Von Gerhart v. Schulze-Gaevernitz. München und Leipzig. Verlag von Duncker & Humblot. 1915. Alle Rechte vorbehalten. Altenburg Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. Das Manuskript wurde am 25. Juli 1914 eingereicht und unverändert gedruckt, da der Verfasser als Kriegsfreiwilliger in das Feld gerückt ist; daher die Nichterwähnung der Tatsache des Krieges. ; """ILLE Nationalökonomie als Lehre wie Schriftstellerei ist Wirt- j /\ i schaftsWissenschaft oder Wirtschaftspolitik. Mit j /—\ : Recht fordert man scharfe und bewußte Trennung beider : Gebiete. Vermengung mit Politik verfälscht die Wissen- ■ ■■■■■■■■■■■■■ ■ *— schaft: wissenschaftliche Interessenvertretung? Der Schein unpersönlicher Wissenschaftlichkeit entmannt den stets persönlichen Willen zur Politik: Politik zwischen den Zeilen? Wir hoffen nicht mehr mit Roscher, durch volkswirtschaftliche Erkenntnis die politischen Parteizwiste zu versöhnen, und wir lehnen mit Prince Smith zwar „unwissenschaftliche Sonderinteressen" ab, wissen aber sehr wohl, daß die Wahrnehmung des Allgemeininteresses nicht wissenschaftlicher wäre. Die Wirtschafts Wissenschaft kennt keine andere Göttin als die Wahrheit. Sie hat weder das Privatinteresse der Unternehmer, noch das der Arbeiter, noch das „Gemeinwohl" zu fördern; sie hat nicht zu klagen, nicht zu lohen, sondern lediglich das, was ist, festzustellen und kausal zu erklären. Die Wirtschaftspolitik dagegen mißt das Sein an offen auszusprechenden Werten und sucht es, so weit an ihr liegt, zu „bessern". I. Begriff der Wirtschaftswissenschaft. a) Die Wirtschaftswissenschaft ist Kultur wisse n- s c h a f t in dem heute üblich gewordenen Windelband-Rickertschen Sprachgebrauch. Er wurzelt in der Kantschen Unterscheidung der Natur als dem Reiche allgemeingültiger, letzthin mathematisch formulierbarer Gesetze und der Menschheit (Gattung) als dem einmaligen Reiche der Zwecke. Dort wertneutraler Naturmechanismus —, hier wertverwirklichender Fortschritt der Geschichte; dort Newton — hier Fichte. Als Kulturwissenschaft hat die Wirtschaftswissenschaft einen teleologischen Ausgangspunkt, insofern sie nach einem Wertgesichtspunkt ihr Gebiet absteckt, was sehr wohl vereinbar ist mit einer rein kausalen, völlig wertfreien Behandlung ihrer Gegenstände. Man scheide scharf zwischen Zweck als Auswahlprinzip des erkennenden Subjekts und Zweck als psychologischer Tatsache im handelnden Objekt — beides wohl vereinbar mit rein kausaler Wissenschaft, die lediglich den Zweck als metaphysische, hinter den Dingen wirkende „Zweckursache" ablehnt. 6 Schulze-Gaevernitz, Auch die Biologie arbeitet mit bestimmten teleologischen Grundbegriffen, wie Leben, Krankheit, Tod, Anpassung usw. Der Organismus — eine Aufhäufung ewig wechselnder chemischer Stoffe, aber doch „ein Ganzes", zusammengehalten durch die Beurteilung, daß die Teile auf äußere Reize für den Zweck der Erhaltung des Ganzen reagieren. Trotzdem erstrebt die Biologie die kausale, letzthin mechanistische Erklärung der Lebensvorgänge, „die Zurückführung der Kausalität im organischen Leben auf die der anorganischen Körper". Ein Darwin arbeitet mit dem teleologischen Begriff des Lebens, er spricht von „Mitteln", die den Organismus „befähigen" zu existieren — aber er sucht unter Ausschaltung aller zwecktätigen Kräfte die Entstehung der Arten rein kausal zu erklären. So schon Kant: der Begriff des Organismus ist teleologisch auf das zweckmäßige Wechselverhältnis zwischen dem Ganzen und den Teilen gestellt; aber „ich soll über die Organismen nach dem Prinzip des bloßen Mechanismus reflektieren, weil, ohne ihn der Naturforschung zugrunde zu legen, es gar keine eigentliche Naturerkenntnis geben kann". Die Wertgesichtspunkte, durch welche die Kulturwissenschaften ihr Gebiet begrenzen, umfassen jene Werte, die wir in ihrer Gesamtheit als „Kultur" (das zu Pflegende) bezeichnen. Teils sind es die letzten (absoluten) Werte der Kultur in Recht und Staat, in Wissenschaft, Kunst und Religion, teils die mittelbaren (relativen) Werte der Kultur in Sprache und Wirtschaft. Nach dem System dieser Werte gliedert sich das Gebiet der Kulturwissenschaften. Es liegt einem solchen Gedankengange nahe, wenn Stammler den Naturwissenschaften die Zweck Wissenschaften gegenüber stellt, indem er als Zweck nur den „berechtigten" Zweck gelten läßt, „der einem allgemeingültigen Gesetz des telos entspricht"; aber er faßt diesen Zweck zu eng, indem er lediglich an das politische Ideal: eine Gemeinschaft freiwollender Menschen denkt. Die Wirtschaftswissenschaft ist durch die Besonderheit ihres Auswahlprinzips von den anderen Kulturwissenschaften unterschieden. Aus der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen liest sie diejenigen heraus, welche wirtschaftlich bedeutsam sind, d. h. wesentlich für die Unterwerfung der äußeren Natur durch menschliche Tätigkeit unter die Zwecke der menschlichen Bedürfnisbefriedigung: „Sachgüterbeschaffung" im weitesten Sinn (Herstellung, Verteilung, Verbrauch), als solche stets eine „Form- oder Ortsveränderung" des Stoffes. Objektive Voraussetzung für ein solches Gebiet von Erscheinungen ist eine gewisse Beschränktheit der Natur gegenüber dem sich in das unbegrenzte entfaltenden Bedürfnis: Es handelt sich um einen Kampf mit der Natur, um Aufwendung von Mühe und ,, W irtscliaftswissenschaft ?" 7 Opfern. Lebten wir „von Luft und Liebe", so gäbe es kein Wirtschaftsleben, also auch keine Wirtschaftswissenschaft, ebenso wenig wie es eine solche auf jener glücklichen Südseeinsel gibt, auf der, wie Cook erzählt, der Mann, der einmal in seinem Leben zehn Brotfruchtbäume pflanzte, ebenso die Pflicht gegen seine Nachkommen erfüllt hat, wie der Mann, der in unserem Klima das ganze Leben hindurch pflügt, sät und erntet. Gegenstand alles Wirtschaftens ist die Beschaffung der „Güter" als sachlicher Bedürfnisbefriedigungsmittel (Philippovich). „Arbeit" ist das Mittel ihrer Beschaffung — ein Mittel zum Mittel. „Rechte" sind das Mittel, wodurch die Staatsgewalt die Verfügungsmacht über die Güter dem Wirtschafter sichert — also ebenfalls Mittel zum Mittel. (Böhm-Bawerk.) Die „Sachgüterbeschaffung" ist insofern ein geeignetes wissenschaftliches Auswahlprinzip, weil sie ein allgemeingültiges Interesse besitzt. Wirtschaftliche Güter haben zwar keinen Anspruch auf allgemeingültigen Eigenwert, aber sie haben „Bedingungswert" — Wert für die Allgemeinheit — insofern, als die Verwirklichung der menschlichen Kulturaufgaben ohne sie unmöglich ist. Zwar mag es sein, daß das Wirtschaftsleben nicht die „Würde" des Wissenschaftsoder Kunstlebens besitzt (Dilthey), aber die Enge des Universitätsbudgets mahnt den deutschen Wissenschaftler nur zu oft an die wirtschaftliche Grundlage auch der idealsten Kulturaufgaben und verbindet insbesondere die Naturwissenschaft mit der Staatsfinanz. Wenn die Künstler nicht verkaufen, verhungert die Kunst. Breiter bürgerlicher Besitz war allzeit der beste Nährboden der bildenden Kunst, den staatliche Protektion nicht ersetzen kann. Das „Kapital" eines Karl Marx wäre nicht geschrieben worden ohne das Kapital, das der stets hilfsbereite Freund Engels besaß. Überall meldet sich der „nervus rerum". b)DieWirtschaftswissenschaftistSozialwissen- Schaft. Nicht der Einzelne, auch nicht das Genie, sondern allein der menschliche Makrokosmos, die „Menschheit" in ihrem zeitlichen und räumlichen Nach- und Nebeneinander, verwirklicht schrittweise die Kultur. Die Kultur ist ein sozialer Prozeß. Hierdurch unterscheidet sich die menschliche „Gesellschaft" von der naturwissenschaftlich gewiß hochinteressanten Ameisen- und Bienengesellschaft. „Gesellschaft" in diesem Sinne ist ein teleologischer Begriff: dasjenige Zusammensein von Menschen, welches bedeutsam ist für die Entstehung und den Fortschritt der Kultur. Man darf also nicht fragen: Wie entsteht die Gesellschaft? sondern: Wann setzt die kulturwissenschaftliche Betrachtung ein? Wann ist es z. B. möglich, die Horde — zunächst Gegenstand der Anthropologie — unter Kulturwerten zu betrachten als eine wenn auch noch so primitive Stufe für die Kulturentwicklung der Menschheit? 8 Schulze-Gaevernitz, Es soll damit ein naturwissenschaftlich-psychologistischer Gesellschaftsbegriff keineswegs abgelehnt werden; es kann etwa nach Spencer „dauernde psychische Wechselwirkung", nach Tarde „Wechselwirkung durch Nachahmung", nach Giddings „Gattungsempfindung" (con- sciousness of kind) zum Merkmal des Gesellschaftsbegriffs gemacht werden. Man kann die Frage aufrollen, ob überhaupt eine scharfe Grenze zwischen Einzelorganismus („Zellenstaat") und Gesellschaft möglich ist. Von hier ausgehend, kommt man vielleicht zu einer naturwissenschaftlichen Soziologie, welche die einfachsten Formen der Vergesellschaftung behandelt, z. B. Unterordnung, Wettbewerb, Nachahmung, Opposition usw., sodann das Gemeinsame der Tier- und Menschengesellschaft aufsucht und als Naturwissenschaft Allgemeinbegriffen und Gesetzen zustrebt. Anders die Wirtschafts Wissenschaft, welche gesellschaftliche Zusammenhänge von „M enschen" aus der Masse des Naturgeschehens heraushebt, wobei das Wort Mensch einen Wertakzent trägt. Die Wirtschaftswissenschaft als Sozialwissenschaft beruht auf der Anerkennung des sozialen Wertes: Stets hat man — oft recht unklar -—- das gesellschaftliche Ganze in die Begriffsbestimmung der Wirtschaftswissenschaft hineingezogen, dessen „Glieder" die einzelnen Wirtschaften seien. In der Tat: Wer Nationalökonomie treibt, tut es, weil ihm die wirtschaftliche Sicherung des gesellschaftlichen Ganzen — der Menschheit, der Nation — bedeutsam erscheint. Die Verpflichtung zur Nationalökonomie beruht letzthin darauf, daß der Kulturmensch sich für die soziale Gemeinschaft als den Kulturträger interessieren soll. Wer den sozialen Wert leugnet, wird sinnvollerweise nicht der Nationalökonomie als Wissenschaft dienen, sondern für seine Privatwirtschaft sorgen. Um den eigenen BeuteL zu füllen, braucht es vielleicht eine Kunstlehre, eine Nationalökonomie als „Lehre von der Kunst, reich zu werden", wie sie die Kameralisten (nicht ohne einen staatlich-kulturellen Einschlag) verstanden — keine Wissenschaft, deren Betrieb stets auf überpersönliche Beweggründe zurückgeht. Rein individualwirtschaftliche Tatsachen als solche scheiden aus dem Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtung aus. Wirtschaftswissenschaft im weitesten Sinne also ist die Wissenschaft von der Unterwerfung der äußeren Natur unter die Zwecke der Gesellschaft. Hat innerhalb dieser Wissenschaft der Gedanke des „F ort- schritts" einen Sinn ? Zweifellos ja, da dem Begriff unserer Wissenschaft ein Zweckgedanke zugrunde liegt. Wirtschaftlicher Fortschritt ,, W irtschaftswissenschaft ?" 