ZUR WIEDERGEBURT DES ABENDLANDES i VON DR. GERHART v. SCHULZE-GAEVERNITZ Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht schauen. Ev. Joh. 3,3 19 3 4 EDWIN RUNGE VERLAG•BERLIN , ERSTES KAPITEL DER STANDORT „Höheres gibt es nicht, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen zu nähern, und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter dem Menschengeschlechte zu verbreiten." Beethoven I. Gott? Seite 5. — II. Gott im Menschen. Seite 17. — III. Gott in der Menschheit. Seite 27. I. Gott? Nicht in der Politik, nicht in der Wirtschaft liegt die letzte Entscheidung unserer Zeit. Politik wie Wirtschaft hängen letzthin von der Weltanschauung ab. Wird es gelingen, die ungeheure geistige Spannung, in die wir gestellt sind, zu verinnerlichen? Die Ansage des Kampfes gegen den Materialismus und Utilismus, gegen ihre Verkleidungen in Mammonismus und Marxismus genügt nicht. Alle bloße Verneinung endet im Nichts. Zum sozialen Aufbau bedarf es eines aufbauenden Glaubens, als einer Wertbejahung über das kleinmenschliche Ich hinaus. Die Arbeit an dieser größten Gegenwartsaufgabe kann nur vollzogen werden auf dem Boden unserer mehr als tausendjährigen Tradition, auf dem Boden unseres christlichabendländischen Erbgutes, den unsere Vorfahren durch die Jahrhunderte bebaut und mit ihrem Geiste durchtränkt haben. Wenn wir diesen Standort verlassen, so laufen wir Gefahr, in das Nebelheim unverbindlicher Prähistorie zu versinken oder in ungebundener Ichsucht zu zerstieben. Ehrfurcht vor den Toten, welche die Saaten bestellten und uns zur Ernte beriefen! 5 Diese Vorfahren besaßen eine Antwort auf die bange Frage, die uns zermürbt, nach dem Woher? und dem Wozu? des Menschendaseins. Sie verliehen dem menschlichen Leben einen Sinn, indem sie den Menschen aus der Natur heraushoben und sein Dasein mit übernatürlichem — „metaphysischem" — Wertinhalt füllten. Woher der Mensch? Geschaffen nach Gottes Ebenbild! Wozu der Mensch? Bestimmt zur Gottes- kindschaft und zum Gottesreich! Sie deuteten das Rätsel, das sich uns aufzwingt — ob wir auch unklug es ablehnen — durch Gott. Gott? Ist dieses Wort nicht verhallt? Sind die Vorfahren, die es in Ehrfurcht gebrauchten, nicht endgültig begraben, ohne Hoffnung auf Auferstehung? Und mit ihnen der alte Gott? Ist damit nicht der Niedergang des Abendlandes besiegelt, dessen Lebensnerv jener Glaube gewesen war? Sein Schicksal scheint die Verwesung oder die Versteinerung des Todes, da kein organisches Gebilde seinem innersten Wesen auf die Dauer untreu werden kann. Reden wir nicht zu Menschen, die, durch den Zeitgeist entwurzelt, nicht ehrlicherweise mehr den Vorfahren „Gott" nachsprechen können? Wie viele unserer Zeitgenossen läßt dieses Wort völlig unberührt! Die Mehrzahl unserer Unternehmer wie Arbeiter, unserer Studenten wie Gelehrten sind gott-los, nicht im Sinne eines Tadels, sondern als Feststellung einer Tatsache. Gott-los sind die Wortführer des abklingenden Zeitalters — ein Nietzsche, ein Spengler; gott-los ist die zur Weltanschauung gesteigerte Naturwissenschaft, gleichviel ob Atomistik des neunzehnten oder Biologismus des zwanzigsten Jahrhunderts: beides Naturalismus, der durch Naturerkenntnis den Sinn und Zweck des Menschendaseins dem handelnden und fühlenden Menschen zu deuten unternimmt. Dem entspricht der schwindende Einfluß der Kirchen. Für wie wenige, die sich kirchlich taufen, trauen, beerdigen lassen, ist Gott die Tatsache der Tatsachen! Insbesondere hat der Protestantismus den wirtschaftlichen und politischen Alltag nicht mehr erreicht. Die Mehrzahl der sich evangelisch nennenden Christen lebt im eigengesetzlichen Schicksalsraum ohne 6 Beziehung zur Kirche, die eine unbegriffene Wirklichkeit preisgab. Man blicke in den Zeitspiegel der sog. schönen Literatur des letzten Menschenalters, in die politische wie wirtschaftliche Literatur der Gegenwart. Gottesglaube und mit ihm Kirche und Gemeinde spielen in ihnen eine verschwindende Rolle und gelten als weltfremde Berufsangelegenheiten der Theologen und Pfarrer. Sie stoßen in den Kreisen der Gebildeten auf Gleichgültigkeit, in denen der Arbeiter auf Mißtrauen; sie sinken bei den Bauern zu stumpfer Überlieferung. Was hat der Gottesname nicht alles decken müssen: Ketzerverfolgung und Hexenverbrennung, Unduldsamkeit und Machtrausch! Wieviel Mißverständnisse und Vorurteile verhüllen dieses so viel mißbrauchte Wort unergründlichen Inhalts. Beruhigen wir zunächst den jugendlichen Leser. Wir stellen uns Gott nicht als den mürrischen Greis vor, der mit Drohungen, vielleicht nicht ernst zu nehmenden, junge Leute in die ausgefahrenen Geleise der Vorzeit zurückschreckt. Wir denken Gott auch nicht als den rechnerischen Vergelter, der das Blut eines Unschuldigen annimmt als Lösegeld für die ihm geschuldeten Strafen der Sünder. Das alles ist tot! Nicht minder tot sind die alten Gottes beweise; denn der Gottesglaube ist nicht Sache des Wissens, vielmehr die Voraussetzung jeder anderen Gewißheit. Dennoch sagen wir „Gott", um an die heilvolle Überlieferung der Vorfahren anzuknüpfen. Aber diese Überlieferung ist tot, wenn wir Lebende nicht heute, unsere Kinder nicht morgen Gott aus der Tiefe des Wollens und Fühlens neu erleben — in Ehrfurcht! Der gangbarste Weg zu Gott führt heute vielleicht durch den Willens- und Tatendrang des Nachkriegsgeschlechts, dessen Voluntarismus kurzerhand den Intellektualismus des ausklingenden 19. Jahrhunderts beiseiteschob. Den Millionen, die enttäuscht, aber ungebrochen aus den Schützengräben zurückkehrten, wurden Erwerb, Technik und Sport als Lebensinhalt angepriesen. Sie traten in eine Welt, die äußerlich amerikanisiert war, ohne von den religiösen Bindungen des besseren Amerika auch nur eine Ahnung zu haben. Aber Geld, Maschine und Muskel sind keine letzten Werte, die der ; schalen Zwecklosigkeit des Daseins Inhalt geben und die Berufsarbeit in einen sinnvollen Zusammenhang einordnen können. Dieses Nachkriegsgeschlecht suchte eine Brücke zum „höheren" Leben; in einer Welt der Zersetzung suchte es Pflichtmäßigkeit und Geisteszucht, Gemeinschaft und Führerschaft. Vor allem hat es jenen Ökonomismus gehaßt, der den rechnerischen Götzen „Wirtschaft" auf den Thron des Staates wie des Geistes gesetzt hatte. Schon im Deutschland Wilhelms II. war der Erwerb leitend gewesen, die Wirtschaft richtunggebend für Staat und Gesellschaft. Sie hatte als Marxismus das Denken der Arbeiter vergiftet und die Gewerkschaften gelähmt. Sie hatte als Mammonismus die bürgerliche Ethik ausgehöhlt und den „Ehrbaren Kaufmann" zersetzt. Während des Krieges fragten wir Deutsche nach dem wirtschaftlichen „Interesse", das die Gegner verfolgten, und unterschätzten den Schwung des jugendlichen Nationalismus der europäischen Ostvölker ebenso wie die altbefestigte Ideologie des demokratischen Westens. Aber die Tschechen lehnten es ab, in einem Mitteleuropa reich zu werden, das sie als deutsches Imperium verabscheuten; Tausende von Engländern und Amerikanern glaubten ehrlicherweise, ihr Leben für die Freiheit zu opfern. Wir Deutsche dagegen, gelähmt durch den Ökonomismus, verschmähten es, Ideen durch Ideen zu überbieten, die aus dem Erbgut unserer Vorfahren uns überreichlich zugewachsen wären. In der Schieberperiode der Inflation wuchs der Geldwahn zu schwindelhafter Orgie. Das alles war dem Nachkriegsgeschlecht verhaßt. Dem Schlagwort: „Wirtschaft ist Schicksal" setzte es den Gedanken entgegen: Wirtschaft ist zu beherrschendes Schicksal — zu meistern für überwirtschaftliche Ziele. Nicht minder hat dieses Geschlecht die Untergangsstimmung abgelehnt, mit welcher Spengler als Wortführer einer zusammenbrechenden Welt die heimkehrenden Krieger empfing, obgleich die Friedensverträge und das ihm entspringende Wirtschaftselend diese Stimmung zu befestigen drohten. Es hat darüber hinaus jenen Biologismus verworfen, welcher durch unentrinnbare Gesetzmäßigkeit das Schicksal des Niedergangs zu besiegeln schien. Mochte es für Erkenntniszwecke nützlich sein, mit Spengler die sozialen Gebilde — Gesellschaft, Staat, Kultur — als organische Wesen aufzufassen, welche wie die Pflanzen wachsen, blühen und verwelken. Aber keine solche Betrachtung genügte, wo eine neue Zeit zur Unterordnung, gar zum Opfer für die Gemeinschaft hindrängte. Dieser Biologismus hat keine Antwort auf die Frage: Warum ist dieses soziale Ganze, wenn es doch dem Untergang entgegenreift, wertvoller als der Gewinn und Genuß, der im Glücksspiel des Lebens dem rücksichtslosen, gar betrügerischen Spieler mühelos in den Schoß fällt? Warum ist der Mensch wertvoller als jede andere Spezies der Tierwelt, da er doch wie diese im Laufe des Daseinskampfes und der Naturauslese entsteht und vergeht? Sind Volkstum und Vaterland verbindlich über das kurze Einzeldasein des Menschen hinaus, so sind sie mehr als Natur. Mit leidenschaftlichem Willen zur Tat wurde jener Biologismus beiseitegeschoben, der im Pessimismus mündete. Scharfen Messers hat die Spannkraft kriegserprobter Männer das Gestrüpp zurückgeschnitten, das die Pforte zum höheren Leben überwucherte. Lebte vielleicht in manchem dieser harten Krieger die Erinnerung fort an einen wahren Seelsorger, gleichviel geistlichen oder weltlichen Standes, Krankenschwester oder Sanitäter, Mutter oder Lehrer, der ihrer Jugend lebendiger Zeuge des unerschöpflichen Reichtums göttlicher Gnade gewesen war? Dieser Umstellung kam eine Wende der Wissenschaft zugute, die sich schon in der Vorkriegszeit unter Abkehr vom Materialismus des 19. Jahrhunderts ihres ideellen Wesens besonnen hatte. Ist doch die Liebe zur Wahrheit um der Wahrheit willen, diese Leidenschaft des echten Forschers, ein hohes ethisches Erbgut des Abendlandes, im Glauben verwurzelt, dem religiösen Zentrum benachbart. Zwar vermorscht die Naturwissenschaft für viele Halbgebildete überkommene Glaubenssätze und mit ihnen die Religion überhaupt. Wir beob- achten diesen Vorgang insbesondere in den intellektuellen Schichten Amerikas und Asiens, nachdem er in Europa seinen Höhepunkt überschritten hat. Er beruht auf der Verwechslung überalterter Lehrmeinung mit der letzten Wahrheit. Hierzu kommt eine überlebte Auffassung des Wunders als einer Durchbrechung des kausalgesetzlichen Naturzusammenhanges durch den korrigierenden Finger Gottes. Ein solches Spezialwunder verschwindet gegenüber dem viel größeren Generalwunder der Gesetzlichkeit allen Seins, die auch dort gilt, wo wir sie nicht beobachtet haben. Mit dieser ihrer paradoxen Voraussetzung unterwirft die Naturwissenschaft die Natur der Erkenntnis und damit der Herrschaft des Menschen. Aber sie betastet nur die Außenfläche der Dinge. Wertneutral, wie sie ist, überläßt sie der Philosophie und der Religion jenes System der Werte, die dem Leben des Menschen Sinn verleihen und Ziel setzen. Die Frage von Recht und Unrecht wird von keiner Naturwissenschaft berührt, aber als wertender Mensch unterfällt der Naturwissenschaftler selbst dem Gebot ehrlicher und selbstloser Forschung. Er ist um so gewissenhafter, je weniger seine Arbeit nachkontrolliert werden kann. ■% Religion hat von der Naturwissenschaft so wenig zu fürchten, daß sie jede Ausdehnung des menschlichen Horizontes, jeden Vorstoß des Menschengeistes in das Reich des Unerforschten nur begrüßen kann, als einen Schritt, dem Wesen Gottes näherzukommen. Diese Grundeinstellung ist wichtiger als zeitgeschichtliche Spekulationen der Naturphilosophie. Immerhin ist es beachtlich, wenn Männer wie Jeans und Eddington heute ein Vergehen der Materie durch ausstrahlende Energien lehren, dem eine fortgesetzte Neuschöpfung entsprechen müßte. Damit versinkt der Naturmechanismus des frommen Newton, der im Atheismus des „Systeme de la nature" gegipfelt hatte, um im 19. Jahrhundert vielen Millionen von Nachbetern den alten Gott zum Kindermärchen zu entkräften. Dem entgegen führt Planck (Positivismus und reale Außenwelt) bis an die Schwelle einer metaphysischen Welt, die, geheimnisvoll und erhaben, tiefe Harmonie und Schönheit ahnen läßt. 10 Besonders tiefgreifend war die Umstellung der Sozial- wissenschaft. Das 19. Jahrhundert hatte den radikal ungläubigen Wirtschaftsmenschen auf den Thron gehoben und als Heilbringer und Kulturträger ] verherrlicht. Auch die Marxisten, die ihn als Ausbeuter verdammten, stimmten darin mit den „Bürgerlichen" überein, daß sie die Wirtschaftswissenschaft auf den Nutzen des Einzelnen ausrichteten und diesen rein diesseitigen Nutzen in den Mittelpunkt des menschlichen Lebens rückten. Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die deutsche Wissenschaft — nach dem Vorgang Max Webers und Ottmar Spanns — die Bedeutung des religiösen Faktors für die Wirtschaft unterstrichen. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren hat es das Zeitalter erlebt, daß Reichtum kein Endziel ist, und daß selbst der Reichtum zerrinnt, wo er als Endziel behandelt wird. Die Wirtschaftswissenschaft wurde Sozialwissenschaft, indem sie das soziale Ganze als die Voraussetzung der Wirtschaft voranstellte (Stammler, Diehl). In der gleichen Richtung wirkte die gefühlsmäßige Einstellung des Nachkriegsgeschlechts in der sog. Jugendbewegung mit ihrer erbitterten Abkehr von der verlogenen Gesellschaft, der seelenlosen Wirtschaft, der gleisnerischen Großstadt — mit ihrer leidenschaftlichen Bejahung des Lebens, ihrer Mystik der Natur, des Leibes und der Gemeinschaft. Herbes, reines, naturgemäßes Leben, schöpferischer Drang und Zukunftsglaube, Bewußtsein eigener Sendung, Übermenschentum und Reichsgedanke — alles dies war Sehnsucht, Ahnung, keine Erfüllung. Der Zugang war freigelegt, aber die Pforte noch nicht durchschritten, die aus vergänglichem Sturm und Drang zur Ewigkeitswelt emporführt. Glaubens bereit schaft ist nicht Glaubensgewißheit! Sind von allen Seiten die Hindernisse hinweggeräumt, so bedarf es eines kühnen Griffes, und die Pforte öffnet sich — eines festen Schrittes, und sie ist durchschritten. Wir treten auf Felsenboden und blicken nach oben, von wo uns Kraft und Klarheit entgegenleuchtet. Gedanken versagen! Aus den Tiefen der Seele quillt der Entschluß, Gott zu erfühlen, zu ergreifen. 11 Gefühl und Willen verschmelzend, empfangen wir den Glauben als Gabe von oben. Wo früher das kleine Ich regierte, ist nun Gott der Mittelpunkt, um den unser Dasein kreist. Obgleich die Größe dieses Erlebnisses der Worte spottet, so sind Worte doch gut, um nach schwachen Kräften dem Gottsucher zu Hilfe zu kommen. Wundgestoßen an den Schranken des Ich, strebt der Gegenwartsmensch hinaus in eine Welt „höherer" Werte, der er sich einordnet: Familie, Staat und Volkstum — Wirtschaft und Technik — Kunst und Wissenschaft. Er will dienen, um „Mensch zu werden". Aber alle jene Werte sind vergänglich und gegensätzlich; sie führen, wenn einseitig verfolgt, zum Kampfe aller gegen alle. Dem geschichtlichen Werden verfallen, ermangeln sie der Allgemeingültigkeit. Beispiel: der verbindlichste Wert der Gegenwart ist das Volkstum im nationalen Staate. Aber gerade dieser Wert ist neuzeitlichen Ursprungs. Ein Hutten zerbrach. Der Kleinstaat war für dynastische Macht dem Bündnis mit dem Auslande geneigt. Deutsche Fürsten verrieten das urdeutsche Elsaß für französische Subsidien. Den altpreußischen Königen waren polnische Untertanen lieber als deutsche; dem Alten Fritz war der preußische Staat alles, zu dessen Gunsten er den deutschen Reichsverband sprengte -— dieser Meister der französischen Sprache! Noch auf dem Wiener Kongreß wurde der Eintausch des deutschen Rheinlandes gegen das polnische Neupreußen von preußischen Staatsmännern als Verlust empfunden. Metternich verzichtete im Wiener Kongreß für italienischen Zuwachs auf das niederdeutsche Flandern — Antwerpen, Brügge, Gent —, das bis zur Französischen Revolution österreichisch und damit deutsches Reichsgebiet gewesen war, ohne auch nur die unabsehbaren völkischen Belange zu ahnen, welche er preisgab. Warum sind wir einem Werte verpflichtet, der vergehen wird, wie er entstand? Im Kampfe um den Raum sucht Volkstum gegen Volkstum sich gewaltsam durchzusetzen. Das führt zum Kriege, der — anders als der Krieg der Heroenzeit — durch die Mittel der modernen Technik gerade die stärksten und erbbesten Volksgenossen ausrottet, damit das Volkstum auch des Siegers aushöhlt — er bedeutet zugleich eine moralische Gegenauslese, indem er diejenigen vertilgt, die noch an den Tod für eine Sache glauben. Die objektiven Werte, denen wir dienen, werden den Launen des Ich, der Vergänglichkeit der Geschichte, dem Widerspruch ihrer Eigengesetzlichkeit nur dann entzogen, wenn sie ihre Ordnung und Weihe finden in einem letzten ewigen und allgemein verbindlichen Werte, der sie überwölbt und einigt. Dieser letzte Wert, der alle irdischen Werte trägt und versöhnt, das Gute schlechthin, das unser bestes Wollen durchflutet, „das Ziel, nach dem die Leute ausspähen von ferne", kann kein irdischer sein. Er ist ewig, heilig, über allen irdischen Wandel erhaben. Wir nennen ihn Gott. Er bleibt, wenn die alten Götter sinken, als der Felsenboden, auf dem die neue Zeit neue Bilder errichtet. Er trägt das Pantheon, in dem jedem Gott an seiner Stelle der Altar bereitet ist. Gott ist das Absolute, von dem Ordnung und Dauer ausstrahlt in die Welt der objektiven, aber relativen Werte, denen wir um Gottes willen dienen trotz ihrer sich widersprechenden Selbstbehauptung, ihrer geschichtlichen Vergänglichkeit. Indem wir dem besten Wesen unserer Zeit genug tun, leben wir für die Ewigkeit. Um dem naturwissenschaftlichen Denken des Zeitalters entgegenzukommen, erinnere ich an einen biologischen Vergleich, den ich einem unvergeßlichen Freunde und ausgezeichneten Krebsforscher verdanke: Krebs sei der Zustand, in dem die Zelle ihre Funktion für das Ganze aufgebe und sich auf Kosten des Ganzen hypertrophisch entwickle — „Zellenempörung". In ähnlicher Weise verneine der Gottesleugner seine Bindung an das Weltganze, das ihm in den objektiven Werten des sozialen Ganzen entgegentrete. Indem er diese Bindung ablehne, vernichte er sich selbst, weil er nur als Glied des Ganzen lebensfähig sei. 13 Aber verpflichtet den Werten unseres Volkstums und unseres Zeitalters zu dienen, fühlen wir unsere Schwäche, je schärfer wir auf die Stimme des inneren Richters lauschen. Wir fühlen unsere Entgleisungen um so mehr, je feinfühliger unsere Seele wird. Erdrückt von der Gesamtsünde, in die uns das Zeitalter verstrickt, ist das Gute nicht in unserer Gewalt. Wir sind schwach, wenn wir auf eigene Kraft bauen. Aber wir glauben an die Macht des Heils, die Liebe von oben, die sich durchsetzt trotz alles entgegengesetzten Scheins — „und wenn die Welt voll Teufel wär". Wir glauben an das große Dennoch, das Jesus lebte und bewährte. Ohnmächtig vor Fällen höchster seelischer und körperlicher Not, vertrauen wir auf jene bessere Welt, welche drüben heilen wird, was hienieden unheilbar. — Jedem Zeitalter wird das Gotteserlebnis in eigenartiger Färbung zuteil, meist im Gegensatz zur letzten Vergangenheit. So lehnt das unsere den übersteigerten Transzendenzgedanken des Reformationszeitalters ab. Für dieses hatten irdische Beziehungen und Belange nur verschwindende Bedeutung im Vergleich zu dem heiligen, schlechthin „anderen" Wesen Gottes. Unter Ableugnung jeden Verdienstes der hoffnungslos verderbten Menschennatur genügten ihm Glaube und Gnade. Unserer Zeit eignet dagegen ein Zug zur Lebensbejahung, zur Tatenlust und zur Weltfreude, zur Harmonie und zur Kunst. Wenn wir heute in die Tiefen des Zeitgeistes hinabloten, durch alle neben- und gegeneinander gehenden Strömungen hindurch, so gelangt unser Senkblei zur Ruhe erst auf dem Felsenboden der Immanenz Gottes: Gott im Menschen, in der Menschheit, in der Natur, im Weltall — Gott im Menschen, wenn auch vielfach verschüttet durch Sünde. Daher die Möglichkeit der Weltverbesserung, also die Pflicht zur Weltgestaltung, zur Weltbeherrschung — zur Tat! Solche Religion allein hat unsern Kindern und Enkeln etwas zu sagen und setzt die besten Saiten ihrer Seele in Schwingung. Sie erwächst aus dem großen Erlebnis der Mystiker aller Zeiten, 14 dem Erlebnis eines Jesus, Johannes und Franziskus, eines Piaton und eines Fichte: Gott im Menschen! Mit diesem Glauben hoffen wir den politischen und sozialen Nöten der Zeit erfolgreich begegnen zu können. Kein Pantheismus! Gott ist unendlich mehr als die Welt, aber er ist doch auch in der Welt (Eph. 4, 6), wogegen die einseitig gesteigerte Transzendenz Gottes die Welt ihrer Eigengesetzlichkeit und damit dem Dämon überläßt, den wir nur zu handgreiflich erlebten. Es handelt sich hierbei nicht um den Unterschied zwischen angelsächsischer und deutscher Frömmigkeit; denn als Erben des deutschen Täufertums und der deutschen Mystik kommen wir Deutsche zu diesem Gotteserlebnis. Die Katholiken unter uns wissen, daß die Welt als Gottesschöpfung gut ist, zwar verderbt durch Sünde, aber wiederherstellbar durch Gnade. Wie hoch steht der Mensch, wenn Gott seine Gestalt annahm! So wird der Glaube des Neuen Deutschlands aus den Wurzeln der deutschen Mystik hervorwachsen, die mit Eckehart am tiefsten bohren, mit Thomas von Kempen am breitesten greifen, mit Täufertum utid Pietismus weithin in die Historie auszweigen. Vergilbte Namen der Literaturgeschichte erwachen zu neuem Leben und strömen Kräfte in die dämmernde Zukunft: ein Hans Denk, ein Caspar Schwenkfeld. Einem Para- celsus und einem Jakob Boehme reichte der Dichter den Opfertrank des Lebens. Sieghaft durch die Nacht der Jahrhunderte, aus verschollenen Konventikeln von Mennoniten und Kollegianten, flammt Rembrandts deutscheste Seele gen Himmel, abgründigem Dunkel die herrlich bunte Gotteswelt entzaubernd. Er ist unser — an Blut und Seele. Von diesem Boden aus, umgeben von Geheimnissen und Wundern, ist unsere Lebensbejahung etwas anderes als die Eigenmacht des Übermenschen, die am Schicksal zerschellt. Sie ist zugleich Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, unendlich erhaben und doch heilvoll nahe — nahe dem großen Weltlauf, wie dem kleinen Tageslauf! Unser Schicksal ist kein blindes Verhängnis, die letzte Entscheidung liegt bei uns. Gott aberwartet nur auf unser Ja — und das Gute kreuzt unversehens unsern !5 Weg, als glücklicher Zufall, menschlicher Helfer, aufbauendes Buch, durchschauter Irrtum, blitzhafte Erleuchtung, erquickender Schlaf. Gott ist uns stündlich nahe, wenn wir seine Hand ergreifen wollen. Demgegenüber scheint der Rückschlag zur Transzendenz, der den Namen Karl Barths trägt, nur eine oberflächliche Kräuselung des geschichtlichen Stroms: das Kriegs- und Nachkriegserlebnis der protestantischen Theologie. Der Laienwelt, insbesondere der Jugend — man lausche in diese Kreise hinein! — völlig gleichgültig, entfremdet diese „dialektische Theologie", wenn sie in Predigt und Seelsorge zum Ausdruck kommt, den Pfarrer noch mehr als bisher dem Volke. Beiden werde sie zum Segen als Warnung vor der Vermenschlichung Gottes, die im abklingenden neunzehnten Jahrhundert zu Worte kam; aber sie hindere nicht, Gott dort zu finden, wo wir ihn allein erleben können, den Gott in uns, ohne welchen das Schriftwort toter Buchstabe wäre. Dieser wie jeder Schulweisheit gegenüber sind wir uns des Ungenügens menschlicher Worte bewußt. Was wir von Gott aussagen, trägt Menschengestalt, ist Steigerung dessen, was wir am Menschen am höchsten schätzen. Es gleicht dem Stammeln des Kindes! Wir kommen dem Wesen Gottes vielleicht am nächsten mit dem Johanneswort „Gott ist Liebe", der wir uns nähern, „so wir Liebe üben unter einander" (Ev. Joh. 13,35). Jesus, auf dem Boden einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung stehend, sprach „Abba, lieber Vater" — die Erinnerung an den Mutterschoß wirkt fort in dem Gnadenmantel, mit dem die Gottesmutter der alten Kunst hilflose Menschlein schützend umfängt. Jedes Zeitalter spricht von Gott in seiner eigenen Sprache. So schrieb mir neulich ein Arbeiter, indem er sich zum Atheismus bekannte: er leugne Gott und glaube an „das Gute, das in sich selbst evident ist", worauf ich antwortete, er habe damit vielleicht die zeitgemäßeste Definition des Gottesbegriffes gegeben; ob er den Buchstaben u oder o brauche, sei völlig gleichgültig. „Name ist Schall und Rauch." Der Rest ist 16 Schweigen und gerade in diesem Schweigen ist Gott vernehmbar. Er spricht in den Tiefen der Seele und rauscht durch die Weiten der Weltgeschichte. Er ist jedem zuzumuten, der über die Tierheit hinaus „Mensch" sein will. Er ist Sache des Gewissens, nicht des Wissens, des Entschlusses, nicht des Beweises. Er ist Sache des „ewigen Ja" gegenüber dem ewigen Nein des alten Adam. Laut und vielstimmig ertönt dieses Nein in unseren Tagen der Zersetzung niedergehender Denk- und Lebensformen. Um so anschwellender erklingt der Unterton des Ja in der Seele des aufsteigenden Zeitalters. Über sein Schicksal, ob Chaos oder Kosmos, entscheidet letzthin die Frage, was es zum Standort wählt: Zeit oder Ewigkeit? Sein Schicksal — dein Schicksal! II. Gott im Menschen Gott ist im Menschen als „das wahrhaftige Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt" (Joh. i, 9). Er spricht, oft überhört, in allen Lebensäußerungen des Menschen. Die alten Täufer nannten ihn das „innere Licht", den „Gottesfunken", den „Samen". Eines kosmischen Vergleiches uns bedienend, denken wir dieses innere Licht als „die Ausstrahlung des Zentrallichtes im geistigen Universum" (Ru- fus Jones). Als Christen glauben wir, daß das göttliche Licht mit besonderem Glanz und in unnachahmlicher Fülle in dem Menschen Jesus zum Durchbruch gekommen ist, ohne die Gott- gesandtheit anderer Propheten und Religionsstifter zu leugnen. Wir nennen mit der alten Kirche Jesus den Meister, den Herrn, den Heiland, den Gottessohn, den Logos — den Christus, der in jedem Menschen zur Auferstehung kommen soll. Sein Tod ist in den Sieg, Karfreitag ist in Ostern verwandelt. Diese Grundüberzeugung, die den ersten Jüngern versichtbart wurde, haben die Theologen zur Christologie ausgebaut. Aber über alle Lehre hinweg wird Jesus dem Christen ein höchst persön- 2 Schulze-Gaevernitz, Abendland liches Erlebnis, das jeder in eigener Sprache ausdrückt oder — verschweigt. Er ist zudem ein fortschreitendes Erlebnis, das im Leben des Gottsuchers sich vertieft. Zu jedem spricht er in dessen eigener Sprache: anders zu dem frommen Mütterchen und der sorgenden Krankenschwester als zu dem Allbefreier Kant oder dem Weltumfasser Hegel, auch Christen! Anders hört ihn der Mensch in der Lebensfülle als auf dem Sterbebett. Heute naht er so manchem Wanderer als unerkannter Weggenosse, wie einst den Jüngern vor Emmaus. Den Beleg der Jüngerschaft suchen wir in der Nachfolge des Herrn. Freude, Friede, Freundschaft leuchten aus dem Auge des echten Jüngers: Freude als Grundstimmung des Lebens, Friede mit aller Umwelt, Freundschaft mit dem Leben, das uns heute nahekommt, ob Mensch oder Tier. Aus dieser Gesinnung werden Werke fließen, auch irdische Erfolge nicht ausbleiben. Unserer menschlichen Schwäche bewußt, sind wir in diesem Sinne „werkheilig" — nicht gebrochene Knechtsseelen, sondern heldenhafte „Mitstreiter" Gottes (Phil. 2 v. 25). Wir glauben mit der alten Kirche, daß Heiligung bis zu einem gewissen Grade schon auf Erden erreichbar ist — unter Vor antritt der glorreichen Blutzeugen jeder guten und gottgewollten Sache bis zum heutigen Tage. Der Gott im Menschen mahnt uns, aus eigener Kraft um das Heil zu ringen, dann werde Gottes Segen nicht ausbleiben und Gottes Wunder den Sieg schenken. Diese hoffnungsvollen Worte widersprechen dem Zwange zum Bösen nach Luther. Sie widersprechen dem Gericht, dem nach Calvin alles Irdische in gleicher Weise verfallen ist. Sie befreien die deutsche Seele von den Fesseln, die seit dem Reformationszeitalter ihre Schwungkraft einschnürten. Der Deutsche glaubt heute wieder an das Erbgute, welches letzthin das Erbböse überwiegt. Er glaubt an ein wertvolles Erbgut an Blut und Seele, das er von den Vorfahren überkommen hat, das er pflegen und steigern soll, um es als köstliches Vermächtnis den Nachfahren weiterzugeben. Übersteigertes Sündenbewußtsein, das immer wieder zu Fall 18 kommt, ist unvereinbar mit der „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes" (Rom. 8, 21) — es entspricht dem Obrigkeitsstaat, welcher die Zerknirschung des Untertanen liebte — es ist unvereinbar mit einem Staate, der die Mitarbeit starker und aufrechter Männer und Frauen erheischt, einem Staate, der zur Freude aufruft. Die offizielle Reformation hat den menschlichen Willen an das Böse gebunden und damit die Prädestinationslehre unvermeidlich gemacht. Dagegen bekennt sich Jesus in programmatischem Worte, die ganze Tragik seines Volkes umfassend, zur menschlichen Freiheit. „Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie die Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt." Ihr habt nicht gewollt; ihr hättet wollen können; ihr könnt noch wollen; niemals zu spät (Math. 23 v. 37 u. 39, Rom. 11, 26). Mit diesem Worte verzichtet der Heiland darauf, Widerwilligen Gnade einzupumpen, wie der Küfer den Wein in das leere Faß. Wir von heute glauben an die menschliche Freiheit als ein Vermögen auch zum Guten; sie ist uns die Gewähr unseres göttlichen Ursprungs. Uns ist das Leben nicht eine Kette fortgesetzter Niederlagen, sondern ein planvoller Aufbau. Nicht erfolglos ist das Streben nach oben, wenn auch das letzte Ziel erst in einer anderen Welt erreicht wird. An Stelle pflichtmäßiger Betätigung bei sehr beschränkter Erfolgsmöglichkeit tritt freudige Siegesgewißheit. Drei Gebiete sind es, welche der menschlichen Freiheit zur Beherrschung, Neuordnung, letzthin Vergöttlichung aufgegeben sind: die eigene Seele, der eigene Körper, die Umwelt. Die Umwelt setzt zunächst zähen Widerstand entgegen. Die Verzweiflung der Ohnmacht möchte uns beschleichen gegenüber der sozialen Sünde, die uns alle umstrickt, der keiner entrinnt, der mit dem Gelde hantiert. „Pecunia olet" (Geld stinkt) könnte man in Umkehrung eines bekannten Sprichwortes sagen. Wir kennen nicht, aber wir ahnen den Schweiß und das Blut, die am Gelde kleben, den Wucher und die Gewalttat, die es erpreßt haben. Ist es auf seinem Kreis- lauf durch Himmel oder Hölle, durch Banken oder Bordelle geflossen? Gegenüber dem Unglauben und der Ichsucht des Zeitalters, gegenüber millionenhaftem Hungerelend und Arbeitslosigkeit, gegenüber der Überproduktion und Unverkäuflichkeit der notwendigsten Lebensgüter, gegenüber dem Wirtschaftskriege und der Kriegspsychose, welche die Welt lähmen und Europa zerfleischen, bekennen wir nur zu leicht unser Nichtkönnen. Auch ein starker Staat wird dieser Sündflut nur sehr schrittweise urbares Land aberobern können. Wir haben am falschen Ende angegriffen. Ein Gebiet gibt es, welches mit Gottes Hilfe voll und ganz unserer Herrschaft untersteht: die eigene Seele und durch seelische Umstellung der eigene Körper — das Ich als psychophysisches Naturwesen. Nur neue Menschen werden die neue Gesellschaft aufbauen. Keine Weltbeherrschung ohne vorangehende Selbstbeherrschung, keine soziale Reform ohne Selbstreform! In dieser Hinsicht sind wir, Kinder des 20. Jahrhunderts, außergewöhnlich günstig gestellt. Die Naturwissenschaft bietet uns mächtige Mittel der Naturbeherrschung. Physik und Chemie haben die äußere Natur weithin unterworfen. Wir haben den Stickstoff zum Aufbau unserer Nährpflanzen derselben Luft entnommen, die wir im Flugzeug durcheilen. Aber noch verhindern die Mängel der sozialen Ordnung, daß sich diese Erfolge zu unserem Nutzen auswirken. Bedeutet die Technik nicht auch gesteigertes Mittel zum Bösen? Giftgas! Maschine? Wir stehen heute vor einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte: Naturbeherrschung durch Wissenschaft verspricht in nicht zu ferner Zukunft ein technisch gesichertes Gleichgewicht der Lebensversorgung bei kürzerer Arbeitszeit als Vorbedingung gesteigerter Kulturleistung. Aber erst unsere Enkel werden dieses gelobte Land betreten, wenn wir ihnen Vorarbeit an uns selbst geleistet haben: Soziale Neuordnung erfordert sozial eingestellte Menschen seelischen und körperlichen Gleichgewichts. 20 In dieser Richtung eröffnen die Fortschritte der Psychologie und der Biologie ungeahnte Möglichkeiten zur Bearbeitung der Ichwelt, die uns keine Umwelt bestreitet. Das Meer des Unterbewußtseins wurde entschleiert. Psychotechnik lehrt uns, dieses Meer zu glätten und zu befahren. Unerhörte Fernen eröffnen sich. Unseren Vorfahren wäre die drahtlose Telegraphie als Hexerei erschienen; für uns rücken die Geheimnisse der Telepathie in den Bereich des Begreiflichen. Der Psychotherapie erschließen sich Möglichkeiten, welche an die Heilwunder der biblischen Erzählung heranstreifen. Eine Therese von Konnersreuth ist heute kein Schwindel mehr, wie unsere Wissenschaftler bis vor kurzem erklärt hätten, sondern ein ernstes und dringliches Problem der psychologischen und physiologischen Forschung. Wir haben die Mittel seelischer und damit körperlicher Neuordnung an der Hand, wenn wir auf jene letzten Normen des Seelenlebens zurückgreifen, deren Nichtbefolgung den Menschen dem „Irrsinn" überliefert. J.J. Fries war als Kantschüler Vorläufer dieses seelenkundlichen Weges zu Gott, den Freud zu gehen verschmähte. Im engsten Zusammenhang hiermit stehen die Fortschritte der Biologie. Die Naturheilmethode hat Tausenden unserer Volksgenossen Lebensfreude und Lebensfülle zurückgegeben. Dankbar gedenken sie eines Prießnitz und Kneipp als Vorläufer. Biologische wie psychologische Wege leiten über körperliche und seelische Leiden hinweg zur „Harmonie mit dem Unendlichen" (R. W. Trine). Die soziale Unruhe unserer Tage beruht nicht zuletzt auf körperlicher Anbrüchigkeit, die sich in seelischer Zerrissenheit entlädt. Wer sich in seiner Haut nicht wohl fühlt, ist unzufrieden mit sich und der Umwelt. Erst der freudige Vollmensch, der seine eigene Seele und seinen eigenen Körper geordnet hat, wird schrittweise, als Träger des göttlichen Auftrags, die Umwelt verbessern, vergöttlichen — erst die kleine Umwelt in Familie und Beruf, dann die große in Staat und Wirtschaft. Der vom Zeitgeist so begünstigte Sport wirkt in der gleichen Richtung, wenn er die Gefahr 21 seelenloser Rekordsucht vermeidet und höheren Zwecken sich einordnet. Die Vererbungslehre als derjenige Zweig der biologischen Wissenschaft, welcher die Entstehung, die Erhaltung und die Veränderung der Arten des organischen Lebens zum Gegenstand hat, steht heute im Mittelpunkte des Tages — ohne Zusammenhang, ja in scheinbarem Widerspruch mit den christlichen Erbbeständen. Ihre Eingliederung in eine religiöse Weltanschauung ist vielleicht das dringendste Problem, das unsere beste Jugend bewegt. „Art" (Spezies) ist die begriffliche Zusammenfassung von Lebewesen ähnlicher Erbanlagen, deren Unterarten als Rassen bezeichnet werden. Väter der wissenschaftlichen Vererbungslehre waren Darwin und Weismann. Ersterer hat die Entwicklung des organischen Lebens einschließlich der Entstehung der Arten aus der Naturauslese durch den Kampf um das Dasein erklärt, wobei er die Variationen unter den Einzelwesen als gegeben hinnahm. Letzterer hat diese Variationen auf Veränderung des Keimplasmas der Sexualzellen zurückgeführt und die Vererbung erworbener Eigenschaften — nicht unbestritten — in das Reich der Fabel verwiesen. Welche Ursachen die Veränderungen des Keimplasmas herbeiführen, ist bisher „rätselhaft", obgleich in einzelnen Fällen willkürliche Veränderungen herbeigeführt wurden, z. B. durch Röntgenstrahlen — wohl auch durch Alkohol und Syphilis. Hat man unter der Annahme der Beseeltheit aller Zellen, insbesondere der Sexualzellen, schon an psychische Einflüsse auf das Keimplasma gedacht, wie solche den Stoffwechsel tiefgreifend beeinflussen können? Die Vererbungslehre als echte Naturwissenschaft behandelt wertfrei Pflanze, Tier und Mensch und sucht die gemeinsamen Gesetze aller Vererbung, deren erste Formulierung dem Augustinermönch Gregor Mendel verdankt wird. Die Pflanzen- und Tierzüchtung setzt an Stelle der Naturauslese die künstliche Auslese, indem sie nur diejenigen Lebewesen zur Fortpflanzung zuläßt, deren Eigenschaften dem 22 Züchter erwünscht sind. Es ist erstaunlich, welche umgestaltenden Wirkungen der Züchter schon in wenigen Generationen hervorbringen kann. Man denke an die Verschiedenartigkeit von Hunde- und Pferderassen, deren Abstammung vom gleichen Erbstamm kaum glaublich erscheint. Francis Galton ging darin voran, die Ergebnisse der Vererbungslehre auch auf den Menschen anzuwenden. Die Technik, welche durch bewußt geleitete Fortpflanzung den Menschen zu „veredeln" unternimmt, heißt Eugenik. Ihre Anwendung begegnet zunächst der Schwierigkeit, daß auf dem der Eugenik so nahe verwandten Gebiete der Erotik der abendländische Mensch jeden Zwang leidenschaftlich ablehnt. Aber mehr als dies: zwischen Tier und Mensch besteht der grundsätzliche Unterschied, daß Wirtschaft oder Mode dem Züchter die Ziele der Züchtung aufgeben. Für den Menschen dagegen steht keine „Zuchtrichtung" fest, indem die Naturwissenschaft keine Wertmaßstäbe enthält, ja ihrem Wesen untreu wird, wenn sie sich um solche bemüht. Daher entnehmen die Eugeniker ihre Maßstäbe unbesehen, oft kritiklos der sozialen Umwelt, als Gelehrte vielfach dem Intellektualismus eines absterbenden Zeitalters. Welche Rassen, welche Volksschichten sind die begabteren, die zu erhaltenden und fortzupflanzenden? Ist das „Bessere" nach Schulleistung, Gehirngewicht oder gar Hutweite (!) festzustellen?? Sind die Wohlhabenden die „besseren Leute", als ob nicht so manche der menschlichen Großen in ihrer Jugend gehungert hätten? Als ob in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht kühle Rechenhaftigkeit, harte Ichsucht, oft schwindlerische Skrupellosikeit zu Besitz führen. Ist der Primus omnium als der Erste einer Oberprima, der millionenschwere Bankdirektor, die ordensübersäte Exzellenz „besser" als der träumerische Poet, der gottselig hungernde Hausweber, der unbekannte Soldat, der sich als Held offenbarte? Ist der hartherzige Herr, der sich abwesend durch die Arbeit seiner Diener bereichert, „besser" als der getreue Verwalter, der arm bleibt, während er fremdes Gut verwaltet? 