Zum socialen Frieden. Eine Darstellung der socialpolitischen Erziehung des englischen Volkes im neunzehnten Jahrhundert. Von Dr. Gerhart von Schulze - Gaevernitz. Erster Band. Verlag von Leipzig, D u n c k e r 1890. & H u m b 1 o t. Vorrede. Das deutsehe Reich war gegründet; nach schweren Kämpfen waren die nationalen Wünsche des deutschen Volkes erfüllt. Da fragte der Besten mancher, was demjenigen Geschlechte zu thun bleibe, das in den fertigen Besitz des Errungenen trete, ob es für dasselbe noch allgemeine Ziele gäbe, welche, wie einst jene nationalen Bestrebungen, eine Schule der Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze sein könnten. Auch hatte es den Anschein, als ob die Thatsachen diesen besorgten Fragern Recht gäben. Der Genufssucht und dem Strebertum, theoretischem wie praktischem Materialismus schien das Geschlecht verfallen, welches die Erbschaft angetreten hatte, das Deutschland, dem geistig wie politisch unter den Mächten der Welt eine leitende Stellung zugekommen war. Aber doch war die Aufgabe, welche dem deutschen Denken und Handeln wieder eine allgemeine Richtung geben konnte, bereits da. Anfangs überhört, klopft die sociale Frage mit eisernem Finger an die Thür einer Gesellschaft, welche Beute der Geldgier und des Ehrgeizes scheint. Mit der Gewalt eines Daseinskampfes erzwingt sie selbst von dem Widerwilligen Beachtung. Die riesenhafte Bewegung, welche zunächst von dem gelernten Arbeiter des Grofsbetriebes ausgehend mehr und mehr die gesamten unteren Schichten der Gesellschaft ergreift, scheint in ihrem Gegensatze zu dem Bestehenden eine Gefahr für unsere ganze Kultur. Dies um so mehr, als sie in gewisser Hinsicht den Charakter einer Glaubensbewegung trägt; jeder Märtyrer, den man ihr schafft, stärkt sie; Machtmittel verschlagen gegen sie wenig. Wodurch wird die Gefahr beseitigt? Wann wäre die Erbschaft, die unsere höchsten geistigen wie sittlichen Güter umschliefst und als deren Verwalter wir verantwortlich sind, als völlig gesichert anzusehen? Dann gewifs, wenn jene Bewegung, die ihr Vernichtung droht, sie in sich aufnähme und selbst der Zukunft zutrüge, wenn sie, statt die bestehende Gesellschaft zu bekämpfen, sich ihr eingliederte und sie fortentwickelte. Dieser Lösung scheinen wir ferner denn je; sie erforderte einen fast unaufbringlichen Betrag von Einsicht auf beiden Seiten, der zugleich ein gutes Stück Selbstverleugnung des Einzelnen enthielte: Einsicht auf Seiten der M a s s e n dahin, dafs der Fortschritt der Menschheit, der in der That nicht in der Hebung weniger, sondern der aller und jedes einzelnen besteht, nur ein allmählicher und friedlicher sein kann. Ist doch, insbesondere in dem Jahrhundert der geschichtlichen Forschung und der Entwicklungslehre, die Meinung völlig unwissenschaftlich, dafs ein idealer Gesellschaftszustand mit einem Schlage durch äufserliche Veränderungen heraufgeführt werden könnte, dafs Fortschritt etwas anderes sei, als die Entfaltung des Bestehenden. Aber eine nicht minder schwere Einsicht auf Seiten der Klassen wird erfordert: dafs wirklich eine neue Zeit mit neuen Forderungen heute da ist und dafs es unmöglich ist, den „neuen Wein in alte Schläuche zu füllen". Indem nun statt dessen auf der einen Seite Überhebung, auf der andern Mifstrauen und Hafs vorwiegt, zerfällt das Volk in zwei Nationen, zwischen denen jedes Verständnis, jede Berührung fehlt, die anders fühlen, — IX — anders denken, die sich, wie einst der spätere Graf von Beaconsfield von seiner Heimat sagte, „so fremd sind, als wären sie unter verschiedenen Zonen geboren". Das deutsche Volk mufs wieder zu einer Nation werden. Dafs dies möglich ist, beweist die Entwicklung des nahe verwandten Volkes, für welches aus wirtschaftlichen Gründen ein Halbjahrhundert früher als für uns dieselbe Daseinsfrage sich erhob. Dies ist der Grund, weshalb ich der socialen Entwicklung Englands ein ganz besonderes Interesse beimesse und mit vorliegender, ihr gewidmeten Arbeit vor die Öffentlichkeit trete. Wenn diese Arbeit, so viel an ihr ist, beitragen soll zur Klärung der öffentlichen Meinung in der Heimat und zur Überbrückung jenes „Golfes, welcher die Klassen scheidet", so ist vorauszuschicken, dafs ich keineswegs einer blinden Nachahmung das Wort rede. Zwar pflegt überall die gleiche wirtschaftliche Betriebsform die ihr entsprechende Gesellschaftsorganisation hervorzurufen, die ihrerseits gegen ähnliche sociale Schäden ähnliche Heilmittel erzeugen wird. Aber auch die Verschiedenheiten sind nicht zu übersehen. Wenn wir einerseits des geordneten Parteiwesens entbehren, wie es Englands Vorzug ist, so haben wir bei aller Zersplitterung unsere Einheit in der Dynastie, die das Reich gemacht hat und die nicht einer einzelnen Klasse angehört, in dem Kaiser, der sich als Sohn seiner Zeit bekannt hat. Wenn ich England als auf dem Wege zum socialen Frieden befindlieh bezeichne, so verstehe ich darunter folgendes: England ist einer friedlichen Lösung der socialen Schwierigkeiten und Gegensätze sicher. Kein Engländer zweifelt daran, gleichviel ob er auf der Rechten oder der Linken stehe, Arbeiter oder Arbeitgeber sei. Nirgends giebt es jene uns wohlbekannte Stimmung des socialen Pessimismus, nirgends in den unteren Schichten der Ge- — X — Seilschaft den Glauben, dafs das Heil allein im Umstürze und der Vernichtung des Bestehenden liege, nirgends in den oberen den Gedanken, dafs es lediglich darauf ankomme, vorher alles gethan zu haben, „um mit ruhigem Gewissen das Schwert ziehen zu können". Die Wissenschaft, die Religion, die Kultur der oberen Klassen wird aber deshalb nicht von den unteren bekämpft, weil es ihre Wissenschaft, ihre Religion, ihre Kultur ist, weil sie sich mehr und mehr als Erben und Träger dieser Güter fühlen. Kirche und Universitäten, die Vertreter der dem wirtschaftlichen Kampf entrückten öffentlichen Meinung, stehen unparteiisch über den Parteien; statt sie als Klasseninstitutionen zu beargwöhnen, erblickt das Volk in ihnen seinen mehr und mehr zu verwirklichenden Besitz. Nirgends begegnet der volkswirtschaftliche Forscher auf Seiten des englischen Arbeiters jenem tief gewurzelten Mifstrauen, welches den deutschen in jedem Manne mit besserem Rock einen Feind und meist einen Geheimpolizisten vermuten läfst. Das englische Volk ist eine Nation. Dies verstehe ich unter socialem Frieden, nicht einen Zustand, der nichts zu thun übrig liefse. Ein solcher ist nicht von dieser Welt. Vielmehr sind, wie wir sehen werden, die Ziele der englischen Arbeiterbewegung weit gesteckt, ihre Kämpfe oft schwer und langwierig, aber beides auf dem Boden des Bestehenden. In letzter Linie erst denke ich, wenn ich vom socialen Frieden rede, an die gewerblichen Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit (strikes etc.), welche, wie das achte Kapitel zeigen wird, ebenfalls im Laufe der Entwicklung in friedliche Formen gegossen werden. Sobald ich aber den Gründen des bezeichneten Zustandes nachging und fragte, wie er sich aus einer vom Klassenhasse zerrissenen Gesellschaft entwickelt habe, die einem jähen Zusammenbruch ausgesetzt schien, so stand ich vor einer Schwierigkeit. Ich hätte zur Beantwortung dieser Frage die gesamte geistige wie sociale Entwicklung Englands in diesem Jahrhundert schildern müssen. Teilschilderungen waren gegeben ; ich nenne vor allem Brentanos Buch über die Gewerkvereine und das Baernreithers über die Friendly societies, Untersuchungen, die ich im folgenden, um Wiederholungen zu vermeiden, voraussetze. Aber hinter diesen Entwicklungen auf dem Gebiet der äufseren Formen des socialen Lebens liegt eine innere, sie tragende und vereinigende Entwicklung: der ungeheuere Gedankenumschwung, welcher von der individualistischen Nationalökonomie und utilitarischen Weltanschauung zu einer socialen Auffassung der Gesellschaft wie der Stellung und Pflichten des Einzelnen in ihr geführt hat. Baernreither erkennt diese letztere Entwicklung als „die Voraussetzung für das Verständnis jedes socialen Instituts und jeder socialen Bestrebung in der Gegenwart Englands" an. Statt daher vielerlei zu geben, schien es mir nützlicher, diese wichtigste Entwicklung verständlich zu machen. Ihr gehören die beiden ersten Bücher vorliegenden Werkes, welche demnach vorwiegend Bewegungen auf dem Gebiete des geistigen Lebens verfolgen. Sind es doch nach Comte die „Ideen", welche die menschliche Geschichte gestalten. Jedenfalls mufs man ihnen einen bedeutenden Einflufs auf die Struktur der Gesellschaft und damit die wirtschaftlichen Verhältnisse zuerkennen, welchen geschichtsphilosophischen Standpunkt man auch einnehme. Erst im dritten Buche gebe ich einen Überblick über die äufseren, socialen Verhältnisse der Gegenwart. Aber auch jener ersten Aufgabe gegenüber blieb ich dem Grundsatze treu, statt durch Einzelheiten zu verwirren, die Hauptsachen in möglichst helles Licht zu setzen, weshalb ich dem gemeinsamen Durchgangspunkte der Entwicklung, Thomas Carlyle, ein besonderes Buch widme, dagegen auf die wichtigsten Verzweigungen der antiindividualistischen Gesellschaftsauffassungen im zweiten Buche eingehe. Eines noch möchte ich hinzufügen. Wir werden im folgenden eine Reihe interessanter, philosophischer und social- politischer Lehren kennen lernen. Ich kritisiere sie nicht. Sie interessieren mich, mögen sie nun richtig oder falsch sein, nur unter dem Gesichtspunkte und insofern, als sie auf die sociale Entwicklung thatsächlich eingewirkt haben. Darin besteht ja eben der gröfste Fortschritt der heutigen Volkswirtschaftswissenschaft, den sie dem deutschen Denken verdankt: sie deduziert nicht mehr aus einer fingierten Menschennatur, sondern nimmt alles für sich in Anspruch, was sie auf Grund der Geschichte als von Einflufs auf die Gestaltung der socialen und wirtschaftlichen Verhältnisse erkannt hat. Schliefsen aber möchte ich die Vorrede nicht, ohne mich der willkommenen Aufgabe des Dankes an die zu unterziehen, welchen ich für das Zustandekommen vorliegender Arbeit verpflichtet hin. Mein Grofsvater hat seiner Zeit die Bedeutung der sittlichen Faktoren neben den von der zeitgenössischen Nationalökonomie allein anerkannten von Kantischem Boden aus betont — ein Boden übrigens, in den auch der im folgenden zu schildernde Gedankenumschwung, wie wir sehen werden, zurückreicht. Schon aus diesem Grunde lag mir stets das Gebiet der Volkswirtschaft nahe, in welches ich durch die Vorlesungen des Herrn Prof. Schmoller eingeführt wurde. Die Anregung zum besonderen Studium der socialpolitischen Fragen aber fand ich in den Werken und in persönlichem Umgang mit Herrn Prof. Brentano, als dessen Schüler ich mich mit Dankbarkeit bekenne. Auf seinen Strafsburger Vorlesungen beruht, wie der Leser sehen wird, der einleitende Teil meines Werkes. Auch bin ich dem genannten Herrn für die gütige Durchsicht sämtlicher Druckbogen vorliegenden Werkes — XIII — verpflichtet. Das Erreichen des mir gesetzten Zieles habe ich aber nicht minder meinen englischen Freunden zu danken, Staatsmännern und Gelehrten, Arbeitgebern und Arbeitern, deren Namen hier aufzuzählen zu weit führen würde. Wird doch im folgenden kaum eine bedeutendere noch lebende Persönlichkeit erwähnt, über deren Standpunkt ich mich nicht durch das Mittel des Gespräches unterrichten durfte. Alle Kapitel, welche nicht vorwiegend geschichtliehen Inhalts sind, d. h. der bei weitem gröfsere Teil meiner Arbeit, wurden im Druckbogen von Männern durchgesehen, welche mitten in der jeweils zu schildernden Bewegung stehen, wodurch ich Irrtümern, so viel als möglich, entgangen zu sein hoffe. An geeigneter Stelle werde ich die Namen dieser Herren dankend erwähnen. Heidelberg, Ostern 1890. Der Verfasser. Inhalt des ersten Bandes. Seite Einleitung. Die Entstehung der Großindustrie und der Klassenkampf 1 I. Das vorrevolutionäre England 3 II. Die Entstehung der Grofsindustrie 15 III. Die Arbeitgeber der Grofsindustrie 24 IY. Der Arbeiter der Grofsindustrie 41 Y. Der Klassenkampf 55 Erstes Bncli. Thomas Carlyle als Socialtheoretiker und Social- politiker 77 Erstes Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Theoretiker 82 I. Carlyles Grundansicht 82 II. Carlyles Theorie der Gesellschaft 112 Die inneren Formen der Gesellschaft 121 Die äufseren Formen der Gesellschaft 128 Positive Zeiten 136 Negative Zeiten 141 Zweites Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Politiker. . 170 I. Carlyles Stellung zur Gegenwart 170 Die inneren Formen 171 Die äufseren Formen 187 Die Frage der Lage Englands 226 II. Carlyles Stellung zur künftigen Entwicklung 233 Die inneren Formen 233 Die äufseren Formen 265 — XVI — Seite Zweites Buch. Die socialen Richtungen der Gegenwart .... 291 Drittes Kapitel. Die Genossenschaftsbewegung 293 I. Der christliche Socialismus, Owen 295 II. Die Entwicklung des Genossenschaftswesens 309 III. Das Glaubensbekenntnis der Genossenschafter .... 325 IV. Der gegenwärtige Stand der Genossenschaften .... 344 A. Die verteilende Genossenschaft (Konsumverein). . 347 B. Die Produktivgenossenschaft 359 Viertes Kapitel. Die Universitätsbewegung 377 I. Pusey und Jungengland . 377 II. John Ruskin und Arnold Toynhee 399 III. Die Universitätsangehörigen in den grofsen Städten, insbesondere Ost-London 429 IV. Die Universitätsausdehnungsbewegung 457 Einleitung. Die Entstellung der Grofsindustrie und der Klassenkampf. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. 1 I. Das vorrevolutionäre England. Das vorrevolutionäre England —• denn auch England hat um die Wende des Jahrhunderts eine Revolution durchgemacht, freilich keine politische — beruhte trotz Verschiedenheit der staatlichen Form auf derselben Grundlage wie die Staaten des europäischen Festlandes. Die Landwirtschaft spielte die erste Rolle sowohl wirtschaftlich, indem auf ihr das Volkseinkommen beruhte, als politisch, weil bei ihr die Macht im Staate und in der Selbstverwaltung lag. Nur der Unterschied bestand, dafs in England infolge des Handels und Kolonialbesitzes das bewegliche Kapital bereits neben den agrarischen GesellschaftSzuständen von weit grösserer Bedeutung war, wie auf dem Festlande. Die Berufsstatistik, soweit eine solche schätzungsweise überliefert ist, giebt ein Bild dieser Gesellschaftsgliederung. Gregory King nimmt für 1688 an: beschäftigt in landwirtschaftlichen Betrieben 1985520 Personen, im Handel 244000 in Gewerbebetrieben 240000 In der ersten Zahl sind nach ihm noch 180000 Bauernfamilien mit 928 000 Angehörigen enthalten. Noch günstiger 1* * 3 ' . esaee I 1 für die Landwirtschaft stellt sich das Verhältnis in Beziehung auf das Nationaleinkommen; ihr entstammten 23,1, dem Handel dagegen nur 4,2, den Gewerben gar nur 2,4 Millionen Pfund Sterling des jährlichen Einkommens. In Städten wohnte nach King damals wenig über ein Fünftel der Gesamtbevölkerung — Verhältnisse, die sich nur allmählich zu Gunsten der Gewerbebetriebe und der Städte verschoben. Defoe erklärt in seiner 1725 erschienenen Reisebeschreibung durch England die südlich der Trent gelegenen Grafschaften Englands — die getreideausführenden und handeltreibenden — für die reicheren und bevölkerteren, während heute der Norden der Hauptsitz der englischen Industrie und damit des Kapitals und der Bevölkerung geworden ist. Wenn nun auch im Laufe des vorigen Jahrhunderts die Gewerbe allmählich an Bedeutung gewannen, so lag doch immer noch der Schwerpunkt der Volkswirtschaft im Ackerbau. Ein Merkmal hierfür ist der Umstand, dafs die meisten Gewerbe noch zünftig für den inländischen Verbrauch arbeiten und nur diejenigen eine bedeutende Ausfuhr aufweisen, deren Rohstoffe Erzeugnisse der heimischen Landwirtschaft sind. So blühte besonders die Wollenindustrie, welche die englische Schafwolle verarbeitete und auf die im Jahre 1770 ein Drittel der gesamten Ausfahr kam. Den wirtschaftlichen Verhältnissen entsprach das staatliche und gesellschaftliche System. Die politische Macht lag beim Grundbesitz. Hervorzuheben ist, dafs der Schutz, den die englischen Könige — ähnlich wie später in ihrem Lande die preufsischen, — dem Bauernstande gewährt hatten, so lange ein Interesse vorhanden war, die in den Bauern steckende Kriegsstärke aufrecht zu erhalten, hinwegfiel, seit zur Zeit Marlboroughs die Ansicht aufkam, dafs der Krieg *f| — 5 — eine Sache des Geldes sei 1 . Die Folge war, dafs im siebzehnten, noch mehr im achtzehnten Jahrhundert der freie Bauernstand schwindet. Der englische Staat befindet sich in den Händen des gröfseren Grundbesitzes, welcher dem Kaufmannsstande, insbesondere der Londoner City, einen gewissen Einflufs einräumt. Hierauf beruht jenes merkwürdige Staatswesen, welches sich seit der Restauration und insbesondere seit der Thronbesteigung des Hauses Hannover entwickelt und lange unverstanden der Gegenstand der Bewunderung ganz Europas war, dessen Kenntnis nicht nur wir, sondern die Engländer selbst erst den grundlegenden Studien Gneist's verdanken. In der Weise der antiken Republiken waren öffentliche Rechte und Pflichten bei einer beschränkten Anzahl besitzender Vollbürger. Unter diesen aber lag die Bedeutung noch bei dem eigentlichen Adel (nobility und gentry), dessen Macht dadurch gehoben wurde, dafs er, weniger abgeschlossen als auf dem Festlande, mit dem reichen Kaufmannsstande sich zahlreich verschwägerte, seinen Grundbesitz durch Familienstiftungen zusammenhielt und sein Vermögen durch das aus dem Kolonialbesitz zuströmende Kapital vermehrte. Die Herrschaft der ländlichen Grundbesitzer, unter denen der Schwerpunkt bei dem grofsgrundbesitzenden Adel liegt, entfaltet sich in dem berühmten System des englischen „Self- government"; öffentliche Verwaltung, Rechtspflege, sowie militärische Gewalt lagen, vermöge des Ehrenamtes, in den Händen dieser Klasse. Wie beschränkt die Anzahl der ihr 1 Vergl. für die Bauernpolitik der preufsischen Könige: Knapp, Die Bauernbefreiung, Leipzig 1887, und für die Wirkungen des Fehlens einer solchen Politik: Dr. C. J. Fuchs, Der Untergang des Bauernstandes und das Aufkommen von Gutsherrschaften in Neuvorpommern und Rügen. Strafsburg 1888. Uber die Bauernpolitik der englischen Könige vergl. Faher, Die Entstehung des Agrarscliutzes in England S. 90, 91. Strafsburg 1888. zugehörigen Vollbürger war, ergiebt folgende von Gneist angeführte Statistik 1 . Im vorigen Jahrhundert betrug die Anzahl der Parlamentswähler höchstens 200 000 Personen, welche fast sämtlich in der Selbstverwaltung beschäftigt waren. Gegen Ende des Jahrhunderts finden sich in England und Wales 3800 Grafschaftsfriedensrichter, doppelt soviel Gentlemen als Milizoffiziere und Deputylieutenants, 10 000 Geschworene, über 100000 Personen die als Constables, Wege-, Kirchen- und Armenaufseher, die gleiche Anzahl von Personen, die in Steuereinschätzungskommissionen öffentliche Dienste leisten — ungefähr also im ganzen die gleiche Zahl, wie die der Parlamentswähler. In ähnlicher Weise lag die Miliz in den Händen der herrschenden Klasse, indem auch sie schon durch Gesetze der Restauration wie die Ämter der Selbstverwaltung an einen hohen Census geknüpft war. Eine gleiche Bedeutung hatte die Käuflichkeit der Offiziersstellen im stehenden Heere. Auf diesem Unterbau erhebt sich die vielgerühmte Parlamentsverfassung , eine durchaus aristokratische Institution und das Mittel, durch welches die herrschende Klasse die Staatsgewalt ausübt. In beiden Häusern sind die nämlichen gesellschaftlichen Elemente vertreten. Das Unterhaus ist eine Vertretung der besitzenden Klassen, d. h. des ländlichen Grundbesitzes, einmal schon durch die oben angeführte beschränkte Zahl der Parlamentswähler, den hohen Census, der für die Mitgliedschaft selbst festgesetzt war, die Diätenlosig- keit, die Ehrenausgaben, die für die Wahl notwendigen Bestechungen, endlich die grofse Anzahl der sogenannten „rotten boroughs", d. h. der verfallenen Wahlflecken, deren Besetzung, einst einer später heruntergekommenen oder ganz verschwun- 1 E. Gneist, Das englische Parlament S. 308. Berlin 1886. denen Gemeinde obliegend, nunmehr in der Willkür des Grundherrn stand. Im Oberhause aber waren die grofsen grundbesitzenden Familien des Reichs noch einmal direkt in ihren Oberhäuptern vertreten. Ihre Macht war deshalb um so lebendiger, als sie mit ihrer Grafschaft noch auf das engste verbunden waren, nieist die höchsten Stellen der Selbstverwaltung in ihr bekleideten: der Adel war, wie Gneist es ausdrückt, Amt geblieben, nicht zum Titel entartet. Auf diesen Grundlagen hat der englische Adel und Grundbesitzerstand vereint mit den Londoner Kaufleuten die grofsartigste Aristokratie aufgebaut, die Europa seit dem Untergange der römischen Republik gesehen. Alle diejenigen Erscheinungen, welche mit der aristokratischen Staatsform und Gesellschaftsverfassung verbunden zu sein pflegen, wiederholen sich hier: einmal ein ungeheurer Aufschwung nach aufsen — in jener Zeit entsteht das britische Weltreich, wird der Mit- bewerb zunächst der Holländer, dann der gefährlichere der Franzosen um die koloniale Vorherrschaft beseitigt und Indien erobert — eine Vorbedingung der gesamten folgenden und auch der heutigen socialen Entwicklung Englands. Dem gegenüber aber fehlt dem Bilde auch nicht die gewöhnliche Schattenseite der Aristokratie: die Ausbeutung der unteren und schwächeren Klassen durch die oberen und mächtigen. Beschränkung der Freizügigkeit, Auswanderungs- und Koalitionsverbote, Entwicklung des Instituts der Fainilienfidei- kommisse, seit 1689 auch Ausfuhrprämien auf Getreide bezeichnen den Geist jener Gesetzgebung. So wurden beispielsweise in den Jahren von 1740—1751 1 515000 jg Ausfuhrprämien für Getreide bezahlt 1 . Soweit das mächtigste Interesse, das der Landwirtschaft, 1 H. Schulze, Nationalökonomisclie Bilder aus England. Jena 1853. nicht in Frage kam, und noch mehr da, wo, wie hei der Wollenindustrie, mit dem industriellen gleichzeitig ein landwirtschaftliches Gewerbe geschützt wurde, wurde auch über Handel und Industrie ein ganzes Füllhorn staatlicher Schutz- und Beförderungsmafsregeln ergossen. Waren es doch die letzteren Erwerbszweige gerade, welche nach der herrschenden inerkantilistischen Theorie Geld ins Land brachten und daher für den Staat am wichtigsten waren. Wie weit jene staatliche Fürsorge ging, beweist z. B. die zu Gunsten der Wollindustrie erlassene Bestimmung, dafs kein Toter ohne Wolle beerdigt werden durfte. Auch der Tod sollte noch dem Absatz der Produkte jener Industrie dienen, auf der, wie man meinte, der Reichtum Englands, d. h. der englischen Aristokratie, beruhte. Die Verhältnisse der gewerblichen Arbeiter aber waren nach Weise des aufgeklärten Polizeistaates autoritativ geregelt. Das Lehrlingsgesetz der Elisabeth von 1562 beschränkte die Zahl der im einzelnen Betriebe zu beschäftigenden Lehrlinge und hatte damit dem erwachsenen Arbeiter Beschäftigung garantirt. Wo diese Vorschriften beobachtet wurden, ver- mifste der Arbeiter die ihm durch sie vorenthaltene Freiheit bei der Regelung des Arbeitsvertrages wenig. Aber gerade der merkantilistische Geist der Gewerbepolitik beschleunigte das Aufblühen der Grofsindustrie, welche, mit der alten Gewerbeordnung unvereinbar, dieselbe durchbrach. Ganz besonders erfreute sich der Handel der Gunst der herrschenden Klasse, die auf das engste mit dem reichen Kaufmannsstande verknüpft war. Handelsinteressen werden insbesondere für die auswärtige Politik in weitestem Mafse mafsgebend. Nicht mit Unrecht hat man die auswärtige, vornehmlich vom Oberhause gemachte, Politik Englands im vorigen Jahrhundert als „Krämerpolitik" bezeichnet. Der Handelsgeist ergreift auch die ländlichen Verhältnisse, welche bisher vom Herkommen geregelt waren. Einmal legt der Kaufmannsstand, um politische Macht zu erlangen, sein Vermögen vornehmlich im Grundbesitz an; sodann aber werden auch die Grofsgrundbesitzer durch Beteiligung an den überseeischen Geschäften zu Kaufleuten. Der Grundsatz, dafs jeder vom andern so viel nehmen solle, als er bekommen könne — ein Grundsatz, der ursprünglich dem Feinde, dem Fremden gegenüber, also zunächst für den Handel, gegolten hatte, wird nun auch auf die ländlichen Verhältnisse übertragen. Die Grundrenten, bisher oft nur zum Zwecke der Anerkennung des Eigentums da, werden nach jenem dem Handel entlehnten Gesichtspunkte gesteigert. Noch mehr: durch die Ausfuhrprämien auf Getreide erhält die Landwirtschaft den Charakter der Exportindustrie. In dein Übertragen städtischer Verhältnisse in das Landleben liegt der eine Hauptgrund für das Verschwinden der kleineren Grundbesitzer. Wirkte dieser Grund mittelbar, so versäumte es die herrschende Klasse auch nicht, direkt durch Ausnutzung der Gesetzgebung in ihrem Interesse den kleineren, ländlichen Besitz zurückzudrängen. In Betracht kommen hier vor allen die zahlreichen Gesetze über Gemeinheitsteilungen (inclosure acts) und die vielfach ungerechte und willkürliche Ausführung derselben. Der Bauernstand Englands, der einst Frankreich erobert hatte, den noch Shakespeare als „Englands kühne Bauernschaft" rühmt, und der noch Cromwells Schlachten geschlagen, war schon zur Zeit der Restauration in Abnahme begriffen. Sein völliges Verschwinden aber fällt in die Zeit der ausschliefslichen Parlamentsherrschaft, als durch Welthandel und Kolonien ungeheure Kapitalien in den Besitz der herrschenden Klasse strömten und ausschliefslich in Grund und Boden angelegt wurden. Wie im alten Rom stehen die Vollbürger und Eigentümer dem persönlichen Betriehe der Landwirtschaft fern. Das Wort „farmer", ursprünglich den Pächter bezeichnend, wird nunmehr auf jeden, der persönlich den Ackerbau betreibt, angewendet, so dafs es heute in England, noch mehr aber in Amerika, ebensogut den Eigentümer bedeuten kann. Unter „landlord" versteht man dagegen nicht mehr, was das Wort eigentlich besagt, den Eigentümer schlechthin, sondern nur den von seinen Pachtrenten lebenden Grofsgrundbesitzer. Diese Veränderung in der Bedeutung der Worte ist bezeichnend für die wirtschaftliche Entwicklung. Es ergeben sich für den heutigen Besitzzustand, welcher sich im grofsen und ganzen während des vorigen Jahrhunderts feststellte, nach den Aufstellungen von Arthur Arnold 1 folgende statistische Resultate, welche die Grundbesitzverhältnisse Englands als durchaus eigentümlich und vom übrigen Europa verschieden erscheinen lassen. 7000 Grundherrn, als Inhaber von 10 900 Landgütern von mehr als 1000 acres, besitzen mehr als vier Fünftel des nutzbaren Landeigentums des Vereinigten Königreichs; in England besitzen die Pairs ein Viertel, in Schottland sogar fünf Pairs zusammen ein Viertel des gesamten Grundbesitzes. Halb England ist im Besitze von 150 Personen, halb Schottland von 75, halb Irland von 35. Wenn die englische Aristokratie wie einst die römische ihre Macht zur Latifundienbildung gemifsbraucht hat, so beruht die Abwendung eines gleich unheilvollen Erfolges für England darauf, dafs infolge einer Umgestaltung der englischen Volkswirtschaft die agrarischen Verhältnisse überhaupt in zweite Linie rückten und ganz andere Faktoren für die Macht und Gröfse Englands die mafsgebenden wurden. 1 Vergl. Arthur Arnold, Freeland 1880. Preuss. Jahrb. 1880. Bd. 46, S. 401 ff. Dieser Umschwung wurde durch eine Eigentümlichkeit der vorrevolutionären Gesellschaft erleichtert, die nicht unerwähnt bleiben darf, ohne dafs das Bild, welches wir in kurzen Zügen zu entwerfen versucht haben, unvollständig bleibt. Die aristokratische Gesellschaftsordnung Englands beruhte nicht auf denselben subjektiven Grundlagen, wie einst das alte Feudalsystem; es entsprach ihr nicht mehr eine gläubig gesinnte Weltanschauung, nicht auf Seiten der beherrschten Masse jene innere Abhängigkeit und Gebundenheit gegenüber den geistig und politisch leitenden Gewalten. Vom Mittelalter war sie durch eine Revolution getrennt, welche bereits einmal das Individuum gegen die Autorität aufgerufen und das Volk bis in die untersten Schichten erschüttert hatte. Volksgeist, wie Philosophie war seitdem individualistisch; ja während sich in England die Aristokratie politisch und wirtschaftlich auf das starrste ausbildete, verbreiteten sich von dort die Ideen, welche einen neuen und verstärkten Ansturm gegen jede autoritative Gesellschaftsgliederung verursachen sollten. „Frankreich war nur der Dollmetscher zwischen England und der Menschheit" sagt Macaulay in seinem Aufsatz über Walpole und bezeichnet damit vortrefflich die Rolle, welche die englischen Schriftsteller jenes Zeitalters, ein Bolingbroke, ein Shaftesbury, ein Bayle und ein Locke für die Vorbereitung der kommenden Revolutionen gespielt haben. Bekannt ist der Einflufs der englischen Philosophie auf Voltaire und Kant 1 . 1 Voltaire wie Kant gestehen den englischen Einflufs zu. So schreibt Voltaire an Marmontel: „je conviens que la philosophie s'est beaucoup perfectionne dans ce siecle; mais ä qui le devons-nous? Aux Anglais." Vergl. Laurent, etudes sur l'histoire de l'humanite XII 320—322, 404. — Kant (Ausg. von Rosenkranz III 9): „Ich gestehe frei, die Erinnerung Humes war eben dasjenige, was mir zuerst den dogmatischen Schlummer 12 — In folgerichtiger Fortbildung des von der Reformation gegebenen Anstofses hatte man in England zuerst das Individuum als Mafsstab des menschlichen Denkens und Wollens begriffen. Über die Partei der sogenannnte Levellers hinaus hatten sich, als die Wellen der religiösen Bewegung sich legten, mehr und mehr skeptische Anschauungen ausgebildet und insbesondere die oberen Klassen der Gesellschaft ergriffen. Wie es nicht die Macht von Ideen, sondern Eigennutz und Bestechung gewesen war, durch welche die sogenannte „ruhmreiche Staatsumwälzung" vom Jahre 1688 zu Stande gebracht wurde, so waren es auch nicht mehr Ideen, sondern lediglich persönliche Triebfedern, welche die englische Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts bewegten. Wenn man nun auf dem Gebiete der Politik die Konsequenzen der individualistischen Weltanschauung zu ziehen unterliefs, wie sich z. B. der Skeptiker Bolingbroke mit den Bischöfen verbündete im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung, so begegnen wir dem gegenüber auf dem Gebiete der Litte- ratur und der Philosophie bereits den äui'sersten Folgerungen einer individualistischen Denkweise: Materialismus und utili- tarischer Moral. Dieser Widerspruch, der zwischen dem Denken und der Gesellschaftsordnung besteht, spiegelt sich vor allem in der Philosophie des Ilobbes. Er ist nach Comte 1 der Hauptbegründer der negativen und revolutionären Philosophie, „welche eine unvernünftige Gewöhnung noch den französischen unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab." — Auch Friedrich der Grofse erkannte, dafs Yoltaire von den Engländern vollständig abhängig sei. Vergl. Briefe des Königs, Oeuvres de Yoltaire. Paris 1824. Bd. LH S. 335, 428. 1 Auguste Comte, Philosophie positive. Troisieme Edition, Paris 1869. V. S. 499, 500. — 13 — Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts zuschreibt, die doch nur ihre Verbreiter waren". Hobbes, selbst Freidenker, ein Vertreter sensualistischer und materialistischer Anschauungen, der mit den überlieferten geistlichen Autoritäten völlig gebrochen hat, ein Aufklärer im vollsten Sinne des Wortes, unterwirft das auf diese Weise scheinbar befreite Individuum völlig der Allmacht des Staates. In dem von ihm gelehrten Gesellschaftsvertrag manifestiert sich dasselbe einerseits als Souverän und erniedrigt sich andererseits zum rechts- und willenlosen Sklaven der Staatsgewalt. Dieselbe setzt den „gesetzlichen Aberglauben" fest, welchen der Unterthan annehmen und ausüben muss; innerlich mag er glauben, was er will. Also reinster Subjektivismus erscheint hier aus dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit mit vollstem Despotismus verbunden. Hobbes ist der Vater aller Freidenker Englands geblieben bis auf den heutigen Tag. Sein Einflufs auf die englische Gesellschaft war ungeheuer, wenn auch, wie in solchen Fragen immer, kaum zu entscheiden ist, wie weit seine Lehren nicht eine Abstraktion bereits vorhandener Zustände, ein Spiegelbild der bestehenden Gesellschaft waren. Die tonangebenden Klassen, dem Skepticismus zugethan, waren durch unzählige Bande des Interesses mit der Staatskirche verbunden, welche nach aufsen mit Ehrerbietung behandelt wurde. War doch die Kirche mit ihren enormen Einkünften die Versorgungsanstalt der jüngeren Söhne der herrschenden Aristokratie. Die unteren Schichten der Gesellschaft, insbesondere auf dem Lande, waren in den Banden der überlieferten religiösen Vorstellungen befangen, in den Augen der oberen Klassen durch sie im Zaume gehalten. Der zwischen beide sich als homo novus einschiebende Industrielle betrachtete jeden Zweifel an der Religion und jede spekulative Bemühung als „unpraktisch" — Anschauungen, wie sie im — 14 — grofsen und ganzen noch heute in England bestehen. Egoismus, in die Formen der „respectability", der Anständigkeit, gekleidet, war in den oberen Schichten der Gesellschaft die einzige Grundlage der Moral, und als solche für den einzelnen, wie für den Staat anerkannt. Er äufserte sich in Hinsicht auf den letzteren in einem System der Bestechung, dessen sich die angesehensten Staatsmänner jener Zeit, wie Walpole und Lord Bute, ohne Scheu bedienten. Dies ist das Bild des vorrevolutionären England, welches an Licht wie Schatten gleich reich ist. Dasselbe ist durch ein agrarisches Wirtschaftssystem, eine aristokratische Staatsverfassung und eine individualistische Aufklärung charakterisiert. Es mufs stets im Auge behalten werden, wenn es sich darum handelt, die englischen Verhältnisse der Gegenwart zu verstehen. Wenn auch durch eine neue Entwicklung überdeckt, lebt die alte Zeit bis weit in unser Jahrhundert, ja bis in die Gegenwart hinein fort. II. Die Entstehung der Großindustrie. Die Umgestaltung der englischen Gesellschaft, wie sie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts beginnt und in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sich vollendet, hatte in letzter Linie, wie alle solche Yeränderungen, wirtschaftliche Ursachen. Freilich sind dieselben nie die aus- schliefslichen Ursachen der socialen Umgestaltungen, wie die Socialdemokratie behauptet, vielmehr kommen wohl immer die überlieferten Ideen, d.h. die Erfahrungen, welche die Menschheit früher gesammelt hat, in Mitwirkung. Auch der Übergang Englands von der aristokratischen zur demokratischen Gesellschaftsordnung läfst sich nicht ohne die schon innerhalb der letzteren entwickelten individualistischen Anschauungen erklären. Den Anstois aber giebt eine wirtschaftliche Veränderung: die Einführung der Grofsindustrie, durch welche zunächst die alte gewerbliche, sodann die politische und sociale Ordnung durchbrochen wurde. Auch hier vollzog sich die Entwicklung allmählich, und wie überall bereitete sich unter den alten Formen unbemerkt das neue System vor. Ein äufseres Bild der wirtschaftlichen Veränderungen giebt die dürftige Statistik. Gregory King schätzt die Einwohnerschaft von England und Wales — 16 — im Jahre 1688 auf 5 500520 1750 betrug dieselbe 6039684 - 1801 - - 9187176. In der viel stärkeren Bevölkerungszunahme in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gelangt der Anfang des Aufblühens des Gewerbbetriebes zum Ausdruck, wie dementsprechend in jener Zeit auch das Verhältnis der städtischen zur ländlichen Bevölkerung steigt. So wohnte nach Arthur Young bereits 1770 die Hälfte der Bevölkerung in Städten. Der letzte Grund dieser Entwicklung liegt in der fortschreitenden Umgestaltung der Absatzverhältnisse. Die mer- kantilistische Handelspolitik hat nach Brentano \ indem sie die mittelalterlichen Absatzverhältnisse umgestaltet hat, auch die Umgestaltung der mittelalterlichen Produktionsverhältnisse angebahnt. Das mittelalterliche Gewerbe war ganz überwiegend auf lokalem Absatz basiert. Dieser war für die Einheimischen durch die schlechten Kommunikationsverhältnisse geschützt. Die wenigen Gewerbe aber, die für den Absatz in die Fremde produzierten, erfreuten sich dort eines durch besondere Privilegien geschützten Absatzmarktes. Unter solchen Verhältnissen kamen die Produktionskosten kaum in Betracht; daher die Löhne der Arbeiter hoch und von den Schwankungen des Marktes unabhängig sein konnten. Das Merkantilsystem führte allenthalben zur Beseitigung der den Fremden erteilten Privilegien. Gleichzeitig begann die successive Besserung der Verkehrsverhältnisse. Damit trat an Stelle der gesicherten Absatzverhältnisse der Beginn eines erbitterten Wertkampfes. Um den Markt zu halten und weitere Märkte zu erobern, wurde man darauf angewiesen, möglichst billig zu verkaufen, 1 Brentano, Die Ursachen der heutigen socialen Not. Leipzig 1889. mehr an der Menge billiger als an dem hohen Preise durch Güte ausgezeichneter Ware zu verdienen, und infolgedessen die Produktionskosten möglichst herabzudrücken. Den Folgen dieser Entwicklung begegnen wir schon sehr früh bei denjenigen Gewerben, welche zuerst auf auswärtigen Absatz arbeiteten: der Tuch mach er ei und der Wirkerei. In ihnen zeigte sich zuerst, dafs die alte zunftmäfsige Ordnung des Handwerks unvereinbar war mit der Notwendigkeit die Produktionskosten zu verbilligen. Wohlhabende Handwerksmeister zogen, um dem Zwang des Zunftstatuts zu entgehen, auf das Land hinaus, gaben dort die Wolle ländlichen Handwebern in Arbeit und begründeten so eine ausgedehnte Hausindustrie, welche ganzen Grafschaften Englands ein verändertes Gepräge verlieh. Diese Entwicklung begann sehr früh. Schon unter Heinrich VIII. wird über die Verödung der Städte geklagt; es wurden damals Gesetze erlassen, welche die Tuchfabrikation auf dem platten Lande verboten — ohne Erfolg. Zahlreiche Arbeiterunruhen in dem Wirkereigewerbe werden bereits aus der Zeit vor Einführung des Fabriksystems berichtet. Bezeichnenderweise haben sie alle die Aufrechterhaltung des bestehenden Rechts zum Gegenstand. Insbesondere erregte es den Unwillen der Arbeiter, dafs die Arbeitgeber das alte Lehrlingsgesetz, wonach niemand mehr als drei Lehrlinge halten sollte, aufser Acht liefsen. Vielmehr fanden sich nicht selten so viel Lehrlinge, d. h. zumeist von der Armenverwaltung gelieferte Kinder, für welche die Lehrherrn noch bezahlt wurden, dafs die erwachsenen Arbeiter durch sie vielfach verdrängt wurden. Dieselben rächten sich durch Zerschlagen der Strumpfwirkerrahmen und Arbeitsausstände, an denen das vorige Jahrhundert schon so reich war, dafs man es das Jahrhundert der Arbeitsausstände nannte. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. v 2 — 18 — Besonders deutlich vollzog sich der bezeichnete Umschwung in der Tuchweberei, welche, wie gesagt, im vorigen Jahrhundert noch die Hauptindustrie Englands war. Dieselbe unterlag dem Lehrlingsgesetz der Elisabeth (5 Eliz. c. 4), welches auf einen handwerksmäfsigen Betrieb berechnet war. Danach durfte niemand in dem Gewerbe als Meister oder Geselle arbeiten, welcher nicht sieben Jahre Lehrling gewesen war. Die Zahl der Lehrlinge war beschränkt auf drei für einen Gesellen; auf jeden Lehrling über drei sollte je ein erwachsener Geselle kommen. Die Arbeitszeit war auf zwölf Stunden im Sommer und im Winter auf die helle Tageszeit beschränkt; der Arbeitsvertrag durfte nicht unter einem Jahre abgeschlossen werden; der Lohn wurde jährlich durch die Friedensrichter festgesetzt, und zwar in der Weise, „um der gemieteten Person sowohl in Zeiten des Mangels wie des Überflusses ein passendes Verhältnis des Lohnes zu gewähren". Diesen gesetzlichen Bestimmungen entsprachen die that- sächlichen Zustände. Die Industrie wurde durch Meister betrieben, welche selbst die Lehrlingszeit durchgemacht hatten; die Zahl der erwachsenen Arbeiter pflegte gröfser als die der Lehrlinge zu sein. In abgelegenen Orten erhielten sich diese Verhältnisse lange; z. B. in Armley, einem kleinen Weberdorfe von 4—5000 Einwohnern, gab es 1806 nur siebzehn Lehrlinge, und von diesen nur vier, die auf kürzere Zeit als sieben Jahre gedungen waren. Die Beschäftigung unter solchen Verhältnissen war regelmäfsig, indem bei schlechtem Geschäft Meister, Gesellen und Lehrlinge in Hoffnung auf die Zukunft weiterarbeiteten und vom Meister erhalten wurden. Derjenige Schritt, durch welchen schon vor Anfang des vorigen Jahrhunderts, die bezeichneten Zustände durchbrochen wurde, ist Verlegung der Industrie auf das platte Land, wo das Gesetz nicht galt. Zuerst blieb die Hausindustrie bestehen, aber so, dafs die ländlichen Weber nicht mehr für eigene Rechnung, sondern für einen Händler, der den Rohstoff lieferte, arbeiteten. Dann kamen die Fabriken, welche an Flüssen und Bächen angelegt wurden und die Arbeiter vereinigten, zuerst so, dafs die Webstühle an sie vermietet wurden, sodann so, dafs die Arbeiter für den Besitzer der Fabrik auf dessen Rechnung arbeiteten. Hiermit entstand eine Klasse von Arbeitgebern, welche nie Lehrlinge gewesen waren. Während früher das Tuch solcher Meister nicht zu den gemeinsamen Kaufhallen zugelassen war, so fiel diese Unterscheidung 1796 hinweg. Bereits längst war auch in den Städten, für die das Lehrlingsgesetz galt, eine Bestimmung nach der andern in Wegfall gekommen. Bereits 1720 hatte die Festsetzung der Löhne durch die Stadtbehörden aufgehört. Alsdann fielen die Bestimmungen über das Lehrlingswesen in Vergessenheit. Interessant in dieser Hinsicht ist die Geschichte der 1796 gegründeten „Institution" zu Halifax, einer weitverbreiteten Verbindung von Wollarbeitern, welche zugleich einen der frühsten Gewerkvereine darstellt. Der Zweck des Vereins war, die gesetzlichen Bestimmungen beziehentlich des Lehrlingswesens aufrechtzuerhalten und Verletzer derselben gerichtlich zu verfolgen. Die Thätigkeit dieses Vereins erwies sich für die Grofsindustriellen sehr unangenehm, indem sich denselben auch viele zum Teil wohlhabende Handwerksmeister des Gewerbes anschlössen. Die grofsen Arbeitgeber erwirkten zuerst 1799 ein Suppressivgesetz (39 George III c. 81; 39 und 40 George III c. 106) gegen diese und ähnliche Gesellschaften, dem jedoch die Arbeiter sich entzogen, indem sie dem Scheine nach aus dem Gewerkverein 2* eine „friendly society" machten. Nachdem auf Grand der älteren Lehrlingsgesetze (5 Eliz. c. 4; 5 und 6 Edward VI c. 22; 2 u. 3 Philipp and Mary e. 11) die Institution wiederholt Verurteilungen gegen die Arbeitgeber erwirkt hatte, wufs- ten letztere vorläufige Suspension der Gesetze herbeizuführen (1803). Obgleich die „Institution" 10000 Pfd. Sterl. für eine Propaganda zu Gunsten der Gesetze, Petitionen etc. ausgab, wurden sie 1814 aufgehoben. Noch leichter war es natürlich der Grofsindustrie, die gesetzliche oder gewohnheitsmäfsige Regelung des Lehrlingswesens in denjenigen Gewerben zu durchbrechen, welche entweder gar nicht, wie die Baumwollindustrie, dem Gesetz der Elisabeth unterstanden oder ihm nur durch königliche Charter unterworfen waren, wie die Wirkerei und die Messerfabrikation, indem hier die Korporation der Arbeitgeber angewiesen war, „das Gesetz des fünften Jahres der Elisabeth cap. 4 und alle andern Gesetze in Beziehung auf Lehrlinge und die Beschäftigung im Gewerbe durchzuführen". Schon im Anfang wurden in der Wirkerei unbeschränkt Lehrlinge gehalten; daher gerade hier fortwährende Arbeiterunruhen. Wenn so die aufkommende Grofsindustrie die alte Zunftordnung allenthalben durchbricht, so benutzt sie zu ihrer Verteidigung die neu auftretende physiokratische Lehre. Von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus erklärte man die bisherige Ordnung mit einem angenommenen Naturrecht in Widerspruch. Der von ihr empfohlene freie Arbeitsvertrag mit den kurzen, das Risiko des Unternehmers mindernden Kündigungsfristen ist ein Ergebnis des alles beherrschenden Strebens nacli Erniedrigung der Produktionskosten. Insbesondere bediente man sich der Lehren des Adam Smith, als es sich um Abschaffung des Lehrlingsgesetzes (1814) handelte. — 21 — Nicht als Ursache der wirtschaftlichen Veränderung, wie man vielfach insbesondere nach dem Vorgange Gaskells 1 angenommen hat, sondern vielmehr als Folge derselben erscheinen die Fortschritte der Technik, unter denen die Erfindungen der Dampfmaschine (1764) und des mechanischen Webstuhls (1767) die hervorragendsten sind. Sie alle erklären sich aus der eingetretenen Notwendigkeit, die Produktionskosten möglichst herabzusetzen. Die Hausindustrie, welche, wie wir oben sahen, das Mittelglied zwischen der alten Zunftordnung und dem modernen gewerblichen System bildet, ging damit in den Fabrikbetrieb über, zuerst in sogenannten „public mills", wo die Webstühle vereinigt und den Webern gegen Miete überlassen wurden. Durch die Entwicklung der Dampfmaschine wurde die Industrie vom Bache oder Flusse unabhängig und kehrte nun wieder in die Stadt zurück, weil dort unter gleichen Bedingungen die Arbeitskräfte leichter und durch gesteigerte gegenseitige Konkurrenz billiger zu haben waren. Daher gegen Ende des Jahrhunderts und Anfang des neuen das ungeheure Anschwellen der Städte, oft bisher durchaus unbedeutender Orte. Neue Mittelpunkte des nationalen Lebens entstanden, in denen Kapital und Bevölkerung mit wunderbarer Schnelle zusa mm enflössen. Damals erst sah die moderne Grofsstadt das Tageslicht und mit ihr jener Zustand, den der Engländer bezeichnenderweise „Atomisierung der Gesellschaft" nennt. Denn diese zufälligen und plötzlichen Zusammenhäufungen von Menschen waren nicht, wie die alten Grafschaften und Boroughs lebende, historische Einheiten; daher 1 Gaskell, Artisaiis and Mächinery. London 1838. Das Buch ist Hauptquelle für das bekannte Buch von Engels: „Die Lage der arbeitenden Klassen in England" 1843. — 22 — denn der Einzelne zunächst nirgends isolierter ist, als in der modernen Industriestadt. Auch hier findet sich das Bild der Entwicklung deutlich in der Bevölkerungsstatistik wiedergespiegelt. Von 1801 bis 1841 vermehrt sich die Bevölkerung fast um 50%, während die Städte in noch viel rascherem Verhältnis anwachsen. Nach einer dem Buche von Gaskell entlehnten Statistik vermehrte sich in den Jahren 1801—1881 die Bevölkerung von Liverpool um 188%, die von Manchester um 151%, die von Glasgow um 161%. Die geschichts- und zusammenhanglosen Massen, welche der Industrie ihr Dasein verdankten, traten dem aristokratisch gegliederten England entgegen — gleichsam wie zur Probe auf die Theorie der Zeit, welche aus dem durch die Gesellschaft unverdorbenen Individuum eine Idealgesellschaft aufbauen zu können vermeinte. Aus diesem Gegensatz erklärt sich die politische Entwicklung der folgenden Jahrzehnte, welche England von einem aristokratischen in ein demokratisches Staatswesen umwandelte. Ehe wir aber hierauf eingehen, müssen wir zunächst darauf hinweisen, dafs England den grofsen Umschwung, welchen das Aufkommen des Industrialsystems herbeiführt, von allen europäischen Ländern am ersten durchmachte. Der Grund hiervon lag darin, dafs England bereits, dank der Politik seiner Aristokratie, das erste Handelsland Europas war, daher seine aufkommende Grofsindustrie dem Weltmarkt näher lag, als die aller anderen Länder. In demselben Grade wie Englands Handel, Englands Schiffahrt, Englands Kolonien und Kapitalien denen der übrigen Länder überlegen waren, in demselben Mafse war auch die englische Industrie von vornherein überlegen, wenn es sich um den Erwerb auswärtiger Märkte — 23 — handelte. Besonders rnufs in dieser Hinsicht auf den ungeheuren Aufschwung der Baumwollindustrie hingewiesen werden, welcher jedenfalls mit dem Kolonialbesitz Englands, dessen Rohprodukt die Baumwolle war, zusammenhängt. Diese Industrie war zwar nicht diejenige, in der sich die Auflösung der alten gewerblichen Ordnung am frühesten vollzog, wie man nach dem Vorgänge Gaskells irrtümlicherweise angenommen hat. Vielmehr vollzog sich diese Entwicklung zuerst in den alten heimischen Gewerben, insbesondere der Tuchfabrikation. Aber allmählich wurden diese durch die Baumwollindustrie weit überflügelt. Die Einfuhr von Baumwolle, die Ausfuhr von Baumwollengeweben und damit die Bevölkerung und Bedeutung der Grafschaft Lancashire nehmen gegen Ende des Jahrhunderts in geradezu unerhörter Progression zu. In den Jahren von 1751—1771 hat sieh die Baumwolleneinfuhr verdoppelt, von 1780—1800 dagegen verzehnfacht; die Ausfuhr von Baumwollgeweben hat sich in derselben Zeit sogar verfünfzehnfacht. Seitdem war die Baumwollenindustrie diejenige, in welcher sich die Wirkungen der neuen Wirtschaftsverhältnisse am frühesten und reinsten ausbildeten, deren Arbeiter am meisten unter dem Druck derselben zu leiden hatten, zugleich in allen Arbeiterbewegungen vorangingen und späterhin am frühsten auch der Erfolge, welche die arbeitenden Klassen errangen, teilhaftig wurden. 4 ; III. Der Arbeitgeber der Großindustrie. Welches waren nun die Wirkungen der Umgestaltung des Gewerbebetriebes? Zwei Klassen von Menschen sind mit ihr entstanden: der moderne Arbeitgeber und der moderne Arbeiter. Beide sind im vollsten Sinne des Wortes homines novi, ungewohnt in den Verhältnissen in die sie hineingekommen sind, und in denen sie sich nicht ohne Jahrzehnte schwerer Kämpfe und Leiden einrichten konnten. Die Arbeiter waren zumeist frühere Landleute, Angehörige der niedergehenden Hausindustrie, entlassene Soldaten; die Arbeitgeber gingen, wie Gaskell bestätigt, aus ihnen fast aus- schliefslich hervor. Es waren Arbeiter oder bisherige Hausindustrielle, welche durch Verstand und Energie über ihre Berufsgenossen hervorragten. Diejenigen, welche Kapital von aufsen in die Industrie Inneinbrachten, haben dasselbe fast stets wieder verloren, indem sie der Konkurrenz jener „seif made men" unterlagen. Gaskell erklärt diese Erscheinung in folgender Weise: „Auch wird sich niemand über diese That- sache wundern, wenn man überlegt, mit wem sie zu kämpfen hatten. Sie hatten als Gegner Leute, die mit den Maschinen gründlich vertraut waren und selbst eifrig und sorgsam arbeiteten, während den Kapitalisten seine frühere Erziehung in mancher Beziehung unfähig gemacht hatte für jene Schnei- — 25 — ligkeit des Handelns und der Berechnung, welche wesentlich waren, wenn er mit den täglichen Verbesserungen, die rings um ihn neu ausgeheckt und ausgeführt wurden, Schritt halten wollte." Die erste Generation der Industriellen, in deren Händen das neuerworbene Kapital zusammenströmte, gehörte also den ungebildeten Klassen an. Sie werden uns als roh und brutal geschildert. Kein Angehöriger der alten, guten Gesellschaft hätte sie als „gentlemen" gelten lassen. Jene Mäfsigung, welche dem ererbten Reichtum Familientradition, sociale Rücksichten und moralische Vorstellungen aufzulegen pflegen, war ihnen fremd. Hieraus erklärt sich die Rolle, welche der Fabrikant in den zeitgenössischen Romanen spielt. Er tritt uns in ihnen als ein ungebildeter Mensch entgegen von rüden Gewohnheiten, sinnlich, in seinen Genüssen über dem Arbeiter in nichts erhaben. Er prunkt mit seinem erworbenen Reichtum in geschmackloser Weise, wohl in dem Gefühl, von der guten Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Jede edlere Regung des Gefühls ist ihm fremd. Zunächst handelt es sich für die aufkeimende Grofs- industrie darum, die alte gewerbliche Ordnung zu beseitigen, welche den Arbeiter in mancher Beziehung schützte. Eine vortreffliche Handhabe hierzu bot die Selbstverwaltung, insbesondere das Amt des Friedensrichters, welches in den gewerbtreibenden Gegenden in die Hand der Arbeitgeber gelangte. Eben infolgedessen wurden die alten Gesetze, welche das Arbeitsverhältnis regelten, insbesondere das Lehrlingsgesetz der Königin Elisabeth, lange nicht mehr ausgeführt, bevor sie rechtlich abgeschafft waren. Die Arbeiterbewegungen aus der ersten Zeit des gewerblichen Umschwungs hatten fast immer den ausgesprochenen Zweck, wenn nicht mehr die alten Gesetze wieder in Kraft zu setzen, so den Erlafs neuer Gesetze auf alter Grundlage herbeizuführen. So lange die Agrarier die Macht in den Händen hatten, mufsten die industriellen Arbeitgeber stets besorgt sein, dafs jene, von Eifersucht gegen den wachsenden Reichtum der Industrie getrieben, den Forderungen der arbeitenden Klassen Gehör schenken würden. In der That haben derartige Versuche nicht gefehlt, so z. B. der einer gesetzlichen Lohnregelung. Immer aber scheiterten sie an der Unzulänglichkeit der Verwaltung. So erwies sich das System der englischen Verwaltung für die Arbeiter höchst ungünstig. Der Arbeitgeber, welcher die Ämter der Selbstverwaltung bekleidete, war mit den arbeitenden Klassen nicht mehr durch jene patriarchalischen Bande verknüpft, wie der ehedem herrschende Landsquire. Es war der wirtschaftliche Gegner derer, denen gegenüber er die unparteiische Staatsgewalt vertreten sollte. Über die Willkür und Parteilichkeit der Friedensrichter wird in jener Zeit allseitig geklagt. Der Arbeiter werde grob und brutal ■ behandelt, blofse Armut werfe den Verdacht aller möglichen Verbrechen auf ihn, seine Verteidigung werde nicht gehört, und wenn man ihm nichts beweisen könne, so bleibe immer noch übrig, ihn als „rogue and vagabond" (Schuft und Vagabunden) in die Tretmühle zu schicken — dies waren oft und nicht ohne Grund gehörte Beschwerden. Insbesondere ist es dem Friedensrichter zuzuschreiben, wenn das Lehrlingsgesetz der Elisabeth und das Gesetz vom 29. Juli 1800, welches, abgesehen davon, dafs es Koalitionsverbote erliefs, die Bestimmungen über die Beschäftigung der Arbeiter ausdrücklich aufrecht erhielt, keine Anwendung fanden. In der That war das Amt des Friedensrichters, weil in der Hand der einen Partei befindlich, ungeeignet, zwischen Arbeiter und Arbeitgeber zu vermitteln. Als man später zu — 27 einer Fabrikgesetzgebung und ähnliehen Malsregeln schritt, sah man sich genötigt, ihre Durchführung und die Schlichtung der durch sie hervorgerufenen Streitigkeiten Berufsbeamten anzuvertrauen. Auch die englische Rechtspflege, wenn zwar nicht so direkt in den Händen der Arbeitgeber wie die Verwaltung und die vom Friedensrichter auszuübende Gerichtsbarkeit, wirkte doch in gleichem Sinne. Es ist hervorzuheben, dafs die Rechtsprechung, welcher bei dem Gewicht der Vorentscheidungen in gewisser Weise eine rechtsbildende Kraft zukommt, den Arbeitgeber in der wirksamsten Weise bei der Beseitigung der alten Gewerbeordnung unterstützte. Insbesondere erfuhr das Lehrlingsgesetz der Elisabeth, welches ursprünglich auf das ganze Land und alle Gewerbe berechnet war, eine einschränkende Auslegung. Aber auch dort, wo unbestreitbar dieses Gesetz verletzt wurde, blieb der Arbeitgeber meist unverfolgt. Dem unorganisierten Arbeiter wegen ihrer enormen Kostspieligkeit unzugänglich, diente die Rechtspflege fast ausschliefslich dem Interesse des Arbeitgebers. Er allein war imstande die Gerichte anzurufen, bis auch hier die eintretende Organisation der Arbeiter Abhülfe schuf, welche sie in den Stand setzte, Sachwalter zu dingen und ihre Rechte gerichtlich zu verfechten. Der erste dieser Advokaten war Roberts, welchen die Grubenarbeiter von Northumber- land und Durham anstellten, und dessen Verdienste um die Bekämpfung des Trucksystems und die Verfolgung parteiisch gesinnter Friedensrichter ihrer Zeit in England hoch gefeiert wurden. Hatten die öffentlich rechtlichen Einrichtungen, wie sie aus dem aristokratischen England des vorigen Jahrhunderts überkommen waren, die Arbeiter der neu aufkommenden Industrie den Arbeitgebern wehrlos überliefert, so mufste es — 28 — den letzteren vor allen darauf ankommen, dieses Verhältnis dadurch zu sichern und womöglich auszudehnen, dafs sie auch die politische Macht an sich rissen. Zwar hatten sie bereits im Jahre 1814 die Gesetzgebung zu einem wichtigen Schritt in ihrem Interesse bestimmt, indem sie Aufhebung des alten Lehrlingsgesetzes erreichten. Sie verdankten diesen Erfolg wohl vor allen der Teilnahmlosigkeit der herrschenden Agrarier, welche sich nicht unmittelbar gefährdet sahen. Wurden doch sogar die Debatten über das Gesetz durch wiederholte Auszählung des Hauses unterbrochen. Aber noch waren die industriellen Arbeitgeber nicht soweit im Besitze der Gesetzgebung, um aus ihr ein Werkzeug des Klasseninteresses zu machen und nicht Rückschläge von Seiten der eifersüchtigen Agrarier fürchten zu müssen. So wurden sie, die Besitzenden, die radikale oder die Umsturzpartei. Mit der wachsenden Bedeutung der Industrie und dem Zurücktreten der Landwirtschaft hinter dieselbe werden ihre politischen Forderungen immer nachdrücklicher. Dabei bediente man sich, um die Gegner einzuschüchtern, der städtischen Massen als willkommener Bundesgenossen. Noch waren hier die Mächte ungetrennt, auf die sich sämtliche Bewegungen zurückführen lassen, welche die innere Ruhe Europas in diesem Jahrhundert erschüttern: das radikale Bürgertum und der revolutionäre Arbeiterstand. Dem vereinten Ansturm beider, unter dem aber das erstere, das heilst der Stand der Industriellen, die Führung ausübt, konnten die herrschenden Klassen auf die Dauer nicht widerstehen — um so weniger als ihnen der Rückhalt an einer breiten Masse des bäuerlichen Mittelstandes fehlte. Bildete doch den Hauptbestandteil der ländlichen Bevölkerung bereits der „agricultural la- bourer" d. h. der Tagelöhner. Derselbe aber war keine — 29 — Stütze der bestehenden Ordnung; als er politisch zu denken anfing, folgte er vielmehr den Bewegungen seines städtischen Genossen, sodafs England, nachdem einmal das Wahlrecht auf die Massen ausgedehnt worden ist, nunmehr — ein für den Kontinentalen seltsames Schauspiel — einen gröfseren Radikalismus der ländlichen Wahlen als der städtischen aufzuweisen pflegt. Freilich waren damals diese Elemente von dem politischen Kampfplatz noch völlig fern. Der Streit und die Macht entbrannte vielmehr ausschliefslich zwischen der bisherigen Aristokratie und der neu aufkommenden Grofsindustfie, welche vor allen die gesetzliche Regelung der gewerblichen Verhältnisse in ihre Hand zu bekommen trachtete. Den Höhepunkt dieser Bewegung bildet die von Lord Rüssel 1831 eingebrachte Reformbill. Die französische Julirevolution hatte das Verlangen nach einer demokratischen Umgestaltung der Verfasssung so sehr gesteigert, die Leidenschaft des Volkes so sehr erregt, dafs man von einem gewaltsamen Umsturz wenig entfernt war. Ein privates Eingreifen des Königs hat das schlimmste verhindert, indem es die weltgeschichtliche Abstimmung des Hauses der Lords vom 4. Juni 1832 herbeiführte, womit die bisher herrschende Klasse abdankte. Jedoch wird die Zahl der bei Gelegenheit der Reformbill begangenen Verbrechen von Lord Gray auf 9000 berechnet, gegen welche zum grofsen Teil von den Geschworenen keine Schuldsprüche mehr zu erlangen waren. Thatsächlich hatte hiermit auch England seine politische Revolution durchgemacht. Denn wenn man auch äufserlich an die bestehenden Formen angeknüpft hatte, so war doch der Schwerpunkt des Staats völlig verrückt worden. Indem die städtischen Mittelklassen, insbesondere die gewerblichen Arbeitgeber, die mafsgebenden wurden, welche im gewerb- I | .*• ? i ' BBiHiHiHHHHHHH liehen Leben beschäftigt, nicht mehr die Zeit hatten, im Ehrenamt die Staatsgeschäfte zu verrichten, so rnufste mit der Umgestaltung der Verfassung auch das bisherige System der Verwaltung allmählich undurchführbar werden. Es versagte zuerst in den grofsen Mittelpunkten der Industrie. Hierauf beruht die Bureaukratisierung der englischen Verwaltung d. h. ihr Übergang in die Hände bezahlter Beamten, welche für das England der Gegenwart bezeichnend ist. Sie erscheint als eine Art Ablösung bisher in natura geleisteter Pflichten. An ihre Stelle tritt nun die alleinige Pflicht, die Ausgaben des Staates für den notwendig werdenden Verwaltungsmechanismus durch Steuern zu decken; damit aber war eine Beschränkung des Wahlrechts auf die Dauer nicht mehr aufrecht zu erhalten, wenigstens soweit Steuerzahlung vorlag. Denn während bisher genossenschaftliche Verbände das Wahlrecht ausgeübt hatten und das „house of commons" nicht das Haus der Gemeinen sondern der Gemeinden (com- munitates) gewesen war, so hatte dasselbe nunmehr aufgehört, wie der spätere Graf von Beaconsfield geistreich ausdrückte, „ein Stand" (estate) zu sein. Es wurde mit fortschreitender Auflösung der Selbstverwaltung und der auf ihr beruhenden Zusammenhänge der Wahlkörper zu einem „Volkshause" nach kontinentaler Schablone. Das Wahlrecht hört damit auf, ein Socialrecht zu sein, d. h. aus der Zugehörigkeit zu genossenschaftlichen Verbänden herzufliefsen; es wird zum Individualrecht, welches dem einzelnen an sich zukommt. Aus diesem Grunde ist es der zur Herrschaft gelangten Klasse, welche zunächst die der industriellen Arbeitgeber war, auf die Dauer unmöglich, die von unten herandrängenden Massen vom Staate auszuschliefsen. Die alten gesellschaftlichen Bande sind gesprengt; auch an der Steuerzahlung als Vorbedingung des Wahlrechts festzuhalten, wird man jenem — 31 — Ansturm gegenüber aufgeben müssen. Die Demokratisierung der Verfassung wird fortschreiten und die Entwicklung keinen Halt finden, bis das Wahlrecht zu einer Art voraussetzungslosen Naturrechts geworden ist. — Wie die politischen Bewegungen, welche in der Reform- bill ihren Mittelpunkt finden, so haben auch die gleichzeitigen auf dem Gebiete der Wissenschaft, insbesondere der Nationalökonomie, die Bedeutung, die Herrschaft der Arbeitgeber der neuaufkommenden Grofsindustrie zu begründen und auszudehnen: die sogenannte „klassische Nationalökonomie", deren Blüte in jene Zeit fällt. Nicht dafs der Begründer jener ebensoviel gerühmten, wie viel geschmähten Richtung, Adam Smith, bewufst im Interesse der Arbeitgeber geschrieben hätte. Im Gegenteil, eine ausgesprochene Sympathie mit dem Arbeiter beseelt diesen Schriftsteller. Aber er gehörte einer anderen Zeit an. Wenn er, gleich den französischen Physiokraten, insbesondere Turgot, Aufhebung aller gesetzlichen Beschränkungen des Arbeitsverhältnisses verlangte, so hatte er das monopolistische Recht der Zünfte im Auge und stellte jene Forderung im Interesse der Arbeiter. Wie sehr das letztere bei ihm überwog, zeigt jener später berühmt gewordene, im Streite der Parteien so viel angewandte Ausspruch, dafs die Arbeitgeber sich stets in einer stillschweigenden Verabredung befänden, den Lohn nicht zu erhöhen. Als man ein halbes Jahrhundert nach dem Entstehen dieser Ideen Adam Smith hervorzog, da war der Umschwung bereits erfolgt 1 . Die Freiheit, die den Arbeiter dem kleinen 1 Bezeichnend für diesen Umschwung ist, dafs die Arbeiter in Frankreich jubeln, als Turgot 1776 die Zünfte aufhebt, dafs dagegen die Aufhebung des Elisabethschen Lehrlingsgesetzes 1814 sich unter dem Widerstande der Arbeiter vollzieht. — 32 — Handwerksmeister gegenüber emporheben sollte, mufste ihn dem kapitalkräftigen Grofsindustriellen gegenüber noch tiefer hinabdrücken. Lediglich im Interesse des letzteren wurde Adam Smith ausgebeutet, was sich z. B. daraus ergiebt, dafs man die Aufhebung der Koalitionsverbote, die ebenso wie die des Lehrlingsgesetzes aus ihm zu folgern gewesen wäre, unter- liefs. Dagegen betrachten seine Nachfolger die wirtschaftlichen Verhältnisse von vornherein vom Standpunkt des Arbeitgebers, insbesondere Ricardo. Adam Smith konnte dies noch nicht thun, weil es zu seiner Zeit den modernen Arbeitgeber noch nicht gab 1 . Der Merkantilismus war ebenso individualistisch gewesen, wie die physiokratische Doktrin; beiden ist das Wohlsein des Individuums letztes Ziel des menschlichen Handelns und ihr Unterschied liegt lediglich auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik d. h. den Wegen, die empfohlen werden, jenes Ziel zu erreichen. Entsprechend ihrem individualistischem Grundcharakter, läfst die klassische Nationalökonomie das Individuum allein von egoistischen Antrieben — für sie ist es der „Erwerbstrieb" und der „Geschlechtstrieb" — bewegt werden. Aber ihre Eigentümlichkeit ist, dafs sie in Übereinstimmung mit der Philosophie ihrer Zeit an Stelle der thatsächlich so verschiedenartig ausgestatteten Glieder der Gesellschaft abstrakte, einander gleichartige und gleichausgestattete Individuen setzt. Hieraus leitet sie die Nützlichkeit eines freien Wettbewerbs aller mit allen ab, da ja ein jeder sich am besten auf den eigenen Vorteil verstehe und ihn am eifrigsten verfolge. Mit der Freigebung des Wettbewerbs aller, so behauptete man, werde sich von selbst eine gesellschaftliche Harmonie einstellen. Wenn wir heute noch von 1 Vgl. Brentano, Die klassische Nationalökonomie. Leipzig 1888. — 33 — derselben entfernt seien, so beruhe dies darauf, dafs das Individuum noch nicht genügend entfesselt sei und durch Sitten, Überlieferungen, vor allein aber durch staatliche Einrichtungen an der freien Entfaltung seiner Kräfte gehindert werde. Es ist klar, dafs dies eine Lehre der wirtschaftlich Starken und Fortgeschrittenen ist, welche von der Fiktion des abstrakten Individuums allein den Vorteil zu ziehen vermögen. Daraus abgeleitete Anschauungen, wie z. B. die, dafs der Arbeiter reiner Warenverkäufer sei, und als solcher unter den Gesetzen des Angebots und der Nachfrage stehe, dafs der Lohn sich allein als Quotient der Bevölkerung und des vorhandenen Kapitals bestimme, mufsten alle vorhandenen Bestrebungen der unteren Klassen, ihre Lage zu bessern, als widersinnig erseheinen lassen. Indem man diese und andere Deduktionen aus dem irrtümlichen Princip für Naturgesetze erklärte, schien jeder staatliche Eingriff in wirtschaftliche Verhältnisse verwerflich. Es entstand jene Generation der „wissenschaftlichen Staatsmänner", welche folgerichtigermafsen über die Berechtigung ihres eigenen Daseins hätten zweifelhaft sein müssen. Bis gegen die Mitte des Jahrhunderts wurde insbesondere jede staatliche Regelung des Arbeitsverhältnisses damit bekämpft, dafs die „Arbeit das einzige Eigentum des armen Mannes sei, und dafs eine Einmischung in dieselbe — um ihren Verkauf durch gesetzliche Mafsregeln zu beschränken — ein gefährlicher Eingriff in die Rechte des armen Mannes wäre" 1 . Ebenso erschien auf Grund jener Lehren jede private Bemühung um die Hebung der arbeitenden Klassen nutzlos. Lord Brougham, dessen Reden als Ausdruck der liberalen Durchschnittsmeinungen seiner Zeit anzusehen 1 H. Martineau, Geschichte Englands. Aus dem Englischen. Berlin 1853. Bd. IV S. 118. v. Scliulze-Gaeyernitz, Weg z. soc. Frieden. 3 — 34 — sind, erklärte jede Wohlthätigkeit als einen Eingriff in einen natürlichen Gesundungsprozefs, welcher sich durch Steigerung der Sterblichkeit und dadurch eintretende Lohnerhöhung vollziehe. In gleicher Weise sprach sich die zur Beratung des Armengesetzes von 1834 eingesetzte Kommission dahin aus: „um die Armut abzuschaffen, sei das Wichtigste ein staatliches Verbot des Almosens". Wie überhaupt auf dem Gebiete der Lebenserscheinungen Wirkung und Ursache sich gegenseitig kreuzen, so ist dies auch hinsichtlich der klassischen Nationalökonomie und ihrer weiteren Ausartung, der sogenannten Manchesterlehre der Fall. Einmal erscheint sie als der Niederschlag der wirtschaftlichen Verhältnisse, des Geistes und des Strebens der aufstrebenden Mittelklassen, wie sie sich seit dem sechzehnten Jahrhundert entwickelt hatten. Und dann hat sie nach Entstehung des Grofsbetriebs auf die Weiterentwicklung der socialen und wirtschaftlichen Verhältnisse mächtig zurückgewirkt. Sie hat die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen erweitert, das Emporsteigen der ersteren, das Hinabsinken der letzteren befördert. Der ungeheure Einflufs der Nationalökonomie hatte seinen Grund darin, dafs sie nichts anderes war, als die in Form einer Theorie gebrachte Lebensanschauung der industriellen Mittelklassen und vor allem derjenigen der ersten Generation der Arbeitgeber so völlig entsprach. Für diese gab es in der That kein anderes Ziel des menschlichen Wollens als das der Kapitalanhäufung, nichts existierte für sie in der Welt, was nicht um des Geldes willen dagewesen wäre und Schätzung in Geld zugelassen hätte. Ihr Verhältnis zu dem Arbeiter war wirklich ein rein ökonomisches*, nicht als Menschen sahen sie denselben an, sondern als Mittel der Kapitalerzeugung. Der konkrete Begriff des Arbeiters wurde für sie durch das Abstraktum der Arbeit verdeckt, wie man — 35 — von „Händen", die man beschäftigte, statt von Menschen zu sprechen pflegte. Wie für den einzelnen, so kam auch für die Gesamtheit der Arbeiter in anderer Hinsicht nicht in Betracht, ein Standpunkt, welcher wie gewöhnlich durch Ricardo seinen schärfsten Ausdruck erhalten hat: „Für einen einzelnen", sagt Ricardo im 26. Kapitel des I. Buches seiner Nationalökonomie, „welcher ein Kapital von 20 000 JF besitzt, dessen Gewinnst 2000 jährlich beträgt, würde es höchst gleichgültig sein, ob sein Kapital 100 oder 1000 Menschen jährlich beschäftigt, ob das hervorgebrachte Gut um 10000 oder 20000 verkauft wird, vorausgesetzt, dafs in keinem Falle sein Gewinnst unter 2000JF herabginge. Ist nicht das wirkliche Interesse eines Volkes ein gleiches? Vorausgesetzt, sein reines wirkliches Einkommen, seine Rente und sein Gewinnst, seien dieselben, so ist es von gar keiner Bedeutung, ob das Volk aus 10 oder 12 Millionen von Einwohnern besteht. Seine Fähigkeit, seine Flotten und Heere und alle Arten von nicht hervorbringender Arbeit zu erhalten, mufs im Verhältnis stehen zu seinem reinen und nicht zu seinem rohen Einkommen. Könnten fünf Millionen Menschen so viel Nahrung und Kleidung hervorbringen, als zehn Millionen Menschen bedürfen, so wären Nahrung und Kleidung für fünf Millionen sein reines Einkommen. Würde es für ein Land von irgend einem Nutzen sein, wenn zur Hervorbringung dieses reinen Einkommens sieben Millionen Menschen erforderlich wären, d. h. wenn sieben Millionen Menschen anzuwenden wären, um genug Nahrung und Kleidung für zwölf Millionen Menschen hervorzubringen? Die Nahrung und Kleidung für fünf Millionen Menschen würde noch das reine Einkommen sein. Die Anwendung einer gröfseren Menschenzahl würde uns weder instandsetzen, unsere Heere und Flotten um einen Mann zu vermehren, noch eine Guinee 3* — 36 — mehr an Steuern beizutragen." Bekannt ist Ricardos Theorie des Hungerlohnes, das sogenannte „eiserne Gesetz des Lohnes". Marx und seine Schüler haben solchen Lehren gegenüber später nicht mit Unrecht behauptet, dafs das tote Kapital Beherrscher des lebendigen Menschen geworden sei; die Anhängerschaft, die sie gefunden, aber beweist, dafs das „Mittel zur Kapitalerzeugung" nicht gewillt ist, sich als solches behandeln zu lassen. Anschauungen, wie die von Ricardo vertretenen, waren den englischen Mittelklassen in Fleisch und Blut übergegangen. Diese Nationalökonomie war ihre Lieblingswissenschaft, wie sie es in gewissem Grade noch bis heute geblieben ist; in allen populärwissenschaftlichen Vereinen spielte sie die gröfste Rolle. Hat doch beispielsweise sogar eine Dame, die bekannte Harriet Martineau, vielgelesene Erzählungen „illustrations of political economy" herausgegeben, indem sie die Lehren des Adam Smith, Bentham und Ricardo novellistisch zu popularisieren sucht. In der Verbreitung dieser Lehren erblickte man das beste Mittel zur Lösung der socialen Fragen, wie man noch heute in Deutschland die gedeihliche Entwicklung, welche die englischen Arbeiterverhältnisse späterhin nahmen, damit begründet hört, dafs sich „4000 Schulen, in denen die Anfangsgründe der Nationalökonomie gelehrt würden", in England befänden. (!) Beitragen mochte zur Volkstümlichkeit der Nationalökonomie die Vorliebe der Engländer für die Naturwissenschaft. Hier fanden sie scheinbar dieselbe Exaktheit der aufgestellten Gesetze, welche mit dem Anspruch auftraten, die Naturgesetze der Gesellschaft zu sein. Freilich hatten sie nichts mit solchen gemein; denn während jene durch Induktion entstehen, waren diese auf deduktivem Wege gewonnen aus dem a priori aufgestellten Begriff des abstrakten Individuums, der nirgends durch die Erfahrung bestätigt wurde — ein Verfahren, welches an das der griechischen Naturphilosophen erinnert, die aus der Beschaffenheit der durch ihre Phantasie ersonnenen Atome die Welt erklären wollten. Durch jene Gesetze der Nationalökonomie wurde die Selbstsucht — in den bisherigen Gesellschaftssystemen durch irgendwelche Moralvorstellungen etc. zurückgedrängt, legalisiert, ja für die Grundlage aller menschlichen Beziehungen erklärt. Dem „wissenschaftlich" denkenden Arbeitgeber wurde das Verhältnis zu seinen Arbeitern durch den Begriff des Angebots und der Nachfrage erschöpft — und dies zu einer Zeit, wo die französische Revolution die Lehre, dafs jeder Mensch ein Recht auf die Behandlung als Selbstzweck habe, bereits durch das Fallbeil gepredigt hatte! In gleicher Richtung wirkte auch Malthus, obgleich derselbe weder jener deduktiven Schule angehört, vielmehr historisch verfährt, noch auch individualistische Motive als die einzig in Betracht zu ziehenden anerkennt. Trotz seiner Zuhülferufung sittlicher Beweggründe 1 , nach welchen die geschlechtliche Enthaltsamkeit als sociale Pflicht erscheint, und trotzdem er das Gefühl der Verantwortlichkeit zu erwecken sucht, welche darin gelegen ist, ein menschliches 1 Im Grunde ist jedocli auch, für Malthus das weit wirksamere und vor allem das wohlthätigere Element in der menschlichen Gesellschaft der seinen eigenen Yorteil verfolgende Wille des Individuums. „Wohlwollen als grofse und dauernde Quelle des Handelns würde eine vollkommene Kenntnis der Ursachen und Wirkungen voraussetzen. Es kann daher nur Attribut der Gottheit sein. Bei einem so kurzsichtigen Wesen wie der Mensch würde es zu den gröbsten Irrtümern führen und bald den schönen und gepflegten Boden der menschlichen Gesellschaft in eine traurige Scene des Mangels und der Verwirrung verwandeln." Essay on Population 1872 (7. Auflage) S. 492. — Aber „Wohlwollen" ist nicht das einzige Motiv socialen Handelns. Wesen ins Dasein zu rufen — Gedanken , auf welchen Mill später mit Vorliebe verweilt — trotz alledem hat Malthus fast lediglich dahin gewirkt, die Ricardosehe Lohntheorie zu unterstützen. Er hat die Besitzenden darin bestärkt, alle Pflichten gegenüber den Nichtbesitzenden zu vernachlässigen und ihr Verhältnis zu ihnen als ein rein durch den Zwang der Naturgesetze bestimmtes aufzufassen, in das einzugreifen Thorheit sei. Malthus hatte das Recht eines Menschen auf seine Existenzmittel geleugnet, indem er die Worte des Dichters anführte: „der Arme kommt zu dem festlichen Tisch der Natur und findet ein leeres Gedeck für sich". Die Natur befehle einem solchen Menschen, sich zu entfernen; denn er habe ja vor seiner Geburt die Gesellschaft nicht erst gefragt, ob sie ihn haben wolle. Diese Gedanken wurden von den Besitzenden als Armen- steuerpflichtigen auf das eifrigste ergriffen. Das bis dahin gültige Armengesetz der Königin Elisabeth (1601) ging von dem Grundsatze aus, dafs die Erhaltung der Armen eine öffentlich rechtliche Pflicht sei, welche der Gemeinde obliege. Dieser Gedanke, der des modernen Polizeistaats überhaupt, war im achtzehnten Jahrhunderts weiter entwickelt worden. Es erschien als Pflicht des Staates, den Arbeitern ein Minimum der Lohnhöhe zu garantieren, ein Grundsatz, dem dann freilich auf der anderen Seite die Anschauung entsprach, dafs die Arbeit als öffentlich rechtliche Pflicht dem Arbeiter obliege und als solche von ihm erzwungen werden könne. In dieser Richtung besonders bezeichnend ist der sogenannte „Speenhamland Act of Parliament", d. h. ein Edikt der Magistrate von Berkshire vom Jahre 1795, in welchem sie die den Arbeitern zu gewährende Unterstützung in einem festen Verhältnis zu dem Brotpreise und der Anzahl der Familienglieder sich bewegen liefsen — eine Bestimmung, welche den Meinungen der Zeit praktischen Ausdruck gab 1 . Mochten sich in agrarischen Verhältnissen die Grundbesitzer eines solchen Systems bedient haben, um den gröfseren Teil des Lohnes ihrer Arbeiter von sich auf die Armensteuerpflichtigen abzuwälzen, so wuchs nun mit der Entwicklung der Industrie und dem Aufkommen der ungeheuren Arbeiterinassen die Armenlast derartig, dafs sie den Staat zu ersticken drohte. Im Jahre 1832 war die Armenlast auf 6 Millionen £ gewachsen, in Cholesbury, einer Union in Buckinghamshire, in den Jahren 1801—1832 gar von 10 £ 11 Sh. auf 367 £. Von dieser Seite war es, dafs Malthus begierig ergriffen wurde. Eine Lehre, die jede Armenunterstützung als unsinnig verwarf, mufste sich der Zustimmung derer erfreuen, die unter der Armenlast fast zu Grunde gingen. Jede Unterstützung der Armen, so deduzierte man, sei zweckwidrig, weil sie die „überschüfsige Bevölkerung", deren Vorhandensein den Grund aller Armut bilde, aufrecht erhalte, ja zu ihrer Vermehrung anreize; jede Beschäftigung Beschäftigungsloser sei zu verwerfen, weil für jeden beschäftigten Arbeiter ein anderer beschäftigungslos werde, indem nur eine bestimmte Masse von Arbeitserzeugnissen verbraucht werden könne, — solche Anschauungen waren damals, gestützt auf die Autorität des Malthus, in den besitzenden Mittelständen Englands die herrschenden. Ihr Ausdruck war das Arm enge setz von 18 34, dessen Grundgedanke der ist, von der Armut abzuschrecken; daher Einführung der sogenannten „indoor relief", d. h. alleiniger Unterstützung durch Aufnahme in Arbeitshäuser, welche sich von Gefängnissen wenig unterschieden. Carlyle bezeichnet sie als „Armenbastillen". Mit einem solchen Gesetz glaubte die herrschende Klasse die 1 T. W. Fowle, Pooi' Law, S. 66. London 1881. sociale Frage beseitigt zu haben; es wurde als eine neue magna carta gepriesen und in ihm „a step to no poor law at all" erblickt. Wir sehen, wie die von der Theorie getragene Denkweise, welche damals die Mittelklassen des englischen Volkes beherrschte, die zwischen den oberen und unteren Klassen bisher bestehenden Bande zerschneidet. Dieselben standen sich nunmehr ausschliel'slich als Arbeitgeber und Arbeiter gegenüber. Das Volk zerfiel, wie Disraeli es ausdrückt, in „zwei Nationen", welche sich „so fremd gegenüberstanden, als wären sie in verschiedenen Zonen geboren": die Armen und die Reichen. Zu keiner Zeit und an keinem Orte haben Besitz und Bildung — und zwar bona fide — ihre Pflichten gegenüber den unteren Klassen in gleicherweise abgelehnt, wie die Mittelklassen des englischen Volkes in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts. 11 I II Iii I IB I IV. Der Arbeiter der Großindustrie. Da die Arbeiter ihrer Kraft auf dem Wege der Vereinigung sich noch nicht bewufst geworden waren, so zeigen sich in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts alle die Folgen, welche einzutreten pflegen, wenn ein Teil des Volkes der Willkür des andern wehrlos ausgeliefert ist. In doppelter Beziehung machte sich die Herrschaft, welche der Arbeitgeber über den Arbeiter ausübte, zu Ungunsten des letzteren geltend. Einmal konnte der Arbeitgeber, dessen Wille bei Abschlufs des Arbeitsvertrages allein mafsgebend war, die Bedingungen dieses Vertrages einseitig feststellen. Sodann aber war der Arbeitgeber auch in Beziehungen, die das Arbeitsverhältnis nicht unmittelbar angingen, in der Lage, über die Person des Arbeiters eine fast unumschränkte Herrschaft auszuüben. Beides verbunden hat dahin zusammengewirkt, jene entsetzliche Lage der arbeitenden Klassen herbeizuführen, wie sie aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts berichtet wird. Denn jenes Abstrak- tum „Arbeit", welches der englische Arbeitgeber so billig wie möglich zu kaufen versuchte, war eben nicht eine Ware wie jede andere, sondern mit lebenden und empfindenden Menschen untrennbar verbunden. — 42 — Man mag annehmen, dafs Engels und Lord Ashley, der spätere Graf Shaftesbury \ aus entgegengesetzten Motiven übertrieben haben. Aber unparteiische Berichterstatter, so z. B. der Arzt Gaskell, zeitgenössische Komansehriftsteller wie Dickens, Kingsley, Disraeli, endlich auch die zahlreichen Parlamentskommissionen, die insbesondere auf Anregung des Grafen von Shaftesbury zur Untersuchung der Lage der arbeitenden Klassen eingesetzt wurden, bestätigen selbst die unglaublichsten Einzelheiten, welche die erstgenannten Beobachter mitteilen. Das alles überblickend, kommt man zu dem Urteil, dafs ein solcher Druck, wie er in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts auf dem englischen Arbeiterstande lastete, zu keiner Zeit von den unteren Klassen eines Volkes, selbst nicht von einer Sklavenbevölkerung, erduldet worden ist. Zuerst und am unmittelbarsten zeigte sich die Herrschaft, welche der Arbeitgeber damals bei der Feststellung des Arbeitsvertrages ausübte, in der Normierung des Lohnes. So lange der Arbeiter unorganisiert, auch zu ungebildet und zu arm war, um einen besseren Markt für seine Arbeit aufzusuchen, regelte thatsächlich Nachfrage und Angebot die Höhe des Lohnes nur in geringem Grade. Jede rückgängige Konjunktur nämlich konnte der Arbeitgeber ausnutzen zur Herabsetzung des Lohnes. Da der Arbeiter seine Arbeit verkaufen mufste, um nicht zu verhungern, und daher unfähig war, gleich anderen Waren Verkäufern, das Angebot zu mindern, so sank in solchen Fällen der Lohn auf das zur Lebenshaltung unentbehrliche Minimum; ja er konnte selbst weiter hinab sinken, wenn die Nachfrage dauernd abnahm. Not und Elend 1 Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England, Leipzig 1848. Life and work of the seventk Earl of Shaftesbury. Cassell and Company, 1888. Speeches of the Earl of Shaftesbury. Chapman and Hall, 1868. — 43 — decimierten alsdann die Bevölkerung. Zugleich entstand jene Masse Beschäftigungsloser, die „Reservearmee der Industrie", welche der Armenpflege zur Last fiel. Diese Masse wurde in England während der Zeit, von welcher wir sprechen, durch Zuflüsse von aufsen vermehrt. Einmal gab es neben dem industriellen ja zugleich noch ein schärferes landwirtschaftliches Elend. Der Niedergang der Landwirtschaft, die zur Produktionsweise des Grofsbetriebs übergegangen war, die endgültige Beseitigung des kleinen Eigentümers, ferner aber auch die fortwährend zurückgehende Hausindustrie, vor allem die Handweberei, führte eine unzählige Menge Arbeitsloser vom platten Lande in die Städte und drückte auf die Lage der dort bereits vorhandenen Arbeiter. In noch viel höherem Grade wirkte hierzu die massenhafte Einwanderung aus Irland. Dieses Land, nicht ohne die Schuld Englands zurückgeblieben, sendete weit seine Söhne über den Kanal, um dem englischen Arbeiter den eigenen Kulturgrad aufzuzwingen. Wunderbare Beschreibungen werden uns von der Verkommenheit jenes irischen Arbeiters gemacht, den jedes Dampfschiff in dicht gedrängten Scharen nach England hinüber bringe. Branntwein und Kartoffeln, dazu geschlechtliche Ausschweifung seien die einzigen Genüsse, die er kenne; ein Stall sei seine Wohnung, in dem seine Schweine und Kinder zusammen aufwüchsen; jedes weitere Bedürfnis sei ihm fremd; er habe, so sagte man, was das Minimum der Lebensbedürfnisse sei, herausgefunden und dem englischen Arbeiter beigebracht. Ein Viertel oder ein Fünftel der Arbeiter seien fast in jeder Stadt solche Irländer gewesen, berichtet Engels, indem er hinzufügt, dafs diese Zumischung das Blut und damit den Charakter des englischen Arbeiters verändert habe — eine Behauptung, gegen welche sich starke Zweifel nicht unterdrücken lassen. Jeden- • _ 44 — falls aber sorgte die irische Einwanderung dafür, dafs die Menge der Beschäftigungslosen auch bei steigender Nachfrage nie gänzlich verschwand — eine Thatsache, welche für den englischen Arbeiter die Ausnutzung günstiger Konjunkturen fast zur Unmöglichkeit machte. In ähnlicher Richtung wirkte die unausgesetzte Vervollkommnung der bereits gebrauchten und die Erfindung neuer Maschinen, welche oft mit einem Schlage Tausende bisher beschäftigter Arbeiter der Armenpflege zuführte. Wuchs aber in irgend einem Zweige der Industrie, insbesondere der sogenannten gelernten Industrie, die Nachfrage nach Arbeit, so veranlafste jede etwa eintretende Lohnerhöhung den Abschlufs zahlreicher Ehen; denn der Arbeiter, isoliert wie er damals noch war, konnte noch nicht erkennen, was sein individuelles Wohl, geschweige denn das seiner Klasse erheischte. Er lebte von der Hand in den Mund; die Zukunft, für welche er erst später durch ein grofses System der Ge- nossenschaftung sorgen lernte, war ihm noch gleichgültig, und für den Augenblick schien der Eheabschlufs seine wirtschaftliche Lage eher zu verbessern als zu verschlechtern. So kann man in der That sagen, dafs die niederste Grenze, unter die der Lohn nicht sinken konnte, durch Tod und Elend, die höchste dagegen durch den Leichtsinn der Arbeiter im Heiraten bestimmt wurde. Die ungeheure Fruchtbarkeit der arbeitenden Klassen, welche wir gerade in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts wahrnehmen, — zusammenhängend auch mit höchst ungeregelten geschlechtlichen Verhältnissen — sorgte an sich schon dafür, dafs der Lohn selten und wenig über das Minimum der Lebenshaltung hinaufging, häufig unter dasselbe hinabfiel, und was das schlimmste war, dieses selbst, bei seiner relativen Natur, tief herabdrückte. Notwendige Folge dieser Verhältnisse war der Pauperismus, — 45 — d. h. die einer Klasse der Gesellschaft als solcher eigentümliche, daher als Massenerscheinung auftretende Armut. In gleicher Richtung wie die Herabdrückung des Lohnes wirkten eine ganze Reihe anderweitiger Bestimmungen, welche die Arbeitgeber einseitig in den Arbeitsvertrag zu bringen die Macht hatten. Hierzu gehörte in erster Linie die Festsetzung der Arbeitszeit. Ein Arbeitstag von 20 Stunden gehörte nicht zu den Seltenheiten, auch Nachtarbeit war in grofsem Umfange üblich. Verbreitet ferner war das Truck- und das Cottagesystein. Durch beide, welche häufig unter dem Schein der Fürsorge für den Arbeiter auftraten, wurde dieser völlig dem Arbeitgeber unterworfen. Das erstere wurde seit dem gesetzlichen Verbot von 1831 nur mehr verschleiert ausgeübt, das letztere dagegen blieb erlaubt und erwies sich in der Hand der Arbeitgeber als eine besonders starke Waffe. Um dem Arbeiter bei Arbeitsausständen und ähnlichem seinen Willen aufzuzwingen, genügte die Möglichkeit, ihn aus der Wohnung zu vertreiben, oft noch mit der Aussicht auf Zurückhaltung der Fahrnis, da ja der Arbeiter meist dem Arbeitgeber verschuldet war. In der einseitigen Bestimmung des Arbeitsvertrages aber war die Macht des Arbeitgebers noch nicht erschöpft. Er übte mittelbar einen weitgehenden Einflufs über Leib, Gesundheit und wirtschaftliche Verhältnisse des Arbeiters überhaupt. Sein einseitiges Interesse bestimmte z. B. die Natur der Arbeitsräume und die weiteren Bedingungen, unter denen die Arbeit zu leisten war. Besonders in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts waren die Arbeitsräume aufser- ordentlich schlecht, die Maschinen klein und fast ohne jede Schutzvorrichtung; da jede Verantwortlichkeit des Arbeitgebers fehlte, waren Unfälle jeder Art an der Tagesordnung. — 46 Am schlimmsten aber erwies sich, dafs der Arbeitgeber dem unorganisierten Arbeiter gegenüber in der Lage war, die Arbeit der Männer, soweit sein Interesse ging, durch Arbeit der Kinder und Frauen zu ersetzen. Die Schattenseiten eines solchen Systems wurden dadurch vermehrt, dafs der englische Arbeitgeber jener Zeit selbst den ungebildeten Klassen angehörte und von moralischen Einflüssen, ja, da er der „guten Gesellschaft" nicht angehörte, selbst von Anstandsrücksichteu unbeeinflufst war. Wahrhaft erschreckliche Verhältnisse enthüllten die Kommissionsuntersuchungen auf Anlafs der vom Lord Ashley beantragten Zehnstundenbill. Da ist von Kindern die Rede, die so jung sind, dafs sie zur Fabrik getragen werden, solchen die durch Schläge die Nacht über bei der Arbeit wach gehalten werden, die nach der Arbeit so erschöpft sind, dafs ihnen das Essen in den Mund gesteckt werden mufs, Kindern, die von der Armenverwaltung aus den Findlingshäusern an die Fabriken verkauft werden etc. — Dinge, welche oft genug erzählt worden sind, weshalb wir nur hervorheben wollen, dafs sie nicht bei socialdemokratischen und andern Tendenzschriftstellern, sondern in officiellen und unparteiischen Berichten sich finden. Ähnliches galt von der Frauenarbeit, welche die Arbeit der Männer verdrängte. Nach der vom Lord Ashley am 15. März 1844 im Unterhause gegebenen Statistik waren 1839 von 419 560 Fabrikarbeitern Englands: unter 18 Jahren 192887 weiblichen Geschlechts 242 296 und von diesen unter 18 Jahren 112192. Es blieben sonach männliche Arbeiter: über 18 Jahren 96569 unter 18 Jahren 80 695. — 47 — Die Zahl der erwachsenen männlichen Arbeiter beträgt danach 23 Prozent, also kein volles Viertel. Wenn nun in Beziehung auf diese letzteren die Arbeitgeber ihre Macht nicht selten zu politischen Zwecken ausnutzten, indem sie dieselben als Hülfstruppen für ihre Wünsche ins Feld führten, so pflegten sie — gleich ihren Arbeitern aufser Essen und Trinken keine andern als geschlechtliche Genüsse kennend — ihre Herrschaft über die Person der bei ihnen arbeitenden Frauen und Mädchen in anderer Weise sich zu Nutze zu machen. Gaskell erzählt unter Berufung auf den Parlamentsbericht, dafs nicht selten die Fabrik zugleich der Harem des Fabrikanten gewesen sei, und die Söhne der ersten Generation der englischen Fabrikanten grofsenteils an Ausschweifungen zu Grunde gegangen seien. Die Wirkungen dieser Verhältnisse waren derart, dafs eine völlige Entartung der Nation, eine körperliche wie sittliche, zu erwarten schien. In der That, je mehr die industriellen Arbeiter die breite Basis der Gesellschaft wurden, um so mehr stand damals die Zukunft des englischen Volkes auf dem Spiele. Nach Gaskell, welcher als Arzt besonders zu einem Urteil berufen und dessen Unparteilichkeit völlig unverdächtig erscheint, ist durch das Fabriksystem, wie es in den ersten Jahrzehnten nach seiner Einführung wirkte, der physische Stand der Nation auf das tiefste herabgedrückt worden. Daraus, dafs die allgemeine Lebensdauer keinen geringeren Durchschnitt zeige, sei nicht, meint Gaskell, das Gegenteil zu schliefsen; an die Stelle der akuten Krankheiten, welche plötzlich dahinraffen, seien die chronischen getreten, welche, ohne auf jene Durchschnittszahl besonders zu drücken, bei der Frage, ob ein Volk körperlich gesund sei oder nicht, die entscheidenden wären. Er verweist hierbei darauf, dafs ein Naturvolk eine niedere durchschnittliche Lebensdauer als — 48 — ein Kulturvolk ausweisen könne, welches es doch an physischer Kraft weit übertreffe. Jene Beschwerden, die sonst den sogenannten „sitzenden Lebensweisen" eigentümlich wären, insbesondere Verdauungsstörungen, sodann die Schwindsucht und der Typhus seien beim englischen Arbeiter relativ häufiger als bei den andern Klassen. Gewisse Verkrüppelungen des Knochengerüstes, welche früher unbekannt waren, seien geradezu erst durch die Maschinenarbeit hervorgerufen worden, und zwar seien bestimmten Maschinen bestimmte Mifsbil- dungen eigentümlich. Von allen Seiten wird dieses Urteil Gaskells bestätigt. Die Rekrutierungsbehörden stimmten dahin überein, dafs fast alle Angehörigen der gewerbtreibenden Gegenden für sie unbrauchbar seien. In Lancashire, dem Sitze der Baumwollenindustrie, sei das vorgeschriebene Mals fast nie mehr erreicht worden. Ausländische Beobachter, die damals England besuchen, äufsern sich erstaunt, dafs die stämmige Gestalt des „John Bull mit dem breiten Untergestell und dem runden, behäbigen Gesicht", unter dessen Bilde man auf dem Festlande den Engländer vorzustellen gewohnt war, kaum mehr zu finden sei. An seine Stelle trete ein bleicher hohlwangiger Gesell mit schmaler Brust, faltiger Stirn und schwankendem Gange. Auch die zeitgenössischen Romane sind voll von Schilderungen des körperlichen Elends, wie es weite Kreise des Volkes ergriffen habe. Kingsley behauptet, man könne deutlich den Unterschied wahrnehmen zwischen jener älteren Generation, die ihre Jugend noch auf dem Lande und in gesunderer Arbeit verbracht habe, und der jüngeren, welche Inzucht der Industrie sei. Betrachten wir den Lebensgang, wie er nach zeitgenössischen Schilderungen für ein solches in der damaligen Industrie geborenes Kind, z. B. in der Baumwollenindustrie — 49 — Lancashires, der gewöhnliche war. Schon seine Geburt war mit besonderen Fährlichkeiten verknüpft. Es galt als eine Thatsache, dafs die Arbeiterfrau schwerer als andere Frauen gebäre. Der Grund lag darin, dafs sie gewöhnlich fast bis zur Stunde der Entbindung arbeitete, und zwar meist stehend arbeitete, wodurch ein dauernder und höchst schädlicher Druck auf das tragende Becken ausgeübt werde. In Manchester wurde früh eine grofsartige Entbindungsanstalt gegründet, durch welche — ein Zeichen, wie schlecht bisher die Verhältnisse waren — nach Gaskell bald mehr als die Hälfte aller Wöchnerinnen der Stadt entbunden wurde. Ohne Pflege wuchs der neugeborene Mensch auf, von frühester Jugend an fremder Fürsorge übergeben; denn die Mutter ging, sobald die Entbindung überstanden, oft schon acht Tage nachher, wieder zur Fabrik. Sobald das Kind gehen gelernt, wurde es sich selbst überlassen. In den engen Höfen, auf den feuchten und schmutzigen Strafsen der Industriestädte, deren Arbeiterviertel fast durchweg damals unkanalisiert waren, wuchs es auf. Von der freien Natur lernte es oft nichts als den Himmel über sich kennen, und auch diesen sah es nur selten unverfinstert durch eine von Bauch oder Nebel erfüllte Atmosphäre. War es den Gefahren entronnen, denen ein Kind in den Strafsen der Grofsstadt ausgesetzt ist, den ansteckenden Krankheiten entgangen, welche in jenen Vierteln zu hausen pflegten, so ging es gewöhnlich vom neunten Jahre an in die Fabrik. In gewisser Beziehung mochte es hier besser aufgehoben sein, als bisher. „Menschenfreundliche" Fabrikanten bekämpften die Zehnstundenbill, welche für jugendliche Arbeiter eine gesetzliche Arbeitszeit einführen sollte, damit, dafs es grausam erscheine, das Kind aus dem warmen Fabriksaal in die Kälte und Öde des elterlichen Heims hinauszustofsen. Dafs unter solchen Zuständen v. Schul.ze-Gaevernitz, Weg z. soe. Frieden. 4 selbst von Erziehung nicht die Rede sein konnte, ist einleuchtend. Der Staat kümmerte sich um Volksbildung überhaupt nicht; in dem kolossalen Budget von 54000000 jg (1843) waren nur 40 000 j£ für öffentlichen Unterricht ausgesetzt und diese kamen den arbeitenden Klassen nicht zu gute. Die einzigen Bildungsmittel, welche dem heranwachsenden Arbeiter geboten wurden, gingen von religiösen Gesellschaften sowie der Staatskirche aus. Beide aber betrachteten den Volksunterricht lediglich als Mittel, sich gegenseitig zu bekämpfen, weshalb damals die Staatskirche nur dort eine gewisse, wenn auch im Vergleich mit heute höchst äufserliche Thätigkeit entfaltete, wo ihr Sekten gegenüber standen. Hatte also der junge Mensch Glück, so fiel er im besten Fall in die Hand eines solchen Seelen fischenden Schwarzrockes. Unverstandene Dogmen vielleicht mochten ihm eingepfropft werden; ob er schreiben lernte, war eine andere Frage. Denn in der Abendschule war er nach anstrengender Tagesarbeit unfähig zu weiterer Aufmerksamkeit; in der Sonntagsschule aber wurde schreiben „als eine zu weltliche Beschäftigung" vernachlässigt. Jeder Einflufs der Familie — sonst für die Erziehung das wichtigste — fiel bei ihm hinweg. Eines „Heinis" in dem Sinne, den Deutsche und Engländer mit dem Worte verbinden, erfreute er sich nicht; denn Mutter und Vater gingen gleichfalls, wenigstens so lange sie Arbeit fanden, zur Fabrik. Die Wohnung war nichts als die Schlafstätte, über deren Unreinlichkeit und Dürftigkeit alle Berichterstatter übereinstimmen. Oft noch wurde sie mit dem Vieh, Hühnern und Schweinen — eine aus Irland herübergekommene Sitte — geteilt. Wuchs der junge Mensch heran, so war seine einzige Freude Schenkenleben und Branntwein. Trunksucht war damals ein ebenso verbreitetes Laster, wie sie heute unter dem besseren eng- 51 — lischcn Arbeiterstande selten geworden ist. Andere Unterhaltungen für den Abend, Gelegenheiten, sich in angenehmer Weise zu belehren und geistig zu fördern, fehlten dem Arbeiter damals gänzlich. Zudem war gerade unter jener degenerierten Bevölkerung geschlechtliche Frühreife eine allgemeine Erscheinung — die besonders bei den Frauen auffallend war. Mütter von 15 Jahren gehörten nicht zu den Seltenheiten. Die allgemeine übliche Nachtarbeit beförderte den ungeregelten Verkehr der Geschlechter, der die Zahl der unehelichen Geburten ungeheuer steigerte und von einem Zustande „freier Liebe" kaum noch entfernt war. In jenem Lebensalter, das zu Ausschweifungen neigt, erhielt zudem der Arbeiter die besten Löhne seines Lebens — ein weiterer An- lafs zur Üppigkeit und Zügellosigkeit, Eigenschaften, deren alle Berichterstatter als eigentümliches Laster des englischen Arbeiters erwähnen. Wenn er dann älter wurde und womöglich eine Familie gegründet hatte, wurden die Löhne bald schmäler. Zu sparen hatte er nicht gelernt. Es fehlte noch für weitere Kreise die von Baernreither in seinem ersten Bande 1 in ihrem Entstehen geschilderte Organisation der Versicherungsanstalten, welche am besten dem Arbeiter das Sparen ermöglichen. Zudem hätte er bei dem weit verbreiteten Pauperismus doch nur zu Gunsten der Armenkasse gespart, welcher er bei jeder Arbeitslosigkeit und früher oder später dauernd zur Last fiel. In dem Familienleben zeigte sich eine eigentümliche Verkehrung der gewöhnlichen Verhältnisse. Die Eltern pflegten bald von den Kindern, der Mann von der Frau abhängig zu werden; denn die letzteren waren es, die verdienten. Oft 1 Baernreither, Die englischen Arbeiterverbände und ihr Recht. Tübingen 1886. 