9 bedeutet bessere, d. h. dem Kulturzweck entsprechendere Sachgüter- versorgung der Gesellschaft. Der Gedanke des Fortschritts — ein christliches Erbstück der westeuropäischen Welt: Reich-Gottes-Idee, — wurde von der modernen Naturwissenschaft (von ihrem Standpunkt aus mit Recht) zertrümmert: Brunos unzählige, sich wiederholende Welten! Von Kant neu begründet, wurde er von Fichte und Hegel zur geschichtsphilosophischen Weltanschauung des deutschen Idealismus gesteigert. Von den neueren Kantianern des metaphysischen Rankenwerkes entkleidet, durchzieht er alle Kulturwissenschaft. Ist das a priori der Naturwissenschaft die überempirische Naturgesetzlichkeit, die auch dort gilt, wo wir sie nicht beobachtet haben, so ist das a priori aller Kulturwissenschaft ein überempirischer Wert, in dem alle empirischen Kulturwerte verankert sind: „Das Ziel, nach dem die Leute ausspähen von ferne" (Hiob). Wo aber ein Ziel, da besteht die Möglichkeit des Fortschritts —- und des Rückschritts, des „Fortschritts zum Teufel" nach Carlyle. Wirtschaft und Technik? Der Mensch kämpft den Kampf mit der Natur nicht nur für gesellschaftliche Zwecke, sondern weithin auch im Zusammenwirken mit seinesgleichen, also mit gesellschaftlichen Mitteln. Der Mensch tritt als Gruppe über die Schwelle der Geschichte. Hiernach scheidet sich Technik und Wirtschaft im engeren Sinne: Volks Wirtschaft. Unter T echnik verstehen wir die Wege, die der Mensch im unmittelbaren Kampfe mit der Natur beschreitet — zuerst in roher Empirie, später unter Beratung der Naturwissenschaft im rationellen Verfahren. Unter Volkswirtschaft dagegen verstehen wir denselben Kampf, soweit er mit gesellschaftlichen Mitteln geführt wird, also Beziehungen von Mensch zu Mensch herstellt. Mit Recht sagt K. Menger: Wirtschaft ist „die auf Deckung des Güterbedarfs gerichtete vorsorgliche Tätigkeit", Volks Wirtschaft „die gesellschaftliche Form derselben". Bei der häufigen Vermengung von Technik und Volkswirtschaft ist diese Unterscheidung von erheblicher Bedeutung. Seit wie lange ist die physiokratische Illusion verschwunden, daß die Grundrente aus der Erde wächst, nicht aus der Gesellschaft? Marx hat demgegenüber erklärt: Die W aren form des Arbeitsproduktes hat mit der technischen Herstellung nichts zu tun, sondern entspringt dem gesellschaftlichen Verhältnis der Menschen. Technik z. B. ist die Dreifelderwirtschaft — ein Verhältnis von Mensch zu Natur; ein volkswirtschaftliches Verhältnis dagegen ist der Flurzwang und die Gemengelage, wobei Mensch zu Mensch in Beziehung tritt. Sache der Technik ist die Speicherung, Sache der Wirtschaft die Verpfändung der lagernden Güter. Mit Recht sagt Stammler: Nicht die Dampfmaschine bewirkte 10 Schulze-Gaevernilz, die Umgestaltung der sozialen Verhältnisse, sondern ihre Verwendung im Lohnvertrag. Unter Wirtschaftswissenschaft im engeren Sinn, „V olkswirt- schaftswissenschaft" (Sozial- oder Nationalökonomie) verstehen wir demnach die Wissenschaft von der Unterwerfung der äußeren Natur unter die Zwecke der Gesellschaft mit gesellschaftlichen Mitteln. Das sogenannte Prinzip der Wirtschaftlichkeit — größter Erfolg mit kleinstem Mittel — hat demgegenüber mit der Bestimmung des Begriffs unserer Wissenschaft nicht das mindeste zu tun. Es ist nach Dietzel das „Vernunftprinzip jeder zweckmäßigen Handlung" und gilt als solches weit über das Wirtschaftsgebiet hinaus — etwa vom Betriebe jeder Wissenschaft. Es gilt beispielsweise auch vom Betriebe unserer deutschen Nationalökonomie: Während wir Lehrer von heute mühselige Autodidakten sind, führen wir unsere Schüler durch Seminare, Proseminare, Examinatorien und Spezialvorlesungen aller Art unter erheblicher Kraftersparnis „spielend" zu dem, was wir auf Irr- und Umwegen erreichten — wir führen sie damit zu der Einsicht, daß unsere Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckt und zu dem Entschluß um so kräftigeren Vorstoßes ins Reich des Unbekannten weit über uns Lehrer hinaus. Anderseits deckt d v as Prinzip der Wirtschaftlichkeit nicht entfernt das gesamte wirtschaftliche Dasein der Menschheit; sonst wäre die primitive und mittelalterliche Wirtschaft unserer Wissenschaft entzogen, da nicht der homo oeconomicus, sondern ein „Vorwirtschaftsmensch" diese breitesten Gefilde alles Wirtschaftslebens beherrscht. Ebensowenig hat das Prinzip der Wirtschaftlichkeit mit dem Begriff der Technik etwas zu tun: Jahrtausende hindurch hat der Mensch die „Technik" der Dreifelderwirtschaft betrieben, nicht um den größten Erfolg mit den geringsten Mitteln zu erzielen, sondern weil er „die Gewohnheit seine Amme" nannte! II. Die Methoden der Wirtschaftswissenschaft. Die menschliche Wirtschaft ist eine einmalige, durch ihren Kulturzweck zur Einheit zusammengebundene Tatsache — wie die Gesellschaft selbst eine historische Erscheinung erster Ordnung, die ihresgleichen auf diesem Globus nicht gehabt hat und nicht haben wird. Wir erfassen sie zunächst und unmittelbar auf dem Wege der Geschichtsforschung. Was immer wir von der „Wirtschaftstheorie" halten: die breite Masse alles wirtschaftlichen Seins ist nur historisch zu erfassen. Die Wirtschaftsgeschichte beginnt dort, wo der Kampf mit der Natur den Zwecken der Gesellschaft dient und „Wirtschaftswissenschaft?" Ii ein — wenn auch noch so primitives — Kulturgebäude trägt. Der Ackerbau des Wilden wird damit zur Agrikultur (Rickert). Vorher gibt es nur Natur, keine Geschichte — Ethnographie als Naturwissenschaft, keine Wirtschaftswissenschaft als Kulturwissenschaft. Letztes Ziel der Wirtschaftsgeschichte ist es, die Wirtschaftsentwicklung der gesamten Menschheit als Ganzes zu umfassen und darzustellen. Hierfür gilt es zuerst die Teile dieses Ganzen der Sonderforschung zu unterwerfen. Jede dieser Teilentwicklungen ist verschieden; jedes Volk hat eine verschiedenartige Bedeutung für die allgemeine Wirtschaftsgeschichte und ist in dieser seiner Eigenart zu erfassen. Ehe man z. B. die Entstehung des europäischen Kapitalismus im großen schildert, gehe man den kapitalistischen Anfängen in Italien und Deutschland, Frankreich und England nach, von denen keineswegs ohne weiteres feststeht, daß sie gleichartig gewesen sein müssen. Aber auch derjenige, welcher — sei es monographisch, sei es zusammenfassend — die Wirtschaftsverhältnisse der Gegenwart schildert, arbeitet mit den Mitteln der Geschichtsforschung. Auch sogenannte „Theoretiker" wandeln historische Wege dort, wo sie vorkapitalistische Gefilde durchschreiten oder im kapitalistischen Felde sich der konkreten Einzelerscheinung nähern. Ziel derartiger Teildarstellung aber sollte es immer sein, einen Baustein zu liefern zur Erkenntnis der Volkswirtschaften, der allumspannenden Weltwirtschaft der Gegenwart als einmaligen Hervorbringungen der Wirtschaftsgeschichte. Jede Monographie hat sinnvoller Weise über sich selbst hinaus auf ein größeres Ganzes hinzustreben. Die Monographie kann letzthin bis zur Einzelwirtschaft hinabsteigen, soweit diese, als einmaliges Konkretum, wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung gehabt hat, z. B. die Wirtschaft der Fugger, der Rothschild, der Krupp u. a. In allen diesen Fällen — ob kapitalistisches Zeitalter, ob italienischer Frühkapitalismus, ob das Haus Medici — immer handelt es sich um einmalige, in ihrer Eigenart für den Wirtschaftsverlauf wesentliche Erscheinungen: das „absolut Historisch e". Durch die historische Methode hat die deutsche Nationalökonomie — nicht anders als die deutsche Sprach-, Rechts- und Religionswissenschaft — die Welt erobert: Eine wissenschaftliche Tat ersten Ranges, die einem jüngeren, mehr „theoretisch" gerichteten Geschlecht unverloren sein soll! An ihrem Stamme erblühten Brentanos Arbeitergilden der Gegenwart, Knapps Bauernbefreiung, die Jugendarbeiten Schmollers. Ihre Meister schufen anschauliche Bilder, geschaut mit dem Auge wissenschaftlicher Phantasie und umrissen mit dem Stifte des Künstlers. Ihre Musterleistungen waren weder Aktenexzerpte, noch Materialhäufungen — „nicht dem Stoffe mühsam ab- 12 Schulze-Gaevernitz. gerungen". Ernsteste archivalische Bemühung war eingeschmolzen in den Guß