23 Ist nicht er, sind nicht die Armen unsere Quartierbereiter in den Hütten der Ewigkeit? (Luk. 16, 9.) Ist Lebenserhaltung, ist langes Leben an sich ein würdiger Lebenszweck? Ist jenes Athen, das in zwei Jahrhunderten einen Aeschylos und Phidias mit einem Piaton und Aristoteles zusammenfaßte, weniger wertvoll als der epirotische Bergstamm, der das Dämmerdasein der Jahrhunderte heute noch fortführt? Wir werten das menschliche Leben nach den Leistungen, die es hervorbringt. Unsere Maßstäbe entnehmen wir dem System der Werte, welches keine Naturwissenschaft, sondern die Übernaturwissenschaft der Metaphysik und die Religion als die volkstümlichste und wirkungsvollste Metaphysik uns darbieten. Ohne solche Maßstäbe tappt der Eugeniker im Dunkel. Wenn er gelegentlich den lieben Gott als Nothelfer herbeiruft, so wird sich dieser als Mittel für irdische Zwecke versagen. Die Ichsucht des Menschen wird die Ratschläge des Eugenikers in den Wind schlagen. Ist Gott das Ziel der Ziele, so strömt er Wert in alle unsere Aufgaben. Insbesondere heiligt er den eugenisch leitenden Wert des Volkstums. Wenn unser Volkstum uns mehr bedeutet als eine beliebige Spielart der Gattung homo sapiens, die uns zu nichts verpflichtet, dann ist es darum, weil wir der Überzeugung sind, daß Gott noch Großes mit unserem Volke vorhat, daß seine Rolle noch nicht ausgespielt ist, ebensowenig wie die Rolle der abendländischen Völkergemeinschaft. Die biologische Wissenschaft enthüllt mit den Gesetzen der Vererbung die ungeheueren Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten der Fortpflanzung. Aber nur der gläubige Mensch wird stark genug sein, jene Kenntnisse in die Tat zu übersetzen, indem er über die kurze Spanne seines Erdendaseins hinaus sich in seinen Kindern und in seinem Volke bejaht. Indem die Eugenik körperliche und seelische Entartung bekämpft und damit den göttlichen Schöpfergedanken wiederherzustellen sucht, dient sie dem Willen Gottes auf Erden und bereitet Bausteine dem kommenden Gottesreiche. Biologie ist keine Weltanschauung, Eugenik keine 24 Religion. Eine Biologie, welche durch Erbgebundenheit die menschliche Verantwortung aufhebt, durch den Rassenbegriff die Allgemeingültigkeit von Wahrheit, Pflicht und Gnade zersetzt, die damit den grundsätzlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier beseitigt, ist Materialismus, nicht anders als der Atomismus des 19. Jahrhunderts. Je weniger die Naturwissenschaft den Sinn und die Aufgabe des Lebens dem Menschen zu deuten vermag, obgleich sie ihm ungeheure Mächte in die Hand gibt, um so wichtiger wird die Überlieferung der religiösen Werte, welche nicht im luftleeren Räume, sondern nur dem Boden der Historie erwachsen. Ist es wohl möglich, unseren Kindern die Irr- und Umwege zu ersparen, welche unser Zeitalter von Gott ab und zu ihm zurückführen, nicht ohne daß viele Wanderer im Sumpfgebiet des Unglaubens und der Entartung steckenbleiben? Können wir nicht die Schlacken hinwegräumen, die den Durchbruch des inneren Lichtes in jugendlichen Seelen erschweren, oft verhindern? Tatsache ist, daß der übliche Religionsunterricht dieses Ziel in vielen Fällen verfehlt, in manchen sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was er bewirken will. Trotzdem wollen wir ihn nicht missen, indem er zunächst wenigstens Kenntnisse vermittelt, die wichtigste Kulturbestände geworden sind. Er bette das christliche Erbgut in die allgemeine Religionsgeschichte, welcher der Monotheismus des alten Testaments zuzurechnen ist. Er lege den Hauptnachdruck auf das Leben und die Lehre Jesu. Er präge die Worte des Herrn und der großen Apostel als Leitsätze ein, welche oft erst nach Jahrzehnten in der Seele des Weltkindes aufklingen. Man muß sie in der Jugend dem Gedächtnis einverleibt haben, wenn auch zunächst nur als geschichtliche Tatsächlichkeit. Unglaublich ist das Maß an Unkenntnis der christlichen Überlieferung, welche breite Teile unseres Volkes geradezu als Gebiet der sog. „äußeren Mission" erscheinen läßt. Eine im übrigen nicht ungebildete Studentin sagte mir: die zehn Gebote stammen von Jesus. Dieser Zustand hat auch 25 seine Vorzüge, wenn der Erwachsene unbelastet durch irgendwelche Vorkenntnisse und Vorurteile zur Bibel als einem fremden Buche greift; aber wie wenigen fällt es in die Hand! Wichtiger als aller Unterricht ist das Beispiel der Eltern, Erzieher und Wohltäter, wenn diese den Gottesglauben nicht nur bekannten, sondern zur Gemeinde der „tätig ihn Preisenden" gehörten. Die Erinnerung an sie führt durch den Weg der Liebe zur Ehrfurcht vor dem Gott im Menschen und dem Gott über dem Menschen, dem höchsten Ziel aller Erziehung. Tatsache ist die völlige Religionslosigkeit breiter Teile unseres Volkes, die nicht einmal mehr Gegnerschaft ist — der Theist und der Atheist stehen sich darin nahe, daß sie die Frage: Gott? als wichtig betrachten. In welcher Weise ist an die Erwachsenen heranzukommen, die weder Predigt noch Schule mehr erreicht? Sehr beachtenswert sind die englischen „adult schools", die am Sonntagvormittag solche Menschen sammeln, die den Kirchgang aufgegeben haben. Sie behandeln in freier Rede und Gegenrede im Anschluß an Bibelstellen, Dichterund Philosophenworte, die innerlichen Probleme des Lebens. Arbeiter und Arbeitgeber treffen sich hier auf gleichem Fuße. Tausenden wurde durch diese Adult schools als zeitgemäße Sonntagsschule die Heimkehr zum ewigen Vaterhause vermittelt. Soweit die Familien noch in geistiger Gemeinschaft verbunden sind, dient die gemeinsame Sammlung auf einen Gottesgedanken der Befestigung des besten Erbes der Väter. Es ist erstaunlich, welche Stärkung von solcher Erbauung der Hausgenossen ausstrahlt, wenn sie lebendig ist und die ausgefahrenen Geleise des Hausgottesdienstes vermeidet. Wie immer wir diese Einzelfragen beurteilen, unser ganzes Kulturgebäude einschließlich der Naturwissenschaft bricht zusammen, wenn eine falsch verstandene Naturwissenschaft den Gott im Menschen entwurzelt. Gott hat den Menschen erschaffen auf anderer Ebene als die Natur: Geschaffen nach Gottes Ebenbild zur Freiheit und berufen zur Gottes- 26 kindschaft durch Gnade. Der Mensch ist mehr als Natur — nicht zuletzt auch durch die Leuchte der Wissenschaft, welche Gott dereinst durch den griechischen Genius im abendländischen Menschen entzündet hat. III. Gott in der Menschheit. Der Gottesgeist spricht in der Tiefe jeder einzelnen Menschenseele; aber er offenbart sich ebenso in der Breite der Menschheit. Die Menschheit ist ein Wertganzes, das den letzten, in Gott gipfelnden Zweck in einer Fülle von Einzelaufgaben verwirklichen soll. Dem Heilsplan Gottes ist nichts Menschliches fremd. Dies die „Universalität der Gnade" — ein Grundgedanke des Mittelalters, der im Täufertum fortlebte, für welchen Quäker durch Puritaner noch im 17. Jahrhundert auf Boston Commons den Märtyrertod erlitten haben. Aus dieser Quelle schöpfte der deutsche Idealismus den ihm eigentümlichen Begriff der Kultur — ein Wort, an dem wir im Sinne unserer Vorfahren festhalten, nachdem es in seiner Abgegriffenheit und Verschwommenheit dem Gespött und der Verachtung anheimgefallen war. Unter Kultur verstehen wir die Gesamtheit der Werte des sozialen Ganzen, die den einzelnen verpflichten und der Gottesoffenbarung durch die Geschichte eingliedern: „das zu Pflegende" (Rickert). Ohne solche Eingliederung ist der einzelne „ein unwirklicher Schatten" (Hegel). Es ist Sache der Philosophie, diese Werte zu einem widerspruchslosen System zusammenzufügen, wozu Hegel den größten, wenn auch zeitgeschichtlich gebundenen Versuch gemacht hat. Kein Lebensgebiet, das dem Wirken des Gottesgeistes entrückt und seiner weltlichen Eigengesetzlichkeit zu überlassen wäre — nicht Wissenschaft und Kunst, noch weniger Wirtschaft und Politik. Abgetrennt vom religiösen Zentrum werden sie zum Tummelplatz der Dämonen. 27 Es gilt dies auch von dem Nebeneinander der Völker. Kein Volk, das nicht in den Heilsplan eingeschlossen wäre. Auch „an den äußersten Grenzen des Pontos", wo immer der Missionar hinkommt, ist nach einem schönen Worte Zinzen- dorfs der heilige Geist schon vorher zu Besuch gewesen. Insbesondere gilt dies von den großen Kulturvölkern Asiens, mit denen der abendländische Geist gerade heute in das Verhältnis der Gabe und Gegengabe tritt, dem die politische Gleichberechtigung folgen muß. Wieviel können wir von diesen Völkern des Ostens lernen, welche, gesammelt auf das Wesentliche des Lebens, ihr biologisches Erbgut durch die Jahrtausende hüteten, während wir das unsere in der Hast der Großstadt, auf dem Altar des Mammon verschleuderten. Eine west-öst- liche Menschheitskultur ist im Aufsteigen, in der das Abendland mehr zu geben hat als Maschinen, Panzerschiffe und V erfassungsparagraphen. Aber der göttliche Heilsplan umfaßt nicht minder das zeitliche Nacheinander der Geschichte. Es gibt keinen Unterschied zwischen heiliger und profaner Geschichte. Die Menschheit erhebt sich aus dem Triebleben der Natur, um durch Sünde und Gnade, durch Halbkultur, Fehlkultur und Hochkultur dem Gottesreiche zuzureifen. Ihre Anfänge verlieren sich in das Dunkel der Urgeschichte; sie liegen dort, wo der Mensch die Abweichung von den Gesetzen des Lebens als wertwidrig empfand und in sich die Fähigkeit entdeckte, durch freie Tat diese Gesetze wiederherzustellen. Dies vermag der Mensch! Nicht vermochte dies der dem Aussterben verfallene Saurier, welcher dereinst die Erdoberfläche so beherrscht hat, wie heute der Mensch. Die Unterwerfung unter die Gesetze des Lebens, die als Wille der Gottheit bejaht werden, mag im Ritus verhüllt sein, z. B. in Speise- oder Waschungsgeboten; sie mag monarchisch verbrämt sein, z. B. in der göttlichen Abstammung der Königsfamilie; sie mag das Gesetz der Polis (griechischer Stadtstaat) mit religiöser Weihe umkleiden, der zuliebe ein Sokrates den Schierlingsbecher trinkt. Immer liegt die Menschwerdung 28 dort, wo der Abfall vom Gesetz ins Bewußtsein tritt, im „Sündenfall" nach der tiefsinnigen Symbolik des Alten Testaments. Den entscheidenden Fortschritt für die Vereinheitlichung der Geschichte brachte die Idee von der Menschheit als einer den Globus umwohnenden Gesamtheit, welche der Ordnung in einem Friedensreiche zustrebt: die sog. „Ökumene". Dieser Gedanke, in den asiatischen „Weltreichen" vorbereitet, kam im Hellenismus zum Durchbruch und wurde als „pax Romana" von den „guten" Kaisern Roms aufgenommen. Er wurde gefördert durch die Erkenntnis von der Kugelgestalt der Erde, welche — den Babyloniern wie den Ägyptern noch unbekannt — bei den Pythagoräern und Plato blitzhaft auftaucht, um für Aristoteles und Alexander als Gemeingut der Gebildeten in Geltung zu stehen. Gegenüber der Unbegrenztheit der Fläche enthält die Kugel die Idee der Geschlossenheit. Die Begründer des Christentums fußten auf dem Gedanken der Ökumene. Jesus pries die Barmherzigkeit des verachteten Samariters, er heilte das kananäische Weib, er befreundete sich mit dem römischen Hauptmann, er speiste mit unreinen Zöllnern und sprach, als erstmalig Griechen ihm nahten, das Wort: „Die Stunde ist gekommen, da des Menschen Sohn verherrlicht wird." (Ev. Joh. 12, 20—23.) Sein Abschiedswort an die Jünger enthält den Auftrag, hinauszugehen in alle Welt, alle Völker zu lehren, womit die Gliederung der Menschheit nach völkischen Sonderheiten anerkannt ist. Der Gottesgeist senkte sich auf die Jünger herab, als sie „in einem Geiste", d. h. als eine im Herrn verbundene Gemeinschaft, beisammen waren. Er sprach durch sie zu jedem Volke in dessen eigener Sprache. Angesichts einer unendlich reichen Historie, im Brennpunkt der damaligen Kultur, bekannte sich Paulus auf demAreopag zu Athen zur Ökumene: „Gott machte alle Völker aus einem Blute, das ganze Antlitz der Erde zu bewohnen." (Ap.-Gesch. 17, 26.) Das Christentum umfaßt in historischer Weltanschauung die gesamte Geschichte als einen einheitlichen Verlauf, 29 aufgipfelnd in dem einen Manne, der zur „Sinnesänderung" aufrief, sich ausweitend in die Breite der Menschheit, hinstrebend auf das eine Ziel des Gottesreiches. Insofern stehen für den Christen, welchen Bekenntnisses er immer sei, die Ereignisse, die sich unter Augustus und Tiberius in Galiläa und Judäa abspielten, im Mittelpunkt der Menschheitsgeschichte. Jede Geschichtsschreibung, welche diese Ereignisse beiseite schiebt oder ganz verschweigt, ist unchristlich. Diese geschichtliche Weltanschauung unterscheidet das christliche Abendland grundsätzlich vom Osten. Indien und der von Indien ausstrahlende Buddhismus überwindet alles Kreatürliche in der Allmacht des leidenden Alleinseins; es überwindet insbesondere den Zwang zur Individuation, das Karma, als eine ewig vergängliche Wiederholung. Der Mensch erlebt die Spaltung zwischen Kern und Schale und wirft die Schale von sich. In der sozialen Umwelt spielt er seine Rolle, ohne an diese Maske zu glauben — womöglich unter Verzicht auf alle Akte. Die Welt ist reif zum Untergang durch Machtrausch und Trägheit. Der Mensch findet Erlösung, indem die Welt sich in Schein auflöst, zur „Phantasmagorie" herabsinkt. Indien entschied sich für Weltflucht, Askese, gegen altarisches Heldentum seiner eigenen Vergangenheit. Dem Abendländer ist dagegen die irdische Welt wahr, wenn auch vergänglich; denn sie ist dem Menschen aufgegeben zur Erhöhung in das Dasein einer wahreren Welt. Jesus hat diese „wahrere Welt" hinter der Erfahrung des sinnlichen Seins erlebt und gelehrt; er hat als wirklicher Mensch gelitten — die Passion war kein Scheinspiel eines leidlosen Gottes (Doketis- mus) — aber er hat am Kreuze die Macht der Dämonen gebrochen, diese Welt überwunden, den Sieg des Ostern erfochten. Als ein Held hat er heldenhaften Jüngern die Fortführung dieses Kampfes aufgegeben. Im kollektiven Vorstoß gegen den Satan baut die Ecclesia militans (die streitbare Kirche) die Welt neu auf, hier kämpfend, dort als Gemeinschaft der Heiligen triumphierend. Belehrt vom Gottesgeiste, werden die Jünger weiter in der Wahrheit vordringen und 3° größere Werke verrichten, als sie der Meister in seinem Erdengange mitteilen und verrichten durfte. Im Drama der Weltgeschichte werden sie das Gottesreich versichtbaren. Jede Nation dient ihm zu ihrer Zeit mit ihrer Gabe. So ist die Geschichte die Fuge eines göttlichen Meisters, in der die Stimmen der verschiedenen Völker nacheinander zum Ausdruck gelangen (Goethe). Das Gottesreich wächst, wie aus kleinstem Samen der Baumriese die Welt überschattet, wie aus kleinen Bausteinen gefügt der Kuppelbau der Kirche die Menschheit überwölbt, das Bild des Herrn als das Licht der Welt in der Mitte der Apsis. Keimzellen oder Bausteine des Gottesreiches sind alle Gemeinschaften, in denen der Geist echter Solidarität herrscht nach dem Worte „alle für einen, einer für alle" (I. Kor. 12, 14—27). Solche Bruderschaften, Genossenschaften, Kameradschaften sollen zu einem Leibe zusammenwachsen, dessen Glieder hier auf Erden tätig, durch das himmlische Haupt, den verklärten Herrn, geleitet werden. „Ihr seid der Leib Christi und Glieder, ein jeglicher nach seinem Teil" (Paulus). In großartiger Konzeption hat das Mittelalter einen genossenschaftlichen Aufbau erstrebt, der jedem an seiner Stelle Brot und Ehre gibt und in hierarchischer Gliederung zum doppelten Imperium als einem geistlichen Amte aufsteigt. Seit der berühmten Enzyklika Leos XIII. „rerum novarum" (1891) hat die katholische Kirche diese Grundgedanken auf die sozialen Probleme der Gegenwart angewendet und verdankt dieser berufsständisch genossenschaftlichen Einstellung nicht in letzter Linie ihre Berührung mit den innersten Strebungen der Gegenwart — vergangenheitsgesättigt — zukunftsträchtig. Die offizielle Reformation hat die Rettung der Einzelseele in den Vordergrund gestellt. Sie hat Großes hervorgebracht, indem sie den Menschen auf sich selbst verwies, ihn seinem Gott allein gegenüberstellte (solus cum solo), indem sie die Auslegung des Bibelwortes dem Gewissen anvertraute und den Menschen damit auch weltlich entband. 3i Sie hat die überkommenen genossenschaftlichen Gebilde des Spätmittelalters zersetzt, den Menschen vereinsamt und den Reichsgedanken zu den „letzten Dingen" verflüchtigt. Sie hat im Puritanismus der Freiwirtschaft die Schleusen geöffnet und dem Kapitalismus damit die Wege geebnet, der so lange Kulturaufbau verrichtete, als er religiös bestimmt war. Sie hat den starken, selbstverantwortlichen und selbstbeherrschten Einzelmenschen in den Sattel gesetzt. Sie hat mit dem Freiheitsgedanken die anglo-amerikanische Weltvormacht in die Höhe getragen, deren Lebensnerv religiöser Natur war. Erst mit dem Absterben der religiösen Wurzel ist sie zum Liberalismus verflacht, zum Materialismus und Utilismus zersetzt worden. Sie hat mit dem Liberalismus dem Sozialismus der Entrechteten das Feld bereitet, in welchem der Mensch Vereinzelter bleibt, um als Prolet an Stelle des Kapitalisten den Genuß an der Tafel des Lebens zu fordern. Heute gilt es, das mittelalterliche Erbgut neu zu beleben und die „Reform der Reformation" zu Ende zu führen, welche dereinst in den bruderschaftlichen Gemeindebildungen der Täufer ihren Niederschlag gefunden hatte. Es gilt den Genossenschaftsgeist neu zu erwecken, der den ganzen Menschen erfaßt, im Gegensatz zum Verein, der vereinzelte Menschen vorübergehend für Nützlichkeitszwecke zusammenführt. Es gilt, den Reichsgedanken wieder zu verdiesseitigen, der als das „dritte Zeitalter" des Abtes Joachim (f 1205) durch Hus- sitentum und Täufertum gewaltige weltgeschichtliche Wirkungen ausgelöst und im britischen Commonwealth den Keim zum Weltreich gelegt hatte. Cromwells „Eisenseiten" waren Baptisten, keine Puritaner. Kein Wort, das dem Sehnen der Gegenwart, vor allem der deutschen Seele, so tiefen Ausdruck gäbe, als der Ruf nach Gemeinschaft. Über schöne Worte hinaus gilt es, die Gemeinschaft im engeren Kreise neu zu erleben. Es gilt dies insbesondere von der Keimzelle aller Gesellschaft, der Familie, die heute in so vielen Fällen zentrifugal auseinanderflattert: „Einer trage des andern Last." (Gal. 6, 2.) Dasselbe gilt von den Kameradschaften der 32 Jugend und der Arbeit, des Sports und des Wehrdienstes, in denen Volks- und Schicksalsgenossen über Besitz- und Bildungsunterschiede hinweg sich als Freunde und Brüder die Hand reichen. Die alles andere überragende Gemeinschaft der Gegenwart ist der auf nationaler Grundlage aufgebaute starke Staat. Diesem sind mit dem Verfall der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, mit der Zersetzung des liberalen Gedankens, mit der Technik des Verkehrs und der Massenbeeinflussung (Flugzeug, Radio) Möglichkeiten zugefallen, die vor einem Menschenalter noch unerhört erschienen wären. Dieser „Neue Staat", welcher so viel sein soll, ist nichts, wenn er nicht mehr ist als eine tote, mit Eisen verklammerte Maschine nach der Art des alten Obrigkeitsstaates. Wird es gelingen, ihn zur echten Volksgemeinschaft zu steigern und zum einheitlichen Volks willen vorzudringen über ziffernmäßige Stimmenmehrheit hinaus? In unserem Zeitalter der Revolutionen von unten, der Kriegsgefahren von außen, in einer waffenstarrenden Welt, hat kein Staat Bestand, der in Tagen der Not nicht auf die Zustimmung eines freien, opferbereiten Volkes zurückgreifen kann, der die breiten Mittel- und Unterschichten nicht seelisch erfaßt und die innersten Strebungen der denkenden Minderheit seinem Bette nicht zuleitet. Wird es gelingen, jene Verbände zwischen dem Einzelnen und der Nation des brüchigen Kittes der Nützlichkeit zu entkleiden und mit jenem Gemeingeist zu durchtränken, der den Eigennutz bändigt, von der Dorfgemeinde zur Millionenstadt, von der Werkgemeinschaft zum Berufsverbande, zur planwirtschaftlichen Zentrale? Alles dies sind allgemein abendländische Fragen, nicht weniger wichtig für England wie für Amerika, für Italien wie selbst für das konservative Frankreich. Kreist die abendländische Welt um die beiden Pole, Freiheit und Gemeinschaft, so handelt es sichheute um eine Schwerpunktsverlagerung zurGemeinschaft. Denken wir daran, wie Amerika—dereinst der Bannerträger starken Einzelmenschentums im Puritaner, 3 Schulze-Gaevernitz, Abendland 33 im Pionier, im Farmer, im Erfinder — heute um den starken Staat ringt. (M. P. Follett, The New State.) Ganz besonders weit schlug in Deutschland der Pendel zum Staate als der sich bejahenden und gestaltenden Nation. Ein Blick in die Zeitgeschichte erklärt die Leidenschaft dieses Rückschlags. Entscheidend war das Nachkriegserlebnis des namenlosen Kriegers, der in eine Welt des entfesselten Mammonismus heimkehrte, die in der Inflationszeit Giftblüten trieb. Es war der Protest des anständigen Kerls ebenso gegen internationales Schiebertum wie gegen hoffnungslose Schuldknechtschaft des deutschen Volkes — der Protest des an feste Führung gewohnten Frontkämpfers gegen notdürftig zusammengekittete Koalitionsregierungen als ohnmächtige Eintagsgeschöpfe. Diesen Protest verschärfte die in das Millionenhafte aufsteigende Arbeitslosigkeit und die verzweiflungsvolle Verelendung breiter Volksschichten, die durch rücksichtslose Deflation in das Unerträgliche gesteigert wurden. Hierzu kam die leidenschaftliche Ablehnung des Westens und der westlichen Ideologie, welche die deutsche Front und die deutsche Heimat von innen ausgehöhlt hatten. Im Waffenstillstand, den Lansing für Amerika und die Alliierten unterzeichnete, erwarb Deutschland ein Recht auf den Frieden der Gerechtigkeit, dieses schillernde Wort ausgelegt nach den 14 Punkten Wilsons, die durchaus eindeutig waren. Nachdem Deutschland sich einseitig entwaffnet hatte, folgte ein Frieden des Schachers und des Raubes, der das deutsche Volk auf ungeborene Geschlechter hinaus zu einem Sklavendasein verurteilte. Dieser ungeheuerliche Betrug war die schwerste Niederlage der westlichen Demokratie, welche dereinst im amerikanischen Freiheitskampfe, in der französischen Revolution, in der britischen Staatsweisheit die Welt in ihren Bann gezwungen hatte. Indem Deutschland unsinnigerweise gezwungen wurde, die Kriegsschuld als ein an der Menschheit begangenes Verbrechen anzuerkennen, verhinderte man die Deutschen daran, den eigenen Fehlern nachzugehen, die zu diesem Elend geführt hatten, und der fürchterlichen Gegen- 34 behauptung nachzudenken, daß sie wider Willen in einen Krieg mit der ganzen Welt geschlittert seien. In der Abwehr der Kriegsschuldlüge übersah man das Gegeneinander der Ressorts, den Zickzackkurs, der Deutschland in den Krieg und die Niederlage gesteuert hatte — kluge Männer in führerlosem Gegeneinander! In diese Welt der Zerrissenheit und Entrechtung, die dem Frontsoldaten Schande und Schwäche bedeutete, leuchtete als Vorbild echter und wirkungsvoller Gemeinschaft die Erinnerung des alten Heeres mit seiner Manneszucht, Kameradschaft, Geschlossenheit. Seiner Idee nach, wie sie einen Scharnhorst und Gneisenau erfüllte, hatte es freie Männer in schweigendem Gehorsam für die vaterländische Sache zu einem lebendigen und stoßkräftigen Körper zusammengefügt — unter einem sorgfältig gewählten, sachkundigen und gebildeten Führertum, welches zum Befehlen erzogen, das Schicksal der Mannschaft bis zum letzten zu teilen bereit war: der alte preußisch-deutsche Berufsoffizier in seinen besten und vorbildlichen Vertretern. Dieses Heer kehrte in die Heimat zurück, zäher Tatkraft, ungebrochenen Siegeswillens, bedeckt mit den Lorbeeren des Krieges, die seine Ehre gerettet hatten. Es fand den Staat zertrümmert, aber das Volk lebte. Aus den Trümmern des Zusammenbruchs stieg als leuchtendes Fanal, ein Feuerzeichen dem Vormarsch, der Gedanke des „Dritten Reichs." Moeller van den Bruck hat ihm Worte verliehen, die in ihrer Wucht und Leidenschaft Taten waren. Wer das heutige Deutschland verstehen will, auch der Ausländer, sollte dieses Buch kennen. (Moeller van den Bruck, „Das Dritte Reich", Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg, 1923.) Dieses Dritte Reich wurde imGegensatz gedacht zum zerbrochenenObrigkeits- staate, der für das Volk gehandelt und vom Untertanen lediglich Gehorsam und Ordnung, aber keine Seele gefordert hatte. Das Dritte Reich, ein Altpreußen, durchflutet von dem Geiste Steins und Fichtes, sollte als nationale und soziale Demokratie auferstehen, getragen vom Volkswillen, gegründet vom 3* 35 Führer durch die revolutionäre Tat. Es sollte vor allem die breiten Schichten des handarbeitenden Volkes einbeziehen, die während der Okkupationen kräftiger als die Bürgerlichen den Separatismus abgewehrt hatten. Beseitigung des Proletariats, Gleichwertung aller Volksgenossen, Entgelt nach Leistung, Sozialismus des berufständischen Aufbaus — wurden wenig geklärte, aber unendlich zugkräftige Leitgedanken! Aber dieses Dritte Reich, wie es der Traum der heranreifenden Kriegsgeneration wurde, ragte über Wirtschaft und Politik in das Schneegebirge der Metaphysik. Es ging um Höheres als um die Gemeinschaft des Staates, der Wirtschaft, der Sprache, des Bodens, selbst des Blutes — es ging um „die rätselhaften, unausgetragenen, erdhaften und weltweiten Werte der deutschen Seele"; es ging um Aufgaben, die dem deutschen Volke in der Zukunft auferlegt seien, die kein anderes Volk ihm abnehmen könne. Das Dritte Reich erschien als „Wertungsgemeinschaft". Aber Aufgaben — auferlegt von wem? Werte — welcher Art und welcher Rangordnung? Die Antwort auf diese Fragen blieb man schuldig. Man pochte an die Pforte, aber es fehlte der Schlüssel. Im Sturm der Leidenschaft, im Nebelmeer der Gefühle fehlte die Besinnung auf das unendlich reiche Geisteserbe der Väter, wo diese Fragen geklärt waren. Der Kundige sieht die Linien, die vom Dritten Reich über das Flachland des Materialismus und des Naturalismus zu jenen Gipfelriesen zurückführen, die, dereinst auf deutschem Boden verwurzelt, vom Gottesgeist durchglüht, noch heute über Völker und Jahrhunderte hinausleuchten. Es fehlen die Wegbereiter durch das dornige Gestrüpp der Literaturgeschichte — die Brückenbauer zum Pflichtgefühl Kants, zum nationalen Sozialismus Fichtes, zum Volksgeiste und Gott- Staate Hegels, zu jener großen Zeit, die inmitten des politischen Zusammenbruchs ein freiwilliges Weltreich deutschen Geistes begründet hatte. Nur Unkenntnis bezichtigt diese Vollender und Überwinder der westlichen Aufklärung des Intellektualismus und Libertinismus. Zwar hat Kant mit seinem Thors- 36 hammer die Fesseln toter Überlieferung und äußerer Autorität gesprengt, aber nicht zugunsten der Willkür des launenhaften Ich, sondern damit der kleine Mensch sich unterordne unter die allgemeingültigen Normen des Denkens und Handelns als Voraussetzung einer gemeinsamen Welt — Kant damit ein Bahnbrecher zum sozialen Ganzen! Fichte hat dem zerklüfteten, eigenbrötlerischen Deutschen die staatlich geeinte Nation als Aufgabe hinterlassen: frei unter freien Staaten, gestalte sie ihr Schicksal nach ihren eigenen Werten; als Meister der Wirtschaft, verwirkliche sie planmäßig mit der Pflicht zur Arbeit das Recht auf Arbeit und menschenwürdige Existenz. Hegel hat das Licht des Weltgeistes in die Strahlen der Volksgeister zerlegt; er hat den Einzelnen in eine Welt objektiver Werte eingebettet und den Staat als die versichtbarte Sittlichkeit so sehr erhoben, daß der Mensch darüber zu kurz kam. Sie alle überwölbend, ihre Einseitigkeiten einebnend, hat Goethe auf der Höhe seiner Vollendung dem Deutschen das Leitwort gegeben, das dem Sehnen des Dritten Reiches Sprache verleiht: „Mache dich zum Organ" — sei einseitig im Können eines Berufes zum Dienste des Ganzen; sei vielseitig in der Anteilnahme an allen menschlichen Belangen. In Wilhelm Meisters Wanderjahren, dieser Fundgrube reifer Lebensweisheit, faßt er seine politischen Grundanschauungen in Worten zusammen, die ein Jahrhundert vorwegnehmen: „Der Gesetzgeber und Regent muß die Volkheit hören, nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernünftig, beständig, rein und wahr. Dieses weiß niemals für lauter Wollen, was es will, und in diesem Sinne soll und kann das Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verständige vernimmt, den der Vernünftige zu befriedigen weiß, und der Gute gern befriedigt." „Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht — wir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum bekümmern wir uns nicht — wir hüten uns nur, daß es nicht in Versuchung komme, es zu tun." 37 Aber tiefer als in die Welt unserer Klassiker wurzelt das „Dritte Reich" hinunter in das Zeitalter der Kirchenreformation. Zwar steht es in schneidendem Widerspruch zu dem duldenden Gehorsam, der nach Luther eine schlechte Obrigkeit als Zuchtrute Gottes hinnimmt; denn in revolutionärer Tat bäumt es sich auf gegen die „Novemberrepublik" als blutleerem Geschöpf äußeren wie inneren Zusammenbruchs. Nach Luther ist es dagegen nicht Sache des Christen, die weltliche Ordnung zu ändern: „Juristen mögen dazu raten". Nicht minder widerspricht die Kameradschaft und Führerschaft, an die das Dritte Reich glaubt, jenem Pessimismus, wonach irdische Beziehungen von Mensch zu Mensch keine religiöse Bedeutung haben: „in der Welt sein, heißt unter Teufeln sein". Die Welt zerfällt nach Luther in Licht und Finsternis — ohne Brücke! Das Dritte Reich aber leuchtet im Glänze der Ewigkeit — das „Endreich"! Nicht minder widerspricht das Dritte Reich der Hoffnungslosigkeit Calvins, nach dem die Welt endgültig unter dem Gerichte steht, ein Gegenstand lediglich des Berufsgehorsams der Erwählten zwecks äußerer Ordnung zur Ehre Gottes. Sehr folgerichtig verlangt daher der Neucalvinist Karl Barth die Verkündigung des „Wortes", wie er es auslegt, und nichts anderes von der Kirche, gleichgültig ob das Volk es wünscht und versteht oder nicht, in völliger Gleichgültigkeit gegenüber jeder besonderen Staatsform. Dagegen ist das Dritte Reich Sache des Glaubens: „die Kirche verkündige das Evangelium des Dritten Reiches". Aber nicht aus dem „Mülleimer des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts" stammt diese Waffe, mit der die Religion in die Politik vorstößt. In der Ver- diesseitigung des Reichsgedankens knüpft das Neue Deutschland an die täuferischen Überlieferungen an, die mit dem Blute unzähliger Märtyrer durchtränkt sind; es überwindet damit an Schwung den proletarischen Zukunftsstaat Marxens, der in bloßer Nützlichkeit verwurzelt ist. „Das Dritte Reich — werdendes Gottesreich" — erst mit diesem Bekenntnis scheint vielen seiner Anhänger die Reformation vollendet. 38 Diese aus der Tiefe der deutschen Seele und Geschichte aufwogenden Gedanken waren von um so größerer Schwungkraft, als ein halbwegs ebenbürtiger Gegner fehlte. Nur notdürftig verhüllten die Kulissen der Weimarer Verfassung das Nichts der Idee. Die Verfassungskünstler jener Tage hatten keine Ahnung von den religiösen Kräften, welche die Helden der westlichen Demokratie — einen Cromwell, Washington und Lincoln — durchflutet und ihre Heere zur Todesbereitschaft begeistert hatten. Papierne Paragraphen, ein schaler Aufguß, dem der Geist längst verflogen war, wurden dem Deutschen durch Niederlage, Entwaffnung und Versklavung weiter verekelt. Der einzige, der die Demokratie aus religiöser Wurzel damals erlebte, Friedrich Naumann, wurde als Träumer verspottet. Gründer des ersten nationalsozialen Vereins 1896, forderte Naumann ein soziales Kaisertum, eine nationale Arbeiterschaft: „Die Volkswerdung der Masse" durchtränkt von Gemeingeist und Gottvertrauen. Als Naumann an die Macht rührte, wurde er vom irdischen Schauplatz abberufen, ein Opfer pflichtgemäßer Einhaltung der Kriegsernährungsvor- schiiften. „Eigentum verpflichtet", dieses Wort, aus seiner Feder in die Weimarer Verfassung geflossen, wurde das Denkmal, das Naumanns Namen im neuen Deutschland trägt. Naumanns Gedanken, durch das Kriegserlebnis zur Weißglut erhitzt, lebten im „Dritten Reiche" fort. Der Zusammenbruch des Jahres 1918 hatte zwar Leere hinterlassen, aber — wichtig genug — die Hindernisse hinweggeräumt, die im Vorkriegsdeutschland einem Abkömmling „armer Häusler", einem Auslandsdeutschen und „nur Gefreiten" den Aufstieg versperrt und mit der „Satisfaktionsfähigkeit" Führerschaft und Herrenrecht verweigert hätten. Das preußische Klassenwahlrecht hatte die letzte Entscheidung des Staates, des Wohls und Wehes der Nation, einem engen Kreise ostelbischen Großgrundbesitzes vorbehalten, wobei diese Entscheidungen nicht in der Volksversammlung, nicht einmal im Landtag, sondern auf höfischem Parkett fielen. Einem Bismarck war die Gegnerschaft der Kaiserin hinderlicher als die aller 39 Parlamentarier zusammengenommen. Das ist hinweggefegt und von keinem Monarchen je wiederherzustellen. In dieser Leere war es einem Adolf Hitler bestimmt, Völkerschicksal zu werden. In dem Versuche, den Mythos des Dritten Reiches aus dem Nebelheim der Träume auf den Boden dieser Erde herabzuholen, wurde der Standort befestigt, dem die deutsche Zukunft erwächst. Der tiefer dringende Blick sieht unter den Kräuselungen des zeitgeschichtlichen Stromes, hinter dem Menschlichen dieser wie jeder Revolution, die große Linie der Zukunft, wie sie Kant in der französischen Revolution sah, trotz ihres Terrors. Dem Auf und Nieder des Tages entwirrt er die Grundgedanken, welche, wie immer die Zeitgeschichte verläuft, ein aufsteigendes Zeitalter in ihrem Schöße tragen. Diese große Linie deutet auf einen neuen Staat, eine neue Wirtschaft, eine neue Ethik und hinter ihnen auf eine religiöse Wiedergeburt. Der neue Staat steht ebenso im Gegensatz zum Obrigkeitsstaat des Gottesgnadentums, dem das heutige Deutschland zeitlich noch so nahe liegt, wie zum Parlamentstaat des bürgerlichen Zeitalters, der in Deutschland niemals bodenständig erwuchs, sondern nach verschiedenen gescheiterten Anläufen — Dahlmann, Beningsen! — als Nachahmung des Westens auf das Papier der Weimarer Verfassung geschrieben wurde. Der alte Obrigkeitsstaat, der in der französischen Revolution zerbrach, aber dem Deutschen noch heute im Blute liegt, berief sich auf das Geburtsrecht des Monarchen und des ihm nahe stehenden Adels als gottgewolltes Herrschaftsrecht. Sein Ziel war die Macht, der Glanz, der Reichtum, unter Umständen auch die „Ergetzlichkeit" des Fürsten und der Herren. Das Volk war der Gegenstand der Staatstätigkeit, Mittel für fremde Zwecke, insbesondere die Hausmacht der Dynastie — Steuerquelle und Kanonenfutter. So hatte der Patriarch der Vorzeit dereinst seine Schafe, Rinder und Kamele auf die Weide getrieben, um sie zu mästen, zu scheren, zu schlachten. 40 Der neue Staat dagegen beruft sich, ebenso wie die Demokratie des Westens, auf das Volk, insbesondere auf die breite Masse des arbeitenden Volkes, als die Quelle alles Rechts. Er sucht den Staatswillen zunächst durch Stimmenmehrheit festzustellen, darüber hinaus jedoch zu einem einheitlichen Volkswillen vorzudringen, der „volonte generale", die schon Rousseau der Stimmenzählung übergeordnet hatte. Als Aufgabe des Staates gilt ihm das Gemeinwohl, wobei in erster Linie an die Erhaltung und Steigerung des Volkstums gedacht wird. Der Parlamentsstaat des Westens, als der Staat des liberalen und kapitalistischen Zeitalters, „repräsentierte" das Volk durch seine parlamentarischen Vertreter, welche bei voller Durchführung dieses Staatsgedankens aus allgemeinem und gleichem Wahlrecht hervorgingen. Er suchte den Staatswillen durch Parlamentsmehrheiten zu ermitteln. In der anglo- amerikanischen Welt diente hierzu die wechselnde Mehrheit zweier wesenverwandter Parteien. Auf diesem seinem Mutterboden verblieb dieser Staat, trotz demokratischer Verfassung, in der Hand einer bürgerlichen Oberschicht. Unter weitgehendem Schutz der jeweils regierenden Minderheit durch Freiheitsrechte, unter Selbstverständlichkeit der nationalen Einstellung beider Parteien, hat dieser Staat in England und Amerika Weltreiche aufgebaut. Seine innere Aufgabe war es, durch Rechtsschutz die Freiheit des Einzelnen zu gewährleisten, damit den kapitalistischen Geist zu entfesseln und trotz aller demokratischen Formen Besitz und Macht den Magnaten des Kapitals und Bodenmonopols in die Hand zu legen. Der neue Staat sucht den Staatswillen in einer letztverantwortlichen und letztentscheidenden Persönlichkeit zu sammeln und planmäßige Politik auf lange Sicht zu treiben, ungehemmt von der parlamentarischen Fessel, unabhängig von den Schwankungen der Tagesmeinung. Der neue Staat ordnet die Gemeinschaft der Freiheit über und bekennt sich zum Ziele der Volksgemeinschaft als einem durch Blut und Boden, gemeinsame Geschichte, Sprache, Gefühle und Wollungen zu- 41 sammengehaltenen lebendigen Ganzen, das weit über das heutige Geschlecht in die Vergangenheit zurück, in die Zukunft hinausgreift. Hieraus ergeben sich wichtigste biologische Forderungen der Körperertüchtigung und Erbaufartung. Vor allem aber greift dieser Staat bestimmend ein in die Gebiete der Wirtschaft und der Kultur. Seine radikalen Vertreter möchten ihn zum totalen Staat steigern. Die neue Wirtschaft sucht die Schäden zu heilen, welche der niedergehende Kapitalismus in Unterversorgung und Arbeitslosigkeit breiter Volksschichten als ungelöste Probleme zurückläßt. Als Ziel der neuen Wirtschaft gilt die Versorgung der breiten arbeitenden Massen, die menschenwürdige Existenz der großen Mehrheit des Volkes. Zu diesem Zweck sucht sie das Recht auf Arbeit durch staatliche Arbeitsbeschaffung und die Pflicht zur Arbeit durch staatlichen Arbeitsdienst zu verwirklichen. Dem ländlichen Mittel- und Kleinbesitz sucht sie durch Heimstättenschutz und Entschuldung zu Hilfe zu kommen. Sie erstrebt die Rückführung breiter Volksschichten aus der überindustrialisierten Stadt auf das Land und in den Landbau. Durch Preis- und Lohnfestsetzung greift sie tief ein in die überkommende Preisbildung nach Angebot und Nachfrage. Letzthin wird ein berufständischer Aufbau erstrebt, in dem jeder Volksgenosse an seiner Stelle dem Gemeinwohl dient, freiwillig, aber unter straffer, staatlicher Führung und Planung. Das Privateigentum wird nicht abgeschafft, aber der Eigentümer gilt als Verwalter der Produktionsmittel zum öffentlichen Nutzen und wird seines Amtes enthoben, wenn er sich nicht bewährt. Der Wertunterschied zwischen Hand- und Kopfarbeit wird beseitigt; es gibt nur einen Adel, den der Arbeit. Der neue Staat und die neue Wirtschaft sind nur möglich auf dem Boden einer neuen Ethik, welche den Einzelnen an das soziale Ganze bindet unter Abbruch des Materialismus und Utilismus eines abklingenden Zeitalters. Das soziale Ganze wird verkörpert durch das Volkstum, als dem höchsten irdisch en Werte. In seinem Dienste gilt der Grundsatz: Gemeinnutz vor Eigennutz — wertlos als billiges Schlagwort, welt- 42 umwälzend als innerlichster Beweggrund wenigstens einer führenden Minderheit. Der Einzelne findet seine durch Staat und Wirtschaft scharf beschnittene Freiheit wieder durch freiwillige Einordnung in das Volksganze: Gliedfreiheit, im Gegensatz zu der ungebundenen Einzelfreiheit in der bürgerlichen Welt. Alle Versuche staatlichen wie wirtschaftlichen Neubaues scheitern, ja sie enden im Chaos, wenn der Dienstgedanke Lippenbekenntnis oder Propagandamittel bleibt, wenn er nicht in die Lebenspraxis eingeht im Beruf, im Staatsdienst, in der Kameradschaft der Arbeit, der Schule, des Betriebes, der Ortsgemeinde. Insbesondere gilt dies von den Führern, die in Selbstzucht voranzugehen und bei Entgleisungen strenger zu sühnen haben als die Geführten — zu entsagen, um zu leiten. Diese neue Ethik setzt den Glauben an überpersönliche Werte voraus, die über das kleinmenschliche Dasein hinausreichen und Unterordnung erheischen, letzthin Opfer an Gut und Blut. Es bedeutet dies eine idealistische Weltanschauung, welche ohne transzendente (übersinnliche) Sanktion tot ist. Der Idealismus des Volkes ist Religion. Aufbauender Sozialismus, wie er dem aufsteigenden Zeitalter als Wunschbild vorschwebt, kann, wie alle Erfahrung belegt, nur auf religiösem Boden Erfolg haben. Auch Sowjet-Rußland zehrt von dem religiösen Erbgut der russischen Volksseele, die Dostojewski offenbarte, Marx zersetzt. Dagegen hat die idealistische Philosophie der deutschen Klassiker den „Gemeingeist", der ihr seit Fichte und Fries als höchste Pflicht und erhabenste Tugend vorschwebt, in der Transzendenz verankert. Diese Gedankenwelt wurde der Besitz jener führenden Minderheit von Beamten und Offizieren, welche die Freiheitskriege gegen Napoleon durchfocht und in Freiherrn v. Stein ihren Heros fand. Es gelang unsern Denkern und Dichtern jedoch nicht, die aufsteigende kapitalistische Welt, weder Unternehmer noch Arbeiter, mit ihrem Geiste zu durchtränken. Sie hat gegenüber dem Ansturm des Kapitalismus versagt und letzthin Staat und 43 Wirtschaft der zersetzerischen Ichsucht eines niedergehenden Zeitalters preisgegeben. Heute handelt es sich abermals um den Durchbruch einer gläubigen Weltanschauung, als deren Träger eine dünne Oberschicht Gebildeter nicht mehr genügt. Der neue Staat und die neue Wirtschaft fordern die Seele breitester Schichten arbeitender Männer und Frauen, Führer und Geführter. Auf abendländischem Boden kann ein solcher seelischer Umbruch nicht mehr vom Staate ausgehen, sondern muß aus der Tiefe der Volksseele aufsteigen. Die Zeiten, da Staat und Gott eins waren, wie in den Monarchien Altasiens, im Inkareich, im zarischen Rußland, sind unwiederbringlich vorüber und mit ihnen der totale Staat. Das Wesen der Religion ist für den Abendländer, seit dem Durchbruch des Christentums, jene „herrliche" Freiheit der Kinder Gottes, welche die letzten Entscheidungen der Menschenseele dem Cäsar verweigert. So mündet die zeitgeschichtliche Linie in der Kernfrage, die am Anfang dieses Büchleins steht. Wird die religiöse Erweckung den politischen Aufbruch beflügeln? Wird es gelingen, über Staat, Volk und Rasse, zeitgebundenen und vorletzten Werten, zu Gott vorzudringen, als dem letzten Werte, von dem Kräfte in die Historie einströmen, die stärker sind als alles nur menschliche Streben? Ist unserem Volke damit noch einmal eine Stimme zugedacht in der Menschheitsfuge des göttlichen Meisters? Frage der Fragen! Denn auch vom Dritten Reiche gilt das Wort, das über den Anfängen des Christentums stand: „Ist das Werk aus den Menschen, so wird es untergehen; ist es aber aus Gott, so könnt ihr es nicht dämpfen." (Ap.Gesch. 