Zum socialen Frieden. Eine Darstellung der socialpolitischen Erziehung des englischen Volkes im neunzehnten Jahrhundert. Von Dr. Gerhart von Schulze - Gaevernitz. Erster Band. Verlag von Leipzig, D u n c k e r 1890. & H u m b 1 o t. Vorrede. Das deutsehe Reich war gegründet; nach schweren Kämpfen waren die nationalen Wünsche des deutschen Volkes erfüllt. Da fragte der Besten mancher, was demjenigen Geschlechte zu thun bleibe, das in den fertigen Besitz des Errungenen trete, ob es für dasselbe noch allgemeine Ziele gäbe, welche, wie einst jene nationalen Bestrebungen, eine Schule der Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze sein könnten. Auch hatte es den Anschein, als ob die Thatsachen diesen besorgten Fragern Recht gäben. Der Genufssucht und dem Strebertum, theoretischem wie praktischem Materialismus schien das Geschlecht verfallen, welches die Erbschaft angetreten hatte, das Deutschland, dem geistig wie politisch unter den Mächten der Welt eine leitende Stellung zugekommen war. Aber doch war die Aufgabe, welche dem deutschen Denken und Handeln wieder eine allgemeine Richtung geben konnte, bereits da. Anfangs überhört, klopft die sociale Frage mit eisernem Finger an die Thür einer Gesellschaft, welche Beute der Geldgier und des Ehrgeizes scheint. Mit der Gewalt eines Daseinskampfes erzwingt sie selbst von dem Widerwilligen Beachtung. Die riesenhafte Bewegung, welche zunächst von dem gelernten Arbeiter des Grofsbetriebes ausgehend mehr und mehr die gesamten unteren Schichten der Gesellschaft ergreift, scheint in ihrem Gegensatze zu dem Bestehenden eine Gefahr für unsere ganze Kultur. Dies um so mehr, als sie in gewisser Hinsicht den Charakter einer Glaubensbewegung trägt; jeder Märtyrer, den man ihr schafft, stärkt sie; Machtmittel verschlagen gegen sie wenig. Wodurch wird die Gefahr beseitigt? Wann wäre die Erbschaft, die unsere höchsten geistigen wie sittlichen Güter umschliefst und als deren Verwalter wir verantwortlich sind, als völlig gesichert anzusehen? Dann gewifs, wenn jene Bewegung, die ihr Vernichtung droht, sie in sich aufnähme und selbst der Zukunft zutrüge, wenn sie, statt die bestehende Gesellschaft zu bekämpfen, sich ihr eingliederte und sie fortentwickelte. Dieser Lösung scheinen wir ferner denn je; sie erforderte einen fast unaufbringlichen Betrag von Einsicht auf beiden Seiten, der zugleich ein gutes Stück Selbstverleugnung des Einzelnen enthielte: Einsicht auf Seiten der M a s s e n dahin, dafs der Fortschritt der Menschheit, der in der That nicht in der Hebung weniger, sondern der aller und jedes einzelnen besteht, nur ein allmählicher und friedlicher sein kann. Ist doch, insbesondere in dem Jahrhundert der geschichtlichen Forschung und der Entwicklungslehre, die Meinung völlig unwissenschaftlich, dafs ein idealer Gesellschaftszustand mit einem Schlage durch äufserliche Veränderungen heraufgeführt werden könnte, dafs Fortschritt etwas anderes sei, als die Entfaltung des Bestehenden. Aber eine nicht minder schwere Einsicht auf Seiten der Klassen wird erfordert: dafs wirklich eine neue Zeit mit neuen Forderungen heute da ist und dafs es unmöglich ist, den „neuen Wein in alte Schläuche zu füllen". Indem nun statt dessen auf der einen Seite Überhebung, auf der andern Mifstrauen und Hafs vorwiegt, zerfällt das Volk in zwei Nationen, zwischen denen jedes Verständnis, jede Berührung fehlt, die anders fühlen, — IX — anders denken, die sich, wie einst der spätere Graf von Beaconsfield von seiner Heimat sagte, „so fremd sind, als wären sie unter verschiedenen Zonen geboren". Das deutsche Volk mufs wieder zu einer Nation werden. Dafs dies möglich ist, beweist die Entwicklung des nahe verwandten Volkes, für welches aus wirtschaftlichen Gründen ein Halbjahrhundert früher als für uns dieselbe Daseinsfrage sich erhob. Dies ist der Grund, weshalb ich der socialen Entwicklung Englands ein ganz besonderes Interesse beimesse und mit vorliegender, ihr gewidmeten Arbeit vor die Öffentlichkeit trete. Wenn diese Arbeit, so viel an ihr ist, beitragen soll zur Klärung der öffentlichen Meinung in der Heimat und zur Überbrückung jenes „Golfes, welcher die Klassen scheidet", so ist vorauszuschicken, dafs ich keineswegs einer blinden Nachahmung das Wort rede. Zwar pflegt überall die gleiche wirtschaftliche Betriebsform die ihr entsprechende Gesellschaftsorganisation hervorzurufen, die ihrerseits gegen ähnliche sociale Schäden ähnliche Heilmittel erzeugen wird. Aber auch die Verschiedenheiten sind nicht zu übersehen. Wenn wir einerseits des geordneten Parteiwesens entbehren, wie es Englands Vorzug ist, so haben wir bei aller Zersplitterung unsere Einheit in der Dynastie, die das Reich gemacht hat und die nicht einer einzelnen Klasse angehört, in dem Kaiser, der sich als Sohn seiner Zeit bekannt hat. Wenn ich England als auf dem Wege zum socialen Frieden befindlieh bezeichne, so verstehe ich darunter folgendes: England ist einer friedlichen Lösung der socialen Schwierigkeiten und Gegensätze sicher. Kein Engländer zweifelt daran, gleichviel ob er auf der Rechten oder der Linken stehe, Arbeiter oder Arbeitgeber sei. Nirgends giebt es jene uns wohlbekannte Stimmung des socialen Pessimismus, nirgends in den unteren Schichten der Ge- — X — Seilschaft den Glauben, dafs das Heil allein im Umstürze und der Vernichtung des Bestehenden liege, nirgends in den oberen den Gedanken, dafs es lediglich darauf ankomme, vorher alles gethan zu haben, „um mit ruhigem Gewissen das Schwert ziehen zu können". Die Wissenschaft, die Religion, die Kultur der oberen Klassen wird aber deshalb nicht von den unteren bekämpft, weil es ihre Wissenschaft, ihre Religion, ihre Kultur ist, weil sie sich mehr und mehr als Erben und Träger dieser Güter fühlen. Kirche und Universitäten, die Vertreter der dem wirtschaftlichen Kampf entrückten öffentlichen Meinung, stehen unparteiisch über den Parteien; statt sie als Klasseninstitutionen zu beargwöhnen, erblickt das Volk in ihnen seinen mehr und mehr zu verwirklichenden Besitz. Nirgends begegnet der volkswirtschaftliche Forscher auf Seiten des englischen Arbeiters jenem tief gewurzelten Mifstrauen, welches den deutschen in jedem Manne mit besserem Rock einen Feind und meist einen Geheimpolizisten vermuten läfst. Das englische Volk ist eine Nation. Dies verstehe ich unter socialem Frieden, nicht einen Zustand, der nichts zu thun übrig liefse. Ein solcher ist nicht von dieser Welt. Vielmehr sind, wie wir sehen werden, die Ziele der englischen Arbeiterbewegung weit gesteckt, ihre Kämpfe oft schwer und langwierig, aber beides auf dem Boden des Bestehenden. In letzter Linie erst denke ich, wenn ich vom socialen Frieden rede, an die gewerblichen Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit (strikes etc.), welche, wie das achte Kapitel zeigen wird, ebenfalls im Laufe der Entwicklung in friedliche Formen gegossen werden. Sobald ich aber den Gründen des bezeichneten Zustandes nachging und fragte, wie er sich aus einer vom Klassenhasse zerrissenen Gesellschaft entwickelt habe, die einem jähen Zusammenbruch ausgesetzt schien, so stand ich vor einer Schwierigkeit. Ich hätte zur Beantwortung dieser Frage die gesamte geistige wie sociale Entwicklung Englands in diesem Jahrhundert schildern müssen. Teilschilderungen waren gegeben ; ich nenne vor allem Brentanos Buch über die Gewerkvereine und das Baernreithers über die Friendly societies, Untersuchungen, die ich im folgenden, um Wiederholungen zu vermeiden, voraussetze. Aber hinter diesen Entwicklungen auf dem Gebiet der äufseren Formen des socialen Lebens liegt eine innere, sie tragende und vereinigende Entwicklung: der ungeheuere Gedankenumschwung, welcher von der individualistischen Nationalökonomie und utilitarischen Weltanschauung zu einer socialen Auffassung der Gesellschaft wie der Stellung und Pflichten des Einzelnen in ihr geführt hat. Baernreither erkennt diese letztere Entwicklung als „die Voraussetzung für das Verständnis jedes socialen Instituts und jeder socialen Bestrebung in der Gegenwart Englands" an. Statt daher vielerlei zu geben, schien es mir nützlicher, diese wichtigste Entwicklung verständlich zu machen. Ihr gehören die beiden ersten Bücher vorliegenden Werkes, welche demnach vorwiegend Bewegungen auf dem Gebiete des geistigen Lebens verfolgen. Sind es doch nach Comte die „Ideen", welche die menschliche Geschichte gestalten. Jedenfalls mufs man ihnen einen bedeutenden Einflufs auf die Struktur der Gesellschaft und damit die wirtschaftlichen Verhältnisse zuerkennen, welchen geschichtsphilosophischen Standpunkt man auch einnehme. Erst im dritten Buche gebe ich einen Überblick über die äufseren, socialen Verhältnisse der Gegenwart. Aber auch jener ersten Aufgabe gegenüber blieb ich dem Grundsatze treu, statt durch Einzelheiten zu verwirren, die Hauptsachen in möglichst helles Licht zu setzen, weshalb ich dem gemeinsamen Durchgangspunkte der Entwicklung, Thomas Carlyle, ein besonderes Buch widme, dagegen auf die wichtigsten Verzweigungen der antiindividualistischen Gesellschaftsauffassungen im zweiten Buche eingehe. Eines noch möchte ich hinzufügen. Wir werden im folgenden eine Reihe interessanter, philosophischer und social- politischer Lehren kennen lernen. Ich kritisiere sie nicht. Sie interessieren mich, mögen sie nun richtig oder falsch sein, nur unter dem Gesichtspunkte und insofern, als sie auf die sociale Entwicklung thatsächlich eingewirkt haben. Darin besteht ja eben der gröfste Fortschritt der heutigen Volkswirtschaftswissenschaft, den sie dem deutschen Denken verdankt: sie deduziert nicht mehr aus einer fingierten Menschennatur, sondern nimmt alles für sich in Anspruch, was sie auf Grund der Geschichte als von Einflufs auf die Gestaltung der socialen und wirtschaftlichen Verhältnisse erkannt hat. Schliefsen aber möchte ich die Vorrede nicht, ohne mich der willkommenen Aufgabe des Dankes an die zu unterziehen, welchen ich für das Zustandekommen vorliegender Arbeit verpflichtet hin. Mein Grofsvater hat seiner Zeit die Bedeutung der sittlichen Faktoren neben den von der zeitgenössischen Nationalökonomie allein anerkannten von Kantischem Boden aus betont — ein Boden übrigens, in den auch der im folgenden zu schildernde Gedankenumschwung, wie wir sehen werden, zurückreicht. Schon aus diesem Grunde lag mir stets das Gebiet der Volkswirtschaft nahe, in welches ich durch die Vorlesungen des Herrn Prof. Schmoller eingeführt wurde. Die Anregung zum besonderen Studium der socialpolitischen Fragen aber fand ich in den Werken und in persönlichem Umgang mit Herrn Prof. Brentano, als dessen Schüler ich mich mit Dankbarkeit bekenne. Auf seinen Strafsburger Vorlesungen beruht, wie der Leser sehen wird, der einleitende Teil meines Werkes. Auch bin ich dem genannten Herrn für die gütige Durchsicht sämtlicher Druckbogen vorliegenden Werkes — XIII — verpflichtet. Das Erreichen des mir gesetzten Zieles habe ich aber nicht minder meinen englischen Freunden zu danken, Staatsmännern und Gelehrten, Arbeitgebern und Arbeitern, deren Namen hier aufzuzählen zu weit führen würde. Wird doch im folgenden kaum eine bedeutendere noch lebende Persönlichkeit erwähnt, über deren Standpunkt ich mich nicht durch das Mittel des Gespräches unterrichten durfte. Alle Kapitel, welche nicht vorwiegend geschichtliehen Inhalts sind, d. h. der bei weitem gröfsere Teil meiner Arbeit, wurden im Druckbogen von Männern durchgesehen, welche mitten in der jeweils zu schildernden Bewegung stehen, wodurch ich Irrtümern, so viel als möglich, entgangen zu sein hoffe. An geeigneter Stelle werde ich die Namen dieser Herren dankend erwähnen. Heidelberg, Ostern 1890. Der Verfasser. Inhalt des ersten Bandes. Seite Einleitung. Die Entstehung der Großindustrie und der Klassenkampf 1 I. Das vorrevolutionäre England 3 II. Die Entstehung der Grofsindustrie 15 III. Die Arbeitgeber der Grofsindustrie 24 IY. Der Arbeiter der Grofsindustrie 41 Y. Der Klassenkampf 55 Erstes Bncli. Thomas Carlyle als Socialtheoretiker und Social- politiker 77 Erstes Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Theoretiker 82 I. Carlyles Grundansicht 82 II. Carlyles Theorie der Gesellschaft 112 Die inneren Formen der Gesellschaft 121 Die äufseren Formen der Gesellschaft 128 Positive Zeiten 136 Negative Zeiten 141 Zweites Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Politiker. . 170 I. Carlyles Stellung zur Gegenwart 170 Die inneren Formen 171 Die äufseren Formen 187 Die Frage der Lage Englands 226 II. Carlyles Stellung zur künftigen Entwicklung 233 Die inneren Formen 233 Die äufseren Formen 265 — XVI — Seite Zweites Buch. Die socialen Richtungen der Gegenwart .... 291 Drittes Kapitel. Die Genossenschaftsbewegung 293 I. Der christliche Socialismus, Owen 295 II. Die Entwicklung des Genossenschaftswesens 309 III. Das Glaubensbekenntnis der Genossenschafter .... 325 IV. Der gegenwärtige Stand der Genossenschaften .... 344 A. Die verteilende Genossenschaft (Konsumverein). . 347 B. Die Produktivgenossenschaft 359 Viertes Kapitel. Die Universitätsbewegung 377 I. Pusey und Jungengland . 377 II. John Ruskin und Arnold Toynhee 399 III. Die Universitätsangehörigen in den grofsen Städten, insbesondere Ost-London 429 IV. Die Universitätsausdehnungsbewegung 457 Einleitung. Die Entstellung der Grofsindustrie und der Klassenkampf. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. 1 I. Das vorrevolutionäre England. Das vorrevolutionäre England —• denn auch England hat um die Wende des Jahrhunderts eine Revolution durchgemacht, freilich keine politische — beruhte trotz Verschiedenheit der staatlichen Form auf derselben Grundlage wie die Staaten des europäischen Festlandes. Die Landwirtschaft spielte die erste Rolle sowohl wirtschaftlich, indem auf ihr das Volkseinkommen beruhte, als politisch, weil bei ihr die Macht im Staate und in der Selbstverwaltung lag. Nur der Unterschied bestand, dafs in England infolge des Handels und Kolonialbesitzes das bewegliche Kapital bereits neben den agrarischen GesellschaftSzuständen von weit grösserer Bedeutung war, wie auf dem Festlande. Die Berufsstatistik, soweit eine solche schätzungsweise überliefert ist, giebt ein Bild dieser Gesellschaftsgliederung. Gregory King nimmt für 1688 an: beschäftigt in landwirtschaftlichen Betrieben 1985520 Personen, im Handel 244000 in Gewerbebetrieben 240000 In der ersten Zahl sind nach ihm noch 180000 Bauernfamilien mit 928 000 Angehörigen enthalten. Noch günstiger 1* * 3 ' . esaee I 1 für die Landwirtschaft stellt sich das Verhältnis in Beziehung auf das Nationaleinkommen; ihr entstammten 23,1, dem Handel dagegen nur 4,2, den Gewerben gar nur 2,4 Millionen Pfund Sterling des jährlichen Einkommens. In Städten wohnte nach King damals wenig über ein Fünftel der Gesamtbevölkerung — Verhältnisse, die sich nur allmählich zu Gunsten der Gewerbebetriebe und der Städte verschoben. Defoe erklärt in seiner 1725 erschienenen Reisebeschreibung durch England die südlich der Trent gelegenen Grafschaften Englands — die getreideausführenden und handeltreibenden — für die reicheren und bevölkerteren, während heute der Norden der Hauptsitz der englischen Industrie und damit des Kapitals und der Bevölkerung geworden ist. Wenn nun auch im Laufe des vorigen Jahrhunderts die Gewerbe allmählich an Bedeutung gewannen, so lag doch immer noch der Schwerpunkt der Volkswirtschaft im Ackerbau. Ein Merkmal hierfür ist der Umstand, dafs die meisten Gewerbe noch zünftig für den inländischen Verbrauch arbeiten und nur diejenigen eine bedeutende Ausfuhr aufweisen, deren Rohstoffe Erzeugnisse der heimischen Landwirtschaft sind. So blühte besonders die Wollenindustrie, welche die englische Schafwolle verarbeitete und auf die im Jahre 1770 ein Drittel der gesamten Ausfahr kam. Den wirtschaftlichen Verhältnissen entsprach das staatliche und gesellschaftliche System. Die politische Macht lag beim Grundbesitz. Hervorzuheben ist, dafs der Schutz, den die englischen Könige — ähnlich wie später in ihrem Lande die preufsischen, — dem Bauernstande gewährt hatten, so lange ein Interesse vorhanden war, die in den Bauern steckende Kriegsstärke aufrecht zu erhalten, hinwegfiel, seit zur Zeit Marlboroughs die Ansicht aufkam, dafs der Krieg *f| — 5 — eine Sache des Geldes sei 1 . Die Folge war, dafs im siebzehnten, noch mehr im achtzehnten Jahrhundert der freie Bauernstand schwindet. Der englische Staat befindet sich in den Händen des gröfseren Grundbesitzes, welcher dem Kaufmannsstande, insbesondere der Londoner City, einen gewissen Einflufs einräumt. Hierauf beruht jenes merkwürdige Staatswesen, welches sich seit der Restauration und insbesondere seit der Thronbesteigung des Hauses Hannover entwickelt und lange unverstanden der Gegenstand der Bewunderung ganz Europas war, dessen Kenntnis nicht nur wir, sondern die Engländer selbst erst den grundlegenden Studien Gneist's verdanken. In der Weise der antiken Republiken waren öffentliche Rechte und Pflichten bei einer beschränkten Anzahl besitzender Vollbürger. Unter diesen aber lag die Bedeutung noch bei dem eigentlichen Adel (nobility und gentry), dessen Macht dadurch gehoben wurde, dafs er, weniger abgeschlossen als auf dem Festlande, mit dem reichen Kaufmannsstande sich zahlreich verschwägerte, seinen Grundbesitz durch Familienstiftungen zusammenhielt und sein Vermögen durch das aus dem Kolonialbesitz zuströmende Kapital vermehrte. Die Herrschaft der ländlichen Grundbesitzer, unter denen der Schwerpunkt bei dem grofsgrundbesitzenden Adel liegt, entfaltet sich in dem berühmten System des englischen „Self- government"; öffentliche Verwaltung, Rechtspflege, sowie militärische Gewalt lagen, vermöge des Ehrenamtes, in den Händen dieser Klasse. Wie beschränkt die Anzahl der ihr 1 Vergl. für die Bauernpolitik der preufsischen Könige: Knapp, Die Bauernbefreiung, Leipzig 1887, und für die Wirkungen des Fehlens einer solchen Politik: Dr. C. J. Fuchs, Der Untergang des Bauernstandes und das Aufkommen von Gutsherrschaften in Neuvorpommern und Rügen. Strafsburg 1888. Uber die Bauernpolitik der englischen Könige vergl. Faher, Die Entstehung des Agrarscliutzes in England S. 90, 91. Strafsburg 1888. zugehörigen Vollbürger war, ergiebt folgende von Gneist angeführte Statistik 1 . Im vorigen Jahrhundert betrug die Anzahl der Parlamentswähler höchstens 200 000 Personen, welche fast sämtlich in der Selbstverwaltung beschäftigt waren. Gegen Ende des Jahrhunderts finden sich in England und Wales 3800 Grafschaftsfriedensrichter, doppelt soviel Gentlemen als Milizoffiziere und Deputylieutenants, 10 000 Geschworene, über 100000 Personen die als Constables, Wege-, Kirchen- und Armenaufseher, die gleiche Anzahl von Personen, die in Steuereinschätzungskommissionen öffentliche Dienste leisten — ungefähr also im ganzen die gleiche Zahl, wie die der Parlamentswähler. In ähnlicher Weise lag die Miliz in den Händen der herrschenden Klasse, indem auch sie schon durch Gesetze der Restauration wie die Ämter der Selbstverwaltung an einen hohen Census geknüpft war. Eine gleiche Bedeutung hatte die Käuflichkeit der Offiziersstellen im stehenden Heere. Auf diesem Unterbau erhebt sich die vielgerühmte Parlamentsverfassung , eine durchaus aristokratische Institution und das Mittel, durch welches die herrschende Klasse die Staatsgewalt ausübt. In beiden Häusern sind die nämlichen gesellschaftlichen Elemente vertreten. Das Unterhaus ist eine Vertretung der besitzenden Klassen, d. h. des ländlichen Grundbesitzes, einmal schon durch die oben angeführte beschränkte Zahl der Parlamentswähler, den hohen Census, der für die Mitgliedschaft selbst festgesetzt war, die Diätenlosig- keit, die Ehrenausgaben, die für die Wahl notwendigen Bestechungen, endlich die grofse Anzahl der sogenannten „rotten boroughs", d. h. der verfallenen Wahlflecken, deren Besetzung, einst einer später heruntergekommenen oder ganz verschwun- 1 E. Gneist, Das englische Parlament S. 308. Berlin 1886. denen Gemeinde obliegend, nunmehr in der Willkür des Grundherrn stand. Im Oberhause aber waren die grofsen grundbesitzenden Familien des Reichs noch einmal direkt in ihren Oberhäuptern vertreten. Ihre Macht war deshalb um so lebendiger, als sie mit ihrer Grafschaft noch auf das engste verbunden waren, nieist die höchsten Stellen der Selbstverwaltung in ihr bekleideten: der Adel war, wie Gneist es ausdrückt, Amt geblieben, nicht zum Titel entartet. Auf diesen Grundlagen hat der englische Adel und Grundbesitzerstand vereint mit den Londoner Kaufleuten die grofsartigste Aristokratie aufgebaut, die Europa seit dem Untergange der römischen Republik gesehen. Alle diejenigen Erscheinungen, welche mit der aristokratischen Staatsform und Gesellschaftsverfassung verbunden zu sein pflegen, wiederholen sich hier: einmal ein ungeheurer Aufschwung nach aufsen — in jener Zeit entsteht das britische Weltreich, wird der Mit- bewerb zunächst der Holländer, dann der gefährlichere der Franzosen um die koloniale Vorherrschaft beseitigt und Indien erobert — eine Vorbedingung der gesamten folgenden und auch der heutigen socialen Entwicklung Englands. Dem gegenüber aber fehlt dem Bilde auch nicht die gewöhnliche Schattenseite der Aristokratie: die Ausbeutung der unteren und schwächeren Klassen durch die oberen und mächtigen. Beschränkung der Freizügigkeit, Auswanderungs- und Koalitionsverbote, Entwicklung des Instituts der Fainilienfidei- kommisse, seit 1689 auch Ausfuhrprämien auf Getreide bezeichnen den Geist jener Gesetzgebung. So wurden beispielsweise in den Jahren von 1740—1751 1 515000 jg Ausfuhrprämien für Getreide bezahlt 1 . Soweit das mächtigste Interesse, das der Landwirtschaft, 1 H. Schulze, Nationalökonomisclie Bilder aus England. Jena 1853. nicht in Frage kam, und noch mehr da, wo, wie hei der Wollenindustrie, mit dem industriellen gleichzeitig ein landwirtschaftliches Gewerbe geschützt wurde, wurde auch über Handel und Industrie ein ganzes Füllhorn staatlicher Schutz- und Beförderungsmafsregeln ergossen. Waren es doch die letzteren Erwerbszweige gerade, welche nach der herrschenden inerkantilistischen Theorie Geld ins Land brachten und daher für den Staat am wichtigsten waren. Wie weit jene staatliche Fürsorge ging, beweist z. B. die zu Gunsten der Wollindustrie erlassene Bestimmung, dafs kein Toter ohne Wolle beerdigt werden durfte. Auch der Tod sollte noch dem Absatz der Produkte jener Industrie dienen, auf der, wie man meinte, der Reichtum Englands, d. h. der englischen Aristokratie, beruhte. Die Verhältnisse der gewerblichen Arbeiter aber waren nach Weise des aufgeklärten Polizeistaates autoritativ geregelt. Das Lehrlingsgesetz der Elisabeth von 1562 beschränkte die Zahl der im einzelnen Betriebe zu beschäftigenden Lehrlinge und hatte damit dem erwachsenen Arbeiter Beschäftigung garantirt. Wo diese Vorschriften beobachtet wurden, ver- mifste der Arbeiter die ihm durch sie vorenthaltene Freiheit bei der Regelung des Arbeitsvertrages wenig. Aber gerade der merkantilistische Geist der Gewerbepolitik beschleunigte das Aufblühen der Grofsindustrie, welche, mit der alten Gewerbeordnung unvereinbar, dieselbe durchbrach. Ganz besonders erfreute sich der Handel der Gunst der herrschenden Klasse, die auf das engste mit dem reichen Kaufmannsstande verknüpft war. Handelsinteressen werden insbesondere für die auswärtige Politik in weitestem Mafse mafsgebend. Nicht mit Unrecht hat man die auswärtige, vornehmlich vom Oberhause gemachte, Politik Englands im vorigen Jahrhundert als „Krämerpolitik" bezeichnet. Der Handelsgeist ergreift auch die ländlichen Verhältnisse, welche bisher vom Herkommen geregelt waren. Einmal legt der Kaufmannsstand, um politische Macht zu erlangen, sein Vermögen vornehmlich im Grundbesitz an; sodann aber werden auch die Grofsgrundbesitzer durch Beteiligung an den überseeischen Geschäften zu Kaufleuten. Der Grundsatz, dafs jeder vom andern so viel nehmen solle, als er bekommen könne — ein Grundsatz, der ursprünglich dem Feinde, dem Fremden gegenüber, also zunächst für den Handel, gegolten hatte, wird nun auch auf die ländlichen Verhältnisse übertragen. Die Grundrenten, bisher oft nur zum Zwecke der Anerkennung des Eigentums da, werden nach jenem dem Handel entlehnten Gesichtspunkte gesteigert. Noch mehr: durch die Ausfuhrprämien auf Getreide erhält die Landwirtschaft den Charakter der Exportindustrie. In dein Übertragen städtischer Verhältnisse in das Landleben liegt der eine Hauptgrund für das Verschwinden der kleineren Grundbesitzer. Wirkte dieser Grund mittelbar, so versäumte es die herrschende Klasse auch nicht, direkt durch Ausnutzung der Gesetzgebung in ihrem Interesse den kleineren, ländlichen Besitz zurückzudrängen. In Betracht kommen hier vor allen die zahlreichen Gesetze über Gemeinheitsteilungen (inclosure acts) und die vielfach ungerechte und willkürliche Ausführung derselben. Der Bauernstand Englands, der einst Frankreich erobert hatte, den noch Shakespeare als „Englands kühne Bauernschaft" rühmt, und der noch Cromwells Schlachten geschlagen, war schon zur Zeit der Restauration in Abnahme begriffen. Sein völliges Verschwinden aber fällt in die Zeit der ausschliefslichen Parlamentsherrschaft, als durch Welthandel und Kolonien ungeheure Kapitalien in den Besitz der herrschenden Klasse strömten und ausschliefslich in Grund und Boden angelegt wurden. Wie im alten Rom stehen die Vollbürger und Eigentümer dem persönlichen Betriehe der Landwirtschaft fern. Das Wort „farmer", ursprünglich den Pächter bezeichnend, wird nunmehr auf jeden, der persönlich den Ackerbau betreibt, angewendet, so dafs es heute in England, noch mehr aber in Amerika, ebensogut den Eigentümer bedeuten kann. Unter „landlord" versteht man dagegen nicht mehr, was das Wort eigentlich besagt, den Eigentümer schlechthin, sondern nur den von seinen Pachtrenten lebenden Grofsgrundbesitzer. Diese Veränderung in der Bedeutung der Worte ist bezeichnend für die wirtschaftliche Entwicklung. Es ergeben sich für den heutigen Besitzzustand, welcher sich im grofsen und ganzen während des vorigen Jahrhunderts feststellte, nach den Aufstellungen von Arthur Arnold 1 folgende statistische Resultate, welche die Grundbesitzverhältnisse Englands als durchaus eigentümlich und vom übrigen Europa verschieden erscheinen lassen. 7000 Grundherrn, als Inhaber von 10 900 Landgütern von mehr als 1000 acres, besitzen mehr als vier Fünftel des nutzbaren Landeigentums des Vereinigten Königreichs; in England besitzen die Pairs ein Viertel, in Schottland sogar fünf Pairs zusammen ein Viertel des gesamten Grundbesitzes. Halb England ist im Besitze von 150 Personen, halb Schottland von 75, halb Irland von 35. Wenn die englische Aristokratie wie einst die römische ihre Macht zur Latifundienbildung gemifsbraucht hat, so beruht die Abwendung eines gleich unheilvollen Erfolges für England darauf, dafs infolge einer Umgestaltung der englischen Volkswirtschaft die agrarischen Verhältnisse überhaupt in zweite Linie rückten und ganz andere Faktoren für die Macht und Gröfse Englands die mafsgebenden wurden. 1 Vergl. Arthur Arnold, Freeland 1880. Preuss. Jahrb. 1880. Bd. 46, S. 401 ff. Dieser Umschwung wurde durch eine Eigentümlichkeit der vorrevolutionären Gesellschaft erleichtert, die nicht unerwähnt bleiben darf, ohne dafs das Bild, welches wir in kurzen Zügen zu entwerfen versucht haben, unvollständig bleibt. Die aristokratische Gesellschaftsordnung Englands beruhte nicht auf denselben subjektiven Grundlagen, wie einst das alte Feudalsystem; es entsprach ihr nicht mehr eine gläubig gesinnte Weltanschauung, nicht auf Seiten der beherrschten Masse jene innere Abhängigkeit und Gebundenheit gegenüber den geistig und politisch leitenden Gewalten. Vom Mittelalter war sie durch eine Revolution getrennt, welche bereits einmal das Individuum gegen die Autorität aufgerufen und das Volk bis in die untersten Schichten erschüttert hatte. Volksgeist, wie Philosophie war seitdem individualistisch; ja während sich in England die Aristokratie politisch und wirtschaftlich auf das starrste ausbildete, verbreiteten sich von dort die Ideen, welche einen neuen und verstärkten Ansturm gegen jede autoritative Gesellschaftsgliederung verursachen sollten. „Frankreich war nur der Dollmetscher zwischen England und der Menschheit" sagt Macaulay in seinem Aufsatz über Walpole und bezeichnet damit vortrefflich die Rolle, welche die englischen Schriftsteller jenes Zeitalters, ein Bolingbroke, ein Shaftesbury, ein Bayle und ein Locke für die Vorbereitung der kommenden Revolutionen gespielt haben. Bekannt ist der Einflufs der englischen Philosophie auf Voltaire und Kant 1 . 1 Voltaire wie Kant gestehen den englischen Einflufs zu. So schreibt Voltaire an Marmontel: „je conviens que la philosophie s'est beaucoup perfectionne dans ce siecle; mais ä qui le devons-nous? Aux Anglais." Vergl. Laurent, etudes sur l'histoire de l'humanite XII 320—322, 404. — Kant (Ausg. von Rosenkranz III 9): „Ich gestehe frei, die Erinnerung Humes war eben dasjenige, was mir zuerst den dogmatischen Schlummer 12 — In folgerichtiger Fortbildung des von der Reformation gegebenen Anstofses hatte man in England zuerst das Individuum als Mafsstab des menschlichen Denkens und Wollens begriffen. Über die Partei der sogenannnte Levellers hinaus hatten sich, als die Wellen der religiösen Bewegung sich legten, mehr und mehr skeptische Anschauungen ausgebildet und insbesondere die oberen Klassen der Gesellschaft ergriffen. Wie es nicht die Macht von Ideen, sondern Eigennutz und Bestechung gewesen war, durch welche die sogenannte „ruhmreiche Staatsumwälzung" vom Jahre 1688 zu Stande gebracht wurde, so waren es auch nicht mehr Ideen, sondern lediglich persönliche Triebfedern, welche die englische Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts bewegten. Wenn man nun auf dem Gebiete der Politik die Konsequenzen der individualistischen Weltanschauung zu ziehen unterliefs, wie sich z. B. der Skeptiker Bolingbroke mit den Bischöfen verbündete im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung, so begegnen wir dem gegenüber auf dem Gebiete der Litte- ratur und der Philosophie bereits den äui'sersten Folgerungen einer individualistischen Denkweise: Materialismus und utili- tarischer Moral. Dieser Widerspruch, der zwischen dem Denken und der Gesellschaftsordnung besteht, spiegelt sich vor allem in der Philosophie des Ilobbes. Er ist nach Comte 1 der Hauptbegründer der negativen und revolutionären Philosophie, „welche eine unvernünftige Gewöhnung noch den französischen unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab." — Auch Friedrich der Grofse erkannte, dafs Yoltaire von den Engländern vollständig abhängig sei. Vergl. Briefe des Königs, Oeuvres de Yoltaire. Paris 1824. Bd. LH S. 335, 428. 1 Auguste Comte, Philosophie positive. Troisieme Edition, Paris 1869. V. S. 499, 500. — 13 — Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts zuschreibt, die doch nur ihre Verbreiter waren". Hobbes, selbst Freidenker, ein Vertreter sensualistischer und materialistischer Anschauungen, der mit den überlieferten geistlichen Autoritäten völlig gebrochen hat, ein Aufklärer im vollsten Sinne des Wortes, unterwirft das auf diese Weise scheinbar befreite Individuum völlig der Allmacht des Staates. In dem von ihm gelehrten Gesellschaftsvertrag manifestiert sich dasselbe einerseits als Souverän und erniedrigt sich andererseits zum rechts- und willenlosen Sklaven der Staatsgewalt. Dieselbe setzt den „gesetzlichen Aberglauben" fest, welchen der Unterthan annehmen und ausüben muss; innerlich mag er glauben, was er will. Also reinster Subjektivismus erscheint hier aus dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit mit vollstem Despotismus verbunden. Hobbes ist der Vater aller Freidenker Englands geblieben bis auf den heutigen Tag. Sein Einflufs auf die englische Gesellschaft war ungeheuer, wenn auch, wie in solchen Fragen immer, kaum zu entscheiden ist, wie weit seine Lehren nicht eine Abstraktion bereits vorhandener Zustände, ein Spiegelbild der bestehenden Gesellschaft waren. Die tonangebenden Klassen, dem Skepticismus zugethan, waren durch unzählige Bande des Interesses mit der Staatskirche verbunden, welche nach aufsen mit Ehrerbietung behandelt wurde. War doch die Kirche mit ihren enormen Einkünften die Versorgungsanstalt der jüngeren Söhne der herrschenden Aristokratie. Die unteren Schichten der Gesellschaft, insbesondere auf dem Lande, waren in den Banden der überlieferten religiösen Vorstellungen befangen, in den Augen der oberen Klassen durch sie im Zaume gehalten. Der zwischen beide sich als homo novus einschiebende Industrielle betrachtete jeden Zweifel an der Religion und jede spekulative Bemühung als „unpraktisch" — Anschauungen, wie sie im — 14 — grofsen und ganzen noch heute in England bestehen. Egoismus, in die Formen der „respectability", der Anständigkeit, gekleidet, war in den oberen Schichten der Gesellschaft die einzige Grundlage der Moral, und als solche für den einzelnen, wie für den Staat anerkannt. Er äufserte sich in Hinsicht auf den letzteren in einem System der Bestechung, dessen sich die angesehensten Staatsmänner jener Zeit, wie Walpole und Lord Bute, ohne Scheu bedienten. Dies ist das Bild des vorrevolutionären England, welches an Licht wie Schatten gleich reich ist. Dasselbe ist durch ein agrarisches Wirtschaftssystem, eine aristokratische Staatsverfassung und eine individualistische Aufklärung charakterisiert. Es mufs stets im Auge behalten werden, wenn es sich darum handelt, die englischen Verhältnisse der Gegenwart zu verstehen. Wenn auch durch eine neue Entwicklung überdeckt, lebt die alte Zeit bis weit in unser Jahrhundert, ja bis in die Gegenwart hinein fort. II. Die Entstehung der Großindustrie. Die Umgestaltung der englischen Gesellschaft, wie sie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts beginnt und in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sich vollendet, hatte in letzter Linie, wie alle solche Yeränderungen, wirtschaftliche Ursachen. Freilich sind dieselben nie die aus- schliefslichen Ursachen der socialen Umgestaltungen, wie die Socialdemokratie behauptet, vielmehr kommen wohl immer die überlieferten Ideen, d.h. die Erfahrungen, welche die Menschheit früher gesammelt hat, in Mitwirkung. Auch der Übergang Englands von der aristokratischen zur demokratischen Gesellschaftsordnung läfst sich nicht ohne die schon innerhalb der letzteren entwickelten individualistischen Anschauungen erklären. Den Anstois aber giebt eine wirtschaftliche Veränderung: die Einführung der Grofsindustrie, durch welche zunächst die alte gewerbliche, sodann die politische und sociale Ordnung durchbrochen wurde. Auch hier vollzog sich die Entwicklung allmählich, und wie überall bereitete sich unter den alten Formen unbemerkt das neue System vor. Ein äufseres Bild der wirtschaftlichen Veränderungen giebt die dürftige Statistik. Gregory King schätzt die Einwohnerschaft von England und Wales — 16 — im Jahre 1688 auf 5 500520 1750 betrug dieselbe 6039684 - 1801 - - 9187176. In der viel stärkeren Bevölkerungszunahme in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gelangt der Anfang des Aufblühens des Gewerbbetriebes zum Ausdruck, wie dementsprechend in jener Zeit auch das Verhältnis der städtischen zur ländlichen Bevölkerung steigt. So wohnte nach Arthur Young bereits 1770 die Hälfte der Bevölkerung in Städten. Der letzte Grund dieser Entwicklung liegt in der fortschreitenden Umgestaltung der Absatzverhältnisse. Die mer- kantilistische Handelspolitik hat nach Brentano \ indem sie die mittelalterlichen Absatzverhältnisse umgestaltet hat, auch die Umgestaltung der mittelalterlichen Produktionsverhältnisse angebahnt. Das mittelalterliche Gewerbe war ganz überwiegend auf lokalem Absatz basiert. Dieser war für die Einheimischen durch die schlechten Kommunikationsverhältnisse geschützt. Die wenigen Gewerbe aber, die für den Absatz in die Fremde produzierten, erfreuten sich dort eines durch besondere Privilegien geschützten Absatzmarktes. Unter solchen Verhältnissen kamen die Produktionskosten kaum in Betracht; daher die Löhne der Arbeiter hoch und von den Schwankungen des Marktes unabhängig sein konnten. Das Merkantilsystem führte allenthalben zur Beseitigung der den Fremden erteilten Privilegien. Gleichzeitig begann die successive Besserung der Verkehrsverhältnisse. Damit trat an Stelle der gesicherten Absatzverhältnisse der Beginn eines erbitterten Wertkampfes. Um den Markt zu halten und weitere Märkte zu erobern, wurde man darauf angewiesen, möglichst billig zu verkaufen, 1 Brentano, Die Ursachen der heutigen socialen Not. Leipzig 1889. mehr an der Menge billiger als an dem hohen Preise durch Güte ausgezeichneter Ware zu verdienen, und infolgedessen die Produktionskosten möglichst herabzudrücken. Den Folgen dieser Entwicklung begegnen wir schon sehr früh bei denjenigen Gewerben, welche zuerst auf auswärtigen Absatz arbeiteten: der Tuch mach er ei und der Wirkerei. In ihnen zeigte sich zuerst, dafs die alte zunftmäfsige Ordnung des Handwerks unvereinbar war mit der Notwendigkeit die Produktionskosten zu verbilligen. Wohlhabende Handwerksmeister zogen, um dem Zwang des Zunftstatuts zu entgehen, auf das Land hinaus, gaben dort die Wolle ländlichen Handwebern in Arbeit und begründeten so eine ausgedehnte Hausindustrie, welche ganzen Grafschaften Englands ein verändertes Gepräge verlieh. Diese Entwicklung begann sehr früh. Schon unter Heinrich VIII. wird über die Verödung der Städte geklagt; es wurden damals Gesetze erlassen, welche die Tuchfabrikation auf dem platten Lande verboten — ohne Erfolg. Zahlreiche Arbeiterunruhen in dem Wirkereigewerbe werden bereits aus der Zeit vor Einführung des Fabriksystems berichtet. Bezeichnenderweise haben sie alle die Aufrechterhaltung des bestehenden Rechts zum Gegenstand. Insbesondere erregte es den Unwillen der Arbeiter, dafs die Arbeitgeber das alte Lehrlingsgesetz, wonach niemand mehr als drei Lehrlinge halten sollte, aufser Acht liefsen. Vielmehr fanden sich nicht selten so viel Lehrlinge, d. h. zumeist von der Armenverwaltung gelieferte Kinder, für welche die Lehrherrn noch bezahlt wurden, dafs die erwachsenen Arbeiter durch sie vielfach verdrängt wurden. Dieselben rächten sich durch Zerschlagen der Strumpfwirkerrahmen und Arbeitsausstände, an denen das vorige Jahrhundert schon so reich war, dafs man es das Jahrhundert der Arbeitsausstände nannte. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. v 2 — 18 — Besonders deutlich vollzog sich der bezeichnete Umschwung in der Tuchweberei, welche, wie gesagt, im vorigen Jahrhundert noch die Hauptindustrie Englands war. Dieselbe unterlag dem Lehrlingsgesetz der Elisabeth (5 Eliz. c. 4), welches auf einen handwerksmäfsigen Betrieb berechnet war. Danach durfte niemand in dem Gewerbe als Meister oder Geselle arbeiten, welcher nicht sieben Jahre Lehrling gewesen war. Die Zahl der Lehrlinge war beschränkt auf drei für einen Gesellen; auf jeden Lehrling über drei sollte je ein erwachsener Geselle kommen. Die Arbeitszeit war auf zwölf Stunden im Sommer und im Winter auf die helle Tageszeit beschränkt; der Arbeitsvertrag durfte nicht unter einem Jahre abgeschlossen werden; der Lohn wurde jährlich durch die Friedensrichter festgesetzt, und zwar in der Weise, „um der gemieteten Person sowohl in Zeiten des Mangels wie des Überflusses ein passendes Verhältnis des Lohnes zu gewähren". Diesen gesetzlichen Bestimmungen entsprachen die that- sächlichen Zustände. Die Industrie wurde durch Meister betrieben, welche selbst die Lehrlingszeit durchgemacht hatten; die Zahl der erwachsenen Arbeiter pflegte gröfser als die der Lehrlinge zu sein. In abgelegenen Orten erhielten sich diese Verhältnisse lange; z. B. in Armley, einem kleinen Weberdorfe von 4—5000 Einwohnern, gab es 1806 nur siebzehn Lehrlinge, und von diesen nur vier, die auf kürzere Zeit als sieben Jahre gedungen waren. Die Beschäftigung unter solchen Verhältnissen war regelmäfsig, indem bei schlechtem Geschäft Meister, Gesellen und Lehrlinge in Hoffnung auf die Zukunft weiterarbeiteten und vom Meister erhalten wurden. Derjenige Schritt, durch welchen schon vor Anfang des vorigen Jahrhunderts, die bezeichneten Zustände durchbrochen wurde, ist Verlegung der Industrie auf das platte Land, wo das Gesetz nicht galt. Zuerst blieb die Hausindustrie bestehen, aber so, dafs die ländlichen Weber nicht mehr für eigene Rechnung, sondern für einen Händler, der den Rohstoff lieferte, arbeiteten. Dann kamen die Fabriken, welche an Flüssen und Bächen angelegt wurden und die Arbeiter vereinigten, zuerst so, dafs die Webstühle an sie vermietet wurden, sodann so, dafs die Arbeiter für den Besitzer der Fabrik auf dessen Rechnung arbeiteten. Hiermit entstand eine Klasse von Arbeitgebern, welche nie Lehrlinge gewesen waren. Während früher das Tuch solcher Meister nicht zu den gemeinsamen Kaufhallen zugelassen war, so fiel diese Unterscheidung 1796 hinweg. Bereits längst war auch in den Städten, für die das Lehrlingsgesetz galt, eine Bestimmung nach der andern in Wegfall gekommen. Bereits 1720 hatte die Festsetzung der Löhne durch die Stadtbehörden aufgehört. Alsdann fielen die Bestimmungen über das Lehrlingswesen in Vergessenheit. Interessant in dieser Hinsicht ist die Geschichte der 1796 gegründeten „Institution" zu Halifax, einer weitverbreiteten Verbindung von Wollarbeitern, welche zugleich einen der frühsten Gewerkvereine darstellt. Der Zweck des Vereins war, die gesetzlichen Bestimmungen beziehentlich des Lehrlingswesens aufrechtzuerhalten und Verletzer derselben gerichtlich zu verfolgen. Die Thätigkeit dieses Vereins erwies sich für die Grofsindustriellen sehr unangenehm, indem sich denselben auch viele zum Teil wohlhabende Handwerksmeister des Gewerbes anschlössen. Die grofsen Arbeitgeber erwirkten zuerst 1799 ein Suppressivgesetz (39 George III c. 81; 39 und 40 George III c. 106) gegen diese und ähnliche Gesellschaften, dem jedoch die Arbeiter sich entzogen, indem sie dem Scheine nach aus dem Gewerkverein 2* eine „friendly society" machten. Nachdem auf Grand der älteren Lehrlingsgesetze (5 Eliz. c. 4; 5 und 6 Edward VI c. 22; 2 u. 3 Philipp and Mary e. 11) die Institution wiederholt Verurteilungen gegen die Arbeitgeber erwirkt hatte, wufs- ten letztere vorläufige Suspension der Gesetze herbeizuführen (1803). Obgleich die „Institution" 10000 Pfd. Sterl. für eine Propaganda zu Gunsten der Gesetze, Petitionen etc. ausgab, wurden sie 1814 aufgehoben. Noch leichter war es natürlich der Grofsindustrie, die gesetzliche oder gewohnheitsmäfsige Regelung des Lehrlingswesens in denjenigen Gewerben zu durchbrechen, welche entweder gar nicht, wie die Baumwollindustrie, dem Gesetz der Elisabeth unterstanden oder ihm nur durch königliche Charter unterworfen waren, wie die Wirkerei und die Messerfabrikation, indem hier die Korporation der Arbeitgeber angewiesen war, „das Gesetz des fünften Jahres der Elisabeth cap. 4 und alle andern Gesetze in Beziehung auf Lehrlinge und die Beschäftigung im Gewerbe durchzuführen". Schon im Anfang wurden in der Wirkerei unbeschränkt Lehrlinge gehalten; daher gerade hier fortwährende Arbeiterunruhen. Wenn so die aufkommende Grofsindustrie die alte Zunftordnung allenthalben durchbricht, so benutzt sie zu ihrer Verteidigung die neu auftretende physiokratische Lehre. Von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus erklärte man die bisherige Ordnung mit einem angenommenen Naturrecht in Widerspruch. Der von ihr empfohlene freie Arbeitsvertrag mit den kurzen, das Risiko des Unternehmers mindernden Kündigungsfristen ist ein Ergebnis des alles beherrschenden Strebens nacli Erniedrigung der Produktionskosten. Insbesondere bediente man sich der Lehren des Adam Smith, als es sich um Abschaffung des Lehrlingsgesetzes (1814) handelte. — 21 — Nicht als Ursache der wirtschaftlichen Veränderung, wie man vielfach insbesondere nach dem Vorgange Gaskells 1 angenommen hat, sondern vielmehr als Folge derselben erscheinen die Fortschritte der Technik, unter denen die Erfindungen der Dampfmaschine (1764) und des mechanischen Webstuhls (1767) die hervorragendsten sind. Sie alle erklären sich aus der eingetretenen Notwendigkeit, die Produktionskosten möglichst herabzusetzen. Die Hausindustrie, welche, wie wir oben sahen, das Mittelglied zwischen der alten Zunftordnung und dem modernen gewerblichen System bildet, ging damit in den Fabrikbetrieb über, zuerst in sogenannten „public mills", wo die Webstühle vereinigt und den Webern gegen Miete überlassen wurden. Durch die Entwicklung der Dampfmaschine wurde die Industrie vom Bache oder Flusse unabhängig und kehrte nun wieder in die Stadt zurück, weil dort unter gleichen Bedingungen die Arbeitskräfte leichter und durch gesteigerte gegenseitige Konkurrenz billiger zu haben waren. Daher gegen Ende des Jahrhunderts und Anfang des neuen das ungeheure Anschwellen der Städte, oft bisher durchaus unbedeutender Orte. Neue Mittelpunkte des nationalen Lebens entstanden, in denen Kapital und Bevölkerung mit wunderbarer Schnelle zusa mm enflössen. Damals erst sah die moderne Grofsstadt das Tageslicht und mit ihr jener Zustand, den der Engländer bezeichnenderweise „Atomisierung der Gesellschaft" nennt. Denn diese zufälligen und plötzlichen Zusammenhäufungen von Menschen waren nicht, wie die alten Grafschaften und Boroughs lebende, historische Einheiten; daher 1 Gaskell, Artisaiis and Mächinery. London 1838. Das Buch ist Hauptquelle für das bekannte Buch von Engels: „Die Lage der arbeitenden Klassen in England" 1843. — 22 — denn der Einzelne zunächst nirgends isolierter ist, als in der modernen Industriestadt. Auch hier findet sich das Bild der Entwicklung deutlich in der Bevölkerungsstatistik wiedergespiegelt. Von 1801 bis 1841 vermehrt sich die Bevölkerung fast um 50%, während die Städte in noch viel rascherem Verhältnis anwachsen. Nach einer dem Buche von Gaskell entlehnten Statistik vermehrte sich in den Jahren 1801—1881 die Bevölkerung von Liverpool um 188%, die von Manchester um 151%, die von Glasgow um 161%. Die geschichts- und zusammenhanglosen Massen, welche der Industrie ihr Dasein verdankten, traten dem aristokratisch gegliederten England entgegen — gleichsam wie zur Probe auf die Theorie der Zeit, welche aus dem durch die Gesellschaft unverdorbenen Individuum eine Idealgesellschaft aufbauen zu können vermeinte. Aus diesem Gegensatz erklärt sich die politische Entwicklung der folgenden Jahrzehnte, welche England von einem aristokratischen in ein demokratisches Staatswesen umwandelte. Ehe wir aber hierauf eingehen, müssen wir zunächst darauf hinweisen, dafs England den grofsen Umschwung, welchen das Aufkommen des Industrialsystems herbeiführt, von allen europäischen Ländern am ersten durchmachte. Der Grund hiervon lag darin, dafs England bereits, dank der Politik seiner Aristokratie, das erste Handelsland Europas war, daher seine aufkommende Grofsindustrie dem Weltmarkt näher lag, als die aller anderen Länder. In demselben Grade wie Englands Handel, Englands Schiffahrt, Englands Kolonien und Kapitalien denen der übrigen Länder überlegen waren, in demselben Mafse war auch die englische Industrie von vornherein überlegen, wenn es sich um den Erwerb auswärtiger Märkte — 23 — handelte. Besonders rnufs in dieser Hinsicht auf den ungeheuren Aufschwung der Baumwollindustrie hingewiesen werden, welcher jedenfalls mit dem Kolonialbesitz Englands, dessen Rohprodukt die Baumwolle war, zusammenhängt. Diese Industrie war zwar nicht diejenige, in der sich die Auflösung der alten gewerblichen Ordnung am frühesten vollzog, wie man nach dem Vorgänge Gaskells irrtümlicherweise angenommen hat. Vielmehr vollzog sich diese Entwicklung zuerst in den alten heimischen Gewerben, insbesondere der Tuchfabrikation. Aber allmählich wurden diese durch die Baumwollindustrie weit überflügelt. Die Einfuhr von Baumwolle, die Ausfuhr von Baumwollengeweben und damit die Bevölkerung und Bedeutung der Grafschaft Lancashire nehmen gegen Ende des Jahrhunderts in geradezu unerhörter Progression zu. In den Jahren von 1751—1771 hat sieh die Baumwolleneinfuhr verdoppelt, von 1780—1800 dagegen verzehnfacht; die Ausfuhr von Baumwollgeweben hat sich in derselben Zeit sogar verfünfzehnfacht. Seitdem war die Baumwollenindustrie diejenige, in welcher sich die Wirkungen der neuen Wirtschaftsverhältnisse am frühesten und reinsten ausbildeten, deren Arbeiter am meisten unter dem Druck derselben zu leiden hatten, zugleich in allen Arbeiterbewegungen vorangingen und späterhin am frühsten auch der Erfolge, welche die arbeitenden Klassen errangen, teilhaftig wurden. 4 ; III. Der Arbeitgeber der Großindustrie. Welches waren nun die Wirkungen der Umgestaltung des Gewerbebetriebes? Zwei Klassen von Menschen sind mit ihr entstanden: der moderne Arbeitgeber und der moderne Arbeiter. Beide sind im vollsten Sinne des Wortes homines novi, ungewohnt in den Verhältnissen in die sie hineingekommen sind, und in denen sie sich nicht ohne Jahrzehnte schwerer Kämpfe und Leiden einrichten konnten. Die Arbeiter waren zumeist frühere Landleute, Angehörige der niedergehenden Hausindustrie, entlassene Soldaten; die Arbeitgeber gingen, wie Gaskell bestätigt, aus ihnen fast aus- schliefslich hervor. Es waren Arbeiter oder bisherige Hausindustrielle, welche durch Verstand und Energie über ihre Berufsgenossen hervorragten. Diejenigen, welche Kapital von aufsen in die Industrie Inneinbrachten, haben dasselbe fast stets wieder verloren, indem sie der Konkurrenz jener „seif made men" unterlagen. Gaskell erklärt diese Erscheinung in folgender Weise: „Auch wird sich niemand über diese That- sache wundern, wenn man überlegt, mit wem sie zu kämpfen hatten. Sie hatten als Gegner Leute, die mit den Maschinen gründlich vertraut waren und selbst eifrig und sorgsam arbeiteten, während den Kapitalisten seine frühere Erziehung in mancher Beziehung unfähig gemacht hatte für jene Schnei- — 25 — ligkeit des Handelns und der Berechnung, welche wesentlich waren, wenn er mit den täglichen Verbesserungen, die rings um ihn neu ausgeheckt und ausgeführt wurden, Schritt halten wollte." Die erste Generation der Industriellen, in deren Händen das neuerworbene Kapital zusammenströmte, gehörte also den ungebildeten Klassen an. Sie werden uns als roh und brutal geschildert. Kein Angehöriger der alten, guten Gesellschaft hätte sie als „gentlemen" gelten lassen. Jene Mäfsigung, welche dem ererbten Reichtum Familientradition, sociale Rücksichten und moralische Vorstellungen aufzulegen pflegen, war ihnen fremd. Hieraus erklärt sich die Rolle, welche der Fabrikant in den zeitgenössischen Romanen spielt. Er tritt uns in ihnen als ein ungebildeter Mensch entgegen von rüden Gewohnheiten, sinnlich, in seinen Genüssen über dem Arbeiter in nichts erhaben. Er prunkt mit seinem erworbenen Reichtum in geschmackloser Weise, wohl in dem Gefühl, von der guten Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Jede edlere Regung des Gefühls ist ihm fremd. Zunächst handelt es sich für die aufkeimende Grofs- industrie darum, die alte gewerbliche Ordnung zu beseitigen, welche den Arbeiter in mancher Beziehung schützte. Eine vortreffliche Handhabe hierzu bot die Selbstverwaltung, insbesondere das Amt des Friedensrichters, welches in den gewerbtreibenden Gegenden in die Hand der Arbeitgeber gelangte. Eben infolgedessen wurden die alten Gesetze, welche das Arbeitsverhältnis regelten, insbesondere das Lehrlingsgesetz der Königin Elisabeth, lange nicht mehr ausgeführt, bevor sie rechtlich abgeschafft waren. Die Arbeiterbewegungen aus der ersten Zeit des gewerblichen Umschwungs hatten fast immer den ausgesprochenen Zweck, wenn nicht mehr die alten Gesetze wieder in Kraft zu setzen, so den Erlafs neuer Gesetze auf alter Grundlage herbeizuführen. So lange die Agrarier die Macht in den Händen hatten, mufsten die industriellen Arbeitgeber stets besorgt sein, dafs jene, von Eifersucht gegen den wachsenden Reichtum der Industrie getrieben, den Forderungen der arbeitenden Klassen Gehör schenken würden. In der That haben derartige Versuche nicht gefehlt, so z. B. der einer gesetzlichen Lohnregelung. Immer aber scheiterten sie an der Unzulänglichkeit der Verwaltung. So erwies sich das System der englischen Verwaltung für die Arbeiter höchst ungünstig. Der Arbeitgeber, welcher die Ämter der Selbstverwaltung bekleidete, war mit den arbeitenden Klassen nicht mehr durch jene patriarchalischen Bande verknüpft, wie der ehedem herrschende Landsquire. Es war der wirtschaftliche Gegner derer, denen gegenüber er die unparteiische Staatsgewalt vertreten sollte. Über die Willkür und Parteilichkeit der Friedensrichter wird in jener Zeit allseitig geklagt. Der Arbeiter werde grob und brutal ■ behandelt, blofse Armut werfe den Verdacht aller möglichen Verbrechen auf ihn, seine Verteidigung werde nicht gehört, und wenn man ihm nichts beweisen könne, so bleibe immer noch übrig, ihn als „rogue and vagabond" (Schuft und Vagabunden) in die Tretmühle zu schicken — dies waren oft und nicht ohne Grund gehörte Beschwerden. Insbesondere ist es dem Friedensrichter zuzuschreiben, wenn das Lehrlingsgesetz der Elisabeth und das Gesetz vom 29. Juli 1800, welches, abgesehen davon, dafs es Koalitionsverbote erliefs, die Bestimmungen über die Beschäftigung der Arbeiter ausdrücklich aufrecht erhielt, keine Anwendung fanden. In der That war das Amt des Friedensrichters, weil in der Hand der einen Partei befindlich, ungeeignet, zwischen Arbeiter und Arbeitgeber zu vermitteln. Als man später zu — 27 einer Fabrikgesetzgebung und ähnliehen Malsregeln schritt, sah man sich genötigt, ihre Durchführung und die Schlichtung der durch sie hervorgerufenen Streitigkeiten Berufsbeamten anzuvertrauen. Auch die englische Rechtspflege, wenn zwar nicht so direkt in den Händen der Arbeitgeber wie die Verwaltung und die vom Friedensrichter auszuübende Gerichtsbarkeit, wirkte doch in gleichem Sinne. Es ist hervorzuheben, dafs die Rechtsprechung, welcher bei dem Gewicht der Vorentscheidungen in gewisser Weise eine rechtsbildende Kraft zukommt, den Arbeitgeber in der wirksamsten Weise bei der Beseitigung der alten Gewerbeordnung unterstützte. Insbesondere erfuhr das Lehrlingsgesetz der Elisabeth, welches ursprünglich auf das ganze Land und alle Gewerbe berechnet war, eine einschränkende Auslegung. Aber auch dort, wo unbestreitbar dieses Gesetz verletzt wurde, blieb der Arbeitgeber meist unverfolgt. Dem unorganisierten Arbeiter wegen ihrer enormen Kostspieligkeit unzugänglich, diente die Rechtspflege fast ausschliefslich dem Interesse des Arbeitgebers. Er allein war imstande die Gerichte anzurufen, bis auch hier die eintretende Organisation der Arbeiter Abhülfe schuf, welche sie in den Stand setzte, Sachwalter zu dingen und ihre Rechte gerichtlich zu verfechten. Der erste dieser Advokaten war Roberts, welchen die Grubenarbeiter von Northumber- land und Durham anstellten, und dessen Verdienste um die Bekämpfung des Trucksystems und die Verfolgung parteiisch gesinnter Friedensrichter ihrer Zeit in England hoch gefeiert wurden. Hatten die öffentlich rechtlichen Einrichtungen, wie sie aus dem aristokratischen England des vorigen Jahrhunderts überkommen waren, die Arbeiter der neu aufkommenden Industrie den Arbeitgebern wehrlos überliefert, so mufste es — 28 — den letzteren vor allen darauf ankommen, dieses Verhältnis dadurch zu sichern und womöglich auszudehnen, dafs sie auch die politische Macht an sich rissen. Zwar hatten sie bereits im Jahre 1814 die Gesetzgebung zu einem wichtigen Schritt in ihrem Interesse bestimmt, indem sie Aufhebung des alten Lehrlingsgesetzes erreichten. Sie verdankten diesen Erfolg wohl vor allen der Teilnahmlosigkeit der herrschenden Agrarier, welche sich nicht unmittelbar gefährdet sahen. Wurden doch sogar die Debatten über das Gesetz durch wiederholte Auszählung des Hauses unterbrochen. Aber noch waren die industriellen Arbeitgeber nicht soweit im Besitze der Gesetzgebung, um aus ihr ein Werkzeug des Klasseninteresses zu machen und nicht Rückschläge von Seiten der eifersüchtigen Agrarier fürchten zu müssen. So wurden sie, die Besitzenden, die radikale oder die Umsturzpartei. Mit der wachsenden Bedeutung der Industrie und dem Zurücktreten der Landwirtschaft hinter dieselbe werden ihre politischen Forderungen immer nachdrücklicher. Dabei bediente man sich, um die Gegner einzuschüchtern, der städtischen Massen als willkommener Bundesgenossen. Noch waren hier die Mächte ungetrennt, auf die sich sämtliche Bewegungen zurückführen lassen, welche die innere Ruhe Europas in diesem Jahrhundert erschüttern: das radikale Bürgertum und der revolutionäre Arbeiterstand. Dem vereinten Ansturm beider, unter dem aber das erstere, das heilst der Stand der Industriellen, die Führung ausübt, konnten die herrschenden Klassen auf die Dauer nicht widerstehen — um so weniger als ihnen der Rückhalt an einer breiten Masse des bäuerlichen Mittelstandes fehlte. Bildete doch den Hauptbestandteil der ländlichen Bevölkerung bereits der „agricultural la- bourer" d. h. der Tagelöhner. Derselbe aber war keine — 29 — Stütze der bestehenden Ordnung; als er politisch zu denken anfing, folgte er vielmehr den Bewegungen seines städtischen Genossen, sodafs England, nachdem einmal das Wahlrecht auf die Massen ausgedehnt worden ist, nunmehr — ein für den Kontinentalen seltsames Schauspiel — einen gröfseren Radikalismus der ländlichen Wahlen als der städtischen aufzuweisen pflegt. Freilich waren damals diese Elemente von dem politischen Kampfplatz noch völlig fern. Der Streit und die Macht entbrannte vielmehr ausschliefslich zwischen der bisherigen Aristokratie und der neu aufkommenden Grofsindustfie, welche vor allen die gesetzliche Regelung der gewerblichen Verhältnisse in ihre Hand zu bekommen trachtete. Den Höhepunkt dieser Bewegung bildet die von Lord Rüssel 1831 eingebrachte Reformbill. Die französische Julirevolution hatte das Verlangen nach einer demokratischen Umgestaltung der Verfasssung so sehr gesteigert, die Leidenschaft des Volkes so sehr erregt, dafs man von einem gewaltsamen Umsturz wenig entfernt war. Ein privates Eingreifen des Königs hat das schlimmste verhindert, indem es die weltgeschichtliche Abstimmung des Hauses der Lords vom 4. Juni 1832 herbeiführte, womit die bisher herrschende Klasse abdankte. Jedoch wird die Zahl der bei Gelegenheit der Reformbill begangenen Verbrechen von Lord Gray auf 9000 berechnet, gegen welche zum grofsen Teil von den Geschworenen keine Schuldsprüche mehr zu erlangen waren. Thatsächlich hatte hiermit auch England seine politische Revolution durchgemacht. Denn wenn man auch äufserlich an die bestehenden Formen angeknüpft hatte, so war doch der Schwerpunkt des Staats völlig verrückt worden. Indem die städtischen Mittelklassen, insbesondere die gewerblichen Arbeitgeber, die mafsgebenden wurden, welche im gewerb- I | .*• ? i ' BBiHiHiHHHHHHH liehen Leben beschäftigt, nicht mehr die Zeit hatten, im Ehrenamt die Staatsgeschäfte zu verrichten, so rnufste mit der Umgestaltung der Verfassung auch das bisherige System der Verwaltung allmählich undurchführbar werden. Es versagte zuerst in den grofsen Mittelpunkten der Industrie. Hierauf beruht die Bureaukratisierung der englischen Verwaltung d. h. ihr Übergang in die Hände bezahlter Beamten, welche für das England der Gegenwart bezeichnend ist. Sie erscheint als eine Art Ablösung bisher in natura geleisteter Pflichten. An ihre Stelle tritt nun die alleinige Pflicht, die Ausgaben des Staates für den notwendig werdenden Verwaltungsmechanismus durch Steuern zu decken; damit aber war eine Beschränkung des Wahlrechts auf die Dauer nicht mehr aufrecht zu erhalten, wenigstens soweit Steuerzahlung vorlag. Denn während bisher genossenschaftliche Verbände das Wahlrecht ausgeübt hatten und das „house of commons" nicht das Haus der Gemeinen sondern der Gemeinden (com- munitates) gewesen war, so hatte dasselbe nunmehr aufgehört, wie der spätere Graf von Beaconsfield geistreich ausdrückte, „ein Stand" (estate) zu sein. Es wurde mit fortschreitender Auflösung der Selbstverwaltung und der auf ihr beruhenden Zusammenhänge der Wahlkörper zu einem „Volkshause" nach kontinentaler Schablone. Das Wahlrecht hört damit auf, ein Socialrecht zu sein, d. h. aus der Zugehörigkeit zu genossenschaftlichen Verbänden herzufliefsen; es wird zum Individualrecht, welches dem einzelnen an sich zukommt. Aus diesem Grunde ist es der zur Herrschaft gelangten Klasse, welche zunächst die der industriellen Arbeitgeber war, auf die Dauer unmöglich, die von unten herandrängenden Massen vom Staate auszuschliefsen. Die alten gesellschaftlichen Bande sind gesprengt; auch an der Steuerzahlung als Vorbedingung des Wahlrechts festzuhalten, wird man jenem — 31 — Ansturm gegenüber aufgeben müssen. Die Demokratisierung der Verfassung wird fortschreiten und die Entwicklung keinen Halt finden, bis das Wahlrecht zu einer Art voraussetzungslosen Naturrechts geworden ist. — Wie die politischen Bewegungen, welche in der Reform- bill ihren Mittelpunkt finden, so haben auch die gleichzeitigen auf dem Gebiete der Wissenschaft, insbesondere der Nationalökonomie, die Bedeutung, die Herrschaft der Arbeitgeber der neuaufkommenden Grofsindustrie zu begründen und auszudehnen: die sogenannte „klassische Nationalökonomie", deren Blüte in jene Zeit fällt. Nicht dafs der Begründer jener ebensoviel gerühmten, wie viel geschmähten Richtung, Adam Smith, bewufst im Interesse der Arbeitgeber geschrieben hätte. Im Gegenteil, eine ausgesprochene Sympathie mit dem Arbeiter beseelt diesen Schriftsteller. Aber er gehörte einer anderen Zeit an. Wenn er, gleich den französischen Physiokraten, insbesondere Turgot, Aufhebung aller gesetzlichen Beschränkungen des Arbeitsverhältnisses verlangte, so hatte er das monopolistische Recht der Zünfte im Auge und stellte jene Forderung im Interesse der Arbeiter. Wie sehr das letztere bei ihm überwog, zeigt jener später berühmt gewordene, im Streite der Parteien so viel angewandte Ausspruch, dafs die Arbeitgeber sich stets in einer stillschweigenden Verabredung befänden, den Lohn nicht zu erhöhen. Als man ein halbes Jahrhundert nach dem Entstehen dieser Ideen Adam Smith hervorzog, da war der Umschwung bereits erfolgt 1 . Die Freiheit, die den Arbeiter dem kleinen 1 Bezeichnend für diesen Umschwung ist, dafs die Arbeiter in Frankreich jubeln, als Turgot 1776 die Zünfte aufhebt, dafs dagegen die Aufhebung des Elisabethschen Lehrlingsgesetzes 1814 sich unter dem Widerstande der Arbeiter vollzieht. — 32 — Handwerksmeister gegenüber emporheben sollte, mufste ihn dem kapitalkräftigen Grofsindustriellen gegenüber noch tiefer hinabdrücken. Lediglich im Interesse des letzteren wurde Adam Smith ausgebeutet, was sich z. B. daraus ergiebt, dafs man die Aufhebung der Koalitionsverbote, die ebenso wie die des Lehrlingsgesetzes aus ihm zu folgern gewesen wäre, unter- liefs. Dagegen betrachten seine Nachfolger die wirtschaftlichen Verhältnisse von vornherein vom Standpunkt des Arbeitgebers, insbesondere Ricardo. Adam Smith konnte dies noch nicht thun, weil es zu seiner Zeit den modernen Arbeitgeber noch nicht gab 1 . Der Merkantilismus war ebenso individualistisch gewesen, wie die physiokratische Doktrin; beiden ist das Wohlsein des Individuums letztes Ziel des menschlichen Handelns und ihr Unterschied liegt lediglich auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik d. h. den Wegen, die empfohlen werden, jenes Ziel zu erreichen. Entsprechend ihrem individualistischem Grundcharakter, läfst die klassische Nationalökonomie das Individuum allein von egoistischen Antrieben — für sie ist es der „Erwerbstrieb" und der „Geschlechtstrieb" — bewegt werden. Aber ihre Eigentümlichkeit ist, dafs sie in Übereinstimmung mit der Philosophie ihrer Zeit an Stelle der thatsächlich so verschiedenartig ausgestatteten Glieder der Gesellschaft abstrakte, einander gleichartige und gleichausgestattete Individuen setzt. Hieraus leitet sie die Nützlichkeit eines freien Wettbewerbs aller mit allen ab, da ja ein jeder sich am besten auf den eigenen Vorteil verstehe und ihn am eifrigsten verfolge. Mit der Freigebung des Wettbewerbs aller, so behauptete man, werde sich von selbst eine gesellschaftliche Harmonie einstellen. Wenn wir heute noch von 1 Vgl. Brentano, Die klassische Nationalökonomie. Leipzig 1888. — 33 — derselben entfernt seien, so beruhe dies darauf, dafs das Individuum noch nicht genügend entfesselt sei und durch Sitten, Überlieferungen, vor allein aber durch staatliche Einrichtungen an der freien Entfaltung seiner Kräfte gehindert werde. Es ist klar, dafs dies eine Lehre der wirtschaftlich Starken und Fortgeschrittenen ist, welche von der Fiktion des abstrakten Individuums allein den Vorteil zu ziehen vermögen. Daraus abgeleitete Anschauungen, wie z. B. die, dafs der Arbeiter reiner Warenverkäufer sei, und als solcher unter den Gesetzen des Angebots und der Nachfrage stehe, dafs der Lohn sich allein als Quotient der Bevölkerung und des vorhandenen Kapitals bestimme, mufsten alle vorhandenen Bestrebungen der unteren Klassen, ihre Lage zu bessern, als widersinnig erseheinen lassen. Indem man diese und andere Deduktionen aus dem irrtümlichen Princip für Naturgesetze erklärte, schien jeder staatliche Eingriff in wirtschaftliche Verhältnisse verwerflich. Es entstand jene Generation der „wissenschaftlichen Staatsmänner", welche folgerichtigermafsen über die Berechtigung ihres eigenen Daseins hätten zweifelhaft sein müssen. Bis gegen die Mitte des Jahrhunderts wurde insbesondere jede staatliche Regelung des Arbeitsverhältnisses damit bekämpft, dafs die „Arbeit das einzige Eigentum des armen Mannes sei, und dafs eine Einmischung in dieselbe — um ihren Verkauf durch gesetzliche Mafsregeln zu beschränken — ein gefährlicher Eingriff in die Rechte des armen Mannes wäre" 1 . Ebenso erschien auf Grund jener Lehren jede private Bemühung um die Hebung der arbeitenden Klassen nutzlos. Lord Brougham, dessen Reden als Ausdruck der liberalen Durchschnittsmeinungen seiner Zeit anzusehen 1 H. Martineau, Geschichte Englands. Aus dem Englischen. Berlin 1853. Bd. IV S. 118. v. Scliulze-Gaeyernitz, Weg z. soc. Frieden. 3 — 34 — sind, erklärte jede Wohlthätigkeit als einen Eingriff in einen natürlichen Gesundungsprozefs, welcher sich durch Steigerung der Sterblichkeit und dadurch eintretende Lohnerhöhung vollziehe. In gleicher Weise sprach sich die zur Beratung des Armengesetzes von 1834 eingesetzte Kommission dahin aus: „um die Armut abzuschaffen, sei das Wichtigste ein staatliches Verbot des Almosens". Wie überhaupt auf dem Gebiete der Lebenserscheinungen Wirkung und Ursache sich gegenseitig kreuzen, so ist dies auch hinsichtlich der klassischen Nationalökonomie und ihrer weiteren Ausartung, der sogenannten Manchesterlehre der Fall. Einmal erscheint sie als der Niederschlag der wirtschaftlichen Verhältnisse, des Geistes und des Strebens der aufstrebenden Mittelklassen, wie sie sich seit dem sechzehnten Jahrhundert entwickelt hatten. Und dann hat sie nach Entstehung des Grofsbetriebs auf die Weiterentwicklung der socialen und wirtschaftlichen Verhältnisse mächtig zurückgewirkt. Sie hat die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen erweitert, das Emporsteigen der ersteren, das Hinabsinken der letzteren befördert. Der ungeheure Einflufs der Nationalökonomie hatte seinen Grund darin, dafs sie nichts anderes war, als die in Form einer Theorie gebrachte Lebensanschauung der industriellen Mittelklassen und vor allem derjenigen der ersten Generation der Arbeitgeber so völlig entsprach. Für diese gab es in der That kein anderes Ziel des menschlichen Wollens als das der Kapitalanhäufung, nichts existierte für sie in der Welt, was nicht um des Geldes willen dagewesen wäre und Schätzung in Geld zugelassen hätte. Ihr Verhältnis zu dem Arbeiter war wirklich ein rein ökonomisches*, nicht als Menschen sahen sie denselben an, sondern als Mittel der Kapitalerzeugung. Der konkrete Begriff des Arbeiters wurde für sie durch das Abstraktum der Arbeit verdeckt, wie man — 35 — von „Händen", die man beschäftigte, statt von Menschen zu sprechen pflegte. Wie für den einzelnen, so kam auch für die Gesamtheit der Arbeiter in anderer Hinsicht nicht in Betracht, ein Standpunkt, welcher wie gewöhnlich durch Ricardo seinen schärfsten Ausdruck erhalten hat: „Für einen einzelnen", sagt Ricardo im 26. Kapitel des I. Buches seiner Nationalökonomie, „welcher ein Kapital von 20 000 JF besitzt, dessen Gewinnst 2000 jährlich beträgt, würde es höchst gleichgültig sein, ob sein Kapital 100 oder 1000 Menschen jährlich beschäftigt, ob das hervorgebrachte Gut um 10000 oder 20000 verkauft wird, vorausgesetzt, dafs in keinem Falle sein Gewinnst unter 2000JF herabginge. Ist nicht das wirkliche Interesse eines Volkes ein gleiches? Vorausgesetzt, sein reines wirkliches Einkommen, seine Rente und sein Gewinnst, seien dieselben, so ist es von gar keiner Bedeutung, ob das Volk aus 10 oder 12 Millionen von Einwohnern besteht. Seine Fähigkeit, seine Flotten und Heere und alle Arten von nicht hervorbringender Arbeit zu erhalten, mufs im Verhältnis stehen zu seinem reinen und nicht zu seinem rohen Einkommen. Könnten fünf Millionen Menschen so viel Nahrung und Kleidung hervorbringen, als zehn Millionen Menschen bedürfen, so wären Nahrung und Kleidung für fünf Millionen sein reines Einkommen. Würde es für ein Land von irgend einem Nutzen sein, wenn zur Hervorbringung dieses reinen Einkommens sieben Millionen Menschen erforderlich wären, d. h. wenn sieben Millionen Menschen anzuwenden wären, um genug Nahrung und Kleidung für zwölf Millionen Menschen hervorzubringen? Die Nahrung und Kleidung für fünf Millionen Menschen würde noch das reine Einkommen sein. Die Anwendung einer gröfseren Menschenzahl würde uns weder instandsetzen, unsere Heere und Flotten um einen Mann zu vermehren, noch eine Guinee 3* — 36 — mehr an Steuern beizutragen." Bekannt ist Ricardos Theorie des Hungerlohnes, das sogenannte „eiserne Gesetz des Lohnes". Marx und seine Schüler haben solchen Lehren gegenüber später nicht mit Unrecht behauptet, dafs das tote Kapital Beherrscher des lebendigen Menschen geworden sei; die Anhängerschaft, die sie gefunden, aber beweist, dafs das „Mittel zur Kapitalerzeugung" nicht gewillt ist, sich als solches behandeln zu lassen. Anschauungen, wie die von Ricardo vertretenen, waren den englischen Mittelklassen in Fleisch und Blut übergegangen. Diese Nationalökonomie war ihre Lieblingswissenschaft, wie sie es in gewissem Grade noch bis heute geblieben ist; in allen populärwissenschaftlichen Vereinen spielte sie die gröfste Rolle. Hat doch beispielsweise sogar eine Dame, die bekannte Harriet Martineau, vielgelesene Erzählungen „illustrations of political economy" herausgegeben, indem sie die Lehren des Adam Smith, Bentham und Ricardo novellistisch zu popularisieren sucht. In der Verbreitung dieser Lehren erblickte man das beste Mittel zur Lösung der socialen Fragen, wie man noch heute in Deutschland die gedeihliche Entwicklung, welche die englischen Arbeiterverhältnisse späterhin nahmen, damit begründet hört, dafs sich „4000 Schulen, in denen die Anfangsgründe der Nationalökonomie gelehrt würden", in England befänden. (!) Beitragen mochte zur Volkstümlichkeit der Nationalökonomie die Vorliebe der Engländer für die Naturwissenschaft. Hier fanden sie scheinbar dieselbe Exaktheit der aufgestellten Gesetze, welche mit dem Anspruch auftraten, die Naturgesetze der Gesellschaft zu sein. Freilich hatten sie nichts mit solchen gemein; denn während jene durch Induktion entstehen, waren diese auf deduktivem Wege gewonnen aus dem a priori aufgestellten Begriff des abstrakten Individuums, der nirgends durch die Erfahrung bestätigt wurde — ein Verfahren, welches an das der griechischen Naturphilosophen erinnert, die aus der Beschaffenheit der durch ihre Phantasie ersonnenen Atome die Welt erklären wollten. Durch jene Gesetze der Nationalökonomie wurde die Selbstsucht — in den bisherigen Gesellschaftssystemen durch irgendwelche Moralvorstellungen etc. zurückgedrängt, legalisiert, ja für die Grundlage aller menschlichen Beziehungen erklärt. Dem „wissenschaftlich" denkenden Arbeitgeber wurde das Verhältnis zu seinen Arbeitern durch den Begriff des Angebots und der Nachfrage erschöpft — und dies zu einer Zeit, wo die französische Revolution die Lehre, dafs jeder Mensch ein Recht auf die Behandlung als Selbstzweck habe, bereits durch das Fallbeil gepredigt hatte! In gleicher Richtung wirkte auch Malthus, obgleich derselbe weder jener deduktiven Schule angehört, vielmehr historisch verfährt, noch auch individualistische Motive als die einzig in Betracht zu ziehenden anerkennt. Trotz seiner Zuhülferufung sittlicher Beweggründe 1 , nach welchen die geschlechtliche Enthaltsamkeit als sociale Pflicht erscheint, und trotzdem er das Gefühl der Verantwortlichkeit zu erwecken sucht, welche darin gelegen ist, ein menschliches 1 Im Grunde ist jedocli auch, für Malthus das weit wirksamere und vor allem das wohlthätigere Element in der menschlichen Gesellschaft der seinen eigenen Yorteil verfolgende Wille des Individuums. „Wohlwollen als grofse und dauernde Quelle des Handelns würde eine vollkommene Kenntnis der Ursachen und Wirkungen voraussetzen. Es kann daher nur Attribut der Gottheit sein. Bei einem so kurzsichtigen Wesen wie der Mensch würde es zu den gröbsten Irrtümern führen und bald den schönen und gepflegten Boden der menschlichen Gesellschaft in eine traurige Scene des Mangels und der Verwirrung verwandeln." Essay on Population 1872 (7. Auflage) S. 492. — Aber „Wohlwollen" ist nicht das einzige Motiv socialen Handelns. Wesen ins Dasein zu rufen — Gedanken , auf welchen Mill später mit Vorliebe verweilt — trotz alledem hat Malthus fast lediglich dahin gewirkt, die Ricardosehe Lohntheorie zu unterstützen. Er hat die Besitzenden darin bestärkt, alle Pflichten gegenüber den Nichtbesitzenden zu vernachlässigen und ihr Verhältnis zu ihnen als ein rein durch den Zwang der Naturgesetze bestimmtes aufzufassen, in das einzugreifen Thorheit sei. Malthus hatte das Recht eines Menschen auf seine Existenzmittel geleugnet, indem er die Worte des Dichters anführte: „der Arme kommt zu dem festlichen Tisch der Natur und findet ein leeres Gedeck für sich". Die Natur befehle einem solchen Menschen, sich zu entfernen; denn er habe ja vor seiner Geburt die Gesellschaft nicht erst gefragt, ob sie ihn haben wolle. Diese Gedanken wurden von den Besitzenden als Armen- steuerpflichtigen auf das eifrigste ergriffen. Das bis dahin gültige Armengesetz der Königin Elisabeth (1601) ging von dem Grundsatze aus, dafs die Erhaltung der Armen eine öffentlich rechtliche Pflicht sei, welche der Gemeinde obliege. Dieser Gedanke, der des modernen Polizeistaats überhaupt, war im achtzehnten Jahrhunderts weiter entwickelt worden. Es erschien als Pflicht des Staates, den Arbeitern ein Minimum der Lohnhöhe zu garantieren, ein Grundsatz, dem dann freilich auf der anderen Seite die Anschauung entsprach, dafs die Arbeit als öffentlich rechtliche Pflicht dem Arbeiter obliege und als solche von ihm erzwungen werden könne. In dieser Richtung besonders bezeichnend ist der sogenannte „Speenhamland Act of Parliament", d. h. ein Edikt der Magistrate von Berkshire vom Jahre 1795, in welchem sie die den Arbeitern zu gewährende Unterstützung in einem festen Verhältnis zu dem Brotpreise und der Anzahl der Familienglieder sich bewegen liefsen — eine Bestimmung, welche den Meinungen der Zeit praktischen Ausdruck gab 1 . Mochten sich in agrarischen Verhältnissen die Grundbesitzer eines solchen Systems bedient haben, um den gröfseren Teil des Lohnes ihrer Arbeiter von sich auf die Armensteuerpflichtigen abzuwälzen, so wuchs nun mit der Entwicklung der Industrie und dem Aufkommen der ungeheuren Arbeiterinassen die Armenlast derartig, dafs sie den Staat zu ersticken drohte. Im Jahre 1832 war die Armenlast auf 6 Millionen £ gewachsen, in Cholesbury, einer Union in Buckinghamshire, in den Jahren 1801—1832 gar von 10 £ 11 Sh. auf 367 £. Von dieser Seite war es, dafs Malthus begierig ergriffen wurde. Eine Lehre, die jede Armenunterstützung als unsinnig verwarf, mufste sich der Zustimmung derer erfreuen, die unter der Armenlast fast zu Grunde gingen. Jede Unterstützung der Armen, so deduzierte man, sei zweckwidrig, weil sie die „überschüfsige Bevölkerung", deren Vorhandensein den Grund aller Armut bilde, aufrecht erhalte, ja zu ihrer Vermehrung anreize; jede Beschäftigung Beschäftigungsloser sei zu verwerfen, weil für jeden beschäftigten Arbeiter ein anderer beschäftigungslos werde, indem nur eine bestimmte Masse von Arbeitserzeugnissen verbraucht werden könne, — solche Anschauungen waren damals, gestützt auf die Autorität des Malthus, in den besitzenden Mittelständen Englands die herrschenden. Ihr Ausdruck war das Arm enge setz von 18 34, dessen Grundgedanke der ist, von der Armut abzuschrecken; daher Einführung der sogenannten „indoor relief", d. h. alleiniger Unterstützung durch Aufnahme in Arbeitshäuser, welche sich von Gefängnissen wenig unterschieden. Carlyle bezeichnet sie als „Armenbastillen". Mit einem solchen Gesetz glaubte die herrschende Klasse die 1 T. W. Fowle, Pooi' Law, S. 66. London 1881. sociale Frage beseitigt zu haben; es wurde als eine neue magna carta gepriesen und in ihm „a step to no poor law at all" erblickt. Wir sehen, wie die von der Theorie getragene Denkweise, welche damals die Mittelklassen des englischen Volkes beherrschte, die zwischen den oberen und unteren Klassen bisher bestehenden Bande zerschneidet. Dieselben standen sich nunmehr ausschliel'slich als Arbeitgeber und Arbeiter gegenüber. Das Volk zerfiel, wie Disraeli es ausdrückt, in „zwei Nationen", welche sich „so fremd gegenüberstanden, als wären sie in verschiedenen Zonen geboren": die Armen und die Reichen. Zu keiner Zeit und an keinem Orte haben Besitz und Bildung — und zwar bona fide — ihre Pflichten gegenüber den unteren Klassen in gleicherweise abgelehnt, wie die Mittelklassen des englischen Volkes in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts. 11 I II Iii I IB I IV. Der Arbeiter der Großindustrie. Da die Arbeiter ihrer Kraft auf dem Wege der Vereinigung sich noch nicht bewufst geworden waren, so zeigen sich in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts alle die Folgen, welche einzutreten pflegen, wenn ein Teil des Volkes der Willkür des andern wehrlos ausgeliefert ist. In doppelter Beziehung machte sich die Herrschaft, welche der Arbeitgeber über den Arbeiter ausübte, zu Ungunsten des letzteren geltend. Einmal konnte der Arbeitgeber, dessen Wille bei Abschlufs des Arbeitsvertrages allein mafsgebend war, die Bedingungen dieses Vertrages einseitig feststellen. Sodann aber war der Arbeitgeber auch in Beziehungen, die das Arbeitsverhältnis nicht unmittelbar angingen, in der Lage, über die Person des Arbeiters eine fast unumschränkte Herrschaft auszuüben. Beides verbunden hat dahin zusammengewirkt, jene entsetzliche Lage der arbeitenden Klassen herbeizuführen, wie sie aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts berichtet wird. Denn jenes Abstrak- tum „Arbeit", welches der englische Arbeitgeber so billig wie möglich zu kaufen versuchte, war eben nicht eine Ware wie jede andere, sondern mit lebenden und empfindenden Menschen untrennbar verbunden. — 42 — Man mag annehmen, dafs Engels und Lord Ashley, der spätere Graf Shaftesbury \ aus entgegengesetzten Motiven übertrieben haben. Aber unparteiische Berichterstatter, so z. B. der Arzt Gaskell, zeitgenössische Komansehriftsteller wie Dickens, Kingsley, Disraeli, endlich auch die zahlreichen Parlamentskommissionen, die insbesondere auf Anregung des Grafen von Shaftesbury zur Untersuchung der Lage der arbeitenden Klassen eingesetzt wurden, bestätigen selbst die unglaublichsten Einzelheiten, welche die erstgenannten Beobachter mitteilen. Das alles überblickend, kommt man zu dem Urteil, dafs ein solcher Druck, wie er in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts auf dem englischen Arbeiterstande lastete, zu keiner Zeit von den unteren Klassen eines Volkes, selbst nicht von einer Sklavenbevölkerung, erduldet worden ist. Zuerst und am unmittelbarsten zeigte sich die Herrschaft, welche der Arbeitgeber damals bei der Feststellung des Arbeitsvertrages ausübte, in der Normierung des Lohnes. So lange der Arbeiter unorganisiert, auch zu ungebildet und zu arm war, um einen besseren Markt für seine Arbeit aufzusuchen, regelte thatsächlich Nachfrage und Angebot die Höhe des Lohnes nur in geringem Grade. Jede rückgängige Konjunktur nämlich konnte der Arbeitgeber ausnutzen zur Herabsetzung des Lohnes. Da der Arbeiter seine Arbeit verkaufen mufste, um nicht zu verhungern, und daher unfähig war, gleich anderen Waren Verkäufern, das Angebot zu mindern, so sank in solchen Fällen der Lohn auf das zur Lebenshaltung unentbehrliche Minimum; ja er konnte selbst weiter hinab sinken, wenn die Nachfrage dauernd abnahm. Not und Elend 1 Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England, Leipzig 1848. Life and work of the seventk Earl of Shaftesbury. Cassell and Company, 1888. Speeches of the Earl of Shaftesbury. Chapman and Hall, 1868. — 43 — decimierten alsdann die Bevölkerung. Zugleich entstand jene Masse Beschäftigungsloser, die „Reservearmee der Industrie", welche der Armenpflege zur Last fiel. Diese Masse wurde in England während der Zeit, von welcher wir sprechen, durch Zuflüsse von aufsen vermehrt. Einmal gab es neben dem industriellen ja zugleich noch ein schärferes landwirtschaftliches Elend. Der Niedergang der Landwirtschaft, die zur Produktionsweise des Grofsbetriebs übergegangen war, die endgültige Beseitigung des kleinen Eigentümers, ferner aber auch die fortwährend zurückgehende Hausindustrie, vor allem die Handweberei, führte eine unzählige Menge Arbeitsloser vom platten Lande in die Städte und drückte auf die Lage der dort bereits vorhandenen Arbeiter. In noch viel höherem Grade wirkte hierzu die massenhafte Einwanderung aus Irland. Dieses Land, nicht ohne die Schuld Englands zurückgeblieben, sendete weit seine Söhne über den Kanal, um dem englischen Arbeiter den eigenen Kulturgrad aufzuzwingen. Wunderbare Beschreibungen werden uns von der Verkommenheit jenes irischen Arbeiters gemacht, den jedes Dampfschiff in dicht gedrängten Scharen nach England hinüber bringe. Branntwein und Kartoffeln, dazu geschlechtliche Ausschweifung seien die einzigen Genüsse, die er kenne; ein Stall sei seine Wohnung, in dem seine Schweine und Kinder zusammen aufwüchsen; jedes weitere Bedürfnis sei ihm fremd; er habe, so sagte man, was das Minimum der Lebensbedürfnisse sei, herausgefunden und dem englischen Arbeiter beigebracht. Ein Viertel oder ein Fünftel der Arbeiter seien fast in jeder Stadt solche Irländer gewesen, berichtet Engels, indem er hinzufügt, dafs diese Zumischung das Blut und damit den Charakter des englischen Arbeiters verändert habe — eine Behauptung, gegen welche sich starke Zweifel nicht unterdrücken lassen. Jeden- • _ 44 — falls aber sorgte die irische Einwanderung dafür, dafs die Menge der Beschäftigungslosen auch bei steigender Nachfrage nie gänzlich verschwand — eine Thatsache, welche für den englischen Arbeiter die Ausnutzung günstiger Konjunkturen fast zur Unmöglichkeit machte. In ähnlicher Richtung wirkte die unausgesetzte Vervollkommnung der bereits gebrauchten und die Erfindung neuer Maschinen, welche oft mit einem Schlage Tausende bisher beschäftigter Arbeiter der Armenpflege zuführte. Wuchs aber in irgend einem Zweige der Industrie, insbesondere der sogenannten gelernten Industrie, die Nachfrage nach Arbeit, so veranlafste jede etwa eintretende Lohnerhöhung den Abschlufs zahlreicher Ehen; denn der Arbeiter, isoliert wie er damals noch war, konnte noch nicht erkennen, was sein individuelles Wohl, geschweige denn das seiner Klasse erheischte. Er lebte von der Hand in den Mund; die Zukunft, für welche er erst später durch ein grofses System der Ge- nossenschaftung sorgen lernte, war ihm noch gleichgültig, und für den Augenblick schien der Eheabschlufs seine wirtschaftliche Lage eher zu verbessern als zu verschlechtern. So kann man in der That sagen, dafs die niederste Grenze, unter die der Lohn nicht sinken konnte, durch Tod und Elend, die höchste dagegen durch den Leichtsinn der Arbeiter im Heiraten bestimmt wurde. Die ungeheure Fruchtbarkeit der arbeitenden Klassen, welche wir gerade in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts wahrnehmen, — zusammenhängend auch mit höchst ungeregelten geschlechtlichen Verhältnissen — sorgte an sich schon dafür, dafs der Lohn selten und wenig über das Minimum der Lebenshaltung hinaufging, häufig unter dasselbe hinabfiel, und was das schlimmste war, dieses selbst, bei seiner relativen Natur, tief herabdrückte. Notwendige Folge dieser Verhältnisse war der Pauperismus, — 45 — d. h. die einer Klasse der Gesellschaft als solcher eigentümliche, daher als Massenerscheinung auftretende Armut. In gleicher Richtung wie die Herabdrückung des Lohnes wirkten eine ganze Reihe anderweitiger Bestimmungen, welche die Arbeitgeber einseitig in den Arbeitsvertrag zu bringen die Macht hatten. Hierzu gehörte in erster Linie die Festsetzung der Arbeitszeit. Ein Arbeitstag von 20 Stunden gehörte nicht zu den Seltenheiten, auch Nachtarbeit war in grofsem Umfange üblich. Verbreitet ferner war das Truck- und das Cottagesystein. Durch beide, welche häufig unter dem Schein der Fürsorge für den Arbeiter auftraten, wurde dieser völlig dem Arbeitgeber unterworfen. Das erstere wurde seit dem gesetzlichen Verbot von 1831 nur mehr verschleiert ausgeübt, das letztere dagegen blieb erlaubt und erwies sich in der Hand der Arbeitgeber als eine besonders starke Waffe. Um dem Arbeiter bei Arbeitsausständen und ähnlichem seinen Willen aufzuzwingen, genügte die Möglichkeit, ihn aus der Wohnung zu vertreiben, oft noch mit der Aussicht auf Zurückhaltung der Fahrnis, da ja der Arbeiter meist dem Arbeitgeber verschuldet war. In der einseitigen Bestimmung des Arbeitsvertrages aber war die Macht des Arbeitgebers noch nicht erschöpft. Er übte mittelbar einen weitgehenden Einflufs über Leib, Gesundheit und wirtschaftliche Verhältnisse des Arbeiters überhaupt. Sein einseitiges Interesse bestimmte z. B. die Natur der Arbeitsräume und die weiteren Bedingungen, unter denen die Arbeit zu leisten war. Besonders in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts waren die Arbeitsräume aufser- ordentlich schlecht, die Maschinen klein und fast ohne jede Schutzvorrichtung; da jede Verantwortlichkeit des Arbeitgebers fehlte, waren Unfälle jeder Art an der Tagesordnung. — 46 Am schlimmsten aber erwies sich, dafs der Arbeitgeber dem unorganisierten Arbeiter gegenüber in der Lage war, die Arbeit der Männer, soweit sein Interesse ging, durch Arbeit der Kinder und Frauen zu ersetzen. Die Schattenseiten eines solchen Systems wurden dadurch vermehrt, dafs der englische Arbeitgeber jener Zeit selbst den ungebildeten Klassen angehörte und von moralischen Einflüssen, ja, da er der „guten Gesellschaft" nicht angehörte, selbst von Anstandsrücksichteu unbeeinflufst war. Wahrhaft erschreckliche Verhältnisse enthüllten die Kommissionsuntersuchungen auf Anlafs der vom Lord Ashley beantragten Zehnstundenbill. Da ist von Kindern die Rede, die so jung sind, dafs sie zur Fabrik getragen werden, solchen die durch Schläge die Nacht über bei der Arbeit wach gehalten werden, die nach der Arbeit so erschöpft sind, dafs ihnen das Essen in den Mund gesteckt werden mufs, Kindern, die von der Armenverwaltung aus den Findlingshäusern an die Fabriken verkauft werden etc. — Dinge, welche oft genug erzählt worden sind, weshalb wir nur hervorheben wollen, dafs sie nicht bei socialdemokratischen und andern Tendenzschriftstellern, sondern in officiellen und unparteiischen Berichten sich finden. Ähnliches galt von der Frauenarbeit, welche die Arbeit der Männer verdrängte. Nach der vom Lord Ashley am 15. März 1844 im Unterhause gegebenen Statistik waren 1839 von 419 560 Fabrikarbeitern Englands: unter 18 Jahren 192887 weiblichen Geschlechts 242 296 und von diesen unter 18 Jahren 112192. Es blieben sonach männliche Arbeiter: über 18 Jahren 96569 unter 18 Jahren 80 695. — 47 — Die Zahl der erwachsenen männlichen Arbeiter beträgt danach 23 Prozent, also kein volles Viertel. Wenn nun in Beziehung auf diese letzteren die Arbeitgeber ihre Macht nicht selten zu politischen Zwecken ausnutzten, indem sie dieselben als Hülfstruppen für ihre Wünsche ins Feld führten, so pflegten sie — gleich ihren Arbeitern aufser Essen und Trinken keine andern als geschlechtliche Genüsse kennend — ihre Herrschaft über die Person der bei ihnen arbeitenden Frauen und Mädchen in anderer Weise sich zu Nutze zu machen. Gaskell erzählt unter Berufung auf den Parlamentsbericht, dafs nicht selten die Fabrik zugleich der Harem des Fabrikanten gewesen sei, und die Söhne der ersten Generation der englischen Fabrikanten grofsenteils an Ausschweifungen zu Grunde gegangen seien. Die Wirkungen dieser Verhältnisse waren derart, dafs eine völlige Entartung der Nation, eine körperliche wie sittliche, zu erwarten schien. In der That, je mehr die industriellen Arbeiter die breite Basis der Gesellschaft wurden, um so mehr stand damals die Zukunft des englischen Volkes auf dem Spiele. Nach Gaskell, welcher als Arzt besonders zu einem Urteil berufen und dessen Unparteilichkeit völlig unverdächtig erscheint, ist durch das Fabriksystem, wie es in den ersten Jahrzehnten nach seiner Einführung wirkte, der physische Stand der Nation auf das tiefste herabgedrückt worden. Daraus, dafs die allgemeine Lebensdauer keinen geringeren Durchschnitt zeige, sei nicht, meint Gaskell, das Gegenteil zu schliefsen; an die Stelle der akuten Krankheiten, welche plötzlich dahinraffen, seien die chronischen getreten, welche, ohne auf jene Durchschnittszahl besonders zu drücken, bei der Frage, ob ein Volk körperlich gesund sei oder nicht, die entscheidenden wären. Er verweist hierbei darauf, dafs ein Naturvolk eine niedere durchschnittliche Lebensdauer als — 48 — ein Kulturvolk ausweisen könne, welches es doch an physischer Kraft weit übertreffe. Jene Beschwerden, die sonst den sogenannten „sitzenden Lebensweisen" eigentümlich wären, insbesondere Verdauungsstörungen, sodann die Schwindsucht und der Typhus seien beim englischen Arbeiter relativ häufiger als bei den andern Klassen. Gewisse Verkrüppelungen des Knochengerüstes, welche früher unbekannt waren, seien geradezu erst durch die Maschinenarbeit hervorgerufen worden, und zwar seien bestimmten Maschinen bestimmte Mifsbil- dungen eigentümlich. Von allen Seiten wird dieses Urteil Gaskells bestätigt. Die Rekrutierungsbehörden stimmten dahin überein, dafs fast alle Angehörigen der gewerbtreibenden Gegenden für sie unbrauchbar seien. In Lancashire, dem Sitze der Baumwollenindustrie, sei das vorgeschriebene Mals fast nie mehr erreicht worden. Ausländische Beobachter, die damals England besuchen, äufsern sich erstaunt, dafs die stämmige Gestalt des „John Bull mit dem breiten Untergestell und dem runden, behäbigen Gesicht", unter dessen Bilde man auf dem Festlande den Engländer vorzustellen gewohnt war, kaum mehr zu finden sei. An seine Stelle trete ein bleicher hohlwangiger Gesell mit schmaler Brust, faltiger Stirn und schwankendem Gange. Auch die zeitgenössischen Romane sind voll von Schilderungen des körperlichen Elends, wie es weite Kreise des Volkes ergriffen habe. Kingsley behauptet, man könne deutlich den Unterschied wahrnehmen zwischen jener älteren Generation, die ihre Jugend noch auf dem Lande und in gesunderer Arbeit verbracht habe, und der jüngeren, welche Inzucht der Industrie sei. Betrachten wir den Lebensgang, wie er nach zeitgenössischen Schilderungen für ein solches in der damaligen Industrie geborenes Kind, z. B. in der Baumwollenindustrie — 49 — Lancashires, der gewöhnliche war. Schon seine Geburt war mit besonderen Fährlichkeiten verknüpft. Es galt als eine Thatsache, dafs die Arbeiterfrau schwerer als andere Frauen gebäre. Der Grund lag darin, dafs sie gewöhnlich fast bis zur Stunde der Entbindung arbeitete, und zwar meist stehend arbeitete, wodurch ein dauernder und höchst schädlicher Druck auf das tragende Becken ausgeübt werde. In Manchester wurde früh eine grofsartige Entbindungsanstalt gegründet, durch welche — ein Zeichen, wie schlecht bisher die Verhältnisse waren — nach Gaskell bald mehr als die Hälfte aller Wöchnerinnen der Stadt entbunden wurde. Ohne Pflege wuchs der neugeborene Mensch auf, von frühester Jugend an fremder Fürsorge übergeben; denn die Mutter ging, sobald die Entbindung überstanden, oft schon acht Tage nachher, wieder zur Fabrik. Sobald das Kind gehen gelernt, wurde es sich selbst überlassen. In den engen Höfen, auf den feuchten und schmutzigen Strafsen der Industriestädte, deren Arbeiterviertel fast durchweg damals unkanalisiert waren, wuchs es auf. Von der freien Natur lernte es oft nichts als den Himmel über sich kennen, und auch diesen sah es nur selten unverfinstert durch eine von Bauch oder Nebel erfüllte Atmosphäre. War es den Gefahren entronnen, denen ein Kind in den Strafsen der Grofsstadt ausgesetzt ist, den ansteckenden Krankheiten entgangen, welche in jenen Vierteln zu hausen pflegten, so ging es gewöhnlich vom neunten Jahre an in die Fabrik. In gewisser Beziehung mochte es hier besser aufgehoben sein, als bisher. „Menschenfreundliche" Fabrikanten bekämpften die Zehnstundenbill, welche für jugendliche Arbeiter eine gesetzliche Arbeitszeit einführen sollte, damit, dafs es grausam erscheine, das Kind aus dem warmen Fabriksaal in die Kälte und Öde des elterlichen Heims hinauszustofsen. Dafs unter solchen Zuständen v. Schul.ze-Gaevernitz, Weg z. soe. Frieden. 4 selbst von Erziehung nicht die Rede sein konnte, ist einleuchtend. Der Staat kümmerte sich um Volksbildung überhaupt nicht; in dem kolossalen Budget von 54000000 jg (1843) waren nur 40 000 j£ für öffentlichen Unterricht ausgesetzt und diese kamen den arbeitenden Klassen nicht zu gute. Die einzigen Bildungsmittel, welche dem heranwachsenden Arbeiter geboten wurden, gingen von religiösen Gesellschaften sowie der Staatskirche aus. Beide aber betrachteten den Volksunterricht lediglich als Mittel, sich gegenseitig zu bekämpfen, weshalb damals die Staatskirche nur dort eine gewisse, wenn auch im Vergleich mit heute höchst äufserliche Thätigkeit entfaltete, wo ihr Sekten gegenüber standen. Hatte also der junge Mensch Glück, so fiel er im besten Fall in die Hand eines solchen Seelen fischenden Schwarzrockes. Unverstandene Dogmen vielleicht mochten ihm eingepfropft werden; ob er schreiben lernte, war eine andere Frage. Denn in der Abendschule war er nach anstrengender Tagesarbeit unfähig zu weiterer Aufmerksamkeit; in der Sonntagsschule aber wurde schreiben „als eine zu weltliche Beschäftigung" vernachlässigt. Jeder Einflufs der Familie — sonst für die Erziehung das wichtigste — fiel bei ihm hinweg. Eines „Heinis" in dem Sinne, den Deutsche und Engländer mit dem Worte verbinden, erfreute er sich nicht; denn Mutter und Vater gingen gleichfalls, wenigstens so lange sie Arbeit fanden, zur Fabrik. Die Wohnung war nichts als die Schlafstätte, über deren Unreinlichkeit und Dürftigkeit alle Berichterstatter übereinstimmen. Oft noch wurde sie mit dem Vieh, Hühnern und Schweinen — eine aus Irland herübergekommene Sitte — geteilt. Wuchs der junge Mensch heran, so war seine einzige Freude Schenkenleben und Branntwein. Trunksucht war damals ein ebenso verbreitetes Laster, wie sie heute unter dem besseren eng- 51 — lischcn Arbeiterstande selten geworden ist. Andere Unterhaltungen für den Abend, Gelegenheiten, sich in angenehmer Weise zu belehren und geistig zu fördern, fehlten dem Arbeiter damals gänzlich. Zudem war gerade unter jener degenerierten Bevölkerung geschlechtliche Frühreife eine allgemeine Erscheinung — die besonders bei den Frauen auffallend war. Mütter von 15 Jahren gehörten nicht zu den Seltenheiten. Die allgemeine übliche Nachtarbeit beförderte den ungeregelten Verkehr der Geschlechter, der die Zahl der unehelichen Geburten ungeheuer steigerte und von einem Zustande „freier Liebe" kaum noch entfernt war. In jenem Lebensalter, das zu Ausschweifungen neigt, erhielt zudem der Arbeiter die besten Löhne seines Lebens — ein weiterer An- lafs zur Üppigkeit und Zügellosigkeit, Eigenschaften, deren alle Berichterstatter als eigentümliches Laster des englischen Arbeiters erwähnen. Wenn er dann älter wurde und womöglich eine Familie gegründet hatte, wurden die Löhne bald schmäler. Zu sparen hatte er nicht gelernt. Es fehlte noch für weitere Kreise die von Baernreither in seinem ersten Bande 1 in ihrem Entstehen geschilderte Organisation der Versicherungsanstalten, welche am besten dem Arbeiter das Sparen ermöglichen. Zudem hätte er bei dem weit verbreiteten Pauperismus doch nur zu Gunsten der Armenkasse gespart, welcher er bei jeder Arbeitslosigkeit und früher oder später dauernd zur Last fiel. In dem Familienleben zeigte sich eine eigentümliche Verkehrung der gewöhnlichen Verhältnisse. Die Eltern pflegten bald von den Kindern, der Mann von der Frau abhängig zu werden; denn die letzteren waren es, die verdienten. Oft 1 Baernreither, Die englischen Arbeiterverbände und ihr Recht. Tübingen 1886. 