einheitlicher Darstellung. Aber es gilt auch von diesem Erbstück, es immer wieder neu zu erwerben, um es zu besitzen. Wie weit wir noch vom Ziele der Erkenntnis entfernt sind, zeigen Sombarts tastende Versuche einer Gesamtdarstellung des modernen Kapitalismus, welche gewagt werden mußten, um zu gründlicherer Untermauerung im einzelnen anzuregen. Aber wir kennen ihn auch, jenen „Stoffhuber", welcher im einzelnen stecken bleibt. Wahllos druckt er alles Material ab, was im Archiv über sein Thema et quaedam alia auffindbar ist; insbesondere druckt er „obrigkeitliche" Verordnungen ehrfurchtsvoll ab, ohne zu fragen, ob und wie sie gewirkt haben. Brentano macht einmal mit Recht darauf aufmerksam, daß gerade die häufige Wiederholung von Verordnungen gleichen Inhalts darauf hinweise, wie wenig sie befolgt worden sind. „Geistloses Antiquariertum", mag es sich „reine Lektüre der Quellen" oder „deskriptive Volkswirtschaftslehre" nennen, hat die deutsche Wissenschaft in Verruf gebracht, und „Befreiung vom Aktenstaube" wurde zur Losung des Tages. Aber hüten wir uns, das Kind mit dem Bade auszuschütten! Eine einzige Tatsache, richtig festgestellt, kann wertvoll werden für den „Sinnhuber", der sie später einmal entdeckt —• etwa in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik, diesem gewaltigen Steinbruch volkswirtschaftlichen Rohstoffes. Ehrfurcht vor der Tatsache ! Die wirtschaftsgeschichtliche Methode ist die Methode der Geschichtswissenschaft überhaupt, aber sie weist daneben auch Eigentümlichkeiten auf, die sie etwa von der politischen oder Kunstgeschichte tiefgreifend unterscheiden. Das Gemeinsame der wirtschaftsgeschichtlichen mit aller historischen Methode fällt aus dem Rahmen vorliegender Untersuchung heraus, wobei auf die grundlegenden Arbeiten Rickerts verwiesen sei. Alle Historie verwendet, um das Einmalige anschaulich zu machen, Allgemeinbegriffe, die sie dem vorwissenschaftlichen Denken entnimmt. Auch die Wirtschaftsgeschichte benutzt zahlreiche „Grundworte", deren gemeinsprachliche Bedeutung festzulegen nicht unnütz ist. Alle Historie gipfelt in der Auf Weisung historischer Kausalzusammenhänge. Es ist ein Irrtum, wenn die „Anhänger der Willensfreiheit" kausale Feststellungen in der Sozialwissenschaft für unmöglich erklären, weil freie menschliche Handlungen ihr Gegenstand seien. Der Gegensatz von Kausalität und Freiheit gehört nicht in die Wissenschaft, sondern in die Lebenspraxis •—• auch die des Wissenschaftlers. Die kausale Gebundenheit alles Seins ist nach Kant keine „Entschuldigung" für ,,W irtschafiswissenschaft ?" 13 eine Gemeinheit, auch nicht für eine wissenschaftliche Liederlichkeit. Die Freiheit des Willens ist ein Postulat, ohne dessen praktische Bejahung keine Kulturarbeit, auch keine wissenschaftliche Arbeit möglich ist. Denn die Willensfreiheit ist die Voraussetzung für die pflichtmäßige Anwendung der Denkgesetze, insbesondere der rein kausalen Denkform in der Wissenschaft. Die Abweisung des Wunders — des deus ex machina — als einer Durchbrechung der Kausalität ist eine wissenschaftliche Pflicht, die zu verletzen wir frei sind. Hinsichtlich der „historischen Kausalität" arbeitet die Wirtschaftsgeschichte nicht anders als sonstige historische Disziplinen. Sie verwendet allgemeine Kausalbegriffe — teils populäre Vorstellungen über wiederkehrende Ursachen Verknüpfung, teils naturwissenschaftliche Gesetze, z. B. Gesetz des abnehmenden Bodenertrags. Auch die sogenannten Gesetze der theoretischen Nationalökonomie können Verwendung finden, z. B. die Quantitätstheorie zur Erklärung der neuzeitlichen Preissteigerung. Es ist ein Irrtum zu vermeinen, daß nur psychologische Ursachen im Wirtschaftsleben eine Rolle spielen; nicht minder tun das auch geographische, meteorologische, physiologische Ursachen. Man folgert z. B. die bestimmte Art der Wirtschaftsentwicklung eines Volkes aus der Natur des von ihm bewohnten Landes. Zwar dehnen sich die Kausalketten endlos nach allen Seiten aus, aber die Geschichtsforschung begrenzt und gliedert sie nach dem Gegenstand ihres Interesses. Trotz Schopenhauer ist ihr die Kausalität ein Fiaker, den sie verläßt, sobald die Fahrt nicht mehr interessiert: sie begnügt sich damit, den Vorgang, der nach ihrem Auswahlprinzip ihr wesentlich ist, in seiner kausalen Notwendigkeit nacherleben zu lassen. Sie wendet sich damit an die Phantasie des Lesers und streift an die Tätigkeit des dramatischen Dichters. Insbesondere muß die Wirtschaftsgeschichte zur kausalen Erklärung wirtschaftlicher Tatsachen die Vorgänge der politischen und geistesgeschichtlichen Vor- und Umwelt in reichstem Maße heranziehen. Der geschichtliche Mensch ist „der volle und ganze Mensch", nie bloßer Wirtschaftsmensch, und A. Comte hat noch heute Recht: ;,Es gibt keine Wissenschaft vom Magen". Beispiele : Zwecks politischen Aufschwungs des Papsttums dekretierte der Papst Honorius zunächst an die ungarischen Bischöfe 1217: „Ut vicesimam redigant in pecuniam". Dieser Befehl — politische Ursache — war in seinen Folgen wirtschaftsgeschichtlich höchst bedeutsam, weil er die Monetarisierung größerer Vermögensbeträge einleitete und die „usurarii curiae Romanae" — Siena und Florenz — emporhob. — Unter den Ursachen der wirtschaftlich wichtigsten Tatsache des XIX. Jahrhunderts, der britischen Wirtschaftssuprematie, unter M Schulze-Gaevernitz. den Ursachen unseres neudeutschen Wirtschaftsaufschwungs stehen politische Tatsachen voran: Trafalgar, Sedan! Die Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa weist auf die Geistesgeschichte: auf die Zertrümmerung des Traditionalismus gegen Ausgang des Mittelalters, welche Dante vorahnend in die Worte faßte: „Sei du fortan dein Bischof und dein Fürst," nicht minder aber auf die geistige Neubindung durch den britischen Puritanismus und den deutschen Idealismus. Befreiung und Selbstgesetzgebung brachten jene „starken" Menschen hervor, die das Rückgrat der germanischen Wirtschaftswelt bilden und ihren Kapitalismus— eine vorwiegende Erscheinung dieser Welt — tragen. In letzter Linie hat die wirtschaftsgeschichtliche Kausalforschung nicht selten bis zu einzelnen Menschen vorzudringen: Aberwitz ist es, neudeutsche Wirtschaftsgeschichte zu schreiben, ohne den Namen Bismarck zu nennen. Oder — vom großen zum kleinen: Bei Gelegenheit einer Monographie über ein Dorf badischer „Reformbauern" stießen wir auf den Einfluß eines namenlosen, vor Jahren verstorbenen Mannes, auf dessen geistigen Schultern das Dorf ruhte; als Lokalgeologe hatte er durch einen Aufsatz in einer wissenschaftlichen Zeitschrift die Aufmerksamkeit des großen Darwin auf sich gelenkt, dessen Schreiben als Reliquie der Dörfler aufbewahrt wurde. Nicht anders ging es bei den Anfängen vieler Industrien, denen zumeist ein Mann Pate' gestanden hat. Aber gerade hier stoßen wir auf die Grenze der historischen Kausalität. Der einzelne Mensch wird dadurch geschichtlich, daß er weite Kreise mit „einem Abglanz seines inneren Lichtes übergießt" (Lagarde). Dieses „innere Licht" ist ein irrationaler Rest, den keine Geschichtsforschung auflösen, sondern nur als solchen feststellen kann. Deswegen ist jeder Versuch abzulehnen, die Wirtschaftswissenschaft restlos zu rationalisieren, so z. B. der historische Materialismus. Der Versuch des historischen Materialismus, das Ökonomische als die „primäre" Ursache alles geschichtlichen Geschehens auszurufen, ist uns heute unrealistische Geschichtsmetaphysik, nicht anders, als wenn man den religiösen oder den politischen Faktor zum Alleinherrscher machen wollte! Mit Recht macht Stammler z. B. darauf aufmerksam, daß die technisch-ökonomischen Wandlungen in eine bestimmte Rechtsordnung einschlagen — die Wirkungen wären ganze andere gewesen bei Vorhandensein einer anderen Rechtsordnung, z. B. einer sozialistischen. Ich denke dabei an meine Studien über die gutsherrliche Fabrik Rußlands: Die moderne Technik schlägt in eine Welt der Leibeigenschaft ein. Welch' andere Wirkungen als in England! Der echte Historiker packt die Kausalien am Schopf, wo er ,,Wirtschaftswissenschaft ?" 15 sie findet. Ihm ist der historische Materialismus ein nützliches heuristisches Prinzip, um wirtschaftliche Kausalreihen auch dort zu suchen, wo sie versteckt sind und bisher nicht beachtet wurden, z. B. in der Kunst- und Religionsgeschichte. Wirtschaftsgeschichtliche Untergründe können ähnliche Stimmungen hervorbringen, welche in ähnlichen Kunstformen ihren Ausdruck suchen: Zum Barock des fürstlichen Merkantilismus neigt z. B. der nicht minder absolutistische Industrie- und Bankkapitalismus unserer Tage. Neben diesen Gemeinsamkeiten weist die Wirtschaftswissenschaft etwa gegenüber der politischen Historie bestimmte Eigentümlichkeiten auf, die — richtig verstanden — nicht übel mit der Unterscheidung zwischen „kollektiver und individueller Geschichtsforschung" bezeichnet werden. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen eigentlichen Gegensatz, sondern nur um ein in den Gegenständen begründetes Mehr oder Minder. Das letzte Ziel aller Geschichtswissenschaft ist es, einmalige Vorgänge als die eigentlichen Kulturträger — das „absolut Historische" — zu veranschaulichen und zum „Nacherleben" zu bringen. Es gilt dies, wie wir sahen, auch von der Wirtschaftsgeschichte. Aber innerhalb dieses Einmaligen — z. B. „moderner Kapitalismus" — handelt es sich weit überwiegend um das ähnliche Verhalten zahlreicher Einzelner: ähnliche Bedürfnisse, die in ähnlichen Formen ihre Befriedigung finden, womit ihre Bedeutung für das gesellschaftliche Dasein erschöpft ist. Die Wirtschaftsgeschichte braucht seltener als die Staats- oder die Religionsgeschichte zum einzelnen Menschen als dem einzigartigen Träger von Kulturwerten hinabzusteigen. Ihr ist das „Namenlose" weithin das Wesentliche; das Persönliche wird zum „Fall" des Massenvorganges. Der Mensch ist Unternehmer, Arbeiter, Leihkapitalist, Grundrentner u. a. Innerhalb des wirtschaftlichen Geschichtsverlaufs spielt das Gemeinsame oder Ähnliche vielfach die leitende Rolle — das „relativ Historische". Die Wirtschaftsgeschichte arbeitet daher in ihren einzelnen Teilen mit Allgemeinbegriffen, vielfach nicht nur als Mittel, sondern auch als nächstem Ziel der Darstellung. Diese Allgemeinbegriffe sind zunächst Gattungsbegriffe, entnommen dem Sprachgebrauch des vorwissenschaftlichen Denkens, aber der Wissenschaftler bearbeitet sie für seine Zwecke durch das typische Verfahren. Derjenige Fall, welcher unter gegebener Umwelt die Verwirklichung des wirtschaftlichen Zweckes am besten gewährleistet, der „Idee" des betreffenden Wirtschaftssystems am besten entspricht, wird herausgehoben, durch „einseitige Steigerung einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus vorhandenen Einzelerscheinungen zu i6 Schulze-Gaevernitz einem in sich einheitlichen Gedankengebilde gesteigert", dem die anderen Fälle „in mehr oder minder großer Reinheit" entsprechen (Max Weber): „Idealtypus", weil in dieser Einseitigkeit vielleicht niemals verwirklicht. Die Wirtschaftswissenschaft steigt damit zu e i g e - nen Allgemeinbegriffen auf, bei denen das Gattungsmäßige um SO' mehr zurücktritt, das Typische um so mehr hervortritt, je mehr die Eigenart verwickelter geschichtlicher Kulturerscheinungen in das Bewußtsein gebracht werden soll. So schilderte ich einen Cecil Rhodes nicht als den Durchschnitt der Imperialisten, der das aufwies, was- ihm mit den anderen gemeinsam war, sondern als den Typus des Imperialisten, der die Züge verwirklichte, welche den Zweck des Imperialismus am besten gewährleisten: der „Imperialist, wie er sein soll". Diese Typen werden zunächst als Zustände gefaßt, indem die unveränderten Elemente gedanklich hervorgehoben werden. Aber sodann werden sie vom Simultanen in das Sukzessive übersetzt und damit gewinnt man — durch einseitige Betonung einzelner Ursachenreihen, unter Vernachlässigung anderer mitwirkender Ursachen —- typische Vorgänge. Von mitwirkenden Nebenursachen, die in einzelnen Fällen wirksam wurden, wird abgesehen. Die in allen Fällen mehr oder minder wirksame gemeinsame Ursache wird gedanklich isoliert und als die allein wirksame betrachtet. Man erfaßt damit nicht die Wirklichkeit; denn selbstverständlich sind alle konkreten Vorgänge voneinander verschieden, aber der Wirtschaftswissenschaftler setzt für seine Zwecke zahlreiche Vorgänge als gleich unter Vernachlässigung ihrer Unterschiede. „Der Wechsel wird der Wiederkehr untergeordnet" (Gottl). Aber dieses Verfahren bedeutet nicht Naturwissenschaft: sein letzter Zweck ist nicht, allgemeingültige Gesetze aufzufinden, wie dort, sondern auf einem „Umwege" die einmalige geschichtliche Entwicklung verständlich zu machen. Beispiel: Die mittelalterliche „Stadtwirtschaft" (nach Bücher) ist ein typischer Begriff, etwa bezeichnet durch die Begriffe: Nahrungsidee, Kundenproduktion, Autarkie von Stadt und zugehörigem Land usw. Ihr Ablauf wird sodann dadurch verständlich gemacht, daß man von Ursachen, die den einzelnen Fall oft einschneidend bestimmten — z. B. Krieg und Seuchen — absieht und die gemeinsamen Ursachen der Veränderung als allein wirksam denkt: Erweiterung des Monopolmarktes zum Konkurrenzmarkt, Fernabsatz, Fortschritt von der Nahrungsidee zum „kapitalistischen Geist". Ich erinnere ferner an Marxens Schema: Feudalität — Kapitalismus — Sozialismus; an Büchers Schema: Hauswirtschaft — Stadtwirtschaft — Volkswirtschaft. Man kommt so zu einer Theorie der Geschichte. Ihre Schemata werden — irreführenderweise — auch historische „E nt wicklungsgesetze" genannt — nach einer falschen „ W irtschaftswissenschaft ?" *7 Analogie mit der Naturwissenschaft. Daß es sich, auch im Sinne der Autoren, nicht um allgemeingültige Naturgesetze handelt, ergibt die Erklärung Marxens, wonach Rußland „vielleicht" den Kapitalismus überspringen könne, und Büchers Geständnis, daß seine Wirtschaftsstufen nur für Westeuropa gelten. Für die westeuropäische Kulturwelt ist es vielleicht nach dem Stande unserer Kenntnis möglich, ein gemeinsames Schema von Wirtschaftsstufen aufzustellen, etwa: von der traditionalistischen Hauswirtschaft mit unfreier Arbeit und Gesamteigentum am Boden — über die geistig entbundene Tauschwirtschaft konkurrierender Einzelunternehmer mit „anarchischer" Produktion auf dem Boden der freien Arbeit und des Privateigentums am Produktionsmittel — über die verschiedenen Stufen der Tauschwirtschaft, je nachdem das Produktionsmittel dem Produzenten selbst oder grundsätzlich einem Dritten eignet: einfache Geldwirtschaft oder Kreditwirtschaft — bis hin zu der heute aus dem Dämmer der Zukunft auftauchenden Gesamtwirtschaft (Kollektivwirtschaft) mit zentralistischer Organisation und rationaler Anpassung der Gütererzeugung an den Güterverbrauch, unter Verbeamtung der Arbeit und Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Man kann diesen Typen der Wirtschaftsorganisation: Hauswirtschaft, Tauschwirtschaft, Gesamtwirtschaft vielleicht die psychologischen Typen des „Vorwirtschaftsmenschen", des „Wirtschaftsmenschen", des „Überwirtschaftsmenschen" zur Seite setzen. Aber solche Entwicklungsgesetze sind nicht das Ende' der Wissenschaft, vielmehr lediglich ein „Erkenntniswerkzeug". Der Geschichte entnommen, nützlich für ihre weitere Befragung, sind sie immer von neuem an der geschichtlichen Tatsächlichkeit nachzuprüfen und, wenn nötig, umzuprägen. Es genügt nicht, ein geistvolles Schema gegenüber den nüchternen Einwänden der Spezialforscher als „Theorie" zu verteidigen. Ferner: Je allgemeiner solche Schemata sind, um so weniger mehr erfassen sie das wirtschaftsgeschichtlich Wesentliche. Dann interessieren gerade die vom Hintergrunde solchen Schemas sich abhebenden Verschiedenheiten. Je kultureller das Ganze ist, um so wertvoller erscheinen seine Eigenarten, so innerhalb der Entwicklung des modernen Kapitalismus z. B. die Eigenarten des italienischen Frühkapitalismus, des britischen Industriekapitalismus, des neudeutschen Kreditkapitalismus. Ein Beispiel dieser Methode, welches für mich besonders überzeugend gewirkt hat: Mein ausgezeichneter Schüler, Dr. Heiander, will die Zentralisation im Notenbankwesen verständlich machen. In bewußt unrealistischem Verfahren geht er vom juristisch vorgearbeiteten Begriff der Notenbank aus; innerhalb dieses ins Wirtschaftliche gesteigerten Begriffes bildet er den „Typus der vollen Notenfrei- i8 Schulze-Gaevernitz. h e i t" und führt durch Hervorhebung allgemein wirkender (dem gesamten europäischen Kapitalismus gemeinsamer) Kausalien zum Typus Zentralnotenbank hin. Der Verfasser will „den historischen Zusammenhang von theoretischen Begriffen nachweisen". Es geschieht dies durch Darstellung des typischen Verlaufs. Als typische, überall mehr oder minder wirkende Kausalien hebt der Verfasser folgende hervor: i. Privatwirtschaftliche Tendenzen: der spekulative Augenblicksgewinn tritt zurück gegenüber dem „Prinzip der Werkfortsetzung". 2. Volkswirtschaftliche Tendenzen: die gesellschaftlichen Organisationen werden für den Verlauf des Wirtschaftslebens entscheidender gegenüber rein privatwirtschaftlicher Gewinn- und Verlustrechnung des Frühkapitalismus. 3. Politische Tendenzen zweierlei Art: a) der nationale Gedanke, gipfelnd im Imperialismus und „Neo- merkantilismus" der Gegenwart; b) der demokratische Gedanke, gipfelnd über den formalen Liberalismus hinaus in der „konstruktiven", inhaltlich bestimmten Demokratie. So „entsteht" der Typus der Zentralnotenbank: Eine staatssozialistische Organisation mit dem letzten Ziele der „Konjunkturregulierung". Unter Berufung auf Marx wird Marxens Schema bewahrheitet und widerlegt: „Die sozialistischen Gebilde, die in Übereinstimmung mit den Marxschen Prophezeiungen entstanden sind (z. B. die Zentralnotenbank), üben einen selbständigen Einfluß auf die Gesamtentwicklung aus („verhindern" z. B. Krisen). Marx behandelt aber nur die Einflüsse der alten kapitalistischen Institutionen und läßt diese die Gesamtentwicklung so lange allein beeinflussen, bis der dialektische Umschlag kommt. Durch seine erfüllten Prophezeiungen entstehen Hindernisse für die Erfüllung der anderen. Die gesteigerten Aufgaben der Zentralnotenbank sprengen den erstgebildeten Begriff der Notenbank und führen zum Begriff der Zentralbank. Die große Bedeutung des relativ Historischen erlaubt es, dasselbe in einer besonderen Disziplin zu sammeln: „AllgemeineNatio- nalökonomie". Sie geht aus von den natürlichen Voraussetzungen alles Wirtschaftslebens: Natur und Bevölkerung, faßt sodann die ursprüngliche und stets wiederkehrende wirtschaftliche Grundtatsache aller Wirtschaft ins Auge — Sachgüterbeschaffung — und zerlegt diesen Vorgang in eine Anzahl von Grundbegriffen, anknüpfend an die gemeinsprachliche Bedeutung der „Grundworte". Solche Begriffe sind: Bedürfnis, Arbeit, Werkzeug, Gut, Güterherstellung und Güterverbrauch. Sie sind teils technischer, teils psychologischer Herkunft, zunächst Gattungsbegriffe, nicht Typen. Sie interessieren den Nationalökonomen nur insofern, als sie Vorgänge bezeichnen, welche wirtschaftlich, d. h. für die Befriedigung des ge- ,, Wirtschaftswissenschaft ?" 