6, 38.) Letzthin handelt es sich im geistigen Ringen unserer Tage nicht um politische und wirtschaftliche Vordergründe, sondern um metaphysische Tiefe. Die Ablösung von dem christlichen Jahrtausend, das alles Große unserer Geschichte umfaßt, bedroht uns mit dem Rückfall in den Materialismus durch die Hintertür der Biologie. Der Weg in die Urzeit ist uns durch die Historie versperrt, die unser Unterbewußtsein erfüllt. Der Weg in das Nichts liegt verführerisch offen. Abgelöst vom 44 tausendjährigen Stamme gleichen wir Blättern, die im Winde verflattern und auf dem Boden verwesen, ohne im Felsengrunde verwurzeln zu können. Ein Volk kann sich selbst verwerfen. In religiösen Dingen ist die Zerstörung ein Werk weniger Jahre. Der Aufbau ist die Arbeit von Jahrhunderten. Denn die Religion ist der Gipfel und der Brennpunkt aller Kultur. Trotz aller Krausheiten, welche den oberflächlichen Blick verwirren, liegt die große Linie unserer religiösen Zukunft fest, nicht als schicksalhaftes Muß, sondern als freizuschaffendes Soll. Für den Abendländer, also auch den Deutschen, ist das religiöse Urphänomen in dem geschichtlichen Jesus gegeben als dem überzeitlichen und überweltlichen Christus, der, bis heute und in Ewigkeit lebendig, in jedem von uns zur Auferstehung kommen soll. Dies der Standort des Standorts. Auch Jesus steht in der Historie. Er wurzelt wie in den Propheten des alten Bundes, so in den spätjüdischen Apokryphen, die von iranischen Quellen durchtränkt sind (R. Otto). Hinter ihm ragen aus dem Dämmer der Vorgeschichte Riesen wie Moses, soZarathustra. Das Christentum erwächst in hellenistischer Umwelt, die der Geist Piatons durchleuchtet. Alles dieses verkleinert nicht die übermenschliche Eigenart des Durchbruches Gottes durch die Geschichte in der menschlichen Gestalt Jesu: „Machterweisung", die den Augenzeugen Entsetzen und Frohlocken abnötigte (Luc. 5, V. 26) und dem werdenden Abendlande die übergeschichtliche Wendung nach oben gab! Diese Grundtatsache erlaubt sehr wohl eine art- und zeitgemäße Prägung des religiösen Erlebnisses. Augustinus war Lateiner, Luther Deutscher, Cromwell Engländer — alle drei zeitgebunden. So empfindet unter der weiten Kuppel des Katholizismus die deutsche Frömmigkeit anders, als die der Lateiner oder die indianischer Naturkinder. Im Lager des Protestantismus, welcher zwei Drittel des deutschen Volkes umfaßt, lehnt unser Volk, insbesondere unsere Jugend, gewisse Erbbestände des Reformationszeitalters 45 „mit erstaunlicher Folgerichtigkeit" als erstorben und artfremd ab: die Bindung des Menschen an das Böse, die Leugnung der menschlichen Freiheit, die übersteigerte Transzendenz Gottes, die damit unvermeidliche Verjenseitigung des Gottesreiches — vor allem jene Jammertal- und Sündenpfuhl- stimmung, welche mit den unvermeidlichen Rückfällen des Sünders die .Straffheit des Pfhchtgebotes gefährdet. Das „Sündige tapfer, glaube tapferer!" öffnet dem Versucher angelweit die Tür. Heldischem Geiste widerstrebt der kleinmütige Verzicht vor dem Todfeinde Satan. Aber auf der anderen Seite ersetzt keine Gefühlswelt nordischer oder indischer Weistümer die rückgratstarke, kirchenbildende, seelenstillende Kraft echten Christentums, welche Trost in tiefster Not, Demut in höchstem Siege spendet und auch im Sterben nicht versagt. Unser Weg führt hindurch zwischen zwei Unmöglichkeiten auf der Linie von Jesus und Johannes her, durch die allgemeine und die deutsche Kirchengeschichte, zu jenem Christen tum der Gesinnung und der Tat, dem die Zukunft gehört. Unsere größte Vergangenheit war christlich; im Vergleich zu Jesus nannte sich ein Kant, dessen Jugend tief im Pietismus wurzelt, „einen nach Vermögen auslegenden Stümper". Unsere Zukunft wird im Chaos münden oder sie wird die große Linie der Vergangenheit weiterführen, treu dem Namen und dem Werke des göttlichen Meisters, und doch lebendig in immer erneuter Offenbarung jenes Geistes aus der Höhe, der den toten Buchstaben überwindet. Jeder von uns ist für diese letzte Entscheidung mit verantwortlich. Denn jeder Einzelne — wie immer die Welt läuft — kann zu dem Jungbrunnen zurückkehren, aus dem unsere Vorfahren lebendiges Wasser schöpften, das den Seelendurst für alle Ewigkeit löscht — mit neuem Gefäße vielleicht schöpfen, wenn die Gefäße der Vorzeit verrotteten. Das wäre jene Wiedergeburt, die durch freien Entschluß Gottes Gnade in einem Neuen Leben versichtbart — die Wiedergeburt des Menschen, des Volkes, des Abendlandes, der Menschheit! 46 ZWEITES KAPITEL WIEDERGEBURT „Zertreutes Wesen führt Dich nicht zum Ziel. Erst müssen wir in Fassung uns versühnen, Das Untere durch das Obere zu verdienen." Goethe I. Gott — Mensch. S. 47. — II. Gott — Natur. S. 50. — III. Der Tempel. S. 54. — IV. Der Dämon. S. 57. — V. Der Nächste. S. 62. — VI. Das Werk. S. 67. — VII. Das Gottesreich. S. 74. I. Gott — Mensch „Wiedergeburt" ist die seelische und körperliche Umstellung des Menschen von Grund aus zu Gott hin, die Einstellung der schwanken Achse des Ich auf den unverrückbaren Pol der Welt. Wiedergeburt ist ein innerlichster Vorgang: einige gottbegnadete Bahnbrecher reißen wenige Jünger, viele Volksgenossen, niemals die Mehrzahl, wohl aber das Zeitalter mit sich. Die Wiedergeburt, als grundsätzliche Umschaltung, ist zu sichern, zu entfalten und auszuwirken. Das köstliche Kleinod unserer himmlischen Berufung ist in täglicher Übung zu verdienen. Hierzu benötigen wir Zeiten stiller Sammlung, jedenfalls einige Minuten allmorgendlich und allabendlich, womöglich eine tägliche Stunde des anfänglich so gefürchteten, später so erwünschten Alleinseins, gelegentliche Ferien von der Hast und dem Kleinkram des Alltags. In diesen Übungen „erbauen" wir uns durch aufbauende Gedanken, die sich zu Worten verdichten. Das Wort ist die Brücke vom Gedanken zur Tat! Unserer Sammlung dienen Bibelworte, Worte gottbegnadeter Denker und Dichter, nicht minder aber auch Leitsätze 47 eigener Prägung, welche Fragen unseres persönlichen Lebens im Sinne der Wiedergeburt beantworten. Solche Leitsätze bilden wir nach der Art der folgenden, welche vielerlei Fragen beantworten, aber weit davon entfernt sind, die Fülle des Lebens und seiner Lagen zu erschöpfen. Üben wir unermüdlich, damit uns nicht die Sieger weltlicher Wettkämpfe beschämen! Zur Wiedergeburt des Abendlandes führt nicht langatmige Theorie, sondern fest zugreifende, unablässige Praxis. Wir unterscheiden im folgenden sieben Lebensgebiete, auf denen die Wiedergeburt sich auswirken soll — erst in Gedanken und Worten, dann in Gesinnungen und Taten, erst in der Helle des Bewußtseins, welche den göttlichen Schatz in uns unmittelbar erleuchtet, dann in den dunklen Tiefen des Unterbewußtseins. Erst wenn letzteres vom göttlichen Geiste erfüllt und befriedet ist, ist die Wiedergeburt vollendet. * Gott — Mensch : Wir ruhen inGott — Gott wohnt in uns. Denn von ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge — der Allumfasser, der Erste und der Letzte, der Urgrund und das Endziel — Schöpfer und Erlöser! Wir fürchten nichts, nichts schadet uns; denn Gott verläßt uns nicht. Gott ist stärker als der Dämon; darum müssen denen, die Gott lieben, alle, alle, alle Dinge zum besten dienen. Es ist uns gegeben, den Willen des Höchsten schweigend zu erlauschen und ihn mit seiner Hilfe schrittweise zu vollbringen. So schreiten wir von Erfolg zu Erfolg, denn Gottes Kraft ist in dem Schwachen mächtig. So lange Gott seinen Willen verhüllt, warten! Nicht grübeln! Noch ist die Sache nicht reif! Gott spricht oftmals zur Nachtzeit. Unter Abwehr des Ansturms unbeherrschter Gedanken sammeln wir uns auf das Eine, was not tut: wir versenken unsere Seele in die Tiefen des göttlichen Urgrunds, zu einem neuen, freieren, froheren Leben in Harmonie mit dem Unendlichen. Wir öffnen uns den Strömen des Guten, die das Weltall durchfluten und schwingen mit dem Rhythmus des Göttlichen. 48 Wir werden kämpfen, siegen, herrschen, ordnen — Seele, Körper, Umwelt, in frommer Innehaltung der uns durch Gottes Liebe gesetzten Schranken. Wir werden siegen, herrschen als Mitstreiter und Statthalter Gottes. Niemals zu viel wollen! Jeweils nur eines wollen. In allen Wechselfällen des Lebens bewahren wir Gleichmut und Gleichgewicht, denn wir fußen auf ewigem Fels. Wer auf Gott lauscht, hört nicht, was die Leute sagen: „Ruhig in wilden Wellen!" (Wahlspruch Wilhelms des Schweigers). Wir werfen kleinmenschliche Ängste, Wünsche und Launen hinter uns, entsagen, um zu gewinnen, sterben, um zu leben. * Jesus der Bahnbrecher: Jesus rettete in sich dieGottes- ebenbildlichkeit, die der Schöpfer jedem Menschen aufgeprägt, aber der Mensch verderbt hat; er vollendete als der Erstgeborene die Gotteskindschaft, zu der wir alle berufen sind. In ihm trat der Gott-Mensch in die Geschichte, die zu ihm aufsteigt, von ihm ausströmt — die Geschichte der Menschheit, die Geschichte Unseres Lebens. Der geschichtliche Jesus ist uns durch das Geröll der Jahrhunderte verschüttet, durch die Konfessionen zerspalten und selbst in den biblischen Berichten ist sein Licht in verschiedene Strahlen zerlegt. Trotzdem ist es uns Nachgeborenen gegeben, sein Leben, seine Lehre und sein Beispiel, sein Kreuz und seine Auferstehung in täglicher Erfahrung neu zu erleben. Denn auch uns gilt sein Abschiedswort: „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende". Je mehr sein Geist uns durchdringt, um so mehr werden wir seine Werke verrichten. Ein Paulus, ein Franziskus haben in ihren tiefsten Stunden ihn bildhaft geschaut, obgleich sie die irdische Gestalt des Meisters nicht gekannt hatten. Wir danken Dir, Herr, für das Kreuz als tägliche Gnade; wir danken Dir für die Gotteskindschaft als tägliche Erfahrung; wir danken Dir für die Wiedergeburt heute und hier, als die Durchgangspforte zur Ewigkeit. 4 S chu lze- Gaeve rnitz , Abendland 49 „Ich und der Vater sind eins" — an seiner Hand, durch Gottes Gnade, dürfen wir dieses übergroße Wort zu verwirklichen hoffen, anbahnend hier, dort vollendend. Dies ist uns Christen der „Übermensch". II. Gott — Natur m Du gabst mir, Schöpfer, Dich zu schauen in der Pracht der Natur als dem bunten Kleide der Gottheit. Ich umarme Dich in den ragenden Felsen, den eisigen Alpen, dem schimmernden See, den lachenden Gärten, den blauenden Fernen. Ich fühle Dich im Blütenmeer des Frühlings, in der Sonnenwärme des Sommers, in der Fruchtfülle des Herbstes, in der schneeigen Reinheit des Winters. Ich liebe Dich in allem Getier, meinen Brüdern, die in ihrer Vollkraft durch gesunden Instinkt Dir so viel näher sind, als wir Menschen in unserer Naturferne und Anbrüchigkeit. Ich liebe Dich in dem knorrigen Eichbaum, dem duftenden Veilchen, dem schwanken Grashalm. Du bist in allen diesen, aber Du bist mehr als dies. Du bist der gestaltende und ordnende Allgeist, von dem ein Funken in mir lebt und das Dunkel durchleuchtet. Du willst durch mich wirken, so lange es Tag ist. Rückkehrend zur Natur und hinunterwurzelnd in ihren ewigen Mutterboden, ziehe ich Kräfte an mich für Kampf und Sieg, wenn ich in den Herrlichkeiten der Schöpfung, in Farbenglut und Lichtesschimmer, wunschloses Allgefühl erlebt habe. Wo wir mit Goethe „der hocherlauchten Sonne genießen" und in ihr die allwaltende Schöpferkraft Gottes anbeten, wird unser Leben „ein herrlich Los" und Sonnenschein der beste Sorgenbrecher. Auf einem ägyptischen Relief im Berliner Museum enden die Strahlen der Sonne in Händen, die den König und die Königin umschmeicheln, von denen jedes ein Kindlein im Arm hält. Sonnenstrahlen, in Gatten- und Elternliebe überfließend, verbildlichen die Gottheit, die den Menschen segnet. 50 Die Natur wird erhoben zum Symbol des Ewigen durch die Kunst. In der Kunst erlebt der Mensch den Sieg des Geistes über den Stoff, der beherrschten Einheit über die ungeordnete Masse der Einzelheiten. In der Kunst ist es dem Menschen vergönnt, über Widerspruch und Mißklang, über Vereinzelung und Widerstreit der Dinge hinweg die Harmonie der Schöpfung nachzubilden und nachzufühlen. Hier rührt der Mensch, sonst überall begrenzt unter begrenztem, verschwimmend im unbegrenzten, an die Geschlossenheit und Vollkommenheit Gottes. Im Nacherlebnis des göttlichen Schöpfergedankens schafft er ein Stück Natur, das doch kein Bruchstück ist, sondern ein Ganzes, wie der Schöpfer das Weltall schafft, indem er es denkt. Darum verdient von allen Menschen der Künstler allein den Namen eines „Schöpfers". Einem geistigen Urbild schenkt er Körper. Große Kunstwerke sind vollkommen, wie sonst kein Menschengebilde, vollkommen wie die Natur: Michelangelos Sibyllen und Propheten, Dürers Meisterstiche, Shakespeares Dramen, Bachs Passionen, Beethovens Symphonien, Goethes Lyrik. In der Kunst allein überfliegt der erdgebundene Mensch den brückenlosen Abgrund zwischen Wirklichkeit und Ideal. Im vollendeten Kunstwerk sind die Menschlichkeiten des Künstlers, die Härten und Enttäuschungen, welche seine Laufbahn, die Mühen und Zweifel, welche die Entstehung des Kunstwerks begleiteten, untergegangen. Untergegangen ist der zähe Ringkampf mit dem widerstrebenden Stoff. „Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen, steht das Bild vor dem entzückten Blick" (Schiller). Sonne und Kunst machen uns glücklich, weiten die Seele und setzen uns in Einklang mit der Harmonie der Sphären, wie sie Engel und Dichter erlauschten. Auch in der neuzeitlichen Technik steigt der restlos durchgeführte Gedanke zum Kunstwerk als Sieg des Geistes über den Stoff, so die vollkommene und reibungslose Maschine, welche den Beobachter erfreut, den Arbeiter befreit. (Sch.-G., Das Problem der Maschine. Archiv für Sozialwissenschaft 1930, S. 225 ff.) 4' 51 Auch die Kleinkunst des täglichen Lebens hebt den Menschen über seine Widersprüche hinaus: ein Blumenstrauß, ein Garten, ein Zimmer, ein Wochenendhaus können schön sein wie eine Eisenbrücke, eine Fabrik, ein Stadtbild, ein Wald rauchender Schlote — schön wie ein Gemälde oder eine Symphonie, schön wie die Heide oder das Hochgebirge. Glücklich der, der im Stilleben seiner Umgebung, selbst im Sonnenstrahl, der in Proletarierelend fällt, die Schönheit der Schöpfung wiederfindet. „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare, Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen, Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre." (Goethe.) * Die Stadtflucht zurück auf das Land, Wochenendhaus und Kleingarten, Eigenheim und eigene Scholle, ländliche Nebenbeschäftigung des Industrievolkes, Randsiedlung und Gartenstadt, Übergang Einzelner und ganzer Schichten von Städtern und Intellektuellen zum gärtnerischen oder landwirtschaftlichen Hauptberuf, Arbeitslager und Arbeitsdienst Jugendlicher und Arbeitsloser unter freiem Himmel in ländlicher Lage, Ferienreisen von Industriearbeitern in die Berge, an die See und auf der See, das Landjahr schulentlassener Stadtkinder, die Auseinanderfaltung der Großstadt und die Durchsiedelung des platten Landes mit Hilfe des Kleinautos, die wechselseitige Durchsetzung und Befruchtung von Handarbeit und Kopfarbeit — alle jene Wege und Strebungen zurück zur Natur begrüßen wir als hoffnungsvollste Zeichen der Zeit: Frühlingsahnen! Wir fördern sie zunächst im eigenen Dasein, sodann nach unserem Können für die Volksgenossen und Hand in Hand mit dem Neuen Staate. Solchem Umbruch wird eine naturnahe und bodenständige Kunst erwachsen, welche von handwerklichem Können zur Gottesschau aufsteigt. So hat Meister Hans Thoma als 52 Hirtenbub einst von den Höhen des Schwarzwalds in das Tal der Heimat geschaut. Ländlichen Sinnes und handwerklicher Schulung hat er die Herrlichkeiten der Schöpfung, die er als Knabe erfühlte, in den Werken des Mannesalters geschildert, um seine Laufbahn mit den Gesichten religiösen Tiefsinns abzuschließen. * Diese Dinge haben nichts zu tun mit dem christlichen Dogma, um so mehr mit dem Leben jesu. An der äußersten Peripherie des damaligen Kulturkreises geboren, wuchs Jesus in Naturnähe auf. In handwerksmäßiger Arbeit geschult, liebte er die Einsamkeit der Wüste, nicht als Ort des Schreckens, sondern die im Blumenschmuck des Frühlings prangende Steppe. Hier überwand er den Teufel. Hier vergeistigte er das tägliche Brot durch den begleitenden Gottesgedanken, verweigerte er das Wunder als Beleg seiner Erwähltheit, verschmähte er die Herrschaft der Welt um den Preis des Satansdienstes. Hier bewunderte er die Lilien auf dem Felde, hier gesellte sich ihm das Getier und dienten ihm die Engel. Wir können Jesus nicht als Großstädter vorstellen, wie berühmte Kirchenväter es waren, als einen Alexandriner, Karthager oder Römer. Um seine Krippe stehen Ochse, Esel, Lämmer und Hirtenvolk. In der großen, unbegrenzten Natur sammelte Jesus „betend und fastend" die überquellenden Kräfte, mit denen er, der größte Heiler aller Zeiten, zur friedlichen Welteroberung auszog. Wir können ihn nicht anders denken, denn als strahlenden, vollkr äftigen J üngling, der—das Apostel wort vorwegnehmend— Gott wie mit seiner Seele, so mit seinem Körper verherrlichte, durch dessen gläubige Berührung der Sieche in vielen Fällen Heilung fand. (Lukas 6, 19.) Das Leben Jesu ist umwoben von Kunst, die nichts höheres bildet als die Mutter mit ihrem Kind, die makellose Gottesmutter mit dem Knäblein des großen, mitleidvollen Heilandauges. 53 III. Der Tempel Es ist uns aufgegeben, die durch Scheinkultur und Mißkultur entartete Natur in zäher Arbeit — Kleinarbeit des Tages und der Geschlechter — zu jener Hochkultur aufzuarten, die auf der höheren Ebene der Freiheit zur Natur zurückkehrt. Unsern Körper, verzettelte und verwüstete Natur, erbauen wir zum strahlenden Tempel Gottes. Frühgymnastik und Tiefatmung, Licht-, Luft-, Wasser- und Sonnenbad, Mäßigkeit und Frohsinn bei Speise und Trank, Sport und Wanderfahrt, Handarbeit in Garten und Haus, Ruhe zur rechten Zeit, Abwehr feindlicher Krankheitserreger, kurz Körperertüchtigung aller Art ist Gottesdienst! Auch vom Körper nicht zu viel wollen, aber seine Grenzen in schrittweiser Arbeit erweitern! Wenige von uns sollen Athleten,, wir alle sollen gesunde und frohe Gotteskinder werden. Am Morgen: Du reinigst mich, Herr, von den Schlacken des Irrtums, der Sünde, der Krankheit, entfesselst mich von meiner und meiner Väter Schuld, lösest Verkrampfungen, glättest Ver- knickungen, erhebest mich über den von außen und unten an- i drängenden Schlamm und Unrat — Du schenkest mir voll ein; denn der Schöpfer will sein Geschöpf stark, frei, rein und gesund. Am Abend: Alles Irdische verklingt, versinkt in der Tiefe der Nacht. Ich schalte aus, ich bin entspannt. Ich ruhe sicher in Gottes Hut und fürchte nichts. Ich werde ruhig schlafen, fried- ! lieh träumen, Kräfte einatmen aus dem Unendlichen und frisch und fröhlich für meine Tagesaufgabe erwachen. Der Herr verjüngt im Schlafe. Gott will die Krankheit so wenig wie die Sünde. Jesus heilte von beiden. Anbrüchige Jugend, kraftloses Alter, vorzeitiger und qualvoller Tod sind Folgen der Sünde — der eigenen Sünde, wie der der Vorfahren und des Zeitalters — unmöglich dem, der durch Jahre hindurch die Gebote Gottes befolgt hat, die zugleich die Gesetze der Natur sind. Jeder sei mit dreißig Jahren sein eigener Arzt. Es wird die Zeit kommen, 54 da man sich jeder Unpäßlichkeit, Unpünktlichkeit und Un- gepflegtheit an Körper und Kleidung schämen wird als mangelnder Selbstbeherrschung entgegen der Achtung des Gottes im Menschen. Nicht selten erfordert der Neubau des Körpers — nach entscheidender Umstellung — noch Jahre der Kleinarbeit. Ich bin der Herrscher eines vielmillionigen Zellenstaates. Ich erhebe meine Untertanen zu freien Bürgern und freudigen Mitarbeitern. Ich ordne dies lebendige Ganze dem Weltganzen ein und unter. So herrsche ich, um zu dienen, diene, um zu herrschen. Was das Ich für den Zellenstaat, ist Gott für den Menschen — der gläubig verehrte letzte Wert. Wie der Körper von der Seele, so ist die Seele vom Körper | her zu heilen — dasselbe Sein, nur unter verschiedenem Blick- | punlct gesehen. Daher läuft neben jedem körperlichen Vorgang der entsprechende seelische Vorgang her, in Wechselwirkung hinüber und herüber. Alle diese Vorgänge finden ihre Zusammenfassung und Ordnung durch das vereinheitlichende Ich, das von Allem das bekannteste ist, weil unmittelbar erlebt, aber nicht vorstellbar und nicht in Worten beschreibbar, weil als Subjekt niemals Objekt, als Voraussetzung aller Erkenntnis niemals Gegenstand der Erkenntnis. (Kant.) Dieses geistige Prinzip befreit sich im Menschen von der Naturgewalt, indem es die Natur formt und beherrscht. Ein solcher Mensch, der sich nach seiner Eigenart in täglicher Übung des Körpers und der Seele gestaltet, reift zum Charakter: „das ist er, das ist sein eigen". (Goethe.) Wenn wir richtig leben, ist Tod kein schmerzdurchzitterter Kampf, sondern die freudig betretene Brücke zu neuem Werden und erweitertem Wirken. Unsterblichkeit ist kein unendlich langes Leben in der Zeit, sondern überzeitliche Ewigkeit, die wir in unseren besten Augenblicken schon hier auf Erden berührten. * 55 Das griechische Menschheitsideal, von Idealisten verwässert, von Philologen verstaubt, ist uns heute neu aufgegeben mit den Mitteln einer unendlich verstärkten Technik. Auch uns gilt das erhabene Wunschbild Piatons: körperliche und seelische Stärke und Schönheit, vom Gottesfunken durchglüht. Aber wie die Griechen werden wir entarten, wenn wir aufhören an die Ewigkeitswerte zu glauben, die in Körper und Seele, in Volkstum und Staat, in Kunst und Wissenschaft der Menschwerdung harren. Die Körperfeindschaft christlicher Jahrhunderte, heute noch vieler Christen, welche Athletik und Erotik, letzthin den nackten Menschenkörper der Teufelei bezichtigen, entsprang der Gegnerschaft zur perversen Wollust und Völlerei des Spätaltertums. (Augustinus.) Anders der große Apostel, der die Tempelpracht Athens und Korinths mehr als einmal geschaut hatte (Paulus). „Wisset ihr nicht, daß euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist und ist nicht euer selbst." (I. Kor. 6, 19.) „Ich ermahne euch, liebe Brüder, euren Körper hinzugeben zum lebendigen, heiligen und Gott wohlgefälligen Opfer, als euren vernünftigen Gottesdienst." (Rom. 12, 1.) Darüber hinaus klingt die tiefsinnige Lehre vom neuen Leibe: „der Herr wird umgestalten den Leib unserer Niedrigkeit zur Ähnlichkeit seines verklärten Leibes, mit der Kraft, sich alle Dinge zu unterwerfen" — ein Wunschbild, dem der Wiedergeborene nicht vergeblich nachgeht, dessen Wandel im Himmel ist, nachdem er dem „Gott-Bauch" entsagt hat. (Phil. 3, 19—21.) Erbauen wir den unsichtbaren Leib, der — demnächst im Experimente nachweisbar — als „Aura" den sichtbaren Leib umgibt; verfeinern wir ihn als Empfänger und Sender der göttlichen Strahlen, die das Weltall durchfluten und vom Haupte des Herrn und seiner größten Jünger als Lichteskrone ausstrahlten — sichtbar unter Umständen selbst dem blöden Auge der Menge. 5 6 IV. Der Dämon Nach alt-arischer, wie christlich-abendländischer Vorstellung steht der Mensch im Kampfe zweier Welten: des Lichtes und der Finsternis, des Guten und des Bösen, Gottes und des Dämons. In diesem Kampfe gibt es keinen Vergleich, kein Ja und Nein, sondern nur ein hartes Entweder-Oder. Nach dem Glauben des Christen ist dieser Kampf für die Menschheit endgültig entschieden durch die Menschwerdung Gottes in Jesu. Aber jeder einzelne Mensch steht noch einmal vor der letzten Frage, die sein persönlichstes Schicksal entscheidet, zu wählen zwischen dem ewigen Ja und dem ewigen Nein — zu wählen in Freiheit. Nach der Zeitvorstellung, der Jesus folgte, belebt und vervielfältigt sich der Kampfplatz: auf der einen Seite das Stufenreich der seligen Geister, die Gottes Welt und Gottes Willen bejahen, die dem Menschen als Gottes Boten, „Engel", nahen und zum Thron des Höchsten auffluten. Auf der andern Seite die Welt des Bösen, der von Gott abgefallenen Geister, die dem Menschen Fallstricke legen, bis hinunter zum Herrn der Teufel, zu Satan, dem Nein schlechthin. Wie dem auch sei — hier sprechen nicht Beweisgründe, sondern Erlebnisse —, weder gütige Engel noch versucherische Teufel entheben den Menschen der letzten Frage: Ja oder Nein? Der Böse reizt und lockt; er überwindet die Trägheit als das Urlaster des Menschen. Welch bewegende Kraft ging aus von Mammon und Luxus, Machthunger und Gaumenkitzel! Wie haben Kapitalismus und Konquistadorentum, Kriegs- und Mätressenwesen (Sombart) die Wirtschaftsgeschichte vorwärts getrieben! Irrtum und Sünde können Stufen zur Wahrheit und Heiligung werden. Die göttliche Gnade entfaltet sich im geschichtlichen Fortschritt, der in Spiralen geht, oft auf Umwegen und Irrwegen. Der Teufel „reizt und wirkt"; wider Willen muß der Zerstörer aufbauen, „schaffen". Die göttliche Gnade, welche selbst den Teufel sich dienstbar macht, findet ihre Grenze an der menschlichen Freiheit. Das 57 Freiheitswunder ist dem Wissen unzugänglich, aber vom Gewissen verbürgt, das niemals naturgesetzliche Zwangsläufigkeit als Entschuldigung einer Entgleisung gelten läßt, das Gemeinheit „Gemeinheit" nennt, auch wenn ihre psychologische Unvermeidlichkeit festzustehen scheint. Die Verflechtung von Notwendigkeit und Freiheit im bunten Gewebe des Menschenlebens und derMenschheitsgeschichteistüber alleVernunft. Nur dem Menschen kann geholfen werden, der sich helfen lassen will. Selbst ein Jesus war unvermögend gegenüber dem Unglauben seiner Heimatstadt, gegenüber priesterlichen Anklägern und der durch sie fanatisierten Menge. Welcher Vorzug des Menschen vor der Natur — diese Freiheit, zu deren Gunsten selbst der Allmächtige sich beschränkt! Die Erde muß sich öffnen dem Regen, der Mensch soll sich öffnen der Gnade — ohne Zwang durch das Naturgesetz. Eine Wasserflut, die ein blühendes Tal vernichtet, ein Hund, der ein Kind beißt, sind nicht böse; schuldig sind die Menschen, die nicht rechtzeitig das Wasser dämmten, das Kind beaufsichtigten, den Hund erzogen. Zwischen Menschen und Tier befestigt die Sünde einen Abgrund, in den das Tier nicht abgleitet, durch den der Mensch hindurch muß zu höherem Ufer. Das Tier ist, wie es ist; der Mensch ist nicht, wie er sein soll. Er — vor allem der Großstädter — wurde den Gesetzen der Natur untreu, die zugleich der Wille Gottes sind; aber er kann den Willen Gottes auf höherer Ebene wiederherstellen. „Ich kann, denn ich soll" — Kant's granitner Leitsatz! Es ist unsinnig, den Menschenfür gebunden an das Böse zu erklären und trotzdem für die Sünde verantwortlich zu machen. Wie verführerisch ist diese Eigengesetzlichkeit der Welt, insbesondere der Wirtschaft und Politik, die den Menschen zwingt, mit den Wölfen zu heulen! Biologisch betrachtet ist der Mensch degeneriert, eine aussterbende Spezies; aber als einziges Animal, das wir kennen, ist er regenerationsfähig, indem er die Gesetze des Lebens erkennt und sich ihnen in Freiheit unterwirft für Zwecke, die über die Natur hinausweisen. Zur Freiheitspraxis: Gemachte Fehler werden durchdacht, der Anlaß zum Abgleiten wird festgestellt und in Zukunft vermieden: rechtzeitig richtige Weichenstellung! Die Vergangenheit ist erledigt, soweit sie nicht hilft, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu bessern. Für einen „Neuen Anfang" ist es niemals zu spät. Keine Vergangenheit hindert jene seelische und körperliche Umstellung von Grund aus, welche Niederlagen in Siege verwandelt. Wir brauchen das Schlagwort „Ligny", wenn es gilt, so zu tun, als ob man nicht besiegt worden wäre, seit jener welthistorischen Nachtstunde, da Gneisenau die bei Ligny geschlagenen, nach Osten flüchtenden Preußen nach Norden umbog, mit dem neu gesammelten Heere zu Waterloo im Rücken Napoleons auftauchte und so die Niederlage in einen der größten und folgenschwersten Siege der Weltgeschichte verwandelte. Wie oft gilt es auch uns, so zu tun, als ob wir nicht besiegt worden wären. Kopf hoch! Ich werde das Kranke, das Böse, das Zerstörerische der Umwelt nur soweit anerkennen, als ich es ändern und bessern kann — im übrigen werde ich esgarnicht berücksichtigen, sondern es abschütteln, wie der Hund sich schüttelt, der aus dem Wasser kommt. Vor allem werde ich keine Worte darüber verlieren, denn jedes solche Wort bedeutet bereits meine Niederlage. Nicht nörgeln, schimpfen, klagen: Beweis der Schwäche — sondern hoffen, gestalten, bessern: Beleg der Stärke. Aufbau nicht Abbau! Wir glauben an das Gute, im Menschen, in der Geschichte, in der Welt — an das Gute in jedem Menschen, besonders in dem Nächsten heute und hier — an das Gute in der Geschichte, auch in der Geschichte des deutschen Zusammenbruchs als Voraussetzung eines Neubaus — an das Gute in der Welt als einem allumfassenden Zweckzusammenhang, der über allem Menschenverstand ist. Wir glauben an das Gute aller widrigen Erfahrung zu Trotz. Diese Erde ist kein Sündenpfuhl, kein Jammertal, sondern ein Gottesgarten und eine Pflanzschule der Geister. Dennoch!! 59 Je dunkler, schwerer, untragbarer das Schicksal, um so größerer Segen wird ihm entströmen: Gott schlägt, wen er liebt. Seine Schläge gelten der Hämmerung unseres Charakters, der Entfaltung unserer Begabung, der Überwindung unserer Schwächen, der Milderung unserer Härten, der Entthronung des Ich — jener Verselbständigung, die dem Schicksal trotzt und den Dämon verachtet. In Seelennot schickt Gott uns die Pflicht des Tages: Arbeit. Arbeite; wenn nötig, betäube dich durch Arbeit — des Guten bewußt, das noch geblieben ist. Kein Mensch, der nicht zu verlieren hätte, mit Ausnahme des Irren im Irrenhaus, der nicht mehr Mensch ist! Meiden wir zeitweilig solche Menschen, die uns mit Verneinung und Entgleisung bedrohen! Flüchten wir in die Einsamkeit und sammeln wir in der Stille der Natur die Kräfte des Aufbaus. Lernen wir schweigen, bevor wir etwas sagen. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Gewaltigen, die in der Finsternis herrschen, den bösen Geistern unter dem Himmel. (Eph. 6, 12.) Bewehrt mit dem Schild des Glaubens, stehen wir aufrecht und behaupten das Feld. Erst rüsten, dann schlagen! Der Ansturm der Dämonen zerschellt an der Zitadelle unseres Reiches. Hier blüht ein stiller Gottesgarten, von dem Friede und Ordnung ausstrahlt, in das wild andrängende, finster aufwogende Chaos. Lernen wir mit Jesus die Geister zu „scheiden". Erkennen wir den Bösen, wenn er sich durch die Hintertür unserer Schwächen, oftmals verkleidet, in unsern Burghof einschleicht. Seien wir dann für ihn „nicht zu Hause"; meldet er sich trotzdem, so werfen wir mit Martin Luther das Tintenfaß. Wenn der Böse in das Leere stößt, so ist seine Kraft gebrochen. Brechen wir dann Bresche durch Güte. Ergreifen wir hilfreich die Hand des Bruders, der unser bedarf, wie wir seiner zur Entfesselung des in ihm ringenden Guten und zur endgültigen Niederlage des Feindes. Auch bedient sich der Böse gelegentlich des Sippenver- 60 bandes, um uns zu entgleisen und von unseren Aufgaben abzulenken. Dann gilt es, mit den Verwandten sich im eigentlichen Sinn des Wortes „auseinanderzusetzen". Denken wir der Kühnheit, mit der Jesus unendlich weitherzig, wenn auch scheinbar hart, den Sippenverband verleugnete. Als seine Jünger ihm, während er lehrte, Mutter und Brüder meldeten, die ihn in die Werkstatt zurückverlangten, erwiderte er: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder? Die, welche den Willen tun meines Vaters im Himmel." (Matth. 