4* wurden die Kinder des Regiertwerdens überdrüssig; mit einem: „Daran you, we have you to keep" verliefsen sie die Eltern und machten sich oft mit vierzehn und fünfzehn Jahren unabhängig. Den Mädchen blieben natürlich die gewöhnlichsten Pflichten des häuslichen Lebens fremd. Haushaltführung, Zubereitung der Nahrung u. s. w. — Dinge, ohne die selbst ein reichlicher Lohn der Arbeiterfamilie wenig nützt — hatten sie nie gelernt; auch wenn sie sich verheirateten, hätten sie kaum Gelegenheit gehabt, dieselben anzuwenden. Denn wie die oben angegebene Statistik zeigt, war Frauenarbeit die verbreitetere, und so kam es oft dahin, dafs der Mann zu Hause safs, kochte und Strümpfe flickte, während die Frau draufsen den Unterhalt der Familie verdiente. Es hätten damals, sagt Lord Ashley 1 , die Frauen häufig des Abends das Wirtshaus besucht, um dort, wie sonst die Männer, ihre —Klubs zu halten, öffentliche Fragen zu diskutieren etc., während die Männer daheim die Kinder hüteten. In dieser und ähnlicher Weise rann das Leben der Meisten einförmig und freudlos dahin, zeitweilig durch Arbeitslosigkeit und damit eintretenden völligen Mangel unterbrochen. Keine höheren Anregungen drangen in jenen Jahren in die arbeitenden Kreise. Noch war die Kirche nicht zu neuem Leben erwacht und aufser ihr besafs die regierende Klasse überhaupt keine Fühlung mit der Masse. Alle Beobachter sind darin einig, dafs Vaterlandsgefühl in der Arbeiterbevölkerung damals völlig vermifst wurde. Das Gesetz war ihr lediglich die Fessel, die sie in ihrer Lage gewaltsam zurückhielt, oder wie Engels es ausdrückt, was die Peitsche 1 Rede des Lord Ashley im Unterkause vom 15. März 1844. Vergl Letters and speeches of the Earl of Skaftesbury S. 145. — 53 — für das unvernünftige Tier, der „einzige Lehrmeister zur Sittlichkeit" L Nach vierzig Jahren eines solchen Lebens waren die Arbeiter „alte Leute"; wegen „hohen Alters" werden sie dann gewöhnlich aus den Fabriken entlassen (vergl. den Lord Ashley in der citierten Rede vom 15. März 1844). Der Rest der Jahre, die ihnen blieben, brachten sie zumeist in der gezwungenen Unthätigkeit des Armenhauses zu. Hier safs, wie Carlyle sich ausdrückt, ein beträchtlicher Bruchteil der englischen Nation gleich verzauberten, arbeitsfähig inmitten der blühenden, zur Arbeit einladenden Welt, von welcher sie ein geheimer Bann in Thatlosigkeit zurückhielt. Wenn wir im vorhergehenden den Lebensgang', wie er einem gewöhnlichen Industriearbeiter eigen zu sein pflegte, verfolgt haben, so sollte damit nicht gesagt werden, dafs wir hier die ärgsten Schattenseiten der socialen Zustände dargestellt hätten. Die Verhältnisse der gewerblichen Arbeiter waren zugänglicher und lagen der öffentlichen Aufmerksamkeit näher. Aber man hat Grund genug, den Behauptungen der die Fabrikgesetzgebung bekämpfenden Industriellen beizutreten, dafs die um die Fabrikarbeiter besorgten Lords vor ihrer eignen Thüre zu kehren hätten und dafs die Verhältnisse der ländlichen Arbeiter bei weitem die schlechteren seien. Unrichtig ist es nur, die Bestrebungen des Lord Ashley aus diesem Gesichtspunkte zu verdächtigen, da dieser gerade um seiner Äufserungen zu Gunsten der ländlichen Arbeiter, wie sein jüngst erschienenes Leben beweist, sich den Zorn seines Vaters zuzog und geldlich in eine bedrängte Lage geriet. Ferner war auch die Lage der 1 Engels, Lage der arbeitenden Klassen S. 145. in den Bergwerken beschäftigten Bevölkerung durchschnittlich entschieden schlechter als die der eigentlichen Fabrikarbeiter. Bei Gelegenheit der Ausdehnung des Zehnstundengesetzes brachten die eingesetzten Kommissionen entsetzliche Zustände, insbesondere hinsichtlich der Frauen- und Kinderarbeit in den Bergwerken, zu Tage. V. Der Klassenkampf. Solche Verhältnisse mufsten Hals und Erbitterung gegen die herrschenden Klassen unter den Arbeitern erzeugen. In der That sind bereits die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts durch eine Reihe von Aufständen und Arbeiterunruhen bezeichnet, obwohl damals eine planmäfsige Arbeiterbewegung noch nicht existierte. Aber auch abgesehen hieiwon bedeutete bereits die ungeheure Zunahme der Verbrechen, insbesondere derjenigen gegen das Eigentum, welche fast ausschliefslich auf Rechnung der Industriebezirke kam, nicht viel weniger als eine Empörung der arbeitenden Klassen gegen die bestehende Ordnung. In den dreifsig Jahren von 1805—1835 hat sich die Zahl der Kriminalverhaftungen in England und Wales etwa verfünffacht, in Lancashire dagegen hat sich die Zahl der Verbrechen damals alle öVs Jahre verdoppelt, während sich die Bevölkerung daselbst nur in etwa dreifsig Jahren verdoppelte. Schon 1812 hatten Aufstände der Fabrikarbeiter, 1816 solche der ländlichen Bevölkerung der östlichen Grafschaften stattgefunden „Empörungen des Magens", welche mit dem Steigen der Getreidepreise zusammenhingen. Mit Fahnen, auf denen „Blut und Brot" zu lesen war, hatten jene Haufen, plündernd und zerstörend, das Land durchzogen, bis die Be- — 56 — wegungen, planlos wie sie waren, durch militärisches Einschreiten niedergeschlagen, aber nicht in ihren Ursachen beseitigt wurden. Immer wieder hören wir von ähnlichen Ausbrüchen. Insbesondere richtete sich in solchen Fällen der Unwillen der Arbeiter gegen die Maschinen, deren Zerstörung durch ein Gesetz von 1812 mit der Todestrafe bedroht wurde 1 , ähnlich, wie schon 1727 ein Gesetz das Zerschlagen der Strumpfwirkerrahmen in gleicher Weise bestraft hatte. Schien doch in den Maschinen das neue Regime, die „Herrschaft des Königs Dampf", der die armen Leute in solches Elend gebracht habe, verkörpert. Gröfsere Aufstände erfolgten 1825 und 1826. Im Mai 1826 traten die Arbeiter in Bradford zusammen, um die „gegenwärtige, beispiellose Notlage und den Hungerzustand der Fabrikarbeiter" in Betracht zu ziehen. Ähnliche Zusammenrottungen fanden damals in ganz Lan- cashire statt. Arbeitseinstellungen und Maschinenzerstörungen waren die Folge, bis auch hier das Militär Ruhe stiftete. Die Fabrikanten sollen damals ihre Fabriken vielfach mit Geschützen armiert haben. Noch aber existierte eine eigentliche Arbeiterpartei nicht. Politisch gingen die Arbeiter damals noch mit dem radikalen und liberalen Bürgertum, welchen sie die Reformbill durchsetzen halfen. In der That war es die Furcht vor gröfseren Aufständen gewesen, welche die Lords zur Annahme der Reformbill veranlafste. Nun aber lebte man unter „einem reformierten Ministerium" — was hatte man nicht alles dem Arbeiter davon versprochen, das goldene Zeitalter sollte es heraufführen — und die erste Gabe, welche es den unteren Klassen brachte, war das Armengesetz von 1834. Wir haben 1 H. Martineau, Gesch. Englands, deutsch von Bergius. Berlin 1853. Bd. I. S. 48. — 57 — gesehen, dafs dieses Gesetz eine bedeutende Verminderung der Armenausgaben, d. h. zunächst eine Herabsetzung der den unteren Klassen vonseiten der Besitzenden herfliefsenden Einnahmen bedeutete. Dieses Gesetz bildete anerkannter- mai'sen den Anlafs zur Trennung der bisher Verbündeten. Die Arbeiter begannen einzusehen, dafs ihre Interessen und die der radikalen Mittelklassen weit verschieden, ja eigentlich als die der Arbeitgeber und der Arbeiter innerhalb der Gesellschaft die entgegengesetztesten seien. Die liberale Partei erscheint nun als die der „bloody whigs", die dem Volke Steine statt Brot reiche und die Interessen der „goldstrotzenden Millords", aber nicht die der Arbeiter vertrete. Schon Taine, der Anatom der französischen Revolution, unterscheidet zwar bereits zwei Bewegungen: diejenige, welche unter der Trikolore, und die , welche unter der roten Mütze gefochten habe, und führt die letztere, die höhere, wenn auch weniger umfassende Woge, bereits auf die „haine de la propriöte" des besitzlosen Proletariats der Hauptstadt zurück. Eine eigentliche Arbeiterpartei aber, welche alle die oberen Klassen bewegenden Fragen und Gegensätze lediglich als Interessenkämpfe derselben auffafst, zu denen sie sich neutral zu verhalten habe, und die den Umsturz der gesamten Gesellschaftsordnung anstrebt — eine solche sociairevolutionäre Arbeiterpartei tritt zuerst in den dreifsiger Jahren in England auf. Es ist die Partei der Chartisten; die von ihnen eingeleitete Bewegung, Chartismus genannt, zeigt bereits alle Züge der später auf dem Festlande auftretenden socialrevolutionären Arbeiterbewegungen. Sie ist ein zu wichtiges Glied in der Entwicklung, welche die englische Arbeiterfrage durchmacht, dafs sie hier nicht unberührt bleiben darf. Die 1876 erschienene — 58 — Autobiographie des William Lovett 1 hat manchen neuen Auf- schlufs über die inneren Vorgänge in der Chartistenbewegung gegeben. Sie ist um so wertvoller, als sie von einem Führer, und zwar dem tüchtigsten unter den Chartisten, herrührt. Zudem hat die Reihe von Jahren, welche zwischen der Be- / wegung und der Abfassung des Buches liegt, auch beim Verfasser die Gegensätze soweit gemildert, dafs sein Bericht durchaus den Eindruck der Wahrheitsliebe macht. Im Jahre 1838 wurde in London die „Arbeitergesellschaft" (working rnen's association) gegründet. Ihr ausgesprochener Zweck war Agitation für eine Verallgemeinerung des Stimmrechts; jedoch zeigte sich ihr eigentlicher Charakter schon darin, dafs sie nur Arbeiter aufnahm. In der That hatte sie ein weiteres Ziel als ein rein politisches. „Genossen" ! heifst es in der Adi*esse, welche sie an die englischen Arbeiter alsbald nach ihrem Entstehen richtete, „wenn wir für eine Gleichheit der politischen Rechte kämpfen, so geschieht das nicht, um eine ungerechte Steuer abzuschütteln oder eine Übertragung von Reichtum, Macht und Einflufs zu Gunsten irgend einer Partei herbeizuführen. Wir thun es, um imstande zu sein, die Quelle unseres socialen Elends zu stopfen, um durch erfolgreiche Mittel vorzubauen, statt durch ungerechte Gesetze zu strafen. Wir werden auf Hindernisse und Enttäuschungen stofsen; aber unsere vereinigten Anstrengungen, unsere Ausdauer wird und mufs siegen. — Könnte Korruption auf dem Richterstuhl sitzen, leeres Wichtigthun im Parlament, geldzusammen- scharrende Heuchelei auf der Kanzel, könnte Ausschweifung, 1 Life and struggles of William Lovett. London 1876. S. 95 u 98. Yergl. über die Bewegung: Brentano, die englische Chartistenbewegung, Preufs. Jahrbücher, Bd. XXXIII. Ferner Gammage, History of tlie Chartist movement, London 1851. - 59 — Fanatismus, Armut und Verbrechen durch das Land schreiten, wenn die Millionen zur Kenntnis ihres Rechts erzogen werden? Nein, nein, Freunde! Darum die Anstrengungen der wenigen Privilegierten, das Volk unwissend und zerspalten zu halten." Ähnlich wie bei den spätei*en Arbeiterbewegungen des Festlandes wird also auch hier ein politisches Programm aufgestellt, um die Staatsgewalt in die eigene Hand zu bekommen und alsdann die Gesellschaft nach der Weise des vorgestellten socialen Ideals einzurichten. Was die „Arbeitergesellschaft" im Grunde erstrebte, zeigt auch folgender Passus einer alsbald nach ihrem Entstehen an die belgischen Arbeiter abgesandten Adresse: „Sie haben ihre Institutionen geschaffen", heilst es da von den oberen Klassen, „um uns zu fesseln und in Unterwerfung zu schmieden. Ihre Gesetze werden gemacht, um ihre Macht zu verewigen, ausgeführt, um Furcht und Unterwerfung vor gemachter Gröfse, erblicher Dummheit, ungerecht erworbenem Reichtum hervorzurufen. Glücklich für die Menschheit: die Schleufsen, welche die Tyrannen der Welt gegen den Strom der Kenntnis aufgebaut haben, sind jetzt niedergebrochen. Wir haben den erfrischenden Strom geschmeckt. Der Nebel der Unwissenheit und Täuschung ist verzogen. Wir erkennen die Ungerechtigkeit, die man gegen uns ausübt, fühlen die Sklaverei, von welcher wir noch nicht die Kraft haben, uns zu befreien. Unsere Befreiung jedoch hängt nur von der Ausdehnung dieser Kenntnis unter den arbeitenden Klassen aller Länder ab, indem sie uns unsere thatsächliche Stellung in der Gesellschaft erkennen und uns fühlen läfst, dafs wir, die Hervorbringer des Reichtums auch den ersten Anspruch auf seinen Genufs haben", — ein Gedanke, der bereits vollständig an die Mehrwertlehre des Marx erinnert. Schon diese Adressen beweisen, dafs der „Arbeiterverein" ganz andere Ziele hatte als die radikale Partei des Bürgertums, welche damals im Parlamente von O'Connel vertreten war. Dies verhinderte jedoch nicht, dafs das öffentliche Programm , welches der „Arbeiterverein" bald darauf annahm, aus der Feder dieses Führers der Radikalen stammt, — die sogenannte „Volkscharte", um welche sich in den kommenden Jahrzehnten Millionen als das Feldzeichen der Arbeiterpartei sammelten. In der ersten Session nach dem Regierungsantritte der Königin Viktoria (1837) beantragten nämlich jene Radikalen im Parlament eine Erweiterung des Stimmrechts. Lord John Rüssel, der Führer der liberalen Partei, gab darauf die berühmte Finalitätserklärung ab. Sie war die Erklärung der herrschenden Mittelstände, d. h. der industriellen Arbeitgeber, die bisher geübte Klassenherrschaft für immer aufrecht erhalten zu wollen. Damals stellte die radikale Partei eine ihre Forderungen enthaltende Programm demgegenüber auf: allgemeines Stimmrecht (ursprünglich wurde auch Frauenstimmrecht verlangt: „allgemeines Stimmrecht der Erwachsenen", was dann in allgemeines Männerstimmrecht verändert wurde), jährliche Parlamente, geheime Abstimmung, Abschaffung der Vermögensqualifikation zu wählender Mitglieder, Diäten und gleichmäfsige Wahlbezirke. Diese Resolutionen wurden von der Londoner „Arbeitergesellschaft" angenommen, durch alle ihr angeschlossenen Arbeitergesellschaften über das Reich verbreitet und in den Industriebezirken des Nordens, wo O'Connor Arbeiterführer war, mit besonderer Begeisterung aufgenommen. Die Bewegung wuchs den Radikalen bald über den Kopf. Sie suchten dieselbe nun zu hemmen, aber hatten nur den Erfolg, dafs die Arbeiter sich von ihnen trennten und in den — 61 — über ganz England verbreiteten Arbeitergesellschaften sich selbständig organisierten. Die Mittel, welche die Arbeiter ins Auge fafsten, um ihre Forderungen durchzusetzen, waren zunächst friedlicher Natur: Massenpetitionen ans Parlament und Berufung eines Nationalkonvents, d. h. eines Arbeiterparlaments, welches neben dem Reichsparlament, in dem die Arbeiter unver- treten seien, in London tagen sollte. Endlich wurde bereits eine allgemeine Arbeitseinstellung, ein sogenannter „heiliger Monat", geplant, eine Malsregel, mit der man das Gebiet der friedlichen Agitation verlassen mufste, da sie nur mit Gewalt über das ganze Königreich durchzusetzen gewesen wäre. Befleifsigten sich die Organe der Arbeitergesellschaften noch einer gemäfsigteren Sprache, so kannten die in den Volksversammlungen auftretenden Redner keine Mäfsigung mehr. Es zeigte sich auch hier, dafs solche Volksführer um ihrer Popularität willen sich gegenseitig in der Schärfe des Ausdrucks überbieten müssen. Am gewaltsamsten von allen aber war wohl die Sprache des Methodistengeistlichen Stephens. Er weist die Armen auf die Schwelgereien der Reichen, er weckt in ihnen das Bewufstsein, dafs es der Schweifs des armen Mannes sei, von dem jene prafsten. Eine solche Beraubung, ruft er den Arbeitern zu, sollten sie nicht länger zulassen, sondern mutig genug sein, die Frucht der eignen Arbeit selbst zu geniefsen. „Der Chartismus, meine Freunde, ist keine politische Frage, bei der es sich darum handelt, dafs ihr das Wahlrecht erlangt; der Chartismus ist eine Messer- und Gabelfrage; die Charte heilst gute Wohnung, gutes Essen und Trinken, gutes Auskommen und kurze Arbeitszeit 1 ." Man denke sich solche Reden in nächtlichen Ver- 1 Gitiert von Brentano im angeführten Aufsatz. — 62 — Sammlungen gehalten, zu denen sich tausende und zehn- tausende bei Fackelschein versammelten, dem Redner Beifall zujauchzten und auf die Frage, „ob sie bereit seien", mit Gewehrsalven antworteten. Die Bewegung nahm einen so bedrohlichen Charakter an, dafs die Regierung,. obwohl sie die Rede- und Versammlungsfreiheit auf das peinlichste wahrte, wegen Aufforderung zum Aufruhr und Aufreizung einschritt. — Die Versammlungen bei Fackelschein wurden verboten und den Hauptrednern, darunter Stephens, der Prozefs gemacht. Die von den Arbeitern ins Auge gefafsten friedlichen Mittel, um ihre Wünsche durchzusetzen, scheiterten. Der am 4. Februar 1839 in London zusammentretende, dann nach Birmingham übersiedelnde, endlich wieder nach London zurückkehrende Nationalkonvent verfehlte schon um deswillen den gewünschten Eindruck, weil auf ihm die innerhalb der Arbeiterpartei bestehenden Gegensätze heftig aufeinander- platzten. Es erfolgte sogar Austritt gerade der tüchtigsten Mitglieder, als sich herausstellte, dafs die Mehrzahl für Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung der Volkscharte sei. Inzwischen fand der erste revolutionäre Ausbruch statt, als die Arbeiter sich in Besitz von Birmingham setzten, die Häuser der Reichen plünderten und die Fabriken einäscherten. Die Stadt mufste vom Militär förmlich erobert werden und der Herzog von Wellington erklärte damals im Oberhause: er sei oft Augenzeuge der Schrecken einer im Sturm genommenen Stadt gewesen, aber niemals habe er ähnliche Ausschreitungen und Verwüstungen gesehen, wie die von den Aufrührern in Birmingham begangenen. Als vollends endlich das Parlament die mit 1 280000 Unterschriften bedeckte Petition um Einführung der Charte verwarf, da gewann die Partei, welche Gewaltanwendung befürwortete, völlig die Oberhand. Der erste Versuch in dieser Richtung war der — 63 — „heilige Monat", welcher vom Nationalkonvent beschlossen wurde. Alle Arbeit in den vereinigten Königreichen sollte freiwillig oder gezwungen ruhen, bis die Charte zum Gesetz geworden sei. Aber auch dieser Versuch mislang und zwar bezeichnenderweise, weil die damals noch in den Anfängen befindlichen, aber doch schon die Elite der Arbeiter umfassenden Gewerkvereine ihre Teilnahme verweigerten; ohne sie aber war der „heilige Monat" nicht durchzusetzen. Besser vielleicht wäre es geglückt, wie nunmehr die Führer der Gewaltpartei rieten, eine grofse Feuersbrunst über das ganze Königreich zu entflammen und die dadurch entstehende Verwirrung zum allgemeinen Aufstand zu benutzen. Die Regierung griff einer solchen Sprache gegenüber zu scharfen Mafsregeln; bald befanden sich fast alle Führer der Char- i tisten im Gefängnis. Aber die Bewegung war nur von der Oberfläche zurückgedrängt, die „Chimäre des Chartismus, nicht dieser selbst war beseitigt", wie Thomas Carlyle sich ausdrückt, der damals sein berühmtes Pamphlet über den Chartismus 1 in diese Kämpfe hineinwarf. Die gefangenen Führer wurden durch jüngere, wenn auch vorsichtigere, so doch gewifs nicht gemäfsigtere ersetzt. Wiederholt erfolgten in dem folgenden Jahrzehnt Ausbrüche wilder Volksleidenschaft, auf welche hier im einzelnen einzugehen unsere Aufgabe nicht ist. Dagegen müssen wir auf eine Reihe von Eigentümlichkeiten aufmerksam machen, welche die Chartistenbewegung besonders bezeichnen. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dafs der Chartismus den als Socialdemokratie bekannten, socialrevolutionären Bewegungen auf dem Kontinent nahe verwandt ist, ja bereits 1 Vergl. unten S. 80. alle Züge derselben an sich trägt. Ihnen beiden gemeinsam ist das Streben der Arbeiter nach dem Umsturz des Bestehenden, Ergreifung der Staatsgewalt, um dadurch eine sociale Neuordnung herbeizuführen. Die positiven Vorschläge, das Bild, das man mehr oder weniger klar, stets utopistisch, von der umgestalteten Gesellschaft entrollt, mag wechseln; es ist lediglich zu Agitationszwecken da. Die geistigen Leiter der Bewegung, sowohl die Chartisten wie die späteren Social demokraten, haben es sogar vermieden, ein solches Bild überhaupt zu entwerfen; Marx erklärte denjenigen, der in irgend einer bestimmten Form die künftige Gesellschaft sich vorstelle, für reaktionär. Das dagegen, worauf es ankommt, und was beiden gemeinsam ist, ist der Widerspruch gegen die gesamte be- i stehende Ordnung, auf deren Grund eine Verbesserung der Lage der Arbeiter als unmöglich erklärt wird, vor allem der „Hafs gegen das Eigentum" als ihre hauptsächlichste Institution. Dafs auch bei den Chartisten dies die Triebfeder war, beweisen bereits die oben angeführten Bruchstücke von Programmen und Reden. In der That konnte Lord John Rüssel bereits 1839 und seitdem wiederholt die Chartisten nicht ohne Grund des Wunsches beschuldigen, alles vorhandene Eigentum zu konfiszieren und in gleichen Teilen auszuteilen. Vor allem knüpften diese Neigungen an die ungesunden Grundbesitzverhältnisse Englands an. „Alles Eigentum", heifst es in einer Adresse, die von Lovett, dem gemässigsten unter den Chartisten, herrührt, „schreibt sich her von ver- tragsmäfsigen Abmachungen und beruht auf dem öffentlichen Nutzen. An diesem Mafsstab mufs es immer gemessen werden, und wenn der Mangel hungernder Millionen und die Verschwendung selbstsüchtiger Weniger hieran versucht und geprüft sind, so ist für Gerechtigkeit und Mensch- — 65 - lichkeit die Entscheidung der Frage nicht schwer. Wenn die Reichen und Mächtigen bisher bei ihrer Gesetzgebung über wüstes und gemeinsames Land in den Ansprüchen des armen Mannes auf die Gemeindeländereien kein Hindernis gesehen haben, so können auch wir keines in ihren Ansprüchen bei der gesetzlichen Aneignung der unbebauten Flächen Irlands finden 1 ." Wir sehen, wie die Idee der Enteignung des Grofs- grundbesitzes schon unter den Chartisten mächtig war; auch das berühmte „land scheyie" des O'Connor ging auf die Sehnsucht der Arbeiterklasse nach Grundbesitz zurück, wie das Wort „nationalisation of the land" überhaupt das sicherste Mittel ist, englische Arbeitermassen zu begeistern. Die bestehenden Eigentumsverhältnisse waren für die Chartisten das Ergebnis einer „Klassengesetzgebung". „Das Gesetz tritt den Armen nieder und der Reiche macht das Gesetz" war eine den Chartistenrednern geläufige Wendung. Da sie also das ganze bestehende System für schlecht hielten, so trennten sie sich von der politisch radikalen Partei, die nur gewisse Änderungen verlangte, ja traten zeitweilig in den heftigsten Gegensatz zu derselben. O'Connell, Führer der Radikalen, stimmte z. B. gegen das Zehnstundengesetz, und ein 1842 von Joseph Sturge gemachter Versuch einer Vereinigung beider Parteien, mifslang schon wegen Meinungsverschiedenheit bezüglich des Namens. Der Sturz des liberalen Ministeriums 1840, an dessen Stelle das von Sir Robert Peel gebildete konservative Kabinet trat, ist zum guten Teil auf die Stellungnahme der Arbeiter zurückzuführen, die das liberale „Reformministerium" aufs äufserste halsten. Ganz besonders bezeichnend aber für die Chartistenpartei ist die Neutralität derselben in der Frage der Kornzölle, welche da- 1 Vergl. Lovett S. 357. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. 5 mals das Interesse der oberen Klassen vornehmlich in Anspruch nahm und doch auch die Arbeiter nahe anzugehen schien. Wenn sie ihr gegenüber keine Stellung einnahmen, so ist das ein Zeichen dafür, wie sehr sie von der Überzeugung erfüllt waren, dafs alle politischen und wirtschaftlichen Fragen, wie sie auch entschieden würden, für sie gleichgültig seien, solange das gegenwärtige Gesellschaftssystem überhaupt noch bestehe — der beste Beweis ihres social- revolutionären Charakters. ( Während so die Arbeiterpartei von der der liberalen Mittelklassen sich trennt, so ist doch im Grunde die Gesellschaftsauffassung beider die gleiche. Beide beruhen, wie unten bei Besprechung des gegenwärtigen Standes des Socialismus in England gezeigt werden wird, auf denselben philosophischen Grundlagen. Der Unterschied ist lediglich folgender: Diejenigen, welche das bestehende Gesellschaftssystem begünstigt, halten dasselbe für angemessen, indem sie nur solche Beschränkungen zu beseitigen wünschen, welche ihrer Entwicklung hinderlich zu sein scheinen; die Besitzlosen dagegen erklären die ganze ererbte Ordnung für schlecht und erwarten Kettung von ihrer vollständigen Beseitigung, nicht nur der einzelnen Institutionen. Beide sind utilitarisch, indem sie das Wohlsein des Einzelnen, „das höchste Glück der gröfsten Menge" zum Endziel setzen. Beide operieren mit der Fiktion des abstrakten Individuums und sind insofern rationalistisch, indem sie die Menschen für von Natur gleich und dieselben so wie sie heute sind, zum Aufbau der Idealgesellschaft für tauglich erachten 1 ; durch eine blofse Neuanordnung derselben, d. h. 1 Vollständig von dieser Auffassung weicht Eobert Owen ab. Derselbe erwartet Besserung der socialen Mifsstände hauptsächlich von innerer Veränderung des Individuums. Daher legt er den Hauptwert auf Erziehung. Er ist weniger der Vorläufer des alles auf den staatlichen ■■nwMimm WOB — 67 — durch eine politische Veränderung vermeinen sie ihr Ziel erreichen zu können. Beide, die Socialdemokratie wie der Radikalismus, sind daher Kinder ihrer Zeit und zehren von der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts. Aber die socialrevolutionäre Arbeiterpartei zieht die Folgerungen aus der Theorie rücksichtsloser. Die individualistische Weltanschauung, wie sie — ausgehend von der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts und der dort vertretenen Lehre vom abstrakten Individuum — in der englischen Nationalökonomie fortlebt, hatte aus dem freien Wettbewerb der Individuen die sociale Harmonie hervorgehen lassen. Was hatte aber dann der Staat noch zu thun? Gewalt aus dem Kampfe der Interessen auszuschliefsen, d. h. vor allem Schutz des Eigentums erklärte man für seine einzige Aufgabe, wie schon vor den Physiokraten die Aufklärungsphilo- sophen (Kant) gethan hatten. Aber warum einem grofsen Teil der Mitbewerber, nämlich den unteren Klassen, das einzige Mittel versagen, das ihnen allein im Kampfe ums Dasein zur Seite steht: die physische Gewalt? Vom Standpunkt der letzteren aus mufste der Staat jener Philosophen und Nationalökonomen als die Zwangsanstalt erscheinen, mit der die Reichen die Armen niederhielten; man mufste versuchen, wenn im stände, Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen. Diese Auffassung vom Staate, aus der individualistischen Gesellschaftsauffassung folgend, bewirkt, clafs bei der Arbeiterpartei diejenigen Strömungen, welche Anwendung der Gewalt verlangten, die Oberhand zu gewinnen pflegen. Auch hierdurch unterschied sich der Chartismus von den späteren, ähnlichen Bewegungen des Festlandes nicht. Die — 68 - sogenannte „Partei der moralischen Gewalt", d. h. diejenige Eichtling, welche friedliche Mittel empfahl, nmfafste zwar die moralisch am höchsten stehenden unter den Chartisten; denken wir an das edle Bild, welches Kingsley in der Person des Alton Locke, jenes Schneiders und Dichters, von einem * solchen „Chartisten der moralischen Gewalt" entwirft. Unter den Führern vertrat diese Richtung der oben mehrfach genannte Lovett, dessen Lebensbesehreibung uns die Gesinnung- der besten unter den englischen Arbeitern und den Umschwung, den sie im Laufe der Jahre vom Protest zur rührigen Mitarbeit durchgemacht, auf das schönste enthüllt. Die Mehrzahl der englischen Arbeiter aber war für einen Standpunkt, wie den des Lovett, noch nicht reif. Noch hatten sie nicht gelernt, dafs ihnen andere, weit wirksamere und dabei friedliche Mittel zur Verbesserung ihrer Lage zu Gebote stünden. Noch hatte ihnen die Erfahrung des Vereinslebens nicht den Wert der Selbstaufopferung des einzelnen zu Gunsten der Allgemeinheit gelehrt, wodurch allein dauernde Erfolge erzielt werden, wie der jüngste grofse Ausstand der Londoner Dockarbeiter beweist. Damals lauschten sie lieber der gewaltsamen Sprache eines O'Connor, der von der Leidenschaftlichkeit seines irischen Blutes getrieben, offen Aufruhr und Umsturz predigte. Beifall, der durch das Wort Begeisterung nicht erschöpft wird, sondern geradezu an Wahnsinn streifte, pflegte diesen Volksmann zu empfangen, wenn er in den Arbeiterversammlungen auftrat und gegen jene Elenden donnerte, die „das Blut eurer Kinder trinken, wollüstig sind mit dem Elend eurer Weiber und fett werden von eurem eigenen Schweifse 1 ". Die englischen Chartisten sympathisierten mit allen Revolutionen der Welt. „Ein Volk ' 1 Gammage, History of the Chartist movement S. 309 ff. — 69 - kann nicht rebellieren" war ein in Reden wie Adressen wiederkehrender Glaubenssatz. Wenn so die Chartisten alle diejenigen Merkmale zeigen, welche den späteren socialrevolutionären Arbeiterbewegungen eigentümlich sind, so unterscheidet sich ihre Stimmung doch in einem Punkt von der ihrer Genossen auf dem Festlande. Stets sucht der Engländer irgendwelche politische Forderungen als Wiederherstellung alter Rechte zu verteidigen, wie grob der historische Irrtum auch sein mag. So glaubten auch die Chartisten nicht für neu zu erkämpfende, sondern für alte verlorene und zurück zu erringende Rechte zu kämpfen. Einmal denken sie an die Zeit, da der sächsische Bauer als freier Mann sein Feld bebaute, sodann an jene Rechte, welche die Magna Charta, die Petition of Right, die Habeas-Corpus- Akte, die Bill of Rights etc. dem englischen Bürger gewährleisteten und die, wie sie behaupteten, ihnen jetzt von einer räuberischen Aristokratie entrissen seien. „Seine Aufstände", heifst es in einer von Lovett mitgeteilten Adresse in Beziehung auf das englische Volk, „rühren mehr von der Verletzung der Gerechtigkeit und der Vorenthaltung seiner Rechte als vom ängstlichen Begehren nach neuen Einrichtungen her" b Der alten Lehrlingsgesetze, für die die Arbeiter vor dreifsig Jahren noch gekämpft hatten, wird jedoch nicht mehr gedacht — ein Zeichen des endgültigen Sieges der grofs- industriellen Produktionsweise, welche auch die Arbeiter als Faktum hinnehmen. Der Verlauf der Chartistenunruhen in dem Jahrzehnt von 1840—1850 bietet einen Beweis für die Stärke der Bewegung. Zweimal wurden ungeheure Petitionen um Einführung der Charte dem Parlamente überreicht, die erste am 1 Vergl. Lovett S. 345. — 70 — 2. Mai 1842, welche nicht nur die Gewährung der Charte, sondern auch Homerule für Irland verlangte. Sie soll an 3800000 Unterschriften enthalten haben; zehn Männer schleppten sie in das Parlament, nachdem man sie vorher in Stücke zerlegt hatte, da sie in die Thore des Parlamentsgebäudes nicht anders hineinzubringen war. Die andere Petition überreichte am 10. April 1848 O'Connor, der inzwischen Unterhausmitglied geworden war. Die Zahl der sie bedeckenden Unterschriften ist bestritten, aber überstieg nach der geringsten Angabe jedenfalls eine Million. Trotz des außerordentlich strengen Einschreitens der Behörden, sobald Ge- setzesverletzung vorlag, und der Einkerkerung der Mehrzahl der Führer, ja teilweise Deportation derselben, sind auch in jenem Jahrzehnt eine Reihe offener Aufstände vorgekommen. Sie sind zugleich ein Beweis dafür, wie eine organisierte Militärmacht aufständischen Bewegungen gegenüber Herr bleibt, vorausgesetzt, daß die Centraibehörde Besinnung und Festigkeit bewahrt. In jene Zeit (1842) fällt ein nochmaliger Versuch, den heiligen Monat durchzuführen, der zwar ebenfalls mifslang, aber doch bei weitem besser in Scene gesetzt war, als der von 1839. Man nennt denselben auch die Plug-Plot-Bewegung, nach den „plugs", d. h. Propfen, welche von den Dampfmaschinen gestoßen wurden; sie spielt in zeitgenössischen Romanen vielfach eine Rolle. Als im Jahre 1848 in Frankreich die Republik ausgerufen war, da durchzuckte aufs neue ein revolutionärer Funke die englischen Arbeitermassen und die Lage wurde einen Augenblick sehr gefahrvoll. Auch verfehlte der damals zusammentretende Arbeiterkonvent nicht, mit der provisorischen Regierung in Paris anzuknüpfen. Die Regierung hielt es in jenem Jahre für nötig, London in Verteidigungszustand zu setzen, die wichtigsten Punkte der Stadt mit Batterien zu armieren und zeit- weise die Themsebrücken zu sperren. Aufser dem nach London zusammengezogenen Militär waren gegen 150000 Special- konstabler eingeschworen L Der Bestand der englischen Gesellschaft schien in den dreifsiger und vierziger Jahren des Jahrhunderts durch revolutionäre Bewegungen des Proletariats gefährdet. Schon Gaskell, der ruhige und nichtsweniger als parteiische Beobachter, erklärt bereits 1833, dafs er an einem friedlichen Ausgange verzweifle, und dafs eine Revolution schwerlich ausbleiben werde. Seitdem hatten sich die Arbeiter um die Charte zusammengeschlossen; es war, was zurZeit, als Gaskell schrieb, noch fehlte, eine organisierte Umsturzpartei aufgetreten, welche, wie Brentano in seinem oben erwähnten Aufsatze hervorhebt, bedeutend gefährlicher war, als etwa die heutige socialdemokratisehe Bewegung in Deutschland, sowohl wegen ihrer Ausdehnung und festen Organisation, als auch vor allem aus dem Grunde, weil der Arbeiter die Masse der Nation ausmachte und andere ihm die Wage haltende Elemente, etwa ein Bauernstand, nicht vorhanden waren. Bei den Arbeitern war die Überzeugung verbreitet, dafs „sie ihre Menschheit nur durch Hafs und Empörung gegen die herrschenden Klassen retten könnten". So mufste es damals als eine sichere Prophezeiung erscheinen, dafs eine gewaltsame Umwälzung in naher Zukunft bevorstünde. Verbreitet war diese Überzeugung gerade in denjenigen Kreisen, wo man die Erscheinungen der Zeitgeschichte am ernstesten und sorgsamsten prüfte. Dort hatte man das Gefühl, auf einem Boden zu stehen, dessen plötzliche Zertrümmerung täglich 1 Nach persönlichen Mitteilungen scheint es mir den weitgehenden Vorbereitungen des Herzogs von Wellington allein zu danken, dafs der Aufstand in London nicht ausbrach. Der Herzog glaubte sicher an den Kampf und hatte langer Hand her alles bereit. zu befürchten sei. So sagte z. B. um das Jahr 1840 Dr. Arnold : „Wir befinden uns am Abgrunde und müssen notwendig den Katarakt binabschiefsen". Die gleiche Besorgnis sprach unter anderen Ebenezer Elliot aus l . Engels, dessen Buch über die Lage der englischen Ar- fl heiter 1848 erschien, glaubt, dafs „ein Krieg der Armen gegen die Reichen, der grausamer als alle früher geführten Kriege sein werde", in nächster Zukunft bevorstehe. Er meint das Jahr 1852 oder 1853 als das seines Ausbruches bezeichnen zu können. „Der Krieg der Armen gegen die Reichen", schliefst er sein Buch, „der schon jetzt im einzelnen und indirekt geführt wird, wird auch im allgemeinen, im ganzen und direkt in England geführt werden. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen sondern sich schroffer, der Geist des Widerstands durchdringt die Arbeiter mehr und mehr, die Erbitterung steigt, die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeutenderen Gefechten und Demonstrationen und ein kleiner Anstois wird bald hinreichen, um die Lawine in Bewegung zu setzen. Dann wird allerdings der Schlachtruf durch das Land schallen: »Krieg den Palästen, Friede den Hütten«, dann wird es aber zu spät sein, als dafs sich die Reichen noch in Acht nehmen könnten." Die öffentliche Meinung aber stand der Bewegung innerhalb der Arbeitermassen ratlos gegenüber. Man führte dieselbe — wie später anderwärts — auf persönliche Einflüsse bestimmter Agitatoren zurück. Man beruhigte sich, von „Verführung" und „Verhetzung" zu sprechen, ohne zu bedenken, dafs eine grofse und weite Kreise erfassende revolutionäre 1 Vergl. Lectures 011 tlie industrial revolution by A. Toynbee. London 1884. Ledru-Kollin, La decadence de l'Angleterre. 1845. Bewegung nicht ohne Grund und nie ohne Schuld der herrschenden Klassen entsteht, gegen die sie sich richtet. Man schalt die Arbeiter roh und ungebildet, ohne zu bedenken, dafs man sich damit selber anklage, weil man sie nicht genügend gebildet habe. Disraeli hat in Coningsby die Ratlosigkeit der leitenden Durchschnittspolitiker persifliert. Sie seien jenem Höfling ähnlich gewesen, welcher die französische Revolution darauf zurückführte, dafs die Königin die Hofetikette nicht genügend beobachtet habe. Eine Betrachtung der wirtschaftlichen Verhältnisse statt vom Standpunkt des Kapitals von dem der Arbeit aus aber wurde durch die unbestrittene Herrschaft der individualistischen Nationalökonomie unmöglich gemacht, welche für das Auftreten einer socialrevolutionären Partei eine Erklärung schlechthin nicht besafs. Glaubte sie doch durch die von ihr geforderte Entfesselung des Individuums den Weg zu einem goldenen Zeitalter beschritten zu haben. Der kapitalistische Standpunkt der herrschenden Klassen zeigt sich besonders deutlich in den Schwierigkeiten, mit welchen die Arbeiterschutzgesetzgebung das Licht der Welt erblickte. Wir haben unten auf sie zurückzukommen. Die Arbeiterschutzgesetzgebung hatte mit dem Widerstande fast der ganzen Nation zu kämpfen. Bezeichnend ist, dafs das erste Gesetz (1802) in dieser Richtung, das zum Schutze der den Fabriken von der Armenpflege anvertrauten Kinder, aus Furcht vor den Epidemien entstanden ist, welche die Behandlung dieser Kinder hervorrief. Der Graf von Shaftesbury hebt ausdrücklich hervor, dafs die Torys nicht weniger seinen Bestrebungen abgeneigt gewesen seien, als die Liberalen. Ja, er fürchtete 1841 sogar den Sieg der eigenen Parteigenossen, weil er wufste, dafs Sir Robert Peel nur, solange er in der Opposition sich befand, für das Zehnstundengesetz eintrat, als — 74 — Premier aber die Gegnerschaft desselben d. h. die mächtigen Arbeitgeber zu sehr fürchtete, um es weiter zu verfolgen. Wir haben im vorhergehenden gesehen, wie mit dem Aufkommen der Grofsindustrie in England die sogenannte sociale Frage mit einer Schärfe auftritt, welche für das bestehende Gesellschaftssystem verhängnisvoll werden zu müssen schien, wie die Klassengegensätze sich dermafsen zuspitzen, dafs eine friedliche Lösung kaum noch zu hoffen war und alle Anzeichen auf einen gewaltsamen Zusammenbruch deuteten. Wir haben zugleich gesehen, wie mit diesen äufseren Zuständen eine individualistische Gesellschaftsanschauung und Weltauffassung auf das innigste verwachsen war. Ein ungeheurer Umschwung vollzieht sich in den fünfzig Jahren, welche zwischen der soeben behandelten Zeit und derjenigen liegen, auf die wir am Schlüsse dieses Werkes eingehen werden. Die Veränderung betrifft einmal die äufseren Formen des socialen Lebens und eröffnet in der Hebung des Arbeiters zu gesellschaftlicher, politischer und geistiger Gleichberechtigung mit den bisher herrschenden Klassen bereits Aussichten in eine durchaus neue Zukunft, welche den Kulturnationen bevorzustehen scheint. Im einzelnen zeigt sich diese Veränderung in einer Erhöhung der Lebenshaltung der Arbeiter und ihrer wachsenden Organisation; letztere ist durch die Werke Brentanos (von dessen Buch über die Gewerkvereine glücklicherweise eine zweite Auflage zu erwarten steht), Baernreithers und anderer bekannt geworden. Aber neben jenen äufseren Veränderungen vollzieht sich ein gleich gewaltiger Umschwung auf dem Gebiete des Denkens und der Weltanschauung der Nation — zwei Entwicklungsreihen, welche sich gegenseitig ursächlich beeinflufsen. Die letztere in ihrer Entstehung an die Vergangenheit anzuknüpfen und in ihren mannigfachen Verzweigungen zu verfolgen, - 75 — ist Aufgabe dieses Werkes (Buch I und II). In Thomas Carlyle tritt zum erstenmal die neue sociale Gesellschaftsauffassung in Gegensatz zu der herrschenden, individualistischen. Er ist in sofern gewissermafsen der Ausgangspunkt aller im folgenden zu schildernden Richtungen. Daher war auf ihn zuerst einzugehen. Im dritten Buche aber werden wir die Äufserungen dieses Umschwunges auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Lebens verfolgen und zeigen, wie er dahin tendiert, an Stelle des socialen Krieges den socialen Frieden treten zu lasseu. Freilich liegt diese Entwicklung nicht abgeschlossen vor, vielmehr sind erst die Keime derselben sichtbar, was uns zwingt, am Schlüsse des Buches auf das Gebiet der im Flusse befindlichen Tageserscheinungen einzugehen. Unsere Aufgabe ist es, dort zu zeigen, wie ohne die angedeuteten inneren Veränderungen auch die äufseren nicht eingetreten wären, welche — mögen die Schwierigkeiten der Zukunft sieh noch so türmen — für England eine friedliche Lösung wahrscheinlich machen. ? Erstes Bucli. Thomas Carlyle als Socialtheoretiker und Socialpolitiker. „Thomas Carlyle's personality dominates the Victorian era." Vorbemerkung. I. Die im folgenden angeführten Citate sind der „Library Edition" der Werke Carlyles, London 1869—71 entnommen, 34 vols. 8°. Insbesondere werden folgende Schriften genannt: 1. Sartor Kesartus (1869). 2. French Revolution (1869). 3. Critical and Miscellaneous Essays (1869/70). 4. Heroes and Heroworship (1870). 5. Last and Present (1870). Band YI der unten angeführten deutschen Ausgabe von Kretzschmar. 6. Letters and Speeches of Oliver Cromwell (1870). 7. Latter-Day Pamphlets (1870). 8. Life of John Sterling (1870). 9. History of Friedrich II, King of Prussia. II. Die chronologische Reihenfolge der Werke Carlyles ist folgende (die für unsere Zwecke in Betracht kommenden sind gesperrt gedruckt): Legendre's Elements of Geometry and Trigonometry . 1824 Wilhelm Meisters Apprenticeship 1824 Life of Friedrich Schiller 1825 {London Magazine, 1823 - 24.) — 80 — German Romance 1827 French Revolution 1837 Sartor Resartus 1838 (.Fräsern Magazine, 1833 — 34.) Critical and Miscellaneous Essays . . 1839 Chartism 1840 Heroes, Hero-Worship, and the Heroie in History 1841 Past and Present 1843 Life and Letters of Oliver Crom well 1845 Latter-Day Pamphlets 1850 No. 1. The Present Time. No. 2. Model Prisons. No. 3. Downing Street. No. 4. The New Downing Street. No. 5. Stump Orator. No. 6. Parliaments. No. 7. Hudsons Statue. No. 8. Jesuitism. Life of John Sterling 1851 Occasional Discourse on the Nigger Question . . 1853 (Fräsers Magazine, Dec. 1849.) History of Friedrich II 1858—65 Inaugural Adress at Edinburgh 1866 Shooting Niagara: and after? .... 1867 (Macmillans Magazine, Aug. 1867.) Mr. Carlyle on the War 1871 (Times.) The Early Kings of Norway: also an Essay on * the Portraits of John Knox 1875 (Fräsers Magazine, 1875.) — 81 — III. Des weiteren citieren wir: Reminiscences by Thomas Carlyle, edited by James Anthony Froude 1881 Correspondence of Thomas Carlyle and Ralph Waldo Emerson 1883 Early Letters of Thomas Carlyle ed. by Norton . . 1886 Correspondence between Goethe and Carlyle . . . 1887 Froude, Thomas Carlyle. London, II Yols, 1882. Froude, Thomas Carlyle in London, II Yols. (Forts.) 1885. Th. Carlyles auserwählte Schriften, deutsch von Kretzschmar. 1855. Fischer, Sartor Resartus. Leipzig, 0. Wigand, 1882. Mazzini, Scritti. Vol. IV. Milano 1862. Briefwechsel zwischen Goethe und Carlyle. Berlin, W. Hertz, 1887. E. Flügel, Carlyles religiöse und sittliche Entwicklung. Leipzig 1887. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. f> Erstes Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Theoretiker. i. Carlyles Gruiidansiclit. Carlyle sagt irgend wo, dal's der Schriftsteller zu den mächtigsten unter den Menschen gehöre, indem er weit über sein Lehen hinaus Zeiten und Völker sich unterthan mache, dal's insbesondere in der Gegenwart er thatsächlich der Herrscher sei, weil er am meisten die Macht habe, den Willen seiner Mitmenschen zu beeinflussen. Soweit dieser Satz wahr ist, gehört Carlyle selbst zu den mächtigsten Männern unserer Zeit. Sein Einflui's ist um so tiefgreifender geworden, je langsamer er sich Bahn brach. Bei Beginn seiner Laufbahn hatte Carlyle schwer um Anerkennung zu kämpfen. Selbst Nahrungssorgen blieben ihm nicht unbekannt in jener Zeit, als er für sein erstes gröfseres Werk, den seitdem so bekannt gewordenen „Sartor Resartus", vergeblich nach einem Verleger suchte. Dies alles aber konnte ihn nicht veranlassen, seine Ansichten oder auch nur seinen Stil dem Geschmack des Tages anzupassen; er hätte ein solches Verfahren schlechthin „seine Feder verkaufen" genannt. So war er gezwungen, seinen Pfefe. — 83 — Leserkreis sieh selber zu erziehen. Keine leichte Aufgabe; denn für ein Ohr, das an die Glätte der Macaulayschen Sätze gewöhnt war, mufste Carlyles Ausdrucksweise zunächst fast etwas abstofsendes haben. Seine Sprache — heute Gegenstand philologischer Abhandlungen — erschien unenglisch, weil sie zu englisch war. Sein Stil erschien schwülstig, unbeholfen, ja sogar lächerlich dort, wo in der altertümlichen Sprechweise eines abgelegenen schottischen Dorfes gewaltige Gedanken und gewaltigere Leidenschaften nach Ausdruck rangen. Hierzu kam die Eigentümlichkeit und Fremdartigkeit dieser Gedanken selbst. Als man ihn später notgedrungen anerkannte, blieb er lange für die meisten ein Kuriosuni. In diesem Manne, der einer Zeit, welche sich unerreichter Aufklärung und nie dagewesenen Fortschrittes rühmt, mit den Strafgerichten Gottes drohte, schien einer jener finsteren Puritaner, ein Genosse Cromwells, um zwei Jahrhunderte zu spät geboren. Der Beginn einer allgemeineren und rückhaltloseren Anerkennung ist durch die Erwählung des damals siebenzig- jährigen Carlyle zum Lord Rektor der Edinburger Universität bezeichnet. Es war die einzige öffentliche Auszeichnung, die Carlyle während seines Lebens zu Teil ward — nach den Begriffen seiner Heimat aber allerdings eine hohe Auszeichnung, welche nur Gröfsen in Staat oder Wissenschaft zu Teil zu werden pflegt. Gladstone war sein Vorgänger, Disraeli sein Mitbewerber, welchen er bei der Wahl mit einer Majorität von 347 Stimmen schlug. Hieraus mag man auf die Bedeutung schliefsen, welche Carlyle damals bereits in den Augen seiner Landsleute zukam. Die Rede, mit der Gladstone sein Amt niederlegte, war ein Meisterstück der Beredsamkeit dieses Mannes, welche selten verfehlt hat, britische Hörer mit sich fortzureifsen. Sie 6* hatte einen Sturm unerhörten Beifalls entfesselt, der sich bis weit auf die Strafsen hinaus fortpflanzte. Unmöglich schien es, seinem Nachfolger mehr zu spenden; und doch wurde wenige Wochen darauf Carlyle ein Höheres zu Teil. Als er seine Antrittsrede geendet hatte, herrschte im Saale minutenlanges Stillschweigen. Die Anwesenden — unter ihnen wissenschaftliche Gröfsen ersten Ranges — empfanden, dafs in dem schlichten Greise nicht eine flüchtige Tageserscheinung vor ihnen stehe, mit der man sich durch Beifall auseinandersetzen könne, vielmehr, was Goethe schon dem Anfänger gegenüber erkannt und ausgesprochen hatte: „dafs er auf originalem Grund beruhe" und eine „moralische Macht von grofser Bedeutung" darstelle, „in der viel Zukunft vorhanden sei" 1 . Carlyle entfloh, nachdem er seine Rede gehalten; an den Gräbern seiner Eltern suchte er die Ruhe des Geistes wieder zu gewinnen, welche ihm über jedem Hinaustreten in die Öffentlichkeit verloren ging. Von jener Rede (gehalten am 22. April 1866) aber wurden binnen wenigen Tagen 20 000 Exemplare verkauft. Seitdem ist sein Einflufs schnell gewachsen. Henry Taine, der um jene Zeit England besuchte, konnte bereits erklären: nach dem Eindrucke, den er gewonnen habe, besitze über die jüngere Generation Englands kein Schriftsteller einen Einflufs, der dem Carlyles gleichkäme. Heutzutage findet man in England nicht wenige Männer, welche bekennen, von Carlyle mehr oder weniger abzuhängen, ihm ihr geistiges Sein und jenen sittlichen Halt zu verdanken, ohne welchen — wie unser zumeist skeptisches Zeitalter beweist — v/ahrhaft erfolgreiches Handeln unmöglich ist. Eine ganze Carlyle- 1 Vergl. Goethe und Carlyles Briefwechsel S. 37, Berlin 1837; Goethes Gespräch mit Eckermann vom 25. Juli 1827. — 85 — litteratur ist seitdem entstanden und bald derartig angewachsen, dafs sich in ihr zurechtzufinden keine kleine Aufgabe mehr ist. Das jüngst erschienene Buch von Garnett 1 enthält eine — so weit ich beurteilen kann — vollständige Übersicht derselben. Acht deutsche Veröffentlichungen, welche den Namen Carlyles und die Jahreszahl 1887 tragen, — teils Aufsätze in Zeitschriften, teils selbständige Werke — beweisen, dafs der schottische Denker auch bei uns die Beachtung findet, welche er seit lange schon um deswillen verdient, weil kein zweiter Ausländer deutsches Wesen und deutsche Eigentümlichkeit so verstanden und geschätzt hat. Wenn man in die Carlylesche Gedankenwelt einzudringen anfängt, so erscheint auch heute die Form, in der sie auftritt, noch fremdartig. Der Inhalt aber, den jene Form umschliefst, ist uns bei weitem nicht mehr so entgegengesetzt, wie den Landsleuten Carlyles in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Gar bald erkennen wir, dafs ein grofser Teil der Gedanken, welche unsere Zeit im Gegensatz zu der jüngst verflossenen bewegen, sich in den Werken Carlyles bereits vorgebildet findet. Durch ein Studium Carlyles kommt man dem Verständnis der Gegenwart selbst näher, und was giebt es wichtigeres für den Politiker sowohl, als den Gesellschaftsphilosophen, welcher Richtung er persönlich auch angehöre, als Einsicht in die eigene Zeit? Viel Mifsverständnis und Streit wird mit zunehmender Einsicht vermeidbar. Daher ist es in vorliegender Arbeit weniger unser Zweck, die darzustellenden Richtungen zu kritisieren, als in ihren Inhalt einzudringen, den gemeinsamen Boden nachzuweisen, sie innerlich zu verknüpfen. Unser Urteil über Carlyles Bedeutung wird bestätigt durch eine Autorität, welche hier zu den ge- 1 R. Garnett, Life of Th. Carlyle. London, Walter Scott, 1888. > I — 86 - wichtigsten zählen dürfte, die John Stuart Mills. Derselbe erklärt in seiner Selbstbiographie, dafs in ihm, durch Bentham vermittelt, weit mehr Elemente des achtzehnten Jahrhunderts vorhanden seien als in Carlyle. In dem letzteren vielmehr verkörpert sich ihm der „Kampf des neunzehnten gegen das achtzehnte Jahrhundert" k Wie der Zusammenhang ergiebt, versteht Mill unter dem Ausdruck „achtzehntes Jahrhundert" die individualistische Weltanschauung, wie sie in der klassischen Nationalökonomie ihren Ausdruck gefunden hatte. Der Gegensatz, in den Carlyle dazu tritt, hat zum Hintergrunde das Auftreten der socialrevolutionären Partei, wodurch, wie im vorhergehenden Kapitel gezeigt ist, die bisher herrschende Gesellschaftsauffassung widerlegt schien. Einer Zeit also, welche durch Auflösung der inneren und äufseren Bande, welche die Individuen bisher zurückgehalten und verknüpft hatten, ein goldenes Zeitalter auf Erden herbeizuführen vermeinte, trat ein Mann entgegen, der ihr etwa folgendes zurief: „Nicht eine neue herrliche Gesellschaft baut ihr auf, wie ihr wohl wähnet, sondern ihr seid daran, den von den Vätern errichteten Bau täglich mehr zu lockern, der euch — wenn schon nicht mehr regendicht — heute noch kümmerliche Unterkunft bietet. Ihr zehrt von einem Kapital, das weisere Vorfahren aufgespeichert, aber das früher oder später aufgezehrt sein rnufs. Auch seid ihr blind für die Zeichen der Zeit, die euern Untergang verkünden. Was die Assyrier einst den Juden gewesen, was die Barbaren für die üppigen Völker des Mittelmeeres, das ist die socialrevolutionäre Partei für euch: eine Zuchtrute in der Hand der Gerechtigkeit, zudem ein Kind eurer eignen Sünde, das euch zur Umkehr zwingen oder vernichten wird." Ein solcher Mann J. St. Mill, Selbstbiographie Cap. V. > - 87 — mufste Leuten, die unter dem Einflufs Ricardos und Cobdens standen, ein Anachronismus erscheinen. Aber des Eindrucks verfehlte er auf die Dauer schon um seines Ernstes willen nicht. Denn unbeeinflufst von der Tagesgunst, unberührt von ( der Tagesmeinung wandte er sich allein an das Gewissen seines Volkes — ein Jesaias im XIX. Jahrhundert. Aber Carlyle war mehr als ein puritanischer Bufsprediger. Im Besitze des ganzen Bildungsschatzes seiner Zeit und mit den Mitteln des modernen Denkens hatte er die von ihm angegriffenen Richtungen, die herrschenden für die Zeitgenossen, innerlich überwunden. Hieraus folgt, dafs er im Besitze einer originalen Weltanschauung sich befand — im Gegensatze zu John Stuart Mill — was das Wesen eines grofsen Philosophen und geistigen Neuerers ausmacht. Wenn Carlyles philosophische Bedeutung lange verkannt wurde, so beruht das auf der Darstellungsweise. Dieselbe ist nichts weniger als systematisch. Erst wiederholtes Durch- > lesen seiner Werke, welche in den 40 Bänden der Bibliotheksausgabe von Chapman gesammelt sind, führt zur Erkenntnis, dafs die durch sie verstreuten Bemerkungen über die Welt, die Geschichte und die menschliche Gesellschaft eines inneren Zusammenhangs nicht ermangeln. Allmählich wachsen die scheinbar oft widersprechenden Gedanken zu jener Einheit zusammen, wie sie die Gedankenwelt grofser und schöpferischer Menschen zu bezeichnen pflegt. In dieselbe einzudringen, sie nachzudenken und in einem Systeme, das selbständig zu entwerfen war, darzustellen, ist die Aufgabe dieses und des folgenden Kapitels. Die socialpolitische Seite war nicht ausdrücklich hervorzuheben, da sie bei Carlyle selbst in den „ Vordergrund gerückt ist. Wir finden bei Carlyle Berührungspunkte mit der Weltanschauung des Goethe der Wanderjahre, des Faust, der Gespräche mit Eckermann sowie durch Goethe vermittelt nicht wenige mit Schopenhauer, ferner solche mit der Kantischen und Fichteschen Philosophie, woraus eine Verwandtschaft mit dem deutschen Denken folgt. Endlich aber besteht in wichtigen Punkten eine Übereinstimmung mit August Comte, welche eine Reihe von Schülern beider zu eigentümlichen Kombinationen führte. Mit Comte gemeinsam ist Carlyle der dem Engländer angeborene Sinn für die positiv festgestellte Thatsaehe, welche ihn die Träume der deutschen Idealisten vermeiden liefs, sodann insbesondere die eigentümliche Auffassung der Gegenwart und der Gegensatz zu der dieselbe beherrschenden, individualistischen Nationalökonomie. In letzterer Hinsicht ist Carlyle diejenige Quelle, auf welche alle die zurückgehen, welche die Beurtheilung der socialen Erscheinungen vom kapitalistischen Standpunkt verwerfen und durch eine vom Standpunkt der Arbeit ersetzen. Carlyle ist mithin der Vater aller im folgenden darzustellenden Richtungen: der neueren Genossenschaftsbewegung, der Universitätsbewegung, des englischen Positivismus und des Socialismus — wenigstens insofern als von ihm der Anstois zu jenem Umschwung in der Auffassung socialer Erscheinungen ausgeht, auf welchem die genannten Richtungen, soweit sie England angehören, beruhen. Der Antiindividualismus, welcher die Grundlage des gesamten Carlyleschen Gedankensystems ausmacht, und zugleich den Punkt, von dem aus er die soeben bezeichneten Richtungen beeinflufst, geht auf Einflüsse zurück, welche dem Studium der deutschen Philosophie weit vorausgingen; letzterer entnahm er lediglich die Form, um eine bereits in der Jugend erworbene Grundanschauung in zeitgemäfsen Gedankenausdruck zu bringen. Carlyle ist in erster Linie Abkömmling des puritanischen Kalvinismus, welcher in England eine Macht geblieben ist und mehr als alles andere zu dem Um- Schwung von einer individualistischen zu einer antiindividualistischen Weltanschauung mitgewirkt hat, den wir in vorliegender Arbeit in seinen verschiedenen Formen verfolgen. Man hat gesagt, dafs England zu verstehen unmöglich sei, ohne seine Kirche zu verstehen. Von allen Engländern aber dürfte Carlyle derjenige sein, dessen Verständnis am wenigsten zu erreichen ist, ohne Rücksichtnahme auf die kirchlichen Verhältnisse, unter denen er aufwuchs. Grofse Bewegungen, die einem Zeitalter ihren Namen gaben, haben ein ganzes Volk nie auf einmal ergriffen. Zuerst in Wenigen erwacht, breiten sie sich alsbald über die Masse derer aus, die geistig und politisch im Vordergrund stehen. Dagegen bleiben noch lange abgelegenere Kreise vorhanden, in denen die alten Zustände sich erhalten. Hinter der Aufklärung des vorigen und unseres Jahrhunderts liegt nun ein Zeitalter der religiösen Leidenschaft, welches dem unseren als Reaktion gegen die Überspannung der Gefühlsund Willenskräfte eine vorwiegend rationalistische Stimmung zurückliefs. Aber noch lebt in breiten Schichten der Geist jener früheren Zeit fort, ganz besonders unter den Völkern angelsächsischer Zunge, welche von der religiösen Bewegung am spätesten erfafst, aber dann mit einer Gewalt erschüttert wurden, wie sie kaum in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte ihres gleichen findet. Äufserlich freilich konnte sich weder die englische noch die schottische Kirche dem Einflüsse der Zeit entziehen, seitdem sie um ihr Dasein zu kämpfen aufgeholt hatte. Insbesondere verwuchs die englische Kirche mit der herrschenden Aristokratie und wurde nicht ohne vorhergehende Kämpfe ein Teil und eine Stütze der Staatsverfassung. Vornehm geworden , vernachlässigte sie, nicht weniger als einst die römische, ihre socialen Pflichten. Jener Zeit gehört das aus — 90 — Romanen bekannte Bild des englischen Geistlichen an, der ein vollkommener Lebemann, zumeist der jüngere Sohn einer angesehenen Familie, für Fuchshetzen und Truthahnpasteten als Sachverständiger nicht seines gleichen findet. Ganz besonders bezeichnend dafür, wie das achtzehnte Jahrhundert auch von der schottischen Kirche Besitz genommen hatte, ist u. a. der Beschlufs, durch den die Presbyterialversammlung 1796 mit grofser Mehrheit sich gegen die Heidenmission aussprach, um durch die Berührung mit dem Dogma von der Rechtfertigung durch den Glauben „die einfachen Tugenden ungebildeter Indianer" nicht zu verderben. Auch stand die Kirche, wenigstens ihre öffentlichen Organe, durchaus auf Seite der wirtschaftlich mächtigen, zunächst der agrarischen, dann der industriellen Aristokratie. Hieraus erklärt sich, dafs die Geistlichkeit sich den Arbeitern gegenüber zunächst feindlich verhielt. So urteilt wenigstens der Graf von Shaftesbury in seinem Tagebuch: „Von wem hätte ich am meisten Hülfe erwarten dürfen? Doch unzweifelhaft von der Geistlichkeit, zumal derjenigen der Industriegegenden; aber gerade das Gegenteil ist mir geworden, mit äufserst seltenen Ausnahmen; und doch giebt es in unserer Kirche 16000 Pfarrer aufser den hohen Würdenträgern." Erst später entstand eine christlich-sociale Bewegung, auf welche wir unten eingehen. An ihr ist Carlyle bereits ursächlich beteiligt. Mitgewirkt aber hat gewifs, wie gerade der Entwicklungsgang Carlyles beweist, dafs in breiten Kreisen des Volkes der alte puritanische Geist sich forterhalten hatte. Der Aufschwung, den das religiöse Leben in diesem Jahrhundert nimmt, ist gewifs darauf zurückzuführen, dafs jene Klassen infolge der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen in den Vordergrund treten. Wie wäre es auch denkbar, dafs ein so ungeheurer Anstofs, wie der von der englischen Reformation gegebene, seine Wellen nicht über Jahrhunderte ausbreitete? Insbesondere war das schottische Volk noch zu sehr von den Traditionen seiner „großen Zeit" — denn als solche gilt ihm die Kirchenreformation — beherrscht, um von den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts mehr als oberflächlich berührt zu werden. Man bedenke, dafs zu einer Zeit, da in Deutschland das Luthertum längst erstarrt war, gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts, in Schottland eine Religionsverfolgung stattgefunden hat, die den schwersten Heimsuchungen der alten Kirche nichts nachgiebt. Wie jene ersten Christen lieber sterben als den Kaiser anbeten und das Christentum verleugnen wollten, so haben damals die schottischen Presbyterianer ihre Weigerung, für den König zu beten und den Konvent abzuschwören, mit dem Tode gehülst. Eine Inschrift auf dem Edinburger Friedhof vermeldet: „Vom 27. Mai 1661, da der hochedle Marquis von Argyle enthauptet wurde, bis zum 17. Februar 1688, da James Renwick litt, wurden auf die eine oder andere Weise für dieselbe Sache gemordet und abgethan gegen 18 000, , edle Blutzeugen für Jesus Christus." Vor allen waren die Moore und Hügel des Westens, wo Carlyles Geburtshaus stand, das Land jener nächtlichen Feldpredigten gewesen, auf deren Teilnahme der Tod stand. Noch heute verehrt, wie uns Carlyle berichtet, das Landvolk die „Gräber seiner Märtyrer"; noch lebt das "Gedächtnis an die flüchtigen Feldprediger fort, „deren die Erde nicht würdig war" 1 . Dieselben Gegenden blieben der Sitz der Kameronianer, jener äufsersten Richtung der Presbyterianer, die zu der unter Wilhelm III. restaurierten Kirche nicht zurückkehrte. Noch 1 Brief an die Hebräer 11, 38. — 92 — gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts waren sie stark genug, ein eigenes Presbyterium zu gründen, verfielen aber dann — infolge einer innerlich notwendigen Entwicklung — in indepen- dentistische Grundsätze. Die meistgenannte der aus ihnen hervorgegangenen Sekten sind die sogenannten „burghers", denen Carlyles Familie angehörte. Wie die ganze Sektenbildung in Schottland, so bedeutete auch die Trennung der Burgher von der Staatskirche eine strengere religiöse Richtung, insbesondere „strengeren Anschlufs an die Prinzipien der Reformation". Die religiösen Eindrücke, welche Carlyle in diesem heimischen Kreise aufnahm, sind für seine Entwicklung nicht hoch genug anzuschlagen. Mit wunderbarer Klarheit sieht der Greis noch nach sechzig Jahren die Gemeinde in der kleinen Kapelle sich versammeln, unter ihr viel greise Gestalten mit langen weifsen Barten und braunen Gesichtern, welche die Not des Lebens gefurcht hatte. Trotz Regen und Schnee kamen sie nicht selten bis 20 Meilen über Heiden und Moore hergewandert. Nirgends, sagt Carlyle, seien so wie in Schottland Männer, die das Christentum wie die Apostel lebten und lehrten, neben dem angestellten Klerus einer evangelischen oder katholischen Kirche gestanden. Den Prediger der Gemeinde — sein Name sei unvergessen — John Johnstone, bezeichnet Carlyle noch in hohem Alter „als den geistlichsten Mann, den ich je unter irgend einer kirchlichen Bekleidung* zu erblicken das Glück hatte. Diese Bauernvereinigung, jenes kleine heidekrautgedeckte Haus und jener schlichte Evangelist zusammen, bildeten eigentlich die Kirche des Distrikts. Sie wurden vielen zum Segen und Heil und auch in mir leben die frommen, himmlischen Einflüsse fort". Das Geschlecht, dem Carlyle entstammte, pflegte grofse, — 93 — starkknochige Menschen hervorzubringen, die uralt wurden, wilde Charaktere, mit denen nicht gut zu verkehren war. Auch in Carlyles Vater lebte der alte Jähzorn fort, aber er war überwunden von einer religiösen Überzeugung, welche sein ganzes Leben bis in die Einzelheiten hinein beherrschte. Durch seinen Glauben, sagt sein Sohn von ihm, sei er sicher inmitten einer fallenden Ära geschritten, „ein Mann der alten Zeit, auch ein ultimus Romanorum". Dies ist Carlyles Vater, ein echter Schotte, in allem das Urbild seines Sohnes, welcher sich stets bewufst war, dafs er das beste, was er besitze, dieser Quelle verdanke. Auch darin antiindividualistisch gesinnt, betrachtete der Sohn sich selber im eigentlichsten Sinne als eine Fortsetzung des Wesens seines Vaters, den er nach dessen Tode mit dem Pfeiler verglich, auf dem er selber stehe, den die Wasser bereits überflutet hätten, die auch ihn bald bedecken würden. Seiner natürlichen Begabung nach, sagt Carlyle, war er, obwohl nur zur Hälfte entwickelt, der bedeutendste Mensch, dem er im Leben begegnet sei. Was Carlyle mit seiner Mutter verband, war, dafs er in ihr, unter alten Formen zwar, jene Übereinstimmung des Denkens und Handelns fand, welche dem modernen Menschen fehlt, und die unter neuen Formen zurückzugewinnen, Carlyle für die wichtigste Aufgabe der Gegenwart hielt. So kann er ihr ohne Unwahrheit schreiben, dafs ihre Ansichten trotz äufserer Verschiedenheit die gleichen seien, dafs auch er für die alte gute Sache kämpfe. Auch über den Grund des Elends der Gegenwart stimmen sie überein, nur dafs die Mutter in der Sprache des Testamentes das Sünde nennt, was der Sohn als den Mangel einer das Leben beherrschenden und regulierenden Weltanschauung beklagte. „Kein Wunder", schreibt sie am 19. Juli 1840, „wenn wir unfruchtbare Zeiten haben; denn wir sind ein Volk mit Sünde beladen wie Israel — 94 — vor Alters. Wenn Gottes Gerichte die Welt heimsuchen, so sollten wir, die Bewohner der Erde, Gerechtigkeit lernen." Die Eindrücke des Elternhauses sind zeitlebens für Car- lyles Entwicklung die bestimmenden geblieben, wie sehr er später den ungeheuren Schatz des modernen Denkens in sich aufnahm. „Es war kein fröhliches Leben", sagt er von seiner Jugend, „wessen Leben wäre es? und doch flofs es sicher und ruhig dahin, und war mehr als das der meisten oder aller, von deren Lebenslaufe ich Zeuge gewesen bin, ein gesundes Leben! Wir waren eher schweigsam als gesprächig. Aber wenn auch nur wenig gesagt wurde, so hatte doch das wenige gewöhnlich Bedeutung." Frische und Urwüchsigkeit zeichnet den engen Kreis aus, in dem sich die Jugend Carlyles abspielt. Etwas altnordisches liegt in diesen Leuten mit eckigen Köpfen, mit grauen, scharfen Augen, Ernst und Willenskraft in den Zügen und einem Blitz von Humor in den Mundwinkeln. Carlyle war durch seine Geburt in eine Welt gestellt worden, die von dem, was wir achtzehntes Jahrhundert nannten, völlig unberührt geblieben war, auf welche die von den gleichzeitigen Verhältnissen abstrahierte Nationalökonomie schlechterdings nicht pafste. Das Thun dieser Menschen bestimmte sich thatsächlich nicht nach individualistischen Motiven, sondern nach einer gemeinsamen, ihr ganzes Wesen durchdringenden Weltanschauung. Die Arbeit geschah hier in der That um ihrer selbst willen, sie war ein Gebet. So war Carlyle in einer Welt aufgewachsen ähnlich der des Mittelalters oder der grofsen Kirchenbewegung, Zeiten, welche der Kationalismus nicht begreifen konnte, weil er ihre Beweggründe nicht auf die seinen zurückführen kann. Carlyle hatte sie verstehen und zugleich durch eigene Erfahrung kennen gelernt, wie viel gesunder, in sich zufriedener und leistungsfähiger sie waren, — 95 — als die Welt des Individualismus, in die er nunmehr hinaustritt. Noch ein anderes verdankte er seiner Abstammung: ungemischtes germanisches Blut, dessen er sich später gerne rühmte. Insbesondere besals er eine innere Verwandtschaft zur deutschen Sinnesart, die ihn alsbald zur deutschen Litte- ratur führte, und diese, zu den allerdings weit stärkeren Eindrücken seiner Jugend hinzutretend, bildet die zweite Gruppe von Einflüssen, welche seine Persönlichkeit vollenden. Vierzehnjährig verläfst Carlyle sein Heimatsdorf und wandert zu Fufs nach Edinburg, um dort das entbehrungsvolle Leben eines schottischen Studenten zu beginnen. Zur Theologie bestimmt, geht er bald aus „prohibitorischen Zweifeln" zum Studium der Jurisprudenz über, erwirbt alsdann infolge einer gelösten Preisarbeit eine Lehrerstelle der Mathematik, liegt diesem Berufe eine Reihe von Jahren an verschiedenen Schulen ob und veröffentlicht in jener Zeit sein erstes Buch: eine Übersetzung von Legendres Geometrie mit einem selbständigen, und wie Sachverständige erklären, nicht unbedeutenden Kapitel über Proportionen. Diese äufsere Zersplitterung ist das Abbild einer schweren inneren Krise, wie sie durch den Zusammenstofs zweier, durchaus verschiedener Weltanschauungen hervorgerufen ward. Die Zeit des Werdens umfafst bei Carlyle, von Eintritt in die Universität an gerechnet, volle zwanzig Jahre, innerhalb deren er mit wunderbarer Kraft den Bildungsschatz seiner Zeit in sich aufnimmt. Seine Frau erzählt von ihm, dafs er täglich einen Band schweren, wissenschaftlichen Inhalts bewältigte. Er sammelte so, von einem vortrefflichen Gedächtnis unterstützt, jene erstaunliche Fülle von Kenntnissen, die ihm den Stoff bot, um der beste Unterhalter, „the best talker of England" zu werden. Wichtiger aber als das: innerhalb jener zwanzig Jahre gelangt er unter schweren Kämpfen zu einem Standpunkt, von dem aus das Denken der Neuzeit und die puritanischen Anschauungen seines Elternhauses nicht mehr Gegensätze sind. Unerläfslich zum Verständnis der Carlyle- schen Schriften ist es, den Gang dieser Entwicklung im Auge zu haben, in welchem der „Sartor Resartus", zahlreiche Briefe und einige spätere Aufzeichnungen Carlyles genügende Einsicht gewähren. Denn Carlyle selbst mafs seiner Entwicklung eine mehr als biographische Bedeutung hei, was er dadurch beweist, dafs er sie in dem erstgenannten Buche einen deutschen Professor, eine Art Faust, zum zweiten Male durchmachen läfst. Die Mehrzahl der Menschen — Arbeiter auf besonderem Gebiet, d. h. Organe der Gesellschaft zu speciellen Funktionen — nehmen zwar auch die Meinungen ihrer Zeit, insbesondere die in der Jugend ihnen entgegengebrachten, willig an, ohne jedoch mehr als oberflächlich von ihnen berührt zu werden. Insbesondere stehen ihre Handlungen in keinem notwendigen Zusammenhange mit ihren mehr oder weniger ausgebildeten theoretischen Überzeugungen, werden vielmehr, unabhängig von jenen, durch ererbte und anerzogene Motive der verschiedensten Art beherrscht. So sind in unserm Zeitalter des Individualismus Motive wirksam geblieben und geworden, die von diesem Standpunkt aus eigentlich unerklärlich sind: Religiosität und Loyalität, die noch von Altersher die Gesellschaft zusammenhalten, das neuerwachende Standesbewul'st- sein der arbeitenden Klassen und der Nationalitätsgedanke, welche daran sind, Europa umzugestalten. Dem gegenüber können es, vermöge der in der Gesellschaft notwendigerweise bestehenden Arbeitsteilung, nur wenige sein, welche die Strömungen ihrer Zeit in der Weise in sich zu einer Einheit zusammenschliefsen, dafs sie die Wirkungen derselben, die sonst oft über ein Jahrhundert auseinanderliegen, innerhalb eines Menschenalters erleben. Ihr Lebensgang wird so typisch für ihre Zeit und die Zukunft wird in ihnen mikrokosmisch vorgebildet, genau so wie es im individuellen Organismus nur die zur Fortpflanzung bestimmten Zellen sind, die nach keiner Richtung hin eine Specialisierung, sondern vielmehr ein physiologisches Abbild des Ganzen zeigen. Carlyle gehörte zu diesen wenigen Berufenen. Das zweite Element, das nach dem Puritanismus des Elternhauses auf ihn eindringt, ist die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, welche in dem französischen Materialismus und der englischen Nationalökonomie ihren Ausdruck findet. Beide gehen vom Individuum aus. Da dem Individuum allein körperliche Eindrücke unmittelbar gegeben sind, so glaubte man, dafs überhaupt nichts als Körper existiere; da von inneren Motiven Schmerz- und Lustgefühle am unmittelbarsten gegeben sind, so glaubte man, dafs alle Handlungen davon beherrscht würden; ein Standpunkt, welcher ähnlich dem von Copernicus beseitigten gäocentrischen ist, indem er noch mehr als dieser das Individuum zum Mittelpunkt der Welt erhebt. Von diesem Grundgedanken aus aber ist die Möglichkeit sowohl von Religion als Sittlichkeit zu leugnen. Denn jene setzt eine jenseitige, unkörperliche Welt voraus, diese fällt hinweg, weil alle Gegenstände, belebte wie unbelebte, lediglich in soweit in Betracht kommen, als sie zur Befriedigung des individuellen Bedürfnisses dienen. Carlyles Bedeutung besteht darin, dafs er sich vor diesen Konsequenzen des einmal eingenommenen Standpunktes nicht scheute, welchen er innerlich zu überwinden noch nicht imstande war. Er that nicht, was die meisten an seiner Stelle gethan hätten, den Glauben, den er aus dem Elternhause mitgebracht hatte, und der bisher Leitstern und Ziel seines Lebens gewesen war, mit einem schützenden Walle zu umziehen. Er war zu ehrlich, um sogenannte doppelte Buchführung für möglich zu v. Schulze-G-aevernitz, Zum soc. Frieden. 7 halten. Desgleichen durchschaute er als vergebliches Bemühen, wenn die Utilitarier versuchten, das, was das Volk bisher Tugend genannt, beizubehalten, indem man es als besten Weg zum Wohlsein empfiehlt. Nannte sich doch ein Paulus von Tarsus, den die Menschen später den Heiligen nannten, den „Ersten der Sünder" — welche innere Qualen umschliefst dieser Ausdruck! — während ein Nero fiedelnd und schmausend auf dem Palatin safs und sogar wohlgemuth starb, mit einem: qualis artifex pereo. Welcher Unterschied also zwischen der utilitarischen Tugend, die nichts als ein rationeller Egoismus ist, und der religiösen Sittlichkeit früherer Zeiten! Statt des Weihrauchkessels, meint Carlyle, schwinge unsere Zeit offenkundig die Bratpfanne — denn was ist ein böses Gewissen gegen die Qualen einer schlechten Verdauung — statt der Kreuzesfahne den Weiberunterrock: hoc signo vinces. Diese Folgerungen blieben für Carlyle nicht rein ge- dankenmäfsig, sondern wurden innere Erlebnisse. Das Weltall war für ihn „ohne Leben, eine enorme tote Dampfmaschine, die in stumpfer Gleichgiltigkeit weiter rollt". „Die Menschen", sagt er, „selbst wenn sie sprachen, waren für mich nichts als blofse Figuren; ich hatte thatsächlich vergessen, dafs sie lebendig waren und nicht blofse Automaten." Carlyles Wahrhaftigkeit verachtete auf religiösem und sittlichem Gebiet jeden Kompromifs. Hierin eben besteht jene originale moralische Kraft, von der Goethe gesprochen: durch sie wurde er dazu getrieben, seine Zeit aus ihren eignen Voraussetzungen heraus zu überwinden. Er erkannte im Utilitariertum und im Materialismus die beiden Folgen des unserer Zeit eigentümlichen individualistischen Standpunktes. Der Skepticismus war für ihn daher nicht blofs ein theoretischer, sondern ein praktischer. Während ihn früher, wie er es ausdrückt, „gebahnte Wege", d. h. autoritativ gegebene I — 99 — Pflichten durch das Leben führten, trat er nun mit dem Verlust einer festen Weltanschauung in eine Periode des Schwankens und der Unsicherheit im Handeln. „Schwach zu sein, ist das Elend", sagt er mit Milton 1 . Hierin erblickte er auch den tiefen Grund des Pessimismus unserer Zeit, dem er in jenen Jahren seinen vollen Zoll zahlt. „Alles Leiden besteht in mifsleiteter Fähigkeit." Innere Kämpfe machen den Menschen erst dann unglücklich, wenn sie das Gebiet des Handelns berühren und wenn Zweifel, wofür er seine Arbeit und sein Leben einzusetzen habe, dann Vergeudung von Kräften und Planlosigkeit der Lebensläufe herbeiführen. Garlyle machte in jenen Jahren die Erfahrung, die unsere Zeit heute im grofsen zu machen daran ist: je mehr die bisherigen Lebenszwecke fallen und genufssüchtige Motive mafs- gebend werden, desto weniger wird das von den letzteren in Aussicht gestellte Ziel erreicht. „Das ist gewifs", sagt Carlyle, „wenn das, was man gemeiniglich Glück nennt, unser Ziel ist, so gehen wir alle irre." Mephisto, die Macht des Zweifels und der Verneinung, welche heute den Menschen durch das Leben begleitet, führt Faust zu den sinnlichen Genüssen, als den einzig zweifellosen, in denen jener, während er sie kostet, vor Begierde verschmachtet. Es sind die Jahre, die Carlyle als die düstersten seines Lebens bezeichnet. Von inneren Kämpfen zerrissen, an allem zweifelnd, trieb ihn damals allein die Sorge um das tägliche Brod zur Thätigkeit. Rettungslos schien er dem Pessimismus verfallen; Selbstmordgedanken lagen ihm nicht ferne. Seit jener Zeit bewahrten seine Züge die Spuren tiefen Seelenschmerzes, wie sie seine Bilder, insbesondere das beste von 1 Paradise lost I, 157: „To be weak is miserable, Döing or suffering." Vergl. Carlyle in Past and Present S. 297: „all misery is faculty mis- directed." 7* — 100 — ihm erhaltene, aufweisen. Er wandte später auf sich jenes Wort an, das Dantes Persönlichkeit bezeichnet: „sieh da, ein Mensch, der in der Hölle gewesen ist." Sein Pessimismus führte ihn, den socialen Kämpfen der Zeit gegenüber, in das Lager der Unterdrückten. Bezeichnend für Carlyles damaligen Standpunkt ist folgende Geschichte. Er wurde von einem Bekannten gefragt , ob er bei einem jener kleineren, damals so häufigen Arbeiteraufstände, bei dem er zufällig zugegen war, als die Miliz Ruhe stiftete, geholfen habe. „Auf welcher Seite", fragte Carlyle, „auf der der Unterdrücker oder der Unterdrückten?" Wenn Carlyle den Standpunkt des Individualismus und den sich für ihn hieraus ergebenden Pessimismus verläfst, so ist der wichtigste Faktor in dieser Entwicklung der Einflufs des Puritanismus seiner Heimat und seines Elternhauses. Mitgewirkt hat das Studium der deutschen Litteratur. Carlyle selbst legt den Hauptnachdruck darauf, dafs sein Pessimismus sich selber aufgezehrt habe. Die Leiden hätten in ihm die Überzeugung erwachen lassen, dafs das Ich im Menschen nicht der Zweck und Mittelpunkt des Daseins sei. Carlyle mtlfste kein Abkömmling der Puritaner gewesen sein, wenn sich ihm nicht diese Veränderung seiner Anschauungen als „conversion", d. i. Bekehrung dargestellt hätte. Nennt er doch bei der Darstellung des Lebens des von ihm viel bewunderten Oliver Crom well die „Konversion", unter welcher Denhform sie sich auch vollziehe, die „einzige Epoche im Leben des Menschen". Sie ist der Punkt, in dem der Mensch den Unterschied zwischen Gut und Schlecht, welcher der individualistischen Philosophie ein relativer zu sein scheint, als absoluten erfafst. Wie ihn Goethe bei dieser Gelegenheit beeinflufste, darüber findet sich eine interessante Notiz aus dem Jahre 1838: „Eins frappierte mich ganz besonders in Goethe. Er hatte in seinem Wilhelm Meister eine Gesellschaft talentvoller Leute beschrieben, die sich gebildet hatte, um Vorschläge zu empfangen und Rat zu erteilen . . . Der Mann, der Meisters Leitung übernommen hat, erzählt ihm, dafs täglich eine Zahl Anfragen an die Gesellschaft gerichtet würden, die man in verschiedener Weise beantwortete; dafs aber ganz besonders viele nach einem Rezept zum glücklichen Leben fragten: Das alles, sagte er, würde beiseite gelegt und gar nicht beantwortet. „Als ich dies zuerst las", fährt Garlyle fort, „wunderte ich mich nicht wenig. Was, sagte ich zu mir selbst, war es nicht gerade ein Rezept fürs Glück, das ich mein ganzes Leben lang suchte, und bin ich nicht gerade deshalb, weil ich darin erfolglos blieb, so elend und unzufrieden? Für eine bloi'se Paradoxie konnte ich die Stelle bei Goethes Aufrichtigkeit nicht halten: endlich, nachdem ich dieselbe eine lange Zeit überdacht hatte, fand ich, dafs sie eine grofse Wahrheit enthielt. Kein Mensch hat ein Recht, ein Rezept fürs Glück zu verlangen, er kann ohne Glück fertig werden; es giebt etwas besseres als das. Alle Menschen, die grofses geleistet haben, — Priester, Propheten und Weise, — hatten in sich einen höheren Leitstern als die Liebe zum Glück, nämlich geistige Klarheit und Vollkommenheit . . . Liebe zum Glück ist im besten Falle blofs eine Art Hunger, ein ungeregeltes Begehren im Menschen, weil ihm nicht genug von den Süfsigkeiten dieser Welt zu Teil geworden ist. Wenn man mich fragt, was denn dieses höhere Etwas sei, so kann ich nicht sofort antworten, aus Furcht mifsverstanden zu werden. Es giebt keinen Namen, den ich diesem Etwas beilegen, und der nicht in Frage gezogen werden könnte. Es giebt keinen Namen dafür; doch wehe dem Herzen, das es nicht fühlt: in einem solchen Herzen ist keine Kraft. Einst — 102 — nannte man dieses Höhere das Kreuz Christi: sicherlich kein Glück!" Wie jener Vorgang, den Carlyle seine Konversion nennt, sich im einzelnen vollzogen, darauf einzugehen ist unsere Aufgabe nicht. Hervorzuheben ist nur, weil diese Gedanken geradezu den Mittelpunkt seiner Weltanschauung ausmachen, folgendes: die Selbstsucht, welche in individualistischen Zeiten, wie den unsern, die Triebfeder des menschlichen Handelns wird, hat den Menschen notwendig dem Pessimismus ausgeliefert — eine Erfahrung, die erst allmählich in der Gegenwart gemacht wird. „Unsere Propheten predigen uns: du sollst glücklich sein, angenehme Dinge lieben und sie finden. Nun schreit das Volk, warum haben wir nicht angenehme Dinge gefunden?" Seine „Eitelkeit", d. h. sein Glaube, geboren zu sein, um glücklich zu sein, ist es, was ihm fortwährend Enttäuschungen bringt. Die Leiden aber haben eine erziehende Kraft, sie führen zu einem Punkte, auf dem die Selbstsucht gebrochen wird und die Entsagung eintritt. Auf diesem Wege wird derjenige, dessen Egoismus nicht mehr durch irgendwelche überkommene Glaubensvorstellungen ge- zügelt wird, zu einem ähnlichen antiindividualistischen Standpunkt geführt wie der, den der Gläubige von vornherein einnimmt; daher denn Carlyle mit Goethe von der „Heiligkeit des Leides" spricht. Jener Vorgang aber, der Eintritt der Entsagung und Selbstüberwindung, der sich für Carlyle als „Konversion" darstellt, ist für den Verstand, der nur Lust- und Schmerzmotive versteht, durchaus unbegreiflich; er fällt aus seinem Gebiete heraus, weil er nicht utilitarisch zu erklären ist; er ist für den Verstand daher eine transcendente Erscheinung, weshalb diejenigen, welche ihn durchmachen, ihn als „göttlich" oder „GnadenWirkung" bezeichnen. Wer sich zu diesem Stand- — 103 — punkt erhoben, der hat die Welt besiegt. Seine früheren Wünsche und Befürchtungen erscheinen ihm kleinlich; der Tod verliert seine Schrecken. Je negativer ihm das Diesseits wird, desto positiver wird ihm ein Jenseits, unter welchen dogmatischen, an sich nebensächlichen, Formen er es auch denken mag. „Er fui'st im Jenseits". Wenn Carlyle Aussprüche thut wie den, dafs die „Entsagung" das wichtigste im Leben sei, dafs mit ihr das Leben eigentlich erst beginne, so darf man hieraus nicht schliefsen, dafs seine philosophischen Überzeugungen eine quietistische Grundlage haben, in der Weise wie die buddhistische Religion, das mittelalterliche Mönchstum und unter den Neueren Schopenhauer die Entsagung gefafst haben. Carlyle erblickt hierin eine Täuschung; denn aufser im leiblichen Tode, den die Ascese anticipiert, giebt es keine Flucht von der Welt. Nicht draufsen, sondern im Menschen liegt die Welt; sie folgt ihm in die Mauern des Klosters und in die Höhle des Anachoreten. Uberallhin begleitet ihn „der dunkle Punkt des Ich", und folgerichtig handeln alsdann allein die Büfser, die sich in die Fluten des Ganges oder unter die Räder des Götterwagens stürzen. Die Entsagung, die Carlyle lehrt, ist nichts negatives, sondern Überwindung der Welt durch Thä- tigkeit, durch eine Thätigkeit, die nicht egoistisch, sondern in durchaus entgegengesetzter Weise bestimmt ist, und deren Form von der geschichtlichen Gesellschaft abhängt. Die Form, in der Carlyle seiner antiindividualistischen Grundanschauung einen dem Denken der Gegenwart entsprechenden Ausdruck verlieh, bot ihm jedoch nicht mehr die puritanische Weltanschauung, sondern die deutsche Philosophie: Kant, die Kantianer und vor allem Goethe. Wir können die Bedeutung der Deutschen für Carlyle wie für das neunzehnte Jahrhundert überhaupt nicht besser ausdrücken, als mit fol- gendeu Worten H. Taines 1 : „Von 1780 bis 1830 hat Deutschland die Ideen unseres Zeitalters hervorgebracht, und nocli während eines Halbjahrhunderts, vielleicht während eines Jahrhunderts, wird es unsere Sache sein, sie nachzudenken. — — Die Entwicklung des geistigen Fortschritts ist immer dasselbe gewesen und man kann mit ziemlicher Sicherheit das, was man in der Vergangenheit beobachtet, für die Zukunft voraussagen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt erscheint eine originale Form der Auffassung (une forme d'esprit originale), welche eine Philosophie, eine Litteratur, eine Kunst, eine Wissenschaft hervorbringt und die, nachdem sie das menschliche Denken umgestaltet hat, alle Gedanken des Menschen umgestaltet. Alle Geister, welche forschen und finden, befinden sich in ihrer Strömung. Die Bewegung dauert fort, so lange etwas zu finden bleibt". — — So hat nach Taine die Renaissance sich ausgebreitet bis zur Reformation, die aus ihr hervorgehende klassizierende Richtung bis zur französischen Revolution. „So erhob sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts das philosophische Genie Deutschlands, welches, nachdem es eine Metaphysik, eine Theologie, eine Poesie, eine Litteratur, eine Linguistik, eine Exegese, eine Erziehung neu hervorgebracht hatte, heute in Fortsetzung seiner Entwicklung zu den Wissenschaften hinabsteigt. Keine originalere und allgemeinere Geistesbewegung, keine die in ihren Folgerungen für alle Gebiete fruchtbarer gewesen wäre, hat sich während der letzten drei Jahrhunderte gezeigt. Die Bewegung ist von derselben Art wie die Renaissance und das klassizierende Zeitalter, sie knüpft an sich alle Gegenstände des zeitgenössischen Denkens. Sie erscheint, wie jene, in allen civilisierten Ländern, pflanzt sich, wie jene, unter verschie- 1 Vergl. H. Taine, L'idealisme anglais S. 72 ff. Paris 1864. 105 — denen Formen fort". „Worin besteht diese Form? In der Fähigkeit, die allgemeinen Begriffe aufzufinden. Keine Nation hat sie in so hohem Mafse besessen, wie die Deutschen. Dies ist ihre vornehmste Eigenschaft. Durch sie haben sie hervorgebracht, was sie gethan haben. Diese Gabe ist im eigentlichen Sinne die des „Begreifens"; durch sie findet man die Allgemeinbegriffe, d. h. man vereinigt unter einer Hauptidee alle zerstreuten Teile eines Gegenstandes, man nimmt unter den Verschiedenheiten einer Gruppe das gemeinsame Band, das sie vereinigt, wahr; man vereinigt Einwürfe und führt Gegensätze auf innere Einheit zurück. Hierdurch haben die Deutschen den Geist von Zeitaltern, Civili- sationen und Bassen erfafst und haben das, was nur ein Haufe von Thatsachen war, in ein System der Gesetze der Geschichte verwandelt. Durch sie haben sie den Sinn der Dogmen erneuert. Sie haben Gott mit der Welt, den Menschen mit der Natur, den Geist mit der Materie vereinigt und die zeitliche Verkettung und Notwendigkeit der Abstammung der Formen entdeckt, deren Gesamtheit das Weltall ist". „In der That, alle Ideen, welche während der letzten fünfzig Jahre in Deutschland ausgearbeitet worden sind, sind auf eine einzige rückführbar: die der Entwicklung, welche darin besteht, alle Teile einer Gruppe als gegenwärtig abhängig und sich ergänzend anzusehen, in der Art, dafs jeder einzelne die übrigen bestimmt, und dafs sie vereinigt in ihrer Folge und ihren Gegensätzen die innere Eigenschaft, die sie vereinigt und hervorbringt, darstellen". In ähnlicher, noch bestimmterer Weise sagt Hillebrand in seinen Vorlesungen: Deutschland habe den Begriff des Organismus in die europäische Gedankenwelt eingeführt, ebenso wie der französische Rationalismus, der englische Empirismus und der italienische Humanismus vorher eingeführt — 106 — worden und unentbehrliche Teile der geistigen Konstitution Europas geworden seien. In der That ist es der Begriff des Organismus, welcher sämtliche einzelne Wissenschaften, wie die Gesamtwissenschaft überhaupt, umgestaltet. Die Idee des Organismus giebt allein die Möglichkeit zur philosophischen Überwindung des individualistischen Standpunktes; sie ermöglicht einen Standpunkt antiindividualistischer Moral, wie ihn religiöse Zeiten besessen haben, verbunden mit einer den wissenschaftlichen Überzeugungen der Gegenwart entsprechenden Weltanschauung. Wie der Mensch als Einzelwesen durch die Selbstsucht, so ist er als Teil eines Organismus durch das geleitet, was Carlyle bald als „Glaube", bald als „Liebe" bezeichnet. An Stelle der utilitarischen Begründung der Moral wird damit „Selbstverleugnung der Grund aller Tugend" (selfdenial parent of all virtue). Alles nicht aus diesem Beweggrunde entspringende Thun ist individualistisch und wirkt gesellschaftsauf lösend. Da bei dem heutigen Kulturmenschen die Eigenschaft als Teil eines Gesamtwesens die eines Einzelwesens weit übertrifft, so handelt nur derjenige gut, d. h. „den Tendenzen der Natur gemäfs", der von altruistischer 1 Grundlage aus handelt. Selbstsucht ist der Grund alles moralisch schlechten 3 . Hieraus folgt zugleich, dafs der Unterschied zwischen gut und schlecht kein relativer ist, wie der landläufige Kationalismus behauptet, sondern ein absoluter, ein „unendlicher", weil beide völlig verschiedenen Welten, weil verschiedenen Motivationsweisen angehören. Auch bezüglich des Erkennens wird die angedeutete Auffassung von Wichtigkeit. Erkenntnis beruht auf dem Willen, ein Satz, in dem Carlyle die gesamte neuere Philosophie, t 1 Hier wie im folgenden wird der Ausdruck „altruistisch" nach dem Vorgange H. Spencers im Sinne von „antiindividualistisch" gebraucht. 2 Vergl. Heroes and heroworsliip S. 218. — 107 — insbesondere Schopenhauer, Comte und den Darwinismus zur Seite hat. „Die That ist das Ziel des Menschen", sagt Carlyle in Übereinstimmung mit Aristoteles. „Erst im Handeln gelangt das Wesen des Menschen zur Erscheinung; die Erkenntnis ist nichts als Mittel" L Sie ist in der That nichts anderes als jede der vielen im Kampfe um das Dasein entwickelten Fähigkeiten und kann gleich ihnen auf Grund altruistischer wie individualistischer Motive in Wirksamkeit treten. Wie keine Erkenntnis ohne Wollen, so keine wahre Erkenntnis ohne altruistisches Wollen. Denn die Erkenntnis des gesellschaftlichen Menschen beruht gleich seinen übrigen Thätig- keiten vorwiegend auf letzterem. „Liebe allein führt zur vollkommenen Erkenntnis", schreibt Carlyle an Goethe. Daher in Wissenschaft wie im praktischen Leben diejenigen die Führer und die Gröfsen der Geschichte sind, welche am meisten von altruistischen Grundlagen ausgehen, die um der Sache willen erkennen, die um einer Idee willen handeln. Sie sind die „Helden", denen Carlyle eines seiner Werke gewidmet hat. Altruismus aber ist nicht möglich ohne Glauben, d. h. Annahme eines aufserhalb des Individuums liegenden Wertes. Der Mensch als gesellschaftliches Wesen lebt daduixh, dafs er einen Glauben hat; derselbe ist zur praktischen Lebensführung unentbehrlich. Alles grofse und bleibende ist aus dem Glauben heraus geleistet worden. Gläubige Zeiten sind aufbauende, glaubensleere zerstörende Zeiten. Das eine wechselt mit dem andern. Denn die Formen des Glaubens werden in der Art der menschlichen Kleider mit der Zeit abgenutzt und fadenscheinig, bis sie zerfallen; oder schlimmer, noch halten die Kleider, aber das Leben entweicht: alsdann stehen Scheinexistenzen vor uns, an die man nicht 1 Yergl. Past and Present II, c. 15. - 108 — mehr glaubt, aber zu glauben vorgiebt. Solche müssen, je eher desto besser, zerrissen werden, wie im gröfsten Mafs- stabe die französische Revolution gethau hat. Carlyle sucht im Grunde hiermit unter einer dem modernen Denken entlehnten Form die christliche Anschauungsweise seiner Jugend wieder herzustellen, freilich nicht die dogmatische Form derselben, welche er vielmehr aufgiebt, wohl alter den Grundgedanken des Christentums: die altruistische Lebensauffassung. Ja, Carlyle hatte, indem er jeden Quietismus verwarf und Selbstüberwindung nicht durch Weltflucht, sondern durch Arbeit in der Welt verlangte, sogar den eigentümlichen Gesichtspunkt des Protestantismus wieder aufgenommen, welcher das Ideal der mönchischen Vollkommenheit durch das des christlichen Hausvaters und ■— so wenigstens bereits der englische Protestantismus — des modernen Staatsbürgers ersetzt. Hatte doch Cromwell, der gröbste Vertreter der englischen Reformation bereits ausgesprochen in einem an seinen Sohn gerichteten Briefe, dafs der Mann für den Staat geboren sei — ein Gedanke, der die Puritaner in der Kajüte der „Maiblume" zusammentreten liefs, um sich zu einem Staatswesen im Namen Gottes zu vereinigen. Aber selbst in dogmatischer Hinsicht weicht Carlyle von den gröfsten der Puritaner, Milton und Cromwell, nicht all - zuweit ab. Auch für die letzteren war bereits das griechische Gewand, in das der vierte Evangelist und Origines den Glauben des Abendlandes gekleidet hatten, fadenscheinig geworden. Dogmatische Unterschiede waren für Milton und Cromwell bereits sekundär. Cromwell hat sich für die Gewissensfreiheit erhoben; Gewissenszwang erklärt er für Gewissensmord. Für Milton ist nicht das „verbum scriptum", sondern das „verbum non scriptum" im Menschen, d. h. das innere Erlebnis Gewähr des Glaubens. Für beide ist wie für — 109 — Carlyle ein rein intellektueller, wenn auch noch so orthodoxer Glaube von nicht mehr Bedeutung, als irgendwelche Hypothesen über die Welt; der Glaube ist ihnen vielmehr die dem Individualismus entgegengesetzte Motivationsweise, die V _ den ganzen Menschen erfafst, zunächst das Gebiet des Willens betrifft, und alsdann erst für den Verstand gewisse diskutierbare und wegen seiner subjektiven Beschränktheit stets unvollkommene Folgerungen mit sich bringt. Ganz im Carlyle- sclien Sinn erklärt bereits Cromwell nicht alle, die dasselbe glauben, sondern alle, die da glauben, als die Kirche 1 . Carlyle war sich dieses Zusammenhanges zwischen seinem Standpunkt und dem Puritanismus seiner Vorfahren wohl be- wufst. Er verehrte im Christentum die für alle Zeiten mafs- gebende Macht, die den Altruismus für die Grundlage des menschlichen Daseins erklärt hatte. Das Gesagte genügt, um zu zeigen, wie sehr die Folgerungen aus Carlyles Standpunkt seinen Zeitgenossen, insbesondere der klassischen Nationalökonomie, entgegengesetzt sein mufsten. Während die letztere erklärte, dafs die individualistischen Triebe, sich selbst überlassen, die Harmonie in der Gesellschaft herbeiführen müfsten, leugnet Carlyle ihre Wirksamkeit zwar nicht, behauptet jedoch, dafs sie, wo vorhanden, Reste des gesellschaftslosen Zustandes seien, dafs durch sie die Gesellschaft nie in das Leben gerufen worden wäre und dafs ein Auflösungsprozefs dort vorliege, wo sie von neuem die Oberhand gewönnen. Ein eigentümliches Zusammentreffen war es, dafs in denselben Jahren, als Carlyle seinen Kampf gegen die herrschende Weltanschauung eröffnete, von einer Seite, von der es am wenigsten zu erwarten war, seine Kritik der individua- 1 Vergl. Th. Carlyle, Oliver Cromwells Letters and Speeches I, S. 241. listischen Nationalökonomie eine Bestätigung fand. Die Idee der miteinander um das Dasein kämpfenden Individuen, die „freie Konkurrenz" jener, bot Charles Darwin, wie dessen jüngst veröffentlichte, autobiographische Aufzeichnungen beweisen, den Schlüssel zum wissenschaftlichen Verständnis einer das ganze Gebiet der organischen Natur umfassenden Entwicklung, den Goethe, sein Grofsvater, Lamarck und andere bereits ausgesprochen hatten. Wenn der Grundgedanke der Nationalökonomie imstande war, eine gesellschaftslose Welt zu erklären, die vom Individualkampf ums Dasein erfüllt ist, so war sie auf den Menschen nur in soweit anwendbar, als Reste eines solchen Zustandes zurückgeblieben sind. Der Kulturmensch dagegen mufste aus dieser Analogie weit hinausfallen, indem er weniger Produkt des Einzelkampfes als des Gesamtkampfes und in seiner Abhängigkeit von der arbeitsgeteilten Gesellschaft eher der einzelnen Zelle im tierischen Körper als diesem selbst zu vergleichen ist. Wandte man eine solche Theorie aber thatsächlich auf die heutige Gesellschaft an, so mufste dies — genau wie Carlyle behauptete — auflösend, d. h. in der Richtung auf die Rückführung in gesellschaftlose Zustände wirken. Die Bestätigung, welche Carlyle von dieser Seite erfuhr, blieb ihm verborgen; der soeben angedeutete Zusammenhang zwischen der individualistischen Nationalökonomie und dem Darwinismus wurde erst vor kurzem ei'hellt. Pflegt doch die Filiation der Ideen in gleiches Dunkel wie die der Individuen gehüllt zu sein. Darwin wie Carlyle, obgleich beide scheinbar weit entgegengesetzt, ordnen sich jener gröfse- ren Bewegung ein, welche heute allenthalben aprioristisehe Vorstellungen — eine solche war ja die des abstrakten Individuums der Nationalökonomen — durch historische Untersuchungen ersetzt, sodafs ein Ding verstehen nunmehr so viel — 111 heilst, als es in seiner Entwicklung begreifen. Noch haben wir es zu einer Natur wie Gesellschaft einheitlich umfassenden, entwicklungsgeschichtlichen Weltanschauung nicht gebracht. Der Versuch, den Herbert Spencer in dieser Ricli- r tung gemacht, ist zwar höchst wertvoll, leidet jedoch an einem inneren Widerspruch zwischen den Aufstellungen der „first priuciples" und den naturwissenschaftlichen Schriften einerseits und der später gegebenen socialwissenschaftlichen Lehre andererseits. Dafs aber diese wie andere Versuche zu einer philosophischen Gesamtauffassung noch nicht geführt haben, mag der Grund sein, weshalb das entwicklungsgeschichtliche Denken zwar die Wissenschaften, aber noch nicht die Wissenschaft und damit auch nicht das Leben beherrscht. Denn erst die Philosophie pflegt, wie das Beispiel der Aufklärung des vorigen Jahrhunderts zeigt, die Brücke zu sein, auf der die wissenschaftlichen Anschauungen der Zeit, in der Form von politischen Lebensidealen, zu den Massen hinabsteigen — in sofern die praktischste aller Wissenschaften. Abkömmlinge jener Aufklärung, der Radikalismus und der revolutionäre Socialismus vielmehr sind es, welche die Gegenwart beherrschen. Unter ihrem Zeichen scheint auch die Zukunft zu stehen. Wer den Blick allein nach aufsen richtet, dem mag der Himmel düster genug erscheinen; er mag, wie Carlyle in schwermütigen Stunden that, einen „jüngsten Tag" nicht mehr ferne wähnen. Hoffnung aber wird ihn erfüllen, wenn er jene innere Bewegung erwägt, die — unter der Oberfläche sich vollziehend — Emancipation vom achtzehnten Jahrhundert bedeutet. Hier liegen die Keimzellen, in denen das neunzehnte Jahrhundert bereitet, was im zwanzigsten als verjüngende Macht ins Leben hinaus treten wird. II. Carlyles Tlieorie (1er Gesellschaft. Trotz alles Einflusses deutscher Gedanken ist die Garlylesche Weltanschauung original. Der Gegensatz zwischen Individualismus und Altruismus war für ihn so bedeutend geworden, dafs er nicht nur seine eigene Entwicklung, sondern auch die der menschlichen Gesellschaft unter diesem Gesichtspunkte beurteilte. Das Ursprüngliche sind nach Carlyle Verhältnisse des reinen Individualismus, in denen der einzelne nur sich selbst, die eigene Erhaltung und den eigenen Genufs will und das Dasein der andern, soweit sie ihm hinderlich sind, verneint. Es sind das gesellschaftslose Zustände, das bellum omnium contra omnes. Nicht gröfsere körperliche Fähigkeiten nun haben den Menschen über das Tier emporgehoben. Ebensowenig war es der Verstand, welcher, von dem auch den Tieren gegebenen sinnlichen Wahrnehmungsvermögen nur dem Grade nach verschieden und ausschliefslich auf das Material der sinnlichen Erfahrung angewiesen, lediglich eine Komplikation jenes ist. Das ganze Gebiet des Denkens ist nach Carlyle ähnlich den körperlichen Fähigkeiten zum Zwecke der Erhaltung des Individuums entwickelt. Vielmehr ist es das Leben in gesellschaftlichen Zuständen, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Alle Gesellschaft abei" beruht nach Carlyle auf dem Erwachen altruistischer Motivationsweise, d. h. auf einem gewissen Quantum von Entsagung und Hingebung auf Seiten des einzelnen. Carlyle bezeichnet dieses die menschliche Gesellschaft begründende Element als „Loyalität", dieses Wort in einem viel weiteren Sinn als gewöhnlich geschieht, nehmend. Dieselbe ist dem nur die egoistischen Motive begreifenden Verstände schlechterdings unverständlich, daher sie dem Menschen als etwas jenseitiges, als „infinite", „mysterious", „religious" erscheint. Carlyle wendet sich ähnlich wie Comte gegen alle Theorien, welche die Gesellschaft aus individuellen Trieben ableiten. Falsch vor allem ist die Vertragstheorie, die ein durchaus ungeschichtliches Individuum voraussetzt. Unrichtig, obwohl der Wahrheit viel näher, ist die Annahme, dafs die Gesellschaft durch Gewalt gegründet sei. Denn in der Natur ist im reinen Individualkampf ums Dasein das Werk des Starken die Vernichtung, nicht die Unterwerfung des Schwachen. Dort dagegen, wo sich ein Herrschaftsverhältuis ausbildet, ist der Grund zur Gesellschaft gelegt. Die Herrschaft des Starken über den Schwachen ist der Urtypus aller Gesellschaft, die Teilung in Herrscher und Beherrschte die ursprünglichste Arbeitsteilung, welche auch in den Verhältnissen höchster Civilisation die wichtigste bleibt. Dieses Herrschaftsverhältnis ist nicht individualistischer Natur wie etwa die „Auswahl der Wehrhaftesten", auf welcher nach Macchiavelli die Entstehung der Gesellschaft beruht. Dieser von Polybius beeinflufste Gedanke gleicht dem Carlyleschen nur äufserlich. Im Grunde ist er durchaus individualistisch, wie das ihm entsprechende, utilitarische Moralsystem beweist. Das Herrschaftsverhältnis des Carlyle dagegen, beruhend auf dem Willen des einzelnen, seine Persönlichkeit der Umgebung aufzuzwingen, ist nicht aus dem Egoismus abzuleiten, wiewohl ursprünglich mit ihm reichlich versetzt. Sind doch Aristokratien nur so lange stark, als sie die Macht, nicht den Genufs verfolgen. Auf Seiten der Beherrschten ist es die Furcht, die zunächst zum Gehorsam treibt. Aber sehr bald werden auch hier altruistische Motive wirksam. Keine v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 8 — 114 - Herrschaft kann sich auf die Dauer halten, der nicht von Seiten der Unterthanen etwas von Hingabe entgegengebracht wird. Mehr und mehr gewinnt die letztere das Übergewicht. „Heroworship", d. h. Verehrung des Starken durch den Schwachen, die Unterordnung des Beherrschten unter den Herrscher wird mehr und mehr die Grundlage aller gesicherten Gesellschaftsverhältnisse. „Selbst in der rohesten Menschengemeinde unterwirft sich der Mensch niemals gänzlich der rohen Gewalt." Wie weit einer herrscht oder beherrscht wird, ist nicht eine Frage der persönlichen Willkür, noch weniger vom Gesetze abhängig. Ein jeder herrscht, soweit er herrschen kann, und wird beherrscht, soweit er beherrscht werden mufs. „Der Mensch ist stets der geborene Leibeigene gewisser Menschen, der geborene Herr gewisser anderer Menschen, der geborene Gleiche gewisser noch anderer, möge er nun diese Thatsachen anerkennen oder nicht. Es ist ein Unglück für ihn, wenn er sie nicht anerkennen kann. Alsdann befindet er sich in einem chaotischen Zustande und schwebt in Gefahr unterzugehen 1 ." Herrscher ist der mächtigere, zunächst der körperlich stärkere, aber nie der allein körperlich stärkere, mehr und mehr der gesellschaftlichere, was für Carlyle nicht nur den besseren, sondern den einer intuitiven Einsicht fähigeren, d. h. den weiseren bedeutet. Die englischen Sachsen hatten nicht schwächere Knochen als ihre normannischen Besieger. Aber die letzteren waren die gesellschaftlicheren, eine durch viele Bande in sieh und mit ihrem König verbundene Gemeinschaft. Im Vergleich zu ihnen lebten die Sachsen in gesellschaftslosen Zuständen. Darum waren die Normannen 1 Vergl. Carlyle, Past and Present Buch IV, Kap. I. — 115 - ihre geborenen Herrscher, sie waren „in der Lage, England zu beherrschen". „Indem sie das thaten, handelten sie, wenig bewufst einer solchen Funktion, als eine ungeheuere freiwillige Polizeimacht, über das ganze Land stationiert, in feudalen Regimentern zusammengefafst, stets bereit zur Aktion: starke teutonische Männer, welche sich im ganzen als erfolgreiche Männer bewährten und dieses wilde teutonische Volk zu Einheit und friedlicher Zusammenarbeit drillten, besser als andere es gethan haben würden". Gehen so die herrschenden Klassen als die gesellschaftlicheren den beherrschten in der Entwicklung voran, so sind es doch einzelne Menschen, die altruistischen Denkens und Handelns mehr als ihre Zeitgenossen fähig, die Fortschritte in der Geschichte hervorbringen. Sie sind die „Helden" (heroes), welche ursprüngliche Zeiten als Götter oder Halbgötter verehrten. Noch heute sind sie die wichtigste Erscheinung ihrer Zeit. Carlyle teilt den Glauben Goethes an die Bedeutung der grofsen Männer für die Entwicklung der Menschheit — dafs „einzelne Menschen durch das, was von ihnen ausging, ihrem Zeitalter ein Gepräge aufdrückten", während „das Zeitalter es war, das den Sokrates durch Gift hinrichtete, das Hussen verbrannte"' . Diese Helden sind die eigentlichen Herrscher der Menschheit, mögen sie als Könige bei ihren Lebzeiten oder als Priester, Religionsstifter, Denker erst nach ihrem Tode dieselbe sich unterthan machen („hero as king", „hero as priest") 2 . Die Rückführung aller gesellschaftlichen Gebilde auf ein Autoritätsverhältnis hat Carlyle vielfache Angriffe zugezogen. Dafs Carlyle kein Verteidiger des politischen Despotismus ist, geht schon daraus 1 Vergl. Goethe, Sprüche in Prosa Nr. 272. 2 Vergl. Flügel, Carlyles Entwicklung S. 51. Leipzig 1888. 8* — 116 — hervor, dafs er die Macht aus den Händen der Könige, d. h. der politischen Machthaber, mehr und mehr in die der Denker und Schriftsteller übergehen läfst, sowie daraus, dafs nach ihm die thatsächliche Macht durchaus nicht immer mit der rechtlichen zusammenfällt. In Übereinstimmung mit den Ergebnissen der vergleichenden Völkerkunde führt Carlyle die Entstehung gesellschaftlicher Zustände auf die Ausbildung ursprünglicher Gewaltverhältnisse zurück: die Herrschaft des Vaters über die Familie, des Häuptlings über die Horde, der Eroberer über das eroberte Volk. Je mehr nun solche Verhältnisse dauernd werden, desto mehr wird ihr Bestand für den einzelnen unentbehrlich. Je mehr der einzelne für die Gesamtheit arbeitet, — wie dies bei der zunehmenden Arbeitsgliederung der Fall ist — desto mehr bedarf er der Gesellschaft, des ihm von ihr gewährten Unterhaltes, der Leitung und des Schutzes. „Von allen Menschenrechten", sagt Carlyle, „ist das Recht des Unwissenden, durch den weiseren geleitet zu werden, mit Milde oder Gewalt durch ihn auf dem rechten Wege gehalten zu werden, das unbestreitbarste. Die Natur selbst befiehlt es von Anfang an, die Gesellschaft kämpft der Vollendung zu, indem sie es mehr und mehr durchführt." So ist für Carlyle — im genauen Gegensatz zur gewöhnlichen Annahme — das höchste Recht der Massen das Recht beherrscht zu werden, die schwerste Pflicht für die, die herrschen können, die Pflicht zu herrschen: dies ist der Inbegriff aller socialen Rechte und Pflichten. Beide Klassen arbeiten für einander, die eine mit der Hand, die andere mit „Herz und Kopf". Carlyle versteht unter Herrschen Hervorbringung des Gedankeninhalts, welcher als altruistisches Motiv die Menschen zum Gemeinschaftsleben zusammenschliefst; unter beherrscht werden das Leben unter solchen, die einzelnen miteinander verknüpfenden — 117 Motiven. „Der gebräunte Arbeiter findet es kein Kinderspiel, die rauhen, unbiegsamen Massen zu formen; aber auch Leitung von Menschen ist kein Dilettantismus. Wenn sie als solcher behandelt wird, dann streift das wilde Rofs heimatlos durch die Wildnis, und wird nicht mehr zu Stall und Futter geführt." In dem Grade als der einzelne abhängiger wird von der Gesamtheit, in demselben Grade wird die letztere mehr und mehr ein ganzes. Als solches findet sie ihre Analogie im Reiche der Einzelorganismen. Carlyle vergleicht die Gesellschaft wiederholt mit dem tierischen und pflanzlichen Organismus. Allerdings lag es nicht in seiner Natur, diesen Vergleich streng wissenschaftlich durchzuführen, wie das Herbert Spencer gethan hat, nach dessen Ausführungen es nicht mehr ein Bild, sondern eine wissenschaftlich begründete Subsumtion ist, die Gesellschaft als Organismus zu bezeichnen. In folgenden Punkten scheint der Vergleich zwischen Gesellschaft und lebendem Organismus für Carlyle von Wichtigkeit zu sein. Ganz ebenso wie das Leben als solches unbegreiflich ist, so ist es auch die Gesellschaft, ja sie ist als eine organische Zusammenfassung von Organismen das wunderbarere: „ein zweites uns umfassendes Leben", „the wonder of wonders". Daher sind alle Theorien verfehlt, welche die Gesellschaft verstandesgemäfs erklären wollen; ihrem Wesen haftet, wie oben gezeigt, ein unauflösliches Element bei. Jene Theorien, könnte man diesen Gedankengang fortsetzend sagen, gleichen den Fantastereien bezüglich der Entstehung des organischen Lebens, welche die Wissenschaft aufgegeben hat. Dagegen ist die Entwicklung der Gesellschaft von einfachen bis zu komplizierteren Formen wohl verständlich und Gegenstand der menschlichen Erkenntnis, ähnlich wie Darwin — das einfachste Leben gesetzt — die Entstehung der höheren Lebewesen — 118 — daraus erklärt hat. Die Möglichkeit eines geschichtlichen Verständnisses der gesellschaftlichen Entwicklung beruht darauf, dafs — ähnlich wie die lebenden Individuen — so auch die einzelnen Gesellschaftsgebilde in verwandtschaftlichem Zusammenhang stehen. Ähnlich wie die Naturwissenschaft die einzelnen Glieder einer Species als Einheit auffafst, so bilden auch die Gesell Schaftserscheinungen ein ganzes: die Menschheit. Die Entwicklung der Gesellschaft ist unabhängig von dem Entstehen und Vergehen der Individuen. Letztere dagegen sind durch Vererbung und Erziehung in allem ihre Erzeugnisse. Sie sind nicht nur vermöge der Arbeitsteilung von ihren mitlebenden Genossen abhängig, sondern verdanken alles, was sie sind, der Arbeit der Vergangenheit. „Dieses England von heute ist das Ergebnis von allem, was weise, edel und in Übereinstimmung mit Gottes Wahrheit in allen Generationen von Engländern gefunden wurde — von allem, was je eine Distel abschnitt, einen Sumpf austrocknete, einen weisen Plan ausführte, etwas wahres und tapferes that oder sagte 1 ." Eine unendliche Menge gethaner Arbeit liegt hinter uns, von der nur ein kleiner Bruchteil in der Erinnerung der Menschen lebt, das meiste der Vergessenheit anheimgefallen ist. Der Arbeit seiner Vorfahren verdankt insbesondere der Kulturmensch sein Dasein und seine moralischen wie intellektuellen Errungenschaften: Sprache, Poesie, Wissenschaft, Recht und Religion. Einer, der daher die Geschichte vollständig übersähe, wäre allwissend, denn alles Wissen, alle Wissenschaften sind in derselben enthalten, wie z. B. die mathematischen Begriffe: Sphäre und Cylinder, Ergebnis der Arbeit des Menschen Archimedes sind und bestimmte Durchgangspunkte in der Entwicklung der Menschheit be- 1 Vergl. Carlyle in Past and Present S. 72. . ♦ — 119 - deuten. Von diesem Gesichtspunkte aus in Verbindung mit dem Carlyleschen Idealismus wird der Satz verständlich, dafs die ganze Welt ein Produkt der Gesellschaft sei; denn unser gesamtes Erkenntnisvermögen wurde erst im Laufe der Geschichte entwickelt. Es ist dies im Grunde nichts als die Behauptung der Relativität aller Erkenntnis; z. B. das Gesetz der Schwere wurde nicht sowohl vom Menschen „aufgefunden" als entwickelt. Anders konstruierten, erkennenden Subjekten brauchte es nicht einzuleuchten, daher ist überhaupt die Aufsenwelt Erzeugnis der menschlichen Entwicklung 1 . Carlyle sagt in seinem 1833 veröffentlichten Aufsatz „Über Geschichte": „Alle Bücher, wären es Liederbücher oder Abhandlungen über Mathematik, sind am Ende historische Dokumente, ebenso wie alle Rede es auch ist". „Die Geschichte ist nicht blofs das geeignetste, sondern das einzige Studium und schliefst alle anderen in sich." „Der in der Geschichte vollkommene, der alles, was das Menschengeschlecht bisher gewesen oder gethan, verstünde, sähe und wüfste, wäre in aller vorhandenen und möglichen Gelehrsamkeit vollkommen. Er brauchte hinfort nicht mehr zu studieren, sondern es bliebe ihm weiter nichts übrig, als etwas zu sein und zu thun, damit andere Geschichte dai'aus machen und etwas von ihm lernen könnten." Die Gesellschaft wird mit wachsender gegenseitiger Abhängigkeit der einzelnen von einander mehr und mehr zu einem Organismus. Hieraus folgt, dafs die gesellschaftlichen Menschen beziehungsweise Gruppen der Menschen mehr und mehr auf- 1 Für die niedrig organisierten Tiere stellt sich die Aufsenwelt ge- wifs ganz anders dar, z. B. den noch ultraviolette, also uns durchaus unbekannte Farben empfindenden Ameisen. Für die niedersten Lebewesen beginnt sie mit dem Unterschiede zwischen Licht und Dunkel, ähnlich wie für das neugeborene Kind. — 120 hören als selbständige Einzelwesen thätig zn sein und in zunehmendem Grade Organe des Gesellschaftslebens werden. Wie wird nun der einzelne, der sich einer solchen Funktion meist völlig unbewufst ist, zur Thätigkeit für die Zwecke der Gesellschaft bestimmt? Diese Frage hat Carlyle viel beschäftigt, wie bereits der „Sartor Resartus" beweist. Ihre Beantwortung geschieht durchaus folgerichtig aus dem Grundgedanken seiner Philosophie. Die Gesellschaft bringt im Menschen ihr entsprechende Veränderungen hervor: „sociale Ideen", welche neben dem ursprünglichen Egoismus nunmehr sein Handeln altruistisch motivieren. Es sind dies die von Carlyle allenthalben erwähnten „inneren Formen der Gesellschaft". Indem nun diese subjektiven Veränderungen sich in allen Gliedern der Gesellschaft oder doch in breiten Klassen derselben gleichmäfsig vollziehen, gewinnt das Handeln der Menschen etwas übereinstimmendes. Es bilden sich objektive Regeln aus, welche von der Willkür des einzelnen unabhängig sind: „die äufseren Formen der Gesellschaft", die Sitten, die Institutionen, die nichts als der Ausdruck der inneren Entwicklung sind. Hierin ergiebt sich ein Berührungspunkt mit einem scheinbar weit entgegengesetzten Denker: H.Spencer. Werden doch die ein Ganzes zusammensetzenden Einheiten auch nach ihm durch Veränderungen, welche das Ganze durchmacht, mit modifiziert, so dafs jede Einheit mehr oder weniger ein Abbild der Organisation des Ganzen in sich trägt, woraus Spencer in seinen Prinzipien der Biologie wichtige Folgerungen betreifend die Vererblichkeit der erworbenen Eigenschaften ableitet; jedoch gilt nach ihm der Satz ebenso für das sociale Ganze, die Gesellschaft. Es ist klar, dafs hiermit die Lehre des Socialismus unvereinbar ist, welcher durch äufserliche, d. h. gesetzliche Veränderungen die Entwicklung der Zukunft bestimmen zu können meint. — 121 Die inneren Formen der Gesell schalt. Alle gesellschaftliche Zusammenfassung der Menschen ist bedingt durch eine gewisse Selbstaufopferung von Seiten des einzelnen. Wie gezeigt, ist eine geringe Menge davon schon hei den allereinfachsten der socialen Erscheinungen unentbehrlich. Einige wenige, die Helden der Menschheit, erheben sich zum Enthusiasmus, d. h. zum gänzlichen Aufgehen in aufser ihnen liegenden Zwecken, während hei den meisten der Egoismus noch vorherrscht und nur ganz allmählich zurücktritt. Diese Überwindung der Selbstsucht nennt Carlyle Religion, auf der daher nach ihm alle Gesellschaft beruht. Er steht mit dieser Bezeichnung in Übereinstimmung mit den fortgeschritteneren Religionen, insbesondere mit der höchsten uns bekannt gewordenen, welche ihr Wesen in einen radikalen Umschwung des menschlichen Willens setzt. Indem der Christ dem natürlichen Menschen abstirbt, wird ihm Wiedergeburt und Erlösung zu Teil. Dem gegenüber sind die Vorstellungen des Glaubens, die Dogmen, zwar unentbehrlich, aber doch nur Mittel und daher als solche jenem Zweck untergeordnet. Denn es will der Mensch nie abstrakt, ob es sich nun um egoistisches oder altruistisches Wollen handle, sondern er will stets ein bestimmt vorgestelltes Ziel, welches dem Gebiet der Vorstellung angehört. Wollen und nach be- wufsten Zwecken wollen, ist das gleiche 1 . Wir betrachten zunächst das dem Egoismus, sodann das dem Altruismus entsprechende Gebiet der Vorstellung. 