung der Wahrheiten durch die fiktiven Orgaue der Gesamtheit an und für sich eine zwingende Machtentfaltung in die Welt stelle. Zum zweiten lebt es in der irrigen Verwechslung zwischen Rednergabe einer und praktischer Tüchtigkeit und redlichem Willen andererseits. Alles Huldigungen an den theoretischen Schein. Daß die rohe Sinnenwelt sehr zuverlässige Mittel biete, um die geistige Autorität parlamentarischer Versammlungen zu bewältigen, hat keine Zeit so handgreiflich bewiesen, als die unsrige. Kein Land des Kontinents beinahe, oder es hätte in den letzten zehn Jahren einmal einem mehr oder weniger mittelbaren Staatsstreich gegen seine parlamentarische Verfassung beigewohnt- Freilich stellen wir uns heute an, als hätte der arme Kurfürst von Hessen ganz allein seine ma^na Odarw zu Fidibussen verbraucht. Wahrhaftig mich jammert diese verfolgte Unschuld, denn wenn mir nicht mein Gedächtnis einen ganz infamen Streich spielt, so hat auch sein heutiger Verfolger einige rettende Thaten auf dem Bewußtsein. Ist doch meines Er- innerns die jetzige Berliner Volks- und Herrenkammer nicht so ganz freiwillig und urgesetzwüchsig aus einer Nationalversammlung hervorgegangen, die nicht minder eidkräftig besiegelt gewesen, als die Kasseler Ständekammer. Auch hat sich in allen deutschen Residenzstädten dieselbe Prozedur wiederholt, und wo die Bajonette nicht exerziermäßig nach Stuttgarter Manier eingeschritten sind, war es blos, weil ihr Blinken aus der Ferne genügte, um die wortprangende Majestät der Volksvertretung zur Rückkehr in den vormärzlichen Staub zu bestimmen. So wenig zuverlässig als Waffe nach außen, so wenig untrüglich ist die parlamentarische Institution als Heilsanstalt nach ihrem inneren Wesen. Zu einer beratschlagenden, d. h. rcdeführenden Versammlung werden natürlicher Maßen vorzugsweise Diejenigen berufen, welche die meiste Zungenfertigkeit besitzen. Redekunst ist nichts als eine besondere Art von litterarischer Befähigung. Diese aber ist ganz und gar zweierlei mit welt- und geschäftskundiger Einsicht, und auch von der letzteren bis zu der bürgerlichen und politischen Tugend liegt noch eine weite Sirecke. Eine Volksvertretung sollte ihrem Begriffe nach eine Vereinigung solcher Männer sein, welche mit dem tiefsten Verständnis des Staatslebens den redlichsten Willen für das allgemeine Beste verbänden; allein das blendende Bedürfnis nach ora- torischen Leistungen, welches in den Debatten die erste Rolle spielt, hat für die Zusammensetzung solcher Versammlungen eiuen ganz anderen Maßstab, den der litterarischen Qualifikation, untergeschoben. Es giebt sehr viele Meuschen, welche das Vermögen einer glänzenden Diktion besitzen und dabei nur ein beschränktes Maß von gesundem Verstand. Stände der allgemein herrschende Geschmack aus der Höhe der Vollkommenheit, — wovon er weit entfernt ist — so — 221 — wäre allerdings ein Teil der Gefahr beseitigt, denn die wahre Beredsamkeit fällt zusammen mit der Leistung des gediegensten Inhalts an Gedanken. Jedoch sogar von diesem — meistens verkannten — höheren Standpunkt aus verbürgt der talentvolle Redner noch lange nicht den tüchtigen, den redlichen Sachwalter des Volks. Einer der geist- aber bei weitem nicht der charaktervollsten Menschen des Jahrhunderts hat die witzige Redensart in Gang gebracht: „Kein Talent doch ein Charakter," oder auch, wie er sich ein andermal ausdrückt: „schlechte Musikanten aber gute Bürger." Der Witz ist gut und berechtigt, entsprang aber doch aus dem instinktiven Bedürfnis, die eigene Geistespräge durch Verspottung ihrer Kehrseite zu rächen. Denken wir uns, es gäbe, wie M Swapgeschäfte auch für die Angelegenheiten des Gemüts und der Empfindung parlamentarische Einrichtungen, wäre nicht Heinrich Heine unfehlbar eines der glänzendsten Lichter in solch einem Gefühls-Unterhaus geworden? Hätte nicht Alles andächtig geschwiegen, wenn er mit irgend einem Herzens-Antrag die Nednerbühne betreten und Alles in Rührung und Wehmut fortgerissen hätte? und wie wenig möchte der Privatmensch ein solches Verträum gerechtfertigt haben? Nur unschuldige Jünglinge und überspannte Frauenzimmer stellen sich unter ihrem jeweiligen Lieblingsschriftsteller den Mann vor, welcher fühlt und handelt wie seine edelsten Romanhelden; und wie unendlich selten ist ein Professor der Philosophie auch ein Philosoph! Diese selbe falsche Voraussetzung der Identität von rednerischer und politischer Begabtheit erklärt zu einem großen Teil die bitteren Enttäuschungen, welche die Neuzeit an ihren Volksvertretungen erlebt hat, und rechtfertigt in einem gewissen Grade die Verdrießlichkeit, mit welcher zuweilen gegen das Überwuchern des Advokatenstandes in den Parlamenten losgezogen wird. Schließlich aber ist diese Konzentrirung der politischen Kraft und der politischen — 222 — Aufmerksamkeit auf den oratorischen Teil um so weniger sachlich begründet, als in Wahrheit auch die besten Reden in solchen Versammlungen Niemanden von der einen Seite des Hauses auf die andere hinüberreden. Ein Jeder kommt ja doch mit seiner fertigen Parteiansicht, weil mit seinem fertigen Interesse, in die Versammlung, und alle Kraftentfaltung an Geist und Wort läuft zuletzt auf nichts hinaus, als auf die theoretische Rechtfertigung der im Voraus- des Sieges und auf die theoretische Satisfaktion der im Voraus der Niederlage gewissen Seite eines Hauses. Wirf nun, wenn ich bitten darf, einen Überblick rückwärts auf die eben zusammengestellten Erscheinungen und sage mir ehrlich, ob dir nicht überall das kalte Wasser theoretischer Abstraktionen, erdichteter Voraussetzungen und schattenhafter Luftgebilde über dem Kops zusammenschlägt. Willst Du hierzu aber noch beherzigen, daß diesen dunstförmigen Gedankenanstalten gegenüber in jedem Staate des Festlandes eine Institution vorhanden ist, welche genau den Gegensatz zu ihnen bildet, nämlich eine mit höchst körperlichen Flinten und Kanonen ausgerüstete, mit Fleisch und Brot genährte, in besonderen Fällen mit Branntwein traktirte. stehende Armee, so kannst du dir unmöglich verbergen, wie eitel das Vertrauen in die Tauglichkeit jener rein geistigen Turniere sei. Ich bin aus Gründen, die ich ein ander Mal entwickeln werde, dem Elihu Burrit und der ganzen quäkernden Olivengesellschaft von Herzen abhold, aber Eines scheint mir doch klar: so lange es massenhafte stehende Heere giebt, und so lange vollends diese Armeen einem abgesonderten Inhaber der sogenannten exekutiven Gewalt, im Gegensatz zur legislativen, in die Hände geliefert sind: mit anderen Worten, so lange der eigentlich gebietende, d. h. gesetzgebende Körper nur eine Zunge, der gehorchende aber, d. h. der ausführende, Zähne und Hörner hat, so lange bleibt das Ansehen und die Macht der Par- — 223 — lamente eine reine Erdichtung, und der Kops wird unter der Botmäßigkeit des Armes stehen. In Amerika und England sind Parlamente denkbar, in dem heutigen festländischen Europa werden sie immer von der Duldung der Armee abhängen. Ich weiß wohl, daß auch Vieles zur Verteidigung des Repräsentativ-Systems anzuführen ist, allein das ganze unbändige Vertrauen, welches der aufklärungsfreundliche Teil der deutschen Nation in die Veranstaltungen von parlamentarischer Natur setzt, fordert in mir die widerstrebenden Betrachtungen mit Macht heraus. Wer denkt nicht — der ihn zu sehen Gelegenheit gehabt — mit Beschämung an den Götzendienst, welcher s.nuo 1848 mit den Frankfurter Abgeordneten getrieben worden! War es doch als tauchte ein wahrer Prophet und gottgesandter Mann auf, da wo einer von ihnen in größeren oder kleineren Versammlungen erschien; und das heute erneuerte Pochen auf eine Vertretung beim Bunde als Universalmittel gegen alle Schmerzen verrät, daß noch immer ein guter Rest jenes alten Glaubens in den Herzen zurückgeblieben ist. Es ist aber dieses vertrauensvolle Sich- hingeben an beratschlagende Körperschaften überhaupt nichts Anderes als ein Kennzeichen einer aus Rat- und Kopflosigkeit zusammengesetzten Lage. Menschen, die nach Abhilfe von unerträglichen Zuständen suchen und in- sich den Charakter oder die Geisteskraft zn einer gesunden That- vermissen, lieben es außerordentlich, die Auffindung eines, rettenden Ausweges von dem Witze irgend einer Kongregation zu erwarten, der sie mit unendlichem Vertrauen zugleich auch, unendliche Kräfte zu erteilen wähnen. Ein jeglicher vermeint: was er nicht errate oder ahne, das werde sein Abgesandter schon ausklügeln, und so schieben in einem fort die größeren Massen den kleineren die unlöslichen Aufgaben zu, um sich über ihre inwendige Mittellosigkeit zu täuschen. Die Nation ernennt ein Parlament, das Parlament ernennt einen. — 224 — Ausschutz, der Ausschutz ernennt einen Berichterstatter, jeder wirft den Ball dem andern zu. jeder befiehlt den Geist, den er nicht hat, in die Hände seines Abgeordneten, bis dann von Stufe zu Stufe, von einem Aufschub zum anderen das Problem abgekühlt, abgeniergelt und abgeblaßt in irgend einem langweiligen Druckbogen zu Tage kommt, der nur deshalb nicht mit dem Unwillen und dem Schmerze bitterer Enttäuschung empfangen wird, weil langes Ermatten und spätes Erkalten die Unerquicklichkeit und Unfruchtbarkeit des ganzen Bemühens längst zu Tage gefördert hatten. In diesen Zuständen spiegelt sich am deutlichsten die ganz verkehrte, weil übertriebene Rolle, welche die parlamentarischen Anstalten in der modernen und besonders in der deutschen Fantasie spielen. Was da nicht in der großen Gesamtheit vorhanden ist, das kann die kleinere ihr nicht zurückgeben; der Entschluß und die Erfindung, zu welchen nicht die Nation herangereift ist, werden ihr nie aus dem Schoße ihrer Erwählten entsprießen. Parlamente — mit einem Worte — sind da. um Erobertes zu bewahren und zu entwickeln, aber nicht um zu gestalten, was nie da gewesen. Sie sind ein Bollwerk, aber keine Mauerbrecher. Wer sie einsetzt, ehe er das Reich der Freiheit im Fundament gegründet, der bahnt nicht dem Fortschritte, sondern dem Verrate einen Weg; wer sie aber vollends vorschiebt, damit sie erfinden und erkämpfen, was nicht vorher der Gedanke der Nation erfuuden und der Arm der Nation erkämpft hat, der treibt nur Schabernack mit seinen eigenen Sinnen. Man hat das Frankfurter Parlament seiner Zeit- und Kraftvergeudung angeklagt. Diese Anklage war nur der zweite Teil und die Vervollständigung der ärmlichen Selbsttäuschung, in welcher sich die ganze Nation herumtrieb. Als sie, im Zustände ihrer thatsächlichen Unfreiheit verharrend, mit allen vormärzlichen Unterdrückungs- Anstalten auf dem Nacken, eine beratschlagende Versammlung als theoretisches Sinnbild der Befreiung installierte, da war — 225 — diese von vornherein der Ohnmacht, dem eitlen Spiel und schließlich dem Untergang gewidmet. Regierungen und Regierte fanden eine Weile hin ihre Rechnung am Weben dieses Scheingebildes, weil diese sich selbst und jene ihre Unter» thanen zu beschwichtigen verlangten, aber das wahre Ende der deutschen Erhebung wurde nicht in Stuttgart am letzten, sondern in Frankfurt am ersten Tag der deutschen Nationalversammlung abgespielt. Ich habe nie auf dem Altare der Paulskirche geopfert, und ich habe daher ein Recht, den wohlfeilen Spott abzuwehren, welchen spät erleuchtete und ermutigte Kritiker jetzt über die Männer ergießen, denen das wenig beneidenswerte Schicksal zugefallen war, den Fehlgriffen und und dem Selbstbetrug der Nation als Spiegelbild zu dienen und unter den Augen Aller ein Jahr lang jenen Tod des Elends zu sterben, welchen die deutsche Revolution in der ersten Hälfte des achtundvierziger Märzes bereits schnell, aber von den wenigsten bemerkt, gestorben war. Und sollten erschütternde Weltbegebenheiten je die deutschen Fürsten wieder dazu vermögen, das scheinbar große Zugeständnis einer gesamt-deutschen Volksvertretung zu machen, so würden im wesentlichen die nämlichen Thorheiten und die nämlichen Ergebnisse zutage kommen. Und darum trägt die heute wieder aufdämmernde Bewegung bereits den Keim des Verderbens im Herzen, weil sie abermals unter dem Gestirn der parlamentarischen Hoffnungen und der parlamentarischen Traditionen empfangen ist. Was aber dann? fragst du. Das ist eben der Jammer! Große Thaten, wie die. welche England und Frankreich, Holland und Nordamerika zur politischen Emanzipation gebracht haben, lassen sich nicht vordozieren. Diejenigen Vorgänge aber, welche zunächst uns wieder aufgerüttelt haben, sind keiner fruchtbaren Anwendung auf unsere Verhältnisse fähig, ich meine die italienischen. Wir dürfen an keinen Sukkurs von außen denken, wir sind in der trübseligen Lage Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. IS — 226 — eines herabgekommenen Reichen, dessen Mittel nicht auslangen, daß er sich mit eigenen Kräften wieder heraufarbeite, dessen Standes- und Ansehens-Traditionen ihm aber auch nicht erlauben, fremde Unterstützung zu empfange::. Wir sind zu vornehm, um geschenkt zu nehmen, zu dürftig, um unsere Ehre aufrecht zu erhalten. So fristen wir als verschämte Arme dem Ausland gegenüber eine politische Scheinexistenz, und iu der Verlegenheit heften wir das rettungsuchende Auge auf wen? auf Preußen! Theorie und abermals Theorie bis zum Ende! Gedankenfonnen ohne Fleisch und Bein, mathematische Anschauungen mit körperlosen Grund- und Aufrissen. Ihr konstruiert Euch im Geiste einen preußischen Staat, wie er sein könnte oder sollte, aber die Menschen, welche diesen preußischen Staat zu jetziger Stunde vorstellen, die thun Euch nichts zur Sache. Vom großen Kurfürsten und vom großen König ans führt in Eurem schulgerechten Hirn eine schnurgerade Lmie mit historischer Notwendigkeit bis herunter auf Euren deutschen Kaiser, aber andere sind die Wege der Logik, andere die Wege des menschlichen Samens, und wäre es auch ein königlicher. Nicht der Beruf schafft sich den Mann, sondern der Mann schafft sich den Beruf. Das Sprichwort sagt zwar: Gelegenheit macht Diebe, aber es hütet sich zu sagen: Gelegenheit macht ehrliche Leute. Kraft verschwenden kann jeder, sich Kraft geben kann niemand, und daher sind alle eure hochgeborenen Anschauungen von der Sendung Preußens luftige Spekulationen ohne Rücksicht auf das einzig entscheidende Maß der Dinge, d. h. die handelnden Personen. Das alles rührt her vom Mißbrauch der Abstraktion. Wäre es unser vernünftiger Sprachgebrauch, in neunzig Fällen von Hunderten, statt falscher Weise Preußen, richtig Hohenzollern zu sagen, so würden an dem Worte selbst eine Menge irriger Voraussetzungen scheitern, ehe sie auf die Oberfläche kämen, und gleicher Weise vermieden wir durch Übung solcher Rede- Vorsicht, wie die Gefahr thörichter Hoffnungen, so auch die Gefahr thörichter Mißverständnisse. Warum muß ich allezeit gegen Österreich losziehen hören? Ist Habsburg Österreich? Kann sich denn kein ehrlicher Mensch aus seiner Livree herausdenken, und prügelt Ihr Euch zuletzt, als treuergebene Lakaien, für die Knöpfe an Euren Röcken? Wenn der Erzherzog Johann — Gott habe ihn selig — gesprochen hat: Kein Österreich, kein Preußen, sondern ein einiges einziges Deutschland, so war er halt ein Herzog, und mein bürgerlicher Verstand erlaubt sich deu Wunsch, die beiden ganz unschuldigen geographischen Begriffe durch die beiden dynastischen ersetzt zu sehen. Kommen wir wieder einmal auf dem Gürzenich bei Austern und Rheinwein zusammen (was schon passieren könnte), so wollen wir vorschlagen, statt der Ost- und Nmd-Mark deutscher Erde die beiden Namen Habsburg und Hobenzollern im bruderliebenden Pokale aufzulösen. Bis dahin aber gebt mir Acht, daß die guten Leute an der Donau — und sie sind dessen wohl kapabel — es nickt für sich nehmen und mit Zinsen wiedergeben, wenn Ihr Österreich im Munde uud Habsburg im Gedanken habt. Schneidet mir ja den sympathischen Nerven nicht durch, welcher von Wien aus aus Deuischlands Herz zuläuft, er ist mir — verzeih mir die Sünde — beinahe lieber als sein Zwillingsnerv im Norden, und ich täusche mich sehr, oder der elektrische Schlag, der Leben bringen soll, möchte noch viel eher von dort unten heraufkommen. So manchmal, wenn ich den Konstabler unter den Linden seine Fortschrilts- Laterne putzen sehe, dieweil schwarte, donnergeladene Wolken sich um den Turm der Slephansknche zuiammeiiballen, summt es mir wie ein altes, almungsvolles Liedel im Kopfe: Schädliches Österreich, ich ziehe dich vor dem nützlichen Preußen! Vor allen Dingen aber nähre mir keinen Vertrauens- luxus in fürstliche Größen. Wir haben an jenem schönen 15« — 228 — Gut hinreichenden Vorrat und noch für Generationen ausgesorgt. Wenn man auf die souveränen Geschlechter die allergewöhnlichste Statistik anwenden will, so wird man sehen, wie viel günstiger Zufall dazu gehört, daß einer unter Hunderten über die niedrigste Mittelmäßigkeit der Geistesund Körperkraft hinausrage, und man wird von ihnen nicht verlangen, daß sie durch geniale Unternehmungen ihr behagliches Auskommen oder auch nur ihre bürgerliche Ruhe kompromittieren sollten. König von Preußen zu sein z. B. ist schon eine leidliche Versorgung. Manchen, der es durch Gottes verehrungswürdige Fügung geworden, möchte es saure Mühe gekostet haben, durch sein Genie auch nur das Fürstentum Hechiugen zu erschwingen. Warum soll er also seinen Besitz in Gefahr bringen? Aus Liebe zur Freiheit und Größe des deutschen Volks? Ihr habt gut reden, meine Herren armen Teufel, Ihr seid in der Bewunderung des Leonidas und seiner dreihundert Proletarier aufgewachsen, und von keinem irdischen Schatze besitzt Ihr soviel als vom hohen Ideale der Menschenwürde. Wäret Ihr aber von Kindesbeinen an von Generalen aller Waffengattungen erzogen, in der Lehre vom Befehlen und Gehorchen groß gesäugt, mit der Milch des göttlichen Rechts getränkt und mit weltlichem und geistlichem Weihrauch umnebelt worden, so möchtet Ihr den heutigen Statusquo mit ganz anderen Augen ansehen. Es erfordert eine ganz außerordentliche Persönlichkeit für den in Purpur geborenen Prinzen, daß er nicht durch und durch von feudalistischen, aristokratischen und soldatischen Vorurteilen gesättigt sei, und wäre auch das alles nicht, so genügte der Instinkt der persönlichen Erhallung um ihn zum konservativsten Menschen seines Landes zu machen. Mit welchem Rechte verlangt Ihr von einem zu solchen Empfindungen gezwungenen Regenten, daß er Euren idealistischen Erwartungen und Anforderungen entspreche? Schwärmer der Gerechtigkeit Ihr, lernt erst — 229 — gegen einen armen König gerecht sein und verlangt von ihm nicht das Unmögliche. Wenn Ihr es nicht verlangt, so werdet Ihr auch nicht getäuscht werden, noch Euch nach jeder verlorenen Illusion über Euren Fürsten statt über Euch selbst beklagen. Ihr werdet auch zugleich Eurem Ziele um die Vermeidung eines unausbleiblichen Irrtums näher rücken. Was mich betrifft, so erkläre ich jedem Fürsten von Geblüt und jedem Hohenzollern insbesondere, daß ich ihn nicht um eines Haares Breite für Deutschlands Fortschritt verantwortlich mache, und daß ich mich aller Ansprüche an seine Mitwirkung los und ledig erkläre, dagegen erlaube ich mir, den Kodex meiner Pflichten und die Regeln meines Verfahrens in Einklang mit dieser meiner Recht- und Anspruchslosigkeit zu formulieren. Im Übrigen appelliere ich an die Erfahrung. Als die preußischen Heere unter der Rute des gewaltigen Napoleon in Rußland standen, und für Deutschland die Stunde der Erhebung schlug, da war es nicht Friedrich Wilhelm III., welcher es wagte, mit dem gefürchteten Zwingherrn zu brechen und vielleicht für des Vaterlandes Befreiung seine Krone einzusetzen, da zögerte und scheute das königliche Haupt, und Aork, der Patriot aus bürgerlicher Herkunft, mußte seinen Kopf spielen, um durch eine kühne Wendung, sozusagen durch einen Akt der Empörung, seinen zaudernden Souverän zu kompromittieren. Als Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone zu Füßen gelegt wurde, da stieß er sie mit dem Fuße von sich, und nun, nun baut iu Gottes Namen auf einen neuen Friedrich oder Wilhelm! „Wer zum ersten Male liebt und sei's auch glücklos, ist ein Gott, Doch wer zum zweiten Mal unglücklich liebt, der ist ein Narr.* Dein Thomas Contra. II. Michael Pro an Thomas Contra. Mein kluger Freund! Ich will nicht darüber streiten, ob es richtig sei, daß der einzelne Mensch sich nicht ändern könne. Aber ganze Menschen-Arten sind doch der Besserung zugänglich. Wenn ich bedenke, daß zu Goethes Zeiten, nach des alten Meisters Versicherung, die Lumpen sich durch Bescheidenheit ausgezeichnet haben, und wie es ihnen seitdem gelungen ist, den Vorwurf zu Gemüthe nehmend, sich von dieser Charakterseite ganz und gar unkenntlich zu machen. Wundern möchte sich der selige Wolfgang, wenn er heute die Menschlein sähe, welche das Jahrhundert mit Orakelstimmeu abkanzeln und im Donner ihrer Unfehlbarkeit einherpoltern. Die gute alte Zeit, in der mit Gründen und Schlüssen auf dem Papier gefochten wurde, ist vollständig überwunden. Die „Autoritäten", welche die Volksvertretungen mit Kanonen widerlegen, reden, wenn sie sich zum Reden erniedrigen, nur mit Vernichtungsworten. Wo das Dreinschlagen die oberste Regiemngskunst ist, muß natürlich das Anschnauzen die oberste Dialektik sein, und wie man jeden Lümmel zum Schießen gebrauchen kann, so läßt sich aus jedem Gelbschnabel ein patziger Hof- und Staatszeitungsschreiber machen. So diesseits wie jenseits des Rheins. Haben wirs doch jüngst- hin erlebt, daß ein solcher Mann Gottes im Vollbewußtsein höchstseines erhabenen Standpunktes vor Gericht erklärte: was er in der Stadt Augsburg zu Papier gebe, das gehe rein über den Horizont unserer bürgerliche» Schädel und sei nur zur Erleuchtung von Fürsten und Staatsmännern bestimmt. So weit hatte es Gott der Herr nicht gebracht, da er zu Mosen sprach: „Geh' hin und verkünde allem Volke", — und ist doch auch seiner Zeit eine Autorität gewesen! Das Schönste bei der Sache kam aber hernach zu Tage, nämlich, das sothanes Augsburger Fürstenbrevier von Kommunisten auf Haldsold bedient wird, die in ihren Musestunden, wenn gerade auf der äußersten Linken nichts zu verdienen ist. bei der äußersten Rechten Arbeit finden und Herrn Baron von Cotta mit den schönen Resten ihres Zerstörnngstriebes vergünstigen. Variatio äs- Isewt. Es muß recht vergnüglich sein, in den Pausen des proletarischen Klassenkampfes auf vertrautem Fuß mit Deutschlands Baronen, Staatsmännern und Fürsten zu verkehren. Auch fehlt es, wollte man tiefer eindringen, wie bei allen historischeu Erscheinungen, nicht an der Erklärung des inneren Zusammenhanges. Vor allem muß heutzutage ein armer Sterblicher darauf gefaßt sein, unter dem Hohngeschrei der modernen Weisen vernichtet zu werden, wenn er sich beigehen läßt, von Prinzipien zu reden. So verächtlich konnte nicht Reinecke, der ehrliche Fuchs, sich über Schwänze äußern, nach dem er den seinen in der Falle gelassen, wie heutzutage eine gewisse Sorte von Politikern sich über Prinzipien lustig macht. Es hat damit aber auch so seine Schwanzbewandtnis. Genau besehen tragen die Herren alle einen armen, schlecht vernarbten Stummel am Leibe und haben die Blume ihrer Integrität in irgend einem speckverzierten Fangeisen eingebüßt. Inäs iras! Ehemalige Freischärler, welche für — 232 — das göttliche Recht predigen, demokratische Abgeordnete, welche der Hofkanzlei ihre Feder leihen, müssen natürlich auf Prinzipien nicht gut zu sprechen sein. Da haben wir denn die praktischen Anschauungen in Schwung gebracht, welche je nach Zeit und Umständen zu allen Standpunkten benützt werden können. Alle Bäche der Gemeinheit münden in den großen Strom der praktischen Anschauungen, und die vollendete Thatsache ist der einzige Maßstab von Recht und Vernunft. Vollendete Thatsache? Nur diejenige That ist als vollendet zu betrachten, welche als gut, wahr und gerecht sich iu dem Bewußtsein der mitlebenden Menschheit eingebürgert hat. Wenn das Geschehensein allein heilig spräche, so würde jedes Privatverbrechen mit demselben Grunde seine Unwiderleglichkeit und folgerichtig seine Unstrafbarkeit beanspruchen können, wie der kolossalste Staatsstreich — denn nicht der äußere Unifang, sondern der sittliche Inhalt entscheidet über den Wert einer Handlung. Aber so wenig ein Verbrechen zur Tugend wird, weil der Urheber sich durch die Flucht der Justiz entzieht, so wenig wird eine öffentliche Gewaltthätigkeit zur Quelle und zum Maße des Rechts, weil der Gewaltthäter stark genug bewaffnet ist, um den siegreichen Fuß auf den Nacken der Wahrheit zu setzen. Das Recht ist keine Erscheinung der Sinnenwelt und kann daher durch Physische Gewalt nicht geschaffen werden. Es ist eine Wesenheit, welche nur in der Vorstellung, im Geiste der Menschen existirt und aus der Gesamtheit des geistigen Lebens gewonnen wird. So lange daher eine Thatsache nicht den Beifall der Überzeugungen gewonnen hat, so lange ist sie nicht zum Recht geworden, so lange ist sie nicht vollendet; denn das volle Ende, das Vollmaß des Lebens ist erst erreicht, wenn finnliche Erscheinung und geistige Thätigkeit in Eins zusammenfallen. Und diesen Teil unserer Existenz, ich meine den geistigen Inhalt, und ich möchte beinahe hinzusetzen, diesen — 233 — besseren Teil (denn ich fühle mich den Geistverächtern an Vorurteilslosigkeit hinlänglich gewachsen, um ihre Ironie herausfordern zu dürfen) ja diesen bessern Teil, die Übung der Intelligenz und der Gerechtigkeit, den sollen und wollen wir uns nicht auch noch von den die rohe Gewalt und den plumpen Eigennutz vertretenden Mächten ranben lassen. Die vollendete Thatsache ist ein Parasit, der auf Kosten unseres Gehirns lebt. Er wächst in dem Maße als wir uns von ihm die Organe der Erinnerung ausfressen lassen, und es liegt in unserer Macht, ihm zu widerstehen, indem wir das Gedächtnis seines Ursprungs und unserer Eindrücke tren bewahren. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an unseren Widersachern und lernen wir von ihnen, übernommene Vermächtnisse und anvertraute Güter ungeschmälert folgenden Geschlechtern überantworten. Wenn aristokratische Stammhalter sich vor ihren Blutsverwandten gebunden halten, das Erbe an Land und Leuten als ein unantastbares Ganze zu hinterlassen, so haben denkende Menschen ein größeres Reich, größere Schätze und größere Vorfahren aufzuweisen, als alle Monarchen von Gottes Gnaden, — sie von Geistes Gnaden: denn ihr Fideikommiß ist das unendliche Reich des Gedankens, ihre Kronjuwelen sind die unzähligen Schöpfungen der Intelligenz, ihre Ahnen sind alle die Lehrer und Denker, welche die Jahrtausende hindurch an dem Bau des geistigen Lebens mitgearbeitet haben. Ich sollte meinen vor diesem ihrem Berufe dürften sie etwas Respekt haben; und gerade, weil es in der Welt so schlecht bestellt ist, gerade weil — wie du mit Recht hervorhebst — Gewalt und Lüge so vielfach triumphiren, gerade darum ergeht zwiefach an Jeden, welcher dies einsieht, das Verbot der Anerkennung der rohen Thatsache. Sei immer Pessimist, so viel du willst; es find nicht die Verächter und Gleichgültigen, welche der Menschheit Böses nachsagen; — 234 — sondern die, welche am meisten von ihr erwarten, die, welche am lebendigsten für sie empfinden, erscheinen natürlicher Weise mich in der vordersten Reihe ihrer Angreifer. Von Cato bis Voltaire waren die eifrigsten Verfechter von Recht und Wahrheit bittersprechende Pessimisten und haben Besseres gewirkt, als süßlich Verzückte, die im Interesse des eigenen Wohlbehagens dem Bedürfnis huldigen, überall Vortreffliches und Anerkennenswertes zu gewahren. Pessi- miere nur immer zu! Aber ein Anderes ist: die Macht der schlimmen Thatsachen einzugestehen, ein Anderes, vor ihr verzichtend zu verstummen. Ist jene Folter nicht doch gefallen, wie du selber anerkennst? und vor wem? und wird nicht — wie du gleichfalls die Hoffnung anssprichst — auch jene Marterkammer des puritanischen Seelendünkels fallen, die blödsinnbiütende Zelle? Und wenn du dich also selbst nicht hindern kannst, im Vorbeigehen der um sich greifenden Macht des Gedankens ein Vertrauensvotum in den Schoß zu werfen, warum verlangst du von andern den Verzicht aus den Gebrauch ihrer geistigen Kräfte, da wo die körperlichen im Augenblick den Dienst versagen, dn Menschheit anbetender Pessimist, du sanftes Lamm der Bildung im rauhen Wolfskleide der Verzweiflung! Aber so sind einmal heut zu Tage die furchtlosen Denker. Aus lauter Angst, sie möchten vor den letzten Consequenzen ihrer unerbittlichen Logik zurückschrecken, gehen sie lieber über ihr eignes Extrem hinaus, und unversehens ins Lager ihrer Feinde. Beklagst du dich nicht selbst in deinem Briefe über diejenigen, so die Waffen des philosophischen Geistes zu verräterischen Fechterkunststücken für die Erbfeinde des Wissens und Forlschritts führen? Was Jene mehr oder minder bewußt thun, das treibst du ahnnngslos zum eignen Schaden. Gerade so verfahren auch jene modernsten Vergötterer der Naturwissenschaft, welche von ihrer — im Grunde uralten — Entdeckung trunken, daß alles Leben, > — ^35 — selbst das erhabenste, untrennbar an den Stoff gebunden sei, sich für verpflichtet halten, die Fülle ihrer Verachtung über alle dem reinen Denken zugewandten Zweige des Wissens auszugießen. Während der Gewaltstaat und die Hochkirche die radikalen Physiologen < um Wkami^ von ihren Lehrstühlen relegieren, erziehen diese ihnen die Jugend zu einer Verachtung der Philosophie und zu einer ausschließlichen Verehrung der praktischen Fächer, welche für Scepter und Krummstab so recht gleichgültige und fügsame Unterthanen nach dero Herzen formen. Und wären sie noch selber wirklich so schlimm, als sie uns möchten glauben macken! Aber mit Nichten. Auf gleiche Weise, wie du, schmollender Fortschrittsgeist, zu eigenem Seelentort die Herrlichkeit der rohen Thatsachen predigst, auf gleiche Weise sind alle jene Kraftstoffel und Kreisläufer im Gruude ihres Herzens verkappte Philosophen, nur nicht immer sehr scharfe; ja derselbe Trieb des abstrakten Denkens, den: sie Hohn rufen, hat ihren Wahrheitseifer angezündet, und die Logik, deren sie spotten, liefert ihnen die Waffen zu ihren Experimenten, Bohren sich Esel, wissen selbst nicht wie. Doch davon ein ander Mal. Einstweilen lerne von Jenen, welche die Federn bezahlen, um zu beweisen, daß die Kanonen recht haben; lerne von der Kanone selbst den Respekt vor der Feder, d. h. vor dem Reich des Gedankens. Wie sich immer der Mensch drehe, sein Leben ist ganz und gar im Geiste, sagt irgendwo mit großer Wahrheit ein moderner Materialist, der im Übrigen nicht immer so einfach und richtig sieht (Proudhon). Und also bleibt es. So lange es ein menschliches Ich giebt, d. h. eine die räumlichen und zeitlichen Vorgänge in Vorstellung und Urteil zusammenfassende Empfindung, und so lange diese Thätigkeit der kennzeichnende Akt menschlichen Lebens ist. so lange -? j — 23k — komme ich ebensowenig, wie irgend eine Sprache, über den Begriff des Geistes, d. h. des Denkens hinaus, und wäre es auch noch tausendmal schärfer als geschehen und als nötig ist, bewiesen, daß im Reiche der Intelligenz kein Sperling vom Dache fällt ohne den Machtspruch des alldurchdringenden Stoffes. Räumst du aber dem Gedanken das Recht des Daseins ein, so mußt du ihm unvermeidlich das Recht der Ausbreitung, der Fortpflanzung, das Recht zur Hoffnung auf endlichen Sieg einräumen. Wohl oftmals hört man von Solchen, die sich allen Beweisen zum Trotz nicht von dem süßen Troste einer unsterblichen Seele trennen können, den verzweifelten Ausdruck hinschleudern, daß es in der Ökonomie ihrer Lebensanschauung für sie schier unmöglich sei, ohne die Annahne einer Fortdauer nach dem Tode auszukommen. Ihnen kann man mit Recht antworten: Ihr müsset auskommen, Ihr müsset Euch, wenn Eure Logik besiegt ist, auch im Gemüte mit diesem endlichen Leben zurecht finden. Nicht so aber mit dem Glauben an Recht und Freiheit, d. h. an Wahrheit: dieses, ich möchte sagen dieses Jenseits auf Erden gehört unentbehrlich zur Ökonomie unseres gesamten, d. h. unseres geistigen Lebens; es bliebe, könnten wir darauf verzichten, kein Notbehelf, mit dem wir uns begnügen möchten, es bliebe keine vernünftige Existenz, und alles Kulturleben würde zum Unsinn. Ich weiß es wohl, daß Künstler und Kunstaffen sich einen ästhetischen Jndifferenzpunkt herausgezirkelt haben, von dem aus sie wähnen, den Weltuntergang ohne Störung ihres eigenen Gleichgewichts mit ansehen zu können, ja ohne nur in den Ätherregionen ihres Schönheitslebens berührt zu werden. Aber es gehörte, denke ich, nicht allzu große Verstandesschärfe dazu, ihnen nachzuweisen, daß man in solche Voraussetzungen sich wohl hineinträumen könne, aber sich hineindenken nimmermehr. Alle Begriffe, durch welche wir irgend eine Bejahung in Rücksicht auf den Ge- — ^37 — samtinhalt der Lebensaufgabe ausdrücken, heißen sie nun Schönheit, Tugend, Recht, Freiheit, Glück, oder wie sie sonst wollen, fassen sich schließlich doch in Eins zusammen. Dies Eine ist: Wahrheit. Alles Leben der Intelligenz dreht sich um die Teilnahme des Individuums an allgemeinen Wahrheiten; und wenn letztere auch als Gegenstände der besonderen Aufmerksamkeit teilbar erscheinen, so ist doch der Nachweis überflüssig, daß sie an der Wurzel ein unteilbares Ganze, ja durchaus nur einunddasselbe ausmachen. Große Künstler waren daher auch immer große Menschen und lebte» das ganze Dasein ihrer Zeit nach allen Richtungen hin mit. Wenn heutzutage die Farben- und Ton-Virtuosen es zur Konservierung ihres ästhetischen Teints für notwendig erklären, sich gegen alle rauhen Winde der politischen Welt zu vermummen, so kommt es eben daher, daß wir viel mehr Kunsttändelei als Kunst vor Augen sehen, und daß dem Spiele allerdings jeder Ernst eine Störung ist. Noch läppischer ist die litterarische Schönseligkeit, weil ihr der falsche Denkprozeß viel weniger natürlich steht, als dem in die unmittelbare Form versenkten Gehirn des Künstlers. In der Betrachtung des Lebens vorsätzlich dem auf der Oberfläche Wohlgefälligen nachjagen und die Innenseite meiden, da wo die positiven Thatsachen unsere Ansprüche an die Harmonie des Daseins verletzen, darauf reduzirt sich ja die ästhetische Vornehmheit — das ist doch am Ende nur eine andere Art. sich aus stiller Verzweiflung irgend einer Form des Rausches zu übergeben. Das ist in seiner abgeschmacktesten Weise schon da gewesen, als Könige und Hofleute, welche von dem Schweiß des Landes praßten, in ihren Mußestunden die arkadischen Schäfer agierten. Nein, mein Freund, ich ehre den sogenannten Pessimismus, der in seinem Wahrheitsdurste alle Erscheinungen des Lebens umkehrt, damit er sie genau und auch von ihrer Schattenseite beschaue, nicht weil er sich am Anblick des — 238 — Übels weidet, sondern weil die Ehrlichkeit seines Strebens ihn nicht ruhen läßt, bis er allen verborgenen Rissen und Schäden der Dinge nachgesehen habe. Er entspringt, dieser Pessimismus, aus dem rastlosen Eiser für das Gute; aber ich verlange auch Selbsterkenntnis genug von solchem Wahrheitsfreunde, daß er sich nicht selbst so beschränkt und oberflächlich auffasse, wie die thörichte Welt, welche ihm vorwirft, dem Übel zu huldigen uud das Gute als einen wesenlosen Schein zu verspotten. Du willst praktisch sein, mein Freund, und du siehst nicht einmal, was in deinem eignen Innern vorgeht; Eines ist aber noch schlimmer und unpraktischer: du ahnst nicht, daß du dir deine eignen Waffen stiehlt, um sie dem unwürdigsten deiner Gegner zu borgen. Es ist unter Kennern des menschlichen Herzens eine ausgemachte Sache, daß nichts vorsichtiger zu gebrauchen sei, als Selbstanklagen. Öffne dem ersten besten Tropf dein Herz mit der Bekennung deiner Mangel, er wird sie salbungsvoll einstreichen und dir bei Heller und Pfennig anschreiben. Seine eigenen Schwächen kennt er nicht einmal von Ferne, und an deine Tugenden würde er nicht glauben, selbst wenn du es überwinden könntest, davon zu reden. So hast du schließlich nichts geleistet, als irgend einen Gimpel in der Anbetung seiner eigenen Vortrefflichkeit und in der Mißachtung der Besseren zu bestärken, die Distanz zwischen ihm und seiner Bekehrung zu erweitern. Wenn einem unserer Widersacher deine Ausfälle gegen die Selbstherrlichkeit des Gedankens, gegen parlamentarische Verfassung, gegen die Hinneigung zu Preußen unter die Augen kämen, was würde er daraus folgern? Daß du der roben Gewalt mit Verachtung allen Fortschritts die Ehre gäbest, daß du die despotische Regierungsform als die allein vernünftige anerkenntest, und daß du die Herren von Rechberg, Veust und von der 1 — 239 — Pfordten auf Händen trügest. Und da wäre dir wohl geholfen? So muß ich dich denn daran erinnern, daß man es in endlichen Dingen immer nur mit relativen Größen zu thun hat, und daß es ein schlechtes Handwerk ist, im Kampf zwischen den Bösen und den Guten, die schwachen Seiten der letzteren in die Pfanne zu hauen. Regierung ist ein notwendiges Übel, und so muß der Volksvertretung, die auch eine Weise des Regierens ist, selbstverständlich ein gutes Teil von der Natur des Grundübels anhaften. Es ist beinahe Modesache geworden, gegen beratende Körperschaften zu Felde zu ziehen, aber aus dem ganzen Halali hab' ich noch keinen sinnigen Vorschlag zur Ersetzung des so ruudweg veidämmten Systems heraus hören können, dahingegen an nichtsnutzigen Absichten und an traurigen Surrogaten kein Mangel ist. Vergiß nicht, wer den verächtlichen Ausdruck „Parlamentarismus" in Gang gebracht hat! Es geschah nach dem 2. Dezember des Jahres 1852. Waren das wohl lautere Triebfedern, welche uns den Ekel an dem Kammerwesen einzuflößen gedachten, oder war es vielmehr die anmutige Berechnung jenes Vielfraßes, der in die Schussel spuckte, damit er sie allein aufzehren könnte? Keine Regierung hat so derb auf die Eitelkeit staats- männiicher Eloquenz geschimpft und schimpfen lassen als die französiiche, uud drolliger Weise ist keine so redselig und deklamatorisch wie sie. Sie möchte alle Zeitungen, Flugschriften, Bücher allein machen, ^c>spnprll-.iw tue- eit? kmck bv sver)' w-ui kimsklf-, heißt es dort im Coriolan. Und Meßlick; gleich als gälte es jedem Irrtum den Weg zu verlegcu, hat sie sich nicht enthalten können, durch die Einsetzung von Kammern, wenn auch nur uud eben weil ? nur zum Schein, gnuidsätzlich dem Systeme zu huldigen. welckes sie thatsächlich zerstört hatte. Wie in Frankreich so aller Orten. Wenden wir uns aber den Angriffen zu, welche von dem äußersten Flügel der liberalen Seite auf den Parlamentarismus eindringen, so bin ich wahrlich in noch größerer Verlegenheit, Einrichtungen zu bekämpfen, welche uns an dessen Stelle geboten würden, denn ich vermisse jede positive Andeutung von dieser Seite. Ich habe selbst in einem umfangreichen Werke, das ein gewissenhafter, geistvoller und sachkundiger Demokrat gegen den Parlamentarismus mit besonderer Hinweisung auf England geschrieben hat (Bucher, der Parlamentarismus) vergeblich nach Etwas gesucht, das wie ein Ersatzmittel aussähe. In der That liefert mir meine Fantasie keine Erfindung, welche aus etwas Drittes neben dem Absolutismus und der Volksvertretung hinausliefe, und ich brauche mich wohl nicht zu verachten, wenn ich nicht erfinderischer bin als die ganze Weltgeschichte vor und nach Christi Geburt, diesseits und jenseits der Meere. Wäre es — vom Wünschenswerten nicht zu reden — möglich, die Welt aus lauter Kantönli's zusammengesetzt zu denken, so möchten allerdings Urver- sammlungen statthaft erklärt werden, obgleich vorauszusehen ist, daß auch in diesen ein beträchtlicher Teil der Mißbräuche wieder auftauchen würde, welche man den repräsentativen Versammlungen zur Last legt. Aber in der Welt des massenhaften Zusammenwirkens und des allseitigen Jn- einandergreifens ist Staat und Großstaat ein und dasselbe, sind die kleinen Souveränetäten nur zwerghafte Bildungen ohne die Grundbedingungen innerer Entwicklung und äußeren Bestandes. Die unabweisbaren Erfordernisse des Großstaates und der Selbstverwaltung begegnen sich ganz ausschließlich in der Volksvertretung. Auf die Schelme, welche uns das parlamentarische Leben verleiden möchten, will ich nicht weiter zurückkommen. Forsche ich aber dem Gedankengang nach, welcher mehr als einen ehrlichen Mann dahingebracht hat, unser Heil von irgend einer andern Methode auf unklare Weise zu erwarten. so begegne ich einer Erscheinung, welche zu den eigentümlichsten unseres Zeitalters gehört und meines Erachtens eines aufmerksamen Studiums wert ist, weil sie ganzen Reihen von trügerischen Anwendungen zu Grunde liegt. Ich möchte sie von ungefähr als den Zauber der falschen Genialität bezeichnen und in politischen Dingen damit charakterisieren, daß sie die Erlösung in Form irgend einer — bis dato freilich noch verhüllten — gut inspirierten Diktatur herankommen fühlt. Dieser Dämmerungsglaube an die „kühnen Griffe" erklärt sich allerdings bei einer Generation, welche deren manche erlebt hat; aber wenn sie einen Augenblick den Überschlag aller in diese Gattung gehörenden Unternehmungen machen wollte, so würde sie zu dem höchst beachtenswerten Resultate kommen, daß alle samt und sonders einem einzigen Geschlechte angehören, nämlich dem der gemeinschädlichen Handlungen. Das klärt die ganze Sache auf. Schlechte Streiche giebt es genug, aber gute Streiche sind ein unbekanntes Ding. Es giebt Geheimmittel, welcher Manier man über Nacht eine Volksvertretung in Beschlag nehmen und eine Verfassung in die Tasche stecken kann, wie es Geheimnisse giebt über Nacht mit einem Börsenmanöver eine Million zu erschwindeln; aber es giebt nicht ein ähnliches Patentverfahren, um über Nacht die Gesetze der Freiheit zu gründen oder ein ehrliches Vermögen zu erarbeiten. Man kann heimlich Brand stiften, aber man kann nicht heimlich bauen. Ja, nicht blos die rettenden Thaten und das politische Gaunerwesen, auch das finanzielle haben wesentlich dazu mitgewirkt, die Fantasieen mit einer ungesunden Hefe zu versetzen. Man hat so viele Bubenstreiche aller Art im Handumdrehen geraten sehen, daß man auf den Glauben verfallen ist, auch das Reich der Freiheit könne einmal auf diese Weise aufgebaut und erhalten werden. Das ist aber ein großer Irrtum. Etwas Böses kann vom Einzelnen mit Überraschung vollbracht werden, etwas Gutes ersprießt nur Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. III. 10 — 242 — aus dem Zusammenwirken Vieler nach allbekannten Grund- sähen. Warum? Die Autwort ist sehr einfach. Das Böse ist eben der partikularistische Vorteil des Einzelnen, das Gute ist das harmonische Wohl Aller. Aus der Natur des Grundwesens entspringt die Methode seiner Anwendung. Daher bleibt alle sogenannte Gesellschaftsrettnng nach plötzlich erfundenen Rezepten, so weit sie nicht geradezu Betrug ist, wilde Fantasterei. Daher auch vermöchte derjenige Sozialismus, der mehr als eine humanistische Tendenz sein und sich zu einem ganz und gar die Gesellschaft umformenden System erheben will, erst dann ernstlich mitzusprechen, wenn er sich einmal in praktische Forderungen eingelebt hätte, die ihrerseits zu ganz elementaren Anschauungen des allgemeinen Bewußtseins sich durchgearbeitet haben müßten. So lange er sich aber auf Pläne reduziert, welche bald so, bald anders von einzelnen Köpfen ausgeheckt werden und in den schwankendsten und abenteuerlichsten Vorschlägen aufs Tapet kommen, so lange mag er als soziale Alchymie das Privatstudium in Anspruch nehmen, nicht aber die Ehren 'einer Tagessrage und noch weniger die Ehren eines Zankapfels in dem Kampf um politische Befreiung. Machen wir doch auf dem viel weniger schlüpfrigen Gebiete der Finanzverwaltung stets von neuem dieselbe Erfahrung, daß es keine Hexenkünste giebt, um eine arme Staatskasse in eine reiche umzuwandeln. Weil der einzelne Spekulant Geniestreiche machen kann, mittels deren er das Geld aus fremden Taschen urplötzlich in die seinen herüberspielt, hat die Gimpelhaftig- keit von jeher sich auch mit der Erwartung äffen lassen, ein „genialer" Finauzminister könne mittels irgend einer ungeahnten Kunst ans dem Nimis ein?1us machen. Aber sie hat dabei nur übersehen, daß, wenn Peter dem Paul sein Geld ausschwindeln kann, es darum noch nicht gesagt ist, man könne alle bestehlen, um alle reich zu machen. Nein, mein genialer Herr Brück, mit all Ihrem Genie sind Sie — 243 — nicht im Stande, eine pure Zahlenkombinalivn zu erfinden, welche dieLöcher des kaiserlichenBudgets auszufüllen vermöchte; mit all Ihrem Genie sind Sie dazu verdammt, nicht anders als der allernüchternste Haushälter zu dem abgedroschenen, altbackenen Mittel zu greifen, das da heißt: Sparen. Ein Staat, der nicht auskommt, muß weniger ausgeben. Das ist das ganze Geheimnis. Zerbrecht Euch uicht die Köpfe; ich gebs Euch schriftlich, Ihr werdet nichts Besseres finden, und wenn Ihr noch so viele geniale Minister mit noch so getreuen Vertrauenskommissionen zusammensperrt. Und gerade so müssen alle die Erwartungen mesfiani- scher Freiheitsdiktaturen zu Schanden werden. Wie viele gemeinnützige Diktaturen hat die christliche Zeitrechnung aufzuweisen? Halb und halb den Oliver Cromwell und den Washington darum nicht, weil er nur als Oberbefehlshaber gegegenüber einem fremden Feind, nicht als omnipotenter Staatslenker gegenüber dein eigenen Volke, weil er endlich in der That immer nnter der Macht des Kongresses gestanden. Und wenn auch, wollt Ihr auf solche Ausnahmen Eure Hoffnung bauen? Bleibt mir daheim mit allen Wunderkuren! Arbeiten heißt die Losung, und noch einmal Arbeiten, gemeinsam Thaten und gemeinsam Raten. Freilich, wenn etwas am hellen Tage vor aller Augen geschieht, da ist Jedermann Kritikus und legt den klugen Finger in die Wunden. Derjenige aber, welcher den Menschen Augen und Ohren verbindet und hinter Wolken agiert, der giebt ihnen nur Stoff zum Bewundern. Führt ein Despot Paläste auf und baut Brücken und Straßen, so möchten die Gaffer gleich sich zu Tode erstaunen über den Wohlthäter der Menschheit. Was an guten Keimen erstickt, was au Existenzen zertrümmert, was an Thränen vergossen, was an Leben verseufzt werden muß. damit ein Einzelner all die Macht unbehelligt in seinen Händen sammele, um solche Steinwunder aufzutürmen, das sehen sie nicht, und darum 16* — 244 — wägen sie's nicht ab gegen die vermeintlichen Großthaten. Zeigt hingegen ein freies Staatswesen, eben weil es frei ist, anch seine schwachen Seiten, so haben sie gleich das Wort der Verdammnis bereit. Es giebt ein ungeheures Kapitel in der Politik, welches ich. wie ein bekanntes komisches Bild, überschreiben möchte: „Was man sieht und was man nicht sieht." und erlauben es Deine Geduld, Zeit und Umstände, diese Unterhaltungen fortzusetzen, so verspreche ich Dir, besagtem Kapitel einen besonderen Tag zu widmen. Auch die Schäden, welche Dir bei den parlamentarischen Verfassungen in die Augen springen, gehören, der Hauptsache nach, gauz in diesen Belang. Es wird wohl nie einem Menschen vergönnt sein, selbst mit Hilfe der gewissenhaftesten Forschung zu zeigen, wie viel tausend geheime Quellen des Lebens, des Glücks uud des Gedeihens mit jedem Rucke zu fließen beginnen, welcher eine der zahlreichen Fesseln sprengt, so ererbte oder neue Vorurteile um die Bewegung und Thätigkeit der Einzelnen geschmiedet haben. Noch weniger wird es möglich sein, die tausendfache Fortpflanzung von Tod und Erstickung zu verfolgen, welche sich unvermeidlich an jeden Akt der Knechtung und Hemmung anreihen. Die Natur des Vorgangs selber widersetzt sich der Untersuchung, gerade durch die unendliche Ausbreitung und Vertiefuug in die feinsten, untersten und zahllosesten Wurzeln und Keime des universellen Werdens. Aber ein klares Anschauen des Prinzips an sich muß schon zu einer lebendigen Ahnung der thatsächlichen Wahrheit führen, und hier ist abermals einer der vielen Fälle, in denen das wohlfeil geschmähte Prinzip zum höchsten unentbehrlichsten Werte sich erhebt. Wirf nur einen Blick auf die Geschichte von Handel und Gewerbe und den Weg ihrer Entwicklung. Es ist nichts anderes als der Kampf des richtig geahnten Prinzips der freien Bewegung gegen die augenfälligen Vorzüge der Beschränkung, in welche sich andere als die zunächst Interessierten vergafft hatten. Noch immer haben wir nicht das Recht, zu lachen über jene Parfümeure, die den Apothekern das Recht bestritten, solche Klystiere zu geben, welche vornehme Damen nicht um der Gesundheit willen, sondern zur Erhaltung der guten Hautfarbe in Anspruch nahmen. Noch heute ist der Kampf der Postillone und der Fuhrmannsschenken gegen die Eisendahnen nicht ausgekämpft. Und wenn es glücklicherweise möglich geworden ist, nachzurechnen, daß die Zahl der Menschenopfer, welche der Dampf und die Schienen im Jahresdurchschnitt verschlingen, bei richtiger Abwägung der Proportionen unendlich klein ist gegen die Hals- und Beinbrüche, welche die Fuhrwerke der guten Zeit aufs Gewissen nahmen, jo wirst Du dagegen freilich niemals nachrechnen können, wie geringe Opfer eine die Freiheit Aller unter Aller Augen beratende Staatsverfassnng erheischt, verglichen zu den Legionen von Seelen, welche ein von Stille und Finsternis sich nährender Absolutismus zu ewigen Tode verdammt. Nachrechnen kannst Du es uicht, aber ahnen; abmessen aus einzelnen Beispielen und aus analogen Ersahrungen. Allein ein zweiter eigentümlicher Zug unserer Zeit, welche doch so viel vom industriellen Fortschritt durch die freie Bewegung gelernt haben könnte, hat gerade für den naheliegenden Schluß aufs politische Leben ihre Sinne abgestumpft. Es ist dies das so gewaltig vorwiegende Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung. Ruhe und Ordnung sind die Stichworte, welche das Ideal der Freiheit aus den Herzen verdrängt haben. Es scheint beinahe, als hätte der Mechanismus, indem er sich zur ersten Macht der Gütererzeugung ausbildete, auch ganz und gar sich der Seelen bemächtigt. Ein rein mechanisches Vorbild der Ungestörtheit und Regelmäßigkeit, in welche das Leben der Gesellschaft eingeschraubt sein soll, ist als das ausschließliche Bedürfnis des Lebens anerkannt worden. Und wie ein gutes Prinzip segensreich wirkt, so ein böses verderblich. Von der blos formalen Sicherheit, welche eine geängstete und kurzlebige Bürgerschaft für sich verlangt, bis zu der allerengherzigsten Selbstliebe, welche jeden Einzelnen wieder nur mit seinem isolierten Behagen ohne Rücksicht auf seine Mitbürger beschäftigt, ist nur ein Schritt und ein ganz konsequenter. Sodann wiederum von der Engherzigkeit dieser auf das alleinige Selbst eingeschränkten Aufmerksamkeit bis zu der Kurzsichtigkeit, welche nur um die nächsten Stunden dieses nämlichen Ichs besorgt ist, führt ein zweiter nicht minder konsequenter Schritt zum auflösenden, durch und durch zerstörenden Atomismus. Auf solchem Zersetzungsphänomen richtet dann triumphirend der Absolutismus seine Blendwerke aus und giebt jedem nur um seine nächste Minute beschäftigten Philister irgend einen monumentalen Augentrost. Es genügt, die Straßen mit Gas zu beleuchten, damit in allen Köpfen sofort die Nacht heraufziehe, die Nacht der Blindheit, der einsamen Absperrung und der Angst. Unsere Gesellschaft war nach den Prüfungen der achtundvierziger Jahre in die verzweifelte Stimmung des Wanderers gekommen, welchen auf winterlichem Marsche der Schlaf überfällt. So sehr er auch die Warnung kenne, sich nicht dem verräterischen Ruhebedürfnis hinzugeben, er fühlt nur die Pein und das Verlangen des Augenblicks und sinkt in die Arme des Schlafes, in dessen Schatten der Tod lauert. Recht kurzatmig und verzärtelt hat sich dabei auch das Zeitalter bewiesen, von der Kurzsichtigkeit nicht zu reden. Was frühere Geschlechter nm einer guten Sache willen ausgehalten, wie lange sie ihre Freiheit oder ihre Religion unter Entbehrungen und Erschütterungen verteidigt, daran dachte niemand, und kaum fällt es hinterher jemandem ein, zu Prüfen, ob denn mit dem Verzicht auf alle politischen Güter die heilige Lade der polizeilichen Ordnung und des ungestörten Verkehrs in der That auch so lange geborgen gewesen sei? Im Jahre 1852 wurde, um den beliebten Salbungs- Ausdruck zu gebrauchen, die Aera der Revolution geschlossen; auf dem ehernen Deckel, welcher über dem Krater aller Schrecken festgeschmiedet sein sollte, schlug Groß und Klein mit überschwänglicher Ernährungsseligkeit die Buden des Gewerbes auf, und vom Dank der Beglückten gerührt sprach der rettende Säbel zu ihnen: wie schön sind deine Zelte Jakob und deine Hütten Israel! Aber kaum war ein Jahr ins Land gegangen, da ward es dem Säbel zu eng in der Scheide und er dachte: der Retter ist nicht des Menschen wegen gemacht, sondern der Mensch des Retters wegen. Zuerst ging der orientalische Krieg los; seitdem haben wir beinahe ununterbrochene Kriegsjahre gehabt, und von Ruhe und stillem Glück ist weniger die Rede als jemals. Die beiden Großvögte der Ruhe uud Ordnung, Rußland und Österreich, haben jeder an seinem Ort dem Frieden ein Ende gemacht. Wenn Veranstaltungen der öffentlichen Freiheit, wenn parlamentarische Zerrereien, Wahlumtriebe und gesundes Parteienwesen zum hundertsten Teile solche Friedensstörungen und Gewinnstentziehungen nach sich geführt hätten, das wäre nie und nimmer zu verschmerzen gewesen, uud der moralischen Nutzanwendungen auf die Unmöglichkeit unter dem Joch der Revolution zu lebeu, gäbe es kein Ende. Jahrtausende lang hat der Monarchismus die Welt zu einem Kriegslager gemacht. Wer deukt daran, es ihm vorzuwerfen? Aber wenn ein Straßenkrawall ausbricht und ein Stein in den Kramladen fliegt, da soll gleich der Teufel die Freiheit holen. Obwohl Du im Herzen mit diesen feigen und beschränkten Anwandlungen nichts gemein hast, so mußte ich sie Dir vor die Augen halten, damit Du inne werdest nicht blos, daß Du immerzu Wasser auf die Mühlen unserer Gegner leitest, sondern auch, daß zwischen Dir und ihnen eine Gemeinsamkeit des Grundgedankens besteht, welche Dir nicht zur Ehre gereicht. Du rückst dem Parlamentarismus zu Leibe, weil er ein Geschöpf des geistigen Lebens sei. Ja — 248 — wohl, das ist er. Dieser Vorwurf ist sein Stolz. Das Reich der Freiheit ist das Reich des Geistes. Zwischen dem Gedanken und der brutalen Gewalt giebt es nichts Drittes. Du hast es wiederum erlebt: sobald Du dem nüchternen Realismus die Macht in die Hände giebst, hat er nichts eiligeres zu thun, als sie dem Schwerte zu überliefern. Das Freiheits-Jdeal des moderneu Ordnungsfanatikers ist nicht mehr das des antiken Republikaners oder des mittelalterlichen Städters, welcher seine Würde darein setzte: mitzuraten und mitzuthaten. Sein Ideal ist die Freiheit der Ruhe, d. h.: der Ungeschorenheit; er bildet sich ein: es sei möglich, Herr im Hause zu sein, ohne sich selbst um die Wirtschaft zu kümmern. Und doch könnten auch hier ihm Steine predigen. Wovon erzählen sie, jene Städte des Mittelalters von Flandern bis nach Italien, in deren verödeten Straßen das Gras wächst, deren Mauern einer herabgeschmolzenen Einwohnerschaft zu weit geworden sind, deren Paläste wie Königsmäntel um ihre Bettlergestalten schlottern? Sie erzähle« von einer ruhmreichen Bürgerschaft, welche Zeit genug hatte, ihre Staatsangelegenheiten zu führen, selbst mit Königen zu unterhandeln, gelegentlich auch in Parteienzwist zu zerfallen, für ihre Freiheiten zu kämpfen, dabei aber nichtsdestoweniger die Schätze des Ostens und Westens in ihre Warenlager zu sammeln und Denkmäler des Reichtums, der Macht und des Genies zu hinterlassen, welche den Stolz ihrer unter fürstlicher Oberhoheit herabgekommenen Enkel ausmachen. Heute aber erbebt alles vor dem Luftzug einer Debatte, und selbst ein vernünftiger Mensch, wie Du, klagt darüber, daß die Nationen nicht denken können ohne zu reden. Oder ist Dein ganzer Ausfall gegen die Gefahren der politischen Eloqnenz etwas anderes als die Umschreibung dieses Vorwurfs? Das Wort ist die Empfängnis des Gedankens, und gleicherweise giebt es kein politisches Leben, das heißt: kein gemeinsames Denken, ohne öffentliches WMWWWWW» — 249 — Sprechen. Ist es nun so wunderbar, so veroammlich, so bedauernswert, wenn bei dem Reden die schöne Rede zur. Geltung gelangt, uud kannst Du Dir es anders denken? Ihr jammert über den Einfluß der Advokaten, der Leute von der Feder? So ist es Euch lieber, von Generalen und Pfaffen regiert zu werden, nach der Vorschrift des Herrn de Maistre? Vor allein aber, ist das politische Leben als Selbstzweck denn für nichts anzuschlagen? Steht hier plötzlich das große Gesetz der Natur still, die überall Mittel und Endzweck in ewige Wechselwirkung verflicht? Rechnest Du für nichts den Lebensgenuß, welchen ein frisches Teilnehmen am gemeinsamen Dasein durch die Massen treibt; den Verbrauch an Intelligenz, welchen es erheischt; die Saat von guten, weil aus der Enge in die Weite hinaussprießenden Empfindungen, von Bürgertugenden, welche es großzieht? Die Freiheit ist redselig und die Knechtschaft ist stumm. Ehre der Sprache, sie ist der Inbegriff alles Menschenlebens. Und nun, mein Freund, nun verlangst Du schließlich, ich solle mich reinwaschen von der Anklage sträflichen Umgangs. Deine Späher berichten, sie hätten mich nächtens bald mit Gvthaern, bald sogar mit preußischen Prinzen fortschrittsbenebelt Arm in Arm aus der Kneipe kommen sehen. Herr, was soll ich da sagen? Zum ersten, daß Deine Späher und mehr noch Deine Fragen etwas indiskret sind, und daß es mir vielleicht dienen könnte, gar nicht zu antworten. Zum zweiten, daß der Mensch, der sich in den Strom des politischen Lebens hineinwirft, nicht immer mit jüngferlicher Vorsicht seinen Partei-Umgang abgrenzen kann. Haben wir doch Könige vom ältesten Geblüt mit ihren Lazzaronis Brüderschaft machen sehen, um sich die Freiheit vom Halse zu schaffen, warum sollte nicht einmal ein Demokrat zu der Fürsten- und Geheimratsbank sich herablassen dürfen, um der guten Sache willen? — 250 — Unter allen Hoch- und Not-Peinlichkeiten, in welche mich Dein unerbittliches Jnquisitoriat radikaler Strenggläubigkeit verstrickt, beunruhigt mich keine Anklage so wenig als die, so aus Verkehr mit dem Schwarzen, soll heißen: dem Schwarz-Weißen lautet. Ich bin der That geständig und verlange dennoch Freisprechung. Meine Verteidigung beschränkt sich auf den einfachen Satz, daß von etlichen und dreißig Übeln das größte das kleinste ist. Das ist die ganze Hexerei. Keine Spur von erotischen Trieben in diesem ganzen Umgang, keine Anwandlung von Minne- noch Wollust. Wenn ich den Namen Preußen höre, so fühle ich weder Glauben noch Liebe noch Hoffnung in meinem Busen Heraufziehen. Ich sage mir nur, daß ein großer Staat nie so erbärmlich sein kann als ein kleiner, und aus dem einfachen Naturgesetz der Schwere weiß ich, daß die kleineren Massen von größeren angezogen werden, nicht aber umgekehrt. Ist es irgend einer Zukunft vorbehalten, Deutschland auf monarchischem Wege zu einigen, so kann nur Preußen ihr Werkzeug sein, und in dieser Voraussetzung stelle ich meine Stimme zur Verfügung. Besitzt aber die Monarchie weder Lebens- noch Heils-Kraft genug, um diese Sendung zu erfüllen, ;so soll es mich ebensowenig wundern als betrüben. Wie gesagt: ich kenne keinen Staat, als den Großstaat, ich kenne keinen deutschen Staat als den preußischen, ihn allein können wir ohne das Gefühl schlechthiniger Beschämung nennen. Was jfür Grütze in all den anderen Regierungshandmühlen gemahlen wird, davon werden wir weder fett noch mager. Daß die protestantischen Beherrscher von Baden und Württemberg nach den Seligkeiten Päpstlicher Pantoffelherrschaft schmachten, wird das große Deutschland nicht zum Verderben führen, und daß der Herzog von Coburg den National-Ausschuß beherbergt, wird es nicht retten. Aber lasse Preußen von allen Lastern der tief eingewurzelten Feudalherrschast zu einem freien Bürgerwesen gesunden, und wir wollen sehen, wie lange die Nebenländer zurückbleiben können. Nicht blos jeder vernünftige Regierungsakt, auch jeder Widerstand von unten kann in Preußen allein einen Umfang gewinnen, der ihm Bedeutung gebe. Setze z. B. den Fall eines Konflikts zwischen der Verwaltung und dem Richterstand über die Anwendung eines Gesetzes. Es hat ja schon einmal Richter in Berlin gegeben. Das wäre sofort eine ernste Erscheinung. Aber verlege den Fall nach Homburg, Nassau oder Lippe, da ist die sämtliche Magistratur in den fürstlichen Hühnerstall einzusperren, und die Sache geht schon an der Komik zu Grunde. Du hältst mir die Personenfrage entgegen. Sind denn siebzehn Millionen Einwohner nicht auch Personen und so wahrhaftig von Fleisch und Bein als einige Dutzend vom echten Geblüt? Liegt es nicht blos an der Einsicht undM dem Willen der siebzehn Millionen, wenn ihre undurchdringlichen Körperlichkeiten leichter wiegen, als die geringe Zahl der allerhöchsten Existenzen, welche die andere Wagschale herabziehen? Auf Seiten der Personen, welche zu einer gegebenen Zeit am Nuder sitzen, siehst Du das natürliche Übergewicht. Das ist nichts Natürliches, das ist eben rechte Abstraktion, wenn auch tausendjährige, und mit der Rückkehr zu den einfachen Gesetzen der Physik, mit der Rückkehr von der Fiktion und dem Aberglauben zu gesunden Verhältnissen, gewinnen die Millionen den ihnen gebührenden unendlich überwiegenden Einfluß über die kleine Zahl der Privilegirten. Diesmal, mein Freund, bin ich der Realist.! Du selbst giebst mir Beispiele an die Hand, aus denen hervorgeht, daß meine Behauptung kein leeres Verstandesspiel sei. Wenn Friedrich Wilhelm III. wider seinen Willen zur mannhasten Umkehr gegen Napoleon fortgerissen wurde, so war es eben der Geist der Massen, welcher der schwachen Persönlichkeit heilsame Gewalt anthat. Preußen, nicht — 252 — Hohenzollern, hat 1813 gemacht. Und wenn im Jahre 1848 Preußen für Deutschlands Einheitsruf sich taub stellte, so sehen wir bei jedem neuen Wogengange dieselbe Welle immer höher und mächtiger an seine Ohren schlagen. Möglich doch auch, daß einmal in solchem Andrang ein Dort das Steuer an sich reiße. Welcher Staat hat anßer Preußen etwas Bleibendes in Deutschland gewirkt? Es hat nicht blos das Zeichen der Erhebung gegen die Herrschaft Napoleon's I. gegeben, es hat auch den Zollverein gegründet. Auch der Geist echter wissenschaftlicher Aufklärung und philosophischer Befreiung verdankt ihm allein die Stätte, von der aus unsere ganze moderne, spezifisch deutsche Bildung ihre Strahlen ausbreitete. Berlin war in den dreißiger Jahren der Mittelpunkt jenes unerschrockenen Denkens, welches uns den Namen der philosophischsten Nation der Welt eingetragen und ganze Schichten der Gesellschaft aus den Händen des Pfaffeneinflusfes gerissen hat, der in den freiesten Staaten der Erde unendlich mehr Seelenherrschaft ausübt, als bei uns. Endlich ist es nicht minder Preußen, dem wir, ob auch nur mit genauer Not, es verdanken, wenn dem deutschen Volk die Schmach erspart blieb, für weltliche und geistliche Sultanei in Italien Henkerdienste zu verrichten. Da, wo Preußen mit solch barer Münze bezahlt, da gebe ich ihm auch meine Kundschaft; uicht geheime Sympathien, sondern trockene Rechenexempel widme ich ihm: Fordert keine andre Liebe, Denn es macht mir Schmerz. Und nun, dieweil man uns Demokraten doch immer ein störrisches, durch Unmäßigkeit alles kompromittierendes Wesen zum Vorwurf macht, und dieweil man ferner behauptet, alles Kontroversieren führe nicht vom Fleck, möchte ich schließlich Dich und die Welt durch eiue Konzession in Erstaunen setzen, indem ich, wie Du es verlangst, die Gothaer Deinem Gerichte Gottes übergebe. Aber eben da ich sehe, wie Du schon triumphierend die Pechpfanne von Sodom und Gomorrha über ihre Häupter aufschwingst, befällt mich, gleich dem Erzvater Abraham, ein menschlich Rühren, und ich fordere Amnestie für die Gerechten, so unter ihnen wohnen möchten. Ja, ich kann mir eine Redlichkeit des Herzens und des Verstandes denken, welche dahin gelangt, sich an das Halbe zu gewöhnen, und das resolute Leben in dem Ganzen, Guten, Schönen beruhigt fahren zu lassen. Ich kann mir dies um so mehr denken, wenn ich voraussetze, es habe einer seine besten Jahre und Hoffnungen in deutschem Elend yerseufzt. Schwerer allerdings ist es, sich in den Geist jener bekannten Tugendmoralisten zu versetzen, die sich in einem Atem mit der Zunge zwischen die Bayonnette werfen, während ihre Lippen schon den Ladstock küssen, und deren Lippen den Gesetzesschänder zermalm, während ihre Zunge den Staub von seinen Stiefeln leckt. Gelüstet Dir darnach, solches Wildpret mit Haut und Haaren zu verspeisen, so segne der Himmel Deinen Appetit, und damit ich Dir ein Prachtexemplar verrate, laß Dir von allen „besten Männern" jenen empfehlen, welcher kürzlich an Schillers hundertjährigem Geburtstag sich berufen fühlte, nach echter Schusterjuugenart im Vorübergehen ein herabwürdigendes Bild auf ein bescheidenes Heldengrab zu kohlen.*) Dort, wo die Ufer des Rheins anfangen flach zu werden und wo die ersten Windmühlen an lanzenkundiger Ritter Thaten gemahnen, wirst Du auch jenes weisheits- *) Siehe „Köln. Zeitung" von Anfang November, die sinnreiche Parallele zwischen dem „Talglichtstümpfchen" (I) Robert Blmn und der Sonne Schiller. — 254 — triefende Haupt ausfindig machen, dessen Selbstanbetung es nicht verwinden kann, daß künftige Geschlechter den Namen Robert Blum unter den besten nennen werden, so sich durch den Tod für die Freiheit verherrlicht haben. Dem Michael pro. Es gibt kein häßliches Porträt. Jedes Abbild, und sei es noch so getreu, verklärt; selbst die mechanische Photographie leistet das. Ein Bild ist eben doch immer eine Abstraktion und schwebt über dem Wirrwarr des Lebens. Was aber für das Menschenantlitz das Konterfei, das leistet für das Ereignis die Geschichte. Wie groß und hinreißend auch die Entsagungsszene in derNacht des vierten August gewesen sein mag. noch reiner und erhabener steht sie jedenfalls im Rahmen der Geschichte da. Die Gegenwart ist für die Vorgänge, was der Kammerdiener für den großen Mann. Sie sieht ihr Objekt zu sehr aus der Nähe und empfindet es in einem verkleinernden Maßstabe. Der Mensch von heutzutage ist wesentlich ein alter Mensch; der Realismus aller Art hat ihm die Jugend abgestreift Alte Leute sehen auch die Dinge zu sehr in der Nähe und müssen daher Brillen aufsetzen, durch welche die Gegenstände mehr in die Ferne hinausgerückt werden. Erst wenn die Erlebnisse in der historischen Distanz erscheinen, werden sie richtig verstanden. Wie viel besser wird heute beurteilt als damals! Und wie viel klarer wird der Oktober 1862 vor uns stehen, wenn wir ihn um einige Jahre mögen überlebt haben! Nun gibt es aber ein Surrogat für die Geschichte: das ist die Entfernung. Zeit und Raum — das weiß ja im lieben Deutschland ein neugeborenes Kind — Zeit und Raum sind ein und dasselbe Kautschuck, nur in die Lange oder in die Breite geLudwig Bamberger'S Ges. Schriften. IH. 17 — 258 — zogen, und um fünfzig Thaler Reisegeld kann sich jeder aus hundert Meilen Entfernung ein Jährchen Vergangenheit präparieren. Dieses Mittel ist nicht zu verachten, und die richtige Würdigung des hier erwähnten optischen Gesetzes möchte wenigstens manchen modernen Historiker daran erinnern, daß es nicht immer reiner Profit ist, das Detailstudium bis auf den Punkt zu treiben, wo das geistige Auge mitsamt dem körperlichen in den presbytischen Zustand gerät, der bekanntlich vor Bäumen den Wald nicht sieht. — Kurz und gut, ich meine: was eben in Berlin abgespielt worden ist, nimmt sich von Paris aus betrachtet, schon anders, schon geschichtlicher, ganzer, besser vielleicht nnd richtiger aus als dorten. Und vor allen Dingen, daß es sich hier ausnimmt. ist schon an sich ein Gewinn. Wenn Deutschland uur einmal anfängt politisch interessant zu werden, so hat es auch schon einen Schritt gemacht; und wenn es sich dazu noch dieser Jnteressantheit bewußt wird, wenn es wahrnimmt, wie es außerhalb seiner Grenzen Aufmerksamkeit erregt, so wird ihm das in seiner Haltung entschieden von Nutzen sein. Eitelkeit ist allerdings ein schlechtes Erziehungsmotiv, allein Schamgefühl ist der Vorläufer aller Entwicklung, und wenn wir nur einmal werden gelernt haben, uns gebührlich zu schämen, so wird uns auch das kommen, was uus eigentlich allein fehlt: nämlich die Galle. Man spricht in Paris jetzt sehr viel von Berlin. — Es war der erste Regentag nach einem langen Sommer und liebevollen Herbste, und zum ersten Male sammelten sich auch die Freunde wieder am häuslichen Herd. Die Franzosen fragten uns Deutsche gleich beim Eintritt über die preußische Kammervertagung aus und erwarteten genau zu wissen: wie es mit den Barrikaden, mit dem Staatsstreich und mit allen sonstigen, in ihrer theatralischen Vorstellungsweise mit diesem Ereignis notwendig verbundenen Bühnenkunststücken ablaufen werde? Ich bemühte mich, ihnen aus- — 259 — einander zu setzen, wie das alles in der dünneren Atmosphäre nach dem Nordpol zu nicht so grobkörperlich aufeinander poltere und wie der Konflikt dadurch nichts au Wichtigkeit verliere. Ich mochte meine Sache nicht besonders gut gemacht haben, denu ich sprach eigentlich mehr für die Ehre meines Landes, als aus dem Grunde meiner Überzeugung. „Sie können sagen, was Sie wollen", bemerkte einer der Anwesenden, Herr Grsgoire, Journalist und Republikaner, „es lassen sich halt Argumente für jegliches Verhalten finden, aber die Art, wie der Mensch sich beträgt, hängt einzig und allein von seinem Temperament ab. Ihr Deutscheu habt in der Politik kein Temperament, und deswegen werdet Ihr sobald nichts zu Wege bringen. Nichts in der Welt geschieht mit dem Kopf allein, Eingeweide muß mau haben; Ihr ehrt, lobt, besingt und wünscht die Freiheit, aber", setzte er mit einer heftigen Geberde hinzu: „vous o'g,vs2 xas ä'sQtraillss pour 1a libsrts! Ist I/bsrte auf Deutsch vielleicht männlichen Geschlechts?" — Und als ich ihm erwiderte, daß auch für die Deutschen die Freiheit ein Weib sei — „nuu", sagte er, „so gebe ich noch nicht alle Hoffnung für Euch auf. Ich begreife", fuhr er fort, „daß in Preußen die Junker wieder obeuauf kommen, sie verdienen es, denn sie sind die einzige Spezies deutscher Menschen, welche politisches Temperament haben. So oft ich lese, daß ein Osfizier irgend einen Bürgerlichen über den Haufeu sticht, wenn er sich über ihn ärgert, erscheint es mir ganz naturgemäß, daß diese Leute herrschen. Sie allein haben ihr politisches Rechts- oder Vorrechtsbewußtsein in den Knochen, uud sind deswegen berufen, über Eure leidenschaftslose bürgerliche Vernuuft zu befehlen. Ihr möget im Augenblick noch mehr Gesetzlichkeit und Freiheit haben als wir Franzosen; Ihr möget sie sogar trotz Eurer Reaktion behalten, aber wir sind doch besser daran als Ihr, und alle Nationen der Erde sind besser daran. Von Indien und China bis nach Rußland ist im Gruude kein Volk unfreier 17* / — 260 — als es selbst sein will. Wir sind hier despotisirt in Frankreich, sehr wahr; aber nnter uns — hol mich der Teufel! wir sind es nur, weil wir es sein wollen, ich kann es nicht leugnen. Die Bauern haben einen Napoleon gewollt und die Bourgeois eine Ordnungsgeißel, und wenn sie ihn auch heute etwas weniger mögen als vor zehn Jahren, er steht ihren Wünschen noch immer näher als das unbekannte Etwas, das sie hinter ihm sehen. Seien Sie überzeugt: Louis Napoleon bleibt keine vier Wochen länger daran, als Bürger und Bauer ihn ernstlich behalten wollen. Aber so etwas wie in Kurhessen, wie in einem großen Teil Deutschlands überhaupt, daß neunundneunzig Hundertteile der Nation sich über die Verwerflichkeit eines Systems klar sind, daß sie sich jeden Morgen über dasselbe ärgern, und daß es dennoch obenauf bleibt, das begreift man sonst in der Welt nicht mehr." „Aber in England", sagte ich, „begreift man es doch; denn in diesem Lande, das entschieden so hoch über Eurem Frankreich steht, ist die Ansicht völliges Gemeingut geworden, daß es besser sei, irgend einen Mißstand zwanzig Jahre lang mittelst des sich ausbreitenden Bewußtseins zu untergraben, als seine Abschaffung von dem zufälligen Ausgang eines Handgemenges abhängig zu machen. Das höhere Leben der Nation beginnt erst, wenn ihr Wohl und Wehe nicht mehr im Spiel der Revolution gewonnen und verloren wird. Ihr Franzosen seid Spieler; Ihr liebt die Börse und die Revolution und den Krieg aus demselben Grunde. Totgeschossen oder dekorirt, bankerott oder Millionär zu werden, das ist Euer Element. Es ist viel schön Menschliches darin, aber es ist nicht Jedermanns Sache; und schließlich, um auf Ihren letzten Satz zu antworten: ein Volk, das unterdrückt wird, obgleich es einstimmig der Freiheit huldigt, ist mir lieber als eiu Volk, das frei sein könnte und nicht frei sein will." „England!" rief Grsgoire, „immer das verfluchte Eng- — 261 — land! Sehen Sie denn nicht, wie es überall vergiftend und verderbend wirkt, selbst mit seinem bloßen Beispiel. Wie tonnen Sie sich nur von den Engländern zum Narren halten lassen, die Ihnen hundertjährige Entwicklungsgeduld predigen? Ich will Ihnen sagen, was der Unterschied ist: Sie wissen, ich habe dieses Frühjahr einen Streit mit Herrn von P. gehabt, und ich habe mit der größten Bereitwilligkeit zu einer Aussöhnung die Hand geboten. Warum? In den ersten vier Jahren meiner journalistischen Laufbahn habe ich drei Duelle durchgemacht, worunter zwei, die blutig ausgegangen sind. Jetzt kann ich meiner humanen Antipathie gegen den Zweikampf unbedenklich nachgeben, meine Ehrenstellung in der Gesellschaft ist gemacht, und kein Mensch wird mir leichtsinnig zn nahe treten. Aber ein Kerl, der bei der ersten Ohrfeige philosophische Kaltblütigkeit auspackt oder sich an die Gerichte wendet und hundert Franken Strafe plaidirt, der ist für immer verloren und wird stets im Leben den Kürzereu ziehen. Der Engländer ist über das politische Duell hinaus, es wagt ihm doch niemand eine Maulschelle zu versetzen — bei ihm daheim wenigstens", setzte er mit einem vorbehaltvollen boshaften Lächeln hinzu. „Und, was Sie da gegen das Wesen der Revolution gesagt haben" — fuhr er fort — „ist nun vollends schnurstracks das Gegenteil °der richtigen Auffassung. Niemals war eine Zeit revolutionärer als die nnsrige, denn ich nenne revolutionär das. was nicht an die Dauerhaftigkeit der Ewigkeit appellirt. sondern an die Nützlichkeit des Augenblicks. Man wirft uns Franzosen die Häufigkeit unserer Umwälzungen vor und will auch von unseren schönsten Revolutionen nichts wissen, weil damit die Unruhe des ewigen Wechsels gesetzt sei. Aber, um Gottes Willen! wo in der Welt erblicken Sie denn noch irgend ein Prinzip ans den Füßen? Die Grundsätze laufen ja über den Erdball mit den Köpfen nach unten und den Beinen in der Luft, daß man sich schier tot lachen könnte; sie laufen — 262 — sogar über das Wasser köpflings hinüber. England, das England des William Wilberforce, das um des Durchsuchungsrechtes wegen beinahe Krieg mit uns angefangen hätte, schickt brünstige Gebete zum Himmel für den Sieg der Sklavensache, und der amerikanische Präsident fabrizirt Belagerungszustände, an denen Haynau, wenn er noch lebte, seinen Meister erkennen würde. In Preußen findet die Volkssache ihre Rechnung beim beschränkten indirekten Wahlsystem, und der Absolutismus tastet im Dunkeln nach dem allgemeinen Stimmrecht." — „Sie könnten", bemerkte ich, „die Parallele noch fortsetzen, wenn Sie mit ihrer Betrachtung von Paris ausgehen wollten. In Berlin exerzirt sich die Junkerpartei, ihrem erblichen Abscheu vor gallischen Vor- bilden: zum Trotz, auf den bonapartistischen Despotismus mit plebejischer und militärischer Popularitütsbafis ein, während hier zwischen dem Papst und Italien und zwischen noch manchen anderen Gegensätzen eine Politik der freien Hand einreißt, deren alberne Zweiköpfigkeit unfruchtbarer und widerwärtiger ist, als alles was man je der Art den preußischen Diplomaten hat vorwerfen können." Herr Grsgoire stimmte bei und erging sich hierauf in einer neuen Parallele zwischen dem Roi Oalimt-Koiriws, der seinen Garibaldi umgebracht, und dem Roi donnstö-Iiommö, der mit seiner Verfassung nach den ersten Honig-Monden auseinander gekommen sei. „Ach, wenn doch hier keine Theaterzensur wäre", rief er aus: „welch ein herrliches Stück könnte man aus Garibaldi's Niederlage und bevorstehendem Tod für die Porte St. Martin aufbauen! Es ist ganz fertig, man braucht's nur niederzuschreiben. Welch eine prächtige Shakespearesche Gespensterszene, wenn in der Nacht nach Aspromonte die Geister Bom- bas und Cavours am Schmerzenslager des Eroberers von Neapel sich unterhielten!" — Dann kam er wieder auf Viktor Emanuel und Wilhelm I. und schloß damit, daß er sagte: „der König, der weniger Prinzipien und vielleicht weniger — 263 — Gefimmngstreue hat, als beide, der koi Mlosopbs, der König Leopold, ist am besten mit sich und den Seinen ausgekommen." Ein älterer Herr, welcher bisher nur wenig mitgeredet, aber aufmerksam zugehört hatte, ebenfalls Franzose, nahm nun das Gespräch auf und sagte: „Ich bin 1859 in Italien und 1861 in Deutschland gewesen; ich habe den Enthusiasmus für Viktor Emanuel und den für Ihren König" (denn da ich weder ein Bayer, noch ein Österreicher bin, so pasfire ich stillschweigend für einen Preußen und lasse es mir gern gefallen) „in der Nähe gesehen. Ich kann Sie versichern, meine Herren, daß ich beide Monarchen für durch und durch honnette Menschen halte, und was Wilhelm I. betrifft, so bin ich überzeugt, daß er nicht bloß an sein gutes Recht, sondern auch an den Beifall der größeren Anzahl seiner Unterthanen glaubt." — „Wer glaubt nicht an sein Recht und an den Beifall der Menge?" fiel Herr Gr«goire dazwischen. „Was mich betrifft, ich bin fest überzeugt, savs eompar^son, daß selbst Herr Mirss sich für eine gekränkte und populäre Unschuld hält. Sein Advokat hat mirs erst gestern bestätigt." „Mit dem guten Glauben eines deutschen Regenten", sagte ich, dazwischen tretend, „hat es seine ganz besondere Bewandtnis, und er hat noch eigentümliche Gründe für sich. Meine Landsleute ernähren ihre politische Substanz noch mit so unschuldiger Ammenmilch, daß sie das Zujubeln und Ver- traneneinblasen für das sicherste und himmlischste Mittel halten, einen Souverän auf ihre Seite zu bekommen. Als König Wilhelm an die Regierung kam, war er sowohl, als die Mitwelt alt genug, um genau wissen zu können, wie er gesinnt sei. Die Deutschen aber, und nicht blos die Preußen, glaubten ihn zu einer Art männlicher Viktoria umschaffen zu können, wenn sie ihn mit ihrer begeisterten Fortschrittslunge anschrieen; sie huldigten dem König, wie sie ihn wünschten. - W4 — und er nahm Alles für den König, wie er sich selbst seit fünfzig Jahren kaiinte und wie er sich bei mehr als einer Gelegenheit rückhaltlos gezeigt hatte. Offenbar war der König im Rechte und offenbar stützt er sich noch heute auf jene schönen Tage erster Huldigung, wenn er sich für populärer hält, als seine ganze Kammer. Einer unserer ehrwürdigsten Radikalen hat einmal bei einer denkwürdigen Gelegenheit gesagt: es ist das Unglück der Könige, daß sie nicht die Stimme der Wahrheit hören wollen. Ich möchte es gerade umdrehen und sagen: es ist das Glück der Könige, daß ihnen die Völker so viele Unwahrheiten zum Besten geben. So wenig eine schöne Frau sich von ihrer Jugend, so wenig können sie sich von der Vorstellung ihrer Popularität trennen, wenn sie letztere auch nur einmal gekostet haben/' „Und wie glauben Sie", fragte mich der alte Herr, „daß die Sachen sich in Preußen entscheiden werden?" „Ich bin darauf vorbereitet", anwortete ich, „daß sie sich gar nicht entscheiden. Zuvörderst ganz mechanisch g-e nommen, so haben sie da eine Verfassung, die wirklich von Hause aus keine war, denn sie kennt auf der einen Seite keine Steuerverweigernng und auf der anderen keine Ministeranklage. Die einzige Art, wie daher die preußischen Bürger einen gesetzlichen Widerstand leisten könnten, bestünde darin, daß die Beamten nnd Lieferanten des Staates keine Gelder annähmen und die Inhaber der Staatsschuldverschreibungen keine Zinsen; aber auf dieser Höhe der Entsagung sind wir denn doch noch nicht angekommen. Die Preußische Frage wird sich dadurch auf ihren wahren Standpunkt einer allgemein deutschen zurückbegeben, daß sie das chronische Zerwürfnis zwischen Volk und Regierung ausbildet, welches vorläufig das Gefäß unserer Zukunft ist. Was 1848 verhindert hat, daß Preußen nnd Berlin — wie zu wünschen gewesen wäre — für die ganze Nation maßgebend wurden, das war der Unterschied der volkstümlichen Gesinnung. Es — 265 — stack damals wirklich noch so viel Patriarchalisches in dem Massenbewußtsein der größten deutschen Monarchie, wovon wir im Süden durch Glück uud Unglück längst befreit worden waren. Die Gemäßigten unter den Liberalen haben sich eine Zeit lang mit der Formel gewiegt, daß die preußische Politik in Deutschland moralische Eroberungen machen werde. Ich kenne die preußische Politik und das süddeutsche Volk viel zu gut, um von diesen moralischen Eroberungen von oben herab etwas erwartet zu haben. Aber da ich eigentlich gut preußisch gesinnt bin, d. h. da ich an die allein seligmachende Kraft des großen Einheitsstaates glaube, und in Preußen die größte fertige Gruppe zur Assimilirung des Übrigen sehe, so tröstet mich jetzt der Gedanke, daß in diesem Augenblick der wahre Weg der moralischen Eroberung eingeschlagen ist. Nämlich der Weg der moralischen Eroberung von unten durch exemplarisches Volksbeiragen. Die Schmerling und ihre großdeutschen Marktschreier freuen sich mit dem, was sie für eine Kompromittirung der preußischen Popularität ansehen. Ich aber glaube, es ist jetzt in die Hände des Volks in Preußen gegeben, alle gegen es in Deutschland bestehenden thörichten Vorurteile zu zerstören. Die Wahlen und die Kammerabstimmungen haben einen guten Anfang gemacht. Die Gerichte könnten es vollenden; aber so weit erhebe ich meine Hoffnungen noch nicht. Nehmen Sie. meine Herren", schloß ich, „die jetzigen Vorgänge in Berlin nicht zu wichtig. Gewiß, sie werden ein historisches Merkzeichen bleiben, aber die deutsche Frage wird nicht isolirt an Einem Punkt entschieden werden und die heurige Krisis ist nur einer der zahlreichen Prozesse, die wir noch allseitig und vorbereitend durchzumachen haben." Wir nahmen unsere Hüte und gingen heim. Als wir ans Wasser kamen, sagte Mr. Gregoire, indem er meinen Arm nahm: „Hier auf diesem Hnai ä'Ors^ bei ähnlichem Regenschauer führte man uns Depulirte am 2., Dezember — 266 — nach der Kaserne, in der wir zuerst gefangen saßen." — „Wenn Sie wieder an die Herrschaft kommen", erwiderte ich, „vergessen Sie nicht, die Scheußlichkeit der marternden Untersuchungshaft abzuschaffen." „Bewahre der Himmel!" fuhr Mr. Grsgoire auf. „Lieber will ich noch zehnmal eingesperrt werden, als daß ich das Recht aufgäbe, die da drinnen ihrerseits nach Mazas zu bringen" (wir waren inzwischen auf dem Karoussel-Platze angekommen), „wenn ihr Stündlein schlagen wird. Werde ich ein Thor sein und fünfzig Jahre lang von der Rechts- und Prinziplosigkeit mißhandelt werden, um Jene gleich am ersten Tage meiner Rückkehr mit dem Maße der ewigen Grundsätze zu regalieren, damit sie mich nur recht schnell wieder transportieren können? ?6reat ^ustitia,, tmi, rormcws! Übrigens, Sie wissen es ja als Beobachter unserer Gerichtszustände, wir haben schon heute weder Kriminab noch Zivilrecht mehr. Es wird alles nach den Umständen entschieden. Lonis Napoleon nennt sich manchmal kokett den Sohn der Revolution. ?röQ6^ gaiäs! Er ist der wahre Vater der Revolution und ihr größter Erzieher." — Und so redend, drückte er mir die Hand und lief munter in die Nacht hinein. Ich aber ging bedenklich an dem Kürassier vorüber, der fest in seinen Stulpenstiefeln mit dem blanken Schwert in der Hand vor dem Gitter des kaiserlichen Schlosses aufgepflanzt stand. Noch lange mußte ich über die Reden dieses Abends nachdenken, aber ehe ich einschlief, wiederholte ich mir, wie schon oft zuvor: Die schlechte Gegenwart gehört dem Experimente, Dem guten Recht gehört die bessere Zukunft. Paris. 21. Oktober 1862. Über die Grenzen des Humors m der Politik/' *) Aus den „Deutschen Jahrbüchern für Politik und Litteratur". 1863. Berlin. Bd. 6. S. 17S ff. „Lar cdarite odlixo o.nsliir los porwr snx-memes a SU rirs vt k Ivs knir. Lt la mömo cdkritK odlixo ^ussi ich hervorgegangen war, die preußische Hegemonie mit der äußersten Heftigkeit bekämpfte. Auch von dem Geist der „Rheinischen Zeitung" trennte mich diejenige Linie, welche damals bereits die Spaltung der preußischen Fortschrittspartei von den späteren National-Liberalen andeutete; die Rheinische war streng fortschrittlich, während ich nach der anderen Seite neigte, und darum mochte die Zeitung meinen zu Gunsten der Indemnität geschriebenen Artikel nicht aufnehmen. An der Spitze der Redaktion stand der westfale Dr. Becker, genannt der rothe Lecker, welcher schon dem Stäbe der alten kölnischen Rheinischen Zeitung unter Marr angehört und 1843 in dem sogenannten Kommunistenprozeß verurteilt, lange Jahre auf der Sestung gesessen hatte. Bekanntlich starb er im Jahre 133Z als Gber. bürgermeister von Holn und Mitglied des Herrenhauses. Die Artikel wurden, wie das hier wiedergegebene Vorwort meldet, im kerbst 1866 von mir, als ich zunächst nach Paris zurückgekehrt war, gesammelt und bei Sranz Duncker unter dem Titel .Alte Parteien und neue Zustände' herausgegeben. Sie erscheinen in gegenwärtiger Sammlung, weil sie sehr bezeichnend sind für den Meinungskampf, der damals im Lager alter Gesinnungsgenossen entbrannte, üer Stuttgarter „Beobachter" war in Hener Zeit das Hauptorgan der süddeutschen preuszenfeindlichen Partei. An der Spitze !ider Redaktion stand Karl Mayer, der poetisch begabte, brave schwäbische Demokrat von echtem Korn und Schrot, mein alter Crilsgenosse und Sreund. In späteren Jahren, saß er selbst im deutschen Reichstag als Mitglied der Volkspartei. Auch -knüpften sich die alten treuen Beziehungen hier wieder an. Der Artikel „Srankreich", unter dem Eindruck lebendiger Wahrnehmung geschrieben, wirft ein interessantes Streiflicht auf den Anteil, welchen ein gebildeter Teil der französischen Bevölkerung an der Entstehung des schon damals vorausgesehenen Kriegs gegen Deutschland zu tragen hatte. Vorwort. Die nachfolgenden Aufsätze sind, mit Ausnahme des dritten, im Laufe der letzten drei Monate in der „Rheini- schen Zeitung" erschienen. Ihre Veröffentlichung fiel in die Zeit, welche zwischen dem preußisch-österreichischen und dem preußisch-sächsischen Friedensschluß verstrich. Die Redaktion des genannten Blattes glaubte damals aus verschiedenen Gründen, die Nummer III., welche dem Verhalten der Preußischen Kammern gewidmet ist, nicht abdrucken zu dürfen. Keiner dieser Gründe obwaltet bei der gegenwärtigen Ausgabe, und der Verfasser erlaubt sich, gerade diese Abhandlung der Aufmerksamkeit des Lesers zu empfehlen. Er ergreift die Gelegenheit, der „Rheinischen Zeitung" wiederholt dafür seinen Dank auszusprechen, daß sie ihm ihre Spalten zur Verteidigung einer Ansicht geöffnet hat, welche nicht in allen Stücken von ihr geteilt wird. Solche gegenseitige Würdigung abweichender Folgemngen aus sonst gemeinsamen Grundsätzen gibt das beste Zeugnis, daß es einer Partei aufrichtig um Wahrheit und thatsächlichen Fortschritt zu thun ist. Paris. 10. November 1866. L. B. I. Die vollendete Thatsache. Wer Eine denkt, ein Parteiprogramm sei ein ewig Unantastbares, ein unveränderlicher Ausfluß heiliger Überzeugungssätze. Der Andere umgekehrt setzt über Alles die Macht der positiven Umstände und das Leben über das Prinzip. Mit Festhaltung ausdauernder Grundgedanken durch die wechselnden Gestaltungen der Ereignisse hindurch zu steuern, ein unwandelbares Ziel im Auge zu halten und zugleich dem Strom und den Krümmungen des Weges zu folgen, ist in aller Lebenskunst das Schwierigste; zumeist aber in der politischen, weil es da unter fortwährender Rechen- schaftsablegung und fortwährendem Dreinreden vor Freund und Feind zu geschehen hat. Dem viel- und übelberufenen Wort der vollendeten Thatsache seinen wahren Wert zuzumessen, war selten eine so heikle Aufgabe wie diesmal. In je engeren Zwischenräumen diese Parole neuerer Zeit wiederkehrt, desto tiefer empfindet der aufrichtige Verstand das Bedürfnis, über die Legitimität der von ihr beanspruchten Macht mit sich ins Klare zu kommen. Schlichte Denkart fühlt von Hause aus ein inneres Widerstreben gegen die Unterwerfung unter den Zwang, dessen Rechtsbrief nicht über die mechanische Besitzergreifung zurück- - W7 — geht. Alles, was als schön und gut uns gelehrt worden, empört sich gegen die Huldigung an eine blos äußerliche Wucht. Welcher moralischen Unmöglichkeit heißt es nicht Thür und Thor öffnen, wenn das Bekenntnis der vollendeten Thatsache zur Staatsreligion erhoben wird? Keine neuere Verfassung möchte, wie die französische aus den neunziger Jahren, das Recht auf Revolution in ihre Grundartikel aufnehmen: wie könnte man einer Anschauung Raum geben, aus welcher das Recht auf Überrumpelung von oben direkt flösse? Und trotzdem hat die öffentliche Stimmung in einem großen Teil des nichtpreußischen Deutschlands aus freiem Antrieb die Notwendigkeit des Anschlusses an die vollendete Thatsache proklamirt. Was immer Wahres sein möge an der höchst bedenklichen Anziehungskraft des Erfolges, sie genügt nicht, um uns zu erklaren, daß in großer Zahl unverdächtige, einsichtsvolle, lange her der guten Sache ergebene Bürger sich um die neueste Gestaltung der Dinge scharen. Es sind das keine leicht beweglichen Haufen, die um des Vorteils willen sich dem Triumphzug anschließen oder die willenlos von dem Volumen und Lärm der rollenden Masse in deren Bahn gerissen werden. An tausend von einander getrennten Stellen ist Hunderttausenden gleichzeitig die Überzeugung erstanden: daß der Weg zu dem unveränderten Ziel eines die ganze Nation umfassenden deutschen Staats nicht rückwärts von dem Geschehenen ab, sondern an das Geschehene anknüpfend vorwärts gehe. Die Unverdächtigkeit einer solchen Gesinnung braucht uns übrigens um so weniger aufzuhalten, als es sich hier nicht entfernt darum handelt, den Sieg und den Sieger mit Allem, was um ihn und an ihm ist, heilig zu sprechen. Wir sind nicht so töricht, uns vorzugaukeln, der Sieger sei jetzo nicht mehr in beinahe allen Lebensfragen unser unerbittlicher Gegner; wir hüten uns um so mehr, ihm unser — 298 — Weihrauchfaß mit unserm Beirat entgegen zu bringen, als wir gewärtig sein können, daß ihm ein Bündnis höchst entbehrlich erscheinen wird, welches er schon stolz verschmähte, noch ehe die Entscheidung für ihn gefallen war. Noch weniger als mit dieser Art von unbelohntem Versöhnungseifer, haben wir hier zu thun mit der Zunft der Realpolitiker, welche den altherkömmlichen naiven Servilismus des Professorentums in ein regelrechtes, aber temperirtes System gebracht hat. Der Royalismus und Loyalismus imserer jüngsten historischen Schule wirkt vielleicht entnervend auf manchen guten Geist in der studierenden Jngend; er mag die Demokratie oder, wie er nach Vorgang der schwarzen Kommission lieber sagt, die Demagogie mit seinem vornehmen Unwillen verfolgen, immerhin ist er nicht geeignet, in die Masse der Gebildeten einzudringen, wie sein Vorgänger, der Rotteck-Welcker-Dahlmannische Liberalismus. Auch hat es vorerst keine Not, daß das deutsche Volk an einem Ebenbilde der Lieblinge dieser Schnle, Cäsar und Mirabeau zu Grunde gehe. Also weder nach dem Beispiel unberufener Verbündeter (wer ungerufen zur Arbeit kommt, geht unbedankt davon), noch nach dem Beispiel der für Macht und Zucht schwärmenden Historiker treten wir an das Reich der vollendeten Thatsache heran. So wenig wir uns scheuen, so wenig thun wir uns daraus zu gut, daß wir das Faktum als solches anerkennen. Legitimismus zu machen, indem man die Augen vor handgreiflichen Thatsachen verschließt, ist vom demokratischen Standpunkt noch lächerlicher, als vom royalistischen. Wenn ihrer Zeit Nikolaus oder der Herzog von Modena das Julikönigtum als nicht existirend betrachteten, oder wenn das Faubourg St. Germain den Herzog von Bordeaux als König von Frankreich behandelte, so waren sie kaum so komisch, als die französischen Republikaner, welche von Napoleon III. mit es Uonsiöur sprechen, oder Deutsche, welche das Regiment Bismarck mit Ironie zu beseitigenMauben. Zwischen der Wegleugnung des Geschehenden und der Lakaienphilosophie, die alles Geschehende vernünftig und ehrwürdig findet, liegt ein ganzer Weltraum. Wie sehr übrigens die Demokratie selbst sich auf den Standpunkt stellt, dem Reich der unumstößlichen Wirklichkeit sein Recht einzuräumen, das geht unter Anderm daraus hervor, daß sie die Erwartung einer politischen Amnestie ausspricht. Welchen vernünftigen Gedanken kann sie dabei der Regierung unterlegen, wenn nicht die Voraussetzung, daß die Rückkehrenden die Entscheidung der Thatsache als maßgebend für den vorausgegangenen Kampf anerkennen und sich einverstanden erklären, auf dem Boden des neuen Gesetzes ihre Sache auszufechten? Wer die vollendete Thatsache nicht anerkennen will, muß konsequent, wie Viktor Hugo und Louis Blanc, verschmähen, von einer Amnestie Gebrauch zu machen. Wo liegt endlich das Problematische in der Nutzanwendung aus der vollendeten Thatsache, wenn es weder deren servile Vergötterung noch deren verblendete Ableugnung gilt? Das Problem liegt in der Würdigung der Prinzipien, welche den Gehalt der Thatsachen ausmachen, in der Scheidung dessen, was wir nicht umhin können aus diesem Gehalt uns anzueignen, und dessen, was wir, unbestochen von allem Erfolg, immerdar abzuweisen haben, als ewig Unzulässiges und Verwerfliches. Hier treffen wir vor Allem auf den Götzendienst, der jetzt wieder mit dem Krieg getrieben wird, als gäbe es kein höheres Handwerk, kein kostbareres Werkzeug. Daß Menschenglück und Menschenleben der einzige Staatszweck sei, der Krieg aber schnurstracks das Gegenteil, wird da im sinnverwirrenden Rausch blendender Schauspiele vergessen — eine Erziehungserbschaft der guten Zeit, da die Völkergeschichte nach Schlachten und Hoffesten rechnete. Der Mensch, sollte man glauben, sei nur etwas wert, wofem er im Soldatenrock auftritt und mit der Schärfe des Schwertes — 300 — dreinschlägt. Allenfalls wird die Sache noch in religiöse Aussprüche gehüllt, deren Konsequenz uns gradezu auf die Wiedereinsetzung der gerichtlichen Zweikämpfe und der Gottesurteile mit Wasser und Feuer zurückführen müßte. Daß eine Nation körperlich gesund und mannhaft sein müsse, um zum Vollgenuß und zur Sicherheit ihres Daseins zu gelangen, wird Niemand abstreiten. Je höher ein Volk in der Intelligenz gediehen ist, desto mehr würdigt es die Tugend physischer Ausbildung, das alte Griechenland wie das neue England. Die modernste Wissenschaft, die Nationalökonomie, und die modernste stoffergebene Philosophie lausen schließlich auch hinaus auf die Verbesserung der körperlichen Grundlage der Heersubstanz. Und wie der am einsichtvollsten verwaltete Staat auch die besterzogene und bestverpflegte Armee auf die Beine bringen muß, so werden auch die besterleuchteten Köpfe den bestgenährten Muskeln den Gegendienst erweisen. Es ist in keiner der offiziellen Ansprachen hevorgehoben worden, aber es wird ohne Hochverrat erlaubt sein, die Lesart von der göttlichen Hilfe aus der Religion in die Moral zu übersetzen und das Wunder des Erfolges zunächst in der Intelligenz zu suchen, welche in der Organisation und in der Zusammensetzung der Massen waltete. Die Demut nennt es Gotlesgnad', Die Mißgunst nennt es Hinterlad', Die Menschen nennen es Denken. Der zweite Trugschluß, vor dem wir uns zu bewahren haben, ist der von der Unvermeidlichkeit dieses bestimmten Krieges. Daß ein Krieg notwendig war, um Österreich unschädlich zu machen, ist gewiß. Aber wir lassen nicht daran rütteln, daß den Bevölkerungen aller rein deutschen Länder gegenüber ein treues Handreichen genügt hätte, wenn Preußen seither ein Staat gewesen wäre, in welchem die öffentliche Meinung geachtet und getreu nach dem bestehenden Rechte — 301 — regiert worden war. Man wirft uns ein, der leitende Gedanke habe mit Elementen zu rechnen gehabt, welche noch eher fürs Blutvergießen, als für moralische Eroberungen zu gewinnen gewesen. Um so schlimmer, wenn dem so ist! Der Haß zwischen Süd- und Norddeutschen ist eine kable oouvsous. Er ist zunächst die Erfindung der Menschensorte, deren Nahrungszweig im Staate Haß und Zwietracht sind: Parteigänger, Überläufer, Zeloten aller Art. Ist doch der bösartige Wahnwitz so weit getrieben worden, daß der preußischen Regierung die Notwendigkeit vordemonstrirt wird, ihre Mainlinie mit einer dichten Reihe starker Grenzfestungen gegen die Einfälle der Türken oder Rothäute aus Baden, Württemberg und Bayern zu decken. Ein neuer Pfahlgraben soll quer durch Deutschland gehen als ewiger Pfahl in seinem Fleisch! Wenn im Felde Hohe und Niedere gleiche Lorbeeren geerntet haben, so hat im feindlichen Quartier vor Allen der Soldat die deutsche Ehre gerettet. Das Glorreichste, was die preußische Armee aus diesem Feldzuge heimbringt, ist das Zeugnis der gesitteten Aufführung, welches dem gemeinen Manne nachfolgt. Nichtsdestoweniger hat die Erfahrung abermals gelehrt, daß eine gute Kriegsverfassung über die ganze Ergebenheit ihrer Soldaten verfügt, unabhängig von deren An- und Einsicht. Darum ist es nur um so notwendiger, daß eine so zweischneidige Exekutive nicht mit ihrer Wurzel auf einem andern Boden stehe, als auf dem des Volkswillens. Die unvermeidliche Ergänzung der Jndemnitätsbill wäre ein energisches Gesetz über Ministerverantwortlichkeit und ferner eine authentische Auslegung zur Entkräftung des bekannten vom Obertribuual ergangenen Urteils. Dagegen ist notwendiger Weise aus dem unwiderruflich Geschehenen vor Allem festzuhalten: der allseitige Anschluß an den preußischen Staat bis zur Verschmelzung inklusive. — 302 — Nach dem Erlebten gibt es nun hoffentlich keine monarchischen Föderalisten mehr, die da glauben, einen deutschen Bundeseinheitsstaat aus dreißig legitimen Fürsten und obersten Kriegsherren zu Einem Willen und Einer Aktion aufzubauen. Wer jetzt noch für ein selbständiges süddeutsches Staatensystem arbeiten will, der arbeitet für die Zurückführimg der Habsburger und des Dualismus in Deutschland. Das möge sich nicht blos der schwäbische Partikularismus, sondern vor Allem die preußische Regierungspolitik gesagt sein lassen. Ein selbständiges System süddeutscher Fürstentümer ist gleichbedeutend mit der Streichnng des ersten und Hauptartikels der Nikolsburger Präliminarien, der da lautet: Austritt Ästerreichs aus Deutschland. Darum reibe man sich nicht in Berlin die Hände bei dem Gedanken, Süddeutschland durch eine nordische Kontinentalsperre auszuhungern. Hier übrigens tritt die Aufgabe der preußischen Regierung zurück hinter die Aufgabe des deutschen Volkes. Hier gilt es, sich zu regen ohne Ende. Wenn auch in dem Friedensinstrument die viel- gefürchtete Mainlinie steht, so ist doch der Fluch dieses Gedankens entkräftet durch das Hinausdrängen Östreichs. Ein Unglück war die Mainlinie nur, wenn sie die Grenze ward zwischen Preußen und Östreich. Ein Unglück würde sie wieder, wenn mittelst Herstellung eines scheinbar selbständigen dynastischen Süddeutschlands Habsburg Zeit und Wege fände, bis an den Main zurückzukommen. Die Furcht, daß Deutschland in Preußen untergehen könne, wenn Preußen Deutschland erobert, ist einer großen Nation mit tausendjähriger Kultur unwürdig. Wenn Preußen uns fängt, so mag es rufen, wie jener Soldat von der Reichsarmee: „Ich habe einen Gefangenen, er läßt mich aber nicht los." Wird auch Frankfurt preußisch, so wird es doch nicht künstig heißen, der Faust sei die größte preußische Dichtung, — 303 — so wenig es neuerer Zeit geheißen hat. der Mann von Eisleben und Wittenberg habe die Bibel ins Preußische übersetzt. II. Äer Scheideweg. Zürnende Stimmen, warnende und klagende Stimmen, Scheidebriefe von alten Freunden und Schmähbriefe von unbekannter Hand, das ist jetzt für unser Einen das tägliche Brot. Wer deß nicht achten wollte, um den stände es immerhin bedenklich. O, sie verstehen es ganz gut, wie man's anzufassen hat, um Einen stutzig zu machen. Jene, welche uns zurufen: „Bravo, Ihr praktischen Menschen, wohl bekomme eurem ungeduldigen Appetit die Fütterung mit rohen Thatsachen; wir armen Leute vom Grundsatz, wir hungern lieber noch eine Weile; ha, ha. es ist schon gut, Ihr seid gescheit und wir sind dumm. Prost die Mahlzeit, Ihr klugen Herren!" Solche freundschaftliche Mephlstophelik kann ihre Wirkung nicht verfehlen und verdient, daß man nochmals stillstehe und sich des Weges umschaue, bevor man weiter geht. Es ist ja gewißlich wahr: mit der Einbildung, besonders praktisch und überlegenerweije mäßig zu sein, beginnt gemeiniglich im Menschen der erste Anfang zur Reaktion; und wer fände nicht in seinen eigenen Papieren das Konzept zu den Abtrünnigkeitsvorwürfen, die jetzt auf ihn herunter hageln? Von Herrn Düpin an, der mit dem Motto: „je sörs lg, Kranes«, aus der Monarchie zur Republik und aus der Republik zum Kaisertum hinübertrollte, bis zu Herrn v. Vincke und seiner Kniggeschen Kunst, mit Gesetzen nmzu- — 304 — gehen, fehlt es nicht an abschreckenden Exempeln. Nicht doch! nicht doch! so ist es nicht gemeint; und wenn die guten Freunde nur ein Scherflein jener Gerechtigkeit, so sie für die Leitung der Welthändel in Anspruch nehmen, für unsern Gedankengang übrig hätten, so würden sie uns nicht unbarmherzig in den Pfuhl der praktischen Verlorenheit hinabstoßen. Noch wissen wir so gut wie sie, daß die bescheiden thuende Entsagung, welche da spricht: „man muß die Menschen nehmen, wie sie sind; schlechte Welt, schlechte Zustände", daß die nichts ist. als seichte, satte Frivolität, und daß der letzte Vers ihrer demütigen Bibelweisheit lautet: „Nrmäus voll- äsoipi". Noch wissen wir. daß es kein Heil gibt ohne Wissen, kein Wissen ohne Gesetz; und mehr als je sind wir überzeugt, daß es sich nicht um prinzipielle Verleugnung irgend eines heiligen Glaubensartikels handelt. Von thatsächlicher Aufopferung freiheitlicher Güter kann ja nicht die Rede sein, da wir deren leider keine zu verlieren hatten. War schon vor dem letzten Umschwung der Dinge es so schwer, sich zu verständigen, wer dürfte jetzt sich beklagen, in der vielfachen Stimmen Gewirr nicht mit Geduld vernommen zu werden? Es gehört nun einmal zur Oekonomie der Natur, daß ein guter KämPe ein unbarmherziger sei, und wer nicht will mißverstanden werden, der thut besser, er bleibt daheim... Aber darum sei wenigstens einem Jeden vergönnt, mit gleichen Waffen, an seiner Ehre ungekränkt, für seinen gnten Glauben zu fechten. Wer jedoch wäre strenger verpflichtet, durch billiges Anhören werkthätige Gedankenfreiheit zu üben, als die, welche der brutalen Gewalt noch eben den lautesten Fluch nachschleudern? Verlassen wir auf einen Augenblick den Kampfplatz der heimischen Erde und versuchen wir, ob die unbefangene Betrachtung eines fremden Streits uns nicht Gelegenheit gibt, eine nützliche Rückanwendung zu machen. Es besteht nun einmal eine so aufdringliche Ähnlichkeit zwischen dem Gang — 305 — der italischen Dinge und dem der unsrigen, daß kein Stolz sich dieser Wahrnehmung entziehen kann. Vielleicht finden sich diesseits wie jenseits der Alpen noch Unerschütterliche, welche behaupten: die Befreiung des Landes von den Österreichern und Bourbonen sei ein Unglück, wenn auch nur deshalb, weil sie durch die französischen Bajonette vollbracht worden, und besser wäre der Halbinsel, sie stünde noch heute unter Bomba, Maximilian und Antonelli, geduldig harrend auf eine regelrechte Revolution, als daß es so gekommen sei, wie es gekommen ist. Es gibt Mazzinisten vom reinsten Wasser, welche so urteilen, obwohl vielleicht Mazzini selbst nicht so weit geht. Aber unter den freisinnigen Deutschen ist, so fern es die Beurteilung der italischen Dinge gilt, dieser äußerste Formalismus ohne Zweifel ganz gering vertreten. Nun haben wir oft Piemont um seinen Cavour und Victor Emanuel beneidet und es glücklich gepriesen, daß es im Namen der italischen Nationalität und Freiheit unternehmen konnte, was anderwärts unter Anrufung ganz anderer Güter bereitet worden ist. Aber wer von uns möchte um den Preis französischer Beihilfe mit Jenen tauschen? Und wenn es für Italien noch immer ein Gewinn war, im Namen der Freiheit durch den Selbstherrscher der Franzosen zur Einheit gekommen zu sein, wäre der Gewinn für Deutschland nicht größer, im Namen von was es immer sei, durch eine deutsche Heeresmacht, geführt zur Not sogar von einem unumschränkten König, zur Einheit zu gelangen? Doch nehmen wir die Sache noch näher und faßlicher ins Auge. Eben jetzt, in diesem Moment, existirt in Italien eine Partei der Unerbittlichen, welche nicht ihre Einwilligung dazu geben mag. daß Venetien auf eine andere Manier von Österreich befreit und mit Italien vereinigt werde, als nach ihrem Rezept der orthodoxen Revolution. Sie schlagen vor, man solle Venetien nicht annehmen, sondern mit Österreich und Frankreich zugleich Krieg führen, bis daß Florenz oder viel- Ludwig B-mberger'S Ges. Schriften. III. 20 — 306 — mehr Rom allein. Dank seinen eigenen Siegen, jenen die Gesetze diktieren könne. Wären wir nun im Irrtum, anzu- nehmen, daß dies Gebühren, welches keine Narrheit ist, allein einer Narrheit bedenklich ähnelt, von den wenigsten unserer deutschen orthodoxen Freunde gut geheißen wird? Und doch ist die Analogie vollkommen. Es stände schöner um die Gegenwart und sorgenfreier um die Zukunft, wenn Cialdini bei Custozza und Persano bei Lissa die Schlachten der italischen Großjährigkeit geschlagen hätten; aber würden darum unsere grimmigsten Preußenfeinde dem Parlament von Florenz raten, mit dem Schicksal schmollend, Venetien wieder an den Erzherzog zurückzuweisen? So und nicht anders liegen die Sachen in Deutschland ebenfalls, nur daß in eigenen Angelegenheiten das Urteil sich verwirrt durch die unmittelbare Nähe der Empfindung. Während es uns schier komisch dünken wollte, daß nach ihren Niederlagen zu Wasser und zu Lande die Italiener ob der Schändlichkeit der Vorenthaltung Tirols Zeter schrieen, riefen sie uns über die Alpen herüber zu: sie begriffen nicht, wie wir für den großen Dienst der preußischen Leistung blind sein könnten. Und so wird es immer sein in der Welt. Es lohnt wohl einmal der Mühe zu untersuchen, wer am Ende der Freiheit treuer ergeben sei: die Demokratie, welche jetzt in Sack- und Asche geht, oder die, welche des Glaubens lebt, daß das Geschehene zu gedeihlicher Wendung führen könne? Es lohnt wohl der Mühe zu fragen, ob die, welche einen Erfolg gewahren, auch da, wo er gegen ihren Rat und gegen ihr Ansehen durchgegangen ist, nicht freier und selbstloser einer guten Sache zugethan sind, als die, welche selbst triumphiren müssen, um sich zu freuen? Es lohnt wohl der Mühe zu fragen, ob der Glaube lebendiger und mächtiger sei in denen, welche sich nicht trösten können, weil die Garde siegestrunken in Berlin einzieht, oder in denen, welche auf eine Entwicklung bauen, die im Laus der — 307 — zehn letzten Jahre vier der finstersten Mächte unrettbar in den Abgrund gestürzt hat: den Kaiser Nikolaus, das Haus Habsburg, die weltliche Macht des Papstes und die amerikanische Sklaverei? Es lohnte wohl der Mühe zu fragen, ob diejenigen gemeint sein können, einer mechanischen Einheit die bürgerliche Freiheit leichten Herzens hinzuopfern, welche überhaupt einen Ausweg aus dem täglich wüster wuchernden, markverzehrenden System des bewaffneten Friedens nirgends sonst sehen, als in dem schließlichen Triumph jener Verfassungsform, welche eben Europa die Lehre gegeben hat, daß ein Freistaat aus einem blutigen Kampf um die Existenz hervorgehen kann, ohne in die Hand eines kühnen Soldaten zu fallen? Ist es so sündhaft zu glauben, daß Europa entweder unaufhaltsam rückwärts oder vorangehen muß zu diesem letzten unvermeidlichen Schluß aus allen Voraussetzungen menschlicher Würde nnd menschlicher Freiheit? Und das vorausgesetzt, ist es sündhaft zu glauben, daß Europa diesen großen Kampf nicht wird ausfechten können, bevor Deutschland im Stande sei, die ganze Kraft seines Armes und seines Geistes in die Wagschale zu werfen? Und das vorausgesetzt, ist es so sündhaft zu glauben, daß, um in diesen Kampf einzutreten, die deutsche Nation die Einheit ihres Willens und ihrer Bewegung als unentbehrliche Vorbedingung gefunden haben müsse? auf daß sie nicht mehr in die erbärmliche Lage komme, sich zu fragen, ob das gute Recht auf Seiten des Großherzogs von Mecklenburg oder des Großherzogs von Darmstadt sei, und daß sie nicht mehr in die abgeschmackte Notwendigkeit gerate, gegen angreifende Gewalt für den gesetzlichen staws hno und damit für Kur- hessen und Nassau, für ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer zu fechten? Das und vieles Andere wäre zu fragen, und vielleicht wäre noch mehr zu antworten, als irgend ein Narr fragen kann. Aber man würde uns einwerfen, mit solchen großen 20* — 308 — Rosinen auf dem unerreichbaren Boden unserer Tasche sei kein Hund vom Ofen wegzulocken; und stände auch dieser Einwurf nicht entgegen, der Umfang eines Zeitungsartikels und der Umfang der Preßfreiheit würden nicht erlauben, näher auf diese Dinge einzugehen. Dennoch sind sie kaum entbehrlich für die richtige Würdigung der guten oder bösen Prinzipien, die in Jeglichem von uns arbeiten und ihn je nach dieser Seite treiben oder nach jener. Wie sie hier im gröbsten Umriß stehen, haben sie einzig den Zweck, gegen den Vorwurf der Abtrünnigkeit, des Wankelmuths, der Zugänglichkeit für grobes Blendwerk feierlichen Protest niederzulegen. Der Zukunft liegt es ob, uns zu rechtfertigen, der Zukunft, die wir nicht sehen werden, und die von uns noch viel weniger wissen wird, als von den Tausenden, die namenlos modern unter den Grabhügeln von Sadowa. Aber fernab, wie wir stehen von diesen letzten Zielen, ist dennoch in allen Fragen der Gegenwart die Scheidelinie angedeutet, welche im Laufe der Entwicklung zu einer tiefen Spaltung auszuwachsen bestimmt ist. Ein Freund und Gegner hat es bei einem früheren Anlaß ganz richtig herausgefühlt, wenn er sagte, daß die Grundverschiedenheit zwischen den deutschen Föderalisten und den Eiferern des Einheitsstaats eng verwandt sei mit dem geschichtlichen Zwiespalt zwischen der Gironde und der Bergpartei. Das letzte Wort dieser Meinungsverschiedenheit geht eben darauf hinaus, festzustellen, ob der Staat ein notwendiges Übel sei oder eine organische Lebensform? ob, so wie zuweilen von geplagten Hausfrauen zu hören ist, es ein Elend sei, daß man Mägde halten müsse, weil das Vorurteil nicht erlaube, selbst die Böden zu scheuern und Stiefel zu wichsen, und so auch der Gedanke ein Recht habe, es sei ein Jammer, daß man eine Verfassung, ein Gesetz, eine Tribüne und eine Wahlversammlung nicht entbehren könne, und in einer bessern Welt müsse ein jeglicher Mensch sein eigener Staat sein? Ob wir so niedrig angelegt sind, daß unsere besten Kräfte zu leidigen Thätigkeiten verwendet werden müssen, oder ob wir so glücklich sind, in die Lösung der schwierigsten Aufgaben auch die Blütenentfaltung des Daseins legen zu können? Kein philosophisches Turnier wird diese Frage entscheiden. Der Gang der Weltgeschichte allein wird sie beantworten. Der Reihe nach sind Altertum und Christentum, lateinische und germanische Nassen, die Parteien der großen französischen Staatsumwälzung und die Vorkämpfer sozialistischer Lehren in die Schranken eingetreten. Wer wollte sich vermessen, den Ausgang voraus zu verkünden? Einstweilen aber gibt es noch Arbeit vollauf, um das unbestreitbar Gute und das gemeinsam Unentbehrliche aus beiden Lebensanschauungen zu Ehren zu bringen. Seid Ihr nicht für die Einheit in unserem Sinne, so sind wir doch im entferntesten nicht gegen die Freiheit in Eurem Sinne. Hätten die Ereignisse eine deutsche Föderativrepublik gebracht, wir hätten sie herzlich willkommen geheißen und schwerlich verlangt, daß Ihr den Führer der preußischen Politik zum Präsidenten machtet. Nimmermehr glanben wir, daß sie jetzt in München nnd Stuttgart Fuß fassen und von da über den Main hinauf- rückeu werde. Daß Etwelche mit einer Frontenwendung auf dem Schlachtfeld aus deutschen Vaterlands begeisterten schweizer Hinterländer zu werden verlangen, das haben wir wohl manchmal sagen hören, Halten's aber für Anfälle tollen Humors. Und also denn, da Ihr uns dermalen thatsächlich gar nichts Besseres zu bieten habt, so lasset dem Anfang der Einheit, wie schlecht Ihr ihn immer haltet, seinen Spielraum und gönnt ihn: den Versuch, sich einen Platz an der Sonne zu verdienen. Sagt Ihr, der Norden werde nicht sein Juukertum überwinden, so fragen wir: Hat denn bis jetzt der Süden sein Perrücken-Despotentum überwunden? Der preußische Verfaffungskampf ist achtzehn Jahre jünger — 310 — als der süddeutsche; er hat es bei viel stärkeren Gegnern und größeren natürlichen Schwierigkeiten immerhin noch etwas weiter gebracht, als die süddeutschen Verfassungskämpfe. Wo die an harte Fürstenköpfe stießen, da gingen sie spurlos unter, und ihre Siege, da wo gutmütige Laune sie gewähren ließ, hatten keinen stofflichen Wert. Vom Freiheitsabschwören ist nirgends die Rede, noch weniger vom Hosiannasingen zum Gott der Heerschaaren; die preußischen Volksvertreter haben nur gethan, was sie nicht lassen konnten, und die Notwendigkeit, der sie gehorchten, war nicht ihr Werk, sondern das Werk des ganzen Volkes. Wie wir das verstehen, das soll ein folgendes Kapitel erklären. III. Die Preußische Gammer. Die Klagen der Volkspartei über die preußische Kammer stammen nicht von heute und nicht von gestern. Man hat ihr Mangel an Kühnheit und Entschiedenheit vorgeworfen And dafür gehalten, sie hätte dem Geschick der Nation eine bessere Wendung geben können. Nennen wir gleich das Kind beim Namen: das letzte Wort der Mißbilligung lautete, die Kammer hätte aus der passiven Verneinung zur aktiven Steuerverweigenmg schreiten sollen. In der That wäre dies die einzige Manier gewesen, den Konflikt aus der theoretischen Sackgasse auf den Weg der Praxis zu bringen. Wenn man nun zur Not behaupten könnte, daß eine Volksvertretung nicht blos auf der Höhe der Volksgesinnung stehen, sondern als ein treibendes Element ein Mehreres von Rührigkeit — 311 und Energie im Leibe haben und das hinter ihr etwa zurückstehende Land in die Lage setzen müsse, ihr zu folgen, so bliebe das unter allen Umständen eine Auffassung von höchst bestreitbarer Giltigkeit. Daß sie sich aber im vorliegenden Falle nicht bewährt haben würde, darüber haben die jüngsten Ereignisse nicht den leisesten Zweifel übrig gelassen. Der Krieg ist gegen die Meinung der Kammern, wie gegen die Meinung des Volks durchgesetzt worden. Die Regierung hat dem Volk befohlen, in den Krieg zu ziehen, und das Volk, eben noch unwillig, teilweise bitter grollend, hat dem Befehle der Regiemng gehorcht. Wenn die Kammer aufgefordert hätte, die Steuern zu verweigern, und die Regiemng hätte befohlen, die Steuern zu zahlen, was hätte das Volk gethan? Es ist hier ebensowenig der Ort, über die Rechtsfrage an und für sich eine Stimme abzugeben, als Vermutungen darüber anzustellen, was im Punkte des Rechts die Überzeugung der Kammermajorität gewesen sein mag. Es handelt sich blos darum, im Namen der historischen Kritik derjenigen Auffassung zu antworten, welche die Kammer für gesetzlich berechtigt und politisch verpflichtet erklärte, über die Verwerfung des Budgets hinaus zu einer Aufforderung an das Volk zu schreiten. Allen Einsichtigen muß es nach der Erfahrung dieses Krieges klar sein, daß die Kammer, indem sie das unterließ, die größte Niederlage vermied, welche eine Volksvertretung erleiden kann: die gräuliche Situation nämlich, sich über den Grad des thätigen Einverständnisses mit ihren Wählern getäuscht und sich ins Feld vorangewagt zu haben, um von ihren Truppen im Stich gelassen zu werden. Es war keine angenehme und keine leichte Aufgabe, von oben und von unten gescholten und provozirt, auszuhalten wie ein Regiment im Felde, Gewehr bei Fuß, von allen Seiten beschossen und nicht in der Lage, das Feuer zu erwidern. Die Kammer hat damit das Einzige gethan, was sie in so unglücklicher Stellung thun konnte, sie hat ihre Position öe- — 312 — hauptet, sie hat die Rcchtskontinuität bewahrt zwischen dem Zeitabschnitt vor und dem Zeitabschnitt nach dem Krieg. Sie hat vielleicht der Regierung einen Dienst geleistet, indem sie ihr die Notwendigkeit ersparte, mit handgreiflicher Gewaltsamkeit nach innen aufzutreten; aber sie hat dem Volke, dem Recht und der Verfassung, dem ganzen Deutschland einen größeren Dienst geleistet, indem sie die Notwendigkeit abwandte, eine siegreiche Contrerevolution mit allen ihren Schrecken und allen Folgen unabsehbarer Oktroyirungen und Mißhandlungen zu erleben. Wenn die preußische Kammer dem Ministerium eine Indemnität votirt hat, so ist es noch mehr an der Zeit, daß das deutsche Volk der preußischen Kammer eine Indemnität votire. Was die Indemnität, welche die Kammer dem Ministerium bewilligt hat, im Sinne der freisinnigen Mehiheit bedeute, darüber ist jeder Unbefangene wohl im Klaren. Sie bedeutet weder eine Abschwörung der Vergangenheit, noch ein Vertrauen in die Zukunft. Sie bedeutet am allerwenigsten, daß die Kammer wünschte, bisher anders gedacht und gehandelt zu haben, als sie gedacht und gehandelt hat. Mögen Andere es als die höchste Aufgabe politischer Weisheit empfinden, zu möglichst früher Zeit zu wittern, wohin der Wind den Cäsar und sein Glück tragen werde: der Trost, die Rettung, der Anhaltspunkt der freisinnigen Partei in Preußen liegt eben darin, daß sie sich bis zum letzten Augenblick den Dingen widersetzt hat, welche über Deutschland gekommen sind, und daß sie dem Cato nicht das Recht zu dem Vorwurf gibt, ihr habe die siegreiche Sache gefallen. Sie ist besiegt worden, sie erkennt sich als thatsächlich von Ereignissen überwunden, die kein menschlicher Wille und kein menschlicher Protest mehr rückgängig machen kann. Uns will bedünken, die Arbeit ist jetzt zweierlei, südlich und nördlich des Mains. Im norddeutschen Bunde hat — — 313 — mit welchen Nöten immer — das Recht der Freiheit seinen schweren Kampf zu kämpfen; im übrigen Deutschland hat das Recht der Einheit — und ein Recht ist es, dem anderen vollauf ebenbürtig, — seine Sache durchzusetzen. Wer da meint, es könne gelingen, in Bayern, Württemberg und Baden einen grünen Garten der Freiheit anzulegen, während das Land nördlich vom Main unter einer Decke von Schnee und Eis erstarren werde, dem haben wir allerdings nichts zu sagen; und wer sich von der positiven Unausführbarkeit solcher Hirngespinste Rechenschaft gibt und versichert, es sei dennoch nichts zu thun, als seinen Grundsätzen gemäß zu protestieren und zu hoffen, dem lassen wir ohne Neid sein otwra ourll äi^uiww. Möge er, sich Ehrenkränze flechtend, weiter singen: „Hoffnung, du sollst uns im Leben liebend und tröstend umgeben!" Nicht Jedem ist es erlaubt, sich zur reinen Priesterschaft geweiht zu halten und die Arbeit zu verschmähen, weil sie der Erniedrigung und Herabsetzung nicht entgeht. Arbeit gibt es dermalen die Hülle und Fülle, und wer in sich Kraft, Lust und Überzeugung fühlt, den treibt es um so mehr dazu, je größer und undankbarer zunächst die Aufgabe ist. Kein Preis winkt unserer Mühe, kein Paria« mentssitz ladet uns zur Ruhe ein. Heimatsverlustig zu Hause, nie in der Versuchung gewesen, heimisch zu werden in der Fremde, deutsche Bürger iu pgMous WlläLlwro und korre- spondirende Ehrenmitglieder mehrerer vaterländischer Zuchthäuser, dem Süden zustimmend durch die Empfindung, dem Norden durch die Besinnung, so treten wir die Wanderschaft an, um das übel gelittene Wort der Einigung zu predigen. Und wenn wir Johann Jacoby begegnen, so wird er uns die Hand nicht weigern, trotz allen Groß-Jnquisitoren des Reichs! Wie aber, wenn festgestellt werden soll, daß vorzugsweise der preußischen Volksvertretung die Pflicht auferlegt sei, am Recht der Freiheit festzuhalten, wie ist damit die Jndemnitätserklärung zusammenzureimen? Diese ist es ja, ? — 314 — welche die Rechtsverletzung zu sühnen, die Minister schuldfrei zu sprechen übernommen hat. — Hat sie das? Wenn man nicht behaupten will, die Kammer könne Geschehenes ungeschehen machen, und wenn nachzuweisen ist, daß es auch nicht in der Macht der Kammer gewesen, das zu verhindern, was geschehen ist, so blieb ihr eben nichts zu thun, als ihr Recht auf dem Wege theoretischer Anerkennung zu retten; und das hat die Indemnität in den Grenzen der Möglichkeit bezweckt. Die Indemnität ist kein Geschenk des Hauses an die Regierung, sie ist ein Geschenk der Regierung an das Haus. Je bescheidener wir hierbei die Machtstellung des Hauses annehmen, desto mehr genügen wir ja den Voraussetzungen seiner Verächter, ohne dadurch etwas für unsere Auslegung zu verlieren, denn der Geschenkgeber kann nicht der Freigesprochene sein, der Geschenknehmer nicht der Freisprecher. Was der Ministerpräsident in Übereinstimmung mit der mißbilligenden Demokratie an den preußischen Zuständen konstatirt, die thatsächliche Übermacht der Regierung über die Legislatur, das eben liefert uns auch den richtigen Maßstab für die Bedeutung der Indemnität. Dieser Akt war nicht das Beste, was die Regierung der Kammer bieten konnte, aber es war faktisch das Beste, was sie ihr bieten mochte und geboten hat. Und nun wirft man dieser vor, daß sie dies Beste annahm! Warum dieser Vorwurf? Gab es durch Feindseligkeit etwas Besseres zu gewinnen, als was die Regierung einzuräumen sich herbeiließ? Darauf haben wir eben geantwortet. Man kann beispielsweise sagen: Wenn Ludwig Philipp den Prinzen Napoleon hätte nach der Landung von Boulogne füsilieren lassen, so würde heute Frankreich in einer andern Lage sein. Aber man kann nicht sagen, daß nach langjährigen, über das ganze Land hin unter höchster Anspannung der öffentlichen Meinung geführten Kämpfen, beliebige Motionen und Abstimmungen eine andere Machtstellung zwischen dem Volk und der Regierung herbei- — 31S — geführt haben würden, als welche die letzten Ereignisse vorfanden. Wenn eine der Regierung überlegene Kraft im Volke gewesen wäre, so hätte sie in so langer Zeit und bei so heftiger Aufforderung sich Bahn brechen müssen. Und, wie es ebenfalls der Ministerpräsident konstatirt hat, war schon dies Machtverhältnis zn Gunsten der Obrigkeit vor dem Krieg, so lag es nach demselben zweifelsohne noch so viel günstiger. Mit feindseligem Vorgehen war also nunmehr keine thatsächliche Wiederherstellung des Rechtes zu erwirken. Es blieb dann nur noch die Wahl zwischen zwei Formen der Rechtsverwahrung, welche aber, die eine wie die andere, auf dem Boden der blos theoretischen Erklärung stehen bleiben mußten, welche beide nur Formen waren, beide nur die feierliche Anerkennung einer legalen und moralischen Wahrheit. Es gab die einseitige oder zweiseitige Anerkennung. Die einseitige, in welcher die Kammer für sich allein die Integrität ihrer verfassungsmäßigen Ansprüche aufrecht erhielt, — oder aber die zweiseitige, mittelst deren die Kammer, unter Mitwirkung der Regierung, also in der feierlichsten Form eines Vertrags, bei welchem beide streitenden Parteien konkurrieren, ihr unversehrbares Recht einregistrirte. Ist die vorausgegangene Auslegung richtig, so lohnt es nicht mehr der Mühe, weiter zu begründen, warum das Haus der zweiseitigen Prozedur den Vorzug gegeben hat, und warum man gezwungen ist, ihm einzuräumen, daß es unter den ob- schwebenden Verhältnissen das theoretisch vollkommenste Instrument zur Herstellung eines öffentlichen Rechtsstandes ergriffen hat, nachdem es durch seine verneinende Haltung vor dem Kriege und während des Krieges bis zur Indemnität die einzige haltbare Stellung zur Wahrung der Rechtskontinuität eingehalten hatte. Wenn die Indemnität an der angebornen Unvollkommen- heit der Oktroyirung leidet, so ist die Oktroyirung ein Erbübel, welches nicht blos allen preußischen, sondern allen — 316 — deutschen Verfassmigsrechten innewohnt. Die einzigen nicht oktroyirten, sondern durch Druck von unten eroberten Verfassungen datirten von Achtundvierzig und sind mit Neunundvierzig wieder verschwunden. Die ganze Verfassung namentlich, um deren Integrität es sich bei diesem Streit handelte, ist ein Objekt der Oktroyirung gewesen, und wenn die neuere Praxis überall den Standpunkt der protestirenden Wahlentsagung verlassen hat. wenn Wähler und Gewählte recht thaten, von der angebotenen Verfassung Gebrauch zu machen, so thaten sie doppelt recht, von der angebotenen Indemnität Gebrauch zu machen. Denn wenn oktroyirte Verfassungen Geschenke sind, so ist die Jndemnitätsforderuug eingestandener Maßen die Rückerstattung eines vorenthaltenen Objekts, wenn auch für den Moment eine freiwillige, und das ist unendlich mehr als ein Geschenk. Nicht wollen wir davon reden, daß ein praktisches, ein politisches Motiv mit unterlaufen dürfte. Das sind ja jetzt verpönte Begriffe bei jenen Reinen, denen Alles unrein ist. Ob es erlaubt, ob es notwendig, ob es nützlich war, einer Regierung, welche sagt: Wir haben vier Jahre ohne Rechtsstand unfruchtbar gewirtschaftet; vergönnt uns vor dem Lande den Versuch, mit einem Rechtsstaud fruchtbar zu wirtschaften, — ob es der Moment war, auf eine solche Zumutung mit Nein zu antworten, ob es richtig gewesen wäre, allen Schwachen und allen Listigen der Zukunft die Hinterthüre zu öffnen: „ja, wenn die Kammer auf das Anerbieten guten Einverständnisses gehört hätte!" — das Alles soll dahin gestellt bleiben. Wir haben stets der Meinung gehuldigt, daß nichts weniger zu einer guten Regierung gehöre, als die Voraussetzung des Vertrauens, und wir haben stets diejenige Verfassung für die beste gehalten, welche dem Volke das größte Mißtrauen als permanente Pflichtausübung auferlegt. Wir finden uns bei den obwaltenden Zuständen weniger als je — 317 — veranlaßt, von unserer Ansicht abzuweichen. Wir wollen daher zur Rettung der preußischen Majorität nichts aufführen, was irgend ein Vertrauenssystem in sie hinein interpretieren könnte. Nur das wollen wir beweisen: die Verwahrung der Kammer zu Gunsten von Recht und Freiheit ist so förmlich, wie die irgend einer äußersten Partei. Auch Bayern und Württemberg haben Frieden gemacht, nachdem sie mit den Waffen protestirt hatten. Die Kammer konnte nicht mit Kanonen-, sondern nur mit Stimmkugeln protestieren, ehe sie Frieden machte; und sie hat das Recht so lange gewahrt, daß es in der Form noch über die Thatsachen hinaus eine Brücke fand für den ehrenvollen Rückzug. — Diesseits des Krieges geschlagen, nimmt es jenseits des Krieges eine neue Aufstellung. Wir modifizieren, was wir im Eingang gesagt: Das deutsche Volk hat der preußischen Kammer keine Indemnität zu votieren, denn sie bedarf keiner Indemnität. IV. Frankreich. Leider ist es nun einmal nicht zu bestreiten, daß die öffentliche Meinung in Frankreich dem Gang der Dinge in Deutschland feindselig geworden ist, und daß eine Regierung, welche irgendwie kriegslustig wäre, von der allgemeinen Stimme mehr vorangetrieben als zurückgehalten würde. Heute braucht man ja für diese thatsächliche Bewandtnis den Beweis nicht mehr aufzubringen. Es liegt in dem diplomatischen Rundschreiben, welches nicht im geringsten zur Er- — 318 — leuchtung der fremden Höfe, sondern ganz handgreiflich zur Entschuldigung vor der eigenen Nation bestimmt ist. Die napoleonische Regierung begütigt das französische Volk, damit es ihr die friedliche Haltung nachsehe; sie bittet um Verzeihung, wenn sie nicht um der Rheingrenze willen einen europäischen Krieg entzündet habe! Ist das die Nation, welche dem Redner von Bordeaux so oft vorgeworfen, daß er sein kaiserliches Friedens-Programm nicht eingehalten habe? Ist das die Bürgerschaft, welche, halb aufgeklärt, halb ernüchtert durch den Industrie- und Finanz-Geist der Neuzeit, mit ihrer alten Herzhaftigkeit auch das Recht auf ihre alten Thorheiten verloren zu haben schien ? Wie ? Die liberale Presse verlangt nach Pulverdampf, und ein Bonaparte nötigt ihr humane Einsicht auf. In der That, es ist so. und es ist nicht das einzige beschämende Erlebnis dieser Tage. Die neuen Zustände haben in Frankreich ebenso merkwürdige Verschiebungen ans Licht gerufen, wie in Deutschland. Die Leute vom „Siecle", welche stets Waterloo im Mund und die Trikolore in der Faust führten, werben für Deutschland, und die Leute vom „Temps", welche sowohl allen nationalen Vorurteilen, wie dem Militarismus entgegenwirkten, welche englisches Selfgoverne- ment und deutsche Geistesfreiheit in Frankreich einzubürgern übernommen hatten, Hetzen jetzt mit der unermüdlichsten Erbitterung zum Angriff aus unsere Grenzen. Gänzlich erloschen war allerdings die geheime Lust nach der Rheingrenze niemals in der Nation. Zwei erbliche Gebrechen, die geographische Unklarheit und die leichtfertige Selbstgenügsamkeit, unterhielten im Stillen den Glauben, daß die Deutschen am Rhein doch noch so eine Art Franzosen (zweiter Klasse) seien und sich auch glücklich fühlen würden, wieder eindepartementiert zu werden. Man weiß, wie unsre Landsleute in jenen Grenzgebieten eine Zeit lang dazu beitrugen, diesen Wahn zu fördern. Allerhand — 319 — Pariser Gelehrsamkeit, welche auch heute wieder zu Markte kommt, beschaffte ethnographische Studien, aus denen ein ripuarisches, stark gallisch gefärbtes Frankenland im Rheinthal hergestellt ward. Theophile Lavall^e, der Professor der Geschichte an der polytechnischen Schule, war und ist der Hauptverkünder dieser Lehre. Henri Martin, ein durch Kenntnisse, Gesinnung und Charakter hochstehender, nach jeder Richtung hin sehr achtungswerter Gelehrter, doch nicht frei von einem gewissen nationalen Mystizismus, hat seit den jüngsten Ereignissen seine Stimme in einem ähnlichen Sinne vernehmen lassen, wenn auch nicht um zu annektiren, doch um einen selbständigen Rheinstaat zu befürworten, jenen Rheinstaat, für w.elchen alle unsere Gegner draußen und alle unsere Narren daheim schwärmen. Immerhin hatte sich seit den letzten zehn Jahren diese Denkweise schon bedeutend modifiziert. Die stets wiederkehrenden Kriege in der Krim, in Italien, in Mexiko hatten den Sinn für eine nüchterne friedliche Entscheidung um so mehr gefördert, als die Feldzüge gegen Rußland und Juarez sehr viel zu wünschen übrig gelassen. Das gesinnungslose Bürgertum wollte Ruhe und Sparsamkeit; alle Art von Opposition war von selbst darauf hingewiesen, nicht die Armee mit dem Kaisertum durch Ruhm und Einfluß zu verketten. Endlich, und das verdient ganz besondere Beachtung, war deutsche Bildung zu stets wachsendem Ansehen in Frankreich gelangt. In ruhigeren Zeiten wird es einmal der Mühe lohnen, die Geschichte der deutschen Bildung in Frankreich während der letzten zehn Jahre, mit Thatsachen belegt, zu schreiben. Neben der Aufzählung der deutschen Bücher, welche in diesem Zeitraume ins Französische übersetzt worden sind, und der noch unendlich viel größeren Zahl derjenigen, welche in der französischen Presse besprochen wurden, müßte man auch die Geschichte der französischen Schriftsteller geben, welche, Dank ihrer deutschen — 320 — Bildung, zu großem Einslutz gekommen sind, oder ihrerseits deutsche Bildung zu Ehren gebracht haben. In den letzten Jahren konnte man keine Revue aufschlagen, in der nicht deutsche Werke übersetzt oder ausgezogen oder rezensiert waren. Wir haben mit eigenen Ohren gehört, wie ein ausgezeichneter französischer Schriftsteller, durchaus kein ultranationaler, seine, allerdings sehr grundlose Besorgnis darüber aussprach, daß diese auf deutsche Kultur erpichte Richtung den heimischen Geist ganz um seine berechtigte Geltung bringen möchte. Es wurde Mode, deutsche Sprache den kleinen Kindern spielend beizubringen, ihnen deutsche Kindermädchen in verschiedener Abstufung von der simplen Bonne bis zur gelehrten Gouvernante zu halten. Unser Einer mußte Jahr ans Jahr ein Konsultationen über deu Dialekt der Bewerberinnen erteilen, wie ein Doktor über die Qualität der Ammen. Es ist deshalb doch nicht wahrscheinlich, daß die heute aufwachsende Generation mehr deutsch spreche« wird, als die erwachseue. Die Franzosen haben die — wohl in ihrer Art einzige — Eigentümlichkeit, daß sie, der Schule entlaufen, die fremden Sprachen, deren sie in der Kindheit mächtig gewesen, wieder total verlernen. Man hörte Goethe öfter zitieren, als Racine. Er wurde ein ganz populärer Mann (mehr als Schiller), und der ehemals einzig bekannte und geschätzte E. T. A. Hoffmann trat in den Hintergrund. Von deutscher Musik vollends lief alles über. Aus dem aristokratischen Konservatorium zogen Beethoven, Mozart und Genossen mit fliegenden Fahnen an den Eingang des volkstümlichen Fauburg St. Antoine, wo Pasdeloup mit seinen Sonntags-Konzerten den Arbeiterfamilien Bachsche Fugen statt des Roi Dagobert zum Besten gab, und man balgte sich um die Plätze. Endlich kommen jetzt noch die Genossenschaften nach deutschem Vorbild zum Durchbruch, wo- bei man die Vaterschaft von Schulze-Delitzsch anruft. Ernst Renan popularisirt deutsche Philologie und Kritik, und Michelet — 321 — erwirbt sich in seinem Buch über Ludwig XIV. und XV. das doppelte Verdienst, den nationalen Götzen zu zertrümmern, um Friedrich dem Großen eine Apologie zu schreiben, dergleichen unter allen deutschen Verherrlichungen nicht zu finden ist. Doch wir lassen nns von der Fülle nnd von der Anziehungskraft des Stoffes zu lange festhalten und eilen, zu unserer Ausgabe zurückzukommen. Es ist augenfällig, daß unter so bewandten Dingen die Rheingelüste bedeutend nachgelassen haben mußten, und daß vollends von Feindseligkeiten gegen Deutschland in den gebildeten Kreisen nicht die Rede sein konnte. Zwar fand der Krieg gegen Dänemark allgemeine Mißbilligung, doch meist aus Beweggründen, welche mit den nationalen Vorurteilen nichts gemein hatten. Man betrachtete die Sache als Gewaltmißbrauch des Starken gegen den Schwachen, und es war sehr verzeihlich, wenn die Franzosen nicht verstanden, wie eine zn Hause in Fetzen zerrissene Nation im Namen ihrer unteilbaren Einheit den Nachbar heimsuchen mochte. Dazu galt Dänemark für ein im Innern freies Land; Preußen und Österreich galten für Musterstaaten des Gegenteils. Die Konflikte zwischen der Kammer und der Regierung in Preußen wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, und natürlich war alle Welt eifrig auf Seiten der Volksvertretung. Unter solchen Umständen trat die deutsche Krisis an die öffentliche Meinung in Frankreich heran. Es ergab sich in der Parteinahme ein eigentümliches Resultat. Die Presse nämlich vertrat durchaus nicht die Ansicht der breiten Masse, und diejenigen Organe, weiche sich mit der Masse zusammenfanden, waren solche, von welchen es ihrer besonderen Natur nach am wenigsten zu erwarten gestanden hätte. Die große Menge war für Österreich, die bedeutende Majorität der Blätter für Preußen. Von letzteren natürlich alles, was zur Regierung nähere oder fernere Beziehungen unterhält, Ludwig Bambergsr's Ges. Schriften. HI. 21 — 322 — sodann alle eifrigen Verbündeten Italiens. Diejenigen, die nicht von selbst diese Pflicht erkannt hatten, wurden von jenseits der Alpen so gewaltig mit Vorstellungen und Liebkosungen behandelt, daß sie sich nicht erwehren konnten. Die Italiener wußten, wo Barthel den Most holt, und sie warben mit Kreuz und Schwert für Bismarck. Endlich muß man annehmen, daß das Berliner Preßbureau, dem zu Hause so wenige Blätter widerstanden haben, auch seinen Weg über den Rhein gesunden und daß die Sache Preußens dieser Anstrengung einige sehr notable Anwälte verdankte. „Das Weit're verschweig' ich, doch weiß es die Welt." — In der gebildeten Gesellschaft begegnete man selten einem Mann von selbständiger Denkweise, der nicht für Preußen gewesen wäre. Dieweil die oberflächliche Mehrzahl, sich einfach ihrem Anstands- und Rechtsgefühl hingebend, in Preußen abstrakterweise den Rechts- und Friedensbrecher verdammte, erklärten feinere Köpfe, ebenfalls aus Abstraktion, sich für Preußen, als das aufgeklärte und fortschrittliche, gegen Österreich, das finstere und fluchbeladene. Für den eigentlichen Kernpunkt der Sache, für den angebahnten Weg der Vereinigung durch die unvermeidliche Zerstörung der Territoritalherrschaften, dafür hatten weder die einen noch die anderen das richtige Verständnis, und das machte hernach denen die Sache so leicht, welche gegen Preußen Hetzen wollten. Sie brauchten nur zu zeigen, und das war sehr einfach, daß die preußischen Regierungen seit fünfzig Jahren in Deutschland nichts weniger dargestellt hatten als das Prinzip der Freiheit. Sie brauchten nur das Arsenal der unparteiischen Geschichte zu öffnen, um den Anhängern Bismarcks entgegenzurufen: „Ihr vermeint mit Preußen gegen Österreich für Aufklärung, für protestantische Denkfreiheit, für verbessertes Schulwesen, für die berühmten unabhängigen Richter in Berlin, für selbständige Gemeinden zu kämpfen, — da seht Euch einmal an, was die lebendige — 323 — Wahrheit von diesem Regiment des Fortschritts und der Bildung erzählt und vergleicht damit Eure Vorstellung!" — Des beklagenswerten Schnitzers, der nun zu guterletzt noch in Frankfurt gemacht wurde, wollen wir gar nicht einmal besonders gedenken. Da kam mehr als ein Freund Preußens in Frankreich zu Falle, und das berüchtigte Wort Talley- rands bei der Erschießung des Herzogs von Enghien schwebte auf allen Lippen. Ehe wir weiter gehen und beschreiben, wie auf all das die allerneueste Wendung der Dinge gekommen ist, gebietet uns die Pflicht, bei den eben beschriebenen eigentümlichen Meinungsschattierungen einen Augenblick stehen zu bleiben. Denn sie sind, wenn überhaupt für Machthaber und Siegestrunkene etwas zu lernen ist, sehr beherzigenswert. Wir haben uns mit aufrichtiger Vermeidung aller künstlichen Argumentation ganz objektiv au die Schilderung der Vorgänge gehalten, die wir in nächster Nähe erlebt und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgt haben, und die Lehre, welche sich unabweisbar aufdrängt, ist diese: Nicht nur in Deutschland, sondern noch viel mehr in Frankreich ist die Sache und die Partei des Freisinns die einzige natürliche und nützliche Verbündete Preußeus. Wenn das Berliner Kabinet Kundschafter hat, welche ihm ebenso genau und gewissenhaft über die Disposition der Geister in Frankreich Rapport erstatten, wie sie es über die Dispositionen und Anstalten der Sachsen und Österreicher gethan haben, so kann ihm die Wahrnehmung nicht entgehen, daß die öffentliche Meinung in Frankreich sich nur mit ihm versöhnen wird, wenn es Gesetz und Recht in Ehren hält. Oder wollte man behaupten, es sei gleichgiltig für uns, mit welchen Empfinduugen diese benachbarte Nation auf Deutschland hiuschaut? Wollen wir uns darauf verlassen, daß ein Kaisertum, dem so viele angestammte und nenerwachsene Rücksichten einen Rheinkrieg empfehlen, allzeit Ursache haben 21* — 324 — wird, den ermunternden Zuruf der Nation zurückzuweisen? Wenn nicht, so haben wir auf das zu achten, was man in Frankreich von uns denkt, und dies umsomehr, als daraus dieselbe Politik ersprießen muß, welche den deutschen Süden und überhaupt alles, was Lebenskraft hat, mit Preußen allein versöhnen kann. Nicht die Nachteulen, welche fromme Lieder plärren, sind seine Verbündeten; diese möchten zwar, daß es mit Frankreich zum Kriege käme, und sie würden sich hinter den Fronten die Hände reichen mit ihren Gesinnungsgenossen von der bonrbonischen und pfäffischen Partei. Wenn die beiden Kulturvölker in offene Fehde geraten, dann ist Hoffnung, daß die Herren und Damen, welche einst dem König Franz von INeapel einen Ehrenschild geschickt, das Unrecht wieder gut machen können, welches sie eben an den Hannoveranern und Nassauern verüben helfen. Wohlverstanden: Wir sagen nicht, daß gekränkter Freisinn der einzige Grund der französischen Mißstimmung gegen Preußen sei, aber dieser Grund beraubt es seiner letzten und besten Verbündeten. Gewiß ist gekränkte Eitelkeit sehr stark im Spiele. Das war namentlich aus dem schnellen Meinungsumschlag ersichtbar. Niemals hatte man so vernünftig und mäßig über Ländervergrößerung und Grenzkriege in Frankreich sprechen hören, als vor den Siegen in Böhmen. Die Leute gingen alle mehr oder minder von der Vorausaussetzung aus, der eigentliche Urheber des Krieges sei ihr Kaiser gewesen, ^er habe die Sache inspiriert noch mehr als abgekartet, und da sie diesen Krieg für ein schädliches und ungerechtes Unternehmen hielten, so wollten sie auch von verlockenden Vorteilen nichts wissen. Sie mißbilligten, daß der Kaiser diese Verwicklung angezettelt habe, etwa um Saarbrücken oder das ganze linke Rheinufer oder sonst was zu erwerben, und es war eine Freude, sie über die Sinnlosigkeit solcher Gebietserweiterungen reden zu hören. Nach Sadowa war alles wie verwandelt, und nun fing — 325 — man gerade umgekehrt an, es der Regierung zu verdenken, daß sie bis jetzt nicht einen Länderzuwachs davou getragen. Es ist gar keine Täuschung darüber möglich, daß verletzte Nationaleitelkeit am stärksten mit unterlief, daß man es schmerzlich empfindet, nicht mehr die einzige unwiderstehliche, siegesgewisse Armee in Europa zu haben. Nun dieser geheime Stachel im Fleisch sitzt, wird er von allen unseren Widersachern ausgebeutet, und auf die gefährlichste Weise von denen, welche bisher die Freunde der guten Sache überhaupt oder gar der deutschen -Sache insbesondere gewesen waren. Wenn diese jetzt schreien: Hannibal vor den Thoren! wenn sie die Furcht aussprechen, daß eine Militärdynastie, nur vou roher Eroberungssucht getrieben, ohne Idee, ohne Grundsätze, allen Nachbarn Gefahr drohe, daß es Zeit sei, an Hof und Haus zu denken, — so ist die allgemeine Sinnesverwirrung nur allzuleicht herbeigerufen. Der talentvolle Chronist der „kkvus ciss Osux Ncmäss," Herr Forcade, war zwar nie unser besonderer Freund. Im schleswig-holsteinischen Krieg war er dick dänisch. Doch da er sonst als ein entschiedener Fortschrittsmann, ein freier Kopf, ein warmer Anhänger Italiens, ein Kenner und Würdiger Englands bekannt ist, so beweist sein scharfer Antagonismus immerhin, daß wir in diesem Moment auch einen Teil der aufgeklärtesten Bevölkerung gegen uns haben. Aber Herr Forcade kann kein Deutsch, das erklärt immer viele Mißverständnisse. Viel schlimmer steht es um den „I-swxs." Der „I-smxs" war lange Zeit eine Art deutscher Mission in Frankreich. Im selben Haus des Faubourg Montmartre war eine Anzahl rüstiger Kräfte ansässig, welche gleichzeitig die Monatsschrift „ksvus 66rmg,mcin-s" und das Tageblatt „1,-s Iswps" redigierten und druckten. Es waren zumeist Elsässer, wie die mitwirkenden Namen von selbst verraten, also geborene Vermittler zwischen Deutschland und Frankreich. Im dänischen Krieg noch war der „I-smps" vielleicht — 326 — das einzige ganz vorurteilslos für Deutschland kämpfende Blatt. Nun kommt auf einmal der deutsche Bundesgenossenkrieg. Daß der „Isroxs« für den Süden sein würde, war vorauszusehen. War er doch 1869 auch nicht sofort auf Seilen der Italiener gewesen, sondern hatte jener süddeutschen Partei näher gestanden, welche zu Oesterreich hielt und gern Preußen mit fortgerissen hätte. Wenigstens wissen wir, daß er die Parteinahme der deutsche Demokratie für Italien gegen Oesterreich höchst nngern sah. Er hat sich seitdem bekehrt und wird sich ohne Zweifel auch zu dem neuen Deutschland bekehren. Gab es doch damals in der französischen Demokratie eine sehr namhafte Fraktion, welche sehr mißvergnügt auf die Befreiung Italiens durch die französische Armee blickte. Und es ist doppelt natürlich, daß eine mögliche Einigung Deutschlands durch die preußische Armee, gar noch im Einverständnis mit dem Kaisertum, dieser Fraktion nicht zu Patz kommt. Auch dieser Standpunkt hat seine Berechtigung und nicht ihm gelten irgendwie unsere Vorwürfe. Ebensowenig bestreiten wir die natürliche Folgerichtigkeit, aus welcher die bekannten Heidelberger und Badener Berichte des „Isrops« hervorgingen. Der Berichterstatter hatte stets zu unseren Freunden von der süddeutschen Demokratie gehalten; er lebte und webte mit ihnen, er vertrat bis zuletzt ihren Standpunkt, und diesem Standpunkt nicht ungerecht zu werden, das ist ja unsere Pflicht, selbst da, wo er nns verdächtigt; es gehört zu unserer Selbsterhaltung, ihn zu begreifen. Auch das verstehen wir noch, wenn ein Stockfranzos wie Louis Blanc in seiner Indignation über das, was Preußen thnt, sich so weit vergißt, daß er über die gewaltsam vernichtete Souveränetät des Hauses Hannover blutige Thränen vergießt. (Diese Seite müßte sich schön in einem seiner Kapitel über den Krieg in der Vendee ausnehmen.) Aber wo alles Verstehen aufhört, das ist, wenn im „Ismxs« tagtäglich auf — 327 — allen Spalten des Blattes die Lärmglocke über die Gefahr geläutet wird, welche von Deutschland herüberdroht. Das arme Frankreich darf keine Nacht mehr ruhig schlafen. Drüben steht der Preuß' und fletscht die Zähne nach Elsaß. Lothringen, der Freigrafschaft, Burgund, wer weiß nach was allem? Dieses lächerliche Notgeschrei haben dem „Isioxs" sicherlich seine Württembergischen Freunde nicht beigebracht, und wer ihm die Briefe aus Bern und dem Haag schreibt, des Inhalts, daß auch die Schweiz und Holland von Preußen gefressen zu werden fürchten, das weiß er und der liebe Gott besser als wir. Will man aber in Berlin wissen, mit welcher Ausrede die Angriffe des „Iswvs" und seine Provokationen zum Krieg gegen Preußen beschönigt werden? Nun, man sagt: „Frankreich, übel oder gut regiert, kaiserlich oder nicht, ist immerhin das Land von 1789, und ehe daß der Staat, in welchem das Junkertum mit seinem eingeborenen Haß gegen Recht und Freiheit so mächtig ist, über uns herfalle, wollen wir das Prävenire spielen." Das ist offenbare Sophistik, und die Mitarbeiter am „Ismps« sind nicht die Leute, welche proklamieren, daß der demokratische Gehalt des kaiserlichen Frankreichs einen Schuß Pulver wert sei. Sie wissen auch, daß alle Parteien in Norddeutschland mit Ausnahme der Freunde Öfterreichs ein Interesse am Frieden mit Frankreich haben. Aber sie wollen uns nun einmal an den Kragen und darum machen sie aus jedem Akt der Willkür, aus jeder Nechtsverkennung, die sie in Preußen denunzieren können, einen Schlachtruf zum Angriff gegen den Staat, der allerdings seine Mission nur erfüllen kann, wenn er ein entschlossener und beharrlicher Bekenner des Rechts und der Freiheit ist. Nomti MStitiara äiseiw! — 398 — V. Der Cäsarismus. Ein Jeglicher spricht jetzt von Cäsarismus, nnd Gott weiß, was viele Tausend sich Alles darunter denken mögen. Es ist immer vom Übel, wenn Stichwörter durch die Massen laufen und in einem einzigen dunkel empfundenen Ausdruck das Sinnbild aller Hoffnungen oder aller Schrecken ausprägen. Notwendiger Weise steigert sich die Verwirrung noch, wenn der Umstand hinzutritt — und das ist meistens der Fall — daß das Stichivort einer fremden Sprache entstammt. Alsdann hat die Fantasie den weitesten Spielraum. Man kennt die Geschichte von den russischen Soldaten, die bei der Militärverschwörung nach Kaiser Alexanders Tode auf deu Ruf dressirt waren: „Es lebe die Konstitution!" und welche nachträglich zu erkennen gaben, daß in ihrem Sinne die Konstitution die Gemahlin oes Prinzen Konstantin war, zu dessen Gunsten das Komplott bereitet worden. Etwas — wenn auch nur von weitem — Ähnliches ist beinahe immer im Spiele, wo dergleichen fremdartige Losungsworte des Heils oder des Unheils umgehen. Sind sie des Heils, so wächst ihnen, indem sie von Hand zu Hand gereicht werden, alsbald ein unbändiges Vertrauen zu, sie werden in Kurzem der Gnadenbrunnen, aus dem ein Trunk den Durst auf ewig stillen soll. Was ist dann die natürliche Folge? Die Lösung kann unmöglich auch nur entfernt das halten, was ihr der naive Glaube angedichtet hatte, und das enttäuschte Gemüt zertrümmert ebenso schnell, ebenso unbedachter und unverdienter Weise, wie es dasselbe aufgebaut, das Idol des gestrige» Tages. — 329 — Keiner anderen Bewandtnis ist es zuzuschreiben, daß seit dem Jahre 1849 die Gegner der Freiheit ihren ver- läumderischen Feldzug gegen den Parlamentarismus mit solchem Erfolg weiter führen konnten. Aus dem Parlamente eine unbedingte Forderung zu machen, ist unter allen Umständen eben so notwendig, als es verderblich ist, eine Gottheit, ein Lebenselixir, einen Balsam für alle Schmerzen damit zu verkündigen. Es war ja gar zu natürlich, daß ein Volk, wie das unsre, indem es zum ersten Mal nach einer vielhundertjährigen Laufbahn in seiner Gesamtheit politisch auftrat, indem es zum ersten Male die Stimme des Vaterlandes aus dem Grunde der vierzig Millionen heraufschallen hörte, — daß es damals andächtig aufhorchte, und daß die Erkorenen selbst mit in die selige Anbetung versanken, welche ihnen von der unabsehbaren Gemeinde ihrer Gläubigen dargebracht wurde. Als dieser Tempel hilflos zusammenbrach, weil sein Dach auf Säulen unschuldsvoller Fantasie nnd nicht auf Grundvesten thatsächlicher Zustände gebaut war, beeilte sich der böse Geist, daraus die Lehre zu ziehen, daß es ein eitles törichtes Ding sei mit allen Volksvertretungen, Wahlkörperschaften und rednerischen Verhandlungen. Und am selbigen Tage, da der Katzenjammer auf den Rausch gefolgt war, hat sofort die lauernde Reaktion das Senkblei nach der Stelle ausgeworfen, an der sie den Anker einhaken könnte für ihr dunkles Fahrzeug. Dasselbe Fahrzeug trägt jetzt den Cäsar, und wenn auch für den Augenblick sein Glück, doch wahrscheinlich nur sein kurz gemessenes. Trotz aller Schwächen, welche man dem Parlamentarismus nachgewiesen hat, wird immer und ewig eine aus Volkswahlen hervorgegangene Versammlung als der eigentliche Qnell aller Gesetzgebung und als der erste Helfer gegen alles Unrecht in der Mitte eines jeglichen Staates thronen, der in Freiheit leben und wachsen will. Und selbst die höchste Achtung, welche der Majestät einer — 330 — sich selbst regierenden Nation gebührt, wird mit Recht einer solchen Versainmlnng zukommen von der Zeit an, wo eine solche Versammlung auch das sein wird, was sie sein soll: das Willensorgau des Staates. Die großen und kleinen Parlamente des Jahres Achtundvierzig leisteten kaum mehr, als von den ersten Versuchen eines aus politischer Unmündigkeit an männliche Ausgaben herantretenden Volkes zu erwarten gewesen war. Es liegt darum auch eine gewisse Übertreibung in der Liebhaberei, uns stets wieder auf jenes erste Lallen der Nation, wie auf eine heilige Offenbarung geheimer Wahrheiten zurückzuweisen, welche ausschließlich in den Urkunden jener Beratungen niedergelegt seien. Was jenes Geschlecht gewußt hat, das weiß das heutige auch, und wenn dieses von der Frische des Glaubens an die Macht der Wahrheit und des Rechts etwas verloren hat, so muß es sich auch ein wenig der Unschuld und Unerfahrenheit entledigt haben, die in der Freude an der Verkündung herrlicher Grundsätze schwärmt, dieweil man ihnen unter ihren Augen das Grab gräbt. Die Abgötterei, welche mit dem Parlament getrieben wurde, hat seinen Verächtern Thür und Thor geöffnet. Durch die Pforte korrekter und gemessener Vorstellungen wird auch das Parlament wieder zu Ehren eintreten. So viel vom ungezügelten Glauben an die Heilkraft eines Stichworts. Was der ungezügelte Schrecken mit denselben Mitteln leistet, das wissen wir Alle, denen kein Zweifel darüber geblieben, daß die Losung „Sozialismus und Kommunismus" den Bannspruch abgegeben hat, mit dem recht eigentlich in Frankreich die Republik und von da aus in ganz Europa die Freiheitsbewegung in die Flucht geschlagen worden ist. Das rote Gespenst, wie es vielsagender Weise genannt wurde, erschien der Fantasie der besitzenden Klassen uuter allen Gestalten, mit welchen die — 331 — bis zum Wahnsinn gesteigerte Furcht sich selbst ihre Bilder in Nacht und Grausen ausmalt. Wenn wir bei der nächsten Gelegenheit ohne den Glauben an die Halbgötter und ohne die Furcht vor den Teufeln ans Werk gehen, so haben wir einen großen Schritt gemacht und, indem wir die Stichwörter des Himmels und der Hölle ihrer Zauber entkleiden, ist schon ein Stück der Arbeit gethan. Aber das Schicksal ist erfinderisch mit seinen Plagen, und kaum sind wir den Teufel los, so ist Belzebub auf unseren Fersen. Also geht dermalen die Furcht vor dem Cäsarismus um und bestellt mit der solchen Unholden eigenen Tücke emsig das Feld der Zwietracht. Das letzte Argument der Kleinstaaterei ist jetzt der Cäsarismus, und wer seiner selbst zu gewiß ist, um zu fürchten, daß seine Seele vor dem Purpur in den Staub sinken könnte, der überträgt zum mindesten die Furcht auf seinen Samen und ruft uns zu: „Lasset uns die Kind lein bewahren, daß sie nicht im Baalsdienst der Gewalt großgezogen werden!" Es ist, als ob jeder preußische Regierungskommissar ein Kardinal wäre, welcher sämmtliche Knaben am Main und Neckar, wie eben- soviele kleine Mortaras, in ein Trenbundkloster zu Herrn Selig Paulus Kassels Füßen gebunden niederlegen sollte. Wir wollen den Geist, der eben in Preußen dominirt, weder besser noch unschädlicher hinstellen, als er ist. Male man ihn so schwarz, wie man immer Lust hat; es ist nicht unsere Sache, da Einsprache zu erheben. Aber Kleinmut und Verzweiflung sind die schlimmsten Fehler, denen man im Leben überhaupt und in der Politik in Sonderheit anheimfallen kann. Und Gespensterseherei ist eine der abgeschmacktesten Erscheinungen des Kleinmuts und der Verzweiflung. Auch der „Cäsarismus" ist ein solches, aus fremden Lebens- und Sprachkreisen zu uns eingedrungenes Gespenst, mit welchem jetzt die Säuglinge auf der schwäbischen Alp in Furcht und Schlaf gesungen werden. — 332 — „Schlaf, mcm Kind, schlaf leis, Da draußen geht dcr Preufz." So klang der Refrain eines badischen Schlummerliedes aus dem Jahre 1849 von Ludwig Pfau, das wir eben so ungern als unvermeidlich dem Leser vorenthalten. Aus seinen herzinnigen Tönen voll bittrer Wehmut und heiligen Zorns, wie sie damals der gepreßten Seele entstiegen, geht uns noch heut die Mahnung zu, daß Preußen nicht zu annektieren braucht, um die Hand auf den deutschen Kleinstaaten zu haben, daß die Fürsten von rechts und links zwar selbständig genug smd, um auf eigne Faust schlechte Wirtschaft zu führen, aber nicht selbständig genug, um auf eigene Faust sich vertreiben zu lassen, so daß schließlich der Südwesten in allen Punkten, wegen deren er Preußen scheut, doch unter dessen Oberherrlichkeit, dagegen von allen Vorteilen, die es bietet, ausgeschlossen ist und nicht einmal mit dem Gewicht einer Stimmkugel zur Änderung seines eigenen Schicksals beizutragen vermag. Denn der Schwerpunkt seiner Entwicklungsfähigkeit liegt vor wie nach in der preußischen Gewalt, d. h. ganz und gar außer seiner Sphäre. Wie dem immer sei, es war damals und bis auf die neueste Zeit Haß und Widerstreben aus lebendigen, greifbaren Thatsachen natürlich erwachsen, es war der Groll der Freiheit gegen die Contre-Revolution, gegen den Feudalgeist, gegen alle nach und nach aus der Niederlage der Märztage wieder mit wachsenden: Übermut sich aufrichtenden Gewalten. Von Cäsarismus und ähnlichen künstlichen Warnungen war nicht die Rede. Wie kommen wir zu diesem Stichwort? Es kann hier nicht unternommen werden, die Geschichte dieses Wortes und des von ihm umschlossenen Begriffs zu schreiben. Wie die moderne Formel mit dem Römertum und Mittelalter, mit heidnischer und christlicher Weltherrschaft zusammenhängt, mag um so mehr unausgeführt bleiben, als diese — 333 — historischen Bewandnisse in dem Gesichtskreis eines jeden Gebildeten liegen. Die Vorstellung in ihrer heutigen Bedeutung, aber ohne den Namen, kündigt sich zum ersten Mal in Macchiavells „Fürst" an, und es ist um so merkwürdiger, daß der Name nicht mit der Auffassung zugleich erscheint, als der dem Autor vorschwebende Zeitgenosse zufällig ja selbst Cäsar Borgia hieß. Da tritt uns zum ersten Mal jene Mischung von Genie und Frivolität entgegen, welcher der Politiker eine zugleich despotische und revolutionär nationale Sendung andichtet. Aber nicht einmal nach dem 18. Brumaire verfiel der Sinn der Gegner auf den Jdeengang einer Anknüpfung an die Analogie mit dem Sturz der römischen Republik, und der Begriff des Cäsarismus, wie er heute von Hand zu Hand geht, ist erst mit den Anzeichen des zweiten französischen Kaisertums in die Welt gekommen. Romieu mit seiuem Buch „Die Ära der Cäsaren" gab den ersten Anstoß dazu. Romieu selbst war ganz der Mann, wie er uns in der Umgebung des merkwürdigen Römers geschildert wird. Geistvoll, ausgelassen liederlich und aus Verachtung aller Grundsätze und alles Menschlichen nur an die Herrschaft der Gewalt und Intrigue glaubend. Mit seinem Buch „Das rote Gespenst" hatte er das Bürgertum in Schrecken gejagt und dann die Ära der Cäsaren drauf gesetzt, als Rat und Rettung, wie man sich dem aufgeklärten Despotismus in die Arme werfen müsse. Dem Parlamentarismus entfliehen, weil er den Kommunismus im Gefolge habe, und in die Hände Cäsars abdanken, das war der Grundgedanke. Dann wurde das Thema in der Ver- gleichung mit dem Sturz der römischen Republik ausgearbeitet und nachgewiesen, wie zweitausend Jahre lang die Welt, von Tacitus zum Narren gehalten, dem Cato die schöne und dem Cäsar die verwerfliche Rolle zugeteilt hatte. — 334 — Ergebene Diener des Kaisers, unter andern der bekannte Jurist Troplong, arbeiteten die Sache ins Breite, uud die deutsche Wissenschaft kam mit ihrer Gründlichkeit hinterdrein, die neue Offenbarung von den untersten Fundamenten aufzumauern. Der kritische Verdacht gegen die Auffassung des Tacitus ist älter als das ganze Betreibe. Neu ist nur die Schwärmerei für den revolutionären Despoten, welcher die eigene Genialität an die Stelle von allem Andern setzt, von Volkswille, Freiheit und Gesetz'. Wie der römische Cäsar das Proletariat mit Verteilung von Ländereien berücksichtigt hatte, so gehört zur Erneuerung der an ihn anknüpfenden Theorie immer auch etwas Koketterie mit den sozialen Fragen, und wie seiner Zeit Verachtung der republikanischen Aristokratie, so heute Verachtung des freisinnigen Bürgertums. Gänzlich ausgebaut wurde die Lehre unter ihrem Namen zu guter Letzt, als Napoleon III. den eigentlichen Cäsarenspiegel herausgab, in welchem er sich zugleich als das Werkzeug der Vorsehung und den Nachfolger im Geiste des großen Juliers verkündigt. Der Grundbegriff des Cäsarismus, wie er uns hier aus seinem allmäligen Werden klar wird, ist die Zuspitzung der Volksherrschaft in das persönliche Regiment des Genies, die Erfüllung der Revolution in dem Bund zwischen dem demokratischen Feldherrn und dem hungernden Proletariat, die Beseitigung der Mittelklassen, welche bis dahin die Tradition von Recht, Freiheit und Sitte in ihrem Schooß gehegt hatten. Eine gewisse Frivolität — wie ein gewisser demagogischer Ursprung und sozialistischer Beigeschmack — war vom Urvater her stets dem Begriff des Cäsarismus leise beigemischt. Und nun vergegenwärtige man sich von neuem das Preußentum, wie es leibt und lebt, und frage sich, ob es nicht uns selbst unnötig schrecken, aber das Preußentum unnötig erhöhen und erniedrigen heißt, wenn man ihm den — 335 — Purpur des großen Helden um die Schulter wirft? Was soll ihm dieser Mantel, der sich so ganz und gar nicht rollen läßt? Freilich wissen wir, zu welchen schmeichelhaften und bedenklichen Parallelen mit alten und neuen Cäsaren sich die Reden und Thaten des leitenden Staatsmannes verwenden lassen, aber es ist trotz alldem nicht das besondere Auftreten dieses Mannes, welches unseren Süddeutschen ihr gerechtes und ungerechtes Widerstreben einflößt. Es ist der alte preußische Stock, mit welchem hundert Jahre lang die Unterthauen von ihren Königen traktirt wurden, es ist die sichtbare und unsichtbare Soldatenfuchtel, welche so lange über dem Lande geschwebt hat, es ist der Gesamtbegriff von steifer Eleganz und abstoßender Grazie, die Kunst, sich unnötig verhaßt zu machen und jede Tugend mit einen: Stachelkranze von Unausstehlichkeiten zu umgeben — das ist es, wovor man, jetzt wie vor siebenzehn Jahren, südlich vom Main zurückschaudert. Es ist auch die altherkömmliche Souveränetät auf ihrem Roedsr äs brovxs, mit der in Wirklichkeit das neue Deutschland die Frage seiner Zukunft auszumachen hat. Es ist der alte Kampf des beschränkten Unterthanenverstandes, der weder an der Tiber, noch an der Seine zur Welt gekommen ist, nicht gegen die Staatslehren von Macchiavelli oder Romien, sondern der Herren Stahl, Leo und Gerlach. Man muß sich bliud machen, um das nicht zu sehen. Wenn wir aber solches Gewicht darauf legen, nachzuweisen, daß es nur auf Leichtsinn oder Kriegslist beruhen kann, die Furcht vor dem Cäsarismns mit der Furcht vor dem Preußentum zu vermengen, so handelt es sich um etwas ganz Anderes, als um einen Wortstreit. Der Cäsarismus ist die Rückbildung, die Umkehr, der Weg nach Abwärts, das Grab der Revolution, der Untergang, der mit Glanz und Festen beginnt und mit Fäulnis endet. Wir aber haben nichts vor uns, als den alten, harten, unliebens- — ?36 — würdigen Militärstaat, den bemoosten Legitimismus, den zähen Kastengeist, und nicht hinab ins Thai, sondern hinan zur Höhe zieht sich der Kampf. Und ob man uns mit Ruten zu züchtigen drohe oder mit Skorpionen: Vorwärts heißt die Parole, Vorwärts! und das ist die Hauptsache. N0N316UI' äs LiZin^ek. Vorbemerkung. iese Schrift habe ich im Spätsommer des Jahres 1867, während ich im Seebade Trouville wohnte, ausgearbeitet. Ich war bald nach dem Frieden von Nikolsburg zweimal zu längerem Aufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt und hatte auf verschiedenen wegen, auch durch vertrauliche lebendige Unterhaltung mit Eingeweihten der politischen Vorgänge, mich zu unterrichten gesucht. Ms zu ZZismarck selbst war ich nicht vorgedrungen, hatte ihn nicht einmal mit Augen gesehen. Mein Grundgedanke war, den gebildeten Sranzosen eine andere als die damals unter ihnen stereotype Auffassung von dem Inhalt der letzten großen Ereignisse beizubringen, vor Allem galt es, ihnen die führende Persönlichkeit ins richtige Licht zu rücken. Die dem deutsch-österreichischen Kriege vorausgegangene Periode der preußischen Verfassungskämpfe hatte den Minister von Vismarck für das gesamte liberale Deutschland, und das begriff damals die weitaus große Mehrzahl sämtlicher Deutschen in sich, zum pro- totyp eines einzig und allein auf reaktionären Absolutismus versessenen Junkers gestempelt. Um so mehr erschien er unter diesem Seichen den Ausländern und besonders den Sranzosen. Daher sahen sie in seinem Sieg über Oesterreich und die deutschen Mittel- staaten nichts als den Triumph blinder Reaktion. Gerade die dem napoleonischen Regiment feindlich gesinnten liberalen Sranzosen wollten eine innere Verwandtschaft zwischen ihrem Kaiser und dem deutschen Staatsmann,' zwischen dem Dezember-Staatsstreich und dem böhmischen Seldzug gewahren. Cs lag ihnen das Alles um 22* — 340 so näher, als sie ihre Belehrung über Deutschland seit dem Krieg vorzugsweise aus süddeutschen Ledern bezogen. Andere wieder, denen die Tendenz der inneren deutschen Politik gleichgültiger war, schöpften ihre Antipathie gegen Bismarck und die deutsche Umgestaltung mehr aus Beherzigung französischer Interessen. Sie beklagten die Störung dessen, was sie das europäische Gleichgewicht nannten, was aber für sie in Wahrheit das Uebergewicht Frankreichs bedeutete. Beide Teile stimmten darin überein, daß sie nicht nur das Ganze der neuen Wendung und ihres Urhebers perhorres- zierten, sondern auch die Weissagung eines preußischen Angriffs gegen Frankreich daran knüpften; die Einen, weil sie behaupteten, das reaktionäre Preußen werden nicht ruhen, bis es das. auch unter Napoleon noch revolutionäre, Lrankreich unterdrückt haben würde; die Andern, weil sie erwarteten, die Erfolge der preußischen Waffen müßten zu Croberungsgelüsten anfachen. Merkwürdiger weise ist ja die Prophezeiung eines Kriegs auch in Erfüllung gegangen, aber mit dem Unterschied, daß, wie so manchmal, der, welcher den Teufel an die wand malte, ihn auch herbeirief, von den tieferen Beweggründen des Bruchs mit Gesterreich, von dem inneren Eonncr zwischen dem preußischen Siege und den nationalen Zielen des deutschen Volkes hatten nur die wenigsten eine Ahnung. Nicht blos im Dienste der objektiven Wahrheit, sondern ganz eigens zum Zwecke besseren Einvernehmens zwischen der öffentlichen Meinung in Frankreich und dem neugestalteten Deutschland stellte sich der Gedanke ein, dem versuch der Aufklärung Worte zu geben. Nachdem ich die Arbeit vollendet hatte, wünschte ich zunächst sie in der Revue des dsux moucles zu veröffentlichen. Der mir nahe befreundete Historiker Pierre lLanfrey wollte es vermitteln, kam aber mit der Ablehnung zurück. Buloz, der Herausgeber, hatte den Artikel zu preußisch gefunden. Der Alte war bekanntlich ein. virtuos in der Beurteilung seines Publikums und wußte was es hören wollte. Darauf wandte ich mich an die Revue moderne, die aus der ehemaligen kevue Oermallique hervorgegangen war, aber die besondre Beschäftigung mit deutschen Stoffen. — 341 — abgelegt hatte. Cin echter Sranzose, der Lretagner Comte de Keratri), der später in und nach dem Krieg eine gewisse Rolle spielte, hatte sie übernommen, und da ihm Sensationelles willkommen war, sand er sich gern bereit. Der Artikel erschien in zwei auf einander folgenden Heften des Lebruar 1867. Im Juni wurde dann das Ganze als Buch im Verlage von Michel Lsvy herausgegeben. Line deutsche Uebersetzung, welche von der Verlagshandlung Ernst Günther inBreslau besorgt und von mir durchgesehen ward, erschien im Herbst 18S3, ebenso eine Uebertragung ins Englische von Charles Lee Lewes, Dreslau Ernst Günther, London Trübner Co., 186g. Bei der Aufnahme in die gegenwärtige Sammlung warf sich die Lrage auf, ob diese in Gestalt des französischen Originals oder der deutschen Uebertragung geschehen solle. Nach reiflichem Ueberlegen, auch mit Sachverständigen, habe ich mich für das Original entschieden. Jas Interesse der Schrift, wenn sie ein solches bietet, liegt nämlich nicht in dem, was sie Deutschen sagen könnte, sondern in dem, was sie damals den Lranzosen sagen wollte und sagen zu müssen glaubte. Um dem Leser diesen Gesichtspunkt vor Augen zu halten und damit ein Zeitbild jener Tage zu vergegenwärtigen, ist es zweckentsprechend, in dem Wortlaut an den Sinn des Textes zu erinnern. Ausreichende Vertrautheit mit der französischen Sprache darf wohl bei der weitaus überwiegenden Mehrheit der Leser vorausgesetzt werden. Dezember 1394. L. V. I. Lorsque, dans la matinée du 8 mai 1866, le télégraphe annonça que la veille cinq coups de revolver avaient été tirés à bout portant sur M. de Bismarck, sans même le toucher, on eût pu surprendre sur les lèvres de plus d’un honnête homme des exclamations, fort discutables au point de vue de la stricte morale car elles étaient l’indice de ce délit mental que, dans la casuistique des gens du monde, on entend par „tuer le mandarin." L’Allemagne se voyait menacée d’une effroyable calamité, sans pouvoir l’attribuer à une autre cause que la perversité, la frivolité même, semblait-il, d’un seul homme. Le ministre prussien était, à n’en pas douter, l’unique promoteur de cette guerre fratricide dont l’Europe ne voyait l’approche qu’avec un sentiment *) Die Franzosen nennen es: luer le Mandarin, in lako- nischer Anspielung auf J. J. Rousseau’s casuistisclie Frage: Was würdest Du tiiun, wenn Dein Gluck von dem Tod eines Manda- rinen in China, also eines ganz Unbekannten und Entfernten, abhinge und der blosse Gedanke hinreichte, um ihn aus der Welt zu schaffen? d’horreur mêlé d’incrédulité. Les fils de cette Allemagne paisible et sentimentale allaient donc s’entr’égorger! Et pourquoi, bon Dieu? Pour assurer le triomphe du plus grand ennemi des libertés publiques, du champion du moyen âge, du blasphémateur au front d’airain qui avait proclamé tout haut qu’il n’y a dans le monde qu’une seule loi, la force! C’était une clameur universelle, aussi bien en Prusse que dans les autres pays germaniques et au dehors. Toutes les villes et les plus loyales corporations envoyèrent des députations à Berlin pour conjurer le roi et avec l’accent le plus ému, de renoncer à cette entreprise néfaste. Plus d’une fois les conscrits appelés sous les drapeaux refusèrent de marcher; les mères suivaient les colonnes de ceux qui partaient, et lançaient au ciel leurs malédictions contre l’auteur de cette guerre désastreuse. Blind, le jeune axalté qui avait froidement exposé sa vie pour arrêter la marche des événements, comme Karl Sand, le meurtrier de Kotzebüe, comme Oscar Becker, l’auteur de l’attentat contre le roi de Prusse, était un de ces étudiants allemands qui conçoivent et mûrissent l’idée de l’assassinat politique dans la retraite d’une vie calme et studieuse. Chose significative: en France, où la passion politique a depuis longtemps pénétré les masses, l’exaltation qui mène à l’attentat trouve de préférence des énergumènes dans la classe ouvrière. En Allemagne, où le sentiment politique n’est pas encore assez enraciné pour être autre chose qu’une affaire de tête et non de tempérament, il arme le bras de la jeunesse des universités. M. de Bismarck, imperturbable en face d’nne attaque soudaine, avait arrêté lui-même et livré à la police son agresseur. Celui-ci, après le premier interrogatoire, s’ouvrit l'artère carotide et mourut avec le stoïcisme 345 d’un ancien Romain. Cette fin tragique d’une vie si jeune et jusque-là sans tache vint encore ajouter à la consternation générale. Par une ironie cruelle, la conscience publique se trouvait en quelque sorte confondue avec le crime; tandis que la justice était forcée de se ranger du côté du grand coupable. A quelques mois de là, le même homme qui avait soulevé contre lui la réprobation universelle, faisait son entrée solennelle à Berlin, au son des cloches, aux acclamations de la foule, salué par des jeunes filles vêtues de blanc, avec tout l’appareil des vainqueurs officiels: et c’était, il faut le reconnaître, plus qu’un vain cérémonial. Bien qu’exténué de fatigue, malade même M. de Bismarck ne put se soustraire à cette ovation. Durant les derniers mois, il avait décuplé les efforts de son activité, déjà si prodigieuse dans les temps ordinaires; poursuivant l’exécution de ses projets jusque sur le champ de bataille même, descendant de cheval pour présider un conseil, concentrant en ses mains avec une supériorité irrésistible, et menant à bonne fin avec une incroyable rapidité, les négociations d’une paix hérissée d’une multitude d’intérêts et de complications. Ces excès d’activité avaient fini par ébranler même cette constitution de fer; ce ne fut qu’à grand’peine qu’il réussit à se tenir à cheval pendant ce jour de fête, dont il fut seul .le héros, malgré toutes les couronnes pré sentées au roi et aux princes. Déjà la Prusse admirait; l’Allemagne et l’Europe suivaient de loin en se défendant, sentant qu’il y avait là une force extraordinaire, peut-être moins malfaisante qu’elle ne s'était annoncée. M. de Bismarck avail-il eu raison lorsque, quatre ans plus tôt, au moment de quitter la France pour prendre en main la direction de l’Etat prussien, il disait à une grande dame russe qu’avant 346 peu il serait l’homme le plus populaire, le Cavour de l’Allemagne? Les analogies sont si nombreuses et si frappantes entre les deux pays, que chaque épisode de leur histoire amène naturellement la tentation des parallèles. Celui qu’on pourrait essayer entre le créateur du Statuto italien et le destructeur de la constitution prussienne ne serait pas une des études les moins intéressantes du genre. Mais avant de comparer, il faut connaître; et c’est précisément à l’absence de cette condition première de tout jugement sérieux que nous désirons remédier en rassemblant le plus possible d’éléments. Nous compléterons donc les données jusqu’ici fort superficielles, sur lesquelles la masse du public s’est contentée de baser son appréciation d’un des hommes les plus intéressants de ce temps. Cependant, toute question de détail réservée, il est permis d’affirmer dès à présent que le ministre de Guillaume I er s’est vanté, en disant qu’il pourrait arriver d’un bond à la popularité du ministre de Victor-Emmanuel. Sans aucun doute il se rendait trop bien compte de la différence, pour ne pas, suivant son habitude, avoir mêlé un peu de sarcasme à l’expression de sa pensée, sérieuse au fond. Ni le jour de son entrée solennelle à Berlin, ni depuis, M. de Bismarck n’a été un de ces hommes selon le cœur du peuple. Différences de soleil et de sang à part, ce seigneur aristocratique, au verbe dédaigneux et incisif, ne sera jamais le bien-aimé d’une nation. L’essence de son être et le passé de sa vie mettent un abîme entre lui et le génie de la faveur populaire. D’ailleurs, à l’incomparable gloire d’avoir tiré son pays du néant, M. de Cavour eut le bonheur de joindre le mérite plus grand encore d’avoir fondé le culte de la liberté, laissant en cela bien loin derrière lui le rénovateur de l’empire d’Allemagne. Même assombrie de regrets et de méfiances, cette journée de triomphe n’en fut pas moins pour M. de Bismarck le point de départ d’nn revirement mémorable de l’opinion publique. A partir de ce moment, la vitalité de son œuvre et la force de son esprit n’ont pas cessé de grandir aux yeux de l’Allemagne et de l’Europe; et des milliers d’hommes pour lesquels il fut jadis un objet d’exécration, se résignent à voir en lui, à tort ou à raison, peu nous importe pour le moment, le créateur d’un nouvel ordre de choses, bienfaisant, durable, susceptible de faire arriver, peut-être à travers bien des épreuves encore, la nation allemande à des destinées meilleures. La conscience publique cependant ne pouvait assister à ce changement sans être profondément frappée de cette évolution qu’elle exécutait en quelque sorte sur elle-même et malgré elle. Certes, les succès les plus discutables devant la morale n’ont jamais manqué d'un nombreux cortège. Le mot de Cromwell restera toujours vrai. Traversant Londres en grande pompe, et complimenté par un de ses compagnons sur l’affluence de la foule, le Protecteur répliqua: „Si l’on me menait pendre ce serait mieux encore." Mais la différence entre l’entraînement de la rue et l’assujettissement des consciences, pour être peu apparente, n’en est pas moins profonde. Notre époque a assisté à des entreprises heureuses qui ont recueilli tous les fruits de la victoire, sans néanmoins pouvoir se vanter d’avoir perverti autour d’elles les notions du bien et du mal. Or, c’est précisément cette faiblesse, la plus grave et la plus funeste de toutes, qu’avec beaucoup de légèreté certains de nos hommes politiques reprochent à I Allemagne, et plus particulièrement à la partie éclairée de la population, telle que la représentent, par exemple, l’immense majorité des libéraux en Prusse et le pays de — 348 — Bade dans le Midi. On comprend à présent quel est l’inte'rêt d’une enquête sur les idées et les procédés de l’homme qui fut l’instigateur de tout ce mouvement. Si pour sa valeur seule déjà, pour s’être inscrit avec des caractères impérissables dans le livre de l’histoire, il mérite l’honneur d’être étudié de près, la part de res* jxmsabilité, qui de lui rejaillit sur une nation entière, fait de cette recherche un devoir impérieux. II La politique n’est pas une science, elle est tout au plus un art. Par conséquent rien de plus dangereux pour elle que les formules consacrées. L’immense bienfait de la Révolution française n’avait pu nous léguer seulement des avantages. Les choses humaines ne sont pas de nature si absolue. Or, la clause du bénéfice d’inventaire n’existant pas dans le code de l’histoire, nous avons hérité de toutes les formules dont une irruption de vérités nouvelles avait dû dans le temps exagérer la valeur. Fascinées par la grandeur de ces antithèses, les générations suivantes ont, quelquefois à tort, cru pouvoir résoudre un problème de la vie réelle en le soumettant à cette trop simple alternative: ou révolution ou contre-révolution. M. de Bismarck, à son début dans la politique, avait partagé cette erreur. Il l’expie en quelque sorte depuis qu’il n’y sacrifie plus, car ceux qui ne voient point de salut hors de l’application stricte des formules révolutionnaires, sont précisément les ennemis les plus inexorables de celui qui jadis ne connaissait d’autre but que la contre-révolution. Otto-Edouard-Léopold de Bismarck Schœnhausen est 350 né le 1 er avril 1815, au manoir même de Schœnhausen dont il tire une partie de son nom de famille. C’est un domaine situé dans la Saxe prussienne. Sa famille est originaire de la Marche de Brandebourg, le cœur des Etats royaux de Prusse. On la dit fort ancienne; depuis plusieurs siècles, elle figure dans les annuaires du service militaire. Pour caractériser le type de ce que les Allemands nomment le junlcer, on est convenu de se servir du mot français hobereau. Cependant les deux expressions ne sont pas équivalentes: pour rendre le terme de hobereau, les Allemands ont le composé krautjunlcer qui signifie „gentillâtre planteur de choux", tandis que le véritable junlcer est avant tout le rejeton d’une famille militaire, mélange de cavalier à la Stuart, de sous- lieutenant prussien, de baron féodal germanique, et de Don Quichotte espagnol. Cette aristocratie eut, jusqu’à la fin du dix-huitième siècle, le privilège de remplir les cadres des officiers. On sait que de fait, elle en forme encore la majorité. Le père même du grand Frédéric, le bourgeois le plus terre-à-terre qui ait jamais occupé un trône, le caporal épicier qui, après avoir dans la journée vendu un titre de noblesse à quelque roturier, inscrivait le soir dans son livre de ménage: „Encore un lièvre de pris, vaut 600 thalers", ne supportait pas l’idée qu'un homme du peuple fût admis parmi ses officiers. Son fils en toute autre chose le contraste le plus frappant du père, aussi libre penseur que l’autre fut chrétien orthodoxe, ce philosophe humanitaire était bourré de préjugés aristocratiques et militaires. Nous possédons une lettre dans laquelle il dénonce comme un scandale intolérable le fait d’un lieutenant projetant une mésalliance, il décréta qu’un simple sous-lieutenant ayant fait une campagne aurait le pas sur un conseiller du roi; et, par faveur spéciale, il nomma sous-lieutenant le conseiller 351 Mayer, un roturier qui présidait la cour des comptes, afin qu’au moins il ne fût pas forcé de passer derrière les plus jeunes officiers. Cette sollicitude extrême de la royauté pour la noblesse ne pouvait manquer de faire de celle-ci le soutien le plus dévoué du trône, bien qu’à l’occasion l’excès de l’infatuation légitimiste amenât de temps en temps des conflits entre les deux principes. Un sieur de Schlubhut, condamné pour détournement de deniers publics, ayant défié le roi Frédéric Guillaume I er , en disant que jamais un gibet n’avait été dressé pour un gentilhomme, fut pendu le jour même par ordre spécial, ce qui, depuis ce moment jusqu’à nos jours, n’empêcha pas ses égaux de rappeler, en guise de sourde menace contre quelques velléités progressistes des souverains, qu’à tout considérer, ils avaient été les maîtres du pays avant l’avénement des Burgraves de Nuremberg (fondateurs de la dynastie des Hohenzollern). M. de Bismarck, quoique fils d’un chef d’escadron, ne suivit la carrière militaire que pendant l’année de service rigoureusement obligatoire. Il se destinait à la carrière administrative, à laquelle il se prépara par l’étude du droit. Mais il embrassa sans réserve la religion féodale de ses pères, et doué de la furia dont il a depuis donné tant de preuves, il réussit vite à développer en lui le type outrecuidant, intolérant, provoquant du junker. Un physique exubérant, un esprit tourmenté par l’aiguillon de sa force occulte dans un milieu étroit, achevèrent de le jeter dans la nuance la plus extrême de son parti; et débutant à l’âge de trente-deux ans dans la vie publique, M. de Bismarck ne perdit pas un instant pour attirer sur lui la haine de ses adversaires. Si les extrêmes se touchent, c’est par ce fait qu’ils Bont tous à côté de la vérité. De même que les ultrà- 35 '2 protestants se rapprochent de la papanté , les ultrà- prussiens du parti féodal ont toujours penché vers l’Autriche. Fidèle à cette tradition, l’homme qui plus tard devait reléguer l’Autriche hors de l’organisation allemande, inaugura sa carrière, non-seulement en plaidant la cause de cette puissance, mais en poussant les choses jusqu’à prêcher l’humble soumission de la Prusse à l’autorité légitime de la dynastie des Habsbourg. Pour comprendre la signification de ce contraste profond entre le culte envers l’Autriche et la tendance naturelle de l’Etat prussien, il est indispensable de remonter en arrière d’un siècle à peu près. Retraçons donc rapidement les incidents les plus marquants de cet antagonisme dynastique, qui tantôt tourna en guerre acharnée, tantôt couva sous les apparences trompeuses d’une alliance cordiale, pour ne finir que de nos jours par la solution violente, qui trahit le véritable caractère de cette mortelle inimitié. La lutte entre les deux cours est tellement le pivot des événements de l’année 1866, qu’on ne saurait jamais saisir la véritable portée, ni les vrais mobiles de ceux-ci, sans être initié aux précédents de l’histoire contemporaine 1 ). Le principe d'hostilité entre l’Autriche et la Prusse date du règne de Frédéric le Grand, mais il n’est pas tout à fait synonyme ni contemporain de la rivalité au sujet d’une hégémonie allemande. Des quatre guerres que Frédéric a soutenues contre l’Autriche et dont son royaume est sorti agrandi, consolidé et renfermant en lui le germe de tout son développement ultérieur, la première et la troisième n’avaient eu en vue que l’exten- !) Voir surtout le livre fort intéressant de M. Adolphe Schmidt: Preussen's deutsche Politik, Leipzig, 1867, sur lequel nous nous sommes de préférence appuyé dans le récit des épisodes de 1786 à 1806. 