12, 48—50.) Unbeeinflußt durch irdische Verflechtung, selbst durch wohlgemeinten Rat, werden wir Gott mehr gehorchen als den Menschen — nachgiebig und versöhnlich in menschlichen Belangen, rücksichtslos, wo letzte Werte in Frage stehen — im Notfalle, nach Gebet, wie Gottes Hammer hart. Gott ist stärker als der Dämon! Der Sieg der Bosheit und der Lüge, der Engherzigkeit und der Kurzsichtigkeit, des Todes und der Verwesung ist eine Tatsache allgemein menschlicher Erfahrung. Jeder geht seinen Leidensweg — am besten schweigend. Daher war die alte Kirche weise genug, Karfreitag nicht zu einem Festtag zu erheben, wie denn das Bild des Gekreuzigten in der christlichen Kunst erst spät, nicht in den Katakomben und den frühravennatischen Mosaiken, auftaucht. Der Sieg des Lebens über den Tod, der Liebe über die Bosheit, der Wahrheit über die Lüge, der Freude über das Leid — das Dennoch des Osterwunders wurde zum Grundstein der christlichen Lehre wie der christlichen Kirche; es wurde zum Grundstein jenes Neuen Lebens, zu dem durch Gottes Gnade jeder Mensch berufen ist. Das Osterwunder ist nicht tot, und jedes Ohr, das in die Ewigkeit lauscht, vernimmt mit Meister Bach den Triumphgesang der himmlischen Chöre. Ohne Karfreitag kein Ostern. Auch „des Menschen Sohn", d. i. der Mensch, wie er als reiner Gottesgedanke aus der Hand des Höchsten hervorging, mußte leiden unter der Sünde der Welt. Aber in seiner dunkelsten Stunde durchbrach er die Macht der Dämonen im Gebet: „nicht mein, sondern 61 Dein Wille geschehe" — und der Brüder gedenkend: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun." Dornengekrönt betrat er sein Reich, aber sein Kreuz umrankten blühende Rosen und umflocht liebende Frauenhand. Jeder Kreuzträger, der jene Worte aus tiefster Seele dem Herrn nachsprechen kann, macht die gleiche Erfahrung: „Mein Joch ist sanft und meine Last leicht." Summa: Im Drama der Weltgeschichte wie in dem jedes einzelnen Menschenlebens dient der Dämon dem Heilsplan Gottes — wider Willen! V. Der Nächste Das Tier und das Kind scheidet die aus dem Unbewußten auftauchende Außenwelt in Gegenstände der Lust, die es sucht, und Gegenstände der Unlust, die es flieht. An der Hand dieser Scheidung erbaut es die Außenwelt. Auch der primitive Mensch behandelt den Menschen, soweit er nicht Stammes- oder Sippengenosse ist, zunächst als eine Sache für seine Zwecke, als Geschlechtswesen, das er genießt, als Arbeitskraft, die er versklavt, als Jagdtier, das der Kannibale verspeist — oder als das stärkere Raubtier, das er flieht, als den Eroberer, den er vom Futterplatz abwehrt. Der Instinkt bindet das Tier an die Gruppe, an die Tiergesellschaft; aber der Mensch verderbte den Instinkt und wurde damit dem naturgebundenen Gruppendasein untreu. Er bejaht sich mit Ausschluß der Welt. Im andern Geschlecht erwacht dem Menschen das gleichwertige Du als Genosse und Freund, den er bejaht, dessen Zwecke er in die seinen aufnimmt. In dieser Liebe erstirbt das engherzige Ich, der dunkle Despot, der nur sich selbst kennt und alles andere für sich begehrt. So wird Eros der Stammvater aller höheren Werte, denen der Mensch sich unterordnet und opfert. Eros schmilzt den Irrtum hinweg, der das vereinzelte Ich vom Leben der Gattung, vom Volks- und Weltganzen trennt: Eros — die Quelle, in der Natur und Kultur 62 zusammenfließen — dieselbe Urkräft, die Atome zum Bau der Welten bindet! Nächstenliebe ist nicht eine wohlklingende und unverbindliche Redensart, welche die Millionen umschlingt, sondern eine Praxis heute und hier, verwurzelt in dem Grundgefühl: Alles Leben ist Eines in Gott. Ich bin im Du. „Tat twam asi." (Indisch.) Alle Gedanken der Ablehnung und Lieblosigkeit, des Hasses, des Neides, der Geringschätzung, welche wir aussenden, kehren zu uns zurück und schneiden in unser eigenes Fleisch. Wir sehen so leicht Böses in den Menschen hinein und wecken damit das Böse, das in ihm schläft. Wenn wir Gedanken des Friedens und der Freundschaft ihm zusenden, so werden solche zu uns zurückströmen. Je mehr wir geben, um so mehr empfangen wir — je mehr Liebe, um so mehr Gegenliebe. Vor allem bedarf der Gottesleugner und Menschenverächter, der Verneiner und Schwarzseher unserer guten und aufbauenden Gedanken als des schweigenden Gottesbeweises. Der echte Jesujünger erkennt die Anlage zur Gotteseben- bildlichkeit, die Berufung zur Gotteskindschaft in jedem Menschen, auch dem Armen und Verworfenen, dem Sünder und Feinde. Er frägt sich an jedem Morgen, wer ist heute der Nächste, der meiner bedarf? Er beschließt den Abend nicht, ohne am Tage irgendeinem Menschen eine Freude — eine noch so kleine Freude — gemacht zu haben. Von dem Tage, der ohne solche Wohltat verstrich, gilt das Wort jenes frommen Kaisers Titus: „amici, diem perdidi" (ihr Freunde, ich habe einen Tag verloren). Als Jesu Jünger sind wir kenntlich nicht durch ein Bekenntnis, sondern durch die Liebe, die wir untereinander üben. (Joh. 13, V. 35.) Der geliebte Mensch ist uns ein Bote Gottes und ein Führer nach oben. Aus seinen Augen strahlt das innere Licht, jener Seelenfunke, der aus der Quelle allen Lichtes stammt. In der Liebe erschließt sich die Wertfülle des Alls, da jedes Ding heilige Glut ausstrahlt, nichts nur Mittel ist für die engen Zwecke des Ich. Gott ist uns nahe in jedem Dinge, das wir selbst- 63 los lieben, in der Blume, in dem Sternenhimmel, im Größten wie im Kleinsten — vor allem im Mitmenschen. So ist die irdische Liebe die Wegweiserin zur himmlischen Liebe: Beatrice, die Jugendgeliebte, leitet den Dichter zum Paradies (Dante) und Gretchen verkündet die Liebe von oben dem Ruhelosen, der immer strebend sich bemüht hat (Goethe). Aber kein Irrtum! Wie können wir Ordnung und Frieden um uns verbreiten, wenn wir nicht selbst geordnet und befriedet sind? aufbauen, ohne selbst erbaut zu sein? Wie können wir die Pflichten gegen den Nächsten erfüllen, wenn wir nicht zuvor die Pflichten gegen uns selbst erfüllt haben, wenn nötig, unter harter Bejahung unserer eigenen Belange, wo das Heil unserer Seele und unseres Körpers in Frage steht? Nach einem berühmten Jesuwort ist Selbstliebe gleichwertig der Nächstenliebe, aber über beiden steht die Gottesliebe. Wer einen Menschen mehr liebt als Gott, verfällt der Kreaturvergötterung, die bei Verlust des Geliebten uns den Launen des Sckicksals ausliefert. Also keine Schwäche, keine falsche Rücksicht, sondern Stärke, Selbstbehauptung und Selbstbeschränkung! Nur ein Schelm gibt mehr, als er hat, und Gott verlangt von mir nicht mehr, als ich kann! * Hilfspraxis: Nur wenn wir uns selbst in den göttlichen Willen versenken und mit göttlichen Kräften erfüllen, können wir hoffen, dem Mitmenschen, der auf unsere Gedankenwellen abgestimmt ist, Kräfte der Hilfe und des Heiles zuzusenden: Telepathie am selben Tische oder über Berge und Meere! Wir bedienen uns dazu selbstgewählter Leitsätze, etwa nach der Art der folgenden: „Ich werde dem Nächsten ein Helfer und Heiler als unwürdiger Vermittler der göttlichen Gnade, nachdem ich selbst — Irrtum, Sünde, Krankheit durchschreitend — Hilfe, Heil und Gnade erfahren habe." Männern im Berufsleben: „Ich sende diesen Freunden (Na- 64 men) aufbauende Gedanken, hilfreich ihnen die irdische Laufbahn in Ehren zu zimmern und, durch die Pforte der Wiedergeburt, eine Brücke zu schlagen in die Ewigkeit." Frauen in der Familie: „Ich sende diesen Freundinnen (Namen) gute Gedanken, hilfreich ihnen ein frohes Leben aufzubauen in treuer Gemeinschaft, zur Ehre Gottes, zum Segen den Menschen." Kranken und Notleidenden: „Ich umgebe diesen leidenden und gequälten Mitmenschen (Namen) mit freundlichen Gedanken. Indem ich das Gute und Göttliche, das Aufbauende, das in keinem Menschen fehlt, in ihm wahrnehme, werde ich ihn durch diesen Glauben gesunden und erlösen -— hier und dort." Als Jesujünger werden wir Teufel besiegen und Dämonen austreiben, nachdem wir selbst göttliche Kräfte in uns aufgestaut haben. Gebetswunder! Alles gesunde Zusammenleben in Familie, Wirtschaft und Staat beruht auf der Wahrheitspflicht gegenüber dem N äch- sten, die wenigstens bis zu gewissem Grade erfüllt wird. „Lügen haben kurze Beine." Die Gewohnheit zu lügen führt zum Glauben, stets belogen zu werden; sie zerbricht alle soziale Gemeinschaft und endet im Illusionismus des Irrenhauses. Dagegen bedeutet die Wahrheitspflicht nicht die Pflicht der Rede. Lerne Schweigen! Meide eitles Geschwätz, zwecklosen Tratsch, vor allem über den lieben Nächsten! Meide Diskussion mit einem hoffnungslos festgelegten Partner. Schweige, wo Reden das Übel nur befestigen könnte. Folge lernend den Diskussionen Dritter und laß die Leute reden. Vor allem berede nicht eigene Pläne und Wünsche; jedes zwecklose Wort mindert die der Erfüllung entgegenreifenden Kräfte. Rühme dich nicht erreichter Erfolge; der Apfel in deiner Hand kann dir entgleiten oder wurmstichig sein. Weder ungelegte noch gelegte Eier begackern ! Gib keinen unerbetenen Rat—jeder Erwachsene hat das Recht der Selbstbestimmung, auch des Irrtums. Aber höre freundlich und verständnisvoll den Nächsten, dem es eine Wohl- 5 S chulze-Gaeverni tz , Abendland 65 tat sein kann, sich auszuschütten. Auch dir kann ein Bekenntnis, ein Beichtwort vor dem Freunde, dem Arzt, dem Seelsorger als Gottesboten Förderung bringen. Sprich mit dir selbst im stillen Kämmerlein, bete redend — Gott antwortet im Schweigen. Als Erzieher weniger tadeln als loben, nicht verkleinern, aber anerkennen! Wieviel Lebenshemmungen entspringen dem Minderwertigkeitsgefühl, das ein sogenannter Erzieher dem Schwächling, dem Dummkopf und Taugenichts eintrichterte oder einprügelte; daher stammen die Angstträume, die ihn bis in das Alter um den gesunden Schlaf betrügen. Geschäftsleuten: Jedes gesunde Geschäft kommt beiden Partnern zugute — dem Käufer wie dem Verkäufer, dem Gläubiger wie dem Schuldner, dem Arbeiter wie dem Arbeitnehmer. Jeder auf die Dauer wirksamen Werbung (Reklame) muß ein ehrlicher Dienst am Kunden zugrunde liegen. Jeder gesunde Kredit muß dem Schuldner die Hoffnung geben auf schrittweise Entschuldung und Aufbau eigenen Wohlstandes. Jeder Arbeitsvertrag sollte dem Arbeiter die Verbesserung seiner Lebenslage bei verbesserter Leistung ermöglichen. Jeder häusliche Dienstvertrag sollte die Hausangestellte durch Ersparnis und Schulung in fremder Hausgemeinschaft für das eigene Heim vorbereiten. Jesus heiligte das Geschäftsleben in jenem „Ökonomen", der treu im Geringsten, über Großes gesetzt wird, der durch die Verwaltung irdischer Güter sich wert macht, daß ihm ewige Güter anvertraut werden. Gewiß: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" — aber ihr könnt Gott dienen, indem ihr den Mammon beherrs cht und höheren gottgewollten Zwecken Untertan macht. Geld als Selbstzweck ist Götze, dagegen in der heutigen Wirtschaftsordnung das Mittel aller Mittel — zum Bösen und Guten. (Lukas 16, 9-—13.) Liebenden: Die irdische Liebe stillt auf ihren Höhepunkten die Sinne bis zum völligen Ausgleich der polaren Strömungen der Geschlechter. Die himmlische Liebe verschmilzt die Seelen bis zum Erlebnis Gottes im Du. Wo die irdische zur himmlischen Liebe aufsteigt, werden jene Gipfel- 66 punkte menschlichen Lebens erreicht, da alles Wünschen schweigt. In erhabenen Worten hat der Apostel diese Hochehe verglichen mit dem Verhältnis der Christgemeinde zum Herrn: auf ihrer Seite selbstvergessene Hingabe an den Willen und das Wesen des Meisters, auf seiner Seite liebende Leitung unter Entsagung des Ich bis zur Hingabe des Lebens. (Eph. 5, V. 25.) Den meisten Menschen ist der Weg zu diesem Gipfel heute noch versperrt durch verkrampfte Ichsucht, körperliche Entartung, unbeherrschte Verschwendung an Geschlechtskraft, Misernährung, mangelnde Sammlung im Gebet. Den Nachfahren wird dieser Weg offenstehen, wenn sie die Pforte seelischer und körperlicher Wiedergeburt durchschritten haben. Dann ist das Gottesreich nahe und das Wort der Offenbarung erfüllt: „Siehe, ich mache alles neu" (Offenb. 21,5) —wenn ein neues Geschlecht in Liebe gezeugt ist von menschlicher Vollkraft. Die Natur hat diesen Weg vorbereitet: der unverderbte Mann hat an nichts größere Freude als an der Freude, die er der Geliebten gibt: dem Glücksstrahl ihres Auges, dem Glückslächeln ihres Seele hauchenden Mundes. Aufwärts!! VI. Das Werk Nichts ist Zufall! Alles dient dem Werke Gottes an der Welt. Denn Gott ist kein toter, der sich aus der Welt zurückgezogen hätte, sondern ein lebendiger—ewig wirkende Allmacht! Alles hat seinen Zweck, nicht weniger das kleinste Ereignis im täglichen Leben, wie das größte der Weltgeschichte. Alles Geschehen ist durchwoben und verflochten von einem allumfassenden Zweckzusammenhang, der über alle Vernunft ist: Gottes Heilsplan, das „Reich der Zwecke" nach Kant. Wenn wir zurückblicken, so blitzt uns der Heilsplan auf, zunächst an einzelnen Punkten unseres eigenen Lebens, dann auf ganzen Strecken unserer Laufbahn. Daher kann man mit Luther sagen: „Das Leben ist ein hebräisch Buch; man muß es von rückwärts lesen." Was uns am schwersten wurde, gerade das hat uns oft zum besten gedient, so daß wir bei 5' 67 künftigen Enttäuschungen sofort fragen sollten, was für ein Gutes als Endergebnis wohl darin verborgen sein möge. Breiteste Strecken des allgemeinen Weltgeschehens bleiben im Dunkel liegen. So fragte das 18. Jahrhundert: warum im Lissaboner Erdbeben an einem Tage tausende Unschuldiger ihr Leben lassen mußten? Diese Frage wiederholt sich heute bei jeder Auto-, Eisenbahn- oder Bergwerkskatastrophe, vor allem bei jedem Todesfall einer hoffnungsvollen und unvollendeten Jugend. Gottes Wege sind nicht unsere Wege, und das Leben auf dieser engen Erdenscholle begreift nicht den Kreis des Daseins überhaupt. Gott bedarf der aufstrebenden Geister vielleicht in anderen Welten. So sagte Goethe bildhaft auf dem Nachhausewege von Wielands nächtlichem Begängnis: er wundere sich, auf welchem dieser strahlenden Sterne der erleuchtete und liebenswürdige Geist Wielands seine Werkstatt aufschlagen werde. Ich glaube an Gottes Heilsplan mit mir in Freud und Leid: Sonne — Wonne, Regen — Segen! Ich glaube an Gottes Heilsplan mit meinen Lieben, mit meinem Volke, mit der Menschheit, mit der Welt. In Tagen der Prüfung und der Heimsuchung gedenken wir des Meisters, der in der Stunde des Zusammenbruchs aller irdischen Hoffnung das Kreuzeswort sprach: „Es ist vollbracht", d. h. wörtlich: „Das Ziel ist erreicht" — und das Gottesreich war in eben dieser Stunde begründet, sein Lebenswerk vollendet. Als Werkzeug in Gottes Hand, lernen wir stillzuhalten, wie Er will. Wenn wir durch Eigenwollen seiner Hand entgleiten, muß Gott uns durch Versagung unserer ungestümen Wünsche in seine Bahn zurückleiten. Wildes Wollen vereitelt unsere Hoffnungen. Wirkt Gott durch uns, so geschehen Wunder, unbegehrt! Was gewesen, werde stille, Stille, was dereinst wird sein. All mein Wunsch und all mein Wille Geh in Gottes Willen ein. * 68 Alles höhere Menschenwerk, das über das rein animalische Bedürfnis hinausgeht, beruht auf dem Paradoxon eines Glaubens — des Glaubens an einen letzten Wert, der sich in den geschichtlichen Kulturwerten des Handelns, Erkennens, Gestaltens entfaltet. Durch mein Werk — ob groß, ob klein — gliedere ich mich dem göttlichen Heilsplan ein. Beruf ist Berufung durch Gott zur Mitarbeit an der Welt, an den gottgewollten Werten des sozialen Ganzen als Aufgaben der Menschheit. Mein Beruf ist der keines anderen; jeder wirke an der Stelle, zu der er berufen ist. Gottes Gedanken durchströmen mich, Gottes Fülle überflutet mich, auf daß mein Wort ein Hauch sei seines Mundes, mein armes Werk ein Stück sei seines Weltenwerkes. Ich werde mein Werk verrichten, als freier Vollmensch, nicht als Sklave des Werks. Frohen Mutes werde ich Samen streuen in die Furchen der Zeit — und Gott wird Wachstum gewähren. Naturverbundenheit, Vollmenschentum, Gottesnähe — diese Einheit im Dreiklang — ist die jedem Menschen gesetzte erste Aufgabe. Die weitere Aufgabe der Mitarbeit am Gottesreich und der Hilfs- und Heilsdienst am Nächsten hängen in ihrem Erfolge durchaus von der Erfüllung der ersten Aufgabe ab. Wege, die zu diesem Ziele führen, sind: Körperertüchtigung, gesunder Schlaf, Sammlung in Gebet, Seelenstille in Gott. In den Zeiten, die diesen Zwecken gewidmet sind, schalten wir menschlichen Kleinkram aus: Geld- und Geschäftssorgen, Tagespolitik und Wirtschaftsnot, eitles Geschwätz und sog. Geselligkeit, auch die Sorge um den Nächsten. Ist der Mittelpunkt in Ordnung gebracht, so folgt die Umwelt von selbst. Wie kann ich andern etwas sein, wenn ich nicht zuvor selbst etwas bin? Nichts im Leben gelingt ohne Ruhe und Freude. Ruhig die Dinge an sich herankommen lassen und dann, nicht zu früh, in freudigem Schwung die gesammelte Kraft in den Schlag hineinlegen — beim Ballspiel wie im Spiel des Lebens. 69 Indem ich meine Kräfte auf das eine zusammenfasse, was heute und hier obliegt, auf ein erreichbares Ziel bei wohlüberlegtem Einsatz meiner Kräfte, indem ich eines erledige, ehe ich das andere beginne, sammle ich viele kleine Siege des Tages zum großen Siege des Lebens. Sammlung der Kräfte ist das Geheimnis des Erfolges. „Erweitere deine Bestimmung nicht über das, was dir aufgegeben ist." (Emerson.) L ebensfreude; : Ich liebe das Leben; das Leben ist schön, vom Lichte umspielt, von der Sonne geküßt, vom Sturme gerüttelt, vom Schicksal zerzaust — ein fruchtbarer Baum, von dem reife Früchte zu Boden tropfen. Ich werde heiter leben, alt werden, die Ernte einbringen, das Himmelreich in mir erbauen und selig sterben mit den Worten des Herrn auf den Lippen: Das Ziel ist erreicht. Glücklich ein solches abgerundetes und vollendetes Leben, das zum Ganzen gestrebt und dem Ganzen gedient hat: Gottes Werk durch menschliche Freiheit! Glücklich unseres Wirkens und Wachsens, der Schönheit um uns und des Gottes in uns, bedauern wir die verrinnenden Stunden — wir wären Engel, wenn wir ihnen Halt gebieten könnten — und unser Gebet ist das Gebet unerschöpflichen Dankes. Bef-affeerte l o scn Brüd er gcduik ea-wif-fin4?rtteftd--H«d rraeh--Ki : äfteH-Jwerktätig. Arbeits praxis: Unterscheide Wichtiges vom Unwichtigen, Hauptzweck von Nebenzwecken; bewahre die Herrschaft über den herandrängenden Kleinkram des Tages, beginne den Tag mit den Hauptsachen, mit produktiver Tätigkeit. Womöglich arbeite weniger Stunden — aber diese intensiver, unter gelegentlicher Einschaltung von tiefen Atemzügen. Höre zur rechten Zeit auf, ohne das Morgen dem Heute zu opfern. Nicht zu viel Dampf! Nervenverschleiß ist kostspieliger Raubbau. Arbeite im Gefühl der Behaglichkeit unter täglichem Ersatz der verbrauchten Nervenkraft. Übermüdung beraubt uns der Widerstandskraft gegen Krankheit und Versuchung, des Gleichgewichts und der Selbstbeherrschung. Gönne dir gelegentlich völlige Entspannung im Nichtstun der Ferien. Im Grase liegend, 70 sammle Kräfte; folge den ziehenden Wolken, lausche den Vögeln und Insekten — verschwimme! Bekämpfe negative Gemütsbewegungen, die deine Arbeitskraft verwüsten, durch die entgegengesetzte Körperbewegung: pfeife die Angst — lächle den Zorn und Ärger hinweg. Leite positive Gemütsbewegungen, wie Liebe, Begeisterung, Gemeinsinn, in dein Werk hinein, als Kräfte, die das Schwungrad antreiben. Nichts Großes wurde vollbracht ohne Hoffnung, Glauben und Liebe! * Dem Handarbeiter: Nicht die Mechanisierung der Arbeit ist schuld an der so weitverbreiteten Arbeitsunlust — Gott ist auch in der Maschine! Schuld ist die Verödung des Innenlebens, die Ablösung von Gott und damit vom Weltganzen, die Vereinzelung des Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft, welche die Arbeit ihres Sinnes und Zweckes beraubt hat und auch in der Freizeit es nicht zur rechten Entspannung kommen läßt. Hierzu kommen die Minderwertigkeitsgefühle, welche Erziehung und Umwelt, Wohnungselend und Arbeitsunsicherheit über den Handarbeiter verhängen — Folgen der Gesamtsünde des Zeitalters. Unter der Peitsche des Kapitals, wie es Ricardo und Marx verstanden, glaubte der Arbeiter den Mehrwert seiner Arbeit einem Unternehmer abtreten zu müssen, welcher den Menschen als bloßes Mittel behandelt. Er glaubte sich ausgebeutet für Zwecke des Gewinns, des Genusses, vielleicht des unverschämten Luxus. Tatsachen kamen diesem Glauben zu Hilfe und machten die Arbeit zum Fluch. Nicht mit einem Befehlswort wird die Stimmung des Klassenkampfes gebändigt. Der Proletarier verlangt Mensch zu sein unter Menschen. Der Arbeiter ist kein Sklave mehr, der an dem großen Werke der Volksgemeinschaft bewußt, freudig, rhythmisch, gesammelt mitarbeitet, der sich eingliedert unter der Bedingung, daß diese Volksgemeinschaft jedes ihrer Glieder als wertvoll und unentbehrlich anerkennt. Das Volk ist feinfühlig. •& 7 1 wlrd-gerrnr-er nein Führer vertra u en, dem der H 4mge£-einmal „ Begleit e r" gewesen i st-. Es will Taten sehen: den schrittweisen Aufbau einer Sozialreform, die jedem willigen und fähigen Arbeiter Arbeit, Ernährung und Obdach sichert, Erholung, Schulung und Aufstieg ermöglicht. Bei der Bevölkerungsstruktur Deutschlands dürfte dies nicht ohne Weltwirtschaft und Weltvertrauen möglich sein. Besser als der Unterhalt des Müßigganges durch kümmerliches Staatsalmosen ist Notstandsarbeit; besser als unproduktive Notstandsarbeit ist Wirtschaftsbelebung, welche ihre Kosten wieder einbringt und Wohlstand aufbaut, wie dies vor allem die Siedelung tut. Millionenköpfige Arbeitslosigkeit ist die Schande eines Zeitalters, in welchem ein großer Teil der Erdoberfläche noch zu beurbaren ist und — bei Überfluß an Rohstoffen — so viele Menschen noch der menschenwürdigen Existenz entbehren. Alles dieses wurzelt hinunter in die Weltanschauung. Nur der wird die Menschenwürde auch im letzten Volksgenossen achten, dem der Gottesfunken in jedem Menschen leuchtet; h u - p der d ient- frei und freudig der Vo Htsgememsehaft j-dcm- V o I k-und-Va-teP- hrrr d Wc r t e-würköfp&m-di c mehr wert sind" aisMäs-Kigordebcn. Der Hausfrau: Die Frau ist befriedigt im Manne, im Kinde, im Heim und in solchen Berufen, welche als lehrende, erziehende, pflegende, einfühlende, schmückende einen weiblichen Einschlag haben. Voran steht die mütterliche Pflege jungen Lebens, so die hochwichtige Arbeit der Frau in der Arbeitsteilung des bäuerlichen Betriebes. Man unterschätzt die weibliche Kleinarbeit des Haushalts, die man erst dann würdigt, wenn das häusliche Räderwerk krächzt und kreischt. Das pünktliche, reibungslose Heim trägt nicht weniger als das ganze Kulturgebäude und die ganze Volksgemeinschaft. Der Mann strebt aus dem Hause hinaus in die Welt als Gestalter und Ordner durch das Werk — aber die rechte Frau gestaltet und ordnet den Mann, den ihr intuitiver Rat oft sicherer leitet als die gewiß nicht zu unterschätzende Kleinarbeit des männlichen Verstandes. Kein guter Arbeiter ohne gute Frau, ohne gesundes Heim, was bei Anstellungen ernste 72 Berücksichtigung verdient. Wieviel männliche Kraft wurde durch den weiblichen Vampir ausgehöhlt, durch weibliche Verschwendung auf krumme Wege gedrängt! Was von dem einfachsten Arbeiter gilt, gilt von den Größten der Großen. Über Jahrzehnte unerhörten Erfolges zurückblickend, erschaute der greise Goethe seines Lebens „Hochgewinn" in der Liebe zu Lrau von Stein, und Bismarck bekannte: „Alles, was ich bin, bin ich durch meine Frau." Über Freundin, Gattin und Hausfrau steigt die Mutter zum höchsten aller irdischen Berufe als die Trägerin der aufsteigenden Zukunft. Wie vielen Männern—nicht den schlechtesten! — war die Mutter das große und bestimmende Erlebnis, dessen Erbin in glücklichen Fällen Gattin oder Tochter wurde. Selbst der Greis ersehnt den Mutterarm und Mutterschoß als Heimkehr durch die Pforte des Todes. Jungfrau und Mutter, du herrschest durch Dienen; die Gipfel der Menschheit berührst du durch Hingabe bis zur Selbstentäußerung; dich hat der Höchste vor allen Erdgeborenen erhoben: „Du machtest diese Menschheit so erhaben und edel, daß der Schöpfer selbst geruhte, Geschöpf zu werden, dessen Du genesen." (Dante.) Verschüttet, verflacht, verknickt unter der Sünde des Zeitalters, lebt in jedem weiblichen Wesen jenes Ewigweibliche, das der Erlösung harrt durch den Liebesfunken zur Liebestat. Summa: Beruf als Berufung bewirkt mit der Freude am Werk jenen unterbewußten Antrieb, der so viel mehr leistet als bewußte, gar verkrampfte Willensanspannung. Glücklich der, der seine Arbeit gefunden hat —jene mählich bauende, nie zerstörende Arbeit, „Die zu dem Bau der Ewigkeiten Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, Doch von der großen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre streicht." (Schiller.) 73 VII. Das Gottesreich In dem unerforschlichen Zweckzusammenhang aller Dinge ist das Gottesreich die geschichtliche Aufgabe der Menschheit, das Ziel der Jahrtausende und doch in jeder Gemeinschaft gottverwandter Seelen vorwegzunehmen, heute und hier. Das Gottesreich wurde von Jesus und seinen Jüngern als nächstbevorstehend vorgestellt: Gott begründet durch eine Katastrophe die irdische Herrschaft des wiederkehrenden Heilands, die aus dem Geschichtsverlauf als das Weltende herausfällt und als idealer Heilszustand jenseits der Erdenschranken liegt. Trotzdem ist es schon keimhaft angebrochen in der Jüngergemeinde, greifbar als schnell zu erpackende Wirklichkeit (Mt. xi, Ii—13). Am Anfang wie am Ende der frohen Botschaft Jesu steht das Gottesreich, das er nicht als furchtsamer Knecht, nicht als büßender Asket, sondern in Bräutigamsfreude erwartete. Die zweite und dritte Bitte des Vaterunsers zusammenfassend, gilt dem Christen: Dein Reich komme nach Deinem Willen auf Erden. Indem wir diese Botschaft ihres zeitgeschichtlichen Gewandes entkleiden, aber treu dem Sinne des Meisters, dürfen wir sagen: Auf Erden soll werden, was im Göttlichen ist. Das Übersinnliche soll zum irdischen Ereignis werden im übernatürlichen Durchbruch Gottes durch den Weltverlauf, wenn nicht durch einmalige Katastrophe, so durch gesteigerte Macht- erweisung Gottes in der Geschichte. In unserer, gewiß auch nur zeitgeschichtlichen Vorstellung denken wir das Gottesreich als jene Menschheitsordnung, in welcher der Wille Gottes restlos durchgeführt ist: das Reich der Arbeit und der Gerechtigkeit, der Gemeinschaft durch Freiheit, der Freiheit durch Gemeinschaft. Kein Arbeitsfähiger ohne Arbeit, kein Arbeitsunfähiger ohne Unterhalt, die Freiheit des Bürgers begrenzt durch die Zusammenstimmung mit der Freiheit aller, der Eigennutz gebändigt durch das Gemeinwohl — das Volk breiter mittlerer Schichten ohne 74 Prasser und Bettler, ohne Säufer und Huren, aber starker Männer, blühender Weiber, lachender Kinder — die Gottesstadt ohne Gefängnisse, Krankenhäuser und Schlachthäuser — die Wohnung Gottes bei den Menschen, in der jedes Haus ein Gotteshaus ist, daher ohne Tempel! (Off. 21, V. 22.) Gottmensch und Gottesreich sind die beiden Pole, um welche alles menschliche Wesen kreist, auf Erden versichtbart, in Ewigkeit vollendet. In dem Gottesreiche schlägt die Geschichte um in die Übergeschichte, die Historie in die Metaphysik: die Menschheit hat ihre Aufgabe vollendet und kann, zu höheren Aufgaben berufen, ihren irdischen Schauplatz verlassen. Der Apokalyptiker erschaute ein tausendjähriges Reich der Gottesherrschaft auf Erden, das dem Weltende vorangeht. (Off. 20, V. 3 und 7.) Das Gottesreich kommt nicht mit äußeren Gebärden, nicht durch Gewalt oder Gesetz, obgleich beides, wie alles Geschichtliche, das Kommen des Reiches vorbereiten kann. Gewalt? Gesetz? — beide so eng verbunden durch die Er- zwingbarkeit alles Rechts. Die Stellung Jesu scheint eindeutig. In einem berühmten Worte (Mc. 12, V. 13-—17) hat Jesus das Römerreich anerkannt, das durch Waffengewalt den Weltfrieden sicherte; er hat dem ihm befreundeten römischen Hauptmann das Waffenhandwerk nicht verboten. In der von allen vier Evangelien berichteten Tempelreinigung, die damit, wenn irgendeine Erzählung des Neuen Testaments, beglaubigte Historie ist, hat er selber Gewalt angewandt zur Wiederherstellung des Rechts. Der Wortlaut von Luc. 22, 36 fordert die Jünger zur Bewaffnung auf unter Hingabe des wertvollsten Friedensbesitzes. Aber wie immer wir diese dunkle Stelle auslegen, eines steht fest: das Gottesreich —• obschon vorbereitet durch die irdische Rechtsordnung — kommt zum Durchbruch allein durch innerlichste Umstellung der Seele. Ohne Wiedergeburt kein Gottesreich! Der echte Jesujünger ist ein fröhlich dienendes Glied des Reiches, gleichviel ob sein Dienst vor dem Menschen groß oder klein ist, — stets klein verglichen mit der Aufgabe der Mensch- 75 heit, doch groß vor Gott, wenn in seinem Geiste verrichtet. Vor Gott ist es gleich, ob sie die Gasse fegt oder ein Mahl bereitet, ob sie Kranke heilt oder Kinder gebiert, ob er die Erde bepflügt oder die Maschinen beherrscht, ob er Atome zertrümmert oder aus Völkern Staaten hämmert und aus Staaten den Weltfrieden zusammenschweißt. Unser Leben ist das, was wir aus ihm machen. Glauben wir an das Gute, so werden uns Kräfte des Guten zuströmen. Glauben wir an die Menschen, so werden die richtigen Menschen zur richtigen Zeit unseren Weg kreuzen; glauben wir an Gott, so wird sich Gottes Heilsplan in uns und um uns schrittweise enthüllen. Auch das Zeitalter wird das, was es glaubt. Es wird Chaos, wenn es an die Selbstsucht und Schlechtigkeit der Menschen glaubt und damit den Krieg aller gegen alle entfesselt. Es wird Kosmos, wenn es an die Kräfte der Gemeinschaft glaubt und die Menschen aufruft zum Dienst am Ganzen. Diese Wendung, im großen nicht mehr utopisch, ist zunächst durchführbar im engsten Kreise der Freunde, der Familie, der Gesinnungs-, Arbeits- und Volksgenossen. Bauen wir Kreise des Friedens und der Freundschaft, von denen Gottesgeist ausstrahlt in die friedlose, sich zerfleischende Welt. Retten wir die Schätze der Vorfahren, edles und lauteres Metall, übergeben wir sie der Jugend, um sie zu neuen Formen zu prägen —Weltmünze für die Nachfahren: Tradition, nicht Reaktion! Im Kampfe mit den Dämonen des Zeitalters sollen Karitas und Staat für Kranke und Krüppel, für Blöde und Irre ebenso sorgen wie für Arme und Arbeitslose; Reichgottesarbeit aber ist es, dafür zu sorgen, daß Krüppelwesen und Irrsinn, Hungerelend und Arbeitslosigkeit verschwinden — als Ergebnisse unserer Irrtümer und Sünden, die Gott nicht will. * Heilige Geschichte: zu Weihnachten feiern wir die Geburt des Gotteskindes in der Krippe zu Bethlehem und in jeder menschlichen Wiege — des „Gott-Menschen", der Jesus war und ist, der wir werden und sein sollen. Zu Ostern feiern wir den 76 Sieg des Gottmenschen über die Mächte des Bösen und der 1 Verneinung, die Auferstehung durch die Pforte des Grabes. Zu Pfingsten feiern wir die Ausgießung des göttlichen Geistes in die Breite der Welt. Insofern ist Pfingsten der Gipfel der > christlichen Feste. Der Gottmensch ist nicht nur ein einzelner Bahnbrecher. Gotteskinder sind nicht nur wenige auserwählte Jünger, die sich aus dem irdischen Jammertal auf die Insel der Seligen flüchten. Gottmensch ist auch der große Mensch, die Menschheit als Träger der Geschichte. Ihren Kernpunkt bildet „die Gemeinschaft der Heiligen". Ihre Glieder sind die Völker und Staaten. Der Gottesgeist durchflutet alle Völker, von denen jedes in seiner Sprache ihn vernimmt und nach seiner Eigenart deutet. Gottes Geist ist ausgegossen in jede echte Gemeinschaft, um dereinst die den Globus umwohnende Menschheit zum Gottesreiche zu einen. Das Gottesreich kommt. Sein Vorläufer war das Reich des Pharaos und des persischen Großkönigs, die griechische Polis, das Friedensreich der Römer, die Ordnung des Mittelalters, der vielgiebelige Zunftstäat, der Commonwealth, wie ihn ein Cromwell, die Demokratie, wie sie ein Lincoln verstand. Vorspiel ist die in den Kirchen so vielfältig versichtbarte allgemeine christliche Kirche. Baustein des Gottesreiches sei der Neue Staat unserer Tage. Aber das Gottesreich kommt nicht nur, es ist. Es ist heute und hier, wo zwei oder drei von uns zusammen sind in seinem Geiste (Matth. 18, 20). Keine Umwelt kann uns verbieten, solche Gemeinschaften zu errichten, kein Chaos uns hindern, den Kosmos im Kreise Gleichgesinnter zu begründen. Gottesgeist durchwehe unsere Familien, unsere Berufe und Jungmannschaften in immer erneuter, immer mächtigerer Wiederholung des Pfingstwunders. Über Klüfte der Klassen und der Parteien, der Bildung und des Besitzes hinweg bereite Gottesgeist die echte Volksgemeinschaft im Pfingstwunder unseres Sehnens. 77 Noch ist die Menschheit jung, und nicht hinter uns, sondern vor uns liegen die Alpengipfel der Weltgeschichte. Marksteine dieses Weges: Der Einzelne eingeordnet der Volksgemeinschaft, die Volksgemeinschaft Trä- ■ gerin des starken Staates, der den Volkswillen in der Hand des Führers zusammenfaßt. Der starke Staat Treuhänder des biologischen Erbgutes des Volkstums, das er durch Körperertüchtigung hütet und durch Erbaufartung vermehrt. , t Der starke Staat Meister der Wirtschaft, die er planmäßig für das Gemeinwohl leitet, unter Freilassung eines breiten, privatwirtschaftlichen Gebietes, insbesondere des Privateigentums am Eigenheim, an der Scholle, an der bäuerlichen Hufe. Gemeinnutz vor Eigennutz, menschenwürdige Existenz jedes Volksgenossen, Pflicht zur Arbeit und Recht auf Arbeit! Erziehung zur Gemeinschaftsgesinnung und Führ erautorität unter Stählung der Entschlußkraft und Selbstverantwortung des Einzelnen; planmäßige Führerauswahl und Führerschulung. Der Weltfriede gesichert durch das Bündnis starker Staaten, an deren Gerechtigkeit die Welt glaubt. Für jedes Volk ein Platz an der Sonne! Volk und Staat, Führertum und Gefolgschaft, Staatengemeinschaft und Weltfriede befestigt im Gottesglauben und getragen durch eine religiöse Erweckung: Gott das Ziel der Ziele! Alle Anfechtungen des Zeitalters, Entbehrungen und Grausamkeiten, würden zum Segen ausschalten, wenn sie diesen Stern der Sterne wieder aufleuchten ließen. Dies die Grundlinie des aufsteigenden Zeitalters, welches das Zeitalter des Liberalismus und des Kapitalismus überwindet, aufhebt, aufbewahrt, zur Wiedergeburt des entartenden und auseinanderbrechenden Abendlandes. Das ist der stärkste Staat, welcher das höchste Maß derFreiheit der Bürger verträgt; das istder freiesteBürger, 78 der dem stärksten Staat als dienendes Glied sich freiwillig eingliedert. Nur ein solcher Staat kann in Tagen höchster Not, wenn aller Zwang versagt, auf das Opfer des Bürgers rechnen — Opfer an Gut und Blut bis zum Letzten. Der Zwangsstaat bricht auseinander in leblose Teile, die Maschine zerfällt in tote Räder unter den Hammerschlägen des Schicksals. Dasjenige Land, das diese Grundgedanken gesinnungsmäßig erlebt, nicht zu laut mit dem Worte bekennt, schrittweise und zielbewußt verkörpert, steigt im Bündnis mit der aufsteigenden Idee. Es gewinnt Weltbedeutung und bringt das Weltgewissen auf seine Seite, das als eine nur zu reale Tatsache die Schicksale der Völker entscheidet. Wir stehen in einer Zeit ungeheurer Geburtswehen. Der Ostermorgen eines neuen Zeitalters bricht an. Das Gottesreich taut hernieder auf diese arme Erde. Seien wir sein auffangendes, durchschimmerndes, überquellendes Gefäß! „Vor Kampf und Müh' uns nimmer graut, Das Schwert entsinkt nicht unsrer Hand, Bis wir die Gottesstadt erbaut In unserm lieben Vaterland." (Aus Cromwells Reich.) 79 DRITTES KAPITEL AUFARTUNG „Es ist entscheidend über das Los von Volk und Menschheit, daß man die Kultur an der rechten Stelle beginnt; die rechte Stelle ist der Leib, die Gebärde, die Diät, die Physiologie. Schönheit ist kein Zufall. Sie ist gleich dem Genie das Schlußergebnis der gehäuften Arbeit von Geschlechtern." Nietzsche. I. Lebenserneuerung. Seite 80. — II. Geschlecht. Seite 90. — III. Unterbewußtsein. Seite 103. I. Lebenserneuerung Die Wiedergeburt des Abendlandes ist abhängig von derWiedergeburtdesAbendländers, die Deutschlands von der des Deutschen. Wiedergeburt ist ein innerlichster Vorgang, in welcher Freiheit und Gnade sich in geheimnisvoller Weise verflechten. Wiedergeburt, die mehr ist als ein flüchtiger Rausch und leerer Wahn, wird sich in die Umwelt auswirken, welche wir im Vorstehenden in sieben Gebieten auseinander falteten. Hier aber besteht die dringende Gefahr, bei schönen Worten stehenzubleiben, des Papiers nicht wert, auf das sie gedruckt sind. Nicht verfallen sind dieser Gefahr die großen Träger des deutschen Idealismus, die Kant, Fichte und Goethe, die Stein, Gneisenau und Fr. List, nicht die Gründer des deutschen Industriestaats und des Bismarckschen Reichs, wohl aber ihre Nachbeter und Verwässerer. Das anhebende 20. Jahrhundert hat sich mit den Schaustücken der Vorfahren geschmückt, während es in Unglauben, Geldwahn und Großmannssucht verflachte. Es hat den Namen des Idealismus wie den nächst verwandten der Kultur in Verruf gebracht und der Lächerlichkeit preisgegeben. 80 Auch zwischen uns und unseren hochgesteckten Idealen, die sich im „Dritten Reich" zum Wunschbild unserer Jugend zusammenfügen, gähnt ein Abgrund. Unsere Wiedergeburt wird nur dann erfolgreich in das Weltwesen vorstoßen, wenn sie zuvor das Ichwesen erneuert und in Ordnung gebracht hat. Hier aber erhebt sich das Hindernis unserer körperlichen und seelischen Entartung — das Verhängnis des Niedergangs, dem wir hoffnungslos verfallen scheinen. Um auf dieser abschüssigen Bahn einen Halt zur Umkehr zu finden, ist es erste Aufgabe, der Gefahr in das Gesicht zu schauen und das viel mißbrauchte Wort „Entartung" mit fest umschriebenem Inhalt zu füllen. Entartung ist zunächst ein naturwissenschaftlicher Begriff. Sie bedeutet Abfall von den Normen der Art, d. h. denjenigen Eigenschaften, welche ein Lebewesen den Bedingungen der umgebenden Natur anpassen und daher zur Erhaltung des Lebens, wie zur Fortpflanzung der Art befähigen. Ein entartendes Lebewesen versagt im Kampfe um das Dasein. Alle Arten, welche bisher die Erdoberfläche bevölkerten, sind früher oder später der Entartung verfallen und ausgestorben. Einflußreiche Schriftsteller wie Spengler und Schallmayer haben diese naturwissenschaftliche Feststellung auf die Menschheit, die weiße Rasse, die abendländische Völkergemeinschaft, nicht zuletzt auf ihr eigenes Volk bezogen. Alle menschlichen Rassen und Völker tragen nach dieser Lehre einen gewissen Vorrat von Lebenskraft in sich; sobald sich dieser erschöpft, beginnt der Niedergang, der den Untergang einleitet -—• ein unentrinnbares Verhängnis, ein naturgesetzliches Muß. Insbesondere gilt dies von den kulturtragenden Volksschichten, den Städtern, den Intellektuellen und den Herrengeschlechtern, wie die Familiengeschichte belegt: sie treten aus der unbekannten Volksmasse hervor, verbeugen sich vor dem Thron der Geschichte, werden einen Augenblick vom Lichte der Kultur beleuchtet und treten ab in das Dunkel des Nichts. Der Adel weiß dieses Verhängnis aufzuschieben, nicht auszuschalten durch die Verankerung im Grund und Boden — 6 Schulze-Gaevernitz, Abendland 81 er degeneriert, ehe er ausstirbt, soweit die Aufstände der Masse ihn nicht gewaltsam hinwegfegen. Vor allem bedroht dieses Schicksal die nordische Rasse, die von der Eiszeit emporgezüchtet, in einem wärmeren Klima die Herrschaft über die Abkömmlinge des Südens an sich reißt, Kulturen hervorbringt, Staaten aufbaut und — ausstirbt. Eine breite Literatur hat die Tatsachen der Entartung festgestellt und teilweise durch die Statistik belegt, worüber nur wenige Worte: Voran steht die Zunahme und Ausbreitung der körperlichen Anbrüchigkeit trotz sinkender Sterbeziffer — die Abschwächung der natürlichen Auslese durch die Fortschritte der Medizin und Sozialpolitik — die Verschlechterung der Keimsubstanz — die Übertragung krankhafter Erbanlagen und damit verminderte Widerstandskraft der Nachkommen gegenüber den gesteigerten Anforderungen des Lebens — vor allem, dem „run and rush", der Rastlosigkeit der Wirtschaft. Hierzu tritt das Versagen des Nervenapparats als Folge der vermehrten Hast, die unser Leben verunruht, der gesteigerten Reize, die uns von außen bestürmen. Eisenbahn und Auto, Großstadt und Mietskaserne, Fernsprecher und Lautsprecher, Kino und Radio — unsere Arbeit wie unsere Vergnügungen bedeuten Nervenverschleiß. Mehr Lärm und mehr Gestank scheinen die Wahrzeichen unserer sog. Kultur, die uns überallhin verfolgen, Radio und Schallplatte bis in die Wüste. Ergebnis ist die Verderbnis der natürlichen Instinkte, die seelische Zerrüttung, die Zunahme der Nerven- und Geisteskrankheiten. Die Ziffer der Selbstmorde schwillt an. Allgemeine Erfahrung belegt, daß im Vergleich zum heutigen Geschlecht unsere Großeltern die robusteren waren — leistungsfähiger in der Arbeit wie im Genuß, wogegen die Bestände unserer Lebenskraft dahinschwinden. Allem voran aber ergreift die Entartung das Gebiet des Geschlechts und der Fortpflanzung. Sexualnot, Eheelend, Impotenz bei übersteigertem Geschlechtstrieb, Geburtenschwund, Bevölkerungsabnahme, Rassenselbstmord bedrohen 82 die Gegenwart und die nahe Zukunft der abendländischen Völker, nicht zuletzt des deutschen Volkes. In den Großstädten als den Herden der Entartung sinkt die Geburtenziffer unter die Sterbeziffer, womit der Aussterbeprozeß des Volkes beginnt, der bald auch auf das platte Land übergreift, so in verschiedenen französischen Departements. In ähnlicher Weise wurden gegen Ausgang des Altertums Griechenland und Italien entvölkert. Hierzu tritt die Verschlechterung des Nachwuchses durch stärkere Fortpflanzung der Minderwertigen. Nach Gaupp haben heute (1933) in Deutschland die Ehe krimineller Eltern im Durchschnitt 4,4 Kinder, die Ehen der Eltern von Hilfsschulkindern (d. h. minderbegabten) 3,5, die Ehen von Eltern höherer Schulbildung 1,9 Kinder — die Durchschnittsehe 2,2 Kinder, während zur Bestanderhaltung des Volkes 3,4 Kinder erforderlich wären. Wir verschleudern unser biologisches Erbgut und halten Anbrüchigkeiten über Wasser. Nach Lenz beherbergt Deutschland bei 65 Millionen Einwohnern (1931) 12 Millionen Minderwertige, davon die Hälfte körperlich Kranke, Sieche und Krüppel, die Hälfte Geisteskranke, Schwachsinnige und Psychopathen. Dabei betragen die Anstaltskosten eines Geisteskranken in Preußen täglich 4,50 RM., die eines Taubstummen und Krüppels 6 RM., wogegen ein Arbeiterehepaar nur 5 RM. zur Verfügung hat. Hinter unserer körperlichen und seelischen Entartung steht in verhängnisvoller Wechselwirkung die Zersetzung des Zeitgeistes, sowohl seiner weltanschaulichen Grundgedanken wie seiner sozialen Bindungen. Organische Kulturgebilde erstarrten zum toten Räderwerk der „Zivilisation" — einer Gesellschaftsordnung, die lediglich durch den Nutzen des Einzelnen die Menschen verknüpft. Dieser Nutzen wird bemessen nach einer Lustbilanz, wobei Lust dem Genuß — Genuß dem Gelde, als dem Mittel, das alle Genüsse erkauft, gleichgesetzt wird. Geld wird vergottet, Wirtschaft auf den Thron gehoben. Es gilt dies in gleicher Weise von der bürgerlichen wie der proletarischen Welt des absterbenden Kapitalismus, dessen reli- 6* 83 giöse Wurzel verdorrt ist. In ihr herrscht Geldwahn statt Gottesglaube, Rechenhaftigkeit statt Opferbereitschaft, Versachlichung statt Lebensfülle, Wissenswust statt Wesensschau. Die Vernunft verliert ihre metaphysische Wurzel als jene göttliche Weisheit, die den Menschen in den großen Zweckzusammenhang aller Dinge eingliedert. An ihre Stelle tritt der Verstand, der die Außenfläche der Dinge bemißt, das bunte Leben mit der blassen Ziffer einzufangen sucht. Von Ursache zu Wirkung fortschreitend, bleibt er ohne Antwort auf das letzte Wozu? des Menschenlebens. Der Mythos als das Bildnis der Gottheit, die sich durch ihn in der Geschichte verkörpert, wird aufgesogen vom Historismus, der sich in die Werte aller Völker und Zeiten einfühlt und die Leitsterne des eigenen Daseins entwertet — alles erklärt, nichts ernstlich mehr will. Vor allem hat die auf Wissen und Verstand aufgebaute höhere Schule der bürgerlichen Welt die schöpferischenTriebe verkümmert, die beim Kinde in Leibesübung, Handfertigkeit, Naturbeobachtung, Zeichnen und Gesang zum Ausdruck drängen, auch im Nacherlebnis von Dichtung und Geschichte Befriedigung suchen. Die Schüler verlassen die Schule nur zu oft ratlos gegenüber den Anforderungen des Lebens — ziellosen Wissens, gedrosselter Lebensfreude, geknickten Trieblebens, gebrochener Vitalität — Hasser der Schule, die ihnen vieles gab, das Beste nahm. Besonders stehen sie ratlos gegenüber den Anforderungen einer Sexualität, die durch Stubenhockerei und einseitige Inanspruchnahme des Gehirns überreizt wird. Ein solcher verknickter und verkrümmter Mensch erklärt sich selbst zum Maß aller Dinge! Von allen Seiten wundgestoßen an engenden Schranken, endet dieser kleinmenschliche Übermensch, der sich zum Mittelpunkt der Welt macht, in Verzweiflung. Eine Gesellschaft, die das Ich entfesselt, ohne es neu zu binden, und damit jede Gemeinschaft