1. Das Wollen des natürlichen Menschen gleich dem des Tieres ist selbstsüchtiger Natur, lediglich auf Erhaltung und Fortpflanzung des eigenen Daseins gerichtet. Jedoch ist dieses 1 Ähnlich Jhering in seinem Zweck im Recht. : ■DI — 122 — Wollen nicht etwa abstrakt; es ist auf bestimmte vorgestellte Zwecke gerichtet, z. B. auf Nahrung, Begattung, Vermeidung bestimmter Gefahren u. s. w r . Das Material zu diesen Vorstellungen gewährt die sinnliche Erfahrung, welche sich ihrerseits an dem Gegensatz zu wollender und nicht zu wollender Dinge entwickelt hat. So wäre, wie das Beispiel niederer Tiergattungen zeigt, eine Unterscheidung von warm und kalt, hell und dunkel gar nicht entstanden, wenn sie nicht für die Erhaltung des Individuums und seine Befähigung im Kampfe um das Dasein von Nutzen gewesen wäre. Das gleiche gilt vom Verstände, welcher nichts als eine Weiterbildung des sinnlichen Wahrnehmungsvermögens ist. Je weiter die gewollten Ziele rücken, je schwieriger ihre Erreichung wird, je mehr Voraussicht in die Zukunft sie erfordert, desto mehr wird die Zusammenfassung der sinnlichen Erfahrung in Begriffen und Gesetzen notwendig. So ist der Verstand lediglich zu praktischen Zwecken entstanden, eine Waffe im Kampfe um das Dasein und zwar die allervorzüglichste, durchaus mechanisch und folgerichtigerweise zum Materialismus führend. Es ist wichtig für das Verständnis Carlyles, dafs nach ihm das gesamte Gebiet des Bewufstseins nur zum Zweck der Erhaltung des Individuums entwickelt ist und insofern nur eine relative Bedeutung besitzt. „Die Gedankenformen, Baum und Zeit, beherrschen unvermeidlicherweise unsere ganze praktische Denk- und Auffassungsweise". „Die Festlegung der äufseren Naturvorgänge in Gesetze" ist das Mittel, wodurch das Individuum lebt. Vom individualistischen Standpunkt aus ist die Natur „ein unermefsliches Buch ökonomischer Rezepte, ein enormes nahezu unerschöpfliches Kochbuch für den Hausgebrauch", welches Institute und Akademien der Wissenschaft zu bereichern bemüht sind. 2. Wenden wir uns nun von dem isolierten Individuum, zu dem, welches in gesellschaftlichen Verhältnissen steht, oder was nach dem oben angeführten Sprachgebrauch dasselbe besagt, vom natürlichen zum religiösen Menschen. Auch hier ist abstraktes Wollen undenkbar. Hingabe, Selbstaufopferung sind unmöglich ohne ein bestimmtes Objekt, auf welches sich das altruistische Wollen bezieht. Zwar geht diese Art des Wollens über den Verstand hinaus, ja sie ist ihm notwendig entgegengesetzt. Es liefse sich eigentlich nur in Negationen davon reden, etwa in folgender Weise: du bist nicht dazu da Lust zu suchen und Schmerz zu vermeiden, sondern der Lust zu entsagen und Leid auf dich zu nehmen, nicht dem Diesseits zu leben, sondern einem durchaus entgegengesetzten Jenseits; denn jenes ist nur scheinbar, vergänglich und wenig geeignet ein sicherer Grund deines Daseins zu sein, letzteres dagegen ist das einzig Wahre, auf das du sicher dein Dasein gründen kannst. Solche negative Sätze jedoch sind für den, der nicht bereits von religiösen Vorstellungen erfüllt ist, bedeutungslos. Der Mensch mufs ein bestimmtes Ziel denken, dem er sich aufopfern, einen bestimmten Gegenstand, den er lieben kann; ohne das sind Aufopferung und Hingabe undenkbar. Wie daher das egoistische Wollen als notwendiges Korrelat die sinnliche Welt hervorbringt, so ist die notwendige Begleiterscheinung des altruistischen, d. h. gesellschaftlichen Wollens ebenfalls eine Welt von Vorstellungen. Dieselben sind zwar aus sinnlichem Material aufgebaut, denn der Mensch, als zeitliches Wesen, verfügt über kein anderes. Dagegen haben sie eine andere Bedeutung, als ihnen nach rein verstandesgemäfser Betrachtung zukommt, sie sind Symbole, als solche eine „Verkörperung des Unendlichen". Denn „das Unendliche mufs sich mit dem Endlichen verschmelzen, um sichtbar und sozu- 124 — sagen fafsbar dazustehen". „Durch Symbole wird der Mensch", d. h. der gesellschaftliche Mensch, „sei es bewufst oder unbe- wufst geleitet" L Als einfaches Beispiel eines solchen Symbols führt Carlyle die Fahne des Soldaten an. „Habe ich nicht selbst erlebt", sagt der Sartor Resartus, „wie fünfhundert lebendige Soldaten sich um eines glänzenden Stückes Tuch willen, das sie ihre Fahne nannten, und wofür man auf keinem Trödelmarkt mehr als drei Groschen bekommen hätte, in Stücke hauen liefsen?" Man sieht an diesem Fall, wie es ein gewisser, nach Nützlichkeitsgründen nicht zu berechnender Wert ist, welchen die Menschen dem Symbol beilegen, und durch welchen sie zu Handlungen der Selbstaufopferung bestimmt werden. Ein ähnliches Symbol, welches vielleicht bei jenen Soldaten mit in Betracht kam, ist die Idee des Vaterlandes. Nicht eine bestimmte Anzahl menschlicher Individuen ist es, nicht eine Quadratmeilenzahl Landes, welche für sie das Vaterland ausmacht, sondern ein jenen sinnlichen Dingen beigelegter, schlechterdings unbeweisbarer Wert, der den Wert ihres eigenen Daseins für sie bei weitem übersteigt. Mit fortschreitender Entwicklung pflegen die Symbole abstrakter zu werden; an die Stelle des persönlichen Gefühls für den Monarchen tritt das Staatsgefühl u. s. w. Aber man täusche sich nicht; auch diese abstrakteren Begriffe bleiben Symbole, indem auch sie, wie alle Begriffe, aus dem Material der sinnlichen Erfahrung aufgebaut sind, und nicht dieses es ist, sondern sein transcendenter Wert, den wir lieben und für den wir uns aufopfern. Die höchsten und wichtigsten aller Symbole sind die religiösen Symbole im engeren Sinn, denn durch sie erhebt sich der Mensch zum höchsten Grade der Hingebung: der Ehrfurcht. So ist auch 1 Vergl. Carlyle, Sartor Resartus, Buch III, Kap. 3. die Idee Gottes, wie sie von den höchsten Religionen gefal'st ist, zwar nur Symbol, denn gerade das, was wir über Gott uns vorstellen, ist durchaus anthropomorphistisch und gehört dieser Welt an. Dagegen ist sie das höchste Symbol, weil sie die selbstloseste Liebe ermöglicht. In ihr ist am vollständigsten ausgedrückt, was die übrigen Symbole nur beschränkt ausdrücken: die Relativität der Sinnenwelt und des Individuums. Während daher die anderen Symbole mehr oder weniger selbstsüchtige Elemente mit ins Spiel setzen, tritt durch sie rein altruistisches Handeln ein. Wir sehen wie Carlyle den Begriff des Glaubens weiter fal'st, als man gewöhnlich thut. Familien- und Vaterlandsgefühl fallen ihm z. B. ebenso darunter wie religiöse Gefühle im engeren Sinn. Die ganze Summe dieser Vorstellungen bildet den Schatz des Glaubens eines Volkes. Sein Glaube ist die wichtigste Thatsache in Beziehung auf dasselbe. Während die Selbstsucht stets dieselbe bleibt, ist der Glaube das wechselnde, dem die verschiedenartigen Gesellschaftsbildungen zu verdanken sind. Der Glaube eines Volkes ist subjektiv das, was objektiv seine äufsere Geschichte ist. Darum ist es ein Irrtum, die Geschichte desselben auf Selbstsucht zurückzuführen. Wäre diese das allein bewegende, so wäre nie eine Geschichte entstanden.. „In welchem Lande und zu welcher Zeit ist wohl bis jetzt die Geschichte des Menschengeschlechtes nach berechneten und berechenbaren Motiven vor sich gegangen? Wie steht es mit eurem Christentum und Rittertum, eurer Reformation, eurer Marseillaise und eurer Schreckensherrschaft? Ja, ist nicht der Motivenmüller einmal verliebt gewesen?" fragt Carlyle. Glauben und Weissen sind ihrem Ursprünge nach verschieden, ja einander so entgegengesetzt, dafs vom Standpunkt des einen über das andere nur ein negatives Urteil möglich — 126 — ist. Für den in der Selbstsucht befangenen Menschen freilich ist das Diesseits das allein wirkliche, der Glaube an ein Jenseits Wahnvorstellung. Für den dagegen, der den inneren Umschwung, die „Konversion" durchgemacht hat, ist der Glaube nicht nur ebenso sicher, sondern vielmehr das absolute und wahre, „die Thatsache der Thatsachen", der gegenüber der Verstand als Licht dieser Welt nur beschränkte Geltung hat und dem Glauben durchaus untergeordnet ist. Trotzdem aber kommen beide um deswillen fortwährend miteinander in Berührung, weil auch die Vorstellungen des Glaubens aus dem Material der sinnlichen Erfahrung aufgebaut sind. „Die Religion", sagt Carlyle, „wirft durch die intellektuellen Media Scheinbilder." Es sind das die Religionen, welche dem Denken angehören und darum allein Gegenstand der Wissenschaft sind. Sie werden durch die Fantasie hervorgebracht, welche Carlyle die Fähigkeit des Menschen nennt, wodurch er das unendliche zu fassen vermöge. Damit aber wird ein unlösbarer Widerspruch in das Individuum hineingetragen, seiner doppelten Eigenschaft als selbständigem Einzelwesen und Teil eines Gesamtwesens entsprechend. Es besteht ein fortwährender Kampf zwischen den Glaubensvorstellungen, welche einem früheren Stande des Wissens entsprechen, und dem stetig fortschreitenden empirischen Wissen. In diesem Kampfe ist der Sieg scheinbar stets auf Seite des letzteren, die einzelnen Sätze des Glaubens werden einer nach dem andern vernichtet. „Die Zeit entheiligt allmählich alle Symbole". Während die Ergebnisse der Erfahrung als bleibend aufgespeichert werden und sich mehr und mehr zu einem System des materialistischen Monismus zusammenschliefsen, ist der Glaube das vergängliche. Die einzelnen Glaubensvorstellungen werden immer abstrakter, wie — 127 z. B. der Übergang des Glaubens an viele, bestimmt vorgestellte Götter zu dem Glauben an einen unfafsbaren Gott zeigt. — Jedoch ist dieser Nachteil des Glaubens gegenüber dem Wissen nur ein scheinbarer, indem der Wechsel nur den vergänglichen Kern berührt. Der Sieg des Wissens kann um deswillen kein endgültiger sein, weil seine Vorbedingung, das gesellschaftliche Dasein des Menschen, mit dem Glauben steht und fällt. Wenn die bisherigen Symbole veralten, müssen stets neue geschaffen werden. Der Glaube wird so immer von neuem wieder aufleben. Ähnlich wie die grofsen Puritaner sieht Carlyle den Grund für die Verschiedenartigkeit und die Vergänglichkeit des Glaubens in der Beschränktheit des glaubenden Subjekts. Er könnte jenes Wort Cromwells ausgesprochen haben, dafs nicht alle die, welche dasselbe glauben, sondern alle die, welche glauben, die unsichtbare Kirche ausmachen. Die Legenden und Theologien, sagt Froude, welcher mit Carlyle über diesen Gegenstand eingehende Gespräche führte, verhielten sich für ihn wie die astronomischen Theorien der Babylonier, Ägypter und Griechen, welche richtig waren, so weit sie thatsäcbliches Material enthielten, welches auch bei der unrichtigsten von ihnen in reichem Mafse mit unterlief. In ähnlicher Weise waren auch jene Spekulationen ehrliche Anstrengungen des Menschen, die Gesetze, unter denen er lebte, auszulegen und sein Leben danach zu ordnen. Auch unter ihnen liegen Thatsachen eines jenseitigen (d. h. nicht individuellen) Lebens, welche trotz Wechsel der Theorie gleich bleiben. Carlyle hat diesen Gedanken in zwei von Froude veröffentlichten Fragmenten: „Spiritual optics" des weiteren ausgeführt. Auf dem Glauben beruht von Anfang an alles menschliche Dasein, welches ohne ihn zu tierischen Zuständen ! zurücksänke. Dessen mufs der Mensch zu allen Zeiten sieh bewufst sein, oder falls er es nicht ist, wird er sich unter Strafe der Vernichtung bewufst werden, dafs „das Universum ein unendliches ist, dafs er nicht versuchen darf, es zu logischer Verdauung einzuschlucken, sondern dankbar sein soll, wenn er, diesen oder jenen festen Pfeiler in das Chaos geschickt einpflanzend (durch den Glauben), dasselbe verhindert, ihn selber einzuschlucken". Die äufseren Formen. Es ist für Carlyle ein Satz von grundlegender Wichtigkeit, dafs alles Denken nur zum Zweck des Thuns da ist, die geistigen Fähigkeiten nicht anerschaffen, sondern, weil sie sich als fördernd erwiesen, entstanden sind. Carlyle berührt damit den Grundgedanken von Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung", wobei man von der allerdings sehr verschiedenartigen Ausdrucksweise abzusehen hat. Auch nach Schopenhauer hat „der Wille zum Leben" die Welt der Erkenntnis hervorgebracht, welche für den Standpunkt der „Verneinung des Willens" bedeutungslos wird. Ähnlich Carlyle, nur dafs ihm der Quietismus durchaus fernliegt, dem Schopenhauer verfällt. Die Welt der Erfahrung entspricht nach ihm dem selbstsüchtigen Willen und dient zur Erhaltung des individuellen Lebens, die Welt des Glaubens entspricht dem selbstlosen Willen und dient zur Erhaltung eines überindividuellen Lebens: der Gesellschaft. Daher ist d e r Glaube völlig wertlos, der nur gedankenmäfsig ist und nicht den Willen, das ist das eigentliche Wesen des Menschen, beeinflufst, übereinstimmend mit dem Christentum, das solchen Glauben als „tot" verwirft. Der „lebendige" Glaube dagegen bewirkt eine Umkehr des menschlichen Willens. Während die Selbstsucht nur allein das eigene Dasein bejaht und dem gegenüber das der ganzen — 129 — Welt verneint, verneint der Glaube das individuelle Dasein und. bejaht das des geglaubten Gegenstandes, welchem er einen vom individualistischen Standpunkt aus schlechterdings unverständlichen Wert beilegt. Welches nun dieser Gegenstand sei, dem der Mensch seinen Willen also unterordnet, hängt von dem geschichtlich gewordenen System der Glaubensvorstellungen ab, welche zur Zeit herrschen. Die Thätigkeit aber, welche aus dem Glauben heraus geschieht, nennt Carlyle „Arbeit". Alle andere Thätigkeit, möge sie noch so geschickt sein, ist, weil individualistisch, vom Thun des Tieres, das oft auch außerordentlich kompliziert ist, ihrem Wesen nach nicht verschieden. Alle wahre Arbeit geschieht um ihrer selbst willen. „Berechnung von Gewinn und Verlust" ist für das Thun des Menschen nur in soweit von Bedeutung, als dieses Thun noch individualistisch ist, oder als er in Zeiten lebt, in denen individualistische Beweggründe wieder in den Vordergrund treten. Die Geschichte ist nicht aus solchen hervorgegangen. Alle grofsen Errungenschaften der Menschen waren ohne einen gewissen Grad von Entsagung auf Seiten des einzelnen unmöglich. Die Helden der Geschichte opferten mehr oder weniger ihr Leben. Der Apostel setzte nicht nach Europa über aus Erwägung von Gewinn und Verlust und doch wurde diese That- sache allbestimmend für die Entwicklung unseres Weltteils. Jeder redliche Arbeiter macht ähnliche Erfahrungen. Der Schriftsteller, welcher nur um des Erfolges willen schreibt, schafft Tageslitteratur, welche gütige Vergessenheit bald wieder dahin nimmt. Jede wissenschaftliche Leistung ist nur möglich unter Voraussetzung der Liebe zur Sache. Das gleiche gilt von jedem künstlerischen Schaffen. Aber auch für das niederste Handwerk besitzt das Wort der alten Mönche: „laborare est orare" Wahrheit. Das Wesen der Arbeit ist für den Ver- v. Schitlze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 9 — 130 — stand unbegreiflich, da sie nur durch Glaubensvorstellungen möglich wird. Unbekümmert um Gewinn und Verlust, Lob oder Tadel folgt der wahre Arbeiter allein seinem Glauben. „Er arbeitet für und in dem Jenseits; wenn er nur das Diesseits um Rat fragt, dann kann er ebenso gut das Geschäft ungethan bei Seite lassen. Denn was er zu thun vor hat, bisher noch ein Nicht-Ding (no-thing), wird alsdann nimmer als ein Ding hervorgehen, sondern als eine Täuschung, ein Schein-Ding (sham-thing), welches er besser nicht getlran hätte" L Je mehr seine Thätigkeit den Charakter der Arbeit annimmt, desto mehr hört der Mensch auf als Individuum thätig zu sein, desto mehr wird er zum Organ der Gesellschaft. Letztere mufs ihn daher arbeitsfähig erhalten, ähnlich wie das Ganze des lebenden Körpers die einzelnen Zellen mit Nahrung versieht. Dies ist die Bedeutung des Lohnes, dessen Höhe sich darnach normalerweise richtet, wie viel notwendig ist, damit der Arbeiter gerade die ihm eigentümliche Arbeit auszubilden und weiter zu liefern imstande sei. Dagegen beruht es auf einer vollständigen Verkennung des Wesens der Arbeit, in der Bezahlung ein Äquivalent zu sehen. Denn jede wahre Arbeit ist unschätzbar und mit dem Lohn sowie dem damit etwa zu erkaufenden Genufs schlechterdings unvergleichlich. Die Arbeit ist der einzige Zustand, in dem der Mensch des Glückes teilhaftig wird. Wenn die Selbstsucht den Menschen unglücklich macht, so findet er im selbstlosen Thun Selbstvergessenheit. „Gesegnet der", sagt Carlyle, „der seine Arbeit gefunden hat." Gleich dem alten Goethe sah er in der „Erfüllung der Pflicht, die am nächsten liegt", das 1 Vergl. Garlyle, Past and Present Buch III, cap. 11. — 131 — einzige Mittel, um innere Kämpfe zu beseitigen. „Dem Zweifel, sei er von welcher Art er wolle, kann nur durch die Thätigkeit ein Ende gemacht werden". „Eigentlich hast du gar keine andere Kenntnis als die, welche du durch das Arbeiten erworben hast; das übrige ist alles nur eine Hypothese, eine Sache, worüber man in Schulen streitet, eine Sache, die sich in endlosen logischen Girkeln dreht". „Der Mensch vervollkommnet sich durch die Arbeit. Selbst bei den niedersten Gattungen von Arbeit wird die ganze Seele des Menschen von dem Augenblicke an, wo er sich an die Arbeit macht, in einen gewissen Grad von Harmonie versetzt" — alles Ausprüche Carlyles. Wenden wir uns von dem Einflufs des Glaubens auf die Thätigkeit des einzelnen zu seiner Bedeutung für die Gesamtheit, so sehen wir, dafs die Handlungen der Menschen durch ihn nicht mehr entgegengesetzte sind, die sich vielfach aufheben, sondern mehr und mehr nach gemeinsamen Zielen sich richten. Denn die Glaubensvorstellungen sind bei allen oder doch innerhalb gewisser Klassen der Gesellschaft zur Zeit dieselben. Es entsprechen ihnen objective, für viele oder alle geltende Regeln des Handelns. Sie bilden die „äufseren Formen" des gesellschaftlichen Lebens, welches sich in ihnen bewegt. Sie erst gliedern die sonst unterschiedslose Masse kämpfender Individuen, organisieren die Gesellschaft. Der Mensch kann nicht ohne gewisse Formen leben, d. i. Sitten, autoritative Wege des Handelns. „Ubi homines ibi modi". Bildet den inneren Grund einer gesellschaftlichen Zusammenfassung der Menschen der Altruismus, so sind das äufsere Mittel, durch welche sie verbunden werden, die Sitten, die Carlyle bildlich auch „social vestures", „social garniture", d. i. gesellschaftliche Gewänder zu nennen pflegt. „Ohne dieses System von festgesetzten Wegen des Glaubens und Handelns", 9* — 132 — sagt er, „würde Gesellschaft überhaupt gar nicht existieren. Durch jene existiert sie; in ihnen auch, wie immer entstanden und aufrecht erhalten, liegt das wahre Gesetzbuch und die Verfassung der Gesellschaft, welcher sie in keiner Weise ungehorsam sein kann. Das Ding, das man geschriebenes Recht, Verfassung, Regierungsform u. s. w. nennt, ist nur ein Miniaturbild, ein feierlich ausgesprochener Abriss dieses ungeschriebenen Kodex — ist es oder ist es auch nicht, aber sollte es immer sein und strebt immer dahin, es zu sein. In diesem letzteren Gegensatz liegt der Grund zu endlosen Kämpfen." Die äulseren Formen der Gesellschaft hängen, wie oben gezeigt, von den inneren Formen ab. Ähnlich wie nach A. Comte „die Ideen die Welt regieren und umstürzen", so sind es auch für Carlyle die „inneren Formen", der „Glaube" der Menschen, von denen die äufsere Verfassung der Gesellschaft abhängt. Wie daher nach Carlyle jener vergänglich ist, so ist es auch diese, wenn auch die entsprechenden Veränderungen beider zeitlich successiv auf einander folgen, so dafs ein System der Gesellschaft noch lange bestehen kann, nachdem bereits der Glaube, dessen Ausdruck es ist, dahingeschwunden. Unter den Sitten giebt es eine gewisse Anzahl von Regeln, welche den Menschen so unbestreitbar zu sein scheinen, dafs man sie als endgültig (final) empfindet: das „Sittengesetz". Nichts desto weniger sind sie, wenn zwar bei weitem langsamer, doch auch veränderlich, wie der Umstand beweist, dafs weit auseinanderliegende Kulturkreise nicht selten Handlungen für sittlich erlaubt oder gar geboten erachten, welche andere als unsittlich verwerfen. Man unterscheidet nach Carlyle zwischen den „morals", d. h. dem wechselnden Sittengesetze und der „Religion", jener transcendenten, den Grund des ersteren bildenden Umwandlung des menschlichen Willens, welche nur eine und das Ziel alles menschlichen Daseins ist. An den Menschen aber als zeitliches Wesen kann diese höchste Forderung nur in der Form von konkreten Geboten herantreten, welche — je nach dem Standpunkt der Entwicklung — mehr oder weniger rein sind, d. h. neben dem Altruismus mehr oder weniger die Selbstsucht mit ins Spiel ziehen. So liegt in der Befolgung jeder Sitte, so lange sie ehrlich ist, d. h. als Unterordnung unter ein objektives Gebot empfunden wird, etwas moralisches. Umgekehrt verzichtet das Sittengesetz fast nie ganz darauf, durch Lob und Tadel, womit es Befolgung oder Übertretung belegt, selbstsüchtige Beweggründe in Mitwirkung zu setzen. Von Sitte und Sittengesetz hebt sich das Recht ab. Während die ersteren eine Macht sind, welche das Handeln des Menschen bestimmt, ist das Recht lediglich die dem einzelnen gegebene Möglichkeit seinen Willen zu bethätigen, sei es nun in sittlichem oder selbstsüchtigem Thun. Jedes Rechtsverhältnis besteht zwischen Personen und bedeutet ein feierlich anerkanntes Herrschaftsverhältnis. Die Summe aller Rechtsverhältnisse, d. i. das objective Recht stellt das System der in der Gesellschaft bestehenden Herrschaftsverhältnisse dar. Die Feststellung dieser Herrschaftsverhältnisse nun ist das wichtigste sociale Geschäft. In diesem Aufbau, d. h. in seinem Recht, zeigt sich der Geist eines Volkes. Diejenigen, die an der Spitze stehen, denen qualitativ oder quantitativ am meisten Rechte anvertraut sind, die Herrscher, zeigen, wie beschaffen für das Volk das Ideal des Mannes ist oder wer diesem doch am nächsten kommt. Daher sagt Carlyle: „so das Volk wie der König" (like the people like the king.) Nach Carlyle wird die Auswahl der Herrscher richtig vollzogen, solange hinter dem Rechte, d. h. der Möglichkeit, — 134 — den Willen zu bethätigen, auch wirklich die Fähigkeit steht, das angewiesene Gebiet thatsächlich zu beherrschen. Dein Mächtigen ist ein grösserer Besitz gegeben als dem Schwachen, ' der einen solchen zu verwalten gar nicht imstande wäre. Hieraus folgt die Carlylesche Begründung des Eigentums, welche nahe verwandt mit der Goetheschen Anschauung ist, dafs ein jeder das Ererbte zu erwerben habe und sein Besitz „nur so weit gehe, als er ihm vorzustehen imstande" sei. Deshalb ist für Carlyle Rechtssetzung gleich Machtabwägung. Der Feststellung der Machtverhältnisse pflegen häufig Kämpfe vorher zu gehen. Das Recht ist so das Resultat des Kampfes. Wenn die Macht aufhört hinter dem Rechte zu stehen, so wird das letztere auf die Dauer unhaltbar. Wenn eine privilegierte Klasse ihre thatsächliche Macht verliert, so ist die Verminderung oder der gänzliche Verfall der sie begünstigenden Rechte eine frühere oder spätere Folge. Umgekehrt, wenn die Macht einer Klasse wächst, — wie einst die des Bürgerstandes gegenüber dem Adel, heute die des Arbeiterstandes gegenüber den besitzenden Klassen — so wird damit eine entsprechende Veränderung des Rechtes notwendig und ist die Frage nur die, ob sie sich in friedlichem oder gewaltsamem Kampfe vollzieht. Zeitweise kann zwischen Recht und Macht allerdings ein weitgehendes Mifsverliältnis bestehen. Alsdann sind Männer oder Klassen an der Spitze, die zum herrschen nicht mehr die Fähigkeit besitzen. Dagegen suchen sie noch den Schein der Herrschaft aufrecht zu erhalten, um die Vorteile der ihnen gewährten Stellung fortzugeniefsen. Das Volk wird solchen Führern „laissez faire"! zurufen. Verschont uns mit eurer Herrschaft! Endlich aber wird auch der Schein der Herrschaft von ihnen genommen und oft unter schweren Katastrophen die Übereinstimmung zwischen Recht und Macht wiederhergestellt. — 135 — Die Geschichte ist der Prozefs der Socjalisierung der Menschheit. Derselbe vollzieht sich in einer Veränderung der inneren und äufseren Formen der Gesellschaft, indem in ihnen das sociale Element immer reiner zum Ausdruck kommt. Diese Entwicklung ist jedoch nicht eine stetige. Ähnlich den menschlichen Individuen entstehen Gesellschaften, wachsen heran, leisten ihre Arbeit — wie jene für das Volk, so diese für die Menschheit — um wieder zu vergehen und jüngeren Gebilden Platz zu machen, welche aus dem Boden, in den jene sich zersetzten, emporwachsen. „Sie wachsen, und nach langer sturmvoller Jugend, blühen sie zur Reife und Höhe. Dann verfallen sie schnell, denn alle Blüte ist kurz; traurig schwinden sie hin, bröckeln zusammen oder stürzen gewaltsam nieder: geräuschlos oder geräuschvoll." So zählt man von Chlodwig bis Ludwig XIV zwölf Jahrhunderte und bereits beim Tode seines Nachfolgers liegt das Königtum im Sterben. Ein plötzlicher Zusammensturz wird besonders dann erfolgen, wenn, was nicht selten vorkommt, sociale Gebilde aufrecht gehalten wurden, nachdem das Leben längst daraus entwichen, ähnlich wie ein toter entblätterter Baum noch lange stehen kann, bis ein Windstofs ihn niederreifst. Gerade von solchen Katastrophen, — Revolutionen, Kriegen etc. — ist die Geschichtschreibung erfüllt, während sie die jahrhundertlange Arbeit des Landmanns und des Denkers, welche die Gesellschaft erbauten, übergeht. Daher der Satz eine gewisse Wahrheit hat: „Glücklich die Völker, deren Annalen leer sind." Fragen wir nun, wodurch unterscheiden sich Perioden socialen Wachtums von solchen socialer Auflösung? Die Antwort, welche Carlyle hierauf giebt, ist trotz grofser Verschiedenheit des Ausdrucks, nicht weit entfernt von der Herbert — 136 — Spencerschen Idee der „evolution" und „dissolution 1 ". Zur Zeit des Wachstums ist das Ganze mächtiger als seine Teile und die Entwicklung des einzelnen durch die des ganzen beherrscht. Diese Bestimmung geschieht dadurch, dafs das Ganze im einzelnen Veränderungen hervorruft: Glaubensvorstellungen, wie sie seinem Bedürfnis entsprechen. Jede Veränderung der gesellschaftlichen Zustände wird daher mit einer Veränderung des Glaubens, natürlich Glaube immer in dem weiten Carlyleschen Sinne, verbunden sein. Aber die Kraft des Ganzen, die Teile sich zu assimilieren, ist eine beschränkte. Früher oder später tritt der Punkt ein, wo das vorhandene Glaubenssystem abgeschlossen und schlechterdings weiterer Ausbildung unfähig ist. Der alte Glaube stirbt alsdann, ein neuer ist nicht vorhanden. Damit verliert das Ganze mehr und mehr die Herrschaft über seine Teile, in denen nun der Individualismus wieder die Oberhand gewinnt. Dies ist die Periode der Zersetzung einer bestimmten Gesellschaft. Nach Carlyle läfst sich daher die Geschichte jedes Volkes in positive und negative Zeiten einteilen: erstere positiv in Beziehung auf innere und äufsere Formen, d. h. gläubig und aufbauend, letztere in beider Hinsicht negativ d. h. ungläubig und zerstörend. Positive Zeiten. Nach Carlyle entstehen die Glaubensvorstellungen zunächst innerhalb gewisser Kreise des Volkes und verbreiten sich von da über die Massen, gleichgültig, ob jene Kreise sich äufserlich hervorheben oder nicht. Im ersteren Fall heifsen sie Priester, im anderen Philosophen, Dichter etc. Daher der Satz nicht unrichtig ist: „Die Dichter machten 1 Vei'gl. unten Kap. V, Anhang zu Abschnitt I. — 137 — dem Menschen die Götter." Unter ihnen aber sind es doch wieder einzelne, besonders hervorragende, von denen der Fortschritt in Wahrheit ausgegangen: sie sind die geistigen Helden und Herrscher der Menschen, von denen der Glaube und damit mittelbar auch die äufsere Gestaltung der Gesellschaft, die Geschichte der Menschheit abhängt. Individualistische Zeiten — ohne Verständnis für andere Beweggründe — haben die Entstehung der Religionen auf Zweckmäfsig- keitserwägungen d. h. auf mehr oder minder bewufste Täuschung zurückgeführt. Gläubige Zeiten dagegen haben die Worte ihrer Propheten als Eingebung verehrt, nicht zu Unrecht, indem die Selbstaufgabe und Begeisterung, die wir bei jenen Männern finden, schlechterdings aus dem Gebiete der Erkenntnis herausfallen. Sie lebten in der That in einer jenseitigen Welt, wenn sie auch nicht anders als im sinnlichen und vergänglichen Material dieselbe zum Ausdruck bringen konnten. Das Volk nun nahm den Glauben an, sagen individualistische Zeiten, indem es auf die Freiheit seines Urteils verzichtete und einer äufseren Autorität sich beugte. Ganz im Gegenteil, meint Carlyle, der Glaube jener Zeiten ist ein innerlicher höchst persönlicher Akt, auf den kein äufserer Zwang Einflufs haben kann. Unfrei dagegen wird der Glaube dann, wenn er Bemühung wird „zu glauben, dai's man glaubt", wobei die Gefahr der Unwahrheit sehr nahe liegt, und dies ist gerade in Zeiten der Fall, in denen ein Glaubenssystem verfällt. Gläubige Zeiten dagegen sind innerlich frei und wahr. „Es ist nicht nötig, dafs der Mensch eine Wahrheit selbst entdeckt haben müsse, um daran zu glauben und noch so aufrichtig daran zu glauben." „Das Verdienst der Originalität ist nicht Neuigkeit, sondern Aufrichtigkeit; der gläubige Mensch ist der originale Mensch; was immer er glaubt, er — 138 — glaubt er für sich, nicht für einen andern." „Ganze Zeitalter, die wir die Zeitalter des Glaubens nennen, sind original. Alle Menschen, oder doch bei weitem die meisten in ihnen, sind aufrichtig. Dies sind die grofsen und fruchtbaren Zeitalter." Der Glaube wird nicht viel besprochen, und wenn schon, dann mehr in Poesie als in Prosa. Die Philosophien jener Zeiten tragen Elemente des Glaubens in sich. Während die rein logischen auflösend wirken, wirken die „poetischen Philosophien" z. B. die platonische aufbauend. Für solche Zeiten ist der Glaube, in welchen Formen er auftrete, die Atmosphäre, in der sich alles bewegt, eine Selbstverständlichkeit („unquestionability"). Der einzelne ist frei von inneren Widersprüchen und hat jenen positiven Grund seines Daseins, den Logik nimmer zu legen im stände ist. Er fufst im Jenseits und mag so „Raum und Zeit ruhig Trotz bieten". Er ist zum handeln geneigt und das Denken für ihn nur Mittel, nicht Selbstzweck. Sitten und Institutionen wachsen heran; sie bewahren solange ihre Jugend, als ihnen die Anpassungsfähigkeit an die stets sich ändernden Bedürfnisse der Gesellschaft eigen bleibt. Auch sie sind das Produkt einzelner Menschen, die den andern voranschreiten. Denn alles mufs einmal zum erstenmal gethan werden, und bevor es das ist, gehört es noch dem Reiche der Nichtexistenz an (ist ein „no-thing", eine „im- practicability"). Nachdem erst einer einen Pfad durch die bisher unbetretene Wildnis zurückgelegt hat, folgen ihm andere nach. Seine Spur erweitert sich zum Wege, zur breiten Heerstrafse, die nunmehr alle — auch die Unverständigen — sicher zum Ziele führt. Ähnlich diejenigen, welche in positiven Zeiten geboren werden. Für sie giebt es gebahnte Wege und allgemein anerkannte Ziele. Glückliche Menschen! Sie kennen nicht das Schwanken der Lebenspläne, — 139 — nicht das verzweifelte Suchen nach Lebenszielen. Auch den unbedeutenden unter ihnen giebt der Glaube einen inneren Halt. Sie arbeiten nicht für sich, sondern für Ideale, welche ihnen verschieden je nach den gesellschaftlichen Zuständen, aber doch immer objektiv und unzweifelhaft entgegentreten 1 . Gemeinsame Glaubensformen aber vereinigen die Menschen als gemeinsame Triebfedern des Handelns. Die Gesellschaft gliedert sich zu genossenschaftlichen Gebilden. Der einzelne steht dem einzelnen nicht als isoliertes Atom gegenüber. Jeder ist zunächst Glied eines grölseren oder kleineren Ganzen, für das er arbeitet, das ihn aber andererseits trägt und schützt. Der Unterschied zwischen Genossenschaft und dem dieselbe äufserlich nachahmenden Verein ist derselbe, wie zwischen positiven und negativen Gesellschaften überhaupt, denen sie wechselseitig angehören. Was die subjektiven Grundlagen angeht, so ist die Genossenschaft nicht auf Zweckmässigkeits- erwägungen zurückzuführen. Sie setzt einen gewissen Grad der Selbstaufopferung und Hingabe voraus. Daher steht bei ihr das Interesse des einzelnen unter dem des ganzen, wogegen beim Verein das Mitglied nur insoweit beteiligt ist, als es sein persönlicher Nutzen verlangt. Daher denn die Genossenschaft einen Einflufs auf die gesamte Lebenshaltung des Genossen ausübt, das erzeugt, was man Standesgefühl, Corpsgeist etc. genannt hat. Objektiv ist die Genossenschaft organisch, nicht blofs im bildlichen Sprachgebrauch, indem sie, wie die Gesellschaftsform, der sie angehört, thatsächlich die Phaenomene des Lebens zeigt 2 . Individualistische Zeiten sind 1 Carlyle nennt in Past and Present diese Ideale bezeichnenderweise „common motors". 2 Sie hat z. B. einen selbständigen Willen, wogegen im Verein stets nur zu addierende Einzelwillen vorhanden sind, ein Wille, der natürliclier- — 140 — weder imstande Genossenschaften zu begreifen noch aufzubauen, während ihr Bestand gerade das äufsere Merkmal positiver Zeiten ist. Das Gefühl davon, dafs diese Zusammenfassung und Gliederung der Menschen in solchen Zeiten ein schlechterdings unverständliches, wie Carlyle sagt, „mystisches" Element an sicli trägt, spricht sich darin aus, dafs man alle Autorität göttlichen Ursprungs geglaubt hat. Für solche Zeiten ist das Königtum im eigentlichsten Sinne „von Gottes Gnaden". Alle niedere Autorität ist von der höchsten abgeleitet, wie es am vollkommensten die Lehre „der beiden Schwerter" ausspricht, wozu der direkte Gegensatz die Theorie ist, die alle Autorität vom Individuum ableitet, die sogenannte Volkssouveränität. „Da ist", sagt Carlyle von den positiven Zeiten „wahre Genossenschaft, wahres Königtum, Loyalität, alles wahre und gesegnete Dinge, und soweit die arme Erde ihn hervorbringen kann, Segen für die Menschen." „Jeder Arbeiter in allen Sphären arbeitet nicht auf den Schein, sondern die Sache; jede Arbeit endet in einem Erfolg; denn jede, da sie echt ist, strebt nach einem Ziel, jede ist additiv, keine subtractiv." Bereits zwei sehr frühe Schriften Carlyles, die „Signs of the Times" 1829 und die „Characteristics" 1831 beweisen, wie früh sich diese Auffassungen bei ihm feststellten. weise nur von menschlichen Individuen ausgesprochen werden kann — der Erkenntnis gehört eben nichts als das Individuum an — ein Wille, der jedoch von dem vorhandenen Einzelwillen sehr verschieden ist und, wie die Erfahrung zeigt, diesen mehr oder weniger beherrscht. Negative Zeiten. Auf Perioden des Glaubens folgen solche des Unglaubens. Denn die einzelnen Glaubensvorstellungen werden mit dem Fortschreiten des Wissens gestürzt. An sich zwar ist nach Carlyle der Glaube dem Wissen durchaus gleichberechtigt. Letzteres entspricht dem individualistischen, ersterer dem gesellschaftlichen Dasein. Wie die beiden Motivationsweisen, die egoistische und die sociale, schlechterdings unvergleichlich sind, so sind auch die ihnen zugehörenden Gebiete des Bewufstseins, das empirische Wissen und der Glaube, so sehr entgegengesetzt, dal's, wie oben gezeigt, vom Standpunkt des einen aus das andere lediglich als negativ erscheint. Zwischen beiden besteht jedoch der Unterschied, dal's der Mensch zunächst Individuum ist. Daher ist das Wissen, d. h. die sinnliche Erfahrung, das zeitlich frühere. Auch der Glaube ist auf jene als sein Material angewiesen. Er verarbeitet dasselbe jedoch nicht mittelst logischer Abstraktion, sondern zu seinen Zwecken und steht daher mit der verstandesgemäfsen Erkenntnis seiner Natur nach im Widerspruch. Nun aber vermehrt sich von Generation zu Generation der Schatz feststehender Kenntnisse. Des weiteren durch jede gethane Arbeit verändert sich die Struktur der Gesellschaft, damit auch das Erkennen und Denken des Einzelnen. Dieser Entwicklung nun hat der Glaube sich anzupassen. Eine Veränderung der herrschenden Glaubensvorstellungen, entsprechend der Denkweise der Zeit, findet sich in der Geschichte aller Religionen. Als Beispiel hierfür denke man an den verschiedenartigen Inhalt, den man zu verschiedenen Zeiten dem überlieferten christlichen Glaubensbekenntnis gegeben hat, oder an die brahmanische Umgestaltung der Religion der Veden unter Aufrechterhaltung der Autorität jener heiligen Bücher. Mit Recht sagt daher Carlyle: „Kein Mensch kann genau das glauben, was sein Vater geglaubt hat 1 ". Er unterscheidet in der Entwicklung der Glaubensvorstellungen drei Perioden: 1. die Periode des Wachstums solange dauernd als, in Übereinstimmung mit den Fortschritten des Denkens, sich die Glaubensvorstellungen leicht und zwanglos entfalten. 2. Die Periode der Blüte, die kurze Zeit umfassend, da der Glaube sich zu einem vollständigen System entwickelt hat, welches in dem Bewufstsein der Zeitgenossen das gesamte Wissen der Zeit in sich schliefst. 3. Die Periode des Verfalls, der Punkt, da die Erkenntnis fortschreitet, der Glaube aber, dessen Ursprung einer durchaus andersartigen Erkenntnisstufe angehört, ihr nachzufolgen nicht mehr elastisch genug ist. Alsdann beginnt der Prozefs der Zersetzung der herrschenden Glaubensvorstellungen. Derselbe ist jedoch zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht in allen Teilen der Gesellschaft gleich weit fortgeschritten, eine Tliat- sache, welche für die Geschichte solcher Perioden von gröfster Wichtigkeit ist. Bei den unteren Klassen, der Landbevölkerung und den Frauen wird der Glaube noch lange herrschen, während die sogenannten gebildeten Klassen, die städtische Bevölkerung, die Männer bereits dem Unglauben verfallen sind. Nicht nur zeitlich nebeneinander steht Glaube und Unglaube. Das Bild wird dadurch noch komplizierter, dafs zwischen beiden eine Reihe von Übergangsstandpunkten liegen. Vom Glauben hängt das ganze System der Gesellschaft, mit welchem wiederum unzählige Einzelinteressen verknüpft sind, ab. Carlyle unterscheidet einen doppelten Standpunkt, welcher vor Übergang zu völligem Unglauben sich einzustellen pflegt. Der erste ist ein vom Unglauben 1 Vergl. Hero and Heroworship S. 140. — 143 — angekränkelter Glaube, der zweite thatsächlich bereits Unglaube, welcher nur die äufseren Formen des Glaubens noch beibehalten hat. 1. Solange es geht, versucht man Glauben und Wissen so gut als möglich zu vereinigen. Aber diese Vereinigung vollzieht sich nicht mehr wie in den gesunden Zeiten unbewufst, sondern wird zur bewufsten Bemühung. Statt der Religion hat man nun „Beweise über die Wahrheit der Religion". Der Glaube ist nicht mehr der unbestrittene Ausgangspunkt alles Denkens, sondern der Zielpunkt, welchen man auf dem Wege der logischen Deduction zu erreichen sucht. Es ist das Zeitalter der sogenannten dogmatischen Philosophie, welche die überlieferten Glaubensvorstellungen aufnimmt und beweist z. B. das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, wohl gar ein ganzes theologisches System. Nun aber wird logisches Denken natürlich nie imstande sein, einen Glauben zu begründen, vielmehr je furchtloser es durchgeführt wird, desto mehr zur Einsicht von der Unhaltbarkeit des Glaubens führen. Daher der Glaube, indem er aufhört, Sache des Willens zu sein und gedankenmäfsig wird, steten Zweifeln und Einwürfen ausgesetzt ist. Carlyle nennt diesen selbstquälerischen Glauben 1 , der nicht glauben kann und immer wieder zu glauben sich bemüht, auch „Methodismus", weil er ihm in der diesen Namen führenden Sekte seines Heimats- landes verkörpert schien. Es ist in gewisser Weise die vorletzte Stufe der Entwicklung, meint Carlyle, wenn Menschen, welche auf dieser praktischen Erde leben, „sich so wie eine verlorene Welt retten zu können vermeinen durch theoretische Beweise und laute Verherrlichung ihrer Kirche anstatt des stillen, unbewufsten, aber praktischen Beweises einer 1 „A seif iutrospection and an agonising inquiry". — 144 — Kirche, wie ihn gläubige Zeiten durch Handeln geliefert haben". 2. Wenn die Entwicklung weiter fortschreitet, so kommt es dahin, dafs ehrlicherweise, d.h. durch sogenanntes freies Urteil der Glaube nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Aber so viele Interessen sind mit ihm verflochten, dafs man wenigstens den Schein zu bewahren sich bemüht. Solange insbesondere die unteren Klassen noch in einem früheren Zeitalter leben, suchen die gebildeten den Skepticismus, zu dem jede dogmatische Philosophie sich selber verzehrt, wegen der von ihm drohenden Gefahren hintanzuhalten. Dies, nicht die grofsen gläubigen Perioden, sind die Zeiten des Autoritäts- d. h. des unfreien Glaubens, da der Mensch einer aufser ihm stehenden Autorität ein bewufstes Opfer des Verstandes bringt. „Nimm dich in Acht, wie du Wahrheit glaubst", rufen die Männer der Ordnung, „Ruhe und heile Haut sind sehr wertvoll. Wahrheit — wer kennt sie? Viele Dinge sind nicht wahr, die meisten ungewifs; sehr nützliche Dinge sind sogar offene Lügen, auf welche wir übereingekommen sind. Sehr wenig Wahrheit ist im Umlauf, und wenn es nicht die orthodoxe Wahrheit ist, so wird sie den Teufel mit dir spielen." Diese Denkweise nennt Carlyle „Jesuitismus", welchen Ausdruck er jedoch nicht auf die katholische Kirche beschränkt. Vielmehr begegnet er ihm überall im modernen England, welches er seit der sogenannten „ruhmreichen Revolution" beherrsche. Hat doch gerade die Aufrechterhaltung aller, selbst der unglaublichsten Dogmen aus utilitarischen Gesichtspunkten in Hobbes ihren Hauptvertreter gefunden. Unglückliche Zeiten, in denen ganze Nationen zu Heuchlern werden, und in denen es nur wenigen vergönnt ist, wahr zu sein ! Von diesen wenigen Charakteren, denen die Unwahrheit unerträglich ist,' geht die weitere Entwicklung aus. Leiden- 145 schaftlich erheben sie sich, um die Zeitgenossen der Lüge zu zeihen, beseelt von unversöhnlichem Hais gegen die leeren, nicht mehr geglaubten Symbole, mögen es nun Götterbilder sein oder Glaubensartikel — welche einst den Vorfahren etwas göttliches versinnbildlichten, nun aber nichts „als Stücke bemalten Holzes, beziehungsweise Schafshaut mit Tinte darauf" sind. Solche Männer sind die „wahren Ikonoldasten", die Bilderstürmer der geistigen Welt — unvermeidliche, ja segensreiche Erscheinungen. Denn die Glaubensvorstellungen, welche sie niederreifsen, sind ungesund oder tot, bezweifelt oder nur noch scheinbar geglaubt. Je eher sie fallen, um so besser. Denn destoweniger Menschen werden alsdann durch sie zu innerer Unwahrheit geführt. Diese aber bedeutet die Unmöglichkeit irgend welchen sittlichen Handelns, denn dieses setzt voraus, dafs der Mensch sein Dasein aufser ihm liegenden Zielen unterordne, welche natürlich vor allen Dingen für ihn unbezweifelt d. h. wahr seiu müssen. In zwiefacher Weise nun kann sich die Zerstörung der überlebten Glaubensformen vollziehen, je nachdem die Männer, die sie vollziehen, positive Elemente genug vorfinden, um Reformatoren zu werden, oder lediglich negativ d. h. als Revolutionäre zu wirken. Welch ein Unterschied besteht zwischen den Reformatoren und den Aufklärern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts? Im ersten Fall handelt es sich darum, den noch lebenden Kern des Glaubens von den abgestorbenen Umhüllungen zu befreien. Gewöhnlich stellt sich dies als ein Zurückgehen auf frühere Glaubenszustände dar, welche spätere Entstellungen zu reinigen vermeint. Denn die ursprünglichen Glaubensvorstellungen sind insofern für Reformationen am verwertbarsten, weil sie bildsam und den neuen Bedürfnissen gegenüber anpassungsfähig sind. Die Zeit gewinnt damit wieder einen le- v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 10 — 146 — benden, ihr angemessenen Glaubensinhalt, welchen sie ihrem Denken gemäfs gestaltet und fortbildet. Die Männer, von denen solche Bewegungen ausgingen, sind im Carlyleschen Sinne wahre Helden, weil sie von einem positiven Glauben erfüllt, „nicht den Menschen, sondern Gott zu Liebe" ihr Werk verrichten. In gewissem Sinne könnte man sämtliche Iteli- gionsstifter ihnen zurechnen, weil auch diese immer an vorhandene Glaubensvorstellungen anknüpfen. Solche Männer waren es, welche im Bewufstsein einer schweren, ihnen gewordenen Aufgabe, unbeirrt durch Gefahren und Verfolgungen, mehr als einmal Zustände der Zersetzung wieder organisch gemacht, die Menschheit verjüngt und positiven Zeiten zugeführt haben. Anders dagegen, wenn der Unglaube so weit fortgeschritten ist, dafs lebensfähige Keime des Glaubens unauffindbar sind. Die besseren Geister, die einen Scheinglauben verabscheuen, und denen die Wahrheit Bedürfnis ist, werden alsdann ihren Unglauben offen aussprechen. Indem- sie die Un- haltbarkeit der überkommenen Glaubensvorstellungen nachweisen, wirken sie als „Aufklärer". Ihr Werk ist lediglich das der Zerstörung. Positives können sie ihren Zeitgenossen nicht' geben, weil ihnen selbst der positive Gehalt fehlt. Ihre Weltanschauung bezeichnen sie als Skepticisinus, ein Ausdruck, welcher jedoch thatsächlich einen rein negativen Inhalt hat. Irgend welche feste Weltanschauung setzt immer Glauben voraus. In gleicher Weise zerstörend verhalten sie sich gegenüber den sittlichen Vorstellungen, indem sie die über dem Individuum stehenden Werte, welche, wie oben gezeigt, lediglich dein Glauben ihr Dasein verdanken, angreifen und stürzen. Daher sind sie nicht als Helden zu bezeichnen; denn ein Held ist im Carlyleschen Sprachgebrauch nur der, welcher sein individuelles Dasein altruistischen Zwecken - 147 — opfert. Trotzdem ist aber auch bei ihnen nicht selten ein gewisser Enthusiasmus bemerkbar, ein Hals gegen die ihnen unglaublich gewordenen Glaubensvorstellungen, wie er sich in dem „öcrasez l'infame" des Voltaire ausspricht. Aber dieser rein negative Enthusiasmus hat nicht die konstruktive Macht des Glaubens. Auch ist er vielfach verbunden mit egoistischen Motiven — und zwar in wachsendem Grade mit fortschreitender Auflösung — mit Ruhmsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit. Alle diese Bemühungen haben eine Tendenz, welche immer unverhüllter hervortritt. Je mehr die Formen des Glaubens zerfallen, desto mehr gelangt das Individuum, d. h. das Thier im Menschen zur Freiheit und zur Herrschaft. Selbstsucht für das praktische, empirische Erfahrung für das theoretische Gebiet gelten als das einzig reale. Damit treibt die Menschheit zum „entsetzlichen Wahnsinn des Materialismus". Die lange und vielfach komplizierte Geschichte der negativen Zeiten geht der Erreichung dieses Nullpunktes voran. Carlyle hat eine Reihe charakteristischer Merkmale aufgestellt, durch welche sich das Geistesleben der negativen von dem der positiven Zeiten unterscheidet. Solange der Mensch von altruistischen Motiven beherrscht und als Organ des gesellschaftlichen Ganzen thätig ist, vollziehen sich die Funktionen des Gesellschaftslebens unbewufst, ähnlich wie die Funktionen des gesunden menschlichen Körpers. Sie werden dagegen bewufst vorgenommen, je mehr der Individualismus zur Herrschaft gelangt. „Bei allen Kundgebungen der menschlichen Natur, äufseren und inneren, persönlichen und gesellschaftliehen, kennt das Vollkommene sich selbst nicht, während alles was sich kennt, mehr oder weniger unvollkommen ist." „Unbewufstheit gehört dem reinen, ungemischten Leben an, Bewufstheit einer krankhaften Mischung, einem Kampfe zwi- 10* — 148 — Leben und Tod 1 ". Daher ist das sittliche, d.i. das gesellschaftliche Handeln unbewulst in den gläubigen Zeiten, wogegen die Zeiten des beginnenden Unglaubens „an Stelle heroischer Thaten Moralphilosophien" hervorbringen. Die Tugend wird selbstgefällig zur sogenannten „Sentimentalität". „Prediger verkünden „Wohlwollen" nach allen vier Winden und tragen Wahrheit auf ihren Petschaften eingegraben — unglücklicherweise aber mit wenig oder gar keinem Erfolge." Zuletzt aber folgt die Aera der Sophisten, die über das Dasein der Tugend schwatzen, sie beweisen oder leugnen und auf mechanische d. h. auf utilitarische Weise erklären. In gleicher Weise verdankten die Staats- und Rechtsphilosophien nicht dem kräftigen Zeitalter der antiken Republik ihr Dasein. Alle diese Theorien gehen darauf hinaus, Recht und Staat, deren Wert in positiven Zeiten für den Menschen etwas transcendentes, d. h. Gegenstand des Glaubens ist, ihres überirdischen Scheines zu entkleiden. Von ihnen Rechenschaft geben nämlich heifst nichts anderes, als sie auf das Individuum zurückführen und ihre Entstehung aus dem Egoismus herleiten. Alle Philosophie, je mehr sie rein logisch verfährt und je weniger sie Elemente des Glaubens in sich aufnimmt, wird einerseits beim Materialismus andererseits beim Utilitariertum endigen. In nahem Zusammenhang hiermit steht der Unterschied, dafs in positiven Zeiten der Prophet oder Dichter, d. h. der begeisterte Denker, der geistige Führer ist, in negativen dagegen der Logiker, der nicht begeisterte Denker. Der erstere allein wirkt produktiv; ihm verdankt man die Gestaltung jener Symbole, die allein den Menschen zu socialem Thun veranlassen. Selbst auf rein intellektuellem Gebiete besteht ein 1 Vergl. Characteristics S. 227. — 149 — grofser Unterschied zwischen dem „Mann der Logik" und dem „der Einsicht", dem „Folgerer" und dem „Entdecker". Rein logische Argumentation ist schlechterdings aufserstande, positives hervorzubringen, sie gleicht einer Mühle, welche gegebenes Material verarbeitet. Um die Kluft zwischen positiven und negativen Zeiten zu ermessen, vergleiche man die, welche sie geistig beherrschen, sagt Carlyle, Christus und Jeremias Bentham, in welchem letzteren er — nicht mit Unrecht, — den Hauptvertreter des modernen Materialismus und des Utilitariertums sieht. Wenn die Formen des Glaubens ins Wanken geraten, so werden damit auch die Formen, nach denen sich das Handeln der Menschen bewegt, die Sitten im weitesten Sinne schwankend. Denn ihr Inhalt ist vom Glauben abhängig. Damit treten die egoistischen Motive wieder mehr und mehr in den Vordergrund, gewinnen wachsende Bedeutung. Den utilitarischen Rechts- und Moraltheorien, welche, wie oben gezeigt, in solchen Zeiten aufkommen, entspricht in dem Leben ein utilitarisches Handeln. In demselben Verhältnis als dem einzelnen die äufsere Welt mechanisch wird und die lebende Gottheit sich aus ihr zurückzieht, in demselben Verhältnis strebt das Ganze, dem der einzelne angehört, dahin, aus einem lebenden Organismus zu einem mechanischen Konglomerat zu werden. Je mehr die Auflösung fortschreitet, desto mehr also nähern sich die in dieser Periode herrschenden Theorien der Wahrheit, welche die Gesellschaft auf ein Spiel individualistischer Kräfte zurückführen. Träte jedoch der Fall ein, dafs die genannten Theorien sich einmal völlig mit den Verhältnissen deckten, d. h. dafs alle altruistische Motivation aufgehört hätte, so wäre dies das Ende socialer Zustände, und die Menschheit wieder bei vorgesellschaftlichen Zuständen angelangt. Der Mensch ist einfach Tier, — 150 — meint Carlyle, soweit sein Dasein nicht auf dem Glauben beruht und er damit zum socialen Wesen wird 1 . Auch hier schreitet die Entwicklung nicht gleichmäfsig innerhalb der ganzen Gesellschaft vor. Während für gewisse Kreise der Glauben und damit das herrschende System der Sitten bereits seine Kraft verloren hat, kann die Mehrzahl des Volkes noch durchaus einer positiven Periode angehören. So können Zeitgenossen thatsächlich oft durch Jahrhunderte getrennt sein und fast die Möglichkeit gegenseitigen Verständnisses verloren haben. Diejenigen Kreise, in denen die Auflösung um sich gegriffen hat, werden mehr und mehr durch individualistische Motive bewegt. Wenn alles zweifelhaft geworden ist, so bleibt das allein, was man „in einer oder der anderen Weise essen und verdauen kann", unzweifelhaftes Ziel des Wollens. Alles nach höheren Zielen gerichtete Handeln wird unverständlich, „Arbeit" im Carlyleschen Sinne unmöglich. Diejenigen dagegen, für welche die socialen Formen noch einen inneren Wert besitzen, arbeiten noch in ihnen weiter und fristen so der Gesellschaft das Leben. Jedoch besteht ihr Boden in Uberzeugungen, welche anderen unglaublich geworden sind und nur zu leicht auch ihnen zerstört werden können. „Mancher Mensch, der tüchtige Arbeit verrichtet, steht nur auf einer unsicheren Überlieferung (a thin traditio- nality), die für ihn unzweifelhaft, für dich unglaublich ist. Brich sie unter ihm zusammen und er sinkt in endlose Tiefe." Daher die Pflicht der Toleranz dort, wo man einen Glauben zwar zerstören, aber einen anderen nicht an die Stelle setzen kann. Unter diesen Umständen können die äufseren Formen 1 Vergl. Correspondence of Carlyle and Emerson Bd. I, S. 67. noch lange aufrecht bleiben, wenn sie auch für viele bereits ihren inneren Wert verloren haben. Denn sie sind objektive Regeln, die an sich von der subjektiven Beurteilung seitens des einzelnen unabhängig sind, ja sogar zum Teil durch die Zwangsgewalt des Rechts auch vom Widerwilligen erzwungen werden können. Andererseits aber sind sie doch nichts als Ausdruck der inneren Formen. Ändern sich die letzteren, d. h. die Glaubensvorstellungen, so mul's auch das Gesellschaftssystem in ähnlichen Umbildungen nachfolgen. Dieselben werden eine organische Fortentwicklung bedeuten, so lange auf subjektivem Gebiete neue Ideale des Handelns hervorgebracht werden. Tritt dagegen auf letzterem Zersetzung d. h. Unglaube ein, so werden auch - die äufseren Formen nicht mehr weiter entwickelt werden. Einmal bestehend aber erhalten sie sich, obwohl nicht mehr fortbil- dungsfähig, noch lange, insbesondere, wenn sie nur für gewisse Klassen veraltet, dagegen für die Mehrzahl des Volkes noch lebendig sind. Aufserdem aber sind gerade die oberen Klassen, welche zuerst vom Unglauben ergriffen werden, so eng durch ihre persönlichen Interessen mit dem herrschenden Gesellschaftssystem verbunden, dafs sie dasselbe auch deshalb äufserlich festhalten. In solchen Zeiten ist die Gesellschaft krank. Die äufseren Formen, obwohl scheinbar noch in Kraft, beherrschen doch thatsächlich nicht das Handeln derer, welche nicht mehr an sie glauben. Die Arbeit geschieht nicht mehr um ihrer seihst willen, weil der Glaube an den absoluten Wert des durch sie zu verwirklichenden Gutes geschwunden ist. Das Individuum wird der Mittelpunkt alles Handelns. Da aber die äufseren Formen noch als die herrschenden anerkannt sind, auch andere noch daran glauben, so wird die Thätigkeit nunmehr auf den Schein gerichtet, als sei die Arbeit gethan. „Wenn der Glaube ungewifs wird", sagt Carlyle, „so wird auch die Praxis ungesund." „In allen Fällen mufs ein Menseli, lim treulich zu arbeiten, auch fest glauben." Kommt es ihm dagegen nur darauf an, den Lohn für die Arbeit einzustreichen, statt unter Aufopferung seiner selbst das Werk zu verrichten, so bleibt die ihm anvertraute Arbeit ungethan. Das ist das Zeitalter der Reklame, d. h. des gegenseitigen Betruges, indem der eine um seines Vorteils willen in dem anderen den Irrtum zu erregen sucht, als sei eine Leistung verrichtet, die thatsächlich ungethan geblieben ist. So setzt z. B. der Londoner Hutmacher einen sieben Fufs hohen Hut auf einen Wagen und läfst ihn durch die Stral'sen fahren; er versucht nicht bessere Hiite zu machen, „wie das Universum von ihm verlangte und wie er bei seinem Scharfsinn Sehl- wahrscheinlich hätte machen können; sondern sein ganzer Fleifs wird darauf verwendet, uns zu überreden, dafs er bessere Hüte gemacht habe 1 ". Jede Arbeit aber, die nur scheinbar gethan wird, bedeutet zugleich einen Eingriff in die Ordnung, welche die Bedingung des Daseins des Einzelnen ist: die Gesellschaft. Dieselbe stammt aus einer Zeit, da ein jeder an seiner Stelle die ihm anvertraute Arbeit verrichtete. Wo nun solche ungethan bleibt, da klafft eine Lücke in der Zusammenarbeit aller. „Was für Arbeit immer in unehrlicher Weise gethan wird mit einem Auge auf ihren äufseren Schein, ist eine neue Beleidigung und die Erzeugerin von neuem Elend für den einen oder den anderen 2 ." „Keine Falschheit geht zu Grunde, sondern ist zum Wachstum ausgesät." Die wichtigste Arbeit in der ^resellschaft, die Herrschaft, 1 Past ancl Present S. 181. 2 Heroes and Heroworship S. 141. Frencli Revolution, Tauclinitz' Ausgabe Bd. I. S. 75. — 153 — ist für die, welche zu ihr berufen sind, nicht mehr Pflicht, sondern Mittel zu persönlichem Genufs. Die Auswahl der Herrscher, ehedem das Ergebnis der herrschenden Glaubensvorstellungen und Sitten 1 , geschieht mehr und mehr mit Rücksicht auf den persönlichen Vorteil d. h. auf gröbere oder feinere Art durch Bestechung, wodurch immer Unwürdigere zu den höchsten Stellen emporsteigen. Wenn nun der Teil im Sinne des Ganzen zu funktionieren aufhört, so werden auch die Lebensverrichtungen des Ganzen immer fehlerhafter. Ähnlich wie ein kranker Körper seinen Organen nicht mehr die ihnen entsprechende und genügende Nahrung zuführt, so zeigen sich durchaus analoge Verhältnisse auf socialem Gebiete: ein Zustand, den Carlyle als „Dispepsie der Gesellschaft" zu bezeichnen liebt. Massenelend und demgegenüber Ansammlung des Reichtums in den Händen weniger, welche ihre Schätze nicht mehr zu verwalten vermögen, sind die äufseren Symptome. Wichtiger als dies ist der Zerfall der organischen Gliederungen innerhalb des Volksganzen, das Aufhören der genossenschaftlichen Zusammenhänge, damit die Isolierung des einzelnen, wodurch gerade der Schwächere dem Stärkeren schutzlos preisgegeben ist. Alle diese Schäden lassen sich durch künstlich ersonnene Mittel, durch Pillen, wie Carlyle sagt, die man dem kranken Körper zu schlucken giebt, nicht heilen. Wie für Carlyle die äufseren Zustände der Gesellschaft von subjektiven Bedingungen abhängen, so ist auch der sociale Zersetzungsprozefs unaufhaltsam, solange auf subjektivem Gebiete die Auflösung fortdauert. Der Unglaub^also ist der eigentliche Sitz des Übels, der „Mittelpunkt des socialen Krebses, der alle Dinge 1 „Religion issues in heroworship". mit dem Tode bedroht". „Die Menschen haben, um im altertümlichen Dialekt zu sprechen, „Gott vergessen" oder im modernsten Dialekt und der eigentlichen Wahrheit des Gegenstandes, sie haben das Faktum dieses Weltalls aufgefai'st, wie es nicht ist. — Sie glauben, dieses Weltall sei seinem inneren Wesen nach ein grol'ses, unverständliches Vielleicht; seinem äufseren Wesen nach ist es unverkennbar genug ein grofser umfangreicher Viehstall und ein Arbeitshaus, mit einer ungeheuren Küche und langen Speisetafeln, und nur der ist weise, der seinen Platz daran finden kann 1 ." Trotzdem aber bestehen die nicht mehr geglaubten Formen noch lange fort — mehr und mehr als bewufste Lügen. Carlyle mit einer merkwürdig entwickelten Einbildungskraft glaubte „diese Phantasmen und Trugbilder", welche seine Zeitgenossen beherrschten, oft leibhaftig zu sehen; am hellen Tage umgaben sie ihn auf den Strafsen „mit gespensterhafter Nachahmung des Lebens". Endlich kommt ein Tag, da die gesellschaftlichen Formen zu sehr zur Lüge geworden sind, da „Arbeit" in zu geringem Grade verrichtet wird, da zu schlechten Herrschern die Führung vertraut ist, da als Folge von alledem sociales Elend in weitem Umfange die Unmöglichkeit des bestehenden Systems offenbar macht. Alsdann erfolgt mehr oder weniger gewaltsam ein allgemeiner Zusammenbruch. Es erstarken die Richtungen, welche man als vulgären Radikalismus im weitesten Sinn bezeichnet. „Unsere Führer sind zu schlecht, lieber keine Führung!" rufen diese Richtungen, welche mehr und mehr die Massen ergreifen. Carlyle 2 sieht in ihnen lediglich die „Verzweiflung der Menschen, Helden, die 1 Vergl. Past and Present S. 129, Ausgabe von Kretzschmar. Mis- cellaneous Essays Bd. II, S. 338. 2 Vergl. Past and Present S. 214. — 155 — zur Regierung von Menschen tauglich sind, zu finden, sowie die Fügsamkeit in diesen Mangel und den Glauben, dals es dhne solche gehen wird". „Das bestehende System der gesellschaftlichen Formen ist zu schlecht. Lieber gar keine Formen!" rufen diejenigen, auf welchen die alten Zustände am schwersten lasten. Man predigt Zerstörung der bestehenden, ja aller Gesellschaft und verspricht durch Rückkehr in den Naturzustand ein Paradies auf Erden; eine Richtung, welche Carlyle als „Adamitismus" oder das „Evangelium Rousseaus" bezeichnet und von welcher der moderne Anarchismus nicht zu weit abweicht. Diese Ansichten sind thatsächlich eine genaue Umkehrung der Wahrheit. Denn nicht darin besteht das Unglück solcher Zeiten, dafs Herrscher vorhanden sind, sondern vielmehr darin, dafs sie statt Herrschern nur Scheinherrscher haben, welche schon seit Generationen thatsächlich zu herrschen aufgehört haben. Nicht darin besteht das Unglück, dafs gesellschaftliche Formen vorhanden sind, sondern darin, dafs sie nur noch scheinbar da sind und seit lange aufgehört haben, den Menschen lebende und führende Mächte zu sein. Die Beseitigung überlebter Formen ist die geschichtliche Aufgabe dieser Richtungen, die sie bald gewaltsam durch Zertrümmerung — Revolution •— bald durch allmähliche Zer- bröckelung — Demokratisierung — erfüllen. Ihre Angriffe sind zuerst nur gegen einzelne überlieferte Institutionen gerichtet. In späteren Stadien der Entwicklung jedoch treten Parteien auf, die mit Bewufstsein die Folgerungen ihrer Stellung ziehen und die Beseitigung des gesamten bestehenden Gesellschaftssystems auf ihre Fahne schreiben: die socialrevolutionären Parteien. Nach Carlyle ist die Bedeutung aller dieser Richtungen eine grofse, aber lediglich eine negative; positiver Aufbau ist von ihnen nicht zu erwarten, da ihnen die sub- jektive Vorbedingung desselben: ein positiver Glaube fehlt. „In der Demokratie", sagt Carlyle, „liegt an sich nichts definitives. Mit dem vollsten Gewinn der Demokratie ist an sich noch nichts gewonnen, aufser Leere und der freien Möglichkeit, zu gewinnen." „Demokratie war nie fähig, ein Werk zu vollbringen, aufser dem, sich selbst auszustreichen". Carlyle führt für diese seine Ansicht sogar das Beispiel der viel gerühmten antiken Demokratien an. Auch diese sind ihm ein Symptom für den Beginn des Auflösungsprozesses der alten Welt. „Auch Rom und Athen", sagt er, „haben, wenn wir die Sache vom praktischen Standpunkt betrachten, nicht durch laute Abstimmungen und Debatten der Massen, sondern durch weise Einsicht und Herrschaft der wenigen, ihr Werk vollbracht 1 ." Der Radikalismus hinterläfst im Laufe seiner Entwicklung ein Nettoresultat von Null und Leere für eine neue Ordnung. Ja, es ist so sehr negativ, dafs es gar nicht ihr Verdienst ist, wenn unter seiner Herrschaft die Gesellschaft noch fort besteht. Vielmehr beruht dies allein darauf, dafs aus vergangenen Zeiten noch positive Elemente überliefert sind, dafs insbesondere in abgelegeneren Kreisen der Gesellschaft noch alter Glaube nicht verschwunden, noch alte Formen nicht zur Lüge geworden sind, dafs vielmehr noch eine Reihe socialer Institutionen die Verehrung der Mehrzahl besitzen 2 . Hieraus erklärt sich Carlyles eigentümliche Stellung zu dem Radikalismus, insbesondere zu seinem fortgeschrittensten Flügel, den eigentlichen Umsturzparteien. Obgleich ihnen innerlich so entgegengesetzt, dafs es vielleicht im neunzehnten Jahrhundert keinen entgegengesetzteren Standpunkt gegeben hat, ] Vergl. Chartism Cap. Y. 3 Für die Bedeutung der modernen Demokratie, welche für Carlyle als unabwendbare Tbatsacbe feststeht, vergl. unten Kap. II, Absehn. 2. — 157 - sucht er sie nicht ängstlich zurückzudrängen, wie ein Aristokrat oder Bourgeois, der für seine Privilegien, seinen Genufs und seine Ruhe zittert. Er betrachtet sie mit Ehrfurcht, wie ein frommer Mönch etwa dereinst den Attila angestaunt haben mag. Sie sind ihm der Finger Gottes in der Gegenwart. Nicht dadurch, dafs wir die Gerichte Gottes um ein paar Jahre aufschieben, sondern dadurch, dafs sie voll über eine schuldige Welt sich entladen und in allen ihren Folgen unter uns sich ausleben, ist eine Besserung und Neubelebung zu erwarten. Hieraus erklärt sich eine gewisse Vorliebe Carlyles gerade für die radikalsten unter den Umsturzparteien, welche ihn für den Durchschnittstory zum Revolutionär stempelt. Freilich würden jene Umstürzler wenig zufrieden sein, wenn sie den Grund dieser Vorliebe für sie erführen: Carlyle erklärt dieselbe offen daraus, dafs er in seinem Glauben wankend geworden wäre inmitten einer ungläubigen Welt, hätten ihm nicht die Revolutionen, vor allem die grofse französische Revolution bewiesen, dafs eine Gesellschaft, die auf Unglauben, wie er es ausdrückt, auf der „Nicht-Gott-Hypothese" fusse, nicht auf Wahrheit, sondern auf Unwahrheit aufgebaut und deshalb dem Untergange verfallen sei. „Ihr habt das Universum falsch ausgelegt. Ihr seid nicht in Übereinstimmung mit seinen Gesetzen, darum werdet ihr von ihm verschlungen. Lügen, d. h. das Vorgeben eines Glaubens, während ihr nur noch an euch selbst glaubt , ist von nun an unmöglich"; dies ist nach Carlyle der Mahnruf der Revolution an die Zeitgenossen. Die Revolutionen sind mitten unter Scheinexistenzen wieder grofse Realitäten, vor denen nichts Stand halten kann, als was selber Realität ist. Ein Gesellschaftssystem, dessen Formen nicht mehr von Glaubensinhalt erfüllt sind, steht — 158 — ihnen wehrlos gegenüber. „Alles was verbrennbar ist, wird verbrannt werden", sagt Carlyle. Wenn die Entwicklung der negativen Zeiten bis zu diesem Punkte gelangt ist, so wird wieder eine Art von Glauben möglich, „ein neuer Glaube", der die Menschen begeistert, welcher aber dem der positiven Perioden direkt entgegengesetzt ist; die Altvordern hätten ihn als den Glauben an den Teufel bezeichnet. Während nämlich ein positiver Glaube einen absolut über dem Individuum stehenden Wert zum Gegenstande hat, so vergöttert der negative den Menschen selbst. Da nun aber das Individuum in concreto stets nur die Selbstsucht des einzelnen anregen kann, so erfindet man nun das Individuum in abstracto, dessen Rechte und dessen Wohlbefinden als höchstes Ziel hingestellt werden — in dem aber im Grunde ein jeder sich selbst verehrt. Dasselbe ist der Mittelpunkt aller Lehren des politischen Radikalismus, von Jean Jacques Rousseau an bis zur revolutionären Socialdemokratie. Ein solcher Glaube ist aber nur imstande, die Menschen zu negativem Thun d. h. zur Zerstörung zu vereinigen. Sobald es sich um die Erreichung positiver Ziele handelt, tritt das konkrete Individuum an die Stelle des abstrakten und damit der Widerstreit selbstsüchtiger Interessen an Stelle eines gemeinsamen, durch einen Glauben getragenen Handelns. Für das Werk der Zerstörung dagegen ist dieser abstrakte Individualismus eine Macht ersten Ranges. Er hat ganze Völker ergriffen. Er hält seinen Siegeszug durch die Welt, nur dort, wo er auf einen positiven Glauben stöfst, ist ihm ein unüberschreitbares Halt geboten. Dieser neue Glaube aber ist im Grunde doch Individualismus. Deshalb mangelt den in ihm befangenen Massen jene Einsicht, die nach Carlyle die Gröfse des Politikers ausmacht und ihren Grund in der „Sympathie mit den Dingen", - 159 — also im Altruismus hat. So kommt es, dais jene radikalen Richtungen, zwar mächtig durch ihre Folgerichtigkeit nicht selten von Realpolitikern unterworfen werden: den Zwingherren der Revolution. In positiven Perioden sind die grofsen Männer dem Glauben ihrer Zeit unterthan — man denke an Luther oder Cromwell. Nicht so in negativen Perioden, deren Helden ungläubig sind. Sie stehen nicht unter dem Einflüsse jenes abstrakten Individualismus. Beispiele sind Mirabeau oder Napoleon. Mehr oder weniger anknüpfend an gewisse noch bestehende Formen, ist das Streben nach Macht und Herrschaft für sie das treibende Moment. So sehen wir am Ende der Entwicklung, in nahezu wieder individualistischen Zuständen das reine Herrschaftsverhältnis wieder von neuem auftreten, auf nichts gestützt als die persönliche Überlegenheit, in welchem wir das ursprünglichste Phänomen des gesellschaftlichen Lebens erblickt haben. Solche Zeiten gerade sind zur Heldenverehrung (heroworship) besonders geneigt: man denke an die fast abgöttische Verehrung, die Voltaire genossen, und an den Napoleoncultus etc., überhaupt den Caesarismus der Demokratien. — Die Geschichte der Menschen ist so nach Carlyle von dem Gegensatz zwischen Altruismus und Individualismus beherrscht. Auf positive folgen negative Zeiten, auf solche des Glaubens und der Hingebung Zeiten des Unglaubens und der Selbstsucht. Den ersteren verdanken die gesellschaftlichen Erscheinungen ihre Entstehung, den letzteren fällt ihre Auflösung anheim. Werden nun nach Carlyle die Wirkungen hierbei von den Gegenwirkungen stets wieder völlig aufgehoben? Ist anzunehmen, dafs die Geschichte einen Kreislauf darstelle oder eine aufsteigende Linie? Carlyle beantwortet diese Frage in durchaus optimistischem Sinne. Er ist durchdrungen von der — 160 - Ge.wifsheit „eines endlichen Sieges des Guten", vom Vorhandensein „einer ewigen Gerechtigkeit in der Geschichte". Solche und ähnliche Ausdrücke, welche bei Carlyle stets wiederkehren, sollten alle diejenigen widerlegen, welche ihn des Pessimismus geziehen haben. Carlyle aber steht nicht auf dem dualistischen Standpunkte, welcher Gott und Welt als gegensätzlich fafst. Nach ihm unterscheidet sich nicht die Geschichte der Natur von der der Menschen dadurch, dafs erstere sich nach unabänderlichen Gesetzen vollziehe, in letzterer dagegen der natürliche Zusammenhang an gewissen Stellen durch wunderbares Eingreifen einer aufserweltlichen Hand zerrissen sei, welche durch solche Mittel persönlich die Gerechtigkeit wieder herstelle. Die Geschichte der Menschen ist vielmehr nichts als eine Phase derjenigen der Natur. Für den Gläubigen sind beide voll von Gott, während der Ungläubige ihn weder in der einen, noch in der anderen findet. Demgemäfs nimmt der Optimismus Carlyles folgenden Ausdruck an: in der menschlichen Geschichte ist das Grofse und Gute das den Tendenzen und Gesetzen der Natur angemessene, wogegen das Schlechte hinfällig ist und in seinen Folgen vergeht. Der Held, das heldenhafte Volk, sagt Carlyle , werden dadurch belohnt, dafs sie „Teile der Natur" werden. In dem Kampfe, welchen alle Geschichte darstellt, ist die Natur „eine Schiedsrichterin, welche kein Unrecht thun kann". „Das Ding, welches am tiefsten in der Natur wurzelt, welches wie wir sagen, am wahrsten ist, dieses und kein anderes wird man zuletzt emporkommen sehen." „Lassen wir dies Ding predigen, pamphletieren, fechten, zum äufsersten sich anstrengen und benutzen, was es immer besitzt, Schnabel oder Klaue. Ganz sicher am Ende wird es nichts unterwerfen, was nicht verdient unterworfen zu werden. Was — 161 besser als es selber ist, kann es nicht wegbringen, sondern nur was schlechter ist." Alle Geschichte bildet einen Kampf widerstrebender Gewalten. Ursprünglich, solange der selbstsüchtige Einzelwille das alleinherrschende war, in rein individualistischen Zuständen, war dieser Kampf ein „bellum omnium contra omnes". Der Sieg des Stärkeren bedeutete Vernichtung des Schwächeren. Mit dem Erwachen gesellschaftlichen Lebens hört dieser Kampf an sich nicht auf. Scheinbar ist er zwar wieder durch die entstehende Staatsgewalt und die anderen socialen Organisationen aus dem inneren Leben der Gesellschaft gebannt und mehr und mehr hinausgedrängt in die Beziehungen der Völker zu einander, bis mit Zerfall der gesellschaftlichen Bande der Kampf der Individuen als sogenannte „freie Konkurrenz" wieder auflebt. An Stelle der rohen Gewalt tritt auch zwischen den Völkern mehr und mehr der friedliche Wettbewerb, aber die Gewalt bleibt doch als letztes Mittel im Hintergrund. Mag ihre Anwendung zwar seltener werden, so ist der Krieg doch der Gradmesser der Lebensfähigkeit der Völker. Demjenigen, der sich in diesem friedlichen oder kriegerischen Kampfe als der mächtigere erweist, gehört die Zukunft, wogegen ein Volk, das sich zu verteidigen nicht mehr imstande ist, die Berechtigung zum Dasein verloren hat. Ein ähnlicher Kampf vollzieht sich innerhalb der Gesellschaft. Nur dai's es sich hier weniger um Vernichtung, als um Unterwerfung und Beherrschung des Gegners handelt. Auf den durch Kämpfen festgestellten Machtverhältnissen beruhen die Herrschaftsverhältnisse, deren Summe die Gesellschaft ausmacht. Feierlich festgestellte Herrschaftsverhältnisse sind Rechtsverhältnisse, ein Satz, welchen Carlyle kurz mit den Worten „Macht ist Recht" zu bezeichnen pflegt. Sobald v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 11 die Macht aufhört hinter dem Rechte zu stehen, wird das Recht hinfällig. Mag es zeitweise noch bestehen bleiben und so ein nicht selten schreiendes MifsVerhältnis zwischen Macht und Recht vorhanden sein, früher oder später mufs das Recht den neuen Machtverhältnissen sich anpassen. Eine privilegierte Klasse mufs herabsteigen, sobald sie die Macht verliert, ihre Rechte zu verteidigen, wogegen Klassen, deren Macht wächst, auch rechtlich eine Verbesserung ihrer Lage erfahren und — entsprechend ihrer Macht — an Bedeutung gewinnen. Diese Betonung der Macht, wie sie bei Carlyle häufig wiederkehrt, ist eigentlich nichts anderes, als der nachdrückliche Ausschlufs jedes übernatürlichen Eingriffs in die menschliehe Geschichte. Sie hat Carlyle den Vorwurf zugezogen, dafs er in den Verhältnissen der Völker wie der Einzelnen die rohe Gewalt verherrliche. Diese Ankläger aber müssen verstummen, sobald sie sich dessen klar werden, worin nach Carlyle die Bedingungen der Macht für den einzelnen wie die Völker bestehen. Nicht die physische Kraft, starke Knochen und Muskeln, sind es; vielmehr ist, wie wir oben sahen, nach Carlyle alle Macht moralischer Natur, eine That- sache, welche er den „Polarstern der menschlichen Geschichte" nennt. Stark ist der gesellschaftliche, der gläubige gegenüber dem ungesellschaftlichen, dem ungläubigen. Schon die Entstehung und Entfaltung gesellschaftlicher Zustände aus ungesellschaftlichen beweist ihre Überlegenheit: sonst wären sie überhaupt nicht möglich geworden. Diese Überlegenheit bewährt sich später im Laufe der gesamten Geschichte. Die alten Römer — Praktiker in Unterwerfung- und Beherrschung — haben mit dem Worte: „divide et impera" das entscheidende Moment für die Stärke oder Schwäche der Völker getroffen. Stark ist ein Volk, das als einheitlich organisierte Macht auftritt, schwach dagegen ein in sich zerklüftetes Volk, mehr eine Summe von Individuen als ein lebendes Ganze. Hier unterliegt ein Naturvolk, das noch nicht zu gesellschaftlicher Organisation gelangt ist, gegenüber der einheitlichen Aktion disciplinierter Heere, dort eine Kulturwelt, welche sich im Prozefs der Auflösung befindet, dem jüngeren, aber in sich festgefügten Volke. Wo immer das Individuum mit dem gesellschaftlichen Organismus zu- sammenstöfst, bewährt sich die Überlegenheit des letzteren. Etwas ähnliches gilt auch bezüglich des einzelnen innerhalb der Gesellschaft. Stark ist derjenige, der aus einem Glauben heraus handelt, d. i. arbeitet. Schwach dagegen der in der Selbstsucht befangene; denn diese ist nicht bereit, zur Erreichung des Zieles Opfer zu bringen. Stark ist ferner die an sich schwache Kraft, welche mit andern vereint für ein gröfseres Ganze arbeitet, wogegen die individualistischen Kräfte sich überall entgegenstreben und gegenseitig aufheben. Stark sind vor allen diejenigen, welche die Menschheit als Helden verehrt hat, weil sie mehr als die andern Selbstverleugnung übten; denn jedes grol'se Plandeln bedeutet ja Opfer des eigenen Daseins. Aus gleichem Grunde ist mächtig der König, welcher die Herrschaft dem Genüsse vorzieht, mächtiger der Priester, Dichter, Religionsstifter, welche den Glauben ihres Volkes schaffen und dadurch mehr als alle anderen sein Handeln beeinflussen. Dem gegenüber ist der Individualismus lediglich etwas negatives. Allerdings gewinnt er zeitweise über die socialen Momente die Oberhand, aber nicht deshalb, weil er ihnen als gleichwertige Macht gegenüberstünde, sondern weil die jeweiligen Formen des Glaubens von selbst ihrer Natur nach zerfallen, womit auch ein Verfall der äufseren Formen der Gesellschaft gegeben ist. Insoweit nun, als sie den Menschen zu beherrschen aufhören, wird sociales Handeln unmöglich 11* und tritt notwendigerweise an seine Stelle der Individualismus. Jede Schlechtigkeit, die begangen wird, geschieht aus Selbstsucht und trägt dazu bei, die bestehenden objektiven Regeln, d. i. das Gesellschaftssystem, zur Liige zu machen, indem sie feststellt, dafs jene für den Menschen nicht das mafsgebende seien. Haben sich die Lügen gehäuft, so tritt ein Punkt ein, wo der Individualismus sich offen als die die Gesellschaft beherrschende Macht erklärt. Er wird scheinbar etwas positives, das „Princip der Gesellschaft", wie die Nationalökonomie lehrt; thatsächlich aber bringt er Zerstörung. Hat er sein Werk gethan, so hinterläfst er nichts als Leere, weshalb denn Carlyle sagen kann, dafs sich jede Schlechtigkeit in ihren Folgen am Ende selber aufhebe. Wenn die Gesellschaft trotz des Individualismus überhaupt noch besteht, so hat dies seinen Grund darin, dafs noch sociale Elemente genug in ihr vorhanden sind. Diese, sobald sie freies Feld haben, werden in neuen Formen die Menschen organisieren. Ein neuer Glaube wird entstehen, einzelne und Klassen werden sich erheben, um die Führung zu übernehmen. Auf „Freiheit, Gleichheit und Nicht-Aristokratie" hin kann nach Carlyle der Mensch gar nicht leben. Es besteht für ihn ein Zwang, sich zu gliedern. Fehlen aber einer Gesellschaft alle positiven Elemente, unternimmt sie es jene Grundsätze praktisch durchzuführen, so werden ihr die Aristokraten aus der Fremde kommen. De nn es vollzieht sieh die Entwicklung nicht überall gleichzeitig, vielmehr findet sich neben der Zersetzung anderwärts jugendliches Wachstum. Hierauf beruht nach Carlyle die Bedeutung der Eroberer und seine Vorliebe für dieselben. Die Eroberer sind die stärkeren, weil sie die gesellschaftlicheren, d. h. besseren sind. Allenthalben waren sie Männer, denen der Genul's nicht in erster Linie stand, sondern die durch Hin- - 165 — gäbe an einen Führer oder eine Idee zusammengehalten wurden und dafür ihr Leben aufs Spiel setzten. Nicht selten haben sie einer untergehenden Welt neue Ideale und dadurch neues Leben mitgeteilt. So waren es beide Faktoren vereint: ein Held im höchsten Sinne des Wortes und jugendliche Eroberungsvölker, welche der Auflösung Halt geboten, als gegen Ende des Altertums die europäische Welt unrettbar dem Individualismus verfallen schien. Es war der Mann in Judäa, der — als der erste — Hingebung, Liebe und Selbstentäufserung zum Gesetz des menschlichen Daseins erklärte. Zu gleicher Zeit waren es Völker, die — zwar weniger civilisiert, aber doch gesellschaftlich höher stehend als die untergehende Welt, durch das Band der Treue zusammengehalten — eine Gesellschaft auseinanderwarfen, die durch „Gewinn- und Verlustphilosophie" verbunden war. Das Zusammenwirken beider legte Keime zu neuem Leben und verjüngte Europa. Wenn nun aller Individualismus eine vorübergehende Erscheinung ist und durchaus wirkungslos für die Menschheit bleibt, so beruht alle Geschichte auf socialem Handeln, d. i. Arbeit. Diese allein ist es, welche Erfolg hat, und zwar •—• bei dem Zusammenhang aller Gesellschaften, der Abhängigkeit der Gegenwart von der gesamten Vergangenheit — dauernden Erfolg. So kann man das von Carlyle nicht selten gebrauchte Bild als den Abschlufs seiner Lehre ansehen, dafs alle wahren Arbeiter, „alle Märtyrer und edle Menschen einer einzigen unermefslichan Heerschar angehören, die seit den Anfängen der Welt unaufhaltsam weiter vorrückt. Ein ungeheures, alles eroberndes, flammengekröntes Heer, in welchem ein jeder Krieger edel und heilig ist". Anhangsweise sei bemerkt, dafs die Carlylesche Auffassung der gesellschaftlichen Erscheinungen innere Verwandtschaft mit den Bestrebungen der germanistischen Rechtsschule Deutschlands besitzt, obwohl natürlich jeder äufsere Zusammenhang fehlt. Beide gehen auf den Begriff des Organismus zurück, welcher die Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts bildet und dem deutschen Denken verdankt wird. Beiden gegenüber steht die individualistische Gesellschafts- aüffassung, welche nur einzelne menschliche Individuen und Beziehungen zwischen solchen, dagegen kein über beiden sich aufbauendes Gesamtdasein kennt. Dieselbe hat besonders in der Rechtswissenschaft ihre Anhänger, weil sie durch die Verweisung der philosophischen Schwierigkeit aus dem von ihr in Anspruch genommenen Gebiet formale Klarheit zu schaffen scheint. Für diese Richtung ist der Begriff des Organismus, angewandt auf gesellschaftliche Erscheinungen, „eine Phrase", „eins jener Schlagworte, die nicht nur, wo Begriffe fehlen, sich einstellen, sondern auch, wo Begriffe vorhanden sind, sie zu verdrängen suchen" 1 — und dies zu einer Zeit, da der Begriff der organischen Entwicklung mit allen Mitteln des philosophischen wie naturwissenschaftlichen Denkens der Gegenwart von Herbert Spencer bereits untersucht und für das gesellschaftliche wie individuelle Dasein in gleicher Weise als gültig nachgewiesen war. (Vergl. unten Kap. V am Ende.) Diese materialistische Auffassung gesellschaftlicher, insbesondere öffentlich rechtlicher Erscheinungen fällt nach dem oben gesagten unter jene ungeheure Strömung des Individualismus, welche sich über Europa in den letzten Jahrhunderten ergossen hat und die abgelebten Reste eines früheren Gesellschaftssystems hinwegschwemmt. Sie wirkt lediglich auflösend. Scheinbare Klarheit der Begriffe erkauft sie damit, dafs dieselben 1 So Seidel, Grundzüge einer allgemeinen Staatslehre. Würzburg 1878. Einer der zahlreichen Vertreter der materialistischen Staatsauffassung. — 167 - die nicht eben so durchsichtige Thatsache keineswegs decken. Auch geht die Thatsache über sie hinweg; denn schon allenthalben regen sich, wenigstens innerhalb der Welt der germanischen Völker, Keime neuen organisch socialen Lebens. Vergebens sucht sich die formalistische Rechtswissenschaft dadurch zu retten, dafs sie sich vom Leben abschliefst, ja, ganze Gebiete, die unzweifelhaft der rechtlichen Ordnung unterfallen, damit Preis giebt, dafs hier die „juristische Konsequenz" durch „Zweckmäfsigkeitserwägungen" durchbrochen sei. Ein wunderbares Denkmal einer Zeit, in welcher sowohl auf dem Gebiete des Denkens wie des Lebens sociale Beweggründe über individualistische die Herrschaft zu gewinnen begannen, wird der Nachwelt einst das neue bürgerliche Gesetzbuch Deutschlands sein, in dem der allenthalben auf der Rückzugslinie befindliche Individualismus seinen Triumph feiert — freilich dadurch, dafs er alles nicht zu bewältigende ignoriert. Anhänger der entgegengesetzten Richtung, als deren Vertreter unter den Lebenden vor allen Otto Gierke hervorzuheben ist, werden aus vorliegendem Buche ersehen, wie eine antiindividualistische, wahrhaft sociale Gesellschaftsauffassung heute das Leben eines der ersten und dem unsern nahe verwandten Kulturvölker umgestaltet, wie in dem Mafse, als dies geschieht, an Stelle des Kampfes, der die Gesellschaft auseinanderzusprengen droht, der Friede tritt. Sie werden vielfach Bestätigung ihrer Anschauungen finden, sobald sie bedenken, dafs es sich hier nirgends um rechts wissenschaftliche, sondern lediglich um allgemeinwissenschaftliche Gedanken handelt, welche sich zugleich auf einem durchaus verschiedenen thatsächlichen Hintergrund aufbauen, als ihn die heimischen Verhältnisse darbieten. Sollen wir kurz die Hauptpunkte der Übereinstimmung dieser deutschen Rechtsschule mit dem hier dargestellten Gedankenkreise aussprechen, so finden wir sie in folgenden: 1. Das menschliche Individuum kommt zu allen Zeiten sowohl als Einzelwesen wie als Glied von überindividuellen Ganzen in Betracht. Sein Wille empfängt, wie Gierke sagt, Inhalt und Richtung zum Teil aus sich selbst, zum Teil als Mittel für ein Gesamtdasein. Cärlyle sagt, dafs der Wille individualistisch und social motiviert sei. Die ersteren Motive überwögen in Zeiten der Auflösung, die letzteren in Zeiten socialen Aufbaues. 2. Eine ebenso natürliche Lebenseinheit wie der einzelne Mensch ist derjenige menschliche Verband, welcher nicht sowohl auf individualistischen wie auf socialen Beweggründen beruht. Je mehr die letzteren überhand nehmen, desto mehr wird er zur organischen Einheit, welche den Willen der ihn zusammensetzenden Einheiten bestimmt, zur Genossenschaft statt zum Verein. 8. Wie in der Welt der organischen Einzelorganismen so finden sich in der der Gesamtorganismen Keime, entwickelte Individuen, Produkte der Zersetzung nebeneinander; in beiden herrscht Mannichfaltigkeit, welche durch gemeinsame Abstammung zusammengehalten wird. 4. Was speciell das rechtliche Gebiet angeht, so kommt dem menschlichen Einzelwesen sowohl die Stellung des Individuums als des Gliedes zu. Die Stellung als Individuum ist notwendig, damit der einzelne durch freien Entschlufs und ohne damit seine Stellung als Individuum aufzugeben, sich zum Organe mache. (Vergl. unten Goethe S. 256 ff. und den Positivismus Kap. V.) Darin eben liegt nach Herbert Spencer die ungeheure Überlegenheit socialer über individuelle Organismen, dafs erstere sich aus selbständigen, letztere sich aus unselbständigen Einheiten zusammensetzen. — 169 — 5. Der Staat ist daher nicht eine freie Schöpfung des Individuums, sondern das notwendige Produkt der im Individuum sich bethätigenden socialen Motivationsweise. Auch dort, wo er durch bewufsten Akt gegründet wurde, beruht er auf » solcher, nicht auf individualistischen Beweggründen. 6. Aber der Staat ist nur einer jener socialen Organismen. Eine gesunde Gesellschaft verbindet den höchsten socialen mit dem Elementarorganismus durch eine Reihe socialer Zwischenglieder; solche waren vor allen die Familie, welche die individualistische Tendenz der Gegenwart in eine Summe von Beziehungen zwischen Einzelwesen auflösen möchte, ferner das Geschlecht, der Stamm, die Stadt, die Gemeinde, die Zunft etc. Die vorliegende Arbeit wird im weiteren Verlaufe zeigen, wie im England der Gegenwart neue organische Mittelglieder aufsprossen. Das Wachstum derselben, die Organisation, welche sie den breiten Massen wiedergeben, ist die Gewähr der Zukunft. Zweites Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Politiker. I. Carlyles Stellung zur Gegenwart. Nach dem vorhergehenden leuchtet ein, dafs Carlyles Ansicht von unseren heutigen Gesellschaftszuständen eine tief düstere sein mufste. Überall, wohin sein Auge sich wandte, sah er die Auflösung. Die französische Revolution war eben kein vereinzeltes, zufälliges Ereignis, vielmehr der erste Ausbruch von Gefühlen und Gedanken, die sich seitdem über Europa weiter verbreitet hatten und immer wieder ähnliche Erscheinungen hervorrufen mufsten. Diese von Carlyle schon früh ausgesprochene Ansicht wurde durch die Ereignisse bestätigt. Der Julirevolution war das Jahr 1848 gefolgt. Alles auf dem Festlande, selbst das „solide Deutschland", war im Wanken, während in England eine mächtige Partei eine gewaltsame Lösung in socialistischem Sinne plante. I In jener Zeit, im Jahre 1850, veröffentlichte Carlyle eine Reihe von Flugschriften politischen und socialen Inhalts, welche er die „Pamphlete des jüngsten Tages" nannte. Dieselben sind voll von leidenschaftlichen Anklagen und bittern Sarkasmen; schon der Name ist bezeichnend für die sie er- füllende pessimistische Stimmung. Wäre man auf sie allein angewiesen, so läge die Annahme nicht ferne, dafs Carlyle an der Zukunft der europäischen Gesellschaft überhaupt verzweifelt habe. Um Carlyles Stellungnahme zu seinen Zeitgenossen richtig zu erfassen, darf man sich daher von den „Pamphleten des jüngsten Tages" nicht allein leiten lassen. Vielmehr hat man seine früheren Schriften, die ja, soweit sie nicht rein historisch sind, sämtlich socialen oder philosophischen Inhalt haben, zu Rate zu ziehen, und wird dieselben mit manchen noch späteren Äufserungen in Einklang finden, welche die Schärfe der „Pamphlete des jüngsten Tages" nicht teilen. Dabei ist jedoch daran festzuhalten, dafs die Grundanschauung überall die gleiche ist, und die Verschiedenheit mehr im Ausdrucke liegt. A. Die inneren Formen. Die Kritik, welche Carlyle an den gesellschaftlichen Zuständen der Gegenwart übt, bezieht sich nicht auf einzelne Schäden. So viel man deren auch aufzuzählen vermag, so liegt ihnen doch eine einzige Thatsache zu Grunde: die Gesellschaft unserer Zeit verliert mehr und mehr den zu ihrer Gesundheit, ja ihrer Existenz notwendigen Glaubensinhalt durch Auflösung der inneren Formen. Für Carlyle deckt sich das Gebiet der inneren Formen, welche die äufsere Gestaltung der Gesellschaft bestimmen, nicht mit der Summe der religiösen Vorstellungen. Neben ihnen und mit ihnen aufs engste verflochten, stehen weitere sociale Ideen, wie dynastische Anhänglichkeit, Familiensinn u. ä., welche den Charakter jener als Glaubensvorstellungen teilen. Wenn wir uns daher des Schicksals vergewissert haben, welches jene betrifft, so erkennen wir damit, was früher oder später auch diesen bevorsteht. — 172 — Der herrliche Bau der Kirche, welchen einst grofse und gottbegeisterte Männer errichtet haben, ist nach Carlyle heute in traurigstem Verfall. Um dieses Urteil zu würdigen, denke man an die kirchlichen Verhältnisse Englands, besonders seiner Staatskirche, im Anfang dieses Jahrhunderts. Carlyle betrachtete es als seine Aufgabe, die Kirche seiner Zeit auf das heftigste zu befehden, den „Exodus aus Houndsditch" seinen Zeitgenossen nach Kräften zu erleichtern. Der Grund davon liegt darin, dafs ihm hier der Sitz eines Übels zu liegen schien, welches das Leben seiner Nation in allen Äufserungen vergiftete: einer „unendlichen Heuchelei". (Vergl. Froude, Carlyle in London II, Kap. 17, S. 19; Brief Carlyles an Erskine.) Carlyle aber macht diesen Vorwurf nicht einer Nation allein; es handelt sich ihm vielmehr um eine allgemein europäische Erscheinung. Wir leben heute im Zeitalter des „Jesuitismus". * „ Seit den letzten beiden Jahrhunderten wird die Menschheit von der Lehre des Ignatius beherrscht, vielleicht der sonderbarsten und gewifs der unheilvollsten, die je gepredigt wurden" 1 . Es ist klar, dals dieser Begriff des Jesuitismus ein weiterer ist, als ihn die Geschichtsschreibung gemeiniglich fafst. Die romanischen Völker hatten nicht um deswillen den katholischen Kirchenglauben festgehalten, weil er für sie, wenigstens für die Kreise ihrer gebildeten Männer, noch zeit- gemäfs war. Es geschah dies vielmehr in der Weise, dafs ein innerlich überwundener Glaubensstandpunkt in Rücksicht auf Macht und Herrschaft der Kirche, Seelenruhe des Einzelnen und Bestand der überlieferten Gesellschaft äufserlich festgehalten wurde. Hieraus entnimmt Carlyle seinen Begriff des Jesuitismus; er versteht darunter jedes äufsere Bekennen von Glaubensvorstellungen um fremder, nicht in ihnen selbst 1 Latter Day Pamphlets S. 353. - 173 — liegender Gründe willen. Auch der Protestantismus ist diesem Fehler erlegen, nachdem er zur Orthodoxie verknöcherte. Seit der „für alle Zeit gesegneten Restauration", wie man die Rückkehr Karls II. genannt hat, ist der jesuitische Sinn in England eingezogen. „Indem wir den Namen des heiligen Ignatius verdammten, haben wir in wachsendem Mafse sein System angenommen und in ihm eine gesunde Grundlage unseres Lebens erblickt." Wir begannen zu glauben, dafs menschliche Symbole, die für frühere Generationen einmal Thatsachen deckten, an sich die Kraft haben, uns zu retten, dafs wir sie deshalb, auch wenn heute inhaltlos, äufserlich festhalten müfsten. Während eine gesunde Religion für den Menschen gerade die Thatsachen umfafst, welche für ihn so sicher sind, dafs sie der Ausgangspunkt seines Denkens und Handelns werden, so könnte man heute die Religion als die Zusammenfassung der Sätze definieren, über welche der Mensch am meisten zweifelt. Während früher gerade auf dem religiösen Gebiete jeder zur Sicherheit eines Ja oder Nein zu kommen bemüht war, so begnügen sich heute die Menschen mit einem Ja und Nein oder gar Ja obgleich Nein 1 , gleichgültig gegen Wahrheit oder Unwahrheit. Die Religion verliert damit die Funktion, welche ihr nach Carlyle im Leben der Gesellschaft zukommt. Ihre Bedeutung besteht in gesunden Zeiten darin, dafs sie den Mittelpunkt, um den sich das Dasein des einzelnen bewegt, aus dem Individuum hinausverlegt. Dieses selbst wird zum blofsen Mittel, ein aufser ihm Stehendes zum Zweck. Deshalb wirkt die Religion in Verbindung mit den andern, ihr nahe stehenden Glaubensvorstellungen social aufbauend. Ganz anders heute. Die Religion wird damit zum Mittel für ein diesseitiges und, so- 1 Latter Day Pamphlets S.- 276. — 174 — weit man noch daran glaubt, ein jenseitiges Wohlergehen. Der Schwerpunkt des Daseins rückt damit in das Individuum zurück. Trotz äufserer religiöser Formen ist das Handeln des Menschen vom Egoismus beherrscht, d. h. antisocial. Die Religion hat, wie Carlyle sarkastisch sich ausdrückt, „ihre Zuflucht in den Magen genommen". Der Geist der Unwahrheit aber verbreitet sich über alle Zweige des Lebens. „Nicht Wahrheit, sondern ein Amalgam von Wahrheit und Falschheit" scheint nützlich und sicher. „In Parlament und auf der Kanzel, in Schrift und Wort, wo immer Menschen einander etwas mitzuteilen haben, folgen sie dieser Gewohnheit. Die menschliche Rede ist nicht mehr wahr! Ein feines Gift der Lüge durchdringt die ganze Gesellschaft" k Schonungslos hat Carlyle insbesondere die Unwahrheit in den politischen Gewohnheiten seines Volkes angegriffen. Keinen der Staatsmänner seiner Zeit, mit Ausnahme von Sir Robert Peel, hielt er für ehrlich und der Sache mehr als der eigenen Person dienend. Noch war damals das Beispiel massiver Aufrichtigkeit nicht gegeben, mit der später, entgegen den Gewohnheiten der Politiker, ein grofser Staatsmann die Diplomaten wie die Völker Europas in Erstaunen setzte. Das gleiche wie von der Politik schien Carlyle von allen Lebensgewohnheiten zu gelten. Das Dasein des Engländers ist nach ihm auf „Traditionalitäten" aufgebaut, von überkommenen Formen umgeben, welche er aufrecht erhält, nicht weil sie ihm wahr, sondern weil sie nützlich „respectabel" erscheinen. „Kein Engländer", sagt Carlyle, „wagt mehr die Wahrheit zu glauben. Seit 200 Jahren ist er eingehüllt in Lügen jeder Art. Er hält die Wahrheit für gefährlich, und man sieht ihn überall bemüht, dieselbe dadurch zu mildern, dafs er eine 1 Latter Lay Pamphlets S. 375. — 175 — Lüge mitgehen heilst und beide zusammenspannt. Das nennt er den sichern Mittelweg 1 ." Allen diesen Erscheinungen, in denen sich der Jesuitismus äufsert, liegt ein Skepticismus zu Grunde, der sich noch in den Deckmantel der Orthodoxie hüllt. Wie anders jene Puritaner! Ihnen war ihre Weltanschauung das wichtigste, gegen die ihnen alles zeitliche gering schien, und sie waren „schrecklich im Ernst", wenn sie die praktischen Folgerungen daraus zogen. Zeitweilig hatte es geschienen, als oh dem Jesuitismus der Sieg zufallen solle. Aber heute ist seine Niederlage entschieden. Die Menschen haben sich heute wiederum gegen falsche Formeln erhoben und erklären offen, lieber nichts als unglaubliches glauben, lieber keine als solche Herrscher haben zu wollen. Auf den eigentlichen Protestantismus ist so ein weiterer gefolgt, auf den positiven ein negativer, allumfassender, der von Jahr zu Jahr um sich greift. Der Erfolg des Jesuitismus, welcher verhinderte, dafs die positiven Elemente der Deformation sich gesund fortentwickelten, ist das achtzehnte Jahrhundert. Sein Erzeugnis war die atheistische und politisch radikale Weltanschauung, welcher die Gegenwart gehört. Durch sie findet der Jesuitismus sein Ende. „Er hat in seinen Untergang eine ganze Welt mit hineingezogen, die einst lebend und schön war, jetzt tot und schrecklich ist" 2 . Entgegen der Gewohnheit der konservativen Schriftsteller hat Carlyle die Macht der gegnerischen Richtungen eher über- als unterschätzt. Während eines langen Lebens hatte er Gelegenheit, in seinem Heimatlande das unaufhaltsame Vordringen jenes Individualismus zu beobachten, das auf dem Gebiete 1 Latter Day Pamphlets S. 193. 2 Latter Day Pamphlets S. 369. — 176 — des Glaubens wie des Staates Auflösung bedeutet. Zugleich aber sah er ein, dafs die alte Ordnung, eines Glaubensinhaltes bar, dem revolutionären Ansturm gegenüber sehwach sei, und dafs das neue nur von neueren Richtungen besiegt werden könne. Letztere aber sah er noch in weiter Ferne. Diese Beobachtungen verdüsterten den Lebensabend Carlyles. Froude erzählt uns, wie der Greis in vertrautem Gespräch ein steigendes Anwachsen des Atheismus für das kommende Halbjahrhundert prophezeite 1 . Andererseits betrachtete Carlyle diese Entwicklung nicht ohne eine gewisse Genugthuung. Bedeuteten doch jene Richtungen, welche mehr und mehr um sich griffen, den Untergang einer sündigen und unwahren Welt. Nach Carlyle kann eine vollständig individualistische Gesellschaft nicht bestehen; sie ist in der Lage, sich entweder reformieren oder untergehen zu müssen. „Der Tag der Abrechnung," sagt Carlyle, „langsam herankommend, ist jetzt endlich für Europa da, er klopft auch an die Thür von England, und jetzt wird man sehen, ob allgemeines Vorgeben von Glauben eine Regel für das menschliche Leben bilden kann, ob ehrenwerte jüdische und andere Fetische verbunden mit thatsächlicher Verehrung von Yorkshire- und anderen Aktien hier unten ihren Zweck erfüllen werden 2 ." Bei Carlyle hatte sich diese Ansicht von den gegenwärtigen Gesellschaftszuständen schon früh als Folge seiner Weltanschauung festgestellt. Von wie verschiedener Seite er dieselben auch im Laufe seines Lebens kennen lernte, überall erblickte er Anzeichen, welche die Richtigkeit seiner Grundanschauung belegten. Wir wenden unsern Blick zunächst auf die theoretischen Richtungen, sodann auf die politischen 1 Vergl. Froude, Carlyle in London I. S. 396. 2 ibid. S. 335. — 177 und socialen Verhältnisse seiner Zeit. Seit der Restauration, durch die englische Philosophie vorbereitet, wohnt dem modernen Denken des gröfseren Teiles Europas eine gemeinsame Tendenz hei: der Materialismus. Seit jener Zeit nämlich hatte der kritische Geist die überkommenen Glaubensvorstellungen, eine nach der andern, zerstört. Übrig gelassen allein war die sinnliche Wahrnehmung, d. h. für die Erklärung der Welt die Materie. Da der Mensch, insbesondere der handelnde Mensch auf die Dauer einer Weltanschauung nicht entbehren kann, so mufste neben den Skeptieismus als seine volkstümlichere Ergänzung der Materialismus treten. In engem Zusammenhange hiermit steht das Überwiegen der Naturwissenschaften, in dem Th. Carlyle ein Zeichen der Zeit erblickt 1 . Besteht doch ihr Hauptfortschritt darin, dafs sie die Annahme von Kräften und Wesenheiten, welche nicht auf exakter Erfahrung beruhen, beseitigt haben, selbst die kompliziertesten Erscheinungen auf Materie und ihre Bewegung zurückführen und so, um mit Comte zu reden, vom metaphysischen Zustande aus sich mehr und mehr dem positiven annähern. Wenn Carlyle in dieser Entwicklung nichts als ein Produkt des Prozesses der gesellschaftlichen Auflösung erblickte, so war das eine Einseitigkeit, die ihn, ohne ihn je gelesen zu haben, Darwin bekämpfen liefs, weil er in ihm einen neuen Vertreter und Verbreiter der materialistischen Weltanschauung erblickte. Er ahnte nicht, dafs ihm mit dem scheinbar so entgegengesetzten Denker Berührungspunkte genug gemein waren 2 . Dem Materialismus entspricht auf moralischem Gebiete das Utilitariertum, nichts als eine andere Seite derselben 1 Vergl. Miscellaneous Essays II, S. 321. 