4* wurden die Kinder des Regiertwerdens überdrüssig; mit einem: „Daran you, we have you to keep" verliefsen sie die Eltern und machten sich oft mit vierzehn und fünfzehn Jahren unabhängig. Den Mädchen blieben natürlich die gewöhnlichsten Pflichten des häuslichen Lebens fremd. Haushaltführung, Zubereitung der Nahrung u. s. w. — Dinge, ohne die selbst ein reichlicher Lohn der Arbeiterfamilie wenig nützt — hatten sie nie gelernt; auch wenn sie sich verheirateten, hätten sie kaum Gelegenheit gehabt, dieselben anzuwenden. Denn wie die oben angegebene Statistik zeigt, war Frauenarbeit die verbreitetere, und so kam es oft dahin, dafs der Mann zu Hause safs, kochte und Strümpfe flickte, während die Frau draufsen den Unterhalt der Familie verdiente. Es hätten damals, sagt Lord Ashley 1 , die Frauen häufig des Abends das Wirtshaus besucht, um dort, wie sonst die Männer, ihre —Klubs zu halten, öffentliche Fragen zu diskutieren etc., während die Männer daheim die Kinder hüteten. In dieser und ähnlicher Weise rann das Leben der Meisten einförmig und freudlos dahin, zeitweilig durch Arbeitslosigkeit und damit eintretenden völligen Mangel unterbrochen. Keine höheren Anregungen drangen in jenen Jahren in die arbeitenden Kreise. Noch war die Kirche nicht zu neuem Leben erwacht und aufser ihr besafs die regierende Klasse überhaupt keine Fühlung mit der Masse. Alle Beobachter sind darin einig, dafs Vaterlandsgefühl in der Arbeiterbevölkerung damals völlig vermifst wurde. Das Gesetz war ihr lediglich die Fessel, die sie in ihrer Lage gewaltsam zurückhielt, oder wie Engels es ausdrückt, was die Peitsche 1 Rede des Lord Ashley im Unterkause vom 15. März 1844. Vergl Letters and speeches of the Earl of Skaftesbury S. 145. — 53 — für das unvernünftige Tier, der „einzige Lehrmeister zur Sittlichkeit" L Nach vierzig Jahren eines solchen Lebens waren die Arbeiter „alte Leute"; wegen „hohen Alters" werden sie dann gewöhnlich aus den Fabriken entlassen (vergl. den Lord Ashley in der citierten Rede vom 15. März 1844). Der Rest der Jahre, die ihnen blieben, brachten sie zumeist in der gezwungenen Unthätigkeit des Armenhauses zu. Hier safs, wie Carlyle sich ausdrückt, ein beträchtlicher Bruchteil der englischen Nation gleich verzauberten, arbeitsfähig inmitten der blühenden, zur Arbeit einladenden Welt, von welcher sie ein geheimer Bann in Thatlosigkeit zurückhielt. Wenn wir im vorhergehenden den Lebensgang', wie er einem gewöhnlichen Industriearbeiter eigen zu sein pflegte, verfolgt haben, so sollte damit nicht gesagt werden, dafs wir hier die ärgsten Schattenseiten der socialen Zustände dargestellt hätten. Die Verhältnisse der gewerblichen Arbeiter waren zugänglicher und lagen der öffentlichen Aufmerksamkeit näher. Aber man hat Grund genug, den Behauptungen der die Fabrikgesetzgebung bekämpfenden Industriellen beizutreten, dafs die um die Fabrikarbeiter besorgten Lords vor ihrer eignen Thüre zu kehren hätten und dafs die Verhältnisse der ländlichen Arbeiter bei weitem die schlechteren seien. Unrichtig ist es nur, die Bestrebungen des Lord Ashley aus diesem Gesichtspunkte zu verdächtigen, da dieser gerade um seiner Äufserungen zu Gunsten der ländlichen Arbeiter, wie sein jüngst erschienenes Leben beweist, sich den Zorn seines Vaters zuzog und geldlich in eine bedrängte Lage geriet. Ferner war auch die Lage der 1 Engels, Lage der arbeitenden Klassen S. 145. in den Bergwerken beschäftigten Bevölkerung durchschnittlich entschieden schlechter als die der eigentlichen Fabrikarbeiter. Bei Gelegenheit der Ausdehnung des Zehnstundengesetzes brachten die eingesetzten Kommissionen entsetzliche Zustände, insbesondere hinsichtlich der Frauen- und Kinderarbeit in den Bergwerken, zu Tage. V. Der Klassenkampf. Solche Verhältnisse mufsten Hals und Erbitterung gegen die herrschenden Klassen unter den Arbeitern erzeugen. In der That sind bereits die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts durch eine Reihe von Aufständen und Arbeiterunruhen bezeichnet, obwohl damals eine planmäfsige Arbeiterbewegung noch nicht existierte. Aber auch abgesehen hieiwon bedeutete bereits die ungeheure Zunahme der Verbrechen, insbesondere derjenigen gegen das Eigentum, welche fast ausschliefslich auf Rechnung der Industriebezirke kam, nicht viel weniger als eine Empörung der arbeitenden Klassen gegen die bestehende Ordnung. In den dreifsig Jahren von 1805—1835 hat sich die Zahl der Kriminalverhaftungen in England und Wales etwa verfünffacht, in Lancashire dagegen hat sich die Zahl der Verbrechen damals alle öVs Jahre verdoppelt, während sich die Bevölkerung daselbst nur in etwa dreifsig Jahren verdoppelte. Schon 1812 hatten Aufstände der Fabrikarbeiter, 1816 solche der ländlichen Bevölkerung der östlichen Grafschaften stattgefunden „Empörungen des Magens", welche mit dem Steigen der Getreidepreise zusammenhingen. Mit Fahnen, auf denen „Blut und Brot" zu lesen war, hatten jene Haufen, plündernd und zerstörend, das Land durchzogen, bis die Be- — 56 — wegungen, planlos wie sie waren, durch militärisches Einschreiten niedergeschlagen, aber nicht in ihren Ursachen beseitigt wurden. Immer wieder hören wir von ähnlichen Ausbrüchen. Insbesondere richtete sich in solchen Fällen der Unwillen der Arbeiter gegen die Maschinen, deren Zerstörung durch ein Gesetz von 1812 mit der Todestrafe bedroht wurde 1 , ähnlich, wie schon 1727 ein Gesetz das Zerschlagen der Strumpfwirkerrahmen in gleicher Weise bestraft hatte. Schien doch in den Maschinen das neue Regime, die „Herrschaft des Königs Dampf", der die armen Leute in solches Elend gebracht habe, verkörpert. Gröfsere Aufstände erfolgten 1825 und 1826. Im Mai 1826 traten die Arbeiter in Bradford zusammen, um die „gegenwärtige, beispiellose Notlage und den Hungerzustand der Fabrikarbeiter" in Betracht zu ziehen. Ähnliche Zusammenrottungen fanden damals in ganz Lan- cashire statt. Arbeitseinstellungen und Maschinenzerstörungen waren die Folge, bis auch hier das Militär Ruhe stiftete. Die Fabrikanten sollen damals ihre Fabriken vielfach mit Geschützen armiert haben. Noch aber existierte eine eigentliche Arbeiterpartei nicht. Politisch gingen die Arbeiter damals noch mit dem radikalen und liberalen Bürgertum, welchen sie die Reformbill durchsetzen halfen. In der That war es die Furcht vor gröfseren Aufständen gewesen, welche die Lords zur Annahme der Reformbill veranlafste. Nun aber lebte man unter „einem reformierten Ministerium" — was hatte man nicht alles dem Arbeiter davon versprochen, das goldene Zeitalter sollte es heraufführen — und die erste Gabe, welche es den unteren Klassen brachte, war das Armengesetz von 1834. Wir haben 1 H. Martineau, Gesch. Englands, deutsch von Bergius. Berlin 1853. Bd. I. S. 48. — 57 — gesehen, dafs dieses Gesetz eine bedeutende Verminderung der Armenausgaben, d. h. zunächst eine Herabsetzung der den unteren Klassen vonseiten der Besitzenden herfliefsenden Einnahmen bedeutete. Dieses Gesetz bildete anerkannter- mai'sen den Anlafs zur Trennung der bisher Verbündeten. Die Arbeiter begannen einzusehen, dafs ihre Interessen und die der radikalen Mittelklassen weit verschieden, ja eigentlich als die der Arbeitgeber und der Arbeiter innerhalb der Gesellschaft die entgegengesetztesten seien. Die liberale Partei erscheint nun als die der „bloody whigs", die dem Volke Steine statt Brot reiche und die Interessen der „goldstrotzenden Millords", aber nicht die der Arbeiter vertrete. Schon Taine, der Anatom der französischen Revolution, unterscheidet zwar bereits zwei Bewegungen: diejenige, welche unter der Trikolore, und die , welche unter der roten Mütze gefochten habe, und führt die letztere, die höhere, wenn auch weniger umfassende Woge, bereits auf die „haine de la propriöte" des besitzlosen Proletariats der Hauptstadt zurück. Eine eigentliche Arbeiterpartei aber, welche alle die oberen Klassen bewegenden Fragen und Gegensätze lediglich als Interessenkämpfe derselben auffafst, zu denen sie sich neutral zu verhalten habe, und die den Umsturz der gesamten Gesellschaftsordnung anstrebt — eine solche sociairevolutionäre Arbeiterpartei tritt zuerst in den dreifsiger Jahren in England auf. Es ist die Partei der Chartisten; die von ihnen eingeleitete Bewegung, Chartismus genannt, zeigt bereits alle Züge der später auf dem Festlande auftretenden socialrevolutionären Arbeiterbewegungen. Sie ist ein zu wichtiges Glied in der Entwicklung, welche die englische Arbeiterfrage durchmacht, dafs sie hier nicht unberührt bleiben darf. Die 1876 erschienene — 58 — Autobiographie des William Lovett 1 hat manchen neuen Auf- schlufs über die inneren Vorgänge in der Chartistenbewegung gegeben. Sie ist um so wertvoller, als sie von einem Führer, und zwar dem tüchtigsten unter den Chartisten, herrührt. Zudem hat die Reihe von Jahren, welche zwischen der Be- / wegung und der Abfassung des Buches liegt, auch beim Verfasser die Gegensätze soweit gemildert, dafs sein Bericht durchaus den Eindruck der Wahrheitsliebe macht. Im Jahre 1838 wurde in London die „Arbeitergesellschaft" (working rnen's association) gegründet. Ihr ausgesprochener Zweck war Agitation für eine Verallgemeinerung des Stimmrechts; jedoch zeigte sich ihr eigentlicher Charakter schon darin, dafs sie nur Arbeiter aufnahm. In der That hatte sie ein weiteres Ziel als ein rein politisches. „Genossen" ! heifst es in der Adi*esse, welche sie an die englischen Arbeiter alsbald nach ihrem Entstehen richtete, „wenn wir für eine Gleichheit der politischen Rechte kämpfen, so geschieht das nicht, um eine ungerechte Steuer abzuschütteln oder eine Übertragung von Reichtum, Macht und Einflufs zu Gunsten irgend einer Partei herbeizuführen. Wir thun es, um imstande zu sein, die Quelle unseres socialen Elends zu stopfen, um durch erfolgreiche Mittel vorzubauen, statt durch ungerechte Gesetze zu strafen. Wir werden auf Hindernisse und Enttäuschungen stofsen; aber unsere vereinigten Anstrengungen, unsere Ausdauer wird und mufs siegen. — Könnte Korruption auf dem Richterstuhl sitzen, leeres Wichtigthun im Parlament, geldzusammen- scharrende Heuchelei auf der Kanzel, könnte Ausschweifung, 1 Life and struggles of William Lovett. London 1876. S. 95 u 98. Yergl. über die Bewegung: Brentano, die englische Chartistenbewegung, Preufs. Jahrbücher, Bd. XXXIII. Ferner Gammage, History of tlie Chartist movement, London 1851. - 59 — Fanatismus, Armut und Verbrechen durch das Land schreiten, wenn die Millionen zur Kenntnis ihres Rechts erzogen werden? Nein, nein, Freunde! Darum die Anstrengungen der wenigen Privilegierten, das Volk unwissend und zerspalten zu halten." Ähnlich wie bei den spätei*en Arbeiterbewegungen des Festlandes wird also auch hier ein politisches Programm aufgestellt, um die Staatsgewalt in die eigene Hand zu bekommen und alsdann die Gesellschaft nach der Weise des vorgestellten socialen Ideals einzurichten. Was die „Arbeitergesellschaft" im Grunde erstrebte, zeigt auch folgender Passus einer alsbald nach ihrem Entstehen an die belgischen Arbeiter abgesandten Adresse: „Sie haben ihre Institutionen geschaffen", heilst es da von den oberen Klassen, „um uns zu fesseln und in Unterwerfung zu schmieden. Ihre Gesetze werden gemacht, um ihre Macht zu verewigen, ausgeführt, um Furcht und Unterwerfung vor gemachter Gröfse, erblicher Dummheit, ungerecht erworbenem Reichtum hervorzurufen. Glücklich für die Menschheit: die Schleufsen, welche die Tyrannen der Welt gegen den Strom der Kenntnis aufgebaut haben, sind jetzt niedergebrochen. Wir haben den erfrischenden Strom geschmeckt. Der Nebel der Unwissenheit und Täuschung ist verzogen. Wir erkennen die Ungerechtigkeit, die man gegen uns ausübt, fühlen die Sklaverei, von welcher wir noch nicht die Kraft haben, uns zu befreien. Unsere Befreiung jedoch hängt nur von der Ausdehnung dieser Kenntnis unter den arbeitenden Klassen aller Länder ab, indem sie uns unsere thatsächliche Stellung in der Gesellschaft erkennen und uns fühlen läfst, dafs wir, die Hervorbringer des Reichtums auch den ersten Anspruch auf seinen Genufs haben", — ein Gedanke, der bereits vollständig an die Mehrwertlehre des Marx erinnert. Schon diese Adressen beweisen, dafs der „Arbeiterverein" ganz andere Ziele hatte als die radikale Partei des Bürgertums, welche damals im Parlamente von O'Connel vertreten war. Dies verhinderte jedoch nicht, dafs das öffentliche Programm , welches der „Arbeiterverein" bald darauf annahm, aus der Feder dieses Führers der Radikalen stammt, — die sogenannte „Volkscharte", um welche sich in den kommenden Jahrzehnten Millionen als das Feldzeichen der Arbeiterpartei sammelten. In der ersten Session nach dem Regierungsantritte der Königin Viktoria (1837) beantragten nämlich jene Radikalen im Parlament eine Erweiterung des Stimmrechts. Lord John Rüssel, der Führer der liberalen Partei, gab darauf die berühmte Finalitätserklärung ab. Sie war die Erklärung der herrschenden Mittelstände, d. h. der industriellen Arbeitgeber, die bisher geübte Klassenherrschaft für immer aufrecht erhalten zu wollen. Damals stellte die radikale Partei eine ihre Forderungen enthaltende Programm demgegenüber auf: allgemeines Stimmrecht (ursprünglich wurde auch Frauenstimmrecht verlangt: „allgemeines Stimmrecht der Erwachsenen", was dann in allgemeines Männerstimmrecht verändert wurde), jährliche Parlamente, geheime Abstimmung, Abschaffung der Vermögensqualifikation zu wählender Mitglieder, Diäten und gleichmäfsige Wahlbezirke. Diese Resolutionen wurden von der Londoner „Arbeitergesellschaft" angenommen, durch alle ihr angeschlossenen Arbeitergesellschaften über das Reich verbreitet und in den Industriebezirken des Nordens, wo O'Connor Arbeiterführer war, mit besonderer Begeisterung aufgenommen. Die Bewegung wuchs den Radikalen bald über den Kopf. Sie suchten dieselbe nun zu hemmen, aber hatten nur den Erfolg, dafs die Arbeiter sich von ihnen trennten und in den — 61 — über ganz England verbreiteten Arbeitergesellschaften sich selbständig organisierten. Die Mittel, welche die Arbeiter ins Auge fafsten, um ihre Forderungen durchzusetzen, waren zunächst friedlicher Natur: Massenpetitionen ans Parlament und Berufung eines Nationalkonvents, d. h. eines Arbeiterparlaments, welches neben dem Reichsparlament, in dem die Arbeiter unver- treten seien, in London tagen sollte. Endlich wurde bereits eine allgemeine Arbeitseinstellung, ein sogenannter „heiliger Monat", geplant, eine Malsregel, mit der man das Gebiet der friedlichen Agitation verlassen mufste, da sie nur mit Gewalt über das ganze Königreich durchzusetzen gewesen wäre. Befleifsigten sich die Organe der Arbeitergesellschaften noch einer gemäfsigteren Sprache, so kannten die in den Volksversammlungen auftretenden Redner keine Mäfsigung mehr. Es zeigte sich auch hier, dafs solche Volksführer um ihrer Popularität willen sich gegenseitig in der Schärfe des Ausdrucks überbieten müssen. Am gewaltsamsten von allen aber war wohl die Sprache des Methodistengeistlichen Stephens. Er weist die Armen auf die Schwelgereien der Reichen, er weckt in ihnen das Bewufstsein, dafs es der Schweifs des armen Mannes sei, von dem jene prafsten. Eine solche Beraubung, ruft er den Arbeitern zu, sollten sie nicht länger zulassen, sondern mutig genug sein, die Frucht der eignen Arbeit selbst zu geniefsen. „Der Chartismus, meine Freunde, ist keine politische Frage, bei der es sich darum handelt, dafs ihr das Wahlrecht erlangt; der Chartismus ist eine Messer- und Gabelfrage; die Charte heilst gute Wohnung, gutes Essen und Trinken, gutes Auskommen und kurze Arbeitszeit 1 ." Man denke sich solche Reden in nächtlichen Ver- 1 Gitiert von Brentano im angeführten Aufsatz. — 62 — Sammlungen gehalten, zu denen sich tausende und zehn- tausende bei Fackelschein versammelten, dem Redner Beifall zujauchzten und auf die Frage, „ob sie bereit seien", mit Gewehrsalven antworteten. Die Bewegung nahm einen so bedrohlichen Charakter an, dafs die Regierung,. obwohl sie die Rede- und Versammlungsfreiheit auf das peinlichste wahrte, wegen Aufforderung zum Aufruhr und Aufreizung einschritt. — Die Versammlungen bei Fackelschein wurden verboten und den Hauptrednern, darunter Stephens, der Prozefs gemacht. Die von den Arbeitern ins Auge gefafsten friedlichen Mittel, um ihre Wünsche durchzusetzen, scheiterten. Der am 4. Februar 1839 in London zusammentretende, dann nach Birmingham übersiedelnde, endlich wieder nach London zurückkehrende Nationalkonvent verfehlte schon um deswillen den gewünschten Eindruck, weil auf ihm die innerhalb der Arbeiterpartei bestehenden Gegensätze heftig aufeinander- platzten. Es erfolgte sogar Austritt gerade der tüchtigsten Mitglieder, als sich herausstellte, dafs die Mehrzahl für Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung der Volkscharte sei. Inzwischen fand der erste revolutionäre Ausbruch statt, als die Arbeiter sich in Besitz von Birmingham setzten, die Häuser der Reichen plünderten und die Fabriken einäscherten. Die Stadt mufste vom Militär förmlich erobert werden und der Herzog von Wellington erklärte damals im Oberhause: er sei oft Augenzeuge der Schrecken einer im Sturm genommenen Stadt gewesen, aber niemals habe er ähnliche Ausschreitungen und Verwüstungen gesehen, wie die von den Aufrührern in Birmingham begangenen. Als vollends endlich das Parlament die mit 1 280000 Unterschriften bedeckte Petition um Einführung der Charte verwarf, da gewann die Partei, welche Gewaltanwendung befürwortete, völlig die Oberhand. Der erste Versuch in dieser Richtung war der — 63 — „heilige Monat", welcher vom Nationalkonvent beschlossen wurde. Alle Arbeit in den vereinigten Königreichen sollte freiwillig oder gezwungen ruhen, bis die Charte zum Gesetz geworden sei. Aber auch dieser Versuch mislang und zwar bezeichnenderweise, weil die damals noch in den Anfängen befindlichen, aber doch schon die Elite der Arbeiter umfassenden Gewerkvereine ihre Teilnahme verweigerten; ohne sie aber war der „heilige Monat" nicht durchzusetzen. Besser vielleicht wäre es geglückt, wie nunmehr die Führer der Gewaltpartei rieten, eine grofse Feuersbrunst über das ganze Königreich zu entflammen und die dadurch entstehende Verwirrung zum allgemeinen Aufstand zu benutzen. Die Regierung griff einer solchen Sprache gegenüber zu scharfen Mafsregeln; bald befanden sich fast alle Führer der Char- i tisten im Gefängnis. Aber die Bewegung war nur von der Oberfläche zurückgedrängt, die „Chimäre des Chartismus, nicht dieser selbst war beseitigt", wie Thomas Carlyle sich ausdrückt, der damals sein berühmtes Pamphlet über den Chartismus 1 in diese Kämpfe hineinwarf. Die gefangenen Führer wurden durch jüngere, wenn auch vorsichtigere, so doch gewifs nicht gemäfsigtere ersetzt. Wiederholt erfolgten in dem folgenden Jahrzehnt Ausbrüche wilder Volksleidenschaft, auf welche hier im einzelnen einzugehen unsere Aufgabe nicht ist. Dagegen müssen wir auf eine Reihe von Eigentümlichkeiten aufmerksam machen, welche die Chartistenbewegung besonders bezeichnen. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dafs der Chartismus den als Socialdemokratie bekannten, socialrevolutionären Bewegungen auf dem Kontinent nahe verwandt ist, ja bereits 1 Vergl. unten S. 80. alle Züge derselben an sich trägt. Ihnen beiden gemeinsam ist das Streben der Arbeiter nach dem Umsturz des Bestehenden, Ergreifung der Staatsgewalt, um dadurch eine sociale Neuordnung herbeizuführen. Die positiven Vorschläge, das Bild, das man mehr oder weniger klar, stets utopistisch, von der umgestalteten Gesellschaft entrollt, mag wechseln; es ist lediglich zu Agitationszwecken da. Die geistigen Leiter der Bewegung, sowohl die Chartisten wie die späteren Social demokraten, haben es sogar vermieden, ein solches Bild überhaupt zu entwerfen; Marx erklärte denjenigen, der in irgend einer bestimmten Form die künftige Gesellschaft sich vorstelle, für reaktionär. Das dagegen, worauf es ankommt, und was beiden gemeinsam ist, ist der Widerspruch gegen die gesamte be- i stehende Ordnung, auf deren Grund eine Verbesserung der Lage der Arbeiter als unmöglich erklärt wird, vor allem der „Hafs gegen das Eigentum" als ihre hauptsächlichste Institution. Dafs auch bei den Chartisten dies die Triebfeder war, beweisen bereits die oben angeführten Bruchstücke von Programmen und Reden. In der That konnte Lord John Rüssel bereits 1839 und seitdem wiederholt die Chartisten nicht ohne Grund des Wunsches beschuldigen, alles vorhandene Eigentum zu konfiszieren und in gleichen Teilen auszuteilen. Vor allem knüpften diese Neigungen an die ungesunden Grundbesitzverhältnisse Englands an. „Alles Eigentum", heifst es in einer Adresse, die von Lovett, dem gemässigsten unter den Chartisten, herrührt, „schreibt sich her von ver- tragsmäfsigen Abmachungen und beruht auf dem öffentlichen Nutzen. An diesem Mafsstab mufs es immer gemessen werden, und wenn der Mangel hungernder Millionen und die Verschwendung selbstsüchtiger Weniger hieran versucht und geprüft sind, so ist für Gerechtigkeit und Mensch- — 65 - lichkeit die Entscheidung der Frage nicht schwer. Wenn die Reichen und Mächtigen bisher bei ihrer Gesetzgebung über wüstes und gemeinsames Land in den Ansprüchen des armen Mannes auf die Gemeindeländereien kein Hindernis gesehen haben, so können auch wir keines in ihren Ansprüchen bei der gesetzlichen Aneignung der unbebauten Flächen Irlands finden 1 ." Wir sehen, wie die Idee der Enteignung des Grofs- grundbesitzes schon unter den Chartisten mächtig war; auch das berühmte „land scheyie" des O'Connor ging auf die Sehnsucht der Arbeiterklasse nach Grundbesitz zurück, wie das Wort „nationalisation of the land" überhaupt das sicherste Mittel ist, englische Arbeitermassen zu begeistern. Die bestehenden Eigentumsverhältnisse waren für die Chartisten das Ergebnis einer „Klassengesetzgebung". „Das Gesetz tritt den Armen nieder und der Reiche macht das Gesetz" war eine den Chartistenrednern geläufige Wendung. Da sie also das ganze bestehende System für schlecht hielten, so trennten sie sich von der politisch radikalen Partei, die nur gewisse Änderungen verlangte, ja traten zeitweilig in den heftigsten Gegensatz zu derselben. O'Connell, Führer der Radikalen, stimmte z. B. gegen das Zehnstundengesetz, und ein 1842 von Joseph Sturge gemachter Versuch einer Vereinigung beider Parteien, mifslang schon wegen Meinungsverschiedenheit bezüglich des Namens. Der Sturz des liberalen Ministeriums 1840, an dessen Stelle das von Sir Robert Peel gebildete konservative Kabinet trat, ist zum guten Teil auf die Stellungnahme der Arbeiter zurückzuführen, die das liberale „Reformministerium" aufs äufserste halsten. Ganz besonders bezeichnend aber für die Chartistenpartei ist die Neutralität derselben in der Frage der Kornzölle, welche da- 1 Vergl. Lovett S. 357. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. 5 mals das Interesse der oberen Klassen vornehmlich in Anspruch nahm und doch auch die Arbeiter nahe anzugehen schien. Wenn sie ihr gegenüber keine Stellung einnahmen, so ist das ein Zeichen dafür, wie sehr sie von der Überzeugung erfüllt waren, dafs alle politischen und wirtschaftlichen Fragen, wie sie auch entschieden würden, für sie gleichgültig seien, solange das gegenwärtige Gesellschaftssystem überhaupt noch bestehe — der beste Beweis ihres social- revolutionären Charakters. ( Während so die Arbeiterpartei von der der liberalen Mittelklassen sich trennt, so ist doch im Grunde die Gesellschaftsauffassung beider die gleiche. Beide beruhen, wie unten bei Besprechung des gegenwärtigen Standes des Socialismus in England gezeigt werden wird, auf denselben philosophischen Grundlagen. Der Unterschied ist lediglich folgender: Diejenigen, welche das bestehende Gesellschaftssystem begünstigt, halten dasselbe für angemessen, indem sie nur solche Beschränkungen zu beseitigen wünschen, welche ihrer Entwicklung hinderlich zu sein scheinen; die Besitzlosen dagegen erklären die ganze ererbte Ordnung für schlecht und erwarten Kettung von ihrer vollständigen Beseitigung, nicht nur der einzelnen Institutionen. Beide sind utilitarisch, indem sie das Wohlsein des Einzelnen, „das höchste Glück der gröfsten Menge" zum Endziel setzen. Beide operieren mit der Fiktion des abstrakten Individuums und sind insofern rationalistisch, indem sie die Menschen für von Natur gleich und dieselben so wie sie heute sind, zum Aufbau der Idealgesellschaft für tauglich erachten 1 ; durch eine blofse Neuanordnung derselben, d. h. 1 Vollständig von dieser Auffassung weicht Eobert Owen ab. Derselbe erwartet Besserung der socialen Mifsstände hauptsächlich von innerer Veränderung des Individuums. Daher legt er den Hauptwert auf Erziehung. Er ist weniger der Vorläufer des alles auf den staatlichen ■■nwMimm WOB — 67 — durch eine politische Veränderung vermeinen sie ihr Ziel erreichen zu können. Beide, die Socialdemokratie wie der Radikalismus, sind daher Kinder ihrer Zeit und zehren von der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts. Aber die socialrevolutionäre Arbeiterpartei zieht die Folgerungen aus der Theorie rücksichtsloser. Die individualistische Weltanschauung, wie sie — ausgehend von der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts und der dort vertretenen Lehre vom abstrakten Individuum — in der englischen Nationalökonomie fortlebt, hatte aus dem freien Wettbewerb der Individuen die sociale Harmonie hervorgehen lassen. Was hatte aber dann der Staat noch zu thun? Gewalt aus dem Kampfe der Interessen auszuschliefsen, d. h. vor allem Schutz des Eigentums erklärte man für seine einzige Aufgabe, wie schon vor den Physiokraten die Aufklärungsphilo- sophen (Kant) gethan hatten. Aber warum einem grofsen Teil der Mitbewerber, nämlich den unteren Klassen, das einzige Mittel versagen, das ihnen allein im Kampfe ums Dasein zur Seite steht: die physische Gewalt? Vom Standpunkt der letzteren aus mufste der Staat jener Philosophen und Nationalökonomen als die Zwangsanstalt erscheinen, mit der die Reichen die Armen niederhielten; man mufste versuchen, wenn im stände, Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen. Diese Auffassung vom Staate, aus der individualistischen Gesellschaftsauffassung folgend, bewirkt, clafs bei der Arbeiterpartei diejenigen Strömungen, welche Anwendung der Gewalt verlangten, die Oberhand zu gewinnen pflegen. Auch hierdurch unterschied sich der Chartismus von den späteren, ähnlichen Bewegungen des Festlandes nicht. Die — 68 - sogenannte „Partei der moralischen Gewalt", d. h. diejenige Eichtling, welche friedliche Mittel empfahl, nmfafste zwar die moralisch am höchsten stehenden unter den Chartisten; denken wir an das edle Bild, welches Kingsley in der Person des Alton Locke, jenes Schneiders und Dichters, von einem * solchen „Chartisten der moralischen Gewalt" entwirft. Unter den Führern vertrat diese Richtung der oben mehrfach genannte Lovett, dessen Lebensbesehreibung uns die Gesinnung- der besten unter den englischen Arbeitern und den Umschwung, den sie im Laufe der Jahre vom Protest zur rührigen Mitarbeit durchgemacht, auf das schönste enthüllt. Die Mehrzahl der englischen Arbeiter aber war für einen Standpunkt, wie den des Lovett, noch nicht reif. Noch hatten sie nicht gelernt, dafs ihnen andere, weit wirksamere und dabei friedliche Mittel zur Verbesserung ihrer Lage zu Gebote stünden. Noch hatte ihnen die Erfahrung des Vereinslebens nicht den Wert der Selbstaufopferung des einzelnen zu Gunsten der Allgemeinheit gelehrt, wodurch allein dauernde Erfolge erzielt werden, wie der jüngste grofse Ausstand der Londoner Dockarbeiter beweist. Damals lauschten sie lieber der gewaltsamen Sprache eines O'Connor, der von der Leidenschaftlichkeit seines irischen Blutes getrieben, offen Aufruhr und Umsturz predigte. Beifall, der durch das Wort Begeisterung nicht erschöpft wird, sondern geradezu an Wahnsinn streifte, pflegte diesen Volksmann zu empfangen, wenn er in den Arbeiterversammlungen auftrat und gegen jene Elenden donnerte, die „das Blut eurer Kinder trinken, wollüstig sind mit dem Elend eurer Weiber und fett werden von eurem eigenen Schweifse 1 ". Die englischen Chartisten sympathisierten mit allen Revolutionen der Welt. „Ein Volk ' 1 Gammage, History of the Chartist movement S. 309 ff. — 69 - kann nicht rebellieren" war ein in Reden wie Adressen wiederkehrender Glaubenssatz. Wenn so die Chartisten alle diejenigen Merkmale zeigen, welche den späteren socialrevolutionären Arbeiterbewegungen eigentümlich sind, so unterscheidet sich ihre Stimmung doch in einem Punkt von der ihrer Genossen auf dem Festlande. Stets sucht der Engländer irgendwelche politische Forderungen als Wiederherstellung alter Rechte zu verteidigen, wie grob der historische Irrtum auch sein mag. So glaubten auch die Chartisten nicht für neu zu erkämpfende, sondern für alte verlorene und zurück zu erringende Rechte zu kämpfen. Einmal denken sie an die Zeit, da der sächsische Bauer als freier Mann sein Feld bebaute, sodann an jene Rechte, welche die Magna Charta, die Petition of Right, die Habeas-Corpus- Akte, die Bill of Rights etc. dem englischen Bürger gewährleisteten und die, wie sie behaupteten, ihnen jetzt von einer räuberischen Aristokratie entrissen seien. „Seine Aufstände", heifst es in einer von Lovett mitgeteilten Adresse in Beziehung auf das englische Volk, „rühren mehr von der Verletzung der Gerechtigkeit und der Vorenthaltung seiner Rechte als vom ängstlichen Begehren nach neuen Einrichtungen her" b Der alten Lehrlingsgesetze, für die die Arbeiter vor dreifsig Jahren noch gekämpft hatten, wird jedoch nicht mehr gedacht — ein Zeichen des endgültigen Sieges der grofs- industriellen Produktionsweise, welche auch die Arbeiter als Faktum hinnehmen. Der Verlauf der Chartistenunruhen in dem Jahrzehnt von 1840—1850 bietet einen Beweis für die Stärke der Bewegung. Zweimal wurden ungeheure Petitionen um Einführung der Charte dem Parlamente überreicht, die erste am 1 Vergl. Lovett S. 345. — 70 — 2. Mai 1842, welche nicht nur die Gewährung der Charte, sondern auch Homerule für Irland verlangte. Sie soll an 3800000 Unterschriften enthalten haben; zehn Männer schleppten sie in das Parlament, nachdem man sie vorher in Stücke zerlegt hatte, da sie in die Thore des Parlamentsgebäudes nicht anders hineinzubringen war. Die andere Petition überreichte am 10. April 1848 O'Connor, der inzwischen Unterhausmitglied geworden war. Die Zahl der sie bedeckenden Unterschriften ist bestritten, aber überstieg nach der geringsten Angabe jedenfalls eine Million. Trotz des außerordentlich strengen Einschreitens der Behörden, sobald Ge- setzesverletzung vorlag, und der Einkerkerung der Mehrzahl der Führer, ja teilweise Deportation derselben, sind auch in jenem Jahrzehnt eine Reihe offener Aufstände vorgekommen. Sie sind zugleich ein Beweis dafür, wie eine organisierte Militärmacht aufständischen Bewegungen gegenüber Herr bleibt, vorausgesetzt, daß die Centraibehörde Besinnung und Festigkeit bewahrt. In jene Zeit (1842) fällt ein nochmaliger Versuch, den heiligen Monat durchzuführen, der zwar ebenfalls mifslang, aber doch bei weitem besser in Scene gesetzt war, als der von 1839. Man nennt denselben auch die Plug-Plot-Bewegung, nach den „plugs", d. h. Propfen, welche von den Dampfmaschinen gestoßen wurden; sie spielt in zeitgenössischen Romanen vielfach eine Rolle. Als im Jahre 1848 in Frankreich die Republik ausgerufen war, da durchzuckte aufs neue ein revolutionärer Funke die englischen Arbeitermassen und die Lage wurde einen Augenblick sehr gefahrvoll. Auch verfehlte der damals zusammentretende Arbeiterkonvent nicht, mit der provisorischen Regierung in Paris anzuknüpfen. Die Regierung hielt es in jenem Jahre für nötig, London in Verteidigungszustand zu setzen, die wichtigsten Punkte der Stadt mit Batterien zu armieren und zeit- weise die Themsebrücken zu sperren. Aufser dem nach London zusammengezogenen Militär waren gegen 150000 Special- konstabler eingeschworen L Der Bestand der englischen Gesellschaft schien in den dreifsiger und vierziger Jahren des Jahrhunderts durch revolutionäre Bewegungen des Proletariats gefährdet. Schon Gaskell, der ruhige und nichtsweniger als parteiische Beobachter, erklärt bereits 1833, dafs er an einem friedlichen Ausgange verzweifle, und dafs eine Revolution schwerlich ausbleiben werde. Seitdem hatten sich die Arbeiter um die Charte zusammengeschlossen; es war, was zurZeit, als Gaskell schrieb, noch fehlte, eine organisierte Umsturzpartei aufgetreten, welche, wie Brentano in seinem oben erwähnten Aufsatze hervorhebt, bedeutend gefährlicher war, als etwa die heutige socialdemokratisehe Bewegung in Deutschland, sowohl wegen ihrer Ausdehnung und festen Organisation, als auch vor allem aus dem Grunde, weil der Arbeiter die Masse der Nation ausmachte und andere ihm die Wage haltende Elemente, etwa ein Bauernstand, nicht vorhanden waren. Bei den Arbeitern war die Überzeugung verbreitet, dafs „sie ihre Menschheit nur durch Hafs und Empörung gegen die herrschenden Klassen retten könnten". So mufste es damals als eine sichere Prophezeiung erscheinen, dafs eine gewaltsame Umwälzung in naher Zukunft bevorstünde. Verbreitet war diese Überzeugung gerade in denjenigen Kreisen, wo man die Erscheinungen der Zeitgeschichte am ernstesten und sorgsamsten prüfte. Dort hatte man das Gefühl, auf einem Boden zu stehen, dessen plötzliche Zertrümmerung täglich 1 Nach persönlichen Mitteilungen scheint es mir den weitgehenden Vorbereitungen des Herzogs von Wellington allein zu danken, dafs der Aufstand in London nicht ausbrach. Der Herzog glaubte sicher an den Kampf und hatte langer Hand her alles bereit. zu befürchten sei. So sagte z. B. um das Jahr 1840 Dr. Arnold : „Wir befinden uns am Abgrunde und müssen notwendig den Katarakt binabschiefsen". Die gleiche Besorgnis sprach unter anderen Ebenezer Elliot aus l . Engels, dessen Buch über die Lage der englischen Ar- fl heiter 1848 erschien, glaubt, dafs „ein Krieg der Armen gegen die Reichen, der grausamer als alle früher geführten Kriege sein werde", in nächster Zukunft bevorstehe. Er meint das Jahr 1852 oder 1853 als das seines Ausbruches bezeichnen zu können. „Der Krieg der Armen gegen die Reichen", schliefst er sein Buch, „der schon jetzt im einzelnen und indirekt geführt wird, wird auch im allgemeinen, im ganzen und direkt in England geführt werden. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen sondern sich schroffer, der Geist des Widerstands durchdringt die Arbeiter mehr und mehr, die Erbitterung steigt, die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeutenderen Gefechten und Demonstrationen und ein kleiner Anstois wird bald hinreichen, um die Lawine in Bewegung zu setzen. Dann wird allerdings der Schlachtruf durch das Land schallen: »Krieg den Palästen, Friede den Hütten«, dann wird es aber zu spät sein, als dafs sich die Reichen noch in Acht nehmen könnten." Die öffentliche Meinung aber stand der Bewegung innerhalb der Arbeitermassen ratlos gegenüber. Man führte dieselbe — wie später anderwärts — auf persönliche Einflüsse bestimmter Agitatoren zurück. Man beruhigte sich, von „Verführung" und „Verhetzung" zu sprechen, ohne zu bedenken, dafs eine grofse und weite Kreise erfassende revolutionäre 1 Vergl. Lectures 011 tlie industrial revolution by A. Toynbee. London 1884. Ledru-Kollin, La decadence de l'Angleterre. 1845. Bewegung nicht ohne Grund und nie ohne Schuld der herrschenden Klassen entsteht, gegen die sie sich richtet. Man schalt die Arbeiter roh und ungebildet, ohne zu bedenken, dafs man sich damit selber anklage, weil man sie nicht genügend gebildet habe. Disraeli hat in Coningsby die Ratlosigkeit der leitenden Durchschnittspolitiker persifliert. Sie seien jenem Höfling ähnlich gewesen, welcher die französische Revolution darauf zurückführte, dafs die Königin die Hofetikette nicht genügend beobachtet habe. Eine Betrachtung der wirtschaftlichen Verhältnisse statt vom Standpunkt des Kapitals von dem der Arbeit aus aber wurde durch die unbestrittene Herrschaft der individualistischen Nationalökonomie unmöglich gemacht, welche für das Auftreten einer socialrevolutionären Partei eine Erklärung schlechthin nicht besafs. Glaubte sie doch durch die von ihr geforderte Entfesselung des Individuums den Weg zu einem goldenen Zeitalter beschritten zu haben. Der kapitalistische Standpunkt der herrschenden Klassen zeigt sich besonders deutlich in den Schwierigkeiten, mit welchen die Arbeiterschutzgesetzgebung das Licht der Welt erblickte. Wir haben unten auf sie zurückzukommen. Die Arbeiterschutzgesetzgebung hatte mit dem Widerstande fast der ganzen Nation zu kämpfen. Bezeichnend ist, dafs das erste Gesetz (1802) in dieser Richtung, das zum Schutze der den Fabriken von der Armenpflege anvertrauten Kinder, aus Furcht vor den Epidemien entstanden ist, welche die Behandlung dieser Kinder hervorrief. Der Graf von Shaftesbury hebt ausdrücklich hervor, dafs die Torys nicht weniger seinen Bestrebungen abgeneigt gewesen seien, als die Liberalen. Ja, er fürchtete 1841 sogar den Sieg der eigenen Parteigenossen, weil er wufste, dafs Sir Robert Peel nur, solange er in der Opposition sich befand, für das Zehnstundengesetz eintrat, als — 74 — Premier aber die Gegnerschaft desselben d. h. die mächtigen Arbeitgeber zu sehr fürchtete, um es weiter zu verfolgen. Wir haben im vorhergehenden gesehen, wie mit dem Aufkommen der Grofsindustrie in England die sogenannte sociale Frage mit einer Schärfe auftritt, welche für das bestehende Gesellschaftssystem verhängnisvoll werden zu müssen schien, wie die Klassengegensätze sich dermafsen zuspitzen, dafs eine friedliche Lösung kaum noch zu hoffen war und alle Anzeichen auf einen gewaltsamen Zusammenbruch deuteten. Wir haben zugleich gesehen, wie mit diesen äufseren Zuständen eine individualistische Gesellschaftsanschauung und Weltauffassung auf das innigste verwachsen war. Ein ungeheurer Umschwung vollzieht sich in den fünfzig Jahren, welche zwischen der soeben behandelten Zeit und derjenigen liegen, auf die wir am Schlüsse dieses Werkes eingehen werden. Die Veränderung betrifft einmal die äufseren Formen des socialen Lebens und eröffnet in der Hebung des Arbeiters zu gesellschaftlicher, politischer und geistiger Gleichberechtigung mit den bisher herrschenden Klassen bereits Aussichten in eine durchaus neue Zukunft, welche den Kulturnationen bevorzustehen scheint. Im einzelnen zeigt sich diese Veränderung in einer Erhöhung der Lebenshaltung der Arbeiter und ihrer wachsenden Organisation; letztere ist durch die Werke Brentanos (von dessen Buch über die Gewerkvereine glücklicherweise eine zweite Auflage zu erwarten steht), Baernreithers und anderer bekannt geworden. Aber neben jenen äufseren Veränderungen vollzieht sich ein gleich gewaltiger Umschwung auf dem Gebiete des Denkens und der Weltanschauung der Nation — zwei Entwicklungsreihen, welche sich gegenseitig ursächlich beeinflufsen. Die letztere in ihrer Entstehung an die Vergangenheit anzuknüpfen und in ihren mannigfachen Verzweigungen zu verfolgen, - 75 — ist Aufgabe dieses Werkes (Buch I und II). In Thomas Carlyle tritt zum erstenmal die neue sociale Gesellschaftsauffassung in Gegensatz zu der herrschenden, individualistischen. Er ist in sofern gewissermafsen der Ausgangspunkt aller im folgenden zu schildernden Richtungen. Daher war auf ihn zuerst einzugehen. Im dritten Buche aber werden wir die Äufserungen dieses Umschwunges auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Lebens verfolgen und zeigen, wie er dahin tendiert, an Stelle des socialen Krieges den socialen Frieden treten zu lasseu. Freilich liegt diese Entwicklung nicht abgeschlossen vor, vielmehr sind erst die Keime derselben sichtbar, was uns zwingt, am Schlüsse des Buches auf das Gebiet der im Flusse befindlichen Tageserscheinungen einzugehen. Unsere Aufgabe ist es, dort zu zeigen, wie ohne die angedeuteten inneren Veränderungen auch die äufseren nicht eingetreten wären, welche — mögen die Schwierigkeiten der Zukunft sieh noch so türmen — für England eine friedliche Lösung wahrscheinlich machen. ? Erstes Bucli. Thomas Carlyle als Socialtheoretiker und Socialpolitiker. „Thomas Carlyle's personality dominates the Victorian era." Vorbemerkung. I. Die im folgenden angeführten Citate sind der „Library Edition" der Werke Carlyles, London 1869—71 entnommen, 34 vols. 8°. Insbesondere werden folgende Schriften genannt: 1. Sartor Kesartus (1869). 2. French Revolution (1869). 3. Critical and Miscellaneous Essays (1869/70). 4. Heroes and Heroworship (1870). 5. Last and Present (1870). Band YI der unten angeführten deutschen Ausgabe von Kretzschmar. 6. Letters and Speeches of Oliver Cromwell (1870). 7. Latter-Day Pamphlets (1870). 8. Life of John Sterling (1870). 9. History of Friedrich II, King of Prussia. II. Die chronologische Reihenfolge der Werke Carlyles ist folgende (die für unsere Zwecke in Betracht kommenden sind gesperrt gedruckt): Legendre's Elements of Geometry and Trigonometry . 1824 Wilhelm Meisters Apprenticeship 1824 Life of Friedrich Schiller 1825 {London Magazine, 1823 - 24.) — 80 — German Romance 1827 French Revolution 1837 Sartor Resartus 1838 (.Fräsern Magazine, 1833 — 34.) Critical and Miscellaneous Essays . . 1839 Chartism 1840 Heroes, Hero-Worship, and the Heroie in History 1841 Past and Present 1843 Life and Letters of Oliver Crom well 1845 Latter-Day Pamphlets 1850 No. 1. The Present Time. No. 2. Model Prisons. No. 3. Downing Street. No. 4. The New Downing Street. No. 5. Stump Orator. No. 6. Parliaments. No. 7. Hudsons Statue. No. 8. Jesuitism. Life of John Sterling 1851 Occasional Discourse on the Nigger Question . . 1853 (Fräsers Magazine, Dec. 1849.) History of Friedrich II 1858—65 Inaugural Adress at Edinburgh 1866 Shooting Niagara: and after? .... 1867 (Macmillans Magazine, Aug. 1867.) Mr. Carlyle on the War 1871 (Times.) The Early Kings of Norway: also an Essay on * the Portraits of John Knox 1875 (Fräsers Magazine, 1875.) — 81 — III. Des weiteren citieren wir: Reminiscences by Thomas Carlyle, edited by James Anthony Froude 1881 Correspondence of Thomas Carlyle and Ralph Waldo Emerson 1883 Early Letters of Thomas Carlyle ed. by Norton . . 1886 Correspondence between Goethe and Carlyle . . . 1887 Froude, Thomas Carlyle. London, II Yols, 1882. Froude, Thomas Carlyle in London, II Yols. (Forts.) 1885. Th. Carlyles auserwählte Schriften, deutsch von Kretzschmar. 1855. Fischer, Sartor Resartus. Leipzig, 0. Wigand, 1882. Mazzini, Scritti. Vol. IV. Milano 1862. Briefwechsel zwischen Goethe und Carlyle. Berlin, W. Hertz, 1887. E. Flügel, Carlyles religiöse und sittliche Entwicklung. Leipzig 1887. v. Schulze-Gaevernitz, Weg z. soc. Frieden. f> Erstes Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Theoretiker. i. Carlyles Gruiidansiclit. Carlyle sagt irgend wo, dal's der Schriftsteller zu den mächtigsten unter den Menschen gehöre, indem er weit über sein Lehen hinaus Zeiten und Völker sich unterthan mache, dal's insbesondere in der Gegenwart er thatsächlich der Herrscher sei, weil er am meisten die Macht habe, den Willen seiner Mitmenschen zu beeinflussen. Soweit dieser Satz wahr ist, gehört Carlyle selbst zu den mächtigsten Männern unserer Zeit. Sein Einflui's ist um so tiefgreifender geworden, je langsamer er sich Bahn brach. Bei Beginn seiner Laufbahn hatte Carlyle schwer um Anerkennung zu kämpfen. Selbst Nahrungssorgen blieben ihm nicht unbekannt in jener Zeit, als er für sein erstes gröfseres Werk, den seitdem so bekannt gewordenen „Sartor Resartus", vergeblich nach einem Verleger suchte. Dies alles aber konnte ihn nicht veranlassen, seine Ansichten oder auch nur seinen Stil dem Geschmack des Tages anzupassen; er hätte ein solches Verfahren schlechthin „seine Feder verkaufen" genannt. So war er gezwungen, seinen Pfefe. — 83 — Leserkreis sieh selber zu erziehen. Keine leichte Aufgabe; denn für ein Ohr, das an die Glätte der Macaulayschen Sätze gewöhnt war, mufste Carlyles Ausdrucksweise zunächst fast etwas abstofsendes haben. Seine Sprache — heute Gegenstand philologischer Abhandlungen — erschien unenglisch, weil sie zu englisch war. Sein Stil erschien schwülstig, unbeholfen, ja sogar lächerlich dort, wo in der altertümlichen Sprechweise eines abgelegenen schottischen Dorfes gewaltige Gedanken und gewaltigere Leidenschaften nach Ausdruck rangen. Hierzu kam die Eigentümlichkeit und Fremdartigkeit dieser Gedanken selbst. Als man ihn später notgedrungen anerkannte, blieb er lange für die meisten ein Kuriosuni. In diesem Manne, der einer Zeit, welche sich unerreichter Aufklärung und nie dagewesenen Fortschrittes rühmt, mit den Strafgerichten Gottes drohte, schien einer jener finsteren Puritaner, ein Genosse Cromwells, um zwei Jahrhunderte zu spät geboren. Der Beginn einer allgemeineren und rückhaltloseren Anerkennung ist durch die Erwählung des damals siebenzig- jährigen Carlyle zum Lord Rektor der Edinburger Universität bezeichnet. Es war die einzige öffentliche Auszeichnung, die Carlyle während seines Lebens zu Teil ward — nach den Begriffen seiner Heimat aber allerdings eine hohe Auszeichnung, welche nur Gröfsen in Staat oder Wissenschaft zu Teil zu werden pflegt. Gladstone war sein Vorgänger, Disraeli sein Mitbewerber, welchen er bei der Wahl mit einer Majorität von 347 Stimmen schlug. Hieraus mag man auf die Bedeutung schliefsen, welche Carlyle damals bereits in den Augen seiner Landsleute zukam. Die Rede, mit der Gladstone sein Amt niederlegte, war ein Meisterstück der Beredsamkeit dieses Mannes, welche selten verfehlt hat, britische Hörer mit sich fortzureifsen. Sie 6* hatte einen Sturm unerhörten Beifalls entfesselt, der sich bis weit auf die Strafsen hinaus fortpflanzte. Unmöglich schien es, seinem Nachfolger mehr zu spenden; und doch wurde wenige Wochen darauf Carlyle ein Höheres zu Teil. Als er seine Antrittsrede geendet hatte, herrschte im Saale minutenlanges Stillschweigen. Die Anwesenden — unter ihnen wissenschaftliche Gröfsen ersten Ranges — empfanden, dafs in dem schlichten Greise nicht eine flüchtige Tageserscheinung vor ihnen stehe, mit der man sich durch Beifall auseinandersetzen könne, vielmehr, was Goethe schon dem Anfänger gegenüber erkannt und ausgesprochen hatte: „dafs er auf originalem Grund beruhe" und eine „moralische Macht von grofser Bedeutung" darstelle, „in der viel Zukunft vorhanden sei" 1 . Carlyle entfloh, nachdem er seine Rede gehalten; an den Gräbern seiner Eltern suchte er die Ruhe des Geistes wieder zu gewinnen, welche ihm über jedem Hinaustreten in die Öffentlichkeit verloren ging. Von jener Rede (gehalten am 22. April 1866) aber wurden binnen wenigen Tagen 20 000 Exemplare verkauft. Seitdem ist sein Einflufs schnell gewachsen. Henry Taine, der um jene Zeit England besuchte, konnte bereits erklären: nach dem Eindrucke, den er gewonnen habe, besitze über die jüngere Generation Englands kein Schriftsteller einen Einflufs, der dem Carlyles gleichkäme. Heutzutage findet man in England nicht wenige Männer, welche bekennen, von Carlyle mehr oder weniger abzuhängen, ihm ihr geistiges Sein und jenen sittlichen Halt zu verdanken, ohne welchen — wie unser zumeist skeptisches Zeitalter beweist — v/ahrhaft erfolgreiches Handeln unmöglich ist. Eine ganze Carlyle- 1 Vergl. Goethe und Carlyles Briefwechsel S. 37, Berlin 1837; Goethes Gespräch mit Eckermann vom 25. Juli 1827. — 85 — litteratur ist seitdem entstanden und bald derartig angewachsen, dafs sich in ihr zurechtzufinden keine kleine Aufgabe mehr ist. Das jüngst erschienene Buch von Garnett 1 enthält eine — so weit ich beurteilen kann — vollständige Übersicht derselben. Acht deutsche Veröffentlichungen, welche den Namen Carlyles und die Jahreszahl 1887 tragen, — teils Aufsätze in Zeitschriften, teils selbständige Werke — beweisen, dafs der schottische Denker auch bei uns die Beachtung findet, welche er seit lange schon um deswillen verdient, weil kein zweiter Ausländer deutsches Wesen und deutsche Eigentümlichkeit so verstanden und geschätzt hat. Wenn man in die Carlylesche Gedankenwelt einzudringen anfängt, so erscheint auch heute die Form, in der sie auftritt, noch fremdartig. Der Inhalt aber, den jene Form umschliefst, ist uns bei weitem nicht mehr so entgegengesetzt, wie den Landsleuten Carlyles in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Gar bald erkennen wir, dafs ein grofser Teil der Gedanken, welche unsere Zeit im Gegensatz zu der jüngst verflossenen bewegen, sich in den Werken Carlyles bereits vorgebildet findet. Durch ein Studium Carlyles kommt man dem Verständnis der Gegenwart selbst näher, und was giebt es wichtigeres für den Politiker sowohl, als den Gesellschaftsphilosophen, welcher Richtung er persönlich auch angehöre, als Einsicht in die eigene Zeit? Viel Mifsverständnis und Streit wird mit zunehmender Einsicht vermeidbar. Daher ist es in vorliegender Arbeit weniger unser Zweck, die darzustellenden Richtungen zu kritisieren, als in ihren Inhalt einzudringen, den gemeinsamen Boden nachzuweisen, sie innerlich zu verknüpfen. Unser Urteil über Carlyles Bedeutung wird bestätigt durch eine Autorität, welche hier zu den ge- 1 R. Garnett, Life of Th. Carlyle. London, Walter Scott, 1888. > I — 86 - wichtigsten zählen dürfte, die John Stuart Mills. Derselbe erklärt in seiner Selbstbiographie, dafs in ihm, durch Bentham vermittelt, weit mehr Elemente des achtzehnten Jahrhunderts vorhanden seien als in Carlyle. In dem letzteren vielmehr verkörpert sich ihm der „Kampf des neunzehnten gegen das achtzehnte Jahrhundert" k Wie der Zusammenhang ergiebt, versteht Mill unter dem Ausdruck „achtzehntes Jahrhundert" die individualistische Weltanschauung, wie sie in der klassischen Nationalökonomie ihren Ausdruck gefunden hatte. Der Gegensatz, in den Carlyle dazu tritt, hat zum Hintergrunde das Auftreten der socialrevolutionären Partei, wodurch, wie im vorhergehenden Kapitel gezeigt ist, die bisher herrschende Gesellschaftsauffassung widerlegt schien. Einer Zeit also, welche durch Auflösung der inneren und äufseren Bande, welche die Individuen bisher zurückgehalten und verknüpft hatten, ein goldenes Zeitalter auf Erden herbeizuführen vermeinte, trat ein Mann entgegen, der ihr etwa folgendes zurief: „Nicht eine neue herrliche Gesellschaft baut ihr auf, wie ihr wohl wähnet, sondern ihr seid daran, den von den Vätern errichteten Bau täglich mehr zu lockern, der euch — wenn schon nicht mehr regendicht — heute noch kümmerliche Unterkunft bietet. Ihr zehrt von einem Kapital, das weisere Vorfahren aufgespeichert, aber das früher oder später aufgezehrt sein rnufs. Auch seid ihr blind für die Zeichen der Zeit, die euern Untergang verkünden. Was die Assyrier einst den Juden gewesen, was die Barbaren für die üppigen Völker des Mittelmeeres, das ist die socialrevolutionäre Partei für euch: eine Zuchtrute in der Hand der Gerechtigkeit, zudem ein Kind eurer eignen Sünde, das euch zur Umkehr zwingen oder vernichten wird." Ein solcher Mann J. St. Mill, Selbstbiographie Cap. V. > - 87 — mufste Leuten, die unter dem Einflufs Ricardos und Cobdens standen, ein Anachronismus erscheinen. Aber des Eindrucks verfehlte er auf die Dauer schon um seines Ernstes willen nicht. Denn unbeeinflufst von der Tagesgunst, unberührt von ( der Tagesmeinung wandte er sich allein an das Gewissen seines Volkes — ein Jesaias im XIX. Jahrhundert. Aber Carlyle war mehr als ein puritanischer Bufsprediger. Im Besitze des ganzen Bildungsschatzes seiner Zeit und mit den Mitteln des modernen Denkens hatte er die von ihm angegriffenen Richtungen, die herrschenden für die Zeitgenossen, innerlich überwunden. Hieraus folgt, dafs er im Besitze einer originalen Weltanschauung sich befand — im Gegensatze zu John Stuart Mill — was das Wesen eines grofsen Philosophen und geistigen Neuerers ausmacht. Wenn Carlyles philosophische Bedeutung lange verkannt wurde, so beruht das auf der Darstellungsweise. Dieselbe ist nichts weniger als systematisch. Erst wiederholtes Durch- > lesen seiner Werke, welche in den 40 Bänden der Bibliotheksausgabe von Chapman gesammelt sind, führt zur Erkenntnis, dafs die durch sie verstreuten Bemerkungen über die Welt, die Geschichte und die menschliche Gesellschaft eines inneren Zusammenhangs nicht ermangeln. Allmählich wachsen die scheinbar oft widersprechenden Gedanken zu jener Einheit zusammen, wie sie die Gedankenwelt grofser und schöpferischer Menschen zu bezeichnen pflegt. In dieselbe einzudringen, sie nachzudenken und in einem Systeme, das selbständig zu entwerfen war, darzustellen, ist die Aufgabe dieses und des folgenden Kapitels. Die socialpolitische Seite war nicht ausdrücklich hervorzuheben, da sie bei Carlyle selbst in den „ Vordergrund gerückt ist. Wir finden bei Carlyle Berührungspunkte mit der Weltanschauung des Goethe der Wanderjahre, des Faust, der Gespräche mit Eckermann sowie durch Goethe vermittelt nicht wenige mit Schopenhauer, ferner solche mit der Kantischen und Fichteschen Philosophie, woraus eine Verwandtschaft mit dem deutschen Denken folgt. Endlich aber besteht in wichtigen Punkten eine Übereinstimmung mit August Comte, welche eine Reihe von Schülern beider zu eigentümlichen Kombinationen führte. Mit Comte gemeinsam ist Carlyle der dem Engländer angeborene Sinn für die positiv festgestellte Thatsaehe, welche ihn die Träume der deutschen Idealisten vermeiden liefs, sodann insbesondere die eigentümliche Auffassung der Gegenwart und der Gegensatz zu der dieselbe beherrschenden, individualistischen Nationalökonomie. In letzterer Hinsicht ist Carlyle diejenige Quelle, auf welche alle die zurückgehen, welche die Beurtheilung der socialen Erscheinungen vom kapitalistischen Standpunkt verwerfen und durch eine vom Standpunkt der Arbeit ersetzen. Carlyle ist mithin der Vater aller im folgenden darzustellenden Richtungen: der neueren Genossenschaftsbewegung, der Universitätsbewegung, des englischen Positivismus und des Socialismus — wenigstens insofern als von ihm der Anstois zu jenem Umschwung in der Auffassung socialer Erscheinungen ausgeht, auf welchem die genannten Richtungen, soweit sie England angehören, beruhen. Der Antiindividualismus, welcher die Grundlage des gesamten Carlyleschen Gedankensystems ausmacht, und zugleich den Punkt, von dem aus er die soeben bezeichneten Richtungen beeinflufst, geht auf Einflüsse zurück, welche dem Studium der deutschen Philosophie weit vorausgingen; letzterer entnahm er lediglich die Form, um eine bereits in der Jugend erworbene Grundanschauung in zeitgemäfsen Gedankenausdruck zu bringen. Carlyle ist in erster Linie Abkömmling des puritanischen Kalvinismus, welcher in England eine Macht geblieben ist und mehr als alles andere zu dem Um- Schwung von einer individualistischen zu einer antiindividualistischen Weltanschauung mitgewirkt hat, den wir in vorliegender Arbeit in seinen verschiedenen Formen verfolgen. Man hat gesagt, dafs England zu verstehen unmöglich sei, ohne seine Kirche zu verstehen. Von allen Engländern aber dürfte Carlyle derjenige sein, dessen Verständnis am wenigsten zu erreichen ist, ohne Rücksichtnahme auf die kirchlichen Verhältnisse, unter denen er aufwuchs. Grofse Bewegungen, die einem Zeitalter ihren Namen gaben, haben ein ganzes Volk nie auf einmal ergriffen. Zuerst in Wenigen erwacht, breiten sie sich alsbald über die Masse derer aus, die geistig und politisch im Vordergrund stehen. Dagegen bleiben noch lange abgelegenere Kreise vorhanden, in denen die alten Zustände sich erhalten. Hinter der Aufklärung des vorigen und unseres Jahrhunderts liegt nun ein Zeitalter der religiösen Leidenschaft, welches dem unseren als Reaktion gegen die Überspannung der Gefühlsund Willenskräfte eine vorwiegend rationalistische Stimmung zurückliefs. Aber noch lebt in breiten Schichten der Geist jener früheren Zeit fort, ganz besonders unter den Völkern angelsächsischer Zunge, welche von der religiösen Bewegung am spätesten erfafst, aber dann mit einer Gewalt erschüttert wurden, wie sie kaum in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte ihres gleichen findet. Äufserlich freilich konnte sich weder die englische noch die schottische Kirche dem Einflüsse der Zeit entziehen, seitdem sie um ihr Dasein zu kämpfen aufgeholt hatte. Insbesondere verwuchs die englische Kirche mit der herrschenden Aristokratie und wurde nicht ohne vorhergehende Kämpfe ein Teil und eine Stütze der Staatsverfassung. Vornehm geworden , vernachlässigte sie, nicht weniger als einst die römische, ihre socialen Pflichten. Jener Zeit gehört das aus — 90 — Romanen bekannte Bild des englischen Geistlichen an, der ein vollkommener Lebemann, zumeist der jüngere Sohn einer angesehenen Familie, für Fuchshetzen und Truthahnpasteten als Sachverständiger nicht seines gleichen findet. Ganz besonders bezeichnend dafür, wie das achtzehnte Jahrhundert auch von der schottischen Kirche Besitz genommen hatte, ist u. a. der Beschlufs, durch den die Presbyterialversammlung 1796 mit grofser Mehrheit sich gegen die Heidenmission aussprach, um durch die Berührung mit dem Dogma von der Rechtfertigung durch den Glauben „die einfachen Tugenden ungebildeter Indianer" nicht zu verderben. Auch stand die Kirche, wenigstens ihre öffentlichen Organe, durchaus auf Seite der wirtschaftlich mächtigen, zunächst der agrarischen, dann der industriellen Aristokratie. Hieraus erklärt sich, dafs die Geistlichkeit sich den Arbeitern gegenüber zunächst feindlich verhielt. So urteilt wenigstens der Graf von Shaftesbury in seinem Tagebuch: „Von wem hätte ich am meisten Hülfe erwarten dürfen? Doch unzweifelhaft von der Geistlichkeit, zumal derjenigen der Industriegegenden; aber gerade das Gegenteil ist mir geworden, mit äufserst seltenen Ausnahmen; und doch giebt es in unserer Kirche 16000 Pfarrer aufser den hohen Würdenträgern." Erst später entstand eine christlich-sociale Bewegung, auf welche wir unten eingehen. An ihr ist Carlyle bereits ursächlich beteiligt. Mitgewirkt aber hat gewifs, wie gerade der Entwicklungsgang Carlyles beweist, dafs in breiten Kreisen des Volkes der alte puritanische Geist sich forterhalten hatte. Der Aufschwung, den das religiöse Leben in diesem Jahrhundert nimmt, ist gewifs darauf zurückzuführen, dafs jene Klassen infolge der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen in den Vordergrund treten. Wie wäre es auch denkbar, dafs ein so ungeheurer Anstofs, wie der von der englischen Reformation gegebene, seine Wellen nicht über Jahrhunderte ausbreitete? Insbesondere war das schottische Volk noch zu sehr von den Traditionen seiner „großen Zeit" — denn als solche gilt ihm die Kirchenreformation — beherrscht, um von den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts mehr als oberflächlich berührt zu werden. Man bedenke, dafs zu einer Zeit, da in Deutschland das Luthertum längst erstarrt war, gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts, in Schottland eine Religionsverfolgung stattgefunden hat, die den schwersten Heimsuchungen der alten Kirche nichts nachgiebt. Wie jene ersten Christen lieber sterben als den Kaiser anbeten und das Christentum verleugnen wollten, so haben damals die schottischen Presbyterianer ihre Weigerung, für den König zu beten und den Konvent abzuschwören, mit dem Tode gehülst. Eine Inschrift auf dem Edinburger Friedhof vermeldet: „Vom 27. Mai 1661, da der hochedle Marquis von Argyle enthauptet wurde, bis zum 17. Februar 1688, da James Renwick litt, wurden auf die eine oder andere Weise für dieselbe Sache gemordet und abgethan gegen 18 000, , edle Blutzeugen für Jesus Christus." Vor allen waren die Moore und Hügel des Westens, wo Carlyles Geburtshaus stand, das Land jener nächtlichen Feldpredigten gewesen, auf deren Teilnahme der Tod stand. Noch heute verehrt, wie uns Carlyle berichtet, das Landvolk die „Gräber seiner Märtyrer"; noch lebt das "Gedächtnis an die flüchtigen Feldprediger fort, „deren die Erde nicht würdig war" 1 . Dieselben Gegenden blieben der Sitz der Kameronianer, jener äufsersten Richtung der Presbyterianer, die zu der unter Wilhelm III. restaurierten Kirche nicht zurückkehrte. Noch 1 Brief an die Hebräer 11, 38. — 92 — gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts waren sie stark genug, ein eigenes Presbyterium zu gründen, verfielen aber dann — infolge einer innerlich notwendigen Entwicklung — in indepen- dentistische Grundsätze. Die meistgenannte der aus ihnen hervorgegangenen Sekten sind die sogenannten „burghers", denen Carlyles Familie angehörte. Wie die ganze Sektenbildung in Schottland, so bedeutete auch die Trennung der Burgher von der Staatskirche eine strengere religiöse Richtung, insbesondere „strengeren Anschlufs an die Prinzipien der Reformation". Die religiösen Eindrücke, welche Carlyle in diesem heimischen Kreise aufnahm, sind für seine Entwicklung nicht hoch genug anzuschlagen. Mit wunderbarer Klarheit sieht der Greis noch nach sechzig Jahren die Gemeinde in der kleinen Kapelle sich versammeln, unter ihr viel greise Gestalten mit langen weifsen Barten und braunen Gesichtern, welche die Not des Lebens gefurcht hatte. Trotz Regen und Schnee kamen sie nicht selten bis 20 Meilen über Heiden und Moore hergewandert. Nirgends, sagt Carlyle, seien so wie in Schottland Männer, die das Christentum wie die Apostel lebten und lehrten, neben dem angestellten Klerus einer evangelischen oder katholischen Kirche gestanden. Den Prediger der Gemeinde — sein Name sei unvergessen — John Johnstone, bezeichnet Carlyle noch in hohem Alter „als den geistlichsten Mann, den ich je unter irgend einer kirchlichen Bekleidung* zu erblicken das Glück hatte. Diese Bauernvereinigung, jenes kleine heidekrautgedeckte Haus und jener schlichte Evangelist zusammen, bildeten eigentlich die Kirche des Distrikts. Sie wurden vielen zum Segen und Heil und auch in mir leben die frommen, himmlischen Einflüsse fort". Das Geschlecht, dem Carlyle entstammte, pflegte grofse, — 93 — starkknochige Menschen hervorzubringen, die uralt wurden, wilde Charaktere, mit denen nicht gut zu verkehren war. Auch in Carlyles Vater lebte der alte Jähzorn fort, aber er war überwunden von einer religiösen Überzeugung, welche sein ganzes Leben bis in die Einzelheiten hinein beherrschte. Durch seinen Glauben, sagt sein Sohn von ihm, sei er sicher inmitten einer fallenden Ära geschritten, „ein Mann der alten Zeit, auch ein ultimus Romanorum". Dies ist Carlyles Vater, ein echter Schotte, in allem das Urbild seines Sohnes, welcher sich stets bewufst war, dafs er das beste, was er besitze, dieser Quelle verdanke. Auch darin antiindividualistisch gesinnt, betrachtete der Sohn sich selber im eigentlichsten Sinne als eine Fortsetzung des Wesens seines Vaters, den er nach dessen Tode mit dem Pfeiler verglich, auf dem er selber stehe, den die Wasser bereits überflutet hätten, die auch ihn bald bedecken würden. Seiner natürlichen Begabung nach, sagt Carlyle, war er, obwohl nur zur Hälfte entwickelt, der bedeutendste Mensch, dem er im Leben begegnet sei. Was Carlyle mit seiner Mutter verband, war, dafs er in ihr, unter alten Formen zwar, jene Übereinstimmung des Denkens und Handelns fand, welche dem modernen Menschen fehlt, und die unter neuen Formen zurückzugewinnen, Carlyle für die wichtigste Aufgabe der Gegenwart hielt. So kann er ihr ohne Unwahrheit schreiben, dafs ihre Ansichten trotz äufserer Verschiedenheit die gleichen seien, dafs auch er für die alte gute Sache kämpfe. Auch über den Grund des Elends der Gegenwart stimmen sie überein, nur dafs die Mutter in der Sprache des Testamentes das Sünde nennt, was der Sohn als den Mangel einer das Leben beherrschenden und regulierenden Weltanschauung beklagte. „Kein Wunder", schreibt sie am 19. Juli 1840, „wenn wir unfruchtbare Zeiten haben; denn wir sind ein Volk mit Sünde beladen wie Israel — 94 — vor Alters. Wenn Gottes Gerichte die Welt heimsuchen, so sollten wir, die Bewohner der Erde, Gerechtigkeit lernen." Die Eindrücke des Elternhauses sind zeitlebens für Car- lyles Entwicklung die bestimmenden geblieben, wie sehr er später den ungeheuren Schatz des modernen Denkens in sich aufnahm. „Es war kein fröhliches Leben", sagt er von seiner Jugend, „wessen Leben wäre es? und doch flofs es sicher und ruhig dahin, und war mehr als das der meisten oder aller, von deren Lebenslaufe ich Zeuge gewesen bin, ein gesundes Leben! Wir waren eher schweigsam als gesprächig. Aber wenn auch nur wenig gesagt wurde, so hatte doch das wenige gewöhnlich Bedeutung." Frische und Urwüchsigkeit zeichnet den engen Kreis aus, in dem sich die Jugend Carlyles abspielt. Etwas altnordisches liegt in diesen Leuten mit eckigen Köpfen, mit grauen, scharfen Augen, Ernst und Willenskraft in den Zügen und einem Blitz von Humor in den Mundwinkeln. Carlyle war durch seine Geburt in eine Welt gestellt worden, die von dem, was wir achtzehntes Jahrhundert nannten, völlig unberührt geblieben war, auf welche die von den gleichzeitigen Verhältnissen abstrahierte Nationalökonomie schlechterdings nicht pafste. Das Thun dieser Menschen bestimmte sich thatsächlich nicht nach individualistischen Motiven, sondern nach einer gemeinsamen, ihr ganzes Wesen durchdringenden Weltanschauung. Die Arbeit geschah hier in der That um ihrer selbst willen, sie war ein Gebet. So war Carlyle in einer Welt aufgewachsen ähnlich der des Mittelalters oder der grofsen Kirchenbewegung, Zeiten, welche der Kationalismus nicht begreifen konnte, weil er ihre Beweggründe nicht auf die seinen zurückführen kann. Carlyle hatte sie verstehen und zugleich durch eigene Erfahrung kennen gelernt, wie viel gesunder, in sich zufriedener und leistungsfähiger sie waren, — 95 — als die Welt des Individualismus, in die er nunmehr hinaustritt. Noch ein anderes verdankte er seiner Abstammung: ungemischtes germanisches Blut, dessen er sich später gerne rühmte. Insbesondere besals er eine innere Verwandtschaft zur deutschen Sinnesart, die ihn alsbald zur deutschen Litte- ratur führte, und diese, zu den allerdings weit stärkeren Eindrücken seiner Jugend hinzutretend, bildet die zweite Gruppe von Einflüssen, welche seine Persönlichkeit vollenden. Vierzehnjährig verläfst Carlyle sein Heimatsdorf und wandert zu Fufs nach Edinburg, um dort das entbehrungsvolle Leben eines schottischen Studenten zu beginnen. Zur Theologie bestimmt, geht er bald aus „prohibitorischen Zweifeln" zum Studium der Jurisprudenz über, erwirbt alsdann infolge einer gelösten Preisarbeit eine Lehrerstelle der Mathematik, liegt diesem Berufe eine Reihe von Jahren an verschiedenen Schulen ob und veröffentlicht in jener Zeit sein erstes Buch: eine Übersetzung von Legendres Geometrie mit einem selbständigen, und wie Sachverständige erklären, nicht unbedeutenden Kapitel über Proportionen. Diese äufsere Zersplitterung ist das Abbild einer schweren inneren Krise, wie sie durch den Zusammenstofs zweier, durchaus verschiedener Weltanschauungen hervorgerufen ward. Die Zeit des Werdens umfafst bei Carlyle, von Eintritt in die Universität an gerechnet, volle zwanzig Jahre, innerhalb deren er mit wunderbarer Kraft den Bildungsschatz seiner Zeit in sich aufnimmt. Seine Frau erzählt von ihm, dafs er täglich einen Band schweren, wissenschaftlichen Inhalts bewältigte. Er sammelte so, von einem vortrefflichen Gedächtnis unterstützt, jene erstaunliche Fülle von Kenntnissen, die ihm den Stoff bot, um der beste Unterhalter, „the best talker of England" zu werden. Wichtiger aber als das: innerhalb jener zwanzig Jahre gelangt er unter schweren Kämpfen zu einem Standpunkt, von dem aus das Denken der Neuzeit und die puritanischen Anschauungen seines Elternhauses nicht mehr Gegensätze sind. Unerläfslich zum Verständnis der Carlyle- schen Schriften ist es, den Gang dieser Entwicklung im Auge zu haben, in welchem der „Sartor Resartus", zahlreiche Briefe und einige spätere Aufzeichnungen Carlyles genügende Einsicht gewähren. Denn Carlyle selbst mafs seiner Entwicklung eine mehr als biographische Bedeutung hei, was er dadurch beweist, dafs er sie in dem erstgenannten Buche einen deutschen Professor, eine Art Faust, zum zweiten Male durchmachen läfst. Die Mehrzahl der Menschen — Arbeiter auf besonderem Gebiet, d. h. Organe der Gesellschaft zu speciellen Funktionen — nehmen zwar auch die Meinungen ihrer Zeit, insbesondere die in der Jugend ihnen entgegengebrachten, willig an, ohne jedoch mehr als oberflächlich von ihnen berührt zu werden. Insbesondere stehen ihre Handlungen in keinem notwendigen Zusammenhange mit ihren mehr oder weniger ausgebildeten theoretischen Überzeugungen, werden vielmehr, unabhängig von jenen, durch ererbte und anerzogene Motive der verschiedensten Art beherrscht. So sind in unserm Zeitalter des Individualismus Motive wirksam geblieben und geworden, die von diesem Standpunkt aus eigentlich unerklärlich sind: Religiosität und Loyalität, die noch von Altersher die Gesellschaft zusammenhalten, das neuerwachende Standesbewul'st- sein der arbeitenden Klassen und der Nationalitätsgedanke, welche daran sind, Europa umzugestalten. Dem gegenüber können es, vermöge der in der Gesellschaft notwendigerweise bestehenden Arbeitsteilung, nur wenige sein, welche die Strömungen ihrer Zeit in der Weise in sich zu einer Einheit zusammenschliefsen, dafs sie die Wirkungen derselben, die sonst oft über ein Jahrhundert auseinanderliegen, innerhalb eines Menschenalters erleben. Ihr Lebensgang wird so typisch für ihre Zeit und die Zukunft wird in ihnen mikrokosmisch vorgebildet, genau so wie es im individuellen Organismus nur die zur Fortpflanzung bestimmten Zellen sind, die nach keiner Richtung hin eine Specialisierung, sondern vielmehr ein physiologisches Abbild des Ganzen zeigen. Carlyle gehörte zu diesen wenigen Berufenen. Das zweite Element, das nach dem Puritanismus des Elternhauses auf ihn eindringt, ist die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, welche in dem französischen Materialismus und der englischen Nationalökonomie ihren Ausdruck findet. Beide gehen vom Individuum aus. Da dem Individuum allein körperliche Eindrücke unmittelbar gegeben sind, so glaubte man, dafs überhaupt nichts als Körper existiere; da von inneren Motiven Schmerz- und Lustgefühle am unmittelbarsten gegeben sind, so glaubte man, dafs alle Handlungen davon beherrscht würden; ein Standpunkt, welcher ähnlich dem von Copernicus beseitigten gäocentrischen ist, indem er noch mehr als dieser das Individuum zum Mittelpunkt der Welt erhebt. Von diesem Grundgedanken aus aber ist die Möglichkeit sowohl von Religion als Sittlichkeit zu leugnen. Denn jene setzt eine jenseitige, unkörperliche Welt voraus, diese fällt hinweg, weil alle Gegenstände, belebte wie unbelebte, lediglich in soweit in Betracht kommen, als sie zur Befriedigung des individuellen Bedürfnisses dienen. Carlyles Bedeutung besteht darin, dafs er sich vor diesen Konsequenzen des einmal eingenommenen Standpunktes nicht scheute, welchen er innerlich zu überwinden noch nicht imstande war. Er that nicht, was die meisten an seiner Stelle gethan hätten, den Glauben, den er aus dem Elternhause mitgebracht hatte, und der bisher Leitstern und Ziel seines Lebens gewesen war, mit einem schützenden Walle zu umziehen. Er war zu ehrlich, um sogenannte doppelte Buchführung für möglich zu v. Schulze-G-aevernitz, Zum soc. Frieden. 7 halten. Desgleichen durchschaute er als vergebliches Bemühen, wenn die Utilitarier versuchten, das, was das Volk bisher Tugend genannt, beizubehalten, indem man es als besten Weg zum Wohlsein empfiehlt. Nannte sich doch ein Paulus von Tarsus, den die Menschen später den Heiligen nannten, den „Ersten der Sünder" — welche innere Qualen umschliefst dieser Ausdruck! — während ein Nero fiedelnd und schmausend auf dem Palatin safs und sogar wohlgemuth starb, mit einem: qualis artifex pereo. Welcher Unterschied also zwischen der utilitarischen Tugend, die nichts als ein rationeller Egoismus ist, und der religiösen Sittlichkeit früherer Zeiten! Statt des Weihrauchkessels, meint Carlyle, schwinge unsere Zeit offenkundig die Bratpfanne — denn was ist ein böses Gewissen gegen die Qualen einer schlechten Verdauung — statt der Kreuzesfahne den Weiberunterrock: hoc signo vinces. Diese Folgerungen blieben für Carlyle nicht rein ge- dankenmäfsig, sondern wurden innere Erlebnisse. Das Weltall war für ihn „ohne Leben, eine enorme tote Dampfmaschine, die in stumpfer Gleichgiltigkeit weiter rollt". „Die Menschen", sagt er, „selbst wenn sie sprachen, waren für mich nichts als blofse Figuren; ich hatte thatsächlich vergessen, dafs sie lebendig waren und nicht blofse Automaten." Carlyles Wahrhaftigkeit verachtete auf religiösem und sittlichem Gebiet jeden Kompromifs. Hierin eben besteht jene originale moralische Kraft, von der Goethe gesprochen: durch sie wurde er dazu getrieben, seine Zeit aus ihren eignen Voraussetzungen heraus zu überwinden. Er erkannte im Utilitariertum und im Materialismus die beiden Folgen des unserer Zeit eigentümlichen individualistischen Standpunktes. Der Skepticismus war für ihn daher nicht blofs ein theoretischer, sondern ein praktischer. Während ihn früher, wie er es ausdrückt, „gebahnte Wege", d. h. autoritativ gegebene I — 99 — Pflichten durch das Leben führten, trat er nun mit dem Verlust einer festen Weltanschauung in eine Periode des Schwankens und der Unsicherheit im Handeln. „Schwach zu sein, ist das Elend", sagt er mit Milton 1 . Hierin erblickte er auch den tiefen Grund des Pessimismus unserer Zeit, dem er in jenen Jahren seinen vollen Zoll zahlt. „Alles Leiden besteht in mifsleiteter Fähigkeit." Innere Kämpfe machen den Menschen erst dann unglücklich, wenn sie das Gebiet des Handelns berühren und wenn Zweifel, wofür er seine Arbeit und sein Leben einzusetzen habe, dann Vergeudung von Kräften und Planlosigkeit der Lebensläufe herbeiführen. Garlyle machte in jenen Jahren die Erfahrung, die unsere Zeit heute im grofsen zu machen daran ist: je mehr die bisherigen Lebenszwecke fallen und genufssüchtige Motive mafs- gebend werden, desto weniger wird das von den letzteren in Aussicht gestellte Ziel erreicht. „Das ist gewifs", sagt Carlyle, „wenn das, was man gemeiniglich Glück nennt, unser Ziel ist, so gehen wir alle irre." Mephisto, die Macht des Zweifels und der Verneinung, welche heute den Menschen durch das Leben begleitet, führt Faust zu den sinnlichen Genüssen, als den einzig zweifellosen, in denen jener, während er sie kostet, vor Begierde verschmachtet. Es sind die Jahre, die Carlyle als die düstersten seines Lebens bezeichnet. Von inneren Kämpfen zerrissen, an allem zweifelnd, trieb ihn damals allein die Sorge um das tägliche Brod zur Thätigkeit. Rettungslos schien er dem Pessimismus verfallen; Selbstmordgedanken lagen ihm nicht ferne. Seit jener Zeit bewahrten seine Züge die Spuren tiefen Seelenschmerzes, wie sie seine Bilder, insbesondere das beste von 1 Paradise lost I, 157: „To be weak is miserable, Döing or suffering." Vergl. Carlyle in Past and Present S. 297: „all misery is faculty mis- directed." 7* — 100 — ihm erhaltene, aufweisen. Er wandte später auf sich jenes Wort an, das Dantes Persönlichkeit bezeichnet: „sieh da, ein Mensch, der in der Hölle gewesen ist." Sein Pessimismus führte ihn, den socialen Kämpfen der Zeit gegenüber, in das Lager der Unterdrückten. Bezeichnend für Carlyles damaligen Standpunkt ist folgende Geschichte. Er wurde von einem Bekannten gefragt , ob er bei einem jener kleineren, damals so häufigen Arbeiteraufstände, bei dem er zufällig zugegen war, als die Miliz Ruhe stiftete, geholfen habe. „Auf welcher Seite", fragte Carlyle, „auf der der Unterdrücker oder der Unterdrückten?" Wenn Carlyle den Standpunkt des Individualismus und den sich für ihn hieraus ergebenden Pessimismus verläfst, so ist der wichtigste Faktor in dieser Entwicklung der Einflufs des Puritanismus seiner Heimat und seines Elternhauses. Mitgewirkt hat das Studium der deutschen Litteratur. Carlyle selbst legt den Hauptnachdruck darauf, dafs sein Pessimismus sich selber aufgezehrt habe. Die Leiden hätten in ihm die Überzeugung erwachen lassen, dafs das Ich im Menschen nicht der Zweck und Mittelpunkt des Daseins sei. Carlyle mtlfste kein Abkömmling der Puritaner gewesen sein, wenn sich ihm nicht diese Veränderung seiner Anschauungen als „conversion", d. i. Bekehrung dargestellt hätte. Nennt er doch bei der Darstellung des Lebens des von ihm viel bewunderten Oliver Crom well die „Konversion", unter welcher Denhform sie sich auch vollziehe, die „einzige Epoche im Leben des Menschen". Sie ist der Punkt, in dem der Mensch den Unterschied zwischen Gut und Schlecht, welcher der individualistischen Philosophie ein relativer zu sein scheint, als absoluten erfafst. Wie ihn Goethe bei dieser Gelegenheit beeinflufste, darüber findet sich eine interessante Notiz aus dem Jahre 1838: „Eins frappierte mich ganz besonders in Goethe. Er hatte in seinem Wilhelm Meister eine Gesellschaft talentvoller Leute beschrieben, die sich gebildet hatte, um Vorschläge zu empfangen und Rat zu erteilen . . . Der Mann, der Meisters Leitung übernommen hat, erzählt ihm, dafs täglich eine Zahl Anfragen an die Gesellschaft gerichtet würden, die man in verschiedener Weise beantwortete; dafs aber ganz besonders viele nach einem Rezept zum glücklichen Leben fragten: Das alles, sagte er, würde beiseite gelegt und gar nicht beantwortet. „Als ich dies zuerst las", fährt Garlyle fort, „wunderte ich mich nicht wenig. Was, sagte ich zu mir selbst, war es nicht gerade ein Rezept fürs Glück, das ich mein ganzes Leben lang suchte, und bin ich nicht gerade deshalb, weil ich darin erfolglos blieb, so elend und unzufrieden? Für eine bloi'se Paradoxie konnte ich die Stelle bei Goethes Aufrichtigkeit nicht halten: endlich, nachdem ich dieselbe eine lange Zeit überdacht hatte, fand ich, dafs sie eine grofse Wahrheit enthielt. Kein Mensch hat ein Recht, ein Rezept fürs Glück zu verlangen, er kann ohne Glück fertig werden; es giebt etwas besseres als das. Alle Menschen, die grofses geleistet haben, — Priester, Propheten und Weise, — hatten in sich einen höheren Leitstern als die Liebe zum Glück, nämlich geistige Klarheit und Vollkommenheit . . . Liebe zum Glück ist im besten Falle blofs eine Art Hunger, ein ungeregeltes Begehren im Menschen, weil ihm nicht genug von den Süfsigkeiten dieser Welt zu Teil geworden ist. Wenn man mich fragt, was denn dieses höhere Etwas sei, so kann ich nicht sofort antworten, aus Furcht mifsverstanden zu werden. Es giebt keinen Namen, den ich diesem Etwas beilegen, und der nicht in Frage gezogen werden könnte. Es giebt keinen Namen dafür; doch wehe dem Herzen, das es nicht fühlt: in einem solchen Herzen ist keine Kraft. Einst — 102 — nannte man dieses Höhere das Kreuz Christi: sicherlich kein Glück!" Wie jener Vorgang, den Carlyle seine Konversion nennt, sich im einzelnen vollzogen, darauf einzugehen ist unsere Aufgabe nicht. Hervorzuheben ist nur, weil diese Gedanken geradezu den Mittelpunkt seiner Weltanschauung ausmachen, folgendes: die Selbstsucht, welche in individualistischen Zeiten, wie den unsern, die Triebfeder des menschlichen Handelns wird, hat den Menschen notwendig dem Pessimismus ausgeliefert — eine Erfahrung, die erst allmählich in der Gegenwart gemacht wird. „Unsere Propheten predigen uns: du sollst glücklich sein, angenehme Dinge lieben und sie finden. Nun schreit das Volk, warum haben wir nicht angenehme Dinge gefunden?" Seine „Eitelkeit", d. h. sein Glaube, geboren zu sein, um glücklich zu sein, ist es, was ihm fortwährend Enttäuschungen bringt. Die Leiden aber haben eine erziehende Kraft, sie führen zu einem Punkte, auf dem die Selbstsucht gebrochen wird und die Entsagung eintritt. Auf diesem Wege wird derjenige, dessen Egoismus nicht mehr durch irgendwelche überkommene Glaubensvorstellungen ge- zügelt wird, zu einem ähnlichen antiindividualistischen Standpunkt geführt wie der, den der Gläubige von vornherein einnimmt; daher denn Carlyle mit Goethe von der „Heiligkeit des Leides" spricht. Jener Vorgang aber, der Eintritt der Entsagung und Selbstüberwindung, der sich für Carlyle als „Konversion" darstellt, ist für den Verstand, der nur Lust- und Schmerzmotive versteht, durchaus unbegreiflich; er fällt aus seinem Gebiete heraus, weil er nicht utilitarisch zu erklären ist; er ist für den Verstand daher eine transcendente Erscheinung, weshalb diejenigen, welche ihn durchmachen, ihn als „göttlich" oder „GnadenWirkung" bezeichnen. Wer sich zu diesem Stand- — 103 — punkt erhoben, der hat die Welt besiegt. Seine früheren Wünsche und Befürchtungen erscheinen ihm kleinlich; der Tod verliert seine Schrecken. Je negativer ihm das Diesseits wird, desto positiver wird ihm ein Jenseits, unter welchen dogmatischen, an sich nebensächlichen, Formen er es auch denken mag. „Er fui'st im Jenseits". Wenn Carlyle Aussprüche thut wie den, dafs die „Entsagung" das wichtigste im Leben sei, dafs mit ihr das Leben eigentlich erst beginne, so darf man hieraus nicht schliefsen, dafs seine philosophischen Überzeugungen eine quietistische Grundlage haben, in der Weise wie die buddhistische Religion, das mittelalterliche Mönchstum und unter den Neueren Schopenhauer die Entsagung gefafst haben. Carlyle erblickt hierin eine Täuschung; denn aufser im leiblichen Tode, den die Ascese anticipiert, giebt es keine Flucht von der Welt. Nicht draufsen, sondern im Menschen liegt die Welt; sie folgt ihm in die Mauern des Klosters und in die Höhle des Anachoreten. Uberallhin begleitet ihn „der dunkle Punkt des Ich", und folgerichtig handeln alsdann allein die Büfser, die sich in die Fluten des Ganges oder unter die Räder des Götterwagens stürzen. Die Entsagung, die Carlyle lehrt, ist nichts negatives, sondern Überwindung der Welt durch Thä- tigkeit, durch eine Thätigkeit, die nicht egoistisch, sondern in durchaus entgegengesetzter Weise bestimmt ist, und deren Form von der geschichtlichen Gesellschaft abhängt. Die Form, in der Carlyle seiner antiindividualistischen Grundanschauung einen dem Denken der Gegenwart entsprechenden Ausdruck verlieh, bot ihm jedoch nicht mehr die puritanische Weltanschauung, sondern die deutsche Philosophie: Kant, die Kantianer und vor allem Goethe. Wir können die Bedeutung der Deutschen für Carlyle wie für das neunzehnte Jahrhundert überhaupt nicht besser ausdrücken, als mit fol- gendeu Worten H. Taines 1 : „Von 1780 bis 1830 hat Deutschland die Ideen unseres Zeitalters hervorgebracht, und nocli während eines Halbjahrhunderts, vielleicht während eines Jahrhunderts, wird es unsere Sache sein, sie nachzudenken. — — Die Entwicklung des geistigen Fortschritts ist immer dasselbe gewesen und man kann mit ziemlicher Sicherheit das, was man in der Vergangenheit beobachtet, für die Zukunft voraussagen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt erscheint eine originale Form der Auffassung (une forme d'esprit originale), welche eine Philosophie, eine Litteratur, eine Kunst, eine Wissenschaft hervorbringt und die, nachdem sie das menschliche Denken umgestaltet hat, alle Gedanken des Menschen umgestaltet. Alle Geister, welche forschen und finden, befinden sich in ihrer Strömung. Die Bewegung dauert fort, so lange etwas zu finden bleibt". — — So hat nach Taine die Renaissance sich ausgebreitet bis zur Reformation, die aus ihr hervorgehende klassizierende Richtung bis zur französischen Revolution. „So erhob sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts das philosophische Genie Deutschlands, welches, nachdem es eine Metaphysik, eine Theologie, eine Poesie, eine Litteratur, eine Linguistik, eine Exegese, eine Erziehung neu hervorgebracht hatte, heute in Fortsetzung seiner Entwicklung zu den Wissenschaften hinabsteigt. Keine originalere und allgemeinere Geistesbewegung, keine die in ihren Folgerungen für alle Gebiete fruchtbarer gewesen wäre, hat sich während der letzten drei Jahrhunderte gezeigt. Die Bewegung ist von derselben Art wie die Renaissance und das klassizierende Zeitalter, sie knüpft an sich alle Gegenstände des zeitgenössischen Denkens. Sie erscheint, wie jene, in allen civilisierten Ländern, pflanzt sich, wie jene, unter verschie- 1 Vergl. H. Taine, L'idealisme anglais S. 72 ff. Paris 1864. 105 — denen Formen fort". „Worin besteht diese Form? In der Fähigkeit, die allgemeinen Begriffe aufzufinden. Keine Nation hat sie in so hohem Mafse besessen, wie die Deutschen. Dies ist ihre vornehmste Eigenschaft. Durch sie haben sie hervorgebracht, was sie gethan haben. Diese Gabe ist im eigentlichen Sinne die des „Begreifens"; durch sie findet man die Allgemeinbegriffe, d. h. man vereinigt unter einer Hauptidee alle zerstreuten Teile eines Gegenstandes, man nimmt unter den Verschiedenheiten einer Gruppe das gemeinsame Band, das sie vereinigt, wahr; man vereinigt Einwürfe und führt Gegensätze auf innere Einheit zurück. Hierdurch haben die Deutschen den Geist von Zeitaltern, Civili- sationen und Bassen erfafst und haben das, was nur ein Haufe von Thatsachen war, in ein System der Gesetze der Geschichte verwandelt. Durch sie haben sie den Sinn der Dogmen erneuert. Sie haben Gott mit der Welt, den Menschen mit der Natur, den Geist mit der Materie vereinigt und die zeitliche Verkettung und Notwendigkeit der Abstammung der Formen entdeckt, deren Gesamtheit das Weltall ist". „In der That, alle Ideen, welche während der letzten fünfzig Jahre in Deutschland ausgearbeitet worden sind, sind auf eine einzige rückführbar: die der Entwicklung, welche darin besteht, alle Teile einer Gruppe als gegenwärtig abhängig und sich ergänzend anzusehen, in der Art, dafs jeder einzelne die übrigen bestimmt, und dafs sie vereinigt in ihrer Folge und ihren Gegensätzen die innere Eigenschaft, die sie vereinigt und hervorbringt, darstellen". In ähnlicher, noch bestimmterer Weise sagt Hillebrand in seinen Vorlesungen: Deutschland habe den Begriff des Organismus in die europäische Gedankenwelt eingeführt, ebenso wie der französische Rationalismus, der englische Empirismus und der italienische Humanismus vorher eingeführt — 106 — worden und unentbehrliche Teile der geistigen Konstitution Europas geworden seien. In der That ist es der Begriff des Organismus, welcher sämtliche einzelne Wissenschaften, wie die Gesamtwissenschaft überhaupt, umgestaltet. Die Idee des Organismus giebt allein die Möglichkeit zur philosophischen Überwindung des individualistischen Standpunktes; sie ermöglicht einen Standpunkt antiindividualistischer Moral, wie ihn religiöse Zeiten besessen haben, verbunden mit einer den wissenschaftlichen Überzeugungen der Gegenwart entsprechenden Weltanschauung. Wie der Mensch als Einzelwesen durch die Selbstsucht, so ist er als Teil eines Organismus durch das geleitet, was Carlyle bald als „Glaube", bald als „Liebe" bezeichnet. An Stelle der utilitarischen Begründung der Moral wird damit „Selbstverleugnung der Grund aller Tugend" (selfdenial parent of all virtue). Alles nicht aus diesem Beweggrunde entspringende Thun ist individualistisch und wirkt gesellschaftsauf lösend. Da bei dem heutigen Kulturmenschen die Eigenschaft als Teil eines Gesamtwesens die eines Einzelwesens weit übertrifft, so handelt nur derjenige gut, d. h. „den Tendenzen der Natur gemäfs", der von altruistischer 1 Grundlage aus handelt. Selbstsucht ist der Grund alles moralisch schlechten 3 . Hieraus folgt zugleich, dafs der Unterschied zwischen gut und schlecht kein relativer ist, wie der landläufige Kationalismus behauptet, sondern ein absoluter, ein „unendlicher", weil beide völlig verschiedenen Welten, weil verschiedenen Motivationsweisen angehören. Auch bezüglich des Erkennens wird die angedeutete Auffassung von Wichtigkeit. Erkenntnis beruht auf dem Willen, ein Satz, in dem Carlyle die gesamte neuere Philosophie, t 1 Hier wie im folgenden wird der Ausdruck „altruistisch" nach dem Vorgange H. Spencers im Sinne von „antiindividualistisch" gebraucht. 2 Vergl. Heroes and heroworsliip S. 218. — 107 — insbesondere Schopenhauer, Comte und den Darwinismus zur Seite hat. „Die That ist das Ziel des Menschen", sagt Carlyle in Übereinstimmung mit Aristoteles. „Erst im Handeln gelangt das Wesen des Menschen zur Erscheinung; die Erkenntnis ist nichts als Mittel" L Sie ist in der That nichts anderes als jede der vielen im Kampfe um das Dasein entwickelten Fähigkeiten und kann gleich ihnen auf Grund altruistischer wie individualistischer Motive in Wirksamkeit treten. Wie keine Erkenntnis ohne Wollen, so keine wahre Erkenntnis ohne altruistisches Wollen. Denn die Erkenntnis des gesellschaftlichen Menschen beruht gleich seinen übrigen Thätig- keiten vorwiegend auf letzterem. „Liebe allein führt zur vollkommenen Erkenntnis", schreibt Carlyle an Goethe. Daher in Wissenschaft wie im praktischen Leben diejenigen die Führer und die Gröfsen der Geschichte sind, welche am meisten von altruistischen Grundlagen ausgehen, die um der Sache willen erkennen, die um einer Idee willen handeln. Sie sind die „Helden", denen Carlyle eines seiner Werke gewidmet hat. Altruismus aber ist nicht möglich ohne Glauben, d. h. Annahme eines aufserhalb des Individuums liegenden Wertes. Der Mensch als gesellschaftliches Wesen lebt daduixh, dafs er einen Glauben hat; derselbe ist zur praktischen Lebensführung unentbehrlich. Alles grofse und bleibende ist aus dem Glauben heraus geleistet worden. Gläubige Zeiten sind aufbauende, glaubensleere zerstörende Zeiten. Das eine wechselt mit dem andern. Denn die Formen des Glaubens werden in der Art der menschlichen Kleider mit der Zeit abgenutzt und fadenscheinig, bis sie zerfallen; oder schlimmer, noch halten die Kleider, aber das Leben entweicht: alsdann stehen Scheinexistenzen vor uns, an die man nicht 1 Yergl. Past and Present II, c. 15. - 108 — mehr glaubt, aber zu glauben vorgiebt. Solche müssen, je eher desto besser, zerrissen werden, wie im gröfsten Mafs- stabe die französische Revolution gethau hat. Carlyle sucht im Grunde hiermit unter einer dem modernen Denken entlehnten Form die christliche Anschauungsweise seiner Jugend wieder herzustellen, freilich nicht die dogmatische Form derselben, welche er vielmehr aufgiebt, wohl alter den Grundgedanken des Christentums: die altruistische Lebensauffassung. Ja, Carlyle hatte, indem er jeden Quietismus verwarf und Selbstüberwindung nicht durch Weltflucht, sondern durch Arbeit in der Welt verlangte, sogar den eigentümlichen Gesichtspunkt des Protestantismus wieder aufgenommen, welcher das Ideal der mönchischen Vollkommenheit durch das des christlichen Hausvaters und ■— so wenigstens bereits der englische Protestantismus — des modernen Staatsbürgers ersetzt. Hatte doch Cromwell, der gröbste Vertreter der englischen Reformation bereits ausgesprochen in einem an seinen Sohn gerichteten Briefe, dafs der Mann für den Staat geboren sei — ein Gedanke, der die Puritaner in der Kajüte der „Maiblume" zusammentreten liefs, um sich zu einem Staatswesen im Namen Gottes zu vereinigen. Aber selbst in dogmatischer Hinsicht weicht Carlyle von den gröfsten der Puritaner, Milton und Cromwell, nicht all - zuweit ab. Auch für die letzteren war bereits das griechische Gewand, in das der vierte Evangelist und Origines den Glauben des Abendlandes gekleidet hatten, fadenscheinig geworden. Dogmatische Unterschiede waren für Milton und Cromwell bereits sekundär. Cromwell hat sich für die Gewissensfreiheit erhoben; Gewissenszwang erklärt er für Gewissensmord. Für Milton ist nicht das „verbum scriptum", sondern das „verbum non scriptum" im Menschen, d. h. das innere Erlebnis Gewähr des Glaubens. Für beide ist wie für — 109 — Carlyle ein rein intellektueller, wenn auch noch so orthodoxer Glaube von nicht mehr Bedeutung, als irgendwelche Hypothesen über die Welt; der Glaube ist ihnen vielmehr die dem Individualismus entgegengesetzte Motivationsweise, die V _ den ganzen Menschen erfafst, zunächst das Gebiet des Willens betrifft, und alsdann erst für den Verstand gewisse diskutierbare und wegen seiner subjektiven Beschränktheit stets unvollkommene Folgerungen mit sich bringt. Ganz im Carlyle- sclien Sinn erklärt bereits Cromwell nicht alle, die dasselbe glauben, sondern alle, die da glauben, als die Kirche 1 . Carlyle war sich dieses Zusammenhanges zwischen seinem Standpunkt und dem Puritanismus seiner Vorfahren wohl be- wufst. Er verehrte im Christentum die für alle Zeiten mafs- gebende Macht, die den Altruismus für die Grundlage des menschlichen Daseins erklärt hatte. Das Gesagte genügt, um zu zeigen, wie sehr die Folgerungen aus Carlyles Standpunkt seinen Zeitgenossen, insbesondere der klassischen Nationalökonomie, entgegengesetzt sein mufsten. Während die letztere erklärte, dafs die individualistischen Triebe, sich selbst überlassen, die Harmonie in der Gesellschaft herbeiführen müfsten, leugnet Carlyle ihre Wirksamkeit zwar nicht, behauptet jedoch, dafs sie, wo vorhanden, Reste des gesellschaftslosen Zustandes seien, dafs durch sie die Gesellschaft nie in das Leben gerufen worden wäre und dafs ein Auflösungsprozefs dort vorliege, wo sie von neuem die Oberhand gewönnen. Ein eigentümliches Zusammentreffen war es, dafs in denselben Jahren, als Carlyle seinen Kampf gegen die herrschende Weltanschauung eröffnete, von einer Seite, von der es am wenigsten zu erwarten war, seine Kritik der individua- 1 Vergl. Th. Carlyle, Oliver Cromwells Letters and Speeches I, S. 241. listischen Nationalökonomie eine Bestätigung fand. Die Idee der miteinander um das Dasein kämpfenden Individuen, die „freie Konkurrenz" jener, bot Charles Darwin, wie dessen jüngst veröffentlichte, autobiographische Aufzeichnungen beweisen, den Schlüssel zum wissenschaftlichen Verständnis einer das ganze Gebiet der organischen Natur umfassenden Entwicklung, den Goethe, sein Grofsvater, Lamarck und andere bereits ausgesprochen hatten. Wenn der Grundgedanke der Nationalökonomie imstande war, eine gesellschaftslose Welt zu erklären, die vom Individualkampf ums Dasein erfüllt ist, so war sie auf den Menschen nur in soweit anwendbar, als Reste eines solchen Zustandes zurückgeblieben sind. Der Kulturmensch dagegen mufste aus dieser Analogie weit hinausfallen, indem er weniger Produkt des Einzelkampfes als des Gesamtkampfes und in seiner Abhängigkeit von der arbeitsgeteilten Gesellschaft eher der einzelnen Zelle im tierischen Körper als diesem selbst zu vergleichen ist. Wandte man eine solche Theorie aber thatsächlich auf die heutige Gesellschaft an, so mufste dies — genau wie Carlyle behauptete — auflösend, d. h. in der Richtung auf die Rückführung in gesellschaftlose Zustände wirken. Die Bestätigung, welche Carlyle von dieser Seite erfuhr, blieb ihm verborgen; der soeben angedeutete Zusammenhang zwischen der individualistischen Nationalökonomie und dem Darwinismus wurde erst vor kurzem ei'hellt. Pflegt doch die Filiation der Ideen in gleiches Dunkel wie die der Individuen gehüllt zu sein. Darwin wie Carlyle, obgleich beide scheinbar weit entgegengesetzt, ordnen sich jener gröfse- ren Bewegung ein, welche heute allenthalben aprioristisehe Vorstellungen — eine solche war ja die des abstrakten Individuums der Nationalökonomen — durch historische Untersuchungen ersetzt, sodafs ein Ding verstehen nunmehr so viel — 111 heilst, als es in seiner Entwicklung begreifen. Noch haben wir es zu einer Natur wie Gesellschaft einheitlich umfassenden, entwicklungsgeschichtlichen Weltanschauung nicht gebracht. Der Versuch, den Herbert Spencer in dieser Ricli- r tung gemacht, ist zwar höchst wertvoll, leidet jedoch an einem inneren Widerspruch zwischen den Aufstellungen der „first priuciples" und den naturwissenschaftlichen Schriften einerseits und der später gegebenen socialwissenschaftlichen Lehre andererseits. Dafs aber diese wie andere Versuche zu einer philosophischen Gesamtauffassung noch nicht geführt haben, mag der Grund sein, weshalb das entwicklungsgeschichtliche Denken zwar die Wissenschaften, aber noch nicht die Wissenschaft und damit auch nicht das Leben beherrscht. Denn erst die Philosophie pflegt, wie das Beispiel der Aufklärung des vorigen Jahrhunderts zeigt, die Brücke zu sein, auf der die wissenschaftlichen Anschauungen der Zeit, in der Form von politischen Lebensidealen, zu den Massen hinabsteigen — in sofern die praktischste aller Wissenschaften. Abkömmlinge jener Aufklärung, der Radikalismus und der revolutionäre Socialismus vielmehr sind es, welche die Gegenwart beherrschen. Unter ihrem Zeichen scheint auch die Zukunft zu stehen. Wer den Blick allein nach aufsen richtet, dem mag der Himmel düster genug erscheinen; er mag, wie Carlyle in schwermütigen Stunden that, einen „jüngsten Tag" nicht mehr ferne wähnen. Hoffnung aber wird ihn erfüllen, wenn er jene innere Bewegung erwägt, die — unter der Oberfläche sich vollziehend — Emancipation vom achtzehnten Jahrhundert bedeutet. Hier liegen die Keimzellen, in denen das neunzehnte Jahrhundert bereitet, was im zwanzigsten als verjüngende Macht ins Leben hinaus treten wird. II. Carlyles Tlieorie (1er Gesellschaft. Trotz alles Einflusses deutscher Gedanken ist die Garlylesche Weltanschauung original. Der Gegensatz zwischen Individualismus und Altruismus war für ihn so bedeutend geworden, dafs er nicht nur seine eigene Entwicklung, sondern auch die der menschlichen Gesellschaft unter diesem Gesichtspunkte beurteilte. Das Ursprüngliche sind nach Carlyle Verhältnisse des reinen Individualismus, in denen der einzelne nur sich selbst, die eigene Erhaltung und den eigenen Genufs will und das Dasein der andern, soweit sie ihm hinderlich sind, verneint. Es sind das gesellschaftslose Zustände, das bellum omnium contra omnes. Nicht gröfsere körperliche Fähigkeiten nun haben den Menschen über das Tier emporgehoben. Ebensowenig war es der Verstand, welcher, von dem auch den Tieren gegebenen sinnlichen Wahrnehmungsvermögen nur dem Grade nach verschieden und ausschliefslich auf das Material der sinnlichen Erfahrung angewiesen, lediglich eine Komplikation jenes ist. Das ganze Gebiet des Denkens ist nach Carlyle ähnlich den körperlichen Fähigkeiten zum Zwecke der Erhaltung des Individuums entwickelt. Vielmehr ist es das Leben in gesellschaftlichen Zuständen, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Alle Gesellschaft abei" beruht nach Carlyle auf dem Erwachen altruistischer Motivationsweise, d. h. auf einem gewissen Quantum von Entsagung und Hingebung auf Seiten des einzelnen. Carlyle bezeichnet dieses die menschliche Gesellschaft begründende Element als „Loyalität", dieses Wort in einem viel weiteren Sinn als gewöhnlich geschieht, nehmend. Dieselbe ist dem nur die egoistischen Motive begreifenden Verstände schlechterdings unverständlich, daher sie dem Menschen als etwas jenseitiges, als „infinite", „mysterious", „religious" erscheint. Carlyle wendet sich ähnlich wie Comte gegen alle Theorien, welche die Gesellschaft aus individuellen Trieben ableiten. Falsch vor allem ist die Vertragstheorie, die ein durchaus ungeschichtliches Individuum voraussetzt. Unrichtig, obwohl der Wahrheit viel näher, ist die Annahme, dafs die Gesellschaft durch Gewalt gegründet sei. Denn in der Natur ist im reinen Individualkampf ums Dasein das Werk des Starken die Vernichtung, nicht die Unterwerfung des Schwachen. Dort dagegen, wo sich ein Herrschaftsverhältuis ausbildet, ist der Grund zur Gesellschaft gelegt. Die Herrschaft des Starken über den Schwachen ist der Urtypus aller Gesellschaft, die Teilung in Herrscher und Beherrschte die ursprünglichste Arbeitsteilung, welche auch in den Verhältnissen höchster Civilisation die wichtigste bleibt. Dieses Herrschaftsverhältnis ist nicht individualistischer Natur wie etwa die „Auswahl der Wehrhaftesten", auf welcher nach Macchiavelli die Entstehung der Gesellschaft beruht. Dieser von Polybius beeinflufste Gedanke gleicht dem Carlyleschen nur äufserlich. Im Grunde ist er durchaus individualistisch, wie das ihm entsprechende, utilitarische Moralsystem beweist. Das Herrschaftsverhältnis des Carlyle dagegen, beruhend auf dem Willen des einzelnen, seine Persönlichkeit der Umgebung aufzuzwingen, ist nicht aus dem Egoismus abzuleiten, wiewohl ursprünglich mit ihm reichlich versetzt. Sind doch Aristokratien nur so lange stark, als sie die Macht, nicht den Genufs verfolgen. Auf Seiten der Beherrschten ist es die Furcht, die zunächst zum Gehorsam treibt. Aber sehr bald werden auch hier altruistische Motive wirksam. Keine v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 8 — 114 - Herrschaft kann sich auf die Dauer halten, der nicht von Seiten der Unterthanen etwas von Hingabe entgegengebracht wird. Mehr und mehr gewinnt die letztere das Übergewicht. „Heroworship", d. h. Verehrung des Starken durch den Schwachen, die Unterordnung des Beherrschten unter den Herrscher wird mehr und mehr die Grundlage aller gesicherten Gesellschaftsverhältnisse. „Selbst in der rohesten Menschengemeinde unterwirft sich der Mensch niemals gänzlich der rohen Gewalt." Wie weit einer herrscht oder beherrscht wird, ist nicht eine Frage der persönlichen Willkür, noch weniger vom Gesetze abhängig. Ein jeder herrscht, soweit er herrschen kann, und wird beherrscht, soweit er beherrscht werden mufs. „Der Mensch ist stets der geborene Leibeigene gewisser Menschen, der geborene Herr gewisser anderer Menschen, der geborene Gleiche gewisser noch anderer, möge er nun diese Thatsachen anerkennen oder nicht. Es ist ein Unglück für ihn, wenn er sie nicht anerkennen kann. Alsdann befindet er sich in einem chaotischen Zustande und schwebt in Gefahr unterzugehen 1 ." Herrscher ist der mächtigere, zunächst der körperlich stärkere, aber nie der allein körperlich stärkere, mehr und mehr der gesellschaftlichere, was für Carlyle nicht nur den besseren, sondern den einer intuitiven Einsicht fähigeren, d. h. den weiseren bedeutet. Die englischen Sachsen hatten nicht schwächere Knochen als ihre normannischen Besieger. Aber die letzteren waren die gesellschaftlicheren, eine durch viele Bande in sieh und mit ihrem König verbundene Gemeinschaft. Im Vergleich zu ihnen lebten die Sachsen in gesellschaftslosen Zuständen. Darum waren die Normannen 1 Vergl. Carlyle, Past and Present Buch IV, Kap. I. — 115 - ihre geborenen Herrscher, sie waren „in der Lage, England zu beherrschen". „Indem sie das thaten, handelten sie, wenig bewufst einer solchen Funktion, als eine ungeheuere freiwillige Polizeimacht, über das ganze Land stationiert, in feudalen Regimentern zusammengefafst, stets bereit zur Aktion: starke teutonische Männer, welche sich im ganzen als erfolgreiche Männer bewährten und dieses wilde teutonische Volk zu Einheit und friedlicher Zusammenarbeit drillten, besser als andere es gethan haben würden". Gehen so die herrschenden Klassen als die gesellschaftlicheren den beherrschten in der Entwicklung voran, so sind es doch einzelne Menschen, die altruistischen Denkens und Handelns mehr als ihre Zeitgenossen fähig, die Fortschritte in der Geschichte hervorbringen. Sie sind die „Helden" (heroes), welche ursprüngliche Zeiten als Götter oder Halbgötter verehrten. Noch heute sind sie die wichtigste Erscheinung ihrer Zeit. Carlyle teilt den Glauben Goethes an die Bedeutung der grofsen Männer für die Entwicklung der Menschheit — dafs „einzelne Menschen durch das, was von ihnen ausging, ihrem Zeitalter ein Gepräge aufdrückten", während „das Zeitalter es war, das den Sokrates durch Gift hinrichtete, das Hussen verbrannte"' . Diese Helden sind die eigentlichen Herrscher der Menschheit, mögen sie als Könige bei ihren Lebzeiten oder als Priester, Religionsstifter, Denker erst nach ihrem Tode dieselbe sich unterthan machen („hero as king", „hero as priest") 2 . Die Rückführung aller gesellschaftlichen Gebilde auf ein Autoritätsverhältnis hat Carlyle vielfache Angriffe zugezogen. Dafs Carlyle kein Verteidiger des politischen Despotismus ist, geht schon daraus 1 Vergl. Goethe, Sprüche in Prosa Nr. 272. 