19 seilschaftlichen Sachgüterbedarfs mit gesellschaftlichen Mitteln, wesentlich sind. Wie wenig es sich aber hierbei um rein wirtschaftliche Ausgangspunkte handelt, ergibt folgendes Beispiel: Man bezeichnet als Gut praktischerweise nur das S a c h gut, nicht die Arbeitskraft. Warum ? Weil der menschliche Träger der Arbeitskraft keine Sache sein soll — ein positiver Rechtssatz, der auf geistesgeschichtliche Bestände der Neuzeit zurückgeht und in Marxens Unterscheidung von konstantem und variablem Kapital seine berühmteste Verkörperung gefunden hat. Demgegenüber hat Goldscheid neuerdings gerade im sozialethischen Interesse die Lehre vom „organischen Kapital" aufgestellt. Alle diese Begriffe sucht man „Entwicklungsgesetzen" im obigen Sinne zu unterwerfen, d. h. zu wiederkehrenden Verläufen auszubauen. Beispiele: Fortschritt vom physiologischen über das traditionelle zum rationalen Bedürfnis — Fortschritt in der Rechtsform der Arbeit von der unfreien Arbeit über den freien Arbeitsvertrag zum Beamtenverhältnis — Fortschritt in der psychologischen Motivation zur Arbeit von der Peitsche des Sklavenhalters über den Zwang des Hungers, über das verfeinerte Bedürfnis zum überwirtschaftlichen Wert — Fortschritt vom Werkzeug roher Allgemeinheit über das spezialisierte, arbeitzerlegende Werkzeug zum Werkzeugsystem der Arbeit ersetzenden Maschine usw. Von diesen allgemeinsten Tatsachen allesWirtschaftslebens aufsteigend, bemüht sich die Allgemeine Nationalökonomie, irgendwelches allgemeingültige westeuropäische Entwicklungsschema aufzustellen, etwa nach der Art des oben angedeuteten, um dann innerhalb der einzelnen Wirtschaftsstufen die Grundtatsachen nach ihren verschiedenen Seiten hin begrifflich auseinanderzufalten. Je höher sie auf der Kulturleiter aufsteigt, desto mehr tritt an Stelle des Gattungsbegriffs der Idealtypus. Die Grundbegriffe der Tauschwirtschaft sind vielfach von der Rechtswissenschaft vorgeformt: Kauf, Preis, Geld, Lohn, Kapital, Zins, Grundrente, nicht minder die Allgemeinbegriffe der Kreditwirtschaft, wie Darlehen, Hypothek, Wechsel, Banknote, Effekten usw. Der Nationalökonom hat die tausendjährige Arbeit der Juristen sich dankbar anzueignen — Rechtsstudium erwünschte Vorbildung des Nationalökonomen ! —, aber ihn interessiert die wirtschaftliche Bedeutung der juristischen Institution. Seine Arbeit beginnt da, wo die des Juristen endigt, indem er von juristischer zu wirtschaftlicher Begriffsbildung fortschreitet, z. B. vom Darlehen zum Kredit, indem er nur den gezogenen Datowechsel als Wechsel im wirtschaftlichen Sinne gelten läßt u. a. Den so festgestellten Allgemeinbegriffen setzt er typische Entwicklungsreihen zur Seite, z. B. Fortschritt vom rechenhaften, privatwirtschaftlichen Kapitalbegriff zum klassenbildenden, sozial- 2* 20 Schulze-Gaevernitz. wirtschaftlichen Kapitalbegriff — Fortschritt vom Geld als allgemeinem Tauschgut zum Geld als ideeller Wertquote ■— Fortschritt von der Notenfreiheit zur Zentralnotenbank usw. Die Allgemeine Nationalökonomie sammelt so den Begriffsinhalt der Wirtschaftsgeschichte -— i.) das, was vom Wirtschaftsleben im allgemeinen, 2.) das, was gemeinsam von Westeuropa gilt, ohne England, Frankreich, Deutschland zu nennen — und stellt es in systematisch-chronologischer Folge an der Hand eines allgemeinsten Entwicklungsschemas dar, das seinen geschichtlichen Ursprung nicht verleugnet. Ein solcher Aufriß wäre mit allem Vorbehalt etwa folgender: x. Natürliche Voraussetzungen des Wirtschaftslebens: Natur und Bevölkerung. 2. Allgemeine Tatsachen alles Wirtschaftslebens: Bedürfnis, Arbeit, Werkzeug, Gut, Wert, Produktion, Konsumtion. 3. Allgemeine Tatsachen der Tausch Wirtschaft: Tausch, Preis,Geld,Lohn,Kapitalzins,Grundrente. Höchster Typus der Tauschwirtschaft: Kapitalismus. 4. Allgemeine Tatsachen der K r e d i t Wirtschaft: Kredit, Bank, Kreditbank, Notenbank, Bodenkredit. Höchster Typus der Kreditwirtschaft: Effektenkapitalismus. 5. Allgemeine Tatsachen der G e s a m t (Kollektiv-)Wirtschaft: Kartell, Genossenschaft, Kommunal- und Staats Unternehmung, Zentralbank. Der allgemeinen Nationalökonomie gegenüber steht die spezielle N ationalökonomie, welche die Wirtschaftsentwicklung der einzelnen Völker mit dem Begriffsmaterial der Allgemeinen Nationalökonomie, aber gerade in ihrer Eigenart, darstellt. Für uns ist aus wirtschafts politischen Gründen Gegenstand der speziellen Nationalökonomie die deutsche Volkswirtschaft der Gegenwart als verankert in der jüngsten Vergangenheit. Es bleibt noch die Frage nach der Bedeutung der „Theorie" im engeren Sinne, d. h. der klassischen Nationalökonomie der Engländer und ihrer Nachfolger, sowie der neueren deutschen Privatwirtschaftswissenschaft . Die klassische Nationalökonomie ist nichts anderes als ein Anwendungsfall des typischen Verfahrens, wobei die Verhältnisse einer zur „Konkurrenzwirtschaft" gesteigerten Tauschwirtschaft als unverändert angesehen und im Gleichgewicht befindlich vorausgesetzt werden. Als Causa der Veränderungen wird sodann der individualpsychologische Faktor des Strebens nach größtmöglichem Ertrag isoliert. „ Wirtschaftswissenschaft ?" 21 Die Möglichkeit solchen Verfahrens setzt verhältnismäßig spät ein. Zunächst und für lange Zeit sind es soziale Ordnungen, welche die Wirtschaft des Einzelnen bestimmen und zur Erklärung der wirtschaftlichen Kausalität ausreichen. Der Mensch tritt in die Geschichte als gebundenes Glied einer unreflektierten Gemeinschaft. In der Dorfgemeinde Indiens, wie Sir Henry Maine sie schildert, ist die Technik des Ackerbaues, sind die Preise der Handwerkswaren, die Löhne, die grundherrlichen Renten autoritativ und gewohnheitsmäßig bestimmt. Noch schlummert die Seele des Einzelwirtschafters, deren Regungen im Schatten der wissenschaftlichen Gleichgültigkeit verharren. Nicht minder in der früheuropäischen Hauskommunion, in der Markgenossenschaft, in der mittelalterlichen Zunft; nicht viel anders aber auch noch in der obrigkeitlich geregelten Hausindustrie des Merkantilismus. Auch heute noch wird das Wirtschaftsleben weithin durch soziale Mächte bestimmt. Es ist das Verdienst der historischen Nationalökonomie — eines Schmoller, auf den Faktor „Staat" — eines Brentano, auf den Faktor „Organisation" (Arbeitergilden der Gegenwart und als einer der ersten auf das Kartell) als solche soziale Mächte hingewiesen zu haben. Ebenso betont K. Marx einen sozialen Faktor, wenn er die von französischen Schriftstellern übernommene Idee des Klassenkampfes in den Mittelpunkt alles Wirtschaftsgeschehens stellt. Wie immer man zu der Marxischen Wert- und Preislehre stehe, jedenfalls ist der Mehrwert von Marx als soziale Erscheinung gedacht — Ergebnis des Klassenkampfes. Unabhängig von individualpsychologischen Erwägungen, ja ohne Wissen und Willen der Beteiligten, wirkt er vermittels des Ausgleichs der Mehrwerte zur Durchschnittsprofitrate auf die Preisbildung ein. Aber die Alleinherrschaft des sozialen Faktors wurde durchbrochen. Nach Maine unterliegt in der indischen Dorfgemeinde der Getreidepreis von vornherein der „freien" Preisbildung; denn Getreide wird ursprünglich überhaupt nicht gehandelt, und der erste Getreidehändler ist ein Fremder. In ihm gewinnen individualpsychologische Strebungen zuerst eine sozialökonomische Bedeutung. Der Händler ist es, der als sozial entbundener Einzelunternehmer — als „Privatwirt" — die ganze mittelalterliche Gesellschaft umstürzt. Das revolutionäre Werk des Händlers beschleunigt der Fürst, dessen privatwirtschaftliche Strebungen nunmehr sozialökonomische Bedeutung erlangen. Der Fürst zwingt seinen Untertanen aus finanzpolitischen Gründen privatwirtschaftliches Denken auf. Für Zwecke „kaiserlicher Machtpolitik" peitscht der Steuererheber den russischen, den indischen Bauer aus sozialpsychologischer Gebundenheit in die Arena individualpsychologischer Selbstbestimmung, auf der er, der ungewohnte Einzel- 22 Schulze-Gaevernitz. fechter, hilflos zusammenbricht. Mit dieser geschichtlichen Wandlung treten Schriftsteller auf, zunächst um der Einzelwirtschaft des Händlers und des Fürsten erfolgreiche Wege zu weisen — „Privatwirtschaftspraktiker". Alle diese Schriftsteller — Merkantilisten, Kameralisten-— sind lediglich „Vorläufer" derVolkswirtschaftswissenschaft, denn es fehlt ihnen das Ziel der Erkenntnis des volkswirtschaftlichen Ganzen. Solche Ziele stellen sich zuerst die Physiokraten und die Klassiker. Die klassische Nationalökonomie bedeutet den kühnen Versuch, das wirtschaftliche Ganze zu erkennen unter völliger Ausschaltung des sozialen Faktors allein aus individualpsychologischen Beweggründen heraus. Die klassische Nationalökonomie war der erste Versuch einer Privatwirtschafts lehre, die weit über ihr Ziel hinausschoß. Dieser Versuch mußte scheitern wegen Vernachlässigung des sozialen Faktors. Der typische Vertreter obiger Richtung ist bekanntlich Ricardo. Hatte Steuart die Ethik aus der politischen Ökonomie verbannt und sie der Domäne des Staatsmannes überwiesen, aber dabei die Deduktion aus dem Eigeninteresse nur als theoretisches Hilfsmittel betrachtet,, so deckt diese Deduktion für Ricardo das empirische Faktum. Das Konkurrenzsystem