auflöst, endet im Kampf aller gegen alle. Beide enden im Selbstmord, im Nichts. In dieses Elend hinein tönt heute wieder die Stimme von oben: „Ändert Euren Sinn; das Himmelreich ist nahe herbei- 84 gekommen." Öffnen wir uns dieser frohen Botschaft, so sind wir Herren des Schicksals. Vernehmen wir in dem Gären der Zeit das Wehen des Geistes, so werden wir unsere Vereinsamung durch neue Gemeinschaft überwinden. Stellen wir uns von Grund aus um, so werden uns Kräfte zuströmen, die unser Leben erneuern, unser Volkstum steigern, beides zur Kulturleistung beflügeln. Wir setzen damit der Entartung die Aufartung entgegen, dem Lebensverfall die Lebenserneuerung, wozu uns Kindern des zwanzigsten Jahrhunderts Gott die Fackel der Wissenschaft in die Hand gab. * Lebenserneuerung ist das Werk der menschlichen Freiheit unter Erkenntnis und Anwendung der Gesetze des Lebens. Statt über die Umwelt zu klagen, beginnen wir heute und hier, den eigenen Körper und die eigene Seele in Ordnung zu setzen. Der menschliche Geist, zur Freiheit berufen, soll Körper und Seele lenken, wie der Wagenlenker ein Paar stürmischer, aber nur durch seine Schuld störrischer oder zur Unzeit ermattender Rosse. Niemals wirst du geheilt werden ohne festen Entschluß und zähe Arbeit. Dann wird Gott helfen und den menschlichen Helfer zur rechten Zeit senden. Verbünde dich mit jener starken und guten Macht, welche das All durchflutet; als Glied einer geistigen Welt bist du stark, nicht das kleine, armselige Ich, das vergeblich sucht, seinen eigenen Weg zu finden. In täglicher Sammlung, in Gebet und Schweigen, finde den Willen Gottes für dich am heutigen Tage, als Vorbedingung wie des seelischen Gleichgewichts, so der körperlichen Wiedergeburt. Laß dich nicht überwinden vom Übel, sondern überwinde das Übel durch das Gute. Keine neue Lehre — aber alte Wahrheit neu erlebt und neu ausgesprochen! Lebenserneuerung ist keine Strafe, keine Askese, sondern ein freudiges und erfolgreiches Unternehmen als Rückkehr zur Natur, zur Lebensfülle, zur Mutter Erde. Der Mensch machte die Stadt, Gott macht das Land — Satan die Großstadt. Erfreue 85 dich des freien Himmels, der Luft und der Sonne, der natürlichen Speise, des Körpergefühls in täglicher Übung, der Verfeinerung deiner Sinne und deiner Genüsse. Weniger Verbote, gegen die der Wille ankämpft; mehr Gebote, deren Erfüllung erfreut! Arbeite freudig mit, wo immer der Neue Staat „das edlere Zeitalter kerngesunden Volkstums" heraufzuführen unternimmt. Lebenserneuerung ist niemandem anzudemonstrieren, nicht einmal anzuraten. Sie entspringt dem Reiche der Freiheit, dessen Bürger zu sein den Menschen über die Natur emporhebt. Der Lebenserneuerer wirkt durch Beispiel und gibt niemals unerbetenen Rat, welcher nur Widerspruch hervorruft. Schweigen, aber handeln! „Gesundheit ist ansteckend wie Masern." (Prentice Mulford.) Körperliche und seelische Wiedergeburt ist eine Einheit, welche jede Bewegung mit Spannkraft, jede Übung mit Körperbewußtsein, jede Atmung mit kosmischen Strömen erfüllt, die Haltung körperlich und seelisch aufrichtet. Sie verläuft nicht nach fertigem Rezept, läßt sich nicht als Pille schlucken, hat nichts zu tun mit der pharmazeutischen Fabrik, um so mehr mit einer Umstellung der Nahrungsmittelindustrie. Lebenserneuerung will nicht als Schema sklavisch nachgeahmt sein, da jeder Mensch seine eigenen Gesetze hat und verschieden reagiert. Nach seinen besonderen Verhältnissen, Gebrechen und Neigungen gestalte ein denkender Mensch sich selbsttätig zum Kunstwerk wiederhergestellter und erhöhter Natur. * Derjenige Leser, dem der Übergang von Weltanschauung zur biologischen Lebensweise schwer fällt, möge sich fragen: können wir uns den Wiedergeborenen des Abendlandes, der dem Gottesreiche entgegenreift, fettwanstig oder rappeldürr vorstellen — plattfüßig, knickbeinig, hohlrückig oder engbrüstig und, wie all die schönen Eigenschaften heißen, die das Luftbad schonungslos 86 enthüllt, weshalb wir von Nacktkultur noch weit entfernt sind? Können wir ihn bebrillt, mit künstlichem Gebiß, verkrampft und verkrümmt denken, von all den großen und kleinen Plagen heimgesucht, welche unsere körperliche Anbrüchigkeit uns aufbürdet? Diese Fragen stellen, heißt sie verneinen. Der Erneuerer des Abendlandes wird vollkräftiges Ebenmaß des Körpers mit befriedetem Gleichgewicht der Seele verbinden — „schön und gut" nach dem Leitwort der Griechen. Solche Worte aber sind leeres Geschwätz, wenn wir nicht selber anfangen, uns umzubauen in zäher Arbeit heute und hier und das, was an uns selbst nicht mehr gutzumachen ist, an unsern Kindern, an der Jugend unseres Volkes wiederherzustellen suchen: den göttlichen Schöpfergedanken! Wenn die körperliche Entartung so fortschreitet, wie im letzten Menschenalter, so schießen wir in den Abgrund. Mit dem Körper geht alles höhere Menschentum vor die Hunde, denn auf dieser Erdenscholle ist der Körper das Werkzeug des Geistes. Es ist allerhöchste Zeit, das Steuer herumzuwerfen — draußen im Volksstaate, drinnen im Zellenstaate. Zeichen der Zeit ist der rapid fortschreitende Zahnverfall. Er ist nicht nur eine schmerzhafte und kostspielige Angelegenheit, die bei bescheidenem Einkommen nur zu oft das Gleichgewicht des Familienbudgets über den Haufen wirft; er ist zugleich ein erschreckendes Symptom unserer allgemeinen Entartung — dabei durchaus vermeidlich. Noch die Mehrzahl unserer Urgroßväter erfreute sich gesunder Zähne bis an ihr Lebensende: einfachst ernährte, körperlich hart arbeitende, vom Verkehr unberührte Landbewohner. Dieser Zustand hat sich bis in die neueste Zeit erhalten, so in einzelnen Schweizer Hochtälern, solange sie abgelegen waren. Das Elend brach herein mit den Segnungen der sog. Kultur, mit Eisenbahn und Auto, welche die fernste Hütte in Marktwirtschaft und Fremdenverkehr einbezogen. Heute ist unter unseren Schulkindern kaum eines mehr zu finden, dessen Zähne nicht vom Verfall ergriffen wären. Obgleich zahnärztliche Technik die erste unentbehrliche Hilfe bringt und regelmäßige zahnärzt- 87 liehe Kontrolle noch nützlicher ist, so packen wir das Übel erst an der Wurzel durch Umstellung unserer Lebensformen, vor allem unserer Ernährung in der Richtung auf die natürliche Lebensweise unserer Vorfahren, zu der wir bewußt und vernunftgemäß zurückkehren. Heilkunst: nichts ist unsinniger als der so leidenschaftlich aufgebauschte Gegensatz zwischen Naturheilkunde und wissenschaftlicher Medizin. Die Pflege und Förderung der Wissenschaft vom Leben gehört zu den größten und heiligsten Kulturaufgaben der Menschheit. Die Heilkunst kann die Errungenschaften dieser Wissenschaft sich nicht gründlich genug aneignen. Sie verdankt dieser Wissenschaft wirkungsvollste Technik, z. B. Mikroskop, Asepsis, Röntgenstrahlen, neue Wege der Diagnose, tiefe Einsichten in die Zusammenhänge der Ernährung, des Stoffwechsels, der Vererbung. Größeres steht in Zukunft bevor, denn die Wissenschaft steckt heute noch in den Kinderschuhen. Aber ebenso selbstverständlich ist es, daß die Natur und nicht der Arzt heilt, daß der Arzt nur der Heilkraft der Natur zu Hilfe kommt und zum Durchbruch verhelfen soll. Es ist unsinnig, die Symptome der Krankheit zu bekämpfen und nicht der Ursache zuleibe zu gehen, während im Symptom der Körper seine Widerstandskräfte mobilisiert und den Heilungsprozeß zum Ausdruck bringt. Es ist unsinnig, nur ein krankes Organ heilen zu wollen und den ganzen Menschen zu übersehen. Unsinnig, über dem biologischen Krankheitsbilde die psychologischen Einflüsse zu vernachlässigen, während heute die Erfolge der Psychotherapie auch auf sog. körperlichem Gebiete an das Wunderbare heranreichen. Weiter steht fest, daß Spezialistentum und übersteigerte Technik, daß kapitalistische Interessen der Heilmittel- und Nahrungsmittelindustrie schwere Gefahren der Heilkunst bedeuten, vor allem die kapitalistische Berufsauffassung des Arztes selbst. So manches Sanatorium, das dereinst vom Geiste eines bahnbrechenden Führers durchflutet war, entartete zum seelenlosen Räderwerk — Gesundheitsfabrik mit kapitalistischer Zielsetzung. 88 Das Wichtigste in der Heilkunst ist die Persönlichkeit des Arztes. Der größte Wissenschaftler kann ein schlechter Heilkünstler sein, dem der intuitive Laie überlegen ist. Der große Arzt ist gütig und stark als Heilbringer. Er muß sich als Freund verständnisvoll in den Kranken einfühlen, seine Klagen und Leiden miterleben. Aber dabei darf er die Führung nicht verlieren. Überlegen soll er sein dem Verfall, den alle Krankheit bedeutet. Er soll die negativen Ausstrahlungen des Kranken durch positive Lebenskräfte überwinden, Gesundheit suggerieren. Der erste Patient, den der Arzt zu kurieren hat, ist er selbst. Sein Weg führt durch „Fasten und Beten" (Math. 17, 20) d. i. Entsagung und Glauben zurück zu jenen Höhen, denen alles Leben entquillt. „Das Übersinnliche vollbringt die Erneuerung", wenn es vom Arzt in den Kranken ausstrahlt ohne Affekte, ohne Eitelkeit, Geldgier und Machthunger (Bir- cher-Benner). Wie der Arzt sein eigner Seelsorger, so sollte der Seelsorger sein eigner Arzt sein. Welche Anforderungen an körperliche Spannkraft und Frische stellt der Beruf des Geistlichen! Beides ist für Seelsorge wie Predigt wichtiger als theologische Meinungsverschiedenheiten, die wir nicht allzu schwer nehmen sollten. Denn unser Wissen und Weissagen ist Stückwerk; wenn aber das Vollkommene naht, so wird das Stückwerk aufhören. Diesem Vollkommenen streben wir zu durch eine gründliche Neuordnung wie unserer Seele, so unseres Körpers nach dem Bauplan des Schöpfers, den wir verderbten. Der Kranke, dem jeder andere Ausweg versperrt ist, ist reformbereiter als der Scheingesunde, den erst ein jäher Zusammenbruch, ein frühzeitiges Siechtum seiner Anbrüchigkeit belehrt — niemals zu spät! Wunderbar ist die Verjüngungskraft selbst eines morschen Körpers. Manches Schmerzenslager, manches Sterbebett wurde durch die Wiedergeburt der Seele geheiligt. Für die Praxis der Lebenserneuerung vergleiche der Leser den Anhang dieses Büchleins. Was manchem noch heute 89 fremdartig erscheinen mag, kann in wenigen Jahrzehnten feste Lebensform eines wachsenden Kreises starker, froher und gottesnaher Menschen geworden sein, der -— in der Mitte des Entscheidungskampfes stehend — dem abendländischen Schicksal die Wendung gibt. Schon heute umfassen die Bewegungen und Organisationen der Lebensreform hunderttausende begeisterter Anhänger. Im Kampfe mit Krankheit und Anbrüchigkeit erstreiten sie eine neue Jugend. Die Wiedergeburt des Abendlandes wird nicht in Gelehrtenstuben ausgeklügelt, sondern unter freiem Himmel eratmet, auf dem Turnplatz erkämpft, im Ehebette empfangen und im Gebete erobert. II. Geschlecht Verhüllt und versteckt, für viele Tabu, steht Sexus im Mittelpunkt des menschlichen Schicksals. Die Frage, ob Untergang oder Wiedergeburt des Abendlandes, wird nicht zuletzt auf dem Gebiete des Geschlechtes entschieden. Kein Gebiet auf dem ungeschminkte Feststellung der Tatsachen notwendiger, ungehemmte Aussprache erwünschter ist als dieses. Viele unglückliche Ehen wären zu heilen gewesen durch Abstellung sexueller Unstimmigkeiten, wenn ein sachkundiger und gütiger Rat rechtzeitig eingegriffen hätte. Die Sexualfrage ist verwurzelt in grauer Vorzeit, als die Natur noch Arterhaltung und Lebenssteigerung durch Instinkt und Daseinskampf unbewußt erreichte. Über das Trümmerfeld der Gegenwart klärt ein geschichtlicher Rückblick den Ausblick in die bessere Zukunft. In der N a t u r ist der Geschlechtstrieb der stärkste aller Triebe, der in der Brunstzeit sogar der Selbsterhaltung spottet. Was von der Natur gilt, gilt auch von der Praehistorie des Menschen. Der Urmann als der Stärkere behandelte das Weib als Sachgut für Zwecke der Lust, daneben der Arbeit. In mörderischem Kampfe mit seinesgleichen hat er das Weib erkämpft oder in jahrelangem Dienste beim Gewalthaber der Frau erarbeitet. 90 Er hat das Weib geraubt oder gekauft. Eifersüchtig hat er den Besitz des Weibes verteidigt, als Starker oder Reicher die Zahl seiner Frauen vermehrt, nach der Art der polygamischen Familie der ihm verwandten Großaffen. Kinder waren ein Nebenerzeugnis, von welchem härtester Kampf ums Dasein alles Schwächliche ausrottete. Dünne, stationäre Bevölkerung, harte unbesiegte Natur hemmten von allen Seiten her die Ausübung des blinden und unersättlichen Triebes, ähnlich wie von Hunderten schwärmender Drohnen nur einer die Königin erreicht, von Tausenden vorwirbelnder Spermatozoen nur einer das empfängnisbereite Ei befruchtet. Abtreibung und Säuglingstötung dezimierten neben Kriegen und Seuchen die Bevölkerung. Später hat die Religion allenthalben die Fortpflanzung geschützt, das Erbgut erhalten, die Ehe geweiht, den Naturtrieb sozialen Zwecken eingespannt, vor allem im Ahnenkultus, in der Verehrung der kinderreichen Mutter, im Mutterrecht. Für den Christen besteht die grundsätzliche Gleichberechtigung der Geschlechter. Das Weib hat eine unsterbliche Seele wie der Mann, ist zur Gotteskindschaft berufen wie er. Vornehme Frauen haben vielfach die ersten Christengemeinden gehütet. Die mittelalterliche Kirche zähmte den Naturtrieb durch ein hochgesteigertes Ideal: Ehe ist göttlichen Ursprungs, geeint durch beiderseitige Treue, verbunden auf Leben und Tod, eine sittliche Aufgabe zur Heiligung der Gatten. Der Mann ist das Haupt der Familie. Aber die Gottesmutter heiligt das Weib als Gefäß des Gottesgeistes. Bei pflichtmäßig unbegrenzter Hingabe der Frau hat der Mann das Weib zu schützen, erforderlichenfalls auch durch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Tatsächlich hat die nur halb bezähmte Natur im Mittelalter sich in fürchterlicher Kinder- und Frauensterblichkeit ausgewirkt. Auf der andern Seite hat die Kirche dem Ehestande als einem Beruf irdischen Ursprungs und Wirkungskreises die Virginität vorgezogen als unmittelbare Beziehung der Menschenseele zu Gott; sie hat im Zölibat spirituelle Zwecke dem Fortpflanzungszweck übergeordnet. 9 1 In Anknüpfung an das Alte Testament haben die Puritaner den Naturtrieb der Erhaltung und Ausbreitung des Gottesvolkes, der Auswanderung und Kolonisation, der Wirtschaft und Staatsmacht dienstbar gemacht, Virginität verworfen. Satan gebietet Enthaltsamkeit, Gott befiehlt die Ausübung des Geschlechtstriebes — reichlich, aber nur für Zwecke der Fortpflanzung. Gott fordert Rechenschaft für jeden Splitter Kraft, der außer seinem Dienste vergeudet wurde. Unter Verbot des außerehelichen Verkehrs wurde die anglo-amerikanische Welt zum Kloster, strenger als die Klöster Roms. Wo keine Fortpflanzung möglich oder erwünscht war, strömte der Geschlechtstrieb in das wirtschaftliche oder politische Werk. Die stärkste Quelle angelsächsischer Weltherrschaft entquoll der Talsperre aufgestauter Sexualkraft. Es gilt dies sowohl von dem Heroenalter des Puritanismus im siebzehnten, wie von der methodistischen Erweckung im achtzehnten Jahrhundert, deren Auswirkung das neunzehnte Jahrhundert durchläuft. Die kapitalistische Welt hat dieses Erbgut bewirtschaftet und abgewirtschaftet. Sie hat der Gattin und Mutter das luxuriöse Weibchen zur Seite gesetzt, das dem Kapitalisten das Geld abnimmt, um es in Erzeugnissen der Luxusindustrie zu vergeuden, launisch wie die Göttin Mode, der es dient. Sie hat dem minder begünstigten Manne das breite Feld der Prostitution eröffnet, deren Aufmachung ein kapitalistisches Gewerbe wurde. Sie hat die Ehe durch die Geldheirat kommerzialisiert. Die Geschlechtskrankheit wurde ihre Geißel. Indem die Technik sich des Geschlechtsaktes bemächtigte, vollzog sie „die revolutionärste Erfindung des Zeitalters" (B. Shaw): Geburtenkontrolle durch Empfängnisverhinderung. Durch diese Technik gelang es, den Geschlechtstrieb von der Fortpflanzungsfunktion abzuspalten. Unerhörte Wendung in der Geschichte des organischen Lebens! Ein Zeitalter des Materialismus und des Utilismus griff gierig nach dieser Technik, um Lust zu ernten und Verantwortung abzulehnen. Damit ergab sich bei den Kultur tragenden Völkern wie Volksschichten des Abendlandes ein kata- 92 strophaler Zusammenbruch der Geburtenziffer, noch verdeckt durch instinktmäßige Fortpflanzung rückständiger, oft volksfremder Unterschichten, teilweise noch wettgemacht durch sinkende Sterbeziffer. Trotz vermehrter Eheschließung werden die Eltern nicht mehr durch die Nachgeborenen ersetzt. In der Alterspyramide fehlen die Jugendlichen. In den Vereinigten Staaten brechen die hohen Geburtenziffern der eingewanderten Frauen schon bei ihren Töchtern zusammen. In England wie Deutschland haben gelernte und organisierte Arbeiter weniger Kinder als ungelernte und unorganisierte. Die Geburtenziffer zeigt seit dem Kriege allenthalben einen vermehrten Absturz, so daß man mit Madison Grant nicht nur in Amerika von „Rassenselbstmord" sprechen kann. Insbesondere gilt dies von Deutschland, dessen Geburtenrückgang heute sogar den Frankreichs übertrifft. Deutschland hatte (nach Gaupp) 1840 bei 30 Millionen Einwohnern 1,3 Millionen Geburten, igoi bei 56 Millionen Einwohnern 2 Millionen Geburten, 1932 bei 65 Millionen Einwohnern 978000 Geburten. 1900 hatte Deutschland auf 1000 Bewohner 35,5 Geburten, 1932 nur noch 15 Geburten, dagegen Frankreich 17,2; — 1932 Berlin 9,9 Geburten, dagegen London 14,3. Polen hat bei etwa halb so großer Bevölkerung heute etwa ebensoviel Geburten wie Deutschland; es wird in absehbarer Zeit Deutschland an Bevölkerung einholen und damit das politische und wirtschaftliche Schwergewicht Mitteleuropas verschieben. Wird es gelingen, diese harten Ziffern zu wenden, wozu, wie Harmsen an dem Beispiel Frankreichs nachgewiesen hat, die Gesetzgebung nicht allzuviel beizutragen vermag? Entscheidend ist die weltanschauliche Umstellung — ob diese gelingt und bis zur Wiedergeburt des Volkstums fortschreitet, ist die Schicksalsfrage Deutschlands, wie des Abendlandes. Kulturschwund begleitet den Bevölkerungsschwund, da die verschleuderte Geschlechtskraft sich weniger als früher in Wirtschaft und Politik, in Wissenschaft, Kunst und Religion auswirkt. In dieser Hinsicht ist kein Unterschied zwischen Siegern und Besiegten des Weltkrieges, zwischen ländlicher und städtischer 93 Bevölkerung, zwischen Zeiten der wirtschaftlichen Hoch- und Tiefkonjunktur. Die Besserung der Wirtschaftslage vermindert eher die Geburtenziffer, weil sie die Mittel der Geburtenkontrolle mehr Menschen zugänglich macht. Wirkungslos erwiesen sich bisher die Bemühungen des Staates; wirkungslos verhallten die Predigten der Eugeniker: die Belange der Lebenden überwogen die der Ungeborenen. Wo der Eigennutz vorherrscht, gilt immer wieder das Wort jenes spöttischen Franzosen: „qu'est ce que la posterite a fait pour moi?" Was hat die Nachwelt für mich getan, das mich zu Opfern für sie verpflichtet? Die Statistik beweist, daß es sich in letzter Linie um eine Weltanschauungsfrage handelt: das katholische Nordbrabant und Quebec haben noch etwa doppelt so hohe Geburtenziffern als das protestantische Holland oder Britisch-Columbia. Aber an dem Unglauben Frankreichs scheitert selbst die katholische Kirche. Amerika ist in diesen Dingen „fortschrittlicher" als das rückständige Europa. Noch 1835 bezeichnete Tocqueville die Überlegenheit der amerikanischen Frau als einen Hauptgrund für die wachsende Macht ihres Volkes: das Eheband sei heilig und kinderreich, freie Gattenauswahl ohne wirtschaftliche Nebenerwägung sei entscheidend für den Eheabschluß. Aber die Entwicklung hat sich überschlagen. Amerika hat das Weib vermännlicht von der Stammutter zur Kulturträgerin, welche in Flirt und Ehe, in Kunst und Literatur, im Hause und in der Schule den Ton angibt. Amerikanische Bildhauer beklagen heute die schmalen Hüften, die breiten Schultern, die flache Brust ihrer weiblichen Modelle, die Ausbildung der Muskulatur auf Kosten der weichen Linie. Solche Frauen sind keine Gebärerinnen. Der Mann dagegen verdient im Geschäft, um im Hause zu dienen. Tatkraft und Zähigkeit, Herrentum und Wagemut starker Männer hatten dereinst die anglo-amerika- nische Welt emporgetragen, deren Grundquadern der Feminismus heute zermürbt. Das Weib selbst aber verliert am meisten mit dem Aussterben dieser männlichen Eigenschaften. Wieviel Eheglück wird durch die Ausgleichung der Geschlechtsunter- 94 schiede vernichtet! Frigide Frauen — weibische Männer! Auch im Wirtschaftsleben dringt die Frau vor. Als Verdienerin kann sie nicht selten den „boy" aushalten, dem das Schicksal droht, das manche niedere Lebewesen ereilte: zum rudimentären Geschlechtsorgan herabzusinken. * Im Überblick über jenes Gestern und dieses Heute klären sich die Richtlinien des bessern Morgen. Tatsachen als Tatsachen anerkennend, nehmen wir unter Trümmern die Keime neuen Lebens wahr. Abhold aller Prüderie, die so unsinnig ist wie der Hexenwahn, glauben wir an das Gute, das sich durchsetzt trotz alles entgegengesetzten Scheins. Im einzelnen: i. Der Lebenserneuerer bejaht die Erotik als Lebensfreude und Kulturquelle, in welcher Körper und Seele zusammenfließen. Gott ist kein harter Despot; er setzt die Freude als Preis für die Erfüllung seiner Gebote, wenn die Gebote nicht um der Freude willen erfüllt werden. Unter diesen Freuden ist diejenige die reinste, die im andern Geschlecht das Ebenbild Gottes offenbart. Keine Frau, nur wenige Männer gelangen zur Vollendung ihres irdischen Wesens, deren Leben niemals, wenn auch nur flüchtig, von Eros verklärt ward. Eros fordert die Verschiedenheit der Geschlechter in ihren körperlichen wie seelischen Merkmalen; er liebt eine „Reizschwelle", welcher Rassenmischung in maßvollen Grenzen günstig ist (Eugen Fischer). Eines von zahlreichen Beispielen bietet die Mischung zwischen nordischer und dinarischer Rasse im südlichen Deutschland. Liebe ist eine Kunst, die erlernt sein will, welche Ratschläge nicht verschmäht: eine Kunst, in welcher der Mann, sich selbst zurückhaltend, das Weib zum Gipfel emporleitet. Eros streut seine Blumen in das vorbereitende Liebesspiel, das der vollzogene Geschlechtsakt jäh, oft enttäuschend beendet. Als Geschlechtswesen vollendet das Weib sich in der Mutterschaft, während der Mann in die Arbeit für Familie und Volk zurückkehrt. Schwere Berufsaufgaben, beiden bevorstehend, 95 vergoldet ein Abendschimmer des Liebesglücks: „als hätt' ich alles, was ich je genossen", 2. Der Lebenserneuerer verlangt die Ökonomie der Geschlechtskräfte, da die Geschlechtshormone als Sekrete der Sexualdrüsen vom Organismus aufgesogen werden. Sie dienen damit zur Verjüngung des Körpers, zur Belebung von Gehirn und Nerven, zur Sublimierung in Kulturwerten. Sie führen zur Entfaltung der Persönlichkeit, zur Verfeinerung der Sinne und Steigerung der Seelenkräfte — zur Vermännlichung des Mannes, zur Verweiblichung des Weibes. Den Beleg für die Wichtigkeit der Vorgänge bietet der Kastrat! Ist die Sekretion der Keimdrüsen durch Überausgabe oder unnatürliche Lebensweise geschwächt, so altert der Mensch frühzeitig, oft schon mit 40 Jahren. Mürrisch fährt der Berufsmensch im alten Gleise ohne jugendlichen Schwung, ohne Spannkraft und Beweglichkeit. Abwehr des Greisenalters ist nicht zuletzt eine Sexualfrage. Wo diese Quelle noch sprudelt und sorglich gefaßt wird, erblüht dem Sechzig- und Siebzigjährigen eine neue Jugend. Die Technik der Sexualpflege entzieht sich dem Rahmen dieser Schrift. (Vgl. die Literatur im Anhang.) 3. Der Lebenserneuerer bejaht die Eugenik als Bewahrung und Steigerung wertvollen Erbgutes in quantitativ genügender, qualitativ hochstehender Nachkommenschaft, beraten durch die biologische Wissenschaft. Er bejaht die Verantwortung der Erbgesunden, das Volkstum und die Menschheit fortzupflanzen. Er glaubt an die Emporsteigerung des Menschen aus Barbarei und Halbkultur zur Hochkultur des Übermenschen. Das Kind sollte „unter gutem Sterne", bei Vollkraft der Gatten, gewollt und erwünscht, gezeugt sein. So gesehen ist die Zeugung die wichtigste Tathandlung des Menschen, die weit über das eigene Leben hinauswirkt. Die Psychologie der Zeugung ist bestimmend für das Seelenleben des Ungeborenen. Im neuen Leben sollte die Weihe dieses ersten Augenblicks fortklingen. Bei der Zeugung bestimmt sich die verschiedenartige Mischung der beiderseitigen Erbmassen — ein 96 Vorgang bislang ungeklärter Ursachen, deren Aufhellung und damit Beeinflussung in Zukunft nicht undenkbar erscheint. Nur an der Außenlinie dieser intimsten Vorgänge kann der Staat mitwirken durch Ehezertifikate, welche die Ehefähigkeit bescheinigen, durch Steuererleichterung für Kinderreiche, durch Sterilisation Schwachsinniger und Verbrecher, durch Aufklärung und Propaganda. Aber den Willen zum Kinde kann er niemandem gebieten. Der Instinkt zur Mutterschaft, der in vielen Frauen noch fortlebt, genügt nicht, da er sich meist mit einem Kinde begnügt. Der Wille zum Kinde wurzelt in jener Lebensbejahung, über das eigene Leben hinaus, die nicht von dieser Welt ist. Für die Vorfahren war es der Wunsch, der Heerschar Gottes (militia Christi) junge Streiter zuzuführen. Es gilt heute, für diesen Gedanken eine zeitgemäße Form zu finden, die dem transzendenten Ziel treu bleibt. Rücksichtnahme auf die gesundheitliche und wirtschaftliche Lage der Eltern und die Pflichten der Aufzucht und Erziehung weisen in vielen Fällen darauf hin, die Güte der Menge des Nachwuchses voranzustellen, zumal die Qualität des Nachwuchses am ehesten imstande ist, „die potentiellen Energien der Natur in Nahrungsspielraum umzuwandeln" (Muckermann). 4. Unter heutigen Verhältnissen ist die Technik der Geburtenkontrolle eine harte, unumstößliche Tatsache. Der Lebenserneuerer verneint die Abstinenz, die nur zu leicht zur Heuchelei oder Neurose führt. Er bejaht die Geburtenkontrolle zugleich als ein Erfordernis der ehelichen Liebe, die nur zu leicht unter Abstinenz erkaltet. Er bejaht diese Technik im Kampfe gegen Prostitution und Geschlechtskrankheit zugunsten eines veredelten Liebesverhältnisses. Aber er betont zugleich die großen Gefahren der Unmäßigkeit gerade dieses Genusses. Diskrete Statistiken, welche über die Zahl der vollzogenen Geschlechtsakte in den Vereinigten Staaten aufgemacht wurden, weisen ein erschreckendes Bild auf, hinter welchem die Unmäßigkeit unserer kinderreichsten Vorfahren gewiß weit zurückblieb. Wir berühren hier einen verborgenen Krebsschaden, welcher die Zukunft des Abendlandes 7 Schulze-Gaevernitz, Abendland 97 mehr als alles andere bedroht: zügellose Verschleuderung von Sexualkraft — Geburtenschwund — Kulturschwund. Eröffnet sich ein Ausweg aus der scheinbar hoffnungslosen Sackgasse? Die Technik des vollzogenen Sexualaktes unter Abwehr des Empfängnisses ist nur ein Notbehelf und ein Durchgangspunkt auf dem Wege aus der Natur durch die Halbkultur der Gegenwart zur Hochkultur der Zukunft. Übung und Selbstbeherrschung werden schrittweise und nicht ohne Fehlschläge die plumpen Mittel der Geburtenkontrolle überflüssig machen. Schon heute üben nicht wenige Wegbereiter in der Vollkraft der Jahre — darunter wissenschaftliche Ärzte — eine gehobene Liebeskunst aus: innigste körperliche und seelische Vereinigung der Geschlechter, Vollbefriedigung beider Partner unter Vermeidung der letzten Kraftausgabe des Mannes. Sie glauben durch solche Reformehe männliche Tatkraft, weibliche Opferbereitschaft, das beste Wesen der beiden Geschlechter, zu steigern und den flüchtigen Eros zu binden. Nicht minder aber glauben sie auf diesem Wege den Fortpflanzungsakt am wirksamsten vorzubereiten und der Nachkommenschaft zu dienen durch freie Wahl der rechten Stunde, der guten Sterne für die Erzeugung neuen und besseren Lebens. Letzthin glauben sie dem Volkstume zu dienen, indem sie aufgestaute Sexualkraft der Berufsarbeit und der Kulturleistung zuleiten. Ferne Möglichkeiten eröffnen sich gerade auf diesem wichtigsten aller Lebensgebiete: der Weg der Menschheit führt von der gesunden Instinktgebundenheit des Tieres durch die Unsicherheit und Zersetzung unseres Zeitalters „der leeren Freiheit" (Fichte) zu jenen Höhen, da ein Vollmensch nach Gottes Willen und mit Gottes Hilfe sein Schicksal in selbstbeherrschter Freiheit bestimmen wird. Kein Irrtum! Es handelt sich hierbei um alles andere als um einen Angriff auf die ohnehin schon sinkende Geburtenziffer. Vielmehr steht die harte und unentrinnbare Tatsache fest, der nur der Utopist in das Auge zu schauen sich weigert, daß die menschliche Fortpflanzung mehr und mehr dem ungehemmten 98 Triebleben entzogen wird. Dieses findet nur noch unter proletarischem Elend oder alkoholischer Umnebelung freien Spielraum. In der Mehrzahl der Fälle ist die Fortpflanzung heute Sache der willkürlichen Regelung und damit Beschränkung. Die Vertreter von Besitz und Bildung gingen voran; es folgt die breite Menge mittlerer Volksschichten, die den Kern des Volkstums ausmacht. Eine unvollkommene Technik verbindet diesen Vorgang mit ungehemmter Verschleuderung von Sexualkraft, welche der Schatten des Todes umdüstert. Dagegen wird die fröhliche Selbstbeherrschung gehobener und gottbezogener Erotik den Willen zum Kinde, der durch weltanschauliche Zersetzung verloren ging, eher wiederaufbringen und in Freiheit für ausreichende Fortpflanzung sorgen, ohne, wie die Vorzeit es tat, höchste Geburtenziffern durch ebenso hohe Kindersterblichkeit und Frauenelend in das Gleichgewicht zu setzen. 5. Über die Gel iebte und die Gattin hinaus steigt das Weib als Mutter zum höchsten aller irdischen Berufe. Lebenserneuerung verlangt sorgsame Schwangerschaftspflege. Der werdenden Mutter ist Sorge, Streit, Lieblosigkeit fernzuhalten. Was die Mutter denkt, geht auf das Kind über: äußere Not, innere Zerrissenheit. Sie soll hoffen, glauben, heben. Sie soll Schönes schauen: Blumen, Gärten, Berge — Freude und Fülle. Sie soll ihren Körper für den Geburtsakt stärken. Sie soll Gutes erbeten: ein gesundes Kind besser als sie selbst, einen Heilbringer — vorgeburtliche Erziehung! Das Wohl und Wehe der Menschheit liegt bei den Müttern; auch der Übermensch entsteigt einem Mutterschoße. Wie die Gattin die Schöpferin des Heims, so ist die Mutter die Begründerin der Familie, die Hüterin des Erbgutes, das Gefäß des Volkstums. Säuglingsgymnastik, richtige Säuglingsernährung (Frucht- und Gemüsenahrung anschließend an die Muttermilch), freie Bewegung im Luftbad statt mumienhafter Einschnürung schaffen ein neues Geschlecht, das statt des üblichen Kindergeschreis mit hellem Lachen das Elternhaus erfüllt. Sonniges Erstjahr, 7" 99 dem Mutterschoße benachbart, in Liebe geborgen, welches Sonne ausstrahlt in ein aufsteigendes Zeitalter! Schwangerschafts- und Säuglingspflege haben mit der Wiedergeburt des Abendlandes mehr zu tun als dickleibige Bücher. Bei aller Wertung des Mutterberufes sind unter heutigen Verhältnissen die sonstigen Frauenberufe zu bejahen, solange die Entlohnung männlicher Arbeit vielfach nicht dazu ausreicht, eine Familie zu ernähren, und viele Frauen unverheiratet bleiben. In Berufen, die ihrer weiblichen Natur liegen, z. B. als Lehrerin und Ärztin, wird die Frau ihr Wesen am besten entfalten. Der Lebenserneuerer wünscht alle Bildungsmöglichkeiten der Frau erschlossen, damit sie zur vollwertigen Gefährtin des Mannes werde und die Gesamtkultur in männlich-weiblichem Gleichgewicht sich entfalte. 6. Während bei niederen Organismen das Ende des Begattungsaktes nicht selten den Tod des Befruchters bedeutet, erhält die Natur bei höheren Organismen den Vater als das stärkere Geschlecht — stärker zunächst für den Kampf um das Weib — für den Schutz der Mutter und die Versorgung des Nachwuchses. So trennt z.B. der Züchter auf einer von mir kürzlich besuchten Silberfuchsfarm die monogamischen Gatten durch ein feines Drahtgeflecht — nicht, wie man nach manchen menschlichen Erfahrungen annehmen sollte, weil sie sich streiten, sondern weil das Männchen ohne solche Trennung die ihm bestimmte Nahrung dem Weibchen und den Jungen zuträgt und sich selber entkräftigt. Auf dieser Naturtatsache einer Arbeitsteilung der Geschlechter beruht die Familie, die der Abendländer zum Grundstein seiner Kultur gemacht hat. Es bedingt dies eine gewisse Dauer des Gattenverhältnisses mit Elternpflicht und Elternrecht, die der Kommunismus zermürbt, ohne Besseres an die Stelle zu setzen. Das Abendland steht und fällt mit der Erhaltung und Befestigung derFamilie unter zeitgemäßem Umbau vom Sachbesitz zur Genossenschaft. Die neue Familie trägt den neuen Staat. Ist der Mann ihr Haupt, so ist die Frau ihr Herz. Sie ist geleitet durch den ioo Verstand und die Tatkraft des Mannes, das Gefühl und den Geschmack des Weibes. In der Familie erlernt der Mensch die Grundzüge allen sozialen Daseins: Freiheit und Gemeinschaft in der Gleichberechtigung der Gatten, in der Unterordnung der Kinder unter die Autorität der Eltern, in der Erziehung vom Gehorsam zur Freiheit, die in der Freundschaft zwischen Eltern und erwachsenen Kindern mündet. Über den natürlichen und daher unvermeidlichen Gegensatz der Generationen hinaus kann der alternde Vater seinen besten Freund im voll befreiten und unabhängigen Sohne finden. Um so leichter und freudiger ergreift der Enkel die Hand der Großeltern. 7. Der materialistische und utilistische Zeitgeist zerbröckelt die Familie, entweiblicht die Frau, entwürdigt den Eros; er verewigt die Sexualnot unserer Tage und endet im Rassenselbstmord. Nur auf den Glauben an das Gute, das wir Gott nennen, ist jene körperliche und seelische Wiedergeburt zu gründen, deren Kernpunkt im Sexus beschlossen ist. Dann wird die Ehe zur Lebensgemeinschaft, welche über das irdische Leben hinaus die Gatten für ihre Gotteskindschaft gegenseitig verantwortlich macht. Wie oft haben fromme Frauen und Mütter durch Gebet und Wandel ihre Männer und Söhne zu Gott geführt. Der Lebenserneuerer wünscht der Ehe ihren sakramentalen Charakter zurückzugeben, ohne die Trennung unwahrer und unwürdiger Ehen abzulehnen. Diese Hochehe der Zukunft soll körperliches und seelisches Wesen verschmelzen, um es zum Göttlichen emporzuheben. Sie soll durch Fortpflanzung dem Volkstum dienen, weil dieses gottgewollte Werte versichtbart. Ehe und Volkstum bedürfen der religiösen Weihe nirgends mehr als in Deutschland, weil sich hier der Zusammenbruch überlieferter Gebundenheiten am jähesten und verhängnisvollsten vollzog. * Ohne uns im Nebelheim der Utopie zu verlieren, werfen wir einen nüchternen Blick auf unsere bevölkerungspolitischen Möglichkeiten. Deutschlands Nahrungsspiel- 101 räum ist begrenzt infolge seiner geopolitischen Lage, seiner Flächengröße und seiner Naturausstattung. Der Versuch, unseren Lebensraum gewaltsam auszudehnen, würde zu Kriegen unsicheren Ausgangs führen. Durch die mörderischen Mittel der neuzeitigen Kriegstechnik würde er unsere besten Erbbestände hinwegfegen und Lücken reißen, welche unsere niederen Geburtenziffern nie wieder auffüllen könnten. Im besten Falle würde er uns mit fremdstämmigen und fremdsprachlichem Zuwachs belasten. Vergessen wir nicht, daß jenseits unserer Grenze die Bevölkerung Polens weit dichter ist als die im östlichen Deutschland. Die Siedelung auf ostelbischen Großgütern bietet nur beschränkte, wenn auch hoch erwünschte Möglichkeiten der Verdichtung unserer Bevölkerung. Da die Geburtenziffer großbäuerlicher Schichten und Gegenden seit alters eine niedere ist, auch durch den Erbhof keinen Auftrieb erhalten dürfte, so weisen bevölkerungspolitische Gründe auf die Stärkung des ländlichen Kleinbetriebs, die eigene Scholle der Landlosen, die ländlichen Nebenbetriebe gewerblicher Arbeiter als der Kinderreichen. Hier liegen die Bausteine zur Untermauerung unseres Volkstums. Das Vorkriegsdeutschland versuchte, den Lebensraum der reichlich zuwachsenden Bevölkerung auf weltwirtschaftlicher Grundlage zu erweitern. Der Weltkrieg offenbarte die Gefahren dieses Weges. Trotzdem gibt es heute kein jähes Zurück, da wir die Bevölkerungsstruktur unserer jüngsten Vergangenheit ererbt haben und nicht ohne weiteres rückgängig machen können. Ein unvermittelter Abriß der weltwirtschaftlichen Fäden würde uns daher in eine untragbare Wirtschaftsnot stürzen. Die Ausweitung und Vertiefung der Weltwirtschaft aber setzt zu ihrer Sicherung eine Weltorganisation voraus, von der wir heute weiter entfernt sind als vor einem Menschenalter. So werden wir uns im wesentlichen damit begnügen müssen, den Bestand unserer Bevölkerung aufrecht zu erhalten, unsere Geburtenziffer vor weiterem Abfall zu 102 schützen oder in bescheidenen Grenzen zu steigern, auch die Sterbeziffer weiter zu senken. Die damit unvermeidliche Verschiebung im Altersaufbau unseres Volkes braucht keineswegs Vergreisung zu bedeuten. Denn Alter ist nicht Sache der Jahre, sondern der körperlichen und seelischen Einstellung. Höhere Altersstufen können durch Lebensreform und Sexualpflege neue Jugend erringen und das Gewicht gereifter Erfahrung durch den Frohsinn und die Tatkraft der Jüngsten beflügeln. Das Beste und Wichtigste, was wir tun können, ist es, die Güte unseres Nachwuchs es zu steigern, die Fortpflanzung auf der Höhe zu halten, die Geschlechtskraft in die Kulturleistung zu übertragen, um vor Gott und Menschheit unsere geschichtliche Aufgabe zu erfüllen, die uns mit dem Niedergang der kapitalistischen Wirtschaftsordnung an die Schwelle eines neuen Zeitalters geführt hat. Hierfür aber ist Voraussetzung die Erneuerung des Geschlechtslebens aus der weltanschaulichen Tiefe, die Erneuerung der Familie aus den besten Überlieferungen unserer christlich-deutschen Vorzeit. Was von Deutschland gilt, gilt allgemein von den durchindustrialisierten Gebieten des Abendlandes — unseren Schicksalsverwandten. III. Das Unterbewußtsein Die Erhellung des Unterbewußtseins bedeutet eine der tiefgreifendsten und schwerwiegendsten Entdeckungen unserer Zeit, die von Sehern und Dichtern der Vorzeit geahnt und in den Widersprüchen der seelischen Erfahrung erlebt wurde: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich" (Paulus). „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust" (Goethe). Trotzdem wäre die Behauptung unterbewußten Seelenlebens noch vor wenigen Jahrzehnten als wilde Paradoxie erschienen. Heute sind wir—rückschreitend von bekannten Erfahrungen zu unbekannten Ursachen — zu der 103 Annahme gezwungen, daß der größere Teil aller seelischen Vorgänge sich im Unterbewußten vollzieht. Neben der biologischen Wunderwelt dehnt sich, gleich unerschöpflich, die psychologische Wunderwelt, beide nur zum kleinsten Teil der unmittelbaren Erfahrung gegeben. In diesem Unterbewußtsein sind niedergelegt, „eingeschrieben", die Erfahrungen unzähliger Vorfahren: „Engramme" — die Erfahrungen des Lebens überhaupt, der Art, der Rasse, der Familie. Dieses seelische Erbgut ist gedächtnisähnlich, aber unterbewußt und wird daher als Erinnerung, „Mneme" bezeichnet (Semon). Wie sich Gesichtszüge, Gesten, Haar- und Augenfarben vererben, so vererben sich Talente, Temperamente, Vorlieben und Abneigungen, auch körperliche wie seelische Schädigungen durch Alkohol, Syphilis u. ä. Zur Annahme eines seelischen Erbgutes, welches die Erfahrungen unzähliger Generationen aufspeichert, nötigen uns die sog. Instinkte: Antriebe, welche in ihren Beweggründen unbewußt bleiben und sich zu Handlungen und Gewohnheiten