353 sion territoriale, indispensable pour asseoir la nouvelle royauté sur des bases durables. Dans les intrigues qui sourdirent autour du partage de la Pologne, et surtout pendant le deuxième acte de ce triste drame, l’antagonisme entre les deux puissances était arrivé à un degré d’intensité qui ne pourrait être comparé qu’aux violences de l’année dernière; sans que pour cela il fût le moins du monde question d’empire germanique, de supériorité nationale. C’était tout crûment, tout bassement la lutte entre deux rapacités concurrentes. Cependant, ces querelles de mur mitoyen, soutenues avec l’acharnement d’une haine de voisin, alternaient avec des hostilités d’une portée plus élevée et d’un sens plus profond. Dans la guerre dite de la succession autrichienne, la reconnaissance de la pragmatique sanction n’avait été qu’un incident tout à fait secondaire, à côté de la revendication de la Silésie; dans celle qui suivit et qu’on nomme la seconde guerre de Silésie, se trahit déjà visiblement la pensée d’arriver à la prépondérance dans les affaires d’Allemagne. Après un retour vers une guerre de signification simplement dynastique et européenne, celle de Sept ans, la dernière des campagnes de Frédéric arbora de nouveau, et déjà bien ouvertement, le drapeau de la lutte intestine et nationale. Mais, même dans les complications, étrangères en apparence à cette arrière- pensée, celle-ci s’imposait toujours naturellement à tous ceux qui regardaient le fond des choses. Malgré les efforts contraires de Frédéric, la mort de Charles VII de Bavière et les combinaisons de la diplomatie avaient deux fois ramené la couronne du saint-empire dans la maison d’Autriche, représentée par François I er et Joseph II. Le roi de Prusse s’était arrangé des concessions territoriales qui devaient lui donner la force nécessaire pour reprendre au moment opportun ses projets ajournés, mais nette- 23 354 ment formulés dans son entourage le plus intime, dès le commencement de la guerre de Sept ans. Alors déjà, le général Winterfeld, le confident du roi, recommandait hautement „de conquérir toute l’Allemagne et de lui donner force de résistance contre l’étranger en la réunissant dans un seul et même Etat." En mai 1757, il déclarait à qui voulait l’entendre que „en moins de deux ans, on verrait toute la constitution de l’Empire renversée et Frédéric sur le trône des Césars allemands." Il faut ajouter qu’il conseilla en même temps de pénétrer en Hongrie et d’y lancer un appel aux mécontents, pour retrouver à cent dix ans en arrière tout le programme de M. de Bismarck, y compris les négociations avec Kossuth et Klapka. Dès lors, Frédéric était bien décidé à ne laisser à aucun prix s’étendre le territoire des Habsbourg en Allemagne. Il soutenait victorieusement cette politique, en venant au secours du Palatin contre les prétentions autrichiennes à la succession bavaroise, après la mort sans enfants de l’électeur Maximilien-Joseph, en 1777. La paix de Teschen lui donna gain de cause; mais l’Autriche se sentit d’autant plus pénétrée de la nécessité d’étendre son influence dans le midi de l’Allemagne. La Bavière et le Wurtemberg devaient fournir à ses yeux, alors comme naguère encore, les points d’appui naturels de toute opération ayant pour but de comprimer les ambitions de la Prusse. N’ayant pu obtenir ces pays les armes à la main, on prit la voie des négociations. On tâta le terrain en Wurtemberg, on élabora franchement la proposition d’un échange de provinces avec le nouvel électeur de Bavière. C’est de cette époque que date le fameux projet d’un troc à faire de la Belgique contre la Bavière, poursuivi par l’Autriche avec sa ténacité proverbiale à travers toutes les vicissitudes des événements, projet qui reparaît con- 355 8tamment jusque dans ses négociations avec la Convention et le Directoire. L’esprit de suite qui se révélait dans cette obstination poussait Frédéric à la recherche d’une combinaison plus profonde, véritable création, susceptible de développement. Pour la première fois, depuis que la paix de Westphalie avait virtuellement anéanti l’existence politique de la nation allemande, la pensée de reconstruire un commencement d’union viable fit sa rentrée dans le monde. Frédéric et ses ministres posèrent les bases d’un projet, dont le but avoué était avant tout la résistance contre les envahissements de l’Autriche. La Prusse alors eut recours au même argument, que depuis, dans des positions interverties, l’Autriche a rétorqué contre elle. Elle montra aux petits princes le danger que leur préparait l’appétit insatiable de l’Autriche, et les convia à se ranger sous la protection du roi pour sauver leurs souverainetés. Dans une lettre adressée à ses ministres, Frédéric s’exprime ainsi: „I1 est pour nous de la dernière importance de travailler de toutes nos forces à ce qu’il soit établi dans l’Empire une espèce d’association, telle que fut jadis la ligue de Schmalkalden 1 ). Le but de cette association doit être de maintenir, à l’encontre de la prépondérance et de l’envahissement médités par l’Autriche, les droits des princes." Il faut, ajoute le roi, „faire sentir à ces gens (les princes) qu’ils peuvent compter sur notre secours et que c’est leur propre intérêt qui rend cette institution nécessaire; mais il ne faut pas rester les bras croisés. Jamais ces gens ne feront rien de leur propre initiative. Mettez les fers au feu le plus vite possible. “ Cette lettre est du 6 mars 1784. Tous les jours suivants, il ne cessa d’accabler ses ministres de nouveaux mémoires Ligue des princes protestants contre Charles Y. 23* 356 pour qu’ils lui soumissent un projet de constitution, et, las enfin de les attendre, le 24 octobre, il leur apporte lui-même un travail intitulé: Projet de ligue entre les princes de VAllemagne, calqué sur le modèle de celle de Sckmalkalden. Cependant les choses ne pouvaient s’arranger au gré de son impatience. Il fallait six mois de négociations pour se mettre d’accord par la voie diplomatique avec les princes allemands, même sans tenir compte des entraves forgées par l’etranger. Alors comme aujourd’hui c’était un échange d’arrière-pensées entre la France et la Prusse. „La cour de France," écrivait le baron de Golz, ambassadeur à Paris, en mars 1785, „la cour de France ne goûtera guère cette association, préférant retenir les princes de l’Allemagne méridionale sous sa dépendance exclusive." Et Frédéric de lui répondre par retour du courrier: „Que la France approuve ou non une alliance entre princes allemands, ceci au fond doit nous être égal La chose est bonne en elle-même et c’est ce qu’il faut envisager avant tout. Il me semble que nous ne devrions être les serviteurs ni des Français, ni des Autrichiens, ni des Russes." Enfin le mois de juillet 1785 vit signer l’instrument de l’association par la Saxe, le Hanovre et la Prusse, avec la réserve de solliciter ultérieurement l’adhésion des autres princes. C’était un traité d’alliance en des termes assez généraux, renfermant plusieurs articles secrets. Ces clauses mystérieuses avaient trait principalement à la résistance contre tout projet d’échange de la Belgique avec la Bavière, et contre l’élection, à la prochaine vacance du saint-empire, d’un prince d’Autriche. Quatorze souverains entrèrent dans la confédération, et, chose excessivement remarquable au point de vue l’analogie avec les événements récents, aussitôt les trois premières signa- tures obtenues, Frédéric se mit en mesure de conclure avec les autres princes des conventions militaires, en vertu desquelles les troupes de ces Etats devaient être, sous certaines conditions!, cédées à la Prusse, c’est-à-dire incorporées à son armée et payées par son trésor. Mais Frédéric touchait de trop près à la fin de sa vie pour introduire des changements durables et radicaux dans les traditions de l’Empire. L’année suivante, l’union des princes fut enterrée avec lui. Dire à quel point sa race n’hérita pas de son esprit serait chose superflue. L’historiographie prussienne a fait de vains efforts pour ennoblir les traits de ses successeurs. Elle n’a pu escamoter cette vérité patente, que depuis sa mort on n’a vu que des cerveaux étroits. Dans les uns comme dans les autres nous retouvons invariablement Yautolâtne s’abritant sous les préceptes du droit divin, le culte du bouton de guêtre; tantôt un mysticisme voluptueux, tantôt une orthodoxie revêche; des velléités romanesques et des pusillanimetés invincibles; et, comme résultat final, une diplomatie tâtonnante, finassière, en dernier lieu inepte. On ne parvenait ni à s’insurger contre la suprématie autrichienne, ni à s’y résigner. La jalousie et la méfiance survécurent à l’énergie des luttes soutenues par Frédéric. On guerroyait contre la Révolution aux côtés de l’Autriche, tandis qu’en Pologne on était en hostilité ouverte contre elle; les généraux, faisant comme les cabinets, à tout moment refusaient de suivre l’appel de l’allié, l’exaspéraient de chicanes, de récriminations, de conditions d’argent. Ces tiraillements aboutirent à la paix séparée de Bâle. Celui de ces Epigones qui régna le plus longtemps fut précisément le plus insignifiant. Frédéric-Guillaume III, le contemporain de la Révolution française, de l’Empire, de la Restauration et de la monarchie de Juillet, fut, 358 dans toutes les péripéties de cette époque si agitée, une non-valeur absolue au point de vue du caractère et de l’intelligence. Les panégyriques obligés ont essayé d’elever au rang d’une rigidité honnête sa sèche platitude, qui à l’occasion ne se fit pas faute de tourner à l’odieux. Après 1815, il donna l’exemple d’un des plus grands actes d’ingratitude qui jamais aient été commis de roi à peuple, ce qui est beaucoup dire. Une victoire à laquelle il avait fallu le traîner, remportée au prix des plus incroyables sacrifices, du sang le plus précieux (la jeunesse des universités, des arts, du commei’ce s’était enrôlée en simples soldats), ne devint entre ses mains qu’un moyen d’arriver au rétablissement d’une servitude stérile, aux persécutions contre ceux dont le dévouement avait sauvé son trône, à un assujettissement stupide sous la férule du czar Nicolas, à la rétractation ouverte de la foi jurée; car il n’accorda jamais un iota de la constitution repré sentative qu’il avait solennellement promise au moment du danger. Lorsque parfois M. de Bismarck se plaint des méfiances qu’il rencontre dans ses grandes entreprises d’aujourd’hui, il devrait se rappeler qu’il fut un temps où, comme à plaisir, il avait ouvert la carrière à ces suspicions en se faisant l’apologiste de cette criante injustice d’autrefois. En 1847, prenant la parole devant ce qu’alors on appelait les États réunis de Prusse, il avait déclaré que les sacrifices de 1815 n’avaient pas donné au peuple prussien le droit de réclamer une constitution-, que les monarques de Prusse ne régnaient pas de par la grâce du peuple, mais par la grâce de Dieu, et que tout ce qu’ils voulaient bien accorder n’était qu’un acte de libéralité spontanée. Certes, l’homme qui a introduit le suffrage universel, en demandant que l’Allemagne fut mise en selle ne tiendrait plus ce langage aujourd’hui; mais la vie serait trop belle si l’on pouvait liquider un 359 passé en changeant d’avis. La Némésis se charge de rappeler à l’homme la continuité de son être, quand son intérêt le tenterait d’y renoncer. On ne peut pas éviter que le Bismarck de 1847 ne se dresse quelquefois entre le Bismarck de nos jours et ceux dont la confiance serait une chose précieuse pour lui. Cependant il nous reste, avant d’arriver définitivement à l’homme d’Etat, la tâche de raconter encore un des épisodes les plus curieux dans les précédents de l’idée politique qu’il était appelé à réaliser. Dans l’été de 1806, toute l’Allemagne méridionale était en train de passer sous la domination française. La confédération du Rhin n’était qu’une paraphrase de la servitude. Les princes, après avoir endossé la livrée du protecteur, furent augmentés de gage, élevés en rang, arrondis aux dépens de leurs voisins supprimés. La Prusse avait laissé tomber l’Autriche, et s’était retirée de l’Angleterre, pour jouir de la possession du Hanovre, prix de sa neutralité. Le moment était tentant pour risquer un pas en avant. L’Autriche vaincue, abattue, laissait une place libre dans le ci-devant Empire; tous les cousins étant avancés de landgrave à duc, de duc à grand-duc, d’electeur à roi, la Prusse aussi devait rêver un avancement en titre. D’un autre côté, l’alternative de gagner des forces nouvelles ou de subir la loi commune de l’humiliation s’imposait visiblement. C’était le tour de la Prusse de compter avec le lion, à qui plus que jamais l’appétit venait en mangeant. Ambition, rivalité instinct de conservation, tout aboutissait à la même conclusion: il fallait reprendre en main les projets de Frédéric le Grand, réaliser le plan de 1785, mutatis mutandis . Ces idées, on le pense bien, ne surgirent pas dans la tête du roi. Mais son entourage lui était bien supérieur. Il y avait parmi les princes le bouillant et généreux 360 Louis-Ferdinand, et parmi les conseillers le baron de Stein, l’infatigable adversaire de Napoléon, l’homme qui, plus que qui que ce soit, avait toujours proclamé la nécessité de créer une patrie allemande, et qui déjà dans ces temps voulait par moments aller beaucoup plus loin qu’on n’a osé le faire de nos jours. Depuis 1801 les changements de la carte de l’Europe avaient réveillé dans la tête de maint patriote l’idée de profiter du remueménage général, pour établir une Allemagne plus ou moins compacte, plus ou moins étendue. Des mémoires présentés au roi, des brochures, des. journaux avaient appuyé sur l’opportunité du moment. Quant au choix du vrai remède, on n’était pas plus d’accord qu’aujourd’hui. Déjà on discutait si ce serait une grande Allemagne complète ou une Allemagne du Nord seulement (la ligne de démarcation provisoire tracée dans la paix de 1795 en avait sugéré l’idée première); si l’on médiatiserait les petits princes ou si on les réunirait en fédération. En 1804, la tentation était venue du côté opposé. Napoléon, à la veille de proclamer son empire héréditaire- et désireux d’être reçu par les anciennes maisons sou, veraines à titre d’égal, avait mis Frédéric-Guillaume III dans la confidence de ses desseins, en le conviant à prendre aussi le titre d 'empereur. Le roi avait encouragé vivement le Premier consul, en ce qui regardait le changement à introduire en France, sans se prononcer sur ses intentions relativement à sa propre situation, et, après un échange d’opinions continué pendaut quelques mois, il avait fini par déclarer qu’il était content de son sort, et ne demandait pas mieux que de conserver le rang auquel la Providence avait élevé sa maison. H y avait bien dans cette réponse les deux éléments qui caractérisaient et l’homme et la situation: méfiance légitime envers toutes les avances d’un complaisant dangereux, et répugnance pour toute démarche un peu risquée, surtout quand elle se rattachait de loin à une origine révolutionnaire. Cependant, pour un homme capable de se laisser tenter par une grande entreprise, il y avait autre chose à faire que de conclure par cette fin de nonrecevoir, plate et sèche, portant trop clairement le caractère de cet esprit petit et immobile pour être purement interprétée dans le sens d’une réponse évasive. Car si la méfiance envers Napoléon avait été le seul motif de refus, on n’aurait pas flotté pendant toute la période de 1805 à 1806 entre l’Autriche et la France, entre l’entente et la résistance, entre les manœuvres et l’indignation, occupé avant toute autre chose de la nécessité de s’assurer l’acquisition de l’Electorat de Hanovre. Enfin, arriva l'année 1806, où, la confédération du Rhin étant proclamée, la couronne du saint-empire déposée par François II, la France renouvela à la Prusse la proposition de se mettre à la tète d’une confédération du Nord. Le 22 juillet 1806, aussitôt après la ratification de la confédération du Rhin, Talleyrand envoya à Laforest, ambassadeur de France à Berlin, la copie de l’acte constitutif, en l’accompagnant du commentaire suivant: „C’est pour la Prusse le moment de profiter d’une occasion si favorable pour agrandir et consolider son système; elle trouvera l’empereur Napoléon disposé à seconder son intention et ses projets. Elle peut rallier moyennant une nouvelle loi fédérale les Etats qui font encore partie de l’Empire germanique, et acquérir la couronne impériale ‘à la maison de Brandebourg. Elle peut, si elle le préfère, former une fédération des Etats du Nord qui sont plus rapprochés de sa sphère. L’Empereur approuve dès à présent tout arrangement de cette nature qui conviendrait à la Prusse. „Le 362 roi fit envoyer une réponse des plus empressées et des plus chaleureuses: „Le roi, dit M. de Haugwitz à Laforest, est au comble de la joie; il se regarde non-seulement comme l’allié de la France, mais comme l’ami personnel de l’empereur Napoléon." Toutefois il refusa de nouveau, pour le moment, de donner suite à ces propositions; non pas qu’il dédaignât le fond de la proposition; mais ses sentiments légitimistes et dynastiques lui interdisaient la pensée de baser cette innovation sur autre chose que sur le consentement des autres princes ses frères, même de l’Autriche, qui fut sondée indirectement. Ce furent, on le voit, les mêmes hésitations qui s’interposèrent, quarante- trois ans plus tard, entre son fils et l’assemblée nationale de Francfort, lorsqu’elle vint offrir à celui-ci la couronne allemande. Cé-tait sur le terrain des négociations avec les puissances secondaires de l’Allemagne que se préparait la rupture entre la Prusse et la France, tout comme elle s’est préparée en 1866, entre la Prusse et l’Autriche. Déjà, avant les ouvertures faites par M. de Talleyrand, la Prusse avait invité les cours de Saxe et de la Hesse- Electorale à former avec elle une confédération des Etats du Nord, sous réserve d’y faire entrer ultérieurement tous les autres Etats non compris dans la confédération du Rhin. Le 12 juillet, un premier projet se trouvait élaboré sous ce titre: Idées pour servir à la fondation d’une confédération du nord de T Empire (Ideen zu einem Nord deutschen Reichsbund), et après deux remaniements, au milieu du mois d’août, parut le projet définitif, composé de 24 articles et d’une clause additionnelle. Dans l’article 2, le roi de Prusse, sur l’invitation des Électeurs de Saxe et de Hesse, accepte la dignité d 'Empereur de l’Allemagne septentrionale ; les deux Electeurs, sur l’in- vitation de la Prusse, prennent le titre royal. On fixe les contingents militaires de l’armée fédérale. En temps de guerre, l’empereur en aura le commandement supérieur. Il y aura un congrès fédéral composé de délégués des cours confédérées. Jusqu’ici l’analogie avec les créations récentes est frappante, il y a cependant un point, le plus important, où les deux organisations se séparent: il n’est pas question de représentation élue. 11 n’y aura qu’un tribunal fédéral. Nous ne dirons pas ici à travers quel dédale et quelles péripéties dut passer ce projet, destiné à ne jamais entrer en vigueur. Pendant que Napoléon et Frédéric-Guillaume échangeaient les protestations les plus cordiales, ils se faisaient une guerre sourde et acharnée, sur le terrain de la diplomatie, l’un, pour établir sa confédération en dehors du concours de la France, dont il n’était plus possible de ne pas se méfier; l’autre, pour couper l’herbe sous le pied de celui qu’il avait tant de fois provoqué à aller de l’avant. Napoléon effrayait tantôt l’électeur de Hanovre, tantôt celui de Hesse avec ces insinuations et ces froides menaces à double tranchant dont il aimait tant à faire usage. Il n’en fallait pas tant pour faire échouer les projets de la Prusse, antipathiques à des princes qui ne nourrissaient envers elle et entre eux que des sentiments de jalousie. On connaît l’issue de ces vains efforts, et comment, se présentant au-devant des secrets désirs de Napoléon, et se trompant à un degré incroyable sur ses propres forces, du jour au lendemain, la cour de Berlin se lança dans cette triste aventure d’iéna, qui la balaya d’un seul coup. Mais les idées qui furent ensevelies sous les décombres du royaume de Frédéric-Guillaume n’en acquirent pas moins une signification plus importante, en reparaissant pour la seconde fois, et en prenant des 364 formes plus concrètes que lorsqu’elles sortirent de la tête du grand Frédéric. D’anneau en anneau, la chaîne de cette vocation traditionnelle traverse l’histoire moderne de l’Allemagne, et sans prétendre que le fait seul de ces précédents historiques soit une justification en droit des aspirations ultérieures, il est d’un poids immense pour démontrer aux contemporains que les choses entreprises de nos jours ne sont pas nées d’ambitions personnelles, de convoitises arbitraires. Bonne ou mauvaise, il y a là une idée, qui, depuis plus de cent ans, s’est présentée à l’esprit des meilleurs patriotes, chaque fois que les événements sollicitaient l’Allemagne de sortir de son état de torpeur et de son morcellement insensé. Ce qui, en présence des accusations et des méfiances suscitées contre l’égoïsme accapareur de la dynastie des Hohenzollern, est surtout digne d’être remarqué, c’est que, hors le grand Frédéric, les chefs de cette dynastie furent toujours les moins accessibles à cet ordre d’idées. Les rois ne donnent pas l’impulsion: ils la suivent, et quand ils la suivent, c’est contraints et forcés, avec des reculades et des demi-mesures. Le seul qui fit exception fut le seul capable de s’identifier avec des vues générales. Lui mort, les penseurs de la nation, les patriotes, les lettrés, les savants recueillirent l’héritage de sa conception. Quant aux rois, leur esprit ne s’éleva pas audessus de cet aveu mémorable: Nous sommes contents de notre sort et du rang auquel la Providence a élevé notre maison. En 1813, l’élan suprême du peuple contre la domination étrangère ramena naturellement les idées des patriotes vers les projets de 1806 et au delà. La suppression des petites principautés se présentait comme une chose d’autant plus logique qu’elles avaient toutes suivi les armées du conquérant contre l’Allemagne même. Mais Frédéric-Guillaume aimait mieux se réconcilier avec les princes, et envoyer en prison les patriotes, qui avaient dû lui imposer la levée de boucliers. Le pauvre homme, transi de frayeur à la nouvelle de la couvention de Tauroggen, ne parla de rien moins que de faire traduire devant un conseil de guerre le général York qui l’avait conclue pour lui regagner son royaume; et il l’aurait fait si les patriotes conjurés ne l’avaient pas soustrait à la pression de la diplomatie française. On lui fit accroire que le ministre français s’apprêtait à le faire enlever nuitamment de Berlin; on le persuada de se sauver à Bres- lau, où son entourage parvint à lui mettre l’épée au poing. Ce n’était pas le courage militaire qui lui manquait: bons soldats, ils le sont tous; ce qui leur fait défaut, c’est ce courage qui, en bas, s’appelle civique, et en haut pourrait s’appeler politique Enfin, le même spectacle se renouvelle pour la quatrième fois en 1849. En mars 1848, après la victoire du peuple, Erédéric-Guillaume IY saisit la bannière tricolore, la promène dans Berlin, et se laisse acclamer empereur des Allemands. Un an plus tard, après le triomphe de la réaction européenne, il rejette dédaigneusement la couronne impériale votée par le parlement de Francfort, offerte par une députation allemande. Il est donc clair comme le jour que l’idée de régénérer la nation allemande par l’élévation de la Prusse, n’est pas issue de la royauté; qu’elle est de plus noble origine. Toutes les fois que les événements ont suscité un élan politique, elle a paru; toutes les fois que le pouvoir du trône a été affermi, elle a été refoulée. Qu’on se méfie tant qu’on voudra des dangers inséparables d’une suprématie confiée aux instincts des-Hohen- zollern; qu’on flétrisse les procédés violents et antilibéraux qui leur ont en dernier lieu frayé le chemin; on ne saurait, sans mauvaise foi ou sans ignorance, nier que 366 l’idée dont M. de Bismarck a entrepris la réalisation ne soit une idée large et populaire, et non une idée étroite et dynastique. Si nous insistons sur cette considération, c’est qu’elle ne peut pas rester sans influence sur le jugement que nous aurons à porter au sujet de l’homme qui est devenu la personnification triomphante de cette idée. Celui qui se voua à la tâche de continuer et de mener à bonne fin l’œuvre du grand Frédéric, du libre penseur, de l’ennemi acharné de l’Autriche, de continuer la tradition patriotique de 1806, 1813 et 1848, ne pouvait plus être l’homme qui de 1847 à 1851 avait été le champion d’un absurde féodalisme, le détracteur des grands mouvements nationaux. Bien des changements devaient s’être accomplis dans ses convictions; et ce sont ces changements, quoique cachés sous les dehors déplaisants particuliers au naturel prussien et surtout au type junker, qui contribuent singulièrement à expliquer l’adhésion que le créateur du nouvel ordre de choses réussit à arracher à l’opinion publique. Quoi qu’en disent les purs, les incorruptibles, cette opinion publique n’est pas aussi folle qu’il leur plaît de le déclarer. Elle ne s’est pas du tout éprise pour M. de Bismarck d’un amour aveugle, passionné et confiant. Elle ne voit en lui que ce qu’il est, un homme possédant à un degré éminent la qualité si rare, dans l’histoire de l’Allemagne surtout, de vouloir, de pouvoir donner une grande impulsion à la chose publique. Ses défauts, elle les connaît; si elle était tentée de céder au désir de les ignorer, elle ne réussirait pas; lui-même a eu trop soin de les trahir, de les souligner, de les rappeler à tout propos. 11 s’est caractérisé un jour en faisant cet aveu, peut-être trop absolu, mais fort intéressant en tout cas: Qu’il ne se sentait pas d’aptitude pour les affaires intérieures ; faisant entendre par là que 367 son esprit hardi et impatient ne saurait se plier aux exigences de la légalité, au respect des intérêts individuels, qui dans nos sociétés de civilisation ancienne, même les plus arbitrairement gouvernées, ne permettent pas de longtemps marcher à la poursuite d’un but, sans regarder ni à droite ni à gauche. Il est de ceux dont on a dit: „Pour faire de grandes choses il faut avoir le diable au corps." Mais si cette condition est indispensable, elle n’est pas suffisante. Les grandes choses ne sont que les choses durables, elles ne durent qu’à la condition de répondre au besoin général: voilà ce qui fait la différence entre l’homme d’Etat et l’aventurier. L’un obéit au grand ordre des idées et des faits ; l’autre exploite une situation passagère; l’un prend conseil de la loi du développement éternel, l’autre des faveurs du hasard. En ce sens, quels qu’aient été ses travers et ses torts, M. de Bismarck a incontestablement le droit d’être appelé un homme d’Etat. Un an à peine s’est écoulé depuis que, grâce à son initiative, l’Allemagne est entrée dans une phase nouvelle; et déjà personne n’est plus à se demander si le progrès dans cette voie dépend de la vie ou de la mort du novateur. III. Lorsque M. de Bismarck entra au ministère, en 1862, on le prit généralement pour un casse-cou de la réaction. Après avoir passé par une jeunesse un peu orageuse, et sacrifié avec la fougue qui lui appartient aux plaisirs de l’âge, et, dit-on, au goût antique de la race germanique pour les libations prolongées, il setait lancé tête baissée dans l’arène de la lutte politique. Un écrivain impartial, ou plutôt suspect de bienveillance pour lui, s’exprime ainsi à son égard: „I1 est notoire que du temps de son activité politique, dépuis 1847 jusqu’en 1851, il était le meneur du parti conservateur dans sa signification la plus absolue et la plus antipathique, le chef de l’extrême droite, le champion de tous les privilèges, intérêts et prétentions du parti féodal, le défenseur de la juridiction seigneuriale, des corporations de métiers, l’antagoniste le plus obstiné de la démocratie et du parlementarisme, le plus zélé apologiste de la solidarité à maintenir entre la royauté et les immunités de l’aristocratie 1 )." Dans un discours de 1850, il déclarait hautement que, selon lui, la mission de la Prusse consistait dans la tâche de se subordonner à l’Autriche pour combattre à *) A. Schmidt, l. c. 369 ses côtés la démocratie allemande. Dans le même discours il insiste sur la nécessité de mettre un terme à l’occupation du Schleswig-Holstein, qu’il ne considérait que comme une aventure stupide dans laquelle la malheureuse politique de 1848 avait entraîné la Prusse. Et pour couronner le tout, il finit par ces mots: „C’est par l’effet d’une singulière modestie qu’on s’interdit de proclamer l’Autriche une puissance allemande parce qu’elle a le bonheur d’étendre sa domination sur d’autres peuples encore. Quaut à moi, je ne saurais admettre que, parce que les Slaves et les Kuthènes sont soumis à l’Autriche, ce seraient eux qui représenteraient cet Etat, en ne réservant à l’élément allemand qu’une importance secondaire. Bien au contraire, je respecte dans l'Autriche le représentant dlune ancienne puissance allemande Ainsi parlait l'homme qui devait, à dix an de là, insinuer au cabinet de Vienne que son monarque n’avait que faire de sa position en Allemagne, qu’il ne lui restait qu’un moyen de salut: transporter son centre de gravitation à Ofen, capitale de la Hongrie (seinen Schwerpunkt nach Ofen verlegen). Ainsi parlait l’homme qui n’eut ni repos ni trêve, jusqu’à ce que l’Empereur eût solennellement renoncé à toute immixtion dans les affaires d’Allemagne! Même contradiction sous le rapport de la possession des duchés, du régime commercial et industriel, sans parler du suffrage universel. Les événements qui lui avaient fourni l’occasion de se prononcer ainsi pour l’Autriche et contre les duchés, étaient venus clore l’ère de 1848. Durant l’interrègne révolutionnaire, M. de Bismarck s’était retiré de la vie parlementaire; mais il reparut dès 1849, pour reprendre sa part dans l’anéantissement des derniers efforts tentés par le parti national expirant, qui ne se lassait pas de confier ses espérances à la royauté prussienne. Celle-ci venait de faire une de ces faibles tentatives, SufcroiB Samüetget’ê @e{. ©driften. ni. 24 370 dont Jelle” est î coutumière, pour arriver sur la base des traités dynastiques 'à la suprématie prussienne, qu’elle n’avait osé accepter des mains du parlement. Précisément, comme en 1806, on négociait avec les cours de Saxe et de Hanovre, qui, comme alors, ne demandaient pas mieux que de ne pas voir aboutir les négociations. Déjà l’Autriche était là, prête à réinstaller l'ancienne diète dans son siège de Francfort. Pendant que la Saxe et le Hanovre signaient avec la Prusse l’alliance dite des Trois-Rois, leurs vœux étaient avec l’Autriche, tout comme la Hesse et la Saxe, en 1806, en signant la fédération, avaient été, qu’on nous permette cette locution triviale dans la manche de Napoléon. Le conflit de la Hesse électorale avec son souverain, prototype des petits tyrans allemands, fournit l’occasion, qui fut saisie avec empressement, de mettre fin à toute équivoque. C’était la tradition sacrée de l’ancienne dîète de toujours donner raison aux princes et tort aux Etats. L’armée autrichienne se mit en marche pour occuper l’Electorat et prêter main-forte au violateur de la constitution. La Prusse se laissa aller pendant l’espace de quelques heures à la velléité de venir au secours de la légalité foulée aux pieds. Son armée s’ébranla. Le choc des deux puissances fut signalé par cette fameuse bataille de Bronzellen, qui coûta la vie à un cheval blanc du camp autrichieu, passé à l’immortalité en sa qualité de martyr unique du dévouement du roi de Prusse à la cause d’un peuple. Après ce trépas expiatoire, les deux souverains jugèrent que le moment était venu d’arrêter le carnage et de s’embrasser. Le baron de MaDteuffel, le premier ministre de Prusse, partit pour Olmutz, et y signa l’acte de soumission à la volonté de l’Empereur, que M. de Bismarck avait déclaré être le dernier mot d’une bonne politique. L’ancienne diète fut rouverte sous la présidence de l’Autriche. L’histoire aile- 371 mande enregistrait nn nouvel exemple, le plus lamentable de tous, de l’inanité des espérances qu’elle avait fondées sur la royauté prussienne. M. de Bismarck se signalait naturellement aux préférences du régime qui avait si textuellement suivi son programme; d’autant plus qu’il s’était fait remarquer non- seulement par l’excentricité de ses opinions, mais encore par la vivacité et la promptitude de son esprit. M. de Bismarck n’est pas du tout ce qu’on appelle un orateur, mais, à travers l’imperfection de son débit, il domine son auditoire par l’énergie et la rapidité du travail intérieur de sa pensée. Quoiqu’on affirme que l'habitude de parler en public, et la confiance dans les bonnes dispositions de ses auditeurs lui aient dans les derniers temps passablement délié la langue, un de ses admirateurs, après avoir assisté à une séance du Reichstag, fait son portrait dans les termes suivants: „Aucune grâce éloquente, aucune ampleur de parole, rieu qui entraîne l’auditoire. Son organe, bien que distinct et intelligible, est sec et peu sympathique, le timbre de sa voix est monotone; il s’interrompt et s’arrête fréquemment, quelquefois il lui arrive même de bredouiller, comme si la langue récalcitrante refussait l’obéissance, comme s’il était obligé de chercher péniblement les expressions conformes à ses idées. Ses mouvement inquiets, un peu balancés, nonchalants, ne secondent en rien l’effet de sa diction. Cependant, au fur et à mesure qu’il parle, il surmonte ces difficultés, parvient à préciser ses expressions et finit souvent par des sorties vigoureuses et soutenues, trop vigoureuses quelquefois, comme personne ne l’ignore." Il faut ajouter que son langage, pour mauquer d’art, ne laisse pas d’être souvent imagé. Son esprit net et lucide ne dédaigne pas le coloris, de même que sa constitution robuste n’est pas exempte d’irritabilité nerveuse. 24 * M. de Manteuffel avait donc tontes les raisons pour employer les forces d’un partisan si convaincu et si capable. En mai 1851, il l’envoya à Francfort, en qualité de premier secrétaire de légation auprès la diète restaurée, et trois mois après, il le promut au grade d’envoyé principal, en remplacement de M. de Rochow. M. de Bismarck a occupé ce poste pendant huit ans, jusqu’en 1859, et c’est dans ce long intervalle que s’est opéré dans ses idées le plus gros de cette métamorphose partielle dont le monde a depuis constaté les effets surprenants. Comment s’est accomplie cette transformation? sous quelles influences, par quelles étapes son esprit a-t-il passé? L’attention ne s’est portée sur ces questions que récemment. Avant la grande crise de 1866, ni le public ni M.de Bismarck n’avient éprouvé le besoin de s’expliquer sur ce côté de la question. Des bruits vagues avaient circulé au sujet de rapports peu amicaux entre les représentants des deux grandes puissances allemandes à Francfort; la médisance les avait exagérés, même au point d’affirmer qu’un jour les démonstrations hostiles étaient sorties du terrain des altercations verbales. Les deux diplomates qui se livraient alors ces assauts, en qualité de représentants de leurs cours à la diète, étaient les mêmes qui, plus tard, devaient se trouver en face l’un de l’autre en qualité de présidents du conseil dans le combat décisif, dont leurs escarmouches antérieures avaient été le prélude. Le collègue de M. de Bismarck s’appelait M. de Rechberg. Depuis deux ans seulement que les événements ont révélé toute la portée des projets préparés de si longue main, la curiosité s’est aussi occupée du problème psychologique caché sous les grands traits de la catastrophe historique de 1866. Si le dossier de cette enquête n’est pas encore complet, il renferme néanmoins beaucoup de pièces d’un intérêt incontestable et qui valent bien la 373 peine d’être consultées, en y mettant une certaine circonspection. Dans une conversation de date assez récente et que, pour cette raison même, nous ne donnerons que dans la suite de notre récit, M. de Bismarck a eu soin de constater qu’en arrivant à Francfort, ses sympathies pour l’Autriche étaient d’une entière virginité. Il avait fait une visite au grand prêtre du nihilisme conservateur, au prince de Metternich, daus son château de Johannisberg, non loin de Francfort, et là sur les bords du fleuve classique baignant le pied de ces vignobles si chers au génie poétique de la nation, l’entente cordiale pour l’anéantissement du peuple allemand avait été célébrée dans une dernière idylle. M. de Bismarck et ses apologistes aiment à développer ce thème, que, placé face à face avec les procédés de l’Autriche, il n’eut qu alors l’occasion de la connaître de près, de pénétrer sa détestable politique; bref, que ce fut une étude de morale diplomatique qui l’amena à son chemin de Damas Nous en savons assez déjà du personnage que nous étudions pour être sur nos gardes en présence d’explications un peu trop imprégnées d’idéalisme. Traduite en prose, cette confession signifie, sans perdre de sa valeur, que le nouveau ministre, avec le besoin d’activité et les facultés que nous lui connaissons, éprouvait, dès son entrée aux affaires, le besoin impérieux d’agir et d’être quelque chose dans sa sphère. Quand bien même il eût eu moins de sève et de fougue, il se serait heurté contre la résistance autrichienne; d’autant plus que cette résistance, fondée d’ordinaire sur la force d’inertie, se trouvait par exception confiée à des individualités assez disposées à l’agression. La câlinerie sournoise, la fausse bonhomie de tradition à la cour de Vienne depuis François II, ne convenaient ni à l’humeur du prince de Schwarzenberg, premier ministre, ni à celle de son représentant M. de Rechberg. On en était alors, après le trop facile triomphe d’Olmutz, à un de ces moments d’infatuation dans lesquels les inspirés de Vienne, se grisant des souvenirs de leur ancienne chance proverbiale, s’abandonnaient aux accès de jactance démesurée dont les ordres du jour du maréchal Benedeck ont fourni depuis un si curieux échantillon. Le prince Schwarzenberg avait lancé dans les salons du château impérial cette phrase: qu’il fallait avilir la Prusse d’abord pour ensuite la démolir. Le petits princes de la confédération ramassaient ces choses avec avidité, et c’était à qui déploierait l’humeur la plus gouailleuse à propos de cette Prusse, la plus petite des grandes puissances, comme on avait pris l’habitude de l’appeler, qui avait rêvé de jouer un rôle en Allemagne. Qu’on se figure M. de Bismarck réduit à personnifier ce rôle de Jocrisse devant l’illustre réunion de Francfort, et l’on comprendra qu’il n’en fallait pas tant pour le jeter hors des gonds, et pour lui ouvrir les yeux sur la politique abjecte qu’il représentait. Déjà on avait raconté que le comte de Brandebourg, le fils naturel du roi Frédéric-Guillaume II, le général qui avait commandé le coup d’Etat contre l’Assemblée nationale de Berlin à la fin de 1848, était mort de douleur, brisé par l’humiliation de la journée d’Olmutz. Sur M. de Bismarck l’effet fut tout contraire: ce fut le point de départ d’une vie nouvelle, que le succès devait couronner. Dans une lettre écrite en 1856, de Rheinfelden en Poméranie, nous le trouvons déjà médisant franchement de l’Autriche, et s’intéressant aux duchés. Dans une seconde lettre, datée de Francfort, le 2 avril 1858, il est en plein dans la question de fond. C’est, avant tout, le Zollverein qui met en évidence la misère de l’organisation allemande; son opinion, telle qu’il la formule dans cette pièce, se résume à peu près en ceci: notre position dans le Zollverein est gâchée; j’ai la conviction que nous devons en dénoncer le traité dès que le terme arrivera. Il est impossible de continuer avec ce liberum, veto de vingt- huit gouvernements allemands appuyés sur une cinquantaine de réunions parlementaires. Leur vanité les pousse toujours à se donner de l’importance en faisant valoir lenr égalité dynastique. * Je crois, continue-t-il, que pour un Zollverein à transformer après 1865, il faudrait puiser dans Vanalogie des projets unionistes de 1849, établir une espèce de parlement douanier. Les gouvernements ne s’y décideront qu’à contre-cœur, mais avec de la liardiesse et de la persistance nous pourrions venir à bout de beaucoup de choses. Les chambres et la presse pourraient devenir d’un puissant secours pour notre politique extérieure; elles devraient discuter le système des douanes allemandes, du point de vue prussien, largement et sans ménagements. Alors l’attention, maintenant blasée, se tournerait de nouveau vers elles; il en résulterait pour la Prusse, que nos chambres deviendraient une puissance en Allemagne Qu’on veuille bien le remarquer, ceci fut écrit dans une lettre privée, une année entière avant le commencement de la guerre, d’Italie, signal de réveil pour les nations du continent, engourdies depuis 1849. Suffit-il, en présence de pareilles manifestations, d’expliquer un revirement si frappant par quelques accès de mauvaise humeur contre les procédés de la diplomatie autrichienne? N’est-il pas évident que M. de Bismarck subissait l’effet du changement qui l’avait enlevé aux préoccupations mesquines de la cour de Potsdam pour le placer sur le terrain de la politique européenne? N’aperçoit-on pas distinctement dans les idées qu’il jette sur le papier le reflet d’un travail intérieur, qui aboutit forcément à cette intuition: qu’il ne suffit pas de la rosée céleste du droit divin pour régénérer une puissanee, une dynastie; qu’elle est obligée, pour grandir, de s’assimiler les forces vives du sol dans lequel sont implantées ses racines? Son point de départ était, à ne pas en douter, l’intérêt dynastique. Son éducation royaliste devait avoir identifié en lui la majesté du souverain avec celle du pays. En élargissant sa pensée, il procéda par induction, et finit par arriver au sentiment des vérités élémentaires, dans lesquelles nous entrons, nous autres, de plain-pied. Nul doute aussi qu’au fond de son âme il ne soit resté ce qu’il était. Sa manière d’être se ressentira toujours de son point de départ et de son procédé inductif. C’est un empirique en matière de bien public; mais précisément cet instinct supérieur, qui est le propre des grands empiriques, l’a conduit à la découverte des lois que la science fait sortir de sa synthèse par le procédé inverse. Depuis lonptemps le parti national était parvenu à cette conclusion, qu’il fallait employer l’instrument de la royauté prussienne: enfin il se trouve un homme qui, partant de la royauté, comprend qu’il faut recourir au principe de la nationalité et de tout ce qui en découle. C’est de cette rencontre que sont sortis les événements. Rien qu’en embrassant si vigoureusement la cause des intérêts économiques, M. de Bismarck laissa loin derrière lui les misères de son ancien parti, qui avait toujours flairé dans le progrès de l’activité industrielle l’approche de son ennemi mortel. Sous le règne précédent, M. de Kleist-Reezow, un des chefs et des types les mieux réussis de la chambre des seigneurs, qui fut placé à la tête des provinces du Rhin en qualité de président du gouvernement, ne manquait aucune occasion pour exhaler la sainte horreur que lui inspirait l’état florissant de ce pays intelligent et laborieux. Il déclarait dans ses tournées, que le bruit des usines, l’aspect des hautes cheminées lui faisaient mal au cœur, les qualifiant du 377 reste d’œuvre du démon. Des soldats et des paysans, voilà tout ce qu’il fallait pour être heureux, sans sinquiéter d’ailleurs si les uns suffisaient pour faire vivre les autres. On doit convenir que l’homme issu de cette race avait fait bien du chemin pour arriver à se préoccuper si vivement de la législation douanière, et pour en demander à grands cris la réforme avec le concours des chambres et de la presse. La guerre d’Italie le trouvant ainsi disposé, on devine dans quelle direction il aurait voulu pousser son gouvernement. L’Allemagne courut alors un immense danger. Pendant un moment, un faux sentimentalisme et un patriotisme factice, suscités en faveur de l’Autriche, dans le Midi surtout, menacèrent d’entraîner l’Allemagne à prendre les armes pour cette puissance. La cour de Berlin n’ètait pas restée en dehors de ce mouvement. Elle oscillait, pendant toute la durée de cette guerre, entre son intérêt rationnel qui était contre, et ses instincts légitimistes qui étaient pour l’Autriche. Précisément à mesure que la nation ouvrait les yeux à l’évidence et se tournait vers l’Italie, la royauté prussienne inclinait vers les Habsbourg, dont la cause était défendue dans le château de Potsdam par les influences les plus augustes. La défaite de Magenta vint au secours de ces machinations, qui montraient an prince régent (le roi actuel) le principe révolutionnaire envahissant l’Europe. La Prusse lança une circulaire aux cours allemandes, dans laquelle elle annonçait son intention d’une médiation armée en faveur de l’Autriche, prenant pour point de départ le maintien de cette puissance dans son statu quo territorial; et, pour appuyer cette démonstration, on mobilisa six corps d’armée, 250,000 hommes. En même temps la Prusse proposa à la diète de mettre sur pied deux corps d’armée des autres Etats en les rangeant sous 378 son commandement. Heureusement, ces mesures, qui engageaient beaucoup trop 'Allemagne, ne furent point agréées par l'Autriche. Elle envoya à Berlin le prince Windisck-Graetz déclarer qu’il ne s’agissait pour la Prusse ni de médiation, ni de commandement eu chef; que son devoir était de marcher aux côtés de l’Autriche, qui ne pensait pas, ajouta-t-il, à lâcher un seul village de la Lombardie. Toutes ces péripéties, se succédant avec la même rapidité que les événements, coïncidèrent presque avec la bataille de Solférino, et pendant que le négociateur autrichien pressait la Prusse de hâter sa déclaration de guerre à la France, et qu’il télégraphiait à Vérone que l’alliance était certaine, qu’on ne devait pas conclure de paix, l’empereur François-Joseph venait se jeter entre les bras de Napoléon III, et signer la paix de Villafranca. L’inquiétude de voir agir la Prusse autrement qu’en vassale, la crainte, bien pardonnable en face de la politique vacillante et cauteleuse de la cour de Berlin, de se mettre entre l’enclume et le marteau en s’acharnant dans une lutte contre la France, avaient décidé l’Autriche à se réconcilier précipitamment avec cette dernière. Elle préférait recevoir la paix de Napoléon III, comme récemment elle a préféré remettre entre ses mains la Vénétie. Elle retournait sa colère contre la Prusse. Un manifeste impérial, daté du ehâteau de Laxembourg (25 juillet 1859), accusa dans les termes les plus violents la cour de Berlin, d’avoir seule amené la défaite en abandonnant lâchement son ancien allié. Un journal du parti autrichien ajouta l’aveu naïf, que l’Autriche aurait préféré perdre trois Lombardies plutôt que de fournir à la Prusse l’occasion de prendre une plus grande position en Allemagne.*) : ) Die neue Aéra. Sondershausen, 1862. 379 Cette explosion violente de l’ancienne rivalité ne trouvait plus au siège de la diète M. de Bismarck. Dès le début de la guerre, la Prusse, cédant à cet esprit de tergiversation que nous venons de rappeler, avait éloigné de ce terrain brûlant un personnage aussi redoutable, en le nommant ambassadeur à la cour de Saint-Pétersbourg, toute disposée à s’entendre avec lui dans ses sympathies pour l’Italie. Il entra dans ses nouvelles fonctions en avril 1859. A peine installé, le 12 mai, quinze jours après le passage du Tessin par l’armée autrichienne, il adressa à M. de Schleinitz, ministre des affaires étrangères à Berlin, une lettre, document remarquable, entre tous ceux qui sont venus nous initier rétrospectivement aux projets qui ont si violemment surpris le monde, après avoir été si patiemment mûris. Dans cette lettre, qui est plutôt un mémoire, M. de Bismarck commence par exposer qu’une expérience de huit ans passés auprès de la diète de Francfort se résume pour lui en ceci: dans toutes les questions grandes ou petites, extérieures ou intérieures, la volonté ou les besoins de la Prusse sont engloutis dans la majorité, dont l’Autriche dispose, grâce à sa solidarité avec les autres princes. „Dans la question d’Orient, dit-il, les princes ont déclaré qu’ils iraient de l’avant avec l’Autriche, bien que, sans aucun doute, ce fût sortir tout à fait du droit fédéral et lui faire violence. En feraient-ils jamais autant pour la Prusse? Certes non! car c’est leur intérêt de s’opposer à tout développement de la Prusse, et jamais nous ne saurions triompher de cette résistance sans nous affranchir de la situation qui nous est faite par le statu quo des traités." Et après avoir développé cette pensée, il ajoute: „L’occasion de rompre ces entraves ne reviendra pas de sitôt, si nous négligeons de profiter de la situation actuelle; et dans l’avenir nous serons, comme nous le fûmes dans le passé, réduits à nous resigner dans la conviction qu’en des temps ordinaires il n’y a pas moyen d’introduire des 4 — 380 — changements. Si les hommes d’Etat du Midi désirent nous entraîner vers la guerre (contre la France), ils ne le font peut- être pas sans cette arrière-pensée consolante pour eux, que pour un pétit Etat il est facile de faire volte-face selon la tournure * que doivent prendre les événements." La phrase suivante trace déjà littéralement le programme de 1866. „Je pense, dit-il, que nous devrions nous empresser de relever le gant, ne pas voir un malheur, mais une crise salutaire et un progrès , dans le cas d'une majorité prenant à Francfort une décision, dans laquelle nous puissions trouver une atteinte au principe fédéral, un excès de pouvoir,, une rupture des traités .“ C’était là, mot à mot, l’argument sous l’invocation duquel, à sept ans de là, s’ébranla l’armée de Bohême, après que la diète eut voté la proposition de mobiliser trois corps. «Plus la violation sera saisissable, continue l’écrivain, mieux cela vaudra pour nous; en Autriche, en France, en Russie, nous ne retrouverons pas facilement des conditions aussi favorables à une amélioration de notre position en Allemagne, et nos alliés < sont en excellente voie de nous offrir les plus justes motifs, sans que nous ayons besoin d’encourager leur outrecuidance. Même la Gazette de la Croix commence à se fâcher contre ces procédés. ..." Et continuant à parler de ce journal, il le range absolument dans le nombre de ses adversaires, des partisans de l’Autriche. Il dénonce l’attitude des feuilles subventionnées, dit il, par l’Autriche, et la timidité des autres, qui n’osent soutenir la Prusse, qu’en déguisant leur pensée sous des tendances allemandes. Il faudrait avoir le courage d’arborer franchement le drapeau d’une politique prussienne; des mesures militaires devraient seconder cette propagande. La lettre se termine par ce passage extrêmement curieux: f «Quant au mot allemand au lieu de prussien , je ne voudrais le voir écrit sur notre drapeau que lorsque nous serons unis i i — 381 — avec nos autres compatriotes d’une façon plus étroite et plus efficace; il perd de son charme si on l’use dès à présent en l’appliquant à l’état de choses représenté par la diète. Je crains que Votre Excellence, à propos de cette excursion dans le domaine de mon ancienne activité, ne m’arrête en me criant: ne gutor ultra crepidam! Aussi bien n’avais-je pas l’idée de faire un rapport d’office, mais seulement de donner un avis d’expert contre la diète. Je vois dans notre position au sein de la confédération, quelque chose de vicieux, que tôt ou tard nous serons obligés de guérir ferro et igné, à moins que nous ne le soumettions à temps et dans la saison favorable à un traitement sérieux. Je crois, que si aujourd’hui la confédération se trouvait suppri mée sans même être remplacée par autre chose, rien que ce résultat négatif suffirait pour développer sous peu des rapports meilleurs et plus naturels entre la Prusse et ses voisins allemands." Voilà mot à mot, au printemps de 1859, le programme de 1866. Rien n’y manque, pas même la phrase qui, répétée plus tard devant un comité de la chambre prussienne, devait déchaîner contre son auteur toute l’indignation des honnêtes gens, la thèse du feu et du fer. Mais le passage le plus intéressant est celui où l’écrivain touche à cette question dominante: l’absorption de la Prusse par l’Allemagne, ou l’absorption de [l’Allemagne par la Prusse? Quel était alors le fond de la pensée de M. de Bismarck? En demandant à substituer plus tard le mot Allemagne au mot Prusse, n’avait-il recours qu’à ce stratagème éternel des gouvernements, qui imposent des sacrifices à leurs pays, en les consolant par la perspective des avantages qu’ils en recueilleront dans un avenir indéterminé? Pensait-il, en posant ce jalon, flatter les sentiments libéraux du supérieur auquel était adressée cette lettre, le comte Schleinitz, ministre de cette période de modeste illusion, qu’on avait nommée „l’ère nouvelle" ? ou bien était-il sincère? Contentons-nous pour le moment d’avoir posé la question. Le développement de notre étude se chargera d’y répondre. i / 382 On vient de voir que la Prusse avait laissé clore l’incident de la guerre d’Italie sans profiter des conseils donnés par M. de Bismarck. Du côté libéral, ils n’avaient pas manqué non plus. Toutes les colères et toutes les rancunes dont le cabinet de Yienne avait accablé celui de Berlin avaient plutôt intimidé qu’excité celui-ci. L’esprit de la cour et les influences déjà signalées travaillaient à amener un rapprochement, en empruntant au patriotisme allemand quelques raisons spécieuses qui avaient fait, pendant la guerre, une impression profonde sur l’opinion publique. Les passages méridionaux des Alpes, disait-on, étaient nécessaires à la défence de l’Allemagne, et en laissant affaiblir Autriche, ajoutait-on, la nation se laissait couper un bras, sauf à perdre l’autre dans le conflit inégal que la France ne tarderait pas à soulever dans un avenir prochain. Ainsi posé, l’argument avait d’autant plus de chances de prévaloir, qu’alors comme depuis, la France n’avait pas manqué de conseillers malencontreux empressés à remettre en avant à tout propos la question des frontières du Bhin. Yers la fin de juillet 1860, l’entrevue à Teplitz des souverains d’Autriche et de Prusse avait donné lieu à de nombreux commentaires sur des conventions secrètes destinées à garantir désormais les possessions vénitiennes à la maison d’Habsbourg. Le 22 août, M. de Bismarck écrivait de Saint-Pétersbourg, une lettre dans laquelle il donnait cours aux appréhensions que ces bruits avaient fait naître dans son esprit. Il se plaint de n’être qu’incomplétement renseigné sur la politique intérieure de sa cour, et démontre que, quand même on n’aurait conclu qu’un traité purement défensif avec l’Autriche, celle-ci saurait bien arranger les choses de façon à provoquer l’attaque de la France en Italie. Il se demande ce que les chambres prussiennes diront de cette entrevue de Teplitz et de la réorganisation de ) l’armée. Il s’attend à ce que tous le gens raisonnables se rangeront, dans cette dernière question, du côté du gouvernement. „Un correspondant bien informé, mais passablement bonapartiste, dit-il, m’écrit de Berlin ceci: A Teplitz, la bonhomie viennoise nous a joliment mis dedans, nous avons été vendus, et pas même pour un plat de lentilles. Plaise à Dieu qu’il se trompe!* Et à propos de ce correspondant „un peu bonapartiste,* il se plaint dans les termes les plus vifs de ce que des journaux libéraux l’aient accusé de négocier avec la France et la Russie pour obtenir leur adhésion à de certains remaniements, sous la condition de leur faire des cessions territoriales sur les frontières, notamment sur les bords du Rhin. „Jamais, s’écrie-t-il, je u’ai conseillé autre chose que de compter sur nos propres forces et sur l’appel aux forces nationales allemandes. Cette gent emplumée de la presse allemande ne se doute donc pas, dans sa niaiserie, qu’en m’attaquant, elle va droit contre ce qu’il y a de meilleur dans ses propres tendances? — Puis, se tournant vers le parti féodal: — ah, dit-il, si j’étais un réactionnaire autrichien, la Gazette de la Croix aurait bien pris mon parti, mais puisque j’ai le malheur d’avoir des opinions à moi, on m’abandonne avec délices au dénigrement.* Ainsi donc M. de Bismarck, momentanément relégué au second plan de la question allemande, avait non-seulement continué de s’en préoccuper vivement, mais avait même fini par attirer l’attention publique sur la part active qu’il y prenait. Le principe de fermentation que la paix de Villafranca avait laissé derrière elle se chargeait d’empêcher la cour de Berlin de retomber dans sa nullité. La question de la Vénétie était une blessure ouverte, et toute tentative nouvelle pour la guérir devait remettre sur le tapis cette embarrassante alternative: 384 assister l’Autriche contre la France ou l’Italie, ou profiter des complications pour faire un pas en avant vers cette suprématie allemande si ardemment demandée par une ' partie de la nation. Une année après la date de la lettre que nous venons de citer, M. de Bismarck s’était entretenu avec le roi à Baden (les eaux thermales ont le privilège de stimuler l’esprit politique); il avait exposé ses vues et avait fait impression. Tous ceux qui ont eu l’occasion de causer intimement avec M. de Bismarck lui reconnaissent cette qualité, propre aux hommes supérieurs et surtout aux hommes d’Etat, de pouvoir fasciner, dominer, envelopper son interlocuteur. Qu’on se figure ce politique, débordant depuis si longtemps des idées qui l’obsédaient, mis en présence de celui dont avant tout il s’agissait de s’assurer le concours! Le roi ne se montra ni insensible ni prêt à se laisser entraîner. Au début de la régence, il avait eu son moment de popularité facile; comme tout autre, il y avait trouvé du charme. La reine, pendant qu’elle n’était encore que princesse de Prusse, avait toujours fait des efforts visibles pour gagner les sympathies de la classe bourgeoise par les petits procédés de condescendance si faciles aux grands. Peut-être faudrait-il même compter parmi les circonstances particulières de la situation l’incident de l’attentat dont le roi avait failli être victime à Baden même. Le jeune Oscar Becker avait cru devoir faire disparaître de la scène le souverain inaccessible aux vœux de la nation. Qui sait si cette tentative criminelle n’avait pas suscité quelques réflexions sur la pensée qui avait poussé le jeune exalté à cet acte de désespoir? L’histoire n’est pas sans exemple de pareils enchaînements. L’air même du pays où la scène se passait était favorable aux idées du novateur. Les habitants . » du grand-duché sont les aînés des populations allemandes dans la jouissance de libertés politiques. Le grand-duc, gendre du roi, arrivé au gouvernement en pleine réaction, et d’abord inspiré par elle, soudain avait eu comme une révélation libérale; du jour au lendemain il était devenu l’homme le plus aimé, le plus avancé même de son pays, et s’abandonnait avec bonheur aux douceurs d’une popularité bien méritée. Tout se réunisssit donc pour ouvrir l’esprit du roi aux projets de grandeur future que son ministre développait à ses yeux. Cependant il se hâta lentement d’y entrer. Esprit peu souple, élevé dans le militarisme le plus rigoureux, toujours hanté par le spectre de la Révolution, qui s’était dressé devant lui eu 1848, il était peu disposé à s’embarquer vers des horizons inconnus, derrière lesquels il pressentait trop de choses nouvelles. Finalement il engagea son interlocuteur à lui résumer, dans une note écrite, la substance de leur conversation. C’est en en communiquant l’abrégé à un ami, que M. de Bismarck écrivit, le 18 septembre 1861, de Stolpemunde, en Poméranie, une lettre non moins intéressante que les précédentes. Il insiste avant tout sur l’inopportunité des programmes purement conservateurs, qui, selon lui, menacent de sacrifier l’avenir de la Prusse et de l’Allemagne au statu quo des prétendues souverainetés des petits princes, boursouflés d’orgueil. Au lieu de voir lancer des invectives à la république allemande, suivant le mode des journaux réactionnaires, il aurait préféré trouver les indications positives sur une nouvelle et meilleure organisation de la nation: „Nous avons besoin, autant que du pain quotidien, d’une consolidation plus serrée de la force armée de l’Allemagne; nous avons besoin d’un système de douanes plus perfectible, et d’un nombre d’institutions communes ayant pour but de protéger les intérêts matériels de l’Allemagne contre les dangers Subttig Sambetger’ê ®ef. ©cfjriften. HL l 25 provenant de la configuration irrationnelle de ses délimitations à l’intérieur. Nous devrions écarter toute espèce de doute sur la sincérité de notre désir d’améliorer cet ordre de choses. — D'ailleurs, je ne vois pas pourquoi nous nous effarouchons avec tant de bégueulerie, h la simple idée d'une représentation du peuple, soit auprès de la diète, soit dans un parlement douanier et unioniste. Certes nous ne pouvons combattre comme une chose révolutionnaire une institution légalement établie dans tous les pays allemands, et. dont nous autres conservateurs mêmes, ne voudrions pas nous passer en Prusse. On pourrait créer une représentation nationale d'un esprit bien conservateur, sans renoncer à obliger par lit le parti libéral. Le bruit des préparatifs de départ m’empêche de continuer. Pour le cas où vous auriez encore l’occasion d’expliquer à nos amis ma manière de me prononcer sur ces choses, je joins à cette lettre le brouillon dont je vous ai fait lecture, mais en vous priant de ne pas en divulguer le texte, parce que je ne sais pas s’il convient au roi que ce compte rendu d’une conversation que j’ai eue avec lui et que sur son ordre j’ai jetée sur le papier soit ébruité, surtout après avoir déjà, suivant ce qui m’est revenu, fourni le sujet de certaines discussions.“ A quinze jours de là, il annonce à la même personne, en date de Berlin, 2 octobre 1861, qu’il a été à Coblentz (où se trouvait le roi), et que son séjour n’a pas été tout à fait inutile à la politique allemande; qu’il a été chargé par le roi d’élaborer et de compléter la petite ébauche remise à Baden. Le 15 du mois, il devait se rendre à la fête du couronnement, et c’est là probablement qu’il déposa entre les mains du roi son mémoire sur la nécessité d’un remaniement général dans les affaires d’Allemagne. Il n’a pu manquer de se conformer dans cet exposé aux idées d’un souverain qui, le jour même, étonna le monde moderne par la formule dont il se servit en posant la couronne sur sa tête: „Je la prends, dit-il, de la table du Seigneur," indiquant par là qu’il était au-dessus de toute convention humaine, ce qui implique également au-dessus de toute responsabilité. Tel était le monarque à qui il 387 s’agissait de faire prendre la direction d’un mouvement national, unitaire, progressif, basé sur l’application la plus large du droit représentatif, et sur une juste appréciation du développement économique. Cette contradiction implicite ne suffit pas pour justifier tous les procédés de M. de Bismarck; mais elle explique peut-être pourquoi un homme de sa façon seul avait quelque chance de faire entrer dans la pensée royale la nécessité de combattre le droit divin, en compagnie de Garibaldi et de Kossuth. 2ù* IV. Le régime constitutionel n'a été jusqu’ici qu’un vain mot en Allemagne. Dans la pratique, jamais les gouvernements ne se sont subordonnés à la volonté reconnue des majorités. Le cas d’un ministère se retirant devant une défaite parlementaire s’est peut-être présenté une ou deux fois dans l’ensemble des Etats, grands ou petits, de la confédération, depuis quarante ans qu’ils possèdent des chambres représentatives. L’opinion des familles régnantes est absolument établie à cet égard. C’est, d’après elles, une monstruosité révoltante que de vouloir mettre à la place de la volonté souveraine du prince les décisions de gouvernés. A Berlin, notament, la royauté a toujours déclaré que c’était une amère plaisanterie de prétendre qu’un souverain prussien se laisserait imposer des ministres par les élus du peuple. Quelle était la pensée du roi Guillaume quand, malgré cette conviction absolue, il affirmait dans les discours solennels, — toujours très-vagues, il faut le dire, qu’il observerait fidèlement la constitution? Quelle était, selon lui, cette constitution qui permettait de lever des impôts pendant quatre ans sans la sanction des chambres? Depuis que le régime constitutionnel existait sur le papier, les partis libéraux s’étaient toujours soutenus par l’espoir de le faire peu à peu entrer dans les habitudes gouvernementales. Mais le ton tranchant qu le roi avait pris à l’occasion de son couronnement, ne pouvait laisser subsister aucune illusion. C’était bel et bien la proclamation du gouvernement personnel et absolu. Dès lors vouloir introduire une nouvelle mesure législative, en l’annonçant comme l’œuvre personnelle du souverain, c’était la dénoncer d’avance à toutes les méfiances et à toutes les résistances du pays; tandis que le roi croyait naïvement faire taire toute opposition, en recommandant une innovation due à son initiative et à ses méditations. Tel fut le sort de ce fameux projet de réorganisation militaire, autour duquel s’est concentré le conflit soutenu avec tant d’acharnement entre le peuple prussien et son gouvernement, conflit envenimé et prolongé à tel point, que dans l’opinion du monde, la guerre de 1866 même ne passa longtemps que comme un expédient inventé pour faire diversion à cette question de principe, afin d’enlever par la force des complications extérieures l’adhésion du pays à un changement intérieur. Erreur grave, mais quil faut attribuer exclusivement à l’attitude prise par le roi et les ministres, depuis le couronnement jusqu’aux événements de Tannée passée. Quant à la question de savoir si ce projet de réorganisation dont le roi Guillaume revendiquait la propriété intellectuelle, répondait au but d'améliorer le système défensif du pays, l’opinion publique ne consentait guère à la prendre au sérieux. Elle ne voyait dans l'augmentation des régiments de ligne et des annnées de service, qu’une mesure destinée à supprimer l’institution de la landwehr, institntion née du mouvement populaire de 1813; il ne s’agissait, d’après elle, que de sacrifier l’élément civil à l’élément militaire, et de multiplier les charges d’officiers, refuge traditionnel des fils de la noblesse. Personne n’y découvrait une arrière-pensée guerrière. La chambre refusa le vote du budget, dans lequel on avait fait entrer les éléments de cette innovation. Il s’ensuivit, le 6 mars 1862, une de ces dissolutions, si souvent répétées depuis, et toujours avec le même eflet. En même temps, les ministres qui représentaient encore les derniers vestiges des velléités libérales de la régence furent remplacés par un cabinet fermement décidé à faire triompher ce qui, dans le langage de la cour, s’appelait la prérogative royale. Le roi, se souvenant des qualités de supériorité et d’énergie qu’il avait eu l’occasion de deviner en M. de Bismarck, le fit venir de Saint Pétersbourg, en l’invitant à entrer au ministère. Mais celui-ci pour le moment déclina cet honneur. Les uns en donnent pour motif qu’il n’aurait pas voulu se subordonner à M. Van der Heydt, personnalité considérable qui avait survécu à la dernière crise ; les autres, probablement avec plus de raison, supposent qu’avant d’entreprendre la réalisation de ses grands projets, le calculateur prévoyant aurait éprouvé le besoin d’étudier de près les dispositions de la cour des Tuileries, et de s’en assurer éventuellement le concours. Déjà du temps de son ambassade en Russie, il avait fait un séjour passager à Paris, et avait trahi une grande envie de nouer des relations de nature intime avec la diplomatie française. Mais le cabinet Schleinitz, peu accessible aux tentations de la politique remuante, se méfiant du caractère aventureux de l'homme, avait nettement enjoint à son représentant de modérer son zèle et de se rendre à son poste officiel en Russie. Cette fois, M ; de Bismarck n’eut pas de peine à faire agréer ses conditions. II fut nommé ambassadeur à Paris, ou plutôt il s’était nommé lui-même, car dès cette époque, il se trouvait virtuellement à la tête du gouvernement, et 391 il ne dépendait que de lui de choisir son moment pour prendre possession de la présidence du cabinet. Une fois installé à Paris, il ne perdit pas son temps. Un seul été lui suffît pour amener la diplomatie française à l’entente qui depuis devait créer à celle-ci de si graves embarras. On a suffisamment devisé sur les conciliabules qui auraient marqué le séjour de M. de Bismarck à Paris, et surtout à Biarritz. Ne prétendant raconter que ce qui peut raisonnablement se savoir, nous n’essayerons pas de pénétrer dans le sanctuaire de ces confidences. Que l’intimité ait été grande, que les arrangements aient été sérieux, il est permis de le supposer en présence de ce détail bien significatif, que dans l’automne de cette même année, appelé à Berlin pour prendre définitivement la direction du ministère, M. de Bismarck ne crut pas devoir renoncer à l’honneur de retourner un moment à son poste d’ambassadeur, afin de prendre congé en bonne forme, et sans doute aussi en vue d’une dernière explication avec qui de droit. Nous risquerions de fatiguer le lecteur en lui demandant de nous suivre à travers toutes les péripéties de cette longue et douloureuse lutte, qui pendant trois ans et demi souleva contre M. de Bismarck l’opinion publique du monde civilisé. Maintenant que nous avons assisté au cinquième acte de ce drame, que nous connaissons les mobiles de l’action principale, nous sommes peut-être tentés de juger un peu moins sévèrement les énormités auxquelles s’est laissé entraîner le ministre. Il faut lui accorder, qu’obligé de cacher son jeu non-seulement à son principal ennemi, mais encore à son allié principal, il se trouvait dans une situation terriblement embarrassante. Peut-être même, faudra-t-il lui tenir compte de ce que, tout plein de son idée dominante, convaincu qu’elle était finalement justifiable, il s’impatien- tait à tort, mais de bonne foi, contre une résistance qui lui semblait le résultat de l’aveuglement. Mais quoi qu’il en soit, l’histoire ne pourra jamais lui voter le bill d’indemnité qu’il a obtenu de la représentation nationale. Celle-ci devait obéir à la nécessité de se mettre sur le terrain du fait accompli et de l’avenir. Son vote n’était qu’une transaction entre les fautes de la veille et l'intérêt du lendemain. L’histoire a le devoir contraire. C’est d’elle aussi qu’on devrait dire: elle rend des arrêts et non pas des services. Et quand même on ferait la part la plus large aux circonstances; quand on admettrait à un certain point la nécessité dans laquelle M. de Bismarck se trouvait, de couvrir sous des dehors impopulaires des projets de grande utilité, il resterait toujours à examiner: si le sentiment aristocratique et le dédain de la légalité qui ont engendré tous ses procédés n’appartiennent pas trop à l’essence de sa personnalité, pour qu’il en puisse rejeter la responsabilité sur l’enchaînement des circonstances extérieures. Dans un rôle odieux, il a déployé trop de verve naturelle; il a montré trop de talent dans l’art de se jouer de la morale publique, pour nous persuader que sa manière de penser n’ait pas été au-devant des procédés excessifs qui purent lui être imposés par la situation. Depuis qu’on s’est occupé en quelque sorte de la révision de son procès, il a été dit par lui et par ses apologistes, qu’en entrant au ministère le 24 septembre 1862, il s’était sérieusement flatté de pouvoir se concilier l’opinion libérale du pays, et de marcher d’accord avec elle. Ceux qui soutiennent cette version ajoutent même, qu’en refusant une première fois un portefeuille, il aurait uniquement agi sous l’impression que le conflit né de la loi militaire ne serait pas de trop longue durée, et que dans l’intérêt de ses grands projets, il ferait mieux de 393 n’entrer au ministère qu’après l’aplanissement de cette difficulté, et avec la perspective de s’assurer la bonne volonté de la chambre. D’aucune façon l’attitude des progressistes n’aurait pu l’autoriser à cet espoir. Youloir leur faire partager l’idée d’une propagande à main armée, c’était se tromper singulièrement sur le fond de leur pensée. On ne pourrait même pas dire qu’ils reculaient d’horreur devant cette idée: non, ils n’en étaient pas encore là, parce qu’ils ne soupçonnaient personne de l’avoir conçue, tellement elle leur paraissait monstrueuse, impossible. Ils en étaient toujours à la tradition des conquêtes morales adoptée par le régent; ils avaient la ferme conviction que la Prusse, s’identifiant avec la cause libérale, serait irrésistible, et que l’Autriche aussi bien que les petits princes capituleraient sans brûler une cartouche. Ils ne désespéraient pas de voir le chef des Hohenzollern embrasser sciemment et ouvertement la cause du peuple allemand. En tout ceci, M. de Bismarck était d’un avis absolument contraire; et il n’est pas inadmissible que malgré toute sa perspicacité, il se soit laissé aller à l’illusion de faire entrer sa conviction dans l’esprit du parti opposé. Car il n’est pas exempt de cette loi commune qui permet aux contradictions les plus frappantes de se trouver réunies dans le même individu. 11 a étonné le monde autant par sa franchise que par son astuce; on l’a vu tantôt préparer de loin les événements avec un raffinement de circonspection, tantôt les affronter avec une parfaite légèreté. D’ailleurs, il est dans la nature des caractères entreprenants de fixer leur but à grande distance, et de s’en rapporter pour tous les incidents du chemin à la puissance de leur génie d’improvisation. Pour M. de Bismarck, les difficultés qu’il pouvait rencontrer dans le parlement, dans la constitution, dans l’opinion publique, n’étaient qu’un incident, un simple 394 détail, une de ces questions d’intérieur dont il ne se préoccupait point, par un manque de vocation naturelle, sur le fond desquelles il était donc exposé à sé tromper dangereusement. Il ne réfléchissait pas non plus à ceci, qu’il arrivait au pouvoir dans des circonstances et avec une réputation faites pour épouvanter l’opinion publique, et qu’au lieu de compter sur ses dispositions favorables, il aurait dû faire l’impossible pour la rassurer. Les rapports d’intimité, qui en dernier lieu avaient existé entre lui et de hauts personnages, avaient mis le comble à son impopularité déjà si grande. On l’accusait ouvertement d’avoir cimenté à Paris l’accord du Royalisme féodal avec le Césarisme moderne. Certaines allusions tombées de sa bouche, et aussitôt répandues, le faisaient apparaître non-seulement comme l’instigateur d’un complot ténébreux, tramé contre toutes les idées de progrès, mais encore comme un élève docile dans la science de sophistiquer le principe démocratique. 11 n’y avait pas jusqu’au suffrage universel dont on ne le soupçonnât de vouloir se faire une arme contre la liberté. Au lieu de comprendre tout ce qu’il y avait de légitime dans ces suspicions, M. de Bismarck perdit patience aux premières résistances qu’il rencontra. Il comprenait toutes les lenteurs et tous les ménagements dont il fallait user envers la royauté, mais il ne tenait aucun compte des précautions à employer en abordant l’opinion publique. Dès ce moment, il se jeta tête baissée entre les bras du parti féodal, dont il avait, dans des moments lucides, parfaitement reconnu le néant. Ce parti naturellement ne demandait pas mieux que de ressaisir son ancien favori. C’était presque toujours la loi militaire qui faisait les frais du conflit parlementaire. Deux fois la chambre fut dissoute, une autre fois elle fut simplement renvoyée avec la déclaration qu’on se passerait d’elle pour la fixation du budget. Tous les défis et toutes les insultes furent jetés à la face du pays. M. de Bismarck et son principal collègue, M. de Roon, le ministre de la guerre, eurent des moments de cynique audace. Un jour un orateur ayant formulé des soupçons fort graves contre les ministres, et M. Yirchow ayant demandé qu’ils fussent invités à assister aux débats afin de pouvoir répondre, M. de Bismarck sortit nonchalamment d’un cabinet attenant à la salle des délibérations et jeta à l’assemblée quelques mots dédaigneux, déclarant qu’il était inutile de recommencer, attendu que dans la pièce où il était, on entendait suffisamment ce qui se passait entre ces messieurs. Une autre fois il dit en pleine séance, en face des députés: „Quand nous serons d’avis de faire la guerre, nous la ferons avec ou sans votre approbation. “ Le président ayant voulu arrêter un jour le ministre de la guerre dans une sortie antiparlementaire, celui-ci s’écria que le président n’avait pas le droit de l’interrompre, qu’un ministre était au-dessus de la police de la salle et du contrôle présidentiel. Il en naquit un long conflit qui aboutit à une violation ouverte du principe constitutionnel; le roi envoya aux chambres un message dépourvu de toute signature ministérielle. En même temps les chambres étaient congédiées (27 mai 1863). Qelques jours après, parurent les ordonnances sur la presse. Le système des avertissements et des confiscations, visiblement importé du dehors, fut appliqué aux journaux; une pression violente fut ouvertement exercée sur tous les fonctionnaires. Quiconque avait le courage de ne pas plier était poursuivi à outrance, discipliné, envoyé au fond de la province. Le cri de l’indignation générale s’éleva si haut, que le prince héritier lui-même ne put se soustraire à l’émotion commune. Dans une ré- 396 union publique, à Dantzig, il déclara que les ordonnances avaient été rendues à son insu, et qu’il les désapprouvait. Il alla jusqu’à écrire au roi, son père, pour protester contre un régime, qui, disait-il, mettait en danger ses droits à la couronne. Sa lettre eut pour résultat de le faire éloigner de la cour pendant un certain temps. Enfin la mesure fut comblée par les fameux arrêts de la cour de cassation de Berlin, composée exprès pour les besoins de la cause à l’instar de ces tribunaux que, sous Jacques II, on avait nommés un „packed jury.“ Les acquittements prononcés en première et en seconde instance à l’égard des députés, poursuivis pour avoir attaqué les ministres dans leurs discours, furent cassés; la liberté de la tribune, consacrée expressément par un article de la constitution, fut supprimée par la voie pénale. Cette magistrature dont l’incorruptibilité était devenue proverbiale — peut-être à trop bon compte; — ces fonctionnaires qui, bien que pédants et traeassiers, avaient conservé dans le servilisme même une sorte de rigidité, enfin tout ce qui touchait de près ou de loin à la sphère officielle, semblait être soumis à un traitement de démoralisation systématique. Le trafic des consciences entrait en pleine activité, un mot nouveau caractérisait les jeunes employés qui faisaient une fortune rapide sans autre mérite que celui d'être prêts à tout pour un peu d’avancement. On les nommait „die Streber," comme qui dirait: „les aspirailleurs.“ Il semblait que le moment fût venu où les pessimistes triompheraient dans leurs prédictions. On allait voir tous les abus de l’ancien régime s’accoupler avec toutes les roueries du despotisme moderne; les préjugés de l’orthodoxie se combiner avec les relâchements d’un réalisme frivole. „Une seule des nombreuses mesures illégales de ce temps , 11 c’est ainsi que s’exprime un savant fort modéré, „aurait suffi chez un peuple moins froid que le nôtre, pour faire éclater une r évolution. Si tontes ces mesures n’étaient pas l’œuvre personnelle de M. de Bismarck; si les plus odieuses d’entre elles précisément étaient peut-être préparées en dehors de lui par son collègue du département de la justice, un féodal pur, celui-là, personnellement cher au roi, le premier ministre n’en portait pas moins devant le monde la responsabilité de tout ce qui se passait, et en vertu de sa supériorité reconnue, ce n’était que justice. Là où il n’agissait pas lui-même, au moins il laissait faire. Son attention était tout entière à l’observation des complications extérieures; il cherchait le prétexte appelé de tous ses vœux pour constater une violation du régime fédéral et en faire le point de départ d’une rupture avec l’Autriche. Pour y arriver, il commença par recourir à celui de ses procédés qui s’inspire d’une extrême franchise. En décembre 1862, deux mois après son entrée au ministère, il provoqua, avec l’ambassadeur autrichien à Berlin, le comte Karoly, une explication dont nous possédons les comptes rendus suivant la version de chacun de ces deux diplomates. Ces versions sont du reste assez concordantes entre elles et instructives au plus haut degré. Dans une circulaire, adressée aux cours allemandes, le 24 janvier 1863, M. de Bismarck dit avoir signifié à M. de Karoly, qu’à son avis les rapports entre les deux puissances ne sauraient rester dans le statu quo ; qu’ils devraient ou s’améliorer ou empirer, et qu’à défaut de la première alternative, la Prusse allait se préparer à l’autre. Il dit ensuite avoir rappelé que, dans le temps antérieur à 1848, grâce à une certaine convention tacite entre les *) Schmidt, l. c. 398 deux puissances, l’Autriche avait toujours pu compter sur l’appui de la Prusse dans les questions extérieures, tandis que celle-ci avait ses allures libres pour les questions intérieures, ainsi que cela s’était vu à l’occasion de la fondation du Zollverein; — que depuis le rétablissement de la diète, la Prusse rencontrait, précisément dans les Etats les plus voisins (la Hesse électorale et le Hanovre), une résistance due aux incitations de la cour de Vienne; (pie si cette cour, au risque de s’aliéner les sympathies de la Prusse, laissait les choses aller de ce train, elle se berçait probablement de l’idée que, dans une guerre dangereuse pour l’Autriche, les deux puissances devraient néanmoins se retrouver au sein de la même alliance: mats que cette supposition reposait sur une grosse erreur , qui n’apparaîtrait peut-être qu’au dernier moment, mais alors avec une clarté fatale ; que si l’on ne revenait à l’ancienne intimité, l’alliance de la Prusse avec un adversaire de l’Autriche ne serait pas du tout chose impossible dans un cas semblable a celui de la guerre d’Italie de 1859; que l’Autriche avait le choix ou de continuer sa politique antiprussienne, basée sur une coalition avec les Etats moyens, ou de s’unir honnêtement à la Prusse. Après avoir touché encore à quelques questions du jour, M. de Bismarck pria l’ambassadeur d’Autriche de mettre le plus d’exactitude possible dans ce qu’il allait écrire de cette conversation à M. de Rechberg, ajoutant que, d’après sa conviction, les bons rapports entre les deux cours ne sauraient plus être rétablis qu’au moyen de la plus entière sincérité. Peu de jours après, le 13 décembre, M. de Bismarck eut un second entretien avec le même diplomate. En examinant les paroles échangées à cette occasion, nous ne pouvons nous empêcher de remarquer que déjà, au commencement de 1863, l’Allemagne, bien que ne s’en doutant nullement, était à deux doigts de la catastrophe finale, uniquement ajournée alors par la mort du roi de Danemarck et la guerre du Schleswig. M. de Bismarck alla trouver le comte Karoly et lui déclara que, d’après les dépêches de son ministre à Francfort, les choses prenaient une tournure très-sérieuse à la diète; qu’on était sur le point de vouloir imposer à la Prusse par la ma- iorité dans l’affaire dite „des Délégués", une décision contraire h la constitution fédérale-, que cela amènerait une rupture de la fédération même, que le cas échéant, il rappellerait son représentant à la diète et qu’il cesserait de reconnaître la légalité d’une assemblée, dont la Prusse se serait retirée; qu’alors on ne pourrait plus soumettre les garnisons prussiennes des forteresses fédérales aux injonctions de la diète, qu'il en naîtrait un conflit fort grave, et que la responsabilité des suites retomberait sur les gouvernements qui auraient compromis l’état paisible de la confédération par leurs procédés agressifs C’est la formule identique dont la Prusse s’est servie trois ans plus tard pour préparer son casus ielli , et en présence de cette analogie frappante, le doute n’est plus permis sur l’intention, dès lors nettement arrêtée dans l’esprit du premier ministre, de pousser les choses à l’extrême. L’intervention seule de circonstances imprévues le fit renoncer à son plan de campagne, mais ce ne fut que pour mieux en poursuivre l’exécution à travers de nouvelles combinaisons beaucoup plus artificieuses. Le rapport du comte Karoly, adressé à M. de Rech- berg un mois après que M. de Bismarck eut lancé sa circulaire (18 février 1863), complète ce document en nous donnant le point de vue autrichien dans cette question de rivalité. M. Karoly trouve que les prétentions de la Prusse à une prépondérance dans les affaires intérieures de l’Allemagne ne sont basées sur aucun droit sérieux ; qu’en voulant y arriver aux dépens de l’Autriche, elle demande à celle-ci le sacrifice d’une position qui lui appartient en vertu d’une tradition séculaire, en vertu des traités et de la grandeur de la dynastie. „Enfin“, ajoute le ministre, et le mot, devenu historique, date de ce jour-là, „enfin il nous a textuellement posé l’alternative ou de nous retirer de l’Allemagne en transportant le centre de notre monarchie à Ofen, ou de trouver la Prusse dans les rangs de nos adversaires, à l’occasion du premier conflit européen qui surviendrait." La dépêche se termine par cette conclusion: „I1 nous appartient de dévoiler à temps le prétexte dont la Prusse voudrait se servir pour arriver à ses fins." Ce prétexte, il faut le dire, l’Autriche s’était .chargée de le fournir en prenant en main l’œuvre que les meneurs des petits Etats avaient élaborée sous le nom de Projet des délégués, afin d’organiser une espèce de contre-guérilla diplomatique, destinée à faire diversion aux tendances unionistes de M. de Bismarck. L’intention peu sérieuse de ces prétendues réformes était si transparente que personne ne fut pris au stratagème, excepté ceux qui l’avaient inventé. Le tout se résumait dans la proposition de convoquer, à titre d’essai, une assemblée composée de délégués des chambres des différents Etats pour délibérer sur quelques objets de législation civile, avec voix consultative seulement. C’était donner beau jeu à M. de Bismarck, et il ne se fit pas faute d’aplatir ses adversaires en opposant à leur triste simulacre de constitution un programme autrement hardi. Dans un vote motivé du 28 Janvier 1863, son envoyé à la diète insista sur des réformes sérieuses, notamment sur la convocation d’un vrai parlement allemand. Dans ces conditions, il assurait le concours de la Prusse. Mais si la majorité 401 faisait mine de lui imposer des demi-mesures, il ceserait de reconnaître l’autorité fédérale. Ces menaces ébranlèrent la majorité. Les gouvernements allemands, toujours heureux de se laisser retomber dans la béatitude de l’inaction traditionelle, sacrifièrent sans regret leurs velléités de réforme sur l’autel de la concorde. Comme d’habitude, le Hanovre et la Hesse furent les premiers à donner le signal de la débandade. Mais l’Autriche ne se tint pas pour battue. Depuis qu’elle avait perdu la Lombardie et se voyait menacée en Vénétie, elle s’était plus que jamais mis en tête que son salut dépendait de sa domination en Allemagne. Après avoir compris que le projet des délégués avait succombé par son insuffisance, elle se promit d’étonner l’Allemagne par quelque chose de grandiose et d’inouï. Si son esprit avait été à la hauteur de ses intentions, la monarchie autrichienne aurait pu saisir ce moment pour se donner le beau rôle. Car personne n’avait pris au sérieux les déclarations de M. de Bismarck. Les protestations parlementaires et nationales du ministre qui malmenait son pays avec un arbitraire sans précédent, étaient regardées comme une amère dérision. L’Autriche, s’emparant courageusement de la tradition de 1849, convoquant sans détour un parlement sur la base de la constitution donnée par le parlement de Francfort, enjoignant aux princes de s'effacer sous l’autorité de l’unité nationale, aurait au moins eu des chances de succès. Au lieu d’agir ainsi, elle croyait que la dernière comédie des délégués n’avait manqué son effet que faute d’une mise en scène suffisante. Augmenter les splendeurs du spectacle lui paraissait être tout ce que la situation pouvait lui imposer. Elle crut que c’était un trait de Sitbroifl Sam&etaer’ê ®ef. ScWften. m. 26 génie de réunir à Francfort un congrès de princes , dans lequel tous les souverains allemands paraîtraient en personne pour jouer le rôle de pères de la patrie, et que le public ne résisterait pas devant un si grand effet dramatique. Elle eut pour ce programme non-seulement l’adhésion de tous les petits princes, toujours prêts à parader et à s’amuser, mais aussi le concours d’une classe de politiques qui, grâce aux influences de l’Autriche même et à leur parenté d’esprit avec ses coryphées, étaient arrivés au poste de premiers ministres et à la renommée d’hommes d’Etat dans quelques gouvernements princiers. Tout ce monde qui se croyait si habile et si fort s’était donc concerté pour faire des journées d’août 1863 un chef-d’œuvre de solennité et d’éblouissement. Ce n’était à Francfort qu’entrées pompeuses, cortèges, harangues, uniformes, carrosses, majestés, altesses, excellences, le tout arrangé de manière à évoquer le plus possible les souvenirs des couronnements impériaux du temps jadis. A l’honneur du public, il faut dire que la galerie fut d’une impassibilité magnifique. En voyant tous ces seigneurs escortés de leurs laquais dorés, le bourgeois ne voulut pas oublier leurs tristes antécédents, et malgré les antipathies que la Prusse s’était attirées personne ne fut dupe de l’inanité des démonstrations organisées par ses adversaires. Quant au projet de réorganisation soumis au congrès, ce n’était autre chose que celui dès délégués repeint et redoré à neuf. L’embellisement principal consistait dans l’installation d’une présidence autrichienne, qui serait flanquée de plusieurs directeurs choisis dans les autres souverains. Le roi de Prusse avait été invité le dernier à venir à cette reunion, quatre jours apres les princes. M. de Bismarck répondit que des propositions de cette nature avaient besoin d’être examinées de plus près, et qu’on accepterait une réunion pour le mois d’octobre; que de cette façon, le roi aurait le temps de discuter les articles avec ses ministres. Mais le congrès, passant outre, adopta d’un trait, après une délibération sommaire, tout le projet autrichien, et une note fut expédiée à la Prusse, la mettant en demeure d’y adhérer ou de se voir exclure de la nouvelle organisation. Le 15 septembre, la Prusse répliqua par un refus, dont les motifs étaient tirés de l’insuffisance des changements projetés. Elle réitéra en même temps ses conditions principales : partage de la suprématie entre elle et l’Autriche sur le pied d’une entière égalité, et représentation nationale avec pouvoir législatif. Il lui fut répondu par des notes identiques de la part de l’Autriche et des autres Etats. Enfin, après une série de démonstrations plus violentes les unes que les autres, les diplomates des puissances confédérées se réunirent à Nuremberg pour délibérer sur des mesures préventives à prendre contre la Prusse, qui avait parlé de casus belli. En remettant sous les yeux du lecteur tous ces faits significatifs, nous devons nous étonner que l’opinion publique ne se soit alors montrée ni plus attentive ni plus alarmée. Cette indifférence en présence de menaces, dont maintenant nous pouvons apprécier le caractère de gravité, s’explique par le scepticisme avec lequel le peuple allemand, depuis un demi-siècle, s’était accoutumé à regarder tous les tiraillements entre ses deux grandes puissances. Chaque fois qu’une des deux avait demandé qu’on prît fait et cause pour elle contre l’autre, le public avait haussé les épaules. „Les loups ne se mangent pas entre eux,“ avait-on coutume de dire. Malgré tous les gros mots échangés, le pays pensait comme l’Autriche: qu’au moment décisif, la solidarité des tendances réactionnaires se chargerait de la réconciliation. 26 * — 404 — Mais dès cette époque, les choses auraient pris sans doute une tournure sérieuse, de nature à faire revenir le peuple allemand de son erreur, si la marche de l’action n’avait pas été arrêtée d’une manière imprévue. Dans la nuit du 14 au 15 novembre, était mort à Copenhague Frédéric VII, roi de Danemarck. Cet événement devait emprunter aux circonstances une gravité extraordinaire. Vu dans son ensemble, l’épisode de la guerre du Nord (de 1864) se présente si bien dans toutes les conditions d’une intrigue dramatique, la plus habile qu’on ait jamais montée sur la scène politique, qu’amis et ennemis sont depuis longtemps convenus d’y voir le coup de maître de M. de Bismarck. S’il était vrai que la série des incidents qui se sont succédé depuis la mort subite du roi de Danemark jusqu’à la campagne de Bohême, eût été le résultat d’un plan dressé d’avance, il faudrait avouer qu’à aucune époque le machiavélisme, dans ses conceptions les plus hardies, n’a produit un chef-d’œuvre de cette force. Avoir trouvé l’Autriche en bonne voie de popularité, entourée du dévouement des princes allemands, campée dans la diète qu’elle présidait, représentant le système de la légitimité, vivant en profonde entente avec les puissances; et l’avoir, au bout de deux ans, isolée de tout le monde, discréditée devant les masses, brouillée à mort avec les princes et avec la diète ; lui avoir fait méconnaître le principe légitimiste et l’autorité fédérale, et l’avoir mise en contradiction, non-seulement avec la France et l’Angleterre, mais avec sa propre politique; l’avoir ainsi traînée à la remorque, malgré elle, d’étourderie en étourderie, pour finalement se retourner 406 contre elle et lai courir sus, quand elle n’avait plus ni amis, ni alliés, ni système, ni direction, ni consistance; ce serait là évidemment avoir fait preuve de la plus haute perfection dans cet art de duper, qui jadis passait pour le dernier mot de la diplomatie. Mais il faut savoir résister à la tentation qui nous pousse à dramatiser trop volontiers les événements. Certes la réalité produit bien souvent des combinaisons plus ingénieuses qu’il n’en est jamais sorti du cerveau d’un poëte, et cette fécondité de la vie même devrait nous rendre méfiants envers la tendance de notre imagination qui aime à chercher, derrière toute coïncidence des événements, la main humaine qui les a artificiellement préparés. Au seizième siècle, tout le monde eût été d’accord pour soutenir que M. de Bismarck avait fait empoisonner le roi de Danemark, parce qu’il sut tirer de cette mort subite un si grand profit pour la réalisation finale de ses projets. En examinant de près toutes les péripéties de cet épisode, on arrive plutôt à la conviction que le ministre prussien n’y a montré ni cette unité de vues ni cette diabolique préméditation, que les amateurs du roman dans l’histoire ont voulu reconnaître dans l’enchevêtrement des incidents. Le courant de l’action diplomatique l’entraîna parfois dans des contradictions si fortes avec lui-même, qu’on pourrait l’accuser d’avoir un peu légèrement compté sur les ressources de son talent d’improvisateur. Sa manière de profiter des incidents rappelle en certain moment le mot de ce romancier qui, pour caractériser son procédé inventif, disait: „Quand je laisse frapper un coup à la porte du cabinet de mon héros, je ne sais pas encore moi-même qui va entrer." En voyant s’ouvrir cette succession des duchés, M. de Bismarck dut naturellement saisir avec empressement l’occasion de faire d’une pierre deux coups : provoquer un conflit avec la diète et en même temps acquérir un territoire précieux. L’Autriche pouvait raisonnablement balancer entre deux partis à prendre: ou se ranger strictement du côté du traité de Londres, conclu en 1852 sous ses auspices, en reconnaissant le droit dynastique du roi de Danemark; ou bien se mettre à la tête du mouvement allemand en faveur de l’indépendance des duchés. M. de Bismarck qui avait juste l’intérêt contraire, qui ne voulait ni laisser les duchés au Danemark ni les soumettre à la juridiction fédérale, moyen sûr de les voir refuser à la Prusse, manœuvra si bien que l’Autriche le suivit docilement dans tous les chemins tortueux qu’il choisissait successivement pour s’approcher de son but. L’affaire des duchés avait toujours été pour les petits princes de la confédération un moyen de faire du patriotisme à bon marché. C’était un dérivatif sans danger pour l’effervescence populaire, un prétexte toujours bien venu pour jouer au soldat. Dans le cas présent, une circonstance toute particulière venait donner un nouvel attrait à la combinaison. La version la plus populaire revendiquait les duchés en faveur du prince d'Augustenbourg. C’était reconnaître en même temps le principe de la légitimité et celui des petites souverainetés, dont le nombre se serait trouvé augmenté par l’adjonction de ce nouveau confrère. La diète avait fait occuper le duché du ïïolstein par un corps d’armée fédéral, composé de Saxons et de Hanovriens. M. de Bismarck, pénétré avant tout de l’importance du fait accompli, n’hésita pas à décréter que les Prussiens iraient s’installer à côté, dans le Schleswig, sous un prétexte quelconque. LAutriche, à son tour, voyant marcher la Prusse, se dit qu’elle ne pourrait rester spectatrice inactive d’une pareille occupation et se décida également à entrer dans le Schleswig. Alors M. de Bismarck lui offrit de se réconcilier et de s’entendre pour agir de com- 408 mun accord. Il tendait une amorce à laquelle la cour de Vienne n’aurait su résister. Sous prétexte que les princes de la confédération qui faisaient cause commune avec la clameur publique entraînaient la diète sur la pente révolutionnaire des revendications nationales, il fit entrevoir à M. de Rechberg à quelles funestes conséquences la monarchie allait s’exposer par la reconnaissance de ce principe subversif. Il lui fit sentir combien il était plus prudent et plus digne de rester sur le terrain de la grande diplomatie, de repousser l’intervention turbulente de la diète qui obéissait à la pression de l’opinion publique, par conséquent de se mettre en rapport avec les grandes puissances européennes, non en qualité de mandataires de la confédération, mais à titre de grandes puissances allemandes. Une réconciliation avec la Prusse sur cette base réactionnaire paraissait à M. de Rechberg présenter un double avantage: il se hâta de donner dans le piège. S’emparant avec bonheur du rôle que M. de Bismarck lui avait assigné, il chargea son représentant auprès de la diète de soumettre à celle-ci une proposition ayant pour objet d’enjoindre au prince prétendant l’ordre de sortir des duchés, et d’interdire simultanément toutes démonstrations publiques en sa faveur dans les Etats de la confédération. La diète refusa. Alors l’Autriche et la Prusse réunies demandèrent qu’on les autorisât au moins à occuper le Sehleswig, en leur qualité de grandes puissances. Nouveau refus de la diète. Après ce double échec subi en janvier 1864, les deux gouvernements résolurent de se mettre en contradiction ouverte avec la diète, et d’entrer dans le Schleswig, malgré celle-ci. Ainsi donc l’Autriche, qui pendant un demi-siècle avait basé tout son système sur sa solidarité avec les souverains de second et de troisième rang dans la confédération et sur l’institution de la diète, s’était laissé entrainer à rompre ce lien, à faire cause commune avec la Prusse, guidée par un intérêt tout à fait contraire. Lorsque les deux armées se mirent en marche, le conflit en était venu à ce point, que le royaume de Saxe, appelé à deux ans de là à se faire écraser aux côtés de l’Autriche à Sadowa, refusa le passage à l’armée impériale qui dut faire un détour à travers la Prusse. Pour que rien ne manquât à la maladresse, un secrétaire d’Etat*) déclara formellement dans la chambre des députés à Vienne, au nom de son gouvernement, que l’Autriche n’entendait mener cette guerre que contre le mouvement soulevé en Allemagne, puisque jamais elle ne pourrait reconnaître le principe des nationalités! Après avoir supprimé ainsi de fait la diète et amené l’Autriche à en méconnaître l’autorité, M. de Bismarck était bien forcé de se débarrasser du traité de Londres, qui, aussi bien que la jurisprudence fédérale, lui interdisait l’annexion des duchés. En capitaine bien avisé, il s’était d’abord occupé uniquement de l’un de ses adversaires, et celui-là à sa merci, il se retourna contre l'autre. A plusieurs reprises il avait reconnu la validité du susdit traité; ce qui ne l’empêcha pas, le moment venu, de s’en affranchir. Le 15 mai 1864, il déclara qu’il ne se regardait plus comme lié envers le Danemark par le traité de 1852, puisque cette puissance l’ayant enfreint elle-même ne pouvait plus en revendiquer les avantages. Le lendemain du jour où il avait fait cette manifestation officielle il révélait, dans une lettre adressée à un ami (elle est datée du 16 mai 1864), que la question de droit n’était qu’un prétexte pour arriver, de manière on d’autre, à l’annexion des duchés. L’ami, appartenant au camp des conservateurs, s’était effrayé en lisant le *) M. de Biegeleben. projet d'adresse de la chambre prussienne, qui se prononçait vivement contre le Danemark. H. de Bismarck lui répond: „Je comprends vos objections contre l’adresse qui, néanmoins, à mon avis, nous rend service en exerçant une certaine pression sur la marche des négociations diplomatiques. Il est possible que je me trompe; car plus je travaille dans la politique) plus je perds confiance dans les calculs humains ... La situation est ainsi faite, qu’il me convient de lâcher, contre les Dano- philes de la conférence, tous les chiens qui ont envie d’aboyer (excusez ce style chasseur); le tapage de toute la meute réunie produit cet effet sur les pays étrangers, qu’ils se font à l’idée de regarder comme impossible le rétablissement du régime danois dans les duchés .... Je ne crains pas que l’adresse puisse nous créer des embarras. Je ne regarderais pas du tout comme un malheur que notre notre nation lût tellement saisie d’ambition prussienne, que le gouvernement, au lieu de stimuler) se trouvât plutôt obligé de tempérer l’ardeur générale. Enfin, pour caractériser la situation, je vous avouerai que l’annexion prussienne n’est pas le but suprême et nécessaire de mes efforts, quoiqu’elle m’en représente le résultat le plus agréable. “ Et, en même temps qu’il formulait ainsi sa véritable pensée, il ne se contentait pas de la déguiser en discutant avec le Danemark un point de droit fort douteux, mais il s’amusait à jouer encore un trosième jeu avec l’Angleterre. A lord Woodhouse, envoyé de Londres pour faire un dernier essai de conciliation, il répondit .que jamais la Prusse ne pourrait s’entendre avec le Danemark, tant que celui-ci conserverait son régime démocratique; qu’un coup d’Etat à Copenhague était le seul moyen d’éviter la guerre! Toutes ces tergiversations ouvrirent enfin les yeux à l’Autriche, qui commença dès ce moment à pencher définitivement vers le prétendant. M. de Bismarck, de son côté, ne sentant pas encore la situation suffisamment préparée pour montrer son jeu, ne crut pouvoir mieux faire que de l’embrouiller encore davantage: suivant l’Autriche sur son terrain, il se donna l’air de prendre en considération les droits du prince d’Augustenbourg, ne cherchant en somme qu’à gagner du temps pour profiter de nouveaux incidents. Finalement, après avoir mis en avant à Copenhague le traité de Londres, à Londres la démocratie de Copenhague et à Vienne le duc d’Augustenbourg, il vit arriver le moment qui devait lui permettre de renoncer à ce triple subterfuge. La guerre contre le Danemark, une première fois interrompue par les conférences de Londres, avait éclaté de nouveau après que le terme assigné à l’œuvre des diplomates fut expiré sans résultat. La seconde campagne, avec ses succès définitifs et l’invasion du Jutland, amena la paix de Vienne qui, le 30 octobre 1864, mit les duchés à la disposition absolue des deux puissances alliées. Aussitôt la Prusse se précipita sur ce nouveau point de droit, tiré uniquement du fait, pour mettre de côté toutes les questions de parchemin et ne revendiquer le pays qu’à titre de conquête- Encore une fois, cette intérpretation qui opposait la force brutale à toute invocation de principe, était trop du goût de l’Autriche pour qu’elle n’y eût pas donné son adhésion. On s’installa donc à titre de copossesseurs, en signifiant à la diète que l’affaire ne la regardait pas autrement. A partir de là, commencèrent nécessairement les hostilités entre les deux rivaux, l’Autriche cherchant à opérer de nouveau sa jonction avec la diète, qui soutenait plus que jamais le prétendant, et M. de Bismarck opposant toutes sortes de difficultés à l’admission de ce dernier. Les choses en arrivèrent bientôt à ce point que, pendant trois mois entiers, les négociations restèrent interrompues entre les deux cours de Vienne et de Berlin. Reprises enfin au mois de juin 1865, elles aboutirent, le 412 22 juillet, à un ultimatum prussien. Dès le 15, M. de Bismarck avait dit à Karlsbad, au duc de Gramont, que la guerre était devenue inévitable entre l’Autriche et la Prusse; qu’il désirait en venir aux mains le plus tôt possible; que la mission de la Prusse était de prendre en main les destinées de PAllemagne. Cependant il ne lui fut pas encore cette fois permis de dégainer. Les deux familles régnantes, malgré toute leur irritation, éprouvaient une répugnance extrême à tirer l’épée. Elles aiment beaucoup le régime militaire, mais au fond, elles ne sont pas de nature belliqueuse; l’horreur de rompre le lien de la sainte alliance, et un peu aussi l’horreur de verser le sang allemand, les remplissaient d’épouvante. Ces hésitations du dernier moment amenèrent une dernière transaction. Le 14 août, la conférence de Gastein créa un intérim destiné à faire cesser l’état d’indivis. Provisoirement l’Autriche obtint la possession exclusive du Holstein, la Prusse celle du Sclileswig, moins favorable parce que le Holstein sépare le Schleswig de toutes communications directes avec l’Allemagne. Mais celui qui avait accumulé toutes ces complications pour aboutir à une rupture, ne pouvait plus laisser échapper de ses mains une situation amenée avec tant de peine à ce point de maturité. On avait laissé passer la guerre d'Italie et le congrès des princes sans faire un pas vers une solution définitive. Ne pas saisir cette troisième occasion c’eût été décourager la fortune. L’acquisition de deux nouvelles provinces était sans doute faite pour plaire à la royauté beaucoup plus que toute espèce de point de vue national; et cette perspective, jointe aux succès remportés par les troupes, dut permettre à M. de Bismarck d’enlever finalement la décision de celui qui, jusque-là, avait toujours reculé devant une mesure extrême. Dès ce moment, le reste ne fut qu’une question de 413 manœuvre. Non-seulement le cabinet prussien renouvela ses exigences pour certaines conditions à imposer au futur souverain des duchés, mais il fit aussi élaborer par ses légistes un mémoire qui contesta les droits du prétendant d’une manière absolue. Et afin de concentrer tous ces moyens d’attaque, il renouvela la proposition de convoquer un parlement allemand, en l’accompagnant d’une circulaire diplomatique, qui adjurait l’Allemagne dans les termes les plus pathétiques de se serrer autour du drapeau de l’unité, sous peine de subir dans le cas contraire le sort de la Pologne (24 mars 1866). L’effet sur l’opinion publique fut nul. Par ses procédés contre les chambres prussiennes, M. de Bismarck avait perdu toute ombre de crédit auprès des gens sérieux. S’il eût encore pu prétendre à être cru sur parole, il aurait dû renoncer à cette illusion lorsqu’il accusa l’Autriche de nourrir contre la Prusse des intentions belliqueuses, jurant ses grands dieux que, quant à lui, aucune idée d’agression n’était entrée dans son esprit. C’était trop demander à la crédulité même des plus naïfs. Il est vrai que l’Autriche à cette époque s’était adressée à ses plus fidèles partisans dans une circulaire confidentielle pour les inviter à faire des armements (14 mars 1866), mais il est inutile d’ajouter que jamais précaution ne fut moins superflue. L’alliance entre la Prusse et l’Italie, dont les traces remontent jusqu’en 1865, était avancée à tel point que, trois semaines après la susdite circulaire prussienne, le traité formel entre Victor-Emmanuel et le roi Guillaume put être signé à Berlin (8 avril). L’Autriche depuis longtemps gémissait au souvenir de l’immense faute qu’elle avait commise en se laissant séparer de ses anciens fidèles; elle avait fini par faire amende honorable pour être réintégrée au sein de la diète. Dès le commencement de l’année 1865, M. de Schmerling, 414 le ministre d’État, avait formellement avoué que, dans la question du Schleswig - fîolstein, la politique autrichienne s’était complètement fourvoyée. Substituant maintenant le principe de l’autonomie du pays au système brutal du droit de conquête, l’Autriche convoqua les états des duchés pour les consulter sur leurs vœux ; en même temps elle parut devant la diète en pécheresse repentie, mettant aux pieds de la compétence fédérale, si longtemgs méconnue, le droit de prononcer en dernier lieu sur cette éternelle controverse. C’était le 1 er juin 1866. De cette façon la lutte se trouva directement engagée entre la diète et la Prusse. Sur la proposition de l’Autriche, la diète vota la mise sur pied de trois corps d’armée destinés à faire une démonstration contre les menaces de la Prusse ; et ce vote fournit à cette dernière le signal, attendu depuis des années, de déclarer le traité fédéral violé par la diète elle-même (14 juin). Entin était arrivé pour M. de Bismarck le moment décisif de vider par le fer et le feu la question de la suprématie en Allemagne. Une année auparavant, le 25 juillet 1865, il avait dit dans une entrevue à Salzbourg, à M. Von der Pfordten, ministre de Bavière, que le duel inévitable entre la Prusse et l’Autriche ne pouvait plus tarder, mais que ce serait fini vite : „Un seul choc, une bataille décisive, et la Prusse sera à même de dicter les conditions." Jamais programme n’avait été plus formellement annoncé et ne fut plus littéralement exécuté. VI. Si l’on devait juger l’habileté de M. de Bismarck d’après l’attitude dans laquelle il trouva en face de lui le peuple allemand au moment où éclatait la guerre de 1866, on serait tenté non-seulement de lui contester toute espèce de supériorité, mais il faudrait même avouer qu’après quatre ans passés à préparer le terrain de la lutte, il avait abouti à un effet absolument contraire à son intention. Il avait détruit ses dernières chances de trouver un appui dans le concours du pays. On n’arriverait jamais à comprendre les vrais mobiles de ces labeurs ardus, de ces marches et contremarches sans fin, si l’on se contentait d’en demander l’explication aux efforts dirigés par M. de Bismarck à l’adresse de l’opinion publique. Sa préoccupation à lui était d’autre nature. Sa façon réaliste d’envisager les questions le déterminait à chercher son appui ailleurs que dans l’assentiment théorique des masses; et toutes les fois qu’on croit le surprendre en flagrant délit de contradiction apparente, il faut s’attendre à le voir recourir aux mystères de certaines difficultés, dont le dernier mot pourrait se résumer en ceci: qu’entre deux maux, le moins grand lui avait toujours semblé celui qui l’obligeait à sacrifier le concours moral du pays au concours effectif du pouvoir établi. 416 Toujours est-il qu’au moment décisif il n’avait aucun appui moral dans la nation. A quoi lui avait-il servi de malmener, de compromettre l’Autriche en la brouillant avec la confédération et avec l’opinion publique? Le jour où il accusait la cour de Vienne de vouloir la guerre, d’avoir fait des armements dans ce but, cette ironie cruelle, cette provocation adressée au bon sens obligeait tout homme impartial de prendre la défense de l’Autriche contre ces insinuations encore plus ridicules qu’odieuses. Le jour où la Prusse attaqua l’Autriche, le peuple allemand, toujours prêt à prendre les choses politiques du côté sentimental, ne vit plus pour un instant dans ce conflit que la lutte d’un agresseur coupable contre une victime marquée d’avance. Le grand nombre avait toujours repoussé l’idée de cette guerre comme une chose moralement impossible. Il en advint qu’en présence du fait s’accomplissant, l’opinion se trouvait prise au dépourvu. Il se trouva des gens enferrés dans leur conviction pour crier encore que la Prusse n’oservait jamais, quand elle avait déjà livré plusieurs combats. L’opinion publique était donc réduite à faire une des opérations les plus difficiles de la tactique, un changement de front sur le champ de bataille même. Les premiers à se décider furent ceux qui, une fois la lutte entamée, jugèrent la question simplifiée du tout au tout. Dès ce moment, ils ne demandèrent plus qui était 1 agresseur ni qui avait le plus provoqué le parti libéral. Ils ne virent que les deux principes incarnés dans la Prusse et dans l’Autriche. Ils se décidèrent aussitôt pour la Prusse. En seconde ligne vinrent ceux pour lesquels la question d’existence qui se débattait entre les deux gouvernements n’était pas une cause déterminante. Il fallait qu’ils vissent toute l’intelligence et 417 toute la vigueur d’un côté, toute l’ineptie de l’autre pour comprendre où était la vie et l’avenir. L’adhésion de ceux-là vint avec la victoire. Les derniers, enfin, furent ceux qui eurent besoin de toucher du doigt, de voir une nouvelle organisation installée, des trônes supprimés, le Nord doté d’une constitution, le Midi appelé à un rendez- vous prochain, pour avouer qu’un grand pas était fait; qu’en tout cas il ne fallait plus penser à arrêter l’Allemagne dans cet élan vers son unité véritable et complète. Le nombre de ces derniers n’est pas encore épuisé. Il augmente tous les jours. Si M. de Bismarck était loin de représenter cette cause populaire dans toute sa pureté, on ne put au moins lui contester qu’il eût fait un pas énorme depuis son entrée dans la vie politique. L’homme qui, en dictant la paix de Nickolsbourg, et presque sur le champ de bataille, proclama la nécessité de créer des chemins de fer, des débouchés pour le commerce, la liberté de l’industrie, n’était évidemment plus le même qui, en 1849, le 18 octobre, dans la discussion sur la liberté des métiers, avait demandé qu’on limitât le nombre des apprentis dans chaque profession, et que les maîtrises fussent autorisées à prescrire la qualité et à fixer le prix des produits. Il n’appartenait plus, après son alliance avec Victor-Emmanuel, à son ancien parti qui avait envoyé un bouclier en vermeil au roi de Naples. L’homme qui se montrait, en 1849, l’antagoniste par principe de toute amnistie, devait arracher au roi, en 1866, dans la nuit même qui précéda l'entrée des troupes à Berlin, le décret proclamant la remise de tous crimes et délits politiques. Lui accorder un esprit flexible, ouvert aux idées du progrès, c’était lui faire une concession d’une portée d’autant plus grande, qu’on ne pouvait refuser à un homme de sa perspicacité le don de prévoir la conséquence de ses Subtuifl SBombetger’S ©ef. ©djriftcn m. 27 418 propres actions. Qui voudrait le soupçonner d’avoir ignoré que délivrer Venise, c’était attaquer Rome; que battre l’Autriche, c’était briser le concordat et relever la Hongrie; qu’unir l’Allemagne, c’était rompre avec la légitimité? Mais s’il était décidé, lui, à ne pas reculer devant les conséquences de son entreprise, il avait affaire en première ligne à des personnages dominés par un esprit bien différent. Les allusions à cet ordre de choses ne se rencontrent pas dans les confessions de M. de Bismarck qui précèdent son entrée au ministère; mais elles reviennent et s’accentuent de plus en plus, au fur et à mesure que sa politique s’avance vers le dénoûment suprême. Il fallait bien compter alors avec toutes les forces vraies du pays ; il fallait penser au concours des patriotes éclairés et à l’élan des masses libérales. Car il fallait bien envisager l’éventualité d’une défaite. M. de Bismarck n’avait pas eu de relations personnelles avec l’opposition parlementaire pendant la période du conflit soulevé par la réorganisation militaire et l’interprétation de la constitution. Mais au commencement de juin 1866, lorsque la guerre était devenue inévitable, il chercha à entrer en pourparlers avec quelques-uns de ses adversaires les plus influents et les plus intelligents. Il les fit prier de la manière la plus significative d’accepter des entrevues confidentielles avec lui, dans lesquelles il leur posa surtout la question de savoir s’ils voteraient les fonds nécessaires à la guerre, et s’ils le soutiendraient dans le cas d’un revers? Il les conjura d’abdiquer pour un moment leur antagonisme et de ne penser qu’à la patrie. On lui répliqua que c’était lui qui avait creusé un abîme entre le pays et la royauté, par la manière insensée dont il avait constamment froissé 419 l’opinion publique, et rendu impossible tout retour de la confiance au gouvernement. M. de Bismarck ne contesta pas la valeur de ces griefs, mais il s’abrita derrière les difficultés inextricables de sa position auprès d’un maître réfractaire aux idées modernes, entouré d’influences ultra- aristocratiques et peu enclin, grâce à son âge avancé, à modifier ses opinions. Il demanda que pour le moment on ne pensât qu’à l’Etat et à la grande patrie, et expliqua comment, sans se livrer à de vaines illusions, on pouvait mieux espérer de l’avenir. Il ne fit aucune difficulté pour reconnaître que quelques-uns de ses collègues dans le ministère méritaient d’être écartés, et qu’on avait eu tort de ne pas mieux se prêter à une entente avec la chambre au sujet des lois militaires. Que quant à lui, il aurait désiré aboutir à ces deux résultats, mais qu’on surfaisait son influence; qu’il avait à lutter avec des obstacles insurmontables. Le roi, dit-il, ne voulait pas entendre parler de mesures conciliantes, qui auraient eu pour effet une réduction quelconque de l’armée, et c’était peine perdue que de lui demander un changement dans la composition du cabinet. Dans cette situation il avait dû, disait le ministre, tout sacrifier à son grand but, poursuivi depuis huit ans. Ce but c’était l’expulsion de l’Autriche, condition indispensable pour la formation d’un État allemand. Assister l’Autriche dans la guerre d’Italie aurait été un suicide, et c’est dans ces termes mêmes qu’il dit avoir dissuadé dans le temps le roi de cette résolution, qui, pendant un moment, avait eu de grandes chances d’être adoptée. Mon plus grand triomphe, s’écria-t-il plus d’une fois dans ces entretiens, c’est d’avoir obtenu du roi de Prusse cette déclaration de guerre contre l’Autriche, et la convocation d’un parlement allemand. Laissez l’avenir faire le reste, et ne me demandez pas pourquoi je n’ai pu arriver à ce 27 * but suprême sans me mettre sur le dos la presse et les chambres. Il y a de grandes choses qu’on ne peut obtenir avec des discours et des votes. Il faut avoir cinq cent mille baïonnettes. — M. de Bismarck n’eut pas de difficulté à prouver à ses interlocuteurs, dans ces épanchements pleins des aveux les plus intéressants, qu’ils ne pouvaient pas désirer le voir se retirer dans ce moment suprême; quant à lui-même, il ne pouvait pas non plus, ajoutait-il, augmenter les difficultés de sa position en adoptant une politique radicalement différente de celle des dernières années. Je peux déposer mon portefeuille, dit-il, mais je ne peux pas du jour au lendemain avoir l’air de tourner casaque, d’autant plus que cela ameuterait contre moi tout ce qui est hostile à ma grande politique. — De telles explications, données dans le ton d’une loyale aménité, finirent par préparer une entente entre le ministre et une partie notable de l’opposition, qui décida de le soutenir, non après la victoire remportée, mais bien avant que le canon de Sadowa fût venu en aide à ses arguments. Celui qui réunirait les déclarations déposées par M. de Bismarck dans des notes et des discours officiels, depuis qu’il est au pouvoir, y retrouverait toujours la substance de ces entretiens, les mêmes idées fortement serrées les unes contre les autres: volonté de régénérer l’organisation allemande, subordonnée à la nécessité de disposer d’une grande force matérielle, afin de battre l’Autriche, et à côté de cette thèse, le sous-entendu revenant à tout propos, que le plus difficile est de gagner à cette cause l’esprit du roi. Le problème était d’une nature d’autant plus délicate que le roi, honnête à sa façon, se croyait toujours dans son droit, quand il insistait sur les plus grandes hérésies, en fait de légalité constitutionnelle. Il trouvait monstrueux qu’une opposition parlemen- 421 taire prétendit se mêler du choix de ses ministres et des dépenses affectées à l’armée, ne cessant pas pour si peu de protester de sa fidélité envers la constitution. Jusqu’en 1848, il n’avait vu dans l’État que deux choses: la royauté et l’armée, et ses opinions passaient pour si absolues qu’au moment de la révolution, la cour elle même l’avait prié de se dérober au ressentiment public. Pendant longtemps on vit inscrit, en grands caractères, sur son palais: ^Propriété nationale." Il n’était alors que l’héritier présomptif du trône. Le souvenir poignant de ces jours fit de lui le chef naturel de la contre-révolution. Il commanda la campagne contre le soulèvement badois de 1849, et signa les nombreux arrêts de mort qui attristèrent cet épisode, sans se laisser attendrir ni par l’illustration des patriotes, ni par l’intégrité des citoyens, ni par l’âge des jeunes gens dont les tribunaux militaires demandaient le sang. Depuis cette époque, quand les monarques de Prusse entendaient de temps en temps monter jusqu’à leur palais l’écho de quelques murmures de la population berlinoise, ils avaient l’habitude de dire qu’ils n’igoraient pas que les révolutionnaires les menaçaient du sort de Louis XVI. Croit-on que ce fût chose facile de bâtir sur ce terrain l’alliance avec l’Italie et la Hongrie contre les Habsbourg et les Hanovriens? Et pendant que le roi éprouvait les hésitations inspirées par ses sentiments légitimistes, il n’échappait pas non plus aux influences de l’horreur que la guerre inspirait au parti libéral. La reine, une descendante des Princes Mécènes de Weimar, moins inaccessible aux idées modernes, partageait à cet égard la répugnance qui agitait la nation elle-même. M. de Bismarck se voyait donc dans la nécessité de conquérir l’esprit du roi, non-seulement sur lui-même, mais encore sur tout son entourage le plus intime. La guerre 422 était déjà déclarée que derrière le dos du premier ministre, mais au su du roi, la cour négociait encore avec l’Autriche. Obligé de faire face à tous les embarras de cette situation, le ministre sans doute était toujours plus prompt à sacrifier les prétentions du pays que celles de la royauté; néanmoins son esprit ne fut jamais entièrement fermé aux objections de la partie adverse. , ; Je passe ma vie,“ avait-il coutume de dire, „à faire l’office de tampon entre le roi et les libéraux.“ Ce dualisme gouvernemental n’était pas uniquement représenté par la différence de vues existant entre le roi et son premier ministre, mais encore par la divergence peut-être plus grande entre ce dernier et ses principaux collègues, qui étaient des conservateurs pur sang. Cette divergence d’opinions dans le sein d’un même gouvernement, inadmissible ailleurs, n’a rien qui jure avec les traditions de la cour de Berlin. L’Etat prussien est avaut tout l’œuvre personnelle de Frédéric-Guillaume I er et de son fils le grand Frédéric. Tout le système porte encore aujourd’hui l’empreinte de ces deux fortes individualités. L’un et l’autre étaient les maîtres uniques et absolus du royaume, connaissaient seuls l’ensemble des affaires, veillaient même avec une certaine jalousie à ce que les ministres n’étendissent pas la connaissance des affaires au delà de leur département 1 ). A la mort de Frédéric, la gestion des finances même était si éparpillée dans des bureaux différents, qu’on ne possédait aucun ensemble de la situation, et que dans le public s’était répandu le bruit absurde que le roi avait volontairement détruit les comptes pour créer des embarras à son successeur. Son père n’avait jamais voulu permettre que les ambassadeurs étrangers vissent un ministre, et le fils suivait cet exemple. Jamais les ministres ne se ré- Twesten, der preussische Beamtenstaat. unissaient en conseil, n’échangeaient leurs opinions; souvent, pendant des périodes fort longues, ils ne voyaient pas même le roi, avec lequel ils ne communiquaient que par écrit et seulement sur des matières d’un ordre tout à fait secondaire. Ou raconte de Frédéric-Guillaume III, qui est mort en 1840, qu’il était resté dix ans sans recevoir son ministre en activité de service, M. von Altenstein; sous son successeur, l’avant-dernier roi, il n’était pas rare d’entendre un ministre se plaindre de ce qu’il ne pouvait pas arriver jusqu’au prince pour lui faire son rapport sur une affaire. Sous Frédéric-Guillaume II, le contemporain de la révolution française, les favoris, très-nombreux, des aventuriers de toute espèce, traitaient les ministres du haut en bas, et même sous le règne actuel, ces anomalies n’ont commencé à disparaître que depuis peu. Il y a deux ans seulement qu’un certain nombre d’officiers supérieurs composant ce qu’on appelle le «cabinet militaire* tout ià fait en dehors de la constitution, à coté des ministres, primaient souverainement l’influence de ces derniers. C’est dans ce cabinet militaire que les grandes questions furent agitées de la façon la plus intime et la plus décisive; et l’ou comprend comment ce dualisme s’accordait avec cette tradition dans la famille des Hohen- zollern, que l’État c’est avant tout les soldats et que les soldats leur appartiennent. Encore a l’heure qu’il est, il arrive parfois que le roi interrompt son travail avec les ministres quand on lui annonce un colonel. Avec ces habitudes, avec cette manière de voir, on peut se figurer ce qu’était un régime constitutionnel interprété par un roi de Prusse, et l’on n’aura plus de peine à croire que le souverain regardait ses ministres comme ses serviteurs personnels, et n’admettait pas qu’il eût à consulter autre chose que son goût pour les choisir ou pour les renvoyer. Quand on lui démontrait que tel des ministres exaspérait le pays sans bénéfice pour la couronne; qu’il était non- seulement tracassier, mais incapable et paresseux; le roi répondait que les manières de l’homme ne lui déplaisaient pas et qu’il était accoutumé à travailler avec lui. Quand on insistait, le roi se lamentait à l’idée qu’on voulût le séparer, lui septuagénaire, d’un serviteur fidèle; et quand on ne cédait pas à cette considération il se fâchait et tournait les talons. En 18G6, le ministère était composé de trois éléments différents: MM. de Bismarck et de Roon représentant l’aristocratie éclairée, active, relativement accessible aux idées du temps, aux conditions du progrès; à côté d’eux M. Von der Heydt, le ministre des finances, spécialité de grand talent, survivant à tous les régimes, faisant du libéralisme ou de la réaction à volonté; enfin, la féodalité pure était représentée par le ministre de l’intérieur, comte Eulenbourg, et celui de la justice, comte Lippe, tous les deux excessivement bien en cour. Les titulaires du culte, du commerce et de l’agriculture ne venaient qu’en sous- ordre. Ceux qui, après comme avant 1866, s’obstinent à ne voir en M. de Bismarck que le chef de la contrerévolution européenne, se sont toujours ingéniés à nier le conflit latent quil soutenait depuis longtemps contre les plus arriérés de ses collègues. Ils ont notamment toujours prétendu que l’hostilité que le premier ministre montrait contre le comte Lippe, ministre de le justice, n’était que pure comédie; ils en ont fait l’objet de leurs risées 1 ). Mais les événements les ont complètement désavoués. Car l ) A ce propos on a inventé le terme de Zwei-Seelen-Ministe- rium (ministère aux deux âmes) en parodiant un vers bien connu en Allemagne le garde des sceaux, après avoir été attaqué, blâmé, malmené par le chef du cabinet dans la séance publique du parlement du 10 octobre dernier, a fini par être renvoyé, pour avoir soutenu, avec un acharnement insensé, les poursuites contre la liberté de la tribune. Depuis, un nouvel incident a mûri le conflit entre M. de Bismarck et le comte Eulenbourg. La question du fonds provincial du Hanovre (question trop compliquée pour en essayer l’explication ici) a notoirement ébranlé la position du ministre de l’in- terieur, et, à cette même occasion, la scission entre M. de Bismarck et tout le parti ultra-conservateur a éclaté d’une façon manifeste A côté de ces faits d’une certaine importance, nous pourrions en citer bien d’autres de moindre dimension mais également significatifs, pour montrer que les difficultés créées à H. de Bismarck par l'entourage réactionnaire de la cour ne sont pas imaginaires, qu’il y a du vrai dans son affirmation, revenant à tout propos dans les conversations intimes: que son pouvoir à l’intérieur n’est dans aucun rapport avec son rôle dans la grande politique. Est-ce à dire qu’au milieu d’une cour féodale et sous un régime plus ou moins personnel, M. de Bismarck représente la justice ou la liberté? Après tout ce qui précède, nous ne saurions être soupçonné d’un tel paradoxe. D’ailleurs, en matière d’histoire comme en matière de roman, il vaut mieux montrer les personnages en action que les définir. Il ne s’agit que de les voir de tous les côtés et de près pour qu’ils prennent eux-mêmes la peine de s’analyser. M. de Bismarck se prête d’autant plus facilement à ce procédé qu’il n’a en lui rien de la vocation d’acteur dramatique, qu’on rencontre si souvent dans les hommes politiques éminents. Non pas qu’il y ait lieu d’accorder une confiance entière à ces allures franches par lesquelles il a l’habitude d’étonner son public. 426 Tous ceux qui l’ont fréquenté savent parfaitement à quoi s’en tenir sur ces confidences surprenantes faites quelquefois pour dérouter, tantôt par un excès de sincérité, tantôt par un excès contraire. Quand il simule, il exagère tellement, qu’il manque son effet, et Ton peut dire qu’il a plus souvent trompé ses adversaire en leur disant la vérité qu’en la niant. A-t-il fait une seule dupe par ces circulaires diplomatiques d’avril et mai 1866, dans lesquelles il se lamentait au sujet des préparatifs de guerre de cette belliqueuse Autriche, qui voulait à tout prix tomber sur la Prusse inoffensive? ou, quand il affirmait devant les chambres, qu’en gouvernant sans budget, il croyait rester dans les limites de la constitution (lui qui, plus tard, demanda l’indemnité?). Il nie peut-être sans scrupule, mais aussi sans art. Quand il prend des allures de pourfendeur, il a parfois l’air de rire sous cape. En face d’un adversaire, il peut être provoquant, malicieux, méchant même, mais il n’est pas faux; il peut blesser la morale et la justice, mais il ne blessera pas le bon goût par des attitudes pathétiques, Il n’est pas de la race des bulle- tiniers, qui croient qu’on mène le monde avec des phrases bien senties, ou qu’on triomphe des misères publiques, en les enveloppant "dans des banalités pompeuses. Bien au contraire, il est de ceux qui, par plaisir d’accentuer les contrastes, dépassent le but pratique. Avait-il besoin, dans le comité de la chambre, de proclamer le principe du fer et du feu? Ceux qui obéissent uniquement à ces sortes de conviction ne sont pas ceux qui les affichent en public, ils ont plutôt la bouche pleine de douceurs humanitaires. Son humeur nonchalante perce à travers l’état défectueux de ses chapeaux et de ses cravates. Quelque chose en lui rappelle ce type de crânerie et de bonhomie réunies dans l’étudiant allemand, querelleur, présomptueux) 427 ~ ferrailleur, jovial et un peu sentimental dans les recoins de son âme. Après Sadowa, il dit à un ami que l’aspect du champ de carnage l’avait pendant quelques jours rendu insensible à la jouissance de son triomphe. Quelquefois une nuance mélancolique paraît pour un instant dans ses lettres. Se plaignant un jour des dénigrements du parti de la croix: „I1 n’y a rien de tel, dit-il, que des inquisiteurs surgissant au milieu d’un camp ami; entre camarades, qui ont longtemps mangé à la même marmite, on est mille fois plus injuste qu’entre ennemis. Tant mieux, j’en prends mon parti, il est bon d’apprendre qu’il ne faut pas compter sur les hommes, et je rends grâce à tout incident qui me fait rentrer en moi-même.“ — Une autre fois, il se laisse aller jusqu’à une sorte d’Os- sianisme en écrivant: „J’ai presque la nostalgie de mon appartement du quai anglais (à Saint Pétersbourg) avec sa vue calmante sur les glaces de la Newa.“ On a raconté souvent la plaisanterie de la feuille d’olivier qu’il tira un jour de son étui à cigare, en disant à un libéral qu'il l’avait cueillie à Avignon pour l’offrir à l’opposition, mais que le moment n’était pas venu, et qu’il la conservait pour un temps à venir. Il use beaucoup du cigare, et cette habitude ajoute à la nonchalance de son extérieur. Pendant qu’il était ambassadeur à Francfort, son ennemi intime, M. de Rechberg, convoqua un jour les membres de la diète et les reçut chez lui en robe de chambre. M. de Bismarck, pour user de représailles, aussitôt tira de sa poche son étui, prit un cigare, en offrit un second à son voisin, et sans attendre la réponse: „N’est-ce pas, cher comte, vous permettez?“ dit-il en allumant. Cette désinvolture, cassante à l’occasion, est avant tout le résultat d’un esprit actif, remuant, impatient de tout faire et de tout savoir par lui-même. Il a tracassé, exaspéré la presse et la chambre; mais du moment qu’il espérait 428 séduire un député ou un journaliste par des confidences, par des explications, il les recherchait avec empressement, causant, avec un sans-façon parfois indiscret, de tous les grands rouages de l’Etat. En 1849, il envoya un cartel au rédacteur du Kladderadatsch (le Charivari de Berlin), et plus tard, pendant son ambassade à la diète, le public le soupçonnait très-fort de collaborer quelquefois en cachette à cette même feuille, surtout quand elle donnait quelque bonne charge d’un diplomate autrichien. Où il se laisait aller à toute la verve de son humeur, tantôt provoquante, tantôt enjouée, c’était devant les comités des chambres. Le babillage auquel il pouvait s’abandonner à huis clos allait beaucoup mieux à son talent que l’éloquence publique. „Dans ces moments," dit un témoin de ces discussions, „tout passait devant nos yeux dans une confusion de kaléidoscope et avec un mouvement si rapide qu’il était impossible de suivre. Il y avait un contraste frappant entre le sérieux des membres de la commission plongés dans les chiffres et autres données positives et le babillage du ministre brodé de termes étrangers." Pour compléter ce portrait, nous ne pouvons nous empêcher d’ajouter, au témoignage des faits et à celui des observateurs, le document dans lequel le ministre a entrepris un jour de se caractériser lui-même devant le public et devant la France tout particulièrement. On voit par là que ce n’est pas une confession faite pour être acceptée sans réserve. Mais sans oublier qu’elle a été dictée pour les besoins de la cause, on ne peut après tout, en jugeant le procès de M. de Bismarck, lui refuser la parole pour qu’il s’explique lui-même. Il est entendu qu’il ne prêtera pas serment et que nous serons libres de ne l’écouter qu’à titre de renseignement. Un journaliste français, M. Vilbort, qui avait suivi la campagne de l’armée prussienne, demanda une audience au' ministre avant de rentrer en France, et il a rendu compte de son entretien dans le Siècle du 10 juin 1866. Entièrement convaincu de l’indépendance d’esprit dans laquelle l’honorable journaliste se trouvait en sortant de ce tête-à-tête, nous devons présumer, d’un autre côté, qu’il n’a pu se permettre la publication de ce morceau qu’après en avoir prévenu le ministre. Nous n’allons donc pas trop loin en disant que c’est M. de Bismarck lui-même qui paraît dans les lignes suivantes pour parler au lecteur français. Voici comment s’exprime M. Vilbort: A mon arrivée à Berlin, on me dépeignait M. de Bismarck comme un homme inabordable. On me disait: „Ne cherchez point à le voir, vous y perdriez votre temps. Il ne reçoit personne; il vit au fond de son cabinet sous triple serrure. Il n’en sort que pour aller chez le roi, et c’est à peine si ses plus intimes conseillers parviennent jusqu’à lui. „ Je demandai pourtant une audience au premier ministre du roi de Prusse. M. de Bismarck me fit savoir sur-le-champ qu’il me recevrait le soir. En entrant dans ce cabinet, où la paix de l’Europe est comme supendue à un fil, mais dont la porte n’était fermée qu’au pêne, je vis un homme de haute stature, au visage tourmenté; sur son front élevé, large et plein, je découvris, non sans quelque surprise, beaucoup de bienveillance unie à l’opi- nâtreté. M. de Bismarck est blond; ses cheveux sont rares sur le sommet de la tête: il porte la moustache militaire, et dans sa parole il y a plutôt la rondeur du soldat que la circonspection du diplomate. C’est aussi le grand seigneur et l’homme de cour, armé de toutes les séductions dune politesse raffinée. Il vint à moi, me prit la main, me mena vers un fauteuil et m’offrit un cigare. Monsieur le ministre, lui dis-je après quelques préliminaires, comme beaucoup de mes compatriotes, j’ai à cœur de me renseigner le mieux possible sur les véritables intérêts de la nation germanique. Permettez-moi donc de vous parler avec une entière franchise. Je reconnais volontiers que, dans sa politique extérieure, la Prusse paraît tendre aujourd’hui vers des buts éminemment sympatiques à la nation française, savoir: 430 l’Italie définitivement affranchie de l’Autriche, l’Allemagne constituée sur la base du suffrage universel. Mais, entre votre politique prussienne et votre politique allemande, la contradiction n’est-elle pas flagrante? Vous proclamez un parlement national comme l’unique source d’où l’Allemagne puisse sortir régénérée, comme le seul pouvoir suprême qui soit capable d’accomplir ses nouvelles destinées; et en même temps vous traitez la seconde chambre de Berlin à la façon de Louis XIV, lorsqu’il entrait au parlement de Paris son fouet à la main. Nous n’admettons pas en France que, entre l’absolutisme et la démocratie, le mariage soit possible. Et pour aller jusqu’au bout de la vérité, à Paris, laissez-moi vous le dire, l’opinion publique n’a pas pris au sérieux votre projet de parlement national: on n’a vu là qu’une machine de guerre fort bien imaginée, et l’on croit généralement que vous êtes l’homme à briser cet instrument après vous en être servi, et le jour où il deviendrait incommode ou inutile. “—A la bonne heure, me répondit M. de Bismarck, vous allez au fond des choses. En France, je le sais, je jouis de la même impopularité qu’en Allemagne. Partout on me rend seul responsable d’une situation que je n’ai pas faite, mais qui s’est imposée à moi comme à tous. Je suis le bouc émissaire de l’opinion publique, mais je m’en tourmente peu. Je poursuis avec la conscience parfaitement tranquille, un but que je crois utile à mon pays et à l’Allemagne. “Quant aux moyens, je me suis servi de ceux qui se sont offerts à moi, à défaut d’autres. Sur la situation intérieure de la Prusse, il y aurait bien des choses à dire. Pour la juger avec impartialité, il faudrait étudier et connaître à fond le caractère particulier des hommes de ce pays. Tandis que la France et l’Italie forment chacune aujourd’hui un grand corps social qu’animent un même esprit et un même sentiment, en Allemagne, au contraire, c’est l’individualisme qui domine. Chacun ici vit à part dans son petit coin, avec son opinion à soi, entre sa femme et ses enfants, toujours en défiance envers le gouvernement comme envers son voisin, jugeant tout à son point de vue personnel, mais jamais au point de vue de la masse. Le sentiment de l’individualisme et le besoin de la contradiction sont développés chez l’Allemand à un degré inconcevable. Montrez-lui une porte ouverte, plutôt que d’y passer, il s’entêtera à vouloir s'ouvrir un trou à côté dans la muraille. Aussi, quoi qu’il tasse, aucun gouvernement ne sera jamais populaire en Prusse. Le plus grand nombre se montrera toujours d’un avis opposé. Par cela seul qu’il est le gouvernement et qu’il se place comme une autorité en tace de l’individu, il est condamné à être perpétuellement contredit par les modérés, décrié, conspué par les exaltés. Ç’a été le sort commun de tous les régimes qui se sont succédé depuis le commencement delà dynastie. Les ministres libéraux, pas plus que les ministres réactionnaires, n’ont pu trouver grâce devant nos politiques...“ Et, passant en revue les règnes et régimes divers depuis l’origine de la monarchie, M. de Bismarck s’attacha à me prouver dans un langage très-coloré, très-pittoresque, et tout semé de saillies, que les Auerswald et les Manteuffel avaient eu la même fortune, et que Frédéric-Guillaume III, qu’on appelait le Juste, avait perdu son latin à vouloir contenter les Prussiens, aussi bien que Frédéric-Guillaume IV. Ils acclamaient, ajouta-t-il, les victoires de Frédéric le Grand; mais à sa mort ils se frottèrent les mains d’aise de se voir débarrassés de ce tyran. Cependant, à côté de cet antagonisme existe un attachement profond pour la dynastie. Point de souverain, point de ministre, point de gouvernement qui puisse conquérir la faveur de l’individualisme prussien; mais tous crient du fond du cœur: Vive le roi! Et ils obéissent quand le roi ordonne. „ — Il y eu a pourtant qui disent, monsieur le ministre, que le mécontentement pourrait bien en arriver jusqu’à la rébellion. „— Le gouvernement ne croit pas avoir à la craindre, et il ne la craint pas. Nos révolutionnaires ne sont pas si terribles. Leur hostilité s’exhale surtout en épithètes contre le ministre, mais ils respectent le roi. C’est moi seul qui ai fait tout le mal, et c’est à moi seul qu’ils en veulent. Avec un peu plus d’impartialité, peut-être reconnaîtraient-ils que je n’ai pas agi autrement parce que je ne l’ai pas pu. Dans la situation actuelle de la Prusse en Allemagne, et en face de l’Autriche, il nous fallait avant tout une armée. En Prusse, c’est la seule force dis- ciplinable ... Je ne sais pas si le mot est français . . . „— A coup sûr, monsieur le ministre, on peut l’employer en France. „— Le Prussien qui se ferait casser un bras sur une 432 barricade, reprit M. de Bismarck, rentrerait au logis tout penaud, et sa femme le traiterait d’insensé; mais, à l’armée, c’est un soldat admirable, et il se bat comme un lion pour l’honneur de son pays. Cette nécessite d’une grande force armée, imposée par les circonstances, une politique frondeuse n’a point voulu la reconnaître, si évidente qu’elle fût. Quant à moi, je ne pouvais pas hésiter: par ma famille, par mon éducation, je suis avant tout l’homme du roi. Or, le roi tenait à cette organisation militaire comme à sa couronne, parce que lui aussi, en son âme et conscience, il la jugeait indispensable. Là- dessus, personne ne pouvait le faire céder ou transiger. A son âge, — il a soixante=dix ans, — et avec ses traditions, on s’obstine dans une idée, alors surtout;qu’on la croit bonne. D’ailleurs, au sujet de l’armée, je partage entièrement sa manière de voir. „I1 y a seize ans, je vivais en gentilhomme campagnard, lorsque la volonté souveraine me désigna comme envoyé de la Prusse auprès de la diète de Francfort. J’avais été élevé dans l’admiration, je pourrais dire dans le culte de la politique autrichienne. Il ne me fallut pas beaucoup de temps pour perdre mes illusions de jeunesse à l’endroit de l’Autriche, et je devins son adversaire déclaré. Rabaissement de mon pays, l’Allemagne sacrifiée à des intérêts étrangers, une politique cauteleuse et perfide, tout cela n’était pas fait pour me plaire. J’ignorais que l’avenir dût m’appeler à remplir un rôle; mais dès cette époque je conçus l’idée dont je poursuis la réalisation aujourd’hui, celle de soustraire l’Allemagne à la pression autrichienne, du moins cette partie de l’Allemagne unie par son esprit, sa religion, ses mœurs et ses intérêts aux destinées de la Prusse, l’Allemagne du Nord. Dans les projets que j’ai mis en avant, il n’est pas question de renverser des trônes, de prendre à celui-ci son duché, à tel autre son petit domaine. Le roi, d’ailleurs, n’y prêterait pas la main. Et puis il y a les relations de famille, le cousinage, une foule d’influences hostiles contre lesquelles j’ai eu à soutenir un combat de toutes les heures. „Tout cela, pas plus que l’opposion avec laquelle j’ai eu à lutter en Prusse, n’a pu m’empêcher de me dévouer corps et âme à cette idée: l’Allemagne du Nord constituée dans sa forme logique et naturelle sous l’égide de la Prusse. Pour atteindre ce but, je braverais tout: l’exil et même l’échafaud. Et j’ai dit 433 au prince royal, qui, par son éducation et ses tendances, est plutôt l’homme du gouvernement parlementaire: qu’importe si l’on me pend, pourvu que ma corde de pendu attache solidement votre trône à cette nouvelle Allemagne! .... *— Puis-je aussi vous demander, monsieur le ministre, comment vous entendez concilier la libre mission d’un parlement national avec le traitement rigoureux qu’a subi la chambre de Berlin? comment surtout vouz avez pu décider le roi, représentant du droit divin, à accepter le suffrage universel, qui est le principe démocratique par excellence?* M. de Bismarck me répondit vivement: *— C’est une victoire remportée après quatre années de luttes! Quand le roi m’a appelé, il y a quatre ans, la situation était des plus difficiles. Sa Majesté m’a placé sous les yeux une longue liste de concessions libérales, mais aucune à attendre d’elle sur la question militaire. J’ai dit au roi: J’accepte, et plus le gouvernement pourra se montrer libéral, mieux cela vaudra. La chambre s’est obstinée d’un côté et la couronne de l’autre. Dans ce conflit, j’ai suivi le roi. Ma vénération pour lui, tout mon passé, toutes mes traditions de famille m’en faisaient un devoir. Mais que je sois, par nature ou par système, l’adversaire de la représentation nationale, l’ennemi-né du régime parlementaire, c’est là une supposition toute gratuite. *Je n’ai pas voulu me séparer du roi, aux prises avec la chambre de Berlin, alors que la chambre de Berlin se mettait en travers d’une politique qui s’imposait à la Prusse comme une nécessité de premier ordre. Mais que je songe à mystifier l’Allemagne avec mon projet de parlement, personne n’est en droit de m’adresser cette injure. Le jour où, ma tâche remplie, mes devoirs envers mou souverain se concilieraient mal avec mes devoirs d’homme d’Etat, je pourrais prendre le parti de m’effacer, sans qu’il me fallût pour cela renier mon œuvre.* Telles sont en substance, dit M. Vilbort en finissant, les vues politiques que M. de Bismarck a exposées devant moi. Sa pensée, en recevant une autre forme, a pu tantôt s’accentuer ou tantôt s’atténuer sous ma plume; je me suis toutefois appliqué à la rendre aussi fidèlement que possible. Dans cette causerie spirituelle, M. de Bismarck a fourni des renseignements sur la nature du caractère alle- Sufcwtfl Bcnrtberaer’ê @ef. ©cfcriften. III. 28 434 mand, qui en plus d’un endroit ne sauraient être acceptés sans réserve. Il faut cependant lui accorder que parmi les traits qu’il relève il y en a un essentiellement de sa compétence; et il eut raison de supposer que l’esprit de son interlocuteur français serait particulièrement touché par les considérations appartenant à cet ordre d’idées. Cette question n’est autre que celle de l’importance à assigner dans le développement de l’Allemagne à l’intervention de l’élément révolutionnaire. En somme, c’est sur ce terrain qu’il faut chercher l’explication pratique de tout ce qui s’est accompli depuis tantôt deux ans. Le premier considérant de la transaction intervenue entre la nation et le ministre prussien doit être censé conçu dans les termes suivants: «Attendu que, soit par tempérament, soit par habitude, pour son bonheur ou pour son malheur, de toute façon le peuple allemand jusqu’à nos jours n’a pas fait preuve de vocation révolutionnaire . . .“ M. de Bismarck, lui, était bien fait pour sentir cette absence de tempérament, car il possédait cet élément qui manquait aux masses avec lesquelles il allait se mesurer. On ne peut douter un instant qu’il ne soit né révolutionnaire. Car on naît révolutionnaire comme on naît légitimiste, par la conformation du cerveau, tandis que le hasard seul décide si les circonstances de la vie feront du même homme un blanc ou un rouge. En entendant cet aristocrate proclamer à tous propos la supériorité du fait accompli, le remède du sang, du fer, du feu, n’est-on pas malgré soi, forcé de penser à ces Jupiter tonnants d’une autre époque, qui disaient que les révolutions ne se faisaient pas avec l’eau de lavande, qu’avec du pain et du fer on va au bout du monde? La conscience révolutionnaire est celle qui se croit en possession d’un moyen héroïque pour arriver au souverain bien. M. de Bismarck un jour formulait 435 cette conviction en disant à M. Virchow: „Vuus croyez peut-être entendre mieux que moi la politique nationale, mais je sais que moi j’entends mieux que vous et que toute la chambre ce que j'appellerai la politique politique" (die ■polilische Politik). Et plus il marchait, plus il s’affermissait dans ce sentiment de sécurité. On pourrait comparer son procédé à celui des ingénieurs qui ont construit un pont de chemin de fer à travers une rivière. Avant de lui confier le sort des voyageurs, ils y accumulent un poids énorme plus considérable que le maximum de toute charge que jamais les locomotives pourront y amener, et piiis ils observent de combien de millimètres le tablier s’abaisse. Ainsi M. de Bismarck avait accumulé sur le pays une charge exorbitante de mesures arbitraires, et le pays n’avait bougé que dans les proportions infimes dont la statique ne se préoccupe plus. La preuve était acquise que le convoi royal et militaire pouvait passer là-dessus avec armes et bagages. Dès ce moment, le choix était fait du procédé par lequel il était permis de s’avancer vers le problème de l’unité allemande. Ce que M. de Bismarck dit au journaliste français dans l’intimité du tête-à-tête, son collègue M. de Roon le jeta un jour brutalement à la face de la chambre. Un député ayant fait allusion à l’éventualité d’une explosion générale: „Je vois ici," s’écria le ministre de la guerre, en se tournant vers les bancs de l’opposition garnis par la grande majorité, „beaucoup de figures honnêtes et sérieuses, mais point du tout de nature à me faire venir cette peur;" et M. de Bismarck manquait rarement l’occasion de démontrer comment, en 1848, la démocratie avait succombé faute d’énergie, de savoir-faire et par sa confiance naïve dans la propagande théorique. On s’exposerait néanmoins à de grandes erreurs en jugeant trop exclusivement le degré de maturité du peuple 28 * 436 allemand d’après les points de vue que nous venons de mettre en évidence. Ce régime personnel et monarchique en haut, cette résignation en bas (autant en Prusse que dans les petits Etats, seulement moins visibles à l’œil nu), coïncident avec un développement intellectuel et une susceptibilité morale à la hauteur de n'importe quel pays du monde. L’homme d’Eiat qui a si fortement compromis la réputation de la nation est, certainement, un des moins disposés à lui contester sa valeur intrinsèque. 11 en exprimait un jour la pensée dans sa manière sarcastique, en disant, dans un comité parlementaire, que l’Allemagne était peut-être trop avancée pour supporter une constitution. Mais ce qui l’intéressait avant tout dans son impatience d’agir et avec sa méthode pratique, c’était le statu quo du moment. Cette appréciation énergique, outrée peut-être, de la force inhérente au statu quo, formait le plus vif contraste avec la manière de voir d’une opposition essentiellement idéaliste. Plus un peuple se laisse absorber par les travaux de l’esprit, plus il est exposé à trop peu compter avec la puissance des forces établies qui le tiennent enchaîné à son passé. La partie éclairée de la nation, très-considérable par le nombre, avec la soif d’instruction et le cosmopolitisme qui la caractérisent, avait vécu non-seulement de sa vie propre, mais aussi de la vie de tous les pays de civilisation moderne. Ayant participé par la pensée à tous les grands mouvements réformateurs, elle croyait pouvoir continuer les travaux interrompus de l’affranchissement général, au point où d’autres les avaient laissés. Mais ce principe des économistes: que le travail accumulé seul constitue la valeur, est également vrai dans la loi du développement humain. Les résultats féconds des entreprises révolutionnaires dépendent avant tout du travail intérieur qui les a engendrées. Croire qu’on peut béné- 437 ( licier dés efforts du voisin par l’assimilation des idées seules est une erreur profonde. Or l’Allemagne n’a jamais fait de révolution à elle. Elle a la gloire d’avoir fondé le protestantisme, développé la liberté philosophique, mais en fait d’affranchissement politique, elle n’a jamais rien produit ni de spontané, ni d’original, ni de durable. Elle ne peut se comparer en cela ni à l'Angleterre, ni à l’Amérique, ni à la France, ni à la Suisse, ni à la Hollande, ni à la Belgique. Elle est la dernière venue des nations politiques, et l’année 1866 pour la première fois lui a vu faire un grand changement organique sans impulsion du dehors. 11 est vrai qu’en définitive cette impulsion est venue d’en haut, non d’en bas, mais toujours, est il qu’au moins elle est venue du dedans. Au dernier rang du mouvement progressif se trouvent les peuples quand iis n’avancent qu’à force d’être battus. Ainsi, après la prise de Sébastopol, la Russie a eu l’abolition du servage; après les défaites de 1859 et de 1866, l’Autriche est revenue chaque fois au régime constitutionnel. L’Allemagne autrefois vivait dans les mêmes conditions. L’invasion de la première république l’avait réveillée, Bonaparte lui avait rendu d’immenses services en balayant ses trois cents souverains pour n’en laisser subsister qu’une trentaine. Depuis ce temps, l’Allemagne n’avait trouvé quelque force de résistance que lorsque l’écho des insurrections de Paris vint intimider ses princes, en 1830 et en 1848. La lutte constitutionnelle soutenue en Prusse par la chambre et le pays contre le principe de la monarchie absolue, depuis 1859 jusqu’en 1866, offre pour la première fois le spectacle d’un grand effort spontané, persistant, propre à développer l’éducation publique. Ses résultats, malgré le triomphe final de M. de Bismarck, nont pas été perdus; le parti libéral peut à bon droit s’attribuer une grande partie des progrès réalisés en Aile- magne par celui même qui l’a si cruellement maltraité. Mais autant sont palpables les résultats obtenus par le travail assidu de ces dernières années, autant étaient imaginaires les résultats sur lesquels s’appuyaient les radicaux pour continuer directement le mouvement de l’incident révolutionnaire de 1848. Ce qui dominait de fait, malgré tous les progrès intellectuels, c’était en haut le régime personnel, en bas l’insensibilité. Dans cet état de choses, M. de Bismarck n’avait pas hésité à mettre son enjeu sur le régime personnel. Faut-il conclure de là que sa victoire est celle de la royauté militaire? C’est, l’erreur précisément de ceux qui, ne regardant que l’agencement superficiel des choses, n’ont pas voulu distinguer entre la fin et les moyens. Nous n’agiterons ici ni la fameuse thèse de la justification des moyens par la fin, reprochée aux jésuites et pratiquée par tout le monde, ni la question de savoir si une victoire obtenue par des moyens regrettables ne se ressentira pas longtemps dans ses conséquences des conditions fâcheuses sous lesquelles elle a été remportée. 11 ne s’est pas agi pour nous de montrer les avantages ni les dangers des grands changements naguère survenus en Allemagne, — objet depuis de tant de commentaires, — mais seulement de pénétrer au fond des idées personnelles et générales qui en ont été le principe moteur. Si la grandeur du résultat obtenu ne peut manquer d’élargir les vues de ceux qui sont appelés les premiers à en tirer honneur et avantage, on ne saurait cependant assez encourager la nation à ne leur accorder qu’une confiance limitée et à prendre en main, elle-même, le plus tôt possible la direction de ses affaires. Mais avant tout, ne confondons pas avec les justes appréhensions les fausses alarmes par lesquelles certains radicaux cherchent à ameuter le libéralisme français contre 439 l’œuvre de l’unification allemande. Prenez garde, disent- ils, la Prusse militaire à la tête de la nouvelle Allemagne, c’est l’invasion réactionnaire menaçant la France révolutionnaire. Chose remarquable! les gens qui tiennent ce langage à la France, sont les mêmes qui disent à l’Allemagne que, si elle avait voulu attendre un quart d’heure de plus, elle aurait eu la certitude de s’unifier par un grand soulèvement populaire; et ils reprochent à ceux qui se sont ralliés à la nouvelle œuvre, d’avoir d’éses- péré des ressources révolutionnaires de leur pays. Il faut admirer la naïveté, qui sait si bien s’arranger des plus criantes contradictions. Ces politiques de haute imagination se sont levés le matin avec l’espoir de voir l’Allemagne entrer de plainpied dans la voie de la Convention de 1793; ils se couchent le soir fermement persuadés qu’elle va mettre à exécution les décrets du congrès de Pillnitz. Ainsi, toujours d’après les théories ’de cette science profonde, les mêmes hommes, dans le même joui - , suivant ce que décidera le hasard, feront les choses les plus contraires. Si on les avait laissé faire, eux, le peuple allemand aurait entonné la Marseillaise; malheureusement . on a laissé faire M. de Bismarck, et voilà que ce bon peuple va mettre ses baïonnettes au service du manifeste de Brunswick. Si ceux qui parlent ainsi se disent les amis du peuple, il faut avouer que leur amitié n’est pas fondée sur l’estime. Tant d’inconséquence serait chose vraiment incroyable, si l’on ne connaissait les extravagances dont est capable dans sou dépit l’esprit de parti infatué de lui-même et de ses formules. Aux yeux de toutes les orthodoxies, étroites et paresseuses de nature» il n’y a qu’à choisir entre des extrêmes qui restent éternellement les mêmes: entre le concile de Trente et l’anathème, entre Danton et Cobourg. Quant à ceux qui voient le monde tel qu’il est, s’ils 440 ne peuvent se faire illusion sur ce qui est encore debout en Allemagne de pouvoirs surannés, ils ne méconnaissent pas non plus ce qui a progressé depuis quatre-vingts ans. Quatre-vingts ans, y pense-t-on? Et l’on veut exciter le peuple français en lui persuadant qu’il a devant lui l’Allemagne du congrès de Pillnitz, et que les deux pays représentent toujours comme alors les contrastes excessifs de l’esprit nouveau et de l’esprit ancien? La France est-elle donc, comme il y a quatre-vingts ans, à ses yeux et à ceux du monde entier, la personnification de la liberté, la seule nation qui eût encore roulé dans sa tête les problèmes sociaux et en eût mûri les solutions? La nation allemande n’a-t- elle pas pris sa place au soleil de la civilisation moderne? ne se montre-t-elle pas sérieusement préoccupée de son avancement politique? Est-elle une masse inerte et inintelligente, qu’un chevalier errant de la légitimité puisse lancer un jour contre un France occupée à se régénérer? La coalition elle-même a été battue comme elle le méritait, et dans ce temps il n'était encore question ni de peuple allemand ni de peuple prussien. Et cette monarchie prussienne n’a vaincu la France que lorsque le génie moderne du grand Frédéric s’est trouvé en présence du régime honteux de Louis XY, et lorsque le soulèvement national s’est trouvé en présence du césarisme insatiable de Napoléon I er . Si jamais un roi de Prusse pouvait retomber dans l’aberration d’une croisade contre le drapeau de la liberté déployé par la France, il serait abandonné de tout ce qui peut donner la victoire, il serait battu comme il le mériterait, comme la première fois, et plus encore que la première fois. Les progrès de la liberté en France ont toujours profité aux partis libéraux en Allemagne. Croit-on que désormais mie Allemagne aspirant à pleins poumons le grand air de sa vie nouvelle voudrait s’engager dans une croisade légitimiste? 