2 Vergl. Flügel, Carlyles Entwicklung S. 51. Leipzig 1888. 8* — 116 — hervor, dafs er die Macht aus den Händen der Könige, d. h. der politischen Machthaber, mehr und mehr in die der Denker und Schriftsteller übergehen läfst, sowie daraus, dafs nach ihm die thatsächliche Macht durchaus nicht immer mit der rechtlichen zusammenfällt. In Übereinstimmung mit den Ergebnissen der vergleichenden Völkerkunde führt Carlyle die Entstehung gesellschaftlicher Zustände auf die Ausbildung ursprünglicher Gewaltverhältnisse zurück: die Herrschaft des Vaters über die Familie, des Häuptlings über die Horde, der Eroberer über das eroberte Volk. Je mehr nun solche Verhältnisse dauernd werden, desto mehr wird ihr Bestand für den einzelnen unentbehrlich. Je mehr der einzelne für die Gesamtheit arbeitet, — wie dies bei der zunehmenden Arbeitsgliederung der Fall ist — desto mehr bedarf er der Gesellschaft, des ihm von ihr gewährten Unterhaltes, der Leitung und des Schutzes. „Von allen Menschenrechten", sagt Carlyle, „ist das Recht des Unwissenden, durch den weiseren geleitet zu werden, mit Milde oder Gewalt durch ihn auf dem rechten Wege gehalten zu werden, das unbestreitbarste. Die Natur selbst befiehlt es von Anfang an, die Gesellschaft kämpft der Vollendung zu, indem sie es mehr und mehr durchführt." So ist für Carlyle — im genauen Gegensatz zur gewöhnlichen Annahme — das höchste Recht der Massen das Recht beherrscht zu werden, die schwerste Pflicht für die, die herrschen können, die Pflicht zu herrschen: dies ist der Inbegriff aller socialen Rechte und Pflichten. Beide Klassen arbeiten für einander, die eine mit der Hand, die andere mit „Herz und Kopf". Carlyle versteht unter Herrschen Hervorbringung des Gedankeninhalts, welcher als altruistisches Motiv die Menschen zum Gemeinschaftsleben zusammenschliefst; unter beherrscht werden das Leben unter solchen, die einzelnen miteinander verknüpfenden — 117 Motiven. „Der gebräunte Arbeiter findet es kein Kinderspiel, die rauhen, unbiegsamen Massen zu formen; aber auch Leitung von Menschen ist kein Dilettantismus. Wenn sie als solcher behandelt wird, dann streift das wilde Rofs heimatlos durch die Wildnis, und wird nicht mehr zu Stall und Futter geführt." In dem Grade als der einzelne abhängiger wird von der Gesamtheit, in demselben Grade wird die letztere mehr und mehr ein ganzes. Als solches findet sie ihre Analogie im Reiche der Einzelorganismen. Carlyle vergleicht die Gesellschaft wiederholt mit dem tierischen und pflanzlichen Organismus. Allerdings lag es nicht in seiner Natur, diesen Vergleich streng wissenschaftlich durchzuführen, wie das Herbert Spencer gethan hat, nach dessen Ausführungen es nicht mehr ein Bild, sondern eine wissenschaftlich begründete Subsumtion ist, die Gesellschaft als Organismus zu bezeichnen. In folgenden Punkten scheint der Vergleich zwischen Gesellschaft und lebendem Organismus für Carlyle von Wichtigkeit zu sein. Ganz ebenso wie das Leben als solches unbegreiflich ist, so ist es auch die Gesellschaft, ja sie ist als eine organische Zusammenfassung von Organismen das wunderbarere: „ein zweites uns umfassendes Leben", „the wonder of wonders". Daher sind alle Theorien verfehlt, welche die Gesellschaft verstandesgemäfs erklären wollen; ihrem Wesen haftet, wie oben gezeigt, ein unauflösliches Element bei. Jene Theorien, könnte man diesen Gedankengang fortsetzend sagen, gleichen den Fantastereien bezüglich der Entstehung des organischen Lebens, welche die Wissenschaft aufgegeben hat. Dagegen ist die Entwicklung der Gesellschaft von einfachen bis zu komplizierteren Formen wohl verständlich und Gegenstand der menschlichen Erkenntnis, ähnlich wie Darwin — das einfachste Leben gesetzt — die Entstehung der höheren Lebewesen — 118 — daraus erklärt hat. Die Möglichkeit eines geschichtlichen Verständnisses der gesellschaftlichen Entwicklung beruht darauf, dafs — ähnlich wie die lebenden Individuen — so auch die einzelnen Gesellschaftsgebilde in verwandtschaftlichem Zusammenhang stehen. Ähnlich wie die Naturwissenschaft die einzelnen Glieder einer Species als Einheit auffafst, so bilden auch die Gesell Schaftserscheinungen ein ganzes: die Menschheit. Die Entwicklung der Gesellschaft ist unabhängig von dem Entstehen und Vergehen der Individuen. Letztere dagegen sind durch Vererbung und Erziehung in allem ihre Erzeugnisse. Sie sind nicht nur vermöge der Arbeitsteilung von ihren mitlebenden Genossen abhängig, sondern verdanken alles, was sie sind, der Arbeit der Vergangenheit. „Dieses England von heute ist das Ergebnis von allem, was weise, edel und in Übereinstimmung mit Gottes Wahrheit in allen Generationen von Engländern gefunden wurde — von allem, was je eine Distel abschnitt, einen Sumpf austrocknete, einen weisen Plan ausführte, etwas wahres und tapferes that oder sagte 1 ." Eine unendliche Menge gethaner Arbeit liegt hinter uns, von der nur ein kleiner Bruchteil in der Erinnerung der Menschen lebt, das meiste der Vergessenheit anheimgefallen ist. Der Arbeit seiner Vorfahren verdankt insbesondere der Kulturmensch sein Dasein und seine moralischen wie intellektuellen Errungenschaften: Sprache, Poesie, Wissenschaft, Recht und Religion. Einer, der daher die Geschichte vollständig übersähe, wäre allwissend, denn alles Wissen, alle Wissenschaften sind in derselben enthalten, wie z. B. die mathematischen Begriffe: Sphäre und Cylinder, Ergebnis der Arbeit des Menschen Archimedes sind und bestimmte Durchgangspunkte in der Entwicklung der Menschheit be- 1 Vergl. Carlyle in Past and Present S. 72. . ♦ — 119 - deuten. Von diesem Gesichtspunkte aus in Verbindung mit dem Carlyleschen Idealismus wird der Satz verständlich, dafs die ganze Welt ein Produkt der Gesellschaft sei; denn unser gesamtes Erkenntnisvermögen wurde erst im Laufe der Geschichte entwickelt. Es ist dies im Grunde nichts als die Behauptung der Relativität aller Erkenntnis; z. B. das Gesetz der Schwere wurde nicht sowohl vom Menschen „aufgefunden" als entwickelt. Anders konstruierten, erkennenden Subjekten brauchte es nicht einzuleuchten, daher ist überhaupt die Aufsenwelt Erzeugnis der menschlichen Entwicklung 1 . Carlyle sagt in seinem 1833 veröffentlichten Aufsatz „Über Geschichte": „Alle Bücher, wären es Liederbücher oder Abhandlungen über Mathematik, sind am Ende historische Dokumente, ebenso wie alle Rede es auch ist". „Die Geschichte ist nicht blofs das geeignetste, sondern das einzige Studium und schliefst alle anderen in sich." „Der in der Geschichte vollkommene, der alles, was das Menschengeschlecht bisher gewesen oder gethan, verstünde, sähe und wüfste, wäre in aller vorhandenen und möglichen Gelehrsamkeit vollkommen. Er brauchte hinfort nicht mehr zu studieren, sondern es bliebe ihm weiter nichts übrig, als etwas zu sein und zu thun, damit andere Geschichte dai'aus machen und etwas von ihm lernen könnten." Die Gesellschaft wird mit wachsender gegenseitiger Abhängigkeit der einzelnen von einander mehr und mehr zu einem Organismus. Hieraus folgt, dafs die gesellschaftlichen Menschen beziehungsweise Gruppen der Menschen mehr und mehr auf- 1 Für die niedrig organisierten Tiere stellt sich die Aufsenwelt ge- wifs ganz anders dar, z. B. den noch ultraviolette, also uns durchaus unbekannte Farben empfindenden Ameisen. Für die niedersten Lebewesen beginnt sie mit dem Unterschiede zwischen Licht und Dunkel, ähnlich wie für das neugeborene Kind. — 120 hören als selbständige Einzelwesen thätig zn sein und in zunehmendem Grade Organe des Gesellschaftslebens werden. Wie wird nun der einzelne, der sich einer solchen Funktion meist völlig unbewufst ist, zur Thätigkeit für die Zwecke der Gesellschaft bestimmt? Diese Frage hat Carlyle viel beschäftigt, wie bereits der „Sartor Resartus" beweist. Ihre Beantwortung geschieht durchaus folgerichtig aus dem Grundgedanken seiner Philosophie. Die Gesellschaft bringt im Menschen ihr entsprechende Veränderungen hervor: „sociale Ideen", welche neben dem ursprünglichen Egoismus nunmehr sein Handeln altruistisch motivieren. Es sind dies die von Carlyle allenthalben erwähnten „inneren Formen der Gesellschaft". Indem nun diese subjektiven Veränderungen sich in allen Gliedern der Gesellschaft oder doch in breiten Klassen derselben gleichmäfsig vollziehen, gewinnt das Handeln der Menschen etwas übereinstimmendes. Es bilden sich objektive Regeln aus, welche von der Willkür des einzelnen unabhängig sind: „die äufseren Formen der Gesellschaft", die Sitten, die Institutionen, die nichts als der Ausdruck der inneren Entwicklung sind. Hierin ergiebt sich ein Berührungspunkt mit einem scheinbar weit entgegengesetzten Denker: H.Spencer. Werden doch die ein Ganzes zusammensetzenden Einheiten auch nach ihm durch Veränderungen, welche das Ganze durchmacht, mit modifiziert, so dafs jede Einheit mehr oder weniger ein Abbild der Organisation des Ganzen in sich trägt, woraus Spencer in seinen Prinzipien der Biologie wichtige Folgerungen betreifend die Vererblichkeit der erworbenen Eigenschaften ableitet; jedoch gilt nach ihm der Satz ebenso für das sociale Ganze, die Gesellschaft. Es ist klar, dafs hiermit die Lehre des Socialismus unvereinbar ist, welcher durch äufserliche, d. h. gesetzliche Veränderungen die Entwicklung der Zukunft bestimmen zu können meint. — 121 Die inneren Formen der Gesell schalt. Alle gesellschaftliche Zusammenfassung der Menschen ist bedingt durch eine gewisse Selbstaufopferung von Seiten des einzelnen. Wie gezeigt, ist eine geringe Menge davon schon hei den allereinfachsten der socialen Erscheinungen unentbehrlich. Einige wenige, die Helden der Menschheit, erheben sich zum Enthusiasmus, d. h. zum gänzlichen Aufgehen in aufser ihnen liegenden Zwecken, während hei den meisten der Egoismus noch vorherrscht und nur ganz allmählich zurücktritt. Diese Überwindung der Selbstsucht nennt Carlyle Religion, auf der daher nach ihm alle Gesellschaft beruht. Er steht mit dieser Bezeichnung in Übereinstimmung mit den fortgeschritteneren Religionen, insbesondere mit der höchsten uns bekannt gewordenen, welche ihr Wesen in einen radikalen Umschwung des menschlichen Willens setzt. Indem der Christ dem natürlichen Menschen abstirbt, wird ihm Wiedergeburt und Erlösung zu Teil. Dem gegenüber sind die Vorstellungen des Glaubens, die Dogmen, zwar unentbehrlich, aber doch nur Mittel und daher als solche jenem Zweck untergeordnet. Denn es will der Mensch nie abstrakt, ob es sich nun um egoistisches oder altruistisches Wollen handle, sondern er will stets ein bestimmt vorgestelltes Ziel, welches dem Gebiet der Vorstellung angehört. Wollen und nach be- wufsten Zwecken wollen, ist das gleiche 1 . Wir betrachten zunächst das dem Egoismus, sodann das dem Altruismus entsprechende Gebiet der Vorstellung. 1. Das Wollen des natürlichen Menschen gleich dem des Tieres ist selbstsüchtiger Natur, lediglich auf Erhaltung und Fortpflanzung des eigenen Daseins gerichtet. Jedoch ist dieses 1 Ähnlich Jhering in seinem Zweck im Recht. : ■DI — 122 — Wollen nicht etwa abstrakt; es ist auf bestimmte vorgestellte Zwecke gerichtet, z. B. auf Nahrung, Begattung, Vermeidung bestimmter Gefahren u. s. w r . Das Material zu diesen Vorstellungen gewährt die sinnliche Erfahrung, welche sich ihrerseits an dem Gegensatz zu wollender und nicht zu wollender Dinge entwickelt hat. So wäre, wie das Beispiel niederer Tiergattungen zeigt, eine Unterscheidung von warm und kalt, hell und dunkel gar nicht entstanden, wenn sie nicht für die Erhaltung des Individuums und seine Befähigung im Kampfe um das Dasein von Nutzen gewesen wäre. Das gleiche gilt vom Verstände, welcher nichts als eine Weiterbildung des sinnlichen Wahrnehmungsvermögens ist. Je weiter die gewollten Ziele rücken, je schwieriger ihre Erreichung wird, je mehr Voraussicht in die Zukunft sie erfordert, desto mehr wird die Zusammenfassung der sinnlichen Erfahrung in Begriffen und Gesetzen notwendig. So ist der Verstand lediglich zu praktischen Zwecken entstanden, eine Waffe im Kampfe um das Dasein und zwar die allervorzüglichste, durchaus mechanisch und folgerichtigerweise zum Materialismus führend. Es ist wichtig für das Verständnis Carlyles, dafs nach ihm das gesamte Gebiet des Bewufstseins nur zum Zweck der Erhaltung des Individuums entwickelt ist und insofern nur eine relative Bedeutung besitzt. „Die Gedankenformen, Baum und Zeit, beherrschen unvermeidlicherweise unsere ganze praktische Denk- und Auffassungsweise". „Die Festlegung der äufseren Naturvorgänge in Gesetze" ist das Mittel, wodurch das Individuum lebt. Vom individualistischen Standpunkt aus ist die Natur „ein unermefsliches Buch ökonomischer Rezepte, ein enormes nahezu unerschöpfliches Kochbuch für den Hausgebrauch", welches Institute und Akademien der Wissenschaft zu bereichern bemüht sind. 2. Wenden wir uns nun von dem isolierten Individuum, zu dem, welches in gesellschaftlichen Verhältnissen steht, oder was nach dem oben angeführten Sprachgebrauch dasselbe besagt, vom natürlichen zum religiösen Menschen. Auch hier ist abstraktes Wollen undenkbar. Hingabe, Selbstaufopferung sind unmöglich ohne ein bestimmtes Objekt, auf welches sich das altruistische Wollen bezieht. Zwar geht diese Art des Wollens über den Verstand hinaus, ja sie ist ihm notwendig entgegengesetzt. Es liefse sich eigentlich nur in Negationen davon reden, etwa in folgender Weise: du bist nicht dazu da Lust zu suchen und Schmerz zu vermeiden, sondern der Lust zu entsagen und Leid auf dich zu nehmen, nicht dem Diesseits zu leben, sondern einem durchaus entgegengesetzten Jenseits; denn jenes ist nur scheinbar, vergänglich und wenig geeignet ein sicherer Grund deines Daseins zu sein, letzteres dagegen ist das einzig Wahre, auf das du sicher dein Dasein gründen kannst. Solche negative Sätze jedoch sind für den, der nicht bereits von religiösen Vorstellungen erfüllt ist, bedeutungslos. Der Mensch mufs ein bestimmtes Ziel denken, dem er sich aufopfern, einen bestimmten Gegenstand, den er lieben kann; ohne das sind Aufopferung und Hingabe undenkbar. Wie daher das egoistische Wollen als notwendiges Korrelat die sinnliche Welt hervorbringt, so ist die notwendige Begleiterscheinung des altruistischen, d. h. gesellschaftlichen Wollens ebenfalls eine Welt von Vorstellungen. Dieselben sind zwar aus sinnlichem Material aufgebaut, denn der Mensch, als zeitliches Wesen, verfügt über kein anderes. Dagegen haben sie eine andere Bedeutung, als ihnen nach rein verstandesgemäfser Betrachtung zukommt, sie sind Symbole, als solche eine „Verkörperung des Unendlichen". Denn „das Unendliche mufs sich mit dem Endlichen verschmelzen, um sichtbar und sozu- 124 — sagen fafsbar dazustehen". „Durch Symbole wird der Mensch", d. h. der gesellschaftliche Mensch, „sei es bewufst oder unbe- wufst geleitet" L Als einfaches Beispiel eines solchen Symbols führt Carlyle die Fahne des Soldaten an. „Habe ich nicht selbst erlebt", sagt der Sartor Resartus, „wie fünfhundert lebendige Soldaten sich um eines glänzenden Stückes Tuch willen, das sie ihre Fahne nannten, und wofür man auf keinem Trödelmarkt mehr als drei Groschen bekommen hätte, in Stücke hauen liefsen?" Man sieht an diesem Fall, wie es ein gewisser, nach Nützlichkeitsgründen nicht zu berechnender Wert ist, welchen die Menschen dem Symbol beilegen, und durch welchen sie zu Handlungen der Selbstaufopferung bestimmt werden. Ein ähnliches Symbol, welches vielleicht bei jenen Soldaten mit in Betracht kam, ist die Idee des Vaterlandes. Nicht eine bestimmte Anzahl menschlicher Individuen ist es, nicht eine Quadratmeilenzahl Landes, welche für sie das Vaterland ausmacht, sondern ein jenen sinnlichen Dingen beigelegter, schlechterdings unbeweisbarer Wert, der den Wert ihres eigenen Daseins für sie bei weitem übersteigt. Mit fortschreitender Entwicklung pflegen die Symbole abstrakter zu werden; an die Stelle des persönlichen Gefühls für den Monarchen tritt das Staatsgefühl u. s. w. Aber man täusche sich nicht; auch diese abstrakteren Begriffe bleiben Symbole, indem auch sie, wie alle Begriffe, aus dem Material der sinnlichen Erfahrung aufgebaut sind, und nicht dieses es ist, sondern sein transcendenter Wert, den wir lieben und für den wir uns aufopfern. Die höchsten und wichtigsten aller Symbole sind die religiösen Symbole im engeren Sinn, denn durch sie erhebt sich der Mensch zum höchsten Grade der Hingebung: der Ehrfurcht. So ist auch 1 Vergl. Carlyle, Sartor Resartus, Buch III, Kap. 3. die Idee Gottes, wie sie von den höchsten Religionen gefal'st ist, zwar nur Symbol, denn gerade das, was wir über Gott uns vorstellen, ist durchaus anthropomorphistisch und gehört dieser Welt an. Dagegen ist sie das höchste Symbol, weil sie die selbstloseste Liebe ermöglicht. In ihr ist am vollständigsten ausgedrückt, was die übrigen Symbole nur beschränkt ausdrücken: die Relativität der Sinnenwelt und des Individuums. Während daher die anderen Symbole mehr oder weniger selbstsüchtige Elemente mit ins Spiel setzen, tritt durch sie rein altruistisches Handeln ein. Wir sehen wie Carlyle den Begriff des Glaubens weiter fal'st, als man gewöhnlich thut. Familien- und Vaterlandsgefühl fallen ihm z. B. ebenso darunter wie religiöse Gefühle im engeren Sinn. Die ganze Summe dieser Vorstellungen bildet den Schatz des Glaubens eines Volkes. Sein Glaube ist die wichtigste Thatsache in Beziehung auf dasselbe. Während die Selbstsucht stets dieselbe bleibt, ist der Glaube das wechselnde, dem die verschiedenartigen Gesellschaftsbildungen zu verdanken sind. Der Glaube eines Volkes ist subjektiv das, was objektiv seine äufsere Geschichte ist. Darum ist es ein Irrtum, die Geschichte desselben auf Selbstsucht zurückzuführen. Wäre diese das allein bewegende, so wäre nie eine Geschichte entstanden.. „In welchem Lande und zu welcher Zeit ist wohl bis jetzt die Geschichte des Menschengeschlechtes nach berechneten und berechenbaren Motiven vor sich gegangen? Wie steht es mit eurem Christentum und Rittertum, eurer Reformation, eurer Marseillaise und eurer Schreckensherrschaft? Ja, ist nicht der Motivenmüller einmal verliebt gewesen?" fragt Carlyle. Glauben und Weissen sind ihrem Ursprünge nach verschieden, ja einander so entgegengesetzt, dafs vom Standpunkt des einen über das andere nur ein negatives Urteil möglich — 126 — ist. Für den in der Selbstsucht befangenen Menschen freilich ist das Diesseits das allein wirkliche, der Glaube an ein Jenseits Wahnvorstellung. Für den dagegen, der den inneren Umschwung, die „Konversion" durchgemacht hat, ist der Glaube nicht nur ebenso sicher, sondern vielmehr das absolute und wahre, „die Thatsache der Thatsachen", der gegenüber der Verstand als Licht dieser Welt nur beschränkte Geltung hat und dem Glauben durchaus untergeordnet ist. Trotzdem aber kommen beide um deswillen fortwährend miteinander in Berührung, weil auch die Vorstellungen des Glaubens aus dem Material der sinnlichen Erfahrung aufgebaut sind. „Die Religion", sagt Carlyle, „wirft durch die intellektuellen Media Scheinbilder." Es sind das die Religionen, welche dem Denken angehören und darum allein Gegenstand der Wissenschaft sind. Sie werden durch die Fantasie hervorgebracht, welche Carlyle die Fähigkeit des Menschen nennt, wodurch er das unendliche zu fassen vermöge. Damit aber wird ein unlösbarer Widerspruch in das Individuum hineingetragen, seiner doppelten Eigenschaft als selbständigem Einzelwesen und Teil eines Gesamtwesens entsprechend. Es besteht ein fortwährender Kampf zwischen den Glaubensvorstellungen, welche einem früheren Stande des Wissens entsprechen, und dem stetig fortschreitenden empirischen Wissen. In diesem Kampfe ist der Sieg scheinbar stets auf Seite des letzteren, die einzelnen Sätze des Glaubens werden einer nach dem andern vernichtet. „Die Zeit entheiligt allmählich alle Symbole". Während die Ergebnisse der Erfahrung als bleibend aufgespeichert werden und sich mehr und mehr zu einem System des materialistischen Monismus zusammenschliefsen, ist der Glaube das vergängliche. Die einzelnen Glaubensvorstellungen werden immer abstrakter, wie — 127 z. B. der Übergang des Glaubens an viele, bestimmt vorgestellte Götter zu dem Glauben an einen unfafsbaren Gott zeigt. — Jedoch ist dieser Nachteil des Glaubens gegenüber dem Wissen nur ein scheinbarer, indem der Wechsel nur den vergänglichen Kern berührt. Der Sieg des Wissens kann um deswillen kein endgültiger sein, weil seine Vorbedingung, das gesellschaftliche Dasein des Menschen, mit dem Glauben steht und fällt. Wenn die bisherigen Symbole veralten, müssen stets neue geschaffen werden. Der Glaube wird so immer von neuem wieder aufleben. Ähnlich wie die grofsen Puritaner sieht Carlyle den Grund für die Verschiedenartigkeit und die Vergänglichkeit des Glaubens in der Beschränktheit des glaubenden Subjekts. Er könnte jenes Wort Cromwells ausgesprochen haben, dafs nicht alle die, welche dasselbe glauben, sondern alle die, welche glauben, die unsichtbare Kirche ausmachen. Die Legenden und Theologien, sagt Froude, welcher mit Carlyle über diesen Gegenstand eingehende Gespräche führte, verhielten sich für ihn wie die astronomischen Theorien der Babylonier, Ägypter und Griechen, welche richtig waren, so weit sie thatsäcbliches Material enthielten, welches auch bei der unrichtigsten von ihnen in reichem Mafse mit unterlief. In ähnlicher Weise waren auch jene Spekulationen ehrliche Anstrengungen des Menschen, die Gesetze, unter denen er lebte, auszulegen und sein Leben danach zu ordnen. Auch unter ihnen liegen Thatsachen eines jenseitigen (d. h. nicht individuellen) Lebens, welche trotz Wechsel der Theorie gleich bleiben. Carlyle hat diesen Gedanken in zwei von Froude veröffentlichten Fragmenten: „Spiritual optics" des weiteren ausgeführt. Auf dem Glauben beruht von Anfang an alles menschliche Dasein, welches ohne ihn zu tierischen Zuständen ! zurücksänke. Dessen mufs der Mensch zu allen Zeiten sieh bewufst sein, oder falls er es nicht ist, wird er sich unter Strafe der Vernichtung bewufst werden, dafs „das Universum ein unendliches ist, dafs er nicht versuchen darf, es zu logischer Verdauung einzuschlucken, sondern dankbar sein soll, wenn er, diesen oder jenen festen Pfeiler in das Chaos geschickt einpflanzend (durch den Glauben), dasselbe verhindert, ihn selber einzuschlucken". Die äufseren Formen. Es ist für Carlyle ein Satz von grundlegender Wichtigkeit, dafs alles Denken nur zum Zweck des Thuns da ist, die geistigen Fähigkeiten nicht anerschaffen, sondern, weil sie sich als fördernd erwiesen, entstanden sind. Carlyle berührt damit den Grundgedanken von Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung", wobei man von der allerdings sehr verschiedenartigen Ausdrucksweise abzusehen hat. Auch nach Schopenhauer hat „der Wille zum Leben" die Welt der Erkenntnis hervorgebracht, welche für den Standpunkt der „Verneinung des Willens" bedeutungslos wird. Ähnlich Carlyle, nur dafs ihm der Quietismus durchaus fernliegt, dem Schopenhauer verfällt. Die Welt der Erfahrung entspricht nach ihm dem selbstsüchtigen Willen und dient zur Erhaltung des individuellen Lebens, die Welt des Glaubens entspricht dem selbstlosen Willen und dient zur Erhaltung eines überindividuellen Lebens: der Gesellschaft. Daher ist d e r Glaube völlig wertlos, der nur gedankenmäfsig ist und nicht den Willen, das ist das eigentliche Wesen des Menschen, beeinflufst, übereinstimmend mit dem Christentum, das solchen Glauben als „tot" verwirft. Der „lebendige" Glaube dagegen bewirkt eine Umkehr des menschlichen Willens. Während die Selbstsucht nur allein das eigene Dasein bejaht und dem gegenüber das der ganzen — 129 — Welt verneint, verneint der Glaube das individuelle Dasein und. bejaht das des geglaubten Gegenstandes, welchem er einen vom individualistischen Standpunkt aus schlechterdings unverständlichen Wert beilegt. Welches nun dieser Gegenstand sei, dem der Mensch seinen Willen also unterordnet, hängt von dem geschichtlich gewordenen System der Glaubensvorstellungen ab, welche zur Zeit herrschen. Die Thätigkeit aber, welche aus dem Glauben heraus geschieht, nennt Carlyle „Arbeit". Alle andere Thätigkeit, möge sie noch so geschickt sein, ist, weil individualistisch, vom Thun des Tieres, das oft auch außerordentlich kompliziert ist, ihrem Wesen nach nicht verschieden. Alle wahre Arbeit geschieht um ihrer selbst willen. „Berechnung von Gewinn und Verlust" ist für das Thun des Menschen nur in soweit von Bedeutung, als dieses Thun noch individualistisch ist, oder als er in Zeiten lebt, in denen individualistische Beweggründe wieder in den Vordergrund treten. Die Geschichte ist nicht aus solchen hervorgegangen. Alle grofsen Errungenschaften der Menschen waren ohne einen gewissen Grad von Entsagung auf Seiten des einzelnen unmöglich. Die Helden der Geschichte opferten mehr oder weniger ihr Leben. Der Apostel setzte nicht nach Europa über aus Erwägung von Gewinn und Verlust und doch wurde diese That- sache allbestimmend für die Entwicklung unseres Weltteils. Jeder redliche Arbeiter macht ähnliche Erfahrungen. Der Schriftsteller, welcher nur um des Erfolges willen schreibt, schafft Tageslitteratur, welche gütige Vergessenheit bald wieder dahin nimmt. Jede wissenschaftliche Leistung ist nur möglich unter Voraussetzung der Liebe zur Sache. Das gleiche gilt von jedem künstlerischen Schaffen. Aber auch für das niederste Handwerk besitzt das Wort der alten Mönche: „laborare est orare" Wahrheit. Das Wesen der Arbeit ist für den Ver- v. Schitlze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 9 — 130 — stand unbegreiflich, da sie nur durch Glaubensvorstellungen möglich wird. Unbekümmert um Gewinn und Verlust, Lob oder Tadel folgt der wahre Arbeiter allein seinem Glauben. „Er arbeitet für und in dem Jenseits; wenn er nur das Diesseits um Rat fragt, dann kann er ebenso gut das Geschäft ungethan bei Seite lassen. Denn was er zu thun vor hat, bisher noch ein Nicht-Ding (no-thing), wird alsdann nimmer als ein Ding hervorgehen, sondern als eine Täuschung, ein Schein-Ding (sham-thing), welches er besser nicht getlran hätte" L Je mehr seine Thätigkeit den Charakter der Arbeit annimmt, desto mehr hört der Mensch auf als Individuum thätig zu sein, desto mehr wird er zum Organ der Gesellschaft. Letztere mufs ihn daher arbeitsfähig erhalten, ähnlich wie das Ganze des lebenden Körpers die einzelnen Zellen mit Nahrung versieht. Dies ist die Bedeutung des Lohnes, dessen Höhe sich darnach normalerweise richtet, wie viel notwendig ist, damit der Arbeiter gerade die ihm eigentümliche Arbeit auszubilden und weiter zu liefern imstande sei. Dagegen beruht es auf einer vollständigen Verkennung des Wesens der Arbeit, in der Bezahlung ein Äquivalent zu sehen. Denn jede wahre Arbeit ist unschätzbar und mit dem Lohn sowie dem damit etwa zu erkaufenden Genufs schlechterdings unvergleichlich. Die Arbeit ist der einzige Zustand, in dem der Mensch des Glückes teilhaftig wird. Wenn die Selbstsucht den Menschen unglücklich macht, so findet er im selbstlosen Thun Selbstvergessenheit. „Gesegnet der", sagt Carlyle, „der seine Arbeit gefunden hat." Gleich dem alten Goethe sah er in der „Erfüllung der Pflicht, die am nächsten liegt", das 1 Vergl. Garlyle, Past and Present Buch III, cap. 11. — 131 — einzige Mittel, um innere Kämpfe zu beseitigen. „Dem Zweifel, sei er von welcher Art er wolle, kann nur durch die Thätigkeit ein Ende gemacht werden". „Eigentlich hast du gar keine andere Kenntnis als die, welche du durch das Arbeiten erworben hast; das übrige ist alles nur eine Hypothese, eine Sache, worüber man in Schulen streitet, eine Sache, die sich in endlosen logischen Girkeln dreht". „Der Mensch vervollkommnet sich durch die Arbeit. Selbst bei den niedersten Gattungen von Arbeit wird die ganze Seele des Menschen von dem Augenblicke an, wo er sich an die Arbeit macht, in einen gewissen Grad von Harmonie versetzt" — alles Ausprüche Carlyles. Wenden wir uns von dem Einflufs des Glaubens auf die Thätigkeit des einzelnen zu seiner Bedeutung für die Gesamtheit, so sehen wir, dafs die Handlungen der Menschen durch ihn nicht mehr entgegengesetzte sind, die sich vielfach aufheben, sondern mehr und mehr nach gemeinsamen Zielen sich richten. Denn die Glaubensvorstellungen sind bei allen oder doch innerhalb gewisser Klassen der Gesellschaft zur Zeit dieselben. Es entsprechen ihnen objective, für viele oder alle geltende Regeln des Handelns. Sie bilden die „äufseren Formen" des gesellschaftlichen Lebens, welches sich in ihnen bewegt. Sie erst gliedern die sonst unterschiedslose Masse kämpfender Individuen, organisieren die Gesellschaft. Der Mensch kann nicht ohne gewisse Formen leben, d. i. Sitten, autoritative Wege des Handelns. „Ubi homines ibi modi". Bildet den inneren Grund einer gesellschaftlichen Zusammenfassung der Menschen der Altruismus, so sind das äufsere Mittel, durch welche sie verbunden werden, die Sitten, die Carlyle bildlich auch „social vestures", „social garniture", d. i. gesellschaftliche Gewänder zu nennen pflegt. „Ohne dieses System von festgesetzten Wegen des Glaubens und Handelns", 9* — 132 — sagt er, „würde Gesellschaft überhaupt gar nicht existieren. Durch jene existiert sie; in ihnen auch, wie immer entstanden und aufrecht erhalten, liegt das wahre Gesetzbuch und die Verfassung der Gesellschaft, welcher sie in keiner Weise ungehorsam sein kann. Das Ding, das man geschriebenes Recht, Verfassung, Regierungsform u. s. w. nennt, ist nur ein Miniaturbild, ein feierlich ausgesprochener Abriss dieses ungeschriebenen Kodex — ist es oder ist es auch nicht, aber sollte es immer sein und strebt immer dahin, es zu sein. In diesem letzteren Gegensatz liegt der Grund zu endlosen Kämpfen." Die äulseren Formen der Gesellschaft hängen, wie oben gezeigt, von den inneren Formen ab. Ähnlich wie nach A. Comte „die Ideen die Welt regieren und umstürzen", so sind es auch für Carlyle die „inneren Formen", der „Glaube" der Menschen, von denen die äufsere Verfassung der Gesellschaft abhängt. Wie daher nach Carlyle jener vergänglich ist, so ist es auch diese, wenn auch die entsprechenden Veränderungen beider zeitlich successiv auf einander folgen, so dafs ein System der Gesellschaft noch lange bestehen kann, nachdem bereits der Glaube, dessen Ausdruck es ist, dahingeschwunden. Unter den Sitten giebt es eine gewisse Anzahl von Regeln, welche den Menschen so unbestreitbar zu sein scheinen, dafs man sie als endgültig (final) empfindet: das „Sittengesetz". Nichts desto weniger sind sie, wenn zwar bei weitem langsamer, doch auch veränderlich, wie der Umstand beweist, dafs weit auseinanderliegende Kulturkreise nicht selten Handlungen für sittlich erlaubt oder gar geboten erachten, welche andere als unsittlich verwerfen. Man unterscheidet nach Carlyle zwischen den „morals", d. h. dem wechselnden Sittengesetze und der „Religion", jener transcendenten, den Grund des ersteren bildenden Umwandlung des menschlichen Willens, welche nur eine und das Ziel alles menschlichen Daseins ist. An den Menschen aber als zeitliches Wesen kann diese höchste Forderung nur in der Form von konkreten Geboten herantreten, welche — je nach dem Standpunkt der Entwicklung — mehr oder weniger rein sind, d. h. neben dem Altruismus mehr oder weniger die Selbstsucht mit ins Spiel ziehen. So liegt in der Befolgung jeder Sitte, so lange sie ehrlich ist, d. h. als Unterordnung unter ein objektives Gebot empfunden wird, etwas moralisches. Umgekehrt verzichtet das Sittengesetz fast nie ganz darauf, durch Lob und Tadel, womit es Befolgung oder Übertretung belegt, selbstsüchtige Beweggründe in Mitwirkung zu setzen. Von Sitte und Sittengesetz hebt sich das Recht ab. Während die ersteren eine Macht sind, welche das Handeln des Menschen bestimmt, ist das Recht lediglich die dem einzelnen gegebene Möglichkeit seinen Willen zu bethätigen, sei es nun in sittlichem oder selbstsüchtigem Thun. Jedes Rechtsverhältnis besteht zwischen Personen und bedeutet ein feierlich anerkanntes Herrschaftsverhältnis. Die Summe aller Rechtsverhältnisse, d. i. das objective Recht stellt das System der in der Gesellschaft bestehenden Herrschaftsverhältnisse dar. Die Feststellung dieser Herrschaftsverhältnisse nun ist das wichtigste sociale Geschäft. In diesem Aufbau, d. h. in seinem Recht, zeigt sich der Geist eines Volkes. Diejenigen, die an der Spitze stehen, denen qualitativ oder quantitativ am meisten Rechte anvertraut sind, die Herrscher, zeigen, wie beschaffen für das Volk das Ideal des Mannes ist oder wer diesem doch am nächsten kommt. Daher sagt Carlyle: „so das Volk wie der König" (like the people like the king.) Nach Carlyle wird die Auswahl der Herrscher richtig vollzogen, solange hinter dem Rechte, d. h. der Möglichkeit, — 134 — den Willen zu bethätigen, auch wirklich die Fähigkeit steht, das angewiesene Gebiet thatsächlich zu beherrschen. Dein Mächtigen ist ein grösserer Besitz gegeben als dem Schwachen, ' der einen solchen zu verwalten gar nicht imstande wäre. Hieraus folgt die Carlylesche Begründung des Eigentums, welche nahe verwandt mit der Goetheschen Anschauung ist, dafs ein jeder das Ererbte zu erwerben habe und sein Besitz „nur so weit gehe, als er ihm vorzustehen imstande" sei. Deshalb ist für Carlyle Rechtssetzung gleich Machtabwägung. Der Feststellung der Machtverhältnisse pflegen häufig Kämpfe vorher zu gehen. Das Recht ist so das Resultat des Kampfes. Wenn die Macht aufhört hinter dem Rechte zu stehen, so wird das letztere auf die Dauer unhaltbar. Wenn eine privilegierte Klasse ihre thatsächliche Macht verliert, so ist die Verminderung oder der gänzliche Verfall der sie begünstigenden Rechte eine frühere oder spätere Folge. Umgekehrt, wenn die Macht einer Klasse wächst, — wie einst die des Bürgerstandes gegenüber dem Adel, heute die des Arbeiterstandes gegenüber den besitzenden Klassen — so wird damit eine entsprechende Veränderung des Rechtes notwendig und ist die Frage nur die, ob sie sich in friedlichem oder gewaltsamem Kampfe vollzieht. Zeitweise kann zwischen Recht und Macht allerdings ein weitgehendes Mifsverliältnis bestehen. Alsdann sind Männer oder Klassen an der Spitze, die zum herrschen nicht mehr die Fähigkeit besitzen. Dagegen suchen sie noch den Schein der Herrschaft aufrecht zu erhalten, um die Vorteile der ihnen gewährten Stellung fortzugeniefsen. Das Volk wird solchen Führern „laissez faire"! zurufen. Verschont uns mit eurer Herrschaft! Endlich aber wird auch der Schein der Herrschaft von ihnen genommen und oft unter schweren Katastrophen die Übereinstimmung zwischen Recht und Macht wiederhergestellt. — 135 — Die Geschichte ist der Prozefs der Socjalisierung der Menschheit. Derselbe vollzieht sich in einer Veränderung der inneren und äufseren Formen der Gesellschaft, indem in ihnen das sociale Element immer reiner zum Ausdruck kommt. Diese Entwicklung ist jedoch nicht eine stetige. Ähnlich den menschlichen Individuen entstehen Gesellschaften, wachsen heran, leisten ihre Arbeit — wie jene für das Volk, so diese für die Menschheit — um wieder zu vergehen und jüngeren Gebilden Platz zu machen, welche aus dem Boden, in den jene sich zersetzten, emporwachsen. „Sie wachsen, und nach langer sturmvoller Jugend, blühen sie zur Reife und Höhe. Dann verfallen sie schnell, denn alle Blüte ist kurz; traurig schwinden sie hin, bröckeln zusammen oder stürzen gewaltsam nieder: geräuschlos oder geräuschvoll." So zählt man von Chlodwig bis Ludwig XIV zwölf Jahrhunderte und bereits beim Tode seines Nachfolgers liegt das Königtum im Sterben. Ein plötzlicher Zusammensturz wird besonders dann erfolgen, wenn, was nicht selten vorkommt, sociale Gebilde aufrecht gehalten wurden, nachdem das Leben längst daraus entwichen, ähnlich wie ein toter entblätterter Baum noch lange stehen kann, bis ein Windstofs ihn niederreifst. Gerade von solchen Katastrophen, — Revolutionen, Kriegen etc. — ist die Geschichtschreibung erfüllt, während sie die jahrhundertlange Arbeit des Landmanns und des Denkers, welche die Gesellschaft erbauten, übergeht. Daher der Satz eine gewisse Wahrheit hat: „Glücklich die Völker, deren Annalen leer sind." Fragen wir nun, wodurch unterscheiden sich Perioden socialen Wachtums von solchen socialer Auflösung? Die Antwort, welche Carlyle hierauf giebt, ist trotz grofser Verschiedenheit des Ausdrucks, nicht weit entfernt von der Herbert — 136 — Spencerschen Idee der „evolution" und „dissolution 1 ". Zur Zeit des Wachstums ist das Ganze mächtiger als seine Teile und die Entwicklung des einzelnen durch die des ganzen beherrscht. Diese Bestimmung geschieht dadurch, dafs das Ganze im einzelnen Veränderungen hervorruft: Glaubensvorstellungen, wie sie seinem Bedürfnis entsprechen. Jede Veränderung der gesellschaftlichen Zustände wird daher mit einer Veränderung des Glaubens, natürlich Glaube immer in dem weiten Carlyleschen Sinne, verbunden sein. Aber die Kraft des Ganzen, die Teile sich zu assimilieren, ist eine beschränkte. Früher oder später tritt der Punkt ein, wo das vorhandene Glaubenssystem abgeschlossen und schlechterdings weiterer Ausbildung unfähig ist. Der alte Glaube stirbt alsdann, ein neuer ist nicht vorhanden. Damit verliert das Ganze mehr und mehr die Herrschaft über seine Teile, in denen nun der Individualismus wieder die Oberhand gewinnt. Dies ist die Periode der Zersetzung einer bestimmten Gesellschaft. Nach Carlyle läfst sich daher die Geschichte jedes Volkes in positive und negative Zeiten einteilen: erstere positiv in Beziehung auf innere und äufsere Formen, d. h. gläubig und aufbauend, letztere in beider Hinsicht negativ d. h. ungläubig und zerstörend. Positive Zeiten. Nach Carlyle entstehen die Glaubensvorstellungen zunächst innerhalb gewisser Kreise des Volkes und verbreiten sich von da über die Massen, gleichgültig, ob jene Kreise sich äufserlich hervorheben oder nicht. Im ersteren Fall heifsen sie Priester, im anderen Philosophen, Dichter etc. Daher der Satz nicht unrichtig ist: „Die Dichter machten 1 Vei'gl. unten Kap. V, Anhang zu Abschnitt I. — 137 — dem Menschen die Götter." Unter ihnen aber sind es doch wieder einzelne, besonders hervorragende, von denen der Fortschritt in Wahrheit ausgegangen: sie sind die geistigen Helden und Herrscher der Menschen, von denen der Glaube und damit mittelbar auch die äufsere Gestaltung der Gesellschaft, die Geschichte der Menschheit abhängt. Individualistische Zeiten — ohne Verständnis für andere Beweggründe — haben die Entstehung der Religionen auf Zweckmäfsig- keitserwägungen d. h. auf mehr oder minder bewufste Täuschung zurückgeführt. Gläubige Zeiten dagegen haben die Worte ihrer Propheten als Eingebung verehrt, nicht zu Unrecht, indem die Selbstaufgabe und Begeisterung, die wir bei jenen Männern finden, schlechterdings aus dem Gebiete der Erkenntnis herausfallen. Sie lebten in der That in einer jenseitigen Welt, wenn sie auch nicht anders als im sinnlichen und vergänglichen Material dieselbe zum Ausdruck bringen konnten. Das Volk nun nahm den Glauben an, sagen individualistische Zeiten, indem es auf die Freiheit seines Urteils verzichtete und einer äufseren Autorität sich beugte. Ganz im Gegenteil, meint Carlyle, der Glaube jener Zeiten ist ein innerlicher höchst persönlicher Akt, auf den kein äufserer Zwang Einflufs haben kann. Unfrei dagegen wird der Glaube dann, wenn er Bemühung wird „zu glauben, dai's man glaubt", wobei die Gefahr der Unwahrheit sehr nahe liegt, und dies ist gerade in Zeiten der Fall, in denen ein Glaubenssystem verfällt. Gläubige Zeiten dagegen sind innerlich frei und wahr. „Es ist nicht nötig, dafs der Mensch eine Wahrheit selbst entdeckt haben müsse, um daran zu glauben und noch so aufrichtig daran zu glauben." „Das Verdienst der Originalität ist nicht Neuigkeit, sondern Aufrichtigkeit; der gläubige Mensch ist der originale Mensch; was immer er glaubt, er — 138 — glaubt er für sich, nicht für einen andern." „Ganze Zeitalter, die wir die Zeitalter des Glaubens nennen, sind original. Alle Menschen, oder doch bei weitem die meisten in ihnen, sind aufrichtig. Dies sind die grofsen und fruchtbaren Zeitalter." Der Glaube wird nicht viel besprochen, und wenn schon, dann mehr in Poesie als in Prosa. Die Philosophien jener Zeiten tragen Elemente des Glaubens in sich. Während die rein logischen auflösend wirken, wirken die „poetischen Philosophien" z. B. die platonische aufbauend. Für solche Zeiten ist der Glaube, in welchen Formen er auftrete, die Atmosphäre, in der sich alles bewegt, eine Selbstverständlichkeit („unquestionability"). Der einzelne ist frei von inneren Widersprüchen und hat jenen positiven Grund seines Daseins, den Logik nimmer zu legen im stände ist. Er fufst im Jenseits und mag so „Raum und Zeit ruhig Trotz bieten". Er ist zum handeln geneigt und das Denken für ihn nur Mittel, nicht Selbstzweck. Sitten und Institutionen wachsen heran; sie bewahren solange ihre Jugend, als ihnen die Anpassungsfähigkeit an die stets sich ändernden Bedürfnisse der Gesellschaft eigen bleibt. Auch sie sind das Produkt einzelner Menschen, die den andern voranschreiten. Denn alles mufs einmal zum erstenmal gethan werden, und bevor es das ist, gehört es noch dem Reiche der Nichtexistenz an (ist ein „no-thing", eine „im- practicability"). Nachdem erst einer einen Pfad durch die bisher unbetretene Wildnis zurückgelegt hat, folgen ihm andere nach. Seine Spur erweitert sich zum Wege, zur breiten Heerstrafse, die nunmehr alle — auch die Unverständigen — sicher zum Ziele führt. Ähnlich diejenigen, welche in positiven Zeiten geboren werden. Für sie giebt es gebahnte Wege und allgemein anerkannte Ziele. Glückliche Menschen! Sie kennen nicht das Schwanken der Lebenspläne, — 139 — nicht das verzweifelte Suchen nach Lebenszielen. Auch den unbedeutenden unter ihnen giebt der Glaube einen inneren Halt. Sie arbeiten nicht für sich, sondern für Ideale, welche ihnen verschieden je nach den gesellschaftlichen Zuständen, aber doch immer objektiv und unzweifelhaft entgegentreten 1 . Gemeinsame Glaubensformen aber vereinigen die Menschen als gemeinsame Triebfedern des Handelns. Die Gesellschaft gliedert sich zu genossenschaftlichen Gebilden. Der einzelne steht dem einzelnen nicht als isoliertes Atom gegenüber. Jeder ist zunächst Glied eines grölseren oder kleineren Ganzen, für das er arbeitet, das ihn aber andererseits trägt und schützt. Der Unterschied zwischen Genossenschaft und dem dieselbe äufserlich nachahmenden Verein ist derselbe, wie zwischen positiven und negativen Gesellschaften überhaupt, denen sie wechselseitig angehören. Was die subjektiven Grundlagen angeht, so ist die Genossenschaft nicht auf Zweckmässigkeits- erwägungen zurückzuführen. Sie setzt einen gewissen Grad der Selbstaufopferung und Hingabe voraus. Daher steht bei ihr das Interesse des einzelnen unter dem des ganzen, wogegen beim Verein das Mitglied nur insoweit beteiligt ist, als es sein persönlicher Nutzen verlangt. Daher denn die Genossenschaft einen Einflufs auf die gesamte Lebenshaltung des Genossen ausübt, das erzeugt, was man Standesgefühl, Corpsgeist etc. genannt hat. Objektiv ist die Genossenschaft organisch, nicht blofs im bildlichen Sprachgebrauch, indem sie, wie die Gesellschaftsform, der sie angehört, thatsächlich die Phaenomene des Lebens zeigt 2 . Individualistische Zeiten sind 1 Carlyle nennt in Past and Present diese Ideale bezeichnenderweise „common motors". 2 Sie hat z. B. einen selbständigen Willen, wogegen im Verein stets nur zu addierende Einzelwillen vorhanden sind, ein Wille, der natürliclier- — 140 — weder imstande Genossenschaften zu begreifen noch aufzubauen, während ihr Bestand gerade das äufsere Merkmal positiver Zeiten ist. Das Gefühl davon, dafs diese Zusammenfassung und Gliederung der Menschen in solchen Zeiten ein schlechterdings unverständliches, wie Carlyle sagt, „mystisches" Element an sicli trägt, spricht sich darin aus, dafs man alle Autorität göttlichen Ursprungs geglaubt hat. Für solche Zeiten ist das Königtum im eigentlichsten Sinne „von Gottes Gnaden". Alle niedere Autorität ist von der höchsten abgeleitet, wie es am vollkommensten die Lehre „der beiden Schwerter" ausspricht, wozu der direkte Gegensatz die Theorie ist, die alle Autorität vom Individuum ableitet, die sogenannte Volkssouveränität. „Da ist", sagt Carlyle von den positiven Zeiten „wahre Genossenschaft, wahres Königtum, Loyalität, alles wahre und gesegnete Dinge, und soweit die arme Erde ihn hervorbringen kann, Segen für die Menschen." „Jeder Arbeiter in allen Sphären arbeitet nicht auf den Schein, sondern die Sache; jede Arbeit endet in einem Erfolg; denn jede, da sie echt ist, strebt nach einem Ziel, jede ist additiv, keine subtractiv." Bereits zwei sehr frühe Schriften Carlyles, die „Signs of the Times" 1829 und die „Characteristics" 1831 beweisen, wie früh sich diese Auffassungen bei ihm feststellten. weise nur von menschlichen Individuen ausgesprochen werden kann — der Erkenntnis gehört eben nichts als das Individuum an — ein Wille, der jedoch von dem vorhandenen Einzelwillen sehr verschieden ist und, wie die Erfahrung zeigt, diesen mehr oder weniger beherrscht. Negative Zeiten. Auf Perioden des Glaubens folgen solche des Unglaubens. Denn die einzelnen Glaubensvorstellungen werden mit dem Fortschreiten des Wissens gestürzt. An sich zwar ist nach Carlyle der Glaube dem Wissen durchaus gleichberechtigt. Letzteres entspricht dem individualistischen, ersterer dem gesellschaftlichen Dasein. Wie die beiden Motivationsweisen, die egoistische und die sociale, schlechterdings unvergleichlich sind, so sind auch die ihnen zugehörenden Gebiete des Bewufstseins, das empirische Wissen und der Glaube, so sehr entgegengesetzt, dal's, wie oben gezeigt, vom Standpunkt des einen aus das andere lediglich als negativ erscheint. Zwischen beiden besteht jedoch der Unterschied, dal's der Mensch zunächst Individuum ist. Daher ist das Wissen, d. h. die sinnliche Erfahrung, das zeitlich frühere. Auch der Glaube ist auf jene als sein Material angewiesen. Er verarbeitet dasselbe jedoch nicht mittelst logischer Abstraktion, sondern zu seinen Zwecken und steht daher mit der verstandesgemäfsen Erkenntnis seiner Natur nach im Widerspruch. Nun aber vermehrt sich von Generation zu Generation der Schatz feststehender Kenntnisse. Des weiteren durch jede gethane Arbeit verändert sich die Struktur der Gesellschaft, damit auch das Erkennen und Denken des Einzelnen. Dieser Entwicklung nun hat der Glaube sich anzupassen. Eine Veränderung der herrschenden Glaubensvorstellungen, entsprechend der Denkweise der Zeit, findet sich in der Geschichte aller Religionen. Als Beispiel hierfür denke man an den verschiedenartigen Inhalt, den man zu verschiedenen Zeiten dem überlieferten christlichen Glaubensbekenntnis gegeben hat, oder an die brahmanische Umgestaltung der Religion der Veden unter Aufrechterhaltung der Autorität jener heiligen Bücher. Mit Recht sagt daher Carlyle: „Kein Mensch kann genau das glauben, was sein Vater geglaubt hat 1 ". Er unterscheidet in der Entwicklung der Glaubensvorstellungen drei Perioden: 1. die Periode des Wachstums solange dauernd als, in Übereinstimmung mit den Fortschritten des Denkens, sich die Glaubensvorstellungen leicht und zwanglos entfalten. 2. Die Periode der Blüte, die kurze Zeit umfassend, da der Glaube sich zu einem vollständigen System entwickelt hat, welches in dem Bewufstsein der Zeitgenossen das gesamte Wissen der Zeit in sich schliefst. 3. Die Periode des Verfalls, der Punkt, da die Erkenntnis fortschreitet, der Glaube aber, dessen Ursprung einer durchaus andersartigen Erkenntnisstufe angehört, ihr nachzufolgen nicht mehr elastisch genug ist. Alsdann beginnt der Prozefs der Zersetzung der herrschenden Glaubensvorstellungen. Derselbe ist jedoch zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht in allen Teilen der Gesellschaft gleich weit fortgeschritten, eine Tliat- sache, welche für die Geschichte solcher Perioden von gröfster Wichtigkeit ist. Bei den unteren Klassen, der Landbevölkerung und den Frauen wird der Glaube noch lange herrschen, während die sogenannten gebildeten Klassen, die städtische Bevölkerung, die Männer bereits dem Unglauben verfallen sind. Nicht nur zeitlich nebeneinander steht Glaube und Unglaube. Das Bild wird dadurch noch komplizierter, dafs zwischen beiden eine Reihe von Übergangsstandpunkten liegen. Vom Glauben hängt das ganze System der Gesellschaft, mit welchem wiederum unzählige Einzelinteressen verknüpft sind, ab. Carlyle unterscheidet einen doppelten Standpunkt, welcher vor Übergang zu völligem Unglauben sich einzustellen pflegt. Der erste ist ein vom Unglauben 1 Vergl. Hero and Heroworship S. 140. — 143 — angekränkelter Glaube, der zweite thatsächlich bereits Unglaube, welcher nur die äufseren Formen des Glaubens noch beibehalten hat. 1. Solange es geht, versucht man Glauben und Wissen so gut als möglich zu vereinigen. Aber diese Vereinigung vollzieht sich nicht mehr wie in den gesunden Zeiten unbewufst, sondern wird zur bewufsten Bemühung. Statt der Religion hat man nun „Beweise über die Wahrheit der Religion". Der Glaube ist nicht mehr der unbestrittene Ausgangspunkt alles Denkens, sondern der Zielpunkt, welchen man auf dem Wege der logischen Deduction zu erreichen sucht. Es ist das Zeitalter der sogenannten dogmatischen Philosophie, welche die überlieferten Glaubensvorstellungen aufnimmt und beweist z. B. das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, wohl gar ein ganzes theologisches System. Nun aber wird logisches Denken natürlich nie imstande sein, einen Glauben zu begründen, vielmehr je furchtloser es durchgeführt wird, desto mehr zur Einsicht von der Unhaltbarkeit des Glaubens führen. Daher der Glaube, indem er aufhört, Sache des Willens zu sein und gedankenmäfsig wird, steten Zweifeln und Einwürfen ausgesetzt ist. Carlyle nennt diesen selbstquälerischen Glauben 1 , der nicht glauben kann und immer wieder zu glauben sich bemüht, auch „Methodismus", weil er ihm in der diesen Namen führenden Sekte seines Heimats- landes verkörpert schien. Es ist in gewisser Weise die vorletzte Stufe der Entwicklung, meint Carlyle, wenn Menschen, welche auf dieser praktischen Erde leben, „sich so wie eine verlorene Welt retten zu können vermeinen durch theoretische Beweise und laute Verherrlichung ihrer Kirche anstatt des stillen, unbewufsten, aber praktischen Beweises einer 1 „A seif iutrospection and an agonising inquiry". — 144 — Kirche, wie ihn gläubige Zeiten durch Handeln geliefert haben". 2. Wenn die Entwicklung weiter fortschreitet, so kommt es dahin, dafs ehrlicherweise, d.h. durch sogenanntes freies Urteil der Glaube nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Aber so viele Interessen sind mit ihm verflochten, dafs man wenigstens den Schein zu bewahren sich bemüht. Solange insbesondere die unteren Klassen noch in einem früheren Zeitalter leben, suchen die gebildeten den Skepticismus, zu dem jede dogmatische Philosophie sich selber verzehrt, wegen der von ihm drohenden Gefahren hintanzuhalten. Dies, nicht die grofsen gläubigen Perioden, sind die Zeiten des Autoritäts- d. h. des unfreien Glaubens, da der Mensch einer aufser ihm stehenden Autorität ein bewufstes Opfer des Verstandes bringt. „Nimm dich in Acht, wie du Wahrheit glaubst", rufen die Männer der Ordnung, „Ruhe und heile Haut sind sehr wertvoll. Wahrheit — wer kennt sie? Viele Dinge sind nicht wahr, die meisten ungewifs; sehr nützliche Dinge sind sogar offene Lügen, auf welche wir übereingekommen sind. Sehr wenig Wahrheit ist im Umlauf, und wenn es nicht die orthodoxe Wahrheit ist, so wird sie den Teufel mit dir spielen." Diese Denkweise nennt Carlyle „Jesuitismus", welchen Ausdruck er jedoch nicht auf die katholische Kirche beschränkt. Vielmehr begegnet er ihm überall im modernen England, welches er seit der sogenannten „ruhmreichen Revolution" beherrsche. Hat doch gerade die Aufrechterhaltung aller, selbst der unglaublichsten Dogmen aus utilitarischen Gesichtspunkten in Hobbes ihren Hauptvertreter gefunden. Unglückliche Zeiten, in denen ganze Nationen zu Heuchlern werden, und in denen es nur wenigen vergönnt ist, wahr zu sein ! Von diesen wenigen Charakteren, denen die Unwahrheit unerträglich ist,' geht die weitere Entwicklung aus. Leiden- 145 schaftlich erheben sie sich, um die Zeitgenossen der Lüge zu zeihen, beseelt von unversöhnlichem Hais gegen die leeren, nicht mehr geglaubten Symbole, mögen es nun Götterbilder sein oder Glaubensartikel — welche einst den Vorfahren etwas göttliches versinnbildlichten, nun aber nichts „als Stücke bemalten Holzes, beziehungsweise Schafshaut mit Tinte darauf" sind. Solche Männer sind die „wahren Ikonoldasten", die Bilderstürmer der geistigen Welt — unvermeidliche, ja segensreiche Erscheinungen. Denn die Glaubensvorstellungen, welche sie niederreifsen, sind ungesund oder tot, bezweifelt oder nur noch scheinbar geglaubt. Je eher sie fallen, um so besser. Denn destoweniger Menschen werden alsdann durch sie zu innerer Unwahrheit geführt. Diese aber bedeutet die Unmöglichkeit irgend welchen sittlichen Handelns, denn dieses setzt voraus, dafs der Mensch sein Dasein aufser ihm liegenden Zielen unterordne, welche natürlich vor allen Dingen für ihn unbezweifelt d. h. wahr seiu müssen. In zwiefacher Weise nun kann sich die Zerstörung der überlebten Glaubensformen vollziehen, je nachdem die Männer, die sie vollziehen, positive Elemente genug vorfinden, um Reformatoren zu werden, oder lediglich negativ d. h. als Revolutionäre zu wirken. Welch ein Unterschied besteht zwischen den Reformatoren und den Aufklärern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts? Im ersten Fall handelt es sich darum, den noch lebenden Kern des Glaubens von den abgestorbenen Umhüllungen zu befreien. Gewöhnlich stellt sich dies als ein Zurückgehen auf frühere Glaubenszustände dar, welche spätere Entstellungen zu reinigen vermeint. Denn die ursprünglichen Glaubensvorstellungen sind insofern für Reformationen am verwertbarsten, weil sie bildsam und den neuen Bedürfnissen gegenüber anpassungsfähig sind. Die Zeit gewinnt damit wieder einen le- v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 10 — 146 — benden, ihr angemessenen Glaubensinhalt, welchen sie ihrem Denken gemäfs gestaltet und fortbildet. Die Männer, von denen solche Bewegungen ausgingen, sind im Carlyleschen Sinne wahre Helden, weil sie von einem positiven Glauben erfüllt, „nicht den Menschen, sondern Gott zu Liebe" ihr Werk verrichten. In gewissem Sinne könnte man sämtliche Iteli- gionsstifter ihnen zurechnen, weil auch diese immer an vorhandene Glaubensvorstellungen anknüpfen. Solche Männer waren es, welche im Bewufstsein einer schweren, ihnen gewordenen Aufgabe, unbeirrt durch Gefahren und Verfolgungen, mehr als einmal Zustände der Zersetzung wieder organisch gemacht, die Menschheit verjüngt und positiven Zeiten zugeführt haben. Anders dagegen, wenn der Unglaube so weit fortgeschritten ist, dafs lebensfähige Keime des Glaubens unauffindbar sind. Die besseren Geister, die einen Scheinglauben verabscheuen, und denen die Wahrheit Bedürfnis ist, werden alsdann ihren Unglauben offen aussprechen. Indem- sie die Un- haltbarkeit der überkommenen Glaubensvorstellungen nachweisen, wirken sie als „Aufklärer". Ihr Werk ist lediglich das der Zerstörung. Positives können sie ihren Zeitgenossen nicht' geben, weil ihnen selbst der positive Gehalt fehlt. Ihre Weltanschauung bezeichnen sie als Skepticisinus, ein Ausdruck, welcher jedoch thatsächlich einen rein negativen Inhalt hat. Irgend welche feste Weltanschauung setzt immer Glauben voraus. In gleicher Weise zerstörend verhalten sie sich gegenüber den sittlichen Vorstellungen, indem sie die über dem Individuum stehenden Werte, welche, wie oben gezeigt, lediglich dein Glauben ihr Dasein verdanken, angreifen und stürzen. Daher sind sie nicht als Helden zu bezeichnen; denn ein Held ist im Carlyleschen Sprachgebrauch nur der, welcher sein individuelles Dasein altruistischen Zwecken - 147 — opfert. Trotzdem ist aber auch bei ihnen nicht selten ein gewisser Enthusiasmus bemerkbar, ein Hals gegen die ihnen unglaublich gewordenen Glaubensvorstellungen, wie er sich in dem „öcrasez l'infame" des Voltaire ausspricht. Aber dieser rein negative Enthusiasmus hat nicht die konstruktive Macht des Glaubens. Auch ist er vielfach verbunden mit egoistischen Motiven — und zwar in wachsendem Grade mit fortschreitender Auflösung — mit Ruhmsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit. Alle diese Bemühungen haben eine Tendenz, welche immer unverhüllter hervortritt. Je mehr die Formen des Glaubens zerfallen, desto mehr gelangt das Individuum, d. h. das Thier im Menschen zur Freiheit und zur Herrschaft. Selbstsucht für das praktische, empirische Erfahrung für das theoretische Gebiet gelten als das einzig reale. Damit treibt die Menschheit zum „entsetzlichen Wahnsinn des Materialismus". Die lange und vielfach komplizierte Geschichte der negativen Zeiten geht der Erreichung dieses Nullpunktes voran. Carlyle hat eine Reihe charakteristischer Merkmale aufgestellt, durch welche sich das Geistesleben der negativen von dem der positiven Zeiten unterscheidet. Solange der Mensch von altruistischen Motiven beherrscht und als Organ des gesellschaftlichen Ganzen thätig ist, vollziehen sich die Funktionen des Gesellschaftslebens unbewufst, ähnlich wie die Funktionen des gesunden menschlichen Körpers. Sie werden dagegen bewufst vorgenommen, je mehr der Individualismus zur Herrschaft gelangt. „Bei allen Kundgebungen der menschlichen Natur, äufseren und inneren, persönlichen und gesellschaftliehen, kennt das Vollkommene sich selbst nicht, während alles was sich kennt, mehr oder weniger unvollkommen ist." „Unbewufstheit gehört dem reinen, ungemischten Leben an, Bewufstheit einer krankhaften Mischung, einem Kampfe zwi- 10* — 148 — Leben und Tod 1 ". Daher ist das sittliche, d.i. das gesellschaftliche Handeln unbewulst in den gläubigen Zeiten, wogegen die Zeiten des beginnenden Unglaubens „an Stelle heroischer Thaten Moralphilosophien" hervorbringen. Die Tugend wird selbstgefällig zur sogenannten „Sentimentalität". „Prediger verkünden „Wohlwollen" nach allen vier Winden und tragen Wahrheit auf ihren Petschaften eingegraben — unglücklicherweise aber mit wenig oder gar keinem Erfolge." Zuletzt aber folgt die Aera der Sophisten, die über das Dasein der Tugend schwatzen, sie beweisen oder leugnen und auf mechanische d. h. auf utilitarische Weise erklären. In gleicher Weise verdankten die Staats- und Rechtsphilosophien nicht dem kräftigen Zeitalter der antiken Republik ihr Dasein. Alle diese Theorien gehen darauf hinaus, Recht und Staat, deren Wert in positiven Zeiten für den Menschen etwas transcendentes, d. h. Gegenstand des Glaubens ist, ihres überirdischen Scheines zu entkleiden. Von ihnen Rechenschaft geben nämlich heifst nichts anderes, als sie auf das Individuum zurückführen und ihre Entstehung aus dem Egoismus herleiten. Alle Philosophie, je mehr sie rein logisch verfährt und je weniger sie Elemente des Glaubens in sich aufnimmt, wird einerseits beim Materialismus andererseits beim Utilitariertum endigen. In nahem Zusammenhang hiermit steht der Unterschied, dafs in positiven Zeiten der Prophet oder Dichter, d. h. der begeisterte Denker, der geistige Führer ist, in negativen dagegen der Logiker, der nicht begeisterte Denker. Der erstere allein wirkt produktiv; ihm verdankt man die Gestaltung jener Symbole, die allein den Menschen zu socialem Thun veranlassen. Selbst auf rein intellektuellem Gebiete besteht ein 1 Vergl. Characteristics S. 227. — 149 — grofser Unterschied zwischen dem „Mann der Logik" und dem „der Einsicht", dem „Folgerer" und dem „Entdecker". Rein logische Argumentation ist schlechterdings aufserstande, positives hervorzubringen, sie gleicht einer Mühle, welche gegebenes Material verarbeitet. Um die Kluft zwischen positiven und negativen Zeiten zu ermessen, vergleiche man die, welche sie geistig beherrschen, sagt Carlyle, Christus und Jeremias Bentham, in welchem letzteren er — nicht mit Unrecht, — den Hauptvertreter des modernen Materialismus und des Utilitariertums sieht. Wenn die Formen des Glaubens ins Wanken geraten, so werden damit auch die Formen, nach denen sich das Handeln der Menschen bewegt, die Sitten im weitesten Sinne schwankend. Denn ihr Inhalt ist vom Glauben abhängig. Damit treten die egoistischen Motive wieder mehr und mehr in den Vordergrund, gewinnen wachsende Bedeutung. Den utilitarischen Rechts- und Moraltheorien, welche, wie oben gezeigt, in solchen Zeiten aufkommen, entspricht in dem Leben ein utilitarisches Handeln. In demselben Verhältnis als dem einzelnen die äufsere Welt mechanisch wird und die lebende Gottheit sich aus ihr zurückzieht, in demselben Verhältnis strebt das Ganze, dem der einzelne angehört, dahin, aus einem lebenden Organismus zu einem mechanischen Konglomerat zu werden. Je mehr die Auflösung fortschreitet, desto mehr also nähern sich die in dieser Periode herrschenden Theorien der Wahrheit, welche die Gesellschaft auf ein Spiel individualistischer Kräfte zurückführen. Träte jedoch der Fall ein, dafs die genannten Theorien sich einmal völlig mit den Verhältnissen deckten, d. h. dafs alle altruistische Motivation aufgehört hätte, so wäre dies das Ende socialer Zustände, und die Menschheit wieder bei vorgesellschaftlichen Zuständen angelangt. Der Mensch ist einfach Tier, — 150 — meint Carlyle, soweit sein Dasein nicht auf dem Glauben beruht und er damit zum socialen Wesen wird 1 . Auch hier schreitet die Entwicklung nicht gleichmäfsig innerhalb der ganzen Gesellschaft vor. Während für gewisse Kreise der Glauben und damit das herrschende System der Sitten bereits seine Kraft verloren hat, kann die Mehrzahl des Volkes noch durchaus einer positiven Periode angehören. So können Zeitgenossen thatsächlich oft durch Jahrhunderte getrennt sein und fast die Möglichkeit gegenseitigen Verständnisses verloren haben. Diejenigen Kreise, in denen die Auflösung um sich gegriffen hat, werden mehr und mehr durch individualistische Motive bewegt. Wenn alles zweifelhaft geworden ist, so bleibt das allein, was man „in einer oder der anderen Weise essen und verdauen kann", unzweifelhaftes Ziel des Wollens. Alles nach höheren Zielen gerichtete Handeln wird unverständlich, „Arbeit" im Carlyleschen Sinne unmöglich. Diejenigen dagegen, für welche die socialen Formen noch einen inneren Wert besitzen, arbeiten noch in ihnen weiter und fristen so der Gesellschaft das Leben. Jedoch besteht ihr Boden in Uberzeugungen, welche anderen unglaublich geworden sind und nur zu leicht auch ihnen zerstört werden können. „Mancher Mensch, der tüchtige Arbeit verrichtet, steht nur auf einer unsicheren Überlieferung (a thin traditio- nality), die für ihn unzweifelhaft, für dich unglaublich ist. Brich sie unter ihm zusammen und er sinkt in endlose Tiefe." Daher die Pflicht der Toleranz dort, wo man einen Glauben zwar zerstören, aber einen anderen nicht an die Stelle setzen kann. Unter diesen Umständen können die äufseren Formen 1 Vergl. Correspondence of Carlyle and Emerson Bd. I, S. 67. noch lange aufrecht bleiben, wenn sie auch für viele bereits ihren inneren Wert verloren haben. Denn sie sind objektive Regeln, die an sich von der subjektiven Beurteilung seitens des einzelnen unabhängig sind, ja sogar zum Teil durch die Zwangsgewalt des Rechts auch vom Widerwilligen erzwungen werden können. Andererseits aber sind sie doch nichts als Ausdruck der inneren Formen. Ändern sich die letzteren, d. h. die Glaubensvorstellungen, so mul's auch das Gesellschaftssystem in ähnlichen Umbildungen nachfolgen. Dieselben werden eine organische Fortentwicklung bedeuten, so lange auf subjektivem Gebiete neue Ideale des Handelns hervorgebracht werden. Tritt dagegen auf letzterem Zersetzung d. h. Unglaube ein, so werden auch - die äufseren Formen nicht mehr weiter entwickelt werden. Einmal bestehend aber erhalten sie sich, obwohl nicht mehr fortbil- dungsfähig, noch lange, insbesondere, wenn sie nur für gewisse Klassen veraltet, dagegen für die Mehrzahl des Volkes noch lebendig sind. Aufserdem aber sind gerade die oberen Klassen, welche zuerst vom Unglauben ergriffen werden, so eng durch ihre persönlichen Interessen mit dem herrschenden Gesellschaftssystem verbunden, dafs sie dasselbe auch deshalb äufserlich festhalten. In solchen Zeiten ist die Gesellschaft krank. Die äufseren Formen, obwohl scheinbar noch in Kraft, beherrschen doch thatsächlich nicht das Handeln derer, welche nicht mehr an sie glauben. Die Arbeit geschieht nicht mehr um ihrer seihst willen, weil der Glaube an den absoluten Wert des durch sie zu verwirklichenden Gutes geschwunden ist. Das Individuum wird der Mittelpunkt alles Handelns. Da aber die äufseren Formen noch als die herrschenden anerkannt sind, auch andere noch daran glauben, so wird die Thätigkeit nunmehr auf den Schein gerichtet, als sei die Arbeit gethan. „Wenn der Glaube ungewifs wird", sagt Carlyle, „so wird auch die Praxis ungesund." „In allen Fällen mufs ein Menseli, lim treulich zu arbeiten, auch fest glauben." Kommt es ihm dagegen nur darauf an, den Lohn für die Arbeit einzustreichen, statt unter Aufopferung seiner selbst das Werk zu verrichten, so bleibt die ihm anvertraute Arbeit ungethan. Das ist das Zeitalter der Reklame, d. h. des gegenseitigen Betruges, indem der eine um seines Vorteils willen in dem anderen den Irrtum zu erregen sucht, als sei eine Leistung verrichtet, die thatsächlich ungethan geblieben ist. So setzt z. B. der Londoner Hutmacher einen sieben Fufs hohen Hut auf einen Wagen und läfst ihn durch die Stral'sen fahren; er versucht nicht bessere Hiite zu machen, „wie das Universum von ihm verlangte und wie er bei seinem Scharfsinn Sehl- wahrscheinlich hätte machen können; sondern sein ganzer Fleifs wird darauf verwendet, uns zu überreden, dafs er bessere Hüte gemacht habe 1 ". Jede Arbeit aber, die nur scheinbar gethan wird, bedeutet zugleich einen Eingriff in die Ordnung, welche die Bedingung des Daseins des Einzelnen ist: die Gesellschaft. Dieselbe stammt aus einer Zeit, da ein jeder an seiner Stelle die ihm anvertraute Arbeit verrichtete. Wo nun solche ungethan bleibt, da klafft eine Lücke in der Zusammenarbeit aller. „Was für Arbeit immer in unehrlicher Weise gethan wird mit einem Auge auf ihren äufseren Schein, ist eine neue Beleidigung und die Erzeugerin von neuem Elend für den einen oder den anderen 2 ." „Keine Falschheit geht zu Grunde, sondern ist zum Wachstum ausgesät." Die wichtigste Arbeit in der ^resellschaft, die Herrschaft, 1 Past ancl Present S. 181. 2 Heroes and Heroworship S. 141. Frencli Revolution, Tauclinitz' Ausgabe Bd. I. S. 75. — 153 — ist für die, welche zu ihr berufen sind, nicht mehr Pflicht, sondern Mittel zu persönlichem Genufs. Die Auswahl der Herrscher, ehedem das Ergebnis der herrschenden Glaubensvorstellungen und Sitten 1 , geschieht mehr und mehr mit Rücksicht auf den persönlichen Vorteil d. h. auf gröbere oder feinere Art durch Bestechung, wodurch immer Unwürdigere zu den höchsten Stellen emporsteigen. Wenn nun der Teil im Sinne des Ganzen zu funktionieren aufhört, so werden auch die Lebensverrichtungen des Ganzen immer fehlerhafter. Ähnlich wie ein kranker Körper seinen Organen nicht mehr die ihnen entsprechende und genügende Nahrung zuführt, so zeigen sich durchaus analoge Verhältnisse auf socialem Gebiete: ein Zustand, den Carlyle als „Dispepsie der Gesellschaft" zu bezeichnen liebt. Massenelend und demgegenüber Ansammlung des Reichtums in den Händen weniger, welche ihre Schätze nicht mehr zu verwalten vermögen, sind die äufseren Symptome. Wichtiger als dies ist der Zerfall der organischen Gliederungen innerhalb des Volksganzen, das Aufhören der genossenschaftlichen Zusammenhänge, damit die Isolierung des einzelnen, wodurch gerade der Schwächere dem Stärkeren schutzlos preisgegeben ist. Alle diese Schäden lassen sich durch künstlich ersonnene Mittel, durch Pillen, wie Carlyle sagt, die man dem kranken Körper zu schlucken giebt, nicht heilen. Wie für Carlyle die äufseren Zustände der Gesellschaft von subjektiven Bedingungen abhängen, so ist auch der sociale Zersetzungsprozefs unaufhaltsam, solange auf subjektivem Gebiete die Auflösung fortdauert. Der Unglaub^also ist der eigentliche Sitz des Übels, der „Mittelpunkt des socialen Krebses, der alle Dinge 1 „Religion issues in heroworship". mit dem Tode bedroht". „Die Menschen haben, um im altertümlichen Dialekt zu sprechen, „Gott vergessen" oder im modernsten Dialekt und der eigentlichen Wahrheit des Gegenstandes, sie haben das Faktum dieses Weltalls aufgefai'st, wie es nicht ist. — Sie glauben, dieses Weltall sei seinem inneren Wesen nach ein grol'ses, unverständliches Vielleicht; seinem äufseren Wesen nach ist es unverkennbar genug ein grofser umfangreicher Viehstall und ein Arbeitshaus, mit einer ungeheuren Küche und langen Speisetafeln, und nur der ist weise, der seinen Platz daran finden kann 1 ." Trotzdem aber bestehen die nicht mehr geglaubten Formen noch lange fort — mehr und mehr als bewufste Lügen. Carlyle mit einer merkwürdig entwickelten Einbildungskraft glaubte „diese Phantasmen und Trugbilder", welche seine Zeitgenossen beherrschten, oft leibhaftig zu sehen; am hellen Tage umgaben sie ihn auf den Strafsen „mit gespensterhafter Nachahmung des Lebens". Endlich kommt ein Tag, da die gesellschaftlichen Formen zu sehr zur Lüge geworden sind, da „Arbeit" in zu geringem Grade verrichtet wird, da zu schlechten Herrschern die Führung vertraut ist, da als Folge von alledem sociales Elend in weitem Umfange die Unmöglichkeit des bestehenden Systems offenbar macht. Alsdann erfolgt mehr oder weniger gewaltsam ein allgemeiner Zusammenbruch. Es erstarken die Richtungen, welche man als vulgären Radikalismus im weitesten Sinn bezeichnet. „Unsere Führer sind zu schlecht, lieber keine Führung!" rufen diese Richtungen, welche mehr und mehr die Massen ergreifen. Carlyle 2 sieht in ihnen lediglich die „Verzweiflung der Menschen, Helden, die 1 Vergl. Past and Present S. 129, Ausgabe von Kretzschmar. Mis- cellaneous Essays Bd. II, S. 338. 2 Vergl. Past and Present S. 214. — 155 — zur Regierung von Menschen tauglich sind, zu finden, sowie die Fügsamkeit in diesen Mangel und den Glauben, dals es dhne solche gehen wird". „Das bestehende System der gesellschaftlichen Formen ist zu schlecht. Lieber gar keine Formen!" rufen diejenigen, auf welchen die alten Zustände am schwersten lasten. Man predigt Zerstörung der bestehenden, ja aller Gesellschaft und verspricht durch Rückkehr in den Naturzustand ein Paradies auf Erden; eine Richtung, welche Carlyle als „Adamitismus" oder das „Evangelium Rousseaus" bezeichnet und von welcher der moderne Anarchismus nicht zu weit abweicht. Diese Ansichten sind thatsächlich eine genaue Umkehrung der Wahrheit. Denn nicht darin besteht das Unglück solcher Zeiten, dafs Herrscher vorhanden sind, sondern vielmehr darin, dafs sie statt Herrschern nur Scheinherrscher haben, welche schon seit Generationen thatsächlich zu herrschen aufgehört haben. Nicht darin besteht das Unglück, dafs gesellschaftliche Formen vorhanden sind, sondern darin, dafs sie nur noch scheinbar da sind und seit lange aufgehört haben, den Menschen lebende und führende Mächte zu sein. Die Beseitigung überlebter Formen ist die geschichtliche Aufgabe dieser Richtungen, die sie bald gewaltsam durch Zertrümmerung — Revolution •— bald durch allmähliche Zer- bröckelung — Demokratisierung — erfüllen. Ihre Angriffe sind zuerst nur gegen einzelne überlieferte Institutionen gerichtet. In späteren Stadien der Entwicklung jedoch treten Parteien auf, die mit Bewufstsein die Folgerungen ihrer Stellung ziehen und die Beseitigung des gesamten bestehenden Gesellschaftssystems auf ihre Fahne schreiben: die socialrevolutionären Parteien. Nach Carlyle ist die Bedeutung aller dieser Richtungen eine grofse, aber lediglich eine negative; positiver Aufbau ist von ihnen nicht zu erwarten, da ihnen die sub- jektive Vorbedingung desselben: ein positiver Glaube fehlt. „In der Demokratie", sagt Carlyle, „liegt an sich nichts definitives. Mit dem vollsten Gewinn der Demokratie ist an sich noch nichts gewonnen, aufser Leere und der freien Möglichkeit, zu gewinnen." „Demokratie war nie fähig, ein Werk zu vollbringen, aufser dem, sich selbst auszustreichen". Carlyle führt für diese seine Ansicht sogar das Beispiel der viel gerühmten antiken Demokratien an. Auch diese sind ihm ein Symptom für den Beginn des Auflösungsprozesses der alten Welt. „Auch Rom und Athen", sagt er, „haben, wenn wir die Sache vom praktischen Standpunkt betrachten, nicht durch laute Abstimmungen und Debatten der Massen, sondern durch weise Einsicht und Herrschaft der wenigen, ihr Werk vollbracht 1 ." Der Radikalismus hinterläfst im Laufe seiner Entwicklung ein Nettoresultat von Null und Leere für eine neue Ordnung. Ja, es ist so sehr negativ, dafs es gar nicht ihr Verdienst ist, wenn unter seiner Herrschaft die Gesellschaft noch fort besteht. Vielmehr beruht dies allein darauf, dafs aus vergangenen Zeiten noch positive Elemente überliefert sind, dafs insbesondere in abgelegeneren Kreisen der Gesellschaft noch alter Glaube nicht verschwunden, noch alte Formen nicht zur Lüge geworden sind, dafs vielmehr noch eine Reihe socialer Institutionen die Verehrung der Mehrzahl besitzen 2 . Hieraus erklärt sich Carlyles eigentümliche Stellung zu dem Radikalismus, insbesondere zu seinem fortgeschrittensten Flügel, den eigentlichen Umsturzparteien. Obgleich ihnen innerlich so entgegengesetzt, dafs es vielleicht im neunzehnten Jahrhundert keinen entgegengesetzteren Standpunkt gegeben hat, ] Vergl. Chartism Cap. Y. 3 Für die Bedeutung der modernen Demokratie, welche für Carlyle als unabwendbare Tbatsacbe feststeht, vergl. unten Kap. II, Absehn. 2. — 157 - sucht er sie nicht ängstlich zurückzudrängen, wie ein Aristokrat oder Bourgeois, der für seine Privilegien, seinen Genufs und seine Ruhe zittert. Er betrachtet sie mit Ehrfurcht, wie ein frommer Mönch etwa dereinst den Attila angestaunt haben mag. Sie sind ihm der Finger Gottes in der Gegenwart. Nicht dadurch, dafs wir die Gerichte Gottes um ein paar Jahre aufschieben, sondern dadurch, dafs sie voll über eine schuldige Welt sich entladen und in allen ihren Folgen unter uns sich ausleben, ist eine Besserung und Neubelebung zu erwarten. Hieraus erklärt sich eine gewisse Vorliebe Carlyles gerade für die radikalsten unter den Umsturzparteien, welche ihn für den Durchschnittstory zum Revolutionär stempelt. Freilich würden jene Umstürzler wenig zufrieden sein, wenn sie den Grund dieser Vorliebe für sie erführen: Carlyle erklärt dieselbe offen daraus, dafs er in seinem Glauben wankend geworden wäre inmitten einer ungläubigen Welt, hätten ihm nicht die Revolutionen, vor allem die grofse französische Revolution bewiesen, dafs eine Gesellschaft, die auf Unglauben, wie er es ausdrückt, auf der „Nicht-Gott-Hypothese" fusse, nicht auf Wahrheit, sondern auf Unwahrheit aufgebaut und deshalb dem Untergange verfallen sei. „Ihr habt das Universum falsch ausgelegt. Ihr seid nicht in Übereinstimmung mit seinen Gesetzen, darum werdet ihr von ihm verschlungen. Lügen, d. h. das Vorgeben eines Glaubens, während ihr nur noch an euch selbst glaubt , ist von nun an unmöglich"; dies ist nach Carlyle der Mahnruf der Revolution an die Zeitgenossen. Die Revolutionen sind mitten unter Scheinexistenzen wieder grofse Realitäten, vor denen nichts Stand halten kann, als was selber Realität ist. Ein Gesellschaftssystem, dessen Formen nicht mehr von Glaubensinhalt erfüllt sind, steht — 158 — ihnen wehrlos gegenüber. „Alles was verbrennbar ist, wird verbrannt werden", sagt Carlyle. Wenn die Entwicklung der negativen Zeiten bis zu diesem Punkte gelangt ist, so wird wieder eine Art von Glauben möglich, „ein neuer Glaube", der die Menschen begeistert, welcher aber dem der positiven Perioden direkt entgegengesetzt ist; die Altvordern hätten ihn als den Glauben an den Teufel bezeichnet. Während nämlich ein positiver Glaube einen absolut über dem Individuum stehenden Wert zum Gegenstande hat, so vergöttert der negative den Menschen selbst. Da nun aber das Individuum in concreto stets nur die Selbstsucht des einzelnen anregen kann, so erfindet man nun das Individuum in abstracto, dessen Rechte und dessen Wohlbefinden als höchstes Ziel hingestellt werden — in dem aber im Grunde ein jeder sich selbst verehrt. Dasselbe ist der Mittelpunkt aller Lehren des politischen Radikalismus, von Jean Jacques Rousseau an bis zur revolutionären Socialdemokratie. Ein solcher Glaube ist aber nur imstande, die Menschen zu negativem Thun d. h. zur Zerstörung zu vereinigen. Sobald es sich um die Erreichung positiver Ziele handelt, tritt das konkrete Individuum an die Stelle des abstrakten und damit der Widerstreit selbstsüchtiger Interessen an Stelle eines gemeinsamen, durch einen Glauben getragenen Handelns. Für das Werk der Zerstörung dagegen ist dieser abstrakte Individualismus eine Macht ersten Ranges. Er hat ganze Völker ergriffen. Er hält seinen Siegeszug durch die Welt, nur dort, wo er auf einen positiven Glauben stöfst, ist ihm ein unüberschreitbares Halt geboten. Dieser neue Glaube aber ist im Grunde doch Individualismus. Deshalb mangelt den in ihm befangenen Massen jene Einsicht, die nach Carlyle die Gröfse des Politikers ausmacht und ihren Grund in der „Sympathie mit den Dingen", - 159 — also im Altruismus hat. So kommt es, dais jene radikalen Richtungen, zwar mächtig durch ihre Folgerichtigkeit nicht selten von Realpolitikern unterworfen werden: den Zwingherren der Revolution. In positiven Perioden sind die grofsen Männer dem Glauben ihrer Zeit unterthan — man denke an Luther oder Cromwell. Nicht so in negativen Perioden, deren Helden ungläubig sind. Sie stehen nicht unter dem Einflüsse jenes abstrakten Individualismus. Beispiele sind Mirabeau oder Napoleon. Mehr oder weniger anknüpfend an gewisse noch bestehende Formen, ist das Streben nach Macht und Herrschaft für sie das treibende Moment. So sehen wir am Ende der Entwicklung, in nahezu wieder individualistischen Zuständen das reine Herrschaftsverhältnis wieder von neuem auftreten, auf nichts gestützt als die persönliche Überlegenheit, in welchem wir das ursprünglichste Phänomen des gesellschaftlichen Lebens erblickt haben. Solche Zeiten gerade sind zur Heldenverehrung (heroworship) besonders geneigt: man denke an die fast abgöttische Verehrung, die Voltaire genossen, und an den Napoleoncultus etc., überhaupt den Caesarismus der Demokratien. — Die Geschichte der Menschen ist so nach Carlyle von dem Gegensatz zwischen Altruismus und Individualismus beherrscht. Auf positive folgen negative Zeiten, auf solche des Glaubens und der Hingebung Zeiten des Unglaubens und der Selbstsucht. Den ersteren verdanken die gesellschaftlichen Erscheinungen ihre Entstehung, den letzteren fällt ihre Auflösung anheim. Werden nun nach Carlyle die Wirkungen hierbei von den Gegenwirkungen stets wieder völlig aufgehoben? Ist anzunehmen, dafs die Geschichte einen Kreislauf darstelle oder eine aufsteigende Linie? Carlyle beantwortet diese Frage in durchaus optimistischem Sinne. Er ist durchdrungen von der — 160 - Ge.wifsheit „eines endlichen Sieges des Guten", vom Vorhandensein „einer ewigen Gerechtigkeit in der Geschichte". Solche und ähnliche Ausdrücke, welche bei Carlyle stets wiederkehren, sollten alle diejenigen widerlegen, welche ihn des Pessimismus geziehen haben. Carlyle aber steht nicht auf dem dualistischen Standpunkte, welcher Gott und Welt als gegensätzlich fafst. Nach ihm unterscheidet sich nicht die Geschichte der Natur von der der Menschen dadurch, dafs erstere sich nach unabänderlichen Gesetzen vollziehe, in letzterer dagegen der natürliche Zusammenhang an gewissen Stellen durch wunderbares Eingreifen einer aufserweltlichen Hand zerrissen sei, welche durch solche Mittel persönlich die Gerechtigkeit wieder herstelle. Die Geschichte der Menschen ist vielmehr nichts als eine Phase derjenigen der Natur. Für den Gläubigen sind beide voll von Gott, während der Ungläubige ihn weder in der einen, noch in der anderen findet. Demgemäfs nimmt der Optimismus Carlyles folgenden Ausdruck an: in der menschlichen Geschichte ist das Grofse und Gute das den Tendenzen und Gesetzen der Natur angemessene, wogegen das Schlechte hinfällig ist und in seinen Folgen vergeht. Der Held, das heldenhafte Volk, sagt Carlyle , werden dadurch belohnt, dafs sie „Teile der Natur" werden. In dem Kampfe, welchen alle Geschichte darstellt, ist die Natur „eine Schiedsrichterin, welche kein Unrecht thun kann". „Das Ding, welches am tiefsten in der Natur wurzelt, welches wie wir sagen, am wahrsten ist, dieses und kein anderes wird man zuletzt emporkommen sehen." „Lassen wir dies Ding predigen, pamphletieren, fechten, zum äufsersten sich anstrengen und benutzen, was es immer besitzt, Schnabel oder Klaue. Ganz sicher am Ende wird es nichts unterwerfen, was nicht verdient unterworfen zu werden. Was — 161 besser als es selber ist, kann es nicht wegbringen, sondern nur was schlechter ist." Alle Geschichte bildet einen Kampf widerstrebender Gewalten. Ursprünglich, solange der selbstsüchtige Einzelwille das alleinherrschende war, in rein individualistischen Zuständen, war dieser Kampf ein „bellum omnium contra omnes". Der Sieg des Stärkeren bedeutete Vernichtung des Schwächeren. Mit dem Erwachen gesellschaftlichen Lebens hört dieser Kampf an sich nicht auf. Scheinbar ist er zwar wieder durch die entstehende Staatsgewalt und die anderen socialen Organisationen aus dem inneren Leben der Gesellschaft gebannt und mehr und mehr hinausgedrängt in die Beziehungen der Völker zu einander, bis mit Zerfall der gesellschaftlichen Bande der Kampf der Individuen als sogenannte „freie Konkurrenz" wieder auflebt. An Stelle der rohen Gewalt tritt auch zwischen den Völkern mehr und mehr der friedliche Wettbewerb, aber die Gewalt bleibt doch als letztes Mittel im Hintergrund. Mag ihre Anwendung zwar seltener werden, so ist der Krieg doch der Gradmesser der Lebensfähigkeit der Völker. Demjenigen, der sich in diesem friedlichen oder kriegerischen Kampfe als der mächtigere erweist, gehört die Zukunft, wogegen ein Volk, das sich zu verteidigen nicht mehr imstande ist, die Berechtigung zum Dasein verloren hat. Ein ähnlicher Kampf vollzieht sich innerhalb der Gesellschaft. Nur dai's es sich hier weniger um Vernichtung, als um Unterwerfung und Beherrschung des Gegners handelt. Auf den durch Kämpfen festgestellten Machtverhältnissen beruhen die Herrschaftsverhältnisse, deren Summe die Gesellschaft ausmacht. Feierlich festgestellte Herrschaftsverhältnisse sind Rechtsverhältnisse, ein Satz, welchen Carlyle kurz mit den Worten „Macht ist Recht" zu bezeichnen pflegt. Sobald v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 11 die Macht aufhört hinter dem Rechte zu stehen, wird das Recht hinfällig. Mag es zeitweise noch bestehen bleiben und so ein nicht selten schreiendes MifsVerhältnis zwischen Macht und Recht vorhanden sein, früher oder später mufs das Recht den neuen Machtverhältnissen sich anpassen. Eine privilegierte Klasse mufs herabsteigen, sobald sie die Macht verliert, ihre Rechte zu verteidigen, wogegen Klassen, deren Macht wächst, auch rechtlich eine Verbesserung ihrer Lage erfahren und — entsprechend ihrer Macht — an Bedeutung gewinnen. Diese Betonung der Macht, wie sie bei Carlyle häufig wiederkehrt, ist eigentlich nichts anderes, als der nachdrückliche Ausschlufs jedes übernatürlichen Eingriffs in die menschliehe Geschichte. Sie hat Carlyle den Vorwurf zugezogen, dafs er in den Verhältnissen der Völker wie der Einzelnen die rohe Gewalt verherrliche. Diese Ankläger aber müssen verstummen, sobald sie sich dessen klar werden, worin nach Carlyle die Bedingungen der Macht für den einzelnen wie die Völker bestehen. Nicht die physische Kraft, starke Knochen und Muskeln, sind es; vielmehr ist, wie wir oben sahen, nach Carlyle alle Macht moralischer Natur, eine That- sache, welche er den „Polarstern der menschlichen Geschichte" nennt. Stark ist der gesellschaftliche, der gläubige gegenüber dem ungesellschaftlichen, dem ungläubigen. Schon die Entstehung und Entfaltung gesellschaftlicher Zustände aus ungesellschaftlichen beweist ihre Überlegenheit: sonst wären sie überhaupt nicht möglich geworden. Diese Überlegenheit bewährt sich später im Laufe der gesamten Geschichte. Die alten Römer — Praktiker in Unterwerfung- und Beherrschung — haben mit dem Worte: „divide et impera" das entscheidende Moment für die Stärke oder Schwäche der Völker getroffen. Stark ist ein Volk, das als einheitlich organisierte Macht auftritt, schwach dagegen ein in sich zerklüftetes Volk, mehr eine Summe von Individuen als ein lebendes Ganze. Hier unterliegt ein Naturvolk, das noch nicht zu gesellschaftlicher Organisation gelangt ist, gegenüber der einheitlichen Aktion disciplinierter Heere, dort eine Kulturwelt, welche sich im Prozefs der Auflösung befindet, dem jüngeren, aber in sich festgefügten Volke. Wo immer das Individuum mit dem gesellschaftlichen Organismus zu- sammenstöfst, bewährt sich die Überlegenheit des letzteren. Etwas ähnliches gilt auch bezüglich des einzelnen innerhalb der Gesellschaft. Stark ist derjenige, der aus einem Glauben heraus handelt, d. i. arbeitet. Schwach dagegen der in der Selbstsucht befangene; denn diese ist nicht bereit, zur Erreichung des Zieles Opfer zu bringen. Stark ist ferner die an sich schwache Kraft, welche mit andern vereint für ein gröfseres Ganze arbeitet, wogegen die individualistischen Kräfte sich überall entgegenstreben und gegenseitig aufheben. Stark sind vor allen diejenigen, welche die Menschheit als Helden verehrt hat, weil sie mehr als die andern Selbstverleugnung übten; denn jedes grol'se Plandeln bedeutet ja Opfer des eigenen Daseins. Aus gleichem Grunde ist mächtig der König, welcher die Herrschaft dem Genüsse vorzieht, mächtiger der Priester, Dichter, Religionsstifter, welche den Glauben ihres Volkes schaffen und dadurch mehr als alle anderen sein Handeln beeinflussen. Dem gegenüber ist der Individualismus lediglich etwas negatives. Allerdings gewinnt er zeitweise über die socialen Momente die Oberhand, aber nicht deshalb, weil er ihnen als gleichwertige Macht gegenüberstünde, sondern weil die jeweiligen Formen des Glaubens von selbst ihrer Natur nach zerfallen, womit auch ein Verfall der äufseren Formen der Gesellschaft gegeben ist. Insoweit nun, als sie den Menschen zu beherrschen aufhören, wird sociales Handeln unmöglich 11* und tritt notwendigerweise an seine Stelle der Individualismus. Jede Schlechtigkeit, die begangen wird, geschieht aus Selbstsucht und trägt dazu bei, die bestehenden objektiven Regeln, d. i. das Gesellschaftssystem, zur Liige zu machen, indem sie feststellt, dafs jene für den Menschen nicht das mafsgebende seien. Haben sich die Lügen gehäuft, so tritt ein Punkt ein, wo der Individualismus sich offen als die die Gesellschaft beherrschende Macht erklärt. Er wird scheinbar etwas positives, das „Princip der Gesellschaft", wie die Nationalökonomie lehrt; thatsächlich aber bringt er Zerstörung. Hat er sein Werk gethan, so hinterläfst er nichts als Leere, weshalb denn Carlyle sagen kann, dafs sich jede Schlechtigkeit in ihren Folgen am Ende selber aufhebe. Wenn die Gesellschaft trotz des Individualismus überhaupt noch besteht, so hat dies seinen Grund darin, dafs noch sociale Elemente genug in ihr vorhanden sind. Diese, sobald sie freies Feld haben, werden in neuen Formen die Menschen organisieren. Ein neuer Glaube wird entstehen, einzelne und Klassen werden sich erheben, um die Führung zu übernehmen. Auf „Freiheit, Gleichheit und Nicht-Aristokratie" hin kann nach Carlyle der Mensch gar nicht leben. Es besteht für ihn ein Zwang, sich zu gliedern. Fehlen aber einer Gesellschaft alle positiven Elemente, unternimmt sie es jene Grundsätze praktisch durchzuführen, so werden ihr die Aristokraten aus der Fremde kommen. De nn es vollzieht sieh die Entwicklung nicht überall gleichzeitig, vielmehr findet sich neben der Zersetzung anderwärts jugendliches Wachstum. Hierauf beruht nach Carlyle die Bedeutung der Eroberer und seine Vorliebe für dieselben. Die Eroberer sind die stärkeren, weil sie die gesellschaftlicheren, d. h. besseren sind. Allenthalben waren sie Männer, denen der Genul's nicht in erster Linie stand, sondern die durch Hin- - 165 — gäbe an einen Führer oder eine Idee zusammengehalten wurden und dafür ihr Leben aufs Spiel setzten. Nicht selten haben sie einer untergehenden Welt neue Ideale und dadurch neues Leben mitgeteilt. So waren es beide Faktoren vereint: ein Held im höchsten Sinne des Wortes und jugendliche Eroberungsvölker, welche der Auflösung Halt geboten, als gegen Ende des Altertums die europäische Welt unrettbar dem Individualismus verfallen schien. Es war der Mann in Judäa, der — als der erste — Hingebung, Liebe und Selbstentäufserung zum Gesetz des menschlichen Daseins erklärte. Zu gleicher Zeit waren es Völker, die — zwar weniger civilisiert, aber doch gesellschaftlich höher stehend als die untergehende Welt, durch das Band der Treue zusammengehalten — eine Gesellschaft auseinanderwarfen, die durch „Gewinn- und Verlustphilosophie" verbunden war. Das Zusammenwirken beider legte Keime zu neuem Leben und verjüngte Europa. Wenn nun aller Individualismus eine vorübergehende Erscheinung ist und durchaus wirkungslos für die Menschheit bleibt, so beruht alle Geschichte auf socialem Handeln, d. i. Arbeit. Diese allein ist es, welche Erfolg hat, und zwar •—• bei dem Zusammenhang aller Gesellschaften, der Abhängigkeit der Gegenwart von der gesamten Vergangenheit — dauernden Erfolg. So kann man das von Carlyle nicht selten gebrauchte Bild als den Abschlufs seiner Lehre ansehen, dafs alle wahren Arbeiter, „alle Märtyrer und edle Menschen einer einzigen unermefslichan Heerschar angehören, die seit den Anfängen der Welt unaufhaltsam weiter vorrückt. Ein ungeheures, alles eroberndes, flammengekröntes Heer, in welchem ein jeder Krieger edel und heilig ist". Anhangsweise sei bemerkt, dafs die Carlylesche Auffassung der gesellschaftlichen Erscheinungen innere Verwandtschaft mit den Bestrebungen der germanistischen Rechtsschule Deutschlands besitzt, obwohl natürlich jeder äufsere Zusammenhang fehlt. Beide gehen auf den Begriff des Organismus zurück, welcher die Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts bildet und dem deutschen Denken verdankt wird. Beiden gegenüber steht die individualistische Gesellschafts- aüffassung, welche nur einzelne menschliche Individuen und Beziehungen zwischen solchen, dagegen kein über beiden sich aufbauendes Gesamtdasein kennt. Dieselbe hat besonders in der Rechtswissenschaft ihre Anhänger, weil sie durch die Verweisung der philosophischen Schwierigkeit aus dem von ihr in Anspruch genommenen Gebiet formale Klarheit zu schaffen scheint. Für diese Richtung ist der Begriff des Organismus, angewandt auf gesellschaftliche Erscheinungen, „eine Phrase", „eins jener Schlagworte, die nicht nur, wo Begriffe fehlen, sich einstellen, sondern auch, wo Begriffe vorhanden sind, sie zu verdrängen suchen" 1 — und dies zu einer Zeit, da der Begriff der organischen Entwicklung mit allen Mitteln des philosophischen wie naturwissenschaftlichen Denkens der Gegenwart von Herbert Spencer bereits untersucht und für das gesellschaftliche wie individuelle Dasein in gleicher Weise als gültig nachgewiesen war. (Vergl. unten Kap. V am Ende.) Diese materialistische Auffassung gesellschaftlicher, insbesondere öffentlich rechtlicher Erscheinungen fällt nach dem oben gesagten unter jene ungeheure Strömung des Individualismus, welche sich über Europa in den letzten Jahrhunderten ergossen hat und die abgelebten Reste eines früheren Gesellschaftssystems hinwegschwemmt. Sie wirkt lediglich auflösend. Scheinbare Klarheit der Begriffe erkauft sie damit, dafs dieselben 1 So Seidel, Grundzüge einer allgemeinen Staatslehre. Würzburg 1878. Einer der zahlreichen Vertreter der materialistischen Staatsauffassung. — 167 - die nicht eben so durchsichtige Thatsache keineswegs decken. Auch geht die Thatsache über sie hinweg; denn schon allenthalben regen sich, wenigstens innerhalb der Welt der germanischen Völker, Keime neuen organisch socialen Lebens. Vergebens sucht sich die formalistische Rechtswissenschaft dadurch zu retten, dafs sie sich vom Leben abschliefst, ja, ganze Gebiete, die unzweifelhaft der rechtlichen Ordnung unterfallen, damit Preis giebt, dafs hier die „juristische Konsequenz" durch „Zweckmäfsigkeitserwägungen" durchbrochen sei. Ein wunderbares Denkmal einer Zeit, in welcher sowohl auf dem Gebiete des Denkens wie des Lebens sociale Beweggründe über individualistische die Herrschaft zu gewinnen begannen, wird der Nachwelt einst das neue bürgerliche Gesetzbuch Deutschlands sein, in dem der allenthalben auf der Rückzugslinie befindliche Individualismus seinen Triumph feiert — freilich dadurch, dafs er alles nicht zu bewältigende ignoriert. Anhänger der entgegengesetzten Richtung, als deren Vertreter unter den Lebenden vor allen Otto Gierke hervorzuheben ist, werden aus vorliegendem Buche ersehen, wie eine antiindividualistische, wahrhaft sociale Gesellschaftsauffassung heute das Leben eines der ersten und dem unsern nahe verwandten Kulturvölker umgestaltet, wie in dem Mafse, als dies geschieht, an Stelle des Kampfes, der die Gesellschaft auseinanderzusprengen droht, der Friede tritt. Sie werden vielfach Bestätigung ihrer Anschauungen finden, sobald sie bedenken, dafs es sich hier nirgends um rechts wissenschaftliche, sondern lediglich um allgemeinwissenschaftliche Gedanken handelt, welche sich zugleich auf einem durchaus verschiedenen thatsächlichen Hintergrund aufbauen, als ihn die heimischen Verhältnisse darbieten. Sollen wir kurz die Hauptpunkte der Übereinstimmung dieser deutschen Rechtsschule mit dem hier dargestellten Gedankenkreise aussprechen, so finden wir sie in folgenden: 1. Das menschliche Individuum kommt zu allen Zeiten sowohl als Einzelwesen wie als Glied von überindividuellen Ganzen in Betracht. Sein Wille empfängt, wie Gierke sagt, Inhalt und Richtung zum Teil aus sich selbst, zum Teil als Mittel für ein Gesamtdasein. Cärlyle sagt, dafs der Wille individualistisch und social motiviert sei. Die ersteren Motive überwögen in Zeiten der Auflösung, die letzteren in Zeiten socialen Aufbaues. 