ist für ihn nicht historische Voraussetzung, sondern das „natürliche" Wirtschaftssystem und insofern jenseits aller Entwicklung. Dabei schillert der Begriff „natürlich" zwischen dem, was von Natur ist, und dem, was nach Natur recht sein soll. Seine Gesetze gelten für Ricardo räum- und zeitlos, nicht anders als das Gravitationsgesetz. Ricardo glaubt als Rationalist, aus seinen Schlußfolgerungen ergebe sich die Wirklichkeit — naiver Abbildtheoretiker, der aus dem Begriff auf das Dasein desselben schließt. Auf methodologischem Boden versuchte J. St. M i 11 die Rechtfertigung der klassischen Theorie als „hypothetischer Wissenschaft". Die politische Ökonomie ist eine abstrakte Wissenschaft; ihre Methode ist eine deduktive. Ihre Ergebnisse sind, wie die der Geometrie, in abstracto wahr: auf Grund freigewählter Prämissen korrekt gezogene Schlüsse. In concreto nicht immer wahr. Das störende Moment ergibt sich aus der Anwendung der Resultate auf die Wirklichkeit: hier tritt die Unsumme der „disturbing causes" in Wirksamkeit; aber allmählich werden viele von ihnen „within the pale of the abstract science" gebracht, so daß sie in Zukunft mit unter die Voraussetzungen der deduktiven Forschungen aufgenommen werden können. Die Theorie wird immer wahrer! Die klassische Nationalökonomie der Engländer setzt eine höchst bestimmte, nur einmal gegebene Umwelt voraus, a) Der Rechtsstaat schützt Eigentum und persönliche Freiheit. Der staat- „ W irtschaftswissenschaft ?" 23 liehe Rechtsschutz hält das Streben nach Gewinn auf dem Boden des „friedlichen" Wettbewerbs. Wo Reichtum ein Ergebnis der Beraubung ist, wo z. B. der Germane mit Schweiß zu erwerben verachtet, was mit Blut erworben werden kann, wo der Feudale „aus dem Sattel lebt" und die Pfeffersäcke beraubt, statt selber Pfeffersäcke auf den Markt zu bringen, da gibt es kein Gesetz der Preisbildung. Die Whigs erklärten, Bankwesen sei unvereinbar mit der Monarchie — einer Monarchie wie die der Stuarts, die da ernteten, wo sie nicht gesät hatten, die insbesondere Depositen sich aneigneten, wo sie sie fanden, b) Die Rechenkunst ist durch Einführung des arabischen Ziffernsystems fortgeschritten genug, um Buchhaltung und Bilanzierung zu ermöglichen. Der mittelalterliche Mensch „verrechnet" sich grundsätzlich und kann es schon um deswillen nicht zur vollen Rechenhaftig- keit bringen, c) An Stelle der rein persönlichen Wertschätzungen ist ein gesellschaftlicher Wert getreten innerhalb einer mehr oder minder großen „Bewertungsgesellschaft". Dieser Wert ist quantifiziert. Das Geld ist allgemeiner Wertmesser. Das persönliche Verhältnis des Einzelnen zum einzelnen Gut ist immer individuell; der Geschmack und Sättigungsgrad ist verschieden. Erst das Geld ermöglicht die Übersetzung des Gewinnstrebens ins Ziffernmäßige, damit in das Unbegrenzte und Vergleichbare: „Ameri- kanismus". „Der Gegenstand ist hier gewissermaßen ganz durch seinen Preis ersetzt worden; er genießt genau die Achtung, die seinem Marktwert entspricht und kann durch jeden anderen, der denselben Marktpreis hat, ersetzt werden" (Simmel). d) Der Wirtschafter ist geistesgeschichtlich zur Arbeit und in gewissem Grade auch zur Wahrheit erzogen, während der Feudale- grundsätzlich faullenzt und der Frühhändler grundsätzlich betrügt. Der Wirtschaftsmensch der Klassiker dient dem „Geschäft", statt zu genießen: „Der frugale Unternehmer" mit dem „guten Gewissen des Reichtums" (Max Weber). Ohne diese Pflichtmäßigkeit schlägt der Wirtschaftsmensch nur zu schnell in den Rentner um; er wird zum Sportsmann oder Ästheten. Der Sklave der Buchbilanz rebelliert und liebäugelt mit der Halbwelt des Rentnerstaates. Nicht minder beruht der Wirtschaftsmensch auf einer gewissen Pflicht zur Wahrheit. Die Lüge erschien den homerischen Göttern und den jüdischen Erzvätern als „läßliche Sünde" und ist auf primitiven Gesellschaftsstufen sozial ungefährlich, ja vielleicht zur Gewinnung priesterlicher Kulturmuße nützlich. Das wirtschaftliche Leben steht auf einfachen Tatsachen, von denen jeder die richtige Ansicht gewinnen kann. Dagegen ist ein g e w i s s e s Maß von Wahrheit die Voraussetzung jeder höheren Verfeinerung des Wirtschaftslebens. Die Lüge als ein „geistiges Faustrecht", brutal wie dieses, 24 Schulze-Gaevernitz, ist heute im Kleinhandel zulässiger als im Großhandel, der Millionen „auf Treu und Glauben" nach Muster kauft. Grundlage des Kredits ist in den meisten Fällen (neben der Auskunftei und Bilanzprüfung) eben doch ein gefühlsmäßiger Glaube an den Schuldner. Die Gefahr des Wirtschaftens mit fremdem Geld wird um so größer, als gerade die moderne Kreditwirtschaft in ihrer Abstraktheit ungeheure Dissimulierungsmöglichkeitenschafft (Simmel, Soziologie). Insbesondere ruht alles Bankwesen auf Vertrauen. Der Wirtschaftsmensch schifft weislich zwischen der „honesty" als „best policy" und der vielbewunderten Smartness des Yankee hindurch, e) Hierzu kommt der Druck des Bevölkerungsgesetzes, gewiß auch keine „natürliche" Gegebenheit, die ein für allemal feststeht. Ricardo hat das Malthussche Gesetz als notwendige Prämisse seiner Theorie eingebaut. Im Hintergrunde steht der jüdisch-puritanische Sollsatz: „Seid fruchtbar und mehret euch!" Dieser Satz, gegen den Naturvölker oft verstoßen, verliert auch bei Kulturvölkern infolge Zersetzung der ihn tragenden Weltanschauung nur zu schnell seine Kraft. Es sind dies höchst verwickelte Voraussetzungen, wie sie nur einmal im westeuropäischen Geschichtsverlaufe und von hier über den Globus ausstrahlend, verwirklicht worden sind. Vielleicht handelt es sich nur um eine kurzlebige Episode in der Menschheitsentwicklung. Auf diesem gebrechlichen Boden, welchen Puritanismus und Aufklärung zimmerten, fragen die Engländer: „Wie würde das Wirtschaftsleben ablaufen, wenn nur Wirtschaftsmenschen miteinander in Verkehr träten — als Käufer und Verkäufer von Waren, Grundstücken, Arbeitskräften? Dieser „Wirtschaftsmensch", der, unbekümmert um die Lockungen des Rentnertums, dem unbegrenzten Streben nach größtmöglichem Buchgewinn folgt, Ziffern an Ziffern reiht, als erster des Morgens auf dem Kontorbock hockt, als letzter herabsteigt, ist gewiß kein Durchschnitt, sondern ein Typus, der in solcher Reinheit vielleicht niemals verwirklicht worden ist. Mittelst der Isolierung dieses Typus als individualpsychologischer Kausa gelangte die Theorie zu sogenannten „Gesetzen", d. h. zu Regelmäßigkeiten: Auf Grund gleichartiger Tatbestände wird ein gleichartiger Ablauf als notwendig erlebt. Aber diese Gesetze sind nur dann mehr als eine gedankliche Spielerei, wenn sie „gelten" — ob auch in mehr oder minder großer Reinheit. Es ist zu prüfen, ob wirtschaftlich relevante Situationen tatsächlich diesen Verlauf nehmen (Max Weber). Die Wirtschaftstheorie hat nur insofern einen Zweck, soweit sie den konkreten Ablauf des Wirtschaftslebens — das einmalige wirtschaftliche Ganze — der wissenschaftlichen Erkenntnis näher bringt. Sie hat nur den Zweck (sit venia verbo) einer Hilfswissenschaft der Wirtschaftsgeschichte. „ W irischaftswissenschaft ?" 25 Es ist nun kein Zweifel, daß für ihre Zeit die Gesetze der Klassiker ein wertvolles Mittel zur Erklärung der Wirklichkeit abgaben, da in vielen Fällen die Voraussetzungen der Wirtschaftstheorie in der Tatsachenwelt vorlagen. Es war gerade der Vorteil dieser Theorie, daß sie nicht „reine" Ökonomie — keine Konstruktion in den luftleeren Raum — war, sondern eine höchst bestimmte soziale Organisation zur Voraussetzung hatte. Nicht um die reinliche Lösung von Schachaufgaben handelte es sich, was Diehl einem Schumpeter entgegenhält. Die Gesetze der Klassiker haben demgegenüber als Tendenzen das konkrete Geschehen vielfach beherrscht, und Ricardo war ein Interpret jener Zeit, da die Manchesterlehre britisches Weltherrschaftsinteresse war und der Handlungsreisende „mit dem Preiskourant" die Welt für England eroberte. Heute haben sich die historischen Grundlagen vielfach verschoben — geographisch wie geistesgeschichtlich verschoben —, und es erhebt sich die Frage, inwieweit die Gesetze des britischen Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts auch den deutschen und amerikanischen Hochkapitalismus des 20. Jahrhunderts noch beherrschen. Nach dem Ansturm der historischen Schule scheint zunächst wenig mehr als ein Trümmerfeld von der britischen Theorie noch übrig zu sein. Trotzdem glaube ich, daß eine Anzahl tragfähiger Grundmauern aus dem Schutt herauszuarbeiten sind. Ich rechne hierzu etwa: das Preisgesetz der höchsten und niedrigstem Produktionskosten bei beschränkt oder beliebig vermehrbaren Waren, die Grundrentenlehre, die jeder tieferen Betrachtung der städtischen Bodenfrage zugrunde gelegt werden muß, das Greshamsche Gesetz, eine verbesserte Quantitätstheorie. Aber auch diese Restbestände sind nicht unbezweifelt, und an der veränderten Tatsächlichkeit nachzuprüfen. Wie das Ergebnis auch immer sei, wirtschaftsgeschichtlich, als Interpreten ihrer Zeit, werden die Briten steigen, je mehr ihr theoretischer Stern sinkt. Dagegen ist auf die Fortbildung der Briten viel Gedankenarbeit ohne entsprechenden Erfolg aufgewandt worden. Wie wenig zur Erkenntnis konkreter Preisbildungsvorgänge hat z. B. die Grenznutzentheorie beigetragen — etwa zur Aufklärung des Problems der allgemeinen Teuerung des letzten Jahrzehnts! Während innerhalb der deutschen Reichsgrenzen der Ausbau des deutschen Hochkapitalismus die wirtschaftswissenschaftlichen wie wirtschaftspraktischen Interessen eines ganzen Menschenalters in Anspruch nahm, vollzog sich in Österreich die Fortbildung der Theorie mit großem Fleiß, großem Scharfsinn — aber studierstubenmäßig unter Ablösung von der Muttererde. Der Boden Wiens war weder von Puritanern noch von Aufklärern durchpflügt worden! 