verdichten, die in wunderbarer Zweckmäßigkeit der Erhaltung des Lebens dienen. Die Instinkte arbeiten mit einer Sicherheit, wie sie dem bewußten Zweckhandeln des Menschen fehlt. Um nur wenige von unzähligen Beispielen zu nennen, so sei erinnert an die Nahrungsauswahl und Nahrungsspeiche- rung der Tiere. Die Raupe sucht häufig nur eine einzige Pflanze. Der Hund hört zu fressen auf, wenn er genug hat und stellt in Krankheit alle Nahrungsaufnahme ein. Eine Wespenart sticht die in ihr Nest eingeschleppte Raupe an einer bestimmten Stelle des Nervensystems, um sie zu lähmen und so als lebende Nahrung aufzubewahren — grausam, aber höchst zweckmäßig. Erinnert sei an die geschickte Geburtshilfe des erstgebärenden Muttertieres, Abnabelung, das diesen Vorgang niemals beobachten konnte, an die Tiergesellschaften mit ihren Gesetzen, ihren Bauten z. B. an die geometrische Form der Honigwabe, an den Sklavenraub, die Pilzzüchtung, die Honigtöpfe der Ameisen. Wir gedenken der rätselhaften Wanderungen der Vögel, Fische 104 und Insekten, bei denen die bewußte Erfahrung des handelnden Wesens völlig ausgeschlossen ist. Auch der Urmensch, als Teil der Natur, handelte großenteils aus Instinkten, ohne zu wissen, warum so und nicht anders, in erstaunlicher Weise der Erhaltung des Lebens angepaßt: instinktsicher. Der ungeheure Schatz seelischen Erbguts ist eingekapselt in die mikroskopische Eizelle und die noch kleinere Samenzelle. Wir staunen vor dieser Welt des unendlich Kleinen, die nicht minder reich gegliedert, nicht minder energiegeladen ist als der enge Ausschnitt der Wirklichkeit, der unseren Sinnen und deren technischen Hilfsmitteln unmittelbar zugänglich ist. Unter dieser biologischen Welt brodelt die wild bewegte Welt der Atome, und darüber dehnt sich der grenzenlose Sternenhimmel — beide abgrundtief und unergründlich. Beide durchwaltet von Gesetzen, die das sinnlose Chaos zum geordneten Kosmos erheben und erhalten! Die schrittweise Bewußtmachung dieser Gesetze ist der Naturwissenschaft vorbehalten. Die Wissenschaft glaubt sich damit einem absoluten Werte zu nähern, welchen sie Wahrheit nennt, der zu dienen sie als Kulturpflicht empfindet. Voraussetzung hierfür ist, daß sie den Normen allen Erkennens gehorcht, die befolgt werden müssen, wenn die Wahrheit erkannt und eine gemeinsame Welt aufgebaut werden soll. Diese Denkgesetze sind zu tiefst im Unterbewußtsein verankert und werden nur schrittweise in das Bewußtsein gehoben, das sie befolgen soll, nicht muß; daher die Möglichkeit des Irrtums. Der Übermensch der fernen Zukunft wird die physikalischen, biologischen und psychologischen Gesetze allen Seins schrittweise erkennen durch Wissenschaft und überwissenschaftliche Intuition. Mehr als dies: Er wird diese Gesetze als den Ausfluß eines guten und weisen Schöpfergeistes verehren, der das Weltall durchflutet. Mehr noch: Er wird diese Gesetze befolgen, indem er sich dem Gottesgeiste als Werkzeug hingibt. Er wird das Wissen zum Glauben, den Willen zur Tat erhöhen und das Unterbewußtsein mit der Fackel des Bewußtseins durchleuchten. Er wird Seele und Körper nach den Gesetzen des 105 Lebens ordnen. Über den Kampf aller gegen alle hinaus, der die Natur erfüllt, wird er die menschliche Gesellschaft zu jenem Reich der Freien erheben, welches der Geist wahrer Solidarität durchwaltet. Er wird dieses leisten nicht durch eigene Kraft, sondern indem er sich der göttlichen Gnade öffnet. Ein Leitgedanke, ewig aufgegeben, wenn auch auf Erden niemals im vollsten Sinne zu verwirklichen! Zwischen dem Urmenschen und dem Übermenschen steht der sog. Kulturmensch der Gegenwart, nicht Tier, nicht Engel. Nicht mehr ist der Instinkt sicherer Führer; noch sind die Gesetze des Lebens nicht voll erkannt und noch weniger befolgt. Einen schwachen Ersatz für die geschwächten und verderbten Instinkte bietet das Handeln aus einer sehr begrenzten Erfahrung, welche die Reihen von Ursachen und Wirkungen in der Natur feststellt, im Gedächtnis aufspeichert und solche Reihen bewußt aufbaut, um den Lebenszwecken zu dienen. Dieses verstandesmäßige Handeln ist unsicher, tastend, oft abwegig. Je weiter der Mensch von der Natur abrückt, um so mehr entartet die Halbkultur zur Mißkultur. Das Unterbewußtsein wird geknickt, verbogen und verkrampft. Die natürlichen Triebe werden gehemmt und verdrängt. Als Empörer rächen sie sich, indem sie, oft verkleidet, hervorbrechen, den Verstand überrennen, das Leben mindern, gefährden, vernichten. Die Instinkte wuchsen langsam im Laufe der geologischen Perioden in Jahrmillionen, um sich den veränderten Lebensbedingungen anzupassen — darunter auch die Gruppeninstinkte, die den Bienenstock oder den Ameisenhaufen auftürmen. Dagegen ist das menschliche Sozialgebilde — Stamm, Volk, Staat und Wirtschaft — ein Werk der Historie, welche einschließlich der sog. Prähistorie nur nach Jahrtausenden rechnet. Der Instinkt konnte dieser Entwicklung nicht folgen. Statt seiner legte das menschliche Sozialleben dem Triebleben Gebote auf, — Gebote, die befolgt werden sollen, nicht instinktiv befolgt werden müssen. Es bedient sich hier zunächst der Furcht vor der Strafe, wie auch das Triebleben des 106 domestizierten Tieres zur Eingliederung in die menschliche Gesellschaft „gebrochen" werden muß (to brake a horse). Auch das kleine Kind wird durch Schläge oder Tadel des Gewalthabers, ebenso unterjochte Ureinwohner durch die Peitsche des Fronvogtes in die Sozialordnung gezwungen. Damit wird Angst das Urgebrechen, Furcht die Ursünde. Je härter der Zwang, um so näher die Gefahr der Empörung. Erst wo es gelingt, das Triebleben zu freiwilligem Gehorsam zu bringen und das Sozialgebilde mit Wertvorstellungen zu füllen, entsteht das Reich der Kultur als ein Ganzes zu bejahender Gebote, zu erfüllender Aufgaben, welchen göttliche Weihe zuteil wird. Kultur auf ihren Höhepunkten ist Opferbereitschaft für die Idee, ist Heldentum, das Vorbildern folgt und zum Vorbild wird. Wo es nicht gelingt, das Triebleben in Freiheit zur sozialen Auswirkung zu bringen, ergeben sich Triebhemmungen, welche das Unterbewußtsein entgleisen lassen. Die körperliche Anbrüchigkeit unserer Tage hat nicht zuletzt ihre Ursache in ungelösten Triebhemmungen, in dem verhängnisvollen Nein, mit dem das Unterbewußtsein sich gegen die Gesetze des eigenen Lebens wie des sozialen Ganzen empört. Solche Empörung knickt und verkrampft das Seelenleben, dessen Unordnung in die Welt des Bewußtseins verschieden ausstrahlt, je nach dem Temperament: bald in Angst- und Minderwertigkeitsgefühl, bald in Haß und Habsucht, bald in Schwarzseherei und Ent- schlußlosigkeit. Solche seelische Entgleisung zermürbt den Körper und entläd sich in Krankheit und Schmerz, in vorzeitigem Siechtum und qualvollem Tod. Es zersetzt das soziale Ganze durch das Scheidewasser des Nein. Dabei ist dem Empörer ein Rückfall in die Natur unmöglich, da die Kultur die Bedingungen des tierhaften Lebens zerstört hat. Sie hat den Daseinskampf und damit die natürliche Auslese weithin außer Wirkung gesetzt. Sie hat die Instinkte abgeschwächt, verbogen und verderbt. Der sog. Kulturmensch sucht nicht mehr instinktiv wie das Tier die ihm zuträgliche Nahrung; er hört zu essen nicht auf, wenn er genug hat; er be- 107 friedigt den Geschlechtstrieb, ohne sich fortzupflanzen. Der dem Kulturdasein entgleitende Mensch sinkt unter die Tierheit — als eine aussterbende Spezies. Entscheidend vor allem ist die unterbewußte Einstellung zu Mutter und Vater. Das schuldlose Vertrauen, welches das Kind aus dem Mutterschoße mitbringt, soll sich schrittweise von den Eltern ablösen und zur Lebensbejahung wie zum Gottesglauben ausreifen. Aber in vielen Fällen wird die negative Einstellung zur Mutter, zum Vater oder gar zu beiden, zum Lehrer und zum Erzieher zur Ursache unterbewußter Hemmungen, die das ganze Leben begleiten und verderben. Furcht treibt das Kind in sich selbst zurück. Auf diesem Boden erwächst jene Ichsucht, die sich — verschieden nach der Veranlagung — in Ohnmacht, Neid, Mißgunst, Streit, Haß und Trotz, kurz im großen Nein äußert, bis zur Selbstvernichtung, zum Wahnsinn, zum Selbstmord. Neben der Entartung des Körpers lastet auf dem Abendländer unserer Tage „der Menschen Seele Not". (Bircher-Benner.) Von allen verdrängten Trieben wird die Sexualität, diese große und heilige Gottesgabe, zum mächtigsten und gefährlichsten Empörer. Sexus schlummert zunächst im Unterbewußtsein, tritt erst mit der Pubertät in das Bewußtsein, aber äußert sich schon im frühen Kindesalter. Eltern sollten die sexuellen Regungen des schuldlosen Kindes nicht zur Sünde stempeln und bestrafen, sondern in ihnen Äußerungen gesunder Vollkraft des Lebenstriebes erblicken, welcher im späteren Leben den höchsten Menschheitszielen dienstbar gemacht werden kann. Über die weitverbreitete, vielleicht allgemeine Selbstbefriedigung als Notbehelf führt die gesunde Entfaltung des Triebes zur Aufsaugung der Sexualhormone durch den Körper, zur Selbstbeherrschung und zur Lebensfreude — zur Freundschaft mit dem anderen Geschlecht, zur Gewinnung des sexuellen Partners, zum Liebesfrühling und zur Fruchtreife des Elternglückes — zur Übertragung des Sexualtriebes auf höhere Werte, zur Gestaltung und zur Eroberung der Welt. Nichts Großes in Wissenschaft und Kunst, wohl auch in Wirtschaft 108 und Politik, das nicht aus den verborgenen Quellen des Sexus geflossen wäre. Anders dort, wo dieser stärkste aller natürlichen Triebe durch Angst vor irdischer Strafe und Höllenpein in das Unterbewußtsein verdrängt ist. Gilt doch Sexualität weithin als „Unsittlich- keit" schlechthin, so daß Moral vor allem im Kampf gegen den Geschlechtstrieb bewiesen wird. Wie ohnmächtig ist solche Moral, welche die Selbstbefriedigung als „die geheime Sünde" trotz der Androhung fürchterlicher Folgen nicht verhindern kann, sondern in vielen Fällen als Lebensgewohnheit befestigt. Sie öffnet damit der Energievergeudung und dem Minderwertigkeitsgefühl das Tor bis zur trotzigen Selbstzerstörung. Die Seele bleibt im Ich stecken wie in einem Gefängnis. Der Ehe wird der Boden geschlechtlicher Befriedigung entzogen durch verfrühten Reizerfolg beim Manne, verzögerten beim Weibe. Hieraus folgt nicht zuletzt das sexuelle Elend unseres Zeitalters, welches die sog. „schöne" Literatur verunstaltet. Hilfe erwächst allein durch die Umstellung der Seele und des Körpers auf jene übermenschliche Kraft, die als Gottes Gnade das Weltall durchflutet. Ihr Vermittler ist in vielen Fällen ein menschlicher Heiler als echter Seelsorger. Wer das große Ja erlebt, dem gelingt es, diesen mächtigsten Lebenstrieb produktiven Lebenszwecken zuzuführen, wenn auch nur schrittweise. Rückschläge sind nicht zu schwer zu nehmen, wenn es nur gelingt, in Selbstzucht die Zwischenzeiten zu verlängern. Empfangsorgane jener göttlichen Kraft sind Gehirn und Nerven, die wir durch richtige Ernährung, Atmung und Körperübung entschlacken und durch Berührung mit dem Mutterboden der Natur stärken können. Durch solche „Antennenpflege" dienen wir der Neuordnung des Unterbewußtseins, der sexuellen Gesundung, der eigenen Wiedergeburt wie der des Zeitalters. * Zur Praxis: So wichtig alle psychotherapeutischen Einzelheiten sind, die entscheidende Wende liegt in der freien 109 Bejahung der Gesetze des Lebens als dem guten Willen Gottes. Der Glaube hilft, ohne ihn kein Arzt. Dem Gläubigen werden Kräfte des Aufbaus zuströmen, werden Mittler der Gnade nahen, unter ihnen nicht als letzter die Wissenschaft. Es gilt dies insbesondere von der sog. Psychoanalyse. Zur Neuordnung der Seele genügt keine bloße Technik, wie erfolgreich sie immer in das Reich des Unterbewußten, z. B. der infantilen Eindrücke, vordringt. Keine Bewußtmachung der seelischen Hemmungen — „Komplexe" — heilt. Der Arzt muß gütig helfen wollen, Kräfte der Heilung ausstrahlen, zu denen keine Wissenschaft hilft. Der Patient muß sich helfen lassen wollen, dem Arzt als dem Boten des Guten vertrauen. Die Erkenntnis psychologischer Ursachen kann die Komplexe sogar stärken. Das Unheil greift um sich in der Hand eines geldgierigen oder machthungrigen Arztes, angewandt auf einen Patienten, dessen Unterbewußtsein die Krankheit bejaht. Also Vorsicht in der Anwendung einer wissenschaftlichen Lehre, die in der Hand eines echten Seelsorgers als neuzeitige Beichte Segen bringen kann und Segen gebracht hat. Wer seinem Mitmenschen Gesundheit und Aufbau suggerieren will, muß selbst gesund und gesammelt sein, damit übermenschliche Kräfte von ihm ausstrahlen, für welche er nur der Durchgangspunkt ist. „Dem Helfer half der Helfer droben." Demjenigen, der das große Ja erlebt hat, eröffnen sich Wege der Selbstheilung in der Heimkehr zum göttlichen Urgrund. Dabei machen wir nur zu oft die Erfahrung, daß der Körper dem harten Willensgebot Gehorsam versagt: ich will, ich kann nicht. So entweicht der Schlaf dem Befehl, während er den behaglich Entspannten beschleicht. Der Grund liegt darin, daß zwischen dem Gebiet des Bewußtseins und dem körperlichen Sein die breite Welt des Unterbewußtseins liegt, welche alle Funktionen des Körpers begleitet — leitet. Dieses Unterbewußtsein ist dem unmittelbaren Eingriff des Ich unzugänglich — es kann auf Umwegen erschlossen, beeinflußt, gewonnen werden. Voran steht die Kultur des Schlafes. Bei dem primitiven 110 Menschen arbeitete das Unterbewußtsein unter dem Druck der natürlichen Auslese normal, auch ohne bewußte Überwachung. Es entgiftete sich von Ermüdungserscheinungen und sammelte Kräfte für den überaus harten Daseinskampf in völlig entspanntem Schlaf. Der Urmensch, insbesondere der Nordländer, hat im Bärenschlaf der langen Winternächte ein ungeheures Erbe an Nervenkraft aufgespeichert, das er zur Weltbeherrschung den Nachkommen vererbte. Auch kleine Kinder schlafen oft 14 Stunden am Tag, um die im Schlafe aufgestaute Nervenkraft als Erwachsene auszugeben. Glückliche Kindheit! Mittelalterliche Mönchsorden und puritanische Sittenrichter bekämpften die Schlaftrunkenheit ihrer Zeitgenossen als animalisches Laster, wie es Dürer in den schlafenden Jüngern von Gethsemane so ergreifend verbildlicht hat. Sie forderten die unnötige Länge des Schlafes zu verkürzen, wozu die künstliche Beleuchtung ihnen den Weg bahnte. Unsere Bauernvorfahren gingen zu Bett mit Sonnenuntergang und standen bei Hahnenschrei auf. Neuzeitige Technik hat die Nacht taghell gemacht, womit ein guter Teil unserer Arbeit, der größere Teil unserer Vergnügungen der Nacht anheimfiel. Schlaflosigkeit wurde die Geisel eines ungläubigen Zeitalters — ein Ausdruck seelischer Verwundung, oft erst in Jahren zielbewußter Arbeit zu überwinden. Zuerst gilt es schrittweisen Abbau der Schlafmittel, deren hemmungslose Anwendung in der Katastrophe endet. Es gilt wohlüberlegte Schlafvorbereitung während des Tages, unter Vermeidung aller den Schlaf hemmenden Einflüsse, zielbewußt, unter scharfer Selbstbeobachtung. Ein wichtiges Mittel zu gesundem Schlaf ist ausreichende Ermüdung des Körpers am Tage — Märsche! Einseitige Gehirntätigkeit ist durch Körperarbeit in das Gleichgewicht zu setzen, der Nervenapparat durch rechtzeitige und ausreichende Erholung alltäglich wieder aufzufüllen. Unmittelbar ehe man zur Ruhe geht, bewährt sich ein kurzer Abendspaziergang, allein, unter Ausschaltung der Tagesgedanken, in Sammlung auf den Schlaf, unter Wieder- holung beruhigender Leitsätze. Früh zu Bett zwecks wirkungsvollen Vormitternachtsschlafes! Früh aus dem Bett, sobald das Schlafbedürfnis befriedigt ist, zur Früharbeit! Bei Schlaflosigkeit hilft die Vorstellung, daß es gleichgültig ist, wann der Schlaf kommt — er kommt — wenn nicht heute, so morgen. Nicht schlafen wollen, „sich quälen". Ruhig zählende Tiefatmung, Gleichmut, Behaglichkeit! Der Schlafgewinnung dient die Auffindung der richtigen „Schlafstellung" und die Entspannung jedes Muskels. Man liege mit völlig gelösten Gliedern im Bett und gehe in Gedanken den Körper auf Entspannung jedes Gliedes noch einmal durch. Dahinter eröffnet sich das breite, noch wenig bekannte Gebiet der Traumkultur. Im Schlaf wird das ordnende Ich, das die Welt zum einheitlichen und gemeinsamen Ganzen aufbaut, ausgeschaltet. Es versinken die Gesetze von Raum und Zeit, Ursache und Wirkung, die Normen der Logik und der Ethik. Dagegen arbeitet das Unterbewußtsein weiter und mit ihm die vegetativen Lebensgebiete, wie Herz, Lunge, Eingeweide, während die das Bewußtsein verkörpernden Gehirn teile ausgeschaltet sind: der Betrieb geht weiter, der Direktor ging nach Hause. Die Erinnerung an die im Schlaf vor sich gehende Seelentätigkeit ist der Traum, der durch Bilder oder Symbole arbeitet ohne feste Ordnung nach dem Denkgesetz. Daher jähe Sprünge über Zeit und Raum, jähe Verwandlung der Dinge ineinander, jäher Abriß der Kausalketten. Im Traum offenbart sich das Unterbewußtsein. Der Traum ist der Berichterstatter an den abwesenden Direktor. Dieser hat dafür zu sorgen, daß auch während seiner Abwesenheit der Betrieb ordnungsmäßig weiterläuft. Aber in vielen Fällen versagt der Direktor. Wie oft erwachen wir aus Angstträumen „wie gerädert", um den Schlaf betrogen. Dagegen ist es durchaus möglich, friedliche und aufbauende Träume zu suggerieren — Quellen der Freude damit zu erschließen, aus denen Kraft in das Tagewerk strömt. Da der Traum in Bildern arbeitet, so ist der friedlichste und stärkendste Traum das wunschlose Erlebnis schöner Natur, 112 die Schau von Blumen, Wald, Bergen, Wasser, Ozean. Wer vor einer großen Leistung oder Entscheidung des bevorstehenden Tages einen klaren, mächtigen Strom von hoher Warte träumend geschaut hat, hat den Tag schon vor Beginn gewonnen. In Ängsten, Gefahren, Hemmungen, an denen das Traumleben so reich ist, naht das gehebte Du als Helfer und Retter. Man kann solche Träume kurz vor dem Einschlafen durch Leitsätze herbeirufen. Man kann das im Traum sich enthüllende Unterbewußtsein durch Anschluß an das Göttliche allabendlich beruhigen und damit Friede, Liebe, Weltrhythmus über die Nacht hinaus dem kommenden Tagewerk zuleiten. Ein seit alters geheiligtes Mittel der inneren Befriedung ist die Musik, welche Dissonanzen in Harmonien auflöst und, wenn irgendein Menschengebilde, den Himmel berührt. Der Lebenserneuerer liebt es, Gedanken der Andacht, der Freude, der Ehrfurcht in Gesang zu übersetzen, recht und schlecht, wenn schlecht, dann im stillsten Kämmerlein! Vom Körper her führen vor allem die Wege der Atmung und Drüsenpflege zum Unterbewußtsein. Schon den Alten galt die Zirbeldrüse als die Konzentrationsstelle im Gehirn, von welcher aus das Ich den Organismus beherrscht und kosmische Kräfte aufnimmt: „Antenne des Allgeistes." Weite, dunkle Gebiete eröffnen sich hier der Forschung und Bewußtmachung. Das wichtigste Mittel der Neuordnung des Unterbewußtseins nannten die Altvordern Gebet. In allmorgendlicher und allabendlicher Sammlung sind Grundgedanken aufbauenden Inhalts dem Unterbewußtsein einzuhämmern — am besten als Leitsätze in wörtlicher Wiederholung. Diese Sammlung erfolge vor Beginn der Tagessorgen, vor Lesung der Zeitung, in freudiger Stimmung, in Verbindung mit Tiefatmung und Übung, am schönsten angesichts der Morgensonne im Freien — in Gottvertrauen und Selbstbegrenzung, in Demut und Sieges- bewußtsein: „Bist Du doch nicht Regente, der alles führen soll. Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl." Als Grundstimmung solcher Sammlung sinke in das Unterbewußtsein: „Es geht mir von Tag zu Tag in jeder Hinsicht besser und 8 Sckulze-Gaevernitz, Abendland "3 besser — mit Gottes Hilfe." Was ist der Mensch ohne die Liebe von oben? Zur Neuordnung und Befriedung des Unterbewußtseins sollten wir oftmals mit uns allein sein, in Gesellschaft guter Gedanken, Kindern unserer Freiheit, die sich in Worten verkörpern. Das wiederholte, auf den Gedanken gesammelte Wort dringt in das Unterbewußtsein ein, nicht gewaltsames Wollen. Bei seelischer Umstellung von Angst, Haß, Ich auf Kraft, Liebe, Gott öffnet sich der Körper den segensvollen Heilkräften der Natur in Licht, Luft, Wasser und Nahrung. Indem wir neue Menschen werden, sind wir Bahnbrecher zur neuen Menschheit. Fernes Ziel, dem wir dienen, ist jener Übermensch der Zukunft, der sein gesamtes seelisches und körperliches Sein in das Bewußtsein gehoben hat, um es zu beherrschen, der jede Störung sofort in ihrer Verursachung durchschaut und abstellt, der entspannt arbeitet, rhythmisch lebt. Durchströmt von der Harmonie der Sphären, denkt, sagt, vollbringt er das große Ja und Gott spricht: Amen, so sei's. Die Sonne des Bewußtseins bestrahlte dereinst nur wenige Inseln, die aus dem dunklen und stürmischen Ozean der Seele auftauchten. In jener Zukunft, die wir vorbereiten, sind die Inseln angebaut, zu Festländern ausgeweitet, neue Kontinente entdeckt und erschlossen. Der Ozean ist sicher beschiffbar; die alte und die neue Welt ist zu einem befriedeten Reiche geordnet; die Natur wiederhergestellt und überboten — Gott ist Herr, nicht mehr durch blindes Naturgesetz, sondern durch menschliche Freiheit. Der Lebenserneuerer ist weit davon entfernt, sich im Besitz einer fertigen Weisheit zu wähnen. Noch steckt die Wissenschaft vom Leben in den Kinderschuhen. Welche unabsehbaren Möglichkeiten täten sich auf, wenn es gelänge, was durchaus denkbar ist, das Geheimnis zu lüften, das die Variationen des Keimplasmas verhüllt, und diese damit zum „Guten" zu beeinflussen. Das Gute wäre in diesem Falle sicher etwas ganz anderes als kapitalistische Wohlhabenheit oder intellektualistische Examensleistung. 114 Aber was wir wissen, genügt bereits, um die nächsterforderlichen Schritte zu beleuchten. Was uns fehlt, ist die Wende zum Ja — die Umstellung von Grund aus zu Gott hin — die Wiedergeburt in Freiheit durch Gnade. * Die Wendung des Zeitalters vorwegnehmend, schritt die Entwicklung der Seelenheilkunde im letzten Menschenalter von der Psychoanalyse zur Psychosynthese. Als Vertreter des Materialismus und Utilismus eines ungläubigen Zeitalters hat S. Freud das Lust- und Unlustprinzip in den Mittelpunkt seiner Seelenlehre gestellt und die möglichst vorteilhafteste — lustreichste, unlustärmste — Anpassung des Ichs an die Umwelt gefordert. Indem er die Habesucht, d. i. den Trieb des Besitzergreifens, als primär bezeichnet, hat er den Grundgedanken der kapitalistischen Gesellschaft in der Psychologie zur Geltung gebracht. Freud hat damit die tiefsten Schichten des Seelenlebens unberührt gelassen, in denen die allgemeingültigen, überpersönlichen Normen des Erkennens und Handels verankert sind, welche die Einordnung des Ich in die Umwelt — in das soziale Ganze, in das Weltall — ermöglichen und erheischen. Indem er die unterbewußte Verursachung der Triebhemmungen in vielen Fällen erfolgreich klarlegte, hat er seelische Verwundung noch nicht geheilt. Er hat den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Weltanschauung grundsätzlich vernachlässigt. Dagegen hat E. G. Jung die psychologische Bedeutung der Weltanschauung, Geistesgeschichte, Religion und Philosophie betont und je nach der Einstellung zu der Umwelt den „extravertirten" und „introvertirten" Typus des Seelenlebens unterschieden. A. Maeder stellt der kaptativen Anziehung, d. h. dem Hang, das Begehrte an sich zu reißen, den Drang nach „Identifikation" mit dem Vorbild zur Seite. Dieser Trieb beginnt normalerweise beim Kinde mit der Bewunderung und Nachahmung der Eltern. Die Liebe stellt das geliebte Wesen in den 8* "5 Mittelpunkt, um den das Ich kreist. Die Selbständigkeit des isolierten Ich wird zugunsten einer Zusammenarbeit mit der Umwelt aufgehoben; die Normen dieser Umwelt werden im Gewissen verankert; die Einordnung in die Gesellschaft und in den Kosmos wird vollzogen. Dies die gesunde Entwicklung des Säuglings zum Kinde, bis der Erwachsene in Freiheit das Gesetz des Ganzen bejaht als den überpersönlichen Wert, in dessen Dienst die Persönlichkeit sich enfaltet. Auch der Wiederaufbau eines wunden, gestörten Seelenlebens erfordert die Selbsttätigkeit des Kranken, ist ein Ausdruck der schöpferischen Kräfte, die in jedem Menschen schlummern — eine Selbstheilung und Selbstentfaltung durch das freie, große J a. Der Kranke, der um Gesundheit ringt, der jedoch jeden von außen kommenden Moralismus ablehnt, kann in der eigenen Seele sich dem religiösen, als dem innerlichsten Problem nicht entziehen. „Echte Bejahung, auch der Wille zur Gesundheit, greift über die eigene Person hinaus" (F. Schauer). Gesund und glücklich zu sein, ist kein Endzweck, sondern Mittel für die Zwecke des Aufbaus, der Arbeit, der Liebe, der Gemeinschaft. Ist Menschenhaß „verlängerter Selbstmord" (Schiller), so fördert Menschenliebe nicht nur den geliebten Menschen, sondern mehr noch den Hebenden. Die Seelenhaltung des Mangels, der Abwehr, der Kritik dagegen zermürbt den Neinsager, der sich auf die vorhandenen Übel konzentriert und damit die positiven Möglichkeiten verliert. „Schon aus egoistischen Gründen" sollte er auf den Felsen des Ja sich retten. Aber keine noch so einleuchtende Theorie heilt, sondern nur innerlichste Erschütterung durch das persönlichste Erlebnis. Dieses kann anknüpfen an die starke Güte eines Seelsorgers oder Arztes oder eines vielleicht bisher verkannten Freundes, der dem allgemeinen Nein eben doch das Ja für sich abnötigt. Dieses Erlebnis kann zurückgreifen auf die Liebe und Bewunderung des Kindes vor Mutter, Vater oder Erzieher, weiter zurück auf die glückliche Geborgenheit im Mutterschoße, auf das Liebeserlebnis des Empfängnisses. Es 116 kann hinuntersteigen zu dem Gotteslicht in den tiefsten Tiefen der Seele und aufgipfeln zu der Liebe von oben, die selbst dem verbohrtesten Neinsager goldene Brücken baut — in einem freundlichen Blick, einem herzlichen Wort, einem schönen Gedicht, einem goldenen Sonnenuntergang. Vielleicht kommt doch der Augenblick, wo er solche Brücke betritt. Ein Schritt, und der Übergang zur Heimat ist vollzogen, von der alles menschliche Leben ausgeht und zurückstrebt, wogegen der Flüchtling, vom eigenen Irrlicht betrogen, in das Nichts zerstiebt. Denn ein nur ichhaftes Leben ohne Liebe, ohne Gemeinschaft, ohne Bindung an Mitmensch, Welt und Gott ist sinnlos, unerträglich, unmöglich. Ein solches Leben vereinsamt; denn der Nächste flieht instinktiv oder pflichtmäßig die auch ihn bedrohende Zermürbung. Liebe harrt des Tages, da ihr Hoffnung winkt, den Kreislauf des Übels zu durchbrechen. Es ist erstaunlich, wie diese Grundgedanken, die in neuester Seelenforschung verankert sind, der christlichen Weltanschauung nahestehen. (Ev. Joh. i, i—5 und 9—11.) „Im Anfang war der Logos", d. i. der göttliche Schöpfergedanke, der zugleich Wort und Tat ist. „Der Logos war bei Gott und war göttlicher Natur, alle Dinge sind durch denselben gemacht." Gott der Schöpfer und Allerhalter! „Im Logos war das Leben." In den Erscheinungen des Lebens offenbart sich Gott in besonderer Weise. Während das Weltganze über alle Vernunft ist, während in ihm alles Teil ist unter Teilen, die wir mit unserm Verstände nur schrittweise nach Wirkung und Ursache begreifen können, offenbart sich im Lebewesen ein Ganzes, dessen Teile so geordnet sind, daß sie als Glieder dem Zwecke des Ganzen dienen. Indem wir uns einfühlen in den Zweck des Lebens, ahnen wir die Zielstrebigkeit des Weltganzen als göttlichen Heilsplan. „Das Leben ward das Licht der Menschen." „Das war das wahrhaftige Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt." Der göttliche Schöpfergedanke, der alles Sein geschaffen hat und noch erhält, der uns in der Zweckmäßigkeit des organischen Lebens begegnet, tritt "7 beim Menschen in das Bewußtsein. Er durchleuchtet seine Seele als Gottes Licht und bleibt als Funke lebendig, der trotz aller Verdunkelung immer wieder zur Flamme angefacht werden kann. Mit der Teilnahme am Gottesgedanken wird dem Menschen der Vorzug der Freiheit, während alles andere sichtbare Sein dem Gotteswillen ohne Wahl und Bewußtsein dient. „Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf. Denen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Kraft, Gottes Kinder zu werden, die nicht aus dem Fleische, sondern aus Gott geboren sind." Dem Menschen als dem einzigen Naturwesen, das wir kennen, eignet die Sünde wie die Wiedergeburt: die Abkehr von Gott, wie die Heimkehr zu Gott. Alles dies ist uralte Weisheit, dem Menschen keimhaft mit der Menschwerdung geschenkt, einfach wiejedeletzte Wahrheit, vom Christentum dem Abendländer zur Weltreligion aufgegeben. Aber die Jünger Jesu besaßen ein besonderes Erlebnis, das diese Weltanschauung zur Glaubensgewißheit steigerte, die Gnade Gottes verbürgte und ihre Kräfte in das Übermenschliche steigerte: die Versichtbarung des Gottesgeistes im Meister. Die Weltanschauung verdichtete sich ihnen zur Historie und die Historie stieg zur Weltanschauung auf: „Der Logos ward Fleisch und zeltete unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." Derselbe greise Jünger, auf den diese Worte zurückgeführt werden, Johannes sprach in Erinnerung an seine Jugend von „dem Logos des Lebens", den seine Augen geschaut und seine Hände betastet haben. In diesem Erlebnis wurde ihm der Weisheit letzter Schluß: „Gott ist Liebe." (I. Joh. i V. i; 4 V. 16.) Nicht, daß diese ersten Schüler und Zeitgenossen des Meisters vor uns bevorzugt wären. Jedem von uns und immer wiederist dieses Johanneserlebnis zugänglich in der Gestalt des echten Jüngers, der unsern Lebenspfad kreuzt, um uns ein Christus zu werden. Unter seinem Eindruck wird uns der verklärte Meister lebendig — wenigen Erwählten bis zur Versichtbarung. 118 Die „Flucht von dem Kreuze" ist die Schuld sogenannter Christen, die es unterließen, den lebendigen Christus einem ungläubigen Zeitalter durch Taten zu beglaubigen. Auf den Spuren des „Schlesischen Engels" (Angelus Silesius 1624—1677) 1. Gott und Mensch. Gott ist ein Abgrund zwar, doch füllt ein Wasser rein Den Abgrund bis zum Rand. Wag's! Stürze Dich hinein! Du bist, als Sohn der Zeit, der Welle leichter Schaum — Als Kind der Ewigkeit wachs' über Zeit und Raum! Wer nicht in dieser Welt an beßre Welten glaubt, Ist tot, ob er gleich lebt, ein Blatt dem Baum geraubt. Ob Kaiser oder Magd: Gott fragt nicht nach dem Kleid; Nicht Titel, Gut und Geld erkaufen Ewigkeit. Wer Menschenwürde nicht in jedem Menschen ehrt, Der ist — o helf ihm Gott! — des Namens „Mensch" nicht wert. Ein Tempel für den Geist, kristallener Pokal — Dein Körper preise Gott und leucht' als heil'ger Gral. 2. Das Werk. Erlausche jetzt und hier, was Gott will von den Dingen; Denk nicht an Deinen Ruhm; tu's, Du wirst Riesen zwingen. Wo Du in weiter Welt an Deinen Platz gestellt, Nach bester, schwacher Kraft bestelltest Du Dein Feld? Dem winkt der Siegespreis, der früh sein Ziel erkennt, Mit stiller, steter Tat das eine Ziel berennt. Umarm die bunte Welt. Mit allen guten Geistern Entbrenn', die je gelebt. Doch ein Ding sollst Du meistern. Du bist zwar schwaches Rohr — als Werkzeug höh'rer Hand Zum Tun und Sterben stark, und beiden gleich verwandt. "9 3. Das Weib. Du kaufst ein Weib, mein Sohn? Du kaufst ein Otternnest. Du packest zu? O nein! Die Hölle krallt Dich fest. Weib ist des Mannes Lust, und Mann des Weibes Weide. Ist es zur Lust allein, so wird's zu Reu' und Leide. Wo Aug' in Auge fließt und Seel' in Seele weitet, Da ist ein selig Ruh'n, dem keine Pflicht mehr streitet. Prüf Deine Liebe so: Willst Du, daß diese Hand Auch ruh' auf Deiner Stirn im Todesfieberbrand? Ein echtes Ehebett ist Gottes Reich auf Erden. Kein Zwang! Das Ich im Du will drittes Beßres werden. 4. Das Reich. Stets drohen Krankheit, Tod, der Sünde wilde Drachen. Stampft Mars gar durch die Welt, wie wird die Hölle lachen! Berannt von fremdem Huf, mein Deutschland — Wüstenei! Zum Aufbau Deines Reichs mach', Herre, Deutschland frei! Haß herrscht und Mord und Brand; in Blut ertrinkt die Erde. Wir falten still die Hand: „Ein Hirt und eine Herde!" 5. Der Christ. Sie ist nicht gut, nicht schlecht; blind ist sie die Natur, Folgt wahllos dem Gesetz. Es seufzt die Kreatur. Enthoben der Natur, gilt Dir ein inn'res Soll. Frei wählst Du; wählst Du schlecht, so zahlst Du bitt'ren Zoll. Es jubiliert der Christ: Das Licht ward angezünd't, Geboren wurde Gott im holden Menschenkind. Gott ward vermählt dem Fleisch; der Himmel ward erschlossen, Und Engel steigen auf und nieder gold'ne Sprossen. Ob Dich das Leben führ' durch Blumen, Wüstensand — In letzter Todesnot greif Deines Gottes Hand! 120 VIERTES KAPITEL DIE AUFGABE „Das ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt. Alles außer uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu schaffen vermag, was sein soll, und nicht ruhen, und rasten läßt, bis wir es außer uns oder an uns, auf die eine oder die andere Weise dargestellt haben." Goethe II. Wissenschaft? Seite 132. I. Rückblick. Seite 121. I. Rückblick i Ein Rückblick über die Universalhistorie verdeutlicht die unserem Geschlecht gestellte Schicksalsfrage. Wir folgen der großen Linie, die Hegels Genius vorwegnahm — trotz aller Abweichungen im einzelnen auf Grund der Ausweitung unserer Geschichtskenntnisse. Der Schwerpunkt der Geschichte verschiebt sich über Völkerfamilien und Kulturkreise, wobei jede der so unterscheidbaren Perioden den Kulturgehalt ihrer Vorgängerin überwindet, verarbeitet und aufbewahrt. Die Geschichte ist kein „Zirkeltanz", aber der Fortschritt erfolgt oft in jähen Rückschlägen, meist im Gegensatz zur letzten Vergangenheit. In das Dunkel der Urzeit, in welchem der Mensch durch die Jahrtausende seinen Kulturaufstieg anbahnte, werfen wir da und dort, etwa an der Hand eines Frobenius, ein Schlaglicht. Es erhebt sich als eine von der Frühsonne belichtete Insel der ägyptisch-vorderasiatische Kulturkreis. Über der III. Ausblick. Seite 138. Dumpfheit naturgebundenen und sklavenhaften Massendaseins steigen einige wenige zur Kulturhöhe auf: zu der Urweisheit Zarathustras, dem Harfensang Davids, dem Gottessonnenkult Echnatons. Dieser Kulturkreis ruht auf dem Landbau in reichen Stromgebieten und hinterläßt seinem Nachfolger die Idee des Weltreiches, des Königs der Könige, des Gottes der Götter, der Gottessohnschaft des Weltherrschers, verkörpert in den Riesenarchitekturen Ägyptens und Mesopotamiens. Er überwindet Nomadentum, Stammeszersplitterung — die Dämonen des Kampfes aller gegen alle. Er überbaut die ungezähmte Natur durch den gottgeheiligten Tempel der sozialen Ordnung. Im Kampfe des Lichtes mit der Finsternis enthält er die Idee des Fortschritts, des Sieges. Es folgt die griechisch-römische Welt, unser „Altertum". Ihre Grundinstitution ist die „Polis", die Freistadt der Bürger, die bei Marathon und Salamis ihre Vorgängerin besiegte — aufgebaut auf der großen Masse der Sklaven, der die Handarbeit überlassen ist — umleuchtet vom Strahlenkranze der t Kunst und Wissenschaft als dem Vorrecht der Vollbürger. Diese Kultur verschmilzt sich seit Alexander mit der Weltreichsidee des Ostens, die sie zur Menschheitsidee steigert, und gipfelt in dem Weltfriedensreiche der Römer von Augustus zu Marcus Aurelius. Das niedergehende Altertum empfängt seine Wendung nach oben durch die christliche Botschaft, die alles Menschentum zur Gotteskindschaft einlädt. Durch nordischen Bluteinschuß verjüngt, dann zurück die Alpen von Süden nach Norden übersteigend, rundet sich der mittelalterliche Kulturkreis klerikaler, feudaler, stadtrechtlicher Prägung. Sein Hauptgebiet ist Mitteleuropa. Seine Grundinstitution ist die den Einzelnen umgebende Genossenschaft — Grundherrschaft, Zunft — in einem hierarchisch gegliederten Weltimperium. Uns Abendländern erscheint diese Ordnung als der Mutterboden, in dem wir alle wurzeln: das „erste Reich". Diese Welt gipfelt im Stadtstaat, der durch die Genossen- 122 schaft des kunstverwandten Handwerks die Handarbeit zur Freiheit, zur Herrschaft, zum Waffenträgertum emporhebt. Dieser Stadtstaat ordnet sich grundsätzlich der imperialen Friedensordnung unter, welche die geistliche und die weltliche Gewalt als Kirche und Staat zum erstenmal trennt und doch auf engste vereinigt. Das Kaisertum gilt als geistliches Amt. Im Stadtstaat erwacht die Idee der Nation — Dante! Aber noch lebt die große Masse des Landvolks in kulturferner Unfreiheit. D eutschland trat damals aus dem Dämmer der Prähistorie in den beleuchteten Vordergrund des geschichtlichen Dramas. Damals lag der Schwerpunkt der Weltpolitik, soweit solche nach der zeitgeschichtlichen Begrenzung der Welt möglich war, in den Kaiserburgen eines Karl, Otto und Friedrich. Der Schwerpunkt der deutschen Politik lag bei den nach dem Osten ausgreifenden und siedelnden Fürsten. Der kulturelle Schwerpunkt des Abendlandes rückte von dem klerikalen Frankreich, damals noch Frankenreich, von Cluny und der Sorbonne, nach dem nordisch durchtränkten Italien eines Thomas und Franziskus, eines Dante und Michelangelo. Thomas, der Aquinat, der an der Hand des Aristoteles das christlich-mittelalterliche Weltbild zu großartiger Geschlossenheit zusammenfaßte, noch heute der katholische Philosoph, rühmte sich kaiserlicher Herkunft. Als der kaiserliche Glanz in Friedrich II. meteorhaft verblichen war, stieg die deutsche Hansa zur See- und Handelsherrschaft der nordischen Meere; mehr als einmal war die englische Reichskrone im Pfandbesitz der deutschen Städte. Mit dem Rückgang der Hansa wurden die niederdeutschen Städte Flanderns — Brügge, Gent, Antwerpen — und ihnen folgend die oberdeutschen Städte — Nürnberg, Augsburg, Straßburg — Vororte des handwerklichen Fleißes und der bildenden Kunst Europas — von van Eyk und Memling zu Dürer und Grünewald. Die jüngste Geschichtsperiode, die soeben erst im Weltkrieg aufgipfelte und abglitt, ist gekennzeichnet durch eine Verlagerung des Weltschwerpunktes nach dem Westen. Uber Amsterdam und Versailles steigt die englisch-amerikanische 123 Welt zur Weltvormacht auf. Ihre Straßen weiten sich zu Ozeanen. Mit dem Dreizack des Neptun ergriff England das Zepter der Welt. Der Atlantik trat an die Stelle der das Mittelalter durchpulsenden Ader des Rheinstroms. Als englische Lebensformen haben Kapitalismus und Demokratie in dem von zwei Ozeanen bespülten Neuengland Amerikas ihre Hochburg aufgeschlagen. Ihre Grundidee ist als letzte Folgerung der Kirchenformation die Freiheit des starken, sich selbst bestimmenden Einzelmenschen, wobei die Vorsehung den Kampf aller gegen alle zur wirtschaftlichen Harmonie ausgestaltet — unter der selbstverständlichen Voraussetzung der politischen Vormacht Anglo-Amerikas als des für die Weltordnung verantwortlichen Weltpolizisten. Die Franzosen wurden die Dolmetscher Englands an die Welt. Von der Französischen und amerikanischen Revolution aus strahlte der Freiheitsgedanke als allgemeines Menschenrecht in die Welt. Ihm entsprang eine neue Wirtschaft sgesinnung, welche das Abendland und darüber hinaus die Menschheit in ihren Grundfesten erschütterte, umwälzte, entwurzelte — so sehr, daß alles Frühere nur als Vorspiel erscheint. Diese neue Gesinnung, benannt „kapitalistischer Geist", bediente sich des Sprengstoffs der Technik, um das alte zu zertrümmern und das kapitalistische Zeitalter aufzubauen, welches uns im Gegensatz zur Ordnung des Mittelalters als das Zweite Reich erscheint. Aber der „kapitalistische Geist" ist nur dort ursprünglicher Kraft, wo er aus religiösem Boden emporwächst: in dem kalvinistisch durchpflügten Holland, England, Schottland, Amerika, dem hugenottischen Frankreich und den Gastgebieten der französischen Refugies, dem rheinischen Deutschland von der Schweiz nach demNiederrhein und darüber hinaus in der nordisch protestantischen Welt. In seinen religiös andersgearteten Randgebieten, so im lateinischen Europa, ist der Kapitalismus ein oberflächlich verwurzeltes Fremdgewächs. Es gilt dies auch vom katholisch süddeutschen Bauerngebiet, mehr noch von Osteuropa. 