2. Eine ebenso natürliche Lebenseinheit wie der einzelne Mensch ist derjenige menschliche Verband, welcher nicht sowohl auf individualistischen wie auf socialen Beweggründen beruht. Je mehr die letzteren überhand nehmen, desto mehr wird er zur organischen Einheit, welche den Willen der ihn zusammensetzenden Einheiten bestimmt, zur Genossenschaft statt zum Verein. 8. Wie in der Welt der organischen Einzelorganismen so finden sich in der der Gesamtorganismen Keime, entwickelte Individuen, Produkte der Zersetzung nebeneinander; in beiden herrscht Mannichfaltigkeit, welche durch gemeinsame Abstammung zusammengehalten wird. 4. Was speciell das rechtliche Gebiet angeht, so kommt dem menschlichen Einzelwesen sowohl die Stellung des Individuums als des Gliedes zu. Die Stellung als Individuum ist notwendig, damit der einzelne durch freien Entschlufs und ohne damit seine Stellung als Individuum aufzugeben, sich zum Organe mache. (Vergl. unten Goethe S. 256 ff. und den Positivismus Kap. V.) Darin eben liegt nach Herbert Spencer die ungeheure Überlegenheit socialer über individuelle Organismen, dafs erstere sich aus selbständigen, letztere sich aus unselbständigen Einheiten zusammensetzen. — 169 — 5. Der Staat ist daher nicht eine freie Schöpfung des Individuums, sondern das notwendige Produkt der im Individuum sich bethätigenden socialen Motivationsweise. Auch dort, wo er durch bewufsten Akt gegründet wurde, beruht er auf » solcher, nicht auf individualistischen Beweggründen. 6. Aber der Staat ist nur einer jener socialen Organismen. Eine gesunde Gesellschaft verbindet den höchsten socialen mit dem Elementarorganismus durch eine Reihe socialer Zwischenglieder; solche waren vor allen die Familie, welche die individualistische Tendenz der Gegenwart in eine Summe von Beziehungen zwischen Einzelwesen auflösen möchte, ferner das Geschlecht, der Stamm, die Stadt, die Gemeinde, die Zunft etc. Die vorliegende Arbeit wird im weiteren Verlaufe zeigen, wie im England der Gegenwart neue organische Mittelglieder aufsprossen. Das Wachstum derselben, die Organisation, welche sie den breiten Massen wiedergeben, ist die Gewähr der Zukunft. Zweites Kapitel. Thomas Carlyle als socialer Politiker. I. Carlyles Stellung zur Gegenwart. Nach dem vorhergehenden leuchtet ein, dafs Carlyles Ansicht von unseren heutigen Gesellschaftszuständen eine tief düstere sein mufste. Überall, wohin sein Auge sich wandte, sah er die Auflösung. Die französische Revolution war eben kein vereinzeltes, zufälliges Ereignis, vielmehr der erste Ausbruch von Gefühlen und Gedanken, die sich seitdem über Europa weiter verbreitet hatten und immer wieder ähnliche Erscheinungen hervorrufen mufsten. Diese von Carlyle schon früh ausgesprochene Ansicht wurde durch die Ereignisse bestätigt. Der Julirevolution war das Jahr 1848 gefolgt. Alles auf dem Festlande, selbst das „solide Deutschland", war im Wanken, während in England eine mächtige Partei eine gewaltsame Lösung in socialistischem Sinne plante. I In jener Zeit, im Jahre 1850, veröffentlichte Carlyle eine Reihe von Flugschriften politischen und socialen Inhalts, welche er die „Pamphlete des jüngsten Tages" nannte. Dieselben sind voll von leidenschaftlichen Anklagen und bittern Sarkasmen; schon der Name ist bezeichnend für die sie er- füllende pessimistische Stimmung. Wäre man auf sie allein angewiesen, so läge die Annahme nicht ferne, dafs Carlyle an der Zukunft der europäischen Gesellschaft überhaupt verzweifelt habe. Um Carlyles Stellungnahme zu seinen Zeitgenossen richtig zu erfassen, darf man sich daher von den „Pamphleten des jüngsten Tages" nicht allein leiten lassen. Vielmehr hat man seine früheren Schriften, die ja, soweit sie nicht rein historisch sind, sämtlich socialen oder philosophischen Inhalt haben, zu Rate zu ziehen, und wird dieselben mit manchen noch späteren Äufserungen in Einklang finden, welche die Schärfe der „Pamphlete des jüngsten Tages" nicht teilen. Dabei ist jedoch daran festzuhalten, dafs die Grundanschauung überall die gleiche ist, und die Verschiedenheit mehr im Ausdrucke liegt. A. Die inneren Formen. Die Kritik, welche Carlyle an den gesellschaftlichen Zuständen der Gegenwart übt, bezieht sich nicht auf einzelne Schäden. So viel man deren auch aufzuzählen vermag, so liegt ihnen doch eine einzige Thatsache zu Grunde: die Gesellschaft unserer Zeit verliert mehr und mehr den zu ihrer Gesundheit, ja ihrer Existenz notwendigen Glaubensinhalt durch Auflösung der inneren Formen. Für Carlyle deckt sich das Gebiet der inneren Formen, welche die äufsere Gestaltung der Gesellschaft bestimmen, nicht mit der Summe der religiösen Vorstellungen. Neben ihnen und mit ihnen aufs engste verflochten, stehen weitere sociale Ideen, wie dynastische Anhänglichkeit, Familiensinn u. ä., welche den Charakter jener als Glaubensvorstellungen teilen. Wenn wir uns daher des Schicksals vergewissert haben, welches jene betrifft, so erkennen wir damit, was früher oder später auch diesen bevorsteht. — 172 — Der herrliche Bau der Kirche, welchen einst grofse und gottbegeisterte Männer errichtet haben, ist nach Carlyle heute in traurigstem Verfall. Um dieses Urteil zu würdigen, denke man an die kirchlichen Verhältnisse Englands, besonders seiner Staatskirche, im Anfang dieses Jahrhunderts. Carlyle betrachtete es als seine Aufgabe, die Kirche seiner Zeit auf das heftigste zu befehden, den „Exodus aus Houndsditch" seinen Zeitgenossen nach Kräften zu erleichtern. Der Grund davon liegt darin, dafs ihm hier der Sitz eines Übels zu liegen schien, welches das Leben seiner Nation in allen Äufserungen vergiftete: einer „unendlichen Heuchelei". (Vergl. Froude, Carlyle in London II, Kap. 17, S. 19; Brief Carlyles an Erskine.) Carlyle aber macht diesen Vorwurf nicht einer Nation allein; es handelt sich ihm vielmehr um eine allgemein europäische Erscheinung. Wir leben heute im Zeitalter des „Jesuitismus". * „ Seit den letzten beiden Jahrhunderten wird die Menschheit von der Lehre des Ignatius beherrscht, vielleicht der sonderbarsten und gewifs der unheilvollsten, die je gepredigt wurden" 1 . Es ist klar, dals dieser Begriff des Jesuitismus ein weiterer ist, als ihn die Geschichtsschreibung gemeiniglich fafst. Die romanischen Völker hatten nicht um deswillen den katholischen Kirchenglauben festgehalten, weil er für sie, wenigstens für die Kreise ihrer gebildeten Männer, noch zeit- gemäfs war. Es geschah dies vielmehr in der Weise, dafs ein innerlich überwundener Glaubensstandpunkt in Rücksicht auf Macht und Herrschaft der Kirche, Seelenruhe des Einzelnen und Bestand der überlieferten Gesellschaft äufserlich festgehalten wurde. Hieraus entnimmt Carlyle seinen Begriff des Jesuitismus; er versteht darunter jedes äufsere Bekennen von Glaubensvorstellungen um fremder, nicht in ihnen selbst 1 Latter Day Pamphlets S. 353. - 173 — liegender Gründe willen. Auch der Protestantismus ist diesem Fehler erlegen, nachdem er zur Orthodoxie verknöcherte. Seit der „für alle Zeit gesegneten Restauration", wie man die Rückkehr Karls II. genannt hat, ist der jesuitische Sinn in England eingezogen. „Indem wir den Namen des heiligen Ignatius verdammten, haben wir in wachsendem Mafse sein System angenommen und in ihm eine gesunde Grundlage unseres Lebens erblickt." Wir begannen zu glauben, dafs menschliche Symbole, die für frühere Generationen einmal Thatsachen deckten, an sich die Kraft haben, uns zu retten, dafs wir sie deshalb, auch wenn heute inhaltlos, äufserlich festhalten müfsten. Während eine gesunde Religion für den Menschen gerade die Thatsachen umfafst, welche für ihn so sicher sind, dafs sie der Ausgangspunkt seines Denkens und Handelns werden, so könnte man heute die Religion als die Zusammenfassung der Sätze definieren, über welche der Mensch am meisten zweifelt. Während früher gerade auf dem religiösen Gebiete jeder zur Sicherheit eines Ja oder Nein zu kommen bemüht war, so begnügen sich heute die Menschen mit einem Ja und Nein oder gar Ja obgleich Nein 1 , gleichgültig gegen Wahrheit oder Unwahrheit. Die Religion verliert damit die Funktion, welche ihr nach Carlyle im Leben der Gesellschaft zukommt. Ihre Bedeutung besteht in gesunden Zeiten darin, dafs sie den Mittelpunkt, um den sich das Dasein des einzelnen bewegt, aus dem Individuum hinausverlegt. Dieses selbst wird zum blofsen Mittel, ein aufser ihm Stehendes zum Zweck. Deshalb wirkt die Religion in Verbindung mit den andern, ihr nahe stehenden Glaubensvorstellungen social aufbauend. Ganz anders heute. Die Religion wird damit zum Mittel für ein diesseitiges und, so- 1 Latter Day Pamphlets S.- 276. — 174 — weit man noch daran glaubt, ein jenseitiges Wohlergehen. Der Schwerpunkt des Daseins rückt damit in das Individuum zurück. Trotz äufserer religiöser Formen ist das Handeln des Menschen vom Egoismus beherrscht, d. h. antisocial. Die Religion hat, wie Carlyle sarkastisch sich ausdrückt, „ihre Zuflucht in den Magen genommen". Der Geist der Unwahrheit aber verbreitet sich über alle Zweige des Lebens. „Nicht Wahrheit, sondern ein Amalgam von Wahrheit und Falschheit" scheint nützlich und sicher. „In Parlament und auf der Kanzel, in Schrift und Wort, wo immer Menschen einander etwas mitzuteilen haben, folgen sie dieser Gewohnheit. Die menschliche Rede ist nicht mehr wahr! Ein feines Gift der Lüge durchdringt die ganze Gesellschaft" k Schonungslos hat Carlyle insbesondere die Unwahrheit in den politischen Gewohnheiten seines Volkes angegriffen. Keinen der Staatsmänner seiner Zeit, mit Ausnahme von Sir Robert Peel, hielt er für ehrlich und der Sache mehr als der eigenen Person dienend. Noch war damals das Beispiel massiver Aufrichtigkeit nicht gegeben, mit der später, entgegen den Gewohnheiten der Politiker, ein grofser Staatsmann die Diplomaten wie die Völker Europas in Erstaunen setzte. Das gleiche wie von der Politik schien Carlyle von allen Lebensgewohnheiten zu gelten. Das Dasein des Engländers ist nach ihm auf „Traditionalitäten" aufgebaut, von überkommenen Formen umgeben, welche er aufrecht erhält, nicht weil sie ihm wahr, sondern weil sie nützlich „respectabel" erscheinen. „Kein Engländer", sagt Carlyle, „wagt mehr die Wahrheit zu glauben. Seit 200 Jahren ist er eingehüllt in Lügen jeder Art. Er hält die Wahrheit für gefährlich, und man sieht ihn überall bemüht, dieselbe dadurch zu mildern, dafs er eine 1 Latter Lay Pamphlets S. 375. — 175 — Lüge mitgehen heilst und beide zusammenspannt. Das nennt er den sichern Mittelweg 1 ." Allen diesen Erscheinungen, in denen sich der Jesuitismus äufsert, liegt ein Skepticismus zu Grunde, der sich noch in den Deckmantel der Orthodoxie hüllt. Wie anders jene Puritaner! Ihnen war ihre Weltanschauung das wichtigste, gegen die ihnen alles zeitliche gering schien, und sie waren „schrecklich im Ernst", wenn sie die praktischen Folgerungen daraus zogen. Zeitweilig hatte es geschienen, als oh dem Jesuitismus der Sieg zufallen solle. Aber heute ist seine Niederlage entschieden. Die Menschen haben sich heute wiederum gegen falsche Formeln erhoben und erklären offen, lieber nichts als unglaubliches glauben, lieber keine als solche Herrscher haben zu wollen. Auf den eigentlichen Protestantismus ist so ein weiterer gefolgt, auf den positiven ein negativer, allumfassender, der von Jahr zu Jahr um sich greift. Der Erfolg des Jesuitismus, welcher verhinderte, dafs die positiven Elemente der Deformation sich gesund fortentwickelten, ist das achtzehnte Jahrhundert. Sein Erzeugnis war die atheistische und politisch radikale Weltanschauung, welcher die Gegenwart gehört. Durch sie findet der Jesuitismus sein Ende. „Er hat in seinen Untergang eine ganze Welt mit hineingezogen, die einst lebend und schön war, jetzt tot und schrecklich ist" 2 . Entgegen der Gewohnheit der konservativen Schriftsteller hat Carlyle die Macht der gegnerischen Richtungen eher über- als unterschätzt. Während eines langen Lebens hatte er Gelegenheit, in seinem Heimatlande das unaufhaltsame Vordringen jenes Individualismus zu beobachten, das auf dem Gebiete 1 Latter Day Pamphlets S. 193. 2 Latter Day Pamphlets S. 369. — 176 — des Glaubens wie des Staates Auflösung bedeutet. Zugleich aber sah er ein, dafs die alte Ordnung, eines Glaubensinhaltes bar, dem revolutionären Ansturm gegenüber sehwach sei, und dafs das neue nur von neueren Richtungen besiegt werden könne. Letztere aber sah er noch in weiter Ferne. Diese Beobachtungen verdüsterten den Lebensabend Carlyles. Froude erzählt uns, wie der Greis in vertrautem Gespräch ein steigendes Anwachsen des Atheismus für das kommende Halbjahrhundert prophezeite 1 . Andererseits betrachtete Carlyle diese Entwicklung nicht ohne eine gewisse Genugthuung. Bedeuteten doch jene Richtungen, welche mehr und mehr um sich griffen, den Untergang einer sündigen und unwahren Welt. Nach Carlyle kann eine vollständig individualistische Gesellschaft nicht bestehen; sie ist in der Lage, sich entweder reformieren oder untergehen zu müssen. „Der Tag der Abrechnung," sagt Carlyle, „langsam herankommend, ist jetzt endlich für Europa da, er klopft auch an die Thür von England, und jetzt wird man sehen, ob allgemeines Vorgeben von Glauben eine Regel für das menschliche Leben bilden kann, ob ehrenwerte jüdische und andere Fetische verbunden mit thatsächlicher Verehrung von Yorkshire- und anderen Aktien hier unten ihren Zweck erfüllen werden 2 ." Bei Carlyle hatte sich diese Ansicht von den gegenwärtigen Gesellschaftszuständen schon früh als Folge seiner Weltanschauung festgestellt. Von wie verschiedener Seite er dieselben auch im Laufe seines Lebens kennen lernte, überall erblickte er Anzeichen, welche die Richtigkeit seiner Grundanschauung belegten. Wir wenden unsern Blick zunächst auf die theoretischen Richtungen, sodann auf die politischen 1 Vergl. Froude, Carlyle in London I. S. 396. 2 ibid. S. 335. — 177 und socialen Verhältnisse seiner Zeit. Seit der Restauration, durch die englische Philosophie vorbereitet, wohnt dem modernen Denken des gröfseren Teiles Europas eine gemeinsame Tendenz hei: der Materialismus. Seit jener Zeit nämlich hatte der kritische Geist die überkommenen Glaubensvorstellungen, eine nach der andern, zerstört. Übrig gelassen allein war die sinnliche Wahrnehmung, d. h. für die Erklärung der Welt die Materie. Da der Mensch, insbesondere der handelnde Mensch auf die Dauer einer Weltanschauung nicht entbehren kann, so mufste neben den Skeptieismus als seine volkstümlichere Ergänzung der Materialismus treten. In engem Zusammenhange hiermit steht das Überwiegen der Naturwissenschaften, in dem Th. Carlyle ein Zeichen der Zeit erblickt 1 . Besteht doch ihr Hauptfortschritt darin, dafs sie die Annahme von Kräften und Wesenheiten, welche nicht auf exakter Erfahrung beruhen, beseitigt haben, selbst die kompliziertesten Erscheinungen auf Materie und ihre Bewegung zurückführen und so, um mit Comte zu reden, vom metaphysischen Zustande aus sich mehr und mehr dem positiven annähern. Wenn Carlyle in dieser Entwicklung nichts als ein Produkt des Prozesses der gesellschaftlichen Auflösung erblickte, so war das eine Einseitigkeit, die ihn, ohne ihn je gelesen zu haben, Darwin bekämpfen liefs, weil er in ihm einen neuen Vertreter und Verbreiter der materialistischen Weltanschauung erblickte. Er ahnte nicht, dafs ihm mit dem scheinbar so entgegengesetzten Denker Berührungspunkte genug gemein waren 2 . Dem Materialismus entspricht auf moralischem Gebiete das Utilitariertum, nichts als eine andere Seite derselben 1 Vergl. Miscellaneous Essays II, S. 321. 2 Vergl. oben S. 110. Später soll Carlyle sein Urteil über Darwin geändert haben. v. Seliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 12 Erscheinung. Wenn die Glaubensvorstellungen dahin schwinden, so bleibt nichts als die persönliche Lust- und Schmerzempfindung, um das Handeln des Menschen zu leiten. Das Ziel der Gesellschaft wird von diesem Standpunkte aus „das höchste Glück der gröi'sten Masse", „die Vervollkommnung der Rasse" etc. Dieses Ziel hat jedoch nichts mit den alten Idealen gemein, die den Menschen einst zur Aufopferung bestimmten. Dasselbe ist ein rein diesseitiges. Der Begriff des Glückes ist durchaus individualistisch gefafst. Ja man geht weiter. Man hält jenes Ziel nicht nur für das theoretisch richtige, sondern auch für das thatsächlich allein wirksame. Jenem Materialismus erscheint jede andere Motivierung des Menschen unverständlich. So glaubt man denn aus den Beweggründen der Lusterreichung und Schmerzvermeidung die komplizierten Erscheinungen des individuellen wie gesellschaftlichen Lebens ableiten zu können, auch für positive Zeiten. Für Carlyle ist das Bemühen um „das höchste Glück der gröi'sten Masse" notwendig erfolglos. Denn für ihn ist das Leben mit Leiden und Mühen seinem Wesen nach behaftet, und das Glück besteht nur darin, „zu arbeiten und zu wissen, woran man zu arbeiten habe", was nur durch Glaubensvorstellungen möglich ist. Diese Anschauung ist der herrschenden gerade entgegengesetzt. Philosophen wie Nationalökonomen lehren, dafs ein persönliches, diesseitiges Wohlsein für den Menschen das allein erstrebenswerte Ziel sei, dessen Erreichung bis zu einem gewissen Grade nicht unmöglich sei. Hierin stimmen die sogenannten klassischen englischen Nationalökonomen einerseits mit den Merkantilisten und dem eudämo- nistischen Polizeistaate des vorigen Jahrhunderts, andererseits aber auch mit der modernen Socialdemokratie überein. Nur die Mittel zur Erreichung des Zieles sind verschieden. Aber die konsequentere Ansicht ist die, welche das Individuum so — 179 — frei als möglich sein persönliches Interesse will verfolgen lassen. Denn wenn man einmal die Entstehung der Gesellschaft aus dem Zusammenwirken vieler individualistischer Willen ableitete, so mufste man demselben eine gleiche Rolle auch bezüglich der Forterhaltung der Gesellschaft zuteilen. Diese Lehre sah Carlyle insbesondere durch Jeremias Bentham vertreten. Die Unterschiede, welche Mill von diesem Standpunkt trennten, verkannte Carlyle. Trotz ursprünglich zwischen ihnen bestehender Freundschaft trat er später auch zu Mill in entschiedensten Gegensatz. Er rechnete ihn nicht besser als die übrigen Professoren der „dismal science", mit welchem Namen Carlyle die Nationalökonomie seiner Tage beehrte, damit zugleich auf die Funktion ihrer Professoren als „Leichenbestatter" der heutigen Gesellschaft anspielend 1 . Schon in frühen Jahren erklärt sich Carlyle gegen die individualistische . Richtung der Nationalökonomie seiner Zeit und diese Abneigung ist mit den Jahren gewachsen, weil er in ihr die volkstümlichste Form der Auf lösungstendenzen erblickte, deren Bekämpfung sein Dasein galt 2 . „Angenommen", sagt Carlyle, „ein Staat beschränke sich, wie jene Lehre verlangt, auf den Schutz des Eigentums, so wird auch er das nicht thun und seinen eigenen Bestand nicht lange schützen können." Wie man die Gesellschaft durchaus mechanisch auffafst, so wird auch der Staat von einem Organismus zu einem Mechanismus. Jede Regierungsthätigkeit, als Ausübung persönlicher Befähigung, erscheint unzulässig. Die Handlungen des Staates sollen möglichst unpersönlich durch Zählen und Rechnen, d. h. durch Abstimmung sich ergeben, so dafs derselbe gleichsam wie eine Maschine von selbst funktioniere. 1 Dismal = häfslich, zugleich als Subst. der Leichenbestatter. 2 Vergl. Froude, Life of Carlyle I, S. 375. 12* — 180 — Dies allein heilst „gerechte Gesetzgebung". Dieselbe soll ein möglichst genaues Abbild des freien Kampfes aller Interessen sein, wie er aufserhalb des Staates in der Gesellschaft sich vollzieht. Allen socialen Schäden gegenüber, welche mehr und mehr Beachtung erheischen, wird eine immer weitergehende Demokratisierung der Verfassung als alleiniges Heilmittel empfohlen. Allen andern Reformvorschlägen gegenüber verhält sich diese Richtung abweisend, weshalb ihr Carlyle den Namen des „paralytischen Radikalismus" beilegt 1 . Mit sarkastischen Worten fafst Carlyle die Lehre Benthams dahin zusammen, dafs er eine Welt von Schelmen setzt und dabei etwas Ehrliches herausbringen will. (Given a world of knaves, educe a honesty.) In der That war diese Auffassung der Gesellschaft der Carlyles genau entgegengesetzt. „Aber", sagt er, „nichts will ich eurer Freiheit und Gleichheit verbunden mit dem Glauben, dafs grofse Männer unmöglich sind und viele kleine ausreichen, vorwerfen. Der Glaube ist natürlich genug. Die Verehrung von Autoritäten hat sich als falsch erwiesen. Wir hatten so viel Betrügereien, wir wollen jetzt nichts mehr glauben. Da so viele nachgemachte Münzen auf dem Markt umlaufen, so ist der Glaube allgemein geworden, dafs Gold nicht mehr existiert, ja dafs man ohne Gold auskommen könne 2 ." — Einer der Aussprüche Carlyles, die ihm von dem Durchschnittstory nicht verziehen werden können. Die Gesetze der Nationalökonomie, entnommen der Privatwirtschaft des Kaufmanns, sind auf beschränktem Gebiete nicht unrichtig, aber entsprechen nicht dem Wesen des Staates. Herr Mengemann, wie wir den Namen des Carlyleschen Ver- 1 Chartismus Kap. X. 2 Vergl. Heroes and Heroworship S. 240. — 181 treters der Nationalökonomie, McCroudy, verdeutschen wollen, erklärt z. B., dafs man die Kolonien aufgeben solle, weil ihre gegenwärtige Verwaltung mehr koste als einbringe. Nach ihm ist die Erzielung von Reingewinn die erste Regel auch für die Beherrschung eines Reiches. Carlyle erwidert, dafs England danach auch Irland aufgeben müsse, das ebenfalls viel koste, dafs Middlesex sich von Surrey, die eine Grafschaft, die eine Gemeinde, ja zuletzt das eine Individuum sich vom andern trennen müsse. Ganz besonders aber zeigt sich die Unzulänglichkeit der Theorie, welche die Gesellschaft aus der Selbstsucht des Individuums ableitet, in der auch von ihr zugestandenen Übermacht des Geschlechtstriebes über den Trieb nach Gewinn. An jenem ersten und natürlichsten Motiv zur Aufopferung individuellen Daseins zeigt sich eben bereits, wie hoch die Interessen des Geschlechts über denen des einzelnen stehen. Wenn Malthus den Arbeitern sagt, dafs sie es in der Hand haben ihre Verhältnisse durch geschlechtliche Enthaltsamkeit und dadurch eintretende Verminderung des Arbeitsangebotes zu bessern, so läuft dies auf eine Verschiebung jenes Machtverhältnisses hinaus: der Trieb nach Gewinn hätte über den Geschlechtstrieb und damit die Theorie der Nationalökononien über die Natur den Sieg davon geHagen. Dieses ist freilich wenig wahrscheinlich. „Meint ihr denn", spottet Carlyle, „dafs ein goldenes Zeitalter dadurch heraufkommen wird, dafs 20 Millionen Arbeiter gleichzeitig auf diesem Gebiete streiken, indem sie in einem allumfassenden Gewerkverein den Beschlufs durchsetzen, sich nicht eher zu begatten, als bis der Zustand des Arbeitsmarktes wieder ein befriedigender wird? 1 " Die Malthusianer selbst glauben nicht an den Erfolg ihres Rat- 1 Vergl. Chartismus Kap. X. — 182 — Schlages. Daher die Furcht vor Übervölkerung, die damals in England die weitesten Kreise ergriffen hatte. „In diesen Vorstellungen ist nirgends Licht", sagt Carlyle, „sondern nur ein grimmiges Bild des Hungers, offene Mäuler, die sich immer weiter und weiter öffnen, eine Welt, die auf die furchtbarste Weise durch eine vom Hunger zum Wahnsinn getriebene, sich gegenseitig auffressende Bevölkerung zu Grunde geht 1 ." Da von der freiwilligen Enthaltsamkeit nicht viel zu erwarten ist, so sind es künstliche Mittel, welche die erschreckten Politiker und Nationalökonomen empfehlen, um die Zunahme der Bevölkerung einzuschränken. Carlyle betrachtet dieselben als ein Anzeichen tiefen Verfalls. Er nimmt auf eine Schrift Bezug, welche zur Zeit der Abfassung seines Chartismus wiederholt verlegt und in Massen verkauft wurde. Der Verfasser, welcher sich an die Arbeiter wendet, schlägt darin ein System der Kindertötung vor. Von den Malthus- schen Ideen erfüllt, hält er ein solches Verfahren für eine Pflicht des Patriotismus, der die Mutterliebe sich beugen müsse. Um die Grausamkeit seines Vorschlages zu mildern, rät er „schmerzlose Tötung", etwa durch Kohlengas. „Man könnte ja auch schöne Friedhöfe bauen mit Kolonnaden und Blumen", in denen die patriotischen Kindermörderinnen, fährt Carlyle fort, ihren Abendspaziergang zu Kontemplationszwecken machen könnten. „Wäre da nicht", frägt Carlyle in bitterem Hohn, „die Methode der alten Spartaner vorzuziehen? Sie hetzten ihre Heloten und spiefsten sie nieder, wenn sie zu zahlreich wurden. Wie viel leichter würde eine solche Hetze sein nach Erfindung der Feuerwaffen. Selbst in dem dichtest bevölkerten Lande würden drei Tage jährlich genügen, um alle wehrhaften Proletarier niederzuschiefsen 2 ." Carlyle selbst 1 Vergl. Sartor Resartus, Ausgabe von Fischer, S. 222. 2 Vergl. Sartor Resartus, Ausgabe von Kretzschmar, S. 177. kannte die Furcht vor Übervölkerung nicht. Was man so nannte, war nur ein Zeichen davon, dafs die Kraft des germanischen Stammes noch ungebrochen fortdauerte. Vielleicht war dieser gerade heute daran, die Welt von neuem zu überfluten, wie er einst gethan. Carlyle erkannte das unbedingte Recht der Eroberer an, welche alternde Gesellschaften beseitigen oder reorganisieren. Er kam damit den Ideen Darwins nahe. Denn dessen Einwurf gegen Nützlichkeit der sogenannten „preventive checks" wäre gewesen, dafs die mit dem Anwachsen der Bevölkerung verbundene Steigerung des Kampfes ums Dasein die natürliche Auswahl und damit die Vervollkommnung der Art befördere, während man durch jene künstlichen Mittel gerade diese günstige Wirkung gefährde. Wie sehr Carlyle aber die Pfeile seines Spottes gegen die Malthusianer richtete, so hat er doch in Malthus selbst, welcher bekanntlich einer historisch induktiven Methode folgt, nie einen Vertreter der von ihm bekämpften individualistischen Nationalökonomie gesehen. Vielmehr war es Jeremias Bentham, welchen Carlyle innerhalb seiner Zeit als seinen eigentlichen Antipoden betrachtete. In ihm schienen die individualistischen Richtungen ihren Vereinigungspunkt gefunden zu haben. Eierst. hatte die äufsersten Konsequenzen jener Weltanschauung, die nur das Gesetz der Schwere und den Hunger als bewegende Mächte anerkennt, gezogen und damit ausgesprochen, was alle Welt mehr oder weniger deutlich dachte 1 . Man kann 1 Dafs Bentham in der That der eigentliche Vertreter des Utilitarier- tums und der Philosoph der klassischen Nationalökonomie ist, erkennt Held (Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands 1881) an. Er bezeichnet Bentham als „den eigentlichen Propheten des modernen England", dessen Eigentümlichkeit „unbedingte Kritik des bestehenden Rechtes aus Vernunftspostulaten unter absoluter Verwerfung des Gewordenen als solchen sei". - 184 — ihn so als den äufsersten Punkt jener Richtungen betrachten, welche schon das achtzehnte Jahrhundert durchziehen. Uber ihn hinauszugehen, ist unmöglich. Wenn daher die Utilitarier sich für die Verkünder einer neuen Weltordnung halten, so ist ihnen zu erwidern, dafs sie vielmehr „ein Nachtrab seien, der so weit hinter den andern zurück ist, dafs er sich für einen Vortrab hält" 1 . Aber wenn sie auch theoretisch nichts neues gebracht haben, so sind sie doch als Popularisierer jener Lehren von gröfstem Einflufs gewesen. „Wenn die Philosophie des Nutzens, aufser in England, unter den Denkern zu existieren aufgehört hat, so ist sie zu den Zeitungsschreibern und der Masse des Volkes hinabgesunken. Sie bedarf keines Predigens mehr, sondern ist in voller Ausübung begriffen und wird überall enthusiastisch bekannt". In dem Benthamismus sah Carlyle die stärkste jener Mächte der Auflösung, welche in der ihn umgebenden Gesellschaft wirksam waren. Er trägt nicht Bedenken, denselben dem Christentum direkt entgegenzusetzen. Dieses hat nicht einen theoretischen, sondern einen moralischen Zweck, ist daher voll von Glaubenselementen, ohne welche moralische Einwirkung unmöglich ist. Jener hat in erster Linie intellektuelles Interesse, sein Mittelpunkt ist der Egoismus des einzelnen, daher er Glaubensvorstellungen verwirft und Welt wie Gesellschaft materialistisch erklärt. Jenes hat die Gesellschaft aufgebaut, dieser zerstört sie. Mit dem Utilitariertum hängen andere Richtungen zusammen, welche scheinbar nichts mit ihm zu thun haben, so z. B. der Philanthropismus, dessen Phrasen die Welt durchschwirren. 1 Vergl. Sartor Resartus, deutsche Ausgabe von Kretzschmar, S. 180. — 185 — Sobald gut und schlecht nur noch in Rücksicht auf ihre Folgen zu unterscheiden sind, ist damit der alte Begriff der Strafe aufgehoben, die, als Vertilgung des Bösen, nur aus einem absoluten Gegensatz von gut und schlecht abzuleiten ist. Daher die relativen Straftheorien, welche insofern ihren Zweck verfehlen, als trotzdem mehr und mehr Zweifel an der Berechtigung der Strafe überhaupt um sich greifen. Hieraus entspringt jenes zeitgemäfse Mitleid mit dem Verbrecher, das Bestreben Strafen wie Strafausübung zu mildern. Carlyle spricht sich auf das schärfste gegen die Bewegung zu Gunsten der Abschaffung der Todesstrafe aus. Ebenso verspottet er die modernen Gefängnisse. Er beschreibt in den Pamphleten der jüngsten Tage einen Besuch, den er einem der Hauptgefängnisse Londons abstattete. Er habe einen langen Weg durch Stätten des tiefsten Elends zurücklegen müssen. Sobald er aber das Thor des Gefängnisses durchschritten, habe ihn eine Atmosphäre der Sauberkeit und des Komforts umweht. Die Gefangenen, in hohen, luftigen Sälen an langen Tischen sich die Zeit mit leichter Arbeit vertreibend, seien ihm im Vergleich mit den kämpfenden Massen draufsen beneidenswert erschienen. Einen der „litterarischen Chartisten" habe er in einem lichten Privathofe, in Meditation versunken, auf und ab wandeln sehen: „abgeschlossen von der Welt und ihren Sorgen für einige Monate, Meister seiner Zeit und geistigen Kräfte in einem Grade, wie kaum ein zweiter Litterat". Wenn man ihn einmal unter solchen Bedingungen mit Tinte und Feder allein gelassen hätte, meint Carlyle, so würden seine litterarischen Leistungen gewifs höhere geworden sein. Howard betrachtete er als die unglückliche Quelle jenes „Oceans sentimentalen Wohlwollens und allgemeiner krankhafter Sympathie mit dem Verbrecher, der heute die Gesellschaft zu überfluten droht". Carlyle hat, wie gezeigt, — 186 — den sogenannten Philanthropismus auf utilitarische Denkweisen zurückgeführt. Das von der Theorie unter der Bezeichnung als Lustgefühl aufgestellte Ziel des menschlichen Handelns heifst in die praktische Sprache des neunzehnten Jahrhunderts übersetzt: Macht oder Geld. Für den jungen Mann, der des letzteren genug hat, ist der Wunsch seines Lebens: „to rise in parliament". Nicht sachliche Gründe entscheiden, welcher Partei er beitritt, sondern vielmehr die Aussicht, welche sich seinem Ehrgeiz bietet. Ein Beispiel hierfür ist der junge Disraeli, der, nachdem er als Kandidat der äufsersten Linken durchgefallen war, zu den Tories überging. Für die meisten aber tritt das Streben nach Macht hinter der Geldgier zurück. Politische Macht wird mehr und mehr als Mittel der Bereicherung betrachtet. Haben wir doch in Frankreich Politiker gesehen, die trotz schmählichen Sturzes sich zufrieden in das Privatleben zurückzogen, nachdem die nötigen Millionen in Sicherheit gebracht waren. Aller politische Kampf neigt dahin, zur Geldspekulation zu werden; man wagt Summen eines möglichen ungeheuren Gewinnes willen. Gleich den Satyrikern des alten Roms wird Carlyle nicht müde, die „auri Sacra farnes" seiner Zeitgenossen zu geifseln. Das, was der Engländer am meisten fürchtet, sagt Carlyle, was man in der Sprache älterer Zeiten als seine Hölle bezeichnen könnte, ist „not succeding", d. h. kein Geld zu machen. Alle Verhältnisse, welche zwischen Menschen bestehen, lösen sich heute in Geldverhältnisse auf. Gesellschaft ist nichts als ein „cash-nexus". Jede Verpflichtung des einen gegen den anderen wird als eine durch Geld zu erledigende betrachtet. Thatsächlich bedeutet ein solcher Zustand vollständige Isolierung des Einzelnen und gegenseitige Vernichtung, wenn auch noch unter friedlichen Formen und mit dem — 187 — Namen einer „fair competition" (erlaubten Mitbewerbs). Was man heute Gesellscliaft nennt, ist der Beginn ihrer Auflösung. Der Grund davon ist der, dafs die socialen Motive immer weniger über die Menschen vermögen und der Egoismus mehr und mehr zur Alleinherrschaft gelangt. In den Pamphleten der jüngsten Tage findet sich eine unvergleichliche Satire auf die Denkweise der Zeitgenossen, welche Carlyle, trotz der hochklingenden Phrasen, mit denen sie sich häufig umhüllen, durchschaut. Er betitelt das Stück „Schweinephilosophie" und geht darin von der Annahme aus, dafs die Litteratur in unseren Tagen des Fortschritts auch auf die bisher stumme Kreatur ausgedehnt worden sei, so dafs die Schweine ihre Ansicht vom Weltall bekannt geben könnten und dasselbe für einen ungeheuren Schweinetrog erklärten, der mit allerlei mehr oder weniger wohlschmeckendem Futter gefüllt sei. B. Die äufseren Formen. Mit den „inneren" sind auch die „äufseren Formen" heute im Untergehen. Arbeit im Carlyleschen Sinne ist heute unmöglich. Keine Thätigkeit geschieht mehr um ihrer selbst willen, jede in Rücksicht auf das allein anerkannte, selbstsüchtige Ziel. Insbesondere aber zeigen sich auf dem wichtigsten Gebiet menschlicher Thätigkeit, dem der Regierung, die unheilvollen Folgen der Zeitrichtung, welche den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzt. Nach Carlyle wird nur noch dem Scheine nach regiert; die Regierer ziehen den Lohn ein, ohne dafür die entsprechende Arbeit zu verrichten; die, welche thatsäch- lich die Macht ausüben, sind von den äufseren Zeichen derselben ausgeschlossen. Bei der Würdigung dieses Urteils be- denke man, dafs er sich zunächst gegen Zustände wendet, wie sie Carlyle während des gröfseren Teiles dieses Jahrhunderts in seiner Heimat vor Augen hatte. Trotzdem ver- schliefse man sich dem nicht, dafs er Gefahren aufdeckt, die in unserer Zeit liegen und wenigstens der Tendenz nach überall in der heutigen Kulturwelt verbreitet sind. Zunächst fragt Carlyle: wie geschieht die Auswahl unserer Herrscher, dieses wichtigste sociale Geschäft, dessen Erfolg oder Mifserfolg das Endresultat der gesamten Gesellschaftsorganisation darstellt? Unseren Vorfahren ist es in einem relativ hohem Grade gelungen, die zur Herrschaft befähigten auf die ihnen zukommenden Plätze zu heben. Carlyle erinnert an den Abt Samson, der aus niedersten Verhältnissen und ohne jede Bewerbung zum Beherrscher eines beträchtlichen Teiles des englischen Gebietes aufstieg 1 . In ähnlicher Weise beruht die Entstehung der älteren englischen Adelsgesehlechter fast stets auf wahrem Verdienst, welches auf Generationen in den Familien fortzuleben pflegte. Der Grund dieser richtigen Auswahl der Herrscher war der, dafs das, was Carlyle „Hero-worship" nennt, in verhältnismäfsig gesunder Weise sich vollzog. Das Volk besafs ein bestimmtes Ideal des Mannes. Mit den Glaubensvorstellungen ist dem modernen Menschen notwendig auch der Mafsstab menschlichen Wertes verloren gegangen. Das einzige, was er am Nächsten sehätzt, ist lediglich Reichtum und die Fähigkeit, solchen zu erwerben. Ein äufseres Zeichen der Herrscher- losigkeit oder Anarchie ist die bunt zusammengewürfelte Bevölkerung von Statuen, welche die Plätze der englischen Städte verunzieren. Carlyle wünscht , dafs das Denkmal, welches man für Hudson, einen Gründer und Eisenbahnkönig 1 Vergl. Past ancl Present Buch II. der damaligen Zeit, geplant hatte, zur Ausführung gekommen wäre, um der Zukunft ein Wahrzeichen dessen zu sein, was dem neunzehnten Jahrhundert am meisten verehrungswürdig erschien: nämlich Papiere, die Dividenden bringen. Gewöhnlich bestimmt der Zufall, wem die Ehre öffentlicher Aufstellung in Erz zu teil wird. Dies ist nur ein Bild davon, wie auch die Erhöhung auf der socialen Stufenleiter von ihm abhängt. Die einzige Eigenschaft, welche geeignet ist, den Streber aus dem wirren Spiel des Zufalls emporzuheben, ist die Kunst zu reden. Carlyle stellt es als eine der ( unheilvollsten Erscheinungen hin, dafs in den Verhältnissen, wie sie der moderne Radikalismus herbeizuführen strebt, nicht der, der handeln, sondern der, der reden kann die Höhen der Gesellschaft erreicht. Die grofse Masse hängt demjenigen an, der ihr am besten zu schmeicheln und sie am feinsten zu täuschen versteht. Sind doch einst auch die Demokratien des Altertums an jenem Rhetorentum zu Grunde gegangen, welches gleichgültig gegen die Interessen des Staates, nur seinen eigenen Vorteil verfolgt. Hatte der tiefste Geist jener Zeit, Piaton, im Gorgias und in der Republik diese Erscheinung als den schwersten Schaden seines Heimatstaates hingestellt, so nimmt Carlyle diese Angriffe wieder auf und eifert gegen das Neuerwachen des antiken Demagogen- tums. Es sei sinnlos, dem, der am besten rede, das Recht der Herrschaft einzuräumen. Im besten Falle spreche das Talent des Redens weder für noch wider die Befähigung zum Herrschen. Mit gröfserer Wahrscheinlichkeit freilich sei anzunehmen, dafs der Redner zur Regierung untauglich sei. Keiner von den grofsen Herrschern aller Zeiten sei ein gewandter Volksredner gewesen. Jedenfalls aber könne man ebensogut und mit gleichem Erfolge auf irgend welche andere Weise entscheiden lassen, wem die Herrschaft gebühre — etwa da- rum würfeln, schlägt Carlyle vor, oder ein Sackhüpfen veranstalten oder auch ein Wettklettern an eingeseiften Stangen nach der oben angebundenen, fetten Gans. Entsprechend der entscheidenden Wichtigkeit, welche die Kunst, der Rede für jede höhere Laufbahn besitzt, ist denn die Erziehung der gebildeten Klassen ausschließlich auf die Form statt auf den Inhalt gerichtet. Ihr Mittel sind hauptsächlich die alten Sprachen, ihr Ziel ein logisch formales Denken. Der junge Mensch lernt sprechen, argumentieren, aber nicht thun. Feste Ziele und Ideale, nach denen er sein künftiges Handeln regeln könnte, giebt ihm die Schule nicht mit. „Die alten Gottestempel fallen in Trümmer. — — Keine Wolkensäule bei Tage, keine Feuersäule bei Nacht geht dem Pilgrim mehr voran. Führerlos irrt er durch die Wildnis." Carlyle hat die Kämpfe, wie sie einen hochstrebenden jungen Geist heute zu erschüttern pflegen, in seiner trefflichen Biographie des John Sterling geschildert. Derselbe hatte mit Begeisterung die kirchliche Laufbahn ergriffen, war dann aber diesem Berufe untreu geworden, da er das System einer starren Orthodoxie mit seinem Gewissen nicht vereinigen zu können glaubte. Besonders interessant ist, was Carlyle in diesem Buche über die Schwierigkeiten der Berufswahl eines Mannes sagt, der sich berechtigt glaubt, einen Platz unter den leitenden Klassen der Nation einzunehmen. Viererlei Wege stehen ihm offen: drei feststehende und geregelte, ein ungebahnter. Die ersteren sind, natürlich englische Verhältnisse ins Auge gefafst, Parlament, Recht und Kirche. Hiervon sagt Carlyle: die letzteren beiden verlangen von einem Manne, der die Bildungselemente seiner Zeit in sich aufgenommen hat, vielfach Annahme von Dingen, die ihm unwahr erscheinen. In allen drei Carrieren ist es die Fähigkeit der Rede, welche den Anfänger in die Höhe bringt. Werden diese Berufe — 191 — verschmäht, so bleibt in englischen Verhältnissen nur die Litteratur. Carlyle hat keine Gelegenheit versäumt, jungen Freunden abzuraten, in dieses Meer sich zu stürzen, das schon so viele verschlungen habe F Die Erscheinungen, welche die grofse Welt durchziehen, wiederholen sich hier: eine schonungslose Konkurrenz, gewissenlose Reklame und Vorherrschen selbstsüchtiger Motive. Zugleich teilt sie mit ihr das Ungeregelte, die damit verbundene Isolierung des Einzelnen, während jene anderen Berufe doch wenigstens eine aus alter Zeit überkommene Organisation besitzen. Bezeichnenderweise sind alle vier Berufe, welche dem Manne heute Einflufs über seine Mitmenschen verschaffen, wie Carlyle sich ausdrückt, „redender Natur". Carlyle fragt nun zweitens, wie üben diejenigen, welche in der soeben geschilderten Weise zur Herrschaft gelangt sind, diesen Beruf aus? Wir betrachten zunächst das öffentlich anerkannte System der Regierung. Carlyle hat die parlamentarische Regierungsform im Auge, welche in England der Vollendung nahe ist, bei den romanischen Völkern, insbesondere in Frankreich, und mit Abschwächungen in Nordamerika thatsächlich in Übung steht. Er beurteilt jedoch nicht nur die gegenwärtige Gestalt dieser Regierungsform, sondern zeigt auch, was bei weiterer Ausbildung und ohne gegenteilige Einflüsse von derselben zu erwarten steht. Das Parlament, so wie es sich in England ausgebildet hat — nieht als etwas besonderes, sondern auf Gedanken beruhend, die der germanischen Welt gemeinsam angehörten — war in seiner früheren Form nach Carlyle ein durchaus gesunder und nützlicher Teil der staatlichen Organisation. Ursprünglich 1 Brief an James Dodds vom 5. Februar 1840. Abgedruckt in Fischer, Th. Carlyle, Geschichte seines Lebens, 1882. — 192 — war es hervorgegangen aus formlosen Zusammenkünften der Grofsen, mit welchen der König die Zustände der einzelnen Teile des Reiches beratschlagte, und von denen er als den wirklichen Machthähern in gewissem Grade abhängig war. In der rechtlichen Form, in der sich später nach Zutritt der Städte das Parlament feststellte, war es eine wirkliche Vertretung des Volkes, d. h. ein Abbild der in ihm vorhandenen Mächte. Es übte so thatsächlich den Beruf aus, welcher nach Carlyle der dem Parlamente eigentümliche ist. Dasselbe setzt den Herrscher in Kenntnis von den bestehenden Machtverhältnissen. Nicht als ob der absolute Herrscher in dieser Hinsicht weniger gebunden wäre. Auch er kann die „Gesetze des Universums", wie Carlyle sich ausdrückt, d. h. die Macht der Thatsachen nicht ändern. Auch er ist, wie der konstitutionelle Herrscher darauf angewiesen, dieselben möglichst genau zu erkennen, um ihnen seine Regierungsmafsregeln anzupassen. Was mit jenen im Widerstreit steht, wird auch er nimmer durchsetzen. Aber die Art und Weise, in welcher er sich über die Mächte des Widerstandes und der Unterstützung Klarheit verschafft, ist eine weniger vollkommene. So ist beispielsweise unvollkommener die „ex postfacto Methode" des Grofsherrn, der die Unzufriedenheit seiner Unterthanen an der Zahl der an ihren Ladenthüren angenagelten Bäcker erkennt. Unvollkommener ist auch die in Rufsland gehandhabte Methode des „despotisme moderö par Passassinat", an der dem Zaren die Grenze seines Willens klar wird. Carlyle stellt von diesem Gesichtspunkte aus die Vorzüge der parlamentarischen Institution hoch. Gegensätze werden hier mit Worten ausgefochten, die sich sonst mit den Waffen in der Hand vernichten würden. Eine ungeheure Arbeitsersparnis wird damit geleistet, indem die Machtabwägung, auf welche nach Carlyle alle menschliche Geschichte zurück- — 193 zuführen ist, sieh in friedlicher Weise vollzieht. Aber Voraussetzung dieser günstigen Wirkungen ist das Vorhandensein einer herrschenden Gewalt neben dem Parlamente. Denn Carlyle sieht in demselben docli nur ein Mittel, wenn auch villeicht das wichtigste, zur Führung der Herrschaft 1 . Durch zwei Ereignisse ist die Stellung des Parlamentes, so wie sie sich in England gegen Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit festgestellt hatte, verändert worden. Durch das eine sind ihm Funktionen genommen, die es bis heute noch auszuüben vorgiebt; durch das andere sind ihm solche gegeben, die es seiner Natur nach nie erfüllen kann. In der ersten Hinsicht kommen die durch Erfindung der Buchdruckerkunst hervorgerufenen Veränderungen in Betracht. Früher war das Parlament der einzige Ort, an dem die Stimme des Volkes das Gehör der Mächtigen fand, an dem seine Wünsche und Beschwerden offen dargelegt werden konnten. Heute ist das Forum unendlich erweitert. Jeder, sagt Carlyle, kann sich heute zum Parlamentsmitglied machen, indem er durch Bücher, Zeitungen und Zeitschriften seine Ansichten der öffentlichen Besprechung unterstellt. Früher waren die Beratungen des Parlamentes eben so wichtig als die Abstimmungen, ja letztere eigentlich nur das zusammenfassende Endergebnis der ersteren. Denn erst auf Grund des vorgetragenen Stoffes wurden die Meinungen gefafst und die Voten abgegeben. Heute sind die Parlamentsdebatten in einem Lande wahrer Prefsfreiheit nahezu zwecklos. Die im Parlamente gehörten Reden sind nichts als ein Abbild der in der Presse vorangegangenen Debatten, eine Wiederholung oft wiederholter, nach allen Seiten besprochener Gegenstände. Die Voten be- 1 Vergl. für das Vorhergehende Latter Day Pamphlets S. 265, 290 u. a. v. Schulze-Gaevernitz Zum soc. Frieden. 13 1 Vergl. Latter Day Pamphlets S. 267. ruhen auf vorgefafsten Meinungen. Abstimmung ist danach heute hei weitem die wichtigste Thätigkeit des Parlaments. Die ungezügelte Redefreiheit des englischen Parlaments, wie sie nicht selten den lähmendsten Einflufs auf die Erledigung der Geschäfte ausgeübt hat, erschien Carlyle als ein Anachronismus; es ist, sagt er, nicht anders, als oh man Estafetten noch neben einem Kurierzuge reiten liefse 1 . Eine zweite Thatsache, welche ausschliefslich der englischen Geschichte angehört, ist weit gefährlicher für die parlamentarische Institution. Neue Aufgaben, welche sie ihrem Wesen nach nie erfüllen kann, sind ihr dadurch zu Teil geworden. Entweder mufs sie diese falsche Stellung wieder aufgeben oder sie und die Nation mit ihr werden daran zu Grunde gehen. Das englische Königsgeschlecht hatte seinen Beruf verkannt und ist dafür durch Revolution gestürzt worden. Das lange Parlament erhielt hei dieser Gelegenheit jenen unnatürlichen Machtzuwachs, der alle anderen Gewalten in der seinen aufgehen liefs. Das Parlament wurde zum souveränen Herrscher der Nation erklärt. Als John Bradshaw diese Doctrin im Angesicht des Whitehall-Palastes verkündete, führte er damit ohne Wissen und Willen den schwersten Streich gegen die Parlamente überhaupt. Carlyles Ansicht ist folgende: eine parlamentarische Versammlung ist unfähig, die exekutive Gewalt auszuüben; je mehr sie also in die Stellung derselben einrückt, desto mehr bleiben die jener zukommenden Geschäfte thatsächlich unerledigt; die Regierung wird mehr und mehr zur Scheinregierung. Carlyle erkennt zwei Ausnahmen dieser seiner Lehre an: das lange Parlament und den französischen Konvent. Sie allein waren nicht Scheinexistenzen, sondern haben thatsächlich die Macht aus- — 195 — geübt, welche sie zu besitzen vorgaben. Aber sie waren durchaus beispielloser Natur, nicht vielköpfige Versammlungen, sondern von einer Leidenschaft beherrscht und so thatsächlich Träger eines einheitlichen Willens. Was von Opposition sich geltend machte, wurde vertrieben oder guillotiniert. Zudem vereinigte sich auch hier in wachsendem Mafse die Macht auf Wenigen, so dafs man von der Alleinherrschaft kaum noch entfernt war. Der französische Konvent wurde zuletzt eigentlich von drei Männern beherrscht. Wie wenig dagegen unter gewöhnlichen Umständen eine parlamentarische Versammlung imstande ist, die exekutive Gewalt auszuüben, dürfte aus folgenden Erwägungen hervorgehen. Da natürlicherweise nicht alle Mitglieder persönlich regieren können, so mufs eine Auswahl stattfinden. Ein Ausschufs aus dem Parlamente wird gebildet und ihm die Regierung übergeben. Mit dem Hinschwinden der andern Autoritäten und dem Eintritt der Parlamentsherrschaft aber erscheint ein Platz auf der Ministerbank als die höchste Ehre des Staates. Es wird daher innerhalb der Versammlung ein allgemeiner Kampf darum entbrennen, wem diese Auszeichnung zu Teil werden soll. Derselbe Kampf wird um so hitziger werden, je mehr leitende Ideen sich aus der Politik zurückziehen und vom persönlichen Ehrgeiz ersetzt werden. Es tritt ein Punkt ein, wo sich alle Interessen der Versammlung auf jenen Kampf vereinigen, wo es der Hintergedanke aller Verhandlungen ist, wie man die gegenwärtigen Machthaber stürzen und sich und seine Clique an ihre Stelle setzen könne. Die Zeit, die man vorgeblicherweise auf die Regierung der Nation verwendet, wird allein auf die Entscheidung der Frage verwendet, wer Herrscher sein soll — und doch ist es nach Carlyle ganz gleichgültig von wem, und allein wichtig, dafs und wie die Herrschaft ausgeübt wird. Wie beschaffen werden diejenigen sein, welche die Laune 13* - 196 — des parlamentarischen Glückspieles auf den Gipfel erhebt? Werden sie das vollbringen, wozu das Parlament unfähig ist, und ihren Namen als Regenten der Nation durch ihr Thun rechtfertigen? Sehen wir zunächst, welche Eigenschaften es sind, die unter den vorausgesetzten Verhältnissen ein solches Aufsteigen bedingen. Wo sich jeder selbst vorwärtszubringen hat, wo nicht ein Unbeteiligter, sondern ein blinder Kampf aller gegen alle die Auswahl besorgt, wird der Ehrgeizigste die meiste Aussicht haben. Denn keine Würde wird erreicht, um die man sich nicht beworben, kein Wert mehr anerkannt, der sich nicht selbst ins Licht stellt. Liegt schon darin eine grofse Gefahr für den Staat, dal's er die Beute des Ehrgeizes wird, so wird dieselbe durch die Mittel vergröfsert, welche der Ehrgeiz anwendet, um sein Ziel zu erreichen. Die Kunst der Rede, d. h. der Überredung und der Intrigue allein ist es, welcher jeder Erfolg zu verdanken ist. „Unser unglücklichster Schade", sagt Carlyle, „der nicht leicht zu ändern ist, und doch in dringendster Weise eine Änderung erfordert, ist der, dafs kein britischer Unterthan es erreichen kann, Staatsmann, d. h. der Erste im Handeln (chief of workers) zu werden, der sich nieht vorher als der Erste im Reden (chief of talkers) erwiesen hat. Ist diese Prüfung für das Handeln (trial for a worker) nicht genau die schlechteste von allen Prüfungen, die man hätte ersinnen können 1 ?" Derjenige, welcher zur Herrschaft erhoben ist, wird derselben aber nur den kleinsten Teil seiner Kraft widmen können. Seine Zeit gehört fast ganz derselben Beschäftigung wie bisher: dem Reden. Denn er ist in allem abhängig vom Parlamente, und dieses wacht gleich einem kraftlosen Alten eifersüchtig darüber, dafs die Stellung, die ihm zukommt, aber die es nicht ausfüllen kann, von keinem 1 Latter Day Pamphlets S. 235. anderen eingenommen werde. Diesem Souverän der Theorie gegenüber hat der Minister die geringste seiner Handlungen zu rechtfertigen. „Er gleicht", meint Carlyle, „einem Handwerker, der jeden Augenblick aus seiner Werkstatt abberufen wird; von einem solchen ist wenig Arbeit zu erwarten. Zudem sind die Anfeindungen, die er erfährt, lediglich darauf gerichtet, ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen und von dem vielbegehrten Posten zu stürzen." Es ist nur zu wahrscheinlich, dafs alle sachlichen Rücksichten ihm wie bisher fremd bleiben und seine ganze Thätigkeit sich darauf beschränkt, die nötigen Majoritäten zu behaupten. „Er sitzt auf einem Pferde", sagt Carlyle, „an das er sich mit Knieen, Hacken und Händen anklammert, und das dahin galoppiert, wie es mag; er ist zufrieden, wenn das Pferd irgend wohin läuft und ihn nicht herunterwirft. Eine Mafsregel, ein Plan, irgend welcher Vorschlag zum öffentlichen Besten ist nicht in seinem Kopfe, aufser dafs er vielleicht etwas ersinnt, was seinem Renner für den Augenblick angenehm ist und ihn dahin bringt, in sachteren Schritten zu gehen. Dies ist, was wir Regierung in England nennen, seit beinahe zwei Jahrhunderten 1 ." Diese Gefahren, welche nach Carlyle aus der Parlamentsherrschaft hervorgehen, wurden früher in England dadurch gemildert, dafs das Parlament lange Zeit nur einer herrschenden Klasse geöffnet war. Sein aristokratischer Charakter mochte noch immer eine gewisse Richtung in der Führung des Staates bewahren. Noch mochten feste Grundsätze der Politik durch den Streit der Parteien und den Wechsel der Regierung hindurchgehen. Aber diese Milderungen der dem System eigentümlichen Schäden fallen in wachsendem Mafse hinweg, je mehr England zur Volksherrschaft fortschreitet. 1 Latter Day Pamphlets S. 123. 8fr ' idtäm Nach Carlyle ist die englische Verfassung nichts in sich vollendetes, in ihrem Princip unantastbares. Vielmehr sieht er in ihr eine Mifshildung, wie sie unglückliche geschichtliche Ereignisse, vor allen die sogenannte „ruhmreiche Revolution" herbeigeführt haben. Er hält es für wünschenswert und nicht für unmöglich, dafs die Exekutivgewalt später gestärkt werde. Wie kommt es nun, dafs diese zufällig historische Erscheinung für das Muster und Ideal der Verfassung angesehen und seit der Wende des Jahrhunderts allenthalben nachgebildet, ja übertroffen wurde? Die revolutionäre Bewegung begann die Geister zu ergreifen, nachdem das herrschende Gesellschaftssystem unwahr und haltlos geworden war. Hieraus entsprang der Ilafs gegen die bestehenden Gewalten, der Widerwille gegen Autoritäten überhaupt. Hieraus entsprang auch die Forderung, dafs keine Regierung ohne Zustimmung der Regierten vor sich gehen solle, ein Satz, der, genau besehen, dem Wesen jeder Regierung widerspricht und wörtlich durchgeführt nur in Anarchie enden könnte. Derselbe ist der eigentliche Inhalt jener politisch radikalen Bewegung, welche nichts als eine einzelne Seite der allumfassenden Erscheinung ist, die wir Revolution genannt haben. Dieselbe mufste eine innere Verwandtschaft mit der englischen Verfassung empfinden, obgleich dieselbe nichts weniger als aus demokratischem Interesse entwickelt war, aber doch die Funktionen der Regierung überhaupt nur noch in geringem Mafse verrichtete. Auf dem Bunde, welchen die Revolution mit der historischen Verfassung Englands eingegangen hat, beruht der moderne Parlamentarismus, welcher nunmehr in der französischen Republik seine folgerichtigste Ausbildung erfahren hat. Er unterscheidet sich von dem alten englischen Parlamentarismus dadurch, dafs die Fehler, die diesem nur infolge geschichtlicher Entwicklung — 199 — anhafteten, bei ihm zu principiellen Eigenschaften der Staatsverfassung erhoben sind. Die Regierung wird mehr und mehr zur Scheinregierung. Hierin nun lag für die jeder Regierungsform feindliche Stimmung der Revolution der Vorzug dieser Verfassung, in dem „Principe der Freiwilligkeit", d. h. dem Grundsatze, dafs die gesamte Gestaltung des Gesellschaftslebens der Thätigkeit der Individuen zu überlassen sei. Der Wunsch, eine Regierung zu haben, die möglichst wenig regiere, ist der Grundzug des vulgären Radikalismus, in welchem sich das besitzende Bürgertum mit den Ideen der Revolution abgefunden hat, vorgebildet bereits in den Girondisten. Er findet seinen Verbündeten in der Nationalökonomie. Auch diese, ebenfalls in Reaktion gegen entgegengesetzte Ansichten früherer Zeiten, predigt Nichteinmischung des Staates. Hierauf beruhen all die unzähligen „Freiheiten", welche man zu Vernunftpostulaten machte, wie „Freihandel" etc. Nur dagegen wendet sich Carlyle, welcher selbst eifriger Gegner der Kornzölle war. Er behauptet, dafs eine praktische Untersuchung der gegebenen Verhältnisse zu entscheiden habe. — Eine Regierung, die der konstitutionellen Theorie und den volkswirtschaftlichen Anschauungen ihrer Zeit treu bleiben will, wird am besten thun, wie Carlyle sich ausdrückt, „in gefälliger und verfassungsmäfsiger Weise nichts zu thun". Soweit jene politischen und nationalökonomischen Lehren um sich gegriffen haben, ist damit auch jede Parteibildung unmöglich geworden, welche auf sachlichen Gründen beruht. Die alten Parteien sinken zu persönlichen Koterien herab, deren ganze Politik durch das Streben nach Herrschaft beherrscht wird. Carlyle behauptet, dafs eine Tory- oder Whigpartei nicht mehr existiere. Hatte er doch gesehen, wie diejenigen, die sich die Konservativen nannten, die Liberalen in Vorschlägen radikaler Verfassungsänderung überboten — um der — 200 — Premierwürde eines Disraeli willenEin Bild gleichen Buhlens um die Volksgunst bietet heute Nordamerika, wo die Parteien sich sogar nicht scheuen einen auswärtigen Konflikt vom Zaune zu brechen — nur in Rücksicht auf die bevorstehende Wahl eines Präsidenten. Welch ein Unterschied im Vergleich mit vergangener Zeit! Wenn man Oliver Cromwell gefragt hätte, meint Carlyle, was der Zweck des Staates sei, so hätte er in seiner Sprechweise geantwortet, „Beförderung des Reiches Gottes", damit alles, was ihm gut und wahr erschien, einschliefsend, aber zugleich bezeichnend, dafs das Endziel transcendenter Natur sei. Moderne Politiker werden, wenn sie ihn; Gedanken ehrlich aussprechen, auf dieselbe Frage antworten, Zweck des Staates sei, sie selbst ein paar Jahre zur Regierung zu bringen. Nur eine Aufgabe läfst die Theorie beim Staate verbleiben, nämlich die Aufrechterhaltung des Friedens. Denn die Träger dieser Theorie sind die besitzenden Klassen. Carlyle nennt diesen Zustand: „Anarchie plus Strafsenpolizisten" z . Glücklich nur, dafs die Thatsachen der Theorie noch nicht völlig entsprechen. Denn ein wirklich rein auf Individualismus gegründeter Staat würde nur kurzen Bestand haben, da die Interessen der Mehrzahl nicht mit ihm verbunden wären. Aber in weiten Kreisen des Volkes sind ja noch altüberlieferte sociale Ideen vorhanden, welche insbesondere in dem Werkzeuge der Friedenserhaltung, dem Heere, wirksam bleiben. „Wenn ich in diesen Tagen leidvollen Todes und leidvoller Geburt", sagt Carlyle, „ jene zwei statuengleichen Garde- du-corps in ihren finstern Bärenmützen und gekreideten Hosen, auf ihren kohlschwarzen Tieren vor den „Horse-Guards" die 1 Vergl. Froude, Th. Carlyle in London S. 352. 2 Vergl. Latter Day Pamphlets S. 8. — 201 — Wache reiten sehe, so überkommt mich eine Art trauriger Verwunderung darüber, wie in diesen Tagen des Zusammenbruchs und elender Impotenz fast aller alten Institutionen, diese älteste Institution noch jung ist. Rotbäckig, festknochig, sechs Fufs hoch steht sie vor mir, während so vieles andere blofser Schein geworden ist. Der Mann mit der Rofs- haarperüclce (d. i. der Advokat) verspricht mir Gerechtigkeit zu verschaffen, schleift mich Jahrzehnte durch Prozesse, ohne dafs ich Gerechtigkeit erhalte — der Mann mit dem Schaufelhut (d. i. der Geistliche) verspricht meine Seele zu retten, mit gleichem Erfolge wie jener; sie beide sind eine Art von Unding. Aber der Rotrock (d. i. der Soldat) ist ein Faktum, kein Schatten. Er thut thatsächlich, wozu er da ist; erhält er Befehl, so zieht er sein langes Schwert und tötet mich 1 ." Jeder anderen Aufgabe, die nicht zur all ernotdürftigsten und unmittelbarsten Erhaltung seines Daseins unentbehrlich ist, hat der Staat sich dagegen entschlagen. — Wir haben gesehen, wie der revolutionäre Geist sich des Parlamentarismus bedient, um die Staatsgewalt zu schwächen. Wir fragen nun, in welcher Richtung bewegt sich die Entwicklung weiter. Eine Parteibildung, die auf principiellen Gegensätzen beruht, giebt es für die Politiker, welche unter diesem System leben, nicht. Die einzige Unterscheidung, mittelst deren sie sich in zwei grofse Gruppen teilen lassen, ist die zwischen Gemäfsigten und Radikalen. Der Geist der Revolution, welcher die Massen unaufhaltsam ergreift, treibt zum Sturze der überkommenen noch bestehenden Gewalten, ein Wunsch, welcher nicht selten sich bis zu jener Begeisterung für die Zerstörung erhebt. Die Staatsmänner nun, welche darauf angewiesen sind, die Gunst 1 Vergl. über die ganze, hier nur in Bruchstücken wiedergegebene Stelle: Past and Present Buch IV, Kap. 3. der Masse sich zu erhalten, werden sich durch immer weitere Vorschläge der Demokratisierung gegenseitig zu überbieten suchen. Zudem sind solche, wie jedes Werk der Zerstörung, am leichtesten durchführbar. Der Bergpartei, alle anderen Einflüsse hinweg gedacht, wird stets der Sieg gehören, bis weiter nach links hin neue Elemente auftauchen, welche die Radikalen durch radikalere Vorschläge noch übertreffen. Ein Beispiel solcher Entwicklung bietet bereits die Geschichte der ersten französischen Revolution. Wenn sich einstens die Politiker über die chartistischen Forderungen entsetzten, so haben sie sich seitdem mehr und mehr der Verwirklichung jenes Programms genähert. Wenn Carlyle die Notwendigkeit dieser Entwicklung nicht unterschätzte, so beruht das darauf, dafs er ihren inneren Zusammenhang erkannte. Er sah in ihr den Ausdruck einer einzigen Erscheinung, welche auf den verschiedenen Gebieten des Lehens einen verschiedenen Ausdruck annahm. Was ihm für die inneren Formen der Gesellschaft der Unglaube war, das war ihm für die äufseren Formen die Demokratie: beide hatten für ihn die gleiche Bedeutung. Jener war ihm der „Mittelpunkt des socialen Krebses", diese seine äufsere Gestalt. „Demokratie", sagt er, „ist heute überall. Ihr millionen- füfsiger Tritt dröhnt auf allen Strafsen und Wegen." Wenn wir dieses anerkennen, fassen wir wenigstens das Problem unserer Zeit. So lange wir uns dagegen jener Wahrheit ver- schliefsen, haben wir das Problem überhaupt noch nicht erreicht, was docli die erste Vorbedingung der Lösung ist. Carlyle erkennt so die Macht der demokratischen Bewegung nicht anders an, als einer ihrer begeisterten Anhänger, weil er sich der Machtlosigkeit der alten Gewalten ihr gegenüber bewufst ist. Freilich thöricht erschien Carlyle der Glaube, dem selbst Männer wie Bentham und Mill nicht ferne - 203 — standen, dafs nämlich auf dem eingeschlagenen Wege eine unbegrenzte Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zu erreichen sei. Er verglich die Gesellschaft vielmehr mit einem alten Hause, dessen längst verdächtige Vordermauer auf die Strafse gefallen ist. Noch hängen die Etagen an den Balkenenden und durch den gegenwärtigen Zusammenhang aber schon in schiefer Richtung, und nur so lange, bis wenige rostige Nägel und wurmstichiges Gebälk nachgegeben haben; und unter solchen Umständen jubeln die Insassen des Hauses und verherrlichen die neuen Freuden des Lichts und der Lüftung und des freien malerischen Blickes und danken Gott, dafs sie ein Haus nach ihrem Sinne bekommen haben 1 ! Wie die demokratische Bewegung die parlamentarischen Institutionen sich angeeignet hat, weil sie ihren Zwecken brauchbar erschienen, so benutzt sie dieselben in der Folge zur weiteren Zerstörung überkommener Reste monarchischer und aristokratischer Elemente in Staat und Gesellschaft. Diese Bemühungen sind überall dort mit Erfolg gekrönt, wo die angegriffenen Mächte den Pflichten, die sie früher erfüllten, infolge der individualistischen Entwicklung sich entzogen haben. Carlyle betont wiederholt, dafs eine Aristokratie, welche keine Pflichten, sei es in Armee, Staat oder Kirche, mehr habe, den Angriffen ihrer Gegner machtlos gegenüber stehe. Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Heftigkeit zu verstehen, mit der sich Carlyle gegen die heimische Aristokratie wendet, für die der Müfsiggang vornehm geworden sei. Einzelne dieser Stellen, aus dem Zusammenhange herausgerissen, könnten ihn als einen Durchschnittsradikalen erscheinen lassen. Aber der Grund davon ist der, dafs er eben auch hier wie an so vielen anderen 1 Man vergleiche für das Vorhergehende Latter Day Pamphlets S. 14 und bedenke dabei, dafs jene Stelle unter dem Eindruck von 1848 geschrieben ist. — 204 — Orten an Stelle des Dinges nur ein Scheinding erblickte. In dieser Hinsicht bot ihm Deutschland noch glänzende Beispiele der entgegengesetzten Art. Vorwurfsvoll weist er die Grofsen seines Landes auf Karl August von Sachsen-Weimar hin, einen Fürsten, dem er zeitlebens Bewunderung zollte. Dieser Herzog, der im Vergleich mit englischen Verhältnissen arm zu nennen war, hat für sein Land mehr gethan als alle englischen Herzöge, die jetzt leben oder gelebt haben, seitdem ihnen Heinrich VIII. die Kirchenländereien geschenkt hatte. Da die Aristokratie unnütz geworden ist, so können die Angriffe, welche in stets wachsendem Mafse gegen sie gerichtet werden, nicht ohne Erfolg bleiben. Besonders dürfte eine Änderung der Landgesetzgebung unabwendbar sein. Hier werden Quadratmeilen fruchtbaren Ackers in Einöden zu Sportszwecken verwandelt, während in den Städten Millionen kräftiger Hände sich regen, für die das Land zur Bebauung geschaffen ist. Carlyle scheint sogar für die Verstaatlichung des Grund und Bodens gewesen zu sein, so wenigstens nach Aussprüchen in „Past and Present" 1 . Hieraus erklärt sich auch Carlyles mitunter fast lächerlicher Eifer gegen die Jagdpassion der Grofsen seiner Heimat. Er werde den Tag segnen, sagt er, an dem das letzte Rebhuhn geschossen und der einzige Jäger, der noch möglich bliebe, Kammerjäger geworden sei. Ausnahmen freilich erkennt er an, Fälle, in denen Männer der Aristokratie auch heute noch grofse Ziele verfolgt haben. Insbesondere mag er hier an den Grafen von Shaftesbury gedacht haben. Aber sie können den Untergang ihres Standes nicht verhindern; sie können höchstens bewirken, dafs das Ende „eine friedliche Euthanasie sei, nicht ein jäher 1 Vergl. The philosophy of Carlyle by E. D. Meacl S. 127. Boston 1881. — 205 Zusammenbruch in den Gluten der Revolution". „Ja, meine rosigen, fuchsjagenden Brüder", ruft Carlyle aus, „in euren frischen, üppigen Zügen offenbart sich mir entsetzlich bereits das hippokratische Gesicht 1 ." Wir können Carlyle in der Schärfe dieser Angriffe nicht völlig rechtgeben. Was er zum sittlichen Vorwurf macht, liegt zum guten Teil in den Verhältnissen. Wenn die englische Aristokratie sich ihren Pflichten entzog, welche in der Selbstverwaltung des Landes lagen, so beruhte das in dem Anwachsen der Industriemittelpunkte, für welche jenes vielgerühmte System undurchführbar war. Was die Verödung des Landes angeht, so dürfte ihr Grund doch nicht lediglich in vornehmen Passionen zu suchen sein, sondern in der höchst nüchternen Erwägung, dafs Ackerbau im Grofsbetrieb wenigstens nicht mehr rentiere. Nichtsdestoweniger oder urnso- mehr kann man der Behauptung Carlyles beipflichten, dafs die Lage der englischen Aristokratie eine aussichtslose sei. Ein ähnliches Schicksal hat die französische Aristokratie getroffen. In ihre Würden ist ein heimatloses Litteratentum getreten. Vor allen ist es der Advokat, welcher nunmehr zu den höchsten Stellen im Staate emporklimmt und Führer der demokratischen Bewegung wird. Ein Blick auf die wirtschaftlichen Ergebnisse der bezeichneten Entwicklung zeigt, wie die Theorie, die mit dem Anspruch das Ergebnis der reinen Vernunft zu sein auftritt, mit den Interessen derjenigen Klassen, welche sie verfechten, übereinstimmt. Das Königtum ist hinweggefallen, welches durch Neigung wie Interesse einst den wirtschaftlich Schwachen ein Schützer zu sein berufen war. „Emancipation" wird das Schlagwort der Zeit, nichts als ein volkstümlicher Ausdruck 1 Vergl. Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, S. 169. - 206 — für jenen Auflösungsprozefs, in dem die zahllosen Abhängig- keits- und Verpflichtungsverliältnisse sich belinden, die — seien sie nun sittlicher oder rechtlicher Natur gewesen — bisher die Klassen der Gesellschaft miteinander verflochten. Die Entwicklung führt mehr und mehr zur Plutokratie, d. h. der Geldherrschaft, nach Carlyle der schlechtesten Art aller Beherrschung, weil sie den Herrschern am wenigsten Pflichten auferlegt und die Ausbeutung der Beherrschten am meisten begünstigt. Ein weitgehendes, ja ein allgemeines Wahlrecht an sich nutzt dagegen nichts. Denn die Wahlen werden so lange mittelbar oder unmittelbar durch Geld gemacht, bis gröfsere Kreise des Volkes wieder irgendwelche allgemeine Interessen, d. h. sachliche Ziele über den persönlichen Vorteil stellen, wie die moderne Arbeiterbewegung heute zu thun beginnt. Die sociale Frage, d. h. die Infragestellung der Existenz der Gesellschaft überhaupt, welche, erst überhört, dann immer drohender an die Pforten des Staates anpocht und Philosophen wie Nationalökonomen ratlos findet, beweist die Natur der Entwicklung als eines Auflösungsprozesses. Sie ist der Punkt, wo sich entscheiden mufs, ob die Gesellschaft in das Chaos zurückkehren oder sich neubilden wird. Während noch der Jubel ertönt, mit dem man die neue Ära begrüfst, treten Erscheinungen auf, welche geeignet sind, den denkenden Beobachter zu beunruhigen. Zunächst freilich zweifelt man nicht an der Vorzüglichkeit des eingeschlagenen Weges. Man mifst die Schäden, die man nicht leugnen kann, dem Umstände bei, dafs noch Beste des alten Systems bestehen, dafs noch nicht genug aufgeklärt und niedergerissen sei. Aber im Verhältnisse, wie man hierin fortschreitet, nehmen jene Schäden zu, so dafs sich die Vermutung eines zwischen beiden Ent- — 207 — wicklungsreihen bestehenden Kausalzusammenhanges nicht abweisen läfst. Auf der einen Seite sammeln sich ungeheure Reichtümer durch das Aufblühen der Industrie; auf der andern Seite nützt der Masse des Volkes der erworbene Reichtum wenig. Vielmehr wird die Lebenshaltung der Arbeiter durch das Aufkommen der freien Konkurrenz herabgedrückt. Auf der einen Seite Überproduktion, auf der andern Mangel. Hier werden 100000 Hemden zu viel gemacht, dort sind ebensoviel Rücken unbekleidet. Die Nation gleicht dem Midas der Fabel, dem die Götter eine unendliche Fülle Goldes gewährt hatten, und der bei seinen Reichtümern verhungerte. In ihr en Anfängen noch verhüllt, beginnt mehr und mehr eine Entwicklung, welche die Nation in zwei Klassen teilt: in Arm und Reich. Noch bestehen zwischen beiden zahlreiche Mittelstände, aber diese verbindende Brücke scheint täglich dünner zu werden. Jeder einzelne, welcher herabsinkt, erschwert die Lage aller derer, welche sich noch über ihm halten, indem er sie nunmehr mit geringeren Ansprüchen auf dem Arbeitsmarkt unterbietet. „Pauperismus", d. h. Massenelend, wird ein dauernder und durch keines der angewendeten Mittel zu beseitigender Schade derjenigen Länder, welche an der bezeichneten Entwicklung teil genommen haben. An den beiden Polen der Gesellschaft sammelt sich Reichtum und Hunger gleich den entgegengesetzten Elektricitäten und immer dringender wird die Gefahr, dafs sie sich in einem furchtbaren, all vernichtenden Blitzstrahl vereinigen. Es ist nicht Carlyles Verdienst, auf das Ungesunde der bestehenden Eigentumsverteilung zuerst aufmerksam gemacht zu haben. Manche schon hatten vor ihm sich in ähnlichem Sinne ausgesprochen und Mafsregeln zum Schutze und zur Hebung der arbeitenden Klassen gefordert. Aber keiner war von der Wichtigkeit dieser Frage so durchdrungen gewesen, — 208 - keinem war es so heiliger Ernst, wie Carlyle, wenn er behauptete, dafs es sich hier nicht um eine unter vielen wichtigen Fragen handele, sondern vielmehr um d i e Frage, welche heute dem Staate und der Gesellschaft zur Lösung aufgegeben sei. „Wenn man nichts zu thun hat", sagt Carlyle, „so liest man in der Morgenzeitung die Parlamentsdebatten; da reden die ehrenwerten Mitglieder über die kanadische Frage, die irische Ablösungsfrage, die westindische Frage, die Frage des königlichen Hofstaates 1 , — — kurz über alle Arten von Gegenständen aufser über die eine Frage, die das A und 0 von allen ist, und aus der die andern erwachsen: der condition-of-England question, d. h. die Frage nach der Lage und Existenz Englands. Denn die Lage der grofsen Masse des Volkes in einem Lande ist die Lage des Landes selbst" 2 . Carlyle wird damit der Begründer des Umschwunges in der Gesellschaftsauffassung seiner Zeitgenossen. Er lehrt sie, gegenüber der ungeheuren Entfaltung der Produktion und dem Anwachsen des nationalen Reichtums, an diejenigen denken, welche darüber zu Boden getreten und vernichtet werden. Während man früher die Vorzüglichkeit einer Volkswirtschaft nach dem sich ergebenden „Reingewinn" beurteilte (vergl. oben S. 35 bez. Ricardo), hat man seit der Wende des Jahrhunderts einen andern Mafsstab anlegen gelernt: das Befinden der grofsen Masse, der Mehrzahl des Volkes. Man verurteilt eine Volkswirtschaft, die zwar das Nationaleinkommen ver- 1 Die von Carlyle hier erwähnte „Queens Bedchamber Question" hatte zum Gegenstand einen Streit darüber, oh es der Königin erlaubt sei, bei einem Wechsel des Ministeriums die Damen ihres bisherigen Hofstaates beizubehalten, oder oh sie denselben nach den Wünschen der neuen Minister umgestalten müsse. Der Fall bietet eine eigentümliche Illustration der Lage eines Monarchen hei Parlamentsherrschaft. 2 Vergl. Chartismus Kap. I, S. 746. — 209 — mehrt, aber die Lebenshaltung des Volkes herabdrückt — ein ausserordentlich wichtiger Wechsel, der in letzter Linie auf Carlyle zurückgeht, und der die Behandlung aller socialer Fragen in der ersten und zweiten Hälfte des Jahrhunderts unterscheidet. Carlyle wird nicht müde, seinen Zeitgenossen zu wiederholen, dafs die Lage der arbeitenden Klassen gegenwärtig eine so schlechte sei, wie noch nie vorher weder in England oder noch in irgend einem andern Lande. „Man steige in die unteren Klassen hinab, wo man will, in der Stadt oder auf dem Lande, und durch welchen Kanal man will, indem man die darüber vorhandenen amtlichen Erhebungen zu Rate zieht, oder indem man selbst die Augen aufthut und sich umsieht. Stets wird sich dasselbe traurige Resultat ergeben. Man wird nämlich zugestehen müssen, dafs der arbeitende Teil der reichen englischen Nation in einen Zustand versunken ist oder versinkt, der, wenn man alle Seiten desselben in Erwägung zieht, buchstäblich noch nie seines gleichen gehabt hat" 1 . Fälle tiefster Verkommenheit, welche man von Seiten der Behörde wie des Publikums lieber ganz totgeschwiegen hätte, hat Carlyle furchtlos ans Licht gezogen. So bringt er z. B. vor das grofse Publikum einen Prozefs zu Stockport, in dem sich ergab, dafs Eltern mehrere ihrer Kinder nacheinander getötet hatten, um ihr eignes Leben durch die Zahlungen der Begräbniskassengesellschaft zu fristen. Die Behörden haben damals ein eingehendes Beweisverfahren verhindert, weil, wie man andeutete, der Fall nicht der einzige seiner Art gewesen sein dürfte. In den Städten seiner Heimat Glasgow und Edinburg hat Carlyle Scenen des Elends kennen gelernt, „wie sie selbst in den barbarischsten Regionen, wo 1 Yergl. Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, S. 3. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 14 — 210 — Menschen jemals gewohnt haben, die Sonne hoffentlich niemals beschienen hat". Carlyle widerlegt diejenigen, welche behaupten, dais die Lage der arbeitenden Klassen doch nicht so schlecht sei, wie sie häufig dargestellt werde, da es "die best bezahlten Arbeiter seien, die sich über ihre Lage am meisten beklagen. Hieraus möchte man schliefsen, dafs es nicht sowohl Elend der materiellen Lage als Übermut und das Werk von Agitatoren sei, das der Arbeiterbewegung zu Grunde liege. Wie soll der arme Handweber, fragt Carlyle, der den ganzen Tag arbeiten mufs, um seine Nahrung zu verdienen, streiken? Thäte er das, so verhungerte er innerhalb einer Woche. Jene Thatsache läfst gerade auf die Verbreitung des Elends schliefsen. Die Herabdrückung aller Arbeit durch den brodlosen Proletarier fand in England eine deutliche Veranschaulichung in dem Verhältnis des Iren zum Engländer. Carlyle hat in drastischer Weise beschrieben, wie der verachtete Ire dem Sachsen, seinem bisherigen Bedrücker, heute all das Unrecht, das er von diesem gelitten, heimzahlte. In Irland lebt eine Bevölkerung von „Sanspotatoes", d. h. von Leuten, die während 30 Wochen im Jahre von Kartoffeln dritter Güte leben und während der übrigen Zeit hungern. Für wenige Pfennige fahren sie nach England herüber. Auf allen Strafsen begegnet man ihnen. „Der englische Kutscher, während er vorüber rollt, schlägt den Iren mit seiner Peitsche und flucht. Der Ire aber streckt bettelnd seinen Hut vor. Er ist das schwerste Übel, mit dem unser Land zu kämpfen hat. In seinen Lumpen und seiner lachenden Wildheit wird er all die Arbeit verrichten, die mit blofser Kraft von Hand und Rücken gethan werden kann, und zwar für jeden Lohn, mit dem er Kartoffeln kaufen kann. Er braucht nur Salz als Würze. Nach seinem Sinn ist eine Wohnung im Schweine- — 211 — oder Hundestall. Der Sachse, der nicht unter diesen Bedingungen arbeiten kann, findet keine Arbeit. Koch liegen die Wälder Amerikas unbebaut, und so treibt der uncivilisierte Ire nicht durch seine Stärke, sondern gerade das Gegenteil davon den Sachsen aus dem Heimatslande und nimmt dessen Platz ein. Jede Macht bewaffneter Feinde, die ihm die Heimat streitig machte, würde der Sachse in die See fegen. Aber diese Macht, die nur mit Lumpen, Unwissenheit und Nacktheit bewaffnet ist, lähmt ihn durch die magische Kraft einer papierenen Formel. Er mufs fliehen und sich in die transatlantischen Wälder verbergen" 1 — ein einzelnes Beispiel einer allgemeinen Bewegung, auf welche die Überflutung Amerikas durch die Chinesen wie das Einströmen polnischer Arbeiter nach dem Osten Deutschlands und die Slavisierung der Städte Deutsch-Österreichs zurückzuführen ist. Überall zeigt sich eine Herabdrückung der sogenannten ungelernten Arbeit, eine Entwicklung, die scheinbar hoffnungslos ist. Neuansätze einer entgegengesetzten Entwicklung sind mittlerweile sichtbar geworden, welche Carlyle noch nicht ahnte, obgleich er ursächlich dabei beteiligt sein sollte. Vergl. unten Kapitel IX. Zur Zeit, als Carlyle schrieb, hatten auch die gelernten Arbeiter sich noch nicht zu der Höhe emporgearbeitet, welche sie heute in England, wenn auch nur unter schweren Kämpfen und mit wechselndem Glück, behaupten. Damals war ihre Lage viel schwankender als heute und ihr Dasein für den Fall einer Handelskrise, des Alters oder der Krankheit durchaus ungesichert. Carlyle hatte eben alle die Schäden vor Augen, welche das Industrialsystem bei seinem Auftreten über ein 1 Vergl. Chartismus Kap. IV. 14* — 212 — Land zu bringen pflegt, und die wir im ersten Kapitel angedeutet haben. Das einzige Mittel, mit welchem die besitzenden, von der klassischen Nationalökonomie beherrschten Klassen die vorhandenen Schäden zu heilen gedachten, war eine Armengesetzgebung. Zum Zweck der Abschreckung von der Armut hatte man ausschlielsliehe Unterstützung im Arbeitshause eingeführt. Aber die Thatsachen waren stärker als das Gesetz. Im Jahre, als Carlyle „Vergangenheit und Gegenwart" veröffentlichte, überwog bereits die Unterstützung aufserhalb des Arbeitshauses. Man berechnete damals, dai's von 15 Millionen Arbeitern 2 Millionen Armenunterstützung erhielten, von denen nur die Minderzahl im Arbeitshause untergebracht war, „weil die Arbeitshäuser zum bersten voll sind und das starke Armengesetz durch ein noch stärkeres zertrümmert wird". Die Ausgaben der Armenverwaltung wuchsen ins ungemessene und mufsten selbst den beschränkten Bourgeois stutzig machen. „Bringt zehnmal, ja zwanzigmal so viel auf", ruft Carlyle jenen zu, „ihr werdet die Verhältnisse nicht bessern." Arm und Reich können „eben auf der Basis eines blofsen Armengesetzes" zusammen nicht existieren, wie sich auch die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen nicht in reine Geldverhältnisse auflösen lassen. Worin nun besteht nach Carlyle das innere Wesen des socialen Mifsstandes? Carlyle erwidert darauf kurz: der Pauperismus ist die sichtbare Erscheinung der Sünde unseres socialen Systems („pauperism is our social sin grown manifest"); all die Mängel und Schäden, an welchen sich die heutige Gesellschaft krank fühlt, sind nichts als die Symptome eines tief innerlichen Kernschadens, woraus denn folgt, dafs jeder Heilversuch, der dies verkennt, zwar Symptome zurückdrängen, nicht aber die Krankheit selbst beseitigen kann. — 218 - Carlyles Begründung dieser Anschauung ist etwa folgende: an Stelle des Glaubens ist heute Unglauben, an Stelle des gesellschaftlichen Thuns damit ungesellschaftliches, d. h. egoistisches getreten. Die alte Organisation der Gesellschaft wird durch die aus den soeben genannten subjektiven Bedingungen hervorwachsende demokratische Bewegung mehr und mehr aufgelöst. Während früher die einzelnen zu grö- fserem Ganzen organisiert waren, wird heute das Individuum in zunehmendem Mafse isoliert. Was wir Gesellschaft nennen, nähert sich damit mehr und' mehr dem Zustande eines ungesellschaftlichen Kampfes ums Dasein. Der Sehwache wird immer tiefer herabgedrückt, der Starke immer höher emporgehoben werden. Carlyle wird hiermit Verteidiger der damals auftauchenden Arbeiterorganisationen, deren Bedeutung für die Zukunft zwar noch nicht zu ahnen war. Aber als dieselben später um sich griffen, die Unverbundenheit der Individuen aufhoben und den Kampf um das Dasein wieder zum socialen machten, beruhte die Anerkennung, welche ihnen die Zeitgenossen gewährten, mit auf Carlyleschem Einflul's, welcher das Verständnis wie für jedes organische Wachstum, so für jede wahre, spontan sich entwickelnde Genossenschaft geweckt hatte. Damals, als diese Keime neuer Organisation noch verborgen lagen, schien die Gesellschaft im Auflösungsprozefs. Ihre letzte Verrichtung ist nach Carlyle der Schutz des Eigentums. Daher ist, so lange Gewalt aus dem Kampfe ums Dasein ausgeschlossen ist, der Starke zugleich der Reiche, der Schwache zugleich der Besitzlose. Der Reiche aber, durch keine autoritativen Glaubensvorstellungen mehr social motiviert, benutzt das bestehende System lediglich zur Ausbeutung des Armen. — 214 — So ist insbesondere der sogenannte freie Arbeitsvertrag nach Carlyle im Interesse der Besitzenden erfunden. Das Verhältnis zwischen den oberen und unteren Klassen der Gesellschaft ist damit lediglich ein Geldverhältnis geworden. Sie stehen sich ausschliefslich als Käufer und Verkäufer gegenüber. Es sind dies die Gedankengänge, in denen der moderne Socialismus, insbesondere Engels und Marx, unmittelbar von Carlyle abhängen, wie im Kap. VI zu zeigen ist. Der Clansmann und Häuptling, Vasall und Lehnsherr, Höriger und Gutsherr, Soldat und Anführer, Unterthan und Landesherr waren sich gegenseitig auf die Dauer verpflichtet. Diesen Verhältnissen lagen nicht beide Erwägungen von Gewinn und Verlust, sondern gewisse Ideen wie Loyalität u. s. w. zu Grunde, welche in ihnen verwirklicht werden sollten. Häufig mochte das nicht der Fall sein, aber das wertvolle war, dafs jene Ideen doch bestanden, und dafs jedes Entgegenhandeln als etwas, was nicht sein sollte, als „Verrat" aufgefafst wurde. Heute sind jene Ideen erloschen, neue nicht vorhanden. Die oberen Klassen haben nunmehr ausschliefslich den eigenen Vorteil im Auge. Carlyle vergleicht den heutigen Industriellen im Gegensatz zu dem Ritter der Vorzeit, der wenigstens dem Principe nach für Ideen und im Gefühl einer waltenden Gerechtigkeit zu kämpfen hatte, mit dem Wilden, der nur aus Beutelust in den Kampf ziehe. Während jener mit seinen Vasallen verkettet war, sie Freud und Leid, Gewinn und Verlust zusammen trugen, benutzt heute der Reiche den Armen zwar zur Arbeit für seine Zwecke; er mufs ihn natürlich am Leben erhalten, so lange er für ihn arbeitet, aber sobald er ihn entbehren kann, entledigt er sich seiner und „glaubt durch die Bezahlung gewisser Schillinge und Pfunde seine Verbindlichkeiten mit triumphierender Vollständigkeit ledig zu sein. Ist doch der Lohn, der versprochen war, bis auf den letzten — 215 — Pfennig gezahlt" 1 . Das schlimmste aber dabei ist, dafs selbst das Gefühl einer weiteren Verpflichtung von Besitz und Macht fast in allen Kreisen verloren gegangen ist. Immer und immer wieder hat Carlyle seinen Landsleuten an das Herz gelegt, dafs der Arbeitsvertrag die Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber nicht erschöpfe. Er wird hiermit der Vater jener grofsen Bewegung, welche seit der Mitte des Jahrhunderts die Besitzenden ergreift und ihnen die Pflichten, welche aus dem durch die Gesellschaft gewährten und geschützten Besitz herfliefsen, in Erinnerung bringt, eine Bewegung, welche für die sociale Entwicklung Englands und insbesondere für die Herstellung eines friedlichen Verhältnisses zwischen den beiden Klassen von gröfster Wichtigkeit war. Hören wir folgende Satire Carlyles auf die bestehenden Zustände: „Der Herr von Pferden mufs, wenn die Sommerarbeit gethan ist, seine Pferde den Winter hindurch ernähren. Wenn er nun zu seinen Pferden sagte: »Vierfüfsler, ich habe nicht länger Arbeit für euch, aber Arbeit gieht es zum Überflufs in der Welt. Wifst ihr nicht oder habt ihr nationalökonomische Vorlesungen darüber nötig, dafs die Dampfmaschine am Ende stets ein Mehr von Arbeitsnachfrage hervorbringen mufs? Eisenbahnen baut man in diesem Viertel der Welt, Kanäle in jenem, viel Fuhrwerk wird gebraucht. Irgendwo in Europa, Asien, Afrika oder Amerika werdet ihr ohne Zweifel Bedarf nach Fuhrwerk finden. Geht und sucht euch Fuhren; Gott mit euch.« Die Pferde nun schnauben mit vorgestreckter Lippe, damit andeutend, dafs Europa, Asien, Afrika und Amerika etwas aufser ihrem Gesichtskreise liegt, dafs sie nicht genau wissen, wo denn der Bedarf nach Fuhrwerk sein könne. Sie können 1 Vergl. Past ancl Present Buch III, Kap. 9. — 216 — keine Fuhre finden. Zei streut traben sie über die Landstraisen zwischen Zäunen zur Rechten und Linken. Endlich vom Hunger getrieben, springen sie über die Zäune und fressen fremdes Eigentum — das übrige ist bekannt. Ach, es ist kein heiterer Scherz; trauriger als Thränen vielmehr ist das Gelächter, das der Menschheit aufgezwungen wird, durch die Anwendung des laissez-faire auf eine Welt, wie unser Europa im Jahre 1839" L Sobald es der Vorteil gebietet, suchen die Menschen heute so schnell und leicht wie möglich auseinanderzukommen. Aber auch hier wird der Besitzende allein in der Lage sein, diese Möglichkeit zu seinen Gunsten geltend zu machen. Hieraus entspringt die der heutigen Zeit innewohnende Tendenz, alle früher dauernden Verhältnisse in möglichst kurzer Frist kündbar zu machen. Carlyle weist darauf hin, wie gerade die Entwicklung zur Civilisation sich darin geltend gemacht hat, dafs die Verhältnisse zwischen den einzelnen dauernderer Natur wurden. Der Nomade ist freier als der sesshafte Mann; er besitzt sogar ein Haus, das auf Rädern steht und das er nach Belieben mit sich nehmen kann. In noch höherem Mafse geniefst der Affe der Freiheit. Aller Fortschritt besteht nun darin, dafs diese Art von Ungebun- denheit allmählich aufhöre. „Der civilisierte Mensch lebt nicht in Räderhäusern. Er baut steinerne Schlösser, bepflanzt Äcker, schliefst Ehen auf Lebenszeit, hat hundertfache, aus langer Zeit sich herschreibende Besitzungen, die nicht auf dem Geldmarkte taxiert werden können; er besitzt Stammbäume, Bibliotheken, Gesetzbücher; er hat für diese Erde Erinnerungen und Hoffnungen, die über Tausende von Jahren hinausreichen"; — hierdurch mit seinesgleichen in der man- 1 Vergl. Chartismus Kap. VI. — 217 — nigfachsten Weise verbunden. Es ist nun ein Zeichen der gesellschaftlichen Auflösung, dafs der individuelle Egoismus die dauernden Verhältnisse, welche die Menschen verknüpfen, in kündbare zu verwandeln sucht. „Lebenslängliche Ehen", sagt Carlyle, „wie weit vorzüglicher wären jährliche und monatliche für den Nomaden oder Affen" L Von diesem Standpunkt aus stellt Carlyle die Hörigkeitsverhältnisse früherer Zeiten hoch, weil hier das Interesse des Herrn selbst eine Grenze gezogen hätte, über die hinaus er den Arbeiter verständigerweise nicht habe hinabdrücken können. Wenn schon durch einen metallenen Halsring, so ist doch der Sklave mit irgend jemandem in der Gesellschaft dauernd verbunden. Jetzt ist der Sklave längst „emanci- piert", aber die Freiheit, wenn sie Freiheit zu verhungern wird, ist nicht eben göttlich. Man kann in gewissem Sinne sagen, die Bewegungen unseres Arbeiterstandes bedeuten im Grunde nichts anderes, als dafs „er zum Sklaven emporgehoben zu werden wünscht". Übertreibungen im Ausdruck, wie die soeben angeführte, hat Carlyle im Interesse der Eindringlichkeit seiner Worte stets geliebt. Für jeden, der ihn kennt, ist es selbstverständlich, dafs ihm bei Aussprüchen wie diesen, reaktionäre Tendenzen durchaus ferne liegen. Hat doch keiner heftiger als er gegen solche Bestrebungen auf allen Gebieten des menschlichen Daseins, dem der Politik wie dem des Glaubens, seine Stimme erhoben. Denn innerlich unwahr wie äufserlich erfolglos erschien ihm jeder Versuch der Rückführung vergangener Verhältnisse. „Der Versuch, die Zukunft an die Vergangenheit zu ketten durch ewige Glaubenssätze, ewige Herrschaftsverhältnisse u. s. w. und 1 Vergl. Past and Present, Ausgabe von Kretzselnnar, S. 202. In seiner Stellung zur Ehe begegnet sieb Carlyle mit den Positivisten. Vergl. Kapitel V dieser Arbeit. — 218 — zur Vorsehung zu sagen, bis hierher und nicht weiter, ist ein ganz sinnloser Versuch." Dort dagegen, wo noch ein dauerndes Verhältnis bestand, war Carlyle für seine Erhaltung. Hieraus erklärt sich auch seine Stellung zur Sklavenfrage, welche insbesondere während des amerikanischen Bürgerkrieges alle Gemüter beschäftigte. Carlyle hat durch seinen Aufsatz „Nigger-question", sowie durch eine Reihe von Stellen, die in seinen sonstigen Schriften zerstreut sind, seiner Zeit grofsen Anstois gegeben. Selbst seine Anhänger wurden an ihm zweifelhaft und ausgesprochene Freunde wagen ihn noch heute nicht zu verteidigen \ Carlyles Vorliebe für drastischen Ausdruck, verbunden mit einer tiefen, inneren Mifsstimmung über seine Zeit, macht ihn in jenem Aufsatz zu Worten greifen, die ihn leicht als einen Verteidiger herzloser Tyrannei erscheinen lassen. Wer Carlyle, dessen „Schwermut ja ein Übermafs der Sympathie 2 " war, kennt, wird solche Ausdrücke als Gegenwirkung der sentimentalen Überschwenglichkeit erklären, welche gerade dieser Frage mehr als anderer sich bemächtigt hatte. Im Grunde hat die Geschichte Carlyle recht gegeben, wenn er behauptete, dafs der schwarze Arbeiter für den freien Arbeitsvertrag nicht reif sei. Ungezwungen, meint er, werde er nimmer arbeiten, und doch sei Arbeit für ihn, wie für jeden Menschen das wichtigste Mittel der Erziehung. Selbstverständlich gehörte sein Mitleid dem mifshandelten Negersklaven nicht minder als dem verhungernden Lancashireweber. Aber er wollte nicht, dafs die Bande, die jenen mit der menschlichen Gesellschaft verknüpften, ohne anderweitigen Ersatz zerschnitten würden, umsomehr, als er sah, dafs „der weifse 1 Vergl. Flügel, Thomas Carlyles religiöse und sittliche Entwicklung S. 93. Leipzig 1888. 2 Ausdruck von Harriet Martineau. — 219 — Sklave" durch einen ähnlichen Vorgang in ein noch tieferes Elend gekommen war. Carlyle scheint beziehentlich der Negersklaven einen Zustand rechtlich geschützter Hörigkeit im Sinne gehabt zu haben. Wie sehr ein solcher dem der heutigen ungeregelten Freiheit vorzuziehen gewesen wäre, zeigt der Niedergang der früher auf Negersklaven angewiesenen Länder. Carlyles eigentümliche Stellung zur Negerfrage, die ihm zeitweise den Zorn des gesamten aufgeklärten Europa zuzog, aber hat noch einen weiteren Grund. In der Bewegung, welche zu Gunsten der Negerbefreiung sich erhob, fürchtete er, die Regung des nationalen Gewissens, welches bezüglich der heimischen Arbeiter zu erwecken sein höchstes Streben war, auf ein verhältnismäfsig fernliegendes Gebiet abgeleitet zu sehen. Indem man sich für den schwarzen Arbeiter erwärmte, schien man des heimischen zu vergessen, dessen Lage viel elender, und dessen Hebung im Interesse der Menschheit unendlich viel wichtiger als die jenes sei. Zudem forderte die letztere Aufgabe Opfer, während sich in der Negerfrage Europa lediglich auf Begeisterung beschränken konnte. Er sah gewifs, dafs die Lage der Neger tief elend sei und in der That eine Änderung erheische. Unheilvoller und für die Lösung aller anderen Fragen in letzter Linie entscheidend aber erschien ihm die Lage, in welche die Masse der höchst- civilisierten Nationen Europas zu versinken drohte. Nicht äufsere Schmerzen, Mifshandlungen, selbst der Hungertod sind für den Menschen das schlimmste. Nach Carlyle ist Leiden mit dem Leben untrennbar verbunden. Aber bisher hatten die europäischen Völker das Leben durch den Glauben überwunden und durch die hieraus entspringende Hingabe das grofsartige Gesellschaftssystem aufgebaut, von dem die Kultur der Menschheit abhängt. Sie hatten Mühen und Leiden mutig auf sich genommen, so lange ihnen der Zweck ihres Ringens feststand. Nun aber der letztere fraglich geworden, wird des Lebens Not gerade den denkenden, hoch organisierten Menschen am meisten bedrücken. Denn das schlimmste ist nicht das äufsere Elend, sondern der Verlust der Kraft, jenes zu überwinden: „To be irregulated — to be isolated" nennt es Carlyle, d. h. ohne innere und äufsere Formen des Lebens zu sein. „Das Leben war für die Menschen niemals ein Maientanz. Zu allen Zeiten war das Loos der zu harter Arbeit geborenen stummen Millionen durch mannigfache Leiden, Ungerechtigkeiten, schwere Lasten, vermeidliche und unvermeidliche, entstellt. Es war durchaus kein Spiel, sondern harte Arbeit, welche die Muskeln und das Herz wund machte. Als Leibeigene, villani, bordarii, sochemanni, ja sogar als Herzöge, Grafen und Könige wurden die Menschen oft ihres Lebefis überdrüssig gemacht und mufsten im Schweifs ihrer Stirn und ihrer Seele sagen: „Sehet, es ist kein Spiel, es ist grimmiger Ernst und unser Rücken kann es nicht mehr ertragen!" Wer weifs nicht, welche langfortgesetzten barbarischen und unerträglichen Ungerechtigkeiten verübt wurden, bis die Herzen zum Wahnsinn getrieben, ausriefen: „Eu Sachsen, nimith euer sachses, Ihr Sachsen, ergreift eure Saxe!" „Und dennoch wage ich zu glauben, dafs zu keiner Zeit seit den Anfängen der Gesellschaft das Los dieser selben stummen Millionen von Arbeitern so ganz unerträglich war, wie es in den Tagen ist, die jetzt über uns dahingehen. Es ist nicht das Sterben, ja nicht einmal das vor Hunger Sterben, was den Menschen elend macht. Elend ist es, erbärmlich leben zu müssen, ohne zu wissen weshalb; an Herz und Seele müde und matt und doch vereinzelt und von einem kalten allgemeinen Laissez faire umgürtet zu sein; das ganze — 221 — Leben hindurch langsam sterben zu müssen, eingekerkert in eine taube, tote, unendliche Gerechtigkeit, wie in dem verfluchten eisernen Bauch eines Phalarisstiers." Wir gehen nunmehr zur Betrachtung der Bewegungen über, welche das sociale Elend hervorruft. Zuerst folgen diejenigen, welche von der wirtschaftlichen Notlage am härtesten betroffen werden, das Proletariat, den radikalen Bewegungen der Mittelstände. In der Verwirklichung des demokratischen Programmes jener hoffen sie auch für sich eine Besserung ihrer Lage. So wurde die englische Reformbill von 1831 durch die Arbeiter unterstützt. Ähnliche Erscheinungen haben sich allenthalben gezeigt, obgleich gerade in der Gedankenwelt jenes Radikalismus das ihnen feindliche Gesellschaftssystem seine folgerichtigste Ausbildung gefunden hat. Aber allmählich beginnen die Arbeiter zu begreifen, dafs die herrschenden Richtungen ihnen nur Worte, nicht Dinge zu geben imstande sind. Mit der Gewährung politischer Rechte und sonstiger Freiheiten, die sie zunächst nur schwer ausnutzen können, sucht man sie über den Niedergang ihrer wirtschaftlichen Lage zu täuschen. Die Arbeiter beginnen jene Politiker zu durchschauen, „denen das Elend der arbeitenden, klagenden Massen nicht Elend ist, sondern nur Rohmaterial, aus dem man zu Gunsten der eigenen kargen Theorien und des eigenen Egoismus Kapital schlagen kann. Für solche sind Millionen lebender Brüder mit duldenden und hoffenden Herzen nichts als »Massen«, Massen von Explosivstoff, um Bastillen damit in die Luft zu sprengen". Hieraus nun entspringt die socialrevolutionäre Bewegung, welche bereits in der ersten französischen Revolution sich andeutet und seitdem die Ruhe Europas wiederholt gestört hat. Dieselbe ist durch den Gegensatz der unteren zu den oberen, der besitzlosen zu den besitzenden Klassen gekennzeichnet. — 222 — „Ein rachsüchtiger Geist des Aufruhrs gegen die oberen Klassen, abnehmender Respekt vor den Befehlen ihrer zeitlichen Vorgesetzten, abnehmender Glaube an die Lehren ihrer geistlichen Vorgesetzten wird mein und mehr unter den unteren Klassen allgemein. Man mag solchen Geist tadeln, ja bestrafen; aber alle Menschen müssen ihn als eine Thatsache anerkennen, die traurig und, wenn nicht verändert, verhängnisvoll sein wird. Aus unteren Klassen, die in solcher Weise mit den oberen verbunden sind, setzen sich nicht glückliche Nationen zusammen! Von allem Elend unter dem sie leiden, ist das bitterste und schwerste die unerträgliche Überzeugung der unteren Klassen, dafs ihr Loos ungerecht sei, nicht auf Recht, ja nicht einmal auf Notwendigkeit und Macht beruhe, dafs es anders sein solle und anders sein könne" (vgl. Chartismus S. 26). Der soeben bezeichnete Gegensatz beruht darauf, dafs die obern Klassen tatsächlich aufgehört haben, den Beruf, zu dem sie da sind, zu erfüllen: nämlich den der Leitung und Beherrschung der unteren, wobei man daran zu denken hat, dafs unter dem Ausdruck der Beherrschung vor allen von Carlyle die geistige, durch Kirche und Schriftsteller geübte verstanden wird. „Der gellende, unartikulierte Schrei der Massen — ähnlich denen des Schmerzes und der Wut des stummen Tieres — enthält für das Ohr des Weisen die Bitte: führe mich, regiere mich; ich bin unvernünftig und elend und kann nicht mich selbst führen." Aufgehört haben einerseits die durch die Kirche vermittelten Ideen, das innere Leben der Menge zu beherrschen. Eine solche Entwicklung bildet die erste Vorbedingung einer socialrevolutionären Bewegung und wird früher oder später mit Notwendigkeit überall dort statt haben, wo die oberen Klassen bereits irreligiös geworden sind. In keinem Lande Europas hat die Religion so sehr an Macht über den gröfseren — 223 Trii der Nation verloren, als in Frankreich. Daher ist dieses Land der eigentliche Ausgangspunkt der revolutionären Arbeiterbewegung geworden. Das gröbste Übel an dem Frankreich heute leidet, geht auf die Unterbrechung desjenigen Zusammenhangs zurück, welcher auf kirchlichem Gebiet durch die erste Revolution verursacht wurde. „Dafs eine ganze Generation von Denkern keine Religion mehr hatte, weder zum glauben, noch selbst zum bekämpfen, dafs in dem denkenden Frankreich sich das Christentum zu einer fremden, auswärtigen Tradition verflüchtigt hatte, ist die traurigste Thatsache für die Zukunft dieses Landes. Beweis hierfür sind die politischen und moralischen Philosophien, der St. Simonismus, der Robert Macairismus und die sogenannte „Lit- teratur der Verzweifelung". Selbst der Verlust des Königtums war nur ein leichter Schade, verglichen mit dem der Kirche, an dem Frankreich noch lange rettungslos leiden wird, den übrigen Völkern ein warnendes Beispiel 1 ". Aufgehört aber haben in zweiter Linie auch diejenigen Organe, welchen die weltliche Führung der Nation zusteht, ihren Beruf zu erfüllen. Die unteren Klassen werden that- sächlich nicht mehr geleitet; denn das „laissez faire" auf wirtschaftlichem Gebiete ist ja eben nichts anderes als eine „Abdankung vonseiten der Regenten". „Sie geben damit zu, dafs sie hinfort zur Herrschaft unfähig sind, dafs sie überhaupt nicht dazu da sind, um zu regieren, sondern um — man weifs nicht was — zu thun." Mit dem bittersten Hohn übergiefst Carlyle die Regierung seiner Heimat wegen ihrer Unthätigkeit auf socialem Gebiet. „Da sitzen Menschen in Downing-Street (d. i. dem Ministerium) und machen Protokolle, verfassen syrische und 1 Vergl. Chartismus Kap. VI. — 224 — andere Verträge, geben sich mit griechischen, portugiesischen, spanischen, französischen, ägyptischen und äthiopischen Fragen ab, aber nicht mit der englischen Frage. Radetzky soll gegen Mailand vorrücken; das thut mir leid und mag vielleicht eine Depesche verdienen. Aber der irische Riese, Namens Verzweiflung rückt gegen London vor und verwüstet alle englischen Städte und Dörfer. Er ist das Phänomen, über das man nicht nur Protokolle schreiben, sondern Tag und Nacht mit aller Kraft nachdenken soll. Ich sehe ihn in Pica- dilly (Hauptstrafse Londons) mit blauem Gesicht, in Lumpen gehüllt, in jedem Arm ein blaues Kind; vom Hunger getrieben, mit offenem Munde sieht er sich um, wen er auffressen soll. Auch er ist vom Himmel geschickt; ein göttlicher Sendbote ist zuletzt in so befehlender Weise gekommen, dafs niemand seine Anwesenheit mehr leugnen kann, aufser dem Scheinregenten von England (phantasm governor). Dank den gerechten Göttern, die uns endlich schnellen Tod oder den Beginn der Heilung gesandt haben 1 ." Denn jener Riese wird, wenn niemand sonst für ihn sorgt, für sich selber sorgen. Die Thatlosigkeit der Regierung verbreitet in den darbenden Massen das Gefühl, dafs von ihr keine Hülfe zu erwarten, dafs vielmehr ihr ausschliefslicher Zweck sei, die Besitzenden im Genufs ihrer Reichtümer zu schützen. Das ganze herrschende Gesellschaftssystem, einschliefslich der Kirche und des Staates, wird als eine zur Unterdrückung des Arbeiters erfundene Anstalt betrachtet, deren Vernichtung als erstes und notwendigstes Ziel gilt. In Augenblicken, da die Not besonders hoch gestiegen oder die Staatsgewalt besonders geschwächt ist, erfolgen revolutionäre Ausbrüche in immer kürzeren Zwischenräumen. Die Macht des Staates ist im abnehmen, die Aussicht der Revolutionäre im wachsen. Wie Vergl. Latter-Day Pamphlets S. 115. — 225 — oben gezeigt, vertritt Carlyle hiermit die Ansicht vieler seiner Zeitgenossen, welche für England die sociale Revolution nicht ferne wähnten. Positive Elemente fehlen freilich auch ihr. Was die sie vertretenden Parteien als positive Vorschläge aufstellen, fällt in den Eudämonismus des Polizeistaates zurück, bis endlich der Anarchismus die letzte Konsequenz zieht, welche jede Art positiver Vorschläge bereits als reaktionär beargwöhnt. Folge hiervon ist, dafs die Revolution zwar siegen, aber nicht die Bedingungen der Revolution zu beseitigen vermag. Vielmehr pflegen, nachdem wieder Ruhe eingetreten ist, die arbeitenden Klassen schlechter daran zu sein als zuvor. Carlyle hat das in Beziehung auf die erste französische Revolution ausgeführt 1 . Neue Revolutionen bleiben nicht aus, halten aber nur den gleichen Erfolg, so dafs ein Zustand des Schwankens eintritt und allmählich auch das, was bisher noch den Schein der Gesellschaft ausmachte, nämlich der Ausschlufs der rohen Gewalt aus dem Kampfe ums Dasein, hinwegfällt. So hat in der Pariser Kommune „die stumme Kreatur" wieder in fürchterlicher Weise zu den oberen Klassen Europas geredet: „Unsere Lage, nach achtzig Jahren des Kampfes, ihr Betrüger, ist unverändert, unerträglicher von Jahr zu Jahr, von Revolution zu Revolution. Wenn ihr sie nicht bessern könnt, so wollen wir die Welt in die Luft sprengen und uns und euch mit." Es zeigt sich so offen, dafs der Individualismus die Negation der Gesellschaft ist, dafs er nur solange sich äufserlich halten kann, als er von überliefertem Kapital lebt. „Die Menschen haben das Universum so aufgefafst, wie es nicht ist. Die Natur sagt zum Individuum, das sein Leben auf Grund dieser irrigen Auffassung regeln will: Nein. Sie 1 Vergl. Französische Revolution, Tauchnitz' Ausgabe III, S. 39-5. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 15 — 226 — sagt es in gleicher Weise zu einer Nation von Individuen. — — Nur Versumpfung, Niedergang, erwürgte Nähterinnen 1 , Mangel an Kartoffeln, unbebaute Heiden, zerfallene Hütten, endlich Soeialdemokratie, Strafsenbarrikaden, rote Republiken und am Schlufs das Chaos — ist auf diesem Wege erreichbar." „In trauriger Oseillation, rasenden grundlosen Wirbeln schwankt die europäische Gesellschaft dahin, bald schrecklich niedersinkend, bald sich mit Mühe wiedererhebend, in immer kürzeren Zwischenräumen — Iiis eine neue Felsenbasis ans Licht kommt und die Sintflut des Aufruhrs und der Notwendigkeit des Aufruhrs sich verläuft 2 ." Zur Probe für Carlyles Behandlungsweise socialer Gegenstände geben wir ein kurzes Stück (Kapitel I) des bisher noch unübersetzten Chartismus in Folgendem wieder: Die Frage der Lage Englands. „Es herrscht allgemein die Empfindung, dafs die. Lage und Stimmimg der arbeitenden Klassen gegenwärtig eine fast verhängnisvolle Angelegenheit ist; dafs in Rücksicht darauf etwas gesagt, etwas gethan werden mufs. Zu einem historischen Zeitpunkt, da die „nationale Petition" in Wagen die Strafsen entlang fährt und „mit eisernen Reifen gebunden" von vier Männern getragen, einem reformirten Unterhause vorgeführt wird; und der Chartismus, anderthalb Millionen Köpfe zählend und nichts durch seine mit Eisen beschlagene Petition erreichend, zu Ziegelsteinen und Heugabeln greift 1 Carlyle spielt öfters auf die brodlosen Nähterinnen Londons an. Ähnlich schreibt Carlyle in sein Tagebuch am 3. Oktober 1870 (Froude IV, S. 403) beziehentlich Frankreichs: „Seit den letzten 20 Jahren ist es mir klar, dafs einer Nation, die sich so toll im Vergessen der Naturgesetze gebärdet, möglicherweise kein besseres Schicksal vorbehalten ist als das Polens." 2 Pamphlete des jüngsten Tages S. 285 und S. 11. — 22-7 — und Feuersbrünste entzündet — in solcher Zeit kann ein so allgemein verbreitetes Gefühl nicht für völlig unnatürlich erklärt werden! Mir persönlich erscheint diese Angelegenheit seit vielen Jahren die verhängnisvollste unter den gesamten öffentlichen Angelegenheiten; eine Angelegenheit, für welche etwas gethan werden mufs, wenn sie nicht eines Tages selbst etwas thun soll, was niemandem gefallen wird. Wahrlich, die Zeit zum Eingreifen ist gekommen, wie viel mehr erst die Zeit zur Beratung und Vorbereitung des Eingriffes, zur Besprechung und Untersuchung der Frage. — j^Aus den Zeitungen hören wir, dafs der Chartismus erstickt ist, dafs ein „Reformministerium" die Chimäre des Chartismus in der wirksamsten Weise unterdrückt hat. So sagen die Zeitungen, — und doch wissen alle Zeitungsleser, dafs in der That nur die „Chimäre" des Chartismus, nicht die Wirklichkeit desselben unterdrückt ist. Die wirre, zusammenhanglose Verkörperung des Chartismus, in welcher er während der letzten Monate Gestalt annahm und sichtbar wurde, ist unterdrückt worden. Sie ist vielmehr gestürzt und zerfallen durch das Naturgesetz der Gravitation; aber der lebende Geist des Chartismus ist nicht unterdrückt worden. Der Chartismus bedeutet die erbitterte Unzufriedenheit, welche wahnsinnig und wütend geworden ist, somit die falsche Lage oder die falsche Stimmung der arbeitenden Klassen Englands. Es ist ein neuer Name für ein Ding, das viele Namen gehabt hat und noch viele haben wird. Der Grund des Chartismus ist schwerwiegend, tiefwurzelnd, weit ausgebreitet, stammt nicht von gestern und wird keineswegs heute oder morgen endigen. Das Reformministerium, ländliche Sicherheitspolizei, neue Aushebung von Soldaten, Geldbewilligungen für Birmingham, das alles ist gut oder nicht gut; das alles wird nur die Verkörperung oder die „Chimäre" des Chartismus 15* — 228 — unterdrücken. Wenn der Geist fortbesteht, werden immer neue Verkörperungen, mehr oder weniger wahnsinnige Chimären folgen. Das traurige Faktum bleibt bestehen, dafs dies Wesen, das jetzt unter dem Namen Chartismus bekannt ist, existiert und existiert hat; ob es zurückgedrängt wurde zu geheimem Verrat mit Pistolen, Vitriolflaschen und Streichholzbüchsen, oder ob es offen die Pike und Fackel schwingt, (man weifs nicht, in welchem Falle mehr gefährlich) es wird allem Anscheine nach bestehen bleiben, bis ganz andere Malsregeln dagegen versucht worden sind. Was bedeutet diese erbitterte Unzufriedenheit der arbeitenden Klassen? Woher kommt sie? wohin führt sie? Vor allem, um welchen Preis, unter welchen Bedingungen wird sie sich möglicherweise dazu verstehen, uns zu verlassen? Das sind die Fragen. Zu sagen, dafs sie verrückt, brandstiftend, abscheulich sei, ist keine Antwort. — — Was wird Abscheu, was, im Grunde genommen, Verurteilung und Deportation nach der Botanybai helfen? Jene Fackelversammlungen der Chartisten, Aufstände und Brandstiftungen sind ebenso viele Symptome auf der Oberfläche. Man vernichtet das Symptom ohne Nutzen, wenn die Krankheit unberührt bleibt. Geschwüre auf der Oberfläche sind heilbar oder unheilbar — darauf kommt wenig an, wenn der ansteckende Herd tief innen weiter eitert und die Quellen des Lebens vergiftet. Sicher bildet er immer neue Beulen und bahnt sich neue Auswege: Anzeichen dafür, dafs er fortbesteht, dafs er lieber dort nicht fortbestünde. Der wahnsinnige Chartismus wird nicht gänzlich nutzlos gewesen sein, wie es in der That kein Ding auf Erden ist, wenn er alle denkenden Männer der Gesellschaft genötigt hat, über diese Lebensfrage der Nation nachzudenken, die sonst nur zu leicht übersehen wird. Ist die Lage der ar- — 229 — beitenden Klassen Englands eine schlechte, eine so schlechte, dafs verständige Arbeiter weder ruhig darin verharren können, wollen, ja selbst sollen? Ein sehr ernster Fall, verwickelter als jeder andere, ein Fall, in dem Verbannung nach der Bo- tanybai, Verstärkung der Polizei und derartiges nur wenig fruchten. Oder ist die Unzufriedenheit selbst wahnsinnig, wie die Gestalt, welche sie annahm? Nicht die Lage der arbeitenden Klassen wäre es alsdann, die falsch ist, sondern ihre Stimmung, ihre eigenen Gedanken, ihr Glaube, ihre Gefühle wären falsch? Dies wäre ein ebenso ernster Fall, kaum weniger beunruhigend, kaum weniger verwickelt als der erste. Auch in diesem Fall, wo Polizei und Strenge der Unterdrückung mehr am Platze seheinen, wird der Zwang durchaus nicht Alles, sogar nicht Viel verrichten. Wenn ein allgemeiner Wahnsinn der Unzufriedenheit besteht, mufs Gesundheit und ein gewisses Mafs von Zufriedenheit wieder hergestellt werden — nicht durch die Polizei allein. Wenn die Gedanken eines Volkes in seiner grofsen Masse irre gehen, wird das Gesamtergebnis der Thaten dieses Volkes Widerspruch und Ruin sein! Es mufs der grofsen Mafse die Gesundheit wieder gewonnen werden, sonst wird der Zwang nicht mehr imstande sein zu zwingen. Es ist gefragt worden: Warum wirft das Parlament nicht Licht auf diese Frage der arbeitenden Klassen, auf ihre Lage und Stimmung. Wahrlich, einem fernstehenden Beobachter der parlamentarischen Vorgänge scheint es überraschend, besonders in der jüngsten Reformzeit, zu sehen, wie wenig Raum diese Frage in den Debatten einnimmt. Kann irgend eine andere Angelegenheit dringlicher für den Gesetzgeber sein? Man sollte denken, ein reformiertes Parlament müfste sich über öffentliche Unzufriedenheit unterrichten, ehe sie die Länge von Spiefsen und Fackeln erreicht! Zu welchem Zweck werden überhaupt Männer, ehrenwerte Mitglieder und Reformmitglieder nach Westminster geschickt mit viel Geschrei und Anstrengung? Um dort zu sprechen, streiten, Anträge und Gegenanträge zu stellen? Die Lage der grofsen Masse des Volkes in einem Lande ist die Lage des Landes selbst; dies ist zu jeder Zeit eine unbezweifelte Wahrheit gewesen, eine Wahrheit, welche in dieser Zeit dringend als Wirklichkeit anerkannt und behandelt werden mufs. Man liest die Parlamentsdebatten, wenn man nichts zu thun hat. Man liest da von der alten grofsen Frage ob A oder B im Amt sein soll, mit den zahllosen Hülfsfragen, die daraus hervorgehen, mit Vorlagen und Abstimmungen eine günstige Lösung dieser Frage betreibend — von der Canada- frage, der Frage über die Verwendung der irischen Staatseinkünfte, der westindischen Frage, der Frage über den Hofstaat, über Jagd-, Wuchergesetze etc., von allen Arten von Fragen und Gegenständen, ausgenommen dieser, die doch das Alpha und Omega von allen ist. Sicherlich aber sollten die ehrenwerten Mitglieder über die Frage der Lage Englands auch reden. Radikale Mitglieder vor allen, Freunde des Volks, vom Volke mit Anstrengung gewählt, um seine stummen Leiden zu verlautbaren! Einem ferne stehenden Beobachter scheinen sie ihre Pflicht zu vergessen. Ist es nicht ihre Mission und ausdrückliche Bestimmung, für das Wohl der Nation zu sprechen? Sie sind umsomehr dazu berufen, für ein grofses britisches Interesse zu sprechen, je weniger dasselbe für sich selbst zu reden vermag. Entweder sind sie die Sprecher für jene stumme, duldende Klasse, die nicht zu sprechen vermag, oder sie sind etwas, das man nicht höflich zu bezeichnen vermag, j Ach, der fernstehende Beobachter kennt nicht die Natur der Parlamente. Er weifs nicht, wie Parlamente, die um der — 231 — britischen Nation willen da sind, zugleich finden, dal's sie um ihrer selbst willen da sind; wie Parlamente ganz selbstverständlich in ihrem Schlendrian hinfahren, in Gemeinplätzen, deren Geleise achsentief ausgefahren sind, aus denen nur Kraft und Einsicht ein Parlament oder ein Gefährt herausheben kann; wie in Parlamenten, reformierten oder nicht- refonnierten, sich zufällig ein solcher starker Mann, ein ursprünglicher, klar blickender und tapferer Mann finden kann oder auch nicht, wie im letztern Fall Parlamente finden, dafs die Geleise bis an die Achse gehen und das Fahren sehr mühsam geworden ist. Was Parlamente in dieser Angelegenheit ge- than haben müfsten, was sie jetzt noch thun wollen, können oder nicht können, würde eine lange Untersuchung erfordern, in welche wir in diesem Augenblick nicht einzugehen brauchen. Was sie gethan haben, ist unglücklicherweise klar genug. Bisher hat uns die „kollektive Weisheit der Nation" diese nationalste aller Fragen, so gut wie gar nicht gefördert. Und doch ist es eine Frage, welche nicht der kollektiven Thorheit der Nation überlassen bleiben kann. In oder aufser dem Parlamente mufs Unkenntnis und Vernachlässigung dieser Frage aufhören und ein wirklicher Einblick genommen werden. Wie unsagbar nützlich wäre ein ehrliches Verständnis der oberen Klassen der Gesellschaft für das, was die unteren meinen, eine klare Auslegung des Gedankens, welcher diese wilden, des Ausdrucks unfähigen Seelen quält, die mit unartikuliertem Aufruhr wie stumme Geschöpfe kämpfen und nicht zu sagen vermögen, was in ihnen gärt. Etwas meinen sie gewifs, und dabei im Grunde ihres verwirrten Herzens etwas wahres; denn auch ihre Herzen hat der Himmel geschaffen; ihm ist es klar, was sie meinen, uns noch nicht. Völlige Klarheit darüber wäre gleichbedeutend mit der Hei- — 282 — lang. Denn wie richtig gesagt wird, jeder Streit beruht auf Mifsverstäudnis. Wenn die Parteien sich verstünden, würde er zu Ende sein. Kein Mensch will im Grunde Ungerechtigkeit, er kämpft immer für ein unklares, verzerrtes Bild irgend eines Hechtes, ein undeutliches Bild, das in der wunderbarsten Weise durch natürliche Selbstsucht bis zur Unkenntlichkeit entstellt sein kann, zehnfach entstellt in der Erbitterung des Streites, und doch ist es noch das Abbild eines Rechtes. Könnte ein Mensch sich eingestehen, dafs die Sache, für die er kämpft, falsch sei, dein Gesetz der Vernunft entgegen, so würde er auch damit eingestehen, dafs sie verurteilt und hoffnungslos sei; er könnte nicht länger für sie kämpfen. Ja, ganz abgesehen vom Recht, könnten die streitenden Parteien nur dahin gelangen, genau ihre beiderseitige Macht und Stärke zu erkennen, so würde die schwächere der stärkeren und der Notwendigkeit nachgeben. Auch in diesem Fall wäre der Streit vorüber. Keine Expedition wird jetzt, wie in den Tagen Herodots, „gegen den Südwind" ausgerüstet. Eine Expedition in diesem Fach war hinreichend. Der Südwind Samum fährt fort gelegentlich zu blasen; aber eine Expedition war genug. Sind wir nicht alle dem Tode unterworfen? Das schwerste Urteil des Gesetzes, das Todesurteil, ist über uns alle durch die Thatsache der Geburt verhängt, und doch leben wir geduldig darunter, erleiden es geduldig, wenn die Stunde kommt. Ein klares unleugbares Recht, eine klare unleugbare Macht: jedes von ihnen festgestellt macht dem Krieg ein Ende. Jeder Krieg ist ein verworrener Versuch, diese beiden aufser Zweifel zu setzen. Was sind die Rechte, was die Macht der unzufriedenen, arbeitenden Klassen Englands? Der würde ein Ödipus, ein Befreier von der socialen Krankheit sein, welcher uns hierüber vollständigen Aufschlufs gäbe! Denn wir können voraussagen: der Kampf, welchen — 233 — die oberen und unteren Schichten der Gesellschaft in Europa, vor allem auffällig in England, führen, auch dieser Kampf wird einst enden wie jeder andere, indem Recht und Macht aufgeklärt wird, durch nichts anderes als dies. Die Fragen » aber: Warum sind die arbeitenden Klassen unzufrieden? wie ist ihre Lage, wirtschaftlich, moralisch, thatsächlich und ihrer eigenen Vorstellung nach? über was beklagen sie sich? über was sollten und über was sollten sie sich nicht beklagen? Dies sind meisbare Fragen; einige derselben könnte jede)' gewöhnliche Sterbliche, wenn er nur den Blick auf sie lenken wollte, mit aufklären helfen. Gewisse Untersuchungen und Beobachtungen unsererseits in dieser Angelegenheit sollen hier veröffentlicht werden." II. Carlyles Stellung zur künftigen Entwicklung. A. Die inneren Formen. Für das Gebiet der inneren Formen halten wir als das die Zeit beherrschende Zeichen eine unaufhaltsame Ausdehnung jener Geistesrichtung erkannt, welche die Worte: Skep- ticismus, Materialismus und Utilitariertum bezeichnen. Es schwinden die socialen Motive, auf denen die Gesellschaft beruht, und mit ihrem Hinwegfall droht die letztere selbst zusammenzubrechen. Dieser Gedankengang führt zu einer trüben Auffassung der Zukunft. Auch Carlyle war nicht selten nahe daran, am Schicksal der heutigen Gesellschaft zu verzweifeln. Wie uns Froude berichtet, erblickte er in dem raschen Wachstum des Materialismus, wie er es besonders in seinen späteren Jahren vor Augen hatte, das unheilvollste - 234 — Zeichen der Zeit. Aber, abgesehen von vorübergehenden Anwandlungen des Pessimismus hat Carlyle die Möglichkeit einer socialen Reform immer wieder betont, ja nur von dieser Voraussetzung aus ist seine ganze schriftstellerische Thätigkeit zu verstehen, welche er als einen Beitrag zu jener Reformbewegung betrachtete. Sein Optimismus beruht im Grunde darauf, dafs er selbst von der herrschenden Zeitrechnung frei war 1 . Das, was er die „Palingenesie der Gesellschaft" nennt, ist bereits im heranbrechen. Die grofsen Züge des Bildes, das die Gegenwart bietet, gehören noch einer destruktiven Periode an. Aber schon kann das Auge des aufmerksamen Beobachters die Keime, aus denen sich die Zukunft gestalten wird, unter den Trümmern entdecken, und ihnen nachzugehen, zu sehen, wie neben der Zerstörung bereits die Schöpfung hergeht, ist das tröstlichste für das kurzlebige Individuum, das in solcher Zeit geboren ist. Das Problem, welches der Gegenwart zur Lösung gestellt ist, lautet nach Carlyle dahin: werden wir imstande sein, den Individualismus, welcher heute die den Menschen beherrschende Macht ist, zu überwinden und an seiner Statt sociale Motive wieder zur Geltung zu bringen? Diese Frage läfst sich auf die andere zurückführen, besitzt unsere Zeit die Kraft, an Stelle der veralteten und abgestorbenen Ideale neue zu schaffen, d. h. die Religion im weitesten Sinn in eine neue zeitgemäfse Form zu bringen? „Der alte, göttliche Calvinismus", sagt Carlyle, „erklärt, dafs sein alter Körper in Fetzen zerfallen und vernichtet ist. Sein entkörperter und 1 In folgendem, eines Piaton würdigen Bilde spricht Carlyle diesen Gedanken aus: „Betrachte den Weltphönix in Feuerverbrennung und Feuerschöpfung. Weit sind seine schwingenden Flügel, laut ist sein Totengesang: Schlachtendonner und fallende Städte. Himmelwärts schlägt die Flamme des Scheiterhaufens, alle Dinge in sich einhüllend: Gehurt und Tod einet Welt". (Schlufsworte der „French Revolution".) — 235 — neue Verkörperung suchender Geist pfeift wieder in den Winden, jetzt noch Geist und Gespenst, aber dennoch neue Geisterwelten und bessere Dynastieen als die Dollardynastie ankündend 1 ." Einem doppelten Irrtum tritt Carlyle in dieser Hinsicht entgegen, welcher sich bei klein gesinnten Menschen nur gar zu leicht einstellt. Fehlerhaft ist das Bemühen, die überlieferten Glaubensformen künstlich festzuhalten. Carlyle war zeitlebens ein Gegner aller reaktionärer Richtungen, wie solche gerade durch seine Schriften angeregt wurden und in den aristokratischen Kreisen der Universitäten damals verbreitet waren 2 . Er wendet sich wiederholt gegen den „Puseyismus" einer katholisierenden Richtung, welche als „Jung-England" viele Anhänger zählte. Andere glauben nicht weniger irrtümlich, dai's man eine neue Religion erfinden könne. „Inventer une religion" ist von französischen Staatsmännern empfohlen und versucht worden. Diesen wie jenen Bestrebungen liegt der gleiche Irrtum zu Grunde, einer, dem unsere Zeit überhaupt anheimgefallen ist: beide gehen von einer utilitarischen Auffassung der Religion aus. Dem gegenüber besteht gerade das Wesen einer lebendigen und wirksamen Religion darin, dafs sie nicht Mittel, sondern allein Zweck, letzter und absoluter Zweck des menschlichen Daseins ist. „Denke dir einen Menschen", sagt Carlyle, „der seinen Mitmenschen empfiehlt an Gott zu glauben, damit der Chartismus ins Hintertreffen komme und die Arbeiter in Manchester ruhig, an ihren Spinnmaschinen bleiben. Diese Idee ist toller als in irgend einer Plakatstange, die man bis jetzt auf einer öffentlichen Strafse gesehen hat. Mein Freund, 1 Past and Present S. 279. 2 Vergl. unten Kapitel IV am Eingang. — 236 — wenn du jemals dazu gelangst, so wirst du finden, dafs aller Chartismus, Manchesterexcesse, parlamentarische Inkompetenz, Windbeutelministerien, die wildeste sociale Auflösung, ja das Verbrennen des ganzen Planeten im Vergleich damit eine ungeheure Kleinigkeit sind. — — Ebensogut würde ich es mir einfallen lassen, Milchstrafsen und Sonnensysteme zu schaffen, damit kleine Häringssehiffe sich danach richten, als deshalb Religion zu predigen, damit der Konstabier möglich bleibe. — Was mich betrifft, so habe ich, da ich in den letzten sechs Kalendermonaten einige zwölf oder dreizehn neue Religionen, schwere Packete und die meisten davon unfrankiert, aus verschiedenen Teilen der Welt erhalten, meinen unschätzbaren Freund, den Briefträger, instruiert, mir keine mehr zu bringen 1 ." Davon ausgehend, dafs eine Reform der Gesellschaft abhängig ist von einer Neuentwicklung der inneren Formen, fragt Carlyle, wo die Kräfte zu suchen sind, denen die Lösung dieser wichtigsten Aufgabe zukommt. Im Mittelalter waren dieselben in der Kirche organisiert. Heute dagegen ist die geistige Führerschaft Europas, der „pouvoir spirituel" Comtes, desorganisiert. Carlyle sieht darin ein Zeichen des destruktiven Charakters der Zeit und erklärt, dafs, wenn die Entwicklung wieder eine entgegengesetzte Richtung nehmen werde, auch hierin mit der Zeit eine Wandlung eintreten müsse. Wir können nicht die Vermutung unterdrücken, dafs Carlyle in diesem Punkte von dem genannten französischen Philosophen beeinflufst und auf das Gebiet der Phantasterei verlockt worden ist. Denn als solche müssen wir entschieden bezeichnen, was Carlyle von jener künftigen „literary guild" sagt, die der geistlichen Hierarchie Comtes ähnelt. Wenn 1 Past ancl Present, Ausgabe von Kretzschmar, S. 214. er von einem mit dem Gelübde der Armut ausgestatteten Mönchsorden spricht, so zeigt sich hierin, dai's es die katholische Kirche des Mittelalters ist, deren grofsartiges Bild die erwähnte Utopie hervorgerufen. Näher auf dieselbe einzugehen, erscheint überflüssig, nur das sei noch hervorgehoben, dafs Carlyle nicht nur in seinem Buche „Helden und Heldenverehrung" , sondern auch in höherem Alter dieser Idee angehangen zu haben scheint, wie die „Pamphlete des jüngsten Tages" beweisen. Sobald es sich dagegen um die Beurteilung der Gegenwart handelt, ist Carlyle wieder, wie immer, klar und praktisch. Er weifs, dafs heute die geistige Führung nicht mehr von der Kirche oder irgendwelchen Anstalten, wie etwa den Universitäten oder ähnlichem ausgeht, dafs sie vielmehr in jenem uferlosen Meere zu suchen ist, das man Litteratur nennt. Mit der Erfindung der Buchdruckerei ist das Buch das wichtigste Mittel geworden, durch welches die Gedanken des Einen Herrschaft über das Handeln der Andern gewinnen. Nach Carlyle ist der Schriftsteller daher der ein- flufsreichste, moderne Mensch, der eigentliche Herrscher unserer Zeit. Er übt den Beruf aus, der in früherer Zeit dem Propheten und Priester zukam. Er leitet oder mifsleitet die Mitwelt. Er hat jene Periode des Skepticismus heraufgeführt, welche den Glauben zersetzt und mit dem Zerfall der bestehenden Gesellschaftsorganisation endigt. Er hat die Folgerungen dieser Richtung gezogen: im Materialismus, Utili- tariertum und Pessimismus. Er allein ist imstande die Mächte der Zerstörung zu bezwingen, gegen welche äufserliche Mittel, sociale Reformvorschläge aller Art, wie sie täglich entstehen und vergehen, wirkungslos bleiben. Könnte man dagegen darthun, dafs in den Kreisen der Denker jene bezeichneten Tagesrichtungen überwunden sind, so wäre damit we- — 238 — nigstens die Möglichkeit einer radikalen Gesellschaftsreform erwiesen. Liegen nun Zeichen vor, welche auf einen derartigen Umschwung deuten? Für den, welcher die Erscheinungen seiner Zeit nur äufserlich auffafst, gewifs nicht. Denn einmal macht sich allenthalben immer mehr ein ehr- und vaterlandsloses Litteratentum breit, dessen einzige Triebfedern Geldgier und Eitelkeit sind. Wie sehr Carlyle dieses Geschlecht verachtet, so hat er doch seine Macht nicht unterschätzt. Der elendeste Roman selbst in der Leihbibliothek eines Dorfes bleibt gewifs nicht ohne Einflufs auf das thörichte junge Ding, das ihn fast auswendig lernt. Die falsche Theorie des Lebens, welche hier dem jugendlichen Gehirn eingeprägt wird, wird sich in höherem oder geringerem Grade später einmal als eine falsche Praxis des Lebens erweisen, im Verhalten bei der Eheschliefsung, der Haushaltsführung und ähnlichem. Bildet doch gerade diese Art von Schriftstellern den Kanal, durch den sich die zersetzenden Ideen der Gegenwart verheerend ausbreiten. Hierzu sind auch jene populär naturwissenschaftlichen Bücher zu rechnen, deren materialistische Tendenz die überkommenen sittlichen Ideen des Volkes auf das ernsteste gefährdet. Aber auch die Litteratur besserer Art ist nach Carlyle in ihren Grundanschauungen durchaus antisocial. Sie gerade ist die Macht, welche die denkenden Männer und damit die Nationen überhaupt in dem Banne jener negativen Weltanschauung fesselt. Welcher Unterschied selbst zwischen den bedeutendsten ihrer Vertreter und jenen Männern, die in früheren Jahrhunderten die geistige Führung Europas ausübten! In seinen Vorlesungen „Über das Wesen des Gelehrten" hat Fichte diesen Unterschied, natürlich in der Sprechweise seiner Philosophie, treffend bezeichnet. Die grofse Masse der Menschen, meint er, lebt ausschliefslich in der — 239 — Welt der sinnlichen Erscheinung, dieselbe für Realität nehmend; hin und wieder aber treten Denker auf, welche die „göttliche Idee der Welt", die „aller Erscheinung zu Grunde liegt", und die allein Realität ist, erkennen und der Mitwelt verkündigen. Mit jeder neuen Generation werden sie in andern Ausdrücken reden und gerade darin besteht ihre Aufgabe, für ihre Verkündigung die zeitgemäfse Form zu finden. Ihnen gegenüber stehen diejenigen Denker und Schriftsteller, deren Material ausschliefslich die sinnliche Erfahrung und deren einzige Thätigkeit die logische Anordnung jenes Materials bildet. Der Einflufs der ersteren ist unberechenbar grofs, der der letzteren beschränkt. Diejenigen Männer, welche wie keine andern die geistigen Führer Europas waren und damit einen grofsen, ja den bestimmenden Einflufs auf seine Entwicklung gewonnen haben, Männer wie Christus, Augustinus, Luther u. a. haben nicht durch eine ausschliefslich logische Verstandesthätigkeit diese Bedeutung erlangt. Ihre Stärke liegt vielmehr auf dem moralischen Gebiete, welches für Carlyle zugleich transcendenter Natur ist, ihre Gröfse besteht in den moralischen Wahrheiten, die sie ausgesprochen haben — ein jeder in der Denkweise seiner Zeit. Ihr Wirken war social aufbauend. Ihnen gegenüber stehen die Denker unserer Zeit, für welche allein das sinnlich wahrnehmbare das Reale und die Moral eine Nützlichkeitslehre ist. Haben jene die Menschen zu socialem Handeln erzogen, so werden sie durch diese wieder individualistisch bestimmt. Dieser Richtung gehörten nach Carlyle die französischen und englischen Aufklärungsphilosophen an, denen die Zeitgenossen folgen. Dagegen glaubte Carlyle, dafs sich in Deutschland ein Umschwung anbahne. Dort schien man ihm daran, die materialistische und utilitarische Weltanschauung abzustreifen, aber nicht dadurch, dafs man zu den alten — 240 — Glaubensformen, der alten spekulativen Philosophie mit ihren Gottesbeweisen etc. zurückgegangen wäre. Diese sind durch den Skepticismus endgültig vernichtet. Vielmehr hatte man in Deutschland die herrschende Zeitrichtung innerlich überwunden. Hier waren Männer aufgetreten, deren Denken zwar durchaus modern war, aber doch gleich dem jener Gröfsen der Vorzeit nicht einen rein formell logischen, sondern vielmehr einen moralischen Charakter an sich trug. Deutschland war in dieser Richtung für Carlyle der Lichtpunkt in dem tief düsteren Bilde der Gegenwart. Die vielgestaltige litterarische Bewegung, welche Deutschland um die Wende des Jahrhunderts durchmachte, und deren Weite die Namen Kants und Goethes bezeichnen, erschien ihm, dem Ausländer, der ferne genug stand, als ein Ganzes. Ohne Kantianer zu sein, ohne Goethe in allem zu folgen, erklärte er jene Weisen Deutschlands für festgegründete Felsen inmitten eines Chaos, die zwar noch vereinzelt und ohne Zusammenhang daständen, aber doch Pfeiler, um die ein neues Festland aufsteigen könne. Die deutsche Litteratur ist die positive Fortsetzung der Reformation, wie die französische Revolution ihre negative war. Sie ist daher ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, an dem der Jüngling und Mann sich aufrichtete, dem der Greis den politischen Aufschwung Deutschlands noch zur Seite stellte. Der Zustand des Unglaubens, sagt er, lastet wie ein Alpdruck auf dem gröfseren Teile Europas, nur Deutschland hat in gewissen Grade ihn überwunden, obschon alle Nationen — jede in ihrer Weise — empfinden, dafs das erste aller moralischen Probleme es ist, diesen Zustand abzuschütteln oder sich darüber zu erheben 1 . 1 Miscellaneous Essays I, 254. — 241 — Carlyle fühlte sich mit den Deutschen seiner Zeit mehr geistesverwandt als mit den zeitgenössischen Denkern seiner Heimat. So wurde er der grofse Vermittler deutscher Ideen in England, eine Aufgabe, welche nicht leicht war bei dem I Einflüsse, den bisher die Franzosen und die dem „Germanisten" entgegengesetzte utilitarisehe Philosophie daselbst behauptet hatten. Ja zeitweise hat die Erfüllung dieser Aufgabe Carlyle geradezu in eine materielle Notlage versetzt — denken wir an den buchhändlerischen Mifserfolg des Sartor Resartus — indem sie ihn in den Ruf eines „Mystikers" und „Phantasten" brachte. Aber seine Bemühungen wurden dadurch nicht vermindert: „dreifsig Millionen Menschen", sagt er, „welche dieselbe alte Sachsensprache reden, und in demselben alten Sachsengeiste denken wie wir, sollten von uns zu den Rechten der Bruderschaft zugelassen werden, die sie seit lange verdienen und unter deren Verweigerung wir hauptsächlich leiden 1 ." Nicht das ästhetische Moment ist es, welches Carlyle bei der deutschen Litteratur anzieht, nicht das Interesse, welches nach Jahrhunderte langer Vorbereitung die kurze Blüteperiode der Litteratur eines Kulturvolkes wachruft. Carlyle ist eine durchaus unkünstlerische Natur und zu sehr von dem Ernste der Zeitprobleme erfüllt. Wir haben also der Frage näher zu treten, wodurch für Carlyle die deutsche Litteratur eine Bedeutung in Beziehung auf jene beanspruchen kann. Carlyle legt in erster Linie Gewicht auf die kritische Philosophie, wie sie durch Kants grofse Werke begonnen, immer weiter sich verzweigt, immer mächtiger auch über die Grenzen Deutschlands hinaus um sich gegriffen hat. Carlyle sieht in folgenden Punkten die Verdienste der von ihr ein- 1 Miscellaneous Essays I, S. 314. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 16 geleiteten Bewegung. Durch die Lehre der subjektiven Geltung von Raum und Zeit hat Kant den Völkern Europas ein Gut zurückgegeben, welches sie einst besessen aber im Laufe der letzten Jahrhunderte verloren hatten: den Idealismus. Carlyle teilt vollständig den idealistischen Standpunkt und dieser ist die Grundlage, auf der sich sein ganzes Gedankenleben aufbaut. Er erhebt die deutsche Philosophie deswegen, weil sie die mechanische Weltanschauung überwunden habe, welche zwar noch eine langwierige Aufgabe zu erfüllen haben möge, die zu den Massen jetzt hinabgesunken, aber doch für die besseren Köpfe endgültig veraltet sei. Dagegen beweist schon jene Auffassung, dafs es sich für Carlyle nicht um eine durchaus neue, von Kant ausgegangene Entdeckung handelt, dafs er nicht im eigentlichen Sinne als von jenem abhängig zu betrachten ist 1 . Für Carlyle ist der Grundgedanke der idealistischen Philosophie uralt. Nicht nur der Mysticismus im Christentum, sondern die christliche Religion, wie in beschränkterem Grade jede Religion überhaupt, beruht auf der Annahme, dafs die Sinnenwelt nur eine beschränkte, untergeordnete Gültigkeit habe gegenüber einer transcendenten, durch den Verstand nicht fafsbaren Realität 2 . Nur hierdurch hatten die Religionen den Individualismus überwunden, indem jedes 1 Vergl. den Brief an Dr. Chalmers vom 20. Februar 1847, abgedruckt bei Fiscber, Sartor Resartus S. 60, Leipzig 1882. „Für mich wenigstens hat die deutsche transcendentale Philosophie den schottischen und französischen Skepticismus sozusagen verschlungen und verdrängt. Die ganze unfruchtbare Welt von Spinnweben, worin ich jahrelang in blindem, leidenschaftlichem Forschungstriebe mein Leben verlor, ist jetzt total vernichtet, so dafs ich durch die unaussprechliche Gnade des Himmels von Neuem und mit meinen eigenen Augen über das Universum ausschauen kann". 2 Miscellaneous Essays I, S. 278. Ganz ähnlich H. Spencer. Vergl. Schlufsanmerkung zu Kapitel V. altruistische Thun den Glauben an aufserindividuelle Werte voraussetzt und eben in der Annahme solcher Werte das unbewufste Zugeständnis liegt, dafs das der Sinnenwelt ungehörige Individuum und damit diese selbst nicht einen unbedingten, sondern nur einen relativen Mafsstab abgeben könne. In Formen, wie sie der Denkweise ihrer Zeit angemessen waren, hatten die Religionen die idealistische Grundanschauung gefafst. Dann als diese Formen veralteten, hatte man versucht, sie, die gar nicht dem Gebiete des Denkens entstammten, gedankenmäfsig zu begründen, womöglich zu beweisen. Dies war das Bestreben der spekulativen Metaphysik, jener „chronischen Krankheit des menschlichen Geistes". Zunächst war es eine konstruktive Spekulation gewesen, welche ein Theorem des Universums auszusinnen und durchzuführen sich bemühte : — unbewufst noch unter dem Einflüsse der überkommenen religiösen Vorstellungen. Bald aber ward man inne, wie vergeblich jene Versuche seien; das mit Mühe aufgebaute und kunstvoll gestützte Theorem entsprach bald nicht mehr der stets sich erweiternden Welt der Erscheinungen. Hiermit setzt die skeptische Philosophie ein, deren Werk das Nieder- reifsen der überkommenen religiösen und sittlichen Vorstellungen ist. Sie „von Pyrrho bis auf Hiune und die unzähligen jüngeren Humes" leitet eine negative Periode ein, welche zunächst für die geistige, sodann für die sociale Organisation Auflösung bedeutet. Ihre Vollendung ist, wie oben gezeigt, die materialistische und Militärische Weltanschauung. In jener neuen von Deutschland ausgehenden Bewegung ist aber die ganze vorhergehende Spekulation, sowohl die noch konstruktive als die ihr folgende destruktive innerlich überwunden, und damit jener negativen Periode des menschlichen Denkens ein Ziel gesetzt. Der Grund davon ist der, dafs sie die vorhergehende Philosophie nicht im einzelnen zu 16* —• 244 — widerlegen sucht, vielmehr dieselbe in sich aufnimmt. Einerseits giebt sie zu, dafs die sinnliche Erfahrung allein Gegenstand der Erkenntnis sei, sie gesteht damit die erkenntnistheoretische Berechtigung der materialistischen Weltbetrachtung zu. Andererseits aber stellt sie doch diese Berechtigung als eine relative fest und hebt damit den Materialismus als Weltanschauung auf; sie begründet so die Möglichkeit eines Glaubens. Dabei aber schneidet sie ein für alle mal den Versuch ab, den Glauben verstandesgemäfs zu beweisen. Sie hebt alle spekulative Metaphysik auf, und leitet, um den berühmt gewordenen Ausdruck Comtes zu gebrauchen, mit dessen Gedanken auch hier Carlyle sich enge berührt, eine Periode des „Positivismus" ein; sie bildet in Carlyleschem Ausdruck die „Euthanasie der Metaphysik" E Carlyle braucht folgenden Vergleich, um die Bedeutung der neuen Richtung darzulegen: die bisherige Philosophie, wie sie in England und Frankreich noch herrsche, bedeute einen stets erfolglosen Versuch des Geistes, sich über den Geist zu erheben, ihn einzuschliefsen und zu umfassen, ähnlich wie der stärkste Athlet sich stets vergeblich bemühen würde, den eigenen Körper mit seinen Armen zu umfassen und empor zu heben. Jener irische Heilige sei zwar über den Kanal geschwommen und habe dabei seinen Kopf zwischen den Zähnen gehalten, aber noch keiner habe es ihm nachgemacht. Der einzige Dienst vielmehr, den man jenem Athleten leisten könne, bestehe darin, ihn zu bewegen, aus seiner lähmenden Positur herauszutreten und eine freie, natürliche Stellung einzunehmen 2 . Einen ähnlichen Dienst hat die von den Deutschen eingeleitete Bewegung dem menschliehen Geiste geleistet. In ihr erreicht der Skepticismus den Punkt, wo die Negation sich selbst aufhebt, wo es als ein 1 Briefe an Emerson Bd. I, S. 67. - Yergl. Kretzschmar II, S. 251. notwendigerweise unfruchtbares Bemühen erkannt wird, „die Überzeugung aus der Verneinung zu deducieren". „Wie soll man", fragt Carlyle, „durch blofses Untersuchen und Verwerfen dessen, was nicht ist, jemals die Kenntnis dessen erlangen, was ist? Die Spekulation mufs ebenso, wie sie mit dem Nein beginnt, auch notwendig mit dem Nein enden; sie bewegt sieh in endlosen Zirkeln und schafft und verschlingt sich selbst 1 ." Carlyles positivistischer Standpunkt zeigt sich z. B. in seinem Leben Sterlings. Dieser, ein feinfühlender und hochbegabter Geist, hatte den Versuch gemacht, eine religiöse Weltanschauung durch spekulative Mittel, und zwar gerade durch solche, die Kant und den Deutschen entlehnt waren, verstandesgemäfs zu begründen. Carlyle mifsbilligt diesen Versuch als den eines schwachen, nach der Seite des Willens nicht genügend begabten Geistes, der nicht den Mut hatte sich einzugestehen, dafs er glaube und nicht erkenne. Noch schärfer wendet er sich gegen den Lehrer Steiiings, den seiner Zeit in England wohlbekannten Philosophen Cole- ridge. Er verurteilt als „Mondschein-Philosophie", „logische Alchemie" etc., die Bemühungen desselben, — unter Mifs- anwendung der Kantschen Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft — Hirngespinnste wieder einzuschmuggeln, die womöglich noch gewagter seien, als die der alten spekulativen Philosophie. Ganz eben so hätte Carlyle gegen die deutschen Fortbilder Kants sein müssen. Ja, diesem selbst ist er durchaus nicht überall hin gefolgt. Mit Vorliebe trägt er Kantische Lehren in einer indirekten Bedeform vor, welche sie als fremde und nicht unbestreitbare erscheinen läfst. Das Verdienst jener 1 Vergl. Kretzschmar II, S. 237. Es ist dies der Carlylesche Ausdruck für die Relativität aller Erkenntnis, den Grundgedanken jedes Positivismus. S i BR bä von Deutseliland ausgehenden litterarischen Bewegung liegt eben für Carlyle nicht in einer abgeschlossenen Leistung, nicht in unangreifbaren Sätzen — wann hätte der menschliche Geist solche je hervorgebracht? Aber sie bedeutet, wenn auch noch reich verquickt mit Elementen der alten Zeit — das Aufdämmern einer neuen Periode des menschlichen Denkens. Bis hierhin geht zugleich die Berührung Carlyles mit Comte. Aber wenn Carlyle trotzdem Comte auf das heftigste angreift, wenn er in ihm — vielleicht, weil er ihn nicht genügend kannte — nichts als einen Verbreiter der materialistischen Weltanschauung erblickt, so hat das seinen Grund in der Verschiedenheit der Riehtungen, die beide Denker von einer ähnlichen Grundlage aus einschlagen. Beide erkennen an,' dafs der menschliche Verstand sich bisher auf Gebieten bewegt habe, die ihm seinem Wesen nach nicht zustehen. Comte nun beschränkt die Aufgabe der Erkenntnis darauf, das Material der sinnlichen Erfahrung zu ordnen; denn mehr vermöge der menschliche Geist nicht 1 . Weit verschieden davon ist der Standpunkt Carlyles. Bei der Darstellung desselben ist der Umstand erschwerend, dafs dem Engländer vollständig abgeht, worin gerade die Stärke des Franzosen liegt: formelle Präcision und systematische Klarheit. Hier wie überall sind wir auf einzelne, in vierzig Bänden zerstreute Bemerkungen angewiesen. Nach Carlyle besteht eine doppelte Möglichkeit: entweder mit jener relativen Erkenntnis sich zu begnügen und damit in der Sinnenwelt allein zu leben oder die relative Erkenntnis auf ein Absolutes zu beziehen, welches natürlich nur, wie oben gezeigt, in symbo- 1 Er ist gewifs nicht in dem Sinne Materialist, dafs für ihn der Stoff eine absolute Realität besitzt. Vergl. unten Kap. Y, Abschn. 1. — 247 — lischer Form und sinnlichem Stoff gefafst werden kann. Wie die Wahl ausfällt, ist aber — und dies betont Carlyle wiederholt — gar nicht Sache der Erkenntnis, vielmehr eine rein moralische, beziehungsweise geschichtliche Frage. Derjenige, dessen Wollen im Individualismus befangen ist, geht den ersten Weg. Derjenige dagegen, der durch den Einflufs seines Lebensschicksals und seiner Zeit vom eigenen Selbst abgewendet worden ist, wird sich für die zweite Möglichkeit entscheiden. Das erste ist die Weltanschauung negativer, das zweite die positiver Zeiten. In der Gegenwart war nun aber bisher eine Entscheidung in letzterem Sinne erschwert, ja finden denkenden Geist fast unmöglich gewesen. Die Begriffe, deren das altruistische oder sociale Wollen zu seiner Zielsetzung sich bediente, waren durch den skeptischen Geist, einer nach dem andern, zerstört worden. So war dieses nur noch in Kreisen möglich gewesen, in denen vergangene Zeiten fortlebten. Aber auch sie wurden mehr und mehr von dem zersetzenden Hauche der Zeit berührt. Nunmehr ist in dieser Entwicklung ein Wendepunkt eingetreten. Man hat die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens festgestellt; man hat eingesehen, dafs nur die äufsere Form der socialen Symbole, die Art und Weise, in der ihr transcendenter Inhalt gefafst ist, dem Gebiet der Erkenntnis angehöre und daher der Kritik seitens des Verstandes ausgesetzt sei, dafs dagegen ihr Inhalt von diesen Angriffen unberührt bleibe. Man hat damit neben dem Individualismus auch die Berechtigung einer über das Individuum hinausgehenden Zielsetzung zugeben müssen und vom Verstandesstandpunkt aus weder die eine noch die andere Möglichkeit bejahen können. Damit aber ist es für den Einzelnen wieder möglich geworden, in innerer Entwicklung vom Individualismus ohne das Opfer des Intellekts zum Altruismus — 248 zu gelangen. Es ist nunmehr zu erwarten, däfs der Auf- lösungsprozel's der überkommenen Symbole verlangsamt werde, und was noch wichtiger ist, dai's an Stelle des zerstörten nicht Leere treten, sondern neue Symbole sich entwickeln werden — die Voraussetzung des socialen Wollens und damit der socialen Organisation der Menschheit. Wenn Carlyle das altruistische Wollen „Religion" und die daraus entspringende Annahme von überindividuellen Werten „Glauben" nennt, so wird hiermit der Ausspruch verständlich: dafs mit der litterarischen Bewegung in Deutschland der Glaube wieder möglich geworden, eine neue und zeitgemäfse Offenbarung des Göttlichen für Europa erschienen sei. „In dem weitreichenden Strudel der Kantschen Philosophie, die bald in eine Fichtesche, Schellingsche, Hegeische, Cousinsche u. s. w. überging, ist der Ausgang sichtbar genug, nämlich der, dafs der Skepticismus und der Materialismus, an und für sieh notwendige Erscheinungen in der europäischen Kultur, versehwinden und ein Glaube für den wissenschaftliehen Geist wieder möglich, ja unvermeidlich geworden ist und das Wort Freigeist nicht mehr den Leugner oder Grübler, sondern den Glaubenden und den bedeutet, der zum Glauben bereit ist. Ja, in der höheren Litteratur Deutschlands liegt schon für den, der sie lesen kann, der Anfang einer neuen Offenbarung des Göttlichen. Bis jetzt ist es noch nicht von der grofsen Masse anerkannt, aber es wartet auf Anerkennung und wird diese sicherlich finden, wenn die geeignete Stunde kommt. Dieses Zeitalter ist auch nicht ganz ohne seine Propheten" L In der That, die Deutschen haben nicht nur den Glauben wieder möglich gemacht, sondern ihrerseits auch den entscheidenden Schritt gethan. Ihr Standpunkt, der von speku- 1 Vergl. Miscellaneous Essays, Band Characteristics. 249 — lativen Abirrungen abgesehen als auf Kantiseher Grundlage beruhend positivistisch ist, ist zugleich positiv. Der Beweis hierfür ist ihr Idealismus. Letzterer ist nicht etwa verstandes- gemäfs darzuthun; die von den Deutschen versuchten Beweise sind nichts weniger als stichhaltig. Vielmehr kann der Verstand die idealistische Weltanschauung der materialistischen nur als gleichberechtigt zur Seite stellen; die Wahl der ersteren und die Verwerfung der letzteren ist Sache des Willens. In noch höherem Mafse gilt das Gleiche beziehentlich der moralischen Grundauffassung, dieses entscheidenden Punktes jeder Philosophie. Auch hier stehen zwei Möglichkeiten einander gegenüber, unter denen die Wahl nicht Sache der Erkenntnis, sondern des Willens ist. Auf der einen Seite steht die utilitarische Moral, deren Mafsstab das Individuum ist; sie geht daher nicht über die Sinnenwelt hinaus und legt ihr somit absolute Bedeutung bei. Auf der andern Seite steht die altruistische Moral, welche das Ziel des menschlichen Wollens über das Individuum hinaus verlegt. Die Sinnenwelt ist für sie nur relativ und das Princip der Moral aus ihr unableitbar, d. h. dem Gebiet der Erkenntnis entzogen. Darin, dafs die Deutschen den Schritt vom negativen zum positiven Standpunkt gethan haben, liegt die tiefste und eigentliche Bedeutung der von ihnen eingeleiteten Bewegung. Zwar ist Kant in seiner Ethik noch durchaus von dem Individualismus seiner Zeit befangen. Aber das wichtige ist, dafs er jeden utilitarischen Erklärungsversuch ablehnt und dafs er die Unbegreiflichkeit des moralischen Gesetzes feststellt. „Zwei Dinge", sagt Kant, „erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir": beides die Punkte, an denen dem Menschen am unmittelbarsten die — 250 — Beziehung der relativen Sinnenwelt auf eine Übersinnlichkeit zum Bewufstsein kommt. Damit ist dem Individualismus seine Grundlage entzogen, indem das Individuum nicht mehr als alleiniges Ziel des menschlichen Wollens aufgefafst wird. Eine individualistische Gesellschaftsauffassung mit einer antiutilitarischen Moraldoctrin zu verbinden, war ein Widerspruch, über welchen Kant sich nur vermittelst des rein formalen Charakters seines Moralprincips hinwegsetzen konnte — ein Widerspruch freilich, der in der Zeit lag. Denn nicht als Vollender, sondern vielmehr als Vorläufer einer neuen Periode des menschlichen Denkens ist Kant anzusehen — daher selbst vielfach noch den Anschauungen der alten Zeit unterworfen. Aber schon hat sich die antiutilitarische Auffassung der Moral allenthalben zur Geltung gebracht — zuerst verknüpft mit reaktionären Neubelebungsversuchen der christlichen Religion, welche später jedoch nach Carlyle auf dieser Grundlage wieder „möglich sein", d. h. eine zeitgemäfse Form wieder annehmen wird L Mit einer solchen Entwicklung aber mufs die individualistische Gesellschaftsauffassung' als unvereinbar erkannt werden, indem der Mensch sich wieder als von aufser und über ihm stehenden Werten bedingt auffassen wird. Noch freilich ist dieser Standpunkt auf den Kreis weniger Auserwählter beschränkt. Aber stets war es so mit grofsen moralischen Bewegungen, welche das wichtigste in der menschlichen Geschichte sind. Erst allmählich werden die Massen von den Wellen ergriffen, die ursprünglich von einem Punkte ausgehen und die Zukunft gestalten. So liegen hier — noch vielfach unbeachtet — die „organischen Keime", welche die Masse des Schuttes, aus dem die Gesellschaft der Gegenwart besteht, mit neuem Leben durchsetzen werden. Äufserlich 1 Vergl. Kap. IV, Abschn. 1 sowie Miscellaneous Essays I, S. 98. mm wird sich das darstellen in einer Zusammenfassung der gegenwärtig isolierten Individuen zu einem lebensvollen Neuaufbau von Gesamtpersonen über den Einzelpersonen. Denn allein das sociale "Wollen ist die Voraussetzung wirklich lebender socialer Gebilde, während alles individualistische Wollen Auflösung derselben bedeutet. Erst von diesem Standpunkt aus wird es verständlich, wie Carlyle die litterarische Bewegung Deutschlands als den „Exponenten" der Revolution bezeichnen kann. Beides sind die grofsen Zeichen, unter denen unsere Zeit steht. Auf dem Gebiete der äufseren Formen herrscht die Revolution, d. h. die Zerstörung; auf dem der inneren Formen, d. h. dem des Geisteslebens, folgt dagegen auf eine Periode der Zerstörung bereits heute eine solche des Aufbaues. Schon aus dem Vorhergehenden ergiebt sich, wie wenig Carlyle im eigentlichen Sinne ein Anhänger der Kantischen oder einer von ihr abhängigen Philosophie ist. Noch mehr erhellt dies aus seiner Stellung zu Goethe 1 . Wenn diesen ein späterer Denker 2 als den Riesenbruder Kants bezeichnet, der ihm sowohl im Jahrhundert als in der Nation allein zur Seite zu stellen sei, so geht Carlyle noch weiter. Er sieht in beiden Vorläufer einer neuen positivistischen und positiven Periode und es kommt ihm hierbei die Entfernung seines Standortes zu Gute, von dem aus ihm Richtungen und Dinge unter einem Gesichtspunkte erscheinen, während der Näherstehende lediglich ihre Verschiedenheiten erkennt. Wenn die 1 Über Goethes Stellung und Einflufs gegenüber den socialen Richtungen des Jahrhunderts vergl. F. Gregorovius, Wilhelm Meister, A. Jung, Goethes Wanderjahre, Karl Grün, Goethe vom menschlichen Standpunkt, Varnhagen von Ense, Denkwürdigkeiten Bd. I und die bei den drei ersten angeführte Litteratur. 2 Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung S. 627. Leipzig 1877. — 252 — Ideen Kants, selber vielfach noch von der alten Zeit beein- flufst, sich klärend, in allmählicher und vielgestaltiger Entwicklung das Denken Europas umgestalten, so hat Goethe — in beschränktem Masse natürlich — bereits den neuen, wahrhaft modernen Menschen verkörpert. Seine innere Geschichte ist das „Vorbild der Geschichte unserer Zeit" überhaupt; er allein ist dazu gelangt, ihre Widersprüche voll durchzuleben und zu überwinden und innere Klarheit und Gesundheit, jene Einheit und Harmonie des Wesens zu erreichen, wie sie in früheren, gläubigen Perioden vielen beschieden war, heute dagegen nur wenigen und keinem in gleich hohem Grade wie ihm zu Teil ward. Er hat „in Frömmigkeit und doch ohne Blindheit", vielmehr im Vollbesitz der Bildung seiner Zeit, „in unüberwindlicher Standhaftigkeit für das Recht und dennoch ohne stürmische Erbitterung gegen das Unrecht, wie ein antiker Held und dennoch mit der Vielseitigkeit und vermehrten Begabung eines modernen" gelebt. So ist er den Weg vorangegangen, den wir nachgehen müssen: „der wichtigste Deutsche nach Luther" Dieses Urteil über Goethe ist von der dichterischen Gröfse Goethes ganz unbeeinflufst. Carlyle urteilt nie ästhetisch, sondern stets socialpolitisch, d. h. bei jeder Erscheinung interessiert ihn ausschliefslich, in welcher Weise sie —• ob positiv oder negativ — auf die Gesellschaft der Gegenwart einwirkt. Von diesem Gesichtspunkt allein ist seine Stellung zu Goethe verständlich. Goethe hatte sich in seiner Jugend ganz mit dem Geiste seiner Zeit erfüllt; er war wie die andern ein Zerstörer, für den es keine Autorität gab. Infolge hiervon war sein Denken damals, wie das seiner Zeit, durchaus individualistisch und Miscellaneous Essays I, S. 238. — 253 — von hieraus gelangte er, wie tiefere Naturen überhaupt, zu jener Stimmung der Verzweifelung, in die er tief hinabtauchte, und die ihn sogar dem Gedanken des Selbstmords nahe brachte. Ein Denkmal dieser ersten skeptischen Periode in Goethes Leben ist hauptsächlich der „Werther", dessen Grundstimmung, wie Carlyle hervorhebt, noch nirgends in Europa veraltet ist, die in Byron wieder auflebte und heute in veränderter Form als moderner Pessimismus die Massen ergreift. Im Laufe seiner Entwicklung aber hat Goethe diesen Standpunkt verlassen; unter schweren inneren Kämpfen gelangt er allmählich zu einer Denkweise, die der seiner Jugend durchaus entgegengesetzt ist. Sie trägt vielmehr alle Merkmale, die einer positiven Zeitrichtung eigen zu sein pflegen, ohne jedoch einen Rückfall in vergangene Anschauungen zu bedeuten. Wenn jene erste Periode in Goethes Leben als die „skeptische" bezeichnet werden kann, so nennt Carlyle diese letzte Periode die „christliche" L Für Carlyle besteht die Bedeutung Goethes darin, dafs er, der ursprünglich pessimistisch und revolutionär gestimmt war, sich zu einem Standpunkt durcharbeitete, von dem aus ihm die Welt „nicht nur erträglich, sondern voll von Erhabenheit und Lieblichkeit" erschien, von dem aus er „die Schärfe und den Witz eines Voltaire mit der Ergebenheit eines Fenelon" vereinigte 2 . Also die Weltanschauung des alten Goethe ist es, welcher Carlyle jene oben besprochene vorbildliche Bedeutung beilegt — gewifs nicht zu Unrecht, wenn man bedenkt, durch wie unzählige Kanäle Goethesche Gedanken unserem Geschlechte vermittelt wurden, wie ferner, wenn nicht von Goethe hervor- 1 Vergl. Miscellaneous Essays IV, S. 160 ff. 2 Miscellaneous Essays I, S. 247. gerufen, so doch aus ähnlichen Voraussetzungen heraus sich allenthalben ähnliche Anschauungen entwickeln. Die Eigentümlichkeiten der Goetheschen Weltanschauung, durch welche sie für die Zukunft so bedeutungsvoll erscheint, bestehen einmal darin, dafs sie die nämlichen grofsen Züge an sich trägt, welche, wie oben gesehen, die philosophische Bewegung Deutschlands überhaupt zeigt: sie ist einmal positivistisch und sodann positiv. 1. Goethe steht außerhalb des Bereiches der spekulativen Philosophie, welche bis um die Wende des Jahrhunderts ziemlich unbeschränkt herrschte. Er hat nie versucht, überkommene Glaubensvorstellungen verstandesgemäfs zu beweisen. Jede Spekulation lag ihm fern; jede Bemühung, hinter oder über der Welt der sinnlichen Erfahrung weitere Gebiete der Erkenntnis aufzuschliefsen, schien ihm unfruchtbar. Er hat „nie über das Denken nachgedacht", d. h. nie versucht sich als Subjekt über das Subjekt zu erheben. Daher seine Vorliebe für die exakte Naturwissenschaft, welche bereits am meisten von allen Wissenschaften die metaphysischen Begriffe abgestofsen hat — ein Prozefs, welcher heute das Gebiet der gesamten Wissenschaft ergreift. Des weiteren zeigt sich Goethes positivistischer Standpunkt aber darin, dafs er der auf ihrem Gebiete ausschliefs- lich gültigen, erfahrungsmäfsigen Erkenntnis keinen absoluten Wert einräumt. Ist es doch gerade der Grundgedanke des Faust, dafs es für den Menschen nicht das höchste sei, das All mit seinem Verstände zu umspannen. Gerade das Bestreben, die Erde zu verlassen und sich zu einer gottesgleichen Höhe der Erkenntnis zu erheben, bringt vielmehr über Faust die Qualen tiefster Zerrissenheit. Durch ein langes und vielverschlungenes Leben, in welchem alle diejenigen äufseren Momente auf ihn einstürmen, die überhaupt heute für den sich entwickelnden — 255 — Menschen von Einflufs zu sein pflegen, wird dieser Vertreter unseres Geschlechtes zu der Einsicht geführt, dafs der Mensch nicht in der Erkenntnis, sondern in der Thätigkeit seine Befriedigung finde. „Das ist der Weisheit letzter Schlufs: „Nur der verdient die Freiheit wie das Leben, „Der täglich sie erobern mufs." Wie Aristoteles war eben Goethe, im Gegensatz zu den meisten seiner Zeit, der Überzeugung, dafs „das Ziel des Menschen Handeln nicht Gedanke sei". An häufigen Stellen seiner Werke spricht er das aus, so z. B. in seiner Kritik von Diderots „Versuch über die Malerei": „Der Mensch ist kein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wirkendes Wesen. Nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuen wir uns". Ähnlich sagt im Wilhelm Meister der Abb6, dem Goethe häufig die goldenen Worte der eigenen Weltweisheit in den Mund legt: „das erste und letzte am Menschen sei Thätigkeit" b Damit spricht Goethe aller spekulativen Philosophie, welche die absolute Wahrheit zu ergründen sich bemüht, das Todesurteil. Denn alsdann hat das ganze Gebiet der Erkenntnis nur relative Bedeutung und alles Theoretisieren, welches den Dienst des Lebens verlädst, „deutet auf Mangel oder Stockung der Produktionskraft hin". Nur in der Thätigkeit findet der Mensch Glück und Frieden, wie denn Goethe räth, in Trübsal und Anfechtungen des Lebens die Pflicht zu thun, die im Augenblick am nächsten liege. Wir haben im 1 Ähnlich heifst es in Wahrheit und Dichtung: „Im Leben komme alles aufs Thun an". Ferner Gespräch mit Eckermann vom 25. Oktober 1825: „Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen zu halten". Yergl. das vorhergehende und folgende daselbst. — 256 — vorhergehenden Kapitel bereits hervorgehoben, wie sehr diese Ansichten Goethes mit dem Standpunkt der heutigen Wissenschaft übereinstimmen, die einmal nur erfahrungsmäfsige Erkenntnis als solche anerkennt, sodann aber diese Erkenntnis als zum Zweck des Daseins entwickelt und dalier nur als relativ ansieht. 2. Zum zweiten aber ist Goethe positiv, d. h. von den positivistischen Voraussetzungen aus ist seine Weltanschauung nicht materialistisch und utilitarisch, sondern idealistisch und religiös. Wie wenig ihm einerseits ein Buch wie das Jacobis „von den Göttlichen Dingen" „wohl machte", so sehr ist er doch andererseits von der Herrschaft der materialistischen Aufklärung freigeblieben. Schon in seiner Jugend, so erzählt er, seien die Lehren der französischen Encyklopädisten ihm „greisenhaft" vorgekommen. Wie wissenschaftlich er immer die Natur betrachtete, wie sehr ihm jede Einmischung metaphysischer Wesenheiten in die durch die Erfahrung festgestellten Erscheinungen widerstrebte, so konnte er doch die Natur nicht absolut denken, sondern nur in Beziehung auf eine jenseitige, dem Gebiet der Erkenntnis entrückte Welt. Die Natur war ihm die „Gott-Natur". Diese Anschauung stand ihm so unverbrüchlich fest, dafs er dieselbe bei Gelegenheit der Besprechung eben jenes Jacobischen Buches für „den Grund seiner ganzen Existenz" erklärte. Es ist hier nicht der Ort, die Fülle von Ansprüchen anzuführen, in denen Goethe die soeben bezeichnete Anschauung ausspricht 1 . Da- 1 Erinnert sei hier allein an jene für ihn ebenso bezeichnende wie merkwürdige Geschichte, die Eckermann anführt (Gespräch vom 29. Mai 1831). Derselbe erzählt, dafs ihn die elterliche Liebe einer Grasmücke, welche in die Gefangenschaft freiwillig zurückkehrte, um ihre Jungen zu füttern, innig gerührt habe. Er habe sein Erstaunen darüber Goethe ge- äufsert, dieser aber habe lächelnd erwidert: „Närrischer Mensch, wenn — 257 — gegen widerstrebte ihm jeder Versuch, mittelst der Spekulation in das Jenseits sich zu schwingen. „Wer darf ihn nennen, und wer bekennen: ich glaub' ihn" 1 ? Diese soeben vorgetragene Auffassung, welche mit einer klaren, entwicklungsgeschichtlichen Natur- und Weltbetrachtung in keinem Widerspruche steht, hängt auf das engste zusammen mit Goethes ethischer Grundüberzeugung. Diese letztere, wie sie in seinen späten und reifen Werken zum Ausdruck kommt, so besonders in den Wanderjahren, dem Faust, den Sprüchen in Prosa und den Gesprächen mit Eckermann ist durchaus antiutilitarisch. Wenn die Nützlichkeitsphilosophie behauptet, es sei das Ziel alles menschlichen Handelns, so viel als möglich die Summe des individuellen Leidens zu mindern und die der individuellen Lust zu erhöhen, so sieht Goethe dem gegenüber im Leiden nichts verabscheuenswertes, sondern ein „Fordernis des Heiligen", das man verehren und liebgewinnen müsse 2 . Wie ihm das Leben ein stetes und schweres Kämpfen erscheint, und jeder Tag „eine Bresche, die viele Menschen erstürmen", so ist er selber ein Ihr an Gott glaubtet, so würdet Ihr Euch darüber nicht verwundern". Liegt doch eben in dem Siege der Liebe über den Selbsterhaltungstrieb, hier wie überall, etwas durch den Verstand unauflösliches. Dieses unauflösliche pflegte Goethe auch als das dämonische in der Welt zu bezeichnen; er sah es überall wirksam, aber in grofsen Menschen mehr als anderswo. Ganz ähnlich Carlyle. 1 Wo Goethe von den göttlichen Dingen redet, spricht er nicht in Begriffen, sondern Bildern. So lebt jenes uralte Bild, das sich bereits in der indischen Mythologie findet, von der Welt als „dem lebendigen Kleide der Gottheit" für ihn wieder auf. So wurde ihm alles Vergängliche seiher zum Gleichnis, und gerade, um dies anzudeuten, mochten ihm jene pantheistischen Anklänge, wie sie sich häufig hei ihm finden, sich geeignet erweisen. 2 Wandeijahre II, Kap. 1. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 17 — 258 — Kämpfer gewesen, der es sich im Leben „hat sauer werden lassen". Entsagung und Selbstbeschränkung lehrt nach Goethe das Leben, so wie denn jene Wanderer, durch verwickelte Schicksale hindurch geführt, zuletzt zu „Entsagenden" werden — aber nicht Entsagung im Sinne der Weltflucht und Ascese. Wir haben vielmehr oben gesehen, wie Thätigkeit für Goethe der Zweck des menschlichen Lebens ist. Nach dem soeben ausgeführten nun ist diese Thätigkeit aber nicht auf das eigene Dasein zu richten, nicht individualistisch; sie ist Thätigkeit im Dienste des Ganzen, also sociale Thätigkeit im weitesten Sinne. Hierauf beruht die in den Wanderjahren ausgeführte Vorstellung, dafs jeder nur „Verwalter" seines Besitzes sei, den er zu Gunsten des Ganzen zu verwalten habe. Zu diesem Besitz gehört nicht nur das Ererbte und Erworbene, sondern auch das Angeborene, das Talent. Jeder hat die ihm eigene Fähigkeit so auszubilden, dafs, wie Goethe sagt, keiner dem andern aber jeder dem höchsten gleich sei — auszubilden zu den Zwecken der Gemeinschaft. „Mache ein Organ aus dir", heifst es in den Wanderjahren, „und erwarte, was für eine Stelle dir die Menschheit im allgemeinen Leben zugestehen werde". Von diesem Standpunkt aus ist jede im socialen Sinne verrichtete Thätigkeit, „jede Arbeit gleich edel". Denn jeder wird ja als Organ des Ganzen thätig und durch ihn damit das Ganze. „Indem er eins tliut, thut er Alles". Goethes ethischer Standpunkt ist dem Individualismus durchaus entgegengesetzt. Aber wenn er die Erziehung des Einzelnen zum socialen Handeln für die Aufgabe der Menschheit hält, so ist er sich auch der inneren Bedingungen bewufst, ohne welche ein solches Fortschreiten unmöglich ist. Nicht individualistische Beweggründe nämlich können den Menschen zu socialem Thun antreiben, vielmehr müssen entsprechende, — 259 — altruistisch motivierende Ideen in ihm lebendig sein. Die Hingabe an solche ist das wichtigste für den Menschen, zugleich dasjenige, was ihm nicht angeboren wird, sondern was er durch das Leben erwerben mufs. Goethe bezeichnet sie unter dem Namen der „Ehrfurcht" — denn was ist diese anderes als die Hingabe der Menschen an geglaubte, über ihm stehende Werte — und sieht in der „Ehrfurcht" die eigentlich moralische Grundstimmung, aus der allein alles sociale Thun herfliefst. Durch die Religionen ward nach Goethe die Ehrfurcht dem Menschen vermittelt, und zwar im letzten und höchsten Mafse durch das Christentum. Mögen nun auch die Glaubensvorstellungen, welche den Gegenstand der Ehrfurcht darstellen, wechseln, ja als gesonderte Begriffe schwinden, immer bleibt als notwendige Voraussetzung jener moralischen Disposition des menschlichen Willens die Beziehung der sinnlichen Welt auf ein Übersinnliches, d. h. der Glaube 1 . „Alle Epochen", sagt Goethe in einer berühmt gewordenen Stelle, „in welchen der Glaube herrscht, sind glänzend, herzerhebend für Mitwelt und Nachwelt. Alle Epochen hingegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es auch sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze strahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag." 1 Hierin liegt der Grundunterschied zwischen Goethe und Carlyle einerseits und Comte andererseits. Alle drei sind Positivisten und Verteidiger einer antiindividualistischen Moral. Die ersten beiden jedoch halten die letztere für unmöglich ohne Bejahung überindividueller, also transcendenter Werte, Comte dagegen setzt als Ziel des altruistischen Wollens die „Menschheit", ohne sich bewufst zu werden, dafs er hiermit derselben ebenfalls einen dem Verstände unbeweisbaren, auf Glauben beruhenden Wert beilegt. Über die Stellung H. Spencers vergl. Kap. V Schlufsanm. 17* Jene gläubigen Perioden sind die des socialen Handelns, die ungläubigen die des Individualismus; in den ersten verhält sich der Mensch thätig, in den letzteren theoretisierend — alles Gedanken, an welche die Carlyleschen stark anklingen, so folgendes aus den Gesprächen mit Eckermann: „Alle im Rückschreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen sind subjektiv, dagegen haben aber alle fortschreitenden Epochen eine objektive Richtung. Unsere ganze jetzige Zeit ist eine rückschreitende, denn sie ist eine subjektive. — — Jedes tüchtige Bestreben wendet sich aus dem Innern hinaus auf die Welt, wie Sie an allen grofsen Epochen sehen, die wirklich im Streben und Vorschreiten begriffen und alle objektiver Natur waren". (Gespräch vom 29. Januar 1826.) Bemerkt sei noch, dafs jene Fähigkeit „die allgemeinen Begriffe" aufzufinden, welche Taine in der S. 105 angeführten Stelle als eigentümlichen Vorzug der deutschen Philosophie hervorhebt, mit dem, was Goethe die objektive Richtung einer Zeit nennt, zusammenzufallen scheint. Beide, Carlyle wie Goethe, empfanden also den negativen Charakter der Zeit, in welcher sie lebten — einer Zeit, die „das schlechte zu tadeln, aber nicht das gute zu thun", die „einzureifsen aber nicht aufzubauen" verstehe. Beide, Goethe in noch höherem Grade als Carlyle, sehen trotzdem hoffnungsvoll vorwärts. Man vergegenwärtige sich die harmonische Persönlichkeit Goethes, um zu wissen, dafs für ihn die Zukunft mit dem Fortschritt unlöslich verbunden war. Wie hätte er sonst überhaupt eine Utopie der Gesellschaft schreiben und dieselbe in die Zukunft verlegen können, wie hätte er den Vertreter des modernen Menschen, Faust nach langen Irrfahrten endlich doch der Erlösung zuführen können? Die Gewähr für die Zukunft fand er in dem, was er Religion und Christentum nannte, mit welchen Worten er allerdings einen — 261 — weiteren Begriff verband als den gemeiniglich gebrauchten 1 . Nicht nur dafs die christliche Religion „nach den gröfsten Verirrungen, in welche sie der dunkle Mensch hineinzog, ehe man sichs versieht, sich in ihrer ersten lieblichen Eigentümlichkeit — — —, zu Erquickung des sittlichen Menschenbedürfnisses , immer wieder hervorthut" 2 , in ihr hat die Menschheit auch eine Höhe erreicht, von der sie nicht wieder zurück kann. Goethe drückt dies dahin aus in jener bekannten Stelle der Wanderjahre: „Man darf sagen, dafs die christliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal göttlich verkörpert hat, nicht wieder aufgelöst zu werden vermag" 3 . Wie nun in den Wanderjahren die Religionen, und insbesondere die höchste von ihnen, die christliche, jenes Geschlecht der Zukunft zur „Ehrfurcht" erziehen, so erblickt Goethe in ihnen die Quelle, aus der die Menschheit Kraft zu neuem socialen Leben und Aufbau schöpfen wird, um den Einzelnen wieder dahin zu bringen, sich, wie er es ausdrückt, „zum Organ zu machen". Wenn augenblicklich die negativen Mächte die Oberhand zu gewinnen scheinen, so beruht dies im Grunde darauf, dafs wir uns augenblicklich in einem Übergangszeitalter befinden. Wenn nämlich die Menschheit den metaphysischen Zustand des Denkens nunmehr endgültig abstreift, so kann auch das Christentum nicht länger in Formen verharren, die jener Periode angehören. Während früher die dogmatische Fassung 1 Man vei'gl. hierzu jenes stolze Wort aus den Gesprächen mit Kanzler v. Müller (S. 138): „Wer ist denn heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob ihr mich gleich für einen Heiden haltet". • 2 Westöstlicher Divan, Noten zu Mamud Gasna. 3 Buch II, Kap. 1. Yergl. des weiteren die oben citierte Stelle aus dem Gespräche Goethes mit Eckermann vom 11. März 1832. — 262 — das Interesse der Menschen so sehr beherrschte, dafs verschiedene Lehrmeinungen selbst Kriege hervorzurufen imstande waren, so kann man beobachten, wie die Bedeutung, die jenen begrifflichen Unterscheidungen beigelegt wird, mehr und mehr schwindet. Alle verstandesgemäfsen Anfeindungen können dem Christentum auf die Dauer nicht schaden. Sein wahrer Kern wird aus den Kämpfen der Gegenwart um so klarer hervorgehen. „Auch werden wir alle", sagt Goethe, „nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens mehr und mehr zu einem Christentum der Gesinnung und That kommen". (Gespräch mit Eckermann vom 11. Mai 1832.) Wie weit aber auch dieser dogmatische Auflösungsprozefs fortschreite, der Untergang der metaphysischen Denkweise und das Aufblühen des Positivismus bedeutet nicht notwendig den Materialismus. Dasselbe gilt von den Erscheinungen der moralischen Welt. Auch hier ist man, mit Verlassen des dogmatisch christlichen Standpunktes, weder gezwungen noch berechtigt, eine mechanische, d. h. in diesem Fall utilitarische Erklärung eintreten zu lassen. Vielmehr kann man in ihnen so gut als in den Erscheinungen der Natur Offenbarungen eines Jenseits erblicken, wie dies nach Goethe alle produktiven Zeiten und Männer gethan haben. Wird doch in ganz hervorragender Weise gerade auf moralischem Gebiete der Mensch an jenen vom Verstände schlechterdings unauflöslichen Kern der Dinge erinnert. Es war hier nicht unsere Aufgabe, die Weltanschauung des alten Goethe darzulegen, eine Aufgabe, welche zu den schwersten aber auch lohnendsten gehören dürfte. Ebensowenig war es unsere Aufgabe, die Punkte, in denen Goethe und Carlvle auseinander gehen, hier näher zu beleuchten. Man hätte zu diesem Zweck, um den wichtigsten Gesichtspunkt anzugeben, auf Goethes Stellung zur Antike, auf die sich daraus ergebende — 263 Idee einer höheren Einheit des Guten und Schönen eingehen müssen — Anschauungen, denen Carlyle unzugänglich war, weil der finstere und strenge Geist seiner puritanischen Vorfahren nie völlig die Herrschaft über ihn verlor. Unsere ' Aufgabe war vielmehr die, Carlyles Urteil über Goethe zu begründen. Ausgehend von einer Einteilung aller menschlichen Geschichte in positive und negative Zeiten, hatte Carlyle der Gegenwart einen durchaus negativen Charakter beilegen zu müssen geglaubt. Dem gegenüber war ihm die Erscheinung Goethes das tröstlichste Zeichen der Zeit. Schien sich doch wieder eine positive Zeit anzukünden in jenem Manne, dessen Denken modern und dabei gläubig war und hoch über jener Aufklärung stand, die sich auf den Gassen des Besitzes der Zukunft rühmte. Von diesem Gesichtspunkte aus wird das folgende , Carlyles Stellung zu Goethe zusammenfassende Urteil verständlich 1 . „So stellt sich von unserm Gesichtspunkte aus Goethe als der Vereiniger und siegreiche Versöhner der zerfahrendsten, widerstreitendsten Elemente des zerfahrensten und zerrissensten Zeitalters dar, welches die Welt seit der Einführung der christlichen Religion gesehen, mit welcher alten chaotischen Ära der Weltkonfusion und Weltrefusion, der schwärzesten Finsternis, auf welche das Dämmern eines hohen und himmlischen Lichtes folgte, diese unsere jetzige wunderbare Ära in der That auch oft verglichen wird. Für das gläubige Herz aber darf keine Ära eine verzweiflungsvolle sein! Es liegt stets im Wesen der Finsternis, dafs ein neues edleres Licht darauf folgt, ja dafs sie ein solches erzeugt. Die Leiden und Widersprüche einer atheistischen Zeit, einer in Lasterhaftigkeit und i Unglauben versunkenen Welt, worin physisches Elend und 1 Miscellaneous Essays I, S. 47. die verzweiflungsvolle Desorganisation ganzer mit Unwissenheit und Not kämpfender Klassen nicht fehlen — alles dies tritt wie die Frage einer Sphinx vor jedes neugeborene, fühlende und begabte Herz; es ist ein Wirrsal, hei welchem es sich um Leben und Tod handelt. „Wehe dem Lande, dem in solchen Zeiten kein Prophet aufsteht, sondern nur Tadler, Satiriker und ironische Desperados , die das Übel nur schlimmer machen und im besten Falle ein Ende beschleunigen. Das alte Europa hatte seinen Tacitus und Iuvenal gehabt, aber diese richteten nichts aus! Auch das neue Europa hat seine Mirabeaus und Byrons, seine Napoleons und unzählige rotflammende Meteore gehabt, welche Pestilenz aus ihrem Haar schüttelten; Sündfluten und das Chaos sind wiedergekommen. Der klare Stern aber, der Vorbote des Tages, ist noch nicht erkannt worden. „Dafs in Goethe die Kraft lag, aus den Widersprüchen, zu welchen der Mensch geboren wird, eine Versöhnung anzubahnen, charakterisiert ihn als den starken Geist seiner Zeit. Das, was dieser Mann zu versöhnen ausersehen war, war das innere geistige Chaos, der Mittelpunkt aller äufseren und inneren Wirrsale, aus welchem die moralische, intellektuelle und sociale Zersetzung hervorgeht. — — Goethe wird dadurch nicht blofs für den gröfsten Mann seiner Zeit erklärt, sondern für einen Mann aller Zeiten, eine der Landmarken in der Geschichte der Menschheit". Aus dem vorhergehenden ergiebt sich, dafs für Carlvle die durch die Namen Kant und Goethe bezeichnete Gedankenbewegung von höchster Wichtigkeit war. Mufste er bei der Betrachtung der äufseren Ereignisse seiner Zeit fürchten, dafs eine gänzliche Auflösung sich vorbereite, so waren auf dein Gebiete der inneren Geschichte wieder Erscheinungen aufgetreten, die einen positiven Charakter an sich trugen und — 265 — auch für die äufsere Entwicklung einen Wendepunkt möglich erscheinen liefsen. „Ein grofses Werk geht in diesen Tagen vor sich, ist bereits begonnen worden, schreitet langsam voran und kann nicht leicht zum Stillstand gebracht werden kein geringeres Werk als die Wiederherstellung Gottes und dessen, was in den Traditionen und der Geschichte der Menschheit göttlich war, aber während langer heruntergekommener Jahrhunderte vergessen oder falsch erinnert wurde. Die wichtige, noch immer erhabene und gesegnete Thatsaehe von alledem, was man einst unter Gott und dem Göttlichen verstand, kämpft empor in der Seele des Menschen, wird sich herausschälen aus dem, was manche von uns — unehrerbietig in ihrer Ungeduld — das „alte hebräische Gewand" nennen und wird von neuem die Nationen segnen, sie von ihrer Niedrigkeit, ihren unerträglichen Wehen und dem Wahnsinn ihrer Irrfahrten befreien. Diese Thatsaehe wohnt nicht ausschliefs- lich oder in hervorragender Weise in hebräischen Kleidern, alten oder neuen, sondern im Herzen der Natur und des Menschen. Kants „zwei Dinge, die ihn mit Bewunderung erfüllen", sind ebenso wahrnehmbar wie zu Königsberg in Preul'sen zu Charing-Cross in London. Aller Augen werden sie allmählich besser erkennen und die Wenigen, die das Salz der Erde sind, werden sie zuletzt gut erkennen — mit Erfolgen für jedermann. Ein grofses Werk ist es in der That, vor dessen Gröfse jedes andere ins Nichts sinkt 1 ." B. Die äufseren Formen. Carlyle war zu sehr von der Abhängigkeit der äufseren von den inneren socialen Formen durchdrungen, als dafs er irgend einem jener Vorschläge hätte beipflichten können, 1 Miscellaneous Essays VI, S. 371. — 266 — mittelst deren man, sei es durch private Mafsnahmen, sei es durch staatlichen Eingriff, den morschen Gesellschaftsbau zu verjüngen hofft. Allen solchen Weltverbesserern gegenüber hat Carlyle immer wiederholt: um das Ganze zu reformieren, reformiere dich selbst, das ist das beste und wichtigste was du thun kannst; erhebe dich vom individualistischen zum socialen Dasein; mache aus dir, wie Goethe gesagt hat, ein Organ. Mit jedem anderen Reform versuche läfst du das Übel selbst unberührt, du unterdrückst nur Symptome ohne die Krankheit zu treffen. Hinter der Gröfse dieses Problems schienen ihm alle jene Reformvorschläge weit zurückzubleiben. Sie zeugten von einer kleinlichen und mechanischen Gesellschaftsauffassung ihrer Urheber. Welcher Verstand des Einzelwesens kann das Leben des über ihm stehenden Gesamtwesens umspannen? Wie kann der Einzelne also der Entwicklung die Wege weisen wollen? „Nicht der Intellekt Eines, sondern die vereinigte Anstrengung der Intellekte Aller wird die Zukunft gestalten", sagt Carlyle. Gerade wenn er als Greis seine Prophezeiungen eine nach der andern sich erfüllen sah, wurde ihm damit immer klarer, dafs die künftige Entwicklung weniger leicht und durchsichtig sein werde, als die Uti Ii tarier und ihre Genossen vermeinten. Jene schwatzten viel vom Fortschritt des Menschengeschlechts, als ob es nicht „ebenso gut einen Fortschritt zum Teufel wie zum Himmel" gäbe. Sie sahen Freiheit, Frieden und Glück sich im Europa des neunzehnten Jahrhunderts etablieren. Für Carlyle waren diese Dinge nicht von dieser Welt. Ihm war die Zukunft „nicht von Butter, sondern von Eisen". Andere „französische Revolutionen" schien die Zukunft im Schofse zu hegen mit „anderen Gerbereien für Menschenhaut gleich denen zu Meudon", wenn auch die optimistische Grundansicht immer wieder durchbricht. — 267 — Von solchen Gedanken bewegt, konnte Carlyle kein fertiges Rezept einer socialen Reform bereit halten. Aber wie sehr er auch von der Schwäche des Einzelnen den Weltgeschicken gegenüber durchdrungen war, so hielt er es doch für die Pflicht des Menschen, nicht die Hände in den Schofs zu legen, sondern zu handeln. Jeder Fatalismus war ihm fern. So ist Carlyle denn durchaus nicht arm an Vorschlägen social-politischer Natur. Dasjenige, dessen wir bedürfen, was wir früher bis zu einem gewissen Grade besafsen und heute nicht mehr besitzen, ist die „Organisation der Arbeit". Nachdem die Bande durchschnitten sind, die den einen mit dem anderen verknüpften, steht der Mensch isoliert in einem Einzelkampfe ums Dasein. Darum auf der einen Seite das Elend jener führerlosen Millionen. Auf der anderen Seite aber jagen die, welche zur Führerschaft berufen wären, dem Schein des Genusses, dem Gelde nach, nimmer des Glückes teilhaftig, wie viel Güter sie aufspeichern, und darum im Grunde so elend wie jene. Äufserlich nehmen sie die Stellen der Machthaber ein; thatsächlich aber sind sie machtlos. Denn wie sollten sie über jene Macht ausüben, mit denen sie nichts mehr verbindet? Dabei steht fest, dafs jene Methoden, welche bisher den Menschen mit dem Menschen verbanden, veraltet und endgültig unbrauchbar geworden sind, jene „Halsbandmethoden", wie sie Carlyle nennt. Dieselben als unmöglich festgestellt zu haben, ist die Bedeixtung der Demokratie, welche die harte, nicht zu unterdrückende Thatsache der Gegenwart ist. Da nun hinfort kein Mensch mehr der „Halsbandleibeigene" eines andern sein kann, die Menschen aber doch notwendig verbunden sein müssen, so müssen hierzu neue Methoden erfunden werden. „Denn der Mensch ist eben stets der geborene Leibeigene gewisser Menschen, der ge- borene Herrscher gewisser anderer, der geborene Gleiche gewisser noch anderer, möge er nun diese Thatsache anerkennen oder nicht. Es ist für ihn ein Unglück, wenn er sie nicht anerkennt; er befindet sich in einem chaotischen Zustande und schwebt in Gefahr unterzugehen." Daher denn das Problem unserer Zeit „die ungeheuerste Frage, die jemals bis jetzt der Menschheit gestellt worden ist", in der Verbindung der „unvermeidlichen Demokratie" mit der gleich „unvermeidlichen Souveränität" besteht. „Hierin liegt die Aufgabe von Jahrhunderten; man weil's nicht, ob sie gesegnet oder ungesegnet sein werden, je nachdem sie mit tapferm Streben darin Fortschritt machen oder mit träger Lügenhaftigkeit nur vom Fortschritt schwatzen. Denn entweder Fortschritt hierin oder Fortschritt zur Auflösung ist hinfort die Frage 1 ." Auf welchem Wege nun ist eine solche Verbindung möglich? Nur ein einziger Weg steht dazu olfen. Wir hahen oben gesehen, wie jede Gesellschaft sich auf ein mehr oder weniger kompliziertes Herrschaftsverhältnis zurückführen läfst, wie bei der hierdurch begründeten Verbindung der Menschen untereinander stets gewisse sociale Elemente in Betracht kommen, wie dieselben jedoch ursprünglich hinter der weit stärkeren Fessel des Zwangs fast verschwinden. Wir haben des weiteren erkannt, dafs bei fortschreitender Entwicklung die sociale Motivationsweise in den Vordergrund tritt, und die Bedeutung des Zwanges, welcher an das Motiv der Furcht, also den Individualismus im Menschen, appelliert, mehr und mehr abnimmt. Nun aber sind heute die „Halsbandmethoden" unmöglich. Daher ist die Gesellschaft nunmehr nur noch auf Grund gesteigerter socialer Motive möglich. Von 1 Yergl. Past and Present, Buch IY, Kap. 1. — 269 - diesem Standpunkt aus besteht die Krisis, die wir durchmachen, darin, dafs es sich heute um einen schweren und hochbedeutsamen Schritt in jener aufsteigenden Entwicklung handelt, welche die Geschichte der Menschheit bisher darstellt. Stillstehen giebt es nicht; entweder Sturz oder Erklimmen jener Höhe. Carlyle glaubt an das letztere, „der Phönix" wird sich besser und schöner aus seiner Asche erheben. Hierin also liegt der Kernpunkt der socialen Frage; ihre einzig mögliche Lösung besteht darin, dafs der Individualismus der heute die meisten beherrscht, zurückgedrängt und die altruistische Motivationsweise unter den Menschen wieder mächtig werde. Heute jagt alles nach dem Gelde, und wer auf die Höhen der Gesellschaft hinaufklimmt, sucht dort Genul's statt vermehrter Arbeit. Dagegen sind in allen gesunden Gesellschaftszuständen die Ehrenposten stets zugleich Posten der Schwierigkeit und der Gefahr. Carlyle ist sich darüber klar, dafs eine Änderung der Zeitanschauungen auf diesem Gebiete Voraussetzung aller Reformen ist. „Ich würde es für überflüssig erachten, die Regierung um Heilmittel anzugehen, wenn ich glaubte, dafs der Mammonismus hinfort das erste Princip unserer Existenz bleiben müsse. Die Regierung kann viel thun, aber sie kann keineswegs alles thun. Die Regierung ist als der hervorragendste Gegenstand in der Gesellschaft berufen, anzudeuten, was gethan werden / soll und dieses Thun in vielen Beziehungen zu überwachen, zu fördern und zu befehligen. Die Regierung aber kann bei allem Wegweisen und Befehlen nichts thun, dem die Gesellschaft radikal abgeneigt ist. Auf die Dauer ist jede Regierung das genaue Symbol ihres Volkes mit ihrer Weisheit und Unweisheit." Aussprüche, wie der eben angeführte, be- — 270 — stätigen, wie sehr Carlyle vom Staatssocialismus entfernt war. Das Gewissen seiner Zeitgenossen wachzurufen, es nicht im Mammons- und Phallusdienst ersterben zu lassen, das schien Carlyle die Aufgabe seines Lebens — eine höchst traurige und widerwärtige Aufgabe, welche ihm den Beruf eines Schriftstellers aufgezwungen hatte, dem er weniger geneigt war als jedem andern. Glücklicher wäre er, wie er annahm, als einfacher Arbeiter oder Pächter in seinem Heimatdorfe geworden. Aber wie hätte er sich einer Aufgabe entziehen können, die ihm, wie er meinte, von oben geworden war, die Wahrheit auszusprechen, dal's eine Gesellschaft, in der die Selbstsucht an Stelle der Selbstverleugnung trete, dem Untergange verfallen sei. „Er und der heilige Paulus", sagt Froude, „(denn ich weifs nicht, von wem sonst dasselbe gesagt werden kann) schrieben, als gingen sie mit einer über alles wichtigen Idee schwanger, von der sie unter vielen Leiden und Arbeiten erlöst zu sein wünschten." Wenn Carlyle den besitzenden Klassen ihre Pflichten gegenüber den minderbegünstigten ins Gedächtnis rief, so waren das Worte eines Mannes, der allem Selbstinteresse entsagt hatte, und dessen Leben in einer Idee aufging. Daher die Wucht und die Eindringlichkeit seiner Mahnungen. „Die eine auserwählte Klasse", sagt Carlyle, „ist durch die Gesellschaft mit Reichtum, Einsicht, freier Zeit ausgestattet: allen äufseren und inneren Mitteln zur Herrschaft. Die andere riesige Klasse, die mit nichts von alledem ausgestattet ist, erklärt, dal's sie regiert werden mufs. Das Negative steht gegenüber dem Positiven; wenn das Negative und das Positive sich nicht vereinigen können, so ist es für beide ein Unglück. Unzählige Dinge könnten unsere oberen Klassen und Gesetzgeber thun; aber die Vorbedingung von — 271 — alle dem ist, zu wissen, dafs sie etwas unbedingt thun müssen." In der Tliat liegt der Grund jeder socialrevolutio- nären Arbeiterpartei darin, dafs die Bande zwischen oberen und unteren Klassen zerrissen sind, dafs die oberen Klassen, die an sich dazu berufen sind, die öffentliche Meinung zu bilden, dieselbe einseitig im Interesse der Besitzenden bilden; daher eine öffentliche Meinung des Ganzen überhaupt nicht mehr besteht, vielmehr nur eine von Klassen. Reich und arm stehen sich alsdann wie zwei Nationen gegenüber, die Seite an Seite leben, aber anders fühlen und anders denken, und sich gegenseitig so unverständlich sind, „als wären sie in verschiedenen Zonen geboren". Dieser Zustand fand sich in England in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, ganz ebenso wie er seitdem in Deutschland sich entwickelt. Wir werden am Schlüsse dieses Buches sehen, ein wie grofser Umschwung seitdem in England erfolgt ist, zu welchem zweifelsohne Carlyle den Anstofs gegeben hat. Zu folgendem schönen Bilde veranlafst ihn dieser Gedankengang. „Wir führen euch", ruft er den oberen Klassen zu mit Beziehung auf die unteren, „an die Küste eines ungeheuren Festlandes und fragen euch, ob ihr es nicht mit euern eignen Augen sehen, ob ihr nicht durch fremdartige Anzeichen wahrnehmt, wie massig dunkel, unerforscht, unvermeidlich es daliegt. Ihr müfst es betreten. Zeit und Notwendigkeit haben euch hierhin gebracht, wo es keinen andern Ausweg giebt. Ihr mögt es betreten; wenn der erste Schritt einmal gethan ist, so wird der nächste schon klarer und alle künftigen Schritte möglich sein." Es ist unsere Aufgabe nicht, jene Stellen aufzuzählen, in denen Carlyle ähnliche Gedanken ausspricht, in denen er die thätige wie die unthätige Aristokratie seines Landes auffordert „sich mit diesem entsetzlichen, lebenden Chaos von Unwissenheit und — 272 — Hunger zu befreunden", in denen er sie daran erinnert, dafs „das Leben dem Menschen geschenkt wurde, damit er es mutig und männlich wieder hinwegschenke". Hervorzuheben ist nur, dafs hier der Punkt liegt, auf welchem Carlyle einen fast augenblicklichen, unberechenbaren Erfolg gehabt hat. Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist er als einer der einflufsreichsten von den Faktoren zu betrachten, welche im Laufe dieses Jahrhunderts jenen vollständigen Umschwung in der Stellung der oberen Klassen zu den unteren in England bewirkten. Carlyle predigt sociale Gesinnung. Aber dieselbe erschöpft sich für ihn nicht in philanthropischen Werken. Was er verlangt, ist eine Veränderung des Beweggrundes: ein Überwiegen der altruistischen gegenüber den individualistischen Motiven. Überall, bei jedem Geschäft kann und soll die sociale Gesinnung in Mitwirkung kommen und dadurch jede Thätigkeit wieder zur Höhe der Arbeit erhoben werden. Ein Beispiel, sagt Carlyle, welches, aus früherer Zeit überkommen, uns noch heute eine solche Thätigkeit auf Grund von socialen Elementen vor Augen stellt, bietet das Heer. Der Kitter — so auch sein Nachfolger, der Soldat — kämpfte für Ideen: für Ehre, Fahne, König, Vaterland, denen er willig sein Leben opferte; und wenn auch heute viele andere Motive in Betracht kommen, ganz ohne jene erstgenannten wäre doch auch heute ein Heer noch unmöglich. Ähnlich ist nun, um wieder zu positiven Gesellschaftszuständen zu gelangen, jede menschliche Thätigkeit zu gestalten, sie ist wieder auf Ziele, die aufser dem Individuum liegen, zu richten, wodurch wir zu einer „chivalry of labour", einem Rittertum der Arbeit, gelangen werden — ein Ausdruck, welcher seitdem vielgebraucht und viel mifsverstanden worden ist. Das Beispiel weiter ausführend, kommt Carlyle zu folgendem Vergleiche. Auch der Kampf mit den Waffen ist nicht immer ein ritterlicher und organisierter gewesen. Der Indianer bekämpft seine Feinde, lediglich um sie zu vernichten und ihre Skalpe in seinem Wigwam aufzuhängen. Ideen beherrschen sein Kämpfen nicht; daher bringt es keine sociale Organisation hervor; es ist unhistorisch und das Gesamtresultat aller jener zahlreichen Kriegszüge gleich Null. Anders der Ritter. Er tötet nicht, sondern unterwirft seine schwächeren Nachbarn. Er sucht sie dauernd zu beherrschen. Bald schlingen sich weitere Bande, als die des Zwanges, zwischen ihm und seinen Hintersassen. Er zieht mit seinen Vasallen aus, die mit und unter ihm kämpfen, und an seinen Eroberungen und Siegen Teil haben. Durch ihn wurde — mochte sich auch die Wirklichkeit nur bis zu gewissem Grade dem Ideal nähern — die Gesellschaft organisiert und die europäische Geschichte hervorgebracht. Heute nun hat der Kampf, den alle menschliche Geschichte darstellt, insofern einen andern Charakter angenommen, als es nicht mehr ein Kampf mit „Waffen", sondern mit „Werkzeugen", nicht mehr Krieg, sondern Konkurrenz ist, und die Waffen wegen der Thatsache der Demokratie und der Unmöglichkeit der Halsbandmethoden in Zukunft an Bedeutung verlieren müssen. Wie benimmt sich nun der Nachfolger des alten Feudalbarons, der Führer in diesem industriellen Kampfe, der Arbeitgeber? Er gleicht heute noch mehr dem Indianer als dem Ritter. Seine Banknoten sind ihm, was die Skalpe für jene: an sich ebenso wertlos. „Er könnte ein Feldherr der Industrie, ein Mitglied der letzten, echten Aristokratie sein. Die tausend Mann, welche um ihn herum spinnen und arbeiten, sind ein Regiment, welches er Mann für Mann angeworben hat, um einen sehr echten Feind zu bekämpfen: nämlich die Nacktheit des Rückens und die ungehorsame Baumwollen- v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 18 ■ 111 ' IUI Ii. faser." Aber wie viel besser verstand es der Feudalbaron, uin den Sieg zu erringen, seine Arbeiter an sich zu fesseln: das eroberte Land teilte er unter sie als seine Vasallen, um in solcher Weise sie zu beherrschen. Sein Nachfolger dingt seine Leute auf eine vorübergehende Frist, lohnt sie mit einigen Groschen den Tag und glaubt im übrigen jeder Verbindung mit ihnen entbehren zu können. Die Nationalökonomie bestärkt ihn in dieser Anschauung, welche sie als „Gesetz" zu erweisen sucht; dafs es ein solches nicht ist, zeigt das Ergebnis seines Kampfes. Der Sieg ist nur scheinbar errungen und das Endresultat seiner Anstrengungen wie bei den Kämpfen der Indianer gleich Null. „Die Baumwolle ist bezwungen, aber die nackten Rücken sind schlechter bedeckt als je." Das Geld, das Symbol des Sieges, nutzt dem Sieger zu nichts, weder zum Genul's, noch zur Macht. Denn beides ist nur möglich in der Verbindung und Vereinigung mit anderen; Vereinsamung ist die Höhe des Elends. Dies erfährt nun der siegreiche Anführer, den seine Soldaten, nicht wie die Hintersassen ihren Baron lieben, vielmehr hassen und verwünschen, zudem, wo sie können, schädigen. Zwischen beiden besteht, ein Zustand fortgesetzter Empörung, statt eines geordneten und gegenseitigen Zusammenwirkens. Hierin nun mufs Wandel eintreten. „Selbst rotröckige Regimenter", sagt Carlyle, „geschweige denn Ritter, würden nicht für dich kämpfen, wenn du sie am Abend der Schlacht gegen Bezahlung der stipulierten Schillinge ablohnen könntest und es ihnen freistünde, am Morgen mit dir dasselbe zu thun. Hospitäler, Pensionen, Beförderungen, ein strenger, dauernder Vertrag auf der einen wie auf der anderen Seite. Um wie viel weniger konnte der Feudalbaron mit blofsen zeitweiligen Söldnern auskommen, zu sechs Groschen den Tag, — 275 — die bereit gewesen wären, auf die andere Seite hinüberzugehen, wofern man ihnen sieben Groschen geboten hätte. Er hätte nicht existieren können 1 . — — " In gleicher Weise mufs der, welcher zu seiner Nachfolge unter dem heutigen wirtschaftlichen System berufen ist, es irgendwie verstehen, diejenigen, mit denen er zusammenarbeiten soll, sich zu verbinden. Er mufs in ihnen das Be- wufstsein der Interessengemeinschaft erwecken und weitere Bande als die des Angebots und der Nachfrage, sociale Bande im Gegensatz zu jenen individualistischen, zu begründen wissen. Carlyle kommt so zu dem Begriff des „captain of in- dustry", des Hauptmanns der Industrie, eines Ideals, welches heute von um so gröfserer Bedeutung wird angesichts des ungeheueren Machtzuwachses einzelner Kapitalisten durch die Kartelle. Dieser „Hauptmann der Industrie" ist mit Ausdehnung des Industrialsystems zum Nachfolger der alten Feu- dalaristokratie berufen, zum Herrscher auf dem Gebiete der äufseren Formen der Gesellschaft, ähnlich wie auf dem inneren Gebiete der Priester durch den Schriftsteller verdrängt wird. Notwendig aber hierzu ist, dafs er gerade in dieser Richtung den früheren Aristokratien nachfolge und in gewissem und zwar in höherem Grade als dies bei anderen Klassen der Fall ist, seine Interessen mit den allgemeinen zur Deckung bringe. Ein „Hauptmann der Industrie" ist derjenige Arbeitgeber, welcher auf gesellschaftlichem wie socialem Gebiete die Interessen der Arbeiter zu den seinen macht, nicht aus Wohl- thätigkeit und um dadurch ein patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis herbeizuführen, welches im eigenen Interesse auszunutzen die Versuchung nur zu nahe liegt. Vielmehr 1 Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, Bd. VI, S. 259. 