441 La lutte éternelle des peuples contre leurs maîtres ne devrait raisonnablement alterner qu’entre la nécessité de les renverser ou l’espoir de les moraliser. Quant à l’entreprise de les dompter par des institutions coercitives, par des restrictions inscrites dans les chartes monarchiques, l’expérience ne peut y voir qu’une valeur fort relative. Là où l’esprit des gouvernements persiste à l’état d’insurrection plus ou moins latente contre l’autorité de l’opinion publique; là où les chefs dEtat se croient injustement renfermés dans les limites d’un pouvoir constitutionnel, la force concentrée d’en haut aura toujours la chance de prévaloir contre la force diffuse d’en bas. Le vrai triomphe de la civilisation dans les Etats monarchiques, c’est d’élever l’esprit héréditaire des maisons régnantes à cette hauteur, où la guerre contre l’opinion de leur nation leur apparaît comme une impossibilité morale, comme une monstruosité incapable de naître dans le cerveau d’un homme sensé. Le peuple allemand, après avoir échoué dans une faible tentative révolutionnaire, a jugé lui-même que ses précédents n’avaient pas jusqu’ici suffisamment développé en lui les forces élémentaires indispensables pour engendrer les grands soulèvements victorieux. Il fallait donc se résigner à cette autre nécessité qui consiste à se vouer à l’éducation du gouvernement établi. Appliquer ce problème à trente maisons régnantes était chose inexécutable. C’est déjà assez de bonheur quand il y a quelque probabilité d’y réussir avec une seule. L’histoire et la nature des choses avaient désigné depuis cent ans la monarchie prussienne. Depuis un demi-siècle, celle-ci avait désespéré ses adhérents par sa nullité complète. Enfin, en 1866, elle donna signe d’intelligence, de vitalité et d’ambition salutaire. Pour tous ceux qui entendaient quelque chose à la politique de leur pays, c’était le moment d’encourager cet élan et surtout de soutenir l’auteur principal de cette 442 mémorable entreprise dans sa tâche si difficile si problématique, disons-le, de faire entrer l’esprit moderne dans le cœur d’une ancienne dynastie militaire. Comprend-on maintenant que celui qui devait l’essayer avec quelque chance de succès, ne pouvait tenir exclusivement ni de l’un ni de l’autre des deux éléments qu’il s’agissait de combiner? Ce devait être précisément ce personnage aux précédents, aux sentiments, aux instincts même aristocratiques, autant que cet esprit puissant, élastique, fécond, obligé par la loi même de sa perfectibilité de servir le progrès moderne. Certes, c’est chose bizarre que cette alliance entre la féodalité et une idée nationale, entre l’aristocratie et le suffrage uuiversel, entre ce grand seigneur et des chefs d’insurrection; mais il n’y a là en somme que l’incarnation des deux contradictions qu'il s’agissait de réunir en forçant la royauté prussienne à entrer dans une vie nouvelle. Jusqu’à quel point sera-t-il donné au même homme de développer les germes modernes, tant en lui que dans le noyau gouvernemental qu’il domine par sa personnalité? Rien ne nous oblige à penser qu’il ait dit son dernier mot. Maintes fois, depuis deux ans, il a prouvé qu’il sent le besoin de s’appuyer sur le progrès, pour tenir tête à une réaction incorrigible, qui guette le moment de l’écarter. De l’autre côté, il a exigé du parti libéral des sacrifices considérables, afin de désarmer les influences contraires qui assiègent le trône. Pour maintenir cet équilibre, il appuie un peu trop sur le moyen d’effrayer les libéraux par la menace de sa retraite. A la moindre contrariété, — c’est toujours son ancién défaut — il perd patience et leur met le marché à la main en posant la question de cabinet. Et alors l’opposition, connaissant les difficultés secrètes d’une situation fort délicate, recule devant la responsabilité d’ébranler la position de l’homme qui T' — 443 — représente le trait d'union entre le passé et l’avenir. Tout est affaire de compromis dans cette politique à face de Janus, tout, et autant que tout l’individualité dominante. M. de Bismarck, nonobstant l’élasticité de son esprit, fera toujours le désespoir de ceux qui se flatteront de voir en lui autre chose qu’un aristocrate, qui se sert du progrès non pas par instinct libéral, mais par instinct politique. Mars 1868. «\L« «y|y» »»X<» «yjy 1 Drucft t>on îîofenbaum & &art 23erlin W., TDilfyelmftr. 47. 8â‘-T- ‘•t* •T 4 T- «'JN» •'^'4 •''['• ✓p» EÜÉtt toïV-'.'*-;. far;. SZIst Y> * ■a — iij t ry v., H. K , ■ÀifT -zzsmBr- L W*V feSSBET' -, ,'^LL: .. ' '^ ; ^ - mm Gesammelte Schriften von Ludwig Bainberger. Vanb IV. ^» Berlin Rosenbaum 6c Hart UM- politische Schriften von Z8V8 bis z§7§. Lllöwig Vsmöerger. ^ Berlin Rosenbaum 6c Hart 58?6. Inhalts - Verzeichnis. Seite Eine Stimme aus der Fremde......... 1 Kandidaten-Rede gehalten zu Mainz 1868 .... 11 Anlage. Auszug aus der „Volks-Zeitung" vom März 1860............. 58 Vertrauliche Briefe aus dem Zoll-Parlament: ... 69 1868. I.—VI.............. 81 1869. I.—V. . . . . ,........ 137 1870. I.—IV.............. 181 Die fünf Milliarden............. '219 Zur Embryologie des Bankgesetzes........ 251 Zur Geburt des Bankgesetzes.......... 277 Die Entthronung eines Weltherrschers...... 311 Das Gold der Zukunft............ 383 Gne Stimme aus der Sremde. , i Vorbemerkung. ^!3uf den »2, Februar M7 waren die Ivahlen zum konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes siir alle Staaten nördlich des Mains ausgeschrieben worden. In der ans diesem Anlaß entstandenen Bewegung trennten sich die deutschen Liberalen nach zwei Richtungen. Diejenigen, welche nach den großen Aricgsereignissen des Jahres M6 sich der preußischen Politik und der Gründung des Norddeutschen Bundes angeschlossen hatten, strengten sich an, mit allen Arästen siir die Wahl freisinniger Männer zu arbeiten, während eine andere Richtung sich siir wahlenthaltnug erklärte. Letztere setzte sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Teils waren es strenge Demokraten, welche dabei beharrten, den Krieg uud die Treunnng von Süddcutschlaud zu verurteilen, teils waren es Anhänger der abgesetzten Dynastien. In Berlin hatte sich ein Zcntralausschuß für die Lrziclung liberaler Ivahlcn in ganz Deutschland gebildet. Gbwohl schon seit dein kerbst die Spaltung der preußischen Fortschrittspartei eingesetzt hatte, infolge deren die bis dahin bestandene große liberale Partei Preußens sich in Nationalliberalismus uud Fortschritt trennte, hielten in diesem Mahlseldzuge die beiden Richtungen noch krästig zusammen. In dem erwähnten Ausschuß wirkten stramme Nationalliberale, wie von Unruh, und stramme Fortschrittsmänner, wie Lndols parisius, friedlich nebeneinander. Eugen 1* Richter verfaßte einen Wahlaufruf „An die Gewehre", der viel Aufseilen machte. Ls wurden zwanzig solcher Linzelblättcr verfaßt. Auch an mich erging vom Ausschuß die Aufforderung ein Flugblatt auszuarbeiten. Ich war, nachdem ich Sommer und Herbst in Deutschland zugebracht und mich bereits in der Presse lebhaft an der Tagespolitik beteiligt hatte/) nach Paris zurückgekehrt, um meine Übersiedelung nach Deutschland vorzubereiten. In unserer ehemaligen Flüchtlingswclt herrschte zwar der demokratische Groll gegen das „brudermördcrische" Prenßen noch vor, aber die große Zahl der im Auslande lebenden Deutschen stand doch auf der Seite derer, die es für Unsinn hielten, die Gunst der Umstände nngenützt aus Trotz zu verschmähen. Die süddeutsche Demokratie, zu der ich mich noch rechnete, war freilich anderer Meinung, und das nachfolgende Wahlflngblatt hat mir damals zum Brandmal schändlicher Apostasic verholscn. Doch habe ich später mit manchem meiner ehemaligen Aetzerrichter und lieben Freunde friedlich ini Deutschen Reichstag zusainmcngesessen. September >8^5. e. B. *) Siehe Band III: „Alte Parteien und neue Zustände", S. 295. Mne Stimme aus der Fremde. „Augen haben sie und sehen nicht, Ohren haben sie und hören nicht." H)ein, die Nachwelt wird es nicht glauben, denn schon die Mitwelt glaubt es nicht. Geht doch hin und sagt einein Franzosen, Engländer, Italiener: Die Deutschen sollen jetzt ein Parlament haben, aber sie wollen nicht recht d'ran; dein einen ist's nicht groß genug, dein andern ist's nicht hoch genug; Der fürchtet, es habe nicht genug zu sagen, Jener, es könnte zu viel Gewalt bekommen; der Eine meint, die Fürsten werden es uiiterdrücken — und aus lauter Furcht zu ertrinken, springen sie in's Wasser! O hättet Ihr doch etwas von dein Geist, dem Schwung, der Einsicht, welche Euch das Ausland jetzt borgt! Könnte» doch der Neid, die Furcht, das Stauueu, die ringsum an Eureu Grenzen auflodern, Euch Lebensfeuer in die Adern blasen! Könntet Ihr Euch mit fremden Augen sehen! Das ist das Geheimnis, aus dem erklärlich, warum vou den draußen lebende» Teutschen die meisten so ungeduldig rufen: Greifet zu! greifet zu! — Ja, Ihr habt es nicht erlebt, wie wir, daß ein Fremder die Karte an Eurer Wand anschaute mit den sechsunddreiszig abenteuerlich verschlungenen Farbenklecksen, und, mitleidsvoll den Finger darauf legend, fragte: „Ist das eiu Vaterland?" Ihr gabt nicht, mehr als einmal, die Augen niederschlagend, leise zur — 6 — Antwort: „Das wird es werden einstmals!" innerlich aber würgten Scham und Zweifel. — Und jetzt erlebt Ihr es nicht, daß ringsnm alle Stimmen rnsen: „Heil Euch Deutschen; jetzt geht es in Erfüllung; Euer Land ersteht aus der Asche!" Ihr erlebt es nicht, daß Aller Augen auf Euch blicken, daß alle Hände hinwärts deuten und weit im Kreise die ganze gesittete Welt laut ausruft: „Dort kommt eiu Volk zur Welt!" So geht Ihr hin und seht es nicht, was Freund und Feind ringsnm mit Staunen betrachten. Schon raubt der Anblick Eurer werdenden Nation Frankreich den Schlaf, Ihr aber besinnt Euch, ob Ihr aufwachen sollt? Meint Einer, iu dem großen, eitlen, rauschenden Paris höre mau jetzt von der Ausstellung reden, oder von neuen Straßen und Baulichkeiten, oder von Mexiko, oder von der nahenden Eröffnung der Kammern? — Nichts von alledem! Deutschland heißt die Parole. Mit Deutschlnud steht man auf, init Deutschland geht man nieder. „Die Deutschen macheu ein Parlament, ein Volk, ein Reich, sie haben gegessen vom Baum der Erkenntnis, den ihnen der Eigennutz ihrer Fürsten, die Eifersucht ihrer Nachbarn so lange verwehrt. Das wird sein: Schrecken uud Herrlichkeit!" — So ruft es von allen Seiten. Kein Blatt, kein Buch, keiu Zwiegespräch, oder es hallet daraus wieder: Deutschland. Der eine sagt's mit Neid: Frankreichs Weltherrschaft geht zu Ende, kommt erst dies Volk von Arbeitern uud Denkern hinter das Geheimnis seiner Kraft! — Der andere verkündets mit Freude: Deutschlands Auferstehung ist der Freiheit Morgenrot, denn nur die Freiheit wird uns die Stärke geben, mit ihm zu wetteifern! — Also tosen Furcht und Hoffnung an Eurer Grenze. Nur Ihr allein wollt nichts gewahr werden. Deun das ist des Unglücks letzter Fluch, daß es stumpf wird gegen seinen eigenen Stachel. Hundertjähriges Eleud hat uns dahingebracht, daß wir nicht fühlten, wie elend wir waren, hat uns taub gemacht, daß unverstanden der Ruf ans Ohr schlägt: Tretet heraus aus Eurer Nacht! Diejenigen, welche das Maß verloren für ihr eigenes Geschick, sollten sich mahnen lassen von dem Urteil älterer Nationen, deren Blick geschürst worden durch Erlebnisse eigener Größe nnd eigenen Falls! Niemand in ganz Frankreich, der nicht die Dinge bei uuS zu Haus für die größten der neuen Zeit erklärte! Selbst der Sturz des Papsttums hat dieses katholische Land unendlich weniger ausgeregt, als der Sturz Österreichs und der drei deutschen Fürsten. Sie betrachten alles als so fertig, so überwunden, sie sehen so als unmöglich an, daß wir das Werk unvollendet sinken lassen — was sag ich? — daß wir es mißtrauisch selbst zerstören, daß sie bereits fragen: Was wird nnn daS einige Deutschland zunächst beginnen? — Und sie antworten sofort: „Deutschland wird von uns daS Elsaß zurückfordern." — Vergeblich erwidert mau ihnen: „Friede, Freiheit, Eintracht!" Sie gehen weit genug zu glauben: Deutschland, geeinigt unter Einem Parlament, könne sich rasch zu solcher Herrlichkeit entwickeln, daß die seit zweihundert Jahren Frankreich einverleibten nnd mit ganzer Seele ihm anhangenden deutschen Provinzen sich möchten znm Muttervolk hingezogen fühlen. Wie könnten wir ihnen die Wahrheit gestehen? wie wollteil wir? Wer würde sie uno glauben? Geht doch hin nnd erzählt einem Franzosen: „Dies Deutschland, das Ihr fv groß und dränend fertig seht, hat erst noch seine besten Freunde zu Hause zu gewinnen, ehe es dran denkt, über seine Grenzen zu gehen. Es hat nicht Zeit noch Lust für deu Elsasser. Der Hannoveraner, der Hesse, der Schwab, - 8 — der macht ihm noch das Leben snner. Der Fremde erkennt nns an, indem er gegen uns rüstet; zu Hause verkennen hunderttausend Landsleute noch ihre eigene Bestimmung, indem sie nicht einmal die Hand aufheben zur Wahl in5 Parlament." So sitzen wir draußen iu der Fremde, und alle die Glückwünsche, alle die Eifersucht, alle die Befürchtungen, die unseren Herzen zujubeln, werden zu ebensoviel bitteren Pfeilen, wenn eine Botschaft aus der Heimat kommt. Sie wollen nicht wählen, das Parlament ist ihnen nicht gnt genug! So höret einmal, mit de5 Fremden Urteil, auch eiuen seiner Weisheitssprüche: „So viel der Mann wert ist, so viel mich seine Sache": "laut, vaut 1'b.oiuins, laut vMt 1a eliosö! Gebt einem Stümper das beste Instrument, er wird ihm keinen Ton entlocken; gebt einem Künstler nur eiue gespaunte Saite, er wird sie beleben. Stellt einen Schwachkopf an die Spitze des glücklichsten Unternehmens, er wird es zn Grunde richten; leiht einein Mann von Genie die notdürftigste Anstalt, er wird sie znm Gedeihen bringen. So viel der Mann wert ist, so viel die Sache. Seid Ihr selbst was wert, so wird Euer Parlament was wert sein, viel sogar, unermeßlich viel. Seid Ihr aber faule, au Euch selbst verzweifelnde Schläfer, so wird eo weniger sein als nichts, ein Quell von Unglück nnd Beschämung. Denn: kommen wird das Parlament auf jeden Fall!! Thut aber nicht voraus jeder seiue Schuldigkeit, setzt er uicht alle Kraft daran, daß es aus freien Männern zusammentrete, dann werden die Feinde des freien Bürgers ihre Kreaturen hineinsetzen, nnd die Kreaturen werden Eure Rechte im Stiche lassen und mit Füßen treten helfen. Die fremden Völker aber werden denken: Solches sei Euer Wille gewesen. Denn nimmer werden sie glauben: Ihr seiet ans- — 9 — gerufen worden, aus freier Wahl eiueu Reichstag zu entsenden, und Ihr hättet Euch schwachmütig Eures Rechts begeben; Ihr hättet der Stimmen gespottet, die Euch zuriefen: Erwählet Mäuuer des Rechts, der Freiheit, der Zukunft. Sie werden für wahr halten, daß die Kreaturen der Finsternis und Gewalt die Vertreter deutschen Geistes uud deutschen Willens seien und werden zum Schluß kommen: Deutschland wollte nicht einig noch srei sein! So würden sie urteilen und sie würden Recht haben. Noch aber ist es uicht zu spät! Noch ist die Stunde nicht verronnen, die für eine unermeßbare Zukunft das Schicksal Dcntschlands besiegeln soll! Noch seid Ihr Herren, das wahr zu macheu, was ringsum die Welt Euch zuruft, was die Zeichen der Geschichte mit Flammenschrift auf Eureu Weg schreiben. Geht hin und wählet! Wählet freie Männer! Lasset sie geloben, sich fest zu klammern an das große Gut, das ihren Häuden anvertraut wird, au die Zukunft Deutschlands. Dies ist der Wendepunkt seiner Geschichte. Dies ist: Leben oder Tod! Paris, Januar 1867. L. Vamberger. Kandidaten-Rede gehalten zu Mainz bei Gelegenheit der Wahlen für das erste Deutsche Zoll-Parlament in der Volksversammlung vom 27. Februar 1868. ^Ktenozzrri;?h^rhL ^«fzrirhrr»r«g. Vorbemerkung ^)er Aampf um die Wahl zum Zoll-Parlament war in Mainz einer der heftigsten von allen, die seit dem Jahre ^8öö in Deutschland dnrchgefochten wurden. Aus der einen Seite standen, unter derselben Lahne geeinigt, die in der Stadt wie im Landbezirk sehr starke, vom streitbaren Bischof Ketteler geleitete ultramontane Partei mit ihrer Anhänglichkeit an Gsterrcich und die ebenfalls zahlreiche Partei der süddeutschen Demokratie, welche aus Grundsatz, aus Antipathie gegen Preußen wie in Vertretung eines großdentschen Programms einen dem Anschluß des Südens an den Norddeutschen Bund seind- scligen Abgeordneten nach Berlin entsenden wollten. Beide erfreuten sich der ganzen Gunst der Darmstädtcr Regierung unter dein Minister von Dalwigk, der seit langen Jahren die Seele aller kleinstaatlichen Intriguen gegen Preuße» gewesen war. Regierung wie Geistlichkeit hatten das Gpfcr gebracht, einen radikalen demokratischen Mhrer, den Advokaten Dümont, als Kandidaten anzunehmen. Dieser gefähr- lichen und mächtigen Koalition galt es den Sieg zu entwinden. Jcb war erst im Laufe des Winters wieder nach Mainz gekommen uud hatte mich im Iiausc meines dort ansässigen Bruders häuslich eingerichtet. Meine Freude an der Wiedergeburt Deutschlands, meine lange zurückgehaltene Sehnsucht nach thätiger Teilnahme an dessen politischem Leben beseelten mich mit einem Feuereifer, de« ich fügend- 14 — lich nenne» kann, obwohl ich in der Mitte der vierziger Jahre stand. Gern hätte ich mich in dein Mahlkreis Alzey-Lingen vorgestellt, in welchem der Sieg unzweifelhaft war, und der mir sechs Jahre später zufiel. Aber die hessische Landesversammlnng, welche die Kandidaturen zu verteilen hatte, reservierte ihn, als den sichersten, für den Darmstädter Advokaten Metz, der als einer der Hänpter des Nationalvereins im letzten Jahrzehnt sich die größte Popularität erworben hatte. Mir teilte man Mainz zu, weil es der gefährdctste Posten war, und mau nur mit mir Aussicht auf Erfolg zu haben meinte. Ich mußte gute Miene zum bösen Spiel inachen, und obwohl ich die großen Schwierigkeiten erkannte, ging ich nicht ohne vertrauen in den Kampf. Um so mehr spannte ich alle Kräfte an, uud ich hatte das Glück ausgezeichnete Hilfe zu finden. So viel Fener, so viel Hingebung, so viel Arbeitsleistung habe ich nie wieder nnter meinen Augen am Merk gesehen wie damals. Zwar fand ich meine alten Freunde von vor zwanzig Jahren in dem mir jetzt feindlichen kager der Demokratie; sie waren beinah alle noch da, denn im Jahre Mtt waren wir alle noch jung gewesen, lind natürlich war ans dieser alten Freundschaft jetzt eine um so heftigere Feindschaft geworden. Aber ein Teil dieser alten Demokratie hatte doch denselben Meg zurückgelegt wie ich, ein andrer, sür den meine ehemalige Popularität wieder auslebte, ließ sich durch mich gewinnen. Der Kern der wohlhabenden Kaufmannschaft und Industrie stand auf meiner Seite. Im ländlichen Teil des Mahlkrcises, der beinah hundert Grtschaften umfaßt, war die Demarkationslinie einfach: protestantisch oder katholisch. Line stattliche Zahl angesehener Männer aus allen Ständen trat in den Dienst unserer Mahlagitation, die mit einem auss seinfte ausgerechneten Mechanismus Tag und Nacht betrieben wurde. Ich mietete mir ein ans mehreren Stnbcn bestehendes Büreau und zwar im selben Hause, in dem ich die „Mainzer Zeitung" vor zwanzig Jahren redigiert hatte. Dieselbe Zeitung ward anch wieder mein Grgan. Monate lang beherrschte der Mahlkampf die ganze Stadt. Bis in die Mädchenschulen pflanzte sich der Lifer des Für nnd Mider — 15 — fort, wie viele Reden ich in diesen lochen gehalten habe, weiß ich nicht mehr, manchmal drei an einem Tage in drei verschiedenen Vrt- schastcn. Es war die Zeit des großen Aufschwungs, in der die Massen wie die Einzelnen noch lebhaft von Ideen ergriffen waren, und in der auch das wort noch eine werbende Rra^t besaß. Die hier nachfolgende Rede gestattet einen guten Einblick in die Gedankenströmungen, welche damals die Geister bewegten. Sie trng nicht unwesentlich zuni Wahlsieg bei, der nur mit knapper Not errungeu wurde. Meine Mehrheit betrug uicht mehr als vierunddreißig stimmen. Aber auch das war nnr mit der äußersten Anspannung zu erlangen gewesen. Ich genoß in vollen Zügen die Freude, ein sehulichst erstrebtes Ziel der Güte der Sache, der Eingebung zahlloser Mitarbeiter, aber auch meiner eigenen Thätigkeit zn verdanken und an einem entscheidenden Wendepunkt des Lebens glücklich zum Ziel gelangt zu sein. September ^8Y5. L. B. Geehrte Mitbürger! Betrachten Sie es nicht als die Beobachtung einer mechanischen und herkömmlichen Schulregel, wenn ich zum Eingang meiner Ansprache um Ihre ganze Nachsicht bitte. Ich bedarf des Wohlwollens Derer, die mit einigem Vertrauen zu mir hierhergekommen sind, nud ich glaube schon gefühlt zu haben, — denn das fühlt sich heraus, — daß ihre Anzahl nicht gering ist. Ich bedarf auch der milden Beurteilung Derer, die ohne vorgefaßte Meinung, aber mit der redlichen Absicht hierhergekommen sind, nach Anhörung dessen, was hier besprochen werden wird, sich eine freie und unabhängige Überzeugung zu bilden. Ich bedarf endlich, wenn Gegner unter uns sein sollten, — und ich heiße sie willkommen, — ich bedarf weuigslens ihrer Gerechtigkeit. Ich bedarf derselben nicht blos nm meinctivcgen, sondern auch zur Ehre der Sache, die wir heute hier behandeln, und zur Ehre unserer Stadt, die sich würdig zeigen soll der politischen Rechte, die sie berufen ist, auszuüben und in der Weise zu verfechte», wie es gesitteten uud denkenden Menschen gebührt. Ich bedarf Ihrer Nachsicht, denn Sie können wohl denken, welche Gefühle auf mich einstürmen in dem Augenblick, da ich zum erstenmale nnd unter so bedeutsamen Verhältnissen wieder des Glückes teilhaftig werde, uuter meinen Mitbürgern zu stehen und allgemeine An- — 18 — gelegenheiten zu behandeln. Aber ich will alles Persönliche aus dem Spiel lassen und meinen Empfindungen Schweigen gebieten. Wir haben so Wichtiges, so Umfangreiches zu behandeln, daß von dem Menschen nicht länger die Rede sein kann. Auch die sachliche Aufgabe ist an sich so unendlich schwierig, daß ich in jeder Weise Ihre Nachsicht, Ihre Milde, Ihre Laugmut iu Anspruch nehmen mnß. Die Fragen, die wir heute zu erörteru haben, stehen auf einer solchen Höhe des allgemeinen Interesses, daß es beinahe kein Gebiet des menschlichen Lebens, keine Frage der staatlichen Ordnung und der allgemeinen gesellschaftlichen Existenz giebt, die hier nicht hereinragte, nud die gewissermaßen nicht verlangte, daß auch sie mit einem Worte berührt werde. Schließlich beherrscht mich die Bvrstelluug, daß uusere heutige Aufgabe uns wohl weit über die Bedeutung eines lokalen Interesses hinausführt. Ich glaube nicht unrecht zu thuu, weuu ich behaupte, nicht blos unser Wahlkreis, nicht blos unsere Provinz, nicht blos unser kleiner Staat, svuderu ganz Deutschland sehe ans die Angelegenheit der Wahl unserer Stadt mit größter Spannung. Es ist schon gesagt worden bei früherer Gelegenheit, daß nnscr Großherzogtum Hessen berufen sei, vielleicht eiuen sehr wichtigem Ausschlag zu geben in der Frage, die heute Deutschland zunächst zu lösen hat, weit dieser Kleinstaat auf jeuer künstlich gezogenen Linie selbst steht, die für eine Weile — hoffentlich eine kurze — Deutschland in zwei Gebiete scheidet. In diesem Lande Hessen aber, welches diese schwere, bedeutsame Rolle zu spieleu berufen ist, befindet sich wieder unsere Stadt, von der Grenze selbst durchschnitten; denn die Bewohner von Castel, die wir immer als unsere Stadtgenvsfen angesehen haben, sind durch die Demarkationslinie von uns getrennt worden; uud wie hier die Gegensätze nnd Scheidepunkte örtlich ein- — 19 — ander berühren, so berühren sich auch in unserer Stadt die allgemeinen politischen Gegensätze auf das Grellste. Wir wissen, in welcher Weise mit seiner Macht, mit seiner Verwaltung, mit seiner ganzen Organisation der Nordbnnd bereits bei uns eingezogen ist, während ans anderer Seite nirgends stärker als bei uns das dynastische Interesse sich breit macht und dem Ausbau des norddeutschen Bundes Widerstand leistet. (Zustimmung.) Sie wissen, meine Herren, in welcher Weise in unserer Bürgerschaft die Meinuugeu für und gegen die eine oder andere deutsche Macht, für und gegen die eine oder andere der herrschenden politischen Richtungen schroff und lebhaft «inander gegenübergestellt sind. Wenn je also es einen Kampfplatz gab, auf dem es von Interesse, ans dem es iin höchsten Grade wichtig war, wie die Würfel fallen würden, so ist es in unserer Stadt, und deshalb sind die Angen von ganz Deutschland auf uns in dem Augenblicke gerichtet, wo wir zur Wahlurne schreiten sollen. Nun werden Sie wohl fühlen, welche Last aus meinen Schultern ruht in dem Augenblicke, wo ich hierher trete und die Ausgabe übernehme, im Namen einer Partei, deren Mitglieder in so großer Zahl unsere achtbarsten Stadtgenossen sind, Prinzipien zu vertreten, welche wir für die heilsamsten halten uud unter deren Geltung wir zum Siege zu kommen hoffen. Lägeu die Diuge so, meiue Herren, wie sie in anderen Ländern liegen, wo die Gestaltung einer Nation nicht Gegenstand einer Frage ist, wo niemand Zweifel aufstellt, ob vor allen Dingen eine Nation zusammengehören solle, uud wo deshalb nur Fragen des inneren Wohles uud der Freiheit Zu lösen sind, so wäre meiue Aufgabe heute eine einfache; ich hätte Sie von dem Zoll-Parlament und seiner eigentümlichen Aufgabe mit Ausführlichkeit zu unterhalten, ich hätte vor allen Dingen die Grundsätze auseinander zu legen, die 2* — 20 — für mich die maßgebenden sind in Fragen des materiellen Wohlstandes nnd der Gesetzgebung für Handel und Wandel. Ich hätte Jhuen zu erklären, in welcher Weise ich glaube, daß der Staat nützlich in Verkehrs- und Kreditwesen einzugreifen hätte. Ich hätte zu erklären, in welcher Weise ich glaube, daß auch durch Bauk- oder Bodenkredit-Anstalten dem Gewerbstande und Ackerbau Hilfe zu leisten sei; ich hätte zu erklären, welches außerordentliche Gewicht ich auf die Frage der allgemeinen deutschen Freizügigkeit lege, welche große Berücksichtigung z. B. die Eiuführuug der Münzeinheit verdient, in der wir noch z. V. sogar gegen die Schweiz zurückstehen. Aber für das alles, meine Herren, für das alles finde ich zu meinem Bedauern, daß die Wogen der Stimmung zu hoch gehen. Ich habe es empfunden. Nach anderem verlangt das Ohr der Versammlungen in gegenwärtigen Zeitlänften, wo die politischen Frage» in den Vordergrund getreten sind. Sie verlangen vor allem, daß ich über die brennenden Fragen mich aussprcche. Nur eines sei mir erlaubt anzuführen, um Ihnen das Verständnis meines persönlichen Verhaltens zu den Aufgaben des Zoll-Parlaments deutlich zu machen, um Jhuen mit einem einzigen Beispiel ans meiner eigenen Vergangenheit zu zeigen, welche außerordentliche Wichtigkeit nach meiner Anschauung dem Zoll-Parlament zukommt. Ich bin niemals — ich gebe das weder als ein Verdienst, noch als einen Vvrwnrf — ich bin niemals Mitglied des sogenannten Nationalvereins gewesen. Zu einer Zeit, als viele Derer dem Vereine angehörten, die mir jetzt vorwerfen, daß ich mich betäuben nnd berauschen lasse von allzu weitgehenden Hoffnungen, derselben Natur, wie die seiner ^eit im Nationalverein verkörperten, — zn der Zeit hatte ich nicht viel Hoffnung auf den Nationalverein gesetzt. Während der Epoche, welche man die neue Aera in Preußen nannte, als eben die Regentschaft angetreten, war der Nationalverein in seiner höchsten Blüte und mau glaubte, daß es gelingen könnte, eine glückliche Wendung für deutsche Ereignisse herbeizuführen. Damals, im Jahre 1859, hielt der Nationalverein eine große allgemeine Versammlung in Berlin, und viele meiner Freunde lnden mich ein, doch endlich auch in denselben einzntreten. Ich sah mich damals veranlaßt, an den Vorsitzenden des Nativnalvereins und durch ihn an die ganze Versammlung, eine Denkschrift zu richten, in welcher ich auseinandersetzte, daß ich zwar die Bestrebnngen und die Wirksamkeit des Vereins in ihrer allgemeinen Bedeutung anerkenne, daß ich aber die bloß theoretische Agitatiou, iu welcher er sich herumdrehe, die bloße Wiederholung derselben Grundsätze, ohne jede Praktische Handhabe, für entschieden unzureichend halte; daß er nach etwas suchen und streben müsse, das aus dem praktischen Leben heraus mit unserem Begehren nach allgemeiner politischer Einigung übereinstimme, und ich setzte damals auseinander, wie diese praktische Handhabe gegeben sei in der materiellen Einigung der deutschen Interessen. Ich sagte, es ist Aufgabe des Nationalvereins vor allen Dingen die Aufmerksamkeit des Volkes darauf hinzulenken, welche Schädigung die Nation in ihren wichtigsten Interessen des täglichen Brotes dadurch erleidet, daß Deutschland in viele einzelne Fürstentümer zersplittert ist, deren die meisten teils durch Unfähigkeit, teils durch schlechten Willen in Fragen der großen deutschen Berkehrsinteressen sich kennzeichnen. Ich verlangte damals, daß der Nachweis geliefert werde, welchen Schaden die Teilung Deutschlands den materiellen Interessen bringt; daß der Nativnalverein in jedem einzelnen Lande, ja in jeder bedeutenden Stadt Deutschlands gewissermaßen eine Sternwarte für alle Nahrnngsfragen errichte, deren Beobachtuugeu, gleich wie die von Wind — 22 — und Wetter, den Fragen des Verkehrs, des Handels, der Industrie nnd allein demjenigen gewidmet seien, was die materiellen Interessen beeinflußt. Die Sache wurde damals zur Kenntnis genommen, aber wie es so geht, hernach zn den Akten gelegt. Ich wollte aber wenigstens die Genugthuung haben, sie zu veröffentlichen, und sie erschien als besondere Beilage znr Berliner „Volks-Zeitung".*) Ich kann es also schwarz auf weiß bestätigen, daß dieselbe Idee, aus der das Zoll-Parlament entsprungen, schon vor einem Jahrzehnt die meinige war. Aber es ist mir nicht vergönnt, bei dieser Frage stehen zu bleiben. Ich muß auf das Feld des Kampfes, ich muß mich in die Diskussion begeben, über jene Streitfragen, die jetzt schon so lange hin und her erwogen werdeu, die wir aber berufen sind, noch drei Wochen hindurch in heftigem Kampfe zu erörtern. Aber eine große Schwierigkeit wirft sich mir hierbei entgegen. Sie liegt in der Verschiedenheit der Anschauung, die unsere Partei leitet, nnd derer, welche der Gegenpartei eigentümlich ist. Die Gegenpartei beruft sich auf wenige ganz allgemeine, herkömmliche Sätze theoretischen Begriffes, von Recht, Freiheit nnd Fortschritt, welche über den Fragen des praktischen Lebens und der Veränderungen stehen, wie sie im Laufe der Geschichte unfehlbar eintreten müssen. Ihr wird es immer glückcu, wenn sie ihr Panier entfaltet, das Beifallzujauchzen einer Menge zu erobern, die mehr mit dem Herzen, als mit dem Verstand urteilt. Wir aber, wir haben mit Verstand über die gegenwärtige konkrete Lage der Dinge nach allen Seiten hin zu urteilen, wie praktische Menschen es müssen, nicht um deu Sieg leerer Theorien zu streiten, sondern im Interesse des Vaterlandes zu handeln, denn dieses zu fördern, ist uns lieber, als alle glänzende Rechtfertigung der Theorien. Als Anlage hier wiederum veröffentlicht S. 58. — 23 — Wir haben die Aufgabe, unsere Sache in solcher umständlichen Weise zu verteidigen, es ist daher nicht vhne Schwierigkeit Ihnen unseren Standpunkt erschöpfend auseinander zu setzeu. Ja, ich bin in großer Verlegenheit, wenn ich es unternehme, dein Gegner in seinen Widersprüchen zu folgen. Der entwindet sich, und entriuut mir, wo auch immer ich ihn zn soffen fuche. Ich nehme das, was er als die Gesamtheit seiner Überzeugung, als seinen Wahlaufruf, als sein Programm aufgestellt hat und suche ihn irgendwo zn fassen. Aber alles ist voll von Widersprüchen, in einer Zeile immer das Gegenteil von dem, was er in der vomnsgehenden zugestanden. Er beginnt damit, daß er mit freudigem Ausruf davon spricht, daß nun endlich mit direktem allgemeinen Wahlrechte eine große deutsche Bersnmmluug berufen werde, und er endigt damit, daß er dieselbe Versammlung als unzureichend, ungenügend und verwerflich in den härtesten Ausdrücken von sich stößt. Er beginnt damit, daß er beklagt, daß wir in diesem Zoll- Parlament so sehr beengt seien in unserem Berns und unserer Thätigkeit und schließt damit, daß er sich dagegen verwahrt, irgendwie dafür anfzutreten, daß diese Thätigkeit erweitert werde. Er legt eiu außerordentliches Gewicht darauf, daß die Steuern verweigert werdeu und er will nicht, daß wir vou Politik sprechen, als wenn Steuerverweigerung nicht der wichtigste aller politischen Akte wäre! Ja, meine Mitbürger, wenn ich in diesem Programme gelesen hätte, die Abgeordneten sollen nur Steuern von dieser oder jener bestimmten Natur gewähren oder verweigern, sie sollen sich für die eine oder andere, direkte oder indirekte Steuern, erklären, nur über die Natur der Steuer und nicht über Fragen, ob Ausgaben gemacht werden oder nicht, so müßte zugegeben werden, die Herren sind konsequent, wenn sie nicht politische Gebiete berühren, — 24 — sie wollen blos über die materielle Frage reden. Allein das thun die Herren nicht, sie sagen: Ihr sollt gar keine Steuern bewilligen, sollt sie absolut verweigern, und nicht untersuchen, ob die Steuern gut oder schlecht verwendet werden. Das ist ein rein politischer Grnnd. Die Gegner wollen mit andern Worten, daß keine Ausgaben gemacht werden; denn wenn man einmal ausgegeben hat, hernach sagen, ich bewillige keine Steuern, das ist natürlich eine völlige Inkonsequenz, eine rein praktische Unmöglichkeit. Sie müssen sagen, ich will nicht, das; der Staat irgend welche neue Ausgaben für irgendwelchen Zweck mache. Ich frage, ist das eine politische Aufgabe oder nicht? kann ich blos vom Standpunkte des Zuckers, Tabaks :c. beurteilen, ob der Staat das Recht hat, eine Militärnns- gabe oder Ausgaben für Gesandtschaften, Gesetzgebung oder dergleichen zu machen? Und dennoch wollen die Herren Gegner Zoll-Parlaments-Abgeordnete wähle», die sich nicht mit politischen Aufgaben zu befassen haben. Das sind wüste Behauptungen voll der größten Widersprüche, nnd ich will sagen, wie diese Widersprüche sich erklären. Es ist die Partei der Gegner durchaus uicht gleichartig zusammengesetzt, wie alle Partcieu, denen es nur darauf ankommt zu negieren, zu verneinen, die sich darin zusammenfinden, daß sie etwas Bestimmtes nicht wollen, daß sie von den einander widersprechendsten Grüuden geleitet werden; und wer dieses Programm der Gegenpartei mit Aufmerksamkeit verfolgt, der wird deutlich sehen, wie bald der einen Meinung, bald der andern ein Zugeständnis gemacht ist; wie der Eine verlangt, daß man in diesem Zoll - Parlamente doch anerkenne, daß die Ereignisse von 18liki etwas Gutes und Nützliches wären, und wie der Andere wieder will, daß man mit Hohn und Verachtung darauf sehe; nnd wie Schritt vor Schritt immer ein Satz Für und ein Satz Gegen erscheint, damit man jedem sein Teil gebe; so daß zum Schluß das unglaublichste und undenkbarste aller Machmerke herauskam. Weuu Sie ein politisches Glaubeusbekenntnis, ein Programm, welches die Fahne einer große» Partei bei einem wichtigen Akte sei« soll, durchleseu und fiuden darin Sätze wie diesen: „Wir wollen die Ereignisse des Jahres 1866 weder beklagen, noch in den Himmel erheben, und wir verkennen ihre Tragweite nicht," so bitte ich Sie, mit der Hand an den Kopf zu fühlen und sich zn fragen, was Sie dabei denken können, wenn eine Partei nicht weiß, ob sie solche Ereignisse, wie die von 1866, beklagen oder loben soll, und Ihnen schließlich nichts als völlig sinn- nnd bedeutungslose Worte zn sagen weiß. Eine Partei, welche die Tragweite solcher Ereignisse, ob sie gut oder schlecht seien, nicht zu bezeichnen wagt, das ist entschieden eine Partei, die nichts zu sagen weiß, weil sie nichts zu denken weiß, und ich erkläre, daß die Partei, die ein solches Programm ausstellt, es nicht Wahlaufruf, sondern Armutszeugnis nennen sollte. (Stürmisches Bravo.) Und nun, meine geehrten Mitbürger, lassen Sie mich, da wir doch in diesem Wahlprogramm nichts finden, sehen, ob ich anderwärts aus der Diskussion, aus dem, was in der öffentlichen Besprechung in aller Mnnd sich herumwälzt, die Gründe finden kauu, die man uns entgegenwirst, und lassen Sie uns sehen, ob es uns gelingt, sie in Gestalt zu bringen, so daß wir sie bekämpfen können. Hier tritt mir vor allen Dingen das entgegen, daß Sie in dem Parteiprogramm, wie in allen Aussprüchen der Gegenpartei eine ungeheure Überschwänglichkeit finden. Wenn die Rede von dem ist, was unsere Gegner dem Volk bieten wollen, und ich lese: „das ganze Deutschland ists" — „das freie Deutschland", „das unbedingt in der radikalsten Weise gestaltete", „das in der vollständigsten Weise geeinigte Dentschland", — 2«; — kurz alles, was man nur von Herzen begehren kann, — das alles wolle sie, das alles erstrebe sie, diese Partei, so muß sie doch auch überzeugt sein, daß es ihr gelinge, denn sonst hat sie keinen Beruf! Sie sagt aber nicht mit einem Iota, wie sie es herbeiführen will! — Ich glanbe, daß die Gegenpartei nicht stark hier vertreten ist, und ich will daher meinem Univillen über dieses Gewähren Zügel anlegen. Doch ich kann nicht anders sagen, als: daß wer solche glänzende Versprechungen macht nnd seit Monaten und Iahren sie ausstößt uud nicht weiß, wie sie erfüllt werden sollen, daß der ein Marktschreier ist nnd Quacksalberei treibt, gleich dem Charlatan, der auf offenem Markte eine Mixtur anpreist, die alle Krankheiten heilen soll, während er mir gefärbtes Regenwasser bietet. (Große Heiterkeit.) Sie könnten ebenso gut in ihrem Programm, wie sie das geeinigte, befreite nnd in der höchsten Vollkommenheit schwelgende Deutschland versprechen, jedem Menschen täglich eine Pastete uud eine Flasche Wein versprechen, das würde sie mich nicht mehr gekostet haben. (Heiterkeit.) Ich muß es auch für eine zweite, nicht aufrichtige und ganz unhaltbare Bekämpfung unserer Anforderuugeu erklären, wenn die Gegenpartei sagt, nnd es ist schon eher der redliche und aufrichtige Teil, der so zu Werke geht, wenn sie sagt: „ja, wir billigen, was Ihr verlangt, wir anch wollen uns einigen mit Norddeutschland nnd ein gesamtes Deutschland herstellen; allein mit der gegenwärtigen Anordnung der Dinge sind wir nicht einverstanden und wir wollen unsere Bedingungen stellen." Verehrte Mitbürger! Es ist sehr schöu, Bediugungen zn stellen, wenn man einige Aussicht hat, sie durchzusetzen. Wer aber in der Lage ist, mit seinem einfachen Menschenverstände einzusehen, daß mau uicht dem Anderen mit Erfolg Bedingungen vorschreiben kann, uud dennoch vorschreibt, der thut nichts anderes, als das; er einfach auf Das verzichtet, was er als wünschenswert erklärt. Da müßten besser die Herreu den Mut haben zu sagen: „wir wollen uns nicht einigen," denu der Norddeutsche Bund, die dreißig Millioueu, die sich bereits geeiuigt haben, die cutscheiden durch das Schwergewicht und die Überzeugung, daß sie uns nachziehen werden. Ihr Gegner seid nicht in der Lage, solche Bedingungen zu stellen, und es wäre besser, Ihr sagtet: „Wir wollen gar nichts," als daß Ihr saget: „Wir wollen unsere Bedingungen ertrotzen." lZustimmuug.) Haben wir uicht Beispiele erlebt, wie es abläuft mit solche» Vediuguugeu? Es sind heute noch nicht sechs Monate über Deutschland hingegangen, daß wir sahen bei den Zvllangelegenheiten, wie in Baiern nnd in Württemberg die radikalen Opponenten von allen Seiten versicherten: „Der Zollvertrag wird nicht angenommen, nnd die Zolleinigung mit dem Norddeutschen Bunde wird nicht angenommen, wenn nicht gewisse Bedingungen, die wir Herren vorschreiben, von Preußen nnd seinen Bundesgenossen akzeptiert werden." Himmelhoch gingen die Wogen; in Baiern nnd Württemberg schien der Zollverein verloren, Opposition von allen Seiten! „Preußen mnß uns nachgeben! Es hat nns uoch nötiger, als wir es, nnd wir schreiben ihm vor: diese uud jeue Abänderung in der geineinsamen Gesetzgebung mnß gemacht werden, wenn wir den Zollvertrag annehmen sollen." Und was geschah?! — Im letzten Augenblick nahm die Sache ein klägliches Ende. Die am lautesten geschrieen hatten, zogen sich am ersten zurück, uud — verzeihen Sie den burschikosen Ausdruck — aus dieser Strvhrenvmmage kam nichts heraus, als eine Blamage. (Bravo! Heiterkeit.) — In derselben Lage sind wir, wenn wir dem Norddeutscheu Buude Bedingungen vorschreiben, die wir uicht ertrotzen köunen. Dieses Vor- — 28 — schreibeil von Bedingungen, dieser politische Kompromis, den die Herren jetzt noch versechten wollen, gehört bereits der Geschichte an; denn wenn Sie mit einiger Aufmerksamkeit dem Gang der Dinge des ersten deutschen konstituierenden Reichstages gefolgt sind, so wissen Sie auch, daß zwischen den freisinnigen Parteien des Reichstages und dem Bundeskanzler-Amt über viele Abänderungen verhandelt worden ist, welche zum größten Teile angenommen wurden. Man hat damals über die Bedingungen verhandelt, nnd wenn die Norddeutsche Verfassnug nicht vollkommener ist, als sie ans der Beratung des allgemeinen Reichstages hervorging, so ist sie es, nachdem das Mögliche an Bedingungen erreicht worden, was unter den gegebenen dringenden Umständen erreichbar war, da einmal das freiheitliche Element — merken Sie wohl — der Zahl nach nicht das stärkere war. Diese Bedingungen sind geschlossen nnd es ist nicht daran zu denken, neue Bedinguugen zu stellen. Also auch dieser Vorwurs ist ganz uichtig und als unüberlegt zu erklären. Ich muß noch ein Anderes als einen entschieden banalen, leeren und eitlen Vorwurf abweisen, nnd das ist, daß diese Herren unsere Partei anklagen, sie begnüge sich mit Phrasen. Wenn je irgend jemand glaubte, den Spieß umkehren zu können, nm seine eigene Schwäche zn decken, so geschieht es gerade hier von Seiten unserer Gegner. Ich habe es bereits gesagt, wir begnügen uns mit der Mühseligkeit, nach gegebenen Umständen überall zu sehen, wie wir die Interessen des Volkes und der Freiheit verteidigen können mit den Mitteln, die uns gegeben sind, uns langsam aber sicher voranzuhelfen. Wir sind gezwungen, Paragraph für Paragraph in der deutschen Verfassung zu diskutieren und so lange zu arbeiten, bis wir den einen oder den anderen ändern können. Jene aber, wie aus deren Programm zu — 29 — lesen, bringen in allgemeinen, seit einem Jahrhundert nutzlos abgehaspelten Phrasen, mit denen man im Augeublick keinen Hund von dem Ofen lockt, das Ganze ihrer politischeu Weisheit, nud wenn sie uus Phraseu vorwerfen, dann können wir dies mit nichts anderem vergleichen, als damit, daß auf dem Markte eiu Dieb uns die Uhr aus der Tasche zieht und daun mit dem Rufe: „Halt den Dieb!" um den Verdacht von sich abzulenken, hinter uns herlauft. (Heiterkeit.) Aber damit uicht zufrieden, klagen jene den Norddeutschen Bund an, das; seine Verfassung so unvollständig sei, daß wir freien Südländer uns unmöglich damit zufrieden geben köuuteu. Auch das ist ein eitler Porwurf. Der Norddeutsche Bund hat zunächst vor der seligen Deutscheu Bundesverfassung den großen Vorzug, daß er keinem Lande irgendwie in Beziehung auf fein Grundrecht irgend welche Beschränkungen auferlegt. Sie dürfen die Presfe und alle Rechte, durch welche Freiheiten ausgeübt werden, so uu- bediugt, wie Sie wollen, in einem Lande entfesseln, ja, Sc. K. Hoheit der Großherzvg von Heffen und bei Rhein kann abdanken und Heffen zu einer Republik erklären, ohne daß deshalb der Norddeutsche Bund gemäß seiuer Verfassung das Recht hätte, einen Einspruch zu erheben. Wenn er uns nichts nehmen kann, köunen wir auf jeden Fall dnrch den Eintritt nichts verlieren. Es sind aber iu diesen Grundrechten wichtige Dinge, die wir nicht besitzen, wie namentlich der wichtige Punkt der deutschen Freizügigkeit und eiue Menge anderer Vorteile. Ja, sagt man uns, die Miuistcrverantwvrt- lichkeit ist nicht in der Norddeutschen Bundesverfassung anerkannt. Ministerverantwortlichkeit?! Es hat einmal im Preußischen Landtage ein Deputierter das sehr treffliche Wort ausgesprochen: „Was sprechen wir hier von Minister- Verantwortlichkeit? sprechen wir doch einmal von Gendarmenverantwortlichkeit!" (Heiterkeit.) — 30 — Die Mißbräuche, die Übergriffe der einzelnen Beamten, werden wir die einmal auf gesetzliche Weise zn bekämpfen und von uns abzuwehren imstande sein? Das ist noch nn- endlich viel wichtiger, als daß man uns mit großen Buchstaben theoretische MinifterverantN'ortlichkeit in die Verfassung schreibt, die schließlich nie einen Wert hat, als wenn es dem Volke gelingt, ans der Verfassung herauszugehen, d> h. Revolution zu machen. In unserem Lande besteht auch noch das Gesetz, welches die Gendarmenverantwortlichkeit nicht anerkennt; denn wir haben nebst manchen Vorteilen aus dem französischen Gesetz jenes Arsenal von freiheitsmörderischen Edikten, die in späteren Jahren aus der französischen Revolution zu Parteizwecken erlassen wurden und dahin gehört das Dekret vom Jahr VIII. (1800 der christlichen Zeitrechnung), in welchem vvr- geschrieben ist, daß kein Beamter wegen Übergriffe gegen einen Bürger vor Gericht gestellt werden kann, ohne daß die Regierung dazn ihre Erlaubnis gäbe; mit anderen Worten, seder Beamte ist unverantwortlich! Schaffen Sie uus diese Gesetze ab, uud Nur wollen uns mit der au den Himmel geschriebenen Ministerverantwortlichkeit noch ein wenig gedulden. Ich verachte sie nicht, aber wenn ich nicht irre, haben wir in unserer gesegnete» Verfassung auch eine Ministerverantivortlichkeit, und ich frage Sie aus eigener Erfahrung, wie oft ein Minister vor den Staats-GerichtShvf gestellt worden ist, und ich frage, wie weit das kvnstitivnelle System bei nns so gilt, daß unsere Minister in Hessen sich vor einer absolute» Äammer- Majvrität zurückziehen? Das ist der geschriebene Buchstabe der Ministerverantwortlichkeit, er mag gewiß wichtig sein, aber er ist kein Abhnltungspnnkt, der wichtig genug wäre, die Vereinigung Deutschlands auszuhalten und es giebt andere wichtigere Güter, als dieses Gesetz. Übrigens ist der — 31 — Bnudeskanzler verantwortlich und sind seine Kollegen, jeder seiner Kammer, also namentlich der Preußischen, verantwortlich. Ich komme nnn zu einer anderen Anklage, die man uns entgegenschlendert. „Ja," sagt man, „Ihr seid Eurer Meinung abtrüunig geworden, Ihr seid ehemals radikal und für die Freiheit beseelt gewesen, und setzt?!" — Was weis; ich alles, welchen Ungeheuerlichkeiten wir huldigen! Wäre» nur nicht in den Ansaugen unserer politischen Entwicklung, so wären dergleichen Vorwürfe wirklich undenkbar. In andern Ländern, die daS Glück haben, sich schon länger in politischen Fragen zu bewegen, da verlangt man von einem Manne nicht, das; er etwa heute etwas uicht für Recht auerkeuue, weil er eo vor Jahren nicht für Recht angesehen hatte. Da verlangt man uur Wahrheit nach seiuem Herzen und legt uicht falsches Gewicht ans eine scheinbare, äußere Konsequenz, weil diese mit dem Herzen und der Überzeugung nichts zu thun hat. Ich erinnere Sie nur an deu großen englischen Staatsminister Robert Peel, der die erste Hälfte seines Lebens die Interessen der Schutzzölle vertreten; wie er plötzlich zur Erkenntnis gekommen, die Interessen der Handelsfreiheit in England zn verteidigen unternahm. Einen krasferen Übergang hat vielleicht die politische Welt nie gesehen, und glauben Sie, daß es in England jemanden eingefallen wäre, der sei ein Abtrünniger, ein schlechter, verächtlicher Mensch? — Nein, niemanden ist dies cingesallen. In gebildeten Ländern wird es nie jemanden einfallen, einen Mann seiner Politischen Gesinnung halber, für die er aus innerster Überzeugung eintritt, anzugreifen. Es ist leider in unserem lieben Deutschland so Sitte, daß man sich lauge gewöhnt hat, die politischen Aufgaben nicht als etwas Praktisches zn betrachten, das berufen ist, die lebendige» Interessen einer auf der Erde wandelnden Nation zn schützen und zu vertreten, sondern ein theoretisches Spiel mit Formeln und Floskeln war bei uns der Mittelpunkt der politischen Streitigkeiten; die lange Gewohnheit, uns in religiösen Zwisten zn bewegen, die nicht das Interesse dieses Lebens berühren, hat nns dahin gebracht, daß wir uns gewöhnt haben, auch die Fragen des praktischen Lebens wie religiöse Streitigkeiten, wie bloße Theorien ohne durchschlagenden Wert zu behcmdelu, und es ist so weit gekommen, daß wir uns leider schou wieder mitten im Religionshader befinden, was unsere Partei tief beklagt. Ich will diesen Gegenstand nicht weiter berühren, aber mit Freuden ergreife ich die Gelegenheit, nm hier zu erklärein Wir haben in religiösen Dingen nur eine einzige Überzeugung, das ist die, daß wir Anhänger der unbedingten Freiheit in allen Stücken sind und daß wir der deutschen Nation auch das Zutrauen schenken, daß sie in religiösen Dingen die unbedingt größte Freiheit vertragen kann. Wir appellieren an keine religiöse Partei, uns zu unterstützen. Wir betrachten den Kamps für's Wohl uud Wehe Deutschlands und die lang ersehnte Einigung unserer Nation zunächst als einen Kampf praktischer Lebensintcressen und die Religion als eine Frage des Jenseits und des inneren Menschen, nnd es kann uns nichts Angenehmeres und Erfreulicheres begegnen, als wenn in dem bevorstehenden Streite hcnte zum letztenmale von religiösen Fragen die Rede gewesen ist. (Stürmisches Bravo!) Von den bisher widerlegten Gegengründen sind die meisten solcher Art, daß ich Mühe habe zu glauben, sie könnten einem Menschen, der mit Verstand und Aufrichtigkeit nach Wahrheit geht, als ehrliche Einwände erscheinen. Aber es giebt auch allerdings Bedenken besserer Art, von — 33 — denen ich annehmen kann, daß sie jemand mit ganzer Überzeugung in sich trage, obgleich sie irriger Natur sind. Ich habe mich immer bemüht, namentlich seit es mir vergönnt war, wieder nnter meinen Landsleuten zu sein, von Gegnern, deren ich viele zu meinen Freunden zähle, zu erfahren, was uns denn eigentlich trenne; und ich habe zunächst immer sagen hören, daß an und für sich gegen das Neugeschaffene, das uns geboten wird, nicht so viel einzuwenden sei, daß man aber sich enthalten müsse, es anzunehmen, weil es uns auf eine uugerechle Weise zugekommen sei; weil man den Krieg nicht billigen könne, und daS Verfahren nicht billigen könne, mit dem man es erworben hätte. Ich muß die Unschuld solcher Freunde wirklich bewundern, nnd ich habe mich gefragt: in welch' rvsenfarbiger Welt wir denn leben, daß man glaubt, wir konnten die Güter dieser Erde auf die reinste, unschuldigst«, uud gerechteste Weise in der Politik erwerben? Wenn ich die Zustände unseres Landes betrachte, wenn ich das Unheil sehe, das auf Deutschland ruht und mich sragc, wvher es rührt, so mnß ich antworten: Es ist das Resultat eines tausendjährigen Unrechts, das an der deutschen Nation begangen worden. Und wenn wir von der tausendjährigen Last dieses Unrechts befreit werden sollen, dann soll ich sagen: ich will nichts davon wissen, weil wir nicht nach den Vorschriften der Rechtstheorie erlöst worden sind? Wo sollen wir mit solchen Doktrinen hinkommen, und namentlich, wo sollen Revolutionäre mit solchen Doktrinen hinkommen, die doch wahrscheinlich auch wisse», daß glückliche Revolutionen nicht mit dem Gesetzbuch in der Hand gemacht werden? Ich habe es schon einmal gesagt, es kommt mir wirklich so vor, wie wenn einem etwas gestohlen worden ist und der Dieb es ihm endlich zurückbringt, der Eigentümer aber ausruft: ich will es nicht, ich muß es erst Ludwig Bamdergcr's Grs, Schriftcn, IV. g — :!4 durch einen regelrechten Prozeß erweisen, daß mir mein Gut zurückkommt. Die nnveränßerbaren Rechte auf die deutsche Einheit, sie sind die unsrigen, und die alten Rechts spräche sagen: ich nehme mir mein Gut, Mo ich es finde. Und das wollen auch wir. (Bravo!). Es erinnert wirklich an den Zusammenhang, der zwischen unseren, etwas mit dem alten Bundestage liebäugelnden Demokraten und dem deutschen Reich obwaltet, wie sie nichts annehmen, wen» es nicht auf schulgerechte Weise kommt. Es erinnert mich an jene alten ReichS- generale der österreichischen Armee, die, von den Franzosen der Revolutionsarmee geschlagen, immer behaupteten, sie seien auf unregelmäßige Weise geschlagen worden — es gelte nichts! (Heiterkeit) und wenn die Regel der bewährten Taktiker Dann und Laudvn noch gälten, so würden sie gewonnen haben. (Bravo! — Heiterkeit!) Nach diesen Grundsätzen, nach dieser Theorie dürfte unsere deutsche Einigung allerdings auch nicht als nach der Regel erworben betrachtet werden. Aber ich denke, wir benutzen den Sieg, wenn er auch nicht nach den Regeln der Taktik erfochten ist. (Bravo!). Man hat uns aber noch etwas anderes eingeworfen. Wir demoralisieren — sagt man — das Volk, wenn wir ihm zeigen, daß solch widerrechtliches Perfahren, wie eS in Deutschland ergangen ist, auch zn einem Ziele nnd zu etwas Annehmbarein führen kann. Ich glaube wirklich, daß, die so urteilen, das Volk für allzu kindisch halten. Die verschiedenen Schichten der Gesellschaft sind so verschieden nicht in dem Gefühl der greifbaren Wahrheit und wandeln nicht auf zwei verschiedenen Welten, deren eine in dem Glauben lebt, es gehe auf Erden alles nur mit dem größten Rechte nnd ohne Rücksicht auf Macht und Gewalt zu, und von denen die andere erkennt, wie die Dinge in der Weltgeschichte vor sich gehen. Das Volk ist nicht so unschuldige es weiß, daß Macht und Ungerechtigkeit vielfach in der Weltgeschichte geherrscht haben nnd wir anch berechtigt sind, Erreichbares hinzunehmen, ohne deswegen das Recht zu verleugnen; denn wenn nur auf Rechtsgrundlagen dauernder Bestand zu finden ist, so giebt es doch nur Ein Mittel, das gedrückte Recht zu befreien; nnd das ist, wir wissen es wohl: die faktische Übermacht. Wie lange sollen wir denn nach ihrer Theorie warten, nm dem Volke zu gebeu, was es augenblicklich schon haben könnte? Glauben wir, daß es in einem, zwei, drei Jahren den Ursprung vergessen haben werde? Das Gedächtnis ist nicht so kurz, nnd wir thun besser daran, aufrichtig nnd ehrlich einzngestehen, warum ein Gnt uns annehmbar und vorteilhast erscheint, als uns damit zu täuschen, daß wir nach einigen Jahren dem Volke einreden könnten: hier sei ein reiner Rechtsprozeß vollzogen worden. Wenn wir das Volk so erziehen wollen, so komnu mir das wahrlich so vor, wie wenn die Jugendlehrer den Kindern im zarten Alter allerhand religiösen Wahn von Engeln nnd Teufeln vorführen, weil sie noch nicht reis seien, andere Wahrheiten, die davon abstrahieren, zu er kennen. Ich habe nie der Überzeugung gelebt, daß man dem jungen Menschen eine andere Lehre beibringen soll als die, der er berufen ist, im späteren Leben wesentlich in seinem Herzen zn tragen. Es ist mir ein jeder recht, der nach seiner Überzeugung lebt und handelt; aber wenn ich Kinder zu erziehen hätte, würde ich ebenso wenig heute religiöse Wahrheit lehreu, um sie nach zehn Jahren dem Spott zu überliefern, wie ich heute iu der Geographiestnude sagen würde: Die Erde sei viereckig, nm in drei Jahren zu sage», sie sei rund. (Bravo! Heiterkeit.) — Lassen Sie uns, weil wir auf diesem Kapitel stehen, untersuchen, was es mit — 36 jenen frappanten Sätzen auf sich hat, denen man mit Wut und Unwillen am meisten entgegentrat. Man hat gesagt, der leitende Mann habe das Wort ausgesprochen, daß Macht über Recht gehe. Was ist Wahres daran?! Inwiefern müssen wir den Satz anerkennen? Wir können das Faktum, daß Macht auf dieser Erde herrscht, ebenso wenig wegleugnen, wie das Faktum, daß der Mensch einen sichtbaren stofflichen Leib hat. Wir können es nicht leugnen, daß die Gewalt eine große Wichtigkeit in den Angelegenheiten dieser Welt ausübt, daß der Besitz der Herrschaft allein schon oft imstande ist, dem Recht Gehorsam oder Niederlage zn bereiten, und wenn wir uus zu Gemüt führen, daß wir in Deutschland immer einen großen Überfluß an Recht und einen großen Mangel an Macht in allen Dingen der Entfaltung der Nation hatten, so dürfen wir am Ende es nicht als eine Verneinung thatsächlicher Wahrheiten erklären, wenn Derjenige, der Deutschland zu einer neuen Gestaltung herbeiführen wollte, auch das Bedürfnis fühlte, das Gleichgewicht herzustellen und dadurch die Macht zu haben, damit dem Recht der Nation auf Existenz endlich seine Bahn gebrochen werde. Machen wir uns nicht blind darüber, wir geben uns nur ein Zeugnis der Unreife, wenn wir verkennen wollen, daß die Nation, die etwas sein will, anch die Macht haben muß, es zu sein, nnd daß es nicht genügt, die schönsten Worte von Recht uud Einheit Deutschlands zu deklamieren, wenn Sie nicht die Macht wirklich physischer Mittel besitzen, dieses Recht durchzuführen. Ja, ich will es wagen; denn obgleich ich überzeugt bin, in gewissen Blättern, die es sich zur Aufgabe machen, alles zu entstellen, was in unserer Partei vorgeht, wird auch dies wieder entstellt werden, will ich es wagen, rücksichtslos und furchtlos einen Namen auszusprechen, der als Vogelscheuche, als Zielscheibe aller Vermaledeiung hingestellt worden ist. Möge man nur immerhin vorwerfen, daß ich nach dem Erfolge urteile, ich geize nur nach dem Verdienst, die Wahrheit nach meiner ehrlichen Überzeugung zu sagen uud will in diesem Sinne auch zwei Worte von Bismarck sprechen, damit ich meine Gedanken über diesen jedenfalls — ich glaube, das werden nachgerade anch die Gegner einräumen — höchst interessanten Menschen ausdrücke, damit Sie sich sogleich Rechenschaft geben können, wie ich ihn und seine Rolle beurteile. Ich will ihn nebeil einen andern Mann stellen, mit dessen Beruf nnd Thätigkeit er eine große Ähnlichkeit nnd viel Verwandtschaft hat. Sie erraten ohne Zweisel, daß ich von Cavour spreche. Cavour, der Mann, der die Einheit und die Freiheit Italiens zu gründen übernahm, er hat sich einer ähnlichen Aufgabe unterzogen, wie Bismarck; aber ich stehe nicht an, zu erklären, daß ich ihn um ein Großes hoher stelle, weil es ihm vorschwebte nnd znm Teil gelang und weil es ihm jedenfalls von Herzen kam, nicht blos die Einheit, sondern anch gleichzeitig die vollste Freiheit seines Baterlandes zu begründen, uud weil er als Freiheits-Verehrer und aus dem Frcihcitslampse hervorging. Allein dieser Unterschied, auf den ich das größte Gewicht lege, hindert mich dennoch nicht, zu sehen, welche Eigenschaften und welche Berdienste nach der Lage der Dinge der Mann hat, an den sich ein bedeutender Wendepunkt der modernen Geschichte knüpft. Er ist nach meiner Ansicht der getrene Ausdruck der Lage, in welcher er Deutschland vorsaud und aus welcher heraus es sich zu entwickeln gezwungen ist. Er ist ein Manu von zwei ganz verschiedenen Naturen, wenn Sie ihn politisch betrachten. Er ist ja — ja er ist unleugbar und wird es wohl sein ganzes Leben lang bleiben — das, was wir mit dem Ausdrucke Junker bezeichnen, er ist ein Junker vom Wirbel bis zur Zehe, aber er ist ein mit großem politischen — 38 — Blick und großem politischen Willen begabter Junker. Der Unterschied zwischen ihm und unser Einem besteht zuerst darin, daß er eiu Mensch des praktischen Lebens in politischen Dingen ist und wir alle mehr oder weniger von Haus aus reine Theoretiker zu sein Pflege«. Wenn wir Anhänger der Freiheit und des Rechts sind, so kommt es daher, daß wir sie mit unseren Schulbcgriffen, mit unseren ersten Lehren, mit unserer allgemeinen Vorstellung in uus cingcsogen haben und daß wir nns vorsetzten, sie aus dieser theoretischen Überzeugung nach und nach ins Leben zu übersetzen. Bei Bismarck ist es gauz anders, in ihm war keine Spur von Sinn für uatiouale Entwicklung und allgemein menschliche, geschweige denn von freiheitlichem Berufe. Er war ein Mensch des rein politischen Lebens, aber seine eigenen Konsequenzen haben ihn erzogen; er hat allmählig einsehen lernen, welche große unentbehrliche Wichtigkeit, welche Lebenskraft in der freien, ungehemmten Entwicklung und in der uationalen Gestaltung eines Volkes wohnen können. Ihn hat die Schule des Lebens dahin geführt, daß er den Wert und die Wichtigkeit von Dingen erkannte, für deren Bedeutung ihm früher das Auge verschlossen war. Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, wie grell der Widerspruch in der Überzeugung des Bismarck von heute uud des Bismarck vor einigen Jahren ist. Auch er ist einer von den Leuten, denen man den Vorwnrf machen kann, daß sie ihre politische Überzeugung geändert haben. Dieser Mann, der heute Osterreich aus Deutschland hinausgedrängt hat, der es als den wichtigsten Grundsatz seiner Politik erklärt hat, daß Österreich den Schwerpunkt seiner Macht »ach Ungarn verlegen müsse, dieser Mann hat im Anfang der fünfziger Jahre noch in der preußischen Kammer erklärt, Österreich sei die Stütze der deutschen Nation! Es ist irrig und falsch, sagte er damals, zn behaupten, Österreich sei kein deutscher Staat, weil er so viele nicht- deutsche Länder beherrsche. Aber heute erklärt er, daß nur ein rein deutscher Staat Deutschland regenerieren könne. Dieser Manu, der heute den Frieden von Nikolsburg diktiert, welcher die Grundsätze der Handelsfreiheit und der Ver- kehrscrweiterung im modernsten Sinne unter die ersten Paragraphen seines Friedensinstrumentes aufnimmt, es ist derselbe Mauu, der achtzehn Jahre vorher in der Preußische» Kammer noch für Zunft, für Innung, für jede Be- schräuknug des Handels und Verkehrs gesprochen hat. Wie ist er zu dieser Bekehrung gekommen, einzusehen, daß die industriellen und kommerziellen Kräste entfaltet werden müssen? Wie kam ihm der Gedanke, daß Deutschland berufen werden müßte, sich zu gestalte», indem er sich auf das allgemeine Wahlrecht stützte? Es geschah auf dem Wege der Erfahrung, die er sammelte, als er in seiner diplomatischen Laufbahn zu Frankfurt den österreichischen Diplomaten gegenüberstand und hier ward ihm deutlich, daß mit Österreichs oberster Gewalt nie und nimmer möglich sei, die Nation zu vereinigen, daß die Klein- Staaten der Einigung Deutschlands eutgegeusteheu, die sich auf Osterreich stützen, und daß darum Deutschland genötigt sei, vor allen Dingen den Einspruch Österreichs und deshalb auch den Widerstand der kleinen Fürsten zu brechen; nnd das Mittel, dies herbeizuführen, erkannte er zunächst in der materiellen Einigung Deutschlands. Und deswegen hat er schon in dem Jahre 1858, noch lange, ehe von diesen Dingen öffentlich die Rede war, verlangt, daß der Zollverein als Grundlage znr materiellen Einigung Deutschlands verwendet werde, schvn damals die Idee ausgesprochen, daß durch Berufung einer allgemeinen deutschen Zollversammlung die deutsche Nation anfange, den Versuch mit einer nationalen Existenz zu macheu. 40 — Glauben Sie, daß er deshalb begeistert sei, sür unser Recht und unsere Freiheit in der Art, wie wir die Dinge auffassen? Nein, durchaus nicht! Sie werden ihm nimmer beibringen die Gewissenhaftigkeit, welche das Recht des Einzelneu und das Recht des Ganzen gegenüber der herrschenden Gewalt instinktmäßig in Schutz nimmt; allein Sie werden meistens ein offenes Auge iu ihm finden sür Das, nias lebensfähig an einer Nation ist, denn er hat den Trieb nach großer politischer Wirksamkeit, ohne welchen in monarchischen Staaten nichts zu vollbringen ist, und wir leben bis jetzt in monarchischen Staaten. Er hat das Zeug eines Staatsmannes in sich, er hat gesuhlt, daß zunächst mit unsern alten Institutionen nichts zu machen war; und so sind wir von beiden Seiten ans den Punkt gekommen, wo wir fanden, daß unsere Überzeugung in gewissen Dingen sich berühre, daß die Interessen des Mannes, welcher der große Politiker einer Nation zn sein berufen war, zusammentrafen mit dem Begehren derer, welche das Recht der Nation auf Größe und Freiheit im Herzen tragen. Das ist nach meiner Auffassung die Bedeutung Bismarcks, deu ich weder in seinen Untugenden, noch in seinen Tugenden verkenne. Wann wird die deutsche Nation aufhören, ihn wie einen Wau-Wau, mit dem man die Äinder hinter den Ofen verscheucht, zu betrachten? Diesen Mann, der vou dem gesamten Auslande als derjenige betrachtet wird, der nach seiner Weise die deutschen Geschicke mächtig erweitert hat, — und der ihnen jene wichtige Weu- oung gab, von der ich hoffe, daß sie weit über seiu nächstes Ziel das Recht und die Freiheit der deutschen Nation werde herbeiführen. (Bravo!). Und nun, da wir von Bismarck gesprochen, meine Herren,.....ich hoffe, ich halte Sie nicht zu lauge hin; die Sache muß mit Ausführlichkeit be sprochen werden. Ich werde mich möglichst kurz fassen; wenn Sie mir aber noch einige Geduld schenken wollen, so werde ich Punkt für Punkt weiter gehen, da ich nicht hoffen kann, Sie noch einmal zu einer solchen Versammlung, in der wir die Sache gründlich erörtern können, zu vereinigen, und es ist besser, da Sie mir doch einmal Ihren Abend geschenkt, wir bleiben zusammen nnd sprechen redlich und treu zu Ende. Es mag ein Opfer für Sie sein, aber der Dienst des Vaterlandes ist auch hierin nicht immer ein leichter. Vou Bismarck führt mich mein Gedanke natürlich zu Preußen. Ja, meine Freuude, wenn man uns von Preußen spricht, so wirst man es nns an den Kopf, als wenn wir wirklich Preuße» gemacht Hütten mit allen seinen Fehlern nnd Schäden. Wenn ich höre, wie unsere Gegner nns anschnauzen, so oft von Preußen die Rede ist, so bin ich in Gefahr, mir vorzukommen, wie seuer Schulkuabe, der auf die Polternde Frage seines Lehrers: „Wer hat die Welt erschaffen?" ängstlich antwortete: „Ach, Herr Lehrer, ich will es mein Lebtag nicht wieder thun!" (Heiterkeit.) Haben wir Preußen gemacht? — Es ist das Erbstück der deutscheu Nation! Ich will hier nicht untersuchen, wao gutes und was schlechtes daran, ob man stolz darauf sein taun, ein Preuße zu seiu oder uicht. — Ich kenne wenigstens viele Leute, die stolz darauf sind, aber ich habe bis jetzt noch niemanden gesunden, der stolz daraus gewesen wäre, ein Hessen-Darmstädter zu sein. (Heiterkeit.) Aber wir wollen das liegen lassen! — Ich sage, Preußen ist einmal da, wie wir es haben, und wir müssen mit ihn» nns verstehen, wenn wir dem praktischen Leben angehöre» wollen uud nicht mit leeren Phrasen über die Wirklichkeit hinaus bis zu den Steruen rufen, und auf das „Tischchen deck' dich!" eiuer unverbürgten Zukunft uus verlassen wollen. Ja, ich begreife noch am ersten die Konsequenz jener Schwaben, die als obersten Grundsatz aufstellen: LorussiAM esss äslsnclaiir! Preußen müsse zerstört werden. Ich habe nur dnuu nach darum zu bitten, daß mir auch vorerst die Mittel angegeben werden, mit denen es zerstört werden soll. Unter dieser Bedingung mögen die Herren so weit gehen, zu proklamieren, daß Preußeu abgeschafft werden müsse, wie jene Frau im Jahre 1848, welche die Begeisterung sür die Emanzipation ihres Geschlechtes soweit trieb, daß sie als 1 aufstellte: „Die Männer sollen abgeschafft werden". (Heiterkeit.) Ja, diese Konsequenz lasse ich mir gefallen! Herr Moritz Mohl, einer der Helden jenes unerschütterlichen Schwabentums, will von Prenßen so wenig wissen, daß er nicht einmal den Zünduadeln zugesteht, daß sie gut schießen: denn sie sind eine preußische Erfindung und sv wollen wir sie nicht; wir wollen nichts, was von Prenßen kommt! — Das heiße ich mir noch Konsequenz. (Heiterkeit!) Die sonderbündlerischen Schwaben selbst zerfallen bekanntlich in zwei verschiedene Parteien; die Einen wollen gar uicht wählen und in schöner politischer Enthaltsamkeit Gottes Wasser über Gottes Land lausen lassen und nach alter herkömmlicher deutscher, so sehr bewährter Weise sich damit begnügen, zu protestieren; die Andern, und das sind die Klügeren, die sagen: Geht hin und wählt, aber erklärt srank und frei, daß Ihr gegen den Zollverein, gegen die Handelsfreiheit seid, weil sie von Nvrddeutschland ausgehen. Sie sind Anhänger der Schutztheorie, die längst von der Wissenschaft verurteilt ist; und das sind die Klügern von jenen preußenfeindlichen Schwaben. Wir aber haben nun einmal Preußen, nnd wir können es nicht los werde»; sehen wir zu, ob wir zu ihm einige Hoffnung haben, in ihm einigen Trost schöpfen können für uusere Angelegenheiten? Ja, man hat uns gesagt, es sei ein Berbrechen, Hoff- mmg auf Preußen zu setzen. Es war nicht immer so! Es war eine Zeit, wo die, welche sich jetzt bekreuzigen, wenn von Preußen die Rede ist, gar nicht so verzweifelt waren. Ich erinnere an's Jahr 1859, wie der Prinzregent nach Frankfurt kam, und wie ihm damals Ovationen gebracht wurden nnd der Frankfurter Bürger mit Zutrauen zu ihm Herautrat uud der Himmel voller Baßgeigen hing, und wie der Nationalverein, dem ein großer Teil unserer jetzigen Demokraten angehörte, gegründet wurde, uud der doch auch nur auf Preußen seine Hoffnungen setzte. Sie sehen also, selbst uach der Auffassung derer, die uns heute so verwerflich finden, weil wir nicht verzweifeln, unter Preußens Führung Deutschland zn einigen, war es nicht immer so beschaffen, nnd im Flng kann die Sache überhaupt nicht geschaffen werden, wenn wir's auch für möglich halten, Deutschland unter Führung Preußens zn einigen. Wer sehr leicht hofft, meine Freunde, der verzweifelt auch sehr leicht. Diejenigen Lcnte gerade, die beim Eintritt jener neuen Aera dem neugebackenen Regenten znjanchzten, die, welche gleich Haud uud Herz ihm boten, ^— die sind, als es nicht geglückt, in derselben Verzweiflung umgekehrt. Die aber, nnd ich rechne mich dazu, die kein Vertrauen in jene neue Aera hatten, uud nicht jenem Nationalverein angehörten, die erst sehen wollten, ehe sie glaubten, — die glauben aber auch, nachdem uud weil sie gesehen haben; nnd uachdem wir gesehen haben, daß durch Preußen sichtbare Ziele zu erreichen sind, sind wir auch berechtigt, zu hoffcu, daß aus Preußen Deutschland werden kann. Denn jenes Preußen ist nicht allein eine Dynastie, uud es ist auch uicht die Monarchie jenes preußische Volk, das seit zwanzig Jahren der Führer in der Entwicklung politischer Freiheit, in der Besprechung aller politischen Angelegenheiten Deutschlands war, ans das wir so lange mit Be- — 44 — wundernng und Hochachtung hinblickten, wie es die Rechte der Nation verteidigte. Müssen wir dieses Prenßen verachten, das ja beispielsweise auch den von den Gegnern so hochgestellten Johann Jacvby hervorbrachte, den ich die Ehre habe, zu meinen Freunden zu zählen, auch trotz aller Meinungsverschiedenheit iu Politischen Dingen? Ist nicht jener Jacvby auch ein Preuße? Glaubeu Sie, daß es ihm möglich gewesen wäre, die Stellung iu Deutschland einzunehmen, wenn er nicht jene vortrefflichen Ostpreußen hinter sich gehabt hätte, die so lange in Deutschland das Recht und die Freiheit mit großer Zähigkeit vertraten, jene Preußen, denen auch unser größter deutscher Philosoph Jmmauucl Kant angehört? Ist nicht Preußen, dein auch Schultze-Delitzsch angehört, der Mann, der das gewerbliche und genossenschaftliche Leben der ganzen Welt zum Teil iu neue Bahnen lenken half, und ist nicht in Preußen jene Stadt Berlin, welche eine der radikalsten und sreisinnigsten der ganzen Welt ist? Also wenn dies das leibhaftige Preußen ist, so srage ich Sie: wollen Sie mit ihm oder ohne es sich entwickeln, nnd wenn Sie glauben, sich schuldig zu sei», jeuer Ostpreußen Hunger durch eiu Scherfleiu aus Ihrer Tasche zu stillen, und wenn Sie wirklich glaubeu, in Politischer Fähigkeit ihnen überlegen zu sein, wäre es daun nicht Ihre Schuldigkeit, ihnen mich beiznstehen mittels Ihrer politischen Erfahrungen, Kampffähigkeit, Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit, das Ziel deutscher Freiheit erriugen zu helfe»? — Also, es ist lächerlich und thöricht, vvn aller Wirklichkeit abstrahierend, uns auf diese Weise vvn Preußen trennen und über unsern eigene» Schatten springen zu wollen. Preußen ist der größte Teil von Dentschland, und Deutschland kanu ohne das Volk von Preußen nicht gedacht werden, außer von jenen Phantasten, die sagen, wenn es in Deutschland nicht nach unserm Kopf geht, so schließen wir uns der Schweiz au. Ja, jene Deutsche, welche nicht zufrieden siud mit den 40 Millionen, bis die 10 Millionen Österreicher, womöglich auch uoch Lothringen und Elsaß dabei sind, die sind aber gleich bereit, wenn es nicht nach ihrem Wunsche geht, iu die Schweiz mit weniger als 3 Millionen zn gehen und dort ein neues Vaterland zu gründen, wozu ich ihucn gratuliere, wenn sie es imstande sind. (Heiterkeit.) Und dieses Preußen, daß Sie so sehr verlästern, müssen Sie selbst nicht anerkenne», daß es so viel Gutes gestiftet: den Zollverein, Freiheit der Flußschiffahrt, Hebung des Verkehrs, daß es vor allem die materielle Wohlfahrt Deutschlands würdigt und trägt? Kaum nach beendigtem Kriege hat es die Jmmoratität der öffentlichen Spiele verdammt nnd das Ende derselben zu beschleunigen gesucht, hat überall im Auslande die Interessen des deutschen Volkes aufrecht erhalte»! — Wenn jeues vielbeweiutc Osterreich die berühmte Schlacht von Königgrätz gewonnen, so hätte es doch nicht an das deutsche Parlament gedacht, oder glauben Sie, die Herren von Rechberg und Graf Leo Thun hätten uus damit beglückt? Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen Österreich und Preußen? — Ich will Jhneu denselben mit einem Wort schildern. — Sie haben in Osterreich jetzt das äußerste Maß vou Freisinuigkeit und politischer Kraft an das Steuer der Regierung gebracht, welche das Land nur aufzuweisen hat, das Ministerium GiStra und Verger! Es ist die äußerste Linke von Österreich, die vorgerückt wurde! Wir aber iu Deutschland, im Norddeutschen Bnnde, in Prenßen mit seinen dermaligen Zustäuden, die ich mich durchaus nicht besinne, entschieden beneidenswerter als die österreichischen zn erklären (und ich möchte jeden dieser Demo- 46 — traten herausfordern, zu sagen, ob er etwa vorzieht, in Osterreich oder iu Preußeu zu leben?); ja, wir in Deutschland, mit dem Prenßen jetzt zusammengeht, wir haben noch nicht einmal den äußersten Rand der allergelindesten freisinnigen Partei an die Regierung gebracht, kaum einen einzelnen Junker abgestoßen, uud dcuuoch sind wir schon ein Staat, der nach außen uud iuueu hohe Achtung beanspruchen kann, während Osterreich bereits seinen letzten Trumpf politischer Leistungsfähigkeit ausgespielt hat und uns in nichts gleichsteht. Was wollen schließlich die Herren Demokraten? Wolle» sie die alten Zustände herbeiführen? Ich kenne nur zwei Wege: entweder vorangehen oder das Alte wieder hervorrufe». Wollt Ihr Oesterreich wieder herstelle», wie es war? Wollt Ihr aus dem Glase trinke», in das bei dem großen Feste die Zähre des Königs von Hannover gefallen ist, während er die Hoffnung aussprach, daß er bald wieder in seine Hauptstadt zurückkehre» werde? Wollt Ihr de» Kurfürsten von Hessen zurückführen? Oder soll aus Süd- dentschland vielleicht ein Sizilien werden, ein Sammelplatz aller möglichen nnheilbrütenden Elemente, welche sich gegen die Einheit des Vaterlandes auflehnen? Wollt Ihr aus Süddeutschlaud eine Vendse macheu uud Zustände herbeiführen, bei denen niemand weiß, welche Gefahren sie heraufbeschwören köuueu? Die Herren sollen es uns sagen, sollen aussprecheu, ob sie vielleicht auf Frankreich hoffen, auf eine fremde Revolution, der es gelingen würde, nicht nur das Glück des eigenen Landes zu gründen, sondern auch »och ein Nebenland mit den Resten seines Glücks zu beschenke»? Ihr vergeht jede Erklärung darüber, ob eine Nation auf diese Weise glücklich werden kann. Wir aber haben es ja an nns selbst erfahren, wie es sich in Wahrheit verhält. Eine Nation muß durch eigene Kraft, selbst aus der Schule des Lebens, aus ihrer eigenen Bildung uud eigenem Willen hervorgehen und nicht glaube», daß sie imstande sei, insolge eines ans fremdem Boden fallenden Signals und einiger Stimmsührer mit dem Volke machen zu können, was sie mir will. Hat die Demokratie den Mut, zu behaupten, das; Deutschland jetzt imstande sei, an eine siegreiche und glückliche Revolution auS eigener Selbstbestimmung zu denken? Ohne daß die dreißig Millionen nördlich des Mains darüber einig seien uud entschlossen, mitzukämpfen? Und dafür haben nur nicht deu allergeringsten Anhaltspnukt. Aber es kommt Euch nicht daraus an, wie die Dinge in der Wirklichkeit stehen, ob sie Lebensfähigkeit besitzen. Ihr schmeichelt nur allen unklaren Hoffnungen und Träumen des Volkes. Ihr schleudert leichtsinnige uud gedankenlose Worte hinein, ohne Euch Rechenschaft zu geben, ob eiu Funke von Wirklichkeit dahinter sei. Es hat mich befremdet und schmerzlich überrascht, in einem Programme, das ehrenwerte Namen trügt, Ausspriichc zu siudeu, die liebäugeln mit Aufgaben, die niemand von uns heute zu lösen imstande ist. Es kommt deu Herren nicht darauf au; sie liebäugeln mit der äußersten Rechten und mit der äußerste» Linken, wen» sie »»r Stimme» herbeiführen können, »nd wenn es eine Partei gäbe, die verlavgte, daß der Mondschein ans Flaschen gezogen uud zu Lebenselixier destilliert werde, so würden die Demokraten auch von diesem Lebenselixier ihr einige Proben versprochen haben. (Heiterkeit.) Ich sage dies mit Hinweis auf die Stelle des Programmes der demokratischen Partei, wo gesagt wird, daß ma» Mä»ner wählen solle, die ein Herz haben für die Not des Volkes. Glauben die Herreu vielleicht, daß sie nicht nur daS Monopol des Verstandes, der Liebe zum Recht und zur Freiheit, sondern mich das Monopol des Herzens haben? »nd das; man ein Menschenfresser und versteinert ist, weit man zur Fortschrittspartei gehört? Aber berühren wir doch jetzt auch diese soziale Frage. Wen« etwas iu der Welt, so ist, denke ich, doch die soziale Frage mir mit vereinigten Kräften nicht blos der Nation, sondern der gesitteten Welt, zu losen und nur mit gemeinsamen Kräften kann diese, ja nicht mehr wegzu- läugnende Frage beseitigt werden. — Ich bitte nur noch um einige Sekunden Ihrer Aufmerksamkeit, um auch diesen wichtigen Punkt nicht unbesprochcn zn lassen! Keine Zeit hat jemals ähnlich wie die nnsrige sich aufrichtig bekannt zu dem großen Spruch des Alten: Rss )8sc:ra wiser, „Ein heilig Ding ist das Unglück ?c. Wenn je eine Zeit dieser Ueberzeugung gehuldigt hat, so ist es die unsrige! Die soziale Frage ist eiue Aufgabe, die uusere Zeit sich gestellt hat, und je ernster es uns darum zu thun ist, diese Aufgabe zu löse», um so weniger dürfen wir leichtsinnig daran gehen, um so weniger dürfen wir sie durch leere Theorien verwirren, welche die Probe nicht bestanden haben. Denn dabei steht gerade die große Gefahr vor uns, daß nnzeitigc Experimente uns hinter den erreichten Standpunkt zurückwerfen müßten. Wenn im Augenblick Bürger unter unS sind, welche der sozialistischeil Richtung huldige«, so werde ich ihueu die volle Wahrheit meiner Ansichten sagen. — Ich will sie vor allem daran erinnern, welches die Folgen davon waren daß in Frankreich im Jahre 1848, ohne Aussicht auf dauernden Bestand, nur zum Zweck einer politischen Diversion eine Art von praktischem Svzialismus versucht wurde, und wie der sozialistische Charakter des Pariser Juni-Aufstandes die ganze Bewegung in Europa auf Jahrzehute zurückwarf. — 49 — Auf alle Fälle können diejenigen, welche auf eine Lösung dieser schwierigen Frage früher oder später hoffen, doch uur erwarten, daß dies auf dem Bodeu eines großen Staates geschehe. Der große Staat, den wir ansbanen wollen, giebt aber augenblicklich gerade den Beweis dafür, daß es ihm zum mindesten ernst ist mit der Absicht, denjenigen Teil der sozialen Aufgabe iu's Werk zu setzen, welcher vom politischeu Gebiet aus heilsam auf die nationale Arbeit einzuwirken berufen ist, indem er die Fesseln des Verkehrs bricht und überall sich mit eben so viel Einsicht als Anstrengung der Hebung der wirtschaftlichen Thätigkeit unseres Volkes widmet. Sind Sie aber mit Leistungen solcher Art nicht zufrieden, wollen Sie erst Heil erwarten von einer gänzlichen Umgestaltung der Grundlagen unserer tausendjährigen Gesellschaft, so siud Sie doch gewiß mit mir darüber einig, daß die große Aufgabe, z. B. über das Erb- und Familien-Recht das letzte Wort menschlicher Gesittung auszusprechen, nicht in der hessischen ersten Kammer, nicht zwischen Seligenstadt nnd Bicdenkops gelöst werden kann : daß sie nicht einmal von einer großen Nation, sondern nur im Bunde der gesitteten Nationen gelöst werden kann. Wir aber treten in den Verkehr der gesitteten Nationen nur dadurch, daß wir dein ganzen Deutschland angehören. Als Hesfen-Darmstädter können wir eine diplomatische nnd völkerrechtliche Rolle höchstens auf die Art spielen, wie es vor kurzer Zeit unserem Minister-Präsidenten beliebte, mit Ihrer Majestät der Königin Jsabella einen ?as äe vsux zn tanzen. (Heiterkeit.) Um wirksam Teil zu nehmen an der Entwicklung des großen Ganzen, können wir nur existiere», wenn wir selbst ein großes Ganze bilden. Ich komme nun zu jener Militärfrage, die man uns auch immer an den Kopf wirft. Ist es nicht Wahrheit, kudwig Ramberger's Ges. Schriften. IV. ^ — 50 — daß wir uns jede politische Berechtigung absprechen, wenn wir außerhalb jener Militärorganisation bestehen wollen, die Deutschland schützt? — Glauben Sie, die normale Existenz eines Staates sei die, gemäß welcher er znr Erhaltung seiner Nationalität nnter einem Schutz steht, in der Art, wie ihrer Zeit die freie Stadt Frankfurt auf der Kriegsmacht ihrer LiuientruPPen bestand? Ist es richtig, daß unsere Sicherheit blos auf den Waffen eines anderen deutscheu Staates beruhe? In einer geordneten Nation, die mit gleichen Rechten uud gleichen Pflichten leben will, muß jeder Teil auch zur Verteidigung beitragen, und es ist nicht mehr als recht und billig, daß jeder Deutsche und jedes deutsche Land die Lasten, welche im Augenblick noch durch die europäischen Zustände über nns verhängt sind, mittrage. Diese Lasten zn beseitigen, ist die erste Aufgabe der ganzen gesitteten Menschheit, und sie wird auch von jetzt an nicht mehr unterlassen, an der Beseitigung jenes bewaffneten Friedens zu arbeiten, welcher die unerträglichste Last Europas ausmacht. Noch aber müssen wir bewaffnet sein, denn wir können uns nicht darüber täuschen, daß uns täglich das Bedürfnis einer fremden Dynastie zum Spiclball ihrer Launen machen kann. Ich stimme mit vielen Anhängern der vielverschrieenen sog. natioualliberalen Partei nicht überein, die übermäßiges Gewicht auf die Repräsentation der deutschen Macht nach Außen legen. Nein, mein Stolz wäre es nicht, die fremden Volker dahin zu briugen, daß sie mehr Ehrfurcht vor unserer Macht nach außen, als vor der Größe und Freiheit unserer inneren Entwicklung hätten. Aber wir dürfen uns deshalb nicht blind machen über Gefahren, die einmal da sind. — 51 — Ich erinnere an Italien, wo eine so sehr begeisterte Nation durch eine schlecht organisierte Armee nicht imstande war, das zu leisten, was sie bei so großen, für die Herstellung einer Kriegsmacht gebrachten Opfern erwarten durfte. Wolleu wir ein Lissa, ein Custozza erleben? Nein, wir haben die Notwendigkeit erkannt, daß es besser ist, eine Armee zn besitzen, welche, wenn sie auch teuer ist, wenigstens ihrem Zweck entspricht, als eine solche, die zwar etwas wohlfeiler ist, aber nichts taugt und so befehligt ist, daß am Ende des Feldzugs ihre Offiziere iu ihrer Verzweiflung sich eine Kugel vor den 5iopf schießen. Wessen Schuld ist es, wenn in unserem Großherzogtum die Diuge so lästig uud unbequem bei Einführung der neuen Einrichtungen gemacht wurden? Sie erinnern sich, welche Verzweiflung uud Ratlosigkeit unsere Mitbürger erfaßte, als es vor kurzem auf einmal hieß: man müsse binnen acht Tagen einen Einsteher finden oder dieuen. Ist das die Schuld der deutschen Militürorganisation oder die Schuld unserer Negierung? Wessen Schuld ist es, wenn auf einmal anf eine gar nicht zn begreifende Weise die verwickeltsten Anordnungen binnen acht Tagen befolgt werden sollten, in solcher Weise, daß wir sehr gut wisfeu, daß die eigenen Beamten der Negierung nicht wußten, wer Koch oder Kellner sei, überhaupt keinen Rat zu geben wußten, und daß der Minister selbst zn einem Beschwerdeführenden sagte: „Gehen Sie hin nach Berlin zum Kriegsminister, wir können Ihnen nicht helfen!" Das ist nnr die Folge jenes traurigem Znstandes, daß zwischen Berlin und Darmstadt die Akten wechseln, während wir uichts davou wissen; daß wir keine Vertreter beim Norddeutscheu Reichstage haben, die in unserem Namen mitsprechen könnten. Die Regierung schickt ihre Boten 4* — 52 — nach Berlin, aber sie will nicht in den Norddeutschen Bund eintreten, will nicht, daß wir Boten dahin schicken. Haben wir, im Grunde genommen, nicht ganz dasselbe erlebt, als die Wahlen für das nvtorischcrmaßen zu Mitte März tagen sollende Zollparlament bis zum letzten Augenblick verschoben wurden! Das, was man längst wußte, es wurde über Hals und Kopf fertig gemacht, die Wählerlisten gezwungener Weise und ohne Schuld der städtischen Behörde mit einer UnVollständigkeit in der Eile angefertigt, von der ich Ihnen nur einen schlagenden Beweis geben null. Heute zufällig erzählte mir der Beigeordnete des Bürgermeisters, Herr Carl Racks, unter dessen Präsidium wir hente die Ehre haben, versammelt zn sein, daß ihn, er weiß selbst nicht wie, die Lust auwaudelte, doch auch einmal nachzusehen, ob er iu der Wählerliste stehe, und wisseu Sie: der Beigeordnete, welcher nach dem ersten Bürger unserer Stadt kommt, stand nicht in der Wählerliste vou Mainz! (Lang andauernde Heiterkeit.) Das siud die Zustände, in denen wir uus befinde»! Sie sehen, wie es mit der Wählerordnung, mit der Militärvrdnnng u. s. w. geht. — Uud wie soll's uoch sonst mit unserm armen Großherzogtum kommen? — Es ist halbiert worden durch die Mainliuie, ciu Stück uach dem Norden, eins gehört zum Süden, und nachdem es halbiert — erlauben Sie mir den Ausdruck — ist es auch noch kastriert worden, (Große Heiterkeit) da es seine selbständige Kriegsherrlichkeit verlor. Was soll nun mit ihm geschehen?! — Ich nehme das demokratische Programm in die Hand und suche aus ihm einen Aufschluß darüber zu erhalten, wie etwa die Zukunft unseres Kleinstaates außerhalb des deutscheu Bundes sich gestalten soll? Aber ich finde keinerlei Andeutung darüber, lind doch muß ich annehmen, daß jene Herren als ver- — 53 — künftige Menschen sich über das Schicksal unseres in der Luft schwebenden Ländchens Rechenschaft geben, und ich muß daher voraussetzen, daß sie ihr Rezept für die Behandlung der beideu südmainischen Provinzen als tiefes Geheimnis den Vertrauensmännern mitgeteilt haben, welche Herrn Dr. Dumont so einstimmig aus ihren Schild erhoben. Leider bin ich heute noch nicht in der Lage, dies gut bewahrte Geheimnis erkundet zu habeu. (Heiterkeit.) Was aber, meiue Freunde, was wollen wir? Wir wvlten ganz einfach in der Weise vorangehen, daß wir vor allem unsere Hoffnungen darauf setzen, mittelst des Stimmrechts der deutscheu Nation — die deutsche Nation selbst uud ihre Regiernugcn zu erziehen zum bessern politischeu Lebe». Wir haben erst eben wichtige Erfahrnngen aus Wahlen gemacht, die nicht fehr freiheitlich ausfielen und werden noch mehr derartige Erfahrungen mit dem allgemeinen Stimmrechte machen, daß nämlich für die allgemein politische Erziehung unseres Volkes noch viel zu wünschen übrig bleibt. Aber wir müssen diese uuvoilkommenen Zustände zn besseren anszubildeu suchen und zwar mittelst der Erfahrung und Uebung der eigenen iiraft, die keinem erlassen wird, der es im Leben zn etwas bringen svll. Wir müssen nns in gemeinsamer Arbeit eines gemeinsamen Parlaments und in dem, nm dasselbe konzentrierten, gemeinsamen Denken der Nation an die Lösung großer Ausgaben gewöhnen, um dann, wenn es nns vergönnt sein soll, nicht von äußern Stürmen nuterbrocheu zu werden, nach Ablauf der gegenwärtigen Wahlperiode freisinnigere Wahlresultate zu erzielen und mittelst dieser endlich dahin zn gelangen, die fanlen und dürreu Stämme, welche eine wüste Vergangenheit auf dem Boden des Vaterlandes zurückgelassen hat, zu fällen. (Beifall.) Wir wollen auch, da wir doch einmal in einer — 54 — monarchischen Verfassung stehen, den Weg verfolgen, der auf diesem Boden allein zu gesitteten Zuständen führt, den Weg, auf dem uns glücklichere Monarchien, wie England, Holland, Belgien, vorangegangen sind. Charakteristisch an den Zuständen dieser Staaten ist, daß allgemach ihre regierenden Häuser von der Nation zu besserer Einsicht erzogen worden sind, daß sie einsehen lernten, ihr eigenes Interesse stehe nicht notwendig mit den Interessen des Volkes im Widersprach, und daß sie sich mit Anstand und ohne Murreu vor der öffentlichen Meinung beugen lernten. Es geht uns mit den Regierungen, wie — Sie mögen mir die Vergleichuug verzeihen — wie den Gesetzgebern mit den Verbrechern; Nur müssen sie entweder unschädlich machen oder bessern. So lange sie nicht mit Gewalt unschädlich zn machen sind (und Sie werden sich nicht dem Glauben ergeben können, daß die Kandidatur unserer Demokratie uns einen Mazzini verspreche, welcher diesem Unternehmen gewachsen sein möchte), so lange wir sie nicht unschädlich machen können, müssen wir uns der mühseligen Aufgabe widmen, sie einigermaßen zu erziehen nnd besser zn machen, und bei diesem schwierigen Versuch ist es doch rätlicher, wir suchen uns Einen heraus, den wir zu bessern und zu erziehen hoffen dürfen, als dreißig oder noch mehr zugleich. (Bravo! Heiterkeit.) Diese Thätigkeit beginueu wir damit, daß wir in einem deutschen Parlament eine Vertretung der deutschen Gesamtheit erzielen, und so die gesamte öffentliche Meinung als die wirksamste Kraft nns zu Gebote steht. Und wenn die Gegner keine Ausdehnung der Kompetenz des Zollparlamentes zu politischem Berns wollen, so ist das gar nichts anderes, als wenn dieselben der ungereimten Theorie, die von gewissen Schwaben ausgebreitet wurde, bei- — 55 — stimmten und die dahin formuliert ist: wir wollen gar nicht wählen. Die Verzichtleistuug auf die Teilnahme an den politischeu Angelegeuheiteu Norddeutschlands seitens des allgemeinen Stimmrechts ist auch nichts anderes als eine Befolgung der verurteilten Enthaltuugsmethodc. Gesteht es also ein, wenn Ihr es aufgebt, uns auf dem parlamentarischen Wege zu einigen. Legt die Hände in den Schoß, und sagt: wir wollen gar nichts thun, wir verzweifeln am Vaterlande! — Was Ihr uns bietet, es ist ein berauschendes Mittel, gebraut aus schönen Redensarteu, mit denen Ihr uns wieder in den Schlaf lullen würdet; der Becher, den Ihr uns reicht, enthält oben leeren Schaum, uuten verderbliches Gift! — Man hat uus oft gesagt, daß eine bedauerliche Spaltung in der liberalen Partei sei, aber ich eigne mir das andere Wort an, das ebenfalls schon gefallen ist: Es geht eine Reinigung der liberalen Partei vor sich. Auf der gegnerischen Seite stehen die unehrlichen, trüben und einsichtslosen Elemente, stehen, als die Besten noch, diejenigen, die nicht wissen, was sie wollen, uud sich begnügen mit dem Gedanken an das Unerreichbare, ohne Verständnis für das Wohl und Wehe des Vaterlandes. Nein, meine Herren! das ist (sich unterbrechend) — nnr noch ein einziges Wort, ich muß zum Schlüsse eileu! — Man wirft uns vor, mir vor, es berge diese Kandidatur nichts als den Wunsch, mit der Ehre Ihrer Vertretung bedacht zu werden, es sei nur Ehrgeiz damit verbundeu. — Meine Herren! Ich will heute alles berühren uud will zum Schlüsse auch dieseu Punkt berühren. Wer, der einmal ernstlich in die Brust greift, kann sagen: ich bin frei von Ehrgeiz? — Wer vor seinem Volke an wichtigen Angelegenheiten der Nation teil zu uehmen — 56 — wünscht und dabei glaubt, er sei srei von Ehrgeiz, der irrt an sich selbst. Und ich glaube, daß es erlaubt ist, nach der Ehre zu dürsten, einer guten Sache mit Erfolg dienen zu können; und den Ehrgeiz, aus dem Vertrauen seiner Mitbürger Vertrauen in sich selbst und dadurch Sporn und Spannkrast zu nützlicher Thätigkeit zu gewinnen — diesen Ehrgeiz, ich besitze ihn! (Stürmischer Beifall) und ich will hinzusetzen, daß ich deswegen nicht mich eitler Selbstüberschätzung hingebe. Meine Freunde! — Ich appelliere an das Herz und den Verstand eines jeden redlichen und denkenden Menschen, und frage ihn, ob je ein Feind, ein Verkleinerer ihn mit bittern Anklagen so sehr gedemütigt hat, wie er sich selbst demütigt, wenn er in der Stille seines Kämmerleins sich ausforscht und mit sich zu Gericht geht? Daß ich meine ganze Unzulänglichkeit bei dem Gedanken der Teilnahme an einer solchen Aufgabe, wie die Lösung der gemeinsamen großen politischen Angelegenheiten unseres Vaterlandes fühle — glauben Sie doch, m. H.! daß, wenn man mir diese Bescheidenheit zutraut, Jhneu dafür schon Bürgschaft sein kann die langjährige Erfahrung, die ich in der Welt, in großen Verhältnissen gemacht habe, und die mich vor der Thorheit sattsam bewahrt, zu glauben, ich sei berufen, wenn es mir gelingt, zur Ehre Ihrer Vertretung zu kommen — ich sei berufen, vor dem gesamten Deutschland und in Berlin vor den Vertretern der Nation eine Rolle zu spielen. Wer die Ueberzeugung von seinem Ruhme uud seiner Größe zwischen Darmstadt nnd Mainz gepflegt hat, kann dieser Illusion sich hingeben; wer aber, wie ich, in halb Europa arbeitend gelebt und die Bewegungen großer Völker mit durchgemacht uud das Glück hat, viele der besten Männer aus den strebenden Parteien großer Staaten zu seinen Freunden zu zählen und inne geworden zu sein, daß er vielen Meistern zu Füßen zu sitzen verdient, der wird, das dürfen Sie ihm glauben, sich schon glücklich schätzen, wenn er einfach seine Pflichten zu erfüllen im stände ist. Mit dem Vertrauen, daß dies mir gelingen werde, werbe ich um Ihre Stimmen, und hoffe auf den Sieg unserer Sache! — (Lang anhaltender Beifall.) Anlage. Auszug aus der „Volks-Teilung" vom ^Wärz 1L60. ?(^Ins ist in Sachen des Nationalvereins von einem im Auslande wohnenden deutschen Geschäftsmann das folgende Schreiben zugegangen. Da wir den darin gemachten Vorschlag nur billigen können und für einen solchen halten, dessen Ausführung dem Nationalverein, sowie den von demselben erstrebten Zielen zur größten Förderung gereichen würde: so bringen wir den Antrag auf dem Wege der Öffentlichkeit zur Kenntnis des Vorstandes und aller Glieder des Nationalvereins nnd empfehlen ihnen denselben dringend zur Beachtung. Das Schreiben Bambergers lantet: Geehrter Herr! Sie sind Mitglied des Deutschen Natioualvereins, und wenn ich auch demselben nicht angehöre, so erlaube ich mir dennoch, seinen Hanptvertretern durch Ihre gütige Vermittelung einen Plan vorzulegen, der mir nützlich und lebensfähig genug erscheint, um eine Prüfung zu verdienen. Nicht alle Deutsche, welche das Herz auf dem rechten Fleck haben, sind diesem Verein beigetreten, und nicht alle, welche zu ihm zählen, seheil in seinem Programm die Erfüllung ihrer billigen Wünsche für das Vaterland. Ader die Einen wie die Andern möchten es vorläufig für beträchtlichen Gewinn erachten, wenn die Verwirklichung dessen erreicht werden könnte, was er als die nächste Stnfe eines Emporstrebcns zum gemeinsamen Besten vorgezeichnet hat. Bei so bewandten Umständen drängt sich die Frage auf: wie kommt es eben, das; so viele der Sache von Herzen Zugethane ihr nicht auch der Form uach sich anschließe»? Wie kommt es ferner, daß die erklärten thätigen Anhänger dieselbe Sache bis jetzt durchaus nicht in solchen Schwung und Klang zu briugen vermocht haben, wie bei dem Zusammentreffen so eiumütiger und tiefberechtigtcr Wünsche einer Nation zn erwarten wäre? Denn wenn ich mir auch, so lange ich in der Fremde lebe, kein cndgiltiges Urteil über heimische Vvrgänge zugestehe, so glaube ich doch den herüberdringenden Botschaften tränen zu müsseu, welche auf die Frage nach dem Leben nnd Treiben Ihres Vereins, je nach Gesinnung bald lächelnd, bald seufzend, immer aber achselzuckend Bescheid thun. Es ist ja auch gar nicht anders möglich. Eine Stiftung, welche zur Erreichung ihrer Zwecke durchaus keine besonderen praktischen Wege und Mittel sich vorgczeichnet hat, giebt damit stillschweigend zu verstehen, daß sie sich auf dem Boden einer theoretischen Propaganda bewegen will. Nnn srage ich aber: was ist noch auf dem Wege der uackteu Überzeugung für so offenkundige Wahrheiten, wie die meisten der in Ihrem Glaubensbekenntnis enthaltenen sind, zu erreichen? Stellen Sie sich einen Verein vor, der sich die Aufgabe vorsetzte, deu Satz, daß zweimal zwei vier ist, in der Welt auszubreiten! Ich glaube mithin, daß dem Deutschen Nationalverein überall da ein wesentlicher Dienst geleistet wird, wo ihm die Möglichkeit einer zn vervollständigenden Erkenntnis gleichzeitig mit der Möglichkeit eines thatsächlichen Wirkens nahegelegt werde» kann. Jede dieser zwei Bedingungen scheint mir erfüllt in der Vorzeichnung folgender Ausgabe: „Thatsachen in möglichst großer Zahl aus dem täglichen Leben zu sammeln, welche den Einfluß der Viel- staaterei auf Deutschlands Handel und Gewerbe ins Licht setzen helfe»." Derjenige wäre gewaltig im Irrtume, welcher sich dem Glauben überließe, nnser so sehr auf Erwerb bedachtes Publikum bedürfe in diesem Punkte am wenigste» der Erleuchtung, uud die Füße, welche so hastig dem Gewinn nachlaufen, müßten am deutlichsten fühlen, wo sie der Schuh drücke. Eine ganz falsche Voraussetzung in der That! Über nichts kommen wir später im Leben zur Klarheit, als über das, was uns am allernächsten liegt. Kein Übel entgeht unsrer Beobachtung mehr, als eines, das uns von ewig her anhaftet! Es hat Jahrtausende der Zivilisation bedurft, um nur deu Begriff der Volkswirtschaft hervorzurufen, uud nicht sind es fünfzig Jahre her, daß die Masse der Gebildeten noch keine Ahuung davon hatte, daß man die Natur und die Grundbedingungen der alltäglichen Arbeits- und Vertehrs-Verhältnisse in Untersuchung ziehen könne. Wie konfus und roh sind doch heute uoch die betreffenden Anschauungen in ganzen Schichten der unterrichteten Bevölkerung. Alle Betrachtungen, welche bei Gelegenheit des Zollvereins, des Maß- nnd Münzwcsens, der Handelsgesetz- gebuug angeregt worden sind, machen mir einen kleinen Teil derjenigen Studien ans, zn welchen die wirtschaftlichen Zustände Deutschlands unter dem Gesichtspunkte der nationalen Zersplitterung Anlaß geben könnten. Ich trage die Überzeugung in mir, daß jeder, sein Geschüft mit — 01 — offenen Augen betreibende, Deutsche imstande wäre, charakteristische Beiträge zn solchen Studien aus seiner Erfahrung zu liefern, nnd daß die Nation über die Summe von Mißständen, welche ein Jahr solcher Betrachtungen an den Tag fördern müßte, vor sich selbst erschrecken würde. Sehen Sie, ich lebe schon lange im Auslande, aber selbst da entzieht man sich nicht den peinlichen Entdecknngen dieser Art, sobald man nur durch internationale Verhältnisse mit deutscheu Einrichtungen in Berührung kommt. Handelt es sich z. B. um die Regelung des Verkehrs mit einer nachbarlichen Eisenbahn, so greift man allsogleich in das Wespennest der groß nnd klein durcheinander gezettelten Souoeräuetätsverhältnisse hinein. Zunächst habeu Sie es da mit der Landesregierung von Flachsenfingen zn thuu. Diese Maschine ist natürlich an sich so schwerfällig uud umständlich wie die des allergrößten Staates mit zentralisierter Kanzleiwirtschaft. Aber kaum sind Sie einen Schritt in diesem Rädermerk vorangediehen — halt! da geraten Sie iu einen Faden des Deutschen Bundes, und also linksuin marsch! zu den Psvrten des Frankfurter Kollegiums, daselbst Verweisung an die Militärkommissivn. Wenn alle die harten, saumseligen Prüfungen bestanden sind, wenn die Herren von der Militürkommission, die sich mit den Unterthanen des betreffenden engeren Vaterländchens außerordentlich wenig identisch fühlen, herablassend genug gewesen sind, das Gelingen einer flachsen- singischen Eisenbahn nicht als eine höchst gleichgiltige Sache zn betrachten, so geraten Sie endlich an eine neue Stufe des RegierungSsegefeners von wegen des Zoll- nnd Transitwesens. Der Staat gehört zum Zollverein und kann abermals nicht eigenmächtig entscheiden. Also rechtSnm! marsch, an die kompetente ZollvereinösteUe. Nun geht erst der rechte Jammer an. Zu jeder Modifikation bestehender An- — 62 — ordnnngen ist die Stimmeneinhelligkeit nötig, und Sie wissen ja, der Herr von Finkennest nnd der Herr vvn Entenhorst sagen immer Nein, so lange man ihnen nicht auf ewige Zeiten die Dnrchgangsabgaben garantiert, welche ihre raub- gräslichen Borsahren an Markttagen zn erheben pflegten, u. s. w., n. s. w. lind da nenne ich Ihnen noch Verhältnisse, welche die gnte Seite, die Seite des Fortschrittes in unseren Zuständen repräsentieren, denn der Bund nnd der Zollverein sind ja noch Triumphe des Ganzen über die Einzelnen. Wenn mir, eben weil ich im Auslande weile, der unendlich größte Teil des praktischen Erfahrnngs- materiats entgeht, so habe ich dagegen den Borteil (das „odiose Privilegium" würde der Jurist sageu), die Schimpflichkeit solcher Zustände bei der natürlichen Bergleichnng mit dem schlichtereil Geschäftsgang irgend eines nichtdeutscheu Staates in ihrer ganzen Vodenlosigkeit zn empfinden. Denken Sie sich das beschämende Gefühl, als Deutscher einem Franzosen oder Belgier dieses nrweltliche Spinnengewebe politischen Unsinns auseinandersetzen zu müssen. Deuu was es nur in allen BcrwattungSsystemen mangelhaftes giebt, das kombinieren wir ja in Eins zusammen. Wir habeu die Schäden der Antoritätszersplitternng neben den Schäden der Zentralisativn; wir haben die Schleich- und Umwege des Schreiberwesens neben der Brutalität des Säbelregiments; wir haben die Unbeweglichkeit vvn oben und die Starrheit von unten, und von Hessen-Kassel bis Hanan ist für ein Nachtwächter-Reskript so weit als von Paris bis Bayonne. Nun denken Sie sich erst einen deutschen Kaufmann, der schutzbedürftig mit seiner lippe - detmoldischen Landes- kindschaft in japanischen Gewässern herumschwimmt. Es kanu mir übrigens nicht beikommen, das Thema der ausländischen Erfahrungen über den wirtschaftlichen — 63 — Segen deutscher Vielstaaterei hier erschöpfen zu wollen. Fiudet meiue Idee Anklang, so wird es dem Register an schönen Gaben nicht fehlen. Nur einen Gesichtspunkt lassen Sie mich schließlich noch erwähnen, welcher auch niemals nach Gebühr berücksichtigt worden ist: ich meine die Entfremdung deutscher Gewerbskräfte zum Vorteile andrer Nationen. Gehen Sie durch die arbeitsamen Viertel von Paris und lesen Sie die Schilder, oder nehmen Sie einen Adreßkalender zur Hand. Sie werden erstaunen, wie es da von deutschen Namen wimmelt, und wenn Sie sich näher umthun, so erfahren Sie dazu noch, daß in vielen Gewerbszweigen Meister und Gesellen von Ruf zu einem unverhältnismäßig starken Anteil abermals Deutsche sind. Die ersten Wagenbauer und Kunstschrciner sind Deutsche, ebenso die Schuhmacher und Schneider von europäischer Berühmtheit. Das ganze Waren-Kommissionsgeschäft ist in Händen der Deutschen. Gehen Sie nach London, es ist ebenso, und ähnlich in der ganzen Welt. Glauben Sie, das sei außer Zusammenhang mit der Enge nnd Verkommenheit deutscher Regieruugszustände? Glauben Sie, das habe nichts zn schaffen mit den Hemmnisfen der Freizügigkeit und mit den dreißigerlci Heimatsberechtigungeu, mit den Schranken, welche das Pfuschwesen deutscher Politik der Entfaltung deutscher Kraft zu Wasser uud zu Lande anlegt? Auf diese Art wandern Millionen der tüchtigsten Menschen für immer in die Fremde, tragen mit ihren Leistungen dazu bei, daß der ausländische Nachbar in allen Stücken ihre eigene Heimat überflügelt, und bei der Geschmeidigkeit deutschen Wesens sind Meister Hufnagels Söhne schvu Stockfrauzofen, der Art, daß Monsieur Ufnackel der ältere uns von Paris aus irgend einen neuen Modeschnitt in seinein Handwerk oktroyiert, dieweil Ufnackel der Jüngere bei der ersten Gelegenheit als Nsrsellal äss liv^is — 64 — in einer reitendeil Batterie ans den Rhein losmarschiert. Znr Schadloshaltnng genießen wir dann die mißratenen Familiensöhne, welche der irische oder schottische Adel in den österreichischen Kadettenrock steckt. Das sind so ans dem Stegreis herausgegriffene Proben dessen, was Einem unter die Augen kommt, wenn man im Auslande lebt. Welche Erfahrnngen mnß erst ein in Deutschland ansässiger Kaufmann oder Indnstrieherr machen! Da liegt ein unabsehbares Feld der Entdeckungen, nnd ein Gebiet, aus welchem die Nation mit neuen Argumenten ohne Ende sür die Erfüllung ihrer Wünsche überrascht werden soll; nnd zwar Argumente aus der nüchternen Praxis der Ernährung. Denn merkwürdigerweise sind wir bei aller realistischen Richtung der Gegenwart über das Ungereimte der Bielstaaterei viel erleuchteter, vom idealen Standpunkt des politischen Ehrgefühls a»5 als von dem der praktische» Nützlichkeit. Wie groß die Unklarheit in letzterer Rücksicht ist, geht unter anderem mich daraus hervor, daß die verbissensten unter den allerhöchsten Gegnern deutscher Eiuignug sdiesenigen, welche sich zuletzt in der Würzburger Koterie so lieblich zusammeugethau haben) von Zeit zn Zeit eine Deklamation loslassen, des Sinnes, daß sie ans dem Boden des materiellen Lebens allen Fluch der staatlichen Zersetzung in Deutschland beseitigen wollen. Von allen den zahlreichen Projekten trockener Pelzwäscherei ist dieses das tollste. Die Schranken nnd Sparreu im deutschen Geschäfts- und Verkehrswesen werde» so lange existieren als die einzelnen Landeshoheiten. Die ersteren wachsen llnmittelbar aus den Hauptbestandteilen der letztern hervor. Das wissen die Herren übrigens sehr gut. Das hindert sie aber freilich nicht, bei drohender Gefahr eine Diversion anfs Gebiet der materiellen Interessen zu machen. Diese Diversion nnd die Schleswig-Holsteinische sind die — 65 — zwei rostigen Notanker, welche jedesmal ausgeworfen werden, wenn die Flut bedenklich steigt, um nach verlaufenen Wassern stillschweigend ins Zeughaus zurückzuwandern. Trotz allen Veranstaltungen haben wir weder Maß-, Münz- noch Gesetzgcbungseinheit und werden ebensowenig sie als die Herzogtümer haben, so lange die dreißig Landeshoheiten in Blüte stehen. Wenn daher auf diesem Felde noch Arbeit für die Vervollständigung der Überzeugungen in Fülle zu verrichten ist, so wird damit zugleich die zweite Existenzbedingung gefunden: eine praktische Thätigkeit. Wirken heißt vom allgemeinen zum besonderen herabsteigen. Ein Verein zur Erstrebung deutscher Einheit muß seine Aufgabe, soll sie von der Stelle kommen, nach den einzelnen Zweigen des Lebens einteilen. Ein «Unwesentlichster dieser Zweige wäre hier gegeben. Man gründe ein Zentralbüreau, ich möchte sagen: eine Hauptsternwarte für die Beobachtung der Wechselwirkung zwischen deutscher Politik und deutschem Gewerbslebeu. Aber vor allen Dingen müßte diese Warte in eine Großstadt verlegt werden. Der Ort ist bei keiner Sache gleichgiltig, am allerwenigsten bei einer so Praktischen. Koburg, Eisenach oder Gotha taugen nicht für eine solche Zentralstelle. Der Blick ist unvermeidlich beschränkt in engen Räumeu. Es braucht auch weiter keiuer staatlichen Anerkennung, keiner korporativen Berechtigung zu solchem Unternehmen. Ein einzelner tüchtiger, gut bezahlter Mann, der sich als Privatmensch eine Kanzlei mit Gehilfen einrichtet, ist der Sache gewachsen. Er braucht keine groß- und keine kleindeutsche Tendenz aufzustecken. Bemerken Sie, daß ich in meinem Programm die Frage ganz offen lasse. Wenn jemand — «;t> — Thatsachen aufzubringen hat, welche beweisen, daß die Existenz des Staates Hessen-Homburg dein deutschen Gesamtleben förderlich sei, so soll ihm auch das unbenommen sein. Wir warten sogar mit Ungeduld ans so etwas. — Sache dieser Sternwarte müßte es dann sein, über ganz Deutschland eine lebendige Verbindung auszubreiten und ein Beschwerdebuch zu halten für alle Klagen der Kauf- und Ge- werbsleute, endlich besonders dies Material, wissenschaftlich gesichtet und geordnet, auf deu Tisch der Nation in bestimmten Perioden niederzulegen. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß der deutsche Handelsstand im In- und Auslande mit Frendcn die nötigen Summen znr Bestreitung einer solchen Anstalt unterschreiben wird. Und das ist doppelt nötig. Denn man zahlt nicht blos da, wo mau sich interessiert, man interessiert sich auch da, wo man zahlt. Millionen wnrden für das abgebrannte Hamburg gesteuert: warum sollten nicht Hundcrttanscnd zusammeukommen, wo es sich darum handelt, daß die Nation aus der Asche erstehe? Erlangt eine solche Gründung Lebensfähigkeit, so wird sie ohne Zweifel mit der Zeit andere verwandte Unternehmungen hervorrufen, beispielsweise für Beobachtnng der gesamteu deutscheu Rechtsentwickluug in Praktischen Dingen. Am 20. d. M. versammeln sich in Berlin Abgeordnete des preußischen Handels. Vielleicht fände sich da ein trefflicher Anhaltspuukt für ein Zusammenwirken der Leute vom politischen uud vom kommerziellen Beruf. Aber ich will mich nicht vcrmcsfen, in Einzelheiten vorzudringen; ich will mir nicht herausnehmen, einsichtsvollen Männern nnd solchen vorab, welche den unendlichen Vorteil haben, an Ort und Stelle zu sein, Lehreu zu geben. Ich beabsichtige nicht mehr, als was dein geziemt, welchem mit dem hcimi- scheu Boden unter den Fußen eben das Wichtigste fehlt. Ich beabsichtige nichts, als eine Frage aufzuwerfen. Ihnen und Ihren Freunden gebührt es, die Autwort zu erteilen. Hochachtungsvoll Ihr ergebener L. Lamberger. Paris, 14. Februar 1860. Vorbemerkung. (R)as zu dem Inhalt des Nachfolgenden erläuternd vorausgeschickt werden könnte, findet sich in der Widmung. Nur über die äußere Veranstaltung, mittels deren die Briefe hergestellt wurden, möge bemerkt werden: ich schrieb den Text selbst mit polygraphischer Tinte und ließ das Manuskript in einer Druckerei vervielfältigen, wie dies jetzt mit vielen lithographischen Korrespondenzen geschieht. Diese Blätter versandte ich an alle größeren Zeitungen der Partei, die sie auch wiedergaben. — Das Beiwort „vertraulich" sollte natürlich nicht bedeutein geheim, sondern nur den samiliärcn Ton motivieren. Den Grundgedanken, der sich durch das Ganze zieht: die aufdringliche Notwendigkeit, aus dem Zoll-Parlament ein voll-jl>arlament zu machen, übernahm dann der französische Angriff. Gktobcr I8Y2. L. L. Herrn Dr. Arnold Rüge in Vrighton. Verehrter Freund und Meister! Gern Hütte ich mit Deinem Namen etwas Beträchtlicheres geschmückt, als die kleine Sammlung der hier aufgespießten Eintagsfliegen. Aber meine Feder ist nun einmal leider nicht aus dem Holz geschnitzt, auf welchem die wohlbeleibten Bünde wachsen. Mich besitzt, zu meiner Schande oder Ehre, die schnell lebende Gegenwart. Mit raschem Eifer die Erscheinung jedes Tages in sich aufnehmen, im selben Tempo den empfangenen Eindruck wiedergeben, und alsvbald auch erleben wollen, wie das Selbstgedachte und Selbstempfuudene auf andere wirkt; diesen dreifachen Kreislauf stets mit neuer Lust durcheilen; seinen Gewinn mehr im schnellen Umschlag als in der soliden Anhäufung des Kapitals erjagen; für das thätige, sichtbare Eingreifen in den Augenblick verzichten auf den edlereu Lohn geduldigen Forscheus uud Schaffens; am Morgen säen, am Mittag ernten, am Abend backen; alles Licbeu und alles Hassen heiß vom Ofen weg auftischen uud — Dank all dem — in jeder Minute inue wcrdeu, daß man offenen Auges und rühriger Hand mitten in dem bunt bewegten Fluß des breiten frischen Lebens schwimmt und rudert: 74 das, dünkt mich, ist die Art der Zeit, ist ihre Lust und ihre Signatur. Alle Ewigkeiten bestehen doch wieder nur aus Augenblicken, uud warum sollte der späteutsernte heiliger sein als der nächstergreifbare? So dient die Zeit sich selbst, nnd das Symbol dieses Dienstes nennt mit unvergleichlicher Tiefe die deutsche Sprache „Zeitung". Dies rastlos bringende uud rastlos verschlingende Element, das sein Recht nur aus der letzten Erdumdrehung schöpft und das mit ihr in den Abgrund hiuabrollt, birgt in seinem Schoß das Mysterium uuserer maßgebenden Weltanschauung. Zunächst verrät es merkbar die umsichgreifende Erschütterung des Glaubens an ein Jenseits; denn wer dem Tode ernstlich traut, wirft sich nicht mit solcher Gewalt au die Brust des Augenblicks. Sodann vermittelt es die unendliche Leistungskraft des Könnens mit dem unendlichen Durst des Wissens. Die löslichen Teile, die von der unübersehbaren Oberfläche des stündlich anschwellenden Ozeans von Kenntnissen in flüchtiger Form emporsteigen, fallen in der Tagespresse als befruchtender Thau und Regen auf die lernbegierigen Köpfe der breiten Menschengefilde hernieder. Sie auch, diese ephemere Presse, vollendet erst die Wuuder des Dampfes und der Elektrizität, verwandelt die bloße Götter-Schnelligkeit in die leibhaftige weltbeherrschende Allgegenwart des Vaters der Götter nnd Menschen. Ans dem Platt, das uns zum Frühstück vorgelegt wird, schwingen wir uns empor zur Sonnenhöhe, von der herab der ganze Erdball wie das Tischtuch vor uns ausgebreitet liegt; und in geringerer Zeit als der Zucker braucht um in der Theetasse zn schmelzen, schweist unser Auge von dem Palast des Taikuu über deu stillen Ozean und das Felsengebirge hinüber zn dem Weißen Hause vou Washington. Welch Meisterwerk der Schöpfung wirkt erstaunlicher als diese sturm- beflügelte Zeitungsprcsse, die, während wir den letzten Mvrgentraum ausschlafen, mit hunderttausend Äehlen den Verlauf des neuesten Weltprozesses in die Luft schmettert, als die wackerste, munterste, Gott preisende Dampf-Lerche des Himmels' uud der Erde. Der ist kein echter Sohn des Jahrhunderts, dem nicht der eigentümlich süße, frische, feuchte Dust des eben geborenen Morgenblatts ein Wohl- geruch ift. trotz dem Odem des Feldes. Wir schlagen es auf, und verrichten unser Frühgebet. Denn jetzt begrüßen wir das Universum bis zu den Antipoden und suhlen uus gestärkt in der Gemeinschaft des Denkens und Wissens mit hnnderttansenden unseres Gleichen, empfinden das erhaltende Band, schauen die waltende Ordnnng, hören den hallenden Tritt des großen Weltgeschickes, senden unsere innerste Herzensansicht hinaus und empsaugen sie zurück von Unzähligen unserer Mitlebenden. Dem Menschenbeobachter will es oft thöricht erscheinen, daß wir mit Vorliebe nach den Blätter» greife», die unserer eigene» Meinung diene». Machte er sich klar, wie die Zeituug mit an die Stelle von Gottes Wort getreten, wie die Weltangetegeiiheiten der Inhalt unserer religiösen Auschaiinngsfvrm gewvrde», so würde er fich sage», daß dies mit Notwendigkeit so zugelN'- daß uicht Wiß- noch Nenbegierde, sondern Gattungs- und Herzensbedürfnisse uns dabei treiben, daß der Mensch, der nach der Zeitung seine Hand ausstreckt, geleitet wird vou dem Trieb, seinen Glaube» zu kräftigen, seinen Geist zu erheben z» dem, was ihm hoch und heilig ist, und darum iu seiner Zeitung lesen will, wie er vordem in seinem Buche betete. Ein schlechtes Geschäft hat bei diesem Tausch das Publikum uicht gemacht. Für ein Lumpengeld geben wir Journalisten ihm kvmptante, verständliche, unersetzliche Ware, Welten voll Thatsachen und Erkenntnissen, da wo ihm die Priesterschaft vormals »in teureu Preis bedenkliche Wechsel auf die Sterne verkaufte. Und von bouzenhafter — 76 — Anmaßung kann uns dabei so wenig bekommen, daß kein Sterblicher mehr als wir das Gefühl von der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit seines Wirkens mit sich herumträgt. Das Beste, Mas wir aus Hirn uud Herzeu Pressen, sehen wir wie die Furche, welche das eilende Schiff im Wasser zieht, von der nächsten Welle verschlungen: von allem Guten und Bösen, das wir säen, bleibt keine Spur, die unsern Namen trägt, und zur Unsterblichkeits-Auferstehuug geheu wir ein in die Schieblade des Käsekrämers. Doch sagen wir getrost mit der lustigen Person, die uus nicht ganz unverwandt ist: Gesetzt, daß ich von Nachwelt reden wollte, Wer machte denn der Mitwelt Spaß? Den will sie doch und soll ihn haben'. Die Gegenwart von einem braven Knaben Ist, denk ich, immer auch schon was. Ehedem griff ich wohl zur Broschüre: doch war das iu der stilleren Zeit vor 18l>6, da es noch gemächlich bei uus herging. Auch die Flugschrift ist heute schon zu schwerfällig geworden für den Geschwindschritt unserer Tages- prüokkuvation; sie paszt übrigens weniger in den Geschäftsgang des auf Betrieb dauerhafter Ware angelegten deutschen Buchhandels. So hab ich, um der raschen uud ausgebreiteten Wirkung sicher zu sein, diese drei Jahre her mich immer wieder der Lust ergeben, die erste starke Regung iu die Tagesflut hinausströmen zu lassen. Eine gute Gemeinde vvn etwa einem Dutzend rüstiger Blätter stand mir zu Gebote, um wie aus einer Reihe von Sigualstntionen qner durch Deutschland von Posen bis Nürnberg am selbeu Tag mein Stücklein auszuspielen; und ich glaube, das kleine System hat sich bewährt. Auf diesem Wege sind auch die hier gesammelten Briefe in den drei Sessionen des ersten Zoll-Parlaments ursprünglich in die Welt gekommen. Ein gewisser Anklang, den sie fanden und der mir zur Aufforderung ward, ihueu noch ein Weilchen das Leben zu fristen, ist teilweise die Wirkung vom Nachklang der Freude über einen Wahlsieg, der, nicht ohne Grund, vorher kaum für möglich gegolten hatte. Denn wir fanden uns im goldenen Mainz der wunderbarsten Mnsterkarte aller deutschen Hydraköpfe gegenüber. Obenan die älteste protestantische Regierung, die Erbin des Reforinativnshelden Philipp, jetzt schwelgend in allen Freuden und Künsten des Papismus; sekundiert vom streitbarsten der Kirchenfürsten mit seinem sormidablen Gefolge von Hyänen und alten Weibern; uud in engster Verbrüderung mit dieser edlen Gesellschaft der ganze Chor der Rache ans dem Krühwinkler Freiheits- puppeuspiel, diesmals aus besonderes Allerhöchstes Verlangen in großem Kostüm mit uagelncueu Vcrrinas, Saint- Iusts uud sogar mit leibhaftigen Baboeufs ausgestattet; endlich, auf daß gar nichts fehle, am Schluß des Zuges die großdeutschen Musikanten mit der schwarzgclben Fahne und sogar einige Fransauillvns mit trikoloren Kränzen für die Rückkehr der Grande Nation. Dieser ganze Plunder war ausgestanden wie ein Mann, und seinen bunten Bilden, hatten wir nichts gegenüberzustellen, als den ungelenken Racker von deutschein Staat, dessen beste Hoffnungen noch eingeschnürt sind in Windeln aus hartem, grauein preußischem Kvmmistuch. Wer die Rheinlande kennt und namentlich den Teil, ans dem dies alles vorging, der muß in der That einräumen, daß dieses fröhliche, bewegliche, respektlose Volk große Selbstüberwindung an sich übte, indem es sich zum Verständnis der beinah noch abstrakten Vorzüge des neuen Vaterlands in dieser seiner anmutslosen Form erhob. Seit achtzig Jahre», Dank der jakobinischen Sintflut, aller adligeu Landesinsassen entledigt; seit Julius — 78 — Cäsars Zeiten bis zur Schlacht von Waterloo mit erblichen Landesvätern verschont; 1815 von Metternich mit einem Angestammten beschenkt, den sie unter Napoleons Herrschaft nur als Monsieur de Tarmstadt gekannt hatten nnd zu dessen Nachsvlgeru ihr verhärtetes Herz mit der echteu kindlichen Pietät emporzublicken bis ans diesen Tag, sürcht ich, noch nicht gelernt hat; endlich auch Jahrhunderte lang unter dem Regiment des Krummstabs zu leichtem, lotterigem, üppigem Leben verzogen: so mußte .ihnen das märkische Staatswescn mit seiner monarchischen Treue, seiner eisernen Aristokratie, seiner schnarrenden Blcchstimme, seiner bitteren Ernsthastigleit und spaßlvseu Disziplin entsetzlich wenig Perlockendes bieten. Und unter solchen Umständen dennoch nnbeirrten Blicks sich für deu einzigen Ausweg ans dem kleiustaatlichen Jammerthal erklären, das war in der That eine dankenswerte Anstrengung. Es gehört zum Verständnis der zunächst an meine Wähler gerichteten Briefe, daß diese so beschaffenen thatsächlichen Boraussetznngen Dir gegenwärtig seien. Wollte ich die Gründe alle aufführen, die mich bestimmen, diese kleine Sammlung Dir zu widmen, selbige würde solchen Gründen gegenüber noch dürstiger erscheinen als sie ohnehin ist. Zunächst möchte ich nicht nach deutschem Laudesbranche warten, bis Dn gestorben bist, nm Dich zu loben (abgesehen von der Ungewißheit des Bortritts). Dann gewiß werden sie in allen unseren Zeitungen schreiben: „Er war einer der frischesten nnd unverdrossensten Mitbegründer jener aufrichtigen Denkfreiheit, welche das Fundament zur politischen Ermannung der Teutschen legte, uud er blieb au der Arbeit von seinem ersten Eintritt in die akademische Laufbahn bis in die späten Zeiten hinein, da er sich be- schied, an fremder Küste im Schutz der Freiheit das Wohl der Seinen zu bergen'. Wie Arndt und Iahn und Jordan verfolgt nnd eingekerkert, lies; aber er nicht sich mürbe machen zn einer frommen, kvniastreuen Seele, svndern sein aristophanischer Geist lachte in den Kasematten, lachte als er herauskam, lachte als man ihn mit seinen Jahrbüchern aus Halle vertrieb und als man ihm seine Pressen in Leipzig versiegelte, lachte, als er lange vor Magenta nnd Solferino nnd Kvniggrätz den großdeutschen Chauvinisten im vollen zornbrüllenden Parlamente zurief: „die Radetzkys müssen geschlagen werden," lachte, als man ihm in Berlin die Pressen der „Reform" zerschlug, und lachte noch lange am ganzen Leibe darüber, daß in der lieben Heimat die wenigsten sich dankbar erinnerten, wie er seit vierzig Jahren das prophezeit und das vorbereiten half, was 1866 vollbrachte, uud wie er von Brighton her zum Auszug gegen Österreich blies, als Berlin noch mitten im innern Konflikt steckte." So etwa werden dann die Nekrologe in der Gartenlaube, mit Dciuem Bildnis verziert, sprechen, und irgeud ein Biederer wird, nni das Maß des Dankes voll zu mache», ein gutes Glas in seine eigene Gurgel gießen, auf daß Du hochlebest droben in deu elpsäische» Gefilden. Indem ich diese Schuld lieber jetzt bekenne, mochte ich noch folgendes hinzusetzen: Die Freiheit ist eine Tochter der Philosophie. Man prüfe nur ihre Geburtsakten, nnd ihr Stammbauin wird dies allenthalben ausweise». Wenn das Schwerste vollbracht ist. die Köpfe gereinigt, die Fetische angebohrt sind, geraten oie Ansänge in Vergessenheit, die Enkel kehre» gleiß»erische» Blicks zurück znr respektablen Hochkirche, oder sie verleugne» ihre philosophische Herkunft uud Missio», indem sie das nichtssagende Psendvnvm „Natur" dazunschen schieben. Männer, welche wie Du den deutschen Geist von dein Lenz seines spekulativen Blütentreibens an bis zn den heißen Schnitter- — 80 — tagen des sechsundsechziger Sommers begleitet und fortentwickelt haben, sind lebendige Argumente für die Fruchtbarkeit der Philosophischen Begabung, der unser Volk vielleicht den besten Teil seiner erworbenen wissenschaftlichen und noch zu erwerbenden politischen Größe verdankt. Dies vor Vergessenheit zu bewahren ist die Schuldigkeit derer, die bei Dir und den Deinen zur Schule gingen, die aber ihrerseits auch Heuer schon beginnen alte Änaben zu werden und sich ihres allmählich anssterbenden, zuweilen noch altmodisch nach Hegel, Gans und Feuerbach, Rüge und Echtermayer schmeckenden Jargons ein wenig zu schämen. Berlin, 29. Mai 1870. In alter Treue Dein L. Vamberger 1868 i. Berlin, 12. Mai 1868. Geehrte Herren! Zwei Wochen sind heute über das erste deutsche Zoll- Parlament hingegangen. Die Hälfte der Zeit, während welcher eS diesmal zu tagen hat, ist mutmaßlich verstrichen. Wenn auch noch bei weitem nicht der interessanteste und schwierigste Teil der gegenwärtig zu lösenden Ausgaben hinter ihm liegt, so hat es doch schon lehrreiche und bedeutsame Ersahrungen gesammelt »nd von ungefähr einen Maßstab gewonnen für die Wirksamkeit, welche ihm vorerst zu entfalten vergönnt sein wird. Das Bertraueu, welches Sie, meine geehrten Herren, in mich gesetzt, die großartigen Anstrengungen, welche Sie bei Gelegenheit der Wahl gemacht haben, legen mir die angenehme Pflicht aus, Ihueu iu ungezwungeuer Form und Weise Recheuschast zu geben über die Eindrücke, die ich empfange, über die Wahruehmungen, die ich machen werde. Ich beabsichtige nicht, Ihnen Tag für Tag zu berichte,?, was iu dein Saal des Parlaments gesprochen und beschlossen worden ist, denn darüber können Sie in den Ludwig Namberger's Ges. Schriften. IV. k — 82 — Zeitungen Aufschluß finden. Vielmehr empfinde ich das Bedürfnis, mich mit Ihnen bald über den Kern, bald anch über die Schale der Dinge mit jener Freiheit und Aufrichtigkeit zu unterhalten, der wir uus in den zahlreichen öffentlichen Versammlungen, in denen wir untereinander verkehrten, rückhaltlos zu ergeben pflegten. Eigentlich müßte eiue Herzensergicßung von der Art, wie sie mir eben vorschwebt, eine gegenseitige sein. Der Abgeordnete müßte sogar vielleicht uoch bevor er sich zu eiuer Epistel an seine Wähler niedersetzt, auch von dieseu etwelche vertrauliche Mitteiluugeu erhalte» habe»; er müßte wissen, ob und welche Zweifel ihnen in der Zwischenzeit aufgestiegen seien, damit er in seinen Antworten gerade daraus IvSgehe. Aber aus den Augen, aus dem Sinn! .Kaum, daß ich ei» viertel Dutzend Briefe von zu Haus bekam, diejenigen abgerechnet, in welchen einige Leute von Fach so freundlich waren, mich von ihrem Standpunkte aus über besondere Dinge, wie Eise», Blei, Petroleum uud dergleichen zu belehren. Mau war auch vou dem ganze« Wnhlspektalel so müde und hatte meine» Namen so oft gehört, daß ich nur lebhaft denke» kau», wie wohl es that, eimual a»ssch»a»fe» zn können. Auch wird mir nicht so schwer zu raten, was man daheim denkt; vierzehn Tage Berlin habe» mir die Rheinlnft noch nicht so aus den Änvchen getrieben, daß ich mir nicht vorstellen könnte, wie einer z. B. ebc» politisiert, we»» er an einem schöne» Abc»d i» der Moritz-Halle seine sterbliche Hülle von außen nnd innen zugleich ersrischt. Raisonniert mag schon werden, öas ist unvermeidlich, aber sollte vielleicht der eiue oder der andere sich beklagen, daß es bis jetzt nicht nach seinem Sinne gcgauge», so ist es nicht meine Schuld uud dem Zoll-Parlament seine Schuld ist es auch nicht ausschließlich. Denn ich habe es Ihnen ja von der ersten bis zur letzten Stunde gesagt: Erwarten Sie bei Leibe nicht, daß wir in Berlin sofort ein großes politisches Feuerwerk abbrennen nnd die Welt durch große Thaten in Erstaunen setzen. Die Zeiten sind überhaupt vorüber, iu denen man hoffte, die Welt mit Reden aus den Angeln zn heben, nnd wenn sie auch nicht vorüber wären, so konnte man doch nicht daran denken, daß bei den dermaligeu ebenso merkwürdig verschluugeneu als unbequem eingegrenzten Zustanden ein parlamentarischer Geniestreich mit Glück au dieser Stelle nnternommen werden möchte. Nicht minder habe ich denen, welche beim Abschied zn nur sagten: „Nuu, wir werden bald über Sie in den Zeitungen lesen, wenn es einmal iu Berlin losgeht", — immer geantwortet: „Macht Euch nur darauf gefaßt, daß ich keine langen Reden loslassen werde, Zeit und Ort sind glicht dazu angethan". Ich habe bis jetzt Wort gehalten und hoffe es auch bis zum Ende auszuführen. Bei deu wirtschaftlichen Tingeu, die hier zu verhandeln sind, läßt sich das Zweckmäßige einfach nnd kurz vortragen. Wer bei diesen Verhandlungen das Thatsächliche allzu ausführlich bespricht, der ermüdet, nnd wer es zn sehr ins allge ineine hinüberspinnt, der bringt die Versammlung, welche ihre Zeit sehr nötig hat, um ihr kostbares Gnt, ohne etwas anderes vorzutragen, als was nenn Zehnteile längst sich selbst gesagt hatten. Auch ist es mit wenigen Ausnahmen im Zoll-Parlament bisher beobachtet worden, bündig, schlagend und zur Thatsache zu reden, und die wenige Arbeit, welche ans Grund der Vorlagen abgethan werden konnte, wurde besonders vvu der liberalen Seite mit Gewissenhaftigkeit und Schärfe behandelt. Von großer Politik, über welche etwas zn hören Sie wohl am meisten Lnst verspüren, kam gerade soviel ans die Füße, als man erwarten dnrfte, ja eher noch etwas 6* — 84 — mehr. Wenn die Sache der deutschen Nation nicht im Schvvsze derselben sv viel natürliche nnd nnnatürliche Feinde hätte, wären wir dach längst nicht mehr in dem dürftigen Vorbereitungszustand, in dem wir gerade eben erst aufzuhöreu augefaugeu habeu, der Gegenstand des Mitleids und des Spotts aller gesitteten Völker zu sein. Solche Schicksale wurzeln nicht in Kleinigkeiten, ihre Ursachen sind daher nicht im Handumdrehen zu beseitigen. Meuschcu oder Gesamtheiten, denen es aus die Länge schlecht geht, tragen den Keim ihres Unglücks bekanntlich immer in der eigenen Brnst nnd sind namentlich schwer zu kurieren, weuu sie einmal über die erste Jugend hinweg sind. Alt ist uuu zum Glück allerdings die deutsche Nation an Politischen Lebenssahren auch nicht zn nennen: ihre eingefleischten Untugenden stammen noch ans der uupolitischeu Vorzeit, aber gerade die Nachweheu dieser letztereu sind wegen ihres hoch binausreichenden Ursprungs schwer auszurotten, nm so schwerer, als zwischen dem Moder und dem Zops ja auch sv viel Gutes und Gesundes mit eingewachsen ist, das geschont und gepflegt sei» will. Ich sage also nnd habe es ja immer gesagt, wenn wir vom künftigen Zoll-Parlament sprachein So tiese Ge- daukeu und geheime Hoffnungen sich auch an die Sache knüpfen, so sehr muß man doch darauf gefasst sein, das; die große nnd die kleine Politik, die Frechheit der einen und die Zimperlichkeit der andern, die Epitalsnppeuselig- keit der Philister nnd die Feuerfresserei der Himmelsstürmer sich zusammeuthun werde«, um etwas tot zn machen, das möglicherweise zu verständiger Ausbildung des gemeiusamen deutschen Staatswesens herangcpflegt werden könnte nnd schließlich auch trotz allem noch zur Erreichung unseres letzten Zweckes erfolgreich mitarbeiten wird. Denn Gvtt verläßt zwar die Deutschen sv gut wie die anderen Menschen, x — 85) — wenn sie sich selbst verlassen; aber es giebt deren glücklicherweise jetzt bereits so viele — und wir haben ihrer hier eine hübsche Kompagnie beisammen — die entschlossen sind, sich an ihre gute Sache festzuklammern »nd auch das Zeug dazu haben, sich Wort zn halten, das; wir schon hvfsen tonnen, durch unsere eigene Zuversicht den Himmel und seine Heiligen schließlich ans unsere Seite zu bekommen. Schon der Zahl nach ist die liberale Fraktion im Parlament die ansehnlichste, und wer mir nicht glauben will, daß sie auch auf Weg und Steg iu allen praktischen Fächern die schlagfertigste, rüstigste und solideste ist, der lese nnr die stenographischen Berichte. Das werden freilich die wenigsten thnn, und die einen werden mir'S lieber aufs Wort glauben nnd die andern lieber aufs Wort uicht glauben. Wer in gehobener Stimmung ankam, der konnte wohl bei seinem Eintritt in die hiesige Welt einige jener warmen Apriltage durchlebe», welche geeignet sind, die unvorsichtigen Hvsfnnngobiüten an die Mittagssonne zn locken. Da war zunächst das freudige Gefühl, mit so viel wackeren Gleichgesinnten, alten nnd neue», zusammenzutreffen; zu überschlagen, welch' tüchtige Kräfte in allen deutschen Laudeu derselbe» Sache mit Leib und Leben ergeben sind. Es ist ein ganz verteufelter Ernst iu dieseu Leuten des Nvrdeus, der uns leichtere» Meuscheu des Südwestens gewaltig imponiert. Ich sage Ihnen, es sind unter diesen Männern Tenker, Arbeiter und Charaktere vvu einer knorrigen Stärke uud einer Solidität des Wissens, die erschreckend ist — nur erst gar für eiucu, der eiu halbes Menschenalter hindurch den Schlagrahm der französischen Politik austischen sah. Dergleichen grundgelehrte uud herbe Weseu, wie diese Norddeutschen, liefern bei uns im Süden etwa nur noch die Schwaben. Auch unter diesen sind famose Kerle, und — 86 — wie sie so verbissen giftig drcinblickcu, das steht ihnen ganz vvrtrefslich. Als vorsichtiger Politiker sollte ich meine Feinde nie anerkennen, allein ich denke, jene lesen ja unsere „bettelpreußischen" Zeitungen ebensowenig, wie wir ihre preußeufrcsserischen, und sie werden es ebensowenig erfahren, wenn ich sie einmal lobe, wie ich es erfahre, wenn sie aus mich schimpfen. Immerhin konnten selbst die trutzigsten Gesichter dieser Württemberger nicht den Eindruck zerstören, welchen das Zusammentreffen der Vertreter ans alle» Teilen Teutschlands ans jeden Menschen mit geradem Sinn hervorbringen mußte. Es war doch einmal etwas merkwürdiges, etwas zu merkwürdiges, um gauz unfruchtbar und erfolglos zu bleiben: daß znm erstenmal überhaupt die Abgeordneten des deutschen Volks in der größten Stadt des größten deutschen Reichs zusammentraten und damit den Grundstein zu einer künftigen Hauptstadt des künftigen deutschen Staates wie zur künftigen Gesamtvertretnng der künftigen Nation legten — (denn sehr im Beginnen und im Werden ist ja das alles noch,, das fühlt man nirgends so deutlich als bei dieser ersten Begegnung); - - und trotz allem Schimpfen nnd Poltern sprang es jedem in die Angen, daß hier das zerrissene Band zwischen Einst und Jetzt, zwischen Frankfurt und Berlin, zwischen 1848 und 1868 wieder angeknüpft sei. In solche Stimmung siel nun die Eröffnung des Parlaments mit ihrem ganzen äußeren Pomp. Hatte man sich vorher die Köpfe mit großen Ideen etwas erwärmt, uud war auch die Feierlichkeit und die Großartigkeit des gesamten Schauspiels dazu angethan, eiuer gehobenen Stimmung zu entsprechen, so war doch auch dafür gesorgt, daß unser Einer nicht schon die Ankunft des tausendjährigen Reichs uud die Erfüllung seiner frömmsten Wünsche hereinbrechen sah. Denn der hvsische Glitz nnd Glanz, der ans allen Ecken nnd Enden — 87 — hervorstrotzte und sich ganz selbstverständlich breit machte, wird wohl auch den zahmsten Bolksfreuud daran gemahnt haben, daß in diesem weißen Schtoßsaale so recht eigentlich die deutsche Nation noch nicht bei sich zu Hause sei. Die Kammerherren mit den goldbeladenen Röcken und dem silbernen Schlüssel am blauen Bande just an der Stelle, wo bei uns die Stabsärzte der Ranzengarde zur Faschingszeit ein gewisses Instrument zu tragen Pflegen, sahen mit ihren glatten, gewichsten und gestrichenen Kvpseu garnicht so aus, als ob sie ebeu das Bedürfnis fühlten, die Psvrten einer großen demokratischen Zukuuft aufzuthnn. Aber man konnte sich zum Troste auch sagen, daß, wenn es von diesen höflichen Herren abgehangen, überhaupt niemals ein deutsches Parlament nach Berlin wäre berufen worden; nnd so wenig sie die Wege der jüngsten Vergangenheit abzusperren ver- mvchteu, so wenig werden sie es mit den Wegen der Zukunft vermögen. Übrigens denken sich Leute, welche am Sitze eines fürstlichen Hofes aufgewachsen sind, bei der Gewährung des höfischen Schnick-Schnacks viel weniger als unser einer, der, nicht au den Anblick des Zeremoniels gewöhnt, in seiner verstandesmäßigcn und gleichheitliebeudeu Empfindung von all dem Apparat verletzt wird, der ihn, wie so manches andere im Leben, an den zwischen den Anforderungen der geläuterten Vernunft und den überkommenen, tief eiugewurzelteu Formen aller Art von Götzendieners obwaltenden Unterschied erinnert. Die Tronrede selbst fanden die einen farblos, die andern fein uud wvhlberechnet, noch andere endlich stark und bedeutsam. Jedenfalls hat sich einmal das Königtum noch vor der Majorität des Zoll- Parlaments ausgezeichnet, deuu es hat doch gewagt, vom „nationalen Gedanken" und von der künftigen Aufgabe, von Krieg und Frieden, von Deutschland und Osterreich zu sprechen, lauter Dinge, aus welche die Erwählten des — 88 — Volks in ihrer Mehrheit kein anderes Wort anzuwenden fanden, als etwa dieses: „Ich aber legte die Hand auf den Mund und schwieg."*) Am Tag nach der Eröffnung war dann das große königliche Baukett. Es war das erstemal in meinem Leben, daß mich ein König zu Tisch geladen hatte, und es kam mir recht spanisch vor. Ich frug mich, ob ich meinen guten Grundsätzen nichts vergäbe, wenn ich mich so vertraulich mit allerhöchsten Personen einließe, aber ich antwortete mir nach einiger Ueberlegung, daß der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts zunächst vorurteilsfrei sein müsse und auch bei gekrönten Häuptern davon keine Ausnahmen machen dürfe. Auch hatten mir meine Freunde, Löwe und Dnncker, welche bekanntlich zur preußischen Fortschrittspartei gehören und mit der Gegenwart unzufriedener sind, als unser Einer, versichert, daß sie uubedeuklich zu Tische kommen würden. Da dachte ich, wenn das grüne Holz hingeht, darf das dürre doch gewiß hingehen. Und so zog ich mir eine weiße Halsbinde an und ging oder vielmehr ich fnhr, denn obgleich ich nur zwei Schritt vom Schloß wohnte, so mußte ich mir doch, da es mit Eimern vom Himmel herabgoß, im letzten Augenblicke schnell eine Droschke nehme». Aber das half mir wenig. Sobald nur mein Kutscher sich iu der Nähe des Schlosses befand, ward er von zn Pferde Wacht haltenden Äonstableru von rechts und links hin und her kommandiert, herüber und hinüber besohlen, gescholten und kujoniert, daß ich mit dem armen Kerl das innigste Mitleid empfand. Während die Herren in den blauen *) Diese Anspielung bezieht sich auf den im folgenden Briefe besprochenen Beschluß des Zoll-Parlaments, der eine Antmortsadrcsse auf die königliche Botschaft ablehnte. 89 — Uniformen nnd den Pickelhauben nämlich sv gvttessämmer- lich mit meinem Fünfsilbergrvschensuhrwerk umgingen, machten sie den großen Karassen Miss emsigste breite Bahn, nnd als wir nnn gar an den Schloßhos kamen, da harrte meiner erst die wahre Beschämnng. Da hies; es: Fiakers kommen in diesen Hof nicht hinein! halte der Herr hübsch still nnd steige ans! Und so mußte ich armer Schwarten hals mein tätschle,» verlassen nnd nnter strömendem Regen qner durch den großen Schloßhof ohne Regenschirm (weil ich das Instrument nie besaß und ein noch thörichteres Porurteil gegen es besitze als gegen das Königtum) hinüber, die- weilen die stolzen Eanipagen mir hohnlachend an der Nase vorbei bis znm Eingangszelt sichre». Es geschieht dir schou ganz recht, sagte ich mir, daß du au dein Plebejer- tum hier gemahnt wirst, es geschieht aber anch dem König recht, wenn ich mit nassen Kleidern zu seinem Feste komme, warum schafft er diesen Unterschied nicht ab? Seitdem das allgemeine Stimmrecht eingeführt ist, sollte zwischen einem Droschkengaul und einem englisch'en Vollblut nicht mehr gesetzlicher Unterschied bestehen, , als zwischen einem Standesherrn nnd einem Sackträger. Tarin ist es doch in Paris, wo allerdings manch andres um sv schlechter ist, besser, denn iu die Tuilerieu fährt der lumpige Fiater ebenso srech hinein als die stolzeste Karosse. Freilich ist anch mal einer in einem Fiaker aus den Tuilerien Hinansgefahren und zwar der König Ludwig Philipp im Jahre 1848, das haben mvhl die Schildwacheu nvch in heilsamem Angedenken. Ich will Ihnen nnn das Fest nicht weiter beschreiben, denn das liefert jede illustrierte Zeitung. Man hatte mich — ohne Zweifel znr Beförderung der Versöhnlichkeit nnter allen Parteien — zwischen einen der eifrigsten Reaktionäre, den ehemaligen Iustizminister Grafen zur Lippe, »ud einen der verbissensten Schwaben aus Schwaben- 90 land gesetzt (es giebt nämlich anch Schwaben aus andern Landern hier, namentlich aus Pommern und Sachsen). Wir vertrugen uus ganz gut mit einander nnd verdarben uns den Appetit gegenseitig nicht im allergeringsten. Das Essen war kurz nnd gut, anch durste es nicht zu auserlesen sein, damit eS nicht aussehe, als wollte man die Herzen der Abgeordneten von innen aus durch den Magen beeinflussen. So schön wie das Fest, welches mir an demselben Abend die hier wohnenden Mainzer gaben, konnte es natürlich nicht sein, wenigstens konnte es mir nicht so schön vvrkommen. Das merkwürdige an letzterer Sache war, daß ungefähr dreißig Mainzer Kinder beisammen waren, lauter enragierte Norddeutsche, welche ein kurzer Aufenthalt in Berlin dazu gemacht hatte; das bestätigte mir, was ich immer bei den Wahlen gesagt hatte: ich riete der großhcrzoglichen Regierung, sie sollte lieber mich als einen ihrer Anhänger nach Berlin wählen lassen, denn ein gut hessisch Gesinnter würde vvu Berlin stark abgefärbt zurückkommeu, während doch an mir nichts mehr zu verderben sei. Den Bericht, welchen die „Mainzer Zeitung" über das Fest unserer Landsleute gegeben, bitte ich Sie nicht zu wörtlich zu nehmen. Es war von seiten des Berichterstatters mehr guter Wille als Geschick dabei; daß ich z. B. so dumm sei, vou mir als einem „Staatsmann" zu sprechen, wie der Berichterstatter sagt, das wird hoffentlich niemand geglaubt haben. Er verwechselte wahrscheinlich iu meinen Betrachtungen den Staatswein, den man uns kredenzte, mit dem Staatsmann. Es war spät in der Nacht, als wir heim gingen und ein schwerer Tag gewesen. Erst beim König im Schloß zu Mittag und gleich darauf bei dem Mainzer Gastwirt Kleinfelder in der kleinen Manerstrasze zu Nacht gegessen, — 91 — sv manches GlaS ausgenommen nnd so manche Rede ausgegeben zn haben, das zwang einem endlich ein Ende zu machen und das mird Ihnen auch für diesmal genehm sein. Nächstens mehr von Ihrem ergebeneu Ludwig Lamberger. II. Berlin. 22. Mai 1868. Geehrte Herren! Das war nun das Räuschlein der ersten Tage gewesen, welches ich Ihnen zuletzt beschrieben habe. Das Katzenjämmerlein der daranffvtgenden konnte naturgemäß nicht ausbleiben. Die Gelegenheit dazn lieferte die Frage: ab und welche Adresse das Parlament an den König ergehen lassen sollte als Antwort ans die Tronrede? Eine svlche Antwort, und zwar eine recht lebhafte, mußte namentlich denen höchst notwendig erscheinen, welche in dem Zoll- Parlament etwas mehr erblickten als eine Anstalt zu Heraus- nnd Herabsetzung einiger Steuern und Zölle. Zu diesen gehöre ich bekanntlich anch. Denn obwohl ich kanm dem Pvrwurs ausgesetzt zu sein glaube, daß ich die Dinge in allzu rosigem Lichte sehe, so wird mir doch niemand jemals aus dem Kopf bringen, daß irgend ein vernünftiger Er- kläruugsgruud für diese so breit und hoch augelegte Volksvertretung zu finden wäre, wenn ihr nicht der Gedanke zu Grunde läge, daß sie immer mehr über deu Zoll hinaus uud ins Politische hinein wachsen sollte. Nur die können das leugnen, welche überhaupt nicht sehen wollen, daß das deutsche Schicksal wieder in eine vorwärtsschreitende Ve- 93 wegnng eingetreteil ist. Deren giebt es allerdings mehrere Sorten, die sich darin begegnen, daß sie alle meinen, die deutschen Znstande müßten wieder hinter ihre jüngste geschichtliche Entwickelung zurückgeschraubt werde», wobei deuu die einen sich denken, daß es überhaupt iu der Welt am bestcu immer rückwärts gehe, uud die andern, daß man erst rückwärts gehe» müsse, um dauu desto besser vorwärts springen z» können lreeulsr xour nrienx sautsr). Dieser Znsammenhang veranschaulicht Ihnen denn auch am deutlichste«, warum die schlimmsten Reaktionäre und die unbändigsten Revolutionäre so hübsch mit einander sich vertragein weil sie nämlich beide darüber einig sind, zunächst einmal deu Krebsgang fördern zn müssen. Und ans gleichem Grund vertragen sich auf der andern Seite alle die, welche mit mehr oder weniger Gednld dem Naturgesetz des Fortschritts ergeben sind, ebenfalls bis zu einem gewissen Grade, weil sie eben ans dem Boden, der unter ihren Füßeu ist, weiter gehen uud weder iu die Hölle noch in den Himmel ihre Blicke richten wollen. Diese Hanptspaltuug in zweierlei Verhalten zur neuesten deutschen Geschichte Hütte aber doch nicht genügt, um die Adresse so zu begrabe», wie ihr geschehen ist. Denn im Grunde — nud wir haben dies bei einem Anlaß erlebt, von dem später »och die Rede sein wird und der Sie ganz speziell angeht — denn im Grnnde besteht die Mehrheit des Zoli-Pnrlameuts doch nicht geradezu aus absoluten Nichtswolleru. Aber rechts und links von denen, welche das Mögliche rasch wollen, sitzen so allerhand Köpfe, welche entweder fürchten, man sei nicht vertrauensvoll uud unterwürfig genug gegen die regierenden Mächte, oder aber umgekehrt, mau vertraue nnd huldige diesen zu viel, dergestalt, daß es schwer wird eine Majorität iu geschlvsseuer Reihe vorwärts zu schiebe», und daß dies »ame»tlich sehr schwer ward gleich i» den ersten Tagen, da man sich noch so wenig gegenseitig einander verstand und aufeinander eingeschult hatte. Ich beharre dabei zn denken: die Mehrheit der Zoll-Parlaments-Mit- glieder wollte wenigstens annähernd so etwas wie eine Adresse (man müßte ja sonst annehmen, der König von Preußen sei am Ende noch fortschrittlicher als die Mehrheit der Deutschen, da er doch die Kourage gehabt hat, eine Adresse an sie zn richten); aber als zn der Adresse „Vorwärts marsch!" geblasen wurde, da saud sich die Majorität noch so schlecht aus einander exerziert, daß die einen im Trab vvranliefe», während die andern sich besinnend stillstanden, so daß damit auch die Hanvttrnppe in der Mitte in Unordnung geriet und der gemeinsame Feind Zeit und Platz fand, alles in einen dummen Tumult aufzulösen. Wie ich später mit unserer Weinsrage kam, hatte man sich schon etwas besser ans einander eingeübt, und die Nichtwoller suchten uns vergebens von vorn und von hinten ans einander zn locken. Jenes erstemal war aber der Versuch ins Wasser gefallen, vor Deutschland und der Welt aktenmäßig festzustellen, daß das Zoll-Parlament sich als eine politische und dereinst zn größeren Dingen berufene Vertretung des deutschen Volkes betrachte. Viele von uus waren sehr niedergeschlagen darob, und leugnen ließ sich ja nicht: alle schadensrohen Widersacher innerhalb nnd außerhalb unserer Grenzen mußten sich dadurch ermutigt sehen. Mag man immer sagen: „Worte sind doch nur Worte!" Worte sind aber anch ausgesprochene Gedanken, nnd ohne zu denken, kann man nicht wollen, und ohne zu wollen, kann mau nicht handeln. Nur die, welche der Gedankenlosigkeit der Nationen huldigen, bemühen sich den sogenannten Parlamentarismus iu Verrus zn bringen. Aber war es auch schlimm, daß gewissermaßen die Versammlung beim Eintritt in ihr Beratungshaus sich das — 95 — Recht auf ein höheres Leben selbstschweigend abgesagt hatte, sv giebt es doch noch etwas schlimmeres! das ist Entmutigung. Selbst ein armer, einzelner, schwacher Mensch kann nichts thörichteres thun, als sich vou einem widerwärtigen Erlebnis niederschlagen lassen, lind nun gar erst eine Gesamtheit, welche die Aufgabe hat, eine unsterbliche Nation zu vertrete»! Darum rief ich auch immerfort dem und jenein meiner Freunde zu, welcher mit verdrossener Miene nach dem Fall der Adresse herumging-, sursuin coräa! Immer nnr von neuem den guten Humor und das Pertrauen in seine Sache herausgeholt! Und bei jeder unangenehmen Erfahrung sofort als ersten Gedanken zu setzen sich angewöhnt: „Wie lerne ich was daraus"? Auch mir hatte die Adreßver- hnndluug dazu gedient, eine kleine Lehre zu empfangen und zu beuutzeu und zwar folgcndergestalt. Es ist gut, daß ich Ihnen diese Geschichte erzähle, Sie werden auch was daraus lernen. Wie es so hieß, wir wollen eine Adresse machen, setzte ich mich hin nnd dachte auch meinen Senf dazu zu geben. Man war unseren Wahlbewegnngen in Mainz nämlich von hier aus mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt; man hatte mit dem lebhaftesten Interesse den Kampf beobachtet, welcheu unsere freisinnigen Wähler gegen die bekannte dreifache Allianz mit so heroischer Kraftanstrengung durchsochten, und Politiker aller Schattierungeu, der gemäßigtsten wie der heißesten Fvrt- schrittszone, haben mich unzählige Male versichert: über keiueu Wahlsieg fei eine so helle und volle Freude ausgebrochen, als über den unsrigcn. Das hatte nun zur Wirkung, daß man Ihren Abgeordneten mit der Zärtlichkeit empfing, welche Eltern solchen Kindern widmen, die sie trotz einer schwächlichen Körperbeschaffenheit groß gezogen haben. Und weil man mir sv liebenswürdig und wohlwollend entgegen- — W — kam war denn auch mein Eifer angestachelt. So geschah's, das; ich auch meinen Senf zum Adreszentwurf geben zn müssen vermeinte. Wie ich den aber im Schoße der Partei-Genossenschaft vorlas, den man gemeinhin die „Fraktion" nennt, merkte ich an allerhand langen Gesichtern, das; ich mit etwas nnwissentlich mnszte angestoßen haben, und das; ich nicht den Gedanken der großen Mehrheit getroffen hatte. Raten werden Sie's aber schwerlich, nach melcher Züchtung hin ich nber's Ziel Hinansgeschossen hatte, um so weniger, als der mißfällige Gedanke mir ans Ihrer aller Herzen mit aus den Weg gegeben worden war. Ich hatte mich nämlich mit erheblicher Breite und Wärme dahin ausgesprochen, das; zwar unter den obwaltenden Umständen ein schlagsertiger und Sicherheit verbürgender Heeresstand für Deutschland unentbehrlich, daß es aber doch die Aufgabe unserer Nation mie aller Nationen fei, dahin zu streben, das; im Einverständnis mit den anderen Großstaaten der Gedanke einer Entwaffnung nicht als eine leere Träumerei vvu der Hand gewiesen bleibe. Dies war es hauptsächlich, was beinahe allen meinen Gesinnungsgenossen in meinem Projekt anssiel. Sie müsse» daraus nicht schließen, daß etwa unter den Liberalen in Berlin mehr Äriegslnst herrsche als bei nns, oder daß dieselben vor der Staatsgewalt einen friedliebenden Gedanken auszusprechen sich scheuen. Der Unterschied zwischen der Ideensvlge des Nordens und der uusrigeu beruht nur darin, daß man hier dem gegenwärtigen Frieden viel weniger traut als auderwärts. Man betrachtet unsere Nachbar» »nt sehr mißtrauischen Augen, »nd vhue der Masse des französischem BvlkeS Unrecht thuu zu wolle», glailbt mau es iu den Händen ei»er Negieriing, vor deren Äriegsgelüsten man sich weniger sichern könne, indem ma» sich »nt ihr i» poetische Friede»Sst»die» einlasse, als indem man ihr eine — 97 — grimmige Widerstandsfähigkeit und Widerstandsentschlossenheit zeige. Da man nun in höher hinaufsteigenden Regionen auch viele Personen findet, welche diese Überzeugung teilen, so fürchteten unsere Freunde für unpolitische, Zeit und Umstände mißkenneude Menschen gehalten zu werden und damit sich weiteren Einfluß auf die herrschenden Anschauungen zu nehmen, wenn fie mit meiner Friedensphantasie an den Tag kämen, welche denn auch sofort ohne Sang und Klang begraben wurde. Es giebt sogar viele Lente hier, die deuten, ein Krieg mit Frankreich sei am Ende ein so großes Unglück nicht, weil es das sicherste Mittel sei, die deutsche Einheit herzustellen. Aber die Freunde dieses höchst zweiselhasteu uud allzu heroischen Mittels sind wenigstens unter den freisinnigen Parteien sehr düuu gesät und an dem Grafen Bismarck haben solche Einheitsmacher um den Weltfriedenspreis mich einen ganz entschiedenen Gegner. Man weiß es hier ganz bestimmt — und es ist das eine höchst wissenswerte Thatsache — daß der preußische Premier-Minister gegen einen Krieg mit Frankreich eine ganz grundsätzliche Abneigung hat, weil er ihn für eine nicht genng zn beklagende Kulturstörnug hält, weil er die Ansicht hat, daß ein noch so glänzender Sieg doch nnr mit den größten Opfern erkanst werden könnte, und daß eine noch so harte Niederlage das französische Volk nur dahin führen würde, eifersüchtiger als vorher auf Deutschland zu werden nnd nach einein ersten verlorenen Feldzng alsbald einen zweiten zn versuchen. Es giebt viele Lente hier, die behaupten, Bismarck habe zwei große Fehler begangen, einmal als er in Nikolsburg lieber die Main- liuie angenommen, als sich in einen >.lrieg mit Frankreich verwickelt habe, zum andern als er bei der Luxemburger Frage nicht losbrach, weil damals Prenßen in Rüstungen uud Armee-Organisation Frankreich so weit voraus gewesen — 98 — wäre. Allein ich denke, diese zwei Fehler — wenn es solche wären — gereichen ihm jedenfalls zu größerer Ehre als die geschicktesten Kunstgriffe, und ich glaube auch nicht, daß es salsch ist, wenn Herr v. Bismarck dem Grundsatz huldigt: ein Krieg zwischen den beiden Völkern sei die größte aller uns drohenden Kalamitäten nnd so lange nicht mathematisch bewiesen sei, daß dieser Krieg ans alle Fülle kommen müsse, so lange sei die erste aller Pflichten, ihn zu vermeiden und der Zeit den Spielraum zu lassen, Europa von den Zuständen zu befreien, welche dermalen eine solche Gefahr im Schoße bergen. Ich bin damit scheinbar weit von dem Adreßprojekt abgekommen, aber da die große Politik eigentlich als Hauptsache zwischen den Zeilen dieses Aktenstücks einherlief, so bin ich eigentlich „bei der Sache." (Sie werden wohl schon aus den Parlamentsberichten gemerkt haben, daß ich mir einige badischc und bayrische Ultramontanc persönlich attachiert habe, welche mich von Zeit zu Zeit zu Exkursionen in die deutsche Politik ermuntern, indem sie mir znrufen: „zur Sache!" um mir zu zeigeu, daß ich auf die rechte Fährte gekommen bin.) Es wird Ihnen nicht uninteressant gewesen sein, zn hören, daß, trotzdem man hier Friedensdemonstrationen nicht mit zu viel Nachdruck behandelt sehen will, trotzdem man auch stellenweise aus oratorischem Bedürfnis einmal die Hand ans den Degengriff legt, doch der erste Mann in der deutschen Politik über die Gefahr eines Zerwürfnisfes zwischen Deutschland uud Frankreich der humansten Anschauung mit Bewußtsein ergeben ist. Das definitive Adreßprojekt, welches schließlich von der nationalliberalen Fraktion angenommen wurde, vermied alle irgendwie starken Töne uud ging in seiner Fassung just nnr um so viel weiter in der Erwähnung der nationalen Ziele, wie ein Bolkshans weiter gehen mnß als eine — 99 — königliche Regierung. Nichtsdestoweniger erreichte auch dies Projekt bekanntlich nicht den Hafen. Rücksichten auf die auswärtige Politik waren dabei nicht oder nur ganz untergeordneter Weise im Spiele, dagegen eine Menge von Rücksichten, welche teils die Abgeordneten aus dem Norden denen aus dem Süden, teils die Abgeordneten aus dem Süden ihren Wählern schuldig zu sein glaubten. Diese verwickelten und vielfach unerfreulichen Rechnungsträgereien werde ich Ihnen das nüchstemal zu erklären suchen. Bis dahin Ihr sehr ergebener tudwig Bambergcr. III. Aachen, 1. Juni 1868. Geehrte Herren! Seitdem ich Ihnen das letztemal am 22. Mai geschrieben habe, ist die öffentliche Stimmung unserer Nation durch starke und güustige Eindrücke angeregt worden. Die Schluszakkorde, unter deren Begleitung das Zoll-Parlament für diesmal vom Schauplatz feiner Thätigkeit abtrat, erfüllte ein feierlicher und mächtiger Ton, welcher in der Nähe wie in die Ferne hinaus die Geister zur Andacht zwaug. Ohne viel Knust, ja mau kann wohl sagen, gehorchend einem natürlichen Impuls, reichten einander zu guterletzt alle die mannigfachen und zahlreichen Teilnehmer die Hände, um die gemeinsamen Erlebnisse, Irrungen wie Bestrebungen, in ein überschaubares, versöhnendes, finnig und bescheidentlich triumphierendes Schlußbild zu entrollen. Die letzten Tage der vierten nnd die ersten der sünsten Woche unseres Zusammenseins hatten wirklich etwas vom fünften Akt einer dramatischen Komposition au sich. Es gereicht ja dem Leben nicht zur llnehre, wenn es einmal von selbst sich zu einem Kunstgefüge gestaltet, so wenig als einer Gegend, wenn sie gleichwie vom Pinsel eines geschickten Malers erfunden vor unser Auge tritt. Also — 101 — dürfen wir getrost uns dessen freuen, daß, ehe der Vorhang zwischen den thätigen und deu zuschauenden Teilnehmern dieser großen Staatsnktion niederfiel, die Rätsel, die Stürme, die Peinlichkeiten alle, so man gemeinsam durchlebt, wie läuternde Prüfungen im Hintergründe sicht- bckr wurden, während auf dem vordersten Plan sämtliche Mitwirkende, hoch uud niedrig, von rechts und links, harmonisch gruppiert im wohlgeordneten Halbkreis sich zusammenschlössen, beschienen vom Lichte einer hoffnungsreichen Zukunft. Dadurch kam es, daß man anseinanderging mit dem Gefühl, Gutes und Böses, wie immer es sich durchkreuzt habe, sei schließlich doch dem frommen Zweck des großen dauernden Ganzen dienlich gewesen; und solch ein Ende oder Abschnitt ist immer das Höchste und Beste, was Leben oder Kunst zu geben haben. Solch ein Gang der Dinge hat vor allein das Erbanende, daß er zeigt: es liegt dem Streben, nm daß es sich handelt, ein gesundes, gerechtes, starkes Wollen zu Grunde, welches anch die widerstrebenden Zwischensälle iu seine Sphäre hineinzwingt, ja die schädlichen selbst nötigt, sich in nützliche zu verwandeln. Dergleichen ist die wahre Bürgschaft künftigen Gelingens. — Das sind so etwa die Gedanken, mit denen wir, und zweifelsohne auch Sie, m. H.!, in diesen Tagen auf die Schwierigkeiten des Aufangs zurückschauteu. Um so besser für den, welcher, wie Ihr ergebener Diener, niemals den Mnt hatte sinken lassen. Zwar weiß ich, daß auf alle diese Betrachtungen eine Antwort bereit ist, welche mit einem bloßen verächtlichen Achselzucken das ganze Gebäude unserer letzten Eindrücke in Staub aufzulösen sich anheischig macht. Was ist denn geschehen? — wird man uns sagen — Festlichkeiten? Worte? Toaste? Thronreden? Händedrücke? — Ist das nicht das bekannte Bühnenmaterial aus der alten Rumpel- — 102 — kammer deutscher Schattenspielerei? — Ganz wohl, Ihr Herren. Aber zweierlei bitten wir geneigtest zu bedenken. Zunächst, wenn denn alles so eitel ist, was blos als Wort und Wunsch von Mund zu Munde geht, warum denn, werte Herren und Gegner, habt Ihr so mächtig triumphiert, und mit Euch im unzertrennlichen Bunde alle ausländischen Neider, damals als unser bescheidenes Adreß- projekt zu Boden fiel? Wenn Ihr Euch wohl bewußt wart, warum es galt, so lustig zu applaudieren, damals als uns versagt wurde, unseren Herzensgedanken einen solennen Ausdruck zu geben, so gestattet uns auch jetzt die Freude, daß es nns dennoch schließlich gelang, der Stimme des Gewissens ihre Bahn zu brechen. Wenn Ihr damals wußtet, warnm es Euch so sehr darauf ankam, uns den Mnnd schließen zu lasfeu mit dem vornehmen EinWurf: Ein garstig Lied, Pfui, ein politisch Lied! so möget Ihr auch jetztmals verstehen, warum wir uns des Jubels freuen, der aus Millionen Kehlen dennoch in dies politische Lied mit uns ansbricht. Euch und Euren Freunden (?v8 arois Iss ölliisini8) klingt der Ton freilich sehr fatal, und ganz recht habt Ihr damit. Dies bringt mich auf meine zweite Betrachtung. Bisher waren die deutschen Demonstrationen Seelen ohne Leiber (auch das Wiener Bundesschießen wird trotz oder wegen allem Spektakel solch eine leiblose Seele sein, weshalb denn auch alles bunte Jrrgelichter des heiligen römischen Schattenreiches dahin aufzubrechen begriffen ist). Umgekehrt war das Zoll-Parlament, wenn es gelang, ihm das politische Lebenslicht auszublasen, ein Körper ohne S?cle. Aus diesem Grunde hatte das demonstrative Element in unserem gegenwärtigen Fall einen ganz besonderen Berns. Es handelte sich ja nicht darum, erst etwas in die Sache hinein zu deuten, sondern umgekehrt, aus ihr — 103 — heraus zu lassen, was ihre Schöpfer ihr eingegeben hatten. Gerade weil es die Absicht des Zoll-Parlaments nicht ist, auf immer eiu bloßes Parlament sür Zölle zu bleiben, darum eben wirkt diese Absicht, wo sie zu Tage kommt, so verstimmend auf alle unsere Gegner. Darum singen uns Ehren-Sepp und Ehren-Varnbühler stets so rührend das Liedlein ihrer Treue vor, ihrer goldenen Treue zu den eingegangenen Verträgen, welche den Sinn hat, sich möglichst hölzern an den starreu Buchstaben zu halten und den tieseren Geist der Sache zu verleugucu. Diese Treue sieht einem Verrat so ähnlich wie ein Kukuksei dem andern. Die erste und wesentlichste Bedeutung des Zoll-Parlaments ist sinnbildlicher Natur. Es ist ein Symbol und Werkzeug, ja man könnte sagen: ein Sakrament unserer Zukuust, deun so heißt ja in der Kirche ein sichtbares Unterpfand nnsichtbareu Heils. Weil aber in dem Walten dieser neuen und sonderbaren Institution das Symbolische einen so bedeutenden Platz einnimmt, eben darum sind deren Verkleinerer so versessen darauf, sie zu eurer möglichst nüchternen, langweiligen — aber nützlichen, sagen sie, — Zähl- und Rechenmaschine zu machen; darnm sind diese Leute so ungehalten, wenn das treulose Ding sich mit Allotriis abgiebt. Noch klingt es mir lebhaft in den Ohren, wie dazumal, als ich die erste Lust verriet, mich um Ihre Stimmen zu bewerben, maucher herzlich gute, aber politisch höchst zweideutige Freund mir zurief: „In ein Zoll-Parlament sich wählen lassen? psni um das armselige Wesen: ja wenn es ein wirkliches Parlament wäre, ä ls, donus usurs! drum warte doch, bis eiu solches au die Reihe kommt." — Worauf dann ich, dem wohlmeinenden Frennd stark die Hand drückend: „Dank, bester Brnder Demokrat, sür Euren liebevollen Rat, bin mir aber leider uicht zu gut, für dies schlechte Zoll-Parlament, weil ich eben denke: — 104 — kann die deutsche Nation es sich einstweilen auf Abschlag gefallen lassen, so mag meine Herrlichkeit auch damit fürlieb nehmen, uud somit Gott besohlen bis auf Wiedersehen nach der ersten Periode." — Und richtig, wie ich heimwärts kam, fand ich manche dieser wohlmeinenden Nasen um ein beträchtliches länger geworden. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten, und der Schluß des Zoll-Parlaments entsprach dem Gedanken, den Sie, m. H.! und alle patriotischen Wähler in dasselbe hineingelegt hatten. Es war eine feierliche Bekräftigung der höheren Sendung, die es zu erfüllen hat, und wenn je auf eine Schöpfung, so ist auf diese das Dichterwort anwendbar: Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis. In diese und ahnliche Gedanken eiugespouueu, saß ich in der Eisenbahn und fuhr von Hamburg aus durch blühende Aueu in die Abenddämmerung hinein, nachdem ich mich von den Gefährten getrennt hatte, welche so glücklich waren, auch noch die beiden letzten Ergötzlichkeiten dieses schönen Triumphzuges, die Fahrt uach Blankenese und die Jllumiuation des Alstcrbassins mitzumachen.