2 Vergl. oben S. 110. Später soll Carlyle sein Urteil über Darwin geändert haben. v. Seliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 12 Erscheinung. Wenn die Glaubensvorstellungen dahin schwinden, so bleibt nichts als die persönliche Lust- und Schmerzempfindung, um das Handeln des Menschen zu leiten. Das Ziel der Gesellschaft wird von diesem Standpunkte aus „das höchste Glück der gröi'sten Masse", „die Vervollkommnung der Rasse" etc. Dieses Ziel hat jedoch nichts mit den alten Idealen gemein, die den Menschen einst zur Aufopferung bestimmten. Dasselbe ist ein rein diesseitiges. Der Begriff des Glückes ist durchaus individualistisch gefafst. Ja man geht weiter. Man hält jenes Ziel nicht nur für das theoretisch richtige, sondern auch für das thatsächlich allein wirksame. Jenem Materialismus erscheint jede andere Motivierung des Menschen unverständlich. So glaubt man denn aus den Beweggründen der Lusterreichung und Schmerzvermeidung die komplizierten Erscheinungen des individuellen wie gesellschaftlichen Lebens ableiten zu können, auch für positive Zeiten. Für Carlyle ist das Bemühen um „das höchste Glück der gröi'sten Masse" notwendig erfolglos. Denn für ihn ist das Leben mit Leiden und Mühen seinem Wesen nach behaftet, und das Glück besteht nur darin, „zu arbeiten und zu wissen, woran man zu arbeiten habe", was nur durch Glaubensvorstellungen möglich ist. Diese Anschauung ist der herrschenden gerade entgegengesetzt. Philosophen wie Nationalökonomen lehren, dafs ein persönliches, diesseitiges Wohlsein für den Menschen das allein erstrebenswerte Ziel sei, dessen Erreichung bis zu einem gewissen Grade nicht unmöglich sei. Hierin stimmen die sogenannten klassischen englischen Nationalökonomen einerseits mit den Merkantilisten und dem eudämo- nistischen Polizeistaate des vorigen Jahrhunderts, andererseits aber auch mit der modernen Socialdemokratie überein. Nur die Mittel zur Erreichung des Zieles sind verschieden. Aber die konsequentere Ansicht ist die, welche das Individuum so — 179 — frei als möglich sein persönliches Interesse will verfolgen lassen. Denn wenn man einmal die Entstehung der Gesellschaft aus dem Zusammenwirken vieler individualistischer Willen ableitete, so mufste man demselben eine gleiche Rolle auch bezüglich der Forterhaltung der Gesellschaft zuteilen. Diese Lehre sah Carlyle insbesondere durch Jeremias Bentham vertreten. Die Unterschiede, welche Mill von diesem Standpunkt trennten, verkannte Carlyle. Trotz ursprünglich zwischen ihnen bestehender Freundschaft trat er später auch zu Mill in entschiedensten Gegensatz. Er rechnete ihn nicht besser als die übrigen Professoren der „dismal science", mit welchem Namen Carlyle die Nationalökonomie seiner Tage beehrte, damit zugleich auf die Funktion ihrer Professoren als „Leichenbestatter" der heutigen Gesellschaft anspielend 1 . Schon in frühen Jahren erklärt sich Carlyle gegen die individualistische . Richtung der Nationalökonomie seiner Zeit und diese Abneigung ist mit den Jahren gewachsen, weil er in ihr die volkstümlichste Form der Auf lösungstendenzen erblickte, deren Bekämpfung sein Dasein galt 2 . „Angenommen", sagt Carlyle, „ein Staat beschränke sich, wie jene Lehre verlangt, auf den Schutz des Eigentums, so wird auch er das nicht thun und seinen eigenen Bestand nicht lange schützen können." Wie man die Gesellschaft durchaus mechanisch auffafst, so wird auch der Staat von einem Organismus zu einem Mechanismus. Jede Regierungsthätigkeit, als Ausübung persönlicher Befähigung, erscheint unzulässig. Die Handlungen des Staates sollen möglichst unpersönlich durch Zählen und Rechnen, d. h. durch Abstimmung sich ergeben, so dafs derselbe gleichsam wie eine Maschine von selbst funktioniere. 1 Dismal = häfslich, zugleich als Subst. der Leichenbestatter. 2 Vergl. Froude, Life of Carlyle I, S. 375. 12* — 180 — Dies allein heilst „gerechte Gesetzgebung". Dieselbe soll ein möglichst genaues Abbild des freien Kampfes aller Interessen sein, wie er aufserhalb des Staates in der Gesellschaft sich vollzieht. Allen socialen Schäden gegenüber, welche mehr und mehr Beachtung erheischen, wird eine immer weitergehende Demokratisierung der Verfassung als alleiniges Heilmittel empfohlen. Allen andern Reformvorschlägen gegenüber verhält sich diese Richtung abweisend, weshalb ihr Carlyle den Namen des „paralytischen Radikalismus" beilegt 1 . Mit sarkastischen Worten fafst Carlyle die Lehre Benthams dahin zusammen, dafs er eine Welt von Schelmen setzt und dabei etwas Ehrliches herausbringen will. (Given a world of knaves, educe a honesty.) In der That war diese Auffassung der Gesellschaft der Carlyles genau entgegengesetzt. „Aber", sagt er, „nichts will ich eurer Freiheit und Gleichheit verbunden mit dem Glauben, dafs grofse Männer unmöglich sind und viele kleine ausreichen, vorwerfen. Der Glaube ist natürlich genug. Die Verehrung von Autoritäten hat sich als falsch erwiesen. Wir hatten so viel Betrügereien, wir wollen jetzt nichts mehr glauben. Da so viele nachgemachte Münzen auf dem Markt umlaufen, so ist der Glaube allgemein geworden, dafs Gold nicht mehr existiert, ja dafs man ohne Gold auskommen könne 2 ." — Einer der Aussprüche Carlyles, die ihm von dem Durchschnittstory nicht verziehen werden können. Die Gesetze der Nationalökonomie, entnommen der Privatwirtschaft des Kaufmanns, sind auf beschränktem Gebiete nicht unrichtig, aber entsprechen nicht dem Wesen des Staates. Herr Mengemann, wie wir den Namen des Carlyleschen Ver- 1 Chartismus Kap. X. 2 Vergl. Heroes and Heroworship S. 240. — 181 treters der Nationalökonomie, McCroudy, verdeutschen wollen, erklärt z. B., dafs man die Kolonien aufgeben solle, weil ihre gegenwärtige Verwaltung mehr koste als einbringe. Nach ihm ist die Erzielung von Reingewinn die erste Regel auch für die Beherrschung eines Reiches. Carlyle erwidert, dafs England danach auch Irland aufgeben müsse, das ebenfalls viel koste, dafs Middlesex sich von Surrey, die eine Grafschaft, die eine Gemeinde, ja zuletzt das eine Individuum sich vom andern trennen müsse. Ganz besonders aber zeigt sich die Unzulänglichkeit der Theorie, welche die Gesellschaft aus der Selbstsucht des Individuums ableitet, in der auch von ihr zugestandenen Übermacht des Geschlechtstriebes über den Trieb nach Gewinn. An jenem ersten und natürlichsten Motiv zur Aufopferung individuellen Daseins zeigt sich eben bereits, wie hoch die Interessen des Geschlechts über denen des einzelnen stehen. Wenn Malthus den Arbeitern sagt, dafs sie es in der Hand haben ihre Verhältnisse durch geschlechtliche Enthaltsamkeit und dadurch eintretende Verminderung des Arbeitsangebotes zu bessern, so läuft dies auf eine Verschiebung jenes Machtverhältnisses hinaus: der Trieb nach Gewinn hätte über den Geschlechtstrieb und damit die Theorie der Nationalökononien über die Natur den Sieg davon geHagen. Dieses ist freilich wenig wahrscheinlich. „Meint ihr denn", spottet Carlyle, „dafs ein goldenes Zeitalter dadurch heraufkommen wird, dafs 20 Millionen Arbeiter gleichzeitig auf diesem Gebiete streiken, indem sie in einem allumfassenden Gewerkverein den Beschlufs durchsetzen, sich nicht eher zu begatten, als bis der Zustand des Arbeitsmarktes wieder ein befriedigender wird? 1 " Die Malthusianer selbst glauben nicht an den Erfolg ihres Rat- 1 Vergl. Chartismus Kap. X. — 182 — Schlages. Daher die Furcht vor Übervölkerung, die damals in England die weitesten Kreise ergriffen hatte. „In diesen Vorstellungen ist nirgends Licht", sagt Carlyle, „sondern nur ein grimmiges Bild des Hungers, offene Mäuler, die sich immer weiter und weiter öffnen, eine Welt, die auf die furchtbarste Weise durch eine vom Hunger zum Wahnsinn getriebene, sich gegenseitig auffressende Bevölkerung zu Grunde geht 1 ." Da von der freiwilligen Enthaltsamkeit nicht viel zu erwarten ist, so sind es künstliche Mittel, welche die erschreckten Politiker und Nationalökonomen empfehlen, um die Zunahme der Bevölkerung einzuschränken. Carlyle betrachtet dieselben als ein Anzeichen tiefen Verfalls. Er nimmt auf eine Schrift Bezug, welche zur Zeit der Abfassung seines Chartismus wiederholt verlegt und in Massen verkauft wurde. Der Verfasser, welcher sich an die Arbeiter wendet, schlägt darin ein System der Kindertötung vor. Von den Malthus- schen Ideen erfüllt, hält er ein solches Verfahren für eine Pflicht des Patriotismus, der die Mutterliebe sich beugen müsse. Um die Grausamkeit seines Vorschlages zu mildern, rät er „schmerzlose Tötung", etwa durch Kohlengas. „Man könnte ja auch schöne Friedhöfe bauen mit Kolonnaden und Blumen", in denen die patriotischen Kindermörderinnen, fährt Carlyle fort, ihren Abendspaziergang zu Kontemplationszwecken machen könnten. „Wäre da nicht", frägt Carlyle in bitterem Hohn, „die Methode der alten Spartaner vorzuziehen? Sie hetzten ihre Heloten und spiefsten sie nieder, wenn sie zu zahlreich wurden. Wie viel leichter würde eine solche Hetze sein nach Erfindung der Feuerwaffen. Selbst in dem dichtest bevölkerten Lande würden drei Tage jährlich genügen, um alle wehrhaften Proletarier niederzuschiefsen 2 ." Carlyle selbst 1 Vergl. Sartor Resartus, Ausgabe von Fischer, S. 222. 2 Vergl. Sartor Resartus, Ausgabe von Kretzschmar, S. 177. kannte die Furcht vor Übervölkerung nicht. Was man so nannte, war nur ein Zeichen davon, dafs die Kraft des germanischen Stammes noch ungebrochen fortdauerte. Vielleicht war dieser gerade heute daran, die Welt von neuem zu überfluten, wie er einst gethan. Carlyle erkannte das unbedingte Recht der Eroberer an, welche alternde Gesellschaften beseitigen oder reorganisieren. Er kam damit den Ideen Darwins nahe. Denn dessen Einwurf gegen Nützlichkeit der sogenannten „preventive checks" wäre gewesen, dafs die mit dem Anwachsen der Bevölkerung verbundene Steigerung des Kampfes ums Dasein die natürliche Auswahl und damit die Vervollkommnung der Art befördere, während man durch jene künstlichen Mittel gerade diese günstige Wirkung gefährde. Wie sehr Carlyle aber die Pfeile seines Spottes gegen die Malthusianer richtete, so hat er doch in Malthus selbst, welcher bekanntlich einer historisch induktiven Methode folgt, nie einen Vertreter der von ihm bekämpften individualistischen Nationalökonomie gesehen. Vielmehr war es Jeremias Bentham, welchen Carlyle innerhalb seiner Zeit als seinen eigentlichen Antipoden betrachtete. In ihm schienen die individualistischen Richtungen ihren Vereinigungspunkt gefunden zu haben. Eierst. hatte die äufsersten Konsequenzen jener Weltanschauung, die nur das Gesetz der Schwere und den Hunger als bewegende Mächte anerkennt, gezogen und damit ausgesprochen, was alle Welt mehr oder weniger deutlich dachte 1 . Man kann 1 Dafs Bentham in der That der eigentliche Vertreter des Utilitarier- tums und der Philosoph der klassischen Nationalökonomie ist, erkennt Held (Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands 1881) an. Er bezeichnet Bentham als „den eigentlichen Propheten des modernen England", dessen Eigentümlichkeit „unbedingte Kritik des bestehenden Rechtes aus Vernunftspostulaten unter absoluter Verwerfung des Gewordenen als solchen sei". - 184 — ihn so als den äufsersten Punkt jener Richtungen betrachten, welche schon das achtzehnte Jahrhundert durchziehen. Uber ihn hinauszugehen, ist unmöglich. Wenn daher die Utilitarier sich für die Verkünder einer neuen Weltordnung halten, so ist ihnen zu erwidern, dafs sie vielmehr „ein Nachtrab seien, der so weit hinter den andern zurück ist, dafs er sich für einen Vortrab hält" 1 . Aber wenn sie auch theoretisch nichts neues gebracht haben, so sind sie doch als Popularisierer jener Lehren von gröfstem Einflufs gewesen. „Wenn die Philosophie des Nutzens, aufser in England, unter den Denkern zu existieren aufgehört hat, so ist sie zu den Zeitungsschreibern und der Masse des Volkes hinabgesunken. Sie bedarf keines Predigens mehr, sondern ist in voller Ausübung begriffen und wird überall enthusiastisch bekannt". In dem Benthamismus sah Carlyle die stärkste jener Mächte der Auflösung, welche in der ihn umgebenden Gesellschaft wirksam waren. Er trägt nicht Bedenken, denselben dem Christentum direkt entgegenzusetzen. Dieses hat nicht einen theoretischen, sondern einen moralischen Zweck, ist daher voll von Glaubenselementen, ohne welche moralische Einwirkung unmöglich ist. Jener hat in erster Linie intellektuelles Interesse, sein Mittelpunkt ist der Egoismus des einzelnen, daher er Glaubensvorstellungen verwirft und Welt wie Gesellschaft materialistisch erklärt. Jenes hat die Gesellschaft aufgebaut, dieser zerstört sie. Mit dem Utilitariertum hängen andere Richtungen zusammen, welche scheinbar nichts mit ihm zu thun haben, so z. B. der Philanthropismus, dessen Phrasen die Welt durchschwirren. 1 Vergl. Sartor Resartus, deutsche Ausgabe von Kretzschmar, S. 180. — 185 — Sobald gut und schlecht nur noch in Rücksicht auf ihre Folgen zu unterscheiden sind, ist damit der alte Begriff der Strafe aufgehoben, die, als Vertilgung des Bösen, nur aus einem absoluten Gegensatz von gut und schlecht abzuleiten ist. Daher die relativen Straftheorien, welche insofern ihren Zweck verfehlen, als trotzdem mehr und mehr Zweifel an der Berechtigung der Strafe überhaupt um sich greifen. Hieraus entspringt jenes zeitgemäfse Mitleid mit dem Verbrecher, das Bestreben Strafen wie Strafausübung zu mildern. Carlyle spricht sich auf das schärfste gegen die Bewegung zu Gunsten der Abschaffung der Todesstrafe aus. Ebenso verspottet er die modernen Gefängnisse. Er beschreibt in den Pamphleten der jüngsten Tage einen Besuch, den er einem der Hauptgefängnisse Londons abstattete. Er habe einen langen Weg durch Stätten des tiefsten Elends zurücklegen müssen. Sobald er aber das Thor des Gefängnisses durchschritten, habe ihn eine Atmosphäre der Sauberkeit und des Komforts umweht. Die Gefangenen, in hohen, luftigen Sälen an langen Tischen sich die Zeit mit leichter Arbeit vertreibend, seien ihm im Vergleich mit den kämpfenden Massen draufsen beneidenswert erschienen. Einen der „litterarischen Chartisten" habe er in einem lichten Privathofe, in Meditation versunken, auf und ab wandeln sehen: „abgeschlossen von der Welt und ihren Sorgen für einige Monate, Meister seiner Zeit und geistigen Kräfte in einem Grade, wie kaum ein zweiter Litterat". Wenn man ihn einmal unter solchen Bedingungen mit Tinte und Feder allein gelassen hätte, meint Carlyle, so würden seine litterarischen Leistungen gewifs höhere geworden sein. Howard betrachtete er als die unglückliche Quelle jenes „Oceans sentimentalen Wohlwollens und allgemeiner krankhafter Sympathie mit dem Verbrecher, der heute die Gesellschaft zu überfluten droht". Carlyle hat, wie gezeigt, — 186 — den sogenannten Philanthropismus auf utilitarische Denkweisen zurückgeführt. Das von der Theorie unter der Bezeichnung als Lustgefühl aufgestellte Ziel des menschlichen Handelns heifst in die praktische Sprache des neunzehnten Jahrhunderts übersetzt: Macht oder Geld. Für den jungen Mann, der des letzteren genug hat, ist der Wunsch seines Lebens: „to rise in parliament". Nicht sachliche Gründe entscheiden, welcher Partei er beitritt, sondern vielmehr die Aussicht, welche sich seinem Ehrgeiz bietet. Ein Beispiel hierfür ist der junge Disraeli, der, nachdem er als Kandidat der äufsersten Linken durchgefallen war, zu den Tories überging. Für die meisten aber tritt das Streben nach Macht hinter der Geldgier zurück. Politische Macht wird mehr und mehr als Mittel der Bereicherung betrachtet. Haben wir doch in Frankreich Politiker gesehen, die trotz schmählichen Sturzes sich zufrieden in das Privatleben zurückzogen, nachdem die nötigen Millionen in Sicherheit gebracht waren. Aller politische Kampf neigt dahin, zur Geldspekulation zu werden; man wagt Summen eines möglichen ungeheuren Gewinnes willen. Gleich den Satyrikern des alten Roms wird Carlyle nicht müde, die „auri Sacra farnes" seiner Zeitgenossen zu geifseln. Das, was der Engländer am meisten fürchtet, sagt Carlyle, was man in der Sprache älterer Zeiten als seine Hölle bezeichnen könnte, ist „not succeding", d. h. kein Geld zu machen. Alle Verhältnisse, welche zwischen Menschen bestehen, lösen sich heute in Geldverhältnisse auf. Gesellschaft ist nichts als ein „cash-nexus". Jede Verpflichtung des einen gegen den anderen wird als eine durch Geld zu erledigende betrachtet. Thatsächlich bedeutet ein solcher Zustand vollständige Isolierung des Einzelnen und gegenseitige Vernichtung, wenn auch noch unter friedlichen Formen und mit dem — 187 — Namen einer „fair competition" (erlaubten Mitbewerbs). Was man heute Gesellscliaft nennt, ist der Beginn ihrer Auflösung. Der Grund davon ist der, dafs die socialen Motive immer weniger über die Menschen vermögen und der Egoismus mehr und mehr zur Alleinherrschaft gelangt. In den Pamphleten der jüngsten Tage findet sich eine unvergleichliche Satire auf die Denkweise der Zeitgenossen, welche Carlyle, trotz der hochklingenden Phrasen, mit denen sie sich häufig umhüllen, durchschaut. Er betitelt das Stück „Schweinephilosophie" und geht darin von der Annahme aus, dafs die Litteratur in unseren Tagen des Fortschritts auch auf die bisher stumme Kreatur ausgedehnt worden sei, so dafs die Schweine ihre Ansicht vom Weltall bekannt geben könnten und dasselbe für einen ungeheuren Schweinetrog erklärten, der mit allerlei mehr oder weniger wohlschmeckendem Futter gefüllt sei. B. Die äufseren Formen. Mit den „inneren" sind auch die „äufseren Formen" heute im Untergehen. Arbeit im Carlyleschen Sinne ist heute unmöglich. Keine Thätigkeit geschieht mehr um ihrer selbst willen, jede in Rücksicht auf das allein anerkannte, selbstsüchtige Ziel. Insbesondere aber zeigen sich auf dem wichtigsten Gebiet menschlicher Thätigkeit, dem der Regierung, die unheilvollen Folgen der Zeitrichtung, welche den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzt. Nach Carlyle wird nur noch dem Scheine nach regiert; die Regierer ziehen den Lohn ein, ohne dafür die entsprechende Arbeit zu verrichten; die, welche thatsäch- lich die Macht ausüben, sind von den äufseren Zeichen derselben ausgeschlossen. Bei der Würdigung dieses Urteils be- denke man, dafs er sich zunächst gegen Zustände wendet, wie sie Carlyle während des gröfseren Teiles dieses Jahrhunderts in seiner Heimat vor Augen hatte. Trotzdem ver- schliefse man sich dem nicht, dafs er Gefahren aufdeckt, die in unserer Zeit liegen und wenigstens der Tendenz nach überall in der heutigen Kulturwelt verbreitet sind. Zunächst fragt Carlyle: wie geschieht die Auswahl unserer Herrscher, dieses wichtigste sociale Geschäft, dessen Erfolg oder Mifserfolg das Endresultat der gesamten Gesellschaftsorganisation darstellt? Unseren Vorfahren ist es in einem relativ hohem Grade gelungen, die zur Herrschaft befähigten auf die ihnen zukommenden Plätze zu heben. Carlyle erinnert an den Abt Samson, der aus niedersten Verhältnissen und ohne jede Bewerbung zum Beherrscher eines beträchtlichen Teiles des englischen Gebietes aufstieg 1 . In ähnlicher Weise beruht die Entstehung der älteren englischen Adelsgesehlechter fast stets auf wahrem Verdienst, welches auf Generationen in den Familien fortzuleben pflegte. Der Grund dieser richtigen Auswahl der Herrscher war der, dafs das, was Carlyle „Hero-worship" nennt, in verhältnismäfsig gesunder Weise sich vollzog. Das Volk besafs ein bestimmtes Ideal des Mannes. Mit den Glaubensvorstellungen ist dem modernen Menschen notwendig auch der Mafsstab menschlichen Wertes verloren gegangen. Das einzige, was er am Nächsten sehätzt, ist lediglich Reichtum und die Fähigkeit, solchen zu erwerben. Ein äufseres Zeichen der Herrscher- losigkeit oder Anarchie ist die bunt zusammengewürfelte Bevölkerung von Statuen, welche die Plätze der englischen Städte verunzieren. Carlyle wünscht , dafs das Denkmal, welches man für Hudson, einen Gründer und Eisenbahnkönig 1 Vergl. Past ancl Present Buch II. der damaligen Zeit, geplant hatte, zur Ausführung gekommen wäre, um der Zukunft ein Wahrzeichen dessen zu sein, was dem neunzehnten Jahrhundert am meisten verehrungswürdig erschien: nämlich Papiere, die Dividenden bringen. Gewöhnlich bestimmt der Zufall, wem die Ehre öffentlicher Aufstellung in Erz zu teil wird. Dies ist nur ein Bild davon, wie auch die Erhöhung auf der socialen Stufenleiter von ihm abhängt. Die einzige Eigenschaft, welche geeignet ist, den Streber aus dem wirren Spiel des Zufalls emporzuheben, ist die Kunst zu reden. Carlyle stellt es als eine der ( unheilvollsten Erscheinungen hin, dafs in den Verhältnissen, wie sie der moderne Radikalismus herbeizuführen strebt, nicht der, der handeln, sondern der, der reden kann die Höhen der Gesellschaft erreicht. Die grofse Masse hängt demjenigen an, der ihr am besten zu schmeicheln und sie am feinsten zu täuschen versteht. Sind doch einst auch die Demokratien des Altertums an jenem Rhetorentum zu Grunde gegangen, welches gleichgültig gegen die Interessen des Staates, nur seinen eigenen Vorteil verfolgt. Hatte der tiefste Geist jener Zeit, Piaton, im Gorgias und in der Republik diese Erscheinung als den schwersten Schaden seines Heimatstaates hingestellt, so nimmt Carlyle diese Angriffe wieder auf und eifert gegen das Neuerwachen des antiken Demagogen- tums. Es sei sinnlos, dem, der am besten rede, das Recht der Herrschaft einzuräumen. Im besten Falle spreche das Talent des Redens weder für noch wider die Befähigung zum Herrschen. Mit gröfserer Wahrscheinlichkeit freilich sei anzunehmen, dafs der Redner zur Regierung untauglich sei. Keiner von den grofsen Herrschern aller Zeiten sei ein gewandter Volksredner gewesen. Jedenfalls aber könne man ebensogut und mit gleichem Erfolge auf irgend welche andere Weise entscheiden lassen, wem die Herrschaft gebühre — etwa da- rum würfeln, schlägt Carlyle vor, oder ein Sackhüpfen veranstalten oder auch ein Wettklettern an eingeseiften Stangen nach der oben angebundenen, fetten Gans. Entsprechend der entscheidenden Wichtigkeit, welche die Kunst, der Rede für jede höhere Laufbahn besitzt, ist denn die Erziehung der gebildeten Klassen ausschließlich auf die Form statt auf den Inhalt gerichtet. Ihr Mittel sind hauptsächlich die alten Sprachen, ihr Ziel ein logisch formales Denken. Der junge Mensch lernt sprechen, argumentieren, aber nicht thun. Feste Ziele und Ideale, nach denen er sein künftiges Handeln regeln könnte, giebt ihm die Schule nicht mit. „Die alten Gottestempel fallen in Trümmer. — — Keine Wolkensäule bei Tage, keine Feuersäule bei Nacht geht dem Pilgrim mehr voran. Führerlos irrt er durch die Wildnis." Carlyle hat die Kämpfe, wie sie einen hochstrebenden jungen Geist heute zu erschüttern pflegen, in seiner trefflichen Biographie des John Sterling geschildert. Derselbe hatte mit Begeisterung die kirchliche Laufbahn ergriffen, war dann aber diesem Berufe untreu geworden, da er das System einer starren Orthodoxie mit seinem Gewissen nicht vereinigen zu können glaubte. Besonders interessant ist, was Carlyle in diesem Buche über die Schwierigkeiten der Berufswahl eines Mannes sagt, der sich berechtigt glaubt, einen Platz unter den leitenden Klassen der Nation einzunehmen. Viererlei Wege stehen ihm offen: drei feststehende und geregelte, ein ungebahnter. Die ersteren sind, natürlich englische Verhältnisse ins Auge gefafst, Parlament, Recht und Kirche. Hiervon sagt Carlyle: die letzteren beiden verlangen von einem Manne, der die Bildungselemente seiner Zeit in sich aufgenommen hat, vielfach Annahme von Dingen, die ihm unwahr erscheinen. In allen drei Carrieren ist es die Fähigkeit der Rede, welche den Anfänger in die Höhe bringt. Werden diese Berufe — 191 — verschmäht, so bleibt in englischen Verhältnissen nur die Litteratur. Carlyle hat keine Gelegenheit versäumt, jungen Freunden abzuraten, in dieses Meer sich zu stürzen, das schon so viele verschlungen habe F Die Erscheinungen, welche die grofse Welt durchziehen, wiederholen sich hier: eine schonungslose Konkurrenz, gewissenlose Reklame und Vorherrschen selbstsüchtiger Motive. Zugleich teilt sie mit ihr das Ungeregelte, die damit verbundene Isolierung des Einzelnen, während jene anderen Berufe doch wenigstens eine aus alter Zeit überkommene Organisation besitzen. Bezeichnenderweise sind alle vier Berufe, welche dem Manne heute Einflufs über seine Mitmenschen verschaffen, wie Carlyle sich ausdrückt, „redender Natur". Carlyle fragt nun zweitens, wie üben diejenigen, welche in der soeben geschilderten Weise zur Herrschaft gelangt sind, diesen Beruf aus? Wir betrachten zunächst das öffentlich anerkannte System der Regierung. Carlyle hat die parlamentarische Regierungsform im Auge, welche in England der Vollendung nahe ist, bei den romanischen Völkern, insbesondere in Frankreich, und mit Abschwächungen in Nordamerika thatsächlich in Übung steht. Er beurteilt jedoch nicht nur die gegenwärtige Gestalt dieser Regierungsform, sondern zeigt auch, was bei weiterer Ausbildung und ohne gegenteilige Einflüsse von derselben zu erwarten steht. Das Parlament, so wie es sich in England ausgebildet hat — nieht als etwas besonderes, sondern auf Gedanken beruhend, die der germanischen Welt gemeinsam angehörten — war in seiner früheren Form nach Carlyle ein durchaus gesunder und nützlicher Teil der staatlichen Organisation. Ursprünglich 1 Brief an James Dodds vom 5. Februar 1840. Abgedruckt in Fischer, Th. Carlyle, Geschichte seines Lebens, 1882. — 192 — war es hervorgegangen aus formlosen Zusammenkünften der Grofsen, mit welchen der König die Zustände der einzelnen Teile des Reiches beratschlagte, und von denen er als den wirklichen Machthähern in gewissem Grade abhängig war. In der rechtlichen Form, in der sich später nach Zutritt der Städte das Parlament feststellte, war es eine wirkliche Vertretung des Volkes, d. h. ein Abbild der in ihm vorhandenen Mächte. Es übte so thatsächlich den Beruf aus, welcher nach Carlyle der dem Parlamente eigentümliche ist. Dasselbe setzt den Herrscher in Kenntnis von den bestehenden Machtverhältnissen. Nicht als ob der absolute Herrscher in dieser Hinsicht weniger gebunden wäre. Auch er kann die „Gesetze des Universums", wie Carlyle sich ausdrückt, d. h. die Macht der Thatsachen nicht ändern. Auch er ist, wie der konstitutionelle Herrscher darauf angewiesen, dieselben möglichst genau zu erkennen, um ihnen seine Regierungsmafsregeln anzupassen. Was mit jenen im Widerstreit steht, wird auch er nimmer durchsetzen. Aber die Art und Weise, in welcher er sich über die Mächte des Widerstandes und der Unterstützung Klarheit verschafft, ist eine weniger vollkommene. So ist beispielsweise unvollkommener die „ex postfacto Methode" des Grofsherrn, der die Unzufriedenheit seiner Unterthanen an der Zahl der an ihren Ladenthüren angenagelten Bäcker erkennt. Unvollkommener ist auch die in Rufsland gehandhabte Methode des „despotisme moderö par Passassinat", an der dem Zaren die Grenze seines Willens klar wird. Carlyle stellt von diesem Gesichtspunkte aus die Vorzüge der parlamentarischen Institution hoch. Gegensätze werden hier mit Worten ausgefochten, die sich sonst mit den Waffen in der Hand vernichten würden. Eine ungeheure Arbeitsersparnis wird damit geleistet, indem die Machtabwägung, auf welche nach Carlyle alle menschliche Geschichte zurück- — 193 zuführen ist, sieh in friedlicher Weise vollzieht. Aber Voraussetzung dieser günstigen Wirkungen ist das Vorhandensein einer herrschenden Gewalt neben dem Parlamente. Denn Carlyle sieht in demselben docli nur ein Mittel, wenn auch villeicht das wichtigste, zur Führung der Herrschaft 1 . Durch zwei Ereignisse ist die Stellung des Parlamentes, so wie sie sich in England gegen Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit festgestellt hatte, verändert worden. Durch das eine sind ihm Funktionen genommen, die es bis heute noch auszuüben vorgiebt; durch das andere sind ihm solche gegeben, die es seiner Natur nach nie erfüllen kann. In der ersten Hinsicht kommen die durch Erfindung der Buchdruckerkunst hervorgerufenen Veränderungen in Betracht. Früher war das Parlament der einzige Ort, an dem die Stimme des Volkes das Gehör der Mächtigen fand, an dem seine Wünsche und Beschwerden offen dargelegt werden konnten. Heute ist das Forum unendlich erweitert. Jeder, sagt Carlyle, kann sich heute zum Parlamentsmitglied machen, indem er durch Bücher, Zeitungen und Zeitschriften seine Ansichten der öffentlichen Besprechung unterstellt. Früher waren die Beratungen des Parlamentes eben so wichtig als die Abstimmungen, ja letztere eigentlich nur das zusammenfassende Endergebnis der ersteren. Denn erst auf Grund des vorgetragenen Stoffes wurden die Meinungen gefafst und die Voten abgegeben. Heute sind die Parlamentsdebatten in einem Lande wahrer Prefsfreiheit nahezu zwecklos. Die im Parlamente gehörten Reden sind nichts als ein Abbild der in der Presse vorangegangenen Debatten, eine Wiederholung oft wiederholter, nach allen Seiten besprochener Gegenstände. Die Voten be- 1 Vergl. für das Vorhergehende Latter Day Pamphlets S. 265, 290 u. a. v. Schulze-Gaevernitz Zum soc. Frieden. 13 1 Vergl. Latter Day Pamphlets S. 267. ruhen auf vorgefafsten Meinungen. Abstimmung ist danach heute hei weitem die wichtigste Thätigkeit des Parlaments. Die ungezügelte Redefreiheit des englischen Parlaments, wie sie nicht selten den lähmendsten Einflufs auf die Erledigung der Geschäfte ausgeübt hat, erschien Carlyle als ein Anachronismus; es ist, sagt er, nicht anders, als oh man Estafetten noch neben einem Kurierzuge reiten liefse 1 . Eine zweite Thatsache, welche ausschliefslich der englischen Geschichte angehört, ist weit gefährlicher für die parlamentarische Institution. Neue Aufgaben, welche sie ihrem Wesen nach nie erfüllen kann, sind ihr dadurch zu Teil geworden. Entweder mufs sie diese falsche Stellung wieder aufgeben oder sie und die Nation mit ihr werden daran zu Grunde gehen. Das englische Königsgeschlecht hatte seinen Beruf verkannt und ist dafür durch Revolution gestürzt worden. Das lange Parlament erhielt hei dieser Gelegenheit jenen unnatürlichen Machtzuwachs, der alle anderen Gewalten in der seinen aufgehen liefs. Das Parlament wurde zum souveränen Herrscher der Nation erklärt. Als John Bradshaw diese Doctrin im Angesicht des Whitehall-Palastes verkündete, führte er damit ohne Wissen und Willen den schwersten Streich gegen die Parlamente überhaupt. Carlyles Ansicht ist folgende: eine parlamentarische Versammlung ist unfähig, die exekutive Gewalt auszuüben; je mehr sie also in die Stellung derselben einrückt, desto mehr bleiben die jener zukommenden Geschäfte thatsächlich unerledigt; die Regierung wird mehr und mehr zur Scheinregierung. Carlyle erkennt zwei Ausnahmen dieser seiner Lehre an: das lange Parlament und den französischen Konvent. Sie allein waren nicht Scheinexistenzen, sondern haben thatsächlich die Macht aus- — 195 — geübt, welche sie zu besitzen vorgaben. Aber sie waren durchaus beispielloser Natur, nicht vielköpfige Versammlungen, sondern von einer Leidenschaft beherrscht und so thatsächlich Träger eines einheitlichen Willens. Was von Opposition sich geltend machte, wurde vertrieben oder guillotiniert. Zudem vereinigte sich auch hier in wachsendem Mafse die Macht auf Wenigen, so dafs man von der Alleinherrschaft kaum noch entfernt war. Der französische Konvent wurde zuletzt eigentlich von drei Männern beherrscht. Wie wenig dagegen unter gewöhnlichen Umständen eine parlamentarische Versammlung imstande ist, die exekutive Gewalt auszuüben, dürfte aus folgenden Erwägungen hervorgehen. Da natürlicherweise nicht alle Mitglieder persönlich regieren können, so mufs eine Auswahl stattfinden. Ein Ausschufs aus dem Parlamente wird gebildet und ihm die Regierung übergeben. Mit dem Hinschwinden der andern Autoritäten und dem Eintritt der Parlamentsherrschaft aber erscheint ein Platz auf der Ministerbank als die höchste Ehre des Staates. Es wird daher innerhalb der Versammlung ein allgemeiner Kampf darum entbrennen, wem diese Auszeichnung zu Teil werden soll. Derselbe Kampf wird um so hitziger werden, je mehr leitende Ideen sich aus der Politik zurückziehen und vom persönlichen Ehrgeiz ersetzt werden. Es tritt ein Punkt ein, wo sich alle Interessen der Versammlung auf jenen Kampf vereinigen, wo es der Hintergedanke aller Verhandlungen ist, wie man die gegenwärtigen Machthaber stürzen und sich und seine Clique an ihre Stelle setzen könne. Die Zeit, die man vorgeblicherweise auf die Regierung der Nation verwendet, wird allein auf die Entscheidung der Frage verwendet, wer Herrscher sein soll — und doch ist es nach Carlyle ganz gleichgültig von wem, und allein wichtig, dafs und wie die Herrschaft ausgeübt wird. Wie beschaffen werden diejenigen sein, welche die Laune 13* - 196 — des parlamentarischen Glückspieles auf den Gipfel erhebt? Werden sie das vollbringen, wozu das Parlament unfähig ist, und ihren Namen als Regenten der Nation durch ihr Thun rechtfertigen? Sehen wir zunächst, welche Eigenschaften es sind, die unter den vorausgesetzten Verhältnissen ein solches Aufsteigen bedingen. Wo sich jeder selbst vorwärtszubringen hat, wo nicht ein Unbeteiligter, sondern ein blinder Kampf aller gegen alle die Auswahl besorgt, wird der Ehrgeizigste die meiste Aussicht haben. Denn keine Würde wird erreicht, um die man sich nicht beworben, kein Wert mehr anerkannt, der sich nicht selbst ins Licht stellt. Liegt schon darin eine grofse Gefahr für den Staat, dal's er die Beute des Ehrgeizes wird, so wird dieselbe durch die Mittel vergröfsert, welche der Ehrgeiz anwendet, um sein Ziel zu erreichen. Die Kunst der Rede, d. h. der Überredung und der Intrigue allein ist es, welcher jeder Erfolg zu verdanken ist. „Unser unglücklichster Schade", sagt Carlyle, „der nicht leicht zu ändern ist, und doch in dringendster Weise eine Änderung erfordert, ist der, dafs kein britischer Unterthan es erreichen kann, Staatsmann, d. h. der Erste im Handeln (chief of workers) zu werden, der sich nieht vorher als der Erste im Reden (chief of talkers) erwiesen hat. Ist diese Prüfung für das Handeln (trial for a worker) nicht genau die schlechteste von allen Prüfungen, die man hätte ersinnen können 1 ?" Derjenige, welcher zur Herrschaft erhoben ist, wird derselben aber nur den kleinsten Teil seiner Kraft widmen können. Seine Zeit gehört fast ganz derselben Beschäftigung wie bisher: dem Reden. Denn er ist in allem abhängig vom Parlamente, und dieses wacht gleich einem kraftlosen Alten eifersüchtig darüber, dafs die Stellung, die ihm zukommt, aber die es nicht ausfüllen kann, von keinem 1 Latter Day Pamphlets S. 235. anderen eingenommen werde. Diesem Souverän der Theorie gegenüber hat der Minister die geringste seiner Handlungen zu rechtfertigen. „Er gleicht", meint Carlyle, „einem Handwerker, der jeden Augenblick aus seiner Werkstatt abberufen wird; von einem solchen ist wenig Arbeit zu erwarten. Zudem sind die Anfeindungen, die er erfährt, lediglich darauf gerichtet, ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen und von dem vielbegehrten Posten zu stürzen." Es ist nur zu wahrscheinlich, dafs alle sachlichen Rücksichten ihm wie bisher fremd bleiben und seine ganze Thätigkeit sich darauf beschränkt, die nötigen Majoritäten zu behaupten. „Er sitzt auf einem Pferde", sagt Carlyle, „an das er sich mit Knieen, Hacken und Händen anklammert, und das dahin galoppiert, wie es mag; er ist zufrieden, wenn das Pferd irgend wohin läuft und ihn nicht herunterwirft. Eine Mafsregel, ein Plan, irgend welcher Vorschlag zum öffentlichen Besten ist nicht in seinem Kopfe, aufser dafs er vielleicht etwas ersinnt, was seinem Renner für den Augenblick angenehm ist und ihn dahin bringt, in sachteren Schritten zu gehen. Dies ist, was wir Regierung in England nennen, seit beinahe zwei Jahrhunderten 1 ." Diese Gefahren, welche nach Carlyle aus der Parlamentsherrschaft hervorgehen, wurden früher in England dadurch gemildert, dafs das Parlament lange Zeit nur einer herrschenden Klasse geöffnet war. Sein aristokratischer Charakter mochte noch immer eine gewisse Richtung in der Führung des Staates bewahren. Noch mochten feste Grundsätze der Politik durch den Streit der Parteien und den Wechsel der Regierung hindurchgehen. Aber diese Milderungen der dem System eigentümlichen Schäden fallen in wachsendem Mafse hinweg, je mehr England zur Volksherrschaft fortschreitet. 1 Latter Day Pamphlets S. 123. 8fr ' idtäm Nach Carlyle ist die englische Verfassung nichts in sich vollendetes, in ihrem Princip unantastbares. Vielmehr sieht er in ihr eine Mifshildung, wie sie unglückliche geschichtliche Ereignisse, vor allen die sogenannte „ruhmreiche Revolution" herbeigeführt haben. Er hält es für wünschenswert und nicht für unmöglich, dafs die Exekutivgewalt später gestärkt werde. Wie kommt es nun, dafs diese zufällig historische Erscheinung für das Muster und Ideal der Verfassung angesehen und seit der Wende des Jahrhunderts allenthalben nachgebildet, ja übertroffen wurde? Die revolutionäre Bewegung begann die Geister zu ergreifen, nachdem das herrschende Gesellschaftssystem unwahr und haltlos geworden war. Hieraus entsprang der Ilafs gegen die bestehenden Gewalten, der Widerwille gegen Autoritäten überhaupt. Hieraus entsprang auch die Forderung, dafs keine Regierung ohne Zustimmung der Regierten vor sich gehen solle, ein Satz, der, genau besehen, dem Wesen jeder Regierung widerspricht und wörtlich durchgeführt nur in Anarchie enden könnte. Derselbe ist der eigentliche Inhalt jener politisch radikalen Bewegung, welche nichts als eine einzelne Seite der allumfassenden Erscheinung ist, die wir Revolution genannt haben. Dieselbe mufste eine innere Verwandtschaft mit der englischen Verfassung empfinden, obgleich dieselbe nichts weniger als aus demokratischem Interesse entwickelt war, aber doch die Funktionen der Regierung überhaupt nur noch in geringem Mafse verrichtete. Auf dem Bunde, welchen die Revolution mit der historischen Verfassung Englands eingegangen hat, beruht der moderne Parlamentarismus, welcher nunmehr in der französischen Republik seine folgerichtigste Ausbildung erfahren hat. Er unterscheidet sich von dem alten englischen Parlamentarismus dadurch, dafs die Fehler, die diesem nur infolge geschichtlicher Entwicklung — 199 — anhafteten, bei ihm zu principiellen Eigenschaften der Staatsverfassung erhoben sind. Die Regierung wird mehr und mehr zur Scheinregierung. Hierin nun lag für die jeder Regierungsform feindliche Stimmung der Revolution der Vorzug dieser Verfassung, in dem „Principe der Freiwilligkeit", d. h. dem Grundsatze, dafs die gesamte Gestaltung des Gesellschaftslebens der Thätigkeit der Individuen zu überlassen sei. Der Wunsch, eine Regierung zu haben, die möglichst wenig regiere, ist der Grundzug des vulgären Radikalismus, in welchem sich das besitzende Bürgertum mit den Ideen der Revolution abgefunden hat, vorgebildet bereits in den Girondisten. Er findet seinen Verbündeten in der Nationalökonomie. Auch diese, ebenfalls in Reaktion gegen entgegengesetzte Ansichten früherer Zeiten, predigt Nichteinmischung des Staates. Hierauf beruhen all die unzähligen „Freiheiten", welche man zu Vernunftpostulaten machte, wie „Freihandel" etc. Nur dagegen wendet sich Carlyle, welcher selbst eifriger Gegner der Kornzölle war. Er behauptet, dafs eine praktische Untersuchung der gegebenen Verhältnisse zu entscheiden habe. — Eine Regierung, die der konstitutionellen Theorie und den volkswirtschaftlichen Anschauungen ihrer Zeit treu bleiben will, wird am besten thun, wie Carlyle sich ausdrückt, „in gefälliger und verfassungsmäfsiger Weise nichts zu thun". Soweit jene politischen und nationalökonomischen Lehren um sich gegriffen haben, ist damit auch jede Parteibildung unmöglich geworden, welche auf sachlichen Gründen beruht. Die alten Parteien sinken zu persönlichen Koterien herab, deren ganze Politik durch das Streben nach Herrschaft beherrscht wird. Carlyle behauptet, dafs eine Tory- oder Whigpartei nicht mehr existiere. Hatte er doch gesehen, wie diejenigen, die sich die Konservativen nannten, die Liberalen in Vorschlägen radikaler Verfassungsänderung überboten — um der — 200 — Premierwürde eines Disraeli willenEin Bild gleichen Buhlens um die Volksgunst bietet heute Nordamerika, wo die Parteien sich sogar nicht scheuen einen auswärtigen Konflikt vom Zaune zu brechen — nur in Rücksicht auf die bevorstehende Wahl eines Präsidenten. Welch ein Unterschied im Vergleich mit vergangener Zeit! Wenn man Oliver Cromwell gefragt hätte, meint Carlyle, was der Zweck des Staates sei, so hätte er in seiner Sprechweise geantwortet, „Beförderung des Reiches Gottes", damit alles, was ihm gut und wahr erschien, einschliefsend, aber zugleich bezeichnend, dafs das Endziel transcendenter Natur sei. Moderne Politiker werden, wenn sie ihn; Gedanken ehrlich aussprechen, auf dieselbe Frage antworten, Zweck des Staates sei, sie selbst ein paar Jahre zur Regierung zu bringen. Nur eine Aufgabe läfst die Theorie beim Staate verbleiben, nämlich die Aufrechterhaltung des Friedens. Denn die Träger dieser Theorie sind die besitzenden Klassen. Carlyle nennt diesen Zustand: „Anarchie plus Strafsenpolizisten" z . Glücklich nur, dafs die Thatsachen der Theorie noch nicht völlig entsprechen. Denn ein wirklich rein auf Individualismus gegründeter Staat würde nur kurzen Bestand haben, da die Interessen der Mehrzahl nicht mit ihm verbunden wären. Aber in weiten Kreisen des Volkes sind ja noch altüberlieferte sociale Ideen vorhanden, welche insbesondere in dem Werkzeuge der Friedenserhaltung, dem Heere, wirksam bleiben. „Wenn ich in diesen Tagen leidvollen Todes und leidvoller Geburt", sagt Carlyle, „ jene zwei statuengleichen Garde- du-corps in ihren finstern Bärenmützen und gekreideten Hosen, auf ihren kohlschwarzen Tieren vor den „Horse-Guards" die 1 Vergl. Froude, Th. Carlyle in London S. 352. 2 Vergl. Latter Day Pamphlets S. 8. — 201 — Wache reiten sehe, so überkommt mich eine Art trauriger Verwunderung darüber, wie in diesen Tagen des Zusammenbruchs und elender Impotenz fast aller alten Institutionen, diese älteste Institution noch jung ist. Rotbäckig, festknochig, sechs Fufs hoch steht sie vor mir, während so vieles andere blofser Schein geworden ist. Der Mann mit der Rofs- haarperüclce (d. i. der Advokat) verspricht mir Gerechtigkeit zu verschaffen, schleift mich Jahrzehnte durch Prozesse, ohne dafs ich Gerechtigkeit erhalte — der Mann mit dem Schaufelhut (d. i. der Geistliche) verspricht meine Seele zu retten, mit gleichem Erfolge wie jener; sie beide sind eine Art von Unding. Aber der Rotrock (d. i. der Soldat) ist ein Faktum, kein Schatten. Er thut thatsächlich, wozu er da ist; erhält er Befehl, so zieht er sein langes Schwert und tötet mich 1 ." Jeder anderen Aufgabe, die nicht zur all ernotdürftigsten und unmittelbarsten Erhaltung seines Daseins unentbehrlich ist, hat der Staat sich dagegen entschlagen. — Wir haben gesehen, wie der revolutionäre Geist sich des Parlamentarismus bedient, um die Staatsgewalt zu schwächen. Wir fragen nun, in welcher Richtung bewegt sich die Entwicklung weiter. Eine Parteibildung, die auf principiellen Gegensätzen beruht, giebt es für die Politiker, welche unter diesem System leben, nicht. Die einzige Unterscheidung, mittelst deren sie sich in zwei grofse Gruppen teilen lassen, ist die zwischen Gemäfsigten und Radikalen. Der Geist der Revolution, welcher die Massen unaufhaltsam ergreift, treibt zum Sturze der überkommenen noch bestehenden Gewalten, ein Wunsch, welcher nicht selten sich bis zu jener Begeisterung für die Zerstörung erhebt. Die Staatsmänner nun, welche darauf angewiesen sind, die Gunst 1 Vergl. über die ganze, hier nur in Bruchstücken wiedergegebene Stelle: Past and Present Buch IV, Kap. 3. der Masse sich zu erhalten, werden sich durch immer weitere Vorschläge der Demokratisierung gegenseitig zu überbieten suchen. Zudem sind solche, wie jedes Werk der Zerstörung, am leichtesten durchführbar. Der Bergpartei, alle anderen Einflüsse hinweg gedacht, wird stets der Sieg gehören, bis weiter nach links hin neue Elemente auftauchen, welche die Radikalen durch radikalere Vorschläge noch übertreffen. Ein Beispiel solcher Entwicklung bietet bereits die Geschichte der ersten französischen Revolution. Wenn sich einstens die Politiker über die chartistischen Forderungen entsetzten, so haben sie sich seitdem mehr und mehr der Verwirklichung jenes Programms genähert. Wenn Carlyle die Notwendigkeit dieser Entwicklung nicht unterschätzte, so beruht das darauf, dafs er ihren inneren Zusammenhang erkannte. Er sah in ihr den Ausdruck einer einzigen Erscheinung, welche auf den verschiedenen Gebieten des Lehens einen verschiedenen Ausdruck annahm. Was ihm für die inneren Formen der Gesellschaft der Unglaube war, das war ihm für die äufseren Formen die Demokratie: beide hatten für ihn die gleiche Bedeutung. Jener war ihm der „Mittelpunkt des socialen Krebses", diese seine äufsere Gestalt. „Demokratie", sagt er, „ist heute überall. Ihr millionen- füfsiger Tritt dröhnt auf allen Strafsen und Wegen." Wenn wir dieses anerkennen, fassen wir wenigstens das Problem unserer Zeit. So lange wir uns dagegen jener Wahrheit ver- schliefsen, haben wir das Problem überhaupt noch nicht erreicht, was docli die erste Vorbedingung der Lösung ist. Carlyle erkennt so die Macht der demokratischen Bewegung nicht anders an, als einer ihrer begeisterten Anhänger, weil er sich der Machtlosigkeit der alten Gewalten ihr gegenüber bewufst ist. Freilich thöricht erschien Carlyle der Glaube, dem selbst Männer wie Bentham und Mill nicht ferne - 203 — standen, dafs nämlich auf dem eingeschlagenen Wege eine unbegrenzte Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zu erreichen sei. Er verglich die Gesellschaft vielmehr mit einem alten Hause, dessen längst verdächtige Vordermauer auf die Strafse gefallen ist. Noch hängen die Etagen an den Balkenenden und durch den gegenwärtigen Zusammenhang aber schon in schiefer Richtung, und nur so lange, bis wenige rostige Nägel und wurmstichiges Gebälk nachgegeben haben; und unter solchen Umständen jubeln die Insassen des Hauses und verherrlichen die neuen Freuden des Lichts und der Lüftung und des freien malerischen Blickes und danken Gott, dafs sie ein Haus nach ihrem Sinne bekommen haben 1 ! Wie die demokratische Bewegung die parlamentarischen Institutionen sich angeeignet hat, weil sie ihren Zwecken brauchbar erschienen, so benutzt sie dieselben in der Folge zur weiteren Zerstörung überkommener Reste monarchischer und aristokratischer Elemente in Staat und Gesellschaft. Diese Bemühungen sind überall dort mit Erfolg gekrönt, wo die angegriffenen Mächte den Pflichten, die sie früher erfüllten, infolge der individualistischen Entwicklung sich entzogen haben. Carlyle betont wiederholt, dafs eine Aristokratie, welche keine Pflichten, sei es in Armee, Staat oder Kirche, mehr habe, den Angriffen ihrer Gegner machtlos gegenüber stehe. Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Heftigkeit zu verstehen, mit der sich Carlyle gegen die heimische Aristokratie wendet, für die der Müfsiggang vornehm geworden sei. Einzelne dieser Stellen, aus dem Zusammenhange herausgerissen, könnten ihn als einen Durchschnittsradikalen erscheinen lassen. Aber der Grund davon ist der, dafs er eben auch hier wie an so vielen anderen 1 Man vergleiche für das Vorhergehende Latter Day Pamphlets S. 14 und bedenke dabei, dafs jene Stelle unter dem Eindruck von 1848 geschrieben ist. — 204 — Orten an Stelle des Dinges nur ein Scheinding erblickte. In dieser Hinsicht bot ihm Deutschland noch glänzende Beispiele der entgegengesetzten Art. Vorwurfsvoll weist er die Grofsen seines Landes auf Karl August von Sachsen-Weimar hin, einen Fürsten, dem er zeitlebens Bewunderung zollte. Dieser Herzog, der im Vergleich mit englischen Verhältnissen arm zu nennen war, hat für sein Land mehr gethan als alle englischen Herzöge, die jetzt leben oder gelebt haben, seitdem ihnen Heinrich VIII. die Kirchenländereien geschenkt hatte. Da die Aristokratie unnütz geworden ist, so können die Angriffe, welche in stets wachsendem Mafse gegen sie gerichtet werden, nicht ohne Erfolg bleiben. Besonders dürfte eine Änderung der Landgesetzgebung unabwendbar sein. Hier werden Quadratmeilen fruchtbaren Ackers in Einöden zu Sportszwecken verwandelt, während in den Städten Millionen kräftiger Hände sich regen, für die das Land zur Bebauung geschaffen ist. Carlyle scheint sogar für die Verstaatlichung des Grund und Bodens gewesen zu sein, so wenigstens nach Aussprüchen in „Past and Present" 1 . Hieraus erklärt sich auch Carlyles mitunter fast lächerlicher Eifer gegen die Jagdpassion der Grofsen seiner Heimat. Er werde den Tag segnen, sagt er, an dem das letzte Rebhuhn geschossen und der einzige Jäger, der noch möglich bliebe, Kammerjäger geworden sei. Ausnahmen freilich erkennt er an, Fälle, in denen Männer der Aristokratie auch heute noch grofse Ziele verfolgt haben. Insbesondere mag er hier an den Grafen von Shaftesbury gedacht haben. Aber sie können den Untergang ihres Standes nicht verhindern; sie können höchstens bewirken, dafs das Ende „eine friedliche Euthanasie sei, nicht ein jäher 1 Vergl. The philosophy of Carlyle by E. D. Meacl S. 127. Boston 1881. — 205 Zusammenbruch in den Gluten der Revolution". „Ja, meine rosigen, fuchsjagenden Brüder", ruft Carlyle aus, „in euren frischen, üppigen Zügen offenbart sich mir entsetzlich bereits das hippokratische Gesicht 1 ." Wir können Carlyle in der Schärfe dieser Angriffe nicht völlig rechtgeben. Was er zum sittlichen Vorwurf macht, liegt zum guten Teil in den Verhältnissen. Wenn die englische Aristokratie sich ihren Pflichten entzog, welche in der Selbstverwaltung des Landes lagen, so beruhte das in dem Anwachsen der Industriemittelpunkte, für welche jenes vielgerühmte System undurchführbar war. Was die Verödung des Landes angeht, so dürfte ihr Grund doch nicht lediglich in vornehmen Passionen zu suchen sein, sondern in der höchst nüchternen Erwägung, dafs Ackerbau im Grofsbetrieb wenigstens nicht mehr rentiere. Nichtsdestoweniger oder urnso- mehr kann man der Behauptung Carlyles beipflichten, dafs die Lage der englischen Aristokratie eine aussichtslose sei. Ein ähnliches Schicksal hat die französische Aristokratie getroffen. In ihre Würden ist ein heimatloses Litteratentum getreten. Vor allen ist es der Advokat, welcher nunmehr zu den höchsten Stellen im Staate emporklimmt und Führer der demokratischen Bewegung wird. Ein Blick auf die wirtschaftlichen Ergebnisse der bezeichneten Entwicklung zeigt, wie die Theorie, die mit dem Anspruch das Ergebnis der reinen Vernunft zu sein auftritt, mit den Interessen derjenigen Klassen, welche sie verfechten, übereinstimmt. Das Königtum ist hinweggefallen, welches durch Neigung wie Interesse einst den wirtschaftlich Schwachen ein Schützer zu sein berufen war. „Emancipation" wird das Schlagwort der Zeit, nichts als ein volkstümlicher Ausdruck 1 Vergl. Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, S. 169. - 206 — für jenen Auflösungsprozefs, in dem die zahllosen Abhängig- keits- und Verpflichtungsverliältnisse sich belinden, die — seien sie nun sittlicher oder rechtlicher Natur gewesen — bisher die Klassen der Gesellschaft miteinander verflochten. Die Entwicklung führt mehr und mehr zur Plutokratie, d. h. der Geldherrschaft, nach Carlyle der schlechtesten Art aller Beherrschung, weil sie den Herrschern am wenigsten Pflichten auferlegt und die Ausbeutung der Beherrschten am meisten begünstigt. Ein weitgehendes, ja ein allgemeines Wahlrecht an sich nutzt dagegen nichts. Denn die Wahlen werden so lange mittelbar oder unmittelbar durch Geld gemacht, bis gröfsere Kreise des Volkes wieder irgendwelche allgemeine Interessen, d. h. sachliche Ziele über den persönlichen Vorteil stellen, wie die moderne Arbeiterbewegung heute zu thun beginnt. Die sociale Frage, d. h. die Infragestellung der Existenz der Gesellschaft überhaupt, welche, erst überhört, dann immer drohender an die Pforten des Staates anpocht und Philosophen wie Nationalökonomen ratlos findet, beweist die Natur der Entwicklung als eines Auflösungsprozesses. Sie ist der Punkt, wo sich entscheiden mufs, ob die Gesellschaft in das Chaos zurückkehren oder sich neubilden wird. Während noch der Jubel ertönt, mit dem man die neue Ära begrüfst, treten Erscheinungen auf, welche geeignet sind, den denkenden Beobachter zu beunruhigen. Zunächst freilich zweifelt man nicht an der Vorzüglichkeit des eingeschlagenen Weges. Man mifst die Schäden, die man nicht leugnen kann, dem Umstände bei, dafs noch Beste des alten Systems bestehen, dafs noch nicht genug aufgeklärt und niedergerissen sei. Aber im Verhältnisse, wie man hierin fortschreitet, nehmen jene Schäden zu, so dafs sich die Vermutung eines zwischen beiden Ent- — 207 — wicklungsreihen bestehenden Kausalzusammenhanges nicht abweisen läfst. Auf der einen Seite sammeln sich ungeheure Reichtümer durch das Aufblühen der Industrie; auf der andern Seite nützt der Masse des Volkes der erworbene Reichtum wenig. Vielmehr wird die Lebenshaltung der Arbeiter durch das Aufkommen der freien Konkurrenz herabgedrückt. Auf der einen Seite Überproduktion, auf der andern Mangel. Hier werden 100000 Hemden zu viel gemacht, dort sind ebensoviel Rücken unbekleidet. Die Nation gleicht dem Midas der Fabel, dem die Götter eine unendliche Fülle Goldes gewährt hatten, und der bei seinen Reichtümern verhungerte. In ihr en Anfängen noch verhüllt, beginnt mehr und mehr eine Entwicklung, welche die Nation in zwei Klassen teilt: in Arm und Reich. Noch bestehen zwischen beiden zahlreiche Mittelstände, aber diese verbindende Brücke scheint täglich dünner zu werden. Jeder einzelne, welcher herabsinkt, erschwert die Lage aller derer, welche sich noch über ihm halten, indem er sie nunmehr mit geringeren Ansprüchen auf dem Arbeitsmarkt unterbietet. „Pauperismus", d. h. Massenelend, wird ein dauernder und durch keines der angewendeten Mittel zu beseitigender Schade derjenigen Länder, welche an der bezeichneten Entwicklung teil genommen haben. An den beiden Polen der Gesellschaft sammelt sich Reichtum und Hunger gleich den entgegengesetzten Elektricitäten und immer dringender wird die Gefahr, dafs sie sich in einem furchtbaren, all vernichtenden Blitzstrahl vereinigen. Es ist nicht Carlyles Verdienst, auf das Ungesunde der bestehenden Eigentumsverteilung zuerst aufmerksam gemacht zu haben. Manche schon hatten vor ihm sich in ähnlichem Sinne ausgesprochen und Mafsregeln zum Schutze und zur Hebung der arbeitenden Klassen gefordert. Aber keiner war von der Wichtigkeit dieser Frage so durchdrungen gewesen, — 208 - keinem war es so heiliger Ernst, wie Carlyle, wenn er behauptete, dafs es sich hier nicht um eine unter vielen wichtigen Fragen handele, sondern vielmehr um d i e Frage, welche heute dem Staate und der Gesellschaft zur Lösung aufgegeben sei. „Wenn man nichts zu thun hat", sagt Carlyle, „so liest man in der Morgenzeitung die Parlamentsdebatten; da reden die ehrenwerten Mitglieder über die kanadische Frage, die irische Ablösungsfrage, die westindische Frage, die Frage des königlichen Hofstaates 1 , — — kurz über alle Arten von Gegenständen aufser über die eine Frage, die das A und 0 von allen ist, und aus der die andern erwachsen: der condition-of-England question, d. h. die Frage nach der Lage und Existenz Englands. Denn die Lage der grofsen Masse des Volkes in einem Lande ist die Lage des Landes selbst" 2 . Carlyle wird damit der Begründer des Umschwunges in der Gesellschaftsauffassung seiner Zeitgenossen. Er lehrt sie, gegenüber der ungeheuren Entfaltung der Produktion und dem Anwachsen des nationalen Reichtums, an diejenigen denken, welche darüber zu Boden getreten und vernichtet werden. Während man früher die Vorzüglichkeit einer Volkswirtschaft nach dem sich ergebenden „Reingewinn" beurteilte (vergl. oben S. 35 bez. Ricardo), hat man seit der Wende des Jahrhunderts einen andern Mafsstab anlegen gelernt: das Befinden der grofsen Masse, der Mehrzahl des Volkes. Man verurteilt eine Volkswirtschaft, die zwar das Nationaleinkommen ver- 1 Die von Carlyle hier erwähnte „Queens Bedchamber Question" hatte zum Gegenstand einen Streit darüber, oh es der Königin erlaubt sei, bei einem Wechsel des Ministeriums die Damen ihres bisherigen Hofstaates beizubehalten, oder oh sie denselben nach den Wünschen der neuen Minister umgestalten müsse. Der Fall bietet eine eigentümliche Illustration der Lage eines Monarchen hei Parlamentsherrschaft. 2 Vergl. Chartismus Kap. I, S. 746. — 209 — mehrt, aber die Lebenshaltung des Volkes herabdrückt — ein ausserordentlich wichtiger Wechsel, der in letzter Linie auf Carlyle zurückgeht, und der die Behandlung aller socialer Fragen in der ersten und zweiten Hälfte des Jahrhunderts unterscheidet. Carlyle wird nicht müde, seinen Zeitgenossen zu wiederholen, dafs die Lage der arbeitenden Klassen gegenwärtig eine so schlechte sei, wie noch nie vorher weder in England oder noch in irgend einem andern Lande. „Man steige in die unteren Klassen hinab, wo man will, in der Stadt oder auf dem Lande, und durch welchen Kanal man will, indem man die darüber vorhandenen amtlichen Erhebungen zu Rate zieht, oder indem man selbst die Augen aufthut und sich umsieht. Stets wird sich dasselbe traurige Resultat ergeben. Man wird nämlich zugestehen müssen, dafs der arbeitende Teil der reichen englischen Nation in einen Zustand versunken ist oder versinkt, der, wenn man alle Seiten desselben in Erwägung zieht, buchstäblich noch nie seines gleichen gehabt hat" 1 . Fälle tiefster Verkommenheit, welche man von Seiten der Behörde wie des Publikums lieber ganz totgeschwiegen hätte, hat Carlyle furchtlos ans Licht gezogen. So bringt er z. B. vor das grofse Publikum einen Prozefs zu Stockport, in dem sich ergab, dafs Eltern mehrere ihrer Kinder nacheinander getötet hatten, um ihr eignes Leben durch die Zahlungen der Begräbniskassengesellschaft zu fristen. Die Behörden haben damals ein eingehendes Beweisverfahren verhindert, weil, wie man andeutete, der Fall nicht der einzige seiner Art gewesen sein dürfte. In den Städten seiner Heimat Glasgow und Edinburg hat Carlyle Scenen des Elends kennen gelernt, „wie sie selbst in den barbarischsten Regionen, wo 1 Yergl. Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, S. 3. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 14 — 210 — Menschen jemals gewohnt haben, die Sonne hoffentlich niemals beschienen hat". Carlyle widerlegt diejenigen, welche behaupten, dais die Lage der arbeitenden Klassen doch nicht so schlecht sei, wie sie häufig dargestellt werde, da es "die best bezahlten Arbeiter seien, die sich über ihre Lage am meisten beklagen. Hieraus möchte man schliefsen, dafs es nicht sowohl Elend der materiellen Lage als Übermut und das Werk von Agitatoren sei, das der Arbeiterbewegung zu Grunde liege. Wie soll der arme Handweber, fragt Carlyle, der den ganzen Tag arbeiten mufs, um seine Nahrung zu verdienen, streiken? Thäte er das, so verhungerte er innerhalb einer Woche. Jene Thatsache läfst gerade auf die Verbreitung des Elends schliefsen. Die Herabdrückung aller Arbeit durch den brodlosen Proletarier fand in England eine deutliche Veranschaulichung in dem Verhältnis des Iren zum Engländer. Carlyle hat in drastischer Weise beschrieben, wie der verachtete Ire dem Sachsen, seinem bisherigen Bedrücker, heute all das Unrecht, das er von diesem gelitten, heimzahlte. In Irland lebt eine Bevölkerung von „Sanspotatoes", d. h. von Leuten, die während 30 Wochen im Jahre von Kartoffeln dritter Güte leben und während der übrigen Zeit hungern. Für wenige Pfennige fahren sie nach England herüber. Auf allen Strafsen begegnet man ihnen. „Der englische Kutscher, während er vorüber rollt, schlägt den Iren mit seiner Peitsche und flucht. Der Ire aber streckt bettelnd seinen Hut vor. Er ist das schwerste Übel, mit dem unser Land zu kämpfen hat. In seinen Lumpen und seiner lachenden Wildheit wird er all die Arbeit verrichten, die mit blofser Kraft von Hand und Rücken gethan werden kann, und zwar für jeden Lohn, mit dem er Kartoffeln kaufen kann. Er braucht nur Salz als Würze. Nach seinem Sinn ist eine Wohnung im Schweine- — 211 — oder Hundestall. Der Sachse, der nicht unter diesen Bedingungen arbeiten kann, findet keine Arbeit. Koch liegen die Wälder Amerikas unbebaut, und so treibt der uncivilisierte Ire nicht durch seine Stärke, sondern gerade das Gegenteil davon den Sachsen aus dem Heimatslande und nimmt dessen Platz ein. Jede Macht bewaffneter Feinde, die ihm die Heimat streitig machte, würde der Sachse in die See fegen. Aber diese Macht, die nur mit Lumpen, Unwissenheit und Nacktheit bewaffnet ist, lähmt ihn durch die magische Kraft einer papierenen Formel. Er mufs fliehen und sich in die transatlantischen Wälder verbergen" 1 — ein einzelnes Beispiel einer allgemeinen Bewegung, auf welche die Überflutung Amerikas durch die Chinesen wie das Einströmen polnischer Arbeiter nach dem Osten Deutschlands und die Slavisierung der Städte Deutsch-Österreichs zurückzuführen ist. Überall zeigt sich eine Herabdrückung der sogenannten ungelernten Arbeit, eine Entwicklung, die scheinbar hoffnungslos ist. Neuansätze einer entgegengesetzten Entwicklung sind mittlerweile sichtbar geworden, welche Carlyle noch nicht ahnte, obgleich er ursächlich dabei beteiligt sein sollte. Vergl. unten Kapitel IX. Zur Zeit, als Carlyle schrieb, hatten auch die gelernten Arbeiter sich noch nicht zu der Höhe emporgearbeitet, welche sie heute in England, wenn auch nur unter schweren Kämpfen und mit wechselndem Glück, behaupten. Damals war ihre Lage viel schwankender als heute und ihr Dasein für den Fall einer Handelskrise, des Alters oder der Krankheit durchaus ungesichert. Carlyle hatte eben alle die Schäden vor Augen, welche das Industrialsystem bei seinem Auftreten über ein 1 Vergl. Chartismus Kap. IV. 14* — 212 — Land zu bringen pflegt, und die wir im ersten Kapitel angedeutet haben. Das einzige Mittel, mit welchem die besitzenden, von der klassischen Nationalökonomie beherrschten Klassen die vorhandenen Schäden zu heilen gedachten, war eine Armengesetzgebung. Zum Zweck der Abschreckung von der Armut hatte man ausschlielsliehe Unterstützung im Arbeitshause eingeführt. Aber die Thatsachen waren stärker als das Gesetz. Im Jahre, als Carlyle „Vergangenheit und Gegenwart" veröffentlichte, überwog bereits die Unterstützung aufserhalb des Arbeitshauses. Man berechnete damals, dai's von 15 Millionen Arbeitern 2 Millionen Armenunterstützung erhielten, von denen nur die Minderzahl im Arbeitshause untergebracht war, „weil die Arbeitshäuser zum bersten voll sind und das starke Armengesetz durch ein noch stärkeres zertrümmert wird". Die Ausgaben der Armenverwaltung wuchsen ins ungemessene und mufsten selbst den beschränkten Bourgeois stutzig machen. „Bringt zehnmal, ja zwanzigmal so viel auf", ruft Carlyle jenen zu, „ihr werdet die Verhältnisse nicht bessern." Arm und Reich können „eben auf der Basis eines blofsen Armengesetzes" zusammen nicht existieren, wie sich auch die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen nicht in reine Geldverhältnisse auflösen lassen. Worin nun besteht nach Carlyle das innere Wesen des socialen Mifsstandes? Carlyle erwidert darauf kurz: der Pauperismus ist die sichtbare Erscheinung der Sünde unseres socialen Systems („pauperism is our social sin grown manifest"); all die Mängel und Schäden, an welchen sich die heutige Gesellschaft krank fühlt, sind nichts als die Symptome eines tief innerlichen Kernschadens, woraus denn folgt, dafs jeder Heilversuch, der dies verkennt, zwar Symptome zurückdrängen, nicht aber die Krankheit selbst beseitigen kann. — 218 - Carlyles Begründung dieser Anschauung ist etwa folgende: an Stelle des Glaubens ist heute Unglauben, an Stelle des gesellschaftlichen Thuns damit ungesellschaftliches, d. h. egoistisches getreten. Die alte Organisation der Gesellschaft wird durch die aus den soeben genannten subjektiven Bedingungen hervorwachsende demokratische Bewegung mehr und mehr aufgelöst. Während früher die einzelnen zu grö- fserem Ganzen organisiert waren, wird heute das Individuum in zunehmendem Mafse isoliert. Was wir Gesellschaft nennen, nähert sich damit mehr und' mehr dem Zustande eines ungesellschaftlichen Kampfes ums Dasein. Der Sehwache wird immer tiefer herabgedrückt, der Starke immer höher emporgehoben werden. Carlyle wird hiermit Verteidiger der damals auftauchenden Arbeiterorganisationen, deren Bedeutung für die Zukunft zwar noch nicht zu ahnen war. Aber als dieselben später um sich griffen, die Unverbundenheit der Individuen aufhoben und den Kampf um das Dasein wieder zum socialen machten, beruhte die Anerkennung, welche ihnen die Zeitgenossen gewährten, mit auf Carlyleschem Einflul's, welcher das Verständnis wie für jedes organische Wachstum, so für jede wahre, spontan sich entwickelnde Genossenschaft geweckt hatte. Damals, als diese Keime neuer Organisation noch verborgen lagen, schien die Gesellschaft im Auflösungsprozefs. Ihre letzte Verrichtung ist nach Carlyle der Schutz des Eigentums. Daher ist, so lange Gewalt aus dem Kampfe ums Dasein ausgeschlossen ist, der Starke zugleich der Reiche, der Schwache zugleich der Besitzlose. Der Reiche aber, durch keine autoritativen Glaubensvorstellungen mehr social motiviert, benutzt das bestehende System lediglich zur Ausbeutung des Armen. — 214 — So ist insbesondere der sogenannte freie Arbeitsvertrag nach Carlyle im Interesse der Besitzenden erfunden. Das Verhältnis zwischen den oberen und unteren Klassen der Gesellschaft ist damit lediglich ein Geldverhältnis geworden. Sie stehen sich ausschliefslich als Käufer und Verkäufer gegenüber. Es sind dies die Gedankengänge, in denen der moderne Socialismus, insbesondere Engels und Marx, unmittelbar von Carlyle abhängen, wie im Kap. VI zu zeigen ist. Der Clansmann und Häuptling, Vasall und Lehnsherr, Höriger und Gutsherr, Soldat und Anführer, Unterthan und Landesherr waren sich gegenseitig auf die Dauer verpflichtet. Diesen Verhältnissen lagen nicht beide Erwägungen von Gewinn und Verlust, sondern gewisse Ideen wie Loyalität u. s. w. zu Grunde, welche in ihnen verwirklicht werden sollten. Häufig mochte das nicht der Fall sein, aber das wertvolle war, dafs jene Ideen doch bestanden, und dafs jedes Entgegenhandeln als etwas, was nicht sein sollte, als „Verrat" aufgefafst wurde. Heute sind jene Ideen erloschen, neue nicht vorhanden. Die oberen Klassen haben nunmehr ausschliefslich den eigenen Vorteil im Auge. Carlyle vergleicht den heutigen Industriellen im Gegensatz zu dem Ritter der Vorzeit, der wenigstens dem Principe nach für Ideen und im Gefühl einer waltenden Gerechtigkeit zu kämpfen hatte, mit dem Wilden, der nur aus Beutelust in den Kampf ziehe. Während jener mit seinen Vasallen verkettet war, sie Freud und Leid, Gewinn und Verlust zusammen trugen, benutzt heute der Reiche den Armen zwar zur Arbeit für seine Zwecke; er mufs ihn natürlich am Leben erhalten, so lange er für ihn arbeitet, aber sobald er ihn entbehren kann, entledigt er sich seiner und „glaubt durch die Bezahlung gewisser Schillinge und Pfunde seine Verbindlichkeiten mit triumphierender Vollständigkeit ledig zu sein. Ist doch der Lohn, der versprochen war, bis auf den letzten — 215 — Pfennig gezahlt" 1 . Das schlimmste aber dabei ist, dafs selbst das Gefühl einer weiteren Verpflichtung von Besitz und Macht fast in allen Kreisen verloren gegangen ist. Immer und immer wieder hat Carlyle seinen Landsleuten an das Herz gelegt, dafs der Arbeitsvertrag die Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber nicht erschöpfe. Er wird hiermit der Vater jener grofsen Bewegung, welche seit der Mitte des Jahrhunderts die Besitzenden ergreift und ihnen die Pflichten, welche aus dem durch die Gesellschaft gewährten und geschützten Besitz herfliefsen, in Erinnerung bringt, eine Bewegung, welche für die sociale Entwicklung Englands und insbesondere für die Herstellung eines friedlichen Verhältnisses zwischen den beiden Klassen von gröfster Wichtigkeit war. Hören wir folgende Satire Carlyles auf die bestehenden Zustände: „Der Herr von Pferden mufs, wenn die Sommerarbeit gethan ist, seine Pferde den Winter hindurch ernähren. Wenn er nun zu seinen Pferden sagte: »Vierfüfsler, ich habe nicht länger Arbeit für euch, aber Arbeit gieht es zum Überflufs in der Welt. Wifst ihr nicht oder habt ihr nationalökonomische Vorlesungen darüber nötig, dafs die Dampfmaschine am Ende stets ein Mehr von Arbeitsnachfrage hervorbringen mufs? Eisenbahnen baut man in diesem Viertel der Welt, Kanäle in jenem, viel Fuhrwerk wird gebraucht. Irgendwo in Europa, Asien, Afrika oder Amerika werdet ihr ohne Zweifel Bedarf nach Fuhrwerk finden. Geht und sucht euch Fuhren; Gott mit euch.« Die Pferde nun schnauben mit vorgestreckter Lippe, damit andeutend, dafs Europa, Asien, Afrika und Amerika etwas aufser ihrem Gesichtskreise liegt, dafs sie nicht genau wissen, wo denn der Bedarf nach Fuhrwerk sein könne. Sie können 1 Vergl. Past ancl Present Buch III, Kap. 9. — 216 — keine Fuhre finden. Zei streut traben sie über die Landstraisen zwischen Zäunen zur Rechten und Linken. Endlich vom Hunger getrieben, springen sie über die Zäune und fressen fremdes Eigentum — das übrige ist bekannt. Ach, es ist kein heiterer Scherz; trauriger als Thränen vielmehr ist das Gelächter, das der Menschheit aufgezwungen wird, durch die Anwendung des laissez-faire auf eine Welt, wie unser Europa im Jahre 1839" L Sobald es der Vorteil gebietet, suchen die Menschen heute so schnell und leicht wie möglich auseinanderzukommen. Aber auch hier wird der Besitzende allein in der Lage sein, diese Möglichkeit zu seinen Gunsten geltend zu machen. Hieraus entspringt die der heutigen Zeit innewohnende Tendenz, alle früher dauernden Verhältnisse in möglichst kurzer Frist kündbar zu machen. Carlyle weist darauf hin, wie gerade die Entwicklung zur Civilisation sich darin geltend gemacht hat, dafs die Verhältnisse zwischen den einzelnen dauernderer Natur wurden. Der Nomade ist freier als der sesshafte Mann; er besitzt sogar ein Haus, das auf Rädern steht und das er nach Belieben mit sich nehmen kann. In noch höherem Mafse geniefst der Affe der Freiheit. Aller Fortschritt besteht nun darin, dafs diese Art von Ungebun- denheit allmählich aufhöre. „Der civilisierte Mensch lebt nicht in Räderhäusern. Er baut steinerne Schlösser, bepflanzt Äcker, schliefst Ehen auf Lebenszeit, hat hundertfache, aus langer Zeit sich herschreibende Besitzungen, die nicht auf dem Geldmarkte taxiert werden können; er besitzt Stammbäume, Bibliotheken, Gesetzbücher; er hat für diese Erde Erinnerungen und Hoffnungen, die über Tausende von Jahren hinausreichen"; — hierdurch mit seinesgleichen in der man- 1 Vergl. Chartismus Kap. VI. — 217 — nigfachsten Weise verbunden. Es ist nun ein Zeichen der gesellschaftlichen Auflösung, dafs der individuelle Egoismus die dauernden Verhältnisse, welche die Menschen verknüpfen, in kündbare zu verwandeln sucht. „Lebenslängliche Ehen", sagt Carlyle, „wie weit vorzüglicher wären jährliche und monatliche für den Nomaden oder Affen" L Von diesem Standpunkt aus stellt Carlyle die Hörigkeitsverhältnisse früherer Zeiten hoch, weil hier das Interesse des Herrn selbst eine Grenze gezogen hätte, über die hinaus er den Arbeiter verständigerweise nicht habe hinabdrücken können. Wenn schon durch einen metallenen Halsring, so ist doch der Sklave mit irgend jemandem in der Gesellschaft dauernd verbunden. Jetzt ist der Sklave längst „emanci- piert", aber die Freiheit, wenn sie Freiheit zu verhungern wird, ist nicht eben göttlich. Man kann in gewissem Sinne sagen, die Bewegungen unseres Arbeiterstandes bedeuten im Grunde nichts anderes, als dafs „er zum Sklaven emporgehoben zu werden wünscht". Übertreibungen im Ausdruck, wie die soeben angeführte, hat Carlyle im Interesse der Eindringlichkeit seiner Worte stets geliebt. Für jeden, der ihn kennt, ist es selbstverständlich, dafs ihm bei Aussprüchen wie diesen, reaktionäre Tendenzen durchaus ferne liegen. Hat doch keiner heftiger als er gegen solche Bestrebungen auf allen Gebieten des menschlichen Daseins, dem der Politik wie dem des Glaubens, seine Stimme erhoben. Denn innerlich unwahr wie äufserlich erfolglos erschien ihm jeder Versuch der Rückführung vergangener Verhältnisse. „Der Versuch, die Zukunft an die Vergangenheit zu ketten durch ewige Glaubenssätze, ewige Herrschaftsverhältnisse u. s. w. und 1 Vergl. Past and Present, Ausgabe von Kretzselnnar, S. 202. In seiner Stellung zur Ehe begegnet sieb Carlyle mit den Positivisten. Vergl. Kapitel V dieser Arbeit. — 218 — zur Vorsehung zu sagen, bis hierher und nicht weiter, ist ein ganz sinnloser Versuch." Dort dagegen, wo noch ein dauerndes Verhältnis bestand, war Carlyle für seine Erhaltung. Hieraus erklärt sich auch seine Stellung zur Sklavenfrage, welche insbesondere während des amerikanischen Bürgerkrieges alle Gemüter beschäftigte. Carlyle hat durch seinen Aufsatz „Nigger-question", sowie durch eine Reihe von Stellen, die in seinen sonstigen Schriften zerstreut sind, seiner Zeit grofsen Anstois gegeben. Selbst seine Anhänger wurden an ihm zweifelhaft und ausgesprochene Freunde wagen ihn noch heute nicht zu verteidigen \ Carlyles Vorliebe für drastischen Ausdruck, verbunden mit einer tiefen, inneren Mifsstimmung über seine Zeit, macht ihn in jenem Aufsatz zu Worten greifen, die ihn leicht als einen Verteidiger herzloser Tyrannei erscheinen lassen. Wer Carlyle, dessen „Schwermut ja ein Übermafs der Sympathie 2 " war, kennt, wird solche Ausdrücke als Gegenwirkung der sentimentalen Überschwenglichkeit erklären, welche gerade dieser Frage mehr als anderer sich bemächtigt hatte. Im Grunde hat die Geschichte Carlyle recht gegeben, wenn er behauptete, dafs der schwarze Arbeiter für den freien Arbeitsvertrag nicht reif sei. Ungezwungen, meint er, werde er nimmer arbeiten, und doch sei Arbeit für ihn, wie für jeden Menschen das wichtigste Mittel der Erziehung. Selbstverständlich gehörte sein Mitleid dem mifshandelten Negersklaven nicht minder als dem verhungernden Lancashireweber. Aber er wollte nicht, dafs die Bande, die jenen mit der menschlichen Gesellschaft verknüpften, ohne anderweitigen Ersatz zerschnitten würden, umsomehr, als er sah, dafs „der weifse 1 Vergl. Flügel, Thomas Carlyles religiöse und sittliche Entwicklung S. 93. Leipzig 1888. 2 Ausdruck von Harriet Martineau. — 219 — Sklave" durch einen ähnlichen Vorgang in ein noch tieferes Elend gekommen war. Carlyle scheint beziehentlich der Negersklaven einen Zustand rechtlich geschützter Hörigkeit im Sinne gehabt zu haben. Wie sehr ein solcher dem der heutigen ungeregelten Freiheit vorzuziehen gewesen wäre, zeigt der Niedergang der früher auf Negersklaven angewiesenen Länder. Carlyles eigentümliche Stellung zur Negerfrage, die ihm zeitweise den Zorn des gesamten aufgeklärten Europa zuzog, aber hat noch einen weiteren Grund. In der Bewegung, welche zu Gunsten der Negerbefreiung sich erhob, fürchtete er, die Regung des nationalen Gewissens, welches bezüglich der heimischen Arbeiter zu erwecken sein höchstes Streben war, auf ein verhältnismäfsig fernliegendes Gebiet abgeleitet zu sehen. Indem man sich für den schwarzen Arbeiter erwärmte, schien man des heimischen zu vergessen, dessen Lage viel elender, und dessen Hebung im Interesse der Menschheit unendlich viel wichtiger als die jenes sei. Zudem forderte die letztere Aufgabe Opfer, während sich in der Negerfrage Europa lediglich auf Begeisterung beschränken konnte. Er sah gewifs, dafs die Lage der Neger tief elend sei und in der That eine Änderung erheische. Unheilvoller und für die Lösung aller anderen Fragen in letzter Linie entscheidend aber erschien ihm die Lage, in welche die Masse der höchst- civilisierten Nationen Europas zu versinken drohte. Nicht äufsere Schmerzen, Mifshandlungen, selbst der Hungertod sind für den Menschen das schlimmste. Nach Carlyle ist Leiden mit dem Leben untrennbar verbunden. Aber bisher hatten die europäischen Völker das Leben durch den Glauben überwunden und durch die hieraus entspringende Hingabe das grofsartige Gesellschaftssystem aufgebaut, von dem die Kultur der Menschheit abhängt. Sie hatten Mühen und Leiden mutig auf sich genommen, so lange ihnen der Zweck ihres Ringens feststand. Nun aber der letztere fraglich geworden, wird des Lebens Not gerade den denkenden, hoch organisierten Menschen am meisten bedrücken. Denn das schlimmste ist nicht das äufsere Elend, sondern der Verlust der Kraft, jenes zu überwinden: „To be irregulated — to be isolated" nennt es Carlyle, d. h. ohne innere und äufsere Formen des Lebens zu sein. „Das Leben war für die Menschen niemals ein Maientanz. Zu allen Zeiten war das Loos der zu harter Arbeit geborenen stummen Millionen durch mannigfache Leiden, Ungerechtigkeiten, schwere Lasten, vermeidliche und unvermeidliche, entstellt. Es war durchaus kein Spiel, sondern harte Arbeit, welche die Muskeln und das Herz wund machte. Als Leibeigene, villani, bordarii, sochemanni, ja sogar als Herzöge, Grafen und Könige wurden die Menschen oft ihres Lebefis überdrüssig gemacht und mufsten im Schweifs ihrer Stirn und ihrer Seele sagen: „Sehet, es ist kein Spiel, es ist grimmiger Ernst und unser Rücken kann es nicht mehr ertragen!" Wer weifs nicht, welche langfortgesetzten barbarischen und unerträglichen Ungerechtigkeiten verübt wurden, bis die Herzen zum Wahnsinn getrieben, ausriefen: „Eu Sachsen, nimith euer sachses, Ihr Sachsen, ergreift eure Saxe!" „Und dennoch wage ich zu glauben, dafs zu keiner Zeit seit den Anfängen der Gesellschaft das Los dieser selben stummen Millionen von Arbeitern so ganz unerträglich war, wie es in den Tagen ist, die jetzt über uns dahingehen. Es ist nicht das Sterben, ja nicht einmal das vor Hunger Sterben, was den Menschen elend macht. Elend ist es, erbärmlich leben zu müssen, ohne zu wissen weshalb; an Herz und Seele müde und matt und doch vereinzelt und von einem kalten allgemeinen Laissez faire umgürtet zu sein; das ganze — 221 — Leben hindurch langsam sterben zu müssen, eingekerkert in eine taube, tote, unendliche Gerechtigkeit, wie in dem verfluchten eisernen Bauch eines Phalarisstiers." Wir gehen nunmehr zur Betrachtung der Bewegungen über, welche das sociale Elend hervorruft. Zuerst folgen diejenigen, welche von der wirtschaftlichen Notlage am härtesten betroffen werden, das Proletariat, den radikalen Bewegungen der Mittelstände. In der Verwirklichung des demokratischen Programmes jener hoffen sie auch für sich eine Besserung ihrer Lage. So wurde die englische Reformbill von 1831 durch die Arbeiter unterstützt. Ähnliche Erscheinungen haben sich allenthalben gezeigt, obgleich gerade in der Gedankenwelt jenes Radikalismus das ihnen feindliche Gesellschaftssystem seine folgerichtigste Ausbildung gefunden hat. Aber allmählich beginnen die Arbeiter zu begreifen, dafs die herrschenden Richtungen ihnen nur Worte, nicht Dinge zu geben imstande sind. Mit der Gewährung politischer Rechte und sonstiger Freiheiten, die sie zunächst nur schwer ausnutzen können, sucht man sie über den Niedergang ihrer wirtschaftlichen Lage zu täuschen. Die Arbeiter beginnen jene Politiker zu durchschauen, „denen das Elend der arbeitenden, klagenden Massen nicht Elend ist, sondern nur Rohmaterial, aus dem man zu Gunsten der eigenen kargen Theorien und des eigenen Egoismus Kapital schlagen kann. Für solche sind Millionen lebender Brüder mit duldenden und hoffenden Herzen nichts als »Massen«, Massen von Explosivstoff, um Bastillen damit in die Luft zu sprengen". Hieraus nun entspringt die socialrevolutionäre Bewegung, welche bereits in der ersten französischen Revolution sich andeutet und seitdem die Ruhe Europas wiederholt gestört hat. Dieselbe ist durch den Gegensatz der unteren zu den oberen, der besitzlosen zu den besitzenden Klassen gekennzeichnet. — 222 — „Ein rachsüchtiger Geist des Aufruhrs gegen die oberen Klassen, abnehmender Respekt vor den Befehlen ihrer zeitlichen Vorgesetzten, abnehmender Glaube an die Lehren ihrer geistlichen Vorgesetzten wird mein und mehr unter den unteren Klassen allgemein. Man mag solchen Geist tadeln, ja bestrafen; aber alle Menschen müssen ihn als eine Thatsache anerkennen, die traurig und, wenn nicht verändert, verhängnisvoll sein wird. Aus unteren Klassen, die in solcher Weise mit den oberen verbunden sind, setzen sich nicht glückliche Nationen zusammen! Von allem Elend unter dem sie leiden, ist das bitterste und schwerste die unerträgliche Überzeugung der unteren Klassen, dafs ihr Loos ungerecht sei, nicht auf Recht, ja nicht einmal auf Notwendigkeit und Macht beruhe, dafs es anders sein solle und anders sein könne" (vgl. Chartismus S. 26). Der soeben bezeichnete Gegensatz beruht darauf, dafs die obern Klassen tatsächlich aufgehört haben, den Beruf, zu dem sie da sind, zu erfüllen: nämlich den der Leitung und Beherrschung der unteren, wobei man daran zu denken hat, dafs unter dem Ausdruck der Beherrschung vor allen von Carlyle die geistige, durch Kirche und Schriftsteller geübte verstanden wird. „Der gellende, unartikulierte Schrei der Massen — ähnlich denen des Schmerzes und der Wut des stummen Tieres — enthält für das Ohr des Weisen die Bitte: führe mich, regiere mich; ich bin unvernünftig und elend und kann nicht mich selbst führen." Aufgehört haben einerseits die durch die Kirche vermittelten Ideen, das innere Leben der Menge zu beherrschen. Eine solche Entwicklung bildet die erste Vorbedingung einer socialrevolutionären Bewegung und wird früher oder später mit Notwendigkeit überall dort statt haben, wo die oberen Klassen bereits irreligiös geworden sind. In keinem Lande Europas hat die Religion so sehr an Macht über den gröfseren — 223 Trii der Nation verloren, als in Frankreich. Daher ist dieses Land der eigentliche Ausgangspunkt der revolutionären Arbeiterbewegung geworden. Das gröbste Übel an dem Frankreich heute leidet, geht auf die Unterbrechung desjenigen Zusammenhangs zurück, welcher auf kirchlichem Gebiet durch die erste Revolution verursacht wurde. „Dafs eine ganze Generation von Denkern keine Religion mehr hatte, weder zum glauben, noch selbst zum bekämpfen, dafs in dem denkenden Frankreich sich das Christentum zu einer fremden, auswärtigen Tradition verflüchtigt hatte, ist die traurigste Thatsache für die Zukunft dieses Landes. Beweis hierfür sind die politischen und moralischen Philosophien, der St. Simonismus, der Robert Macairismus und die sogenannte „Lit- teratur der Verzweifelung". Selbst der Verlust des Königtums war nur ein leichter Schade, verglichen mit dem der Kirche, an dem Frankreich noch lange rettungslos leiden wird, den übrigen Völkern ein warnendes Beispiel 1 ". Aufgehört aber haben in zweiter Linie auch diejenigen Organe, welchen die weltliche Führung der Nation zusteht, ihren Beruf zu erfüllen. Die unteren Klassen werden that- sächlich nicht mehr geleitet; denn das „laissez faire" auf wirtschaftlichem Gebiete ist ja eben nichts anderes als eine „Abdankung vonseiten der Regenten". „Sie geben damit zu, dafs sie hinfort zur Herrschaft unfähig sind, dafs sie überhaupt nicht dazu da sind, um zu regieren, sondern um — man weifs nicht was — zu thun." Mit dem bittersten Hohn übergiefst Carlyle die Regierung seiner Heimat wegen ihrer Unthätigkeit auf socialem Gebiet. „Da sitzen Menschen in Downing-Street (d. i. dem Ministerium) und machen Protokolle, verfassen syrische und 1 Vergl. Chartismus Kap. VI. — 224 — andere Verträge, geben sich mit griechischen, portugiesischen, spanischen, französischen, ägyptischen und äthiopischen Fragen ab, aber nicht mit der englischen Frage. Radetzky soll gegen Mailand vorrücken; das thut mir leid und mag vielleicht eine Depesche verdienen. Aber der irische Riese, Namens Verzweiflung rückt gegen London vor und verwüstet alle englischen Städte und Dörfer. Er ist das Phänomen, über das man nicht nur Protokolle schreiben, sondern Tag und Nacht mit aller Kraft nachdenken soll. Ich sehe ihn in Pica- dilly (Hauptstrafse Londons) mit blauem Gesicht, in Lumpen gehüllt, in jedem Arm ein blaues Kind; vom Hunger getrieben, mit offenem Munde sieht er sich um, wen er auffressen soll. Auch er ist vom Himmel geschickt; ein göttlicher Sendbote ist zuletzt in so befehlender Weise gekommen, dafs niemand seine Anwesenheit mehr leugnen kann, aufser dem Scheinregenten von England (phantasm governor). Dank den gerechten Göttern, die uns endlich schnellen Tod oder den Beginn der Heilung gesandt haben 1 ." Denn jener Riese wird, wenn niemand sonst für ihn sorgt, für sich selber sorgen. Die Thatlosigkeit der Regierung verbreitet in den darbenden Massen das Gefühl, dafs von ihr keine Hülfe zu erwarten, dafs vielmehr ihr ausschliefslicher Zweck sei, die Besitzenden im Genufs ihrer Reichtümer zu schützen. Das ganze herrschende Gesellschaftssystem, einschliefslich der Kirche und des Staates, wird als eine zur Unterdrückung des Arbeiters erfundene Anstalt betrachtet, deren Vernichtung als erstes und notwendigstes Ziel gilt. In Augenblicken, da die Not besonders hoch gestiegen oder die Staatsgewalt besonders geschwächt ist, erfolgen revolutionäre Ausbrüche in immer kürzeren Zwischenräumen. Die Macht des Staates ist im abnehmen, die Aussicht der Revolutionäre im wachsen. Wie Vergl. Latter-Day Pamphlets S. 115. — 225 — oben gezeigt, vertritt Carlyle hiermit die Ansicht vieler seiner Zeitgenossen, welche für England die sociale Revolution nicht ferne wähnten. Positive Elemente fehlen freilich auch ihr. Was die sie vertretenden Parteien als positive Vorschläge aufstellen, fällt in den Eudämonismus des Polizeistaates zurück, bis endlich der Anarchismus die letzte Konsequenz zieht, welche jede Art positiver Vorschläge bereits als reaktionär beargwöhnt. Folge hiervon ist, dafs die Revolution zwar siegen, aber nicht die Bedingungen der Revolution zu beseitigen vermag. Vielmehr pflegen, nachdem wieder Ruhe eingetreten ist, die arbeitenden Klassen schlechter daran zu sein als zuvor. Carlyle hat das in Beziehung auf die erste französische Revolution ausgeführt 1 . Neue Revolutionen bleiben nicht aus, halten aber nur den gleichen Erfolg, so dafs ein Zustand des Schwankens eintritt und allmählich auch das, was bisher noch den Schein der Gesellschaft ausmachte, nämlich der Ausschlufs der rohen Gewalt aus dem Kampfe ums Dasein, hinwegfällt. So hat in der Pariser Kommune „die stumme Kreatur" wieder in fürchterlicher Weise zu den oberen Klassen Europas geredet: „Unsere Lage, nach achtzig Jahren des Kampfes, ihr Betrüger, ist unverändert, unerträglicher von Jahr zu Jahr, von Revolution zu Revolution. Wenn ihr sie nicht bessern könnt, so wollen wir die Welt in die Luft sprengen und uns und euch mit." Es zeigt sich so offen, dafs der Individualismus die Negation der Gesellschaft ist, dafs er nur solange sich äufserlich halten kann, als er von überliefertem Kapital lebt. „Die Menschen haben das Universum so aufgefafst, wie es nicht ist. Die Natur sagt zum Individuum, das sein Leben auf Grund dieser irrigen Auffassung regeln will: Nein. Sie 1 Vergl. Französische Revolution, Tauchnitz' Ausgabe III, S. 39-5. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 15 — 226 — sagt es in gleicher Weise zu einer Nation von Individuen. — — Nur Versumpfung, Niedergang, erwürgte Nähterinnen 1 , Mangel an Kartoffeln, unbebaute Heiden, zerfallene Hütten, endlich Soeialdemokratie, Strafsenbarrikaden, rote Republiken und am Schlufs das Chaos — ist auf diesem Wege erreichbar." „In trauriger Oseillation, rasenden grundlosen Wirbeln schwankt die europäische Gesellschaft dahin, bald schrecklich niedersinkend, bald sich mit Mühe wiedererhebend, in immer kürzeren Zwischenräumen — Iiis eine neue Felsenbasis ans Licht kommt und die Sintflut des Aufruhrs und der Notwendigkeit des Aufruhrs sich verläuft 2 ." Zur Probe für Carlyles Behandlungsweise socialer Gegenstände geben wir ein kurzes Stück (Kapitel I) des bisher noch unübersetzten Chartismus in Folgendem wieder: Die Frage der Lage Englands. „Es herrscht allgemein die Empfindung, dafs die. Lage und Stimmimg der arbeitenden Klassen gegenwärtig eine fast verhängnisvolle Angelegenheit ist; dafs in Rücksicht darauf etwas gesagt, etwas gethan werden mufs. Zu einem historischen Zeitpunkt, da die „nationale Petition" in Wagen die Strafsen entlang fährt und „mit eisernen Reifen gebunden" von vier Männern getragen, einem reformirten Unterhause vorgeführt wird; und der Chartismus, anderthalb Millionen Köpfe zählend und nichts durch seine mit Eisen beschlagene Petition erreichend, zu Ziegelsteinen und Heugabeln greift 1 Carlyle spielt öfters auf die brodlosen Nähterinnen Londons an. Ähnlich schreibt Carlyle in sein Tagebuch am 3. Oktober 1870 (Froude IV, S. 403) beziehentlich Frankreichs: „Seit den letzten 20 Jahren ist es mir klar, dafs einer Nation, die sich so toll im Vergessen der Naturgesetze gebärdet, möglicherweise kein besseres Schicksal vorbehalten ist als das Polens." 2 Pamphlete des jüngsten Tages S. 285 und S. 11. — 22-7 — und Feuersbrünste entzündet — in solcher Zeit kann ein so allgemein verbreitetes Gefühl nicht für völlig unnatürlich erklärt werden! Mir persönlich erscheint diese Angelegenheit seit vielen Jahren die verhängnisvollste unter den gesamten öffentlichen Angelegenheiten; eine Angelegenheit, für welche etwas gethan werden mufs, wenn sie nicht eines Tages selbst etwas thun soll, was niemandem gefallen wird. Wahrlich, die Zeit zum Eingreifen ist gekommen, wie viel mehr erst die Zeit zur Beratung und Vorbereitung des Eingriffes, zur Besprechung und Untersuchung der Frage. — j^Aus den Zeitungen hören wir, dafs der Chartismus erstickt ist, dafs ein „Reformministerium" die Chimäre des Chartismus in der wirksamsten Weise unterdrückt hat. So sagen die Zeitungen, — und doch wissen alle Zeitungsleser, dafs in der That nur die „Chimäre" des Chartismus, nicht die Wirklichkeit desselben unterdrückt ist. Die wirre, zusammenhanglose Verkörperung des Chartismus, in welcher er während der letzten Monate Gestalt annahm und sichtbar wurde, ist unterdrückt worden. Sie ist vielmehr gestürzt und zerfallen durch das Naturgesetz der Gravitation; aber der lebende Geist des Chartismus ist nicht unterdrückt worden. Der Chartismus bedeutet die erbitterte Unzufriedenheit, welche wahnsinnig und wütend geworden ist, somit die falsche Lage oder die falsche Stimmung der arbeitenden Klassen Englands. Es ist ein neuer Name für ein Ding, das viele Namen gehabt hat und noch viele haben wird. Der Grund des Chartismus ist schwerwiegend, tiefwurzelnd, weit ausgebreitet, stammt nicht von gestern und wird keineswegs heute oder morgen endigen. Das Reformministerium, ländliche Sicherheitspolizei, neue Aushebung von Soldaten, Geldbewilligungen für Birmingham, das alles ist gut oder nicht gut; das alles wird nur die Verkörperung oder die „Chimäre" des Chartismus 15* — 228 — unterdrücken. Wenn der Geist fortbesteht, werden immer neue Verkörperungen, mehr oder weniger wahnsinnige Chimären folgen. Das traurige Faktum bleibt bestehen, dafs dies Wesen, das jetzt unter dem Namen Chartismus bekannt ist, existiert und existiert hat; ob es zurückgedrängt wurde zu geheimem Verrat mit Pistolen, Vitriolflaschen und Streichholzbüchsen, oder ob es offen die Pike und Fackel schwingt, (man weifs nicht, in welchem Falle mehr gefährlich) es wird allem Anscheine nach bestehen bleiben, bis ganz andere Malsregeln dagegen versucht worden sind. Was bedeutet diese erbitterte Unzufriedenheit der arbeitenden Klassen? Woher kommt sie? wohin führt sie? Vor allem, um welchen Preis, unter welchen Bedingungen wird sie sich möglicherweise dazu verstehen, uns zu verlassen? Das sind die Fragen. Zu sagen, dafs sie verrückt, brandstiftend, abscheulich sei, ist keine Antwort. — — Was wird Abscheu, was, im Grunde genommen, Verurteilung und Deportation nach der Botanybai helfen? Jene Fackelversammlungen der Chartisten, Aufstände und Brandstiftungen sind ebenso viele Symptome auf der Oberfläche. Man vernichtet das Symptom ohne Nutzen, wenn die Krankheit unberührt bleibt. Geschwüre auf der Oberfläche sind heilbar oder unheilbar — darauf kommt wenig an, wenn der ansteckende Herd tief innen weiter eitert und die Quellen des Lebens vergiftet. Sicher bildet er immer neue Beulen und bahnt sich neue Auswege: Anzeichen dafür, dafs er fortbesteht, dafs er lieber dort nicht fortbestünde. Der wahnsinnige Chartismus wird nicht gänzlich nutzlos gewesen sein, wie es in der That kein Ding auf Erden ist, wenn er alle denkenden Männer der Gesellschaft genötigt hat, über diese Lebensfrage der Nation nachzudenken, die sonst nur zu leicht übersehen wird. Ist die Lage der ar- — 229 — beitenden Klassen Englands eine schlechte, eine so schlechte, dafs verständige Arbeiter weder ruhig darin verharren können, wollen, ja selbst sollen? Ein sehr ernster Fall, verwickelter als jeder andere, ein Fall, in dem Verbannung nach der Bo- tanybai, Verstärkung der Polizei und derartiges nur wenig fruchten. Oder ist die Unzufriedenheit selbst wahnsinnig, wie die Gestalt, welche sie annahm? Nicht die Lage der arbeitenden Klassen wäre es alsdann, die falsch ist, sondern ihre Stimmung, ihre eigenen Gedanken, ihr Glaube, ihre Gefühle wären falsch? Dies wäre ein ebenso ernster Fall, kaum weniger beunruhigend, kaum weniger verwickelt als der erste. Auch in diesem Fall, wo Polizei und Strenge der Unterdrückung mehr am Platze seheinen, wird der Zwang durchaus nicht Alles, sogar nicht Viel verrichten. Wenn ein allgemeiner Wahnsinn der Unzufriedenheit besteht, mufs Gesundheit und ein gewisses Mafs von Zufriedenheit wieder hergestellt werden — nicht durch die Polizei allein. Wenn die Gedanken eines Volkes in seiner grofsen Masse irre gehen, wird das Gesamtergebnis der Thaten dieses Volkes Widerspruch und Ruin sein! Es mufs der grofsen Mafse die Gesundheit wieder gewonnen werden, sonst wird der Zwang nicht mehr imstande sein zu zwingen. Es ist gefragt worden: Warum wirft das Parlament nicht Licht auf diese Frage der arbeitenden Klassen, auf ihre Lage und Stimmung. Wahrlich, einem fernstehenden Beobachter der parlamentarischen Vorgänge scheint es überraschend, besonders in der jüngsten Reformzeit, zu sehen, wie wenig Raum diese Frage in den Debatten einnimmt. Kann irgend eine andere Angelegenheit dringlicher für den Gesetzgeber sein? Man sollte denken, ein reformiertes Parlament müfste sich über öffentliche Unzufriedenheit unterrichten, ehe sie die Länge von Spiefsen und Fackeln erreicht! Zu welchem Zweck werden überhaupt Männer, ehrenwerte Mitglieder und Reformmitglieder nach Westminster geschickt mit viel Geschrei und Anstrengung? Um dort zu sprechen, streiten, Anträge und Gegenanträge zu stellen? Die Lage der grofsen Masse des Volkes in einem Lande ist die Lage des Landes selbst; dies ist zu jeder Zeit eine unbezweifelte Wahrheit gewesen, eine Wahrheit, welche in dieser Zeit dringend als Wirklichkeit anerkannt und behandelt werden mufs. Man liest die Parlamentsdebatten, wenn man nichts zu thun hat. Man liest da von der alten grofsen Frage ob A oder B im Amt sein soll, mit den zahllosen Hülfsfragen, die daraus hervorgehen, mit Vorlagen und Abstimmungen eine günstige Lösung dieser Frage betreibend — von der Canada- frage, der Frage über die Verwendung der irischen Staatseinkünfte, der westindischen Frage, der Frage über den Hofstaat, über Jagd-, Wuchergesetze etc., von allen Arten von Fragen und Gegenständen, ausgenommen dieser, die doch das Alpha und Omega von allen ist. Sicherlich aber sollten die ehrenwerten Mitglieder über die Frage der Lage Englands auch reden. Radikale Mitglieder vor allen, Freunde des Volks, vom Volke mit Anstrengung gewählt, um seine stummen Leiden zu verlautbaren! Einem ferne stehenden Beobachter scheinen sie ihre Pflicht zu vergessen. Ist es nicht ihre Mission und ausdrückliche Bestimmung, für das Wohl der Nation zu sprechen? Sie sind umsomehr dazu berufen, für ein grofses britisches Interesse zu sprechen, je weniger dasselbe für sich selbst zu reden vermag. Entweder sind sie die Sprecher für jene stumme, duldende Klasse, die nicht zu sprechen vermag, oder sie sind etwas, das man nicht höflich zu bezeichnen vermag, j Ach, der fernstehende Beobachter kennt nicht die Natur der Parlamente. Er weifs nicht, wie Parlamente, die um der — 231 — britischen Nation willen da sind, zugleich finden, dal's sie um ihrer selbst willen da sind; wie Parlamente ganz selbstverständlich in ihrem Schlendrian hinfahren, in Gemeinplätzen, deren Geleise achsentief ausgefahren sind, aus denen nur Kraft und Einsicht ein Parlament oder ein Gefährt herausheben kann; wie in Parlamenten, reformierten oder nicht- refonnierten, sich zufällig ein solcher starker Mann, ein ursprünglicher, klar blickender und tapferer Mann finden kann oder auch nicht, wie im letztern Fall Parlamente finden, dafs die Geleise bis an die Achse gehen und das Fahren sehr mühsam geworden ist. Was Parlamente in dieser Angelegenheit ge- than haben müfsten, was sie jetzt noch thun wollen, können oder nicht können, würde eine lange Untersuchung erfordern, in welche wir in diesem Augenblick nicht einzugehen brauchen. Was sie gethan haben, ist unglücklicherweise klar genug. Bisher hat uns die „kollektive Weisheit der Nation" diese nationalste aller Fragen, so gut wie gar nicht gefördert. Und doch ist es eine Frage, welche nicht der kollektiven Thorheit der Nation überlassen bleiben kann. In oder aufser dem Parlamente mufs Unkenntnis und Vernachlässigung dieser Frage aufhören und ein wirklicher Einblick genommen werden. Wie unsagbar nützlich wäre ein ehrliches Verständnis der oberen Klassen der Gesellschaft für das, was die unteren meinen, eine klare Auslegung des Gedankens, welcher diese wilden, des Ausdrucks unfähigen Seelen quält, die mit unartikuliertem Aufruhr wie stumme Geschöpfe kämpfen und nicht zu sagen vermögen, was in ihnen gärt. Etwas meinen sie gewifs, und dabei im Grunde ihres verwirrten Herzens etwas wahres; denn auch ihre Herzen hat der Himmel geschaffen; ihm ist es klar, was sie meinen, uns noch nicht. Völlige Klarheit darüber wäre gleichbedeutend mit der Hei- — 282 — lang. Denn wie richtig gesagt wird, jeder Streit beruht auf Mifsverstäudnis. Wenn die Parteien sich verstünden, würde er zu Ende sein. Kein Mensch will im Grunde Ungerechtigkeit, er kämpft immer für ein unklares, verzerrtes Bild irgend eines Hechtes, ein undeutliches Bild, das in der wunderbarsten Weise durch natürliche Selbstsucht bis zur Unkenntlichkeit entstellt sein kann, zehnfach entstellt in der Erbitterung des Streites, und doch ist es noch das Abbild eines Rechtes. Könnte ein Mensch sich eingestehen, dafs die Sache, für die er kämpft, falsch sei, dein Gesetz der Vernunft entgegen, so würde er auch damit eingestehen, dafs sie verurteilt und hoffnungslos sei; er könnte nicht länger für sie kämpfen. Ja, ganz abgesehen vom Recht, könnten die streitenden Parteien nur dahin gelangen, genau ihre beiderseitige Macht und Stärke zu erkennen, so würde die schwächere der stärkeren und der Notwendigkeit nachgeben. Auch in diesem Fall wäre der Streit vorüber. Keine Expedition wird jetzt, wie in den Tagen Herodots, „gegen den Südwind" ausgerüstet. Eine Expedition in diesem Fach war hinreichend. Der Südwind Samum fährt fort gelegentlich zu blasen; aber eine Expedition war genug. Sind wir nicht alle dem Tode unterworfen? Das schwerste Urteil des Gesetzes, das Todesurteil, ist über uns alle durch die Thatsache der Geburt verhängt, und doch leben wir geduldig darunter, erleiden es geduldig, wenn die Stunde kommt. Ein klares unleugbares Recht, eine klare unleugbare Macht: jedes von ihnen festgestellt macht dem Krieg ein Ende. Jeder Krieg ist ein verworrener Versuch, diese beiden aufser Zweifel zu setzen. Was sind die Rechte, was die Macht der unzufriedenen, arbeitenden Klassen Englands? Der würde ein Ödipus, ein Befreier von der socialen Krankheit sein, welcher uns hierüber vollständigen Aufschlufs gäbe! Denn wir können voraussagen: der Kampf, welchen — 233 — die oberen und unteren Schichten der Gesellschaft in Europa, vor allem auffällig in England, führen, auch dieser Kampf wird einst enden wie jeder andere, indem Recht und Macht aufgeklärt wird, durch nichts anderes als dies. Die Fragen » aber: Warum sind die arbeitenden Klassen unzufrieden? wie ist ihre Lage, wirtschaftlich, moralisch, thatsächlich und ihrer eigenen Vorstellung nach? über was beklagen sie sich? über was sollten und über was sollten sie sich nicht beklagen? Dies sind meisbare Fragen; einige derselben könnte jede)' gewöhnliche Sterbliche, wenn er nur den Blick auf sie lenken wollte, mit aufklären helfen. Gewisse Untersuchungen und Beobachtungen unsererseits in dieser Angelegenheit sollen hier veröffentlicht werden." II. Carlyles Stellung zur künftigen Entwicklung. A. Die inneren Formen. Für das Gebiet der inneren Formen halten wir als das die Zeit beherrschende Zeichen eine unaufhaltsame Ausdehnung jener Geistesrichtung erkannt, welche die Worte: Skep- ticismus, Materialismus und Utilitariertum bezeichnen. Es schwinden die socialen Motive, auf denen die Gesellschaft beruht, und mit ihrem Hinwegfall droht die letztere selbst zusammenzubrechen. Dieser Gedankengang führt zu einer trüben Auffassung der Zukunft. Auch Carlyle war nicht selten nahe daran, am Schicksal der heutigen Gesellschaft zu verzweifeln. Wie uns Froude berichtet, erblickte er in dem raschen Wachstum des Materialismus, wie er es besonders in seinen späteren Jahren vor Augen hatte, das unheilvollste - 234 — Zeichen der Zeit. Aber, abgesehen von vorübergehenden Anwandlungen des Pessimismus hat Carlyle die Möglichkeit einer socialen Reform immer wieder betont, ja nur von dieser Voraussetzung aus ist seine ganze schriftstellerische Thätigkeit zu verstehen, welche er als einen Beitrag zu jener Reformbewegung betrachtete. Sein Optimismus beruht im Grunde darauf, dafs er selbst von der herrschenden Zeitrechnung frei war 1 . Das, was er die „Palingenesie der Gesellschaft" nennt, ist bereits im heranbrechen. Die grofsen Züge des Bildes, das die Gegenwart bietet, gehören noch einer destruktiven Periode an. Aber schon kann das Auge des aufmerksamen Beobachters die Keime, aus denen sich die Zukunft gestalten wird, unter den Trümmern entdecken, und ihnen nachzugehen, zu sehen, wie neben der Zerstörung bereits die Schöpfung hergeht, ist das tröstlichste für das kurzlebige Individuum, das in solcher Zeit geboren ist. Das Problem, welches der Gegenwart zur Lösung gestellt ist, lautet nach Carlyle dahin: werden wir imstande sein, den Individualismus, welcher heute die den Menschen beherrschende Macht ist, zu überwinden und an seiner Statt sociale Motive wieder zur Geltung zu bringen? Diese Frage läfst sich auf die andere zurückführen, besitzt unsere Zeit die Kraft, an Stelle der veralteten und abgestorbenen Ideale neue zu schaffen, d. h. die Religion im weitesten Sinn in eine neue zeitgemäfse Form zu bringen? „Der alte, göttliche Calvinismus", sagt Carlyle, „erklärt, dafs sein alter Körper in Fetzen zerfallen und vernichtet ist. Sein entkörperter und 1 In folgendem, eines Piaton würdigen Bilde spricht Carlyle diesen Gedanken aus: „Betrachte den Weltphönix in Feuerverbrennung und Feuerschöpfung. Weit sind seine schwingenden Flügel, laut ist sein Totengesang: Schlachtendonner und fallende Städte. Himmelwärts schlägt die Flamme des Scheiterhaufens, alle Dinge in sich einhüllend: Gehurt und Tod einet Welt". (Schlufsworte der „French Revolution".) — 235 — neue Verkörperung suchender Geist pfeift wieder in den Winden, jetzt noch Geist und Gespenst, aber dennoch neue Geisterwelten und bessere Dynastieen als die Dollardynastie ankündend 1 ." Einem doppelten Irrtum tritt Carlyle in dieser Hinsicht entgegen, welcher sich bei klein gesinnten Menschen nur gar zu leicht einstellt. Fehlerhaft ist das Bemühen, die überlieferten Glaubensformen künstlich festzuhalten. Carlyle war zeitlebens ein Gegner aller reaktionärer Richtungen, wie solche gerade durch seine Schriften angeregt wurden und in den aristokratischen Kreisen der Universitäten damals verbreitet waren 2 . Er wendet sich wiederholt gegen den „Puseyismus" einer katholisierenden Richtung, welche als „Jung-England" viele Anhänger zählte. Andere glauben nicht weniger irrtümlich, dai's man eine neue Religion erfinden könne. „Inventer une religion" ist von französischen Staatsmännern empfohlen und versucht worden. Diesen wie jenen Bestrebungen liegt der gleiche Irrtum zu Grunde, einer, dem unsere Zeit überhaupt anheimgefallen ist: beide gehen von einer utilitarischen Auffassung der Religion aus. Dem gegenüber besteht gerade das Wesen einer lebendigen und wirksamen Religion darin, dafs sie nicht Mittel, sondern allein Zweck, letzter und absoluter Zweck des menschlichen Daseins ist. „Denke dir einen Menschen", sagt Carlyle, „der seinen Mitmenschen empfiehlt an Gott zu glauben, damit der Chartismus ins Hintertreffen komme und die Arbeiter in Manchester ruhig, an ihren Spinnmaschinen bleiben. Diese Idee ist toller als in irgend einer Plakatstange, die man bis jetzt auf einer öffentlichen Strafse gesehen hat. Mein Freund, 1 Past and Present S. 279. 