18* — 276 — wird er, wenn seine Standesgenossen ihm nachfolgen, der politische Führer der freien und fortgeschrittensten Arbeiter der Nation, und damit, je mehr der Arheiterstand die breite Basis des Volkes wird, der politische Führer überhaupt. Dafs solche Männer heute in England nicht mehr zu den Seltenheiten gehören, haben wir unten zu berühren: Männer, welche von denkenden und in der Arbeiterbewegung voranstehenden Arbeitern in das Parlament gewählt wurden. Car- lyle hat durch die Aufstellung dieses Ideals zur Erziehung jener neuen Generation der englischen Arbeitgeber wesentlich beigetragen, welche von ihren Berufsgenossen im Anfange des Jahrhunderts in derselben Weise verschieden sind, wie der landeingesessene Edelmann von dem Squatter des fernen Westens. Aber Carlyle kennt einen besseren Lehrmeister als den Moralisten, einen solchen, der selbst den trotzigsten Kopf überwinden wird: „den unbeugbaren Lauf der Dinge." Die Art und Weise, in der er während der ersten Hälfte des Jahrhunderts die socialen Verhältnisse Englands vor sich gehen sah, konnte schlechterdings keine dauernde sein. TJm deswillen rechnete er mit Sicherheit auf eine Veränderung der Zustände, weil das sociale System, wie es damals bestand, sich als unmöglich erweisen mufste. „Wenn Väter und Mütter in Hungerkellern zu Stockport ihre eigenen Kinder zu verzehren beginnen, wenn mitten unter den regierenden „Korporationen der besten und edelsten", die nur auf die Erhaltung ihres Wild Standes besorgt sind, dunkle Millionen von Gottes menschlichen Geschöpfen sich in wahnsinnigen Chartismen und Meutereien erheben — während eine mögliche industrielle Aristokratie erst halb am Leben und unter Geldsäcken und Kassenbüchern verzaubert, eine anerkannte träge Aristokratie unter Täuschungen und — 277 — Sünden fast erstickt scheint — in solcher Zeit wird es nach einigen Generationen selbst für den schlichten und ungebildeten Geist ganz handgreiflich unmöglich" 1 . Der sachliche Blick Carlyles zeigt sich darin, dafs er unter den Mitteln, welche eine Veränderung herbeizuführen berufen sind, bereits die Kampfgenossenschaften der Arbeiter erkannte. Sein Wort, dafs die grofse Masse der Mensehen sich nicht selber führen könne, galt ihm von den vereinzelten Individuen, von der unorganisierten Masse. In den vielgestaltigen Vereinen der englischen Arbeiter aber regte sich, was Carlyle noch nicht sehen konnte, wieder neues sociales Leben, welches um so bedeutungsvoller werden mufste, als es innerhalb einer rein individualistischen Gesellschaft erblühte. Aber wenn Carlyle die Macht des Zwanges nicht unterschätzt, mit welcher die Thatsachen die Arbeitgeber zu einem weitherzigeren Standpunkt drängen werden, so weifs er doch auf der andern Seite Fälle einer freiwilligen Anerkennung der berechtigten Forderungen der Arbeiter um so mehr zu würdigen. Mit Vergnügen verzeichnet er Beispiele, in denen weitsichtige Unternehmer ihre Arbeiter persönlich an sich zu fesseln wufsten. So erzählt Carlyle von einem gewerb treibenden Quäker, welcher seinen Arbeitern Abendunterhaltungen einrichtete, den jüngeren Spielplätze zur Verfügung stellte, ja „sogar soweit ging, ihnen eine Trommel zu kaufen". Alle diese Aufwendungen hätten sicli als wirtschaftlich einträglich erwiesen. Carlyle war der erste, welcher darauf hinwies, dafs Erhöhung der Lebenshaltung der Arbeiter nicht den Arbeitgebern schädlich sei, vielmehr den Wert jener „als blofser Arbeiter" erhöhe — eine Einsicht, in welcher ihm, 1 Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, Bd. VI, S. 258. wie unten zu zeigen ist, die englischen Arbeitgeber allmählich nachfolgten. Wie jeder Kampf in der Ermittlung der Machtverhältnisse besteht, so dürfte auch der Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeiter einmal aufhören, sobald sich friedlichere Methoden finden, die Macht beider Parteien festzustellen. Es könnte damit das Arbeitsverhältnis wieder zu einem dauernden werden, wie es das früher gewesen ist und thatsächlich dem Zustande hoher Civilisation besser als das heutige nomadenhafte entspricht. Carlyle enthält sich jeder weiteren Ausgestaltung eines Zukunftsbildes. Skeptischer selbst als Mill verhält er sich gegenüber der Möglichkeit einer genossenschaftlichen Produktion 1 . Er hält es dagegen für wünschenswert, dem Arbeiter ein ökonomisches Interesse am Unternehmen zu geben, damit dasselbe auch äufserlich werde, was es innerlich, wenn es gesund sei, stets sein müsse: ein gemeinschaftliches Unternehmen. Aber die ganze Frage erscheint ihm — und auch darin zeigt sich wieder der hervorragend praktische Sinn des Philosophen von Chelsea im Gegensatz zu den meisten So- cialtheoretikern seiner Zeit — heute noch nicht reif. Noch sind die Schwierigkeiten, die einer Ausführung im grofsen Mafsstabe entgegenstehen, unüberwindlich. „Die Alleinherrschaft ist bei den meisten Unternehmungen wesentlich, und wie man mir erzählt, wird an Bord eines Kriegsschiffes keine „Freiheit der Debatte" geduldet. Republikanische Senate und Plebiscite würden in Baumwollenspinnereien nicht am Platze sein." Freilich kann es auch hier einer fernen Zukunft gelingen, die Freiheit mit der Alleinherrschaft auszusöhnen 2 . 1 Vergl. Buch V, Kap. VII der politischen Ökonomie Mills: „Von der wahrscheinlichen Zukunft der arbeitenden Klassen." 2 Fast and Present, Ausgabe von Iiretzschmar, Bd. VI, S. 266. Inzwischen ist in einer von Carlyle noch nicht vorauszusehenden Weise der — 279 Carlyle hat nicht, wie die Socialisten, durch den Glan/ einer socialen Utopie die Massen bestochen. Dennoch verfehlte seine Ausdrucksweise ihren Eindruck nicht; eine Probe derselben bieten folgende Worte. „Schwierig ist die Aulgabe ; aber die kurzfaserige Baumwolle war ebenfalls schwierig. Den Baumwollenstrauch, solange unbenutzt und ungehorsam wie die Distel am Wege — ihr habt ihn erobert. — — — Ihr habt Berge in Stücke geschlagen, das harte Eisen geschmeidig gemacht; die Waldriesen, die Sumpf-Jotuns tragen Garben goldenen Kornes. Aegir, der Meeresdämon selbst, streckt seinen Rücken zur glatten Heerstralse für euch. Auf Feuerrossen braust ihr einher. Ihr seid sehr stark! Der rotbärtige Thor mit seinen blauen Sonnenaugen, mit seinem heitermutigen Herzen und gewaltigen Donnerhammer, er und ihr habt die Oberhand gewonnen. Ihr seid sehr stark, ihr Söhne des eisigen Nordens — fernherziehend aus der grauen Dämmerung der Zeit. Ihr seid Söhne des Jotunlandes, des Landes der überwundenen Schwierigkeiten. Schwierig? Ihr müfst es versuchen". — — Ihr werdet auch hier, könnte man den Gedanken fortführen, wie Carlyle anderwärts gethan hat, ihr werdet auch hier Ordnung in das Chaos bringen, ihr das mutige Volk der Germanen, die ihr schon einmal eine zerfallene Welt neu organisiert habt 1 . Carlyle nimmt eine eigentümliche Mittelstellung ein zwischen denen, welche die einzig mögliche Rettung beim Staate suchen, und denen, welche alles von der freiwilligen Initiative der Einzelnen erhoffen. Das Neuüberhandnehmen * socialer Gesinnung, das nach ihm das wichtigste ist, wird in gleicherweise den Staat sowie die Einzelnen ergreifen. Charakter der Industrie als eines gemeinsamen Interesses beiden Seiten bewufst geworden. Vergl. Kap. VIII am Schlufs. 1 Past and Present, Ausgabe von Kretzschmar, Bd. VI, S. 261. — 280 — Gehen wir zu der Rolle über, welche Carlyle dem Staate anweist, so sehen wir ihn auch hier weit davon entfernt, irgend welche Mafsregel als das Universalmittel gegen alle Leiden hinzustellen; eine allgemeine Vorschrift für die Zukunft aufzufinden geht über den Verstand des Einzelnen. Was dem einzelnen wie dem Staate allein übrig bleibt, ist eine Politik von Fall zu Fall, getragen durch Erkenntnis und Anerkennung der unumstöfslichen Thatsachen der Zeit. Praktischen Sinnes wendet sich Carlyle nicht an den Staat in abstracto, sondern an den heimischen Staat der Gegenwart, so wie er ihn vor Augen hatte. Das Armengesetz von 1834, mit dem man den Pauperismus hatte brechen wollen, war von diesem vielmehr selbst durchbrochen worden. Das Princip, auf dem es beruhte , das der ausschliefslichen „Indoor relief" d. h. Unterstützung im Arbeitshause, war man aufzugeben gezwungen worden — man hätte denn ganz Irland in ein riesiges Arbeitshaus verwandeln wollen. Nicht auf diesem Wege, sagt Carlyle, wird man irgend etwas erreichen, wie die „wissenschaftlichen Staatsmänner" jener Zeit meinten. Wenn der Staat wirklich etwas thun wolle, so sei Vorbedingung hierzu, dafs er zuvor endgültig mit jenen nationalökonomischen und politischen Theorien breche, welche ihn zur Scheinexistenz verdammten: „Der britische Staat", sagt Carlyle, um die Krone und der Schlufsstein unserer britischen socialen Existenz zu sein, mufs mit einer Wahrhaftigkeit, die ihm lange fremd geblieben ist, die thatsächlichen Gegenstände und unabweislichen Bedürfnisse unserer socialen Existenz anerkennen." Statt dessen aber sieht er einen Staat vor sich, der „kaum weifs, wozu er da ist, auf welchen Grund hin er in diesem Jahre 1850, in einer so aufserordentlich ernsten Lage wie der unseren überhaupt auf Existenz einen Anspruch erheben kann 1 ." Carlyle hat in Beziehung auf die Grenzen der dem Staat zukommenden Thätigkeit im Gegensatz zu der herrschenden Theorie sich wiederholt für staatliche Regelung der Arbeitsbedingungen und Schutz der Schwachen ausgesprochen, damit ein Befürworter zugleich der frühesten Fabrikgesetzgebung. An einer Stelle stellt er sich vor, dafs er diese seine Ansichten vor einem Auditorium von Zeitgenossen verteidige. Wenn er dabei auf die Notwendigkeit zu sprechen kommt, dafs die Arbeit unter einer „entsprechenden Regulierung" vor sich gehen solle, „so erhebt sich", sagt er, „ein unbeschreiblicher Aufruhr, nicht länger unterdrückbar, seitens aller Art von Volkswirten und Konstitutionellen und Professoren jener „häfslichen Wissenschaft", welche recht zahlreich im Saale zerstreut sitzen; Rufe ertönen, wie: „private Unternehmung", „Rechte des Kapitals", „Freiwilligkeits- princip", „Grundsätze der britischen Verfassung", getragen von dem beistimmenden Gesumme der ganzen Welt." Wenn heute in England die Zulässigkeit staatlichen Eingriffs allgemein anerkannt ist, so zeigt dies die Gröfse des Umschwungs, welcher sich seit einem Halbjahrhundert in der öffentlichen Meinung vollzogen hat, an dem Carlyle ursächlich beteiligt ist. Aber Carlyle geht weiter. Damit der Staat in die socialen Verhältnisse eingreife, ist eine Veränderung des staatlichen Apparates nötig. Wir haben oben gezeigt, wie das parlamentarische Regiment einen lähmenden Einflufs auf die gesamte staatliche Thätigkeit ausübt. Nicht in Parlamentsreformen, nicht in Erweiterung des Stimmrechtes ist das Heil zu suchen. Das Parlament wurde häufig genug in dieser Weise „reformiert", ohne dafs man viel Veränderung wahrnähme. Was not thut ist etwas thatsächliches, „ein herrschen- 1 Latter-Day Pamphlets S. 198. — 282 — der Souveraiu, 11111 den Vorsitz über das Parlament zu führen 1 ." Eine Reform der Exekutivgewalt ist notwendig. Aber eine solche Reform wird kaum vom Parlamente ausgehen, vielmehr wäre sie die Aufgabe eines Königs — „wenn wir eine solche unbezahlbare Wesenheit auftreiben könnten, was wir gerade jetzt am wenigsten können". Die Überzeugung, dafs das Parlament weder selbst die sociale Reform in die Hand nehmen, noch auch die politischen Vorbedingungen dazu schaffen könne, läfst Carlyle alle Rettung in dem Erscheinen eines starken und genialen Staatsmannes erblicken. Ein zweiter Cromwell thut uns not, hat er oft ausgesprochen, ein Mann mit eisernem Sinn. Auf Grund solcher und ähnlicher Worte hat man fälschlicherweise Carlyle den Vorwurf einer Vorliebe für den Despotismus gemacht: er gilt ihm gegenüber so wenig wie gegenüber den Positivisten, mit denen Carlyle sich hier nahe berührt, und wird widerlegt durch seine rücksichtslose Anerkennung der Demokratie der Zukunft. Ein solcher gottgesandter Staatsmann fände in England ein reiches Gebiet der Thätigkeit. Carlyle entwirft ein ganzes Programm für ihn. Er würde zunächst die Verfassung wieder in das richtige Gleichgewicht setzen, indem er der Exekutive wieder gegenüber dem Parlament Selbständigkeit verliehe. Wenn Mill aufstellt, dafs das englische Volk seine Kolonien nicht selber regieren, sondern ihnen vielmehr „gute Regenten geben solle", wenn er in der Abhängigkeit der kolonialen Regierung vom Parlament eine grofse Gefahr für die Kolonien erblickt, so stimmt hiermit Carlyle völlig überein. Aber er geht weiter als Mill, indem er auch für den Heimatstaat gleiches behauptet. Das parlamentarische Regiment, welches darin besteht, dafs die Minister ja überhaupt die höheren 1 Latter Day Pamphlets S. 281. 283 Beamten einen Ausschufs der jeweiligen Parlainentsmehrheit darstellen, ist zu beseitigen. Die Krone, d.h. nach Carlyle nichts anderes als der leitende Staatsmann, soll wieder die Minister nach freier Wahl und ohne Rücksicht auf das Parlament ernennen 1 . „Ist es nicht gerade das Wesen der ganzen Wahrheit, die im Worte Demokratie liegt, dafs der tüchtigste Mann auserwählt werde, in welchem Range er sich auch befinde?" Auf diesem Wege allein glaubt Carlyle, könne England einen tüchtigen und sachlich interessierten Beamtenstand erhalten. Das Parlament würde neben einer solchen Verwaltung thatsächlich eine nützlichere und bedeutendere Rolle spielen als heute. Man sieht, durchaus unverständlicherweise ist Carlyle absolutistischer Neigungen beschuldigt worden. Die Hauptthätigkeit des erwarteten Staatsmannes aber würde sich auf dem Gebiete der inneren Gesetzgebung und Verwaltung entfalten. Er würde zuerst die Kornzölle abschaffen. Denn in ihnen sah Carlyle — den heimischen Verhältnissen entsprechend — eine höchst gefährliche Begünstigung einer politisch einflufsreichen Gesellschaftsklasse. In ihrer Abschaffung hat er ein Hauptverdienst Sir Robert Peels erblickt. Hierdurch würde nach Carlyles Meinung Zeit zu weiteren Reformen erst gewonnen werden, während ein Fortbestehen der Kornzölle — wie er fürchtete — die Revolution in nächste Nähe gerückt hätte. Notwendig ist alsdann in erster Linie das Eingreifen des Staates zur Regelung des Arbeitsverhältnisses durch eine ausgedehnte Fabrikgesetzgebung. Carlyle geht auf die Einzelheiten der zu treffenden Mafsnahmen nicht ein, da er hierzu sich nicht für berufen hält. „Ich weifs und sehe nur, was 1 Carlyle beschreibt damit den Zustand, wie er vor Wilkes und Pitt in England bestand. — 284 alle Menschen anfangen zu sehen, nämlich dafs eine gesetzliche Intervention oder vielmehr sehr viele gesetzliche Interventionen unumgänglich notwendig sind, dafs dieses Bereich der Dinge nicht als eine gesetzlose Anarchie sich selbst überlassen bleiben kann." Auch dringt er darauf, dafs die hier einschlagenden Verhältnisse nicht in Dunkel gehüllt bleiben, sondern vielmehr für alle Welt offenkundig gemacht werden. Er hält daher das Institut der Fabrikinspektoren für sehr nützlich und empfiehlt Vermehrung derselben. Sodann befürwortet Carlyle eine staatliche Beaufsichtigung der sanitären Verhältnisse der arbeitenden Klassen; hätten doch im alten Rom bereits die Aedilen ihres Amts in dieser Hinsicht gewaltet. So wäre z. B. ein Gesetz über Minimalanforderungen an Wohnungen, die zu menschlichem Gebrauch dienen sollten, zu erlassen. Es tauchen ferner natürlich auch bei Carlyle diejenigen Vorschläge auf, für die in England sich das Herz jedes Menschenfreundes erwärmt: die Parkanlagen innerhalb der Grol'sstadt, verbunden mit Spielplätzen zum Zweck der nationalen Spiele, ferner Volksbäder u. s. w. Carlyle enthält sich auch hier eines Eingehens auf Einzelheiten. Das Interesse des Kapitals dürfe jedoch nicht allein den Ausschlag geben. Eine Industrie, welche sich nur auf Kosten der Gesundheit ihrer Arbeiter erhalten könne, sei eben nicht lebensfähig und darum nicht zu schützen. Vielmehr ist eine aus moralischen und hygienischen Gesichtspunkten sich ergebende Grenzlinie zu ziehen, welche der Staat als Minimum der Lebenshaltung seiner Angehörigen aufstellt, und welche allen Schwankungen der Nachfrage und des Angebotes gegenüber absolut sein soll 1 . 1 Wir werden unten, Kap. IX, sehen, wie heute die öftentliehe Meinung eine solche Grenzlinie erzwingt. Sehr eigentümlich sind die Ansichten Carlyles beziehentlich der Pflichten, welche dem Staate hinsichtlich der nationalen Erziehung obliegen. Selbstverständlich ist zunächst, dai's er die Einführung der allgemeinen Schulpflicht fordert, damit der Staat auch hier ein Minimum, welches er an Bildung von allen seinen Angehörigen verlangen soll, zwangsweise durchsetze. Insbesondere die Erweiterung des politischen Wahlrechts verlangt eine mit ihr fortschreitende Verallgemeinerung wenigstens der elementarsten Kenntnisse des Schreibens und Lesens, welche damals in England durchaus noch nicht allgemein zu finden waren. Carlyle verfehlt nicht, seinem Heimatstaate auf diesem Gebiete den preufsisehen Staat als Muster hinzustellen. Wenn die soeben bezeichneten Forderungen nichts aufseigewöhnliches haben, so geht Carlyle weiter und stellt aus volkspädagogischen Gründen ein Verlangen auf, welches auch heute noch seinen Landsleuten nichts weniger als genehm sein dürfte. Carlyle geht von der Notwendigkeit aus, dafs die Erziehung heute auch eine körperliche sein müsse, um den Menschen nicht nur intellektuell, sondern auch physisch den gesteigerten Anforderungen des Lebens gegenüber widerstandsfähig zu machen, um so mehr, da körperliche Energie zugleich geistige und sittliche hervorzubringen pflege, wogegen die bisherige Erziehung mit ihrem „vokalen Charakter" den jungen Menschen zwar reden, aber nicht thun lehre. Er erkennt in dieser Hinsicht die Bedeutung des nationalen Sports, welchen die Engländer so hoch stellen, durchaus an, aber er verlangt mehr. Unter Verweisung auf Goethes „pädagogische Provinz" in den Wanderjahren, welche trotz ihrer sonderbaren Darstellung hohe Weisheit enthalte, betont er die Bedeutung gemeinschaftlicher und wohldisciplinierter Bewegung für die Er- — 286 — ziehung, die sittliche sowohl als die körperliche, welche um so höher in ihrer Wirksamkeit anzuschlagen sei, als sie der Natur des jungen Menschen gemäfs und ihm um deswillen Vergnügen sei. „Ich glaube", sagt Carlyle, „die roheste Bande von jungem Strafsengesindel, welches sich am Pfingst- sonntag millionenfach aus London ergiefst und in ihrem Vergnügen von Trunk und Ausschweifung abhängt, würde sich auf einmal in etwas menschliches verwandeln, wenn man sie zu irgend einer gemeinsamen und äufserlich regulierten Thä- tigkeit bringen könnte." Das Gebiet der Utopie verlassend, fragt Carlyle, auf welchem Wege diese Vorzüge, welche von der körperlichen Disciplin für die Volkserziehung zu erwarten sind, zu verwirklichen wären. Seine Antwort darauf lautet: durch Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, so dafs die Erziehung in dem Dienst mit der Waffe ihren naturgemäfsen Abschlufs fände 1 . Endlich verlangt Carlyle eine staatliche Regelung der Auswanderung. Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir ihn für den ersten halten, der „eine freie Brücke nach Amerika" verlangt hat — eine Forderung, die seitdem zum volkstümlichen Schlagwort geworden ist 2 . „Auf diese Weise", sagt Carlyle, „ständen wir mit Amerika selbst gleich, jenem begünstigsten Lande, das keine Regierung braucht, und wir hätten aufserdem noch so viele Sagen und Erinnerungen von unschätzbaren Dingen, die Amerika weggeworfen hat. Wir könnten ruhig und besonnen anfangen, die „Arbeit zu organisieren", ohne dafs wir verurteilt wären, unterzugehen, wenn wir es nicht binnen Jahr und Tag bewirken." Denn 1 Vergl. Miscellaneous Essays VI, S. 381 ff. 2 Vergl. z. B. Baernreither, Die englischen Arbeiterverbände S. 49. Tübingen 1886 und die dort angeführten Worte eines Trades-Unionisten. — 287 - jeder Arbeiter, welchem die „Organisation der Arbeit" in der Heimat noch nicht genügend fortgeschritten wäre, fände eine Brücke, die für ihn bereit wäre, sodafs er nicht ein roher, der physischen Kraft huldigender Chartist zu werden brauchte. Für Carlyle war die Übervölkerung kein Schreckgespenst, vielmehr ein Zeichen der im Volksleben vorhandenen Kraft, ein Überschufs an Kraft, welche, wenn nicht nach aufsen abgelenkt, allerdings nach innen schädlich werden kann. Die Idee eines die Welt umspannenden „Greater Britain", für welches London, wie Mykale einst das Panionion, das „ AI 1- Saxonhome", die „Allsachsenheimat" sein werde, übte auf Carlyle eine gleiche Wirkung wie auf die patriotische Phantasie der meisten Engländer, ja dürfte auf Carlyle zum guten Teil zurückgehen, da dieser die nationale Zusammengehörigkeit aller englisch redenden Völker, jener „Kinder des Harzfelsens", wie er sie nannte, als der erste betont hat. Das schwierigste aber und zugleich wichtigste Problem für den staatlichen Eingriff bildet der Pauperismus. Derselbe ist nicht mit anderen Schäden, an welchen wir leiden, als gleichgeordnet zu erachten; er ist vielmehr der Punkt, in dem sämtliche Fehler unseres socialen Systems zur Erscheinung kommen. Hätten diejenigen, welche zur äufseren und inneren Führung des Volkes berufen sind, thatsächlich geführt, so gäbe es keinen Pauperismus. Nun aber jene das nicht gethan haben, vielmehr von Selbstsucht beherrscht, nur den Platz der Führer inne haben, ohne deren Funktionen zu verrichten, so fallen alle die, welche am wenigsten fähig sind, sich seiher zu führen, jene „geborenen Sklaven, die keinen Herrn mehr finden können" dem Elend anheim. Diese Erscheinung breitet sich aus, je mehr die ererbten socialen Bande schwinden, bis endlich ein Ergebnis erreicht ist, in dem sich das individualistische Gesellschaftssystem selber 288 - lichtet und vor der Alternative: Reform oder Auflösung steht. In Irland habe die menschliche Gesellschaft zu existieren nahezu aufgehört. „Wenn Hülfe und Führung hier nicht gewährt wird, wenn das Ding, das man Regierung nennt, nur auf- und abschwankt auf den Wogen der Volksgunst, wie der Leichnam eines ertrunkenen Esels, der sich auch in konstitutioneller Weise auf der Höhe der Wogen befindet, dann wird sich die Empörung des Volkes ansammeln und schrecklich herabkommen und besagten Leichnam in den Schlamm der Tiefe hinunter schmettern 1 ." Welche Mafsregeln aber hat nach Carlyle der Staat dem Pauperismus gegenüber zu ergreifen? Wahre Hülfe ist nur von einer innerlichen Veränderung zu erwarten, von einem Neuaufblühen socialer Organisationen an Stelle individualistischer Isoliertheit. Ein besonderes Gebiet jedoch, auf dem der Staat selbständig vorgehen könnte und sollte, ist nach Carlyle, der auch hierin der öffentlichen Meinung seines Volkes vorangegangen ist, die Landfrage. Wir haben oben gesehen, wie ihm die Sportländereien der englischen und irischen Grofsen ein Dorn im Auge waren. Er glaubte, dafs die Zukunft das Land seiner natürlichen Bestimmung zurückgeben müsse. „Die .lagdsaisons", sagt er, „werden gut sein, sie werden schlecht sein und zuletzt werden sie gar nicht mehr sein." Solche Wünsche wurden für Carlyle wie für unzählige seiner Landsleute, insbesondere durch den Anblick eines hungernden Proletariats angeregt und staatlicher Eingriff schien um so gerechtfertigter, als nach allgemeiner, auf die Rechtsgeschichte gegründeten Überzeugung der Grund und 1 Latter-Day Pamphlets S. 44. — 289 - Boden nicht ebenso im freien Eigentum des einzelnen steht als die fahrende Habe. Auf solche Erwägungen baut Carlyle den Plan, nach dem alle diejenigen, welche keine Arbeit finden können, zu sogenannten „industrial regiments" zusammengefafst und mit ihnen die Kultivierung jener Ödländereien in die Hand genommen werden sollte. Für alle Arbeitsfähigen sollten sie jede weitere Armenunterstützung schlechthin ausschliefsen 1 . Noch ein Wort über Carlyles Stellung zu Deutschland: Carlyle legte der Einigung Deutschlands eine Bedeutung bei, mit der er nur das Ereignis der Zeitgeschichte zu vergleichen wufste, in welche der Tag seiner Geburt noch hineingefallen war. Damals hatte die französische Devolution Europa durchzittert; die Geschichte war seitdem „eine Periode der Revolution" gewesen. Nun war ein Ereignis wieder eingetreten, welches den Sieg einer positiven Macht bedeutete. „Dafs das edle, duldsame, fromme und feste Deutschland endlich zu einer Nation zusammengeschmolzen ist und die Vorherrschaft des Kontinentes angetreten hat, — — das scheint mir die hoffnungsvollste öffentliche Thatsache, die sich in meiner Lebenszeit ereignet hat" 2 . Nicht als ob Carlyle Deutschland von der allgemeinen Entwicklung ausgenommen geglaubt hätte. Die sociale Frage, die sich bereits früher für England erhoben hatte, klopfte damals auch an seine Thür. Dieselben Probleme, dieselben Kämpfe standen ihm bevor. Aber noch waren in Deutschland- Preufsen geschichtliche Mächte aus früherer Zeit überkommen, welche — ihrerseits zwar gewifs auch vergänglich — noch auf lange hinaus imstande schienen, den Bestand der Gesell- 1 Vergl. z. B. Social Arrows by Lord Barbazon, London 1887, S. 184 über Notwendigkeit staatlich geleiteter Kolonisation. 2 Letter to tlie Times, 11 Nov. 1870. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 19 schaft äufserlich zu sichern. Indem Deutschland „den Vorsitz in Europa" angetreten habe, meinte Carlyle, sei für Europa eine weitere Frist von mehreren Jahrhunderten gestellt zu dem Versuche, die in ihm vorhandenen Keime des socialen Neuaufbaues zu entwickeln. Dieser Versuch freilich dürfte nur dann gelingen, wenn der Entwicklung, die in friedlichen Bahnen zu halten man stark genug ist, freie und ungehinderte Entfaltung gewährt wird. Zweites Bucli. Die socialen Richtungen der Gegenwart. „It may be said, that the inferior efficacy of public and social feelings, is not inevitable — is the result of imperfect education." John Stuart Mill. Chapters on Socialisra. Fortniglitly Review Apr. 1879, S. 516. (Drittes und viertes Kapitel.) 19* Drittes Kapitel. Die Genossenschaftsbewegung 1 . Vorbemerkung. Die Litteratur bezüglich der christliehen Soeialisten findet sich bei Brentano angegeben. Für die Geschichte der Genossenschaftsbewegimg kommt ferner in Betracht The life of Robert Owen, London 18-58, und in Ermangelung eines besseren Buches Holyoake, History of Cooperation. London 1875. Der heutige Stand der Bewegung ist aus folgenden Veröffentlichungen zu entnehmen: „Annual" der Genossenschaftskongressc. The Cooperative Wholesale Societies Limited Annual. A. H. Dyke Acland and Benjamin Jones. Cassel Cie. 1884. Working Men Cooperators. Von Wichtigkeit ist ferner die sehr reiche Pamphletenlitteratur, welche von dem Central Cooperative Board (Manchester, City Buildings, Corporationstreet) herausgegeben ist. Wir führen nur eine beschränkte Zahl von Titeln dieser Veröffentlichungen an, welche durch den genannten Central Cooperative Board vermehrt werden kann: Christianity in Common Life. By E. W. Co-operation a Cure for Poverty. 1 An dieser Stelle möchte ich dem Führer der Genossenschaftsbewegung E. Vansittart Neale meinen herzlichen Dank für die Güte aussprechen, mit welcher er mich sowohl in die Gedankenwelt der Bewegung eingeführt, als auf die thatsächliehen Angaben hin die Korrekturbogen geprüft hat. — 294 — Co-operation an Economic Element in Society. By Dr. J. Watts. Co-operation v. Joint stockism. By E. Y. Neale. Co-operative Share Capital — Transferable or Withdrawable. By W. Nuttall. Experiences as Co-operators. By Nelson Booth. How Bob became a Co-operator. By Nelson Booth. How can a Man become his own Landlord? How to Take a Town (Co-operatively) by Storni. By J. Smith. Live and Let Live: The Shopkeeper and the Co-operator. By E. W. Logic of Co-operation. By G. J. Holyoake. Our Shopman. By K. B. Walker. Keligion of Co-operation. By E. V. Neale. Self-Help and Help to our Neighbour. Sham Co-operation. By E. W. Some of the Weaknesses of Co-operation. By J. Smith. The Central Board; its History, Constitution, and Use. By E. Y. Neale. The Co-operator and the Shopkeeper Again. By E. W. The Economics of Co-operation. By E. V. Neale. The Educational Department of the Kochdale Pioneers' Society Limited; its Origin and Development. By A. Greenwood. The Principle of Unity. By E. V. Neale. The Policy of Commercial Co-operation. By G. J. Holyoake. The Second Great Step — Co-operative Beneficence. By J. Holmes. The Working Man: A Problem. By Dr. J. Watts. True Refinement. By E. Y. Neale. Unbelievers in Co-operation and How to Win Them. By W. T. Carter. Village Co-operative Stores. By W. Morrison. What is Co-operation? By E. Y. N. What Co-operation can do for the Labourer. What's the Good of It? By H. P. Why the Rieh Interest themselves in Co-operation, and How they can Promote it. By E. V. Neale. Who is my Neighbour? By E. W. Working Together and Helping One Another. Co-operation: Its Position, its Policy, and its Prospects. By Lloyd Jones. Cottage Purchasing. By A. Scotton. Five Reasons Why I am a Co-operator. By E. V. Neale. History and Objects of Co-operation. By Thomas Hughes, Q. C. Inaugural Address — Glasgow Congress, 1876. By the late Professor Hodgson, LL.D. — 295 — Land, Labour, and Machinery. Compiled by E. V. Neale. Leelaire: — „A Real Saviour of Society". By W. H. Hall. Tbe Co-operative Wholesale Society: What Is It? I. Der christliche Socialisinus, Owen. Unter den Männern antiindividualistischer Richtung, welche das neunzehnte Jahrhundert in England hervorgebracht hat, ist Carlyle zweifelsohne der mächtigste und ursprünglichste Geist. Er hat zwar keine Schule gebildet, auch nicht unmittelbar auf das Leben eingewirkt. Dagegen hat er alle jene Bewegungen, welche im Gegensatz zu dem Individualismus der vorhergehenden Jahrzehnte die socialen Verhältnisse ihrer Zeit umzugestalten sich bemühten, auf das tiefgehendste beeinflufst. Gerade darin zeigt sich seine centrale Stellung, dafs diese Bewegungen durchaus verschiedenartig, ja einander entgegengesetzt sind, aber für den, der die Carlyleschen Grundgedanken übersieht, durch ein gemeinsames Band verknüpft werden. Einmal waren es solche, welche aus der bestehenden Gesellschaft heraus die Reform herbeiführen wollten, Richtungen also, die einen konservativen Charakter an sich tragen; ihnen gegenüber erhoben sich andere, für welche die Verneinung der heutigen Zustände in erster Linie steht, und die man daher als radikal bezeichnen kann. Den ersteren zuzuzählen ist der christliche Socialisinus, welcher in der heutigen Genossenschaftsbewegung fortlebt, und die sogenannte „Universitätsbewegung", den letzteren die Positivisten, die modernen Socialisten etc. Die christlich sociale Bewegung ist von Brentano (Leipzig 1883, Duncker & Humblot) in eingehender Weise geschil- — 296 — dert worden. Indem ich auf diese Schrift ausdrücklich Bezug nehme, werde ich mich, um Wiederholungen zu vermeiden, über den ersten Teil der Genossenschaftsbewegung kurz fassen. Das dort Gesagte aber genügt, zu zeigen, wie aufseiv ordentlich nahe der Gedankeninhalt der Bewegung mit Car- lyle verwandt ist. Hervorheben möchte ich allein die Bedeutung eines Mannes, den auch Brentano an die Spitze der genannten Schrift stellt, und der in der That als der geistige Yater der ganzen Bewegung zu bezeichnen ist: Frederic DenisonMaurice 1 . Brentano charakterisiert ihn auf Grund persönlicher Bekanntschaft in folgender Weise: „Maurice wurde nicht nur in seiner Weltanschauung durch die christliche Lehre bestimmt, es war ihm unmöglich über irgendwelche Erscheinung der Natur oder der Gesellschaft anders als von den Gesichtspunkten des Christentums aus zu denken oder mit Menschen in irgend eine Berührung zu treten, bei der nicht in der Einfachheit und Milde, die mit seinem Ernste gepaart waren, in seiner liebevollen Teilnahme bei Abwesenheit jeder Spur von Anmafsung oder Selbstsucht das in sein Fleisch und Blut übergegangene Christentum zum Ausdruck gelangt wäre. Ein solcher Mann war offenbar durch sein ganzes Wesen vorherbestimmt, den Einflufs eines Apostels zu üben. Um ihn scharte sich, von ihm geistig angeregt und sittlich gehoben, eine Anzahl glänzend begabter junger Männer, die mit rücksichtsloser Aufopferungsfreudigkeit den grofsen, von ihrem Meister gesteckten Zielen sich hingaben." In der That erkennen diese Männer, soweit sie unter den Lebenden sind, noch heute Maurice als ihren Meister an: Ludlow, Thomas Hughes und Vansittart Neale. Der aus ihrer Mitte zu früh entrissene Charles Kingsley hat das Gleiche in seinen nunmehr 1 Vergl. Life of F. D. Maurice by F. Maurice. 1884 u. 1885. — 297 — auch deutsch veröffentlichten Briefen unumwunden ausgesprochen; er wendete sich in schwierigen Fragen des Lehens wiederholt an Maurice als seinen geistigen Führer um Rat und Stütze. John Frederic Denison Maurice wurde am 29. August 1805 zu Nonnanstone geboren. Ähnlich wie Carlyle entstammte auch er einer jener Familien, welche die englische Kirche einst, nachdem sie der staatlichen Autorität unterworfen worden, verlassen hatten. Diese Richtung nannte man „Preshyterianer"; in ihr lebte der religiöse Geist der Puritaner fort, verbunden mit weit gröfserer dogmatischer Freiheit als es in der Staatskirche damals möglich gewesen wäre. Die Gesinnungsweise des Vaters unseres Maurice bezeichnen folgende Thatsachen. In seiner Jugend hatte er eine bedeutende Erbschaft ausgeschlagen, welche ihm unter der Bedingung des Glaubenswechsels zugefallen war. Dagegen liefs er hei seinen Mitmenschen jede Art der Überzeugung gelten; jeder, so meinte er, sollte das glauben, wozu ihn eine gewissenhafte Überzeugung führe. „Toleranz!" sagte er, „ich hasse das Wort", und zwar deshalb, weil dieser Ausdruck bereits einen Mangel an Ehrerbietung vor der Überzeugung des Nächsten und ein Gefühl der eigenen Überlegenheit in sich schliefse. Frederic Maurice verdankt dieser Abstammung zweierlei, einmal jene christliche Weltanschauung, welche sein ganzes Leben hindurch die Grundlage seines Denkens und Handelns geblieben ist. Haben doch seine Schriften zum gröfsten Teil keinen anderen Zweck, als die Übereinstimmung der wissenschaftlichen Forschung der Neuzeit mit den Lohren der Orthodoxie darzuthun. Zugleich aber stand ihm fest und war für ihn die wichtigste Überzeugung, dafs auch die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft in Übereinstimmung mit den Vorschriften der Bibel aufgebaut werden müfsten. Diese — 298 — nun verlangt Liebe, Überwindung der Selbstsucht, Leben für andere. Wenn in den Beziehungen der Menschen daher wie heute die Motive der Selbstsucht überhandnehmen und die christlichen zurücktreten, so werden für Maurice die Gesetze des menschlichen Daseins mifsachtet, was, wenn fortgesetzt, notwendig zum Untergange der Gesellschaft führen mufs. Zum andern verdankt Maurice seiner Abstammung aus einer Dissenterfamilie eine Freisinnigkeit gegenüber den Verschiedenheiten der dogmatischen Überzeugung, wie sie damals in den Kreisen der Hochkirche selten war. Er, wie seine Anhänger, beurteilten das Christentum nicht nach der Lehrmeinung, ja sie haben während ihres ganzen Wirkens sogar den Grundsatz festgehalten, diejenigen, welche nicht Christen seien, niemals wegen ihres Unglaubens anzugreifen oder zu schmähen. Obgleich selbst auf durchaus orthodoxem Standpunkte stehend, hielten sie doch für das wichtigste am Christentum jene Gesinnung, welche die Welt überwindet. Zugleich war diese Weltüberwindung für sie, als echte Protestanten keine asketische, vielmehr eine Unterwerfung der Welt unter Gottes Willen. Die christlichen Socialisten waren daher Gegner der unten zu erwähnenden katholisierenden Richtung. Seinen Standpunkt beleuchtet ein Brief des fünfundzwanzigjährigen Maurice an seine Schwester Priscilla, der an die Mystiker anklingt. „Der Tod Christi", heilst es in demselben, „ist der thatsächliche und buchstäbliche Tod von dir und mir und des ganzen menschlichen Geschlechts, die Auslöschung unserer Selbstsucht und Individualität. — — Die Meinung, dafs wir ein Selbst haben, ist eine Lüge des Teufels. Wenn er uns dies zu glauben bestimmt hat und so zu handeln, als wenn wir ein Leben aufser Christo hätten, dann verspottet er uns, indem er zeigt, dafs dieses Leben gerade der Tod ist. Glauben wir denn, was keine Lüge, sondern Wahrheit — 299 — ist, dafs wir gestorben sind, ganz vollständig, und dafs wir auferstanden sind und jeder ein Leben bat, unser einziges Leben nicht in dir oder mir, sondern ein gemeinsames Leben in Ihm. Er wird uns dann die Liebe zu Gott und den Mitmenschen erfahren lassen." In der That, wie bei Carlyle war auch bei Maurice die antiindividualistische Grundanschauung der Mittelpunkt seines Denkens. Sein Standpunkt ist dar Carlyles mit orthodoxer Färbung. Schon mit einundzwanzig Jahren bekämpfte Maurice als Student die Bentkamscke Nützlichkeitslehre in einer von ihm und einigen Kommilitonen herausgegebenen, kurzlebigen Zeitschrift. Bald darauf verteidigte er seine Anschauungen gegen den damals noch durchaus unter seines Vaters und Benthanis Einflufse stehenden John Stuart Mill. Die jugendlichen Mitarbeiter der „Westminster Review", zu denen Mill wie Maurice gehörten, kamen damals in einer Debattiergesellschaft zusammen; zwischen den Torys und Benthamisten schob sich, wie Mill berichtet, Maurice als dritte Partei ein — antiutilitarisch, antimaterialistisch, weil, auf den Boden des Christentums fufsend, andererseits doch die bestehende Gesellschaft verdammend und gerade von seinem christlichen Standpunkt aus radikaler Neuerer. Mill schlug, wie seine Selbstbiographie zeigt, die geistige Bedeutung des Maurice und den von diesem auf sich geübten Einflufs hoch an, während Maurice durch diese Debatten volkswirtschaftlichen und socialen Interessen zugeführt, möglicherweise bereits damals auf das Genossenschaftswesen aufmerksam gemacht wurde. War doch der genannte Verein ursprünglich von Anhängern Bobert Owens gegründet, jenes frühen So- cialisten, welcher zuerst in die englischen Arbeitermassen den Genossenschaftsgedanken geworfen hatte. Dennoch geht man nicht irre, wenn man annimmt, dafs ihn mehr noch als jener Umgang die Thatsachen, welche ihm die Zeitgeschichte vor Augen stellte, zum Nachdenken über die Lage der arbeitenden Klassen veranlafsten. Das ungeheure Ereignis der französischen Revolution war damals noch frisch in aller Menschen Gedächtnis und auf Maurice wie auf Carlyle von gröfstem Einflufs. Auch in England schienen sich ähnliche Dinge vorzubereiten. Die Lage der arbeitenden Klassen war in der That eine verzweiflungsvolle. „Ich kann nicht umhin zu denken", schreibt an Maurice seine Mutter 1830, „dafs diese Aufstände des Volkes, diese nächtlichen Brandstiftungen notwendig sind, um uns zu einem Gefühl der schrecklichen Sünde zu erwecken, dafs wir viele Jahre lang arme Arbeiter um einen Lohn, der nicht ausreicht, Kartoffeln zu kaufen, zu harter Arbeit gezwungen haben. — Obgleich die Kation an vielen schreienden und schrecklichen Sünden leidet, so ist doch zur Zeit die augenfälligste die, dafs dem Arbeiter sein Lohn vorenthalten wird." In der That schien die Lage immer gefahrvoller zu werden, nachdem eine socialrevolutionäre Partei aufgetreten war. Diese Verhältnisse führten Maurice zu einer ähnlichen Kritik der bestehenden Gesellschaft, wie sie Carlyle in jenen Tagen aussprach. Beide besafsen den gleichen Ausgangspunkt, eine antiindividualistische Grundanschauung. Die Menscheit ist nach Maurice heute vom Christentum abgefallen, indem sie die christlichen Lehren zwar Sonntags in den Kirchen, nicht aber des Werktags im Leben bekennt. An die Stelle der Selbstüberwindung ist die Selbstsucht' getreten, welche unsere Zeit zum Piinzip der Gesellschaft erklärt hat. Diese Lehre ist falsch. Der allgemeine Wettbewerb führt nicht, wie man glaubt, zum Fortschritt, sondern zur Auflösung. „Augenblicklich", schreibt Maurice in einem — 301 — Briefe 1 an Mrs. Rieh, „rühmt sich die Konkurrenz, der einzige beherrschende Beweggrund der menschlichen Wesen zu sein. Die Vernunft erklärt, die schmerzlichste Erfahrung beweist jedoch, dafs wo jene herrscht, sie die Gesellschaft zerstört und jeden einzelnen feindlich gegen seinen Nachbar kehrt. Gut ist derjenige Arbeitgeber, welcher dem Princip der Konkurrenz am wenigsten Einflufs in die Bestimmung seines Verhältnisses zu den Arbeitern gewährt." Besserung ist daher nur dann zu erwarten, wenn die Grundsätze des Christentums wieder anerkannt werden, wenn die Menschen, statt sich gegenseitig zu bekämpfen, wieder anfangen, sich zu helfen und einander als Brüder zu fördern. „Unsere Interessen sind gemeinsam und jeder voll Pflichten gegen den anderen", dies war der Grundsatz, welchen die christlichen Socialisten dem der Konkurrenz entgegenstellten. So sind die Lehren des Socialismus, wie ihn Maurice lehrte, nichts anderes als die der Bibel: eine Kriegserklärung gegen die unchristliche Auffassung der menschlichen Gesellschaft, wie sie heute von den Weisen verkündet und von den Mächtigen geübt wird 3 . Gedanken dieser Art brachte Maurice in den Predigten zum Ausdruck, durch die er seit 1846 als Kaplan von Lincolns Inn zu London viele der jungen Juristen der Korporation tiefgehend beeinflufste. Thomas Hughes, damals Mitglied derselben, erzählt, wie die Kirche erst leer gewesen sei, 1 Abgedruckt in dem interessanten Buche Richard Cobden par Mme. S. Schwabe. Paris 1879. 2 Heute verknüpft sich die Vorstellung von Staatseinmischung mit dem Wort Socialismus. Dies war nicht der Fall, als das Wort aufkam: man verstand damals darunter den Versuch, das Wirtschaftsleben auf I Grundlage der Association statt der individualistischen Konkurrenz zu • gestalten. Nach der heute angenommenen Terminologie wäre der Stand- j punkt des Maurice daher nicht socialistiscli; er will Einschränkung des 1 Systems der Konkurrenz durch sociale Motive, nicht staatlichen Eingriff. dann die Bänke der Studenten und der Fremden, später * auch die der Rechtsanwälte sich zu füllen begannen. „Was immer für einen Gang diese Predigten nahmen", schreibt Hughes aus etwas späterer Zeit, „so waren die Hörer sicher, dafs dieselben sie in irgend einer Weise auf das Jahr der Gnade 1853 und die Kämpfe ihres inneren Lebens bringen und zugleich Licht auf diese Kämpfe und dieses Leben werfen würden." In jener Zeit nun war es, dafs durch diese Predigten angeregt, die Schar jüngerer Männer sich um Maurice sammelte, welche den Namen christlicher Socialisten annahmen. Sie wollten damit bezeichnen, dafs sie nicht Christen und Socialisten seien, sondern dafs sie als Christen notwendig sich zum Socialismus zu bekennen hätten, welcher seinerseits hohl und aussichtslos ohne christliche Grundlage sei. Socialismus bedeutete ihnen das Verwerfen der auf einem individualistischen Gesellschaftssystem beruhenden Konkurrenz und das Verlangen nach einer Gesellschaft, in der der eine nicht mehr mit dem andern konkurriert, sondern als Christ dem Christen hilft und mit ihm gemeinschaftlich die zu verbrauchenden Güter hervorbringt und verteilt. Die bedeutendsten unter den christlichen Socialisten waren: John Malcolm Ludlow, Charles Kingsley, Thomas Hughes, Vansittart Neale, von denen jeder einzelne auf die sociale Entwicklung seiner Heimat von Einflufs geworden ist. Von Ludlow gingen die praktischen Anregungen aus, welche die christlichen Socialisten zur Beförderung des Genossenschaftswesens veranlafsten. In Paris hatte Ludlow während der Februarrevolution 1848 die unter dem Einflüsse Louis Blancs gemachten socialistischen Versuche gesehen; ihr Scheitern schrieb er dem Abhandensein der christlichen Grundlage zu, ohne welche die allen solchen Versuchen entgegenstehende menschliche Selbstsucht nicht zu überwinden sei. Ludlow vertrat die — 303 — volkswirtschaftliche Seite der Bewegung, welche Maurice ihren sittlich religiösen Gedankeninhalt dankte. Später, seit 1875, hat Ludlow sich als Vorsteher des Registrieramtes der Hülfs- kassen die gröfsten Verdienste um die Entwicklung des gesamten Vereinswesens der englischen Arbeiter erworben, in welcher Stellung er heute noch des Vertrauens und der Zuneigung des Arbeiterstandes sich erfreut. Von allen christlichen Socialisten hat Kingsley, wenn auch nicht den bestimmenden, so doch unstreitig den weitreichendsten Einflufs auf die Bewegung gehabt. Von Maurice abhängig und von Carlyle stark beeinflufst, war seine Begabung insofern von der jener verschieden, als seine Worte unmittelbar auf die Massen einwirkten. Er that dies in Romanen und Flugschriften, welche letztere er zum Teil unter dem Namen des „Parson Lot" herausgab. Ganz von der christlichen Lebensanschauung durchdrungen, will er nicht durch Beweisgründe, sondern durch Handlungen die Wahrheit des Christentums dargelegt wissen; nur dadurch könnten die Massen zum Glauben zurückgeführt werden. Sein Lebensziel war, wie er in Carlyleschen Worten es ausspricht: „nicht die laute, theoretische Lobpreisung einer Kirche, sondern die stille, praktische Verwirklichung der Kirche." Es war kein kleines zu einer Zeit, da der Klassengegensatz noch in aller Schärfe bestand, da man in den Chartisten den Auswurf der Gesellschaft erblickte, den oberen Klassen, insbesondere den Geistlichen zuzurufen, dafs an ihnen die Schuld läge, die sie jenen beimäfsen, dafs jene ungläubig seien, weil man die Bibel mifsbraucht hätte, „als Leitfaden für Polizeidiener, eine Dosis Opium für Lasttiere, während sie überladen werden, ein Buch, lediglich um die Armen in Ordnung zu halten". Kingsley wurde selber als Revolutionär gebrandmarkt und doch haben wenige mehr wie er für die Wiederherstellung des socialen Friedens gethan, indem er die Bibel für das, was sie einst gewesen, das Buch, die „Charte" des Armen erklärte, das „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" verkünde und zugleich den Weg zu diesen G ütern bezeichne. Kingsley war der erste, dem es gelang, das Mifstrauen der Arbeiter gegen jeden, der einen besseren Rock anhatte, zu überwinden. Als er — einer der edelsten des Jahrhunderts — 1875 seinem Meister Maurice in das Grab folgte, war der Umschwung erfolgt, und er, der seiner Zeit von der Times als Kommunist verschrieen wurde, sah an seinem Lebensabend hunderte junger Leute seinen Fufs- stapfen folgen. Wenn es aber damals keine Socialrevolutio- näre mehr gab, so war dies ihm nicht zum mindesten zu verdanken, der zuerst, statt jene zu verabscheuen und zu verachten, sich ihnen genähert und sie zu verstehen sich bemüht, ja sich mit ihnen befreundet hatte; kämpften jene doch nicht für sich, sondern, Tod und Einkerkerung nicht fürchtend, für eine Idee, und konnten daher nicht schlechter sein als viele ihrer um den Besitz besorgten Gegner. Aufser Ludlow und Kingsley seien Thomas Hughes und E. Vansittart Neale, zwei junge Juristen, genannt; beide stehen noch jetzt der Genossenschaftsbewegung nahe; der greise Neale darf heute noch als ihr Führer gelten. Ihre juristischen Kenntnisse, welche sie der Sache zur Verfügung stellten, sind für die Genossenschaften von hohem Wert gewesen; Neale wurde geradezu von ihnen als „unser Anwalt" bezeichnet. Diese Männer mit einer Anzahl gleichgesinnter, „ein Bund von Freunden", wie Mill sie bezeichnet, „hauptsächlich Geistlichen und Advokaten, deren edeln Bemühungen nicht genug Lob gespendet werden kann", griffen den unter den Arbeitern damals verbreiteten Genossenschaftsgedanken auf. In diesem nämlich schien ihnen die Wahrheit sich verwirklichen zu können, dafs die Menschen, statt sich zu — 305 — bekämpfen, sich gegenseitig unter Anerkennung der gemeinsamen Zwecke zu fördern hätten, was der englische Ausdruck „Cooperation" in treffender Weise bezeichnet. Nur ein erster Schritt schien ihnen die verteilende, hauptsächlich dachten sie an die erzeugende Genossenschaft, durch welche die Gilterproduktion dem System der Konkurrenz entrissen werden sollte. Diese Versuche waren bisher mifslungen. „Aber", fragt Maurice in einer Predigt vom 5. März 1848, „ist denn der Glaube, dafs die Menschen zur Brüderlichkeit da sind, eine Phantasie? Mufs jede Bemühung, ihn zu verwirklichen, mit Lächerlichkeit oder Verbrechen endigen?" Seine Antwort auf diese Frage war, dafs im Christentum allein die Möglichkeit der Verwirklichung liege, dafs das Christentum schon bisher kommunistische Institutionen entwickelt habe — jedes Kloster sei eine solche gewesen — und dafs der christliche Kommunismus nunmehr zu vollerer Entfaltung zu gelangen im Begriffe stehe. Brentano hat geschildert, welcher Sturm sich gegen die furchtlose Schar erhob. Ganz offen wurde sie von den oberen Klassen des Verrates, der Berufung an die Leidenschaften, der Kriecherei vor der Menge beschuldigt — Vorwürfe, wie sie alle die zu treffen pflegen, die sich einer gesellschaftlich geächteten Richtung annehmen., Man scheute sich nicht, ihnen Gemeinschaft mit Mördern und Verbrechern vorzuwerfen, zumal als Kingsley erklärte, in den Chartistenversammlungen „Stirnen" zu finden, wie man sie im Parlamente vergeblich suchen würde. Brentano hat hervorgehoben, dafs nicht jene Angriffe, vielmehr die Schwierigkeit, das Vertrauen der Arbeiter zu gewinnen, die gröfsten Hindernisse bereitete. Wenn man bedenkt, wie die Arbeiter sie als bezahlte Kreaturen beargwöhnten, die sie auskundschaften sollten, wie sie nicht glauben wollten, dafs Leute der oberen Klassen, zumal v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 20 i — 306 — Geistliche, sich ohne Hintergedanken ihrer annehmen könnten, wenn man dagegen vergleicht, wie heute die Beziehungen beider Klassen über ganz England zahlreich und voll von Vertrauen sind, so kann man die Gröfse des Fortschritts ermessen, welcher seit jener Zeit auf dem Wege zum socialen Frieden gemacht ist. Am 18. Februar 1850 schlössen sich die Freunde als „Gesellschaft zur Förderung von Arbeiterassociationen" zusammen. Durch gesetzeskundigen Beistand, selbst Vorschüsse, vor allen aber durch Agitation in Schrift und Wort, unterstützten sie die Bewegung. Durch Verbreitung ihrer Gedanken aber gaben sie der Genossenschaftsbewegung denjenigen Gedankeninhalt, welcher sie, wie wir sehen werden, noch heute beherrscht. Tausenden von Arbeitern haben sie so ein Ideal gegeben, ein Ziel gezeigt, für jenes sehnsüchtige Streben nach socialer Erlösung der Menschheit, das in den Kreisen derer, welche die bestehende Gesellschaft enterbt, gerade die Besten erfüllt. Die Genossenschaftsbewegung ist zwar nicht von den christlichen Socialisten in das Leben gerufen worden. Seitdem 1825 Robert Owen seinen „Aufruf an das Volk" gerichtet und dasselbe zur Verwirklichung seiner Pläne aufgefordert hatte, welche er mit Hülfe der Kabinette vergebens durchzusetzen versucht hatte, waren in England und Schottland eine Anzahl Genossenschaften gegründet worden 1 . Aber die ersten Jahre der Bewegung, über welche Holyoake in seiner „Geschichte der Cooperation" eingehend berichtet, waren voll von Excentricitäten. Sie waren unternommen von Enthusiasten, welche an einen unmittelbaren Anbruch des von Robert Owen verkündeten socialistischen Zeitalters glaubten. Die bis 1844 gegründeten Genossenschaften giebt die Karte S. 322. — 307 — Auch waren die Anschauungen jener frühen Genossenschafter von denen der christlichen Socialisten soweit als möglich entfernt. Robert Owen stand durchaus auf dem utilitarischen Boden seiner Zeit: „das Endziel der Gesellschaft ist", sagt er, „Reichtum zu erzeugen und zu geniefsen"; derjenige nationalökonomische Schriftsteller, welcher sich zuerst für das Genossenschaftswesen aussprach, William Thompson (Distribution of Wealth 1822) ist ein unmittelbarer Schüler Benthams. Er erklärt es als Fehler der Nätionalökonomen, dafs sie „nicht das Glück, sondern den Reichtum untersucht hätten", dafs sein Plan aber darauf ziele, wie man das gröfstmög- lichste Glück des menschlichen Geschlechts herbeiführen könnte. Den Irrtum der klassischen Nationalökonomie teilend, dafs der Wert eines Erzeugnisses gleich der Summe der darauf verwendeten Arbeit sei, kritisiert Owen die heutige Gesellschaft, weil in ihr die zur Herstellung eines Gutes aufgewendete Arbeit nicht mehr der Wertmesser sei und damit der Arbeit der ihr zukommende Lohn entzogen werde. Es ist lediglich von diesem ihm mit den späteren Socialisten gemeinsamen Standpunkt aus, dafs Owen das System der Konkurrenz angreift, welchem die zahllosen Spaltungen der Menschheit in Sekten, Religionen und Parteien entsprungen seien. Es habe bewirkt, dafs ein gewisser Reichtum zwar angesammelt sei, aber dafs die Mehrzahl des Volkes nichts besitze und die Besitzenden für ihren Besitz täglich zu zittern hätten; dabei auch vermindere es die Hervorbringung von Gütern. Den Grund dieses Systems sieht Owen in der bisherigen Erziehung der Menschen, welche Whigs oder Torys, Christen oder Ungläubige, aber nicht Menschen, hervorgebracht habe. In dieser Richtung seien vor allen die Religionen verderb- 20* — 308 — lieh gewesen, weshalb Owen sie allesamt verwirft. Da der Mensch aber ganz „Geschöpf der Umstände" sei, ein weifses Blatt, auf das man schreiben könne was man wolle — die Lehre des Individualismus — so käme es nur darauf an, eine gewisse Anzahl von Menschen gleichsam aus der Geschichte herauszuheben, sie als Kinder allen Einflüssen ihrer Umgebung zu entziehen und sie so heranzubilden, dafs sie keinen anderen Ehrgeiz hätten als den, „vernünftige Wesen" zu werden. Eine solche Erziehung aber sei nur möglich in kommunistischen Gemeinschaften, welche Owen bis auf das kleinste Detail beschrieben und in der alten wie der neuen Welt einzuführen versucht hat. Dieselben sollten selbsterhaltend sein, d. h. alles hervorbringen, was ihre Angehörigen brauchten; jeder sollte in erster Linie Ackerbauer sein, daneben sollten Haushaltsführung, Handwerk u. s. w. gemeinschaftlich betrieben werden. Owen war fest überzeugt, dafs die Menschen nur die Vorteile seines Planes einzusehen brauchten, um ihn auszuführen. In der künftigen Gesellschaft prophezeite er, würde man überhaupt keine Klage mehr hören. Alle Übel würden, nachdem man ihre Gründe eingesehen habe, beseitigt werden und bald nur dem Namen nach bekannt sein; diejenigen aber, die etwa unvermeidlich wären, würden nicht mehr Gegenstand von Klagen sein, nachdem die Menschen ihre Notwendigkeit eingesehen hätten. Owen starb, trotz alles Scheiterns seiner Versuche, unerschüttert im Glauben an dieselben. Man habe sie eben nie so, wie er verlangt habe, sondern stets mit Menschen unternommen, die von der Gesellschaft bereits beeinflufst und verdorben gewesen seien, konnte er nicht mit Unrecht sagen. Aber gab es überhaupt andere Menschen? In der That waren Owens Lehren nichts als der Reflex der individualistischen Lehren seiner Zeit in einem — 309 — aufsergewöhnlich menschenfreundlichen Geiste, welcher die gesellschaftlichen Zustände statt vom Standpunkt des Kapitals, von dem der damals so tief gedrückten arbeitenden Klassen ansah. Die Verschiedenheit, ja der Gegensatz seiner Lehren zu denen der christlichen Socialisten ist augenfällig. Wenn man nun sieht, dafs lediglich auf Grund der letzteren, die Ideenwelt der heutigen Genossenschafter sich aufbaut, so wird man nicht mit Unrecht in den christlichen Socialisten die wahren Begründer der Bewegung erblicken 1 . II. Die Entwicklung des Genossenschaftswesens. Die Geschichte des Genossenschaftswesens zerfällt in drei Perioden: in die erste meist mifslungener Experimente, die zweite durch das Eingreifen der christlichen Socialisten bezeichnet und die dritte einer äufserlich glänzenden Entwicklung. Die erste Owenistische Periode ist von geringer Bedeutung. Die zahlreichen Genossenschaftskongresse jener Zeit mit ihren abenteuerlichen Plänen, ihren Adressen an gekrönte Häupter etc. fallen aus den Kähmen vorliegender Arbeit. Schon die Namen der dort zusammentreffenden Gesellschaften: „Freunde der menschlichen Rasse", „Gesellschaft aller Klassen und aller Nationen" etc. sind bezeichnend. 1 Vergl. New Review, Sept. 1889, S. 333. Holyoake, der bedeutendste Vertreter der Owenschen Richtung unter den Genossenschaften!, bekennt selbst: „Cooperation, wie sie heute bekannt ist, entsprang nicht, bevor Owens Theorie und Politik tot war". Sein Verdienst ist lediglich den Genossenschaftsgedanken zuerst in die englischen Arbeiter geworfen zu haben. Für den Stand der Genossenschaften 1844, also kurz vor dem Eingreifen der christlichen Socialisten, vergl. die Karte S. 322. — 310 - Es ist bekannt, dafs die Anfänge der menschlichen Wirtschaft, soweit unsere historische Kenntnis zurückreicht, kommunistische waren. Es ist ferner bekannt, wie das Fortschreiten der Kultur mit einem wachsenden Siege des Individualismus über den Kommunismus verknüpft war. Das moderne englische Genossenschaftswesen bedeutet ein ziel- bewufstes Auftreten gegen diese Strömung der Zeiten, wobei es indefs den Fortschritt mit der Gemeinsamkeit des Betriebs zu verbinden hofft. Die Anfänge dieser Wiedererneuerung gemeinsamer Wirtschaftsweise gehen weit zurück. So bestand bereits 1777 eine produktive Schneidergenossenschaft zu Birmingham. Allein diesen Versuchen gegenüber ist die moderne englische Genossenschaftsbewegung durch ihren Glauben, d. h. den Gedanken einer herbeizuführenden Gesellschaftsreform ausgezeichnet. So trugen die Owenschen Versuche einen enthusiastischen Charakter an sich, welcher sie fast regelmässig zum Scheitern führte, insbesondere die nach Owens Plan gegründeten kommunistischen Wohnhäuser. Zudem wurden jene Unternehmungen in das Leben gerufen meist mit dem Gelde von Gönnern, welches gewöhnlieh verloren ging, während die heutigen Unternehmungen, wenn sie scheitern, nicht selten daran zu Grunde gehen, dafs die aus geringen Anfängen angesammelten Reichtümer die Teilnehmer veranlassen, den genossenschaftlichen Charakter des Unternehmens aufzugeben. Während die produktivgenossenschaftlichen Versuche der ersten Periode sich fast alle als verfehlt erwiesen, so hatten einige der Konsumvereine bereits einen besseren Erfolg. Nach dem Vorbilde, das Owen in seiner Fabrik zu New Lanark gegeben hatte, entstanden mehrere solcher Vereine. Der älteste war der „ökonomische Verein" zu Sheernes, welcher seine Mitglieder mit Mehl, Brod und Fleisch zum Selbstkostenpreis versah. — 311 — Aber die Wiege der Bewegung stand doch zu Rochdale; für die, welche von ihr die sociale Erlösung erwarten, hat der Name dieses Ortes einen geheiligten Klang. Holyoake, einer der ältesten und begeistertsten Genossenschafter, preist die Ufer der Roch als die eines zweiten Tiber, mit den Worten, die der Dichter auf Rom anwendet, den Ausgang und die Zukunft der Genossenschaftsbewegung bezeichnend. „"Vom Nichts, vom kleinsten, Geringsten Dorf (nur hier und da Ein schilfgedecktes Dach am Flussesrand) Wuchs es zum Alles, furchtlos Jahr um Jahr, Geduldig über Sumpf und Feld die Bahn Sich bahnend, übers Festland und die See." Nachdem Anhänger von Owen in Rochdale zweimal mit dem Versuche gescheitert waren, einen Konsumverein in der Weise zu gründen, dafs die Gewinne an diejenigen, welche 1 iß zur Gründung beigesteuert hatten, verteilt wurden, hatten sie mit einer dritten Gründung 1844 Glück, welche die Anteilbesitzer auf 5 °/o beschränkte und den Überschufs unter die Käufer als Gewinn, beziehungsweise Sparanlage verteilte. Dieser Verein, das Vorbild für alle späteren, wurde unter dem Namen der „Pioniere von Rochdale" bekannt und sein Erfolg war der Anlafs für einige ähnliche Gründungen in Lan- cashire und Yorkshire. Bezeichnend für den Geist, welcher die „Pioniere von Rochdale" bereits beseelte, war, dafs von den Gewinnen 2 1 k °/o vorweggenommen wurden zum Zweck der Belehrung und Erziehung der Mitglieder. Die gesetzliche Lage der Genossenschaften war in jenen frühesten Jahren sehr ungünstig. Das „gemeine Recht" Englands kennt eine Klage von Genossen, welche gemeinsam Geschäfte betreiben, gegeneinander nicht. Gegenüber der Gefahr von Betrügereien und Unterschlagungen wurde zwar durch das Recht der Beamten eine Klage gegen untreue Genossen gewährt; diese aufser- ordentliehe Klage aber, welche vor dem Gerichtshofe der „Chancery" geltend gemacht werden mufste, war so kostspielig, dafs sie für Arbeiter nicht in Betracht kam. So blieb ihnen nichts übrig als ihr Vermögen Vertrauenspersonen zu überantworten, denen sie schutzlos ausgeliefert waren. Erst das Eingreifen der christlichen Socialisten gab der Bewegung denjenigen Gedankeninhalt, welcher ihr eine hervorragende Stelle in vorliegender Arbeit anweist, sie von der Herrschaft der individualistischen Zeitideen befreite, und mit einem mehr oder weniger christlich gefärbten, socialen Inhalt erfüllte. Indem wir hierauf unten näher eingehen, geben wir zuvor einen gedrängten Überblick über die weiteren Ereignisse der äufseren Entwicklung. Die von den christlichen Socialisten 1850 gegründete „Gesellschaft zur Beförderung von Arbeiterassociationen" hatte zunächst die Bildung von Produktivgenossenschaften im Auge — wie es denn ihr von Ludlow ausgeführtes Ideal war, nach und nach alle Gütererzeugung in Genossenschaftsform zu bringen und unter Ausschlufs gegenseitiger Konkurrenz die Preise durch Übereinkunft zwischen sämtlichen Genossenschaften festsetzen zu lassen 1 . Die meisten Versuche dieser Art hatten keinen bleibenden Erfolg, während Konsumvereine allenthalben aufblühten und seitdem fortgesetztes Wachstum aufweisen. Der Arbeiter war für die Produktivgenossenschaft nicht reif, indem dieselbe einen so hohen Grad der Unterordnung des Individuums unter das Ganze fordert, wie er heute nur bei sittlich hochstehenden zu finden ist. Mehr Glück hatten die christlichen Socialisten in ihren 1 Vergl. Ludlow, Christian Socialism and its opponents. (The Edin burgh Review, the Eclectiv and the Reasoner, London 1851 und die betreffende Stelle bei Brentano S. 53.) 313 — Bemühungen, durch Änderung in der Gesetzgebung der Entwicklung des Genossenschaftswesens die Wege zu bahnen. Durch Vermittlung des Parlamentsmitgliedes Slaney wufsten sie ihre Sache vor die Parlamentskommission zu bringen, welche die den Anlagen der Mittel- und Arbeiterklassen zu gewährenden Erleichterungen beriet. Der daraufhin von Ludlow ausgearbeitete Gesetzentwurf fand die Unterstützung des konservativen Ministeriums des Lord Derby, welches im Februar 1852 zur Regierung kam, und wurde als der „Industrial and Provident Societies Act" 1852 Gesetz, welches seitdem durch mehrfache Besserungen dem ursprünglichen Ludlowschen Entwurf noch näher gebracht wurde. Das Princip der beschränkten Haftbarkeit der Genossen irgend welchen gewerblichen Unternehmens war dem älteren englischen Rechte fremd. Ursprünglich war zur Erlangung der Korporationsrechte ein besonderer Parlamentsakt oder ein königlicher Freibrief notwendig, welche z. B. der Londoner Häuserbaugesellschaft 1000 : : £ gekostet hatten. Dieser Grundsatz wurde zuerst durch das Aktiengesetz durchbrochen und dieselben Rechte, welche dieses kapitalistischen Vereinen gewährte, gab das angeführte Gesetz von 1852 den Arbeitergesellschaften. Jedoch waren die Beschränkungen in diesem letzteren Gesetz noch zahlreiche; so waren insbesondere eingehende Bestimmungen zum Schutze der Gläubiger erlassen, welche vorschrieben, wie Gesellschaftskapitalien angelegt werden sollten. Auch die Zwecke, denen Genossenschaften dienen durften, waren noch beschränkt. Sie waren nur erlaubt für den „gemeinsamen Betrieb von Arbeiten, Geschäften oder Handwerken", so dafs z. B. ein Teil des Gewinnes für Erziehungszwecke in den Statuten noch nicht ausgeworfen werden konnte. Ferner war für den Anteil, den ein Einzelner an der Gesellschaft haben durfte, eine Maximalgrenze von — 314 — 100 £ festgesetzt. Diese letztere wurde 1862 auf 200 '£ erhöht, dagegen die beiden erstgenannten Beschränkungen ganz aufgehoben 1 . Das Gesetz von 1862 ist das wichtigste für die Entwicklung der Genossenschaften. Es gewährte den Arbeitern in vollem Mal'se das Recht der Genossenschaftsfreiheit mit beschränkter Haftbarkeit der Mitglieder, welches durch ein anderes Gesetz desselben Jahres auch den kapitalistischen Klassen zugestanden wurde — ein gesetzlicher Schritt, welcher von den weitreichendsten und, wie allgemein anerkannt ist, wohlthätigsten Folgen geworden ist. Das Gesetz, betreffend die „Industrial and Provident Societies" von 1862, eröffnet die dritte und äufserlich glänzendste Periode der Bewegung. Vorteil zogen von dem genannten Gesetze zunächst die verteilenden Gesellschaften. Wenn sich in den auf den Erlafs des Gesetzes folgenden Jahren der Aufschwung nicht sogleich vollzog, so hatte dies seinen Grund in dem Nordamerikanischen Secessionskrieg und der damit verbundenen Baumwollennot in Lancashire, unter dessen Arbeiterbevölkerung der Genossenschaftsgedanke seinen Hauptsitz hatte. Wunderbar, dafs überhaupt die bestehenden Genossenschaften den Sturm überdauerten. Erst seit dem Jahre 1865 trat ein schnellerer Fortschritt ein. Derselbe fällt mit der im Jahre 1864 erfolgten Gründung der Grofshandels-Genossenschaft („ Wholesale-Soci ety") zusammen, welche in Manchester ihren Sitz hat. Wenn durch die gewöhnlichen Konsumvereine die Arbeiter sich von der Herrschaft der Kleinhändler befreien, so bedeutete die Grofshandels- Genossenschaft den Versuch, noch den Grofshandel in die 1 Die Anwendung des Gewinnes ist ganz frei. Das Kapital darf nur für Gewerbe, Handel u. s. w. verwandt werden; jedoch werden diese Begriffe sehr weit gefafst. Für den Landbesitz giebt es kein gesetzliches Maximum. — 315 — eigene Hancl zu nehmen. Nur Genossensehaften sind als Mitglieder dieser Genossenschaft zugelassen. Eine zweite ähnliceh Genossensehaft wurde in Glasgow 1869 gegründet. Beide Genossenschaften jedoch stehen geschäftlich in engstem Zusammenhang. Aufser ihren Hauptniederlassungen besitzen sie heute elf Zweigniederlassungen zu Verkaufs- und fünf zu Einkaufszwecken. Einen Teil der verkauften Waren produzieren sie selbst. Sie besitzen Schuh-, Seifen-, Bisquit- etc. Fabriken. Den gröfseren Teil ihrer Waren dagegen kaufen sie im grofsen ein, womöglich direkt vom Produzenten. Sie besitzen fünf Dampfer, welche den überseeischen Verkehr vermitteln und haben Niederlassungen zum Zweck des Einkaufs in Hamburg, Kopenhagen und New-York. Geradezu grofsartig ist die Niederlassung der „Wholesale Society" zu Manchester, welche ein ganzes Strafsenviertel umfafst: riesige, mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattete Warenhäuser und Geschäftslokale mit einem eigenen, weitausgedehnten Bankgeschäft, einem grofsen Versammlungssaal etc. Die aufgespeicherten Waren, eingeteilt in die Abteilungen der Nahrungsmittel, der Kleidung und des Hausgeräts, sind nur Proben, auf Grund deren die Vertreter der im Lande zerstreuten Konsumvereine ihre Bestellungen machen, und diese Proben allein füllen Räume von einer Ausdehnung, wie sie sonst die Vorratslager selbst der gröfsten kaufmännischen Firmen nicht erreichen; sie sind Eigentum von Gesellschaften, deren Mitglieder in ihrer grofsen Mehrzahl von der Einkommensteuer befreit sind, weil ihr Einkommen die gesetzliche Minimalgrenze nicht erreicht. Wichtig für die Geschichte der Cooperativbewegung war das Gesetz von 1865, welches das Recht der Teilhaberschaft (partnership) an gewerblichen Unternehmungen abänderte. Bisher war vom Rechtsstandpunkt aus jede Beteiligung des angestellten Arbeiters am Eigentum und Gewinn einer industriellen Unternehmung unmöglich. Nachdem diese Bestimmung aufgehoben war, erwachten wieder die produktiven Genossenschaften. Auch diesmal zeigten sich die leitenden Geister in ihrer Hoffnung, durch Einführung der Gewinnbeteiligung eine Lösung der socialen Frage herbeiführen zu können, getäuscht. In der Steinkohlengrube des Herrn Briggs wurde z. B. während einiger Zeit der gesamte Gewinn an die Arbeiter verteilt. Und namentlich brach der Versuch der Herren Briggs, ihre Grubenarbeiter durch Beteiligung am Unternehmergewinn der Gewerkvereinsbewegung abspenstig zu machen, jämmerlich zusammen 1 . In anderen Fällen, in denen reine Produktivgenossenschaften die Gewinnbeteiligung eingeführt hatten, war ein häufiger Grund des Scheiterns die Eifersucht der ursprünglichen Teilhaber gegen die später eintretenden, welche bei Aufwärtsbewegung des Geschäfts die hohen Gewinne geniefsen, ohne in den mageren Jahren mitgearbeitet zu haben. Trotzdem erwiesen sich die in den 60er und 70er Jahren gegründeten Produktivgenossenschaften im ganzen doch lebenskräftiger als die früheren Versuche. Einige der damals gegründeten haben sich durch alle Fährlichkeiten hindurch erhalten. Die damals gegründete Sammetweberei zu Hebdenbridge z. B. steht noch heute in Blüte. Immer aber hing der Erfolg davon ab, dafs die Leiter des Unternehmens für die Sache, nicht für sich selbst arbeiteten. Sprachen daher die thatsächlichen Erfolge meist gegen das Genossenschaftsprincip, so blieb den Genossenschaftern doch die Genugthuung, dafs der vornehmste englische Nationalökonom und Philosoph der Zeit auf ihre Seite trat. Angesichts der vielfach gescheiterten Versuche hatte es eine 1 Vergl. Die gründliche Darstellung hei Frommer, Gewinnbeteiligung S. 15 ff. Leipzig 1886. — 317 — mehr als theoretische Bedeutung, wenn Mill 1865 ermutigend schrieb: „Möglicherweise und vielleicht in weniger entfernter Zukunft, als man annimmt, werden wir durch das Ge- nossenschaftsprincip unseren Weg zu einer gesellschaftlichen Veränderung finden, welcher Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums mit den sittlichen, intellektuellen und wirtschaftlichen Vorzügen vereinigter Produktionsweise verbinden wird. Ohne Gewalt und Beraubung, ja ohne plötzliche Störung der bestehenden Gewohnheiten und Erwartungen würden wenigstens auf dem Gebiete der Gütererzeugung die besten Wünsche des demokratischen Geistes damit verwirklicht, die Teilung der Gesellschaft in Fleifsige und Träge und alle socialen Unterschiede aufser denjenigen beseitigt werden, welche durch persönliche Dienste und Anstrengungen redlich verdient sind." Nicht in die äufsere Geschichte der Bewegung in den 60er Jahren fällt die Gründung von Konsumvereinen durch die Mittelklassen, sogenannten civil stores. Dieselben sind von den ähnlichen Vereinen der Arbeiter streng getrennt, indem sie lediglich auf geschäftlichen Erwägungen beruhen, während die letzteren von dem Gedanken einer anzubahnenden Gesellschaftsreform getragen sind und sich durch einen gewissen sektenhaften Charakter auszeichnen. Dagegen sind folgende Zeugnisse von der wachsenden Bedeutung der Bewegung zu erwähnen. Im Jahre 1867 wurde eine Feuer- und Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit von den Genossenschaftern, 1871 eine der Propaganda dienende Zeitung, die Cooperative News, in das Leben gerufen. Auch dieses Unternehmen selbst ist insofern nach cooperativen Grundsätzen eingerichtet, als allein Genossenschaften als Anteilbesitzer zugelassen sind, deren Kapital fest mit 5 °/o verzinst wird. Überschüsse werden auf die Vervollkommnung des Blattes verwendet. — 318 — Wenn schon die Gründung der Grofshandels-Genosseu- schaft dem Bedürfnis nach weiterer Organisierung der Genossenschaften entsprungen war, so erfolgte im Jahre 1869, hauptsächlich auf Anregung des Herrn Greening, eine Zusammenfassung des gesamten Genossenschaftswesens auf Grund der gemeinsamen Grundsätze. Die Genossenschaftskongresse, welche schon die Christlichsocialen einzuführen versucht hatten, wurden 1869 wieder aufgenommen. Der erste wurde in London, der folgende 1870 in Manchester abgehalten. Bedeutungsvoll war, dafs bereits 1870 die Gewerkvereine durch eine Deputation vertreten waren, wodurch zum Ausdruck kam, dafs es sich um eine Bewegung der Arbeiterwelt handelte. Seitdem wurden die Kongresse alljährlich am Ostermontag abgehalten; sie werden, bezeichnend für den Geist der Bewegung, stets durch Festpredigten eingeleitet, in denen der Zusammenhang zwischen Christentum und Kooperationsbewegung behandelt zu werden pflegt 1 . Da die in einjährigen Zwischenräumen tagenden Kongresse für die Vertretung des Genossenschaftsinteresses nicht ausreichten, so wurde 1870 ein ständiger Genossenschaftsaus- schufs (Central Cooperative Board) errichtet. Der Zweck desselben ist, die Wünsche der Genossenschaften hinsichtlich der Gesetzgebung zu vertreten, die Gegenstände, die der Kongrefs behandeln soll, vorzubereiten und die Ideen der Bewegung durch Vorträge und Flugschriften zu verbreiten. So veröffentlicht der Ausschufs Musterstatuten und erteilt auf An- 1 Beiläufig sei als ein Zeichen, was englische Kanzelredner ihren Zuhörern hei solchen Gelegenheiten bieten dürfen, erwähnt, dafs manche dieser Predigten nicht selten, wie z. B. die mir vorliegende, am 24. Mai 1885 vom Bischof von Manchester gehaltene, mit einem bedeutenden statistischen Apparat versehen ist, welchen der Prälat von der Kanzel herab seinen Zuhörern zum Besten gab. Jetzt finden die Kongresse Pfingstmontag statt. — 319 — frage den Genossenschaften rechtskundigen Rat. Yansittart Neale, dieser Veteran der Bewegung, ist der Generalsekretär des Ausschusses. Die Veränderungen in der Organisation, welche der Ausschufs seit seinem Entstehen durchgemacht hat, können übergangen werden. Er hat Grofsbritannien in fünf Provinzen geteilt: Schottland, die nördlichen, die nordwestlichen, die mittleren und die südlichen Grafschaften Englands 1 , denen eigene Ausschüsse vorstehen und deren Abgeordnete den Centralausschufs zu Manchester zusammensetzen. Vergl. die Karte auf Seite 322. Die Geschichte der letzten beiden Jahrzehnte bezeichnet einen steten Fortschritt der Konsumvereine. Damit aber entstand die Gefahr, dafs die eigentümlichen Grundgedanken der Bewegung, von welchen sogleich die Rede sein soll, verloren gingen. Besonders zeigt sich dies daran, dals manche Vereine ihre eigenen Arbeiter häufig nicht anders als andere Arbeitgeber behandeln. Haben doch in einigen genossenschaftlichen Fabriken die Gewerkvereine sogar notwendig gehabt, die Interessen der Arbeiter zu verteidigen. Dem gegenüber aber ist hervorzuheben, dafs die Führer solche Vorkommnisse stets als „Abfall" verdammen. Besonders bedeutsam in dieser Hinsicht war der zu Leicester 1877 abgehaltene Kongrefs. Hier wurde die Kernfrage der Bewegung verhandelt: hat die Arbeit ein Recht auf Beteiligung an dem durch sie erzielten Gewinn? Hätte man diese Frage verneint, so wäre damit die Genossenschaftsbewegung, wie sie Maurice und Ludlow aufgefafst hatten, zu Ende gewesen. Aber mit einer Mehrheit, neben welcher, wie der Bericht sich ausdrückt, „die Minderheit beinahe verschwand", wurde folgender Beschlufs gefafst: „Wir bestätigen von neuem unsere unveränderte Über- 1 Dem letzteren Bezirk wurde 1889 Irland zugefügt. — 320 zeugung, dal's alle kooperativen Vereine, welche Produktion betreiben, auf das Princip der Versöhnung der entgegengesetzten Interessen des Kapitals, des Arbeiters und des Verbrauchers gegründet sein sollten, indem man den unter dem Namen Gewinn bekannten Fond in gerechter Weise unter sie verteilt". Der ungeheure äufsere Fortschritt des Genossenschaftswesens ist am kürzesten in graphischer Weise klar zu machen, wie in anliegender Tafel versucht ist. Seit der Einführung der beschränkten Haftbarkeit hat sich die Zahl der Mitglieder um das sechzehnfache, der jährliche Umsatz um das zwanzigfache, der Betrag des Kapitals der Genossenschaften um das dreifsigfache vermehrt. Die Tafel betreffend ist hervorzuheben, dafs dieselbe nur die registrierten Genossenschaften angeht und sich auf Grofsbritannien mit Ausschlufs Irlands bezieht. Ein Zwang zur Eintragung der Genossenschaften besteht nicht, doch sind auch so die angegebenen Zahlen kaum kleiner, als die wirklich vorhandenen, da eine Gesellschaft von mehr als 20 Mitgliedern nach englischem Recht nur auf Grund der Eintragung im eigenen Namen Geschäfte abschliefsen kann. Die Linie AA bedeutet die Zahl der Mitglieder aller Genossenschaften, das Einheitsmafs ist 10000, sodafs also diese Zahl in den Jahren 1862—1886 von 90341 bis 893153 gestiegen ist. Die anderen Linien beziehen sich ausschliefslieh auf die Konsumvereine; jedoch dürfte diese Verschiedenheit wenig in das Gewicht fallen, da neben den verteilenden die Produktivgenossenschaften an Mitgliederzahl wenig in die Wage fallen. Die Linie AA hält sich während der Jahre 1862—65 fast auf gleicher Höhe; der Grund hiervon ist, wie angedeutet, die Baumwollennot in Lancashire. Das Aufsteigen von 1865—69 ist der Einführung der beschränkten Haftbarkeit zuzuschreiben, das Aufsteigen von 1871—74 dem aufserordentlichen Auf- — 321 — schwung, welcher, namentlich in der Eisen- und Kohlenbranche, damals wohl in erster Linie infolge des deutsch-französischen Krieges vor sich ging. Hervorzuheben ist ferner das Aufsteigen der Linie von 1883—84. Die Linien waren nicht weiter als 1887 herabzuführen, weil zur Zeit der Abfassung der Arbeit die bezüglichen Zahlen für das Jahr 1888 noch nicht veröffentlicht waren. Jedoch ist anzunehmen, dafs nunmehr die Mitgliederzahl von 1884 (855 575) und damit das neunte Hunderttausend überschritten ist 1 . Es dürfte nicht unberechtigt erscheinen, die Zahl der Genossenschafter auf nahezu eine Million zu schätzen. Da die meisten Mitglieder aber verheiratete Familienväter sind, und man zur Durchschnittsfamilie Frau und zwei Kinder rechnen kann, was eher zu wenig als zu viel ist, weil die Genossenschafter zu den bestgestellten Arbeitern gehören, so kommt man zu einer Zahl von vier Millionen, welche von der Bewegung berührt sind. Mitte des Jahres 1888 aber betrug die Bevölkerung von England und Schottland laut officiellen Quellen 32662960 Seelen; es macht also jene mit den Genossenschaften in Verbindung stehende Bevölkerung mindestens 12 % der Gesamtbevölkerung aus. Ehe wir die übrigen Linien der Tafel betrachten, werfen wir einen Blick auf die beigegebene Karte, welche die Verteilung der Genossenschafter über das Königreich darstellt. Die ausgezogenen Linien begrenzen die Sektionen, die punktierten die Bezirke. Je kleiner die Bezirke, desto dichter die Genossenschafter. Die schattierte Fläche stellt den eigent- 1 Zu dieser Annahme berechtigt, dafs in dem Bericht des Registrieramtes, welcher auf Beschlufs des Hauses der Gemeinen vom 9. August 1888 veröffentlicht wurde, zwanzig englische Gesellschaften angeführt sind, welche im ganzen eine Jahresvermehrung von 8285 Mitgliedern aufweisen, was bereits die Mitgliederzahl von 1886 über die von 1881 hinausbringt. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 21 IÄ | 33g 6Z.63.6f.6S.66.6f. ÖS. b9T>.]f p.p. 7f.fS }6.fl]d.J<)SO.U. 6Z33.3t85.S6.37. Ute Zahlen, für Z887sincl dem Berichte des denassertscHocfZs.. ras/Dresses van Z8S8ej/hiommen / ch'eder v/jrAerrfeÄer/cZeri. ücchre Ze^czTien cciif offz'ciellen Zlu.el le //■ 21* KäBSsg —— liehen Sitz des Genossenschaftswesens dar, in dem die Grenzen der dort befindliehen zehn Bezirke nicht mehr anzugeben waren. Wer mit den englischen Verhältnissen vertraut ist, ersieht aus der Karte, dafs es sich hier um eine Bewegung des Arbeiterstandes handelt. Fallen doch die Flächen der kleinsten Distrikte mit den Industriebezirken Lancashires, Durhams und Northumberlands, sowie des schottischen Tieflandes zusammen. Massenbewegungen unter der dortigen Bevölkerung sind Bewegungen des höchststehenden Teiles der englischen Arbeiter. Die Linie BB, deren Einheitsmafs 100000 £ sind, bedeutet den jährlichen Umsatz der Konsumvereine; sie erhebt sich von 2333 523 £ im Jahre 1862 zu 32684244 £ im Jahre 1886, d. h. der ungeheuren Summe von mehr als 650 Millionen Mark. Wichtiger noch als dies ist das Auseinandergehen der Linien AA und BB, welches die Zunahme des Wohlstandes der Mitglieder andeutet. Die Linie CC, deren Einheitsmafs 10000 £ ist, bedeutet den Reingewinn; hervorzuheben an ihr ist ihr schnelles Steigen innerhalb der letzten Jahre, ein Zeichen der wachsenden Geschäftserfahrung der Genossenschafter. Beide Linien (BB wie CC) zeigen eine Senkung um die Jahre 1878 und 79, in welchen England eine Geschäftskrise durchmachte und auch die Ge- werkvereinskassen ähnliche Erscheinungen aufwiesen. Die Linie DD endlich, deren Einheitsmafs 1000 £ ist, stellt den für Erziehungszwecke verausgabten Teil des Gewinnes dar. Sie ist um deswillen wichtig, weil diese Ausgabe ein Anzeichen dafür ist, dafs die Genossenschaften mehr als blofse Geschäftsunternehmungen sind. Das rasche Aufsteigen der Linie in den letzten Jahren zeigt ? wie dieser Charakter eher im Wachsen als im Schwinden begriffen ist. — 325 — III. Das Glaubensbekenntnis der Genossenschafter. Ludlow, der wie kein zweiter durch Alter, Einsicht und Erfahrung das Yereinsleben der englischen Arbeiter zu beurteilen berufen ist, hatte die Güte, mir seine Ansicht dahin auszusprechen, dafs es auch heute noch der eigentümlich genossenschaftliche Geist sei, auf dem der Bestand der Genossenschaftsbewegung und ihre Fortentwicklung beruhe, dafs ein Nachlassen desselben innerhalb der Genossenschaften notwendig zu einem äufseren Scheitern führen müsse; das vielfache Fehlschlagen genossenschaftlicher Versuche sei dem Umstände zuzuschreiben, dafs nur zu häufig die Genossenschafter der Grundsätze, die sie mit diesem Namen auf ihre Fahne schrieben, im Leben sich uneingedenk erwiesen. A. H. Dyke Acland, der jüngere Vorkämpfer der Bewegung im Parlament, spricht in gleicher Weise in seinem Buche: „Die Genossenschafter" die Meinung aus, dafs in der Geschichte der Bewegung jene vielen „ernsten und selbstlosen Männer" das wichtigste gethan hätten, die der Idee gelebt hätten und deren Namen vielleicht nie über ihre Heimatstadt hinaus bekannt geworden seien. Was nun sind diese Grundsätze der Genossenschafter, was ihre Ziele und was der Weg, auf dem sie dieselben zu erreichen gedenken? Bei Beantwortung der Frage wäre es Undank, nicht der Grundlagen zu gedenken, die bereits Owen gelegt hatte, und die heute noch nachwirken. Aber sie waren mehr praktischer Art. Das theoretische Bekenntnis der Genossenschafter wurde recht eigentlich erst durch die christlichen Socialisten auf den Boden jener antiindividualistischen Eichtling gestellt, welche von Carlyle aus- geht und die wir nunmehr in ihren heutigen Gestngenaltu verfolgen. Die im folgenden entwickelten Gedanken entnehme ich einem aus den letzten Jahren stammenden Material, den Kongrefsverhandlungen, der vom Genossenschaftsamte veröffentlichten propagandistischen Litteratur, Gesprächen mit hervorragenden Genossenschaftern, insbesondere mit Vansittart Neale 1 u. s. w. Berührungspunkten mit Carlyle begegnet man vielfach; seines Zusammenhangs mit den christlichen Soeia- 1 Die Grundgedanken, welche für die christlichen Söcialisten mafs- gebend waren, wurden von Ludlow in folgender Weise ausgesprochen, als es sich um Gründung einer Schneidergenossenschaft und um Befreiung der in diesem Gewerbe beschäftigten Arbeiter von der Herrschaft jener aussaugerischen Mittelspersonen, der sogenannten „Contractors" oder „Sweaters", handelte: 1. Die Selbstsucht der Einzelnen, wie sie in dem auf der Konkurrenz beruhenden Wirtschaftssystem verkörpert ist, ist die Wurzel der Übel, 4 unter denen die englische Industrie heute leidet. Im Schneidergewerbe insbesondere ist die Konkurrenz unter den Unternehmern die Ursache der Praxis, die Arbeit gegen Stücklöhnung den Arbeitern nach Hause zu gehen. Daraus sind die Magazine, welche fertige Waren verkaufen, mit all ihren Schrecken erwachsen, und die Konkurrenz unter den Schneidergesellen hat den Erpressungen der Verkäufer fertiger Kleider Vorschuh geleistet, indem sie die Klassen der „Aussauger" oder Afterunternehmer — jener tötlichen Parasiten der Arbeit — hervorrief. 2. Die Abhilfe für die Übel der Konkurrenz liegt in dem brüderlichen und christlichen Grundsatz des Genossenschaftswesens, d. h. der vereinten Arbeit hei Verteilung des gemeinsamen Gewinns; dieser Grundsatz könnte in der Bildung von Schneiderassociationen leicht zu ausgedehnter Anwendung gelangen. 3. Beständen auch in anderen Gewerben Arbeitergenossenschaften, die mit ähnlichen Organisationen in unserem Gewerbe zusammenwirken, so könnte ein Austausch ihrer Produkte stattfinden, und vermöge der damit eintretenden Besserung der Lage und der darauf folgenden gröfseren Konsumtion der Arbeiterklasse würde den Erzeugnissen der englischen Industrie ein weiter und nahezu neuer Markt im Inlande erstehen. Und diese Versammlung verpflichtet sich, alle derartige Versuche, das Volk von den Übeln der Konkurrenz der Einzelnen zu befreien, zu unterstützen. Citiert von Brentano in der angeführten Abhandlung. — 327 — listen haben wir oben gedacht und sein mittelbarer Einflul's ist noch heute wahrzunehmen. Der Grundgedanke, welcher überall in der Genossenschafts- litteratur wiederkehrt, ist der, dafs jener Zustand der Gesellschaft, in dein der eine mit dem andern im Kampfe um das Dasein liegt, den frühen und ungesellschaftlichen Zuständen der Menschheit angehöre, dafs der Fortschritt darin bestehe, diesen Kampf zurückzudrängen, sodafs jeder Einzelne anstatt auf Kosten des andern sein Dasein zu fristen, mehr und mehr in Gemeinschaft und mit Hilfe des andern lebe. Noch heute würde der Mensch in hohlen Bäumen hausen, soweit er von dem Stärkeren nicht daraus verjagt würde, von Wurzeln und Eicheln leben, soweit er sie vor seinem Nachbar verteidigen könnte — wären rein individualistische Motive allezeit die herrschenden geblieben. Aber ihnen gegenüber entstand und wuchs eine andere Macht, das „Princip der Einigung", wie es die Genossenschafter nennen, dem anstatt der Selbstsucht die Selbstverleugnung (selfdenial) zu Grunde liegt. Dieser letzteren, obwohl sie sich nur langsam aus der Verbindung mit der andern herausentwickelt, sind alle Fortschritte der Menschheit zu danken. Die behauptete Zurückdrängung des Kampfes um das Dasein hat Neale mit der Spencerschen Philosophie in Zusammenhang gebracht, welche heute in England und Amerika bedeutenden Einflul's besitzt. Herbert Spencer betrachtet alle Erscheinungen der organischen wie der anorganischen Welt unter dem Gesichtspunkte der Entwicklung (evolution), deren Hauptseiten die „Differenzierung der Teile" und „die Integrierung des Ganzen" bilde. Neale hebt nun im Anschlufs hieran hervor, dafs der Kampf um das Dasein, entsprechend der Darwinschen Lehre, zur Differenzierung der Individuen führe. Die Verschiedenheiten der Organismen, der Arten wie der Individualitäten, seien aus ihm zu erklären. Daneben aber beginne der komplementäre Prozefs sieh geltend zu machen: die Integrierung, durch welche die Teile sich zu neuen, überorganischen Ganzen zusammenschlössen. Staat und Recht seien aus ihr hervorgegangen, Religion sei ihr subjektiver Ausdruck, ebenso wie die Kunst, welche die Idee des Ganzen objektiv zu verkörpern suche, und selbst die Wissenschaft, die nichts anderes bedeute, als das Zusammenschliefsen unverbundener Erfahrungen zu organischen Ganzen. Wenn die Geschichte der Menschheit Überwindung des Kampfes ums Daseins bedeutet, so ist ein Ereignis als das wichtigste aus derselben herauszuheben: der Augenblick, da das „Princip der Einigung" als die Grundlage der Gesellschaft zum ersten Male ausgesprochen und seine Durchführung als Ideal der Menschheit aufgestellt wurde. Dies ist die Bedeutung des Christentums, die geradezu einzigartig und unvergleichlich ist. „Achtzehnhundert Jahre sind vorübergegangen, seitdem der Apostel Paulus den Grundgedanken der genossenschaftlichen Handlungsweise (im Gegensatz zur individualistischen) mit einer Klarheit und Vollendung ausgesprochen hat, über die wir nicht hinaus können, und doch — um das Wort des verstorbenen Beecher Stowe zu gebrauchen — „predigen wir zwar Rahm, aber handeln dünne Milch" k Aber verloren gegangen ist die lange Zwischenzeit nicht. Zwischen der Idee des grofsen Apostels und ihrer beginnenden Verwirklichung liegen „die Abschaffung der Sklaverei — die Entstehung der grofsen Staaten, welche die bürgerliche Ordnung, die das kaiserliche Rom hervorgebracht hatte, mit der modernen Freiheit verbinden — die wissenschaftlichen Entdeckungen, durch welche die menschliche Vernunft die 1 Neale auf dem Genossenschaftskongrefs 1888. — 329 — Natur zu beherrschen und Gütererzeugung wie Austausch in fast unbeschränkter Weise zu erleichtern gelernt hat, die wachsende Tendenz auf dem Gebiete der theologischen Spekulation die Theorie der Praxis unterzuordnen, — das Aufhören des Glaubens, dafs politische Mittel sociale Krankheiten beseitigen können. Wir, die wir solche Errungenschaften besitzen, leben heute inmitten von Äufserungen einer neuen socialen Macht: durch genossenschaftliche Unternehmung eignen sich die arbeitenden Klassen jenen gewerblichen Gewinn an, aus denen die Massen des vorhandenen Kapitals entsprungen sind; diese Macht, welche unter den Bedingungen arbeitet, wie sie die achtzehn Jahrhunderte seit St. Paulus entwickelt haben, wird — so dürfen wir hoffen — das grofse Ideal des grofsen Apostels verwirklichen in einer Ausdehnung und Schnelligkeit, welche in keiner Periode bisher möglich gewesen wäre". Diese Worte aus der Feder Neales finden sich in der Einleitung zum Bericht über den zwanzigsten Kon- grefs der Genossenschafter (1888), und zeigen, dafs die christliche Grundlage der Bewegung nach wie vor festgehalten wird. Der dogmatische Standpunkt aber wird jedem einzelnen überlassen und es besteht, wie schon bei den alten christlichen Socialisten, eine grolse Weitherzigkeit in dieser Beziehung. Jedoch dürfte es zwei Grenzen nach beiden Seiten geben; das katholisierende Hochkirchentum, wie es von Maurice bekämpft wurde, dürfte nach meiner Erfahrung nirgends unter den Genossenschaftern, welche ja dem Arbeiterstande angehören, Anhänger besitzen. Das Minimum von Christentum dagegen mögen folgende öfters citierte Worte enthalten, welche der französische Genossenschafter Leclaire auf dem Totenbette aussprach: „Ich bekenne mich als demütigen Schüler dessen, der uns gelehrt hat, andern zu thun, wie wir selbst mit uns gethan haben wollen, und unsern Nächsten wie uns — 330 - selbst zu lieben. In diesem Sinne bleibe ich Christ bis zum letzten Atem". Bei weitem die meisten Genossenschafter jedoch, obwohl nach englischer Auffassung der „broad church"- Richtung angehörend, stehen für den deutschen Sprachgebrauch geradezu auf dem Boden des orthodoxen Gedankenkreises; Owenistische Aufklärung scheint, wie ich auf Grund zahlreicher persönlicher Bekanntschaften urteile, unter den Genossenschaftern ausgestorben — ein Beweis mehr, wie viel wichtiger die christlichen Socialisten als jener Utopist für die heutige Bewegung sind. Bei aller Freiheit in den Lehrmeinungen und der Möglichkeit verschiedener Ansichten hierüber betonen die Genossenschafter, dafs die praktische Seite des Christentums unbestreitbar und ihnen allen gemeinsam sei. Das „Sonntags-Christentum" sei es, über welches man streite und zanke, das Christentum der Formen, der Kultusfragen, der Doktrinen, die „Theorie des Christentums". Über die „Praxis des Christentums", das „Wochentags-Christentum", gäbe es keinen Streit, und doch sei dieses gerade das wichtige. Denn eine Religion, welche nicht in das tägliche Leben einträte, es beherrsche und umgestalte, welche die Menschen nicht in allen Lagen und Umständen anders handeln lasse, als ohne dieselbe, welche ihre Gewerbe und alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse nicht weniger regle, als ihre inneren Beziehungen zu Gott: eine solche Religion sei eitel Schein und Heuchelei — „gut für den Sonntag und nicht für den Montag, gut zum Kirchenlieder singen und nicht für industrielle Unternehmungen. Religion ist nicht ein zerbrechliches Ding, bestimmt für Frauen und Stunden der Einsamkeit; es ist ein hartes, brauchbares Ding, bestimmt für des Lebens Arbeit, Schwierigkeiten und schreckliche Probleme, ein Ding, das starke Männer mit sich in ihre Arbeitsstätten und Fabriken, ihre Strafsen und Höfe nehmen, — 831 — das ebenso sicherlich mit Politik und socialen Fragen zu thun hat, wie mit Lüge, Wollust und Trunkenheit". (Aus der Predigt des Bischofs von Wakefield vor dem Genossenschafts- kongrefs zu Dewsbury 1888.) An diesem Ideal gemessen sinkt natürlich die heutige Gesellschaft zu äufserstem Unwert hinab. Das Christentum war bisher, so sagen die Genossenschafter, ein „Sonntags-", nicht ein „Werktags-Christentum". Obgleich das Princip der Selbstverleugnung und der Einigung seit achtzehn Jahrhunderten gepredigt wird, beruht doch die Gesellschaft nach wie vor auf dem individuellen Kampfe ums Dasein, wenn derselbe auch gemildert und in friedliche Formen gegossen ist. Ja fast dürfte es scheinen, als ob dieser Kampf in unserem Jahrhundert wieder verschärfte Formen angenommen hätte. Die allgemeine Konkurrenz also ist für die Genossenschafter nichts weniger als die Grundlage, worauf, wie die Nationalökonomie annimmt, die menschliche Gesellschaft in Zukunft beruhen wird. „Die Ratschläge der Nationalökonomie .seien nichts als organisierte Selbstsucht". JeneSchranken zwar, welche das alte Recht dem Individuum gezogen hatte, mul'sten fallen, aber nur deswegen, weil die in Zukunft zu errichtenden sich von ihnen in doppelter Hinsicht unterscheiden müssen: sie werden nicht von Einzelnen und herrschenden Klassen zum Schutze ihrer Interessen errichtet werden, sondern vom Arbeiterstande d. h. vom Volke überhaupt zum allgemeinen Besten; aufserdem werden sie nicht auf dem Wege der Gesetzgebung herbeigeführt werden, sondern durch freiwillige Unternehmung, also auf Grund der moralischen Fortschritte der Menschennatur. Hiernach bestimmt sich das Verhältnis der Genossenschaftsbewegung zum heutigen Socialismus. Das eigene Ziel, so meinen die Genossenschafter, sei nicht weniger weitgehend als das, „welches die grofsen Propheten des modernen Socialismus, St. Simon, Fourier und Robert Owen, erfüllt habe, deren sogenannte Utopien in vielen jüngeren Geistern das brennende Verlangen nach socialer Reform entfacht hätten". Bezeichnenderweise werden nur ältere Socialisten genannt; in ihnen liegen die Berührungspunkte, von denen sich die Genossenschaftsbewegung und der moderne Socialismus divergent entwickeln. Aber die Genossenschafter erheben den Anspruch, die wahren und rechten Socialisten zu sein, indem sie allein die Reform der Gesellschaft praktisch in die Hand genommen hätten. Auch hätten sie den Glauben, dafs Gesetzgebung es thun könne, aufgegeben, weil staatlicher Eingriff die innere Natur der Menschen nicht verändern könne. Hierin liegt zugleich ihr Gegensatz zu den Socialisten : „jeder Versuch, uns zu einem Schritte zu drängen, für den wir nicht vorbereitet sind, würde nur eine Illustration des Sprichwortes gewähren, »je mehr Eile, desto weniger Beschleunigung«" (Neale). Welches sind die Mittel, durch welche die Genossenschafter ihr Ziel zu erreichen versuchen? Um dieselben im Zusammenhang mit dem genossenschaftlichen Glaubensbekenntnis zu erfassen, mufs man die von den Genossenschaftern geübte Kritik der heutigen Gesellschaft sich vergegenwärtigen. Das System der Konkurrenz ist versucht worden und hat zu dem entgegengesetzten Ergebnis geführt, als man erwartete. Zwar hat es in gewissem Grade die Güterproduktion vermehrt und verbilligt — dies ist sein Vorzug. Aber es hat andererseits die wachsende Tendenz, die Güter ungleich zu verteilen. „Dem der hat, giebt es und dem, der nicht hat, nimmt es noch, was er hat." Es macht, dafs die meisten für andere Güter und Genüsse hervorbringen, welche sie nicht teilen; es häuft die Massen in rauchigen und ungesunden Städten zusammen, wo sie der ihnen von der Natur bestimmten Freuden entbehren: der frischen Luft und des Son- — 333 nenseheins, ohue ihnen irgend welche Entschädigung zu geben. Es bringt in der Gesellschaft „jene Atmosphäre des Betruges und des Milstrauens" hervor, in der gesunde Sittlichkeit nicht bestehen kann. Ja wenn es sich rühmt, die Zahl der Güter zu vermehren und ihre Kosten zu vermindern, so erfüllt es selbst diese Aufgabe unzureichend. Denn es hat die Tendenz, den auf die Gütererzeugung kommenden Betrag von Arbeit und Kapital zu vermindern durch Vermehrung des auf die Verteilung verwandten. Auch wird dadurch nicht etwa bewirkt, dafs ✓ die Güter in einer passenderen Weise als heute unter die, •welche sie am meisten bedürfen, verteilt werden. Vielmehr führt die Konkurrenz zu einer durchaus überflüssigen Vermehrung der Zahl derer, welche sich mit der Verteilung der Güter beschäftigen, während dieselbe in wenigen Händen konzentriert, weit besser und billiger ausgeführt werden könnte. Hier nun setzen die Genossenschafter ein; während bisher ein blinder Zufall geherrscht habe, versuchen sie zunächst das Gebiet der Güterverteilung vernunftgemäfs zu organisieren. Dies ist der erste und leichteste Schritt zur Reorganisation der Gesellschaft überhaupt, der leichteste deshalb, weil zur Bildung eines Konsumvereins von den Mitgliedern am wenigsten Selbstverleugnung verlangt wird und das persönliche Interesse noch am meisten mit in das Spiel gezogen wird. Ferner ist die Geschäftsführung hier am leichtesten, sie erfordert wenig Betriebskapital, und gewährt eine rasche Verzinsung. Sodann ist der Konsumverein deswegen auch der erste Schritt, weil der Arbeiter durch ihn allein sich in den Besitz der Kapitalmengen setzen kann, welche zu der weiteren Ausdehnung des Genossenschaftswesens nötig sind, ferner weil sie in der Ausübung der leichteren Güterverteilung sich eist allmählich die Geschäftskenntnis aneignen müssen, welche die schwierigere Güterhervorbringung voraussetzt. So erzieht diese erste Form der Genossenschaft die Mitglieder für die weiteren Formen; denn auch diese ersteingeführte Form der Güterverteilung allein auf Nützlichkeitserwägungen zurückzuführen, ist irrig. Die Gründung eines jeden solchen Vereins nämlich setzt ein gewisses Kapital voraus, welches von den künftigen Mitgliedern vorgestreckt wird. Nun könnten doch diese, wenn sie allein dem Triebe der Selbstsucht folgten, ihre Mittel in gleicher Weise zu rein persönlichem Vorteil zusammenlegen. Als Kapitalbesitzer gegenüber solchen, die es nicht sind, hätten sie den Gewinn sich ausschliefslich aneignen können. Ebenso ist jeder blühende Konsumverein mit beträchtlichem Kapitalbesitz versucht, sich zu schliefsen 1 . Dagegen ist es allgemein, dafs solche Vereine den Eintritt allen auf das äufserste erleichtern; jedes Zuwiderhandeln gegen diese Regel würde als eine schwere Verletzung des Genossenschaftsgedankens empfunden werden. Der Kapitalbesitzer, so argumentieren die Genossenschafter, benutzt, hier im Gegensatz zur gewöhnlichen Unternehmung, sein Kapital dazu, zugleich mit sich dem ärmeren Mitkäufer zu nutzen, der zu schwach ist, um für sich selbst zu sorgen. Er zieht den gemeinsamen und ferneren, wenn auch thatsächlich höheren Vorteil dem näherliegenden, privaten vor, ganz ebenso wie nach der genossenschaftlichen Lehre er es später gegenüber dem besitzlosen Mithervorbringer zu thun hat. „Cooperative Genossenschaften" darf daher der Führer der Bewegung, Neale, definieren, sind „gewerbliche Gesellschaften, welche gebildet wurden, um Geschäfte in Übereinstimmung mit den Grundsätzen einer höheren Gerechtigkeit, als der in den Gerichtshöfen durchgesetzten, zu führen; diese Grundsätze wurden von ihren Gründern freiwillig angenom- 1 Nur ungeschlossenen Genossenschaften steht die Freiheit von Einkommen- und Gewerbesteuer zu. Vergl. jedoch S. 345 und 346. — 335 — men, die sieh entschlossen, nur in Übereinstimmung und Unterordnung unter dieselben ihren Vorteil zu suchen. Jeden Vorschlag, von diesen Grundsätzen um eines höheren Gewinnes willen abzugehen, würden sie als Bestechungsversuch zurückweisen. Hierin allein liegt die Kraft der Bewegung, und wenn ein Mensch einmal von diesem Gedanken erfüllt ist, so stählt ihn derselbe gegen jeden Widerstand und hält ihn selbst aufrecht in der Niederlage". Wegen dieses ihres Glaubens sähe man die Genossenschafter als Träumer und Utopisten an, sie aber trösteten sich, wie alle Reformer, mit dem Car- lyleschen Worte: „Es giebt keine Wahrheit, die nicht mit der Minderheit von Einem begonnen hätte." Auch verlangten sie von ihren Gegnern nichts; sie hätten heute alles, auf Grund dessen sie mit der Zeit die Gesellschaft umgestalten würden: die Sicherheit von Person und Eigentum und die persönliche Freiheit, welche die heutige Gesellschaft als gröfste Errungenschaft von der Vergangenheit erhalten habe, welche so als Vorbereitung für den