*) Dringende Geschäfte hatten mich genötigt, vor dem Ende dieses festerfüllten Tages den Rückweg anzutreten; uud nun lag ich rückwärts im Waggon ausgestreckt, blies den Dampf der gastfreien Zigarre vor mir her, welche Hamburg's Bürgerschaft zu allen anderen Ehren auf unsere Parlamentshänpter ausgeschüttet hatte, und komponierte mir die schönen Toaste, welche ich ausbringen würde, wenn ich zur Stunde mit den anderen Kollegen ans einem der *) Die Mitglieder des Zoll-Parlaments machten am Schlüsse der Session von 1868 einen gemeinsamen Ausflug nach dem Kieler Hafen und nach Hamburg. — 105 — großen Westindienfahrer zn Tische säße. In solchen Momenten, da einem keine Zuhörerschaft zerstreut, kann man ja derlei Dinge stets am besten. Und nichts ist dem seligen Simulieren so hold, wie eine einsame Eisenbahnfahrt, geleitet vom Scheidegrnß der sinkenden Sonne und dein Abschiedsnicken der jung ausgeschlossenen Aehren am Wege; zumal wenn man eben dem Tumult einer laut bewegten Menge entrückt ist. Da kann es leicht auch dem Nüchternen passieren, daß er die Tiuge etwas zu abeudrötlich vergoldet anschnnt und das unermeßliche Feld schwerer Zu- knuftsprobleme aus dem Auge verliert. Aber so gute Momente dauern heilsamer Weise auch uicht länger als eine Dämmerstunde. Dann sorgt die rauhe Wirklichkeit schon wieder für die Herstellung des europäischen Gleichgewichts in der Empfindung eines hesfendarmstädtischen Unterthanen. Wie ich an den Ort meiner Bestimmung im Westphälischen ankam, fiel ich in eine Schaar von Philistern hinein, die mit ihrer Begeisterung die meiuige sosort auslöschten. Nichts bringt den Enthusiasmus so urplötzlich zum Stehen, wie weuu eiu paar wollene und baumwollene Strnmps- weberseelen ihn überbieten. Auch diesmal bewährte sich an mir dies homöopathische Rezept. — „Nein!" — rief einer dieser grundkvnservativen erzloyalen Herren mir entgegen, — „Nein! dieser Graf Bismarck! ist das ein großer Manu! War das eine große Idee! diese Süddeutschen nach Kiel und Hamburg zu sühreu und ihnen zu zeigen, was Nvrddeutschlands Natur und Cultur vermag! Welch ein Geniestreich!" „Aber um Gotteswilleu, mein Verehrtester" (nnd in der Diese meines Herzeus bedachte ich ihn mit einer ganz anderen Titulatur), unterbrach ich ihn im Strom seiner Extase, „wie denken Sie sich denu so eiueu „Süddeutschen?" Meinen Sie vielleicht, die Professoren, Advokaten, Fabrikanten und Kaufleute aus Württem- — 10«; — berg und Bayern hätten bis auf den gestrigen Tag so wenig die Existenz und Beschaffenheit der Nord- nnd Ostseeküsten geahnt, daß der leibhafte Anblick dieser Gestade ihnen auf einmal die Schuppen von den Augen lösen werde? Nach Ihrem Entzücken über die Erfindung dieser Promenade zn schließen, deuten Sie sich nnter Ihren süddeutschen Brüdern so eine Art siamesischer oder beduinischer Abgesandter, wie sie Louis Napoleon zuweilen zwischen den Herrlichkeiten von Paris herumführen läßt, damit sie, überwältigt von den Wundern dieser Zivilisation, zu Boden sinken und den großen Sultan dieses mächtigen Reichs nm seinen Schutz auflehen. Allerdings hat man uns wieder einmal so viel vvn den „Stämmen" Deutschlands unterhalten, daß nichts natürlicher erscheint, als die Abgesandten seiner einzelne» Hvrden auch als Häuptlinge zu betrachten. Aber ich kann Sie versichern: selbst die Herren Bissing, Sepp und Lukas nnendlich weniger gelernt haben, als von diesen, so daß schon zur Herstellung des Gleichgewichts in unserer Urteilsfähigkeit eine besondere Beschäftigung mit ihnen angezeigt erscheint. ES ist keine Gefahr, daß darüber der Sinn für das Studium der großen nnd hohen Staatslehren möchte abhanden kommen. Denn die Beschäftigung mit diesen letzteren ist, verglichen zn dem trockenen Studium der vvlkswirtschaftlichen Einzelfächer, etwas so leichtes uud anziehendes, daß es jenen mehr schöngeistigen Gedankenrichtungen niemals an Jüngern gebrechen wird. Darum erscheint mir das Bestehen einer parlamentarischen Nationalvcrtretnng, in welcher jene schwierigen nnd genauen Sachkenntnisse den ersten Rang behaupten, die Allerwelts- Weisheit aber nur nebeuherläuft, als ein solcher Gewinn für die Ausbildung unseres politischen Berufs, daß ich darin ein gut Teil Trost gegeu die augenblickliche Dienstuntauglichkeit dieser Zollversammlung finde. Ich möchte behaupten, daß in allen Tagen der Vergangenheit nicht so viel Aufforderung nnd Gelegenheit zur Untersuchung dieser Fragen in Deutschland gegeben nnd benützt worden ist, als seit den anderthalb Jahren, seit welchen an vierhundert seiner Volksvertreter gezwungen wurden, sich mit Eisen, Baumwolle, Zucker, Salz, Tabak, Kohlen, Eisenbahnen, Glas, Papier, Bier, Branntwein, Wein, Ein-, Aus- und Durchfuhr zu befassen. Doch muß leider auf diesen harmlosen Beruf die vernunftwidrige Spaltnng der Nativn in so vielerlei Läuder nud gesetzgebende Körperschaften ihren verderblichen Einfluß ausüben. Der Wirrwarr der deutschen Staatsverfassnng mordet unerschwinglich viel Kraft und Zeit. Sie haben gelesen, daß ein Abgeordneter verlangte, man möchte in Znknnft die dem Zoll-Parlament zu unter- , — 168 — breitenden Vorlagen lange genug voraus mitteilen, daß es dieselben auch zu studieren Zeit habe. Ein anderer begehrte mit nicht geringerem Recht, daß sein heimischer Landtag nicht zugleich mit dem Zoll-Parlament Sitzung halte. Er hätte dabei — wäre man nur etwas mehr zum Lachen aufgelegt gewesen — an jenen zur Eile angetriebenen Jr- länder erinnern können, der in seinem Unmut ausries: „Ich bin doch kein Vogel, daß ich an zwei Orten zugleich sein kann!" Wie ist aber bei der bunten Musterkarte von Kammern und Parlamenten diesem Mißstand zu entgehen? Und dennoch ist der Übel größtes nicht einmal diese atemlose Übereilung, sondern das Schlimmste ist die Müdigkeit der Teilnehmer, mit welcher das Zoll-Parlament unvermeidlich schon zweimal zusammentraf. Von den dreihundert Mitgliedern des Nordens hatten, da wir am 3. Juli in Berlin ankamen, die meisten und jedenfalls die hervorragendsten seit dem November in Berlin getagt. Zuerst von November bis März im preußischen Landtag, sodann von März bis Juni im Reichstag. Und nun denken Sie sich, was es heißt, sechs bis sieben Monate lang Tag für Tag in einem Ranm mit mehreren hundert Menschen, bei schlechter Luft, angestrengter Aufmerksamkeit, vielfacher Spannung und Gemütsbewegung an schwierigen Gesetzgebungsarbeiten schaffen, Arbeiten, welche anßer dem Fleiß der Sitzungen den noch viel strengeren Fleiß der Vvr- beratungen in den Parteien und Abteilungen erheischen. Rechnen Sie dazu, daß die meisten Abgeordneten ebensolange ihrem Berns, ihrer Familie, dem regelmäßigen Leben entzogen sind, und Sie werden begreifen, wieviel Kraft nnd Gednld der Mensch noch im Vorrat besitzen kann, wenn im achten Monat von ihn: verlangt wird, er solle nun ein neues Feld iu Angriff nehmen, neue Frageu prüfen, neue Streitigkeiten durchfechten! Gerade die, welche 1ö9 von Anbeginn am meisten gearbeitet haben, sind dann am Ende ihres Kraftvvrrats angelangt, nnd damit hängt es zusammen, daß dieses Mal die Reihen der Unsrigen fühlbarer gelichtet waren, als die der anderen Parteien. So kam es, daß eine der wichtigsten Fragen unseres nationalen Haushaltes trotz der allgemeinen Überzeugung von ihrer Wichtigkeit und Dringlichkeit nur mit einem flüchtigen Worte am Schlüsse berührt werden konnte. Diese Frage und alles, was damit zusammenhängt, Ihrer Aufmerksamkeit zu empfehle», sei die Aufgabe meines nächsten und für diesmal letzten Briefes. Ludwig Lambcrzer. V, Berlin, 8. Juli. Geehrte Herren! Schon im Reichstag ist Abhilfe begehrt worden gegen den üblen Gebrauch, den hochangelanfenen Vorrat sämtlicher Petitionen in den letzten Tagen einer Sitzungsperiode packweise herbeizuschleppen uud plunderartig auf den Tisch des Hauses aufzuschütten. Das Pctitionsrecht, verständig geregelt, könnte vielmehr eine überaus kostbare Vorrichtung sein iu dem Räderwerk der öffentliche» Wohlfahrtsanstalten. Ja gradezu der Schlußstein einer guten Verfassung wäre ein hochansehnliches Beschwerdebuch der Nation, in dein Klagen uud Wünsche über die Handhabung der Gesetze mitten aus dem praktischen Leben heraus zu Worte uud zu geduldigem Gehör kämen. Aber nichts ist weiter entfernt von solch einem Ideal, als das Heuer übliche Verfahren. Natürlich entspringt auch dieses aus der tollen Vervielfältigung unserer parlamentarischen Körperschaften. Woher die Zeit nehmen und nicht stehlen? könnten unsere Vertreter aus Bemerkungen, wie die obige, antworten. Bei den namentlichen Abstimmungen des Zoll-Parlaments ergab sich diesmal ein Prüsenzstand von beiläufig 245 Anwesenden. Also fehlten 128, oder etwas mehr als der dritte 171 Teil von der Gesamtzahl und das noch in den wichtigeren Sitzungen nnd Momenten. Eine repräsentative Versammlung, in der eiu solcher Bruchteil sich der Mitarbeit entschlagt, ist schon in ihren eigenen Augen entkrüstet und entwertet. Die Lücken auf deu Bänken predigen die Vergeblichkeit des Mühens. Also vor der Zeit erkaltet und ermattet, sieht dann ein Parlament den letzten Tag seiner Beratschlagung heranbrechen. Da herrscht dann grade so viel Aufmerksamkeit nnd Arbeitsernst, als in der blasse während der letzten Lehrftnnden vor dem Beginn der Ferien. Wer nicht schon leibhaftig draußen schweift, der thut es doch im Geiste. Diesmal ausnahmsweise begann der letzte Tag mit einem großen Aulauf. Es war ja der entscheidende, an dem noch einmal die Petrolenmsteuer in die Schranken geführt werden sollte. Graf BiSinarck war endlich erschienen, und alle Herren von, ans nnd zn waren herbcigeblaseu worden zum letzten Stnrm. Und als diese Schlacht geschlagen, folgte natürlich auf die außergewöhnliche Spannung eine entsprechende Abspannung. Das nun war der Augenblick, in welchem die Reihe an die Behandlung sämtlicher Petitionen kam. Nicht blos der letzte Tag, sondern des letzten Tages letzte, matte, geduldlose Stunde. Wie kollerten da Gerechte und Ungerechte im gleichen Galopp zur Grube hinab. Kaum daß es gelang, dem Arm des Totengräbers eine Minute zu wehren, als zwischen dem Mann aus Württemberg, welcher das Parlament zu eiuer Nntional- maßregcl gegen die Maikäser aufforderte, und der Fran aus Schlesien, welche zu ihrem Privatvergnügen nach einem Hochverratsprozeß gegen die BreSlauer Zeitung begehrte, eiu Anliegen der allcrgewichtigstcn nnd dringlichsten Ratnr an die Reihe gelangte. Es handelte sich nm nichts Ge- 172 ringeres, als um die Reform des deutschen Münzwesens. Eiue Frage, sv schwierig, so brenuend, so inhaltsschwer und verhängnisvoll, daß man ebensogut ihrethalben als der Zölle wegen ein besonderes Parlament berufen könnte. „Zeit ist Geld," sagt der Amerikaner und will damit das Nachdrücklichste zu Gunsten der Zeit gesagt haben. Menschlicher noch und richtiger vielleicht wäre zu sagen „Geld ist Zeit", denn Zeit ist ja Leben. Wie viel Zeit und Kraft verschwendet nicht die deutsche Nation tagtäglich dadurch, daß ihr Geldwesen noch das treue Abbild ihrer Neichs- verwirrnng ist. Einheit der Sprache, sagt man, sei die Grundlage der Nationaleinheit. Das Geld ist die Sprache des Verkehrs. Denken Sie sich, ein Deutscher müßte stets siebenerlei Wörterbücher bei sich führen, nm mit seinen eigenen Lands- lenten in Geschäften zu verhandeln, uud Sie werde» von starken Zweifeln befallen werden über die Zusammengehörigkeit der Neichsbewohner. Und dennoch verhält es sich so mit der Quintessenz aller Verständigungsmittel: mit dem Gelde. Kann man nicht eher noch ohne die Landessprache reisen, als ohne das Landesgeld? Ich sür meinen Teil stehe nie an einer deutschen Eisenbahnkasse ohne Ingrimm über die Geduld, mit der wir das uuerträgliche Stück- uud Flickwcrk uud die schmähliche Vergeudung der kostbaren Zeit in unserem Lammesmute ertragen. Der Mann am Schalter spricht in Thalern uud Groschen, vor mir aber müssen noch sieben Landclleute passiereu, deren jeder eine andere Geldsprache spricht und versteht. Der redet Guldeu uud Kreuzer, jener Mark und Schilling, ein dritter Goldthalcr und Groten. Nun rückt die Frau vor, welche ihre Brieftasche so voll bayrischer Scheine hat, daß sie sünszigmal ihre Reise zahlen könnte, und heult in Verzweiflung, daß der Kassierer ihr 173 — für alle diese Schätze kein Billet verabfolgen will. Das ist ein Fragen, Klagen, Schelten, Rechnen, Zählen und Erklären ohne Ende. Welche Ironie ans das Jahrhundert, das die Zeit mit Dampf und das Wort mit Elektrizität beflügelt: welche Ironie auf den Sänger, der sich rühmt, das; zu Gott hoch im Himmel, vom Rhein bis zum Belt dieselbe Sprache emporklinge, dieweil die klingende Sprache seines engsten Vaterländche»5 vergebens an dem Schalter der nächsten Bahnstation um Erhörnng fleht. Alle Nationen der gebildeten und halbgebildeten Welt haben ihr Geldwesen gereinigt: wir sind, wie in den meisten politischen Dingen, nach dem ersten Ansätze stehen geblieben, zufrieden mit halben und Viertels-Maßregeln, und das Übrige der trägen Zeit überlassend. „Und Elend läßt zn hohen Jahren kommeil," sagt Hamlet, der Vater aller deutschen Reformatoren. Frankreich, England, Holland, Belgien, die Schweiz mit ihren zweiundzwanzig Kantvnalhvheiten, Italien mit seinen eben erst zusammengerafften Landschaften, selbst Spanien und die Türkei haben eine allerwegen geltende, gemeinverständliche Nationalmünze geschaffen. Nnr wir haben bei dem Wiener Münzvertrag von 1857 Genüge gesunden an einem Abkommen, welches nichts erledigte und die bunteste Verschiedenheit bestehen ließ. Wir haben die häßlichste Scheidemünze, die zerlumptesten, schmntzigsten Papierscheine, kein anderes Taschengeld, als die schwerfälligen Silberstücke. Zu alldem ist eine große Weltsrage gekommen. Das feurige Gold hat in den letzten drei Jahren einen gewaltigen Anlauf genommen, dem blassen Silber den Rang abzulaufen. Trügen nicht die bedeutungsvollsten Zeichen, so ist das Gold bestimmt, der alleinige Liebling der Völker zn werden bis in den fernsten Osten hin, der doch seit — 174 — Jahrhunderten zäh am Silber gehangen. Geschieht dies, dann mich nicht bloß das Silber nach und nach an Wert verlieren (in deu letzten drei Jahren schon über zwei Prozent!), sondern die Länder, welche mir Silber münzen, gehen einer gefährlichen Isolierung entgegen. In diesem Falle ist Deutschland. Während England, Belgien, Italien, die Schweiz, Spanien, die Türkei, Ägypten, Amerika schon auf dem Gvldfuß leben, ist Verwendung für Silber nur noch in Holland, Skandinavien, in Zeutral-Amerika, teilweise in Frankreich und Belgien zn finden. Frankreich geht eben mit sich zu Rate. Faßt es den Entschluß auch, das Silber auszugeben, so könnte Deutschland wohl hiuter- her beschließen, ihm zu folgeu und ebenfalls sein Silber in Gold einzuwechseln: nur schade, daß zwei zu einem solchen Handel gehören. Und eben den Zweiten, Unentbehrlichen fände es nicht mehr. Ja, viele Sachverständige behaupten, es sei bereits zu gegenwärtiger Stunde zu spät; in Frankreich, (gesetzt auch, es werde sich nicht geflissentlich dagegen absperren) und in den übrigen Silberländern fünde sich kein Platz für den Abfluß unseres Vorrats, dessen Barbestand auf 550 Millionen Thaler geschätzt wird. Am richtigen Verständnis für diese Probleme hat es längst nicht gefehlt in Deutschland. Das eben ist ja unsere alte Klage. Voraus im Wissen, zurück im Thun bei allen öffentlichen Dingen. Lauge vor den Franzosen waren wir zur Handelsfreiheit bekehrt, aber in der Nähe besehen, üben wir noch heute mehr Schutzzvlluerei als sie. So auch hat die Lehre mit außerordentlichem Fleiß nnd Eiser seit geraumer Frist die Münzrcform betrieben, die Dezimal- nnd Goldwährung empfohlen. Aber die offizielle Regierungsweisheit an maßgebender Stelle blieb ungerührt. Sie wollte ihr Silber gegen Gold umtauschen, sagte sie, weun ersteres wieder auf seiueu Einkaufspreis gestiegen sein — 175 würde. Ich will warten und hinübergehen, wenn das Wasser abgeflossen, sagte der Österreicher, als er an die Donau kam. Zu all diesen Mahnungen kommt noch eine letzte. Der Gedanke eines gemeinschaftlichen Münzsystems für alle gesitteten Nationen ist gewiß ein großer und fruchtbarer. Wie jedes Wort des Friedens und der Eintracht, wäre die feierliche Verkündigung dieser gemeinsamen Völker-Verkehrsprache ein Nagel zum Sarge der Kriegsfurie, ein Bindemittel der erfreulichsten und erfolgreichsten Art zwischen allen gesitteten Völkern. Dieses dreifache Ziel ist seit einigen Jahren von der Wissenschaft und Industrie Deutschlands nahe und immer näher ins Ange gefaßt worden: zuerst und vor allem ein deutsches, nationales, geeinigtes Münzwesen; sodann Beseitigung der Gefahr, die von der ausschließlichen Silberwährung herrührt; endlich drittens thatkräftige Teilnahme an der Erstrebnng eines großen internationalen Münzsystems. Der deutsche Haudelstag, dieser so angesehene als einflußreiche Vorarbeiter unserer wirtschaftlichen Gesetzgebung, hat sich der Forderung dieser dreifachen Aufgabe mit der nachhaltigsten Aufmerksamkeit und Anstrengung gewidmet, Dank insbesondere dem unermüdlichen Eifer und Fleiß eines Mannes, dessen Verdiensten um das Studium und die Förderung dieser und vieler anderen deutschen Wirtschafts-Angelegenheiten ein Ehrenplatz in der öffentlichen Hochachtung gebührt, des Herrn Dr. Ad. Soetbeer, Konsulenten der Hamburger Handelskammer. Das Zoll- Parlament schien diesem und seineu Genossen die Körperschaft zn sein, welche so recht berufen sei, diese beträchtliche Angelegenheit endlich in Fluß zu bringen, sie ans dem Bereich der theoretischen Betrachtungen in den Bereich der thätigen Gesetzgebung hinüberzuleiten. Demgemäß ward eine Petition übergeben, begleitet von zwei höchst 176 gründlichen nnd lehrreichen Denkschriften. Im Schoße des Zoll-Parlaments selbst war die Geneigtheit groß, sich mit der Sache zu befassen. Hier, vielleicht zum ersten und einzigen Male, bot sich eiu Gegenstand dar, welcher nicht streng in die Kompetenz gehörte und welcher dennoch auch bei den süddeutschen äußersten Parteien eines guten Empfanges gewärtig sein konnte. Denn der deutsche Süden jeder Farbe ist der Münzreform, der Gold- und Dezimalwährung hold*). Also war auch hier ein Werk des Friedens und des Gedeihens zu unternehmen. Zu allen diesen guten Vorbedingungen gesellte sich noch eine dritte. Die Fraktion „Mainbrücke" hatte ihr ganzes Dasein vorerst der Unterstützung der Müuzangelegen- heiteu gewidmet. Sie haben wohl von der Fraktion „Mainbrücke" gehört? Ihren Namen verdankt sie keinem geringeren Paten, als dem populärsten Manne des Südens, dem Abgeordneten Völk. Die Sache verhielt sich so: Das vorige Mal schon und diesmal wieder machte eine Verbindung viel von sich reden, welche sich nannte: „Die süddeutsche Fraktion". Der Name schien zu bedeuten, daß alle Abgeordneten von südlich des Mains hier vereinigt wären. In Wahrheit aber hatten sich unter diesem täuschenden Namen nnr die znsammengethan, welche den zornigen Kampf um Rührung und Erhaltung der deutscheu Zwietracht und Zerrissenheit bis zum letzten Augenblick zu kämpfen sich verschworen haben, die Pfaffenpartei nämlich nnd die in deren Schlepptan fahrende Volkspartei aus Württemberg, Baden und Bayern. Diesen nun eine Verbindung der übrigen Süddeutschen gegenüberzustellen, gefiel *) In der dritten Session l18M hat die Partei der „unversöhnlichen Partikularisten" auch dieses Vertrauen in ihren Menschenverstand Lügen gestraft. Sie hielt sich für verpflichtet, auch gegen die Münzreform zu stimmen I 177 — allen denen, welche Deutschlands Heil nicht von dem eigentümlichen Lebenstrank erwarten, der aus dem nächsten römischen Konzil und der nächsten französischen Revolution soll zusammengebraut werden. Und da es auch unter dieseu Freunden der guten Sache an Schattierungen nicht fehlen konnte — jeder deutsche Politiker hätte ja eigentlich das Bedürfnis, sich wieder in drei Fraktionen seiner selbst zu spalten —, so suchte mau uach einem außerhalb aller landläufigen Losungsworte gelegenen Namen. So erfand Völk die „Mainbrücke". Ich war nicht zugegen bei der Taufe, glaube aber kaum, daß sie mit Wasser vollzogen worden. Diese Fraktion nun von beiläufig dreißig Mitgliedern widmete sich diesmal vornehmlich der Münzfrage und beschloß nach mehrfachen sehr lebhasten uud gründlichen Beratuugeu, das Programm des Handelstages zu unterstützen: deutsche Münzeinheit aus Grund des DezimalfußeS, Anbahnung der Goldwährung und womöglich Nerständigung mit den übrige» Nationen. Doch alle diese Bemühungen mußten sich mit einem über die Maßen bescheidenen Resultat genug sein lassen. Als der bewußte letzte Tag herangerückt kam, drängte sich unabweisbar die Erkenntnis auf, daß das Haus einer gründlichen uud würdigen Besprechung dieser Sache uicht mehr Staud halten würde, und ihre besten Freunde rieten, sie lieber in ganz flüchtiger Weise empfehlend zu berühren, als durch den mißlungenen Versuch einer gebührenden Erörterung sie in ihrer Stellung zur Öffentlichkeit zu schädigen. Darum begnügte sich der Referent, kurzer Hand die Annahme eines Beschlusses zu befürworten, den schon der Reichstag vordem gefaßt hatte, und der iu allgemeinen Ausdrücken die Münzreform empfahl. Nur damit über die Anschauung der Bittsteller und ihrer Freunde kein Zweifel übrig bleibe, unternahm ich es mit wenigen Worteu, — 178 — Fürsprache für die Jnbctrachtnahme der Goldwährung einzulegen. Und da dieser zwar kurz, aber mit Entschiedenheit vorgetragene Gedanke aufmerksames und beifälliges Gehör faud, so bleibt immerhin das gewonnen, daß das Zoll-Parlament die Regierungen aufgefordert hat, sich nun endlich einmal ernstlich mit einer deutschen Münzreform zu befasfen uud dabei das Dezimalsystem, die Einführung des Goldes uud deu Anschluß an die übrigen Nationen zu beherzigen. Inzwischen wird dieser Vorgang dazu gedient haben, daß die öffentliche Meinung sich noch mehr als bis dahin des Gegenstandes bemächtigte. Bereits ist die Tagespressc seitdem lebhaft für die Sache aufgetreten. Möge sie, das Feuer unterhaltend, dafür sorgen, daß beim nächsten Zusammentreten des Zoll-Parlaments die Regierungen Material uud Raum für eiue würdige Behandlung dieser hochwichtigen Frage bereit halten, als welche ja keine den Aufgaben des Zoll-ParlamentS inniger verwandt ist. Die nächste Versammlung? Der nnd jener hat bei dem jüngsten verdrießlichen Auseiuandergehen gemeint, wir würden uns übers Jahr nicht wiedersehen. Doch wären die Leute am Ruder, welche darüber zuuächst zu eutscheideu haben, verdächtig klug, wenn sie heute schon zu wissen vermeinten, ob übers Jahr es möchte wohlgethan sein, ein Parlament zu berufen oder nicht. Zwar aus dem deutschen Frühling, welchen Vötk damals verkündet, ist noch kein Sommer worden. Ein kalter Reif hat sich ans die ersten Blüten niedergeschlagen. Aber eS sind der guten, kräftigen Keime nah und fern so viele in der heutigen Welt, daß ein Nachtfrost uns nicht zu schrecken braucht. Kehre» Sie mir die Augen wieder einmal nach Westen! Der Selbstherrscher, welcher so viele ChassevotS nnd Kanonen angehäuft, Paris über uud unter der Erde mit — 179 — Heerstraßen durchzogen, nm seine Gewalt mit eiserner Faust zu halten, er muß zurückweichen vor jenem unsichtbaren Etwas: der öffentlichen Meinung! Nicht Roß, nicht Reisige! Alle künstlichen Auswege durch Spiegelfechtereien des Krieges, so lange ausgeklügelt und ausgespäht, hat ihm in einer Nacht, vom 24. ans den 25. Mai der unsichtbare Geist verlegt. Die Tragweite dieses Ereignisses zu durchdenken, wäre ein zn kühnes Unterfangen für den Schluß eines Briefes. Möglich, daß wir vvr einem weltgeschichtlichen Wendepunkt stehen. Den zähen Anhängern der Unfreiheit nötigt dies Erlebnis die Einsicht ans, daß der Strom der Zeit unaufhaltsam weiter schiebt; es wird ihnen etwas heilsame Demut eiuslößeu. Deu ungestümen Heißspvrnen der Freiheit widerlegt es die Lehre von der alleinseligmachenden Kraft der Barrikade. Seit vielen Iahren ist nichts merkwürdigeres in der Welt geboten worden, als das Schauspiel des wider Willen in freiere Bahnen gedrängten französischen Kaisertums. Frankreich war bis jetzt dasjenige Land, in dem der Glaube an die Möglichkeit eines Fortschritts ohne revolutionären Theatercoup die wenigste» Anhänger zählte. Und dennoch, wie ist im Laufe der Jahre das kleine Häuflein der Fünf gewachsen, welche den Kampf gegen die Reaktion auf dem Boden der nnwiderrnflichen Thatsachen acceptierten. Wie lange waren sie vereinsamt und verspottet! Jetzt sind sie eine Armee und helfen die Geschichte Europas machen. Im weiteren Verlauf dieser aufsteigenden Bewegung wird auch Frankreich sich wieder in seiner sittlichen Würde fühlen lernen, einen guten Teil seiner Stellung im Fort- ') Die Nacht nach dem Abschluß der Wahlen zum gesetzgebenden Körper. Seitdem obiges geschrieben wnrde, ist ein Jahr vergangen, welches die hier ausgesprochene Erwartung mehr als gerechtfertigt hat. 12* — 180 — schritt der Welt wieder erobern, und, dies wahrnehmend, die ungesnnde Eifersucht und Verzweiflung los werden, welche deu europäischen Brandstiftungsversuchen so leichtes Spiel versprachen. Wie nützlich das alles mit seinen weiteren Folgen für uns sein muß, brauche ich nicht nachzuweisen. Es möge zunächst eine Gegenströmung bilden gegen den frostigen Winter, der aus dem Nord-Osten des deutschen Reichs weht. Sodann möge es die im Schlafe stören, welche die kaum halbgethane Arbeit von 1866 mit unendlicher Selbstgenügsamkeit betrachten. Endlich aber, und das ist hauptsächlich zu wünschen, mögen wir wieder einmal lernen, daß die unbesiegbare Lebenskraft der öffentlichen Meinung nur da gedeiht, wo das Bewußtsein eines großen Volkes in einem wahren, ungeteilten Staat und in einer Volksvertretung sich zusammenschließt. So lange wir unser Flick- und Stückwerk behalten, sind wir verdammt, stümpernde Unterthanen zu bleiben. Im vielgescholtenen Frankreich bricht die öffentliche Meinung den Widerstand eines mächtigen Kaisers, in deutschen Landen ist sie zu ohnmächtig, auch nur einen Minister zu stürzen, der lächelnd sie mit Füßen tritt. Ihr ergebenster Ludwig Lamberger. 1870. i. Berlin, den 22. Mai 1870. Geehrte Herren! Sie kennen die Geschichte von dem sparsamen Reichen, zu dem der Freund sagte: Wie mögen Sie nur sich den geringsten Aufwand versagen, während Ihr Herr Sohn in Saus und Brans lebt? — Mein Sohn, erwiderte der Angeredete, hat einen reichen Vater, ich aber habe den nicht. — Das etwa ist in zwei Worten das Verhältnis des deutschen Südens zum Norden. — Viele Bayern und Schwaben wissen, sie haben jenseits des Mains eine große, gesittete, fleißige Familie, die für ihre Dummheiten und Unarten zahlen kann, und sie lassen sichs wohlschmecken; sie ergeben sich nach Herzenslust deu Scherzen ihres politischen Karnevals, des roten wie des schwarzen. Wollen Sie den handgreiflichen Beleg zur Richtigkeit dieses Gleichnisses, so schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit nur ein wenig den schlechten Späßen, mit denen eine Anzahl südlicher Abgeordneter ihr Wegbleiben aus dem Zoll-Parlament be- — 182 — gründen. Wie stünde es mit den beträchtlichsten Nahrungs- Angelegenheiten des Landes, wenn dieses burschikose Schwänzen allgemeine Regel würde? Oder achten Sie auf die Posse, welche seit geraumer Zeit als Sturm auf die Militärverfassuugen zur Aufführung kommt. Bayern, heißt es da, und Württemberg sollen an die Stelle einer regulären Armee irgend ein Schützenkorps setzen, welches, lieblich anzuschaueu, daher käme über Berg und Thal mit dem Pfeil nnd Bogen früh im Morgenstrahl. Dumm sind bekanntlich die geehrten Herren Antragsteller nicht. Sie Nüssen so gut wie Sie uud ich, daß solche lobe- same Miliz einem Angriff von außeu nicht von Sonnenaufgang bis zum ersten Frühschoppen widerstehen würde. Ihre Rechnung ist vielmehr diese: der Norddeutsche Buud hält ja ein Heer, das stark genug ist, Deutschlaud zu schützen; weshalb sollten wir nns die Last auflegen, eine Armee zu bezahlen, Kriegsdienst zu thun; weshalb sollten wir uns den Ruhm versagen, dem Militarismus einen allzeit gern gesehenen Fußtritt zu versetzen? Kommt die Stunde der Gefahr, wird Moltke auch schon für Süddeutschland sorgen, ^owvsns: so rechnen noch die Anständigen von der Gesellschaft. Denn ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß es daneben noch andere Rechner giebt, die in der Stille ihres Herzens denken: die deutsche Nationalität sei, genau besehen, eine Sache des Vorurteils, und gewisse zeitliche uud ewige Angelegenheiten würden etwa auch unter der Schirmvogtei Frankreichs ganz wohl versorgt sein. Endlich spielt noch eine dritte Sorte mit, eine sehr verbreitete. Diese kalkuliert wie folgt: mit unseren Redensarten und Adressen, wohlverstanden, werden wir selbst beim augestammten, engeren Landesvater uud seinen Räten nichts ausrichten; aber es steht doch immerhin schön vor den Wählern, die Abschaffung des Militärs — 183 verlangt zu haben. Diese Taktik ist ja auch jenseits der bayerischen und schwäbischen Grenzpfähle nicht unbeliebt. Um sich viel Freunde zn machen, ist nichts einfacher, als möglichst „weit zu gehn". Tritt einer auf und sagt: es müssen zehn Groschen vom Thaler Steuern gestrichen werden, so steht er sicher da als ein edler Mensch; kommt dann ein zweiter hinterher uud begehrt der Groscheu zwanzig zn streichen, der ist natürlich ein noch viel edlerer als der vorhergehende. König Heinrich der Vierte von Frankreich schuldet einen guten Teil seiner Volksbeliebtheit dem ihm nachgerühmten Ausspruch: von Rechtswegen sollte jeder seiner Bauern des Sonntags ein Huhu im Topfe haben. Geliefert hat er die Hühner nicht, und die Bauern waren unter ihm, wie nach ihm, auf schmale Kost gesetzt; aber daß er den Antrag auf das Huhn im Topf gestellt, das weiß ihm noch heute die späte Nachwelt Dank. Im Munde eines allmächtigen Königs hat übrigens der bloße Wunsch schon etwas Rühreudes, weuu auch sonst nicht viel zu bedeuten. Was aber bedeutet im Munde des Volksvertreters eine Formel, von deren gegenwärtiger Unausführbarkeit und Erfolglosigkeit er vou vornherein überzeugt sein muß? Sie ist Blendwerk, uud ein recht verderbliches. Sie verwirrt nach unten, indem sie Unerreichbares für erreichbar ausgiebt, sie bringt nach oben die öffentliche Meinung als eine ernstlose Thörin in Mißkredit; sie vergeudet die Zeit und Geisteskraft der Nation auf Spielereien, welche mir bestimmt siud, das Zeug zu liefern, daraus politische Char- latane ihren roten Mantel schneiden, welcher die Augen der Menge auf sich zieht. Mitten zwischen großen kriegsgerüsteten Staaten, zwischen Osterreich, Frankreich, Preußen, Nußlaud, Italien, seine Sicherheit auf den Dilettantismus des Milizwesens gründen wollen, das heißt eben nur, sich wegcu der Verteidigung seines Landes auf andere verlassen 184 oder gleichgültig sein. Und darin besteht auch jenes ganze System. Es rechnet auf Norddeutschland zum Widerstande gegen die Frnuzosen, uud es rechnet auf die Frauzoseu zum Widerstande gegen Norddeutschland: das alte Schaukel- spiel der deutschen Fürsten nnd Kurfürsten, welche nach allen Seiten hin mit ihren Allianzen Handel trieben. Sie wenigstens nannten sich nicht Patrioten oder Volkspartei! An die Stelle des fürstlichen Svnderinteresses ist ganz einfach das Sonderinteresse der kleinen Parteigruppen getreten, welche jetzt in Bayern nnd Württemberg das große Wort führen lind welche nur innerhalb ihrer heimischen Schranken sich zu erhalten hoffen können. Um diesen letzten Zweck zu beschönigen, muß das bekannte Kuuststück herhalten: alles oder nichts! Ganz Deutschland bis an das letzte böhmische Dorf oder — wir bleiben gut bayerisch und gut württembergisch. Auf solche Konditionen hiu laufen sie allerdings keine Gefahr, vorerst beim Worte genommen zu werden. Man wundert sich oft darüber, daß in den vier süddeutschen Staaten Radikale und Ultramvntane so einig zusammengehen nnd legt ihnen die Koalition als Un- aufrichtigkeit aus. Doch thnt man ihnen damit Unrecht. Der bayerische Schwarze und der schwäbische Note, der bayerische Royalist uud der schwäbische Republikaner, beide sind ein uud derselbe Mensch, nur iu verschiedener Maskerade; nämlich der deutsche Philister, desto seliger, je kleiner die Verhältnisse: ohne politisches Bedürfnis, innerlich abgeschlosseil uud widerwillig gegeu alles, was über seine vier Pfähle hinausgeht, glücklich uud überglücklich im heimischen Gezänke, dessen höchste Lust ehedem landschaftliche und theologische Klopffechterei war, uud dessen Führerschaft und Zuschnitt bis auf dieseu Tag bäuerisch und Pfäffisch geblieben sind. Nur der äußere Anstrich ist verschieden, innerlich sind es dieselben Personen; in der Dunkelheit — 185 — würde man einen Stuttgarter Königsmörder nicht von einem Passauer Kapuziner unterscheiden können, und die schwabischen Jakobinermützen sind nur baumwollene Nachtkappen, welche rot gefärbt worden. Vielleicht habe ich selbst einmal behauptet: die Verkuppelung der Demagogie mit dem Jesuitismus sei widernatürlich, — Irrtum, ungerechter Verdacht! Der mittelmäßigste Maler würde mit einem Pinselstriche aus einem solchen Demagogen einen Jesuiten machen und umgekehrt; der Jesuit treibt Demagogie und der Demagoge treibt Jesnitismns und zwar jeglicher mit gleicher Herzenslust, jeglicher mit gleichem Talente. Beide vereinigen sich in ihrer Antipathie gegen den Staat, das große Geineinwesen, welches sich von ihrem persönlichen Getriebe weder befriedigen, noch beherrschen läßt, teilen sich wonniglich in den, heimischen Spielplatz sogar mit ihren Ministern, wofern diese nur gesonnen sind, den Krakehl in den Grenzen der angestammten Mundart zu halten. Dies, geehrte Herren, ist die nackte Wahrheit über den Stand der Dinge zwischen dem, was man jetzt in Deutschland nationale Partei nennt, und altem übrigen, was sich nnter mannigfachen Vermnmmungen bald als Politischer, bald als religiöser Fanatiker, bald als unterwürfiger Fürstendieuer, und häufig als ein Gemisch von allen dreien umhertreibt. Der Grundzug ist das Philistertum, die angewohnte Behaglichkeit mit der Führung seines Lebens und der Verwertung seines Einflusses auf deu möglichst vertrauten und bequemen Raum augewiescn zn bleiben. Ich setze diese Wahrnehmung allen andern voran, weil sie unser ganzes öffentliches Dasein beherrscht und uns in Beurteilung desselben am richtigsten leitet. In dem Augenblicke, da zum dritten- und letztenmale Ihre Erwählten zusammentreten, die, um deren Namen so grimmer Streit entbrannt war, erhebt sich unvermeidlich die Frage, wie — 186 — denn seit jener ersten Entscheidung das Schicksal des Vaterlands sich gestaltet habe, was gewonnen, was verloren sei? Vor nunmehr zwei Jahren hatten die einen gehofft, die andern gefürchtet, das Zoll - Parlament könnte im Handumdrehen ein Politisches Heilsinstrumeut werden. Diese Erwartungen sind nicht in Erfüllung gegangen; hat überhaupt etwas sich verändert, so geschah es eher zum Schlimmeren als zum Besserem, wäre es auch nur dadurch, daß sich nichts verändert hat, denn die Zeit giebt ja auch den unliebsamsten Einrichtungen eine gewisse Weihe nnd Festigkeit! Die sonderbare Scheidung zwischen Nord- uud Süddeutschland, welche vor zwei Jahren noch wie ein böser Tranin aussah, wird heute vielfach schvu für zu Recht bestehend nnd wie etwas zur Dauer Bestimmtes angesehen, besonders vom Auslande, welches bekanntlich auf unsere inneren Angelegenheiten seinen Einfluß nicht verloren hat. Aber wenn wir äußerlich so wenig vorangekommen sind, daß man nicht ohne Fng sagen möchte, wir seien zurückgegaugen, so ist die innerliche Entwicklung der Zustände sichtbar vorangereift. Die leitende Politik Nord- dentschlands hat für gut befunden, den Süden vorerst sich selbst zn überlassen. Ihre Beweggründe, ihre guten wie ihre schlechte», sind bekannt. Aber das ist jedenfalls erreicht, daß die Sinn- und Zukuustslosigkeit der süddeutschen Souderbündler sich iu ihrer ganzen Blöße preisgegeben hat. Unbehindert, ja aufgefordert, zu zeigen, was sie wollen und was sie vermögen, haben fie bewährt, daß sie nichts wollen und nichts vermögen, aber anch gar nichts, als die bösen Triebe, welche Deutschlands staatlichen Beruf seit Jahrhunderten zurückhielten, iu buuteu Reihen zu entfesseln, — spießbürgerliche Trntzköpfigkeit, Krakehlsucht und Planlosigkeit. Nicht ein Schritt, nicht ein Entwurf, nicht ein Gedanke, dem sich entnehmen ließe, wie sie sich ihre Po- — 187 — litische Existenz im Verhältnisse znin Vatcrlande zn gestalten vermeinten; dagegen in allen Stücken Verkettung mit Bundesgenossen, die unter ihren Augen sich zum Untergänge bereiten. Wie doch heißen ihre Stützpunkte? Österreich. Rom, die europäische Revolution. So viel Worte, so viel Hoffnungslosigkeit! Es ist, als ob selbst die Ironie des Zufalls sich dreiu mischte, in unerwartet rascher Aufeinanderfolge die Geister in's nichts zurückzuscheuchen, aus deren Allianz die Widersacher des Norddeutschen Reiches ihre Macht gebaut hatten. Kaum drei Jahre siud hingegangen, und was alles haben wir erlebt an diesen Hanpt- verbündeten unserer Gegner, an ihrem dreifachen Hort und Heil! Rom, wer wüßte es nicht, ist aus Abwege gerate», welche ihm seine heftigsten Gegner nicht zugetraut hätten. Seine Verblendung im Kampfe mit der fortschreitenden Menschheit geht ins Unerklärliche. Der persische König, welcher das Meer peitschen ließ, um deu Elementen Gehorsam zu befehlen, war ein Lamm der Demut verglichen mit denen, welche die Lehre aufstellen, das Weltall solle sein Denken in die Gewalt eines einzigen Sterblichen geben. Und nun rede man noch vom preußischen Cäsarismns! Das Cäsarentnm auf dem Gipfel seines Übermuts angekommen, begehrte die Göttlichkeit für deu römischen Herrscher! Caligula, der sich Statueu uud Tempel errichten und Opfer darbringen ließ, stellte mit ausdrücklichen Worten denselben Satz auf, gegen welchen die deutschen und französischen Bischöfe auf dem Konzil vergeblich protestierten, nämlich, daß „diejenigen, welche als Herrscher über die anderen Menschen gesetzt sind, nicht Menschen seien wie die anderen, sondern Götter." In dem Augenblicke, da das deutsche Episkopat verständige Anstrengungen macht, im Interesse der katholischen Religion den Papst und seine Rat- — 188 — geber von der Verkündigung der neuen Lehre abzuhalten, in diesem Augenblick erblicke» die Gegner des deutschen Nationalstaats in der römischen Glanbenspvlitik ihre erste und stärkste Verbündete. Man muß sagen: der Augenblick ist gut gewählt! Ihr zweites Zion ist die österreichische Monarchie. Diese ist in so unglücklicher Lage, daß es trotz aller ihrer Süuden grausam erscheinen könnte, das jammervolle Bild ihres unanshaltsam hereinbrechenden Untergangs zn entrollen. Erinnern Sie sich noch, wie jüngst die Schützen gen Wien Pilgerten? Dort sollte das Morgenrot der deutschen Wiedergeburt ausgehen, vou dort her aus engster Verbrüderung mit dem österreichischen Kaisertum die Kraft des deutschen Reiches entspringen. Nicht zwei Jahre sind vergangen und wie hat der Engel der Vernichtung aufgeräumt iu diesen Kreisen! Die Wehr nud Waffe, welche das deutsche Reich decken sollte, sie ist zn Schaudeu geworden, zuerst an der widerspenstigen Lanne eines kleinen Bergvolkes. Aber der mutwillige Hohn dieses uubezwuugenen Aufstaudes war nur das Signal der Empörung für die bnutgemischten Stämme, welche der hundertjährige Absolutismus unter dem Scepter Habsburgs zusammengehalten. Wie ward nns die Sonne der Freiheit als von Osten kommend angekündigt! Osterreich war im Handumdrehen der Musterstaat geworden. Schwaben beteuerte es, und in Frankreich glaubte man's. Als die ersten warmen Strahlen einer gewissen Freiheit auf dieseu Moder fiele», geschah, was geschehe» mußte »ach dem Naturgesetz: er geriet in Gärnng, u»d die einzelne» Bestandteile liefen »ach allen Weltgegenden auseinander; die freisinnigen deutschen Minister, welche iu redlicher Absicht sich der unmöglichen Aufgabe unterzogen hatten, diese Quadratur des Zirkels eines liberalen Gesamtösterreich zu'finden, sind in alle Wind- — 189 — richtuugeu zerstoben. Geblieben ist niemand als der ehemalige Znchtmeister von Wnldheim, der Politische Tausendkünstler, welcher die sächsischen und großdeutscheu Angelegenheiten mit so bewährter Meisterschaft aus das Schlachtfeld von Königgrätz zugesteuert hat. Die deutschgesiunten Männer, welche mit ihm an's Ruder traten, welche beim Schützenfest mit ihm toasteten, mit ihm und mit Franz Joseph iu den süddeutschen Bruderkuß sich teilten, hat er hinterrücks die Hofburg hinabgestürzt. Zu ihrem Ersatze hat er sich einen Polen, einen eingefleischten Hasser alles Deutscheu verschriebe», der seit 1866 für ihn in der französischen Presse gegen die Deutscheu iu und außer Osterreich wühlte. Prophezeien ist ein undankbares Handwerk, aber es heißt kaum Prophezeien, wenu mau voraussagt, daß in Österreich schließlich Herr von Benst dieselben Lorbeeren pflücken wird, wie in Sachsen. Der Dualismus sollte die Formel sein, mittels deren der große Zauberkünstler die Geister beschwören wollte. Aus der Zweiteilung Cis- leithanien nnd Transleithauien, Deutschland und Ungarn, ist aber mit unvermeidlicher Konsequenz eine Dreiteilung geworden. Deutschland, Ungarn, Polen: daraus erhob sich mit gleicher Notwendigkeit der Anspruch auf Vierteilung aus dem Muude der Czechen; bereits klingt hinein der Ruf der Nutheuen, der Südslaven, deren jeder seine Nationalität mit gleichem Rechte wie Ungarn zu bergen gesonnen ist. Aus dem Dualismus wird der Atomismus. Gerade das ist allerdiugs erst recht uach dem Geschmack unserer gegueri- schen Landsleute. Obliegen sie doch auch dem Bemühen, sogar in Norddentschland mit dein Mikroskop möglichst viele Nativnalitäten aufzusuchen, auszusondern, was deutsch und was nicht deutsch seiu soll, etwa in Preußen einen besoudereu Staat von Wenden, von Kassnben, von Obotriten uud was sie sonst noch Trennendes uud Ge- — 1!>0 hässiges nnsgraben können. Ihr Ideal wäre erreicht, wenn jeder Deutsche seinen aparten Staat mit einem besonderen Hausschlüssel dazu haben könnte, etwa wie er in der Stammkneipe sein Deckelglas und seine Pfeife hat. Die Scheu des Philistertums vor der weiten Weltluft ist der geheime Trieb der deutsche» Sonderbündler. Welch ein Glück, das; es deu Gegnern nicht gelungen ist, Deutschlands Zukunft mit dem österreichische» Auflösungsprozeß znsammenzukvppeln! Nur durch die gegenwärtige Zersetzung könne» die Deutsch-Österreicher mit uus vereinigt werden. Ich kauu mir das Vergnügen nicht versagen, Ihnen als Schluß dieser Rückschau aus einem Briefe, welchen ein seit Jahren im Herze» des Kaiserstaates wohnender Freund mir von daher schreibt, eine Stelle mitzuteilen. Wie Sie bald erkennen werden, ist er nichts weniger als nationalliberal, er ist freilich auch kein grvßde»tscher Berserker, sondern eher ei» lachender Philosoph, der uns anderen politische» Mensche» mit unparteiischem Hnmor zusieht. „Mir gefällt es," so schreibt der Schalk uuterm 4. April d. I., „hier in Osterreich sehr gut. Das Ganze treibt so schöu dem Urideale der Anarchie zu; es ist alles so unmöglich und so möglich zu gleicher Zeit, rundumher der heiterste Wirrwarr. Kein Meusch weiß, wer Koch noch Kellner, weil jeder beides zugleich ist. Die Staatsidee uud das Staatsbewußtsein trete» nicht bei jeder individuellen Negnng hindernd in den Weg. Niemand will die Zukunft regeln, weil keiner auch nur ans den nächsten Tag denkt. Das Ganze kommt mir vor, wie die Umgegend von Neapel, wo die Neuzeit nach Belieben ihre HäuScheu in die Ruinen hiueiu klebt, unbekümmert in» Svlfatara, Mo»te»»ovo »»d Vesuv iu der Nähe. Es ist eiu Uuterschied wie Tag und Nacht mit dem Obotritenlande, wo alles zuerst an den Staat und zuletzt an sich denkt, wo der Staat reich und das Jndi- — 191 — vidiium arm ist, wo der Reichstag vor allen Dingen ein Strafgesetz diskutiert, damit ja der preußische Grundsatz: „Strafe muß sein" und die preußische Maxime: „jeder soll nach Verdienst bestraft werden" — gleichmäßig über ganz Norddeutschland sich ausbreite. Sogar, wenu man sich gegenseitig totschlägt, was nächstens in der österreichischen Monarchie geschehen wird, geschieht es mit einer gewissen Bonhvmie und Heiterkeit — für den Totgeschlagenen bleibt freilich das Resultat dasselbe." Soweit der Verfasser des Briefes, aus dessen Auftreten Sie erraten mögen, daß er vermutlich einen Namen von gutem Klang trägt, wie auch, daß sein Zeugnis auf Glaubwürdigkeit Anspruch hat. Sie scheu, nebenbei, wie es nnsercinem Freude macht, auch mit andersmeinenden auszukommen, wenn sie weder borniert noch aufgebläht sind. Vor allem aber sehen Sie, wie glücklich der Augenblick gewühlt ist, nm das Bündnis mit Österreich als den Fels der deutschen Zukunft anzupreisen. Nicht besfer steht es mit der drittel, Allianz, auf welche unsere „Unversöhnlichen" sich stützen wollen, nämlich mit der europäischen Revolution. Der Nabel- und Mittelpunkt dieser Revolution ist bekanntlich Frankreich, und, wie allbekannt, haben die letzten sechs Monate den Beweis geliefert, daß die Revolution in Frankreich an Boden und Anhang unendlich viel verloreu hat. Bereits am Neujahrstage 1W7 schrieb ich Ihnen: „die Barrikaden des Bürgertums sind fortan wahrscheinlich in die geschichtlichen Raritätensammlnngen verbannt, gerade wie vor vierhundert Jahren die zweihändigen Schwerter und gewichtigen Panzer des.Rittertums vor dem bürgerlichen Feuergewehr zu Scharteken wurden." Diese Auffassung ist durch die Wendung der französischen Politik besiegelt worden. An Lust zum Versuch hat es nicht gefehlt, aber die revolutionäre Methode ist für die Aufgaben der Gegenwart nicht mehr zureichend und verliert darum täglich an Anhang. Jede Zeitrichtung hat ihr Ideal in sich, und an idealem, verehrungswürdigem Gehalt hat es der Aera der Revolutioneu wahrlich uicht gefehlt. Aber wenn, nachdem die Zeit für eine Richtung vorüber, ihr Ideal noch festgehalten wird, verfällt es der Romantik, und seine Anhänger verfallen der edelkomischen Rolle des Ritters von La Mancha. Wer heute noch glaubt, die staatlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft seien mit dem Straszenkampf zu lösen, ist ein verspäteter Nachzügler des revolutionären Rittertums. So vertreten auch von dieser Seite unsere Gegner eine Periode, die sich überlebt hat. Über diesen interessanten Punkt ein andermal mehr. Nur das lassen Sie uns für diesmal festhalten: wie schwer auch unser Stand zwischen rechts und links, zwischen unsicheren Verbündeten und untrütablen Gegnern sein mag: wir kämpfen den Kampf des Neuen gegen das Alte, des Lebens gegen den Tod. Und darum unverzagt! Ihr ergebener L. Vamberger. II, Berlin, den 9, Mai 1870. Geehrte Herren! In demselben Augenblicke, da hier in der Hauptstadt des Norddeutschen Bundes das Eisen und die Baumwolle, der Kaffee und der Reis mit vieler Mühe es so weit gebracht haben, zu guterletzt ein friedliches Abkommen untereinander zu treffen, in demselben Augenblick wälzen sich die Wogen der wildesten Parteileidenschaften, aus ihrer untersten Tiefe aufgewühlt, über die Hauptstadt des französischen Kaiserstaates brausend und schaumsprühend einher. Hier in Verliu wird ein Taris gemacht, dort in Paris ein Plebiszit; hier gilt es zu wissen, ob wohlfeile Pflugscharen besser als Wohlseiler Morgentrank, — dort wird entschieden über die Urgrundlageu menschlicher Verfassung und Gesellschaft; hier erhitzen wir uns wegen dritthalb Silbergroscheu, dort fließen Millionen auf dem Markt des Stimmenhandels; hier vertiefen sich die ausgewählten Vertreter der deutschen Nation in die kleinsten Bewandtnisse eines Gewerbes, dort werden die des Lesens und Schreibens unkundigen Scharen aus gerufen, über die erhabensten Probleme der Staatsweioheii ihre Meinung abzugeben. Wen möchte solch ein Doppel kudwii; Laml'crgn's Grs, Schriften, IV. 194 — bild nicht zum Nachdenken auffordern! Jüngst brachte ich Ihnen eine Stelle aus dem Briefe, in dem ein im Herzen Österreichs wohnender Freund die Zustände jenes Landes, verglichen zu den unsrigen, mit einigen scharfen Strichen schilderte. Es trifft sich heute, daß ich Ihnen das Gegenstück aus eiuer französischen Feder liefern kann. Ehegestern, als am Vorabend des Plebiszits, schreibt mir ein in den Angelegenheiten seines Landes vielbewanderter Politiker wie folgt ans Paris: „Größere Aufregung als jetzt habe ich hier nie erlebt; doch bezweifle ich, daß es werde zum Blutvergießen kommen. Mein Kopf ist mir wüst von allein, was ich seit acht Tagen höre, sehe, lese; es schwindelt mir, wenn ich zwischen den von oben bis uuten mit Plakaten aller Farben beklebten Mauern einhcrgehe. Eigentliche Politik, was so dieses Namens wert ist, wird jetzt nur bei Ihnen in Deutschland gemacht, langweilig zwar sür die Galerie der Zuschauer, aber nützlich, wie jedes Handwerk, das sich mit den konkreten Ausgaben des Lebens, d. h. mit den Dingen im einzelnen (den Details) abgiebt. Hier in unserem Frankreich, das sonst spottete über Eure deutsche Abstraktion uud Eure philosophische Nebelhaftigkeit, iu Frankreich, welches sich sür das eminent verständige hielt, hier ficht jetzt alles iu der Luft; und als ich letzten Dienstag in der Ihnen bekannten Abendgesellschaft endlose Tendenzgespräche mit anhören mußte über den Vorzug, welchen die Freiheit vor der Ordnung oder die Ordnung vor der Freiheit verdiene, und wie sich stundenlang der Disput iu Allgemeinheiten und Phrasen herumbewegte, da, mein Freund, mußte ich unwillkürlich an Sie denken, uud, wie sonderbar es Jhuen auch vvrkvmme, ich beneidete Sie, daß vielleicht znr selben Stunde Sie mit Ihren preußischen Kollegen über Runkelrüben, Stearinkerzen, oder Leinengarn zu beraten, so klng seien." — — 195 — Wenn ich Ihnen diesen Ausspruch eines weltkundigen und freiheitliebenden Franzosen wiedergebe, so geschieht es nicht, damit Sie etwa selbstgefällig die Hände falten und sprechen: „Herr, ich danke Dir, daß ich nicht so bin wie jene" — sondern damit Sie den darin enthaltenen Vorrat von Wahrheit in Ihr Urteil über die gegenwärtige Lage ausnehmen. Es wäre gewiß falsch zu sagen: ein Volk soll seine ganze Aufmerksamkeit nur deu hausbackensten Angelegenheiten der Staatswirtschaft zuwenden. Aber viel falscher noch ist es, ihm jeden Augenblick die letzten Rätsel der Staatsphilosvphie zur Auflösung vorzulegen, und wir werden behaupten dürfen, daß dermalen unsere Wege der richtigen Mitte uäher zu liegen, als die unserer Nachbaren. Warum wirft Napolcou III. jetzt diese allgemeinen Fragen der politischen Weisheit in die ihnen ünebenbürtige Masse hinein? Offenbar doch nur, weil ihu gelüstet, die Bahn des sachlichen Fortschritts, in welche er auf eine kurze Zeit hineingezwungen worden, wieder zu verlassen; weil er ungeduldig das Joch eines parlamentarischen Regiments trug, welches zu gesunder Werkthätigkeit statt zu falschem Blend- werk sichren mußte. Die neue Konstitution mit ihren fünfundvierzig Artikeln, das Plebiszit selbst ist ihm nur Mittel znm Zweck, nur Vorwand. Der leitende Instinkt hat es auf die Wiederherstellung der Herrschaft der leeren Floskel an der Spitze des Staates abgesehen. Von neuem wird man sich gegen jeden Einwurf mit der Berufung auf die höchste Willeuserklärung des Volkes in Sachen des Prinzips verteidigen können. Die scheinbar guten Vorsätze einer kurzen bescheidenen Bessernngsperiode weichen den Mißbrüuchen der schlechtesten Zeiten. Plumpe Taschenspielerkünste, grobes Marktschreierwesen, offener Betrug verbinden sich, um die Komödie der Volkssouveränetät auszustaffieren, welche doch mir dem Hofe zu gute kommen 13* — 196 — soll, und es giebt kaum eiu widerwärtigeres Schauspiel, als eine ganze Nation von so hohler Gaukelei in Anspruch genommen zu sehen. Allerdings sind wir nicht berechtigt, den Wert oder Unwert grnndrechtlicher Feststellungen nach dieser Karrikatur zu beurteilen. Aber die Karrikatnr enthüllt uns die schwachen Seiten des Originals, uud sie mahnt uns im vorliegenden Falle an die Unzulänglichkeit der prinzipiellen Lösungen überhaupt. Nur scheinbar gehen diese den Dingen auf den Grund, in Wirklichkeit bleiben sie stets aus der Oberfläche. Sachkenntnis, Arbeit, Ehrlichkeit kommen dabei viel weniger in Thätigkeit, als die Gewandtheit, mit dialektischen Formeln umzuspringen, nnd ein einziges falsches Zwischenglied, zwischen Vor- nnd Nachsatz eingeschmuggelt, genügt, wie im gegenwärtigen Exempel, um aus den schönsten Voraussetzungen die verderblichsten Fotgeruugen zn entwickeln. Die Staatskunst dieser Gattung steht der Scholastik des Mittelalters viel näher, als der modernen Wissenschaft, die ihre Ännde von den Dingen von unten aufbaut und der Beobachtung am Leben abgewinnt. Und darum zwar verrichten wir noch keine Heldenthaten, wenn wir Wochen damit hinbringen, abzuwägen zwischen wohlfeilen Werkzeugen, wohlfeiler Nahrung nnd wohlfeilen Kleiduugs- stückeu, aber wir stehen dabei doch der echten Methode, das gemeine Wohl zn fördern, um ein Gewaltiges näher, als die, welche um die Definition der Freiheit nnd Brüderlichkeit streiten. Sie denken wohl: diese Betrachtungen möchten zwar an ihrem Platze sein in einer Parallele zwischen dem Zoll- Parlament uud dem Plebiszit, im übrigen aber lägen sie demjenigen fern, worüber mir eigentlich Ihnen zu berichten obläge. Aber Sie irren sich. Diese Gegensätze behaupteten ihre Stelle anch im Innern des Zoll-Parlaments, nnd sie - 107 - - allein tragen die Schuld, wenn unsere schon ganz leidlichen Endergebnisse nicht noch rühmlicher ausgefallen sind. Auch wir hatten unsere Plebiszitomaneu und Gruudrechts- schwärmer iu unserer Mitte. Sie werden mich fragen: wie kommt Pilatus ins Credo, das Prinzip ins Roheisen? Hätt ich's nicht erlebt, ich wüßt's Ihnen auch nicht zu sagen. Es giebt aber Politiker, welche nicht blos im Pnnkte der Menschenrechte nach dem Wahlspruch handeln: alles oder nichts! — sondern auch iu Sachen der Baunuvoll- preise, nnd welche aus Gesiuuungstrcue gegen den bestehenden Kaffeezoll lieber eiueu Tarif verderben helfen, als gegen ihre Kaffee-Überzengung zu stimmen, mögen sie auch vvu vvrnberein sicher sein, in einer wirkungslosen Minorität zu bleiben. Ja, dieses Wohlgefallen an der blos üußer- licheu Behandlung der Dinge und die Gleichgiltigkeit gegen deren thatsächliche» Inhalt gehen so weit, daß ein hochachtbarer Abgeordneter namens seiner Partei gelegentlich dieser Abstimmnng die wunderliche Erklärung abgeben konnte: „er verwahre sich gegen das Kompromis, welches hinter den Kulissen zustande gekommen sei." Das sollte heißen: es sei himmelschreiend, daß die verschiedenen einander entgegengesetzten Ansichten über Eisen, Reis, Kaffee uud Garnzölle, auch noch nach Schluß der öffentlichen Sitzungen untereinander beraten hätten, um zu einer Verständigung zu gelangen. Wie muß eine Partei im bloßen Formwesen verrannt sein, um solche Vorwürfe auszuhecken! Und gerät man nicht unwillkürlich auf die Schlußfolgerung, daß, wer die Wäude des Sitzungssaales für Kulissen ansieht, in dem Sitzungssaal selbst ein Theater erblickt? Wer nur Ten- deuzpolitik treibt, erliegt ebeu leicht der Versuchung, ans jeder Beratung ein bloßes Schauspiel zu macheu uud viel weniger Wert darauf zu legen, daß sie zur Verstäudigung unter den Parteien führe, als zu einer recht prächtigen und — 198 — greifbaren Auspflanzung der Gegensätze. Wer aber das Parlament für eine Werkstätte ansieht uud nicht für ein Theater der Meinungen, der wird es nur anerkennenswert finden, wenn die innerhalb der vorgezeichneten Werkstunden und 'Werkräume nicht gezeitigte Arbeit durch fortgesetzten Fleiß, gleichviel in welchen Mauern, zustande kommt. Das gerade hat man ja dem Parlamentarismus am meisten zur Last gelegt, daß er ein unersprießliches Widereinanderstoßen der entgegengesetzten Ansichten liefere uud schließlich kein Redner den andern überzeuge. Und wenn er sich von diesem Vorwurf einmal reinigt, wenn er Wege findet, die zur Verständigung führen (Verständigung kommt her von Verstand), dauu glaubt solch ein Freiheitsmann es seiner Überzeugung schuldig zu sein, im Geiste des Fortschritts zu protestieren. Aber woraus werden nicht Menschenrechte destilliert, wenn eine alte Wahlperiode zu Ende geht und eine neue beginnt! Wie die Chemie aus Hobelspänen Zncker machen kann, wird dann aus den dürrsten Stoffen Süßigkeit für den Wähler gesotten; jedem Wahlkreis wird aus der Bank, an welcher sein Abgeordneter sitzt, wie in Auerbachs Keller, der edle Wein gezapft, den er sich nur bestellen mag. Und weil das funkelnde Naß der großen Grundsätze dermalen noch das beliebteste Getränk so mancher Wählerschaften ist, deswegen werden Sie noch eine zeitlang die Baumwollenwaren teurer bezahlen, als es die Absicht der Regierungen war, da sie den Tarif vorlegten. Wenn Sie, meine Herren, mehr Wohlgefallen haben an einem Parlament als an einem Plebiszit, an einem fruchtbaren Resultat, als an einer unfruchtbaren Überzeugung in Wirtschaftsfragen: so machen Sie sich mit der Anschauung vertraut, daß gerade das beste, was einer Volksvertretung nachgesagt werden kann, das ist, daß sie, Dank der Verständigkeit der Parteien, zu einer Verständi- — 19» - gung gekommen, sei es nun ebener Erde im Sitzungssaale oder im ersten Stockwerk. Wenn die Abstimmungen stets nur unch unabänderlichen Schablonen erfolgen sollten, so brauchten Sie gar keinen lebendigen Abgeordneten zu schicke», sondern nur eine Tabelle über Ihre Gruud- ansichten, die man auf einen bestimmten Platz nageln und iu der man jedesmal nachsehen konnte, ob Sie wünschen, daß mit Ja oder Nein gestimmt werde. Und eben, weil ich mich nicht als eine Nachschlagstabelle ansah, sondern als einen lebendigen Menschen, glauben Sie hoffentlich umso- mehr, daß ich gewissenhaft in Ihrem Sinne gehandelt habe. Ihr ergebenster Ludwig Bamberger. III. Berlin, den 13. Mai 1870. Die Todesstrafe vor dem Reichstag. Geehrte Herren! Während die Ordnung des Tages in den Parlamenten dem Zolltarif, dem Verlagsrecht, dem Unterstützungswohnsitz angehört, ist seit Wochen, ich mochte sagen, die Stille der Nacht einer Sorge anderer Art verfallen: der Todesstrafe. Und wer begriffe das nicht, wenn die Frage so liegt: ob das unter feierlichem Beschluß vergrabene Richtbeil vom Reichstag mit eigenen Händen wieder soll ausgegraben, oder ob soll zu Grabe gebracht werden die ganze Arbeit des Strafgesetzbuches? Herzeusergießuugen ernster Stunden haben mich eingeweiht in die schweren, Peinvollen Zweifel, von denen ob dieses Zwiespaltes die Gemüter gerade der besten belagert sind. Mit erfaßt, mit erschüttert, mit betroffen von dieser Not des Denkens, schien es mir die Pflicht jedes einzelnen, sich zur Klarheit einer deutlichen Entschließung emporzuarbeiten uud so mit sich selbst fertig zu werden, als ob von seinem letzten Wort allein die Entscheidung abhiuge. Und nach dem Mut, die Sache — 201 - zu Ende zu denken scheint mir auch der Mut, das Gedachte auszusprecheu, eiu Pslichtgebot.*) Selbstredend kommt hier das Für und Wider der Todesstrafe nicht mehr zur Sprache. Im Namen der Nation ist sie abgeurteilt, ist res Mäionw; das höchste Gericht des Staats, die Volksvertretung, hat ihr wohlerwogenes, wvhlbewußtes Berdikt abgegeben, nnd sogar das ist schon ausgemacht, daß, wenn der Reichstag widerriefe, der Widerruf nicht aus freier Überzeugung käme, sondern nach Rechtsgrundsätzen, als ihm mit Gewalt entrissen, ans ewig anfechtbar bliebe. Nur wegen des richtigen Verständnisfes meiner eigenen Stellung zur Sache lasse ich einstießen, daß ich selbst grundsätzlich der Frage ganz frei gegenüberstehe, oder, um es iu der Hauptsache auszudrückein ich bin nicht der Ansicht, daß man der Gesellschaft das Recht bestreiten könne, einem ihrer Glieder das Leben zu uehmen. Nur aus ganz pragmatischen Gründen zöge ich vor, daß man die Todesstrafe abschaffte, erstens, weil ich sie für unnütz halte, und zweitens, weil sie die Verurteilungen Unschuldiger, die meiner Überzeugung nach' zahlreich vorkommen, um so ") In der Sitzung des norddeutschen Reichstags vom 1. März 1870 war aus dem Entwurf des Strafgesetzbuches, welches die Regierungen vorgelegt hatten, die Todesstrafe gestrichen worden, mit 113 gegen 8t Stimmen. Dies geschah in zweiter Lesung. Nun drohte Bismarck im Namen der Regierungen, das ganze Gesetz fallen zu lassen, wenn die Todesstrafe nicht in dritter Lesung wieder aufgenommen würde. In einer lebhaften, sich daran anknüpfenden Unterhaltung bestimmten mich einige Reichstagsmitglieder, vor der dritten Lesung meine Ansicht über die Sache zu veröffentlichen. Dies geschah am 13. Mai in der „National-Zeitung", und von der übernahm ich den Text in die Sammlung der Zoll-Parlaments-Briefe. Wie bekannt, wurde schließlich die Todesstrafe in dritter Lesung, am W. Mai, wieder aufgenommen, mit 127 Stimmen gegen 119. Die Regierungen hatten es zur Bedingung für das ganze Strafgesetz, dabei aber die Konzession gemacht, die Zahl der Fälle, die mit der Strafe bedroht waren, einzuschränken. grauenvoller macht. Ich weiß sehr wohl, daß auch das Publikum in seiner Mehrheit nicht nach dieser Abschaffung verlangt. Aber ich kenne seine Motive nnd schlage sie nicht hoch an. Sie sind zusammengesetzt aus naturalistischem Rachebedürfnis, also einem unfreien, pathologischen Verhalten und aus dem Glauben an die Abschreckung, welcher auf einem plumpen, psychologischen Irrtum beruht. Hat man noch das berühmte Wort hinzugefügt: „ans Nss- siöiu'S les ASSÄSsins corainöllLöllt.!" so ist eigentlich alles angeführt, was bei der großen Mehrzahl der Weltkinder zu Gunsten der Todesstrafe plädiert. Freilich, wenn die Mörder uicht mehr morden, so brauchen wir die Hinrichtung nicht erst abzuschaffen; dann schaffen eben die Verbrecher die Strafe ab, und jener geistreiche Ausspruch sagt daher nichts anderes aus als das Paradoxon: Die Gnten sollen wegen der Aufgabe, die Gesellschaft zu bessern, sich auf die Schlechten verlassen. Daß aber, ich wiederhole es, die bürgerliche Gesellschaft, als die einzige Quelle alles Rechts überhaupt, auch das äußerste Recht auf Vernichtung des Einzelnen besitzt, so gut wie das kleinste Recht, dessen freie Bewegung im Raume zu beschränken, das ist meines Er- achtens unbestreitbar, und darum glaube ich mich in der Verfassung, unbefangen über die Frage des Augenblicks zu urtcilcu. Diese Frage wird nun immer so gestellt : soll man es auf sich nehmen, an dem ersten Beschluß festzuhalten auf die Gefahr hin, das ganze Strafgesetz ins Nichts zurückzustoßen? Die Fragestellung scheint mir eben falsch und damit der Urgrund aller falschen Schlüsse gegeben. Wäre die Regierung des Norddeutschen Bundes eine Mauer vou Stein und Mörtel, so begriffe ich, daß man den Vertretern des deutschen Volks sagte: „Wenn Ihr das Strafgesetz unerbittlich zwischen Euch und diese unbewegliche und unver- — 2M — antwortliche Mauer stemmt, so wird es tot gedrückt." Nun weiß ich nicht, ob die Verteidiger der norddeutschen Bundesregierung für diese die Rechtswohlthat in Anspruch nehmen, daß mau sie betrachte»? soll wie eine tote Mauer. Vom Standpunkt der Opposition aus kann ich das nicht einräumen, muß ihr vielmehr die Ehre geben, sie als ein moralisches und intelligentes Wesen anzusehen gleich mir selbst. Infolgedessen muß ich auch verlangen, daß man die Frage so stelle: wen von diesen beiden sittlich und geistig einander ebenbürtigen Wesen träfe die Schuld, wenn durch seine Hartnäckigkeit das Strafgesetz zunichte würde? Einer muß recht, Einer muß unrecht haben, nnd wenn ich gefunden habe, auf wessen Seite das Recht zum Widerstande schwächer ist, so habe ich auch gefunden, von wem, sosern er ein verantwortliches Wesen, erwartet werden muß, daß er nachgebe, d. h. wer vor der Nation nnd der Gerechtigkeit schließlich die Verantwortung des Mißlingens wird zu tragen haben. So gestellt allein ist die Frage keine Sackgasse. Nun gilt es also zu ermitteln: wer von beiden Teilen darf sich des höhereu sittlichen Motivs in seinem Beharren bewußt sein? Sollte ich die Anschauung der Regierung aus den beiden offiziellen Reden schöpfen, die in der Sache gehalten wurden, es stünde herzlich schlecht um sie; ich müßte geradezu sagen: wie schwach muß dieser Standpunkt sein, daß zwei so überlegene Köpfe dabei so sehr von ihrem guten Geist im Stich gelassen wurden! Beide Redeu gehörten doch mehr ins Konzil nach Rom als in die Stadt des Humboldthains. Im Namen von Vater, Mutter und Kindern der Familie Kink aus Roubaix verwahre ich mich feierlich dagegen, daß diese irgendwie verpflichtet waren, im Interesse des Norddeutschen Strafgesetzbuches sich massakrieren zn lassen, wie Herr Leonhardt ihnen zumutet. Noch bedenklicher ist mir die Beruhigung — 204 - mit dem Jenseits, welche Graf Bismarck dein Mörder anbietet.*) Muß er nicht befürchten, daß in Zukunft die Mörder dies Argument in allen Fällen als einen „mildernden Umstand" für sich in Anspruch nehmen werden? „Ja, ich habe meiue Mutter erdrosselt," werden sie sagen, „aber der Gedanke beruhigte mich, daß sie in ein besseres Jenseits eingeht." (Ich könnte einen Fall der Art zitieren.) Und wenn dieser Glaube maßgebend sein soll für die letzte Entscheidung des Bundesrats, so werden die Bevollmächtigten in Zukuuft jeder bei seiner Regierung erst Instruktion einzuholen haben, ob er auch vou Amts wegen beauftragt sei, an die Unsterblichkeit der Seele zu glaube». Das wahre und wirkende Motiv aber ist ohne Zweisel dies: daß die Äronenträger nnd ihre Sachwalter das ^ns ZlkcUi, das Recht über Tod und Leben, für die Quintessenz aller Herrschaft ansehen, als einen wichtigen Stein im Ban der Legitimität. Es ist etwas dran. Aber die Betrachtung Paßt um deswillen nicht, weil der Norddeutsche Bund kein Geschöps der Legitimität ist und keiu Geschöpf der Legitimität werden soll. Wie schwach das RechtSbewnßtsein des Grasen Bismarck in dieser Debatte war, erhellt mir besonders aus Justizminister Leonhardt hatte in der zweiten Lesung auf den Fall des Mörders Tropmann, der einige Zeit vorher großes Aufsehen gemacht hatte, hingewiesen. Der Minister meinte, die Vorsehung könnte das Verbrechen gleichsam zu einem Warnungsruf an den deutschen Gesetzgeber bestimmt haben. (Der jugendliche Mörder hatte die ganze aus sieben Mitgliedern bestehende Familie Kink einzeln, die meisten davon in der Ebene von Pantin bei Paris abgeschlachtet.) Graf Bismarck, der am zweiten Tag in die Debatte eingriff, meinte zum Beginn seiner Rede, das Widerstreben gegen die Todesstrafe entspringe bei denen, die nicht an ein Jenseits glauben, einer Überschätzung des Wertes des Lebens; er stehe fest in dem Glauben, daß man auch dem schwersten Verbrecher auf dem Richtplatz den Trost mitgeben könne: mors jaiiua viws. — 205 — einer Stelle seiner Rede, nämlich da, wo er mit dem Mörder den Jndustrieherrn verglich, in dessen Dienst ein Arbeiter verunglückt. Unter gewissen Umständen findet ein Gericht in solchen Behauptungen das Vergehen der Aufreizung einer Klasse von Staatsbürgern gegen die andere. Und mit gleichem Rechte könnte man sagen: die Eisenbahn, auf der ein Mensch verunglückt, ist auch eine Mörderin. Denn der Arbeiter begiebt sich ebcusowenig in die Gefahr um seines Herrn willen, als der Reisende ans den Weg um der Eisenbahn willen; Jndustrieherr nnd Eisenbahn haben gleich wenig das Interesse und die Absicht, daß ein Unglück passiere. Lasset uns denn Gründe uud Gcgeugrüude von solcher störenden Beimischung ablösen: Was bleibt als die letzte innere Wahrheit? Die Krone des Regenten hält es für ein sittliches Gebot zn töten; die Krone des Volkes hält dies für ein sittliches Verbot. Zwischen diesen zwei Bedenken scheint mir der Unparteiische nicht zaudern zu köuueu. Formal mögeu sie ebenbürtig einander gegenüberstehen; an innerer zwingender Kraft find sie durchaus nicht mit eiuauder vergleichbar. Die Stimme, die einem Menschen zurust „töte!" kann nie so mächtig sein als die, welche ihm znrnft: „töte nicht!" Wenn ich nach Menschengefühl mich entscheiden muß, mit wem ich, in meiner Ungewißheit, eher zu irren mich aussetzen soll, so ergreife ich gewiß die Haud, welche reiu bleiben will vom Blut. Uud daß selbst die Regierungen im Stillen anch dieser Empfindung huldigen, das sehe ich daraus, daß sie von ihrem Schwert- recht so weuig Gebrauch machen und noch weniger Gebrauch zu machen verheißen. Hinter den Zugeständnissen, welche dieser Anschauung im Prinzip huldigen, kommen dann die praktischen „Aber", welche sie umstürzen sollen. Stünde ich, wie die Mehrheit des Reichstags, auf dem Standpunkte, die Todesstrafe sür nicht sittlich berechtigt zu halten, so — 206 — wüßte ich nicht, welche Kompensationen man mir bieten könnte. Eisen und Kaffee sind kommensurable Größen, Recht und Vorteil sind es aber nicht. Man erwidert: die Todesstrafe wird, wenn das neue Strafgesetz fallt, doch in Kraft bleiben. Ja, aber wie im Fundament erschüttert und darum moralisch unmöglich, wenn der Reichstag „Nein" gesagt hat, und wie befestigt und erleichtert, wenn er „Ja" sagt! Daß Deutschlands Wiedergeburt in drei deutschen Staaten den Galgen wieder aufrichtet, darf wahrhaftig nicht übersehen werden. Sollte durch die Unbengsamkeit der Regierungen das Strafgesetzbuch diesmal fallen, so muß die Nation dafür die bessere Zeit abwarten, die ihr so viel anderes noch schuldet, was ihr die Ungnnst des Augenblicks verweigert. In welchen Dingen wird denn ein Parlament künftig hoffen dürfen, daß feine Mehrheit in den Augeu der Regierung etwas bedeute, wenn es in dieser Frage bei solcher Mehrheit schließlich eingesteht i es war nicht unser Ernst, wir Haben's nur probiert mit Ench! Was dürft Ihr von einer Regierung erwarten, die Ihr selbst so schlecht erzogen hättet? Daß im Zoll-Parlament eben durch wechselseitige Zugestäudnisfe etwas zustande gebracht ist, scheint mir dem Reichstag zugnte zu kommen, wenn er jetzt festhält. Wir haben eben gezeigt, daß wir ernstlich etwas zustande bringen wollen und nachgeben können. Nun gilt es zu zeigeu, daß man nicht wollen muß um jeden Preis, und daß man nicht nachgeben kann in jedem Falle. Noch Eins, ich gestehe es, ist nicht ohne Eindruck aus mich, wenn schon manche darüber lächeln werden. Der deutsche Reichstag hat vor der ganzen gesitteten Welt Stellung genommen in dieser Frage unter dem Panier des Fortschritts. Nichts hat ihm so sehr die Gunst des allgemeinen Welturteils eingebracht. Das läßt sich nicht in Groschen nnd Pfennige um- — 207 — rechnen, und ist doch etwas. Den Sinn, der darin liegt, kann ich nicht besser erklären als durch Folgendes: Gegen Beibehaltung des Henkers stimmten Fürsteu, Grafen, Herren von, Bürgerliche, Total. 2. k. 21. 89. 118. Für Beibehaltung des Henkers stimmten: Fürsten, Grafen, Herren von, Bürgerliche, Total. 4. 1«;. 47. 14. 81. Zusammen für den Henker 67 vom Adel uud 14 Bürgerliche; gegen den Henker 29 vom Adel uud 89 Bürgerliche. So ward mir klar, daß die Entscheidung in der Hauptsache eiue Frage sei zwischen der alten Feudalwelt und der neuen bürgerlichen. Man erzählt, daß in Nußland früher politische Schriftsteller zuweileu verurteilt wurden, am Pranger stehend ihr eigenes Buch Blatt für Blatt aufzuessen. Verstünde sich der Reichstag dazn, sein Votum über die Todesstrafe aufzuheben, ich fürchte, der Welt käme es vor, als ständen wir bürgerliche Deutsche mit dem Hals- eiseu hoch ans einem Gerüste nnd würgten nnser eigenes Werk hinab, dieweilen unten die Herren vom Adel spazierten nnd ironisch das Schauspiel durch ihre Lorgnetten mitansähen. Ich habe manche Stunde geschwankt, wozu mau sich entschließen soll, aber ich bin letztlich dazu gelangt, ent- schlosseueu Herzeus zu sagen: ?ersat eoclsx, rmk Oerriumm! L. Vamberger. IV. Berlin. 22. Mai 1870. Geehrte Herren! Ich habe Sie vertraut gemacht mit den Sorgen, welche das Kapitel der Todesstrafe umringten, und obgleich dieses ganze Gebiet erst jenseits der satalen Mauthlinie beginnt, mit welcher die Thätigkeit Ihres Zolldeputierten nmzäunt ist, so werden Sie darum mit einer Jukompetenzcinrede ihm nicht entgegengetreten sein. Vielmehr ist er überzeugt, Sie lohnen es ihm eher mit Dank als mit Vorwürfen, daß er sich gewissermaßen als Ihren Reichstagsabgeordneten in partidus iuMslinur betrachtet. Bekanntlich rechnet der Papst in das Reich der ihm uutergebeuen Christenheit ganze Länderstrecken ein, welche dermalen in der Gewalt der Ungläubigen sich befinden und darum seinen Bnllen und Bre- ven unzugänglich sind. Damit aber nicht in Vergessenheit gerate, daß die Christenheit ein wohlbegründetes Recht auf jeue, nach irgend einer Nikolsburger Mäßiguug iu den Tagen der Kreuzzüge deu Heideu gebliebenen Länderstreckeu besitze, ernennt der heilige Vater von Zeit zu Zeit einen Bischos von Trapezuut oder von Chalcedon, dem nur einstweilen zufällig noch nicht vergönnt ist, mit Jnful und 209 — >trnimnstab in seinen Sprengel einzurücken. In ähnlichem Sinn haben Sie Ihren Abgeordneten znm Zoll-Parlament gewählt, nnd wenn irgend ein Fleck deutscher Erde gegen die Gewaltthat seiner Ausschließung aus der Gemeinschaft des deutschen Staates zu Protestieren recht thut, so ist es der uuserige, denn die leibhastige Wirkung dieses Mißverhältnisses ist keine andere als die seiner gänzlichen Ent- mündignng. Indem wir verhindert sind, mittelst eigener Person am Reichstag zu erscheinen, sind wir desjenigen Grundrechts beraubt, welches heutzutage keinem Volk mehr bestritteu wird, des Rechts, au der ihm bestimmten Gesetzgebung mitzuarbeiten. Werfen Sie nur einen Blick gerade auf diese Angelegenheit deS Strafgesetzbuchs in ihrem Konflikt mit der Frage der Todesstrase. Wer zweifelt, daß die Entscheidung, wie sie hier im Norddeutschen Reichstag fiel, auch für unser — der Geographie bisher unbekanntes - südhessisches Land das Gesetz schuf? Und dennoch hatten wir nicht ein Sterbenswörtchen dabei mitzureden! Und dennoch, wie leicht konnten unsere sechs Stimmen dem Beschluß, der nur mit acht Stimmen Mehrheit gefaßt wurde, eine andere Wendung geben! Da können Sie es mit Händen greifen, wie aberwitzig jene sogenannte Politik räsonniert, welche nicht will, daß wir in den Norddeutschen Bund eintreten, darum, weil er nicht die Frankfurter Grundrechte verkündet hat. Aus lauter Schwärmerei für die Grundrechte wird das erste und vornehmlichste dieser selbigen Rechte Preis gegeben, welches heißt: Mitwirkung an der Beratung und Beschließung der Gesetze. Aus lanter Liebe zu den Grundrechten versagen sich jene Faseler die Möglichkeit, sich selbst Grundrechte schaffen zu helfen. Gestern hat der Reichstag ein Strafgesetzbuch vollendet, welches morgen bei uns seinen Einzug halten wird, wer möchte das in Zweifel ziehen? Aber während Canada und 210 Australien längst dahin gekommen sind, ihre Gesetze nicht mehr fix und fertig aus den Händen eines Mutterlandes zu empfangen, während sogar Algerien und Cuba auf dem Punkte stehen, in deu gesetzgebenden Körperschaften Frankreichs und Spaniens mitvertreten zu sein, erklärt es die hochweise Demokratie für den Ausfluß und Ausbund edler Freiheitsprinzipien, daß wir bei der Bearbeitung der uii5 aufzuerlegenden Gesetze eine muudtote Kolonie bleiben müssen. Wie mit dem Strafgesetzbuch, so wird es mit dein noch viel wichtigeren Strafprozeß, mit dem ganzen bürgerlichen Rechte, mit dem Heimatswcsen und vielen anderen Materien gehen, deren Zwiespältigkeit innerhalb der Grenzen unseres unglückseligen Großhcrzogtums ganz undenkbar ist. Und wie erst, wenn wir in die heiteren Unmöglichkeiten geraten, welche aus der schnurrigen Verfassung der Ortschaften Kastel und Kostheim sich ergeben müssen! Zwei rheinhessische Gemeinden, welche nackt und blos zum Norddeutschen Bnnde geschlagen sind, während sie in ihrer gauzeu Gerichts- und Verwaltnngsverfassung dem süddeutschen Rheinhessen angehören. Wenn einmal das Leipziger Oberhandelsgericht und die oberste Behörde für Heimatsfragen in Wirksamkeit treten, werden aus dieser Zwitter- haftigkeit die wundersamsten Natnrspiele erwachsen. Wie beispielsweise soll man es künftig halten, wenn ein Bewohner von Kastel oder Kostheim am Mainzer Handelsgericht prozessiert, dem er ja zugehört? In höchster Instanz hat er als Norddeutscher das Recht, eine Entscheidung in Leipzig einzuholeu. Das Leipziger Oberhaudelsgericht aber kann von eiuem Urteil des Maiuzer Appellhofs so.weuig Notiz uehmen, als von dem Ausspruch des Schatzkammergerichts an der Themse. So wird der arme Rechtsuchcnde mit seineu Akteu unerhört zwischeu Darmstadt uud Leipzig hin nnd herlaufen, bis das; es dem großen Reich des Hessischen — 211 — Südens am Ende der Tage gefallen möge, seine erhabene Selbstherrlichkeit aufzugeben. Solchem Skandal ein Ende zu machen, war der nächste Zweck des Antrags, welchen der Abgeordnete Laster im Reichstage dahin gestellt hat: daß jeder einzelne Staat ans sein Verlangen ohne weiteres in die Gemeinschaft des Norddeutsche» Bundes aufgenommen werde. Für unser armes Hessenlaud wäre aus der Anerkennung dieses Satzes schon der Gewinn entsprungen, das; endlich einmal zur Klarheit hätte kommen müssen, wem denn die Sprödigkeit des Statusqnv zur Last fällt: ob der preußischen Politik, wie Hesseu zu verstehen giebt, oder der hessischen Politik, wie Preußen andeutet. In ebenso fataler, wenn anch minder lächerlicher Weise findet sich Baden ausgeschlossen, nur daß hier über den Sitz des Widerstandes keine Zweideutigkeit möglich ist. Alle schönen und unschönen Gründe, mit denen Gras Bismarck dem Laskerschen Antrag gegenüber seine müde, deutsche Stillstandspolitik verteidigt hat, fallen für uns nicht halb so schwer ins Gewicht, als die Thatsache der ungereimten Rechtlosigkeit und Rcchtsverwirrnng, mit der wir gegenwärtig zwischen Nord und Süd in der Luft hängen. Allerdings ließ der Graf so zwischen den Zeilen lesen, daß es mit Hessen ein anderes Ding sein möchte, als mit Baden; daß unter Umständen Hessen eintreten könnte. Aber so lange er den Eintritt Badens von sich weist, kann es ihm auch mit dem von Hessen nicht rechter Ernst sein; denn wie vermöchte er sich darüber zu täuschen, daß nach Hessens Aufnahme das schon jetzt kaum anfhaltbare Andringen von Baden ganz unwiderstehlich werden müßte? Und darum hat mit Recht die deutsche Nationalpartei an die Spitze ihres Programms gesetzt: daß jedem südlichen Staat ohne Rücksicht ans seine Nebenländer das Recht zuerkannt werde, in den Bund- einzutreten. Der Bnndeskanzler liebt es, in Gleichnissen zu 14* reden, die überhaupt bekauutlich wenig beweisen, aber auch im besondern Fall nicht immer passen. So das Bild von dem süddeutschen Milchtopf, welchen der Norddeutsche Bund nicht abrahmen möge. Aber mir will scheinen: gerade dieser Brauch empfehle sich hier. Je wertloser das Zurückbleibende für sich ist, desto weniger hat es Ursache, auf eigene Faust weiter zu existieren. Jetzt sind die vier Staaten, Hessen, Baden, Württemberg, Bayern, uoch etwas, sie stelleu für nusere Gegner diesseits uud jenseits der Grenze uoch den Schatten eiues Gesamtbegriffs vor unter dem Namen „Süd- deutschlnnd" mit der wenn auch noch so nebelhaften Möglichkeit eines „Südbundes". Mau entziehe ihnen Hessen und Baden, uud sie bleiben nichts mehr als zwei Kleinstaaten, die weder sich zu eiuem Ganzen zn vereinigen, noch in ihrer Selbständigkeit auf die ^änge zn verharren, Aussicht haben. Dann hat die verderbliche Mainlinie aufgehört, die Äarte Deutschlands zu entstellen; dann hat der Name, der lächerliche, ärgerliche Name „Süddeutsche" aufgehört, einen Sinn zu habe«: daun giebt es auf der einen Seite: Deutsche, auf der andern: Württemberger uud Bayern, denen der Schimpf und Spott solcher Zwergnationalität bald zum Ekel werdeu muß. Mit der Theorie, daß er nur die vier süddeutschen Staaten ans einmal nehmen könne, verläßt der Bundeskanzler die ganze Tradition seiner eigeueu iuneren Politik; er verfällt damit in den Irrtum gerade seiner uuversöhulichsteu Gegner, welche auf ihre Fahue geschrieben haben: „Alles oder nichts!" und es ist gar uicht abzusehen, warum in ein so nnträtables Programm (welches ja nur eine Umschreibung des sogenannten großdeutschen wäre) nicht auch Deutschösterreich sollte aufgenommen werden. Bekennen wir uns einmal zu der Formel, daß mit dem nächsten Schritt der deutsche Staat zu seiner definitiven Gestalt kommen müsse, so ist unvermeidlich auch Dentschösterreich zur unerläßlichen Beigabe der nächsten Erweiterung zu macheu. Die Politik, welche den Norddeutscheu Buud gegründet und bisher geleitet hat, ist aber keineswegs die des „alles oder nichts". Sie begnügt sich mit dem Gewinn, den sie jedesmal greisen kann, und sie verläßt sich darauf, daß jeder Zuwachs dem Gründgesetz, auf dem sie beruht, neue Stärkung bringen mnß. Die größern Massen ziehen die kleinern an: daraus basiert unsere Rechnung, nnd wenn wir den deutschen Staat um zwei Fürstentümer vergrößern und den süddeutschem Rumpf um ebensoviel verkleinern, so ist wahrlich kein Anlaß da, eine schlechte Wirkung davon zu befürchten. Es ist in gewissen Kreisen Mode geworden, die Interpellation Lasters inbezng ausBaden als eine bedauernswerte Taktlosigkeit zn bewchklagen. Solche kitzliche Fragen, wird uns mit weiser Miene zugeflüstert, dürfe man nicht auf's Tapet bringe», ohne sich bei den höchsten Personen vorher vergewissert zn haben, daß sie auch willkommen seien. Wenn der Abgeordnete Laster schweigen wollte, so konnte er die Mühe sparen, vorher bei dem Bundeskanzler anzufragen, ob er reden dürfe. Die verneinende Antwort verstaub sich ja vvu selbst, und die einzige Art, den Gegenstand anzurühren ohne den Bundeskanzler zu kompromittieren, bestand eben darin, ihn sorgfältig aus dem Spiel zn lasfen. Es ist schon ganz gut, dem Stifter des Norddeutscheu Bundes alle erdenkliche Gerechtigkeit Widersahren zu lasseu, aber seiner höheren Politik wäre nichts verderblicher als jeue namenlose Angst, ihn einen Augenblick in üble Laune zu versetzen, als dieses fromme Gewiusel über jede Regnng, die seinem augeublicklichen Humor zn nahe tritt. Die, welche ihm manchmal mit ihrem nationalen Ungestüm in — 214 — die Quere kommen, dienen ihm besser als die, welche stets nur auf sein Augenzwinkern warten, ehe sie den Mund aufthun, und — wer weiß, ob es ihm nicht heute schon ganz recht ist, daß Lasker sich zum Ausdruck der badischen Ungeduld gemacht hat? Es Ware zum mindesten nicht das erste Mal, daß der Preußische Premier aus solchen Belästigungen, aus solchem Druck von anßen recht fein Nutzen zu ziehen verstanden hätte. Und darnm bleibe vor allem uus armeu Blind-Darm- Hessen ohne Wanken und Weichen der erste Satz unseres Begehrens: Eintritt in den Norddeutschen Bund! Denn jene andere Methode — gestehen wir's uns ehrlich — welche vor zwei, drei Jahren im Schwange war, deren Sinn in die Worte sich zusammenfaßte: „Zoll-Parlament Voll-Parlamcnt!" jene Methode, wir dürfen es bekennen, ist den Weg der Blütentränme gewandelt. Sie entsprach dem Gefühl der ersten Hoffnung, die sich aller Sorgen um das Wie oder Wo entschlägt; sie war vielleicht nicht ganz fremd jenen historischen Reminiscenzen einer anderen Periode, die uns so lange als großes Vorbild aller erhabenen Evolutionen vorgeschwebt hat. Gewiß zog manchein bei der ersten Erwartung von dem künftigen Zoll-Parlament unwillkürlich die Erinnerung herauf an jene uneudlich ergreisenden Momente, von denen wir in den Schilderungen des 17. Juni oder des 4. August 1785» leseu, da in einer dramatischen Sitzung der dritte Stand sich zur Nationalversammlung erweiterte oder der gesamte Adel seine Privilegien auf den Altar des Vaterlandes niederlegte. So ungefähr, träumte man duukel, könnte eines Tags unter dem Andringen einer hinreißenden Begeisterung das Zoll-Parlament sich aufraffen und zum wahren, vollen Vertreter der gesamten Nation emporschießen. Aber weder Zeit noch — 215 - Umstände, noch der Geist unseres Volkes entsprechen dergleichen überschwenglichen Bewegungen. Auch hat in deutschen Landen aller Gefühlsüberschuß seiueu breiten und stets befahrenen Ableitnngskanal in der unendlichen Reihe der Festmahle und Trinksprüche, denen wir Jahr aus Jahr ein obliegen. Dahin leiten wir das Übermaß unserer Be- geisternngsfülle, und so, befreit von aller Gefahr verzehrenden Feuereifers, besorgen wir mit um desto größerer Bedächtigkeit die Aufgaben der praktischen Politik. Sollte es einmal dein Osns ex niaoluim. dem himmlischen Zufall, beikommen, uus mitten im Zoll-Parlament mit einer großen nationalen That zu überraschen, um so besser! Nur in nnsere Berechnung sie aufnehmen, dürfen und wollen wir nicht länger. Der Augenblick, iu dem sie, wenn überhaupt denkbar war, der erste nämlich, ist unwiederbringlich vorüber. Dies sonderbare Parlament mag weiter bestehen in seiner doppelten Eigenschaft, als ein sachlich unentbehrliches Werkzeug uud als eiue lebendige Mahnung an die UnVollkommenheit und Unebenmäßigkeit unserer dermaligeu Verfassung. Jedem deutschen Wähler und Gewählten, der überhaupt weiß, was ein Staat ist und bezweckt, wird mit fortschreitender Zeit der Widersinn deutlicher werden, welcher das Maß seiner Teilnahme an dem gemeinsamen Dasein der Nation auf diesen engen und uuschließbaren Kreis beschränkt; und der Ruf nach einer vernünftigen und würdigen Ordnung der Dinge wird sich dahin wenden, wo er allein gehört werden kann: an den Reichstag des Norddeutschen Bundes, damit dieser alle Vertreter der Nation in sein festes Gefüge aufnehme. Diesen von allen unklaren und theatralischen Vorstellungen gereinigten Weg haben wir in Zukunft im Auge zu behalten. Der Reichstag hat sich bewährt, er trägt das Bewußtsein eines — 21k — dauernden und wachsenden Berufs in sich-, kein Zweifel, daß er bestimmt ist, Zoll-Parlament von der einen Seite, Landtage von der andern zu überleben, aufzusaugen, uud dieser Bestimmung entsprechend, auch die Regicrungsform an seiner Spitze umzugestalten. Dem Zoll-Parlament bleibt neben dem Troste, das Nützliche geleistet und eine Lücke im deutschen Provisorium ausgefüllt zu haben, die Erkenntnis, daß es zu großen Dingen schwerlich berufen, ja, daß mit jedem heraufsteigenden Jahr das Feld seiner Thätigkeit von selbst eng und enger werden mnß. Mit jedem Handelstraktat, den es einrcgistriert (an sich schon eine blos formelle Mitwirkung), mit jedem Zoll, den es abschafft, schwindet unter seinen Füßen der Boden, auf dem es steht, nnd schon von heute au ließe sich mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen, wann ungefähr ihm das Lebenslicht mangels nährender Beschäftigung ausgehen wird. Gewisse große Steuerprojekte, gewisse Monvpolien, die ihm vielleicht von dieser und jener Seite zugedacht sind, wird es uicht auf seine schmalen Schultern nehmen. Sein Reich ist uicht von dieser Welt der großen Umwälzungen, sein Beruf, ja selbst die kärglich gemessene Zeit seiner Versammlungen geben ihm nicht den Zuschnitt eines Wesens, welches große Unternehmen nnd gar solche vou bedenklichem Charakter (wie ein Tabaks- mouopvl) auf sich laden möchte. Bescheiden nnd vergänglich ist seine Sendung, das beste an ihm sein Ursprung; die Wahl, auS der es hervorgeht, ist die Zählung der Nation nach solchen, welche ihre Zeit und ihre Aufgabe verstehen nnd solchen, welche dem Ruf des Vaterlandes und der Vernunft verschlossen bleiben. So hat das Volk südlich des Mains zum ersten Male die Wahlen aufgefaßt, so möge und wird es sie zum zweiteu Male abermals verstehen. Weil nichts so sehr Kraft und Zutrauen giebt, wie das — 217 — Bewußtsein, in der möglichst großen Gemeinschaft der einsichtsvollen Redlichen sich zu finden: darum sollen uns die zweiten Wahlen ebenso regsam, ebenso entschlossen und ebenso tren wiederfinden wie die ersten uns gefunden haben. Uno somit ans Wiedersehen im guten Äampf für den einigen, unteilbaren deutschen Staat. Ihr ergebenster L. Lamberger. j Die fünf Milliarden. ? _ ') Aus den „Preußischen Jahrbüchern" ,878. Band XXXI, 5 üSm Frühjahr 1872 fuhr ich in Begleitung eines französischen Bekannten von Köln nach Lüttich. An einer Haltestelle zwischen Aachen und Herbesthal, an welcher zahlreiche Arbeiter beschäftigt waren, die Geleise auf Seiten- fträngeu und Abzweigungen zu vermehren, klopfte mir mein Gefährte auf die Schulter und sagte halb ironisch, halb schmerzlich lächelnd: o'sst, pas swung-ut! Nos eiocj NiUiaräs!" — Vergeblich bewies ich ihm, daß die Arbeiter, von deutschen Müttern geboren, durch den Krieg jedenfalls vermindert, nicht vermehrt worden seien, daß die Schienen aus dem Eisenwerk von Burbach, daß der Tagelohu aus unserem Thalervorrat und die Kapitalien aus dem alten Betriebsfonds der Eisenbahn stammten: er blieb dabei, daß dies alles nur das Werk der fünf Milliarden sei. Ich bin seitdem und bis auf den heutigen Tag so oft ähnlichen Anschauungen auch auf landsmännischer Seite begegnet, daß sich immer mehr bei mir die Überzeugung befestigte, es müsse sich in hohem Grade der Mühe lohnen, für den wirklichen Hergang der Dinge bei dieser internationalen Finanz-Operation ein klares Verständnis herbeizuführen. Allerdings zu einem völlig exakten Studium des Hergangs fehlen noch einige Voraussetzungen. Für Nordpolfahrten, für meteorologische Stationen wird jahraus jahrein mit Freigebigkeit aus öffentlichen — 222 — Mitteln der Aufwand bestritten. Vor zwei Jahren bewilligte das Deutsche Reich eine Summe zur Ausrüstuug einer wissenschaftlichen Expedition, welche sich nach Aden begab, um den Durchgang der Venus durch die Souue zu beobachte». Handelt es sich um solch eiue Kombination der Gestirne, wie sie nur in hundertjährigen Zwischenräumen vorkommt, so drängt der schöne Eifer der gelehrten Welt darauf, die seltene Erscheinung nm jeden Preis mit allen Instrumenten des Schauens und Messeus für das Studium zu fixiere». Nnu bietet sich iu unserer nächsten Nähe, in unserem eigenen Lande, die Gelegenheit, eine wirtschaftliche Konstellation ins Auge zu fassen, wie sie uie zuvor dagewesen ist; dieselbe tritt in greifbaren, zeitlich eng zusammengedrängten Formen zutage, dergestalt, daß bei einigem gute» Willen es möglich sein würde, sie beinahe mit mathematischen Hilfsmitteln in allen ihren einzelnen Phasen zu verfolgen. Sollte es da uicht angezeigt sein, ein Observatorium zu errichten, um Einblick zu gewinneu in die merkwürdigen Umwälzungen, die sich daraus ergeben, daß eine Nachbarnation der anderen binnen dritthalb Jahren die unfaßbare Summe von fünf Milliarden Franken abzahlt? Eine Summe, welche so viel des baren Geldes ausdrückt, als nach den höchsten Veranschlagungen vor dem Kriege iu Frankreich umlief; mehr als noch heute in Großbritannien oder in Deutschland an Metall und Banknoten im Verkehr ist, dreimal soviel als die vereinten BndgetS und mehr als die Schulde« sämtlicher deutscher Staaten ausmachen. Die Regierung des Deutschen Reiches könnte der ökonomischen Wissenschaft aller Zeiten einen hervorragenden Dienst leisten, wenn sie in genauen Aufstelluugen alle die Formen verzeichnen ließe, in welchen ihr die fünf Milliarden einlaufen, nnd die Formen der Wiederverausgabung. Diese Ausstellungen müßten ergänzt werden dnrch — 223 — die Angaben, welche die Vorhand und die Nachhand liefern können. Die Bankhäuser, welche zwischen den Regierungen und zwischen diesen und den Privaten den Umsatz vermitteln, könnten auch ihrerseits das nötige statistische Material über Abfluß und Zufluß beitreiben. Aus dem Ganzen würde eine merkwürdige Übersicht des Lebensprozesses hervorgehen, in welchem die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart sich bewegen. Ohne Zweifel würde eine Anschauung der Dinge zum Durchbruch kommeu, welche im Finanzministerium wie in der Werkstütte für die Führung der größten wie der kleinsten Geschäfte ihre tiefe moralische und ökonomische Wirkung zurückließe. Im folgenden soll nur ein Versuch gemacht werden, so weit es ohne diese statistischen Hilfsmittel gelingen kann, uns Rechenschaft von dem bis jetzt noch wenig verstandenen Phänomen zu geben, das mit so tiefem Einfluß auf unser Geschick sich dennoch beinah ungesehen vor unseren Augen abspielt. Der Versuch beansprucht uicht, in allen Teilen scharf zutreffend auszufallen; nur glaubt er. indem er suchend voranschreitet, den Weg, ans welchem die Wahrheit zu sinden ist, betreten und das Richtige, wenn noch nicht endgiltig festgestellt, doch herausgefühlt zu haben. Mögen andere darin die Aufforderung finden, zur Klarstellung eines Problems beizutragen, welches für Wiffenschaft und Leben die tiefste Belehrung in sich trägt. 5 » Zum Zweck der Auflösung der Operation in ihre Bestandteile werden wir am besten thun, mit dem Handgreiflichsten anzufangen. Bei dem ersten Gedanken an eine Zahlung stellt man sich dieselbe in barem Metall vor. In der That Frankreich hat die Sache so begonnen. Die Zahlungen der ersten Milliarde wurden zu einem guten Teil in Metall - 224 — gemacht; allein wir wissen, daß seitdem in überwiegendem Verhältnis andere Znhlmittel an Stelle des baren Geldes getreten sind. Ein solcher Vorrat war nicht aufzutreiben, jedenfalls nicht ohne unerschwingliche Opfer. Und Ware das möglich gewesen, für Deutschland bestünde noch weniger die Möglichkeit, einen solchen Schatz in sich nützlich aufzunehmen. Was sollten wir mit sünf Milliarden Gold oder Silber machen? Sie als Umlanfsmittel zu benützen, würde voraussetzen, daß unser Bedürfnis an baren Verkehrsmitteln, welches durch unseren früheren Vorrat genügend gedeckt war, sich im Laufe eines Jahres um mehr als das anderthalbfache gesteigert hatte. Andererseits das Gold einzusperren, hätte auch keinen Zweck. Es bliebe also nur die Möglichkeit, es wieder nach irgend einem Ausland zu versenden und dadurch Gläubiger des betreffenden Auslandes zu werden. Da aber würde sich die Frage auswerfe»: nach welchem Auslaud? Denn offenbar, so wenig wir in der Lage waren, beliebige Metallsummen absorbieren zu können, so wenig find wir berechtigt, diese Fähigkeit dem ersten besten Lande zuzutrauen. Gelöst wird diese Frage annähernd, wenn wir uns sagen, daß die Länder, denen das nns zugeworfene Metall entnommen war, am ersten wieder das Bedürfnis haben möchten, es zurückzunehmen. Und was von der Hypothese einer Barleistung sämtlicher sünf Milliarden gilt, das gilt auch in der Hauptsache von demjenigen Bruchteil, der uns wirklich in Form von Metall ausgehändigt worden ist. Aber hier greift ein modifizierender Umstand ein. Ein Teil des Metalls ist der sranzösischen Zirkulation entnommen und kraft des Papier- Zwangs-Knrses daselbst entbehrlich geworden. Nach Frankreich strebt das Metall also vorerst nur schwach zurück. Es bleiben mithin nur die Länder, welche den übrigen Teil der bareu Zahlungsmittel abgegeben haben. Aber auch nach — 225 — diesen Gelder zu schicken, hängt nicht lediglich von unserem Willen ab. Um ihnen zahlen zu können, müssen wir entweder ihr Schuldner sein oder ihnen Vorschüsse machen wollen; ein drittes ist nicht denkbar. War nun der Stand der Handelsbilanz in früheren Jahren ein solcher, daß wir ohne Bar-Aussendungen von wesentlichem Belang im Durchschnitt unseren Konsum an fremden Waren bestreiten konnten, so ist jetzt noch viel weniger als sonst die Notwendigkeit zu solcher Ausgleichung mittels Barmittel gegeben. Denn nicht mit Metallen allein, sondern zum großen Teil mit Anweisungen aufs Ausland zahlt uns Frankreich. Wir sind also mehr als früher Gläubiger, weniger als früher Schuldner des Auslandes; mit andern Worten, wir sind mehr aufs Vorschnßgeben als auf Abtragung von Verpflichtungen ans Anstand angewiesen. Fassen wir diese Verhältnisse zusammen, so stehen wir vor der Thatsache, daß — soviel auch durch Nebeneinflüsse au diesem Hauptphänomen geändert werden möge — Deutschland infolge des Empfangs der Kriegsschuld mit einer gewissen Summe von Barmitteln und von Forderungen ans Ausland versehen wird, auf deren Verwendung es nicht von vornherein eingerichtet war. Beide Seiten der Thatsache, sowohl der Überfluß an Forderungen nach außen, als der Überfluß an Zahlmitteln nach innen, führen dieselbe Wirkung herbei: den natürlichen Drang, Wertobjekte vom Auslande herbeizuziehen. Denn die Vermehrung der baren Zahlmittel ist gleichbedeutend mit einer Steigerung der Preise, lockt also Wareu vom Auslande herein. Desgleichen das Vorhandensein zahlreicher Forderungen ans Ausland treibt zum Angebot dieser Forderungen, d. h. zum Angebot des Wechsels, welches die deutsche Kaufkraft für auswärtige Objekte steigert. Wir sehen hiernach, daß die charakteristische Folge der — 22«; — französischen Schuldabwicklung immer schließlich darauf hinausgehen muß, die Valuta der fremden Länder bei uns herabzndrücken und infolgedessen die Aufnahme fremder Waren bei uns zu vermehren. Und, irren wir uns nicht, sv fällt diese Beobachtung auch ganz zusammen mit dem Grundgedanken, welcher in dieser kolossalen Zahlung ausgedrückt ist. Vou der Betrachtung, daß diese Kriegsleistung bestimmt ist, erlittene Verluste in unserem Nationalvermögen wieder zu ersetzen, können wir für den Zweck unserer Analyse absehen. Es hat zwar auch diese Seite der Sache ihr Interesse, und wir werden später sinden, daß deren richtige Auslegung vollständig zu den übrigen Folgerungen unserer Betrachtung Paßt. Doch, um die Fädeu uicht zu zahlreich und bunt durcheinander zu schlingen, müssen und dürfen wir hier bei der Hypothese bleiben, daß es sich um das einfache Problem einer neuen Vereicheruug des deutschen Wirtschaftsstnndes mittels der französischen Kriegsleistung handelt. Auf welche Weise kann ein Land sich bereichern? Es ist schon dem Individuum nicht so leicht, uneudliche Schütze zu bemeistern, wie die Märchenphantasie sich einbildet. Die volkstümliche Redewendung, daß auch der Reichste uicht mehr als dreimal im Tag essen kann, behauptet bei einer ganzen Nation noch viel mehr ihren Sinn, als beim Individuum. Thatsächlich sind die wenigen Familien auf der Erde, welche ganz unverhältnismäßig Reichtümer besitzen, gezwungen, eine Menge von Geschäften zu betreiben, bloß nm ihre Kapitalien unterzubringen. Das Haus Rothschild wäre längst in Verlegenheit, seine Aktiva anzulegen, wenn es nur das größte Bankhaus der Welt wäre. Es gehört aber daneben anch zu den größten Grundbesitzern, den größten Rhederu, den größten Bergwerkseigcntümern, den — 227 größten Tabak- und Seidenhändlern, den größten Besitzern von Gemälden, Edelsteinen und Raritäten in der Welt. Dies nur als Andeutung, daß selbst einer einzelnen Familie die Grenzen eines bestimmten Landes für die fruchtbare Verwendung ihrer Reichtümer zu eng werden können. Erschwert wird eiuer Nation die Verwertung plötzlich zuströmender Reichtumer noch dadurch, daß von einem Phantasiegenuß bei ihr uicht die Rede sein darf. Das bloße Bewußtseiu eiues immensen Besitzes ist für den ius Unendliche ausdehnbare» Gedanken eines Individuums offenbar größere Genugthuung, als die Summe der Befriedigungen, die es sich mittels seiner Reichtümer innerhalb der engen Grenzen individueller Genußfähigkeit verschaffen kann. Eine Nation aber, eine Gesamtheit steht vor dem Gebot, die ihr znr Verfügung stehenden Reichtümer so zu verwenden, daß sie in thatsächliche Nützlichkeit umgesetzt, nicht zu Phautasiekitzel aufgespeichert werden. Kehren wir nunmehr zu der Aufgabe zurück, eine, allen bisherigen Haudelsbedarf weit übersteigende Summe vou Barmitteln und Anweisungen aufs Ausland im Inland zu verwerten. (Vou den Anweisungen aufs Inland wird später die Rede sein.) Bei uus zu Hause können nur, um den Besitzstand aus eigenen Mitteln zu erhöhen, nichts anderes thun, als mehr arbeiten. Zu dieser Arbeits- vermehruug giebt uus das Ausland nichts, kann es uns nichts geben, auch das mehr umlaufende Geld thut direkt nichts dazu. Mit der Regsamkeit uuserer Arme, mit der Teukanstrengung unserer Erfindungskraft hat dies neu hinzukommende Geld in irgend welcher Form zunächst nichts zn schaffen. Es kann weder die Felder, auf denen wir hacken, graben, pflanzen, noch die Schachte, in welchen die Erze ruhe», weder das Holz iu »uferen Wäldern, noch das Vieh auf unseren Weiden von selbst vermehren. Abgesehen von 15» 228 — der Herbeischaffung fremder Materialien, giebt es für den hereingeleiteten Goldstrom nur eine Art, die vorhandenen Menschen- und Naturkräfte des Inlands zu fördern. Es geschieht dies durch Hebung des Kredits in Gestalt von leichter erlangbaren Zahlmitteln. Bekanntlich sind die bloßen Zahlmittel entfernt nicht gleichbedeutend mit dem Kapitalvorrat eines Landes. Kapital ist die Gesamtheit der Objekte. Von diesen Objekten bilden die Zahlmittel nur einen geringen Bruchteil, und auch dieser Bruchteil vermag uicht in beliebigem Verhältnis vermehrt zu werden, ohne an innerem Werte abzunehmen. Die Gunst vielmehr, welche unser Land in der gegenwärtigen Lage durch vermehrte Zahlmittel für sein Produktionsvermögen erfahren kann, liegt einzig darin, daß der moralische Aufschwung, welchen der letzte Krieg naturgemäß nach sich zog, sich in einer gesteigerten Produktiouslust äußern mußte. Dieser gesteigerte Unternehmungsgeist verlangte einerseits vermehrte Tauschmittel, andererseits gesteigerte Vorschüsse, und auch das Verlangen nach größeren Vorschüssen konnte in Sicherheit gewährender Weise nur durch gesteigerte Barmittel befriedigt werden. Ohne dieselben wäre eine vergrößerte Anzahl von Unternehmungen, die notwendig, ehe sie selbst Werte erzeugt haben, auf Kredit leben müssen, gezwungen gewesen, entweder bestehenden Unternehmungen ihren Kredit zu entziehen, oder das Vertrauen, welches in bloßer Bürgschaft bei nicht baren Vorschnßmitteln (Wechseln, Schuldpapieren :c.) beruht, ungebührlich anzuspannen. Ein Teil des neu hinzugekommenen baren Geldes findet also hier seine naturgemäße Verwendung. Es tritt in die Stelle ein, wo die vermehrte Geschäftsthätigkeit der Nation unter ihren Betriebsmitteln auch einen vermehrten Umlauf von Zahlmitteln braucht. Wenn dies uns beruhigen kann darüber, daß wir that- — 229 — sächlich Gelegenheit haben, einen Teil von empfangenen Metallzuschüssen fruchtbar zu verwenden, so muß auf der anderen Seite diese Beobachtung uns mit Notwendigkeit zeigen, daß die nützliche Verwendbarkeit in dieser beschränkten Form auch dem Umfang nach nur in sehr beschränkten Grenzen Platz finden kann. Hier außerdem wie bei allen später noch zu betrachtenden Berwendungsarten gilt der Satz, daß schließlich alle Stoffvermehruug, fasse man sie nun als solche oder, was eigentlich das allein Richtige ist, als bloße Formverändernng auf, nur allmählich, weder sprungweise noch naturwidrig rasch, vor sich gehen kann. Betreten wir nun den zweiten Weg, unseren inneren Besitzstand zu vermehren, nämlich durch Bezug von Gegenständen aus dem Ausland. Um uns klar zu machen, wie wir infolge der Kriegsentschädigung dazu gelangen können, mehr Objekte als bisher vom Ausland zu beziehen, haben wir bereits eine Erläuterung gegeben. Das Fallen des Wechsels auf's Ausland ist gleichbedeutend mit wohlfeileren Warenpreisen des Auslandes für uns. Diese Erscheinung kann sich auf zweierlei Art geltend machen: erstens dadurch, daß wir für dieselbe Quantität Geld im Ausland einen größeren Betrag derselben Objekte, die wir früher schon von demselben bezogen, empfangen; oder zweitens dadurch, daß wir neue Gattungen von Waren, die früher im Inland für uns billiger waren, nunmehr wohlfeiler vom Ausland beziehen und dadurch im Inland Hände für andere Produktionsarten frei machen. Aber auch diese Möglichkeit der Zufuhr hat ihre nicht weit abliegenden Grenzen; das Ausland so gut wie das Inland vermag nicht plötzlich die Masse der hervorzubringenden Dinge beliebig zu vermehren. Es vermag dies um so weniger in einer Zeit, in welcher wir ihm einen unverhältnismäßigen Betrag von Barmitteln entziehen, deren es — 230 — bisher bedürfte, um seine Unternehmungen mit dem nötigen Betriebsfonds auszustatten. Wollen wir dem Ausland aber von feinem vorhandenen Besitzstand an Gegenständen mehr abnehmen, als seine eigene Verzehrungsgewohnheit erlaubt, so rufen wir natürlich eiue Reaktion hervor, welche sofort die günstigen Thatsachen wieder aufhebt, deuen wir unsere verstärkte Kaufkraft verdankten. Nehmen wir an, wir wollten die Umstände benützen, um beträchtlich mehr Schlachtvieh in England zu kaufen, als der englische Tageskonsum abzugeben imstande ist. Unmittelbare Wirkung eines solchen Versuches wäre die Preissteigerung des Schlachtviehes in England, welche den Vorteil des günstigen Standes der Valuta sofort aufhöbe. Wir mögeu daraus sehen, daß nach außen wie nach innen plumpe und rapide Veränderungen des Besitzstandes trotz aller Zahlungsformalitäten nicht durchzuführen sind. Weder dem eigenen noch dem fremden Boden können wir an neuem Material mehr abgewinnen als die natürlich langsame Produktionskraft der Natur- und Menschenarbeit im Lanfe der Jahre zustande bringt. Es kommt aber noch etwas hiuzu, das die Möglichkeit, unseren neu gewonnenen Reichtum ohne weiteres in Gestalt fremder Erzeugnisse herbeizuholen, auf eiu kleines Maß beschränkt. Zunächst liegt diese Beschränkung in der begreuzteu Möglichkeit materieller Zufuhr. Jedes Land, das viel verbraucht, ist vou Natur angewiesen, den größten Teil seines Bedarfs zuhause zu erzeugen. Es ist ein alter Satz, daß der Binnenhandel eines zivilisierten Landes unendlich mehr umschlägt als der Handel mit dem Auslande. Doch auch dies ist nur eine Nebenbetrachtnng. Das Wichtigste bleibt folgendes: Wer verfügt schließlich über die Zahlungen, welche vermöge der Kriegsentschädigung — 231 — uns zufließen? Der einzige Disponent bleibt zunächst die Negierung (denken wir sie als eine einzige, denn daß das Reich an einzelne Landesregierungen abgiebt, ändert au der Sache nichts). Wir wollen einmal an Hand der Rechenschaftsablage, welche die deutsche Reichsrcgiernng unterm 12. März d. I. zur Spezialisierung der Einnahmen aus der französischen Kriegsentschädigung und der damit bestrittenen Ausgaben dem deutschen Reichstag vorgelegt hat, uns Klarheit über den Stoffwaudel zu verschaffen suchen, der mittels dieser Einnahmen und Ausgaben vollzogen wird. Es sehlen uns bis jetzt auf Seite der Einnahmen die authentischen Angaben über das, was in Forin von bar, in Form von Wechseln aufs Julaud und in Forin von Wechseln aufs Ausland eingegangen ist. Diese Unterscheidung ist auch hier von untergeordneter Wichtigkeit, weil es uns nicht auf die Durchgangsfvrm der ersten Zahlung, sondern auf die Art der Verwendung ankommt, welche die empfangende Regiernng von diesen Zahlungen macht. Offenbar kann sie je nach Bedürfnis jede Anweisung aufs Ausland so gut wie jede Anweisung aufs Julaud oder jede empfangene Snmme Metalls zn Zahlungen im Inland verwenden. Es kommt uns also hier nicht so sehr auf die Form des Empfangs als auf die Form der Ausgabe an. Unter der aufgezählten Rnbrik finden wir zunächst nur einen einzigen Posten, welcher in kürzester Weise einen Teil der im ganzen bis Milliarden mehr Zeit — 247 — und Arbeit braucht, als die bloße Abzahlungsfrist andeutet, sondern daß auch die Abzahlung als solche nicht ohne Versündigung an der Natur der Dinge auf eine kurze Zeitspanne zusammengedrängt werden kann. Die Aufgabe umsichtiger Finanzwirtschaft geht dahin, alle diese Operationen so zu leiten, daß dabei der tägliche Verkehr möglichst wenig aus seinen Bahnen gelenkt werde. Sonst möchte leicht znr Plage werden, was bestimmt war, Wohlthat zu sein. Mancher, der uns bis hierher gefolgt ist, wird vielleicht lachend fragen, ob nicht auf einen sophistischen Scherz, auf ein Hexeneinmaleins diese ganze Untersuchung hinauslaufe? Oder hätten wir uns gar von eiuem Trugbild äffen lasfeu, indem wir uns eine Leistung von 5 Milliarden ausbedangen? Die Antwort lautet auf ja und nein, je nach der Art, wie wir den Eingang und die Verwendung unserer Forderung betreiben. Wollen wir dies in kürzerer Zeit bewirken, als in der, welche gestattet, die Schaffung neuer Werte im Inland und die Herbeiführung entbehrlicher vom Auslande zu vollführen, so werden wir nichts hervorrufen, als unnatürliche Vermehrung unserer Umlaufsmittel, unnatürliche Anstachelung des Unternehmungsgeistes, rastlose Lohn- und Preissteigerung und eine verderbliche Ableitung unserer Arbeitskräfte zu Thätigkeiten, die minder produktiv sind, als die bisher in ruhiger Weise aufgesuchten. Bereits empfindet der Steuerzahler, dem korrekterweise die 5 Milliarden an Minderbelastung zum Bewußtsein kommen sollten, eine sehr geringe Wirkung. Ein großer Teil der Stantsausgaben, die wir auf Grund unserer neuen Bereicherung machen, geht in zwar nützlichen aber minder produktiven Beschäftigungen als bisher auf. Tausende von Händen werden thätig sein bei den Festungsbauten und Waffenfabriken, um die reichlichen Mittel als Arbeitslohn zu empfangen, welche wir aus den Kriegsgeldern zu solchen Zwecken bestimmen. Der übertrieben angefeuerte Unternehmungsgeist der städtischen Mittelpunkte zieht die Arbeiter herbei, wirkt hier verteuernd auf die Wohnungen, auf dem Lande erschwerend auf den Ackerbau. Dieselben Hände, müssen wir annehmen, waren bisher in einer Weise beschäftigt, die unserem soliden Haushalt besser entsprach. Und so in der That könnte ein Teil des empfangenen Geldes sich leicht in Kohlen verwandeln, wie es in Spukgeschichte» erzählt wird. Die praktische Lehre, die wir zum Schluß aus allen diesen Betrachtungen zn ziehen haben, geht dahin: auf je längere Zeit die weiteren Einnahmen, auf je weiteren Raum die uns ferner zugehenden Anweisungen aufs Ausland verteilt werden können, desto besser. Andererseits dürfen auch die bereits künstlich vermehrten Vorschüsse im Inland nicht so rasch vermindert werden. Jeder zu heftige Ruck selbst auf die uusolideu Geschäftskreise wirkt schädigend auf die solidesten zurück. Was an Barmitteln, sei es in Papier, sei es in Metall, im Umlauf ist, darf nicht plötzlich eingesperrt, es muß langsam auf das Maß zurückgeführt werden, welches gesunden Verhältnissen entspricht. Mit Zinsermäßigungen dürfen die öffentlichen Banken nur sehr zögernd einer an sie herautretendeu Bewegung folgen; mit neuen Veranlagungen und Schuldabtragungen dürfen die Regierungen uur in vorsichtigstem Tempo fortschreiten. Was ihnen an Tanschmitteln aus dem Reservoir des täglichen Verkehrs zugeht, sollen sie demselben vorerst möglichst rasch zurückgeben nnd es stetig und all- mälig zu Rückzahlungen und dauernden Verwendungen hinüberführen. Eine letzte Konvention mit Frankreich, um die letzte Milliarde ganz oder teilweise auch über die Räumungsfrist hinans gegen solide finanzielle Bürgschaft zu stunden, wäre für beide Staaten, wäre für den Haushalt von ganz — 249 - Europa eine diätetische Maßregel von unbezweifelbarer Heilsamkeit. Hüten wir uns, zu verfahren wie der Harpagon, der alles, was er erschwingen mag, in den Goldkasten bringen will, auf den er sich setzen kann. Hüten wir uns auch, zu verfahren wie der Narr des Glücks, der alles, was ihm zufließt, sofort in sichtbare Herrlichkeiten nmzaubern will. Es wäre thöricht, die deutsche Nation unserer Tage mit den Spaniern Philipps II. zu vergleichen, aber es kann — einmal im Zug des Moralisierens — nicht schaden, daran zu erinnern, daß fünfzig Jahre nach dem Zutritt des peruanischen Goldstroms die Spuren des Verfalls der großen Monarchie sichtbar zu Tage treten. Am 6. Juli 1870 warf der Herzog von Gramont dem Hause Hohenzollern vor, es wolle das Reich Karls V. wieder aufrichten. Die Hohenzollern waren klug genug, auch nach dem 1. September keine Gelüste nach spanischer Herrlichkeit zu nähren. Möchte ihr Reich auch bewahrt bleiben vor dem zweideutigen Segen spanischer Gallionen! Nimm Hack' und Spaten, grabe selber. Die Bnuernarbeit macht dich groß. Und eine Heerde goldner Kälber, Sie reißen sich voni Boden loZ. Zur Embryologie des Rankgesetzes? ») Aus der „Deutschen Rundschau», 1. Jahrgang, 1. Januar 1874, Seite 111. Vorbemerkung. ^Die deutsche Reichsbank nimmt eine so hervorragende Stelle in der Wirtschaft und in der wirtschaftlichen Gesetzgebung des Reichs ein, daß ein Rückblick aus die Geschichte ihrer Entstehung schon an sich ein historisches und sachliches Interesse noch nach zwei Jahrzehnten bieten kann. Dazu tritt im vorliegenden Fall die über das wirtschaftliche hinausragende Bedeutung des politischen Problems, auf welches hier der Nachdruck gelegt ist. Der Aampf galt der Frage: Reichsbank oder Landesbanken, insbesondere Preußische Bank? Während seit Schassung des Reichs und mehr noch des einheitlichen Reichsmünzwesens die Frage zu Gunsten einer Reichsbank in der öffentlichen Meinung entschieden zu sein schien, hatte sich im Sommer zu der Zeit, wo der Reichstag nicht versammelt war, allmählich das Gerücht verbreitet, daß ein Gesetzentwurf zustande gekommen sei, welcher die Reichsbank fallen ließe und damit auch den besonderen Fortbestand der preußischen Bank sicherstellte. Sobald dies Gerücht sich als begründet erwies, verabredete ich mit einigen politischen Freunden, daß mit aller Anstrengung dagegen angekämpft werden müsse. Die nächste Gelegenheit dazu gab eine vcrsammlnng des volkswirtschaftlichen Kongresses in «Lrefeld, in welcher ich für die Notwendigkeit der Reichsbank auftrat und lebhafte Unterstützung fand. Der definitive Gesetzentwurf erschien unter dem Datum des 5. No< — 254 — vember 5374. Er bestätigte, daß die Preußische Bank in Person des Finanzministers Eamphausen über den vom Reichskanzleramt unter Delbrück und Michaelis unterstützten Gedanken der Reichsbank gesiegt hatte. Letztere hatten ohne hartnäckigen Kampf sich vorläufig der Energie und Zähigkeit des preußischen Finanz- ministers gesügig erwiesen. In den: Entwurf war eine moralische Abschlagszahlung in der Weise beabsichtigt, daß für die Möglichkeit Raum gelassen wurde, nach zehn Iahren die Preußische Bank in eine Reichsbank zu verwandeln. Am ^s. November ^87H kam dieser Entwurf zur ersten Beratung, und die gauze Debatte, die ich als erster Redner eröffnete, gestaltete sich sofort zu einem Kampf um diesen Gegensatz. Das Ergebnis war ein Sieg der Reichsbank, wenn auch an Hindernissen der Geschäftsordnung der versuch scheiterte, ihn förmlich in die Gestalt eines Beschlusses zn kleiden. Im Schoße der in diesem Geist zusammengesetzten Aommission von einundzwanzig Mitgliedern ward dann der Gesetzentwurf, besonders auch durch die eifrige Mitwirkung des Reichskanzleramtspräsidenten Delbrück, so umgearbeitet, daß er die Reichsbank zugleich mit starker Erpansivkraft zur Aufsaugung der kleineren Landesbanken einsetzte. Ich wurde am Schlüsse der Uommissionsverhandlungen zum Berichterstatter ernannt. Die Beratungen der zweiten Lesung folgten nach den Weihnachtsferien, Anfang des Jahres MS. Am letzten Tag der Session, am 50. Januar, wurde das Gesetz, in diesem Sinn verbessert, mit Einsetzung der Reichsbank in dritter Lesnng mit erheblicher Mehrheit angenommen. Inwieweit die im Nachfolgenden ausgesprochene Vermutung zutrifft, daß auch Fürst Bismarck hinter der Szene dieser Wendung günstig gewesen sei, ist nie deutlich festgestellt worden; aber ich hatte damals einige Anhaltspunkte dafür, daß er mehr auf Delbrücks und unserer Seite als auf der Seite Camphausens stand. Das Nachfolgende ist in der Seit zwischen der ersten und zweiten kesung verfaßt worden. November ^As. . L. B. Allmählich, zögernd und vorsichtig gemessenen Schrittes bewerkstelligt das Reich deutscher Nation seinen Übergang aus dem Zustande des Mittelalters, in welchem das Jahr 1866 es vorfand, zur Ordnung eines seinen großen Aufgaben angepaßten Staatswesens. Was um Einzelner wegen bestand, muß derjenigen Ordnung weichen, die um des Ganzen willen ins Leben zu treten verlangt. Ein Teil von den Hoheitsrechten der Landesregierungen ist in den Verträgen von 1866, 1867 und 1871 übergegangen an die Gesamtheit des Reiches. Die erste und nächste Aufgabe des letzteren ist von Natur der Aus- und Durchbildung dieser festerworbenen Hoheitsrechte gewidmet. Ganz von selbst erwächst aus solcher Arbeit bald da, bald dort ein Streit um die Grenzen. Was in das neue Gebiet fallen, was dem alten gehören soll, wird dann zum Gegenstand des Prozesses zwischen denen, die dem Alten, und denen, die dem Neuen hold sind. Jede Grenze ist ja eine ideale Linie, welche ins Unendliche teilbar ist. In der Auslegung des Grenzvertrages gilt es den Preis davon zu tragen. Da, nach einem nicht oft genug zu wiederholenden Ausspruch, alles zurückgeht, was nicht vorschreitet, müßte das neue Reichsgebilde Besorgnis einflößen, wenn es aus deu Grenzirrungen mit seinen Gegnern nicht an jeglicher Stelle den besseren Teil davontrüge. Damit ist schon von selbst — 256 — gesagt, daß die Grenzabsteckung oft eine Grenzberichtigung und die Grenzberichtigung eine Grenzerweiterung zu sein berufen ist. So weit die Hoheitsrechte sich mit landschaftlichen Bedürfnissen decken, soll ihr Bestand gesichert sein; so weit sie aber mit nationalen Wohlfahrtsbedingungen zusammenfallen, dürfen sie der Reichszuständigkeit nicht vorenthalten bleiben. Wo in den Grundverträgen des Norddeutschen Bundes und den Versailler Traktaten hier Lücken geblieben sind — und es sind deren nicht wenige geblieben — ist es Sache der Entwicklung, ergänzend, wenn nicht einzugreifen, doch einzuwirken. Manches vollzieht sich von selbst durch die Macht der eingeborenen Umstände. Wie unschädlich sind die Vorbehalte geworden, welche den Landesregierungen das Recht selbständiger diplomatischer Vertretung im Ausland gelassen! Wo die Eitelkeit eines Hofes darauf hält, sich noch diesen Luxus zu gönnen, huschen seine Gesandten als blasse Schatten neben denen des Deutschen Reiches einher. Doch nicht in jeglichem Stück macht sich die Sache so leicht. Wo das Hoheitsrecht seine Spitze nach innen kehrt, ist es schärfer eingebisfen und findet schwächern Widerstand. Selbst in denjenigen Zweigen der Gesetzgebung, auf deren Gebiet dasselbe rückhaltlos dem Reichsrecht sich unterworfen, gelang es ihm vielfach, Gebiet zurückzuerobern durch die bloßen Ein- führungsverordnuugen, denen aus zu zärtlicher Schonung gegen frühere Eigenart zu viel Spielraum geblieben. Am schwersten und bedeutungsreichsten gestaltet sich dieser Zweikampf zwischen Ahriman und Ormuzd auf dem Felde der Justizgesetze. Hierher konzentrieren sich alle schlauen politischen Berechnungen, welche auf die dynastischen und pro- vinzialen Eifersüchteleien spekulieren, um die wichtigste und wirksamste aller Gemeinsamkeiten in ihrer Ausbildung zu hemmen. Hier auch wird ihnen das am leichtesten. Die — 257 — Bundesverträge haben sich da mit Bruchzahlen begnügt und gegen dieselben Quittung gegeben — dieser behauptet: für immer und alles, jener behauptet: auf Abschlag. Daß nur das letztere gemeint sein konnte, daß materielles Recht und Verfahren, bürgerliches, peinliches und Handelsrecht sich nicht trennen lassen, daß Prozeß und Organisation der Gerichte ein unteilbares Ganzes sind, liegt so sehr auf der Hand — ruhig könnte man dem Werk der Zeit überlassen, diese Notwendigkeiten unwiderstehlich zu beweisen, wenn die Zeit nicht ein so kostbares Ding wäre und besonders für uns im neuen Reich, aus folgenden zwei Gründen. Zum Ersten, weil man trachten muß die Ernte einzubringen, so lange die Sonne scheint. Zwar Pflegt Bismarck halb im Scherz, halb im Ernst zu sagen: „Lassen wir doch unseren Enkeln auch noch was zu thun, wir brauchen doch nicht alle Gesetze zu machen." Allein zur äußersten Erntezeit wird Bismarck nicht mehr am Ruder sein und schwerlich ein Kanzler seines gleichen. Ich denke, es gilt, bei seinen welthistorischen drei Haaren, jenen oft genannten Schöpf der guten Gelegenheit so fest und energisch an sich zu ziehen, wie nur immer möglich. Ein vorsichtiger Mann sagt sich: wer weiß, was nachkommt! und giebt der Zukunft, der losen Zahlerin, nur den unvermeidlichen Kredit. Aber ein Zweites scheint mir noch wichtiger. Neben den Wenigen, die über dem Erreichten das zu Erreichende nicht aus dem Auge verlieren, wächst täglich die Zahl der Vielen, die Lust haben, sich gesättigt zu fühlen — weniger aus Gründen der Sache, als aus Trieb der menschlichen Seele. Ganz besonders auf dem Felde der Rechtsgesetzgebung stellt dieser Zug der Gedanken sich ein, welcher mit tief ernster, würdiger und klugerfahrener Geberde den mahnenden Finger erhebt gegen die Lockungen jener blendenden Circe, der leidigen Zentralisation. Zu den satten Leuten gehören ludroig Bamberger's Ges. Schriften. IV. ^7 - 258 — aber vor allen anderen die Minister. Ich will ihnen damit nichts böses nachsagen. Jedes Geschöpf entwickelt sich nach der Anlage, welche Natur ihm vorgezeichnet hat, und zu dem Minister einer Monarchie spricht sie: „Du sollst satt sein; denn wonach könntest du noch Appetit haben?" Dies ist ein Argument, welches ihnen Bismarck nicht vorhalten kann, denn er ist ein höflicher Mann, wie er mit Recht sich rühmt. Unser Glück ist, daß er eben kein Minister ist, sondern etwas Besseres. Es gereicht uns ohne Zweifel sogar zum Vorteil, daß man für seine Stellung den besonderen und vollklingenden Namen eines Kanzlers zur Hand hatte. In Wahrheit ist er jenes seltene Werkzeug der Geschichte, welches in Abwesenheit fest gegründeter Monarchien sich auf den Thron erhebt, da aber, wo es solche vorfindet, weise seinen Stützpunkt just iu die Festigung der ihm vertrauenden Monarchie verlegt. Ein solcher Mann war Richelieu, ein solcher ist Bismarck, in mehr als einem Punkte jenem vergleichbar. Die besten Reichsminister werden nicht ein auseinandergelegter Kanzler sein, denn sie werden Minister, d. h. satt sein; er aber ist ein Nimmersatt, wie Richelieu einer war. Tritt Nimmersattigkeit zur Seele eines Monarchen, so führt sie zum Überschlagen wie in Napoleon I.; aber in der Seele eines von festem, monarchischem Stamm zurückgehaltenen Staatsmannes wirkt sie als das belebende Element, vorab in neu begründeten Staatswesen. Der Ahriman des deutschen Reichs hat in den Ministern der Einzelstaaten gefährliche Verbündete, zuerst in den liberalen Ministern die gefährlichsten. Da gilt es, so weise zu vermitteln zwischen oben und unten, Altem und Neuem, so viele Opfer zu bringen, um sich selbst als die verkörperte gute Sache möglich zu erhalten, gegenüber den Schwächen und Kabalen der Hofkreife. Sind nun gar noch die Minister, wie im Justizwesen, Männer — 259 — vom Fach, so sind sie von vornherein mit einer Scharfsichtigkeit für alle Schwierigkeiten der Unifikation begabt, welche jeden Baum als einen Wald für sich betrachtet haben will. So lange dieser satte Weisheitstrieb den preußischen Staat nicht ergriff, konnte man ihm mit der Ruhe zusehen, welche erwartete Schauspiele begleitet. Die nationale Partei im Reichstag, der Kanzler und das preußische Staatsgewicht vereinigt, waren Manns genug, deu Kampf aufzunehmen. Anders gestalten sich die Dinge, wenn die preußischen Minister selbst sich von Ahriman angezogen fühlen, und gefahrlich werden sie, wenn in Revieren auftauchend, welche sich der Kontrolle des Fürsten Bismarck durch ihre technische Beschaffenheit entziehen, so daß das ministerielle Ruhebedürfnis vom kanzlerischen Bewegungstrieb nichts zu fürchten hat. Diese Wendung versuchen die Dinge in der großen Gesetzgebungsfrage einzuschlagen, nachdem der preußische Justizminister selbst im Unifikationswerk einen resignierten Staudpuukt einzunehmen erkärt hat, welcher zu solchen! Posten bei solcher Aufgabe nicht paßt. Gleichzeitig that es ihm der preußische Finanzminister beim Bankgesetzentwurf in dieser Richtung zuvor. Mau hat solche Anklagen, wie die hier formulierte, mit bequemen Scherzen abfinden wollen, indem man ironisch ausrief: nun solle ein Mann wie Camphausen gar zum „Reichsfeind" erklärt werden, weil er nichts von einer Neichsbank wissen wolle. Gewiß, Herr Camphausen und Herr Leonhardt find keine Reichsfeinde, ebensowenig, beinah noch weniger, sind es die bayrischen und württembergischen Minister. „Nur das Tanzen auf den Märkten" will ein jeglicher Atta Troll von allgemeinen Menschheits- und Vaterlandsaufgaben getrennt behandelt wissen! Hier sitzt die bewußte Hartköpfigkeit des Ressorts, über welche Bismarck von jeher so be- 17' V — 260 - wegliche Klage führte. Merkwürdig, daß sie ihm nicht von vornherein sich kenntlich machte, als das Finanzressort seine Laufgräben gegen die Reichsbank eröffnete, ihm, der doch sonst ein so scharfes Auge für diese störsame Einseitigkeit besitzt! Manch ein Parlamentarier oder Journalist, der sich als besonders klug aufzuspielen glaubt, hat von oben herab über die Wärme gelächelt, mit welcher der Gedanke einer Reichsbank vertreten wurde, indem er zu verstehen gab: es sei hier mit dem bloßen Klang und Sang des Wortes „Reich" ein kindisches Spiel getrieben, teils in naiver Begeisterung, teils in schlauer Berechnung. Aber diese wohlfeile Klugheit soll uns nicht irren, noch kirren. Es liegt ein verdammt ernster Sinn in diesem kindischen Spiel. Wenn das Einheitswerk des Reiches nicht in dem Inneren seines organischen Baues durch dauernde und wohlthätige Institutionen gefestigt wird, so ist die blos nach außen gerichtete UmWallung auf die Läuge weder befriedigend noch sichernd. Und wenn wir dem ministeriellen Schlaraffen- tnm gestatten, den zersetzenden Bestrebungen des Zentrums und der äußersten politischen Flügel in die Hände zu arbeiten, indem sie die harmonische Durchbildung des innern Gesamtlebens aushalten, so lassen wir der Möglichkeit rückläufiger Bewegung einen gefährlichen Zugang offen. Ganz abgesehen daher von der sachlichen Wichtigkeit eines zentralen Bankinstituts hat es einen eminent politischen Wert, daß der Eigenwille des ministeriellen Partiknlarismus in der Bankfrage gebrochen wurde; und wir dürfen dies Erlebnis als ein günstiges Vorzeichen nehmen für das, was in der noch größeren Frage der Rechts - Organisation zu hoffen ist. Freilich liegen bei letzterer die Sachen schwieriger. Eine Bankhoheit giebt es wenigstens im dynastischen Jargon noch nicht, und aus der Münzhoheit haben wir das Schäd- - 261 — lichste beseitigt. Mit der Justizhoheit versteht man weniger Spaß. Aber haben wir nicht die Militärhoheit, die noch ein ganz anderes Ding war, dem Reich erobern sehen? Es wird nur darauf ankommen, daß dieselben Machtfaktoren, welche diesen Sieg davongetragen, sich auch für die innere Organisation der friedlichen Reichsthätigkeit im gleichen Maße zu interessieren beginnen, wie für die kriegerischen. In gleichem Maße? — Das wäre wohl zu viel gehofft, aber auch nur in annähernd gleichem würde schon genügen. Irre ich nicht, so ist der rasche Erfolg, welchen die erste Lesung des Bankgesetzes in der Sphäre der Bundesregierungen erzielt hat, dem noch rechtzeitigen Erwachen dieses Interesses am rechten Ort zuzuschreiben, ein Erwachen, um das sich der von allen Seiten des Parlaments andrängende Weckruf verdient gemacht hat, nicht am wenigsten der negative der Zentrumspartei und des im Negieren ihr so oft verbundenen Abgeordneten Eugen Richter. Bekanntlich hat eine spanische Nonne den interessanten Teil ihres Lebens beschrieben, welchen sie während ihres embryonischen Daseins im Mutterleibe verbrachte. Der Bankgesetzentwnrf könnte sich verdient machen, wenn er auf gleich« Weise die Geschichte seines Werdens bis zum Moment der offiziellen Entbindung des Reichskanzleramtes im Bundesrat schreiben wollte. Bis das geschieht, gereicht es vielleicht zu einiger Belehrung, das zu erzählen, was emsiger Auskultierung zu beobachten vergönnt gewesen. Allen Anzeichen nach war vom Moment der Konzeption bis weit über die erste Periode der Entwicklung hinaus das künftige Geschöpf gerade so angelegt, wie es der Reichstag erwartete. Erst im Verlauf der Zeit ist die erste Absicht der Natur gänzlich zu Schanden geworden. Bereits im Dezember 1872 hatte das Reichskanzleramt — 262 — einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, welcher in gerader Linie aus die Neichsbank losging und, wie das nicht anders sein konnte, auf die Umwandlung der preußischen Bank in die für Gesamtdeutschland. Es war in den Motiven dieses Entwurfs der Gedanke vor allen anderen ausgesprochen: daß die öffentliche Meinung in Deutschland einstimmig eine solche Institution begehre, und anerkannt, daß dieselbe ihre unwiderleglichen Gründe dafür habe. Demgemäß war der ganze Plan angelegt. Der Entwurf trug bereits die Unterschrift des Reichskanzlers; dennoch ist er nie in den Bundesrat gelangt. Wo blieb er denn hängen? Offenbar an den Zäunen des preußischen Finanzministeriums! Denn dieses bildete die erste Instanz, die er naturgemäß zu passieren hatte. Damit stimmt anch ganz das Verhalten der betreffenden Personen. Sowohl der Präsident des Reichskanzleramtes, als sein Mitarbeiter in diesem Fach, Geh. Rath Michaelis, haben sich stets in dem Sinne geäußert, daß an ihrer Absicht auf Errichtung einer Neichsbank nicht zu zweifeln war. Dagegen benutzte der preußische Finanz- minister die Gelegenheit der Debatte über die Reichskassenscheine im Frühling 1874, um das Parlament zu bedeuten, daß er seinen eigenen persönlichen Plan für ein Bankgesctz habe, also offenbar abweichend von dem, welcher im Reichskanzleramt bestand. Auch machte er kein Hehl daraus, daß dieser Plan schwerlich den Beifall des Reichstags finden werde; denn, sagt er, vorlegen kann ich Ihnen schon im uächsten Herbst allerdings einen Entwurf, aber ob Sie ihn annehmen werden, das ist mir sehr zweifelhaft. Nun, er hat redlich Wort gehalten; denn es wäre schwer gewesen, etwas Unannehmbareres vorzulegen, als das unter seiner Pression ausgearbeitete Projekt. Nachdem der erste Gedanke des Reichskanzleramtes vom preußischen Finanzministerium Zurückweisung erfahren — 263 — hatte, mußten auch die einzelnen Bundesregierungen abgeschreckt werden, diesem Gedanken zur Wiederaufnahme zu verhelfen. Als ich im Reichstag die Behauptung aufstellte, die bayrischen Minister seien der Reichsbank von vornherein hold gewesen, entledigt sich in der Gegenrede Herr Camphausen des EinWurfs mit dem inhaltslosen Sarkasmus: ich scheine besser unterrichtet über die Dispositionen der bayrischen Regierung als er; was natürlich ja so viel heißen sollte als: ein so hochstehender Minister müsse dergleichen Angelegenheiten doch unendlich genauer kennen als ein simpler Abgeordneter. Geradezu eine Verneinung des von mir Behaupteten enthielt die Gegenrede doch nicht. Wie dem aber sei, der Minister Camphausen mag die Dinge so oder anders gewußt haben; er mag, wie wahrscheinlich, jedenfalls für besser gehalten haben, zu verschweigen, was er wußte, immerhin bleibt es thatsächlich wahr: die bayrischen Minister lebten seit der Beratung des Münzgesetzes und noch zur Zeit der Beratung über die Reichskassenscheine der festen Erwartung, daß die Reichsbank den Mittelpunkt des künftigen Gesetzes bilden werde, und sie dachten nicht entfernt daran, sich dem entgegenzustellen. Es braucht wahrlich keinen Zutritt zu den geheimen Beratungen der Kabinette, auch keine Indiskretionen aus denselben, um so etwas in Erfahrung zu bringen. Erinnere man sich nur, wie die Dinge lagen, als in dritter Lesung über der Beratung des Art. 18 des Münzgesetzes die Verhandlungen abgebrochen werden und — so schwierig und verworren liefen die Fäden durcheinander — bis in die letzten Tage der Session vertagt bleiben mußten, damit eine Verständigung bereitet werden konnte. Bayern in erster Linie und natürlich auch Sachsen wollten nicht in die Unterdrückung des Staatspapiergeldes (unter 100-Mark-Abschnitten) einwilligen, ohne wegen der künftigen Bankgesetzgebung be- — 264 — ruhigt zu sein. Wer im Mittelpunkte der parlamentarischen Verhandlungen und der daraus entsprungenen Verlegenheit verkehrte, hatte reichlich Anlaß, aus unmittelbarster Nähe die An- und Absichten der Beteiligten vom Höchstgestcllten abwärts kennen zu lernen; und aus eigenem persönlichen Wissen bekräftige ich meine im Reichstag aufgestellte Behauptung: in den nach Preußen am meisten maßgebenden Regierungskreisen, den bayrischen namentlich, war man nicht nur bereit, auf den Gedanken der Reichsbank einzugehen, sah man ihn nicht bloß als den Schlußstein der ganzen Münzgesetzgebung an, sondern auch in der Beteiligung Bayerns an den Vorteilen eines solchen Instituts erblickte man die richtige Ausgleichung aller über die Ausgabe von Staats- und Privatnoten obschwebenden Differenzen. Wie ist es nun gekommen, daß bei den Verhandlungen im Ausschuß und Plenum des Bundesrats nichts von diesen Erwartungen und Ansichten zum Vorschein kam? Die Wandlung hat im Lauf des Sommers sich vollziehen müssen. Die Naturgeschichte der Staatsgeschäfte belehrt uns, daß diese umgekehrt zum Dachs und ähnlichen Geschöpfen ihren periodischen Schlaf in der heißen Jahreszeit abhalten. Während die Politik ihren Sommerschlaf hält, pflegen die Staatsmänner zur Stärkung ihrer Nerven ins Gebirge zu wandern. Die zu München angesessenen — ob nun von sich selbst oder auch von Andern Rat nehmend, wie behauptet wird — hatten indessen Zeit, auszurechnen, wie hoch sie ihren Verzicht auf die Reichsbank an den Meistbietenden versilbern könnten, und im Spütjahr erschien Bayern in Berlin, versöhnt mit dem Wegfall der Reichsbank und getröstet erstens durch das Angebot einer neuen, selbst in den Versailler Vertrügen nicht vorgesehenen bayrischen Gebietsabtrennung vom übrigen Reiche, zweitens mit einer Vermehrung seiner Berechtigung zur Banknotenausgabe — 265 — von 20 auf 40, beziehentlich auf 70 Millionen Mark — im schlagenden Gegensatz zu allen bisherigen Gebarungen, welche vor allein die Ausdehnungsmöglichkeit bestehender Notenprivilegien zu unterdrücken bezweckt hatten. Um diesen Preis war — mit dürren Worten zu sagen — Bayern der Verzicht auf die Reichsbank abgekauft worden. Das anstößigste Beiwerk der Versailler Verträge, die Separatstellung Bayerns, welcher vom Reichskanzler an gerechnet jeder Freund unserer politischen Wiedergeburt nur mit Schmerz als etwas zur Zeit Unvermeidlichem sich gefügt hatte, war durch einen neuen, in die tiefgreifendsten Verhältnisse sich einnistenden Fundameutalartikel ausgedehnt und verstärkt. Während die gesunde Reichspolitik auf dem Gedanken ruhte, daß mit der Zeit die gegenseitigen wohlverstandenen Interessen Bayern dazu führen würden, die in Versailles gezogenen Binncngrenzen selbst zn beseitigen, wurden nunmehr die Grenzen verschärft, das abgetrennte Gebiet ausgedehnt, das Interesse Bayerns darauf hingeleitet, an dieser Absperrung dauernd festzuhalten. Gewiß der schlimmste Reichsfeind hätte sich nicht schwerer an Deutschland versündigen können, als derjenige, welcher den Vorschlag auf's Tapet brachte, Bayern gegen seine ursprüngliche Absicht aus der Gemeinschaft des deutschen Bankwesens hinauszudrängen. Sachsen wurden keine besonderen Zugeständnisse gemacht. Man konnte jedenfalls sich vergewissert haben, daß es gegen die Reichsbank ebensogut wie gegen jede andere Neuerung zu brauchen war, weil keine die ungeheure Ausdehnung seines Notenumlaufs gelten lassen konnte. In dem ersten Gesetzentwurf, wie er vom Neichskanzler- amt dem Bundesrats-Ausschuß vorgelegt worden war, hatten die notenbeschränkenden Zahlen — abgesehen von der bayrischen Separatklausel — auf alle deutschen Staaten — 266 — Anwendung gefunden, mit Ausnahme vvn Baden und Württemberg. Weil die betreffenden Landesbanken erst im Jahre 1870 errichtet worden, konnten die Jahre 1867—69 nicht als Maßstäbe für den Umlauf der Noten dienen; bei der württembergischen und badischen Bank sollten also die Jahre 1872 und 1873 als Normaljahre eintreten. Eigentümlicherweise ist die genannte Sonderstellung im Lauf der Verhandlungen dann auch noch Oldenburg und Hessen- Darmstadt zugebilligt worden. Bei Oldenburg ist die Maßregel damit zulässigerweise erklärt, daß seine Bank erst 1869 gegründet worden. Dagegen enthält die Konzession zu Gunsten Darmstadts einen Widerspruch ganz absonderlicher Art. Die Sache ist so bezeichnend für die Weise, wie das Gesetz durch Feilschen und Bieten mit den einzelnen Stimmabgebern zusammengeflickt wurde, daß sie eine nähere Beleuchtung verdient. Ein Gesetz vom Jahre 1870 (vor Ausbruch des Krieges) hatte aus bekannten Gründen die Ausdehnung und Verlängerung oder Nengewährung von Notenprivilegien innerhalb des Norddeutschen Bundes verboten. Nach Beitritt der Südstaateu zum Reich wurde das von Jahr zu Jahr erneuerte Verbot auf sie angewandt, doch mit der Maßgabe ^ daß es erst vom Januar 1872 an in Kraft treten solle. Um diese Frist noch zu genießen, beeilte sich die Bank für Süddeutschland gerade vor Thoresschluß im Jahre 1871 auf Grund einer Statutänderung ihre Notenausgabe auf 29000000 fl. zu steigern. Daß die Bank kaufmännischerweise Gebranch von einem Recht machte, ehe es für immer entkräftet wurde, ist ihr nicht übel zu nehmen. Sonderbar aber macht es sich, wenn zu Gunsten einer seit dem Jahre 1855 bestehenden Bank ein späteres, als das allgemein geltende Normaljahr, zum Maßstab genommen wird. Hier ist also offenbar nicht der natürliche Geschäftskreis, sondern — 267 — die in Eile vor Thorschluß bewerkstelligte Vergrößerung der Geschäftsmaschine zu Grunde gelegt. Und noch wunderlicher hebt sich diese Ausnahme auf dem Gesamtbilde ab, wenn wir in den Motiven die Bayern bewilligte Ausnahmsstellung damit begründet sehen, es gebühre ihm eine Schadloshaltung dafür, daß es den Zeitraum von 1871 bis 1872 nicht gleich anderen (Baden, Hessen, Württemberg) zur Vermehrung seiner Notenausgabe benutzt, sondern sich im Sinne des Gesetzes von 1870 jeder derartigen Zirkulations- ausdehnnng enthalten habe. Wahrend also Bayern für seine Enthaltsamkeit belohnt wird, wird Hessen-Darmstadt dafür belohnt, daß es die vergönnte Frist ausgenützt hat, um möglichst uueuthaltsam zu verfahren. Und die Sonne, welche so über Gerechte und Ungerechte scheint, gerät in Verdacht, daß es ihr hauptsächlich darauf aukam, die nötige Anzahl Stimmen für einen Beschluß ohne Reichsbank zu zeitigen. Seltsam überhaupt figuriert in der finanziellen Gesetzgebuugspolilik des deutschen Reichs als ein mitbestimmender Gruud die Belohnung der Tugend. Schon bei den Reichskassenscheinen hatten wir Bekanntschaft damit gemacht, doch war der Gesichtspunkt damals wenigstens mit einiger Konsequenz festgehalten, während er in obigen Fällen von seiner eigenen Karrikatur begleitet auftritt. Mit weniger Geschicklichkeit und deshalb ohne Erfolg war ein anderer Paragraph auf vorteilhafte Bündnisse angelegt. Der fünfzehnte des ursprünglichen Projektes enthielt die Bestimmung, daß denjenigen Banken, welche die den Einzelstaaten in Form von Reichskassenscheinen nach dem betreffenden Gesetz gemachten Vorschüsse für ihre Landesregierungen einziehen würden, ein gleicher Mehrbetrag von Notenausgabe für die Dauer der bewilligten Vorschußzeit zugestanden sein solle, und als Folge dieses Grundsatzes war ausdrücklich verlangt, daß die Preußische — 268 — Bank wegen der im Jahre 1856 eingelösten fünfzehn Millionen preußischer Kassenscheine zu einer Mehrausgabe von fünfundvierzig Millionen Mark berechtigt sein solle. Aber schon bei der Verteilung des Reichspapiergeldes hatte Preußen die Thatsache jener Einziehung verwertet, um zu begründen, daß ihm über den Betrag seiner umlaufenden Tresorscheine hinaus etwas wie vierundzwanzig Millionen Mark bei der Verteilung als reiner Gewinn in die Tasche sielen. Nachdem also im Frühjahr die erwähnte Konvertierung des Staatspapiergeldes in Banknoten dazu hatte dienen müsseu, den Gewinn des preußischen Fiskus zu rechtfertigen, sollte im Herbst desselben Jahres dieselbe vor zwei Jahrzehnten vollzogene Maßregel dazu herhalten, nun auch die Preußische Bank zu bevorzugen. Ein big in iäsm in bester Form. Zum Überfluß hatten weder die Regierungen noch die Banken der anderen Staaten von der ihnen damit eingeräumten Befugnis den geringsten Vorteil zu gewärtigem Den Regieruugeu konnte es ganz gleich- giltig sein, ob sie den betreffenden Vorschuß vom Reich oder von ihrer Landesbank erhielten; und die Banken hatten eher Nachteil als Vorteil davon zu erwarten, daß sie eine bestimmte Summe zu zahlen übernahmen, gegen die bloße Möglichkeit, den gleichen Betrag an Noten im Publikum unterzubringen, was ja auch von diesem abhing. Aber die Preußische Bank, welche keine Wahl mehr hatte, weil die eine Seite der Operation seit achtzehn Jahren eine vollendete Thatsache, weil also nur noch ein Vorteil ohne Gegenleistung zu erlaugen war, fand ihre Rechnung bei dem Paragraphen. Hier waren also keine Stimmen zu gewinnen und hier unterlag das Projekt schon im Bundesrat. Aber charakteristisch für den Geist, in dem es aufgebaut worden, ist der Vorgang allerdings. Dennoch würde derjenige irre gehen, welcher sich nn- bedingt der Ansicht hingäbe, daß ausschließlich der Vorteil des preußischen Fiskus die Grundgedanken zn dem Entwurf eingegeben habe. Wäre dies der Fall, so hätte, wie in obigem Beispiel, überall die zu steigernde Einnahme der Preußischen Bank, an welcher der Fiskus zur Hälfte beteiligt ist, das Objektiv der Bewegung abgeben müssen. Aber seltsamerweise geht durch den Entwurf auch wieder eine Strömung in geradezu entgegengesetzter Richtung. In der That tritt aus der über den Gegenstand erwachsenen Litteratur, wie aus der parlamentarischen Erörterung mit am lebhaftesten der Vorwurf heraus, daß uach der Anlage des Gesetzes der Lebensnerv der Preußischen Bank auf eine unverantwortliche Weise unterbunden werden solle. Beim ersten Blick ruft seder bestürzt aus: Wie! die große Preußische Bank, mit ihrer Wcltstellnng neben der englischen und französischen, wird in denselben Rahmen gezwängt mit der von Reuß-Greiz und Bückeburg! Und während sie schon heute auf dem Wege ist, ihre Thätigkeit über das nichtpreußische Deutschland auszudehnen, soll ihr in Zukunft diese Möglichkeit an die Bedingung geknüpft werden, daß der einzelne Bundesstaat eine solche Ausdehnung förmlich beantrage, eine Bedingung, welche nicht bloß unter dem Einfluß der wirtschaftliche» Bedürfnisse im betreffenden Lande, sondern auch des politischeu Beliebens seines Hofes stünde! In der That, je genauer man den Entwurf betrachtet, desto rätselhafter sieht er Eiuen an. Man denkt an jene Vervollkommnung der elektrischen Telegraphie, welche auf der Entdeckung beruht, denselben Draht gleichzeitig zum Hin- uud Hersenden zweier entgegengesetzter Strömungen zu benützen! Auch die Verpflichtung, die Noten sämtlicher T^rritorial- banken in Zahlung zn nehmen, würde in der Praxis in ungebührlichem Übermaß der Preußischen Bank zur Last, unter Umstünden zu ernster Verlegenheit werden. — 270 — Wenn solcher innerer Widerspruch zwischen Verteidigung des Preußischen Fiskus und Bloßstellung der Preußische» Bank etwas anderes als zufällige Durchkreuzung verschiedener allgemeiner Richtungslinien sein sollte, so entzöge sich das Verhältnis jedenfalls der näheren Untersuchung. Zum Teil erklärt sich die Antinomie aus dem Kompromiß, welchen die Hauptmitarbeiter des Entwurfs behufs Feststellung eines gemeinsamen Werkes miteinander geschlossen haben. Denn so bestimmt es als ausgemacht angesehen werden muß, daß das Preußische Finanzministerium der Schaffung einer Reichsbank dermalen abhold war, so unzweifelhaft darf von der anderen Seite angenommen werden, daß der ursprüngliche Plan des Reichskauzleramtes auf jene Zentralinstitution sich gerichtet hatte. Umgekehrt dagegen steht es mit dem System der Kontingentierung, welches im definitiven Entwurf die Oberhand behielt. Minister Camphausen hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß er nichts weniger sei als ein Anhänger der Kontingentierung; dagegen ist bekannt, daß Dr. Michaelis, welcher den Gegenstand im Reichskanzleramt in hervorragender Weise zu seiuer Spezialaufgabe gemacht hat, von jeher zu den heißesten Verehrern der Peelschen Methode gehört, schon vor Jahren im Preußischen Landtag deren Übertragung auf die heimische Bank beantragt hat. Wie Figura zeigt, haben die beiden einander entgegengesetzten Anschauungen sich untereinander verständigt, daß die Lieblingsidee jedes von beiden im Entwurf zur Geltung kam. Der eine bequemte sich zum Verzicht auf die Reichsbank, wogegen sich der andere die Kontingentierung gefallen ließ. Wie zwischen den Einzelstaaten, so auch zwischen den maßgebenden Grundanschauungen ist der Entwurf auf dem Wege zu Stande gekommen, welchen die Sprache der englischen Volkswirte mit ni^Alin^ anci bar^ainiu^ bezeichnet. Jedes der beiden Prinzipien war dabei bemüht, durch irgend — 271 — einen Vorbehalt seine Seele zu saldieren. Der Reichsbank war das gelobte Land von der Höhe des Artikels 19, Ziffer 6, in zehnjähriger Ferne dämmernd gezeigt; der Kontingentierung waren die Hörner abgestumpft durch Verwandlung der unbedingten Kontingentierung auf festen Ziffern in die relative durch die fünfprozentige Steuerschraube. Es kann nicht geleugnet werden, daß in dieser indirekten Kontingentierung eine sehr beachtenswerte Umwandlung der unbeweglichen Peelschen Maschinerie liegt. Schließlich werden Groß wie Klein, vorbehaltlich der Belehruug durch die praktische Erfahrung, das deutsche System vorziehen. Aber hier, wie überall, hat die widernatürliche Einzwängung der Preußischen Bank in den für die kleinste Territorialbank bestimmten Rahmen Mißbildung erzeugen müssen. Wollte man einmal den Grundgedanken der Peels-Akte adoptieren, so war es viel natürlicher, ihn nach seinem Vorbild auf die Territorialbanken anzuwenden. Die englische Akte weiß aber bei ihren Territorialbanken gar nichts von dem Unterschiede zwischen gedeckten und ungedeckten Noten, der in unseren Debatten eine so große Rolle spielt. Sie beschränkt die Notenausgabe der Privatbanken unbedingt auf die Höhe einer aus dem Normaljahre abgeleiteten Ziffer, uud läßt ihnen die Sorge sich zu decken, wie sie es für gut halten. Da alle deutschen Territorialbanken statutarisch bereits an genügende Deckungsvorschriften gebunden sind und bei Einsetzung einer Reichsbank zur Beobachtung eines guten Kassenbestandes durch deren Überwachung geuötigt waren, so konnte man sich der ganzen, verwickelten und nicht ungefährlichen Methode der indirekten Kontingentierung bei ihnen entschlagen, und ein für allemal das Übel eines ungleich beschaffenen und ungleichwertigen Bankgeldes auf ein bekanntes Maximum beschränken. Auf der anderen Seite gewann man dadurch freien Standpuukt für die — 272 - Zentralbank, der niemand vernünftiger Weise ansinnen kann, sich mit gleichem Maße, wie die Territorialanstalten messen zu lassen. Nur dem unglücklichen Gedanken der Nivellierung, welcher aus der Abneigung gegen die Reichsbank sich von selbst ergab, verdanken wir auch, daß die Kontingentierung, nachdem sie sich so tief in die Ökonomie des ganzen Gesetzes eingerammelt hat, auch die Reichsbank nicht verschonen wird. Wer weiß, wie die Dinge in der Welt zugehen, wird sich nicht wnndern, daß der zwischen dem Reichskanzleramt, Preußen und Bayern vorher in seinen Grnndzügen festgestellte Entwurf, versehen mit einem komplizierten Räder-, Schrauben- und Zahnwerk, an das man nicht rühren konnte, ohne die ganze Maschine wieder auseinander zu nehmen, bei den um den grünen Tisch versammelten Mitgliedern des hohen Bundesrates jeden isolierten Widerstand zermalmte; das Referat ward klüglicherweise in bayrische Hände gelegt, obgleich der damit betraute Bevollmächtigte, ein Mann allerdings, so ausgezeichnet an Geist und Verstand, wie an Kenntnissen im höheren Verwaltnugsfach, im Puukt dieser Aufgabe sich nicht für besonders berufen halten konnte und — dafür bürgt die Geradheit und Klarheit seines ganzen Wesens — sich anch gewiß nicht für besonders berufen angesehen hat; denn die Materie liegt seinen bisherigen Beschäftigungen und Studien abseits. Nicht zugegeben kann übrigens werden, daß, wie in der ursprünglichen Fassung der Motive angedeutet war, von Seiten der Verbündeten Regierungen das Verlangen nach der Reichsbauk sich von vornherein zum Schweigen verdammt habe. Vielmehr ist bereits im ersten Stadium der Verhandlungen im engern Ausschuß des Bundesrates das Ansinnen laut geworden, daß mit der Preußischen Bank wegen ihres Überganges ans Reich in Unterhandlungen — 273 — getreten werde. Doch zerschellte es ohnmächtig an der Übermacht des oben geschilderten kait g-eeoinM. Niemand Wohl lebt in der Illusion, als wäre der Bundesrat eine Art von Staatsrat, in welchem die Aufgaben rein und objektiv vom gesetzgeberischen Standpunkt mit der entsprechenden sachlichen Kompetenz von allen Mitgliedern des Kollegiums geprüft werden. Zu den Grundübeln der Reichsorganisation gehört eben, daß ein Kollegium von wesentlich diplomatischem Charakter, nämlich vorzugsweise bestimmt, die politischen Einflüsse der einzelnen Regierungen zu differenzieren, zugleich dem Schein nach auch die Funktionen eines Staatsrats ausübt. Letzteren würde man natürlich nach ganz anderen Qualifikationen zusammensetzen als eine Körperschaft von politisch-föderativer Absicht. Man würde nach sachlicher Befähigung die Mitglieder wählen, und die Sektionen bildeten alsdann einen Stamm von maßgebenden Ansichten, deren Autorität in unserem, wie so manchem anderen Falle nicht genug gewünscht werden kann. Zum Druck, welchen gegebene Verhältnisse nnd vollendete Thatsachen bei der Beratung im Bundesrat ausübten, gesellte sich schließlich noch die Wirkung des Schnellfeuers, von welchem das erste Erscheinen des Entwurfs in der Presfe begleitet war. Ich bin meinerseits fest überzeugt, daß Herr Michaelis an diesem ihm von Freunden und Anhängern geleisteten Liebesdienste gänzlich unschuldig ist. Ich finde auch ganz begreiflich, daß seine alten Gefährten in warmer Ergebenheit für seine Person mit Begeisterung ein Werk aus den Schild erhoben, in welchem sie zugleich ihren geliebten Meister und ihre eigene Lieblingsidee verherrlichen konnten. Nur in einem Stücke vermag ich ihnen nicht zu folgen. Alle ihre Verkündungen waren, meine ich, von der Behauptung durchsättigt, daß besagter Gesetzentwurf allseitig mit dem lebhaftesten Beifall aufgenommen, ja mit ludwig Lmnberzer's Ges. Schriften. IV. — 274 — Enthusiasmus und Bewunderung gepriesen werde. Vielleicht übertrugen die Verfasser der mit erstaunlicher Präzision nach allen Windrichtungen getriebenen Artikel naiver Weise ihre eigenen Gefühle auf das gesamte deutsche Publikum; jedenfalls mußte der naive Teil dieses Publikums selbst sich darüber eingeschüchtert fühlen gegen jede zweifelnde Anwandlung, und die thatsächliche Strategie dieses kurzen Feldzuges hätte nicht anders eingerichtet sein können, wenn sie es auf Verblüffung und Überrumpelung des Publikums abgesehen Hütte. Alle Kombinationen und Anstrengungen innerhalb und außerhalb der Regierungskreise, um die Grundlagen des Gesetzes in eine unnatürliche Richtung zu schieben, haben zum Ende nur die schwer zu beklagende Folge gehabt, daß eine kostbare Zeit verloren wurde. Hätte man vor sechs Monaten sich der Einsicht nicht verschlossen, zu der man sich heute bequemen muß, so war das Bankgesetz fertig, als der Reichstag in die Weihnachtsferien ging. Damit war für die Beschleunigung unseres Überganges in definitive Münzzustände der allerwichtigste Schritt getham Daß dieser Übergang nicht rasch genug bewerkstelligt werden kann, wollte man in denselben Quartieren, welche jetzt den Zeitverlust in der Bankgcsetzgebung auf sich genommen haben, überhaupt lange nicht einsehen. Man sprach mit behäbiger Gelassenheit von einem Jahrzehnt oder auch mehreren, welche es anstehen könnte, bis die Reichsgoldwährung im vollen Sinne des Wortes durchgeführt sein möchte, und belächelte als Heißsporne diejenigen, welche vor den unerträglichen Beschwerden eines lange fortgesponnenen Interims warnten. Wenn nur einmal nach Mark gerechnet würde, glaubte man die Hauptsache geschehen, und die Fiktion, daß ein preußischer Silberthaler drei goldene Mark bedeute, sollte im Weltverkehre gleichbedeutend sein mit einer Goldwährung. Man — 275 — machte sich weiß, die störende Thatsache, daß der alte Weg abgegraben ist, während zum neuen kaum die Erde ausgekratzt wird, könne vom Weltverkehr mit demselben Gleichmut ertragen werden, mit welchem der Berliner ein Jahrzehnt lang über seine höckerigen Straßen stolpert, bis Fiskus und Magistrat lange genug ihren Pflasterstreit durchgefochten haben. Erfahrung hat jetzt in raschen Schritten denen Recht verschafft, welche auf Eile drangen. Wir werden ohne Zweifel die ganze neue Rcichsgoldwährung viel schneller unter dem Druck der Umstände verwirklicht sehen, als seiner Zeit in jenen bewußten Regionen angenommen wurde; wir werden auch trotz alles Sperrens und alles Aufwandes von dialektischen Begründungen die krähwinkelhaften Bestimmungen fallen sehen, welche der Privatprügung sich entgegensetzten, und wir werden ein Bankgesetz erhalten, welches, wenn nicht sofort allen Anforderungen einer gesunden Finanz- und Wirtschaftspolitik entsprechend, doch auf richtigem Fundament aufgebant, später in Einzelheiten die Verbesserungen zulassen wird, zu welchen Erfahrung, allerdings vielleicht eine kostspielige Erfahrung, hinleiten mag. „Die Moral von der Geschieht." Der Parlamentarismus ist am Ende doch nicht jenes fünfte Rad am Wagen, als welches eine wohlfeile Kritik ihn zu verspotten beliebt, und der Liberalismus der nationalen Parteien hat außer der Aufgabe, der Reichsregierung in ihren freisinnigen Tendenzen nachdrängende Stütze zu sein, auch uoch die besondere, in großen und kleinen Angelegenheiten des öffentlichen Wohles, welche der nationalen Form den wahren verdienstlichen Inhalt liefern, die Reichs- 18* — 276 — regieruug auf den rechten Weg zurückzuweisen, da wo sie von ihm ablenkt. Das ist nicht die Opposition, von welcher der Bierphilister zu Berlin oder Frankfurt verlangt, daß sie ihm die Sterne vom Himmel hole — Sterne, vor denen er zuerst Reißaus nehmen würde, wenn sie auf die Erde fielen — sondern eine bessere, welche ins lebendige Reich des Geschehenden eingreifend, sich selbst zugleich und das gemeine Wesen durch frischen Luftzug und unermüdliche Arbeit zur Entfaltung bringt. Vorbemerkung. ^)as Wesentliche zur «Orientierung über die hier folgende Darstellung ist in der vorausgegangenen enthalten. Nur zwei Punkte bedürfen etwa noch einer kurzen sachlichen Beleuchtung. Der Streit um den Schlußsatz des Z ^ des Gesetzentwurfs, welcher in der zweiten und dritten Lesung sehr vielen Staub aufgewirbelt hatte, ist heute vergessen, weil der Satz, dank dem in dritter kesung geschlossenen Kompromiß, nie zur Anwendung kam. Zn der Kommission war es mir gelungen, aus dem Regierungsentwurf eine Bestimmung zu entfernen, welche den kleinen Notenbanken gestattete, den Kreis ihrer Thätigkeit auf solche Geschäfte auszudehnen, welche sich mit dein Bedürfnis eines zu jeder Zeit flüssigen Aktivums schwer vereinbaren lassen. In der zweiten kesung im Hause wurde der versuch gemacht, ihnen diese Freiheit wieder zu verschaffen. Nach einer sehr stürmischen Debatte kam es zu einer Abstimmung mit Zählung, sog. Hammelsprung, über das betreffende Amendement (Siemens). Es wurde mit der Mehrheit einer einzigen Stimme, ^25 gegen ^2-5, angenommen, nachdem und obwohl sich herausgestellt hatte, daß dies nur von einem versehen des Abgeordneten Schultze-Delitzsch herrührte, der durch die Ja-Thüre gegangen war, während er durch die Nein- Thüre zu gehen beabsichtigt hatte. » Um bei der dritten Lesung eine so wichtige Entscheidung nicht wieder auf die Schneide eines Zufalls zu setzen, beantragte in dieser der Abgeordnete Lasker, unterstützt von einer großen Zahl Mitglieder fast aller Fraktionen, das in zweiter Lesung angenommene Amendement wieder fallen zu lassen, dagegen den Bundesrat zu ermächtigen, daß er in besonderen Fällen einer bestimmten Bank die entzogene Freiheit geben könne. So wurde beschlossen. Aber in Wirklichkeit ist der Bundesrat bis jetzt nie in die Lage gekommen, von dieser Ermächtigung Gebrauch zu machen. Am Schluß der Darstellung findet sich ein Hinweis auf die lNünzreform, der durch den seit jener Zeit so laut gewordenen Streit einiges retrospektive Interesse bietet. Wie wegen seiner Behandlung des Bankgesetzes, war ich mit dem preußischen Finanzminister wegen der Behandlung der Münzreform nicht einig. Ich verlangte energischere und raschere Abstoßung des Silbers, der er sehr kühl gegenüberstand. So fand später die falsche Maßregel der Sistierung der Silberverkäufe im Jahre ^87y einen viel größeren Vorrat, als dem rationellen Gang der Dinge Entsprach; und wenn wir auch heute diesen Silberrest nicht mehr als ein organisches Übel empfinden, so repräsentiert er immerhin einen unnötigen Verlust und einen häßlichen Fleck auf der zum Glück rechtzeitig beschlossenen großen Münzreform. November ^395. L. V. ^)ie Borgeschichte eines neuen Geschöpfes bis zum Momente seiner Geburt zu erzählen, möchte sür weit schwieriger gelten, als dessen Entwicklung zu verfolgen vom Tage an, da es das Licht der Welt erblickte. Mit unserm Bankgesetz jedoch verhält sich die Sache unigekehrt. So lange die Seele der Reichsbank noch zukunftsuugewiß im Teiche der uugeborencn Kinder schwebte, stritten sich bloß zweierlei Geister um sie. Schließlich besiegte der unwiderstehliche Zauber, der iu dem Begriffe „Reich" liegt, die großen und kleinen Hexenmeister, welche das Kindlein in der Gebnrt zu ersticken gedacht hatten, und als es einmal laut und kräftig die vier Wände beschrien hatre, suchte jeder gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Schlaue Leute wollten sogar wissen, die preußische Finanzpolitik habe von der ersten Stunde an nur deshalb Hindernisse in den Weg geschoben, um dereu Beseitigung recht teuer zu verkaufen. Man muß anerkennen, daß sie, wenn solches ihre Absicht gewesen, sich wenigstens nichts darauf zugute thut, sie durchgesetzt zu haben. Im Gegenteil, der Finanzminister ließ es sich ganz gerne gefallen, daß man zum Eingang der zweiten Lefung ihm nachsagte, er sei es, welcher den Grundriß zur Reichsbank in den ursprünglichen Entwurf aufgenommen, welcher alles so eingerichtet habe, daß nur „eine Wand von dünnem Fachwerk" wegzu- — 282 — räumen gewesen wäre, um die Preußische zur Reichsbank zu erweitern. Ob er die Huldigung einkassierte, weil einkassieren, wie er mit Recht behauptet, seines Amtes ist, oder weil er für rätlich hielt, lächelnd die goldene Brücke zu betreten, die man einem auf dem Rückzug befindlichen Gegner baut — von Gold war sie jedenfalls, die Brücke; denn, bei Lichte besehen, ließ sich Preußen dafür, daß es seinen lonü äs voutious ans Deutsche Reich abtrat, vergüten, was folgt: fünf Millionen Thaler bar, fünf weitere Millionen in Gestalt der zwanzigtausend an die alten Anteilseigner zu hundert Prozent überlasfenen Anteilsscheine, die einen Minimalwert von hundertfünfundzwanzig Prozent besitzen; macht zusammen zehn Millionen; dazu eine fünfzigjährige Annuität von 621 000 Thalern, die zu Prozent kapitalisiert, einen heutigen Wert von 12 232 000 Thalern repräsentiert: Summa Summarum einen Kaufpreis von mehr als zweiundzwanzig Millionen Thalern für die Zubringung eines Geschäfts, das ohne Zustimmung des Reichstags nicht einen Tag über den 1. Januar 1876 hinaus fortgesetzt werden durfte, und nach Kapitalsverdoppelung, Kontingentierung und veränderter Gewinnverteilung an Einträglichkeit viel weniger Aussicht bietet, als das frühere der Preußischen Bank, welches bei dem Verkauf als Maßstab angenommen wurde. Die Mitglieder des Reichstages aber sagten sich, beziehungsweise die der Kommission, daß nun an sie die Reihe gekommen sei, zum bösen Spiel gute Miene zu machen, und daß es vor allem gelte, topp! zu sagen. In der That traten diese Zifferfragen, wie groß immer, als Nebendinge zurück hinter die mannigfaltigen und verwickelten Aufgaben, deren Lösung in kürzester Zeit zu bewältigen war. Es galt nicht nur, die gesamten Verhältnisse des Zettelbankwesens von Grund aus auf neue Unterlagen und nach — 283 — neuen Gesichtspunkten aufzubauen, sondern innerhalb des Reformplanes auch noch die Gegenseitigkeits - Verhältnisse zwischen dem Reich und seiner künftigen Zentralbank, zwischen dieser und den bestehenden Privatbanken, möglichst rationell zu ordnen. Um zu ermessen, wie viele und wie bunte Fäden hier durcheinander liefen, stelle man sich gegenüber dieser thatsächlichen Aufgabe eine parlamentarische Versammlung vor (einerlei ob Reichstag oder dessen Spiegelbild: die Kommission der Einundzwanzig), deren Elemente von den allerverschiedensten Standpunkten aus an die Lösung herantraten. Da waren zunächst die Mitglieder der Zentrumspartei, von Hause aus politisch der Schaffung einer Reichsanstalt und namentlich einer von so hervorragender Bedeutung durchaus widerstrebend; daher natürlich darauf bedacht, was ihnen im großen und ganzen aus der Hand gewunden war, im kleinen und einzelnen wieder an sich zu reißen, und — da einmal Bayern den Grundstock des Zentrums liefert — besonders ängstlich darüber wachend, daß bayrische Verhältnisse möglichst wenig von den bevorstehenden Neuerungen berührt werden möchten. Neben dieser — in der Hauptsache reformwidrigen — Strömung des Zentrums lief, weniger breit vertreten, aber nicht weniger energisch, die der sogenannten Agrarier her. Ist das zentrale Element wesentlich bayrisch gefärbt, so trägt das agrare ein vorwiegend altpreußisches Kolorit. Manchmal tritt es mit der gottesfürchtigen Miene auf. welche überhaupt in der Entwicklung von Handel und Industrie nur wachsendes Teufelswerk sieht; gemeinhin beschränkt es sich auf das offenherzige Geständnis, daß es den Gewinn, welchen Handel und Industrie erzielen, als einen Raub am Ackerbau betrachtet. Mit den französischen — 284 — Physiokrateu haben die betreffenden pommerschen und märkischen Junker den Standpunkt allerdings gemein, daß sie den Ertrag des Bodens für die alleinige Quelle der Produktion ansehen, und daß sie — ihrem wohlverstandenen Interesse zu Liebe — auch Freihändler sind für solche Dinge, die sie brauchen. Dagegen möchten sie alles, was den Geschüftsumsatz im Innern des Landes befördert, hemmen und belasten bis zum Brechen. Möglichst wenig oder gar keine Steuer auf den Grundbesitz nnd möglichst viel auf die beweglichen Güter und namentlich auf die Bewegung der Güter. Über das, was aus den Geschäften gewonnen wird, herrscht in diesen Kreisen so ungefähr die Vorstellung, welche ein altes Witzwort bezeichnet mit dem Sprüchlein: „lös allairss o'est l'^rAkiit, ckes autrss." Was der Kaufmann mehr einnimmt, als ausgiebt, ist eigentlich nur einer künstlichen Preiserhöhung zu verdanken, oder kurz gesagt: erlaubter Diebstahl. Mit welchen Augen diese Welt die der Finanzen und gar die der Börse ansieht, mag jeder von solchen Voraussetzungen aus sich selbst ableiten. Man will wissen, es stecke in diesem Mißgefühl ein guter Teil Ärger über die äußeren Vorteile, welche eine Legion von Emporkömmlingen davongetragen, während ein ahnenstolzer Landadel im Nacheifer um erhöhten Glanz und Genuß des Lebens seinen väterlichen Besitz mit Schulden belastet habe. Mit solchen Anklagen soll man vorsichtig sein, sie werfen zu leicht den Gerechten mit dem Ungerechten zusammen; aber entschuldigt werden sie, wenn man in einem Teil der agrarischen Presse auf deu ordinärsten Kapuzinerton stößt, welcher keinen noch so niedrigen Angriff auf die Kreise des Geldgeschäftes verschmäht. Das Wunderlichste an der Signatur dieser agrarischen Gesellschaft ist, daß sie sich einbildet, sie würde billigeres Geld erhalten, wenn anderen Leuten das Geld verteuert würde. Wie sie sich ausrechnen, das; man ihnen billigere Hypotheken machen würde, wenn der Zinsfuß am Kapitalmarkt höher wäre, das ist ihr Geheimnis. Thatsache ist, daß sie allem, was ans Flottmachung der Kapitalkräfte eines Landes hinarbeitet, ihren intimsten Haß widmen. Auf Wechsel, auf Aktien, auf Prioritäten, auf Börsenumsätze vollends himmelhohe Steuern zu wälzen, ist ihr Ideal. Denn, wenn niemand in der Stadt Geld oder Kredit bekommen kann, werden, so bilden sie sich ein, alle Reichtümer zn ihnen auf ihren Landsitz wallfahrten, wobei nicht ausgeschlossen sein soll, daß mit einem großen Mangel an Umsatzmitteln dennoch hoher Preis für die Bodenprodnkte Hand in Hand gehe. Für diesen Geschmack ist eine Bank überhaupt kein Leckerbissen, und besonders nicht eine Zettelbank, welche bekanntlich, allen guten Grundsätzen nach, vorab nicht auf Hypotheken leihen darf. Ist aber einmal eine Bank unvermeidlich, so muß sie jedenfalls vor dem Unglück bewahrt werden, die Welt des beweglichen Kapitals und der finanziellen Geschicklichkeit zu bereichern. Das Zentrum hatte es aus die Reichsbank abgesehen, die agrarische Rechte auf die Banken insgesamt. Aber da viel mehr freie Hand war, die erst zu schaffende Reichsbank zu fassen als die bestehenden Territorialbanken, so sollte jene zunächst die Zeche bezahlen. Dergestalt war es beiden bis jetzt geschilderten Elementen vergönnt, manche Strecke Hand in Hand zu wandern. Die Agrarier hätten für's Leben gerne das Privatvermögen von der Beteiligung am Grundkapital der Bank ausgeschlossen. Aller Gewinn, den ihre erzürnte Fantasie sich in wilden Zügen auf das blanke Feld der kommenden Zeiten hinmalt, soll in den Staatssäckel fließen, den Steuerzahler erleichtern, der Spekulation für immer entzogen sein. Gelingt es nicht, die Reichsbank zu einem reinen Staatsunternehmen zu machen, so — 286 — soll auf jede denkbare Weise verhindert werden, daß die Privatbeteiligung einen Gewinn ziehe, der als ungebührlich angesehen wird. Daher soll nicht blos der Gewinn der Anteilseigner auf eine verschwindend kleine Möglichkeit jenseits mäßiger Zinsen beschränkt werden, sondern auch an Steuern aufgelegt, was aufzulegen ist. Aber so weit mitzuthun, hatte wiederum das Zentrum keine Lust. Zwar die Reichsbank auf möglichst schmale Kost zu setzen, wäre ihm schon recht gewesen; aber dem Reich direkte Einnahmen aus einer Steuer zufließen lassen, welche ebensoviel der unbequemen Matrikularumlagen entbehrlich macht, das Budget des Reichs vou dem der Einzelregierungen loslöst, das paßt uicht in diese Rechnung. Um die Auflage von ein Prozent auf alle ungedeckten Noten durchzusetzen, mußten also die Agrarier sich an andere Bundesgenossen wenden. Und sie fanden sie; wenn auch die vereinten Anstrengungen schließlich nicht zum Siege führten. Sie fanden auf der Linken als teilweisen Ersatz für die Alliierten, die sie im Mittelpunkt verloren, diejenigen Nationalliberalen, welche entweder im Notenwesen überhaupt oder nur soweit es sich um die Reichsbank handelte, zum Grundsatz strenger Enthaltsamkeit in Sachen künstlicher Zahlungsmittel sich bekennen. Bedenkt man, daß in diesen Reihen sich solche befinden, welchen eine nicht mit vollem Metall gedeckte Note an sich ein Grüuel ist, und, von diesen sich stufenweise abschattierend, eine ansehnliche und einflußreiche Schar, welche den Wegen der Geschäftswelt mit unwilligen und mißtrauischen Blicken folgt, so ist man darauf vorbereitet, daß jede Lebenserschwerung, welche der Bank bereitet werden sollte, hier Stützpunkte zu finden hoffen durfte. Am schärfsten trat die Konstellation aller aus den verschiedensten Himmelsgegenden zusammenströmenden Influenzen hervor, — 287 — als es sich darum handelte, die Mitgift der Reichsbank an ungedeckten Noten zu begrenzen. Alles, was aus irgend einem Grunde der Reichsbank übel wollte, war natürlich dabei, die Grenze möglichst eng zu ziehen; dazu kam an Reichsfreunden alles, was keine Noten mag, alles, was, wie die Agrarier, der Geschäftswelt abhold ist. Das ganze Heer gruppierte sich hinter die Linie derjenigen Kombattanten, welche mit der Reichsregierung die vorgeschlagene Ziffer von 25V Millionen Mark aus rein sachlichen oder theoretischen Gründen für die richtige hielten. Der beträchtliche Nachtrab erkannte wohl den Vorteil, damit alle seine heterogenen Bestandteile unter die Fahne der Tugend uud Enthaltsamkeit zu scharen. Diejenigen dagegen, welche, aus mindestens ebenso objektiven Gründen wie die Unbefangensten ihrer Gegner, etwas mehr Lebensluft für die Reichsbank verlangten, erschienen in zweideutigem Lichte lüsterner Begehrlichkeit nach ungerechtem Gewinn. Die geringe Frage eines Mehr oder Weniger von fünfzig Millionen Mark ungedeckter Reichsbanknoten verdiente durchaus nicht die Ehre, zu eiuem Prinzipienstreit erhoben zu werden; und in der That standen Vorkämpfer des ganzen Gesetzes beinahe in allen Stücken engverbunden zusammen, die in diesem Punkt sich vorübergehend trennten. Aber gerade das war das Charakteristische an dem besonderen Fall, daß über seiner Erörterung etwas von der Ungunst laut wurde, welche der deutsche Parlamentarismus nicht zwar dem Handel, aber der Handelswclt cntgegenträgt. Man muß sich hüten, das Eigentümliche dieser Erscheinung ins Schwarze zu malen, und man ist schuldig, das, was berechtigt an ihr ist, auch zu verstehen. Gleichwohl ist zu bekennen: die Angelegenheiten des Kaufmannsstandes finden auf unserem parlamentarischen Boden nicht die freie und gleiche Beurteilung, wie auf dem anderer Nationen. Es — 288 — hängt dies ohne Zweifel zusammen mit dem ganzen Entwicklungsgang der deutschen Nation. Die große Zeit unserer Handelsblüte, der kaufmännischen Granden von Nürnberg und Augsburg im Südeu, der politisch mächtigen Hansa im Norden, war längst dahin, als in? siebzehnten und achtzehnten Jahrhnndert Holländer, Engländer und Franzosen den Weg ihrer kommerziellen Eroberuugen betraten. Damit zusammenhängend blieb im Ganzen, auch gesellschaftlich, der Handelsstand in geringerer Lage als anderwärts. Adel, Offiziere, Beamte und Gelehrte blickten und blicken zum Teil noch heute auf ihn herab. Ein Umstand, der vielleicht dazu beiträgt, unsere jungen Kaufleute geschäftstauglicher zu machen, als ihre Gcnosfen fremden Ursprungs, trägt dazu bei, ihnen gesellschaftlich zu schaden, nämlich ihre realistische Vorbildung. Das System der Realschulen ist nirgends so verbreitet und ausgebildet als in Deutschland; die klassische Schulbildung für die Erziehung der zum Kaufmannsstande Bestimmten ist bei uns die Ausnahme, in Frankreich und England die Regel. Ob das gut oder schlecht sei, ist eine Frage für sich. Aber es wirkt, wie es bei uns liegt, nicht günstig für die Ausrottung des Hochmuts, mit dem die studierten Leute auf die un- studierten herabschauen. Der deutsche Kaufmann ist im Auslande mehr geachtet als zu Hause. Vor Jahresfrist giug durch die englischen Blätter und namentlich durch die Spalten der Times monatelang ein stehender Artikel über die Gefahr, in allen überseeischen Ländern vom deutschen Großhandel überflügelt zu werden. In allen Weltplätzen giebt es deutsche Häuser ersten Ranges. Die soziale Jn- feriorität, die dem Stande, wie wenig immer, daheim anhaftet, ist nicht gemacht, sie zurückzulocken. Naturgemäß ist der Stand selbst mitschuldig. Die lächerliche Gewohnheit, um die Rats-Titel zu werben, mittelst derer reiche — 289 — Kaufleute in den bureaukratischen Tschin eingereiht werden, als höchste Belohnung, und welche die höfische Sitte ihnen freigebig spendet, eben um sie einzurangieren, hat bei andern Nationen nichts Analoges aufzuweisen. Freilich gehen ihnen unsere Universitätsprofessoren in ihrem tschinesischen Bedürfnis nach dem Rats- und Geheimen Rats-Titel mit gutem Beispiel voran; doch liegt diesen als Beamten uud auch aus sonstigen Gründen die Verführung näher. War es sonst nur eiu Mehr oder Weniger von änßerer Ehre, um welche der Kaufmannsstand zu kurz kam, so brachte das Börsenwesen auch im Punkte des sittlichen Inhalts beträchtlichen Schaden. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Gesamtheit litt unter den Vorwürfen, denen die Einzelnen in großer Zahl sich aussetzten; und, was noch viel schlimmer ist, aber der Unparteilichkeit zu Ehren offen gesagt werden muß: auch die guten und soliden Kaufleute haben vorüber- geheud bei uns vergessen, an den Lehren der Nüchternheit und Enthaltsamkeit fest zu halten, denen sie ihr Aufkommen verdanken. Der kritische Geist der Berliner Börsenwelt, der zu sprüchwörtlicher Anerkennung gelangt war, hielt dem Sturm der Grüuderperiode gegenüber nicht Stich. Es giebt solche Zeiten, in denen unberechtigte Mächte dermaßen an Gewalt zunehmen, daß sie auch den Besten an seinem Glaube» irre machen. Rechnet man dazu, welche Gefühle im unbeteiligten Publikum das Schauspiel finanzieller Feuerwerkstiinste weckt; wie natürlich es ist, daß man sich für bester hält als den Nächsten, der dem Mammon mit Erfolg räuchert, — nimmt man das alles zusammen, fügt man noch den Beigeschmack hinzu, welchen breite sozialistische Propaganda dem öffentlichen Urteil zusetzt, so wundert man sich schließlich nicht mehr, wenn man es auch bedauert, daß oft kommerzielle Wünsche nur mit einer Art verlegenen Staminelns vor die Gesetzgebung hinzutreten wagen. Die — 290 — Zahlen selbst der parlamentarischen Vertrctnng sprechen laut davvn, wie geringfügiger Anteil an ihr dem Kaufmannsstande eingeräumt ist. Alles zusammen gerechnet, ehemalige uud jetzige Kaufleute, Industrielle, Landwirte, die nebenher ein Agrikulturgewcrbe betreiben, Verleger, Gastwirte n. dgl. mehr inbegriffen, weist das Verzeichnis der Reichstagsabgeordneten sechsundvierzig Personen aus, welche zu dieser Kategorie gezählt werden können: also nicht den achten Teil der Gesamtheit. Erwägt mau, daß über ein Dritteil davon auf's Zentrum kommt, dessen Mitglieder stets nach einheitlicher Direktion und kirchlich Politischen Motiven stimmen, so gelangt man zu dem merkwürdigen Resultat, daß die Verteidigung der Industrie- uud Handelswelt, soweit sie Sachverständigen und Fachgenossen anvertraut ist, auf etwa zwei Dutzend Köpfen ruht. Uud faßt man diejenigen in's Auge, welche in der Debatte mit der Sprache herausrücken, so sind es solche, die vormals studiert haben, ursprünglich einem andern Stand angehörten und erst in späteren Lebensjahren den Geschäften sich zuwandten. Denkt man an die Zeit zurück, in welcher die Hansemann, Camphausen, Beckerath ihren Platz im politischen Leben des deutschen Volkes neben den Welcker, Gagern und Dahl- mann einnahmen, so fühlt man sich versucht zu fragen: hat der Geist des Handelsstandes, der Geist der deutschen Politik oder das Gegenseitigkeitsverhältnis zwischen dein Volk und den Männern des kaufmännischen Berufs diese Wandlung herbeigeführt? Wie dem immer sei: die Ehre wie das Interesse der Geschäftswelt muß aus solchen Betrachtungen die dringende Aufforderung schöpfen, sich nicht von den Rechtsgelehrten, Fachpolitikern, Gutsbesitzern uud Beamten aus der großen Politik und der großen Volksvertretung abdrängen zu lassen; nnd wenn die Besten des Standes ihren Sinn daraus richten wollten, die verlorenen Bahnen der höchsten öffentlichen Ehren wieder zu finden, so würden sie damit auch einen Kompaß gewinnen, dessen Zeiger ihre Barke davor bewahrte in die Stromschnellen schwindclhafter Bewegungen zu geraten. Die Art, wie jetzt in unserem Parlamente von ihnen gesprochen wird, kann ihnen unmöglich gleichgiltig sein, und die einzige gute Art, sich zu rächeu, besteht in der männlichen Wiedererobernng des verlorenen Postens. Denn übel genug kommen sie weg. Zwar fehlt es nicht an Lippenbekenntnissen abstrakter Huldigung bei jedem, der sie angreift; aber alle diese eingeschalteten Ehrenerklärungen Verhallen wirkungslos gegenüber dem wegwerfenden Gesamtton, der nicht blos von einzelnen Rigoristen, sondern vom Durchschnitt der Redner, ja gar nicht selten von den Ministern nnd ihren Assistenten angeschlagen wird. Wie oft wurde iu der Bankdebatte ausgesprochen: die Kaufleute dürfe man natürlich nicht hören, denn diese möchten das Gesetz so zurecht schneiden, daß ihnen die fetten Brocken davon auf Kosten aller Klugheit und Vorsicht zufielen! Wenn Männer wie Camp- lmusen, Michaelis, E. Richter und von Unruh (Magdeburg) dergleichen als selbstverständlich hinwerfen, so kaun man doch nicht sagen: das sind asketische Persönlichkeiten, die dem praktischen Leben fern stehen. Und dvch enthalten diese Aussprüche, so beiläufig eingeflochten, eigentlich die härteste Verurteilung nicht blos gegen die Moralität, sondern nnch gegen die Einsicht des Kaufmaunsstandes. Denn wer will behaupten, das wahre nnd bleibende Interesse desselben sei verträglich mit einem gebrechlichen, ja verderblichen Banksysteme? Wer will leugnen, daß ein solider und verständiger Kaufmannsstand mehr als jeder andere an der Erhaltung zuverlässiger Zahlungsmittel und sester Wcrtsätze beteiligt sei? Nur wer die ganze Geschäftswelt als eine Gesellschaft von Jobbern nnd Wechslern an- 19* — 292 - sieht, kann ihr Interesse an schwankender Valuta zutrauen; und Sentenzen, wie die von obigen Rednern gefällten, lassen keine andere Wahl, als die Mehrheit der kommerziellen Bevölkerung für liederlich oder verblendet, wenn nicht für beides zugleich, zu halten. — Wer doch ließe sonst sich beikommen, wenn die Augelegeuheiten eines besonderen Berufs untersucht werden, die Angehörigen desselben auszuschließen, ihren Gutachten entgegen zn halten: sie seien nur von thörichtem Eigennutz eingegeben? Hieß man die Presse schweigen, als von der Abschaffung des Zeitungsstempels die Rede war? Und doch, wozu hat all das damals verspritzte Pathos genützt, als die Taschen der Zeitungsverleger zu sulleu, welche dem Publikum nichts von ihrem Mehrgewinn, auch uur au besserem Papier oder Druck, zufließen lassen? Gewiß, man soll nicht die unmittelbar Beteiligten allein hören, und gewiß, sie lassen es an einseitigen und übetriebenen Vorstellungen nicht fehlen (man denke nur an den tnror saxonieris in allem, was Papiergeld berührt); aber für diejenige Kritik, welche gegen unberechtigten Einfluß nötig ist, bleibt auch noch Raum genug, wenn in öffentlichen Versammlnngen von dem deutschen Handelsstande, einein der ersteu der Welt, mit größerer Achtung als bisher gesprochen wird. Ist dieser selbst sich schuldig, die Schwächen abzustreifen, welche ihn in diese üble Stellung zu bringen beitrugen, so haben auch gerade die Männer des öffentliche«! Wirkens, welche ihn zu heben wünschen, die Pflicht, ihn nicht mit Antipathie und Verbitterung zu erfüllen. Sonst möchte sich eines jener schlimmen Verhältnisse daraus entwickeln, die anf gegenseitiger Verachtuug beruhen. Gesunder Idealismus, der im Leben steht nnd dem Leben dient, wächst nicht in der Einöde der Wurzeln und Kränter, von denen sich der Eremit nährt. Sittenprediger, >. — 293 — welche mit Geringschätzung auf den Erwerb herunter schauen, erwecken in den Kindern der Welt nur den Gedanken, daß sie die Welt nicht kennen, und treiben, als falsche Repräsentanten des Ideals, zur bösen Schlußfolgerung hin, daß für die wahre Idealität in der wirklichen Welt kein Raum sei. Der cyuische Realismus, welcher die höchste» sittlichen und geistigen Güter verlacht, ist die unausbleibliche Antwort auf den diogenischen Armutsstolz. Der „heilige Durst nach Gold" bewegt die Welt, indem er der Menschen Kräfte in Bcweguug setzt; uud es sündigt wider dies Ur- reglement des Lebens nicht nur der, welcher sich zur Karikatur macht, indem er es leugnet, sondern auch wer ihm die Wege vorzeichnen will aus einer Empfindung heraus, die fich zur Ehre rechnet, daß ihre Wege nicht seine Wege sind. Die einprozentige Steuer war beseitigt. Es war ein Glück für die künftige Reichsbank, daß in diesem Kapitel es nicht gut anging, sie anders zu behandeln als die Privatbanken. Hätte sie diesen: Steuergelüste gegenüber allein in der Welt gestanden, schwerlich wäre sie ihm entronnen. Denn alle vereint, die entweder das Reich oder die Noten oder das Monopol oder daS Kapital oder die Börse oder die Matrikularumlagen nicht mögen, alle vereint hätten sich schwerlich des Vergnügens beraubt, um uoch einen Aderlaß anzubringen, sich denjenigen anzuschließeu, welche den einzige» vertretbaren Gesichtspunkt verteidigten: daß ein Nvte»Privileginm mit emer Abgabe bezahlt werde» müsse. Ihre Rettung verdankte die Reichsbank dem Umstand, daß man sie nicht erreichen konutc, ohne die lieben Kleine», die Territorialbanken, mit zu treffen, für welche in den Reihen der meisten Fraktionen doch so manches warme Herz schlug. Darin» wendete sich auch das Blatt, sobald die Entscheidung wegen der Kommimalsteuern zu — 294 — treffen war. Der Gesetzentwurf der Regierungen hatte hier weislich, und belegt mit triftigen Gründen, die Zweiganstalten eines znm allgemeinen Nutzen eingesetzten Instituts frei gelassen, welches als Gegenleistung gegen sein Privileg dem Reiche die Halste, beziehungsweise drei Vierteile seines Gewinns überläßt. Aber die Kommune, welche umhergeht, ^ng.srsns cjusiri äsvorst,, hatte hier leichtes Spiel. Die Bestimmung wegen der Befreiung von Kommunalsteuern stand einzig und alleiu im Titel, der von der Reichsbank handelt; die Freunde der Privatbanken hatten also hier nichts zu sürchten und nichts zu hoffen. Die, welche dem Reich keine Einnahmen gönnen, waren gleichfalls unbeteiligt. Es schien geradezu töricht, nicht zugreisen zu wollen, uud uuter allseitigem Halali ward das Wild erlegt. Dem erfinderischen Geist der Stadtväter ist es für die Zukunft anheimgegeben, wie viel Blut sie dem Einkommen des Reichs und der Anteilseigner glauben abzapfen zu können, ohne die Bank ans ihrem Weichbild zu verscheuchen. Hat man ihr das Leben gegönnt, so hat man's ihr jedenfalls möglichst teuer verkaust. Endlich, als der dicke Strich in der Beratung überschritten wurde, welcher den Titel der Privatbanken von dem der Reichsbank trennt, da konnte man sehen, wie „neue Triebe, neue Schmerzen" aufkeimten. Nichts merkwürdiger für den Psychologen des öffentlichen Lebens, als zu beobachten, wie hier die Durtonart catonischer Strenge plötzlich in sanftes Moll überging. Ob es gelingen kann, dem nicht mit allen Einzelheiten dieser Materie vertrauten Leser das Verständnis für den menschlich so interessanten Vorgang zu erschließen? Leider muß mau, um den Ari- stophanes oder Homer mit vollem Genuß zu lesen, anch die feinsten Regeln der griechischen Grammatik uud Syntax in sich ausgenommen haben; und so steht zu fürchten: wer >. — 295 — nicht unsere jüngste Gesetzgebungsarbeit in allen ihren Windungen verfolgt hat, wird Mühe haben, aus der Blumen- lese der Erscheinung, die sich hier bieten läßt, den Honig der Menschenkenntnis zu schlürfen. Doch sei die Bitte an ihn gerichtet, nicht von vornherein zu verzweifeln. Der vierundvierzigste Paragraph ist im Bnnkgesetz dasjenige, was im ersten Buch Mose das Kap. 2, Vers 18. Er handelt von den Bäumen des Gartens, von deren Früchten einer Bank zu essen erlaubt ist. Unter allen Bäumen aber, deren Genuß nach göttlichen und menschlichen Rechten seit hundert Jahren den Zettelbanken verboten gewesen, war keiner so streng verpönt, als der, auf welchem die gewagtestem oder schwerbeweglichsteu Geschäftsarten wachsen. Die laute und berechtigte Klage, welche gegen eine Reihe deutscher Zettel- banken umlief, der Hauptanstoß, der zur Reform drängte, lag eben darin, daß solche Institute, welche ihre Zettel wie bares Geld im Lande kursieren ließen, ihre Aktiva zu Dingen verwendeten, deren Schicksal Jahr aus Jahr ein entweder den wildesten Wogen des Geschäftsgetriebes anvertraut oder umgekehrt an schwerbewegliche Güter gefesselt war, au solche, welche der Verkehr nur langsam in ihren Wert umsetzt. Von industriellen Unternehmungen, von hypothekarischen Anlagen — so gilt es allgemein — sollen Banken fern bleiben, die jeden Moment ihrem Zettelgläubiger mit barem Gelde Rede zu stehen haben. Ein Kind begreift's; Adam Smith hat's schon vor hundert Jahren gepredigt; uud da er der Vater der Manchestermänner ist, so wird man ihn nicht für einen übertriebenen Rigoristen halten. Gleichwohl wurde der Versuch gemacht, uud wäre beiuahe gelungen, eine solche Ketzerei in das Gesetz einzuführen. Hätte das ein angeblicher Latitudinarier gleich unser einein unternommen, so wäre es minder befremdlich gewesen. Allein das Eigentümliche der Erscheinung lag eben darin, daß einige von der strengsten — 296 — Richtung die Scharen befehligten, welche die heiligsten Grundsätze des Bankwesens von oben nach unten zu kehren verlangten. Waren sie bloß ihrer eigenen Eingebung gefolgt, indem sie vorangingen? Hatten andere befunden, daß es nützlich sei, strenge Puritaner an die Spitze der Kinder Baals zu stellen? Hier beginnt das Reich der bloßen Vermutungen, dem möglichst fern zu bleiben immer das beste ist. Um einigermaßen den Zusammenhang der Dinge zu verstehen, muß man aber wissen, was in der Kommission vorgegangen war. Der Paragraph 44 des ursprüngliche!? Gesetzentwurfs hatte denjenigen Banken, welche ihre Notenausgabe hinfüro auf ihr Grundkapital beschränken zu wollen erklärten, die Lizenz gelassen, daß sie alle erdenklichen anstößigen Geschäfte machen durften, welche bei der Reichsbank aufs Strengste verpönt sein sollten. Als diese Bestimmung in der Kommissionsberatung an die Reihe kam, erhob sich vor allem dagegen der Abgeordnete Lasker und verlangte, diese Bestimmung gestrichen zu sehen. Andere Stimmen pflichteten ihm bei, und die Gegenrede des Regiernngskvmmissürs richtete sich viel mehr darauf, zu erklären, warum ursprünglich eine solche Bestimmung ins Gesetz gekommen, als zu behaupten, daß sie jetzt noch stehen bleiben müsse. Damals, als noch keine Neichsbank geschaffen war, der man überlassen konnte, Zucht und Ordnung bei den Kleinen zu erhalten, mußte ein Köder geschaffen werden, welcher eine Zahl von Banken, die ein Privileg zur uneingeschränkten Notenausgabe hatten, verlocken konnte, auf dies Privilegium zu verzichten. Man räumte ihnen Dispens ein von Beobachtung derjenigen Regeln der Solidität in der Geschüfts- behandlung, welche sowohl vor der Wissenschaft, wie vor der Praxis feststehen, auch für die Neichsbank, wie sür die übrigen Privatbanken in Zukunft gelten sollen. Als Gegen- > — 297 — leistung für diesen Dispens sollten die gedachten wenigen Banken ihre Notenausgabe künstig nicht über die Höhe ihres Grundkapitals ausdehnen können. Daß diese Grenze in der Ziffer des Kapitals gefunden wurde, ist viel mehr aus der Notwendigkeit zu erklären, irgend eine Grenze zu finden, als aus dein logischen Zusammenhang zwischen Kapital uud Notenausgabe. Jedenfalls war dieser Zusammenhang niemals weniger von Bedeutung, als in dem Augenblick, da man den betreffenden Banken einen Freibrief ausstellte, ihr Kapital nach Herzenslust in die aller- unsolidesten Geschäfte zu stecken. Die Motive des ursprünglichen Entwurfs bemühten sich, sür diese ganze Kombination ein rationell sein sollendes System aufzubauen, dessen Ausführung (Seite 16 in Nr. 27 der Drucksachen des Reichstags) man nur zu lesen braucht, um auf den ersten Blick das Gekünstelte und Gezwungene der Sache zu erkennen. Es gehörte aber zu den Kennzeichen des ursprüngliche!! Entwurfs, das; er, um daß natürliche Erfordernis einer Neichsbank sich herumdrückend, auf Auswege verfallen mußte, die sich nur mit scholastischen Spielereien begründen ließen, wie der angebliche Zusammenhang zwischen den Grenzen einer Notenausgabe uud den Grenzen eines, jeder Kontrole entzogenen Kapitals, oder die kaum verständliche Unterscheidung zwischen Lokalbauken und Landesbanken, oder endlich gar die lediglich ins Reich der Fiktion fallende Schöpfuugstheorie für die Banken von Gotha, Gera und Bückeburg, welchen nach Aussage des Textes „von der zuständigen Landesgewalt im öffentlichen Interesse (!) die Sorge für die Regelung des Zahlmittelbedarss im Lande, namentlich sür eiuen, dem jeweiligen reellen Bedarf sich anschließenden Umfang des Zahlungsmittelumlaufs und für Verhütung vou Ausschreitungen der Spekulation durch Vor- enthaltuug oder Berteucruug des in Noten zu gewährenden — 298 — Kredits, und mit dieser Sorge die diskretionüre Befugnis übertragen wvrden, nach den Gesichtspunkten der Verkehrspolizei die für den reellen Bedarf erforderlichen künstlichen Zahlungsmittel jeweilig zn schaffen und auszugeben!" Es konnte nicht ausbleiben, daß, nachdem in vielleicht zehn Sitzungen durch vierzig Paragraphen hindurch die Kommission sich die Köpse zerbrochen, wie nur auf jede mögliche Weise das Banksystem aus Grund der allerstrengsten Solidität aufgebaut, mit allen erdenklichen Riegeln uud Schlössern gegen Ausschreitungen versehen werden sollte, es konnte nicht ausbleibeu, daß, am Schluß des diese Ausgaben noch einmal resümierenden umständlichen Paragraphen anlangend, die Kommission mit Schrecken und Erstaunen gewahrte, was hier geschehen war. Nämlich ganz am äußersten Ende des Systems war eine Bresche gelegt, durch welche zunächst die bewußten fünf Banken (außer den drei genannten noch die sächsische und die Leipziger — die sechste, die preußische, war von selbst weggefallen) wieder ganz bequem ins Freie zn entspringen eingeladen wurden, und, was noch viel schlimmer, außer diesen fünf noch jede andere, welche, ohne von Hause aus zu unbegrenzter Notenausgabe privilegiert zn sein, doch für gut befinden mochte, sich auf die Ziffer ihres Kapitals zu beschränken, um damit Lartk blauLllö für ihre Geschäfte zu erhalten. Diese Gefahr lag nm so näher, als die Lnst, über eine gewisse Ziffer Hinanszugehen, durch die sünsprvzentige Steuer ihnen in der Hauptsache genommen war, und diese Grenze fast bei allen diesseits der Kapitalgrenze liegt. Als daher in der Kommission der Abgeordnete Laster mit dem Ansinnen hervortrat, den im Schluß des Paragraph 44 enthaltenen Freibrief zurückzuziehen, stieß er nur auf vereinzelten Widerstand. In Wahrheit mochte beim ersten Auftauchen der Frage Vielen die Wichtigkeit der wie — 299 — in einen: Winkel und unter Einschaltung einer ganz bescheidenen Ziffer (1) versteckten Klausel entgangen sein. Lasker jedoch, obgleich kein Sachverständiger von Profession, hatte mit der ihm eigentümlichen Fähigkeit, die Essenz einer Sache herauszugreifen, sofort die ganze Tragweite des unscheinbaren Nachsatzes erkannt. Er beantragte, daß der Satz gestrichen werde, welcher die sich auf Kapitalshöhe bei der Notenausgabe beschränkenden Banken von den Vorsichtsregeln der Anlage befreite. Der Regierungskommiffär bemühte sich viel mehr, zu zeigen, warum er zur Zeit, als noch keine Reichsbank geschaffen werden sollte, zu jenein Notbehelf seine Zuflucht hatte nehmen müssen, als Widerstand gegen den Streichungsantrag zu erheben; ja sogar, er erklärte ausdrücklich, daß dem Antrag Lasters kein Bedenken entgegenstehe. Daraus ward derselbe gegen die Opposition nur einer einzigen Stimme in erster Lesung angenommen! In zweiter Lesung unter ganz passivem Verhalten der Regierung bejahte eine starke Mehrheit dieselbe Entscheidung, trotzdem bereits derjenige Widerstand diesmal auftrat, der bis zu deu Beratungen des Plenums so gewaltig anschwellen sollte. Zwischen dem Abschluß nämlich der Kommissions-Ver- handlungeu und dem Anfang der zweiten Beratung im Reichstag hatte das Mutterauge der Privatbanken sehr wohl erkannt, welches die unabsehbare Tragweite des Freibriefes sei, den die Aufrechthaltung der unscheinbaren Ziffer 1 ini Schlußsatze des Paragraphen 44 ihnen aushändigte. Während nun ein Sturmlaufen auf alle maßgebenden Kreise begann, ansehnliche Personnagen, die an der Spitze von Banken stehen, auf dem Platze erschienen, um ihre Sache zu verteidigen, verbreitete sich — ganz leise, leise, fromme Weise — unter den Abgeordneten die Anschauung, daß mit der Beseitigung der Nummer 1 an der betreffenden Stelle — 300 — eigentlich ahnungslos von der Kommission ein großes Versehen begangen worden sei, selbstverständlich die Nummer ins Gesetz zurückgeführt werden müsse. Unter diesem Eindruck trat die Sache ans Haus heran und gab zu dem hitzigen Gefechte Anlaß, welches, aller Erwartung zuwider, dem Freibrief, den man schon geborgen wähnte, nnr die Hälfte der Stimmen plus oder minus 1 verschaffte, je nachdem man die Stimme eines aus Irrtum in eine falsche Thür geratenen Abgeordneten zur einen oder zur anderen Seite zähleu will — eiu Ergebnis, welches glücklicherweise zu einer für das Gesetz ehrenrettenden Transaktion führte. Aus diesem kleinen Vorfall ist eine dreifältige Ausbeute für die parlamentarische Anthropologie zu gewinnen. Erstens, daß hier neben dem Abgeordneten Laster, welcher überall die strengen Grundsätze vertrat, und in eifrigsten Anstrengungen mit ihm verbündet, solche Abgeordnete auftraten, welche bei der Reichsbauk eiue höhere Kontingen- tierungszisfer verlaugt hatten uud darob als Latitudinarier gescholten worden waren, während auf der Gegenseite eine Anzahl Mäßigkeitsapostel standen, die. sich beim betreffenden Paragraphen (9) nicht wenig auf ihre enthaltsamen Gefühle zu gute gethan hatten. Schade war es, daß der preußische Finauzminister nicht mehr zugegen war, als der Paragraph 44 zur Beratung stand. Er hatte vielleicht für seine Anwesenheit kein Bedürfnis mehr gefühlt, nachdem die dem Reichsfiskus zugeschnittene größere Gewinnportion an der Reichsbank nnter seinem ermutigenden Zn- ruf in Sicherheit gebracht worden war. Vielleicht aHute auch er nicht, daß ein Teil derselben Stimmen, welche seineu Abstiuenzpredigteu bei der Kontingentierungsziffer der Reichsbank mit dem Brustton der Überzeugung zugejubelt hatten, min bei dem Titel der Privatbanken für höchste Lizenz eintreten würden. Logisch genommen, konnte — .