2 Vergl. unten Kapitel IV am Eingang. — 236 — wenn du jemals dazu gelangst, so wirst du finden, dafs aller Chartismus, Manchesterexcesse, parlamentarische Inkompetenz, Windbeutelministerien, die wildeste sociale Auflösung, ja das Verbrennen des ganzen Planeten im Vergleich damit eine ungeheure Kleinigkeit sind. — — Ebensogut würde ich es mir einfallen lassen, Milchstrafsen und Sonnensysteme zu schaffen, damit kleine Häringssehiffe sich danach richten, als deshalb Religion zu predigen, damit der Konstabier möglich bleibe. — Was mich betrifft, so habe ich, da ich in den letzten sechs Kalendermonaten einige zwölf oder dreizehn neue Religionen, schwere Packete und die meisten davon unfrankiert, aus verschiedenen Teilen der Welt erhalten, meinen unschätzbaren Freund, den Briefträger, instruiert, mir keine mehr zu bringen 1 ." Davon ausgehend, dafs eine Reform der Gesellschaft abhängig ist von einer Neuentwicklung der inneren Formen, fragt Carlyle, wo die Kräfte zu suchen sind, denen die Lösung dieser wichtigsten Aufgabe zukommt. Im Mittelalter waren dieselben in der Kirche organisiert. Heute dagegen ist die geistige Führerschaft Europas, der „pouvoir spirituel" Comtes, desorganisiert. Carlyle sieht darin ein Zeichen des destruktiven Charakters der Zeit und erklärt, dafs, wenn die Entwicklung wieder eine entgegengesetzte Richtung nehmen werde, auch hierin mit der Zeit eine Wandlung eintreten müsse. Wir können nicht die Vermutung unterdrücken, dafs Carlyle in diesem Punkte von dem genannten französischen Philosophen beeinflufst und auf das Gebiet der Phantasterei verlockt worden ist. Denn als solche müssen wir entschieden bezeichnen, was Carlyle von jener künftigen „literary guild" sagt, die der geistlichen Hierarchie Comtes ähnelt. Wenn 1 Past ancl Present, Ausgabe von Kretzschmar, S. 214. er von einem mit dem Gelübde der Armut ausgestatteten Mönchsorden spricht, so zeigt sich hierin, dai's es die katholische Kirche des Mittelalters ist, deren grofsartiges Bild die erwähnte Utopie hervorgerufen. Näher auf dieselbe einzugehen, erscheint überflüssig, nur das sei noch hervorgehoben, dafs Carlyle nicht nur in seinem Buche „Helden und Heldenverehrung" , sondern auch in höherem Alter dieser Idee angehangen zu haben scheint, wie die „Pamphlete des jüngsten Tages" beweisen. Sobald es sich dagegen um die Beurteilung der Gegenwart handelt, ist Carlyle wieder, wie immer, klar und praktisch. Er weifs, dafs heute die geistige Führung nicht mehr von der Kirche oder irgendwelchen Anstalten, wie etwa den Universitäten oder ähnlichem ausgeht, dafs sie vielmehr in jenem uferlosen Meere zu suchen ist, das man Litteratur nennt. Mit der Erfindung der Buchdruckerei ist das Buch das wichtigste Mittel geworden, durch welches die Gedanken des Einen Herrschaft über das Handeln der Andern gewinnen. Nach Carlyle ist der Schriftsteller daher der ein- flufsreichste, moderne Mensch, der eigentliche Herrscher unserer Zeit. Er übt den Beruf aus, der in früherer Zeit dem Propheten und Priester zukam. Er leitet oder mifsleitet die Mitwelt. Er hat jene Periode des Skepticismus heraufgeführt, welche den Glauben zersetzt und mit dem Zerfall der bestehenden Gesellschaftsorganisation endigt. Er hat die Folgerungen dieser Richtung gezogen: im Materialismus, Utili- tariertum und Pessimismus. Er allein ist imstande die Mächte der Zerstörung zu bezwingen, gegen welche äufserliche Mittel, sociale Reformvorschläge aller Art, wie sie täglich entstehen und vergehen, wirkungslos bleiben. Könnte man dagegen darthun, dafs in den Kreisen der Denker jene bezeichneten Tagesrichtungen überwunden sind, so wäre damit we- — 238 — nigstens die Möglichkeit einer radikalen Gesellschaftsreform erwiesen. Liegen nun Zeichen vor, welche auf einen derartigen Umschwung deuten? Für den, welcher die Erscheinungen seiner Zeit nur äufserlich auffafst, gewifs nicht. Denn einmal macht sich allenthalben immer mehr ein ehr- und vaterlandsloses Litteratentum breit, dessen einzige Triebfedern Geldgier und Eitelkeit sind. Wie sehr Carlyle dieses Geschlecht verachtet, so hat er doch seine Macht nicht unterschätzt. Der elendeste Roman selbst in der Leihbibliothek eines Dorfes bleibt gewifs nicht ohne Einflufs auf das thörichte junge Ding, das ihn fast auswendig lernt. Die falsche Theorie des Lebens, welche hier dem jugendlichen Gehirn eingeprägt wird, wird sich in höherem oder geringerem Grade später einmal als eine falsche Praxis des Lebens erweisen, im Verhalten bei der Eheschliefsung, der Haushaltsführung und ähnlichem. Bildet doch gerade diese Art von Schriftstellern den Kanal, durch den sich die zersetzenden Ideen der Gegenwart verheerend ausbreiten. Hierzu sind auch jene populär naturwissenschaftlichen Bücher zu rechnen, deren materialistische Tendenz die überkommenen sittlichen Ideen des Volkes auf das ernsteste gefährdet. Aber auch die Litteratur besserer Art ist nach Carlyle in ihren Grundanschauungen durchaus antisocial. Sie gerade ist die Macht, welche die denkenden Männer und damit die Nationen überhaupt in dem Banne jener negativen Weltanschauung fesselt. Welcher Unterschied selbst zwischen den bedeutendsten ihrer Vertreter und jenen Männern, die in früheren Jahrhunderten die geistige Führung Europas ausübten! In seinen Vorlesungen „Über das Wesen des Gelehrten" hat Fichte diesen Unterschied, natürlich in der Sprechweise seiner Philosophie, treffend bezeichnet. Die grofse Masse der Menschen, meint er, lebt ausschliefslich in der — 239 — Welt der sinnlichen Erscheinung, dieselbe für Realität nehmend; hin und wieder aber treten Denker auf, welche die „göttliche Idee der Welt", die „aller Erscheinung zu Grunde liegt", und die allein Realität ist, erkennen und der Mitwelt verkündigen. Mit jeder neuen Generation werden sie in andern Ausdrücken reden und gerade darin besteht ihre Aufgabe, für ihre Verkündigung die zeitgemäfse Form zu finden. Ihnen gegenüber stehen diejenigen Denker und Schriftsteller, deren Material ausschliefslich die sinnliche Erfahrung und deren einzige Thätigkeit die logische Anordnung jenes Materials bildet. Der Einflufs der ersteren ist unberechenbar grofs, der der letzteren beschränkt. Diejenigen Männer, welche wie keine andern die geistigen Führer Europas waren und damit einen grofsen, ja den bestimmenden Einflufs auf seine Entwicklung gewonnen haben, Männer wie Christus, Augustinus, Luther u. a. haben nicht durch eine ausschliefslich logische Verstandesthätigkeit diese Bedeutung erlangt. Ihre Stärke liegt vielmehr auf dem moralischen Gebiete, welches für Carlyle zugleich transcendenter Natur ist, ihre Gröfse besteht in den moralischen Wahrheiten, die sie ausgesprochen haben — ein jeder in der Denkweise seiner Zeit. Ihr Wirken war social aufbauend. Ihnen gegenüber stehen die Denker unserer Zeit, für welche allein das sinnlich wahrnehmbare das Reale und die Moral eine Nützlichkeitslehre ist. Haben jene die Menschen zu socialem Handeln erzogen, so werden sie durch diese wieder individualistisch bestimmt. Dieser Richtung gehörten nach Carlyle die französischen und englischen Aufklärungsphilosophen an, denen die Zeitgenossen folgen. Dagegen glaubte Carlyle, dafs sich in Deutschland ein Umschwung anbahne. Dort schien man ihm daran, die materialistische und utilitarische Weltanschauung abzustreifen, aber nicht dadurch, dafs man zu den alten — 240 — Glaubensformen, der alten spekulativen Philosophie mit ihren Gottesbeweisen etc. zurückgegangen wäre. Diese sind durch den Skepticismus endgültig vernichtet. Vielmehr hatte man in Deutschland die herrschende Zeitrichtung innerlich überwunden. Hier waren Männer aufgetreten, deren Denken zwar durchaus modern war, aber doch gleich dem jener Gröfsen der Vorzeit nicht einen rein formell logischen, sondern vielmehr einen moralischen Charakter an sich trug. Deutschland war in dieser Richtung für Carlyle der Lichtpunkt in dem tief düsteren Bilde der Gegenwart. Die vielgestaltige litterarische Bewegung, welche Deutschland um die Wende des Jahrhunderts durchmachte, und deren Weite die Namen Kants und Goethes bezeichnen, erschien ihm, dem Ausländer, der ferne genug stand, als ein Ganzes. Ohne Kantianer zu sein, ohne Goethe in allem zu folgen, erklärte er jene Weisen Deutschlands für festgegründete Felsen inmitten eines Chaos, die zwar noch vereinzelt und ohne Zusammenhang daständen, aber doch Pfeiler, um die ein neues Festland aufsteigen könne. Die deutsche Litteratur ist die positive Fortsetzung der Reformation, wie die französische Revolution ihre negative war. Sie ist daher ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, an dem der Jüngling und Mann sich aufrichtete, dem der Greis den politischen Aufschwung Deutschlands noch zur Seite stellte. Der Zustand des Unglaubens, sagt er, lastet wie ein Alpdruck auf dem gröfseren Teile Europas, nur Deutschland hat in gewissen Grade ihn überwunden, obschon alle Nationen — jede in ihrer Weise — empfinden, dafs das erste aller moralischen Probleme es ist, diesen Zustand abzuschütteln oder sich darüber zu erheben 1 . 1 Miscellaneous Essays I, 254. — 241 — Carlyle fühlte sich mit den Deutschen seiner Zeit mehr geistesverwandt als mit den zeitgenössischen Denkern seiner Heimat. So wurde er der grofse Vermittler deutscher Ideen in England, eine Aufgabe, welche nicht leicht war bei dem I Einflüsse, den bisher die Franzosen und die dem „Germanisten" entgegengesetzte utilitarisehe Philosophie daselbst behauptet hatten. Ja zeitweise hat die Erfüllung dieser Aufgabe Carlyle geradezu in eine materielle Notlage versetzt — denken wir an den buchhändlerischen Mifserfolg des Sartor Resartus — indem sie ihn in den Ruf eines „Mystikers" und „Phantasten" brachte. Aber seine Bemühungen wurden dadurch nicht vermindert: „dreifsig Millionen Menschen", sagt er, „welche dieselbe alte Sachsensprache reden, und in demselben alten Sachsengeiste denken wie wir, sollten von uns zu den Rechten der Bruderschaft zugelassen werden, die sie seit lange verdienen und unter deren Verweigerung wir hauptsächlich leiden 1 ." Nicht das ästhetische Moment ist es, welches Carlyle bei der deutschen Litteratur anzieht, nicht das Interesse, welches nach Jahrhunderte langer Vorbereitung die kurze Blüteperiode der Litteratur eines Kulturvolkes wachruft. Carlyle ist eine durchaus unkünstlerische Natur und zu sehr von dem Ernste der Zeitprobleme erfüllt. Wir haben also der Frage näher zu treten, wodurch für Carlyle die deutsche Litteratur eine Bedeutung in Beziehung auf jene beanspruchen kann. Carlyle legt in erster Linie Gewicht auf die kritische Philosophie, wie sie durch Kants grofse Werke begonnen, immer weiter sich verzweigt, immer mächtiger auch über die Grenzen Deutschlands hinaus um sich gegriffen hat. Carlyle sieht in folgenden Punkten die Verdienste der von ihr ein- 1 Miscellaneous Essays I, S. 314. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 16 geleiteten Bewegung. Durch die Lehre der subjektiven Geltung von Raum und Zeit hat Kant den Völkern Europas ein Gut zurückgegeben, welches sie einst besessen aber im Laufe der letzten Jahrhunderte verloren hatten: den Idealismus. Carlyle teilt vollständig den idealistischen Standpunkt und dieser ist die Grundlage, auf der sich sein ganzes Gedankenleben aufbaut. Er erhebt die deutsche Philosophie deswegen, weil sie die mechanische Weltanschauung überwunden habe, welche zwar noch eine langwierige Aufgabe zu erfüllen haben möge, die zu den Massen jetzt hinabgesunken, aber doch für die besseren Köpfe endgültig veraltet sei. Dagegen beweist schon jene Auffassung, dafs es sich für Carlyle nicht um eine durchaus neue, von Kant ausgegangene Entdeckung handelt, dafs er nicht im eigentlichen Sinne als von jenem abhängig zu betrachten ist 1 . Für Carlyle ist der Grundgedanke der idealistischen Philosophie uralt. Nicht nur der Mysticismus im Christentum, sondern die christliche Religion, wie in beschränkterem Grade jede Religion überhaupt, beruht auf der Annahme, dafs die Sinnenwelt nur eine beschränkte, untergeordnete Gültigkeit habe gegenüber einer transcendenten, durch den Verstand nicht fafsbaren Realität 2 . Nur hierdurch hatten die Religionen den Individualismus überwunden, indem jedes 1 Vergl. den Brief an Dr. Chalmers vom 20. Februar 1847, abgedruckt bei Fiscber, Sartor Resartus S. 60, Leipzig 1882. „Für mich wenigstens hat die deutsche transcendentale Philosophie den schottischen und französischen Skepticismus sozusagen verschlungen und verdrängt. Die ganze unfruchtbare Welt von Spinnweben, worin ich jahrelang in blindem, leidenschaftlichem Forschungstriebe mein Leben verlor, ist jetzt total vernichtet, so dafs ich durch die unaussprechliche Gnade des Himmels von Neuem und mit meinen eigenen Augen über das Universum ausschauen kann". 2 Miscellaneous Essays I, S. 278. Ganz ähnlich H. Spencer. Vergl. Schlufsanmerkung zu Kapitel V. altruistische Thun den Glauben an aufserindividuelle Werte voraussetzt und eben in der Annahme solcher Werte das unbewufste Zugeständnis liegt, dafs das der Sinnenwelt ungehörige Individuum und damit diese selbst nicht einen unbedingten, sondern nur einen relativen Mafsstab abgeben könne. In Formen, wie sie der Denkweise ihrer Zeit angemessen waren, hatten die Religionen die idealistische Grundanschauung gefafst. Dann als diese Formen veralteten, hatte man versucht, sie, die gar nicht dem Gebiete des Denkens entstammten, gedankenmäfsig zu begründen, womöglich zu beweisen. Dies war das Bestreben der spekulativen Metaphysik, jener „chronischen Krankheit des menschlichen Geistes". Zunächst war es eine konstruktive Spekulation gewesen, welche ein Theorem des Universums auszusinnen und durchzuführen sich bemühte : — unbewufst noch unter dem Einflüsse der überkommenen religiösen Vorstellungen. Bald aber ward man inne, wie vergeblich jene Versuche seien; das mit Mühe aufgebaute und kunstvoll gestützte Theorem entsprach bald nicht mehr der stets sich erweiternden Welt der Erscheinungen. Hiermit setzt die skeptische Philosophie ein, deren Werk das Nieder- reifsen der überkommenen religiösen und sittlichen Vorstellungen ist. Sie „von Pyrrho bis auf Hiune und die unzähligen jüngeren Humes" leitet eine negative Periode ein, welche zunächst für die geistige, sodann für die sociale Organisation Auflösung bedeutet. Ihre Vollendung ist, wie oben gezeigt, die materialistische und Militärische Weltanschauung. In jener neuen von Deutschland ausgehenden Bewegung ist aber die ganze vorhergehende Spekulation, sowohl die noch konstruktive als die ihr folgende destruktive innerlich überwunden, und damit jener negativen Periode des menschlichen Denkens ein Ziel gesetzt. Der Grund davon ist der, dafs sie die vorhergehende Philosophie nicht im einzelnen zu 16* —• 244 — widerlegen sucht, vielmehr dieselbe in sich aufnimmt. Einerseits giebt sie zu, dafs die sinnliche Erfahrung allein Gegenstand der Erkenntnis sei, sie gesteht damit die erkenntnistheoretische Berechtigung der materialistischen Weltbetrachtung zu. Andererseits aber stellt sie doch diese Berechtigung als eine relative fest und hebt damit den Materialismus als Weltanschauung auf; sie begründet so die Möglichkeit eines Glaubens. Dabei aber schneidet sie ein für alle mal den Versuch ab, den Glauben verstandesgemäfs zu beweisen. Sie hebt alle spekulative Metaphysik auf, und leitet, um den berühmt gewordenen Ausdruck Comtes zu gebrauchen, mit dessen Gedanken auch hier Carlyle sich enge berührt, eine Periode des „Positivismus" ein; sie bildet in Carlyleschem Ausdruck die „Euthanasie der Metaphysik" E Carlyle braucht folgenden Vergleich, um die Bedeutung der neuen Richtung darzulegen: die bisherige Philosophie, wie sie in England und Frankreich noch herrsche, bedeute einen stets erfolglosen Versuch des Geistes, sich über den Geist zu erheben, ihn einzuschliefsen und zu umfassen, ähnlich wie der stärkste Athlet sich stets vergeblich bemühen würde, den eigenen Körper mit seinen Armen zu umfassen und empor zu heben. Jener irische Heilige sei zwar über den Kanal geschwommen und habe dabei seinen Kopf zwischen den Zähnen gehalten, aber noch keiner habe es ihm nachgemacht. Der einzige Dienst vielmehr, den man jenem Athleten leisten könne, bestehe darin, ihn zu bewegen, aus seiner lähmenden Positur herauszutreten und eine freie, natürliche Stellung einzunehmen 2 . Einen ähnlichen Dienst hat die von den Deutschen eingeleitete Bewegung dem menschliehen Geiste geleistet. In ihr erreicht der Skepticismus den Punkt, wo die Negation sich selbst aufhebt, wo es als ein 1 Briefe an Emerson Bd. I, S. 67. - Yergl. Kretzschmar II, S. 251. notwendigerweise unfruchtbares Bemühen erkannt wird, „die Überzeugung aus der Verneinung zu deducieren". „Wie soll man", fragt Carlyle, „durch blofses Untersuchen und Verwerfen dessen, was nicht ist, jemals die Kenntnis dessen erlangen, was ist? Die Spekulation mufs ebenso, wie sie mit dem Nein beginnt, auch notwendig mit dem Nein enden; sie bewegt sieh in endlosen Zirkeln und schafft und verschlingt sich selbst 1 ." Carlyles positivistischer Standpunkt zeigt sich z. B. in seinem Leben Sterlings. Dieser, ein feinfühlender und hochbegabter Geist, hatte den Versuch gemacht, eine religiöse Weltanschauung durch spekulative Mittel, und zwar gerade durch solche, die Kant und den Deutschen entlehnt waren, verstandesgemäfs zu begründen. Carlyle mifsbilligt diesen Versuch als den eines schwachen, nach der Seite des Willens nicht genügend begabten Geistes, der nicht den Mut hatte sich einzugestehen, dafs er glaube und nicht erkenne. Noch schärfer wendet er sich gegen den Lehrer Steiiings, den seiner Zeit in England wohlbekannten Philosophen Cole- ridge. Er verurteilt als „Mondschein-Philosophie", „logische Alchemie" etc., die Bemühungen desselben, — unter Mifs- anwendung der Kantschen Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft — Hirngespinnste wieder einzuschmuggeln, die womöglich noch gewagter seien, als die der alten spekulativen Philosophie. Ganz eben so hätte Carlyle gegen die deutschen Fortbilder Kants sein müssen. Ja, diesem selbst ist er durchaus nicht überall hin gefolgt. Mit Vorliebe trägt er Kantische Lehren in einer indirekten Bedeform vor, welche sie als fremde und nicht unbestreitbare erscheinen läfst. Das Verdienst jener 1 Vergl. Kretzschmar II, S. 237. Es ist dies der Carlylesche Ausdruck für die Relativität aller Erkenntnis, den Grundgedanken jedes Positivismus. S i BR bä von Deutseliland ausgehenden litterarischen Bewegung liegt eben für Carlyle nicht in einer abgeschlossenen Leistung, nicht in unangreifbaren Sätzen — wann hätte der menschliche Geist solche je hervorgebracht? Aber sie bedeutet, wenn auch noch reich verquickt mit Elementen der alten Zeit — das Aufdämmern einer neuen Periode des menschlichen Denkens. Bis hierhin geht zugleich die Berührung Carlyles mit Comte. Aber wenn Carlyle trotzdem Comte auf das heftigste angreift, wenn er in ihm — vielleicht, weil er ihn nicht genügend kannte — nichts als einen Verbreiter der materialistischen Weltanschauung erblickt, so hat das seinen Grund in der Verschiedenheit der Riehtungen, die beide Denker von einer ähnlichen Grundlage aus einschlagen. Beide erkennen an,' dafs der menschliche Verstand sich bisher auf Gebieten bewegt habe, die ihm seinem Wesen nach nicht zustehen. Comte nun beschränkt die Aufgabe der Erkenntnis darauf, das Material der sinnlichen Erfahrung zu ordnen; denn mehr vermöge der menschliche Geist nicht 1 . Weit verschieden davon ist der Standpunkt Carlyles. Bei der Darstellung desselben ist der Umstand erschwerend, dafs dem Engländer vollständig abgeht, worin gerade die Stärke des Franzosen liegt: formelle Präcision und systematische Klarheit. Hier wie überall sind wir auf einzelne, in vierzig Bänden zerstreute Bemerkungen angewiesen. Nach Carlyle besteht eine doppelte Möglichkeit: entweder mit jener relativen Erkenntnis sich zu begnügen und damit in der Sinnenwelt allein zu leben oder die relative Erkenntnis auf ein Absolutes zu beziehen, welches natürlich nur, wie oben gezeigt, in symbo- 1 Er ist gewifs nicht in dem Sinne Materialist, dafs für ihn der Stoff eine absolute Realität besitzt. Vergl. unten Kap. Y, Abschn. 1. — 247 — lischer Form und sinnlichem Stoff gefafst werden kann. Wie die Wahl ausfällt, ist aber — und dies betont Carlyle wiederholt — gar nicht Sache der Erkenntnis, vielmehr eine rein moralische, beziehungsweise geschichtliche Frage. Derjenige, dessen Wollen im Individualismus befangen ist, geht den ersten Weg. Derjenige dagegen, der durch den Einflufs seines Lebensschicksals und seiner Zeit vom eigenen Selbst abgewendet worden ist, wird sich für die zweite Möglichkeit entscheiden. Das erste ist die Weltanschauung negativer, das zweite die positiver Zeiten. In der Gegenwart war nun aber bisher eine Entscheidung in letzterem Sinne erschwert, ja finden denkenden Geist fast unmöglich gewesen. Die Begriffe, deren das altruistische oder sociale Wollen zu seiner Zielsetzung sich bediente, waren durch den skeptischen Geist, einer nach dem andern, zerstört worden. So war dieses nur noch in Kreisen möglich gewesen, in denen vergangene Zeiten fortlebten. Aber auch sie wurden mehr und mehr von dem zersetzenden Hauche der Zeit berührt. Nunmehr ist in dieser Entwicklung ein Wendepunkt eingetreten. Man hat die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens festgestellt; man hat eingesehen, dafs nur die äufsere Form der socialen Symbole, die Art und Weise, in der ihr transcendenter Inhalt gefafst ist, dem Gebiet der Erkenntnis angehöre und daher der Kritik seitens des Verstandes ausgesetzt sei, dafs dagegen ihr Inhalt von diesen Angriffen unberührt bleibe. Man hat damit neben dem Individualismus auch die Berechtigung einer über das Individuum hinausgehenden Zielsetzung zugeben müssen und vom Verstandesstandpunkt aus weder die eine noch die andere Möglichkeit bejahen können. Damit aber ist es für den Einzelnen wieder möglich geworden, in innerer Entwicklung vom Individualismus ohne das Opfer des Intellekts zum Altruismus — 248 zu gelangen. Es ist nunmehr zu erwarten, däfs der Auf- lösungsprozel's der überkommenen Symbole verlangsamt werde, und was noch wichtiger ist, dai's an Stelle des zerstörten nicht Leere treten, sondern neue Symbole sich entwickeln werden — die Voraussetzung des socialen Wollens und damit der socialen Organisation der Menschheit. Wenn Carlyle das altruistische Wollen „Religion" und die daraus entspringende Annahme von überindividuellen Werten „Glauben" nennt, so wird hiermit der Ausspruch verständlich: dafs mit der litterarischen Bewegung in Deutschland der Glaube wieder möglich geworden, eine neue und zeitgemäfse Offenbarung des Göttlichen für Europa erschienen sei. „In dem weitreichenden Strudel der Kantschen Philosophie, die bald in eine Fichtesche, Schellingsche, Hegeische, Cousinsche u. s. w. überging, ist der Ausgang sichtbar genug, nämlich der, dafs der Skepticismus und der Materialismus, an und für sieh notwendige Erscheinungen in der europäischen Kultur, versehwinden und ein Glaube für den wissenschaftliehen Geist wieder möglich, ja unvermeidlich geworden ist und das Wort Freigeist nicht mehr den Leugner oder Grübler, sondern den Glaubenden und den bedeutet, der zum Glauben bereit ist. Ja, in der höheren Litteratur Deutschlands liegt schon für den, der sie lesen kann, der Anfang einer neuen Offenbarung des Göttlichen. Bis jetzt ist es noch nicht von der grofsen Masse anerkannt, aber es wartet auf Anerkennung und wird diese sicherlich finden, wenn die geeignete Stunde kommt. Dieses Zeitalter ist auch nicht ganz ohne seine Propheten" L In der That, die Deutschen haben nicht nur den Glauben wieder möglich gemacht, sondern ihrerseits auch den entscheidenden Schritt gethan. Ihr Standpunkt, der von speku- 1 Vergl. Miscellaneous Essays, Band Characteristics. 249 — lativen Abirrungen abgesehen als auf Kantiseher Grundlage beruhend positivistisch ist, ist zugleich positiv. Der Beweis hierfür ist ihr Idealismus. Letzterer ist nicht etwa verstandes- gemäfs darzuthun; die von den Deutschen versuchten Beweise sind nichts weniger als stichhaltig. Vielmehr kann der Verstand die idealistische Weltanschauung der materialistischen nur als gleichberechtigt zur Seite stellen; die Wahl der ersteren und die Verwerfung der letzteren ist Sache des Willens. In noch höherem Mafse gilt das Gleiche beziehentlich der moralischen Grundauffassung, dieses entscheidenden Punktes jeder Philosophie. Auch hier stehen zwei Möglichkeiten einander gegenüber, unter denen die Wahl nicht Sache der Erkenntnis, sondern des Willens ist. Auf der einen Seite steht die utilitarische Moral, deren Mafsstab das Individuum ist; sie geht daher nicht über die Sinnenwelt hinaus und legt ihr somit absolute Bedeutung bei. Auf der andern Seite steht die altruistische Moral, welche das Ziel des menschlichen Wollens über das Individuum hinaus verlegt. Die Sinnenwelt ist für sie nur relativ und das Princip der Moral aus ihr unableitbar, d. h. dem Gebiet der Erkenntnis entzogen. Darin, dafs die Deutschen den Schritt vom negativen zum positiven Standpunkt gethan haben, liegt die tiefste und eigentliche Bedeutung der von ihnen eingeleiteten Bewegung. Zwar ist Kant in seiner Ethik noch durchaus von dem Individualismus seiner Zeit befangen. Aber das wichtige ist, dafs er jeden utilitarischen Erklärungsversuch ablehnt und dafs er die Unbegreiflichkeit des moralischen Gesetzes feststellt. „Zwei Dinge", sagt Kant, „erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir": beides die Punkte, an denen dem Menschen am unmittelbarsten die — 250 — Beziehung der relativen Sinnenwelt auf eine Übersinnlichkeit zum Bewufstsein kommt. Damit ist dem Individualismus seine Grundlage entzogen, indem das Individuum nicht mehr als alleiniges Ziel des menschlichen Wollens aufgefafst wird. Eine individualistische Gesellschaftsauffassung mit einer antiutilitarischen Moraldoctrin zu verbinden, war ein Widerspruch, über welchen Kant sich nur vermittelst des rein formalen Charakters seines Moralprincips hinwegsetzen konnte — ein Widerspruch freilich, der in der Zeit lag. Denn nicht als Vollender, sondern vielmehr als Vorläufer einer neuen Periode des menschlichen Denkens ist Kant anzusehen — daher selbst vielfach noch den Anschauungen der alten Zeit unterworfen. Aber schon hat sich die antiutilitarische Auffassung der Moral allenthalben zur Geltung gebracht — zuerst verknüpft mit reaktionären Neubelebungsversuchen der christlichen Religion, welche später jedoch nach Carlyle auf dieser Grundlage wieder „möglich sein", d. h. eine zeitgemäfse Form wieder annehmen wird L Mit einer solchen Entwicklung aber mufs die individualistische Gesellschaftsauffassung' als unvereinbar erkannt werden, indem der Mensch sich wieder als von aufser und über ihm stehenden Werten bedingt auffassen wird. Noch freilich ist dieser Standpunkt auf den Kreis weniger Auserwählter beschränkt. Aber stets war es so mit grofsen moralischen Bewegungen, welche das wichtigste in der menschlichen Geschichte sind. Erst allmählich werden die Massen von den Wellen ergriffen, die ursprünglich von einem Punkte ausgehen und die Zukunft gestalten. So liegen hier — noch vielfach unbeachtet — die „organischen Keime", welche die Masse des Schuttes, aus dem die Gesellschaft der Gegenwart besteht, mit neuem Leben durchsetzen werden. Äufserlich 1 Vergl. Kap. IV, Abschn. 1 sowie Miscellaneous Essays I, S. 98. mm wird sich das darstellen in einer Zusammenfassung der gegenwärtig isolierten Individuen zu einem lebensvollen Neuaufbau von Gesamtpersonen über den Einzelpersonen. Denn allein das sociale "Wollen ist die Voraussetzung wirklich lebender socialer Gebilde, während alles individualistische Wollen Auflösung derselben bedeutet. Erst von diesem Standpunkt aus wird es verständlich, wie Carlyle die litterarische Bewegung Deutschlands als den „Exponenten" der Revolution bezeichnen kann. Beides sind die grofsen Zeichen, unter denen unsere Zeit steht. Auf dem Gebiete der äufseren Formen herrscht die Revolution, d. h. die Zerstörung; auf dem der inneren Formen, d. h. dem des Geisteslebens, folgt dagegen auf eine Periode der Zerstörung bereits heute eine solche des Aufbaues. Schon aus dem Vorhergehenden ergiebt sich, wie wenig Carlyle im eigentlichen Sinne ein Anhänger der Kantischen oder einer von ihr abhängigen Philosophie ist. Noch mehr erhellt dies aus seiner Stellung zu Goethe 1 . Wenn diesen ein späterer Denker 2 als den Riesenbruder Kants bezeichnet, der ihm sowohl im Jahrhundert als in der Nation allein zur Seite zu stellen sei, so geht Carlyle noch weiter. Er sieht in beiden Vorläufer einer neuen positivistischen und positiven Periode und es kommt ihm hierbei die Entfernung seines Standortes zu Gute, von dem aus ihm Richtungen und Dinge unter einem Gesichtspunkte erscheinen, während der Näherstehende lediglich ihre Verschiedenheiten erkennt. Wenn die 1 Über Goethes Stellung und Einflufs gegenüber den socialen Richtungen des Jahrhunderts vergl. F. Gregorovius, Wilhelm Meister, A. Jung, Goethes Wanderjahre, Karl Grün, Goethe vom menschlichen Standpunkt, Varnhagen von Ense, Denkwürdigkeiten Bd. I und die bei den drei ersten angeführte Litteratur. 2 Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung S. 627. Leipzig 1877. — 252 — Ideen Kants, selber vielfach noch von der alten Zeit beein- flufst, sich klärend, in allmählicher und vielgestaltiger Entwicklung das Denken Europas umgestalten, so hat Goethe — in beschränktem Masse natürlich — bereits den neuen, wahrhaft modernen Menschen verkörpert. Seine innere Geschichte ist das „Vorbild der Geschichte unserer Zeit" überhaupt; er allein ist dazu gelangt, ihre Widersprüche voll durchzuleben und zu überwinden und innere Klarheit und Gesundheit, jene Einheit und Harmonie des Wesens zu erreichen, wie sie in früheren, gläubigen Perioden vielen beschieden war, heute dagegen nur wenigen und keinem in gleich hohem Grade wie ihm zu Teil ward. Er hat „in Frömmigkeit und doch ohne Blindheit", vielmehr im Vollbesitz der Bildung seiner Zeit, „in unüberwindlicher Standhaftigkeit für das Recht und dennoch ohne stürmische Erbitterung gegen das Unrecht, wie ein antiker Held und dennoch mit der Vielseitigkeit und vermehrten Begabung eines modernen" gelebt. So ist er den Weg vorangegangen, den wir nachgehen müssen: „der wichtigste Deutsche nach Luther" Dieses Urteil über Goethe ist von der dichterischen Gröfse Goethes ganz unbeeinflufst. Carlyle urteilt nie ästhetisch, sondern stets socialpolitisch, d. h. bei jeder Erscheinung interessiert ihn ausschliefslich, in welcher Weise sie —• ob positiv oder negativ — auf die Gesellschaft der Gegenwart einwirkt. Von diesem Gesichtspunkt allein ist seine Stellung zu Goethe verständlich. Goethe hatte sich in seiner Jugend ganz mit dem Geiste seiner Zeit erfüllt; er war wie die andern ein Zerstörer, für den es keine Autorität gab. Infolge hiervon war sein Denken damals, wie das seiner Zeit, durchaus individualistisch und Miscellaneous Essays I, S. 238. — 253 — von hieraus gelangte er, wie tiefere Naturen überhaupt, zu jener Stimmung der Verzweifelung, in die er tief hinabtauchte, und die ihn sogar dem Gedanken des Selbstmords nahe brachte. Ein Denkmal dieser ersten skeptischen Periode in Goethes Leben ist hauptsächlich der „Werther", dessen Grundstimmung, wie Carlyle hervorhebt, noch nirgends in Europa veraltet ist, die in Byron wieder auflebte und heute in veränderter Form als moderner Pessimismus die Massen ergreift. Im Laufe seiner Entwicklung aber hat Goethe diesen Standpunkt verlassen; unter schweren inneren Kämpfen gelangt er allmählich zu einer Denkweise, die der seiner Jugend durchaus entgegengesetzt ist. Sie trägt vielmehr alle Merkmale, die einer positiven Zeitrichtung eigen zu sein pflegen, ohne jedoch einen Rückfall in vergangene Anschauungen zu bedeuten. Wenn jene erste Periode in Goethes Leben als die „skeptische" bezeichnet werden kann, so nennt Carlyle diese letzte Periode die „christliche" L Für Carlyle besteht die Bedeutung Goethes darin, dafs er, der ursprünglich pessimistisch und revolutionär gestimmt war, sich zu einem Standpunkt durcharbeitete, von dem aus ihm die Welt „nicht nur erträglich, sondern voll von Erhabenheit und Lieblichkeit" erschien, von dem aus er „die Schärfe und den Witz eines Voltaire mit der Ergebenheit eines Fenelon" vereinigte 2 . Also die Weltanschauung des alten Goethe ist es, welcher Carlyle jene oben besprochene vorbildliche Bedeutung beilegt — gewifs nicht zu Unrecht, wenn man bedenkt, durch wie unzählige Kanäle Goethesche Gedanken unserem Geschlechte vermittelt wurden, wie ferner, wenn nicht von Goethe hervor- 1 Vergl. Miscellaneous Essays IV, S. 160 ff. 2 Miscellaneous Essays I, S. 247. gerufen, so doch aus ähnlichen Voraussetzungen heraus sich allenthalben ähnliche Anschauungen entwickeln. Die Eigentümlichkeiten der Goetheschen Weltanschauung, durch welche sie für die Zukunft so bedeutungsvoll erscheint, bestehen einmal darin, dafs sie die nämlichen grofsen Züge an sich trägt, welche, wie oben gesehen, die philosophische Bewegung Deutschlands überhaupt zeigt: sie ist einmal positivistisch und sodann positiv. 1. Goethe steht außerhalb des Bereiches der spekulativen Philosophie, welche bis um die Wende des Jahrhunderts ziemlich unbeschränkt herrschte. Er hat nie versucht, überkommene Glaubensvorstellungen verstandesgemäfs zu beweisen. Jede Spekulation lag ihm fern; jede Bemühung, hinter oder über der Welt der sinnlichen Erfahrung weitere Gebiete der Erkenntnis aufzuschliefsen, schien ihm unfruchtbar. Er hat „nie über das Denken nachgedacht", d. h. nie versucht sich als Subjekt über das Subjekt zu erheben. Daher seine Vorliebe für die exakte Naturwissenschaft, welche bereits am meisten von allen Wissenschaften die metaphysischen Begriffe abgestofsen hat — ein Prozefs, welcher heute das Gebiet der gesamten Wissenschaft ergreift. Des weiteren zeigt sich Goethes positivistischer Standpunkt aber darin, dafs er der auf ihrem Gebiete ausschliefs- lich gültigen, erfahrungsmäfsigen Erkenntnis keinen absoluten Wert einräumt. Ist es doch gerade der Grundgedanke des Faust, dafs es für den Menschen nicht das höchste sei, das All mit seinem Verstände zu umspannen. Gerade das Bestreben, die Erde zu verlassen und sich zu einer gottesgleichen Höhe der Erkenntnis zu erheben, bringt vielmehr über Faust die Qualen tiefster Zerrissenheit. Durch ein langes und vielverschlungenes Leben, in welchem alle diejenigen äufseren Momente auf ihn einstürmen, die überhaupt heute für den sich entwickelnden — 255 — Menschen von Einflufs zu sein pflegen, wird dieser Vertreter unseres Geschlechtes zu der Einsicht geführt, dafs der Mensch nicht in der Erkenntnis, sondern in der Thätigkeit seine Befriedigung finde. „Das ist der Weisheit letzter Schlufs: „Nur der verdient die Freiheit wie das Leben, „Der täglich sie erobern mufs." Wie Aristoteles war eben Goethe, im Gegensatz zu den meisten seiner Zeit, der Überzeugung, dafs „das Ziel des Menschen Handeln nicht Gedanke sei". An häufigen Stellen seiner Werke spricht er das aus, so z. B. in seiner Kritik von Diderots „Versuch über die Malerei": „Der Mensch ist kein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wirkendes Wesen. Nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuen wir uns". Ähnlich sagt im Wilhelm Meister der Abb6, dem Goethe häufig die goldenen Worte der eigenen Weltweisheit in den Mund legt: „das erste und letzte am Menschen sei Thätigkeit" b Damit spricht Goethe aller spekulativen Philosophie, welche die absolute Wahrheit zu ergründen sich bemüht, das Todesurteil. Denn alsdann hat das ganze Gebiet der Erkenntnis nur relative Bedeutung und alles Theoretisieren, welches den Dienst des Lebens verlädst, „deutet auf Mangel oder Stockung der Produktionskraft hin". Nur in der Thätigkeit findet der Mensch Glück und Frieden, wie denn Goethe räth, in Trübsal und Anfechtungen des Lebens die Pflicht zu thun, die im Augenblick am nächsten liege. Wir haben im 1 Ähnlich heifst es in Wahrheit und Dichtung: „Im Leben komme alles aufs Thun an". Ferner Gespräch mit Eckermann vom 25. Oktober 1825: „Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen zu halten". Yergl. das vorhergehende und folgende daselbst. — 256 — vorhergehenden Kapitel bereits hervorgehoben, wie sehr diese Ansichten Goethes mit dem Standpunkt der heutigen Wissenschaft übereinstimmen, die einmal nur erfahrungsmäfsige Erkenntnis als solche anerkennt, sodann aber diese Erkenntnis als zum Zweck des Daseins entwickelt und dalier nur als relativ ansieht. 2. Zum zweiten aber ist Goethe positiv, d. h. von den positivistischen Voraussetzungen aus ist seine Weltanschauung nicht materialistisch und utilitarisch, sondern idealistisch und religiös. Wie wenig ihm einerseits ein Buch wie das Jacobis „von den Göttlichen Dingen" „wohl machte", so sehr ist er doch andererseits von der Herrschaft der materialistischen Aufklärung freigeblieben. Schon in seiner Jugend, so erzählt er, seien die Lehren der französischen Encyklopädisten ihm „greisenhaft" vorgekommen. Wie wissenschaftlich er immer die Natur betrachtete, wie sehr ihm jede Einmischung metaphysischer Wesenheiten in die durch die Erfahrung festgestellten Erscheinungen widerstrebte, so konnte er doch die Natur nicht absolut denken, sondern nur in Beziehung auf eine jenseitige, dem Gebiet der Erkenntnis entrückte Welt. Die Natur war ihm die „Gott-Natur". Diese Anschauung stand ihm so unverbrüchlich fest, dafs er dieselbe bei Gelegenheit der Besprechung eben jenes Jacobischen Buches für „den Grund seiner ganzen Existenz" erklärte. Es ist hier nicht der Ort, die Fülle von Ansprüchen anzuführen, in denen Goethe die soeben bezeichnete Anschauung ausspricht 1 . Da- 1 Erinnert sei hier allein an jene für ihn ebenso bezeichnende wie merkwürdige Geschichte, die Eckermann anführt (Gespräch vom 29. Mai 1831). Derselbe erzählt, dafs ihn die elterliche Liebe einer Grasmücke, welche in die Gefangenschaft freiwillig zurückkehrte, um ihre Jungen zu füttern, innig gerührt habe. Er habe sein Erstaunen darüber Goethe ge- äufsert, dieser aber habe lächelnd erwidert: „Närrischer Mensch, wenn — 257 — gegen widerstrebte ihm jeder Versuch, mittelst der Spekulation in das Jenseits sich zu schwingen. „Wer darf ihn nennen, und wer bekennen: ich glaub' ihn" 1 ? Diese soeben vorgetragene Auffassung, welche mit einer klaren, entwicklungsgeschichtlichen Natur- und Weltbetrachtung in keinem Widerspruche steht, hängt auf das engste zusammen mit Goethes ethischer Grundüberzeugung. Diese letztere, wie sie in seinen späten und reifen Werken zum Ausdruck kommt, so besonders in den Wanderjahren, dem Faust, den Sprüchen in Prosa und den Gesprächen mit Eckermann ist durchaus antiutilitarisch. Wenn die Nützlichkeitsphilosophie behauptet, es sei das Ziel alles menschlichen Handelns, so viel als möglich die Summe des individuellen Leidens zu mindern und die der individuellen Lust zu erhöhen, so sieht Goethe dem gegenüber im Leiden nichts verabscheuenswertes, sondern ein „Fordernis des Heiligen", das man verehren und liebgewinnen müsse 2 . Wie ihm das Leben ein stetes und schweres Kämpfen erscheint, und jeder Tag „eine Bresche, die viele Menschen erstürmen", so ist er selber ein Ihr an Gott glaubtet, so würdet Ihr Euch darüber nicht verwundern". Liegt doch eben in dem Siege der Liebe über den Selbsterhaltungstrieb, hier wie überall, etwas durch den Verstand unauflösliches. Dieses unauflösliche pflegte Goethe auch als das dämonische in der Welt zu bezeichnen; er sah es überall wirksam, aber in grofsen Menschen mehr als anderswo. Ganz ähnlich Carlyle. 1 Wo Goethe von den göttlichen Dingen redet, spricht er nicht in Begriffen, sondern Bildern. So lebt jenes uralte Bild, das sich bereits in der indischen Mythologie findet, von der Welt als „dem lebendigen Kleide der Gottheit" für ihn wieder auf. So wurde ihm alles Vergängliche seiher zum Gleichnis, und gerade, um dies anzudeuten, mochten ihm jene pantheistischen Anklänge, wie sie sich häufig hei ihm finden, sich geeignet erweisen. 2 Wandeijahre II, Kap. 1. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 17 — 258 — Kämpfer gewesen, der es sich im Leben „hat sauer werden lassen". Entsagung und Selbstbeschränkung lehrt nach Goethe das Leben, so wie denn jene Wanderer, durch verwickelte Schicksale hindurch geführt, zuletzt zu „Entsagenden" werden — aber nicht Entsagung im Sinne der Weltflucht und Ascese. Wir haben vielmehr oben gesehen, wie Thätigkeit für Goethe der Zweck des menschlichen Lebens ist. Nach dem soeben ausgeführten nun ist diese Thätigkeit aber nicht auf das eigene Dasein zu richten, nicht individualistisch; sie ist Thätigkeit im Dienste des Ganzen, also sociale Thätigkeit im weitesten Sinne. Hierauf beruht die in den Wanderjahren ausgeführte Vorstellung, dafs jeder nur „Verwalter" seines Besitzes sei, den er zu Gunsten des Ganzen zu verwalten habe. Zu diesem Besitz gehört nicht nur das Ererbte und Erworbene, sondern auch das Angeborene, das Talent. Jeder hat die ihm eigene Fähigkeit so auszubilden, dafs, wie Goethe sagt, keiner dem andern aber jeder dem höchsten gleich sei — auszubilden zu den Zwecken der Gemeinschaft. „Mache ein Organ aus dir", heifst es in den Wanderjahren, „und erwarte, was für eine Stelle dir die Menschheit im allgemeinen Leben zugestehen werde". Von diesem Standpunkt aus ist jede im socialen Sinne verrichtete Thätigkeit, „jede Arbeit gleich edel". Denn jeder wird ja als Organ des Ganzen thätig und durch ihn damit das Ganze. „Indem er eins tliut, thut er Alles". Goethes ethischer Standpunkt ist dem Individualismus durchaus entgegengesetzt. Aber wenn er die Erziehung des Einzelnen zum socialen Handeln für die Aufgabe der Menschheit hält, so ist er sich auch der inneren Bedingungen bewufst, ohne welche ein solches Fortschreiten unmöglich ist. Nicht individualistische Beweggründe nämlich können den Menschen zu socialem Thun antreiben, vielmehr müssen entsprechende, — 259 — altruistisch motivierende Ideen in ihm lebendig sein. Die Hingabe an solche ist das wichtigste für den Menschen, zugleich dasjenige, was ihm nicht angeboren wird, sondern was er durch das Leben erwerben mufs. Goethe bezeichnet sie unter dem Namen der „Ehrfurcht" — denn was ist diese anderes als die Hingabe der Menschen an geglaubte, über ihm stehende Werte — und sieht in der „Ehrfurcht" die eigentlich moralische Grundstimmung, aus der allein alles sociale Thun herfliefst. Durch die Religionen ward nach Goethe die Ehrfurcht dem Menschen vermittelt, und zwar im letzten und höchsten Mafse durch das Christentum. Mögen nun auch die Glaubensvorstellungen, welche den Gegenstand der Ehrfurcht darstellen, wechseln, ja als gesonderte Begriffe schwinden, immer bleibt als notwendige Voraussetzung jener moralischen Disposition des menschlichen Willens die Beziehung der sinnlichen Welt auf ein Übersinnliches, d. h. der Glaube 1 . „Alle Epochen", sagt Goethe in einer berühmt gewordenen Stelle, „in welchen der Glaube herrscht, sind glänzend, herzerhebend für Mitwelt und Nachwelt. Alle Epochen hingegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es auch sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze strahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag." 1 Hierin liegt der Grundunterschied zwischen Goethe und Carlyle einerseits und Comte andererseits. Alle drei sind Positivisten und Verteidiger einer antiindividualistischen Moral. Die ersten beiden jedoch halten die letztere für unmöglich ohne Bejahung überindividueller, also transcendenter Werte, Comte dagegen setzt als Ziel des altruistischen Wollens die „Menschheit", ohne sich bewufst zu werden, dafs er hiermit derselben ebenfalls einen dem Verstände unbeweisbaren, auf Glauben beruhenden Wert beilegt. Über die Stellung H. Spencers vergl. Kap. V Schlufsanm. 17* Jene gläubigen Perioden sind die des socialen Handelns, die ungläubigen die des Individualismus; in den ersten verhält sich der Mensch thätig, in den letzteren theoretisierend — alles Gedanken, an welche die Carlyleschen stark anklingen, so folgendes aus den Gesprächen mit Eckermann: „Alle im Rückschreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen sind subjektiv, dagegen haben aber alle fortschreitenden Epochen eine objektive Richtung. Unsere ganze jetzige Zeit ist eine rückschreitende, denn sie ist eine subjektive. — — Jedes tüchtige Bestreben wendet sich aus dem Innern hinaus auf die Welt, wie Sie an allen grofsen Epochen sehen, die wirklich im Streben und Vorschreiten begriffen und alle objektiver Natur waren". (Gespräch vom 29. Januar 1826.) Bemerkt sei noch, dafs jene Fähigkeit „die allgemeinen Begriffe" aufzufinden, welche Taine in der S. 105 angeführten Stelle als eigentümlichen Vorzug der deutschen Philosophie hervorhebt, mit dem, was Goethe die objektive Richtung einer Zeit nennt, zusammenzufallen scheint. Beide, Carlyle wie Goethe, empfanden also den negativen Charakter der Zeit, in welcher sie lebten — einer Zeit, die „das schlechte zu tadeln, aber nicht das gute zu thun", die „einzureifsen aber nicht aufzubauen" verstehe. Beide, Goethe in noch höherem Grade als Carlyle, sehen trotzdem hoffnungsvoll vorwärts. Man vergegenwärtige sich die harmonische Persönlichkeit Goethes, um zu wissen, dafs für ihn die Zukunft mit dem Fortschritt unlöslich verbunden war. Wie hätte er sonst überhaupt eine Utopie der Gesellschaft schreiben und dieselbe in die Zukunft verlegen können, wie hätte er den Vertreter des modernen Menschen, Faust nach langen Irrfahrten endlich doch der Erlösung zuführen können? Die Gewähr für die Zukunft fand er in dem, was er Religion und Christentum nannte, mit welchen Worten er allerdings einen — 261 — weiteren Begriff verband als den gemeiniglich gebrauchten 1 . Nicht nur dafs die christliche Religion „nach den gröfsten Verirrungen, in welche sie der dunkle Mensch hineinzog, ehe man sichs versieht, sich in ihrer ersten lieblichen Eigentümlichkeit — — —, zu Erquickung des sittlichen Menschenbedürfnisses , immer wieder hervorthut" 2 , in ihr hat die Menschheit auch eine Höhe erreicht, von der sie nicht wieder zurück kann. Goethe drückt dies dahin aus in jener bekannten Stelle der Wanderjahre: „Man darf sagen, dafs die christliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal göttlich verkörpert hat, nicht wieder aufgelöst zu werden vermag" 3 . Wie nun in den Wanderjahren die Religionen, und insbesondere die höchste von ihnen, die christliche, jenes Geschlecht der Zukunft zur „Ehrfurcht" erziehen, so erblickt Goethe in ihnen die Quelle, aus der die Menschheit Kraft zu neuem socialen Leben und Aufbau schöpfen wird, um den Einzelnen wieder dahin zu bringen, sich, wie er es ausdrückt, „zum Organ zu machen". Wenn augenblicklich die negativen Mächte die Oberhand zu gewinnen scheinen, so beruht dies im Grunde darauf, dafs wir uns augenblicklich in einem Übergangszeitalter befinden. Wenn nämlich die Menschheit den metaphysischen Zustand des Denkens nunmehr endgültig abstreift, so kann auch das Christentum nicht länger in Formen verharren, die jener Periode angehören. Während früher die dogmatische Fassung 1 Man vei'gl. hierzu jenes stolze Wort aus den Gesprächen mit Kanzler v. Müller (S. 138): „Wer ist denn heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob ihr mich gleich für einen Heiden haltet". • 2 Westöstlicher Divan, Noten zu Mamud Gasna. 3 Buch II, Kap. 1. Yergl. des weiteren die oben citierte Stelle aus dem Gespräche Goethes mit Eckermann vom 11. März 1832. — 262 — das Interesse der Menschen so sehr beherrschte, dafs verschiedene Lehrmeinungen selbst Kriege hervorzurufen imstande waren, so kann man beobachten, wie die Bedeutung, die jenen begrifflichen Unterscheidungen beigelegt wird, mehr und mehr schwindet. Alle verstandesgemäfsen Anfeindungen können dem Christentum auf die Dauer nicht schaden. Sein wahrer Kern wird aus den Kämpfen der Gegenwart um so klarer hervorgehen. „Auch werden wir alle", sagt Goethe, „nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens mehr und mehr zu einem Christentum der Gesinnung und That kommen". (Gespräch mit Eckermann vom 11. Mai 1832.) Wie weit aber auch dieser dogmatische Auflösungsprozefs fortschreite, der Untergang der metaphysischen Denkweise und das Aufblühen des Positivismus bedeutet nicht notwendig den Materialismus. Dasselbe gilt von den Erscheinungen der moralischen Welt. Auch hier ist man, mit Verlassen des dogmatisch christlichen Standpunktes, weder gezwungen noch berechtigt, eine mechanische, d. h. in diesem Fall utilitarische Erklärung eintreten zu lassen. Vielmehr kann man in ihnen so gut als in den Erscheinungen der Natur Offenbarungen eines Jenseits erblicken, wie dies nach Goethe alle produktiven Zeiten und Männer gethan haben. Wird doch in ganz hervorragender Weise gerade auf moralischem Gebiete der Mensch an jenen vom Verstände schlechterdings unauflöslichen Kern der Dinge erinnert. Es war hier nicht unsere Aufgabe, die Weltanschauung des alten Goethe darzulegen, eine Aufgabe, welche zu den schwersten aber auch lohnendsten gehören dürfte. Ebensowenig war es unsere Aufgabe, die Punkte, in denen Goethe und Carlvle auseinander gehen, hier näher zu beleuchten. Man hätte zu diesem Zweck, um den wichtigsten Gesichtspunkt anzugeben, auf Goethes Stellung zur Antike, auf die sich daraus ergebende — 263 Idee einer höheren Einheit des Guten und Schönen eingehen müssen — Anschauungen, denen Carlyle unzugänglich war, weil der finstere und strenge Geist seiner puritanischen Vorfahren nie völlig die Herrschaft über ihn verlor. Unsere ' Aufgabe war vielmehr die, Carlyles Urteil über Goethe zu begründen. Ausgehend von einer Einteilung aller menschlichen Geschichte in positive und negative Zeiten, hatte Carlyle der Gegenwart einen durchaus negativen Charakter beilegen zu müssen geglaubt. Dem gegenüber war ihm die Erscheinung Goethes das tröstlichste Zeichen der Zeit. Schien sich doch wieder eine positive Zeit anzukünden in jenem Manne, dessen Denken modern und dabei gläubig war und hoch über jener Aufklärung stand, die sich auf den Gassen des Besitzes der Zukunft rühmte. Von diesem Gesichtspunkte aus wird das folgende , Carlyles Stellung zu Goethe zusammenfassende Urteil verständlich 1 . „So stellt sich von unserm Gesichtspunkte aus Goethe als der Vereiniger und siegreiche Versöhner der zerfahrendsten, widerstreitendsten Elemente des zerfahrensten und zerrissensten Zeitalters dar, welches die Welt seit der Einführung der christlichen Religion gesehen, mit welcher alten chaotischen Ära der Weltkonfusion und Weltrefusion, der schwärzesten Finsternis, auf welche das Dämmern eines hohen und himmlischen Lichtes folgte, diese unsere jetzige wunderbare Ära in der That auch oft verglichen wird. Für das gläubige Herz aber darf keine Ära eine verzweiflungsvolle sein! Es liegt stets im Wesen der Finsternis, dafs ein neues edleres Licht darauf folgt, ja dafs sie ein solches erzeugt. Die Leiden und Widersprüche einer atheistischen Zeit, einer in Lasterhaftigkeit und i Unglauben versunkenen Welt, worin physisches Elend und 1 Miscellaneous Essays I, S. 47. die verzweiflungsvolle Desorganisation ganzer mit Unwissenheit und Not kämpfender Klassen nicht fehlen — alles dies tritt wie die Frage einer Sphinx vor jedes neugeborene, fühlende und begabte Herz; es ist ein Wirrsal, hei welchem es sich um Leben und Tod handelt. „Wehe dem Lande, dem in solchen Zeiten kein Prophet aufsteht, sondern nur Tadler, Satiriker und ironische Desperados , die das Übel nur schlimmer machen und im besten Falle ein Ende beschleunigen. Das alte Europa hatte seinen Tacitus und Iuvenal gehabt, aber diese richteten nichts aus! Auch das neue Europa hat seine Mirabeaus und Byrons, seine Napoleons und unzählige rotflammende Meteore gehabt, welche Pestilenz aus ihrem Haar schüttelten; Sündfluten und das Chaos sind wiedergekommen. Der klare Stern aber, der Vorbote des Tages, ist noch nicht erkannt worden. „Dafs in Goethe die Kraft lag, aus den Widersprüchen, zu welchen der Mensch geboren wird, eine Versöhnung anzubahnen, charakterisiert ihn als den starken Geist seiner Zeit. Das, was dieser Mann zu versöhnen ausersehen war, war das innere geistige Chaos, der Mittelpunkt aller äufseren und inneren Wirrsale, aus welchem die moralische, intellektuelle und sociale Zersetzung hervorgeht. — — Goethe wird dadurch nicht blofs für den gröfsten Mann seiner Zeit erklärt, sondern für einen Mann aller Zeiten, eine der Landmarken in der Geschichte der Menschheit". Aus dem vorhergehenden ergiebt sich, dafs für Carlvle die durch die Namen Kant und Goethe bezeichnete Gedankenbewegung von höchster Wichtigkeit war. Mufste er bei der Betrachtung der äufseren Ereignisse seiner Zeit fürchten, dafs eine gänzliche Auflösung sich vorbereite, so waren auf dein Gebiete der inneren Geschichte wieder Erscheinungen aufgetreten, die einen positiven Charakter an sich trugen und — 265 — auch für die äufsere Entwicklung einen Wendepunkt möglich erscheinen liefsen. „Ein grofses Werk geht in diesen Tagen vor sich, ist bereits begonnen worden, schreitet langsam voran und kann nicht leicht zum Stillstand gebracht werden kein geringeres Werk als die Wiederherstellung Gottes und dessen, was in den Traditionen und der Geschichte der Menschheit göttlich war, aber während langer heruntergekommener Jahrhunderte vergessen oder falsch erinnert wurde. Die wichtige, noch immer erhabene und gesegnete Thatsaehe von alledem, was man einst unter Gott und dem Göttlichen verstand, kämpft empor in der Seele des Menschen, wird sich herausschälen aus dem, was manche von uns — unehrerbietig in ihrer Ungeduld — das „alte hebräische Gewand" nennen und wird von neuem die Nationen segnen, sie von ihrer Niedrigkeit, ihren unerträglichen Wehen und dem Wahnsinn ihrer Irrfahrten befreien. Diese Thatsaehe wohnt nicht ausschliefs- lich oder in hervorragender Weise in hebräischen Kleidern, alten oder neuen, sondern im Herzen der Natur und des Menschen. Kants „zwei Dinge, die ihn mit Bewunderung erfüllen", sind ebenso wahrnehmbar wie zu Königsberg in Preul'sen zu Charing-Cross in London. Aller Augen werden sie allmählich besser erkennen und die Wenigen, die das Salz der Erde sind, werden sie zuletzt gut erkennen — mit Erfolgen für jedermann. Ein grofses Werk ist es in der That, vor dessen Gröfse jedes andere ins Nichts sinkt 1 ." B. Die äufseren Formen. Carlyle war zu sehr von der Abhängigkeit der äufseren von den inneren socialen Formen durchdrungen, als dafs er irgend einem jener Vorschläge hätte beipflichten können, 1 Miscellaneous Essays VI, S. 371. — 266 — mittelst deren man, sei es durch private Mafsnahmen, sei es durch staatlichen Eingriff, den morschen Gesellschaftsbau zu verjüngen hofft. Allen solchen Weltverbesserern gegenüber hat Carlyle immer wiederholt: um das Ganze zu reformieren, reformiere dich selbst, das ist das beste und wichtigste was du thun kannst; erhebe dich vom individualistischen zum socialen Dasein; mache aus dir, wie Goethe gesagt hat, ein Organ. Mit jedem anderen Reform versuche läfst du das Übel selbst unberührt, du unterdrückst nur Symptome ohne die Krankheit zu treffen. Hinter der Gröfse dieses Problems schienen ihm alle jene Reformvorschläge weit zurückzubleiben. Sie zeugten von einer kleinlichen und mechanischen Gesellschaftsauffassung ihrer Urheber. Welcher Verstand des Einzelwesens kann das Leben des über ihm stehenden Gesamtwesens umspannen? Wie kann der Einzelne also der Entwicklung die Wege weisen wollen? „Nicht der Intellekt Eines, sondern die vereinigte Anstrengung der Intellekte Aller wird die Zukunft gestalten", sagt Carlyle. Gerade wenn er als Greis seine Prophezeiungen eine nach der andern sich erfüllen sah, wurde ihm damit immer klarer, dafs die künftige Entwicklung weniger leicht und durchsichtig sein werde, als die Uti Ii tarier und ihre Genossen vermeinten. Jene schwatzten viel vom Fortschritt des Menschengeschlechts, als ob es nicht „ebenso gut einen Fortschritt zum Teufel wie zum Himmel" gäbe. Sie sahen Freiheit, Frieden und Glück sich im Europa des neunzehnten Jahrhunderts etablieren. Für Carlyle waren diese Dinge nicht von dieser Welt. Ihm war die Zukunft „nicht von Butter, sondern von Eisen". Andere „französische Revolutionen" schien die Zukunft im Schofse zu hegen mit „anderen Gerbereien für Menschenhaut gleich denen zu Meudon", wenn auch die optimistische Grundansicht immer wieder durchbricht. — 267 — Von solchen Gedanken bewegt, konnte Carlyle kein fertiges Rezept einer socialen Reform bereit halten. Aber wie sehr er auch von der Schwäche des Einzelnen den Weltgeschicken gegenüber durchdrungen war, so hielt er es doch für die Pflicht des Menschen, nicht die Hände in den Schofs zu legen, sondern zu handeln. Jeder Fatalismus war ihm fern. So ist Carlyle denn durchaus nicht arm an Vorschlägen social-politischer Natur. Dasjenige, dessen wir bedürfen, was wir früher bis zu einem gewissen Grade besafsen und heute nicht mehr besitzen, ist die „Organisation der Arbeit". Nachdem die Bande durchschnitten sind, die den einen mit dem anderen verknüpften, steht der Mensch isoliert in einem Einzelkampfe ums Dasein. Darum auf der einen Seite das Elend jener führerlosen Millionen. Auf der anderen Seite aber jagen die, welche zur Führerschaft berufen wären, dem Schein des Genusses, dem Gelde nach, nimmer des Glückes teilhaftig, wie viel Güter sie aufspeichern, und darum im Grunde so elend wie jene. Äufserlich nehmen sie die Stellen der Machthaber ein; thatsächlich aber sind sie machtlos. Denn wie sollten sie über jene Macht ausüben, mit denen sie nichts mehr verbindet? Dabei steht fest, dafs jene Methoden, welche bisher den Menschen mit dem Menschen verbanden, veraltet und endgültig unbrauchbar geworden sind, jene „Halsbandmethoden", wie sie Carlyle nennt. Dieselben als unmöglich festgestellt zu haben, ist die Bedeixtung der Demokratie, welche die harte, nicht zu unterdrückende Thatsache der Gegenwart ist. Da nun hinfort kein Mensch mehr der „Halsbandleibeigene" eines andern sein kann, die Menschen aber doch notwendig verbunden sein müssen, so müssen hierzu neue Methoden erfunden werden. „Denn der Mensch ist eben stets der geborene Leibeigene gewisser Menschen, der ge- borene Herrscher gewisser anderer, der geborene Gleiche gewisser noch anderer, möge er nun diese Thatsache anerkennen oder nicht. Es ist für ihn ein Unglück, wenn er sie nicht anerkennt; er befindet sich in einem chaotischen Zustande und schwebt in Gefahr unterzugehen." Daher denn das Problem unserer Zeit „die ungeheuerste Frage, die jemals bis jetzt der Menschheit gestellt worden ist", in der Verbindung der „unvermeidlichen Demokratie" mit der gleich „unvermeidlichen Souveränität" besteht. „Hierin liegt die Aufgabe von Jahrhunderten; man weil's nicht, ob sie gesegnet oder ungesegnet sein werden, je nachdem sie mit tapferm Streben darin Fortschritt machen oder mit träger Lügenhaftigkeit nur vom Fortschritt schwatzen. Denn entweder Fortschritt hierin oder Fortschritt zur Auflösung ist hinfort die Frage 1 ." Auf welchem Wege nun ist eine solche Verbindung möglich? Nur ein einziger Weg steht dazu olfen. Wir hahen oben gesehen, wie jede Gesellschaft sich auf ein mehr oder weniger kompliziertes Herrschaftsverhältnis zurückführen läfst, wie bei der hierdurch begründeten Verbindung der Menschen untereinander stets gewisse sociale Elemente in Betracht kommen, wie dieselben jedoch ursprünglich hinter der weit stärkeren Fessel des Zwangs fast verschwinden. Wir haben des weiteren erkannt, dafs bei fortschreitender Entwicklung die sociale Motivationsweise in den Vordergrund tritt, und die Bedeutung des Zwanges, welcher an das Motiv der Furcht, also den Individualismus im Menschen, appelliert, mehr und mehr abnimmt. Nun aber sind heute die „Halsbandmethoden" unmöglich. Daher ist die Gesellschaft nunmehr nur noch auf Grund gesteigerter socialer Motive möglich. Von 1 Yergl. Past and Present, Buch IY, Kap. 1. — 269 - diesem Standpunkt aus besteht die Krisis, die wir durchmachen, darin, dafs es sich heute um einen schweren und hochbedeutsamen Schritt in jener aufsteigenden Entwicklung handelt, welche die Geschichte der Menschheit bisher darstellt. Stillstehen giebt es nicht; entweder Sturz oder Erklimmen jener Höhe. Carlyle glaubt an das letztere, „der Phönix" wird sich besser und schöner aus seiner Asche erheben. Hierin also liegt der Kernpunkt der socialen Frage; ihre einzig mögliche Lösung besteht darin, dafs der Individualismus der heute die meisten beherrscht, zurückgedrängt und die altruistische Motivationsweise unter den Menschen wieder mächtig werde. Heute jagt alles nach dem Gelde, und wer auf die Höhen der Gesellschaft hinaufklimmt, sucht dort Genul's statt vermehrter Arbeit. Dagegen sind in allen gesunden Gesellschaftszuständen die Ehrenposten stets zugleich Posten der Schwierigkeit und der Gefahr. Carlyle ist sich darüber klar, dafs eine Änderung der Zeitanschauungen auf diesem Gebiete Voraussetzung aller Reformen ist. „Ich würde es für überflüssig erachten, die Regierung um Heilmittel anzugehen, wenn ich glaubte, dafs der Mammonismus hinfort das erste Princip unserer Existenz bleiben müsse. Die Regierung kann viel thun, aber sie kann keineswegs alles thun. Die Regierung ist als der hervorragendste Gegenstand in der Gesellschaft berufen, anzudeuten, was gethan werden / soll und dieses Thun in vielen Beziehungen zu überwachen, zu fördern und zu befehligen. Die Regierung aber kann bei allem Wegweisen und Befehlen nichts thun, dem die Gesellschaft radikal abgeneigt ist. Auf die Dauer ist jede Regierung das genaue Symbol ihres Volkes mit ihrer Weisheit und Unweisheit." Aussprüche, wie der eben angeführte, be- — 270 — stätigen, wie sehr Carlyle vom Staatssocialismus entfernt war. Das Gewissen seiner Zeitgenossen wachzurufen, es nicht im Mammons- und Phallusdienst ersterben zu lassen, das schien Carlyle die Aufgabe seines Lebens — eine höchst traurige und widerwärtige Aufgabe, welche ihm den Beruf eines Schriftstellers aufgezwungen hatte, dem er weniger geneigt war als jedem andern. Glücklicher wäre er, wie er annahm, als einfacher Arbeiter oder Pächter in seinem Heimatdorfe geworden. Aber wie hätte er sich einer Aufgabe entziehen können, die ihm, wie er meinte, von oben geworden war, die Wahrheit auszusprechen, dal's eine Gesellschaft, in der die Selbstsucht an Stelle der Selbstverleugnung trete, dem Untergange verfallen sei. „Er und der heilige Paulus", sagt Froude, „(denn ich weifs nicht, von wem sonst dasselbe gesagt werden kann) schrieben, als gingen sie mit einer über alles wichtigen Idee schwanger, von der sie unter vielen Leiden und Arbeiten erlöst zu sein wünschten." Wenn Carlyle den besitzenden Klassen ihre Pflichten gegenüber den minderbegünstigten ins Gedächtnis rief, so waren das Worte eines Mannes, der allem Selbstinteresse entsagt hatte, und dessen Leben in einer Idee aufging. Daher die Wucht und die Eindringlichkeit seiner Mahnungen. „Die eine auserwählte Klasse", sagt Carlyle, „ist durch die Gesellschaft mit Reichtum, Einsicht, freier Zeit ausgestattet: allen äufseren und inneren Mitteln zur Herrschaft. Die andere riesige Klasse, die mit nichts von alledem ausgestattet ist, erklärt, dal's sie regiert werden mufs. Das Negative steht gegenüber dem Positiven; wenn das Negative und das Positive sich nicht vereinigen können, so ist es für beide ein Unglück. Unzählige Dinge könnten unsere oberen Klassen und Gesetzgeber thun; aber die Vorbedingung von — 271 — alle dem ist, zu wissen, dafs sie etwas unbedingt thun müssen." In der Tliat liegt der Grund jeder socialrevolutio- nären Arbeiterpartei darin, dafs die Bande zwischen oberen und unteren Klassen zerrissen sind, dafs die oberen Klassen, die an sich dazu berufen sind, die öffentliche Meinung zu bilden, dieselbe einseitig im Interesse der Besitzenden bilden; daher eine öffentliche Meinung des Ganzen überhaupt nicht mehr besteht, vielmehr nur eine von Klassen. Reich und arm stehen sich alsdann wie zwei Nationen gegenüber, die Seite an Seite leben, aber anders fühlen und anders denken, und sich gegenseitig so unverständlich sind, „als wären sie in verschiedenen Zonen geboren". Dieser Zustand fand sich in England in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, ganz ebenso wie er seitdem in Deutschland sich entwickelt. Wir werden am Schlüsse dieses Buches sehen, ein wie grofser Umschwung seitdem in England erfolgt ist, zu welchem zweifelsohne Carlyle den Anstofs gegeben hat. Zu folgendem schönen Bilde veranlafst ihn dieser Gedankengang. „Wir führen euch", ruft er den oberen Klassen zu mit Beziehung auf die unteren, „an die Küste eines ungeheuren Festlandes und fragen euch, ob ihr es nicht mit euern eignen Augen sehen, ob ihr nicht durch fremdartige Anzeichen wahrnehmt, wie massig dunkel, unerforscht, unvermeidlich es daliegt. Ihr müfst es betreten. Zeit und Notwendigkeit haben euch hierhin gebracht, wo es keinen andern Ausweg giebt. Ihr mögt es betreten; wenn der erste Schritt einmal gethan ist, so wird der nächste schon klarer und alle künftigen Schritte möglich sein." Es ist unsere Aufgabe nicht, jene Stellen aufzuzählen, in denen Carlyle ähnliche Gedanken ausspricht, in denen er die thätige wie die unthätige Aristokratie seines Landes auffordert „sich mit diesem entsetzlichen, lebenden Chaos von Unwissenheit und — 272 — Hunger zu befreunden", in denen er sie daran erinnert, dafs „das Leben dem Menschen geschenkt wurde, damit er es mutig und männlich wieder hinwegschenke". Hervorzuheben ist nur, dafs hier der Punkt liegt, auf welchem Carlyle einen fast augenblicklichen, unberechenbaren Erfolg gehabt hat. Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist er als einer der einflufsreichsten von den Faktoren zu betrachten, welche im Laufe dieses Jahrhunderts jenen vollständigen Umschwung in der Stellung der oberen Klassen zu den unteren in England bewirkten. Carlyle predigt sociale Gesinnung. Aber dieselbe erschöpft sich für ihn nicht in philanthropischen Werken. Was er verlangt, ist eine Veränderung des Beweggrundes: ein Überwiegen der altruistischen gegenüber den individualistischen Motiven. Überall, bei jedem Geschäft kann und soll die sociale Gesinnung in Mitwirkung kommen und dadurch jede Thätigkeit wieder zur Höhe der Arbeit erhoben werden. Ein Beispiel, sagt Carlyle, welches, aus früherer Zeit überkommen, uns noch heute eine solche Thätigkeit auf Grund von socialen Elementen vor Augen stellt, bietet das Heer. Der Kitter — so auch sein Nachfolger, der Soldat — kämpfte für Ideen: für Ehre, Fahne, König, Vaterland, denen er willig sein Leben opferte; und wenn auch heute viele andere Motive in Betracht kommen, ganz ohne jene erstgenannten wäre doch auch heute ein Heer noch unmöglich. Ähnlich ist nun, um wieder zu positiven Gesellschaftszuständen zu gelangen, jede menschliche Thätigkeit zu gestalten, sie ist wieder auf Ziele, die aufser dem Individuum liegen, zu richten, wodurch wir zu einer „chivalry of labour", einem Rittertum der Arbeit, gelangen werden — ein Ausdruck, welcher seitdem vielgebraucht und viel mifsverstanden worden ist. Das Beispiel weiter ausführend, kommt Carlyle zu folgendem Vergleiche. Auch der Kampf mit den Waffen ist nicht immer ein ritterlicher und organisierter gewesen. Der Indianer bekämpft seine Feinde, lediglich um sie zu vernichten und ihre Skalpe in seinem Wigwam aufzuhängen. Ideen beherrschen sein Kämpfen nicht; daher bringt es keine sociale Organisation hervor; es ist unhistorisch und das Gesamtresultat aller jener zahlreichen Kriegszüge gleich Null. Anders der Ritter. Er tötet nicht, sondern unterwirft seine schwächeren Nachbarn. Er sucht sie dauernd zu beherrschen. Bald schlingen sich weitere Bande, als die des Zwanges, zwischen ihm und seinen Hintersassen. Er zieht mit seinen Vasallen aus, die mit und unter ihm kämpfen, und an seinen Eroberungen und Siegen Teil haben. Durch ihn wurde — mochte sich auch die Wirklichkeit nur bis zu gewissem Grade dem Ideal nähern — die Gesellschaft organisiert und die europäische Geschichte hervorgebracht. Heute nun hat der Kampf, den alle menschliche Geschichte darstellt, insofern einen andern Charakter angenommen, als es nicht mehr ein Kampf mit „Waffen", sondern mit „Werkzeugen", nicht mehr Krieg, sondern Konkurrenz ist, und die Waffen wegen der Thatsache der Demokratie und der Unmöglichkeit der Halsbandmethoden in Zukunft an Bedeutung verlieren müssen. Wie benimmt sich nun der Nachfolger des alten Feudalbarons, der Führer in diesem industriellen Kampfe, der Arbeitgeber? Er gleicht heute noch mehr dem Indianer als dem Ritter. Seine Banknoten sind ihm, was die Skalpe für jene: an sich ebenso wertlos. „Er könnte ein Feldherr der Industrie, ein Mitglied der letzten, echten Aristokratie sein. Die tausend Mann, welche um ihn herum spinnen und arbeiten, sind ein Regiment, welches er Mann für Mann angeworben hat, um einen sehr echten Feind zu bekämpfen: nämlich die Nacktheit des Rückens und die ungehorsame Baumwollen- v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 18 ■ 111 ' IUI Ii. faser." Aber wie viel besser verstand es der Feudalbaron, uin den Sieg zu erringen, seine Arbeiter an sich zu fesseln: das eroberte Land teilte er unter sie als seine Vasallen, um in solcher Weise sie zu beherrschen. Sein Nachfolger dingt seine Leute auf eine vorübergehende Frist, lohnt sie mit einigen Groschen den Tag und glaubt im übrigen jeder Verbindung mit ihnen entbehren zu können. Die Nationalökonomie bestärkt ihn in dieser Anschauung, welche sie als „Gesetz" zu erweisen sucht; dafs es ein solches nicht ist, zeigt das Ergebnis seines Kampfes. Der Sieg ist nur scheinbar errungen und das Endresultat seiner Anstrengungen wie bei den Kämpfen der Indianer gleich Null. „Die Baumwolle ist bezwungen, aber die nackten Rücken sind schlechter bedeckt als je." Das Geld, das Symbol des Sieges, nutzt dem Sieger zu nichts, weder zum Genul's, noch zur Macht. Denn beides ist nur möglich in der Verbindung und Vereinigung mit anderen; Vereinsamung ist die Höhe des Elends. Dies erfährt nun der siegreiche Anführer, den seine Soldaten, nicht wie die Hintersassen ihren Baron lieben, vielmehr hassen und verwünschen, zudem, wo sie können, schädigen. Zwischen beiden besteht, ein Zustand fortgesetzter Empörung, statt eines geordneten und gegenseitigen Zusammenwirkens. Hierin nun mufs Wandel eintreten. „Selbst rotröckige Regimenter", sagt Carlyle, „geschweige denn Ritter, würden nicht für dich kämpfen, wenn du sie am Abend der Schlacht gegen Bezahlung der stipulierten Schillinge ablohnen könntest und es ihnen freistünde, am Morgen mit dir dasselbe zu thun. Hospitäler, Pensionen, Beförderungen, ein strenger, dauernder Vertrag auf der einen wie auf der anderen Seite. Um wie viel weniger konnte der Feudalbaron mit blofsen zeitweiligen Söldnern auskommen, zu sechs Groschen den Tag, — 275 — die bereit gewesen wären, auf die andere Seite hinüberzugehen, wofern man ihnen sieben Groschen geboten hätte. Er hätte nicht existieren können 1 . — — " In gleicher Weise mufs der, welcher zu seiner Nachfolge unter dem heutigen wirtschaftlichen System berufen ist, es irgendwie verstehen, diejenigen, mit denen er zusammenarbeiten soll, sich zu verbinden. Er mufs in ihnen das Be- wufstsein der Interessengemeinschaft erwecken und weitere Bande als die des Angebots und der Nachfrage, sociale Bande im Gegensatz zu jenen individualistischen, zu begründen wissen. Carlyle kommt so zu dem Begriff des „captain of in- dustry", des Hauptmanns der Industrie, eines Ideals, welches heute von um so gröfserer Bedeutung wird angesichts des ungeheueren Machtzuwachses einzelner Kapitalisten durch die Kartelle. Dieser „Hauptmann der Industrie" ist mit Ausdehnung des Industrialsystems zum Nachfolger der alten Feu- dalaristokratie berufen, zum Herrscher auf dem Gebiete der äufseren Formen der Gesellschaft, ähnlich wie auf dem inneren Gebiete der Priester durch den Schriftsteller verdrängt wird. Notwendig aber hierzu ist, dafs er gerade in dieser Richtung den früheren Aristokratien nachfolge und in gewissem und zwar in höherem Grade als dies bei anderen Klassen der Fall ist, seine Interessen mit den allgemeinen zur Deckung bringe. Ein „Hauptmann der Industrie" ist derjenige Arbeitgeber, welcher auf gesellschaftlichem wie socialem Gebiete die Interessen der Arbeiter zu den seinen macht, nicht aus Wohl- thätigkeit und um dadurch ein patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis herbeizuführen, welches im eigenen Interesse auszunutzen die Versuchung nur zu nahe liegt. Vielmehr 1 Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, Bd. VI, S. 259. 18* — 276 — wird er, wenn seine Standesgenossen ihm nachfolgen, der politische Führer der freien und fortgeschrittensten Arbeiter der Nation, und damit, je mehr der Arheiterstand die breite Basis des Volkes wird, der politische Führer überhaupt. Dafs solche Männer heute in England nicht mehr zu den Seltenheiten gehören, haben wir unten zu berühren: Männer, welche von denkenden und in der Arbeiterbewegung voranstehenden Arbeitern in das Parlament gewählt wurden. Car- lyle hat durch die Aufstellung dieses Ideals zur Erziehung jener neuen Generation der englischen Arbeitgeber wesentlich beigetragen, welche von ihren Berufsgenossen im Anfange des Jahrhunderts in derselben Weise verschieden sind, wie der landeingesessene Edelmann von dem Squatter des fernen Westens. Aber Carlyle kennt einen besseren Lehrmeister als den Moralisten, einen solchen, der selbst den trotzigsten Kopf überwinden wird: „den unbeugbaren Lauf der Dinge." Die Art und Weise, in der er während der ersten Hälfte des Jahrhunderts die socialen Verhältnisse Englands vor sich gehen sah, konnte schlechterdings keine dauernde sein. TJm deswillen rechnete er mit Sicherheit auf eine Veränderung der Zustände, weil das sociale System, wie es damals bestand, sich als unmöglich erweisen mufste. „Wenn Väter und Mütter in Hungerkellern zu Stockport ihre eigenen Kinder zu verzehren beginnen, wenn mitten unter den regierenden „Korporationen der besten und edelsten", die nur auf die Erhaltung ihres Wild Standes besorgt sind, dunkle Millionen von Gottes menschlichen Geschöpfen sich in wahnsinnigen Chartismen und Meutereien erheben — während eine mögliche industrielle Aristokratie erst halb am Leben und unter Geldsäcken und Kassenbüchern verzaubert, eine anerkannte träge Aristokratie unter Täuschungen und — 277 — Sünden fast erstickt scheint — in solcher Zeit wird es nach einigen Generationen selbst für den schlichten und ungebildeten Geist ganz handgreiflich unmöglich" 1 . Der sachliche Blick Carlyles zeigt sich darin, dafs er unter den Mitteln, welche eine Veränderung herbeizuführen berufen sind, bereits die Kampfgenossenschaften der Arbeiter erkannte. Sein Wort, dafs die grofse Masse der Mensehen sich nicht selber führen könne, galt ihm von den vereinzelten Individuen, von der unorganisierten Masse. In den vielgestaltigen Vereinen der englischen Arbeiter aber regte sich, was Carlyle noch nicht sehen konnte, wieder neues sociales Leben, welches um so bedeutungsvoller werden mufste, als es innerhalb einer rein individualistischen Gesellschaft erblühte. Aber wenn Carlyle die Macht des Zwanges nicht unterschätzt, mit welcher die Thatsachen die Arbeitgeber zu einem weitherzigeren Standpunkt drängen werden, so weifs er doch auf der andern Seite Fälle einer freiwilligen Anerkennung der berechtigten Forderungen der Arbeiter um so mehr zu würdigen. Mit Vergnügen verzeichnet er Beispiele, in denen weitsichtige Unternehmer ihre Arbeiter persönlich an sich zu fesseln wufsten. So erzählt Carlyle von einem gewerb treibenden Quäker, welcher seinen Arbeitern Abendunterhaltungen einrichtete, den jüngeren Spielplätze zur Verfügung stellte, ja „sogar soweit ging, ihnen eine Trommel zu kaufen". Alle diese Aufwendungen hätten sicli als wirtschaftlich einträglich erwiesen. Carlyle war der erste, welcher darauf hinwies, dafs Erhöhung der Lebenshaltung der Arbeiter nicht den Arbeitgebern schädlich sei, vielmehr den Wert jener „als blofser Arbeiter" erhöhe — eine Einsicht, in welcher ihm, 1 Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, Bd. VI, S. 258. wie unten zu zeigen ist, die englischen Arbeitgeber allmählich nachfolgten. Wie jeder Kampf in der Ermittlung der Machtverhältnisse besteht, so dürfte auch der Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeiter einmal aufhören, sobald sich friedlichere Methoden finden, die Macht beider Parteien festzustellen. Es könnte damit das Arbeitsverhältnis wieder zu einem dauernden werden, wie es das früher gewesen ist und thatsächlich dem Zustande hoher Civilisation besser als das heutige nomadenhafte entspricht. Carlyle enthält sich jeder weiteren Ausgestaltung eines Zukunftsbildes. Skeptischer selbst als Mill verhält er sich gegenüber der Möglichkeit einer genossenschaftlichen Produktion 1 . Er hält es dagegen für wünschenswert, dem Arbeiter ein ökonomisches Interesse am Unternehmen zu geben, damit dasselbe auch äufserlich werde, was es innerlich, wenn es gesund sei, stets sein müsse: ein gemeinschaftliches Unternehmen. Aber die ganze Frage erscheint ihm — und auch darin zeigt sich wieder der hervorragend praktische Sinn des Philosophen von Chelsea im Gegensatz zu den meisten So- cialtheoretikern seiner Zeit — heute noch nicht reif. Noch sind die Schwierigkeiten, die einer Ausführung im grofsen Mafsstabe entgegenstehen, unüberwindlich. „Die Alleinherrschaft ist bei den meisten Unternehmungen wesentlich, und wie man mir erzählt, wird an Bord eines Kriegsschiffes keine „Freiheit der Debatte" geduldet. Republikanische Senate und Plebiscite würden in Baumwollenspinnereien nicht am Platze sein." Freilich kann es auch hier einer fernen Zukunft gelingen, die Freiheit mit der Alleinherrschaft auszusöhnen 2 . 1 Vergl. Buch V, Kap. VII der politischen Ökonomie Mills: „Von der wahrscheinlichen Zukunft der arbeitenden Klassen." 2 Fast and Present, Ausgabe von Iiretzschmar, Bd. VI, S. 266. Inzwischen ist in einer von Carlyle noch nicht vorauszusehenden Weise der — 279 Carlyle hat nicht, wie die Socialisten, durch den Glan/ einer socialen Utopie die Massen bestochen. Dennoch verfehlte seine Ausdrucksweise ihren Eindruck nicht; eine Probe derselben bieten folgende Worte. „Schwierig ist die Aulgabe ; aber die kurzfaserige Baumwolle war ebenfalls schwierig. Den Baumwollenstrauch, solange unbenutzt und ungehorsam wie die Distel am Wege — ihr habt ihn erobert. — — — Ihr habt Berge in Stücke geschlagen, das harte Eisen geschmeidig gemacht; die Waldriesen, die Sumpf-Jotuns tragen Garben goldenen Kornes. Aegir, der Meeresdämon selbst, streckt seinen Rücken zur glatten Heerstralse für euch. Auf Feuerrossen braust ihr einher. Ihr seid sehr stark! Der rotbärtige Thor mit seinen blauen Sonnenaugen, mit seinem heitermutigen Herzen und gewaltigen Donnerhammer, er und ihr habt die Oberhand gewonnen. Ihr seid sehr stark, ihr Söhne des eisigen Nordens — fernherziehend aus der grauen Dämmerung der Zeit. Ihr seid Söhne des Jotunlandes, des Landes der überwundenen Schwierigkeiten. Schwierig? Ihr müfst es versuchen". — — Ihr werdet auch hier, könnte man den Gedanken fortführen, wie Carlyle anderwärts gethan hat, ihr werdet auch hier Ordnung in das Chaos bringen, ihr das mutige Volk der Germanen, die ihr schon einmal eine zerfallene Welt neu organisiert habt 1 . Carlyle nimmt eine eigentümliche Mittelstellung ein zwischen denen, welche die einzig mögliche Rettung beim Staate suchen, und denen, welche alles von der freiwilligen Initiative der Einzelnen erhoffen. Das Neuüberhandnehmen * socialer Gesinnung, das nach ihm das wichtigste ist, wird in gleicherweise den Staat sowie die Einzelnen ergreifen. Charakter der Industrie als eines gemeinsamen Interesses beiden Seiten bewufst geworden. Vergl. Kap. VIII am Schlufs. 1 Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, Bd. VI, S. 261. — 280 — Gehen wir zu der Rolle über, welche Carlyle dem Staate anweist, so sehen wir ihn auch hier weit davon entfernt, irgend welche Mafsregel als das Universalmittel gegen alle Leiden hinzustellen; eine allgemeine Vorschrift für die Zukunft aufzufinden geht über den Verstand des Einzelnen. Was dem einzelnen wie dem Staate allein übrig bleibt, ist eine Politik von Fall zu Fall, getragen durch Erkenntnis und Anerkennung der unumstöfslichen Thatsachen der Zeit. Praktischen Sinnes wendet sich Carlyle nicht an den Staat in abstracto, sondern an den heimischen Staat der Gegenwart, so wie er ihn vor Augen hatte. Das Armengesetz von 1834, mit dem man den Pauperismus hatte brechen wollen, war von diesem vielmehr selbst durchbrochen worden. Das Princip, auf dem es beruhte , das der ausschliefslichen „Indoor relief" d. h. Unterstützung im Arbeitshause, war man aufzugeben gezwungen worden — man hätte denn ganz Irland in ein riesiges Arbeitshaus verwandeln wollen. Nicht auf diesem Wege, sagt Carlyle, wird man irgend etwas erreichen, wie die „wissenschaftlichen Staatsmänner" jener Zeit meinten. Wenn der Staat wirklich etwas thun wolle, so sei Vorbedingung hierzu, dafs er zuvor endgültig mit jenen nationalökonomischen und politischen Theorien breche, welche ihn zur Scheinexistenz verdammten: „Der britische Staat", sagt Carlyle, um die Krone und der Schlufsstein unserer britischen socialen Existenz zu sein, mufs mit einer Wahrhaftigkeit, die ihm lange fremd geblieben ist, die thatsächlichen Gegenstände und unabweislichen Bedürfnisse unserer socialen Existenz anerkennen." Statt dessen aber sieht er einen Staat vor sich, der „kaum weifs, wozu er da ist, auf welchen Grund hin er in diesem Jahre 1850, in einer so aufserordentlich ernsten Lage wie der unseren überhaupt auf Existenz einen Anspruch erheben kann 1 ." Carlyle hat in Beziehung auf die Grenzen der dem Staat zukommenden Thätigkeit im Gegensatz zu der herrschenden Theorie sich wiederholt für staatliche Regelung der Arbeitsbedingungen und Schutz der Schwachen ausgesprochen, damit ein Befürworter zugleich der frühesten Fabrikgesetzgebung. An einer Stelle stellt er sich vor, dafs er diese seine Ansichten vor einem Auditorium von Zeitgenossen verteidige. Wenn er dabei auf die Notwendigkeit zu sprechen kommt, dafs die Arbeit unter einer „entsprechenden Regulierung" vor sich gehen solle, „so erhebt sich", sagt er, „ein unbeschreiblicher Aufruhr, nicht länger unterdrückbar, seitens aller Art von Volkswirten und Konstitutionellen und Professoren jener „häfslichen Wissenschaft", welche recht zahlreich im Saale zerstreut sitzen; Rufe ertönen, wie: „private Unternehmung", „Rechte des Kapitals", „Freiwilligkeits- princip", „Grundsätze der britischen Verfassung", getragen von dem beistimmenden Gesumme der ganzen Welt." Wenn heute in England die Zulässigkeit staatlichen Eingriffs allgemein anerkannt ist, so zeigt dies die Gröfse des Umschwungs, welcher sich seit einem Halbjahrhundert in der öffentlichen Meinung vollzogen hat, an dem Carlyle ursächlich beteiligt ist. Aber Carlyle geht weiter. Damit der Staat in die socialen Verhältnisse eingreife, ist eine Veränderung des staatlichen Apparates nötig. Wir haben oben gezeigt, wie das parlamentarische Regiment einen lähmenden Einflufs auf die gesamte staatliche Thätigkeit ausübt. Nicht in Parlamentsreformen, nicht in Erweiterung des Stimmrechtes ist das Heil zu suchen. Das Parlament wurde häufig genug in dieser Weise „reformiert", ohne dafs man viel Veränderung wahrnähme. Was not thut ist etwas thatsächliches, „ein herrschen- 1 Latter-Day Pamphlets S. 198. — 282 — der Souveraiu, 11111 den Vorsitz über das Parlament zu führen 1 ." Eine Reform der Exekutivgewalt ist notwendig. Aber eine solche Reform wird kaum vom Parlamente ausgehen, vielmehr wäre sie die Aufgabe eines Königs — „wenn wir eine solche unbezahlbare Wesenheit auftreiben könnten, was wir gerade jetzt am wenigsten können". Die Überzeugung, dafs das Parlament weder selbst die sociale Reform in die Hand nehmen, noch auch die politischen Vorbedingungen dazu schaffen könne, läfst Carlyle alle Rettung in dem Erscheinen eines starken und genialen Staatsmannes erblicken. Ein zweiter Cromwell thut uns not, hat er oft ausgesprochen, ein Mann mit eisernem Sinn. Auf Grund solcher und ähnlicher Worte hat man fälschlicherweise Carlyle den Vorwurf einer Vorliebe für den Despotismus gemacht: er gilt ihm gegenüber so wenig wie gegenüber den Positivisten, mit denen Carlyle sich hier nahe berührt, und wird widerlegt durch seine rücksichtslose Anerkennung der Demokratie der Zukunft. Ein solcher gottgesandter Staatsmann fände in England ein reiches Gebiet der Thätigkeit. Carlyle entwirft ein ganzes Programm für ihn. Er würde zunächst die Verfassung wieder in das richtige Gleichgewicht setzen, indem er der Exekutive wieder gegenüber dem Parlament Selbständigkeit verliehe. Wenn Mill aufstellt, dafs das englische Volk seine Kolonien nicht selber regieren, sondern ihnen vielmehr „gute Regenten geben solle", wenn er in der Abhängigkeit der kolonialen Regierung vom Parlament eine grofse Gefahr für die Kolonien erblickt, so stimmt hiermit Carlyle völlig überein. Aber er geht weiter als Mill, indem er auch für den Heimatstaat gleiches behauptet. Das parlamentarische Regiment, welches darin besteht, dafs die Minister ja überhaupt die höheren 1 Latter Day Pamphlets S. 281. 283 Beamten einen Ausschufs der jeweiligen Parlainentsmehrheit darstellen, ist zu beseitigen. Die Krone, d.h. nach Carlyle nichts anderes als der leitende Staatsmann, soll wieder die Minister nach freier Wahl und ohne Rücksicht auf das Parlament ernennen 1 . „Ist es nicht gerade das Wesen der ganzen Wahrheit, die im Worte Demokratie liegt, dafs der tüchtigste Mann auserwählt werde, in welchem Range er sich auch befinde?" Auf diesem Wege allein glaubt Carlyle, könne England einen tüchtigen und sachlich interessierten Beamtenstand erhalten. Das Parlament würde neben einer solchen Verwaltung thatsächlich eine nützlichere und bedeutendere Rolle spielen als heute. Man sieht, durchaus unverständlicherweise ist Carlyle absolutistischer Neigungen beschuldigt worden. Die Hauptthätigkeit des erwarteten Staatsmannes aber würde sich auf dem Gebiete der inneren Gesetzgebung und Verwaltung entfalten. Er würde zuerst die Kornzölle abschaffen. Denn in ihnen sah Carlyle — den heimischen Verhältnissen entsprechend — eine höchst gefährliche Begünstigung einer politisch einflufsreichen Gesellschaftsklasse. In ihrer Abschaffung hat er ein Hauptverdienst Sir Robert Peels erblickt. Hierdurch würde nach Carlyles Meinung Zeit zu weiteren Reformen erst gewonnen werden, während ein Fortbestehen der Kornzölle — wie er fürchtete — die Revolution in nächste Nähe gerückt hätte. Notwendig ist alsdann in erster Linie das Eingreifen des Staates zur Regelung des Arbeitsverhältnisses durch eine ausgedehnte Fabrikgesetzgebung. Carlyle geht auf die Einzelheiten der zu treffenden Mafsnahmen nicht ein, da er hierzu sich nicht für berufen hält. „Ich weifs und sehe nur, was 1 Carlyle beschreibt damit den Zustand, wie er vor Wilkes und Pitt in England bestand. — 284 alle Menschen anfangen zu sehen, nämlich dafs eine gesetzliche Intervention oder vielmehr sehr viele gesetzliche Interventionen unumgänglich notwendig sind, dafs dieses Bereich der Dinge nicht als eine gesetzlose Anarchie sich selbst überlassen bleiben kann." Auch dringt er darauf, dafs die hier einschlagenden Verhältnisse nicht in Dunkel gehüllt bleiben, sondern vielmehr für alle Welt offenkundig gemacht werden. Er hält daher das Institut der Fabrikinspektoren für sehr nützlich und empfiehlt Vermehrung derselben. Sodann befürwortet Carlyle eine staatliche Beaufsichtigung der sanitären Verhältnisse der arbeitenden Klassen; hätten doch im alten Rom bereits die Aedilen ihres Amts in dieser Hinsicht gewaltet. So wäre z. B. ein Gesetz über Minimalanforderungen an Wohnungen, die zu menschlichem Gebrauch dienen sollten, zu erlassen. Es tauchen ferner natürlich auch bei Carlyle diejenigen Vorschläge auf, für die in England sich das Herz jedes Menschenfreundes erwärmt: die Parkanlagen innerhalb der Grol'sstadt, verbunden mit Spielplätzen zum Zweck der nationalen Spiele, ferner Volksbäder u. s. w. Carlyle enthält sich auch hier eines Eingehens auf Einzelheiten. Das Interesse des Kapitals dürfe jedoch nicht allein den Ausschlag geben. Eine Industrie, welche sich nur auf Kosten der Gesundheit ihrer Arbeiter erhalten könne, sei eben nicht lebensfähig und darum nicht zu schützen. Vielmehr ist eine aus moralischen und hygienischen Gesichtspunkten sich ergebende Grenzlinie zu ziehen, welche der Staat als Minimum der Lebenshaltung seiner Angehörigen aufstellt, und welche allen Schwankungen der Nachfrage und des Angebotes gegenüber absolut sein soll 1 . 1 Wir werden unten, Kap. IX, sehen, wie heute die öftentliehe Meinung eine solche Grenzlinie erzwingt. Sehr eigentümlich sind die Ansichten Carlyles beziehentlich der Pflichten, welche dem Staate hinsichtlich der nationalen Erziehung obliegen. Selbstverständlich ist zunächst, dai's er die Einführung der allgemeinen Schulpflicht fordert, damit der Staat auch hier ein Minimum, welches er an Bildung von allen seinen Angehörigen verlangen soll, zwangsweise durchsetze. Insbesondere die Erweiterung des politischen Wahlrechts verlangt eine mit ihr fortschreitende Verallgemeinerung wenigstens der elementarsten Kenntnisse des Schreibens und Lesens, welche damals in England durchaus noch nicht allgemein zu finden waren. Carlyle verfehlt nicht, seinem Heimatstaate auf diesem Gebiete den preufsisehen Staat als Muster hinzustellen. Wenn die soeben bezeichneten Forderungen nichts aufseigewöhnliches haben, so geht Carlyle weiter und stellt aus volkspädagogischen Gründen ein Verlangen auf, welches auch heute noch seinen Landsleuten nichts weniger als genehm sein dürfte. Carlyle geht von der Notwendigkeit aus, dafs die Erziehung heute auch eine körperliche sein müsse, um den Menschen nicht nur intellektuell, sondern auch physisch den gesteigerten Anforderungen des Lebens gegenüber widerstandsfähig zu machen, um so mehr, da körperliche Energie zugleich geistige und sittliche hervorzubringen pflege, wogegen die bisherige Erziehung mit ihrem „vokalen Charakter" den jungen Menschen zwar reden, aber nicht thun lehre. Er erkennt in dieser Hinsicht die Bedeutung des nationalen Sports, welchen die Engländer so hoch stellen, durchaus an, aber er verlangt mehr. Unter Verweisung auf Goethes „pädagogische Provinz" in den Wanderjahren, welche trotz ihrer sonderbaren Darstellung hohe Weisheit enthalte, betont er die Bedeutung gemeinschaftlicher und wohldisciplinierter Bewegung für die Er- — 286 — ziehung, die sittliche sowohl als die körperliche, welche um so höher in ihrer Wirksamkeit anzuschlagen sei, als sie der Natur des jungen Menschen gemäfs und ihm um deswillen Vergnügen sei. „Ich glaube", sagt Carlyle, „die roheste Bande von jungem Strafsengesindel, welches sich am Pfingst- sonntag millionenfach aus London ergiefst und in ihrem Vergnügen von Trunk und Ausschweifung abhängt, würde sich auf einmal in etwas menschliches verwandeln, wenn man sie zu irgend einer gemeinsamen und äufserlich regulierten Thä- tigkeit bringen könnte." Das Gebiet der Utopie verlassend, fragt Carlyle, auf welchem Wege diese Vorzüge, welche von der körperlichen Disciplin für die Volkserziehung zu erwarten sind, zu verwirklichen wären. Seine Antwort darauf lautet: durch Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, so dafs die Erziehung in dem Dienst mit der Waffe ihren naturgemäfsen Abschlufs fände 1 . Endlich verlangt Carlyle eine staatliche Regelung der Auswanderung. Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir ihn für den ersten halten, der „eine freie Brücke nach Amerika" verlangt hat — eine Forderung, die seitdem zum volkstümlichen Schlagwort geworden ist 2 . „Auf diese Weise", sagt Carlyle, „ständen wir mit Amerika selbst gleich, jenem begünstigsten Lande, das keine Regierung braucht, und wir hätten aufserdem noch so viele Sagen und Erinnerungen von unschätzbaren Dingen, die Amerika weggeworfen hat. Wir könnten ruhig und besonnen anfangen, die „Arbeit zu organisieren", ohne dafs wir verurteilt wären, unterzugehen, wenn wir es nicht binnen Jahr und Tag bewirken." Denn 1 Vergl. Miscellaneous Essays VI, S. 381 ff. 2 Vergl. z. B. Baernreither, Die englischen Arbeiterverbände S. 49. Tübingen 1886 und die dort angeführten Worte eines Trades-Unionisten. — 287 - jeder Arbeiter, welchem die „Organisation der Arbeit" in der Heimat noch nicht genügend fortgeschritten wäre, fände eine Brücke, die für ihn bereit wäre, sodafs er nicht ein roher, der physischen Kraft huldigender Chartist zu werden brauchte. Für Carlyle war die Übervölkerung kein Schreckgespenst, vielmehr ein Zeichen der im Volksleben vorhandenen Kraft, ein Überschufs an Kraft, welche, wenn nicht nach aufsen abgelenkt, allerdings nach innen schädlich werden kann. Die Idee eines die Welt umspannenden „Greater Britain", für welches London, wie Mykale einst das Panionion, das „ AI 1- Saxonhome", die „Allsachsenheimat" sein werde, übte auf Carlyle eine gleiche Wirkung wie auf die patriotische Phantasie der meisten Engländer, ja dürfte auf Carlyle zum guten Teil zurückgehen, da dieser die nationale Zusammengehörigkeit aller englisch redenden Völker, jener „Kinder des Harzfelsens", wie er sie nannte, als der erste betont hat. Das schwierigste aber und zugleich wichtigste Problem für den staatlichen Eingriff bildet der Pauperismus. Derselbe ist nicht mit anderen Schäden, an welchen wir leiden, als gleichgeordnet zu erachten; er ist vielmehr der Punkt, in dem sämtliche Fehler unseres socialen Systems zur Erscheinung kommen. Hätten diejenigen, welche zur äufseren und inneren Führung des Volkes berufen sind, thatsächlich geführt, so gäbe es keinen Pauperismus. Nun aber jene das nicht gethan haben, vielmehr von Selbstsucht beherrscht, nur den Platz der Führer inne haben, ohne deren Funktionen zu verrichten, so fallen alle die, welche am wenigsten fähig sind, sich seiher zu führen, jene „geborenen Sklaven, die keinen Herrn mehr finden können" dem Elend anheim. Diese Erscheinung breitet sich aus, je mehr die ererbten socialen Bande schwinden, bis endlich ein Ergebnis erreicht ist, in dem sich das individualistische Gesellschaftssystem selber 288 - lichtet und vor der Alternative: Reform oder Auflösung steht. In Irland habe die menschliche Gesellschaft zu existieren nahezu aufgehört. „Wenn Hülfe und Führung hier nicht gewährt wird, wenn das Ding, das man Regierung nennt, nur auf- und abschwankt auf den Wogen der Volksgunst, wie der Leichnam eines ertrunkenen Esels, der sich auch in konstitutioneller Weise auf der Höhe der Wogen befindet, dann wird sich die Empörung des Volkes ansammeln und schrecklich herabkommen und besagten Leichnam in den Schlamm der Tiefe hinunter schmettern 1 ." Welche Mafsregeln aber hat nach Carlyle der Staat dem Pauperismus gegenüber zu ergreifen? Wahre Hülfe ist nur von einer innerlichen Veränderung zu erwarten, von einem Neuaufblühen socialer Organisationen an Stelle individualistischer Isoliertheit. Ein besonderes Gebiet jedoch, auf dem der Staat selbständig vorgehen könnte und sollte, ist nach Carlyle, der auch hierin der öffentlichen Meinung seines Volkes vorangegangen ist, die Landfrage. Wir haben oben gesehen, wie ihm die Sportländereien der englischen und irischen Grofsen ein Dorn im Auge waren. Er glaubte, dafs die Zukunft das Land seiner natürlichen Bestimmung zurückgeben müsse. „Die .lagdsaisons", sagt er, „werden gut sein, sie werden schlecht sein und zuletzt werden sie gar nicht mehr sein." Solche Wünsche wurden für Carlyle wie für unzählige seiner Landsleute, insbesondere durch den Anblick eines hungernden Proletariats angeregt und staatlicher Eingriff schien um so gerechtfertigter, als nach allgemeiner, auf die Rechtsgeschichte gegründeten Überzeugung der Grund und 1 Latter-Day Pamphlets S. 44. — 289 - Boden nicht ebenso im freien Eigentum des einzelnen steht als die fahrende Habe. Auf solche Erwägungen baut Carlyle den Plan, nach dem alle diejenigen, welche keine Arbeit finden können, zu sogenannten „industrial regiments" zusammengefafst und mit ihnen die Kultivierung jener Ödländereien in die Hand genommen werden sollte. Für alle Arbeitsfähigen sollten sie jede weitere Armenunterstützung schlechthin ausschliefsen 1 . Noch ein Wort über Carlyles Stellung zu Deutschland: Carlyle legte der Einigung Deutschlands eine Bedeutung bei, mit der er nur das Ereignis der Zeitgeschichte zu vergleichen wufste, in welche der Tag seiner Geburt noch hineingefallen war. Damals hatte die französische Devolution Europa durchzittert; die Geschichte war seitdem „eine Periode der Revolution" gewesen. Nun war ein Ereignis wieder eingetreten, welches den Sieg einer positiven Macht bedeutete. „Dafs das edle, duldsame, fromme und feste Deutschland endlich zu einer Nation zusammengeschmolzen ist und die Vorherrschaft des Kontinentes angetreten hat, — — das scheint mir die hoffnungsvollste öffentliche Thatsache, die sich in meiner Lebenszeit ereignet hat" 2 . Nicht als ob Carlyle Deutschland von der allgemeinen Entwicklung ausgenommen geglaubt hätte. Die sociale Frage, die sich bereits früher für England erhoben hatte, klopfte damals auch an seine Thür. Dieselben Probleme, dieselben Kämpfe standen ihm bevor. Aber noch waren in Deutschland- Preufsen geschichtliche Mächte aus früherer Zeit überkommen, welche — ihrerseits zwar gewifs auch vergänglich — noch auf lange hinaus imstande schienen, den Bestand der Gesell- 1 Vergl. z. B. Social Arrows by Lord Barbazon, London 1887, S. 184 über Notwendigkeit staatlich geleiteter Kolonisation. 2 Letter to tlie Times, 11 Nov. 1870. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 19 schaft äufserlich zu sichern. Indem Deutschland „den Vorsitz in Europa" angetreten habe, meinte Carlyle, sei für Europa eine weitere Frist von mehreren Jahrhunderten gestellt zu dem Versuche, die in ihm vorhandenen Keime des socialen Neuaufbaues zu entwickeln. Dieser Versuch freilich dürfte nur dann gelingen, wenn der Entwicklung, die in friedlichen Bahnen zu halten man stark genug ist, freie und ungehinderte Entfaltung gewährt wird. Zweites Bucli. Die socialen Richtungen der Gegenwart. „It may be said, that the inferior efficacy of public and social feelings, is not inevitable — is the result of imperfect education." John Stuart Mill. Chapters on Socialisra. Fortniglitly Review Apr. 1879, S. 516. (Drittes und viertes Kapitel.) 19* Drittes Kapitel. Die Genossenschaftsbewegung 1 . Vorbemerkung. Die Litteratur bezüglich der christliehen Soeialisten findet sich bei Brentano angegeben. Für die Geschichte der Genossenschaftsbewegimg kommt ferner in Betracht The life of Robert Owen, London 18-58, und in Ermangelung eines besseren Buches Holyoake, History of Cooperation. London 1875. Der heutige Stand der Bewegung ist aus folgenden Veröffentlichungen zu entnehmen: „Annual" der Genossenschaftskongressc. The Cooperative Wholesale Societies Limited Annual. A. H. Dyke Acland and Benjamin Jones. Cassel Cie. 1884. Working Men Cooperators. Von Wichtigkeit ist ferner die sehr reiche Pamphletenlitteratur, welche von dem Central Cooperative Board (Manchester, City Buildings, Corporationstreet) herausgegeben ist. Wir führen nur eine beschränkte Zahl von Titeln dieser Veröffentlichungen an, welche durch den genannten Central Cooperative Board vermehrt werden kann: Christianity in Common Life. By E. W. Co-operation a Cure for Poverty. 1 An dieser Stelle möchte ich dem Führer der Genossenschaftsbewegung E. Vansittart Neale meinen herzlichen Dank für die Güte aussprechen, mit welcher er mich sowohl in die Gedankenwelt der Bewegung eingeführt, als auf die thatsächliehen Angaben hin die Korrekturbogen geprüft hat. — 294 — Co-operation an Economic Element in Society. By Dr. J. Watts. Co-operation v. Joint stockism. By E. Y. Neale. Co-operative Share Capital — Transferable or Withdrawable. By W. Nuttall. Experiences as Co-operators. By Nelson Booth. How Bob became a Co-operator. By Nelson Booth. How can a Man become his own Landlord? How to Take a Town (Co-operatively) by Storni. By J. Smith. Live and Let Live: The Shopkeeper and the Co-operator. By E. W. Logic of Co-operation. By G. J. Holyoake. Our Shopman. By K. B. Walker. Keligion of Co-operation. By E. V. Neale. Self-Help and Help to our Neighbour. Sham Co-operation. By E. W. Some of the Weaknesses of Co-operation. By J. Smith. The Central Board; its History, Constitution, and Use. By E. Y. Neale. The Co-operator and the Shopkeeper Again. By E. W. The Economics of Co-operation. By E. V. Neale. The Educational Department of the Kochdale Pioneers' Society Limited; its Origin and Development. By A. Greenwood. The Principle of Unity. By E. V. Neale. The Policy of Commercial Co-operation. By G. J. Holyoake. The Second Great Step — Co-operative Beneficence. By J. Holmes. The Working Man: A Problem. By Dr. J. Watts. True Refinement. By E. Y. Neale. Unbelievers in Co-operation and How to Win Them. By W. T. Carter. Village Co-operative Stores. By W. Morrison. What is Co-operation? By E. Y. N. What Co-operation can do for the Labourer. What's the Good of It? By H. P. Why the Rieh Interest themselves in Co-operation, and How they can Promote it. By E. V. Neale. Who is my Neighbour? By E. W. Working Together and Helping One Another. Co-operation: Its Position, its Policy, and its Prospects. By Lloyd Jones. Cottage Purchasing. By A. Scotton. Five Reasons Why I am a Co-operator. By E. V. Neale. History and Objects of Co-operation. By Thomas Hughes, Q. C. Inaugural Address — Glasgow Congress, 1876. By the late Professor Hodgson, LL.D. — 295 — Land, Labour, and Machinery. Compiled by E. V. Neale. Leelaire: — „A Real Saviour of Society". By W. H. Hall. Tbe Co-operative Wholesale Society: What Is It? I. Der christliche Socialisinus, Owen. Unter den Männern antiindividualistischer Richtung, welche das neunzehnte Jahrhundert in England hervorgebracht hat, ist Carlyle zweifelsohne der mächtigste und ursprünglichste Geist. Er hat zwar keine Schule gebildet, auch nicht unmittelbar auf das Leben eingewirkt. Dagegen hat er alle jene Bewegungen, welche im Gegensatz zu dem Individualismus der vorhergehenden Jahrzehnte die socialen Verhältnisse ihrer Zeit umzugestalten sich bemühten, auf das tiefgehendste beeinflufst. Gerade darin zeigt sich seine centrale Stellung, dafs diese Bewegungen durchaus verschiedenartig, ja einander entgegengesetzt sind, aber für den, der die Carlyleschen Grundgedanken übersieht, durch ein gemeinsames Band verknüpft werden. Einmal waren es solche, welche aus der bestehenden Gesellschaft heraus die Reform herbeiführen wollten, Richtungen also, die einen konservativen Charakter an sich tragen; ihnen gegenüber erhoben sich andere, für welche die Verneinung der heutigen Zustände in erster Linie steht, und die man daher als radikal bezeichnen kann. Den ersteren zuzuzählen ist der christliche Socialisinus, welcher in der heutigen Genossenschaftsbewegung fortlebt, und die sogenannte „Universitätsbewegung", den letzteren die Positivisten, die modernen Socialisten etc. Die christlich sociale Bewegung ist von Brentano (Leipzig 1883, Duncker & Humblot) in eingehender Weise geschil- — 296 — dert worden. Indem ich auf diese Schrift ausdrücklich Bezug nehme, werde ich mich, um Wiederholungen zu vermeiden, über den ersten Teil der Genossenschaftsbewegung kurz fassen. Das dort Gesagte aber genügt, zu zeigen, wie aufseiv ordentlich nahe der Gedankeninhalt der Bewegung mit Car- lyle verwandt ist. Hervorheben möchte ich allein die Bedeutung eines Mannes, den auch Brentano an die Spitze der genannten Schrift stellt, und der in der That als der geistige Yater der ganzen Bewegung zu bezeichnen ist: Frederic DenisonMaurice 1 . Brentano charakterisiert ihn auf Grund persönlicher Bekanntschaft in folgender Weise: „Maurice wurde nicht nur in seiner Weltanschauung durch die christliche Lehre bestimmt, es war ihm unmöglich über irgendwelche Erscheinung der Natur oder der Gesellschaft anders als von den Gesichtspunkten des Christentums aus zu denken oder mit Menschen in irgend eine Berührung zu treten, bei der nicht in der Einfachheit und Milde, die mit seinem Ernste gepaart waren, in seiner liebevollen Teilnahme bei Abwesenheit jeder Spur von Anmafsung oder Selbstsucht das in sein Fleisch und Blut übergegangene Christentum zum Ausdruck gelangt wäre. Ein solcher Mann war offenbar durch sein ganzes Wesen vorherbestimmt, den Einflufs eines Apostels zu üben. Um ihn scharte sich, von ihm geistig angeregt und sittlich gehoben, eine Anzahl glänzend begabter junger Männer, die mit rücksichtsloser Aufopferungsfreudigkeit den grofsen, von ihrem Meister gesteckten Zielen sich hingaben." In der That erkennen diese Männer, soweit sie unter den Lebenden sind, noch heute Maurice als ihren Meister an: Ludlow, Thomas Hughes und Vansittart Neale. Der aus ihrer Mitte zu früh entrissene Charles Kingsley hat das Gleiche in seinen nunmehr 1 Vergl. Life of F. D. Maurice by F. Maurice. 