124 . In seinen Stammgebieten erwuchs der kapitalistische Geist aus der Überweltlichkeit Gottes, der Nichtigkeit der Welt, der selbstbeherrschten Herrschaft der Erwählten, der berufsmäßigen Entsagung des Wirtschaftsmenschen. Indem er erwirbt, ohne zu genießen, gilt ihm das Apostelwort: „Haben, als hätten wir nicht!" Ein mönchischer Vorläufer dieses Geistes erfand in Italien die doppelte Buchhaltung, welche dem Wirtschaftsmenschen erlaubt, durch die Jahresbilanz den Erfolg seiner Askese zu kontrollieren. Ein Abkömmling dieses „frugalen Unternehmers" lebt in der Selbstzucht des englischen Gentleman, in dem Dienstgedanken des amerikanischen Wirtschaftsführers fort; etwas besitzt davon auch der von einer kalvinistischen Dynastie geschulte preußische Offizier, der so häufig auch auf industriellem Gebiete Lorbeeren eroberte. Ihnen allen gilt das Dichterwort: „Wer befehlen will, Muß im Befehlen Seligkeit empfinden. Genießen macht gemein." Kapitalismus und Demokratie wuchsen zu den Grundtatsachen des Zeitalters aus, zunächst in englisch-amerikanischer Prägung, sodann in allgemein abendländischer Auswirkung. Die Maschine wurde das wichtigste Werkzeug des Kapitalismus, Menschenrecht der eindringlichste Schlachtruf der Demokratie. Auf seinen Höhepunkten, zu denen in erster Linie das England Victorias rechnet, hat das kapitalistische Zeitalter höchste Leistungen zu verzeichnen: ungeheure Steigerung der Produktionskräfte, Ausweitung des Nahrungsspielraumes, Erschließung von Neuländern — Vermehrung, Ausbreitung und Weltherrschaft der weißen Rasse—geistige Entfesselung von traditionellen Gebundenheiten, Verselbständigung der Unterschichten. Mit der Bauernbefreiung und der Arbeiterbewegung bejaht sich die handarbeitende Masse als Selbstzweck und kündet ihr Recht auf dem Volksstaat an. Mit der Weltwirtschaft und der internationalen Arbeitsteilung vereinheitlicht sich die 125 Menschheit zur Wirtschaftsgemeinschaft, der sich kein Volk mehr ungestraft entziehen kann. Der Kapitalismus hat nicht nur eine mächtige Gegenbewegung in der vorkapitalistischen Welt ausgelöst, welche den Kapitalismus als abendländischen Fremdkörper ausscheidet — Gandhi, Sunjatsen, Lenin. Er ist heute auch in seinen Stammländern in Frage gestellt, weil er mit seiner Grundidee, der Freiheit, in Widerspruch geriet. Es ist gleichgültig, ob dies deswegen der Fall war, weil er, wie seine Anhänger behaupten, außerstande war, seine Grundgedanken, Freihandel und Weltfrieden, in seiner Umwelt durchzuführen — Bismarck leistete hier besonderen Widerstand. Seine Ankläger setzen dem die Behauptung entgegen, daß der kapitalistische Geist selbst seinem eigenen Wesen untreu wurde, indem er, wo immer er der Staatsgewalt sich bemächtigte, zur monopolistischen und imperialistischen Waffe griff und mit dem Zusammenprall der Imperialismen im Weltkrieg endete. Wie dem immer sei, überschritten ist der Höhepunkt, den das kapitalistische Zeitalter noch einmal kurz vor dem Kriege erlebte, als England und Deutschland zu gegenseitiger Befruchtung und allgemeiner Bereicherung um die Weltpalme rangen. Dieser Aufschwung hat einem Absturz sondergleichen Platz gemacht. Wir befinden uns heute in einer Welt unerhörter wirtschaftlicher Widersprüche. Die Produktionsmöglichkeiten sind in das Ungemessene gesteigert worden, nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft, nicht nur in den Stammländern des Kapitalismus, sondern auch in den überseeischen Randgebieten. Die Fülle der Rohstoffe ist nicht geringer als die Kapazität des industriellen Apparats. Es ist damit die Möglichkeit einer reichlichen Versorgung aller gegeben (plenty for all) unter Verkürzung der Arbeitszeit. Aber der Verteilungsapparat ist in das Stocken geraten mit der Schrumpfung des Welthandels, dem Abbruch des zwischenstaatlichen Kredits, dem Rückzug auf Selbstversorgung, dem allgemeinen Mißtrauen, die der Weltkrieg hinterließ. Hierzu kommt die Aus- 126 Wirkung der Technik, insbesondere der Maschine, mit ihrer unbegrenzten Massenproduktion, der das Lohneinkommen nicht folgte. Indem die Kaufkraft der Masse zurückblieb, war millionenhafte Arbeitslosigkeit die unentrinnbare Folge. Mangelhafte Versorgung breiter Volksschichten, Hungerelend des proletarischen Randes, Arbeitslosigkeit als Dauerzustand, Zusammenbruch des bäuerlichen und gewerblichen Mittelstandes wurden das Kennzeichen einer tiefgreifenden Krisis, welche mehr ist als der nur zyklische Umschlag einer vorangehenden Hochkonjunktur. Die Menschheit scheint die Herrschaft über die von ihr entfesselten Kräfte der Technik verloren zu haben: Weizen und Mais werden verbrannt, während Millionen hungern; Baumwolle wird aufgekauft, um sie zu vernichten, die Tex- tilfabriken stehen still, ihre Arbeiter vermehren das Heer der Arbeitslosen, während ungezählte Haushalte der Erneuerung ihrer Kleidungs- und Wäschebestände dringend bedürfen. Allgemein wird die agrare Produktion künstlich eingeschränkt, die Preise der Agrarprodukte künstlich erhöht, während Millionen arbeitswilliger und arbeitsfähiger Hände ihre gewerblichen Erzeugnisse vergeblich anbieten, ohne Käufer zu finden, daher ohne Kaufkraft für Nahrungsmittel als Erzeugnisse des Landvolks. Hieraus fließt die Absatzstockung für Agrarprodukte, welche den Bauern durch Preisdruck, Überwertung der Zahlungsmittel, vermehrte Schuldenlast an den Rand der Verzweiflung treibt. In Amerika haben Bauernrevolten gewaltsam die Versorgung der Städte zu verhindern gesucht. Zu gleicher Zeit hat der Kapitalismus — vor allem in seiner amerikanischen Hochburg — die demokratischen Grundinstitutionen des Staatswesens bedroht, welche dereinst auf einer breiten Schicht freier Bauern aufgebaut waren. Er hat die politische und wirtschaftliche Macht in wenigen Händen gesammelt. Er hat es versucht, die Presse zu beherrschen, die staatliche Verwaltung durch Bestechung zu beeinflussen, die politischen Parteien zu kaufen — wie dies Upton Sinclair in seinem berühmten Buche ,,Oil" schildert. Hier begegnete er dem sehr entschiedenen Widerstand des „besseren Amerika", das sich der großen Traditionen der Väter besann. Aber dieser Widerstand beruht auf dem ethisch-religiösen Erbgut, und gerade dieses ist in Frage gestellt. In der Tat handelt es sich um mehr als eine Wirtschafts- und Staatskrisis. Dahinter steht eine Weltanschauungskrisis gleichen Umfangs und gleicher Tiefe, wobei geheime Fäden — dem wissenden Auge sichtbar — die letztere ursächlich mit der ersteren verbinden. Befindet sich die kapitalistische Gesellschaftsordnung heute in offenkundigem Niedergang, so liegt letzthin eine geistesgeschichtliche Zersetzung zugrunde. Die Abkehr von der Transzendenz ist das „Auflösungszentrum" des abendländischen Geistes (Sombart). An Stelle der Religion und der idealistischen Metaphysik setzte das 19. Jahrhundert den Materialismus und den Utilismus: nichts ist in der Welt des Seins als die Atome des Stoffes, die den Gesetzen der Mechanik gehorchen; alles Seelische ist ein Gehirn- und Nervenvorgang. Nichts gilt in der Welt des Wertes als die Motive des Nutzens, die in rechnerischer Weise das größtmögliche Lustquantum aufspeichern. Diese weitverbreitete Zielsetzung — dem primitiven Menschen völlig fremd — gilt als die „natürliche" und daher als allein wirksame Norm. Stoff und Lust — alles andere ist Unsinn. Ist der theoretische Materialismus heute tot, so ist der praktische Materialismus in den breiten Schichten der bürgerlichen wie der proletarischen Welt weithin in Geltung, auch wenn er sich hinter volltönenden Schlagworten verbirgt. Das amerikanische „Service and Cooperation" (Dienst und Genossenschaft), das deutsche „Gemeinnutz vor Eigennutz" werden dadurch noch nicht zur Grundfeste eines neuen Staates und einer neuen Wirtschaft, daß man sich zu ihnen auf Festen und in Volksversammlungen bekennt. Dagegen sind die alten Tugenden des kapitalistischen Geistes: Selbstverantwortlichkeit, Arbeitsamkeit, Ehrlichkeit, Sparsamkeit in Frage gestellt und damit jener ethisch temperierte Wettbewerb, der die Ausschläge der Konjunktur in das Gleichgewicht setzte. Der starke 128 Einzelmensch der kapitalistischen Weltperiode ist überaltert, der stärkere Gemeinschaftsmensch des sozialistischen Zeitalters liegt noch in den Windeln. Weltanschauliche Zersetzung ist die letzte Ursache des Niedergangs der abendländischen, kapitalistisch geprägten Welt. Diese Tatsache wird dem oberflächlichen Blick dadurch verschleiert, daß das Räderwerk menschlicher Motivation noch Generationen hindurch fortläuft, auch wenn die treibende Kraft versagt. Zweifel an seinen eigenen Lebensinhalt beschleicht den früher so robusten kapitalistischen Geist. Einst ein frugaler Arbeitsmensch, schielt er von seinem Kontorbock nach der Halbwelt des Rentnerstaates, wo die Herren Söhne bereits in ihrer Art tätig sind. Wo das Geld dem Genuß dient, revoltieren die vom Kapitalismus enterbten Massen, die den Luxus der Wenigen beneiden und für sich fordern. Ein solcher Kapitalismus ist Restbestand überalterter Kultur — ein ablaufendes Räderwerk, das auf dem Schrotthaufen endet. Ohne ein neues Ethos nimmt der Zerfall der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, der Niedergang des Abendlandes seinen unentrinnbarenVerlauf.Mankann sich diesen Verlauf in zwiefacher Richtung vorstellen, entweder als allmähliche Vergreisung bis zur Versteinerung oder als jähen Zusammenbruch durch gewaltsamen Anstoß von außen. Im ersteren Falle führt der Weg durch Unglauben und Ichsucht, über Geburtenschwund und Kulturschwund, über körperliche und seelische Entartung, über weltwirtschaftliche Schrumpfung und autarke Absonderung auf die Sandbank politischer und kultureller Geschichtslosigkeit. Der Strom des Weltgeschehens braust an den sich ausschaltenden Völkern vorüber. Man kann sich dieses Bild ausmalen als Sicherung überkommener Einkommens- und Herrschaftsverhältnisse durch Großindustrie und großes Bodeneigentum (auch Zünftlertum, Großbauerngut), die den Drang der Unterschicht nach Besitz und Scholle abdämmen — unter festliegender und niedergehender Lebenshaltung der breiten Masse. Es bedeutet dies einen Neufeudalis- 9 Schulze-Gaevernitz, Abendland 129 mus, aber ohne den Ideengehalt des Mittelalters. Die Herrenschicht benutzt die Traditionen des Obrigkeitsstaates, der Nahrungsidee, des Patriarchalismus, ohne selber mehr an solche Dinge zu glauben. Sie selbst ist innerlich dem Unglauben verfallen. Gestützt auf staatliche Machtmittel, könnte dieser Zustand durch lange Zeiträume fortdauern — auch unter dem Scheine des „Dritten Reiches", wenn dieses reaktionären Zwecken sich dienstbar erwiese. Auf der Weltbühne stehen Gläubiger und Schuldnervölker sich gegenüber. Auch diese Herrschaft könnte durch politische Machtmittel festgelegt werden, etwa durch Kolonial- und Seegewalt. In der großen Welt diente dann die PaxAnglo- americana dem Rentncrtum der „idle rieh" nach Bernhard Shaw, im engen Europa die französische Militärgewalt den Nutznießern der Friedensverträge. Die Massen der farbigen Menschheit hätten für rentnerische Gläubiger zu fronden — nicht anders, als die weißen Heloten Mitteleuropas. Wie lange? Um so näher liegt die zweite Möglichkeit: der jähe Umsturz dieses brüchigen Gebäudes. Allenthalben schwelt unter den bestehenden Staats- und Wirtschaftsformen die verheerende Glut des Bolschewismus, besonders dort, wo entlandeten Unterschichten der Weg zur Scholle versperrt ist. Die Proletarier, ganze Proletariervölker revoltieren gegen die Ausbeutung durch heimischen Kapitalismus und fremden Imperialismus, gegen jene Gentlemen, welche die „Bürde des weißen Mannes" in tadellosem Evening dress bei einem Glase Portwein tragen, oder gegen jene Kleinrentner, die in bescheidener Weise das gleiche tun, bei einem Glase Absynth im Cafe der französischen Provinzstadt. Die revolutionäre Welle steigt auf — mit um so mehr Aussicht auf Erfolg, je mehr die Herrenklasse „verfettet". Diese Wendung liegt um so näher, als auch die Eingeborenen Indiens, Chinas, Afrikas von der abendländischen „Begehrlichkeit" angesteckt werden. Wie beim Bourgeois, so fallen allenthalben auch beim Proletarier die Erbbestände religiöser und idealistischer Bindung. Der Klassenkampf wird zum brutalen Kampf um den Futterplatz, getragen von Haß, Neid und Ich- 130 sucht der Besitzlosen, welche an Stelle der Besitzenden genießen wollen. „Öte toi que je m'y mette." Sozialer Sprengstoff erster Ordnung! Gewalt zertrümmert nur zu leicht die hochverfeinerte Maschinerie des Kapitalismus. Abbröckelnde Volks- tümer aller Art, enterbte Bauern, Kleingewerbler und Akademiker, Arbeitslose, die aus der Zivilisation ausgeschlossen wurden, versinken in der aufsteigenden Sturmflut und schwellen sie zum allverschlingenden Meere. Diese Zukunft ist sehr wohl denkbar als Weltrevolution, ebenso für die amerikanische Hochburg des Kapitalismus wie für den japanischen Feudalismus — auch für das alte Europa. Es droht der Hungertod von Millionen, das Chaos! Bekanntlich prophezeit Spengler dieses Ende der westlichen Kultur unter den Vernichtungsschlägen des Sklavenaufstandes als „unentrinnbare Schicksalsnotwendigkeit". Dabei besteht nicht die geringste Gewähr eines Neubaus, vielmehr die Möglichkeit jener völligen Vernichtung, welcher einst Ninive und Babylon verfielen. Neubau erfordert neue Menschen von neuer Geistigkeit und neuer Körperlichkeit, welche aus bürgerlicher und proletarischer Zersetzung niemals herauswachsen können. Die andere große Möglichkeit heißt Wiedergeburt des Staates und der Wirtschaft aus der Wiedergeburt des Geistes, damit Fortbildung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu einer höheren Stufe menschlicher Vergesellschaftung. Der Titan Kapital wird nicht erschlagen, aber gebändigt. Der Einzelne wird vor den Wagen des Gemeinwohls gespannt durch die Bindung an Ideen. Nur mit überwirtschaftlichen Zielsetzungen, sagt Briefs mit Recht, ist die Wirtschaft zu erlösen. Der letzte Wert, der diese neue Ideenwelt trüge, müßte über den bloßen Nutzen des Einzelnen hinausgehen; er wäre überpersönlich, also transzendent, gleichviel ob wir ihn Gott, das Gute, Volkstum, Rasse oder wie immer nennen. In diesem Zusammenhang wäre Rasse etwas ganz anderes als eine Unterart der zoologischen Gattung homo sapiens, wertneutral wie irgendeine Gattung ausgestorbener Saurier. Als Träger der Menschheitsaufgabe und Wegbereiter des Gottesreiches wären Volk und Rasse wertvoll und für uns verpflichtend. Über all den zeitgeschichtlichen Wandlungen stehen auch heute noch die letzten metaphysischen und religiösen Wahrheiten fest — unverrückbar, wie die Sterne über dem Wogenschwall des Meeres, hoch wie der Himmel über der Erde und doch nicht ohne Beziehung zum menschlichen Schicksal. So weisen die Sterne dem Schiffer den Weg, auch wenn Wind und Wetter, Untiefen und Felsenriffe, Meeresströmungen und Eisberge ein jähes Umwerfen des Steuers erheischen. Im Aufblick zu den letzten Zielen allen Menschendaseins enthüllt sich die große Linie des abendländischen Schicksals als einer von uns zu lösenden Aufgabe. II. Wissenschaft? „Aufgabe" bedeutet einen Vorstoß der Freiheit in das Reich der Notwendigkeit. Ehe wir an den Inhalt unserer Aufgabe herantreten, gilt es Notwendigkeit und Freiheit, Wissen und Wollen voneinander zu scheiden und die Grenzen und die Rechte der Wissenschaft für den handelnden Menschen festzustellen. Es gibt keine Wissenschaft der Zukunft, keinen unvermeidlichen Verlauf des aus dem Dämmer des Morgen aufsteigenden Heute. Wo immer man eine solche Voraussage versucht hat, war trotz wissenschaftlichen Scheins der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Propheten irrten. Die eine sichere Prophezeiung besteht: die Zukunft wird anders aussehen, als die Propheten sie voraussagten. In Anknüpfung ebenso an Comte wie an Hegel, wagte Marx eine Wissenschaft der Zukunft. Marx tröstete ein machtloses Proletariat mit der „List der Vernunft", welche aus dem höchst gesteigerten, sich selbst überschlagenden Kapitalismus unvermeidlicherweise, in katastrophalem Zusammenbruch der bestehenden Herrschaftsverhältnisse, den sozialistischen Himmel 132 auf Erden herbeiführen werde. Marx irrte: nicht die Länder des höchst gesteigerten Kapitalismus, England oder Amerika, nicht das industrielle Belgien, Nordfrankreich und Westdeutschland gebaren die soziale Revolution. Der eigentliche Stammsitz des Kapitalismus, Anglo-Amerika, blieb vom Marxismus verschont. Rußland dagegen, das vom Kapitalismus als einem Fremdimport nur oberflächlich berührt war, verfiel dem Marxismus, —jenes Rußland, in welchem die große Mehrzahl der Bevölkerung in vorkapitalistischer, traditionsgebundener Geistigkeit verharrte, der gegenüber das klassenbewußte Fabrikproletariat nur eine verschwindende Minderheit ausmachte. Das halb kapitalistische Mitteleuropa hat den Marxismus abgeschüttelt — im Sturmesbrausen der Revolution. Alle Zukunft ist irrational. „Life is what we make it." Das Morgen wird von den Gedanken — aufbauenden oder zerstörenden — des Heute bestimmt. Diese Gedanken verdichten sich zur Tat. Die Tat verwirklicht das Ungewohnte, die schöpferische Tat das bisher Unmögliche. Innerhalb gewisser Gegebenheiten sind die Gedanken freie Geschöpfe des Geistes; frei vor allem ist das Ja oder Nein, das sie zu Zielen des Handelns erhebt oder verwirft. Kein Wissen erspart den Entschluß. Gedanken sind es, welche innerhalb der Grenzen der Notwendigkeit das seelische wie das körperliche Sein jedes einzelnen Menschen formen und sein Schicksal gestalten. Dasselbe gilt von der menschlichen Gesellschaft. „Ideen" kristallisieren sich zu Organisationen; diese sind später als der Geist, aus dem sie geboren sind. Nicht die Wirtschaft ist Schicksal; es gibt kein unabwendbares Schicksal, sondern nur ein zu gestaltendes und zu überwindendes. Wenn nach Marx die technischen Produktivkräfte die Wirtschaft und damit den ideologischen und politischen Überbau bestimmen, so ist die Technik selbst das Ergebnis höchst verwickelter geistesgeschichtlicher Vorbedingungen. Vor allem ist entscheidend die Entwicklungsstufe der Naturwissenschaft, die ihrerseits im Z e i t g e i s t e verankert ist; dieser aber ist, trotz aller Mitbestimmtheit durch Vergangenheit und Umwelt, letzthin irrational. 133 Für die Vergangenheit sind die Ideen als Zielsetzungen des Zeitalters sozialpsychologische Tatsachen erster Ordnung. Nach ihren Ideen formten lebende Menschen ihre Geschichte. Der ursächliche Zusammenhang zwischen Idee, Wirtschaft und Politik leuchtet als Zweckursache unmittelbar ein; er wird vom Historiker nachfühlend aufgewiesen. Dahinter liegt das Gebiet des Unerforschlichen, in das nur unerlaubte Geschichtsmetaphysik — ein Hegel gegen Ranke — einzudringen wagt. Erschaut und gekündet vom Seher, wurden die Ideen ergriffen und verkörpert vom Fiel den, wobei stets ein Rest unbewäl- tigten Stoffes zurückblieb. Die Gegenwart bietet dem handelnden Menschen die Freiheit des Wählens und Richtens. Glaubte er an die Vorausbestimmtheit der Zukunft, so würde er aufhören zu handeln. Sein Wissen lähmte seinen Willen. Nicht das Abstraktum „Kapital" beherrscht nach Marx in metaphysischer Eigengesetzlichkeit die Menschen, sondern handelnde Menschen bedienen sich jener Erwerbsgüter, die unter bestimmter psychologischer Einstellung „Kapital" genannt werden, je nach ihren Zielen. Sie bedienen sich ihrer frei zum Guten oder zum Bösen. Das Heute ist der Herr des Morgen! Was aus der abendländischen Kulturwelt, einem Trümmerfeld riesiger, auseinanderbrechender Quadern, einmal wird, hängt von der Ideenwelt ab, die als Plan des Umbaus vorschwebt, und von der Stärke des Willens, die diesen Plan dem ungefügen Stoff aufnötigt. Eine Hoffnung des Gelingens gibt die geistige Einstellung des Nachkriegsgeschlechts in nahezu allen Ländern der abendländischen Welt. Unbefriedigt von bloßer Erkenntnis, sucht es die Freiheit und die Verantwortlichkeit der Tat, um zu ändern, bessern, gestalten. An Stelle des entmannenden Intellektualismus trat ein kühn vorstoßender, festzugreifender Voluntarismus, wie er in Fichte seinen Propheten gefunden hat. Aber diesen Menschen des Willens und der Tat droht ein hochgefährlicher Irrtum. Wollen ohne Wissen ist blind. Es scheitert an der harten Tatsächlichkeit; es endet nur zu leicht 134 in der Katastrophe. Man vergleiche: der Reisende kommt nicht von der Stelle oder geht in die Irre, wenn er Zielen nachgeht, die für ihn außerhalb des Erreichbaren liegen. Mount Everest? Südpol? Zur Erreichung seines Reiseziels dienen ihm Fahrpläne, Landkarten und Reisehandbücher, die Kenntnis der zu durchreisenden Länder, der zu benutzenden Verkehrsmittel. Welche Kenntnis erfordert die Navigation auf dem Wasser oder in der Luft! AI so Kenntnisse und abermals Kenntnisse! Die Wissenschaft, Selbstzweck für den wahrheitssuchen- den Forscher, ist hochbedeutsam für den handelnden Menschen. Sie gibt ihm die Mittel und Wege an die Hand, um sein Ziel zu erreichen. Nicht minder setzt die Wissenschaft die Grenzen des Möglichen. Kein Wollen ist unbegrenzt. Wie es unmöglich ist, den Mond vom Himmel zu holen, so war der Transfer der Kriegstribute für Deutschland laut der Lehre von der Zahlungsbilanz unmöglich, desgleichen der Dienst leichtsinnig gegebener und genommener Auslandsanleihen, denen keine Ausfuhrsteigerung entsprach. Das Wissen um die Gegenwart enthüllt die Möglichkeiten der Zukunft, als „Entwicklungstendenzen". Ihnen entgegen ist die Tat zur Ohnmacht verdammt. „Die Fatalität einer Zeit ist die Materie ihrer Freiheit" (Riezler), ohne diese Freiheit jedoch eindeutig festzulegen. Die Notwendigkeit ist die Kette, die Freiheit der bunte Einschlag im Gewebe der Weltgeschichte. Dient die Naturwissenschaft zur Beherrschung und Gestaltung der Natur, so dient die Sozialwissenschaft der Beherrschung und Gestaltung der sozialen Umwelt, die als wertvoller Kulturträger sich aus der Masse der „nur natürlichen" Erscheinungen heraushebt. Im Vergleich zur Naturwissenschaft steckt die Sozialwissenschaft noch in den Kinderschuhen. Konjunkturforschung ist nicht weniger erwünscht als Krebsforschung, Betriebssoziologie nicht weniger wichtig als Psychoanalyse. In diesem Sinne haben wir zu wenig wissenschaftliche Politik. Der elementare Stand der Sozialwissenschaft veranlaßt die Staatsmänner nur zu oft, sich auf solche „Experten" zu verlassen, die als Interessenten die schlechtesten Berater sind. Um T 35 diesem Mangel zu begegnen, berief Franklin D. Roosevelt, der Führer des Neuen Amerika, einen „brain trust", d. h. eine Gruppe wissenschaftlich durchgebildeter Sachverständiger, die hinter den Kulissen der Politik ohne Ehren oder geldlichen Vorteil die ihnen vorgelegten Fragen des Präsidenten begutachten. Diese Männer entstammen vorwiegend den Universitäten, die mit dem Leben und der Wirtschaft der Nation in Amerika so viel mehr Fühlung besitzen als in Deutschland. Die wichtigste Wissenschaft für die Erziehung der Führerschicht und die Heranbildung breiter Volkskreise zu staatlichem Denken und politischem Urteil ist die Geschichtswissenschaft. Wie erschreckend ist die Unkenntnis gerade der neueren und neuesten Geschichte als des erzieherisch wichtigsten Teilgebiets. Diese Aufgabe ist zu ernst, als daß schönfärberische Legende die nüchterne Einsicht in die Kausalzusammenhänge verfälschen dürfte. Nichts ist dieser Einsicht schädlicher, als Wertgesichtspunkte der Gegenwart in die Vergangenheit hineinzutragen. Jedes Zeitalter hat das Recht, nach seinen eigenen Maßstäben bemessen zu werden. Beispiele: Königin Luise war kein blutleerer Engel, sondern ein vollblütiges Weib, verschwenderisch und vergnügungssüchtig, worüber der Finanzminister klagte; aber größer als die Legende, hat sie ihren Namen mit unvergänglichen Lettern der deutschen Geschichte eingeschrieben, indem sie ihrem schwachmütigen Gemahl, der den Genius haßte, einen Stein als leitenden Staatsmann aufnötigte — Stein, der auch heute noch Programm ist: Verdeutschung durch Verbäuerlichung Ostelbiens! Bismarck war kein bürgerlicher Groß deutscher, sondern ein Seigneur des ancien regime, ein Legitimist, der gleich Friedrich dem Großen zum Staatsgedanken emporgereift war. Die Frage: Österreich? war ihm eine Frage der auswärtigen Politik; der Begriff „Deutsch Österreich" war ihm abwegig. Welcher Unsinn war es, Kriegsschuld einem Zeitalter vorzuwerfen, dessen leitende Männer an das moralische Recht, ja unter Umständen an die Pflichtmäßigkeit des Krieges glaubten — selbst ein Lincoln, wieviel mehr ein Poincare und ein Tirpitz. 136 Sinn für die Tatsache, wie sie war und ist, womöglich in statistischer Fassung, Sinn auch für die widrige Tatsache, die nicht entmutigt, sondern anspornt, ist ein Vorzug des englischen Volkes als Ergebnis alter politischer Erziehung. So sagte mir ein hoher deutscher Generalstäbler während des Krieges auf meine Frage, wie man sich am besten über den Stand der Kriegsoperationen ein Bild machen könne: „Lesen Sie die Times und berücksichtigen Sie, daß dieses Blatt meist etwas zu ungünstig für die Engländer färbt." Man vergleiche unsere Kriegspresse: Sieg auf Sieg, bis zur jähen Forderung des Waffenstillstandes durch die Oberste Heeresleitung vier Wochen vor der Novemberkatastrophe. Achtung vor der Tatsache, zu welcher wir die bunte Fülle der Sinneseindrücke unter Anwendung der Denkgesetze verdichten! Kinder erziehen wir vom Märchen zur Wahrheit. Ehrfurcht vor der Wissenschaft, welche die unübersehbare Fülle der Tatsachen meistert, ordnet, vereinheitlicht und ihrem Diener das Diadem der Herrschaft auf die Stirn drückt! Ohne Wissen ist der stärkste Wille ein zerstörerischer Hödur. Der wissenschaftliche Geist, wie wir ihn von unsern Vätern ererbten, gehört zu den besten Besitzständen des deutschen Volkes. Wird es dieser Verpflichtung untreu, so verliert es seine Weltgeltung. Technik als Machtträger schrumpft, wenn sie nicht getragen ist von wissenschaftlichem Idealismus. Praktische Absicht, etwa politische Propaganda, hineingetragen in die Geschichtswissenschaft, verfälscht die redliche Bemühung, festzustellen, wie es eigentlich war (Ranke). Die Wahrheit ist keine Dirne, sondern eine Königin. Aber die Wissenschaft ist nur ein Teilgebiet jener Welt ewiger Werte, an der Anteil zu haben den Menschen vom Tier unterscheidet. Sie ist nicht das letzte und tiefste dieser Gebiete. Gebunden an die Erfahrung der Erscheinungswelt, reicht sie nicht in jenen Urgrund hinab, wo der göttliche Geist in die menschliche Seele einströmt, obgleich sie diesem Urgrund die Normen alles Erkennens entnimmt. Ehrfurcht 137 vor Gott, als dem Bürgen alles Guten, das wir nicht erfolglos anstreben — Bürgen auch des Ringens des echten Forschers um den Gott so nahe verwandten Wert der Wahrheit. III. Ausblick Von diesem Felsen aus gewinnen wir den Ausblick auf die Wiedergeburt des Abendlandes als die Entfaltung eines aufsteigenden Zeitalters von einem geistigen Kernpunkt aus in die Breite des Staates, der Wirtschaft, der Kultur. Einige wenige, ein Vortrupp, der zur Kerntruppe auswächst, geht voran, um den Widerstand der stumpfen Welt zu überwinden. Jeder solche Versuch ist zum Scheitern verurteilt, der nicht mit der Wiedergeburt des Ich anhebt als Umstellung der Seele von Grund aus zu Gott hin. Es gibt keine andere Eingangspforte zum Gottesreich. „Ändert euren Sinn, das Gottesreich ist nahe herbeigekommen" — mit diesem Wort trat Jesus in die Öffentlichkeit und in die Weltgeschichte. (Mark. I, V. 15.) Die Wiedergeburt in uns auswirkend, gelangen wir in täglichem Gebet zur Gesundung und Befriedung des so gehemmten, geknickten, widerspruchsvollen, oft so zerrissenen Seelenlebens. Wir erobern vom bewußten Gedanken her, der mit Gotteskräften sich füllt, die Welt des Unterbewußtseins, um sie der Umwelt durch das große Ja einzugliedern. Wir bejahen die Gesetze des sozialen Ganzen, die wir als harten Zwang ablehnten und in Ichsucht durchbrachen, als den heilvollen Willen Gottes. Von hier aus erwächst die körperliche Erneuerung durch Ertüchtigung in täglicher Übung. Alles Gerede von Wiedergeburt, das nicht in der Lebenspraxis sich auswirkt, ist als Lüge oder Schwäche verächtlich. Durch richtige Atmung und Ernährung, durch die Kräfte von Luft, Licht und Wasser stärken wir Nerven und Muskeln, beleben wir die Drüsen, um als Wegbereiter der neuen Menschheit voranzuschreiten (Vgl. den Anhang). Die seelische und körperliche Erneuerung gipfelt in der N e u - 138 Ordnung des Geschlechtslebens von Grund aus. Aufartung der Nachkommenschaft durch ausreichende und hochwertige Fortpflanzung! Neubau der Ehe und Familie als der Keimzelle aller sozialen Gemeinschaft! Verjüngung des vergreisenden Zeitalters durch Aufstauung der Sexualhormone und Übertragung der Sexualkraft in die Kulturleistung! In Sehnsucht nach dem Mutterboden suchen wir den Weg zurück zur Natur und zum Lande. Wir erlösen den Kopfarbeiter und den Maschinenmenschen durch Eigenheim und eigene Scholle. Ohne die Arbeitsteilung als den Willen Gottes abzulehnen, erstreben wir eine teilweise Selbstversorgung durch der Hände Arbeit aus dem unerschöpflichen Boden der Heimat — unter völliger Umstellung der Bodenbearbeitung, der Düngung, des Pflanzenbaus, der Tierpflege. Reformgärtner und Reformbauern, die zuerst ihre eigenen Seelen und Körper in Ordnung gebracht haben, überwinden den gewohnheitsmäßigen Schlendrian, der unserem Landvolke aus den Zeiten der Leibeigenschaft her vielfach noch anklebt. ImBündnis mit der Wissenschaft pflegen und hegen sie hebevoll die Vorgänge des Lebens, die der chemischen Retorte wie der Maschine widerstreben. Nur der gottverbundene, naturnahe Vollmensch kann der Erneuerer des Abendlandes werden. Ihn zu verwirklichen ist Sache der menschlichen Freiheit und der göttlichen Gnade. Der Staat kann nur an der Außenlinie helfend eingreifen, um dort zu entsagen, wo im Bereiche der Weltanschauung die letzten Entscheidungen zwischen Gott und Mensch fallen. Die ganze abendländische Kultur der letzten Jahrhunderte erwuchs historisch aus den Kämpfen um die Gewissensfreiheit, von der die sog. bürgerlichen Freiheiten ausstrahlten. Während der abendländische Mensch um Verjüngung ringt, drängt der neue Staat und die neue Wirtschaft zum Durchbruch. Wir stehen heute an der Schwelle eines neuen Zeitalters, das die Gemeinschaftsidee des Mittelalters mit der Freiheitsidee der angloamerikanischen Weltperiode in das Gleichgewicht setzen und freie Volksstaaten zur Völkergemeinschaft verbinden soll. *39 „Vom liberalen Kapitalismus zum nationalen Sozialismus." Mit diesem Schlagwort beliebt man die ungeheure Umschichtung zu bezeichnen, welche unsere geschichtliche Vergangenheit über die Wasserscheide der Gegenwart — heute stoßweise — umwälzt. In dieser Formel verbergen sich manche Verschwommenheiten; aber soviel steht fest: Kapitalismus bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als eine Stufe der Wirtschaft. Er umfaßt die gesamte Gesellschaftsordnung der abendländischen Welt, in welcher der Kapitalismus eben doch die „Schlüsselstellung" innehat. Sozialismus bedeutet mehr als das Programm irgendeiner politischen Partei oder eine Summe wirtschaftlicher Maßnahmen. Er umfaßt die ganze Fülle sozialer Wunschbilder, welche der abendländischen Seele letzthin aus religionsgeschichtlicher Wurzel, der Reich-Gottes- Idee, zuwuchsen. Liberalismus bedeutet mehr als irgendein staatsrechtliches System. Er bedeutet die Vereinzelung des Menschen, in welcher das Zeitalter der Kirchenreformation ausmündet, die Auflösung der Gesellschaft in einen Sandhafen auseinanderrinnender Körner. Nationalismus bedeutet mehr als die Verfolgung nationaler Belange in Wirtschaft und Politik. Er bedeutet die Gliederung der Menschheit nach völkischen Sonderheiten auf Grund von gemeinsamer Bindung durch Blut und Boden, Sprache und Geschichte, die Unterordnung des einzelnen unter den überpersönlichen Wert des Volkstums. Vor unserem geistigen Auge steigt die neue Gottesstadt auf— zuerst von einer kleinen Minderheit geschaut, gewollt, sodann von größeren Kreisen in die Welt hinausgestellt. Es gibt kein Zuspät. Regeneration ist immer möglich, wenn aus dem Jungbrunnen der Ewigkeit geschöpft wird. Nur unter dieser Bedingung werden die viel mißbrauchten Schlagworte Dienst und Gemeinschaft zu wahrhaftem und wirkungsvollem Leben erwachen, dem der soziale Neubau entkeimt. Der Starke als der geborene Führer ordnet sich dienend dem Ganzen ein, indem er vom Gewinnstreben zum Leistungsmotiv übergeht. Der heute so vereinzelte Massenmensch findet in der Gemeinschaft wieder das Gefühl der Geborgenheit, das 140 ihm der Kapitalismus zerschlug. Der Lohnarbeiter findet als Glied eines sozialen Ganzen neuen Sinn des Lebens; er gewinnt damit Würde und Freiheit des Menschentums. Der Proletarier verschwindet; an seine Stelle tritt der Werkgenosse einer Betriebsgemeinschaft als Arbeitskamerad — der Volksgenosse im Neuen Staate als einer Volksgemeinschaft. Dasjenige Volk, das diese Aufgabe als erstes aus der Wiedergeburt des Geistes zu lösen unternimmt, schreitet der Menschheit voran. In der Tat, es handelt sich hierbei um eine allgemein abendländische Angelegenheit, die Amerika, Deutschland, Italien nicht weniger betrifft als das konservative England, Frankreich, Skandinavien. Gerade der Deutsche sollte über den Tagesereignissen der Heimat den Ausblick auf das Ausland nicht verlieren, vor allem die Fühlung mit der abendländischen Welt, in die er seit einem Jahrtausend eingebettet ist und von der er sich nicht loslösen kann, ohne seine eigne Lebensader zu zerreißen. Durch den Brudermord Europas im Weltkriege stieg A m e r ika zur politischen und wirtschaftlichen Vormacht des Abendlandes auf, von dem sich Rußland endgültig trennte. Indem Amerika die Entscheidung im Weltkriege gab, ist es für deren Auswirkung verantwortlich. Mehr als einmal hat Amerika die Geschichte Europas tiefgreifend beeinflußt, seit jenen Tagen, da die Menschenrechte der amerikanischen Verfassungen, von französischen Soldaten — Lafayette — nach Europa überführt, durch Frankreichs Revolution ihren Siegeszug über die Welt antraten. Amerikas Rohstoffe — Baumwolle, Gold, Getreide — haben den Hochkapitalismus Europas emporgetragen, der im Exportindustria- lismus Englands seine reinste Verkörperung fand. Amerika hat den Weltkrieg vergeblich zu verhindern gesucht durch Glättung der deutsch-englischen Streitfragen (Colonel House), in jenen Tagen als das Verhängnis vom Balkan her über Rußland seinen Ausgang nahm. Nach dem Kriege stieg in Amerika das liberal-kapitalistische System zu letzter schwindelnder Höhe, der ein ebenso jäher Absturz folgte. In jenen Tagen, da millio- nenhafte Verzweiflung von Bauern und Arbeitslosen Staat und 141 Gesellschaft in Frage stellten, hat der Kongreß den Präsidenten mit Vollmachten ausgestattet, die vor wenigen Jahren noch unerhört, ja revolutionär erschienen wären. Es geschah dies unter Anschluß an die geheiligte Verfassung, die seit alters den Präsidenten mit weit höherer Macht bekleidet hatte, als sie irgendein monarchisches oder republikanisches Staatsoberhaupt in Europa ausübte. Gebilligt von der öffentlichen Meinung, begrenzt durch die bürgerlichen Freiheitsrechte, unter uneingeschränkter Preßfreiheit sind die großen Präsidenten zu wahren Führern der Nation geworden — ein Washington, ein Lincoln — geheiligt von der Historie. In den Bahnen seines großen Vetters Theodor Roosevelt fortschreitend, hat Franklin D. Roosevelt über Parteibindung hinaus einer neuen Wirtschaft Bahn gebrochen. Es geschah dies so tiefgreifend, daß eine Rückkehr in die Geleise des liberalen Kapitalismus unmöglich erscheint, obgleich letzterer nirgends so festgewurzelt und erfolgreich bewährt war als in Amerika. Vor an steht die Rettung desBauerndurchV erhinderung von Zwangsverkäufen seiner Scholle, durch Preiserhöhung der agra- ren Produkte, durch Entschuldung mit Staatskredit, letzthin durch Beschränkung der agraren Produktion zwecks Anpassung an den Bedarf. Das ganze landwirtschaftliche Gebiet ist damit planwirtschaftlich geordnet. Dasselbe gilt von der Industrie. Notmaßregel war hier zunächst eine drastische Verkürzung der Arbeitszeit unter Aufrechterhaltung eines hohen Lohnniveaus und Vermehrung der Gesamtlohnsumme zwecks Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Man knüpfte hier an einen Grundgedanken an, der dem amerikanischen Denken seit alters vertraut ist: je höher die Summe der gezahlten Löhne, der sog. Soziallohn, desto größer ist die Kaufkraft der breiten Masse der Bevölkerung, unter welcher Lohnempfänger weit überwiegen. Erhöhter Absatz aber bedeutet verminderte Produktionskosten der Industrie und damit einen steigenden Unternehmergewinn ohne notwendige Steigerung der Warenpreise. Beispiel hierfür gab Henry Ford, der durch Steigerung der Produktionsmenge unter Verbilligung der Preise des Produktes übergewöhnliche Ge- 142 winne gemacht hat. Hierzu trat eine öffentliche Arbeitsbeschaffung in einem früher für unmöglich gehaltenem Ausmaße. Die Industrie wurde in Zwangsverbänden zusammengefaßt zwecks Anpassung der Produktion an den Bedarf, Verhinderung des unfairen Wettbewerbs und Preisfestsetzung unter Kontrolle der Regierung. „Kein Unternehmen soll im Lande bestehen, das nicht fähig ist, solche Löhne zu zahlen, wie sie zu anständigem Leben erforderlich sind." Zur Durchführung dieses Grundsatzes treten die Unternehmerverbände und die Gewerkschaften zur Lohnfestsetzung in Verhandlung, unter letztem Schiedsgericht der Regierung. Durch diesen Einbau der Gewerkschaften in den Reformplan wurde ihre Machtstellung und ihre Mitgliederzahl enorm gesteigert, während ihre alte konservative Führung zunächst noch am Ruder blieb. Hierzu tritt ein Programm großzügiger Siedelung. Voran steht die Umsiedelung landwirtschaftlicher Bevölkerung aus dem dicht besiedelten Osten, insbesondere von den schlechten und erschöpften Böden des Nordostens nach dem menschenleeren Westen. Die Erschließung weiter Wüstengebiete des Südwestens durch Bewässerung, sowie die Schaffung eines breiten Waldgürtels von Kanada bis zum Golf von Mexiko zum Schutz gegen Trockenheiten erfordert große öffentliche Arbeiten. Genossenschaftliche Zusammenfassung, wissenschaftliche Belehrung, behördliche Marktreglung haben bei genügender Wasserzufuhr in California aus struppigem Unland nicht nur blühende Gärten, sondern auch hohe Erträge hergevorzaubert. Es gilt dieses Beispiel auf die ganze sogenannte Bergregion des Westens zu verallgemeinern. Der Professor der Columbia Universität Rexford Tugwell ist der geistige Vater dieses Agrarpro- gramms, dessen Ausführung der Präsident den tatkräftigen Händen des Staatssekretärs für Landwirtschaft Wallace anvertraute. Nicht minder wichtig ist die Aussiedelung gewerblicher Bevölkerung aus den überbevölkerten Stadtzentren in die Vororte und Randgebiete der Industriestädte behufs Eigenheims und gärtnerischer Nebenbeschäftigung. Letztere wird umso wichtiger, je mehr die Maschine in ihrer Aus- r 43 Wirkung durch Überproduktion und Arbeitslosigkeit zu einschneidender Beschränkung der Arbeitszeit zwingt. Über das Gebiet der landwirtschaftlichen wie gewerblichen Produktion hinaus suchte der Präsident von der Geld- und Kreditseite her die Wirtschaft anzukurbeln. Er konnte hierbei an Gedankengänge anknüpfen, wie sie unter dem Vorgange von Professor Irving Fischer in der amerikanischen Nationalökonomie und im brain trust, der den Präsidenten berät, zahlreiche Verfechter gefunden haben. Nach dieser Lehre, so radikal allerdings nur von wenigen Anhängern ausgesprochen, ist die Bindung des Geldwertes an das Gold überaltert und durch die Verhältnisse widerlegt. Der Goldwert schwankt vorwiegend aus geologischen Ursachen, daneben auch aus Gründen des Bedarfs, vor allem der Ausbreitung oder Einschrumpfung des monetären Goldbedarfs, auch aus Gründen der Verteilung und Speicherung der Goldvorräte durch die Banken und Staaten. Mit dem Schwanken des Goldwertes schwankt das Auf und Nieder der Preise und der Wirtschaft, das Wohl und Wehe der Völker, letzthin jedes Einzelnen, welcher Goldverknappung als Vermehrung der Schuldenlast, Arbeitslosigkeit und Hungerelend zu spüren bekommt. Die Menschheit kann sich von diesem Verhängnis befreien, indem sie den Geldwert vom Goldwert löst, die Kaufkraft des Geldes gegenüber den Waren festlegt, jähe Schwankungen der Warenpreise von der Geldseite her vermeidet und dadurch die Konjunkturen einebnet (mani- pulated currcucy). Während die Banken am „Goldwahn" festhalten, teils aus konservativem Sinn, teils als Besitzer der großen Goldhorte, laufen die Gedanken der Geldreformer letzthin auf eine planmäßige Leitung der Wirtschaft durch die Geld- und Kreditpolitik der Regierung hinaus. Schon vor Jahrzehnten, in Zeiten uneingeschränkten Goldwahns, hatte Knapp das Geld als Geschöpf und Werkzeug des Staates bezeichnet — Markstein auf dem Wege des Menschen von der Naturgebundenheit zur vernunftgemäßen Selbstgestaltung seines nicht mehr blinden Schicksals! 