genossenschaftlichen Zustand der Zukunft erschiene. Weder staatliche Hülfe noch das Wohlwollen der Arbeitgeber und Besitzenden riefen sie zu Hülfe; beides erniedrige die, welche es annehmen, als Almosen, während die Genossenschafter sich auf Grund ihres Glaubens stark genug fühlten, sich und der Gesellschaft überhaupt zu helfen. Die Genossenschafter betrachten den Konsumverein als den ersten Schritt in der angestrebten Richtung. Die volkswirtschaftlichen Vorteile schon dieses ersten Schrittes erweisen nach ihrer Ansicht sich als hervorragend, wenn er auch voll nur in Beziehung auf das, was er einleitet, zu würdigen ist. Die Güterverteilung werde bei fortschreitender Entwicklung dadurch nach einem grofsen Organisationsplane vemunftgemäfs geregelt. Der Erfolg sei, dal's nur soviel Arbeit geleistet — 336 — werde, als zur bestmöglichen Güterverteilung notwendig sei. Neben der Arbeitsersparnis vollzieht sich auch eine Ersparnis an Kapital: keine unnötigen Lager würden mehr gehalten, kein Geld für Reklame mehr ausgegeben. Arbeit wie Kapital, welche frei würden, wendeten sich zur Hervorbringung neuer Güter; diese aber seien um so leichter verkäuflich, als mit den durch die Konsumvereine erzielten Ersparnissen die Kaufkraft der Massen wachse. Selbst in einer Gesellschaft, die noch von dem Princip der Konkurrenz beherrscht sei, werde auf den einzelnen notwendig ein desto gröfserer Anteil kommen, je mehr Güter im ganzen zur Verteilung gelangten. Ein System, das voll von Reibung ist, bemühen sich so die Genossenschafter durch eine Maschine zu ersetzen, deren Teile zur Zusammenarbeit durch menschliche Vernunft angelegt sind. Für die nach wahrem genossenschaftlichen Princip geführten Konsumvereine werden folgende drei Unterschiede von ähnlichen kapitalistischen Unternehmungen angeführt, a) Bei letzterem wird der Gewinn als Dividende an das Kapital verteilt; Grundprincip der Genossenschaften dagegen ist es, das Kapital mit einem festen Zinssatz (gewöhnlich 5 Prozent) abzufinden, den Gewinn dagegen unter die Mitglieder zu verteilen. b) Die den Genossenschaften angehörigen Mitglieder erkennen die „Pflicht der vernünftigen Konsumtion" an. Sie bekämpfen das System der Reklame und ihre Vereine kaufen und verkaufen nach dem wahren Werte, nicht nach dem durch betrügerische Mittel den Waren beigelegten Scheinwerte. Ihre Waren sind daher unverfälscht, und wenn auch manchmal anscheinend teurer, so doch besser als die auf dem Wege der gewöhnlichen Konkurrenz zum Verkauf gelangenden. In der That ist es unberechenbar, welchen Nutzen die Konsumvereine in dieser Hinsicht dem englischen Arbeiter gebracht haben. Früher war er dem Truck oder dem Krämer ausgeliefert, seine Lebensmittel waren ebenso teuer als schlecht. Heute sind dieselben, soweit die Genossenschaften reichen, von trefflicher Qualität. Den Thee, welchen man im Hause des besseren englischen Arbeiters erhält, wird man in den Kreisen der Mittelklassen, die Feinschmecker auf diesem Gebiete sind, kaum besser vorgesetzt erhalten. Die „Pflicht der vernünftigen Konsumtion" aber geht noch weiter. Die Vereine haben beim Einkauf auch darauf zu achten, dafs der Arbeiter, der die Waren hervorgebracht hat, seinen angemessenen Anteil an Gewinn, soweit es unter heutigen Ge- sellschaftzuständen möglich ist, d. h. den von den Gewerkvereinen festgestellten Lohn, erhalten hat. Zu Schleuderpreisen einzukaufen, welche durch übermäfsigen Druck auf Arbeiter ermöglicht werden, ist gegen das Genossenschafts- princip. c) Dieser letztere Punkt bereits weist auf die produktive Genossenschaft hin. Konsumvereine, welche es nicht wenigstens als das von ihnen zu erstrebende Ideal ansehen, genossenschaftlich hervorgebrachte Güter zu verkaufen, würden als „cooperativ" im eigentlichen Sinne nicht angesehen werden. Nun aber ist,-es klar, dafs der einzelne Konsumverein, welcher in einer Welt der Konkurrenz steht, nicht zu Gunsten einer fremden genossenschaftlichen Unternehmung Opfer bringen, auch selber bei der Verschiedenheit der von ihm verkauften Waren nicht oder nur in sehr beschränktem Mafse Produktion treiben kann. Der Punkt, von dem aus die verteilenden Genossenschaften die Organisierung der genossenschaftlichen Gütererzeugung in die Hand zu nehmen haben, liegt auf dem Gebiete gemeinsamer Organisation. Die Führer der Bewegung sind nach dem Vorgange Neales dahin einig, dafs die Grofs- handelsgenossenschaft voranzuschreiten hat. Sie verfügt über sehr grofse Kapitalien und kauft in solchen Mengen, dafs sie v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 22 — 338 — mit ihrer Kundschaft allein imstande ist, gewerbliche Unternehmungen am Leben zu halten 1 . Die Gedanken Neales sind in dieser Hinsicht folgende: Den Weg, der bisher betreten wurde, sieht er, weil dem Systeme der Konkurrenz angehörig, als falsch an. Die beiden Grols- handelsgenossenschaften sind nämlich ihrerseits als grofse Arbeitgeber aufgetreten, wobei sie meist eine Art Gewinnbeteiligung der Arbeiter eingeführt haben. Insbesondere die schottische Genossenschaft zeichnet sich durch Liberalität in dieser Hinsicht aus. Neale stellt demgegenüber auf, dafs es wenig Unterschied mache, ob ein fester Lohn oder ein Gewinnanteil (Bonus) den Arbeitern gezahlt würde, da der Unterschied zwischen Arbeiter und Arbeitgeber bestehen bliebe. Wirklich genossenschaftliche Produktion würde sich nur dadurch erfolgreich und in grofsem Mafsstabe einführen lassen, dafs alle bestehenden und noch zu gründenden Produktivgenossenschaften sich zu einem Bunde zusammenschlössen, zu welchem die Grofshandelsgenossenschaft in ein festes Verhältnis träte. Die Produktivgenossenschaften behielten alsdann ihre Geschäftsführung in eigner Hand, während die Grofshandelsgenossenschaft, d. h. die Vereinigung der Arbeiter als Käufer, Umfang und Art des Bedarfs festzustellen, den Absatz zu sichern hätte, wobei sie des weiteren sich mit einem festzuverzinsenden Kapital beteiligen könnte. Dafür aber sollte sie berechtigt sein, eine gewisse Oberaufsicht zu führen, wozu sie vermöge ihrer Vertrautheit mit grofsen und weitaussehenden Geschäften be- 1 In der „Wholesale society" waren am 28. Dezember 1889 900 Genossenschaften als Mitglieder beteiligt. Der jährliche Umsatz erreichte einen Wert von 7 028944 £ (über 140 Millionen Mark), woraus hervorgeht, dafs ein nicht unbeträchtlicher Teil des Arbeiterstandes seine Lebensbedürfnisse auf diesem Wege bezieht. In London besitzt die Grofshandelsgenossenschaft eine Theeniederlage mit allein 7 Millionen Mark Umsatz, 365882 £. — 339 — sonders befähigt wäre. Durch die so erreichte Sicherheit des Absatzes und die Abwesenheit von Arbeitsstreitigkeiten würden die Produktivgenossenschaften in den Stand gesetzt werden, mit der kapitalistischen Gütererzeugung zu konkurrieren. Dies der Plan, welcher auf dem Genossenschaftskongrefs 1888 besprochen und zu dessen Durchführung der erste Schritt durch die Anbahnung von Kartell Verhältnissen zwischen der Grofshandels- und den einzelnen Produktivgenossenschaften thatsächlich gethan wurde. Die Grofshandelsgenossenschaft würde nach diesem Plane das verbindende Organ zwischen hervorbringenden und verteilenden Genossenschaften werden. Die genossenschaftliche Litteratur ist natürlich noch reicher in Hinsicht auf die volkswirtschaftlichen Vorteile der von ihr befürworteten Produktivgenossenschaft. Hervorgehoben wird insbesondere die Möglichkeit eines steten Gleichgewichts zwischen Nachfrage und Angebot, die hiermit herbeigeführte Beseitigung von Handelskrisen, die Ersparnis der Arbeit und des Kapitals, welche jetzt in den Kämpfen der Konkurrenz verloren gehe, das Aufhören des mit derselben unvermeidlich verbundenen Scheinwesens, der lügnerischen Mittel der Reklame u. s. w. Überproduktion würde aufhören, welche eine stets wachsende Gefahr für die Arbeiter bedeute. Könne doch heute z. B. ein Mann nebst zwei Kindern 2—3000 Spindeln beaufsichtigen, von denen jede einzelne zur Zeit, da die Baumwollenspinnerei eine Stapelindustrie zu werden anfing, einen eigenen Mann erforderte. Die wachsende Produktionsfähigkeit des Menschen aber solle statt zu Überproduktion zu Verkürzung der Arbeitszeit und gröfserer Mufse für Bildung und Erziehung verwandt werden. Die Zukunftsbilder, welche dem Genossenschafter vorschweben, gehen noch weiter. Sie sind nicht zu übergehen, weil sie beweisen, dafs das englische Genossenschaftswesen 22* — 340 — geeignet ist, jenen Hang des Arbeiters nach socialreformato- rischen Systemen zu befriedigen, die an Stelle der Wirklichkeit ein goldenes Zeitalter zu setzen versprechen. Das Ge- nossenschaftsprincip soll nämlich einst das ganze Leben der Menschen, auch das häusliche, regeln. Die Armen würden, so meint man, auf diesem Wege diejenigen Vorteile erreichen, welche unter dem gegenwärtigen System gesonderter Haushaltsführung nur dem Reichen zugänglich seien: die Freuden eines wohnlichen Heims. Aufserdem aher würden sie — eine Annahme zweifelhafterer Natur — durch die genossenschaftliche Ansied- lung einer „Freude höherer Art" teilhaftig werden, nämlich der Freude des gemeinsamen Verkehrs, der sie fördern würde und eine „unumgängliche Bedingung der grofsen socialen Neugestaltung" sei, welche die Zukunft im Schofse trage. Selbstverständlich ist es, dafs* auch hier die Pläne bereits bis in das einzelne vorliegen, auch die wirtschaftlichen Vorteile eines solchen gemeinsamen Lebens eingehend besprochen sind; dafs man beschreibt, wie die cooperative Ansiedlung anzulegen ist, wie z. B. die Häuser unterirdisch mit Schienen verbunden werden sollten, wie alle von einer grofsen Küche versorgt würden, dabei aber jedes Plaus einen Garten haben sollte, „in den der Nachbar nicht 1 hereinsehen" könnte u.s.w. Vereinzelte Experimente soeialistischer Gemeinschaften, erfolgreich nur, soweit die Teilnehmer sich ganz der Sache unterordnen, so die zu Oneida und zahlreiche andere in den Vereinigten Staaten stehen mit diesen Plänen im Zusammenhange. Ihre eigentümliche Färbung erhalten sie durch den leidenschaftlichen Hang des englischen Arbeiters nach dem Lande und Landbesitz. — Nach der Ansicht der Genossenschafter ist ihre Bewegung seit dem Auftreten des Christentums das wichtigste Ereignis in der menschlichen Geschichte. Der Mensch, der vom — 341 — Sklaven zum Leibeignen, vom Leibeignen zum Lohnarbeiter aufstieg, erhebe sich durch sie zum „Mitarbeiter" (cooperator), womit das Mifsverhältnis zwischen reich und arm aufgehoben werde. Sie sei nichts anderes „als die Anwendung des Christentums auf das Leben"; dementsprechend ist ihr Ziel, die Menschheit zu Christus hinzuführen, aus der Dunkelheit der Gegenwart zu dem Christus der da sein wird. „Rang out the darkness of the land Rang in the Christ who is to be". Die Genossenschafter erklären, dafs es sich im Grunde bei ihrer Bewegung nicht um etwas neues handele. Alle früheren Organisationen der Menschheit beruhten bereits auf dem Genossenschaftsgedanken: der Selbstverleugnung und Einigung. Aber die Ziele, zu Gunsten derer die Menschen früher ihre Selbstsucht unterordneten, waren beschränkter Natur: das Interesse einer Klasse, die Verfechtung einer Idee. Heute ist das Ziel ein unbeschränktes: das Wohl aller. Keiner mehr wird als blofses Werkzeug zu Gunsten anderer behandelt und alle ohne Unterschied des Standes und der Nation können sich diesem Ziele unterordnen. „Wie bei dem Ilochzeits- mahl in der Bibel ist unser Tisch für alle Arten von Gästen gedeckt" (Neale). Wir haben im vorhergehenden den der Genossenschaftsbewegung zu Grunde liegenden Gedankenkreis dargestellt, dem ein phantastisches Element nicht fehlt, der aber im wesentlichen auf Owensche und Carlylesche christlich-sociale Gedanken zurückgeht. Zweierlei hebe ich als Gedanken von grundlegender Wichtigkeit hervor: einmal den allgemeinen, schon von Owen so nachdrücklich betonten und durch Carlyle in erschütternden Worten gepredigten Satz, der die wichtigste Errungenschaft des neunzehnten, im Gegensatz zum achtzehnten Jahrhundert bedeutet: dafs die Beseitigung der socialen Leiden nicht durch Gewalt und nicht durch Gesetzgebung herbeigeführt werden kann, sondern nur durch innere Veränderung der Menschen, dafs also die sociale Frage im Grunde nicht politischer, sondern moralischer Natur ist. In zweiter Linie steht folgender, auf die Genossenschaftsbewegung insbesondere bezügliche Satz, dafs wirkliche Erfolge nicht zu erreichen seien, aufser durch Erfülltsein von der Idee, was die Erfahrung überall bewahrheitet. Insbesondere sind die schwierigeren Arten der genossenschaftlichen Unternehmung ohne das undenkbar, aber selbst ein Konsumverein verdankt -wirklichen Aufschwung fast immer selbstloser Arbeit im Dienste der Idee. Als Folge beider Sätze, welche im genossenschaftlichen Glaubenbekenntnis voran stehen, erscheint der hohe Wert, welchen man auf Erziehung und Fortbildung der jüngeren Mitglieder legt, wofür die Vereine nicht geringe Summen ausgeben. Denn im Grunde hängt der Erfolg der Bewegung von der Stärke und Ausbreitung ihrer Idee ab. Selbstverständlich ist es, dafs die breiten Massen der den Genossenschaften angehörenden Arbeiter von diesen Gedanken nicht durchweg in gleicher Stärke berührt sind. Erleichtert man doch allen den Eintritt. Auch verlangt man von keinem der eintretenden Mitglieder ein Glaubensbekenntnis. Ja, im Widerspruche zu den eigenen Überzeugungen scheut man nicht egoistische Erwägungen anzurufen, um Proselyten zu machen. Dies beweist ein mir vorliegendes Flugblatt, welches auf die Frage: „Warum bin ich Genossenschafter?" ganz uti- litarisch antwortet: 1. weil der, der hinter dem Ladentische steht, mir dient und nicht einem andern, der mich betrügen will; 2. weil ich nicht zulassen kann, dafs dieser andere auf meine Kosten reich wird: 3. weil ich eine Dividende bekomme; 4. weil ich die Bibliothek und das Lesezimmer benutzen, Vorlesungen hören, Feste, Spiele, Piknicke mitmachen darf — 343 — und dadurch mein Leben heiterer wird. Gegenuber diesen gewissermafsen exoterisehen Gründen wird erst in letzter Linie die esoterische Anschauung in das Feld geführt, dafs man Genossenschafter sei, um die Erlösung der Arbeiter von dem Drucke des heutigen Gesellschaftssystems herbeizuführen. Aber auch solche, welche rein aus Nützlichkeitsgründen den Genossenschaften beitreten, können doch dem Einflüsse der genossenschaftlichen Gedanken sich nicht entziehen. Denn die Genossenschaften haben ja nicht blofs gewerbliche, sondern auch gesellige Zwecke. Sie sind Gemeinschaften des Lebens, „frater- nitates" im mittelalterlichen Sinne mit gemeinsamen Unterhaltungen, Festen etc. Dabei wirkt einer auf den andern ein. Von jenen alten bewährten Kämpfern, die noch auf christlich- socialem Boden stehen und das Salz der Bewegung bilden, breitet sich die genossenschaftliche Weltanschauung unter den Massen aus. Nirgends fehlen solche .Männer, besonders zahlreich sind sie in Schottland und jenen Bergthälern um Roch- dale, wo die Wiege der Bewegung stand. Sie sind die Apostel ihrer Idee. Durch ihren Einflufs haben die Zusammenkünfte der Genossenschafter jenen eigentümlichen häufig nahezu religiösen Ton angenommen, welchen stets das Bewufstsein eines gemeinsamen Glaubens einer Versammlung verleiht. Holyoake schreibt diesen Glauben zusammenfassend in der „Fortnightly Review" vom 1. August 1887: „Noch ist der Tag nicht da. Wie Ephraim Jenkinson im Vicar von Wake- field sagt, ist die Welt noch in ihrer Kindheit. Die Genossenschaftsbewegung ist aus dem Gefühle herausgeboren, dafs unbeschränkte Konkurrenz im besten Falle der sociale Krieg ist. Obgleich der Krieg seine Eroberungen, seinen Pomp und seine Barden hat, seine stolzen Verbindungen und heldenhaften Erinnerungen, auf seinem Wege steht doch der Mord. Menschlichkeit und Genufs wären Dinge, über die man er- — 344 — röten müfste, wenn es kein edleres Mittel des Fortschritts gäbe als den Krieg. Wie sich ein dauerhafter Frieden zum Kriege verhält, so verhält sich Cooperation zu dem nie endenden Kampfe zwischen Arbeit und Kapital: sie ist der sociale Friede." IV. Der gegenwärtige Stand der Genossenschaften. Der gegenwärtige Rechtszustand beruht auf dem Gesetz von 1862. Jedoch beziehen sich eine grofse Menge einzelner Gesetze auf denselben Gegenstand, solche von 1846, 1850, 1852, 1856, 1862, 1867 und 1871. Das hierdurch höchst verwickelt gewordene Genossenschaftsrecht wurde durch den „Industrial and Provident Societies Act" 39 u. 40 Vict. Ch. 45 (1876) vereinigt, indem Artikel IV des cit. Ges. die entsprechenden derogatorischen Bestimmungen enthält. Das Gesetz erstreckt sich nur auf die eingetragenen Genossenschaften: es schreibt die Eintragung für alle Gesellschaften von mehr als 20 Personen vor, indem es alle Geschäfte derartiger Gesellschaften ohne Eintragung als rechtsunwirksam erklärt. Die Voraussetzungen der Eintragung sind lediglich formaler Natur, die Eintragungsbehörde ist das Registrieramt, an dessen Spitze der „chief registrar" steht, gegen dessen Entscheid jedoch gerichtliche Berufung möglich ist (Art. VIII, 8). Von Interesse sind hier allein die Bestimmungen des Artikel XI, welcher die den Genossenschaften zugestandenen Rechtsvorzüge enthält. Es werden ihnen Körperschaftsrechte zugesprochen und die Haftbarkeit der Genossenschaft auf das Genossenschaftsvermögen beschränkt. Hierauf beruht des weiteren das Recht, die Mitglieder durch Satzungen zu binden und Gesellschaftsforderungen von ihnen auf dem Klagewege einzutreiben. Des weiteren gewährt — 345 — das Gesetz den Mitgliedern Erleichterung der letztwilligen Verfügung über ihre Anteile, soweit sie nicht 100 r £ übersteigen (Gesetz von 1883); solche Verfügung erfolgt im Gegensatz zu den sonst vorgeschriebenen Formalitäten durch einfache Anzeige an die Verwaltung der Gesellschaft und ist selbst dann möglich, wenn das Statut die Anteile für unübertragbar unter Lebenden erklärt. In ähnlicher Weise wird die Intestatvererbung der Anteile geregelt, indem die Mehrheit des Vorstandes einfach entscheidet, wem der Erbanspruch zusteht und diesem den Genossenschaftsanteil zuweist, wobei sie näher Berechtigten für Übergehung haftbar bleiben. Ferner darf jede registrierte Genossenschaft Land kaufen und verkaufen, pachten und verpachten, sie darf in beliebig hohem Betrage Anteile an dem Vermögen jeder andern dem Gesetz unterfallenden Genossenschaft besitzen u. s. w. Die Bestimmung, welche die Genossenschaften von der Einkommensteuer befreit, ist um deswillen interessant, weil sie zu einem Schlüsse auf die den Genossenschaften ungehörigen Gesellschaftsklassen führt. Die angeführte Bestimmung wurde am 16. August 1887 im Unterhause zum Gegenstand einer Interpellation gemacht. Aus der Erwiderung des Finanzministers Goschen geht nun hervor, dafs es sich keineswegs um eine Sonderbestimmung zu Gunsten der Genossenschaften handelt. Nach englischen Steuergrundsätzen kann nämlich der Geschäftsgewinn von Gesellschaften nicht besonders besteuert werden 1 ; wenn man den Gewinn von Aktiengesellschaften besteuert, so geschieht dies lediglich aus Bequemlichkeitsgründen, indem die Gesellschaft alsdann stellvertretend für ihre Mitglieder zahlt, diese also für den von steuerpflichtigen Gesellschaften bezogenen Gewinn, ihre Dividenden 1 Dagegen bezahlen die Gesellschaften Einkommensteuer von ihrem Eigentum. — 346 — nicht weiter steuerpflichtig sind. Ein entgegengesetztes Verfahren wäre gesetzwidrige Doppelbesteuerung. Diese persönliche Natur der Einkommensteuer bewährt sich nun darin, dal's Mitglieder einer Aktiengesellschaft, welche unter 150 SS Einkommen haben und deshalb von der Einkommensteuer überhaupt gesetzlich frei sind, den ihrem Gewinnanteile entsprechenden Betrag der von der Gesellschaft bezahlten Steuer vom Staate zurückfordern können: die Gesellschaft hat eben für sie stellvertretend eine Steuer bezahlt, zu der sie nicht verpflichtet waren. Dasselbe Verfahren bei den cooperativen Genossenschaften einzuführen, hat man, wie der Minister hervorhebt, deshalb unterlassen, weil man damit eine Unzahl von Regreisansprüchen gegen den Staat schaffen würde, indem die grofse Mehrzahl der Mitglieder unter 150 '£ Einkommen habe. Der Staat ziehe es daher vor, die Steuer, anstatt von der Gesellschaft, von dem einzelnen Mitglied zu erheben, soweit sein Einkommen die Minimalgrenze überschreite. An sich also seien die Genossenschafter in keiner Weise durch Steuerprivilegien begünstigt. Aus dieser Darlegung folgt, dafs die Genossenschaften in der That dem Arbeiterstande angehören, da ein Einkommen unter 150 SS nicht mehr Zugehörigkeit zu den Mittelklassen begründet. Einen anderen noch günstigeren Standpunkt scheint das Registrieramt zu Gunsten der Genossenschaften einzunehmen. Es betrachtet die von ihnen ausbezahlte Dividende überhaupt nicht als neues Einkommen, sondern vielmehr als Sparanlage von schon gemachtem Einkommen 1 . Das Gesagte beweist, 1 In dem Bericlit des „Chief Registrars" über „Industrial and Pro- vident societies" für 1879 findet sich folgende Stelle: „Niemand würde erwarten, wenn drei oder vier Personen gemeinschaftlich ein Kiste Thee kaufen, dafs sie eine Steuer für die Differenz zwischen Engros- und Detailpreis zu zahlen hätten. Der sogenannte Gewinn der Konsumvereine besteht in nichts anderem als dieser Differenz und würde ebenso — 347 dafs die Genossenschaften sich heute der Gunst der Behörden wie der Gesetzgebung erfreuen — ein Ausflufs der allgemein herrschenden arbeiterfreundlichen Stimmung. Freilich ist dieselbe jungen Datums. Die Genossenschaftsgesetzgebung mufste einst schwer gegen die Anhänger des Systems der unbeschränkten Konkurrenz erkämpft werden. Am meisten verdanken die Genossenschaften den heutigen für sie fast völlig befriedigenden Stand der Gesetzgebung Männern wie Ludlow, Neale, Thomas Hughes und A. Dyke Acland, ihrem jüngeren Kämpen im Parlament. Auf Grund des angedeuteten Rechtszustandes pflegen sich die Gesellschaften in folgender Weise aufzubauen. A. Die verteilende Genossenschaft (Konsumverein). Folgende Grundsätze werden von den englischen Konsumvereinen als mafsgebend anerkannt: 1. Der Verein ist jedem offen, welcher Mitglied werden will; Vereine mit geschlossener Mitglied erzähl gelten als ungenossenschaftlich. 2. Jedes Mitglied ist gleichberechtigt an der Führung des Vereins, mag sein Anteil so hoch oder niedrig sein, als innerhalb der gesetzlichen Grenzen zulässig ist. Beide Grundsätze bezeichnen den specifisch genossenschaftlichen Charakter gegenüber anderen, lediglich auf den Erwerb gerichteten Vereinen. Den Geschäftsbetrieb betreffend gilt folgendes: 3. Der / unvernünftig sein, ihn zu besteuern, wie etwa die Ersparnis, welche der Kaufmann dadurch in seinem Haushalte macht, dafs er seine Waren zu Engros- anstatt zu Detailpreisen erhält". Soweit den Genossenschaften aus Geschäften mit Nichtmitgliedem Gewinn erwüchse, sei dieser natürlich zu versteuern, jedoch komme ein solcher praktisch, weil alle Käufer sehr schnell Mitglieder würden (Folge der beschränkten Haftbarkeit), kaum in Betracht. Jedoch ist, wie mir Neale mitteilt, diese Ansicht nicht allgemein angenommen. Denn in seiner Dividende beziehe jedes Mitglied aufser dem auf seine Einkäufe kommenden Gewinn den auf seinen Geschäftsanteil kommenden Gewinn, die rechnerisch nicht zu sondern wären. — 348 — Verkaufspreis der Waren ist der gewöhnliche Marktpreis in dem betreffenden Orte, wo der Verein seine Niederlage hat — im Gegensatz zu der Gewohnheit der ursprünglichen und der dem Mittelstande angehörigen Vereine, wonach der Verkaufspreis geringer als der Marktpreis ist. 4. Die Dividenden dürfen von den Mitgliedern jederzeit aus dem Geschäfte gezogen werden, mit Ausnahme dessen, was notwendig ist, zur Erhaltung des von jedem Mitglied verlangten Minimalanteils am Geschäftskapital. Hierbei verfolgt man die Gewohnheit, jeden als künftiges Mitglied zuzulassen, welcher 1 Schilling 3 Pence hinterlegt; von der ihm zufallenden Dividende wird wöchentlich alsdann mindestens 3 Pence zurückgehalten, bis der Betrag eines Minimalanteils von 1 erreicht ist. Frauen sind zum Verein wie zu allen Ämtern desselben in gleicherweise wie Männer zugelassen, ja nicht selten Vorstandsmitglieder. Gegenüber ähnlichen festländischen Vereinen aber kommt in Betracht, dafs die meisten englischen Genossenschaften eben nicht blofs rein geschäftliche Vereine sind, vielmehr durch eine gemeinsame Weltanschauung zusammengehalten, zugleich die geselligen und politischen Interessen ihrer Mitglieder umfassen. Nachdem die Genossenschaftsbewegung den oben angedeuteten Umfang angenommen hat, ist die Errichtung eines neuen Vereins im Vergleich mit früheren Zeiten heute sehr erleichtert. Es hat stets sich als verfehlt herausgestellt, durch Gewährung von Geldunterstützung Vereinen auf die Beine helfen zu wollen. Vereine, welche nicht von vornherein Selbständigkeit besitzen, beweisen dadurch, dafs der Boden für sie noch nicht bereitet ist und dafs vermehrte Propaganda notthut. Das Centraiamt sendet Redner nach dem für den genossenschaftlichen Feldzug ausersehenen Bezirk. Fortwährend sind solche unterwegs. Ferner unter- — 349 — stützt das Amt jeden neuzugründenden Verein mit sachlichem und rechtlichem Rat, Musterstatuten u. s. w. Die wichtigste Frage, welche die Statuten zu entscheiden haben, ist die, ob der von den Mitgliedern besessene Kapitalanteil rückziehbar oder nur übertragbar, d. h. nicht abzuheben, sondern nur durch Verkauf verwertbar sein soll. Es ist unmöglich, das gesamte Kapital frei rückziehbar zu machen, und man schwankt nur darin, ob man, was das gewöhnliche ist, einen Minimalanteil (1 0£) als der freien Verfügung entzieht, während jedes Mehr, das ein Mitglied besitzt, alsdann frei zurückgezogen werden kann, oder ob man den Grundsatz der freien Rück- ziehbarkeit zwar annimmt, aber den Vorstand berechtigt, im Notfalle durch Beschlufs die Auszahlung der reklamierten Anteile zu sistieren. Der Zinsfufs, welcher dem Kapitale zugestanden wird, ist 5 Prozent oder weniger, während eine Dividende ihm nirgends gewährt wird. Als Hauptpflicht der Mitglieder erscheint die Geschäftsüberwachung. Es ist wohl der wichtigste Grund der weit bedeutenderen Genossenschaftsentwicklung in England gegenüber der auf dem Festlande, dafs der englische Arbeiter eine „Pflicht der Kritik" der Verwaltung gegenüber anerkennt und den Verein nicht als ein für ihn, sondern ein von ihm geführtes Geschäft ansieht. Hierzu wirkt vor allen, dafs er durch langjährige Ausübung der ihm vollgewährten Versammlungsfreiheit die „Kunst der Debatte" erworben hat, d. h. es versteht, Geschäfte in gröfseren Versammlungen zu erledigen. Bei diesen Versammlungen wird mit eiserner Strenge die Geschäftsordnung gegenüber Störern festgehalten, man unterstützt den Vorsitzenden gegen Unterbrechungen, selbst wenn man mit denselben sachlich übereinstimmt. Die Folge ist, dafs die Generalversammlungen nicht ein blofses Schattenregiment, sondern eine wirksame Kontrolle führen. Hierzu — 350 — kommt aber ein zweites, was das wichtigste ist. In allen gröfseren "Vereinen werden sich Männer finden, welche um der Idee willen Genossenschafter sind. Diese sind die geborenen Vorstandsmitglieder. Häufig mit nicht mehr bezahlt als dem entgangenen Tagelohn, fuhren sie Geschäfte, welche der Kaufmann nur wohlbesoldeten Beamten anvertrauen könnte. Aber da das überwachende Auge des Prinzipals fehlt, so wäre ein hoher Lohn nur zu leicht Versuchung, dafs Mitglieder um der Bezahlung willen in den Vorstand zu kommen suchten, und alsdann mehr ihre eignen Interessen als die des Vereins verfolgten. Daher ist die geringe Bezahlung ein wirksamer Schutz der Redlichkeit der Geschäftsführung. Nach und nach sind die Vereine aber grofse Arbeitgeber geworden. In ihnen sind heute gegen 13 000 Menschen allein zu höheren oder niederen kaufmännischen Geschäften angestellt, abgesehen von dem grofsartigen Fabrikbetrieb. Hier nun erhebt sich die interessante Frage, inwieweit die Arbeiter ihre Macht gleich dem kapitalistischen Unternehmer auszubeuten geneigt sind. Die Praxis zeigt, dafs die Arbeiter in ihrer grofsen Masse heute noch nicht viel höher stehen als die von ihnen so viel angegriffene Produktionsweise. Zugegeben ist allerdings, dafs eine Reihe von Vereinen, ähnlich nicht wenigen Arbeitgebern, Gewinnbeteiligung eingeführt haben; solche Versuche, selbst wenn sie mifslangen, tauchen immer wieder von neuem auf. Die gerechteste Beteiligung der Arbeiter, wie sie von den Leitern der Bewegung meist vergeblich empfohlen wird, ist dagegen die Gleichstellung zwischen Angestellten und Mitgliedern in der Art, dafs die Dividende, welche auf je 1 j£ Einkäufe bezahlt wird, in gleichem Betrage auf je 1 £ verdienter Löhne zu bewilligen ist. Auch hierbei sind es die gröfsten Vereine, insbesondere die Schottlands, welche vorangehen, während die kleinen und mittellosen Vereine der — 351 — ländlichen Bezirke Südenglands, soweit sie überhaupt bestehen, zurückbleiben. Zugänglicher haben sich die Genossenschafter in der Frage der Arbeitstunden und der Feiertage gezeigt, weil hier die Interessen aller Arbeiter offenkundiger zusammengehen. Die Bewegung für den freien Sanistagnachmittag ging von ihnen aus, und heute pflegen sie ihren Angestellten aufserdem noch einen zweiten freien Nachmittag zu bewilligen. Die Einzelheiten der inneren Einrichtung der Genossenschaften fallen aus dem Bahmen dieser Arbeit. Durch diese Vereine wurden die Arbeiter vereinigt das, was ihnen einzeln versagt ist: Kapitalisten. Die Vereinsvermögen betragen heute gegen 10 Millionen '£ (200 Milk Mark). Die sociale Bedeutung dieser Thatsache ist sehr bedeutend, um so mehr als die Vereine einen Teil ihrer Mittel auf die Wohnungsfrage und das Bedürfnis nach geistiger Anregung und Ausbildung der Mitglieder zu verwenden pflegen. Die Wohnungsfrage ist in allen Ländern von Menschenfreunden und Socialpolitikern zum Gegenstande ihrer Erwägungen gemacht worden. Nicht nur, dafs der Besitzlose einen viel gröfseren Teil seines Einkommens auf die Wohnung aus- giebt als der Besitzende, auch absolut genommen ist sein Mietzins höher, indem er wegen der Unsicherheit und Unannehmlichkeit der Kapitalanlage einen höheren Prozentsatz dem Mietsherrn zahlt, als der den Mittelklassen ungehörige Mieter. Wie teuer der Arbeiter zu wohnen pflegt, geht daraus hervor, dafs Anlagen von Arbeiterwohnungen, welche Vereine und Fabrikherren unternahmen, selbst wenn sie 5 Prozent und mehr vom Kapital abwerfen, relativ als wohlthä- tige Anstalten anzusehen sind, indem sie dem Arbeiter eine weit bessere und billigere Wohnung darbieten, als er ohne das sich zu verschaffen in der Lage wäre. Mögen nun aber Volkswirte dem Arbeiter vorrechnen, wie er in der Lage sei, — 352 — sich durch nicht höhere Zahlungen als den jetzigen Mietzins zum Eigentümer zu machen, diese Vorschläge scheitern, obgleich rechnerisch unanfechtbar; dahingehende Versuche werden vereitelt durch die wirtschaftliche Schwäche und Indolenz der Massen. Erst dort, wo der Arbeiter fähig wird, seinen wirtschaftlichen Vorteil zu erkennen und wahrzunehmen, thut er das, was Gesetzgebung und Wohlthätigkeit nicht können: er beseitigt jene, zwischen dem Mittelstande und den Arbeitern stehenden Schmarotzergewächse, wie den Kleinkrämer so auch den Arbeiterhauswirt. Nirgends sind die genannten Eigenschaften aber in höherem Mafse mehr zu finden, als bei dem englischen Genossenschafter. Auch auf dem Gebiete der Wohnungsfrage hat er den wichtigsten Schritt von der Theorie zur Praxis gethan. Die Statistik über diesen Gegenstand ist leider unvollkommen. Es beruht dies darauf, dafs die mit dem Bau von Arbeiterwohnungen sich befassenden Gesellschaften nicht in einer Rubrik des offiziellen Berichtes über die Arbeitervereine aufgeführt werden. Zum Teil sind sie eingetragen unter dem Genossenschaftsgesetz, zum Teil in einem eigenen Register, soweit sie sich dem besonderen Gesetze über Baugesellschaften unterwerfen. Von den letzteren, welche nach dem Berichte des Chief Registrar von 1887 über ein Gesamtvermögen von mehr als 50 Millionen SS (einer Milliarde Mark) verfügten, steht es hinwiederum fest, dafs sie nicht nur von dem Arbeiterstande, sondern auch von den unteren Mittelklassen reichlich benutzt werden, ohne dafs man irgend einem äufseren Merkmal die Grenze zwischen beiden entnehmen könnte. Endlich um eine zahlenmäfsige Klarheit noch unmöglicher zu machen, haben zahlreiche Konsumvereine eine Abteilung für Häuserbau, ohne dafs sich aus ihren, dem Registrieramte eingesandten Belichten ersehen läfst, wieviel — 353 - Kapital sie für den genannten Zweck aufwenden. Man ist also auf Schätzungen angewiesen. Was zunächst die Konsumvereine angeht, welche nebenbei Häuserbau betreiben, so soll sich ihre Zahl auf über 60 belaufen. Sie sind für uns die interessantesten, da es sich hier sicher um eine rein vom Arbeiterstande ausgehende Unternehmung handelt. Die gröfseren Konsumvereine kommen häufig bei guter Geschäftsführung in die Lage, dafs die Unterbringung der sich ansammelnden Kapitalien für die Leiter die schwierigste Aufgabe wird; der Gesichtspunkt, neue Wege zur Verwertung dieser Sparanlagen der Mitglieder zu finden, ist gewöhnlich der erste Grund zur Errichtung einer Abteilung für Häuserbau. Umgekehrt aber pflegt die Errichtung einer solchen Abteilung alsdann auch die Ansammlung weiterer Kapitalien zu beschleunigen. Viele Mitglieder, welche bisher ihre Dividenden dem Vereine entzogen, weil sie andere, gröfsere Sicherheit bietende Sparanstalten, insbesondere die staatlichen, vorzogen, werden durch die nunmehr gebotene reale Sicherheit veranlafst, ihre Ersparnisse dem Verein zu überlassen. Die erste Schwierigkeit besteht in dem Ankauf des geeigneten Grundstückes. Es ist keine vereinzelte Erscheinung, dafs die gesammte Bodenfläche eines gewerbtreibenden Dorfes oder Stadtteils einem Grundherrn gehört, welcher nur in superficies ähnlicher Weise vermietet. Dieses Verhältnis (der Grund auch des abstofsenden Aussehens vieler, selbst vornehmer Strafsen Londons), ist besonders für den englischen Arbeiter drückend, indem es eine befriedigende Lösung der Wohnungsfrage oft unmöglich macht. Wo jedoch der Verein glücklich genug ist, Land erwerben zu können, zerschneidet er dasselbe in Bauplätze mit zugehörigen Gartengrundstücken und legt eine Strafse hindurch, welcher man mit Vorliebe den Kamen „Cooperative Strafse" giebt. Eine solche Ansiedlung v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 23 — 354 — gleicht äufserlich den „Arbeiterstädten" unserer elsäfsischen und rheinischen Fabrikorte mit dem Unterschiede nur, dai's sie nicht von den Arbeitgebern, sondern selbständig von der Blüte des Arbeiterstandes errichtet wurde. Das Verfahren ist dabei folgendes. Nicht wenige Mitglieder bauen ihr Haus selbständig; der Verein schiefst in diesem Falle die notwendigen Gelder gegen reale Sicherheit vor. Für wirtschaftlich schwächere baut der Verein; sie beziehen das Haus als Mieter, aber amortisieren im Mietzins, sodafs sie im Laufe von etwa neunzehn Jahren zu Eigentümern werden. Unter gewöhnlichen Umständen pflegt der englische Arbeiter für eine Familienwohnung wöchentlich etwa 5 Schilling zu zahlen; in gröfseren Städten (London) bezahlt er bedeutend mehr. Diejenige cooperative Gesellschaft nun, über deren Häuserbau mir ein Bericht vorliegt und welche, Lancashire angehörig, als Beispiel für andere angesehen werden kann, verlangt einen wöchentlichen Mietzins von 6 Schilling. In neunzehn Jahren also zahlt der Inhaber eines solchen Hauses 298 £ 8 Schilling, d. h. wenig oder nichts mehr als die durchschnittliche Miete. Einen nicht unbeträchtlichen Teil jenes Mietzinses aber bringt er dadurch auf, dafs er einfach die ihm zufallende Dividende dem Verein für Mietforderungen überläfst. Der Rest beträgt dann weit weniger als der Mietzins, den er ohne den Verein zu zahlen hätte, wobei er im Verlauf von neunzehn Jahren das Haus (im Werte von 200 l £) eigentümlich erwirbt. Im Laufe von achtzehn Monaten hatte der angeführte Verein auf Grund des entwickelten Planes 140 Häuser gebaut , während zahlreiche andere im Bau standen. Voraussetzung eines solchen Erfolges ist ein so aufser- gewöhnlich hochstehender Arbeiterstand, wie ihn bis heute allein die englischen Genossenschaften hervorbrachten. Nach — 355 — einer mir zugänglichen Schätzung vom Jahre 1884 nimmt man an, dafs die Genossenschaften damals zusammen etwa 500000 £ (10 Millionen Mark) auf Häuserbau ausgegeben hatten, eine Summe, welche sicli bis heute auch verdoppelt haben kann. Nimmt man dazu, dafs das „cooperative Haus" das gewöhnliche englische Arbeiterhaus übertrifft , so ersieht man daraus die Wichtigkeit der Genossenschaften auch in dieser Hinsicht für die Hebung des Arbeiters. Unter dem Genossenschaftsgesetze sind auch besondere Baugesellschaften (als „industrial and provident building societies") eingetragen. Auch sie gehören ausschliefslich dem Arbeiterstande an und sind nichts als cooperative Genossenschaften, die den Bauzweck in erste Linie stellen. Ferner ist der Arbeiterstand auch in den eigentlichen und einem besonderen Gesetz unterfallenden Baugesellschaften stark vertreten. Diese Gesellschaften, häufig nur für vorübergehende Zwecke gegründet, ermangeln jenes eigentümlichen Gedankeninhaltes, dem die Genossenschaften des Arbeiterstandes ihre Blüte verdanken. Für letzteren bezeichnend sind insbesondere ihre Bestrebungen auf dem Gebiete der Erziehung. Dieselben sind ein Beweis dafür, dafs die Genossenschaften vielfach wahre Lebensgemeinschaften sind, bei denen die geschäftlichen Zwecke nur äufserlich in erster Linie stehen. Hier einzurechnen ist alles, was für Hebung und Unterhaltung der Mitglieder gethan wird. Diese Bestrebungen beruhen auf dem Bewufstsein der Genossenschafter, dafs sie verloren wären für den Fall, dafs das ältere, noch unter dem Einflüsse der christlichen Socialisten stehende Geschlecht nicht imstande wäre, die Begeisterung für die Sache auf die jüngeren Genossen fortzupflanzen. „Wir alle wissen, dafs unter uns sich Männer befinden, deren ganzes Leben im Dienste ihres Enthusiasmus steht. Wir haben guten Grund zur Annahme, 23* dafs Begeisterung — weit entfernt phantastisch und unpraktisch zu sein — von allen Dingen dieser Welt die meisten Erfolge aufweist; sie ist das praktischste aller Dinge. Wenn sie zwar nicht der Führer ist, so ist sie doch die Triebkraft" — Worte der Genossenschafterin Fräulein Sharp aus einer auf dem Kongrefs zu Plymouth 1886 gehaltenen Rede. Der erste Zweck aller genossenschaftlichen Erziehungsbestrebungen ist also, „den cooperativen Glauben" zu verbreiten. Dies auch ist in gleicher Weise der Zweck jener geselligen Vereinigungen, indem die Genossenschafter, wie jede derartige Gemeinschaft, empfinden, dafs nichts die Stärke eines Glaubens so sehr vermehrt, als der Ausdruck desselben in gemeinsamer Versammlung. „Die Notwendigkeit führte viele alte Genossenschafter dazu, das Genossenschaftswesen zu studieren; aber der anwachsende Gewinn, welcher aus diesen Studien herrührte, veranlafste viele junge, sich weniger um dieselben zu bekümmern. Aber wenn die Jungen die Bedeutung und die Ziele der Bewegung in sich nicht erfassen, woher sollen wir dann unsere künftigen Leiter und Geschäftsführer nehmen? Nach unserer Meinung dürfte es für jede Gesellschaft sich einträglich erweisen, zum mindesten 2 1 /a Prozent ihres Reingewinns Erziehungszwecken zu opfern. Wenn sie auch ohne das Erfolg haben, so geschieht dies nur, weil die ältere Generation noch lebt. Aber wenn sie nicht länger die Geschäfte führt, dann wird eine solche Gesellschaft grofse Gefahr laufen" L Das gewöhnlichste Mittel, welches die Vereine für ihre Erziehungszwecke anzuwenden pflegen, ist die Errichtung zunächst einer Bibliothek und eines Lesezimmers. In letzterem ist natürlich die genossenschaftliche Litteratur vorhanden, 1 Wholesale Almanac 1883. daneben Zeitungen und Zeitschriften politischen oder volkswirtschaftlichen Inhalts. Die Bibliotheken manches, insbesondere der älteren Vereine sind sehr reichhaltig und alle werden viel benutzt. Die Pioniere von Rochdale errichteten bereits 1849 eine Bibliothek, welche 1856 1000 Bände zählte. Sie war jeden Samstag geölfnet, während das aufserdem eingerichtete Lesezimmer täglich jedem, der 2 Pence monatlich zeichnete, den ganzen Tag über offen stand. 1877 hatte die Bibliothek 13 889 Bände vorwiegend wissenschaftlichen Inhalts und 37 316 jährliche Benutzer. Nachdem jedoch auf Grund der „Public Libraries Acts" öffentliche Bibliotheken allgemein geworden und dem Arbeiterstande zugänglich gemacht sind, ist das Bedürfnis nach genossenschaftlichen Bibliotheken vielfach geschwunden 1 . Damit treten die Vorlesungen und Unterrichtsklassen unter den angewandten Erziehungsmitteln in den Vordergrund. Auch die Unterhaltungsabende, Theegesellschaften, Theateraufführungen und Landpartien, wie sie die Genossenschaften überall veranstalten, haben einen bedeutenden Erziehungswert. Sie haben die Sitten des englischen Arbeiters in einer Weise verfeinert, dafs in keinem Lande der Welt der Fremde von dem Arbeiter gleich zuvorkommend behandelt wird , wie der reisende Nationalökonom zu seinem Nutzen gewahrt. Die rein geselligen Vereinigungen der Genossenschafter, 1 Yergl. die bei Tb. Greenwood, Free Public Libraries, London, Simkin Oie. 1887 angegebene Gesetzgebung. Auch hier ging Lancashire voran, von dem einige Städte geradezu grofsartige freie Bibliotheken besitzen. Aufser den von den Stadtbehörden aufgewandten Summen sind für den genannten Zweck gegen 12 Millionen Mark durch private Wohlthäter beigesteuert worden. Besonders bezeichnend ist das allmähliche Zurücktreten der Nachfrage nach belletristischer Litteratur gegenüber der nach wissenschaftlicher. Auch heute noch gehört Carlyle zu den gelesensten Schriftstellern. — 358 welche zumeist Anhänger des Mäfsigkeitsprincips sind — giebt es doch kaum zwanzig solcher Vereine in England und Schottland, die Bier und Spirituosen verkaufen — sind für die Verbreitung des ,kooperativen Glaubens" besonders wichtig. Sie sind nicht selten durch Vortrag oder Verlesung eines von dem Genossenschaftsamte herausgegebenen Flugblattes mit nachfolgender Besprechung desselben belebt. Diese Vereinigungen, wenn sich die rechten Männer in ihnen finden, sollen der Sache oft mehr nützen, als kostspielige Kurse. So halten häufig ältere Mitglieder Unterrichtsklassen in einem kleinen Kreise jüngerer Genossen freiwillig und unentgeltlich ab. Durch die Einführung des Schulzwanges wurde die Last des Unterrichtes in den elementarsten Gegenständen den Genos- schaftern genommen. Daher sind es neben den Grundsätzen des Genossenschaftswesens heute die öffentlichen Zustände der Heimat, die politischen Rechte des Bürgers und die sociale Frage, über welche die Genossenschaften Aufklärung verbreiten. Abgesehen von der selbst veröffentlichten Litteratur empfiehlt das genossenschaftliche Centraiamt das Studium bestimmter politischer, nationalökonomischer u. s. w. Werke. Mit Freuden haben die Genossenschafter die ihnen dargebotene Hand ergriffen, als die Universitäten den Weg „der Universitätsausdehnung" beschritten, von dem unten die Rede sein wird. Von besonderer Bedeutung war in dieser Hinsicht der in Oxford 1882 abgehaltene Kongrefs der Genossenschafter. Auf das freundschaftlichste empfangen, in den altehrwürdigen Collegien beherbergt, kamen wohl die meisten jener nordeng- lischen Arbeiter hier zum erstenmal mit dem geschichtlichen England in Berührung. Hier auch war es, dafs Arnold Toynbee jene glühenden Worte einer antiutilitarischen Gesinnung in die Massen hineinwarf. „Wenn ihr materielle Hebung erreicht, so erinnert euch, dafs dies noch kein Endzweck — 359 — ist", war der Grundton seiner Worte. Die Teilnahrae der Genossenschafter war gewifs ein Hauptgrund für den Erfolg, welchen kurz darauf die Wanderlehrer der Universitäten in den gewerblichen Bezirken Nordenglands erzielten. Die Genossenschafter gründeten seitdem auch eine eigene Freistelle zu Oxford, welcher sie zu Ehren ihres Führers den Namen „Thomas Hughes scholarship" beilegten. Über die Notwendigkeit der Erziehungsbestrebungen der englischen Genossenschafter äufsert sich der Professor Stuart zu Cambridge wie folgt: „Eine Gefahr für die Genossenschaftsbewegung besteht in ihrem eigenen Erfolge; sie liegt nicht sowohl in der Ansammlung von Reichtum überhaupt, als in dem rascheren Wachstum des Kapitals gegenüber der Bildung. Eure Zahlen werden euch dann zum Hindernis, eure Besitztümer zur Gefahr, und eure Produktionsversuche, wie nur zu oft bisher, zu Mifserfolgen werden. Die Bewegung kann nicht auf dem Verständnis weniger beruhen, sondern ihr Erfolg wird abhängen von dem Verständnis der Massen, welche, wenn sie unwissend sind, in keiner Weise die Vorteile dieser oder jener geschäftlichen Unternehmung beurteilen können. Die Pioniere der Genossenschaftsbewegung haben daher nicht nur Kapital zu schaffen, sondern auch Bildung unter den Mitgliedern, und ihr Unternehmen kann nur in so weit erfolgreich sein, als beides Hand in Hand geht." B. Die Produktivgenossenschaften. Die Produktivgenossenschaft ist das Schmerzenskind und der Liebling aller derjenigen, welche von der Genossenschaftsbewegung die Erlösung der Menschheit erwarten. Ihre sociale Bedeutung besteht darin, dafs sie moralisch hochstehenden Arbeitern die Gelegenheit bietet, einerseits ihren socialrefor- matorischen Trieb zu befriedigen, andererseits sich persönlich — 360 — emporzuschwingen, ebenso wie die gewöhnliche Form der gewerblichen Unternehmung dies dem intellektuell besonders ausgezeichneten Arbeiter erlaubt. Je schwieriger aber der letztere Weg wird, indem die für die Durchschnittsunter- nehmung erforderlichen Betriebsmittel fortwährend steigen, desto wichtiger wird damit der andere Weg. Produktivgenossenschaften sind genossenschaftliche Formen der Gütererzeugung , in denen es keine blofsen Lohnarbeiter giebt, sondern die Arbeiter zugleich Betriebsunternehmer, d. h. an dem Gewinn und Verlust des Geschäftes unmittelbar beteiligt sind und in einer nach den Statuten näher zu regelnden Weise die Geschäftsführung in der Hand haben. Bas Vorhandensein mehr oder weniger hohen oder fremden Kapitals, soweit es nur als Darlehn behandelt wird, ist an sich gleichgültig. Auch bei der kapitalistischen Form kann ein Schritt in der Richtung auf die Produktivgenossenschaft gethan werden durch Einführung der Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Dieselbe unterscheidet sich jedoch darin von der Produktivgenossenschaft: 1. dafs der Lohnarbeiter bleibt und das Verhältnis, in dem der Gewinn zwischen dem Betriebsunternehmer und dem Arbeiter geteilt wird, in des Ersteren Belieben steht; 2. dafs die Arbeiter ferner keinen Anteil an der Geschäftsführung haben. Am Ende des Jahres 1887 wurden 67 produktive Genossenschaften mit einem Kapital von 651369 £ an Anteilscheinen und 207 718 £ an Darlehn verzeichnet; ihr Reingewinn wurde im ganzen auf 59 500 £ beziffert. Die Zahlen haben sich erst im Laufe der letzten fünfzehn Jahre aus ganz geringen Anfängen auf diese Höhe gehoben. Sobald man jedoch näher zusieht, findet man unter der angegebenen Zahl eine Reihe von rein kapitalistischen Unternehmungen, z. B. Kornmühlen, welche verschiedenen Konsumvereinen oder solchen Vereinen in Verbindung mit Privaten gehören; ferner die Unternehmungen der — 361 — Grofshandelsgenossenschaft, welche durch die Gröfse ihres Geschäftsbetriebes die angeführten Zahlen bedeutend anschwellen. Auch hier fällt der Reingewinn dem Kapitalisten zu, den die Grofshandelsgenossenschaft zusammensetzenden Konsunivereinen. Nicht befinden sich in den oben genannten Zahlen die Aktienspinnereien zu Oldham, über die hier ein Wort zu sagen ist. Bei diesen Gesellschaften sind die Aktienanteile zum grofsen Teil in der Hand von Arbeitern. Ursprünglich waren die Aktien vorwiegend in der Hand der iii den Spinnereien beschäftigten Arbeiter. Bald aber gingen die Aktien in andere Hände über. Nicht mehr als zwei Prozent der Anteile sind heute im Besitze derjenigen Arbeiter, welche in der Fabrik, deren Aktionäre sie sind, arbeiten. Ja, es wird berichtet, dafs die Arbeiter zu Oldham mit diesen Aktien auf das gewagteste spekulierten, dafs die Preise je nach der Aussicht auf die zu verteilende Dividende rapid schwankten, und dafs gewisse Wirtshäuser der Stadt Fondbörsen im Meinen geworden seien. Ihr Gesamtkapital beträgt 5 548 780 £, wovon etwas mehr als die Hälfte eingezahlte Anteile sind. Nach einem vor wenigen Jahren erstatteten Berichte bestanden 71 solcher Spinnereien, ihr Aktienvermögen betrug fast 3 Millionen '£ und der jährliche Durchschnittsgewinn 273936 £, d. h. etwa 9 1 /* %. Es sind diese Spinnereien deshalb interessant, weil sie zeigen, dafs der Arbeiter sich unter Umständen auch der Aktiengesellschaft zu bedienen imstande ist. Auch sind diese Unternehmungen in anderer Beziehung von Bedeutung, insofern als ihre Bücher durchaus öffentlich sind, und die Gewerkvereine, welche zum Teil auch Anteilbesitzer sind, daraus Gewinn und Verlust der Industrie auf das klarste ersehen und danach ihre Lohnforderungen schwanken lassen können, was thatsächlich von Gewinnbeteiligung wenig entfernt ist. Wir gehen nunmehr zu denjenigen Produktivassociationen über, welche wirklich genossenschaftlichen Charakter besitzen. Aber auch unter ihnen, wie sie sich in dem von der Gesellschaft zur Beförderung genossenschaftlicher Produktion (coo- perative lahour association) herausgegebenen Verzeichnisse befinden, ist die gröfsere Anzahl von geringem Interesse. Dort nämlich, wo ein handwerksmäfsiger Betrieb vorherrscht, ist die Bildung von Produktivgenossenschaften weder schwierig noch eigentlich eine neue Art von Betriebsform. Ist es doch gerade das eigentümliche des Handwerks, dafs bei ihm Arbeiter und Betriebsunternehmer noch dieselbe Person sind, dafs also von einer Teilung in Gewinn und Arbeitslohn nichts vorliegt. Dieser Charakter bleibt bestehen, wo mehrere solcher handwerksmäfsiger Unternehmer sich zusammenschliefsen, um gemeinsam zu arbeiten. Thatsächlich handelt es sich hier nicht um ein gewerbliches Unternehmen, sondern um eine Reihe von Unternehmen, welche sich nur durch Verabredung bezüglich Verteilung des zu erzielenden Gewinns verbinden. Es fehlt dagegen der einheitliche, auf Arbeitsteilung und Ausnutzung einer mechanischen Triebkraft gegründete Arbeitsplan, der die gewerbliche Unternehmung der Großindustrie kennzeichnet. Ob diese Vereinigungen von Malern, Buchbindern, Schuhmachern, Schneidern, Näherinnen, Sattlern u. s. w., wie sie heute unter dem Namen von Produktivgenossenschaften, insbesondere in London, vielfach auftauchen, etwas neues sind, dürfte zweifelhaft sein. Ich möchte eher glauben, dafs solche Vereinigungen immer mehr oder weniger zahlreich bestanden haben und nur heute unter dem Mantel produktivgenossenschaftlicher Versuche die Kundschaft des Publikums auf sich zu lenken suchen. Bei den soeben genannten Gewerben fehlt es noch an dem einheitlichen Betriebsunternehmer, dem die Organisation — 363 — des Betriebes als Ganzen zukommt. Erst wo dieser sieb findet, ist die eigentliche Produktivgenossenschaft möglich, so wie sie von ihren Verteidigern gedacht wird. Wir greifen zwei Beispiele solcher Genossenschaften heraus, um die Art ihres Geschäftsbetriebes kennen zu lernen. Hebden-Bridge, in der Nähe von Manchester, ist seit fast einem halben Jahrhundert Sitz der Fabrikation jener sammetartigen Baumwollgewebe (fustian), wie sie der englische Arbeiterstand mit Vorliebe trägt. Die dieser Fabrikation eigentümliche Operation ist das Zerschneiden der oberen Fasern des Baumwollengewebes, welches das Rohmaterial bildet. Es wird dies und zwar in der Richtung der Kette, also senkrecht auf den Einschlag, noch heute mit der Hand verrichtet mittelst dünner, sehr langer, dolchartiger Messer. Da es grofse Geschicklichkeit erfordert, um nicht die untere Lage des Gewebes mit zu zerschneiden, ist es eine in hohem Mafse gelernte Arbeit. Die Fabrikation ist jedoch grofsen Schwankungen unterworfen und während der Sommermonate sind die Arbeiter oft aufser Arbeit. Unter den Arbeitern von Hebden - Bridge, das nur ein wenig oberhalb in demselben Bergthal wie Rochdale gelegen ist, waren die Sammetschneider seit lange rege Genossenschafter. Jedoch erst der seit 1869 eingetretene Aufschwung des Genossenschaftswesens, insbesondere die Anregung der wieder aufgenommenen Kongresse, brachte eine Anzahl von ihnen auf den Gedanken, auch mit der Produktionsgenossenschaft den Versuch zu wagen. Die Verhältnisse lagen insofern günstig, als ein Betriebskapital im Anfang kaum nötig war: die Baumwollstoffe wurden in der ersten Zeit von den Arbeitern während der Freistunden in ihren Häusern geschnitten, woneben die Beteiligten noch für ihre bisherigen Arbeitgeber zu arbeiten fortfuhren. Das Anfangskapital betrug 10 zu- — 364 - sammengebraeht aus wöchentlichen Beiträgen von 3 Pence. Bald aber gewann die Genossenschaft an Ausdehnung. Ihre Mitglieder nunmehr ausschliefslich beschäftigend, mietete sie ein eigenes Lokal und begann ihr Kapital schnell zu vermehren. Konsumvereine waren und blieben ihre wichtigsten Abnehmer, da es sich ja um einen Verbrauchsgegenstand der Arbeiter handelte. Insbesondere war es der Einflufs der Vorlesungen, durch die im Herbst 1871 Lloyd Jones den genossenschaftlichen Gedanken in jener Gegend neu belebte, welcher die Konsumvereine zum Entgegenkommen bestimmte. In gleicher Weise wirkte der Einflufs der christliehen Socia- listen Th. Hughes, V. Neale und Ludlow auf dem Genossen- schaftskongrefs zu Bolton 1872. Aber alle Unterstützungen von aufsen hätten auf die Dauer nicht vermocht, das Unternehmen am Leben zu halten, wären nicht in der Gesellschaft Männer gewesen, wie der Mitbegründer, langjährige Schriftführer und heutige Leiter des Geschäftes: Jos. Greenwood. Diesem Manne, wie bescheiden er sich zurückstellt, ist aller Erfolg zu verdanken. Ganz von der genossenschaftlichen Idee erfüllt, den alten christlichen Socialisten ergeben, hat er sein Leben völlig in den Dienst seiner Sache gestellt. Noch heute leuchten die Augen des Greises in Begeisterung, wenn er einem Fremden entwickelt, wie die Genossenschaft der Menschheit Erlösung bringen werde. Sein Beispiel beweist, wie in der That das Erfülltsein von einer Idee den starkknochigen, langsam denkenden, aber sicher handelnden Arbeiter von Lan- cashire nicht zum Phantasten macht, vielmehr die Triebkraft ist, die ihn zu unermüdlichem Handeln antreibt, welches ein ruhiges Urteil bietet. Die Genossenschaft entwickelte sich aufserordentlich rasch. Ende 1872 hatte sich das Kapital bereits auf 2697 £ gehoben. Aufser dem Schneiden des Sammtes wurde nun auch das — 365 — Färben und Aufbereiten besorgt; ein grofser Teil der Erzeugnisse wurde zu Kleidern verarbeitet an die Konsumvereine verkauft. Bereits 1873 wurde mit Hülfe der Grofshandelsgenossenschaft zu Manchester ein eigenes Fabrikgebäude gekauft, welches seitdem grofse Erweiterungen erfahren hat. Während 19jährigen Bestehens hat die Genossenschaft nie mit Verlust gearbeitet, sondern stets bedeutende Gewinne erzielt — ein gewifs seltenes, ehrenvolles Ergebnis. Dieser Erfolg aber ist deshalb um so interessanter, weil in diesem Falle die inneren Schwierigkeiten, welche der Form der Produktivgenossenschaft von Natur anhaften, sich uube- einflufst durch äufsere Umstände zeigen. Dieselben erwiesen sich als über Erwarten grofs. Die Arbeiter, welche die ursprüngliche Genossenschaft bildeten, waren, wie wir sahen, die Besitzer des kleinen zusammengeschossenen Kapitals. Schon in den ersten Jahren änderte sich dieses Verhältnis. Einmal bei Ausdehnung des Geschäftes, insbesondere dringenden Kontrakten gegenüber, war man genötigt, auch Nichtmitglieder zu beschäftigen. Sodann aber war man oft nicht in der Lage, allen Mitgliedern Beschäftigung zu geben; manche suchten und fanden anderswo Arbeit. Andere zwangen Alter und mancherlei Umstände, das Geschäft zu verlassen. Dazu begannen die Anteile, als das Geschäft gut ging, über Pari zu steigen und Gegenstand der Spekulation zu werden. Man war auf dem besten Wege zur kapitalistischen Form. Je mehr nämlich diese Entwicklung vorschritt, desto mehr waren die Anteilbesitzer geneigt, die den Arbeitern gewährte Gewinnbeteiligung als ungerechtfertigte Entziehung des ihnen zukommenden Gewinns zu betrachten; konnten sie doch sagen, dafs jene neuen Arbeiter, welche die Schwierigkeiten der Gründung nicht mit durchgemacht hätten, Früchte ernteten, die sie nicht gesät hätten. Daher gerade — 86(5 — unter deii Begründern heftige Opposition gegen Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Demgegenüber zeigten sich jedoch die genossenschaftlichen Grundsätze, welche Herr Greenwood verteidigte, mächtig. Sie veranlafsten die häufige Veränderung der Statuten, da nämlich immer wieder durch die eine oder die andere Hinterthür die kapitalistische Form hineinzukommen drohte. In dieser Richtung war der wichtigste Schritt der Beschlufs (1873), dafs das Anteilskapital nicht mehr wie bisher eine Dividende, sondern eine feste Verzinsung, 7V2 °/o, erhalten sollte. Die Arbeiter wurden mit den gewöhnlichen Löhnen bezahlt, welche, sowie die Verzinsung des Kapitals, als Produktionskosten von dem Rohertrage abgezogen wurden, ehe von Reingewinn die Rede war. Der letztere wurde unter die Arbeiter verteilt, betrug jedoch bei dem hohen Zinsfufs, den das Kapital empfing, wenig, zumal da bereits 1872 eine gleiche Gewinnbeteiligung auch für die Käufer eingeführt worden war, mit der die Arbeiter zu teilen hatten. Wie oben gezeigt, war es nicht zu verhindern, dafs viele der alten Mitglieder, die Anteilsbesitzer geworden waren, aus dem Geschäfte ausschieden und somit die Trennung von Kapital und Arbeit, die man vermeiden wollte, sich in wenigen Jahren von selbst einstellte. Die Genossenschaft wurde nun wieder von solchen regiert, die Kapitalbesitzer waren, während die Arbeiter fremden Unternehmern gegenüber standen, die es für gut befunden hatten, sich mit 7 1 /2 °/o vom Kapital zu begnügen, welche aber jeder Zeit diese ihre Uneigennützig- keit gereuen konnte. Um hiergegen Hülfe zu schaffen, kam die Hebden-Bridge-Genossenschaft, d. Ii. Herr Greenwood, darauf, die Arbeiter durch Statut zu zwingen, Mitglieder zu werden, d. h. man zahlte ihnen ihren Gewinnanteil nicht aus, sondern liefs ihn bis zu einer gewissen Höhe als Anteil am Genossenschaftskapital im Geschäft, welcher nicht auszahlbar war, so — 367 — lange die Arbeiter in demselben beschäftigt waren. Damit wurden die Arbeiter zwar Mitglieder der Genossenschaft. Wollte man aber ihnen wirklich Einflufs auf die Geschäftsführung zugestehen, so war man genötigt bei den entscheidenden Abstimmungen, ähnlich wie es die Konsumvereine gethan hatten, alle Stimmen gleichviel gelten zu lassen. (§ 9 der heutigen Statuten.) Um dies zu ermöglichen und das Mifsverhältnis, das die Stimmengleichheit begründete, nicht zu schreiend werden zu lassen, beschränkte man daher die höchste Summe, welche an Genossenschaftsanteilen von einer Person besessen werden kann, auf 100 ■£. Aber auch hiermit ist die Gefahr des Kapitalismus immer noch nicht beseitigt. Je länger die Genossenschaft besteht, desto mehr Arbeiter werden im ganzen genommen als Anteilsbesitzer das Geschäft verlassen haben, während die Zahl der zu bestimmter Zeit wirklich beschäftigten ziemlich die gleiche bleibt. Es wird also die Summe der blofs kapitalbesitzenden Mitglieder gegenüber den zugleich arbeitenden immer gröfser, selbst wenn man, wie dies die Hebden-Bridge-Genossenschaft gethan hat, die Genossenschaft schliefst, d.h. neue Anteilscheine nicht mehr ausgiebt. Der einzige Weg zur Mitgliedschaft ist zwar, abgesehen vom Ankauf bestehender Anteile, wodurch die Zahl der Mitglieder ja nicht wächst, der, als Arbeiter in das Geschäft einzutreten und durch Ansammlung von Gewinn Genossenschaftsteilhaber zu werden. Aber wer es auf diese Weise geworden und dann durch Alter oder andere Umstände gezwungen ist die Arbeit aufzugeben, bleibt in der Genossenschaft als Kapitalist. Es wächst damit das Gesamtkapital fortwährend. Die Hehden-Bridge-Genossenschaft hat nun stetig ihr -Geschäft vergröfsert; w r ie aber, wenn Einschränkung geboten wäre? Werden dann die vorhandenen Mitglieder darein willigen, dafs ihre Anteile herabgesetzt werden, auf dafs die heute oder später im Geschäft angestellten Arbeiter zum Vorteile der Mitgliedschaft gelangen? Werden sie nicht vielmehr die Zahl der Mitglieder wieder als geschlossen erklären und so früher oder später in den kapitalistischen Hafen einlaufen? Wir sehen, das persönliche Interesse der Mitglieder geht stets gegen das genossenschaftliche, indem die Vorteile, welche die genossenschaftliche Form den Arbeitern gewährt, als freiwillige Opfer zu Gunsten Unbekannter erscheinen. Dies geschieht nur so lange nicht, als die Generalversammlung von Männern beherrscht wird wie Greenwood, „denen zwar nicht die Gabe der Rede verliehen ist, aber welche die Pflicht, die auf ihnen liegt, fühlen". Einmal bereits hat dieser Mann einem solchen Antrage, der die Genossenschaft zum kapitalistischen Unternehmen geführt hätte, nur mit äufserster Schwierigkeit widerstanden. „Es safs ein Mann dort", erzählt er selbst von jener Versammlung, „der ein Gründer der Genossenschaft gewesen war, finster blickend, mit fliegendem Atem und auf das innerste bewegt". Lange hielt er an sich, dann aber erhob er sich, um die Annahme der gestellten Anträge als Verletzung derjenigen Pflicht zu brandmarken, die alle Mitglieder den Gründern gegenüber bände. Der Abgesandte einer Genossensehaft aus Yorkshire unterstützte ihn, die Anträge wurden verworfen. Wird sein Wort wieder durchdringen? Wird er einen Nachfolger finden, der das gleiche vermag 1 ? 1 Im obigen haben wir nur dasjenige hervorgehoben, was uns an der Entwicklung dieser Produktivgenossenschaft vorbildlich für andere schien. Der Vollständigkeit wegen fügen wir beziehentlich der Hebden- Bridge-Genossenschaft noch folgendes hinzu. Es bestehen zwei Ausnahmen von dem oben gesagten zu Gunsten der Konsumvereine, welche das Geschäft unterstützen, a) Es besteht für sie die Maximalgrenze von 100 £, die ein Individuum als Genossenschaftsanteil besitzen darf, nicht. Vielmehr soll sich keine Genossenschaft mit mehr als 10 Schilling pro Kopf ihrer Mitglieder beteiligen. Infolge hiervon wird auch das Princip der — 369 — Ein ähnliches Unternehmen, wie zu Hebdenbridge, ist die unweit gelegene Baumwollenspinnerei und -weherei „Selbsthülfe" zu Burnley. Dieselbe hat sogar für die Arbeiter noch günstigere Bedingungen, als die weit früher gegründete Gesellschaft des Herrn Greenwood. Sie trat nämlich erst 1886 in das Lehen und war so imstande, sämtliche Erfahrungen zu verwerten, welche in der genossenschaftlichen Produktion der letzten Jahre gemacht waren. Ihr Grundgesetz ist, wie in Hebdenbridge, dafs alle Arbeiter Anteile erwerben und damit Mitglieder werden müssen. Jeder Anteilschein beträgt 5 £ und kein Gewinn, sowie keine Verzinsung des aufgesparten Gewinns wird einem Arbeiter ausgezahlt, bevor er nicht fünf solcher Anteile besitzt, es sei denn, dafs er die Fabrik früher verlasse. Die Arbeiter erhalten die gewöhnlichen Löhne nach der in Burnley allgemeinen Lohnliste. Die Anteile werden mit 5 % verzinst; diese Verzinsung haben die Arbeiter in der Weise zu garantieren, dafs sie, falls der Rohertrag eine 5 % Verzinsung nicht gestatten sollte, sich die entsprechenden Lohnabzüge gefallen lassen — eine äufserst merkwürdige Bestimmung ; durch sie wird das Interesse der Anteilbesitzer mit der genossenschaftlichen Form verknüpft, indem diese durch Zulassung der Gewinnverteilung unter die Arbeiter sich ge- wissermafsen gegen Verluste versichern. Auch dieses Unternehmen erfreut sich eines vollständigen Erfolges. Bereits nach Abschlufs des erstes halben Jahres konnte, nach Verzinsung des Kapitals, 5 % der verdienten Stimmengleichheit insofern durchbrochen, als jeder Genossenschaft für jede 100 '£. die sie besitzt, eine Stimme gegeben ist. b) Konsumvereine erhalten auf ihre Einkäufe eine Dividende, durch deren Ansammlung sie ähnlich den Arbeitern Mitglieder werden können. Des weiteren sei noch erwähnt, dafs die Gesellschaft damit umgeht, die Verzinsung der bestehenden Anteile von 7 J /2 % auf 5 % herabzusetzen, wie dies mit den nach 1885 neu ausgegebenen Anteilen bereits geschieht. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 24 — 370 - Löhne als Gewinn den Arbeitern zugeschrieben werden. Daher auch hier die in Hebdenbridge beobachtete Erscheinung des fortwährenden Anwachsens des Gesellschaftskapitals; im Durchschnitt werden wöchentlich 20 £ den Arbeitern als Anteile zugeschrieben. Für die Generalversammlungen, welche die Beamten der Gesellschaft wählen, gilt neben dem Grundsatz der Stimmengleichheit der Zwang persönlicher Abstimmung — ein charakteristisches Merkmal der genossenschaftlichen Form. Folgende Grundsätze haben sich also durch die Erfahrung für die Erhaltung des genossenschaftlichen Charakters als die wichtigsten ergeben: 1. Verzinsung und nicht Gewinnbeteiligung des Kapitals; 2. Zwang der Arbeiter, durch Ansammlung der Gewinnanteile Mitglieder zu werden; 3. Maximalgrenze für die von einem Mitglied zu besitzenden Anteile; 4. im Notfall zwangsweise Auszahlung der überschüssigen Geschäftsanteile. Wenn die Arbeiter die Zinsen mit ihrem Lohn garantieren, so dafs die Anteile thatsächlich von Darlehen kaum verschieden sind, so werden die Anteilbesitzer weniger geneigt sein, die .genossenschaftliche Form anzutasten, als wenn die Verzinsung hoch, aber unsicher ist 1 . Leichter ist es, wenn von Seiten des Unternehmers eine Annäherung an die Produktivgenossenschaft versucht wird, 1 Eigentümlich ist es zu sehen, wie die englischen Nationalökonomen — eine Folge des Nachwirkens der abstrakten Methode — von der Produktivgenossenschaft viel erwarten, .ja in ihr das wichtigste Mittel zur Lösung der socialen Schwierigkeiten erblicken. Abgesehen von Mill, dessen wir gedachten, sagt z. B. Prof. Fawcett: „Jeder, der überlegt, was die Cooperation bisher gethan hat, und was sie in ihrer Anwendung auf die Gütererzeugung thun kann, mufs zu dem Schlüsse kommen, dafs wir auf sie mit mehr Vertrauen blicken können als auf jeden anderen Faktor zur Hebung der socialen Lage des Landes". Eine solche Ansicht überschätzt die sittliche Reife des Arbeiterstandes. — 371 — wie folgendes Beispiel lehrt. In Huddersfield war es eine grofse und rühmlich bekannte Firma, „Thomson and sons", deren Inhaber, von den Zeitideen ergriffen, freiwillig von seiner Stellung als Unternehmer herabstieg und sein Geschäft in eine Produktivgenossenschaft verwandelte. Thomson produzierte Wollstoffe besserer Art bis zu den feinsten Qualitäten. Seine Erzeugnisse hatten auf gröfseren Ausstellungen Medaillen und Preise davon getragen. Der Geschäftsgewinn war ein dem entsprechend hoher und sicherer. Aber von den genossenschaftlichen Gedanken sowie von Ruskin und Toynbee stark beeinflufst, hat der Geschäftsinhaber in äufseren Erfolgen seine Befriedigung nicht gefunden. Er hat seinem Unternehmen eine genossenschaftliche Form gegeben, welche es zu einem der interessantesten in England macht. Entsprechend ihrem Ursprünge tragen die Statuten der Genossenschaft einen monarchischen Charakter. Der Geschäftsführer und frühere Geschäftsinhaber, hat eine gröfsere Unabhängigkeit von dem Vorstand, als dies gewöhnlich der Fall zu sein pflegt. Dagegen ist die Stellung der Arbeiter hier noch günstiger als in den oben behandelten Gesellschaften: das Kapital, welches, wie gewöhnlich, in Anteile und Darlehen zerfällt, wird nur mit 5 °/o verzinst, ohne dafs die Arbeiter mit ihren Löhnen, wie in Burnley, diese Zinsen garantieren. Vielmehr ist, wenn der Ertrag die genannte Verzinsung nicht ermöglicht, nur bestimmt, dafs der nicht bezahlte Rest derselben von jedem künftigen Gewinne vorweg abgezogen wird. — Was nach dieser Verzinsung übrig bleibt, ist Reingewinn; derselbe wird so verteilt, dafs nicht weniger als 10 °/o zum Reservekapital geschlagen werden, bis dieses 10 °/o des Gesamtkapitals beträgt. Vom Rest fallen fünf Neuntel dem Arbeiter zu und werden, wie bei den anderen Gesellschaften, zu Gesellschaftsanteilen angesammelt, es sei denn, dafs der Vorstand Auszahlung vorzieht. Der ge- 24* nössenschaftliche Charakter des Unternehmens ist auch hier von der leitenden Persönlichkeit abhängig und, so lange Herr Thomson an der Spitze steht, gesichert. Herr George Thomson hat die Gedanken, welche ihn zum Übergang zur genossenschaftlichen Produktionsform veran- lafsten, in folgender Weise ausgesprochen 1 . Diese Worte gewähren einen Einblick in die Stimmungen, welche dem von Garlyle ausgehenden Umschwung der Welt- und Gesellschaftsanschauung weiter Kreise entsprechen. Nachdem Thomson als Ziel der socialen Reform die endliche Vereinigung der Arbeit und der Mittel der Arbeit in Aussicht gestellt hat, fährt er in folgender Weise fort: „Männer der höchsten Kraft und des höchsten Charakters wurden in den Strom dieser socialen Bewegung gezogen. Carlyle war der Prophet dieser titanischen Erhebung. Er sagt: Die gröfste Frage, die Arbeits- und Lohnfrage, welche schon zwei Generationen früher begonnen haben sollte, hätten wir die Stimme des Himmels gehört, kann nicht länger aufgeschoben werden, ohne die Stimme der Unterwelt zu vernehmen. Die Arbeit mufs in irgend einer Art organisiert werden. Der Mensch mufs vom Mensehen seinen Lohn besser bezahlt bekommen, der ihm eben in aller Ewigkeit geschuldet wird und nicht ohne Strafe vorenthalten werden kann. Wundern wir uns über französische Revolutionen, Chartismen und Aufstände?" Ruskin hat seit vielen Jahren gegen die Ungerechtigkeit der Unterdrückung der Armen gepredigt mit dem Feuereifer eines neuen .Glaubens. Matthew Arnold äufserte in seiner aristokratischen Art ganz unaristokratische Gefühle über unsere gegenwärtige Civilisation. In einem seiner letzten Artikel sagt er: „Was immer die besitzenden und befriedigten Klassen denken mögen, seit 1 G. Thomson, Industrial Partnership: a practical Socialism. — 373 - Christus kam, ist die Welt gerichtet. Eine »neue Erde« ist in Aussicht. Das Ideal mufs verwirklicht werden. Die ihr diese Dinge wii'st, selig seid ihr, wenn ihr sie thut. Sie müssen verwirklicht werden durch einen grofsen, weitverbreiteten und lang dauernden Umschwung, einen Umschwung zuerst des inneren Menschen". „Diese Männer sind heute keine Ausnahmen mehr unter der Menschheit. Hinter ihnen steht eine grofse Schar, welche ihnen nachdrängt — Männer, welche unter den Zauber dieser neuen Begeisterung geraten sind. Wenn dieselbe unter den Genossenschaftern allgemeiner verbreitet wäre, so würde sie die Verwirklichung der Träume der Besten sehr beschleunigen die politische Revolution des achtzehnten Jahrhunderts zur wirtschaftlichen des neunzehnten vorwärts treiben, in welcher sicherlich Grofsbritanien bestimmt ist, die Führung der Nationen der Welt zu übernehmen. Der Einflufs des Socialismus in der ganzen Welt beruht auf seinem tiefen Mitleid mit den Leiden des Volkes und der einzige Weg, ihn durch sittlichen Einflufs zu übertreffen und eine Revolution zu verhindern, ist der, uns auf ein Produktionssystem zu werfen, welches die Ansprüche der Arbeit denen des Kapitals zum mindesten gleichstellt. Ich trete vor euch als der Vertreter eines solchen Systems. Wir, die Produktivgenossenschaft W. Thomson und Söhne, sind als solche seit mehr als zwei Jahren in Thätigkeit gewesen — —." Fragen wir nunmehr, welches ist die s o c i a 1 p o 1 i t i s c h e Bedeutung der Genossenschaftsbewegung. Die Antwort lautet: sie hat zunächst das Einkommen des englischen Arbeiters um mehr als 3000000 c £ jährlich vermehrt. Und wie verhält es sich mit der so oft sowohl von gelehrten Anhängern der abstrakten Schule wie von Agitatoren ohne Prü- fung nachgesprochenen Behauptung Lassalles, dafs ein solcher Zuschufs notwendig die Löhne herabdrücken müsse ? Sie wird durch die Thatsachen widerlegt. Die Vermehrung des Einkommens erhöhte die Widerstandskraft, um einer Lohnherabsetzung zu widerstehen. Selbst während der schweren Handelsund Geschäftskrise, welche England gerade in dem letzten Jahrzehnt durchzumachen hatte, sind die Löhne der englischen Arbeiter im grofsen und ganzen auf der Höhe gebliehen, die sie vor dem aufsergewöhnlichen Aufschwung der Jahre 1872—75 erreicht hatten 1 . Insbesondere sind nicht gefallen die Löhne jener englischen Arbeiter, welche die Genossenschaften zusammensetzen. Einem kräftigen Arbeiterstande das zu entziehen, was ihm von anderer Seite, sei es z. B. durch Genossenschaften, durch Verbilligung der Lehensmittel etc., zufliefst, wird selten gelingen, weil jene allmählichen und kaum merklichen Zuflüsse zum Einkommen anders als eine plötzliche Lohnsteigerung zur Hebung der Lehenshaltung, damit der Intelligenz und Arbeitsfähigkeit des Arbeiters dienen. Auch haben die Genossenschaften den Gewerkvereinen dadurch genutzt, dafs sie dem Arbeiter eine Übersicht der wirtschaftlichen Weltlage zu erwerben ermöglichten, wie sie früher nur auf Seiten der Arbeitgeber zu finden war. Aber die Bedeutung der Genossenschaften ist noch auf einem anderen Gebiete zu suchen. Dafs diejenigen, welche ein bestehendes Gesellschaftssystem nicht begünstigt, ihre subjektive Unzufriedenheit mit objektiver Fehlerhaftigkeit des Systems verwechseln, ist nur zu erklärlich. Dafs aber heute solche Elemente zahlreicher als sonst sind, indem die Bande des Glaubens, welche die Massen früher mit dem Bestehenden 1 Vergl. Replies to tbc Circulars issued by the Royal Commission on Trade Depression as to the Rate of wages, insbesondere die Antworten auf Frage 10 und 14. — 375 — verbanden, in Auflösung begriffen sind, ist eine Thatsache. Jene Unzufriedenheit, die zugleich Reformbedürfnis ist, äufsert sich jedoch verschieden. Weite Kreise des festländischen Arbeiterstandes glauben nur durch Umsturz das goldene Zeit- • alter heraufführen zu können. Auch der englische Arbeiter glaubt an ein solches, aber der Weg, den er einschlägt, ist ein solcher, der, gleichviel ob sein Ende voller Erfolg sei oder nicht, doch in seiner Verfolgung für die Gesellschaft nur von wohlthätigem Einflüsse sein kann. Während die Genossenschafter einen ähnlichen Glauben an eine bessere Zukunft besitzen, wie die festländischen Socialdemokraten, so unterscheiden sie sich von denselben dadurch, dafs sie nur von „Selbsthülfe", nicht von politischem Eingriff das Heil erwarten. Während jene das Kapital kon- flscieren wollen, sind sie praktisch daran gegangen, den Arbeiter zum Kapitalisten zu machen. Damit wirkt die Genossenschaftsbewegung, trotz ihrer radikalen Kritik des bestehenden, konservativ gegen gewaltsamen Angriff. Der Gegensatz des Arbeiters zum Kapital ist beseitigt. Mit Stolz pflegen die Genossenschafter die riesigen Summen zu nennen, welche heute von ihnen, armen Arbeitern, besessen und verwaltet werden. Wer hätte es früher gedacht, fragen sie, dafs der englische Arbeiter sich am Bau des Seekanals nach Manchester beteiligen würde? Nachdem die Arbeiter sahen, dafs Kapital- ansammlung auch für sie nicht unmöglich sei, bekennen sie sieh zu dem Satze, dafs Kapital „aufgespeicherte Arbeit" bedeute und als solche Schutz verdiene. Sie thun dies um so mehr, als sie anfangen, auch an den Vorteilen des heutigen Kreditsystems Teil zu nehmen. Man bedenke, dafs nicht wenige > der grofsen Vereine heute von den Banken als so sichere Schuldner angesehen werden, dafs es ihnen nicht schwer fällt, Geld zu 4% zu erhalten, während sie bei ihren geschäft- liehen Unternehmungen leicht eine weit höhere Verzinsung erzielen. Für den Genossenschafter ist das Kapital die „Nährmutter jeder Unternehmung", nicht mehr der blutige Aussauger des Arbeiters. Für die heutige englische Gesellschaft sind die Genossenschaften der Arbeiter daher von ähnlicher Bedeutung wie auf dem Festlande der bäuerliche Grundbesitz. Alle Umsturzbewegungen sind ihnen so sehr entgegengesetzt, dafs im Fall einer etwa versuchten umstürzlerischen Bewegung ihre ganze höchst bedeutende Macht, d. h. der ganze bessere Arbeiterstand auf Seite des Bestehenden wäre. Machen doch in den wichtigsten Industriegegenden Englands die Genossenschafter starke Prozentzahlen der Gesamtbevölkerung, ja in manchen die Mehrheit aus. Interessant und bezeichnend für den Gegensatz zwischen Socialdemokratie und Genossenschaftsbewegung war der Redekampf, welchen die Mitglieder von Toynbee-Hall am 24. Januar 1887 in ihrem Versammlungssaale zwischen Herrn Jones, einem jüngeren Genossenschafter, und Herrn Champion, einem Führer der socialdemokratischen Föderation, veranstalteten. Beide entwickelten in Rede, Frage und Gegenrede ihre Ansichten; das beide scheidende Moment trat dabei mit Schärfe hervor. Herr Jones sprach es dahin aus, dafs die Socialdemokraten durch staatlichen Zwang das Ziel zu erreichen gedächten. Die Genossenschafter dagegen, praktischer als jene, hätten die Verwirklichung des gleichen Zieles in die eigene Hand genommen. Sie gingen langsam aber sicher vor, wohl be- wufst, dafs die äufsere Umgestaltung der Gesellschaft sich allein auf innerliche Umgestaltung des Individuums gründen liefse — ihre sociale und zwar Carlylesehe Grundanschauung. Viertes Kapitel. Die Universitätsbewegung I. Puser und Jungengland. Wenn der Kampf gegen den Individualismus das Merkmal des neunzehnten Jahrhunderts ist, so hat unter den sieh hieraus ergebenden Richtungen nirgends die reaktionäre gefehlt, Dieselbe erklärt sich aus der Neigung der meisten Menschen, die relative Berechtigung des Gegners zu verkennen. Wer die Befreiung des Individuums allein von der destruktiven Seite betrachtet und in ihr nichts anderes als den Grund für die Leiden der Gesellschaft wie die moralische Unsicherheit des Einzelnen erblickt, für den ist der — allerdings stets ohnmächtige — Wunsch natürlich, die Wirkungen der letzten Jahrhunderte aus der Geschichte wegzuwischen. Nun aber hat die Befreiung des Individuums unzweifelhaft mit der Reformation begonnen und nirgends hat sich die Autorität unerschüttert, ja unberührt durch die geistige Ent- 1 Das nachfolgende Kapitel haben die Herren W. H. Fairbrother M. A. von Kehle College und D. S. Ritchie M. A. von Jesus College zu Oxford in der Korrektur durchzusehen die Giite gehabt. Beiden Herren sage ich meinen ergebensten Dank. - 378 — Wicklung seit der Renaissancezeit erhalten als in der römischkatholischen Kirche. Daher jede reaktionäre Richtung mit innerer Notwendigkeit zu romanisierenden Neigungen getrieben ist, während ihre folgerichtigsten Vertreter aus den Stürmen der subjektiven Tagesansichten in dem Schofse der Kirche Sicherheit suchen. Dieses Bild bietet auch die von Pusey eingeleitete reaktionäre Bewegung Englands. "Wo hätte in dem England unseres Jahrhunderts anders eine reaktionäre Strömung auftauchen können, als in Oxford, jenem Sitze der Traditionen, in dessen Kreuzgängen und epheuumkleideten Höfen noch heute die Luft des Mittelalters weht. Unter allen Kollegien aber scheint der „Genius des Ortes" am meisten mit dem gröfsten und angesehensten derselben, dem Christ-Church- College, verwachsen, welches noch heute eine Kathedralkirche und ein Domkapitel besitzt. Bei diesem war Pusey Domherr; von dort breitete sich die Bewegung aus, welche unter den Geistlichen der englischen Kirche zahlreiche Anhänger gewann und heute noch eine Macht darstellt. Zu dem christlichen Socialismus stand diese Bewegung im Gegensatz. Während der christliche Socialismus die Weltanschauung eines grofsen Teiles der besten englischen Arbeiter geworden ist und von ihm daher eine selbständige Bewegung der Arbeiterwelt ausgeht oder beeinflufst wird, so hat das von Pusey begründete Hochkirchentum die Kirche wieder als Schützerin der „Armen" gepredigt und den Dienern der Kirche das entsagungsvolle Leben der Heiligen des Mittelalters als Vorbild hingestellt. Nicht als ob von einem entfernteren Standpunkt aus Maurice und Pusey nicht vieles mit einander gemeinsam hätten; beide haben die antiindividualistische Grundanschauung geteilt. Mehr noch: gemeinsam war beiden, dafs diese Grundanschauung in die Denkformen der überlieferten christlichen Dogmatik ge- — 879 — kleidet war. Für diejenigen, welche in der letzteren etwas zeitliches, den Fortschritten des Denkens verfallenes erblicken — Ansichten, wie sie in Deutschland häufig und in England nicht selten sind — erscheinen beide Männer als orthodox. Stellt man sich aber auf orthodoxen Boden, so ist der Gegensatz zwischen Maurice, Kingsley einerseits und Pusey, Newman andererseits der denkbar gröfste. Maurice, welcher, wie wir sahen, einer dissentierenden Familie entstammte, vertritt den evangelischen Standpunkt, welchen man mit dem Worte des „allgemeinen Priestertums" bezeichnet hat. Er bejaht das Becht der Selbständigkeit des erwachsenen Christen in Glaubenssachen, ja die Pflicht, nur nach dem eigenen Gewissen (dem „inneren Licht" der Puritaner) zu entscheiden; er erkennt die Möglichkeit an, durch einen so gewonnenen Glauben allein die Heilsgüter des Christentums zu erreichen ohne das Dazwischentreten eines vermittelnden Priesters. Obwohl daher selbst auf orthodoxem Standpunkt stehend, mufs er die Möglichkeit verschiedener Glaubensanschauungen zugeben und die Einheit daher nicht in ihnen, sondern auf dem Gebiete der Wirkungen des Glaubens, d. h. in jenem inneren Umschwung suchen, welchen das Christentum als „Wiedergeburt" bezeichnet. Dieselbe aber soll nicht nur im Einzelnen, sondern auch in der Welt zur Verwirklichung gebracht und die Gesellschaft in gleicher Weise wie das Individuum umgestaltet werden. Von hier aus führten die Zeitverhältnisse: einerseits das Vorwiegen des Systems der Konkurrenz und seine Verherrlichung durch die Theorie, andererseits das Elend der Massen und die drohende sociale Revolution jene Männer zu dem Genossenschaftsgedanken als der Verneinung einer auf Selbstsucht aufgebauten Gesellschaft und der Verwirklichung der christlichen Vorschrift: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst". — 380 — Dem gegenüber verneint Pusey die Selbständigkeit des Einzelnen. Die unmündige Menschheit wird nach ihm von der Kirche in der Weise geleitet, wie es das Bibelwort: „Weide meine Lämmer" andeutet. Sie ist „die Mutter unserer Aller" b Sie allein vermittelt den wahren Glauben und verwaltet jene geheimnisvollen Heilsmittel der Sakramente, von denen allein der Christ das Heil zu erwarten hat 2 . Aus dieser Anschauung, welche die sichtbare Kirche ge- wissermafsen als die Vertreterin Gottes auf Erden anerkennt, folgt unmittelbar die Verpflichtung ihrer Diener, der Geistlichen zu einem Leben besonderer Heiligkeit. Daher die Neigung der Puseyisten zur Ascese, die Vorliebe für die Ehelosigkeit der Priester und das mittelalterliche Mönchstum. Während Maurice und Kingsley zu der evangelischen Kirche Deutschlands sich hingezogen fühlen, betrachten die Puseyisten dieselbe als ein Christentum, das es „zu keiner Kirche gebracht hat", dem daher die Möglichkeit, das Heil zu vermitteln, fehlt. Dagegen erklären sie sich der römisch-katholischen Kirche nahe verwandt, wie denn Newman später als Kardinal Newman bekannt wurde. Die Verhältnisse des Staates und der Gesellschaft haben für den Puseyismus gegenüber den jenseitigen Interessen des Menschen wenig Bedeutung. Sociale Reform kann nicht auf dem Programm einer Richtung 1 Vergl. Dr. Pusey, Sendschreiben an den Erzbischof von Canterbury, Oxford 1842. 2 Wie weit die Puseyisten bierin gingen, zeigen folgende von dem damals noch als Anbänger Puseys geltenden "Vikar von St. Mary zu Oxford, J. H. Newman aufgestellten Sätze: 1. Der einzige Weg des Heils ist die Teilnahme an dem Fleische und Blute unseres geopferten Erlösers. 2. Das von ihm dazu bestimmte Mittel ist das Sakrament des Abendmahls. 3. Die Sicherheit für die Fortdauer und richtige Anwendung des Sakraments ist der apostolische Auftrag der Bischöfe und unter diesen der Presbyter der Kirche. — 381 — stehen, welche in der Abwendung von der Welt das höchste Ziel des Menschen erblickt. Trotzdem ist die Bewegung nicht ohne bedeutende sociale Wirkungen gebliehen; dieselben lassen sich unter folgende drei Gesichtspunkte bringen 1 : 1. Einmal rief Pusey den besitzenden und gebildeten Klassen die Pflichten gegen die Armen in das Gedächtnis. Die Bewegung, welche zumeist in konservativen Kreisen unter den Reichen und Mächtigen Anhänger fand, hat in dieser Richtung auf das segensreichste gewirkt — mehr gewirkt als Kingsley und seine Freunde, weil diese für die breiten Kreise der konservativgesinnten im Verdachte des Radikalismus standen. Freilich war es eine Art mittelalterlichen Almosengebens, das Pusey predigte, eine Unterstützung, die zugleich eine Art Schutzgewalt in sich schlofs. Das Kloster, um dessen Thür sich zur Mittagszeit die Armen drängten, die Gutsherrin, die unter dem angestammten Volke als schützender Geist waltete, waren das Ideal dieser Wohlthätigkeit. Die christlichen Socialisten warfen daher dem Puseyismus vor, dafs er die Armen als Sprossen der Himmelsleiter für die Reichen und Mächtigen benutzte, dafs er das Fortbestehen einer Klasse Notleidender fordere als eines Mittels, um das Heil Einzelner zu verwirklichen. 2. Die Puseyistische Bewegung hat mit ihrer Forderung einer besonderen Heiligkeit der Geistlichen aufserordentlich dazu beigetragen, die Kirche zum Bewufstsein ihrer socialen Pflichten zu erwecken. Ähnlich wie in anderen Ländern hatte der Rationalismus das kirchliche Leben fast ertötet. Die Kirche, insbesondere die englische Staatskirche, erschien lediglich ein Institut zur Erhaltung der bestehenden Ordnung. 1 Ich benutze die Gelegenheit, um den Herrn Canonicus Paget meinen Dank für erteilte Belehrung auszusprechen. — 382 — Hier nun schaffte, wie anderwärts, zuerst die romantisch- reaktionäre Richtung Wandel. Indem Pusey die Ascese des Mittelalters als Ideal hinstellte, erweckte er in seinen Anhängern einen Geist der Entsagung; in dieser Hinsicht ist sein socialer Einflufs sehr hoch anzuschlagen. Während Maurice und Kingsley an die hochstehenden und denkenden unter den Arbeitern sich wendeten, neigt sich der Puseyismus zu den Ärmsten der Armen nieder. Was die Geistlichen dieser Richtung gethan haben und thun, häufig in selbstgewählter Ehelosigkeit ein Leben der Selbstaufopferung unter den Armen führend, ist der höchsten Anerkennung wert, ob man ihre Anschauungen teilt oder nicht. Häufig den angesehensten Familien des Landes angehörig — nicht selten jüngere Söhne des Adels — haben sie sich zuerst in jene Verbrecherhöhlen Londons gewagt, wo Laster und Elend sich übertreffen, deren Bewohner von dem wahren englischen Arbeiter social etwa ebenso weit entfernt sind, als diese letzteren von den das Oberhaus zusammensetzenden Familien. Um eines unter vielen zu erwähnen gedenken wir des 1880 verstorbenen Charles Lowder. 1820 geboren trat er in Oxford unter den Einflufs Puseys und Newmans. Die soeben berührte Richtung ist für ihn zeitlebens mafsgebend geblieben; nach seinem Aufenthalte in Oxford besuchte er vorübergehend sogar das katholische Priesterseminar zu Ivetöt in Frankreich. Im Jahre 1856 trat er sein geistliches Amt in einem der elendesten Teile Londons an; dicht bei den Docks gelegen, befand sich seine Kirche mitten im Sitze des Auswurfes der menschlichen Gesellschaft. In der That waren die Verhältnisse, die er hier antraf, schreckenerregend. Unter den 753 Häusern seines Amtsbezirkes waren 40 Schenken und 154 verrufene Häuser. 300—400 Kinder lebten auf und von der Strafse in einer Umgebung, in der, wie Lowder — 383 — meint, es schlechterdings unmöglich gewesen sei, dafs ein Kind in Reinheit aufwachse. Zwar sei der Verdienst der Hafenarbeiter nicht allzu gering gewesen, oft 1 £ die Woche; die Unregelmäßigkeit der Arbeit, die tage-, ja wochenlange Unthätigkeit und Verdienstlosigkeit hätten vielmehr verderblich gewirkt, dazu die Ausschweifungen der Matrosen, die, wenn sie an das Land kamen, ihren Lohn in wenigen Tagen verschleuderten. Die Schwierigkeiten, mit denen Lowder zu kämpfen hatte, beweisen, dafs die Selbstverwaltung in Distrikten, wie dem geschilderten, völlig versagt. Die Gemeindeverwaltung stand unter dem Einflufs der Gastwirte und Bordellbesitzer, die jeden Versuch Lowders, das Laster wenigstens aus der Kinder Augen zu entfernen, als Eingriff in ihre Rechte betrachteten. Ihr Arbeitshaus, in das die Annen eingesperrt wurden, war schrecklicher als ein Gefängnis. Als Lowder sich solchen Mifsbräuchen entgegensetzte, wurde er Gegenstand der ärgsten Angriffe, ja Nachstellungen. Hatte doch sein Vorgänger diese Autoritäten jedes Einspruchs entwöhnt, indem er überhaupt während sieben Jahren nur einmal in seiner Kirche erschienen war, im übrigen sein Amt durch einen unfähigen Kuraten hatte verwalten lassen. Einundzwanzig Jahre lang hat Lowder in dieser Umgebung ein Leben christlicher Arbeit und Entsagung geführt. Seine Thätigkeit war eine aufserordentlich mannigfaltige: nach und nach zog er vier jüngere Geistliche herbei, welche die „Mission" mit ihm verwalteten. Die lange, priesterliche Gewandung dieser Geistlichen, die heim Gottesdienst beobachteten Gebräuche, die Prozessionen, welche sie mitten durch die Sitze des Elends hindurch veranstalteten, das alles erinnerte durchaus an die römische Kirche, welche gerade durch die Äufser- lichkeit ihrer Formen am meisten fähig ist, auf das niederste I — 384 - und wenigst gebildete Volk einzuwirken. Lowder soll öfters in der Woche nicht weniger denn vierundfünfzigmal Gottesdienst gehalten haben, nicht selten unter offenem Himmel an den Thoren der Docks vor jenen elenden, um die Arbeit sich schlagenden Massen oder vor ausschweifenden Matrosen. Auch legte er Nachtschulen, Knaben- und Arbeitervereine, Sonntagsschulen u. s. w. an, in denen er und seine Gehülfen der gröbsten Unwissenheit zu steuern suchten. Viele jener Kinder und Männer, erzählt er, hätten nie von Religion bis dahin gehört. Lesen und Schreiben seien unbekannte Künste gewesen. Bei seinen Bestrebungen wurde Lowder bereits vielfach von Laien unterstützt, welche aus anderen Teilen Londons für den Abend herbeikamen. Dankbar gedenkt, er insbesondere eines Herrn Linklater, welcher ihm bei der Abhaltung von Abendschulen wirksam zur Seite ging. Diese Beteiligung von Laien weist bereits auf andere, unten zu behandelnde Einflüsse hin. Ein anderer Teil der Thätigkeit Lowders bestand in dem Kampfe mit den oben geschilderten Gemeindeautoritäten. Er wandte sich gegen die ärgsten Auswüchse der Prostitution. Dies aber trug ihm den Hals der Machthaber in einer Gemeinde ein, die wirtschaftlich davon abhing. Seine gottesdienstlichen Versammlungen wurden häufig von seinen Gegnern gewaltsam unterbrochen. Jene jungen Geistlichen mufsten nicht selten ihre athletischen Künste von Oxford zu Hülfe nehmen, um sich der Angreifer zu erwehren. Die Predigten im Freien und die Prozessionen wurden oft von feindlichen Haufen angegriffen, ja Lowder entging selbst mit knapper Not der Lebensgefahr, als ihn seine Feinde bereits ergriffen hatten, um ihn von einer Brücke hinab in das Bassin des Docks zu werfen. So glich sein Leben dem eines jener — 385 — früheren Christen, welche unter den Heiden das Evangelium predigten. Dieses Wirken „in einer traurigen Wildnis menschlicher Seelen" blieb nicht ohne Früchte. Vor allen war es das Leben Lowders, welches auf seine Gemeinde wirkte, die nie ein Beispiel der Selbstaufopferung bisher gesehen hatte. In der That, auf die rohsten und verkommensten unter den Menschen, die nichts zu erheben imstande ist, wirkt, wie das Mittelalter zeigt, in oft staunenswerter Weise das für sie unbegreifliche und darum überirdische Beispiel mönchischer Ascese. Insbesondere als Lowder während der Cholera 1866 furchtlos die Stellen der gröfsten Gefahr aufsuchte, überall helfend und tröstend, verfehlte das seinen Eindruck nicht. Nach und nach sammelte er eine treue Schar um sich und begann das Vertrauen seiner Pflegebefohlenen zu gewinnen; die Zustände der Gemeinde besserten sich, wenn es auch bis zuletzt vorkam, dafs aus seinen Versammlungen unvermutet einer der Hörer von der Polizei als Verbrecher hinweg geführt wurde. Lowder starb 1880 in Zell am See unter Beisein des katholischen Priesters an den Anstrengungen seines Berufes. — Dieses einzige Beispiel genügt für das Leben vieler unter dem Einflufs Puseys stehender Geistlichen. Unweit jener Gegend, in der Lowder wirkte, hat das Christ-Church-Collegium zu Oxford, der Sitz des Hochkirchen- tums, eine „Mission", die „Christ-Church-Mission", gegründet, d. h. ein Bethaus gebaut und zur Führung der Mission zwei Geistliche, frühere Mitglieder des Kollegiums, entsendet. Die kirchliche Richtung derselben, wie ihr Vorgehen, ist dem Lowders durchaus ähnlich. Auch sie erblicken in der Predigt unter freiem Himmel ein wichtiges Mittel zur Bekehrung. Ebenso wirken sie des Abends in Arbeiter- und Knabenvereinen, von Laien heute auf das eifrigste unterstützt. So fand v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 25 — 386 — ich bei ihnen einen jungen Rechtsanwalt, welcher dicht an den Thoren der Docks auf eigene Kosten ein kleines Haus gemietet und für einen Knabenverein hergerichtet hat; während er am Tage in der Stadt, d. h. den westlichen Teilen Londons seinem Berufe nachgeht, widmet er seine Abende jenen der Strafse und den Schenken preisgegebenen Knaben. Auch ein Wochenblatt hat die Christ-Church Mission gegründet, in welchen sie durch belehrende und unterhaltende Aufsätze die gewöhnliche Schmutzlitteratur zu verdrängen sucht, welche so viel zur Entsittlichung des Armen beiträgt. 