1884 u. 1885. — 297 — auch deutsch veröffentlichten Briefen unumwunden ausgesprochen; er wendete sich in schwierigen Fragen des Lehens wiederholt an Maurice als seinen geistigen Führer um Rat und Stütze. John Frederic Denison Maurice wurde am 29. August 1805 zu Nonnanstone geboren. Ähnlich wie Carlyle entstammte auch er einer jener Familien, welche die englische Kirche einst, nachdem sie der staatlichen Autorität unterworfen worden, verlassen hatten. Diese Richtung nannte man „Preshyterianer"; in ihr lebte der religiöse Geist der Puritaner fort, verbunden mit weit gröfserer dogmatischer Freiheit als es in der Staatskirche damals möglich gewesen wäre. Die Gesinnungsweise des Vaters unseres Maurice bezeichnen folgende Thatsachen. In seiner Jugend hatte er eine bedeutende Erbschaft ausgeschlagen, welche ihm unter der Bedingung des Glaubenswechsels zugefallen war. Dagegen liefs er hei seinen Mitmenschen jede Art der Überzeugung gelten; jeder, so meinte er, sollte das glauben, wozu ihn eine gewissenhafte Überzeugung führe. „Toleranz!" sagte er, „ich hasse das Wort", und zwar deshalb, weil dieser Ausdruck bereits einen Mangel an Ehrerbietung vor der Überzeugung des Nächsten und ein Gefühl der eigenen Überlegenheit in sich schliefse. Frederic Maurice verdankt dieser Abstammung zweierlei, einmal jene christliche Weltanschauung, welche sein ganzes Leben hindurch die Grundlage seines Denkens und Handelns geblieben ist. Haben doch seine Schriften zum gröfsten Teil keinen anderen Zweck, als die Übereinstimmung der wissenschaftlichen Forschung der Neuzeit mit den Lohren der Orthodoxie darzuthun. Zugleich aber stand ihm fest und war für ihn die wichtigste Überzeugung, dafs auch die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft in Übereinstimmung mit den Vorschriften der Bibel aufgebaut werden müfsten. Diese — 298 — nun verlangt Liebe, Überwindung der Selbstsucht, Leben für andere. Wenn in den Beziehungen der Menschen daher wie heute die Motive der Selbstsucht überhandnehmen und die christlichen zurücktreten, so werden für Maurice die Gesetze des menschlichen Daseins mifsachtet, was, wenn fortgesetzt, notwendig zum Untergange der Gesellschaft führen mufs. Zum andern verdankt Maurice seiner Abstammung aus einer Dissenterfamilie eine Freisinnigkeit gegenüber den Verschiedenheiten der dogmatischen Überzeugung, wie sie damals in den Kreisen der Hochkirche selten war. Er, wie seine Anhänger, beurteilten das Christentum nicht nach der Lehrmeinung, ja sie haben während ihres ganzen Wirkens sogar den Grundsatz festgehalten, diejenigen, welche nicht Christen seien, niemals wegen ihres Unglaubens anzugreifen oder zu schmähen. Obgleich selbst auf durchaus orthodoxem Standpunkte stehend, hielten sie doch für das wichtigste am Christentum jene Gesinnung, welche die Welt überwindet. Zugleich war diese Weltüberwindung für sie, als echte Protestanten keine asketische, vielmehr eine Unterwerfung der Welt unter Gottes Willen. Die christlichen Socialisten waren daher Gegner der unten zu erwähnenden katholisierenden Richtung. Seinen Standpunkt beleuchtet ein Brief des fünfundzwanzigjährigen Maurice an seine Schwester Priscilla, der an die Mystiker anklingt. „Der Tod Christi", heilst es in demselben, „ist der thatsächliche und buchstäbliche Tod von dir und mir und des ganzen menschlichen Geschlechts, die Auslöschung unserer Selbstsucht und Individualität. — — Die Meinung, dafs wir ein Selbst haben, ist eine Lüge des Teufels. Wenn er uns dies zu glauben bestimmt hat und so zu handeln, als wenn wir ein Leben aufser Christo hätten, dann verspottet er uns, indem er zeigt, dafs dieses Leben gerade der Tod ist. Glauben wir denn, was keine Lüge, sondern Wahrheit — 299 — ist, dafs wir gestorben sind, ganz vollständig, und dafs wir auferstanden sind und jeder ein Leben bat, unser einziges Leben nicht in dir oder mir, sondern ein gemeinsames Leben in Ihm. Er wird uns dann die Liebe zu Gott und den Mitmenschen erfahren lassen." In der That, wie bei Carlyle war auch bei Maurice die antiindividualistische Grundanschauung der Mittelpunkt seines Denkens. Sein Standpunkt ist dar Carlyles mit orthodoxer Färbung. Schon mit einundzwanzig Jahren bekämpfte Maurice als Student die Bentkamscke Nützlichkeitslehre in einer von ihm und einigen Kommilitonen herausgegebenen, kurzlebigen Zeitschrift. Bald darauf verteidigte er seine Anschauungen gegen den damals noch durchaus unter seines Vaters und Benthanis Einflufse stehenden John Stuart Mill. Die jugendlichen Mitarbeiter der „Westminster Review", zu denen Mill wie Maurice gehörten, kamen damals in einer Debattiergesellschaft zusammen; zwischen den Torys und Benthamisten schob sich, wie Mill berichtet, Maurice als dritte Partei ein — antiutilitarisch, antimaterialistisch, weil, auf den Boden des Christentums fufsend, andererseits doch die bestehende Gesellschaft verdammend und gerade von seinem christlichen Standpunkt aus radikaler Neuerer. Mill schlug, wie seine Selbstbiographie zeigt, die geistige Bedeutung des Maurice und den von diesem auf sich geübten Einflufs hoch an, während Maurice durch diese Debatten volkswirtschaftlichen und socialen Interessen zugeführt, möglicherweise bereits damals auf das Genossenschaftswesen aufmerksam gemacht wurde. War doch der genannte Verein ursprünglich von Anhängern Bobert Owens gegründet, jenes frühen So- cialisten, welcher zuerst in die englischen Arbeitermassen den Genossenschaftsgedanken geworfen hatte. Dennoch geht man nicht irre, wenn man annimmt, dafs ihn mehr noch als jener Umgang die Thatsachen, welche ihm die Zeitgeschichte vor Augen stellte, zum Nachdenken über die Lage der arbeitenden Klassen veranlafsten. Das ungeheure Ereignis der französischen Revolution war damals noch frisch in aller Menschen Gedächtnis und auf Maurice wie auf Carlyle von gröfstem Einflufs. Auch in England schienen sich ähnliche Dinge vorzubereiten. Die Lage der arbeitenden Klassen war in der That eine verzweiflungsvolle. „Ich kann nicht umhin zu denken", schreibt an Maurice seine Mutter 1830, „dafs diese Aufstände des Volkes, diese nächtlichen Brandstiftungen notwendig sind, um uns zu einem Gefühl der schrecklichen Sünde zu erwecken, dafs wir viele Jahre lang arme Arbeiter um einen Lohn, der nicht ausreicht, Kartoffeln zu kaufen, zu harter Arbeit gezwungen haben. — Obgleich die Kation an vielen schreienden und schrecklichen Sünden leidet, so ist doch zur Zeit die augenfälligste die, dafs dem Arbeiter sein Lohn vorenthalten wird." In der That schien die Lage immer gefahrvoller zu werden, nachdem eine socialrevolutionäre Partei aufgetreten war. Diese Verhältnisse führten Maurice zu einer ähnlichen Kritik der bestehenden Gesellschaft, wie sie Carlyle in jenen Tagen aussprach. Beide besafsen den gleichen Ausgangspunkt, eine antiindividualistische Grundanschauung. Die Menscheit ist nach Maurice heute vom Christentum abgefallen, indem sie die christlichen Lehren zwar Sonntags in den Kirchen, nicht aber des Werktags im Leben bekennt. An die Stelle der Selbstüberwindung ist die Selbstsucht' getreten, welche unsere Zeit zum Piinzip der Gesellschaft erklärt hat. Diese Lehre ist falsch. Der allgemeine Wettbewerb führt nicht, wie man glaubt, zum Fortschritt, sondern zur Auflösung. „Augenblicklich", schreibt Maurice in einem — 301 — Briefe 1 an Mrs. Rieh, „rühmt sich die Konkurrenz, der einzige beherrschende Beweggrund der menschlichen Wesen zu sein. Die Vernunft erklärt, die schmerzlichste Erfahrung beweist jedoch, dafs wo jene herrscht, sie die Gesellschaft zerstört und jeden einzelnen feindlich gegen seinen Nachbar kehrt. Gut ist derjenige Arbeitgeber, welcher dem Princip der Konkurrenz am wenigsten Einflufs in die Bestimmung seines Verhältnisses zu den Arbeitern gewährt." Besserung ist daher nur dann zu erwarten, wenn die Grundsätze des Christentums wieder anerkannt werden, wenn die Menschen, statt sich gegenseitig zu bekämpfen, wieder anfangen, sich zu helfen und einander als Brüder zu fördern. „Unsere Interessen sind gemeinsam und jeder voll Pflichten gegen den anderen", dies war der Grundsatz, welchen die christlichen Socialisten dem der Konkurrenz entgegenstellten. So sind die Lehren des Socialismus, wie ihn Maurice lehrte, nichts anderes als die der Bibel: eine Kriegserklärung gegen die unchristliche Auffassung der menschlichen Gesellschaft, wie sie heute von den Weisen verkündet und von den Mächtigen geübt wird 3 . Gedanken dieser Art brachte Maurice in den Predigten zum Ausdruck, durch die er seit 1846 als Kaplan von Lincolns Inn zu London viele der jungen Juristen der Korporation tiefgehend beeinflufste. Thomas Hughes, damals Mitglied derselben, erzählt, wie die Kirche erst leer gewesen sei, 1 Abgedruckt in dem interessanten Buche Richard Cobden par Mme. S. Schwabe. Paris 1879. 2 Heute verknüpft sich die Vorstellung von Staatseinmischung mit dem Wort Socialismus. Dies war nicht der Fall, als das Wort aufkam: man verstand damals darunter den Versuch, das Wirtschaftsleben auf I Grundlage der Association statt der individualistischen Konkurrenz zu • gestalten. Nach der heute angenommenen Terminologie wäre der Stand- j punkt des Maurice daher nicht socialistiscli; er will Einschränkung des 1 Systems der Konkurrenz durch sociale Motive, nicht staatlichen Eingriff. dann die Bänke der Studenten und der Fremden, später * auch die der Rechtsanwälte sich zu füllen begannen. „Was immer für einen Gang diese Predigten nahmen", schreibt Hughes aus etwas späterer Zeit, „so waren die Hörer sicher, dafs dieselben sie in irgend einer Weise auf das Jahr der Gnade 1853 und die Kämpfe ihres inneren Lebens bringen und zugleich Licht auf diese Kämpfe und dieses Leben werfen würden." In jener Zeit nun war es, dafs durch diese Predigten angeregt, die Schar jüngerer Männer sich um Maurice sammelte, welche den Namen christlicher Socialisten annahmen. Sie wollten damit bezeichnen, dafs sie nicht Christen und Socialisten seien, sondern dafs sie als Christen notwendig sich zum Socialismus zu bekennen hätten, welcher seinerseits hohl und aussichtslos ohne christliche Grundlage sei. Socialismus bedeutete ihnen das Verwerfen der auf einem individualistischen Gesellschaftssystem beruhenden Konkurrenz und das Verlangen nach einer Gesellschaft, in der der eine nicht mehr mit dem andern konkurriert, sondern als Christ dem Christen hilft und mit ihm gemeinschaftlich die zu verbrauchenden Güter hervorbringt und verteilt. Die bedeutendsten unter den christlichen Socialisten waren: John Malcolm Ludlow, Charles Kingsley, Thomas Hughes, Vansittart Neale, von denen jeder einzelne auf die sociale Entwicklung seiner Heimat von Einflufs geworden ist. Von Ludlow gingen die praktischen Anregungen aus, welche die christlichen Socialisten zur Beförderung des Genossenschaftswesens veranlafsten. In Paris hatte Ludlow während der Februarrevolution 1848 die unter dem Einflüsse Louis Blancs gemachten socialistischen Versuche gesehen; ihr Scheitern schrieb er dem Abhandensein der christlichen Grundlage zu, ohne welche die allen solchen Versuchen entgegenstehende menschliche Selbstsucht nicht zu überwinden sei. Ludlow vertrat die — 303 — volkswirtschaftliche Seite der Bewegung, welche Maurice ihren sittlich religiösen Gedankeninhalt dankte. Später, seit 1875, hat Ludlow sich als Vorsteher des Registrieramtes der Hülfs- kassen die gröfsten Verdienste um die Entwicklung des gesamten Vereinswesens der englischen Arbeiter erworben, in welcher Stellung er heute noch des Vertrauens und der Zuneigung des Arbeiterstandes sich erfreut. Von allen christlichen Socialisten hat Kingsley, wenn auch nicht den bestimmenden, so doch unstreitig den weitreichendsten Einflufs auf die Bewegung gehabt. Von Maurice abhängig und von Carlyle stark beeinflufst, war seine Begabung insofern von der jener verschieden, als seine Worte unmittelbar auf die Massen einwirkten. Er that dies in Romanen und Flugschriften, welche letztere er zum Teil unter dem Namen des „Parson Lot" herausgab. Ganz von der christlichen Lebensanschauung durchdrungen, will er nicht durch Beweisgründe, sondern durch Handlungen die Wahrheit des Christentums dargelegt wissen; nur dadurch könnten die Massen zum Glauben zurückgeführt werden. Sein Lebensziel war, wie er in Carlyleschen Worten es ausspricht: „nicht die laute, theoretische Lobpreisung einer Kirche, sondern die stille, praktische Verwirklichung der Kirche." Es war kein kleines zu einer Zeit, da der Klassengegensatz noch in aller Schärfe bestand, da man in den Chartisten den Auswurf der Gesellschaft erblickte, den oberen Klassen, insbesondere den Geistlichen zuzurufen, dafs an ihnen die Schuld läge, die sie jenen beimäfsen, dafs jene ungläubig seien, weil man die Bibel mifsbraucht hätte, „als Leitfaden für Polizeidiener, eine Dosis Opium für Lasttiere, während sie überladen werden, ein Buch, lediglich um die Armen in Ordnung zu halten". Kingsley wurde selber als Revolutionär gebrandmarkt und doch haben wenige mehr wie er für die Wiederherstellung des socialen Friedens gethan, indem er die Bibel für das, was sie einst gewesen, das Buch, die „Charte" des Armen erklärte, das „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" verkünde und zugleich den Weg zu diesen G ütern bezeichne. Kingsley war der erste, dem es gelang, das Mifstrauen der Arbeiter gegen jeden, der einen besseren Rock anhatte, zu überwinden. Als er — einer der edelsten des Jahrhunderts — 1875 seinem Meister Maurice in das Grab folgte, war der Umschwung erfolgt, und er, der seiner Zeit von der Times als Kommunist verschrieen wurde, sah an seinem Lebensabend hunderte junger Leute seinen Fufs- stapfen folgen. Wenn es aber damals keine Socialrevolutio- näre mehr gab, so war dies ihm nicht zum mindesten zu verdanken, der zuerst, statt jene zu verabscheuen und zu verachten, sich ihnen genähert und sie zu verstehen sich bemüht, ja sich mit ihnen befreundet hatte; kämpften jene doch nicht für sich, sondern, Tod und Einkerkerung nicht fürchtend, für eine Idee, und konnten daher nicht schlechter sein als viele ihrer um den Besitz besorgten Gegner. Aufser Ludlow und Kingsley seien Thomas Hughes und E. Vansittart Neale, zwei junge Juristen, genannt; beide stehen noch jetzt der Genossenschaftsbewegung nahe; der greise Neale darf heute noch als ihr Führer gelten. Ihre juristischen Kenntnisse, welche sie der Sache zur Verfügung stellten, sind für die Genossenschaften von hohem Wert gewesen; Neale wurde geradezu von ihnen als „unser Anwalt" bezeichnet. Diese Männer mit einer Anzahl gleichgesinnter, „ein Bund von Freunden", wie Mill sie bezeichnet, „hauptsächlich Geistlichen und Advokaten, deren edeln Bemühungen nicht genug Lob gespendet werden kann", griffen den unter den Arbeitern damals verbreiteten Genossenschaftsgedanken auf. In diesem nämlich schien ihnen die Wahrheit sich verwirklichen zu können, dafs die Menschen, statt sich zu — 305 — bekämpfen, sich gegenseitig unter Anerkennung der gemeinsamen Zwecke zu fördern hätten, was der englische Ausdruck „Cooperation" in treffender Weise bezeichnet. Nur ein erster Schritt schien ihnen die verteilende, hauptsächlich dachten sie an die erzeugende Genossenschaft, durch welche die Gilterproduktion dem System der Konkurrenz entrissen werden sollte. Diese Versuche waren bisher mifslungen. „Aber", fragt Maurice in einer Predigt vom 5. März 1848, „ist denn der Glaube, dafs die Menschen zur Brüderlichkeit da sind, eine Phantasie? Mufs jede Bemühung, ihn zu verwirklichen, mit Lächerlichkeit oder Verbrechen endigen?" Seine Antwort auf diese Frage war, dafs im Christentum allein die Möglichkeit der Verwirklichung liege, dafs das Christentum schon bisher kommunistische Institutionen entwickelt habe — jedes Kloster sei eine solche gewesen — und dafs der christliche Kommunismus nunmehr zu vollerer Entfaltung zu gelangen im Begriffe stehe. Brentano hat geschildert, welcher Sturm sich gegen die furchtlose Schar erhob. Ganz offen wurde sie von den oberen Klassen des Verrates, der Berufung an die Leidenschaften, der Kriecherei vor der Menge beschuldigt — Vorwürfe, wie sie alle die zu treffen pflegen, die sich einer gesellschaftlich geächteten Richtung annehmen., Man scheute sich nicht, ihnen Gemeinschaft mit Mördern und Verbrechern vorzuwerfen, zumal als Kingsley erklärte, in den Chartistenversammlungen „Stirnen" zu finden, wie man sie im Parlamente vergeblich suchen würde. Brentano hat hervorgehoben, dafs nicht jene Angriffe, vielmehr die Schwierigkeit, das Vertrauen der Arbeiter zu gewinnen, die gröfsten Hindernisse bereitete. Wenn man bedenkt, wie die Arbeiter sie als bezahlte Kreaturen beargwöhnten, die sie auskundschaften sollten, wie sie nicht glauben wollten, dafs Leute der oberen Klassen, zumal v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 20 i — 306 — Geistliche, sich ohne Hintergedanken ihrer annehmen könnten, wenn man dagegen vergleicht, wie heute die Beziehungen beider Klassen über ganz England zahlreich und voll von Vertrauen sind, so kann man die Gröfse des Fortschritts ermessen, welcher seit jener Zeit auf dem Wege zum socialen Frieden gemacht ist. Am 18. Februar 1850 schlössen sich die Freunde als „Gesellschaft zur Förderung von Arbeiterassociationen" zusammen. Durch gesetzeskundigen Beistand, selbst Vorschüsse, vor allen aber durch Agitation in Schrift und Wort, unterstützten sie die Bewegung. Durch Verbreitung ihrer Gedanken aber gaben sie der Genossenschaftsbewegung denjenigen Gedankeninhalt, welcher sie, wie wir sehen werden, noch heute beherrscht. Tausenden von Arbeitern haben sie so ein Ideal gegeben, ein Ziel gezeigt, für jenes sehnsüchtige Streben nach socialer Erlösung der Menschheit, das in den Kreisen derer, welche die bestehende Gesellschaft enterbt, gerade die Besten erfüllt. Die Genossenschaftsbewegung ist zwar nicht von den christlichen Socialisten in das Leben gerufen worden. Seitdem 1825 Robert Owen seinen „Aufruf an das Volk" gerichtet und dasselbe zur Verwirklichung seiner Pläne aufgefordert hatte, welche er mit Hülfe der Kabinette vergebens durchzusetzen versucht hatte, waren in England und Schottland eine Anzahl Genossenschaften gegründet worden 1 . Aber die ersten Jahre der Bewegung, über welche Holyoake in seiner „Geschichte der Cooperation" eingehend berichtet, waren voll von Excentricitäten. Sie waren unternommen von Enthusiasten, welche an einen unmittelbaren Anbruch des von Robert Owen verkündeten socialistischen Zeitalters glaubten. Die bis 1844 gegründeten Genossenschaften giebt die Karte S. 322. — 307 — Auch waren die Anschauungen jener frühen Genossenschafter von denen der christlichen Socialisten soweit als möglich entfernt. Robert Owen stand durchaus auf dem utilitarischen Boden seiner Zeit: „das Endziel der Gesellschaft ist", sagt er, „Reichtum zu erzeugen und zu geniefsen"; derjenige nationalökonomische Schriftsteller, welcher sich zuerst für das Genossenschaftswesen aussprach, William Thompson (Distribution of Wealth 1822) ist ein unmittelbarer Schüler Benthams. Er erklärt es als Fehler der Nätionalökonomen, dafs sie „nicht das Glück, sondern den Reichtum untersucht hätten", dafs sein Plan aber darauf ziele, wie man das gröfstmög- lichste Glück des menschlichen Geschlechts herbeiführen könnte. Den Irrtum der klassischen Nationalökonomie teilend, dafs der Wert eines Erzeugnisses gleich der Summe der darauf verwendeten Arbeit sei, kritisiert Owen die heutige Gesellschaft, weil in ihr die zur Herstellung eines Gutes aufgewendete Arbeit nicht mehr der Wertmesser sei und damit der Arbeit der ihr zukommende Lohn entzogen werde. Es ist lediglich von diesem ihm mit den späteren Socialisten gemeinsamen Standpunkt aus, dafs Owen das System der Konkurrenz angreift, welchem die zahllosen Spaltungen der Menschheit in Sekten, Religionen und Parteien entsprungen seien. Es habe bewirkt, dafs ein gewisser Reichtum zwar angesammelt sei, aber dafs die Mehrzahl des Volkes nichts besitze und die Besitzenden für ihren Besitz täglich zu zittern hätten; dabei auch vermindere es die Hervorbringung von Gütern. Den Grund dieses Systems sieht Owen in der bisherigen Erziehung der Menschen, welche Whigs oder Torys, Christen oder Ungläubige, aber nicht Menschen, hervorgebracht habe. In dieser Richtung seien vor allen die Religionen verderb- 20* — 308 — lieh gewesen, weshalb Owen sie allesamt verwirft. Da der Mensch aber ganz „Geschöpf der Umstände" sei, ein weifses Blatt, auf das man schreiben könne was man wolle — die Lehre des Individualismus — so käme es nur darauf an, eine gewisse Anzahl von Menschen gleichsam aus der Geschichte herauszuheben, sie als Kinder allen Einflüssen ihrer Umgebung zu entziehen und sie so heranzubilden, dafs sie keinen anderen Ehrgeiz hätten als den, „vernünftige Wesen" zu werden. Eine solche Erziehung aber sei nur möglich in kommunistischen Gemeinschaften, welche Owen bis auf das kleinste Detail beschrieben und in der alten wie der neuen Welt einzuführen versucht hat. Dieselben sollten selbsterhaltend sein, d. h. alles hervorbringen, was ihre Angehörigen brauchten; jeder sollte in erster Linie Ackerbauer sein, daneben sollten Haushaltsführung, Handwerk u. s. w. gemeinschaftlich betrieben werden. Owen war fest überzeugt, dafs die Menschen nur die Vorteile seines Planes einzusehen brauchten, um ihn auszuführen. In der künftigen Gesellschaft prophezeite er, würde man überhaupt keine Klage mehr hören. Alle Übel würden, nachdem man ihre Gründe eingesehen habe, beseitigt werden und bald nur dem Namen nach bekannt sein; diejenigen aber, die etwa unvermeidlich wären, würden nicht mehr Gegenstand von Klagen sein, nachdem die Menschen ihre Notwendigkeit eingesehen hätten. Owen starb, trotz alles Scheiterns seiner Versuche, unerschüttert im Glauben an dieselben. Man habe sie eben nie so, wie er verlangt habe, sondern stets mit Menschen unternommen, die von der Gesellschaft bereits beeinflufst und verdorben gewesen seien, konnte er nicht mit Unrecht sagen. Aber gab es überhaupt andere Menschen? In der That waren Owens Lehren nichts als der Reflex der individualistischen Lehren seiner Zeit in einem — 309 — aufsergewöhnlich menschenfreundlichen Geiste, welcher die gesellschaftlichen Zustände statt vom Standpunkt des Kapitals, von dem der damals so tief gedrückten arbeitenden Klassen ansah. Die Verschiedenheit, ja der Gegensatz seiner Lehren zu denen der christlichen Socialisten ist augenfällig. Wenn man nun sieht, dafs lediglich auf Grund der letzteren, die Ideenwelt der heutigen Genossenschafter sich aufbaut, so wird man nicht mit Unrecht in den christlichen Socialisten die wahren Begründer der Bewegung erblicken 1 . II. Die Entwicklung des Genossenschaftswesens. Die Geschichte des Genossenschaftswesens zerfällt in drei Perioden: in die erste meist mifslungener Experimente, die zweite durch das Eingreifen der christlichen Socialisten bezeichnet und die dritte einer äufserlich glänzenden Entwicklung. Die erste Owenistische Periode ist von geringer Bedeutung. Die zahlreichen Genossenschaftskongresse jener Zeit mit ihren abenteuerlichen Plänen, ihren Adressen an gekrönte Häupter etc. fallen aus den Kähmen vorliegender Arbeit. Schon die Namen der dort zusammentreffenden Gesellschaften: „Freunde der menschlichen Rasse", „Gesellschaft aller Klassen und aller Nationen" etc. sind bezeichnend. 1 Vergl. New Review, Sept. 1889, S. 333. Holyoake, der bedeutendste Vertreter der Owenschen Richtung unter den Genossenschaften!, bekennt selbst: „Cooperation, wie sie heute bekannt ist, entsprang nicht, bevor Owens Theorie und Politik tot war". Sein Verdienst ist lediglich den Genossenschaftsgedanken zuerst in die englischen Arbeiter geworfen zu haben. Für den Stand der Genossenschaften 1844, also kurz vor dem Eingreifen der christlichen Socialisten, vergl. die Karte S. 322. — 310 - Es ist bekannt, dafs die Anfänge der menschlichen Wirtschaft, soweit unsere historische Kenntnis zurückreicht, kommunistische waren. Es ist ferner bekannt, wie das Fortschreiten der Kultur mit einem wachsenden Siege des Individualismus über den Kommunismus verknüpft war. Das moderne englische Genossenschaftswesen bedeutet ein ziel- bewufstes Auftreten gegen diese Strömung der Zeiten, wobei es indefs den Fortschritt mit der Gemeinsamkeit des Betriebs zu verbinden hofft. Die Anfänge dieser Wiedererneuerung gemeinsamer Wirtschaftsweise gehen weit zurück. So bestand bereits 1777 eine produktive Schneidergenossenschaft zu Birmingham. Allein diesen Versuchen gegenüber ist die moderne englische Genossenschaftsbewegung durch ihren Glauben, d. h. den Gedanken einer herbeizuführenden Gesellschaftsreform ausgezeichnet. So trugen die Owenschen Versuche einen enthusiastischen Charakter an sich, welcher sie fast regelmässig zum Scheitern führte, insbesondere die nach Owens Plan gegründeten kommunistischen Wohnhäuser. Zudem wurden jene Unternehmungen in das Leben gerufen meist mit dem Gelde von Gönnern, welches gewöhnlieh verloren ging, während die heutigen Unternehmungen, wenn sie scheitern, nicht selten daran zu Grunde gehen, dafs die aus geringen Anfängen angesammelten Reichtümer die Teilnehmer veranlassen, den genossenschaftlichen Charakter des Unternehmens aufzugeben. Während die produktivgenossenschaftlichen Versuche der ersten Periode sich fast alle als verfehlt erwiesen, so hatten einige der Konsumvereine bereits einen besseren Erfolg. Nach dem Vorbilde, das Owen in seiner Fabrik zu New Lanark gegeben hatte, entstanden mehrere solcher Vereine. Der älteste war der „ökonomische Verein" zu Sheernes, welcher seine Mitglieder mit Mehl, Brod und Fleisch zum Selbstkostenpreis versah. — 311 — Aber die Wiege der Bewegung stand doch zu Rochdale; für die, welche von ihr die sociale Erlösung erwarten, hat der Name dieses Ortes einen geheiligten Klang. Holyoake, einer der ältesten und begeistertsten Genossenschafter, preist die Ufer der Roch als die eines zweiten Tiber, mit den Worten, die der Dichter auf Rom anwendet, den Ausgang und die Zukunft der Genossenschaftsbewegung bezeichnend. „"Vom Nichts, vom kleinsten, Geringsten Dorf (nur hier und da Ein schilfgedecktes Dach am Flussesrand) Wuchs es zum Alles, furchtlos Jahr um Jahr, Geduldig über Sumpf und Feld die Bahn Sich bahnend, übers Festland und die See." Nachdem Anhänger von Owen in Rochdale zweimal mit dem Versuche gescheitert waren, einen Konsumverein in der Weise zu gründen, dafs die Gewinne an diejenigen, welche 1 iß zur Gründung beigesteuert hatten, verteilt wurden, hatten sie mit einer dritten Gründung 1844 Glück, welche die Anteilbesitzer auf 5 °/o beschränkte und den Überschufs unter die Käufer als Gewinn, beziehungsweise Sparanlage verteilte. Dieser Verein, das Vorbild für alle späteren, wurde unter dem Namen der „Pioniere von Rochdale" bekannt und sein Erfolg war der Anlafs für einige ähnliche Gründungen in Lan- cashire und Yorkshire. Bezeichnend für den Geist, welcher die „Pioniere von Rochdale" bereits beseelte, war, dafs von den Gewinnen 2 1 k °/o vorweggenommen wurden zum Zweck der Belehrung und Erziehung der Mitglieder. Die gesetzliche Lage der Genossenschaften war in jenen frühesten Jahren sehr ungünstig. Das „gemeine Recht" Englands kennt eine Klage von Genossen, welche gemeinsam Geschäfte betreiben, gegeneinander nicht. Gegenüber der Gefahr von Betrügereien und Unterschlagungen wurde zwar durch das Recht der Beamten eine Klage gegen untreue Genossen gewährt; diese aufser- ordentliehe Klage aber, welche vor dem Gerichtshofe der „Chancery" geltend gemacht werden mufste, war so kostspielig, dafs sie für Arbeiter nicht in Betracht kam. So blieb ihnen nichts übrig als ihr Vermögen Vertrauenspersonen zu überantworten, denen sie schutzlos ausgeliefert waren. Erst das Eingreifen der christlichen Socialisten gab der Bewegung denjenigen Gedankeninhalt, welcher ihr eine hervorragende Stelle in vorliegender Arbeit anweist, sie von der Herrschaft der individualistischen Zeitideen befreite, und mit einem mehr oder weniger christlich gefärbten, socialen Inhalt erfüllte. Indem wir hierauf unten näher eingehen, geben wir zuvor einen gedrängten Überblick über die weiteren Ereignisse der äufseren Entwicklung. Die von den christlichen Socialisten 1850 gegründete „Gesellschaft zur Beförderung von Arbeiterassociationen" hatte zunächst die Bildung von Produktivgenossenschaften im Auge — wie es denn ihr von Ludlow ausgeführtes Ideal war, nach und nach alle Gütererzeugung in Genossenschaftsform zu bringen und unter Ausschlufs gegenseitiger Konkurrenz die Preise durch Übereinkunft zwischen sämtlichen Genossenschaften festsetzen zu lassen 1 . Die meisten Versuche dieser Art hatten keinen bleibenden Erfolg, während Konsumvereine allenthalben aufblühten und seitdem fortgesetztes Wachstum aufweisen. Der Arbeiter war für die Produktivgenossenschaft nicht reif, indem dieselbe einen so hohen Grad der Unterordnung des Individuums unter das Ganze fordert, wie er heute nur bei sittlich hochstehenden zu finden ist. Mehr Glück hatten die christlichen Socialisten in ihren 1 Vergl. Ludlow, Christian Socialism and its opponents. (The Edin burgh Review, the Eclectiv and the Reasoner, London 1851 und die betreffende Stelle bei Brentano S. 53.) 313 — Bemühungen, durch Änderung in der Gesetzgebung der Entwicklung des Genossenschaftswesens die Wege zu bahnen. Durch Vermittlung des Parlamentsmitgliedes Slaney wufsten sie ihre Sache vor die Parlamentskommission zu bringen, welche die den Anlagen der Mittel- und Arbeiterklassen zu gewährenden Erleichterungen beriet. Der daraufhin von Ludlow ausgearbeitete Gesetzentwurf fand die Unterstützung des konservativen Ministeriums des Lord Derby, welches im Februar 1852 zur Regierung kam, und wurde als der „Industrial and Provident Societies Act" 1852 Gesetz, welches seitdem durch mehrfache Besserungen dem ursprünglichen Ludlowschen Entwurf noch näher gebracht wurde. Das Princip der beschränkten Haftbarkeit der Genossen irgend welchen gewerblichen Unternehmens war dem älteren englischen Rechte fremd. Ursprünglich war zur Erlangung der Korporationsrechte ein besonderer Parlamentsakt oder ein königlicher Freibrief notwendig, welche z. B. der Londoner Häuserbaugesellschaft 1000 : : £ gekostet hatten. Dieser Grundsatz wurde zuerst durch das Aktiengesetz durchbrochen und dieselben Rechte, welche dieses kapitalistischen Vereinen gewährte, gab das angeführte Gesetz von 1852 den Arbeitergesellschaften. Jedoch waren die Beschränkungen in diesem letzteren Gesetz noch zahlreiche; so waren insbesondere eingehende Bestimmungen zum Schutze der Gläubiger erlassen, welche vorschrieben, wie Gesellschaftskapitalien angelegt werden sollten. Auch die Zwecke, denen Genossenschaften dienen durften, waren noch beschränkt. Sie waren nur erlaubt für den „gemeinsamen Betrieb von Arbeiten, Geschäften oder Handwerken", so dafs z. B. ein Teil des Gewinnes für Erziehungszwecke in den Statuten noch nicht ausgeworfen werden konnte. Ferner war für den Anteil, den ein Einzelner an der Gesellschaft haben durfte, eine Maximalgrenze von — 314 — 100 £ festgesetzt. Diese letztere wurde 1862 auf 200 '£ erhöht, dagegen die beiden erstgenannten Beschränkungen ganz aufgehoben 1 . Das Gesetz von 1862 ist das wichtigste für die Entwicklung der Genossenschaften. Es gewährte den Arbeitern in vollem Mal'se das Recht der Genossenschaftsfreiheit mit beschränkter Haftbarkeit der Mitglieder, welches durch ein anderes Gesetz desselben Jahres auch den kapitalistischen Klassen zugestanden wurde — ein gesetzlicher Schritt, welcher von den weitreichendsten und, wie allgemein anerkannt ist, wohlthätigsten Folgen geworden ist. Das Gesetz, betreffend die „Industrial and Provident Societies" von 1862, eröffnet die dritte und äufserlich glänzendste Periode der Bewegung. Vorteil zogen von dem genannten Gesetze zunächst die verteilenden Gesellschaften. Wenn sich in den auf den Erlafs des Gesetzes folgenden Jahren der Aufschwung nicht sogleich vollzog, so hatte dies seinen Grund in dem Nordamerikanischen Secessionskrieg und der damit verbundenen Baumwollennot in Lancashire, unter dessen Arbeiterbevölkerung der Genossenschaftsgedanke seinen Hauptsitz hatte. Wunderbar, dafs überhaupt die bestehenden Genossenschaften den Sturm überdauerten. Erst seit dem Jahre 1865 trat ein schnellerer Fortschritt ein. Derselbe fällt mit der im Jahre 1864 erfolgten Gründung der Grofshandels-Genossenschaft („ Wholesale-Soci ety") zusammen, welche in Manchester ihren Sitz hat. Wenn durch die gewöhnlichen Konsumvereine die Arbeiter sich von der Herrschaft der Kleinhändler befreien, so bedeutete die Grofshandels- Genossenschaft den Versuch, noch den Grofshandel in die 1 Die Anwendung des Gewinnes ist ganz frei. Das Kapital darf nur für Gewerbe, Handel u. s. w. verwandt werden; jedoch werden diese Begriffe sehr weit gefafst. Für den Landbesitz giebt es kein gesetzliches Maximum. — 315 — eigene Hancl zu nehmen. Nur Genossensehaften sind als Mitglieder dieser Genossenschaft zugelassen. Eine zweite ähnliceh Genossensehaft wurde in Glasgow 1869 gegründet. Beide Genossenschaften jedoch stehen geschäftlich in engstem Zusammenhang. Aufser ihren Hauptniederlassungen besitzen sie heute elf Zweigniederlassungen zu Verkaufs- und fünf zu Einkaufszwecken. Einen Teil der verkauften Waren produzieren sie selbst. Sie besitzen Schuh-, Seifen-, Bisquit- etc. Fabriken. Den gröfseren Teil ihrer Waren dagegen kaufen sie im grofsen ein, womöglich direkt vom Produzenten. Sie besitzen fünf Dampfer, welche den überseeischen Verkehr vermitteln und haben Niederlassungen zum Zweck des Einkaufs in Hamburg, Kopenhagen und New-York. Geradezu grofsartig ist die Niederlassung der „Wholesale Society" zu Manchester, welche ein ganzes Strafsenviertel umfafst: riesige, mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattete Warenhäuser und Geschäftslokale mit einem eigenen, weitausgedehnten Bankgeschäft, einem grofsen Versammlungssaal etc. Die aufgespeicherten Waren, eingeteilt in die Abteilungen der Nahrungsmittel, der Kleidung und des Hausgeräts, sind nur Proben, auf Grund deren die Vertreter der im Lande zerstreuten Konsumvereine ihre Bestellungen machen, und diese Proben allein füllen Räume von einer Ausdehnung, wie sie sonst die Vorratslager selbst der gröfsten kaufmännischen Firmen nicht erreichen; sie sind Eigentum von Gesellschaften, deren Mitglieder in ihrer grofsen Mehrzahl von der Einkommensteuer befreit sind, weil ihr Einkommen die gesetzliche Minimalgrenze nicht erreicht. Wichtig für die Geschichte der Cooperativbewegung war das Gesetz von 1865, welches das Recht der Teilhaberschaft (partnership) an gewerblichen Unternehmungen abänderte. Bisher war vom Rechtsstandpunkt aus jede Beteiligung des angestellten Arbeiters am Eigentum und Gewinn einer industriellen Unternehmung unmöglich. Nachdem diese Bestimmung aufgehoben war, erwachten wieder die produktiven Genossenschaften. Auch diesmal zeigten sich die leitenden Geister in ihrer Hoffnung, durch Einführung der Gewinnbeteiligung eine Lösung der socialen Frage herbeiführen zu können, getäuscht. In der Steinkohlengrube des Herrn Briggs wurde z. B. während einiger Zeit der gesamte Gewinn an die Arbeiter verteilt. Und namentlich brach der Versuch der Herren Briggs, ihre Grubenarbeiter durch Beteiligung am Unternehmergewinn der Gewerkvereinsbewegung abspenstig zu machen, jämmerlich zusammen 1 . In anderen Fällen, in denen reine Produktivgenossenschaften die Gewinnbeteiligung eingeführt hatten, war ein häufiger Grund des Scheiterns die Eifersucht der ursprünglichen Teilhaber gegen die später eintretenden, welche bei Aufwärtsbewegung des Geschäfts die hohen Gewinne geniefsen, ohne in den mageren Jahren mitgearbeitet zu haben. Trotzdem erwiesen sich die in den 60er und 70er Jahren gegründeten Produktivgenossenschaften im ganzen doch lebenskräftiger als die früheren Versuche. Einige der damals gegründeten haben sich durch alle Fährlichkeiten hindurch erhalten. Die damals gegründete Sammetweberei zu Hebdenbridge z. B. steht noch heute in Blüte. Immer aber hing der Erfolg davon ab, dafs die Leiter des Unternehmens für die Sache, nicht für sich selbst arbeiteten. Sprachen daher die thatsächlichen Erfolge meist gegen das Genossenschaftsprincip, so blieb den Genossenschaftern doch die Genugthuung, dafs der vornehmste englische Nationalökonom und Philosoph der Zeit auf ihre Seite trat. Angesichts der vielfach gescheiterten Versuche hatte es eine 1 Vergl. Die gründliche Darstellung hei Frommer, Gewinnbeteiligung S. 15 ff. Leipzig 1886. — 317 — mehr als theoretische Bedeutung, wenn Mill 1865 ermutigend schrieb: „Möglicherweise und vielleicht in weniger entfernter Zukunft, als man annimmt, werden wir durch das Ge- nossenschaftsprincip unseren Weg zu einer gesellschaftlichen Veränderung finden, welcher Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums mit den sittlichen, intellektuellen und wirtschaftlichen Vorzügen vereinigter Produktionsweise verbinden wird. Ohne Gewalt und Beraubung, ja ohne plötzliche Störung der bestehenden Gewohnheiten und Erwartungen würden wenigstens auf dem Gebiete der Gütererzeugung die besten Wünsche des demokratischen Geistes damit verwirklicht, die Teilung der Gesellschaft in Fleifsige und Träge und alle socialen Unterschiede aufser denjenigen beseitigt werden, welche durch persönliche Dienste und Anstrengungen redlich verdient sind." Nicht in die äufsere Geschichte der Bewegung in den 60er Jahren fällt die Gründung von Konsumvereinen durch die Mittelklassen, sogenannten civil stores. Dieselben sind von den ähnlichen Vereinen der Arbeiter streng getrennt, indem sie lediglich auf geschäftlichen Erwägungen beruhen, während die letzteren von dem Gedanken einer anzubahnenden Gesellschaftsreform getragen sind und sich durch einen gewissen sektenhaften Charakter auszeichnen. Dagegen sind folgende Zeugnisse von der wachsenden Bedeutung der Bewegung zu erwähnen. Im Jahre 1867 wurde eine Feuer- und Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit von den Genossenschaftern, 1871 eine der Propaganda dienende Zeitung, die Cooperative News, in das Leben gerufen. Auch dieses Unternehmen selbst ist insofern nach cooperativen Grundsätzen eingerichtet, als allein Genossenschaften als Anteilbesitzer zugelassen sind, deren Kapital fest mit 5 °/o verzinst wird. Überschüsse werden auf die Vervollkommnung des Blattes verwendet. — 318 — Wenn schon die Gründung der Grofshandels-Genosseu- schaft dem Bedürfnis nach weiterer Organisierung der Genossenschaften entsprungen war, so erfolgte im Jahre 1869, hauptsächlich auf Anregung des Herrn Greening, eine Zusammenfassung des gesamten Genossenschaftswesens auf Grund der gemeinsamen Grundsätze. Die Genossenschaftskongresse, welche schon die Christlichsocialen einzuführen versucht hatten, wurden 1869 wieder aufgenommen. Der erste wurde in London, der folgende 1870 in Manchester abgehalten. Bedeutungsvoll war, dafs bereits 1870 die Gewerkvereine durch eine Deputation vertreten waren, wodurch zum Ausdruck kam, dafs es sich um eine Bewegung der Arbeiterwelt handelte. Seitdem wurden die Kongresse alljährlich am Ostermontag abgehalten; sie werden, bezeichnend für den Geist der Bewegung, stets durch Festpredigten eingeleitet, in denen der Zusammenhang zwischen Christentum und Kooperationsbewegung behandelt zu werden pflegt 1 . Da die in einjährigen Zwischenräumen tagenden Kongresse für die Vertretung des Genossenschaftsinteresses nicht ausreichten, so wurde 1870 ein ständiger Genossenschaftsaus- schufs (Central Cooperative Board) errichtet. Der Zweck desselben ist, die Wünsche der Genossenschaften hinsichtlich der Gesetzgebung zu vertreten, die Gegenstände, die der Kongrefs behandeln soll, vorzubereiten und die Ideen der Bewegung durch Vorträge und Flugschriften zu verbreiten. So veröffentlicht der Ausschufs Musterstatuten und erteilt auf An- 1 Beiläufig sei als ein Zeichen, was englische Kanzelredner ihren Zuhörern hei solchen Gelegenheiten bieten dürfen, erwähnt, dafs manche dieser Predigten nicht selten, wie z. B. die mir vorliegende, am 24. Mai 1885 vom Bischof von Manchester gehaltene, mit einem bedeutenden statistischen Apparat versehen ist, welchen der Prälat von der Kanzel herab seinen Zuhörern zum Besten gab. Jetzt finden die Kongresse Pfingstmontag statt. — 319 — frage den Genossenschaften rechtskundigen Rat. Yansittart Neale, dieser Veteran der Bewegung, ist der Generalsekretär des Ausschusses. Die Veränderungen in der Organisation, welche der Ausschufs seit seinem Entstehen durchgemacht hat, können übergangen werden. Er hat Grofsbritannien in fünf Provinzen geteilt: Schottland, die nördlichen, die nordwestlichen, die mittleren und die südlichen Grafschaften Englands 1 , denen eigene Ausschüsse vorstehen und deren Abgeordnete den Centralausschufs zu Manchester zusammensetzen. Vergl. die Karte auf Seite 322. Die Geschichte der letzten beiden Jahrzehnte bezeichnet einen steten Fortschritt der Konsumvereine. Damit aber entstand die Gefahr, dafs die eigentümlichen Grundgedanken der Bewegung, von welchen sogleich die Rede sein soll, verloren gingen. Besonders zeigt sich dies daran, dals manche Vereine ihre eigenen Arbeiter häufig nicht anders als andere Arbeitgeber behandeln. Haben doch in einigen genossenschaftlichen Fabriken die Gewerkvereine sogar notwendig gehabt, die Interessen der Arbeiter zu verteidigen. Dem gegenüber aber ist hervorzuheben, dafs die Führer solche Vorkommnisse stets als „Abfall" verdammen. Besonders bedeutsam in dieser Hinsicht war der zu Leicester 1877 abgehaltene Kongrefs. Hier wurde die Kernfrage der Bewegung verhandelt: hat die Arbeit ein Recht auf Beteiligung an dem durch sie erzielten Gewinn? Hätte man diese Frage verneint, so wäre damit die Genossenschaftsbewegung, wie sie Maurice und Ludlow aufgefafst hatten, zu Ende gewesen. Aber mit einer Mehrheit, neben welcher, wie der Bericht sich ausdrückt, „die Minderheit beinahe verschwand", wurde folgender Beschlufs gefafst: „Wir bestätigen von neuem unsere unveränderte Über- 1 Dem letzteren Bezirk wurde 1889 Irland zugefügt. — 320 zeugung, dal's alle kooperativen Vereine, welche Produktion betreiben, auf das Princip der Versöhnung der entgegengesetzten Interessen des Kapitals, des Arbeiters und des Verbrauchers gegründet sein sollten, indem man den unter dem Namen Gewinn bekannten Fond in gerechter Weise unter sie verteilt". Der ungeheure äufsere Fortschritt des Genossenschaftswesens ist am kürzesten in graphischer Weise klar zu machen, wie in anliegender Tafel versucht ist. Seit der Einführung der beschränkten Haftbarkeit hat sich die Zahl der Mitglieder um das sechzehnfache, der jährliche Umsatz um das zwanzigfache, der Betrag des Kapitals der Genossenschaften um das dreifsigfache vermehrt. Die Tafel betreffend ist hervorzuheben, dafs dieselbe nur die registrierten Genossenschaften angeht und sich auf Grofsbritannien mit Ausschlufs Irlands bezieht. Ein Zwang zur Eintragung der Genossenschaften besteht nicht, doch sind auch so die angegebenen Zahlen kaum kleiner, als die wirklich vorhandenen, da eine Gesellschaft von mehr als 20 Mitgliedern nach englischem Recht nur auf Grund der Eintragung im eigenen Namen Geschäfte abschliefsen kann. Die Linie AA bedeutet die Zahl der Mitglieder aller Genossenschaften, das Einheitsmafs ist 10000, sodafs also diese Zahl in den Jahren 1862—1886 von 90341 bis 893153 gestiegen ist. Die anderen Linien beziehen sich ausschliefslieh auf die Konsumvereine; jedoch dürfte diese Verschiedenheit wenig in das Gewicht fallen, da neben den verteilenden die Produktivgenossenschaften an Mitgliederzahl wenig in die Wage fallen. Die Linie AA hält sich während der Jahre 1862—65 fast auf gleicher Höhe; der Grund hiervon ist, wie angedeutet, die Baumwollennot in Lancashire. Das Aufsteigen von 1865—69 ist der Einführung der beschränkten Haftbarkeit zuzuschreiben, das Aufsteigen von 1871—74 dem aufserordentlichen Auf- — 321 — schwung, welcher, namentlich in der Eisen- und Kohlenbranche, damals wohl in erster Linie infolge des deutsch-französischen Krieges vor sich ging. Hervorzuheben ist ferner das Aufsteigen der Linie von 1883—84. Die Linien waren nicht weiter als 1887 herabzuführen, weil zur Zeit der Abfassung der Arbeit die bezüglichen Zahlen für das Jahr 1888 noch nicht veröffentlicht waren. Jedoch ist anzunehmen, dafs nunmehr die Mitgliederzahl von 1884 (855 575) und damit das neunte Hunderttausend überschritten ist 1 . Es dürfte nicht unberechtigt erscheinen, die Zahl der Genossenschafter auf nahezu eine Million zu schätzen. Da die meisten Mitglieder aber verheiratete Familienväter sind, und man zur Durchschnittsfamilie Frau und zwei Kinder rechnen kann, was eher zu wenig als zu viel ist, weil die Genossenschafter zu den bestgestellten Arbeitern gehören, so kommt man zu einer Zahl von vier Millionen, welche von der Bewegung berührt sind. Mitte des Jahres 1888 aber betrug die Bevölkerung von England und Schottland laut officiellen Quellen 32662960 Seelen; es macht also jene mit den Genossenschaften in Verbindung stehende Bevölkerung mindestens 12 % der Gesamtbevölkerung aus. Ehe wir die übrigen Linien der Tafel betrachten, werfen wir einen Blick auf die beigegebene Karte, welche die Verteilung der Genossenschafter über das Königreich darstellt. Die ausgezogenen Linien begrenzen die Sektionen, die punktierten die Bezirke. Je kleiner die Bezirke, desto dichter die Genossenschafter. Die schattierte Fläche stellt den eigent- 1 Zu dieser Annahme berechtigt, dafs in dem Bericht des Registrieramtes, welcher auf Beschlufs des Hauses der Gemeinen vom 9. August 1888 veröffentlicht wurde, zwanzig englische Gesellschaften angeführt sind, welche im ganzen eine Jahresvermehrung von 8285 Mitgliedern aufweisen, was bereits die Mitgliederzahl von 1886 über die von 1881 hinausbringt. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 21 IÄ | 33g 6Z.63.6f.6S.66.6f. ÖS. b9T>.]f p.p. 7f.fS }6.fl]d.J<)SO.U. 6Z33.3t85.S6.37. Ute Zahlen, für Z887sincl dem Berichte des denassertscHocfZs.. ras/Dresses van Z8S8ej/hiommen / ch'eder v/jrAerrfeÄer/cZeri. ücchre Ze^czTien cciif offz'ciellen Zlu.el le //■ 21* KäBSsg —— liehen Sitz des Genossenschaftswesens dar, in dem die Grenzen der dort befindliehen zehn Bezirke nicht mehr anzugeben waren. Wer mit den englischen Verhältnissen vertraut ist, ersieht aus der Karte, dafs es sich hier um eine Bewegung des Arbeiterstandes handelt. Fallen doch die Flächen der kleinsten Distrikte mit den Industriebezirken Lancashires, Durhams und Northumberlands, sowie des schottischen Tieflandes zusammen. Massenbewegungen unter der dortigen Bevölkerung sind Bewegungen des höchststehenden Teiles der englischen Arbeiter. Die Linie BB, deren Einheitsmafs 100000 £ sind, bedeutet den jährlichen Umsatz der Konsumvereine; sie erhebt sich von 2333 523 £ im Jahre 1862 zu 32684244 £ im Jahre 1886, d. h. der ungeheuren Summe von mehr als 650 Millionen Mark. Wichtiger noch als dies ist das Auseinandergehen der Linien AA und BB, welches die Zunahme des Wohlstandes der Mitglieder andeutet. Die Linie CC, deren Einheitsmafs 10000 £ ist, bedeutet den Reingewinn; hervorzuheben an ihr ist ihr schnelles Steigen innerhalb der letzten Jahre, ein Zeichen der wachsenden Geschäftserfahrung der Genossenschafter. Beide Linien (BB wie CC) zeigen eine Senkung um die Jahre 1878 und 79, in welchen England eine Geschäftskrise durchmachte und auch die Ge- werkvereinskassen ähnliche Erscheinungen aufwiesen. Die Linie DD endlich, deren Einheitsmafs 1000 £ ist, stellt den für Erziehungszwecke verausgabten Teil des Gewinnes dar. Sie ist um deswillen wichtig, weil diese Ausgabe ein Anzeichen dafür ist, dafs die Genossenschaften mehr als blofse Geschäftsunternehmungen sind. Das rasche Aufsteigen der Linie in den letzten Jahren zeigt ? wie dieser Charakter eher im Wachsen als im Schwinden begriffen ist. — 325 — III. Das Glaubensbekenntnis der Genossenschafter. Ludlow, der wie kein zweiter durch Alter, Einsicht und Erfahrung das Yereinsleben der englischen Arbeiter zu beurteilen berufen ist, hatte die Güte, mir seine Ansicht dahin auszusprechen, dafs es auch heute noch der eigentümlich genossenschaftliche Geist sei, auf dem der Bestand der Genossenschaftsbewegung und ihre Fortentwicklung beruhe, dafs ein Nachlassen desselben innerhalb der Genossenschaften notwendig zu einem äufseren Scheitern führen müsse; das vielfache Fehlschlagen genossenschaftlicher Versuche sei dem Umstände zuzuschreiben, dafs nur zu häufig die Genossenschafter der Grundsätze, die sie mit diesem Namen auf ihre Fahne schrieben, im Leben sich uneingedenk erwiesen. A. H. Dyke Acland, der jüngere Vorkämpfer der Bewegung im Parlament, spricht in gleicher Weise in seinem Buche: „Die Genossenschafter" die Meinung aus, dafs in der Geschichte der Bewegung jene vielen „ernsten und selbstlosen Männer" das wichtigste gethan hätten, die der Idee gelebt hätten und deren Namen vielleicht nie über ihre Heimatstadt hinaus bekannt geworden seien. Was nun sind diese Grundsätze der Genossenschafter, was ihre Ziele und was der Weg, auf dem sie dieselben zu erreichen gedenken? Bei Beantwortung der Frage wäre es Undank, nicht der Grundlagen zu gedenken, die bereits Owen gelegt hatte, und die heute noch nachwirken. Aber sie waren mehr praktischer Art. Das theoretische Bekenntnis der Genossenschafter wurde recht eigentlich erst durch die christlichen Socialisten auf den Boden jener antiindividualistischen Eichtling gestellt, welche von Carlyle aus- geht und die wir nunmehr in ihren heutigen Gestngenaltu verfolgen. Die im folgenden entwickelten Gedanken entnehme ich einem aus den letzten Jahren stammenden Material, den Kongrefsverhandlungen, der vom Genossenschaftsamte veröffentlichten propagandistischen Litteratur, Gesprächen mit hervorragenden Genossenschaftern, insbesondere mit Vansittart Neale 1 u. s. w. Berührungspunkten mit Carlyle begegnet man vielfach; seines Zusammenhangs mit den christlichen Soeia- 1 Die Grundgedanken, welche für die christlichen Söcialisten mafs- gebend waren, wurden von Ludlow in folgender Weise ausgesprochen, als es sich um Gründung einer Schneidergenossenschaft und um Befreiung der in diesem Gewerbe beschäftigten Arbeiter von der Herrschaft jener aussaugerischen Mittelspersonen, der sogenannten „Contractors" oder „Sweaters", handelte: 1. Die Selbstsucht der Einzelnen, wie sie in dem auf der Konkurrenz beruhenden Wirtschaftssystem verkörpert ist, ist die Wurzel der Übel, 4 unter denen die englische Industrie heute leidet. Im Schneidergewerbe insbesondere ist die Konkurrenz unter den Unternehmern die Ursache der Praxis, die Arbeit gegen Stücklöhnung den Arbeitern nach Hause zu gehen. Daraus sind die Magazine, welche fertige Waren verkaufen, mit all ihren Schrecken erwachsen, und die Konkurrenz unter den Schneidergesellen hat den Erpressungen der Verkäufer fertiger Kleider Vorschuh geleistet, indem sie die Klassen der „Aussauger" oder Afterunternehmer — jener tötlichen Parasiten der Arbeit — hervorrief. 2. Die Abhilfe für die Übel der Konkurrenz liegt in dem brüderlichen und christlichen Grundsatz des Genossenschaftswesens, d. h. der vereinten Arbeit hei Verteilung des gemeinsamen Gewinns; dieser Grundsatz könnte in der Bildung von Schneiderassociationen leicht zu ausgedehnter Anwendung gelangen. 3. Beständen auch in anderen Gewerben Arbeitergenossenschaften, die mit ähnlichen Organisationen in unserem Gewerbe zusammenwirken, so könnte ein Austausch ihrer Produkte stattfinden, und vermöge der damit eintretenden Besserung der Lage und der darauf folgenden gröfseren Konsumtion der Arbeiterklasse würde den Erzeugnissen der englischen Industrie ein weiter und nahezu neuer Markt im Inlande erstehen. Und diese Versammlung verpflichtet sich, alle derartige Versuche, das Volk von den Übeln der Konkurrenz der Einzelnen zu befreien, zu unterstützen. Citiert von Brentano in der angeführten Abhandlung. — 327 — listen haben wir oben gedacht und sein mittelbarer Einflul's ist noch heute wahrzunehmen. Der Grundgedanke, welcher überall in der Genossenschafts- litteratur wiederkehrt, ist der, dafs jener Zustand der Gesellschaft, in dein der eine mit dem andern im Kampfe um das Dasein liegt, den frühen und ungesellschaftlichen Zuständen der Menschheit angehöre, dafs der Fortschritt darin bestehe, diesen Kampf zurückzudrängen, sodafs jeder Einzelne anstatt auf Kosten des andern sein Dasein zu fristen, mehr und mehr in Gemeinschaft und mit Hilfe des andern lebe. Noch heute würde der Mensch in hohlen Bäumen hausen, soweit er von dem Stärkeren nicht daraus verjagt würde, von Wurzeln und Eicheln leben, soweit er sie vor seinem Nachbar verteidigen könnte — wären rein individualistische Motive allezeit die herrschenden geblieben. Aber ihnen gegenüber entstand und wuchs eine andere Macht, das „Princip der Einigung", wie es die Genossenschafter nennen, dem anstatt der Selbstsucht die Selbstverleugnung (selfdenial) zu Grunde liegt. Dieser letzteren, obwohl sie sich nur langsam aus der Verbindung mit der andern herausentwickelt, sind alle Fortschritte der Menschheit zu danken. Die behauptete Zurückdrängung des Kampfes um das Dasein hat Neale mit der Spencerschen Philosophie in Zusammenhang gebracht, welche heute in England und Amerika bedeutenden Einflul's besitzt. Herbert Spencer betrachtet alle Erscheinungen der organischen wie der anorganischen Welt unter dem Gesichtspunkte der Entwicklung (evolution), deren Hauptseiten die „Differenzierung der Teile" und „die Integrierung des Ganzen" bilde. Neale hebt nun im Anschlufs hieran hervor, dafs der Kampf um das Dasein, entsprechend der Darwinschen Lehre, zur Differenzierung der Individuen führe. Die Verschiedenheiten der Organismen, der Arten wie der Individualitäten, seien aus ihm zu erklären. Daneben aber beginne der komplementäre Prozefs sieh geltend zu machen: die Integrierung, durch welche die Teile sich zu neuen, überorganischen Ganzen zusammenschlössen. Staat und Recht seien aus ihr hervorgegangen, Religion sei ihr subjektiver Ausdruck, ebenso wie die Kunst, welche die Idee des Ganzen objektiv zu verkörpern suche, und selbst die Wissenschaft, die nichts anderes bedeute, als das Zusammenschliefsen unverbundener Erfahrungen zu organischen Ganzen. Wenn die Geschichte der Menschheit Überwindung des Kampfes ums Daseins bedeutet, so ist ein Ereignis als das wichtigste aus derselben herauszuheben: der Augenblick, da das „Princip der Einigung" als die Grundlage der Gesellschaft zum ersten Male ausgesprochen und seine Durchführung als Ideal der Menschheit aufgestellt wurde. Dies ist die Bedeutung des Christentums, die geradezu einzigartig und unvergleichlich ist. „Achtzehnhundert Jahre sind vorübergegangen, seitdem der Apostel Paulus den Grundgedanken der genossenschaftlichen Handlungsweise (im Gegensatz zur individualistischen) mit einer Klarheit und Vollendung ausgesprochen hat, über die wir nicht hinaus können, und doch — um das Wort des verstorbenen Beecher Stowe zu gebrauchen — „predigen wir zwar Rahm, aber handeln dünne Milch" k Aber verloren gegangen ist die lange Zwischenzeit nicht. Zwischen der Idee des grofsen Apostels und ihrer beginnenden Verwirklichung liegen „die Abschaffung der Sklaverei — die Entstehung der grofsen Staaten, welche die bürgerliche Ordnung, die das kaiserliche Rom hervorgebracht hatte, mit der modernen Freiheit verbinden — die wissenschaftlichen Entdeckungen, durch welche die menschliche Vernunft die 1 Neale auf dem Genossenschaftskongrefs 1888. — 329 — Natur zu beherrschen und Gütererzeugung wie Austausch in fast unbeschränkter Weise zu erleichtern gelernt hat, die wachsende Tendenz auf dem Gebiete der theologischen Spekulation die Theorie der Praxis unterzuordnen, — das Aufhören des Glaubens, dafs politische Mittel sociale Krankheiten beseitigen können. Wir, die wir solche Errungenschaften besitzen, leben heute inmitten von Äufserungen einer neuen socialen Macht: durch genossenschaftliche Unternehmung eignen sich die arbeitenden Klassen jenen gewerblichen Gewinn an, aus denen die Massen des vorhandenen Kapitals entsprungen sind; diese Macht, welche unter den Bedingungen arbeitet, wie sie die achtzehn Jahrhunderte seit St. Paulus entwickelt haben, wird — so dürfen wir hoffen — das grofse Ideal des grofsen Apostels verwirklichen in einer Ausdehnung und Schnelligkeit, welche in keiner Periode bisher möglich gewesen wäre". Diese Worte aus der Feder Neales finden sich in der Einleitung zum Bericht über den zwanzigsten Kon- grefs der Genossenschafter (1888), und zeigen, dafs die christliche Grundlage der Bewegung nach wie vor festgehalten wird. Der dogmatische Standpunkt aber wird jedem einzelnen überlassen und es besteht, wie schon bei den alten christlichen Socialisten, eine grolse Weitherzigkeit in dieser Beziehung. Jedoch dürfte es zwei Grenzen nach beiden Seiten geben; das katholisierende Hochkirchentum, wie es von Maurice bekämpft wurde, dürfte nach meiner Erfahrung nirgends unter den Genossenschaftern, welche ja dem Arbeiterstande angehören, Anhänger besitzen. Das Minimum von Christentum dagegen mögen folgende öfters citierte Worte enthalten, welche der französische Genossenschafter Leclaire auf dem Totenbette aussprach: „Ich bekenne mich als demütigen Schüler dessen, der uns gelehrt hat, andern zu thun, wie wir selbst mit uns gethan haben wollen, und unsern Nächsten wie uns — 330 - selbst zu lieben. In diesem Sinne bleibe ich Christ bis zum letzten Atem". Bei weitem die meisten Genossenschafter jedoch, obwohl nach englischer Auffassung der „broad church"- Richtung angehörend, stehen für den deutschen Sprachgebrauch geradezu auf dem Boden des orthodoxen Gedankenkreises; Owenistische Aufklärung scheint, wie ich auf Grund zahlreicher persönlicher Bekanntschaften urteile, unter den Genossenschaftern ausgestorben — ein Beweis mehr, wie viel wichtiger die christlichen Socialisten als jener Utopist für die heutige Bewegung sind. Bei aller Freiheit in den Lehrmeinungen und der Möglichkeit verschiedener Ansichten hierüber betonen die Genossenschafter, dafs die praktische Seite des Christentums unbestreitbar und ihnen allen gemeinsam sei. Das „Sonntags-Christentum" sei es, über welches man streite und zanke, das Christentum der Formen, der Kultusfragen, der Doktrinen, die „Theorie des Christentums". Über die „Praxis des Christentums", das „Wochentags-Christentum", gäbe es keinen Streit, und doch sei dieses gerade das wichtige. Denn eine Religion, welche nicht in das tägliche Leben einträte, es beherrsche und umgestalte, welche die Menschen nicht in allen Lagen und Umständen anders handeln lasse, als ohne dieselbe, welche ihre Gewerbe und alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse nicht weniger regle, als ihre inneren Beziehungen zu Gott: eine solche Religion sei eitel Schein und Heuchelei — „gut für den Sonntag und nicht für den Montag, gut zum Kirchenlieder singen und nicht für industrielle Unternehmungen. Religion ist nicht ein zerbrechliches Ding, bestimmt für Frauen und Stunden der Einsamkeit; es ist ein hartes, brauchbares Ding, bestimmt für des Lebens Arbeit, Schwierigkeiten und schreckliche Probleme, ein Ding, das starke Männer mit sich in ihre Arbeitsstätten und Fabriken, ihre Strafsen und Höfe nehmen, — 831 — das ebenso sicherlich mit Politik und socialen Fragen zu thun hat, wie mit Lüge, Wollust und Trunkenheit". (Aus der Predigt des Bischofs von Wakefield vor dem Genossenschafts- kongrefs zu Dewsbury 1888.) An diesem Ideal gemessen sinkt natürlich die heutige Gesellschaft zu äufserstem Unwert hinab. Das Christentum war bisher, so sagen die Genossenschafter, ein „Sonntags-", nicht ein „Werktags-Christentum". Obgleich das Princip der Selbstverleugnung und der Einigung seit achtzehn Jahrhunderten gepredigt wird, beruht doch die Gesellschaft nach wie vor auf dem individuellen Kampfe ums Dasein, wenn derselbe auch gemildert und in friedliche Formen gegossen ist. Ja fast dürfte es scheinen, als ob dieser Kampf in unserem Jahrhundert wieder verschärfte Formen angenommen hätte. Die allgemeine Konkurrenz also ist für die Genossenschafter nichts weniger als die Grundlage, worauf, wie die Nationalökonomie annimmt, die menschliche Gesellschaft in Zukunft beruhen wird. „Die Ratschläge der Nationalökonomie .seien nichts als organisierte Selbstsucht". JeneSchranken zwar, welche das alte Recht dem Individuum gezogen hatte, mul'sten fallen, aber nur deswegen, weil die in Zukunft zu errichtenden sich von ihnen in doppelter Hinsicht unterscheiden müssen: sie werden nicht von Einzelnen und herrschenden Klassen zum Schutze ihrer Interessen errichtet werden, sondern vom Arbeiterstande d. h. vom Volke überhaupt zum allgemeinen Besten; aufserdem werden sie nicht auf dem Wege der Gesetzgebung herbeigeführt werden, sondern durch freiwillige Unternehmung, also auf Grund der moralischen Fortschritte der Menschennatur. Hiernach bestimmt sich das Verhältnis der Genossenschaftsbewegung zum heutigen Socialismus. Das eigene Ziel, so meinen die Genossenschafter, sei nicht weniger weitgehend als das, „welches die grofsen Propheten des modernen Socialismus, St. Simon, Fourier und Robert Owen, erfüllt habe, deren sogenannte Utopien in vielen jüngeren Geistern das brennende Verlangen nach socialer Reform entfacht hätten". Bezeichnenderweise werden nur ältere Socialisten genannt; in ihnen liegen die Berührungspunkte, von denen sich die Genossenschaftsbewegung und der moderne Socialismus divergent entwickeln. Aber die Genossenschafter erheben den Anspruch, die wahren und rechten Socialisten zu sein, indem sie allein die Reform der Gesellschaft praktisch in die Hand genommen hätten. Auch hätten sie den Glauben, dafs Gesetzgebung es thun könne, aufgegeben, weil staatlicher Eingriff die innere Natur der Menschen nicht verändern könne. Hierin liegt zugleich ihr Gegensatz zu den Socialisten : „jeder Versuch, uns zu einem Schritte zu drängen, für den wir nicht vorbereitet sind, würde nur eine Illustration des Sprichwortes gewähren, »je mehr Eile, desto weniger Beschleunigung«" (Neale). Welches sind die Mittel, durch welche die Genossenschafter ihr Ziel zu erreichen versuchen? Um dieselben im Zusammenhang mit dem genossenschaftlichen Glaubensbekenntnis zu erfassen, mufs man die von den Genossenschaftern geübte Kritik der heutigen Gesellschaft sich vergegenwärtigen. Das System der Konkurrenz ist versucht worden und hat zu dem entgegengesetzten Ergebnis geführt, als man erwartete. Zwar hat es in gewissem Grade die Güterproduktion vermehrt und verbilligt — dies ist sein Vorzug. Aber es hat andererseits die wachsende Tendenz, die Güter ungleich zu verteilen. „Dem der hat, giebt es und dem, der nicht hat, nimmt es noch, was er hat." Es macht, dafs die meisten für andere Güter und Genüsse hervorbringen, welche sie nicht teilen; es häuft die Massen in rauchigen und ungesunden Städten zusammen, wo sie der ihnen von der Natur bestimmten Freuden entbehren: der frischen Luft und des Son- — 333 nenseheins, ohue ihnen irgend welche Entschädigung zu geben. Es bringt in der Gesellschaft „jene Atmosphäre des Betruges und des Milstrauens" hervor, in der gesunde Sittlichkeit nicht bestehen kann. Ja wenn es sich rühmt, die Zahl der Güter zu vermehren und ihre Kosten zu vermindern, so erfüllt es selbst diese Aufgabe unzureichend. Denn es hat die Tendenz, den auf die Gütererzeugung kommenden Betrag von Arbeit und Kapital zu vermindern durch Vermehrung des auf die Verteilung verwandten. Auch wird dadurch nicht etwa bewirkt, dafs ✓ die Güter in einer passenderen Weise als heute unter die, •welche sie am meisten bedürfen, verteilt werden. Vielmehr führt die Konkurrenz zu einer durchaus überflüssigen Vermehrung der Zahl derer, welche sich mit der Verteilung der Güter beschäftigen, während dieselbe in wenigen Händen konzentriert, weit besser und billiger ausgeführt werden könnte. Hier nun setzen die Genossenschafter ein; während bisher ein blinder Zufall geherrscht habe, versuchen sie zunächst das Gebiet der Güterverteilung vernunftgemäfs zu organisieren. Dies ist der erste und leichteste Schritt zur Reorganisation der Gesellschaft überhaupt, der leichteste deshalb, weil zur Bildung eines Konsumvereins von den Mitgliedern am wenigsten Selbstverleugnung verlangt wird und das persönliche Interesse noch am meisten mit in das Spiel gezogen wird. Ferner ist die Geschäftsführung hier am leichtesten, sie erfordert wenig Betriebskapital, und gewährt eine rasche Verzinsung. Sodann ist der Konsumverein deswegen auch der erste Schritt, weil der Arbeiter durch ihn allein sich in den Besitz der Kapitalmengen setzen kann, welche zu der weiteren Ausdehnung des Genossenschaftswesens nötig sind, ferner weil sie in der Ausübung der leichteren Güterverteilung sich eist allmählich die Geschäftskenntnis aneignen müssen, welche die schwierigere Güterhervorbringung voraussetzt. So erzieht diese erste Form der Genossenschaft die Mitglieder für die weiteren Formen; denn auch diese ersteingeführte Form der Güterverteilung allein auf Nützlichkeitserwägungen zurückzuführen, ist irrig. Die Gründung eines jeden solchen Vereins nämlich setzt ein gewisses Kapital voraus, welches von den künftigen Mitgliedern vorgestreckt wird. Nun könnten doch diese, wenn sie allein dem Triebe der Selbstsucht folgten, ihre Mittel in gleicher Weise zu rein persönlichem Vorteil zusammenlegen. Als Kapitalbesitzer gegenüber solchen, die es nicht sind, hätten sie den Gewinn sich ausschliefslich aneignen können. Ebenso ist jeder blühende Konsumverein mit beträchtlichem Kapitalbesitz versucht, sich zu schliefsen 1 . Dagegen ist es allgemein, dafs solche Vereine den Eintritt allen auf das äufserste erleichtern; jedes Zuwiderhandeln gegen diese Regel würde als eine schwere Verletzung des Genossenschaftsgedankens empfunden werden. Der Kapitalbesitzer, so argumentieren die Genossenschafter, benutzt, hier im Gegensatz zur gewöhnlichen Unternehmung, sein Kapital dazu, zugleich mit sich dem ärmeren Mitkäufer zu nutzen, der zu schwach ist, um für sich selbst zu sorgen. Er zieht den gemeinsamen und ferneren, wenn auch thatsächlich höheren Vorteil dem näherliegenden, privaten vor, ganz ebenso wie nach der genossenschaftlichen Lehre er es später gegenüber dem besitzlosen Mithervorbringer zu thun hat. „Cooperative Genossenschaften" darf daher der Führer der Bewegung, Neale, definieren, sind „gewerbliche Gesellschaften, welche gebildet wurden, um Geschäfte in Übereinstimmung mit den Grundsätzen einer höheren Gerechtigkeit, als der in den Gerichtshöfen durchgesetzten, zu führen; diese Grundsätze wurden von ihren Gründern freiwillig angenom- 1 Nur ungeschlossenen Genossenschaften steht die Freiheit von Einkommen- und Gewerbesteuer zu. Vergl. jedoch S. 345 und 346. — 335 — men, die sieh entschlossen, nur in Übereinstimmung und Unterordnung unter dieselben ihren Vorteil zu suchen. Jeden Vorschlag, von diesen Grundsätzen um eines höheren Gewinnes willen abzugehen, würden sie als Bestechungsversuch zurückweisen. Hierin allein liegt die Kraft der Bewegung, und wenn ein Mensch einmal von diesem Gedanken erfüllt ist, so stählt ihn derselbe gegen jeden Widerstand und hält ihn selbst aufrecht in der Niederlage". Wegen dieses ihres Glaubens sähe man die Genossenschafter als Träumer und Utopisten an, sie aber trösteten sich, wie alle Reformer, mit dem Car- lyleschen Worte: „Es giebt keine Wahrheit, die nicht mit der Minderheit von Einem begonnen hätte." Auch verlangten sie von ihren Gegnern nichts; sie hätten heute alles, auf Grund dessen sie mit der Zeit die Gesellschaft umgestalten würden: die Sicherheit von Person und Eigentum und die persönliche Freiheit, welche die heutige Gesellschaft als gröfste Errungenschaft von der Vergangenheit erhalten habe, welche so als Vorbereitung für den genossenschaftlichen Zustand der Zukunft erschiene. Weder staatliche Hülfe noch das Wohlwollen der Arbeitgeber und Besitzenden riefen sie zu Hülfe; beides erniedrige die, welche es annehmen, als Almosen, während die Genossenschafter sich auf Grund ihres Glaubens stark genug fühlten, sich und der Gesellschaft überhaupt zu helfen. Die Genossenschafter betrachten den Konsumverein als den ersten Schritt in der angestrebten Richtung. Die volkswirtschaftlichen Vorteile schon dieses ersten Schrittes erweisen nach ihrer Ansicht sich als hervorragend, wenn er auch voll nur in Beziehung auf das, was er einleitet, zu würdigen ist. Die Güterverteilung werde bei fortschreitender Entwicklung dadurch nach einem grofsen Organisationsplane vemunftgemäfs geregelt. Der Erfolg sei, dal's nur soviel Arbeit geleistet — 336 — werde, als zur bestmöglichen Güterverteilung notwendig sei. Neben der Arbeitsersparnis vollzieht sich auch eine Ersparnis an Kapital: keine unnötigen Lager würden mehr gehalten, kein Geld für Reklame mehr ausgegeben. Arbeit wie Kapital, welche frei würden, wendeten sich zur Hervorbringung neuer Güter; diese aber seien um so leichter verkäuflich, als mit den durch die Konsumvereine erzielten Ersparnissen die Kaufkraft der Massen wachse. Selbst in einer Gesellschaft, die noch von dem Princip der Konkurrenz beherrscht sei, werde auf den einzelnen notwendig ein desto gröfserer Anteil kommen, je mehr Güter im ganzen zur Verteilung gelangten. Ein System, das voll von Reibung ist, bemühen sich so die Genossenschafter durch eine Maschine zu ersetzen, deren Teile zur Zusammenarbeit durch menschliche Vernunft angelegt sind. Für die nach wahrem genossenschaftlichen Princip geführten Konsumvereine werden folgende drei Unterschiede von ähnlichen kapitalistischen Unternehmungen angeführt, a) Bei letzterem wird der Gewinn als Dividende an das Kapital verteilt; Grundprincip der Genossenschaften dagegen ist es, das Kapital mit einem festen Zinssatz (gewöhnlich 5 Prozent) abzufinden, den Gewinn dagegen unter die Mitglieder zu verteilen. b) Die den Genossenschaften angehörigen Mitglieder erkennen die „Pflicht der vernünftigen Konsumtion" an. Sie bekämpfen das System der Reklame und ihre Vereine kaufen und verkaufen nach dem wahren Werte, nicht nach dem durch betrügerische Mittel den Waren beigelegten Scheinwerte. Ihre Waren sind daher unverfälscht, und wenn auch manchmal anscheinend teurer, so doch besser als die auf dem Wege der gewöhnlichen Konkurrenz zum Verkauf gelangenden. In der That ist es unberechenbar, welchen Nutzen die Konsumvereine in dieser Hinsicht dem englischen Arbeiter gebracht haben. Früher war er dem Truck oder dem Krämer ausgeliefert, seine Lebensmittel waren ebenso teuer als schlecht. Heute sind dieselben, soweit die Genossenschaften reichen, von trefflicher Qualität. Den Thee, welchen man im Hause des besseren englischen Arbeiters erhält, wird man in den Kreisen der Mittelklassen, die Feinschmecker auf diesem Gebiete sind, kaum besser vorgesetzt erhalten. Die „Pflicht der vernünftigen Konsumtion" aber geht noch weiter. Die Vereine haben beim Einkauf auch darauf zu achten, dafs der Arbeiter, der die Waren hervorgebracht hat, seinen angemessenen Anteil an Gewinn, soweit es unter heutigen Ge- sellschaftzuständen möglich ist, d. h. den von den Gewerkvereinen festgestellten Lohn, erhalten hat. Zu Schleuderpreisen einzukaufen, welche durch übermäfsigen Druck auf Arbeiter ermöglicht werden, ist gegen das Genossenschafts- princip. c) Dieser letztere Punkt bereits weist auf die produktive Genossenschaft hin. Konsumvereine, welche es nicht wenigstens als das von ihnen zu erstrebende Ideal ansehen, genossenschaftlich hervorgebrachte Güter zu verkaufen, würden als „cooperativ" im eigentlichen Sinne nicht angesehen werden. Nun aber ist,-es klar, dafs der einzelne Konsumverein, welcher in einer Welt der Konkurrenz steht, nicht zu Gunsten einer fremden genossenschaftlichen Unternehmung Opfer bringen, auch selber bei der Verschiedenheit der von ihm verkauften Waren nicht oder nur in sehr beschränktem Mafse Produktion treiben kann. Der Punkt, von dem aus die verteilenden Genossenschaften die Organisierung der genossenschaftlichen Gütererzeugung in die Hand zu nehmen haben, liegt auf dem Gebiete gemeinsamer Organisation. Die Führer der Bewegung sind nach dem Vorgange Neales dahin einig, dafs die Grofs- handelsgenossenschaft voranzuschreiten hat. Sie verfügt über sehr grofse Kapitalien und kauft in solchen Mengen, dafs sie v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 22 — 338 — mit ihrer Kundschaft allein imstande ist, gewerbliche Unternehmungen am Leben zu halten 1 . Die Gedanken Neales sind in dieser Hinsicht folgende: Den Weg, der bisher betreten wurde, sieht er, weil dem Systeme der Konkurrenz angehörig, als falsch an. Die beiden Grols- handelsgenossenschaften sind nämlich ihrerseits als grofse Arbeitgeber aufgetreten, wobei sie meist eine Art Gewinnbeteiligung der Arbeiter eingeführt haben. Insbesondere die schottische Genossenschaft zeichnet sich durch Liberalität in dieser Hinsicht aus. Neale stellt demgegenüber auf, dafs es wenig Unterschied mache, ob ein fester Lohn oder ein Gewinnanteil (Bonus) den Arbeitern gezahlt würde, da der Unterschied zwischen Arbeiter und Arbeitgeber bestehen bliebe. Wirklich genossenschaftliche Produktion würde sich nur dadurch erfolgreich und in grofsem Mafsstabe einführen lassen, dafs alle bestehenden und noch zu gründenden Produktivgenossenschaften sich zu einem Bunde zusammenschlössen, zu welchem die Grofshandelsgenossenschaft in ein festes Verhältnis träte. Die Produktivgenossenschaften behielten alsdann ihre Geschäftsführung in eigner Hand, während die Grofshandelsgenossenschaft, d. h. die Vereinigung der Arbeiter als Käufer, Umfang und Art des Bedarfs festzustellen, den Absatz zu sichern hätte, wobei sie des weiteren sich mit einem festzuverzinsenden Kapital beteiligen könnte. Dafür aber sollte sie berechtigt sein, eine gewisse Oberaufsicht zu führen, wozu sie vermöge ihrer Vertrautheit mit grofsen und weitaussehenden Geschäften be- 1 In der „Wholesale society" waren am 28. Dezember 1889 900 Genossenschaften als Mitglieder beteiligt. Der jährliche Umsatz erreichte einen Wert von 7 028944 £ (über 140 Millionen Mark), woraus hervorgeht, dafs ein nicht unbeträchtlicher Teil des Arbeiterstandes seine Lebensbedürfnisse auf diesem Wege bezieht. In London besitzt die Grofshandelsgenossenschaft eine Theeniederlage mit allein 7 Millionen Mark Umsatz, 365882 £. — 339 — sonders befähigt wäre. Durch die so erreichte Sicherheit des Absatzes und die Abwesenheit von Arbeitsstreitigkeiten würden die Produktivgenossenschaften in den Stand gesetzt werden, mit der kapitalistischen Gütererzeugung zu konkurrieren. Dies der Plan, welcher auf dem Genossenschaftskongrefs 1888 besprochen und zu dessen Durchführung der erste Schritt durch die Anbahnung von Kartell Verhältnissen zwischen der Grofshandels- und den einzelnen Produktivgenossenschaften thatsächlich gethan wurde. Die Grofshandelsgenossenschaft würde nach diesem Plane das verbindende Organ zwischen hervorbringenden und verteilenden Genossenschaften werden. Die genossenschaftliche Litteratur ist natürlich noch reicher in Hinsicht auf die volkswirtschaftlichen Vorteile der von ihr befürworteten Produktivgenossenschaft. Hervorgehoben wird insbesondere die Möglichkeit eines steten Gleichgewichts zwischen Nachfrage und Angebot, die hiermit herbeigeführte Beseitigung von Handelskrisen, die Ersparnis der Arbeit und des Kapitals, welche jetzt in den Kämpfen der Konkurrenz verloren gehe, das Aufhören des mit derselben unvermeidlich verbundenen Scheinwesens, der lügnerischen Mittel der Reklame u. s. w. Überproduktion würde aufhören, welche eine stets wachsende Gefahr für die Arbeiter bedeute. Könne doch heute z. B. ein Mann nebst zwei Kindern 2—3000 Spindeln beaufsichtigen, von denen jede einzelne zur Zeit, da die Baumwollenspinnerei eine Stapelindustrie zu werden anfing, einen eigenen Mann erforderte. Die wachsende Produktionsfähigkeit des Menschen aber solle statt zu Überproduktion zu Verkürzung der Arbeitszeit und gröfserer Mufse für Bildung und Erziehung verwandt werden. Die Zukunftsbilder, welche dem Genossenschafter vorschweben, gehen noch weiter. Sie sind nicht zu übergehen, weil sie beweisen, dafs das englische Genossenschaftswesen 22* — 340 — geeignet ist, jenen Hang des Arbeiters nach socialreformato- rischen Systemen zu befriedigen, die an Stelle der Wirklichkeit ein goldenes Zeitalter zu setzen versprechen. Das Ge- nossenschaftsprincip soll nämlich einst das ganze Leben der Menschen, auch das häusliche, regeln. Die Armen würden, so meint man, auf diesem Wege diejenigen Vorteile erreichen, welche unter dem gegenwärtigen System gesonderter Haushaltsführung nur dem Reichen zugänglich seien: die Freuden eines wohnlichen Heims. Aufserdem aher würden sie — eine Annahme zweifelhafterer Natur — durch die genossenschaftliche Ansied- lung einer „Freude höherer Art" teilhaftig werden, nämlich der Freude des gemeinsamen Verkehrs, der sie fördern würde und eine „unumgängliche Bedingung der grofsen socialen Neugestaltung" sei, welche die Zukunft im Schofse trage. Selbstverständlich ist es, dafs* auch hier die Pläne bereits bis in das einzelne vorliegen, auch die wirtschaftlichen Vorteile eines solchen gemeinsamen Lebens eingehend besprochen sind; dafs man beschreibt, wie die cooperative Ansiedlung anzulegen ist, wie z. B. die Häuser unterirdisch mit Schienen verbunden werden sollten, wie alle von einer grofsen Küche versorgt würden, dabei aber jedes Plaus einen Garten haben sollte, „in den der Nachbar nicht 1 hereinsehen" könnte u.s.w. Vereinzelte Experimente soeialistischer Gemeinschaften, erfolgreich nur, soweit die Teilnehmer sich ganz der Sache unterordnen, so die zu Oneida und zahlreiche andere in den Vereinigten Staaten stehen mit diesen Plänen im Zusammenhange. Ihre eigentümliche Färbung erhalten sie durch den leidenschaftlichen Hang des englischen Arbeiters nach dem Lande und Landbesitz. — Nach der Ansicht der Genossenschafter ist ihre Bewegung seit dem Auftreten des Christentums das wichtigste Ereignis in der menschlichen Geschichte. Der Mensch, der vom — 341 — Sklaven zum Leibeignen, vom Leibeignen zum Lohnarbeiter aufstieg, erhebe sich durch sie zum „Mitarbeiter" (cooperator), womit das Mifsverhältnis zwischen reich und arm aufgehoben werde. Sie sei nichts anderes „als die Anwendung des Christentums auf das Leben"; dementsprechend ist ihr Ziel, die Menschheit zu Christus hinzuführen, aus der Dunkelheit der Gegenwart zu dem Christus der da sein wird. „Rang out the darkness of the land Rang in the Christ who is to be". Die Genossenschafter erklären, dafs es sich im Grunde bei ihrer Bewegung nicht um etwas neues handele. Alle früheren Organisationen der Menschheit beruhten bereits auf dem Genossenschaftsgedanken: der Selbstverleugnung und Einigung. Aber die Ziele, zu Gunsten derer die Menschen früher ihre Selbstsucht unterordneten, waren beschränkter Natur: das Interesse einer Klasse, die Verfechtung einer Idee. Heute ist das Ziel ein unbeschränktes: das Wohl aller. Keiner mehr wird als blofses Werkzeug zu Gunsten anderer behandelt und alle ohne Unterschied des Standes und der Nation können sich diesem Ziele unterordnen. „Wie bei dem Ilochzeits- mahl in der Bibel ist unser Tisch für alle Arten von Gästen gedeckt" (Neale). Wir haben im vorhergehenden den der Genossenschaftsbewegung zu Grunde liegenden Gedankenkreis dargestellt, dem ein phantastisches Element nicht fehlt, der aber im wesentlichen auf Owensche und Carlylesche christlich-sociale Gedanken zurückgeht. Zweierlei hebe ich als Gedanken von grundlegender Wichtigkeit hervor: einmal den allgemeinen, schon von Owen so nachdrücklich betonten und durch Carlyle in erschütternden Worten gepredigten Satz, der die wichtigste Errungenschaft des neunzehnten, im Gegensatz zum achtzehnten Jahrhundert bedeutet: dafs die Beseitigung der socialen Leiden nicht durch Gewalt und nicht durch Gesetzgebung herbeigeführt werden kann, sondern nur durch innere Veränderung der Menschen, dafs also die sociale Frage im Grunde nicht politischer, sondern moralischer Natur ist. In zweiter Linie steht folgender, auf die Genossenschaftsbewegung insbesondere bezügliche Satz, dafs wirkliche Erfolge nicht zu erreichen seien, aufser durch Erfülltsein von der Idee, was die Erfahrung überall bewahrheitet. Insbesondere sind die schwierigeren Arten der genossenschaftlichen Unternehmung ohne das undenkbar, aber selbst ein Konsumverein verdankt -wirklichen Aufschwung fast immer selbstloser Arbeit im Dienste der Idee. Als Folge beider Sätze, welche im genossenschaftlichen Glaubenbekenntnis voran stehen, erscheint der hohe Wert, welchen man auf Erziehung und Fortbildung der jüngeren Mitglieder legt, wofür die Vereine nicht geringe Summen ausgeben. Denn im Grunde hängt der Erfolg der Bewegung von der Stärke und Ausbreitung ihrer Idee ab. Selbstverständlich ist es, dafs die breiten Massen der den Genossenschaften angehörenden Arbeiter von diesen Gedanken nicht durchweg in gleicher Stärke berührt sind. Erleichtert man doch allen den Eintritt. Auch verlangt man von keinem der eintretenden Mitglieder ein Glaubensbekenntnis. Ja, im Widerspruche zu den eigenen Überzeugungen scheut man nicht egoistische Erwägungen anzurufen, um Proselyten zu machen. Dies beweist ein mir vorliegendes Flugblatt, welches auf die Frage: „Warum bin ich Genossenschafter?" ganz uti- litarisch antwortet: 1. weil der, der hinter dem Ladentische steht, mir dient und nicht einem andern, der mich betrügen will; 2. weil ich nicht zulassen kann, dafs dieser andere auf meine Kosten reich wird: 3. weil ich eine Dividende bekomme; 4. weil ich die Bibliothek und das Lesezimmer benutzen, Vorlesungen hören, Feste, Spiele, Piknicke mitmachen darf — 343 — und dadurch mein Leben heiterer wird. Gegenuber diesen gewissermafsen exoterisehen Gründen wird erst in letzter Linie die esoterische Anschauung in das Feld geführt, dafs man Genossenschafter sei, um die Erlösung der Arbeiter von dem Drucke des heutigen Gesellschaftssystems herbeizuführen. Aber auch solche, welche rein aus Nützlichkeitsgründen den Genossenschaften beitreten, können doch dem Einflüsse der genossenschaftlichen Gedanken sich nicht entziehen. Denn die Genossenschaften haben ja nicht blofs gewerbliche, sondern auch gesellige Zwecke. Sie sind Gemeinschaften des Lebens, „frater- nitates" im mittelalterlichen Sinne mit gemeinsamen Unterhaltungen, Festen etc. Dabei wirkt einer auf den andern ein. Von jenen alten bewährten Kämpfern, die noch auf christlich- socialem Boden stehen und das Salz der Bewegung bilden, breitet sich die genossenschaftliche Weltanschauung unter den Massen aus. Nirgends fehlen solche .Männer, besonders zahlreich sind sie in Schottland und jenen Bergthälern um Roch- dale, wo die Wiege der Bewegung stand. Sie sind die Apostel ihrer Idee. Durch ihren Einflufs haben die Zusammenkünfte der Genossenschafter jenen eigentümlichen häufig nahezu religiösen Ton angenommen, welchen stets das Bewufstsein eines gemeinsamen Glaubens einer Versammlung verleiht. Holyoake schreibt diesen Glauben zusammenfassend in der „Fortnightly Review" vom 1. August 1887: „Noch ist der Tag nicht da. Wie Ephraim Jenkinson im Vicar von Wake- field sagt, ist die Welt noch in ihrer Kindheit. Die Genossenschaftsbewegung ist aus dem Gefühle herausgeboren, dafs unbeschränkte Konkurrenz im besten Falle der sociale Krieg ist. Obgleich der Krieg seine Eroberungen, seinen Pomp und seine Barden hat, seine stolzen Verbindungen und heldenhaften Erinnerungen, auf seinem Wege steht doch der Mord. Menschlichkeit und Genufs wären Dinge, über die man er- — 344 — röten müfste, wenn es kein edleres Mittel des Fortschritts gäbe als den Krieg. Wie sich ein dauerhafter Frieden zum Kriege verhält, so verhält sich Cooperation zu dem nie endenden Kampfe zwischen Arbeit und Kapital: sie ist der sociale Friede." IV. Der gegenwärtige Stand der Genossenschaften. Der gegenwärtige Rechtszustand beruht auf dem Gesetz von 1862. Jedoch beziehen sich eine grofse Menge einzelner Gesetze auf denselben Gegenstand, solche von 1846, 1850, 1852, 1856, 1862, 1867 und 1871. Das hierdurch höchst verwickelt gewordene Genossenschaftsrecht wurde durch den „Industrial and Provident Societies Act" 39 u. 40 Vict. Ch. 45 (1876) vereinigt, indem Artikel IV des cit. Ges. die entsprechenden derogatorischen Bestimmungen enthält. Das Gesetz erstreckt sich nur auf die eingetragenen Genossenschaften: es schreibt die Eintragung für alle Gesellschaften von mehr als 20 Personen vor, indem es alle Geschäfte derartiger Gesellschaften ohne Eintragung als rechtsunwirksam erklärt. Die Voraussetzungen der Eintragung sind lediglich formaler Natur, die Eintragungsbehörde ist das Registrieramt, an dessen Spitze der „chief registrar" steht, gegen dessen Entscheid jedoch gerichtliche Berufung möglich ist (Art. VIII, 8). Von Interesse sind hier allein die Bestimmungen des Artikel XI, welcher die den Genossenschaften zugestandenen Rechtsvorzüge enthält. Es werden ihnen Körperschaftsrechte zugesprochen und die Haftbarkeit der Genossenschaft auf das Genossenschaftsvermögen beschränkt. Hierauf beruht des weiteren das Recht, die Mitglieder durch Satzungen zu binden und Gesellschaftsforderungen von ihnen auf dem Klagewege einzutreiben. Des weiteren gewährt — 345 — das Gesetz den Mitgliedern Erleichterung der letztwilligen Verfügung über ihre Anteile, soweit sie nicht 100 r £ übersteigen (Gesetz von 1883); solche Verfügung erfolgt im Gegensatz zu den sonst vorgeschriebenen Formalitäten durch einfache Anzeige an die Verwaltung der Gesellschaft und ist selbst dann möglich, wenn das Statut die Anteile für unübertragbar unter Lebenden erklärt. In ähnlicher Weise wird die Intestatvererbung der Anteile geregelt, indem die Mehrheit des Vorstandes einfach entscheidet, wem der Erbanspruch zusteht und diesem den Genossenschaftsanteil zuweist, wobei sie näher Berechtigten für Übergehung haftbar bleiben. Ferner darf jede registrierte Genossenschaft Land kaufen und verkaufen, pachten und verpachten, sie darf in beliebig hohem Betrage Anteile an dem Vermögen jeder andern dem Gesetz unterfallenden Genossenschaft besitzen u. s. w. Die Bestimmung, welche die Genossenschaften von der Einkommensteuer befreit, ist um deswillen interessant, weil sie zu einem Schlüsse auf die den Genossenschaften ungehörigen Gesellschaftsklassen führt. Die angeführte Bestimmung wurde am 16. August 1887 im Unterhause zum Gegenstand einer Interpellation gemacht. Aus der Erwiderung des Finanzministers Goschen geht nun hervor, dafs es sich keineswegs um eine Sonderbestimmung zu Gunsten der Genossenschaften handelt. Nach englischen Steuergrundsätzen kann nämlich der Geschäftsgewinn von Gesellschaften nicht besonders besteuert werden 1 ; wenn man den Gewinn von Aktiengesellschaften besteuert, so geschieht dies lediglich aus Bequemlichkeitsgründen, indem die Gesellschaft alsdann stellvertretend für ihre Mitglieder zahlt, diese also für den von steuerpflichtigen Gesellschaften bezogenen Gewinn, ihre Dividenden 1 Dagegen bezahlen die Gesellschaften Einkommensteuer von ihrem Eigentum. — 346 — nicht weiter steuerpflichtig sind. Ein entgegengesetztes Verfahren wäre gesetzwidrige Doppelbesteuerung. Diese persönliche Natur der Einkommensteuer bewährt sich nun darin, dal's Mitglieder einer Aktiengesellschaft, welche unter 150 SS Einkommen haben und deshalb von der Einkommensteuer überhaupt gesetzlich frei sind, den ihrem Gewinnanteile entsprechenden Betrag der von der Gesellschaft bezahlten Steuer vom Staate zurückfordern können: die Gesellschaft hat eben für sie stellvertretend eine Steuer bezahlt, zu der sie nicht verpflichtet waren. Dasselbe Verfahren bei den cooperativen Genossenschaften einzuführen, hat man, wie der Minister hervorhebt, deshalb unterlassen, weil man damit eine Unzahl von Regreisansprüchen gegen den Staat schaffen würde, indem die grofse Mehrzahl der Mitglieder unter 150 '£ Einkommen habe. Der Staat ziehe es daher vor, die Steuer, anstatt von der Gesellschaft, von dem einzelnen Mitglied zu erheben, soweit sein Einkommen die Minimalgrenze überschreite. An sich also seien die Genossenschafter in keiner Weise durch Steuerprivilegien begünstigt. Aus dieser Darlegung folgt, dafs die Genossenschaften in der That dem Arbeiterstande angehören, da ein Einkommen unter 150 SS nicht mehr Zugehörigkeit zu den Mittelklassen begründet. Einen anderen noch günstigeren Standpunkt scheint das Registrieramt zu Gunsten der Genossenschaften einzunehmen. Es betrachtet die von ihnen ausbezahlte Dividende überhaupt nicht als neues Einkommen, sondern vielmehr als Sparanlage von schon gemachtem Einkommen 1 . Das Gesagte beweist, 1 In dem Bericlit des „Chief Registrars" über „Industrial and Pro- vident societies" für 1879 findet sich folgende Stelle: „Niemand würde erwarten, wenn drei oder vier Personen gemeinschaftlich ein Kiste Thee kaufen, dafs sie eine Steuer für die Differenz zwischen Engros- und Detailpreis zu zahlen hätten. Der sogenannte Gewinn der Konsumvereine besteht in nichts anderem als dieser Differenz und würde ebenso — 347 dafs die Genossenschaften sich heute der Gunst der Behörden wie der Gesetzgebung erfreuen — ein Ausflufs der allgemein herrschenden arbeiterfreundlichen Stimmung. Freilich ist dieselbe jungen Datums. Die Genossenschaftsgesetzgebung mufste einst schwer gegen die Anhänger des Systems der unbeschränkten Konkurrenz erkämpft werden. Am meisten verdanken die Genossenschaften den heutigen für sie fast völlig befriedigenden Stand der Gesetzgebung Männern wie Ludlow, Neale, Thomas Hughes und A. Dyke Acland, ihrem jüngeren Kämpen im Parlament. Auf Grund des angedeuteten Rechtszustandes pflegen sich die Gesellschaften in folgender Weise aufzubauen. A. Die verteilende Genossenschaft (Konsumverein). Folgende Grundsätze werden von den englischen Konsumvereinen als mafsgebend anerkannt: 1. Der Verein ist jedem offen, welcher Mitglied werden will; Vereine mit geschlossener Mitglied erzähl gelten als ungenossenschaftlich. 2. Jedes Mitglied ist gleichberechtigt an der Führung des Vereins, mag sein Anteil so hoch oder niedrig sein, als innerhalb der gesetzlichen Grenzen zulässig ist. Beide Grundsätze bezeichnen den specifisch genossenschaftlichen Charakter gegenüber anderen, lediglich auf den Erwerb gerichteten Vereinen. Den Geschäftsbetrieb betreffend gilt folgendes: 3. Der / unvernünftig sein, ihn zu besteuern, wie etwa die Ersparnis, welche der Kaufmann dadurch in seinem Haushalte macht, dafs er seine Waren zu Engros- anstatt zu Detailpreisen erhält". Soweit den Genossenschaften aus Geschäften mit Nichtmitgliedem Gewinn erwüchse, sei dieser natürlich zu versteuern, jedoch komme ein solcher praktisch, weil alle Käufer sehr schnell Mitglieder würden (Folge der beschränkten Haftbarkeit), kaum in Betracht. Jedoch ist, wie mir Neale mitteilt, diese Ansicht nicht allgemein angenommen. Denn in seiner Dividende beziehe jedes Mitglied aufser dem auf seine Einkäufe kommenden Gewinn den auf seinen Geschäftsanteil kommenden Gewinn, die rechnerisch nicht zu sondern wären. — 348 — Verkaufspreis der Waren ist der gewöhnliche Marktpreis in dem betreffenden Orte, wo der Verein seine Niederlage hat — im Gegensatz zu der Gewohnheit der ursprünglichen und der dem Mittelstande angehörigen Vereine, wonach der Verkaufspreis geringer als der Marktpreis ist. 4. Die Dividenden dürfen von den Mitgliedern jederzeit aus dem Geschäfte gezogen werden, mit Ausnahme dessen, was notwendig ist, zur Erhaltung des von jedem Mitglied verlangten Minimalanteils am Geschäftskapital. Hierbei verfolgt man die Gewohnheit, jeden als künftiges Mitglied zuzulassen, welcher 1 Schilling 3 Pence hinterlegt; von der ihm zufallenden Dividende wird wöchentlich alsdann mindestens 3 Pence zurückgehalten, bis der Betrag eines Minimalanteils von 1 erreicht ist. Frauen sind zum Verein wie zu allen Ämtern desselben in gleicherweise wie Männer zugelassen, ja nicht selten Vorstandsmitglieder. Gegenüber ähnlichen festländischen Vereinen aber kommt in Betracht, dafs die meisten englischen Genossenschaften eben nicht blofs rein geschäftliche Vereine sind, vielmehr durch eine gemeinsame Weltanschauung zusammengehalten, zugleich die geselligen und politischen Interessen ihrer Mitglieder umfassen. Nachdem die Genossenschaftsbewegung den oben angedeuteten Umfang angenommen hat, ist die Errichtung eines neuen Vereins im Vergleich mit früheren Zeiten heute sehr erleichtert. Es hat stets sich als verfehlt herausgestellt, durch Gewährung von Geldunterstützung Vereinen auf die Beine helfen zu wollen. Vereine, welche nicht von vornherein Selbständigkeit besitzen, beweisen dadurch, dafs der Boden für sie noch nicht bereitet ist und dafs vermehrte Propaganda notthut. Das Centraiamt sendet Redner nach dem für den genossenschaftlichen Feldzug ausersehenen Bezirk. Fortwährend sind solche unterwegs. Ferner unter- — 349 — stützt das Amt jeden neuzugründenden Verein mit sachlichem und rechtlichem Rat, Musterstatuten u. s. w. Die wichtigste Frage, welche die Statuten zu entscheiden haben, ist die, ob der von den Mitgliedern besessene Kapitalanteil rückziehbar oder nur übertragbar, d. h. nicht abzuheben, sondern nur durch Verkauf verwertbar sein soll. Es ist unmöglich, das gesamte Kapital frei rückziehbar zu machen, und man schwankt nur darin, ob man, was das gewöhnliche ist, einen Minimalanteil (1 0£) als der freien Verfügung entzieht, während jedes Mehr, das ein Mitglied besitzt, alsdann frei zurückgezogen werden kann, oder ob man den Grundsatz der freien Rück- ziehbarkeit zwar annimmt, aber den Vorstand berechtigt, im Notfalle durch Beschlufs die Auszahlung der reklamierten Anteile zu sistieren. Der Zinsfufs, welcher dem Kapitale zugestanden wird, ist 5 Prozent oder weniger, während eine Dividende ihm nirgends gewährt wird. Als Hauptpflicht der Mitglieder erscheint die Geschäftsüberwachung. Es ist wohl der wichtigste Grund der weit bedeutenderen Genossenschaftsentwicklung in England gegenüber der auf dem Festlande, dafs der englische Arbeiter eine „Pflicht der Kritik" der Verwaltung gegenüber anerkennt und den Verein nicht als ein für ihn, sondern ein von ihm geführtes Geschäft ansieht. Hierzu wirkt vor allen, dafs er durch langjährige Ausübung der ihm vollgewährten Versammlungsfreiheit die „Kunst der Debatte" erworben hat, d. h. es versteht, Geschäfte in gröfseren Versammlungen zu erledigen. Bei diesen Versammlungen wird mit eiserner Strenge die Geschäftsordnung gegenüber Störern festgehalten, man unterstützt den Vorsitzenden gegen Unterbrechungen, selbst wenn man mit denselben sachlich übereinstimmt. Die Folge ist, dafs die Generalversammlungen nicht ein blofses Schattenregiment, sondern eine wirksame Kontrolle führen. Hierzu — 350 — kommt aber ein zweites, was das wichtigste ist. In allen gröfseren "Vereinen werden sich Männer finden, welche um der Idee willen Genossenschafter sind. Diese sind die geborenen Vorstandsmitglieder. Häufig mit nicht mehr bezahlt als dem entgangenen Tagelohn, fuhren sie Geschäfte, welche der Kaufmann nur wohlbesoldeten Beamten anvertrauen könnte. Aber da das überwachende Auge des Prinzipals fehlt, so wäre ein hoher Lohn nur zu leicht Versuchung, dafs Mitglieder um der Bezahlung willen in den Vorstand zu kommen suchten, und alsdann mehr ihre eignen Interessen als die des Vereins verfolgten. Daher ist die geringe Bezahlung ein wirksamer Schutz der Redlichkeit der Geschäftsführung. Nach und nach sind die Vereine aber grofse Arbeitgeber geworden. In ihnen sind heute gegen 13 000 Menschen allein zu höheren oder niederen kaufmännischen Geschäften angestellt, abgesehen von dem grofsartigen Fabrikbetrieb. Hier nun erhebt sich die interessante Frage, inwieweit die Arbeiter ihre Macht gleich dem kapitalistischen Unternehmer auszubeuten geneigt sind. Die Praxis zeigt, dafs die Arbeiter in ihrer grofsen Masse heute noch nicht viel höher stehen als die von ihnen so viel angegriffene Produktionsweise. Zugegeben ist allerdings, dafs eine Reihe von Vereinen, ähnlich nicht wenigen Arbeitgebern, Gewinnbeteiligung eingeführt haben; solche Versuche, selbst wenn sie mifslangen, tauchen immer wieder von neuem auf. Die gerechteste Beteiligung der Arbeiter, wie sie von den Leitern der Bewegung meist vergeblich empfohlen wird, ist dagegen die Gleichstellung zwischen Angestellten und Mitgliedern in der Art, dafs die Dividende, welche auf je 1 j£ Einkäufe bezahlt wird, in gleichem Betrage auf je 1 £ verdienter Löhne zu bewilligen ist. Auch hierbei sind es die gröfsten Vereine, insbesondere die Schottlands, welche vorangehen, während die kleinen und mittellosen Vereine der — 351 — ländlichen Bezirke Südenglands, soweit sie überhaupt bestehen, zurückbleiben. Zugänglicher haben sich die Genossenschafter in der Frage der Arbeitstunden und der Feiertage gezeigt, weil hier die Interessen aller Arbeiter offenkundiger zusammengehen. Die Bewegung für den freien Sanistagnachmittag ging von ihnen aus, und heute pflegen sie ihren Angestellten aufserdem noch einen zweiten freien Nachmittag zu bewilligen. Die Einzelheiten der inneren Einrichtung der Genossenschaften fallen aus dem Bahmen dieser Arbeit. Durch diese Vereine wurden die Arbeiter vereinigt das, was ihnen einzeln versagt ist: Kapitalisten. Die Vereinsvermögen betragen heute gegen 10 Millionen '£ (200 Milk Mark). Die sociale Bedeutung dieser Thatsache ist sehr bedeutend, um so mehr als die Vereine einen Teil ihrer Mittel auf die Wohnungsfrage und das Bedürfnis nach geistiger Anregung und Ausbildung der Mitglieder zu verwenden pflegen. Die Wohnungsfrage ist in allen Ländern von Menschenfreunden und Socialpolitikern zum Gegenstande ihrer Erwägungen gemacht worden. Nicht nur, dafs der Besitzlose einen viel gröfseren Teil seines Einkommens auf die Wohnung aus- giebt als der Besitzende, auch absolut genommen ist sein Mietzins höher, indem er wegen der Unsicherheit und Unannehmlichkeit der Kapitalanlage einen höheren Prozentsatz dem Mietsherrn zahlt, als der den Mittelklassen ungehörige Mieter. Wie teuer der Arbeiter zu wohnen pflegt, geht daraus hervor, dafs Anlagen von Arbeiterwohnungen, welche Vereine und Fabrikherren unternahmen, selbst wenn sie 5 Prozent und mehr vom Kapital abwerfen, relativ als wohlthä- tige Anstalten anzusehen sind, indem sie dem Arbeiter eine weit bessere und billigere Wohnung darbieten, als er ohne das sich zu verschaffen in der Lage wäre. Mögen nun aber Volkswirte dem Arbeiter vorrechnen, wie er in der Lage sei, — 352 — sich durch nicht höhere Zahlungen als den jetzigen Mietzins zum Eigentümer zu machen, diese Vorschläge scheitern, obgleich rechnerisch unanfechtbar; dahingehende Versuche werden vereitelt durch die wirtschaftliche Schwäche und Indolenz der Massen. Erst dort, wo der Arbeiter fähig wird, seinen wirtschaftlichen Vorteil zu erkennen und wahrzunehmen, thut er das, was Gesetzgebung und Wohlthätigkeit nicht können: er beseitigt jene, zwischen dem Mittelstande und den Arbeitern stehenden Schmarotzergewächse, wie den Kleinkrämer so auch den Arbeiterhauswirt. Nirgends sind die genannten Eigenschaften aber in höherem Mafse mehr zu finden, als bei dem englischen Genossenschafter. Auch auf dem Gebiete der Wohnungsfrage hat er den wichtigsten Schritt von der Theorie zur Praxis gethan. Die Statistik über diesen Gegenstand ist leider unvollkommen. Es beruht dies darauf, dafs die mit dem Bau von Arbeiterwohnungen sich befassenden Gesellschaften nicht in einer Rubrik des offiziellen Berichtes über die Arbeitervereine aufgeführt werden. Zum Teil sind sie eingetragen unter dem Genossenschaftsgesetz, zum Teil in einem eigenen Register, soweit sie sich dem besonderen Gesetze über Baugesellschaften unterwerfen. Von den letzteren, welche nach dem Berichte des Chief Registrar von 1887 über ein Gesamtvermögen von mehr als 50 Millionen SS (einer Milliarde Mark) verfügten, steht es hinwiederum fest, dafs sie nicht nur von dem Arbeiterstande, sondern auch von den unteren Mittelklassen reichlich benutzt werden, ohne dafs man irgend einem äufseren Merkmal die Grenze zwischen beiden entnehmen könnte. Endlich um eine zahlenmäfsige Klarheit noch unmöglicher zu machen, haben zahlreiche Konsumvereine eine Abteilung für Häuserbau, ohne dafs sich aus ihren, dem Registrieramte eingesandten Belichten ersehen läfst, wieviel — 353 - Kapital sie für den genannten Zweck aufwenden. Man ist also auf Schätzungen angewiesen. Was zunächst die Konsumvereine angeht, welche nebenbei Häuserbau betreiben, so soll sich ihre Zahl auf über 60 belaufen. Sie sind für uns die interessantesten, da es sich hier sicher um eine rein vom Arbeiterstande ausgehende Unternehmung handelt. Die gröfseren Konsumvereine kommen häufig bei guter Geschäftsführung in die Lage, dafs die Unterbringung der sich ansammelnden Kapitalien für die Leiter die schwierigste Aufgabe wird; der Gesichtspunkt, neue Wege zur Verwertung dieser Sparanlagen der Mitglieder zu finden, ist gewöhnlich der erste Grund zur Errichtung einer Abteilung für Häuserbau. Umgekehrt aber pflegt die Errichtung einer solchen Abteilung alsdann auch die Ansammlung weiterer Kapitalien zu beschleunigen. Viele Mitglieder, welche bisher ihre Dividenden dem Vereine entzogen, weil sie andere, gröfsere Sicherheit bietende Sparanstalten, insbesondere die staatlichen, vorzogen, werden durch die nunmehr gebotene reale Sicherheit veranlafst, ihre Ersparnisse dem Verein zu überlassen. Die erste Schwierigkeit besteht in dem Ankauf des geeigneten Grundstückes. Es ist keine vereinzelte Erscheinung, dafs die gesammte Bodenfläche eines gewerbtreibenden Dorfes oder Stadtteils einem Grundherrn gehört, welcher nur in superficies ähnlicher Weise vermietet. Dieses Verhältnis (der Grund auch des abstofsenden Aussehens vieler, selbst vornehmer Strafsen Londons), ist besonders für den englischen Arbeiter drückend, indem es eine befriedigende Lösung der Wohnungsfrage oft unmöglich macht. Wo jedoch der Verein glücklich genug ist, Land erwerben zu können, zerschneidet er dasselbe in Bauplätze mit zugehörigen Gartengrundstücken und legt eine Strafse hindurch, welcher man mit Vorliebe den Kamen „Cooperative Strafse" giebt. Eine solche Ansiedlung v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 23 — 354 — gleicht äufserlich den „Arbeiterstädten" unserer elsäfsischen und rheinischen Fabrikorte mit dem Unterschiede nur, dai's sie nicht von den Arbeitgebern, sondern selbständig von der Blüte des Arbeiterstandes errichtet wurde. Das Verfahren ist dabei folgendes. Nicht wenige Mitglieder bauen ihr Haus selbständig; der Verein schiefst in diesem Falle die notwendigen Gelder gegen reale Sicherheit vor. Für wirtschaftlich schwächere baut der Verein; sie beziehen das Haus als Mieter, aber amortisieren im Mietzins, sodafs sie im Laufe von etwa neunzehn Jahren zu Eigentümern werden. Unter gewöhnlichen Umständen pflegt der englische Arbeiter für eine Familienwohnung wöchentlich etwa 5 Schilling zu zahlen; in gröfseren Städten (London) bezahlt er bedeutend mehr. Diejenige cooperative Gesellschaft nun, über deren Häuserbau mir ein Bericht vorliegt und welche, Lancashire angehörig, als Beispiel für andere angesehen werden kann, verlangt einen wöchentlichen Mietzins von 6 Schilling. In neunzehn Jahren also zahlt der Inhaber eines solchen Hauses 298 £ 8 Schilling, d. h. wenig oder nichts mehr als die durchschnittliche Miete. Einen nicht unbeträchtlichen Teil jenes Mietzinses aber bringt er dadurch auf, dafs er einfach die ihm zufallende Dividende dem Verein für Mietforderungen überläfst. Der Rest beträgt dann weit weniger als der Mietzins, den er ohne den Verein zu zahlen hätte, wobei er im Verlauf von neunzehn Jahren das Haus (im Werte von 200 l £) eigentümlich erwirbt. Im Laufe von achtzehn Monaten hatte der angeführte Verein auf Grund des entwickelten Planes 140 Häuser gebaut , während zahlreiche andere im Bau standen. Voraussetzung eines solchen Erfolges ist ein so aufser- gewöhnlich hochstehender Arbeiterstand, wie ihn bis heute allein die englischen Genossenschaften hervorbrachten. Nach — 355 — einer mir zugänglichen Schätzung vom Jahre 1884 nimmt man an, dafs die Genossenschaften damals zusammen etwa 500000 £ (10 Millionen Mark) auf Häuserbau ausgegeben hatten, eine Summe, welche sicli bis heute auch verdoppelt haben kann. Nimmt man dazu, dafs das „cooperative Haus" das gewöhnliche englische Arbeiterhaus übertrifft , so ersieht man daraus die Wichtigkeit der Genossenschaften auch in dieser Hinsicht für die Hebung des Arbeiters. Unter dem Genossenschaftsgesetze sind auch besondere Baugesellschaften (als „industrial and provident building societies") eingetragen. Auch sie gehören ausschliefslich dem Arbeiterstande an und sind nichts als cooperative Genossenschaften, die den Bauzweck in erste Linie stellen. Ferner ist der Arbeiterstand auch in den eigentlichen und einem besonderen Gesetz unterfallenden Baugesellschaften stark vertreten. Diese Gesellschaften, häufig nur für vorübergehende Zwecke gegründet, ermangeln jenes eigentümlichen Gedankeninhaltes, dem die Genossenschaften des Arbeiterstandes ihre Blüte verdanken. Für letzteren bezeichnend sind insbesondere ihre Bestrebungen auf dem Gebiete der Erziehung. Dieselben sind ein Beweis dafür, dafs die Genossenschaften vielfach wahre Lebensgemeinschaften sind, bei denen die geschäftlichen Zwecke nur äufserlich in erster Linie stehen. Hier einzurechnen ist alles, was für Hebung und Unterhaltung der Mitglieder gethan wird. Diese Bestrebungen beruhen auf dem Bewufstsein der Genossenschafter, dafs sie verloren wären für den Fall, dafs das ältere, noch unter dem Einflüsse der christlichen Socialisten stehende Geschlecht nicht imstande wäre, die Begeisterung für die Sache auf die jüngeren Genossen fortzupflanzen. „Wir alle wissen, dafs unter uns sich Männer befinden, deren ganzes Leben im Dienste ihres Enthusiasmus steht. Wir haben guten Grund zur Annahme, 23* dafs Begeisterung — weit entfernt phantastisch und unpraktisch zu sein — von allen Dingen dieser Welt die meisten Erfolge aufweist; sie ist das praktischste aller Dinge. Wenn sie zwar nicht der Führer ist, so ist sie doch die Triebkraft" — Worte der Genossenschafterin Fräulein Sharp aus einer auf dem Kongrefs zu Plymouth 1886 gehaltenen Rede. Der erste Zweck aller genossenschaftlichen Erziehungsbestrebungen ist also, „den cooperativen Glauben" zu verbreiten. Dies auch ist in gleicher Weise der Zweck jener geselligen Vereinigungen, indem die Genossenschafter, wie jede derartige Gemeinschaft, empfinden, dafs nichts die Stärke eines Glaubens so sehr vermehrt, als der Ausdruck desselben in gemeinsamer Versammlung. „Die Notwendigkeit führte viele alte Genossenschafter dazu, das Genossenschaftswesen zu studieren; aber der anwachsende Gewinn, welcher aus diesen Studien herrührte, veranlafste viele junge, sich weniger um dieselben zu bekümmern. Aber wenn die Jungen die Bedeutung und die Ziele der Bewegung in sich nicht erfassen, woher sollen wir dann unsere künftigen Leiter und Geschäftsführer nehmen? Nach unserer Meinung dürfte es für jede Gesellschaft sich einträglich erweisen, zum mindesten 2 1 /a Prozent ihres Reingewinns Erziehungszwecken zu opfern. Wenn sie auch ohne das Erfolg haben, so geschieht dies nur, weil die ältere Generation noch lebt. Aber wenn sie nicht länger die Geschäfte führt, dann wird eine solche Gesellschaft grofse Gefahr laufen" L Das gewöhnlichste Mittel, welches die Vereine für ihre Erziehungszwecke anzuwenden pflegen, ist die Errichtung zunächst einer Bibliothek und eines Lesezimmers. In letzterem ist natürlich die genossenschaftliche Litteratur vorhanden, 1 Wholesale Almanac 1883. daneben Zeitungen und Zeitschriften politischen oder volkswirtschaftlichen Inhalts. Die Bibliotheken manches, insbesondere der älteren Vereine sind sehr reichhaltig und alle werden viel benutzt. Die Pioniere von Rochdale errichteten bereits 1849 eine Bibliothek, welche 1856 1000 Bände zählte. Sie war jeden Samstag geölfnet, während das aufserdem eingerichtete Lesezimmer täglich jedem, der 2 Pence monatlich zeichnete, den ganzen Tag über offen stand. 