^01 — er es gar nicht ahnen: denn um die bloße Möglichkeit einer Mehrausgabe von fünfzig Millionen ungedeckter Noten bei einer unter Reichsaufsicht stehenden Bank sich erhitzen, dagegen aber der Privatverwaltung freien Spielraum zu beliebigen Geschäftsgebarungen lassen, das heißt für jedeu, der eine Ahnung vom Zettelbankwesen hat, Mücken feigen und Elephanten verschlucken. Das zweite der interessanten Phänomene war, daß der im Saale gebliebene Regierungsreduer im Gegensatz zn zweimaligem Verhalten in der Kommission nun eifrig für die Rechtserweiterung der Provinzialbanken Partei ergriff, und zwar mit Argumenten, die an dieser Stelle nagelneu waren. Dreimal hatte die Reichsregiernng Gelegenheit gehabt, ihre Ansicht zu diesem Punkt zu motivieren. Dreimal hatte sie es uicht anders gethan als auf Grund des Bedürfnisfes, ein Gegengewicht gegen die Möglichkeit unbegrenzter Notenausgabe zu schaffe«. Niemals war ihr iu den Sinn gekommen, sich auf das Jnteresfe derer zu berufen, welche in der fraglichen Bestimmung nur die Erlaubnis sahen, eine Reihe von Geschäften weiter zu treiben, die nach dem grundlegenden Sinne der neuen Gesetzgebung ihnen versagt sciu sollten. Hatte der „Druck von außen", welcher so mächtige Proportionen in wenigen Tagen annahm, auch die Regierungskreise eingeschüchtert? Angesichts der verwirreudeu Gegensätze, die hier aufeinanderstoßen, ist die Frage erlaubt, wenu auch die Antwort nicht zu beschaffen. Die merkwürdigste von allen Kuriositäten war aber als dritte darin zu beobachten, daß die Vorkämpfer der Lizenz in diesem ihrem Akt selbst sich die Miene gaben, auch hier noch als die Advokaten Gottes gegen die Advokaten des Teufels zu plädieren. Sie behaupteten, daß es ihnen nur gelte, das Unglück zu verhüten, welches be- — 302 - vorstehe, wenn die fünf mehrbesngten Banken nicht auf ihr unbegrenztes Notenrccht verzichteten, und sie gingen darin so weit, ihre Gegner zn beschuldigen, dieselben handelten im Ernst für unbegrenzte Notenausgabe. Sie vergaßen dabei nnr drei Dinge: Erstens, daß ihre Gegner entweder aus strengen Kontingentierern bestanden, wie Unruh uud Laster, oder aus Anhängern der Reichsbank, welche für die Privatbanken keinerlei Gunst übrig hatten, am wenigsten für die von Bückeburg uud Sondershausen. Sie vergaßen zweitens, daß man die Leute in Fleisch und Bein hatte herumlaufen sehen, welche weder den? System der Gesetzgebung noch dem abstrakten Gemeingeist zn Liebe die Reise nach Berlin unternommen hatten. Sie vergaßen aber drittens lind hauptsächlich, daß, wie sie selbst in den gedruckten Motiven ihres Antrags (Siemens) in der größten Naivität gestanden, sie schwarz auf weiß beurkundet hatten, worum es ihnen zu thun war, nämlich darnm, daß eine Anzahl Banken, an die der Gesetzgeber bei Abfassung seines Textes nicht im Traume gedacht hatte, den bewußten Freibrief erhielten. Und das ist eben die „Moral von der Geschieht'"; denn auch diese, wie die von der Embryologie, hat ihre Moral nnd eine pikantere als jene. Fürst Bismarck hat einmal im Reichstag von der Notwendigkeit der politischen Heuchelei gesprochen. Mancher Biedermann nahm daran ehrlichen Anstoß, aber am lebhaftesten protestierten gewiß die, welche, in dnnkler Ahnung ihres inneren Untergrundes, die Aufrichtigkeit nicht so weit getrieben haben wollen, daß man auch die Notwendigkeit des Heuchelns eingestehe. Freilich darf nur ein Mensch von Bismarcks heroischer Gewalt — 303 — sich den Luxus eines solchen Geständnisses erlauben. Kleine Lente würde mau moralisch totschlagen, wollten sie ein solches Wagnis unternehmen. Und nicht blos; würden sie einen leichtsinnigen, politischen Selbstmord durch Übung solcher Offenherzigkeit begehen, sondern es rächt sich schon allemal im Kreis des öffentlichen Lebens der Grad von mittelbarer Aufrichtigkeit, welcher verschmäht, in ausdrücklichen Beteuerungen den großen und notwendigen Grundsätzen zu huldigen, welche die Teile zum Ganzen zusammenhalten. Denn der Mensch, welcher angeblich sich durch das Lachen vom Tier unterscheidet, verliert diesen Vorzug und wird zur „erusten Bestie", sobald er aus der Vereinzelung und Vergänglichkeit seines Individuums heraustritt und mit der Gesamtheit sich zu verstäudigeu hat. Das bedeutet der vielverspottete „Cant" der Engländer, welche nicht umsonst unsere Lehrmeister in politischen Dingen geworden sind. Auch wir, wie alle Völker, haben unseren parlamentarischen Cant, und wer dessen Ton nicht anschlagen kann, wird stets Einbuße an Wirksamkeit dafür zu leiden haben. Am glücklichsten arbeitet der in der Öffentlichkeit, welchem Natur zu Verstandes- und Charaktergaben den unerschütterlichen Glauben an sich und sein Verhältnis zur Welt mit auf den Weg gegeben. Doch auch die, welche nur aus dem Instinkt der Selbsterhaltung heraus sich angetrieben sühlen, bei allem Thuu und Lassen die Hand auf die Brust zu legen, haben für den Erfolg ein großes Stück voraus. Ju alledem waltet die weise Ordnung der Welt. „Du, mein Sohn, bist fromm und klug, Gottessürchtig, stark genug, Und es wird dir wohl gelingen. Jenen Joab umzubringen." — 304 — Als ich beobachtete, mit welcher Andacht zugehört wurde, während einige strenge Kontingentierer in feierlichem Ton ihre lockeren Grundsatze in Sachen der Privat-Zettel- banken vortrugen, fiel mir, zu meinem Unglück, wieder eine alte Geschichte ein von einem Gascogner und einem Normannen. Der Normanne trug eine gewaltige Aufschneiderei vor. „Ach," seufzte der Gascvguer, „sind Sie glücklich, mein Herr! Ich, mit meinem Accent, könnte niemals wagen, dergleichen zn erzählen." Hatte die Zeit zwischen dem Abschluß der Kommissionsberatung und der zweiten Lesung dem Einfluß der besonderen Interessen, dem Druck vou außen gehört, so gewann nach der lebhaften Debatte im ganzen Hause wieder das Bewußtsein und das Gewissen des großen Ganzen die Oberhand, und das Gefühl drängte sich auf, daß man im Begriff gewesen war, etwas recht Unverantwortbares zu thun. Daraus auch allein ist zu erklären, daß der Bundesrat, gegen seine Gewohnheit nnd gegen alle Regeln der Klugheit, sich dazu hergab, den Fehler sich aufhalsen zu lassen, zu welchem sein Redner die eine Hälfte des Hauses mit hatte verleiten helfen. Die Bresche ward nicht vollendet, welche der Antrag Siemens ins Bankgesetz zn legen gemeint hatte. Statt ihrer ward nur eine Hintertür angebracht, zu welcher der Schlüssel dem Bundesrat anvertraut ist. Wird dieser sein Pförtnernmt gewissenhaft verwalten? Wenn es ihm gelingt, so verdient er, daß man ihm ein Kompliment mache. Denn wir haben es ja erlebt, daß es nichts Kleines ist, dem Andrang der kompakten Privatinteressen Widerstand zn leisten. Nicht etwa, weil Integrität dazu gehört! Denn wer wollte glauben, daß, wie in parlamentarischen, so auch in gonvernementalen Gebieten, die Privatinteressen bei uns anders wirken, als durch atmosphärischen Druck auf die Empfindung und Vorstelluug der — 305 — von ihnen Belagerten? Aber gerade diesem Druck zu widerstehen, möchte der Reichsregierung um so schwerer fallen, weil jeden Augenblick die Versuchung wiederkehren wird, durch ein finanzwirtschaftliches Zugeständnis an einen Kleinstaat irgend eine politische Konzession von demselben zu erkaufen. Man hat es vielfach mit Anerkennung konstatieren hören, daß in der Bankfrage die politischen Gegensätze sich vollständig durcheinandergewürfelt fanden, und man hat daraus schließen zu müssen geglaubt, daß die reiu sachliche Beurteilung die Haltung des einzelnen bestimmt habe. Zur Illustration der Schattierungen, unter deren Vorbehalt diese Auffassung gelten darf, diene ein persönliches Erlebnis. In der Vorhalle des Sitzungssaales erging sich ein besonders heißsporniges Mitglied des Zentrums mit mir im Gespräch über die Tagesfrage der Verhandlung und malte mir noch einmal privatim seinen Abscheu vor allem, was Banknote sei, in den blutigsten Farben. — „Aber mein Bester," frug ich ihn, „wenn Sie so strenge Grundsätze haben, wie konnten Sie dann für den Antrag Siemens stimmen?" — „Ach, Kollege," — erwiderte er — „wissen Sie, wenn doch einmal solche Papierchen gemacht werden sollen, so mögen doch auch die guten Leute auf dem Lande etwas davon habeu, die Hypotheken auf ihre Güter brauchen." — Das Bankgesetz, trotz der Ausstellungen, welche von dieser oder von jener Seite im einzelnen an ihm gemacht werden mögen, bezeichnet einen der größten Fortschritte in deni Gesamtleben der deutschen Nation. Der Vvrwurf, daß es zu rasch gefördert wordeu wäre, kann als ganz unbegründet zur Seite geschoben werden. Seit dem Ende des Jahres 1871, welches uns das Gesetz über die Einführung — 306 -- der Goldwährung brachte, bis zum Ende des Jahres 1874, volle drei Jahre hindurch, hat das Problem dieser Lösung unablässig dem Nachsinnen aller dazu Berufenen vorgeschwebt als die notwendige Form des Abschlusses für die ganze Ordnung des deutschen Verkehrssystems. Während der letzten sechs Monate hat dasselbe Problem unaufhörlich die Kräfte aller Beteiligten in Spannung gehalten. Zwei Monate lang unterlag es der parlamentarischen Behandlung. Daß ein so vorbereiteter Stoff nur gewinnen kann, wenn der letzte Guß schließlich in eifriger Anstrengung mit größter Schnelligkeit vollzogen wird, mag nur dem entgehen, der nicht weiß, wie nach langer, vorsichtiger Bereitung eine Materie desto besser in die Form gelangt, je mehr die Masse in Fluß gebracht und das Fließende, so lange es noch glüht, fest gestaltet wird. Alles, was auch die längste Zögerung hätte herbeiführen können, ist in die Erwägungen aufgenommen, uud wer da meint, langsam leisten sei viel leisten, zeigt wenig Vertrautheit mit den besonderen Kräften, die zur fruchtbaren geistigen Arbeit verwandt werden. Mit dem Bankgesetz ist der dreifache Kreis geschlossen, in dem das Geldsystem des deutschen Reichs ruhen und sich entwickeln soll. Es vollendete im Januar 1875, was die Goldwährung und die Münzeinheit durch die Gesetze vom 4. Dezember 1871 und vom 23. Juni 1873 begonnen und fortgesetzt hatten. Allerdings fehlt zu diesem Bau noch das wichtigste, der Teil der Ausführung, welcher erst durch Verkündung der vollen Goldwährung ins Leben tritt und seinen Ausdruck findet in dem ersten Absatz des Artikel 9 des Münzgesetzes, lautend: „Niemand ist verpflichtet, Reichssilbermünzen im Betrag von mehr als zwanzig Mark und Nickel- — 307 — und Kupfermünzen im Betrag von mehr als einer Mark in Zahlung zu nehmen." So lauge diese Bestimmung nicht in volle Kraft gesetzt, stehen unser Münz- wie unser Bankgesetz, ihrer Wesenheit nach, nur auf dem Papier. Die Reichsregierung hat die Aufgabe, diesen Zeitpunkt zu bestimmen, trägt die Verantwortlichkeit für die Wahl dieses Augenblicks. Hat sie bis jetzt darin mit dem richtigen Blick geurteilt und gehandelt? Der Finanzminister von Preußen, welcher offenbar das größte Gewicht in die Wagschale zu werfen hat, glaubte im Beginn der jüngsten Debatte der von ihm nicht allzuschonsam behandelten Geschäftswelt den Borwurf machen zu sollen, sie sei „leichten Herzens" in die Goldwährung hineingegangen. Im Laufe derselben Debatte ist es ihm jedoch geschehen, daß ihn die Gewohnheit, sich selbst zu zitieren, auch zur Vorlesung einer Rede verführte, in der er selbst am 8. Mai 1873 von der „spielenden Leichtigkeit" gesprochen, mit welcher die Münzreform in manchen Beziehungen (und hier konnte doch nur die Goldanschaffung gemeint sein) auszuführen sei. Ob nicht auch ihm das Herz nach und nach ein wenig schwer geworden? Ob der Moment der „spielenden Leichtigkeit" von ihm wahrgenommen und mit der richtigen Thatkraft ausgenützt worden? — Das muß man ihm einräumen, daß er einen Gedanken stets festgehalten: Der preußische Finanzminister ist nämlich, seitdem er dem großen Werke der Münz- und Bankreform von Ende 1871 an vorsteht, offenbar von der Annahme ausgegaugeu, daß, um dem auszumünzenden Golde Platz zu machen, nur das umlaufende Papier zu vermindern sei, kaum aber, weun überhaupt, das Silber. Doch auch hier hat er wieder eine Ausnahme eingeschaltet zu Gunsten des Staatspapiergeldes. 20* — 308 — Seine Müßigkeitsgruudsätze haben dieses verschont und ihr strenges Antlitz nur den Banken zugekehrt. Er hat sich dem Glauben überlassen, daß unser Vorrat au Silber nicht zu groß sei, um künftig nach Inkrafttreten des Art. 9 des Münzgesetzes als Scheidemünze im Lande zu bleiben. Damit verbunden war natürlich die für ihn lockende Aussicht, wenig Silber aus Ausland verkaufen, wenig Verlust gegen das nominale Verhältnis von 15Vs zu 1 im Umtausch gegen Gold erleiden zu müssen. Kouseauenter- weise wurde daher auch verschmäht, ansehnliche Partien Silber zu verkaufen, zur Zeit, da dessen Preis noch bedeutend höher staud als jetzt; Wohl auch hing mit dem Glauben an dies fortdauernde große Bedürfnis nach Silber zusammen die Ansicht, daß man sich wegen der zu beschaffenden Goldvorräte nicht allzusehr auzustreugeu brauche. Der Schnitt in die Papierzirkulatiou der Banken, die Begrenzung ihrer Noten auf den Minimalbetrag von hundert Mark und die fünfprozentige Kontingentierung sollten im wesentlichen die Unkosten der Münzreform bestreiken. Es muß sich jetzt zeigen, ob die Rechnung richtig war. Die Banknoten sind beseitigt, und nach dem System, welches beliebt worden, ist kein Grund mehr vorhanden, die Inkraftsetzung des Art. 9 des Müuzgesetzes noch lauge zu verzögern. Diese Vollendung der Dinge ist um so sicherer herbeizurufen, als, auch für den Fall, daß die zu Gruude gelegte Rechnung nicht stimmen möchte, die stärksten Motive dazu drängen, ans dem verhängnisvollen Provisorium herauszukommen, dessen unbestimmte Dauer nur wachsende Mißstände uud Verwirrung heraufbeschwören kann. Stimmt die Rechnung des preußischeil Fiuanzministcrs, so ist Anfang 1876 der Moment gekommen, ihr Resultat zu ziehen; stimmt sie nicht, so kann nur die Probe auf die — 309 — Wirklichkeit der lebendigen Verhältnisse ihn und uns eines anderen belehren und zu denjenigen Maßregeln hinführen, welche der Reichstag im Auge hatte, als er behufs Durchführung der Münzreform einen — unbenützt gebliebenen — Kredit von fünfzig Millionen Thalern eröffnete, weil er, abweichend von dem preußischen Finanzministerium, zu der Ansicht neigte: die Zahl der umlaufeuden Papiere auf das richtige Maß zurückzuführen, werde es nur eines Gesetzes bedürfen; zur richtigen Reduktion des Silbers und Anschaffung des Goldes aber bedürfe es großartiger und entschlossener Operationen, bei denen mit dem Sparsystem allein nicht auszukommen sei. Die wahre Probe auf das Vertrauen, daß wir nicht zu viel Silber besitzen, ist zu liefen? dadurch, daß man den Artikel 9 des Münzgesetzes in volle Wirksamkeit bringt,*) dessen zweiter Absatz, in Ergänzung des bereits erwähnten ersten, lautet: „Von deu Reichs- und Landeskassen werden Silbermünzen in jedem Betrage in Zahlung genommen. Der Bundesrat wird diejenigen Kassen bezeichnen, welche Reichsgoldmünzen gegen Einzahlung von Reichssilbermünzen in Beträgen von mindestens 200 Mark oder von Nickel- und Kupfermünzen in Beträgen von mindestens 50 Mark auf Verlangen verabfolgen. Derselbe wird zugleich die näheren Bedingungen des Umtausches festsetzen." Lebt die im Reiche maßgebende Autorität des Glaubens, daß nicht, auf Gruud der durch obige Bestimmung gegebenen Möglichkeit, überschüssige Silbermünzen zu einer über die Vorräte hinausgehenden Einwechselung sich herandrängen und damit die Reichskasse in Verlegenheit bringen ") d. h. nachdem auch die Thaler zu Scheidemünzen erklärt find. — 310 — können, so muß sie es beweisen, indem sie den Artikel 9 des Münzgesetzes seinem ganzen Umfang nach für den 1. Januar 1876 publizieren, d. h. das Münz- und Bankgesetz bis dahin zur vollen Wahrheit werden läßt. Mit Gewißheit vorauszusagen, ob sie im Wahren oder im Irrtum sei, ist nicht möglich, wird auch von ihr selbst nicht beansprucht. Einiges Wagnis wird stets mit einstießen müssen. Aber das Gelingen ist so sehr zu wünschen, daß man nicht sich soll beikommen lassen, ihm mit Zweifeln den Weg zu vertreten. '. Die Entthronung eines Weltherrfchers.' ') Aus der .Deutschen Rundschau", 3. Jahrgang. Heft 2. 137S, Seite 27S. Vorbemerkung. (Zu den zwei folgenden Abschnitten.) ^)iese beiden Abhandlungen liefern einen Ausblick nach Vorwärts in den Kampf um die Mährung, welcher in den seit der Abfassung verflossenen zwei Jahrzehnten so große Dimensionen angenommen hat. Sie bieten mehr als ein lediglich historisches Interesse, weil sie an der Schwelle der großen kulturgeschichtlichen Evolution beinahe alle Fragen aufwerfen, welche im Verlauf des langen folgenden Zeitraums zur Sprache gekommen sind und in ihrer Argumentation die Probe auf die Richtigkeit der zum Ausdruck gebrachten Ansichten anzustellen ermöglichen. In allen Hauptsachen hat der Gang der Thatsachen die hier vorausgesagte Entwicklung noch viel schneller und entschiedener gezeitigt, als ich erwartet hatte. Die Fehler, welche durch zu kleinliche und langsame Behandlung der Silberabstoßung im Deutschen Reich begangen wurden und denen die im Jahre durch den Fürsten Lismarck veranstaltete unverdauliche Thorheit der Einstellung der Silberverkäufe die Krone aufsetzte, die durch Professor Süß in Schwung gekommene Prophezeiung eines demnächst bevorstehenden versiegen? der Goldproduktiou sind hier gerade so gewürdigt, wie sie sich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre herausgestellt haben. Die vergleichung der zur Zeit ihres ersten Auftretens vielleicht kühn erscheinenden Auffassung mit dem heutigen Stand der Dinge mag zur Beleuchtung des theoretischen Streits einen nicht überflüssigen Beitrag liefern. Dezember ^8zs. L. R. Auch alle Trinkgeschirre des König Salomon waren golden und alle Geschirre im Hause des Waldes Libanon waren feines Gold, denn zu den Zeiten Salo- mons achtete man das Silber gar nicht. ) bedeutend leichter, während sie der Münze denselben Namen ließen. Indem das Kupfer oder Erz blos Scheidemünze, d. h. fiktives Geld wurde, konnte man ihm beliebige Gewichtsteile entziehen, ohne seine Essenz anzugreifen, und indem man es that, gehorchte man dem Bedürfnis nach mechanischer Erleichterung des Verkehrs. Etwas Ähnliches haben die schweren französischen Sous- stücke der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erfahren. Doch viel bedeutsamer ist die analoge Erscheinnug aus dem Gebiete der Münzen aus Edelmetall. Noch heute bedient sich das Leben znr Bezeichnung der bekanntesten Münzen solcher Namen, die zu deren Gehalt im Widerspruch steheu. Eiu merkwürdiges Exempel dafür liefert unser deutscher Gulden, der, wie der Name besagt, ursprünglich golden war (Florin die betreffende alte Florentiner Goldmünze). Eigentümlich ist ferner, wie das Pfund (Libra, Livre, Pound), ursprünglich das effektive Gewicht der Münze bezeichnend, sich als bloßer Münzname erhalten hat; das römische as 1idra1i8 oder 1ivrg,rius, zuerst wirklich ein römisches Pfund schwer, kommt schon früh von 12 auf 10 Unzen, dann auf 4 (ss trikutgUs). Das englische Pfund Sterling war im Anfang ein Pfund Silber, die französische Livre war das Pfund Silber Karls des Großen, das allmählich zu seinem sechs- undsiebenzigsten Gewichtsteil herabschmolz, denn der Franc der Revolution war um eine Schwebung der alten Livre — 334 — gleich, und noch heute hat der Sprachgebrauch namentlich in gewissen Verbindungen die alte Bezeichnung beibehalten. Ähnliche Schicksale erlebten die bekanntesten Goldmünzen des Altertums, der Dareikos und der Aureus. Die meisten dieser Herabmiuderungen entsprangen allerdings der Not oder der betrügerischen Absicht der Regierungen, welche, den alten Namen bei verringertem Gewicht beibehaltend, einen künstlichen Wert schaffen zu können vermeinten. Aber auch die besser beratenen Münzreformatoren späterer Zeiten kehrten niemals zn den schweren Gewichten älterer Perioden zurück, sondern huldigten dem Bedürfnis der modernen Welt, indem sie unter dem alten, schweres Gewicht bedeutenden Namen leichtere Münzen schufen. Das Bedürfnis nach einer leichten und weuig umfangreichen Münze sicherte dem Golde die Vorliebe der weiterschreitenden Gesellschaft. Aber damit allein war das gleichberechtigte Nebeneinandergehen von Silber und Gold noch nicht gefährdet. Diese weitere Folge wurde erst herbeigeführt, als die potenzierte Selbstbeobachtung der modernen Menschheit das wirtschaftliche Problem dieser Gleichberechtigung zu zergliedern begann. Die ganze Präokkupation entstammt neuesten Zeiten. Allerdings haben gewisse äußere Vorkommnisse dazu mitgewirkt, die Frage anzuregen. Aber wesentlich erwuchs sie aus der Arbeit des reifenden ökonomischen Gedankens. Das bloße Schwanken des gegenseitigen Wertverhältnisses zwischen beiden Metallen gehört dem Bewußtsein bereits der ältesten Zeiten an. Zahlreiche Gesetze, unter denen am häusigsten das den Goldwert reduzierende Edikt von Medina (Jsabellas der Katholischen) erwähnt wird, befaßten sich mit Abänderung und Festsetzung desselben. Aber die Frage, ob eine solche Fixierung zu dem Zweck einer gleichberechtigten Zirkulation überhaupt statthaft sei, datiert erst vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts. — 335 — Selbst Adam Smith, der Inbegriff und die Summe alles wirtschaftlichen Denkens seiner Zeitgenossen und Nachfolger, übergeht das Problem noch mit Stillschweigen. Die Polemik der älteren Nationalökonomen hatte vor allem die Fälschungen zu bekämpfen, welche den Wert des Geldes künstlich von dem Wert des Metalls loslösen zu können glaubten. Zu der Frage des Kondominats beider Metalle standen sie meistens ahnungslos, obgleich auch einzelne Ausnahmen zitiert werden, vor allem der Philosoph Locke, der sich in den klarsten Wendungen und mit der noch heute maßgebenden Begründung gegen die Doppelwährung erklärt. Der unverdrossene Rationalismus der Revolutionsgesetzgebuug ist zum erstenmal auf den Grund der Sache gedrungen und hat sie im Priuzip ganz logisch richtig entschieden. Mirabeaus bekannte Denkschrift vom 12. Dezember 1790 behandelt auch diesen Gegenstand mit einer Meisterschaft, die noch heute unsere Bewunderung erregt. Seitdem das Thema der Doppelwährung wieder in den Vordergrund der Tageslitteratur getreten, ist auch aus der Folgenreihe der gesetzgeberischen Verhandlungen zur Genüge der Beweis geliefert worden, daß die französische Münzverfassuug der neunziger Jahre, welche mit dem bekannten Gesetz vom 7. Germinal XI. abschließt, durchaus nicht in den Fehler verfiel, zwei gleichberechtigte Metalle mit unveränderlichem Gegenseitigkeitsverhältnis zugrunde zu legen, sondern daß sie von rechts- wegen die Silberwähruug, den Franken mit dem Feingehalt von 41/2 Gramm Silber, als die fundamentale Einheit des Systems hinstellte, dem gegenüber das Gold einen variablen Wert haben sollte. Eine Periode geringer Schwankungen zwischen beiden Metallen, welche erst durch die Entdeckung der kalifornischen und australischen Goldfelder plötzlich unterbrochen wurde, hatte die am Ende des Jahrhunderts mit so viel Scharf- — 33« — sinn erörterte Frage wieder der Aufmerksamkeit entrückt. Die englische Münzregulierung von 1816 blieb eine innere Angelegenheit, und in Frankreich vergaß die von störenden Thatsachen verschonte Praxis, daß der Gesetzgeber mit dem Verhältnis von 15^/2 zu 1 nicht ein Ewiges zu stabilieren gemeint hatte. Doch darf nicht unerwähnt bleiben, daß von 1807 an die Tendenz leise auf ein Steigen des Goldes ging; die Abweichung im Gegenseitigkeitsverhältnisse erreichte das Maximum von 1 zu 16^4, und das Gold verschwand immer mehr aus dem französischen Verkehr bis gegen das Ende der fünfziger Jahre. Aber selbst das Hereinbrechen des kalifornisch-australischen Goldstromes regte nur mittelbar zur Erörterung des eigentlichen Problems an. Auch damals ging der erste Impuls einseitig auf Abschaffung des einen Münzmetalls, des Goldes, weil man seine starke künftige Entwertung befürchtete. Aber indem diesem Vorgang andere Thatsachen bald widersprechender, bald bestätigender Art nachfolgten, und die ohnehin in Gärung befindliche Wiffenschaft durch alle diese konträren Bewegungen noch mehr aufgerüttelt wurde, entwickelte sich aus dem gleichzeitigen äußeren und inneren Prozeß diejenige Gedankenarbeit, der allein es zuzuschreiben ist, daß zum erstenmal in historischen Zeiten grundsätzlich und auch praktisch vor der ganzen zivilisierten Welt die Frage ausgeworfen wurde: ob vernünftigerweise die beiden Edelmetalle gleichberechtigt nebeneinander als Münze zu brauchen seien. Auf jedem Flecke zivilisierter Erde, auf welchem die beiden Metalle sich aneinander reiben, entbrennt stets hitziger der Streit: ob nicht das eine dem andern weichen müsse, und iu derselben Minute, in welcher dies Muß entschieden, ist auch die Frage, welches von beiden als das schwächere dem andern zu weichen habe, gelöst. Wie lange die asiatischen Völker, welche, tausendjähriger Überlieferung — 337 — gehorchend, im Wesentlichen noch mit der einfachen Silberwährung leben, sich bei dieser beruhigen wollten und würden, wenn einmal die herrschenden Handelsnationen das Silber zur Scheidemünze degradiert hätten, auch das wäre höchst wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Hauptsache ist und bleibt, daß der Widersinn einer Münzverfassung, welche das Unmögliche möglich machen will, an der Wirklichkeit zerschellt und vor dem Verstände entlarvt ist. Zwei Materien ihr gegenseitiges Wertverhältnis für alle Zukunft vorschreiben wollen, obgleich die wertbestimmenden Faktoren bei zweierlei Dingen sich von selbst verschieden gestalten und daher ein stets wechselndes Verhältnis zur Folge haben müssen, das ist ein Verkennen der Grenze, welche dem menschlichen- Können von der Natur der Dinge gezogen ist. Die Geschichte der wirtschaftlichen und insbesondere der Münzgesetzgebung ist die eines fortwährenden Kampfes zwischem dem Gesetzgeber und dem sich gegen seine künstlichen Vorschriften empörenden Gang der Weltgeschäfte. So oft hier die Natur der Dinge obsiegt, so oft siegt der Fortschritt. Und wir sind jetzt an dem großen Wendepunkt angelangt, in welchem, was lange vorbereitet war, unwiderstehlich zum Durchbruch kommt. Eine Beste nach der anderen streckt die Waffen, der hartnäckigste Widerstand ist erschöpft. Hie und da sucht ein durchaus nicht verzweifeln Wollender in der Hoffnung Trost, daß etwas auftauchen werde (ZorasttiillA v?iI1 turu uv), um ihm schließlich doch wieder Recht zu geben; oder ein Wunderdoktor schmeichelt sich, mit antithetischen Salbadereien im Stile Victor Hugos die exakte Wissenschaft zur Umkehr zu überreden. Doch alles vergeblicher Kampf auf verlorenem Posten. Nichts ist belehrender und bezeichnender in diesem Gang der Dinge, als der Weg, den Frankreich dabei zurückgelegt hat. Dies merkwürdige Land, in seinem Denken zum vollendeten kudioig Bambergcr's Ges. Schriften. lV. Z2 — 338 — Rationalismus zugespitzt uud doch zugleich mit scheuer Ehrfurcht und Furcht der Routine opfernd, hat, nachdem zuerst seine Gesetzgeber und Gelehrten das Richtige aufgestellt, mehr als alle andern mit der trägsten Zähigkeit an der falschen Überlieferung festgehalten. Zoll um Zoll mußte sich die Wahrheit deu Boden erkämpfen. Im folgenden Kapitel soll geschildert werden, wie überall niit wachsender Gewalt in jüngster Zeit die richtige Erkenntnis sich Bahn gebrochen und von der wirklichen Welt Besitz ergriffen hat. Nicht aus dem Schacht der Comstock-Minen, sondern aus den: strengen Denken der europäischen Bildung ist die große Katastrophe hervorgegangen. III. Es liegt nur ein Jahrzehnt zwischen heute und der Zeit, da die Aufgabe einer rationellen Münzreform Gegenstand europäischer Verhandlung wurde. Das zweite Kaisertum hatte, bei allem, was ihm Unechtes innewohnte, doch lebhaften Sinn für Ideen, die über die Enge und Voreingenommenheit französischer Überlieferung hinaus gingen. Aber diese erweiterte Anschauung unterlag in den meisten Fällen der zähen Tradition, die bis auf den heutigen Tag in den „Büreaus" herrscht. Durch den Vertrag vom 23. Dezember 1865 war die später sogenannte lateinische Münz-Konvention begründet worden zwischen Frankreich, Italien, Belgien und der Schweiz. Schon damals drängte sich, sobald man über eine durchdachte Münzvcrfasfung zu beratschlagen anfing, die Erkenntnis auf, daß es nur eine Lösung gäbe, nämlich die ausschließliche Goldwährung. Aber schon damals scheiterte der Vorschlag au dem auf fran- — 339 — zösischer Seite vereinigteil Widerstand der Routine und der großen Geldmächte. Vergebens kämpften die Delegierten der drei anderen Länder mit allen Gründen der Wissenschaft und Erfahrung, vergebens kamen ihnen hohe französische Autoritäten zu Hilfe: die Vertreter des geheiligten Herkommens blieben die stärkeren, und das Gesetz vom Jahre 1803, noch dazu falsch ausgelegt, ward als der Weisheit letzter Schluß die Basis der neuen Übereinkunft. Das Verhältnis des Silbers zum Golde sollte bis zum Jahre 1880 lauf so lange läuft die Konvention) unwandelbar feststehen. Wenn dieses Unterfangen schon damals auf starken Widerspruch stieß, so kann man daraus entnehmen, daß die richtige Lösung des Problems nicht erst durch den hereindringenden Silberstrom herbeigeführt worden ist. Damals im Gegenteil lebte man noch unter dem frischen Eindruck der Silberklemme, welche, durch den amerikanischen Sezessionskrieg hervorgerufen, jahrelang Europa in Verlegenheit gebracht hatte. Denn das Preisverhültnis auf dem Metallmarkt stand dazumal wie 1 zu 15,33 (Silberpreis 61^/2 die Unze, ein Prozent günstiger für Silber als das Normalverhältnis 1 zu 15^/2). Zwei Jahre darauf, unter der Konstellation der Weltausstellung von 1867, ward der schon vorher angeregte Gedanke, die sämtlichen Knlturstaaten dies- und jenseits des Ozeans zum Einverständnis über eine Weltmünze zu bringen, auf Frankreichs Veranstaltung hin einem eigens dazu berufenen Kongresse unterbreitet. Die lateinische Münz-Konvention sollte, nachdem man eine gemeinsame Grundlage gesunden, zu einer die Welt umspannenden erweitert werden. Auch in diesen Verhandlungen sprach sich die große Mehrheit für die reine Goldwährnng aus; nnr die Frage der Gewichtseinheit, welche der gemeinsame Maßstab werden sollte, gedieh nicht zur Reife; weder wollte England noch wollte Amerika von 22* — 340 — seinem mit allen Zuständen verwachsenen Münzfuß lassen; Preußen beobachtete eine seinem Charakter entsprechende Zurückhaltung, und Österreich-Ungarn im natürlichen Gegensatz dazu schmiegte sich möglichst nahe an Frankreich an, indem es Goldmünzen auf dem Zwanzigfrankenfuß zu Prägen übernahm, als Vorbereitung eines Anschlusses an den lateinischen Bund. Mit dem praktisch ergebnislosen Auseinandergehen des internationalen Kongresses konnte aber eine wiederholt und lebhaft in Betracht gezogene Frage nicht ohne weiteres liegen bleiben. Frankreich selbst mußte sich klar werden, wie es sich zur künftigen Entwicklung der Diuge zu stellen habe. Einflußreiche Männer, zugleich die höchsten Sachverständigen, eine Reihe von Handelskammern mahnten immer wieder an die UnHaltbarkeit des bestehenden Zustands; und, diesem Andrang gehorchend, wurde eine Untersuchung (Dnqnßw) veranstaltet, welche, von Ende 1867 bis in den Anfang des Jahres 1876 hinein arbeitend, eine Masse Material, teils wertlos, teils wertvoll, zusammentrug. Die schließliche Abstimmung dieser französischen Versammlung war abermals der Sieg der einfachen Goldwährung mit 17 Stimmen gegen 6. Trotz aller Niederlagen im Kampf der Meinungen erhielt sich der ono der Doppelwährung unverändert. Aber selbst als die Wucht der Thatsachen mit handgreiflichem Ernst auf ihn eindrang, wollte er sich nicht erschüttern lassen. Bald nach dem Ende des großen Krieges begann der Preis des Silbers auf dem Weltmarkt zurückzugehen. Deutschlands mutiger Gedanke einer radikalen Umbildung seines Geldsystems war eine der vielen mitbestimmenden Ursachen bei diesem Rückgang. Wir werden weiter unten Gelegenheit haben, sie allesamt aufzuzählen. Jedenfalls war Deutschlands Einfluß nur moralischer Natur, denn — 341 — leider blieb die Ausführung der Reform in ihrem Gang hinter der entschlossenen Konzeption, von der sie eingegeben war, in beklagenswerter Weise zurück. Auch in Deutschland gab es Leute, welche sich von ihrer angestammten Anhänglichkeit an das Silber nicht losmachen konnten und stets darauf rechneten, die Vorsehung werde es zu seinem alten Glänze zurückführen. Viel mehr Eindruck als unser isolierter Entschluß machte in der Welt die Beobachtung, daß andere Länder sich anschickten, unser Beispiel zu befolgen. Diese Nachahmung war bei der großen UnPopularität, die dem deutschen Namen unter den Völkern anhaftet, um so merkwürdiger. Und wenn es schon überhaupt wenige giebt, ans die wir einige Anziehungskraft auszuüben uns schmeicheln können, so waren unsere Nachahmer in diesem Falle gerade solche, bei denen wir von lange her und namentlich seit den letzten Jahren einer besonderen Ungunst genossen. Dänemark, Schweden und Norwegen auf der einen Seite, Holland auf der andern gaben durch ihr Vorgehen der Welt zu verstehen, daß Deutschland nicht einer theoretischen Schrulle gehuldigt, sondern eine Bahn betreten hatte, in welche aus innerer und äußerer Notwendigkeit später oder früher jeder vernunftgemäß regierte Staat wird einlenken müssen. Und zwar waren die skandinavischen Königreiche auf einem Wege zu ihrem Entschluß gelangt, der von dem der Holländer ganz abseits lag. Jene haben, ähnlich wie Deutschland, aus freien Stücken sich zunächst zur Herstellung eines einheitlichen Münzwesens ermannt und sind bei dem Nachdenken über die hierbei zugrunde zu legende Wahrheit gleichmäßig wie wir zur Einsicht gelangt, daß etwas anderes als die reine Goldwährung nicht denkbar sei, sobald überhaupt einmal reformiert werden solle. Anders kam die Sache in den Niederlanden; hier läßt sich eher eine Verwandtschaft mit der Entwicklung — 342 — der Dinge in Frankreich erkennen. Nicht der selbständige Wunsch nach Reform, nicht die Verwertung theoretischer Erkenntnis, sondern der Druck der faktischen Bedrängnisse schob die Gesetzgebung vorwärts. Holland besaß die reine Silberwährung, uud ganz folgerichtig hatte es den Privaten die Freiheit gegeben, Barren zu Münzen ausprägen zu lassen. Sobald der Silberpreis namhaft herunterzugehen anfing, drängten sich natürlich die Barren zu, um sich in Gulden zu verwandeln, und das Königreich ging der Gefahr entgegen, einen Geldumlauf bei sich anwachsen zu sehen, der in dem Maß sich steigern mußte, als das zu seiner Herstellung dienende Metall an Wert verlor. Die aus einer solchen Bewegung sich erzeugenden Mißstände führten so unmittelbarerwcise zu handgreiflichen Verlegenheiten, daß für theoretisches Besinnen über die Metall- und Münzpolitik nicht lange Zeit übrig blieb. Man mußte die Thür schließen, um nicht Land und Leute in Zuknnft großen Verwirrungen und Verlusten auszusetzen. Auch hier, wie später in Frankreich, erhob sich die Gesetzgebung nicht auf einen Schlag zur Erkenntnis der definitiven Umgestaltung, welche den unvermeidlichen Schluß der großen Wandlung bildet. Vorläufige Maßregeln und abwartende Betrachtungen mußten zunächst ausreichen, um den unabweisbarsten Mißständen des Augenblicks zu entgehen. Hollands Widerstreben gegen eine sich dem Silber entschieden abwendende Münzpolitik lag in der Natur der Sache. Es hatte erst vor einem Vierteljahrhundert die Goldwährung abgeschafft, und seine großen Kolonien, die in ihrer Art noch wichtiger für seine gesamte Wirtschaft sind als das indische Reich für die Wirtschaft Englands, sind wie der ganze ferne Osten noch eng mit der Silberwährung verwachsen. So entschloß man sich also, in der Hoffnung, einer endgiltigen Umkehr noch zu entrinnen, zu einer provisorischen Verfügung, Im Jahre 1873 trat die holländische Gesetzgebung ihren Rückzug an, ganz genau mit der ersten Viertelsschwenkung, die wir vor kurzem auf französischem Boden vollziehen sahen, nnd genau mit demselben Erfolg. Die Regierung ließ sich durch die Kammern bloß die fakultative Ermächtigung geben, die Münzanstalt nach eignem Ermessen dem Silber zu sperren. Aber es dauerte nicht lange, so wurde praktisch daraus und mußte werden eine absolute Unterdrückung des Silberprägerechts, wenigstens für die Privaten und das Mutterland. Zunächst, und die abwartende Stellung noch weiter charakterisierend, ließ sich das Ministerium jene Autorisation nur auf zwei Jahre bewilligen. Aber vor Ablauf derselben hatten die Dinge, statt der Hoffnung auf Rückkehr der alten Verhältnisse zu entsprechen, sich nur weiter von denselben entfernt, und die Erlaubnis mußte um zwei Jahre verlängert werden. Zu gleicher Zeit war es aufs empfindlichste fühlbar geworden, daß mit dem bloß negativen Verhalten nicht auszukommen war. Die Entwicklung drängte durch ihre eigene Gewalt zu positiven Veranstaltungen, und diese konnten auf nichts anderes hinauslaufen als auf die Wiedereinführung der Goldmünze.*) Doch abermals gab man die Vorbehalte nicht auf, souderu entschloß sich nur, durch eine zweite Viertelsschwenkung bis zur halben Umkehr vorzugehen. Während die Regierung sich zum Einstellen der Silberprüguug auf zwei weitere Jahre ermächtigen ließ, legte sie zugleich ein Gesetz über Ausprägung von Goldmünzen vor, welches Holland auf den Standpunkt brachte, auf dem das Deutsche Reich nach dem ersten Gesetz ") Die eigentümliche Physiognomie und den ganz besonders belehrenden Verlauf dieser Entwicklung habe ich im fünfzehnten Abschnitt meines „Reichsgold" ausführlicher geschildert. — 344 - von 1871 über die Ausprägung von Reichsgoldmünzen sich befand: eine noch fortdauernde, aber auf den vorhandenen Bestand eingeschränkte Silberzirkulation und daneben in bestimmtem Wertverhältnis eine dehnbare Goldausprägung. Aber auch dieser zweite und dritte Schritt konnte so wenig einen befriedigenden Abschluß herbeiführen, wie wir bei unserem ersten Gesetz von 1871 hätten stehen bleiben können. Vor Ablauf des zweiten provisorischen Termins sah sich die holländische Regierung in die Notwendigkeit versetzt, den letzten Schritt zu thun, das Silber als grobe Münze abzuschaffen. Das thut ein bis jetzt nur noch als Entwurf für die nächste Sitzung der Kammern ausgearbeitetes Gesetz.*) Wenn jemals das, was die Verstandesträgen oder noch viel öfter die Interessierten eine „Theorie" nennen, ohne jede dialektische Überredungskunst und nur durch die Naturgewalt der äußeren Umstünde sich den Weg in die Welt gebahnt hat, so ist es hier geschehen; und es läßt sich kein Vorgang denken, welcher für die Unaufhaltsamkeit der noch im Fluß befindlichen Entwicklung dieser Dinge einen stärkeren Beweis enthalten könnte, als diese durch die Thatsachen erzwungene Bekehrung eines durch alle Ideen- und Jnter- essenverbindungen zum Widerstehen aufgelegten und seinen Widerstand nur zollweise aufgebenden Staatswesens. Frankreich hat die erste Hälfte derselben Erlebnisse durchgemacht, und was es uoch uicht erlebt hat, das steht ihm bevor, so sehr auch die dort viel mächtigeren Einflüsse der Routine und des Eigennutzes sich sträuben mögen. Der Friede von 1871 fand Frankreich in der Münzverfassung, welche der Krieg geschaffen hatte, mit einem *) welches aber mit einer Mehrheit von wenigen Stimmen von den Gencralstaaten abgelehnt ward. — Z45 — Umlaufsmittel, das zum wesentlichen in den mit Zwangskurs versehenen Noten der Bank bestand. Die ersten starken Erschütterungen der Silberpreise konnten sich schon deshalb nicht im Innern auf schädliche Weise fühlbar machen, weil nach dem Text des Friedenstraktats die Kriegsentschädigung auch in Silbermünzen entrichtet werden durfte. Nachdem diese Operation abgewickelt war und die Verhältnisse des Wechselkurses wieder zur Metalleinfuhr nach Frankreich Veranlassung gaben, war es natürlich, daß die Geschäftsleute hierzu das inzwischen wohlfeiler gewordene Silber vorzugsweise vor dem Golde verwandten. Da die Bank nicht verweigern konnte, ihre Noten gegen Silbergeld herzugeben, so wuchs ihr Vorrat an diesem Metall im Verhältnis zu dem in ihren Kellern befindlichen Gesamtschatz stetig an, und in dem Maße, wie das Silber auf dem Weltmarkt an Wert verlor, verringerte sich die Gesamtbürgfchaft, welche das Land zur Deckung seiner umlaufenden Zirkulation am Barvorrat der Bank besaß. Doch wie geschildertermaßen die offizielle Welt geartet und beeinflußt war, wäre dieser bedenkliche Gang noch nicht aufgehalten worden, hätte nicht die lateinische Münz-Konvention dafür gesorgt gehabt, daß auch audere Leute in diesen Sachen zu Worte kommen konnten. Die Schweiz übernahm die mühsame Aufgabe, dem Vogel Strauß den Kopf aus dem Sande zu ziehen. Auch hier war es praktische Nötigung, welche gebot, das Schweigen zu brechen, allerdings begleitet von der klarsten und furchtlosesten Einsicht in den grundsätzlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Da der Geldumlauf der Schweiz nicht unter den künstlichen Einflüssen eines mit dem Zwangskurs operierenden Bankinstituts stand, so wurde die Veränderung der Metallwerte auf dem Weltmarkt alsbald in dem Alltagsleben sichtbar. Die Goldstücke verschwanden und es blieb — 346 — nur Silber in der Zirkulation. Ganz abgesehen von der daraus sich für den Verkehr ergebenden mechanischen Unbequemlichkeit konnte dem sachverständigen Urteil nicht entgehen, welche nachteiligen Verschiebungen am Wechselkurs sich daran knüpfen müßten, welche Verwirrungen und Verluste bei weiterer Verminderung des Silberwertes dem Gemeinwesen drohten. So ergriff die Schweiz die Handhabe, welche ihr der Art. 11 des Vertrags von 1865 bot, um Ende 1873 eine Konferenz der Verbündeten Staaten zu verlangen, die sich mit den bezeichneten Mißstünden und Gefahren zu befassen habe. Auf der gemäß diesem Ansinnen eröffneten Konferenz begannen die Abgesandten der Schweiz damit, grundsätzlich für die Staaten der Konvention die Einführung der reinen Goldwährung uud als erste, dringende Vorbereitungsmaßregel das Einstellen aller Silberausmünzung zu verlangen. Aber noch war Frankreich nicht gesonnen, die Lage der Dinge mit unbefangenen Blicken zu überschauen, und die beiden anderen Mitverbündeten hatten jeder seine besonderen Gründe, Frankreichs Spuren zn folgen. Dieser Tendenz kam — ob aus zufälligen oder nicht zufälligeil Veranlasfungen, weiß man nicht — ein günstiger Umschlag auf dem Londoner Silbermarkt zu Hilfe. Kaum war nämlich die Konferenz zusammengetreten, als eine plötzlich gesteigerte Silbernachfrage den Kurs um etwa zwei Prozent hinauftrieb nnd sofort die Anhänger der Silberlegitimität die Wiederkehr der guten alten Zeit ankündigten. Aber selbst dieser ganz momentane Aufschwung erreichte doch noch lange nicht wieder die Höhe, welche dem alten Normalverhältnis von 15^/z zu 1 entsprach; und so war nicht einmal zu bestreiten, daß selbst unter der Einwirkung des wieder gestiegenen Wertes die Invasion des Silbers und die Aufsaugung des Goldes fortgehen müsse. — 347 - Da mußte denn auch Frankreich sich entschließen, dem Zwang der Umstände die erste Konzession zu machen. Ihre Form ward gefunden in der Beschränkung der Silberbeträge, welche zur Ausmünznng zugelassen werden sollten. Die vier verbündeten Staaten teilten sich in einen Betrag von 120 Millionen Franken nach Maßgabe ihrer Bevölkerungsziffern (mit uutergeordueten Modifikationen). Von der reinen Architektur des Systems war man damit auch für den uneingeweihten Beobachter abgewichen; dem tieferen Einblick konnte nicht verborgen bleiben, daß mit diesem Beschluß sein Fundament selbst untergraben wurde. Die selbstgefällige Routine tröstete sich damit, daß nur eine interimistische Veranstaltung auf ein Jahr getroffen sei, nach dessen Verstreichen Wohl wieder ins alte Geleise eingelaufen werden könne. Was es mit dieser Ermächtigung zum Ausmünzen begrenzter Metallquantitäten eigentlich auf sich hatte, ward nicht ausgesprochen und ist selbst im Laufe aller später daran geknüpften Erörterungen selten eingeräumt worden. In Wahrheit würde es schwer geworden sein, nachzuweisen, daß damit etwas anderes bezweckt war, als gewissen privilegierten Kunden der Münze ein vorteilhaftes Geschäft zuzuwenden. Das Gemeinwesen als solches hatte an diesen Münzgeschäften nicht nur kein Interesse, sondern ward geradezu den Privatinteressen geopfert. Denn was bedeutet in dürren Worten die Stipulation, Frankreich dürfe im Lause des Jahres 1874 60 Millionen Franken Silber ausmünzen lassen? Nichts anderes, als daß die französischen Münzanstalten gegen den herkömmlichen Prägelohn diesem und jenem Geschäftsmanne seine Barren zu Füuffrankenstücken zu prägen verpflichtet sein sollen. Die Operation des Mannes bestand darin, daß er, Dank dem gefallenen Silberpreis, das Material zu einem solchen - 348 — Fünffrankenstück im gegebenen Falle um 4^/4 Franken Münzgold erkaufte und gegen Vergütung von nicht vier Centimes ein Fünffrankenstück daraus prägen ließ, deren er je vier bei erster Gelegenheit wieder in ein goldenes Zwanzigfrankenstück umwechselte. Der Profit von 20 Centimes oder 4 Prozent floß in die Tasche des Privatmannes, und die Zeche zahlte das gemeine Wesen, in dessen Umlaufsbestand ebenso viel minderwertige Stücke an die Stelle von mehrwertigen traten. Auf diese Weise wuchs der Vorrat an Silber selbst bei der französischen Bank, die sich doch noch am besten zu verteidigen verstand, zwischen dem Jahre 1871 und dem Jahre 1876 von 75 Millionen Franken auf 540 Millionen an. Es war natürlich stets dafür gesorgt, daß nicht der erste beste jenen Vorteil einstrich. Die Anwartschaft auf den Profit der gesetzlichen Falschmünzerei war immer auf lauge hinaus im voraus vergeben, sogar in solcher Weise, daß die Vertreter der französischen Regierung auf allen Konferenzen schon deshalb mit gebundenen Händen zu kommen erklärten, weil die rechtskräftigen Ansprüche auf Ausmünzung bestimmter Quantitäten bereits für das nächste Jahr unwiderruflich erteilt seien. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, Theorien, deren praktische Wirkung auf solche Resultate hinauslief, mit dem Pathos wissenschaftlicher und politischer Überzeugung verteidigt zu sehen. Die Königreiche Belgien und Italien zogen wenigstens den richtigen logischen Schluß aus der gegebenen Voraussetzung. Wenn doch einmal Falschmünzerei getrieben werden soll, sagten sie sich, so verlangt die Billigkeit, daß derjenige den Nutzen von der Sache habe, welcher auch den Schaden trägt, wenigstens den berechenbaren Nutzen gegenüber dem berechenbaren und dem — in der Zukunft verborgenen — unberechenbaren Schaden. Mit anderen Worten, sie schlössen den Privatleuten die Münze und machten das Geschäft für — 349 — Rechnung des Staates. Wie wenig die ganze Operation im übrigen mit der Sorge für den allgemeinen Landesverkehr zu thun hat, läßt sich aus dem Beispiel der italienischen Manipulation am einfachsten nachweisen. Was bedeutete die dem Königreich gegebene Erlaubnis, 40 Millionen Silber auszumünzen? In dürren Worten das Recht, an dem Raube, der auf Kosten des Goldmünzbestandes der vier Konventionsländer organisiert wurde, seinen Teil zu nehmen. Nur seinen Teil? Nein, viel mehr! Denn da Italien nicht einmal Silber-, sondern nur'Papierumlauf hat, so braucht es das auszumünzende Silber nicht für sich. Auf ihren letzten Ausdruck zurückgeführt, bestand also die italienische Operation darin, daß die Regierung mit irgend einem Geschäftsmanne ein Übereinkommen traf, demgemäß derselbe gegen eine Vergütung, welche dem am Silber zu erzielenden Gewinn entsprach, ihre Quote von 40 Millionen ausmünzte. Diese wanderten dann in dasjenige Land der Konvention, wo sie am besten zu rentieren verhießen. Die Masse der italienischen Stücke strömte daher vorzugsweise nach Frankreich, der Nest nach Belgien und der Schweiz. Vorerst trug das französische Verkehrsgebiet die Unkosten einer Falschmünzeroperation, deren Profit zwischen dem italienischen Fiskns und irgend einem Bankhaus geteilt wurde. In Frankreich genossen bis auf einen Bruchteil der letzten Quote von 1876/77 die Bankhäuser allein den Profit. Bei der Auskehr am Ende der Tage, wenn es gelten wird, die entwerteten Silberstücke durch vollwichtiges Gold zu ersetzen, werden die Völker jenen Gewinn, von dem sie nur einen Teil oder gar keinen Teil erhielten, mit verzehnfachten Opfern erstatten müssen. Darum erwogen auch, je nach ihrer Solidität oder Gewissenhaftigkeit, die einzelnen Staaten die Frage, ob sie von der ihnen zugeschobenen Berechtigung thatsächlichen Gebrauch — ?50 — machen sollten. Italien, das weder einen eigenen Umlauf zu verderben hat, noch ernstlich hoffen niag, in menschlicher Zeit zu einem reinen Metallfuß zurückzukehren, nahm die Sache am heitersten. Je mehr Silber man ihm zu schlagen erlaubte, desto schöner. Über die seiner Bevölkerung entsprechende Quote hinaus verlangte es noch eine Licenz für 20 Millionen, weil es in irgend einem Winkel das Silber dazu liegen habe und doch verwenden müfse (natürlich auf gemeinsame Kosten — denn sonst hätte es ja am Markt dasselbe als Waare verkaufen können). Belgien enthielt sich bis zum Jahre 1874 jeder Silberausprägung; die Schweiz erklärte sogar, von der ihr eingeräumten Berechtigung keinen Gebrauch zu macheu, that auch demgemäß im Jahre 1875, nachdem sie sich im Jahre vorher, 1874, von ihrem guten Vorsatz durch irgend welche besondere Verführung hatte abbringen lassen. — Was wird geschehen, wenn der Aatus ano nicht mehr zu halten ist, wenn vom Silber zum Gold wird übergegangen werden müssen? Frankreich, Belgien, die Schweiz werden ihre Silberstücke mit entsprechenden Opfern gegen Gold einlösen, aber wenn Italien, bis dahin noch immer zahlungsunfähig, nicht imstande ist, das Gleiche zu leisten, wer wird die Kosten zahlen? was werden die Staaten thun, deren Umlauf, deren Banken (nachdem sie sich eine Zeit lang — aber vergebens — dagegen gewehrt) mit den silbernen Bildnissen Viktor Emanuels überfüllt sind? Faßt man dergestalt den wahren, sachlichen Verlauf nach vergangener und künftiger Seite hin ins Auge, so braucht es eigentlich weiter keiner Auseinandersetzung über den Zerfall des Systems, welches zu dergleichen widersinniger und gemeinschädlicher Wirtschaft herhalten konnte, und über die morsche Grundlage desselben. Das Jahr 1874 lief zu Ende, ohne den Hoffnungen — 351 — der Silberlegitimisten etwas anderes als wachsende Enttäuschung zu bereiten. Der Preis des Metalls fiel, die Sorge der davon Betroffenen stieg. Nur die offizielle, französische Welt fand, daß die Lage nichts zu wünschen übrig lasse und alles am besten bleibe, wie es sei. Dem gegenüber erneuerten bei dem Wiederzusammentreten der Konferenz im Jahre 1875 die Repräsentanten der Schweiz den Ausdruck ihrer Besorgnis; wenn man auch an dem vorläufigen Abkommen festhalten wolle, so solle man wenigstens die Maximalziffern der Ausprägungslicenz für Silber namhaft herabsetzen. Italien leugnete nicht, daß der Vorschlag innerlich wohlbegründet sei, wollte aber die Anwendung der richtigen Maxime auf spätere Zeiten verschoben wissen. Vorerst hatte seine Bank noch einen bedeutenden Silbervorrat, den auf Kosten der Gemeinschaft loszuwerden, ihr sehr angenehm sein mußte, und diesem Umstände zu lieb ward endlich beschlossen, Italien statt der früher bewilligten 40 nunmehr für 1875 50 Millionen zuzugestehen; und da, was dem einen recht, dem anderen billig, so wurde das Gesamtkontiugent von 120 auf 150 Millionen für das Jahr 1875 erhöht. Im Laufe des Jahres 1875 bewegte sich der Preis des Silbers, kurze Momente der Gegenströmung abgerechnet, in stetigem Niedergang. In den Monaten Januar und Februar, während die Konferenz zu Paris tagte, galt die Unze in London 57^ Pence, was einem Verhältnis zum Golde wie 1 zu 16,43 entspricht. Ende Januar und Februar 1876, als sie zum dritten Male sich versammelte, war der Preis auf 55 gesunken mit einer entsprechenden Verschiebung des Verhältnisses zum Golde gleich 1 zu 17,14. Das heißt, zwischen der gesetzlichen Fiktion und der Wirklichkeit des gegenseitigen Tauschwertes hatte eine Abweichung von 11 Prozent zum Nachteil des Silbers stattgefunden. — 352 — Der Ernst eines so krassen, sich immer mehr festsetzenden und verbreitenden Mißstandes hatte in den nicht von dem offiziellen Schlendrian befangenen Kreisen Frankreichs zu selbständiger Erörterung der Frage geführt. Die Pariser Handelskammer unterzog den Gegenstand wiederholt ihrer Prüfung und sprach sich mit Entschiedenheit für die Herstellung der ausschließlichen Goldwährung aus. Zur Zeit, als die Konferenz zum drittenmale sich vereinigte, legte die Handelskammer dem Finanzminister eine dahin zielende Petition vor, in welcher sie das Einstellen aller ferneren Silberprägungen begehrte. Noch bedeutsamer war, daß der eifrigste und begabteste Anwalt der Goldwährung, der ehemalige Präsident des kaiserlichen Staatsrats, bei den Neuwahlen in den Senat eingetreten, die Regierung aus ihrem süßen Traum durch eine Interpellation zu wecken sich anschickte. Der Finanzminister Sah ergriff den letzten Augenblick, um sich die Initiative zu retten. Die dritte Staaten- Konferenz hatte für das dritte Jahr (1876) das alte System erneuert, uur die Summen der betreffenden Licenzen um ein Geringes beschnitten. Am 21. März, d. h. einen Tag vor der im Senate anberaumten Debatte über die Interpellation Parieus, brachte die Regierung einen Gesetzentwurf ein, der in einem einzigen Artikel bestand, lautend: „Die Ausprägung von silbernen Fünffrankenstücken kann auf dem Wege des Dekrets eingeschränkt oder suspendiert werden." In den nächstfolgenden Tagen antwortete Parieu mit einem Gegenvorschlag, welcher der Münze verbot, nene Berechtigungsscheine auf Silberausprägung (dons äs inonnais) auszugeben. Was dort nur fakultativ war, sollte hier absolut verfügt werden. Die Motive des vom Finanzminister verfaßten Gesetzentwurfs sind wie geschaffen, um alles das zu illustrieren, was zu schildern wir unternommen haben. Nichts könnte klarer den Gang eines Gedankens bezeichnen, der von — 353 — Anfang an mit absichtlicher Blindheit die Thatsachen ignorierte nnd endlich, als diese ihm gewaltsam die Augen öffneten, sich mit allerhand Plausibilitäten und Hoffnungen darüber hinauszuhelfen suchte uud schließlich doch nicht anders als sich gefangen geben konnte, aber auch dann noch zu derjenigen Form der Kapitulation feine Zuflucht nahm, welche die Bedeutung der Sache am meisten verhüllen mochte. Man fühlt aus des Ministers Sah schriftlichen wie mündlichen Ergehungen übrigens einen Sinn heraus, dem die Wahrheit ganz gut bewußt ist, der aber unter dem Druck des offiziellen Schlendrians sich zu einer Transaktion zwischen beiden hergiebt. Nach der faktischen Einleitung zum Gesetzentwurf, welcher den Stand der Gesetzgebnng darstellt, wird endlich zum erstenmal eingeräumt, daß die Vorgänge in der Welt etwas Bedenkliches haben und sogar zu Maßregeln nötigen. Bis dahin hatte es nur immer geheißen: es sei alles in schönster Ordnuug und höchstens eine gewisse Mäßigung im Silberprägen rätlich. Jetzt wird zugestanden, daß das Silber stetig an Wert einbüßt, und aus der bloß zuwartenden Stellung des Staates rückt man zur Höhe des Eutschlusses vor: „daß der Staat die Zahl der Silberstücke nicht vermehren lassen dürfe, für welche er verantwortlich ist, und deren Einwechslung gegen Gold, wenn eine solche notwendig würde, auf seine Kosten zu geschehen haben würde." Man sieht, wie eine bis dahin noch abgelehnte Möglichkeit mit dem Gefolge ihrer schweren Kosten sich in den Gesichtskreis drängt. Um jedoch aus dieser Möglichkeit noch immer keine Wahrscheinlichkeit zu machen, werden alle Eventualitäten heraufbeschworen, welche vielleicht noch eine Umkehr im Gang der Entwicklung herbeiführen könnten: wenn einmal Dentschland sein entbehrliches Silber würde verkauft habeu; wenn vielleicht die amerikanischen Silberminen zu versiegen ansingen; oder wenn kudlvig Lnmberger's Scs, Schriften. IV. 23 — 354 — vielleicht neue große Goldminen erschlossen würden; endlich, wenn der abnehmende Silbcrverbrauch Britisch-Indiens in sein Gegenteil umschlagen sollte, so könnte, wer weiß, alles, alles sich wieder wenden! Darum soll abermals noch nichts Definitives geschehen, wodurch die Gesetzgebung selbst an ihrer Grundlage verändert würde. Nur außer Wirksamkeit soll sie einstweilen zu einem Teile gesetzt sein. Der Widerspruch, den der Gegenentwurf Parieus der Regierungsvorlage entgegenstellte, war ein der Form nach vollständig berechtigter; für den nächsten Verlauf der Sache kamen beide Bestimmungen auf dasselbe hinaus. Der Minister wollte nur eine in seiner Hand liegende Berechtigung, die Münze für Silber zu sperren; der Senator wollte eine Schließung von Gesetzeswegen. Natürlich trug der Minister in den Kammern den Sieg davon; aber in der folgenden Stunde bereits machte er von der Berechtigung Gebrauch. Die Form der fakultativen Stellung zu dem Schritt in die gesetzliche Wirksamkeit war nur eiue Beschönigung für den unwiderstehliche» Zwang der Unistände. Und das ist eben das Charakteristische an dem Gesamtbilde, das hier an uns vorüberzieht. Um zu begreifen, was mehr noch als alle Vorstellungen uud Petitionen die Regierung endlich aus ihrem Schlaf erweckt hatte, muß erwähnt werden, daß zwischen dem Schluß der dritten Staaten-Konferenz und dem Erscheinen der ministeriellen Vorlage das stärkste bis dahin erlebte Fallen des Silbers eingetreten war. Die Vorlage ist datiert vom 21. März 1876. Das Silber, welches wir anfangs Februar auf dem Preis von 55 verlassen hatten, war am 4. und 18. März auf 52^/g Peuce heruntergestürzt uud hatte damit die Abweichung vom Normalverhältnis auf beinahe 1 zu 18 erweitert. Der am 21. März unterzeichnete Gesetzentwurf kam im Monat Juni vor den Senat. Wenn es in der Absicht — Z55 — der .gegenwärtigen Arbeit läge, das Für und Wider der großen Währungsfrage theoretisch und geschichtlich darzustellen, so würden die in dieser Debatte vorgebrachten Argumente eine reiche Ausbeute liefern. Allein die Grenzen sind uns hier viel enger gesteckt. Es handelt sich blos darum, am lebendigen Vorgang zu zeigen, wie wenig die Fortschritte, welche das einzig richtige Prinzip in der Welt gemacht hat, theoretischen Anstrengungen zu verdanken sind; wie die Verächter der theoretischen Erkenntnis Fuß um Fuß zum Rückzug gezwungen wurden durch die Gewalt der bloßen Thatsachen. So viel Belehrendes auch die Diskussion in allen ihren Teilen enthält, so würden wir doch auf eine selbst gekürzte Wiedergabe verzichten, wenn nicht der Hinweis auf den Gang der Dinge in Frankreich hier nicht unentbehrlich wäre, weil recht eigentlich zwischen dem, was unserer Ansicht nach das richtige, uud dem, was das falsche Prinzip ist, auf diesem Boden die letzten entscheidenden Kämpfe stattfinden. Beinahe alle Kulturstaaten sind zur reinen Goldwährung bekehrt; die einen stehen thatsächlich darin, die andern haben sich wenigstens grundsätzlich dafür ausgesprochen, wenn ihnen auch die Umstünde noch nicht gestatten, von ihrer Erkenntnis Gebranch zu machen. Zu der ersten Kategorie gehören England, Deutschland, Schweden, Norwegen und Dänemark; Portugal, die Niederlande können dazu gerechnet werden, wenn schon der für letztere dahin zielende Gesetzentwurf uoch nicht alle Stadien durchlaufen hat. Als prinzipielle Anhänger haben sich erklärt Österreich, Italien, die Schweiz und Nordamerika. Von Spanien wird soeben ein Gesetz nach derselben Richtung hin vorbereitet. Es verdient gewiß die höchste Beachtung, wenn mitten in dieser allgemeinen Bewegung die reichste und gewerbfleißigste Nation des europäischen Festlandes, dieselbe, welche seit Jahren die Welt-Münzreform betrieben und zuerst von 23* — 356 — allen genannten Völkern das Beispiel einer rationellen Münzverfassung gegeben hat, wenn diese Nation eine konträre Richtung einzuhalten den Anschein nimmt. Und dieser Widerstand wird um so interessanter, wenn er eine Niederlage nach der andern erlebt, wenn die angeblichen Praktiker sich von einer Position zur andern zurückziehen, indem sie nach hergebrachter Weise fortwährend sich gegen die Anerkennung der ihneu im Nacken sitzenden Doktrin verwahren. Ein wahres Modell dieser Spezies von praktischen Leuten ist der Gouverneur der französischen Bank, Herr Rouland (ehemals Justizminister des Kaisers). Wie bei uns in Deutschlaud alle salbungsvollen Hohlköpfe, und noch mehr alle falschen Biedermänner mit den typisch gewordenen Stichwörtern des „Ethischen" oder „Sittlichen" um sich werfen, so versteckt sich die interessierte Banalität in Frankreich hinter die Anerkennung der altüberlieferten nationalen Weisheit. Welch ein schöner Redeschluß z. B. ist dieser: „Was uns betrifft, so teilen wir nicht die Furcht, daß Silber noch weiter fallen werde; wir hoffen, daß man die beiden Währungen erhalten wird, welche seit Jahrhunderten unserem Lande und Europa so große Dienste geleistet haben" — worauf natürlich alle, welche nicht höchst undankbar gegen das wackere Silber sein wollen, iu lebhaften Beifall ausbrechen. — Oder in einer zweiten Rede: „Geben Sie dem Lande Sicherheitsgefühl, lassen Sie keine absoluten Theorien zu, welche beunruhigender Natur sind. Ans diese Weise, wenn Sie in den Grenzen der Weisheit uud Klugheit bleiben, werden Sie dem Lande einen großen Dienst leisten; Sie werden bewirken, daß die so wesentlich notwendige Geldzirknlation nicht gestört werde, und Sie werden einen Akt des gesuudeu Menscheuverstaudes, der Voraussicht bethätigt haben, welcher die großen Interessen Frankreichs sicher stellt." Bei diesen inhaltreichen Schlußworten hielt sich die Mehrheit für so überzeugt von deren Richtigkeit, daß sie stürmisch Applaus und Ruf nach Schluß von sich gab. In derselben Rede war es, daß der Bankgouverneur das deutsche Reich, weil es die Goldwahrung unternommen, „jenes unglückliche Laud, es iNÄlIiöuröux xg^s," uauntc, welches in tiefe Zweifel versunken sei, ob es nicht aus halbem Wege wieder umkehren solle. Alles, was je die sich praktisch nennende Banalität an Selbstgenügsamkeit und Verachtung methodischer Erkenntnis von sich gegeben, war hier mit der Geschicklichkeit uud Eleganz aufgehäuft, welche das französische Redetalent kennzeichnet. Jeden Allgenblick kehrt die Wendung wieder, daß das „System" eine herrliche Sache ist, daß aber „wir bescheidenen Praktiker, die nicht aus Büchern sprechen," doch viel klüger sind. Die Verhandlungen der Deputiertenkammer hatten auch auf feiten der Negierung schon bedeutend mehr Tiefgang als die des Senats. Der Ernst der Lage sprach sich selbst iu der Haltung des Berichterstatters Dutillenl aus, welcher die Diuge ganz anders nahm als der slache Nouland. Der Abgeordnete Le Ccsne, welcher die Opposition leitete, that es an Schärfe nnd Vollständigkeit der Exposition dem Senator de Parieu wenigstens gleich. Selbst dem offiziellen Berichterstatter kam diesmal der Wahu, daß man die große Gefahr totschweigen solle und könne, nicht in den Sinn. Ja, wir begegnen in seinem Munde folgendem, unter solchen Umständen auffallend weit gehenden Ausspruch: „Ich weiß nicht, ob es diesem Jahrhnndert, welches schon viel Außerordentliches gesehen hat, bestimmt ist, eiueu Vorgang zu erleben, welcher die denkbar größte Revolution auf wirtschaftlichem Gebiete bedeuten würde, einen Vorgang, der in der Deposfedierung, wenn ich mich so ausdrücken soll, des Silbers bestände, indem dies Metall der Münzfunktionen enthoben würde, die es neben dem Golde versehen hat, — 358 — seitdem beide in der Menschen Händen sind." Setzt auch der Redner hinzu: „Für meinen Teil glaube ich nicht daran," so ist doch mit dem auch in bloßer Zweifelsform vorgetragenen tiefgreifenden Gedanken ein ganz anderer Horizont hergestellt, als er bis dahin in dem offiziellen Frankreich sichtbar gewesen war. Aus der Gegenrede des Abgeordneten Le Cesne sei nur die eine Stelle hervorgehoben, welche genau mit einer weiter oben ausgeführten Betrachtung zusammentrifft, und auch mit einer weiter unten dem englischen Bericht zu entnehmenden sich deckt. „In den Jahren 1850 bis 1865," heißt es hier, „schüttete sich eine wahre Goldlavine über die Welt aus, wie dergleichen Ähnliches nie erlebt worden. Im Zeitraum von fünfzehn bis zwanzig Jahren wurden für fünfzehn Milliarden Franken ans Licht gefördert; von 14 000 Kilo jährlich sahen wir die Goldgewinnung auf 200 000 Kilo anschwellen, im Wert von 100 auf 700 Millionen jährlich, einmal sogar auf eine Milliarde. Was war die Folge davon? Der natürliche Zug (I'ickllllit6) zum Golde hin ist der Art, die Tendenz der Europäer, das Silber in den Tauschgeschäften durch das handlichere und bequemere Gold zu ersetzen, ist so stark, daß ohne weiteres diese ungeheure Metallmasse sich in den Verkehr verloren hat, und daß selbst im ungünstigsten Moment die Entwertung nicht über 1^/2 bis 2 Prozent erreichte." Natürlich blieb auch in diesen Verhandlungen die Negierung Siegerin. Wo nicht gewaltige Partei-Interessen mit solchen finanzpolitischen Lösungen verkettet sind, werdeu parlamentarische Versammlungen immer der offiziellen Führung folgen. Sie haben in ihrer großen Mehrheit zu deutlich das Bewußtsein ihres mangelhaften Fachverständnisses, um nicht hinter der offiziellen Regierungsverantwortlichkeit Schutz zu suchen. Wir haben das in Deutschland — 359 in einigen Punkten zn unserem eigenen Schaden nicht minder erlebt. Aber selbst die Regierungsvorlage machte einen enormen Schritt gegenüber dem früheren Verhalten. Aus der von ihr begehrten Ermächtigung zum Sperren der Silbermünze ward sofort eine vollendete Thatsache. Jahrelang hatten die „Praktiker" behaupter, es sei gar nichts zu thun, das „System" allein verbreite einen panischen Schrecken, und noch im letzten Augenblick versicherten sie, es sei gar kein Grund, sich zu beunruhigen. Und in allen Punkten sind sie zu entgegengesetztem Verhalten hingetrieben worden! Durch die „Doktrin"? Nicht entfernt! Die Metallmakler und Metallhändler (vor allem die Londoner Lullion vrokers und Lullion inerelmnts) auf den großen Handelsplätzen mit dem Gewicht ihrer Barren haben sie in die Enge getrieben. Sie mußten sich doch entschließen, etwas zu thun, und diese That giebt den sprechendsten Ausdruck der Beunruhigung, der sie sich nicht länger zu entziehen vermochten. Ob sie nun willens seien oder nicht, ob sie fähig seien oder nicht, den wahren Sinn ihres Handelns zu durchschauen: für das unbefangene Urteil steht felsenfest, daß dies Handeln einen Akt der Unterwerfung unter das Urteil der von ihnen so lange verunglimpften Gegner ausmacht. Sie sperreu die Münzanstalt dem Silber — provisorisch, fügen sie hinzu — um abzuwarten, ob nicht eine Umkehr eintrete. Man nennt das in der Rechtssprache ein Geschäft unter einer Resolutiv- bedingung eingehen. Wer das thut, bekundet, daß ihm die endgiltige Vollziehung des Geschäfts Hauptsache ist, und er nur für einen minder wahrscheinlichen Fall einen Rückweg sich offen halten will. Den minder wahrscheinlichen Fall! wer wollte seine Möglichkeit bestreiten? Kein Einwand kann ihn leugnen, denn kein Gegenbeweis kann widerlegen, was seinen Daseinsgrund gerade aus dem Kontingente — 360 — Ver unberechenbaren Elemente schöpft. Aber soweit die Rechnung mit bekannten Größen in der Abwägung der Dinge zu Werke geht, so weit ist der widerlegt, welcher sein aktuales Thun den logischen Schlußfolgerungen des Gegners anpaßt. Und das ist eben geschehen mit dem Einstellen der Silberpräguug. Die Begrenzung der Summen in den drei Konferenzen war der Anfang der zögernden Bewegung; die totale Sperre ist der Schluß. Allerdings hat das französische Gemeinwesen vorerst von diesem Beschluß noch gar keinen Gewinn. Die Leute, welche an der Schüssel sitzen, haben dafür gesorgt. So gut wie die italienische Bank verstanden hatte, die Prägelieenz für ihre Silberreserve auf gemeinsame Kosten in Sicherheit zn bringen, so gut verstanden die Leute, welche zuletzt aus 41/2 Franken Silber ein Fünffrankenstück zu machen die Erlaubnis verlangten, daß es gelte, vor Thorschluß eingelassen zu werdeu. Besser als die schönrednerischen Verächter der „Theorie" erkannten die stillen Praktiker, daß aus der Theorie der Silbereutwertung längst eine ihnen vorteilhafte Wirklichkeit geworden, daß aber auch der feierlichste Ton des offiziellen Schlendrians nicht lange mehr den Skandal solcher Leugnung der Wirklichkeit aufrecht zu erhalten imstande sein werde. Sie zwängten sich durch die von den Beschlüssen der Konferenzen geöffnete Pforte der Prügungslicenz mit einem wahrhaft possierlichen Ungestüm. Die am 3. Februar 1876 geschlossen Konferenz der lateinischen Verbündeten hatte die Licenz zu Gunsten Frankreichs für das Jahr 1876 auf 54 Millionen festgesetzt. Daneben wurde stipuliert, daß die Auwartschaftsscheine für das folgende Jahr 1877, welche von der Münze ausgegeben zu werden Pflegen (Lons cls rnoimais) bis zur Hälfte des kontingentierten Betrages, d. h. bis zu 27 Millionen, auf oas Jahr 1877 verabreicht werden dürften. Und als min, — 361 — der unaufhaltsamen Notwendigkeit gehorchend, der Finanzminister sich entschloß, die Ermächtigung zum Einstellen der Silberpräguug zu verlangen, welchen Gebranch konnte er noch von derselben machen? Nicht die Prägung eines einzigen Fünffrankenstücks konnte er mehr aufhalten! Nicht bloß die für das Jahr 187k eingeräumten 54 Millionen, sondern auch die Anwartschaften auf die weitereu 27 Millionen, zusammen 81 Millionen, waren bereits vergriffen, und zwar, wie der Minister selbst eingestehen mnszte, in den ersten vierzehn Tagen nach Schluß der Konferenz! Man sieht, die Lentc von der Profitablen Praxis bleiben an hellsehender Befähigung nicht hinter den Theoretikern zurück. Die Wirkung des Gesetzes ist somit vorerst nur eine platonische, und ihre eigentliche Bedeutung liegt darin, daß die französische Negiernng auf der nächsten lateinischen Konferenz Anfang 1877 eine andere Stellung als bisher zur Frage nehmen muß und, falls sie, wie nicht unmöglich, sich neue Silberliecnzen auswirkt, schwerlich von ihnen Gebrauch machen wird. Welchen Weg aber kann Frankreich einschlagen, wenn bis zum Jannar 1877 das Silber nicht über 61 Pence (von 52, die es heute wert ist) hinaufgeht? Nur drei Möglichkeiten liegen sodann vor: 1. In dem geschaffenen Zwischenstadium zu verharren und kein Silber weiter zur Münze zuzulassen. Damit kann das Land ein halbwegs ertrügliches.Dasein nur führen, so lange der Zwangskurs der französischen Banknoten besteht. Von dem Augenblick an, wo die Bank wieder verpflichtet wird, ihre Noten in bar einzulösen, wird dieselbe entweder nur Silber geben, und dann wird sofort das Gold mit Prämie im Verkehr bezahlt werden; oder die Bank giebt ihr Gold her, dann wird man ihr alles im Lande befindliche Silber bringen uud das Unterpfand ihrer Noten — 362 — in einen um 10 bis 20 Prozent entwerteten Barschatz verwandeln. In beiden Fällen ist die Lage eine unhaltbare. Dauern kann sie nur höchstens, so lange der abnorme Zustand des Papier-Zwangskurses herrscht. 2. Soll diesen Verlegenheiten ein Ende gemacht werden, so muß man die gleichberechtigte Silberwührung definitiv beseitigen. Ob das geschehen kann, ohne einen Teil des im Verkehr befindlichen Silbers einzuziehen, ist sehr zu bezweifeln, selbst wenn man das Maximum der Zahlung in Teilungsmünzen auf hundert Franken erhöht. 3. Ein dritter Ausweg bestände darin, das Silber wie bisher als zweites gleichberechtigtes Glied der Doppelwährung zu erhalten und nur die Verhültniszahl des Gesetzes vom Jahre 1803 durch eine andere zu ersetzen, beispielsweise durch die von 1 zu 17^/2, statt 1 zu 15^2. Aber es bedarf nur geringen Verständnisses, um zu erkennen, daß damit nicht blos eine neue Wertrclation, sondern ein neues System geschaffen wäre. Denn der wahre Sinn des herrschenden Systems ruht in der Voraussetzung, daß menschliche Gesetze und Übereinkommen ein unabänderliches künstliches Gegenseitigkeitsverhältnis zwischen Gold und Silber stabileren könnten. So wie eingeräumt wird, daß die thatsächlichen Vorgänge hier stärker sein können, als die geschriebenen Anordnungen, so stürzt das ganze Gebäude in sich zusammen. Und am wenigsten läßt es sich mit nur veränderten Zahlen wieder aufrichten in einer Zeit, welche so empfindlich unter dem Druck der Vorgänge leidet und deren Macht in wechselndem Maße noch zu erfahren gefaßt sein muß. Wer wollte sich heute unterfangen, auch nur auf die Frist eines einzigen Jahres ein Verhältnis voraus zu bestimmen, mit der noch so entfernten Aussicht dadurch im Einklang mit dem thatsächlichen Gaug der Dinge zu bleiben? Im Zeitraum von drei Jahren haben wir den — 363 — Preis des Silbers von 60 auf 47 herunter gehen sehen, dann wieder bis 54 emporschnellen, nm bald darauf wieder zu 51 herabzukommeu. Nicht blos die Produktion des Metalles nnd der Gang des Welthandels, sondern die Gesetzgebungsarbeiten selbst wirken mit an diesem unaufhörlichen Wechselgang, und jeder Antrag im Kongreß zn Washington, oder in der Kammer zu Versailles köunte alles aus den Fugen bringen, was menschliche Weisheit abgezirkelt hätte. Enthält die vorausgegangene Darstellung der Hergänge auf französischem Boden auch in sich eine Kritik der betreffenden Müuzpolitik, so ist diese Kritik doch für die hier verfolgte Absicht ein schlechthin zufälliges Nebenprodukt. Mit Lob oder Tadel iu dieseu Dingen uns über die Grenzen des eigenen Staatsgebietes hinaus zu begeben, liegt gar kein Anlaß vor. Vom deutschen Standpunkt aus ist die Zauderpolitik der französischen Finanzleitung sogar nur als ein großer Vorteil zn betrachten, und je länger sie anhält, desto besser für uns. Schade nur, daß auch iu der Reichsfinanzleitung jenes beseligte Ruhegefühl waltete, welches allen Mahnungen zum Benützen der kostbaren Augenblicke eiu: „nur nicht drängeln!" (wie man in Berlin sagen würde) entgegenhielt. Schon vor drei Jahren wurde auf das, was jetzt eingetreten ist, vorbereitet, schon damals nachgewiesen, daß Frankreich früher oder später aus seinem Winterschlaf erwachen und dem Silber seineu Markt verschließen müsse, daß es gelte, die möglicherweise kurze Frist zu benützen; auch bei uns wollte mau dem uuaufhaltsameu Zug der Dinge keinen ganzen Glauben schenken, und um das eigeue Sicherheitsgefühl zu erhöhen, redete man sich ein, wir hätten gar kein Silber zu entbehren, eine Behauptung, welche, so oft sie auch vorgebracht worden, heute wahrscheinlich von ihren eifrigsten Vertretern schon preisgegeben ist. Wie übrigens jedes Unglück zu etwas gut ist, so hat — 364 — die auf unserer Seite bewiesene Saumseligkeit den Vorteil, daß man an dem ungeheuren Preisniedergang, den das Silber erfahren, der deutschen Münzpolitik nicht die Schuld zuschieben kann. Hätten wir statt der lumpigeu Beträge, die wir uns zu den hohen Preisen vom Halse schafften, eine Milliarde Mark losgeschlagen, so müßten wir alles Unheil angestiftet haben. Ob dieser Trost alle die Millionen Mark wert ist, welche die Zauderpolitik uus kostet, ist aber umsvmehr eine Frage, als Unwissenheit und Böswilligkeit uns doch auf alle Fälle zum Süudenbock ansersehcn haben würden. Für Deutschland war die Ausscheidung des Silbers eine beschlossene Sache, und zur raschen Durchführung des einmal feststehenden Beschlusses mahnten nicht nur die von allen Seiten in Sicht kommenden Anzeichen, sondern es wären selbst die solcher Warnung zu sehr nachgebenden Maßnahmen im schlimmsten Fäll mit geringen Gefahren verbunden gewesen. Denn angenommen, wir hätten so viel Silber verkauft, daß später nötig geworden wäre, einen Teil des zur Scheidemüuze erforderlichen Metalls zu höheren Preisen wieder zurückzukaufen, so wäre das mit leicht übersehbaren uud eng begrenzten Opfern verbunden gewesen. Schwerer lag die Sache für Frankreich, weil es die grundsätzliche Entscheidung noch zn treffen hatte und befürchten mußte, daß die Verkündung seines Abfalls vom Silber einen viel nachhaltigeren Druck auf den Preis des Metalls ausüben werde, als der entsprechende Schritt jedes anderen Landes. IV. Ganz eigentümlich liegen die Dinge für England. Seit sechzig Jahren der Doppelwährung entrückt, könnte — 365 — es vom sicheren Ufer den Stürmen zusehen, mit welchen die anderen Nationen sich herumschlagen. Aber die Königin von Großbritannien ist auch Kaiserin von Indien, und Indien hat die Silberwahruug. Zwar wenn es sich nur um den internen Verkehr der großen östlichen Kolonie handelte, so würde dem Mutterland schwerlich etwas Anderes zn thun bleiben, als mit gekreuzten Armen einstweilen der Dinge zu harren, welche sich aus dem Schoße der Zukunft entwickeln mögen. Denn die Währung von Britisch Indien wird sich nicht Wohl loslösen lassen von denen Japans, Chinas und der Sundaländer. Der Gedanke, den Hunderten von Millionen Bewohnern dieser ungeheuren Welt, welche seit Jahrtauseuden die größte Masse des Silbers aufgesogen hat, und welche mit der Zähigkeit uralten Herkommens an ihren Sitten hält, ein neues Geld an Stelle des alten zu bieten, ist vorerst unfaßbar. In dem Anfang der sechziger Jahre, als der gesteigerte Silberverbrauch des indischen Handels eine Verlegenheit für England wurde, machte es deu Versuch, Goldmünzen in seinen Kolonien einzuführen, aber mit sehr geringem Erfolg. In jüngster Zeit hat das neuerungsselige Japan dem Golde sein Gebiet geöffuet. Aber an der großen Unterlage der asiatischen Geldgewohnheiten und Verkehrsverhältnisse ist damit noch wenig erschüttert. England könnte und müßte um so ruhiger der Weiterentwicklung der Dinge zuschauen, als wenigstens vor dem Schaden der doppelten Währung und dem damit zusammenhängenden Wirrwar sein indisches Reich in der Hauptsache bewahrt bleibt, weil es in dem Rupienfuß die einfache Silberwährung hat. Aber die Wechselbeziehungen zwischen dem in Gold rechnenden Mutterland und den in Silber rechnenden Kolonien machen die Metallkrise zur Quelle eigentümlicher — 366 — Verlegenheit für das mächtige Jnselreich und rauben ihm das Glück, mit kühlem Herzen den Perplexitäten des Festlandes beizuwohnen. Das englische Staatsbudget ist mit seinen Einnahmen an die Ergiebigkeit der indischen Länder gebunden. Wenn diese in Silber zahlen, uud Silber immer weniger wert wird, so wird das Loch in den Einnahmen immer größer, und jeder Peuuy, um den die Unze am Markt sinkt, fällt als ein empfindliches Gewicht ans die Schultern des britischen oder indischen Steuerzahlers. Mehr und mehr ergriff daher diese Sorge alle die, welche des Haushaltes im britischen Reiche zn warten haben. Und endlich fand sie, dem politischen Herkommen gemäß, ihren Ausdruck in der Niedersetzung einer parlamentarischen Kommission isvlsot eominittkk), welcher dieAufgabe zufiel: den gegenwärtigen Stand der Dinge uud deren Ursprung, namentlich mit Rücksicht auf deu indischen Wechselkurs zu ermitteln. Ratschläge zur Abhilfe wurden nicht verlangt uud, sich streng an ihre Borschrift haltend, vermied die Kommission jeden Ausspruch, welcher Maßregeln anzuempfehlen scheinen konnte. Aber ihr Bericht giebt deshalb doch deutlich genug ein Bild der Lage, aus dem die Nutzanwendung leicht zu ziehen ist. Am 3. März 1876 wurde beschlossen, die Kommission einzusetzen. Am 15. Jnli hielt sie ihre letzte Sitzung. Der Geueralbericht, wie er gedruckt vorliegt, enthält die Schlußresultate aus allen geprüften Dokumenten und vorgenommenen Zeugenverhören, in einer außerordentlich knappen uud unbefangenen Sprache; er ist ein wahres Muster objektiver Darstellung. Gleich auf der dritten Seite finden wir ein an dieser Stelle doppelt bemerkenswertes Zugeständnis. Es heißt da: „Gerechtfertigt erscheint die Schlußfolgerung, daß ein Rückblick ans das wechselseitige Verhältnis beider Metalle — 367 — in vergangenen Zeiten den Beweis liefert, daß das Fallen des Silberpreises nicht von irgend einer übermäßigen Produktion des Silbers im Vergleich zum Golde herkommt. Der thatsächlich bestimmende Grund liegt vielmehr in dem veränderten Gebrauch, der von den Metallen gemacht wird. Gold ist allgemein mehr in Gebrauch gekommen, als früher, und in der That haben die Handelszustände und die Lage zahlreicher Länder, welche Gold und Silber verwenden, einen totalen Umschwung erlebt. Argumente, welche sich auf die relativen Förderungen aus Gold- und Silberbergwerken stützen, haben daher sehr irrige Auffassungen nach sich gezogen." Nicht um das Gegeuseitigkeitsverhältuis in der Förderung beider Metalle zu konstatieren, was außerdem als eine mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verbundene Aufgabe charakterisiert wird, sondern nur um das Maß des in jüngster Zeit vielbesprochenen Silberzuwachses zu ermitteln, werden die Zahlen vom Jahre 1852 bis heute nach den meist beglaubigten Schätzungen gegebeil und auch bei Annahme der geringsten Ziffern die Zunahme auf 75 Prozent ermessen: von etwa 170 Millionen Reichsmark auf 284 Millionen jährlich. Wie bekannt, spielt in diesem AnWachs der neuentdeckte Bergwerksdistrikt im Südwesten der Vereinigten Staaten die hervorragendste Rolle. In den Jahren 1359 bis 1860 figuriert die amerikanische Ausbeute noch mit den geringen Ziffern von 4- bis 500,000 Mark, im Jahre 1861 sprang sie auf 8 Millionen, und im Jahre 1875 ergiebt der Ausweis 128 Millionen! Über die Wunderwelt dieser an der Küste des stillen Ozeans erschlossenen Metallschätze und insbesondere über die Wunderthaten der berg- und hüttenmännischen Technik, welche amerikanische Betriebsamkeit hier verrichtet, sind in den neueren Zeiten ganze Bibliotheken geschrieben worden. — 368 — Es kann hier nicht versucht werden, auch mir obenhin über das zu berichten, was ausführlich und mit vollem Sachverständnis zu schildern für einen Geologen oder Ingenieur eine anziehende und dankbare Leistung wäre. Genüge es zu sagen, daß die beträchtlichste und meist genannte dieser Minen die sogenannte „Comstock-Lode" im Staate Nevada, 1500 Fuß unter der Oberfläche mittelst eines Kanals befahren wird, den die bloß zur Auspumpung der Stollen und Schachte aufgestellten Dampfmaschinen mit dem nötigen Fahrwasser versorgen; daß nach kompetenter Aussage die Entdeckung dieses Erzlagers alle früheren ähnlichen weit hinter sich läßt. Die mäßigste Berechnung des in dem Bergwerke noch ruhenden Erzreichtums schließt auf einen Wert von 600 Millionen Mark, eine andere auch noch lange nicht zu den phantastischen gehörende auf das Doppelte. Im Jahre 1875 betrug die Ausbeute 68 Millionen Mark und die ausbezahlte Dividende 48 Millionen. Im Monat März dieses Jahres war die Ausbeute aus mehr als lF/2 Millionen, d. h. fürs Jahr 174 Millionen Mark gestiegen, und der offizielle Bericht des Münzdirektors berechnet den Ertrag der vereinigten sogen. Virginia- und California-Minen im Staate Nevada, zu welchen Comstock- Lode gehört, auf 50 Millionen Dollars oder 200 Millionen Reichsmark jährlich, hinzusetzend, daß dies nur ein bescheidener Anfang sei.*) Nur so viel aus dem Zahlengewimmel des parlamentarischen Berichts sei hier aufgenommen, weil Anhäufung von Ziffern nur zur Folge habeu könnte, den Leser zu verwirren. Die Kommission stellt als letztes und sicherstes *) Der Comstock-Lode ging nach einiger Zeit sehr stark in der Ausbeute zurück. Gegenwärtig (I89S) wird an einer Wiederbelebung des Betriebes gearbeitet. — — Ergebnis ihrer umsichtigen und erschöpfenden Nachforschungen fest, daH die Silberprvduktion der Vereinigten Staaten allein dermalen nach der allerniedrigsten Schätzung 180 Millionen Mark ergebe, und daß die übrige Welt nur 140 Millionen fördere. Nicht iu gleichem Maße übrigens, wie die Gewinnung, hat die Ausfuhr des Silbers aus Amerika zugenommen, und seit Anfang 1875 ist ein weiterer Rückgang in der Aussuhr zu bemerken. Dieser Umstand erklärt sich aus Maßregeln der amerikanischen Münzpolitik betreffs der Ausprägung von Silbergeld, auf die wir zurückzukommen haben. Unmittelbar nach Behandlung des amerikanischen Elementes wendet sich der englische Bericht der deutschen Münzreform zu. Er giebt zunächst eine summarische Darstellung der ganzen Gesetzcsreihe, die in Münz- und Banksachen das neue Reich erlassen, um alsdann auf die für ihn Praktisch wichtigste Frage zu kommen, wie viel Silber Deutschland noch abzugeben habe. Die unbestrittene Thatsache, daß es zur Zeit (der Berichterstattung) uur den Belauf von etwa 120 Mill. Mark losgeschlagen, wird auch hier iu einer Weise vorangestellt, die vermuten läßt, daß sie ob ihrer Geringfügigkeit Verwunderung und Zweifel erregte. Ueber deu Betrag des Thalervorrats, der annoch im Schoße des deutschen Verkehrs vorhanden, ergeht sich der Bericht in einer angestrengten Untersuchung, deren Einzelheiten wiederzugeben hier umsoweniger Anlaß vorliegt, als einheimische Arbeit, auS welcher die Kommission hauptsächlich schöpfte, ihre Resultate aus direkt geliefert hat. Die schließlichen Schätzungen, auf welche Bezug geuvmmen ist, bewegen sich zwischen den äußersten Punkten von 600 nnd 1W Millionen Mark, erstere sich der Veranschlagung nähernd, welche noch in neuester Zeit unser um diese Dinge am meisten verdieute Soetbcer aufgestellt hat, letztere nach der — 370 — Auffassung neigend, welche den preußischen Finanzministcr zn dem Ausspruch bewog, „daß der Übergang zur reinen Goldwährung in einer wahrhaft spielenden Weise sich vollziehen werde." Es verdient bemerkt zu werden, daß der englische Parlamentsbericht diese Worte im deutschen Urtext anführt. Nach einem kurzen Ausweis über den durch die skandinavische Münzreform freigcwordenen Silberbetrag gelangt der Bericht zu dem wichtigsten Teil seiner Aufgabe, den Beziehuugeu zu deu ostindischen Kolonien. Während einerseits feststeht, daß der Bedarf au Silberbarren für diese Gegenden in den letzten Jahren sehr stark abgenommen hat, wird zunächst dargethan, daß diese Verminderung wesentlich nicht mit einer Reduktion der Überschüsse zwischen Ein- und Ausfuhr zusammenhängt. Bon jeher hat das ferne Asieu eiuen bedeutenden Überschuß aus dem reichen Füllhoru seiner üppigen Vegetation dem Abendlande zugesandt und dafür Silber zur Befriedigung seines Geschmacks an schweren: Prunk und zur Auhänsung machtgebietender Schätze in Empfang genommen. In der oft- erwühnten Zwischenperiode des amerikanischen Sezessionskrieges und der dadurch hervorgerufeneu „Baumwollen- Hungersnoth, eot>t,0ll-lg,Mins," erreicht dieser Überschuß eine uie erlebte Hohe, und in den neuesten Zeiten des universellen Jndustriekrachs erlebte er einen ungewöhnlichen Rückgang. Aber im Großen und Ganzen, so konstatiert unser Bericht, ist die Differenz sich immer gleich geblieben und bewegte sich seit 1870 um den Mittelpunkt von 20 Millionen Psund Sterling oder 400 Millionen Reichsmark. Damit stimmen auch so annähernd, wie sich erwarten läßt, die Aufnahmen der Verschiffungen von Silber nach Indien, summiert mit den von der Regierung des Mutterlandes ans die Kolonie abgegebenen Wechseln. - 371 — Also nicht in veränderten Handelsbeziehungen ist der Grund des Umschlags der Dinge zu suchen. Aber was sich ganz anders gestaltet hat, ist die Zusammensetzung eben des Materials, mittels dessen die Differenz in der Bilanz ausgeglichen wird. Früher bestand jenes Material zum größten Teil ans Barren, zum geringeren aus Regierungs- wechseln. Seit 1872 namentlich hat sich das Verhältnis durchaus gedreht. Während in der früheren Periode das Durchschnittsverhältnis ergab 10 Millionen Pfund Sterling Barren und 7^/2 Wechsel, kam es in den Jahren 1875/7«; auf 3 Millionen Barren gegen 12 Millionen Wechsel. Der allgemeine Grund aber dieser allgemeinen Bilanzverschiebung liegt in dem Anwachsen der Betrüge, welche von den Kolouieu der Negierung des Mutterlandes geschuldet werdeu. Das heimische Budget hat jetzt durchschnittlich 300 Millionen Reichsmark jährlich von dem indischen Departement zu beziehen. Noch in den Jahren 1862—1863 kam ihm nur der vierte Teil dieses Betrages zu. Der Eutstehuugsgruud der starken Verschuldung liegt iu der großen Empörung der Seapoys am Ende der fünfziger Jahre. Der zur Bewältigung derselben gemachte Aufwand erheischte eine Reihe vou Auleheil und stehenden Mehrausgaben, welche die Kolonien zu verzinsen nnd zn tilgen haben. Wenn die Wirkung zwischen Ost und West sich erst in den jüngsten Jahren äußerte, so hängt dies mit der Erbauung der indischen Eisenbahnen zusammen. So lange an diesen gearbeitet wurde, was für englische Rechnung geschah, war ebeu dadurch der ganze Geldbedarf des Baues von Eugland nach Indien zu schaffen. Dieses Begegnen der Ausgaben und Einnahmen gab willkommcue Gelegenheit zur Ausgleichung ohne Geldtransport. Was die Regierung des Mutterlandes an Steuern in Silber zur Zahlung der Schuldzinsen uud Militärbeitrüge iu Indien 24* — 372 — zu empfangen hatte, das wies sie den Bauuternehmern an, und diese bestritten mittelst der aus diesen Geldanweisungen erhobenen Gelder ihre Ausgaben aus indischem Grnnd und Boden. Darnm konnte die Nachwirkung jener Umgestaltung des Budgets erst fühlbar werden, als die Eisenbahnen der Hauptsache nach gebaut waren. Die Kommission ist der Ansicht, daß, nnvorhergesehcne Fälle abgerechnet, die Dinge in dieser Verfassung beharren werden. Sie knüpft daran die weitere Betrachtung, daß der aus dieser Sachlage folgende Minderbedarf an Silber einen Rückgang des Wechsels auf Indien, des Kurses der Rupien, oder was dasselbe ist, des Silbcrpreises unbedingt nach sich gezogen haben müßte, auch wenn die Silber- gewinnnng und die Demonetisieruug des Silbers in den betreffenden Weltteilen nicht eingetreten wäre. Die einfache Thatsache fällt am meisten ins Gewicht, daß bis vor wenigen Jahren der Handel die große Differenz zwischen seinem Bezug aus Indien nnd seinen Lieferungen dahin mittelst Silbers auszugleichen hatte; daß aber jetzt das ostindische Kriegsbudget für seine aus dem Mntterlande zn bestreitenden Leistungen in der Kolonie jährlich eine Masse Silbers erhebt, welche es den Kaufleuten anweist, während die Kaufleute ihrerseits deu Gegenbetrag in England auszahlen; eine Wechseloperation, welche dem einen Teil das Herholen und dem anderen das Hinschicken von Silber erspart. Und damit man sich einen richtigen Begriff von dem Effekt dieser Verschiebung mache, stellt die Kommission die Ziffern der Jahresfordernng des indisch-englischen Budgets mit denen der jährlichen Silberprodnktion der ganzen Welt zusammen. Ganz allein die Summe von 200 Millionen Mark, um welche das iudische Budget an Einnahmen zugenommen hat, ragt, nach ihr, über die Hälfte der Silberproduktion der gesammteu Welt hinaus! — 37!Z — Endlich stellt der Bericht sich noch die Frage: wie voraussichtlich sich der Gang des Silberkonsums in der indischen Kolonie für die Zukunft entwickeln werde. Die beiden am meisten mit den Zuständen jener Bevölkerung vertrauten Zeugen, welche vernommen wurden, haben geglaubt, nach dieser Richtung hin viel Beruhigendes sagen zu dürfen. Sie sagen, daß durch die Verbesserung der Wege und Herstellung der Eisenbahnen ganze Striche erst dem höheren Verkehr erschlossen worden seien. In diesen Gebieten trete erst jetzt die Gewohnheit, mit Geld, das heißt Silbergeld, zu kaufen, an Stelle des Tauschhandels; ferner habe das Volk in den Kolonien eine so gewaltige Lust an silbernem Schmnck und Geräte, daß dadurch der größte Teil dieses Metalls Verwendung finde. Mit zunehmendem Vermögen und mit dem Sinken des Silberpreises werde dieser Sinn neue Mittel siudeu, sich zu be- sriedigeu. In jedem größeren Dors ist ein Silberschmied, uud sobald ein Mann einige Rnpien verdient, läßt er denselben zn sich ins Hans kommen nnd die Ziergeräte allda anfertigen. Anch Gold wird zu gleichem Ziveck in starker Proportion verwendet. Obwohl Goldgeld in verschwindend geringem Maße umgeht, beträgt doch der Goldimport der letzten 40 Jahre die Hälfte der Silbereinfuhr, nämlich 2 Milliarden Mark, welche beinahe ausschließlich zu Prunk- sacheu verarbeitet wurden. Läßt solchergestalt der ferne Osten für die Aufsaugung des Silbers auch ferner ziemlich begründeten Hoffnungen Raum und erwächst daraus ein Anhaltspunkt für die Widerstandskraft der Silberpreise, so stehen nach der Überschau unseres Berichtes die Dinge überall in Europa um so aussichtsloser. Der Konsum Euglands ist verschwindend klein. Bis auf eine einzige Million Pfuud Sterling halten sich im vereinigten Königreich die ein- und ausgeführten — 374 — Beträge an Silber jahraus jahrein die Wage, nnd von dieser Million werden nur etwa 2/5 zn Münzzwecken verwandt. Der Verbrauch zu Manufakturzwecken übersteigt nicht die geringe Summe von KOO.OVO Pfund Sterliug oder 12 Millionen Mark, und darin ist nicht blos der Verbrauch für Geräte, sondern auch für galvanische Versilberung und Photographie inbegriffen. Was aber Frankreich betrifft, so stimmen die Beobachtungsresultate des Berichts bei aller Enthaltsamkeit, die sie in der Skizzierung von Zukunftsbildern üben, mit unseren eigenen oben entwickelten Ansichten überein. Einerseits wird konstatiert, daß seit dem Rückgang der Silberprcise Frankreich vermöge der fiktiven Wertrelationen das Abzngsbecken für das minderwertige Metall geworden ist, daß namentlich unter dem Schutz der lateinischen Münzkonvention, welche der Bank- gonverneur Rouland mit Recht eine „fatale" nennt, auch das auf Papier fußende Italien seinen ganzen Vorrat an Silbermünzen und sogar an uutergradiger Scheidemünze nach Frankreich hinübergeworfen hat; daß in der That und alles in allein berechnet, mehr als die Hälfte sämtlichen, während der letzten vier Jahre in der Welt produzierten Silbers auf Frankreich ausgeschüttet worden ist; daß aber, nachdem der Weg unvermeidlicher Erkenntnis endlich beschatten, d. h. die Silberprägung erst beschränkt und dann sistiert worden, das Land nicht länger fortfahren kann, auf die bisherige Weise der Welt als Abzugskanal für den Überschuß des an Wert verminderten Metalls zu dienen. Der Totalüberschuß nämlich, welcher im Lauf der letzten vier Jahre, verglichen zu den vorhergegangenen vier Jahren, auf den Weltmarkt kam, betrng rnnd anderthalb Milliarden Mark, und von diesem Gesamtbetrag erhielt Frankreich 670 Millionen. Diese Thatsache und die iunere Unmöglichkeit ihrer Fortdauer ist, was die Kommission als das Wichtigste in der ganzen Physiognomie der Lage wiederholt hervorhebt. Und so verhält es sich. Der gegenwärtige Stand des Silbers hängt an diesem Faden nnd man musz blind sein, um nicht zu sehen, wie dünn derselbe geworden. Als gewiß, sagt der Bericht am Schluß, steht vor uns die große Zunahme der Produktion von Silber, die Abnahme von Verwendung vermöge des veränderten indischen Budgets. Ob dagegen die Aufnahmefähigkeit der vstasiatischeu Bevölkerungen dem das Gegengewicht halten wird, bleibt jedenfalls zweifelhaft. Und bei aller Gewalt, welche die Kommission sich anthut, keine Zuknnftsansichten zu formulieren, kann sie sich doch nicht entbrechen, mit folgender Reflexion ihre Arbeit zu schließen: „Wenn es dahin kommen sollte, daß die allgemeine Münzpolitik den Weg einschlüge, das bequemere Gold immer mehr im innern und auswärtigen Handelsverkehr dem Silber vorzuziehen und so dasselbe aus der Position zu verdrängen, die es allzeit behauptet hatte, so könnte der ihm dann bevorstehenden nnd ganz uuvermeid- licheu Wertvermiuderuug gar keiue berechenbare Grenze im Boraus bestimmt werden!" Und so schließt dieser so trocken sachliche und geflissentlich nüchterne Bericht, nicht ohue daß auch er, mit einem Blick in die Zukunft schweifend, die Züge eines Meue Tekel gewahre, welches mit veränderter Fassung an deu Palast des Weltherrschers schreibt: „Du bist gewogeu, du bist zu schwer befunden, deine Tage sind gezählt." V. Wir habeu die Zeiten uud Länder in raschem Lauf überblickt. Die Ergebnisse der Betrachtuug siud überall — !Z7li — eingeflossen; es wäre nur entbehrliche Wiederholung, wollten wir sie nochmals in Reihe und Glied hier am Ende aufstellen. Kam es doch überhaupt hier nicht darauf an, zu letzten Schlußfolgerungen zu gelangen, sondern nnr Gedanken anzuregen und Horizonte zn eröffnen. Gedanken allerdings, welche bereits in breiten Massen ihre Herrschaft über die körperliche Welt geltend machen, und Horizonte, die täglich sichtbarer nahe rücken. Ein Staat, der heute zukünftige Verbindlichkeiten eingehen will, muß sich verpflichten in Gold zu zahlen, will er seinen Kontrahenten volle Sicherheit einflößen; und so weit ist es schon gekommen, daß die österreichische Nationalbank sich zeitweise geweigert hat, ihr mit Zwangskurs versehenes Papier gegen Silber herauszugeben, und in dem darüber erhobenen Streit sich dies ihr Recht anerkennen ließ. Diejenigen, welche ungern die Hoffnung auf Rückkehr der alteu Zeiten fahren lassen, waffnen sich mit noch zwei Argumenten, deren bis jetzt hier nicht Erwähnung geschehen, und die der Vollständigkeit halber vor dem Abschluß ihren Platz finden sollen. Das eine Argument weist auf eine Hoffuuug, das andere ans eine Schwierigkeit hin. Die Hoffnung ruht ans den Vereinigten Staaten von Amerika. In diesen besteht ein Gesetz, welches der Verwendung von Silber zu Münze einen gewissen Spielraum öffnet. Zur Hälfte ist das Gesetz vollendete Thatsache, zur anderen uoch bloße Eventualität. Das iu Kraft stehende Gesetz ordnet an, daß die in Umlauf befindlichen kleinen Abschnitte von Staatspapiergeld in Silber umgewechselt werden sollen; es verfügt ferner die Ausprägung eiuer Quantität sogcuaunter Handelsdvllars (?rg.Ü6 ckollars), welche zum Zweck des Verkehrs mit dem Ausland geschlagen werden können, ohne gesetzliches Zahlungsmittel im — 377 — Inland zu sein. Beiderlei Verwendungen haben in der letzten Zeit recht ansehnliche Quantitäten von Silber aufgezehrt; aber wenn wirsagen, daß beidezusammeubiszumMärz dieses Jahres rund 13 Millionen Dollars oder 52 Millionen Mark aus dem im Jahre 1875 von Regierungswegen gekauften Silber absorbiert haben, und daß die Gesamtheit des einzuwechselnden kleinen Papiergeldes auf 40 Millionen Dollars angegeben wird, so erhellt daraus, daß damit den entgegenwirkenden Elementen noch kein entsprechender Damm gesetzt ist. Und die höchsten Anschläge der künftig in den Vereinigten Staaten verwendbaren silbernen Teilungsmünzen gehen kaum über die Hälfte des Belaufs, den unserer Ausicht nach Deutschland noch abzustoßen hat. Nun wird an diese Maßnahmen die Hvsfnung geknüpft, daß Amerika bei Wiederherstellung seiner Metallzirkulation die Doppelwährung einführen werde. Es läßt sich natürlich g. priori nicht behaupten, daß dies- oder jenseits des Meeres den politischen Umtrieben und der Begriffsverwirrung unmöglich sein werde, irgend einen unsinnigen Beschluß durchzusetzen. Aber es wird gestattet sein, diese unberechenbaren Bahnen des Unsinns nicht in die Berechnung der künftigen Dinge aufzunehmen. Nach den bestehenden Gesetzen bleibt das Silber auch in Zukunft in den Vereinigten Staaten nur Teiluugsmünze, und nicht für mehr als 20 Dollars (80 Mark) gesetzliches Zahlungsmittel. Das ein so vielfach in Gold verkehrendes und Gold produzierendes Land wie Nordamerika zur ausschließlichen Silberwührung übergehen werde, hat noch niemand zu behaupten gewagt. Und wenn Länder, welche die Doppelwährung haben und mit allen Fibern an ihr Hüngen, durch die Notwendigkeit sich gezwungen sehen, auf dieselbe zu verzichten, (wie Frankreich bereits zu thuu angefangen — 378 — hat), so muß man es erst sehen, um es zn glaube», daß ein Land, welches noch ^adnla rasa vor sich hat, aus freien Stücken sich in diese Verlegenheit stürzeu werde. So viel, was die Hoffnung betrifft. Amerikas Verbrauch an Silbermüuze hat bereits seine Schuldigkeit uach dieser Richtung gethan. Die beideu wieder aufsteigenden Bewegungen der Silberskala, die wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben, sind weseutlich auf diese Mitwirkung zurückzuführen. Nach einem ersten Sturz bis 52 Pence für die Unze sahen wir eine Reaktion bis 56, dann einen Niedergang bis 47, dann abermals Umkehr bis 54, um schließlich wieder an dem Stand zwischen 51 und 52 anzukommen, welcher eiue Abweichung von etwa 17 Prozent vom alten Normalfuß darstellt. Ohne jene Ursache hätte der Rückgang wahrscheinlich bereits stärkere Dimeusionen augeuommeu. Als unüberwiudliche Schwierigkeit soll aber der Ausbreitung der Goldherrschaft der Umstand im Wege stehen, daß für diesen Zweck nicht Gold genug aufzutreibeu wäre. Der Deutsch - Engläuder Seyd, von lauge her eiu begeisterter Silbcrlegitimist, welcher sich übrigens durch Zusammenstellung belehrender Zahlen aus seiner auf dem Metallmarkt gesammelten Erfahrung Verdienst erworben, hat eine Schrift verfaßt, in welcher er berechnet, was alles die Welt dereinst an Gold brauchen werde, wenn überall das Silbergeld abgeschafft würde. Zu den in diese Berechnung hineingezogeueu Voraussetzungen gehört au erster Stelle die der Wiederaufnahme der Barzahlung seitens der noch in der Papierwirtschaft steckenden Länder. Er vergleicht den auf Grund dieser Hypothese veranschlagten Gesamtbedarf mit der Gesamtgewinnuug des Goldes, um die Unzulänglichkeit der letzteren darzuthun. Ohne seine Ziffern des Näheren zu prüfen, können wir aber von vornherein — 379 — seine Hypothese als soweit von ihrer Verwirklichung entfernt betrachten, daß wir auch rnhig der Zukunft überlassen können, das dieser Verwirklichung entsprechende Material zu beschaffen. Österreich, Italien, Rußland und selbst die Vereinigten Staaten, welche doch die nächsten sind, drohen nicht, sich in Ungeduld nach Beseitigung des Papiergeldes zu überstürzen. Ein anderer Trost für die, welche dessen bedürfe», liegt in der Ergiebigkeit gerade der amerikanischen Minen, welche so stark den Druck ans den Silberpreis vermehren helfen. Wir haben oben bei Schilderung dieser interessanten Bergwerke absichtlich eiues Phänomens nicht erwähnt, welches erst an dieser Stelle richtig gewürdigt werden kann. Die ungeheuren Schätze, welche von den amerikanischen Unternehmern aus Comstock-Lode gezogen werden, bestehen nämlich entfernt nicht ausschließlich aus Silbererz. Beinahe die Hälfte, dem Werte nach berechnet, ist Gold, 40 bis 45 Prozent der Förderung. Das wäre also schon eine wesentliche Zubuße für die wachseude Nachfrage. Und neben dieser isolierten Erscheinung steht unterstützend für nus die allgemeine, daß im großen und ganzen im Laufe der Zeiten die Produktion des Goldes, verglichen zu der des Silbers, stetig im Wachsen geblieben ist, seit mindestens dreißig Jahren auch an absolutem Wert die Summe des gewonnenen Silbers namhaft übersteigt. Ist auch das Verhältnis nicht mehr so überwältigend zu Gnnsten des Goldes, wie in dem Anfang der fünfziger Jahre (das Jahr 1852 weist 790 Millionen Mark Gold gegen 178 Millionen Silber auf), so ist es noch immer beträchtlich genug und ergiebt selbst für das Jahr 1875 trotz der großen Silber- gewinnnng noch die Zahlen: Gesamtproduktion in Gold: 500 Millionen Mark, an Silber 340. Bedenkt man hierzu noch, daß Gold, eben weil es — 380 — konzeiitriertercn Wert, oder was gleichbedeutend ist, größere Beweglichkeit bietet, schneller zirkuliert, so entspringt daraus die weitere Konsequenz, daß das Verkehrsgebiet mit einer geringeren Summe an Gold als an Silber auskommen kann, was auch eine absolute Ersparnis für den Volkshanshalt mit sich bringt. Und letztlich ist es gewiß nicht als ein Übel anzn- schauen, wenn dem natürlichen, stets die Preise der meisten Dinge allmählich hinauftreibenden Zuge der Zeit ein stiller Widerstand entgegenarbeitet in der verlangsamten Zufuhr des Edelmetalls. Darum glauben wir, uns uoch nicht plagen zu müssen mit der Sorge um die Beschaffung des Goldes für den Erdball. Und wenn der ganze Zug der menschlichen Sitten und Bedürfnisse auf den Weg nach den Goldmüuzen hindrängt, fo werden ihn jene Angstberechnnngen doch nicht aufhalten. Am allerwenigsten werden sie es dahin bringen, ans dem gekünstelten, wideruatürlicheu System eines unabänderlichen Wechselverhältnisses zweier Metalle ein natürliches zu machen. Feste Wertverhältnisse vorschreiben heißt im Gruude nichts anderes, als das eine der zwei in wechselseitiges Verhältnis gesetzten Dinge um ein Stück seines natürlichen Wertes künstlich verkleinern oder das andere nm so viel vergrößern, mit anderen Worten aus Etwas Nichts und ans Nichts Etwas machen. Beides ist wider die Natnr, und je mehr überall die menschliche Gesellschaft znr Selbsterkenntnis ihrer natürlichen Lebens- bedinguugen fortschreitet, desto mehr zerstört sie die ans den entgegengesetzten Effekt abzielenden Täuschungen. Der Kampf zwischen Schutzzvll und Handelsfreiheit steht auf demselben Blatt. Es ist der Kampf künstlich festgehaltener Wertfiktionen gegen das natürliche Gewicht der auf sich selbst ruhenden Werte. — 381 — Wer wird sich vermessen wollen zu sagen, daß ein vieltausendjähriger Grundpfeiler des menschlichen Haushalts jetzt auf einmal vor unsern Augen brechen und in den Aligrund stürzen werde! Die abstrakte Logik zieht ihre Schlüsse in grader Linie, aber das lebendige Wissen nimmt alle Hindernisse in seine Anschauung mit auf, welche bewirken, daß eine Wahrheit sich nie in grader Linie Bahn bricht, sondern nur auf langsam gewundenen Wegen endlich zu Tage tritt. Für uns kam es nur darauf an, nach einem fernen Signal- Punkt am Horizont zu spähen. Haben wir etwas Wirkliches erblickt oder, wie andere sagen werden, den Reflex eines nur im eigenen Gehirn aufgetauchteu Visionsbildes? In jener künftigen Zeit, welche hier das letzte Wort der Entscheidung auszusprechen hat, wird die Spur verschwunden sein dessen, der dies schreibt, und derer, die es lesen, und niemand wird sich erinnern, ob Irrtum oder Wahrheit auf diesen Blättern verkündet worden. Das Gold der Zukunft.' ») Aus der „Deuischen Rundschau", 4. Jahrgang, Heft 1, S. 129. ^?on allen Aufgaben der Staatswirtschaft, denen unsere Zeit so eifriges Mühen widmet, ist durch eigentümliche Verkettung der thatsächlichen Umstände am meisten die Frage nach der besten Münzverfassung in den Vordergrund gerückt. Kaum ein Kulturstaat, der sich uicht nahe berührt fünde von den Folgen der mächtigen Verschiebung in dem gegenseitigen Verhältnis der beiden Edelmetalle, aus welchen Geld gemacht wird. Nur die Länder, welche tief in Schulden und dadurch in die Fabrikation von Papiergeld geraten sind, haben vorerst andere Sorgen, als die um Regelung ihres Münzwesens. Alle übrigen befinden sich entweder in Übergangsstadien, sei es, daß sie noch diesseits der richtigen Entscheidung stehen, sei es, daß sie bereits das jenseitige Ufer erreicht haben; oder sie befinden sich, obzwar im fertigen Zustande, doch in Verlegenheit infolge auftauchender Schwierigkeiten. Selbst Großbritannien ist wegen seines Verhältnisses zu Indien nicht frei von Heimsuchung. Überschaut man das ganze Gebiet, dessen Gestade von dem Wellenschlage dieser tiefgehenden Bewegung erreicht werden, so stellt sich ohne viel künstliches Suchen die Frage ein: ob wir nicht den Anfängen eines Prozesses beiwohnen, welcher das Geldwesen der herrschenden Handelsnationen nach einiger Zeit auf neuer Grundlage herausgebildet habeu wird? — 386 — Kein Wunder also, daß die Münzpolitik mit besonderem Eifer gepflegt wird. Aber nicht bloß um die lehrhaften Probleme handelt es sich. Vielmehr legen sich die thatsächlichen Erscheinungen, welche so viel zur Anregung der Frage beigetragen haben, mit ihrem ganzen stofflichen Schwergewicht quer über die Wege der theoretischen Forschung. Am ersten Tage des Eintritts in die deutsche Münzreform bezeichnete ich die Frage: „Wohin mit dem Silber?" als die schwierigste des ganzen Unternehmens. Und die, welche damals meinten, ich mache mir darüber zu viel Sorgen, sind Wohl seitdem von ihrer Ansicht zurückgekommen. Als Gegenstück zu jener Frage wird nun seit einiger Zeit eine andere aufgeworfen: „Woher das Gold?" Läge in derselben mit Recht der Hinweis auf eine Gefahr, so wäre sie noch viel ernster zu nehmen. Denn dem Überfluß, wie groß er immer sei, ist im Allgemeinen eher abzuhelfen, als dem Mangel. In neuester Zeit haben namentlich zwei Männer von Fach die Frage mittelst emsiger Nachforschungen auf dem Gebiete der Geologie und der Bergwerkskuude zu beantworten gesucht. Beide sind zu entgegengesetzten Resultaten gelangt. Der eine bedroht die Welt mit Goldhungersnoth, wenn sie nicht zur Praxis der alten Doppelwährung zurückkehre. Der andere, ohne auf die Münzfrage einzugehen, schildert die australischen Lager in solcher Weise, daß sie uns noch auf lange hinaus unerschöpfliche Schätze verheißen. Hören wir Einen nach dem Anderen. Herr Eduard Süß hat ein belehrendes und höchst anziehendes Werk geschrieben, welches er „Die Zukunft des Goldes" benennt, weil es im großen und ganzen auf den Schluß hinzielt, daß das Gold eine sehr zweifelhafte Zukunft vor sich habe. Das Argument, mittelst dessen dieser Beweis geliefert wird, füllt bei weitem den größeren Teil — 387 des Buches aus; und auf seinen Kern zusammengedrängt lautet es: Zum alten Gold wird immer weniger neues kommen; so wenig am Ende, daß es sich von selbst verbieten wird, Münzen daraus zu prägen. Oder mit anderen Worten: Das Gold der Zukunft erlaubt nicht, an die Zukunft des Goldes zu glauben. Seinen Vordersatz hat nun der Verfasser mit großer Liebe zur Sache, oder, waS gleichbedeutend ist, mit großer Kenntnis der Sache durchgeführt. Dagegen ist der eigentliche Schlußsatz weniger gut weggekommen, ihn hat er sich etwas leicht gemacht. Es wird also jedenfalls nur die schönste Gerechtigkeit an ihm geübt, wenn man, ihn besprechend, den Nachdruck von vornherein auf den von ihm selbst intensiv uud extensiv bevorzugten Teil der Arbeit legt uud dies schon in der Überschrift andeutet. Auch die Gerechtigkeit gegen Herrn Wolff verlangt, ihn nicht unter der fremden Firma der Welt vorzustellen. Die von mir gewühlte Aufschrift möge unparteiisch verkünden, um welches Problem sich beide mit verschiedenem Ergebnis bemüht haben: nämlich um die Frage nach dem wie viel oder wie wenig des Goldes der Zukunft? Die Schrift, mit der wir uns zuerst beschäftigen, hat großes Aufsehen erregt. Da man in Deutschland den Zweikampf der Edelmetalle, zu welchem wir soeben eine entschiedene und auch wesentlich entscheidende Stellung genommen haben, mit Aufmerksamkeit verfolgt, so konnte es nicht ausbleiben, daß ihre Bedeutung nachdrücklich hervorgehoben ward. Auch da, wo für die Auffassung des Autors der Boden durchaus nicht günstig war, hat man sich stark, in der That zu stark, von ihr beeindrucken lassen; dagegen ist dem interessanten Material, das in ihr außerordentlich schön gruppiert und mit einem bei deutschen Fachmännern leider so seltenen künstlerischen Fleiß anschaulich geordnet 25* ' — 388 — ist, weniger Ehre widerfahren, als es beanspruchen kann. Wie schon angedeutet, wäre das entgegengesetzte Verfahren das richtigere gewesen. Die Schlußfolgerungen sind von sehr zweifelhafter Beweiskraft, aber die ihnen zugrunde gelegte Darstellung aus dem Gebiet der Geologie und Montanindustrie ist sehr verdienstlich. In ihr liegt der Wert des Buches. Herr Eduard Süß ist, wenn nicht in Deutschland, so doch in der österreichischen Monarchie zu einem bedeutenden Rufe gelangt. In England geboren, kam er früh nach Wien und seiner nach den verschiedensten Richtungen hin bewährten Leistungsfähigkeit thaten sich bereitwillig alle Pforten des öffentlichen Lebens auf. Geologe von Fach und vortragender Professor ist er zugleich Kustos des Museums, Mitglied des Gemeinderates und des Abgeordnetenhauses. Während seine akademischen Vorträge die Jugend bezaubern, reißen seine politischen Reden die Männer der parlamentarischen Versammlungen mit sich fort, unter deren Leuchten er gezählt wird. So wird berichtet, und danach begreift sich, daß man ihm in der österreichischen Politik eine bessere Zukunft prophezeit, als die, welche er dem Golde verkündet. Mit beiden Weissagungen vielleicht stimmt es ganz gut, daß sein warmer österreichischer Patriotismus hervorgehoben wird. Bei aller Anerkennung nämlich, die ich seiner Untersuchung, gerne zolle, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier eine stattliche Rede pro äonrc, austriaeg, gehalten wird, welche die Welt zur Ansicht bekehren soll, daß das Heil einer guten Müuz- politik nnr in der sogenannten Doppelwährung, in dem friedlichen und fest geregelten Nebeneinander von Silber und Gold zu finden sei; und als der Weg des Heils wird die monetäre Völkerverbrüderung empfohlen, welche neuester — 38» — Zeit ein wunderlicher Heiliger*) von Paris ans mit der unschuldvollen Überzeugungen eigenen Emphase allen Nationen der Erde in allen Zungen predigt. An sich beruht zwar der Gedanke, daß ein finanzschwacher Staat zu gesunder Münzverfassung eher gelangen könne, wenn er nach Silberoder Doppelwähruug, als wenn er nach Gold hinsteuert, ans Selbsttäuschung; aber es läßt sich doch nachfühlen, daß die schönselige Quacksalberei weltumspannender Münzkonventionen für solche Staaten, welche an finanziellen Schwächezuständen leiden, etwas Verlockende? hat. Nachdem unser Verfasser die Fülle seines Wissens uud den Reichtum seiner Gedanken-Kombinationen erschöpft hat, geschieht es auch ihm, daß er bei der schließlichen Nutzanwendung nur die alten Irrtümer iu ueuer Form zu Tage fördert. Was ihn beschäftigte, fesselte, anregte, war offenbar die geologische Hypothese. Nachdem er sie mit allem Aufwand von Gelehrsamkeit und Geist entwickelt, nachdem er alle Höhen und Tiefeu der fünf Weltteile durchwandert — was Wnnder, daß die vielbetretene Heerstraße den vielleicht etwas Ermüdeten lockt, um rasch zum Ziel zu kommen! Schon die äußere Ökonomie des Buches trägt die unverkennbare Spur dieser zwiespältige» Sach- behandlung. Auf kanm dreißig Seiten am Schlüsse, zu denen allenfalls noch siebenzig im Eingang, welche allgemeineren Betrachtungen gewidmet sind, mit gerechnet werden könnten, werden die inhaltschweren Konklusioueu gezogen. Diesen höchstens 100 Seiten, in welchen die eigentliche Münzfrage beHandel ist, stehen 270 gegenüber, die sich mit der geologischen und bergmännischen beschäftigen. Aber um so besser! Die, welche nützliche Belehrung suchen, haben entschieden bei dieser Stoffverteilung ihren Vorteil gefunden, und schließ- *) Cernuschi. - 390 — lich braucht man nicht zu fürchten, daß die falsche Moral dieser nützlichen Schilderung irgend jemanden auf Abwege führen werde. Die Münzrevolution, die sich unter unseren Augen vollzieht, entspringt nicht künstlichen Veranstaltungen, und alle Bemühnngen, die darauf gerichtet werden, ihren Konsequenzen zu entrinnen, werden zerstieben wie Spreu vor dem Winde. Diejenigen insbesondere, welche berufen sind oder welche zum mindesten berufen sein sollten, die großen, folgenschweren Entscheidungen für die Münzpolitik ihres Volkes zu fassen, werden bei allem Reiz, den ein Werk wie das vorliegende auf sie ausüben mag, sich nicht verbergen können, daß es ein wenig zu sehr nach der Lampe riecht, als das; wir nns seiner Führung bei dem Tagewerk des Lebens unbedenklich überlassen dürften. Womit jedoch keineswegs jener ewig wiederkehrende Vorwurf der „Theorie" gemacht sein soll, mit welchem Plattheit oder Eigennutz sich das Wissen und Nachdenken vom Halse zu halten suchen. Nur das will ich ausdrücken, daß wir es hier mit einer Studie zu thun haben, deren Schwerpunkt in der geschichtlichen und naturgeschichtlichen Darstellung liegt. Eben deshalb ist auch ihr Verdienst in derselben Richtung zu suchen. Wenn wir die französisch geschriebenen Arbeiten von Humboldt abrechnen, giebt es in Deutschland noch keine Monographie, welche, wie die von Süß, eine zusammenfassende Darstellung ans diesem Gebiet geliefert hat, und sich an die Schriften der Engländer Lord Liverpool und Jacob, wie der Franzosen Lenormant (Fran?ois) und Chevalier anreiht, mit dem Unterschied jedoch, daß das neneste Werk weniger als die genannten dem Münzwesen und mehr als dieselben dem Bergwesen zugewendet ist. — 391 — I. Gestützt auf die Kenntnis von der Beschaffenheit der Erdoberfläche, welche sowohl durch das Studium der Natur, als durch die Erfahrung des Bergbaues gewonnen wird, entwickelt Süß seine Hypothese, welche wir kurz zusammenfassen, wie folgt: Daß die edleren Metalle die schwereren sind, ist bekannt. Schon daraus ergiebt sich, daß sie als Bestandteile der Erdsubstanz mehr nach dem Inneren als nach der Oberfläche zu geschichtet sein müssen. Dieser Voraussetzung kommt zur Hülfe die Beobachtung der Spektralanalyse, welche auf der Oberflüche der Sonne eine Reihe der auch bei uns leicht erreichbaren Metalle verrät und deshalb der Vermutung Raum läßt, daß die übrigen den unseren entsprechenden Metalle, edle nnd schwerere, im Innern des großen Feuerballes liegen. Eine andere Betrachtung kommt derselben Annahme zustatten. Das spezifische Gewicht der Erde würde ein geringeres sein, als es ist, wenn das Innere derselben aus den gleichen Stoffen gebildet wäre, welche die Rinde enthält. Um die Ausgleichung zu erzielen, sind wir auf den Rückschluß angewiesen, daß im Gegensatz zu dem verhältnismäßig leichten Gestein der Schale der Kern der Planeten Metalle enthalten müsse, wahrscheinlich große Massen von Eisen und — in welchem Verhältnis ist nicht zu bestimmen: Gold, Platina und Silber*). Aus der Voraussetzung nun, daß die drei Edelmetalle, Gold, Platina und Silber, durch ihre spezifische Schwere am meisten nach dem Inneren des Erdkörpers gezogen *) Platina ist das schwerste, Gold etwas weniger schwer, Silber beinahe nur halb so schwer wie Gold. Die anderen Metalle von großem spezifischen Gewicht kommen nur selten vor. werden, ergiebt sich von selbst die Thatsache, daß sie den Nachforschungen der Menschen weniger zugänglich sind, und daß ihnen eben dadurch jenes Attribut der relativen Seltenheit gesichert ist, welches ein Hauptelement ihres adeligen Ranges ausmacht. Da das Gold annähernd doppelte spezifische Schwere hat wie das Silber, so ist auch sofort seine größere Seltenheit motiviert, und schon hier werden wir auf den Schluß vorbereitet, daß nach Maßgabe der fortschreitenden Bearbeitung der Erdoberfläche die Hoffnung, neue Schätze zu finden, viel eher auf Silber als auf Gold rechnen darf. Flieht nun aber solchergestalt das heißbegehrte Metall vor den ihm nachsetzenden Menschen in die Tiefe hinab, so würde es anch da gewiß nicht vor seinen Nimmersatten Verfolgern sicher sein, wenn nicht ein feuriger Drache es bewachte. Dieser Drache ist niemand anders als das höllische Feuer selbst, welches im Inneren unserer Erdkugel von dem wilden Kommunebrand aus der Zeit der großen Planetenrevolution her fortglüht. Bereits pochen die Pioniere des fernen amerikanischen Westens an das Verließ des wutschnaubenden Dämons und können sich nur durch künstliche Vorrichtungen gegen die Glut seines verderbenbringenden Odems schützen. Auf der Sohle der großen Comstock-Lode, des neuesten der Eldorados, in einer Tiefe von nahezu 2000 Fuß unter der Oberflüche würden schon heute die Bergleute bei der da herrschenden Temperatur von 43° Reaumur es nicht aushalten können, wenn ihnen nicht durch Maschinen kalte Luft zugepumpt würde. Viel tiefer, als man solcherweise bis jetzt gelangt, werde, so meint unser Verfasser, auch in Zukunft nicht gegen die Erdwürme vorzudringen sein.*) Ob hier der mög- Nach anderer Ansicht wäre die hohe Temperatur dieser Regionen wesentlich aus den Zugängen von heißen Quellen zu erklären, was allerdings keinen Widerspruch zu obiger Theorie bildet. — — lichen Vervollkommnung der Technik im Punkte der zu überwindenden Schwierigkeiten nicht zu enge Grenzen gezogen sind, möchte eine wohlberechtigte, wenn anch von andern gleichfalls verneinte Frage sein. Aber es gilt hier überhaupt nicht mit dem Verfasser über seine thatsächlichen Voraussetzungen zu rechten. Sie sollen stehen, wie er sie hinstellt, und so wollen wir ihm mit Vertrauen auf der Spur weiter folgeu, die er selbst zieht. Es handelt sich darum, die Wege zu erspähen, auf welchen im Laufe der Jahrtausende das vielvermögende Erz aus den Tiefen der Erde nach oben gekommen ist. Diese Arbeit verrichtete im wesentlichen die vulkanische Thätigkeit iu Ausbrüchen, welche das Metall in Dampfform aus Rissen und Spalten empvr- trieben, in denen es als Niederschlag zurückblieb, während allmählich der Schlot, der ihm Durchlaß gewährte, sich wieder schloß. Auch die großen gold- und silberhaltigen Lagerungen von Nevada, die heute eiue so wichtige Rolle in der Wührungsfrage spielen, werden zu den Erscheinungen der eben geschilderten Art gerechnet. Zeugt das vulkauische Bett, in welchem diese neva- dischen Bonanzas liegen, für solchen Ursprung, so verlangen die nicht vulkanischen Gesteine, namentlich ans Quarz und Schiefer gebildet, in denen Edelmetalle nnd besonders Gold in Massen gefunden werden, eine andere Erklärung. Zu diesen Formationen gehören als Fortsetzungen gerade die Goldfelder oder sogenannten Seifenlager*) von Kalifornien und Australien, welche vor einem Vierteljahrhundert die Welt noch viel mehr als heute die Comstock-Lode in Aufregung gebracht haben. Ob hier das Wasser in seiner flüssigen Gestalt oder als Dampf die Förderung des schwereren Stoffes nach obeu übernommen hat, bleibt ungewiß, aber -) Das Verfahren des Auswaschens wird „Seifen" genannt. — 394 — es ist immerhin zu unterstellen, daß auch hier ein Durchbruch nach aufwärts das Geschäft der Vermittlung zwischen dem eigentlichen Sitz der schweren Erze und der von dem Menschen bearbeiteten Oberfläche besorgt hat. Und zwar sind gerade die ebengenannten, ihrer Zeit so plötzlich erschlossenen und durchwühlten Goldfelder Kaliforniens und Australiens nicht sowohl die ursprünglichen Niederlagen der neptunisch-Plutonischen Arbeit als vielmehr deren Filialanstalten. Die Anhäufungen, welche aus den metallhaltigen Niederschlägen anwachsen, werden im Lanf der Jahre oder Jahrhunderte von Luft nnd Wasser bearbeitet, zerbröckelt und in die tieferen Regionen entführt. Allda bilden sie jene wundersamen Gefilde, welchen auf die erste märchenhaste Kunde das abenteuernde Volk der Schatzgräber zuströmte, um den Zauberschlüssel zu allen Erdengütern ^— wenn nicht Enttäuschung und ein klägliches Ende zu finden. Der Versucher, welcher weiß, was er thut, hat viel weniger vom sanftblickenden Silber als vom feuerglänzenden Golde auf diese Weise in berückender Fülle und greifbarer Gestalt den armen Sterblichen auf den Weg gestreut. Mau sieht sogleich, wozu das führt. Kaum erklingt die Kunde vom Lande der Fabel, so zieht sie auch aus nah nnd fern Menschen jeden Ranges und Standes in ihren Zauberkreis. Wenige Monate, nachdem die kalifornischen Goldfelder erschlossen worden, hörte die Zeitung, welche in San Francisko eigeus gegründet worden war, um über den Fortgang der Entdeckung zu berichten, wieder zu erscheinen auf. Die gauze Redaktion mit Setzern und Druckern, und wohl auch mitsamt den Druckerbuben, war nach den „Diggings" gelaufen, um sich mit an die Tafel zu setzen, statt hungrigen Magens deren Freuden zu beschreiben. Kein Wunder, daß solche Glückstöpfe danu schnell abgerahmt werden. Der gierigen Arbeit des Menschen hatte die Ar- — 395 — beit der Elemente das Tagewerk vorbereitet. Das zerfetzte, zerbröckelte Erz ist in größeren und kleineren Massen in der Anschwemmung ausgebreitet. Die größeren Pepiten, reine Erzklümpchen, wechseln mit dem feineren metallhaltigen Sande ab, der auf mechanischem Weg zu behandeln ist. Alle die berühmten Goldgefilde haben nach den ersten Jahren angefangen mindere Ausbeute zu geben und sind stetig dariu zurückgegangen. Im Gegensatz zum Golde tritt das Silber der Regel nach mit festem Gestein verbunden auf und mit anderen Erzen vermischt; doch kommen Gold und Silber in gemeinsamen Lagern nicht selten vor, am meisten gerade in Nevada. Bekanntlich führt die Bereitung des Bleies jahraus jahrein dem Silbermarkt namhafte Quantitäten zu, obwohl sie nur als Nebenprodukte der Bleihütte erzielt werden. Nach diesen Ausführungen widmet der Verfasser eine Reihe von Kapiteln den Einzelheiten über die Gold- und Silberminen der Welt, der Geschichte ihrer Entdeckung und Ausbeutung. Überall gruppieren sich die Bilder so, daß das Verständnis für die letzte thatsächliche Zusammenstellung und die auf sie gebaute Hypothese vorbereitet wird. Das Silber, viel häufiger vorkommend, bei geringerem spezifischen Gewicht nicht ganz so streng wie das Gold in der Tiefe zurückgehalten, ist gleichzeitig in mannigfaltigerer Form verteilt. Nach des Verfassers Ansicht rühren neu» Zehnteile sämtlichen im menschlichen Besitz befindlichen Goldes aus dem lockern Schwemmlandc her, das Silber dagegen wird aus festen, langsam zu bearbeitenden Gängen gewonnen, uud der auf gleiche Weise dem Gold gewidmete regelmäßige Betrieb ist untergeordneter und unzuverlässiger Natur. (Wir werden weiter unten erfahren, daß gerade in diesem höchst wichtigen Punkt andere Autoritäten mit — 396 — entgegengesetzter Ansicht auftreten). Es giebt ganz ertragsfähige Silbergruppen mitten in den alten Kulturländer»; es bedarf keiner Erweiterung der geographischen Entdeckungen, um die Silberproduktion zu vermehren; sie ist nicht jenen beträchtlichen und raschen Schwankungen ausgesetzt, welche die neuere Goldproduktion auszeichnen, und seitdem die Quecksilberpreisc teils durch neue Fundorte, teils durch neue Aufbereitungsmethoden, welche dies Hilfsmetall zur Zerlegung der Silbererze entbehrlich machen, beträchtlich heruntergegangen sind, wird die Versorgung des Silbermarktes noch mehr an Stetigkeit gewinnen. Hieraus soll sich nun ergeben, daß, während die reichsten Goldquellen eben so üppig emporsprudelten wie rasch erschöpft würden, die Natur für eine stetige und unabsehbare Zufuhr an Silber gesorgt hätte. Von der jetzigen Jahresausbeute an Gold dagegen, welche auf 584 Millionen Franken veranschlagt wird, sollen 381 Millionen aus dem Schwemmlande gewonnen werden, dessen Leistungsfähigkeit nur auf eine begrenzte Reihe von Jahren hoffen läßt. Neben dieser geologischen Vermutung muß zugleich eine gewerbliche erwähnt werden, mit welcher sie ergänzt wird. Da das Silber vielfach nur als Nebenpodukt gewonnen wird, so soll auch der Niedergang des Preises auf seine Gewinnung keinerlei bestimmenden Einfluß üben, ja zum Teil durch Steigerung des Preises der beigemischten Metalle ausgeglichen werden können. Man kann allen diesen Schilderungen der thatsächlichen Verhältnisse, wenigstens hypothetisch, folgen, ohne deswegen auch sofort den letzten Schluß zu ziehen, daß in gegebener, beinahe berechenbarer Zeit dem Goldmarkte der Welt die gewohnte Zufuhr fehlen werde. Von vornherein drängt sich eine Betrachtung auf. Hätte etwas wie diese Theorie von der ephemeren Natur der Goldquellen auch vor 1849, d. h. — 397 — vor der Entdeckung der großen Goldfelder Kaliforniens und Australiens auftauchen können? Schwerlich! ja ganz gewiß nicht! Sämtliche hier beigebrachte Beweiselemente, Ziffern und Deduktionen nötigen zu diesem Rückschluß. Und nun sollte Plötzlich als ein Naturgesetz stabiliert sein, was vor dreißig Jahren nicht zu ahnen war? Allerdings, ein neuentdecktes Gesetz ist darum nicht minder eines, und jede Entdeckung muß einen Anfang haben. Aber nach tausendfältigen und tausendjährigen Erfahrungen, die Begebenheiten einer kurzen Zeitspanne, seien sie auch noch so imposant, zu einer ewigen Regel zn verallgemeinern, ist bedenklich. Und wie weit immer der Versuch gelungen sein mag, alles in älterer Zeit Erlebte nach dem Sinn der eben gewonnenen Anschauung auszulegen, — der Verdacht läßt sich nicht unterdrücken, daß vorübergehenden Erlebnissen zu viel Herrschaft über die Denkweise des Beobachters einge- geräumt worden sei. Schwerlich zwar kann bestritten werden, daß gerade die großen im Schwemmlande angehäuften Goldmassen rascher zu Ende gehen müsseu, als die mit regelrechtem Abbau auszubeutenden Erzlagernngen im Gebirge. Und noch weniger läßt sich die Richtigkeit einer zweiten vom Verfasser aufgestellten Behauptung in Zweifel ziehen, daß nämlich beim Vordringen der Bevölkerung in neue Gebiete gerade die Spur der Edelmetalle am ersten und eifrigsten aufgesucht, das Aufgespürte am ungestümsten durchwühlt wird. Der Vortrab der Zivilisation, der ausschwärmende Haufe der Abenteurer, wirft sich zuerst auf die Ernte, die nicht er, sondern das Reich der Jahrtausende gesäet hat. Das alles kann richtig sein, ohne zu dem Schluß zu nötigen, daß mit den bisher bekannten Goldfeldern nahezu die letzte Goldquelle der Welt aufgefunden und erschöpft sei. Es heißt gar zu rasch das Reich der Möglichkeit — 398 — durchlaufen, wenn man also Art und Ort der Goldgewinnung für alle Zeiten voraus abgrenzt. Wenn wir unserem Autor glauben, so wäre der Erdkreis schon so beiläufig abgesucht. „Mit einem nicht geringen Grade von Bestimmtheit", so spricht Süß, „wird man zu der Meinung gedrängt, daß viel mehr als die Hälfte der mit den bisherigen Mitteln überhaupt erreichbaren Menge Goldes bereits dnrch die Hand des Menschen gegangen ist." In der That, ein solcher Ausspruch verdient ob seiner Kühnheit unsere Bewunderung zu erregen! War die Welt in ihrer Peripherie uicht bekannt lange vor 1848. Ist aber umgekehrt die Möglichkeit solcher Erschließungen an vielen, vielen Stellen im Inneren der Länder nicht auch noch gerade so denkbar wie zuvor? Der Verfasser selbst behält sofort den ganzen unermeßlichen Kontinent von Afrika vor, die klassische Erde, deren bloßer Küstenrand seit Jahrtausenden den Goldstaub versendet — doch Wohl nur den Abfall tiefer verborgener Schätze? und gerade jetzt, wo die Aufmerksamseit und Anstrengung der Entdeckungswissenschaft sich erst rüstet, das Innere des geheimnisvollen Weltteils zu sondieren? Wie viel fehlt, daß der ganze Nordwesten Amerikas durchforscht sei! und von Australien werden wir noch zu reden haben. Hier noch mehr als da, wo der Verfasser der Technik die Möglichkeit abspricht, etliche tausend Fuß tiefer nach Gold zu graben, ist sicher ein Fragezeichen Wohl angebracht. Doch es mögen nun diese Zweifel auf sich beruhen bleiben. Sie haben für unsere eigentliche Aufgabe eine untergeordnete Bedeutung. Ach hier soll nichts zurückgenommen werden von dem zum voraus gegebenen Versprechen, die thatsächlichen Hypothesen des Autors frei walten zu lassen und ihm nur da auf die Finger zu sehen, wo er uns beweisen will, daß das deutsche Reich übel beraten gewesen — 399 — sei, als es die ausschließliche Goldwährung einführte. Denn das ist doch eigentlich der unausgesprochene Grundgedanke, welchen das Buch in sich trägt; etwa noch in den Zukunftsgedanken fortgesetzt, daß.Österreich sich aus dem Sinn schlagen möge, dieser gefährlichen Spur zu folgen. Nehmen wir immerhin die beiden Kardinalsätze als richtig an: was die Erde den Menschen an Gold zu liefern im Stande ist, hat sie — für alle Zeiten — zum größteu Teil ausgeliefert: dagegen folgt die Silberproduktion ganz anderen Bedingungen als diedes Goldes. II. Gegenüber dem größten Trumpf, welchen der Alarmist ausspielt, wird es am besten sein, mit einem offenen Geständnis die Karten auf den Tisch zu legen. Sein düsteres Orakel spricht nämlich also: „Der Zeitpunkt ist aber unausweichlich (sie), in welchem und zwar voraussichtlich nach wenigen Jahrhunderten die Goldproduktion sich dauernd in außerordentlichem Maße vermindern wird, und dieses Metall bei fortwährend zunehmender Seltenheit nicht mehr imstande sein wird, seine bisherige wirtschaftliche Stellung zu behaupten." Also noch „wenige hundert Jahre" lägen selbst nach dieser bösen Prophezeiung zwischen dem glücklichen Heute und jenen kommenden Tagen der Goldarmut. Man braucht vielleicht noch gar kein schlechtes Gemüt zu haben, um bei dieser Vorstellung ganz unbewegt zu bleiben. Selbst angenommen, das vielbeliebte Ethos und Pathos, welches die „Volkswirte" Heuer so reichlich verzapfen, erheische nebst der Liebe zu den lebenden Menschen, deren Kindern und Kindeskindern noch eine ebenso herzliche Teilnahme an den — 4W — entferntesten Geschlechtern, — selbst dies angenommen, wäre doch der Gedanke berechtigt, daß zu frühzeitig beschlossene Anordnungen füglich den Nachkommen mehr schaden als nützen könnten. Eine Weichenstellnng auf Distanz von mehreren Jahrhunderten hinaus, das ist eine Vorsichtsmaßregel, welche beinahe mit Sicherheit den Zug in den Graben führeu muß. Nicht der Leichtsinn, sondern die Einsicht in die Unberechenbarkeit der Zukunft hat die Weisheitslehre erfunden, der Meusch solle sich mit der Plage des Tages genügen lassen; und ans die Weltwirtschaft angewendet, ist Wohl ein Säkulum ein reich bemessener Tag. Hat man uns nicht auch deu Kopf schou damit warm machen wollen, daß wir nach Jahrhunderten keine Feuerung mehr haben würden? Süß selbst kann nicht umhiu, an die Analogie jener Steinkohlenalarmistcn zu eriunern, welche berechnet haben, wann in New-Castle und Nuhrort der letzte Zentner geschöpft sein wird. Nein, mit dieser Sorge lassen wir uns nicht bange machen; einstweilen mit dem Gold für etliche kurze Jahrhunderte in der Tasche, wollen wir ruhig die Lebensreise weiter fortsetzen. Aber, könnte mau hier einwerfen, ist nicht ebenso von entgegengesetzter Seite eine dem Silber nachteilige Prophezeiung gemacht worden? (Auch Süß erwähnt ihrer.) Wurde nicht auf sie der Rat gestützt, sich vom Silbergelde zn befreien? Nichts ist leichter anznrnfen als Analogien, nichts mit größerer Vorsicht zn gebrauchen. Zunächst schöpfen die gegen das Silber gewendeten Argumente ihre Kraft weder aus dessen Zuwachs uvch aus dessen Abnahme, überhaupt nicht aus Vorgängen im Reich der Natur, sondern ans Erscheinungen, die sich mit innerer Notwendigkeit aus deu Grundbedingungen eines rationellen Verkehrs ergeben haben. Das zu große Gewicht im Verhältnis zuin Wert, der innere Widerspruch der Doppelwährung, das sind Gebrechen, die nicht von künftigen äußeren Vorgängen abhängen. Hier liegt eine Rechnung mit bekannten Größen vor. Ferner ist die Wert- verminderuug des Silbers eine bereits für die Gegenwart vollzogene Thatsache. Die, welche vor drei, vier Jahren voraussagten, daß binnen kurzem ein Rückschlag eintreten iverde, warteu noch heute auf Erfüllung ihrer Hoffnungen. Zwingende wirtschaftliche Notwendigkeit hat seit fünf Jahren einen Staat nach dem anderen dahin geführt, sich von der praktischen Anerkennung des früheren festen Verhältnisses vou Silber zu Gold loszusagen, dem Gold allein freien Zugang zu den Prägeanstalten zu lassen. Indem wir auf Grund dieser lebendigen Vorgänge und im Verständnis ihres wohlbegrttndeten Zusammenhangs an die Fortdauer der gegenwärtigen Sachlage glanben nud uns auf dieselbe einrichten, thun wir gerade das Gegenteil von dem, waS die Lehre von der Zukunft des Goldes uns empfiehlt; denn diese mutet uus zu, im Vertrauen aus einen dereinst nach Jahrhunderten zu erwartenden Umschlag der Dinge die Lehren der heutigen Erfahrung abzuweisen. Allerdings „Avuverrikr e'sst prsvoir", und jeder Entschluß gerade auch iu dieser kitzlichen Wührungsfrage hängt von der Ansicht ab, die wir uns von der Zuknnft zu bilden haben. Fragt sich uur, von welcher Zukunft und auf welche Berechuuug gestützt? Der Gang der Weltgeschichte hat dahin geführt, daß nur die Nationen, welche die ausschließliche Goldwährung haben, sich geregelter Münzverhältnisse erfreuen und nicht ans Abänderungen zu siuuen gezwungen sind. Die eigeutliche Doppelwährung konnte kein Staat in Wirksamkeit erhalten, kein Staat, kein einziger! Das ist ein Wort. Und die Staaten, welche auf die Doppelwährung verzichten mußten, ohne sich zur einfache,? Goldwährung entschließen zu können oder zu wollen, alle diese siud in Verlegenheit, wie sie diesem unleidlichen - 402 — Schwebezustand ein Ende machen sollen. Es ist ein wunderlicher Rat, nnser besseres Loos mit jenem schlechteren zu vertauschen, weil in hundert oder zweihundert Jahren vermutlich der bessere Zustaud sich iu den schlechteren verwandelt haben werde! Der Rat ist übrigens nicht neu. Ans näher liegende und enger begrenzte Möglichkeiten gestützt, hat ihn ein bekannter Gönner des Silbers, Herr Ernst Seyd in London, schon vor zwei Jahren erteilt. Sein Argument ist einfach ans der Berechnung gezogen, daß bereits dermalen nicht Gold genug in der Welt sein würde, um daS Bedürfnis zn befriedigeu, wenn nur sämtliche Länder, welche jetzt noch in der Doppelwährung oder gar in der Papicrwirt- schaft stecken, den Reinignngsprozeß vornehmen nud zur Goldwährung sich emporarbeiten wollten. Auch dieser minder kühnen Hypothese gegenüber bleibt man kalt. Es fällt uns nicht ein, die vorteilhafte und vernunftgemäße Münzverfassung, die wir Deutsche uus mit gutem Vorbedacht erobert, Preis zu geben, weil sie in ihren logischen Konsequenzen zu den an sich ungewissen und der Zeit nach jedenfalls unberechenbaren Bewegungen anderer Nationen nicht stimmen würde. Einstweilen steht nur so viel fest: Die Läuder der reineu Goldwährung umfassen vorerst nnr 140 Millionen gegenüber 940 Millionen mehr oder weniger kultivierter Seelen, die mit Papier, Silber oder Doppelwährung leben. Umgekehrt aber wird die Jahresproduktiou an Silber auf 300 Millionen, die Goldproduktion auf 450 Millionen Mark in Bausch uud Bogen veranschlagt. Es sieht demnach gewiß nicht so aus, als sollten die glücklichen Inhaber der ausschließlichen Goldwährung in Verlegenheit geraten wegen Mangels an Znfnhr. Und angenommen selbst, der Gegner hätte Recht! Sein prophetischer Satz enthält eine Wendung, an der man 403 — sich schon im Vorübergehen stoßen mnß, und die ihm ohne Zweifel selbst zu denken gab: „Das Gold wird bei fortwährend zuuchmeuder Seltenheit nicht mehr imstande sein, seine bisherige wirtschaftliche Stellung einzunehmen," das heißt mit anderen Worten: es wird zu teuer geworden sein, um als Münznietall dienen zu können. Zu wenig und zu teuer ist hier doch offenbar gleichbedeutend; wir werden sofort sehen, daß Süß selbst die Sache fo ansieht. Also kurz zu sagen: es droht dem Gold die Gefahr, die Treppe hinauf zu fallen! Und die Besitzer des Goldes werden dann dies gar nicht bittere Geschick zu teilen haben. Ehe aber der Zeitpunkt gekommen wäre, wo das Gold so selten geworden im Verhältnis zum Bedarf, daß es aufhörte, Münzmetall zu sein, wo es vielmehr nur noch dem Luxus dienen könnte, würde notwendigerweise ein Zustand eintreten, in dem es, am Silber gemessen, einen viel höheren Preis als früher erzielen müßte. Die Nationen, die Gold besäßen, würden damit ein sehr gntes Geschäft machen. Sollte dieser Gedanke etwas Abschreckendes für sie haben? Wahrscheinlich giebt es in den mit der Goldwährung gesegneten Ländern Fiuanzminister, die bedauern, daß die Salomonische Lebensfrist ihnen keine Wahrscheinlichkeit läßt, bei Eintritt dieses schönen Augenblicks noch auf ihrem Posten zu sein. Eines ist wahr und Süß bemerkt es mit Recht: es ist für ein Volk nicht reiner Prosit, eine bessere Währnng zu haben als seine Mitvölker, oder um den Gedanken richtiger auszudrücken: die schlechte Währnng der Mitvölker schafft anch dem Verlegenheiten, welches die bessere besitzt. Das ist einmal die Solidarität der internationalen Wirtschast wie der Welt überhaupt; uur ist die Logik falsch, welche uns bestimmen möchte, diesem Schicksal zu entgehen, dadurch, daß wir zu der minder günstigen Lage W* — 404 — der anderen hinabsteigen. Mit gutem Grunde macht unser Verfasser aufmerksam, daß, wie eine schlechte Währung als Schutzzoll wirkt, eine gute den: eigenen Ausfuhrhandel entgegenwirken muß. Das läßt sich so weuig bestreiten, daß man entweder den ersten Satz nicht als richtig anerkennen darf, oder auch den zweiten gelten lassen muß; denn beide Sätze sagen dasselbe, nur sagt es jeder mit anderen Worten, oder vielmehr jeder enthüllt die nämliche Wahrheit; der eine sieht die Sache vom Lande der schlechteren, der andere vom Lande der besseren Währung aus. Schlecht und gut sind hier relative Begriffe, sie setzen zwei in Handelsverbindung stehende Nationen voraus, von denen die eine mit Geld von höherem inneren Werte bezahlt als die andere. Sowie also feststeht — und noch niemand hat das bezweifelt — daß die Industrie des mit unedlerem Gelde zahlenden Landes dadurch eine Art Schutzzoll genießt, so muß die diesseits der Grenze verringerte Einfuhr jenseits der Grenze einer verminderten Ausfuhr entsprechen. Es kann niemand seinen Import hemmen, ohne den Export eines Anderen zu erschweren. Wir stehen also hier vor einem richtigen Vordersatz. Nur mit der Nutzanwendung können wir nicht einverstanden sein. Die österreichische und die russische Papierwirtschaft üben ohne Zweifel den eben beschriebenen störenden Einfluß auf unseren deutschen Ausfuhrhandel nach diesen Ländern aus. Aber es wird niemand sich beikommen lassen, uns den Rat zn erteilen, daß wir deshalb auch iu die Papierwirtschaft eintreten sollen. Und ebensowenig werden wir uns bestimmen lassen, das höherwertige Gold mit dem niederwertigen Silber zn vertauschen, um jener schädlichen Rückwirkung auf unseren auswärtigen Handel zu entgehen. Die Welt ist einmal so eingerichtet, daß wir auch an den Fehlern der anderen mit zu leiden haben. Aber es wäre eine schlechte Heil- — 405 — Methode, darum zu den eigenen noch die fremden Fehler zu fügen. Zum Überfluß aber haben wir bereits die Erfahrung gemacht, daß nicht einmal schlechte Wahrung gegen jenen Nachteil sicher stellt, vor dem hier gewarnt wird. Wenn eine Nation von Wertverringerung ihres Münzmetalls überfallen wird, fo muß sie, nm nicht das Opfer der Metall- svekulatiou zu werden, die Prägung einstellen; und wenn diese Maßregel mit einem ihr günstigen Stand der internationalen Bilanz zusammenfällt, so verteuert sie dem Auslaude die Zahlungsmittel, d, h. sie erschwert sich ihre eigene Ausfuhr. Dann stellt sich die Frage einfach so: mehr Waren ausführen und die Beschaffenheit des ganzen eigenen Geldumlaufs verschlechtern, oder weuiger Waren ausführen und seiue innere Verkehrsgrnndlage rein nnd solid erhalten? So tauchte vor einigen Jahren die Frage in Holland auf, als dieser Staat notgedrungen die Silber- ansprügung aufgebeu mußte. Die Amsterdamer und Notter- dniner Großhändler jammerten, daß der auswärts gestiegene Wechselkurs auf Holland ihre Geschäfte vermindere. Die holländische Gesetzgebung ließ sich aber wohlweislich dadurch uicht irre machen. Die verschlechterte Währung Hütte dem ganzen Lande und schließlich auch deu Großhändlern den größeren Schaden gebracht. Sie Hütten momentan mehr Waren verschifft, aber sie hätten dafür ein Geld erhalten, das binnen kurzem durch Wertverriugerung sie um mehr als den Nutzen am Exportgeschäft betrogen hätte. Merkwürdigerweise ist unter der nicht geringen Zahl derer, welche gegen die reine Goldwährung neuerdings zu Felde gezogen siud, uoch keiucr mit dem Borschlag herausgekommen, das Gold als Müuzmetall abzuschaffen und alleLänder ausschließlich auf Silberkost zu setzen. Und das wäre doch der einzige haltbare Standpunkt! Auch unser Nntor mag — 406 — das nicht auf sich nehmen, obwohl er uns doch eigentlich voraussagt, daß die Zeit kommen wird, in welcher der letzte Sovereign und die letzte Krone iu den Schmclztiegel der Goldschmiede wandern werden. Fürs erste empfiehlt auch er jeneu Meuschheitsbund der Doppelwährung, welcher wieder mehr von sich reden gemacht hat, seitdem zahllose Broschüren auf dem schönsten Velin in allen lebenden Sprachen zu Paris gedrnckt, den hübschen neuen Namen „Bimetallismus" für die alte Sache verbreiten und in der bilderreichen Sprache Viktor Hugo's das „(juin?s et clsmi universsl" den zivilisationsbedürftigen Nationen anbieten. Es verdient nämlich bemerkt zu werden, daß, wie von den Widersachern der reiuen Goldwährung keiner es auf sich nehmen mag, ihr gegenüber das reine Silbersystem vorzuschlagen, so auch wieder keiner sich unterfängt, den lieblich klingenden Bimetallismus auf seine eigenen Füße zu stellen. Nein! sie alle verweisen uns auf völkerrechtliche Verträge, welche das stabile Verhältnis vom Gold zum Silber „auf ewige Zeiten", wie es in den Friedensinstrilincnten heißt, verbürgen sollen. Gerade dieser Gegensatz ist es, welcher immer uud immer wieder übersehen wird, auch auffallender Weise den Scharfsinn unseres Verfassers gar nicht zum Verweilen einladet. Uud doch, wer mir ein wenig die Augen aufthuu will, muß darauf kommen, au welch innerem Widerspruch diese Idee krankt. Oder ist es nicht ein solcher, daß der Dinge letzter Grund im menschlichen Verkehr, — denn so darf das Geld genannt werden — seinen Stützpunkt nicht in sich selbst finden soll? daß nicht das eigene Gewicht, nicht die eigene Kraft — nein! das gebrechlichste aller Mcnschenwerke, der Vertrag, uud zwar der völkerrechtliche, sein Fundament sein sollte? d. h. ein Rechtsverhältnis, für das es keiueu Richter giebt, geschweige denu einen Gerichtsvollzieher; ein Übereinkommen, — 407 — das gerade so lange gehalten wird, als es jedem einzelnen Teile beliebt, ja sogar, das zu halten meistens nach einiger ^>eit gar nicht mehr in des einzelnen Beteiligten eigener Gewalt liegt! Darin darf man aber den Anhängern der Doppelwährung wohl beipflichten, daß ohne solchen Vertrag ein Heil für diese gar nicht zu finden ist. Sie steht und fällt mit ihm. Indem alle ihre Anwälte alsbald den Weltvertrag herbeirufen, weuu die Haltbarkeit ihres Vorschlags bestritten wird, bekennen sie geradezu, daß an ein stetiges, verläßliches, berechenbares Wechselverhältnis zwischen beiden Metallen fortan nicht mehr zu denken ist; daß die Fiktion zn Hilfe gerufen werden muß, um es aufrecht zu erhalten. Aber, ihr lieben Lente, wenn man mit Verträgen uud Fiktioueu so schone Dinge fertig bringen kann, warnm nicht dann einen Schritt weiter gehen? Wozn braucht es dann Silber uud Gold? Nehmen wir doch ohne weiteres Papier, und wir haben sofort den Stein der Weisen gefunden und sind aller Schmerzen bar! Es ist nicht dasselbe, wird man sagen. Ich bitte um Verzeihung: es ist ganz dasselbe! Wenn man durch Vertrag dekretieren kann, daß in der ganzen zivilisierten Welt 1 Gramm Gold genau so viel wert sein soll wie 15^ Gramm Silber 22 000 Kilo (rund) erfordert werden. Wo früher ^/is-, Gramm Gold nötig war, um 1 Gramm Silber oder 100 Gramm Kaffee zn kaufen, da wäreu heute mir ^/i? Gramm nötig, und auf dieseu Wert, nicht auf das Gewicht kommt es an. Die Leute, welche meinen, es sei weniger kostspielig, eine vollwertige Zirkulation in Metall von geringerein Werte herzustellen, urteilen genau wie die Kinder, welche auf die kaptiöse Frage: „was ist schwerer, ein Pfund Federn oder ein Pfund Blei?" unbedenklich antworten: „ein Pfund Blei!" Will man eine uuterwertige Zirkulation, so braucht man sich überhaupt um deren Gehalt nicht zu kümmern, so kann man beim Papier bleiben; will man eine vollwertige, so mnß man eben deren Gehalt auf den Wert bringen, welcher dem Bedarf an Umlaufsmitteln entspricht: dieser Wert ist bestimmend, nicht Gewicht oder Volumen. Wollte Österreich z. B. eine vollwertige Eisenmünze, so müßte es gerade so viel mehr Eisen anschaffen, als Eisen dermalen wohlfeiler ist als Gold; und der Umstand, daß Eisen neuerer Zeit so sehr im Preise gesunken, wird die Operation nicht um einen Gulden wohlfeiler machen; denn um eine vollwertige Eisenmünze zu haben, müßte es von diesem Metall desto größere Masfen ausprägen. Soll ich mit meinem eisernen Gulden ein bestimmtes Gewicht Kaffee oder Baumwolle kaufeu können, so muß ich auch ebensogut für denselben das bestimmte Gewicht Gold kaufen können, mit welchem wiederum das nämliche Gewicht Kaffee oder Baumwolle zu erstehen wäre. Es kostet mich also eine Münze, mit der ich meine Weltgeschäfte machen will, absolut nicht mehr andere Gegenstände, wenn ich sie ans Gold, als wenn ich sie aus Eisen mache. Im Gegenteil, — 414 — die schwerere Münze ist kostspieliger; denn erstens kostet sie bei der Anschaffung wie bei jeder Bewegung mehr Transport; nnd zweitens, je schwerer beweglich eine Münze ist, desto größere Wertqnantitäten von ihr braucht der Verkehr. Je leichter das Gewicht im Verhältnis zum Wert, desto schueller der Umlauf, je schneller der Umlauf, desto geringer ist der Gesamtbedars. Das springt in die Augen. Um einem möglichen letzten Einwand vorzubeugen, mag eingeräumt werden, daß die Gesamtoperation der Beschaffung alisreichender Gvldvorrüte zur Herstellung der Balnta iil einem großen Staate, also beispielsweise in Osterreich, sich nach der heutigen Sachlage nicht eben so rasch uud bequem vollziehen ließe, als der Ankanf größerer Silbermassen. Es sind von dieser Ware größere entbehrliche Borräte ans Lager als von Gold, nnd dementsprechend würde der Käufer geriugereu Schwierigkeiten begegnen. Das kommt aber eben daher, daß heute keiner der Hauptstaaten Silber verlangt, der laufende Barbedarf auf Gold angewieseu ist. So lauge dies Verhältnis dauert, wird aber auch keiu vernünftig regierter Staat daran denken, sich eiue Silbervaluta zu gebeu. Die hierauf zielenden Vorschlage gehen alle von der Voraussetzung aus, daß es ausführbar wäre, dem Silber das aktive Bürgerrecht auf dem Geldmarkte dnrch gemeinsame Übercinknnft der Völker- zurückzugeben. Vou dem Moment an, da dies gelungen wäre, würde es aber anch nicht schneller gehen, Milliarden Silber aus dem Markt zu nehmen, als Milliarden Gold. Die Voraussetzung, daß der Silbermarkt so viel williger wäre als der Goldmarkt, enthält eine ?st,itic> prineixii. Das Silber ist jetzt nur in großen Quantitäten vorrätig, anch wohl leichter auf Borg zu haben, weil es aus dem aktiveu Dienst des Geldverkehrs ansgestoßen ist. So wie dieses Verhältnis in sein Gegenteil umschlüge, würden die — 415 — Besitzer vvn Silber ihr liebenswürdiges Entgegenkommen verläugueu wie Droschkenkutscher beim Platzregen, und keine Bank würde größere Schwierigkeiten machen, Gold zn verabfolgen als Silber. Massenhafte Bezüge von Edelmetall sind überhaupt nur rasch zu bewerkstelligen, wenn das Metall auf dem Weltmarkt uicht als Geld zu verwenden ist. Denn die Grundbedingnng normaler Verkehrszustünde besteht in der richtigen Geldverteiluug unter die verschiedenen Reservoirs oder Vorratskammern, d. h. Banken der Nationen. Wollte plötzlich eiu Land versuchen, dies Gleichgewicht durch rasches Heranziehen großer Massen zu stören, so würden sich alle anderen Länder widersetzen. Zudem ist auch kein Land imstande, dergleichen auf so ungestüme Weise iu Angriff zu nehmen, am wenigsten ein Land, das aus der Papierwirtschaft iu die Barwirtschaft überzugehen versucht. Die Überstürzung verbietet sich hier schon von innen heraus nnd hat gar nicht nötig von außen hinein abgewiesen zu werdeu. Operationen dieser Art lassen sich nur auf dem Wege langsamer, allmählicher Vorbereitung vollziehen. Jahrelang muß das nötige Metall in der Stille gesammelt werden, immer mehr muß dem umlausenden Papier eine volle Wertdeckung in den Kellern entgegenwachseu, bis iu dem gegebenen Augenblick das Zauberwort ausgesprochen werden kann. So hat die französische Bank seit dem Krieg systematisch ihre Vorräte vermehrt und könnte hente bereits die Barzahluugsverpflichtuug aufnehmen, wenn nicht die fatale Frage der Doppelwährung, aus deren Banden die französischen Gesetzgeber sich so ungern loswinden, vorher beseitigt sein müßte. Nicht in der Wahl des Metalls liegt die Schwierigkeit des Übergangs, sondern in der Aufgabe, aus den Ersparnissen des Landes Milliarden von wirklichem Wert zur Anschaffung von Geld auszuscheiden anstelle von bloßen — 416 — Wertzeichen, die ohne Opfer hergestellt werden. Und ebensowenig entscheidet die sogenannte Handelsbilanz oder gar die eigene Metallproduktion. Rußland, das einzige Land Europas, welches ansehnliche eigene Goldmincn besitzt, kann trotz aller Austrenguugen kein Gold festhalten; und Großbritannien, das doppelt so viel Wareu ein- als ausführt, importiert am meisten Edelmetall. Eine ungünstige Warenbilanz haben heißt viel Waren beziehen, nnd Edelmetalle sind anch Waren, bilden auch thatsächlich eines der Elemente in den Ziffern der Aus- uud Einfuhrbilanzen. Es ist nicht schwerer für 100 000 Pfund Sterling Gold als für 100 000 Pfund Sterling Baumwolle zu beziehen. Man muß nur die 100 000 Pfund Sterling reich sein. Sollte endlich einmal die Zeit kommen, in welcher nach unseres Autors Voraussetzung die Masse des vorhandenen Goldes zu dem Bedarf der ganzen Erde in solchem Unzulänglichkeitsverhältnis stüude, daß der Münzgehalt immer mehr reduziert werden müßte, um mit der Wertzunahme des Metalls in entgegengesetzter Richtung gleichen Schritt zu halten, so würden ohne Zweifel derartige ganz neue Zcitumstände auch neue Kombinationen ins Leben rufeu. Der Versuch, voraus zu berechnen, uuter welchen Umständen diese auf Hunderte von Jahren entfernte Eventualität eintreten werde, leidet, wie er bei Süß ausgeführt ist, au Einseitigkeit. Es ist ganz richtig, daß neben dem Verbrauch für Münzen auch der Verbrauch der Industrie stets zunehmende Mengen von Gold aufsaugt. Aber es darf doch mit der größten Gewißheit angenommen werden, daß in gleichem Schritt mit einer' eventuellen Preissteigerung des Goldes die Industrie nicht minder als der Münzbedarf sich einzuschränken gezwungen sein würde. Ein anderes ist noch viel wichtiger. Mit fortschreitender Zivilisation nehmen die Bedürfnisse an umlaufender — 417 Münze stetig ab. Schon jetzt, wie bekannt, sind dieselben in Großbritannien bedeutend geringer als auf dem europäischen Festlande. Die vielfältigen Formen der Übertragung durch Post- und Bankverkehr öffnen jeden Tag neue Wege, deren Benützung das Barmetall entbehrlich macht. Trotzdem die aus den Umsätzen der Banken, der Post, des Wechselstempels extrahierten Ziffern uns zeigen, daß bereits heute auch auf dem Festlande bei weitem die größte Masse der Umsätze nicht mit Metall, sondern nur mit schriftlichen Zeichen uud Umstelluugen gemacht wird, befindet sich doch sogar das einfache Checksystem bei Franzosen wie Deutscheu noch in der Kindheit. Welcher raschen Entwicklung sind aber glückliche Neuerungen in diesen Dingen fähig! Ein einziges Rad, welches die deutsche Reichsbauk ihrem Getriebe eingefügt, hat Wunder gewirkt. Die Dienstleistungen, welche der nenorganisierte „Giroverkehr" verrichtet, bestehen einfach darin, daß auf Wunsch der Kunden an jeder Baukstelle Zahlungen gemacht werden, ganz in der Weise, wie das durch die Post für kleinere Beträge und gegen Vergütuug geschieht. Über diese einfache Walze sind bereits im ersten Jahre mehr als acht Milliarden Mark Einnahmen und Ausgaben gelaufen. Bei mehr als fünf Milliarden ward dabei von Bargeld überhaupt kein Gebrauch gemacht. Der Nest von drei Milliarden beglich sich zwar nicht mit gänzlichem Ausschluß von Geld, doch ohne jede Versendung von Ort zu Ort. Die Benutzung von Barmitteln beschränkte sich auf die Einzahlung oder auf die Auszahlung an Ort uud Stelle. Diese Aus- zahlungeu selbst wurden ohne Zweifel zum geringsten Teil in Metall, vielmehr der Hauptsache uach in Banknoten gemacht. Allerdings, wie sehr auch das System der Zeichensprache sich im Geldverkehr uoch vervollkommnen möge, so — 418 — wird das Metall selbst immer die unentbehrliche Grundlage bleiben. Ja sogar, je mehr sich die Mittel der Umsätze für Handel und Wandel ins Symbolische verflüchtigen, desto strenger wird das Bedürfnis einer sicheren letzten Instanz anerkannt werden, welche dem Gläubiger bürgt, daß er seine symbolische Formel in greifbaren Stoff verkörpern kann. Das gerade ist der springende Punkt für die Schaffung des wohlorganisierten Bankwesens: die feinste Sublimierung des Verkehrs auf der solidesten Grundlage. Je mehr aber dies System ausgebildet wird, desto mehr werden die Barschätze der Welt sich in einzelne, feste Niederlagen zusammenziehen; desto geringer wird der Bedarf an kreisendem Metall, das, während es zwischen Geber und Empfänger unterwegs ist, seine Zeit verliert. Sollte wirklich der Goldschatz der Erde so rasch erschöpft sein, wie unser Verfasser befürchtet, so würde bis zu jener Epoche gewiß auch das Verkehrssystem fich zu einem Grade ausgebildet haben, der unendlich viel weniger Stoffbewegnng in Anspruch uähme. Jede Vervollkommuuug, die auf diesem Gebiete Platz greift, befreit schon jetzt von einer Art der Aufzehrung des Metalls, welche den Besitzstand der Menschheit mit am meisten beeinträchtigt. Jede Bewegung eines Geldstückes in der Tasche, in den Händen, auf dem Trausport, setzt dasselbe einer Reibung aus, durch welche kleinste Teilchen sich ablösen und ins Unsichtbare verschwinden. Die verschiedenartigsten Berechnungen und Experimente sind von lange her angestellt worden, um zu veranschlagen, wie viel von der Substanz der Goldmünzen durch diese Reibungen verloren gehe. Die Angaben müssen schon deshalb schwanken, weil jedes Stück seine eigenen Wege läuft und die Strapazen dieser Wege so verschieden sind. Doch so viel kann man ruhig sagen, daß nach etlichen tausend Jahren des — 419 — Umlaufs ei» Goldstück gänzlich aufgerieben sein müßte*). Nun erhellt, daß gerade an dieser Reibung beinahe alles erspart wird, wenn die Goldstücke statt einander reibend sich umherzutreiben, fest in den Vorratskellern liegen und die Arbeit des Umherschweifeus ihren Stellvertretern, den Noten oder gar den bloßen Ziffern, überlassen. Noch größer wird die Ersparnis, wenn, entsprechend dem Gebranch der Banken, die Borräte nicht in geprägtem Metall, sondern in Barren gehalten werden. Denn das Fabrizieren der Münzen führt selbstredend auch stets Zerstörung kleiner Teilchen mit sich, die als Staub abfallen und, trotz aller auf ihre Ansammlung verwendeten Sorgfalt, nicht wiedergefunden werden. Ebenso geht beim Transport von Barren viel weniger durch Reibung als beim Transport von geprägtem Metall verloren. Eine Sendung Kronen, die von Hamburg nach Paris mit der Eisenbahn geht, wird stets um etwas leichter am Totalgewicht daselbst anlangen; wohl verpackte Barren dagegen verlieren so gut wie nichts unterwegs. Mit Ausnahme dessen, was durch Reibung der Münze oder Geräte, namentlich der vergoldeten, und durch Schiffbrüche abhanden kommt, wird mit fortschreitender Kultur immer weniger Edelmetall dem allgemeinen Besitz verloren gehen. In dem Maße, als die Kultur ein Land erobert,, scheucht sie verborgene Schätze aus ihren Verstecken auf und verhindert, daß deren neue angelegt werden. Durch die Angst vor wirklicher oder eingebildeter Gefahr werden noch hente sehr beträchtliche Mengen Gold und Silber iu allen *) Die sorgfältigsten Berechnungen und Beobachtungen haben einen Verlust von Vnw Teil auf das Goldstück gewöhnlicher Dimension., im Jahre ergeben. 27* — 420 — nur denkbaren Schlupfwinkeln zurückgehalten, teils vom lebenden Eigentümer gewußt, teils mit dem Verstorbenen als Geheimnis ins Grab gesenkt. Krieg und Revolution haben selbst bei dem französischen Bauer die Gewohnheit dieses „Hortens" noch in Übung erhalten. In Italien sorgt die Überlieferung aus der Zeit der ewigen Fehden früherer Jahrhunderte, gleich wie das noch nicht ausgerottete Brigantentum dafür, daß viel mehr verscharrt wird, als in Frankreich. Spanien gar, das Land der Guerillas, ist das klassische Land der eingemauerten Töpfe. Den Voraussagungen, welche mit dem Rückgang der Goldausbeute drohen, stellen sich so von selbst Erwägungen gegenüber, welche dem abnehmenden Bedarf des Verkehrs selbst entnommen sind. Auf welche Art von Beobachtungen sich eine glaubwürdigere Wahrscheiulichkeitsberechnung gründen läßt, ob auf solche, die in die Schachte des unerschlossenen Erdreichs einzudringen versuchen, oder auf die, welche den zu Tage liegenden Gang der wirtschaftlichen Entwicklung verfolgen, bleibe dahingestellt. Sollte die eine wie die andere Erwartung sich erfüllen, so wäre damit eine der Hauptbedingungen gedeihlichen Verkehrs gesichert. Die auf Ersparung von Barmitteln gerichtete Tendenz der Zivilisation verlangt ausdrücklich uach einer Ausgleichung in Form verminderter Zufuhr. Wie gut, wenn doch eine solche Wendung bereits eingetreten wäre! Die Wcltgeschäfte haben beinahe von jeher darunter gelitten, daß die neuen Tauschmittel nicht laugsam genug zuflössen. Mit Ausnahme kurzer Zwischenabschnitte sind im Verlauf der großen historischen Entwicklungsperioden die Preise der meisten Dinge fortwährend gestiegen, d. h. der Geldwert ist gesunken, und offenbar infolge der Vermehrung, sei es des Metallgeldes, sei es der Surrogate desselben. Sowohl unser Jahrhundert im allgemeinen als insbesondere die - 421 — jüngsten Zeiten (wenn auch nicht gerade die letztdurchlebten Jahre) haben dies erfahren. Die großen Lager von Gold und Silber, die in verschiedenen Weltteilen seit 1848 erschlossen wurden, haben sehr viel dazu beigetragen, den Preis der Edelmetalle zu drücken; die bereits geschilderten Vervollkommnungen in Handel und Verkehr habeu mitgewirkt: endlich traten hinzn als dritte nach derselben Seite drängende Ursache die Finanzverlegenheiten der meisten Großstaaten. Denn diese sahen sich bewogen, Papiergeld anstelle der klingenden Währung zu setzen und letztere in die wenigen Länder zu treiben, deren Münze noch auf der metallischen Grundlage ruht. Von den sechs großen Staaten, die sich mit Papier behelfen, stehen Frankreich und die Vereinigten Staaten der Rückkehr zur Barzahlung am nächsten. Von den vier anderen, Österreich, Italien, Rußland und Türkei laßt sich durchaus uicht bestimmen, wann und wie die Wiederherstellung eines gesunden Münzwesens zu gewärtigen sei. In Österreich denkt man daran, in Italien redet man davon, in Rußland und der Türkei verbietet die Lage sogar dergleichen schwachen Trost. Unter so bewandten Umständen ist für die nächste Zeit eher die Furcht vor zu starker als zu geringer Goldgewinnung am Platze. Wie die Dinge in hundert oder zweihundert Jahren aussehen mögen, wissen die Götter. Wir Lebenden aber, welche sie um das tägliche Brot bitten, sollten in wohlverstandener Auslegung dieses Wunsches entschieden unser Gebet dahin richten, daß uns vorab nicht zu viel Münzmetall beschert werde. Denn nur wenn der Gang der Zufuhr sich verlangsamt, sind wir sicher, die Preise der wichtigsten Lebensmittel nicht fortwährend steigen zn sehen. Nichts ist heilsamer für den Verkehr als Stetigkeit der Preise in den notwendigsten Dingen. Wenn aber — 422 — die Welt zu wählen gezwungen wäre zwischen der Gefahr einer Verteuerung des Geldes oder dem Gegenteil, so thäte sie gut, sich lieber der Geldverteuerung auszusetzen, d. h. lieber einem Rückgang als einem Steigen der Preise aller Waren. Es ist nicht richtig, zu behaupten, Deutschland habe dem Silber den Stoß versetzt, der es so stark nach unten schleuderte. Und selbst wenn dieser Sturz Deutschlands Werk wäre, so hätte es nur sich beeilt, eine Konjunktur für sich zu verwerten, damit dieselbe nicht zu seinem Schaden von anderen ausschließlich benützt werde. Deutschland hat gerade uoch den letzten günstigen Augenblick benützt, sich vom Silber loszusagen und dem Golde zuzuwenden. Hätte es das nicht gethan, sv würde ein anderer der zahlungsfähigen noch in der Doppelwährung steckenden Großstaaten ihm zuvorgekommen sein, um ihm sein Silber aufzuhalsen und sich selbst die Goldwährung zu sichern; wenigstens müßte der andere Staat so gehandelt haben, wenn er gut beraten gewesen wäre. Vielleicht hätte der ganze lateinische Münzbnnd seinen großen Verlegenheiten auf diese Weise ein Ende gemacht, vielleicht Nordamerika vor uns die Wiederaufnahme der Goldzahlung dekretiert. Inzwischen wären wir Deutschen als die einzig große Nation Europa», bei welcher Silber und Gold als Barzahlung nebcneiuauder gegolten hätten, mit ersterein überschwemmt worden. Zu der Perturbation, die wir durch die rasche Einkassierung der fünf Milliarden selbst uns bereiteten, wäre eine noch viel stärkere gekommen durch die Entwertung unserer metallische!? Valuta. Es ist ein zweifaches Glück, daß wir uns rechtzeitig zum Golde entschlossen haben. Nicht bloß die Zukunft, sondern auch die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart standen dabei auf dem Spiel. Haben wir dadurch deu Anstoß gegeben, daß einige — 423 — andere kleinere Staaten denselben Weg einschlugen, so wird das der Welt im großen und ganzen nur zum Heil gereichen. Die anderen zahlungsfähigen Großstaaten werden, wenn sie über kurz oder lang sich entschließen müssen, diesem Beispiel zu folgen, im gleichen Sinne sich nützlich erweisen. Schon heute ist Silber nicht mehr im vollen Sinne des Wortes das Müuzmetall der herrschenden Nationen. Wäre diese Suspeudierung nicht eingetreten, die Welt hätte schon heute zu viel Münzmaterial, das Geld wäre noch mehr im Preise gesunken, die Preise der meisten Artikel wären stark hinaufgegangen. Allgemeine Verwirrung wäre die Folge gewesen. Die enormen Entdeckungen von Bergwerken und offenen Lagern, die Gold und Silber spenden, find nur dadurch in ihren störenden Wirkungen paralysiert worden, daß das Silber teilweise für Münzzwecke unbrauchbar gemacht wurde. Bei dieser Unbrauchbarmachung mitgewirkt, ja eigentlich den Anstoß dazu gegeben zu haben, gereicht Deutschland zu großem Berdieust. Selbst wenn es wahr wäre, daß es dadurch auch wesentlich zur Wertver- miuderuug des Silbers beigetragen, würde es keine Ursache haben, fich schuldbewußt zu fühlen. III. Kaum siinfundzwauzig Jahre sind vergangen, seitdem die Welt der Geschäfte in Schrecken gesetzt wurde durch den Rus, daß ihr eine Überschwemmung mit Gold drohe. Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen waren um die Mitte des Jahrhunderts gleichzeitig die zwei größten Goldlager entdeckt worden, von welchen die Geschichte weiß, das eine im Westen Nord-Amerikas, das andere im Südosteu 424 — Australiens. So gewaltig wie die Ausbeuten der ersten Jahre sind die späteren nicht mehr gewesen, aber noch heute fließen die Schätze im reichen Maße aus den damals erschlossenen Quellen und liefern den Hauptbeitrag zur Befriedigung des Marktes der Edelmetalle. Doch niemand denkt mehr daran, in diesem Zufluß die Gefahr einer Störung zu erblicken. Im Gegenteil: heute tritt ein Forscher auf, der damit droht, daß die Störung aus der Unzulänglichkeit der künftigen Erträgnisse entspringen werde. So wechseln die Gedanken, denen sich gerade die Sachverständigen unter dem Eindruck neuer Erscheinnngen überlassen. Aber uicht blos nach einander, sondern auch zu gleicher Zeit stellen sich die entgegengesetzten Auffassungen ein. Eine Mahnung fürwahr an die, welche, anf die Diagnose der Erdbeschaffenheit gestützt, etwas schnell zu Folgerungen oder gar zu Maßregeln zu schreiten sich versucht fllhleu. Eben da der Wiener Professor uns die Offenbarung der sieben magcreu Kühe verkündet, kommt vom Rheinland her ein praktischer Bergmann, der uns die sieben setten vorführt. Uud sein Bild ist darum gewiß nicht minder der Beachtnng wert, weil es ihm eigentlich gar nicht darauf ankommt, nns zu irgend etwas zn bekehren. Alles, was als Tendenz angesehen werden könnte, liegt ihm fern. Die Reflexionen sind nur ganz beiläufig und absichtslos in den Text gewebt; von Münzpolitik ist mit keinem Wort die Rede. Im neuesten Jahrgang der „Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft" hat Dr. Gustav Wolfs die australischen Goldlager und deren Betrieb in einer sehr umfangreichen und ausführlichen Abhandlung geschildert. Die hundert eng gedruckten Seiten, mit vielen Tabellen und einer Karte Verseheu, sind auch in einer besonderen Ausgabe erschienen. Ein großer Teil der Darstellung beruht aus eigener Wahrnehmung des Ver- - 425 - fassers, welcher anfangs der siebenziger Jahre Neuseeland und später einen Teil von Australien zu bergmännischen Zwecken bereist und mehrfach daselbst Untersuchungen geleitet hat. Sowohl in Neuseeland als in Australien hat er sein Augenmerk vorzugsweise auf die Judustrie der Goldgewinnung gerichtet. Wo er nicht aus eigener Anschauung schöpft, hat er die zahlreichen Monographieen, welche dem Gegenstand gewidmet sind, zu Hilfe gerufen uud zum Teil mit den: nämlichen Material wie Professor Süß gearbeitet. Es verdient noch bemerkt zu werden, daß die Arbeit von Wolff, obgleich etwas später erschienen als das Buch von Süß, in der Verwertung der Zahlen nicht so nah an den heutigen Moment heranrückt wie die Darstellung des letzteren. Das Normaljahr, so zn sagen, des Wolff'fchen Berichtes ist 1871, die Quellen, die er ergänzend benutzt, gehen meistens nicht über 1873 hinaus. Süß erstreckt seine Veobachtuugeu stellenweise ans 1875 und 1876. Da nur aber wisfen, das; in diesen wenigen späteren Jahren kein charakteristischer Umschlag der Dinge zu verzeichnen ist, so darf ruhig angenommen werden, daß die Ansichten von Wolff wegen dieses Zeitunterschiedes nicht an Autorität gegenüber denen von Süß verlieren. Was Süß über den Rückgang der im regelrechten Gangban betriebenen Werke sagt, ist nicht aus der Abnahme des Erzes zn erklären, sondern aus dem Rückgange der Geschäfte; denn in Australien hat er sich nicht minder fühlbar gemacht als in der übrigen Welt; gerade iu den Bergwerksunternehmnngen dieses Erdteils haben die Grüuduugeu eiue große Rolle gespielt. Wie schon angedeutet, sind die beiden Darsteller über die Zukunft des australischen Goldes gerade entgegengesetzter Ansicht. Seiner Gesamtauffasfung gemäß nimmt — 426 — auch in diesem Weltteil Süß einen stetigen Rückgang wahr nnd erwartet in gegebener Zeit ein gänzliches Versiegen. Von dem reichsten der australischen Goldfelder, in Viktoria, heißt es: „die Abnahme der Goldproduktion wird daher wohl der thatsächlichen Verarmung oder Erschöpfung der Lagerstätten und uicht untergeordneten und vorübergehenden Umständen zuzuschreiben sein." In dem besonderen Abschnitt, welchen Süß Australien widmet, ist dies allerdings der einzige scharse Ausspruch: im übrigen begnügt er sich mit Schilderung der Thatsachen und stellenweise läßt er sich sogar zu der Bemerkung herbei, daß einzelne Gebiete noch nicht auf der Höhe ihrer Ergiebigkeit angelangt sein müssen. Wie es nach der Stoffverteilung selbst, welche alle Länder der Erde zu bedenken hatte, nicht anders geschehen konnte, ist der australischen Goldgewinnung im Ganzen ein Kapitel von nur 25 Seiten gewidmet, während Wolff sich nur mit Australien beschäftigt und etwa den achtfachen Raum darauf verwendet. Natürlich beweist dies allem gar nichts für oder gegen die Stoffmenge, welche vom Einen und vom Andern verwertet sein mag. Aber voraussetzend, daß beide Teile mit gleichem Fleiß nnd gleicher Gewissenhaftigkeit gearbeitet nnd geforscht haben, kann billiger Weise die dem einen Gegenstand ausschließlich gewidmete, in allen Einzelheiten breit angelegte Untersnchnng ans ihrem Felde einen höheren Grad von Autorität beanspruchen. Ich gestehe ferner, daß ich in den hier zur Lösung gestellten Fragen lieber dem Bergmann folge, als dem Geologen, und wenn nuu dieser zu dem entgegengesetzten Resultat gelangt, wie jener, wenn aber beide darin einig gehen, daß Australien für die moderne Goldproduktiou das wichtigste Laud ist, so ergiebt sich die Nutzanwendung in der Hauptsache von selbst. Wolff erklärt schon im Eingang seiner Schrift, daß die Gold- — 427 — Produktion Australiens sich vergrößern, dessen Goldbergban sich ausdehnen und heben werde. Im Einzelnen wiederholt er diese Aussage au zahlreichen Stellen. Zwei Gesichtspunkte sind es namentlich, aus welchen im Verlauf der Darstellungen die Grundverschiedenheit in den Schluß- solgerungen unserer beiden Autoren hervortritt. Während Süß, getreu seiner Hypothese über den Ursprung der großen Goldablageruugen, uns auf den Gedanken bringt, daß der im Gang eingeschlossene Goldvorrat sehr gering nnd der regelmäßige Abbau desselben ziemlich hoffnungslos sei, finden wir bei Wolff weder jene Hypothese noch diesen Schluß. Neben der Ausbeute der rasch zu erschöpfendeil Felder oder Seifenlager, welche dem Menschen durch die zerstörende Arbeit der Elemente vor die Füße gelegt wurden, bleibt für den australischen Forscher der auf Gold gerichtete bergmännische Betrieb nicht minder wichtig, wenn nicht noch wichtiger nnd zuknnftsvoller. Gerade da, wo er jene durch die Einwirkung von Wasfer und Luft auf mechanischem Wege angesammelten Vorräte findet, schließt er zurück auf solide Gänge, denen sie entstammen nnd welche dem künftigen Abbau vorbehalten bleiben, wenn das leichtere Werk der Gegenwart sich erschöpst haben wird. Er halt dafür, daß an vielen Stellen die Ausscheidung, der die Felder von Viktoria z. B. ihre Entstehung verdanken, noch immer vor sich geht; und er bekennt sich zn der Ansicht, daß dadurch kein Grund vorliege, gerade in der auf der Oberfläche so goldreichen Region Viktorias an dem großem Gehalt der Tiefen zn zweifeln. Ein zweiter Unterschied springt in die Augen, wo es sich um die Erkennbarkeit der geographischen nnd geologischen Grenzen der Goldgebiete handelt. Aus der Darstellung von Süß bleibt nur der Eindruck, als gebe es — Afrika abgerechnet — so zu sagen hier keine ?krrg. iuooAllitg, mehr. Wolffs Schrift, in- — 428 — dem sie uns an einer ungeheuren Masse und Zahl und Mannigfaltigkeit von Goldlagern vorüberführt, drängt uns schon von selbst die Vorstellung auf, daß es vermessen märe, die Goldlager des australischen Erdteils, deren Existenz vor 30 Jahren noch nicht geahnt wurde, für erschlossen, überschaut und annähernd berechenbar halten zu »vollen. Und ein Blick auf die Spezialkarte, welche die ungeheuren von weiten Goldfeldern übersäeten Distrikte aufwärts des Südostens bis nördlich nach dem Busen von Carpentaria Versinnlicht, muß vollends den Gedanken ausschließen, daß die Arbeit der Pioniere auch nur die Grenze des Reviers abgesteckt habe. Wenn man bedenkt, daß kaum seit einigen Jahrzehnten Spanien den europäischen Bergleuten ungeahnte Schätze von Erz der verschiedensten Gattung speudet, daß die ganze metallurgische Industrie von Deutschland, Großbritannien und Frankreich noch in den letzten Zeiten durch den Betrieb spanischer Minen eine neue Gestalt angenommen hat; wenn man dazu in Betracht zieht, daß gerade diese iberische Halbinsel der ältesten Kultur Europas bekannt und zwar insbesondere als Fundgrube für Metalle bekannt war, — dann ist es wohl erlaubt, Vorsicht zu empfehlen gegenüber einem System von Konjekturen, welches sein Netz über die kaum am Rande erschlossenen 162 000 Quadratmeilen des ozeanischen Weltteils ausspannt. Stellt man die Zahlen aus der Schilderung der verschiedenen Distrikte uach Wolff in einem Überschlage zusammen, so kommt man auf mindestens zehntausend Gänge, welche zum Teil schon jetzt untersucht und nach Horizontalstreckung, wie nach Teufe rentabel befunden sind. Wie Wolff für Australien, so spricht sich der bereits erwähnte Berichterstatter des preußischen Handelsministeriums für die ganze Gebirgsgegend des nordwestlichen Amerika dahin aus, daß das Reich der erzhaltigen Gänge erst mit -- 429 - seinen Umrissen in Sicht getreten nnd noch nicht abzuschätzen sei. Und Letzterer knüpft daran die außerordentlich zutreffende Bemerkung, daß gerade mit dem Versiegen der Schwemmgefildc und dem Wachsen des regelmäßigen Bergbaues ein Zustaud eintrete» werde, wie er dem wahren Bedürfnis des Geldmarktes entspricht: „Daß anch die Goldproduktion voraussichtlich sich vermindern und auf einem mehr oder weniger gleichmüßigen Niveau steheu bleiben wird, ist anzunehmen. Die hohen Ziffern der Jahresproduktion im letztvergangenen Vierteljahrhundert sind auf Rechnung des in Kalifornien, Jdaho, Montana, sowie in Australien gefundenen gediegenen Goldes zu setzen, welches in den losen, leicht aufzubereitenden Ge- birgsmassen stellenweise in sehr ansehnlicher Menge auftrat. Dagegen wird der Wahrscheinlichkeit nach die Gewinnung von Gold aus Erzeu, die iu Gängen oder Lagern auftreten, noch aus lange Zeit hinaus in seitheriger Höhe fortgehen, in Amerika voraussichtlich sich noch steigern. Bei dieser Produktion sind bedeutende Sprünge, sei es nach oben oder nach unten, weniger wahrscheinlich, als bei der Ausbeutung von Gebirgsseifen." (Zeitschrift für Berg- nnd Hüttenwesen im preußischen Staate 1. e.) Könnten wir des Genaueren auf beide Berichte, namentlich auf den Bericht über Australien, eingehen, so würde sich deutlich zeigeu, wie stark die an Ort nnd Stelle vorgenommenen einzelnen Untersuchuugeu Wolffs der zusammenfassenden Übersicht von Süß gegenüber ins Gewicht fallen. Um nnr ein Beispiel zu geben, ist das goldreiche Gebiet von Neu-Südwales zwischen dein 35. und 32 Grad südl. Br. bei Süß ganz im Vorübergehen behandelt, während Wolff aus den daselbst gelegenen Gruben von Hillend am Fuße der Blauen Berge seine in alle Einzelheiten ausgearbeiteten Belege für die reichen Znknuftsaus- - 430 — sichten des betreffenden Reviers schöpft, und diese Ausstellung hat gerade um so mehr Wichtigkeit sür uns, als Wolfs hier mit eigenen Augen gesehen und die spätere Entwickelung der Dinge bis zum Jahre 1875 nach den veröffentlichten Berichten verfolgt hat. Über die Art des Betriebes im ganzen Gebiet von Neu-Südwales erfahren wir aus der Darstellung von Süß soviel: das; fast nur aus den Alluvien Gold gewonnen wurde, daß sast alle größeren Versuche auf den Quarzgängen bis jetzt gescheitert sind. Wolfs hingegen erwähnt als Beleg für seine Auffassung gerade den genannten Bezirk von Hillend und darin „den interessantesten und best ausgeschlossenen dieser Lagergangzüge, welcher sich durch die reichen Gruben am Hawkins-Hügel und dessen nördlicher Verlängerung Tambarora zieht". Er giebt eine ganz genaue Beschreibung der Quarzgänge, der verschiedenen Ergebnisse des regelrechten bergmännischen Betriebes, legt namentlich Gewicht darauf, daß an mehreren Stellen, nachdem die goldhaltigen Mnlden schwach geworden waren, in einem gewissen Abstand nach oben wie nach unten in svlge der „Verwerfung" des Gesteins neue Vorräte zu Tage kamen uud das ganze Lager sich mehr in die Breite und Tiefe erstreckt, als man srüher anzunehmen geneigt schien. Der vorliegenden Schilderung zufolge war hier schon 1871 nach den Hauptrichtuugen hin ein regelmäßiger Abbau im Gang, nnd in einer der beschriebenen Minen wurde, nachdem „in der Gangmasse neben Quarz Pyrit uud Pyrophylit wieder reichlicher aufgetreten waren, im Juli eine zweite Anreicherungszone in etwas größerer Teufe bestimmt erwartet". Bei Süß findet dasselbe Gebiet mit folgenden Worten Erwähnung: „noch im Jahre 1871 fand ein großer Run nach den Tambarora Claims statt, deren Ertrag hauptsächlich die jhohe Ziffer für Neu-Südwales in der Liste der Produktiou von Neu-Südwales erklärt." — 431 — Gewiß ist Süß nach dem Grundplan seines Werkes aus dieser raschen Skizzierung nicht der geringste Vorwurf zu machen. Aber es muß gestattet sein, das Urteil von Wolfs ans Grund seiner schärferen Beleuchtung des Stoffes, von der hier nur ein Beispiel unter vielen gegeben ist, wenigstens zur Nentralisierung des entgegengesetzten anzurufen. Um noch Eines anzusühreu, heißt es, gerade im Anschluß an die hier wiedergegebene Beschreibung, bei Wolfs: „Außer den genannten sind noch andere Lagergangzüge und auch mehrere echte, zum Teil sehr mächtige Gänge vorhanden. Keines dieser Vorkommnisse ist untersucht oder in Betrieb genommen, trotzdem ihr Goldgehalt konstatiert nnd dessen Höhe oft einladend genug ist." Derartige Aussprüche ließen sich in großer Zahl beibringen, wenn es nicht sich von selbst verböte, hier mit allen Einzelheiten einer geologischen Kontroverse aufwarten zu wollen. Genug, daß Wolfs, weit entfernt, die glänzenden Resultate der- ersten Periode und den seitdem eingetretenen Rückschlag zu ignorieren, doch zu dem Schluß gelangt: es steht Australien eine unabsehbare Reihe von stetigen und ergiebigen Gvld- ernten nach Maßgabe der um sich greifenden Forschungen und des verbesserten Betriebs bevor. Er sagt es mit ausdrücklichen Worten: daß die Ausbeute sich dann erst wieder zur Fülle der früheren Jahre erheben werde, „wenn der Abbau der uach Tausenden zählenden Gänge und Lagergänge allgemeiner und energischer als bisher in Angriff genommen wird." Und von Neu-Seeland heißt es (denn auch auf die Inseln setzen sich die Schätze des Festlandes fort): „Trotz der relativ großen Produktion sind bisher nur wenige Gänge an derselben beteiligt, und es läßt sich aus allem, was über die neuseeländischen Lagerstätten bekannt geworden ist, für den Gangbergbau, wenn er in ausgedehnterem Maße und nach guten wirtschaftlichen Grundsätzen betrieben — 432 - witd, eine glänzende Zukunft und eine die jetzige weit übersteigende Gesamtproduktion ohne jeden Optimismus voraussehen." Gerade für den Bezirk Viktoria, welchem die leicht zugänglichen Allnviallageruugen am meisten Erfolge verschafft haben, wird die Vermutung aufgestellt, daß der Gangban eine viel größere Zukunft habe, „weil es gewöhnlich in jedem Goldfelde nur wenige Gänge sind, welche jetzt schon bewirtschaftet werden; das Verhältnis der bebauten Gänge zu der Gesamtzahl der Gänge dürfte in Wirklichkeitch zehn Prozent kaum übersteigen. Es sind wahrscheinlich 90 Prozent von der Gesamtzahl der Gänge noch nicht in Abbau genommen und die in 2881 Quarzgängen vorhandenen Goldmengen warten noch der Gewinnung". Doch genug der Zitate! Sie alle beweisen freilich nicht, daß nach Jahrhunderten noch das edle Metall in unerschöpflichen Strömen hervorquellen wird. Dies zu beweisen möchte überhaupt schwer sein, wie günstig auch immer das Reich der Thatsachen sich dem Augenschein darstelle. Mindestens ebenso schwer aber muß es fallen, den Beweis des Gegenteils zn führen. Allein warum denn uns gerade auf die problematische entfernte Zukunft einrichten ? Allerdings muffen die Lebenden sich auch mit Rücksicht auf ihre Nachkommen einrichten. Denn bekannlich in dem Heute steckt untrennbar schon das Morgen. Daß aber die Pflicht, der Zukunft zu gedenken — dies Wort im ernsten, nicht im übertriebenen Sinne genommen — einen Grund habe, sich wegen Mangels an Gold zu beunruhigen, dies würde die uational-ökonomische Auseiuaudersetzung von Süß nicht darthun, selbst wenn sie in ihren geologischen Voraussetzungen unbestritten dastünde. Was wir von Wolfs erfahren, fügt nur noch ein Übriges hinzu, damit — 433 — Wir uns nicht irre machen lassen. Zu diesem Zwecke allein, nicht um ihn als prinzipiellen Gegner ins Feld zu führen, ist seiner Arbeit hier gedacht worden. Die Abhandlung von Süß ist nicht der erste Versuch, den Gang, welchen die Münzpolitik der zivilisierten Welt genommen hat, zu stauen und nach entgegengesetzter Richtung hin zu treiben. Sie wird auch nicht der letzte sein. Es wäre unnatürlich, sogar unerbaulich, wenn eine so merkwürdige und großartige kulturgeschichtliche Wendung, wie die Bekehrung der Nation zum Monometallismus (um mit Cernnschi-Victor Hugo zu reden) sich unwidersprochen vollzöge. Schon die mit den älteren Einrichtungen verwebten Interessen können nicht verfehlen, sich aus allen Kräften zu widersetzen, und daneben muß liebgewordene Gewohnheit nicht minder wie doktrinäre Anhänglichkeit an alten Lehren festzuhalten versuchen. Wer möchte auch wünschen, daß so gewaltige Neuerungen durchdringen, ohne daß der g.ckvot>n8 äiaboli alle seine Gegengründe erschöpft hätte? nnd nicht blos der aävoeaws cliaboli, sondern auch der Romantiker, welcher die schönen Zeiten beklagt, da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia? Solch ein Schlußakkord ist es, in welchen die Stimme des österreichischen Warners ausklingt. Es ist die Pflicht des höher entwickelten Westens, so etwa heißt es da, nicht die Münze fallen zu lassen, deren Silberklang bis zu den äußersten Pforten der Sonne, zu den anderen Erdenbrüdern spricht, oder um es mit des Autors eigenen Worten wiederzugeben: „Auch gegen die Gefahren der Überproduktion giebt es nur ein naturgemäßes und friedliches Mittel, nnd das ist die Vermehrung der Zahl der Konsumenten. Das zivilisierende Vordringen des Levantiner-Thalers am Tsad- See und am Venus, der Rupee in den Quellgebieten der lndwlg Baml'ergcr's Gks, Schriften, IV. — 434 — großen indischen Flüsse und des amerikanischen Thalers in China, sie zeigen die Wege, welche dem neuen Silber mit allen Kräften sollen angewiesen werden. Eine Generation der weißen Rasse, welche sich in so hohem Grade znm Herrn der Erde gemacht hat, welche die schwersten und edelsten Metalle in so großem Maße der Erde entnimmt, erhält dadurch nicht nur die moralische Verpflichtung, sonder« zugleich die wirtschaftliche Nötigung, die anderen Rassen zu derselben Lebhaftigkeit des Verkehrs, zu denselben Bedürfnissen und durch diese, soweit es thunlich ist, zu demselben Bewußtseiu menschlicher Würde und höherer Lebensziele zu führen. „Nun weiß ich allerdings, daß es ein anderes ist, solche Verpflichtungen auszusprechen, und ein anderes, sie ausgeführt zu sehen. In einer Schrift jedoch, in welcher die Freigebigkeit der Natur, allerdings auch ihre Grenze, besprochen wird, ziemt es sich Wohl, zu erinnern, daß dieser Reichtum erst dann dem bevorzugten Zweige der Menschheit zum Vorteile wird, wenn dieser sich aufrichtig zum Vermittler dieser Schätze mit deu minder glücklichen Stämmen hergiebt. Nicht darum haudelt es sich so sehr, daß dieser oder jener Kirche eine Anzahl von Proselyten zugeführt wird, sondern darum, daß den fremden Völkerschaften gegenüber jene ersten Grundsätze thatsächlich und unbeirrt befolgt werden, welche jeder Religion gemein sind. Die Aufgabe ist es nicht, durch die Überlegenheit unserer Waffen tiefer stehende Nationen niederzuwerfen und auszubeuten, sondern vielmehr jene geistigen und materiellen Berührungspunkte aufzusuchen und zu Pflegen, welche zwischen Menschen und Menschen niemals ganz und gar fehlen, mögen diese auch ihrem Bildungsgrade nach einander noch so ferne stehen. „Sv wie das Herz Blut aufnimmt und abgiebt, muß — 435 — Europa empfangen und geben; nur das Gegenteil jener Bestrebungen, welche die heutigen Zustände benützcu möchten, um sich des Goldes zu bemächtigen und den anderen Weltteilen entwertetes Silber zu lassen, kann eine glückliche Zukunft begründen, und England selbst wird mit der Zeit immer deutlicher die Schädlichkeit seiner exklusiven Währung fühlen. Aus diesen Gründen ist die Eröffnung jeder großen Weltstraße, der Durchstich einer Landenge, jeder neue aufrichtig gemeinte Handelstraktat, darum ist die erleuchtete Politik, welche der erste Haudelsstaat der Erde dem Sklavenhandel, so wie jene, welche er den mohammedanischen Stämmen gegenüber befolgt, eiu Schritt in der Erfüllung dieser Pflichten, zugleich eiu wirksamer Schritt gegen die Überflutung mit Edelmetall und eine Genug- thnnng für den Menschenfreund." Wer dem Schwung der schönen Phantasie folgen und diese Gedanken weiterspinnen wollte, könnte, anknüpfend an die Warnung vor dem engherzigen Monometallismus Albions, eine artige Parallele zu der historischen Figur des Romantikers auf dem Throne der Cüsaren durchführen. In einer an dessen Widerstand gegen den aus Judäa importierten Christenglauben erinnernden Anwandlung wird hier das auserwählte Volk Englands, welchem die Wahrheiten der Staatswirtschaft vor allen anderen Erdenbewohnern offenbart worden, bekämpft, und es wird beklagt, daß dessen monometallistische Religion jetzt den schönen bi- oder poly- mctallistischen Kultus aus der Welt zu verdrängen sucht! Doch auch der interessante, sympathische, heldenmütige Julianus vermochte es nicht. Der große Pan war tot, und die entzauberte Welt mußte sich in die eintönige monotheistische Anschauung fügen, welche von Galiläa ans verbreitet wurde. Was allen Freunden der Doppelwährung als charakte- 28» ristischer Zug gemeinsam ist, vom guten seligen Wolowski bis auf den Vorkämpfer, mit dessen so ueuen als glänzenden Waffen wir hier Bekanntschaft gemacht haben: das ist die Verschlossenheit des Blicks für das Wirken der elementaren Kräfte, für das Ungemachte, Unfreiwillige in der Entwicklung dieser Dinge. Wer sie hört, könnte meinen: bloß die Erfindung einseitig reflektierender Köpfe habe einen Teil der Welt dahin gebracht, in die große Neuerung einzutreten. Für den Anstoß, für den Drang und Zwang der gegebenen und mehr uud mehr sich ergebenden Verhältnisse sind sie so zu sagen blind. Aus demselben Grunde meinen sie auch, man könne, was geschehen ist, wieder zurückdekretieren und dem Weg der Verkehrsgesittung durch irgend ein ökumenisches Konzil der Nationen seine Bahnen vorschreiben. Das Vorbild gelehrter Historiker, welche die verschiedenen Rassen vor ihr Tvtengericht laden — die Germanen znm Leben rufend, die Romanen zum Untergang verdammend — hat nichts Verführerisches. Doch muß es immerhin gestattet sein, gewisse vorherrschende Züge im Charakter ganzer Nationalitätsgruppen zu erkennen. Die Anschauung, welche im Aufban der menschlichen Gesellschaft mit Vorliebe das Überlegte, Gcwollte, Gemachte wahrnimmt und daher auch durchsetzen zu sollen vermeint, ist dem französierten Geiste eigentümlich und übt deswegen den größten Reiz auf diejenigen anderen Nationen ans, welche den Spuren des französischen Geistes gerne folgen. Es verdient nicht unbemerkt zu bleiben, daß die Idee einer auf künstlichem Übereinkommen basierten Weltmünze von Paris aus gerade durch einen französierten Polen und einen französierten Italiener am eifrigsten umhergetragen worden. Daß dieselbe Idee nunmehr auch in Wieu einen neuen Borkämpfer gefunden, daß auch Stimmeu iu deu Niederlanden sich dafür erheben, wollen Nur weniger auf dieselbe Bewandtnis zurückführen als auf das natürliche Verlangen, für ernste Verlegenheiten einen Haltpunkt in mächtige» Verbündeten zu suche«. Nicht so sehr wie Österreich durch seine Finanzlage überhaupt, aber immerhin noch sehr fühlbar ist den Niederlanden durch ihre ausschließlich in Silber zahlenden Kolonien der Übergang zu gesunder Münzverfassung erschwert. Was Nordamerika betrifft, so spielen hier andere Dinge mit. Giebt es da schon langst die Partei der sogenannten Jnslationisten, welche für Papiergeld schwärmen, mit dem Wahlspruch: „Je mehr, d. h. je schlechteres Geld, desto besser", so schuf die Entdeckung der großen Silberminen des Westens ein nenes Interesse, welches nun für das Silbergeld eintritt und als ein Mittelding zwischen der frivolen Papierwährung und der strengen Goldwährung die Gleichberechtigung der beiden Metalle durchzusetzen bemüht ist. Aber wie mundgerecht es immer den Interessierten gelingen möge, ihre Vorschläge zuzubereiten, erst im Moment der letzten Fertigstellung wird die ganze Schwierigkeit der Sache sich geltend machen. Schon jetzt heißt es, man molle nicht das alte gegenseitige Wertverhältnis des Goldes zum Silber (m Nordamerika 15,99 zu 1), sondern ein neues der Wertvermindernng des Silbers entsprechendes der neuen Doppelwährung zu Grunde legen. Aber eben da mau sich anschickte, hier eine bestimmte Zahl auszusprechen, würde klar werden, daß man damit nichts Anderes thäte, als dem Zustande eines vorübergehenden Augenblicks eine für alle Zeiten bindende Formel zu entlehnen. Denn wer bürgt, nach allen Schwankungen, denen wir seit fünf Jahren beigewohnt, dafür, daß gerade das am Tage des Gesetzes geltende Wcrtverhältnis auch das der Zukunft sein werde? Und ist es dies nicht, warum gerade die eine Zahl nehmen und nicht jede beliebige andere? Mau wird — 438 — nmsoinehr vor Feststellung eines neuen Wertverhültuisses zurückschrecken, als die europäischen Doppelwährungsstaaten ihrerseits noch gar nicht daran denken, solche neue Wertansätze einzuführen. Sollte sich nun gar die eben auftauchende Nachricht bestätigen, daß im alten Wunderlande Potosi uach deutlichen Anzeichen neue Schätze aufgefunden worden, und dem Silbermarkt ein nener gewaltiger Zuschuß bevorsteht, so wird auch Nordamerika sich zweimal besinnen, ehe es den Lalto invrkalö zurück in die Silberwährung unternimmt. Denn — und das ist das große entscheidende Wort, das regelmüßig überhört wird — nicht im Mehr des Silbers oder im Weniger des Goldes, das heute oder morgen ins Land strömt, liegt die Ursache, welche der Gleichberechtigung des Silbers ein Ende gemacht hat, sondern in der Thatsache der immer kürzer und heftiger gewordenen Schwankungen des ehemals festen Wertverhältnisses. Dieses ist zerstört auf unberechenbare Zeit. Sie ist dahin, die schöne Eintracht, in der beide Metalle in gegenseitigem Vertrauen friedvoll nebeneinander und miteinander lebten; sie ist zerstört die schöne Welt; kein Hexenmeister kann sie wieder herauf beschwören; und wie herrlich immer man uns die messianischen Zeiten male, in denen das Lamm weiden werde neben dem Tiger: jeder Versuch, die beiden Metalle im festen, dauernden, gleichberechtigten Wertverhältnis nebeneinander einzusetzen, muß zu Schanden werden uud kann nur damit enden, daß das eme dem anderen zum Opfer fällt. Gesammelte Schriften von Ludwig Bamberger. Vand V. Berlin Rosenbaum 6c ^c>7. politische Schrift von bis MZ. Aon Luöwig Vamöerger. Berlin Rosenbaum 6c Hart 5897. Inhaltsverzeichnis. Seit- Deutschtum und Judcntuin................ 1 Die Sezession...................... 39 I. Sonst und jetzt................. 52 II. Ursachen und Wirkungen............. 60 III. Die Trennung................. 85 IV. Die Kompromiszpoliür.............. 94 V. Die wirtschaftlichen Gegensätze........... 110 Die Kunst, sein Glück beim Zoll zu machen......... 135 Geht die Welt besseren Zeiten entgegen?........... 159 Warum esse ich?.................... 173 Kaisertum und Reichstag................. 187 National........................ 203 Die Reichsbank..................... 227 Der wunde Punkt.................... 239 Die deutsche Tagesprcsse................. 277 Über Kompromisse.................... 301 Zum Jahrestag der Entlassung Bismarcks.......... 317 Marseillaise und Afrikalotterie............... 355 Silber......................... 371 I. Deutschland................... 373 II. Die Münzreform in Österreich........... 383 IH. Nordamerika................... 393 Die Krisis in Deutschland und der deutsche Kaiser....... 417 Deutschtum und Judentum. Ludivig Vambergcr's Gl's, Schriften^ V. 1 Vorbemerkung io hier nachfolgende Abhandlung ist zuerst in der Monatsschrift „Unsere Zeit", Mo, Heft 2, und dann als Scparatabdruck in Leipzig bei Lrockhaus erschienen. Den nächsten Anstoß dazu hatte ein Artikel von Treitschke im Novemberheft der „Preußischen Jahrbücher" ^379 gegeben. Man kann auch heute noch daran festhalten, daß die heftige Parteinahme des hochstehenden Akademikers und Historikers, der damals allmählich aufgekommenen, aber noch nicht stark und weitverbreiteten antisemitischen Bewegung sehr wirksamen Vorschub geleistet hat, wie es in dieser Schrift vorausgesehen ward. Treitschke hat übrigens, wenn auch nicht iu besonderen Abhandlungen, doch durch Einstreuung in seine deutsche Geschichte und mehr noch in seine Vorlesungen dieselbe Richtung bis zu seinem Lude weiter verfolgt und das Seinige zur Verschärfung der Gegensätze, zunächst im Studentenlcben, beigetragen. Der Gang der Dinge, wie er in den seit jenen Anfängen verflossenen anderthalb Jahrzehnten in Deutschlands öffentliches Leben eingedrungen ist, giebt keinen Anlaß, von den damals darüber angestellten Betrachtungen etwas zurückzunehmen. In einem Punkt allerdings ist eine gewisse Verschiebung eingetreten. Deutschland steht mit dieser Erscheinung nicht mehr so isoliert und stark im Gegensatz zu einigen anderen Nationen wie bei Beginn dieser Polemik. Auch in Frankreich, das zu jener Zeit noch unbe- 1» — 4 — rührt war, ist eine zwar kleine, aber laute antiseinitische Partei und Presse erstanden. nen sonst vorwerfen, daß hier und da Juden Goethe, Fichte und Luther oder deutsche Eigentümlichkeiten scharf getadelt haben? Weiß er nicht, daß Luther, Goethe, Fichte — und wer nicht? — von Deutschen aufs bitterste augegriffen worden sind? War Nieolai, war Kotzebue, war der Judenhasser Wolfgang Meuzel, waren alle jene „Philisterpfaffen", welche lange vor Borne durch ihre Polemik dein greisen Goethe das Leben zu verbittern suchten, etwa Juden? War der Judeuhasser Schopenhauer, der über Hegel »ud Fichte und die „Lobesassekuranzgesellschaften der deutschen Professoren" endlose Ströme des Hasses und der — 1-^ — Verachtung ausgosz, ein Jude? War der Bischof Ketteler, welcher erklärte, daß das deutsche Volk durch Luthers Reformation das Gewissen eingebüßt habe, ein Jude? Ist Richard Wagner, welcher nicht zugeben kann, daß Felix Mendelssohn ein deutscher Komponist gewesen sei, ein Jude? Ist der Judenhasser Dühring, welcher einen Helmholtz anzuschwärzen sucht, ein Jude? Leider, leider! ist die Geringschätzung deutscher Dinge, die Herabwürdigung und Verfolgung der besten deutschen Männer ein Charakterzug, welcher sprichwörtlich vorgeworfen wird Der frommen deutschen Nation, Die sich erst recht erhaben fühlt, Wenn all ihr Würdiges ist verspielt. (Goethe.) Die herbe Kritik deutschen Wesens, deutscher Persönlichkeiten einigen Juden besonders anzurechnen, beweist, daß man sie eben nur als Geduldete, die das Gastrecht verletzen, ansieht, und ganz folgerichtig hält ihnen Treitschke dieses Unrecht auch als besonderen Undank vor gegen das Land, das „sie schütze und schirme". Solcher unmittelbaren Empfindung kam dann das politische Bedürfnis des Augenblicks entgegen, und für beide war die Gelegenheit, einander in die Hände zn arbeiten, eine sehr willkommene. Der Aufsatz, an dessen Schluß die Judenfrage behandelt wird, richtet seine Spitze gegen den Liberalismus. Sind schon die Juden von jeher liberal gewesen, so ist insbesondere einer der hervorragendsten Führer jenes parlamentarischen Liberalismus, der bei Herrn von Treitschke eben in Ungnade steht, ein Jude. Der Angriff gegen die Juden ist nur eine Diversion im heutigen großen Feldzuge gegen den Liberalismus, und ohne Zweifel hat dieser Zusammenhang das Seiinge dazu beigetragen, Herrn von Treitschke — — auf dies Gebiet zu führen. Er behauptet, die Erregung gegen die Jndcn sei so groß, daß bei der Breslauer Wahl Laster ihr Opfer geworden sei. In Wahrheit aber verhält sich die Sache, wie jeder Kenner der lokalen Verhältnisse weiß, umgekehrt. Laster wurde als der Mann des linken Flügels der Nationalliberalen bekämpft, nnd an die judenfeindlichen Traditionen wnrde nur appelliert, um die Gegnerschaft zu vermehren. Ein gut Teil des Zorns gegen die Juden kommt allerdings daher, daß sie liberal gesinnt sind. Das müssen sie sich schon gefallen lassen. Sie haben in deutschen Parlamenten von jeher auf den Bänken der Linken gesessen. Nur zwei jüdische Abgeordnete früherer Reichstage saßen auf der Rechten, Dr. Strousberg uud Herr von Rothschild, vermutlich, weil sie verzeihlicherweise als Fürstlichkeiten der Finanz dies ihrer Stellung innerhalb der Aristokratie schuldig zu sein glaubten. Und eudlich viel mächtiger noch als durch das momentane taktische Bedürfnis wird Herr von Treitschke durch den Grundzug seines ganzen seelischen Wesens in dies Treiben mit hineingezogen. ES gab immer nnd überall und es giebt zur Zeit in Deutschland besonders viele Schwärmer, die den Feuereifer für ihr eigenes Ideal nicht wirksamer schüren zu können vermeinen, als indem sie alles andere geringschätzen oder hassen. Gerade der Kultus der Nationalität trägt diese Versuchung mehr als jeder andere in sich und artet leicht dahin auS, deu Haß gegen andere Nationen znm Kennzeichen echter Gesinnung zn machen. Von diesem Haß gegen das Fremdartige jenseit der Grenze bis zum Haß gegen das, was sich etwa noch als fremdartig in der eigenen Heimat ausfindig machen läßt, ist nur ein Schritt. Je mehr Haß, desto mehr Tugend! Wo der Nationalhaß nach außen seine Schranke findet, wird der Feldzug nach innen eröffnet. Je enger der Zirkel der Be- — 14 — keimer gezogen werden kann, desto reiner lodert die Flamme auf dem Altar. Trcitschke selbst kann nicht umhin, daran zu erinnern, daß die Judenverfolgungen von 1819 mit dem Teutonismus zusammenhingen. Von jeher haben die Versuche, Scheidungen im Innern eines Landes herzustellen, mit Vorliebe an die Rechte der Geburt angeknüpft. Vor Jahren tauchte in Nordamerika eine Partei auf, welche sich die der „Nativisten" nannte. Es war zur Zeit, als die bereits länger Angesiedelten glaubten, dem Strom der Einwanderung Schwierigkeiten entgegensetzen zu müssen. Nur der auf amerikanischem Boden Geborene sollte das volle Bürgerrecht erwerben können. Je weniger Billigkeit und Vernunft einem Verlangen zu Grunde liegt, desto mehr scheut es logische Erörterung, destomehr zieht es vor, sich auf nackte Gewalt zu stützen. Daher nannten sich die Vertreter des Nativis- mus auch „L^iiov-iiotllrriAs^, d. h. Nichtswisser, Leute, die von schwächlichen Betrachtungen des Rechtes und der Moral und von allem Denken und Wissen, woraus diese geschöpft werden, nichts hören wollen; und um die „Nichtswisser" bildete sich eine Garde, welche man „üo-vväiks" nannte, wüste Gesellen, welche kein Argument als das des Revolvers und des Totschlägers anerkennen. Ist es nicht eine Art von Nativismus, der jetzt gegen die deutschen Juden gleich als neue Ankömmlinge gepredigt wird? Sonderbar! In derselben Abhandlung, deren Schluß der Exkurs gegen die Juden bildet, findet Herr von Treitschke auch Gelegenheit, sich mißbilligend gegen das falsche Idol der „Philanthropie" und „Bildung" und mit Behagen über die Agitation zu Gunsten der Prügel auszusprechen. Doch mit dem Nativismns im streng amerikanischen Sinne ist gegen die deutschen Juden nichts anzusaugen. Auf der deutschen Scholle sitzen sie, seitdem Deutschland in die Geschichte eingetreten ist. Ihre Einwanderung am Rhein und an der Donau sührt auf die Römerzeiten und den Beginn der christlichen Aera zurück, und selbst die Komik des mauschelnden Kauderwelsch beruht teilweise darauf, daß es alt- und mittelhochdeutsche Worte am Leben erhalten hat, wie denn auch die uns etwas grotesk klingenden Tiervornamen Bär, Wolf, Hirsch n. s. w. im christlich deutscheu Mittelalter eingebürgert waren. Die Absonderung nahm ihren schlimmen Charakter mit den grausamen Verfolgungen, den Plündereien und Schlächtereien an, welche seit den Kreuzzügeu um sich griffen, nachdem der einmal entzündete fromme Eifer feine Nutzanwendung auch auf die Häuser der Juden gefunden hatte. So groß auch die Rolle ist, welche Stammesgemeinschaft im Ringen der Nationalitäten sich heute zuteilt, so wird sich doch niemand zu der Absurdität verirren, daß die heute bestehenden nationalen Großstaaten nach dem Grundsatz absoluter Rasseneinheit Purifiziert werden sollten. Alle zivilisierten Nationen sind vielmehr bekanntlich aus verschiedeneu Volksstämmeu gebildet und haben gerade in solcher Assimilation ihre Stärke bekundet und gefunden. Nun gar aber das Kriegsgeschrei gegen die „Semiten" datiert, wie das Wort selbst andeutet, erst aus allerneuester Zeit. Es ist noch nicht lange her, daß dieser Ausdruck iu der Sprache der landläufigen Bildung eingebürgert ist, daß die Popularisieruug der linguistischen Studien und die daraus hervorgegangene Bekanntschaft mit der Einteilung der Idiome das von den meisten kaum verstandene Wort in Umlauf gesetzt hat. Ganz bezeichnend für den Ausgangspunkt der heutigen Bewegung gegen die Juden holte sie ihr Stichwort aus den Abfällen der physiologischen und — 16 — linguistischen Wissenschaft, welche der lernbegierigen Leserwelt zugetragen werden. Doch in der That ist alle Mühe dabei verloren; denn es läßt sich in der Wirklichkeit des Lebens mit dieser Rassennnterscheidung gar nichts anfangen. Sie ward eben erst zur Hilfe gerufen, als es nicht mehr anging, die Ungleichheit des Rechtes auf das religiöse Bekenntnis zu stützen. Aber Ersatz für dieses greifbare und ehrliche Scheidemittel kann das schwächliche Surrogat nicht liefern. Getauft oder uugetauft, das hat Sinn und Kraft; semitisch oder germanisch ist nicht zu brauchen, ohne die Getauften mit den Ungetansten zn treffen. Herr von Treitschke denkt nicht daran, die Rechtsungleichheit auf die Verschiedenheit des Bekenntnisses zu gründen. Wie wäre das auch möglich, nachdem soeben der Berliner Kongreß, unter dem Vorsitze des deutschen Reichskanzlers, den Grundsatz der Gleichberechtigung der Bekenntnisse in so feierlicher und zwingender Weise proklamiert hat, wie es noch nie vorher in der Welt geschehen war! Der von den Großmächten verkündete Fundamentalartikel des modernen Rechtes wurde der neuen rumänischen Selbst- ständigkeit als Vorbedingung zu Gruude gelegt. Aber eben diese Unmöglichkeit einer Rechtsverweigerung auf Grund der Religion drängt bei uns den Kampf immer wieder von neuem auf das physiologische Gebiet der Rassenungleichheit hinüber, obgleich Deutschland, welches die Ansprüche der Rassengleichheit auf eigenem Boden im Pan- slawismus zu bekämpfen hat, sich wahrlich nicht wird einfallen lassen, auch seine Bürger slawischer Abstammung aussondern zu wollen. Und wenn auch ausschließlich gegen die Juden das Rassenprinzip angerufen werden soll, gegen die Asiaten, wie heute die Rede geht, d. h. wenn — o vergessene Wiege des Menschengeschlechts! — eine Scheidelinie gezogen werden soll zwischen den Juden kleinasiatischer — 17 — und den Jndogermanen großasiatischer Herkunft, die sich zu dem aus Kleinasien gekommenen Christentum bekennen: wie in aller Welt soll die Praxis sich mit dieser Weisheit zurechtfinden? Auf Grund dieser Demarkationslinie wären alle als Kinder getauften oder später zum Christentum übergetretenen Juden, ferner die von getauften jüdischen Eltern oder Großeltern stammenden Christen dem Interdikt verfallen. Treitschke selbst führt die ungetauften Riesfer und Veit in einer Linie mit dem getauften Felix Mendelssohn als deutsche Juden an. Was meint er zu Stahl, dem Stifter der Schule, an welche sich die christlich-germanischen Hochkonservativen anlehnen? Was zu Neander? Von den Lebenden will ich Niemand nennen, um Niemand unbequem zu sein. Und wie ist es mit den Abkömmlingen der bereits sehr zahlreichen Mischehen? Wenn die Rassenproskription nach nordamerikanischem Vorbilde gegen die Semiten angewendet werden sollte, so müßte auch das Halbblut ausgestoßen werden. Damit kämen wir schon bis in die höhern Chargen der Armee, von welchen bis jetzt zwar die Söhne, nicht aber, natürlich nur unter gewissen Bedingungen, die Schwiegersöhne Sems fern gehalten werden. Warum doch sich mit all diesen fadenscheinigen Vorwänden quälen! Gestehen wir es uns ehrlich: wir haben es mit einer alten, von Geschlecht zu Geschlecht seit Jahrhunderten fortgezeugten Antipathie zu thun, die, zu einer naturalistischen Thatsache geworden, in Vielen auch die stärkste Logik nicht gegen die Macht der Gewohnheit aufkommen läßt. Wer es erklären sollte, brauchte nicht um die Gründe verlegen zu sein; nur müßte man ihm Zeit lassen, die halbe Weltgeschichte zu Hilfe zu nehmen. Im Wesentlichen entsprang das Mißgefühl aus dem Gegensatz der Glaubensbekenntnisse, deren jedes sich für das wahre, das allein berechtigte hielt. Seitdem die Konfessionen Ludwig Bambcrgers Ges. Schriften, V. 2 — 18 — angefangen haben zu lernen, daß es im Hause Gottes der Wohnungen viele giebt, ist die religiöse Antipathie bestimmt, zu verschwinden. Der Rassengegensatz wird ein etwas zäheres Leben fristen, aber auch ihn werden dereinst Bildung und Humanität überwinden, denn nicht allezeit werden, wie gegenwärtig, Bildung und Humanität ans Kreuz geschlagen sein. Bis dahin muß man aber mit der unumstößlichen Thatsache eines sich über sich selbst unklaren Gefühls rechnen. In eine unumstößliche Thatsache fügt man sich, schon weil man muß, wogegen Scheingründe, die ihr ein besonderes Rechtsgewand umhängen sollen, nur die Betroffenen irritieren. Wenn Jemand sagt: ich kann nun einmal die Juden nicht ausstehen, so läßt sich gar nicht mehr mit ihm rechten. Giebt es doch auch für gebildete Menschen kaum ein größeres Vergnügen als das, ihren Vorurteilen zu fröhuen! Die Denkenden unter den deutschen Juden sind mit allem dem so vertraut, daß sie nicht weiter darüber grollen, außer wenn die unreflektierte Empfindung auch ihr unmittelbares Gefühl wach ruft. Sie kennen und schätzen ihre deutschen Landsleute zu sehr, um nicht zu verstehen, warum gerade in ihnen das Widerstreben sich am stärksten auSsPricht und am unliebenswürdigsten zu Tage tritt. Und wenn sie etwa selbst einen Teil der Schuld daran tragen, daß es ihnen in Deutschland bis auf diesen Tag schlechter geht als anderwärts — warum sollten sie nicht auch dazu mitgethan haben? — je nun, so sind es wahrscheinlich auch deutsche Unarten, die ihnen zur Last fallen. Denn mit keinem Volke haben sie sich auch nur entfernt so eng zusammengelebt, man könnte sagen, identifiziert, wie mit den Deutschen. Sie sind germanisiert nicht bloß auf deutschem Boden, sondern weit über Deutschlands Grenze hinaus. Das ist einer der Punkte, in denen sich Herr von Treitschke, wie ihm inzwischen schon von andern nachgewiesen worden — 19 — ist, besonders stark geirrt hat. Auch die Juden Frankreichs, Hollands, Englands sind nicht, wie er behauptet, zum größern Teil Reste der spanischen und portugiesischen Ausgetriebenen, sondern aus Deutschland eingewandert; ihr Jargon, wo sie überhaupt einen solchen sprechen, ist mit deutschen Wörtern versetzt. Die europäischen Juden sind mit keiner Sprache so verwachsen wie mit der deutschen, und wer Sprache sagt, sagt Geist. Treitschke sieht in den vom Osten her zuwandernden „hosenverkaufenden polnischen Jünglingen" eine ernste Gefahr. Man denkt bei seiner Schilderung an eine hereindringende Flut, etwa wie die der Chinesen in Kalifornien. Möchte er uns nicht einige statistische Zahlen darüber aus den letzten Jahren geben? Bei seiner gar leicht generalisierenden Darstellungsweise liegt die Besorgnis nahe, die Angabe könnte auf der Beobachtung einiger häufiger gewordenen Zudringlichkeiten an der Ecke der Behren- und Friedrich- ftraße beruhen. Und ist es gewiß, daß diese „Polen" aus Russisch- und nicht aus Preußisch-Polen kommen? Wenn aus dem Preußischen, mit welchem Recht behandelt der bittere Gegner des polnischen Nationalwiderstandes die Bewohner der Provinz Posen als Ausländer? Und noch dazu deutschredende? Was sagen wir deutschredende? Hat nicht von jeher das jüdische Element in Posen mit Recht als ein germanisierendes gegolten? Haben nicht meistens die Juden mit den Deutschen zusammen gewählt? In eben dem Artikel, welcher die Juden das „Unglück" Deutschlands nennt, hält Herr von Treitschke den Russen ihre Verstimmung gegen die deutsche Politik vor. Dabei hätte er sich denn füglich erinnern dürfen, daß die russischen Treitschke — ich will sagen, die Katkow und Aksakow, die Deutschen für das „Unglück" Rußlands erklären. Und indem sie es thun, behängen auch sie nur althergebrachte 2* Vorurteile und Leidenschaften mit dem prunkenden Flitter der patriotischen Phrase. Bekanntlich nährt das nationale und orthodoxe Russentum von jeher einen grimmigen Haß gegen die deutschen „Heiden". Schon in den Stürmen der Reformation überschritt eine große Anzahl bedürftiger Deutscher die russische Westgrenze und gedieh in dem „heiligen" Rußland durch Geschicklichkeit, Fleiß und Mäßigkeit. Das russische Volk mußte diese Vorzüge der „Eindringlinge" anerkennen, verabscheute sie aber darum nur erst recht. Seit jenen Zeiten ist die Anklage gegen die Deutschen, „daß sie die nationale Religion zu Grunde richten und die Reichtümer des Landes in ihre Hand bringen", eine stehende geblieben im Munde des gemeinen Mannes, und neuerdings wird sie von den mehr oder minder gelehrten Moskauer Panslawisten mit einem ungeheuern Aufwand? wohlfeiler sittlicher Entrüstung und wohlfeilen wissenschaftlichen Brimboriums wiederholt. So wenig in Rußland tüchtige, fleißige, umsichtige und sparsame Russen durch die Deutschen gehindert werden, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen und zu Bildung und Wohlstand zu gelangen, so wenig verhindert das Gedeihen der jüdischen Deutschen das Gedeihen der christlichen Deutschen. Und so gewiß die Thätigkeit und der Erwerb der in Rußland angesiedelten Deutschen der russischen Kultur im Ganzen zu Gute kommt, so gewiß gereicht die geistige und die wirtschaftliche Arbeit der deutschen Juden dem deutschen Staate und der deutschen Gesellschaft zum Vorteil. Herr von Treitschke, der sich sonst immer zu gesunden wirtschaftlichen Prinzipien bekannt hat, wird hoffentlich nicht auch der jetzt allerdings wieder in Mode kommenden plumpen Wahnvorstellung Zugeständnisse machen wollen, wonach diejenigen, welche durch ihre Arbeit Geld erwerben, nicht die Gesellschaft durch ihre Dienstleistungen um ebenso viel bereichern, sondern sie nur aus- — 21 — beuten. Gewiß, wo der Betrieb bestimmter Gewerkszweige vorzugsweise bestimmten Kreisen zufällt, läßt sich vermuten, daß diese Kreise durch besondere Geschicklichkeit dazu qualifiziert seien, aber auch daß sie eben dadurch sich um das Gemeinwesen besonders verdient machen. Wenn es wahr sein sollte, daß die Juden zu gewissen Thätigkeiten mehr Anlage hätten als die Germanen, so sollten die letztern, statt darüber Eifersucht zu empfinden, des Rates, den Goethe giebt, eingedenk sein: Seh' ich an andern große Eigenschaften Und wollen die an mir auch hasten, So werd' ich sie in Liebe pflegen, Geht's nicht, so thu' ich was andres dagegen. Bedenkt man, durch welche besonderen Härten den Juden das Leben in Deutschland schwer gemacht worden ist und zum Teil noch schwer gemacht wird, und wie sie dennoch zu allen Zeiten sich in Deutschland behaupteten, so wird man zu der Vermutung gedrängt, daß gemeinsame Berührungspunkte im Grundcharakter es bewirkt haben müssen, Deutschland und deutsches Wesen besonders anziehend für die Juden wie auch die Juden zur Ergänzung des deutschen Wesens besonders nützlich zu machen. Aber neben dem, was sie gegenseitig anzieht, giebt es auch wieder so manches, was die einen von den andern abstößt. Eine Mischung von heterogenen und verwandten Geisteseigenschaften: das ist gerade der Stoff, aus welchem die intimen Feindschaften gebraut werden. So wohl auch hier. Das Gemeinsame ist der spiritualistische Grundzug: Juden und Deutsche sind zweifelsohne die beiden spiritualistischsten Nationen aller Zeiten und Länder. Das Christlich-Germanische ist keine bloße Erfindung teutonisierender Pietisten und Professoren. Vermöge ihrer besondern Anlage waren die Deutschen am besten geartet, die spiritualistischen An- — 22 — schauungen des Judentums, nachdem diese durch die christliche Fortbildung der Nationalität entkleidet worden, in sich aufzunehmen. Auch die unfrommen Philosophen von Voltaire bis auf Arnold Rüge haben ganz wie die altrömischen Heiden in dem Christentum nichts anderes erblicken wollen als eine besondere Form des Judentums, und im „Nazarener- tum" das spiritualistische Prinzip bekämpft. Die Neigung zu abstraktem Denken, eine der begleitenden Ursachen der spiritualistischen Lebensanschauung, ist in Juden und Deutschen am stärksten ausgeprägt. Die spekulative Philosophie Spinoza's ist nirgends so tief aufgefaßt und verehrt worden wie in Deutschland, und wenn es erlaubt ist, Namen von so verschiedenem Werte nebeneinander zu nennen: niemals hätten in einem andern Lande die beiden philosophierenden Sozialisten Marx und Lassalle solchen Anhang gewonnen. Auch die kosmopolitische Anlage, welche mit der Fähigkeit, sich vom Gegebenen loszureißen, innig zusammenhängt, ist beiden Teilen gemeinsam. Deutsche und Juden finden sich am leichtesten in fremde Sitten, Sprachen und Anschauungen hinein. Ja, beide besitzen das Geheimnis der Spekulation, wie im philosophischen, so auch im kaufmännischen Sinne, wie denn das Wort nicht bloß durch äußern Zufall die beiden Verstandesoperationen, die philosophische und die merkantile, mit der gleichen tiefbegründeten Bezeichnung deckt. Die Deutschen sind die vorzüglichsten Kaufleute der Welt; wer die deutschen Kaufleute im Auslande bis in den fernsten Osten hinein beobachtet, muß zugeben, daß da, wo nicht die Armseligkeit der Kleinstaaterei, der Junker-, Beamten- und Gelehrtenhochmut sie herabdrückt, sie unerreicht dastehen; in den Hansestädten sind die Reste der ehemaligen Überlegenheit auch auf deutschem Boden erhalten. Der Angriff gegen die „Händler" im Allgemeinen war die logische Einleitung des Feldzugs gegen die Juden. — 23 — Aber neben den Zügen merkwürdiger Geistesverwandtschaft treten wieder andere hervor, die beide Teile scharf von einander scheiden. Bedächtiges, feierliches, andächtiges, ernstes, gehorsames Wesen sticht ab gegen einen wundersam beweglichen, sarkastischen, skeptischen, undisziplinierbaren Geist. Heinrich Heine, den man zu nennen nie unterlassen kann, wo von Deutschtum im Verhältnis zum Judentum die Rede ist, und mit welchem Börne nur von den Oberflächlichsten zusammen genannt wird, Heine ist der unsterbliche Ausdruck jener sonderbaren Mischung deutscher Gedankentiefe und Empfindungsfülle mit dem schnellblütigen, kecken, bis zur Frivolität gesteigerten Humor des jüdischen Ingeniums. So deutsch war er, daß er der deutschen Sprache einen reichen Schatz aus eigener Schöpfung hinterlassen konnte, so deutsch, daß er mit Recht der letzte der Romantiker genannt worden ist; so deutsch, daß er nur dem größten Meister in jener besondern deutschen Dichtungsweise nachsteht, die wir. mit einem den andern Nationen in diesem Sinne nicht geläufigen Ausdruck, Lyrik nennen; so deutsch, daß er es unter seinen Landsleuten nicht aushalten und doch nicht einen Augenblick aufhören konnte, mit ihnen und für sie denkend und dichtend zu leben. Aber die beißende, ätzende, schillernde Geistreichigkeit, mit welcher er dem deutschen Hang zur nationalen Selbstkritik sich hingab, war eine fremdartige Zuthat, die ihm bei Gerechten und Ungerechten viel Feindschaft zuzog, vor allem bei den falschen Biedermännern, die dem ganz undeutschen Chauvinismus das deutsche Bürgerrecht erteilt und den freien humanen wahrhaftigen Geist unserer klassischen Litteratur proskribiert haben. Bespricht man in unsern Tagen die Judenfrage in Deutschland, so kann man an dem Namen Lasker nicht schweigend vorübergehen, so wenig man auch von den Lebenden mit gleicher Rückhaltslosigkeit wie von den Toten — 24 — zu reden Lust hat. Es war vorauszusehen, daß die stille Verwunderung über die führende Stellung, welche ein Jude im neuen deutschen Parlamentarismus einnahm, früher oder später laut werden und ihren Rückschlag haben mußte, wie es jetzt geschehen ist. Aber nur die größte Oberflächlichkeit kann verkennen, daß ein Mann nicht diese Rolle in der freien Kunst der Politik so lange behaupten kann, ohne die herrschenden Züge aus dem Geist der Nation in sich aufgenommen zu haben. Man könnte die Philosophie der Geschichte von Laskers Laufbahn nicht schreiben, ohne sich an die Philosophie der jüngsten deutschen Geschichte zu macheu. In den Grundzügen seines Charakters ist er das Gegenstück zu Heine. Dort das maliziöse und frivole, genießende Weltkind, hier der von etwas unweltlichem Optimismus augehauchte, ernste, im Gerüche der Aseese steheude Idealist. Als es dem großeu Realisten Bismarck gelungen war, die deutsche Politik aus der Welt deutscher Abstraktion auf den konkreten Boden der Macht zu stellen, zog er den idealistischen Drang der Nation nach großer Gestaltung uud großen gesetzgeberischen Zielen in die Dienste seines gewaltigen Beginnens. Das war die Blütezeit Laskers, der mit den glänzendsten Waffen jüdischer Dialektik für den deutschen Idealismus eintrat und sich wegen dieser seiner, dem Realismus geleisteten, Heerfolge mit dem abstrakten Berliner Radikalismus entzweite. Aber im Verlauf der Dinge schieden sich die beiden Elemente wieder von einander, und die fortentwickelte Realpolitik des Kanzlers kehrte sich gegen seinen idealistischen Bundesgenossen, in welchem er die aus dieser Auseinandersetzung sich absondernde Fülle „sittlicher Entrüstung" als eine auf allen seinen Wegen ihm entgegensprudelnde Quelle unleidlicher Behinderung bekämpfen zu muffen glaubte. Natürlich siegte der Realist, und seine überwältigende Macht zog die Mehrheit der Nation so unwiderstehlich hinter sich her, daß dieselbe dem Unterliegenden gerade jene etwas abstrakte sittliche Entrüstung, die ihm einst ihren begeisterten Zuruf eingebracht, zum Vorwurf machte. Eben den Leuten, welche jetzt ihn am wildesten anfallen, hat er zuerst das Stichwort geliefert, welches sie jetzt gegen ihn, als den hervorstechendsten seiner Stammesgenossen, ausbeuten. Wenn die „hosenverkaufenden Jünglinge" ihre Kinder und Enkel wieder zu Verkäufern alter Hosen erzögen, so würde der Jammer über die Eindringlinge lange nicht so groß geworden sein. Aber diese Kinder und Enkel reißen sich vom niedrigen Gewerbe los, ergeben sich dem ehrbaren Handel, der Industrie, der Kunst und — was von allem das Schlimmste — der Wissenschaft. Und da sie mit ungewöhnlichem Lerntriebe eine sichtbare Eile, das Versäumte nachzuholen, verbinden, so bewerben sie sich — man sagt in verhältnismäßig auffallender Zahl — auch um akademische und richterliche Ämter. Ob sie nun wirklich in so schreiend großer Zahl erscheinen, oder ob nur das Ungewohnte ihres Erscheinens in Funktionen, von denen sie bis vor kurzem systematisch fern gehalten wurden, diesen Eindruck hervorbringe: sicher ist, daß die Rekrudescenz der Gehässigkeiten mit diesen Dingen eng zusammenhängt. Aber wie nun einmal die Sachen in Deutschland liegen, dürfen die Juden selbst sich nicht Wundern noch erzürnen, daß diese Erscheinungen Anstoß und Bedenken erregen. Von welchen Ursachen immer die Antipathie herrühre, einerlei ob sie auf guten oder schlechten Gründen beruhe, man muß einräumen, und darin spricht Herr von Treitschke wahr: die Gleichheit des Rechtes ist in Deutschland wohl für den Verstand, aber noch nicht für das unmittelbare Gefühl durchgedrungen, und man könnte, den Gedanken noch weiter verfolgend, leicht nachweisen, wie die kaum vollzogene Emanzipation — 26 — der deutschen Nation selbst auch die Hindernisse erklärt, mit welchen die Emanzipation der Juden zu kämpfen hat. Endlich muß man noch zugeben, daß die Erinnerung an den alten festgewurzelten Gegensatz sich durch vielerlei, manchmal ans Groteske streifende Äußerlichkeiten wach erhält, sodaß mit der Zumutung plötzlichen Vergessens von der menschlichen Natur in der That viel verlangt wird. Steht doch selbst ein Nebensächliches, wie ihre Talentlosigkeit für das Trinken, den Juden in manchen kameradschaftlichen Verhältnissen, und nicht gerade der niedrigsten Kategorie, entgegen. So mischt sich Großes mit Kleinem, um die alte Missre juug zu erhalten. Wenn Herr von Treitschke recht hätte mit der Behauptung, daß die Juden anderer Länder bessere Patrioten wären als die deutschen, so läge gewiß keine Art der Erklärung dafür näher, als daß diesen eben noch auf Schritt und Tritt immer von neuem die Vorstellung eingetränkt wird: ihr seid nur Deutsche zweiter Klasse. Kein Beruf ist enger verwandt mit dem lebendigen Gefühl fürs Vaterland als derjenige der Waffen. Wie muß es in die Seele eines Jünglings schneiden, der mit Aufopferung und Ehre sein Blut auf dem Schlachtfelde vergossen hat, und dann erfährt, daß er um seines Blutes willen nicht würdig befnnden werde, dem Offizierkorps anzugehören! Wäre es wahr, was entschieden zu bestreiken ist, daß die deutschen Juden nicht von Herzen deutsch wären, man müßte die Gründe nicht in ihnen suchen. Mittelbar giebt Treitschke dieses zu, indem er gewissermaßen zur Entschuldigung deutscher Abneigung anführt, daß die Juden in Deutschland zahlreicher seien als in den andern westlichen Staaten. Aber in einzelnen Teilen Frankreichs wohnen die Juden ebenso kompakt zusammen als bei uns, ohne daß der Geist der Gehässigkeit sich breit machte wie — 27 — bei uns. In Paris leben 35 000 Juden, nicht spanischer oder portugiesischer, sondern zum allergrößten Teil deutscher Herkunft; und obschon diejenige Gruppe, welche man dort gemeinhin als „Lauchs g,11srQg.ii6orwni8ro.s" und wird 99 - dort dem weiland tou tru-isux Gambetta an den Kopf geworfen. So weit sind wir nun aber im politischen Denken schon gekommen, daß die Vernünftigkeit der Kompromisse zu einem Gemeinplatz geworden ist und daß die Heiligen, welche lieber Hungers sterben, als sich einen Deut an der Barzahlung ihrer prinzipiellen Forderungen abziehen lassen, wenig Nachahmer finden. Man hat auch längst herausgebracht, daß solche unerbittliche heilige Gläubiger in der Regel mehr vom Hunger der Anderen leben, als am eigenen sterben. Das Kompromiß ist gar kein besonderes Kapitel aus der Politik, sondern eine berechtigte Eigentümlichkeit des gesamten Daseins in der „groß und kleinen Welt". Kompromiß ist bewußter oder unbewußter Ausgleich im Widerspiel der Kräfte, und durch diesen Ausgleich allein erhält sich das Gleichgewicht der Welt und die Fortdauer des Lebens. Nur wir armen Menschen haben uns wegen dieser Kompromisse von Anfang bis zu Ende unseres gequälten Daseins die Köpfe zu zerbrechen, während Sonne, Mond und Sterne, wenigstens so weit wirs wissen können, die Sache, ohne nachzudenken und ohne gescholten zu werden, mit sich selbst und untereinander abmachen. Die Frage kann also in richtiger Begrenzung nur so gestellt werden: nach welchen Regeln man Kompromisse schließen solle? Giebt es solche Regeln? Der Weg sie zu finden zeigt sich von selbst, sobald man die Natur der Sache erfaßt hat. Weuu das Kompromiß nichts anderes ist, als der Ausgleich der vorhandenen Kräfte, so wird das richtige Verfahren ohne jeden Zweifel von der richtigen Mesfung der auszugleichenden Kräfte abhängig zn machen sein. Jeder der beiden Teile wird sich Rechenschaft zu geben haben von der Gefahr, die er läuft, wenn er im Parallelogramm 7* — 100 — der Kräfte die Diagonale mehr nach seiner Seite ziehen will, als die Stärke der Gegenkraft gestattet. Mit anderen Worten: Ein richtiges Kompromiß wird nur von dem abgeschlossen, welcher seine eigene Kraft nnd die des Gegenparts weder unter- noch überschätzt. Daher siud Illusionäre geborene Feinde der Kompromisse ; denn zu ihrer Natur gehört es, sich selbst mehr und andern weniger zuzutrauen, als sachlich gerechtfertigt ist. Es giebt Radikale, deneu es überhaupt nur darauf ankommt, ihr Dogma zu vertreten, ohne Ausgleich mit der Wirklichkeit. Andere lassen wohl mit sich reden, verzichten nicht auf die Wirklichkeit, leben aber in Täuschung über die ihneu uud ihren Ideen zu Gebote steheude Macht und Anhängerschaft. Selbstverständlich haben wir es hier nur mit diesem gemäßigten Radikalismus zu thun. Indem derselbe mit der nationalliberalen Partei wegen der von ihr mit der Reichsregierung, d. h. mit dem Kanzler abgeschlossenen Kompromisse, jahraus jahrein haderte, konnte ihm in seinen eigenen Augen vernünftigerweise kein anderer Gedanke dazu die Berechtigung geben, als daß ein weitergehendes Verlangen in jedem einzelnen Fall schließlich auch durchzusetzen gewesen wäre. Wonach aber hatte jeder der mit einander verhandelnden Teile die Aussichten zu bemessen, die sich ihm bei längerem Widerstand eröffnen würden? Mit anderen Worten: wo war die Kraft zu suchen, von der es abhing, ob der eine oder der andere recht behalten sollte? Doch offenbar im Volk, in den Wählern. Die Liberalen mußten, um nicht nachzugeben, von der Überzeugung ausgehen, daß, sei es bei einer Auflösung, sei es bei der regelmäßigen Erneuerung des Reichstags, eine erhebliche Verstärkung ihnen Recht geben würde. Der Reichskanzler ging bei seinem Widerstand von der entgegengesetzten Wahrscheinlichkeitsberechnung aus. Wer Hütte nun richtiger — 101 — gerechnet, wenn es schon bei früheren Anlässen als bei den Attentaten zur Entscheidung gekommen wäre? Welcher Verlaß war auf die deutschen Wähler für die Sache des Liberalismus im Widerstreit mit dem Kanzler? Wir wollen hier die Frage nicht eingehender beantworten, indem wir die tieferen und dauernden Eigenschaften des Nolkscharakters einer näheren Prüfung unterziehen. Es genügt hier auszusprechen, daß schwerlich Jemand sich zu der Behauptung versteigen wird, die Energie des Liberalismus habe sich in den letzte» drei Jahren großer erwiesen, als die liberalen Politiker von ihm erwarteten. Nicht sowohl die freisinnige als überhaupt die politische Regsamkeit uud Schwungkraft des deutschen Nolkes ist in den letzten Jahren hinter sehr bescheidenen Erwartungen zurückgeblieben. Es hat sich den Glanben und die Freude an sich selbst nehmen lassen nnd Jedem, der es an sich irre machen wollte, Gehör geliehen. In deutlicher Erkeuutuis oder miudesteus im richtigen Gefühl dieses Standes der Dinge haben bei den bekannten Anlässen die Natiouallibernlen sich gehütet, den Bogen all- znstraff anzuspannen. Sie hätten einen verhängnisvollen Irrtum begangen, wenn sie in optimistischer Hoffnung auf bessere Zeiten die Erledigung der wichtigsten Gesetzgebungsarbeiten, welche die eigentliche Aufgabe der ersten norddeutschen und deutschen Reichstagssessionen bildeten, aus unbestimmte Frist hinausschoben. Es galt vielmehr, deu iu den ersten Jahren auch vou obeu wehenden liberalen Hauch zu positiven Gesetzen zu verwerten. Wer die deutsche Nation uud ihreu Lenker einigermaßen richtig beurteilte, durfte dabei dem Morgen nichts überlassen, was er dem Heute abgewinnen konnte, denn dem Morgen war entschieden zu mißtrauen. Wer doch konnte den Fürsten Bismarck für einen Mann von liberalen Neigungen halten? Das höchste, worauf sich rechnen ließ, war seine Neutralität, uud auch — 102 — diese war nur gesichert, so lange nicht die Versuchung an ihn herantrat, sich mit einer anderen Richtung einzulassen. Und was die Nation selbst angeht, so begnügen wir uns, die Thatsachen reden zu lassen. Kein neuer Aufschwung, sondern eher die Erschlaffung des liberalen Sinnes war fürs erste zu gewärtigen. Wenn auch der nunmehr eingetretene Umschlag den Bau der in jenen Jahren errichteten Gesetzgebung wieder in den meisten Teilen erschüttert und bedroht, so wird doch ein Teil des Zustandegebrachten immerhin verschont bleiben und selbst was zerstört wird, als einmal Dagewesenes seineu Wert für die Entwickelung der Nation behalten. Wie viele Vorwürfe würde man aber sich zu machen haben, wenn man jene ersten besseren Jahre in resuttatlosen Kämpfen hätte verstreichen lassen, wenn die hereinbrechende Reaktion die Bahn frei und alles unfertig gefunden hätte? Die Voraussetzung, daß in jenen bekannten Meinnngskonflikten über die mehr oder weniger liberale Ausstattung der großen Gesetze der Kanzler einem schärferen Widerstand nachgegeben hätte, beruht auf einer doppelten Verkennung der in Rechnung kommenden Faktoren. Diese Voraussetzung irrt sowohl, indem sie dem Kanzler eine Überschätzung der politischen Widerstandskraft der Nation zutraut, als indem sie ihm ein Interesse an dem Zustandekommen einzelner organischer Gesetze unterlegt, groß genug, daß er sich dadurch zu weitgehenden Konzessionen hätte bestimmen lassen. Beides ist falsch. Die Gesetzgebungsgeschichte der letzten dreizehn Jahre weist schlagend nach, wie die Spannkraft der Nation allmählich nachließ, und wie der Kanzler, dies deutlich fühlend, seines Erfolges immer sicherer wurde. Einer der vielen leidigen Verwechslungen von Ursache und Wirkung ist auch die stereotyp gewordene Anklage entsprungen, daß die Schwäche der Fraktion unvorteilhafte Kompromisse verschuldet hätte. In Wahrheit hat sich die- — 103 — selbe nicht täuschen wollen über die Kampflust der Armee, die hinter ihr stand, und es war ein Glück, daß sie nicht so verblendet war, die kurz bemessene Frist der günstigen Konstellation in unfruchtbaren Anläufen vorübergehen zu lassen. Ja, man wird den bedächtigeren und hellsehenden Männern unter den Radikalen selbst eher etwas Gutes als etwas Schlimmes nachsagen, wenn man die Vermutung ausspricht, daß sie dem Zustandekommen großer organischer Gesetze nur darum so unerschütterlich ihr beharrliches Nein entgegensetzten, weil sie sich wohl bewußt waren, das Zustandekommen dadurch nicht zu hindern. Im Verlaß auf die Majorität, von der sie überstimmt würden, konnten sie sich den Luxus dieser „schönen Rolle" gönnen, welche ja auch ihre gute Seite hat. Die Kompromittierenden nahmen dafür die Vorwürfe auf sich, ohne den Beweggrund verraten zu dürfen, welcher sie zum Nachgeben bestimmte. Denn sie Hütten sich, ihren Wühlern und ihrer Sache, einen schlimmen Dienst geleistet, wenn sie laut gesagt hätten, welchen Erwägungen man Gehör geben müsse. Es gehörte eben, wie so oft im Leben, zum stillen Martyrium der Pflichterfüllung, daß mau sich als Schwächling für das Verhalten ausschelten ließ, welches auf der Stärke der Überzeugung nnd Hingebung beruhte. Was wäre beispielsweise aus der so wichtigen Justizgesetzgebung geworden, wenn sie nicht noch eben vor der Attentatsperiode und deren Ausuützung zum Abschluß gekommen wäre? Glaubt ein halbwegs verständiger Mensch, dem Kanzler sei die Einführung einer Prozeßgesetzgebnng für das Reich so ans Herz gewachsen, daß er lieber seine Antipathien gegen gewisse Bestimmungen verwuuden, als das Zustandekommen des Gesetzes um eine Session verschoben Hütte? Und wenn diese Verschiebung eingetreten, inzwischen aber die Dezimierung der liberalen Abgeordneten, wie geschehen, ins Werk gesetzt worden wäre? Welches — 104 — würde die Folge gewesen sein? Hätte man in der neuen Session bessere Aussichten gehabt? Oder hätte nicht das Ganze auf dem Spiel gestanden? Und wie mit den Justizgesetzen, so verhielt es sich mit allen anderen. Je länger mit der Fertigstellung organischer Neichseinrichtungen gezögert wurde, desto näher rückte der Zeitpunkt, in dem sie gar nicht mehr oder nur »och in höchst fragwürdiger Gestalt zu erledigen waren. In diesen Verhältnissen uud in ihnen allein liegt die Erklärnng der Kompromißpolitik. So lange es möglich war, noch etwas zum Aufbau der einheitlichen und auf modernen Anschauungen beruhenden Gesetzgebung beizutragen, mußte mau mit dem bestmöglichen Vergleich abschließen, und man dnrfte sich immer weniger auf hartnäckiges Feilschen verlegen, je näher sichtlich der Zeitpuukt des Umschlags in der obersten Leitung uud iu der Zusammensetzung des Parlaments heranrückte, lind man mußte zumal im einzelnen Fall sich fragen, welches Interesse die leitende Politik selbst an dem Zustandekommen des Gesetzes nehme, um danach zu bemessen, auf welche äußerste Kraftprobe des liberalen Widerstandes man es könnte ankommen lassen. Bei einer Kontroverse über einzelne Artikel eines Militürgesetzes dnrfte man fchon den Bogen etwas straff anspannen, bei einem Streit über Justizgesetze viel weniger. Heute aber, nachdem in der Reichsgesetzgebung die Steuerung vollständig gedreht und ihre Richtung direkt auf Umkehr genommen hat, ist allerdings kein vernünftiger Grund mehr zum Abschließen von Kompromissen vorhanden. Die Beteiliguug an der Zerstörungsarbeit hat keinen Sinn. Derselbe Grund, welcher dafür sprach, durch Kompromisse die aufwärts führende Bewegung in Gang zu halten, spricht dagegen, die abwärts rollende durch Kompromisse zu fördern. — 105 — Übrigens fehlt auf diesem Weg auch jede Gelegenheit zu Kompromissen. Die Politik des Kanzlers hat, seit sie 1877 den Rückweg angetreten, noch nie das Bedürfnis gefühlt, von den Liberalen gegen ein Ansinnen der Reaktion unterstützt zu werden. Vielmehr konnte man in den letzten Jahren sicher sein, für Angriffe auf den Geist der Gesetzgebung der ersten Periode stets eine sympathische Stimmung vorzufinden. Von Kompromissen also, die einen Teil des früher Geschaffenen retten sollen, analog zu den Kompromissen, welche ehedem das Wünschenswerte schaffen halsen, ist gar keine Rede. Der Kanzler hat sich eine sichere Majorität verschafft, welche ihrer innersten Neigung nach für jede Wiederbeseitigung von Reichsinstitntiouen zu brauchen wäre; bis jetzt hat er nicht das Bedürfnis gezeigt, den Thatendrang dieser Majorität zu dämpfen. Wenn er heute eine Mehrheit haben wollte, um das ganze Reich und sich selbst zu beseitigen, er könnte sie auf der Rechten und im Zentrum finden, und nur, weil ihm gewiß nicht einfällt, Dienste dieser Art von ihnen zu verlaugeu, begnügen sie sich einstweilen mit der Vorbereitung und erwarten das Übrige von der Zukunft. Wo hellte au die Liberalen noch das Ansinnen gestellt wird, sie möchten eine Strecke weit mit dem Kanzler zusammengehen, geschieht es nicht, um etwas von der freisinnigen Gesetzgebung in Kompromissen mit der Reaktion zu retten, sondern um Begleitung zu haben auf einigen Etappen, wo die Reaktionsverbündeten, insbesondere die Mitglieder des Zentrums, den Geleitsdienst zu teuer verkaufen wollen. Diesen Etappendienst ans dem rückwärts führenden Weg verlangt man von den Liberalen. Sie sollen ritterlich beistehen, damit man an der nächsten Station, unter ihrem Schutz angekommen, auch mit ihren Gegnern nach Bedürfnis wieder gemeine Sache machen könne. Und nur mit einer solchen Begriffsverwirrung verträgt es sich, daß der Ruf nach Bildung einer „konservativ-liberalen" Partei ergehen konnte. Nichts zeigt deutlicher als diese Wortverkuppelung, wie gering man bei uns dermalen von dem Beruf politischer Parteien denkt. Nur in einer Zeit, wo nian Menschen, Gesinnungen und Einrichtungen nach einem andern Maßstab als dem ihres inneren Wertes mißt und allein die Unterwerfung unter das jeweilige Kommandowort für berechtigt erklärt, konnte die merkwürdige Verbrüderung der beiden Gegensätze erfunden werden. Aber freilich steht noch ein anderes Wort zu Gebote, mit welchem solche Wunder schon lange verrichtet werden. Es heißt „national". Wenn schon jede Industrie, welche Unterstützung verlangt, allen Widerspruch aus dem Felde schlägt dadurch, daß sie ihre Interessen „nationale" nennt, wie viel mehr müssen politische Verhaltungsregeln für unanfechtbar gelten, sobald sie als die ausschließlich nationalen angepriesen werden. Je lauter die nationale Lärmtrommel gerührt wird, desto vorsichtiger muß man prüfen, ob es nicht gilt, die Stimme der Vernunft zu übertönen. Bedeutet doch auch jener an das Herz appellierende Aufruf zur Bildung einer konservativ-liberalen Partei ganz einfach die Unterwerfung der Liberalen unter die Konservativen! Zu dem Vorwurf, den man von jeher den Nationalliberalen wegen ihrer Kompromisse gemacht hat, gesellt sich nenerdings ein zweiter: nämlich, daß sie den leitenden Staatsmann allzu rückhaltlos unterstützt und daß sie darum es nur sich selbst zuzuschreiben hätten, wenn die Autorität dieses Namens jetzt sich gegen sie selbst wendet. Offen gestanden, ist dieser Vorwnrf nicht so ganz unverdient wie jener erste, und wer ehrlich mit sich ins Gericht gehen will, 107 muß einräumen, daß in diesem Punkt diejenige liberale Richtung, welche, auch wo sie zustimmend sich anschloß, stets ausdrückliche Vorbehalte gegen die Persönlichkeit des Kanzlers gemacht hat, jetzt sich in der vorteilhafteren Lage befindet. Nur darf man hierbei eines nicht vergessen. Jede politische Auffassung behält einmal recht, wenn sie nur lange genug wartet, denn bei der Wandelbarkeit und Un- vollkommenheit menschlicher Dinge kann mit der Länge der Zeit jedes Heil zum Unsegen, jedes Unheil zum Segen ausschlagen. Wer beharrlich nein sagt, mag sicher sein, daß, wenn er es nur erlebt, einmal der Moment kommen wird, wo er wird ausrufen können: „Hab' ich es nicht gesagt?" Während des französischen Krieges schrieb Karl Vogt aus Genf an Friedrich Kolb nach München: Sowie der Friede gemacht sei, werde Bismarck mit Kettcler Freundschaft schließen zu einem Bündnis zwischen Feudalen und Ultramontanen. Acht Jahre lang schien das eine Prophezeiung zum Lachen. Heute würde sie schon niemand mehr belachenswert finden, viele meinen sogar, daß die Prophezeiung auf dem besten Weg sei sich zn erfüllen. Wenn Ketteler noch lebte, wer weiß, ob er nicht schon abgeschlossen hätte, wo Windt- horst noch zögert? Kann man darum sagen, daß die Prophezeiung eine richtige war? Zählen die acht vorausgegangenen Jahre nicht? Wenn auch jene Pessimistische Auffassuug schließlich recht behielte, so wäre es doch falsch gewesen, sich gegen die Bismarck'sche Politik des Jahres 1870 verneinend zu verhalten, wie jener wohlfeile Pessimismus that. Was man aber von ihm lernen kann, ist, bei Zeiten auch an die entferntere Gefahr zu denken, die mit dem Politischen Heroenkultus ein für allemal verbunden ist. Es werden freilich derlei Warnungen immer wenig fruchten, weil man sich gegen sie nicht mit Vorbedacht, sondern im Instinkt des Augenblicks versündigt. Bei Anwendung aller — 108 — gewaltig eingreifenden Werkzeuge ist ja Vorsicht geboten, denn mit ihrer größeren Wirksamkeit Pflegt größere Gefährlichkeit untrennbar verbunden zu sein. Aber im Augenblick entscheidenden Handelns tritt eben die Vorsicht zurück hinter den Drang der That, welche nicht zweien Herren dienen kann. Es war nicht nur verzeihlich, es war jeder Berechnung nach sogar unerläßlich, alle Hebel anzusetzen, um einen gewissen volkstümlichen Widerstand gegen die Politik des Jahres 1866, namentlich in Süddentschland, zu brechen; und darum sinden wir auch gerade in Süddeutschland, wo von dem Glanz des Namens Bismarck in diesem Kampf der ausgiebigste Gebrauch gemacht worden ist, als dauernde Nachwirkung die Autorität des Namens am meisten befestigt. Nichts ist leichter zu fassen als ein Name; Gedanken uud Begriffe aber sind so leicht zu trüben und zu verwirren, daß sie stets Gefahr laufen zu unterliegen, wenn ihnen ein bewährter Name entgegentritt. Es bedarf erst langer, schwerer Erfahrungen und Enttäuschungen, bis der allmählich weichende Nimbus der Unbefangenheit Platz macht, welche die Sachen selbst zu ihrem Rechte kommen läßt. Aber wie dem anch sei, man kann der Fortschrittspartei die Genugtuung nicht versagen, daß die von Anbeginn an beobachtete Vorsicht ihr die Bahn frei' erhalten hat für die Aufgaben des heutigen Tages. Hier ist an den Nationalliberalen die Reihe, einzugestehen, daß sie einer Illusion gedient haben, die ihnen jetzt Schwierigkeiten im eigenen Lager bereitet, der Illusion nämlich, daß ihnen nie wieder der Name Bismarck an der Spitze derjenigen gegenübertreten könne, zu deren Bekämpfung Bismarck einst ihre ganze Unterstützung aufgeboten hatte. Wägen wir die Dinge so von beiden Seiten ab, so stellt sich ohne Zwang der Gedanke ein, daß schließlich jede der beiden liberalen Schattierungen ihre besondere Aufgabe — 109 — hatte, daß aber der Weg beider jetzt wieder in eine und dieselbe Straße zusammenführt. Mögen die einen sich rühmen, daß ohne ihre vorsichtig bemessene Haltung niemals Jahre hindurch der Grundbau des Reichs hätte fortgesetzt und zu einiger Widerstandsfähigkeit gebracht werden können, so mögen die anderen sich rühnien, daß ihr Vorbehalt gegen die Übertreibung einer einzigen Autorität jetzt es erleichtert, diesen Bau vor der Zerstörung zu bewahren, von der er unter Anrufung derselben Autorität bedroht erscheint. Es wäre müßig darüber zu streiten, welche der beiden Richtungen die besseren Dienste geleistet habe. Allerdings mnßte das Bauen vorausgehen, damit das Verteidigen des Erbanten folgen konnte. Zu dieser Verteidigung und Erhaltung des Erbauten aber haben beide die gleiche Stellung zu nehmen. V. Die wirtschaftlichen Gegensätze. ^nter den Gegensätzen, deren Unverträglichkeit schließlich zum Bruch zwischen den Mitgliedern der nationalliberalen Fraktion führen mußte, hat bekanntlich der von Freihandel und Schutzzoll nicht am wenigsten zu diesem Ausgang mitgewirkt. Dennoch ist gerade diesem Gegensatz am lebhaftesten das Recht bestritten worden, eine solche trennende Wirkung auf eine politische Partei auszuübeu. Man hat sich namentlich daraus berufen, daß keine der beiden wirtschaftlichen Ansichten einseitig für die freisinnige oder deren Gegenteil erklärt werden könne, und ferner darauf, daß noch in den letzten Jahren derselbe Gegensatz im Schoße der Partei als zulässig angesehen, ja im Wahlprogramm des Jahres 1878 ausdrücklich als vorhanden und erlaubt dargestellt worden war. Diese scheinbar treffenden Einwände bewegen sich aber nur auf der Oberfläche der Dinge. Es giebt keine liberale Partei, welche die Mitgliedschaft bloß davon abhängig machen kann, ob jemand in die Rubrik „freisinnig" gehöre oder nicht. Man könnte sonst ebenso gut behaupten, auch entschiedene Anhänger des sozialdemokratischen Programms seien in jeder liberalen Partei an ihrem Platz. Von Bebel und Liebknecht wird niemand sagen können, daß sie nicht freisinnig seien, und doch wird — 111 — niemand behaupten, eine liberale Partei müßte ihnen selbstverständlich Zutritt lassen. Ein gewisses Maß von Freisinnigkeit ist Grundbedingung für die Mitgliedschaft in einer liberalen Partei, aber die Freisinnigkeit allein genügt durchaus nicht zur Übereinstimmung in einem Verband, der sich mit allen Lebensfragen des Staatswesens zu befassen hat. Wenn die Freiheit zu den höchsten Gütern gehört, so decken „frei" und „gut" sich noch durchaus nicht vollständig, und mit dieser einfachen Definition ist um so weniger durchzukommen, als bekanntlich, wie alle Menschen sich für gut, so alle Parteien sich für freisinnig halten. Das Problem der wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft steht aber in der heutigen Entwicklung des Völkerlebens so sehr im Mittelpunkt aller politischen Thätigkeit, daß es immer unausführbarer wird, wichtige Fragen zu entscheiden, ohne auf dieses Gebiet zurückzugeheu. Besonders aber wird für uns Deutsche die Frage, was gut und was nicht gut sei, immer weniger gelöst werden können ohne entschiedene Parteinahme für die eine oder die andere der beiden wirtschaftlichen Anschauungen. Ob den Anhängern der wirtschaftlichen Unfreiheit ernstlich der Nachweis gelingen könne, daß ihre Grundsätze ihrem politischen Freisinn keinen Abbruch thun, wolle» wir nicht untersuchen. Nach der hergebrachten Schablone mögen sie vielleicht noch für liberal gelten. Wenn man der Sache auf den Grund geht, wird man ohne viel Anstrengung finden, daß das Wörtchen „frei" heutzutage keineswegs zufällig diejenige Anschauung bezeichnet, welche sich gegen die wirtschaftliche Bevormundung und Beschränkung verwahrt. Es ist auch kein Zufall, daß unsere in früheren Zeitläuften entschieden freihändlerischen Preußischen Konservativen, vom reaktionären Strom des Mvments erfaßt, jetzt, allen ihren Überlieferungen zuwider, sich unter das schutzzöllnerische Joch gebeugt haben, eben — 112 — weil der Schutzzoll ein untrennbarer Bestandteil des reaktionären Programms geworden ist. Der Kampf bewegt sich heute nicht mehr in den engen Grenzen der einfachen Handels- oder Gewerbepolitik. Es steht weit größeres auf dem Spiel. Die Reaktion, welche seit dem Jahre 1876 vorbereitet wurde, begann allerdings ganz leise mit einigen Verschärfungen im Strafgesetzbuch und einem kleinen Ausgleichs- und Kampfzoll-Vorschlag gegen die Ausfuhrprämien auf französisches Eisen. Aber das war nur das erste Einbiegen in einen Weg, welcher die Kultur der deutschen Nation um ein Jahrhundert zurückführen soll. Die großen Herren der Eisenindustrie Pflegen sich in ihren Reden und Schriften das zweideutige Zeugnis auszustellen, daß sie Deutschland die ganze Umkehr seiner Handelspolitik erspart hätten, weun man ihnen rechtzeitig ihr „bischen Herzegowina" in Gestalt der Ausgleichungszölle als eine Art Grenzberichtigung gegeben hätte. Möglich schon, daß sie sich selbst nicht genug kauuteu, um vorauszusehen, wie sehr ihnen der Appetit im Esfen gekommen wäre, und daß sie ihre Bundesgenossen nicht genug kauuten, um zu wissen, daß der Weg weit über ihre Wünsche und Bedürfnisse hinaus nach den Kulturgebieten ging, in welchen die Erfindung der Dampfmaschine als ein Übel bekämpft wird. Zwischen Freihandel und Schutzzoll wurde mir das erste Vorposteugefecht geliefert. Dauu ging es rückwärts in stets beschleunigtem Tempo. Die Eisenleute wurden von den Spiuuern weiter geschleppt, welche in ihrer Festung Augsburg den lauge von den Eisenleuten zurückgewiesenen Pakt mit den Agrariern abschlössen. Von den Agrariern geht es weiter zurück in die Regionen der Zünftler, und von hier aus zeigt sich dem Blick das heute noch unübersehbare Gebiet, wo gewerbliche, kirchliche, gesellschaftliche, intellektuelle und sittliche Reaktion überhaupt, nachdem das Stich- — 113 — wort des „Nationalen" seine Schuldigkeit gethan, mit dem Stichwort des „Sozialen" ein Spiel beginnt, dessen Gefahren gegenüber viele wohl denken wie der selige Gentz: „Mich und den Metternich hälts noch aus." Der Kampf zieht sich in geschlossener Linie zwischen zwei Weltanschauungen hin, die um das Gesamtgebiet des Lebeus mit einander ringen, und wer angesichts dessen noch sich dem sanften Ruhegedanken hingeben kann, um der wirtschaftlichen Gegensätze willen lohne es nicht, sich Politisch zu trennen, erfreut sich eines beneidenswerten Humors. Nun ist ja gewiß, daß der Kampf zwischen Altem und Neuem das Leben selbst ist; kein Vernünftiger wird in Klagen darüber ausbrechen, daß seine Gegner, ebenso wie er, ihre Meinung durchzusetzen suchen. So lange nur entgegengesetzte Anschaunngen mit einander streiten, ist kein Grund zu besonderer Beunruhigung oder Klage gegeben, »ud gingen die Gegensätze noch so weit auseinander, vorausgesetzt, daß Auschauuugeu und Maßregeln um ihrer selbst nullen das bewegende Prinzip der Kämpfer bilden. Man muß sich bei Niederlagen sagen, daß eine Ansicht, welche die Oberhand gewinnt, wenigstens insofern berechtigt ist, als in ihr schließlich doch der jeweilige überwiegende Gehalt der Bildung und Neigung eines Volkes zum Borschein kommt. Bedenklich wird die Sache, wenn Anschauungen nnd Maßregeln nicht mehr um der ihnen innewohnenden Heilsamkeit willen zur Geltung gebracht werden, sondern weil es für andere Zwecke dienlich erscheint. Zwar auch die beste aller Regierungen, die abhängigste wie die unumschränkteste, wird nie ganz vermeiden können diesen oder jenen Schritt weniger im Glauben an seine Ersprießlichkeit zu thun oder zu unterlassen, als weil er ihr in dieser oder jener Sphäre Zustimmung einträgt oder Mißbilligung fern hält. Darum werden, wo der richtige Sinn für die Lebens- Ludwig Bambcrgcr-i Ges. Schriften. V. ß N4 — bedingungen des Staates waltet, zu dergleichen hergebrachteil Regierungskünsten nur die untergeordneteren und vorübergehenden Funktionen der öffentlichen Thätigkeit verwendet. Je mehr dagegen ein Regiment in die wichtigen und dauernden Grundlagen des Staatsorgauismus zu solchen Zwecken der Selbsterhaltung hineingreift, desto mehr verkennt es seinen Beruf. Wer fälschlich etwas für gut hält, wird in der Verfolgung seines Zieles auf Hindernisse stoßen, die ihn zum Nachdenken, zum Einlenken, zum Ausgleich mit den vorhandenen Bedürfnissen einladen. Wer aber ein Ziel verfolgt, weil es ihm geboten erscheint, Anhänger für andere Absichten zu gewinnen, verschließt sich von vornherein die Aussicht auf belehrende Erfahrung, versagt sich die Gelegenheit zu prüfen, ob ein Widerstand warnend aus der Natur des Beginnens oder nur aus dem Willen der Gegner entspringt. Fehler, die aus sachlichem Irrtum entspringen, tragen ihr Korrektiv in sich selbst; Fehler, die um fremdartiger Zwecke willen gemacht werden, steigern sich in deni Maße, als sie auf berechtigte Hindernisse stoßen und treiben immer weiter auf Abwege. Diese Verführung liegt um so näher, als bekanntlich eine mit Vorliebe auf Gewinnung von Anhängern bedachte Staatskunst ihrer ganzen Natur nach darauf angewiesen ist, vor allem auf die Schwächen der Menschen zu spekulieren. Dies war wenigstens immer das Rezept Derer, welche persönliche Herrschaft zu befestigen trachteten, und wird es immer mehr, je mehr Staatsverfassungen und Ä'ulturgang dazu nötigen, mit großen Volksmasseu zu rechnen. Der erste Napoleon, ein Virtuose, der mit klarem Bewußt' sein dies Handwerk betrieb, rechnete, wie man aus seineu eigenen Bekenntnissen weiß, auf die Eitelkeit der Franzosen als auf diejenige Schwäche, bei welcher sie am ersten zu 115> fassen seien. Zugleich ein Mann von großartigen Ideen, mit einem gewaltigen Sinn für staatliche Organisationen, weniger Diplomat als Staatsmann, hinterließ er dennoch seiner Nation einen bewundernswerten Bau von sorgfältig ausgearbeiteten organischen Einrichtungen, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Seine Methode, die Franzosen durch Befriedigung der nationalen Eitelkeit an seine Herrschaft zu fesseln, ließ seinem staatsmännischen Triebe Spielraum, im Innern seines Reichs nach sachlichen Maßstäben zu handeln, während er sich die Geister durch die Beschäftigung der Phantasie unterwarf. In Zeiten und bei Nationen, welche den Verlockungen der Phantasie überhaupt und der nationalen Eitelkeit insbesondere weniger zugänglich sind, liegt es solcher Regiernngskunst nahe, andere Triebfedern in Bewegung zu setzen. Sie wird sich vor allem die Interessen zu ihrem Operationsfeld aussuchen, und je weniger Sinn sie für das Dauerhafte in den Institutionen hat, je mehr sie, nur für das Bedürfnis des Tages arbeitend, so zu sagen von der Hand in den Mund lebt, desto weniger vorsichtig wird sie mit der Heranziehung und Befriedigung der einzelnen Interessen experimentieren. Jeder Einzelne in der Gesellschaft sieht von Hause aus zunächst nur seiu einzelnes Interesse, und diese Beschränktheit des Blickes ist notwendig zur Erhaltung des Ganzen. Aber das Ganze besteht wieder mir durch die wohlbemessene Ausgleichung der Einzelinteresfen. Darum ist wahre Staatskunst nur die, welche allgemeine Maßstäbe anlegt, und diese kommen nur in Form von Ideen zum Ausdruck. Eine Regieruugskunst, welche sich zum Grundsatz macht, unter Geringschätzung allgemeiner Maßstäbe, auf die Einzelinteressen zu hören, setzt sich iu Widerspruch zum Wesen des Staates. Die Menschen bei diesem Vorgehen nach sich zu ziehen, 8* — 116 — dazu gehört nicht viel. Nichts ist leichter als jeder Kategorie von Staatsangehörigen vorzustellen, daß sie allein die leidende und zurückgesetzte sei. Hat man je gesehen, das? Landwirte, Geschäftsleute, Beamte, Arbeiter oder Fabrikanten nicht Grund zu Klagen gehabt hätten, sobald man sie fragt, ob sie zufrieden seien? Und Jeder, an den man sich wendet mit der Versicherung, daß er vorzugsweise leide, wird natürlich zustimmen. Nur selten ist ein Stand durch Erfahrung hinlänglich gewitzigt, um, wie einst französische Fabrikanten, dem Könige auf die Frage, was er für sie thun könne, zu antworten: „sie in Rnhe lassen". In Deutschland haben neuerdings die im großen Weltverkehr erzogenen Seestädte sich in gleicher Art wohlweislich die gefährlichen Liebesdienste der Schiffahrtsprivilegien verbeten. Insgemein aber werden solche Anerbietungen nnd Teilnahmebezeugungen von dem Eigennutz oder der Beschränktheit mit Begeisterung aufgenommen, und Keinem kommt dabei der Gedanke, daß je mehr der Kreis der Begünstigten wächst oder wechselt, desto illusorischer das Ganze der Gunst wird. In der französischen Julimonarchie mit ihren dreimalhunderttausend Wählern ging es leicht eine Zeit lang, die aus reichen Industriellen und Grundherren zusammengesetzten Wählerschaften zu bevorzugen, in Ländern des allgemeinen Stimmrechts ist mit so einfachen Mitteln nicht auszukommen. Wohl mußten auch in den alten Demokratien republikanischer oder cäsarischer Natur die unteren Volksklassen gehätschelt werden; aber sie bildeten doch auch nur eine leicht zu sättigende Minderheit in dem zum größeren Teile aus Sklaven und Provinziellen unebenbürtigen Rechts zusammengesetzten Gemeinwesen. Wie aber könnten in den modernen Staaten mit dem demokratischen Institut des allgemeinen Wahlrechts alle einzelnen Berufsklassen in ihrer ganzen Ausdehnung gegeneinander oder nacheinander mit N7 besonderer Gunst behandelt werden, ohne daß alles, was geschähe, thatsächlich sich gegenseitig aufheben müßte? Das Problem, Alle gegen alle zu bevorzugen, kann daher, auch wenn man es sich als ein gutgläubig gemeintes denkt, nur auf die Erregung eines falschen Scheins hinauslaufen. Einzelne Gruppen werden in Wirklichkeit die Gnnst genießen, andere nur in Täuschung leben, und die Notwendigkeit, zum Vorteil kleinerer Gruppen den großen Massen Schein für Wirklichkeit zu bieteu, ergiebt sich mit doppelter Gewalt aus zwei Ursachen. Zum ersten daraus, daß kleinere Interessengruppen, eng zusammengefaßt und der Regel nach durch altes Herkommen gefestigt und geschult, auch bereits mit Macht und Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausgerüstet, bei weitem am besten in der Lage sind, das zur Staatsmaxime erhobene Prinzip der Bevorzugung in praktische Formeln zu übersetzen und zur Anerkennung zu bringen. Daher sehen wir, daß gewisse Zweige der Industrie, wie die des Eisens und der Baumwolle, in welchen das Verlangen nach Bevorzugung durch lange und wohlgepflegte Überlieferung zu einer Art Rechtsbewnßtsein ausgebildet ist, allenthalben am schnellsten und geschicktesten bei der Hand sind, ihr großes Stück von dem zu verteilenden Kuchen in Sicherheit zu bringen. Eine zweite Ursache, welche dazu treibt, das System der Bevorzugungen für die kleineren Interessengruppen zur Wirklichkeit, für die größeren zum bloßen Schein zu machen, liegt zwar tiefer, ist aber darum nicht minder vorhanden. Je größer der Kreis Derer ist, welchen die Gunst zugewendet werden soll, desto schwieriger ist es natürlich, die Wirkungen der Maßregeln im einzelnen zu verfolgen. Eine Gruppe von Industriellen, welche ihr Stück vom großen Kuchen untereinander teilen, kann schon nachrechnen, was einem Jeden von ihnen wirklich auf den Teller kommt. Bei — 118 — den großen Massen werden die Portionen so verschwindend klein und von so ungeübten Rechenkünstlern kontroliert, daß es viel leichter gelingt, sie mit dem bloßen Scheine abzufinden, und die Versuchung hierzu liegt um so näher, als es in der That unausführbar ist, die Vielen auf Kosten der Wenigen zu bevorzugen. So erklärt es sich, daß bei der Verteilung von Staatsgunst die Wenigen, Zusammenstehenden, Einflußreichen und Rechnungsverständigen mit barer Münze bezahlt werden, die vielen, lose oder gar nicht unter sich Verbundenen, Machtlosen und Ungeschulten mit Rechenpfennigen. Das ist einer der zahlreichen Fälle, wo die alte Geheimkunst von dem „was man sieht und was man nicht sieht" zur Anwendung konimt. Sie weist auch im Steuerwesen auf die Ausbildung der indirekten Steuern hin. Denn ebenso wie mit den Vorteilen geht es mit den Lasten. Die Interessengruppen der Wenigen und Begüterten können sehr gut nachrechnen, was man ihueu mit indirekten Steuern nimmt, die Vielen und Kleinen können es nicht. Sie erkennen und messen nur das, was man ihnen direkt, in Geld ausgedrückt, als Last auferlegt, und sind darum nur bei dieser Art der Belastung im stände, vergleichende Betrachtungen anzustellen. Die biegsamen Theorien von der Überwälzung der Steuern geben überdies einen unerschöpflichen Vorrat von dialektischen Rezepten, um jedem zu beweisen, daß er die seinigen nicht trägt. Die Kunst der Bevorzugung Aller gegen Alle besteht mit einem Wort in dem Geheimnis: Wenigen berechenbare wirkliche Vorteile und Vielen unberechenbare eingebildete Vorteile zuzuwenden, ebenso Wenigen berechenbare geringe Lasten und Vielen unberechenbare große Lasten aufzuerlegen. Wie alle innerlich unwahren Systeme kommt auch dieses nicht aus ohne zweierlei Maß und Gewicht. So lange es sich um die Maßregeln zum Vorteile der wirklich Begünstigten — 119 — handelt, stellt man sich auf den Boden des sogenannten praktischen Verstandes. Da wird alles mit Verachtung zurückgewiesen, was sich irgendwie auf allgemeine, das Ganze mittelst geordneter Gedankenreihen übersehende Schlußfolgerungen beruft. Der einzelne Fabrikant oder Grundbesitzer holt seine Bücher herbei und weist mit Ziffern nach, wie er nicht bestehen könne, wenn man ihm nicht Sicherheit gebe, gewisse Preise zu erzielen, und wie gut es ihm gehen würde, wollte man ihm von StaatSwegen diese Sicherheit gewähren. Macht Jemand dagegen den EinWurf, daß solche Vorteile nur unter entsprechender Beschädigung der Anderen eingeräumt werden können, daß man den Anderen nimmt, was man dem Einzelnen giebt, und zwar daß man Jenen noch viel mehr nimmt, als man Diesem giebt, so erhebt sich der „praktische Verstand" mit dem Schrei der Entrüstung gegen die Abstraktion, die Theorie, die Lehrmeinung, die mit allgemeinen Betrachtungen das handgreiflich Faßbare wegdemonstrieren wolle. Nicht so jedoch, sobald es gilt, den Vielen die Vorteile zu Gemüte zu führen, welche ihnen aus der Begünstigung der Einzelnen angeblich erwachsen. Beim Übertritt in dieses große Gebiet lassen sich auch die Leute des praktischen Verstandes zu allgemeinen Ideen herab, und wenn eine Idee desto theoretischer zu heißen verdiente, je unfaßbarer sie wäre, so würden auf diesem Gebiete die Männer des sogenannten praktischen Verstandes als Theoretiker unübertroffen dastehen. Ist es schon schwer, wirkliche Vorteile bei ihrer Verbreitung über große Gesamtheiten im einzelnen Falle in erkennbarer Weise vor das Auge zu bringen, so wird es noch schwerer, ihm bloß eingebildete Vorteile in ns-tru-g. zu zeigen. Nun aber wirft man sich auf die allgemeinsten Betrachtungen und die weitest gespannten Gedankenverbindungen. Zum Beispiel: der Preis — 120 — der Lebensrnittel wird durch Zölle verteuert zum Besten gewisser Arten von Produzenten. Mit Zahlen läßt sich der Gewinn derselben vor Augen führen. Wenn aber die, welche den höheren Preis bezahlen müssen, fragen, was sie von diesen Opfern haben, so verläßt man die Methode der ziffermäßigen Behandlung und fängt an, ihnen mittelst allgemeiner Sätze zu erklären, auf welchen Umwegen ihnen die Opfer vervielfältigt zurückfließen werden. Dem, was fie sichtbar heute bezahlen, setzt man das gegenüber, was ihnen unsichtbar übers Jahr wiederkommen werde. Man führt ihre Phantasie durch die tanseud Kauäle des Weltverkehrs umher, um ihueu beizubringen, daß au den letzten Mündnngen schließlich die Opfer ausgeglichen werden. Dem Arbeiter wird beispielsweise gezeigt, daß der Industrielle, wenn er durch die besseren Preise sich bereichert, ihm auch wieder höheren Lohn zahlen werde. Die Bereicherung ist das zahlenmäßig nachweisbare; der höhere Lohn ist ein entferntes, welches nur mit Hinweis auf das große und unendlich komplizierte Getriebe des Welthandels bewiesen werden kann. So verhält es sich mit allen derartigen Belastungen. Verteuert die Gesetzgebung eine Ware durch Auferlegung einer indirekten Steuer, so ist das ein sehr einfaches Rechenexempel für die Einnahmen. Gilt es aber Diejenigen zu trösten, welche die Verteuerung zu bezahlen haben, so eröffnet man wieder das Feld der allgemeinen Betrachtungen, mittelst deren ausgemalt wird, bald daß die Verteuerung keine Verteuerung ist, bald daß Der, welcher sie bezahlt, sie nicht bezahlt, bald daß er sie von andern zurückerhält, bald daß etwas in kleinen Bruchteilen nach und nach bezahlen so viel heißt, wie es garnicht bezahlen. Wer sich all die glänzenden Reden zurückzurufen vermag, die iu den letzten zwei Jahren gehalten worden sind, um Belastungen des Verkehrs schmack- — 121 — haft zu machen, wird zugeben, daß, ob falsch oder wahr, jedenfalls auf den Namen von „Theorien" die Deduktionen dieser Art im weitesten Sinn Anspruch erheben können, insbesondere, wenn man dem Wort „Theorie" den Beigeschmack zweifelhafter Nichtigkeit geben will. Das Geheimnis eines solchen Systems besteht also kurz gesagt darin, abwechselnd bald den sogenannten praktischen Verstand anzurufen, wenn es gilt, einzelnen Minderheiten wirkliche Vorteile zuzuwenden, bald Theorien aufzustellen, weuu es gilt, den großen Mehrheiten die Nachteile ihrer Belastung als Wohlthaten zu preisen. Allgemeine Wahrheiten sind aber Wahrheiten mir, wenn sie auch allgemein formuliert und angewendet werden, nnd diejenigen allgemeinen Sätze, die mau sich nur für gewisfe Kategorien zurecht macht, enthalten das Gegenteil der Wahrheit. Echte Staatsknnst kann auf keinem Gebiete der allgemeinen Grundsätze entbehren, denn ihr ist eben das Allgemeine, die Gesamtheit anvertraut. Die Bewegungen des Einzellebens sind so mannigfach und verschlungen, daß es unmöglich ist, sie in jede Wendnng hinein zu verfolgen, gleichzeitig zu übersehen, welchen Individuen im gegebenen Fall eine Maßregel schadet und welchen anderen sie nützt. Hier bedarf es für die Gesetzgebung des höheren, das Ganze übersehenden Standpunktes, von welchem aus die Grundlinien der allgemeinen Richtung zu ziehen sind. Innerhalb dieser Grenzen muß die Thätigkeit der Einzelnen sich selbst bestimmen. Welches auch das wirtschaftliche System sei, dem ein Staat huldigt, des allgemeinen Maßstabes, der leitenden Grundsätze, der Theorie mit anderen Worten wird er nicht entbehren können, will er nicht je nach dem Drang der Umstände bald dieser, bald jener Interessengruppe iu die Hände fallen. Eine Zeit lang kann eine Regierung sich das Leben Wohl bequem machen dadurch. 122 — daß sie sich mit allen einzelnen Interessengruppen ins Verhandeln einläßt. Machen sich anch Widersprüche bemerkbar, weil wieder die einzelnen Interessen gruppenweise mit einander in Konflikt geraten, so hilft jeder Gruppe die Hoffnung, im Wettlauf um die Begünstigung demnächst wieder Vorsprung zu gewinnen, über augenblickliche Zurücksetzung hinaus. Ja, gerade diese Kunst, bald den Einen, bald den Andern zu beglücken, allen aber mit Zuruf und Versprechungen zu schmeicheln, erhöht den Eifer und die Unterwürfigkeit. Die Werdenden sind ja nach dem bekannten Vers dankbarer als die Fertigen. Und da schließlich die Menschen noch mehr durch die Befriedigung ihrer Eigenliebe und durch die Macht der Einbildung beherrscht werden, als durch thatsächliche Dienste, so wird eine aus wenigen wirklichen Bevorzugungen und vielen großsprecherischen Beteuerungen und Verheißungen zusammengesetzte Politik eine zeitlang sich als ein vortreffliches Werkzeug bewähren, wo es weniger darauf abgesehen ist, das Richtige zu thun, als recht zu behalten. Erst nach längerer praktischer Anwenduug werden die Widersprüche eines solchen Systems sich ernstlich fühlbar machen, und man wird sie schon lange fühlen, ehe die öffentliche Meinung zur wahren Erkenntnis des eigentlichen Znsammenhangs vordringt. Denn im Bereich der allgemeinen, über die Gesamtheit ausgedehnten Erscheinungen ist es so schwer, den Verkettungen von Ursache und Wirkung zu folgen, daß mit Sicherheit nie auf deren Erkenntnis zu rechnen ist. Und die bevorzugten Minderheiten, mit ihren festen Organisationen, ihrer wohlberechneten Taktik und hervorragenden Stellung werden meistens im Bunde mit einer ihnen zu Gefallen lebenden Regierung mächtig genug sein, um die Begriffsverwirrung zu erhalten, welche ihnen nützt, und an welche sie eben deshalb in der Regel auch selbst — 123 — glauben. Ein Dutzend Fabrikanten unter zwanzigtausend Wählern bringt es bei einiger Geschicklichkeit nicht selten fertig, daß ein Volksvertreter ihnen gegenüber in Meinungsabhängigkeit gerät; und gleicherweise eignen sich die sogenannten Sachverständigen-Kollegien ihrer Natur nach viel mehr dazu, die großen Interessen einer konzentrierten Minderheit als diejenigen der ihrer Vorteile viel weniger kundigen Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen. Auch bei diesen Einrichtungen wiederholt sich das schon oben erwähnte zweierlei Maß und Gewicht. Wie der berühmte praktische Verstand den Einzelinteressen zu Hilfe gerufen, das Gesamtinteresse aber mit allgemeinen Behauptungen abgefunden wird, so giebt es natürlich auch sachverständige Körperschaften in des Wortes voller Bedeutung nur für die kleineren Gruppen. Die Sachverständigen der Getreide- oder Fleischproduzenten, der Eisen- und Baumwollfabrikanten kann man einberufen. Aber wie soll man die Sachverständigen Derer ernennen, die Brod und Fleisch essen, Werkzeuge und Kleider verbrauchen? Es giebt thatsächlich für die Erkenntnis der Ge- samtinteresfen nur einen Weg, das ist der einer wohlausgebildeten Methode, mit andern Worten unparteiischer, nicht von den thatsächlichen Verhältnissen absehender, sondern dieselben zusammenfassender Wissenschaft. Da aber diese, wenn ihr Gehör gegeben würde, sich nicht alle Aussprüche der Bevorzugten gefallen ließe, so wendet man sich von ihr ab und spricht mit Geringschätzung von ihr, so weit sie nicht gerade paßt. Allein man kann nun eiumal den allgemeinen Interessen gegenüber doch der allgemeinen Sätze nicht entbehren, und so fällt man den Charlatancn in die Hände, welche Theorien auf Bestellung machen, genau wie für die Leute, welche zu bequem oder zu sanguinisch sind, die Vorschriften eines gewissenhaften Arztes zu befolgen, sympathetische Kuren beschafft werden. Dann schießen die kühnsten Sen- — 124 tenzeu über die Wirkungen der wirtschaftlichen Einrichtnngen wie Pilze aus der Erde, und in je luftigere Höhen eine Behauptung sich über Vernunft und Wissenschaft erhebt, desto unerreichbarer wird sie bekanntlich allen Werkzeugen uud Waffen des geordneten Denkens. Zuerst erklärt man alles, was Lehrmeinnng heißt, in Verruf, und dann tischt man noch ein eigenes, zum besonderen Zweck bereitetes Gebräu von Doktrinen auf, welches allerdings, wenn es den Namen verdiente, geeignet wäre, die Lehrmeinnngeu iu Mißkredit zu bringen. Auf diese Weise gesellt sich zu der allgemeinen Verwirrung, welche (von der Ungerechtigkeit nicht zn reden) die Bevorzugung der Wenigen ans Kosten der Vielen anrichtet, auch uoch der schädliche geistige Einfluß, welcher die Menschen von den Wegen der Bildung und Gesittnng abdrängt. Denn, während der Eiuzelue vor allem durch die streug sachliche Behandlung seiner Zwecke sich fördert, giebt es ein bewußtes Leben für die Gesamtheit nur iu den Ideen. Mehr als die Leidenschaften nnd Begierden, deren Zunahme aus der Statistik der Verbrechen nachgewiesen werden soll, bringen tonangebende Äußerungen der Abneigung und Mißachtung gegen das Denken und Wissen das geistige nnd das sittliche Niveau eines Volkes herunter. Der höchste Ausdruck staatlichen Gemeinsinnes, die Vaterlandsliebe, ist wahrlich nicht mit Ziffern vvn Sachverständigen nachzuweisen, und aus zifsermäßiger Berechnung gehen die Soldaten nicht in den Tod. Eine grundsätzliche Mißachtung der Jdeeuwelt zerstört das edelste Band, welches die Gesellschaft znsammenhält. Und während auf diese Weise die idealen Grundlagen untergraben werden, führt das System der Gunstverteilung nüt Notwendigkeit dazu, auch die materielle Thätigkeit des Einzelnen und der Gesamtheit zu hemmen und zu beschränken. Denn wenn es auch hier und da positiv fördernd als Staats- Unternehmung oder -Unterstützung auftritt, so läßt sich das nicht in großem Maßstab durchführen, ohne den sozialistischen Staat in vollem Umfang anzuerkennen. Positive Porteile jedem Begünstigten in den Schoß zu werfen, ist unthunlich, aber man kann sie ihm mittelbar verschaffen, indem man Andern das Leben erschwert. Daher muß sich das System der Bevorzugung im Großen uud Ganzen ans die Methode der Behinderung verlegen. Daraus ergiebt sich denn das ganze endlose Gefüge von Schranken und Hinderniffeu, mittelst deren Jeder die Thätigkeit seines Mitbewerbers unter dem Beistand der Staatsgewalt zu vernichten bestrebt ist; und da die negativen Resultate unterdrückter und erstickter Thätigkeiten sich nicht so leicht fassen und berechnen lassen, wie die in die Augen fallenden Gewinne der Bevorrechteten, so entzieht sich der Gesamtnachteil der allgemeinen Wahrnehmung. Dem Einen verbietet man zu kaufen, dem Andern zu verkaufen, dem Dritten zu arbeiten, dem Vierten zuwandern, dein Fünften sich zu verpflichten, dem Sechsten sich niederzulassen, dem Siebenten zu heiraten; und schließlich wird Jedermann dazu erzogen, fortwährend darüber nachzudenken, wie er vom Staat verlangen könne, daß einem Andern das Leben erschwert werde. So wird man, um der Reihe nach Jedem gerecht zu werden, von einer Ungerechtigkeit zur andern getrieben, und als die Aufgabe des Gemeinwesens ergiebt sich schließlich der wunderbare Beruf, möglichst viel Hindernisse der Produktion, der Ernährung, der Bewegung, des Fortkommens zu schaffen, die gesamte Entwicklung rückwärts statt vorwärts zu bringen. Je weniger Einer sich selbst helfen mag, desto mehr ist er geneigt, fremde Hilfe anzurufen, und wenn die Hilfeleistung darin besteht, daß Andere in ihrer Lebensthätigkeit herabgedrückt werden, so ist damit eine Prämie ausgesetzt — — auf alle schlechten Eigenschaften, welche den Menschen moralisch und ökonomisch herunterbringen oder niederhalten. Trägheit, Neid, Mißgunst werden die Regulatoren des Lebens. Im freien Austausch der Kräfte ist jede Thätigkeit darauf angewiesen, das Maß ihrer Belohnung von dem Maß ihrer Dienstleistung zu erwarten. Wo aber jede höhere Belohnung Anstoß erregt, wird auch die ihr zu Grunde liegende höhere Anstrengung verdächtig, welche ihr Bemühen auf größere Dienstleistung richtet. Und weil die Menschen so dazu erzogen werden, nicht sowohl auf das zu achten, was sie durch eigene Anstrengung zustande bringen, als auf das, was sie die anderen zu thun abhalten können, wird die vorwärtsstrebende Kraft in Bann gethan. Nicht darauf, daß lohnende Thätigkeit eine Bereicherung der Gemeinsamkeit mit sich führt, wird geachtet; sondern der Lohn, welchen der Eine sich erwirbt, wird als ein Raub am Anderen angesehen, und Jeder bildet sich ein, Alles allein gewinnen, d. h. leisten zu können, wenn man nur alle Anderen verhinderte, dasselbe zu thun. Am leichtesten gelingt es, dieses System der Behinderung, der Indolenz und Impotenz dem Ausland gegenüber in Anwendung zu bringen, und das hochtönende Stichwort vom Schutz der nationalen Arbeit maß dazu herhalten, den Egoismus und die Bequemlichkeit als eine patriotische Tugend aufzuputzen. Aber einmal gegen den Ausländer proklamiert, bricht sich, wie man täglich sehen kann, das System auch allerwegen nach innen Bahn; Hemmung und Beschränkung wird das Feldgeschrei von Mensch zu Mensch, von Ort zu Ort. Welch wundervolles Rezept für Solche, die teilen wollen, um zu herrschen! Die moderne Staats- und Gesellschaftsentwickelung hat die Schranken und Privilegien, mit welchen die einzelnen Berufszweige ehedem umgeben waren, zu Falle gebracht. Wer sich auf das System der Bevorzugung verlegt, wird 127 daher auch die Zustände der Vergangenheit als sein Ideal ansehen und unter dem Mantel ehrwürdiger und züchtiger Einrichtungen das Prinzip der Ausschließung wieder ins Leben zu rufen bemüht sein. Zunft- und Bannrechte, über welche die Bildung und die Thätigkeit der Zeit weit hin- ansgeeilt sind, werden dann wieder hervorgesucht, und die Gewerbetreibenden, welche im hergebrachten Schlendrian einrosten, werden in romantischer Sprache als die biederen Ehrenmänner der guten alten Zeit gefeiert. Solchergestalt führen alle Pfade der wirtschaftlichen Unfreiheit nach abwärts und nach rückwärts zugleich, und man sucht bei den vielgerühmten Steuer- und Wirtschaftsreformern vergeblich nach einem Gedanken, welcher nicht längst dagewesen und überlebt wäre. Die Leistung wird verfehmt, das Hemmnis wird gepriesen, und das Ideal der Gesamtbewegung wird nach rückwärts in überwundene Zustände verlegt. Dem Fähigen, Strebsamen, Fruchtbaren wird der Weg versperrt, damit er stehen bleibe, bis der Unfähige, Träge, Unfruchtbare nachkomme, das Niveau der Gesamtheit wird nach der Höhe des Wenigstleistenden reguliert. Statt einer Ordnung der Gesellschaft, in welcher die besseren Kräfte die geringeren nach sich ziehen, wird eine Ordnung eingesetzt, in welcher die geringere Kraft die bessere zurückhält und herabzieht. Um aber das Kulturwidrige eines solchen Treibens vor sich selbst zu beschönigen, setzt man auf die große Zwingburg der allgemeinen Verkümmerung noch den Giebelschmuck einzelner glänzender Begünstigungen. Weil der Privatfleiß Aller verhindert wird, sich zu entfalten, werden Einzelne, wiederum Bevorzugte, dazu auserwählt, der Welt den Beweis zn liefern, daß das System auch anspornend zu hervorragender Thätigkeit erwecke. Und wenn schon der Anreiz stark ist, sich mittelst Unterdrückung seiner Mitbewerber begünstigen zu lassen, wie viel mehr erst lockt die.Aussicht — 128 — auf Gewinn ans freigebigen Spenden, die nach der Manier des h. Crispin ausgeteilt werden. Alle verfehlten Existenzen, alle Marktschreier, alle Abenteurer und verbohrten Köpse werden immer die eifrigsten Advokaten von Staatsunter- uehmnngen und Staatssubventioneu in Handel und Gewerbe sein, alle, die nicht mit der eigenen Arbeit fortkommen können oder wollen, werden jedem Projekte znjnbeln, dessen Risiko auf allgemeine Kosten geht. Wer einige Welterfahrung hat, weiß, wie begeistert alle in der Schule des Lebens sitzen gebliebenen Individuen ihre Dienste anbieten, sobald eine Hoffnung auf Staatsprojekte auftaucht! Und da solcher Chorus sich aufs Lärmen ganz besonders versteht, so empfehlen sich dergleichen Veraustaltnugen ganz vorzüglich, um öffentliche Meinung zu machen. Je mehr Hinder- nisfe man der Privatthätigkeit in den Weg legt, desto mehr sucht man sich durch staatliche Förderungen herauszuputzen. Wo die natürliche fruchtbare Arbeit erstickt wird, wird die künstliche unfruchtbare gezüchtet. Die, welche das System der staatlichen Bevormundung, Bevorzugung und Einmischung grundsätzlich um seiner selbst willen für das gute und richtige halten, verlangen anch unverhohlen die Wiederherstellung aller jener Einrichtungen, welche durch die wirtschaftliche Entwicklung der Nenzeit verdrängt worden sind. Diese Konsequenz ist anzuerkennen. Jüngst hat ein hervorragender Vertreter dieser Anschauung das Kapital und die Maschinen als die Gegner des Handwerks bezeichnet*). Der große Verkehr, welcher mit Damps und Elektrizität arbeitet, soll zwar wohl nicht wieder aus- *) Herr Aug. Reichenspcrger in der Handivcrkervcrsammlung zu Münster, nach der „Germania". — 129 — gestrichen werden aus dem Buch des Lebens, aber man wird ihm danach doch Schranken ziehen müssen. Und da man füglich nicht erwarten kann, daß ganz Europa und Amerika gleichzeitig sich für diesen Gedanken begeistern, so ist abermals logisch unbestreitbar, daß eine Nation, welche sich anschickt, die große Reise ins gelobte Land des Mittelalters anzutreten, sich von allen anderen abzuschließen hat. So weit wäre also Methode in der Sache. Da man aber in jenem gelobten Land ehemals nicht mit allgemeinem Stimmrecht und sozialistische» Arbeitern zu operieren brauchte, so reicht die einfache Rttckwärtsbewegung doch nicht aus, die großen Massen zu befriedigen. Dadurch entstehen Verlegenheiten, und die Verlegenheiten treiben zu neuen Kunstgriffen eigentümlicher und bedenklicher Art. Wer sich heutzutage den Beruf zuerkennt, die nationale Arbeit durch Staatseinrichtungen so zu leiten, daß jedem Einzelnen ein Erfolg verbürgt wird, kann sich der Notwendigkeit nicht entziehen, gerade den großen Massen vor allem seine Wohlthaten zu verheißen; und wenn, wie oben gezeigt, das System seiner Natur nach wirtschaftlich reaktionär ist, d. h. auf überwundene Zustände zurücksteuert, so zwingen die modernen politischen Einrichtungen doch auch wieder dazu, dem allermodernsten Drang der Zeit, dem sozialistischen, zu huldigen. Die Formel des Problems lautet daher: „Reaktion mit Sozialismus!" Und dem entsprechend sehen wir die wirtschaftliche Bewegung in demselben Maße, wie sie die rückläufige Richtung verfolgt, sich mit sozialistischen Plänen abmühen. Aber selbst wenn die Erreichung des sozialistischen Ideals nicht in unerkennbarer Ferne läge, würde doch der Widerspruch allein, an welchem die zugleich nach rückwärts und vorwärts gerichtete Bewegung leidet, genügen, um ihre innere Unwahrheit und folgerichtig ihre Verderblichkeit erkennen zu lassen. Die Ordnung der guten Ludwig Baml'crgerS Ges. Schriften. V. g 130 alten Zeit galt der kleinen Zahl, die sich in Kasten und Zünften unterbringen ließ. Mit diesen Einrichtungen die großen Massen unserer Zeit befriedigen zu wollen, ist Widersinn. Ausschließung Aller gegen Alle läßt sich nicht durchführen. Noch weniger als heute war damals für Alle genug da; das Problem, für Alle reichlich genug zu finden, ist heute, wenn auch schon weiter gefördert, doch lange nicht der Lösung nahe, und am wenigsten ist das Ziel zu suchen in den Idealen einer Welt, die der unsrigen so wenig mehr gleicht. Die sozialistischen Bestrebungen der wirtschaftlichen Reaktion sind daher eitel Selbsttäuschung oder noch weniger als das, nämlich Reklame. Eine aus beiden Ingredienzien zusammengesetzte Mischung war von je das eigentliche Lebenselement aller menschheitsbeglückenden Charlatanerie. Wie mächtig man auch das öffentliche Leben beherrsche, man kann dem großen Strom der Zeit Hindernisse in den Weg legen, aber niemals ganz seiner Gewalt widerstehen. Der Versuch, den Diensten der Maschinen und des Kapitals Grenzen zu ziehen, würde sich bald selbst n.cl g-dsuräuro. führen. Andererseits gelingt es uiemals, auf die Länge sich den Folgen der Verheißungen und Versprechungen zu entziehen, mit denen man die Menschen an sich gefesselt hat. Es gelingt dies um so weniger, wenn die Ideen, mit denen man sich eingelassen hat, eine gewaltige Herrschaft über die Köpfe ausüben. Jede Unwahrheit, sagt ein englischer Geschichtsphilosvph, ist ein Wechsel auf die Zukunft. Der Verfalltag kommt früher oder später heran und dann heißt es: Nicht bei Kasse! Es mag eine Zeit lang sichtlichen Gewinn bringen, der Reihe nach allen Klassen der Gesellschaft Heil und Segen zu versprechen, heute den Bruder Bauer, morgen den Bruder Handwerker, übermorgen den Bruder Arbeiter zum Gastmahl an der wohlbesetzten Tafel einzuladen. — 131 — Schließlich schlägt die Stunde, da erscheint der steinerne Gast, ergreift die dargebotene Hand und reißt den kühnen Gastgeber nieder. Wer will leugnen, daß der Sozialismus heute eine dämonische Macht ist, wer will sich erkühnen, zu behaupten, daß aus einer seit Jahrzehnten allüberall so mächtig anwachsenden Bewegung nicht Znkunftsgestalningeu, gute oder böse, sich herausbilden könnten! Der Witz der Idee bedient sich bekanntlich der wunderbarsten Wege, um die Menschheit mit seinen Einfällen zu überraschen. Gerade die, welche um des Glaubeus oder um der Staatsautorität willen sich für die geschworenen Feinde der Sozialdemokratie halten, sind vielleicht ausersehen, ihr den Weg zu ebenen. Als man dem großen Napoleon nachrühmte, er habe der Hydra der Revolution den Kopf zertreten, meinte eine geistreiche Iran, er sei in Wahrheit ein Robespierre zu Pferde gewesen. Das Bürgertum ist in der Welt kaum seit hundert Iahren eine Macht geworden. Es muß sich erst noch zeigen, ob eiue Gesamtheit, die ihrer Natur uach auf die individuelle Bethätigung friedlicher Kräfte angewiesen ist, sich dazu eignet, dauernd im Besitz ihrer Machtstellung zu bleiben; ob die Verteidigungswerkzeuge, welche ihr zum Sieg über den Feudalismus verhalsen, stark genug sind, um zu widerstehen, wenn der kaum zurückgedrängte alte Feind im Bunde mit einem neuen zum Sturm anrückt; es muß sich erst noch zeigen, ob das Bürgertum seinem Berns gewachsen ist, die friedliche Entwicklung der humanen Kultur gegenüber gewaltsamen Angriffen zu schützen, welche die Weltbeglückuug nach alten überlebten uud zugleich nach neuen Phantastischen Ideen in Angriff nehmen. So weit es dem mitten in der Zeit stehenden möglich ist, deren Strom und Richtung zu beurteilen, ist das recht eigentlich das A und O, um welches sich die Geschicke der 9* — Gegenwart dreheil, zumal in Deutschland. Nicht um etliche Mark Zoll auf Eisen oder Baumwolle handelt es sich in dem Streit nm die wirtschaftlichen Prinzipien, sondern um Leben oder Tod auf dem Felde der freien, friedlichen, modernen Entwicklung. Aber ein und derselbe Faden spinnt sich von dem kleinen Streit um die Mark Zoll in fortlaufendem, untrennbarem Zusammenhang bis zur entscheidenden Antwort auf jene große Lebensfrage fort. Wer das nicht aus der logischen Verkettung der Ideen zu entnehmen vermag, der entnehme es aus ihrer geschichtlichen Verkettung. Was mit ganz kleinen Zollvelleitäten begonnen, gestaltet sich in vielen Köpfen bereits zum Plane eines sozialen Turmes von Babel, in welchem jetzt schon die Grundrisse für eine allgemeine Leibrentenanstalt seiner Bewohner sichtbar werden. Wer sich die Dinge ernst genug ansehen will, um ihre innerste Wesenheit zn erkennen, wird nicht mehr zu dem wunderlichen Schluß gelangen, daß in einer und derselben politischen Partei heute noch wie ehemals Raum sei für die entgegengesetzten wirtschaftlichen Auffassungen. Am wenigsten von allen großen Kulturländern hat Deutschland die politische Kraft seines Bürgertums gezeitigt. Damit übereinstimmend haben sich die feudalistischen Ideen in Deutschland am meisten erhalten, und die sozialistischen Ideen haben sich in Deutschland mehr und hoher hinauf Anhang verschafft als bei irgend einem anderen Volke. Wenn es geschrieben steht, daß die Welt ein sozialistisches Experiment im großen Stil erlebe, so ist vielleicht Deutschland das natürliche Schlachtfeld, wo ein noch schwach entwickeltes Bürgertum unterliegen soll, wie Frankreich mit seinem überreifen Hofadel das natürliche Schlachtfeld für den Kampf gegen die Aristokratie gewesen ist. Zwar hat Deutschland in seinem Heere ein Fundament, 133 — wie in dieser Weise kein anderer Staat der Welt, und die Kräfte, welche durch Reizung der Klassengegensätze in Bewegung gesetzt werden, brechen sich noch an dem festen Bollwerk jener gewaltigen Institution, in welcher die sonst verspotteten allgemeinen Ideen als strenge Schule der Kriegswissenschaft, als Methode, aufs innigste gepflegt werden, in welcher die Idee der Hingebung des Einzelnen an das Ganze am lebendigsten verkörpert ist. Allein wenn die zerstörenden Einflüsse hier noch ferngehalten worden sind, so darf man sich einer zu großen Beruhigung uicht über- lasseu. Auch die sorgsamste Pflege reicht nicht aus für eine Pflanze, deren Wurzel Krankheitsstoffe aus dem Boden saugt. Die Unzugänglichkeit der Armee für sozialistische Bemühungen hing wesentlich zusammen mit der Unzngänglichkeit des Landvolkes für diese Propaganda. Der Zustand muß sich von Gruud aus äudern, wenn das Stichwort ausgeteilt wird, der Landbewohner müsse systematisch mit seinem Loos unzufrieden geinacht, zur Rückforderung seiner natürlichen Rechte aufgestachelt werden. Die agrarische Bewegung, seitdem sie sich bemüht, den kleinen Mann für ihre Interessen ins Feuer zu schicken, hat für die Gefährdung der Gesellschaft durch sozialistische Propaganda mehr gethan, als alle sozialdemotratischeu Vereine Hütten thun können. Es ist gar uicht zu verwundern, wenn in einem so durchwühlten Staate das Drängen nach sozialistischen Experimenten immer unwiderstehlicher wird, uud für den ersten Schritt ins Chavs lassen sich die ökonomischen Etappen schon bezeichnen. Sollen die Finanzen eines stets bis an die Zähne gerüsteten Militärstaates auch die Verantwortlichkeit für eine kolossale Staatsindustrie uud schließlich für die Einlösung der weittragendsten sozialen Versprechungen auf sich nehmen, so kann bei dem ersten Versagen der Glücksguust eine Katastrophe eintreten. Allerdings haben die wirtschaftlichen Quacksalber das Rezept — 134 — der Notenpresse für diesen Fall schon parat. Von den Ratschlägen, die bereits im Schwange sind, bis zu Assignaten und zum Maximum ist nur ein Schritt. Die gauze Gedankenrichtung, welche man heute als die des Staatssozialismus bezeichnet, ist keineswegs eine deutsche Besonderheit. Sie ist in allen Kulturländern zu großer Macht gelangt und übt allenthalben ihren Einfluß auf die Gesetzgebung aus. Man kann keine Politische oder ökonomische Zeitschrift Frankreichs, Englands oder Italiens aufschlagen, in der nicht diese Ideen, sei es, daß sie vertreten, sei es, daß sie verurteilt werdeu, zum Vorschein kämen. Was dieselben in Deutschland Eigentümliches und Bedenkliches an sich habe», ist das konservative Gewand, in das sie sich hüllen. Von Zeit zu Zeit könnte es einem vorkommen, als wären die deutschen Konservativen, nachdem die Sozialdemokratie in Acht uud Bann gethan und damit eine überlegene Konkurrenz beseitigt worden, auf den Gedanken geraten, sich der für die Agitation so brauchbaren sozialistischen Werkzeuge allein zu bemächtigen. Deutschland hat mit einer doppelten Gefahr zu rechnen, wo andere Länder nur vor einer stehen. Man drängt es zugleich in die Richtung auf gänzlich neue und auf gänzlich veraltete Zustände hin. Und die staatserhaltende Anstands- miene, mit welcher das alles geschieht, verfehlt nicht, ihre beruhigende Wirkung ans die Zuschauer auszuüben. Es ist schon mehr als einmal darauf hingewiesen worden, welche Bedenklichkeit es gerade für eine konservative Politik hat, ihr Spiel auf diese Karte zu setzen. Doch ist es ihre Sache, zu sehen, wie weit sie das treiben will. Die Liberalen aber, welche sie hinter sich herziehen möchte, haben wahrlich Grund, ihren Blick über die nächste Wegstrecke hinaus zu erheben und den Spruch zu beherzigen: Bedenke das Ende! » Die Kunst Glück beim Zoll zu machen. . . . „Ich sage Ihnen noch einmal, meine Herren, hüte» Sie sich vor dem ersten Schritt! Sie ziehen sonst die Schleusen aus für eine schutzzöilucrischc Agitation, die bald in wildem bacchantischem Treiben unser ganzes Land mit wüstem Hader erfüllen würde. Hüte» Sie sich davor, dies zerrissene Deutschland auch noch dnrch den entsesseitcn Kampf selbstsüchtiger Interessen unglücklich v, Treitfchke «Rede betreffend: Ausgleichungszölle auf Eisen. Reichstag: Sitzung vom 21. April 1377). ) Aus der „Nation" vom 30. Mai 1885. ^)n der drittletzten Sitzung der eben abgelaufenen Reichstagssession habe ich eine kurze Schilderung der Methode gegeben, mittels welcher jetzt in Deutschland Anträge aus hohe Zölle betrieben und durchgesetzt werden, und ich habe dabei der Erscheinungen gedacht, in welchen dies Unwesen schon im Jahre 1879 zutage getreten war. Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich an den Einblick, welchen ein Aktenstück eigentümlicher Art in das Betreibe jener früheren Periode eröffnet hatte, nnd versprach, nach Schluß der Session durch Wiederabdruck desselbeu dem deutschen Volke Gelegenheit zu geben, sich an einem höchst bezeichnenden Fall mit der Nachtseite seines heutigen politischen nnd wirtschaftlichen Lebens bekannt zn macheu. Ich komme heute der übernommeueu Verpflichtung nach, indem ich das erbauliche Aktenstück von ueuem in die Öffentlichkeit bringe. Das Verdienst, dasselbe zum erstenmal ans Licht gezogen zu haben, gebührt der „Frankfurter Zeitung", welche es in einer Extrabeilage vom 30. August 1883 zum Abdruck brachte. Ich legte mir das Blatt damals sofort behufs späterer Benutzung zurück, weil ich mir sagte, daß eine in den Hochsommer fallende Publikation nicht die gebührende Beachtung finden und im besten Fall bald wieder vergessen sein würde. Der hier neu ausgelegte Bericht, in welchem ein damals angesehener Gewerbtreibender der Korkwarenindnstrie*) Oskar Dittmar von der Firma Dittmnr k Wormstall in Dermbach, Grosch. Weimar. — 138 — seinen Fachgenossen Bericht erstattet über alle Künste, Mühen und Kosten, die er ausgewendet hat, um sich und seinen Verbündeten die Vorteile eiues sehr erheblichen Zollsatzes zu sichern, liefert einen unschätzbaren Beitrag zur Charakteristik des Zeitgeistes, welcher uicht bloß in den wirtschaftlichen, sondern in den gesamten politischen Angelegenheiten jetzt in Deutschland zur Herrschaft gelangt ist. Natürlich war dieses Schriftstück nicht bestimmt, dem profanen, draußen stehenden Publikum unter die Augen zu kommen. Aber gerade darum liefert es das treue Musterbild einer ganzen Reihe ähnlicher Ergießungen, welche in den Aktenschränken zollbeglückter Jndustrieherren und Aktiengesellschaften ruhen mögen. Dank dem Umstände, daß der gewandte Verfasser nur zu dem Kreise nächstverbüudeter Eingeweihten zu sprechen vermeinte, hat er hier mit fröhlicher Offenheit gezeigt, wie es eine Klasse von Verkäufern anzufangen hat, wenn sie es dahin bringen will, das Publikum durch das Zollgesetz zu zwingen, ihnen ihre Waren über Wert zu bezahlen. Denn wer für seine Ware nur deu Preis erzielen will, den sie an sich wert ist, braucht nicht erst die Hilfe der Zollgesetze anzurufen. Ein durch die Macht des Gesetzes erzwungener, den Käufer brandschatzender Preisaufschlag — das ist der Grundgedanke des ganzen Schutzzollwesens. Der Verfasser, dem es offenbar wohl gefiel, seine eigene Findigkeit und Betriebsamkeit vor seinen Kollegen herauszustreichen, und dem man es nicht verdenken kann, wenn er mit Befriedigung auf seine praktisch bewährte Menschenkenntnis zurückblickt, hat uns dadurch in alle Winkelzüge und Hintertreppenwege, so zu einer schlau durchzuführenden Zollintrigue gehören, eingeweiht; und wenn einmal spätere Geschichtsschreiber ein Sittenbild des deutschen Staatslebens gegenwärtiger Zeitläufte geben wollen, werden sie in dieser — 139 — Urkunde unerschöpflichen Stoff finden zur Würdigung der Sorte vou Moral und Intelligenz, welche unter einer als überaus glorreich gepriesenen Politik in unserem Bürgertum Eingang gefunden hatten. Vielleicht aber ist zu hoffen, daß noch mehr der Mitwelt als der Zukunft ein wertvoller Dienst durch diese Wiederveröffentlichung geleistet werde. Denn sie braucht nur zu wollen, um aus der genauen Schilderung solcher lebendigen Vorgänge ein treues Spiegelbild ihrer eigenen Entartung zu gewinnen, welches zu ernstem Nachsinnen über die Zukunft auffordern muß. Was aus diesen Zeilen spricht, trifft nicht bloß den einzelnen Vorgang, der hier zur Wahrnehmung kommt. Bei einer ganzen Reihe anderer gesetzgeberischen Entscheidungen dürfte sich dasselbe vor sechs Jahren zugetragen haben, wie sich ähnliches in letzter Zeit vielfach wiederholt und in greller Weise bis zum letzten Augenblick der eben abgeschlossenen Session hinein geltend gemacht hat. Was wissen wir nicht alles von den Triebfedern, die zur Erhöhung des Schieferzolles ins Werk gesetzt wurden? Was wäre vom Zoll der Cichorie, der Taschenuhren, der Hornknöpfe, der Seidenwaren, von dem nur mit Mühe abgeschlagenen Zoll auf Nähfäden und Dungmittel zu berichten, wenn wir überall solchen Einblick hinter die Kulissen erlangten, wie bei jenem Korkzoll, zu schweigen von dem, was über den Holzzoll sich der Wald erzählt. Viel einfacher wickelten sich allerdings die Sachen ab bei solchen Zöllen, welche bestimmt sind, die Taschen hoher, selbst im Reichstag sitzender Herren zu füllen, als da sind Besitzer von Strontiangruben oder Fabrikanten feuerfester Thonwaren. Diese konnten sich ihr Glück mit eigener Hand schmieden, ohne erst viel Rechenschaft abzulegen.*) Wie weit wir es in der Naivetät der Interessenvertretung bereits gebracht haben, zeigt ein kleines Intermezzo, das bei dem Zoll auf ge- — 140 — Der Leser des hier folgenden Berichts fürchte nicht, dnrch eine zu trockene Darstellung zolltechnischer Einzelheiten gelangweilt oder ermüdet zu werden, ein Umstand, der leider viel dazu beiträgt, daß das deutsche Publikum diese für seinen Verstand und seine Sitten so bedenklichen Erscheinungen nicht mit der wünschenswerten Aufmerksamkeit verfolgt. Ich kann im voraus versichern: Die hier wiedergegebene Selbstbiographie eines Zollstrebers ist so lebendig und unterhaltend geschrieben, ja stellenweise bietet sie, wenn die Sache mich an sich tranrig ist, so viel Stoff zur Komik, daß sie ganz gut zu einem amüsanten Feuilleton verwendet werden könnte. Wäre nicht neuerdings durch die parlamentarische Gründung der sogenannten „freien wirtschaftlichen Vereinigung" die Aufgabe, sich einen Zoll auszuwirken, beträchtlich vereinfacht, und dadurch eiu Teil der gebotenen Belehrung veraltet, so könnte man sagen, es sei hier für Alle, welche künftig ihren Vorteil in derlei Angelegenheiten betreiben wollen, ein Leitfaden geschrieben, ähnlich dem berühmten Buch, in welchem Macchiavelli herrschsüchtigen Großen die Wege zur Macht gezeigt hat; und ganz gewiß wird auch in Zukunft noch mancher Zollbeflissene aus dieser Darstellung lernen wollen, wie er es anzufangen habe, seine Kasse uuter dem Ruf nach Schutz der nationalen Arbeit zu füllen. Aber hoffentlich lernt auch das deutsche Volk für sich selbst etwas aus dieser Schilderung, so daß die Nachpreßte Hornknöpfe sich abspielte. Auch dieser Zoll gehörte zu denen, die ohne vorausgegangene Prüfung mit dein Schub der dritten Lesung am letzten Tag in den Tarif hineinbugsiert wurden. Um sich einen Scherz zu machen, warf der Abgeordnete Brocmel die Frage hin- ob denn kein „gepreßter Hornknopssabrikant" im Reichstag sei, um für sein Fabrikat zu sprechen? Der Abgeordnete, welcher diesen Zoll verteidigte, nahm die Frage heilig ernst und antwortete: man könne doch nicht verlangen, daß nur denen Zölle bewilligt würden, die als Abgeordnete an der Sache beteiligt seien! — 141 — teile der weiteren Verbreitung jener Geheimkunst mit in den Kauf genominen werden können. Viel, in der That, sehr viel ist hier zu lernen. Zunächst sehen wir, wie Einer sich niemals von der Hoffnung auf einen Zoll muß abschrecken lassen, wenn er nur nicht »lüde werden will, sich mit allen denjenigen Herren im Reichstag und in der Regierung in die richtige Verbindung zu setzen, deren Person schließlich am meisten ins Gewicht fällt. So war der Held unserer Geschichte zum Beginn des Reichstagszollfeldzuges 1879 anfänglich überall abgewiesen worden. Weder die Regieruug uoch die Abgeordneten vermochten einen Umstand wahrzunehmen, der zu seinen Gunsten gesprochen hätte. Aber er läßt sich nicht abschrecken, er zeigt uns, wie er sich zunächst mit besonderem Scharfsinn eine kleine Anzahl Abgeordneter heranssncht, auf welche vor allem Sturm gelaufen werden muß; wie hierbei „die persönliche Agitation" alles zu leisten hat, wie er unermüdlich von früh bis spat allen Reichstagssitzungen beiwohnt, oder, was noch nützlicher ist, sich im Norsaal des Hauses umhertreibt, daselbst stets neue Bekanntschaften zu machen; wie er dann von dem Vorsaal nach gemachter Bekanntschaft in die Wohnnngen der Einzelnen dringt, wie er jeden, Mann für Mann, unausgesetzt mündlich und schriftlich mit „Instruktion" versieht; wie er es wohlweislich dabei nicht unterläßt, auch die jeweils maßgebende Person der Regierung aufzusuchen, und wie er von ihr die Versicherung erhält, daß sie im Stillen seiuen Versuchen gar hold sei, obwohl die offizielle Gesetzesvorlage selbst im Wege stehe und von ihr pro toi-ras. verteidigt werden müsse. Der gewandte Herr kontrolliert auch die persönlichen Wirkungen seines heißen Bemühens so sorgfältig, daß er von der Zuhörertribüne herab genau seine Mannschaft überwacht und die Freude hat, im ge- — 142 — gebenen Fall festzustellen, daß alle diejenigen, mit denen er gesprochen hatte, für, alle übrigen gegen sein Anliegen stimmten. Ferner macht er im Laufe seiner Expektorationcn das bezeichnende Geständnis, daß viele Abgeordnete bei der für ihn erwünschten Abstimmung nicht im Saale waren, weil sie zu seiner sittlichen Entrüstung außerhalb desselben müßigerweise „über konstitutionelle Garantieen und politische Theorieen disputierten", lauter Dinge, die der Zollstreber als ein echter Schüler berühmter Weisheitslehren von der Lasterhaftigkeit politischer Bestrebungen und der Tugendhaftigkeit der Jnteressenjagd, gründlich verachten muß. Aber trotz aller dieser Anstrengungen, trotz aller Anstürme uud Laufgräben mißlingt dem unermüdlichen Belagerer des Reichstags und der Reichsregierung auch in der zweiten Lesung die Eroberung seines Zolles. Doch den Tapferen entmutigt das alles nicht. Jetzt wendet er sich zurück an seine Fachgenossen und unterrichtet jeden derselben viritim. über das, was er thun, namentlich wie er den ihm nächststehenden Reichstagsnbgeordneten in gründliche Bearbeituug nehmen müsse. Er giebt ihm darüber eine detaillierte Gebrauchsanweisung; und es ist tief zu beklagen, daß dieses Rezept, wie man einen Abgeordneten für seine Privatzwecke in die Knr nehmen müsse, in das sonst so interessante Schreiben nicht Aufnahme gefunden hat. In dem Maße, als die Zeit und die Beratungen des Parlaments vorauschreiten, steigert sich natürlich das Interesse dieses Zollrvmans, welcher, wie dies auch jüngst wieder passierte, erst in der dritten Lesung zu der spannendsten Situation und der für den Helden erfreulichsten Lösung sührt. Gerade in dem Moment, da seine Besorgnis aufs höchste gestiegen ist, weil er vernimmt, daß der ganze Zolltarif nach dem Beschlusse zweiter Lesung unverändert an- 143 — genommen werden soll, schlägt Plötzlich, wie das zu einem guten Roman von Alexander Dumas gehört, die tiefste Verzweiflung in die hellste Lust über. Denn sein hoher Protektor im Reichstag, der ultramontane Graf Galen, überrascht ihu am frühen Morgen des für die dritte Lesung bestimmten Tages mit der Himmelskunde, daß sein Verlangen von einer guten Brüderschaft zollfreundlicher Mitglieder in die Vorschläge dritter Lesung aufgeuommeu uud alles fo wohl abgekartet ist, daß an ein Mißlingen dieses kühnen Handstreiches nicht zu denken. So ermutigt entschließt sich unser Mann deshalb auch, alles auf diese eine Karte zu setzen und jeden noch so billigen Vermittlungsvorschlag, welcher ihm sowohl von Mitgliedern des Bundesrats wie des Reichstags gemacht wird, abzuweisen. Vergeblich stellen sie ihm vor, es sei doch ein gar zu riesiger Sprung für ein sehr einfaches Fabrikat, das bis jetzt zollfrei gewesen, eiueu Zoll von 30 Mark zu verlangen, uud die Klugheit erfordere, sich mit der Hälfte zu begnügen. Unser Macchiavelli, mit seiner wohlverbrieften Zusage der damals noch nicht „freie wirtschaftliche Vereinigung" getauften Verbrüderung in der Tasche, erklärt sich heldenhaft für das Alles oder Nichts. Wie 1870 Jules Favre keinen Stein oder Fußbreit Erde hergeben wollte, so ruft er ans, daß er mit den 30 Mark pro 100 KZ „stehe oder falle". Und nnn folgt die herzbewegende Schilderung der großen Zollschlacht am vorletzten Tage dritter Lesung, an jenem denkwürdigen 11. Juli 1879, dem ebenbürtigen Vorgänger des 13. Mai 1885. Auch damals wütete das Zvllschwert von 10 Uhr morgens bis tief in die Nacht; auch damals gab es keinen Pardon für Jeden, der sich einem hohen, höheren oder höchsten Zoll in den Weg werfen wollte. Auch damals wurde, wie jüngst, Jedem das Wort abgeschnitten, der noch etwas aus den Krallen des Zvllvampyrs zu retten 144 — suchte. Als eine besondere Gunst des Himmels schildert der Erzähler, wie gerade sein Patron während seiner Rede von der Gegenwart des Reichskanzlers beglückt wurde, da er in kurzen, schlagenden Worten die erhebende Forderung der 30 Mark vortrug, und wie klug es angefangen war, daß auf Antrag des Herrn von Mirbach, nachdem sein Redner gesprochen, dem Redner der Gegenpartei das Wort durch einen Schlußautrag abgeschnitten wurde, da sonst doch noch ein Argument hätte schädlich wirken können. Mit der Genanigkeit eines Schlachtenbülletins wird dann berichtet, wie Punkt 96/4 Uhr in später Abendstunde der entscheidende Schlag fiel, durch welchen die 30 Mark zu ihrem unsterblichen Sieg geführt wurden. Die Geschichte dieses Feldzuges, die man in allen ihren Einzelheiten nachlesen muß, um sie nach Verdienst zu würdigen, wäre unvollständig, wenn nicht auch die Kriegs- kosteurechnung beigefügt wäre, unter welchen beispielsweise mehr als 150 Mark an Trinkgeldern figurieren, welche „im Reichstagsgebäude an die zahlreiche Dienerschaft im wohlverstandenen Interesse unserer Sache" verteilt wurden. Und nun noch zum Schluß wie bei jeder guten Erzählung erhalten wir auch „die Moral von der Geschicht". Während der mehrmals wieder aufgenommenen Debatten im Reichstag hatten die Gegner dieses Zollverlangens nachdrücklich darauf hingewiesen, daß der Niedergang der Korkstopfenpreise von der Wirkung einer übertriebenen Konkurrenz herrühre, welche nicht von außen hereindränge, sondern welche die inländischen Fabrikanten sich erbarmungslos selbst untereinander bereiteten. Natürlich hatte ihr Vertreter, der würdige Graf Galen, diesen Einwand auf das Entschiedenste zurückgewiesen. Aber in einer letzten vertraulichen Unterredung, die er mit dem tapferen Anführer der Korkfabrikanten unter vier Augen hat, kommt dem — 145 — frommen Herrn nachträglich der Gedanke, daß es mit dieser inneren gegenseitigen Unterbietung doch seine Richtigkeit haben könne, und er ermahnt jetzt, nachdem der weltliche Erfolg draußen errungen worden ist, den mit der Beute heimkehrenden Feldhauptmann, daß er nunmehr auch den Seinen die wirkliche Wahrheit ernstlich zu Gemüte führen möge, daß sie „dieses gute Resultat zu einem bleibenden zu machen, sich als die Söhne eines Vaterlandes zu betrachten, sich aneinander anschließen und die seither durchlaufene Bahn einer rücksichtslosen und grundsatzlosen, selbstmörderischen Preiskonkurrenz verlassen mögen." So wird zu guterletzt aus dem Jntriguenspiel noch ein erhebendes Rührstück. Die Moral nämlich lautet: Nun ihr die Konkurrenz des Auslandes los geworden seid, thut ench hübsch zusammen, diesen Vorteil an euren Mitbürgern durch eine wohlgefestigte Preiskoalition auszubeuten. Indem ich solcherweise den Gang dieser Geschichte zur Vorbereitung des Lesers kurz und treu skizziert habe, will ich sofort hinzusetzen, daß ihr Held, wie sich später herausgestellt hat, besonders dazu geartet war, die demoralisierenden Wirkungen einer solchen legislatorischen Praxis auf sich einwirken zu lassen. Der geriebene und energische Mann hat jedoch für sein Geschäft und seine Gewerbs- genossen nnr das gethan, worauf der Grundzug des herrschenden wirtschaftlichen Systems alle Deutschen stillschweigend und ausdrücklich hinweist: nicht von eigener gewerblicher Thätigkeit, nicht vou Verbesserung ihrer Leistungen, nicht von dem Vorteil, den sie dem Publikum anzubieten haben, sollen sie in erster Linie ihren Gewinn erwarten, sondern von der Gunst und den Privilegien, welche sie durch die Dazwischenkamst der Regierung und des Gesetzes sich verschaffen könueu. Hier ein Zoll, da ein Zunft- Privilegium, dort eine Subvention u. f. w. Der Wett- Ludwig Bambergcrs Ges. Schriften. V. lg 146 — bewerb in Handel und Wandel ist von der Werkstätte des Einzelnen in die Werkstätten der Gesetzgebung verlegt. Hier wird entschieden, wer etwas, wer viel oder nichts bekommen soll. Von der Gunst, die man sich da erwerben kann, hängt Gedeihen oder Mißerfolg ab. Wenn das Gesetz nun einmal Gewinn und Verlust diktiert, wenn der größte Preis demjenigen beschieden ist, welcher am besten diese neue Art von Geschäftskonjunkturen auszunützen weiß: ist da nicht Jeder, der nicht hinter seinesgleichen zurückbleiben will, um seines Erwerbs willen darauf angewiesen, die Wege zu studieren und auszunutzen, welche am besten zum Ziele führen? Muß er nicht sich seiner Haut wehren, um nicht von Anderen zurückgedrängt, muß er nicht siegen, um nicht besiegt zu werden? Herr Dittmar that für seine Industrie nur das, was jeder Gewerbetreibende heute zu thun verlockt wird. Und wenn manch einer sich aus hergebrachter altmodischer Sprödigkeit zu dergleichen Bemühungen noch nicht entschlossen hat, so werden die glorreichen Beispiele, welche ihm die letzte Neichstagssession wieder geliefert, ihn darüber belehren, daß er entweder sein Geschäft aufgeben oder sich auch zu dieser ueumodischen Praxis entschließen muß. Höchst wahrscheinlich werden wir infolge der jüngsten Erfahrungen bei künftigen Zoll- beratungeu noch mehr als bisher erleben, was schon unser Berichterstatter so deutlich ins Licht gesetzt und was der Tag des 13. Mai 1885 so gar auffällig gezeigt hat: die ersten und zweiten Beratungen des Reichstags in Zollangelegenheiten werden zn einer bloßen Anstandszeremonie herabsinken, bei der mich die Gegner von Zöllen, des Parlamentarischen Herkommens wegen, mit ihren Gründen zu Wort kommen; aber jeder Kundige wird in Zukunft wissen, daß es noch weniger, als man sonst schon glaubte, auf Gründe und Abstimmungen iu diesen Stadien einer aus- — 147 — führlichen Beratung ankommt. Das allein Wichtige und Entscheidende ist das EinHauen am letzten Tage, und noch besser, in der letzten Nacht der dritten Lesung, wenn, ohne Debatte, auf vorausgegebene Signale ein Zoll nach dem andern in strammer Disziplin von einer bei verschlossenen Thüren vorans einexerzierten Mehrheit aufgepflanzt wird. Zum richtigen Verständnis der hier geschilderten Vorgänge müssen noch ein Paar Worte über die Materie, die ihnen zugrunde liegt, beigefügt werden. Das Korkholz, welches hauptsächlich aus Spanien, Portugal und Algier herrührt, giug ebenso wie das daraus verarbeitete Fabrikat, die Stopfen, seit dem Jahre 1870 zollfrei in Deutschland ein, und zwar war die betreffende gesetzliche Bestimmung ohne jede Initiative irgend einer freihändlerischen Partei aus freiem Entschluß der Verbündeten Negierungen herbeigeführt worden. Ihr Vorschlag wurde damit motiviert, daß es rationell sei, ein für so viele industrielle Zwecke des inneren Verbrauchs wie der Ausfuhr bestimmtes Objekt uicht durch einen Zoll zu verteuern, um so weniger, als die Verarbeitung selbst nur eine sehr einfache sei (Verhandlungen des Zollparlameuts von 1870). In dem Entwurf des Zolltarifs von 1879, welcher das neue Prinzip aufstellte, daß mit seltenen Ausnahmen jede Ware verzollt werden müsse, war ein Satz von 10 Mark vorgeschlagen. Diesen für die fertigen Stopfen auf 30 Mark zu erhöhen, war das, wie wir gesehen haben, sieggekrönte Verlangen von 30 deutschen Fabrikanten, gegen welches mehr als 500 andere deutsche Gewerbtreibende im Interesse ihrer Industrie vergeblich protestiert hatten. Zur Charakteristik der Geschicklichkeit, mit welcher das kleine Heer des Herrn Dittmar geführt wurde, gehört auch, wie wir aus der Rede des Grafen Galen erfahren, der Geniestreich, daß nach Ablehnung des höheren Zolls in zweiter Lesung die Fabrikanten den Lohn ihrer 10* — — Arbeiter um 20 pCt. herabsetzten, um den richtigen Schrecken und Unwillen im Lande zu erzeugen, der eine moralische Pression auf den Reichstag auszuüben geeignet wäre. Es ist nicht zur Kenntnis gekommen, daß dieser geschickte Schachzug jemals einer ähnlichen Zensur ausgesetzt gewesen wäre wie das Unterfangen jener Bäcker, welches der Herr Reichskanzler „unverschämt" nannte, weil sie nach Erhöhung des Getreide- und Mehlzolls auch den Preis ihrer Backware hinaufzusetzen sich unterstanden. Es verdient auch als ein Beitrag zum wahren Sachverhalt der Dinge nicht unerwähnt zu bleiben, daß die Regierung des Großherzogtums Oldenburg, eiue der wenigen, welche noch an den früheren Traditionen einer aufgeklärten Wirtschaftspolitik festhält, dem Zollverlangen keinen Vorschub leistete, obgleich gerade in ihrem Lande diese Industrie am meisten angesiedelt ist. Übrigens stellte sich nach ganz kurzer Zeit auch heraus, daß die Zollerhöhung der Absicht ihrer Betreiber nicht bloß nicht gedient, sondern die betreffende Industrie geradezu geschädigt hatte. Dieses Bekenntnis ist aktenmäßig niedergelegt in dem offiziellen Bericht der Gewerbekammer des Großherzogtums Sachsen, deren Mitglied Dittmar war. Leider erlaubt der Raum nicht, die interessante Schilderung wiederzugeben, in der offen eingestanden und beschrieben wird, wie der vermeintliche Schntz dieses Gewerbes geradezu tätliche Wirkung für dasselbe herbeigeführt hat, eine Ausführung, welche in ihren Einzelheiten einen schlagenden Beleg für die ganze Hohlheit und Falschheit der Lehre vom Schutz der nationalen Arbeit liefert, was natürlich nicht hindert, daß flott und salbungsvoll damit weiter gearbeitet wird. Der betreffende Bericht ist sogar von demselben Dittmar verfaßt, der seiner Zeit Vorsitzender jener Fabrikantenversammlung gewesen war, die am 30. April zu — 14!» — Hannover sich mit einer Bittschrift in den bekannten Wendungen an des Reichskanzlers durchlauchtigste Vorsehung AM Schutz flehend gewendet hatte. Auch verließ Dittmar später die Korkindustrie, um Zuflucht bei der Zuckerindnstrie zu suchen, wobei es ihm jedoch noch trauriger ergehen sollte, als vvrher. Zuguterletzt strandete er auf der Bank der Angeklagten. Zum Humor des Ganzen endlich gehört aber auch, daß der so heiß erkämpfte Gewinn nur von kurzer Dauer war. Nur wenige vier Jahre blieb dieser angeblich für den Schutz der nationalen Industrie und uatürlich bloß um des Wohles der Arbeiter willen für unentbehrlich erklärte hohe Zoll in Kraft. Der spanische Handelsvertrag schaffte ihn wieder aus der Welt. Spauieu bestand darauf, daß er wieder herabgesetzt werde, und da es nur um diesen Preis den obersten und mächtigen Heiligen unserer neueu Wirtschaftspolitik, Lanetuin L^iritum, den geliebten Sprit, den die ost- und norddeutschen Großgrundbesitzer erzeugen, zn milden Bedingungen zulasfeu wollte, so hatten schließlich der oldenburger Graf Galen und sein Schutzbefohlener xra riitulo gearbeitet. Alle Nachweise der sächsischen Gewerbekammer Hütten sicherlich nicht vermocht, an dem einmal festgesetzten Zoll zn rütteln, denn zu den Grundsätzen, nach denen wir jetzt regiert werden, gehört doch auch der: daß jede Zollerhöhung gut, jede Herabsetzung vom Übel sei. Aber glücklicherweise mußte der deutsche Korkzoll dem spanischen Spritzoll weichen. Auch das ist eiue Moral, die am Schlüsse dieser lehrreichen Darstellung nicht unbeherzigt zu bleiben verdient. Wer mit des Geschickes Mächten einen sicheren Bund flechten will, der muß die Feder beim Unterschreiben des Pakts nicht, wie Mephisto es begehrt, in Menschen-, sondern in Kartoffelblut tauchen. Sprit ist ein ganz besonderer Sasr. - Rechenschaftsbericht des Herrn G. Dikknmr über seine Bemühungen zur Herbei- führung eines Zolles ans Rorkfabrikake von Z0 Mark pro Doppelzenkner. -^011 der am 2t>. April d. I. in Hannover stattgehabte» Versammlung deutscher Korkindustrieller wurde mir neben einigem Anderen der Auftrag, nach Berlin zu gehen, um mit Mitgliedern des Bundesrates und des Reichstags Fühlung und Verkehr zu suchen und zu unterhalten und in dieser, sowie in anderer geeigneter Weise für eine Abänderung der Position Nr. 13 der Zolltarif-Vorlage zu Gunsten der deutschen Korkindustrie mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu wirken. Ich übernahm mit Widerstreben und wenig Hoffnung hegend, dajz es mir gelingen werde, den Wünschen meiner Mandanten zn genügen, diese schwierige Mission und beehre mich heute, nachdem ich dieselbe als erfüllt betrachten darf, einen Bericht über meine Thätigkeit zu erstatten. Die persönliche Überreichung der einen Petition an den Fürsten Bismarck konnte nach einer Mitteilung des Herrn Geh. Rates Ticdcmann an Herrn Carl Lürßcn nicht stattfinden, mein schriftliches Gesuch an Herrn Tiedemann aber, mich zu empfangen, die Petition für den Herrn Reichskanzler aus meinen Händen entgegen zu nehmen und bei dieser Gelegenheit in Bezug auf meine Mission mit einigen Ratschlägen mich zu unterstützen, blieb ohne jegliche Antwort, so daß ich mich genötigt sah, die erwähnte Petition am ö. Mai d. I. in Berlin zur Post zu geben. Meine damalige Anwesenheit in Berlin benutzte ich weiter, um die metallographische Vervielfältigung der an den Herrn Reichskanzler gerichteten Petition und den Druck der für die Rcichstagsabgeordncten bestimmten Petition zu überwachen, wobei ich vier Korrekturen zu lesen hatte, den Rest meiner Zeit aber verwendete ich darauf, mich im Reichstage zu orientieren, mich einigen Reichstags- und Bundesratsmitglicdcrn vorzustellen und einige» — 151 — Sitzungen beizuwohnen, während die Generaldebatte (erste Lesung) über die Zolltarifvorlagc stattfand. Nachdem ich diese Lorbereitungen und auch die notigen Anordnungen für eine rasche Expedition der Petitionen, sobald solche fertig gestellt sein würden, getroffen hatte, kehrte ich nach hier zurück und zwar ziemlich cntmntigt, da nicht einer derjenigen Herren, welche mir Gehör geschenkt hatten, die mindeste Aussicht aus Erfüllung meiner Hoffnungen mir gemacht hatte. Nach Empfang der Petitionen aus der Druckerei wurden dieselben von meiner Berliner Filiale sofort expediert, und es empfingen sowohl die Mitglieder des Reichstages, wie diejenigen des Bundesrates je ein Exemplar unter frankiertem Kuvert. Von hier aus aber wendete ich mich an das Uüreau des Reichstages, meinem Briefe drei Exemplare für die Pctitions- Kommission beifügend, während ich zu gleicher Zeit ausführliche Schreiben an die Rcichstagsabgcordnetcn Or. Sommer, von Werner, Graf von Galen, Grütering, Dr. Groß, Bode, Bruel, Mosle, von Waldow-Reitzen- stcin, von Varnbülcr. Bcrger und vou Äardorfs richtete, denselben je ein Exemplar der an den Fürsten von Bismnrck gerichteten Petition übersandte und den zuerst genannten nenn Herren gegenüber darauf hinwies, daß in ihren Wahlkreisen die Korkindustrie heimisch sei. Der RcichStagsabgcordnctc meines Wahlkreises ist der der national- liberalen Partei angehörende Dr. Sommer. Derselbe kannte mich persönlich, nahm mich sehr freundlich auf, versprach auch in seiner Eigenschaft als Mitglied der Petitionskommission zu unseren Gunsten zu wirken, und ging mir sonst an die Hand, lehnte es aber im Hinblick auf seinen srei- händlcrischen Standpunkt ab, deu von mir gewünschten Antrag auf Abänderung der Position Nr. 13 der Zolltarifvorlagc im Reichstage zu stelle», uud ich sah mich deshalb genötigt, mich an dsn der Zentrumsfraktion angehörenden Grafen von Galen mit diesem Ersuchen zu wenden, welcher Herr Delmenhorst nnd somit denjenigen Bezirk Deutschlands im Reichstage vertritt, in welchem die Äorkindustrie zur Zeit die größte Ausdehnung besitzt. Bei diesem Herrn nun fand ich volles Entgegenkommen und die Anerkennung der Berechtigung unserer Forderungen, welche sich dadurch kundgab, daß derselbe deu von mir gewünschten Abändcrungsantrag im Reichstage alsbald einzubringen versprach. Am 18. Mai d. I. trat ich meine zweite Reise nach Berlin an, um , meine persönliche Agitation fortzusetzen und der eben begonnenen zweiten Lesung der Zolltariffrage beizuwohnen. Bei meinem Eintritt in den Reichstag überreichte mir der Herr Graf von Galen zu meiner großen Freude seinen bereits gedruckten und soeben zur Verteilung gelangten Antrag, welcher die Nr. 189 tragt und von 2t) Reichstagsabgeorducten unterstützt ist, welche ohne Ausnahme dem Zentrum angehören. Ich wohnte von da ab allen Reichstagssitzungen bis inkl. 29. Mai bei, hielt mich abwechselnd auf den Tribünen und im Foyer des Hauses auf, zumeist an letztcrem Orte, um täglich neue Bekanntschaften anzuknüpfen und die schon gemachten zn pflegen, was immerhin seine Schwierigkeiten hatte, da die Herren Abgeordneten von tausendcn Petitionen — ähnlich der unserigen — überschüttet, durch eine lange Session und aufreibende Arbeiten ermattet waren, tagtäglich auch von vielen Industriellen, welche für ihre Branchen gleiche Vorteile wie ich suchten, sei es, daß dieselben in einer Erhöhung der von der Negierung proponierten Zollsätze, sei es, daß sie in einer Verminderung der Sätze bestanden, im Reichstage heimgesucht wurden. Es hielt auch schwer, zu erfahren, welcher von den Rcgicrungs- kommissaren die Position Nr. 13 im Namen der verbündeten Regierungen im Reichstage vertreten werde, kein Abgeordneter war in der Lage, mir das mitzuteilen, an die freihändlcrisch gesinnten Vertreter der Negierungen von Oldenburg und Weimar mochte ich mich nicht wenden und so klopfte ich an mehrere falsche Thüren an, ehe ich herausfand, daß der bäurische Mnisterialrat Dr. von Mayr derjenige war, welchen ich suchte. Diesen Herrn nun habe ich in seinem Hotel und im Reichstage vielfach aufgesucht, um ihm meine Vorstellungen zu machen und meine Wünsche vorzutragen, und ich kaun die Liebenswürdigkeit dieses in damaliger Zeit von Arbeiten überhäuften Beamten nicht genug loben, mit welcher derselbe mir stets entgegengekommen ist, wie ich an dieser Stelle überhaupt konstatieren muß, daß ich fast erstaunt war über die Liebenswürdigkeit, welcher ich bei alle» Herren, mit denen ich in Berührung gekommen — darunter die ersten Beamten des Reiches und die besten Köpfe Deutschlands —, begegnet bin und wie ungeheuer vorteilhaft alle diese Männer abstehen von jenen Beamten, denen man in kleinen Verhältnissen täglich begegnet und bei denen es oft schwer fällt, herauszufinden, ob die Aufgeblasenheit oder die Beschränktheit den dominierenden Platz bei ihnen behauptet. Die Position Nr. 13 stand schon am 20. Mai auf der Tagesordnung und von da an täglich bis zum 29. Mai, an welchem Tage der Reichstag endlich an deren Beratung gelangte. Der vom Grafen von Galen zu Po« sition 13a gestellte Antrag, nach welchem bei „Korkholz" der Zusatz - „auch in Scheiben und Platten" gestrichen werden sollte, wurde von einer ge- — 153 — ringen Mehrheit abgelehnt, was an sich ohne Belang blieb, immerhin aber ein ungünstiges Prognostikon stellte. Die Beratung gedieh bis zu Nr. 13b, hier brachen die Arbeiten ab, der Reichstag trat in die Pfingstferien ein, er vertagte sich bis zum 9. Juni und ich, der ich in atemloser Spannung den letzten Verhandlungen gefolgt war, mußte unverrichteter Dinge heimkehren. Am 9. Juni bei Wiederaufnahme der Sitzungen befand ich mich wieder auf meinem Platz und setzte meine persönlichen Agitationen fort. Vor Pfingsten schon waren zwei Petitionen deutscher Korkhändlcr und Konsumenten an den Reichstag gelangt, von welchen ich Abschriften zu den Akten gegeben und auf welche ich eine an den Grafen von Galen adressierte ausführliche Erwiderung schrieb, wie ich diesen Herrn überhaupt mündlich und schriftlich fortwährend mit Instruktionen versah. Zu gleicher Zeit richtete ich ein längeres Schreiben an den Ministerialrat Dr. von Mayr, in welchem ich alle die von diesem Herrn gemachten Einwendungen zu widerlegen suchte. Obgleich nun die Beratung der Position Nr. 13 schon am 9. Juni und an allen folgenden Tagen auf der Tagesordnung stand, gelangte der Reichstag doch erst am 16. Juni zur Fortsetzung seiner Beratung der Zolltarisvorlagc. Position Nr. 13 k kam endlich an die Reihe. Der Graf von Galen, welcher zu diesem Absatz den Antrag gestellt hatte, daß nach den Worten „grobe Korkwaren" zur näheren Bezeichnung in Klammern hinzugefügt werden sollte: „Streifen, Würfel und Rindenspunde", motivierte seinen Antrag kurz, indem er hervorhob, daß es sich hierbei lediglich um eine redaktionelle Änderung handle, und eine ausführlichere Motivierung für Nr. 13x sich vorbehielt. Der Abg. Sonne - mann, zweifellos einer Aufforderung der gegnerischen Petenten folgend, bekämpfte den Galenschen Antrag heftig, brachte dabei Alles dasjenige vor, was unsere Gegner in ihren Petitionen gesagt hatten, schilderte, wie notwendig für Wcinhändler und Mineralwasscrgcschäfte der leichte Bezug katalanischer Korke sei, wie selbst die dem preußischen Staate gehörenden Brunnen von Eins, Schwalbach und Vayhingen u. s. w. ihren ganzen Bedarf im Auslande decken müßten und -das katalanische Fabrikat nicht entbehren könnten, und verstieg sich endlich zu der Behauptung, daß die deutsche Korkindustrie ohne jeglichen Schutz zu solcher Blüte gelangt sei, daß ihre Verlegenheiten einer Überproduktion zuzuschreiben seien, und daß der Galcnsche Antrag diesen Industriezweig nur schutzzöllnerisch beglücken wolle. Die Debatte wurde hierauf geschlossen, der Antrag Galen kam zur Abstimmung und wurde vom Reichstage abgelehnt. So- weit ich von mcincm Platze auf der Tribüne des Bundesrats diesen raschen Vorgang übersehen konnte, stimmten Zentrum und deutsche Reichspartei, sowie einige Schutzzollner auf beiden Seiten des Hauses, und zwar alle diejenigen, mit denen ich gesprochen hatte, für, alle Übrigen aber gegen den Antrag, an dessen Fall in erster Reihe die Deutsch-Konservativen die Schuld trugen, welche späterhin die Art ihrer Abstimmung mit der Erklärung, daß sie nicht orientiert gewesen wären, bei mir entschuldigt haben. Die Sitzung endete, nachdem der Absatz k im Sinne der Regierungsvorlage angenommen worden war, und fand ihre Fortsetzung am 17. Juni, an welchem Tage über den vom Grafen von Galen zu Nr. I3x gestellten Antrag, nach welchem hinter den Worten: „feine Korbflechtcrwaren" eingeschaltet werden sollte: „Korkstopfer, Korksohlen, Korkschnitzcreien", verhandelt wurde. Vor Beginu der Sitzung suchte ich den Herrn Ministcrial- rat Dr. von Maur auf, welcher Tags zuvor dem Galcnschcn Antrag ebenfalls widersprochen hatte, um M zu bitten, daß er von einer weiteren Opposition absehen möchte. Herr Dr. von Maur antwortete mir wörtlich: „Sie wissen, daß es meine Pflicht ist, die Rcgieruugs- Vo rlage im Allgemeinen dem Reichstage gegenüber zu vertreten, Sie wissen aber auch zur Genüge, daß ich mich gern überstimmen lasse und daß die Regierung den von Ihnen angestrebten höheren Zollsatz mit Vergnügen akzeptieren wird." Graf von Galen motivierte seinen zu Nr. 13x gestellten Antrag in längerer Rede, widerlegte alles dasjenige, was der Abg. Sonnemann Tags vorher gesagt hatte, geißelte die traurige Thatsache, daß die preußische Regierung ihren bedeutenden Bedarf an Korkstopfcn ohne zwingende Veranlassung jseit Jahren von einer französischen Firma beziehe, nnd erwähnte alles dasjenige, was er zu Gunsten unserer Industrie sagen konnte. Es würde zu weit führe», wenn ich die Gnlenschc Rede wörtlich wiedergeben wollte, ich beziehe mich diescrhalb auf das zu den Akten gegebene stenographische Protokoll über die 61. Sitzung des Reichstags vom 17. Juni d. I. Nachdem der Regieruugskommissär Or> von Maur, wenn auch in wohlwollender Weise, den Antrag Galen bekämpft und dessen Verwerfung als eine notwendige Konsequenz der am vorhergegangenen Tage erfolgten Ablehnung der zu Nr. 13k beantragten Änderung bezeichnet hatte, fiel auch dieser letzte Teil des Galcnschcn Gcsamt- antrages und damit mcinc Hoffnung auf den Gefrierpunkt. Bei der Abstimmung zeigten sich dieselben Verhältnisse wie Tags und leider spielte dabei der Zufall eine größere Rolle, als dieses sein dürfte. Das Haus war an beiden Tagen sehr schwach besetzt — vom Zentrum allein fehlten 4V Herren — viele Abgeordneten aber, welche im Foyer und in der Restauration des Hauses über konstitutionelle Garanticcn disputierten und in politische Theoriccn sich vertieften, wahrend im Saale praktische, in das wirtschaftliche Leben tief einschneidende Fragen behandelt wurden, hielten auf ihren Plätzen ruhig aus und nicht der Mühe wert, zur Abstimmung in den Saal zn treten. Das Resultat aller meiner Mühen war also ein klägliches, ich bin aber nicht der Mann, welcher so leicht den Mut verliert, und gebe eine Sache nicht früher auf, bis der letzte Wurf gethan ist, — also handelte ich auch in diesem Falle. Ich fuhr hierher zurück und nahm die schriftliche Agitation sosort und mit allen Kräften wieder auf. Zunächst lies; ich jene Briefe an meine Herren Kollegen hinausgehe», in welchen ich einen kurzen Bericht über meinen Mißerfolg erstattete, darauf hinwies, daß die Sache nicht als verloren betrachtet werden dürfe, und darum ersuchte, daß ein jeder der Herren mit seinem Vertreter im Reichstage sofort in schriftlichen Verkehr treten möchte, indem ich die Art und Weise erläuterte, in welcher solches am besten geschehen werde. Ich selbst korrespondierte fortlaufend mit dem Herrn Grafen von Galen und richtete ausführliche, die Sachlage erörternde Briefe an RcichS- tagsabgcordnetc. «Folgen die Namen von 55 Abgeordneten aller Parteien.) Ich schilderte darin nochmals die Notlage unserer Industrie und die Umstände, durch welche der Antrag Galen zu Fall gekommen und bat schließlich um die Unterstützung dieses Antrages für die dritte Lcsnng, sowie um Werbung von Stimmen zu dessen Gunsten. Jedem Schreiben fügte ich eine Abschrift des Galenschcn Antrages und, soweit mein Vorrat reichte, ein zweites Exemplar unserer an den Reichstag gerichteten Petition bei, indem ich daraus hinwies, daß es leicht möglich sei, daß in der ungeheuren Masse von Petitionen (es waren deren an 3Ül)v eingegangen), mit welcher die Herren während der letzten Monate überschüttet worden sind, unsere Eingabe ihrer Aufmerksamkeit entgangen sei, und sie bat, dieselbe nachträglich zu lesen. In dieser Weise auf die dritte Lesung vorbereitet und im Begriffe, die letzten Briefe zu untci zeichnen, erschreckte mich am 8. d. M. Abends eine Notiz in der „Frankfurter Zeitung", unch welcher für die dritte Lesung ein Antrag auf ki> bloci - Annahme des Zolltarifcs, wie solcher aus deu Beschlüssen der zwciteu Lesung hervorgegangen war, mit alleiniger Ausnahme der Position Nr. v (Getreide) gestellt werden sollte, und veranlaßte mich sofort abzureisen nnd znm vierten Male nach Berlin zu gehen. Am nächsten Morgen zeitig im Reichstage, wurde ich von mehreren Herren sofort beruhigt, am vollständigsten vom Grafen von Galen, welcher mir seinen für die dritte Lesung wieder eingebrachten, dieses Mal von 8 Liberalen, 21 Mitgliedern des Zentrums, 8 Mitgliedern der deutschen Ncichspartei und 14 Deutschkonservativcn unterstützten und Tags vorher zur Verteilung gelangten Antrag überreichte. Der neue Antrag bezog sich nur auf die Absätze k und °- der Position Nr. 13 uud war in dieser Hinsicht eine wörtliche Wiederholung des frühereu, die zu Position Nr. 13s, früher beantragte Änderung aber, nach welcher hinter: „Korkholz" die Worte: „auch in Platten oder Scheiben" gestrichen werden sollten, wurde mit meinem Einverständnis nicht wiederholt, da es uns durchaus glcichgiltig sein kann, ob diese Worte im Zolltarif stehen bleiben oder nicht, andererseits aber Exzellenz von Schwcndler mir geraten hatte, nichts zu fordern, was nicht durchaus notwendig sei. An dieser Stelle will ich bemerken, das; ich dagegen allen Vorstellungen, welche darauf hinausliefen, daß wir uns mit einem Zoll von 15—20 Mk. pro 100 >/^ Uhr ausgesetzt und sodann in der Lesung fortgefahren. Endlich kam bei gut besetztem Hause uud nachdem während einer einzigen Stuudc in drei Fällen, in denen das Büreau des Hauses darüber im Zweifel war, ob es mit einer Mehrheit oder mit einer Minderheit zu thun hatte, der sogenannte Hammelsprung ausgeführt worden war, die Position Nr. 13 und der Antrag Galen an die Reihe. Der Herr Antragsteller motivierte dieses Mal schon bei Absatz k auch dasjenige, was er am Absatz A geändert haben wollte, während er bei der zweiten Lesung aus guten Gründen diese beiden Gegenstände auseinanderhielt. In vortrefflicher Rede und von dem warinen Interesse getragen, welches dieser Reichstagsabgeordnete für meine Bestrebungen stets an den Tag gelegt, vertrat er seinen Standpunkt, wiederholte er in großen Zügen — 157 — alles Dasjenige, was zu Gunsten unseres Industriezweiges gesagt werden konnte und widerlegte er nochmals die früheren Ausführungen des Abgeordneten Sonnemann und des Rcgicrungskommissärs Or, von Mayr und erntete dafür die Genugthuung, daß seine Anträge zu Pos. Nr. 13 k und K in Gegenwart des Herrn Reichskanzlers und in zwei getrennten Abstimmungen von einer großen Mehrheit zum Beschlusse erhoben wurden und seitdem Gesetz geworden sind, welches am 1. Oktober d. I. in Krast treten wird. Für den Galenschen Antrag stimmten die deutsch-konservative Fraktion, die deutsche Rcichspartci, das Zentrum und die Sozialdcmo- traten, mit welchen ich schriftlich und mündlich verhandelt hatte, geschlossen, außerdem eine erhebliche Anzahl der auf der linken Seite des Hauses sitzenden Abgeordneten, darunter die Herren Dr. Sommer, Dr. Groß, Dr. Zinn, Jordan, Mosle, Bergcr, v. Bühlcr, Feustcl, Klein, Krcutz, Landmann. Der letzte Hammelsprung hatte die Anwesenheit von 325 Abgeordneten ergeben und ich darf — hierauf fußend — annehmen, daß die beiden Abteilungen des Antrags Galen mit etwa 240 gegen !