26 Schulze-Gaevernitz. Es ist gegenüber den Mißerfolgen der Epigonen nur zu verständlich, wenn von Jüngeren heute erklärt wird: Das Wirtschaftsleben ist seit den Tagen der Klassiker verwickelter geworden; die historischen Voraussetzungen, welche die Briten machten, sind demnach weiter zu vervielfältigen. Die Kategorien der Wirtschaft, von denen jene ausgehen — Kapitalist, Arbeiter, Grundrentner — sind frühkapitalistisch und britisch und genügen nicht mehr für den deutschen Hochkapita- lismus der Gegenwart. Die privat wirtschaftlichen Gesichtspunkte sind konkreter zu fassen, nicht um ihrer selbst willen, sondern behufs besserer Erkenntnis des sozialen Ganzen. Aber zur Erforschung dieses Ganzen begibt man sich zunächst auf den „Umweg", den Standpunkt des privaten Wirtschaftssubjekts einzunehmen und dessen individualpsychologischen Erwägungen und Strebungen nachzugehen. Es ist methodologisch einwandfrei, den Versuch der Klassiker mit verfeinerten Mitteln dadurch zu wiederholen, daß man die historischen Voraussetzungen der Briten vervielfältigt und umprägt und die Seele des Wirtschaftsmenschen in verschieden gefärbte Typen auseinander faltet. Indem man den Wirtschaftsmenschen konkreter faßt, kann man sich auf Marx berufen, dessen privatwirtschaftliche Erörterungen — ich erinnere u. a. an das berühmte Kapitel über den Fetischcharakter der Ware — nicht einen farblosen Kapitalisten schlechthin, sondern den britischen Industrieunternehmer der dreißiger und vierziger Jahre, eigentlich den „Cottonlord", zum Gegenstaride haben. Der Privatwirtschaftler fragt: Wie würde das Wirtschaftsleben verlaufen, wenn ein bestimmter Händlertypus (ein Wirtschaftsmensch konkreter Färbung) mit Waren bestimmten Charakters, bestimmten Verwendungszweckes usw. auf den Markt tritt? Wie würde das Wirtschaftsleben verlaufen, wenn ein bestimmter Produzententypus in der Rohstoffoder Verarbeitungsindustrie, mit überwiegender Maschinen- oder Handarbeit, mit ungelernter oder qualifizierter Lohnarbeit tätig wird? Er scheidet den Einzelunternehmer vom Aktienunternehmer, den arbeitsintensiven vom kapitalintensiven Fabrikunternehmer usw., aber er zerlegt auch den Arbeiter, den Ricardo als „Hand", Marx als „Proletarier" unterschiedslos sich vorstellten, in zahlreiche Typen. In dieser Richtung liegen die sozialpsychologischen Untersuchungen des Vereins für Sozialpolitik. So vorgehend, ist man auch viel eher in der Lage, all' die Übergänge zu erfassen, welche vom konkurrierenden Unternehmertum größtmöglichen Gewinnstrebens zum organisierenden, auf festes Gehalt gestellten Beamten hinüberführen. Unter fiktiver Loslösung von der sozialen Verkettung und Einfühlung in die individualpsychologische Verursachung gelangt die Privatwirtschaftslehre zu typischen Vorgängen, die im Wirtschaftsleben wirksam „Wirtschaftswissenschaft?" 27 werden, oder die Tendenz haben, dort wirksam zu werden, wo gerade dieser geistige Typus an der Arbeit ist. Man legt damit in bewußter Isolierung einzelne Kausalstränge des volkswirtschaftlichen Geschehens bloß, soweit letzteres von der Privatwirtschaft her beeinflußt wird, und bietet in diesem Sinne eine „Hilfswissenschaft" der allumfassenden Wirtschaftswissenschaft, nicht anders als die klassische Wirtschaftstheorie. Ist jene Wirtschaftstheorie der Klassiker methodologisch berechtigt, so ist es auch die neuere Privatwirtschaftswissenschaft, denn die Struktur beider Disziplinen ist die gleiche. Wie weit die Privatwirtschaftslehre tatsächlich unseren volkswirtschaftlichen Erkenntniszwecken dienen mag, wird von den Leistungen ihrer Anhänger abhängen, denen freie Bahn zu gönnen ist. Vielleicht sind die Aussichten keine ganz schlechten; denn die neuere Privatwirtschaftslehre bildet engere und inhaltsreichere Begriffe und steht insofern dem tatsächlichen Wirtschaftsleben näher als die klassische Ökonomie. Ihr Ziel ist es, zu einer „realistischen Theorie" zu gelangen. Ich selbst überzeugte mich von der Anwendbarkeit und Nützlichkeit privatwirtschaftlicher Betrachtungsweise bei Gelegenheit meiner Studien über deutsches Bankwesen der Gegenwart. Weitreichende psychologische Umschichtungen weisen gerade auf diesem Gebiete über den blassen „homo oeconomicus" der Vorzeit hinaus und sind nur auf dem Wege privatwirtschaftlicher Typenbildung zu fassen: Der alte Privatbanker — der durch das Telephon an die Zentrale angeschlossene Direktor der Filiale oder „Konzernbank" — der leitende Kopf der Großbank — der Bankbeamte nach seinen verschiedenen Schichten — der Reichsbankpräsident — das alles sind Typen, denen durch individualpsychologische Einfühlung nachzugehen ist. Es ist eine reine Zweckmäßigkeitsfrage nationalökonomischer Lehre und Schriftstellerei, ob diese privatwirtschaftlichen Untersuchungen in einer besonderen Hilfsdisziplin zu sammeln und zu lehren sind. Ich bejahe diese Frage. Bei der fortschreitenden Komplizierung unseres Wirtschaftslebens ist es heute schwieriger als bisher, die im Inneren der Unternehmung obwaltenden Beweggründe festzustellen — zumal sie nicht selten mit dem Schleier des Geschäftsgeheimnisses verdeckt sind. Um so erforderlicher wird eine besondere Schulung zum privatwirtschaftlichen Denken, welche „durch die Brille der Beteiligten" zu schauen lehrt. Der so gebildete Nationalökonom versteht dort nachzuempfinden, wo die psychologischen Fäden versteckt unter der Oberfläche laufen. Sodann leiden wir in unserer volkswirtschaftlichen Lehre und Schrift- stellerei vielfach an einer unheilvollen Vermengung volkswirtschaftlicher und privatwirtschaftlicher Betrachtungen. Die Privatwirtschaft- 28 Schulze-Gaevernitz. liehe Schulung soll unsere Nationalökonoxnen veranlassen, zunächst bewußt privatökonomisch zu denken, aber auch des Endpunktes sich bewußt zu werden, an dem die volkswirtschaftliche Betrachtung die privatwirtschaftliche ablöst. Es wäre kein geringer Erfolg des Einbruchs der Privatwirtschaftler in die schulmäßige Nationalökonomie, wenn wir in Zukunft scharf und bewußt scheiden lernten: Wo spricht der Privatwirtschaftler, wo der Sozialökonom ? Hinsichtlich der Begriffsbildung wird man mit Vorteil den privatwirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Begriff der Wirtschaft, des Kapitals usw. scheiden; überall wird man die privatwirtschaftliche Verursachung von der volkswirtschaftlichen Funktion einer Wirtschaftsinstitution sondern. Endlich: Der nationalökonomische Student von heute strebt in vielen Fällen der Praxis der Industrie, des Handels und des Bankwesens- zu. Es ist erwünscht, daß dasjenige Geschlecht, das in mehr oder minder leitender Stellung den Vormarsch der deutschen Arbeit in das Reich dieses „irdischen Weltwesens" anführen soll, vom erfrischenden Lufthauch der Universität berührt sei und hier aus dem wiedererschlossenen Quell des deutschen Neuidealismus geschöpft habe. Möge es hier lernen, daß das Geld zwar ein mächtiges Mittel darstellt, daß aber der, welcher es zum letzten Ziele macht, ein armer Mensch ist, ob er auch Millionär sei. Jedoch gerade diese Studenten haben ein Recht darauf, von der Universität auch Brauchbares für die Wirtschafts praxis mitzunehmen. In erster Linie rechne ich hierzu eine großzügige, aus dem Gedanken des neudeutschen Industriestaates einheitlich aufgebaute Wirtschafts politik — keine Rezeptensammlung! Hierzu aber trete eine privatwirtschaftliche Unterweisung, die dem künftigen Juristen nicht minder zugute kommt. Wie hilflos steht nicht selten der Richter, der Rechtsanwalt und der Verwaltungsbeamte gegenüber Bilanzen und Geschäftsberichten, gegenüber Fragen kaufmännischer Buchhaltung, gegenüber dem Börsenkurszettel und dem Handelsteil der Tagesblätter — hilflos, ohne daß die Grenznutzenlehre ihm zu nützen vermag! Dabei handelt es sich nicht etwa nur um die rein technische Kenntnis dieser Dinge, um Unterweisung in Buchhaltung und kaufmännischer Arithmetik. Wichtiger ist es, die toten Ziffern auf ihren privatwirtschaftlichen Gedankeninhalt entziffern zu können. Die Universitäten sollten durch eine angegliederte Hilfsdisziplin der Privatwirtschaftslehre den nationalökonomischen Studenten von solcher Hilflosigkeit befreien. Abwehr von Irrtümern: i. Die Wirtschaftswissenschaft, auch die Wirtschaftstheorie, ist keine Psychologie, auch keine „angewandte", obgleich der Nationalökonom, ähnlich wie der dramatische Dichter und der politische ,, W irisch aftsw issenscha/l?" 29 Historiker, psychologische Tatsachen als Ursachen der ihn interessierenden Vorgänge reichlich berücksichtigen muß. Hierzu hilft ihm vielleicht auch die psychologische Wissenschaft. Aber die Struktur dieser Wissenschaft ist eine grundsätzlich andere. Schon Kant erklärt die Psychologie als der Naturlehre zweiten Teil. Die wissenschaftliche Psychologie ist eine Naturwissenschaft und sucht als solche die psychologischen Erscheinungen zu vereinfachen, die verwickelten auf einfachste Elemente wie Reiz, Empfindung, Vorstellung zurückzuführen. So sagt z. B. Münsterberg in seiner Psychologie, daß selbst Wille und Gefühl nicht aus einfachen Elementartatsachen bestehen, sondern ebenfalls