1877 hatte die Bibliothek 13 889 Bände vorwiegend wissenschaftlichen Inhalts und 37 316 jährliche Benutzer. Nachdem jedoch auf Grund der „Public Libraries Acts" öffentliche Bibliotheken allgemein geworden und dem Arbeiterstande zugänglich gemacht sind, ist das Bedürfnis nach genossenschaftlichen Bibliotheken vielfach geschwunden 1 . Damit treten die Vorlesungen und Unterrichtsklassen unter den angewandten Erziehungsmitteln in den Vordergrund. Auch die Unterhaltungsabende, Theegesellschaften, Theateraufführungen und Landpartien, wie sie die Genossenschaften überall veranstalten, haben einen bedeutenden Erziehungswert. Sie haben die Sitten des englischen Arbeiters in einer Weise verfeinert, dafs in keinem Lande der Welt der Fremde von dem Arbeiter gleich zuvorkommend behandelt wird , wie der reisende Nationalökonom zu seinem Nutzen gewahrt. Die rein geselligen Vereinigungen der Genossenschafter, 1 Yergl. die bei Tb. Greenwood, Free Public Libraries, London, Simkin Oie. 1887 angegebene Gesetzgebung. Auch hier ging Lancashire voran, von dem einige Städte geradezu grofsartige freie Bibliotheken besitzen. Aufser den von den Stadtbehörden aufgewandten Summen sind für den genannten Zweck gegen 12 Millionen Mark durch private Wohlthäter beigesteuert worden. Besonders bezeichnend ist das allmähliche Zurücktreten der Nachfrage nach belletristischer Litteratur gegenüber der nach wissenschaftlicher. Auch heute noch gehört Carlyle zu den gelesensten Schriftstellern. — 358 welche zumeist Anhänger des Mäfsigkeitsprincips sind — giebt es doch kaum zwanzig solcher Vereine in England und Schottland, die Bier und Spirituosen verkaufen — sind für die Verbreitung des ,kooperativen Glaubens" besonders wichtig. Sie sind nicht selten durch Vortrag oder Verlesung eines von dem Genossenschaftsamte herausgegebenen Flugblattes mit nachfolgender Besprechung desselben belebt. Diese Vereinigungen, wenn sich die rechten Männer in ihnen finden, sollen der Sache oft mehr nützen, als kostspielige Kurse. So halten häufig ältere Mitglieder Unterrichtsklassen in einem kleinen Kreise jüngerer Genossen freiwillig und unentgeltlich ab. Durch die Einführung des Schulzwanges wurde die Last des Unterrichtes in den elementarsten Gegenständen den Genos- schaftern genommen. Daher sind es neben den Grundsätzen des Genossenschaftswesens heute die öffentlichen Zustände der Heimat, die politischen Rechte des Bürgers und die sociale Frage, über welche die Genossenschaften Aufklärung verbreiten. Abgesehen von der selbst veröffentlichten Litteratur empfiehlt das genossenschaftliche Centraiamt das Studium bestimmter politischer, nationalökonomischer u. s. w. Werke. Mit Freuden haben die Genossenschafter die ihnen dargebotene Hand ergriffen, als die Universitäten den Weg „der Universitätsausdehnung" beschritten, von dem unten die Rede sein wird. Von besonderer Bedeutung war in dieser Hinsicht der in Oxford 1882 abgehaltene Kongrefs der Genossenschafter. Auf das freundschaftlichste empfangen, in den altehrwürdigen Collegien beherbergt, kamen wohl die meisten jener nordeng- lischen Arbeiter hier zum erstenmal mit dem geschichtlichen England in Berührung. Hier auch war es, dafs Arnold Toynbee jene glühenden Worte einer antiutilitarischen Gesinnung in die Massen hineinwarf. „Wenn ihr materielle Hebung erreicht, so erinnert euch, dafs dies noch kein Endzweck — 359 — ist", war der Grundton seiner Worte. Die Teilnahrae der Genossenschafter war gewifs ein Hauptgrund für den Erfolg, welchen kurz darauf die Wanderlehrer der Universitäten in den gewerblichen Bezirken Nordenglands erzielten. Die Genossenschafter gründeten seitdem auch eine eigene Freistelle zu Oxford, welcher sie zu Ehren ihres Führers den Namen „Thomas Hughes scholarship" beilegten. Über die Notwendigkeit der Erziehungsbestrebungen der englischen Genossenschafter äufsert sich der Professor Stuart zu Cambridge wie folgt: „Eine Gefahr für die Genossenschaftsbewegung besteht in ihrem eigenen Erfolge; sie liegt nicht sowohl in der Ansammlung von Reichtum überhaupt, als in dem rascheren Wachstum des Kapitals gegenüber der Bildung. Eure Zahlen werden euch dann zum Hindernis, eure Besitztümer zur Gefahr, und eure Produktionsversuche, wie nur zu oft bisher, zu Mifserfolgen werden. Die Bewegung kann nicht auf dem Verständnis weniger beruhen, sondern ihr Erfolg wird abhängen von dem Verständnis der Massen, welche, wenn sie unwissend sind, in keiner Weise die Vorteile dieser oder jener geschäftlichen Unternehmung beurteilen können. Die Pioniere der Genossenschaftsbewegung haben daher nicht nur Kapital zu schaffen, sondern auch Bildung unter den Mitgliedern, und ihr Unternehmen kann nur in so weit erfolgreich sein, als beides Hand in Hand geht." B. Die Produktivgenossenschaften. Die Produktivgenossenschaft ist das Schmerzenskind und der Liebling aller derjenigen, welche von der Genossenschaftsbewegung die Erlösung der Menschheit erwarten. Ihre sociale Bedeutung besteht darin, dafs sie moralisch hochstehenden Arbeitern die Gelegenheit bietet, einerseits ihren socialrefor- matorischen Trieb zu befriedigen, andererseits sich persönlich — 360 — emporzuschwingen, ebenso wie die gewöhnliche Form der gewerblichen Unternehmung dies dem intellektuell besonders ausgezeichneten Arbeiter erlaubt. Je schwieriger aber der letztere Weg wird, indem die für die Durchschnittsunter- nehmung erforderlichen Betriebsmittel fortwährend steigen, desto wichtiger wird damit der andere Weg. Produktivgenossenschaften sind genossenschaftliche Formen der Gütererzeugung , in denen es keine blofsen Lohnarbeiter giebt, sondern die Arbeiter zugleich Betriebsunternehmer, d. h. an dem Gewinn und Verlust des Geschäftes unmittelbar beteiligt sind und in einer nach den Statuten näher zu regelnden Weise die Geschäftsführung in der Hand haben. Bas Vorhandensein mehr oder weniger hohen oder fremden Kapitals, soweit es nur als Darlehn behandelt wird, ist an sich gleichgültig. Auch bei der kapitalistischen Form kann ein Schritt in der Richtung auf die Produktivgenossenschaft gethan werden durch Einführung der Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Dieselbe unterscheidet sich jedoch darin von der Produktivgenossenschaft: 1. dafs der Lohnarbeiter bleibt und das Verhältnis, in dem der Gewinn zwischen dem Betriebsunternehmer und dem Arbeiter geteilt wird, in des Ersteren Belieben steht; 2. dafs die Arbeiter ferner keinen Anteil an der Geschäftsführung haben. Am Ende des Jahres 1887 wurden 67 produktive Genossenschaften mit einem Kapital von 651369 £ an Anteilscheinen und 207 718 £ an Darlehn verzeichnet; ihr Reingewinn wurde im ganzen auf 59 500 £ beziffert. Die Zahlen haben sich erst im Laufe der letzten fünfzehn Jahre aus ganz geringen Anfängen auf diese Höhe gehoben. Sobald man jedoch näher zusieht, findet man unter der angegebenen Zahl eine Reihe von rein kapitalistischen Unternehmungen, z. B. Kornmühlen, welche verschiedenen Konsumvereinen oder solchen Vereinen in Verbindung mit Privaten gehören; ferner die Unternehmungen der — 361 — Grofshandelsgenossenschaft, welche durch die Gröfse ihres Geschäftsbetriebes die angeführten Zahlen bedeutend anschwellen. Auch hier fällt der Reingewinn dem Kapitalisten zu, den die Grofshandelsgenossenschaft zusammensetzenden Konsunivereinen. Nicht befinden sich in den oben genannten Zahlen die Aktienspinnereien zu Oldham, über die hier ein Wort zu sagen ist. Bei diesen Gesellschaften sind die Aktienanteile zum grofsen Teil in der Hand von Arbeitern. Ursprünglich waren die Aktien vorwiegend in der Hand der iii den Spinnereien beschäftigten Arbeiter. Bald aber gingen die Aktien in andere Hände über. Nicht mehr als zwei Prozent der Anteile sind heute im Besitze derjenigen Arbeiter, welche in der Fabrik, deren Aktionäre sie sind, arbeiten. Ja, es wird berichtet, dafs die Arbeiter zu Oldham mit diesen Aktien auf das gewagteste spekulierten, dafs die Preise je nach der Aussicht auf die zu verteilende Dividende rapid schwankten, und dafs gewisse Wirtshäuser der Stadt Fondbörsen im Meinen geworden seien. Ihr Gesamtkapital beträgt 5 548 780 £, wovon etwas mehr als die Hälfte eingezahlte Anteile sind. Nach einem vor wenigen Jahren erstatteten Berichte bestanden 71 solcher Spinnereien, ihr Aktienvermögen betrug fast 3 Millionen '£ und der jährliche Durchschnittsgewinn 273936 £, d. h. etwa 9 1 /* %. Es sind diese Spinnereien deshalb interessant, weil sie zeigen, dafs der Arbeiter sich unter Umständen auch der Aktiengesellschaft zu bedienen imstande ist. Auch sind diese Unternehmungen in anderer Beziehung von Bedeutung, insofern als ihre Bücher durchaus öffentlich sind, und die Gewerkvereine, welche zum Teil auch Anteilbesitzer sind, daraus Gewinn und Verlust der Industrie auf das klarste ersehen und danach ihre Lohnforderungen schwanken lassen können, was thatsächlich von Gewinnbeteiligung wenig entfernt ist. Wir gehen nunmehr zu denjenigen Produktivassociationen über, welche wirklich genossenschaftlichen Charakter besitzen. Aber auch unter ihnen, wie sie sich in dem von der Gesellschaft zur Beförderung genossenschaftlicher Produktion (coo- perative lahour association) herausgegebenen Verzeichnisse befinden, ist die gröfsere Anzahl von geringem Interesse. Dort nämlich, wo ein handwerksmäfsiger Betrieb vorherrscht, ist die Bildung von Produktivgenossenschaften weder schwierig noch eigentlich eine neue Art von Betriebsform. Ist es doch gerade das eigentümliche des Handwerks, dafs bei ihm Arbeiter und Betriebsunternehmer noch dieselbe Person sind, dafs also von einer Teilung in Gewinn und Arbeitslohn nichts vorliegt. Dieser Charakter bleibt bestehen, wo mehrere solcher handwerksmäfsiger Unternehmer sich zusammenschliefsen, um gemeinsam zu arbeiten. Thatsächlich handelt es sich hier nicht um ein gewerbliches Unternehmen, sondern um eine Reihe von Unternehmen, welche sich nur durch Verabredung bezüglich Verteilung des zu erzielenden Gewinns verbinden. Es fehlt dagegen der einheitliche, auf Arbeitsteilung und Ausnutzung einer mechanischen Triebkraft gegründete Arbeitsplan, der die gewerbliche Unternehmung der Großindustrie kennzeichnet. Ob diese Vereinigungen von Malern, Buchbindern, Schuhmachern, Schneidern, Näherinnen, Sattlern u. s. w., wie sie heute unter dem Namen von Produktivgenossenschaften, insbesondere in London, vielfach auftauchen, etwas neues sind, dürfte zweifelhaft sein. Ich möchte eher glauben, dafs solche Vereinigungen immer mehr oder weniger zahlreich bestanden haben und nur heute unter dem Mantel produktivgenossenschaftlicher Versuche die Kundschaft des Publikums auf sich zu lenken suchen. Bei den soeben genannten Gewerben fehlt es noch an dem einheitlichen Betriebsunternehmer, dem die Organisation — 363 — des Betriebes als Ganzen zukommt. Erst wo dieser sieb findet, ist die eigentliche Produktivgenossenschaft möglich, so wie sie von ihren Verteidigern gedacht wird. Wir greifen zwei Beispiele solcher Genossenschaften heraus, um die Art ihres Geschäftsbetriebes kennen zu lernen. Hebden-Bridge, in der Nähe von Manchester, ist seit fast einem halben Jahrhundert Sitz der Fabrikation jener sammetartigen Baumwollgewebe (fustian), wie sie der englische Arbeiterstand mit Vorliebe trägt. Die dieser Fabrikation eigentümliche Operation ist das Zerschneiden der oberen Fasern des Baumwollengewebes, welches das Rohmaterial bildet. Es wird dies und zwar in der Richtung der Kette, also senkrecht auf den Einschlag, noch heute mit der Hand verrichtet mittelst dünner, sehr langer, dolchartiger Messer. Da es grofse Geschicklichkeit erfordert, um nicht die untere Lage des Gewebes mit zu zerschneiden, ist es eine in hohem Mafse gelernte Arbeit. Die Fabrikation ist jedoch grofsen Schwankungen unterworfen und während der Sommermonate sind die Arbeiter oft aufser Arbeit. Unter den Arbeitern von Hebden - Bridge, das nur ein wenig oberhalb in demselben Bergthal wie Rochdale gelegen ist, waren die Sammetschneider seit lange rege Genossenschafter. Jedoch erst der seit 1869 eingetretene Aufschwung des Genossenschaftswesens, insbesondere die Anregung der wieder aufgenommenen Kongresse, brachte eine Anzahl von ihnen auf den Gedanken, auch mit der Produktionsgenossenschaft den Versuch zu wagen. Die Verhältnisse lagen insofern günstig, als ein Betriebskapital im Anfang kaum nötig war: die Baumwollstoffe wurden in der ersten Zeit von den Arbeitern während der Freistunden in ihren Häusern geschnitten, woneben die Beteiligten noch für ihre bisherigen Arbeitgeber zu arbeiten fortfuhren. Das Anfangskapital betrug 10 zu- — 364 - sammengebraeht aus wöchentlichen Beiträgen von 3 Pence. Bald aber gewann die Genossenschaft an Ausdehnung. Ihre Mitglieder nunmehr ausschliefslich beschäftigend, mietete sie ein eigenes Lokal und begann ihr Kapital schnell zu vermehren. Konsumvereine waren und blieben ihre wichtigsten Abnehmer, da es sich ja um einen Verbrauchsgegenstand der Arbeiter handelte. Insbesondere war es der Einflufs der Vorlesungen, durch die im Herbst 1871 Lloyd Jones den genossenschaftlichen Gedanken in jener Gegend neu belebte, welcher die Konsumvereine zum Entgegenkommen bestimmte. In gleicher Weise wirkte der Einflufs der christliehen Socia- listen Th. Hughes, V. Neale und Ludlow auf dem Genossen- schaftskongrefs zu Bolton 1872. Aber alle Unterstützungen von aufsen hätten auf die Dauer nicht vermocht, das Unternehmen am Leben zu halten, wären nicht in der Gesellschaft Männer gewesen, wie der Mitbegründer, langjährige Schriftführer und heutige Leiter des Geschäftes: Jos. Greenwood. Diesem Manne, wie bescheiden er sich zurückstellt, ist aller Erfolg zu verdanken. Ganz von der genossenschaftlichen Idee erfüllt, den alten christlichen Socialisten ergeben, hat er sein Leben völlig in den Dienst seiner Sache gestellt. Noch heute leuchten die Augen des Greises in Begeisterung, wenn er einem Fremden entwickelt, wie die Genossenschaft der Menschheit Erlösung bringen werde. Sein Beispiel beweist, wie in der That das Erfülltsein von einer Idee den starkknochigen, langsam denkenden, aber sicher handelnden Arbeiter von Lan- cashire nicht zum Phantasten macht, vielmehr die Triebkraft ist, die ihn zu unermüdlichem Handeln antreibt, welches ein ruhiges Urteil bietet. Die Genossenschaft entwickelte sich aufserordentlich rasch. Ende 1872 hatte sich das Kapital bereits auf 2697 £ gehoben. Aufser dem Schneiden des Sammtes wurde nun auch das — 365 — Färben und Aufbereiten besorgt; ein grofser Teil der Erzeugnisse wurde zu Kleidern verarbeitet an die Konsumvereine verkauft. Bereits 1873 wurde mit Hülfe der Grofshandelsgenossenschaft zu Manchester ein eigenes Fabrikgebäude gekauft, welches seitdem grofse Erweiterungen erfahren hat. Während 19jährigen Bestehens hat die Genossenschaft nie mit Verlust gearbeitet, sondern stets bedeutende Gewinne erzielt — ein gewifs seltenes, ehrenvolles Ergebnis. Dieser Erfolg aber ist deshalb um so interessanter, weil in diesem Falle die inneren Schwierigkeiten, welche der Form der Produktivgenossenschaft von Natur anhaften, sich uube- einflufst durch äufsere Umstände zeigen. Dieselben erwiesen sich als über Erwarten grofs. Die Arbeiter, welche die ursprüngliche Genossenschaft bildeten, waren, wie wir sahen, die Besitzer des kleinen zusammengeschossenen Kapitals. Schon in den ersten Jahren änderte sich dieses Verhältnis. Einmal bei Ausdehnung des Geschäftes, insbesondere dringenden Kontrakten gegenüber, war man genötigt, auch Nichtmitglieder zu beschäftigen. Sodann aber war man oft nicht in der Lage, allen Mitgliedern Beschäftigung zu geben; manche suchten und fanden anderswo Arbeit. Andere zwangen Alter und mancherlei Umstände, das Geschäft zu verlassen. Dazu begannen die Anteile, als das Geschäft gut ging, über Pari zu steigen und Gegenstand der Spekulation zu werden. Man war auf dem besten Wege zur kapitalistischen Form. Je mehr nämlich diese Entwicklung vorschritt, desto mehr waren die Anteilbesitzer geneigt, die den Arbeitern gewährte Gewinnbeteiligung als ungerechtfertigte Entziehung des ihnen zukommenden Gewinns zu betrachten; konnten sie doch sagen, dafs jene neuen Arbeiter, welche die Schwierigkeiten der Gründung nicht mit durchgemacht hätten, Früchte ernteten, die sie nicht gesät hätten. Daher gerade — 86(5 — unter deii Begründern heftige Opposition gegen Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Demgegenüber zeigten sich jedoch die genossenschaftlichen Grundsätze, welche Herr Greenwood verteidigte, mächtig. Sie veranlafsten die häufige Veränderung der Statuten, da nämlich immer wieder durch die eine oder die andere Hinterthür die kapitalistische Form hineinzukommen drohte. In dieser Richtung war der wichtigste Schritt der Beschlufs (1873), dafs das Anteilskapital nicht mehr wie bisher eine Dividende, sondern eine feste Verzinsung, 7V2 °/o, erhalten sollte. Die Arbeiter wurden mit den gewöhnlichen Löhnen bezahlt, welche, sowie die Verzinsung des Kapitals, als Produktionskosten von dem Rohertrage abgezogen wurden, ehe von Reingewinn die Rede war. Der letztere wurde unter die Arbeiter verteilt, betrug jedoch bei dem hohen Zinsfufs, den das Kapital empfing, wenig, zumal da bereits 1872 eine gleiche Gewinnbeteiligung auch für die Käufer eingeführt worden war, mit der die Arbeiter zu teilen hatten. Wie oben gezeigt, war es nicht zu verhindern, dafs viele der alten Mitglieder, die Anteilsbesitzer geworden waren, aus dem Geschäfte ausschieden und somit die Trennung von Kapital und Arbeit, die man vermeiden wollte, sich in wenigen Jahren von selbst einstellte. Die Genossenschaft wurde nun wieder von solchen regiert, die Kapitalbesitzer waren, während die Arbeiter fremden Unternehmern gegenüber standen, die es für gut befunden hatten, sich mit 7 1 /2 °/o vom Kapital zu begnügen, welche aber jeder Zeit diese ihre Uneigennützig- keit gereuen konnte. Um hiergegen Hülfe zu schaffen, kam die Hebden-Bridge-Genossenschaft, d. Ii. Herr Greenwood, darauf, die Arbeiter durch Statut zu zwingen, Mitglieder zu werden, d. h. man zahlte ihnen ihren Gewinnanteil nicht aus, sondern liefs ihn bis zu einer gewissen Höhe als Anteil am Genossenschaftskapital im Geschäft, welcher nicht auszahlbar war, so — 367 — lange die Arbeiter in demselben beschäftigt waren. Damit wurden die Arbeiter zwar Mitglieder der Genossenschaft. Wollte man aber ihnen wirklich Einflufs auf die Geschäftsführung zugestehen, so war man genötigt bei den entscheidenden Abstimmungen, ähnlich wie es die Konsumvereine gethan hatten, alle Stimmen gleichviel gelten zu lassen. (§ 9 der heutigen Statuten.) Um dies zu ermöglichen und das Mifsverhältnis, das die Stimmengleichheit begründete, nicht zu schreiend werden zu lassen, beschränkte man daher die höchste Summe, welche an Genossenschaftsanteilen von einer Person besessen werden kann, auf 100 ■£. Aber auch hiermit ist die Gefahr des Kapitalismus immer noch nicht beseitigt. Je länger die Genossenschaft besteht, desto mehr Arbeiter werden im ganzen genommen als Anteilsbesitzer das Geschäft verlassen haben, während die Zahl der zu bestimmter Zeit wirklich beschäftigten ziemlich die gleiche bleibt. Es wird also die Summe der blofs kapitalbesitzenden Mitglieder gegenüber den zugleich arbeitenden immer gröfser, selbst wenn man, wie dies die Hebden-Bridge-Genossenschaft gethan hat, die Genossenschaft schliefst, d.h. neue Anteilscheine nicht mehr ausgiebt. Der einzige Weg zur Mitgliedschaft ist zwar, abgesehen vom Ankauf bestehender Anteile, wodurch die Zahl der Mitglieder ja nicht wächst, der, als Arbeiter in das Geschäft einzutreten und durch Ansammlung von Gewinn Genossenschaftsteilhaber zu werden. Aber wer es auf diese Weise geworden und dann durch Alter oder andere Umstände gezwungen ist die Arbeit aufzugeben, bleibt in der Genossenschaft als Kapitalist. Es wächst damit das Gesamtkapital fortwährend. Die Hehden-Bridge-Genossenschaft hat nun stetig ihr -Geschäft vergröfsert; w r ie aber, wenn Einschränkung geboten wäre? Werden dann die vorhandenen Mitglieder darein willigen, dafs ihre Anteile herabgesetzt werden, auf dafs die heute oder später im Geschäft angestellten Arbeiter zum Vorteile der Mitgliedschaft gelangen? Werden sie nicht vielmehr die Zahl der Mitglieder wieder als geschlossen erklären und so früher oder später in den kapitalistischen Hafen einlaufen? Wir sehen, das persönliche Interesse der Mitglieder geht stets gegen das genossenschaftliche, indem die Vorteile, welche die genossenschaftliche Form den Arbeitern gewährt, als freiwillige Opfer zu Gunsten Unbekannter erscheinen. Dies geschieht nur so lange nicht, als die Generalversammlung von Männern beherrscht wird wie Greenwood, „denen zwar nicht die Gabe der Rede verliehen ist, aber welche die Pflicht, die auf ihnen liegt, fühlen". Einmal bereits hat dieser Mann einem solchen Antrage, der die Genossenschaft zum kapitalistischen Unternehmen geführt hätte, nur mit äufserster Schwierigkeit widerstanden. „Es safs ein Mann dort", erzählt er selbst von jener Versammlung, „der ein Gründer der Genossenschaft gewesen war, finster blickend, mit fliegendem Atem und auf das innerste bewegt". Lange hielt er an sich, dann aber erhob er sich, um die Annahme der gestellten Anträge als Verletzung derjenigen Pflicht zu brandmarken, die alle Mitglieder den Gründern gegenüber bände. Der Abgesandte einer Genossensehaft aus Yorkshire unterstützte ihn, die Anträge wurden verworfen. Wird sein Wort wieder durchdringen? Wird er einen Nachfolger finden, der das gleiche vermag 1 ? 1 Im obigen haben wir nur dasjenige hervorgehoben, was uns an der Entwicklung dieser Produktivgenossenschaft vorbildlich für andere schien. Der Vollständigkeit wegen fügen wir beziehentlich der Hebden- Bridge-Genossenschaft noch folgendes hinzu. Es bestehen zwei Ausnahmen von dem oben gesagten zu Gunsten der Konsumvereine, welche das Geschäft unterstützen, a) Es besteht für sie die Maximalgrenze von 100 £, die ein Individuum als Genossenschaftsanteil besitzen darf, nicht. Vielmehr soll sich keine Genossenschaft mit mehr als 10 Schilling pro Kopf ihrer Mitglieder beteiligen. Infolge hiervon wird auch das Princip der — 369 — Ein ähnliches Unternehmen, wie zu Hebdenbridge, ist die unweit gelegene Baumwollenspinnerei und -weherei „Selbsthülfe" zu Burnley. Dieselbe hat sogar für die Arbeiter noch günstigere Bedingungen, als die weit früher gegründete Gesellschaft des Herrn Greenwood. Sie trat nämlich erst 1886 in das Lehen und war so imstande, sämtliche Erfahrungen zu verwerten, welche in der genossenschaftlichen Produktion der letzten Jahre gemacht waren. Ihr Grundgesetz ist, wie in Hebdenbridge, dafs alle Arbeiter Anteile erwerben und damit Mitglieder werden müssen. Jeder Anteilschein beträgt 5 £ und kein Gewinn, sowie keine Verzinsung des aufgesparten Gewinns wird einem Arbeiter ausgezahlt, bevor er nicht fünf solcher Anteile besitzt, es sei denn, dafs er die Fabrik früher verlasse. Die Arbeiter erhalten die gewöhnlichen Löhne nach der in Burnley allgemeinen Lohnliste. Die Anteile werden mit 5 % verzinst; diese Verzinsung haben die Arbeiter in der Weise zu garantieren, dafs sie, falls der Rohertrag eine 5 % Verzinsung nicht gestatten sollte, sich die entsprechenden Lohnabzüge gefallen lassen — eine äufserst merkwürdige Bestimmung ; durch sie wird das Interesse der Anteilbesitzer mit der genossenschaftlichen Form verknüpft, indem diese durch Zulassung der Gewinnverteilung unter die Arbeiter sich ge- wissermafsen gegen Verluste versichern. Auch dieses Unternehmen erfreut sich eines vollständigen Erfolges. Bereits nach Abschlufs des erstes halben Jahres konnte, nach Verzinsung des Kapitals, 5 % der verdienten Stimmengleichheit insofern durchbrochen, als jeder Genossenschaft für jede 100 '£. die sie besitzt, eine Stimme gegeben ist. b) Konsumvereine erhalten auf ihre Einkäufe eine Dividende, durch deren Ansammlung sie ähnlich den Arbeitern Mitglieder werden können. Des weiteren sei noch erwähnt, dafs die Gesellschaft damit umgeht, die Verzinsung der bestehenden Anteile von 7 J /2 % auf 5 % herabzusetzen, wie dies mit den nach 1885 neu ausgegebenen Anteilen bereits geschieht. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 24 — 370 - Löhne als Gewinn den Arbeitern zugeschrieben werden. Daher auch hier die in Hebdenbridge beobachtete Erscheinung des fortwährenden Anwachsens des Gesellschaftskapitals; im Durchschnitt werden wöchentlich 20 £ den Arbeitern als Anteile zugeschrieben. Für die Generalversammlungen, welche die Beamten der Gesellschaft wählen, gilt neben dem Grundsatz der Stimmengleichheit der Zwang persönlicher Abstimmung — ein charakteristisches Merkmal der genossenschaftlichen Form. Folgende Grundsätze haben sich also durch die Erfahrung für die Erhaltung des genossenschaftlichen Charakters als die wichtigsten ergeben: 1. Verzinsung und nicht Gewinnbeteiligung des Kapitals; 2. Zwang der Arbeiter, durch Ansammlung der Gewinnanteile Mitglieder zu werden; 3. Maximalgrenze für die von einem Mitglied zu besitzenden Anteile; 4. im Notfall zwangsweise Auszahlung der überschüssigen Geschäftsanteile. Wenn die Arbeiter die Zinsen mit ihrem Lohn garantieren, so dafs die Anteile thatsächlich von Darlehen kaum verschieden sind, so werden die Anteilbesitzer weniger geneigt sein, die .genossenschaftliche Form anzutasten, als wenn die Verzinsung hoch, aber unsicher ist 1 . Leichter ist es, wenn von Seiten des Unternehmers eine Annäherung an die Produktivgenossenschaft versucht wird, 1 Eigentümlich ist es zu sehen, wie die englischen Nationalökonomen — eine Folge des Nachwirkens der abstrakten Methode — von der Produktivgenossenschaft viel erwarten, .ja in ihr das wichtigste Mittel zur Lösung der socialen Schwierigkeiten erblicken. Abgesehen von Mill, dessen wir gedachten, sagt z. B. Prof. Fawcett: „Jeder, der überlegt, was die Cooperation bisher gethan hat, und was sie in ihrer Anwendung auf die Gütererzeugung thun kann, mufs zu dem Schlüsse kommen, dafs wir auf sie mit mehr Vertrauen blicken können als auf jeden anderen Faktor zur Hebung der socialen Lage des Landes". Eine solche Ansicht überschätzt die sittliche Reife des Arbeiterstandes. — 371 — wie folgendes Beispiel lehrt. In Huddersfield war es eine grofse und rühmlich bekannte Firma, „Thomson and sons", deren Inhaber, von den Zeitideen ergriffen, freiwillig von seiner Stellung als Unternehmer herabstieg und sein Geschäft in eine Produktivgenossenschaft verwandelte. Thomson produzierte Wollstoffe besserer Art bis zu den feinsten Qualitäten. Seine Erzeugnisse hatten auf gröfseren Ausstellungen Medaillen und Preise davon getragen. Der Geschäftsgewinn war ein dem entsprechend hoher und sicherer. Aber von den genossenschaftlichen Gedanken sowie von Ruskin und Toynbee stark beeinflufst, hat der Geschäftsinhaber in äufseren Erfolgen seine Befriedigung nicht gefunden. Er hat seinem Unternehmen eine genossenschaftliche Form gegeben, welche es zu einem der interessantesten in England macht. Entsprechend ihrem Ursprünge tragen die Statuten der Genossenschaft einen monarchischen Charakter. Der Geschäftsführer und frühere Geschäftsinhaber, hat eine gröfsere Unabhängigkeit von dem Vorstand, als dies gewöhnlich der Fall zu sein pflegt. Dagegen ist die Stellung der Arbeiter hier noch günstiger als in den oben behandelten Gesellschaften: das Kapital, welches, wie gewöhnlich, in Anteile und Darlehen zerfällt, wird nur mit 5 °/o verzinst, ohne dafs die Arbeiter mit ihren Löhnen, wie in Burnley, diese Zinsen garantieren. Vielmehr ist, wenn der Ertrag die genannte Verzinsung nicht ermöglicht, nur bestimmt, dafs der nicht bezahlte Rest derselben von jedem künftigen Gewinne vorweg abgezogen wird. — Was nach dieser Verzinsung übrig bleibt, ist Reingewinn; derselbe wird so verteilt, dafs nicht weniger als 10 °/o zum Reservekapital geschlagen werden, bis dieses 10 °/o des Gesamtkapitals beträgt. Vom Rest fallen fünf Neuntel dem Arbeiter zu und werden, wie bei den anderen Gesellschaften, zu Gesellschaftsanteilen angesammelt, es sei denn, dafs der Vorstand Auszahlung vorzieht. Der ge- 24* nössenschaftliche Charakter des Unternehmens ist auch hier von der leitenden Persönlichkeit abhängig und, so lange Herr Thomson an der Spitze steht, gesichert. Herr George Thomson hat die Gedanken, welche ihn zum Übergang zur genossenschaftlichen Produktionsform veran- lafsten, in folgender Weise ausgesprochen 1 . Diese Worte gewähren einen Einblick in die Stimmungen, welche dem von Garlyle ausgehenden Umschwung der Welt- und Gesellschaftsanschauung weiter Kreise entsprechen. Nachdem Thomson als Ziel der socialen Reform die endliche Vereinigung der Arbeit und der Mittel der Arbeit in Aussicht gestellt hat, fährt er in folgender Weise fort: „Männer der höchsten Kraft und des höchsten Charakters wurden in den Strom dieser socialen Bewegung gezogen. Carlyle war der Prophet dieser titanischen Erhebung. Er sagt: Die gröfste Frage, die Arbeits- und Lohnfrage, welche schon zwei Generationen früher begonnen haben sollte, hätten wir die Stimme des Himmels gehört, kann nicht länger aufgeschoben werden, ohne die Stimme der Unterwelt zu vernehmen. Die Arbeit mufs in irgend einer Art organisiert werden. Der Mensch mufs vom Mensehen seinen Lohn besser bezahlt bekommen, der ihm eben in aller Ewigkeit geschuldet wird und nicht ohne Strafe vorenthalten werden kann. Wundern wir uns über französische Revolutionen, Chartismen und Aufstände?" Ruskin hat seit vielen Jahren gegen die Ungerechtigkeit der Unterdrückung der Armen gepredigt mit dem Feuereifer eines neuen .Glaubens. Matthew Arnold äufserte in seiner aristokratischen Art ganz unaristokratische Gefühle über unsere gegenwärtige Civilisation. In einem seiner letzten Artikel sagt er: „Was immer die besitzenden und befriedigten Klassen denken mögen, seit 1 G. Thomson, Industrial Partnership: a practical Socialism. — 373 - Christus kam, ist die Welt gerichtet. Eine »neue Erde« ist in Aussicht. Das Ideal mufs verwirklicht werden. Die ihr diese Dinge wii'st, selig seid ihr, wenn ihr sie thut. Sie müssen verwirklicht werden durch einen grofsen, weitverbreiteten und lang dauernden Umschwung, einen Umschwung zuerst des inneren Menschen". „Diese Männer sind heute keine Ausnahmen mehr unter der Menschheit. Hinter ihnen steht eine grofse Schar, welche ihnen nachdrängt — Männer, welche unter den Zauber dieser neuen Begeisterung geraten sind. Wenn dieselbe unter den Genossenschaftern allgemeiner verbreitet wäre, so würde sie die Verwirklichung der Träume der Besten sehr beschleunigen die politische Revolution des achtzehnten Jahrhunderts zur wirtschaftlichen des neunzehnten vorwärts treiben, in welcher sicherlich Grofsbritanien bestimmt ist, die Führung der Nationen der Welt zu übernehmen. Der Einflufs des Socialismus in der ganzen Welt beruht auf seinem tiefen Mitleid mit den Leiden des Volkes und der einzige Weg, ihn durch sittlichen Einflufs zu übertreffen und eine Revolution zu verhindern, ist der, uns auf ein Produktionssystem zu werfen, welches die Ansprüche der Arbeit denen des Kapitals zum mindesten gleichstellt. Ich trete vor euch als der Vertreter eines solchen Systems. Wir, die Produktivgenossenschaft W. Thomson und Söhne, sind als solche seit mehr als zwei Jahren in Thätigkeit gewesen — —." Fragen wir nunmehr, welches ist die s o c i a 1 p o 1 i t i s c h e Bedeutung der Genossenschaftsbewegung. Die Antwort lautet: sie hat zunächst das Einkommen des englischen Arbeiters um mehr als 3000000 c £ jährlich vermehrt. Und wie verhält es sich mit der so oft sowohl von gelehrten Anhängern der abstrakten Schule wie von Agitatoren ohne Prü- fung nachgesprochenen Behauptung Lassalles, dafs ein solcher Zuschufs notwendig die Löhne herabdrücken müsse ? Sie wird durch die Thatsachen widerlegt. Die Vermehrung des Einkommens erhöhte die Widerstandskraft, um einer Lohnherabsetzung zu widerstehen. Selbst während der schweren Handelsund Geschäftskrise, welche England gerade in dem letzten Jahrzehnt durchzumachen hatte, sind die Löhne der englischen Arbeiter im grofsen und ganzen auf der Höhe gebliehen, die sie vor dem aufsergewöhnlichen Aufschwung der Jahre 1872—75 erreicht hatten 1 . Insbesondere sind nicht gefallen die Löhne jener englischen Arbeiter, welche die Genossenschaften zusammensetzen. Einem kräftigen Arbeiterstande das zu entziehen, was ihm von anderer Seite, sei es z. B. durch Genossenschaften, durch Verbilligung der Lehensmittel etc., zufliefst, wird selten gelingen, weil jene allmählichen und kaum merklichen Zuflüsse zum Einkommen anders als eine plötzliche Lohnsteigerung zur Hebung der Lehenshaltung, damit der Intelligenz und Arbeitsfähigkeit des Arbeiters dienen. Auch haben die Genossenschaften den Gewerkvereinen dadurch genutzt, dafs sie dem Arbeiter eine Übersicht der wirtschaftlichen Weltlage zu erwerben ermöglichten, wie sie früher nur auf Seiten der Arbeitgeber zu finden war. Aber die Bedeutung der Genossenschaften ist noch auf einem anderen Gebiete zu suchen. Dafs diejenigen, welche ein bestehendes Gesellschaftssystem nicht begünstigt, ihre subjektive Unzufriedenheit mit objektiver Fehlerhaftigkeit des Systems verwechseln, ist nur zu erklärlich. Dafs aber heute solche Elemente zahlreicher als sonst sind, indem die Bande des Glaubens, welche die Massen früher mit dem Bestehenden 1 Vergl. Replies to tbc Circulars issued by the Royal Commission on Trade Depression as to the Rate of wages, insbesondere die Antworten auf Frage 10 und 14. — 375 — verbanden, in Auflösung begriffen sind, ist eine Thatsache. Jene Unzufriedenheit, die zugleich Reformbedürfnis ist, äufsert sich jedoch verschieden. Weite Kreise des festländischen Arbeiterstandes glauben nur durch Umsturz das goldene Zeit- • alter heraufführen zu können. Auch der englische Arbeiter glaubt an ein solches, aber der Weg, den er einschlägt, ist ein solcher, der, gleichviel ob sein Ende voller Erfolg sei oder nicht, doch in seiner Verfolgung für die Gesellschaft nur von wohlthätigem Einflüsse sein kann. Während die Genossenschafter einen ähnlichen Glauben an eine bessere Zukunft besitzen, wie die festländischen Socialdemokraten, so unterscheiden sie sich von denselben dadurch, dafs sie nur von „Selbsthülfe", nicht von politischem Eingriff das Heil erwarten. Während jene das Kapital kon- flscieren wollen, sind sie praktisch daran gegangen, den Arbeiter zum Kapitalisten zu machen. Damit wirkt die Genossenschaftsbewegung, trotz ihrer radikalen Kritik des bestehenden, konservativ gegen gewaltsamen Angriff. Der Gegensatz des Arbeiters zum Kapital ist beseitigt. Mit Stolz pflegen die Genossenschafter die riesigen Summen zu nennen, welche heute von ihnen, armen Arbeitern, besessen und verwaltet werden. Wer hätte es früher gedacht, fragen sie, dafs der englische Arbeiter sich am Bau des Seekanals nach Manchester beteiligen würde? Nachdem die Arbeiter sahen, dafs Kapital- ansammlung auch für sie nicht unmöglich sei, bekennen sie sieh zu dem Satze, dafs Kapital „aufgespeicherte Arbeit" bedeute und als solche Schutz verdiene. Sie thun dies um so mehr, als sie anfangen, auch an den Vorteilen des heutigen Kreditsystems Teil zu nehmen. Man bedenke, dafs nicht wenige > der grofsen Vereine heute von den Banken als so sichere Schuldner angesehen werden, dafs es ihnen nicht schwer fällt, Geld zu 4% zu erhalten, während sie bei ihren geschäft- liehen Unternehmungen leicht eine weit höhere Verzinsung erzielen. Für den Genossenschafter ist das Kapital die „Nährmutter jeder Unternehmung", nicht mehr der blutige Aussauger des Arbeiters. Für die heutige englische Gesellschaft sind die Genossenschaften der Arbeiter daher von ähnlicher Bedeutung wie auf dem Festlande der bäuerliche Grundbesitz. Alle Umsturzbewegungen sind ihnen so sehr entgegengesetzt, dafs im Fall einer etwa versuchten umstürzlerischen Bewegung ihre ganze höchst bedeutende Macht, d. h. der ganze bessere Arbeiterstand auf Seite des Bestehenden wäre. Machen doch in den wichtigsten Industriegegenden Englands die Genossenschafter starke Prozentzahlen der Gesamtbevölkerung, ja in manchen die Mehrheit aus. Interessant und bezeichnend für den Gegensatz zwischen Socialdemokratie und Genossenschaftsbewegung war der Redekampf, welchen die Mitglieder von Toynbee-Hall am 24. Januar 1887 in ihrem Versammlungssaale zwischen Herrn Jones, einem jüngeren Genossenschafter, und Herrn Champion, einem Führer der socialdemokratischen Föderation, veranstalteten. Beide entwickelten in Rede, Frage und Gegenrede ihre Ansichten; das beide scheidende Moment trat dabei mit Schärfe hervor. Herr Jones sprach es dahin aus, dafs die Socialdemokraten durch staatlichen Zwang das Ziel zu erreichen gedächten. Die Genossenschafter dagegen, praktischer als jene, hätten die Verwirklichung des gleichen Zieles in die eigene Hand genommen. Sie gingen langsam aber sicher vor, wohl be- wufst, dafs die äufsere Umgestaltung der Gesellschaft sich allein auf innerliche Umgestaltung des Individuums gründen liefse — ihre sociale und zwar Carlylesehe Grundanschauung. Viertes Kapitel. Die Universitätsbewegung I. Puser und Jungengland. Wenn der Kampf gegen den Individualismus das Merkmal des neunzehnten Jahrhunderts ist, so hat unter den sieh hieraus ergebenden Richtungen nirgends die reaktionäre gefehlt, Dieselbe erklärt sich aus der Neigung der meisten Menschen, die relative Berechtigung des Gegners zu verkennen. Wer die Befreiung des Individuums allein von der destruktiven Seite betrachtet und in ihr nichts anderes als den Grund für die Leiden der Gesellschaft wie die moralische Unsicherheit des Einzelnen erblickt, für den ist der — allerdings stets ohnmächtige — Wunsch natürlich, die Wirkungen der letzten Jahrhunderte aus der Geschichte wegzuwischen. Nun aber hat die Befreiung des Individuums unzweifelhaft mit der Reformation begonnen und nirgends hat sich die Autorität unerschüttert, ja unberührt durch die geistige Ent- 1 Das nachfolgende Kapitel haben die Herren W. H. Fairbrother M. A. von Kehle College und D. S. Ritchie M. A. von Jesus College zu Oxford in der Korrektur durchzusehen die Giite gehabt. Beiden Herren sage ich meinen ergebensten Dank. - 378 — Wicklung seit der Renaissancezeit erhalten als in der römischkatholischen Kirche. Daher jede reaktionäre Richtung mit innerer Notwendigkeit zu romanisierenden Neigungen getrieben ist, während ihre folgerichtigsten Vertreter aus den Stürmen der subjektiven Tagesansichten in dem Schofse der Kirche Sicherheit suchen. Dieses Bild bietet auch die von Pusey eingeleitete reaktionäre Bewegung Englands. "Wo hätte in dem England unseres Jahrhunderts anders eine reaktionäre Strömung auftauchen können, als in Oxford, jenem Sitze der Traditionen, in dessen Kreuzgängen und epheuumkleideten Höfen noch heute die Luft des Mittelalters weht. Unter allen Kollegien aber scheint der „Genius des Ortes" am meisten mit dem gröfsten und angesehensten derselben, dem Christ-Church- College, verwachsen, welches noch heute eine Kathedralkirche und ein Domkapitel besitzt. Bei diesem war Pusey Domherr; von dort breitete sich die Bewegung aus, welche unter den Geistlichen der englischen Kirche zahlreiche Anhänger gewann und heute noch eine Macht darstellt. Zu dem christlichen Socialismus stand diese Bewegung im Gegensatz. Während der christliche Socialismus die Weltanschauung eines grofsen Teiles der besten englischen Arbeiter geworden ist und von ihm daher eine selbständige Bewegung der Arbeiterwelt ausgeht oder beeinflufst wird, so hat das von Pusey begründete Hochkirchentum die Kirche wieder als Schützerin der „Armen" gepredigt und den Dienern der Kirche das entsagungsvolle Leben der Heiligen des Mittelalters als Vorbild hingestellt. Nicht als ob von einem entfernteren Standpunkt aus Maurice und Pusey nicht vieles mit einander gemeinsam hätten; beide haben die antiindividualistische Grundanschauung geteilt. Mehr noch: gemeinsam war beiden, dafs diese Grundanschauung in die Denkformen der überlieferten christlichen Dogmatik ge- — 879 — kleidet war. Für diejenigen, welche in der letzteren etwas zeitliches, den Fortschritten des Denkens verfallenes erblicken — Ansichten, wie sie in Deutschland häufig und in England nicht selten sind — erscheinen beide Männer als orthodox. Stellt man sich aber auf orthodoxen Boden, so ist der Gegensatz zwischen Maurice, Kingsley einerseits und Pusey, Newman andererseits der denkbar gröfste. Maurice, welcher, wie wir sahen, einer dissentierenden Familie entstammte, vertritt den evangelischen Standpunkt, welchen man mit dem Worte des „allgemeinen Priestertums" bezeichnet hat. Er bejaht das Becht der Selbständigkeit des erwachsenen Christen in Glaubenssachen, ja die Pflicht, nur nach dem eigenen Gewissen (dem „inneren Licht" der Puritaner) zu entscheiden; er erkennt die Möglichkeit an, durch einen so gewonnenen Glauben allein die Heilsgüter des Christentums zu erreichen ohne das Dazwischentreten eines vermittelnden Priesters. Obwohl daher selbst auf orthodoxem Standpunkt stehend, mufs er die Möglichkeit verschiedener Glaubensanschauungen zugeben und die Einheit daher nicht in ihnen, sondern auf dem Gebiete der Wirkungen des Glaubens, d. h. in jenem inneren Umschwung suchen, welchen das Christentum als „Wiedergeburt" bezeichnet. Dieselbe aber soll nicht nur im Einzelnen, sondern auch in der Welt zur Verwirklichung gebracht und die Gesellschaft in gleicher Weise wie das Individuum umgestaltet werden. Von hier aus führten die Zeitverhältnisse: einerseits das Vorwiegen des Systems der Konkurrenz und seine Verherrlichung durch die Theorie, andererseits das Elend der Massen und die drohende sociale Revolution jene Männer zu dem Genossenschaftsgedanken als der Verneinung einer auf Selbstsucht aufgebauten Gesellschaft und der Verwirklichung der christlichen Vorschrift: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst". — 380 — Dem gegenüber verneint Pusey die Selbständigkeit des Einzelnen. Die unmündige Menschheit wird nach ihm von der Kirche in der Weise geleitet, wie es das Bibelwort: „Weide meine Lämmer" andeutet. Sie ist „die Mutter unserer Aller" b Sie allein vermittelt den wahren Glauben und verwaltet jene geheimnisvollen Heilsmittel der Sakramente, von denen allein der Christ das Heil zu erwarten hat 2 . Aus dieser Anschauung, welche die sichtbare Kirche ge- wissermafsen als die Vertreterin Gottes auf Erden anerkennt, folgt unmittelbar die Verpflichtung ihrer Diener, der Geistlichen zu einem Leben besonderer Heiligkeit. Daher die Neigung der Puseyisten zur Ascese, die Vorliebe für die Ehelosigkeit der Priester und das mittelalterliche Mönchstum. Während Maurice und Kingsley zu der evangelischen Kirche Deutschlands sich hingezogen fühlen, betrachten die Puseyisten dieselbe als ein Christentum, das es „zu keiner Kirche gebracht hat", dem daher die Möglichkeit, das Heil zu vermitteln, fehlt. Dagegen erklären sie sich der römisch-katholischen Kirche nahe verwandt, wie denn Newman später als Kardinal Newman bekannt wurde. Die Verhältnisse des Staates und der Gesellschaft haben für den Puseyismus gegenüber den jenseitigen Interessen des Menschen wenig Bedeutung. Sociale Reform kann nicht auf dem Programm einer Richtung 1 Vergl. Dr. Pusey, Sendschreiben an den Erzbischof von Canterbury, Oxford 1842. 2 Wie weit die Puseyisten bierin gingen, zeigen folgende von dem damals noch als Anbänger Puseys geltenden "Vikar von St. Mary zu Oxford, J. H. Newman aufgestellten Sätze: 1. Der einzige Weg des Heils ist die Teilnahme an dem Fleische und Blute unseres geopferten Erlösers. 2. Das von ihm dazu bestimmte Mittel ist das Sakrament des Abendmahls. 3. Die Sicherheit für die Fortdauer und richtige Anwendung des Sakraments ist der apostolische Auftrag der Bischöfe und unter diesen der Presbyter der Kirche. — 381 — stehen, welche in der Abwendung von der Welt das höchste Ziel des Menschen erblickt. Trotzdem ist die Bewegung nicht ohne bedeutende sociale Wirkungen gebliehen; dieselben lassen sich unter folgende drei Gesichtspunkte bringen 1 : 1. Einmal rief Pusey den besitzenden und gebildeten Klassen die Pflichten gegen die Armen in das Gedächtnis. Die Bewegung, welche zumeist in konservativen Kreisen unter den Reichen und Mächtigen Anhänger fand, hat in dieser Richtung auf das segensreichste gewirkt — mehr gewirkt als Kingsley und seine Freunde, weil diese für die breiten Kreise der konservativgesinnten im Verdachte des Radikalismus standen. Freilich war es eine Art mittelalterlichen Almosengebens, das Pusey predigte, eine Unterstützung, die zugleich eine Art Schutzgewalt in sich schlofs. Das Kloster, um dessen Thür sich zur Mittagszeit die Armen drängten, die Gutsherrin, die unter dem angestammten Volke als schützender Geist waltete, waren das Ideal dieser Wohlthätigkeit. Die christlichen Socialisten warfen daher dem Puseyismus vor, dafs er die Armen als Sprossen der Himmelsleiter für die Reichen und Mächtigen benutzte, dafs er das Fortbestehen einer Klasse Notleidender fordere als eines Mittels, um das Heil Einzelner zu verwirklichen. 2. Die Puseyistische Bewegung hat mit ihrer Forderung einer besonderen Heiligkeit der Geistlichen aufserordentlich dazu beigetragen, die Kirche zum Bewufstsein ihrer socialen Pflichten zu erwecken. Ähnlich wie in anderen Ländern hatte der Rationalismus das kirchliche Leben fast ertötet. Die Kirche, insbesondere die englische Staatskirche, erschien lediglich ein Institut zur Erhaltung der bestehenden Ordnung. 1 Ich benutze die Gelegenheit, um den Herrn Canonicus Paget meinen Dank für erteilte Belehrung auszusprechen. — 382 — Hier nun schaffte, wie anderwärts, zuerst die romantisch- reaktionäre Richtung Wandel. Indem Pusey die Ascese des Mittelalters als Ideal hinstellte, erweckte er in seinen Anhängern einen Geist der Entsagung; in dieser Hinsicht ist sein socialer Einflufs sehr hoch anzuschlagen. Während Maurice und Kingsley an die hochstehenden und denkenden unter den Arbeitern sich wendeten, neigt sich der Puseyismus zu den Ärmsten der Armen nieder. Was die Geistlichen dieser Richtung gethan haben und thun, häufig in selbstgewählter Ehelosigkeit ein Leben der Selbstaufopferung unter den Armen führend, ist der höchsten Anerkennung wert, ob man ihre Anschauungen teilt oder nicht. Häufig den angesehensten Familien des Landes angehörig — nicht selten jüngere Söhne des Adels — haben sie sich zuerst in jene Verbrecherhöhlen Londons gewagt, wo Laster und Elend sich übertreffen, deren Bewohner von dem wahren englischen Arbeiter social etwa ebenso weit entfernt sind, als diese letzteren von den das Oberhaus zusammensetzenden Familien. Um eines unter vielen zu erwähnen gedenken wir des 1880 verstorbenen Charles Lowder. 1820 geboren trat er in Oxford unter den Einflufs Puseys und Newmans. Die soeben berührte Richtung ist für ihn zeitlebens mafsgebend geblieben; nach seinem Aufenthalte in Oxford besuchte er vorübergehend sogar das katholische Priesterseminar zu Ivetöt in Frankreich. Im Jahre 1856 trat er sein geistliches Amt in einem der elendesten Teile Londons an; dicht bei den Docks gelegen, befand sich seine Kirche mitten im Sitze des Auswurfes der menschlichen Gesellschaft. In der That waren die Verhältnisse, die er hier antraf, schreckenerregend. Unter den 753 Häusern seines Amtsbezirkes waren 40 Schenken und 154 verrufene Häuser. 300—400 Kinder lebten auf und von der Strafse in einer Umgebung, in der, wie Lowder — 383 — meint, es schlechterdings unmöglich gewesen sei, dafs ein Kind in Reinheit aufwachse. Zwar sei der Verdienst der Hafenarbeiter nicht allzu gering gewesen, oft 1 £ die Woche; die Unregelmäßigkeit der Arbeit, die tage-, ja wochenlange Unthätigkeit und Verdienstlosigkeit hätten vielmehr verderblich gewirkt, dazu die Ausschweifungen der Matrosen, die, wenn sie an das Land kamen, ihren Lohn in wenigen Tagen verschleuderten. Die Schwierigkeiten, mit denen Lowder zu kämpfen hatte, beweisen, dafs die Selbstverwaltung in Distrikten, wie dem geschilderten, völlig versagt. Die Gemeindeverwaltung stand unter dem Einflufs der Gastwirte und Bordellbesitzer, die jeden Versuch Lowders, das Laster wenigstens aus der Kinder Augen zu entfernen, als Eingriff in ihre Rechte betrachteten. Ihr Arbeitshaus, in das die Annen eingesperrt wurden, war schrecklicher als ein Gefängnis. Als Lowder sich solchen Mifsbräuchen entgegensetzte, wurde er Gegenstand der ärgsten Angriffe, ja Nachstellungen. Hatte doch sein Vorgänger diese Autoritäten jedes Einspruchs entwöhnt, indem er überhaupt während sieben Jahren nur einmal in seiner Kirche erschienen war, im übrigen sein Amt durch einen unfähigen Kuraten hatte verwalten lassen. Einundzwanzig Jahre lang hat Lowder in dieser Umgebung ein Leben christlicher Arbeit und Entsagung geführt. Seine Thätigkeit war eine aufserordentlich mannigfaltige: nach und nach zog er vier jüngere Geistliche herbei, welche die „Mission" mit ihm verwalteten. Die lange, priesterliche Gewandung dieser Geistlichen, die heim Gottesdienst beobachteten Gebräuche, die Prozessionen, welche sie mitten durch die Sitze des Elends hindurch veranstalteten, das alles erinnerte durchaus an die römische Kirche, welche gerade durch die Äufser- lichkeit ihrer Formen am meisten fähig ist, auf das niederste I — 384 - und wenigst gebildete Volk einzuwirken. Lowder soll öfters in der Woche nicht weniger denn vierundfünfzigmal Gottesdienst gehalten haben, nicht selten unter offenem Himmel an den Thoren der Docks vor jenen elenden, um die Arbeit sich schlagenden Massen oder vor ausschweifenden Matrosen. Auch legte er Nachtschulen, Knaben- und Arbeitervereine, Sonntagsschulen u. s. w. an, in denen er und seine Gehülfen der gröbsten Unwissenheit zu steuern suchten. Viele jener Kinder und Männer, erzählt er, hätten nie von Religion bis dahin gehört. Lesen und Schreiben seien unbekannte Künste gewesen. Bei seinen Bestrebungen wurde Lowder bereits vielfach von Laien unterstützt, welche aus anderen Teilen Londons für den Abend herbeikamen. Dankbar gedenkt, er insbesondere eines Herrn Linklater, welcher ihm bei der Abhaltung von Abendschulen wirksam zur Seite ging. Diese Beteiligung von Laien weist bereits auf andere, unten zu behandelnde Einflüsse hin. Ein anderer Teil der Thätigkeit Lowders bestand in dem Kampfe mit den oben geschilderten Gemeindeautoritäten. Er wandte sich gegen die ärgsten Auswüchse der Prostitution. Dies aber trug ihm den Hals der Machthaber in einer Gemeinde ein, die wirtschaftlich davon abhing. Seine gottesdienstlichen Versammlungen wurden häufig von seinen Gegnern gewaltsam unterbrochen. Jene jungen Geistlichen mufsten nicht selten ihre athletischen Künste von Oxford zu Hülfe nehmen, um sich der Angreifer zu erwehren. Die Predigten im Freien und die Prozessionen wurden oft von feindlichen Haufen angegriffen, ja Lowder entging selbst mit knapper Not der Lebensgefahr, als ihn seine Feinde bereits ergriffen hatten, um ihn von einer Brücke hinab in das Bassin des Docks zu werfen. So glich sein Leben dem eines jener — 385 — früheren Christen, welche unter den Heiden das Evangelium predigten. Dieses Wirken „in einer traurigen Wildnis menschlicher Seelen" blieb nicht ohne Früchte. Vor allen war es das Leben Lowders, welches auf seine Gemeinde wirkte, die nie ein Beispiel der Selbstaufopferung bisher gesehen hatte. In der That, auf die rohsten und verkommensten unter den Menschen, die nichts zu erheben imstande ist, wirkt, wie das Mittelalter zeigt, in oft staunenswerter Weise das für sie unbegreifliche und darum überirdische Beispiel mönchischer Ascese. Insbesondere als Lowder während der Cholera 1866 furchtlos die Stellen der gröfsten Gefahr aufsuchte, überall helfend und tröstend, verfehlte das seinen Eindruck nicht. Nach und nach sammelte er eine treue Schar um sich und begann das Vertrauen seiner Pflegebefohlenen zu gewinnen; die Zustände der Gemeinde besserten sich, wenn es auch bis zuletzt vorkam, dafs aus seinen Versammlungen unvermutet einer der Hörer von der Polizei als Verbrecher hinweg geführt wurde. Lowder starb 1880 in Zell am See unter Beisein des katholischen Priesters an den Anstrengungen seines Berufes. — Dieses einzige Beispiel genügt für das Leben vieler unter dem Einflufs Puseys stehender Geistlichen. Unweit jener Gegend, in der Lowder wirkte, hat das Christ-Church-Collegium zu Oxford, der Sitz des Hochkirchen- tums, eine „Mission", die „Christ-Church-Mission", gegründet, d. h. ein Bethaus gebaut und zur Führung der Mission zwei Geistliche, frühere Mitglieder des Kollegiums, entsendet. Die kirchliche Richtung derselben, wie ihr Vorgehen, ist dem Lowders durchaus ähnlich. Auch sie erblicken in der Predigt unter freiem Himmel ein wichtiges Mittel zur Bekehrung. Ebenso wirken sie des Abends in Arbeiter- und Knabenvereinen, von Laien heute auf das eifrigste unterstützt. So fand v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 25 — 386 — ich bei ihnen einen jungen Rechtsanwalt, welcher dicht an den Thoren der Docks auf eigene Kosten ein kleines Haus gemietet und für einen Knabenverein hergerichtet hat; während er am Tage in der Stadt, d. h. den westlichen Teilen Londons seinem Berufe nachgeht, widmet er seine Abende jenen der Strafse und den Schenken preisgegebenen Knaben. Auch ein Wochenblatt hat die Christ-Church Mission gegründet, in welchen sie durch belehrende und unterhaltende Aufsätze die gewöhnliche Schmutzlitteratur zu verdrängen sucht, welche so viel zur Entsittlichung des Armen beiträgt. 3. In letzter Linie aber hat Pusey durch die Neugründung der geistlichen Orden social gewirkt. Von Männerorden besteht nur der St. Johannes des Evangelisten mit dem Sitze zu Cowley. Die Thätigkeit der „Cowley- Väter" erstreckt sich aufser auf äufsere Mission in Indien auch auf innere Mission in den englischen Grofsstädten. Wichtiger sind die Frauenorden, von denen zweiundzwanzig „Schwesterschaften" heute bestehen. Die älteste ist die Schwesterschaft St. Johannis des Täufers mit dem Sitze zu Clewer. Diese Gemeinschaft, aus einem Heim für gefallene Weiber hervorgegangen, nahm 1852 die Form eines religiösen Ordens an. Die eintretenden Schwestern haben ein Noviziat von zwei Jahren durchzumachen; alsdann werden sie in feierlicher Weise durch den Bischof der Diöcese zu ihrem Leben der Selbstaufopferung geweiht („professed"). Der Orden hat fortwährend an Zahl zugenommen, sodafs er heute seine Thätigkeit auf das gesamte Gebiet der Armenpflege erstreckt. Schon Lowder haben die Schwestern von Clewer bei seinem Missionszwecke Beistand geleistet, den sie nunmehr auf die Christ-Church Mission übertragen haben. Auch die übrigen „Schwesterschaften" scheinen sich als lebensfähige Einrichtungen zu erweisen. Aufser Erziehung ist — 387 — nach dem mir vorliegenden Verzeichnisse ihr gewöhnlicher Zweck Aufsuchung des Elends und des Lasters in den tiefsten Schichten der Gesellschaft. Einige der Orden haben bis fünfzehn und mehr Niederlassungen (Sisterhood of St. Margared, Sisterhood of All Saints, Sisters of the Churcli etc.). Den meisten der sogenannten Missionen und vielen der Gemeindegeistlichen leisten Schwestern dieser Orden Beistand, die Thätigkeit des Mannes nach Seiten ergänzend, die diesem mehr oder weniger verschlossen sind. In der That ist die sociale Bedeutung der Neugründung von Frauenorden nicht zu unterschätzen. Gewähren sie doch jenem mystischen Hange zur Selbstaufopferung, wie er bei vielen Frauen gefunden wird, und welchen die römische Kirche bisher allein auszunutzen verstand, die Möglichkeit zu nützlicher Bethäti- gung im Interesse des Ganzen. — Während in den soeben angeführten Punkten der Ein- flufs Puseys ein unmittelbarer ist, so hat er in mittelbarer y Weise noch viel weiter gewirkt. Er hat in der englischen Kirche und gerade in ihren bisher gänzlich abgestorbenen, den vornehmen und hochkirchlichen Kreisen neues kirchliches Leben erweckt. Neben der hochkirchlichen Bewegung vollzog sich aber auch in breiteren Kreisen ein Erwachen des christlichen Geistes; diese Richtung bezeichnete sich im Gegensatz zu jener als „evangelisch", indem sie auf dem überkommenen Boden stehen blieb und die roinanisierenden Tendenzen Puseys bekämpfte. Auf sie geht die Entstehung der „christlichen Jünglingsvereine" zurück, welche in eben jene Zeit fällt. Der erste wurde am 6. Juni 1844 zu London gegründet. Bald dehnte sich ein Netz ähnlicher Vereine über die Hauptstadt und das ganze Königreich aus, so dafs heute im ganzen 604 derselben gezählt werden. Zunächst hatte er die religiöse 25* — 388 — Beeinflussung von Knaben und jungen Leuten im Auge. Neben die rein religiösen sind jedoch auch weltliche Zwecker Erholung, Erziehung und körperliche Ausbildung getreten, und die Bedeutung dieser Vereine hat sich damit so sehr gehoben, dafs sie unter jenen zahlreichen Bestrebungen der oberen Klassen um die Hebung der unteren in erster Linie mitgenannt werden müssen. Der berühmte Graf von Shaftes- bury äufsert sich darüber, wie folgt: „Ich habe immer die Jünglingsvereine und die verwandten Vereine in allen Teilen des vereinigten Königreichs und Amerikas als grofsartige Stätten der Zuflucht (grand cities of refuge) betrachtet, als Plätze, wo junge Leute, die aus der Entfernung kommen und dem Einflufs der Eltern und des Familienlebens entrückt sind, Unterkunft finden können, wo sie den Weg des Heils kennen lernen und Mut und Zutrauen gewinnen, um darauf zu wandeln." Dafs auch heute das religiöse Interesse noch das herrschende ist, geht daraus hervor, dais nach den Statuten des Generalverbandes dem Jünglingsvereine jeder junge Mensch von gutem, moralischen Charakter, der die christlichen Grundsätze des Vereins anerkennt, zwar angeschlossen werden kann; Aufnahme als Mitglied ist dagegen nur möglich auf Vorschlag eines anderen Mitgliedes, wenn der Aufzunehmende ausdrücklich erklärt, dai's er „bekehrt" sei. Dafs der Jünglingsverein ferner nicht nur religiös, sondern speeifisch kirchlich ist, dafs er mit der englischen Kirche und in ihr mit der hoehkirchlichen Richtung auf das engste zusammenhängt, geht allein schon daraus hervor, dafs der Ausschufs des Verbandes fast ausschliefslich aus Bischöfen, Geistlichkeit und hohem Adel zusanlmengesetzt ist. Der Verein wünscht ein Helfer der Kirche zu sein, indem er seine Anstrengungen auf eine Klasse von Personen richtet, welche nicht leicht durch — 389 — die gewöhnlichen Mittel der Kirche erreicht werden können, d. h. auf junge Leute der unteren Klassen. Um einen Überblick über die Thätigkeit der Jünglingsvereine zu erhalten, gehen wir auf den gröfsten derselben etwas näher ein, welcher in Exeter Hall zugleich mit der Leitung des Gesamtverbandes aller Vereine seinen Sitz hat. Exeter Hall ist eine der gröfsten Versammlungshallen Londons, welche aufser vom Jünglingsvereine nicht selten zu politischen und ähnlichen Versammlungen benutzt wird und mehrere tausend Menschen fafst. Mit ihr in Verbindung stehen die übrigen zahlreichen Räume des Jünglingsvereines, seine Versammlungssäle, Klassen, Lesezimmer u. s. w. Exeter Hall ist am „Strand" gelegen, der Hauptverkehrsader Londons, die den Westen mit der City verbindet, in der Nachbarschaft der Theater, Cafe chantants, Spielhöllen und der Sitze des Lasters. Die von Exeter Hall ausgehende Thätigkeit ist zunächst eine religiöse; durch tägliches Mittagsgebet, Bibellesen in mehreren Sprachen, religiöse Ansprachen in gröfse- reni und kleinerem Kreise sucht sie „junge Seelen den Stricken des Versuchers zu entreifsen". Auch hier spielen Predigten im Freien eine grofse Rolle. Auf den benachbarten, breiten Themsegestaden, bei der „Nadel der Kleopatra", wurden im Frühjahr und Sommer 1888 z. B. allsonntäglich solche Gottesdienste abgehalten. Wunderbares Schauspiel: um das Denkmal, das einst unter südlichem Himmel der üppigen Königin errichtet, nunmehr am nebligen Themsestrande und in der Nachbarschaft eines Lasters steht, dessen Rohheit nicht mehr die Kunst des niedergehenden Altertums verhüllt, drängt sich die Menge, um den Worten des Galiläers zu lauschen. Da der Jünglingsverein das Heim und die Familie ersetzen will, so sind ihm neben seinen religiösen die geselligen Zwecke von gröfster Wichtigkeit. Abgesehen davon, dafs er — 390 — seinen Mitgliedern und angeschlossenen Genossen täglich Lesezimmer, Unterhaltungszimmer, eine Bibliothek u. s. w. zur Verfügung stellt, ferner zu Selbstkostenpreisen Mittags- und Abendtisch eingerichtet hat, finden in Exeter Hall auch mehrfach im Monat eigentliche Gesellschaftsabende statt, welche zum Teil von dem Verein, ebenso häufig auch von Privaten, veranstaltet werden. Wohlhabende Herren und Damen, welche sich für das Wirken des Vereins interessieren, laden in solchen Fällen die Angehörigen desselben zu Thee, Abendessen u. s. w. nach Exeter Hall ein, während durch Musikvorträge und Ansprachen für Unterhaltung gesorgt wird. Ferner gehört zu Exeter Hall eine umfangreiche Turnanstalt; auch bestehen Vereine für Cricket, Fufsball, Rudern u. s. w. Endlich sorgt der Jünglingsverein auch in bedeutendem Mafsstabe für die Fortbildung seiner Mitglieder in weltlichen Kenntnissen, welche ihnen das Fortkommen im Leben erleichtern sollen. Einen Begriff von der vielseitigen Thätig- keit von Exeter Hall zu geben, ist das für 1888 gültige Programm geeignet 1 . Natürlich arbeiten die anderen Jünglings- 1 Exeter Hall, Strand. I. Was für die jungen Leute gethan wird: Täglich. Morgengehet; Mittagsgehet; Verteilung von Einlafskarten zu den Zusammenkünften des Vereins; Unterrichtsklassen (67 in 42 Gegenständen); Turnen; Arheiter-Betverein (aufser Samstag), d. h. Vereinigung von Arbeitern auf dem Felde der inneren Mission. Sonntag. Männerverein; Aufsuchen der Logierhäuser; Arbeiter-Thee- ahend; Evangelisierungsgottesdienst in Exeter Hall oder im Freien. Montag. Männerverein; Herrn und Frau Kennedys „zu Hause", d. h. Empfangsabend. Dienstag. Gebetstunde in französischer Sprache; Theeahend für Mitglieder; Verein von Fremden. Mittwoch. Bibelstunde; Gesellschaftsabend; Übungen des Orchesters. Donnerstag. Bibelstunde; Holländische Betstunde; Französische Bibelstunde; Verein vom „Weifsen Kreuz" (eines Vereines zur Bekämpfung der Prostitution) vierteljährlich. — 891 — vereine mit weit beschränkteren Mitteln, aber alle verfolgen das gleiche Ziel. Es ist sicher, dal's sie sehr vielen jungen Leuten ein Mittel sind, sich auf der socialen Stufenleiter emporzuschwingen, abgesehen von der noch gröfseren Anzahl, welche sie vor weiterem Herabsinken und sittlichem und körperlichem Untergang schützen. Weitere Kreise noch als der Jünglingsverein ergreift die Sonntagsschulbewegung. Nach einer Berechnung, welche der frühere Unterrichtsminister Mundella mir als annähernd genau bezeichnete, werden in England und Wales heute gegen 6 Millionen Kinder in Sonntagsschulen unterrichtet, d. h. die gröfsere Mehrzahl aller Kinder, und da bei diesen Zahlen allein die unteren Klassen in das Gewicht fallen, die Mehrzahl der Kinder der arbeitenden Klassen. Der mit dem Jahrhundert neu entstandene Arbeiterstand — früher wie gesellschaftsfeindlich so irreligiös — bietet in der That der Kirche wie den Sekten ein zu eroberndes Missionsfeld ähnlich einem neuen Festlande und die angeführte Zahl Freitag. Bibelstunde. Samstag. Tliee und Empfang von jungen Leuten, die vor kurzem nach London gekommen sind, monatlich. II. Unterricht wird erteilt in: Englisch (5 Klassen wöchentlich, Grammatik, Stil, Geschichte, Geographie u. s. w.); Deutsch (4 Klassen); Französisch (4 Klassen); Italienisch; Spanisch; Portugiesisch; Griechisch; Lateinisch. Mathematik (4 Klassen). Naturwissenschaften (auch angewandte wie Landwirtschaft, Gesundheitslehre, Verbandkurs u. s. w., 10 Klassen). Kaufmännische Fächer (Buchhalten 2 Klassen, Kopieren, Stenographie, Telegraphieren u. s. w., im ganzen 12 Klassen). Vorbereitung für die Londoner Universitätsexamen (5 Klassen). Recht (3 Klassen). Künste u. s. w. (Singen, Turnen, Schach, Gedächtniskunst, Stimmbildung u. s. w.). beweist, dafs mutig an die Arbeit gegangen wird. Mit Stolz weisen die Freunde der Sonntagsschulbewegung auf die Statistik des jugendlichen Verbrechertums. Folgende Zahlen, natürlich nicht allein den Sonntagsschulen, vielmehr allen jenen von uns behandelten Bestrebungen, ferner der Einführung des staatlichen Schulzwanges zu danken, sind in der That für die sich vollziehende Hebung der arbeitenden Klassen lehrreich. Bei wachsender Bevölkerungszahl von 19 auf 27 Millionen kamen 1856 14000, 1866 10000, 1876 7000, 1881 6000, 1886 5100 Verurteilungen jugendlicher Personen auf England und Wales. Die Schwierigkeiten, mit welchen die Sonntagschulbewegung zu kämpfen hat, liegen weniger in der Beschaffung von Schülern, als der von Lehrern. Die englische Staatskirche braucht allein an 200 000 Lehrer, welche allsonntäglich, und zwar freiwillig und unentgeltlich, den Sonntagsschulunterricht besorgen; zu ihrer Leitung und Anweisung hat die Kirche das Sonntagsschulinstitut gegründet, welches eine reiche Lit- teratur, drei Zeitschriften u. s. w. herausgiebt, Kurse für Sonntagsschullehrer veranstaltet und Befähigungsscheine ausstellt, ein Bibelmuseum errichtet hat u. s. w. Zu gleichem Zwecke werden von den Diöcesanverwaltungen Visitationen der Sonntagsschulen veranstaltet, kurz alles gethan, um einheitliches Vorgehen und tüchtige Leistungen herbeizuführen. Eigentümlich sind ferner die grofsen Feste, welche die Sonntagsschulen in London und den gewerblichen Mittelpunkten des Landes abhalten, z. B. in Manchester, Birmingham, Nottingham, Sheffield, Bristol. Bei denselben kommen nicht selten 20000 "bis 70000 Kinder zusammen, welche zu Fufs herbeimarschieren, im Freien lagern, gemeinsame Gesänge und Spiele veranstalten, Ansprachen hören u. s. w. Entsprechend dem Zwecke vorliegender Arbeit konnte natürlich das, was die Kirche für die Hebung der unteren Klassen thut, nur andeutungsweise behandelt werden. Wenn ihre Bestrebungen jedoch völlig unerwähnt geblieben wären, so würde dem Bilde, das wir entwerfen, eine wichtige Farbe gefehlt haben. Hervorzuheben ist auch, dafs in England nach Einführung des Schulzwanges eine öffentliche Gemeindeschule nur soweit besteht, als die Kirche und die Sekten den Volksunterricht nicht in ihre eigene Hand genommen haben, ähnlich wie auch die Civilehe nur als subsidiäre besteht. Die englische Kirche nun unterrichtet in den von ihr geleiteten Schulen mehr Kinder als in allen weltlichen Gemeindeschulen zusammen unterrichtet werden, wie die Veröffentlichungen des Unterrichtsministeriums beweisen h Handelt es sich doch für die Kirche heute um einen Kampf ums Dasein. Die Entstaatlichung (disestablishment and disendowment) ist bereits der Schlachtruf einer mächtigen politischen Partei. Nun scheint es zwar sicher, dafs das selten energische Vorgehen der Kirche seit etwa fünfzig Jahren grofses in der Christianisierung des Arbeiterstandes leistet. Ob aber damit die Gefahr für den hierarchischen Bau der Kirche geschwunden ist, scheint mehr als zweifelhaft. Denn der englische Arbeiter, soweit er überhaupt religiöse Interessen hat, ist ausgesprochen protestantisch und die in gelehrten und vornehmen Kreisen stark verbreiteten katholisierenden Neigungen sind ihm unverständlich. Tragisch wäre es, wenn 1 Zahl von Kindern auf den Listen der Behörden. 188-5 1886 1887 In Schulen der Kirche 2 128 888 2 125 981 2 157 204 der Sekten (Methodisten etc.) 499 290 504 217 506 331 der römischen Kirche. . . . 230 904 237 3-57 245 700 in Gemeindeschulen 1553 066 1 638 270 1725 949 4 412 148 4-505 825 4 6-35184 — 394 — die hochkirchliche Bewegung, deren Kern der Puseyismus bildet, gerade durch die Christianisierung der Massen sich ihr eigenes Grab bereitete. Ist es mir gestattet, in dieser schwierigen Frage den einzigen nach meiner Ansicht vorhandenen Ausweg anzugeben — eine Unbescheidenheit, für die ich meine englischen Freunde geistlichen Standes um Entschuldigung bitte — so möchte ich folgendes hervorheben. Die Kirche hat den Demokratisie- rungsprozefs, dem der Staat in diesem Jahrhundert unterworfen wurde, nicht mitgemacht; sie hat noch heute eine aristokratische Organisation, die einst dem agrarischen Gesellschaftssystem entsprach; heute aber, da das Industrialsystein aufgekommen ist, wird sie entweder fallen oder sich ihm ebenfalls anpassen, d. h. sich demokratisieren müssen. Hierzu aber besitzt sie die Fähigkeit, da sie doch für die meisten ihrer Angehörigen auf protestantischer Grundlage beruht, daher eine weitgehende Beteiligung der Laien und die Annahme einer demokratischen Synodalverfassung ihrem Wesen nicht widerspricht. — Während das Erwachsen der Kirche, wie die reaktionäre Richtung in ihr auf socialem Gebiet auf das segensreichste gewirkt hat, trägt die Geschichte der mit ihr zusammenhängenden politisch reaktionären Bewegung den Charakter der Farce. Unter Puseys Einflufs bildete sich in Oxford während der vierziger Jahre ein Kreis von Studenten, meist Söhnen des hohen Adels. Zunächst ohne besondere politische Zwecke, wurden sie durch eine romantische Neigung für das Mittelalter und die katholische Kirche verbunden. Sie fühlten sich im Gegensatz zu der neueren Entwicklung der englischen Gesellschaft und sahen insbesondere in der Industrie den Feind, welcher die alte gute Zeit verdränge. Lord John Manners, der Führer dieser Studenten, die sich „ Jung-Engl and" — 395 — nannten, zugleich der Verfasser heute vergessener Gedichte, sang damals: „In many a manor, yet uncursed by trade, Bloom Faith and Love all lightly in the shade". (In manchem Herrenhause, noch unentweiht von der Industrie, Blühen Glaube und Liebe hell im Schatten.) Soweit diese Romantiker überhaupt an die Gegenwart dachten, so war für sie die Kirche die älteste und höchste Macht in der Gesellschaft. „Die Gewalt empfing der Staat im Beginn seiner Mittagszeit frisch von der Kirche der gläubigen und der geglaubten", (aus einem Gedichte des Lord Manners). Neben der Kirche war die von einer glänzenden Aristokratie umgebene Krone ihr Ideal. Der durch die Industrie herbeigeführten Schwierigkeiten glaubten sie dadurch Herr werden zu können, dafs sie dem Fabrikherrn eine ähnliche Schutzgewalt über seine Arbeiter gewährten, wie sie der Gutsherr über seine Hintersassen besessen hatte. Alle Versuche der Arbeiter, sich selber zu helfen, insbesondere Arbeitsausstände und Gewerkvereine, waren ihnen ein Greuel, eine Auflehnung gegen den von Gott eingesetzten Obern. Die Kirche, die Krone, die Aristokratie, wie die Fabrikherren sollten sich almosenspendend zu den Armen hinab neigen, für das Volk alles, aber nichts durch das Volk geschehen. Ehrgeizig waren diese Herren nicht. In der gotischen Architektur ihrer Kollegien und Landsitze lebten sie ein bequemes Leben der Verehrung des Mittelalters und der Frauen. Höchst wahrscheinlich hätte man von ihnen als einer politischen Partei nie gehört, hätte es nicht einer der schlauesten und zugleich der ehrgeizigsten Menschen des Jahrhunderts verstanden, sie zur Stufe zu machen, um sich zur Herrschaft über ei n Weltreich emporzuschwingen: Benjamin D i s - r aeli. — 396 — Was war diesen vornehmen, jungen Herrn an sieh entgegengesetzter als der durchaus nicht mehr junge, d. h. als er die Schwenkung machte, 37 Jahre alte Sohn eines jüdischen Litteraten. Seine früheren Schriften waren Zeugnis von Cy- nismus. Vergeblich hatte er sich zum radikalen Parteiführer emporzuschwingen gesucht. Nach dem, was hinter ihm lag, konnte er als eine aussichtslose Existenz gelten. Da nun erschienen unter dem Namen Disraelis zwei mystisch-romantische Romane: Coningsby 1844 und Sybil 1845. Leser, welche den Verfasser nicht kannten, mufsten danach in ihm einen blutjungen, mit glühender Phantasie begabten Enthusiasten vermuthen. Die Romane verherrlichten die Bestrebungen Jung-Englands, welches sie für die Partei der Zukunft erklärten. Wie wohl mufste es nicht diesen jungen Herren thun, wenn der Verfasser „den Adel den einzigen Führer des Volkes" nannte, wenn er besonders den ländlichen Tagelöhner aufforderte, sich der Führung „seines natürlichen Oberherren" anzuvertrauen. Um seinen Romanen aber den zeitgemäfsen und packenden Aufputz zu geben, entnahm Disraeli Gedanken, zum Teil wörtlich, dem damals in weiteren Kreisen noch unbekannten Carlyle, so dessen Angriffe gegen die Parlamentsherrschaft und ähnliches. Durch ihn wurden Carlylesche Gedanken, freilich verstümmelt und zu fremden Zwecken mifsbraucht, zuerst in weiten Kreisen bekannt, wo sie bereits in dieser Form eine Bewegung hervorriefen. Thatsächlich aber war Disraeli jener Carlyleschen Grundanschauung, dafs die menschliche Gesellschaft nicht auf Selbstsucht, sondern auf Selbstüberwindung beruhe, so weit als möglich entgegengesetzt. Überhaupt lief das ganze von Disraeli entwickelte Programm auf eine Täuschung hinaus. Wenn er sich dagegen wandte, die Krone zum venetianischen Dogenamt her- — 397 — absinken zu lassen, so war es ihm im Grunde doch völlig fernliegend, dieselbe mit wirklicher Macht bekleiden zu wollen. In socialpolitischer Hinsicht nimmt Disraeli den Standpunkt des „Tory-Socialismus" ein. „Das Volk ist nicht stark, es kann nie stark sein. Alle seine Versuche, sich selbst zu helfen, werden nur in Leiden und Verwirrung enden." Das Volk ist daher zur Abhängigkeit bestimmt; seine natürlichen Vorgesetzten, d. h. vor allem der Adel, haben in väterlicher Weise für dasselbe zu sorgen, und in diesem Sinne war es, dafs Disraeli das Wohl der Massen als die Hauptaufgabe des Staatsmannes erklärte. Wie wenig er glaubte, dafs aus dem Volke selbst etwas gutes hervorgehen könne, zeigt Disraeli dadurch, dafs er seine Leser zwar in die Kreise der Arbeiter hinabsteigen läfst, am Schlüsse jedoch für die edelsten Exemplare dieser Gattung: Sybil und Gerard, einen altadlichen Stammbaum und ein entsprechendes Vermögen auffindet. Einen Schein von Wahrheit mochte diese Schutzgewalt der Grundbesitzer solange an sich tragen, als es denselben darauf ankam, sich an den Fabrikanten, den „Baumwollen- lords", deren Reichtum den ihrigen in Schatten stellte, für die Aufhebung der Korngesetze zu rächen. Hieraus folgte die erste Arbeiterschutzgesetzgebung. Als es aber später darauf ankam im Interesse des Volkes die notwendige Landreform durchzuführen, da zeigte es sich, dafs der grofsgrundbesitzende Adel nicht weniger seine politische Macht zum Schutze der eigenen Interessen benutzte, als der von ihm des Eigennutzes angeklagte Stand der Industriellen. Thatsächlich besafs die konservative Partei damals kein politisches Programm. Seitdem sie der Reformbill zugestimmt hatte, seitdem sie die Macht der Krone ebensowenig mehr ernsthaft wünschte als die Gegenpartei, waren die sie kennzeichnenden Gedanken verloren gegangen. Diese Partei ohne — 398 — Programm ergriff nun lebhaft den von Disraeli entwickelten Schein eines solchen, um statt des Programms den Führer einzutauschen. Denn der gefügige Lobredner und unentbehrliche Verteidiger im Unterhaus schwang sich bald zum Herrn empor, als welcher er — wunderbares Schauspiel — an der Spitze jener reaktionären Herrn Mafsregeln weiterer Demokratisierung des Staates durchführte 1 . Während wir das Erwachen des Hochkirchtums nicht unerwähnt lassen durften, weil es in der That positives gewirkt hat, so ist die anschliefsende politische Bewegung nur um deswillen für uns von Bedeutung, weil ihre socialpolitischen Anschauungen sich überall dort wiederfinden, wo die Arbeiterfrage zuerst als Gefahr an die oberen Klassen herantritt. Im Anfang glaubt man die Frage einfach durch Almosengeben, durch Wohlfahrtseinrichtungen u. s. w. aus der Welt zu schaffen, indem man hierdurch das patriarchalische Abhängigkeitsverhältnis der alten guten Zeit wieder herstelle. Aber der Arbeiter erwidert darauf, dafs man ihm „statt Brot Steine gebe", auch bei den bestgemeinten Versuchen — ein Beweis, dafs es gerade nicht das Brot ist, das er in letzter Linie begehrt, sondern höhere Güter. Er begehrt nämlich, was ihm das Christentum verheifsen, indem es jedem Menschen einen absoluten Wert zusprach, was die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts verlangt, indem sie den Menschen zum Selbstzweck erklärt, was die Gesetzgebung des neunzehnten rechtlich gewährt hat, indem sie die Standesunterschiede aufhob und allen das Recht der Beteiligung am Staate zusprach, er begehrt nicht mehr „Unterthan", sondern „Staatsbürger", nicht Produktionsmittel, sondern Mitarbeiter an dem Werke der 1 Wir urteilen hier natürlich nicht über die in der That von grofsen Gesichtspunkten getragene, auswärtige Politik Disraelis. — 899 — nationalen Produktion zu sein, — Güter freilich, die durch Gesetzgebung nicht zu dekretieren sind, die durch Revolution herbeiführen zu wollen eitel, deren Verwirklichung nur von innerlicher Entwicklung des Menschen zu erwarten ist. n. John Ruskin und Arnold Toynbee. Auf die erste Welle der Universitätsbewegung folgt eine zweite, welche vielleicht nicht so hoch geht als die erste, d. h. die unter ihrem Einflufs stehenden Menschen nicht so völlig erfafst, wie die hochkirchliche Richtung ihre Anhänger, welche aber dafür viel weitere Kreise, ja in gewissem Sinne die gesamten gebildeten Klassen der Nation ergreift. Diese zweite Bewegung ist eine der wichtigsten Erscheinungen auf socialem Gebiet und hat auf das bedeutungsvollste zur Versöhnung der sich gegenüberstehenden Gesellschaftsklassen beigetragen. Während sich bei der ersten die Universitäten lediglich als Heimstätten der Tradition erweisen, bewähren sie sich nunmehr als Sitze des modernen Denkens und nationalen Geisteslebens. Mehr als zwei Jahrzehnte liegen zwischen der ersten und zweiten Bewegung. In jene Zwischenzeit fällt die Ausbreitung der Carlyleschen Gedanken. Henri Taine, welcher Ende der sechziger Jahre England besuchte und sich einige Zeit in Oxford aufhielt, erklärt, dafs damals über die junge Generation keiner solchen Einflufs besessen habe wie Carlyle. Damals erst gelangte er zu der allgemeinen Bedeutung, welche ihm den Namen „des beherrschenden Geistes der viktoriani- schen Aera" verschafft hat. In jenen Jahren erschütterte Carlyle die utilitarische Weltanschauung, die bis dahin das Den- — 400 — ken der geistig voranstellenden beherrschte, und entzog der älteren Nationalökonomie damit ihre sicherste Stütze, die philosophische Grundlage. Hierdurch unterscheidet sich die Universitätsbewegung von den beiden bisher behandelten: der christliche Socialismus war auf dem Boden des Christentums erwachsen und nur von Carlyle beeinflufst; die reaktionären Pachtungen waren es durch einseitige Auffassung seiner Gedanken. Beide Bewegungen gehen gewissermassen mit ihm parallel, die hier zu schildernde dagegen ist unmittelbar von ihm abhängig. Zunächst ist eines Mannes zu gedenken, welcher als Lehrer wie Schriftsteller in den siebziger Jahren in Oxford grofsen Einflufs gewann und viel dazu beitrug, in den Universitätskreisen das Gefühl davon zu erwecken, dafs mit dem Gesetz der Nachfrage und des Angebots die Verpflichtungen, welche den Gebildeten und Besitzenden gegenüber den unteren Klassen obliegen, nicht erschöpft seien. Dieser Mann ist John Kuskin. Es ist hier nicht der Ort, auf die Bedeutung dieses Mannes einzugehen, dessen Arbeiten ursprünglich das Gebiet der Kunstgeschichte betrafen. Er, der „am meisten analytische Geist im heutigen Europa", wie ihn Mazzini nennt, wandte sich erst in den siebziger Jahren der Nationalökonomie zu. Sein auf diesem Gebiete vor allen in Betracht kommendes Werk „Unto this last" wurde von seinen Anhängern als das „eines modernen Plato" in den Himmel gehoben, auch viel in Arbeiterkreisen gelesen, dagegen von seinen Gegnern auf das schärfste angegriffen. Beide Ansichten scheinen zu weit zu gehen. Nach unserer Meinung ist das angeführte Werk zwar keine Offenbarung neuer und epochemachender Gedanken; sein Wert liegt hauptsächlich in der Kritik gegen mehrere der überlieferten nationalökonomischen Grundauffassungen. Die positive Seite des Ruskinschen Werkes da- — 401 — gegen bietet ein gleiches Interesse nicht, indem den Verfasser sein Gegensatz zu der auf die Selbstsucht des Individuums gegründeten Welt der Konkurrenz zu socialistischen Ansichten führt, welche seit den siebziger Jahren in England, insbesondere in Oxford, nicht vereinzelt waren, wie das Kapitel VI dieser Arbeit zeigen wird. Wir beschränken uns auf die Hervorhebung einiger Hauptpunkte der von Ruskin an der älteren Nationalökonomie geübten Kritik. Diese Ausführungen beweisen, dafs er in die Reihe der von Carlyle ausgehenden Kritiker gehört, für welche die menschliche Gesellschaft nicht allein auf den selbstsüchtigen Trieben des Individuums, sondern daneben auf gewissen, verschieden gefafsten, mehr oder weniger in den Vordergrund gerückten, socialen Bedingungen beruht, und die Vorzüglichkeit eines wirtschaftlichen Systems nicht nach der Menge der producierten Güter zu beurteilen ist, wie es Ricardo gethan hatte. Nach Ruskin wurde bisher irrtümlicherweise die Hervorbringung und Verteilung von Gütern für den einzigen Gegenstand der Nationalökonomie gehalten: mit Unrecht; denn beide sind lediglich Mittel für einen weiteren, gemeinsamen Zweck: die Benutzung (denVerbrauch) der Güter, von der gesondert sie nicht betrachtet werden können. „Der Gegenstand der Nationalökonomie ist die richtige Art des Verbrauches, d. h. die Frage, wie ein jedes Ding richtig zu benutzen ist." Der Versuch der Güter aber dient nach Ruskin „der Erhaltung des menschlichen Lebens" sowohl nach seiner physischen als intellektuellen und ästhetischen Seite hin. Jede Hervorbringung, welche nicht hierzu dient, das heifst, nicht Dinge erzeugt, die „zum Leben führen" (lead to life), ist daher unwirtschaftlich. Die Hauptfrage für ein Volk besteht daher nicht darin, wie viel Arbeit es beschäftigt, sondern wie viel Leben es möglich macht, Gerade v. Sclmlze-Gaevernitz, Zum sog . Frieden. 26 — 402 — darin zeigt sieh der Fortschritt der menschlichen Gesellschaft, dafs in früheren Zuständen Arbeit vielfach auf Dinge verwendet wird, welche thatsächlich für das menschliche Leben wertlos sind: auf die „Exkremente des Schellfisches, auf Stücke blauen und roten Steines, Saphire, Rubinen, Perlen", und dal's hierfür eine grofse Menge Arbeit verschwendet wird. Später wird die Arbeit in wachsendem Mafse auf nützlichere Dinge verwendet, und Gegenstände, welche früher wertlos erschienen, beginnen mehr und mehr erstrebenswert in den Augen der Menschen zu werden: z. B. Luft, Licht, Reinlichkeit u. s. w. Aus dieser Grundanschauung folgt unmittelbar Ruskins Definition des Reichtums (wealth). Nach Ruskin ist Reichtum der Besitz des Wertvollen, d. h. des zum Leben dienlichen Dinges durch den, der es entsprechend benützen in der Lage ist: „Possession of the valuable by the valiant",— eine Auffassung, womit die Erzeugung gegenüber der Verteilung und dem Verbrauche der Güter in den Hintergrund rückt. Die Vernachlässigung der Wichtigkeit dieser letzteren beiden Vorgänge des wirtschaftlichen Lebens brachte die Nationalökonomen dazu, die Erzeugung an sich als etwas gutes und erstrebenswertes anzusehen. In Wahrheit dagegen kann die Erzeugung von wirtschaftlichen Gütern weit mehr Leben schädigen und mehr Energien vernichten, als das erworbene Gut zu erhalten und zu fördern geeignet ist. Ruskin führt folgendes Beispiel an. Auf einer wüsten Insel mit wenigen, weit entfernten Stücken bebaubaren Landes, haben drei Leute ihr Leben zu fristen; zwei greifen zu Ackerbau, einer übernimmt es, zwischen den beiden Ackerbauern diejenigen Erzeugnisse auszutauschen, mit welchen sie bei der Verschiedenheit der Grundstücke einander auszuhelfen in der Lage sind. Man nehme nun an, dafs der Verkehr zwischen den beiden Ackerbauern nicht an- — 403 — ders als durch den Unterhändler erfolgen kann, dafs dieser die Wirtschaftsweise heider genau beobachte und dasjenige, was sie gerade am notwendigsten brauchten, zurückhielte — ein Verfahren, welches den Lehren der Nationalökonomie völlig entspreche. Er könne mit der Zeit den ganzen überflüssigen Besitz der beiden anderen an sich bringen und sie in einem Jahre des Mifswachses zwingen, die Felder ihm abzutreten und seine Lohnarbeiter zu werden. Trotzdem sei es klar, dafs — die drei Männer als Gesamtheit betrachtet — ihr Reichtum geringer sein müsse, als wenn der Kaufmann sich mit einem gerechteren Gewinn begnügt hätte. Die wirtschaftlichen Unternehmungen der beiden Ackerbauer seien nämlich durch die Zurückhaltung der notwendigen Bedürfnisse eingeengt und erschwert worden. Mutlosigkeit habe ihre Thatkraft gelähmt. „Die ganze Frage, nicht nur nach dem Vorteile, sondern sogar der Menge des nationalen Reichtums löst sich somit in eine Frage abstrakter Gerechtigkeit auf." So könne der Reichtum unter Umständen ein Ergebnis unterdrückter Energien sein, „der vergoldete Index weitreichenden Ruins". Des weiteren wendet sich Ruskin gegen das System der Konkurrenz, weil dasselbe entsprechend dem soeben angedeuteten Gesichtspunkte vielfach die Wirkung habe, „Leben zu zerstören", statt — was jedes wirtschaftliche Thun vernünftigerweise zum Ziel haben solle — „Leben zu erhalten und zu entwickeln." „In der Geschichte", sagt Ruskin, „giebt es keine Erinnerung einer gleichen Verirrung des menschlichen Verstandes als den Glauben, dafs der Grundsatz des Handels: „kaufe im billigsten und verkaufe im teuersten Markte", die Grundlage der menschlichen Gesellschaft sein könne." Es giebt keinen Grund, welcher mich berechtigt, einem armen Manne, der verkaufen mufs, weniger zu zahlen, •26* — 404 — oder von dem, der kaufen mufs, mehr zu verlangen, deswegen, weil er arm ist. Die „Beraubung des Armen, weil er arm ist", das Gewerbe des Kapitalisten, meint Ruskin, sei jedenfalls einträglicher und ungefährlicher als die „Beraubung des Reichen, weil er reich ist", welche der Strafsenräuber ausübe. Diese Anklagen, welche Ruskin gegen die bestehende Gesellschaft schleudert, sind im Grunde wenig verschieden von dem bereite von Carlyle erhobenen Vorwurf der Organisa- tionslosigkeit der heutigen Produktionsweise, welche immer wieder das Leben vernichte, das sie hervorgebracht habe, und auf der einen Seite die Vorräte inÜbermafs ansammele, deren Mangel auf der anderen Seite Elend und Hunger hervorbringe. Ruskin wendet sich von hier aus insbesondere gegen die Feststellung der Löhne der Arbeiter durch Nachfrage und Angebot, weil sich hier die geschilderten Schattenseiten am schärfsten zeigten, weshalb auch zu allen Zeiten die wichtigsten Arten von Arbeit dem Spiele des freien Wettbewerbs entzogen und zu festgesetzten Löhnen vergeben würden. „Wir vergeben nicht die Stelle des Premierministers in Auktion, noch geben wir beim Tode eines Bischofs, was immer die Vorteile der Simonie sein mögen, die Diöcese dem Geistlichen, der sie für das niederste Gebot nimmt. Wenn wir krank sind, fragen wir nicht nach einem Arzte, welcher weniger als eine Guinee nimmt." Ruskin behauptet, dafs die höchste Arbeit immer und überall zu einem feststehenden Lohnsatze vorgenommen werde, und dafs dies mit jeder Art von Arbeit, um sie auf ähnliche Höhe zu heben, der Fall sein sollte. Er verlangt also, dafs der gute und schlechte, der schwache und starke Arbeiter gleich bezahlt werden solle, wie es der Herr des Weinberges in der Bibel gethan habe, welcher „bis zu diesem Letzten" („unto this last") allen sei- — 405 — neu Arbeitern den gleichen Lohn gewährte, worauf der Titel des Werkes ausspielt. Die Folge eines solchen Vorgehens wäre, meint Ruskin, dafs die Menschen gute von schlechter Arbeit unterscheiden würden und die guten Arbeiter Beschäftigung fänden, die schlechten aber unbeschäftigt bleiben würden. Dies aber sei dem heutigen System weit vorzuziehen, das dahin wirke, schlechte Arbeiten an Stelle von guten hervorzubringen und die Bedürfnisse der Menschen statt mit wirklichen Gütern, mit gefälschten, nur auf das Auge, nicht den Gebrauch berechneten Scheingütern zu befriedigen. Ruskins Ansichten berühren sich mit den Forderungen der beiden hauptsächlichsten Richtungen des englischen Arbeiterstandes. Die Gewerkvereine verlangen, dafs alle Arbeit eines Gewerbes nach einem feststehenden, entsprechend der Lage des Gewerbes, zwischen Arbeiter und Arbeitgeber vereinbarten Lohnsatze bezahlt werde, und gewährleisten dafür die Tüchtigkeit der Arbeit. Der Genossenschafter aber richtet seine Bemühungen, gleichviel ob er Güter verteilt oder hervorbringt, auf den wahren Wert statt auf den ausschliefslich dem Zwischenhändler zu gute kommenden Scheinwert. Diesen Berührungspunkten verdankt Ruskin seine grofse Volkstümlichkeit in Arbeiterkreisen. Auch in Bezug auf die Stellung des Kapitals in der Gesellschaft bekämpft Ruskin die individualistische Theorie. Er begegnet sich mit der schon von Carlyle vertretenen Auffassung, dafs auch der Kapitalist nicht für sich und mit ausschliefslicher Rücksicht auf seinen persönlichen Vorteil, sondern vielmehr für die Gesellschaft zu arbeiten berufen sei. Er ist ein Organ • des gesellschaftlichen Organismus; seine Funktion entspricht der Nahrungszufuhr im Einzelorganismus. „Es ist nicht in höherem Mafse die Aufgabe des Kaufmanns Gewinn zu machen, als es die des Lehrers ist, — 406 — Gehalt zu bekommen. Das Gehalt ist eine notwendige Beigabe, aber nicht der Inhalt seines Lebens, wenn anders er ein wahrer Lehrer ist, ebensowenig wie das „Honorar" der Lebenszweck eines wahren Arztes ist". Ähnliche Gedanken hatte Carlyle mit dem Satze ausgedrückt, dafs alle wahre Arbeit unbezahlbar sei. Wenn Ruskin dieselben Gedanken in einen Vergleich kleidet, welchen er von den gelehrten oder „professionellen" Berufen auf die rein wirtschaftlichen anwendet, so bezeichnet ihn das als den Träger einer Bewegung, welche zunächst in den Universitäten ihren Sitz hat. In Rücksicht auf den Rahmen vorliegender Arbeit müssen wir uns versagen, auf die Werke dieses Schriftstellers näher einzugehen 1 . Wir können dies um so mehr, als er in seiner Kritik des bestehenden mit den unten behandelten Socialisten nahe verwandt ist, während die wissenschaftliche Methode, welche der klassischen Nationalökonomie heute positiv gegenübergesetzt wird, aus Deutschland stammt. Um eine Probe der Ausdrucksweise Ruskins zu geben, führen wir die Schlufsworte von „Unto this last" an, desjenigen Werkes, durch welches der genannte Schriftsteller unzweifelhaft am weitesten gewirkt hat. „Ich wünsche die eine grofse That- sache klar festzustellen, dafs es keinen Reichtum ohne Leben giebt, Leben, einschliefsend alle Kräfte der Liebe, Freude und Bewunderung. Dasjenige Land ist das reichste, welches die gröfste Menge edler und glücklicher Menschen ernährt; der Mann ist der reichste, welcher, nachdem er die Funktionen seines eigenen Lebens bis zum äufsersten Punkte erfüllt hat, 1 Aufsei' „Unto this last" kommen noch in Betracht: „Munera pulveris", „Time and Tide", „Crown of wild olive", „Fors Clavigera". Wie ich höre, ist in der in Vorbereitung befindlichen Selbstbiographie Buskins eine Entwicklungsgeschichte seine volkswirtschaftlichen Ansichten zu erwarten. — 407 — auf das Leben anderer sowohl durch seine Person wie seinen Besitz den weitesten hülfreichen Einflufs hat. Wirtschaftlichkeit sei das Gesetz des Hauses: verschwende nichts und mifs- gönne nichts, sei einfach und weitherzig. Kümmere dich nicht darum viel Geld zu machen, sondern viel aus dem Gel de zu machen; erinnere dich immer der grofsen, unvermeidlichen Thatsache, dafs das, was ein anderer hat, nicht du haben kannst, und dafs jedes Atom jedweden Gutes, das du verbrauchst, eine Quantität aufgewandten menschlichen Lebens bedeutet, Leben entweder aufgewandt zur Verhinderung und Vernichtung von Leben oder zur Gewinnung von mehr Leben. Überlege, ob Luxus, selbst seine Schuldlosigkeit zugegeben, wünschenswert wäre, wenn wir deutlich vor unseren Augen die Leiden, welche ihn begleiten, sähen. Luxus ist in der Zukunft in der That möglich, ein auserwählter und unschuldiger für alle und durch die Hülfe aller. Aber heute kann des Luxus sich nur der Unwissende erfreuen; der grausamste Mensch könnte nicht bei seinen Festen schwelgen, hätte er kein Tuch vor den Augen. Hebe den Schleier, erblicke das Licht. — Wessen man heute hauptsächlich bedarf, ist der Wunsch nach einem durch freudige Arbeit reichen Leben: freundliche und reizende Scenen in Garten und Feld, liebliche und erfreuliche in den Heimstätten der Menschen, Gesang von Vögeln und Gezirp von Insekten, tief« Männerworte und helle Kinderstimmen. Wir brauchen das Beispiel von Menschen, welche zeigen, dafs das Maximum der Freuden erreicht werden kann durch feste wohl überlegte Sachlichkeit, bescheidene und arbeitsame Menschen, welche für sich die Entscheidung treffen, glücklich in der Welt zu sein und nicht gröfseren Reichtum, sondern gröfsere Freuden zu suchen, welche als wichtigste Herrschaft die Herrschaft über sich selbst ansehen und sich ehren in der ruhigen Verfolgung des Friedens." Man denke an die von J. St. Mill gegebene Auseinandersetzung, wonach die Konkurrenz, welche die klassische Nationalökonomie als einzigen und ewigen Regulator des Wirtschaftslebens voraussetzt, durchaus modernen Ursprungs ist. Mit den Namen Carlyle und Ruskin haben wir den Hintergrund bezeichnet, auf welchen sich die im folgenden zu schildernde Bewegung abspielt, welche mit dem Namen Arnold Toynbees verknüpft ist, eines jungen, mit einundreifsig Jahren verstorbenen Gelehrten, welcher kaum bei Lebzeiten irgend etwas veröffentlichte, und nach dessen Tode ein Bändchen zum Teil durchaus unvollendeter Aufsätze erschien 1 . Toynbee hat durch seine in seltenem Grade anziehende und beeinflussende Persönlichkeit gewirkt, über welche daher einige Worte zu sagen sind. Im persönlichen Verkehr, wie ihn das enge Zusammenleben in den Oxforder Kollegien ermöglicht, sowie in Reden und Vorträgen vor Studenten und Arbeitern übte er seinen Einflufs. Arnold Toynbee wurde zu London am 23. April 1852 als Sohn eines bekannten Ohrenarztes und tüchtigen Naturwissenschaftlers geboren. Dafs auch der Vater schon ähnlichen Neigungen nachging, wie die, welche später sein Sohn den englischen Universitäten einzupflanzen, verstand, geht daraus hervor, dafs er z. B. eine Abendklasse für Arbeiter eingerichtet hatte, in der er naturwissenschaftliche Gegenstände zu behandeln pflegte; Arnold, damals noch ein Kind, ging ihm bei der Ausführung der Experimente zur Hand. Der Vater starb, noch ehe der Sohn das vierzehnte Jahr vollendet hatte, nicht ohne die reiche Begabung desselben erkannt zu haben. Eine 1 Vergl. Lectures on tlie industrial revolution by A. Toynbee. London Rivingtons 1884. Progress and Poverty, a criticism on Mr. Henry George by A. Toynbee, Reeves, Fleet Street London. Arnold Toynbee by F. C. Montague. Baltimore 1889. — 409 — hinfällige Gesundheit lehrte Arnold Toynbee in früher Jugend Entsagung. Mit neunzehn Jahren schreibt er an einen Freund, dafs er sein Leben nicht in dem Erwerb von irdischen Gütern hinbringen wolle, welche ihr Übel haben könnten, und jedenfalls auf ihn keinen guten Einflufs üben würden. Sein Ideal sei das stille Leben eines Gelehrten, „nicht aus Ruhmsucht oder blofsem Ehrgeiz, sondern um der Verfolgung der Wahrheit willen". Aber die socialen Probleme des Tages drangen bald auf sein sympathievolles Gemüt mit solcher Stärke ein, dafs ihm ein ruhiges Forscherleben nicht beschieden war. So übertrug er jene Gesinnung selbstlosen Interesses von der Wissenschaft auf die Lage der arbeitenden Klassen •— befähigt dadurch eine gleiche Gesinnung in den ihn unigebenden Kreisen zu verbreiten; denn Selbstüberwindung lehrt sich nicht mit Worten, sondern durch das Beispiel und den Einflufs einer von ihr erfüllten Persönlichkeit. Im Jahre 1873 bezog Toynbee die Universität Oxford und in die zehn Jahre, welche er von 1878—1883 daselbst verbrachte, drängt sich die Zeit seiner Ausbildung wie seiner Wirksamkeit. Nach vorübergehendem Aufenthalt im Pem- broke College wurde er Student, dann Lehrer und Verwalter (bursar) am Baliol College. Insbesondere waren während mehrerer Jahre diejenigen jungen Leute seiner Führung anvertraut, welche sich für den Civildienst in Indien vorbereiteten. Oxford war der Boden, auf dem Toynbee sich heimisch und glücklich fühlte. Wird als sein Hauptcharakterzug Sympathie mit anderen bezeichnet, so bot das Leben im Kollegium zur Entfaltung dieser Eigenschaft mehr Gelegenheit, als wenn er im Kampf eines geschäftlichen Lebens gestanden hätte 1 . 