>v Stimmen angenommen wurden. Nachdem Graf von Galen gesprochen, verlangte der Abgeordnete Sonncmann das Wort, ein vom Freiherrn von Wirb ach rechtzeitig gestellter Antrag auf Schluß der Debatte aber fand die Mehrheit des Hauses und dein Herrn Sonnemann konnte deshalb das Wort zn f und nicht mehr erteilt werden, was für den weiteren Verlauf der Dinge nur vorteilhaft sein konnte, Die Abstimmung erfolgte Abends Uhr und ich hoffe, daß diese Stunde in der Entwicklnng unserer Industrie eiuen Wendepunkt bedeuten wird, mir persönlich aber wird sie in der Erinnerung bleiben als der versöhnende Abschluß eines Vierteljahres großer Aufregung und Sorge. Nachdem ich auch der letzten (8V.) Sitzung beigewohnt hatte, um bei dieser Gelegenheit allen den Herren, welche mich in meiner schwierigen Mission so wohlwollend unterstützt, in meinem nnd meiner Herren Kollegen Namen nochmals zu danken und mich von ihnen zu verabschieden, reiste ich am letzten Samstag, den 13. d. M. hierher zurück, dem Reichstags- abgcordneten Geh. Justizrat Marcard aber, welcher heute noch mit besonderer Liebe an seinem Geburtslande Oldenburg hängt und welcher der letzten Sitzung nicht mehr beigewohnt hat, habe ich am 14. d. M. in einem Schreiben meinen Dank ausgesprochen. Was den ziemlich beträchtlichen Kostenpunkt der beendeten Agitation anlangt, so erlaube ich mir zu bemerken, daß eine Fahrt von Derm- bach nach Berlin oder zurück ca. Mk. 42 kostet, daß ich acht solcher Fahrten — 158 — unternommen habe, daß ich im Reichstagsgebäude an die zahlreiche Dienerschaft im wohlverstandenen Interesse unserer Sache mehr als M k. ISO an Trinkgeldern nach und nach verausgabt habe und daß aus meine persönlichen Ausgaben wahrend meiner viermaligen Anwesenheit in Berlin nur ca. Mk. 480 entfallen. Ich schließe meinen Bericht, indem ich einem Auftrage des Grafen von Galeu entspreche und glaube dessen Wunsch am besten zu erfüllen, indem ich ihn selbst reden lasse. Der genannte Herr, dem wir zu großem Daukc verpflichtet sind und dem ich mitgeteilt hatte, daß wir in Hannover mit dem Versprechen voneinander geschieden seien, nns in diesem Jahre noch einmal und zwar am Rheine zusammenzufinden, um die jetzt bestehende lockere Vereinigung in eine feste und bleibende Organisation umzuwandeln, sagte mir beim Abschiede: „Grüßen Sie Ihre Herren Kollegen von mir, sagen Sie ihnen, daß ich mich aufrichtig gefreut habe, diesen Erfolg für sie errungen zu haben, sagen Sie ihnen aber auch, daß es jetzt an ihnen sei, dieses gute Resultat zu einem bleibenden zu machen, indem sie sich als die Söhne eines Vaterlandes betrachten, indem sie sich aneinandcrschlicßen und indem sie die seither durchlaufene Bahn einer rücksichtslosen, grundsatzlosen und schließlich selbstmörderischen Preiskonkurrenz verlassen und an deren Stelle den Grundsatz „Leben und leben lassen" gelten lassen, sie im wohlverstandenen eigensten Interesse handeln werden. Sagen Sie ihnen, daß ich aus der einen Seite nur den nackten, grassen Egoismus erblicken kann, während ich auf der anderen Seite dasjenige sehe, was uns das Christentum lehrt und sagen Sie ihnen endlich, daß ich mich freuen werde zu hören, daß die von Ihnen so sehr gewünschte und gegenseitigen Schutz bietende feste Organisation ins Leben getreten ist: zum Vorteile der deutschen Korkindustriellen und zum Vorteile ihrer Arbeiter." Ich habe diesen Worten nichts hinzuzufügen, ich spreche nur den Wunsch aus, daß die nächste Versammlung anfangs September d. I. stattfinden möge, da ich während der zweiten Hälfte des cbengenannten Monates an den Sitzungen der weimarischen Gewcrbckammer teilnehmen muß und richte an alle diejenigen Herren, welche in Hannover — sei es persönlich, sei es durch Bevollmächtigte — vertreten waren und als deren Mandatar ich mich bisher betrachtet habe, meinen kollegialischcn Gruß. Dermbach, den 17. Juli 1879. (gez.) OScar Dittmar. ' ! Geht die Welt besseren Zeiten I entgegen!' *) Aus der „Nation" vom t>. November 1886. <^as ist die Frage, welche in diesem Augenblick aller Orten zugleich ertönt. Daß sie überhaupt laut wird, ist ohne Zweifel schon an sich ein günstiges Zeichen. Lange, sehr lange hat es gedanert, ehe sie sich hervorwagte, und auch jetzt tritt sie nur mit sichtbarer Zurückhaltung auf, mit einer gewissen Furcht, beim Wort genommen zu werden. So viele Jahre hindurch hatte man gehofft, daß es endlich wieder aufwärts gehen müsse, nud immer wollte es sich nicht wenden. So sieht man schüchtern und mißtrauisch den Dingen ins Gesicht, selbst wenn sie anfangen, eine freundliche Miene zu machen. Lells ?llilis, ou, ctsssspsi-s alors lzu'on «sxöi's tou^oui-s. Auch in der Presse ward schon vor einiger Zeit die Aufmerksamkeit auf gewisse Erscheinungen hingelenkt, welche als Symptome einer aufsteigenden Bewegung gedeutet werden konnten. Und viel früher, bereits im Febmar 1886*) habe ich selbst im Reichstag denen, weiche wieder einmal alle Schmerzen aus dem einen Puukt der Doppelwährung kurieren wollten, die Mahnung zugerufen, nicht durch ein halsbrechendes Experiment eine nach gewissen Wahrzeichen vielleicht gerade jetzt sich vorbereitende Besserung zu hintertreiben. Wenn in allen diesen Äußerungen dem Zweifel ein breiter Raum gelassen war, und wenn heute angesichts zahlreicher sich häufender und stark charakterisierter Vorgänge die Hoffnung *) Sitzung vom 10. Februar 1886, S. 989 des stenogr. Berichts. Ludwig Bambcrger'S Gcs, Schriften. V. H — 162 — t doch nicht zu Worte kommt, ohne vor allzu raschem oder großem Vertrauen zn warnen, so ist dafür außer der Nachwirkung des taugjährigeu Druckes uoch mancher andere gute Grund vorhanden. Zum Beispiel das Bedenken, sanguinische Vorstellungen zu erregeu, welche geeignet wären, in eine gesunde Rückkehr der Kräfte sofort einen neuen Todeskeim zu legen. Man erinnert sich daran, daß in der Wende des Jahres 1379 auf 1830 ein guter Aulauf von jenseits des Ozeans genommen und zu uns herübergetragen wurde, daß aber alsbald ein Rückschlag die kaum erblühten Hoffnungen wieder zerstörte. Wie die Menschenuatur immer aus Kontrasten zusammengesetzt ist, so entspringt an derselben Stelle, wo langjähriger Druck unüberwindliche Entmutigung zurückgelassen hat, auch wieder der Draug, mit um so größerem Ungestüm, die kaum gewahrte Fährte wieder verheißenen Glückes zu verfolgen. Gerade aus England wird jetzt ein solches Kuriosum gemeldet. Das Land, wo man sich seit Jahren am meisten die Köpfe zerbrach, wie den Ursachen des schweren auf den Geschäften lastenden Druckes auf die Spur zn kommen sei, wo man eben noch Folianten mit den Verhören der vom Parlament veranlaßten königlichen Kommission*) augefüllt hat, England ist plötzlich dieser Tage Zeuge eines jener Anfälle toller Spielwut gewesen, dergleichen mau ehedem nnr ans dem Höhepunkt langer Schwindelperioden erlebte und als warnende Exempel im Gedächtnis zu bewahren Pflegt. Eine große Bierbrauerei, die von Guineß & Co. in Dublin, ist, wie man ehedem bei uns sagte, „gegründet" worden. Die bisherigen Besitzer haben ihr Geschäft einer Aktiengesellschaft abgetreten und dafür den Preis von k Millionen Pfnnd Sterling, rund ko^al OommiLsion axxointsä to inPiiro into tko «Zepi'SWion ok trg,äo emä industr^. ! — 163 — 120 Millionen Mark, eingethan, nicht etwa das Inventar und den Betriebsfonds mit einbegriffen, sondern nur als Gegenwert des kapitalisierten künftigen Geschäftsgewinns. Für Inventar und Betrieb ist daneben eine Summe von I., 8t. 2 800 000 vorgesehen. Aber nicht diese für den Gewinn eines einzigen landläufigen Unternehmens gezahlte fabelhafte Summe ist es, welche hier am meisten überrascht hat, sondern der Taumel, der sich des kleinen Publikums bemächtigte, als die Aktieu des neuen Unternehmens zur Beteiligung aufgelegt wurden. Nach den aus London kommenden Schilderungen müssen sich da Szenen abgespielt haben, wie sie uns aus Law's Zeiten in der Chronik der ras HuinLg.lnxvix verzeichnet sind. Die einfachen Formulare zur Anmeldung, welche das mit der Ausgabe betraute Bankhaus Baring, natürlich unentgeltlich, versandt hatte/ sollen mit zehn und fünfzehn Schilling bezahlt worden sein; aber vergeblich, denn als am Morgen des für die Zeichnung bestimmten Tages die Menge sich zu den Pforten des Bankhauses herandrängte, fand sie an denselben die Kundmachung angeschlagen, daß bereits alle Aktien vergeben seien, worauf der Zudrang und der Unwille dermaßen ausbrachen, daß die Thüren wörtlich in Stücke geschlagen wurden. Splitter derselben sind nach der Hand herumgezeigt und verdientermaßen als Merkwürdigkeit uach Hause getragen worden. Dabei muß noch erwähnt werden, daß, wenn dem ersten englischen Fachblatte, dem „Eeonomist", ein Urteil zusteht, die Aussichten dieser Aktien nach einfacher Wahrscheinlichkeitsberechnung gar nichts Verführerisches aufweisen. Nur die Wahrnehmung, daß ein Reingewinn von elf Millionen Mark (im letzten Jahre) möglich ist, hat als berückendes Zahlenmoment auf die Phantasie der Menge gewirkt. Und das ist das Gefährliche an der Wirkung langgestreckter Stillstandsperioden. Die Erinnerung 11' — 164 — an die bitteren Enttäuschungen der Gründerzeiten ist erblaßt, die Phantasie verjüngt sich und — nicht zu vergessen: auch in Zeiten, die wir jetzt schlecht nennen, die es aber nur im Verhältnis zu vorausgegangenen schwungvollen sind, häufen sich die Ersparnisse, sinkt der Zinsfuß, und beide vereint nähren eine Ungeduld, welche den Verführungen der Phantasie bereitwillig entgegen kommt. Wenn man in solchen Erwägungen schon Grund genug findet, sich mit der Verkündigung wieder anbrechender Morgenröte nicht zu übereilen, so sind eben diese Erwägungen doch nur sekundärer Ordnung. Der Hauptgrund für die Enthaltsamkeit liegt tiefer. Nämlich in der allumfassenden Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnis: dem Wissen des Nichtwissens. Bekanntlich wächst die Zuversicht in das eigene Erkennen im umgekehrten Verhältnis zum Wissen von den Dingen. Zu einem schnellen und sicheren Urteil über den Zusammenhang verborgener Ursachen und Wirkungen gelangen immer diejenigen, welche keine positiven Kenntnisse von der bestimmten Sache, wenig Logik und etwas Phantasie besitzen. Dies trifft beinah überall zu, am meisten aber in medizinischen Sachen. Ich bin viel sicherer, eine positive Antwort über die Natur eines Leidens und dessen Behandlung zu erhalten, wenn ich bei einem Bekannten, und gar bei einer Bekannten Besuch mache, als wenn ich meinen Arzt konsultiere. Daher es auch kommt, daß das Publikum, welches von Wissen und Nichtwissen überhaupt abenteuerliche und dunkle Vorstellungen hat, allzeit so weidlich über das Nichtwissen der Mediziner loszieht, auch sobald einer gestorben ist, weiß, wie er hätte gerettet werden können. Mit den wirtschaftlichen Krankheiten geht es ähnlich wie mit den leiblichen. Die größten Ignoranten sind immer im Besitze der unfehlbarsten Kur- methoden. Wenn man sie nur machen ließe, wäre die Welt — 165 — alsbald vom jeweiligen Übel erlöst. Der eine erklärt alles aus dem Wüten der inneren Konkurrenz, der andere aus der Überschwemmung mit fremden Produkten. Zuletzt hatte sich eine andere Weisheit als die ausschließlich richtige und unwiderlegliche Offenbarung breit gemacht, die Verdrängung des Silbers aus dem Geldumlauf sollte an allem Elend schuld sein: lasse man es wieder herein und allen ist geholfen. Merkwürdigerweise scheint jetzt die Besserung einzutreten, ohne daß auch nur das Geringste von diesem Rezepte zur Anwendung gekommen wäre. Die Preise der wichtigsten Waaren steigen in beiden Erdhälften, zum Teil in ganz beträchtlichem Maße, aber im Gebrauch und in der Gesetzgebung des Silbers hat sich nicht das Geringste verändert. Welche Erklärung wird man jetzt geben? Ich habe die Muße dieses Sommers benutzt, um die drei Blaubücher durchzugehen, welche die vorhin genannte Kommission zur Untersuchung der Geschäftsdepression in England veröffentlicht hat. Eines ist mir dabei besonders ausgefallen. Die vernommenen Sachkundigen erscheinen am beredsten in Beantwortung der Fragen, die sie nicht aus eigenem Wissen, sondern nur mittelbar und annähernd beurteilen können; in demselben Verhältnis sind sie bereit zu Vorschlägen der Abhilfe, welche dann in der Regel auf etwas hinauslausen, was die Regierung auf allgemeine Kosten für sie thnn solle. Die Bestuuterrichteten und die sichtlich Klügsten sind die Mäßigsten in Angabe von Gründen sür allgemeine Erscheinungen und in Mitteln zn deren Behandlung. Wenn jetzt oder später — denn einmal kommen wird sie doch — die dauernde Besserung eintritt, so soll mir einer sagen, ob eine einzige der auf die 14 255 gestellten Fragen erteilten Antworten sich ein Verdienst darum erworben hat. Die Welt ist dann vorwärts geschritten, ohne von diesen Foli- — 166 — anten etwas zn wissen, und die Folianten sind zu ihren Vorgängern versammelt. Nicht als ob aus sorgfältig gesammelten Beobachtungen über Vergangenes nicht etwas zu lernen sei über die Ursachen des Geschehenen und als ob nicht aus solcher Einsicht manches zu lernen sei für das Verhalten in der Zukunft. Aber zu lernen ist daraus, wenn irgend etwas, hauptsächlich was man nicht thun, was mau an Fehlern vermeiden soll. Diätetik ist auch hier der Gesuudheitskunst besserer Teil. Oder hat vielleicht die Untersuchung der großen nnd kleinen Krisen, welche Handel und Gewerbe seit Anfang dieses Jahrhunderts durchgemacht habeu, auch nur die Klügsten und Bestunterrichteten jemals in den Stand gesetzt, auf einige Wochen voraus zu sagen, wann eine Krisis eintreten oder wann eine zu Ende gehen werde? In Hunderten von Bänden sind die Enqueten niedergelegt, gelehrte und ungelehrte Bücher ohne Zahl sind darüber geschrieben worden. Wer sie alle gelesen und im Geiste gegenwärtig hätte, vermöchte wahrscheinlich nicht einmal in dunklem Ahnungsvermögen bevorstehender Wendungen den Einzelnen zu übertreffen, der in der praktischen Führung eines einzigen Geschäftszweiges mit seinem durch den Kampf ums Dasein ausgebildeten elementaren Spürsinn das Nahen gewisser Veränderungen herausfühlt. Und darin liegt auch gar nichts Unnatürliches. Es erklärt sich einfach aus der Unendlichkeit des mannigfaltigen Lebens, dem die Kombinationen der wechselnden Erscheinungen entspringen. Diese unendlichen Kombinationsmvglichkeiten sind es, die jeder Vorausberechnung auf einigermaßen längere Entfernung in Zeit und Raum spotten. In dem Maße, als der Schauplatz des Getriebes von Handel und Gewerbe sich über den Erdkreis ausgedehnt, sich technisch vervollkommnet und in immer schnellere wie engere Berührung gesetzt hat, sind diese — 107 — unendlichen Kombinationen vielfältiger und intimer geworden. Wer kann schildern, wie heute von Tientsin bis San Francisco alles zusammenhängt und ineinandergreift! Möchten doch die klugen Leute, welche eine „planmäßige Produktion" harmonisch ewig gleicher Verlaufsweise ausarbeiten wollen, nur einmal ihren Blick in das Getriebe eines einzigen Weltgeschäftes werfen, um eine Ahnung von allen großen uud kleiuen Dingen zu gewinnen, die in unausgesetzter Veränderlichkeit sich untereinander bedingen und verketten. Auch den großen Herren und Gesetzgebern, welche die Regelung von Handel und Wandel unter ihrer Verantwortlichkeit, aber freilich uicht auf ihre Gefahr, am Schnürchen zu führen verlangen, wären solche Studieu zu empfehlen. Wie nützlich wäre es, wenn vor jeder Parlamentsverhandlung über Zölle die Herren RegiernngSkommissare nur ein einziges Aktenstück wie z. B. den neuesten Handelsbericht des großen Dresdener Handelshauses Gehe Co. durchlesen wollten! Ich halte sie für ehrlich geuug, daß ihnen doch etwas um ihre Gottühnlichkeit bange werden würde, wenn sie gewahrten, aus wie zahllosen, ihnen unbekannten Artikeln sich der Umsatz eines solchen einzigen Hauses zusammensetzt. Und doch gehören alle diese Artikel dazn, damit das Leben sich so unter unseren Augen abspiele, wie wir es ahuungslos mitleben. „Ein Jeder lebt's, nicht Jedem ist's bekannt." Keine obrigkeitliche Weisheit, keine sozialpolitische Professoren- versammlnng hat den Tausenden, die alle in der Stille, jeder an seinem Ort, die Herstellung uud Vermittlung dieser Dinge besorgen, einen Befehl oder eine Anleitung dazu gegeben; jeder dieser einzelnen Artikel hat wieder seine eignen wechselnden Schicksale im Laufe des Jahres durchgemacht, bald aus erklärlichen, bald aus, auch dem Eingeweihtesten, unerklärlichen Ursachen! Nachzuleseu, was sich z. B. mit der einzigen Chinarinde seit zwölf Monaten zugetragen hat, — 168 — gewährt einen tieferen Einblick in die Natur des heutigen Wirtschaftslebens, als alle Lehrbücher der gesamten historischen Schule der Nationalökonomie, die sich auf ihreu augeblichen, in Wahrheit nur um so mehr doktrinären, Realismus so viel zugute thut. Warum haben alle über den nächsten Preisgang dieses Artikels angestellten Berechnungen ihren Dienst versagt? Wie verhielt es sich doch damit, daß die Preise nicht steigen wollten, obgleich in Ceylon nur noch ein Viertel der früher in gleicher Epoche vorhandenen Rindenmenge existieren sollte, und daß trotz guter Aussichten die Neupflanzung vou Chinchouabäumen ganz unterblieb? Wuchs die Ausfuhr, nur weil die Plautageubesitzer besonderen Geldbedarf hatten, eben deshalb aber auch zur Anpflanzung von Thee schritten, nnd ist es richtig, daß nun einerseits diese Theestauden uuter deu Chiuchonnbänmen nicht gediehen, andererseits aber auch das Wachstum dieser Bäume durch die Stauden beeinträchtigt ward? Hat es seine Nichtigkeit, daß in Java eine rasche uud bedeutende Zunahme des Rindenertrages zn gewärtigen war und die Pflanzer von Ceylon deswegen sich eilen mußten, ihre Vorräte abzugeben? Daß die Vermutung aus der großen Menge der vorgebrachten Wurzelrinden nahe gelegt war? Der Bericht antwortet auf alle diese Fragen, daß es nicht möglich sei, die Genauigkeit dieser Angaben zu prüseu uud sich ein Urteil darnach zn bilden. Aber wir erfahren beiläufig uvch, daß nicht bloß die Einwirkung vou Ceylon uud Java, sondern noch Umgestaltungen in Bolivia, in Kolumbien, in Ostindien, in Jamaica, in den portugiesischen Besitzungen von Afrika, auch iu Guayaquil, Puerto-Cabello und Maracaibo ihren Einfluß ausübten. Alle diese Orte und ihre Erzeugnisse vibrieren durch deu Telegraphendraht täglich zusammen, uud der neueste Preisstand ist das jeweilige Gesamtresnltat ans den Kombinationen aller dieser — UZN — Vibrationen. Und wie bei dieser Ware, so ist es bei jeglicher, und je nachdem das Geschäft in der einen auf- oder abgeht, empfinden das wieder Zweige, die scheinbar ganz entfernt davon liegen. Das Bild von der „kleinen Welt" der menschlichen Gesellschaft, das einer unserer Novellisten so hübsch bearbeitet hat, paßt noch viel mehr auf das Treiben in der Geschäftswelt. Je größer die Welt wird, desto kleiner wird sie, je mehr das Netz sich ausspannt, desto dichter wird es, desto mehr laufen die Fäden ineinander und übertragen ihre Bewegungen von einem auf die anderen. Kleinigkeiten, an die wir jahrelang nicht erinnert werden, setzen die äußersten Enden der beiden Hemisphären gegeneinander ins Spiel. Wer denkt sich beispielsweise, daß die spanische Fliege Gegenstand eines vielbewegten und der Spekulation ausgesetzten Marktes seiu könnte? Zunächst kommt diese „spanische" Fliege aus Rußland, uud zwar sind Poltawa uuo Nischny die Hauptstapelplätze dafür. Aber auch Sizilien, Rumänien und Ungarn liefern ihre Beiträge, mit denen wieder China in Konkurrenz liegt. Überall hängt viel von der Witterung ab, wie weit es dem Fleiß der Einsammler gelingt, ihren Teil zu den Vorräten zu liefern, die iu London und Hamburg lagern. Vou dem Medikament der neuesten Mode, dem Coccnn, bis zu der au jedem Waldweg wachsenden Heidelbeere hat jeder Artikel nicht nur seine Rubrik, sondern sein eigenes Schicksal im Auf- und Niedergang. Während die schönen Coeablätter aus Bolivia durch Zufuhr aus Peru und Truxillo im Preise stark gedrückt und durch eine An- Pflnnzuugskonkurrenz in Ceylon und Java bedroht wurden, „sind Heidelbeeren in vielen Gegenden nnr spärlich gediehen, so daß auch aus deu besseren Distrikten die Forderungen hoch lauten; für Export war lebhafte Nachfrage, ebenso nach getrockneten Fliederbeeren, welche zur Zeit vergriffen sind." Ach Horatio, wie viel geht doch, vom Himmel gar — 170 — nicht zu reden, nur auf dieser gemeinen Erde vor, wovon sich Eure Handels- und sozialpolitische Weisheit nichts träumen läßt! Das Wichtigste uud Entscheidendste in dieser unermeßlichen Welt des unendlich Kleinen und Großen ist, daß, wenn man auch die Kenutuis von allen diesen Vorgängen in einem gegebenen Moment in einem Kopfe zusammenfassen könnte, derselbe doch nicht imstande Märe, einen Schluß für die nächste Zukunft daraus zu fasse». Wenn sich Jemand mittags zwölf Uhr an den Eingang der Londoner oder Berliner Börse stellte und jeden Eintretenden auf seine An- uud Absichten Prüfte, würde er doch nicht imstande sein voraus zu sagen, wie die Kurse nm 3 Uhr sich stellen werden. Ein Drahtbericht aus Birma oder Seoul könnte alles über den Haufen werfen. Darnm werdeu Auf- und Niedergang der Gesamtheit der Weltgeschäfte immer erst zu konstatieren sein, wenn sie da sind, und auch daun ist mit Vorsicht abzuwarten, ob sie Dauer und Widerstand zu leisten geeignet erscheinen. Viele Bücher sind über die Geschichte der Handels- und Geldkrisen geschrieben worden. Selten hat man die Frage zu beantworten gesucht, welches das durchschnittliche Lebensalter einer Krise sei? Viel öfter ist die Frage nach der Dauer der Gesundheitsperioden behandelt worden. Gelehrter Scharfsinn und pessimistische Sozialdoktrin haben ihren Witz aufgeboten, systematische Wiederkehr geheimnisvoller Zahlenreihen zu konstruieren. Nach je fünf oder zehn Jahren sollte die „Planlosigkeit" des Weltgetriebes regelmäßig durch ein Strafgericht unterbrochen werden. Aber die Thatsachen wollen sich doch nicht einrenken lassen, ja über die Existenz der Thatsachen selbst laufen die Meinungen auseinander. Nach einigen Schriftstellern haben im letzten Jahrhundert Krisen erlebt die Jahre 1793, 1795, 1797, 1N10, 1811. — 171 — 1816, 1825, 1832, 1836, 1837, 1839, 1840, 1847, 1857. von neuesten Zeiten nicht zu reden. Wogegen Robert Peel 1847 in seiner berühmten Rede über die Currency - Bill meinte, seit 1806 hätten nur vier große Krisen stattgefunden, 1825, 1832, 1837 und 1839. Der berühmte Statistiker Tooke wollte zwei davon nicht gelten lassen, er ließ seit der Neige des vorigen Jahrhunderts nur vier im ganzen zu: 1792 bis 1793, 1810 bis 1811, 1825 und 1847. Wären die Dinge dieser Art überhaupt berechenbar, so würde es uns jetzt viel mehr interessieren, nachzuforschen, wie lange eine solche Krise wohl in der Regel dauern möge. Gerade iu diesem Punkt unterscheiden sich die Gesamt- erscheinnngen dieser Art in der Neuzeit von allen früheren. Wie es schon im Sinne des Wortes liegt, verstand man ehedem unter Krise eine kurze, vorübergehende Unterbrechung des normalen Geschäftsganges. Eine Krise von einjähriger Dauer galt schon für ganz unerhört und auffallend lauge, so die vou 1836 auf 1837. Dagegen, wenn wir unsere Erlebnisse aus den letzten 25 Jahren ins Auge fasfen, müssen wir uns sagen, daß die rückgängige Bewegung, weuu sie jetzt zu Ende gehen sollte, mit kurzen Unterbrechungen an dreizehn Jahre gedauert hätte. Aber das weist eben darauf hin, daß von einer Krise im wahren Sinn des Wortes hier nicht gesprochen werden kann. Das Abnorme waren nicht die Zeiten von 1873 bis heute, sondern die von 1871 bis 1873, welche als Maßstab dienen mußten, um gewaltsame Anstrengungen der Gesetzgeber zur Aufrechthaltuug jenes abnorm hoheu Standes heraufzubeschwören. Aber diese lange Dauer der relativ zurückgegangenen Bewegung hat noch eine viel tiefere Bedeutung. Es handelt sich nämlich hier nicht, wie in früheren Krisen, um den Gegeuschlag einer vorausgegangenen Bewegung, sondern um die dauernde organische Einwirkung gewaltiger — 172 — Umgestaltungen in der großen Gesamtheit von Produktion und Verkehr. Diese Dinge sind in den letzten Jahren so oft besprochen worden, daß es überflüssig ist, hier ausführlicher auf sie zurückzukommen. Und wenn es schon so schwer ist, die Dauer einer gewöhnlichen Krise voraus- zubestimmen, so stehen wir einer ganz anderen und größeren Aufgabe gegenüber, da, wo es sich darum handelt, eine neue Wendung zu erkennen in der gegenwärtigen Lage, die allerdings zwar auch aus Elementen einer Krise, jedoch überwiegend aus Elementen einer welthistorischen Umbildung des gesamten Kulturapparates zusammengesetzt ist. Wenn heute mit Wohlgefallen eine Preisbewegung nach oben verzeichnet wird, so ist einzuräumen, daß diese aufsteigende Bewegung als Symptom allerdings erfreulich ist, weil sie beweist, daß die Nachfrage, die Konsumfähigkeit, die Lebenslust und Lebenskraft im Verhältnis zu den vorhandenen Vorräten gewachsen sind. Höhere Preise aber an sich sind keine Wohlthat. Das ist eben der Unterschied zwischen Verstand uud Unverstand in wirtschaftlichem Urteil. Weil steigende Preise unter gewissen Umstünden ein Zeichen der Besserung der allgemeinen Verhältnisse sind, glaubt der Unverstand, durch Zölle und Zünfte die Preise steigern zu sollen, um besfere Verhältnisse zu erzeugen. Die richtige Auffassung sieht das Gedeihen in dem Gleichgewicht einer stetig wachsenden Produktions- und Konsumtionsfühigkeit, bei welcher die Produktion stets dahinterher ist, wohlfeiler zu erzeugen uud damit den Kreis der Konsumtiousfähigkeit auszudehnen. Wenn wir endlich wieder in eine gesunde und aufsteigende Bewegung hineingelangen sollten, so wäre sie das Ergebnis der unwiderstehlich weiter arbeitenden Kulturentwicklung, der es gelungen wäre, trotz aller künstlichen Teueruugspolitik so wohlfeil zu produzieren, daß die Aufnahmefähigkeit der Welt wieder die Uberhand gewonnen hätte. sonderbarer Schwärmer, der diese Frage aufwirfr, denkt der Mensch und meint, die Antwort könne nicht zweifelhaft sein. In seiner Einfalt meint der Mensch, er esse um satt zu werden. Es gab eine Zeit, in welcher nicht bloß gewöhnliche Sterbliche, sondern sogar große Staatsmänner dieser Ansicht huldigten und daher auch die gelehrtesten Professoren der Nationalökonomie sich zu ihr bekannten. Aber wie doch sagt man jenseits der Vogesen? ^ous g-vons ong-nAs Wut osls.. Zu dem Vielen, was wir in den letzten zehn Jahren von unseren Nachbaren gelernt haben, gehört auch dies, das oliAUAki- tout osla. Ein deutscher Mann kann keinen Franzmann leiden, doch seinem Beispiel folgt er gern. Man könnte ruhig jede Wette darauf eingehen, aus den Verhandlungen der französischen Parlamente bis sieben- zig Jahre zurück die schlagendsten Parallelstellen zu allem zu findeu, was jemals im deutscheu Reichstag als neueste Weisheit zum Schutz der nationalen Wirtschaft mit ethischen: Schwung vorgetragen worden ist. Die Schlagworte zumal, bei deren pathetischem Erklingen stürmischer Beifall zur Reduerbühne oder Miuisterbauk hinauf jubelt, wurden vor mehr als einem halben Jahrhundert vvu Männern erfunden, die, wie jener Monsienr de St. Erica oder Mimerel seitdem in der Geschichte der Nationalökonomie als komische Figuren — 176 — weiterlebten, bis einige Zeit nach Errichtung des neuen Deutschen Reichs allmählich der Geist von Krähwinkel wieder mit neuer Macht seinen siegreichen Flug über die Welt zu nehmen begann und die Weisheit jener französischen Vorläufer der heutigen Wirtschaftsreform auch bei dem Volk der Denker zu den höchsten Ehren brachte. So oft man die vergilbten Blätter jener Annalen aufschlägt, erstaunt man immer von neuem, darin den leibhaftigen Doppelgängern der Gestalten zu begegnen, die sich im Vordergrund unserer neuesten Geschichte bewegen. Heute treten sie auf als die Ankläger des Weizens, der, aus Indien und Amerika kommend, Europa mit seinem Un- segen überschwemmt. Damals war es der Weizen von Südrußland, der, aus Odessa nach Marseille einlaufend, ihre Verwünschungen auf sich lenkte. Im Jahre 1817 hatte eine Hungersnot ihn herbeigezogen, aber kaum war das dringendste Bedürfnis befriedigt, so erhob die agrarische Kasfan- dra — noch im selbigen Jahr — ihre Warnungsstimme vor dem Untergang, der dem heimischen Ackerban drohe. So wurden die ersten Kornzölle beschlossen. Und, genau wie bei uns, wurde die Absicht der Preissteigerung nicht erreicht, weil alsbald der Segen dreier guter Ernten die volksbeglückenden Absichten der Brotverteuerer zu nichte gemacht hatte. Weshalb im Jahre 1821 ein neuer Ansturm mit dem Verlangen nach abermaliger Erhöhung der im Jahre 1819 beschlossenen Zölle unternommen ward. Und wieder genau wie heute gab es auch schon dazumal heroische Gestalten, welche» Blödigkeit in der Formulierung ihrer Wünsche nicht vorzuwerfen war. Eine von vielen Abgeordneten unterzeichnete Eingabe sprach sich rund heraus und in klaren Worten dahin aus, daß „jegliche Einfuhr fremder Körnerfrüchte streng verboten werden sollte". Freilich konnte man noch damals diesen Anmaßungen gegen- — 177 — über mit einer Aufrichtigkeit verfahren, für die wir heute zu artig geworden sind. Als Benjamin Constant in einer Rede gegen die Zölle von den Anhängern derselben in der auch uns bekannten Weise mit fortwährendem Geräusch übertönt und unterbrochen wurde, rief er ihnen von der Reduerbühne herab zu: „Die überschäumende Manier, mich jeden Augenblick zu unterbrechen, die sich der Grundbesitzer bemächtigt hat, verhindert mich an weiterer Auseinandersetzung. Ich begnüge mich deshalb damit, Ihnen zu sagen, daß es beklagenswert ist mitanznsehen, wie Sie sich bemüheu, die Nahrungsmittel zu verteuern, die auf Ihren eigenen Ländereien wachsen und in Ihren eigenen Speichern angesammelt sind". Natürlich ward auch damals schon das berühmte Lied gesungen: Hat der Bauer Geld, hats die ganze Welt. Charles Dupin führte im Jahre 1831 die Theorie aus, daß der Arbeiter sich bei hohem Getreidepreise besser stehe, weil er dadurch höhereu Lohn erhalte, uud eiu anderer Redner sprach mit derselben Verachtung, deren Zeugen auch wir gewesen sind, von dem Irrtum, daß billige Nahrungsmittel etwas Gutes seieu. Ja ein sonderbares Natnrspiel wollte, daß die krassen Schutzzölle ihre Entstehung einer Legislatur verdankten, die auf ein politisches Attentat - die Ermordung des Herzogs von Berry (1820) — folgte, wie dies bei uns 1878 nach dem Attentat Nobiliug geschah. Natürlich durfte die Viehzucht hinter dem Ackerban nicht zurückstehen. Es wurden auch damals schon schwer zu kontrollierende Berechnuugeu darüber aufgestellt, wie hoch sich die Gestehungskosten eines jeden Ochsen beliefen, und daraus gefolgert, daß nur mit eiuem Schutz von fünfzig Franken das Stück die Aufzucht noch möglich sei. Es war die Zeit, da Marschall Bugeaud das berühmte geflügelte Wort sprach: lieber als die Herden der ungarischen Ochsen würde er die Heere Rußlands und Österreichs in Frank- Ludwig Bambergers Ges. Schriften. V. 12 — 178 — reich einbrechen sehen, heute würde er sagen die Prussiens. Die Kunstbutter war noch nicht erfunden, aber die Ölmüller von Flandern reichten allen Ernstes eine Petition ein gegen die Konzessionierung von Gasanstalten, die ihnen eine illegitime Konkurrenz machten. Schließlich kam es auch dort so weit, daß die Nimmersatten der nationalen Wirtschaft von der Negierung schon hier und da im Interesse eines Minimums von öffentlichem Anstand gezügelt werden mußten. Man sieht, auf Originalität kann das neue Deutsche Reich des praktischen Christentums keine Ansprüche machen gegenüber dem fränkischen Bourgeoisstaat der Restauration uud der Julimonarchie. Nur in einem Punkte hat sich Frankreich von jeher vorteilhaft vor Deutschland ausgezeichnet. Die Wissenschaft hat sich niemals zur unterthänigen Magd der Regierungsweisheit herabgewürdigt. Von dem hochmütigen Dreinreden wie von der servilen Anpassung akademischer Schulmeisterpolitik ist man jenseits frei geblieben. Während in der Staatspragmatik Frankreichs, abgesehen von den sechziger Jahren, seit Anfang des Jahrhunderts das Schutzzollsystem herrschte, ist die Wissenschaft, sowohl die offizielle als die freie, offen und ehrlich den Überlieferungen der Smith-Sayschen Lehre treu geblieben. Im Jahre 1848, kurz vor dem Ausbruch der Revolution, erboste sich jener obenerwähnte Abgeordnete nnd Vizepräsident der Kammer, Herr Mimerel, über dies Verhalten so sehr, daß er erklärte, er habe von der Regierung verlangt, sie solle einen Lehrstuhl der schutzzöllnerischen Nationalökononne gründen, um den Doktrinen, die im College de France gepredigt würden, Widerspruch entgegenzusetzen. Bei uus bedarf es so grausamer Maßregeln nicht. Das Gesetz des akademischen Darwinismus fördert immer eine Anzahl strebender Geister zu Tage, welche im Kampf ums Dasein sich den — 179 — klimatischen Bedingungen des offiziellen Wohlverhaltens mit schwungvollen Evolutionen anzupassen verstehen. Doch zurück zu unserer Frage! Warum esse ich? Die Antwort lautet heute wie dazumal: „Du issest, damit ich satt werde." Das und nichts Anderes besagt das Begehren, daß das Korn teurer gemacht werden müsse. Darauf läuft — reden wir vorläufig nur vom Korn — alles hinaus, und wenn es nicht darauf hinauslaufen soll, warum der ganze Lärm nach hohen Kornzöllen? Wer seinen Hnnger mit Brot stillen will, ist durch den einfachsten Gang der natürlichsten Logik darauf hingewiesen, daß, je weniger Schwierigkeiten ihm in der Anschaffung dieses Brotes bereitet werden, desto gewisser er zu seinem Ziele kommt. Kein Schriftgelehrter, kein Feldherr, noch so siegreich, und kein Staatsmann, noch so ruhmgekrönt, können diese einfache Logik aus der Welt schaffen. Wer Brot essen will, verlangt nicht zu den möglichst schweren, sondern zu den möglichst leichten Bedingungen den Zweck zu erreichen, daß er satt werde. Aber da kommen die gewichtigen Leute, welche die Gesetze machen uud geben dem Brotesser mit Weiser Miene die Aufklärung: Du irrst, mein Freund, nicht damit du satt werdest, verlaugt dein Magen nach Speise, sondern damit andere satt werden. Drum sollst du das Brot in Zukunft teurer bezahlen, d. h. du sollst entweder einiges Brot entbehren, oder andre Dinge, die du für dein Geld, wenn dn dessen übrig hast, kaufen könntest. Und dies Mehr an Geld soll denen zu gute kommen, die das Korn verkaufen, damit für sich selbst mehr Brot zu kaufen, wobei nicht ausgeschlossen, daß sie schon soviel bereits besitzen, um sich für die von dir erlangte Preiszulage unter Umständen Kuchen, 12* — 180 — ja sogar Champagner, oder noch mehr Champagner als bisher kaufen zn können. Wie kommt es nun, daß über dies sonderbare Verlangen der Brotesser nicht stutzig wird? Es giebt verschiedene Mittel, solcher Wirkung vorzubeugen. Das landläufigste bis auf diesen Tag besteht darin, daß der, welcher das Verlangen stellt, seinen eigenen Hunger au die Stelle zu setzen, wo der Huuger des Essenden steht, niemals im eigenen Namen sprechend auftritt. Niemals wird er sageu: Mein lieber Peter, Sie sollen Ihr Brot essen, damit ich, der Paul oder, wie es in diesem Fall richtiger heißen muß, der Herr von, auf und zu Paul satter werde. Gott bewahre! Der brave Mann spricht nie für sich. Er denkt und redet immer nnr für Andere. Und wer sind diese Anderen, denen seine Nächstenliebe zu Hilfe kommt! Wären es Menschen, so möchte man vielleicht mit einiger Verwunderung gewahren, daß es gewöhnlich solche sind, die genau dasselbe Geschäft treiben wie er. Aber wenn es höhere Wesen sind, gar keine Menschen überhaupt, dann dürfen solche Gedanken nicht aufkommen. Daher hat sich iu dieser verkehrten Welt des Essens in andere Mägen hinein ein eigentümlicher Jargon herausgebildet. Weun das Koru verteuert werden soll, so geschieht das niemals um derjenige» Grundbesitzer willen, welche den Antrag stellen. Es geschieht auch nicht um der anderen, ihrer sämmtlichen Berussgeuosfeu willen, überhaupt keinem Menschen zu Liebe, sondern einzig und allein für — die Landwirtschaft! Bei diesem Wort schwindet jeder Gedanke daran, daß es sich um Mein und Dein der Mitredenden handle. Bei diesem Klang steigt vor unseren Augen das erhabene Bild einer weiblichen Person über Lebensgröße empor, das Haupt mit einem Ährenkranz gekrönt, in der rechten Hand eine — 181 — Sichel, in der Linken eine Garbe, ein Füllhorn zu ihren Füßen. Nur dieser edlen Erscheinung gilt die Entsagung, welche der Brotesser sich auserlegen soll, nur ihr soll er sein Opfer bringen. Daß die Priester, welche unter Anrufung der heiligen Landwirtschaft die Gläubigen zu Opfer und Gebet auffordern, selbst das Land bewirten, ist doch natürlich, und niemals haben die Priester — das weiß man — etwas von den Opfern an sich genommen, welche ihren Gottheiten dargebracht wurden. Auch daß eine Gottheit größeren Appetit hat als Menschen, versteht sich von selbst, aber darin allerdings gleicht ihr Appetit dem der Sterblichen, daß er im Essen znnimmt. Sie ist schon lange darüber hinaus, daß sie uur vom Brot satt werden will. Es giebt kaum eine Mahlzeit, bei der sie sich nicht zu Gaste lädt. Sie will ihren Durst löschen mit dem Branntwein, den andere trinken, ihren Gaumen letzen mit dem Zncker, den andre zur Süßung gebrauchen, ja, sie möchte am liebste» ihre Schulden zahlen mit dem Geld, das andre sich erspart haben, oder was noch einfacher ist, gar nicht zahlen. „Sie csscii gern, sie trinken gern, Sie essen und trinken und bezahlen nicht gern" heißt es von den drei Königen aus dem Morgenland, allwo zur Zeit des Königs Herodes die Landwirtschaft in hohen Ehren stand. Neuerdings hat die Sprache des Gesetzgebers noch eine weitere Ausbildung auf diesem Gebiete erfahren. Die Vorstellung abstrakter Weiblichkeit hat durch die Häufigkeit ihres Erscheinens und die bedenkliche Nähe der sie bedienenden Priester etwas an ihrer Zauberkraft eingebüßt. An ihre Stelle ist etwas Neues getreten. Aus dem Luftreich der himmlischen Erscheinungen sind wir, entsprechend dem realisti- — 182 — schen Zug der Zeit, hinabgestiegen in den dunklen Schoß der Mutter Erde. Nicht mehr göttliche Wesen über Lebensgröße, sondern Knollen und Wurzeln in ihrer rührenden Einfalt wenden sich an das gute Herz des steuerzahlenden Publikums. In der Branntweindebatte trat die Kartoffel in eigener Person auf, um sich die kleine Gabe von vierunddreißig Millionen auszukitten, in der Zuckerdebatte die bescheidene Rübe, die verlangte der Millionen nur dreißig. Die biedere Kartoffel, die „liebe teure" Rübe, würde der gottesfürchtige Herr von Kleist-Netzow ausrufen, und die Führer der nationalen Partei schilderten Rübe und Kartoffel in so rührenden Worten, daß man von Stein sein mußte wie ein Freisinniger, um nicht erweicht zu werden. Kartoffeln und Rüben, wer möchte diesen unschuldigen Pflanzen etwas abschlagen? Wer wollte so niedrig sein, nachzurechnen, an wen diese Knollen und Wurzeln, die doch selbst keine Arnheims zu besitzen Pflegen, ihre vierundsechzig Millionen abgeben? Als Rebekka ihren Sohn Jakob, um ihm den Segen Jsaaks zu erschleichen, in Esans Kleider ge- steckt hatte, ließ sich der blinde Patriarch, obwohl sein Ohr ihm sagte, daß etwas nicht richtig sei, nach Blindennrt von seiner Nase führen und, die Kleider beriechend, sprach er: Siehe der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes. Darum sorgen Leute, die noch schlauer sind als Jakob, jetzt auch für diesen Geruch des Feldes, wenn sie um den Segen des blinden Hödur bitten. Schon mehrmals ist vorgeschlagen worden, man möge die Millionen, statt sie den Umweg über Kartoffel- uuo Rübenäcker machen zu lassen, den Herren dieser Äcker direkt ins Hans schicken und den deutschen Brot- und Zuckeressern dann eine Liste dieses Unterstützungswerkes vorlegen. Aber die, uur großen Herren angeborene, Bescheidenheit macht, — 183 — daß diese sich gegen solche Vereinfachung sträuben. Sie wollen nicht, daß ihre Wohlthaten an die große Glocke gehängt werden. Denn nicht um es zu behalten, nur um es den armen Arbeitern wiederzugeben, lassen sie sich herab, dies Geld anzunehmen. Wie die Holzzölle nur gemacht wurden, damit die braven Holzhauer im Walde von den fürstlichen und gräflichen Waldbesitzern besser bezahlt werden konnten (hat man seitdem schon was davon gehört?), so soll auch das Korn verteuert werden, nur damit die Reichen den Armen in Zukunft mehr Brot geben können. Am Schluß der schönen Fabel vom Bienchen und der Taube heißt es noch: Du giebst dem Armen heut dein Brot, Der Arme wird dirs morgen geben. Aber das muß jetzt umgeschrieben werden. Die Moral wird heute nicht mehr deu Reichen, sondern den Armen gepredigt: Du giebst dem Reichen heut dein Brot, Der Reiche wird dirs morgen geben. Nous avoiis ellg-riAv tout, osla. Wer die Wohlthaten alle aufzählen wollte, welche heutigen Tages auf dieseu Wegen der Gesetzgebung erwiesen werden, würde des Segens kein Ende finden. Da sind Handwerksmeister, die entdecken, daß dem Publikum schlechte Arbeit für sein gutes Geld geliefert wird. Gleich fiud sie dabei Sorge zu tragen, daß nur sie allein und keiner, den sie nicht zulassen, für das liebe unvorsichtige Publikum arbeiten dürfe. Wer glaubte, daß sie das aus Eigennutz thäten, würde auch hier die wahre Seelengröße arg verkennen. Auch hier handelt es sich abermals nicht um Menschen, sondern um ganz unpersönliche Wesen. Wie dort die Landwirtschaft, so hier einzig uud allein das Handwerk, das — 184 — sich nicht minder zu Dithyramben eignet, wie die Kartoffel nnd die Rübe. Nur um das edle Handwerk, nicht um den Meister Schuhmacher handelt es sich, wenn der Paul dem Peter das Schuhmachen untersagt wissen will. Nicht sich gemeinen Nutzen will er bringen, nur den „Stand heben". Je mehr Leute mau vom Stande ausschließt, desto höher kann er hinauf, desto mehr wird er gehoben, und je mehr man andere herunterdrückt, desto leichter steigt man selbst empor. Vor etlichen Wochen wurdeu etwa neunzig Schmiedemeister von Berlin vor die Polizei geladen und ihnen bedeutet, sie müßten entweder der Schmiede-Innung beitreteu oder binnen vierzehn Tagen ihre Lehrlinge entlassen. So will es das Gesetz, welches Herr Miquel zwar mißbilligt, aber verschärfen will. Die Polizei ist gewiß nicht von selbst auf deu Gedanken dieser Vorladung gekommen, sondern nur angerufen von den Junungsschmieden. Und diese Jnnungsmeister haben dabei doch sicher keinen anderen Beweggrund als die Sorge, daß die armen ihnen unbekannten Lehrlinge bei ihren nicht zünftigen Kollegen zu wenig lernen möchten! Wollten nicht auch nur ans Liebe zu den Butteressern die Butterverkäufer die Kunstbutter so färben, daß sie den Essern zum Ekel würde? Ach, wie sie es lieben, das Kunstbutter essende Publikum, die schönen Seelen der Naturbutterverkäufer! Und auch hier handelt es sich nicht um sie, die leibhaftigen Butter verkaufenden Menschen, sondern nur um den tiefen, sagen wir den ethischen Gegensatz von Natur und Kunst. Hohe heilige Natur, Laß mich gehn auf deiner Spur! ertönt es im Reichstag, wenn die Butter nicht gemischt, wenn der Wein nicht versüßt werden soll. Merkwürdiger- — 185 — weise sind es immer die frömmsten Herren, welche sich am meisten für die Natur begeistern. Und doch ist Natur ein heidnischer Begriff, der in eine so fromme Gesellschaft, wie die klerikal-konservative Mehrheit des Reichstags ist, nur hineinkommt wie Pilatus ins Credo. „Natur und Gcist, so spricht man nicht zu Christen, Deshalb verbrennt man Atheisten, Weil solche Reden höchst gefährlich sind. Natur ist Sünde, Gcist ist Teufel, Sie hegen zwischen sich den Zweifel, Ihr mißgestaltet Zwittcrkind." So spricht der Kanzler, und Wenns auch nur ein Goethescher ist, sollte man doch Respekt vor ihm haben. Landwirtschaft, Kartoffel, Rübe, Handwerk, Standeshebung, Natur, das sind jetzt die Elementarkräfte, mit denen die Gesetzgebungsmaschine in Bewegung gesetzt wird. Es kommt nur darauf an, daß man die Klinke dieser Gesetzgebung in die Hand bekommen kann, dann finden sich die Elemente schon von selbst. Das neueste Mittel, zu dieser Älinke zu gelangen, ist in einem Rezept gefunden worden, welches zusammengesetzt ist aus Pikrinsäure, Melinitbomben und Barackenhölzern. Gehörig gerüttelt und geschüttelt kann es seine heilsame Wirkung auf den Patienten nicht verfehlen. Diese heilsame Wirkung besteht darin, daß der Patient entweder am Essen verhindert wird wie bei den Kornzöllen, oder am Arbeiten wie bei den Zunftbeschränkungen, beides zum Vorteil derer, die mit der Klinke der Gesetzgebung in der Hand diese für sich arbeiten lassen, um besser zu essen. Man wundert sich, daß es nicht gut geht in der Welt. Man sollte sich wundern, daß es nicht schlechter geht. Die Gesetzgebung der meisten Nationen zerbricht sich jetzt Jahr — 186 — aus Jahr ein den Kopf, wie sie das vernichten kann, was der Geist des Menschen zur Verbesserung des Daseins zu Tage fördert. Ja. nicht bloß was der Geist des Menschen, nein, auch was sie selbst, die Gesetzgebung, mit der einen Hand fördert, sucht sie mit der anderen zu untergraben. Während sie bestrebt ist, den ganzen Apparat der menschlichen Bildung und menschlichen Arbeit zu verbessern, um den Wohlstand der Menschen zu vermehren, d. h. die Arbeit zu befruchten, fährt sie, sowie eine Arbeit der anderen voran eilt, sowie ein Erzeugnis reichlicher fließt, dazwischen nnd rnft dem einen zu: du sollst nicht arbeiten, dem anderen: du sollst nicht essen. Zwei Seelen wohnen auch in ihrer Brust. Die eine lebt der Vergangenheit, die andere der Gegenwart. Und statt den Weg von der Vergangenheit in die Gegenwart hin überzuleiten und zu erleichtern, türmt der Gesetzgeber fortwährend nene Hindernisse ans die Wege, die er mit aller erdenklichen Anstrengung bahnen sieht und selber bahnt. Aus diesem widersinnigen Kampfe, aus dieser stets gesteigerten Reibung im Schoß der Nationen und von Volk zu Volk entspringen die Übel, die man zu kurieren sucht, indem man sie unablässig mehrt. Der Patient braucht Luft und Blut. Man sperrt ihn immer mehr ab und entzieht immer mehr Blut. So machteu es die Doktoren ehemals auch. Zwar die Menschheit hat die medizinische Schule der verpesteten Krankenstube und des unbarmherzigen Aderlassens überlebt. Aber Opfer ohne Zahl sind ihr gefallen, und daß auch dieser Wahn einmal weichen wird ist kein Trost dafür, daß er einstweilen noch wütet mit wachsender Lnst und Macht. Ans deutsche Kaisertum und die deutsche Volksvertretung sind am selben Tag geboren, sind Kinder eines und desselben Gedankens. In der Stunde, da die Wundermär von dem Fall des französischen Imperators sich aus den blutgetränkten Gefilden Sedans erhob, um im feurigen Flug das Land zu durcheilen, entwand sich ganz von selbst der Stimme des Volkes der Ruf: Jetzt muß das deutsche Kaisertum auferstehen, jetzt oder nie! Und so geschah's. Keiner hat's erfunden, Keiner hat's ausgeklügelt, Keiuer hat es auf die Tagesordnung gesetzt. Der Gedanke, der Wille, das Verlangen, sie entsprangen aus Kopf und Herzen des deutschen Volkes. Was Alles hinterher geschah, dem Sinn die Forin zu geben, war rein äußerliches Werk, dessen Vollziehung sich, willig oder widerstrebend, dem unwiderstehlichen Gebot einer geschichtlichen Notwendigkeit anbequemte. Wenn einstens mit historischer Rücksichtslosigkeit wird erzählt werden köunen, welcher Weise dies Kaisertum nach mancherlei Wehen den Tag der Geburt erlebt hat, wird auch im Einzelnen sich ergeben, daß weder Staatsknnst noch Herrscherwille vorangegangen, vielmehr, daß sie nur gefolgt sind. Wir Anderen, die wir, und zum Teil aus der Nähe, es miterlebt haben nnd nicht bloß Zeugen, sondern hie und da auch etwas mehr als das gewesen sind, wir wüßten davon zu erzählen, wenn es bestritten werden sollte. — 190 — Aber bestreiten wird es wohl. Niemand. Genügt doch die eine welthistorische Thatsache, daß die Existenz eines deutschen Parlaments und als deren notwendige Krönung die des deutschen Kaisertums ein Vermächtnis des Jahres 1848 geblieben und daß jeder spätere Versuch zur Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates auf dieses Vermächtnis zurückzugreifen genötigt war; vor allem damals, als Hand angelegt wurde zur Schöpfung des Norddeutschen Bundes und Reichstags. Darum wäre nichts so falsch, als einen Gedanken der Spaltung oder gar des Widerspruchs hineinzusenken zwischen diese beiden lebendigen Träger des deutschen Staatslebens in seiner höchsten Potenz. Niemand ist besser kaiserlich gesinnt, als wer lebendig fühlt für die Würde des Reichstags, und ebenso würde ein Kaisertum, welches diesem sein volles Recht verweigerte, die Wurzeln seiner eigenen Kraft verkennen. ^ Darum auch sind in den Reihen der Freiheitsfreunde die Worte des Erlasfes, in welchen Kaiser Friedrich die Wahrung seiner eigenen Rechte mit denen des Reichstags in eins zusammenfaßt, so warm und freudig willkommen geheißen worden. Zwar könnte gesagt werden, was der Erlaß hier ausgesprochen, sei selbstverständlich. Aber in einem so jungen Reich, das aus so vielen widerstrebenden Elementen zusammengebaut worden, ist nichts selbstverständlich, um so weniger, wenn man bedenkt, daß auch der oberste Bauführer, wenn es ihm nach Zeit und Umständen gerade paßte, hie und da nicht verschmäht hat, an dem innigen Zusammenhalt von Kaisertum und Reichstag zu rütteln, wenn auch nur mit Worten spielend. Da hieß es einmal: der Reichstag könnte füglich auch in eine beliebige Kleinstadt verwiesen werden; — oder ein andermal: im Grunde bestehe der Zollverein, wie vor 1867, noch in un- 191 Veränderter Bedeutung fort, und mit Verzicht auf das ganze Reichsanhängsel könnten sich die deutschen Regierungen auf ihn und die Militärbündnisse zurückziehen; — dann wieder zur Veränderung: wenn der Reichstag in seinen Gerechtsamen etwas fände, was die Könige von Preußen auf den Gedanke» bringen möchte, daß sie in dieser letzteren Eigenschaft mehr Selbständigkeit genossen hätten als vor Übernahme der Kaiserwürde, so dürfteu sie am Ende das Ganze bereuen und auf Umkehr sinnen —. Und was dergleichen Reden mehr waren, die, wenn auch uicht gar erust gemeint, doch den Sinn in sich bargen, daß die Volksvertretung gut thue, sich selbst nicht gar zu ernst zu nehmen. Da ist denn gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich zu Gemüt zu führen, daß der eben vollzogene Thronwechsel etwas bedeutet, was das Deutsche Reich uoch nicht erlebt hat. König Wilhelm I. war Kaiser geworden, erst nachdem er eine Reihe von Jahren König von Preußen gewesen. Er hatte vorher als reifer Mann und Thronfolger in Preußen alle die Reibungen und Wandlungen mit durchgemacht, welche bittere Verstimmung und Entfremdung zwischen der Krone Preußen und dem Neichsgedanken zurückließen. Erst als vieruudsiebenzigjähriger Mann hat er, nicht ohne Zögern und Bedenken, nach vorsichtig eingeholter Zustimmung der Fürsten, das Verlangen der Nation erfüllend, die Kaiserkrone angenommen. Ganz anders der Sohn. Er besteigt den Thron als Kaiser und König zugleich. Er hat als Kronprinz des Deutschen Reichs siebenzehn Jahre hindurch sich in den Zukunftsgedanken hineingelebt, den Kaiserthron als den Thron seines Vaters zu besteigen. Es ist so, als wäre er im Kaiserpurpur geboren. Das macht einen gewaltigen Unterschied gegen den erst am Abend eines vielgestaltigen Lebens Kaiser gewordenen König, vorher Prinzen von Preußen. -> — 1!»2 — Gewiß ist der erste deutsche Kaiser, abgesehen von aller persönlichen Besonderheit, eben als erster eine historische Figur größter Bedeutung. Aber der zweite Kaiser hat nicht minder als zweiter seine besondere Wichtigkeit für uns. Es geht auch diesmal so wie oftmals, daß das — hier historisch genommen — minder Interessante praktisch seinen eigentümlichen Wert hat. Damit stimmt ganz überein, was der Erlaß vom 12. März in die tiefdnrchdachten Worte faßt: „Die Verfassungs- und Rechtsordnungen des Reichs mW Preußens müssen vor allem in der Ehrfurcht und den Sitten der Nation sich befestigen." Wahrlich so ist es. Die Institutionen des Reichs müssen der Nation in allen ihren Teilen zur anderen Natur geworden sein, wenn sie ihre wahre Bestimmung erfüllen sollen. Auch uicht einmal zum Zweck rednerischer Effekte werden sie von jetzt an den Deute- lungen und Anzweiflungen ausgesetzt sein. Und auch jene von Zeit zu Zeit wieder aufgetauchten Versuche, Diese oder Jene als Gegner des Monarchismus, als verkappte Republi kaner bei Seite zn schieben, haben sich damit überlebt. Republikaner zu sein ist nichts Schlechtes, aber es kann nnter Umständen etwas Dnmmes sein, wie andererseits in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten Monarchist zu sein etwas Dummes wäre. Unsere Konservativen verstehen unter monarchischer Gesinnung die Anhänglichkeit an einen absoluten König, der ihren Willen thnt, während sie das viel monarchischer als sie gesinnte England für eine Republik mit einem Scheinkönig erklären. Es ist ein eigenes Ding mit dem, was man die monarchische Anhänglichkeit an den deutschen Kaiser nennen müßte. Als einst einmal im Reichstag zu irgend einem politischen Zweck an dies Gefühl appelliert ward, antwortete der schwäbische Demokrat Payer in seiner launig scharfes Weise, daß er sich durch diesen Appell in seiner Trette — 193 — gegen den angestammten württembergischen Landesvater tief gekränkt fühle, denn diesem gehöre naturgemäß und von Rechtswegen sein loyales Herz. Ein sehr gut kaiserliches Herz kann eigentlich kaum mehr ein ebenso gut württembergisches oder — die Beobachtung lehrt es — preußisches sein. Drei Herzen und ein Schlag, das ist zu viel verlangt. Ein bischen Republikanismus gehört mithin schon dazu, um recht gut kaiserlich zu sein; es muß der Landesdynastie etwas abgezwackt werden, um es auf das Kaiserhaupt zu übertragen. Und daher liegt die Vermutung gut kaiserlicher Gesinnung bei einem Liberalen näher als bei einem Nichtliberalen. Jede Föderation, auch eine von Fürsten, hat etwas Republikanisches an sich. Das Reich der verbündeten Regierungen ist eine Republik von gekrönten Hänptern, an deren Spitze — bekanntlich als ?riinv.8 intsi- ?ars8 — der Kaiser steht. Je besser kaiserlich einer gesinnt ist, desto mehr muß sein Wunsch dahin gehen, daß dieses Primat zu einer Wirklichkeit werde, zu einer wahrhaft monarchischen Spitze über den anderen, nicht unter gleichen. Um gut kaiserlich monarchisch zu sein, muß man in seiner häuslichen „engeren Heimat" etwas von diesem Gefühle aufgeben, wie umgekehrt die eifrigen Landesmonarchisten von zweifelhaft kaiserlicher Gesinnung erfüllt sind. So kann man mit Recht sagen, daß die besten Liberalen auch die besten Kaiserlichen sind. Freilich ist diese Gesinnung nicht aus mystischer Gefühlsschwärmerei erwachsen. Sie ist das Produkt Politischer Erwägung, aber einer so stark überlieferten und so unabweisbar richtigen, daß sie selbst in das Gefühl übergegangen ist. Wer im Jahre 1879 die Wiedergeburt Deutschlands als einer großen und freien Nation wollte, konnte den Gedanken nur unter dem Zeichen von Kaiser und Reichstag erfassen. Ludwig BambergcrS Ges. Schriften, V. 1Z 194 Und es ist daher für das Kaisertum, obgleich es, i» unserer Geschichte auf Wahl beruhend, gar nicht im Geleit monarchischer Tradition sich einführte, dennoch mit merkwürdiger Triebkraft im kurzen Lauf der Jahre ein monarchischer Kultus, mächtig und lebenswarm, im Volke hoch empor gewachsen. Die Kinder werden groß in der politischen Religion des Kaisertums, in der Ehrfurcht vor der Person des Kaisers — und etwas wie Religion muß immer dabei sein, soll eine Form des Daseins festsitzen im Reich der Wirklichkeit. Der Mensch lebt nicht vom Brot des Verstandes allein, der Wein der Phantasie gehört auch dazu. Warum ist es dem Reichstag schwer geworden und nicht gelungen, gleichen Schritt mit dem Kaisertum zu halten? Eben weil das, woraus das Gefühl sich ernähr«, ihm lange nicht so zu statten kommt wie dem Kaisertum. Und dennoch, so wenig seiner Stellung nachzurühmen ist, Eines ist trotz Allem schon vollbracht: daß er das Herz der Publizität und darum das Ohr des Publikums viel mehr besitzt als die einzelnen Landtage, auch die größeren. Was ihm fehlt, im Gegensatz zum Kaisertum, das sind vor Allem die Lorbeeren errungener Siege. Sind auch Kaisertum und Reichstag in gleichein Ursprung und Recht aus dem siegreichen Völkerkrieg hervorgegangen, so war doch der Held im Lager und in Waffen, nicht der Herrscher im Rat und im Frieden der Gesetze der Sieger. Jenem blieb der Glanz, die Volksvertretung blieb im Schatten der Geschichte. Hätte sich das Parlament von 1848 am Leben erhalten, so konnte es, dank seiner mehr abgetrotzten als gewährten Entstehung, etwas von der Naturkraft eigenen Bodens aus sich heraus entwickeln. Aber eben daß es sich nicht halten konnte, kam her von dem zu leicht errungenen Sieg, aus dem es hervorgegangen war. Statt eines natürlichen aber schwachen, ist es ein legi- 195 timer, aber darum starker Boden, dem die Volksvertretung von 1871 entsprang. Aber sie ist im Feldlager geboren. Die Konseqnenzen dieses Ursprungs abzustreifen ist nicht leicht; es ist immer schwerer geworden, je mehr ganz Europa sich in ein Feldlager verwandelt hat. Graf Bismarck, als Kanzler des Norddeutschen Blindes, war bekanntlich 1870 auf den originellen Gedanken gekommen, den Reichstag nach Versailles zu berufe», damit er dort dem Oberhaupt des Norddeutschem Bundes die Kaiserkrone antrage. Der dramatische Efsekt eines solchen Schauspiels wirkte damals so blendend auf manchen liberalen Führer, daß er sich im Geiste davon angezogen fühlte, ohne zn empfinden, daß durch dies Schauspiel eines unter dem Waffengeklirre versammelten Reichstags die Unterordnung der bürgerlichen Freiheit unter den Glanz des Schwertes auch symbolisch verewigt würde. Zum Glück kamen anch widerstrebende Ansichten zu Wort, und das Beste, den abenteuerlichen Plan im Keime zu ersticken, thaten die materiellen Hindernisse, welche sich der Ausführung entgegenstellten. Aber es gehörte schon ein Mangel an Gefühl für die Würde einer bürgerlichen Volksvertretung dazu, nicht zu merken, welche seine Ironie in dem scheinbar ehrenvollen Vorschlag verborgen war. Und dennoch hat von jenem ersten Zeitpunkt seiner Geburt bis auf diese Stunde der Reichstag auch die Form seiner würdigen Stellung nicht finden können, die Form als bezeichnendes Merkmal dessen, was in der Sache ihm nicht geworden ist. Wie treffend und verständnisvoll ist dies beleuchtet in der Äußerung Kaiser Friedrichs, daß er an die Mitglieder der Volksvertretuug keine Aufforderung zum Eintritt in deu Trauerzug hinter der Bahre seines kaiserlichen Vaters erlasse, weil ihnen eine ihrer würdige Stellung schwerlich gegeben würde. Besäßen doch die Ab- 13* geordneten selbst etwas von dieser Feinfühligkeit! Und wie bezeichnend, daß diese ihres Mandats würdige Stellung im Gefolge des verstorbenen ersten Kaisers auch beim besten, mächtigsten Willen nicht zu finden ist. In jedem anderen, mit einer verfassungsmäßigen Vertretung ausgestatteten Lande wäre sie von selbst gefunden, ohne Mühe, ohne Kopf- zerbrechen und ohne Widerstand. Achtung und Ehre lassen sich nicht durch Bitten und nicht durch Beweisführung erwerben. Es erhält und behält jeder davon nur soviel, als er mit seiner Kraft durchsetzt. Zu dieser Kraft gehört aber auch das Bewußtsein des guten Rechtes, aus dem der Sinn für die eigene Würde entspringt. Wie sehr es daran gebricht, konnte man gerade in den ereignisschweren Tagen, die wir soeben durchlebt haben, beobachten. Wir sind allerdings in Deutschland schon so daran gewöhnt, die Körperschaft der nationalen Vertretung eine untergeordnete Rolle spielen zu sehen, daß vielleicht den Wenigsten auffiel, wie sie auch bei dieser großen Gelegenheit kaum über die hinterste Statistenrolle hinauskam. Es hat sich das von langer Hand vorbereitet. Früher lenkte der Reichstag noch manchmal in Gemeinsamkeit mit dem Fürsten Bismarck die gespannte Aufmerksamkeit auf seine Sitzungen, wenn es zwischen dem Staatsmann und einzelnen Parteien einer starken Opposition zu heftige» Debatten kam, die unter Umständen zu sensationellen Auftritten führten. Seitdem das Zentrum teils durch kirchliche Zugeständnisse befriedigt, teils durch agrarische gezügelt ist, seitdem das Kartell die große Mehrheit zu einer nie versagenden Maschine gemacht hat, braucht sich der Fürst eigentlich nicht mehr um die Verhandlungen zu kümmern. Er kann, einerlei ob in Friedrichsruh, Varzin oder in der Wilhelmstraße, ruhig seinen amtlichen Beschäftigungen zu Hanse nachgehen. In der gewerblichen Sprache heißen die flachen Wanduhren mit großen Zifferblättern, wie sie häufig in Speisezimmern angebracht werden: Kartels. Die Uhr, welche am 21. Februar 1887 aufgezogen worden, besorgt ihren Gang allein mit zuverlässigem Räderwerk bis 1899, dieweilen sie dermale» glücklicherweise noch nicht auf die ganzen fünf folgenden Jahre reguliert werden konnte. Nur zu ganz großen feierlichen Aktionen erscheint jetzt noch der Kanzler, und daun agiert und spricht er allein. Der Reichstag hat nicht einmal als Chor die Gegenstrophe zn geben, nur die Statistenrolle bleibt ihm, den Hintergrund auszufüllen, damit das Schauspiel sich abge- gerundet darstellt für das Publikum, das auf die Tribünen stürmt, um den einzigen Mann zu sehen und zu hören, der nicht nur das Geschick der Nation, sondern auch den Willen der Mehrheit ihrer Vertreter leukt. Dies war das Bild, welches sich dem Beschauer bot, wenn er an den zwei denkwürdigen Tagen, dem, an welchem der alte Kaiser aus dem Leben schied, und dem, an welchem der neue seine erste Botschaft an die Volksvertretung richtete, die Augen auf letzterer ruheu ließ. Die ganze breite Front jener Manifestationen gehörte dem Kanzler, kaum ein dürftig schmaler Rand, kaum etwas mehr als ein stummer Aufmarsch fiel dem Reichstage zu. Gewiß, Fürst Bismarck ist eine interessantere Figur als der ganze Reichstag; viele Versammlungen werden kommen und gehen, bis wieder ein Mann seinesgleichen in ihnen zu sehen ist, und es ist dem Publikum, Fremden wie Einheimischen, nicht zu verdeuken, daß es sich die Hülse um Tribünenplätze bricht, nur wenn der Kanzler angekündigt ist. Aber der Reichstag brauchte trotz Allem das nicht noch durch seine eigene Nullifizierung auch sich selbst gegenüber zu überbieten. 1!»8 Ein Mal nvch in dieser Session war vor diesen Trauertagen der Kanzler im Reichstage erschienen, aber auch da geschah es nicht, um zu diesem, sondern nur um zu Europa zn reden. Es war bei Gelegenheit der großen Ansprache über Krieg und Frieden am 6. Febrnar 1888. Fürst Bis- marck sprach zu Rußland, zu Frankreich, zu Italien und zu Österreich. Der Reichstag hatte lediglich die Bestimmung, als Resonnanzboden zn dienen. Als der Redner geendet hatte, erhoben sich nacheinander die Hänpter der Parteien und gaben in kürzester Fassung die Erklärung ab, das; Alles bewilligt werde, was die Regierung verlange. Es wäre ebenso gewiß geschehen ohne die Rede. Die fünf Führer, welche das Wort nahmen, lieferten zusammen noch keine Spalte zu der ganzen Wiedergabe der langen Sitzung. Es ist ja hergebracht und erklärlich, daß der deutsche Reichstag im Gegensatz zu deu Parlamenten der ganzen übrigen Welt bei den Verhandlungen über auswärtige Politik nur die passive Assistenz Prästiert. Aber es ist bezeichnend, daß auch in diesem Falle, wo nicht Entsagung zum Schweigen nötigte, sondern thatsächlich volle Übereinstimmung zu Grunde lag, die Form so dürftig ausfiel. Und dennoch war hier die Form immerhin noch ausgiebiger hervorgetreten, als jüngst in den beiden feierlichen Sitzungen, in denen der Thronwechsel auf der Tagesordnung stand. Da nahm beide Male, nachdem Fürst Bismarck gesprochen, kein Parteiführer anch nur zu kurzer Znstimmnng das Wort. Lediglich der Präsident schloß sich mit dem schlechthin Unvermeidlichen an. Die ganze große, die Nation verkörpernde Versammlung blieb in diesen, Deutschland nnd die Welt so tief ergreifenden Stunden jeden Wiederklang an die weihevollen nnd wohldurchdachten Ansprachen des Kanzlers schuldig. Die Volksvertretung verschwand auch hier entsagend, nichts sagend vor dem leitenden Staatsmann. Er — 199 — allein, nicht sie, nicht einmal sie neben ihm, repräsentierte Deutschland vor sich selbst und vor der Welt. Man wird sagen, das sei Alles nur Form. Aber wer behaupten wollte, daß Form etwas Gleichgültiges wäre, würde nur zeigen, daß er Welt und Menschen nicht kennt. Der Kanzler weiß ganz gut, was Formen bedeuten, und mit seiner überlegenen Geschicklichkeit weiß er auch hier sich seinen Teil reichlich zu wahren. So viel Form wie er. sollte zum mindesten der Reichstag auch haben, denn der Kanzler ist wirklich kein Pathetiker mit überflüssigen Floskeln, und eine Körperschaft von vierhundert Gewählten bedarf der zusammenfassenden Plastischen Darstellnngsmittel viel mehr, als der einzelne Mann. Auch finden, wo es gewünscht wird, um ihm Heerfolge zn leisten, die Führer der ihm ergebenen Parteien wahrlich die Hülle und Fülle pathetischer Reden in aller Breite. Es war ein Bild der Nichtigkeit des deutschen Reichstages, wie diese Volksvertretung in dem Ausbruch der Klage um deu soeben aus der Welt geschiedenen Kaiser, im Ausbruch wehmütiger Begrüßung des aus der Fremde herbeieilenden Nachfolgers nur die stumme Rolle übernahm, ganz wie es ein Bild dieser Nichtigkeit von seiner Positiven Seite war, den Kanzler dastehen zu sehen, wie er, die Faust des ausgestreckten Armes auf deu Griff des schweren Reitersäbels stützend, die Botschaft verlas. Ein Tauber hätte die ganze Situation am richtigsten verstanden, ohne von deren Korrektur, die in dem Text der Botschaft lag, abgelenkt zu werden. Daß diese dankenswerte Botschaft auch eine Antwort in Form einer Adresse verdiene, mußte erst auf Anregung der kleinsten Partei zum Bewußtsein gebracht werden, nicht ohne ans bedeutendes Widerstreben zn stoßen. So mächtig wirkt in denKartellparteien ihres Nichts durchbohrendes Gefühl. — 200 — Und schließlich wurde diese Adresse in der denkbar trockensten Weise auf dem Wege kanzleimäßiger Erledigung ohne Sang und Klang verfaßt und angenommen — ein Musterwerk des Dryasduststils in des Wortes verwegenster Bedeutung. Selbst in die rührendste Episode mischt sich ein Zug der Ironie. Wer kann dafür, daß ihm Gedanken kommen? Dem Reichstag ward als letztes heiliges Vermächtnis des ersten Kaisers das Aktenstück übergeben, das derselbe sterbend mit zitternder Hand unterschrieben hat. Fürst Bismarck schildert, selbst tief bewegt, wie der bis in den Tod pflichtgetreue Monarch abgelehnt habe, nur den ersten Buchstaben zu zeichnen, darauf bestand, seinen vollen Namen darunter- zu setzen. Aber Niemand hat uns belehrt, warum um jeden Preis der Reichstag geschlossen werden mußte, noch ehe der zweite deutsche Kaiser iu seiner Reichshauptstadt eintraf. Der Kanzler stellte sogar beiläufig die wunderliche Theorie auf, daß der Reichstag noch auf Grund einer von dem verstorbenen Kaiser unterzeichneten Vollmacht hätte gegeschlossen werden können, und etliche findige Staatsrechtsausleger sollen bereit gewesen sein, diese Auffassung zu bestätigen. Aber der Kanzler ließ Gnade für Recht ergehen und den Reichstag in Berlin. So wurde diesem zwar das sonderbare Los erspart, zu seinen Penateu heimgeschickt zu werden, dieweilen aus ganz Europa fremde Fürsten und die Abgeordneten fremder Korporationen^«!! die Bahre des ersten Kaisers herbeiströmten, aber nicht wurde ihm das Los erspart, die würdige Stelle weder in den sich daranschließenden Verhandlungen, noch hinter der Bahre zu finden. Von anderem Mißgeschick zu schweigen gebietet die Scham. Ob all das in der ganzen Tragweite seiner jammervollen Bedeutung verstanden und gewürdigt wird, ist eine andere Frage. Manch einer klagt nicht, weil er nicht fühlt, und — 201 — weil er nicht fühlt, so geschieht ihm recht. Volsuti ric>Q kt ii^uris,. Wer, vom Westen der Stadt kommend, sich nach dem Reichstag begiebt, schreitet, unmittelbar ehe er dessen Eingang erreicht, zwischen zwei Standbildern hindurch, die beide in derselben Tracht der Reitergenerale und genau so mit der Faust auf dem Säbel, wie sich jüngst in feierlicher Sitzung die heroische Gestalt des Kanzlers dem Gedächtnis einprägte, rechts und links der Straße emporragen. Wrangels uud Graf Braudenbnrgs Deukmäler verewigen die Erinnerung an zwei tapfere Männer und an die wichtigsten Thaten, welche von ihnen die Geschichte berichtet, daß sie nämlich eine preußische Nationalvertretung mit der Gewalt der Waffen zum Schweigen gebracht haben. Vielleicht, wenn nach Jahren das neue Reichstagsgebäude seiue Bestimmung erfüllt, führt der Weg zu ihm an friedlicheren und freundlicheren Sinnbildern bürgerlicher Selbstbestimmung vorüber. Vielleicht auch wächst dann in den großartigen Räumen der Volksvertretung das Bewußtsein dessen, was sie sein könnte und sollte. Denn auch dies großartige, monumentale, mit Kunstwerken reich auszuschmückende Haus ist ja nur eine Form, aber der Gedanke, diese Form zu schaffen, entsprang gleichzeitig mit dem Gedanken au den deutschen Reichstag und ihm angepaßt, wie der Gedanke des Reichstags erstand gleichzeitig mit dem Gedanken an die Erneuerung des deutschen Kaisertums. Beide wnrzeln innig verschlungen in demselben Gedanken eines einigen freien Vaterlandes, beide sollen ihrer Bestimmung gemäß wachsen und gedeihen in untrennbarer Achtung der eigenen und der wechselseitigen Rechte, so wie es die Botschaft Kaiser Friedrichs verkündet hat. I. Ü^er sich bemüht, in das Wesen einer die Welt bebewegenden Idee einzudringen, wird meistens in Verlegenheit geraten, wie er seinen Gegenstand umgrenzen soll. Denn bei näherer Verfolgung führen die Spuren einer Idee historisch wie räumlich immer weiter und weiter seitwärts und rückwärts; und da wo auf den ersten Blick Anstoß zum Nachdenken über etwas neu Erstandenes gegeben zu sein schien, meldet sich alsbald von überall her das Alte, mit geschichtlichen Zeugnisse» dagegen protestierend. Was man heutigen Tags das Nationale nennt, ist wie geschaffen, solche Verlegenheit zu bereiten. Denn während Niemand in Abrede stellen wird, daß der Inbegriff der unter dieser Bezeichnung umlaufenden Vorstellungen eine ganz andere Bedeutung gewonnen hat, als vor etlichen Jahrzehnten, ist dennoch nicht zu leugnen, daß vieles an der Sache so alt ist wie die Welt. Umsomehr reizt es, die Linie zu finden, wo, trotz allem bereits längst und vielfältig Dagewesenen, das unbestreitbar Neue einsetzt. Und je mehr dies Neue die Menschheit fas- ziniert, eben schon damit den Beweis seiner Neuheit liefernd, destomehr fühlt man sich angespornt, dem Unterschied, der es von verwandtem Älteren trennt, nachzuspüren, damit zugleich dem berechtigten Zwecke gedient werde, Belehrung zu schöpfen über das Wichtigste, nämlich: ob und was an dem Neuen Gutes sei? Schon über die Frage, was Nation sei, erheben sich die Zweifel in Scharen, sobald man dem Ding auf den Grund gehen will. Eine unabsehbare Litteratur hat sich seit lange damit beschäftigt, die Unterscheidungen zwischen Nation, Volk, Rasse, Stamm, Staat festzusetzen und je nach der Einteilung die Merkzeichen der Sache zu bestimmen. Natürlich kann von einer abschließenden Entscheidung keine Rede sein. Man weiß z. B., welche hervorragende Rolle die Sprachenfrage hierbei spielt. Aber so Gewichtiges aucli beigebracht worden ist, sie für das Ausschlaggebende zu erklären, so fehlt es doch auch hier uicht au triftigen Einwendungen und gerade an Einwendungen solcher Art, die sich aus dem wechselseitigen Ringen der nationalen Kräfte selbst praktisch aufdrängen. Was uns am meisten an der Sache interessiert, ist gerade das, was sie nnch auf solche Höhe erhoben hat, nämlich das staateu bild ende Recht, der staatenbildende Beruf des Nationalen. Hier setzt die Neuheit der Welt bewegung ein, hier sind die Grenzen zu suchen zwischen allen früheren Zeiten und der Gegemvart. Fragt man nur uach Behauptung oder Verteidigung volkstümlicher Eigenart, so öffnen sich bekanntlich die Pforten der Weltgeschichte rückwärts bis in die ältesten Überlieferungen. Griechen und Perser, Römer und Germanen, Numantin und Jerusalem mit ihren vielbesungenen Verzweiflungskämpfen treten iu unseren Gesichtskreis. Aber der Gegen ^ satz, um den gekämpft wird, ist hier immer nur der einfache von Unterjochung und Freiheit, Eroberung und Abwehr, Herrschaft und Sklaverei. Die intimeren Ursachen, eigene Religion, Sprache, scharf ausgeprägtes Wesen, aus denen im Laufe der Zeit die Bewußtheit des Nationalen und sein Recht auf besonders gestaltete Staatsindividualität sich ausgebaut hat, wirken nur stillschweigend oder doch nur 207 — begleitend mit. Diese Bewußtheit der bestimmenden Elemente und des aus ihr abgeleiteten Rechtes ist es, welche die letzte Entwicklungsphase charakterisiert und das Nationale zum treibenden Prinzip der Gegenwart gemacht hat. Will man für sie historische, schon einigermaßen markierte Anfänge entdecken, so wird man am ersten versucht sein, an die tiefumgestaltende Auflehnung der deutschen Reformations- bewegnng gegeu das römische Pontifikat zu denken, welche zu dem mittelalterlichen Gebilde eines römischen Reichs deutscher Nation in so merkwürdigen Gegensatz trat. Aber auch hier laufen die Linien noch zu mannigfach verschlungen durcheinander, um unvermittelt an das Neueste anknüpfen zu können. Das sechszehnte, siebenzehnte und die längste Zeit des achtzehnten Jahrhunderts lagen noch zu fest in den Banden der aus dem Fendalwesen hervorgegangenen Kabineto- nnd Eroberungspolitik, um die menschliche Beschaffenheit der beherrschten Völker zum Worte kommen zn lassen. Gerade diese Zwischenzeit war besonders dazu angethan, die vorher aufgegangenen Regungen wieder zu verschütten und zu überwuchern. Darum sind die wahren Anfänge der Erscheinung in ihrer gewaltigen Bedeutsamkeit erst in das Ende des vorigen Jahrhunderts zu verlegen. Ich will statt der endlosen Reihe vou Symptomen und Autoritäten, die sich in einer breiteren Darstellung hierfür aufzählen ließen, mich nur auf die Aussage zweier Sachverständigen berufen, die nach ihrer Einsicht und Unbefangenheit, man könnte sagen, nach ihrer im besten Sinne naiven Wahrnehmungsfähigkeit als klassische Zeugen angenommen werden dürfeu. Der Eine ist der italienische Historiker Colletta. dessen Geschichte von Neapel die folgende denkwürdige Stelle enthält: „Ein im Geiste der Nationen neues Wesen trat ans Licht im Jahre 1813 in Deutschland; in schwacher Weise — 208 — machte es sich wirksam im Jahre 1820 in Cadix, in Neapel, in Piemont; heute (1825 bis 1830 nämlich) rückt es vorwärts, stumm und nachdenklich. Ob es reifen, und ob es Glück machen, oder ob es vor der Zeit eines natürlichen Todes sterben wird, wie die neuesten Republiken, oder an Kriegen, wie die neuesten Könige, das sind die Zweifel, welche die Gegenwart aufwirft, welche die Zukunft lösen wird."*) Die Worte haben, nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder überdacht, etwas Ergreifendes. In der schlichten und doch feierlichen Sprache des Originals drückt sich der ganze Ernst der Ahnung eines geheimnisvollen und vielleicht zu riesengroßen Wirkungen berufenen Wesens aus, welches soeben erst am Horizont heraufsteigt. Dazu der sofort auf Deutschland und Piemont gerichtete Blick, welcher die Stellen herausfindet, von wo aus das neue Wesen mit der mächtigst umgestaltenden Kraft ins Völkerleben eingreifen wird. Ich nehme die zweite Autorität aus unserer nächsten Nähe der Zeit und dem Raume nach. In seiner 1862 herausgegebenen Politik widmet Robert von Mohl eine besondere im Jahre 1861 verfaßte Abhandlung der „Nationalitätsfrage". Was dem italienischen Beobachter seiner Zeit zwar neu erschien, un ssssrs nuvvo, aber noch rätselhaft und seiner Lebensfähigkeit nach ungewiß, das zweifelt in seinem Bestand und seiner Macht drei Jahrzehnte später der deutsche Denker nicht mehr an. Aber neu, völlig neu in seiner Besonderheit erscheint es auch noch ihm. Es ist ^) l^n eüssro nuovo nellö Nkiuuiii 8M»tü Nöl 1813 in ^.IvillkAiiu! ilsdolmsnts oxsrö nsl 1820 in Okäios, in Akpoli, nul kismoiitg; ogM Ävsll?a imito s vsusoso. Ls äiveriÄ maturo s ss svi'ü, kortuns, o SS moriÄ inukm^i tsmxo äi natursl morbo voms lo rsiisuti rsoublidig, o Zi Anerr» voms i rg nuovi, sono lg (ZubbisMiz III. Die Hauptsache ist die, daß mit der Nationalität allein praktische Politik sich überhaupt nicht treiben läßt. — 216 — Die Nationalität im heutigen Sinn ist ein staatenbildendes Prinzip, aber nur eins neben anderen, wenn anch ein in der neuesten Zeit vorzugsweise zum Durchbruch gekommenes. Alle, welche sich ernstlich mit der Sache beschäftigt haben, sind schließlich zu dieser Erkenntnis gekommen, ganz abgesehen noch von der Schwierigkeit, das Nationale erschöpfend zu definieren, eine Aufgabe, die bis jetzt nicht gelöst worden ist und nicht gelöst werden wird. Die zwei mächtigsten Faktoren der Zeit bilden die Elemente, aus deren Mischung die gestaltende Macht der Nationalität hervorgegangen ist; Demokratie uud Natursinn. Ihnen kam als Dritte im Buude die moderne, ranm- verschlingende Technik zu Hilfe, welche den Staat zur großen Dimension hindrängt. In der modernen deutschen Staatsentwickluug ist der Sinn des Nationalen sehr einfach und gar nicht mißzuver- stehen. Die Geschichte lehrt es mit nnverkeunbarer Deutlichkeit. Was die Erhebung gegen Napoleon eingeleitet hatte, ward durch den Wiener Kongreß weiter entwickelt. Dieser weckte im Innern dieselbe Gegenströmung, welche die Eroberung von Außeu her wachgerufen hatte. Was der eine rücksichtslos seinem großen Militärstaat unterworfen hatte, das zerstückelte und zertrat ebenso rücksichtslos der andere. National sein bedeutete von da an, das Werk des Wiener Kongresses zerstören. Im Jahre 1848 erlebte dieser sein Leipzig, im Jahre 1866 sein Waterloo. Damit war der dynastische Widerstand gegeu die Herstellung eines deutschen Gesamtstaates gebrochen. Schon beim Ausbruch der Bewegung hatte Fichte in seinen „Reden" die Viel- staaterei für den wahren Sitz des Widerstandes gegen das Werden der Nation erklärt. In den Dynastieen hatte dieser Widerstand gesessen, im Volk nur, soweit es durch die alte Gewohnheit unpolitischen und knechtischen Daseins sich mit ihnen verwachsen hatte, ein Zustand, der ja die Bildung des Reichs teilweise überdauert und uns verhindert hat, so wie Italien eine wirkliche Monarchie zu werden. Wenn bei uns im Gegensatz zu allen anderen modernen Großstaaten noch das Gespenst der Möglichkeit eines Rück- falls in die alte Zersplitterung auftauchen kann, so laßt dies Gespenst sich nur in der Gestalt des alten Wiener Kongresses denken, mit dem Gefolge des alten deutschen Bundestags und seiner großen und kleinen selbstherrlichen Dynastieen. Nur diese und ihr Anhang von orthodoxen, feudalen und spießbürgerlichen Hintersassen waren antinational, wurden deshalb auch überwunden und zur nationalen Einheit hiugezwungen vom liberalen Geist, der sich gegen sie auflehnte. Wenn wir deshalb sehen, daß heute gerade diese damals überwundenen Elemente im nationalen Mantel drapiert auftreten, so springt in die Augeu, daß wir es nur mit einer Maskerade zu thun haben. Das nationale Ziel, die Unterwerfung der einzelnen Sonveränetäten unter den BundeSstaat, ist erreicht, und wenn es — ganz uuwahr- scheiulicherweise — nicht unzerstörbar gesichert sein sollte, so würde die Gefahr ihm nur aus dem Geiste seiner alten Gegner, der Orthodoxie, des Feudalismus und des parti- kularistischen Pfahlbürgertnms erstehen können. Das nationale Banner in der Hand der preußischen Ultras und der sächsischen Zünftler ist die Karrikatnr dessen, was es einst bedeutet hat, und diese Karrikatur ist ganz einfach so zustande gekommen, daß die überwundenen Gegner sich das abgelegte Gewand des Siegers angeeignet und dasselbe nach ihrer Fasson gewendet, aufgefärbt und zurecht gestutzt haben, um als die lachenden Erben der nationalen Bewegung darin einherstolzieren zu können. Was und wer ihnen dabei alles geholfen, braucht nicht des Näheren geschildert zu — 218 werden. Man kann nicht einmal sagen: is tsoit c-ui xi-o- cik8t, denn die breite Masse des Bürgertums, die sich dazn gebrauchen läßt, wird schließlich am meisten dabei geprellt sein. Vor allem hilft die Zauberkraft, welche jede zur Herrschaft gekommene Formel über die Geister besitzt. Hat aber gar eine solche Zauberformel erst einmal auf Abwege geführt, so wächst ihre Macht in dem Maß. als sie sich von ihrem alten Sinn entfernt nnd widersinnig wird, weil, was an Inhalt fehlt, durch Heftigkeit ersetzt wird. Die hohlsten Eiferer sind allemal die fanatischsten. Gerade die alltäglichen Erscheinungen unseres deutscheu Parteilebeus liefern eiuen interessanten Beleg zu dieser Erfahrung. An jenem Wendepunkt der Reichspolitik, als man ansing, das in Wahrheit zur Befriedigung gelangte Nationalitätsbedürfnis für andere Zwecke auszubeuteu, um der natürlichen Fortentwicklung in freiheitlicher Richtung entgegenzutreten, begnügte man sich noch, ihm einen zwar neuen, fremdartigen, aber einen immerhin substantiellen Inhalt zu geben. „Der Schutz der nationalen Arbeit" war zwar ein Wechselbalg, welcher dem Programm des nationalen Staates untergeschoben ward, aber der Wechselbalg war doch wenigstens von Fleisch und Bein; und der fanatische Ingrimm, mit welchem der schutzzollnerische Nationalismus seine Gegner verfolgte, entsprang aus gesundem Eigennutz, aus jener natürlichen Leidenschaft, welche die Hitze der Jagd nach wahren oder vermeintlichen Vorteilen entfesselt. Die Bewegung kam um so leichter in Fluß, als ihr der ganze Ideen-, Phrasen- und Wortschatz zu Gebote stand, den das für solche Übertreibungen so eminent begabte französische Ingenium ihr fix und fertig zur Verfügung stellen konnte. In diesem vorgeblich urdeutschen Aufschwung ist von A bis Z nichts original, alles elendes Plagiat. Geborgte Kleider und geborgte Worte von Anfang bis zn Ende. Nachdem der ins Christlich - Germanische übertragene Iravail-^ational seine Schuldigkeit gethan, an Stelle eines politischen Kulturinhaltes gemeinen Jnteressenstreit gesetzt und dabei die kulturfeindliche Richtung zur Herrschaft gebracht hatte, wurde das wunderthätige nationale Stichwort abermals zu neuer Verwendung frei. Und von diesem Erfolg aufgemuntert warf sich Alles daraus, was nur im Trüben der Jdcenverwirrnng zu fischen erwarten durfte. Das nächtlichste Gevögel, welches einst vor dem neuen Tag des Deutschen Reiches in dunkle Verstecke geflohen war, kam vertraulich heran und las die in der Luft herumfliegenden nationalen Federn zu seiner Ausschmückung zusammen. Warum sollte es nicht Jedem gelingen, mit dem nationalen Feldgeschrei gute Geschäfte zu machen, nachdem der Mann,*) welcher dereinst die Losung: „lieber französisch als preußisch!" ausgegeben, sich zum Lxiriws lainiliari« der Neichsregieruug und zum Führer des Reichstages im Kampf für den Schutz der nationalen Arbeit aufgeschwungen hatte? Von nun an geht es unaufhaltsam weiter, und Herz, was begehrst dn? Wenn nur das Wort „national" davor- gesetzt wird, ist das Unwiderstehliche geschaffen, heiße es nun Angra Peauena, Branntweinsteuergeschenk oder Sep- tennat. Auf die Gesamtheit dieser Erscheinungen paßt genau, was ein scharfer Beobachter menschlicher Kollektivschwächen, Benjamin Constant, also ausdrückt: „So oft in der sozialen Ordnung eiu Mißbrauch eiureißt, nimmt er den Schein an, die Grundlage derselben zu bilden, denn weil er absonderlich und seiner Natur nach vereinzelt ist (trstsroAsnS st ssul 6e sa natru-s), so muß, damit er sich erhalte, alles Andere sich ihm unterordnen und um ihn gruppieren, so daß Alles auf ihm ruht." Der wnrttcmbergischc Minister von Aarnbühlcr. Auch die einseitige Übertreibung und Ausbeutung der von Hause aus berechtigten Idee der nationalen Existenzform hat sich zu einem solchen Mißbrauch mit den hier beschriebenen Folgen ausgewachsen, und wohlverstanden, nicht bloß in Deutschland. Denke man nur z. B. an die Abgeschmacktheit der sentimentalen Russenschwürmerei, welche in Frankreich Mode geworden, seitdem die patriotische Liga um ein Liebesbündnis mit dem Zaren wirbt. Hundert Jahre lang hat Frankreich in heißer Liebe für Polen geschwärmt! All die achtzehn Jahre des orleanistischen Königtums hindurch war es heiliger Brauch, jede Adresse der Deputiertenkammer mit einem Protest gegen die russische Herrschaft über Polen zu schließen! Aber die Karrikaturen sind das Schlimmste nicht. Sie find nur Symptome des Übels, welches das Überhand nehmen einseitiger Richtung in sich birgt — „Paroxismus der Nationalitätenbewegnng" nennt es der oben zitier!..' Gumplowicz, und die österreichische Litteratur ist natürlich mit am meisten von der Sache praokkupiert.*) Der Nationalitätenkampf in seiner heutigen Bedeutung ist etwas Neues; die Grundanlagen, die Wahrnehmnng nnd die Äußerung des Triebes sind alt. Wer z. B. das Buch in die Hand nehmen will, welches vor hundertundzwanzig Jahren der am meisten durch sein Werk über die Einsamkeit berühmt gewordene Joh. Georg Zimmermann über den „Nationalstolz" geschrieben hat, wird sich manchmal fragen, ob es nicht gestern verfaßt sei. Das Bedürfnis, sich mit dieser Erscheinung zu beschäftigen, war aber schon damals so groß, daß in kurzer Aufeinanderfolge vier Auflagen er- *) Siehe u. a. auch „Die Nationalitätsidec und der Staat" von Alfred von Kremcr (vormaliger österreichischer Handelsminister). Auch die des Tübinger Professors Fr. I. Ncuinann „Volk und Nation" liefert einen schätzenswerten Beitrag. — 221 — schienen, darunter bezeichnenderweise ein Nachdruck in der kaiserlichen Hofbuchdruckerei zu Wien. Heute ruht die Gefahr, welche mit der Überwucherung einseitiger Staatstendenzen verbunden ist, vor allen Dingen darin, daß, dank dem demokratischen Grnndzug der modernen Politik, die Verirrungen derselben sich in den Volkscharakter hineinsenken müsseu. Ich glaube, es ist Friedrich der Große, der einmal schreibt, daß ehemals die Kriegführung viel weniger hart ins Volksleben eingegriffen habe, weil die Regenten mit ihren Söldnerheeren sich gewerbsmäßig nm Landerwerb herumgeschlagen hätten, ohne daß die Massen davon zur Leidenschaft aufgeregt wurden. Las man das vor zwanzig Jahren, so kam man kaum auf den Gedanken, daß hier etwas Beklagenswertes angedeutet werden sollte. Beobachtet man aber den Gang der Dinge in den letzten Jahrzehnten, so kann man darüber nachdenklich werden. Als die allgemeine Dienstpflicht uach preußischem Muster auf dem ganzen europäischen Festland in Zng kam, ward ihr unter anderen — unbestreitbaren — Vorzügen nachgerühmt, daß mit der eigenen körperlichen Teilnahme aller und insonderheit der behäbigen Klassen die allgemeine Kriegsgefahr notwendig abnehmen müsfe, daß nur noch die notwendigsten und gerechtesten Kriege in Zukuuft geführt werden würden. Es läßt sich wohl heute schou übersehen, daß dies eine falsche Schlußfolgerung war. Die Freude am Waffeuhaudwerk und an dessen blutiger Ausübung hat die sonst dem friedlichen Beruf Ergebenen ebenso und bei nahe uoch mehr erfaßt als die Soldaten von Fach, und der rnilö5 Zioi-iosu?! würde heute nicht in Gestalt eines Landsknechtes, sondern etwa eines Gymnasiallehrers auf die Bühne zu bringen sein. Auch mit diesem neuen Geist hängt es natürlich zu- — 222 — sammen, daß Europa ein von Waffen starrendes Kriegslager geworden ist und auf unabsehbare Zeit zu bleiben bestimmt scheint, ein Zustand, den selbst Moltke für sehr beklagenswert erklärt. Aber die wachsende Verfeindung der Nachbarn untereinander, der Geist des Hasses, die Ab- schließung und Verhetzung, die überall im Wachsen begriffen sind, ist das schlimmste dieser Übel. Denn es wirkt entsittlichend und verdummend. Haß und Borniertheit erzeugen einander wechselseitig in stetiger Progression. Der öffentliche Geist in Europa ist in dem letzten Jahrzehnt moralisch und intellektuell zurückgegangen, und niemals ist das Wort von der Allmächtigkeit des Niederträchtigen so oft zitiert worden wie in unseren Tagen. Diesen Rückgang bezeichnet allerdings ein berühmter Professor der Geschichte als den Gedanken einer aufstrebenden Zeit, für welchen dem Kaiser Friedrich wegen seines Stilllebens das Verständnis abgegangen sei; besonders deshalb, weil derselbe sich zornig abgewendet habe von den Manifestationen desjenigen bornierten Hasses, welcher, nicht zufrieden andere Nationen mit Schmähungen zu verfolgen, auch im Innern der Nationen selbst nach Spaltungen sucht, um Opfer für sein Wüten zu finden. Die Extreme berühren sich, und es ist leicht zu ermesfen, wie aus der Übertreibung des Nationalgefühls, welches in Deutschland zusammenfassend wirken sollte und bei Gründung des Reichs zusammenfassend gewirkt hat, gerade wieder die Zersetzung hervorgehen könnte. So gnt wie den Rassenhaß kann man auch deu Stammeshaß wieder Heraufrufen. Nachdem der Schutz der nationalen Arbeit nur von deutscher Arbeit gesprochen hatte, wurde alsbald wieder unterschieden zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, zwischen der Arbeit von Ackerbau und von Industrie, von Handwerk, von Industrie und von Handel, damit auch nach Innen allerwärts Eines dem Wüten des Andern ge- — 223 — vpfert werden könnte. Haben doch sogar in den Einzel- staaten sich bereits die Forderungen geregt, die sächsische, die bayerische Arbeit vor der „fremden" zu bevorzugen. Gar nicht mehr soweit sind wir von der Auffassung entfernt, welche z. B. im Jahre 1834 bei Gründung der bayerischen Bank in der Münchener Ständekammer zum Ausdruck kam i „die bayerische Nationalehre verlange, daß kein Ausländer ins Direktorium kommen dürfte."*) Zeitströmungen sind ihrer Natur nach einseitig und vorübergehend. Auch dieser „Paroxismns" wird vorübergehen. Die Frage ist nur, wieviel Unheil er vorher anrichten wird, nicht bloß in den äußeren Zuständen, sondern in der Geistesverfassung der Menschheit. Was wir jetzt erleben, ist zum Teil ein Rückschlag gegen den gewaltigen Impuls, welchen die moderne Technik zum Ineinanderfließen aller irdischen Kräfte gegeben hat. Die Schranken nach Außen und nach Innen, welche ehemals die Völker untereinander und in sich selbst trennten, fallen vor der Allgewalt der neuen Mechanik, und was einst natürlicher Zustand war, wird Barbarei, wie Sklaverei, Lehnswesen und Adelsherrschaft es geworden sind. Aber das alte besiegte Element wehrt sich immer eine Zeit laug gegen das neue siegreich vordringende, und wenn es das Glück hat, seine anachronistischen Forderungen in mächtigen Persönlichkeiten zu verkörpern, so gewinnt es eine kurze Weile den Anschein, die Umkehr sei eine definitive. Die Figur des genialen Kaisers Julian kehrt des öftern in der Weltgeschichte wieder, wenigstens in einzelnen Zügen. Die Umkehr zum Welt-Schntzzollkrieg ist ein Rückschlag gegen die Erfindung der Eisenbahnen und des Telegraphen; aber Eisenbahn und Telegraph werden den Schutzzoll besiegen *) Wnlthcr Loh- Geschichte der deutschen Notenbanken. — 224 — und überleben. Nativnalhaß und Rassenhaß sind ein Rückschlag gegen die Ausbreitung von Milde, Gerechtigkeit und Freiheit, welche die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet und die Zivilisation des neunzehnten gereift hat. Auch sie werden siegreich den Rückschlag überwinden. Noch brauchen wir uns nicht der Anschauungen zu schämen, denen die größten Deutschen, Lessing und Goethe, huldigten. Auch sie standen allerdings in ihrer Zeit, und mit den Aufgaben der Zeit wechseln die Anschauungen und deren Berechtigung. Aber in der Anschauung so großer Geister ist ein Dauerndes, welches den Wechsel der jeweiligen Ausgaben und der aus ihnen erzeugten Impulse und Leidenschaften überlebt, und das gerade dann am meisten in Erinnerung gebracht und beherzigt zu werden verdient, wenn der Dünkel des Augenblicks sich dermaßen steigert, daß er seine Eingebungen für das Ewige hält. Folgendes schrieb Goethe an Carlyle:*) „Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetischen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedem Besonderen, es sei nun historisch, mythologisch, fabelhaft, mehr oder weniger willkührlich ersonnen, wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hindurch jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten und durchschimmern sehen. Da nun auch im praktischen Lebensgange ein Gleiches obwaltet und durch alles Irdisch-Rohe, Wilde, Grausame, Falsche, Eigennützige, Lügenhafte sich durchschlingt und überall einige Milde zu verbreiten trachtet, so ist zwar nicht zu hoffen, daß ein allgemeiner Friede dadurch sich einleite, aber doch daß der unvermeidliche Streit nach Briefwechsel, herausgegeben von Charles Eliot Norton, Cambridge, Amerika1887. — 225 — und nach läßlicher werde, der Krieg weniger grausam, der Sieg weniger übermütig. Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere der Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Ueberzeugung jedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört. Zu einer solchen Vermittlung und wechselseitigen Anerkennung tragen die Deutschen seit langer Zeit schon bei." So geschrieben zu Weimar am 20. Juli 1827 — sei es heute den Enkeln als ein Gedenkblatt ins Stammbuch gelegt. Ludwig Bambergers Ges. Schriften, V. 15 Als vor fünfzehn Jahren die Deutsche Reichsbank ins Leben gerufen wurde, hatte die Gesetzgebung eine auf dem Reichsgebiet ganz neue Aufgabe zu lösen, und in die Durchführung derselben wurden einige selbst auf dem allgemeinen Gebiet des Zettelbankwesens überhaupt bis dahin nicht erprobte Formen eingefügt. Wie Wohl auch dieselben vorgedacht und durchberaten sein mochten, der praktische Gesetzgeber mußte sich sagen, daß er es hier mit einem großartigen Versuch zu thun habe und daß erst die Zeit die letzte Autwort auf die Frage: ob er ihm gelungen sei, erteilen könne. Daher legte er sich selbst für die Geltung des Gesetzes eine Zeitbeschräukung auf. Nach Ablauf dieser Frist von fünfzehn Jahren, wenn sich gezeigt haben würde, wie die Arbeit sich bewährt hätte, sollte über die weitere Zukunft entschieden werden. Diese Probezeit ist um, und kaum dürfte ein verständiger und sachverständiger Mann diesseits oder jenseits unserer Grenzen seine Stimme erheben mit der Behauptung, daß das Werk seine Probe nicht bestanden habe. Ohne Übertreibung kann man sagen, daß die kühnste Erwartung keinen besseren Erfolg hätte verlangen können. Wenn jemals das ausschlaggebende Wort .,it, ^voi'ks -nsll" auf ein Gesetz Anwendung finden durfte, so auf dieses. Gewichtige Klagen sind von keiner Seite erhoben worden; einzelne Beschwerden über Nebendinge, die von Zeit zu Zeit auftauchen, berühren nicht die Grundlinien der Gesetzgebung. Natürlich giebt es Leute, welche von An- — 230 — fang an widersprachen nnd noch heute nicht bekehrt sind; besonders diejenigen, welche verlangen, eine Reichsbank müsse allen denen Kredit geben, welche das Geborgte nicht zurückbezahlen können; oder die, welche meinen, Papier sei der Stein der Weisen, mit dem man so viel Geld machen könne, daß allen Schmerzen abgeholfen werde. Das ist eine bekannte stereotype Form des volkswirtschaftlichen Irrsinns, die Jahr aus Jahr ein mit Vorschlägen kommt, Assignate auf Grund aller vorhandenen und nicht vorhandenen Dinge, namentlich in Repräsentation von Grund und Boden auszugeben. Ernsterer Natur dagegen ist ein oft gehörter Einwand, den ich selbst zu Zeiten in Erinnerung gebracht habe. Näm lich, daß die Feuerprobe einer großen Krise noch nicht über die Reichsbank hingegangen sei. Das ist gewiß richtig, denn als sie ins Leben trat, war die Überspannung des Unternehmungsgeistes, die auf die Kriegszeit folgte, bereits in starkem Maße zur Erschlaffung geworden. Aber wenn man diesem Einwand sein Recht nicht bestreikn will, so darf dagegen eine andere Betrachtung wohl in die Wagschale gelegt werden. Es ist nämlich eine bemerkenswerte Thatsache, daß im Laufe von fünfzehn Jahren keinerlei heftige Krise eingetreten ist, ja auch nicht einmal etwas, was einer solchen ähnlich sähe. Das ist eine Seltenheit in der Geschichte der Krisen. Sollten wir hier nicht mit einer Erscheinung zu rechnen haben, die anderer als zufälliger Natur ist? Man wird wohl sagen dürfen, daß in ihr die Wirkung zweier Momente zusammengetroffen ist, eines besonderen und eines allgemeinen; das besondere darin bestehend, daß die Reichsbank ihrer Anlage gemäß und in Folge einer umsichtigen, dieser Grundanlage folgenden Leitung das Ihrige dazu beigetragen hat, den Gang des deutscheu Geschäftes, so weit es von ihr abhing, in rnhigen, vorsichtigen Bahnen zu halten; daS allgemeine dahin zn bezeichnen, das; scharfe nnd tief störende Geldkrisen im verbesserten Weltverkehr überhaupt wahrscheinlich jetzt seltener auftreten als ehemals. Und von diesen beiden Momenten ist das letztere das wichtigere. Denn so viel steht fest, alle Vorsicht und Maßhaltung innerhalb der Grenzen auch eines groszen Staates könnte denselben nicht vor der Mitleidenschaft retten, in welche ihn die im Ausland entfesselten starken Geschüstsstürme mit hineinreißen würden. Ja dieselbe Vervollkommnung des Znsammenhangs der Weltwirtschaft, der wir die verminderte Gefahr schwerer Krisen verdanken, bedingt anch umgekehrt die leichtere Verbreitung des Übels. Aber die gnte Seite dieses Knlturfortschritts ist die stark überwiegende. Wie immer sind mit der Verbesserung menschlicher Einrichtungen etliche Gefahren auch hier verbunden, die aber hiuter der Größe des Nutzens bedeutend zurücktreten. In unserer unmittelbaren Nähe, in Frankreich, sind wahrend dieser sünszehn Jahre zweimal starke Katastrophen ausgebrochen. Aber nicht nnr haben ihre Wirbel nicht den deutscheu Geldmarkt beträchtlich zu stören vermocht, sondern man kann umgekehrt behaupten, die Verkehrsleichtigkeit und Solidarität des Weltgeldmarktes hat große Dienste geleistet, um die akuten Wirkungen des Bontoux- und des Panama- und Kupferkrachs in Frankreich und für Frauk- reich selbst abzuschwächen. Was sich hier im Weltverkehr des Geld- und Kapitalmarktes zeigt, beruht auf denselben Voraussetzungen, denen es zu verdauten ist, daß in zivilisierten Ländern von Hungersnot nicht mehr die Rede sein kann. Die Freiheit und Schnelligkeit der Bewegung und des Austausches, die telegraphische Ubiauität der geschäftlichen Thatkraft bewirkt, daß überall, wo ein Großfeuer anSbricht, die Löschmanuschaft sofort zur Stelle ist. Das ist eiu unberechenbarer — 2!!2 — großer Segen des schnellbeweglicheu Verkehrs unter den Nationen. Es läge nahe, von dieser Stelle ans einen Exkurs zu machen auf die Bemühungen, welche so emsig dahin gerichtet werden, diesem Segen als einem Fluch entgegenzuarbeiten. Auch dürfte daran erinnert werden, wie das leicht bewegliche Gold selbst einen Anteil an dieser Verbesserung hat. Doch das Alles würde diese Betrachtungen zu sehr in die Weite führen, und es genügt, den Gedanken angeregt zu haben, den Jeder, dem es nicht an gutein Willen fehlt, denn Wissen ist kaum dazu nötig, sich selbst weiter spinnen mag. Eine Gefahr bleibt immer bestehen, die des Krieges. Zwar könnte man auch hier den Gedanken vertreten, daß ein Krieg, und sogar ein sehr unglücklicher Krieg, in die Geldverhältnisse eines großen soliden Staatsbankwesens, welches sich das Vertrauen des In- und Auslandes in langer Friedenszeit zu verschaffen gewußt hat, künftig nicht mehr so störend einzugreifen drohe, wie man das früher anzunehmen geneigt war. Die Erfahrungen, welche auf französischem Boden gemacht worden sind, verdienen jedenfalls nicht übersehen zu werde». Der Kredit der französischen Banknote ist trotz furchtbarer Schicksalsschläge, die das Land 1870 und 1871 getroffen haben, keinen Augenblick beträchtlich erschüttert gewesen. Und man darf wohl annehmen, daß die aus der Münz- und Bankreform und aus der allgemeinen wirtschaftlichen Hebung hervorgegangenen deutschen Zustände wenigstens annähernd das Recht geben zu dem Glauben, daß in schweren Zeiten ein ähnliches Selbstvertrauen des Landes zu seiner finanziellen Widerstandskraft sich bewähren würde, wie dies in Frankreich erlebt worden ist. Mit all dem soll den Gefahren künftiger Geldkrisen, die aus wirtschaftlichen oder aus kriegerische« Katastrophe» entspringen könnte», keine optimistisch prophezeiende Verneinung entgegengestellt werden. Das wäre entschieden vermessen. Aber soviel darf immerhin aus obigen Betrachtungen gefolgert werden, daß der Einwand, die Erfahrung habe über die Widerstandsfähigkeit unserer jetzigen Bank- nnd Geldverfassung noch gar keine beruhigende Belehrung zn teil werden lassen, nur mit gewissen Einschränkungen zuzulassen ist. Dem sei übrigens, wie ihm wolle: über das Mögliche hinaus ist Niemand verpflichtet. Was an Erfahrung einzuheimsen möglich war, ist eingethan worden, nnd ans dieser Erfahrung ist notorischer Weise gegen die praktische Wirksamkeit der im Jahre 1875 zum Gesetz erhobenen Bank- verfassnng keine beachtenswerte Klage von schwerem Belang erhoben worden. Wenigstens ist das nicht in solchem Maße Verlautbart, daß man sich mit der Angabe eines offenkundigen Mißstandes zu befassen hätte. Weder die Geschäftswelt noch die fachwissenschaftliche Kritik hat dergleichen anfznweisen. Was die letzten Jahre an litterarischen Besprechungen über diese Materie Namhaftes zu Tage gefördert haben, liefert, so weit es zu meiner Kenntnis gekommen, gegen die Wirksamkeit des Bankgesetzes doch höchstens solche Ausstellungen, denen, falls sie berechtigt sind, ohne fundamentale Änderung des Bestehenden abgeholfen werden könnte. Von den in der Anmerkung angeführten Abhandlungen^) zeigt sich die von Jacobh am wenigsten *) Moritz Ströll. Über Gegenwart und Zukunft des deutschen Notenbankwesens, iu dem Schmollerschcn Jahrbuch. Zehnter Jahrgang, Heft 1. S. Jacoby. Die deutsche Zettclbankreform im Jahre 1891. München 1887. Dr. Walt her Lotz. Geschichte und Kritik des deutschen Bank- gesetzcs. Leipzig 1888. Vicrtcljahrschrift für Volkswirtschaft. Herausgegeben von K. Braun. 26. Jahrgang. I. Band. 2. Hälfte. S. 223. Eine sehr eingehende Besprechung des Werkes von Lotz. mit dem bisherigen Zustand zufrieden, nnd doch könnten auch die von ihr verlangten praktischen Veränderungen herbeigeführt werden, ohne an die Grundlagen des Gesetzes zu rühreu, einfach durch eine ihren Wünschen entsprechende Direktive in der Oberleitung. Dagegen ist es besonders erfreulich, zu konstatieren, daß ein so hervorragender Mann wie Professor Nasse sich in allen Hauptsachen mit deu Ergebnissen dieser gesetzlichen Schöpfung einverstanden erklärt und für deren Aufrechterhaltung eintritt. Man war darauf gefaßt, daß beim Herannahen des Zeitpunktes, in welchem das Gesetz der neuen Prüfung von Seiten der Regierung uud des Reichstages zu unterziehen war, sich ein Orkan von Angriffen gegen dasselbe erheben würde, um eine gruudstürzende Abänderung zu verlangen. Mau ist so gewöhnt daran, daß seit dem Wendepunkt des Jahres 1879 alles bis dahin Geschaffene für schmähliche Verirrung ausgegeben wird, in welche, wie es heißt, auch „der leitende Staatsmann" wider besseres Wissen und Willen hineingezogen ward, daß nichts natürlicher erschien, als daß das Kriegsgeschrei „es muß alles runginiert werden" auch gegeu das Bankgesetz erschallen würde. Und wirklich war in aller vorausgegangenen Zeit die nie versiegende Jammerklage über die stiefmütterliche Behandlung der Landwirtschaft auch auf diesem Gebiet oft genug in entrüsteten Anspielungen erhoben worden. Aber in dem Maße als der entscheidende Augenblick heranrückte, hat sich das alles doch in viel bescheidenere Formen gekleidet, uud die Summe der Neuerungen, die als Deutsches Wochenblatt. 1. Jahrgang Nr. 38, und Dr. O. Arendt im 2. Jahrgang Nr. 12. Erwin Nasse. Die Kündigung des Privilegiums der Neichs- bank und der Privatnotenbanken, in den Preußischen Jahrbüchern Band Heft 5. 2Z5 Äußerstes verlangt werden, beschränkt sich auf einige, nicht undiskutable Punkte. Das ist der größte Triumph, den das alte Gesetz hoffen konnte. Jene Neuerungsvorschläge sind in den oben erwähnten Schriften zu finde». Es soll dem Leserkreis dieser Wochenschrift nicht zugemutet werden, sich mit den technischen Einzelheiten bekannt zu machen, welche die einzelnen Verfasser ins Auge fassen, teils im Sinne der Verteidigung, teils im Sinne der Veränderung des Bestehenden. Selbst die interessanteste nnd ihrer Zeit am meisten umstrittene Bestimmuug der sogenannten Noten-Kontingentierung hat an Wichtigkeit verloren, seitdem auf Grund der Erfahrung beinahe ausnahmslos zugegeben wird, daß sie sich wenigstens unschädlich erwiesen hat. Das allgemein Verständliche, welches zugleich das Wichtigste ist, läßt sich auf zwei Fragen zurückführen, auf die Frage, ob die Neichsbauk „verstaatlicht", d. h. aus einer Aktiengesellschaft in ein reines Staatsuuteruehmen umgewandelt werden soll, und auf die weitere Frage, ob die übrigen Privat- nnd Landesbanken, die noch bestehen, unterdrückt oder ebenfalls verlängert werden sollen. Mir scheint, daß auch bei diesen zwei Fragen vor allem die Antwort berücksichtigt werden sollte, welche Zeit nnd praktische Erfahrung darauf erteilt habeu. Ju zwei der erwähnte!? Abhandlungen und hier und da in der sachverständigen Tagespreise sind Stimmen laut geworden teil? für Verstaatlichung, teils für Unterdrückung einiger oder sämtlicher andrer Banken; aber auch diese Forderungen haben sich nicht darauf stützen können, daß die Mißstände, über welche bisher Klagen laut gewordeu, iu der bestehenden gesetzlichen Verfassung der Reichs- und Lauoesbankeu wurzelten. Allen etwa gerechtfertigten Beschwerden könnte abgeholfen werden, ohne an jene Verfassung zu rühren, — 23i; — und dieselben Beschwerden könnten anch nach einer im Sinne jener Kritik eingeführten Veränderung weiter vorkommen. Wo solcher Weise die Erfahrung nicht nach Veränderung ruft, soll auch die Theorie nicht danach rufen. Denn natürlich ist jeder einzelne Satz der theoretischen Aussprüche in sich diskutabel. Für die wichtigste Frage, die der Verstaatlichung, hat sich sogar die Motivierung auf ein ganz enges und mit der Wirksamkeit des Instituts selbst gar nicht zusammenhängendes Terrain zurückziehen müsseu. Die Befürworter der Verstaatlichung geben zn, daß alles, was Staatsaufsicht hier leisten kann, schon nach der jetzigen Verfassung geleistet wird, und sie müssen sich damit begnügen, den einzigen fiskalischen Gesichtspunkt herauszukehren, daß etliche Millionen, welche jetzt an Aktieninhaber verteilt werden, dem Reichsschatz zu gute kämen. Etliche Millionen sind gewiß nicht zn verachten, man kann dahingestellt lassen, ob weil oder obgleich mit den Millionen jetzt recht phantastisch im Reichshaushalt umgegangen wird. Aber wenn der Streit auf diese einzige Linie zurückgedrängt ist, dürfen die übrigen sachlichen Bedenken, welche für das Bestehende eintreten, nm so eher Gehör verlangen. Es sind doch nicht so ganz haltlose Gründe, welche gegen die völlige Verstaatlichung vorgebracht werden, und sie sind wenigstens so respektabel wie die Motive der Verstaatlicher, welche ausnahmslos nicht aus besonderen, in der Sache liegenden Umständen, sondern aus allgemeiner staatssozialistischer Begeisterung heraus sür die Neuerung eintreten, weil sie es für jede Ausdehnung der Staatsindustrie thun würden. Ebenso verhält es sich mit der Frage nach der Lebensverlängerung der Privatbanken. Auch hier vermißt man offenkundig berechtigte Beschwerde» gegen deren Walten; und wenn die Theorie sie verschlingen möchte, stellt sich mindestens ebenso berechtigt das Bedenken ein, daß ein wenig Konkurrenz einer so mächtigen nnd machtliebenden Anstalt wie unserer Reichsbank gegenüber durchaus nicht vom Übel ist. Das so bescheiden „gemischte System" hat ohne Zweifel mehr genützt als geschadet. Und so sollte man denken, daß, wie es bis jetzt auch ans dem Gebiet der Währung, welches ja viel mehr gefährdet war, gelungen ist, das bestehende Erprobte der ewig begehrlichen Experimentirlust zu entziehen, auch hier au der Lehre des gesunden Menschenverstandes festgehalten werde: was gut ist, gut zu lassen. Die Anwendung dieses Grundsatzes würde natürlich nicht verhindern, auch bei Erneuerung der Privilegien neue Gegenleistungen zu bedingen. Hier sind selbstverständlich neue, den Umstünden, namentlich auch dem niedriger gewordenen allgemeinen Zinsfuß angepaßte Vorschriften zu treffen, und wenn diese richtig gegriffen werden, so kann cmch znm größeren Teil der fiskalische Vorteil erzielt werden, welcher mit der reinen Verstaatlichung zu teuer erkauft würde. I. ine neue englische Monatsschrift "Ilw Nsvisvv brachte kürzlich eine Abhandlung über die achtstündige Arbeitszeit ans der Feder des Parlamentsmitgliedes Charles Bradlnngh. Die periodischen Sammelschriften, besonders die monatlichen, haben in England seit Jahren sich die erste stelle auf dem Gebiet der Publizistik erobert. Sie haben nicht nur den Einfluß der Tagespresse, sondern auch der Wochenschriften erheblich abgeschwächt, und man begegnet nicht selten der Behauptung, daß sie mit ihrem Ansehen uud ihrer Wirkung sogar den Parlamentarische« Verhandlungen den Rang streitig macheu. Für die Läuterung der öffentlichen Meinung wäre das entschieden ein Gewinn, und ehrenvoll wäre es sür denjenigen Teil des Publikums, welcher seine Belehrnng ans den Pfaden dieser ruhigen und verfeinerten Betrachtungen suchte. Bradlaugh ist der Vertreter der Politisch radikalen Arbeiterpartei. Das steht jedoch nicht seiner Mitwirkung an einem litterarischen Organ im Wege, in welchem Coleridge, Lord-Oberrichter von England und mehrere Mitglieder der hohen Aristokratie als seine Kollegen figurieren. In einer folgenden Nummer derselben Zeitschrift hat die Antwort, welche der sozialdemokratische Führer Hyudmauu auf jenen Artikel schrieb, gleichmäßig ihren Platz gefunden. Dies nur beiläufig znr Pergleichung mit unseren deutschen öffentlichen Sitten. Ludwig VnmbcrgcrS Gcs, Schrlftr», V. lg ^ Der Gegensatz, welcher in der Hauptsache für uns in Betracht kommt, ist viel tieferer Art. Er liegt in der grundsätzlichen Stellung, welche der Verfasser zu seiner Aufgabe nimmt. Hier steht, um es kurz zu sagen, unserer neu- dentschen ungesunden Richtung die alte gesunde angelsächsische gegenüber. Bradlaugh ist zwar kein Sozialist aber er würde in Deutschland doch als solcher behandelt und zu den Neichsfeinden erster Klasse gezählt werden. Er vertritt die Arbeiter mit der Tendenz, daß dieselben sich einen größere» Anteil an den Gütern dieses Lebens erobern wollen und sollen, daß sie durch die gegenwärtige Verteilung des Einkommens unberechtigterweise benachteiligt seien. Auch die Beschränkung der Arbeitszeit auf das Maxi- mum von acht Stunden täglich gilt ihm für die erstrebenswerte Regel. Aber er weist die Dazwischenknnft des Staatsmacht und der Gesetzgebung behufs der Erreichung dieses Zweckes entschieden zurück und will die Besserung nnr dur^i die eigene Kraft der Arbeiter durchsetzen. Beschränkte sich der Gegensatz ans daS Verschiedene in den Grundzügen des Verhaltens hier und dort, befände sich der englische Führer nur im vollständigen Gegensatz zu seineu deutschen Kollegen, so wäre das zwar an sich schon bedeutungsvoll genug, aber zum Verwundern wäre es nicht. Denn unsere deutsche Arbeiterwelt hat ihre Ansichten ursprünglich aus der Hand von etlichen studierten Leuten em- * Bradlaugh war der Abgeordnete, welcher, 1889 für Northampton gewählt, statt des Eides unter Anrufung Gottes nur eine Beteuerung abgeben wollte und darauf wegen Atheismus vom Parlament ausgeschlossen werden sollte. Er wurde eines der angesehensten Mitglieder der radikalen Partei. Geboren 1833 in dürftigen Verhältnissen, hatte er ein Leben von Kämpfen und Entbehrungen hinter sich, aus denen er, dank seiner Zähigkeit und Thatkraft, immer zuletzt siegreich hervorging. Er starb am 30. Januar 18!>1. 243 pfangeu, welche bei den französischen Sozialisten der letzten hundert Jahre in die Schule gegangen waren, und nach dieser Schule ist die menschliche Gesellschaft von Grund aus eiu Produkt des Staates, alles Gute und Gedeihliche muß von der Gesamtheit dem Einzelnen aufgezwuugen und von ihm erzwungen werden. Aber auch unsere gelehrten und gebildeten Mittelklassen im Großen, welche seit hundert Jahren ihre wirtschaftliche Richtung mehr aus England als aus Fraukreich geholt hatten und dieselbe dem deutschen Geist als natürlich verwandt erklärten, haben neuerer Zeit, im Gegensatz zu den gleichen Klassen aller anderen Länder, sich dem Glauben an die Mechanisierung der Gesellschaft durch den Staat hingegeben. Der Grundsatz der individuelle!? Selbsthilfe ist förmlich bei uns in Verruf gekommen. Nur Gesetz und Regierung sollen überall und Jedem helfen. Das ist die von oben ausgegebene, von uuten dankbar aufgenommene Losung. Der Mensch hat seine Kraft nicht mehr in sich zu suchen, sondern nur von außen zu empfangen. Es gilt für unumstößliche Wahrheit, daß auf dem Gebiet der Arbeit uud des Erwerbes dem Schwachen nicht geholfen werden könne, wenn nicht der Starke schwächer gemacht werde, wozu mir die Staatsmacht die Kraft uud Ge- schicklichkeit besitze. Alle wenden sich daher in den beweglichsten Worten an den Schwachen, um ihm recht begreiflich zu machen, wie schwach und hilfsbedürftig, wie er verloren sei, wenn ihm nicht die Gewalt zu Hilfe käme, und lehren ihn, den ihm an Kraft Überlegeueu als seiuen Feind hassen, mit Ausnahme immer des einen allgerechten und allmächtigen Staates, d. h. der Leute, welche im Besitz der höchsten Stellen sind. Damit wird überhaupt die individuelle Kraft als ein staats- und gesellschaftsfeindlichcs Prinzip erklärt, IS* .' 4l die Schwäche als die wahre Gesundheit; die Kraft wird bestraft, die Schwäche belohnt. Ganz anders lautet die Sprache des englischen Vertreters der Arbeiter. Dieser beginnt seine Auseinandersetzung mit folgender Erklärung: „Es handelt sich hier darum, Stellung zu nehiueu iu der Frage, ob die achtstündige TageSbcschäftiguug für das ganze Königreich und für sämtliche Gewerbe gesetzlich vorgeschrieben werden soll. Dieser Bewegung, sofern es sich dabei um Erwachsene, einerlei ob Männer oder Frauen, handelt, widersetze ich mich aufs allereutschiedeuste, aus folgende» Gründen: Erstens, weil es nicht die Aufgabe des Parlaments sein sollte, die Zahl der Stunden zu bestimmen, während welcher ein Erwachsener zu arbeiten hat. Es macht sich eine im Wachsen begriffene Tendenz von schr gefährlichem Charakter geltend, deren Ausflns; diese Achi- stundeubewegung ist. Sie lehrt den Blick ans die Gesetzgebung oder die Regierung richten, um Abhilfe für alle Übel zu schaffen, die, welcher Art immer, im .Nampf nms Dasein anftanchen. Zweitens, weil eine möglichst knrze Arbeitszeit in jedem Gewerbe, wenn schon erstrebenswert nnd für den Arbeiter eine Wohlthat, doch Gegenstand besonderer Verhandlung nnd Vereinbarung in jeder Industrie sein und nach gegenseitiger Auseinandersetzung und Abmachung zwischeu den Arbeitgebern und den organisierten Arbeitern festgesetzt werden sollte." Zur Kennzeichnung des ganzen Gedankenganges genügen diese beiden ersten Sätze. Iu Deutschland rühmt sich die sogenannte Arbeiterfreuudlichkeit — schon dem ruhmredigen Namen nach eiu affektiertes Wesen gleich dem bekannten „Herz für daS Handwerk" -- genau des entgegengesetzten Prinzips. Bürgertum wie Aristokratie und auch ein ^eil der Demokratie würden den Manu für eiueu Volksfeind erklären, welcher, um seiueu Geuosseu zur Kräftigung zu verhelfen, nur Eins verlangt, nämlich, daß sie innerhalb der Grenzen des bürgerlichen Rechtes sich frei bewegen, zusammenschließen und verabreden dürfen. Ein Satz, zu dem sich auch iu Deutschland die vffeueu Geguer des Staatssozialismus durchaus bekennen. Und zwar nicht allein, weil sie in dieser Freiheit eines der besten Mittel zur Kräftigung eines besonderen Arbeiterstandes sehen, sondern weil iu diesem Recht der allgemeine Grundsatz einer möglichst großen Freiheit sür Alle in Leben und Webeu zur Anwendung kommt uud die mechauisierende, abstumpfende Methode der Zwangswirtschaft bekämpft wird. Sie nehmen überhaupt ihren Ausgangspunkt nicht von der Cinteiluug der Staatsaugehörigeu iu besondere Stände, verschmähen deshalb auch jeue groteskem Versuche, die nenerdings unter dem tönenden Namen der „Hebung" bald dieses, bald jenes Standes in Mode gekommen sind, nm die Angehörigen eines Berufs mehr durch Ansprüche, die sie an die Gesell schaft, ak dnrcb solche, die sie an sich machen, zn höheren Leistungen zn befähigen. In der Anerkennung eines Arbeiterstandes mit besonderen Rechten liegt für den Arbeiter die Gefahr, daß ans dem Privileg eine Unterordnung werde. Marx nud Lassalle als aristokratisiereude Demagogen haben dieser Staudesbetouuug bednrst, um sich des Arbeiters für ihre Herrschsucht zu bedienen, uud die Sozialpolitik des Deutschen Reiches hat dieselbe Kastenbilduug dahiu verwertet, dem Arbeiter das Recht der Selbstverantwortuug zu nehmen und ihn in ihre gesetzlichen ZwaugSvorrichtuugeu zu sperren. Wie undurchführbar der Anspruch vou Hause aus ist, wird schon dadurch ersichtlich, daß die Definition des Arbeiters zu guterletzt nur in der Grenze eines gewisfen Einkommens (von zweitausend Mark oder weniger) gefunden werden 246 konnte. Aus dem Stand der Arbeiter ist ein Stand der Unbemittelten geworden. Die Summe der Übel, zu denen auf diesem Wege der Keim in die Gesetzgebung gelegt ist, erschöpft sich nicht, wie man gemeinhin annimmt, in der Gefahr, das; dieselbe immer mehr sozialistischen Versuchen überliefert wird. So schädlich solche Experimente ausfallen mögen, es giebt doch etwas noch viel Schlimmeres. Nämlich die Entartung des Bvll> Naturells, ich sage nicht des Nolkscharaktero, um den moralisierenden Beigeschmack zu vermeiden, der mit dem Wort verbunden werden könnte. Wer da meint, der Staat mache sich seine Menschen, hat allerdings nichts der Art zu befürchten. Eine möglichst starke Regierung wird nach solcher Meinung auch immer stärkere Menschen machen. Wer aber der Ansicht ist, das; die Menschen den Staat machen, wird natürlich auch zu der entgegengesetzten Schlußfolgerung gelangen. Im Grnnde sitzt hier das ganze Problem: Genügt die Form, nm sich das Material zu schaffen, das sich in ihr bewegt, oder bildet sich diese Gesamtsorm aus dem Material und nach dessen Anlagen heraus? Man sollte denken, die Frage stellen hieße sie beantworten. Dennoch hat bei uns die frühere individualistische Auffassung im Laufe weniger Jahre in die jetzige staatsvergötternde und menschcnverachtende umschlagen können. Ich sage bei uns, obwohl der Porgang sich in der ganzen Welt in verschiedenen Abstufungen wiederholt. In den oben erwähnten paar Sätzen des englischen Proletariatsvertreters ist ja selbst die Anspielung darauf enthalten, daß ähnliche Ideen bedenklichen Umfang in seinem Lande angenommen haben; uud wir wüßten das, auch wenn er es nicht sagte. England kontinentalisiert und demokratisiert sich nach vielen Seiten hin, aber glücklicherweise für die Nation hat eine lauge Vorgeschichte doch ebeu dcm Volksuaturell Zeit gegönnt, genug Festigkeit anzusetzen, um den Versuchungen der so leicht von Frankreich nach Deutschland übertragenen Schablonisierung ans angelsächsischem Boden einen spröden und nachhaltigen Widerstand entgegenzusetzen. In England treibt die Besorgnis vor dem Wachstum der demokratisch - sozialistischen Keime manchen auserlesenen Geist in die Flucht zur Staatsall- macht — gewissermaßen nach homöopathischer Methode Gleiches mit Gleichen? zu bekämpfen. Da das Anschwellen der unteren Mächte unwiderstehlich erscheint, sollen sie auf den Wegen ihrer eigenen Logik in den Bann einer höheren Macht zurückgeführt werden. Das soziale Königtum, wie es uns neuerer Zeit im Prophetentou gepriesen wird, hatte eigentlich seinen finsteren Enthusiasten schon vor einem halben Jahrhundert in Thomas Carlyle gefunden, der in der That auch mit der Stimme und Haltung eines Sehers und gottgesandten Strafpredigers daher schritt. Aber selbst ein weicherer humanisierender Mann der neuesten Zeit, der kürzlich verstorbene Matthew Arnold, ein viel gelesener nnd bewunderter Moralist und Dichter, sühlt sich zu Idealen hingezogen, welche dem Geiste deo deutschen sozialaristvkratischen Jdeenkreises verwandt sind.*) Arnold ist aber so wenig wie Carlyle der Repräsentant weitverbreiteter Denkart. Beide sind Originale mit einem ausgesprochenen Geschmack fürs Absonderliche. Arnold glaubt, um das charakteristische Wort wiederzugeben, das; der Mensch im Staat, in der Gesamtheit sein „besseres Selbst" mit der höchsten Autorität bekleidet wiederfinde; er meint, die persönliche Freiheit führe zur Anarchie und beruft sich auf den alten logischen Kniff, das; die Freiheit sich nur negativ definieren lasse (eben just wie die Gesuud- 5) Matthew Arnold, (lulturs cmä iu> ossav i» i>uliti>'!>! «ml Äociul «'i'irieism. 248 heit!); ja er nähert sich dein deutschen Ideal so sehr, daß er Englands Abneigung gegen den Zwang zum Kriegsdienst verurteilt, im Kriegsdienst den Inbegriff aller Tugenden erblickt und das Wort Michelets zitiert: die Franzosen seien ein Volk von durch die Konskription zivilisierten Barbaren. Dagegen hat noch 1889 das Haupt der damaligen Negierung, Lord Salisburp, die Äußerung gethan, daß er die Einführung des allgemeinen Kriegsdienstes als einen Flnch für das Land ansehen würde. In dieser unvollkommenen Welt ist eben Alles nur relativ, und wer mitten in den Thatsachen der einen Lebensform sitzt, wünscht, leidet, hofft und fürchtet, baut sich in Gedanken sein Haus nach einem anderen, ihm fernliegenden Muster. Carlyle und Arnold hatten es ohne Zweifel in Deutschland nicht ausgehalten, weuu sie mit den väterlichen Autoritäten und dem besseren Selbst, denen Deutschland gehorcht, in persönlichen Erfahrungen zusammengestoßen wären. Gäbe es etwas absolut Richtiges, so gäbe es überhaupt keinen Streit in der Welt. England und selbst die große amerikanische Republik entziehen sich uicht den logischen Verführnngsknnften, welche die Brücken zwischen der Demokratie und dem SozialiSmus schlagen. Aber der erstarkte Volkscharakter macht die Versuchung in der Praxis viel ungefährlicher. Bradlangh berichtet, daß im Staate New-Iork schon seit dem Jahre 1870 eine Achtstundenbill angenommen ward, und daß die An sänge der Bewegung noch weiter zurückliege», da schon so früh wie 18K8 die uordamerikanische Bundesgesetzgebnng selbst für alle Rcgierungsarbeiten den Grundsatz der Beschränkung ans acht Stunden auuahm. Das Gesetz des Staates New-Iork ging noch weiter, indem es einen Zwang ans die Regelung der Privatarbeiten auszuüben unternahm, allein doch uur mit einer Zurückhaltung, welche Mattgel an — 24! > Vertrauen in die Richtigkeit des Zwanges durchblicken läßt. Es heißt da: acht Stunden sollen den gesetzlichen Arbeitstag ausmachen ^lAllt. trorii-s s1ig,l1 eon^tituds n, 1kAg,1 cla^ ^ >vc>i-Iv) sür alle Klassen vou Mechaniker», Handarbeitern und Tagelöhnern, mit Ausnahme der in der Landwirtschaft und Hansdienst beschäftigten; aber Überzeit gegen außer ^ ordentliches Entgelt nach Vereinbarnug zwischen Arbeitgeber und Arbeiter soll gestattet sein. Eine Strafe ist an die Übertretung nur in dem Fall geknüpft, wo eine Regierung oder Mnnizipatität sich von der Vorschrift entfernt. So war das Gesetz von vornherein ein sogenanntes unperfektes, und in der That scheint es auch gar nicht Praktisch zur Geltung getvmmeu z» sein. In den Vereinigten Staaten ist nach dem ersteu Anlauf eine Verlaugsamung eingetreten, uud wenn es in längeren Zwischenräumeu auch nicht an einzelnen Ausbrücheu gefehlt hat, manchmal recht gewaltigen, so kann mau doch ruhig behaupte», daß der öffentliche Geist sich eher von dieser Richwng wieder abwendet als in ihr weiter entwickelt. Auch ist es eine bekannte Thatsache, daß in Amerika die sozialistische Bewegung uuter den Arbeitern hauptsächlich durch zugewanderte deutsche Apostel versorgt wird. Der deutsche Geist ist der führeude iu der staatssozialistischeu Richtung für die ganze Welt, für beide Henrisphären geworden, nicht etwa wie aus den anderen Gebieten, des Militarismus, Protektionismus und Nationalismus, weil das offizielle Deutschland mit seiner Macht und seinem Beispiel jetzt tonangebend dasteht, sondern weil natürlich und geschichtlich ausgebildete Anlagen den deutschen Geist mit den zur Ausbrütnng sozialistischer Theorieen geeigneten Vorzügen und Fehlern ganz besonders ausgestattet haben. Wie könnte ein von deutschen Arbeitern in den Reichstag zur Vertretung ihrer Angelegenheiten entsendeter Führer 250 daran denken, sich eine Sprache zn erlauben, gleich der, mit welcher Bradlaugh seinen erwähnten Artikel schließt: „Von dem Glauben ausgeheno, daß jeder etwaige Versuch des Parlaments, die Arbeitsstunden vorzuschreiben, auf alle Zeiten für die besten Interessen der Arbeiter verhängnisvoll werden würde; befürchtend, daß viele Arbeiter nur zn leicht bereit sind, sich von zwar überzeugten aber unpraktischen Enthusiasten uud von unruhigen Ausbeutern sozialer Beschwerden verleiten zu lassen; und gewahrend, daß bei einigen Wahlkümpfen jüngster Zeit Kandidaten versprochen haben, für Maßregeln zu stimmen, welche alle freisinnigen Überliesernngen auf den Kopf stellen, werde ich meine Stimme und Abstimmung im Parlament dahin richten, zu verhindern, daß dem Geist des Selbstvertrauens, welcher die Masse unserer Bevölkerung zu einer den meisten europäischen Nationen überlegenen macht, in irgend einer Weise untergraben werde." Eine solche Sprache wäre in Deutschland nicht bloß undenkbar aus dem Grunde, weil die Arbeiter von sozialistischen Ideen beherrscht werden, sondern weil die Mehrheit der Gebildeten und Besitzenden dem Verständnis solcher Sprache entfremdet worden ist. Alle geistigen Bewegungen gehen von oben nach unten, und diese Wahrheit leidet auch in unserer demokratischen Zeit keinen Abbruch. Es sind immer die von der Last des Lebens sreien Köpfe, welche die neuen Gedanken zuerst aus sich erzeugen, fortbilden und in unsichtbaren Samenverwehungen umherstrenen. Die Macht, welche der Staatssozialismus über Deutschlaud erlangt hat, ist von Leuten der geistigen Aristokratie der Nation ausgegangen. Er hat seine Keime nicht bloß durch aristokratisch fühlende Demagogen wie Marx und Lassalle in die Köpfe der Massen gepflanzt, sondern mich durch die Träger höherer und höchster Bildung, allerdings solcher, welche, 251 — unbeteiligt an der werbenden Arbeit der Gesellschaft, vom Katheder oder vom grünen Tisch herab mit Hochmut und Gleichmut an ihr herum zu meistern und zu experimentieren sich berufen glaubeu. Die jüngst bei dem Tode des sog. Kreuzzeitungs - Wagener, eines keineswegs unbedeutenden Kopfes, wieder ans Licht gezogenen Spuren seiner sozialistischen Einwirknngen aus den Lenker der deutscheu Geschicke haben deutlich gezeigt, wie nach zwei Jahrzehnten in der neuesten Sozialgesetzgebung jener Same ausgegangen ist. II. Keiner Bewegung wird es leichter, von vben nach nnten durchzudringen, als einer, die sich anheischig macht, das Los der Massen zu verbessern; und nichts ist bezeichnender für das Wesen der gegenwärtigen inneren Politik des Reichs, als das Leitmotiv: sich der sozialistischen Bewegung zu bemüchtigeu, indem man ans ihren Jdeengaug einlenkt, zugleich aber mit eisernen Schranken der äußeren Gewalt ihr die Grenze zieht, wie weit sie sich ins Leben hereinwagen dürfe. Berglichen zu diesem Experiment war der Kampf gegen das Papsttum noch ein schüchterues Wagestück. Denn als Fürst Bismarck diesen Kampf begann, ergriff er die Fahne der Eiferer, die dem Geist des Ultramontanismus selbst mit Gewalt zu Leibe zu gehen gemeint waren, nicht ohne eigenes Mitempfinden, so weit bei ihm von einem Mitspielen der Empfindung bei Handhabnng der Ttaatsraisou die Rede sein kann. Es war daher auch nur ganz konsequent, daß er von dem Moment an, da er zu dem Entschluß kam, diesen Kamps aufzugeben, denselben Gegnern des Papsttums das Büuduis kündigte, nicht die » 252 — Freundschaft, denn bei ihrer Gelehrigkeit hatte er das nicht nötig. Mit dem Schiedsspruch in der Karolinenfrage präludierend, wurde allmählich solche Geschmeidigkeit in der Anerkennung deS heiligen Stuhles entwickelt, daß der Inhaber desselben im Jahre 1887 ausgeboten werden konnte, seinen züchtigenden Arm über jene Gläubigen auszustrecken, welche sich nicht zu dem Glauben auch au das Heilsmittel des Militärseptennats werkthätig bekennen wollten. Unverwöhnt, wie wir sind, durften wir schvu einige Genugthuung empfinden bei der Wahruehmuug, daß hier wenigstens die Logik einen Sieg erfocht. Es wnrde doch ganz verbrannt, was vorher ganz angebetet, und ganz angebetet, was ganz verbrannt worden war. Aus einigen Reden, welche der Kauzler im preußischen Herrenhanse hielt, bleibt dem Leser der Eindruck, daß demselbeu der gauze Kulturkampf nachträglich wie eine Donquixoterie erschien, die ihm durch untergeordnete Menschen aufgedrängt worden war. Die entlassenen Verbündeten hatten zwar für diese Umkehr nicht dieselben Begeisterungsstürme zu ihrer Verfügung, wie einst für das „Nach Eanossa gehen wir nicht"; es ist keine Standsäule im Tentobnrger Wald zum ewigen Andenken an den Schiedsspruch in der Karoliueusrage errichtet worden, aber so mancher, der einst den „Kampf gegen Rom" für die höchste Ehre uud Ausgabe des größten Mannes erklärt hatte, gab sich doch, von Grund ans bekehrt, der stillen Bewunderung hiu über die Weisheit eiuer Staatskunst, die zu rechter Zeit immer den rechten Weg zu finden weiß. Und wo ein Weg ist, sindet sich anch ein Wort, könnte man mit Variieruug des bekannten Spruches sagen, und wo sich ein Wort sindet, siudeu sich auch Nachbeter. Ganz anders liegen die Sachen bei der Sozialpolitik. > 253 Hier stoßen wir überall auf den Gegensatz zu Allem, was für Logik oder Konsequenz ausgegeben werden könnte. Wenn bei der Umkehr im Kulturkampf nicht nur die Logik, sondern noch eiu Besseres zum Durchbruch kam, uämlich das Geständnis, daß mit äußeren Gewaltmitteln moralischen Mächten auf die Länge nicht beizukommen ist, so wird im Kampf gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen mit der einen Hand das sozialistische Programm in den Himmel erhoben und mit der anderen gegen seine Anhänger das Schwert gezückt. Auch hier handelt es sich um einen Kampf der Meinungen, nur mit dem Unterschied, daß nicht nur dieser Kampf in Permanenz, sondern die bekämpfte Meinung selbst für die richtige erklärt wird. Die staatliche Machtfülle stellt sich die Aufgabe, denselben Geist mit allen Waffen zu bekämpfen, den sie in Worten bekennt und ins Leben einzuführen verheißt. Vielleicht ist niemals in der Welt das Selbstvertrauen der Regiernngsmaschinerie in ihre Überlegenheit über alle anderen treibenden Kräfte so kühn zur Schau gestellt worden, wie hier. Hier kommt zum Ausdruck, was — Alles in Eins zusammengefaßt — die Signatur dermaliger Umwandlung in dem Wesen unseres öffentliche» Lebens ausmacht: der Ansturm der mechanischen Weltanschauung gegen die dynamische, die Herausforderung, mit welcher allen geistigen und moralischen Kräften eine allerdings dem Verstand, aber nicht der höheren Vernunft dienende, festgegliederte staatliche Macht den Kamps anbietet. Das ist der Kern des herrschenden Systems. Sein Ideal ist das der Mechanisierung der gesamten Volks- und Staatskräfte in allen einzelnen Vorgängen der inneren nnd sogar der auswärtigen Politik, die Geringschätzung alles folgerichtigen Denkens, man könnte sagen des Gedächtnisses selbst. DaS Kunstgeheiinnis bewährt sich in jener Mechanisierung der 254 Geister, die alle Sprünge und Widersprüche ans Kommando mitmachen, so daß man bei der Beobachtung dieser erstaunlichen Willens- und Verstandesknechtschaft immer wieder an die nenentdeckten Wunder des Hypnotismns erinnert wird. In keiner anderen Sphäre aber ist dies Ideal so handgreiflich und trotzig aufgepflanzt worden, wie in der Losung- „Es lebe der Sozialismus, nieder mit den Sozialisten!" Die Zahl derjenigen, welche sich durch die gefährliche Natur des Experiments, künstliche Erzeugung und künstliche Komprimierung sozialistischer Ideen, beunruhigt fühlen, ist größer, als die laut werdenden Stimmen verraten. Mancher Seufzer steigt in der Stille auf über die heitere Gelasseu- heit, mit der die Reise in das neue Land angetreten wird, aber Ängstlicheit und Fatalismus, die so vieles ertragen gelernt haben, haben gelernt, sich nur in verstohlenen Klagen und Besorguissen Luft zu machen, vor der Öffentlichkeit dagegen mit den Wölfen zu heulen, wie es sich sür den klugen Mann unter der Herrschaft heilsamen Schreckens empfiehlt. Nur aus den Reihen der selbständigeren und selbstbewußteren Aristokratie habeu sich bei den letzten staatssozialistischen Verhandlungen die Stimmen offen zu erheben gewagt; doch hier, wie überall von Erscheinungen begleitet, welche verrieten, wie weit heutzutage die Zähmung auch der Widerspenstigen gelungen ist. Bei der allerletzten Probe schmolz die Schar derjenigen Kavaliere, welche sich und der Zukunft ein deutliches Nein zu schulden glaubten, auf ein winziges Häuflein zusammen, obgleich das Spiel sür ihre Partei noch viel gefährlicher ist, als für alle anderen. Denn was allen Bemühungen bisher nicht gelungen war, das wird jetzt von Gesetzes wegen in Angriff genommein die sozialistische Bewegung aus der städtischen Welt der Industrie in die der Landbevölkerung hinüber zu leiten. Die Stimmung einer Zeit trägt naturgemäß das Ge- — 255 — präge des letzten starken Erlebnisses. So hat die Pariser Kommune seither am meisten den Jdeengang beherrscht, welcher sich mit den Gefahren sozialistischer Ausbrüche beschäftigt. Der gewaltige Aufschwung, den die Beweglichkeit und demzufolge das Wachstum des Kapitals im modernen Leben genommen hat, kam diesen Darstellungen zu Hilfe. Die Erinnerung an weit zurückliegende agrarische Ausschreitungen trat ganz in den Hintergrund, obwohl dieselben in der alten uud neuen Geschichte viel öfter dagewesen sind, als soziale städtische Erhebungen. Die begründeten und die unbegründeten Beschwerden des großen Grundbesitzes, der sie zur Besserung seiner Sache als das gemeinsame Leid der Großen und Kleinen darstellt, thaten das ihre, um hier das Bewußtsein des Gegensatzes zwischen Hohen und Niederen zurückzudrängen; und schließlich kam noch Eines hinzu, um keinen Gedanken an die Möglichkeit sozialistischer Begehrlichkeit in bäuerlichen Kreisen aufkommen zu lassen. Der Norden uud Osten Deutschlands, deren Interessen die Gesamtentwicklnng des neuen Reichs beherrschen, ist niemals von agrarischen Unruhen ernstlich heimgesucht worden, uud die patriarchalische Autorität der Gutsherren verfügt daselbst über eine Bevölkerung, deren resignierte Sinnesart noch heute Spuren der spät beseitigten Hörigkeit verrät. Alles dies erklärt, wie so bis dahin in den Reihen der Großgrundbesitzer jene Gedaukenrichtung beliebt werden konnte, welche für die Aufstachelung des Gegensatzes zwischen Reich und Arm ihre Waffen der sozialistischen Rüstkammer entleiht, ohne sich über die Möglichkeit der Nutzanwendung auf die eigenen Berhältnisfe zu beunruhigen; obgleich die Gegensätze hier auf dem Platten Lande nicht minder hart bei einander wohnen als in der Stadt und alle sozialistischen Theorieen bis auf die ueneste Zeit vor Allem mit dem Plan einer gerechteren Verteilung von Grund und — ^5li — Boden eingesetzt haben. Gewiß hat zu dieser leichtblütigen Auffassung der Sache auch die pessimistische Stimmung das Ihrige beigetragen, welche aus den eigenen, mit oder ohne Schuld zerrütteten Vermögensverhältnissen vieler Gutsherren entsprang. Aber wenn nicht jeglicher verstandesmäßige Zusammenhang aus dem Gang der menschlichen Angelegenheiten verschwindet, muß das vom sozialistischen Grundgedanken der Ernährung des Individuums durch den Staat getragene neueste Gesetz allmählich im Lause seiner, nnsehlbar ans hundert Schwierigkeiten uud Vieldeutigkeiten stoßenden Anwendung eine neue Jdeenreihe in den Köpfen der ländlichen Bevölkerung erwecken. Indessen, vielleicht haben sie allesamt recht, sowohl die städtischen Bürgerklassen als die ländlichen Gutsherren, sich nicht von den Gefahren einschüchtern zu lassen, welche die sozialistische Staatspropaganda früher oder später heraufbeschwören könnte. Am Ende wiederholt sich in der Geschichte ebensowohl Nichts wie Alles, nnd jene Pariser Äommnne, auf welche die Phantasie des Schreckens jetzt so oft zurückgreift, ist aus einein Zusammentresfeu von Umständen hervorgegangen, wie es schwerlich jemals wieder erlebt werden wird. So wenig man bezweifeln kann, daß die Welt noch mehr als einmal bald da bald dort den auf alle Weise genährten Streit in lichte Flammen wird aufflackern sehen; so nahe der Gedanke liegt, daß, an einer einzelnen Stelle zum Ausbruch gekommen, er das überall aufgeschichtete Material in Sturmeseile eutzüudeu wird — eo ist dennoch schwer denkbar, daß eine sozialistische Erhebung zn laug anhaltenden Verheerungen nnd tief greifenden Veränderungen führen möchte. Das Gefüge nnd die Arbeit der modernen Zivilisation ruhen auf einem zu festen Unterbau und in zn starken Gerüsten, nm mehr als vorübergehend nnd au der Oberfläche von etwaigen auf den — 257 — ersten Anlauf siegreichen Stürmen geschädigt zn werden. Die Vernunft würde nach einem ersten Schrecken wieder zur Besinnung und zur Macht kommen. Die, welche mit dem Feuer spielen, haben vielleicht so unrecht nicht, darauf zu rechnen, daß die Mauern zu solide sind, um von den Flammen eines gelegentlich ansbrechenden Feners ernstlich bedroht zu sein. Man mutz dies ihnen schon deshalb zutrauen, weil man sie sonst ganz und gar nicht begreifen könnte. Dann aber ist man um so mehr in Verlegenheit zu erklären, warum diese gering angeschlagene Gefahr andererseits zum Zielpunkt aller Gegenmatzregeln und die Verbreitung der sie erzeugenden und ernährenden Ideen zur Aufgabe gemacht wird. Man kann die Lage ruhig dahin znsammenfasfein in friedlichen, normalen Zeiten besteht für keinen Teil des Deutschen Reiches die Gefahr eines sozialrevolutionären Umsturzes, und in Zeiten tiefgreifender äußerer Ruhestörung würde auch der ganze Mechanismus des Sozialistengesetzes in Scherben gehen. Der wahre Schaden, der freilich nicht ans den nächsten Moment hinaus zu berechnen ist, aber dafür auf die Länge der Zeit um so schwerer in Betracht kommt, droht aus der Untergrabung der persönlichen Energie in der großen Breite der Bevölkerung. Herrschbedürftigein Sinn, der sich im Besitz der Macht befestigt hat, erscheint, so wenig wie seiner Zeit der spanischen Inquisition, eine solche moralische und intellektuelle Verarmung wie ein Verlust, vielmehr ganz wie ein Gewinn. Lenksamkeit, blindes Vertrauen und blinder Gehorsam nicht bloß im Thun, sondern auch im Denken gelten bereits heute als eine erste Bürgertugend. Der Mechanisierung des Staats hat die Mechanisierung der Geister meisterhaft vorgearbeitet. Es wagt schon kaum Einer mehr zu fragen, wohin die Reise geht, und wenn sich Einer die Frage erlaubt, so erschallt alsbald der Ruf- Ludwig Vamdl-rgcr-i Ncs, Schriften. V. 17 — ^58 — Steiniget ihn! Wieviel Kommandos: Augen rechts! und Augen links! haben wir nur schon nach auswärts rasch nacheinander ohne Zucken ausführen sehen! Krieg gegen Rom, Huldigung gegen Rom; Herrlichkeit und Abscheulichkeit Rußlands : Psui über England, Heirat mit England; Hohn über das vom Republikanismus unterhöhlte Italien, Umarmung mit dem garibaldinischen Italien Crispis. Ja sogar in dem Konflikt mit der Schweiz*) machte der gelehrige Sinn den Versuch, sich die schwer verdauliche Rechtsauslegung der diplomatischen Jurisprudenz als natürliche Wahrheit anzueignen. Doch dies alles sind nur ebenso viele Symptome einer Entartung des öffentlichen Geistes, welche ihn zu der Hauptaktion, der Durchführung eines staatssozialistischen Mechanismus, gymnastisch vorbereitet, um zuletzt aus der Degene- ratiou des Denkens und Fühlens zu dem Ergebnis einer in der Staats- und Regierungsmaschine aufgehenden bürgerlichen Gesellschaft hinzuführen. Es springt in die Augen, das; für Umgestaltungen dieser Art nicht dies oder jenes Regiment, nicht ein einzelner Mann, wäre er noch so klng und mächtig, verantwortlich gemacht werde» kann. Die Ursachen liegen viel tiefer; und höchstens kann man allenfalls zugeben: ein anderes Regiment und ein anderer Manu hätte» dem verhängnisvollen Zug eutgegenzutrete» gesucht, statt ihm zn dienen. Aber Jeder sällt eben auf die Seite, uach der er neigt. Überhaupt kann i» so großen Gesamterscheinuugen nicht von Schuld oder Unschuld die Rede sein. Geholfen hat freilich die Erkeuutnis der Ursachen uud Wirkungen in dem Gang der großen Geschicke selten. Selbst die Frage, ob es innere Anlage des Volkscharakters oder aber das *) In der sogenannten Affaire Wohlgemuth, - 259 — Eingreifen einzelner Thatsachen oder Menschen war, die bestimmend für das Denken und Fühlen der Gesamtheit geworden sind, bleibt meistens ungelöst, wie Alles, was über den Charakter von Massen jemals behauptet worden ist, immer umstritten bleiben wird. Was wäre mehr geeignet, an dem den Deutschen so lange nachgesagten Individualismus irre zu machen, als das Schauspiel, welches diese Gegenwart uns darbietet? Haben wir jene Auffassung zu revidieren? War sie nie richtig, oder hat sich der Charakter der Nation unter der Einwirkung veränderter Bedingungen gewaltig verändert? Bekanntlich ist die Frage schon gelegentlich des Streites über die große historische Wendnng selbst aufgeworfen worden, welche dem Deutschen am meisten zn dem ehrenhaften Ruf der individuellen Kritik und Selbstbestimmung verholfen hat, nämlich die Reformation. Während die Einen darin den höchsten Beweis der subjektiven Freiheit des deutschen Sinnes erbracht sehen, wollen die Anderen in der erfolgreichen Durchführung des Satzes, dasz der Landesherr über die Konfession seiner Unterthanen zu verfügen habe, verbunden mit dem Umstand, das; diese Landesherren in der Auflehnung gegen das katholische Kaiserhaus ihre dynastischen Interessen verfolgten, den Beweis derselben Gefügigkeit erblicken, die uns heute in Erstaunen setzt. Ist die Vereinzelung des Individuums und der Landschaft, die Zersplitterung der Aufmerksamkeit und Thätigkeit, welche bis vor Kurzem als die Signatur deutscher Zustände galt, die Folge der Zersetzung des alten Reichs gewesen, vder war umgekehrt diese Zersetzung des Reichs ein Ergebnis des nationalen Ingeniums? Mau müßte Bände schreiben, um diese Kontroverse an der Haud der Thatsachen auch nur versuchsweise zu schlichten. So viel steht fest, daß bis vor Beginn der neuesten Ära das deutsche Denken in Staat, Gesellschaft uud Wissenschaft das 17" — 260 — Gepräge der individuellen Absonderung und Eigenwilligkeit trug, uud daß der Umschlag ius Gegenteil mit der Schaffung des Deutschen Reichs aufs engste zusammenhängt. Für den Anhänger dieser politischen Neuerung müßte damit ein durchschlagender Grund gegeben sein, sich auch der veräuderteu Sinnesrichtung selbst zu freuen. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Hier kommt der große, so oft verkannte Unterschied zwischen Staatseinheit und Staatsallmacht zur Geltung. Die Staatseinheit ist eine Wohlthat, die Staatsallmacht ist ein Übel, und nach dem Gang, den die Dinge bei uns zu nehmen scheinen, haben wir von allen Völkern darin die schlechteste Wahl getroffen. England hat die Staatseinheit ohne die Staatsallmacht; Frankreich hat Einheit und Allmacht des Staates zugleich; Deutschland hat die Einheit nur sehr unvollkommen erreicht und ist im Begriff, die Staatsallmacht zum obersten Gesetz seiner politischen und sozialen Entwicklung zu machen. Daß Staatsallmacht nnd Partikularismus sich nicht einander im Wege stehen, daß Staatsallmacht nicht gleichbedeutend ist mit politischer Einheit, wenn schon das sogenannte nationale Programm auf dieser Verwechslung beruht, zeigt ein Blick auf den Gang der Dinge in den letzten zehn Jahren. Der Partikularismus ist ganz parallel mit Staatsbegeisteruug wieder emporgekommen. Fürst Bismarck hat seine staatssozialistischen wie seine protektionistischen Erfolge — sie sind ja beide nahe miteinander verwandt — Schritt für Schritt erkauft durch Zugeständnisse an die Selbständigkeit der Einzelstaaten, von der Franckensteinschen Klausel an bis zur Preisgebung der Reichsversicherungsanstalt. Und es giebt für die politische Psychologie keinen sichtbareren Beweis dieses Zusammentreffens als die Thatsache, daß der spezifisch sächsische Provinzialgeist zur Zeit — 261 — derjenige ist, welcher der Reichsgesetzgebung sein Gepräge recht eigentlich aufgedrückt hat. In der gesamten wirtschaftlichen Bewegung haben dieselben königlich sächsischen Kleinstaatler und Zünftler, welche von Anfang an der Bildung eines einigen Deutschen Reiches mit der schärfsten Abneigung und Widerspenstigkeit gegenüber gestanden, die Führung überuommen. Sie haben mit Hilfe der übrigen reaktionären und Partikularistischen Elemente des Reichstags die Übermacht selbst über die Reichsregierung erlangt, diese zu bedeutenden Konzessionen gezwungen und mit unermüdlicher Begehrlichkeit in die Enge getrieben. Daß wir noch nicht das Zunftwesen in seiner ganzen Tragikomik wieder hergestellt haben, ist nur der Aufgeklärtheit der Reichsregierung, nicht der Einsicht der jetzigen Reichstagsmehrheit zu verdanken. Persönlichkeiten, welche vor zwanzig und fünfzehn Jahren noch mit verwunderten Augen als die grotesken Vertreter des kleinstaatlichen Zopfgeistes angesehen wurden, beherrschen zur Zeit die Situation. Und besonders mit ihrer Hilse, mit ihrer begeisterten Hilfe wird die große Sozialreform ins Leben gerufen. Aus der Mitte dieser Landsmannschaft hört der erstaunte Reichstag die Erklärung, daß die Vorlage der Alters- und Invaliden- Versicherung ein tadelloses Meisterwerk sei. Der Grund, warum dieser sächsisch-kleinstaatliche Zunft- und Souder- geist jetzt iu den vordersten Reihen als reichstreu paradiert, ist leicht gefunden. Er unterwirft sich dem Reiche, weil er auf dessen Zinnen seine Fahne aufgepflanzt, demselben seinen Geist eingehaucht hat. III. Alles, wie es bisher geschildert worden, ist ganz folgerichtig zustande gekommen. Die Staatsklugheit, welche sich — 262 — überall bewährt, wo es gilt, die gegebenen Faktoren zu einem nächsten Zwecke zu verwerten, fand bald heraus, daß die einzelnen Landesregierungen, die Personen der Regenten und Minister viel besser zu berechnen und zn behandeln seien, als das dunkle und bewegliche Meer des gesamten Volkes. In den ersten heftigen Zusammenstößen mit seiner liberalen Anhängerschaft, als die eben der Reichseinheit wider Willen angeschlossenen Dynastieen noch durchaus nicht gezähmt erschienen, ließ der Reichskanzler durchblicken, daß er der Volksstimmung bedürfe, um jeuer sicher zu sein. In einer Rede vom Anfang der siebenziger Jahre erzählt er dem Reichstag von jenem nächtlichen Traum, in welchem die in seinen Händen befindliche deutsche Landkarte plötzlich vor seinen Augen in Stücke gegangeil sei. Dies sollte eine Warnung für die Mehrheit des Reichstags sein, sich nicht Velleitäten des unbotmäßigen Eigenwillens zu überlassen, um nicht die zentrifugalen Kräfte der Landesherr- schaft zu stärken. Aber fünf oder sechs Jahre später war der Ton gänzlich umgeschlagen. Als der Reichstag Anstand nahm an der Drohung, die Elbmündung zn sperren, um Hamburgs Widerspruch zn brechen, wurden die Landesregierungen für den alleinigen wahren Hort und Schntz der deutschen Einheit, die Mehrheit des Reichstags mit Einschluß der Liberalen als verdächtige Partikularisten geschildert. Das Experiment war damals bereits vollständig gelungen und gesichert, uud jeue Behauptung entbehrte nicht einer gewissen Wahrheit, wenn man die Einheit nur in der Folgsamkeit gegen den Kanzler erblickt. Diejenige Reichstreue, welche in der unbedingten Anpassung an seine Politik besteht, hat jetzt eiueu unvergleichlich viel stärkeren Halt in den oberen Gewalten der Einzelstaaten als in der Breite der Nation. Man kann dreist behaupten, es giebt in sämtlichen Regierungen des deutschen Reichs keinen - 26c! Minister, der nicht vor dem Gedanken zurückschreckt, daS Mißfallen des Kanzlers auf sich zu ziehen und der sich darüber tauscht, daß ein solches Mißfallen unfehlbar seinen Sturz uach sich ziehen würde. Ein solches Abhüngigkeits- vcrhältnis ist natürlich nur möglich geworden durch die hohe imponierende Autorität, mit welcher sich der Kanzler das Vertrauen und die Verehrung der einzelnen Landeshäupter erworben hat. Die geheime Geschichte der 99 Tage, das Vorgehen der Höfe zu Gunsten des Kanzlers in der Battenberg-Episode, bezeichnet den Höhepunkt dieses Verhältnisses. Dies alles ist um so besser geglückt, als an dem Experiment der Geist der Bevölkerung mit seinen parti- knlaristischen und dynastischen Neigungen willig mitgearbeitet hat. Der merkwürdige Scharfblick, mit welchem der Kanzler die Stellen erkennt, an denen die Hebel zur Bewegung der Massen am besten einsetzen, ist ihm auch hier zu Hilfe gekommen; und sein nüchternes llrteil, welchem die deutsche Einheit, befreit von aller Romantik, lediglich als ein kompaktes Verteidiguugs- und Wirtschaftsinstrument in der Hand der preußischen Monarchie erschieu, traf zusammeu mit seiueu alten feudalen Gefühlen, mit seiner Antipathie gegen Alles, was an Ideologie der Sturm- und Drangreminis- zeuzen früherer Beweguugeu gemahnen konnte. Die Zugeständnisse der Separatrechte an Bayern und Württemberg kosteten ihn 1870 keine Überwindung, und er verschmähte die naheliegende Möglichkeit, kleinste Bundesstaateu wie Waldeck, das sich dazu anbot, zu mediatisieren. Je kleiner die Herrschaft, desto besser fügt sie sich als dienendes Glied in der Kette, mit welcher das Ganze zusammen gehalten und geführt wird. Empfahl solcherweise die politische Berechnung, dem Partikularismus zu Hilfe zu kommen, indem die Negieruugeu zugleich einerseits in der Furcht vor der Zentralleitung er- — 264 — halten wurden, und sie andererseits in deren Schutz die beste Garantie ihrer Fortdauer gewahrten, so ward dadurch zugleich der den meisten Deutschen zur anderen Natur gewordene Geist landschaftlicher Absonderung wieder erweckt und gefördert. Er ist heut viel stärker als er vor zwanzig Jahren war. Ja, wenn heute die ehemaligen Landesväter von Hannover, Knrhesseu und Nassau auf dem Wege Rechtens zu Bundesfürsten des Reichs gemacht und in ihre Residenzen zurückgesührt würden, der Jubel der ehemaligen getreuen Unterthanen wurde trotz aller Drangsale, welche dieselben einst zu erdulden gehabt, gerade so groß sein, wie jüngst bei der achthundertjährigeu Gedenkfeier der loyalen Sachsen oder bei dem Einzug des Herzogs in Luxemburg. Die Fehler selbst der herrschenden Zentralgewalt kommen ihr in ihrer partiknlaristischen Tendenz zu Paß. Nachdem der harte und schroffe Geist, welcher dem Preußentum seinen bösen Namen in der Welt und in Deutschland gemacht hat, bald da, bald dort wieder sich zu erkennen giebt, darf man sich schließlich nicht wundern, wenn auch ein frommer Einheitsenthusiast zur Zeit lieber beispielsweise Badenser oder Bayer bleibt, als durch einen Preußischen Landrat und Minister regiert zu werden. Es läßt sich nicht leugnen, daß in diesen kleineren Staaten ein gerechterer und menschlich milderer Geist waltet als im heutigen Preußen, ein Umstand, der seinerseits wieder dazu beiträgt, daß der Enthusiasmus für die gegenwärtige Reichsregiernng in den liberaler regierten Staaten am stärksten ist. Denn sie kommen mit dem jetzigen preußischen Negierungsgeist, der in ihr steckt, nur in mittelbare Berührung. Unter allen diesen Einflüssen ist der politische Sinn, der in Deutschland nie übermäßig entwickelt war, wieder herabgekommen. Das Hochgefühl, nicht bloß mit dem Gesicht, das sich nach außen kehrt, sondern anch mit dem eigenen — 265 Jnnenwesen einer großen Gemeinschaft anzugehören, wie andere große Völker, die in einem wahren Staat mit einem zentralen Resonanzboden ihren eigenen Willen zur Ausführung bringen und ihre eigene Stimme hören, hat sich nach einem kurzen Aufschwung wieder in die Rinnsale der Kleinstaaterei verlaufen; selbst das gemeinsame deutsche Reichsbürgertum ist bedroht in den Bemühungen gegen die Freizügigkeit, die mit den Zuuftbeschränknngen außerordentlich gut zusammenstimmen. Einem Volke, das sich im Besitz seiner selbst fühlt, wird der Übergang aus einem Wirtschaftsleben der freien Ellbogen zu einem System der allmächtigen Staatseingriffe immer schwer werden. Es wird sich, wie die Engländer, auch trotz aller entgegengesetzten Zeitströmungen mannhaft dagegen wehren und um jedes Zugeständnis feilschen. Gegen Ende der sechziger und zu Aufang der siebziger Jahre, als das deutsche Volk sich im Aufschwung des Werdens zu einer großeu sich selbst hörenden uud führenden, mit Überwindung alles Kleinen auf einen Mittelpunkt hin drängenden Nation fühlte, feierte auch der Geist der individuellen Freiheit ein Fest der Auferstehung, und die Reichsregierung huldigte systematisch deu Grundsätzen, die zur Schaffung eines Reichsbürgerrechts, der Freizügigkeit, des Koalitiousrechtes der Arbeiter, der Handels- uud Gewerbefreiheit hindräugteu. Seitdem das Ansehe» des Reichstages untergraben, die Zersetzung der liberalen Partei betrieben, die Partikularistische Strömung ansgemuntert, der Schwerpunkt der Einheit in die Dynastieen verlegt ist, sind Schutzzoll und Beschränkung der inneren wirtschaftlichen Freiheit emporgekommen. Beide vereint haben die Versuchung zn staatssozialistischen Experi menten besonders nahe gerückt. Wenn ein Volk vom Gesetze seiner wirtschaftlichen Freiheit beraubt wird, verspricht man ihm natürlich Ersatz — 266 — durch Wohlthaten aus derselben Quelle. Die zur Ausgleichung versprochene Erlassung von Steuern und Erhöhung von Löhnen erwies sich als illusorisch, denn der Nimmersatte Militarismus frißt immer mehr Steuern, und die durch den Schutzzoll auf alle Weise erschwerte Ausfuhr der Industrie zwingt zur äußersten Herabdrückung der Herstellungskosten. Um so verlockender stellt sich da die Zuflucht zur staatssozialistischen Lehre ein, denn ihre Hauptkunst besteht im Versprechen. Den „geschützten" Industriellen und Landwirten gewährt sie einen Seelentrost und eine Gewisfensberuhignug für die Ungerechtigkeit des Tributs, den sie vom Publikum erheben; die konservative Romantik der „guten alten Zeit" sieht die gemütliche Herrlichkeit der korporativen Gliederung wiedererstehen; namentlich aber macht die großmütterliche Regierung, mit der sich der herabgekommene, schwächliche politische Sinn von neuem angefreundet hat, von allen vorerst die besten Geschäfte. Deun der künstlichen Wiederbelebung der gewerblichen Bruderschaften, die sich so schön bei festlichen Aufzügen in theatralischen Gewändern uud mit stolzen Fahnen ausnehmeu, geht der Athem aus, sobald sie mit dem ungeheuren Getriebe in Berührung kommen, welches die heutige Welt in tausendfacher Bewegung und Veränderung in Gang hält. Soll der Traum verwirklicht werden, die ganze Produktion nach vorgeschriebenem Plan von außen zu stoßen und am Finger laufen zu lassen, so bleibt der modernen Kultur nnr eine Zuflucht, allerdings auch diese eine falsche: „der Staat, mit andern Worten die Regierung". An diesem Ufer sind wir denn auch schon stolz gelandet. Stolz, weil überhaupt das Gefühl des Stolzes und dessen hochtönende Selbstbejahung an Stelle aller anderen großen politischen Empfindungen: der Liebe zum Vaterlande, des Sinnes für Recht, Freiheit nnd Unab- — 267 - hängigkeit getreten ist. Der Bürgersinn selbst ist aufgegangen in die Anbetung der Staatsmacht, von deren Abglanz nach Außen und Innen alles andere leben muß. So erbaut sich auch der StaatssozialiSmus bereits an dem Hochgefühl, daß das Deutsche Reich, alleu Völkern zur Beschämung nnd Belehrung, den Stein der Weisen in seineu Versorgungs- und Versicherungsgesetzen gesunden habe. Bis jetzt fehlt es übrigens noch an jeglichem Zeichen, daß diese angebliche Bewunderung auch die Lust zur Nachahmung anderwärts erweckt habe. Der Stolz aus die äußere Machtstellung Deutschlands ist allerdings der am besten begründete Teil des herrschenden Bewußtseins; und wenn nicht alles darin auf philosophischer Würdigung des Völkerglückes beruht, so hat überhaupt die Philosophie in dem Verhalten der Nationen nichts zu suchen. Die anderen Nationen haben uns darin nichts vorzuwerfen. Den Deutschen aber, welche so lange in unnatürlicher Ohnmacht darniederlagen, wäre es, wenn eS einer Entschuldigung bedürfte, wahrlich zu verzeihe«, daß sie iu dem neu nnd so gründlich befriedigten Selbstgefühl schwelgen. Hier ist auch, und ans mehr als einem Grunde, die Lösung des Rätsels zn suchen, warum die Anziehungskraft der Staatsgewalt und in gewissem Sinne des Gewaltsstaates so sehr Macht über die Geister gewonnen hat, daß das Verständnis für die individuelle Freiheit im Leben und Streben, ja sogar im Denken nnd Urteilen abhanden gekommen ist. Der Sonne dieser Staatsmacht, welche von einer der letzten zur ersten geworden ist, und in deren Abglanz der Einzelne zu Hause uud in der Welt draußen sich neu beglückt spiegelt, wird willig alles dargebracht, was außer ihr zum Lebeusglück gehört; von ihr soll alles zurückgegeben und neu geboren werden. Die Personifikation dieser Staatsmacht ist der Schöpfer des deutschen Reichs; — 268 — das Werkzeug, dem sie ihre Erschaffung und Erhaltung verdankt, ist das Heer. An das Heerwesen lehnt sich daher der Staatsgedanke am engsten an. Das Heerwesen giebt dem Staat die Richtung; in ihm ist sogar der Partikularismus am besten überwunden, wie es einen großen Teil der besten Intelligenz und Thatkraft der Nation in sich aufsaugt. Durch eine Ironie des Zufalls, die zugleich einen tiefen Sinn hat, drängt zwar gerade das Kriegswesen immer mehr zu der Methode hin, die im Wirtschaftswesen verschmäht wird. Die Taktik kommt mit jeder neuen Richtung einen Schritt weiter ab von den früheren Überlieferungen der kompakt geschlossenen Massen; sie kommt zur Notwendigkeit, dieselben anszulösen und auf die Selbst- ständigkeit der Führer und des einzelnen Mannes den Nachdruck zu legen. Das vorwärts gehende Heerwesen entwickelte sich im Sinne des Individualismus, während der den Nährstand nach rückwärts drängende Geist ihn dem Erstarrungsprozeß der gebundenen Arbeit zuführen möchte. Doch das ändert nichts an dem nachhaltigen Eindruck, deu das stets vor Augeu stehende Bild der gewaltigen lebendigen Kriegsmaschine auf den Geist des Volkes ausübe» muß. Sie zeigt ihm ein millionenköpfiges Wesen, welches, mit wunderbarer Einsicht und Energie zusammengefügt, zusammengehalten und geleitet, von einem Mittelpunkt aus zu höchster Leistungsfähigkeit in Gang gesetzt wird. IV. Das imposante Gefüge, welches vom Einzelnen die höchste Anspannung seiner geistigen und körperlichen Krast verlangt und dennoch die Führnng des Ganzen auf den einen Mittelpunkt, das Oberkommando und den General- — — stab. zurückführt, dieses erstaunliche Gefüge, welches nicht bloß den äußeren Gehorsam, sondern das innere Leben seiner Augehörigen mit zwingender Gewalt ersaßt und in Übereinstimmung setzt, hat dem Glauben an die Herrlichkeit des Staatsmechanismus ganz begreiflicher und zugleich effektvoller Weise die Wege geebnet. Man stößt darum mit Zweifeln gegen die Lebensfähigkeit einer staatsmäßig geplanten und geleiteten Produktion sehr häufig auf den Einwand, daß durch die Vollkommenheit des militärischen Wunderwerks ein schlagender Gegenbeweis erbracht sei. Natürlich wird dabei übersehen, daß gerade dieses Wunderwerk selbst nur das Erzeugnis einer aus der freien ArbeitS- »nd Denkthätigkeit der Millionen hervorgegangenen Kultur ist und nicht diese Kultur ernährt, sondern von ihr ernährt und erhalten wird, keine Spanne Zeit hindurch anders als auf dem Boden und auf Kosten einer solchen Kultur bestehe» könnte. Aber das von der großen Wirkung betroffene Auge sieht nur diese Wirkung, und der innere Zusammenhang kommt nicht zum Bewußtsein. Dies um so mehr, als dank der Allgegenwart, mit welcher die Hseres- einrichtnng das ganze Leben der Nation umspannt und dnrchdringt, das Deuken in dem breitesten Umfang selbst von dessen Geist durchzogen wird. Hat doch sogar die äußere gesellschaftliche Sitte deu zähen Provinzialgeist ans dem Wege der militärischen Propaganda unifiziert! Die süddeutsche Formlosigkeit hat sich den festeren norddeutschen Ergevenheitsformen gefügt, ohne Zweifel auf dem Wege der Übertragung durch den Offizierton. Die „gnädige Frau" und die „gesegnete Mahlzeit" und das Sichselbstvorstellen verdanken offenbar dieser Fortpflanzungsart ihr siegreiches Eindringen bis in die kleinen Kreise der bayerischen und schwäbische» Landstädtchen. Die harte Zncht des preußischen Soldatenstaates hat dessen bürgerlicher Gesellschaft - 270 — den Stempel des befohlene», uniformen, wohlgemeinten, aber steifen Anstandes aufgedrückt, und dieser ist mit der Reichseinheit auf das größere Gebiet der Nation, wenn auch nicht gleichmäßig uach allen Seiten hin, übergetreten. Eine Kleinigkeit zwar, aber eine symptomatische für Größeres; sie läßt durchblicken, wie die Mechanisierung des allgemeinen Denkens und Verhaltens von einer bestimmten Mitte und mit bestimmten Mitteln mächtig geworden ist, gewiß vielfach anch zum Vorteil des Einzelnen und des Ganzen, aber belastet mit der Anlage zu mißverstandener Anwendung in der Übertragung auf andere vitale Gebiete der Gesell- schaftsfnnktionen. Die Wohlthat, die zur Plage werden kann, beschränkt sich hier nicht auf das Militärische im engeren Sinne. Auch der preußische Beamte mit seiner unermüdlichen Diensttreue entstammt dem Ingenium der Soldatenherrschaft und hat vielleicht schon hier und da die behagliche, aber weniger zuverlässige Gemächlichkeit des Südens überarbeitet. Aber wie der Mechanismus des Heeres die Verführung zum Glauben an die Mechanisierung der Produktion gefördert hat, so konnte auch uur unter der Voraussetzung einer so streng arbeitenden Beamtenschaft der Gedanke aufkommen, das produktive Wirtschaftsleben in die Bande einer büreaukratischen Maschine zu zwängen. Die freien Berufsgeuosfenschaften haben bei dem ersten Tasten versagt. Jetzt wird es mit dem staatlichen Apparat versucht. Schon der Versuch wäre in einem anderen Lande undenkbar. Bei uns kann er äußerlich in ersten Anfängen gelingen, was ein unglückliches Glück wäre. Es liegt nur zu sehr in der Art des menschlichen Geistes, daß er in gegebener Zeit immer nnr nach einer gegebenen Richtnng hinsteuert. Das gilt aber in besonders hohem Grade für den Geist der Gesamtheiten. Schon das dazu unentbehrliche Zusammenstimmen macht die Einseitigkeit zur Grundbedingung. Für die Aufnahme und Ausgleichung von Gegensätzen ist hier kein Raum. Man darf sich nicht wundern, daß die in so raschem Tempo vollzogene Errichtung des Deutschen Reiches und sein gewaltiges, einer wahrlich widerstrebenden Außenwelt aufgedrungenes Ansehen, und die Art, wie es durch die Initiative eines einzigen, alle Anderen weit überragenden Mannes zu Stande gebracht wurde, über den Geist der Nation für diese Zeit eine unwiderstehliche Macht erlangt hat. Die so lange staatlose und zum Aschenbrödel unter ihren Schwestern gewordene deutsche Nation sieht ihr Reich plötzlich auf die Höhe der furchtgebietenden Macht erhoben und bewuudert sich in dem neuen Staatsgebilde und in dem Begründer derselben, sieht in beiden das A und das O alles Gelingens, traut daher dem Staat und dem Mann alles zu. verwirft, was sich von ihm entfernt oder gar ihm entgegenstellt. Und der Manu, der diesen Triumph in sich verkörpert, fühlt sich doppelt und dreifach versucht, diese Eiuseitigkeit zu stärken. So wirkt alles zusammen, die Staatsallmacht als das höchste aller Güter erscheinen zu lassen. Da Blindheit nnd Leidenschaft sich willig zur Einseitigkeit gesellen, reckt sie ihre Fangarme immer weiter auS, wird alles ausgeschieden, was sich nicht von ihr bestricken läßt. Höhe des Selbstgefühls, mit der Verachtung alles anderen gepaart, erleichtert die Arbeit des feindseligen AbsperrenS und Abstoßens im Innern wie nach Außen. Die Fehler der Vergangenheit geben scheinbar solchen Tendenzen ihre Berechtigung. Da deutsche Feldherren ^niemand mehr als deutsche Fürsten und Adelige) dem Ausland Jahrhunderte lang heimatlose Kon- oottieri gewesen, da deutsche Bildung zweihundert Jahre lang ausländischen Mustern gefolgt ist, so soll das Übermaß der ehemaligen Unselbständigkeit uud Weltbürgerlich- keit jetzt durch das entgegengesetzte Extrem kuriert werden. an der Verachtung nnd Ausschließung alles Fremden soll das neue Nationalgefühl zn einer Flamme entzündet werden, die nur da hoch und herrlich lodert, wo alles andere an Gefühl uud Erkenntnis von ihr aufgezehrt wird. Uud es wäre noch nicht am schlimmsten bestellt, wenn dieser eine, einzige, überlegene, eisersüchtige Staatsgott auch nur durch einen einzigen Propheten zu den Glänbigen spräche. Denn die Klugheit, welche, selbst ohne Verblendung noch Leidenschaft, diese letztereu nnr als Werkzeuge gebraucht, weisz ab- nnd zuzugeben, dämpft je nach den Bedingungen der Lage bald da bald dort das Übermaß des Fanatismus, wägt im einzelnen Falle ab, wo an Stelle von Drohung und Trotz, Lockung und Wohlwollen zn zeigen ist. Und da der Geist der Gefolgschaft zur höchsten Vollkommenheit des Gehorsams mechanisiert ist, so werden die Bewegungen rück- und seitwärts mit derselben Präzision auf jeden Wink ausgeführt wie die Angriffe. Aber selbst wenn es Einseitigkeiten gäbe, die durchaus gut wären, konnte auch die größte Meisterschaft sich nicht vermesse», sie vor der Ausartung ins Schlechte zu bewahren. Geschweige denn trifft dies sür Einseitigkeiten von so gemischter Art wie die geschilderten zu. Die Klugheit der Leitung, auch die verfeinertste, behält die heftigen Triebe nicht in ihrer Hand. Thorheit und Falschheit fühlen sich mächtig augezogen von dieser Brutstätte der Leidenschaften, werfen sich ins Gewühl nnd ziehen bald einen Teil der Macht an sich; spotten selbst der Autorität, unter deren Gunst sie anfänglich ausgezogen. Nun findet die Kunst, zu verfolgen und zu verfehmen, ihre Meister, die zu Gegnern werden. Es wird Haß und Ächtung ausgebrütet nicht nnr, weil sie zur Staatsraisvn verwendbar erscheinen; aus dem Mittel zum Zweck wird Selbstzweck und Genuß. Ist es doch bezeichnend, daß bereits Ohr und Herz der studieren- — 273 — den Jugend denen folgt, welche von ihrem ehemals liberalen Teutonismus sich bis in das Lager der frömmsten und finstersten Ultras hinein verloren haben, weit hinaus über die Grenze offizieller Inspiration. Ganz neuerdings ist als weiteres Symptom aus militärischen Kreisen der Anspruch erhoben worden, die Popularität des Heerwesens zur Wiederherstellung — oder richtiger — zur Neubefestigung des aristokratischen Charakters des Offizierskorps zu verwerten. Der Erwerb, welcher das Offizierskorps ernähren muß, soll von diesem als gemeiner Beruf verachtet werden. Ganz konsequent allerdings. Was im Lauf der Zeiten aus diesem sich eben vorbereitenden Zwiespalt zwischen der rein autoritären Staats- allmacht und den sich von ihr emanzipierenden rein reaktionären Richtungen werden soll, liegt im Dunkel der Zukunft verborgen. Wenn man wählen müßte, die Wahl zwischen beiden wäre schwer zu treffen. Denn wenn gegenwärtig noch die mit Klugheit und Sättigung geleitete Autorität dem Fanatismus schlechthin reaktionärer Streberei vorzuziehen ist, so darf nicht übersehen werden, daß auf jene jetzt noch vorzuziehende Autorität in direkter Nachfolge ein Epigonentum kommen würde, welches von der ererbten Weisheit nur die gröberen Handgriffe einer nichts weniger als evangelischen Methode in sich aufgenommen zu haben scheint. Was aber da auch komme, die Mechanisierung der Geister und der Glaube an die Kraft des Mechanismus würde allen falschen Autoritäten einen erklecklichen Vorsprung gebeu. Der Staatssozialismus hat nicht umsonst sich die Gunst erobert, die ihn jetzt auf seiner Höhe erhält. Abgesehen von der Zauberkraft, die er mit seinen Wohlfahrtsverheißungen auf die Köpfe ausübt, schlägt er die Gesellschaft iu immer festere Bande und setzt die sozialistischen Stichwörter so in gesetzlichen Umlauf, daß jede Rückkehr Ludwig Bamlicr-n-rS Ges Schriften, V. lg » — 274 — zur freien Bewegung erschwert, das rasche Vordringen zu wirklich sozialistischen Experimenten der Versuchung nahe gerückt erscheint. Die beste und zugleich die schlechteste Rechtfertigung für die endlose Verlängerung der Ausnahmegesetze liegt in dem Nimbus, welchen die Staatsautorität selbst um den sozialistischen Gedanken verbreitet hat. Der Staatssozialismus, der sich zwar theoretisch als ein Ganzes giebt, aber in der Ausführung natürlich noch nicht einmal bis zur Halbheit zu kommen gedenkt, kann sich nur als soziales Regierungsmonopol halten, schließt die Mitarbeit eines freien Volkes aus und wird daher den Freiheitssinn der besitzenden Klassen immer mehr untergraben. Unter dem Banne des sozialistischen Bekenntnisses, aus dem sie sich nicht erlösen können, wird ihnen ganz natürlich die Freiheit der Bewegung, wegen ihrer Konsequenzen, gefährlich. Daher sehen wir die Freiheit überhaupt schou jetzt als ein Gut augezweifelt, zurückgesetzt, uoch nicht ganz mit Worten verleugnet, aber bereits ganz mit dem Herzen. Es geht mit der Freiheit wie mit dem Glauben und mit der Liebe. Wer erst anfängt, über die Ursachen und den Vorteil zu reflektieren, dem ist sie bereits dahin. Wenn sie schon, anch nur schlechthin utilitarisch gedacht, ein Gut vom höchsten Wert ist, wird sie doch nie da festsitzen, wo sie nicht um ihrer selbst willen als das edelste Besitztum geschätzt und geliebt wird, als der einzige wahre Adel menschlichen Wesens. Der Verstand hält nichts fest, was nicht in der Empfindung wurzelt. Der Sozialismus ist der Freiheit größter Feind, »nd der Staatssvzialismns unseres feudalmilitürischeu deutschen Staates ist ihr allergrößter. Er greift sie von oben und von nnten zugleich an, zwingt znr Gewaltregierung von oben und vernichtet den besten schöpferischen Trieb im Individuum. Nicht einen Tag könnte die Menschheit existieren ohne « 275 — die Kraft, mit welcher sich der Einzelne erhält und fördert. Das Rätsel der Erhaltung und Weiterentwicklung der Völker, trotz so vieler Mißregierung in frei wie in unfrei regierten Ländern, liegt nur darin, daß jeder der Millionen Einzelnen durch das, was er für sich thut, so viel zum Gedeihen des Ganzen beiträgt, daß die Summe der individuellen Leistungen die Arbeit des Regierens und Gesetzgebens in ihren guten wie in ihren schlechten Folgen millionenfach anfwiegt. Der Kultus des Genius und des Heroentnms selbst, auf dessen Altar die Anbeter der Staas- allmacht die Freiheit des Individuums opfern, ist doch nur eine Art der Huldigung an dieselbe Kraft, die im Einzelnen lebt; und der Genius und das Heroentum der Millionen Einzelner, sie sind zwar in jedem, einzeln genommen, kleiner, aber von derselben Art, wie die des Helden. Sie allein sind das wahrhafte Lebensprinzip des Ganzen. An der Verkennung dieser Wahrheit leidet unser heutiges Geschlecht, und was das schlimmste ist, die obere Schicht des Nährstandes selbst, die sich damit am meisten nn ihrem eigenen Lebensprinzip versündigt. Noch handelt sie weniger danach als sie danach denkt. Aber die Gedanken setzen sich allmälig in Thaten der Gesetzgebung, zunächst dann der Sitte und zuletzt der Empfindung um. Es konnte nicht ausbleiben, daß ein Volk, welches sich in allen Stücken der Mechanisierung seiner Kräfte hingäbe, immer mehr zurückginge. Ob solche Geschicke, die unter elementaren Einwirkungen sich erfüllen, durch Einsicht und Einkehr, durch Erfahrung und Schaden abgewendet werden können, wer vermag es zu sagen? Das Erstaunliche ist nur, daß im „Volk der Denker" so wenig Ahnung aufkommt von dem, was im Schoß seines innersten Seins und Werdens vorgeht und sich bereitet. ------------- 18* ^or einiger Zeit ward ich vom Herausgeber dieser Zeitschrift gebeten, einen Bericht über den Stand der deutschen Presse zu geben, und nach reiflicher Überlegung konnte ich es nicht übers Herz bringen, diese Bitte abzuschlagen. Denn, obgleich es angesichts des von Waffen starrenden Europas mehr als je eine Utopie scheint, von Versuchen, die Nationen in größere Harmonie zu einander zu bringen, zu sprechen, und obgleich ich mich, mit dieser Ansicht, nie hatte bestimmen können, mich irgend einer Friedensliga anzuschließen, so achtungswert dieselbe auch sein mochte, so erscheint mir dennoch von all diesen Versuchen derjenige als der am wenigsten nutzlose, welcher anstrebt, den Lesern der einen Nation einen richtigen Begriff von dem Zustand der anderen zu geben. Ich glaube, daß die meisten Menschen bei näherer Bekanntschaft gewinnen, und in noch höherem Maße ist dies der Fall bei Nationen, nicht nur weil sie schwerer zu verstehen sind als vielmehr, weil die, welche sie verstehen sollten — nämlich das vielköpfig-allgemeine Publikum, welches unter dem Namen Nation geht — so ungemein dickköpfig ist. Die erste Bedingung, nm zu einem solchen Verständnis zu gelangen, ist natürlich ein gegenseitiges Sichverstehen in den Sachen, nicht in den Worten. Heutzutage sprechen die Nationen mehr denn je durch die Zeitungspresse miteinander. Früher war dies die Arbeit der Diplomatie; und wenn diese mit ihrem Latein 280 zu Ende war, so griff man zur Kanone, Aber auch dieser Art von Beweisführung hat die Presse sich in weitein Matze bemächtigt. Die Kanonen, welche 1870 losgingen, waren von den Pariser Journalisten geladen, und es ist zu befürchten, daß die Bomben, welche die panslavistischen Schriftsteller jahraus jahrein in von MoSkan oder Petersburg aus geschriebene Artikel füllen, früher oder später zur Explosion führen. Wenn Klagen laut werden über das Unheil, welches der gegenseitige böse Wille einer Presse gegen die eines anderen Landes hervorruft, so habe ich oft zur Abwehr sagen hören: „aber diese Journalisten sind nicht die Nation: sie sind nur eine Handvoll unverantwortlicher Leute, welche von Sensation leben". In Wahrheit eine schlechte Antwort. So lange Staaten bestehen, haben deren Völker die Verantwortung für ihre Regierung tragen müssen. (^ni6^uicl ctslirant rsZss ist das Hastpslichtgesetz, welches im Buche des Schicksals geschrieben steht, und, so. ungerecht es im Einzelfalle sein mag, es ist nichts daran zu ändern. Ihr mögt uns zehnmal vorsagen, daß Eure Minister Schurken oder Dickköpfc seien, welche ihre Ernennung dem Zufall verdanken, nnd von der Mehrzahl der Nation verleugnet werden: sobald Ihr uns auf Befehl Eurer Minister angreist, müssen wir zu den Waffen eilen. Die Franzosen waren sehr ungehalten über die Deutschen, daß dieselben nach der Schlacht von Sedan nicht in ruhiger Befriedigung zum heimatlichen Herd zurückkehrten, da doch der böse Napoleon, der allein an Allem die Schuld truH, seine verdiente Strafe für seine Missethaten erhalten hatte. Aber die Nation mußte dafür büßeu, daß sie ihm erlaubt hatte, zu handeln, wie er gethan; nicht zu reden davon, daß sie, hätte er Siege davongetragen, taut ihren Teil daran gefordert haben würden. Darum auch habe ich allen freundlichen Einladnngen, mich an Friedens- ligen zu beteiligen oder Kongressen beizuwohnen, stets geantwortet: „Alles, was wir, die Regierten, zwischen uns besprechen, ist nur Zeitverschwendung. Das Einzige, was einen praktischen Erfolg behufs Ausrottung des bestehenden sanatischen internationalen Hasses haben kann, ist, daß jede Nation anstrebt, bei sich zu Hause die richtige Regierung zn erlangen; bis dieses erreicht ist, sind die zärtlichsten Erklärungen, welche die ausgewählten Geister einer Nation mit den ausgewählten Geistern einer anderen Nation austauschen, nur vergebliche Mühen, uud sie werden nie Un- yeil verhüten, noch bereits geschehenes Unglück heilen." Heutigen Tages aber ist die Presse, wie allbekannt, ein Teil der Regierung, selbst in mehr oder weniger despotisch regierten Ländern, uud alles das paßt eben sowohl ans sie wie auf die Regierenden und die Staatsmänner. Es wäre wohl nicht recht zu behaupten, das; jede Nation die Negierung habe, die sie verdiene; man könnte ebenso gut sagen, daß ein Kind, welches mit einem Klumpfuß zur Welt kam, nicht verdient habe, zwei gesunde Füße zu besitzen. Aber solange wir nicht vermeiden können, Diebe und Mörder zu bestrafen, ohne Rücksicht auf das Für und Wider der philosophischen Theorie vom freien Willen, so lange müssen auch Nationen verantwortlich bleiben sür die Fehler und Sünden ihrer Presse, ebeuso gut wie für die ihrer Regierung; und wenn sie versuche», den Folgen dieser Fehler und Sünden zu entgehen, müssen wir ihnen antworten: „Verseht euch mit einer besseren Presse oder ertragt in Stille die Strafe für ihre Missethaten." Nun wird man fragen: „Wenn es so steht, wenn unsere Aufklärung über ihre Presse oder die ihrige über unsere Presse nicht im Stande ist, Abhilfe zu schaffen, was kann eiue Unterhaltung darüber nützen? Was kann es uns helfen, zu wissen, das alles Das, was geschehen ist, — 282 — um unsere gegenseitige Entrüstung zu erwecken, nicht absichtlich geschah, sondern gewissen Mißverständnissen und Irrtümern zur Last gelegt werden muß?" Meine Antwort darauf ist folgende: Die Presse unseres Landes zieht einen guten Teil ihrer Macht und ihres Einflusses, welche sie über ihre eigenen Landsleute ausübt, aus dem Werte, welcher in der Fremde ihr beigelegt wird, und ihre Wichtigkeit zu Hause kennzeichnet ihren praktischen Wert durch die Reaktion, welche sie auf die Nerven der fremden Presse ausübt. Ich habe wahrgenommen, daß solche Organe, welche es für ihre verdienstvollste Aufgabe halten, den Nachbar an den Ohren zu zausen, es zu ihrem Geschäft machen, in fremden Zeitungen alle Aeußerungen aufzutreiben, welche berechnet sind, zu Hause böses Blut zu macheu, und während sie bewußt oder unbewußt ihre Leser über die Wertlosigkeit des Winkelblattes, aus dem sie schöpfen, im Dunklen lasfen, thun sie ihr Bestes, alle internationalen Mißverständnisse und Verstimmungen zu fördern. Es ist mir öfter begegnet, daß ein Fremder mich aufforderte, Rede zu stehen wegen einer Schrift oder eines Zeitungsartikels, als wären sie eine Manifestation der deutschen Meinung, während kein vernünftiger Mensch im deutschen Reiche etwas davon wußte, noch gar davon Notiz genommen hatte. Irgend ein Lumpensammler hatte die Notiz aus der Gosse gezogen und sie in feurigen, weithin sichtbaren Buchstaben vor die Augen fremder Länder gerückt. Ebenso geschieht es bei uns. Hunderte von Federn arbeiten Jahr aus Jahr ein, um solchen Unrat auszubreiten. Hier vielleicht mag etwas geschehen können — ich sage: etwas; denn Großes wird nie gemacht, es kommt, man weiß nicht wie, und darum ist es unwiderstehlich. - 283 — II. Die Zustände der Presse eines Landes schildern, deckt sich mit der Schilderung seiner politischen Zustände überhaupt. Das bedarf keiner Erklärung. Deutschland unterscheidet sich von anderen zivilisierten Ländern des Westens darin, daß es noch nicht die Höhe politischer Einheit und Freiheit errungen hat, daß es erst vor Kurzem seine patriarchalisch-monarchische Form der Regierung abgeschüttelt hat, und daß es deu bescheidenen Teil der Einheit, welcher bis zur gegenwärtigen Stunde ihm zugefallen ist, nicht inneren siegreichen Kämpfen verdankt, sondern der Rückwirkung auswärtiger Kriege, ansgefochten auf internationalen Schlachtfeldern, welche die erblichen Herrscher dazu bestimmten, ihrer Gewalt Grenzen zu ziehen, mehr aus opportunistischen Gründen, als aus Furcht vor unwiderstehlichen Erhebungen für die Freiheit. Daß diese dreifache Ursache noch stets weiter wirkt, zeigt sich darin, daß die öffentliche Meinung gegenüber der Staatsgewalt in Deutschland schwächer ist, als in anderen Ländern. Die Presse ist in der That hier, wie überall, eine große Macht; aber sie ist hier so wie überall dies nur in der Hand des Mächtigen, und da die öffentliche Meinung im Widerstand gegen die Macht des Staates bis jetzt noch nicht in hohem Grade das Bewußtsein ihrer Stärke erreicht hat, so hat die deutsche Presse bis zu dieser Stunde sich als eine starke Waffe mehr in den Händen der Regierung als in denen der Oppositionsparteien gezeigt. Die Energie des Widerstandes, welche von der römisch-katholischen Kirche und der Sozialdemokratie entfaltet wurde, rührte nicht von der Macht ihrer Presse her, sondern von der Leichtigkeit, mit welcher die Diener der Kirche und die Führer der Arbeiter im Stande waren, »n ihrer Umgebung persönliche Propaganda zu macheu. Wie — 284 — mit der Presse, so verhält es sich mit dem Parlament, und da der Einfluß ganz von der realen Macht abhängt, so ist der Einfluß der Presse wie der des Parlamentes viel geringer in Deutschland, als in den anderen großen Weltstaaten. Hier, wie in allen folgenden Betrachtungen, übergehe ich mit Schweigen die Frage über die Vorteile oder Nachteile, welche mit einem solchen Zustande verbunden sind; deun wir beschäftigen uns nur damit, Thatsachen zu schildern und nicht ihren Wert. Die Schwäche des freiheitlichen Selbstgefühls trägt ebenso viel als die Vielfältigkeit der Mittelpunkte des öffentlichen Lebens dazu bei, die öffentliche Meinung wie die sie zum Ausdruck bringenden Organe schwach zu erhalte». Selbst wenn Deutschland wirkliche Einheit wie Italien besäße, würde der Regionalismus, welcher bis ganz vor Kurzem Alles durchtränkte, dennoch sein Recht behaupten. Er behauptet sich, selbst iu Italien, sehr stark, obgleich Rom als Hauptstadt den Herzen der Italiener viel näher steht als Berlin den Herzen vieler Deutschen. Darum ist es eine anerkannte Thatsache, daß die Berliner Presse keinen vorherrschenden Einfluß auf das große deutsche Publikum aus- ilbt, weder moralisch, noch politisch. Wenn gewisse Organe mit besonders hervorstechenden Informationen ihren Weg durch das ganze Deutschland machen, so geschieht dies nicht sowohl, weil sie in Berlin erscheinen, als vielmehr darum, weil sie notorisch das Mundstück der Regierung sind, und zwar einer Regierung mit einer solchen interessanten Persönlichkeit an der Spitze, daß alle ihre Bewegungen nicht nur von Deutschland mit der größten Ansmerksamkeit, sondern auch von der ganzen übrigen Welt beobachtet werden. Wenn diese interessante Persönlichkeit nicht mehr da ist, werden die Organe, die sie benutzt hat, höchst wahrscheinlich wieder in ihre provinzialen Schranken zurücktreten. Ma» — 285 kann dies sehr gut an der Thatsache sehen, daß Organe, welche nicht in Berlin erscheinen, welche aber dennoch der herrschenden Persönlichkeit als Organ dienen, den Kreis ihres Einflnsses ausgedehnt haben. Aber, abgesehen hiervon, der Partikularismus, welcher in der Presse vor der Errichtung des deutschen Reiches geherrscht hat, behauptet sich auf seinem Grund und Boden, und jene Zeitungen, welche früher die öffentliche Meinung jenseits ihrer lokalen Grenzen beeinflußt haben, haben noch nichts von ihrer Autorität eingebüßt. Die Berliner Zeitungen haben nichts gewonnen, wenigstens nichts, was sich zu der Art vergleichen ließe, in welcher die großen Londoner Blätter die Stimme ihres Landes gegenüber Großbritannien, seinen Kolonien und der ganzen Welt abgeben. Ich sage nichts von Paris, weil Paris als der große, Alles in sich vereinende Mittelpunkt von Frankreich, kein nachahmenswertes Muster liefert. So besteht iu Deutschland, mit Ausuahme der allbekannte» Organe der alles beherrschenden Persönlichkeit, kein einziges Blatt, von welchem man sagen könnte, daß die darin enthaltenen Kundgebungen mit Wahrscheinlichkeit in weitem Maße zur Kenntnis der an der Sache Beteiligten gelangen möchten. Hier und da mag Manches besonders Bemerkenswertes aus einem Berliner Blatt in ein anderes übergehen; doch dieses geschieht auch den Zeitungen, welche in Hamburg, Frankfurt oder Magdeburg erscheinen und kommt wenig in Betracht, verglichen mit dem Einfluß der großen Organe anderer Hauptstädte, welche wohl wissen, daß ihr Geist und ihre Ansichten das ganze Land weithin durchdringen, weil sie überall gelesen werden, und daß ihre Ideen sicher sind auf dem Weltmarkt des öffentlichen Lebens zur Geltung zu kommen. Die „Neue freie Presse", eine Zeitung, welche garnicht in Deutschland, sondern in Wien erscheint, kann sich eines großen und andächtigen — Wli — Leserkreises rühmen, wie ihn nur wenige heimische Journale besitzen. Gerade diese Lage außer Landes verschafft ihr einen ausgedehnten Umlauf, ganz unabhängig von regionalen Grenzen, und der lebhafte Ton, welchen die Wiener Atmosphäre ihr verleiht, entspricht noch besonders dem Geschmack gemisser Leserkreise, welche nur selten in den Erzeugnissen der deutschen Publizistik Befriedigung ihres Sinnes für Styl und Darstellungsweise finden. Zwar giebt es auch in Berlin verschiedene nicht gouveruemeutale Orgaue, die Anhang im ganzen Reich haben; aber, obgleich sie ihren Sitz in Berlin hatten, bevor dieses Hauptstadt des Reiches war, so verdanken sie ihre zahlreiche Kundschaft nicht diesem Umstand, sondern dem, daß sie die anerkannten Organe einer Partei sind, deren Mitglieder durch meist konfessionelle Bande eng verbunden und daher gewissermaßen gezwungen sind, ihr Ohr dem Mundstück ihrer Partei zn leihen. Doch Alles, was nicht zu ganz besonderen Zwecken dient, verhallt jenseits der Grenzen Berlins. Es giebt eine Anzahl von Zeitungen in Berlin, welche reichlich mit allen geistigen und finanziellen Hilfsmitteln versehen sind, aber die Bevölkerung in den Provinzen hört nur ab und zu durch Zufall etwas von ihrem Inhalt nnd weiß kanm, zu welcher Partei sie gehören, und dennoch beziehen die Einwohner der Hauptstadt ihre geistige Nahrung von ihnen und bilden sich ein, iu voller Jdeeugemeiuschaft mit den übrigen Landsleuten zu sein. Hier und da gelingt es einem unternehmenden Zeitungsbesitzer, diesen Bannkreis zu durchbrechen, indem er einen besonders vervollkommneten Apparat industrivsen Vertriebs in Bewegung setzt; aber dieses sind seltene Ausnahmen, und sie hängen ganz von den damit verbundenen Persönlichkeiten ab; und selbst glänzende Erfolge sichren nicht zu dem sicheren Resultat, einen Leserkreis zu einer großen Gemeinde über das ganze Land hin zu verbinden. Man kann darnach sich leicht vorstellen, wie die Summe aller dieser Bedingungen ans den journalistischen Beruf zurückwirkt. Es fehlt nicht an Talent, und die für den Beruf nötigen Kenntnisse sind wahrscheinlich in Deutschland mehr verbreitet als in irgend einem anderen Lande der Welt. Ich glaube, nicht zu übertreibe», wenn ich sage, das; hier unter den Redakteuren von Zeitungen ebenso wie unter vieleu anderen höher gebildeten Klassen Deutschlands, namentlich unter den Lehrern, ein größerer Bestand von geschichtlichen und geographischen Kenntnissen zu finden ist, als in denen von England nnd Frankreich vereint. In den ruhigen Zeiten zwischen dem Fall des ersten Kaiserreichs und dem Jahre 1866, mit Ausnahme der Episode von 1848, gereichte eiue gewisse Art vou gelehrtem Journalismus zu einer befriedigenderen Thätigkeit als gegenwärtig, weil eine weit verbreitete und höhere Klasse von Lesern damals durch gelehrte Darstellungen in den Spalten der Tageszeitungen sich mehr angezogen suhlte als durch Politik.