Empfindungsverbindungen sind, die sich nur durch eigentümliche Anordnung von den Vorstellungen unterscheiden. Als Naturwissenschaft strebt die Psychologie' über Allgemeinbegriffe hinaus zu allgemeingültigen Gesetzen. Gegenüber der Naturwissenschaft von der Körperwelt weist sie zunächst den Nachteil auf, ihren Gegenstand, „die Erfahrung des inneren Sinnes", zwar nachfühlen, auch zeitlich messen, aber nicht räumlich quantifizieren zu können. Sie überwindet diese Schwäche durch die Hypothese vom psychophysischen Zusammenhang: Zuordnung jedes psychischen Vorganges zu einem physischen. Etwa: Vorstellung — ein biochemischer Vorgang in gewissen Zellen des Gehirns; Urteil — ein biochemischer Vorgang in der Richtung des geringsten Widerstandes zwischen zwei Nervenzentren; Wille — ein antagonistischer Vorgang im motorischen Apparat; Schlaf — eine Ausschaltung des Zusammenhangs zwischen sensorischem und motorischem Apparat; Sprache — ein Instrument, um den Nervenapparat eines anderen durch einen bestimmten Reiz auf eine bestimmte Reaktion einzustellen usw. Ohne zu dieser Hypothese Stellung zu nehmen, liegt doch auf der Hand, daß ihre Richtigkeit und ihre Nutzanwendung im einzelnen — Umsetzung psychologischer Vorgänge in biochemische — mit der Wirtschaftswissenschaft auch nicht das geringste zu tun hat. Letztere Wissenschaft steigert die höchst komplexe, kulturerzeugte Psyche des „Wirtschaftsmenschen" zum Idealtypus, ohne irgendwie den Versuch zu machen, diesen Typus auf einfachere psychologische Elemente zurückzuführen. Dagegen kann die Psychologie mit dem einfachen Seelenleben des Kindes, des Naturvolkes, des Tieres vielfach mehr anfangen, als mit der verwickelten Psyche des Kulturmenschen L Sollte das Grenznutzengesetz ein Spezialfall eines allgemeinen psychologischen Gesetzes sein, wie Ehrenfels, Meinong, Kreibig u. a. behaupten, so belegt es dadurch nur, daß es nicht zur Nationalökonomie gehört, sondern höchstens eine psychologische Voruntersuchung bedeutet, 1 Max Weber, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, ßd. 2/. 30 Schulze-Gaevernitz. wie es auch biologische Voruntersuchungen (Darwinismus und Wirtschaftsleben?) gibt. Dagegen kann das psychologische Experiment für die Wirtschafts praxis,z. B. die Reklamekunst, die Ermüdungsbekämpfung bei gewerblicher Arbeit usw., wie jede naturwissenschaftliche Technik, von größtem Nutzen sein. Während wir dem toten Stoffe durch Anwendung der Physik und Chemie weite Gebiete aberobert haben, steckt unsere Technik gegenüber der Welt der lebenden Wesen noch in den Kinderschuhen; es eröffnen sich hier für Biologie und Psychologie aussichtsvolle Weiten. 2. Die Wirtschaftswissenschaft ist keine Soziologie. Wenn auch die Soziologie selbst bisher zu einer scharfen Begriffsbestimmung ihres Wesens noch nicht gelangt ist, so scheint doch so viel festzustehen, daß der Begriff des gesellschaftlichen Lebens hier ohne jeden Wertakzent gedacht wird im Sinne einer Mehrheit von Menschen, die in psychologischer Wechselwirkung stehen. So ist „Gesellschaft" nach Simmel eine psychische Zuständlichkeit, welche auf die anderen wirkt und von ihnen beeinflußt wird; sie umfaßt als solche alle Formen des Mit- und Füreinander, z. B. Kohäsion, Attraktion, Repulsion usw. — nicht minder Sitte, Recht, Sittlichkeit. Alle diese Zusammenhänge sind psychologische Tatsachen. Wo das Individuum die selbständige Bestimmung seines Verhaltens verliert und der Bestimmung durch fremde Seelen unterliegt, dort entfaltet sich die Gesellschaft. Dort scheidet die Soziologie aus dem breiten Felde der psychologischen Tatsachenwelt das ihr eigene Gebiet aus, ohne grundsätzlich andere Forschungsmethoden anzuwenden als die umfassendere Wissenschaft der Psychologie selbst: sie ist Sozialpsychologie. Die Soziologie geht also psycho- logistisch vor als die Naturwissenschaft vom sozialen Seelenleben, die Wirtschaftswissenschaft geht idealtypisch vor als die Kulturwissenschaft der menschlichen Wirtschaft. Selbstverständlich soll damit die Möglichkeit einer Psychologie und Soziologie als Kulturwissenschaft nicht geleugnet werden: eine Lehre von der Entfaltung des Seelenlebens und des Gesellschaftslebens als der Kulturträger im Sinne Hegels. Die Frage ist nur, wie weit eine solche kulturwissenschaftliche Psychologie und Soziologie durch die bisherigen Kulturwissenschaften alten Bestandes das Feld schon besetzt fände. 3. Die Wirtschaftswissenschaft ist keine Mathematik, obgleich mathematische Formulierungen gelegentlich von erheblichem Nutzen sein mögen (Alfred Weber!). Aber über die Richtigkeit des mathematisch formulierten Inhalts kann die Mathematik nichts aussagen. Es gilt hier noch heute das Wort eines Fr. List (Zollvereinsblatt 1844): „Es kommt für die Resultate alles auf die Voraussetzungen an, deren Einkleidung in mathematische Zeichen ganz gleichgültig „W irtschaftswissenschaft?" 31 ist. Der Kalkül ist überhaupt im Gebiete der Wirtschaftswissenschaft nur eine gleichgültige, zufällig gewählte Form, mit der sich die Reflexionen umhüllen, und der Beweis gewinnt durch diese Einkleidung nicht die geringste Schärfe mehr, als die Gedankenreihe durch sich zu erzeugen fähig ist." Letzthin, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Die Wirtschafts- wissenschaft — wertfrei, wie sie sein so 11 — ist keine Wirtschafts politik. Die Wirtschaftsgeschichte, als Geschichtsforschung, versenkt sich „restlos" in fremde Werte. Das Streben nach größtmöglichem Gewinn, welches die Wirtschafts t h e o r i e als weitverbreitete Tatsächlichkeit zum kausalen Erklärungsprinzip zahlreicher wirtschaftlichen Erscheinungen macht, gewinnt damit keine verbindliche Kraft für den handelnden Menschen, weder für die Führung der Einzelwirtschaft, noch weniger für die Bearbeitung des volkswirtschaftlichen Ganzen durch die Politik. Indem die Privatwirtschaftslehre die Strebungen der Unternehmerpsyche bloßlegt, hat sie mit dem „Unternehmerinteresse" nicht das mindeste zu tun. Nicht als Nationalökonomen, sondern als Kulturmenschen sollen wir uns für Politik interessieren, für welche uns die Wirtschaftswissenschaft vielleicht nützliche Ratschläge erteilt und die Wege weist, wenn wir wissen, wohin die Reise gehen soll. Diese Ziele entstammen ganz anderen Quellen — nicht, wie man gemeint hat, subjektiver Willkür, sondern jener Weltanschauung, durch welche der deutsche Geist die letzten und unwandelbaren Ziele alles Kulturstrebens in unserer Sprache und in den Erkenntnisformen unserer Zeit zum Ausdruck gebracht hat. Der neudeutschen Wirtschaftspolitik leuchten die Leitsterne unserer klassischen Phüosophie: Persönlichkeit und Menschheit. Wenn ich vorstehende Ausführungen dem hochzuverehrenden Jubilar widme, so geschieht es nicht nur um deswillen, weü sie der Rechtfertigung der historischen Methode unserer Wissenschaft dienen. Diese Methode hat in Brentano ihr Höchstes geleistet — von den Arbeitergilden der Gegenwart an bis zu seinem Kolleg über Wirtschaftsgeschichte, dessen sprühenden Glanz keiner von denen vergessen wird, die ihm zu folgen das Glück hatten. Nicht minder um deswillen seien ihm diese Blätter dargebracht, weil wir den Mut zur Politik an Brentano bewundern. Auf dem Boden des neudeutschen Industriestaates mit beiden Füßen stehend, ihn gegen Angriffe von rechts und links verteidigend, hat Brentano — über das rein Wirtschaftliche hinaus — Menschenrechte und Menschenwürde zeitlebens in jedem, auch im einfachen Arbeitsmann, verfochten — ein jugendfrischer, unermüdlicher Kämpfer. Dunckerfr Humblot •:• Verlagsbuchhandlung München und Leipzig. Werke von G. v. Schulze-Gaevernitz: Der Großbetrieb ein wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt. Eine Studie auf dem Gebiete der Baumwollindustrie. 1892. Preis M. 5.60. Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland. Inhalt: 1. Der ältere Merkantilismus. II. Die mittelrussische Baumwollindustrie. III. Die Slavophilen und die Panslavisten. IV. Die Handelspolitik der achtziger Jahre. V. Agraria. VI. Zur Währungsreform (Rubelkurs und Rubelbörse; Rußlands Zahlungsbilanz). 1899. Preis M. 12.60. Britischer Imperialismus und englischer Freihandel zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. 1906. Vergriffen. Duncker & Humblot, Verlagsbuchhandlung, München und Leipzig. Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie. Von Joseph Schumpeter. Preis: 15 Mark. Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Von Joseph Schumpeter. Preis: 12 Mark. Betrieb-Wissenschaft Von Rudolf Dietrich. Preis: Broschiert 20 Mark, in Halbfranz gebunden 23 Mark. Der Versuch einer Neuordnung der Wirtschaftswissenschaft, ein grundlegendes Werk der Handelswissenschaften und der Betriebslehre. Aus dem Inhalt: Pflege der Betrieb-Wissenschaft an Hochschulen. — Arten und Gattungen der Betriebe. — Bau und Gliederung der Betriebskörper. — Innenleben der Betriebe: Arbeit. — Geschichte eines Geschäftes. — Arbeitszeit. — Grundsätzliche Ordnung der persönlichen Ansprüche (Löhne und Gehälter). — Betriebsleitung. — Buchführung. — Taylors System der durchdachten Leitung. — Die leitende Arbeit im Klein- und Großbetrieb. — Betriebsethik: Die Gesetzgebung, ethisch bestimmte Arbeit im Innern. — Der Betrieb als Arbeitsgemeinschaft. — Dienstsorgen, Wissenschaftliche Bildung. — Bildender Dienst anderer Art. — Zwei Zeitfragen: Sozialbeamte, Zugaben. Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel 8t Co. in Altenburg, S.-A.