1 Wie wohl er sich in Oxford befand, zeigen folgende einem Briefe entnommene Worte aus dem Anfang seines dortigen Aufenthalts: „In dem Kreuzgang zu Baliol wandelt man des Nachts, hört den Wind in den — 410 — Wenn Toynbee in Oxford beliebt und einflufsreich wurde, so trug hierzu bei, dafs er nichts weniger als Einflufs und Ansehen suchte. Er war in allen Dingen sachlich, stets unfähig irgend eine persönliche Abneigung zu unterhalten, oder irgend etwas der Anerkennung wegen zu sagen oder zu thun. Hierin lag auch der Grund seines Erfolges als Redner in Arbeiterkreisen, die er während der letzten Jahre seines Lebens vielfach aufsuchte; die Hörer empfanden, dafs der Redner nicht ein Klassen- oder persönliches Interesse verfolge, sondern lediglich durch Mitgefühl getrieben werde: ein wahrer Freund des Volkes neben so vielen vorgeblichen! Der Eindruck aber wurde dadurch noch erhöht, dafs viele unter seinen Hörern angesichts seines Gesundheitszustandes sich sagen mufsten, dafs hier ein junges, hochbegabtes Leben im Interesse anderer sich verkürze. Diese Persönlichkeit mufs man im Auge haben, um Toynbees Einflufs zu verstehen, der mit der Zeit jenen Kreis von Freunden um sich sammelte, welche nach seinem Tode seine Gedanken weithin verbreiteten. „Das interessante und packende in seinem Leben", sagt ein Freund von ihm, „war nicht, was er hervorgebracht hat, sondern er selbst, d. h. seine Einfachheit und Selbstlosigkeit, sein liebenswürdiges Beispiel, seine Verschiedenheit von jedem anderen". Bäumen und verwebt die Sterne in das Gewebe der eignen Gedanken. Man schaut von dem bleichen, übermenschlichen Mond zu den rötlichen Lichtern der Fenster und hört gebrochene Noten von Musik und Gelächter und in der Ferne das klagende Gemurmel der Eisenhahn. — Das Lehen liier ist sehr süfs und voll von Freude; zu Oxford, alles zusammengenommen, ist das Ideal eines glücklichen Lehens mehr verwirklicht als irgendwo. Ich meine das Ideal eines freundlichen, gleichen, geistigen Verkehres mit etwas von einem hellen Blick in die Zukunft, der sich doch immer an der Vergangenheit stärkt, ein Buheplatz für die Seele in künftigen Tagen, die dunkel und verworren und nichts als ein trauriges Fehlschlagen sein mögen". — 411 - Den geistigen Hintergrund auf dem sich Toynbees Entwicklung aufbaut, haben wir oben charakterisiert: die antiindividualistische, von Carlyle ausgehende Dichtung. Es ist aber hier noch ein Mann zu nennen, welcher in dieser Hinsicht auf die Entwicklung Toynbees grofsen Einflufs gewann. Für die Auseinandersetzung mit den religiösen und philosophischen Problemen der Zeit hat Toynbee weitgehende Anregung dem am gleichen Kollegium thätigen Professor T. H. Green zu danken. Alle bisher behandelten Männer: Carlyle, die christlichen Socialisten wie Maurice und Kingsley, ferner auch Pusey, entstammten specifisch christlichen Kreisen. Ihr Denken — auch wo es, wie bei Carlyle, die philosophischen Formen der Gegenwart annahm — bewegte sich zum mindesten in ihrer Jugend in den Formen der überlieferten christlichen Dogma- tik. Anders bei Toynbee. In London geboren und der Sohn eines Naturforschers, trat er erst unter dem Einflufs Greens zu Oxford, wo, wie er sagt, die meisten ihre Religion verlernten, religiösen Fragen nahe 1 . Auf diesem Ursprung beruht ein eigentümlicher Zug der mit seinem Namen verknüpften Bewegung; sie steht voll und bedingungslos auf dem Boden des modernen Denkens. Toynbee war antiutilitarisch sowohl seiner Anlage als der Zeitströmung nach, in die er hineintrat. Eine solche Gesinnung aber ist, wie Carlyle aufgestellt hatte, unmöglich ohne irgend eine Form des Glaubens und das einzige Mittel, zu diesem in zeitgemäfser Form zu gelangen, bietet, worauf Carlyle ebenfalls hingewiesen hatte, die neuere deutsche, von Kant abhängende Philosophie. Durch T. H. Green nun, wel- 1 Folgende Anekdote stammt aus damaliger Zeit. Ein Bekannter äufserte naiv zu einem Kameraden: „Toynbee liest die Bibel wie ein anderes Buch — als ob er es gern thäte". eher selber auf Kantischer Grundlage stand, wurde dieselbe Toynbee vermittelt. Toynbees Standpunkt wurde damit, um in Carlyleschem Ausdruck zu reden, ein positiver und blieb dabei ein wissenschaftlicher. Die Universitätsbewegung, welche den Namen Toynbees trägt, ist um deswillen wichtig, als bisher diejenigen gebildeten Männer, welche die orthodoxen Formen des Kirchenglaubens verliefsen, in England ausschliefslich in das utilitarische und materialistische Lager getreten waren, während nunmehr an deren Stelle für weite Kreise sociale Anschauungen treten — ein Übergang, welcher, wie Carlyle behauptete, wie das Beispiel Toynbees beweist, ohne vielleicht entfernte und unbewufste, aber doch vorhandene deutsche Grundlage unmöglich war. Greens Standpunkt war, in aller Kürze charakterisiert, etwa folgender. Der Glaube — an sich nicht sowohl dem Gebiet des Intellektes als des Willens angehörig — kann nicht abhängen von Ereignissen, die in der Vergangenheit geschahen, deren Annahme, mag sie historisch gut oder schlecht begründet sein, von einem rein verstandesgemäfsen Vorgang abhängt, dessen Endergebnis mit den Mitteln der Erkenntnis wechseln kann. Dieses nun verkennend gehen heute viele in das Lager des Utilitariertums über, den Glauben mit seiner äufseren Form verwechselnd, welche Gegenstand der modernen Kritik ist. Nicht sowohl die leidenschaftlichen Angriffe Weniger gegen den alten Glauben als die Gleichgültigkeit der Massen gegen jeden Glauben, der zur Grundlage der Gesellschaft werdende Individualismus ist nach Green heute die Gefahr. Seine Angriffe gegen das Utilitariertum baut Green auf Kantische Gedanken, deren Idealismus er teilt, nicht ohne Mifsverständnisse jedoch und Rückkehr zu dem von Kant für alle Zeiten beseitigten, spekulativen Standpunkt. Dessen vielleicht bewufst, giebt er zu, dafs man heute in einer „Periode — 413 — des Überganges" lebe und eine endgültige Lösung noch nicht gefunden sei. In ähnlicher Weise schien es Toynbee das wichtigste Problem der Zeit, von dessen Lösung in letzter Linie alle andern Probleme abhingen, wie er in einer Adresse an die Arbeiter sagt, „die Form des Christentums zu finden, die in Übereinstimmung mit Fortschritt, Freiheit und Wissen sei". „Die Zeit wird kommen", schreibt er an anderer Stelle, „da wir es nicht mehr notwendig halten werden, mit denen übereinzustimmen, welche sagen, dafs das Christentum steht und fällt mit dem Glauben an die Auferstehung, ebensowenig wie es uns heute einfällt mit dem Heil. Bernhard zu sagen, dafs er steht und fällt mit dem Glauben an die unbefleckte Empfängnis". Trotzdem, meint Toynbee, werde ein solcher Pro- zefs das Christentum nicht aufheben; im Gegenteil werde es aus der Kritik des Verstandes um so reiner ans Licht treten. „Wie jede grofse intellektuelle Bewegung", schreibt er, „am Ende den sittlichen Charakter des Menschen erhöht und veredelt hat durch die Reinigung seines Glaubens, so wird auch dieser grofse Begriff (des Naturgesetzes) uns den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit reiner und erhabener zurücklassen, dadurch zugleich den Geist der Selbstverleugnung stärken, wie er es bereits soeben zu thun beginnt; dies läfst uns den Blick mit immer wachsender Hoffnung der Zukunft zuwenden". Toynbee scheint den Gedanken Goethes geteilt zu haben, dafs der Glaube — und zwar in zunehmendem Mafse — statt der Anfang das Ende des Wissens sei. Für Toynbee war die Religion nicht Sache des Verstandes, sondern des Willens; sie war ihm diejenige Kraft, welche allein die Menschen zu antiindividualistischem, d. h. wahrhaft socialem Handeln veranlasst. Daher erklärte er sich gegen den einzigartigen Versuch des Auguste Comte (vergl. Kap. V), auf materialistischer Grundlage ein System altruistischer Religion aufzubauen. „Die Menschheit" (das „grofse Wesen", das jene anbeten), schreibt er, „ist eine durch den Verstand gemachte Abstraktion; sie kann nie Gegenstand einer Religion sein; denn Religion in jeder Form verlangt etwas, das lebt und nicht gemacht ist. Es ist die Vision eines lebendigen Dinges (nicht einer Abstraktion), die den Psalmisten rufen läfst: »wie der Hirsch schreit nach den Wasserbächen, so begehrt meine Seele nach dir, du lebendiger Gott«". Auf der andern Seite wehrte er, als Engländer allen spekulativen Träumen abgeneigt, jeden Versuch ab, das Jenseits mit dem Verstände fassen oder gar durchdringen zu wollen. Für ihn war das Christentum nicht das für wahr halten gewisser Behauptungen über Christus, sondern, wie er sagte, die „Nachfolge Christi". Diese Gesinnung, die ihn jeden Morgen, wie er einem Freunde schreibt, den Entschlufs fassen liefs, der Selbstsucht an diesem Tage völliger Herr zu werden, als am vorhergehenden, diese Gesinnung begleitete ihn durch das kurze Leben, bei seinen Studien und in dein Kreise seiner Schüler und Freunde, in den Arbeiterversammlungen Nordenglands und den Höhlen des Londoner Pauperismus. Ihr verdankt Toynbee seinen geradezu erstaunlichen Einflufs. Mit Recht sagt einer seiner Freunde von ihm, dafs er, im Mittelalter geboren, Heiliger und Stifter eines Mönchsordens geworden wäre, wenn er nicht — was allerdings wahrscheinlicher sei — als Ketzer verbrannt worden wäre. Aus seinem religiösen Standpunkt ergab sich für Toynbee seine Lebensaufgabe: die Träger der Bildung und des geistigen Fortschrittes, d. h. die Universitäten und die ihnen verwandten Kreise, mit den arbeitenden Klassen in Berührung und gegenseitige Beeinflussung zu bringen. In unserem materialistischen Zeitalter glauben viele, dafs — 415 — es genug sei, den Arbeiter mit Essen und Trinken am Leben zu erhalten. Notwendig sei dies in der That, sagt Toynbee, wenn er nicht durch Mangel und Sorge um äufsere Dinge mit Gewalt im Materialismus niedergehalten werden solle. Aber er war davon durchdrungen, dafs der Mensch nicht vom Brote allein lebe. In einer Rede zu Bradford vor einer zumeist aus Arbeitern zusammengesetzten Zuhörerschaft sagte Toynbee, dem es wenig darum zu thun war durch Schmeicheleien seine Hörer zu gewinnen: „Hohe Löhne sind nicht ein Endzweck. Niemand verlangt hohe Löhne, damit die Arbeiter sinnlichen Genüssen nachgehen könnten. Wir verlangen höhere Löhne, damit eine Verbesserung der materiellen Lage und weniger Ängstlichkeit und Unsicherheit in Betreff der Zukunft dem Arbeiter ermögliche, ein reineres und würdigeres Leben zu führen". Materielle Hebung der Arbeiter erschien Toynbee nur als ein Mittel zu höheren Zwecken. Die Massen dem Materialismus zu entreifsen sei um so nötiger in einer Zeit unaufhaltsamer, politischer wie gesellschaftlicher Demokratisierung. Dieselbe müsse verhängnisvoll werden, wenn es nicht gelinge, die fallenden Satzungen des Gesetzes und der Sitte, die die Menschen bisher gebunden hätten, durch sittliche Selbstbeschränkung zu ersetzen; das aber sei nur möglich, wenn Religion und Fortschritt Hand in Hand gingen. Aus diesem Grundgedanken folgt Toynbees Stellung zum politischen und volkswirtschaftlichen Individualismus der Gegenwart. Während die christlichen Socialisten denselben schlechthin verdammen, sieht er in ihm zwar nicht wie seine Anhänger das Endziel, wohl aber den wichtigsten Hebel des Fortschritts. Die Bewegung der Geschichte „geht von natürlichen Gruppen zum Individualismus und von Individualismus zu moralischen Gruppen. Genossenschaft ist der Schlachtruf — 416 — der Zukunft. — — Aber während in der Vergangenheit die Genossenschaften ihren Ursprung meist in unbewufsten, natürlichen Verhältnissen hatten, so werden sie in der Zukunft aus bewufsten, sittlichen Beweggründen hervorgehen. Hier wie in vielen andern Dingen scheint die letzte und vollkommenste Entwicklung der Gesellschaft äufserlich durch die früheste vorgebildet; aber das innere Leben der Form ist verändert. — Die Differenzierung der Funktionen tritt nur ein, um die innere Einheit zu befördern." So wird das Weib nur um deswillen vom Manne befreit, damit beide zu einer höheren Gemeinschaft ihres Lebens und ihrer Bestrebungen sich wieder vereinigen. Der Arbeiter wird nur deshalb vom Arbeitgeber befreit, damit sie sich zu einer höheren Gemeinschaft des Lebens und der Thätigkeit wieder vereinigen, wie solche in den heute weit verbreiteten, auf Gleichberechtigung beider Seiten beruhenden Verhandlungen zur Feststellung der Arbeitsbedingungen und Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten zu Tage zu treten beginnt. „Das Individuum überhaupt wird um deswillen von der Herrschaft der Gemeinschaft befreit, dafs es in bewufster Weise sich hingeben kann zu einer innerlicheren Einheit mit der Gemeinschaft". Hieraus ergiebt sich ferner Toynbees Stellungnahme zu dem heute die Wirtschaftswelt beherrschenden System der Konkurrenz. Die Macht der selbstsüchtigen Triebe im Individuum — stets innerhalb der Gesellschaft eine Macht ersten Banges — war früher eingeschränkt durch Sitte und Gesetz. Heute fallen diese Schranken hinweg — insofern ein Fortschritt, als es die notwendige Vorbedingung dafür ist, dafs an ihrer Stelle später durch Sittlichkeit und freien Ent- schlufs wirksamere Schranken errichtet werden. Während der Socialismus das System der Konkurrenz als ein Übel an sich betrachtet, erblickt Toynbee darin ein Mittel des Fort- — 417 sehritts, das nicht angebetet, aber benutzt und unter die Kontrolle von Religion und Sittlichkeit gestellt werden müsse. Sein Standpunkt zur älteren englischen Nationalökonomie ist daher kein völlig negativer. Während die christlichen Socia- listen dieselbe schlechtweg als Teufelswerk denunciert hatten, erkennt er ihre relative Berechtigung an. Nur so weit sie ihre Gesetze als Naturgesetze ausgiebt, welche immer und zu allen Zeiten wahr seien, wie dies Ricardo gethan hatte, erblickt er in ihr einen „intellektuellen Betrug". Zu allen Zeiten vielmehr seien diese aus dem Individualismus abgeleiteten Gesetze durch andere mit einwirkende Elemente eingeschränkt worden, zu gewissen Zeiten jedoch so sehr, dafs von ihrer Geltung schlechterdings nicht die Rede sein konnte. Insbesondere pflegte er seinen Studenten einzuschärfen, dafs in den Ländern des Ostens das System der Konkurrenz kaum vorhanden sei und dafs durch Anwendung der Sätze Ricardos die noch vollständig von Sitte und Überlieferung beherrschten Bevölkerungen des indischen Reiches viel zu leiden gehabt hätten. Dieser Standpunkt zur klassischen Nationalökonomie entwickelte sich mit Notwendigkeit aus jener Carlyleschen Grundauffassung, welche sociale neben individualistischen Beweggründen als Triebkräfte für das menschliche Handeln von Wichtigkeit sein läfst. Damit wurde das Individuum des Bentham eine leere, nirgends der Wirklichkeit entsprechende Fiktion. Bentham aber hatte mit Recht gesagt: „Ich bin der geistige Vater des James Hill, dieser ist der geistige Vater des Ricardo; also bin ich der Grol'svater des Ricardo". Nur auf Grundlage der Benthamschen Philosophie war die klassische Nationalökonomie möglich gewesen. Ihr Fehler lag für Toynbee also weniger in ihren Ergebnissen als in ihrem Ausgangspunkte. Fälschlicherweise hatte sie den Schein aprioristischer Deduktion v. Schul ze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 27 — 418 — angenommen, während ihre sogenannten Gesetze, soweit sie für die Gegenwart richtig sind, es nicht deshalb sind, weil sie sich deduzieren lassen. Es war ein ebenso verfehlter Versuch der Nationalökonomie die Form der Mathematik nachzuahmen, wie der gleiche, für ein anderes Gebiet unternommene Versuch des Spinoza. Behauptet man aber das Wirksamsein socialer neben individualistischen Beweggründen, deren Zusammenwirken die wirtschaftlichen Verhältnisse bestimme und haben die socialen Motive zu verschiedenen Zeiten den allerverschiedensten nur geschichtlich zu bestimmenden Ausdruck gefunden, so hört das Individuum auf, der aprioristische Ausgangspunkt für volkswirtschaftliche Untersuchungen zu sein. Es ist nichts weniger als von vornherein bekannt, vielmehr das aller- komplizierteste Endergebnis der jeweiligen Gesellschafts- zustände. Ihm gegenüber sind diese letzteren weit bekannter und ihre Beobachtung ist der einzig mögliche Ausgangspunkt der Forschung. Die Nationalökonomie wird damit eine historische Wissenschaft und ihre Methode die der Induktion — welchen Charakter heute nach und nach alle Wissenschaften annehmen. „Die historische Methode", sagt Toynbee, „hat die Nationalökonomie revolutioniert, nicht dadurch, dafs sie ihre Gesetze als falsch, so vielmehr als relativ gültig für eine bestimmte Stufe der Civilisation erwies". Man hat Toynbee dieser Aufstellungen wegen „ den Begründer der historischen Methode in der Nationalökonomie" genannt. Nachdem dieselbe in Deutschland seit Jahrzehnten gehandhabt war, ist eine solche Behauptung nur möglich auf Grund der in England häufigen Unkenntnis der ausländischen Litteratur. Dagegen hat Toynbee mit dahin gewirkt, die weiteren Kreise der Gebildeten seiner Heimat dem Einflufs Ricardos zu entreifsen, in deren Köpfen er bis in das vorige Jahrzehnt — 419 — hinein die Herrschaft führte. Die mächtigen Worte Carlyles mochten zwar die Stimmung weiter Kreise beeinflussen; damit die Denkenden des Volkes sich von der klassischen Nationalökonomie lossagten, mufste ihr eine neue, wissenschaftlichere Methode der Untersuchung entgegengestellt werden. Für Toynbee eigentümlich ist die Verbindung einer der klassischen Nationalökonomie entgegengesetzten antiindividualistischen Grundanschauung mit der Anerkennung des Ergebnisses der neueren Geschichte: der Befreiung des Individuums. Er ist einer der ersten, der liberal und doch kein Manchestermann ist. Zu diesem Standpunkt gelangte Toynbee nicht ohne Hilfe der Werke Cliffe Leslies und Thorold Rogers'. Ludlow spricht auch von einem Einfluss Brentanos 1 . Toynbee bedauert nicht die Auflösung der früheren, sogenannten „feudalen" Gesellschaftsordnung, welche das Industriesystem beseitigt; dies unterscheidet ihn von den oben erwähnten Reaktionären. Im Gegenteil, die früheren Beziehungen der Abhängigkeit und des Zwanges fallen und machen der gegenseitigen Unabhängigkeit Platz, damit sittlich freie Beziehungen entstehen können. Das „System der Geldzahlung" 2 verbunden mit kurzen Kontrakten, ist als der Ausdruck dieser Unabhängigkeit berechtigt und notwendig; 1 Ludlow erzählt, dafs er Toynbee Brentanos Arbeitsverhältnis ge- mäfs dem beutigen Recht zu lesen gegeben habe. In Toynbees Industrial Revolution finden sich mannigfache Anklänge an dieses Buch. Der Herausgeber des Toynbees eben Buches bat selbst auf S. 178 darauf verwiesen. 2 Durchaus irrtümlich ist der Angriff Toynbees bei dieser Gelegenheit auf Carlyle, welcher ihm noch unter der Beleuchtung des Tory- Socialismus erscheint. Carlyle wollte nicht Abhängigkeit des Arbeiters; wenn er gegen die kurzen Kontrakte sich wendet, so geschieht dies aus dem von Toynbee geteilten Gesichtspunkt, dafs an Stelle der gefallenen rechtlichen neue moralische Beziehungen zu treten hätten. Carlyle war kein Reaktionär. Vergl. S. 202. 27* - 420 — es kann ebensogut wie mit dem Geiste der Selbstsucht mit sittlichem Inhalte erfüllt werden. „Unabhängigkeit", sagt Toynbee, „ist die notwendige Bedingung für eine neue und höhere Form der socialen Einigung, welche auf freiwilliger Verbindung der Menschen beruht". Aber die Unabhängigkeit der Arbeiter, die Vorbedingung jeder künftigen „Organisation der Arbeit", wird thatsächlich erst durch Verbündung möglich. Wenn die gewerkvereinliche Organisation der Arbeiter zwar die letzten Reste eines patriarchalischen Verhältnisses zwischen Arbeiter und Arbeitgeber zerreifst, so hatte dasselbe innerlich doch längst seinen Inhalt verloren und trug, wo es äufserlich noch bestand, nur zur Abhängigkeit und damit bei der unabänderlich herrschenden Konkurrenz zur Herabdrückung des Arbeiters bei. Daher sind die Gewerkvereine heutzutage nach Toynbees Ansicht das wichtigste Mittel zur Hebung der Arbeiter, weil sie allein dieselben dem Kapital gegenüber widerstandskräftig und zur gleichberechtigten Partei machen. Toynbees Stellung zu den Gewerkvereinen, in dem ihm Frederic Harrison, Prof. Beesley, Henry Crompton u. a. vorangingen, bezeichnet einen aufserordentlich wichtigen Umschwung in der öffentlichen Meinung Englands. Früher standen die Gewerkvereine sowohl bei Liberalen wie Konservativen in Ungunst. Letzteren bedeuteten sie Auflehnung gegen die von Gott gesetzten Oberen, ersteren dagegen einen Eingriff in die Freiheit des Individuums und Versuche zur Monopolisierung des Arbeitsmarktes. So werden von Cobden folgende Worte berichtet: „Man verlasse sich darauf, dafs nichts durch Brüderschaftmachen mit den Gewerkvereinen gewonnen werden kann. Sie sind auf die Grundsätze brutaler Tyrannei und des Monopols gegründet. Lieber lebte ich unter dem Dey von Tunis als unter einem Gewerkvereinsausschufs". In ähnlicher Weise sagt der Ver- treter des arbeiterfreundlichen Torytums, der Graf von Shaftes- bury (in einem Briefe an den Oberst Maude): „Gott lasse die Arbeiter von der schwersten Sklaverei, die sie je erduldet haben, befreit werden. Alle einzelnen Despoten und alle Aristokratien, die je waren oder sein werden, sind leichte Windstöfse im Yergleieh mit diesen Orkanen der Gewerkvereine. Aber ich habe geringe Hoffnung", fügt der Schreiber entmutigt hinzu. Selbst J. M. Ludlow, Thomas Hughes und die übrigen christlichen Socialisten, so sehr sie auch theoretisch und praktisch für die Gewerkvereine eintraten, gaben doch dem Genossenschaftswesen den Vorzug vor ihnen. Der Umschwung in der Beurteilung datiert vom Jahre 1867. Eine Kommission zur Untersuchung der Gewerkvereine war eingesetzt worden, um Material zu ihrer Unterdrückung zu sammeln. Nur mit Mühe gelang es, Thomas Hughes und Frederic Harrison in diese Kommission zu bringen, deren überwältigende Mehrheit den Gewerkvereinen feindlich gesinnt war\ Dafs trotzdem das Ergebnis das Gegenteil des Beabsichtigten war, ist wesentlich das Werk Ilarrisons. Er examinierte die Zeugen im Interesse der Arbeiter und das Verdienst des von ihm verfafsten Minderheitsberichts, dessen Inhalt er nicht selten mit dem damals in England weilenden Brentano besprach, ist es, dafs die Gewerkvereine statt von der Gesetzgebung unterdrückt von ihr anerkannt wurden. Unter diesen Einflüssen wuchsen die jüngeren Kreise der Universitäten auf. Toynbee spricht ihre Stellungnahme in folgenden Worten aus: „die alte Verbindung, welche auf der Abhängigkeit des Arbeiters beruhte, verschwindet — eine neue Verbindung erhebt sich, gegründet auf die Unabhängigkeit der Arbeiters. Diese neue Verbindung ist tiefer und weiter als die alte. Denn Arbeitgeber und Arbeiter hörten auf, Schutzherr und Höriger zu sein, um sich als gleiche Bürger eines freien Staates wieder zu vereinigen". Adam Smith hatte dieses Ziel schon damit zu erreichen gemeint, dafs man die Freiheit des Individuums proklamiere, übersehend, dafs gesetzliche Freiheit den Schwachen nur um so tiefer herahdrückt. Die arbeiterfreundlichen Torys dagegen hatten den Arbeiter als unabänderlich schwach und seine Freiheit als Utopie erklärt. Ihnen gegenüber hielt Toynbee die politische Freiheit für die Voraussetzung der nur allmählich zu verwirklichenden, wirtschaftlichen Freiheit und socialen Gleichberechtigung, ohne welche in der Gegenwart an eine Beseitigung der socialen Gegensätze, welche die Gesellschaft auseinander zu sprengen drohen, nicht zu denken ist. Mochte die Verfassung Englands und insbesondere ihre neuere Fortentwicklung zu manchen Bedenken Anlafs geben, wie dieselben Carlyle entwickelt hatte, so hatten diese politischen Verhältnisse doch einen Vorteil mit sich gebracht, der alle Nachteile zusammen weit überwog. Sie hatten den herrschenden Klassen unmöglich gemacht, die anfänglich allgemein verkannten Organisationsbestrebungen der Arbeiter durch Beschneidung der Versammlungs- und Vereinsfreiheit zu unterdrücken. Damit hatte man, zuerst unbewufst, den Weg offen gelassen, auf dem man heute, weit entfernt das Ziel erreicht zu haben, doch die Möglichkeit der Lösung von ferne erblickt: die Arbeiter durch Verbündung wirtschaftlich gehoben, beginnen geistig in den Mitbesitz der nationalen Bildung und gesellschaftlich zur Anerkennung der Gleichberechtigung zu gelangen. „Die Demokratie", sagt Toynbee, „hat England gerettet" 1 . 1 Vergl. A. Toynbee, Industrial Revolution S. 178 — 202. Industry and Democracy. — 423 — Aber Toynbee ist sieh dessen klar, und geht darin weiter, als die meisten, die bis hierher seinen Standpunkt teilen, dal's die Arbeiterorganisationen nicht nur als wirtschaftliche, sondern, wenn sie dies einmal seien, auch als politische Mächte in Betracht kommen würden, und zwar gerade dann umso- mehr, wenn sie auf dem Boden des Bestehenden stünden. Sobald die Arbeiter wirtschaftlich selbständig werden, beginnen sie notwendig die ihnen zustehenden Piechte auch auszunutzen. Die liberale und radikale Partei ist dort, wo der Arbeiter nicht einfach protestiert, mehr und mehr auf die Stütze der Arbeiter angewiesen. Der staatliche Eingriff zu Gunsten des Schwächeren — das bezeichnete Merkmal socia- listischer Politik — das früher gerade von den Liberalen bekämpft wurde, erscheint nunmehr auf der Fahne derselben Partei. Während die ihr dienende Nationalökonomie bisher staatlichen Eingriff schlechthin verwarf, erklärt es nun Toynbee für die Aufgabe dieser Wissenschaft zu zeigen, wo und innerhalb welcher Grenzen der Staat einzugreifen habe. Gerade in dieser Hinsicht ist Toynbee Vertreter der heutigen Durchschnittsansicht der gebildeten Klassen seiner Heimat, welche in diesem Punkte mit der Tradition gebrochen hat. Die Verteidigung des Nichteinmisehungsprincipes, welches in neuster Zeit Herbert Spencer (vergl. Kapitel VI Schlufs) vertritt, hat dem gegenüber geringen Einflufs, wenigstens für die Gegenwart. Aber der Socialismus, welchem Toynbee huldigt, ist ein beschränkter. Er begrenzt die Möglichkeit des staatlichen Eingriffs dahin, dafs derselbe Mittel für die Selbstthätigkeit des Individuums sei, dieselbe also nicht einschränken, dafs er vielmehr nur dort statthaben dürfe, wo die Selbsthülfe noch nicht genügend entwickelt sei. Die Furcht der älteren liberalen Schule, dafs dies ein Aufhören der englischen Freiheit bedeute, sei schon um deswillen unbegründet, als die — 424 — Armengesetzgebung, die seit Jahrhunderten Gültigkeit habe, nichts anderes enthalte. Was Toynbee im Sinne hat, zeigt z. B„ dafs er jede aufser dem Arbeitshause gewährte Armenunterstützung, weil diese Mafsregel die Löhne drücke, aufgehoben sehen will; dagegen fordert er weitgehenden Eingriff der öffentlichen Gewalt auf dem Gebiete der Erziehung, zur Lösung der Wohnungsfrage durch Herstellung von Arbeiterwohnungen und Durchführung hygienischer Mafsregeln. Von diesem Gesichtspunkte aus feiert Toynbee die Erweiterung des Stimmrechtes: je mehr es sich dem allgemeinen nähere, desto mehr sei er- fahrungsgemäfs der Staat an der Hebung der ärmeren Klassen interessiert. Eine solche Hebung aber sei im Interesse aller, weil niemand sich sicher fühlen könne, ehe nicht allen Bürgern wenigstens die Möglichkeit eines anständigen und ordentlichen Lebens geboten sei. Dieser Socialismus, wie er heute in England im Besitze der öffentlichen Meinung ist, unterscheidet sich von dem festländischen dadurch, dafs er die Freiheit des Individuums nicht verneint, vielmehr sie als ein heute noch zu verwirklichendes Ziel ansieht, dessen Erreichung gerade der staatliche Eingriff zu befördern habe. Im Grunde beruht dieser Unterschied des von Toynbee vertretenen Socialismus von dem landläufigen darauf, dafs er nicht einer individualistischen Weltanschauung entspringt, welche eine staatliche Bändigung des Starken zu Gunsten des Schwachen als unabänderlich notwendig ansieht, vielmehr die Hebung der Mensehen auf einen Standpunkt altruistischer Moral und idealistischer Weltanschauung in Aussicht nimmt, welche einst den staatlichen Eingriff in Wegfall bringen und durch freie Selbstbeschränkung ersetzen soll. Dass die nach Besitz und Bildung Voranstehenden hierin vorangehen, ist daher wichtiger noch als der Staatseingriff. Die sociale Erziehung des Kapitals erscheint Toynbee als eine der — 425 - wichtigsten Aufgaben der Zeit. Auch ihm schwebt das Cailylesche Ideal vor: jene „Hauptleute der Industrie", welche die Unabhängigkeit des Arbeiters rückhaltlos anerkennen, die gemeinsamen Interessen wie die Forderungen der Arbeiter verteidigen, die denkenden und fortgeschrittenen Arbeiter hinter sich haben und damit gesellschaftlich wie politisch die Herrscher der Zukunft werden. Vorher freilich mufs der Arbeitgeber die Anschauung aufgeben, dafs es ihn herabwürdige, an demselben Tische, in derselben Versammlung mit dem Arbeiter auf gleichem Fufse zu verhandeln. Denn solange die frühere Gesellschaftsordnung noch in den Köpfen nachwirke, welche in der That auf dem Verhältnis der Abhängigkeit beruhte, so lange wird der Klassengegensatz: Argwohn und Verachtung auf der einen, Hafs und Umsturzgedanken auf der andern Seite nicht völlig aussterben. Vorher müssen beide Klassen sich als gleichberechtigte wirtschaftliche Parteien anerkennen und als gleichberechtigte Bürger des Staates gemeinsam an Politik und Selbstverwaltung sich beteiligen. Daher befürwortet Toynbee in jeder Weise Eintritt denkender Arbeiter in die Stadtverwaltungen, die Armenräte, die Ausschüsse für Volksschulen (school boards). In gleicher Richtung liegt Toynbees Wertschätzung der Einigungskammern, in denen Arbeiter und Arbeitgeber durch Vernunftgründe, die zwischen ihnen sich erhebenden Streitfragen entscheiden. Gröfsere Verpflichtungen und gröfsere Aufgaben als den Arbeitgebern liegen den Kreisen der oberen Klassen ob, deren Interessen nicht unmittelbar in den Kampf der Konkurrenz verflochten sind, den Vertretern der Religion, Wissenschaft und der gebildeten Mufse. Ihre Aufgabe ist eine doppelte. Nachdem die alten Zusammenhänge zerschnitten worden sind, ist innerhalb der Nation eine tiefe Spaltung eingetreten, welche gegenseitiges Verständnis fast ausschliefst. Das Geistesleben der einen Klasse, welches noch heute in den Universitäten seinen Mittelpunkt hat, verläuft ohne irgend welchen Einflufs auf die andere Klasse, welche vielmehr den Lehren des Materialismus und den Agitatoren der Umsturzparteien ausgeliefert ist. Hier nun haben insbesondere die Universitäten nach Toynbee einzusetzen. Sie haben Berührung mit den arbeitenden Klassen zu suchen, das dort so starke Bedürfnis nach höherer Bildung zu befriedigen und das Ideal „der Einheit der nationalen Bildung" zu verwirklichen. Sie haben dies zu thun, nicht nur um zu lehren, sondern ebenso um selber zu lernen, indem sie mit dem ihnen bisher fremden Empfinden des gröfseren Teiles der Nation Berührung gewinnen. Auch sie haben von dem Gedanken der Gleichberechtigung auszugehen; Toynbee fordert nicht sowohl ein „herabsteigen" als ein „überbrücken". Erst wenn die, welche im Besitze der höchsten Güter der Nation sind, wieder mit denjenigen Fühlung gewinnen, deren Arbeit sie ihre Mufse verdanken, erst dann wird die Bildung imstande sein, die ihr zukommende zweite Aufgabe zu erfüllen. Während die öffentliche Meinung, wie sie sich in der Tagespresse ausspricht, bisher lediglich eine der oberen Klassen war und von kapitalistischen Gesichtspunkten ausging, mufs sie heute eine des ganzen Volkes werden. Von den Vertretern der Bildung aber allein kann diese Bewegung ausgehen, denen eine unparteiische Stellung über den Parteien zukommt. Sie müssen die geistigen Führer der ganzen Nation werden, was sie heute fast völlig zu sein aufgehört haben, und die Rolle übernehmen, welche im Mittelalter ihr Vorgänger, der Klerus, wenigstens angestrebt hat. Für Toynbee ist Bildung und Wissenschaft daseinsbereehtigt gleich dem Reichtum nur durch die Pflicht, die sie zum allgemeinen Besten ihren Trägern auferlegen. Wo sie vornehm — 427 — sich zurückzieht, mufs sie, wie jedes unthätige Organ, verkümmern und ihren eigenen, vielleicht den Untergang des Ganzen befördern. Auf diesem Gebiete liegt Toynbees gröfste und segensreichste Wirkung; er verstand es für sociale Bethätigung im weitesten Sinne Begeisterung zu erwecken, welche die Universität Oxford ergriff und von dort zu der Schwesteruniversität überging und sich heute und mehr und mehr über die gebildeten Klassen verbreitet. Als „Universitätsbewegung" bezeichnet man diese Bestrebungen, welche ebenso weit von geistlicher Protektion wie von politischer Stimmenmacherei entfernt sind. Toynbee kann als ihr bester Typus und zugleich wirksamster Verbreiter gelten. Wie schon hervorgehoben, wirkte Toynbee gerade in dieser Richtung durch das Beispiel seiner Persönlichkeit. Nie waren es rein theoretische Richtungen, sondern immer solche, die irgendwie eine Saite des Willens, ja der Leidenschaft anzuschlagen wufsten, welche, wie H. Taine mit Recht bemerkt, breite Kreise zum handeln beeinfiufst haben. Toynbee selbst hat in den verschiedensten Richtungen Berührung mit dem Arbeiterstande gesucht. So verbrachte er 1875 einige Zeit in Whitechapel, einem elenden Bezirke Ost-Londons; seinem Beispiel sind in den letzten Jahrzehnten unzählige junge Männer gefolgt. Auch bei ihnen begegnen wir jener praktischen Duldsamkeit, wie wir sie bereits bei den christlichen Socialisten fanden, welche sich nicht scheuten, selbst mit atheistischen Owenisten zusammenzuarbeiten und diese infolgedessen vielfach zu den eigenen Ansichten bekehrt haben. In gleicher Weise stellen sich die zahlreichen Nachfolger Toynbees nicht selten in den Dienst einer grofsenteils hochkirchlichen Geistlichkeit, deren Orthodoxie wie hierarchische Forderungen sie nicht teilen. Dafs dort, wo es sich um Arbeit — 428 — für die notleidenden und um Hebung der arbeitenden Klassen handelt, sich sogenannte „Liberale" und „Konservative" befehden müfsten, und zwar mit dem Erfolg, dafs vieles vernichtet und wenig gefördert werde, diese Vorstellung — anderwärts leider nur zu verbreitet — ist dem praktischen Engländer fremd, dem das Ziel das wichtige und verbindende ist. Überall, insbesondere in Ost-London, arbeiten beide Richtungen friedlich zusammen, die letztere vorwiegend in der Geistlichkeit, die erstere mehr in der Laienwelt vorherrschend. Ihr Bemühen ist, ihre Überlegenheit über die Gegnerin nach dem Satze darzuthun: „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Wo immer Organisationen bereits vorhanden sind, und solche gehören naturgemäfs mehr der ersteren Richtung als der älteren an, da betont Toynbee wie seine Anhänger die Notwendigkeit, sich ihnen anzuschliefsen. Es ist ein fruchtbarer Gedanke, diese Wertschätzung der bestehenden Organisation, dem die Erfolge der Universitätsbewegung vor allem zuzuschreiben sind. So trat z. B. während seines Aufenthaltes in Whitechapel Toynbee in den Dienst des Geistlichen von St. Judas; er wurde aber auch Teilnehmer an einem radikalen Arbeitervereine, hier mit Kreisen in Berührung kommend, welche fast ganz aufserhalb des Einflusses der Geistlichkeit lagen. Er erzählt, wie es die Mitglieder des Vereins erstaunte, als er, der studierte und denkende Mann, die Partei der Religion nahm, die Notwendigkeit derselben verteidigte, ja ihre zeit- gemäfse Gestaltung für die Hauptaufgabe der Gegenwart erklärte, während sie selber die Religion als ein veraltetes Ding über Bord geworfen hatten. Dafs in der That es nur die äufser- liche Form der Religion war, die jene Arbeiter nicht mehr annehmen zu können vermeinten, dafs ihnen Religion aber in anderer Form noch nicht entgegengetreten war, zeigte die — 429 — Toynbees Worten folgende Debatte, in der seine Gegner sich gegen die Vorstellung eines Himmels wandten, „eines Platzes, wo die Engel säfsen und nichts zu thun hätten, als ihr Haar wachsen und immer länger wachsen zu lassen". Toynbee nahm bei solchen Gelegenheiten nicht die Miene der Überlegenheit an, sondern sprach, was sicher mehr wirkte, mit seinen Hörern als gleichberufenen Beurteilern des Gegenstandes. Wichtiger noch als mit der Bevölkerung Ost-Londons schien es Toynbee, mit dem fortgeschrittenen Arbeiter, der im Norden seinen Sitz hat, Berührung zu gewinnen. So hielt er wiederholt Vorträge in den Industriestädten. Auch veranstaltete er 1880 einen volkswirtschaftlichen Kursus für die Genossenschafter in Oxford. Diese Bestrebungen, verbunden mit Thätigkeit in der Armenverwaltung der Universitätsstadt, Agitation für Reform der Kirchenverfassung im Sinne einer freien Synodalverfassung etc. erschütterten seine von Jugend auf gefährdete Gesundheit. Nach seinem Tode hörte man manchen Arbeiter, der ihn gekannt hatte, sagen: „Er verstand uns; er würde noch viel für uns gethan haben" — der beste Nachruf, den der dreifsigjährige nach seinen eigenen Anschauungen mit in das Grab nehmen konnte. IH. Die Universitätsangehörigen in den grofsen Städten, insbesondere Ost-London. Arnold Toynbee dürfte als der beste Vertreter derjenigen Ansichten und Bestrebungen zu betrachten sein, welche heute unter den gebildeten Kreisen der jüngeren Generation, insbesondere soweit sie den Universitäten angehört, als herrschend anzusehen sind. Es ist geradezu erstaunlich, wie weite Kreise - 430 — solcher, die sonst lediglich in Genufssucht befangen zu sein pflegen, heute vom Bewufstsein socialer Pflichten ergriffen sind. Nirgends und zu keiner Zeit der Geschichte dürfte unter den gebildeten Klassen eine gleiche Begeisterung für das Wohl der unteren zu finden gewesen sein, wie heute in England; sie findet ihren Ausdruck nicht in Worten, sondern vielmehr in höchst praktischen Bestrebungen 1 . Drei Gebiete sind es, auf welchen dieselben sich bewegen: einmal Sorge für angemessene Unterhaltung der arbeitenden Klassen an Abenden und Feiertagen, sodann Sorge für die körperliche Ausbildung durch Beförderung der nationalen Spiele, Anlage von Spielplätzen und Parks, durch Besuch der Wohnungen und Anzeige von Übertretungen der sanitären Gesetze; am wichtigsten aber sind endlich die zahlreichen Bestrebungen um Erziehung und Fortbildung, wodurch der Volksschulunterricht ergänzt, das geistige Niveau gehoben und damit auch das äufsere Fortkommen erleichtert wird. Nirgends ist die örtliche Trennung der Klassen, wie sie sich in allen gröfseren Städten vollzieht, so weit fortgeschritten wie in England, insbesondere in London. Der Westen gehört dem Reichen, der Osten dem Armen. Giebt es doch in dem Osten Londons Tausende, welche von den prächtigen Strafsen und Parks des Westens nur wie von einer Sage wissen, umsoweniger natürlich ein wogendes Kornfeld oder einen grünenden Wald gesehen haben. Diese Trennung der Klassen ist mittelbar zum gröfsten Teil der Grund jener elenden Verhältnisse der Armenviertel, welche von Zeit zu Zeit zum Gegenstande von Sensationsartikeln der englischen 1 So erklärt z. Ii. Henry George in der North American Review Oktober 1889, dass der Amerikaner bei dem Besuche Englands darüber erstaune, in wie hohem Grade dort das Gewissen breiter Kreise der oberen Klassen der socialen Frage gegenüber erwacht sei. — 431 — und ausländischen Presse gemacht werden. Die Durchführung desjenigen Teiles der Gesetzgebung nämlich, welcher für die ärmeren Klassen am wichtigsten ist, der Schul-, Arbeits- Gesundheits- und Armengesetzgebung beruht in England auf der freiwilligen Mitwirkung unabhängiger Gentlemen. Da diese aber in einem grofsen Teile jener Bezirke fehlen, so erklären sich hieraus Zustände, welche denen, die in einem Beamtenstaate leben, zum Teil unglaublich sind. Seit mehreren Jahren nun hat eine Art Rückwanderung stattgefunden. Der Osten und Süden Londons ist der Sitz einer durch den Übergang vom Handwerk zur Grofsindustrie pau- perisierten Handarbeiterbevölkerung, ferner wenig oder garnickt organisierter industrieller Arbeiter, durchmischt mit arbeitslosen und arbeitsscheuen Individuen. Diese Stadt mit einer Einwohnerschaft von mehreren Millionen wird heute in allen ihren Teilen von Angehörigen der gebildeten Gesellschaftsklassen aufgesucht. Studenten, Rechtsanwälte, Geistliche etc., zahlreiche Damen der besten und besseren Gesellschaft wetteifern allenthalben in Bestrebungen für das Wohl und die Hebung der eingesessenen Bevölkerung. Die meisten von ihnen wohnen im Westen und kommen die Woche einen oder zwei Abende nach dem Osten, um Knaben- und Mädchenvereine, Arbeiterklubs u. s. w. zu leiten, Unterhaltungen, wie Konzerte, Theateraufführungen, ferner Unterrichtsklassen der verschiedensten Art zu veranstalten. Überall aber bilden den Mittelpunkt solcher Bestrebungen die an Ort und Stelle ansässigen, den gebildeten Kreisen angehörigen Elemente. Ursprünglich waren dies allein die Geistlichen, welche ihr Beruf an die Bezirke des Osten fesselte; heute aber sind es neben ihnen zahlreiche Leute, zumeist frühere Angehörige der Universitäten, welche freiwillig in den meist vernachlässigten Gegenden Wohnung nehmen. Den Tag über ihrem Berufe im — 432 — Westen der Stadt oder in der City nachgehend, schenken sie ihre Abende ihren ärmeren Mitbürgern; nicht selten stellen sie auch für begrenzte Zeit ihre ganze Kraft in den Dienst menschenfreundlicher Bestrebungen. Für solche „Residenten" 1 bietet sich ein weites Feld der Thätigkeit. Sie allein können als ansässige Bürger an der Selbstverwaltung sich beteiligen, welche sonst aus Mangel an geeigneten Elementen daniederliegt. Sie pflegen z. B. Mitglieder des Gemeinderates (vestry), des Schulrates und des Armenrates zu werden. In ersterer Eigenschaft haben sie sanitäre und ähnliche Gesetze durchzuführen, in der zweiten den immer noch in weiten Kreisen bestehenden Widerstand gegen die allgemeine Schulpflicht zu bekämpfen, in der dritten die Gewährung von Unterstützungen aufserhalb des Arbeitshauses zu bekämpfen, welche die Löhne drückt und auf die Dauer pauperisiert. Ferner pflegen diese den oberen Gesellschaftsschichten angehörigen Bewohner jener Armenbezirke den Zweigausschüssen der über ganz London verbreiteten „Gesellschaft für Organisierung der Wohlthätig- keit" anzugehören. Durch genaue persönliche Untersuchung des einzelnen Falles der Armut sucht diese Gesellschaft die Geldspenden, die von Westen herbeiströmen, in einer Weise zu verteilen, die eine möglichst wenig schädliche Wirkung auf die Lebenshaltung der Bewohner des Ostens ausübt. Um solche „Residenten" gruppieren sich ferner gewöhnlich eine Reihe von Knabenvereinen, Arbeiterklubs u. s. w. Diese Vereine bilden den Kern, von welchem aus weitere Kreise beeinflufst werden. In erster Linie zu nennen sind die Vereinigungen von jugendlichen Arbeitern, Knaben wie Mädchen. Häufig ohne Familienanhalt verkommen unzählige von ihnen, weil sie keine Gelegenheit besitzen, die Freistunden 1 Einer der ersten derselben war Eduard Denison. Vergl. den Aufsatz des Verfassers über „ToynbeeHall" in den Grenzboten 1887, Abschnitt IV. — 433 — in passender Weise zu verbringen; bei der in London gewöhnlichen Ungunst der Witterung sind sie geradezu zum Wirtshausbesuch gezwungen. Daher sind diese von Geistlichen oder gebildeten Laien geleiteten Vereine von grofser Wichtigkeit, umsomehr als sie heute aufserordentlich verbreitet sind. Nach einer, wie mir scheint, nicht übertriebenen Schätzung sollen 50 % aller Knaben jener ärmeren Bezirke, die eine Grofsstadt für sich bilden, von derartigen Vereinen umfafst sein. Ihre Abende pflegen alsdann zwischen Unterhaltungen (Turnen, Boxen, Musik, Spielen der verschiedensten Art) und Unterricht, besonders in Handfertigkeiten (Holzschnitzen, Lederschneiden, Stenographie u. s. w.) geteilt zu sein. Schwieriger in das Leben zu rufen, obwohl nicht weniger wichtig, sind diejenigen Bestrebungen, welche sich an die heranwachsenden und erwachsenen Mädchen der ärmeren Klassen wenden, um sie den Gefahren der Grofsstadt zu entreifsen. Diese Vereinigungen (young womens clubs etc.) sollen am Anfang mit Durchführung der Disciplin besondere Schwierigkeiten haben; dagegen sollen die Erfolge, welche sie hinsichtlich des Lebens ihrer Angehörigen nach kurzem Bestehen schon aufweisen, noch weitgreifender sein als bei den Knabenvereinen. Bei allen diesen Vereinen, sowohl von Knaben wie von Mädchen, ist „Selbstregierung" das beste Mittel zur Disciplin wie Bildung des Charakters. Der Verein erwählt seine Vorstände, verwaltet seine Kasse, welche aus regelmäfsigen Beiträgen der Mitglieder gebildet wird, übt das Recht der Aufnahme und des Ausschlusses von Mitgliedern. Ohne „demokratische Verfassung" wurde mir wiederholt versichert, seien solche Vereine auf die Dauer nicht lebensfähig, ebensowenig ohne eine wenn auch noch so geringe Subskription seitens der Mitglieder. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 28 Nahe verwandt mit den soeben berührten Bestrebungen sind die Abendklassen in praktischen und unterhaltenden Gegenständen, die zugleich zur Erholung der jungen Leute dienen (practical and recreative evening classes). Der Volksschulunterricht leidet vielfach an Unfähigkeit der Lehrer; ferner haben dieselben nach dem bisher herrschenden System der Bezahlung — Bezahlung nach den Resultaten, d. h. der Zahl der bestandenen Examina — meist das einzige Ziel, möglichst vielen Kindern eine gewisse Anzahl toter Kenntnisse einzupfropfen. Dem nun sollen die genannten Klassen entgegenwirken, wie sie ursprünglich von Herrn Dr. Paton zu Nottingham vorgeschlagen wurden. Dieselben sind insbesondere in Manchester mit Erfolg eingerichtet worden. Es zeigt sich hier ein tiefgreifender Unterschied zwischen Nordengland und London. In London gehen ähnliche Bestrebungen stets von Angehörigen der oberen Klassen aus. In Manchester dagegen waren es der örtliche Ausschufs der Gewerkvereine und der Verband der Arbeiterklubs, welche die Angelegenheit aufnahmen. Auf die von ihnen gegebene Anregung gingen dann zahlreiche Vertreter der Geistlichkeit und der Bildung eifrig ein und diesem Zusammenwirken war der Erfolg zu verdanken. Es wurden Klassen für Musik, Singen, Zeichnen, Holzschnitzen, Kochen, Kleidermachen u. s. w. eingerichtet und von freiwilligen, unbezahlten Lehrern geleitet. Wie wichtig gerade diese Art der Ausbildung sei, vielleicht neben den rein elementaren Gegenständen des Wissens für die heranwachsende Arbeiterbevölkerung die wichtigste, erklärte ausdrücklich Herr Maudsley, der bekannte Schriftführer der Baumwollenspinner, des mächtigsten Gewerkvereins von Lancashire. In einer am 30. Juli 1886 in dieser Angelegenheit abgehaltenen Versammlung wies er darauf hin, dafs ein derartiger praktischer Unterricht unmittelbar dazu 435 — beitrage, den englischen Arbeiter gegenüber dem Auslande konkurrenzfähiger zu machen. In derselben Richtung liegen alle jene zahlreichen Veranstaltungen für „technische Erziehung" der Jugend der arbeitenden Stände 1 . Sie beruhen auf der Einsicht, dafs der englische Arbeiter seine im Vergleich mit dem Festlande sehr hohe Lebenshaltung nur durch gröfsere Leistungsfähigkeit aufrecht erhalten kann. Die gröfste der derartigen Unterrichtsanstalten ist mit dem „Volkspalast" in London verbunden. Diese grofsartige Anstalt für Unterricht und Erholung der ärmeren Klassen, welche — geradezu einzigartig in der Welt — von der Königin am 14. Mai 1887 eröffnet wurde, legt das Hauptgewicht auf „technische Erziehung". Sie unterhält einmal Unterrichtskurse während des Tages für solche junge Leute die 1 bis 3 Jahre auf ihre Ausbildung zu verwenden die Möglichkeit haben, sodann Abendklassen für solche, die den Tag über ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Gegenstände, welche hauptsächlich gelehrt werden, sind Mathematik und Naturwissenschaften, ihre Anwendung auf alle Zweige des Gewerbes, sowie neuere Sprachen. Die theoretischen Fächer werden von studierten Lehrern, die praktischen dagegen in ausgedehnten Werkstätten von technisch gebildeten Lehrern unterrichtet 2 . Bei der Lage des „Volkspalastes" weit im 1 Vergl. Prosperity and Pauperism by tlie Earl of Meatli. Longmans, Green & Cie., 1888. 2 Im Winter 1888/89 wurden Naturwissenschaften in 19 einzelnen Klassen (darunter Dampf und Dampfmaschine, Elektricität, organische und unorganische Chemie, Hygiene u. s. w.) gelehrt und ferner in 22 industriellen Berufen Unterricht erteilt. Ferner fanden statt 9 Klassen für Kunst und Kunstgewerbe, 18 Klassen für verschiedene, besonders kaufmännische und ähnliche Kenntnisse, ferner mehrere nur für Frauen zugängliche Klassen in den verschiedensten Ilaushaltsgegenständen. — Danehen kommt der „Volkspalast" als ebenso grofsartiger Veranstalter von 28* — 436 — Osten der Stadt ist anzunehmen, dafs er ausschliefslich den arbeitenden Klassen zu Gute kommt. Die verschiedenen Abendklassen haben allein über 5000 Schüler. Diese grois- artige Anstalt wurde allein durch freiwillige Beiträge begründet. Neben den Bemühungen um die arbeitende Jugend stehen die Versuche, welche heutzutage überall von den Gebildeten gemacht werden, mit den Erwachsenen der unteren Klassen Fühlung zu gewinnen. Wir sahen, wie Kingsley und seine Freunde bei ähnlichen Versuchen mit dem Mifstrauen der Arbeiter zu kämpfen hatten, welche ein selbstloses Interesse gebildeter Männer an ihrer Lage für unmöglich hielten. Heute ist dieses Mifstrauen überwunden. Allenthalben hat eine Annäherung stattgefunden, welche in Europa heute einzig dasteht. Diese Thatsache ist von höchster Bedeutung: sie bewirkt, dafs die öffentliche Meinung heute in England nicht mehr eine der oberen Klassen allein ist, und dafs politische Parteien die Gesellschaft nicht wie anderwärts horizontal durchschneiden. sittlich und ästhetisch hebenden Unterhaltungen in Betracht. Eine daselbst veranstaltete Gemäldeausstellung wurde z. B. vorigen Sommer von über 300 000 Personen besucht. Der prächtige Kuppelbau der Bibliothek hat während der Woche im Durchschnitt gegen 1000, Sonntags allein 1750 Besucher, ein Beweis dafür, dafs es die arbeitenden Klassen sind, welche den Hauptanteil derselben stellen. Die allsonntäglichen Orgelkonzerte haben einen Durehschnittsbesuch von 5000 Personen. Das Schwimmbad, ebenfalls im Sommer täglich von mehr als 1000 Personen besucht, dürfte nach der Erweiterung, welche es augenblicklich dank der Grofsherzigkeit des Grafen von Rosebery (Minister des Auswärtigen a. D.) erfährt, bei weitem das gröfste und schönste Bassin sein, welches in gedecktem Räume seit Römerzeit errichtet worden ist. Auch bei dem Volkspalaste wird der Plan verfolgt, denselben von den Angehörigen Ost-Londons selbst verwalten zu lassen. An seiner Spitze steht heute Sir Edmund Currie. — 487 — Besonders geeignet, die Annäherung der Klassen zu befördern, sind natürlich die sehr zahlreichen geselligen Zusammenkünfte der Arbeiter. Häufig sorgen die zu wirtschaftlichen Zwecken errichteten Arbeitervereine auch nebenbei für gesellige Bedürfnisse, so besonders die Genossenschaften. Daneben sind über das ganze Land rein gesellige Arbeitervereine verbreitet, bald mit politischer Tendenz, häufig auch ausschliefslich für gesellige Zwecke (working men's clubs). Überall wird heute ein gebildeter Mann, welcher diese Vereine als Gast betritt, mit Zuvorkommenheit aufgenommen. Auch hier zeigt sich wieder der oben angedeutete Unterschied. In London stehen viele und die besten dieser Vereine unter der Leitung oder dem Einflufs von Männern der gebildeten Berufe, obwohl natürlich auch hier äufserlich die Form der Selbstregierung herrscht. Der Klassengegensatz ist so auch in London vielfach überbrückt, aber nicht verschwunden. Im Norden dagegen begegnen die Arbeiter in ihren Vereinen sieh mit den „Angehörigen der professionellen Berufsarten", Juristen, Geistlichen, Ärzten u.s.w. — denn auch hier sind es mehr diese, als die eigentlich kapitalistischen Klassen — auf gleichem Fufse als freie Glieder eines freien Staates. Dementsprechend hört man in Londoner Arbeiterklubs oft Ansichten eines weitgehenden Radikalismus, die von dem Hauche der festländischen Socialdemokratie berührt erscheinen; man findet besonders unter den der Grenze des Elends nahe stehenden Arbeitern nicht selten den Glauben an die Unabänderlichkeit ihrer Lage unter der bestehenden Gesellschaft, worauf alle Umsturzrichtungen beruhen. Im Norden dagegen unterscheiden sich die politischen Ansichten, welche man in den Debatten der Arbeitervereine hört, wenig von denen der oberen Klassen; sie zeichnen sich häufig durch Mäfsigung und praktischen Sinn aus. In Newcastle und an- derwärts verhandeln die angesehensten Männer der Stadt mit den Arbeiterführern über Stellungnahme in politischen Fragen, haben Besprechungen mit ihnen zum Teil in ihren eigenen Wohnungen ete. In Manchester erwählte der Verband der Arbeiterklubs Professor Munro von der dortigen Universität zum Vorsitzenden des Ausschusses, in der Meinung, hierdurch seine Erziehungszwecke am besten zu fördern. Wo die Klassenunterschiede im gesellschaftlichen Bewufstsein schwinden, wo der Gedanke des Gleichwertes der Menschen im Leben wirklich anerkannt wird, fallen die Parteibestrebungen der Arbeiter als einer besonderen Partei. Wir wollen im folgenden den Geist jener von den Universitäten ausgehenden Bewegung an zwei Beispielen kennen lernen. Wir wählen Anstalten, welche mehr als irgend welche andere der Universitätsbewegung ihr Dasein verdanken: Oxford-Ilouse und Toynbee-Hall, beide in Ost-London gelegen. Oxford-House wurde vor einigen Jahren durch Subskriptionen der Oxforder Universität in Bethnal Green errichtet. Es sollte ein Mittelpunkt für die Thätigkeit früherer Universitätsangehörigen werden, welche schon vorher in jenem Stadtteil wirksam waren. Oxford-Ilouse besitzt daher eine Reihe von Zimmern für „Residenten", d. h. solche junge Leute, welche nach Verlassen der Universität für einige Zeit in Ost-London zu socialem Wirken sieh aufhalten. Des weiteren findet sieh in dem Gebäude die Wohnung des Vorstehers, welcher ein Geistlicher und früherer Zögling der Universität sein mufs. Ferner befinden sich im Oxford-Ilouse eine Reihe von Räumen zum Gebrauch der Residenten, Speisezimmer, Wohnzimmer u. s. w., des weiteren eine Reihe von Klassen und ein gröfserer Versammlungssaal. Aufser von den „Residenten" wird die Arbeit der Anstalt von Gästen be- sorgt, d. h. solchen Leuten, welche nur für einzelne Abende aus der Stadt nach dem Osten kommen. Oxford-House hat eine ausgesprochen kirchliche Richtung, wie der Name „Mission" bereits andeutet; jedoch ist, wie wir sehen werden, die dort verrichtete Arbeit durchaus nicht auf das religiöse Gebiet beschränkt, sondern wendet sich an den ganzen Menschen. Der gegenwärtige Leiter des Oxford- Hauses Rev. Winnington-Ingram, betont in folgenden Worten diese Eigentümlichkeit des Unternehmens. „Wir versuchen einander ,auf dreifachem Roden zu begegnen, dem des Körpers, dem des Verstandes und dem des Gemütes. Ein Besuch in unserem Klubraum an einem Abend oder auf dem Fufsball- plan am Sonntag Nachmittag wird selbst den flüchtigen Beobachter überzeugen, dafs in unserem Bestreben, die Verstandeskräfte zu heben, wir nicht die Forderungen des Körpers auf Erholung und Ausbildung vernachlässigen. Wir versuchen durch Vorlesungen, Klassen und Debatten den Verstand zu schärfen und zu klären. In freundschaftlichen Gesprächen am Sonntag Nachmittag aber vergleichen wir unsere Ansichten über jene religiösen Fragen, welche vielen eine Quelle von ängstlichen Zweifeln gewesen sind oder noch sind. Gerade dieses letzten Punktes ist es gut, uns gegenseitig von Zeit zu Zeit zu erinnern: die Oxford-Haus-Bewegung erkennt ausdrücklich an, dals der Mensch eine Seele hat so gut wie Körper und Verstand. Aus diesem Grunde kommen wir des Sonntags zusammen, um der Seele zu helfen, dort Befriedigung zu finden, wo, wie wir glauben, solche gefunden werden kann. — So verstanden besitzt die Thätigkeit des Oxford-Hauses eine Breite und Fülle, welche Achtung erzwingt und die Begeisterung der Oxforder Studenten erwecken sollte. Ist einer tüchtig im Fufsballspiel und versteht er den Umgang mit Knaben, der soll ja um deswillen nicht wegbleiben, weil er keine Vor- — 440 — lesungen halten kann. Er kann gutes genug für uns thun in den Knabenvereinen und auf dem Fufsballplan. Hafst aber einer die Spiele und ist er stark in Botanik, Holzschnitzen, Schauspielkunst, Gesang, Geschichte oder Biographie, er kann uns ungezähltes Gute thun, indem er die Woche — sei es nur einen Abend — herbeikommt und Klassen in diesen Gegenständen abhält. Denkt einer daran, die heilige Weihe zu nehmen, und wünscht etwas von dem wirklichen Zustand unserer Armen zu wissen, den Bedürfnissen und Leiden der Masse unselbständigen Volkes, von welchem er in der grofsen Weltstadt reden hört, der komme nach dem Oxford-Haus. Am Morgen werden wir zusammen studieren und am Nachmittag, wie Zeit und Gelegenheit sich bietet, herausgehen und unsere Schultern gegen das grofse Bad stemmen, wo und wie wir können." Die Hauptthätigkeit der Angehörigen des Oxford-Hauses bezieht sich auf die Arbeiterklubs. Sie haben auch einen Verband von solchen Vereinen in das Leben gerufen, weil viele Mittel der Unterhaltung und Bildung, welche der einzelne Verein nicht gewähren kann, durch einen Verband ermöglicht werden. Die Zahl der Vereine, welche sich dieser Föderation angeschlossen haben, beträgt gegen vierzig, von denen mehrere zwischen hundert und tausend Mitgliedern zählen. Die Föderation ist „unpolitisch" und „unalkoholisch", d. h. die Vereine gehören keiner politischen Partei an und verbieten den Verkauf von geistigen Getränken in ihren Bäumen. Die erste Bedingung bedeutet nicht Ausschlufs politischer Gespräche, vielmehr bezweckt der Verband unter anderem gerade den Meinungsaustausch über politische und sociale Fragen in gröfserem Kreise, als der einzelne Verein es ermöglichte. Ausgeschlossen ist nur, dafs die Aufnahme von Mitgliedern an die Zugehörigkeit zu einer Partei ge- — 441 — knüpft ist. In diesem Falle wird das gesellige Element zu leicht zurückgedrängt und die allgemeinen Zwecke der Erholung und Bildung werden geopfert. Auch vermeiden die Mitglieder des Oxford - Hauses durch die Bestimmung den Schein, als oh sie es irgendwie auf politische Beeinflussung abgesehen hätten. In der That ist es Voraussetzung des Gelingens derartiger Bestrebungen, dafs sie selbstlos und nicht im Dienste irgend einer Partei auftreten. Was die zweite Bedingung angeht, so ist zu erwägen, dafs der ungebildete Engländer, insbesondere der Arbeiter, den Begriff des mäfsigen Trinkens nicht kennt und bei dem hohen Alkoholgehalt auch der Biere in England nur die Wahl gänzlicher Enthaltsamkeit oder der Trunksucht hat. Die Thätigkeit des Verbandes besteht einmal in der Veranstaltung von Voi'lesungen, wozu ein einzelner Verein nicht in der Lage ist; er arrangiert ferner gesellige Zusammenkünfte der verschiedenen weit zerstreuten Vereine, sowie Wettkämpfe auf den verschiedensten Gebieten der körperlichen Ausbildung, z. B. in Schwimmen, Rudern und Cricket. In den letzteren beiden, recht eigentlich den nationalen Sports, pflegt der der Föderation angehörige „Eton-Mission-Club" die Preise davon zu tragen; derselbe steht unter der Leitung einer von der Eton-Schule ausgehenden Mission und setzt den Ruf dieser Schule auf dem Gebiete der Sports fort. Ferner vereinigt der Verband die besten musikalischen Kräfte der Vereine zu einer sehr tüchtigen Kapelle. Um das Leben solcher Arbeiterklubs kennen zu lernen, besuchen wir den Oxford-IIouse-Club (200 Mitglieder) und den University-Club (1000 Mitglieder), welche beide von Angehörigen des Oxford-Hauses in das Leben gerufen wurden. Es zeigt sich hier, wie nützlich, wenn selbstlos und ohne Hintergedanken z. B. den politischer Beeinflussung, die Teil- — 442 — nähme von gebildeten Männern an dem Vereinsleben der Arbeiter ist, wie wenig diese Beteiligung die Selbständigkeit der Arbeiter einengt, vielmehr sie zu entwickeln ihr bestes Ergebnis ist. • Folgendes war das Wochenprogramm des Oxford-House- Clubs im Winter 1888/89. Montag Abend fand in der Turnhalle des Clubs Tanzstunde statt, sowie in einem anderen Baume Shakespeare-Lektüre mit verteilten Bollen. Dienstag war Schachabend, Donnerstag' wurde von einem fähigen Mediziner, natürlich auch freiwillig und umsonst, ein Verbandkurs abgehalten. Am Schlüsse des Kursus fand ein Examen statt, welches die Mehrzahl der Teilnehmer bestand, und nach dessen Ergebnis der Bischof von Wakefield Preise austeilte. An demselben Abend hielt ein anderer Herr eine Klasse für Kirchengeschichte ab. Freitag kam der Auschufs zusammen zu geschäftlichen Beratungen. Am Samstag, dem bestbesuchten Abend des Klubs, hatten um 9 Uhr alle Spiele und sonstigen Unterhaltungen aufzuhören. Es fanden dann alle vierzehn Tage Konzerte statt, bei welchem der innerhalb des Klubs gebildete Gesangverein und Verein für Instrumentalmusik zusammenwirkten. Von den dazwischenliegenden Samstagen wurde der eine durch Vorträge ausgefüllt, welche meist von früheren Angehörigen der Universität Oxford gehalten wurden. Gegenstände waren „Napoleon", „William Pitt" „David Livingstone", „Bismarck", „Macaulay" u. s. w. Den vierten Samstag im Monat fanden Debatten über politische und wirtschaftliche Fragen statt, bei denen ein Mitglied des Vereins, also ein Arbeiter, den Vorsitz führte. Häufig nahmen Parlamentsmitglieder und andere Männer von Bedeutung an diesen Debatten Teil. All vierteljährlich fand ein gröfserer Gesellschaftsabend statt mit Tanz, Theateraufführung und Gesängen. Ferner veranstaltete der Klub von Zeit zu Zeit — 443 — Ausflüge. Im Juni 1888 lud z. B. der Decan von West- minster, ein hochangesehener Geistlicher, 30—40 Mitglieder ein, unter seiner Führung die berühmte Abtei zu besichtigen. Der Klub sorgt auch für gewisse wirtschaftliche Bedürfnisse seiner Mitglieder, indem er eine Darlehnskasse und eine Sparkasse besitzt. In weit gröfserem Mafsstabe verfolgt ähnliche Zwecke der University-Club, welcher als Beispiel eines grofsen und wohlgeleiteten Londoner Arbeiterklubs betrachtet werden kann. Derselbe besitzt heute über 1000 Mitglieder; seine ausgedehnten Räumlichkeiten befinden sich 17 Victoria Park Square E, etwa zehn Minuten vom Oxford-Hause entfernt 1 . Wir treten in den Thorweg ein. Rechts vom Eingang liegen eine Reihe wohlgehaltener und luftiger Zimmer: Spielzimmer, Billardzimmer, ein Lesezimmer, wohlversehen mit Lokalblättern wie den grofsen Blättern der Hauptstadt, ferner eine geräumige Bibliothek. Des weiteren sind mehrere Räume für Unterrichtszwecke vorhanden. Links vom Eingang befindet sich der mit dem Klub verbundene genossenschaftliche Verkaufsladen, geradeaus „Oxford-Hall", ein über tausend Personen fassender Saal, welcher zu Versammlungen und zugleich als Turnhalle dient. Der Klub ist finanziell selbständig, während er seine Entstehung der Opferwilligkeit eines Herrn Buchanan verdankt, welcher den Klub geradezu zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. 1 Gegenüber dem Klublokal befindet sich das Bethnal-Green Museum, welches seine Entstehung dem Wunsche verdankt, etwas von den in Nationalbesitz befindlichen Kunstwerken den Arbeitermassen zugänglich zu machen, für welche die Museen des Westens wegen ihrer Entfernung so gut wie nicht vorhanden sind. Aufser kunstgewerblichen, dauernd vorhandenen Gegenständen pflegt man vorübergehend Gemälde aus andern Museen auszustellen. Diese Nachbarschaft bedeutet für den University Club die bestmögliche Lage in Bethnal-Green. Unterricht veranstaltet der Klub in Zeichnen, Stenographie, englischem Aufsatz und Buchhaltung, ferner hält Herr Buchanan wöchentliche Bibelklassen ab. Alle 14 Tage finden Vorträge über Gegenstände allgemeinen Interesses statt. Auch blüht eine Debattiergesellschaft, wie solche überall in Arbeiterkreisen bestehen. Die Fähigkeit der Verhandlung irgend welchen Gegenstandes in gröfserer Versammlung durch Besprechung und Abstimmung ist geradezu Voraussetzung für das Gedeihen aller wirtschaftlichen Arbeitervereine, insbesondere der Genossenschaften und Ge werk vereine. Diese Kunst, die ein grofses Stück Übung und Disciplin voraussetzt. wird besonders durch die Gewohnheit des Arbeiters entwickelt, Fragen, die ihn interessieren, in Form der Debatte zu erwägen. Diese Debatten bieten den Angehörigen der gebildeten Klassen viel benutzte Gelegenheit zum Meinungsaustausch mit den Arbeitern. Es dürfte von Interesse sein, die Statuten des Debattenvereins des University-Clubs, die ich der Güte des Vorsitzenden verdanke, in etwas abgekürzter Form wiederzugeben: 1. Jedes Mitglied des University-Clubs ist berechtigt, Mitglied der Debattiergesellschaft zu werden. 2. Der Ausschufs besteht aus 7 Mitgliedern einschliesslich des Schriftführers und des Vorsitzenden. Der Vorsitzende wird von dem Leiter des Oxford-Hauses ernannt, die anderen Mitglieder des Ausschusses von der Gesellschaft erwählt. B. Das Verhandlungsprotokoll soll stets in der folgenden Sitzung verlesen und genehmigt werden. 4. Gegenstand der Debatte bilden politische und sociale Fragen, aber keine theologischen. 5. Amendements sind verboten. — 445 — 6. Kein Mitglied hat das Recht, mehr als einmal in der Debatte zu reden, ausgenommen derjenige, welcher die Verhandlung eröffnet, wenn er zu erwidern wünscht. 7. Gäste können unter Zustimmung des Vorsitzenden sich an der Debatte, jedoch nicht an der Abstimmung beteiligen. 8. In allen unvorhergesehenen Fragen soll die Geschäftsordnung des Hauses der Gemeinen mafsgebend sein. In gleicher Weise wie für die Belehrung sorgt der Klub für die Unterhaltung seiner Mitglieder und deren Familien. Abgesehen von einem Turnverein bestehen Vereine für Rudern, Cricket, Fufsball, Wiesentennis, kurz, für fast alle nationalen Spiele, alle geleitet von freiwilligen Lehrern, zumeist Herren aus dem Westend. In gleicher Weise wird eine dramatische Lesegesellschaft, ein Choralvereiu und eine Instrumentalkapelle von unbezahlten Kräften geleitet. Einen eigentümlichen Eindruck macht die von einem jungen Herrn, der sich auf diesem Gebiete besonders auszeichnen mag, ins Leben gerufene Tanzstunde. Auf den ersten Blick erscheint es angesichts der auf dem Festlande verbreiteten Anschauungen und Gewohnheiten bedenklich, junge Arbeiter beiderlei Geschlechts, eine grofse Anzahl junger, schmucker Frauenspersonen, unter Aufsicht eines ebenso jungen Herren, allwöchentlich zum Tanze zu vereinigen. Der Augenschein belehrt dagegen bald, wie sehr gerade ein derartiges Unternehmen von sittlich hebendem Einflufs auf die Teilnehmer ist. Die Herren vom Oxford-Hause sind weitsichtig genug, in dem geselligen Verkehr der Jugend beider Geschlechter an sich etwas notwendiges und nützliches zu erblicken. Sie suchen denselben durch Einrichtung von Tanzstunden, Gesellschaftsabenden, Theateraufführungen und Bällen der Schenke zu entziehen und unter den Einflufs von gebildeten Elementen — 446 zu bringen. In der That unterschied sich der Ton der Unterhaltung und die geselligen Formen, welche ich bei dei oben erwähnten Gelegenheit beobachtete wenig von den in den Mittelklassen herrschenden. Welchen Gegensatz zweier benachbarter Volksleben weist der Besuch eines solchen Abend etwa mit dem eines Lorettenballes der Pariser Studenten auf. Wie die Männer, so sind auch zahlreiche Damen der gebildeten Klassen bis in die Kreise der Aristokratie in Arbeiterklubs thätig. So besteht z. B. im University-Club ein musikalischer, von einer Dame geleiteter Abend, die „Mufse- stunde" genannt, ein Verein für verheiratete Frauen, endlich ein Nachmittag, an welchem Spiele für Kinder von Vereinsmitgliedern veranstaltet werden, eine Art Kindergarten, alle unter Leitung von gebildeten Frauen. Ähnlich dem vorerwähnten Oxford-House-Club veranstaltet auch der University-Club Ausflüge; Einladungen von auswärts sind häufig. So waren z. B. Pfingsten 1888 ungefähr hundert Mitglieder des Klubs in Oxford, wo sie von Studenten wie Lehrern auf das freundlichste aufgenommen und bewirtet wurden. Bei alledem aber ist nicht zu vergessen, dafs der Klub nicht etwa von Wohlthätigkeit abhängt, vielmehr die Arbeiter seine Angelegenheiten selbständig verwalten. Neben den geselligen Zwecken des Klubs kommen eine Reihe wirtschaftlicher in Betracht. Er besitzt eine Darlehns-, wie eine Krankenkasse 1 ; ferner ist mit dem Klub ein Konsumverein verbunden. 1 Diese letztere hat zwei Klassen, eine für solche, die wöchentlich 1 d., und die andere für solche die wöchentlich 2 d. einzahlen. Die ersteren erhalten im Krankheitsfall wöchentlich während 2 Monaten den ersten Monat je 5 sh. und den zweiten je 3 sh., die letzteren erhalten in gleicher Weise je 10 sh. und je 6 sh. Die Kontrolle ist dadurch erleichtert, dafs die Mitglieder sich persönlich kennen; im Krankheitsfalle werden die beiden nächstwohnenden Mitglieder ausdrücklich mit der Beaufsichtigung des Kranken betraut. — 447 — Unter dem Namen Webb-Institute hat das Oxford-House auch einen Knabenverein in das Leben gerufen, welcher in einem eigenen Hause seinen Sitz hat. Als an dem für die Eröffnung festgesetzten Abend die Herren des Oxford-Hauses, welche die Einschreibung der Aufzunehmenden zu besorgen hatten, dein Hause sich näherten, war bereits eine grofse Menge von Knaben über „das Eisengitter geklettert und hatte den Garten vor dem Hause gefüllt". Nur mit Mühe konnten die Herren sich Eingang verschaffen, und sobald sie die Thür öffneten, drängten die Massen, Knaben des verschiedensten Alters und Äufseren, nach. Trotzdem kam keine Sachbeschädigung vor, und nachdem hundert Namen, eingetragen waren, wurde die Zahl für geschlossen erklärt, während für die übrig gebliebenen Anwärterlisten auf freiwerdende Stellen aufgelegt wurden. Dieser Vorgang ist bezeichnend für die Aufnahme, welche heute die Bestrebungen der gebildeten Klassen seitens der arbeitenden Klassen finden. Die Thätigkeit des Vereins erstreckt sich auf die üblichen Unterhaltungen und Unterrichtsgegenstände und beruht ebenfalls auf freiwilligen Kräften. Besonderes Gewicht wird auf die praktischen Beschäftigungen, wie Zeichnen, Schnitzen u. s. w. gelegt. Lord Wolmer, Parlamentsmitglied, erteilt eine Bibelstunde. Besonders nützlich bewährt sich auch eine mit dem Club verbundene Badeanstalt. — Unter den übrigen mit dem Oxford-Hause in Verbindung stehenden Anstalten erwähnen wir noch eines Zufluchthauses, welches des Nachts über für Obdachlose geöffnet wird 1 . 1 Das schwierige bei derartigen Unternehmen ist das arbeitsscheue Element von denen zu unterscheiden, welche durch Zufall in die Lage vollständigster Mittellosigkeit gekommen sind, erstere fernzuhalten, letzteren womöglich dauernd zu helfen, was durch Hülfe zur Auswanderung, Verschaffen von Arbeit u. s. w. versucht wird und die Verbindung mit den allerverschiedensten wohlthätigen Vereinen notwendig macht. — 448 — Verlassen wir nunmehr das Oxford-Haus und hegeben uns nach Toynbee-Hall, der „Universitätsniederlassung" in Ost-London. Dieselbe trägt im Vergleich mit dem Oxford- Hause einen weltlichen Charakter, obgleich sie ebenfalls von einem Geistlichen, dem Rev. Barnett, geleitet wird. Nachdem Verfasser anderwärts (Grenzboten 1887) Toynbee-Hall zum Gegenstande einer eingehenderen Besprechung gemacht hat, ist es ihm eine Freude, die grofsartigen Fortschritte, welche die Anstalt in der kurzen seitdem verflossenen Zeit gemacht hat, festzustellen; sie ist heute der Mittelpunkt aller der Geselligkeit und Bildung dienenden Bestrebungen ihres Bezirkes. Toynbee-Hall wendet sich noch weniger als das Oxford-Haus an die tiefsten Schichten der Bevölkerung, was, wie wir sahen, gewöhnlich Sache der specifisch kirchlichen Richtungen ist. Indem es das Bedürfnis nach Bildung und Geselligkeit bei seinen Nachbarn zu befriedigen sucht, bemüht es sich, gerade die höchststehenden derselben auf eine Stufe zu heben, welche für die arbeitenden Massen Ost-Londons, ohne Hülfe von aufsen, zu erreichen sehr schwierig ist. Fehlt es doch jenen Massen Ost-Londons an Berührung mit den besten Gedanken ihres Zeitalters. Alle Kenner jener Verhältnisse stimmen dahin überein, dafs nicht sowohl dem Mangel .an Gesetzgebung, als dem Mangel an öffentlicher Meinung, an Gemeingeist und Organisation der Arbeiter, die Schäden, an denen jene Bezirke vor allen leiden, zuzuschreiben sind. Wie wären Unwissenheit, Thatlosigkeit, Vereinsamung und Selbstsucht der Massen mit einem Federstrich, und sei es auch einem des Gesetzgebers, zu beseitigen? Die Gründer von Toynbee-Hall gingen von dem Gedanken aus, durch die von der Universität abgehenden Elemente, welche sich zur Vorbildung für den künftigen Beruf nach London begeben, dem Mangel an gebildeten, und zur Arbeit — 449 — für ihre Mitbürger bereiten Männern in Ost-London abzuhelfen. Als Gegenstand der „Universitätsniederlassung" wird bezeichnet, „die Universitäten mit Ost-London zu verknüpfen, die Teilnahme, die Thatkraft und den Gemeinsinn von Oxford und Cambridge auf die thatsächlichen Verhältnisse des grofsstädtischen Lebens zu lenken". Es war nicht Arnold Toynbee selbst, welcher Toynbee-IIall gründete, vielmehr waren es Freunde aus seinem Kollegium, welche kurz nach seinem Tode mit dieser Gründung ihm ein Denkmal in seinem Sinne zu errichten beschlossen. Sie gingen seinen Spuren nach und gründeten in demselben Bezirke Ost-Londons, wo er gewirkt hatte, eine Anstalt, welche seine Bestrebungen in gröfserem Mafstabe fortsetzen sollte. Die Vorschläge des „Vereins zur Errichtung von Universitätsniederlassungen" fanden sowohl seitens der Presse als auch seitens der angesehensten Männer der verschiedensten Richtungen und Berufe Zustimmung. Bei der Ausführung des Gedankens waren zwei Grundsätze mafsgebend. Einmal beschlofs man, die Niederlassung nach der Art eines Universitätskollegiums einzurichten. In den vorhergegangenen Jahren waren mannichfach Männer, welche früher der Universität angehört hatten, den Spuren Toynbees in Ost-London zu praktischer Arbeit gefolgt, vereinzelte Versuche, deren Erfolg oft zweifelhaft blieb. Diese Kräfte sollten sich von nun an um einen gemeinsamen Mittelpunkt ordnen. Indem man den Männern, welche zur gedachten Arbeit gewillt waren, einen eigenen Herd gab, holfte man ihnen die Öde und Vereinsamung fernzuhalten, der jeder gebildete Bewohner Ost-Londons leicht anheimfällt. Zweitens aber ging man von dem Gedanken aus, dafs nur wenige Männer in der Lage seien, ihr ganzes Lehen einer humanitären Thätigkeit zu widmen. Dagegen glaubte man, dafs es vielen jungen Männern möglich sei, nach dem Verlassen der v. S cliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 29 - 450 — Universität und während der ersten Vorbereitungsjahre für ihren Beruf Mufsestunden, besonders des Abends, ihren weniger begünstigten Mitbürgern zu schenken. Um daher möglichst vielen die Mitarbeit zu ermöglichen, nahm man von vornherein nur eine kurze Durchschnittsdauer der Anwesenheit der Residenten in der zu gründenden Niederlassung an; einige Jahre, selbst wenige Monate der Arbeit in Ost-London können sie bereits mit wertvollen Erfahrungen bereichern. Wenn aber ihre Thätigkeit auch für den Osten von Nutzen sein soll, so erfordern ihre unerfahrenen Kräfte eine einsichtige und gleichmäfsige Leitung. Man bedarf also neben den Residenten eines dauernd angestellten Vorstehers, der womöglich eine in den Verhältnissen Ost-Londons altbewährte Kraft sein mufs. Heute versieht dieses Amt der Rev. S. A. Barnett. Geleitet von diesen Grundgedanken, ging die „Universi- ties settlement association" sogleich an die Ausführung. Schon hatte sie ein Grundstück gekauft und war bereits mit dem Niederreifsen eines Teiles der halbverfallenen Gebäude daselbst beschäftigt, als die Schwesteruniversität dem Unternehmen ihre hülfreiche Hand bot. Unter der Mitwirkung der angesehensten Professoren wurde am 24. Mai 1884 in Cambridge eine Versammlung abgehalten. Männer, die man sonst kaum von derselben Tribüne hören wird, sprachen sich bei dieser Gelegenheit in gleichem Sinne aus: Männer kirchlich konservativer Richtung, ebenso wie der bekannte Leiter der Radikalen Chamberlain. Auch Prinz Albert Eduard Viktor, der älteste Sohn des Prinzen von Wales, erhob sich, um seine Teilnahme für ein Unternehmen auszusprechen, das denjenigen, die sich einst darin würden bethätigen können, einen weiteren Gesichtskreis zu eröffnen verspräche, „als er uns, die wir im Westen Londons leben, zu erreichen möglich ist". Erst nachdem die in Oxford gegründete Gesellschaft — 451 — sieh durch zahlreiche Mitglieder aus Cambridge verstärkt hatte, war das Unternehmen gesichert. Die Räume von Toynbee-Hall sind heute der Kampfplatz von Meinungen jeder Art und aller Klassen. Neben tausenden von Arbeitern, die hier Erholung und Belehrung finden, verkehren in Toynbee-Hall die angesehensten Männer des Staates und wissenschaftliche Namen ersten Ranges. Man kann dort alle politischen Ansichten hören, auch solche social- revolutionärer Verzweiflung, wie sie einem unorganisierten und daher hülflösen Arbeiterstand eigen sind; eigentümlicher aber ist es, solche Ansichten alsdann von Arbeitern bekämpft zu sehen, aus einem der dem höher stehenden Arbeiter eigentümlichen Gesichtspunkte: dem gewerkvereinlichen oder dem genossenschaftlichen. Was kann mehr dazu beitragen, jene verzweiflungsvollen Meinungen zurückzudrängen, als solche Gegnerschaft und die ruhige Besprechung derselben mit Angehörigen der sogenannten „kapitalistischen Klassen", deren Selbstlosigkeit schon durch ihre Anwesenheit und Arbeit an diesem Orte feststeht? Keiner wird seiner Meinung wegen verdammt, sondern jede Meinung gehört, wenn sie nur in der Form der ordnungsmäfsigen Debatte sich äufsert und sachlich erwogen ist. Die Zwecke von Toynbee-Hall sind so verschiedenartige, seine Thätigkeit ist seit der oben erwähnten Besprechung so angewachsen, dafs selbst für einen allgemeinen Überblick der Rahmen dieser Arbeit zu eng ist. Möglich ist diese Fülle des Wirkens nur dadurch, dafs die Bewohner von Toynbee- Hall gewissermafsen der Kern sind, um den sich ein greiser Kreis gleichgesinnter Freunde schliefst. Ist es doch in weiten Kreisen unter den jüngeren Männern der besten Gesellschaftsklassen heute Sitte (gentleman-like) geworden, einen Abend der Woche in den Bezirken Ost-Londons zu verbringen. 29* — 452 — Gerade die ersten Männer auf allen Gebieten aber sind von dem Bewufstsein socialer Verpflichtung besonders erfüllt; gerne leisten sie der Aufforderung Folge, von ihrem Besten, ihrem Wissen und ihrer Zeit, ihren weniger begünstigten Mitbürgern mitzuteilen, deren Leben sonst einförmig und ohne höhere Anregung dahinfliefst — ein Geschenk, das wertvoller als jede Geldspende ist. Ist doch das Elend an einzelnen Punkten nicht das schlimmste, sondern das niedere Niveau des Durchschnittslebens, wie Eduard Denison gesagt hatte, „aufser einem kreischenden Orgelkasten die Abwesenheit von allem, was die Gedanken des Menschen über das tägliche Brot erhebt, der gänzliche Mangel an Bildung und Religion". Eine Liste geradezu glänzender Namen weisen die in Toynbee-Hall gehaltenen Vorträge auf. Von Männern, die bei der einen oder anderen Gelegenheit für oder in Toynbee-Hall thätig waren, seien als ein Beweis dafür, in wie weiten Kreisen derartige Bestrebungen Anklang finden, folgende genannt: von Männern des Staates und der Aristokratie der künftige Thronfolger Viktor Albert, beteiligt bei der Gründung, der Prinz Edward von Wales, Eröffner des Knabenklubs Whittington, der Marquis von Ripon, der Lord Salisbury, welcher einmal eine Anzahl von Arbeitern, die sich an Toynbee- Hall angeschlossen hatten, zur Besichtigung seines Stammsitzes Hatfield-House einlud, der Lord Justice Fry, zahlreiche Parlamentsmitglieder beider Parteien z. B. Sir Richard Temple, Sir Henry Roscoe, Baron F. von Rothschild u. s. w., ferner höhere und niedere Geistlichkeit; von Männern der Wissenschaft z. B. Max Müller, der berühmte Linguist, Professor Dicey, der angesehene Staatsrechtslehrer, der Naturwissenschaftler Professor Huxley, der berühmte Afrikareisende Ca- meron, Frederic Harrison, der Führer der Positivisten und andere. Vor allem aber sind es die Universitäten, wo die — 453 — Bewegung, wie sie von ihnen ausging, noch heute ihre wärmsten Anhänger findet. Entsprechend dem Worte des Matthew Arnold, dafs Erziehung zu geselligen Formen einen sittlichen Anstois bedeute, indem sie dahin wirke, zusammenzuführen und die Augen zu öffnen für die gegenseitige Abhängigkeit, legt Toynbee-Hall grofsen Wert auf gesellige Veranstaltungen. In gleicher Richtung liegt das Bestreben um Wachrufung, Pflege und Verbreitung des ästhetischen Sinnes, welcher infolge der Trennung der Klassen den breiten Massen der modernen Grofsstädte abhanden gekommen ist. Es ist nicht zu verkennen, dafs hierin eine wichtige Aufgabe der Volkserziehung besteht; gerade für diejenigen, welche durch äufsereNotwendigkeit von der Berührung mit der Natur entfernt sind, böte die Kunst den besten Ersatz. Auch hängen unmittelbar praktische Interessen mit solcher Erweckung des ästhetischen Sinnes zusammen, indem in Zukunft neben der dem Umfang nach weit ausgedehnteren Fabrikarbeit das Kunstgewerbe von Bedeutung sein wird. In letzterer Richtung wirken die zahlreichen Klassen für Zeichnen, Modellieren u. s. w., in ersterer die von Toynbee-Hall veranstalteten Gemäldeausstellungen, zu welchen Freunde der Anstalt jährlich ihre Schätze vereinigen, Ausflüge nach den Museen des Westens, zu Resten alter Architektur u. s. w. Zahlreiche Gesellschaften mit wissenschaftlichen und litterarischen Zwecken haben ferner in Toynbee-Hall ihren Sitz aufgeschlagen. Sie setzen sich zusammen aus Bewohnern Ost- Londons: Handlungsbeflissenen und Arbeitern, und werden meist von einem gebildeten, oft mit der Sache wissenschaftlich vertrauten Gentleman geleitet. Ich erwähne die „Gesellschaft für Litteratur des Elisabetheischen Zeitalters", die „Shakespearegesellschaft", die „philosophische Toynbeegesell- — 454 — schaft", den „Adam Smith-Club", die „Gesellschaft von Ost- Londoner Altertumsfreunden", die „naturwissenschaftliche Toynbeegesellschaft", die „Abende für venetianische Kunst", die „Ruskingesellschaft" u. s. w. Von ganz besonderer Bedeutung scheint ferner den Leitern von Toynbee-Hall, mit den Volksschullehrern und denen, die es werden wollen, anzuknüpfen. Zur Hebung derselben wurde ein doppelter Weg eingeschlagen, einmal der der Agitation durch Gründung „der Liga für Erziehungsreform", welche auf den Universitäten zahlreiche Anhänger besitzt. Dieselbe strebt eine akademische Vorbildung der Volksschullehrer oder wenigstens eines Bruchteiles derselben an. Daneben sind von Toynbee-Hall Versuche ausgegangen, die Volksschullehrer von ganz London zu einem Verein zu organisieren. Neben diesen weitgehenden Bestrebungen wird die Arbeit im Kleinen nicht vergessen. Der Ausländer mit seinen gesellschaftlichen Vorurteilen erstaunt über den zwanglosen Verkehr zwischen Herren der besten Gesellschaft und diesen jungen Leuten, deren überbürdeten Geist man am Abend durch gemeinsame Lektüre u. s. w. zu erfrischen sucht. Das ist „Christentum", obwohl von Dogmen nicht die Rede ■fc ist; denn es ist selbstloses Wirken im Dienste von anderen, im Dienste des heranwachsenden Geschlechtes. Wir sind auf Oxford-House und Toynbee-Hall lediglich aus dem Grande eingegangen, um Beispiele weit verbreiteter Bestrebungen zu geben. Beide stehen in ihrer Art durchaus nicht vereinzelt da. Im Gegenteil, wenn auch nicht nach derselben Schablone errichtet, bestehen nicht wenige derartiger Anstalten und mehr noch sind im Entstehen begriffen. Erinnert sei hier nur an das „Working-Men's-College", welches von F. D. Maurice und seinen Freunden errichtet wurde und — 455 — heute noch fortblüht 1 . Die Zwecke dieser Anstalt stehen durchaus auf dem Boden der den Gegenstand vorliegenden Kapitels bildenden Bewegung. „Die Schüler sind der Mehrzahl nach Arbeiter, die Lehrer gewöhnlich frühere Mitglieder der Universitäten, die nun in verschiedenen Berufen thätig sind, oder Leute, welche selber Schüler des Working-Men's- College gewesen sind. Der Zweck des College ist, die Klassen zusammenzubringen, indem man sie in der gemeinsamen Arbeit des Lernens und Lehrens vereinigt. Es sorgt für Unterricht zu den möglich geringsten Kosten, indem fast alle Lehrer unbezahlt sind, und zwar in den Gegenständen, welche am meisten den englischen Bürger angehen, und versucht liberale Erziehung in den Bereich des Arbeiters zu bringen 2 ". Werfen wir einen Rückblick auf die geschilderten Bestrebungen, so ist vor einem Mifsverständnis zu warnen. Dieselben sind keine Armenpflege; denn sie wenden sich nicht an die materiell Bedürftigen, vielmehr vorzüglich an den auf sich selbst gestellten Arbeiterstand von seinen höchsten bis niedersten Schichten. Sie suchen ihn geistig, sittlich und körperlich zu heben, weisen dagegen auf das entschiedenste von sich, die Sorge für jene notwendigen Lebensbedürfnisse zu übernehmen, 1 Vergl. Brentano, Die christlich-sociale Bewegung in England, Kapitel VI und Anhang VIII. 2 Eingang des XII. Berichtes des Working-Men's-College, 1880. Da das Working-Men's-College nicht im Osten der Stadt, sondern im Mittelpunkt derselben liegt (45 Great Ormond Street, Bloomsbury W. C.), so sind unter seinen Besuchern Schreiber und ähnliche Berufe stark vertreten. Trotzdem überwiegen die Arbeiter. Folgendes Prozentverhältnis bestand im Winter 1888/89: Schreiber 34 °/o, Handlungsbeflissene aller Art 5 - Öffentliche Angestellte (Polizisten u. s. w.), Lehrer. . 8 - In Warenlagern angestellt als Packer u. s. w 15 - Arbeiter mehr oder weniger gelernten Berufes ... 38 - ✓ bezüglich derer jeder Erwachsene und Arbeitsfähige auf sich selbst angewiesen ist und deren Befriedigung durch andere die Lebenshaltung der Bevölkerung herabdrückt. Sie unterscheiden sich hierdurch von dem: „panem et circenses" des Cäsarismus. Ferner stehen sie auf dem Boden voller gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Sie verfolgen nicht den Zweck, den Arbeiter durch Wohltbaten in Abhängigkeit zu halten oder ihn gar für eine politische Partei zu gewinnen. Selbständigkeit der unteren Klassen ist, wo sie vorhanden, der Ausgangspunkt, wo sie nicht vorhanden ist, der Zielpunkt der geschilderten Bestrebungen. Sie sind von dem goldenen Grundsatze getragen, ohne den alle Bemühungen um die unteren Klassen vergeblich sind: „help them to help them- selves", Hülfe zur Selb st hülfe; helft ihnen, selbständig zu werden und der Hülfe nicht mehr zu bedürfen. Jene Bestrebungen sind lediglich aus dem Bewufstsein socialer Verpflichtung hervorgegangen, welches den Gentleman von dem gelehrten oder ungelehrten Lohnarbeiter unterscheidet. Wenn sie mit einem weiteren Zweckgedanken verbunden sind, so ist es der, dafs in einem Staate, der den unteren Klassen das Wahlrecht gegeben hat, Hebung und Beteiligung derselben an dem Denken und Fühlen der Nation geradezu Lebensfrage für die Gesellschaft wird. Dem entspricht folgendes Ergebnis: Während der Arbeiter, sobald er wirtschaftlich und geistig auf eigenen Füfsen steht, alles was nach Wohlthätigkeit aussieht, schroff von sich weist, sehen wir in England die best situierten und geistig höchststehenden Arbeiter auf das eifrigste an den geschilderten Bestrebungen mitwirken, welche nicht auf Geldspenden, sondern auf persönliche Hingabe gerade der Besten der Nation beruhen. Daher waren die Universitäten der Ausgangspunkt der Bewegung, jene altehrwürdigen Sitze der nationalen Bil- ■düng, welche durch die Freigebigkeit der Vorfahren dem heute heifser als früher tobenden Kampfe um das tägliche Brot entrückt sind 1 . IV. Die Universitätsausdehnungsbeweguiig. Auf das engste mit den soeben geschilderten Bestrebungen sowohl in ihren Zielen als in dem Geiste, von dem sie getragen ist, hängt die „Universitätsausdehnungsbewegung" zusammen. Ihr Zweck ist der, denen die nicht die Universitäten beziehen können, soviel als möglich' die Vorteile einer Universitätserziehung zu verschaffen. „Die Universität wird zum Volke gebracht, wenn das Volk nicht zu den Universitäten kommen kann." Die Universitäten, welche bisher fern von den Mittelpunkten des gewerblichen Lebens ein vornehmes Dasein führten, welche als Hochburgen der aristokratischen Gesinnung vielfach angesehen werden, haben, wie das vorgehende zeigt, sich dem Hauche der Zeit nicht entzogen. Die ganze soeben geschilderte Bewegung bedeutet die Anerkennung jener unvermeidlichen Demokratisierung, welche ihren eigentlichen Ausdruck mehr noch als in der Verallgemeinerung der politischen Rechte, in einer Veränderung der gesellschaftlichen Anschauungen und Gewohnheiten findet. Der Schwerpunkt von Staat und Gesellschaft ist eben, um die Worte Eduard Denisons zu gebrauchen, „von dem vornehmen Lord auf dem Rottenrow 1 Bezeichnend, flu- die Stellung der Arbeiter zu den Universitäten war z. B. der Vortrag, welchen Ben Tillet, der Schriftführer der Dockarbeiter, über den Ausstand des vorigen Jahres zu Oxford hielt, unter grofser Beteiligung und Vorsitz des Vorstehers von Pusey House. Redner, seihst Dockarbeiter, wies darauf hin, wie gerade die Universitäten geeignet seien, für die Hebung der arbeitenden Klassen einzutreten. — 458 — geglitten zu dem barhäuptigen Mann auf dem Dache des Omnibus". Dieser Entwicklung entspricht das Verlangen nach höherer Bildung, welches bisher nur in beschränkten Kreisen heimisch, heute auch von solchen empfunden wird, deren Lebenslage einen Besuch der Universität nicht gestattet. Die Universitäten sind diesem Bedürfnis entgegengekommen durch Ausbreitung eines grofsartigen Systems von Wanderlehrern über ganz England. Zumeist in Abendklassen werden hier weiten Kreisen des Volkes diejenigen Gegenstände der Bildung vermittelt, welche in den Universitäten die Studenten unter günstigeren Umständen sich aneignen. Nur ein besonderer Eifer kann auf Seiten der Schüler der „Ausdehnungsbewegung" die Vorteile der Mufse ersetzen, deren der Student auf der Universität sich erfreut. Dafs dieser Eifer vorhanden ist, dafs die Ergebnisse der Prüfungen, welche jeden Ausdehnungskursus beschliefsen, nicht selten den Studenten der Universität Ehre machen würden 1 , das alles zeigt, wie in England vielleicht allein die Gleichstellung der unteren mit den oberen Klassen bereits mehr als rechtliche Form und philosophische Forderung ist. Ein weiterer Beweis hierfür aber ist das schnelle Wachstum der Schülerzahl, welches die Ausdehnungsbewegung von Jahr zu Jahr aufweist. Wenn heute bereits jährlich etwa 30 000 Personen den von den Universitäten veranstalteten Vorlesungen beiwohnen, ein grofser Teil der Zuhörer auch häusliches Studium auf den Gegenstand derselben verwendet, z. B. schriftliche Arbeiten anfertigt u. s. w., so ergiebt sich hieraus, wie weit und wie stark das Bedürfnis nach höherer Bildung verbreitet ist. 1 Nicht selten liest man in den Berichten der Examinatoren, dafs die ihnen eingesandten Arbeiten solchen Studenten selbst zur Ehre gereichen würden, welche sich um den Grad bewürben (go in for honours). — 459 — Es ist natürlich unsere Aufgabe nicht, auf die Einzelheiten dieser grofsartigen Unternehmung einzugehen, welche einer Geschichte der höheren Bildungsanstalten angehören. Wir begnügen uns mit wenigen Worten. Die Organisation & der Universitätsausdehnung beruht auf den Universitäten als „Centraikörpern" und örtlichen Ausschüssen. Jede der beiden Universitäten ist der Mittelpunkt eines Unterrichtssystems; aufserdem besteht für London eine besondere Gesellschaft (the London Society for the extension of university teaehing), welche.es übernommen hat, London mit den sonst von einer der beiden Universitäten veranstalteten Vorlesungen zu versehen. Diese Gesellschaft besitzt in London gegen vierzig örtliche Mittelpunkte, an denen je zweimal im Jahre Vorlesungskurse gehalten werden. Wo immer das Bedürfnis nach „Ausdehnungsvorlesungen" <2 auftaucht, setzt sich ein freigebildeter örtlicher Ausschufs mit einer der Universitäten, bezw. der Londoner Gesellschaft in • Verbindung, indem er seinerseits für die erforderlichen Räume, Geldmittel u. s. w. aufkommt. Für einen dreimonatlichen Kursus sind der Universität gegen 45 E zu zahlen. Das Geld wird in verschiedener Weise aufgebracht, bald durch Zeichnung, bald durch bestehende Gesellschaften, wie „Local Colleges", „Litterary and philosophical Societies" u. s. w. Zweimal im Jahre, im Frühjahr und im Herbst, werden die Vorlesungen veranstaltet, deren Dauer gewöhnlich zwölf, auch sechs oder neun Wochen beträgt, woran sich eine weitere Woche für Prüfungen schliefst. Auch in der Zwischenzeit wird teilweise für Fortsetzung systematischen Studiums gesorgt. Jeder Kursus wird mit einer öffentlichen Versammlung 4 eröffnet, an der oft mehrere hundert Personen teilnehmen. Vor ihr legt der Lehrer den von der Universität gebilligten Plan seiner Vorlesung (den Syllabus) dar und beantwortet I — 460 — Fragen, die aus der Mitte der Versammlung laut werden. Zu dem regelmäfsigen Kursus dagegen, der sich wöchentlich aus einer Stunde Vortrag und einer Stunde sogenannter „Klasse", einer Art Konversatorium, zusammensetzt, verschafft nur ein gelöstes Billet Zutritt. Für die Methode ist folgendes bezeichnend. Die Bewegung will „Universitätsbildung" solchen Kreisen vermitteln, welche dieselbe sich nicht selber holen können. Sie wendet sich daher ausschliefslich an Erwachsene, rechnet allein auf das Interesse der Zuhörer und schliefst demgemäfs, um Fortschritte zu erzielen, jede Schulordnung und jede Benutzung des Ehrgeizes aus. Ebenso freiwillig wie der Besuch der Vorlesung überhaupt, ist auch die Teilnahme an der „Klasse", in der sich nur diejenigen Schüler zusammenfinden, die der Sache Zeit zu widmen in der Lage sind. Während in der Vorlesung freier Vortrag herrscht, benutzt der Lehrer die Klasse zu Erklärungen und Erweiterungen des Vortrages, auch zu Wiederholungen durch Frage und Antwort; gewöhnlich ist der Inhalt der vorhergehenden Vorlesung Gegenstand der Klasse. Zugleich werden von Woche zu Woche schriftliche Arbeiten abgegeben, die, wie ausdrücklich vorbehalten ist, auch namenlos sein dürfen, um Leute, die mit der Feder wenig vertraut sind, nicht etwa abzuschrecken. Diese Aufsätze werden von dem Lehrer in der nächsten Stunde verbessert zurückgegeben. Bei naturwissenschaftlichen Vorlesungen werden die Experimente in den Klassen von den Schülern vielfach selbständig wiederholt. Die Gegenstände der Ausdehnungsvorlesungen zerfallen in drei Abteilungen: 1. Litteratur und Geschichte, 2. Naturwissenschaft und 8. Kunst. Zur ersten Klasse gehören Vorlesungen über englische und antike Litteratur, ferner eingehende Kurse über englische Geschichte und Verfassungs- — 461 — entwicklung, europäische Geschichte und Nationalökonomie; die zweite Klasse bietet Vorträge über alle Fächer der Naturwissenschaft. Was die Kunstabteilung angeht, so ist sie natürlich der Zahl ihrer Gegenstände nach beschränkter, als die beiden vorhergehenden. Man will diese Vorträge nicht als Kunstschulen aufgefafst wissen, in denen etwa Unterricht in Malerei, Skulptur u. s. w. erteilt werden soll. Für dieses Gebiet sorgt in England zum Teil der Staat (South Kensington). Vielmehr bezweckt man Kunstverständnis und Kunstwürdigung zu verbreiten. Dadurch, dafs die in den verschiedenen Semestern stattfindenden Vorlesungen aneinander anschliefsen, wird eine zusammenhängende und gründliche Fortbildung ermöglicht. Beispielsweise finden vier einander ergänzende Vorlesungen über volkswirtschaftliche Gegenstände statt 1 . Die erste behandelt die allgemeinen Grundbegriffe der Wissenschaft z. B. Erzeugung und Verteilung von Gütern, Kapital, Arbeit, Rente, Lohn, Gewinn u. s. w.; im zweiten Semester schliefst sich hieran eine Behandlung der schwierigeren Fragen der theoretischen Nationalökonomie, der Lehren von Wert, Preis, Nachfrage und Angebot, Geld, Kredit u. s. w. An diese Vorlesungen schliefsen sich zwei weitere, welche die „sociale und wirtschaftliche Geschichte Englands", also die sogenannte praktische Nationalökonomie, behandeln und deren zweite speciell die Entwicklung des heutigen gewerblichen Systems zum Gegenstande hat. In ähnlicher Weise wird Astronomie in zwei Kursen gelesen, Physik in ihre wichtigsten Teile: 1 Vergl. The Calender of Cambridge Local Leetures 1880/81, S. 34. Nach den Oktober 1888 angenommenen Segeln stellt die Oxforder Gesellschaft „Bescheinigungen eines vollständigen Kursus systematischen Studiums" aus, die ein Studium von drei bis vier Jahren voraussetzen, welches in der That gründliche Kenntnis vermittelt. Licht, Schall, Elektrizität u. s. w. zerlegt, sodafs für einen, der eine Reihe zusammenhängender Vorlesungen verfolgt, im Laufe von zwei bis drei Jahren eine nicht ganz oberflächliche Kenntniss des Gegenstandes zu erwerben ist. Mit besonderer Vorliebe wird das Studium der englischen Geschichte gepflegt, welche in zahlreichen Unterabschnitten gelesen wird. Besonders eingehende Behandlung findet die Zeit der Reformation und der Puritaner. In der That ist Kenntnis der heimischen Geschichte für jeden, der politische Rechte bewufst ausüben soll, unentbehrlich. Am Schlüsse jeder Ausdehnungsvorlesung findet eine Prüfung statt, welche nicht der Lehrer abhält, sondern ein von der Universität zu diesem Zweck abgeordneter Examinator. Die Prüfung ist natürlich freiwillig; zugelassen werden jedoch nur solche, die zur Zufriedenheit des Lehrers an den Arbeiten in der Klasse teilgenommen haben. Wenn der Schüler die Prüfung bestanden hat, so wird ihm darüber ein Zeugnis ausgestellt. Auf die Erteilung desselben ist jedoch nicht nur das Urteil des Examinators, sondern auch das des Lehrers über die wöchentlichen Leistungen von Einflufs. Die Zeugnisse enthalten zwei Grade: „Bestanden" und „Auszeichnung". Jede weitere Abstufung ist deshalb un- thunlich, weil es sich um Leute des verschiedensten Alters und aller Bildungsgrade handelt. Das Zeugnis hat zunächst Wert in sich selbst. In den unteren Mittel- und Arbeiterklassen legt man auf solche Bescheinigung einer gewissen Bildung grofsen Wert, und unter mehreren sonst gleich zu achtenden Bewerbern mag sie oft den Auschlag geben. Aufser- dern aber erhebt eine bestimmt vorgeschriebene Reihe von Vorlesungen aus einem einheitlichen Gebiete, z. B. Naturwissenschaft oder Geschichte, den Schüler der von Cambridge veranstalteten Vorlesungen zum „affiliierten Studenten". Dafs — 463 — er die betreffenden Vorlesungen gehört hat, hat er durch Vorlegung der entsprechenden Zeugnisse darzuthun. Unter dieser Voraussetzung erläfst man ihm, wenn er später die Universität beziehen sollte, ein Jahr des Studiums, sodafs er statt nach drei bereits nach zwei Jahren seine Universitätsprüfung bestehen kann. Der Zweck dieser Einrichtung besteht einmal darin, dem Schüler der Ausdehnungskurse einen Antrieb zu planmäfsigem und fortgesetztem Studium zu geben. Zwar kommt es nicht häufig vor , dafs von dem Privilegium einer vei'kürzten Universitätszeit Gebrauch gemacht wird; denn die meisten, die es erworben haben, sind eben überhaupt nicht in der Lage, den täglichen Broterwerb Studien halber aufgeben zu können. Indem sich jedoch diese „angegliederten Studenten" zu Vereinen zusammenschliefsen, besitzt die Universität aufser ihren vollen Mitgliedern über das ganze Land ihre zugehörigen Genossen, welche stolz darauf sind, in gewisser Weise zur alten berühmten Hochschule zu zählen. Daher ist auch der ideale Erfolg dieser Einrichtung nicht zu unterschätzen. Dr. Westcott drückte denselben in einer am 9. März 1887 zu Cambridge abgehaltenen Versammlung mit folgenden Worten aus: „Der Bergmann in den Northumbri- schen Kohlengruben, Arbeiter in den Fabriken der mittleren Grafschaften, Arbeiter in Stadt und Land können mit Stolz wiederholen, was nicht nur unser Motto, sondern nun auch ihres ist: „Hinc lucem et pocula sacra", wenn sie ihr Leben erhellt und gereinigt, veredelt und geheiligt finden durch den Begriff einer höheren Erziehung, welche die Universität zu ihnen hat bringen dürfen." Oxford gewährt den tüchtigsten Schülern seiner Ausdehnungsvorlesungen einen anderen Vorteil. Einige hundert von ihnen (1889 bereits gegen 1000) werden während der Universitätsferien, im August, nach Oxford eingeladen und dort — 464 — bei Abwesenheit der Studenten in den Kollegien einquartiert. Aufser dafs man den Geladenen die an Erinnerungen so reiche Universität zeigt, werden Vorlesungen abgehalten, welche den Zweck verfolgen, durch Angabe von Litteratur etc. die häuslichen Studien in jener Zwischenzeit zu leiten, in der keine Ausdehnungsvorlesungen stattfinden. Aufserdem werden Preisarbeiten ausgeschrieben aus dem Gebiete der Geschichte, Litteratur, Nationalökonomie und Naturwissenschaft, von denen einige nur für Elementarlehrer, andere nur für Arbeiter zugänglich sind. Man erwartet, dafs die Preise zu einem Aufenthalt in Oxford und zum Studium daselbst verwendet werden. Für die Volkstümlichkeit der „Ausdehnungsbewegung" sprechen folgende Zahlen, welche aufserordentlich raschen Fortschritt bekunden: Zahl der Mittelpunkte Zahl der Vorlesungen Zahl der Zuhörer A. Die Oxforder Gesellschaft für Ausdehnung d. Universitätsbildung. 1885-86 22 27 .— 1886—87 50 67 9 908 1887-88 53 87 13 076 1888—89 82 109 14351 B. Die Cambridger Gesellschaft. 1883—84 51 66 7 878 1884-85 57 73 7 259 1885—86 61 80 8 557 1886—87 74 100, 10 494 1887—88 74 98 9 509 C. Die Londoner Gesellschaft. 1884 42 53 3 662 1885 47 63 5195 1886 45 61 5 084 1887 49 65 5 662 1888 59 80 7150- 5 ! — 465 — Eine andere Frage freilich ist die, welche Klassen die Universitätsausdehnungsbewegung erreicht, und hierauf ist eine Antwort deswegen nicht leicht, weil es dafür eine Statistik nicht giebt. Man hat Damen aus den besten Ständen an den Vorlesungen teilnehmen sehen. Einen nicht unbedeutenden Teil der Hörer stellt ferner der Handelsstand. Namentlich in den Industrie- und Bergwerksbezirken des Nordens jedoch hat die Bewegung weit über den Mittelstand hinaus den eigentlichen Arbeiter erreicht. Gerade für ihn ist die Ausdehnungsbewegung von besonderer Wichtigkeit. Man darf dabei nicht an jene seichte Aufklärung denken, wie sie mit Popularisierung der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft häufig verbunden ist. Die Universitätsausdehnung verfolgt praktische Zwecke. Sie will den ungebildeten Mann seine politischen Rechte, mit denen ihn die neuere Gesetzgebung so reichlich beschenkt hat, begreifen und nach eigenem Urteil ausüben lehren; sie will ihm — und dies ist besonders bei den naturwissenschaftlichen Vorlesungen der Fall — Kenntnisse für seinen Beruf an die Hand geben oder ihm für seine Mufsestunden, wie durch die Kunstklassen, Gebiete des Vergnügens eröffnen, die ihm sonst verschlossen blieben. Dafs die Universitätsausdehnungsbewegung hier in der That einem bestehenden Bedürfnis entgegengekommen ist, zeigen zahlreiche Fälle, wie folgender. Zwei Arbeiter nahmen an einem Kurse über Chemie', der in Cramlington abgehalten wurde, Teil, und legten den Hin- und Rückweg, jedesmal etwa fünf englische Meilen, zu Fufs zurück. Nachbarn von ihnen hätten ebenfalls gern an 'dem Kurse teilgenommen, konnten sich jedoch den erforderlichen Aufwand an Zeit nicht gestatten. Man veranstaltete daher in dem Dorfe einen ähnlichen Kursus, in dem die beiden Teilnehmer den Inhalt der gehörten Vorlesung so gut als möglich wie- v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 30 hergaben. Sie verschafften sich sogar einige Apparate, um die Experimente zu wiederholen. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch wurde gegen Ende des Kursus eine Prüfung veranstaltet, in welcher der Examinator „eine tüchtige Kenntnis des behandelten Gegenstandes fand, die selbst zum Bestehen eines gewöhnlichen Universitätsexamens auf demselben Gebiete ausgereicht haben würde". Bergleute haben als Zuhörer teilgenommen, welche nach beendeter Vorlesung zur Nachtschicht einfuhren. Der Oxforder Bericht vom Juli 1889 erzählt von einer Weberin aus einer Baumwollenfabrik zu Burnley, welche eine Preisarbeit geschrieben hatte, die ihr ermöglichen sollte, nach Oxford für einige Zeit zur weiteren Fortbildung zu gehen. Für diesen Zweck opferte sie ihre Mittagszeit, um am Webstuhl ihre Bücher vorzunehmen. Bezüglich der Teilnahme der Arbeiter hat man die Erfahrung gemacht, dafs ein gänzlicher Erlafs des Eintrittsgeldes weder die Zahl noch insbesondere den Ernst der Teilnehmer erhöht. Wer den Willen hat, Zeit und Mühe auf den Gegenstand der Vorlesung zu verwenden, wird auch in der Lage sein, das Geld aufzubringen und gerade dadurch, dafs er sich im Anfang ein Opfer auferlegt, wird seine Ausdauer angespornt. Die Beteiligung von Arbeitern an den Ausdehnungsvorlesungen liefert dort besonders erfreuliche Ergebnisse, wo die Arbeitervereine der Bewegung entgegenkommen. So beteiligen sich als solche nicht selten Jünglingsvereine, Arbeiterklubs mit geselligen und politischen Zwecken, Debattengesellschaften etc. an den Vorlesungen. Einige Arbeitervereine sind als selbständige Veranstalter von Vorlesungen aufgetreten, insbesondere mehrere gröfsere Genossenschaften. Aus den angegebenen Gründen konnten wir auf die Ausdehnungsbewegung nicht näher eingehen. Erwähnen mufsten — 467 — wir sie, weil sie ein Zeichen dafür ist, wie in der Tliat eine gesellschaftliche Neuordnung sich vorbereitet, welche die Entfernungen zwischen den verschiedenen Klassen vermindert und eine thatsächliche Gleichheit befördert, die ja dort oft am wenigsten vorhanden ist, wo Verfassungsparagraphen sie dekretieren. Mögen die Formen dieser Neuordnung noch verschleiert sein, das dürfte feststehen, dafs mit Erweiterung des Bedürfnisses nach höherer Bildung sich auch die Grenzen zwischen leitenden und geleiteten Klassen verschieben werden. Weise ist es, diesem Bedürfnis von oben her entgegenzukommen, während es sich selbst überlassen seine Nahrung — die revolutionäre Litteratur — schafft und die Gesellschaft in zwei Nationen auseinanderreifst 1 . 1 Festländische Beobachter erstaunt der hohe Bildungsstand des fortgeschrittenen englischen Arbeiters. Nach den jüngst erschienenen „Problems of Greater Britain" von Sir Charles Dilke ist Australien einen Schritt weiter. Eine gleichmäfsige Durchschnittserziehung, gleiche Interessen, gleiche Vergnügungen, wie Zeichnen, Musik u.s.w., vor allem auch gleiche Sports wie Fufsball, Cricket, haben hier, verbunden mit hohen Löhnen, dem Achtstundentage und freiem Schulunterricht, den Arbeiterstand als getrennten Stand und damit die Arbeiterfrage nahezu beseitigt. — Mein Material über die Universitätsausdehnungsbewegung verdanke ich hauptsächlich Herrn M. E. Sadler, dem Schriftführer der Oxforder Gesellschaft für Universitätsausdehnung, dem ich hiermit meinen Dank ausspreche. 30*