144 Im Verfolg dieser Gedankengänge wurde der Professor der Cornell Universität G. F. Warren als Berater des Präsidenten der Schöpfer einer neuen Währungspolitik, welche durch Abwertung der Währung, Aufwertung des Goldes, planvolle Steuerung von Preisen, Löhnen und Schulden die Wirtschaftskrisis zu überwinden sucht. Mitgewirkt hat das Beispiel Australiens, wo der Professor der Universität Melbourne Douglas B. Copland, Schüler Maynard Keynes, ein einheitliches Programm als sogenannten „Premiers Plan" mit großem Erfolg zur Durchführung brachte: Währungsabwertung, Kreditinflation, Arbeitsbeschaffungsprogramm großen Stieles bei größter Sparsamkeit im normalen Staatshaushalt. Diese Gedanken wurden durch das „Committee for the Nation", um dessen Begründung sich Dr. Edward A. Rumely, Schüler deutscher Universitäten, entscheidende Verdienste erwarb, der breiten Geschäftswelt vertraut gemacht, während ihnen die Farmer seit alters anhängen. Präsident Roosevelt fand damit den Boden bereitet für eine einschneidende Währungspolitik mit dem Zwecke, die Kaufkraft des Dollars auf die ungefähre Höhe von 1926 herabzudrücken und damit die tiefgreifenden Einflüsse des steigenden Goldwertes auf die Einkommens- und Vermögensverhältnisse, vor allem auf das Verhältnis von Gläubiger und Schuldner, möglichst auszuschalten. Die Abwertung des Dollars diente vor allem der Entschuldung des Landwirts wie des Bodens überhaupt und der Steigerung der Agrarpreise. Es ist hier nicht der Ort und heute noch nicht die Zeit für eine Kritik dieses „new deal" des Präsidenten. Roosevelt selbst spricht von Experimenten, bei denen Irrtum unterlaufen könne. Soviel steht fest: es handelt sich um einen umwälzenden Eingriff in die liberal-kapitalistische Wirtschaftsordnung, um einen planwirtschaftlichen Sozialismus, welcher für notwendig erachtet wurde, um dem revolutionären Sozialismus bolschewistischer Färbung zu entgehen, unter möglichster Schonung von Privateigentum und Privatinitiative. Demgegenüber erhebt H. v. Beckerath, einer unserer besten Amerikakenner, den Zweifel, ob ein Staat liberaler Grundstruktur und Ideo- 10 Schu lze - Gaevernitz, Abendland 145 logie, schwacher Autorität und mangelhafter Vollzugsorgane sozialistische Planwirtschaft treiben kann. Im Zustrom der besten Kräfte des jüngeren Amerika, die Washington heute zum ersten Male zur intellektuellen Hauptstadt des Landes erhoben haben, sucht der Präsident einen Ersatz für den Mangel staatlich-autoritärer Tradition. Über den Wechsel der Parteien hinaus sucht er zu einer autoritären Staatsgewalt auf lange Sicht zu kommen. Dahinter steht — letzthin entscheidend — die ethischreligiöse Frage, da es unmöglich ist, die neue Wirtschaft und den neuen Staat mit nur materiellen Klammern zu verfestigen. Amerika hat seinen Aufstieg auf religiöser Grundlage vollzogen. Die geistigen Mittelpunkte Neuenglands, Boston und Philadelphia, waren religiös durchtränkt und haben religiöse Staatsund Wirtschaftsethik in die Breite des Festlandes ausgeströmt. Aber gerade in Amerika haben die utilistische Philosophie und die langdauernde Prosperität die religiöse Grundlage zermürbt und das Leben seines Sinnes beraubt. Nirgends klafft der Gegensatz zwischen Gestern und Heute so tief wie in Amerika — der Gegensatz zwischen straffer Haltung der Väter und verflattern- der Haltlosigkeit breiter Kreise der Jugend, vor allem in der Großstadt und in den Industriebezirken. Roosevelt betont die ethische Grundlage seines Sozialismus, der ohne ein neues öffentliches Gewissen undurchführbar sei. Er bezeichnet die Religion als die Voraussetzung für jeden dauerhaften Fortschritt des Staates und der Wirtschaft und sucht die Mitarbeit der Kirchen. Zu Hilfe kommt ihm die altüberlieferte Trennung von Staat und Kirche, die völlige Freiheit der Weltanschauung, die Stärke der freikirchlichen Institutionen, denen sich die katholische Kirche mit großem Erfolg angepaßt hat. Der amerikanische Staat ist religionslos, aber religionsfreundlich, indem er das Erziehungswerk der Kirchen an der Jugend nach Kräften erleichtert, insbesondere durch Gewährung der nötigen Freizeit. Er duldet ein ausgedehntes System kirchlicher Schulen, in welchem die nationalen Belange gewiß nicht zu kurz kommen. Indem der Staat entsagt, wo das Verhältnis von Gott zu Mensch in Frage steht, strömen ihm 146 Kräfte zu, die nicht von dieser Welt sind. Mit dem Grundrecht der Gewissensfreiheit wie der freien Meinungsäußerung überhaupt leitet der Staat die Kritik in unschädliche, ja nützliche Bahnen und schützt sich vor gewaltsamem Umsturz. Wird es den Freikirchen Amerikas vergönnt sein, jene religiöse Erneuerung in die Wege zu leiten, ohne welche der neue Staat und die neue Wirtschaft auf Sand gebaut sind? Wird es Hand in Hand hiermit gelingen, den „old stock" nordischen Blutes und puritanischer Selbstzucht zu verjüngen, der in Amerika von Entartung und Rassenselbstmord bedroht ist? Wird es gelingen, den politischen und wirtschaftlichen Neubau im Sinne I. H. Kelloggs und Irving Fischers durch Lebensreform zu untermauern ? Kernfragen der amerikanischen wie der abendländischen Zukunft! Was von Amerika gilt, gilt in den Grundlinien von Europa, gilt insbesondere von Deutschland, wo der neue Staat und die neue Wirtschaft sich in revolutionärem Vorstoß durchsetzte. Der Führer des neuen Deutschland bekennt sich zur Gewissensfreiheit bei völliger Neutralität gegenüber den verschiedenen Bekenntnissen. Er überläßt die innerlichste Entscheidung des Menschendaseins damit der Selbstbestimmung und begrenzt die Ansprüche des Staates auf Totalität. Er stellt den Staat zugleich auf den „Boden des positiven Christentums". Wenn dieser Satz mehr ist als eine taktische Konzession an absterbende Überlieferung, wenn er seelisches Erlebnis geworden ist, so ist er von umwälzender Wucht, umfassender Breite und tritt in die Mitte der Weltanschauung. Er umfaßt die allmenschliche Berufung zur Gotteskindschaft und zum Gottesreich. Er ist wichtiger als alle einzelnen Programmpunkte, weil letzthin entscheidend über den Erfolg oder Mißerfolg des ganzen Programms. Denn auch unserem Geschlechte gilt das Wort: „Es sei denn, daß ihr von neuem geboren werdet, so werdet ihr das Reich Gottes nicht schauen" — auch nicht den neuen Staat und die neue Wirtschaft als die Vorläufer und Wegbereiter des Gottesreiches und die Träger überstaatlicher und überwirtschaftlicher Werte. 10* r 47 ZUR PRAXIS DER LEBENSERNEUERUNG I. Atmung. S. 150. — II. Ernährung. S. 152. — III. Übung. S. 154. — IV. Licht, Luft, Wasser. S. 156. I. Atmung Der Überwindung seelischer Hemmungen kommt zielbewußte Ertüchtigung des Körpers zur Hilfe, die in vielen Fällen nicht weniger bedeutet, als einen körperlichen Umbau von Grund aus — unter Einstellung von Körper und Seele, Erscheinungsformen desselben Lebens, auf den gemeinsamen göttlichen Mittelpunkt. Atmung, Ernährung und Gymnastik sind die hauptsächlichsten Gebiete, auf denen wir umzustellen haben. Atmung ist die wichtigste Nahrungsaufnahme bei Sauerstoffhunger aller Zellen, insbesondere der Gehirnzellen. Der Abendländer atmet gemeinhin nur so viel, als nötig ist, um nicht zu ersticken und kümmerlich zu vegetieren. Die Völker Asiens dagegen haben die natürliche Atmung erhalten und zur Kunst gesteigert, der sie ihre Zählebigkeit verdanken. Aus der Atmung quillt ihnen Konzentration und Intuition. Uns ist die richtige Atmung so sehr verloren gegangen, daß sie durch bewußte Atemtechnik neu erlernt werden muß, weniger durch Worte als durch Beispiel und Übung in sachkundigem Unterricht. Atmung sollte alltäglich bei der Morgen- und Abendsammlung, vor dem Einschlafen und Aufstehen, auf Spaziergängen und bei ähnlichen Gelegenheiten bewußt gepflegt werden. Wichtig dabei ist die seelische Einstellung. Die Einatmung erfolge im Gefühl der Aufnahme kosmischer Kräfte, der Verbindung mit dem Allgeiste; die Ausatmung — gründlich und beherrscht — erfolge im Gefühl der Ausstoßung verbrauchter und giftiger Stoffe, als der Ursache von Unlust, Ermüdung und Krankheit. Solche Tiefatmung sollte in das Unterbewußtsein sinken, um auch dann zu funktionieren, wenn die Aufmerksamkeit anderweitig gefesselt ist, wie bei Arbeit, Spiel oder Gespräch, vor allem während des Schlafs. Zur Gewohnheit gesteigert, stählt sie die Kraft und fördert den Erfolg. Im einzelnen handelt es sich zunächst um langsame Einatmung unter Breitatmung der Rippen und Hochatmung bis zur Füllung der Lungenspitzen, wobei das Brustbein sich hebt und die Schulterblätter zurücktreten. Es folgt ebenso langsame Ausatmung unter bewußter Entleerung der Lunge von oben nach unten und kräftiger Auspressung bis zum letzten Luftpartikel durch das Zwerchfell. Dazwischen liegen die Atempausen, 150 die durch Übung erheblich verlängert werden können. Solche Atemübungen haben den Vorteil nicht nur verstärkter Sauerstoffzufuhr, sondern führen zugleich zur Beherrschung des Körpers und zur Sammlung der Seele. Richtig durchgeführt, erlauben sie kein Abschweifen der Gedanken und sind daher wertvolles Mittel gegen Schlaflosigkeit. Sie dienen der Herstellung des inneren Gleichgewichts. Bei seelischen Erregungen, zehrenden Sorgen, jähen Zusammenbrüchen, in größter Not atme und wieder atme, bete und wieder bete — das eine mit dem andern — ebenso bei entscheidenden Entschlüssen und wichtigen Verhandlungen. Gewisse Berufe sind dem Atem förderlich. Volksredner, akademische Lehrer, Prediger, Opern- und Konzertsänger besitzen bei erweitertem Brustkorb, beweglicheren Rippen, verstärktem Zwerchfell, reichlicherer Sauerstoffaufnahme einen gesundheitlichen Vorzug vor den schweigenden Berufen. Sprechunterricht lehrt, die Stimme zu schonen und mit dem Atem hauszuhalten — hochwichtig für angehende Redner! Er bringt den herrlichen Wohllaut unserer Sprache in das Bewußtsein und verlegt die Lautbildung aus dem krächzenden Kehlkopf in das freudige Wechselspiel von Lippe, Zunge und Gaumen. Die Resonanz von Brust und Kopf, letzthin eine Vibration durch den ganzen Körper, trägt den Laut zum Hörer, wo er ähnliche Schwingungen auslöst, welche mit den seelischen Strömungen zusammenfließen. (Ed. Engel Bahnbrecher!) Hochvorteilhaft ist der Gesangsunterricht, welcher alle Vorteile des Atem- und Sprechunterrichts vereinigt. Im Gesang steigt die Atmung zur Kunst, um Seele und Körper zur harmonischen Einheit zu verschmelzen. Gewisse Arten des Sports sind besonders förderlich für die Atmung: Schwimmen, Rudern, vor allem Bergsteigen. Wie bevorzugt ist der, welcher den täglichen Spaziergang mit Steigen und Klettern im herrlichen deutschen Mittelgebirge verbinden kann, welcher Tannenduft und Bergesluft täglich atmen darf oder in den Ferien der verdünnten Luft des Hochgebirges teilhaft wird, die zur Tiefatmung zwingt. Der gesundheitliche Vorteil des offenen Autos ist der, daß es Luft in die Lunge hineinpreßt. Aber alle diejenigen, die durch Beruf und Wirtschaftslage genötigt sind, auf diese Vorzüge zu verzichten, sollten um so eifriger jede Gelegenheit der Luftzufuhr ergreifen: offene Fenster während der Büroarbeit statt hermetisch geschlossener, oft fiskalisch überheizter Schreibstuben! Sie sollten mindestens zwei Stunden des Tages in freier Luft verbringen, wenigstens den Weg von der Arbeitsstätte nach Hause zu Fuß zurücklegen. Sie sollten vor allem bei offenem Fenster schlafen. Die Gewohnheit, bei geschlossenem, womöglich noch verdunkeltem Fenster, gar im geheizten Zimmer zu schlafen, ist mörderisch. Schlaf bei offenem Fenster, besser im Freien aufgedeckter Veranda, des Sommers wie des Winters, nicht bei Nebel, ohne im Bett zu frieren, ist der erste Schritt zur Lebenserneuerung, ohne den kein zweiter getan werden kann. Er dient der Verbündung des abgekapselten Ich mit den Kräften des Weltalls, das von Gott ist und zu Gott strebt. Die neue Menschheit fängt bei der neuen Atmung an. 151 II. Ernährung Der Urmensch, in häufigem Nahrungsmangel lebend, aß sich voll, wenn er etwas hatte, setzte Fett in guter Jahreszeit an, um dann wochenlang zu hungern. Der sog. Kulturmensch, der durch die Technik des Mangels weithin Herr geworden ist, ißt sich voll, um die Verdauungsorgane zu überlasten und zur Unschädlichmachung übermäßiger Nahrungsaufnahme Energien aufzuwenden, die er damit höheren Zwecken entzieht. In der Mißkultur unserer Tage sind Fehler der allgemein üblichen Ernährung nicht nur die Ursache zahlreicher Krankheiten, sondern auch von Mißmut, Reizbarkeit und Depression, die der Mensch auf die Gesellschaft zurückwirft als „schlechte dumpfe Luft oder Gewitterwolke". Nichts hat nach Nietzsche die Entwicklung der Menschheit so sehr zurückgehalten wie „der vollkommene Mangel an Vernunft in der Küche"; in ihren dunstigen Schwaden leuchteten Männer wie Bircher-Benner und I. H. Kellogg mit der Leuchte der Wissenschaft. Die pflanzliche Ernährung entspricht der biologischen Natur des Menschen, der anders als die karnivoren Tiere keine Knochen zermalmt, auch nicht mit Fangzähnen die Beute packt. Von genialen Bahnbrechern — R. Wagner, Leo Tolstoi, B. Shaw — in den Mittelpunkt der Wiedergeburtslehre gestellt, ist die vegetarische Lebensweise den Mitmenschen weder aufzudrängen, noch auch nur anzuraten. Der Lebensreformer verbreitet sie durch sein Beispiel: gehobene Leistung bei Arbeit und Sport, Frohsinn und Tatkraft. Wir bewunderten die körperliche Kraft der Millionen russischer Kriegsgefangener, obgleich für den russischen Bauern Fleisch seit alters ein seltener, kaum erschwinglicher Luxus war. Trotz tief gewurzelter Gegnerschaft und ohne daß maßvolle Fleischnahrung im landläufigen Sinne schadet, ist doch die pflanzliche Ernährung heute im Vordringen. Die Verbrauchsgewohnheit verschiebt sich vom Fleisch zur Pflanze und Milch, vom Getreide zum Obst und Gemüse. Es entspricht dies ebenso dem ursprünglichen Wesen wie den hochgestellten Zielen des Menschentums. Der Lebenserneuerer beschafft sich die Körpersubstanz aufbauenden Eiweißstoffe durch Milch und Milcherzeugnisse, Vollkornbrot, Nüsse, Hülsenfrüchte usw. -— aber er hält hierin Maß, gegenüber der weitverbreiteten Überernährung an Stickstoffverbindungen. Er beschafft sich die der mechanischen Bewegung und Wärmebildung dienenden Kohlenhydrate durch Getreideerzeugnisse, Kartoffel, Reis u. ä.; er bevorzugt solche Mehlprodukte, welche Kleie und Kleber enthalten, statt letztere als Abfall dem Viehfutter zuzuführen. Aber er legt sich auch hierin Beschränkung auf, besonders im Zucker, zugunsten der an Nährsalzen und Vitaminen reichen Fülle von Gemüsen, Kräutern, Früchten. Er wählt die Gaben der Jahreszeit und lebt mit dem aufsteigenden und absteigenden Jahre. Er liebt wohlgewählte, nicht ausschließliche Rohkost — Obst, Salate. Der Lebenserneuerer vermeidet die Reizmittel, mit denen der sog. Kulturmensch versagende Nerven aufpeitscht und damit nur den Zusammenbruch hinausschiebt. Er vermeidet Kaffee, Tee, Alkohol, vor allem das schädliche Nikotin. Ohne rigoros zu sein, wird er richtig zubereiteten 152 Kaffee oder Tee in schwachem Aufguß zu unschädlicher Anregung gelegentlich nicht verwerfen, auch wohl den Wein als Festtrunk nicht verweigern. Aber bei durchgeführter Lebensreform wendet sich der Instinkt ganz von selbst von dem Alkohol ab. Der Lebenserneuerer greift gern zu den unvergorenen Traubensäften und ehrt in ihnen den Weinstock als uraltes Kulturgebilde. Qualität, nicht Quantität erwünscht! Es ist etwas Wahres an der alten Volksweisheit, „sich gesund hungern", nach der Art des naturnahen Tieres. Nicht wenige Menschen wurden bei Vermögens verfall aus diesem Grunde gesünder. Bei Indisposition empfiehlt sich Ausfall einer Mahlzeit oder Einschaltung eines Fasttages. Unruhiger Schlaf, quälende Träume sind nur zu oft die Folge unbeherrschter Materie, überfüllten Magens, schwer verdaulicher Nahrung. Nach einem Worte der Alten ist der den Göttern am nächsten, der am wenigsten bedarf. Das Evangelium verbindet Beten und Fasten: Entschlackung des Körpers ebnet der Seele den Zugang zu Gott. Mäßigkeit und Frohsinn bei Speise und Trank! Zwei, höchstens drei Mahlzeiten am Tage. Ausschaltung der Tagessorgen während der Mahlzeit. Dank gegen oben und Friede mit den Tischgenossen! Dies die Bedeutung des Tischgebets, das nützlich und wirkungsvoll als ein Augenblick der Sammlung vor Beginn der Mahlzeit eingeschaltet wird. Niemals in Hast essen! Sorgfältig und bewußt kauen! Je besser man kaut, desto besser assimiliert man die Nahrung und braucht weniger an Menge. Langsam essen, nichts hinunterschlingen — Freude am Wohlgeschmack der Nahrung, der mit Verfeinerung des Nervenapparats in erstaunlicher Weise zunimmt! Reichlich trinken außerhalb der Mahlzeiten, besonders des Morgens und Abends. Zu empfehlen ist der Genuß der vorzüglichen Teepflanzen und Fruchtsäfte der Heimat. Dagegen ist zeitweises kurgemäßes Dürsten ebenso ein Heilmittel wie Fasten (Schrotkur). Die Kopfarbeit vollzieht sich am besten und leichtesten am frühen Morgen vor dem Frühstück oder nach leichtestem Frühstück, ehe die Nervenkraft der Verdauungsarbeit zugeführt wird. (Kant.) Der Schwerpunkt der Ernährung liege auf dem Mittagsmahl oder spätem Frühstück bei leichter Abendmahlzeit, um nicht den Schlaf zu stören und das Traumleben zu zerrütten. Regelmäßige und reichliche Verdauung ist Pflicht der Gesundheit und der Sauberkeit bei Gefahr der Selbstvergiftung vom Darm her. Naturheilkunde und Reformküche bieten eine Fülle von unschädlichen Hilfsmitteln. Erfreuliche und anregende Tischunterhaltung ist zwischen die Gerichte zu verlegen, um während des Essens nicht zu reden, vielmehr die Nahrung, gut kauend, auszukosten; vor allem während des Essens nicht streiten, nörgeln, klagen! Niemals ohne Appetit essen, dem Instinkt lauschen und folgen. Aufhören, wenn es am besten schmeckt. Was wir stehenlassen, nutzt uns oft mehr, als was wir essen. Je älter man wird, desto weniger, je geistiger man wird, um so verfeinertere Nahrung braucht man. Der vegetarischen Lebensweise wird häufig der Vorwurf gemacht, daß sie kostspielig sei. Beispiele beweisen, daß sie zwar nicht mehr Geld, aber mehr Liebe und Verstand in der Küche erfordert als die *53 übliche Fleischnahrung. Sie ist auch einem schmalen Geldbeutel möglich, wenn das für Reizmittel, insbesondere für Alkohol, Tabak und Kaffee vergeudete Geld in Nahrung angelegt wird. Welche Unsummen werden z. B. für Zigaretten der Männer verschwendet, die für Milch verwendet den Ernährungs- und Gesundheitszustand der ganzen Familie, insbesondere der Kinder, heben könnten. Sie würden zugleich dem Bauern zugeführt für den wichtigsten und zukunftsvollsten Zweig seines Betriebes. Ein vernünftiger Umbau des Haushaltsbudgets wird dadurch erleichtert, daß mit Pflanzennahrung das Bedürfnis nach Reizmitteln von selbst zurückgeht. Für die Einzelheiten der Nahrungszusammenstellung und -bereitung vergleiche die Schlußanmerkung. III. Übung Zweck der Übung ist die harmonische Ertüchtigung des Körpers im gesunden Gleichgewicht aller seiner Organe, im weitesten Sinne „Turnen". Jedem zugänglich ist das sog. „Freiturnen", d.h. Übung ohne Geräte. Der ist kein Lebensreformer, der nicht am Morgen beim Aufstehen einige Minuten bis zu einer halben Stunde „übt", die Übungen schrittweise ausbaut und verfeinert unter Sammlung der Gedanken auf den Turnzweck. Er schiebt zwischen die Übungen Atemgymnastik ein und verrichtet letzthin keine Bewegung ohne beherrschte Ein- und Ausatmung im Takte der Übung. Solche Übungen dienen nicht nur dem Muskelaufbau, sondern ebenso der Lockerung der Glieder, dem Abbau von Stoffwechselrückstän- den, der Beförderung des Blutumlaufs, der Entkalkung der Arterien, der Kräftigung des Herzens, der Belebung der Drüsen, letzthin der Bewußt- machung aller Körperfunktionen. Die Übungen seien rhythmisch, nicht gewaltsam erzwungen, sondern freudig und dem unterbewußten Verlangen angepaßt. Unterricht ist erwünscht, unter Ausbau eines persönlichen Programms. Übung, in Gesellschaft von Freunden oder Hausgenossen durchgeführt, fördert in überraschender Weise den Erfolg und hilft zur Abwehr von außen andrängender Gedanken. Richtig durchgeführte Übung mit Atmung ist die beste Schule zur seelischen Konzentration und sollte im Gebete münden. Auch das deutsche Geräteturnen ist wertvoll; es stählt nicht nur den Körper, sondern erzieht zu Mut und Entschlußkraft (z. B. Grätsche übers hohe Reck). Dasselbe gilt von den militärischen Turnübungen des alten Heeres. So war der Paradeschritt nicht nur ein Mittel des Drills, sondern eine Schule exakter Körperbeherrschung, deren Wirkung in das Moralische hineinreichte. Neben dem Turnen steht das breite Gebiet des Sports als Körperertüchtigung, bei welcher der Spielzweck überwiegt. Voraussetzung seiner günstigen Wirkung ist die, daß der Sport nicht in den Mittelpunkt der Lebensinteressen rückt. Zum Lebenszweck erhoben, wird der Sport eine Gefahr für die höheren Aufgaben, die dem Menschen in Wissenschaft und Kunst, Staat und Wirtschaft gesetzt sind, letzthin sogar Gefahr für die Volks- 154 gesundheit, wenn Zehntausende von Zuschauern wenigen Dutzenden von Berufsspielern zujubeln und der eigenen Körperertüchtigung vergessen. Amerikanische Universitäten liefern hierfür warnende Belege. So entarteter Sport entfremdet den Menschen dem Ewigkeitsziel allen menschlichen Daseins. Neben dem Sport steht die Gartenarbeit als hochwichtiges Mittel der Körperertüchtigung für den Kopfarbeiter. Im Garten findet er die Ablenkung seiner Energien vom Gehirn in die oft verkümmerten Muskeln des Rückens, des Armes und der Hand, den Genuß von Luft und Sonne, die Berührung mit der keimenden und reifenden Natur. Gartenarbeit setzt die so einseitige Arbeit des Maschinenmenschen in glückliches Gleichgewicht. Nützlich wertschaffende Arbeit im Freien ist besser und heilsamer als Sport. Noch sind die Wüsten nicht in Paradiese verwandelt. (Dr. Kraeger.) Nicht minder wichtig ist die Gewohnheit der Wanderung, die noch im hohen Alter durch Dauermarsch bis zu 6 Stunden erhalten und gepflegt werden sollte. Besonders erwünscht ist das Auf und Ab des Gebirges, da nichts die Herztätigkeit mehr anregt als maßvolles, den Körperkräften angepaßtes Steigen. Der neue Staat hat mit Recht den Turnvater Jahn unter seine Propheten aufgenommen; Pfadfinder, Wandervögel, Quickborner waren seine Vorläufer. Wichtige Übung ist die Massage, insbesondere Selbstmassage mit pflanzlichem Salböl. Besonders nützlich ist die Klopf- oder Vibrationsmassage von Brustkorb, Rücken, Nacken und Hals, die Durchschüttelung der Drüsen, auf welche die frühere Art der Übung als Muskelstärkung viel zu wenig Rücksicht nahm. Hochwichtig sind Nacken- und Halsübungen, da in Hals und Nacken Stoffwechselgifte ganz besonders stark abgelagert werden. LockerungundEntspannungsind wichtigstes Ziel der neuzeitlichen Übung, besonders für die durch Muskelbetätigung übermüdete Hausfrau des dienstbotenlosen Haushaltes, die an Wasch- und Putztagen des Abends fast umfällt. Es eröffnen sich hier durchaus neue Gebiete wertvollster Übung, in denen sachkundiger Unterricht erwünscht ist, der auf gründlichen Kenntnissen der Anatomie, insbesondere der Drüsenlehre, aufgebaut sein sollte. Nicht zuletzt handelt es sich auch um den Neuaufbau der bei dem sog. Kulturmenschen völlig verlotterten Haltung, so in Deutschland seit Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht. Der „gediente" Mann hatte Haltung! Zu Haltung erzieht das Neue Deutschland durch Jugend-, Wehr- und Arbeitsverbände ein aufsteigendes Geschlecht. Aufrechte Haltung beim Gehen, Stehen und Sitzen, vor allem auch am Schreibtisch! Keine Falte im Bauch und damit im Magen, welche die Verdauung behindert! Der Körper ruhe sicher im Becken als der „ersten Zentrale", auf welcher Wirbelsäule und Kopf senkrecht aufgebaut werden — also vor allem kein Hohlrücken, welcher Kraft und Selbstbewußtsein nur vortäuscht, aber keinem Angriff standhält: „Bluff!" Becken herein, Bauch gehalten, Brustbein leicht gehoben, Schulterblätter leicht zurückgenommen, Augen und Haupt nach vorwärts und aufwärts gerichtet zum Anschauen 155 der Herrlichkeiten der Schöpfung. Aufrechte Haltung, wie sie dem greisen Goethe nachgerühmt wurde, ist ein Beleg der Selbstbeherrschung und des Selbstvertrauens. Ein gehaltenes und gepflegtes Äußere ist ein Gebot der Selbstachtung und ein Mittel zur Führerschaft! Aug in Aug mit dem Gesprächspartner oder Verhandlungsgegner. Ist doch das Auge das Fenster der Seele. Kein Hängebauch! Keine Salzfässer! Kein Steifnacken! Keine Kopfhängerei! Keine X-Beine! Keine Plattfüße! Keine Schlapplippen! In Ruhepausen völlige Entspannung aller Muskeln — in der Art des ruhenden Tieres. Niemals unbeherrschte Eile bei sicherer Zeitdisposition. Je mehr zu tun ist, um so gehaltener und ruhiger gehe man an das eine; erst wenn dies erledigt ist, an das andere. Ein vornehmer Mensch kennt keine Hast, wogegen die Großstadt den Menschen zum Sklaven eines tollen Mechanismus entwürdigt, der ihn peitscht und hetzt — mit so viel Leerlauf wie das Holzpferd im Karussell! IV. Licht und Wasser Badekultur als Mittel der Körperertüchtigung ist ein Erbstück der griechisch-römischen Vorzeit. Schon Homer rühmt als Vorrecht des Helden „den großen feuerduldenden Dreifuß", d. h. den Bronzekessel, der zum Bad durch untergelegte Holzscheite erhitzt wurde; er war so wertvoll, daß Achill ihn dem Sieger als Preis des Wettspiels setzte, wogegen der Besiegte sich mit dem blühenden Weibe als Trostpreis begnügen mußte. „Gymnasium" war ein Platz, auf dem nackt geturnt wurde; wie weit ist dieses Wort von seiner ursprünglichen Bedeutung abgeirrt! Thermen als Stiftungen gemeinnütziger Mitbürger übertrafen mit ihren Badehallen, Sportplätzen, Säulengängen, unter denen die Philosophen im Luftbad lehrten, in ihrer Pracht und Größe sogar die Tempelanlagen der Großstädte. Für den Christen war die Taufe, d. h. das Untertauchen und Wiederauftauchen des Täuflings im fließenden Wasser, ein Symbol für Tod und Auferstehung. Gegen Ausgang des Mittelalters, das sich der bürgerlichen und bäuerlichen Badestuben erfreut hatte, ging die Badegewohnheit verloren. Königssitze, wie Versailles, Windsor, Sanssouci, waren ohne Badeeinrichtung, wogegen Napoleon, auch darin Revolutionär, in Malmaison ein Badezimmer besaß. Die Waschschüsseln jener Tage waren winzige Näpfchen; derWasser- verbrauch war geringst. Töchter und Mägde hatten das kostbare Naß aus dem Brunnen heraufzuwinden und oft über weite Entfernungen in Krügen herbeizuschleppen. Im 18. Jahrhundert breitete sich in England, wie man sagt, von Indien her die Badesitte wieder aus. Als unsere deutschen Großväter anfingen, Badebedürfnis zu empfinden, haben findige Unternehmer ihnen die Badewanne nebst Heißwasserkesseln auf Lastwagen angefahren; selbst König Wilhelm I. bediente sich im königlichen Schloß solchen „Portativbades". Erst die Technik des Eisen- und Stahlrohrs ermöglichte den steigenden Wasser- und Seifenverbrauch, der ein Gradmesser der Kulturhöhe 156 wurde. Während noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Annäherung an die Großstadt sich dem Reisenden durch den pestilenzialischen Gestank ihrer Unratberge verriet, ermöglichte das Wasserrohr die Sanitierung der bis dahin menschenmörderischen Städte und damit die Zusammenballung größerer Menschenmassen in Industrieorten. Es wurde so die Voraussetzung einer ansässigen und gelernten Arbeiterschaft. Von hier aus war es ein weiter Weg zu den Grünflächen, den Sportplätzen, den Eigenheimen der neuzeitlichen Gartenstadt mit ihren besten Geschenken: Licht, Luft, Wasser. Das Eigenheim, wie es heute jeder bessere Arbeiter anstrebt und morgen haben wird, besitzt eine Zentralheizung mit Warmwasserbereiter, fließendes Kalt- und Warmwasser, nebst einem Baderaum. Unbegrenzte Wasserzufuhr, weiträumige Fenster, Sonnenlage der Wohn- und vor allem der Schlafzimmer bilden heute die Voraussetzung für die Wertung eines zeitgemäßen Hauses — Vorzüge, deren dereinst die Könige entbehrten. Der Lebensreformer wertet das Bad nicht nur als Mittel der Reinigung, sondern ebenso der Lockerung und Entschlackung des Körpers und zur Aufnahme kosmischer Kräfte der Luft-, Licht- und Wasserwelt. Sauberkeit moralisches Gebot — Sinnbild der Wiedergeburt! Voran steht das Luftbad des unbekleideten Körpers, am schönsten in freier Natur in abgeschiedenem Waldwinkel oder am Meeresstrande. Die meisten Städte besitzen heute öffentliche Luftbäder. Kein Lebenserneuerer, der nicht wenigstens täglich beim Aufstehen mit Übungen das Luftbad verbände, nützlicherweise vor dem Spiegel zur Erweckung des Körperbewußtseins! Im Luftbade soll man sich bewegen, um nicht zu frösteln. Erfreulich sind gemeinsame Bewegungsspiele. Das Luftbad sollte des Winters im gewärmten Raum vor sich gehen. Wärme ist Leben! Gesteigertes Luftbad ist das herrliche Sonnenbad, das Lebensfreude spendet und dem Himmel näher bringt. Hier gilt es ruhen, entspannen, einsaugen der Urkraft — nicht reden! Vorsicht: der Anfänger sollte nicht länger als 10 Minuten sich der prallen Sonne aussetzen; der sonnengebräunte Naturfreund kann den Genuß beliebig ausdehnen, den er mit einer nicht zu kalten Abwaschung beendet — am besten mit sonnendurchwärm- tem Lauwasser. Wie die Pflanze verwelkt, die der Luft und des Lichtes beraubt ist, so siecht der Mensch als Stubenhocker, der die Zugluft fürchtet und die Fenster schließt und verdunkelt. Der Kranke sollte im Freien wohl bedeckt liegen. Von allen Wasserbädern steht das Schwimmbad voran, das zur Tiefatmung zwingt und, wie keine andere Übung, den Körper allseitig in Tätigkeit setzt. Welchen Genuß bietet die Landschaft dem Schwimmer! Um niemals nach dem Baden dem Gefühl der Kälte zu erliegen, sollte ein Dauerlauf folgen. Der Lebenserneuerer wertet Regen- und Gewitterbäder, auch das Sturzbad unter dem Wasserfall bei sommerlicher Wanderung. Unsere germanischen Vorfahren badeten im Winter, indem sie Löcher in das Eis hackten. Das Warmwasserbad, das der Japaner zu einer dem Europäer unerträglichen Hitze steigert, dient der Lockerung und Ausscheidung von 157 Stoffwechselrückständen. Es löst Stauungen und öffnet dem Blutstrom ver- krampfteKapillaren.HeißeBäder, beendet durch Kaltabwaschung, verjüngen. Der Lebenserneuerer steigert die Wirkung des Bades durch seelische Sammlung, etwa in folgenden Gedanken: „Ich erfreue mich der Sonnenwärme, die vor Jahrmillionen auf Kohlenwälder niederstrahlte", oder bei elektrischer Heizung: „Ich erfreue mich der Sonnenwärme, welche Wellen auf die Berge emporhob." Der Zusatz ätherischer Öle, Salze oder radioaktiver Substanzen erhöht die Wirkung des Bades. Die Einzelheiten der Balneologie — Bäderkunde — wie elektrische und mineralische Bäder, entziehen sich dem Rahmen dieser Schrift, ebenso die örtlichen Bäder, wie Sitzbäder, Darmbäder, Augenbäder, Wechselduschen: alles dies hochwichtige Heilmittel unter ärztlicher Anleitung! Nicht das letzte: Reform der Männertracht ist dringende Forderung des Tages, nachdem die Frau mit leichter, lichter, luftdurchlässiger Kleidung vorangegangen ist. Steifhemd und Stehkragen sollten der Reform ebenso zum Opfer fallen, wie das Korsett und die staubaufwirbelnde Damenschleppe beseitigt sind. Bei gesundem Haarwuchs ist der Hut ein unnützes Möbel. Wozu Trauerkleidung? Ist der Tod nicht ein Bote Gottes? Helle farbige Kleidung! Lichte Umgebung unter Beseitigung der schweren Vorhänge und dunklen Tapeten! Mehr Licht! Mehr Freude! Hüten wir uns, diese Praxis gering zu achten. Am Weltlauf können wir wenig ändern. Nichts verhindert dagegen die Arbeit an uns selbst. Durch den Aufbau des Körpers fördern wir das Gleichgewicht der Seele und dienen damit nach unsern Kräften und unserer Berufung der Wiedergeburt des Zeitalters, welche weder durch schöne Worte noch durch gelehrte Theorien, sondern nur durch starke und freudige Vollmenschen heraufgeführt wird. Schrifttum Aus der uferlosen Literatur der Lebenserneuerer und verwandter Gebiete seien einige wenige Schriften^ genannt zur ersten Einführimg des Lesers. A. Vererbungslehre und Entartung: Schallmeyer: Vererbung und Auslese, Jena 1910. Baur-Fischer-Lenz: Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene. 3. Aufl. München 1931. Gaupp: Die Quellen der Entartung. Stuttgart 1934. von Eickstedt: Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit. Stuttgart 1934. Siemens: Vererbungslehre. 5. Aufl. München 1933. B. Lebensreform: Brauchle, A.: Handbuch der Naturheilkunde. Reclam, s Leipzig 1933. Bircher-Benner: Ungeahnte Wirkung falscher und richtiger Ernährung. Zürich 1928. (10. Tausend.) Bircher-Benner: Nährschäden in Wort und Bild. 1932. 158 Brupbacher-Bircher: Das Wendepunktkochbuch. Wendepunktverlag, Zürich u. Leipzig. Herrliberg, J. T. G.: Ernährungslehre nach Dr. Hanisch. C. H. Seelmann. Dresden Weißer Hirsch. Schmitt, J. L.: Das hohe Lied vom Atem. Domverlag M. Seitz & Co., Augsburg. Bäuerle, Aurelius: Atemschule. Lebensweiser-Verlag, Gettenbach bei Gelnhausen. Wolf, Friedrich: Die Natur als Arzt undHelfer. DeutscheVerlagsanstalt, Stuttgart 1928. G. Körperpflege, insbesondere Pflege der Zeugungsorgane: Oberdörffer, H. J.: Die Gesetze der Zeugung und Vererbung. Oberdörffer, H. J.: Das Mysterium der Wiedergeburt. Wendepunkt- Verlag Jühe & Co., Leipzig. Müller, Nikolaus, Dr. med.: Anatomisches Bilderbuch der Frau. Derselbe: Männerbuch. Verlag FrauE. Müller, München, Leopoldstr. 3. Borosini, Dr. A. v.: Verjüngungskunst. Verlag Emil Pähl, Dresden-A. 16. Stockham, Dr. med. Alice B.: Ethik der Ehe, Karezza. Verlag die Neue Zeit. Jena u. Bern 1927. Hanisch, O. Z. A.: Wiedergeburtslehre. Mazdaznan Verlag Leipzig 1929. D. Unterbewußtsein: Semon, R.: Die Mneme als erhaltendes Prinzip. Leipzig 1911. Jung, E. G.: Das Unbewuße im normalen und kranken Seelenleben. 3. Auflage. Rascher, Zürich 1926. Maeder, A.: Die Richtung im Seelenleben Zürich. 3. Aufl. Rascher, Zürich 1928, ders., Psychoanalyse und Synthese 8 Heft Arzt und Seelsorger. Bahn, Schwerin 1927. Bircher-Benner: Der Menschenseele Not. Wendepunktverlag Zürich u. Leipzig 1929 u. 1933. Guardini, R.: Wille und Wahrheit. M. Grünewald. Mainz 1933 (Kath.). E. Zeitschriften: Der Naturarzt: Verlag Lebenskunst-Heilkunst, Bundesgeschäftsstelle, Berlin SW 61, Tempelhofer Ufer 22. Volk und Rasse: Lehmanns Verlag München. Der Wendepunkt: Herausgeber Dr. med. M. Bircher-Benner, Wendepunktverlag A.-G., Zürich 6, Stampfenbachplatz 2. Mazdaznan-Zeitschrift: Mazdaznan-Verlag- und Versandhaus G. m. b. H., Leipzig G 1, Hospitalstr. 12. Weiße Fahne: J. Baum Verlag, Pfullingen, Württemberg. Lichtheilgrüße: Herausgeber Walter Sommer, Hamburg 1, Schultzweg 7. *59 NAMENVERZEICHNIS Aeschylos 24 Alexander 29, 122 Angelus Silesius 119 Aristoteles 24, 29 Augustinus 45, 56 Augustus 30, 122 Bach, S. 51 Barth, K. 16 Beckerath, H. v. 145 Beethoven 5, 51 Bircher-Benner 89, 108, .152 Bismarck 39,73,126,136 Böhme, J. 15 Briefs 131 Calvin 38 Copland 145 Cromwell 45, 77, 79 Dante 64, 123 Darwin 22 David 122 Denk, H. 15 Diehl 11 Dostojewski 43 Dürer 51, m, 123 Echnaton 122 Eckehart 15 Eddington 10 Emerson 70 Engel, E. 151 Eyk, van 123 Fichte 36,37,80,99,134 Fischer, E. 95 Fisher, Irving 144, 147 Follett, M. P. 34 Ford, H. 143 Francisus 49, 123 Freud 21, 115 Friedrich d. Gr. 12, 136 Friedrich II. 123 Fries, J. J. 21 Frobenius 121 Galton, Fr. 23 Gandhi 126 Gaupp 83, 93 Gneisenau 31, 59, 80 Goethe 31, 37, 50, 51, 55,64,68,73,80,103, 121, 156 Grant, M. 93 Grünewald 123 Harmsen 93 Hegel 27,36,37,121,134 Hitler, A. 40 House 141 Hutten 12 Jahn 155 Jeans 10 Joachim, Abt 32 Johannes, Ev. 46, 155 Jung, E. G. 115 Kant 36, 46, 55, 58, 67, 80, 153 Karl, Kaiser 123 Kellogg, J. H. 147, 152 Keynes, M. 145 Knapp 145 Kneipp 21 Kraeger 155 Lafayette 141 Lenin 126 Lenz 83 Lincoln 77, 137, 142 List, Fr. 80 Luise, Königin 136 Luther 38, 45, 60, 67 Maeder, A. 115 Marcus Aurelius 122 Marx 38,43,71,133,134 Memling 123 Mendel, Gregor 22 Metternich 12 Michelangelo 51, 123 Moeller v. d. Bruck 35 Moses 45 Muckermann 97 Mulford, Pr. 86 Napoleon 59, 156 Naumann, Fr. 39 Nietzsche 6, 80, 152 Otto, Kaiser 123 Otto, R. 45 Paracelsus 15 Paulus 29,31,49,56,103 Phidias 24 Planck 10 Piaton 24, 29, 45 Poincare 137 Priesnitz 21 Ranke 134, 137 Rembrandt 15 Ricardo 71 Rickert 27 Riezler 135 Roosevelt, Francklin D. 136, 142 Roosevelt, Th. 142 Rousseau 41 Rumely, E. A. 145 Schallmayer 81 Scharnhorst 35 Schauer, F. 116 Schiller 51, 116 Schwenkfeld 15 Semon 104 Shaw, B. 92, 130, 152 Sinclair Upton 127 Sombart 57, 128 Spann, O. x 1 Spengler 6, 8, 81, 131 Stammler x 1 Stein, Freiherr v. 80, 136 Stein, Frau von 73 Sunjatsen 126 Tiberius 30 Tirpitz 137 Titus 63 Therese von Konnersreuth 21 Thoma, Hans 52 Thomas der Aquinat 123 Thomas v. Kempen 15 Tolstoi, L. 152 Trine, R. W. 21 Tugwell, Rexford 143 Victoria, Königin 125 Wagner, R. 152 Wallace 143 Warren, G. F. 145 Washington 142 Weber, M. 11 Weissmann 22 Wieland 68 Wilhelm der Schweiger 49 Wilhelm I 156 Wilhelm II 8 Zarathustra 45, 122