^ In jenen Tagen ward die „Allgemeine Zeitung", welche unter Schillers Mitwirkung entstand, in einer bayerischen Provinzialstadt von dein Verleger Cottn, bei dem die deutschen Klassiker erschienen sind, begründet nnd war im Stande, ihren Leserkreis ans allen deutschen Bnndesstaaten, Österreich mit eingeschlossen, und ans der ganzen Welt von da aus heranzuziehen. Ihre Herausgeber und Mitarbeiter gelangten zu litterarischem Rufe. Noch ist davon ein kleiner Rest übrig, aber es find doch nur dsaux rssdss. Der Tumult der Parteipolitik hat das Alles weggeschwemmt, und alle Publizistik höherer Art ebenfalls in die Grenzen des Partiknlarismus zurückgetrieben. Einem Journalisten *) Die alte sogenannte „Vossische Zeitung" in Berlin trägt davon die Spuren in dein Titel, den sie von Anfang an geführt, noch heute an der Spitze in den Worte» „Von Staats- »ud gelehrten Sachen." 288 gelingt es nicht mehr, seinen litterarischen Ehrgeiz oder sein Streben nach einer weit ausgedehnten Sphäre deS Einflusses zu befriedigen, und die wenigen, welche dahin gelangen, sich weit und breit bekannt zn machen, weil sie als Donner- knechte im Dienste des Olympiers stehen, sind mit seltenen Ausnahmen von untergeordneter Qualität; denn der Olympier befolgt in großen wie in kleinen Dingen den Grundsatz des ersten Napoleon, daß seine Helfer nicht großer Intelligenz bedürfen, weil er genug für Alle habe, uud die ihrige sie unzuverlässig machen könne. Es giebt innerhalb wie außerhalb Berlins geschickte nnd gelehrte Männer, welche eine Generation hindurch für die Presse geschrieben haben, ohne daß ihr Name außerhalb des eingeweihten Kreises bekannt geworden wäre. Eine der größten Befriedigungen, welche mit diesem Berufe in anderen Ländern verbunden ist und in Wahrheit ihn allein befriedigend machen kann, fehlt hier gänzlich, und eine gewisse Kleingeisterei, welche die deutsche Presse durchzieht, erklärt sich wahrscheinlich ans diesem Umstand. Es geschieht äußerst selten, daß ein Journalist einmal in eine höhere politische Stellung aufrückt, was schou die alten bureaukratischen uud aristokratischen Traditionen verhindern, aber selbst ein Übergang in die parlamentarische Laufbahn kommt hier seltener vor als anderwärts. In Verbindung mit diesem Umstand steht die Thatsache, daß auch unsere großen Zeitungen nur in den seltensten Fällen die Organe besonderer parlamentarischer Parteien sind; sie mögen zu gegebener Zeit die eine oder die andere unterstützen, aber sie würden sich etwas von ihrer Würde zu vergeben glauben, wenn sie iu deu Verdacht kämen, einer bestimmten Partei dienen zu wollen. Es besteht eine Art gegenseitiger Eifersucht zwischeu Partei und Journal; es geschieht sehr häusig, daß der Redakteur einer — 289 — Zeitung dagegen protestiert, daß er im Dienste einer bestimmten Partei stehe, oder daß eine Partei gegen die Vermutung auftritt, sie werde in einer bestimmten Zeitung vertreten. Der deutsche Individualismus und die große UnWahrscheinlichkeit, daß man von einer freien Laufbahn in die politische Hierarchie eintrete, führen hier wie in so vielen anderen Verhältnissen dazu, die Kräfte zu zersplittern und die Freude an der Arbeit zu schwächen. Ich glaube, beobachtet zu haben, daß die deutschen Korrespondenten in fremden Ländern mit mehr Kenntnis ihre Aufgabe erledige» als die meisten ihrer Kollegen; aber recht oft sehen sie die Begebenheiten, die sie behandeln, durch trübe Gläser an. Die Unzulänglichkeit der deutschen Presse, wie sie hier eben geschildert ist, wird zum Teil wieder ausgeglichen durch die große Öffentlichkeit der parlamentarischen Verhandlungen und besonders derer im Reichstag. Was immer da gesprochen wird, dringt in jeden Winkel des Reichs, wenn auch manchmal in verstümmelter Gestalt, und dies würde schon genügen, die Existenz des Reichstages zn rechtfertigen, obwohl er weniger Autorität besitzt als irgend ein anderes Volkshaus. Er ist der einzige Ort, von welchem aus ein Mann, obgleich er nicht auf Seite der Regierung steht, sicher sein kann, Gehör zu finden; er ersetzt dadurch eine zentralisierte Presse, und seine Leistungen werden dadurch um so wichtiger, weil er volle Redefreiheit geuießt, eine Freiheit, welche, wie bekannt, heutzutage der Presse nur in beschränktem Maße eingeräumt ist. In diesem wie in manchem anderen Punkte sind die Deutschen während der zwanzig Jahre, die seit dem französischen Kriege verstrichen sind, zurückgegangen. Dies näher zu illustrieren würde uns mitten in die politischen Fragen hineinführen, die wir hier nicht berühren wollen; wir wollen dies nicht mehr thun, als unbedingt notwendig ist, um die vorliegende Frage zu beleuchten. Ludwig BambcrgcrS Gcs, Schriften. V. lg — 290 — Die immer zunehmende Auslegungskunst, mit welcher eine neue Generation von Richtern gewisse Paragraphen des Strafgesetzbuches auszulegen bestrebt ist, macht es zu einem sehr gefährlichen Unternehmen, öffentliche Angelegenheiten anderwärts als im Reichstage zu besprechen. Es kann einem Schriftsteller im Handumdrehen, ohne daß er es wünscht oder entfernt daran denkt, passieren, daß er irgend einen hochstehenden Mann oder auch einen kleinen beleidigt oder manchmal einen großkleinen, und daß er dafür mit einigen Monaten Freiheitsverlust büßen muß. Diese Art von Rechtsprechung hat die Empfindlichkeit der amtlichen Körperschaften und sogar der Privatleute derart verwöhnt und verhätschelt, daß die Erörterung von Beschwerden zu einer sehr verfänglichen Aufgabe geworden ist. Ich möchte einem Journalisten nicht raten, daß er irgend ein öffentliches oder Privates Gebäude als sehr geschmacklos angestrichen hinstellt; er möchte sich eiue Beleidigungsklage dafür zuziehen, sowohl seitens der Personen, die es angestrichen, als von dem, der es anstreichen ließ. Vor einiger Zeit entschied ein Gericht, daß einem Schriftsteller der Zutritt zu einem ans Staatsgeldern subventionierten Theater verweigert werden könne, obgleich er seinen Platz bezahlt hatte, denn er habe die Schauspieler so heftig kritisiert, daß er dem Publikum die Freude an der Darstellung verdorben habe. Der Nachteil, welchen das öffentliche Wohl durch die der Kritik gezogeneu Schranken erleidet, wird vielleicht bis zu einem gewissen Grade durch einen Vorteil ausgeglichen, welchen die Presse an sich daraus zieht. Ich habe von französischen Lesern der deutschen Zeitungen sagen hören, daß die vorsichtige und geschickte Haltung gewisser unabhängiger deutscher Organe sie an ähnliche Erscheinungen in Frankreich erinnert aus der Zeit, wo unter dem zweiten Kaiserreiche das Schwert der Justiz jeden Tag über ihren — 291 — Häuptern schwebte und sie deshalb zu ähnlichen Anstrengungen führte. Die Kunst, das, was man zu sagen hat, mit der äußersten Vorsicht auszusprechen, ohne ihm doch die Spitze abzubrechen, hilft zu einer Verbesserung des Stils und zu einer Verfeinerung des Gedankens. Es ist allerdings eine Art von sklavischer Kunst, aber es ist eine Kunst; und Nachlässigkeit im Stil war so lange einer der Grundfehler des deutschen Journalismus, daß man selbst in solchen: Zwange zur Besserung einen zwar unwillkommenen, aber wirksamen Sporn erblicken kann. m. Klagen über die Ausschreitungen der Presse gehen durch die ganze Welt. Da in Deutschland nur die Blätter der Regierung volle Freiheit genießen, so ist die Vermutung nicht unbegründet, daß die Klagen wegen Mißhandlung und Verdächtigung des Gegners sich am meisten gegen sie richten muß; aber allerdings schleudert man sich allerorts und mit derselben Stärke der Überzeugung solche Vorwürfe zu. Je mehr das Wahlrecht in einem Lande sich ausdehnt, desto stärker drängt aller politische Streit in letzter Instanz auf Wahlstreitigkeiten hin, und wo das allgemeine Stimmrecht herrscht, ist die Polemik der Zeitungen auch am meisten geneigt, in wilden Kampf auszuarten, und andererseits: je mehr die Presse lokal beschränkt ist, desto gehässiger wird sie in ihrem Faustkampf werden. Es giebt in jeder Partei von den äußersten Konservativen bis zu den äußersten Radikalen Leute, die aus gewissem Instinkt heraus alle ihre Anstrengungen darauf richten, die gebildeteren und feinfühligeren Naturen von der aktiven Politik abzuschrecken, lg* — 292 — sodaß das Feld frei bleibt für die mehr abgehärteten Kämpe». Das beste Mittel, um diesen Zweck zu erreichen, besteht darin, unerwünschte Kandidaten in der öffentlichen Presse mit den gröbsten Verleumdungen anzugreifen. In dieser Weise kommt es dazu, daß nur die, welche dickfellig sind, oder die, welche durch irgend einen besonderen von ihnen verfolgten Zweck von vornherein unverwundbar sein wollen, von der Wahlbewerbung nicht abgeschreckt werden. Diejenigen Länder, wo das Wahlrecht weit ausgedehnt ist, — auch England, wenn ich recht unterrichtet bin — sind genötigt, anzuerkennen, daß das Niveau der Volksvertretung heutzutage ein niedrigeres ist als ehemals. Die Zeiten der Ruhe sind vorüber, in welchen ein hoher Grad von Beredsamkeit, gute Manieren gegen alle Welt und hohe Bildung eine Zierde der Parlamente waren und ihren Mitgliedern eine Ausnahmestellung in der Gesellschaft verbürgten. Wahrscheinlich haben die nimmer ruhenden Preßfehden der geschilderten Art ein gutes Anteil an diesem Zustand der Dinge. Es giebt aber noch andere Gründe, die ebenfalls dazu beitragen. Die Vervollkommnung der technischen Seite des Lebens wird immer mehr einer der Haupthebel an der Förderung des öffentlichen Wohls und drückt die entscheidende Macht politischer Systeme und konstitutioneller Formen herab, und die Folge davon ist, daß Menschen, welche sich im Besitz großer Energie und Geschicklichkeit fühlen, weniger Neigung empfinden, sich der politischen Laufbahn zu widmen. Darum sehen wir in den gebildeten Kreisen eine wachsende Abnahme der Neigung, sich an politischen Kämpfen zu beteiligen. Nur in einem Punkte sind sie noch erregbar durch das Interesse an der Politik, nämlich wenn es sich darum handelt, den Frieden zu erhalten, damit nicht heftige Störungen die Grundlage des Staates erschüttern. Bei dieser Abstumpfung des öffentlichen Geistes ist, wie man sich leicht — 293 — denken kann, nicht alles Profit. Frau von Stasl sagte einmal, daß in einem Lande, wo die Frauen aus politischen Gründen aufs Schaffott gebracht würden, auch Grund genug vorhanden sei, daß die Frauen sich mit Politik abgeben, und dieser Spruch kann auf verschiedene Weise verwendet werden. Aber die Zunahme der Gleichgiltigkeit für öffentliche Angelegenheiten aus Ekel an dem Geist der öffentlichen Polemik ist besonders unwillkommen in einem Lande wie Deutschland, weil es noch jung und unerfahren im politischen Leben ist, und weil es sowohl in seinen Institutionen als in seinem allgemeinen Bewußtsein noch keine festen und breiten Garantien einer freien Entwicklung besitzt. Seitdem die Schwierigkeiten, welche mit der Herausgabe einer Zeitung ehemals verbunden waren, durch ein in der ersten liberalen Periode des Reiches erlassenes Preßgesetz beseitigt wurden, ist die Zahl der kleinen unbedeutenden Blätter ins Unermeßliche gewachsen. In den wohlhabenden Landstrichen Deutschlands ist es gar nichts Ungewöhnliches, in Ortschaften, die nur 1000 bis 1500 Seeleu umfassen, zwei oder drei Zeitungen zu finden, Zeitungen allerdings, von denen man eher sagen kann, daß sie gedruckt, als daß sie geschrieben werden; denn ihre Herausgeber thuu ihre Arbeit meistens nur mit der Scheere oder mit poly- graphierten Korrespondenzen, welche von allen Parteien beinahe umsonst geliefert werden. Es versteht sich von selbst, daß in solchen Blättchen neben einigen nützlichen Mitteilungen ein großer Teil von unverdautem Material und persönlichem Skandal niedrigster Art verarbeitet wird. Der Deutsche hat einen größeren Lerntrieb als die meisten anderen Völker. Sei er im Theater oder auf Reisen, oder wo sonst immer, neben dem Trieb, seinen Genuß oder seine Neugierde zu befriedigen, will er immer auch den Vorrat seiner Kenntnisse vermehren. Nicht um- l — 294 — sonst hat Bädeker alle anderen Reisebücher verdrängt. Unsere Theaterzettel selbst führen überall so viel als möglich eine nähere Beschreibung von Zeit und Ort der Handlung und der Personen auf, und die Kouplets der tollsten Possen sind nicht selten mit moralischen Lehren verziert. Dasselbe zeigt sich auch in der Tagespresse. Mit Ausnahme der Politiker von Fach liest ein Deutscher in der Regel nur eiu Blatt. Er versteht in der Anschaffung von Zeitungen wie von Büchern seinen Wissensdrang mit seiner Sparsamkeit zu vereinigen. In den Stunden zwischen fünf und sieben Uhr des Abends begegnet man in den Straßen von Paris Tausenden von Personen, welche einen Pack Zeitungen, den sie eben gekauft, unter dem Arm tragen und eine davon im Gehen zu lesen beschäftigt sind. Ich kann mich nicht entsinnen, etwas Ähnliches während zwanzig Jahren je in Berlin gesehen zu haben, ausgenommen in Zeiten, wo der große Krieg die Menschen in Spanuung hielt. Ich glaube, daß der physische Durst, welcher in der deutschen Natur vorhanden ist, dem Durst nach Neuigkeiten Eintrag thut, und daß ein großer Teil der kleinen Ausgaben, der anderwärts der Presse zu Gute kommen, hier von Flüssigkeiten absorbiert wird. Dagegen sind die Meisten auf eine bestimmte Zeitung abonniert, und wenn ein Mann nur eine Zeitung hält, so wünscht er auch natürlich, daß sie ganz seinen Ansichten entspreche. Mit vollem Recht; denn es ist einer der größten Genüsse, die ein Mensch in diesem Jammerthal haben kann, wenn er jeden Morgen zu seinem Frühstück schwarz ans weiß einen guten Leitartikel im xlui-alis cUAnitatis geschrieben lesen kann, der ihm den Beweis liefert, daß seine eigene Meinung die beste von der Welt ist. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum der Leitartikel in deutschen Zeitungen mehr gepflegt wird als in — 295 — fremden. Jedes Blättchen mit seltensten Ausnahme», von Berlin bis in den kleinsten Flecken, eröffnet seine Spalten mit einem Leitartikel. Die kleinen beziehen dieselben meistens aus einer größeren Zentralmanufaktur für Leitartikel, welche solche an ganze Gruppen oder Distrikte liefert. Erscheint das Blatt Morgens und Abends, so hat es eben zwei Leitartikel, und sie beschäftigen sich durchaus uicht regelmäßig mit den neuesten Tagesfragen; das würde dem Wissenstriebe ihrer Abonnenten nicht entsprechen. Der Abonnent will auch unterhalten und belehrt sein, nicht bloß über die sogenannten brennenden Fragen seiner eigenen nächsten Interessen, sondern auch über alle anderen Dinge der Welt. In früheren Tagen beschäftigten sich die deutschen Zeitungen viel mehr mit fremden Ländern als mit ihren eigenen. Das hat sich »un glücklicherweise geändert, seitdem es ein Deutsches Reich und eine deutsche Politik giebt; aber eiu gut Teil ist doch noch davon zurückgeblieben, und es schadet nichts, besonders wenn es gelingen sollte, den Deutschen zugleich mit ihrem lebhaften Interesse für fremde Angelegenheiten auch eiu ebenso lebhaftes für ihre eigenen einzuflößen. Ich glaube, man könnte auf viele Tausende Deutsche, die wissen, daß Mr. Goschen jetzt Schatzkanzler ist, höchstens einen Engländer finden, der weiß, daß Herr von Scholz preußischer Finanzminister ist. Dieser Sinn für fremde Dinge ist kein Uebel, vorausgesetzt, daß er den Sinn für die eigenen Angelegenheiten nicht allzu sehr ableitet, und daß er dem Geiste treu bleibt, dem er entsprang, nämlich einer unparteiischen Beurteilung der Beziehungen zum Auslande, was zn einer richtigen Würdigung der eigenen Angelegenheiten und zu einer passenden Haltung gegenüber sremden Ländern führt. Aber diese Beurteilung und unparteiische Handlungsweise ist allerdings beeinträchtigt worden durch die großeu nationalen Streitig- — 296 — keiten, die in letzter Zeit eingesetzt haben, und wenn die Kenntnis fremder Angelegenheiten dazu benützt wird, den inneren Streit noch mehr zu nähren, so entspringt mehr Schaden als Nutzen aus der Beschäftigung mit den Angelegenheiten fremder Länder, weil dadurch größere Irrtümer und Entstellungen zusammengehäuft werden, als wenn die Nationen sich nur mit ihrer eigenen Politik beschäftigen. Da die Deutschen eifriger in der Erkundung fremder Länder sind als andere Völker, so setzen sich bei ihnen auch falsche Eindrücke, zu denen sie einmal gekommen sind, mehr und nachhaltiger fest. Das lebhafte Interesse, welches die Deutschen aller Klassen selbst in den breitesten Schichten des Volkes an den Angelegenheiten anderer Nationen nehmen, ist zum Teil die Nachwirkung ihres ehemaligen, langen Politischen Niederganges, während dessen sie ihren Sinn für dergleichen nur an der Erfahrung höher entwickelter Staaten üben konnten. Doch haben dabei auch noch andere Umstände mitgewirkt, wie insbesondere ihre größere Kenntnis fremder Sprachen, ihre Reiselust uud ihre Anpassungsfähigkeit. Seit einiger Zeit werden die schon früher gemachten Anstrengungen immer erneuert, um die deutsche Sprache von den zahlreichen Fremdwörtern zu reinigen, die in sie eingedrungen sind, und dies geschieht im Namen dessen, waS man den nationalen Geist nennt, ein an sich gutes und berechtigtes Gefühl, das aber im Laufe der Zeiten viel mißbraucht und von schlechten Elementen ausgebeutet worden ist. Es ist klar, daß Zeitungen, welche so viel mit fremden Angelegenheiten zu thuu haben, auch dazu beigetragen haben, die Sprache mit fremden Elementen zu versetzen. Aber so nützlich es sein mag, die Sprache zn reinigen, so wäre es doch schade, wenn dadurch die Neigung, fremde Sprachen zu lernen, beeinträchtigt würde. Glücklicherweise ist bis — 297 — jetzt nicht davon die Rede, und ebenso beklagenswert wäre es, wenn der Sinn für Belehrung über auswärtige Dinge bekämpft würde, um das Interesse für die eigenen Angelegenheiten zu heben; denn beide Dinge können sehr gut Hand in Hand gehen. Diese beiden Züge, die Fähigkeit zur Erlernung fremder Sprachen und das Verständnis für fremde Angelegenheiten sind ein Stück der guten Erbschaft des alten deutschen Wesens, und es wäre eine Versündigung an demselben, wenn man sie methodisch austreiben wollte. Jede Nation hat ihre Vorzüge und ihre Fehler, und wer ihr Borzüge entziehen will, weil sie unter gegebenen Umständen zum Nachteil zu führen scheinen, stört das Gleichgewicht zu Gunsten der übrig bleibenden unverminderten Fehler. Die naive Beschränktheit der Franzosen in Sachen der Kenntnis fremder Länder hängt eng mit ihren Vorzügen zusammen. Dem Deutschen, welcher dieselben Vorzüge nicht hat, die Fehler des Franzosen einimpfen zn wollen, wäre ein trauriges Unternehmen. Nichtsdestoweniger sehen wir jetzt Versuche dieser Art anstellen und Symptome davon in der Presse. Es mag ja heilsam sein, auf künstliche Weise fehlerhafte, einseitige Tendenzen auf ein richtiges Maß zurückzuführen, gerade wie man einen Stock, der verbogen war, nach der entgegengesetzten Richtung biegt, nm ihn auf die gerade Linie zurückzubringen; aber man muß Sorge tragen, daß der Stock nicht dabei zerbrochen wird oder, wie man in der Medizin sagt, daß die Kur nicht schlimmer ist als die Krankheit. Ohne in jenen Mystizis- mus zu verfallen, welcher gewissen Nationen gewisse Aufgaben in der Welt zuteilt, als wenn sie durch eine Vorsehung zu ihnen berufen seien, kann man doch sagen, daß jede große Natiou während ihrer Entwicklung eine bestimmte natürliche Aufgabe zu erfüllen hat, denjenigen Teil des all- gemeinen Kulturzwecks, welcher ihrem nationalen Temperament am meisten entspricht, ähnlich wie das Prinzip der Arbeitsteilung in der Welt die Ausgaben unter die Einzelnen verteilt. Wenn wir dieser Ansicht sind, so müssen wir bekennen, daß Deutschland mit der großen Macht, zu der es gelangt ist, auch den Beruf hat, jene besondere Art von Einfluß auszuüben, der seiner angeborenen Leichtigkeit, die Zustände und Besonderheiten anderer Nationen zu verstehen, entspricht. Ein Deutscher kann dies aussprechen, ohne anderen Nationen zu Nahe zu treten; denn es teilt Deutschland eine Stellung in der Welt zu, welche das Wachstum des Deutschen Reiches zn einem Segen zu Hause und draußen machen könnte. Alles, was vor Jahrhunderten mit dem Gedanken eines Deutschen Reiches unter dem Namen des Heiligen Römischen Reiches sich verbinden ließ, könnte dadurch in einem höheren und besseren Sinn erfüllt werden. Deutschland würde nicht, wie damals, danach streben, im Bnnde mit dem Papst die Welt zu regieren, sondern es würde jedem Volk sein gerechtes Teil an der allgemeinen Entwicklung lassen, um, indem es seine eigene große Macht in die Wagschale wirft, den Ausschlag nach der Seite des Friedens und der Gerechtigkeit zu geben. Dies ist die große Aufgabe, welche in Wahrheit zu dem Geist der deutschen Nation stimmt, und welche auch der Empfindung derer, welche mehr oder weniger zur Gründung des neuen Reiches beigetragen habeu, nahe liegt, wogegen jene Bewegung, zu deren Bezeichnung wir das Fremdwort „Chauvinismus" brauchen, so sichtbar das Ergebnis fremder, künstlicher und nur vorübergehender Einwirkung ist, daß wir hoffen dürfen, es wieder verschwinden zu sehen. Die Art und Weise, in welcher Deutschland und England in diesem Moment (1890) wieder einander näher kommen, — 29ö — mag ein Symptom sein, daß diese Hoffnung nicht auf eitler Täuschung beruhe. Wenn das gnte Einverständnis zwischen diesen beiden Nationen auf einer festen Grundlage hergestellt werden kann uud zu diesem Zweck ist es nur nötig, künstlich geschaffene Borurteile zu beseitigen, so würde dies nicht bloß für Deutschland und England, sondern für die ganze zivilisierte Welt als ein Glück zu begrüßen sein. Ueber Kompromisses Jede Regierung, in Wirllichteit jeder menschliche Vorteil und Genuß, jede Tugend und jeder Alt der Klugheit ist aus Kompromiß und Aus. tausch begründet. mit den amerikninschcii Provinzen.) ^) Aus der Nation vom 4. Oktober 1890. ^ch bin in diesen Tagen wieder der oft vernommenen Behauptung begegnet, die Nationalliberalen rühmten mit Unrecht dem Fürsten Bismarck nach, daß ihm vor Allen das Werk der deutschen Einigung zuzuschreiben sei, während doch ohne Moltkes Genie, ohne die Tapferkeit des Heeres und ohne die Hingebung des ganzen Volkes ihm das Werk nicht hätte gelingen können. Ich gestehe, daß ich in diesem Punkte aber doch noch den Nationalliberalen Recht gebe. Preußen hätte drei MoltkeS und dreimal so große Heere haben können: ohne den Kopf Bismarcks wäre die That nie vollbracht worden. Und der erfindende, leitende Kopf ist es, welchem die That gehört. Moltke und das Heer waren nur Werkzeuge, wenn auch noch so tüchtige. Die entgegengesetzte Behauptung entspringt aus demselben Irrtum, aus dem die sozialistische Theorie von der Ungerechtigkeit des Unternehmergewinns entspringt. Die Lehre von dem sogenannten Recht der Arbeiter auf den ganzen Gewinn beruht auf der Verkennung der Thatsache, daß bei allen schöpferischen Leistungen der Kopf die Hauptarbeit thut. Darum hat der organische Gang der gesellschaftlichen Produktion auch dem Unternehmer den größeren Gewinnanteil zugewiesen als dem unter der Inspiration und Verantwortlichkeit desselben stehenden Arbeiter. Die ganze Marx-Lassalle'sche Sozialistik beruht auf der Verneinung des Kopfes zu Gunsten einer nnwahrhaftigen Verherrlichung der Haud. Wäre es — 304 denkbar, eine Produktion mit Gewinnverteilung nach abstrakten Gleichheitsvorschriften an die Stelle der jetzigen Verteilung zu setzen, welche den thatsächlich wirkenden Kräften der intellektuellen Urheberschaft von selbst gerecht wird, so würde ein Leib ohne Seele daraus entstehen, und dieser Leib würde alsbald zerfallen. Die Zeit scheint mir noch nicht gekommen, aus den Reihen der Gegner mit einem Gesammt- und Endurteil über Licht und Schatten der Aera Bismarck herauszutreten. Nicht als wäre unbedingt richtig, was so oft gesagt wird: daß erst eine mehr oder weniger entfernte Zukunft befähigt sei, einen unparteiischen und wohl informierten Richterspruch zu fällen. In vielen Dingen ist die Gegenwart scharfsichtiger uud kompetenter; für manches Neue, was die Zukunft ans Licht fördern mag, gerät auch wieder Anderes in Vergessenheit; und füglich weiß doch Niemand so gut Bescheid über die Dinge als der, welcher sie mit erlebt hat. Aber die tragische Wendung dieses großartigen Geschickes ist noch zu neu, als daß nicht mancher alte Gegner der kanzlerischen Politik begreiflicher Weise ein gewisses Widerstreben empfinden sollte, Gericht über dieselbe zu halten. Hätten wir selbst durch eigene Kraft uns von ihr befreit, so wäre das ein Anderes. Der Sieg gäbe uns nicht nur Rechte, sondern legte uns auch Pflichten auf. Da aber eine dritte Hand, wenn schon vielleicht beeinflußt von der allmählich wachsenden populären Gegenströmung, den Kanzler gestürzt hat, so stände es den Gegnern übel an, zu triumphieren, uud auf ein solches Triumphieren würde doch jede Schlußabrechnung hinauslaufen. Dies darf freilich kein Abhaltungsgrund sein, schon jetzt, wo immer die Notwendigkeit es mit sich bringt, bald dies, bald jenes Stück aus dem Inventar der Bismarckschen Hinterlassenschaft der ernsten Würdigung zu unterziehen, wie dies — 305 — beispielsweise eben bei der Umkehr von der Teurungs- und Hungerpolitik geschieht. Natürlich kann dieser praktischen Aufgabe kein ästhetisches Hindernis entgegengestellt werden, und beiläufig gesagt, wäre ein Übermaß von Zartgefühl übel angebracht einer Persönlichkeit gegenüber, welche an rücksichtsloser Härte selten übertroffen worden ist. Die lange und schrankenlose Herrschaft des Fürsten hat so nachhaltige Folgen für das Land hinterlasfen, daß man in der praktischen Politik auf Schritt und Tritt Urteile über das Einzelne mit unzertrennlicher Rückwirkung ans das Ganze zu fällen in die Lage kommt. Und darum, nicht um ein letztes Verdikt über das Ganze zu sprechen, ist es für jeden in diesen Dingen zn Wort Kommenden von Wichtigkeit, über sein Verhalten zur Sache kein Mißverständnis einstießen zu lasseu. Je mehr ich davon durchdrungen bin, daß die letzten zehn Jahre des Bismarckschen Regiments unberechenbares Unheil über Deutschland gebracht, weil sie gauze Schichten der Nation in ihrem innersten sittlichen und intellektuellen Bestand hernntcrgearbeitet haben, desto mehr halte ich es für angezeigt, das wahre Verdienst Bismarcks nicht mit dialektischen Einreden zu leugueu. Es ist auch, wenigstens für diese Art von Abrechnung, einerlei, ob er wirklich das deutsche Kaiserreich vou Aufaug an so in die Welt zu setzen beabsichtigt hat, wie die Ereignisse es herausgestaltet haben. Ich glaube das für meinen Teil durchaus nicht. Aber wenn er es auch von Hause aus nicht so gewollt hat und nur durch die Aufeinanderfolge der Begebenheiten dazu gebracht worden ist, so sind die Dinge doch unter seiner Hand das geworden, was sie sind; und darum wird er sich immer auf die Anerkennung berufen köuuen, welche die Beredsamkeit der Thatsachen ihm darbringt. ES giebt ja auch Lente genug, die da sagen: hätte es Bismarck nicht ans seine Ludwig Vambcrgcrs Ges. Schriften. V. 2g — 306 — Weise gemacht, wäre es auf andere und bessere Weise gekommen. Das sind so ungefähr Betrachtungen wie die, was geschehen wäre, weuu die Griechen nicht bei Salamis oder die Germaueu nicht im Teutoburger Wald die Schlacht gewouneu hätten. Gerade daß in der langen Reihe der Jahre alles Trachten nnd alle Versuche so elendiglich mißlangen, ist das beste Zeugnis für das Verdienst Bismarcks, aber freilich anch das schlimmste Zeugnis für die politischen Anlagen der deutschen Nation. Uud hier komme ich auf das, was mir hier zu sagen das Wichtigste scheint. Statt Bismarck streitig zu machen, was er an wahrem Verdienst sich erworben hat, sollte mau jetzt mehr als je, um die ueue Wendung der Dinge fruchtbar zu verwerte», die Frage auswerfen, welchen Anteil einzelne Gruppen und gewisse Schichten der Nation an dem Schaden haben, den uns sein Regiment hinterlassen hat. Nicht seinen Ruhm ihm abzustreiteu entspricht der Wahrheit oder der Gerechtigkeit, wohl aber einen Teil der Verantwortlichkeit ihm abzunehmen für die Verderbnis, die unter ihm hereingebrochen ist. Mit anderen Worten: Wäre die Nation politisch reifer gewesen, so hätte die Bismarcksche Wirtschaft nicht diese verhängnisvolle Wirkung ausüben können. Weuu irgend einer, so war er der Mann, welcher mit den vorhandene» Kräften überall zu rechnen verstand. Er ging nie weiter, als bis wo er auf uuüberwiudlicheu Widerstand traf, und sowie das geschah, lenkte er ein nnd kehrte um, mit der Leichtlebigkeit nnd Konseqneuzverachtung des Welterfahrenen, der da weiß: es kommt garnicht soviel daraus au im öffentlichen Leben, vb Jemand in Widersprüche verfällt, ob er das Gegenteil sagt und thut von dem, was er früher gesagt oder gethan hat, wenn er nur die Mehrheit im einzelnen Fall für sich hat, die Macht behält und allen dialektischen Widerlegungen mit der Behauptung der That ein Schnippchen zu schlagen vermag. Die Leute, welche meinen, daß man einem politischen Geguer mit der Logik allein an den Leib könne, gehören mehr der Schule als dein Leben an. Hätte Bismarck au der liberale!? Überlieferung des Bürgertums nachhaltig den kräftigen Widerstand gesnnden, den ihm der Katholizismus, das feudale Junkertum und die Sozialdemokratie eutgegeugesetzt habeu, er würde auch mit dem Liberalismus seinen Frieden gemacht haben. Denn wir wissen aus seinen Handlungen und ans seinen ausdrücklichen Bekenntnissen, daß auch er, wie so viele große Praktiker, das richtige Kompromiß für die Seele der Politik ansah. Sein Sturz selbst bestätigt diese Wahrheit. Im Kampf mit der katholischen Kirche hatte er zwar deren Widerstandskraft unterschätzt, aber uoch im letzten Augenblick durch Nnterwerfnng sich gerettet; deu Kampfmit der Sozialdemokratie hätte er vielleicht noch eine Weile fortsetzen können; aber in der Schätzung des Widerstandes, ans den er in Wilhelm II. stieß, hat er sich gründlich verrechnet und ist daran gescheitert. Bon den Kaisern Wilhelm I. und Friedrich aus den verschiedensten Ursachen verwöhnt, hat er das energische Selbstbewußtsein des jungen Monarchen, der ihneu folgte, zu gering veranschlagt und seine Linien falsch gezogen. Hätte er gewußt, wie die Dinge innerlich stehen, er hätte ohne Zweifel auch diesmal seine Anstalten anders getroffen und sich noch an seinem Platz gehalten. Daß ihm daran lag, konnte man zwar denken, aber es hat etwas Beruhigendes für deu gewöhnlichen schwachen Sterblichen, daß, wie ans seinem jetzigen Gebahren nachträglich so flagrant hervorgeht, auch der Gewaltige sich uicht gekannt hat. Denn es ist gewiß uicht bloß Komödie gewesen (etwas Komödie gehört zum Geschäft), wenu er manchmal meinte, er sei gesättigt an Macht und Ruhm uud sehne sich nach der Beschaulichkeit 20* — 308 — des Landlebens. Ja, diese Beschaulichkeit schmeckt vortrefflich und stellt sich noch lieblicher vor, solange man daneben eine Welt zu regieren hat. Kommt aber der schöne Tag, ohne die Weltherrschaft auf seinem Untergrund zu haben, dann schmeckt er dem machtgcwöhnten Gaumen doch verdammt fade. Das Abdanken ist noch selten gut bekommen, lind die Volksweisheit hat wohl recht, die da predigt: man soll sich nicht auskleiden, ehe man sich zu Bette legt. Es wird behauptet, au der fatalen Fehlrechuuug sei der Sohn wesentlich beteiligt. Dieser Sohn, welcher einige der kleinen Fehler des Vaters in sich verkörpert (für die großen Fehler hat er nicht das Zeug), hätte wohl seinen richtigen Platz in einem Werke der dramatischen Gerechtigkeit, dessen Hanptaktor, nachdem er so lange mit den Menschen, hohen wie niedrigen, wie mit PnPPen gespielt, schließlich von seinem eigenen LieblingSgeschöpf in den Snmpf geführt wurde. Es ist ja wahrscheinlich nicht richtig, daß der Konflikt zwischen dem Monarchen uud seinem Minister über eine bestimmte einzige Meinungsverschiedenheit zum Krachen gekommen sei. Viel wahrscheinlicher ist nach inneren und äußeren Anzeichen, daß hier entscheidend derjenige Zustand wirkte, welchen der Ooäs Xg-xalson als Scheidungsgruud mit der Ineom^g-tidilirs ä'liuinkui- zwischen den Gatten bezeichnet. So viel scheint aber doch andererseits wieder festzustehen, daß das Verhältnis zur Arbeiterfrage in dem Fortgang der Reibuugeu und Unverträglichkeiten den ausschlaggebenden Ruck gegeben hat. Für den, welcher seit Jahren gewohnt war, im Kanzler vorwiegend nur den Diplomaten und Taktiker zu sehen, dem die sachlichen Überzeugungen nie Beschwerden machten, hat es eher etwas Versöhnendes, daß man hier einmal auf den Kern eines inneren Widerstandes stößt. Es war ihm Ernst — 3W — mit seinen Bedenken gegen die Gefahren der sozialdemokratischen Bewegung und mit dem Glauben an die Notwendigkeit, ihre Anhänger mit der äußeren Gewalt zu bekämpfen. Und dieser Überzeugung ist er zum Opfer gefallen, er, der keiue Überzeugung zu ehren verstand. Um die Tragik der Sache zu vervollständigen, ist ihm das widerfahren, weil er mit der bloß dekorativen Verwendung sozialpolitischer Ideen neben den äußeren Gewaltmitteln die Situation beherrschen zu können meinte. Unter allen Stücken dieser dekorativen Künste war von ihm keines auf so viel Effekt berechuet als die kaiserliche Botschaft vou 1881, sein eigenstes Werk, klüglich ersonnen, um jedem Widerspruch als einer Jmpietät den Mund zn schließen, dadurch, daß das greise Haupt des verständigen Soldaten in den abend- rvtlich ergreifenden Glorienschein eines empfindsamen Sozialheiligen gerückt ward. Und Gott weiß, wie viel falsches Pathos all die Jahre her an dieses scheinbar gelungene Werk verschwendet worden ist. Aber auch das sollte sich am Kanzler und an dem engeren Kreis seines begeisterten Anhangs rächen. Nicht Jeder nämlich von denen, welche im Verlauf der Zeiten in diesen Dingen ein Gewichtiges mitzureden haben svllteu, faßte das Stück so lediglich dekorativ auf, wie es gemeint war. Und als nnn der Kanzler mit der nenen Weltanffasfung, zu der er doch selbst das Zeichen gegeben, beim Wort genommen wnrde, da kam ihm das überrascheud und ungeheuerlich vor. Dem begeisterten Bismarckgefolge der hohen Bourgeoisie ging es nicht anders. Auch sie hatten sich auf die Trefflichkeit der Dekoration verlassen, dachten damit und mit Strafgesetzen nm die Sache hernmzukvmmeu, wie der Meister. Darnm teilen auch sie jetzt den Groll über den Erust, auf deu sie nicht gerechnet hatten. Die ganze Bismarcksche Sozialpolitik war in ihrer Art der Versuch eines Kompromisses, aber ein so faden- — 310 — scheiniger und so wenig ernst gemeinter, das; er mißlingen mußte. Die praktische Weisheit eines Staatslenkers, welchen Grundsätze nie geniert haben, war ganz natürlich auf die Kunst des Kompromisses gestellt. Ganz anders liegt die Sache, wenn die praktischen Aufgaben der Politik an eine Partei herantreten. Parteien leben von Grundsätzen oder doch wenigstens von Gruudauschauuugeu. Diese sind für sie die Hauptbediugung des Zusammenhaltens in die Breite und in die Länge ihres Bestandes. Sie sind recht eigentlich ihr Fundament. Das Kompromittieren zwischen dem für wahr Erkannten nnd dem Bestehenden scheint daher von vornherein bei Parteien ausgeschlossen. Und doch verlangt auch hier das Leben in seiner unendlichen Mannigfaltigkeit und ewigeu Beweguug seine Rechte. Dem praktischen Politiker drängt sich das gerade im Gewühl der Thätigkeit unwiderstehlich ans. Nehmen wir ein Parlament mit seinen Gegensätzen! Jede Gedaukeurichtuug, von einem Extrem zum anderen, betritt selbstbewußt und mit dein Anspruch auf unbedingte Geltung die Reduerbühue. Wer kanu sich da, will er nicht der äußersten Beschränktheit verfallen, der Betrachtung verschließen, daß mir in einem gegenseitigen Nachgeben, in einem allmählichen Borrücken, in einem Ausgleich zwischen dem, was ist und dem, was sein sollte, der Weg nicht nur des Möglichen, sondern sogar auch des Gerechten vorgezeichnet ist? Wenn der Kampf für eine Weile ruht, und danu erst recht, wenn die Rück- nnd Umschau zur Mäßigung und Nertiefung einlädt, steigen diese Gedanken noch freier auf. In der schvueu Sommerzeit, wenn die Politik wohlthätig ihren Winterschlaf hält, tagen die Kongresse aller Art. Nnd allda, wo jede Partei nur unter sich ist, wo das Unbedingte daher nach Herzenslust sich gütlich thun und das Dreiste auf den großen Beifall rechnen kann („rauschender Beifall lohnte dem Redner" ist die stehende Formel) — in solcher stiller Zeit drängt sich dem unbefangenen Beobachter doch nur um so gewaltiger der Gedauke auf, daß die richtige Diagonale zwischen allen diesen verschiedenen Linien zu finden die wahre Aufgabe, auch für die Parteien, ist. An der einen Stelle scharen sich die Tausende von Gläubigen nm die streitbaren Führer der Ultramontanen, und ihre gewaltig ertönende Stimme hallt wider durch die Laude, als verkündeten sie die einzige unwiderstehliche Wahrheit. Aber siehe da, von der andern Seite sammeln sich nicht minder die Massen der Sozialdemokratie, welche von Allem, was dort heilig und unantastbar erscheint, keine Silbe glauben und doch ebenso lant wie Jene auf die Richtigkeit ihrer Sache Pocheu. Und dazwischen bewegen sich alle die anderen rechts und links gruppierten Überzeugungen, lind daS Alles wird überstrahlt von dem Glanz nnd übertönt von dem Geränsch der kriegerischen Machtentfaltungen, welche das Herrscherinn des Schlachtengottes sich uud dem schaulustigen Gewühl der Menge bietet. Wo ist da die Wahrheit? — Selbst Bebel nnd Liebknecht haben gefunden, daß man mit dem Gegebenen sich vertragen muß, und freilich haben auch sie wieder ihre Jutrausigenteu gefuudeu, die sie anklagen, daß sie schwach nnd halb seien. Es ist interessant für uns Deutsche, uud gerade nach dem Abgang des Fürsten Bismarck, Bekanntschaft zn machen mit einem Buch, welches sich das Problem des Kompromisses zur besvudereu Aufgabe gestellt hat. Unser einstmals liberales Bürgert»»! hat sich im Laufe der Jahre im Zusammenlebe» mit dem überlegenen Kanzler zn Tode kompromittiert, und es ist kein Wnnder, daß die Leute, welche es in diese Grube hineingeführt haben, schließlich als letzten Satz ihrer Weisheit ausposaunen, daß es überhaupt keine Grenzlinien — 312 — geben dürfe, daß alles Partciwesen sich überlebt habe. Das ist die Weisheit desjenigen Geistes, der sich befreit, indem er, wie der Dichter sagt, „entspringt aus den Banden der Verminst". Statt zu sagen, daß die Parteien aufhören müssen, sollte es heißen, daß die Parteien ihren Gehalt sichten und befestigen nnd sich den Aufgaben einer neuen Epoche gegenüber auf sich selbst besiuueu müssen. Noch schleppt sich, gauz naturgemäß, ein großes Stück des Bis- marckschen Anhanges am alten Seil weiter, wenn schon der Führer in die Tiefe hinabgeglitten ist. Ihr Dünkel und ihre leere Selbstgefälligkeit haben so lange Zeit hindurch keinen anderen Leitstern gehabt als den in jedem neuen Moment auftauchende» Wink des vergötterten Helden, daß sie einstweilen noch von den Resten dieser Gewohnheit zehren. Aber auf die Länge kann das doch nicht genügen. Einen neuen Bismarck bekommen sie nicht, und so werden sie schon selbst einen Inhalt für ihre Politik finden müssen; denn was die kanzlerische ihnen an Grundsätzen hinterlassen hat, ist weniger als nichts. Sie werden daher vor Allein zu prüfen haben, wo sie fehlten, als sie anfingen, sich allmählich ans die vollendete InHaltlosigkeit herunter zn kompromittieren. Alle Fragen der Endlichkeit sind Grenzfragen. Wo ist die Grenze zwischen dem gesnnden nnd dem ungesunden Kompromiß? Wollte Jemand im Hinblick auf die Geschichte der nationalliberalen Partei in Deutschland ein Buch nach der Analogie desjenigen schreiben, welches John Morley auf Gruud englischer Zustände unter dem Titel „Über Kompromisse"*), verfaßt hat, er würde eine noch viel reichere Ausbeute finden. Diejenigen, welche dies Buch in der Ursprache zu Rate ziehen wollen, werden daraus lebhafte An- Oi> vomi>i'vmiük! ^odn Hloi'Ig)-. I^cmäoil. NaLmMmi — — rcguug schöpfen zur Anwendung der darin enthaltenen Ideen ans unsere deutschen Verhältnisse. Nirgends ist der Grundsatz der Grnndsal.llosigkeit sv zur offiziellen Staatsreligion gemacht worden wie bei uns von den Anhängern des Fürsten Bismarck in dem letzten Jahrzehnt seines Regiments. John Morleh ist zngleich ein Manu von ausgezeichnetem Geist und Wisse», dabei eiu Mann des praktischen politischen Lebens. Seine Schriften, sowohl die historische» als die litterarische» und Philosophische», sind in hohem Grade das, was man mit einem modernen Wort „suggestiv" nennt. Sie eröffnen ununterbrochen neue Gedankenreihen und erwecken zu neueu Betrachtungen. Morley ist einer der weitest links geheudeu englischen Radikalen, und iveuu die Frage darauf gestellt würde, ob er sich für oder gegeu Kompromisse erklare, müßte man eigentlich antworten: gegen. Er schließt sein Buch mit folgendeu Sätzen: „Es ist besser, wir warten uud verschieben die Verwirklichung unserer Ideen, bis wir dieselben vollständig realisieren können, als daß wir die Znknnft betrügen, indem wir sie verstümmeln, wenn wir zum Zwecke eines zur Zeit nur teilweise durchzusetzenden Triumphes sie verstümmeln müßte». Es ist besser, den Vorwurf eines unpraktischen Verhaltens ans sich zu nehmen, als Überzeugungen abzustumpfen nnd Grundsätze über Bord zu werfen, so daß Alles zn schlechthiniger Hohlheit nnd Trivialität wird. Was denn ist der Sinn und was der sittliche Gehalt eines Hiutansetzens der höheren Nützlichkeit hinter die geringere? Nichts läuft so sicher darauf hinaus, eine Epoche der Verarmung zn überliefern, dem Leben seinen Adel nnd den» Charakter alle Hoheit zu nehmen." Weuu man »ach Lesuug dieser Schlußworte wieder das Buch znrückblättert, sv wird man gewahr, daß sie »»r den Zweck habe» köuueu, alles das, was im Verlauf der ^ — 314 — Untersuchung zu Gunsten des Kompromisses gesagt ist, nicht überwiegend als letzte» Eindruck bestehen zu lassen. Ich habe hier von vornherein nicht die Absicht gehabt, die Gedanken des Morleyscheu Buches iu ihrem Gang zu versolgeu. Man müßte zuviel davon wiedergeben, wenn man den ohnehin gedrängten, knappen Inhalt richtig würdigen wollte. Die ganze Darstellung ist so lebendig, so sachlich, so vou Wahrhaftigkeit der Überzeugung durchdrungen und so schlicht, wie man dies selten in Politisch-Philosophischen Schriften anderen als englischen Ursprungs findet. Nur einen einzigen Satz möchte ich dem Sinn nach ausdrücklich herausheben, weil er mir der wichtigste von allen und für die Geschichte unserer deutschen Parteientwick- luug der letzten zwanzig Jahre beherzigenswert zu sein scheint, nämlich diesen: Es ist nicht möglich, abstrakte Regeln zu geben für die Bezeichnung der Grenze, wo das richtige Kompromiß aushört und das unrichtige anfängt. Aber Eins läßt sich mit Bestimmtheit formnlieren. Wer ein Kompromiß zwischen seiner Überzeugnng und der Macht der gegebene» Thatsachen schließt, darf dabei seine Überzeugungen nicht vergesse», »och verleugne». Das Bewußtsei» des »ur einstweiligen Verzichtes mit dem Streben nach der vollen Erfüllung muß ihm stets vor Auge» bleiben. - Man hat sich gegenüber der nationalliberalen Partei in ihrer gute» Zeit, da sie diesem Name» noch Ehre machte, oft lustig gemacht über Abstimmungen, welche in der dritten Lesung unter den« Druck der Umstäude fahren ließen, was in der zweiten noch behauptet worden war. Da5 war lauge das Schlimmste nicht. Demi solch eine Unterwerfung trug noch ihren Stachel und ihre Mahnung i» sich. Schlimm wurde die Sache erst, als die Partei sich so weit rückwärts entwickelt hatte, das; sie schmerzlos ohne Kampf und ohne Versuch eiues uach dem andern von vornherein — 815 — preisgab und sich an garnichts mehr erinnerte, als was der Herr befahl. Und der Tiefpunkt dieser Rückbildung wurde erreicht, als die Kunst dieser schrankenlosen Willfährigkeit svgar zu einer preiswürdigen Tugend empor geschraubt wurde, die man vorzugsweise die „nationale" nannte. Es sei hier z. B. erinnert an das wilde Frohlocken, mit welchem die — in ihre» wahren Triebfedern noch heute nicht enthüllte — Austreibung von vierzigtausend uuschuldigeu Polen beklatscht wurde, — ein eigentümliches Vorspiel zu dein rührsamen Stücke, welches derselbe, immer nationale Enthusiasmus ueuerdings für die Befreiung der Negersklaven im Bund der schöne» Seelen mit Bismarck, Vater und Sohn, zum besten gegeben hat. Es giebt eine Art von praktischer Gefügigkeit, welche ohne Enthusiasmus und ohne den Anspruch auf Nimbus das Sichabfinden mit den Umständen für die wahre Lebensweisheit erklärt. „Wenn die Wahrheit", sagt einmal der Eingangs zitierte Bnrke in einer Rede, „so gewiß feststünde wie die Ordnung, so konnte mau dieser die Wahrheit vorziehen. Da aber immer zweifelhaft bleiben wird, was das Wahre ist, so hält man sich besser an die Ordnung". Noch weniger herrschsüchtig als diese Nüchternheit tritt die Skepsis beispielsweise auf in einem Denker wie Renan, der selbst der erkannten Wahrheit für die Menschen die Täuschung vorzieht, weil er meint, diese verschönere ihnen das Leben. Daher er selbst eine Wahrheit selten vorbringt, ohne etwas wohlthuende Täuschuug daneben zu lege». Ein Spötter sagt von ihm, er wirft zwar den lieben Gott ans dem Fenster, aber er breitet zuvor eine Matratze ans der Straße unter dem Fenster aus. Solchen liebenswürdigen Skeptizismus kann man sich noch gefallen lassen, besonders wenn er sich ausschließlich auf dem beschaulichen Gebiet des Schriftstellers bewegt. — — Das Gegenstück dazu waren einige skeptische Führer der Nationalliberalen. Ihr Unglaube an Alles half ihnen über jede Anpassung hinaus, und diese Anpassung selbst setzten sie dann ans die höchsten Pathetischen Stelzen. Kein Wunder, daß der Kanzler mit ihnen zufrieden war. Wenn die mittleren Schichten des deutschen Bürgertums wieder zu eiuer Bedeutung in der Politik kommen wollen, müssen sie erst wieder einen Inhalt finden, über den sich zur Not Kompromisse schließen lassen. Das Kompromiß hat ein Recht, als Not zn existieren, eine Tngend darf es uicht werde». Hier läuft die wahre Grenze zwischen Sein und Nichtsein für eine Politische Partei, die dieses Namens wert sein will. Zum Jahrestag der Ontlaffung Bismarcks. *) Aus der „Nation" vom 21.. 28. März. 4. April 1801. I. „feilte, da ich lebe, lästern sie mich; bin ich einst gestorben, dann werden sie versuchen, mich mit ihren Fingernägeln aus der Grube wieder Heranszugraben." Diese dem englischen König Wilhelm III., dem Oranier, zugeschriebenen Worte waren es, welche am letzten Tag der langen Neichstagssessiou, am 12. Juli des Jahres 1879, Herr v. Treitschke aus deu Fürsten Bismarck anwandte. Ich höre sie noch, wie sie von den Lippen des entrüstnngs- knndigcn Redners mit Dvnnergepvlter dnrch den Saal dröhnen. Ein Jahr vorher hatte dieselbe Posauneustimme an derselben Stelle ihren Warnungsruf erhoben vor dein Einlenken in ein System des Schutzzolles, welches an besagtem 12. Juli vou der Mehrheit des Reichstags zum Beschluß erhoben wurde. Mit dieser Mehrheit stimmte natürlich auch Herr v. Treitschke. Und ich sehe ihn auch noch, den Kanzler, wie er, einen Anfing von Feuchtigkeit in den Wimpern, das von Zorn und etwas Rührung gerötete Antlitz mit den tiefherabgezogenen, den gewaltigen Brauen, bei diesen Worten seines Paladins triumphierend unseren, der Rativualliberaleu, Reihen zukehrt; denn diesen galt damals der Unwille. Thränen sollen ans seinen Wangen auch sichtbar gewesen sein, heute vor einem Jahr, als er in die Einsamkeit nach Friedrichsrnh fahrend, die Abschiedshnldignngen der — 320 — getreuen blumenbeladeuen Damen und Herren ans dem Hamburger Bahnhof empfing. Man hat gut von Eisen sein, der Rührung über sich selbst entgeht man nicht so leicht wie der über Andere. Gestorben ist er, zum Glück! nicht, und zn graben brauchte mau also heute nicht, und gewiß nicht mit blutrünstigen Fingernägeln, um ihn wiederzuhaben. Aber wer ruft nach ihm? Wenn man heute im Deutschen Reiche darüber abstimmen ließe, ob er wieder in seine alte Herrlichkeit eingesetzt werden solle, nur eine kleiue Minderheit würde dafür eintreten. Selbst unter denen, die in ihm den unerbittlichen Vorkämpfer ihrer schutzzöllnerischen Sonderinteressen beweinen, würde nur eiu Teil um diesen Preis das alte Joch wieder ans sich nehmen wollen. Im Laufe eines ganzen Jahres hat keine Partei und kein einzelner Reichstagsabgeordneter sich versucht gefühlt, eiu Mandat frei zu macheu, um es ihm anzubieten. Endlich hat der Zufall eine Neuwahl herbeigeführt, für die ihn ein agrarisch-nationalliberaler Franctirenr nnter seineil Schutz genommen hat. Gelingenden Falls kommt der Sieg nur durch ein Znsammenwürfeln der buntest gemischten Elemente zustande. Ist es nicht auch bedeutsam, daß uach einem vollen Bierteljahrhundert diensttreuer Begeisteruug und Heerfolge der geschickteste aller Nationalliberaleu, Miguel, auf deu längst verdienten Ministersessel erst gelangen konnte, nachdem, weil und nicht obgleich, Fürst Bismarck ans dem Amt geschieden war? Daß erst dnrch diese Wandlung die Oberpräsidentschaft Beunigseus vom Beigeschmack einiger Subordination befreit erscheint? Man wird von Herrn von Treitschke, obgleich er Hof- histvriograph ist, nicht verlangen, daß er richtig in die Zukunft schane. Ju wessen Augen sich die Vergangenheit so gransam verzerrt spiegelt, der sieht natürlich die kommenden 821 Dinge um so schiefer. Aber Eins muß man doch zugeben: daß die Prophezeiung so gründlich zu Schaudcu würde, hätte Keiner gedacht, mich die nicht, welche sie damals belachten. Und zwar ans doppeltem Grunde. Zum Erste», weil man nicht ahnte, daß der Kanzler auf die Weise, wie es gekommen, gestürzt, und daß er nach diesem Sturz sich so, wie geschehen, geberden würde; zum Zweiteu, weil mau sich von den Diugeu, die uach ihm kommen würden, eine Norstellung machte, welcher die Wirklichkeit nicht entsprochen hat. Als die unwahrscheinlich klingende Kunde des großen Ereignisses durch die Welt flog, gesellte sich zum starreu Erstauueu viel des baugeu Zweifels. Am merkwürdigsten stellte sich das Ausland zur Sache und ganz besonders Frankreich. Aus der Presse wie aus mündlichen und brieflichen Aenßernngen war deutlich zu ersehen, daß die Franzosen, welche in Bismarck doch den dämonischen Urheber ihrer Niederlagen erblickten, über seinen Stnrz erschraken. Große Geschicklichkeit und großer Erfolg erzwingen sich überall die Pewnndernng, aber nirgends so sehr wie in Frankreich. Der Olia-ueolitti' cks tsr ist von Niemand mehr verherrlicht worden als von französischen Publizisten. Es lhat ihnen auch wohl, daß der Mann, der sie überwunden hatte, so gewaltig die Geißel über seine ^audsleute, die gehaßte» Deutschen, schwang. Unsere Ohnmacht seiner Allmacht gegenüber war der Trost »»d die Freude uuserer Feinde. Doch daS allein war es nicht, was sie stutzig machte. Alle, die deu bestehenden Znstand in Europa für einigermaßen erträglich hielten, die sich dachten, es konnte doch schlimmer komme», als es wäre, stände» auf eüimal vor der Frage: Was mm? linier allen Fragen aber drängte sich natürlich die verhängnisvollste hervor: Krieg oder Friede? Fürst Bismarck galt mit Recht bei den einLudwig BambcrqerS Ges. Schriften. V. 21 — 322 — sichtsvollen Politikern der ganzen Welt für einen entschiedenen Freund des Friedens. Wärmn Hütte er es mich nicht sein sollen? Aber nicht bloß diesen seinen Willen zog man in die Berechnung, sondern ebenso sehr seine Knust und Erfahrung. Auf beide rechneten die Franzosen gegenüber einein jugendlichen Thatendurst, von dem sie den neuen Kaiser beherrscht glaubten. Denn trotz allem Lürm der Bvulevardspresse haben sie nicht die geringste Lnst nach Krieg, und selbst den Läriumnchern ist es viel mehr um das Geschrei nach Rache als um die Rache selbst zu thun. Das schließt natürlich nicht aus, daß in einem unbewachten Augenblick das Kriegsgeschrei Alles mit sich fortreißen konnte. — Am nngemischtesteu war das Gefühl der Zufriedenheit bei derjenigen deutschen Partei, welche sich rühmen durste, Bismarcks Haß am stärksten auf sich gezogen zu habeu und nicht unverdient, weil sie die unheilvollen Wirkungen seines Regimentes immer mehr erkannt hatte. Aber überrascht war doch auch sie. Zwar das „Fort mit Bis- marck", welches man ihr als eine schaudererregende Blasphemie untergelegt hatte, war nie gefallen; allerdings nur deshalb nicht, weil es nichts geholfen hätte, und es ungeschickt nnd geschmacklos ist, dergleichen anszusprechen, wenn man es nicht wahr machen kaun. Des GedaukeuS hätte man niemals Hehl gehabt. Erst ein Jahr vor der Katastrophe tauchte die Ahuuug einer heranrückenden Möglichkeit am Horizonte auf, und damals auch ward schon in der Wochenschrift „Nation"*) die Frage der „Nachfolge Bismarcks" znm Gegenstand ernster Erwägungen gemacht. Ebenda wurde bei diesem Aulas; vorausgesagt: nur durch ein Machtwort von oben könnte ein solches Wunder ge- 5) Die drei Artikel sind im Buchhandel als Scvaratnbdruck, Berlin, Aiosenbaum k Hart, unter obigem Titel erschienen. — 323 — scheheu. — Jedoch nach jenem ersten Sturmzeichen war es wieder ruhig geworden. Da siel im Anfang des Monats Februar 1890, mitten in die Wahlbewegung, wie eiu Blitzschlag, die Kaiserliche Berufung der Europäischen Konferenz zur Ordnung der Arbeiterfrage. Am Tage ihrer Veröffentlichung in der Presse, eiuem Freitag, traf ich mit dem Heransgeber der „Nation", meinem Kollegen, im Eisenbahnwagen, der uns zu unseren Wählern führcu sollte, zusammen. Wir waren natürlich voll von dem Ereignis und einig darüber, daß damit der Stab über das Sozialisteugesetz gebrochen sei. Nun wurden auch die sonderbaren Vorgänge, welche die Schließung des Reichstag? begleitet hatten, klar; zum ersten Mal trat der Gegensatz zwischen Kaiser- und Kanzler-Politik greifbar hervor, uud halb im Ernst, halb im Scherz sagte ich beim Auseinandergehen zu meinem Freunde: „Am Ende feiert Bismarck seiuen füufuudsiebeuzigsteu Geburtstag am bevorstehende!? 1. April als Privatmann zu Friedrichsruh." Ich sagte es, aber ich glaubte es uicht. Wer hätte auch dem juugeu Herrscher, der zwei Jahre vorher iu eiuem feurigen Trinkspruch deu Kanzler als seiueu Führer im Stnrme der Schlacht gepriesen, der sich für seinen bewundernd zu ihm aufblickenden Schüler erklärt hatte, zugetraut, daß er nach so kurzer Zeit diesen stolzen Mann, der nach dem Urteil der Welt ihm von einem Gott zur ehernen Stütze gegeben war, mit Überwindung des zühesten uud grimmigsten Widerstandes ans seiner Höhe herabstürzen würde? Nun folgten Tage der höchsten uud interessantesten Aufregung. Zwar hatte man zwei Wochen vorher eine kaiserliche Rede (am ü. März) gelesen, in welcher die Worte standen: „Wer sich mir widersetzt, den zerschmettere ich." Aber wer damals wagte, das auf Bismarck zu deuten, wurde belächelt, obgleich Dank dem Ausfall der Wahleu vom 21* — 324 — 29. Februar eine bedeutsame Wendung schon mehr in den Bereich des Möglichen gerückt war. Hatte der Kaiser mit der Einberufung der Konferenz dem Sozialistengcsetz den Lebensfaden durchschnitten, so machten die Wähler zwei Wochen später mit ihrer Abstimmung dem famosen Septen- nats-Kartell den Garaus. Damit waren die beiden Lieblingsgeschöpfe des Kanzlers zu Tode getroffen. Er witterte Unheil und rüstete sich zn neuem, kräftigem Widerstand. Können die freisinnigen Wähler und Gewählten sich auch nicht zn ihrer Befriedigung sagen, das; sie selbst den Kanzler gestürzt haben, so dürfen sie doch gewiß sein, mit der Besiegung des Kartells ihren Feind in eine Verlegenheit gedrängt zu haben, die ihn zu falschen Schritten führte. Wenige Tage, nachdem das Wahlergebnis die Vernichtung seiner blindergebenen Gefolgschaft besiegelt hatte, sagte er zu dem Gesandten einer Großmacht, er lasse sich das nicht anfechten, er werde nun erst recht iu deu Reichstag gehen und seiue Geguer zu Paareu treiben, sich durch eine neue Kombination seiue Stellung neu befestigen. Was damit gemeint war, lies; sich aus der geheimen Besprechung, die er bald daraus mit Herrn Wiudthorst hatte, erraten. Da die zusammengeschmolzene Schar der Freikvuservativen und Nationallibernlen zur Bildung einer Mehrheit mit den Konservativen nicht mehr reichen konnte, so sollte ein ultramontan-konservatives Kartell hergestellt werden, und dies scheint des Kanzlers Plan gewesen zn sein. Der Plan war auch taktisch nicht gerade salsch; ans einer bekannte» parla mentarischen Szeue war sogar der Schluß gezogen, das; ihn sein Nachfolger mit dem Nest des Bismarckschen Inventars übernehmen wvlle. Wieweit schon damals die Verabredung gedieh, ist Geheimnis geblieben, denn diese Zusammenkunft selbst gab den letzten Anstoß, welcher »»mittelbar darauf den Stein der Zerschmetterung ins Rollen brachte. „I^g. nsckssits c^ui sst lg, 6ss tsurs ms Lg-id orss clir uno oliosv, orss hat schon ein berühmter König gesagt, und kein schlechter; derselbe, welcher, nachdem in langen, ruhmreichen Kämpfen sein weißer Federbusch die hugenottischen Scharen zum Sieg geführt hatte, au der entscheidenden Stelle die Entdeckung machte, daß Paris wohl eiue Messe wert sei. Merkwürdig genug, daß eiu Mau», der im Laufe seiner Praxis selbst so oft von jenem Geheimnisse der Staatskunst Gebrauch geinacht hatte, welches in der kühneu Inkonsequenz besteht, sich des Gleichen so gar nicht von Seiten seines königlichen Mitspielers versah. Mit welcher Sicherheit hatte er daranf gerechnet, daß er gerade mit diesem jnngen Thronfolger sein Persönliches Regiment noch uneingeschränkter entfalten werde als mit dem alten Kaiser Wilhelm! Dem bekannten Getreuen, dem Moritz Busch, erzählt der verstorbene Viktor Hehn in seinen kürzlich veröffentlichten Briefen an Wichmann nach, er habe im Freundeskreise folgende bezeichnende Äußerung Bismarcks zum Besten gegeben: „Ich baue auf den (damals vieruud- zwauzigjährigeu) Prinzen Wilhelm. In dem steckt der Geist und Charakter eines Gardeoffiziers, und nur das kanu uus eiust helfen." In der Fülle mannigfaltiger Betrachtungen, welche sich aufdrängen, so oft man dem wuuderbareu iunereu Zusammenhang dieser erstaunlichen Wendung der Begebenheiten nachgeht, stellt sich immer am ergreifendsten der Gedanke ein, wie merkwürdig es doch gekommen ist, daß gerade die tiefst angelegten Berechnungen aus Werkzeugen der Selbst- erhaltuug Werkzeuge der Selbstzerstöruug gemacht haben. Drei Diuge wareu es. auf welche Fürst Bismarck sich mit aller Macht geworfen hatte, weil er in ihneu die kräftigstem Auker seiuer Selbsterhaltung gefunden zu habeu meinte: — 326 — die überschwängliche Berhimmelung des selbstherrscherischen Berufs der hvhenzollerischen Könige, die Anpreisung einer vielversprechenden Sozialgesetzgebung uud die Vererbung der Kanzlerwürde aus seinen Erstgeborenen. Die Kraft dieses dreifachen Zauberbanns — in ii-iriitads i-odnr ist sein Wahlspruch — sollte deu königlichen Schüler stähle» gegen Alles, uur nicht gegen den Meister und seine Nächsten. Welche wnnderbare Ironie klingt hente ans den Worten zurück, die Bismarck vor jetzt fünf Jahren am 26. März 1886 dem Reichstag entgegenschlenderte, um ihm mit dem Appell an die preußische Königsmacht seines Nichts durchbohrendes Gefühl znm Bewußtsein zn bringen: „Meine Herren, darüber lachen Sie; ich sage Ihnen weiter: wer zuletzt lacht, lacht am Besten. Sie führen uns in eine Situation, wo Sie gar nicht mehr hier sein werden, uud dann mögen Sie wo anders lachen; aber hier werden Sie ans die Dauer über deu König von Preußen nicht lache» könueu; das sage ich Ihnen gleich." Uud jene andere Rede, in welcher er ans Grnnd eigener Ersahrung ausführte, wie die Könige von Preußen bei näherer Bekanntschaft gewönnen! Wie unendlich ferne lag die Möglichkeit solchen Rückschlags auf ihn selbst, dem mächtig klngen Mann damals, als er das Kraftbewnßtsein des Thronfolgers in die extremste Höhe zu steigern dachte, als er ihn vor eine mystische soziale, zu jedem Gebrauch elastisch verwendbare Aufgabe stellte, und ihm — ein in Deutschland nie erlebtes Nepotensystem einführend — den eigenen, die ganze Stufenleiter der Staatswürden hinauf bombardierten, Sohn zur Seite gab. Gerade dies Kraftbewußtseiu der Krone hat dann Keiner in dem Maße zu kosten bekommen wie sein Verherrlicher; die Kousequeuzen des aufgeworfenen sozialen Problems sind — 327 — zur Klippe geworden, an der sein Fahrzeug scheitern sollte; und der Bootsmann, den er, als seinen Nächsten dem Blute uach, auch für den Sichersten hielt, das Steuer an seiner Stelle zu führen, ließ das Fahrzeug in der Berbteudetheit seines uuerhörteu Glückes auf den Felsen zutreibe», ohue die Nähe der Gefahr zu ahnen. Meiu verstorbener Freund Friedrich Kapp erzählte mir im Anfang der siebeuziger Jahre den Inhalt eines Gespräches, das zwischen ihm und dem Reichskanzler in dessen Palast stattgefunden hatte. Es war das erste Mal, daß er vom Fürsten empfangen wurde, der sich iu der liebenswürdig bestrickenden und geistsprudelnden Weise, die er entfalten konnte, wenn er wollte, mit ihm namentlich über die amerikanischen Zustände nuterhielt. Als Kapp gelegentlich die Äußerung that, auch iu den Bereinigten Staaten sei der Fürst als der erste aller Diplomaten anerkannt, warf ihm dieser ein, auf seine diplomatische Überlegenheit thue er sich gar so viel uicht zu gute, seine wahre Stärke liege darin, daß er ein vollendeter Höfling sei. Aus anderen Mitteilnugen weiß man, daß er dieser seiner geschickten Strategie auf dem glatten Boden des HofeS seinen größten und nur mit uueudlicher Ausdauer durchgesetzten Triumph zuschrieb, nämlich den König Wilhelm zu dem Entschluß des Bruchs mit Österreich gebracht zu haben. Aber die beinah dreißigjährige Übnng dieser unstreitig vollendeteil Knnst, unter deu uämliche» Persönlichen und durch das zunehmende Alter des Königs immer bequemer gewordenen Umständen hatte ihre schädliche Wirkung nicht verfehlt. Auch in den traurigen nennundneunzig Tagen leistete — Dank dem hilflosen Znstande des unglücklichen Monarchen — die alte Maschinerie noch ihre Dienste. Der vom Zaun gebrochene Lärm der Batteubergiade mit der wilden Ent- fesselnng der gegen den sterbenden Kaiser besonders mutigen 328 - nationalen Meute war das letzte Spektakelstück, welches glückte und zur immer kühneren Übung dieser Knuste an- sporute. Nun schien uuter der ueueu Konstellation alles erst recht gelingen zu fallen, so sehr, daß die Zügel dem Sohn und designierten Nachsalger in der Kanzlerwürde anvertraut wurden. Was dieser von der väterlichen Diplomatie abgesehen, hat sich bei den Angelegenheiten von Samoa, Wohlgemnth uud Moricr gezeigt, und danach darf man auf die Geschicklichkeit schließen, die er am Hofe entfaltet haben mag. Der alte König Salvmon der Weise stand eines Tages auf der Zinne seiner Burg im Gespräch mit einem seiner Beamten. Plötzlich sah der letztere stieren Blicks nach einem fernen Punkt in die Höhe uud verfärbte sich. Was hast du? fragte der König. Ach, rief jener zitternd, in diesem Moment gewahre ich, daß von dorther der Engel des Todes geraden Weges auf mich herabfährt. Großer Köuig, du befiehlst doch alleu Geistern des Himmels und der Erde, gebiete einem Geiste der Lust, daß er mich rasch weit von hier wegtrage. Salomons Majestät war an jenem Tage guter Dinge und mochte dem Mauue diesen kleiueu Dienst nicht abschlagen. So befahl er dem Morgenwinde, ihn schnurstracks nach dem Innersten von Afrika zu tragen (welches schou dazumal das dunkle Laud gewesen zn sein scheint). Eben, da er verschwunden war, fuhr der Tvdeseugel vor dem König nieder. „Warnm machst dn ein so verblüfftes Gesicht?" redete ihn dieser an. „Wie sollte ich nicht verblüfft sein," erwiderte der Engel, „wenn ich eben noch an deiner Seite einen Mann stehen sah, den mir Gott heute früh befohlen hat alsbald im Innern von Afrika zu holen?" Diese Geschichte ist mir seit einem Jahre oftmals eingefallen. — 329 — H. „Mitten n»s dem Born der Freuden steigt etwas Bitternis herauf". Selbst ein Gegner »nd gerade am meisten ein Gegner des großen Kanzlers mußte empfinden, daß die Art, wie dieser zu Falle kam, dem politischen Zustande Deutschlauds uicht gerade zur Ehre gereicht. Lag auch ein tiefer Sinn in der wunderbaren Weudung, welche die unsichtbaren Mächte, heißen sie nuu Fatum oder Nemesis, herbeigeführt hatten, so war doch die Selbstbestimmung, welche das unbestrittene Besitztum aller anderen westeuropäischen, großen oder kleinen, Nationen ist, bei diesem Akte der Gerechtigkeit leer ausgegangen. Etliche Monate, nachdem der deutsche Diktator gefallen war, ereilte das gleiche Geschick seinen italienischen Nachahmer. Doch, wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Bei uns ein Machtsprnch von oben, dort das Berdikt der Volksvertretung. Mindestens ein halbes Jahrhundert politischer Entwickluug liegt zwischen dieser uud jener Gangart der Staatsgeschäfte. In Italien wnßte man, daß CriSPi den Fürsten Bismarck nicht lange überleben werde; er hatte das Meiste seines Nimbus aus dessen Protektion gesogen. Über Crispi's Eigenwert im Auge seiner Landslente scheint Heuer die deutsche Diplomatie in sonderbarer Täuschung gelebt zu haben; sonst wäre der neue Kauzler uicht so gewaltig für desseu Person mit Wort und That eingetreten, hätte ihn nicht gewissermaßen ausschließlich mit der Tripelallianz identifiziert, was jedenfalls nicht der Vorsicht entsprach. Hatte dies Crispi auch bei deu Wahlen genntzt, so nützten ihm die Wahlen selbst nicht lange. Er hatte vor denselben alles Mögliche versprochen, besonders im Punkte der Sparsamkeit — wir wissen in Deutschland ein Lied von diesem Sparsamkeitsplatonismus zu siugeu —, aber als es zu Thaten kam, war das Lied aus wie bei uns. — 330 — Die Kammer machte kurzen Prozeß mit ihm und wischte ihn weg. Zum Überfluß hatte er noch iu seiuer letzteu Rede das Andenken parlamentarischer Ehrenmänner beschimpft. Anch das nahmen die überlebenden Parteigenossen Min- ghetti's nicht hin, wie einst die Natioualliberalen die Herabwürdigung des toten Laster, ihres langjährigen Führers, regungslos verschluckt hatten. Crispi ist gefallen, weil ihn daS Land nicht mehr wollte. Auch in Deutschland wollte die Mehrheit, wie die Wahlen vom 20. Februar erwiesen, den ersten Kanzler nicht mehr, aber daß er daran gefallen sei, wird Niemand behaupten. Es konnte Einen wnndersam anmuten, als jüngst bei den Verhandlungen im deutscheu Reichstag die schmerzliche Klage erscholl über „das uuechte Material", welches zum Bau des ueueu Parlameutshauses genommen werden solle. Liegt nicht ein tiefer Sinn auch in diesem „unechten Material"? KomischerWeise warenesgerade dicmilitärsrommsten, sich allzeit gegen jede Hinneigung zum schrecklichen Parlamentarismus verwahrenden Herreu, welche für die steinerne Echtheit so brünstig eintraten. Da hatte wieder einmal „die List der Idee" den Architekten so geführt, daß die Kosten nicht mehr ausreichten just für die solide Beschaffenheit des Gewölbes, daß weise Sparsamkeit gebot, sich mit gläuzende» Manerpntz zu begnügen, — swceo cli lustro heißt das in der Technik. Anch die Selbstbestimmung der Völker giebt keine Bürgschaft für die Vollkommenheit ihrer Znstände. Aber es gehört doch einmal zn dem politischen Bekenntnis des Jahrhunderts, daß eine Natiou das Recht hat, auch iu staatlichen Dingen nach ihrer eigenen Fa«on selig oder sogar unselig zu werden, was immer noch für annehmbarer und auf die Länge sicherer gilt als die Behandlung mit den Patriarchalischen Hausmitteln der guten alten Zeit. — 331 — Zu der Zeit, da man bald nach dem Krieg beschloß, ein großes würdiges Parlamentsgebäude zu errichten und die Gelder dafür beiseite legte, sah es aus, als sollte das Material, nicht nur das steinerne, sondern gerade das Politische, echter Natnr werde«. Und so war es damals auch gemeint. Aber wie er geflissentlich bei jedem Anlaß dem Machtgefühl des Reichstags bis ins Kleinste entgegentrat, hätte Fürst Bismarck wohl am liebsten auch gar keinen Prachtbau gehabt. Kaiser Wilhelm I. war der Sache zwar nicht ganz abhold, aber er sah sie doch mehr unter dem Gesichtswinkel einer Veischönernng seiner Residenz an, bei welcher es Hauptaufgabe war, den Königsplatz, wo die Siegessäule steht, auszufüllen. Mit Mühe entging das Reichstagsgebäude dem Schicksal, au das äußerste Eude dieses Platzes gerückt zu werden, gelang es, dasselbe unmittelbar an die Stadt anzulehnen, wenn auch uur mit dem Rücken. Mit dem Bau giug es nicht minder entsprechend sonderbar uud bedeutungsvoll. Der ganze ursprüngliche, praktisch und ästhetisch wohlangelegte Plan mnßte, als er nach jahrelanger Verschleppuug zur Ausführung kam, von Grnnd ans umgestürzt werde», weil er dem Fürsten Bismarck nicht behagte. In jenem ersten Plan stand fest, daß der Beratungssaal in den ersten Stock gelegt werde. Aber der Fürst erklärte, dazu werde er nie und nimmer seine Genehmigung erteile», er werde keinen Fuß iu ein Parlamentsgebände setzen, iu dem er so hoch steigen müsse. Zwar konnte er sich sagen, daß er, bei frühster Bvlle»d»»g der Sache, doch ei» achtzigjähriger Mann sein werde. Aber vielleicht gerade darum schien ihm das Recht auf seiue Bequemlichkeit so gut begründet. Mit Vielem kommt man ans, mit Wenig hält man Haus. Wir haben uus im Deutscheu Reich im Lauf der Jahre immer mehr znm unechten Parlamentarismus herunter- — 332 — gearbeitet. Die nationalliberale Partei hat im letzten Jahrzehnt unter der Pression des Bismarckschen Regiments alle Regungen des bösen modernen Volksgeistes abgeschworen; und so oft eine Anwandlung entgegengesetzter Richtung kam, mahnte der selige Windthorst klüglich, man möge sich doch keiner Täuschung hingeben, man solle nicht vergessen, daß thatsächlich das Reich unter einer patriarchalisch militärischen Verfassung lebe, daß der Kauzler uur auf einen Anlas; lauere, um an den Grundlagen der Volksvertretuug mittelst einer gewaltsamen Interpretation zn rütteln. In der That war aber die Besorgnis vor solchen äußersten Konflikten nnter dem ersten Reichskanzler unbegründet. Gerade diese zwei Männer von entscheidendem Einfluß auf den Gang der Reichsgeschäfte, Bismarck uud Wiudthorst, wareu es, welche, ohne irgendwie begeisterte Verfassungsgläubige zn sein, doch kraft ihrer Politischen Einsicht den Wert einer großen Volksvertretung im Interesse ihrer eigenen Macht wohl zu würdigen wußten. Beide handhabten das Instrument mit Virtuosität uud Erfolg uud wareu viel zu vorsichtig, um dasselbe zerstören zu lassen, auch wenn es ihnen hier und da einmal unbequem ward. Bismarck ist entlassen, nnd Windthorst ist tot. Die überlebenden Führer seiner Partei sind meistens agrarische Aristokraten, welche von ganz anderen Voraussetzungen zu ganz anderen Zielen hingetrieben werden, des Unterschieds an geistiger Ueberlegenheit nicht zn gedenken. Windthorst hat nach seinem Siege im Kulturkampf den Frieden weidlich ausgenützt; er hat den Pakt, den ihm Bismarck in letzter Stunde zn eigener Rettung anbieten wollte, mit dem Nachfolger ruhig wieder aufgenommen uud weiter gespouuen; aber die Schlüssel der parlamentarischen Festung — einer schwachen, aber immerhin noch einer Festung — würde der kluge Maun uiemals habeu ausliefern helfen. Von seineu — 333 — Nachfolgern allen, die doch nur Diadochen sein können, wird man dessen nie sicher sein. Das deutsche Parlament ist das einzige in der Welt, in welchem die Minister und ihre Vertreter mit dem Säbel an der Seite erscheinen und mit der Hand aus dem Degenknauf ihre Redcu halte«. Bei etwas lebhaften Regungen in der Debatte geschieht es auch, daß unwillkürlich diese Stützung der Hand aus dem Schwertgriff sich zn einer charakteristischen Geberde gestaltet. Auch diese Eigentümlichkeit unserer repräsentativen Zustände entbehrt nicht des tiesen Sinnes. Im Gegenteil, sie ist noch viel bedeutungsvoller als der 8tv.oc?o cki lu^tro, von dem man behauptet, daß er sich leicht loslöse uud bei Erschütterungen den Abgeordneten ans die Köpfe fallen könne. ES ist viel darüber geklügelt worden, warum Fürst Bismarck seiner Erscheinung in Staatsgeschäften die stereotype Gestalt des Reiteroffiziers gegeben habe. Er selbst hat gelegentlich in Privatgesprächen allerhand untergeordnete Zweckmäßigkeitsgründe dafür angeführt. Aber er wußte sehr wohl, warum er es iu Wirklichkeit that. Trotzdem der Zauber seiner straft gewiß nicht in der Uniform lag, hat diese ihm doch Dienste dabei geleistet, lind diese Äußerlichkeit hat, wie Alles, was von ihm ausging, anch ihre Wirksamkeit über das Ganze erstreckt. Ist eS nicht beispielsweise sogar seinem Vorbilde zuzuschreiben, daß das Bier salonfähig bis in die höchsten Zirkel geworden? Seitdem in den letzten Zeiten die Frage einer Nachfolge Bismarcks aufgeworfen ivnrde, ward immer nnr der Name eines Mannes mit Epauletten genannt, ehemals Feldmarschall v. Mantenffel, dann Waldersee. Vei dem engen Kreis, in welchem sich unter solchen Anforderungen die Wahl bewegte, erscheint die deS Generals v. Caprivi, welcher schon Marineminister gewesen war, weniger überraschend, als man auf den ersten Blick meinen konnte. Da ist bereits so etwas wie der Anfang eines geheiligten Brauchs in die Welt gesetzt, und in Zukunft wird man bei einer Vakanz zuerst fragen: welcher General soll Reichskanzler werden? Der Brauch hat sich jetzt schon insofern weiter ausgebildet, als Fürst Bismarck wenigstens nicht aus echtem militärischen Material war, dieweil sein Nachfolger sich doch selbst mit Recht als den „alten Soldaten" produziert uud einen gewissen Effekt damit erzielt. Fürst Bismarck prunkte in pathetischen Momenten mit dem Gehorsam, den er als treuer Vasall seinem Lehnsherrn schulde; aber der Gehorsam, den ein strammer Soldat seinem Kriegsherrn schuldet, ist noch ein ganz anderer. Auf Verfassungen dürfen in deutschen Staaten seit den stürmischen Tagen, da es im Kurfürstentum Hessen geschah, Offiziere nicht vereidigt werden. Womit ich nicht gesagt haben will, daß ein geschmeidiger bürgerlicher Minister nicht durch Fügsamkeit gegen die aristokratischen Klassen gefährlicher werden konnte als ein biederer General. Jedoch, so fürchterliche Möglichkeiten wie die eines Verfassungsbruches können, bei einigem Nachdenken, in Miseren glücklichen Zuständen nicht auftauchen. „So holde Schwäche bricht nicht Sturmes Wüten", sagt der Dichter. Was dem ästhetischen Gefühl unserer Künstler so schrecklich für die Form scheint, die Unechtheit des Materials, das bewahrt nns in der Sache vor den Katastrophen. Es ist auch noch ein Anderes, was der Unentbehrlichkeit einer Volksvertretung zu Hilfe kommt. Die moderneu Staaten brauchen so viel Geld, daß sie ohne eine Bewillignngs- maschine niemals ausreichen würden. Höchstens noch in Nnßland, und anch da wahrscheinlich nicht mehr lange kann man mit einem Schöpfapparat auskommen, der ausschließlich von oben arbeitet. Allerwärts sonst geht es nnr mit — 335 — Hilfe des Druckes von unten her. Und gerade die Soldaten wissen das am besten, denn sie brauchen es ja am meisten. Gewiß war es ein Glück, daß Fürst Bismarck entlassen wurde. Aber daß es ein Glück war, daS eben ist das Unglück. Denn ein Glück kann keinen inneren Schaden heilen, und ein Unglück wäre nie eines gewesen, wenn es mit einem raschen Glückszug überwunden werden könnte. Ein wahres Unglück besteht eben darin, daß es irreparabel oder doch nnr nach schweren Mühen nnd langen Zeiten zn überwinden ist. Wäre Fürst Bismarck ein so großer Staatsmann im höhereu Siuu geweseu, wie er Politiker und Diplomat war, so würde sich unter ihm in einem Nierteljahrhnndert unerhörter Erfolge und unerhörter Popularität eine politische Gesittung entwickelt haben, stark genug, um ihu wie uns selbst gegen die Gefahr eines Sturzes durch ein bloßes Machtwort von oben zn schützen, und jedenfalls stark genng, nm ihm iu deu Reiheu eines Parlaments eine Stellung zu sicher», so stark, so glänzend nnd so ehrenvoll wie auf dem klanzlersessel. Alle die Gründe, die manche seiner Verehrer jetzt anführen, »in zn erklären, warum sie nicht dafür seien, daß er eine nene Wahl annehme, sagen nicht die ganze Wahrheit. Die Wahrheit ist die: daß in einem Parlament, dessen Stellung herabzudrncken und dessen Parteien zu zersetzen er selbst die Hälfte seiner Krast aufgezehrt hat, der richtige Platz für eine gestürzte Größe seiner Dimension schwer zu finden ist. Und eben daß sich dies so verhält, ist zwar seine Strafe, aber anch unser Unglück. Persönliche Macht, anch die bestinspirierte, ist eine unberechenbare Größe. Jede Wohlthat, die von ihr ausgeht, ist eine Medaille, die auf der Rückseite die Möglichkeit ihres Gegenteils trägt. In Fürst Bismarck hatte sich eine persönliche Macht konzentriert, deren Übermaß im Dienst eines falschen Systems dem Land zum Schaden ward. Aber dieser Thatbestand selbst war doch nur die Wirkung seiner anßerordent- lichen Persönlichkeit und mußte früher oder später mit ihr zu Ende gehen. Dagegen ist das Prinzip derjenigen persönlichen Macht, der wir seinen Sturz verdanken, eben weil es ein Prinzip ist, unsterblich. Momentan mnß der Tausch wie eiu Gewiuu erscheinen; im Prinzip zeigt er einen organischen Schaden, für deu allerdings Bismarck selbst am meisten verantwortlich ist. Er hat es selbst so gewollt, aber auch uicht gedacht, daß es gegen ihn sich wenden könne. Wir aber werden, wenn anch nnr an Ungewißheit unserer Zustände, noch unberechenbar daran zn tragen haben. Manches hat sich verändert in der kurzeu Frist eiues Jahres, uud vou Zeit zu Zeit wird mit ganz annehmbaren Belegen uns vorgerechnet, wie es doch in vielen Dinge» besser geworden sei. Aber den Charakter der Dauerhaftigkeit hat nichts von alledem und kann es nicht haben; es sind Geschenke des Augenblicks, die der nächste Augenblick wieder entziehe» kann. Zwar ist ja kein Endliches einer bestimmte» Dauer gewiß; aber es ist doch »och ei» uiächiiger Unterschied, ob die Geschicke eines großen Reichs nur dem allgemeinen Schicksal irdischer Wandelbarkeit unterliegen, oder ob sie in eiu psychologisches Geheimnis eingewebt sind, für das jeder Tag ei»e andere Losung bringen kann. Dieser ungesunde Znstand des gestimmten Staatslebens ist aber noch besonders belastet mit allen Übeln der Bismnrck'schen Erbschaft, mit allen Schäden, welche eine immer nnr auf den nächsten Moment gerichtete Parteipolitik allmählich groß gezogen hat. Der ,^»lt»rkampf zuerst uud der Rückzug aus demselben sodann habe» die Zentrumspartei zur Herrin der Parlameutarischeu Situation gemacht, eine Partei, die aus der sonderbarsten, aber gewiß — 337 — nicht heilsamen Mischung einseitig konfessioneller und aristokratisch agrarischer Faktoren zusammengesetzt ist. Hat sich etwa gezeigt, das; dieser Zustand mit dem Wechsel im >tanzlerregiment beseitigt ist? Im Gegenteil, er scheint sich noch mehr zu befestigen als vorher. Nachdem Bismarck der Partei des Zentrums durch den Krieg aufs Messer innere Kraft nnd Anhang in die Breite zugeführt, hat er in der Versöhnung mit ihr, vermöge seines Übergangs zu einem extremen Schutzzollsystem, aus ihr den eigentlichen Träger seiner gesamten inneren Politik gemacht. Wenn die Regierung seines Nachfolgers jetzt in erster Reihe immer mit dieser Abhängigkeit rechnet, so ist das zunächst auf Rechnung dieser Nachlassenschaft zu schreiben. Gerade so verhält es sich mit den Schmerzen, welche die Sozialdemokratie der nenen Ära bereitet. Erfunden hat Fürst Bismarck ebenso wenig den Ultramontanismus wie den Kvmmnnismns. Aber Alles, was persönliche Intervention thun konnte, hat seine Macht für ihre Kräftigung gethan. Es zeugt von merkwürdiger Kurzsichtigkeit, wenn die Anhänger, welche sich nach ihm zurücksehnen, mancherlei, was jetzt zu ihrem Mißvergnügen geschieht, der Krone oder dem nenen Kanzler zur Last legen, sei es auf dein Gebiet der Kirchenpolitik, sei es auf dem der sozialen Bewegung. Es sind doch Alles nnr die unausbleiblichen Folgen der Richtung, die der erste Kanzler Jahre lang un- nnsgesetzt den öffentlichen Angelegenheiten und dem öffentlichen Geist gegeben hat. Am meisten inneren Groll und inneres Unbehagen hat bekanntlich die neue Ära in den Reihen der Bismarck begeisterten Großindustrie erregt durch ein gewisses nachsichtiges, sagen wir, selbst ermunterndes Verhalten zu den Ansprüchen der Berg- und Fabrikarbeiter. Aber diesen Geist — er sei ein gnter oder schlimmer — wer hat ihn groß gezogen mit Schmeichelreden und mit Ludwig BnmbcrgcrS Gcs. Schriften. V. 22 — 338 — Verfolgungen? Wer hat die Losung vvn dem hilflos auf dem Mist verhungernden Greis, vvn dem Recht ans Arbeit ausgegeben? Wer hat die staatssozialistische Religion des praktischen Christentums aufgebracht, um einen Politischen Feldzng unter deu Schutz erhabener Gefühle zn stellen? Wer hat sich der Pietät gegen den alten Kaiser Wilhelm bedieut, um seiueu Namen unter ein staatssozialistisches Manifest zu setzen, wer hat unter Berufung auf dasselbe noch iu der letzten Stunde seiner Macht mit Hängen und Würge», gegen das innere Widerstreben der Zustimmenden selbst, jenes Alters- uud Juvalideugesetz durchgedrückt, aus welchem die Sozialdemokratie auf geradem Weg die Konsequenz ihrer vollen Berechtigung ableitet, und welches mit jedem Jahr mehr zn einem unerträglichen Nessusgewaude für daS bürgerliche Leben werden wird? — Und jetzt kommen die, welche diese Politik uud diese Gesetzgebungsmcthode als die größten Thaten des Jahrhnnderts verherrlicht haben, und beklagen sich, daß dieselben anfangen, ihre Wirkung zu äußeru, ihre Wirkung auf die Köpfe in den höchsten und in den uutersteu Regivueu. Uud sie sehnen sich nach dem Diktator zurück, der, wie sie meinen, es zwar verstand, die Köpfe mit großeu Worten zu berauscheu, aber unter dem beruhigenden Vorbehalt, ihnen die Schädel einzuschlagen, wenn sie dieselben zu ernst nehmen sollten. Scheinbar ist diese Methode zn Schanden geworden, weil ihr Meister gegangen ist, aber in Wirklichkeit war diese seine Methode am Ende ihres Lateins angekommen, als er ging. Die Verlängerung wie die Verschärfung des Sozialistengesetzes war in eine Sackgasse geraten, ans der es keinen Ausweg mehr gab. Es war ein Opportunismus von beispielloser Unverfrorenheit, welcher endlich am Ab- grundsraude der Absurdität augekommen war. Dasselbe Schaukelspiel hatte sich im Laufe der Jahre in zahllosen — 339 — anderen Experimenten wiederholt. Als letztes Andenken haben wir die Kolvninlpolitik behalten, das Urbild politischer Momeutphotvgraphie, die Ausgebnrt einer vorübergehenden ^lnwaudluug, entstanden unter dem Einfluß höchst zweideutiger Autoritäten uud oberflächlicher Liebhabereien, ohne eigenen nachhaltigen Glanben des Kanzlers selbst, bald gefördert, bald gehemmt, bald bekannt, bald verleugnet, bald ale> eigene Eingebung, bald als aufgedrängte Uuverineidlich- keit hingestellt. Auch im dunkleu Weltteil sitzt die gegenwärtige Regierung fest, nur weil die vorausgegangene sich hineinverirrt hat. Fürst Bismarck war ein großer Opportunist, leider ein viel zu großer. In den seltensten Ausnahmen hat die Güte einer Sache seine Handlungsweise bestimmt. Es gab nur eiu Objekt für ihn: Deutschlands Macht gegen Anßen nnd seine eigene Macht gegen jedes widerstrebende Element im Innern. Dieser realistischen Auffassung entsprechend, verfolgte er vor Allem zwei Ziele: viel Geld und gute Wahlen für die Regierung. Ein großer Handelsherr, einer, der ihn anfs andächtigste verehrte nnd bewunderte, ward vor Iahren einmal zu ihm beschiedeu, um ihn über eine Streitfrage aufzuklären, die zwischen ihm als Handelsminister und der Berliner ^anfmauuschaft spielte. Ich hatte kurz darauf Gelegenheit, den Mann zu sprechen, der noch vor Erstannen ganz starr war und sich von seiner Enttäuschung uicht erholen konnte. Mit thatsächlichein Material nnd sachlichen Argumenten bewaffnet war er zur Kou- fereuz gegangen, nnd nnn kam er ganz verdutzt zurück: „Vvu nichts als von Wahlen hat er mit mir gesprochen uud von Anderem nichts hören wollen." Alle Art von organischer Gesetzgebung war ihm iuuer- lich zuwider. Weuu man zur staatSmäunischen Größe den Sinn für dauernde Rechtsverfassnngen verlangen kann, so 22* — 340 — besteht er sicher die Probe nicht. Was an solchen unter seiner Herrschaft entstand, ward entweder seiner Indifferenz oder seinem Widerstand abgerungen nnd trägt die Spnren davon. Das erste Erfordernis einer jeden Einrichtung war für ihn, daß sie nach Belieben geändert und beseitigt werden könne. In den Tagen, als die Reichsprozeßordnuug beraten wurde, erzählte er eiustmals der Korona der Nach- tischsgesellschaft, er sei zufällig jüngst an die Thüre des Saales gekommen, in welchem die Kommission tagte; eine Weile habe er, da sehr laut diskutiert wurde, aufgehorcht, dann habe er sich eilig abgeweudet, von Grauen erfüllt, daß die Juristen in der Gesetzgebung sich über solche Dinge so heftig streiten könnten. Das Deutsche Reich ist sein Werk. Diesen Ruhm soll ihm Niemand abdingen, und die Nachwelt wird ihu befestigen. Aber vou allen Schwierigkeiten, mit denen unsere Zukuuft sich schon jetzt schwer belastet zeigt, kommen auch die meisteu auf seine Rechnung. Er hat die Bahnen bestimmt, iil denen sich die Institutionen, die Gesetze, nnd, was noch wichtiger ist, die Geister bewegen. Nicht minder die heutige Lage nach Anßen ist sein Werk — ob ein gelungenes oder nicht, auch das ist noch eine offene Frage, über welche das letzte Wort lange nicht so unwiderruflich gesprochen ist, wie vielfach als ausgemacht gilt. Endlich die Verderbnis der Sitten im öffentlichen Leben, an der er mit schauerlicher Macht gearbeitet hat, ist so tief einge- druugen, daß nach eiuer kurzen Zeitspanne scheinbarer Besserung die Gefahr sich gezeigt hat, daß auch diese alten Schäden ihn mehr und länger überdauern mögen, alsMancher in seiner Unschuld gehofft hatte. — 341 III, Als er die Nachricht vom Tode Walleiisteins erhielt, schrieb der kardinal Richelieu in sein Tagebuch: „Der gute oder der schlechte Ruf häugt ab von der letzten Periode des Lebens, das Gute und das Schlechte überträgt sich auf die Nachwelt, und die Bosheit der Menschen macht, daß'sie eher das eine als das andere glauben*)." Wer will sagen, ob es dem Fürsten Bismarck noch einmal gelingen wird, sich des Regimentes im Reich zu bemächtigen? Er selbst glaubt sich uicht am Eude seiner Laufbahu; und mag man auf Gruud der besonderen thatsächlichen Umstände sich für oder gegen die Möglichkeit seiner Rückkehr an die Spitze der Geschäfte entscheiden: unsre Tage haben so viel für unmöglich Angesehenes erlebt, daß schon aus diesem allgemeinen Vorbehalt heraus jedes unbedingte Nein gewagt erscheint. Nur soviel ist gewiß: wäre nicht geschehen, was vorher selbst für undenkbar galt, wäre nicht der gewaltige Mann bei ungeschwächter Gesundheit, gegen sein äußerstes Sträuben Plötzlich in die Stille des Privatlebens entrückt worden, die Mitwelt zunächst hätte sich ein ganz anderes Bild von seinem Charakter gemacht, als sie jetzt thut. Ich sage absichtlich die Mitwelt, und ich glaube, daß auch der große kardinal mit dem Worte „Nepntatiou" uicht sowohl das späte Urteil der Geschichte als den Eindruck gemeint hat, wie er sich bei dem Hinscheiden eines bedeutenden Menschen nach seinem letzten Bilde in den Angen der Zeitgenossen fixiert. Wie paßt das z. B. gerade auf die Stimmung beim Tode Windthorsts! — Auch da? schöne Wort, die Weltgeschichte 5) I^a, donns ou la, ma-uvaiLS i'sMtation uspsnä us lü, Zsi'nisi'v äs la, vis, Is dion st Is mivl M«8v !^ xostsi'its st I» m^Iios äs« Iioimiiss üut erviro plntüt, 1'uu aus 1'a.uti'ö. — 342 — sei das Weltgericht, trifft nur so weit zu, als die höchsten Gerichte sich irren können. Und dann, was ist die Weltgeschichte? Je mehr sie forscht, desto unsicherer wird ihr Urteil; Richelieu uud Wallenstein, die beiden Namen, die hier nebeneinander stehen, was braucht es mehr, um daran zu erinnern, wie von der Parteien Haß uud Guust verwirrt die Charakterbilder schwanken? Gerade je interessanter es wäre, sie zu erkenneu, desto weniger kommt das Urteil znm Abschluß. Man denke an Maria Stnart oder au Dou Carlos! Alle paar Jahre wird die letzte Entscheidung mittelst neuer Hebel auf den Kopf gestellt. Die Verehrer Bismarcks zu beruhige», ist nicht mein Beruf; aber ein unbefangenes Urteil zu gewiuueu, ist mein stilles Vergnügen. Nein, die vierzig Jahre großer politischer Thätigkeit und welthistorischen Eingreifens werden im Urteil kommender Geschlechter nicht zurücktreten hinter die Wirkuug des Aktes, der sich jetzt auf der schmalen Bühne des Privatlebens abspielt, auch wenn er der letzte ist, und der Vorhang dann für immer fällt. Nach einiger Zeit wird die Gesamtheit der Erscheinung wieder zu ihrer vollen Geltuug und zu ihrem höheren Recht kommen. Allerdings werden dann auch die Eindrücke des eben abgelaufenen Jahres bei Abwägung des Urteils ihr Gewicht mit in die Wagschale werfen, uud keiu leichtes; denn was diese Ein- drücke so bedeutsam macht, ist, daß sie viel stärker uud überraschender auf die begeisterten Anhänger des Kanzlers eingedrungen sind als auf diejenigen, welche ihn seit längerer Zeit kühl, kritisch oder gegnerisch betrachtet hatten. Das Interessante au der Gesamtheit dieser Erlebnisse des letzten Jahres ist, daß sie im Lager der Getreuen so viel Bestürzung und Verwirrung hervorgerufen haben, daß sie da als etwas unbeschreiblich Neues, Unerhörtes angestaunt worden sind. Daher jene, wenn anch mir im Stillen aus- gebrochene, doch leicht an vielen Zeichen zu erkennende Herbigkeit der Auffassung, von welcher der minder Unvorbereitete frei blieb. „Wenn ein Teufel in mir steckt, so ist es ein tentoni» scher", hat der Fürst einmal selbst gesagt. Der Teufel ist ein Kosmopolit, der sich in jeder beliebigen Nationalität zurechtfindet. Das Nationalkostüm, das er annimmt, ist ihm Nebensache, der Kern bleibt der Dämon, im gnteu wie im bösen Sinn. In dem, neuerer Zeit viel besprochenen, fünften Bande von Taine ist künstlerisch durchgeführt, daß der napoleonische Dämon wesentlich italienischen Geblütes war uud zwar aus dem Blute des Italien vor vier- bis fünfhundert Jahren. So mag eine gewisse Beruhigung für die Deutschen dariu liegeu, daß, wenn ein Teufel sie beherrschte, es wenigstens ein landsmännischer war; aber daß sein Stammbaum iu die Zeit des Faustrechts zurückführte, hätte er mit dem italienischen Tyrannen gemein. Gehört doch etwas Fanstrecht zu der Teufelei überhaupt. Das Kraftgeheimnis dieser Art politischer Genialität wurzelt in der unbefangenen Verachtung aller menschlichen und gesetzlichen Rücksichten, in dem unbegrenzten Gefühl der Berechtigung des eigenen Willens, gestützt auf die eigene Intelligenz. Alles, was der von unten hinauf schauenden Menschheit wie Ideal vorkommt, existiert für solches He- rvenbewnßtsein nur als Inhalt des eigenen Ich. Napoleon, der nach Egypten ging, um ein großes orientalisches Weltreich zu gründen, und als Kaiser schrieb, daß es auf das Opfer einer Million Menschen nicht ankommen dürfe, hinterließ der gläubigen Menge das zärtliche Wort von der ?i-Ärio6, 1S8 anx eisux s'olöVö II sst bsau wömö (I on tombsr. Ihm gilt sein eigner Ausspruch, daß, wenn der Jäger müde uud unlustig heimkehrt und Plötzlich eiu Eber iu Sicht gemeldet wird, ihm von Neuem die Lust uud die Kräfte wachsen zur „Sauhatz". Das ist der teutonische Teusel in ihm, und dieser teutonischen Eigentümlichkeit entspricht es auch, daß uebeu dem Jagdspieß das Tintenfaß steht, aus dem „ozeanische Ströme sich ergießen". Nicht umsonst hat's Luther dem Teufel an den Kopf geworfen. Der Lutherische Teufel war eben auch ein deutscher Teufel, und wenn der schwarz ist, so weiß er warum: die Tinte ist sein Lieblingselement. Uudwig BambcrgerS Ges. Schriften. V. ^! Marseillaise und Afrikalotterie.^ (Aus Nr..51 der „Nation" vom 1». September 18»1.) ^) Die beiden Begebenheiten, ans die obige Zusammenstellung hinweist, sind die Hnldignng, ivelche die französische Flotte dein russischen Reich mit ihrem Bcsnch in Kronstadt darbrachte, und die Lotterie, welche von der deutschen Kolonialgcsellschaft veranstaltet ward, um den Erlös zur Befreiung von Negersklaven zu verwenden. 23* I. ^icht selten koimnt Einer, der viel gesündigt hat, daran zn Falle, daß er einmal richtig und vorwurfsfrei handelt. Nichts hat den Jesuiten so sehr geschadet, als das Bekenntnis, daß der Zweck die Mittel heilige, und doch war gerade dies ein Akt der Offenheit und das Geständnis einer Regel, welche weit über die Grenzen ihres Ordens hinaus die Welt regiert. Selbst die neuesten Dichterschulen, die unter verschiedenen Namen nach „Wahrheit" jagen, beweisen mit ihrer Empörung gegen das Bestehende und Herrschende, wie wenig die Wahrheit in der Welt herrscht. Giebt es überhaupt unbedingte Wahrheiten im Bereich der menschlichen Verhältnisse, und kaun es deren geben, oder giebt es nur relative? Edmund Burke, der große englische Konservative, sagte einmal am Schluß eiuer Rede: „Ich will nicht eingehen auf die Frage, iu wie weit die Wahrheit den Vorzug verdieue vor dem Frieden (xsaos bedeutet hier soviel als das gemeine Wohl). Vielleicht mag Wahrheit etwas viel Besseres sein. Aber da wir kaum jemals über diese solche Gewißheit habeu wie über jenen, so möchte ich, solange die Wahrheit nicht ganz augenfällig ist, fest zum Frieden stehen." Das ist in der gelindesten und moralischsten Weise ausgedrückt die Annäherung an den Grundsatz, daß der Zweck das Mittel heiligt. Den Gegensatz drückt jener Redner der Revolution aus mit dem historisch gewordenen Ausruf: „^srisssut Iss Loloräks i)1ut.öt, ^Ä»^>'?/Ä — 399 — höchstens für vier Millionen Dollars Silber gekauft und zu Dollars geprägt werden müßte, die als volle Zahlung im Verkehr dienen sollten. Zwar machte damals der Präsident Hayes von seinem Recht Gebrauch, die dahingehenden Beschlüsse des Kongresses, Repräsentanten und Senat, mit seinem Veto zurückzuschicken; aber so groß war der Eiser beider Körperschaften, daß beide am gleichen Tage denselben Beschluß nochmals mit der Zweidrittelmehrheit annahmen, welche das Veto des Präsidenten der Republik entkräftete nnd den Beschluß zum Gesetz machte. (28. Februar 1878.) So wurde das erste Beispiel eines Gesetzes gegeben, welches vorschreibt, daß die Anfertigung von Geld aus einem bestimmte» Edelmetall nicht in dem Maß, als sich für solches Geld Bedarf zeigt, zu geschehen habe, sondern insoweit die Besitzer des Metalls Vorräte zu verkaufen wünschen, aber auf dem Weg des freien Verkehrs keine Abnehmer dafür finden können. Eine ganz ungeheuerliche Erfindung! Etwas Ähnliches thun nur Regierungen, welche Papiergeld ausgeben, um ihre Schulden damit zu bezahlen. Wie bekannt und wie in allen Ländern des Westens erprobt worden, nimmt der Verkehr grobe Silbermünzen seit lange nur noch in sehr beschränkten Quantitäten auf, weshalb die geprägten Silberdollars in den Gewölben der Staatsschatzkammer liegen bleiben und nur auf die Weise verwertbar werden, daß man Papier — Silber-Zertifikate genannt — dafür ausgiebt, dem die Dollars als Sicherheitsleistung dienen sollen. Man hatte gehofft, mittels dieser permanenten Einkäufe den Preis des Silbers wieder zu heben und zn halten. Aber auf die Dauer vergeblich! Ein Betrag von achtzehnhundert Millionen Mark ist seit jener Zeit ausgeprägt und diese Dollarstücke schlafen zum allergrößten Teil unbeweglich in den öffentlichen Gewölben, die — 400 — man eigens zu diesem Zwecke anlegen und mit Festungswerken schützen mußte. Nachdem darauf eine endlose Reihe von neuen gesetzgeberischen Prozeduren gescheitert, nachdem alle Anschläge auf das Einfangen der europäischen Staaten für amerikanische Interessen mißlungen waren, kamen die Silberleute zu der Erkenntnis, daß die fortgesetzten Einkäufe auf Grund der Blandbill ihnen nicht helfen würden, und daß es nur Eins für sie gäbe: die freie Silberprägung ohne Maß. Wenn jede zur Münze gebrachte Silberbarre von Staatswegen in Dollars umgeprägt werden, und jeder solcher Dollar bei Zahlungen zu einem vorgeschriebenen Wert, der etwa dreiunddreißig Prozent seinen dermaligen Marktwert übersteigt, angenommen werden müßte — nur dann könnte Alles wieder gut werden. Doch stand der mächtig angeschwollenen Agitation im Wege, daß die Mehrheit der beiden Häuser im Jahre 1890 der republikanischen Partei angehörte, welche im großen und ganzen für solche freie Prägung nicht zu haben war, während die sogenannte demokratische Partei in ihrer Mehrzahl dazu neigte. Aber wenn deshalb auch die Anträge auf freie Silberprügung uach langem Kampfe nicht obsiegten, so wurde den Urhebern derselben doch ein — wenigstens allem Anscheine nach — sehr großes Zugeständnis gemacht. Aus Gründen Politischer Taktik, weil jede Partei mit der über gewaltige Mittel verfügenden Silberagitation rechnen muß, und um der Gefahr eines schließlichen Triumphes der freien Prägung zu entgehen, ließ der Schatzsekretär Windom mit Hilfe des Senators Sherman im Sommer 1890 einen Antrag einbringen, wonach zwar keine Dollars mehr ausgeprägt zu werde» brauchen, dagegen aber jährlich für mehr als doppelt so viel Silber angekauft werden mnß. Dieser Antrag wurde nach endlosem Hin- und Herschieben zwischen Senat uud 401 Repräsentantenhaus, nach krampfhaften Gegenversuchen der rabiaten Freiprügungspartei, auf dem Wege einer gemeinsamen Delegiertenberatuug beider Häuser (Caucus) endlich zum Gesetz erhoben (14. Juli 1890) und trägt den Namen der Shermanbill, welche damit an die Stelle der Blandbill getreten ist. Von nun an sollten statt der 24 Millionen Dollars, die jährlich für Silberkänfe und Ausprägung zu verwenden waren, 54 Millionen Unzen Silber angekauft und entweder ausgeprägt oder in Barrenform aufgespeichert werden. Das bedeutete, verglichen zur Blandbill, je nach dem Stande des Silberpreises ein Quantum von mehr als doppelt so hohem Wert. Man beabsichtigte, damit gerade die jährliche Silberproduktion des Landes zu absorbieren. Allgemein hatte daher nicht nur iu Amerika, sondern in der ganzen Welt sich die Ansicht festgestellt, daß durch diese verdoppelte künstliche Nachfrage der Preis des Silbers enorm getrieben werden würde. Man sah ihn schon in Amerika auf seine frühere Normalhöhe von 129 Cents und entsprechend in London 59 Pence emporklettern. In der That berührte er in New Dork 120 und in London 56. Aber die Freude war eine knrze. Sehr bald trat ein Rückschlag ein und ein Sturz, wie man ihn noch nicht erlebt hatte, bis auf 85^2 iu Amerika und 39 in England, trotzdem der Schatz der Vereinigten Staaten im letzten Fiskaljahr 1890/91 über 48 Millionen Unzen Silber erworben hatte. Die Bergwerke nnd Schmelzanstalten hatten in Erwartung der Maßregel mit Anspannung aller Kräfte produziert. Die Silberleute innerhalb und außerhalb des Kongresses hatten in gleicher Erwartung enorme Spekula- tivnsküufe gemacht. Aber selbst die gewaltigen Beträge, welche das neue Gesetz absorbierte, waren nicht imstande die Massen zu verschlingen, welche angeboten wurden. So Ludwig BambergcrS Gcs, Schriften. V. 2g — 402 — war denn der Beweis geliefert, daß alle noch so ungeheuren Käufe und Ausprägungen von Staatswegen nicht helfen konnten. Und abermals sahen sich die Interessenten auf die einzige Zuflucht, das Stichwort der freien Prägung hingedrängt. Inzwischen hatten sich nun auf dem wirtschaftspolitischen Gebiete Umwandlungen von gewaltiger Bedeutung vollzogen; der Kampf um das Silber sollte zum Kampf um die Macht zwischen den beiden großen Parteien des Landes werden, insbesondere zum Kampf um die Präsidentschaft. Und dazu kam noch, daß diese tiefgreifende Evolution sich aus einer anderen wirtschaftlichen Wendung heraus entwickelte, die bereits das größte Aufsehen in der Welt erregt hatte. Nämlich der Sieg der extremen Schutzzollpartei, welche die Mac Kinley-Bill erkämpft hatte, schien dazu bestimmt, auch den Sieg der Silberpartei herbeizuführen; nicht etwa weil, wie bei uns in Deutschland, schutzzöll- nerische Agrarier und Bimetallisten zusammengingen, sondern eher umgekehrt, weil in Amerika Jndustrieschutzzöllner und Silberleute einander gegenüber stehen und befehden. Mit der Mac Kinley-Bill hatten die Republikaner im Kongreß gesiegt. Die tolle Übertreibung, in welche sich die schutzzöllnerische Mehrheit hineinfanatisiert hatte, rief unmittelbar nach Erlaß des Gesetzes eine ebenso gesunde als unwiderstehliche Reaktion im Lande hervor, und das Ergebnis stellte sich darin ein, daß die Neuwahlen zum Repräsentantenhaus die republikanisch schutzzöllnerische Mehrheit im Sturm hinwegfegten und an ihre Stelle eine erdrückende Majorität von Demokraten absandten. So weit war alles gut. Aber die demokratische Parter war. wie schon erwähnt, vorwiegend silberfreundlich, und darum kam nun neue Hoffnung in diese Reihen. In den Kongreß, welcher im Herbst 1891 zusammentrat, sollte da- — 403 — her wieder der Antrag auf freie Prägung eingebracht werden. Der Senat schien von vornherein gewonnen. Denn schon am Ende der vorhergehenden Legislatur hatte er einen dahingehenden Antrag genehmigt, der nur an der entgegengesetzten Richtung des Repräsentantenhauses gescheit tert war. Nochmals belebten sich jetzt also die Hoffnungen, und die Stimmungsberichte aus den Vereinigten Staaten vermeldeten, daß die Anhänger der ehrlick,en Goldwährung sich auf eine Niederlage gefaßt machten. Nur Eins war höchst auffallend. Trotzdem alle politischen Berechnungen den Sieg Blands sehr wahrscheinlich machten, wollte der Silberpreis sich von seinem tiefen Fall nicht wieder erholen. Der Instinkt der realen Jnteresfen zeigte bessere Witterung von den kommenden Dingen als alle noch so schlauen Kalkulationen der Maschinenpolitiker. Eigentümliche Verschiebungen brachte in diese doch schon hinreichend komplizierte Lage der bevorstehende Kamps um die im Sommer dieses Jahres vorzubereitende und im Herbst zu entscheidende Wahl eines Präsidenten der Republik. Nicht sowohl wegen der Entscheidung zwischen den Parteien als wegen derjenigen zwischen den Kandidaten innerhalb derselben Partei. Vor allem muß nämlich daran erinnert werden, daß die beiden großen 'politischen Parteien sich durchaus nicht mit diesen wirtschaftlichen decken. Es giebt auch bei den Demokraten ganz entschiedene Gegner des Silbers, wie es unter den Republikanern eine Anzahl Freunde desselben giebt. Und dazu steht zwischen beiden eine dritte, unabhängige, welche aus ehrlicher Überzeugung sich über die Parteischablone erhebt und den sonderbaren aus der Jndianersprache geholten Namen der Mugwnmp? trägt. Nachdem nun die Demokraten bei den letzten Wahlen für den Kongreß gesiegt hatten, schienen natürlich ihre Aus- Ski* — 404 — sichten für die Präsidentschaftswahl sehr gewonnen zu haben. Der jetzige Präsident Harrison, ein Republikaner und erklärter Gegner der freien Prägung, sollte voraussichtlich einem demokratischen Kandidaten weichen. Doch hier standen innerhalb der Partei abermals die Gegensätze auf. Der bei weitem beste Name für die demokratische Kandidatur wäre der vorletzte Präsident Grover Cleveland, ein Manu, der mit dem Rufe höchster Integrität und bedeutender Fähigkeit von seinem Posten abgetreten war. Und dieser Mann ist eben deshalb ein abgesagter Feind des Silber- fchwindels. Sein Rivale innerhalb der Partei, Hill, jetzt Senator, vormals Gouverneur des Staates New Jork, liebäugelt mit dem Silber. Ein demokratischer Sieg des freien Silbers im Kongreß würde nun die Aussichten Hills auf Nomination gehoben und die Clevelands herabgedrückt haben. Im Übrigen aber war der Name Clevelands für den Kampf um den Präsidentenstuhl eine viel bessere Fahne als der Hills. Diejenigen Republikaner nun, welche mehr Wert darauf legte», bei der Präsidentenwahl zu siegen, als bei Ablehnung des Silber-Antrags, klügelten aus, daß es vielleicht gar nicht so übel wäre, den Demokraten zu einem Silbersieg zu verhelfen, um ihrem Cleveland den Weg zu verlegen. Der gegenwärtige Präsident Harrison, republikanischer Kandidat für die nächste Wahl, würde sich durch ein Veto gegen die neue Blandbill populär macheu. Ein Sieg über die Demokratie schien ihnen unter Hills Kandidatur dann um so leichter zu erringeu. Daher machte eine Anzahl Republikaner Miene, den Demokraten in der Silbersache unter die Arme zu greifen. Andererseits gab es dafür Demokrateu, welchen die Bekämpfung des Silberschwiudels mehr am Herzen lag als alles andere. Ohne Rücksicht auf die Prä- sidentschaftskampague kam es ihnen vor allem darauf au, in ihren eigenen Reihen so viel Stimmen als möglich vom Silbcrprogramm abspenstig zu machen. Dabei hatten sie noch die Hoffnung, daß, wenn sie damit siegten, auch die Kandidatur Clevelauds und die Beseitigung Hills gesichert war. Gerade die stärksten und fähigsten Elemente der demokratischen Partei sind für ehrliches Geld; vor allen Dingen der wichtige Staat New Dort, in dem sich die reellen Finanzinteressen vereinigt finden; ferner die gebildeten und tüchtigen Neu-Englandstaaten, voran Massa- chnsets mit seinem unermüdlichen Vorkämpfer Eduard Atkin- son aus Boston. Die Kerntruppen der Silberleute steheu natürlich in den Staaten, wo die Bergwerke liegen*), ferner im kar ^Vsst,, wo die Farmer, die amerikanischen Agrarier, sitzen und in einem Teil der südlichen Demvkratenstaaten. Was auf dieser Seite uicht vou Silberinteressen unmittelbar oder mittelbar beherrscht wird, gehorcht agrarisch-demagogischen Strömungen, welche meinen, der Staat könne seine Bürger damit reich machen, daß er künstlich den nominellen Geldwert steigere und ein wohlfeil hergestelltes Geld unter die, welche zu wenig besitzen, verteile. Das ist der Grundgedanke der Farmer-Allianz und der Partei, welche sot"t, moirs^, wohlfeiles (wörtlich weiches) Geld verlangt uud welche in Hoffnung auf ein solches Gesetz auch den Demokraten geholfen hatte, die Republikaner bei den letzten Wahlen zu schlageu. Wie sehr gerade die Silberproduzcntcn Amerikas an der Sache interessiert sind, nnd in welchem Maße die Silberproduktion seit dem Jahre 1873 zugenommen hat, erhellt aus den neuesten Zahlen, die soeben der Münzdirektor der Ver. Staaten dem Kongreß vorgelegt hat. Er veranschlagt die gesamte Silberproduktion der Welt auf 140,865,000 Unzen fein, von welchen: allein in der Republik 58,330,000 produziert wurden. Im letzten Jahre war die Produktion daselbst um acht Millionen Unzen ge wachsen, und den 58 Millionen dieses letzten Jahres standen im Jahre 1873 (Jahr der deutschen Münzrcform) nur 2?Vz Million gegenüber. Die Gesamtproduktion der'Welt hat sich seit jenem Jahr 1873 mehr als verdoppelt, ist von 03,207,000 auf 140,805,000 Unzen gestiegen! — 406 — Einen interessanten Einblick in die treibenden Ideen dieser Art von Silberfreunden giebt die Denkschrift der sogenannten Arbeiterbundesgenossenschaft, I^dour eoniscks- ration, welche am 21. Januar 1891 unter den Auspizien des Abgeordneten Bland dem Währungsausschuß des Kongresses überreicht wurde. Dieser Bund umfaßt, wie der die Petition derselben für freie Prägung überreichende Delegierte Dunning erklärte, die Allianz der Farmer, die Ritter der Arbeit (ILniAQts o5 I^bour), die nationale Bürgerallianz, die der farbigen Bürger, im Ganzen angeblich vier Millionen Stimmberechtigte. Sie verlangen in ihrer Petition Abschaffung aller Nationalbanken mit Notenausgabe; an Stelle der Noten soll Staatspapiergeld treten „in zureichendem Umfang, um die Geschäfte des Landes ohne Bevorzugung oder Benachteiligung für irgend einen Stand oder Beruf zu versorgen und von diesem Geld soll dem Volke, wenn von ihm verlangt, geliehen werden (^vlisn 6srllg,n6s6 lz^ tlis r^so^ls s1ig,11 l?s loansck t>o ttism) zu nicht mehr als zwei Prozent jährlich auf Unterpfand von nicht dem Verderben ausgesetzten Gegenständen und auf unbewegliche Güter."*) Zu dieser Verteilung von Staatspapiergeld soll nach demselben Programm noch die freie Ausprägung von Silber hinzutreten. Es ist überflüssig, auszuführen, welche Einwürfe den Geldverteilungsprojekten entgegengehalten werden. Erhebt sich doch schon gegen die bisher geübte Praxis der sich anhäufenden Staatskäufe der Einwand, daß das Gold immer mehr aus dem Lande gedrängt werden, und schließlich der Moment kommen muß, wo dem Staatsschatz auch Es ist sehr bezeichnend, daß diese agrarischen Bimetallistcn anch ganz kürzlich zwei Anträge gegen den Terminhandel im Kongreß eingebracht haben, weil sie meinen, daß er ihnen die Kornpreise verderbe, partout, eomras oliW nous! das Material fehlen wird, um seine in Gold kontrahierten Verpflichtungen zu bestreiken.*) Diese Verpflichtung haben die Vereinigten Staaten namentlich in der sogenannten Re- siimptionbill im Jahr 1875 übernommen, in der sie nach amtlichen, seitdem mehrmals wiederholten Erklärungen ausdrücklich zusagten, die Zahlungen, die sie an Zinsen und Capital aus ihren Anleihen übernommen haben, in Gold zu leisten. Es ist niemals ein Zweifel daran zugelassen worden, daß das Versprechen „in ooin" in Bar zu zahlen, als Gold verstanden wurde. Jetzt kommen die Silberagitatoren mit der Behauptung vor, man könne das auch auf Silber deuten. Der Effekt dieser Auslegung hat in den Bewegungen des letzten Jahres bereits eine drastische Rolle gespielt. Nämlich den Warnungen, daß die Gefahr der Silberiuvasion das Gold ganz aus dem Lande treiben werde, meinten die Silberlente mit der Behauptung widersprechen zu können, daß vorerst nicht daran zu denken sei, weil die schlechten Getreideernten Europas die Ausfuhr unermeßlich steigern und Europa zum Schuldner Amerikas machen würden. Aber schon jetzt, noch ehe die Sünde eines falschen Systems zur That werden konnte, rächte sich dieselbe und zeigte auf den begangenen Irrtum hin. Die bloße Furcht vor dem Silberschwindel und vor der Möglichkeit einer Ableugnung der Goldschuld (Repudiation) übte einen stärkeren Druck auf die wechselseitigen Beziehungen beider Weltteile aus als die bereits eingetretene Kalamität der Mißjahre. Trotz der starken Ausfuhr von Getreide, Nach der Berechnung des Londoner Economist vom 9. April d. I. hat sich der Goldvorrat des Staatsschatzes, welcher zur Bestreitung der auf Gold lautenden Verpflichtungen bestimmt ist, seit 18S0 um die Hälfte verringert, ist von 56 °/g auf 28°/g des zur Deckung der betreffenden Schulden nötigen Betrages zurückgegangen, und dies Mißverhältnis wächst immer weiter. , ^ EÄM^ — 408 — trotz der gewaltsamen Einschränkung der Wareneinsuhr infolge der Mac Kinley-Bill, kam es nicht zur Goldeinfuhr nach Amerika, sondern zu einer Goldansfnhr nach Europa in beträchtlicher Höhe. Und das rührte daher, daß in Europa ein Mißtranen in die Ehrlichkeit der Vereinigten Staaten aufstieg, welches die Besitzer amerikanischer Papiere und namentlich der Staatsschuldeuverschreibuugen bewog, sich ihres Besitzes zu entledigen und sie in Goldwährung einzukassieren, solange noch in Gold gezahlt werde. Darum konnte es auch geschehen, daß der Silberpreis immer mehr herunter ging, selbst in den Tagen, als alle Anzeichen darauf hindeuteten, daß die Partei der freien Prägung im Kongreß siegen werde. Niemals, seitdem die Geschichte von diesen Dingen überhaupt etwas weiß, hat Silber, am Gold gemessen, auch nur annähernd so niedrigen Wert gehabt als gerade in den Tagen des März, in welchen die verhängnisvolle Stunde des Triumphes der Silberpartei zu schlage» schien. Bland, der Herr der Situation, hatte ausgerechnet, daß er über eine Mehrheit von vierzig Stimmen gebiete, seine Gegner hielten sich für mit wenigstens zwanzig Stimmen geschlagen. So kam der große Tag heran, der 22. März. Wie er äußerlich auf dem Kapitol sich ankündigte, ist bereits in den ersten Worten dieser Darstellung geschildert worden. Mit dem Verlauf der Debatten nnd Abstimmungen selbst könnte man Bogen füllen. Um all das dramatisch und politisch zu würdigen, müßte der Leser in alle Finessen und Winkelzüge der eigentümlichen parlamentarischen Geschäftsordnung des Landes eingeweiht sein. Die Gewalt der Mehrheit über die Miuderheit ist eine beinahe diktatorische; aber dasür ist die Minderheit wieder mit allerhand Rüstzeug versehen, das ihr gestattet, ihr Leben bis zum äußersten zu verteidigen. Sie führt mit Handwaffen und Seiten- — 409 — sprüngeu einen wahren Buschkrieg gegen die Kanonen der Mehrheit. Was in europäischen Parlamenten an Taktik aufzubieten ist, bleibt Kinderspiel gegen die gelehrten Kombinationen zu Washington. Man denke sich auf der eiueu Seite einen Präsidenten, den Sprecher, der nicht nur, wie bei uns, von der Mehrheit, sondern eingestandenermaßen für die Mehrheit gewählt ist, deren Interessen er ganz unverfroren wahrnimmt. Und dieser Präsident ernennt die bei uns von den Parteien erwählten Mitglieder der Ausschüsse aus eigener Machtvollkommenheit; er selbst auch, nicht der Ausschuß, ernennt wieder den Vorsitzenden des letzteren und verfügt mit diktatorischer Gewalt über den Gang der Verhandlungen, soweit nicht die Gegner aus dem Arsenal der Geschäftsordnung Werkzeuge herbeibringen können, die diese Diktatur wieder lahm legen. Was wir Obstruktion nennen, was aber hier gerechte Notwehr ist, nennen die Amerikaner „flibustieren", tUidust.kr. Vor diesem Flibnstern, und vor diesem allein, hatten die Silberleute Angst. Der Präsident des Hauses, Crisp, ein Silbermann, hatte den Abgeordneten Bland selbst zum Vorsitzenden des Ausschusses, der zugleich als Referent figuriert, ernannt. Gleich zum Beginn der Verhandlungen erklärte dann auch Herr Bland, er werde dem Hause nicht mehr als drei Tage Zeit geben — es war an einem Dienstag; am Donnerstag Mittag um zwei Uhr werde er die Debatte zum Schluß bringen; ferner wurde, nachdem er selbst anderthalb Stunden gesprochen, verfügt, daß wegen der massenhaften Anmeldungen von Rednern der Gegenpartei diesen nur, je nach dem einzelnen Fall, fünf, zehn oder höchstens fünfzehn Minuten Zeit für ihre Vorträge eingeräumt werden sollten. Dagegen blieb Jedem unbenommen, eine beliebig lange Rede im Protokoll drucken zu lassen. 410 — Später wurde versucht, den Schluß bis zum Sonnabend hinaus zu schieben, und Bland zeigte sich geneigt, bis zum Freitag mit sich akkordieren zu lassen, aber ein anderer wütiger Silbermann legte sich dazwischen. Das Haus war so voll wie noch nie. Am folgenden Tag brachte ein Silbergegner einen Antrag auf Tagesordnung ein, der ganz überraschender Weise 148 Stimmen gegen 147 bekam. Nun sprang der Sprecher Crisp ein und gab mit seiner Stimme den Ausschlag nach der andern Seite, sodaß der Antrag mit Stimmengleichheit abgelehnt war. Darauf erhob sich der Protest, es sei salsch gezählt worden, und nachdem dies plausibel gemacht worden, erfolgte eine neue Abstimmung. Aber hier unterlagen die Silbergegner mit ein paar Stimmen. Die Debatte ging weiter. Einige Redner, die bis dahin unbekannt waren, machten großen Eindruck. Alte Parlamentarier sind dort eine Seltenheit, die Perioden dauern nur zwei Jahre, und Alles wechselt im rascheil Fluß der Ereignisse. Der derbste Silberfeind war ein solcher Neuling, Harter von Ohio. Eine Episode seiner Rede beschreibt eine Zeitung, wie folgt: Als Herr Harter schilderte, wie die Silberbarone das Volk an der Kehle packen, um es zur Prügung ihres Silbers zu zwingen, ergriff er den Stuhl, auf welchen Herr Mac Karg vor ihm saß, und rüttelte dermaßen daran, daß der Vormann entsetzt in die Höhe fuhr. Dabei ließ er sich unter anderem zu folgenden Ausbrüchen fortreißen: „Jetzt verlangen diese Silberbarone, daß die Regierung eingreife nnd ihr Silber, welches sie nicht einmal zu W Cents die Unze verkaufen können, ihnen zu 120 abnehme und damit das Gewerbsleben des Landes vernichte nnd des Volkes Wohl und Glück zerstöre. Dies ein schweinisches Verfahren nennen, w clssorids ttiis tioMistuiWs, hieße das nützliche Tier verleumden; so etwas hat mehr 411 — Ähnlichkeit mit des Teufels Gier, als mit dem Instinkt irgend eines uns bekannten Tieres." Am Schluß seiner Rede beschlich ihn selbst die Empfindung, daß er etwas heftig gewesen sein möge, und er sagte: „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich ein Wort gesprochen haben sollte, welches die Gefühle irgend eines Mitgliedes unseres Hauses verletzt haben möchte." (!) Dieser Redner gehört sogar bezeichnenderweise zu der demokratischen Partei, die in ihrer großen Mehrheit für silberfreundlich gilt. Und trotz der Maßlosigkeit einzelner Äußerungen und der auf fünfzehn Minuten beschränkten Dauer brachte er eine Fülle wirksamer Thatsachen und Zahlen vor. Am meisten aber schlug ein, daß der Redner ein Amendement für den Fall, daß der Silberantrag durchginge, folgenden Inhalts ankündigte: Wenn auch schrankenlos geprägtes Silber als volles Geld Zahlungskraft erlangen sollte, so dürften ausnahmsweise fernerhin nur in Gold bezahlt werden Sparkassenforderungen, Pensionen und Arbeitslöhne. Diese schlau berechnete Klausel verbreitete Schrecken in den Reihen der Silberleute. Sie kehrte scharf die Schattenseite ihrer Machination heraus und legte ihre demagogischen Wirkungen lahm. Nach Harter folgten noch eine Reihe gewaltiger Redner derselben Richtung, und es verbreitete sich das Gefühl, die grimmige Energie, mit welcher die Silbergegner kämpften, enthielte eine ernste Warnung, daß Blands Sache verloren sei, wenn es der Opposition gelänge, die Verhandlungen noch hinauszuziehen. Von Stunde zu Stunde häuften sich die telegraphischen Meldungen, daß ein Umschlag sich selbst bei den demokratischen Wählerschaften des Südens rege, welche anfangs ihren Abgeordneten vorgeschrieben hatten, für Silber zu stimmen. Dem parlamentarischen Brauch des Kongresses gemäß finden während der Debatten nnd ihrer geschäftsordnungsmäßigen Züge und Gegenzüge beständig — 412 — neue Besprechungen sowohl zwischen Abgeordneten als zwischen diesen und NichtMitgliedern statt. Diesmal hörte das Anstürmen gar nicht auf. Eine Delegation der silberfeindlichen Demokraten, welche von New Jork am Mittwoch herübergefahreu und ihren Parteigenosfen scharf zu Leibe gegangen war, reiste am selbigen Abend nach Hause mit der Beruhigung, daß die Silberleute geschlagen würden. Um deu Gang der Verhandlungen zu beschleunigen, beraumte der Sprecher noch Abendsitzungen an. Auf die angekündigte Stunde von Donnerstag zwei Uhr gelang eS doch nicht, zu einer Schlußabstimmung zu kommen. Man vertagte sich auf den Abend. Am Donnerstag gegen Mitternacht war der Sprecher zur Überzeugung gekommen, daß es höchst gewagt sei, eine Abstimmung vorzunehmen. Die Lage war unter dem Druck der wachsenden Stimmung gegen die neue Blandbill im Hause wie im Lande so gefährlich geworden, daß die Entscheidung nicht riskiert werden konnte. Um halb ein Uhr nachts erklärte Crisp, das Haus sei nicht beschlußsähig, und vertagte die Verhandlung aufs unbestimmte, d. h. so, daß sie nach dem vorschriftsmäßigen Gang der Geschäfte in der gegenwärtigen Session nicht wieder aufgenommen werden kann. Damit war die Niederlage des Silbers besiegelt. Ein ungeheurer Aufschrei der Erlösung durchlief das ganze Land; denn wo immer Sinn und Interesse für geordnete wirtschaftliche Zustände waltet, war mehr und mehr die Überzeugung durchgedrungen, daß man vor einem Abgrund stand. Wenn die Wirkung dieses Ausgauges nicht entfernt so drastisch in Europa zur Geltung kam, so rührte das daher, daß man hier weder die drohende Gefahr, noch die Wucht der Entscheidung so genau zu begreifen imstande war. Denn wäre das halsbrechende Experiment Thatsache geworden, so würde die Wirkung unfehlbar auch die euro- — 413 — päischen Verhältnisse tief in diese Wirbel mit hereingezogen haben. Selbst in den Bereinigten Staaten brach sich die Erkenntnis von der großen Bedeutung des parlamentarischen Vorgangs erst nach Tagen Bahn. Eben weil es nicht zu einer förmlichen Abstimmung gekommen war. sondern die Sache in einer Versenkung der Geschäftsordnung verschwand, bednrfte es der kundigen Auslegung. Aber sowie es völlig tagte, war der Effekt ein ungeheurer. Einige nachträgliche Versuche, den Antrag durch besondere Kraftmittel im Repräsentantenhause oder im Senate wieder zu beleben, mißlangen, und nun wurde es klar: der Prozeß der Silberleute und Jnflationisten (der Wert- und Geldaufbläser) ist verloren für lange, wahrscheinlich für immer. Denn so groß war die Gefahr ihres Sieges nie gewesen, so gut hatten ihre Chancen nie gestanden. Waren sie jetzt abgeschlagen, so lag darin der Beweis, daß sie nicht mehr zu fürchten waren, daß der Verstand und das, Rechtsgefühl des Landes in der letzten Stunde zum Bewußtsein erwacht und damit unüberwindlich geworden waren. Vermutlich wird mit diesem Ende auch der Anfang der Bewegung gegen die jetzt noch in Kraft befindliche Sherman- bill, welche den Kauf der 54 Millionen Unzen jährlich vorschreibt, eingeleitet sein. Auch sie kaun auf die Länge nicht bestehen. Endlich, dem Humbug einer internationalen Konferenz zur Verständigung mit den anderen großen Staaten behufs einer künstlichen Festsetzung des Wertverhältnisses ist damit die Maske der Ernsthaftigkeit abgerissen. Die Silbergegner hatten sich dieses Vorschlages als einer unschädlichen Diversion bedient, um schwache» Gemütern einen Trost und verschämten einen Rückzug zu bieten. Jetzt, wo die Hauptgefahr vorüber ist, fühlt man dunkel, daß es Thorheit wäre, an das Gelingen eines solchen Versuchs zu glaubeu. — 414 Zu wiederholten Malen hatte man von Amerika aus das Terrain in Europa auf solch eine Zumutung hin versucht, aber vergebens. Noch im vorigen Jahre erklärte Präsident Harrison in dürren Worten offiziell, daß seine Anfragen nirgends Gegenliebe gefunden hätten. Und jetzt sollte ein europäischer Staat, sollte gar England oder Deutschland für ein solches Experiment zu haben sein! Nach diesen Vorgängen zu Washington ist es doch so fulminant deutlich geworden, daß die treibende Kraft der Silberbewegung nur noch in gewissen amerikanischen Sonderinteressen wohnt, und den Staatsmann möchte man sehen, der nach einiger Bekanntschaft mit diesen letzten Verhandlungen noch Lust hätte, die Geldverfassung seines Landes mittelst eines Vertrags an alle Kunstgriffe der Silbermänner zu schmieden. Nein, jetzt heißt es ein für allemal: „Taschenspieler, Du wirst keinen Geist mehr rufen!" Eine Folge dieser Entscheidung ist auch, daß die Aussichten Clevelands für die Präsidentschaft ganz gewaltig gestiegen sind. Der aber ist ein abgesagter Feind aller unehrlichen Wirtschaftspolitik. So hat sich im Laufe von anderthalb Jahren zweimal dieselbe Erscheinung wiederholt, daß Vernunft und Gewissenhaftigkeit nach heißem Kampfe auf dem Gebiet der großen Republik wieder zu Ehren gekommen sind. Der Sieg der Schutzzöllner rief die Gegenwirkung der Wahlen herbei, die sie im Sturm hinwegfegte. Und jetzt sind die Silbermänner, welche gerade auf diesen Wahlsieg ihre Hoffnung gesetzt hatten, auch zu Schanden geworden. Es liegt etwas sehr Tröstliches darin, daß trotz aller Verwilderung und Willkür, welche ein volles Maß von Freiheit und Kraft in der Gesetzgebung dieses modernsten Gemeinwesens entfesselt hat, schließlich die gesunde Einsicht immer wieder die Oberhand bekommt. In ähnlichen Zuständen sagte ein- — 415 mal der französische Gesandte in Washington schon im Jahre 1804: „Wie für die Betrunkenen (11 s, visu xoru- Iss ivrvAnss) giebt es auch einen rettenden Gott für die Amerikaner." Es ist ein merkwürdiges Stück Menschheits- und Kulturgeschichte, das sich hier unter den Augen der heutigen Generation vollzieht und dem in seinen tiefgreifenden Wirkungen ferner zu folgen für den Eingeweihten ganz außerordentlich anziehend ist. Und darum darf man auch nicht darauf verzichten, dem größeren Kreise der mit der Sache weniger Vertrauten von Zeit zu Zeit wenigstens das Greifbarste und Begreifbarste daraus zu bieten. Etwas darin ist jedenfalls selbst dem einfachsten Verstand zugänglich, nämlich die Unterscheidung zwischen Systemen, die auf wahrem und denen, die auf unwahrem Werte beruhen. Der wahre Wert bedarf keiner Gesetzes- und Vertragsfabrik zu seiner Kraft. Aber allerdings nichts ist unwahrer als die Behauptung, daß die Erkenntnis des richtigen Auswegs aus allen Verwirrungen der thatsächlichen Verhältnisse und aus allen Verschlingungen der Streitfragen, welche Dauer und Mannigfaltigkeit der Erscheinungen angehäuft haben, so einfacher Natur wäre, daß man jeder Massenversammlung mit einigen Schlagwörtern das volle Verständnis dafür beibringen könnte. Mit dieser Art Demagogie charakterisiert sich die bimetallistische Agitation diesseits und jenseits des Meeres. Wer sich ein Bild von der Fülle und Vielseitigkeit des belehrenden Materials machen will, das hier der Wißbegierde sich darbietet, und das, wenigstens in seinen neueren und bedeutenderen Arbeiten, kennen muß, wer ein sachgemäßes Urteil fällen will, der werfe einen Blick auf das neueste große Übersichtswerk, mit welchem der unermüdliche Nestor und Meister des Faches, Profesfor Adolf Soetbeer, vor — 416 — etlichen Wochen uns aufs neue beschenkt hat. Sein Litteraturnachweis über Geld- und Münzwesen, insbesondere über den Währungsstreit 1871 —1891*) kommt, nach der Intention des Verfassers selbst, wie ein Abschluß zu der Reihe seiner früheren unentbehrlichen Sammelwerke auf diesem schwer übersehbaren Gebiete, uud wie wohl zu hoffen und zu wünschen ist, daß der bejahrte Gelehrte trotz aller entgegengesetzten Ankündigung immer wieder Lust und Kraft zu neuen Anläufen finden wird, trifft es sich doch besonders glücklich, daß er mit diesem Schlußwerk auch in einem Moment auftritt, wo thatsächlich eine so große Wendung in der Geschichte der Edelmetalle und damit eine neue Epoche in der Wirtschaftsentwickelung des Occideuts zum Durchbruch kommt. Anfang Mai 1892. *) Ein stattlicher Band, der alle wichtigen Schriften, Vorgänge und Zahlen seit der Entdeckung Amerikas bis 18S2 zusammenstellt. (Berlin bei Puttkamer und Mühlbrecht). Die Krisis in Deutschland und der deutsche Kaisers ») Übersetzt aus der Nsv Reviev, April 1892. Ludwig Bambergers Ges. Schriften. V. 27 -ü^eine Erfahrung hat mich zu der Überzeugung geführt, daß selbst in den bestunterrichteten Kreisen anderer Nationen deutsche politische Zustände nur sehr dürftig bekannt sind. Daraus erklärt sich, daß einzelne Vorgänge, welche dnrch ihre Natur ganz besonders die Beachtung des Auslands auf sich ziehen, in demselben von einem falschen Gesichtspunkt aus beurteilt werden, weil man dies ohne Kenntnis aller sie bedingenden Umstände und Persönlichkeiten thut. Ich glaube sogar, daß in dieser mangelhaften Erkenntnis die Engländer sich noch vor den Franzosen auszeichnen, welche der letzte Krieg und seine Folgen mehr auf die Beachtung deutscher Politik hingewiesen haben. Was den englischen Geist hauptsächlich davon abhält, deutsche Angelegenheiten mit einigem Interesse zu verfolgen, ist der Zustand der Unmündigkeit, in welchem nach englischer Auffassung das deutsche Volk sich seinen Regierungen gegenüber befindet; sie sehen mit einem gewissen verächtlichen Mitleid herab auf die etwas kindliche Haltung deutscher Volksvertretungen ihrem patriarchalischen Regiment gegenüber und legen auf die Thätigkeit dieser Körperschaften wenig Gewicht. Darum sind sie nm so mehr geneigt, einzelne hervorragende Erscheinungen, die plötzlich inmitten dieser nebelhaften Atmosphäre auftauchen, mit Erstaunen und mit der Sympathie, welche die Entfaltung jeder überlegenen Kraft einflößt, ins Auge zu fassen. So verhält es sich z. B. mit ihrem Interesse an Allem, was — 420 — sich an die herrschende Gestalt des Fürsten Bismarck anlehnt. Seitdem er von der Bühne abgetreten ist, blieb für ihre Aufmerksamkeit die hervorstechendste Erscheinung der junge Kaiser und die Partei der Sozialdemokraten. Vor einigen Wochen gaben diese beiden Elemente der deutschen Politik den Anstoß zu einigen sensationellen Nachrichten und daher zu der Frage über die Größe ihrer Bedeutung. Wie nach den oben geschilderten Verhältnissen zu erwarten war, machte sich im Ausland die öffentliche Meinung ein falsches Bild von ihnen. Die Aufläufe in den Straßen von Berlin wurden fälschlicherweise für Ausbrüche sozialdemokratischer Verschwörungen gehalten, und eben deshalb war man bereit, zwischen diesen Vorgängen und der letzten Rede des Kaisers einen Zusammenhang zu finden; und aus dieser ganzen Gedankenverbindung blieb in England der Eindruck zurück, daß Deutschland am Vorabend einer sozialistischen Erhebung stehe, und daß der Kaiser damit umgehe, sie durch einen monarchischen Staatsstreich zu unterdrücken. Wer die so gefärbten sensationellen Berichte liest, verfällt leicht in solche falsche Auffassungeu und läßt sich dazu verleiten, an einen kritischen Zustaud der Dinge zu glauben, der thatsächlich durchaus nicht vorhanden ist. Vor Allem möge man sich klar machen, daß nicht nur die eigentliche Partei der Sozialdemokraten mit jenen Straßenaufläufen nichts zu thun hatte, sondern daß dieselben ihr sehr ungelegen kamen; ferner — und dies ist ein wichtiger Punkt — hat diese Partei in den letzten Jahren und namentlich seit der Beseitigung der sogenannten Ausnahmegesetze sich mehr und mehr von revolutionären Bestrebungen abgewendet, und die zunehmende Zahl ihrer parlamentarischen Abgeordneten hat dazu wesentlich beigetragen. Sie hat dadurch an Beachtung und Einfluß großen Gewinn gemacht, und ihre politischen Führer thun sich da- — 421 — rauf viel zu viel zu gute, als daß sie diese Ergebnisse durch revolutionäres Verfahren aufs Spiel setzten. Die 35 Mitglieder der sozialdemokratischen Partei oder „Fraktion", um den technischen Ausdruck zu gebrauchen, spielen jetzt im Reichstag eine ganz andere Rolle, als sie jemals seit der Begründung des Norddeutschen Bundes im Jahre 1867 gethan haben. Der ganz äußerliche Umstand, daß seit den Wahlen von 1890 ihre Sitze im Saale des Reichstags, die früher weit hinten zurück auf dem Berge sich befanden, jetzt verlegt worden sind, und daß eine große Zahl von ihnen ganz nach vorn, gerade gegenüber der Ministerbank des Hauses sitzen, ist sehr bemerkenswert als der augenscheinliche Beweis eines wachsenden Nimbus ihrer Partei: fünfundzwanzig Jahre lang wurden sie, insbesondere von feiten der Konservativen, als eine Art von Auswurf behandelt, vor deren Berührung man sich auf alle Weise hüten müsse. Aber endlich sind sie zu einem Verhältnis vollständiger Gleichheit mit ihnen aufgerückt; sie bilden eine Fraktion, welche in allen Ausschüsfen des Hauses ihre Vertreter hat, und verfügen über eine Zahl von Unterschriften, welche sie in den Stand setzt, in ihrem eigenen Namen Anträge einzubringen, und, was noch wichtiger ist als diese bloßen formalen Möglichkeiten: sie werden von den Ministern, von den Vertretern des Bundesrats und auch von ihren konservativen Kollegen auf gleichem Fuße wie die anderen Parteien behandelt, und da in ihrer Mitte Talent, Fleiß und Eifer reichlich vertreten sind, so flößen sie in der That auch Achtung ein. Jüngst wurde erzählt, daß der Präsident des Reichstags, Herr von Levetzow, ein strammer Konservativer, sich dahin geäußert hätte, nach seiner Meinung sei Herr Bebel der erste Redner des Hauses. Man kann darüber auch anderer Meinung sein; aber diese Äußerung ist bezeichnend für die Schätzung, zu welcher Herrn — 422 — Bebels Partei gelangt ist. Natürlich haben sich in gleichem Maße mit dieser verbesserten Stellung und infolge einer begreiflichen Wechselwirkung die Manieren und das Verhalten der sozialistischeu Mitglieder auch beträchtlich umgestaltet. Selten noch, und dann nur von Neulingen unter ihnen, kommt es zu scharf herausforderndeil und beleidigenden Brandreden von ihrer Seite. Oft bringen sie Anträge von Wichtigkeit und mit reichen sachlichen Belegen zur Debatte. Nicht wenige von ihnen zeichnen sich durch schöne Kenntnisse auf volkswirtschaftlichem Gebiet und durch wohlgelungene Vortragsweise aus, während andere, wie z. B. der ehemalige Schiffskoch Schwarz oder der Zigarrenarbeiter Molkenbuhr, öfter das Haus durch eine gesunde, maßvolle und sachliche Darstellung fesseln. Sogar in ihrer äußeren Erscheinung ist eine vorteilhafte Veränderung eingetreten, und wild vernachlässigte düstere Figuren, wie der ehemalige Hasselmann oder Most, beleidigen jetzt nicht mehr das Auge der Versammlung; sie hat es mit ruhigen, anständigen Bürgern zu thun, die in ihrem Auftreten gar nicht an Barrikaden und Straßenkämpfe erinnern, sondern vielmehr ihre Freude an friedlichem Leben im Schoß ihrer Familie verraten und sich im Genuß des von ihnen erlangten bedeutenden Rufes wiegen, ohne deshalb auf ihre sozialistischen Ansichten zu verzichten. Ein Franzose würde sagen: sont arrivks". Allerdings erhebt man dagegen den Einwurf, daß hinter dieser parlamentarischen Partei eine Masse steht, die keinen Grund hat, sich in ähnlicher Weise befriedigt zu fühlen, und die noch das Material für wilde und gierige Zer- ftörungslust liefert; daß im gegebenen Moment diese unzufriedenen Elemente die Masse mit sich fortreißen und die gemäßigten Führer zur Seite drücken würden. Aber diese Behauptung übersieht die augenblickliche Lage der Dinge; — 423 — thatsächlich haben die gegenwärtigen fünfunddreißig Mitglieder der Partei den größeren Teil ihrer Wähler hinter sich, und ihr moralisches Übergewicht ist in keiner Weise gefährdet. Das beruht nicht bloß auf der Autorität und dem Einfluß, die sie erlangt haben, und auf ihren Fähigkeiten, sondern noch viel mehr auf dem Umstand, daß die größere Anzahl ihrer Wähler nicht einmal in ihren Ansichten so weit gehen wie die Erwählten; denn von 1 400 000 sozialistischen Stimmen, die im Februar 1890 abgegeben wurden (eine größere Zahl als für irgend eine andere Partei), sind wahrscheinlich nicht mehr als die Hälfte wirkliche Anhänger des sozialdemokratischen Programms, sondern einfach Unzufriedene, welche gar nicht an den Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung denken. Wenn die Partei zu einer gewissen Beruhigung und Befriedigung gelangt ist, so muß man übrigens nicht glauben, daß dies allein auf Selbstgefälligkeit und persönlicher Empfindung beruht; man hat ihnen tiefere und gewichtigere Gründe der Genugthuung geliefert; denn sie haben die Anerkennung ihrer Grundsätze in der Reichs- gesetzgcbnng erzielt und zwar in solcher Weise, daß für die Zukuuft es schwer sein wird, eine weitere Entwickelung in sozialistischer Richtung zu verhüten, dies umsomehr, als auch andere Nationen den Versuch angestellt haben, Deutschlands Beispiele zu folgen. Das erfahren wir z. B. durch die Anträge, welche in den französischen und englischen Parlamenten behufs gesetzlicher Versicherung der arbeitenden Klassen eingebracht worden sind. Die deutschen Sozialisten sind vollständig im Recht mit der Behauptung, daß sie es waren, welche den Fürsten Bismarck zuerst in die Richtung seiner sogenannten Sozialgesetzgebung hineintrieben. Im Jahre 1878 ging Bismarck von dem Gedanken — 424 aus, daß es nur ein Mittel gegen die Sozialdemokratie gebe, nämlich eine bis ins Äußerste getriebene gewaltsame Unterdrückung; er hoffte sie von Grund aus zu vernichten. Als Gegengewicht zur Beruhigung des öffentlichen Gewissens bot er die verschiedenen Stufen der Versicherungsgesetze, beginnend mit der gegen Unfall, fortfahrend mit der gegen Krankheit und schließend mit der gegen Invalidität und Alter, während im Hintergrund noch eine Versicherung für Witwen und Waisen gehalten wurde. Wie im Einzelnen dies Alles durchgeführt werden sollte, darüber machte er sich kein Kopfzerbrechen; er suchte sich ein paar wohlgeschulte Beamte aus, denen er den Auftrag gab, irgend einen Plan auszudenken, nur mit der Grundbedingung, daß die ganze Sache in den Händen des Staates bleiben müsse; denn jede Art von freier Thätigkeit und Selbsthilfe widerstrebte ihm als sogenanntes Manchestertum. Das ganze Projekt wurde mit einem gewissen Heiligenschein umgeben, indem man den Grundgedanken dem alten Kaiser Wilhelm unterschob, welcher, wie man glauben machte, noch vor seinem Ende die soziale Frage für sein Land zu lösen wünschte. Da Bismarck wohl wußte, daß die entschiedenen Liberalen diesen Vorschlägen entgegentreten würden, so diente ihm dies zugleich, um sie mangelnder Loyalität gegen den ehrwürdigen Monarchen zu beschuldigen. Die Gemäßigten oder sogenannten Nationalliberalen, welche ihm in allen Dingen blindlings Folge leisteten, schmeichelten sich «och ganz besonders mit der Vorstellung, daß diese Versicherungsgesetze eine besänftigende Wirkung auf die Herzen der Sozialdemokraten ausüben und sie zu dankbaren Anhängern der bestehenden Ordnung machen würden. Natürlich trat genau das Gegenteil ein. Die Gewaltmaßregeln trieben sie zur Entrüstung, und die versprochenen Wohlthaten erregten ihre Verachtung, während sie gleichzeitig mit logischer — 425 — Konsequenz darauf hinweisen konnten, daß die staatssozialistischen Pläne nur ihre eigenen Grundsätze zu Ansehen bringen müßten. Auf diese Weise erreichten sie dreifache Vorteile, während Bismarcks Sozialpolitik in dreifachen Irrtum verfiel; doch war es nur das dritte Gesetz von der ganzen Reihe, nämlich das für die Invaliden und die Alten, welches gänzlich auf das sozialistische Prinzip übertrat, indem es einen Staatsbeitrag stipulierte. Die Hauptangriffe der Opposition im Reichstage richteten sich daher gegen dieses Gesetz, und sicherlich würde es nicht durchgegangen sein, wenn nicht bei der Schlußabstimmung Fürst Bis- marck seinen überwiegenden persönlichen Einfluß in die Wagschale geworfen hätte, um die Annahme durch das Haus zu drücken. Wahrscheinlich war er selbst im Stillen von der Nützlichkeit dieses Gesetzes sehr wenig durchdrungen, und noch kürzlich äußerte er sich iu einer Privatunterhaltung dahin, daß er es für einen Mißgriff ansehe; aber er hatte in so vielen salbungsvollen Reden seinen und des Kaisers Namen mit der Herrlichkeit dieses Gesetzes und seines „praktischen Christentums" in Verbindung gebracht, daß zur Erhaltung seines persönlichen Nimbus ihm auch sein Sieg in der Gesetzgebung unentbehrlich erschien. Es ist nie seine Sache gewesen, sich über die späteren Folgen von Maßregeln, die im Augenblick ihm dienen konnten, viel Sorge zu machen. Trotzdem würde es ihm nicht gelungen sein, die zwanzig. Stimmen, welche den Ausschlag gaben, zu gewinnen, wenn ihm nicht von ganz unerwarteter Seite Sucmrs gekommen wäre. Die katholische Partei, das sogenannte Zentrum und insbesondere dessen Führer Windthorst, war durchaus Gegner des Gesetzes; aber der Vorsitzende der Kommission von achtundzwanzig Mitgliedern, welche es in ihren Beratungen annahm, der zweite nach Windthorst an der Spitze der Zentrnmspartei, nämlich Freiherr von — 426 — Franckenftein, war ein Mann von hoher aristokratischer Stellung und Haltung, wenn auch von mittelmäßiger Begabung, die er jedoch unter einer würdevollen Zurückhaltung zu verbergen die Geschicklichkeit hatte. Als Vorsitzender der Kommission war sein Stolz darauf angewiesen, daß das Gesetz, für das er sich erklärt hatte, auch durchgehe, vielleicht hatte er sich auch in den Glauben hineingeredet, daß hier etwas Großes geschehe, an das sich sein Name heftete, und so gab er sich große Mühe, um möglichst viel Stimmen für die Sache zu gewinnen. Es gelang ihm, zwölf bayerische Stimmen aus dem Zentrum für seine Anschauung zu erobern, und diese zwölf brachten die Sache zur Entscheidung. Hätten sie wie ihre übrigen Fraktionsmitglieder gestimmt, so wäre das Gesetz durchgefallen. Abermals ein Beweis zu der Lehre, daß oft kleine Ursachen große Wirkungen haben. Und so kam es, daß das Deutsche Reich die Fahne des Staatssozialismns aufpflanzte, weil die Eigenliebe eines bayerischen Edelmanns darin ihre Befriedigung fand. Seitdem es mit dem Januar 1891 in Kraft trat, hat es an Beschwerden über seine Anwendung nicht gefehlt, und man kann ruhig sagen, daß, wenn es heute wieder vor den Reichstag käme, vielleicht nicht vierzig Mitglieder dafür stimmen würden. Allerdings würden jetzt vielleicht die Sozialdemokraten, welche einst dagegen stimmten, dafür eintreten; denn damals konnten sie sich noch, den Luxus gestatteu, andere dafür stimmen zu lassen, weil sie der Mehrheit sicher waren und sich dabei für unbefriedigt erklären konnten. Noch jüngst erklärten sie im Reichstag, sie würden jedem Versuch, das Gesetz rückgängig zu macheu, Widerstand leisten. Und das kann man ihnen ruhig glauben; denn sie sind die Einzigen, welche Ursache haben, damit zufrieden zu sein. Immerhin kann von einer Wieder- beseitigung keine Rede sein; es wäre viel zu schwer, die zahlreichen Verpflichtungen komplizierter Art, welche bereits aus dem Gesetz hervorgegangen sind, wieder rückgängig zu machen. Nur wenn im Laufe der Zeit die Schwierigkeiten unerträglich werden, und die Unkosten über Erwarten wachsen, wird man gezwungen sein, Abhilfe zu suchen. Ein Gutes hat immerhin das Gesetz mit sich gebracht; denn aus dem Bedauern über seine Annahme und dem Gefühl eines Sprunges ins Dunkle oder, wie ein Abgeordneter es noch besser bezeichnete, eines Sprunges in einen hell erleuchteten Abgrund ist die festgewurzelte Überzeugung erwachsen, vorerst auf diesem Pfade nicht weiter zu gehen. Man wird sich hüten, den Reichstag mit neuen Vorschlägen für eine weit ausgedehnte Anwendung dieses Versicherungsprinzips heimzusuchen, und wenn solche Vorschläge aus der Mitte des Hauses kamen, so würden sie kaum Gehör finden. Überdies sind die Parteien, welche damals dem Fürsten Bismarck zuliebe sich zur Annahme des Gesetzes verstanden und am meisten dafür wirkten, jetzt geschwächt und abgenützt. Diese Pause in der sozialen Gesetzgebung ist natürlich den Sozialdemokraten willkommen; denn sie schafft ihnen Raum, neue und unerfüllbare Forderungen aufzustellen, worauf gerade ihre Berechnung am meisten gerichtet ist. Daher kann es in keiner Weise ihnen nützlich erscheinen, sich auf Straßenunruhen zu verlegen, und Herr Liebknecht war offenbar aufrichtig, als er jüngst dem Pariser „Figaro" schrieb, die kürzlich vorgefallenen Berliner Straßenszenen seien ihm und seinen Freunden höchst unwillkommen, und ihr Verdacht gehe dahin, daß sie von ihren politischen Gegnern angezettelt seien. Im übrigen hat niemand in Berlin diese Scenen ernst genommen, und nur im Ausland, wo alle Straßenexzesse an die ehemaligen Pariser Barrikadenscenen erinnern, zogen sie — 428 — besondere Aufmerksamkeit auf sich. Straßengefechte und Barrikaden dieser Art sind ja längst überwundene Dinge; sie werden wohl niemals mehr über das Schicksal von Regierungen entscheiden. Mehr als je trifft das auf Deutschland zu. Die Gefahr eines großen Aufstandes ist für uns eine unendlich geringe; dagegen besteht auf der anderen Seite eine viel größere Gefahr allmählicher Verschlechterung der Gesetzgebung durch den Einfluß sozialistischer Strömungen. Der Druck auf individuelle Freiheit, Verantwortlichkeit, Selbständigkeit und Unternehmungsgeist, den die Regierungsmaschinerie immer mehr ausübt, die ungemesfene Vermehrung des Beamtenwesens und der bureaukratischeu Einmischung, welche sich überall ins Leben eindrängt, alles das muß mit der Zeit eine rückläufige Bewegung in Produktiver Wirksamkeit und nationaler Bereicherung hervorbringen. Dazu kommt noch, daß die produktive Arbeit der Nation und des nationalen Kapitals zn gleicher Zeit durch die der Sozialdemokratie entgegengesetze Aristokratie von der anderen Seite nicht minder scharf bekämpft wird. Seit dem Jahre, gegen Ende der siebziger, als Fürst Bismarck begann, die im Jahre 1867 mit den Mittelklassen einverstandene Richtung einzuschlagen, hat er sich mehr und mehr wieder in das Lager der Junkerherrschaft zurückbegeben und systematisch den Zweck verfolgt, auf dem Wege der Gesetzgebung dem Landadel des Nordens und des Ostens zu Lasten der breiten Schichten des Volkes Vorteile zu verschaffen. Seinen Anstrengungen ist es gelungen, diesem Landadel wieder eine mächtige Stellung im Reichstage und im preußischen Landtage zu verschaffen, in welcher derselbe aus verschiedenen Gründen durch die Mitglieder der katholischen Partei sehr häufig unterstützt wird. Ein Gesetz, wie das über die Branntweinsteuer z. B., welches jährlich 4V Millionen Mark unter die Landeigen- — 429 — tümer, und darunter solche von größtem Reichtum, verteilt, ist ohne Vorgang in der Steuergeschichte irgend eines Landes. Merkwürdigerweise hat diese Tendenz noch eher zu- als abgenommen nach Bismarcks Entlassung, als das Portefeuille der preußischen Finanzen in die Hände des Herrn Miquel kam, eines Mannes, dessen Vorleben gerade umgekehrt als vom freien Bürgergeist beseelt angesehen werden kann. Die fiskale Gesetzgebung, die er in Preußen eingeführt hat, schließt sich eng an das Bismarcksche System an: den Erwerb und die Ersparnisse der Mittelklassen zum Besten der großen Landwirte zu besteuern und diese zu einem bedeutenden Teil von dem Mittragen der Staatslasten zu entbürden. Beträchtliche Summen werden dadurch den Städten entzogen zum Vorteil der Landedelleute, welchen außerdem die höheren Chargen der Verwaltung und der Armee vorbehalten bleiben. Das Gepräge des jungen Deutschen Reiches, welches ursprünglich im Geiste der bürgerlichen Freiheit geschaffen wurde, ist nach dem ersten Jahrzehnt seines Daseins in das Gepräge eines vom Militär und Landadel beherrschten Staates umgewandelt worden, und zwischen der Aristokratie einerseits und der zunehmenden sozialistischen Propaganda andererseits steht die Bürgerklasse als ein schwacher Wall, gegen den immer mehr von Diesen beiden entgegengesetzten Polen aus angedrängt wird. Es ist noch nicht lange her, daß Herr von Bennig- sen in einer Reichstagsrede, die großes Aufsehen machte, darauf hinwies, daß nicht durch Gewaltmaßregeln, aber wohl durch solche Maulwurfsarbeit die Existenz der Nation gefährdet werde, und laute Klage erhob, daß das freie Bürgertum im raschen Niedergang begriffen sei. Wenn irgend jemand über den Verdacht pessimistischer Anschauung in diesen Dingen erhaben ist, so ist es dieser ausgezeichnete Mann, — 430 — dessen Hauptfehler nur darin besteht, daß er allzu gefügig sich den Übeln, die er sieht, unterwirft. Das bisher Gesagte wird hoffentlich genügen, um dem ausländischen Leser annähernd eine richtige Idee von der gegenwärtigen Lage beizubringen und ihn davor zu bewahren, daß er den Berichten von dem gewaltsamen Vorgehen in den inneren Angelegenheiten Deutschlands Glauben schenkt, wie sie Zeitungskorrespondenten so gern ausstreuen. Ein Ereignis, welches noch jüngst die größte Sensation hervorgerufen hat, mehr in Deutschland selbst als im Auslande, ist die stürmische und anhaltende Erregung, welche durch den Versuch der Einführung eines neuen Unterrichtsgesetzes erzeugt wurde. In der That ist dies von viel größerer Bedeutung für die inneren Angelegenheiten Deutschlands als die jüngsten Straßenunruhen in Berlin oder als die Reden des jungen Kaisers. Zwar ist der preußische Landadel eine sehr realistisch denkende Gesellschaft, die in Sachen der praktischen Politik zunächst immer auf ihre weltlichen Vorteile bedacht ist. Niemand besser als sie weiß den Wert und die Macht des Besitzes zu schätzeu, während die Verehrung idealer Vorzüge niemals zu ihren Schwächen gehörte; aber sie sind deswegen doch immer Hand in Hand mit der glaubenseifrigen lutherischen Geistlichkeit gegangen und haben unbeirrt immer streng an deren Seite gefochten. Eine strenggläubige, düstere, intolerante, protestantische Kirche zählt bei ihnen zu denjenigen Institutionen, auf deren Existenz ihre eigene Klassenherrschaft mit beruht. Bismarck, welcher in den meisten Punkten dieselbe Richtung einhielt und der unter anderem sich gern für einen guten Christen ausgab, liebte es, sich auch dieser geistlichen Zeloten und ihrer weltlichen Alliierten zu bedienen, wo immer es seinen Absichten dienen konnte; ein andermal schüttelte er sie ab mit der ihm eigenen Rück- — 431 — sichtslosigkeit; bedingungslos unterwarf er sich ihnen nicht; dazu verstand er sich nie, selbst seinen ergebensten Anhängern gegenüber. Unter seinem Nachfolger änderte sich das. Derselbe ist weder ein so starker Drahtzieher noch ein so geschickter Stratege auf dem Felde der Parteikämpfe. Als Caprivi die Zügel der Regierung in die Hand nahm, sagte er, er würde mit Hilfe des Parlaments regieren, und deshalb müsse er eine Mehrheit haben. Der verstorbene Windthorst. welcher schon seinerseits eine Verständigung mit Bismarck in die Wege geleitet hatte, bot auch ihm die Stütze der Zentrumspartei, der zahlreichsten im Reichstage, von mehr als hundert Stimmeu an. Caprivi war nicht abgeneigt, auf einen solchen Vorschlag einzugehen, da Windt- horsts mäßigende Klugheit ihm eine Bürgschaft gegen allzu weit gehende Forderungen als Gegenleistung für solche Unterstützung zn versprechen schien. Um jedoch bei den protestantischen Preußen durch diese Annäherung an die Ultramontanen keinen Anstoß zu erregen, sah er sich genötigt, auf der anderen Seite den frommen Protestanten die Hand zu reichen. Zwar im Herzen verabscheuen sich diese beiden Parteien gegenseitig, aber sie verstehen nichts desto weniger ihre in vielen Punkten übereinstimmenden Interessen: elsri- ous olsi-ivum non äkoirQat. So entstand eine Mehrheit sür eine starke, religiöse Reaktion in Preußen. Aber Caprivi, der ein Ehrenmann war und diese ganze Situation nur annahm, weil sie ihm die einzig brauchbare iu diesem Augenblick schien, nicht ohne dabei Gewissensbedenken zu empfinden, war darauf bedacht, als eine seiner ersten Maßnahmen etwas vorzubringen, was auch das Gepräge moderner Ideen trug neben der reaktionären Notwendigkeit, der er sich fügte. Er entschloß sich offenen Blicks und mit Überzeugung, mit der ultraprotektionistischen Richtung des Bismarckschen Schutzzollsystems letzter Hand durchaus zu brechen und sowohl im Interesse des guten Einvernehmens mit dem Ausland als der nationalen Wohlfahrt zu dem System der Handelsverträge zurückzukehren. Er verlangte von den Schutzzöllnern nur geringe Opfer; zum wirklichen Freihandel überzugehen, durfte er entfernt nicht wagen; aber er beseitigte gänzlich die Einfuhrverbote von Vieh und Fleisch, welche unter dem Vorwand gesundheitspolizeilicher Rücksichten die ausländische Konkurrenz zu Gunsten der inländischen Landwirte unterdrückt hatten. Er führte auch ein sanfteres Regiment in Elsaß-Lothringen ein und beseitigte die Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie. Ferner beschloß er, den Kronschatz der ehemaligen Könige von Hannover nicht mehr als Geheimfonds zu verwenden, und trat dem Fanatismus der enthusiastischen Kolonialnarren mit kritischer Kühlheit gegenüber; doch durfte er nicht das teure Spielzeug selbst zerbrechen, welches hochstehende politische Dilettanten zu ihrem Steckenpferde gemacht hatten. Mit diesen Anläufen jedoch schien der gute Geist, dem er sich ergeben hatte, erschöpft. In den letzten Monaten ist die Person des Kanzlers in den Hintergrund getreten, und sein Kollege im preußischen Ministerium, Graf Zedlitz, der Minister des öffentlichen Unterrichts, spielt die erste Rolle auf der politischen Bühne; er tritt vor die Zuschauer, an der einen Hand den protestantischen, an der anderen den katholischen Klerus, und kündigt ein neues Stück an, dessen Tendenz daraus hinausgeht, die Erziehung des Volks in die Hände der Geistlichen zu legen. Aber alsbald erhebt sich ein Sturm von Verwünschungen und wilden Demonstrationen gegen sein verehrtes Haupt. Die ganze Regierung wird zur Zielscheibe dieses Unwillens und vor allem der Premierminister Graf Caprivi, welcher in seiner ritterlichen Weise sich verpflichtet hält, — 433 — seinen Kollegen, den Minister des Unterrichts, zu decken, und gerade um so mehr, je mehr die öffentliche Entrüstung diesen zum Angriff ausersehen hat. Von diesem Augenblick an verlor Graf Caprivi, obwohl niemand an der Loyalität seiner Absichten zweifelte, den größten Teil seiner Popularität. Daß dies so ist, kann man am besten daraus ermessen, daß sein Vorgänger Fürst Bismarck, welcher ihn bis dahin mit den schärfsten Epigrammen verfolgt hatte, nnn ans einmal sich still verhält, eingedenk dessen, daß Schweigen Gold ist. Mittlerweile geht der Lärm gegen das Schulgesetz weiter. Ein Teil des Publikums, welcher sich gegen Bismarcks Entlassung gleichgiltig verhalten hatte und zu Caprivi hinneigte, wünschte nun den alten Kanzler zurück, während andere, die den letzteren genau kennen, selbst die gegenwärtigen Wirren seiner Rückkehr vorziehen. Noch schlimmer steht es um Caprivi in dem nichtpreußischen Deutschland. Nicht bloß das gegenwärtige preußische Regiment, könnte man sagen, sondern ganz Preußen ist von Nenem in der Sympathie und Achtung des übrigen Deutschlands durch diese reaktionäre Schulvorlage wieder herabgekommen. Es hat von jeher zum Unglück Deutschlands gehört, daß in dem Staat, dessen militärische Verfassuug ihn in den Stand setzte, ein einiges Reich durchzuführen, der Adel, der Offizierstand und die Geistlichkeit gar zu exklusiv und abstoßend gewesen sind. Es ist sehr bezeichnend, daß ein so galliger Geschichtsschreiber wie Thomas Carlyle, der einzige berühmte fremde nichtdeutsche Schriftsteller ist, der sich im gegenwärtigen Jahrhundert für die preußische Verfassung begeistern konnte. Seit der Gründung des Reiches hatte die Persönlichkeit des ersten Kaisers und seines Sohnes Friedrich viel dazu beigetragen, die abstoßenden Züge des preußischen offiziellen Staatswesens zu mildern. In dem Ludwig Bambcrgers Gcs, Schriften. V. 28 — 434 — Maß, als er ins hohe Alter vorrückte, gewann die ehrwürdige Gestalt und das bescheidene und einsichtsvolle Verhalten des ersten deutschen Kaisers die Herzen auch seiner nichtpreußischen Unterthanen. Sein Sohn zeigte sich gleichfalls als ein liebenswürdiger, menschenfreundlicher Fürst, der sich keine allzu große Überlegenheit zutraute, so hoch er auch von seinem Regentenberuf dachte. Die herzzerreißende Geschichte seiner Leiden und die unwürdige Verfolgung, welche sich bis an den Rand des Grabes gegen ihn richtete, trugen noch dazu bei, die Bewunderung und Sympathie der Nation für den schönen sanftblickenden Krieger zu steigern. Als sein Sohn ihm nachfolgte, war er für den weitaus größten Teil seiner Unterthanen ein verschlossenes Buch, das ohne jede Voreingenommenheit betrachtet wurde. Allerdings gab es einiges Kopsschütteln, als er, von seiner ersten Reise durch Europa zurückkehrend, die Vertreter seiner Hauptstadt, die ihn mit einer loyalen Adresse empfingen, mit harten und ungnädigen Worten traktierte, Worte, welche bei seineu jungen Jahren um so weniger gefallen konnten; aber bald darauf verlor sich dieser unangenehme Eindruck. Dann kam die Entlassung Bismarcks und gleichzeitig die Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokraten sowie die Einberufung einer internationalen Konferenz behufs Hebung der arbeitenden Klassen. Die Wirkung dieser Neuerung war verschiedenartig. Die entschiedenen Liberalen begrüßten den Abgang Bismarcks als einen vollen Gewinn für das Land; die Ultramontanen, obgleich schon lange nicht mehr im offenen Kampfe mit ihrem ehemaligen Gegner, waren doch nicht bekümmert ob seines Abganges. Auf der anderen Seite war das konservative Element des Bürgertums, in dem die Nationalliberalen vorwiegen, geradezu untröstlich. Was diesen am meisten an dem neueu Kaiser mißfiel, war, daß er die Sache der arbeitenden Klassen auf einmal in seine Hand nehmen wollte, daß er persönlich in der Angelegenheit des Streiks der westfälischen Bergleute intervenierte, und schließlich, daß er die internationale Konferenz berief. Sie warfen ihm vor, er mache die Arbeiter schwierig und anspruchsvoll; sie waren immer begeisterte Anhänger Bismarcks gewesen und sahen seinen Abgang anläßlich der Konferenz gleichzeitig als die Ursache und als die Wirkung einer falschen Steuerung an, die sie innerlich wütend machte. Die aristokratischen Konservativen waren weder für noch gegen den Kaiser eingenommen. Der preußische Edelmann denkt vor allen Dingen zunächst an sich selbst und wartet im übrigen den Gang der Dinge ab. Während aber die industriellen Schutzzöllner die Rückkehr zu deu Handelsverträgen durchaus nicht mißbilligten, war der konservative Landadel außer sich über die damit verbundene Herabsetzung der Getreidezölle. Darnm hielten sie sich vollständig von der neuen Regierung fern. Die Liberalen waren weder vertrauensvoll noch entmutigt. Die Ernennung Caprivis zum Reichskanzler schien ihnen rsdus sie stantidus ein guter Gedanke, der der Menschenkenntnis und dem Verstände des Kaisers Ehre mache. Aber die Gesetzesvorlage wegen des Volksunterrichts verdarb wieder alles, und im Augenblick ist es schwer, zu sagen, in welcher Partei warme Anhänger der gegenwärtigen Regierung zu finden sind; genau beseheu, müßte man sagen: in keiner. Denn obgleich die ultramontane und die orthodoxe lutherische Geistlichkeit sich über die Wendung in diesen Dingen freuen, so kann man daraus noch nicht den Schluß ziehen, daß sie ergebene Bewunderer der Person des Kaisers seien. Das war die Lage der Dinge, als des Kaisers Rede an die Brandenburger bekannt wurde. Der Eindruck war 28* — 430 — ein gewaltiger; man war schon über manche frühere Rede erstaunt gewesen, aber keine hatte einen so ungünstigen Eindruck hervorgebracht. Es ist nicht zu viel gesagt, daß sie nirgends Wohlgefallen erregte und vielen von den einflußreichsten Anhängern der Regierung sehr ungelegen kam. Das Ausland interessierte sich lebhaft an der ganzen Bewegung; von allen Seiten bis zu diesem Augenblick stürmt die Frage heran: was sollen wir von allem denken, insbesondere, welche Schlüsse sollen wir daraus auf die Zukunft ziehen? Es ist sehr schwer, hierauf eine Antwort Zu geben. Handelte es sich um irgend einen anderen Mann, so könnte man doch sagen: Worte sind nicht Thaten; aber in dem Fall des Souveräns eines mächtigen Staates, der bis jetzt wenig Neigung gezeigt hat, fremden Eingebungen zu folgen, mögen Worte mehr bedeuten als flüchtige Gedanken, die der Eingebnng des Moments entspringen. Die nächste Frage, die sich nach dieser einstellt, ist: möchte nicht dieser junge Kaiser eines Morgens die Welt in ebenso unliebsamer Weise, wie er es mit Reden gethan hat, mit Thaten überraschen, und ist nicht zu erwarten, daß in diesem Falle die Thaten in derselben Richtung gehen würden wie die Reden, d. h. in der Richtung einer höchst autokratischen Natur? Das ist die Frage, die jetzt aufgeworfen wird und nicht sehr beruhigend lautet, und es ist wohl angebracht, das so entstandene Unbehagen zu beseitigen, selbst auf Kosten dieser Reden und ihrer Bedeutung. Der junge Kaiser ist ein Produkt seiner Zeit und ihres Geistes. Wie es so oft geschieht, hat das Beispiel seiner nächsten älteren Verwandten wenig auf ihn gewirkt; er ist weder nach seinem Großvater geartet, für den er so große Verehrung zeigt, noch nach seinem Vater. Was auf - 437 — ihn den tiefsten Eindruck gemacht hat, ist offenbar der Kultus für das Haus Hohenzollern, den so viele Geschichtsschreiber und nach ihrem Vorgange viele Millionen Deutsche zu eiuer mystischen Religion erhoben haben, die die Dynastie der Hohenzollern in einer bisher in der Geschichte unbekannten Hingebung verehrt. Weder von den Antoninen, noch von den Medicis, noch von den Bourbonen, noch von den Habsburgern wurde jemals in so dithyrambischen Perioden behauptet, daß jeder Regent aus ihrem Hause einfach durch die Thatsache seiner Geburt eiu Muster übermenschlicher Vollkommenheit seiu müsse. Das Gefühl für seine Macht, welche in Deutschland und besonders in Preußeu seit dem Kriege von 1870 so hoch aufgeschossen ist, hat sich in dem regierenden Hause und in dem Träger der Krone personifiziert. Ziehen wir dazu iu Betracht die wichtige Rolle, welche dem staatlichen Eingreifen durch die jüngste Gesetzgebung zugeteilt ist, und den ungeheuren Erfolg, den Bismarck erzielte, und den die Welt nicht einmal so sehr seiner geistigen Überlegeuheit als der Energie seines Willens zuschrieb — eine Auffasfung, die sich in der Bezeichnung des „Eisernen Kanzlers" verewigte — fassen wir diese drei Gesichtspunkte zugleich ins Auge: Hohenzollern, Bismarck und Willenskraft, in ihrem weitesten Sinne genommen, und vergegenwärtigen wir uns einen jungen Mann, der in dieser Atmosphäre aufgewachsen ist nnd in sich den Beruf fühlt, diese drei Attribute in seiner Person zusammenzufassen, so können wir uns ungefähr vorstellen, mit welchen Erwartungen vou sich selbst und mit welchen Ansprüchen an die Welt der junge Souverän den Thron bestieg. Er fühlte einen unwiderstehlichen Drang, ein großer Monarch und der in sich selbst ruhende Schöpfer einer großen Epoche zu werden. Seine innere Anlage ebenso wie die Sitten — 438 — der Zeit, insbesondere der vorherrschende militärische Zug, welcher an der Entfaltung kriegerischer Schauspiele sein Genüge findet, legten ihm die Versuchung nahe, seinen hohen Beruf aufs effektvollste in Scene zu setzen. Mit der Ungeduld der Jugend sehnte er sich danach, etwas Großes zu Stande zu bringen, und richtete seine Aufmerksamkeit zunächst mehr aus ein gewaltiges Beginnen als auf ein langsames Durchführen. So setzte er sich zunächst in Bewegung, um in seinen Reisen nach den fremden Höfen die Sympathie der anderen Dynastien uud Nationen im Sturmschritt zu erobern und ihnen die Größe seiner Macht vor Augen zu führen. In demselben Geiste berief er die internationale Konferenz zur Lösung der sozialen Frage und nahm die Reform des öffentlichen Unterrichts in Angriff, von dem Gedanken ausgehend, daß es vor allem gelte, die Aufgaben des Lebens mit der lebhaftesten Energie zu ersassen. Ein inneres thätiges Bedürfnis nnd eine Lust an Erregung und Bewegung, der Glaube, daß der Wille alles vermöge, und der Wunsch, der Welt deutlich zu zeigen, daß seine Anschauung die richtige sei, bestimmte ihn zu einer Reihe demonstrativer Unternehmungen. Selbst das Zusammentreffen mit einem dramatischen populären Dichter, wie Ernst von Wildenbruch, der ganz besonders für die Glorifikation solcher Ideen angelegt ist, war vielleicht nicht ohne Einfluß auf den Gang seiner Gedanken. Die Schauspiele, welche die Geschichte der Hoheuzolleru in gebundener Sprache und malerischen Scenen auf die Bühne brachten, gehören als ein Kommentar zum Totalbild dieser Epoche. In diesem Znsammenhange müssen wir auch das Kapitel der Kaiserlichen Reden lesen, wenn wir es richtig verstehen wollen; sie stehen unter dem Zeichen desselben Dranges, die Ereignisse zu gestalten und der Welt Ent- — 439 — würfe vorzuführen, deren gesetzliche Durchführung zu große Schwierigkeiten hat. Wir würden dem jungen Monarchen Unrecht thun mit der Annahme, daß das Hochgefühl seiner eigenen Macht und Verstandesschärfe, wie es aus seinen Reden entnommen werden könnte, auch auf Neigung zu gewaltsamen Thaten hinweise. Die, welche ihn Persönlich näher kennen, sagen, daß in seinem Privatleben und im Verkehr mit seiner Umgebung er ein jovialer, liebenswürdiger, einfacher und natürlicher Mensch ist, keine Spur einer düsteren oder despotischen Natur; nur wenn er in offizieller Form vor feinem Volke erscheint, nimmt seine äußere Haltung den Ausdruck von majestätischer und selbstbewußter Feierlichkeit an, welche die Maler in seinen Bildnissen wiedergegeben haben. Was beim Lesen seiner auffülligen Reden so viel Unbehagen in der Welt verbreitete, war die Furcht, es möchte ein übereiltes Wort oder eine übereilte Handlung einen europäischen Krieg heraufbeschwören. Alle die, welche sich im Stande fühlen, sich eine Meinung über seinen Charakter zu bilden, kommen bis jetzt darin überein, daß Wilhelm II. mit all seinem Sinn für kriegerische Macht und kriegerischen Pomp doch tief durchdrungen ist von der Überzeugung, daß es seine unermeßlich heilige Pflicht ist, den Frieden zu bewahren. Wenn es sich so verhält, so können wir ruhig das Übrige der künftigen Entwickelung der Dinge überlassen. Druck von Roscnbaum k Hart. Berlin V., Wilhclmstraße 47.