3. In letzter Linie aber hat Pusey durch die Neugründung der geistlichen Orden social gewirkt. Von Männerorden besteht nur der St. Johannes des Evangelisten mit dem Sitze zu Cowley. Die Thätigkeit der „Cowley- Väter" erstreckt sich aufser auf äufsere Mission in Indien auch auf innere Mission in den englischen Grofsstädten. Wichtiger sind die Frauenorden, von denen zweiundzwanzig „Schwesterschaften" heute bestehen. Die älteste ist die Schwesterschaft St. Johannis des Täufers mit dem Sitze zu Clewer. Diese Gemeinschaft, aus einem Heim für gefallene Weiber hervorgegangen, nahm 1852 die Form eines religiösen Ordens an. Die eintretenden Schwestern haben ein Noviziat von zwei Jahren durchzumachen; alsdann werden sie in feierlicher Weise durch den Bischof der Diöcese zu ihrem Leben der Selbstaufopferung geweiht („professed"). Der Orden hat fortwährend an Zahl zugenommen, sodafs er heute seine Thätigkeit auf das gesamte Gebiet der Armenpflege erstreckt. Schon Lowder haben die Schwestern von Clewer bei seinem Missionszwecke Beistand geleistet, den sie nunmehr auf die Christ-Church Mission übertragen haben. Auch die übrigen „Schwesterschaften" scheinen sich als lebensfähige Einrichtungen zu erweisen. Aufser Erziehung ist — 387 — nach dem mir vorliegenden Verzeichnisse ihr gewöhnlicher Zweck Aufsuchung des Elends und des Lasters in den tiefsten Schichten der Gesellschaft. Einige der Orden haben bis fünfzehn und mehr Niederlassungen (Sisterhood of St. Margared, Sisterhood of All Saints, Sisters of the Churcli etc.). Den meisten der sogenannten Missionen und vielen der Gemeindegeistlichen leisten Schwestern dieser Orden Beistand, die Thätigkeit des Mannes nach Seiten ergänzend, die diesem mehr oder weniger verschlossen sind. In der That ist die sociale Bedeutung der Neugründung von Frauenorden nicht zu unterschätzen. Gewähren sie doch jenem mystischen Hange zur Selbstaufopferung, wie er bei vielen Frauen gefunden wird, und welchen die römische Kirche bisher allein auszunutzen verstand, die Möglichkeit zu nützlicher Bethäti- gung im Interesse des Ganzen. — Während in den soeben angeführten Punkten der Ein- flufs Puseys ein unmittelbarer ist, so hat er in mittelbarer y Weise noch viel weiter gewirkt. Er hat in der englischen Kirche und gerade in ihren bisher gänzlich abgestorbenen, den vornehmen und hochkirchlichen Kreisen neues kirchliches Leben erweckt. Neben der hochkirchlichen Bewegung vollzog sich aber auch in breiteren Kreisen ein Erwachen des christlichen Geistes; diese Richtung bezeichnete sich im Gegensatz zu jener als „evangelisch", indem sie auf dem überkommenen Boden stehen blieb und die roinanisierenden Tendenzen Puseys bekämpfte. Auf sie geht die Entstehung der „christlichen Jünglingsvereine" zurück, welche in eben jene Zeit fällt. Der erste wurde am 6. Juni 1844 zu London gegründet. Bald dehnte sich ein Netz ähnlicher Vereine über die Hauptstadt und das ganze Königreich aus, so dafs heute im ganzen 604 derselben gezählt werden. Zunächst hatte er die religiöse 25* — 388 — Beeinflussung von Knaben und jungen Leuten im Auge. Neben die rein religiösen sind jedoch auch weltliche Zwecker Erholung, Erziehung und körperliche Ausbildung getreten, und die Bedeutung dieser Vereine hat sich damit so sehr gehoben, dafs sie unter jenen zahlreichen Bestrebungen der oberen Klassen um die Hebung der unteren in erster Linie mitgenannt werden müssen. Der berühmte Graf von Shaftes- bury äufsert sich darüber, wie folgt: „Ich habe immer die Jünglingsvereine und die verwandten Vereine in allen Teilen des vereinigten Königreichs und Amerikas als grofsartige Stätten der Zuflucht (grand cities of refuge) betrachtet, als Plätze, wo junge Leute, die aus der Entfernung kommen und dem Einflufs der Eltern und des Familienlebens entrückt sind, Unterkunft finden können, wo sie den Weg des Heils kennen lernen und Mut und Zutrauen gewinnen, um darauf zu wandeln." Dafs auch heute das religiöse Interesse noch das herrschende ist, geht daraus hervor, dais nach den Statuten des Generalverbandes dem Jünglingsvereine jeder junge Mensch von gutem, moralischen Charakter, der die christlichen Grundsätze des Vereins anerkennt, zwar angeschlossen werden kann; Aufnahme als Mitglied ist dagegen nur möglich auf Vorschlag eines anderen Mitgliedes, wenn der Aufzunehmende ausdrücklich erklärt, dai's er „bekehrt" sei. Dafs der Jünglingsverein ferner nicht nur religiös, sondern speeifisch kirchlich ist, dafs er mit der englischen Kirche und in ihr mit der hoehkirchlichen Richtung auf das engste zusammenhängt, geht allein schon daraus hervor, dafs der Ausschufs des Verbandes fast ausschliefslich aus Bischöfen, Geistlichkeit und hohem Adel zusanlmengesetzt ist. Der Verein wünscht ein Helfer der Kirche zu sein, indem er seine Anstrengungen auf eine Klasse von Personen richtet, welche nicht leicht durch — 389 — die gewöhnlichen Mittel der Kirche erreicht werden können, d. h. auf junge Leute der unteren Klassen. Um einen Überblick über die Thätigkeit der Jünglingsvereine zu erhalten, gehen wir auf den gröfsten derselben etwas näher ein, welcher in Exeter Hall zugleich mit der Leitung des Gesamtverbandes aller Vereine seinen Sitz hat. Exeter Hall ist eine der gröfsten Versammlungshallen Londons, welche aufser vom Jünglingsvereine nicht selten zu politischen und ähnlichen Versammlungen benutzt wird und mehrere tausend Menschen fafst. Mit ihr in Verbindung stehen die übrigen zahlreichen Räume des Jünglingsvereines, seine Versammlungssäle, Klassen, Lesezimmer u. s. w. Exeter Hall ist am „Strand" gelegen, der Hauptverkehrsader Londons, die den Westen mit der City verbindet, in der Nachbarschaft der Theater, Cafe chantants, Spielhöllen und der Sitze des Lasters. Die von Exeter Hall ausgehende Thätigkeit ist zunächst eine religiöse; durch tägliches Mittagsgebet, Bibellesen in mehreren Sprachen, religiöse Ansprachen in gröfse- reni und kleinerem Kreise sucht sie „junge Seelen den Stricken des Versuchers zu entreifsen". Auch hier spielen Predigten im Freien eine grofse Rolle. Auf den benachbarten, breiten Themsegestaden, bei der „Nadel der Kleopatra", wurden im Frühjahr und Sommer 1888 z. B. allsonntäglich solche Gottesdienste abgehalten. Wunderbares Schauspiel: um das Denkmal, das einst unter südlichem Himmel der üppigen Königin errichtet, nunmehr am nebligen Themsestrande und in der Nachbarschaft eines Lasters steht, dessen Rohheit nicht mehr die Kunst des niedergehenden Altertums verhüllt, drängt sich die Menge, um den Worten des Galiläers zu lauschen. Da der Jünglingsverein das Heim und die Familie ersetzen will, so sind ihm neben seinen religiösen die geselligen Zwecke von gröfster Wichtigkeit. Abgesehen davon, dafs er — 390 — seinen Mitgliedern und angeschlossenen Genossen täglich Lesezimmer, Unterhaltungszimmer, eine Bibliothek u. s. w. zur Verfügung stellt, ferner zu Selbstkostenpreisen Mittags- und Abendtisch eingerichtet hat, finden in Exeter Hall auch mehrfach im Monat eigentliche Gesellschaftsabende statt, welche zum Teil von dem Verein, ebenso häufig auch von Privaten, veranstaltet werden. Wohlhabende Herren und Damen, welche sich für das Wirken des Vereins interessieren, laden in solchen Fällen die Angehörigen desselben zu Thee, Abendessen u. s. w. nach Exeter Hall ein, während durch Musikvorträge und Ansprachen für Unterhaltung gesorgt wird. Ferner gehört zu Exeter Hall eine umfangreiche Turnanstalt; auch bestehen Vereine für Cricket, Fufsball, Rudern u. s. w. Endlich sorgt der Jünglingsverein auch in bedeutendem Mafsstabe für die Fortbildung seiner Mitglieder in weltlichen Kenntnissen, welche ihnen das Fortkommen im Leben erleichtern sollen. Einen Begriff von der vielseitigen Thätig- keit von Exeter Hall zu geben, ist das für 1888 gültige Programm geeignet 1 . Natürlich arbeiten die anderen Jünglings- 1 Exeter Hall, Strand. I. Was für die jungen Leute gethan wird: Täglich. Morgengehet; Mittagsgehet; Verteilung von Einlafskarten zu den Zusammenkünften des Vereins; Unterrichtsklassen (67 in 42 Gegenständen); Turnen; Arheiter-Betverein (aufser Samstag), d. h. Vereinigung von Arbeitern auf dem Felde der inneren Mission. Sonntag. Männerverein; Aufsuchen der Logierhäuser; Arbeiter-Thee- ahend; Evangelisierungsgottesdienst in Exeter Hall oder im Freien. Montag. Männerverein; Herrn und Frau Kennedys „zu Hause", d. h. Empfangsabend. Dienstag. Gebetstunde in französischer Sprache; Theeahend für Mitglieder; Verein von Fremden. Mittwoch. Bibelstunde; Gesellschaftsabend; Übungen des Orchesters. Donnerstag. Bibelstunde; Holländische Betstunde; Französische Bibelstunde; Verein vom „Weifsen Kreuz" (eines Vereines zur Bekämpfung der Prostitution) vierteljährlich. — 891 — vereine mit weit beschränkteren Mitteln, aber alle verfolgen das gleiche Ziel. Es ist sicher, dal's sie sehr vielen jungen Leuten ein Mittel sind, sich auf der socialen Stufenleiter emporzuschwingen, abgesehen von der noch gröfseren Anzahl, welche sie vor weiterem Herabsinken und sittlichem und körperlichem Untergang schützen. Weitere Kreise noch als der Jünglingsverein ergreift die Sonntagsschulbewegung. Nach einer Berechnung, welche der frühere Unterrichtsminister Mundella mir als annähernd genau bezeichnete, werden in England und Wales heute gegen 6 Millionen Kinder in Sonntagsschulen unterrichtet, d. h. die gröfsere Mehrzahl aller Kinder, und da bei diesen Zahlen allein die unteren Klassen in das Gewicht fallen, die Mehrzahl der Kinder der arbeitenden Klassen. Der mit dem Jahrhundert neu entstandene Arbeiterstand — früher wie gesellschaftsfeindlich so irreligiös — bietet in der That der Kirche wie den Sekten ein zu eroberndes Missionsfeld ähnlich einem neuen Festlande und die angeführte Zahl Freitag. Bibelstunde. Samstag. Tliee und Empfang von jungen Leuten, die vor kurzem nach London gekommen sind, monatlich. II. Unterricht wird erteilt in: Englisch (5 Klassen wöchentlich, Grammatik, Stil, Geschichte, Geographie u. s. w.); Deutsch (4 Klassen); Französisch (4 Klassen); Italienisch; Spanisch; Portugiesisch; Griechisch; Lateinisch. Mathematik (4 Klassen). Naturwissenschaften (auch angewandte wie Landwirtschaft, Gesundheitslehre, Verbandkurs u. s. w., 10 Klassen). Kaufmännische Fächer (Buchhalten 2 Klassen, Kopieren, Stenographie, Telegraphieren u. s. w., im ganzen 12 Klassen). Vorbereitung für die Londoner Universitätsexamen (5 Klassen). Recht (3 Klassen). Künste u. s. w. (Singen, Turnen, Schach, Gedächtniskunst, Stimmbildung u. s. w.). beweist, dafs mutig an die Arbeit gegangen wird. Mit Stolz weisen die Freunde der Sonntagsschulbewegung auf die Statistik des jugendlichen Verbrechertums. Folgende Zahlen, natürlich nicht allein den Sonntagsschulen, vielmehr allen jenen von uns behandelten Bestrebungen, ferner der Einführung des staatlichen Schulzwanges zu danken, sind in der That für die sich vollziehende Hebung der arbeitenden Klassen lehrreich. Bei wachsender Bevölkerungszahl von 19 auf 27 Millionen kamen 1856 14000, 1866 10000, 1876 7000, 1881 6000, 1886 5100 Verurteilungen jugendlicher Personen auf England und Wales. Die Schwierigkeiten, mit welchen die Sonntagschulbewegung zu kämpfen hat, liegen weniger in der Beschaffung von Schülern, als der von Lehrern. Die englische Staatskirche braucht allein an 200 000 Lehrer, welche allsonntäglich, und zwar freiwillig und unentgeltlich, den Sonntagsschulunterricht besorgen; zu ihrer Leitung und Anweisung hat die Kirche das Sonntagsschulinstitut gegründet, welches eine reiche Lit- teratur, drei Zeitschriften u. s. w. herausgiebt, Kurse für Sonntagsschullehrer veranstaltet und Befähigungsscheine ausstellt, ein Bibelmuseum errichtet hat u. s. w. Zu gleichem Zwecke werden von den Diöcesanverwaltungen Visitationen der Sonntagsschulen veranstaltet, kurz alles gethan, um einheitliches Vorgehen und tüchtige Leistungen herbeizuführen. Eigentümlich sind ferner die grofsen Feste, welche die Sonntagsschulen in London und den gewerblichen Mittelpunkten des Landes abhalten, z. B. in Manchester, Birmingham, Nottingham, Sheffield, Bristol. Bei denselben kommen nicht selten 20000 "bis 70000 Kinder zusammen, welche zu Fufs herbeimarschieren, im Freien lagern, gemeinsame Gesänge und Spiele veranstalten, Ansprachen hören u. s. w. Entsprechend dem Zwecke vorliegender Arbeit konnte natürlich das, was die Kirche für die Hebung der unteren Klassen thut, nur andeutungsweise behandelt werden. Wenn ihre Bestrebungen jedoch völlig unerwähnt geblieben wären, so würde dem Bilde, das wir entwerfen, eine wichtige Farbe gefehlt haben. Hervorzuheben ist auch, dafs in England nach Einführung des Schulzwanges eine öffentliche Gemeindeschule nur soweit besteht, als die Kirche und die Sekten den Volksunterricht nicht in ihre eigene Hand genommen haben, ähnlich wie auch die Civilehe nur als subsidiäre besteht. Die englische Kirche nun unterrichtet in den von ihr geleiteten Schulen mehr Kinder als in allen weltlichen Gemeindeschulen zusammen unterrichtet werden, wie die Veröffentlichungen des Unterrichtsministeriums beweisen h Handelt es sich doch für die Kirche heute um einen Kampf ums Dasein. Die Entstaatlichung (disestablishment and disendowment) ist bereits der Schlachtruf einer mächtigen politischen Partei. Nun scheint es zwar sicher, dafs das selten energische Vorgehen der Kirche seit etwa fünfzig Jahren grofses in der Christianisierung des Arbeiterstandes leistet. Ob aber damit die Gefahr für den hierarchischen Bau der Kirche geschwunden ist, scheint mehr als zweifelhaft. Denn der englische Arbeiter, soweit er überhaupt religiöse Interessen hat, ist ausgesprochen protestantisch und die in gelehrten und vornehmen Kreisen stark verbreiteten katholisierenden Neigungen sind ihm unverständlich. Tragisch wäre es, wenn 1 Zahl von Kindern auf den Listen der Behörden. 188-5 1886 1887 In Schulen der Kirche 2 128 888 2 125 981 2 157 204 der Sekten (Methodisten etc.) 499 290 504 217 506 331 der römischen Kirche. . . . 230 904 237 3-57 245 700 in Gemeindeschulen 1553 066 1 638 270 1725 949 4 412 148 4-505 825 4 6-35184 — 394 — die hochkirchliche Bewegung, deren Kern der Puseyismus bildet, gerade durch die Christianisierung der Massen sich ihr eigenes Grab bereitete. Ist es mir gestattet, in dieser schwierigen Frage den einzigen nach meiner Ansicht vorhandenen Ausweg anzugeben — eine Unbescheidenheit, für die ich meine englischen Freunde geistlichen Standes um Entschuldigung bitte — so möchte ich folgendes hervorheben. Die Kirche hat den Demokratisie- rungsprozefs, dem der Staat in diesem Jahrhundert unterworfen wurde, nicht mitgemacht; sie hat noch heute eine aristokratische Organisation, die einst dem agrarischen Gesellschaftssystem entsprach; heute aber, da das Industrialsystein aufgekommen ist, wird sie entweder fallen oder sich ihm ebenfalls anpassen, d. h. sich demokratisieren müssen. Hierzu aber besitzt sie die Fähigkeit, da sie doch für die meisten ihrer Angehörigen auf protestantischer Grundlage beruht, daher eine weitgehende Beteiligung der Laien und die Annahme einer demokratischen Synodalverfassung ihrem Wesen nicht widerspricht. — Während das Erwachsen der Kirche, wie die reaktionäre Richtung in ihr auf socialem Gebiet auf das segensreichste gewirkt hat, trägt die Geschichte der mit ihr zusammenhängenden politisch reaktionären Bewegung den Charakter der Farce. Unter Puseys Einflufs bildete sich in Oxford während der vierziger Jahre ein Kreis von Studenten, meist Söhnen des hohen Adels. Zunächst ohne besondere politische Zwecke, wurden sie durch eine romantische Neigung für das Mittelalter und die katholische Kirche verbunden. Sie fühlten sich im Gegensatz zu der neueren Entwicklung der englischen Gesellschaft und sahen insbesondere in der Industrie den Feind, welcher die alte gute Zeit verdränge. Lord John Manners, der Führer dieser Studenten, die sich „ Jung-Engl and" — 395 — nannten, zugleich der Verfasser heute vergessener Gedichte, sang damals: „In many a manor, yet uncursed by trade, Bloom Faith and Love all lightly in the shade". (In manchem Herrenhause, noch unentweiht von der Industrie, Blühen Glaube und Liebe hell im Schatten.) Soweit diese Romantiker überhaupt an die Gegenwart dachten, so war für sie die Kirche die älteste und höchste Macht in der Gesellschaft. „Die Gewalt empfing der Staat im Beginn seiner Mittagszeit frisch von der Kirche der gläubigen und der geglaubten", (aus einem Gedichte des Lord Manners). Neben der Kirche war die von einer glänzenden Aristokratie umgebene Krone ihr Ideal. Der durch die Industrie herbeigeführten Schwierigkeiten glaubten sie dadurch Herr werden zu können, dafs sie dem Fabrikherrn eine ähnliche Schutzgewalt über seine Arbeiter gewährten, wie sie der Gutsherr über seine Hintersassen besessen hatte. Alle Versuche der Arbeiter, sich selber zu helfen, insbesondere Arbeitsausstände und Gewerkvereine, waren ihnen ein Greuel, eine Auflehnung gegen den von Gott eingesetzten Obern. Die Kirche, die Krone, die Aristokratie, wie die Fabrikherren sollten sich almosenspendend zu den Armen hinab neigen, für das Volk alles, aber nichts durch das Volk geschehen. Ehrgeizig waren diese Herren nicht. In der gotischen Architektur ihrer Kollegien und Landsitze lebten sie ein bequemes Leben der Verehrung des Mittelalters und der Frauen. Höchst wahrscheinlich hätte man von ihnen als einer politischen Partei nie gehört, hätte es nicht einer der schlauesten und zugleich der ehrgeizigsten Menschen des Jahrhunderts verstanden, sie zur Stufe zu machen, um sich zur Herrschaft über ei n Weltreich emporzuschwingen: Benjamin D i s - r aeli. — 396 — Was war diesen vornehmen, jungen Herrn an sieh entgegengesetzter als der durchaus nicht mehr junge, d. h. als er die Schwenkung machte, 37 Jahre alte Sohn eines jüdischen Litteraten. Seine früheren Schriften waren Zeugnis von Cy- nismus. Vergeblich hatte er sich zum radikalen Parteiführer emporzuschwingen gesucht. Nach dem, was hinter ihm lag, konnte er als eine aussichtslose Existenz gelten. Da nun erschienen unter dem Namen Disraelis zwei mystisch-romantische Romane: Coningsby 1844 und Sybil 1845. Leser, welche den Verfasser nicht kannten, mufsten danach in ihm einen blutjungen, mit glühender Phantasie begabten Enthusiasten vermuthen. Die Romane verherrlichten die Bestrebungen Jung-Englands, welches sie für die Partei der Zukunft erklärten. Wie wohl mufste es nicht diesen jungen Herren thun, wenn der Verfasser „den Adel den einzigen Führer des Volkes" nannte, wenn er besonders den ländlichen Tagelöhner aufforderte, sich der Führung „seines natürlichen Oberherren" anzuvertrauen. Um seinen Romanen aber den zeitgemäfsen und packenden Aufputz zu geben, entnahm Disraeli Gedanken, zum Teil wörtlich, dem damals in weiteren Kreisen noch unbekannten Carlyle, so dessen Angriffe gegen die Parlamentsherrschaft und ähnliches. Durch ihn wurden Carlylesche Gedanken, freilich verstümmelt und zu fremden Zwecken mifsbraucht, zuerst in weiten Kreisen bekannt, wo sie bereits in dieser Form eine Bewegung hervorriefen. Thatsächlich aber war Disraeli jener Carlyleschen Grundanschauung, dafs die menschliche Gesellschaft nicht auf Selbstsucht, sondern auf Selbstüberwindung beruhe, so weit als möglich entgegengesetzt. Überhaupt lief das ganze von Disraeli entwickelte Programm auf eine Täuschung hinaus. Wenn er sich dagegen wandte, die Krone zum venetianischen Dogenamt her- — 397 — absinken zu lassen, so war es ihm im Grunde doch völlig fernliegend, dieselbe mit wirklicher Macht bekleiden zu wollen. In socialpolitischer Hinsicht nimmt Disraeli den Standpunkt des „Tory-Socialismus" ein. „Das Volk ist nicht stark, es kann nie stark sein. Alle seine Versuche, sich selbst zu helfen, werden nur in Leiden und Verwirrung enden." Das Volk ist daher zur Abhängigkeit bestimmt; seine natürlichen Vorgesetzten, d. h. vor allem der Adel, haben in väterlicher Weise für dasselbe zu sorgen, und in diesem Sinne war es, dafs Disraeli das Wohl der Massen als die Hauptaufgabe des Staatsmannes erklärte. Wie wenig er glaubte, dafs aus dem Volke selbst etwas gutes hervorgehen könne, zeigt Disraeli dadurch, dafs er seine Leser zwar in die Kreise der Arbeiter hinabsteigen läfst, am Schlüsse jedoch für die edelsten Exemplare dieser Gattung: Sybil und Gerard, einen altadlichen Stammbaum und ein entsprechendes Vermögen auffindet. Einen Schein von Wahrheit mochte diese Schutzgewalt der Grundbesitzer solange an sich tragen, als es denselben darauf ankam, sich an den Fabrikanten, den „Baumwollen- lords", deren Reichtum den ihrigen in Schatten stellte, für die Aufhebung der Korngesetze zu rächen. Hieraus folgte die erste Arbeiterschutzgesetzgebung. Als es aber später darauf ankam im Interesse des Volkes die notwendige Landreform durchzuführen, da zeigte es sich, dafs der grofsgrundbesitzende Adel nicht weniger seine politische Macht zum Schutze der eigenen Interessen benutzte, als der von ihm des Eigennutzes angeklagte Stand der Industriellen. Thatsächlich besafs die konservative Partei damals kein politisches Programm. Seitdem sie der Reformbill zugestimmt hatte, seitdem sie die Macht der Krone ebensowenig mehr ernsthaft wünschte als die Gegenpartei, waren die sie kennzeichnenden Gedanken verloren gegangen. Diese Partei ohne — 398 — Programm ergriff nun lebhaft den von Disraeli entwickelten Schein eines solchen, um statt des Programms den Führer einzutauschen. Denn der gefügige Lobredner und unentbehrliche Verteidiger im Unterhaus schwang sich bald zum Herrn empor, als welcher er — wunderbares Schauspiel — an der Spitze jener reaktionären Herrn Mafsregeln weiterer Demokratisierung des Staates durchführte 1 . Während wir das Erwachen des Hochkirchtums nicht unerwähnt lassen durften, weil es in der That positives gewirkt hat, so ist die anschliefsende politische Bewegung nur um deswillen für uns von Bedeutung, weil ihre socialpolitischen Anschauungen sich überall dort wiederfinden, wo die Arbeiterfrage zuerst als Gefahr an die oberen Klassen herantritt. Im Anfang glaubt man die Frage einfach durch Almosengeben, durch Wohlfahrtseinrichtungen u. s. w. aus der Welt zu schaffen, indem man hierdurch das patriarchalische Abhängigkeitsverhältnis der alten guten Zeit wieder herstelle. Aber der Arbeiter erwidert darauf, dafs man ihm „statt Brot Steine gebe", auch bei den bestgemeinten Versuchen — ein Beweis, dafs es gerade nicht das Brot ist, das er in letzter Linie begehrt, sondern höhere Güter. Er begehrt nämlich, was ihm das Christentum verheifsen, indem es jedem Menschen einen absoluten Wert zusprach, was die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts verlangt, indem sie den Menschen zum Selbstzweck erklärt, was die Gesetzgebung des neunzehnten rechtlich gewährt hat, indem sie die Standesunterschiede aufhob und allen das Recht der Beteiligung am Staate zusprach, er begehrt nicht mehr „Unterthan", sondern „Staatsbürger", nicht Produktionsmittel, sondern Mitarbeiter an dem Werke der 1 Wir urteilen hier natürlich nicht über die in der That von grofsen Gesichtspunkten getragene, auswärtige Politik Disraelis. — 899 — nationalen Produktion zu sein, — Güter freilich, die durch Gesetzgebung nicht zu dekretieren sind, die durch Revolution herbeiführen zu wollen eitel, deren Verwirklichung nur von innerlicher Entwicklung des Menschen zu erwarten ist. n. John Ruskin und Arnold Toynbee. Auf die erste Welle der Universitätsbewegung folgt eine zweite, welche vielleicht nicht so hoch geht als die erste, d. h. die unter ihrem Einflufs stehenden Menschen nicht so völlig erfafst, wie die hochkirchliche Richtung ihre Anhänger, welche aber dafür viel weitere Kreise, ja in gewissem Sinne die gesamten gebildeten Klassen der Nation ergreift. Diese zweite Bewegung ist eine der wichtigsten Erscheinungen auf socialem Gebiet und hat auf das bedeutungsvollste zur Versöhnung der sich gegenüberstehenden Gesellschaftsklassen beigetragen. Während sich bei der ersten die Universitäten lediglich als Heimstätten der Tradition erweisen, bewähren sie sich nunmehr als Sitze des modernen Denkens und nationalen Geisteslebens. Mehr als zwei Jahrzehnte liegen zwischen der ersten und zweiten Bewegung. In jene Zwischenzeit fällt die Ausbreitung der Carlyleschen Gedanken. Henri Taine, welcher Ende der sechziger Jahre England besuchte und sich einige Zeit in Oxford aufhielt, erklärt, dafs damals über die junge Generation keiner solchen Einflufs besessen habe wie Carlyle. Damals erst gelangte er zu der allgemeinen Bedeutung, welche ihm den Namen „des beherrschenden Geistes der viktoriani- schen Aera" verschafft hat. In jenen Jahren erschütterte Carlyle die utilitarische Weltanschauung, die bis dahin das Den- — 400 — ken der geistig voranstellenden beherrschte, und entzog der älteren Nationalökonomie damit ihre sicherste Stütze, die philosophische Grundlage. Hierdurch unterscheidet sich die Universitätsbewegung von den beiden bisher behandelten: der christliche Socialismus war auf dem Boden des Christentums erwachsen und nur von Carlyle beeinflufst; die reaktionären Pachtungen waren es durch einseitige Auffassung seiner Gedanken. Beide Bewegungen gehen gewissermassen mit ihm parallel, die hier zu schildernde dagegen ist unmittelbar von ihm abhängig. Zunächst ist eines Mannes zu gedenken, welcher als Lehrer wie Schriftsteller in den siebziger Jahren in Oxford grofsen Einflufs gewann und viel dazu beitrug, in den Universitätskreisen das Gefühl davon zu erwecken, dafs mit dem Gesetz der Nachfrage und des Angebots die Verpflichtungen, welche den Gebildeten und Besitzenden gegenüber den unteren Klassen obliegen, nicht erschöpft seien. Dieser Mann ist John Kuskin. Es ist hier nicht der Ort, auf die Bedeutung dieses Mannes einzugehen, dessen Arbeiten ursprünglich das Gebiet der Kunstgeschichte betrafen. Er, der „am meisten analytische Geist im heutigen Europa", wie ihn Mazzini nennt, wandte sich erst in den siebziger Jahren der Nationalökonomie zu. Sein auf diesem Gebiete vor allen in Betracht kommendes Werk „Unto this last" wurde von seinen Anhängern als das „eines modernen Plato" in den Himmel gehoben, auch viel in Arbeiterkreisen gelesen, dagegen von seinen Gegnern auf das schärfste angegriffen. Beide Ansichten scheinen zu weit zu gehen. Nach unserer Meinung ist das angeführte Werk zwar keine Offenbarung neuer und epochemachender Gedanken; sein Wert liegt hauptsächlich in der Kritik gegen mehrere der überlieferten nationalökonomischen Grundauffassungen. Die positive Seite des Ruskinschen Werkes da- — 401 — gegen bietet ein gleiches Interesse nicht, indem den Verfasser sein Gegensatz zu der auf die Selbstsucht des Individuums gegründeten Welt der Konkurrenz zu socialistischen Ansichten führt, welche seit den siebziger Jahren in England, insbesondere in Oxford, nicht vereinzelt waren, wie das Kapitel VI dieser Arbeit zeigen wird. Wir beschränken uns auf die Hervorhebung einiger Hauptpunkte der von Ruskin an der älteren Nationalökonomie geübten Kritik. Diese Ausführungen beweisen, dafs er in die Reihe der von Carlyle ausgehenden Kritiker gehört, für welche die menschliche Gesellschaft nicht allein auf den selbstsüchtigen Trieben des Individuums, sondern daneben auf gewissen, verschieden gefafsten, mehr oder weniger in den Vordergrund gerückten, socialen Bedingungen beruht, und die Vorzüglichkeit eines wirtschaftlichen Systems nicht nach der Menge der producierten Güter zu beurteilen ist, wie es Ricardo gethan hatte. Nach Ruskin wurde bisher irrtümlicherweise die Hervorbringung und Verteilung von Gütern für den einzigen Gegenstand der Nationalökonomie gehalten: mit Unrecht; denn beide sind lediglich Mittel für einen weiteren, gemeinsamen Zweck: die Benutzung (denVerbrauch) der Güter, von der gesondert sie nicht betrachtet werden können. „Der Gegenstand der Nationalökonomie ist die richtige Art des Verbrauches, d. h. die Frage, wie ein jedes Ding richtig zu benutzen ist." Der Versuch der Güter aber dient nach Ruskin „der Erhaltung des menschlichen Lebens" sowohl nach seiner physischen als intellektuellen und ästhetischen Seite hin. Jede Hervorbringung, welche nicht hierzu dient, das heifst, nicht Dinge erzeugt, die „zum Leben führen" (lead to life), ist daher unwirtschaftlich. Die Hauptfrage für ein Volk besteht daher nicht darin, wie viel Arbeit es beschäftigt, sondern wie viel Leben es möglich macht, Gerade v. Sclmlze-Gaevernitz, Zum sog . Frieden. 26 — 402 — darin zeigt sieh der Fortschritt der menschlichen Gesellschaft, dafs in früheren Zuständen Arbeit vielfach auf Dinge verwendet wird, welche thatsächlich für das menschliche Leben wertlos sind: auf die „Exkremente des Schellfisches, auf Stücke blauen und roten Steines, Saphire, Rubinen, Perlen", und dal's hierfür eine grofse Menge Arbeit verschwendet wird. Später wird die Arbeit in wachsendem Mafse auf nützlichere Dinge verwendet, und Gegenstände, welche früher wertlos erschienen, beginnen mehr und mehr erstrebenswert in den Augen der Menschen zu werden: z. B. Luft, Licht, Reinlichkeit u. s. w. Aus dieser Grundanschauung folgt unmittelbar Ruskins Definition des Reichtums (wealth). Nach Ruskin ist Reichtum der Besitz des Wertvollen, d. h. des zum Leben dienlichen Dinges durch den, der es entsprechend benützen in der Lage ist: „Possession of the valuable by the valiant",— eine Auffassung, womit die Erzeugung gegenüber der Verteilung und dem Verbrauche der Güter in den Hintergrund rückt. Die Vernachlässigung der Wichtigkeit dieser letzteren beiden Vorgänge des wirtschaftlichen Lebens brachte die Nationalökonomen dazu, die Erzeugung an sich als etwas gutes und erstrebenswertes anzusehen. In Wahrheit dagegen kann die Erzeugung von wirtschaftlichen Gütern weit mehr Leben schädigen und mehr Energien vernichten, als das erworbene Gut zu erhalten und zu fördern geeignet ist. Ruskin führt folgendes Beispiel an. Auf einer wüsten Insel mit wenigen, weit entfernten Stücken bebaubaren Landes, haben drei Leute ihr Leben zu fristen; zwei greifen zu Ackerbau, einer übernimmt es, zwischen den beiden Ackerbauern diejenigen Erzeugnisse auszutauschen, mit welchen sie bei der Verschiedenheit der Grundstücke einander auszuhelfen in der Lage sind. Man nehme nun an, dafs der Verkehr zwischen den beiden Ackerbauern nicht an- — 403 — ders als durch den Unterhändler erfolgen kann, dafs dieser die Wirtschaftsweise heider genau beobachte und dasjenige, was sie gerade am notwendigsten brauchten, zurückhielte — ein Verfahren, welches den Lehren der Nationalökonomie völlig entspreche. Er könne mit der Zeit den ganzen überflüssigen Besitz der beiden anderen an sich bringen und sie in einem Jahre des Mifswachses zwingen, die Felder ihm abzutreten und seine Lohnarbeiter zu werden. Trotzdem sei es klar, dafs — die drei Männer als Gesamtheit betrachtet — ihr Reichtum geringer sein müsse, als wenn der Kaufmann sich mit einem gerechteren Gewinn begnügt hätte. Die wirtschaftlichen Unternehmungen der beiden Ackerbauer seien nämlich durch die Zurückhaltung der notwendigen Bedürfnisse eingeengt und erschwert worden. Mutlosigkeit habe ihre Thatkraft gelähmt. „Die ganze Frage, nicht nur nach dem Vorteile, sondern sogar der Menge des nationalen Reichtums löst sich somit in eine Frage abstrakter Gerechtigkeit auf." So könne der Reichtum unter Umständen ein Ergebnis unterdrückter Energien sein, „der vergoldete Index weitreichenden Ruins". Des weiteren wendet sich Ruskin gegen das System der Konkurrenz, weil dasselbe entsprechend dem soeben angedeuteten Gesichtspunkte vielfach die Wirkung habe, „Leben zu zerstören", statt — was jedes wirtschaftliche Thun vernünftigerweise zum Ziel haben solle — „Leben zu erhalten und zu entwickeln." „In der Geschichte", sagt Ruskin, „giebt es keine Erinnerung einer gleichen Verirrung des menschlichen Verstandes als den Glauben, dafs der Grundsatz des Handels: „kaufe im billigsten und verkaufe im teuersten Markte", die Grundlage der menschlichen Gesellschaft sein könne." Es giebt keinen Grund, welcher mich berechtigt, einem armen Manne, der verkaufen mufs, weniger zu zahlen, •26* — 404 — oder von dem, der kaufen mufs, mehr zu verlangen, deswegen, weil er arm ist. Die „Beraubung des Armen, weil er arm ist", das Gewerbe des Kapitalisten, meint Ruskin, sei jedenfalls einträglicher und ungefährlicher als die „Beraubung des Reichen, weil er reich ist", welche der Strafsenräuber ausübe. Diese Anklagen, welche Ruskin gegen die bestehende Gesellschaft schleudert, sind im Grunde wenig verschieden von dem bereite von Carlyle erhobenen Vorwurf der Organisa- tionslosigkeit der heutigen Produktionsweise, welche immer wieder das Leben vernichte, das sie hervorgebracht habe, und auf der einen Seite die Vorräte inÜbermafs ansammele, deren Mangel auf der anderen Seite Elend und Hunger hervorbringe. Ruskin wendet sich von hier aus insbesondere gegen die Feststellung der Löhne der Arbeiter durch Nachfrage und Angebot, weil sich hier die geschilderten Schattenseiten am schärfsten zeigten, weshalb auch zu allen Zeiten die wichtigsten Arten von Arbeit dem Spiele des freien Wettbewerbs entzogen und zu festgesetzten Löhnen vergeben würden. „Wir vergeben nicht die Stelle des Premierministers in Auktion, noch geben wir beim Tode eines Bischofs, was immer die Vorteile der Simonie sein mögen, die Diöcese dem Geistlichen, der sie für das niederste Gebot nimmt. Wenn wir krank sind, fragen wir nicht nach einem Arzte, welcher weniger als eine Guinee nimmt." Ruskin behauptet, dafs die höchste Arbeit immer und überall zu einem feststehenden Lohnsatze vorgenommen werde, und dafs dies mit jeder Art von Arbeit, um sie auf ähnliche Höhe zu heben, der Fall sein sollte. Er verlangt also, dafs der gute und schlechte, der schwache und starke Arbeiter gleich bezahlt werden solle, wie es der Herr des Weinberges in der Bibel gethan habe, welcher „bis zu diesem Letzten" („unto this last") allen sei- — 405 — neu Arbeitern den gleichen Lohn gewährte, worauf der Titel des Werkes ausspielt. Die Folge eines solchen Vorgehens wäre, meint Ruskin, dafs die Menschen gute von schlechter Arbeit unterscheiden würden und die guten Arbeiter Beschäftigung fänden, die schlechten aber unbeschäftigt bleiben würden. Dies aber sei dem heutigen System weit vorzuziehen, das dahin wirke, schlechte Arbeiten an Stelle von guten hervorzubringen und die Bedürfnisse der Menschen statt mit wirklichen Gütern, mit gefälschten, nur auf das Auge, nicht den Gebrauch berechneten Scheingütern zu befriedigen. Ruskins Ansichten berühren sich mit den Forderungen der beiden hauptsächlichsten Richtungen des englischen Arbeiterstandes. Die Gewerkvereine verlangen, dafs alle Arbeit eines Gewerbes nach einem feststehenden, entsprechend der Lage des Gewerbes, zwischen Arbeiter und Arbeitgeber vereinbarten Lohnsatze bezahlt werde, und gewährleisten dafür die Tüchtigkeit der Arbeit. Der Genossenschafter aber richtet seine Bemühungen, gleichviel ob er Güter verteilt oder hervorbringt, auf den wahren Wert statt auf den ausschliefslich dem Zwischenhändler zu gute kommenden Scheinwert. Diesen Berührungspunkten verdankt Ruskin seine grofse Volkstümlichkeit in Arbeiterkreisen. Auch in Bezug auf die Stellung des Kapitals in der Gesellschaft bekämpft Ruskin die individualistische Theorie. Er begegnet sich mit der schon von Carlyle vertretenen Auffassung, dafs auch der Kapitalist nicht für sich und mit ausschliefslicher Rücksicht auf seinen persönlichen Vorteil, sondern vielmehr für die Gesellschaft zu arbeiten berufen sei. Er ist ein Organ • des gesellschaftlichen Organismus; seine Funktion entspricht der Nahrungszufuhr im Einzelorganismus. „Es ist nicht in höherem Mafse die Aufgabe des Kaufmanns Gewinn zu machen, als es die des Lehrers ist, — 406 — Gehalt zu bekommen. Das Gehalt ist eine notwendige Beigabe, aber nicht der Inhalt seines Lebens, wenn anders er ein wahrer Lehrer ist, ebensowenig wie das „Honorar" der Lebenszweck eines wahren Arztes ist". Ähnliche Gedanken hatte Carlyle mit dem Satze ausgedrückt, dafs alle wahre Arbeit unbezahlbar sei. Wenn Ruskin dieselben Gedanken in einen Vergleich kleidet, welchen er von den gelehrten oder „professionellen" Berufen auf die rein wirtschaftlichen anwendet, so bezeichnet ihn das als den Träger einer Bewegung, welche zunächst in den Universitäten ihren Sitz hat. In Rücksicht auf den Rahmen vorliegender Arbeit müssen wir uns versagen, auf die Werke dieses Schriftstellers näher einzugehen 1 . Wir können dies um so mehr, als er in seiner Kritik des bestehenden mit den unten behandelten Socialisten nahe verwandt ist, während die wissenschaftliche Methode, welche der klassischen Nationalökonomie heute positiv gegenübergesetzt wird, aus Deutschland stammt. Um eine Probe der Ausdrucksweise Ruskins zu geben, führen wir die Schlufsworte von „Unto this last" an, desjenigen Werkes, durch welches der genannte Schriftsteller unzweifelhaft am weitesten gewirkt hat. „Ich wünsche die eine grofse That- sache klar festzustellen, dafs es keinen Reichtum ohne Leben giebt, Leben, einschliefsend alle Kräfte der Liebe, Freude und Bewunderung. Dasjenige Land ist das reichste, welches die gröfste Menge edler und glücklicher Menschen ernährt; der Mann ist der reichste, welcher, nachdem er die Funktionen seines eigenen Lebens bis zum äufsersten Punkte erfüllt hat, 1 Aufsei' „Unto this last" kommen noch in Betracht: „Munera pulveris", „Time and Tide", „Crown of wild olive", „Fors Clavigera". Wie ich höre, ist in der in Vorbereitung befindlichen Selbstbiographie Buskins eine Entwicklungsgeschichte seine volkswirtschaftlichen Ansichten zu erwarten. — 407 — auf das Leben anderer sowohl durch seine Person wie seinen Besitz den weitesten hülfreichen Einflufs hat. Wirtschaftlichkeit sei das Gesetz des Hauses: verschwende nichts und mifs- gönne nichts, sei einfach und weitherzig. Kümmere dich nicht darum viel Geld zu machen, sondern viel aus dem Gel de zu machen; erinnere dich immer der grofsen, unvermeidlichen Thatsache, dafs das, was ein anderer hat, nicht du haben kannst, und dafs jedes Atom jedweden Gutes, das du verbrauchst, eine Quantität aufgewandten menschlichen Lebens bedeutet, Leben entweder aufgewandt zur Verhinderung und Vernichtung von Leben oder zur Gewinnung von mehr Leben. Überlege, ob Luxus, selbst seine Schuldlosigkeit zugegeben, wünschenswert wäre, wenn wir deutlich vor unseren Augen die Leiden, welche ihn begleiten, sähen. Luxus ist in der Zukunft in der That möglich, ein auserwählter und unschuldiger für alle und durch die Hülfe aller. Aber heute kann des Luxus sich nur der Unwissende erfreuen; der grausamste Mensch könnte nicht bei seinen Festen schwelgen, hätte er kein Tuch vor den Augen. Hebe den Schleier, erblicke das Licht. — Wessen man heute hauptsächlich bedarf, ist der Wunsch nach einem durch freudige Arbeit reichen Leben: freundliche und reizende Scenen in Garten und Feld, liebliche und erfreuliche in den Heimstätten der Menschen, Gesang von Vögeln und Gezirp von Insekten, tief« Männerworte und helle Kinderstimmen. Wir brauchen das Beispiel von Menschen, welche zeigen, dafs das Maximum der Freuden erreicht werden kann durch feste wohl überlegte Sachlichkeit, bescheidene und arbeitsame Menschen, welche für sich die Entscheidung treffen, glücklich in der Welt zu sein und nicht gröfseren Reichtum, sondern gröfsere Freuden zu suchen, welche als wichtigste Herrschaft die Herrschaft über sich selbst ansehen und sich ehren in der ruhigen Verfolgung des Friedens." Man denke an die von J. St. Mill gegebene Auseinandersetzung, wonach die Konkurrenz, welche die klassische Nationalökonomie als einzigen und ewigen Regulator des Wirtschaftslebens voraussetzt, durchaus modernen Ursprungs ist. Mit den Namen Carlyle und Ruskin haben wir den Hintergrund bezeichnet, auf welchen sich die im folgenden zu schildernde Bewegung abspielt, welche mit dem Namen Arnold Toynbees verknüpft ist, eines jungen, mit einundreifsig Jahren verstorbenen Gelehrten, welcher kaum bei Lebzeiten irgend etwas veröffentlichte, und nach dessen Tode ein Bändchen zum Teil durchaus unvollendeter Aufsätze erschien 1 . Toynbee hat durch seine in seltenem Grade anziehende und beeinflussende Persönlichkeit gewirkt, über welche daher einige Worte zu sagen sind. Im persönlichen Verkehr, wie ihn das enge Zusammenleben in den Oxforder Kollegien ermöglicht, sowie in Reden und Vorträgen vor Studenten und Arbeitern übte er seinen Einflufs. Arnold Toynbee wurde zu London am 23. April 1852 als Sohn eines bekannten Ohrenarztes und tüchtigen Naturwissenschaftlers geboren. Dafs auch der Vater schon ähnlichen Neigungen nachging, wie die, welche später sein Sohn den englischen Universitäten einzupflanzen, verstand, geht daraus hervor, dafs er z. B. eine Abendklasse für Arbeiter eingerichtet hatte, in der er naturwissenschaftliche Gegenstände zu behandeln pflegte; Arnold, damals noch ein Kind, ging ihm bei der Ausführung der Experimente zur Hand. Der Vater starb, noch ehe der Sohn das vierzehnte Jahr vollendet hatte, nicht ohne die reiche Begabung desselben erkannt zu haben. Eine 1 Vergl. Lectures on tlie industrial revolution by A. Toynbee. London Rivingtons 1884. Progress and Poverty, a criticism on Mr. Henry George by A. Toynbee, Reeves, Fleet Street London. Arnold Toynbee by F. C. Montague. Baltimore 1889. — 409 — hinfällige Gesundheit lehrte Arnold Toynbee in früher Jugend Entsagung. Mit neunzehn Jahren schreibt er an einen Freund, dafs er sein Leben nicht in dem Erwerb von irdischen Gütern hinbringen wolle, welche ihr Übel haben könnten, und jedenfalls auf ihn keinen guten Einflufs üben würden. Sein Ideal sei das stille Leben eines Gelehrten, „nicht aus Ruhmsucht oder blofsem Ehrgeiz, sondern um der Verfolgung der Wahrheit willen". Aber die socialen Probleme des Tages drangen bald auf sein sympathievolles Gemüt mit solcher Stärke ein, dafs ihm ein ruhiges Forscherleben nicht beschieden war. So übertrug er jene Gesinnung selbstlosen Interesses von der Wissenschaft auf die Lage der arbeitenden Klassen •— befähigt dadurch eine gleiche Gesinnung in den ihn unigebenden Kreisen zu verbreiten; denn Selbstüberwindung lehrt sich nicht mit Worten, sondern durch das Beispiel und den Einflufs einer von ihr erfüllten Persönlichkeit. Im Jahre 1873 bezog Toynbee die Universität Oxford und in die zehn Jahre, welche er von 1878—1883 daselbst verbrachte, drängt sich die Zeit seiner Ausbildung wie seiner Wirksamkeit. Nach vorübergehendem Aufenthalt im Pem- broke College wurde er Student, dann Lehrer und Verwalter (bursar) am Baliol College. Insbesondere waren während mehrerer Jahre diejenigen jungen Leute seiner Führung anvertraut, welche sich für den Civildienst in Indien vorbereiteten. Oxford war der Boden, auf dem Toynbee sich heimisch und glücklich fühlte. Wird als sein Hauptcharakterzug Sympathie mit anderen bezeichnet, so bot das Leben im Kollegium zur Entfaltung dieser Eigenschaft mehr Gelegenheit, als wenn er im Kampf eines geschäftlichen Lebens gestanden hätte 1 . 1 Wie wohl er sich in Oxford befand, zeigen folgende einem Briefe entnommene Worte aus dem Anfang seines dortigen Aufenthalts: „In dem Kreuzgang zu Baliol wandelt man des Nachts, hört den Wind in den — 410 — Wenn Toynbee in Oxford beliebt und einflufsreich wurde, so trug hierzu bei, dafs er nichts weniger als Einflufs und Ansehen suchte. Er war in allen Dingen sachlich, stets unfähig irgend eine persönliche Abneigung zu unterhalten, oder irgend etwas der Anerkennung wegen zu sagen oder zu thun. Hierin lag auch der Grund seines Erfolges als Redner in Arbeiterkreisen, die er während der letzten Jahre seines Lebens vielfach aufsuchte; die Hörer empfanden, dafs der Redner nicht ein Klassen- oder persönliches Interesse verfolge, sondern lediglich durch Mitgefühl getrieben werde: ein wahrer Freund des Volkes neben so vielen vorgeblichen! Der Eindruck aber wurde dadurch noch erhöht, dafs viele unter seinen Hörern angesichts seines Gesundheitszustandes sich sagen mufsten, dafs hier ein junges, hochbegabtes Leben im Interesse anderer sich verkürze. Diese Persönlichkeit mufs man im Auge haben, um Toynbees Einflufs zu verstehen, der mit der Zeit jenen Kreis von Freunden um sich sammelte, welche nach seinem Tode seine Gedanken weithin verbreiteten. „Das interessante und packende in seinem Leben", sagt ein Freund von ihm, „war nicht, was er hervorgebracht hat, sondern er selbst, d. h. seine Einfachheit und Selbstlosigkeit, sein liebenswürdiges Beispiel, seine Verschiedenheit von jedem anderen". Bäumen und verwebt die Sterne in das Gewebe der eignen Gedanken. Man schaut von dem bleichen, übermenschlichen Mond zu den rötlichen Lichtern der Fenster und hört gebrochene Noten von Musik und Gelächter und in der Ferne das klagende Gemurmel der Eisenhahn. — Das Lehen liier ist sehr süfs und voll von Freude; zu Oxford, alles zusammengenommen, ist das Ideal eines glücklichen Lehens mehr verwirklicht als irgendwo. Ich meine das Ideal eines freundlichen, gleichen, geistigen Verkehres mit etwas von einem hellen Blick in die Zukunft, der sich doch immer an der Vergangenheit stärkt, ein Buheplatz für die Seele in künftigen Tagen, die dunkel und verworren und nichts als ein trauriges Fehlschlagen sein mögen". — 411 - Den geistigen Hintergrund auf dem sich Toynbees Entwicklung aufbaut, haben wir oben charakterisiert: die antiindividualistische, von Carlyle ausgehende Dichtung. Es ist aber hier noch ein Mann zu nennen, welcher in dieser Hinsicht auf die Entwicklung Toynbees grofsen Einflufs gewann. Für die Auseinandersetzung mit den religiösen und philosophischen Problemen der Zeit hat Toynbee weitgehende Anregung dem am gleichen Kollegium thätigen Professor T. H. Green zu danken. Alle bisher behandelten Männer: Carlyle, die christlichen Socialisten wie Maurice und Kingsley, ferner auch Pusey, entstammten specifisch christlichen Kreisen. Ihr Denken — auch wo es, wie bei Carlyle, die philosophischen Formen der Gegenwart annahm — bewegte sich zum mindesten in ihrer Jugend in den Formen der überlieferten christlichen Dogma- tik. Anders bei Toynbee. In London geboren und der Sohn eines Naturforschers, trat er erst unter dem Einflufs Greens zu Oxford, wo, wie er sagt, die meisten ihre Religion verlernten, religiösen Fragen nahe 1 . Auf diesem Ursprung beruht ein eigentümlicher Zug der mit seinem Namen verknüpften Bewegung; sie steht voll und bedingungslos auf dem Boden des modernen Denkens. Toynbee war antiutilitarisch sowohl seiner Anlage als der Zeitströmung nach, in die er hineintrat. Eine solche Gesinnung aber ist, wie Carlyle aufgestellt hatte, unmöglich ohne irgend eine Form des Glaubens und das einzige Mittel, zu diesem in zeitgemäfser Form zu gelangen, bietet, worauf Carlyle ebenfalls hingewiesen hatte, die neuere deutsche, von Kant abhängende Philosophie. Durch T. H. Green nun, wel- 1 Folgende Anekdote stammt aus damaliger Zeit. Ein Bekannter äufserte naiv zu einem Kameraden: „Toynbee liest die Bibel wie ein anderes Buch — als ob er es gern thäte". eher selber auf Kantischer Grundlage stand, wurde dieselbe Toynbee vermittelt. Toynbees Standpunkt wurde damit, um in Carlyleschem Ausdruck zu reden, ein positiver und blieb dabei ein wissenschaftlicher. Die Universitätsbewegung, welche den Namen Toynbees trägt, ist um deswillen wichtig, als bisher diejenigen gebildeten Männer, welche die orthodoxen Formen des Kirchenglaubens verliefsen, in England ausschliefslich in das utilitarische und materialistische Lager getreten waren, während nunmehr an deren Stelle für weite Kreise sociale Anschauungen treten — ein Übergang, welcher, wie Carlyle behauptete, wie das Beispiel Toynbees beweist, ohne vielleicht entfernte und unbewufste, aber doch vorhandene deutsche Grundlage unmöglich war. Greens Standpunkt war, in aller Kürze charakterisiert, etwa folgender. Der Glaube — an sich nicht sowohl dem Gebiet des Intellektes als des Willens angehörig — kann nicht abhängen von Ereignissen, die in der Vergangenheit geschahen, deren Annahme, mag sie historisch gut oder schlecht begründet sein, von einem rein verstandesgemäfsen Vorgang abhängt, dessen Endergebnis mit den Mitteln der Erkenntnis wechseln kann. Dieses nun verkennend gehen heute viele in das Lager des Utilitariertums über, den Glauben mit seiner äufseren Form verwechselnd, welche Gegenstand der modernen Kritik ist. Nicht sowohl die leidenschaftlichen Angriffe Weniger gegen den alten Glauben als die Gleichgültigkeit der Massen gegen jeden Glauben, der zur Grundlage der Gesellschaft werdende Individualismus ist nach Green heute die Gefahr. Seine Angriffe gegen das Utilitariertum baut Green auf Kantische Gedanken, deren Idealismus er teilt, nicht ohne Mifsverständnisse jedoch und Rückkehr zu dem von Kant für alle Zeiten beseitigten, spekulativen Standpunkt. Dessen vielleicht bewufst, giebt er zu, dafs man heute in einer „Periode — 413 — des Überganges" lebe und eine endgültige Lösung noch nicht gefunden sei. In ähnlicher Weise schien es Toynbee das wichtigste Problem der Zeit, von dessen Lösung in letzter Linie alle andern Probleme abhingen, wie er in einer Adresse an die Arbeiter sagt, „die Form des Christentums zu finden, die in Übereinstimmung mit Fortschritt, Freiheit und Wissen sei". „Die Zeit wird kommen", schreibt er an anderer Stelle, „da wir es nicht mehr notwendig halten werden, mit denen übereinzustimmen, welche sagen, dafs das Christentum steht und fällt mit dem Glauben an die Auferstehung, ebensowenig wie es uns heute einfällt mit dem Heil. Bernhard zu sagen, dafs er steht und fällt mit dem Glauben an die unbefleckte Empfängnis". Trotzdem, meint Toynbee, werde ein solcher Pro- zefs das Christentum nicht aufheben; im Gegenteil werde es aus der Kritik des Verstandes um so reiner ans Licht treten. „Wie jede grofse intellektuelle Bewegung", schreibt er, „am Ende den sittlichen Charakter des Menschen erhöht und veredelt hat durch die Reinigung seines Glaubens, so wird auch dieser grofse Begriff (des Naturgesetzes) uns den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit reiner und erhabener zurücklassen, dadurch zugleich den Geist der Selbstverleugnung stärken, wie er es bereits soeben zu thun beginnt; dies läfst uns den Blick mit immer wachsender Hoffnung der Zukunft zuwenden". Toynbee scheint den Gedanken Goethes geteilt zu haben, dafs der Glaube — und zwar in zunehmendem Mafse — statt der Anfang das Ende des Wissens sei. Für Toynbee war die Religion nicht Sache des Verstandes, sondern des Willens; sie war ihm diejenige Kraft, welche allein die Menschen zu antiindividualistischem, d. h. wahrhaft socialem Handeln veranlasst. Daher erklärte er sich gegen den einzigartigen Versuch des Auguste Comte (vergl. Kap. V), auf materialistischer Grundlage ein System altruistischer Religion aufzubauen. „Die Menschheit" (das „grofse Wesen", das jene anbeten), schreibt er, „ist eine durch den Verstand gemachte Abstraktion; sie kann nie Gegenstand einer Religion sein; denn Religion in jeder Form verlangt etwas, das lebt und nicht gemacht ist. Es ist die Vision eines lebendigen Dinges (nicht einer Abstraktion), die den Psalmisten rufen läfst: »wie der Hirsch schreit nach den Wasserbächen, so begehrt meine Seele nach dir, du lebendiger Gott«". Auf der andern Seite wehrte er, als Engländer allen spekulativen Träumen abgeneigt, jeden Versuch ab, das Jenseits mit dem Verstände fassen oder gar durchdringen zu wollen. Für ihn war das Christentum nicht das für wahr halten gewisser Behauptungen über Christus, sondern, wie er sagte, die „Nachfolge Christi". Diese Gesinnung, die ihn jeden Morgen, wie er einem Freunde schreibt, den Entschlufs fassen liefs, der Selbstsucht an diesem Tage völliger Herr zu werden, als am vorhergehenden, diese Gesinnung begleitete ihn durch das kurze Leben, bei seinen Studien und in dein Kreise seiner Schüler und Freunde, in den Arbeiterversammlungen Nordenglands und den Höhlen des Londoner Pauperismus. Ihr verdankt Toynbee seinen geradezu erstaunlichen Einflufs. Mit Recht sagt einer seiner Freunde von ihm, dafs er, im Mittelalter geboren, Heiliger und Stifter eines Mönchsordens geworden wäre, wenn er nicht — was allerdings wahrscheinlicher sei — als Ketzer verbrannt worden wäre. Aus seinem religiösen Standpunkt ergab sich für Toynbee seine Lebensaufgabe: die Träger der Bildung und des geistigen Fortschrittes, d. h. die Universitäten und die ihnen verwandten Kreise, mit den arbeitenden Klassen in Berührung und gegenseitige Beeinflussung zu bringen. In unserem materialistischen Zeitalter glauben viele, dafs — 415 — es genug sei, den Arbeiter mit Essen und Trinken am Leben zu erhalten. Notwendig sei dies in der That, sagt Toynbee, wenn er nicht durch Mangel und Sorge um äufsere Dinge mit Gewalt im Materialismus niedergehalten werden solle. Aber er war davon durchdrungen, dafs der Mensch nicht vom Brote allein lebe. In einer Rede zu Bradford vor einer zumeist aus Arbeitern zusammengesetzten Zuhörerschaft sagte Toynbee, dem es wenig darum zu thun war durch Schmeicheleien seine Hörer zu gewinnen: „Hohe Löhne sind nicht ein Endzweck. Niemand verlangt hohe Löhne, damit die Arbeiter sinnlichen Genüssen nachgehen könnten. Wir verlangen höhere Löhne, damit eine Verbesserung der materiellen Lage und weniger Ängstlichkeit und Unsicherheit in Betreff der Zukunft dem Arbeiter ermögliche, ein reineres und würdigeres Leben zu führen". Materielle Hebung der Arbeiter erschien Toynbee nur als ein Mittel zu höheren Zwecken. Die Massen dem Materialismus zu entreifsen sei um so nötiger in einer Zeit unaufhaltsamer, politischer wie gesellschaftlicher Demokratisierung. Dieselbe müsse verhängnisvoll werden, wenn es nicht gelinge, die fallenden Satzungen des Gesetzes und der Sitte, die die Menschen bisher gebunden hätten, durch sittliche Selbstbeschränkung zu ersetzen; das aber sei nur möglich, wenn Religion und Fortschritt Hand in Hand gingen. Aus diesem Grundgedanken folgt Toynbees Stellung zum politischen und volkswirtschaftlichen Individualismus der Gegenwart. Während die christlichen Socialisten denselben schlechthin verdammen, sieht er in ihm zwar nicht wie seine Anhänger das Endziel, wohl aber den wichtigsten Hebel des Fortschritts. Die Bewegung der Geschichte „geht von natürlichen Gruppen zum Individualismus und von Individualismus zu moralischen Gruppen. Genossenschaft ist der Schlachtruf — 416 — der Zukunft. — — Aber während in der Vergangenheit die Genossenschaften ihren Ursprung meist in unbewufsten, natürlichen Verhältnissen hatten, so werden sie in der Zukunft aus bewufsten, sittlichen Beweggründen hervorgehen. Hier wie in vielen andern Dingen scheint die letzte und vollkommenste Entwicklung der Gesellschaft äufserlich durch die früheste vorgebildet; aber das innere Leben der Form ist verändert. — Die Differenzierung der Funktionen tritt nur ein, um die innere Einheit zu befördern." So wird das Weib nur um deswillen vom Manne befreit, damit beide zu einer höheren Gemeinschaft ihres Lebens und ihrer Bestrebungen sich wieder vereinigen. Der Arbeiter wird nur deshalb vom Arbeitgeber befreit, damit sie sich zu einer höheren Gemeinschaft des Lebens und der Thätigkeit wieder vereinigen, wie solche in den heute weit verbreiteten, auf Gleichberechtigung beider Seiten beruhenden Verhandlungen zur Feststellung der Arbeitsbedingungen und Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten zu Tage zu treten beginnt. „Das Individuum überhaupt wird um deswillen von der Herrschaft der Gemeinschaft befreit, dafs es in bewufster Weise sich hingeben kann zu einer innerlicheren Einheit mit der Gemeinschaft". Hieraus ergiebt sich ferner Toynbees Stellungnahme zu dem heute die Wirtschaftswelt beherrschenden System der Konkurrenz. Die Macht der selbstsüchtigen Triebe im Individuum — stets innerhalb der Gesellschaft eine Macht ersten Banges — war früher eingeschränkt durch Sitte und Gesetz. Heute fallen diese Schranken hinweg — insofern ein Fortschritt, als es die notwendige Vorbedingung dafür ist, dafs an ihrer Stelle später durch Sittlichkeit und freien Ent- schlufs wirksamere Schranken errichtet werden. Während der Socialismus das System der Konkurrenz als ein Übel an sich betrachtet, erblickt Toynbee darin ein Mittel des Fort- — 417 sehritts, das nicht angebetet, aber benutzt und unter die Kontrolle von Religion und Sittlichkeit gestellt werden müsse. Sein Standpunkt zur älteren englischen Nationalökonomie ist daher kein völlig negativer. Während die christlichen Socia- listen dieselbe schlechtweg als Teufelswerk denunciert hatten, erkennt er ihre relative Berechtigung an. Nur so weit sie ihre Gesetze als Naturgesetze ausgiebt, welche immer und zu allen Zeiten wahr seien, wie dies Ricardo gethan hatte, erblickt er in ihr einen „intellektuellen Betrug". Zu allen Zeiten vielmehr seien diese aus dem Individualismus abgeleiteten Gesetze durch andere mit einwirkende Elemente eingeschränkt worden, zu gewissen Zeiten jedoch so sehr, dafs von ihrer Geltung schlechterdings nicht die Rede sein konnte. Insbesondere pflegte er seinen Studenten einzuschärfen, dafs in den Ländern des Ostens das System der Konkurrenz kaum vorhanden sei und dafs durch Anwendung der Sätze Ricardos die noch vollständig von Sitte und Überlieferung beherrschten Bevölkerungen des indischen Reiches viel zu leiden gehabt hätten. Dieser Standpunkt zur klassischen Nationalökonomie entwickelte sich mit Notwendigkeit aus jener Carlyleschen Grundauffassung, welche sociale neben individualistischen Beweggründen als Triebkräfte für das menschliche Handeln von Wichtigkeit sein läfst. Damit wurde das Individuum des Bentham eine leere, nirgends der Wirklichkeit entsprechende Fiktion. Bentham aber hatte mit Recht gesagt: „Ich bin der geistige Vater des James Hill, dieser ist der geistige Vater des Ricardo; also bin ich der Grol'svater des Ricardo". Nur auf Grundlage der Benthamschen Philosophie war die klassische Nationalökonomie möglich gewesen. Ihr Fehler lag für Toynbee also weniger in ihren Ergebnissen als in ihrem Ausgangspunkte. Fälschlicherweise hatte sie den Schein aprioristischer Deduktion v. Schul ze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 27 — 418 — angenommen, während ihre sogenannten Gesetze, soweit sie für die Gegenwart richtig sind, es nicht deshalb sind, weil sie sich deduzieren lassen. Es war ein ebenso verfehlter Versuch der Nationalökonomie die Form der Mathematik nachzuahmen, wie der gleiche, für ein anderes Gebiet unternommene Versuch des Spinoza. Behauptet man aber das Wirksamsein socialer neben individualistischen Beweggründen, deren Zusammenwirken die wirtschaftlichen Verhältnisse bestimme und haben die socialen Motive zu verschiedenen Zeiten den allerverschiedensten nur geschichtlich zu bestimmenden Ausdruck gefunden, so hört das Individuum auf, der aprioristische Ausgangspunkt für volkswirtschaftliche Untersuchungen zu sein. Es ist nichts weniger als von vornherein bekannt, vielmehr das aller- komplizierteste Endergebnis der jeweiligen Gesellschafts- zustände. Ihm gegenüber sind diese letzteren weit bekannter und ihre Beobachtung ist der einzig mögliche Ausgangspunkt der Forschung. Die Nationalökonomie wird damit eine historische Wissenschaft und ihre Methode die der Induktion — welchen Charakter heute nach und nach alle Wissenschaften annehmen. „Die historische Methode", sagt Toynbee, „hat die Nationalökonomie revolutioniert, nicht dadurch, dafs sie ihre Gesetze als falsch, so vielmehr als relativ gültig für eine bestimmte Stufe der Civilisation erwies". Man hat Toynbee dieser Aufstellungen wegen „ den Begründer der historischen Methode in der Nationalökonomie" genannt. Nachdem dieselbe in Deutschland seit Jahrzehnten gehandhabt war, ist eine solche Behauptung nur möglich auf Grund der in England häufigen Unkenntnis der ausländischen Litteratur. Dagegen hat Toynbee mit dahin gewirkt, die weiteren Kreise der Gebildeten seiner Heimat dem Einflufs Ricardos zu entreifsen, in deren Köpfen er bis in das vorige Jahrzehnt — 419 — hinein die Herrschaft führte. Die mächtigen Worte Carlyles mochten zwar die Stimmung weiter Kreise beeinflussen; damit die Denkenden des Volkes sich von der klassischen Nationalökonomie lossagten, mufste ihr eine neue, wissenschaftlichere Methode der Untersuchung entgegengestellt werden. Für Toynbee eigentümlich ist die Verbindung einer der klassischen Nationalökonomie entgegengesetzten antiindividualistischen Grundanschauung mit der Anerkennung des Ergebnisses der neueren Geschichte: der Befreiung des Individuums. Er ist einer der ersten, der liberal und doch kein Manchestermann ist. Zu diesem Standpunkt gelangte Toynbee nicht ohne Hilfe der Werke Cliffe Leslies und Thorold Rogers'. Ludlow spricht auch von einem Einfluss Brentanos 1 . Toynbee bedauert nicht die Auflösung der früheren, sogenannten „feudalen" Gesellschaftsordnung, welche das Industriesystem beseitigt; dies unterscheidet ihn von den oben erwähnten Reaktionären. Im Gegenteil, die früheren Beziehungen der Abhängigkeit und des Zwanges fallen und machen der gegenseitigen Unabhängigkeit Platz, damit sittlich freie Beziehungen entstehen können. Das „System der Geldzahlung" 2 verbunden mit kurzen Kontrakten, ist als der Ausdruck dieser Unabhängigkeit berechtigt und notwendig; 1 Ludlow erzählt, dafs er Toynbee Brentanos Arbeitsverhältnis ge- mäfs dem beutigen Recht zu lesen gegeben habe. In Toynbees Industrial Revolution finden sich mannigfache Anklänge an dieses Buch. Der Herausgeber des Toynbees eben Buches bat selbst auf S. 178 darauf verwiesen. 2 Durchaus irrtümlich ist der Angriff Toynbees bei dieser Gelegenheit auf Carlyle, welcher ihm noch unter der Beleuchtung des Tory- Socialismus erscheint. Carlyle wollte nicht Abhängigkeit des Arbeiters; wenn er gegen die kurzen Kontrakte sich wendet, so geschieht dies aus dem von Toynbee geteilten Gesichtspunkt, dafs an Stelle der gefallenen rechtlichen neue moralische Beziehungen zu treten hätten. Carlyle war kein Reaktionär. Vergl. S. 202. 27* - 420 — es kann ebensogut wie mit dem Geiste der Selbstsucht mit sittlichem Inhalte erfüllt werden. „Unabhängigkeit", sagt Toynbee, „ist die notwendige Bedingung für eine neue und höhere Form der socialen Einigung, welche auf freiwilliger Verbindung der Menschen beruht". Aber die Unabhängigkeit der Arbeiter, die Vorbedingung jeder künftigen „Organisation der Arbeit", wird thatsächlich erst durch Verbündung möglich. Wenn die gewerkvereinliche Organisation der Arbeiter zwar die letzten Reste eines patriarchalischen Verhältnisses zwischen Arbeiter und Arbeitgeber zerreifst, so hatte dasselbe innerlich doch längst seinen Inhalt verloren und trug, wo es äufserlich noch bestand, nur zur Abhängigkeit und damit bei der unabänderlich herrschenden Konkurrenz zur Herabdrückung des Arbeiters bei. Daher sind die Gewerkvereine heutzutage nach Toynbees Ansicht das wichtigste Mittel zur Hebung der Arbeiter, weil sie allein dieselben dem Kapital gegenüber widerstandskräftig und zur gleichberechtigten Partei machen. Toynbees Stellung zu den Gewerkvereinen, in dem ihm Frederic Harrison, Prof. Beesley, Henry Crompton u. a. vorangingen, bezeichnet einen aufserordentlich wichtigen Umschwung in der öffentlichen Meinung Englands. Früher standen die Gewerkvereine sowohl bei Liberalen wie Konservativen in Ungunst. Letzteren bedeuteten sie Auflehnung gegen die von Gott gesetzten Oberen, ersteren dagegen einen Eingriff in die Freiheit des Individuums und Versuche zur Monopolisierung des Arbeitsmarktes. So werden von Cobden folgende Worte berichtet: „Man verlasse sich darauf, dafs nichts durch Brüderschaftmachen mit den Gewerkvereinen gewonnen werden kann. Sie sind auf die Grundsätze brutaler Tyrannei und des Monopols gegründet. Lieber lebte ich unter dem Dey von Tunis als unter einem Gewerkvereinsausschufs". In ähnlicher Weise sagt der Ver- treter des arbeiterfreundlichen Torytums, der Graf von Shaftes- bury (in einem Briefe an den Oberst Maude): „Gott lasse die Arbeiter von der schwersten Sklaverei, die sie je erduldet haben, befreit werden. Alle einzelnen Despoten und alle Aristokratien, die je waren oder sein werden, sind leichte Windstöfse im Yergleieh mit diesen Orkanen der Gewerkvereine. Aber ich habe geringe Hoffnung", fügt der Schreiber entmutigt hinzu. Selbst J. M. Ludlow, Thomas Hughes und die übrigen christlichen Socialisten, so sehr sie auch theoretisch und praktisch für die Gewerkvereine eintraten, gaben doch dem Genossenschaftswesen den Vorzug vor ihnen. Der Umschwung in der Beurteilung datiert vom Jahre 1867. Eine Kommission zur Untersuchung der Gewerkvereine war eingesetzt worden, um Material zu ihrer Unterdrückung zu sammeln. Nur mit Mühe gelang es, Thomas Hughes und Frederic Harrison in diese Kommission zu bringen, deren überwältigende Mehrheit den Gewerkvereinen feindlich gesinnt war\ Dafs trotzdem das Ergebnis das Gegenteil des Beabsichtigten war, ist wesentlich das Werk Ilarrisons. Er examinierte die Zeugen im Interesse der Arbeiter und das Verdienst des von ihm verfafsten Minderheitsberichts, dessen Inhalt er nicht selten mit dem damals in England weilenden Brentano besprach, ist es, dafs die Gewerkvereine statt von der Gesetzgebung unterdrückt von ihr anerkannt wurden. Unter diesen Einflüssen wuchsen die jüngeren Kreise der Universitäten auf. Toynbee spricht ihre Stellungnahme in folgenden Worten aus: „die alte Verbindung, welche auf der Abhängigkeit des Arbeiters beruhte, verschwindet — eine neue Verbindung erhebt sich, gegründet auf die Unabhängigkeit der Arbeiters. Diese neue Verbindung ist tiefer und weiter als die alte. Denn Arbeitgeber und Arbeiter hörten auf, Schutzherr und Höriger zu sein, um sich als gleiche Bürger eines freien Staates wieder zu vereinigen". Adam Smith hatte dieses Ziel schon damit zu erreichen gemeint, dafs man die Freiheit des Individuums proklamiere, übersehend, dafs gesetzliche Freiheit den Schwachen nur um so tiefer herahdrückt. Die arbeiterfreundlichen Torys dagegen hatten den Arbeiter als unabänderlich schwach und seine Freiheit als Utopie erklärt. Ihnen gegenüber hielt Toynbee die politische Freiheit für die Voraussetzung der nur allmählich zu verwirklichenden, wirtschaftlichen Freiheit und socialen Gleichberechtigung, ohne welche in der Gegenwart an eine Beseitigung der socialen Gegensätze, welche die Gesellschaft auseinander zu sprengen drohen, nicht zu denken ist. Mochte die Verfassung Englands und insbesondere ihre neuere Fortentwicklung zu manchen Bedenken Anlafs geben, wie dieselben Carlyle entwickelt hatte, so hatten diese politischen Verhältnisse doch einen Vorteil mit sich gebracht, der alle Nachteile zusammen weit überwog. Sie hatten den herrschenden Klassen unmöglich gemacht, die anfänglich allgemein verkannten Organisationsbestrebungen der Arbeiter durch Beschneidung der Versammlungs- und Vereinsfreiheit zu unterdrücken. Damit hatte man, zuerst unbewufst, den Weg offen gelassen, auf dem man heute, weit entfernt das Ziel erreicht zu haben, doch die Möglichkeit der Lösung von ferne erblickt: die Arbeiter durch Verbündung wirtschaftlich gehoben, beginnen geistig in den Mitbesitz der nationalen Bildung und gesellschaftlich zur Anerkennung der Gleichberechtigung zu gelangen. „Die Demokratie", sagt Toynbee, „hat England gerettet" 1 . 1 Vergl. A. Toynbee, Industrial Revolution S. 178 — 202. Industry and Democracy. — 423 — Aber Toynbee ist sieh dessen klar, und geht darin weiter, als die meisten, die bis hierher seinen Standpunkt teilen, dal's die Arbeiterorganisationen nicht nur als wirtschaftliche, sondern, wenn sie dies einmal seien, auch als politische Mächte in Betracht kommen würden, und zwar gerade dann umso- mehr, wenn sie auf dem Boden des Bestehenden stünden. Sobald die Arbeiter wirtschaftlich selbständig werden, beginnen sie notwendig die ihnen zustehenden Piechte auch auszunutzen. Die liberale und radikale Partei ist dort, wo der Arbeiter nicht einfach protestiert, mehr und mehr auf die Stütze der Arbeiter angewiesen. Der staatliche Eingriff zu Gunsten des Schwächeren — das bezeichnete Merkmal socia- listischer Politik — das früher gerade von den Liberalen bekämpft wurde, erscheint nunmehr auf der Fahne derselben Partei. Während die ihr dienende Nationalökonomie bisher staatlichen Eingriff schlechthin verwarf, erklärt es nun Toynbee für die Aufgabe dieser Wissenschaft zu zeigen, wo und innerhalb welcher Grenzen der Staat einzugreifen habe. Gerade in dieser Hinsicht ist Toynbee Vertreter der heutigen Durchschnittsansicht der gebildeten Klassen seiner Heimat, welche in diesem Punkte mit der Tradition gebrochen hat. Die Verteidigung des Nichteinmisehungsprincipes, welches in neuster Zeit Herbert Spencer (vergl. Kapitel VI Schlufs) vertritt, hat dem gegenüber geringen Einflufs, wenigstens für die Gegenwart. Aber der Socialismus, welchem Toynbee huldigt, ist ein beschränkter. Er begrenzt die Möglichkeit des staatlichen Eingriffs dahin, dafs derselbe Mittel für die Selbstthätigkeit des Individuums sei, dieselbe also nicht einschränken, dafs er vielmehr nur dort statthaben dürfe, wo die Selbsthülfe noch nicht genügend entwickelt sei. Die Furcht der älteren liberalen Schule, dafs dies ein Aufhören der englischen Freiheit bedeute, sei schon um deswillen unbegründet, als die — 424 — Armengesetzgebung, die seit Jahrhunderten Gültigkeit habe, nichts anderes enthalte. Was Toynbee im Sinne hat, zeigt z. B„ dafs er jede aufser dem Arbeitshause gewährte Armenunterstützung, weil diese Mafsregel die Löhne drücke, aufgehoben sehen will; dagegen fordert er weitgehenden Eingriff der öffentlichen Gewalt auf dem Gebiete der Erziehung, zur Lösung der Wohnungsfrage durch Herstellung von Arbeiterwohnungen und Durchführung hygienischer Mafsregeln. Von diesem Gesichtspunkte aus feiert Toynbee die Erweiterung des Stimmrechtes: je mehr es sich dem allgemeinen nähere, desto mehr sei er- fahrungsgemäfs der Staat an der Hebung der ärmeren Klassen interessiert. Eine solche Hebung aber sei im Interesse aller, weil niemand sich sicher fühlen könne, ehe nicht allen Bürgern wenigstens die Möglichkeit eines anständigen und ordentlichen Lebens geboten sei. Dieser Socialismus, wie er heute in England im Besitze der öffentlichen Meinung ist, unterscheidet sich von dem festländischen dadurch, dafs er die Freiheit des Individuums nicht verneint, vielmehr sie als ein heute noch zu verwirklichendes Ziel ansieht, dessen Erreichung gerade der staatliche Eingriff zu befördern habe. Im Grunde beruht dieser Unterschied des von Toynbee vertretenen Socialismus von dem landläufigen darauf, dafs er nicht einer individualistischen Weltanschauung entspringt, welche eine staatliche Bändigung des Starken zu Gunsten des Schwachen als unabänderlich notwendig ansieht, vielmehr die Hebung der Mensehen auf einen Standpunkt altruistischer Moral und idealistischer Weltanschauung in Aussicht nimmt, welche einst den staatlichen Eingriff in Wegfall bringen und durch freie Selbstbeschränkung ersetzen soll. Dass die nach Besitz und Bildung Voranstehenden hierin vorangehen, ist daher wichtiger noch als der Staatseingriff. Die sociale Erziehung des Kapitals erscheint Toynbee als eine der — 425 - wichtigsten Aufgaben der Zeit. Auch ihm schwebt das Cailylesche Ideal vor: jene „Hauptleute der Industrie", welche die Unabhängigkeit des Arbeiters rückhaltlos anerkennen, die gemeinsamen Interessen wie die Forderungen der Arbeiter verteidigen, die denkenden und fortgeschrittenen Arbeiter hinter sich haben und damit gesellschaftlich wie politisch die Herrscher der Zukunft werden. Vorher freilich mufs der Arbeitgeber die Anschauung aufgeben, dafs es ihn herabwürdige, an demselben Tische, in derselben Versammlung mit dem Arbeiter auf gleichem Fufse zu verhandeln. Denn solange die frühere Gesellschaftsordnung noch in den Köpfen nachwirke, welche in der That auf dem Verhältnis der Abhängigkeit beruhte, so lange wird der Klassengegensatz: Argwohn und Verachtung auf der einen, Hafs und Umsturzgedanken auf der andern Seite nicht völlig aussterben. Vorher müssen beide Klassen sich als gleichberechtigte wirtschaftliche Parteien anerkennen und als gleichberechtigte Bürger des Staates gemeinsam an Politik und Selbstverwaltung sich beteiligen. Daher befürwortet Toynbee in jeder Weise Eintritt denkender Arbeiter in die Stadtverwaltungen, die Armenräte, die Ausschüsse für Volksschulen (school boards). In gleicher Richtung liegt Toynbees Wertschätzung der Einigungskammern, in denen Arbeiter und Arbeitgeber durch Vernunftgründe, die zwischen ihnen sich erhebenden Streitfragen entscheiden. Gröfsere Verpflichtungen und gröfsere Aufgaben als den Arbeitgebern liegen den Kreisen der oberen Klassen ob, deren Interessen nicht unmittelbar in den Kampf der Konkurrenz verflochten sind, den Vertretern der Religion, Wissenschaft und der gebildeten Mufse. Ihre Aufgabe ist eine doppelte. Nachdem die alten Zusammenhänge zerschnitten worden sind, ist innerhalb der Nation eine tiefe Spaltung eingetreten, welche gegenseitiges Verständnis fast ausschliefst. Das Geistesleben der einen Klasse, welches noch heute in den Universitäten seinen Mittelpunkt hat, verläuft ohne irgend welchen Einflufs auf die andere Klasse, welche vielmehr den Lehren des Materialismus und den Agitatoren der Umsturzparteien ausgeliefert ist. Hier nun haben insbesondere die Universitäten nach Toynbee einzusetzen. Sie haben Berührung mit den arbeitenden Klassen zu suchen, das dort so starke Bedürfnis nach höherer Bildung zu befriedigen und das Ideal „der Einheit der nationalen Bildung" zu verwirklichen. Sie haben dies zu thun, nicht nur um zu lehren, sondern ebenso um selber zu lernen, indem sie mit dem ihnen bisher fremden Empfinden des gröfseren Teiles der Nation Berührung gewinnen. Auch sie haben von dem Gedanken der Gleichberechtigung auszugehen; Toynbee fordert nicht sowohl ein „herabsteigen" als ein „überbrücken". Erst wenn die, welche im Besitze der höchsten Güter der Nation sind, wieder mit denjenigen Fühlung gewinnen, deren Arbeit sie ihre Mufse verdanken, erst dann wird die Bildung imstande sein, die ihr zukommende zweite Aufgabe zu erfüllen. Während die öffentliche Meinung, wie sie sich in der Tagespresse ausspricht, bisher lediglich eine der oberen Klassen war und von kapitalistischen Gesichtspunkten ausging, mufs sie heute eine des ganzen Volkes werden. Von den Vertretern der Bildung aber allein kann diese Bewegung ausgehen, denen eine unparteiische Stellung über den Parteien zukommt. Sie müssen die geistigen Führer der ganzen Nation werden, was sie heute fast völlig zu sein aufgehört haben, und die Rolle übernehmen, welche im Mittelalter ihr Vorgänger, der Klerus, wenigstens angestrebt hat. Für Toynbee ist Bildung und Wissenschaft daseinsbereehtigt gleich dem Reichtum nur durch die Pflicht, die sie zum allgemeinen Besten ihren Trägern auferlegen. Wo sie vornehm — 427 — sich zurückzieht, mufs sie, wie jedes unthätige Organ, verkümmern und ihren eigenen, vielleicht den Untergang des Ganzen befördern. Auf diesem Gebiete liegt Toynbees gröfste und segensreichste Wirkung; er verstand es für sociale Bethätigung im weitesten Sinne Begeisterung zu erwecken, welche die Universität Oxford ergriff und von dort zu der Schwesteruniversität überging und sich heute und mehr und mehr über die gebildeten Klassen verbreitet. Als „Universitätsbewegung" bezeichnet man diese Bestrebungen, welche ebenso weit von geistlicher Protektion wie von politischer Stimmenmacherei entfernt sind. Toynbee kann als ihr bester Typus und zugleich wirksamster Verbreiter gelten. Wie schon hervorgehoben, wirkte Toynbee gerade in dieser Richtung durch das Beispiel seiner Persönlichkeit. Nie waren es rein theoretische Richtungen, sondern immer solche, die irgendwie eine Saite des Willens, ja der Leidenschaft anzuschlagen wufsten, welche, wie H. Taine mit Recht bemerkt, breite Kreise zum handeln beeinfiufst haben. Toynbee selbst hat in den verschiedensten Richtungen Berührung mit dem Arbeiterstande gesucht. So verbrachte er 1875 einige Zeit in Whitechapel, einem elenden Bezirke Ost-Londons; seinem Beispiel sind in den letzten Jahrzehnten unzählige junge Männer gefolgt. Auch bei ihnen begegnen wir jener praktischen Duldsamkeit, wie wir sie bereits bei den christlichen Socialisten fanden, welche sich nicht scheuten, selbst mit atheistischen Owenisten zusammenzuarbeiten und diese infolgedessen vielfach zu den eigenen Ansichten bekehrt haben. In gleicher Weise stellen sich die zahlreichen Nachfolger Toynbees nicht selten in den Dienst einer grofsenteils hochkirchlichen Geistlichkeit, deren Orthodoxie wie hierarchische Forderungen sie nicht teilen. Dafs dort, wo es sich um Arbeit — 428 — für die notleidenden und um Hebung der arbeitenden Klassen handelt, sich sogenannte „Liberale" und „Konservative" befehden müfsten, und zwar mit dem Erfolg, dafs vieles vernichtet und wenig gefördert werde, diese Vorstellung — anderwärts leider nur zu verbreitet — ist dem praktischen Engländer fremd, dem das Ziel das wichtige und verbindende ist. Überall, insbesondere in Ost-London, arbeiten beide Richtungen friedlich zusammen, die letztere vorwiegend in der Geistlichkeit, die erstere mehr in der Laienwelt vorherrschend. Ihr Bemühen ist, ihre Überlegenheit über die Gegnerin nach dem Satze darzuthun: „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Wo immer Organisationen bereits vorhanden sind, und solche gehören naturgemäfs mehr der ersteren Richtung als der älteren an, da betont Toynbee wie seine Anhänger die Notwendigkeit, sich ihnen anzuschliefsen. Es ist ein fruchtbarer Gedanke, diese Wertschätzung der bestehenden Organisation, dem die Erfolge der Universitätsbewegung vor allem zuzuschreiben sind. So trat z. B. während seines Aufenthaltes in Whitechapel Toynbee in den Dienst des Geistlichen von St. Judas; er wurde aber auch Teilnehmer an einem radikalen Arbeitervereine, hier mit Kreisen in Berührung kommend, welche fast ganz aufserhalb des Einflusses der Geistlichkeit lagen. Er erzählt, wie es die Mitglieder des Vereins erstaunte, als er, der studierte und denkende Mann, die Partei der Religion nahm, die Notwendigkeit derselben verteidigte, ja ihre zeit- gemäfse Gestaltung für die Hauptaufgabe der Gegenwart erklärte, während sie selber die Religion als ein veraltetes Ding über Bord geworfen hatten. Dafs in der That es nur die äufser- liche Form der Religion war, die jene Arbeiter nicht mehr annehmen zu können vermeinten, dafs ihnen Religion aber in anderer Form noch nicht entgegengetreten war, zeigte die — 429 — Toynbees Worten folgende Debatte, in der seine Gegner sich gegen die Vorstellung eines Himmels wandten, „eines Platzes, wo die Engel säfsen und nichts zu thun hätten, als ihr Haar wachsen und immer länger wachsen zu lassen". Toynbee nahm bei solchen Gelegenheiten nicht die Miene der Überlegenheit an, sondern sprach, was sicher mehr wirkte, mit seinen Hörern als gleichberufenen Beurteilern des Gegenstandes. Wichtiger noch als mit der Bevölkerung Ost-Londons schien es Toynbee, mit dem fortgeschrittenen Arbeiter, der im Norden seinen Sitz hat, Berührung zu gewinnen. So hielt er wiederholt Vorträge in den Industriestädten. Auch veranstaltete er 1880 einen volkswirtschaftlichen Kursus für die Genossenschafter in Oxford. Diese Bestrebungen, verbunden mit Thätigkeit in der Armenverwaltung der Universitätsstadt, Agitation für Reform der Kirchenverfassung im Sinne einer freien Synodalverfassung etc. erschütterten seine von Jugend auf gefährdete Gesundheit. Nach seinem Tode hörte man manchen Arbeiter, der ihn gekannt hatte, sagen: „Er verstand uns; er würde noch viel für uns gethan haben" — der beste Nachruf, den der dreifsigjährige nach seinen eigenen Anschauungen mit in das Grab nehmen konnte. IH. Die Universitätsangehörigen in den grofsen Städten, insbesondere Ost-London. Arnold Toynbee dürfte als der beste Vertreter derjenigen Ansichten und Bestrebungen zu betrachten sein, welche heute unter den gebildeten Kreisen der jüngeren Generation, insbesondere soweit sie den Universitäten angehört, als herrschend anzusehen sind. Es ist geradezu erstaunlich, wie weite Kreise - 430 — solcher, die sonst lediglich in Genufssucht befangen zu sein pflegen, heute vom Bewufstsein socialer Pflichten ergriffen sind. Nirgends und zu keiner Zeit der Geschichte dürfte unter den gebildeten Klassen eine gleiche Begeisterung für das Wohl der unteren zu finden gewesen sein, wie heute in England; sie findet ihren Ausdruck nicht in Worten, sondern vielmehr in höchst praktischen Bestrebungen 1 . Drei Gebiete sind es, auf welchen dieselben sich bewegen: einmal Sorge für angemessene Unterhaltung der arbeitenden Klassen an Abenden und Feiertagen, sodann Sorge für die körperliche Ausbildung durch Beförderung der nationalen Spiele, Anlage von Spielplätzen und Parks, durch Besuch der Wohnungen und Anzeige von Übertretungen der sanitären Gesetze; am wichtigsten aber sind endlich die zahlreichen Bestrebungen um Erziehung und Fortbildung, wodurch der Volksschulunterricht ergänzt, das geistige Niveau gehoben und damit auch das äufsere Fortkommen erleichtert wird. Nirgends ist die örtliche Trennung der Klassen, wie sie sich in allen gröfseren Städten vollzieht, so weit fortgeschritten wie in England, insbesondere in London. Der Westen gehört dem Reichen, der Osten dem Armen. Giebt es doch in dem Osten Londons Tausende, welche von den prächtigen Strafsen und Parks des Westens nur wie von einer Sage wissen, umsoweniger natürlich ein wogendes Kornfeld oder einen grünenden Wald gesehen haben. Diese Trennung der Klassen ist mittelbar zum gröfsten Teil der Grund jener elenden Verhältnisse der Armenviertel, welche von Zeit zu Zeit zum Gegenstande von Sensationsartikeln der englischen 1 So erklärt z. Ii. Henry George in der North American Review Oktober 1889, dass der Amerikaner bei dem Besuche Englands darüber erstaune, in wie hohem Grade dort das Gewissen breiter Kreise der oberen Klassen der socialen Frage gegenüber erwacht sei. — 431 — und ausländischen Presse gemacht werden. Die Durchführung desjenigen Teiles der Gesetzgebung nämlich, welcher für die ärmeren Klassen am wichtigsten ist, der Schul-, Arbeits- Gesundheits- und Armengesetzgebung beruht in England auf der freiwilligen Mitwirkung unabhängiger Gentlemen. Da diese aber in einem grofsen Teile jener Bezirke fehlen, so erklären sich hieraus Zustände, welche denen, die in einem Beamtenstaate leben, zum Teil unglaublich sind. Seit mehreren Jahren nun hat eine Art Rückwanderung stattgefunden. Der Osten und Süden Londons ist der Sitz einer durch den Übergang vom Handwerk zur Grofsindustrie pau- perisierten Handarbeiterbevölkerung, ferner wenig oder garnickt organisierter industrieller Arbeiter, durchmischt mit arbeitslosen und arbeitsscheuen Individuen. Diese Stadt mit einer Einwohnerschaft von mehreren Millionen wird heute in allen ihren Teilen von Angehörigen der gebildeten Gesellschaftsklassen aufgesucht. Studenten, Rechtsanwälte, Geistliche etc., zahlreiche Damen der besten und besseren Gesellschaft wetteifern allenthalben in Bestrebungen für das Wohl und die Hebung der eingesessenen Bevölkerung. Die meisten von ihnen wohnen im Westen und kommen die Woche einen oder zwei Abende nach dem Osten, um Knaben- und Mädchenvereine, Arbeiterklubs u. s. w. zu leiten, Unterhaltungen, wie Konzerte, Theateraufführungen, ferner Unterrichtsklassen der verschiedensten Art zu veranstalten. Überall aber bilden den Mittelpunkt solcher Bestrebungen die an Ort und Stelle ansässigen, den gebildeten Kreisen angehörigen Elemente. Ursprünglich waren dies allein die Geistlichen, welche ihr Beruf an die Bezirke des Osten fesselte; heute aber sind es neben ihnen zahlreiche Leute, zumeist frühere Angehörige der Universitäten, welche freiwillig in den meist vernachlässigten Gegenden Wohnung nehmen. Den Tag über ihrem Berufe im — 432 — Westen der Stadt oder in der City nachgehend, schenken sie ihre Abende ihren ärmeren Mitbürgern; nicht selten stellen sie auch für begrenzte Zeit ihre ganze Kraft in den Dienst menschenfreundlicher Bestrebungen. Für solche „Residenten" 1 bietet sich ein weites Feld der Thätigkeit. Sie allein können als ansässige Bürger an der Selbstverwaltung sich beteiligen, welche sonst aus Mangel an geeigneten Elementen daniederliegt. Sie pflegen z. B. Mitglieder des Gemeinderates (vestry), des Schulrates und des Armenrates zu werden. In ersterer Eigenschaft haben sie sanitäre und ähnliche Gesetze durchzuführen, in der zweiten den immer noch in weiten Kreisen bestehenden Widerstand gegen die allgemeine Schulpflicht zu bekämpfen, in der dritten die Gewährung von Unterstützungen aufserhalb des Arbeitshauses zu bekämpfen, welche die Löhne drückt und auf die Dauer pauperisiert. Ferner pflegen diese den oberen Gesellschaftsschichten angehörigen Bewohner jener Armenbezirke den Zweigausschüssen der über ganz London verbreiteten „Gesellschaft für Organisierung der Wohlthätig- keit" anzugehören. Durch genaue persönliche Untersuchung des einzelnen Falles der Armut sucht diese Gesellschaft die Geldspenden, die von Westen herbeiströmen, in einer Weise zu verteilen, die eine möglichst wenig schädliche Wirkung auf die Lebenshaltung der Bewohner des Ostens ausübt. Um solche „Residenten" gruppieren sich ferner gewöhnlich eine Reihe von Knabenvereinen, Arbeiterklubs u. s. w. Diese Vereine bilden den Kern, von welchem aus weitere Kreise beeinflufst werden. In erster Linie zu nennen sind die Vereinigungen von jugendlichen Arbeitern, Knaben wie Mädchen. Häufig ohne Familienanhalt verkommen unzählige von ihnen, weil sie keine Gelegenheit besitzen, die Freistunden 1 Einer der ersten derselben war Eduard Denison. Vergl. den Aufsatz des Verfassers über „ToynbeeHall" in den Grenzboten 1887, Abschnitt IV. — 433 — in passender Weise zu verbringen; bei der in London gewöhnlichen Ungunst der Witterung sind sie geradezu zum Wirtshausbesuch gezwungen. Daher sind diese von Geistlichen oder gebildeten Laien geleiteten Vereine von grofser Wichtigkeit, umsomehr als sie heute aufserordentlich verbreitet sind. Nach einer, wie mir scheint, nicht übertriebenen Schätzung sollen 50 % aller Knaben jener ärmeren Bezirke, die eine Grofsstadt für sich bilden, von derartigen Vereinen umfafst sein. Ihre Abende pflegen alsdann zwischen Unterhaltungen (Turnen, Boxen, Musik, Spielen der verschiedensten Art) und Unterricht, besonders in Handfertigkeiten (Holzschnitzen, Lederschneiden, Stenographie u. s. w.) geteilt zu sein. Schwieriger in das Leben zu rufen, obwohl nicht weniger wichtig, sind diejenigen Bestrebungen, welche sich an die heranwachsenden und erwachsenen Mädchen der ärmeren Klassen wenden, um sie den Gefahren der Grofsstadt zu entreifsen. Diese Vereinigungen (young womens clubs etc.) sollen am Anfang mit Durchführung der Disciplin besondere Schwierigkeiten haben; dagegen sollen die Erfolge, welche sie hinsichtlich des Lebens ihrer Angehörigen nach kurzem Bestehen schon aufweisen, noch weitgreifender sein als bei den Knabenvereinen. Bei allen diesen Vereinen, sowohl von Knaben wie von Mädchen, ist „Selbstregierung" das beste Mittel zur Disciplin wie Bildung des Charakters. Der Verein erwählt seine Vorstände, verwaltet seine Kasse, welche aus regelmäfsigen Beiträgen der Mitglieder gebildet wird, übt das Recht der Aufnahme und des Ausschlusses von Mitgliedern. Ohne „demokratische Verfassung" wurde mir wiederholt versichert, seien solche Vereine auf die Dauer nicht lebensfähig, ebensowenig ohne eine wenn auch noch so geringe Subskription seitens der Mitglieder. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 28 Nahe verwandt mit den soeben berührten Bestrebungen sind die Abendklassen in praktischen und unterhaltenden Gegenständen, die zugleich zur Erholung der jungen Leute dienen (practical and recreative evening classes). Der Volksschulunterricht leidet vielfach an Unfähigkeit der Lehrer; ferner haben dieselben nach dem bisher herrschenden System der Bezahlung — Bezahlung nach den Resultaten, d. h. der Zahl der bestandenen Examina — meist das einzige Ziel, möglichst vielen Kindern eine gewisse Anzahl toter Kenntnisse einzupfropfen. Dem nun sollen die genannten Klassen entgegenwirken, wie sie ursprünglich von Herrn Dr. Paton zu Nottingham vorgeschlagen wurden. Dieselben sind insbesondere in Manchester mit Erfolg eingerichtet worden. Es zeigt sich hier ein tiefgreifender Unterschied zwischen Nordengland und London. In London gehen ähnliche Bestrebungen stets von Angehörigen der oberen Klassen aus. In Manchester dagegen waren es der örtliche Ausschufs der Gewerkvereine und der Verband der Arbeiterklubs, welche die Angelegenheit aufnahmen. Auf die von ihnen gegebene Anregung gingen dann zahlreiche Vertreter der Geistlichkeit und der Bildung eifrig ein und diesem Zusammenwirken war der Erfolg zu verdanken. Es wurden Klassen für Musik, Singen, Zeichnen, Holzschnitzen, Kochen, Kleidermachen u. s. w. eingerichtet und von freiwilligen, unbezahlten Lehrern geleitet. Wie wichtig gerade diese Art der Ausbildung sei, vielleicht neben den rein elementaren Gegenständen des Wissens für die heranwachsende Arbeiterbevölkerung die wichtigste, erklärte ausdrücklich Herr Maudsley, der bekannte Schriftführer der Baumwollenspinner, des mächtigsten Gewerkvereins von Lancashire. In einer am 30. Juli 1886 in dieser Angelegenheit abgehaltenen Versammlung wies er darauf hin, dafs ein derartiger praktischer Unterricht unmittelbar dazu 435 — beitrage, den englischen Arbeiter gegenüber dem Auslande konkurrenzfähiger zu machen. In derselben Richtung liegen alle jene zahlreichen Veranstaltungen für „technische Erziehung" der Jugend der arbeitenden Stände 1 . Sie beruhen auf der Einsicht, dafs der englische Arbeiter seine im Vergleich mit dem Festlande sehr hohe Lebenshaltung nur durch gröfsere Leistungsfähigkeit aufrecht erhalten kann. Die gröfste der derartigen Unterrichtsanstalten ist mit dem „Volkspalast" in London verbunden. Diese grofsartige Anstalt für Unterricht und Erholung der ärmeren Klassen, welche — geradezu einzigartig in der Welt — von der Königin am 14. Mai 1887 eröffnet wurde, legt das Hauptgewicht auf „technische Erziehung". Sie unterhält einmal Unterrichtskurse während des Tages für solche junge Leute die 1 bis 3 Jahre auf ihre Ausbildung zu verwenden die Möglichkeit haben, sodann Abendklassen für solche, die den Tag über ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Gegenstände, welche hauptsächlich gelehrt werden, sind Mathematik und Naturwissenschaften, ihre Anwendung auf alle Zweige des Gewerbes, sowie neuere Sprachen. Die theoretischen Fächer werden von studierten Lehrern, die praktischen dagegen in ausgedehnten Werkstätten von technisch gebildeten Lehrern unterrichtet 2 . Bei der Lage des „Volkspalastes" weit im 1 Vergl. Prosperity and Pauperism by tlie Earl of Meatli. Longmans, Green & Cie., 1888. 2 Im Winter 1888/89 wurden Naturwissenschaften in 19 einzelnen Klassen (darunter Dampf und Dampfmaschine, Elektricität, organische und unorganische Chemie, Hygiene u. s. w.) gelehrt und ferner in 22 industriellen Berufen Unterricht erteilt. Ferner fanden statt 9 Klassen für Kunst und Kunstgewerbe, 18 Klassen für verschiedene, besonders kaufmännische und ähnliche Kenntnisse, ferner mehrere nur für Frauen zugängliche Klassen in den verschiedensten Ilaushaltsgegenständen. — Danehen kommt der „Volkspalast" als ebenso grofsartiger Veranstalter von 28* — 436 — Osten der Stadt ist anzunehmen, dafs er ausschliefslich den arbeitenden Klassen zu Gute kommt. Die verschiedenen Abendklassen haben allein über 5000 Schüler. Diese grois- artige Anstalt wurde allein durch freiwillige Beiträge begründet. Neben den Bemühungen um die arbeitende Jugend stehen die Versuche, welche heutzutage überall von den Gebildeten gemacht werden, mit den Erwachsenen der unteren Klassen Fühlung zu gewinnen. Wir sahen, wie Kingsley und seine Freunde bei ähnlichen Versuchen mit dem Mifstrauen der Arbeiter zu kämpfen hatten, welche ein selbstloses Interesse gebildeter Männer an ihrer Lage für unmöglich hielten. Heute ist dieses Mifstrauen überwunden. Allenthalben hat eine Annäherung stattgefunden, welche in Europa heute einzig dasteht. Diese Thatsache ist von höchster Bedeutung: sie bewirkt, dafs die öffentliche Meinung heute in England nicht mehr eine der oberen Klassen allein ist, und dafs politische Parteien die Gesellschaft nicht wie anderwärts horizontal durchschneiden. sittlich und ästhetisch hebenden Unterhaltungen in Betracht. Eine daselbst veranstaltete Gemäldeausstellung wurde z. B. vorigen Sommer von über 300 000 Personen besucht. Der prächtige Kuppelbau der Bibliothek hat während der Woche im Durchschnitt gegen 1000, Sonntags allein 1750 Besucher, ein Beweis dafür, dafs es die arbeitenden Klassen sind, welche den Hauptanteil derselben stellen. Die allsonntäglichen Orgelkonzerte haben einen Durehschnittsbesuch von 5000 Personen. Das Schwimmbad, ebenfalls im Sommer täglich von mehr als 1000 Personen besucht, dürfte nach der Erweiterung, welche es augenblicklich dank der Grofsherzigkeit des Grafen von Rosebery (Minister des Auswärtigen a. D.) erfährt, bei weitem das gröfste und schönste Bassin sein, welches in gedecktem Räume seit Römerzeit errichtet worden ist. Auch bei dem Volkspalaste wird der Plan verfolgt, denselben von den Angehörigen Ost-Londons selbst verwalten zu lassen. An seiner Spitze steht heute Sir Edmund Currie. — 487 — Besonders geeignet, die Annäherung der Klassen zu befördern, sind natürlich die sehr zahlreichen geselligen Zusammenkünfte der Arbeiter. Häufig sorgen die zu wirtschaftlichen Zwecken errichteten Arbeitervereine auch nebenbei für gesellige Bedürfnisse, so besonders die Genossenschaften. Daneben sind über das ganze Land rein gesellige Arbeitervereine verbreitet, bald mit politischer Tendenz, häufig auch ausschliefslich für gesellige Zwecke (working men's clubs). Überall wird heute ein gebildeter Mann, welcher diese Vereine als Gast betritt, mit Zuvorkommenheit aufgenommen. Auch hier zeigt sich wieder der oben angedeutete Unterschied. In London stehen viele und die besten dieser Vereine unter der Leitung oder dem Einflufs von Männern der gebildeten Berufe, obwohl natürlich auch hier äufserlich die Form der Selbstregierung herrscht. Der Klassengegensatz ist so auch in London vielfach überbrückt, aber nicht verschwunden. Im Norden dagegen begegnen die Arbeiter in ihren Vereinen sieh mit den „Angehörigen der professionellen Berufsarten", Juristen, Geistlichen, Ärzten u.s.w. — denn auch hier sind es mehr diese, als die eigentlich kapitalistischen Klassen — auf gleichem Fufse als freie Glieder eines freien Staates. Dementsprechend hört man in Londoner Arbeiterklubs oft Ansichten eines weitgehenden Radikalismus, die von dem Hauche der festländischen Socialdemokratie berührt erscheinen; man findet besonders unter den der Grenze des Elends nahe stehenden Arbeitern nicht selten den Glauben an die Unabänderlichkeit ihrer Lage unter der bestehenden Gesellschaft, worauf alle Umsturzrichtungen beruhen. Im Norden dagegen unterscheiden sich die politischen Ansichten, welche man in den Debatten der Arbeitervereine hört, wenig von denen der oberen Klassen; sie zeichnen sich häufig durch Mäfsigung und praktischen Sinn aus. In Newcastle und an- derwärts verhandeln die angesehensten Männer der Stadt mit den Arbeiterführern über Stellungnahme in politischen Fragen, haben Besprechungen mit ihnen zum Teil in ihren eigenen Wohnungen ete. In Manchester erwählte der Verband der Arbeiterklubs Professor Munro von der dortigen Universität zum Vorsitzenden des Ausschusses, in der Meinung, hierdurch seine Erziehungszwecke am besten zu fördern. Wo die Klassenunterschiede im gesellschaftlichen Bewufstsein schwinden, wo der Gedanke des Gleichwertes der Menschen im Leben wirklich anerkannt wird, fallen die Parteibestrebungen der Arbeiter als einer besonderen Partei. Wir wollen im folgenden den Geist jener von den Universitäten ausgehenden Bewegung an zwei Beispielen kennen lernen. Wir wählen Anstalten, welche mehr als irgend welche andere der Universitätsbewegung ihr Dasein verdanken: Oxford-Ilouse und Toynbee-Hall, beide in Ost-London gelegen. Oxford-House wurde vor einigen Jahren durch Subskriptionen der Oxforder Universität in Bethnal Green errichtet. Es sollte ein Mittelpunkt für die Thätigkeit früherer Universitätsangehörigen werden, welche schon vorher in jenem Stadtteil wirksam waren. Oxford-Ilouse besitzt daher eine Reihe von Zimmern für „Residenten", d. h. solche junge Leute, welche nach Verlassen der Universität für einige Zeit in Ost-London zu socialem Wirken sieh aufhalten. Des weiteren findet sieh in dem Gebäude die Wohnung des Vorstehers, welcher ein Geistlicher und früherer Zögling der Universität sein mufs. Ferner befinden sich im Oxford-Ilouse eine Reihe von Räumen zum Gebrauch der Residenten, Speisezimmer, Wohnzimmer u. s. w., des weiteren eine Reihe von Klassen und ein gröfserer Versammlungssaal. Aufser von den „Residenten" wird die Arbeit der Anstalt von Gästen be- sorgt, d. h. solchen Leuten, welche nur für einzelne Abende aus der Stadt nach dem Osten kommen. Oxford-House hat eine ausgesprochen kirchliche Richtung, wie der Name „Mission" bereits andeutet; jedoch ist, wie wir sehen werden, die dort verrichtete Arbeit durchaus nicht auf das religiöse Gebiet beschränkt, sondern wendet sich an den ganzen Menschen. Der gegenwärtige Leiter des Oxford- Hauses Rev. Winnington-Ingram, betont in folgenden Worten diese Eigentümlichkeit des Unternehmens. „Wir versuchen einander ,auf dreifachem Roden zu begegnen, dem des Körpers, dem des Verstandes und dem des Gemütes. Ein Besuch in unserem Klubraum an einem Abend oder auf dem Fufsball- plan am Sonntag Nachmittag wird selbst den flüchtigen Beobachter überzeugen, dafs in unserem Bestreben, die Verstandeskräfte zu heben, wir nicht die Forderungen des Körpers auf Erholung und Ausbildung vernachlässigen. Wir versuchen durch Vorlesungen, Klassen und Debatten den Verstand zu schärfen und zu klären. In freundschaftlichen Gesprächen am Sonntag Nachmittag aber vergleichen wir unsere Ansichten über jene religiösen Fragen, welche vielen eine Quelle von ängstlichen Zweifeln gewesen sind oder noch sind. Gerade dieses letzten Punktes ist es gut, uns gegenseitig von Zeit zu Zeit zu erinnern: die Oxford-Haus-Bewegung erkennt ausdrücklich an, dals der Mensch eine Seele hat so gut wie Körper und Verstand. Aus diesem Grunde kommen wir des Sonntags zusammen, um der Seele zu helfen, dort Befriedigung zu finden, wo, wie wir glauben, solche gefunden werden kann. — So verstanden besitzt die Thätigkeit des Oxford-Hauses eine Breite und Fülle, welche Achtung erzwingt und die Begeisterung der Oxforder Studenten erwecken sollte. Ist einer tüchtig im Fufsballspiel und versteht er den Umgang mit Knaben, der soll ja um deswillen nicht wegbleiben, weil er keine Vor- — 440 — lesungen halten kann. Er kann gutes genug für uns thun in den Knabenvereinen und auf dem Fufsballplan. Hafst aber einer die Spiele und ist er stark in Botanik, Holzschnitzen, Schauspielkunst, Gesang, Geschichte oder Biographie, er kann uns ungezähltes Gute thun, indem er die Woche — sei es nur einen Abend — herbeikommt und Klassen in diesen Gegenständen abhält. Denkt einer daran, die heilige Weihe zu nehmen, und wünscht etwas von dem wirklichen Zustand unserer Armen zu wissen, den Bedürfnissen und Leiden der Masse unselbständigen Volkes, von welchem er in der grofsen Weltstadt reden hört, der komme nach dem Oxford-Haus. Am Morgen werden wir zusammen studieren und am Nachmittag, wie Zeit und Gelegenheit sich bietet, herausgehen und unsere Schultern gegen das grofse Bad stemmen, wo und wie wir können." Die Hauptthätigkeit der Angehörigen des Oxford-Hauses bezieht sich auf die Arbeiterklubs. Sie haben auch einen Verband von solchen Vereinen in das Leben gerufen, weil viele Mittel der Unterhaltung und Bildung, welche der einzelne Verein nicht gewähren kann, durch einen Verband ermöglicht werden. Die Zahl der Vereine, welche sich dieser Föderation angeschlossen haben, beträgt gegen vierzig, von denen mehrere zwischen hundert und tausend Mitgliedern zählen. Die Föderation ist „unpolitisch" und „unalkoholisch", d. h. die Vereine gehören keiner politischen Partei an und verbieten den Verkauf von geistigen Getränken in ihren Bäumen. Die erste Bedingung bedeutet nicht Ausschlufs politischer Gespräche, vielmehr bezweckt der Verband unter anderem gerade den Meinungsaustausch über politische und sociale Fragen in gröfserem Kreise, als der einzelne Verein es ermöglichte. Ausgeschlossen ist nur, dafs die Aufnahme von Mitgliedern an die Zugehörigkeit zu einer Partei ge- — 441 — knüpft ist. In diesem Falle wird das gesellige Element zu leicht zurückgedrängt und die allgemeinen Zwecke der Erholung und Bildung werden geopfert. Auch vermeiden die Mitglieder des Oxford - Hauses durch die Bestimmung den Schein, als oh sie es irgendwie auf politische Beeinflussung abgesehen hätten. In der That ist es Voraussetzung des Gelingens derartiger Bestrebungen, dafs sie selbstlos und nicht im Dienste irgend einer Partei auftreten. Was die zweite Bedingung angeht, so ist zu erwägen, dafs der ungebildete Engländer, insbesondere der Arbeiter, den Begriff des mäfsigen Trinkens nicht kennt und bei dem hohen Alkoholgehalt auch der Biere in England nur die Wahl gänzlicher Enthaltsamkeit oder der Trunksucht hat. Die Thätigkeit des Verbandes besteht einmal in der Veranstaltung von Voi'lesungen, wozu ein einzelner Verein nicht in der Lage ist; er arrangiert ferner gesellige Zusammenkünfte der verschiedenen weit zerstreuten Vereine, sowie Wettkämpfe auf den verschiedensten Gebieten der körperlichen Ausbildung, z. B. in Schwimmen, Rudern und Cricket. In den letzteren beiden, recht eigentlich den nationalen Sports, pflegt der der Föderation angehörige „Eton-Mission-Club" die Preise davon zu tragen; derselbe steht unter der Leitung einer von der Eton-Schule ausgehenden Mission und setzt den Ruf dieser Schule auf dem Gebiete der Sports fort. Ferner vereinigt der Verband die besten musikalischen Kräfte der Vereine zu einer sehr tüchtigen Kapelle. Um das Leben solcher Arbeiterklubs kennen zu lernen, besuchen wir den Oxford-IIouse-Club (200 Mitglieder) und den University-Club (1000 Mitglieder), welche beide von Angehörigen des Oxford-Hauses in das Leben gerufen wurden. Es zeigt sich hier, wie nützlich, wenn selbstlos und ohne Hintergedanken z. B. den politischer Beeinflussung, die Teil- — 442 — nähme von gebildeten Männern an dem Vereinsleben der Arbeiter ist, wie wenig diese Beteiligung die Selbständigkeit der Arbeiter einengt, vielmehr sie zu entwickeln ihr bestes Ergebnis ist. • Folgendes war das Wochenprogramm des Oxford-House- Clubs im Winter 1888/89. Montag Abend fand in der Turnhalle des Clubs Tanzstunde statt, sowie in einem anderen Baume Shakespeare-Lektüre mit verteilten Bollen. Dienstag war Schachabend, Donnerstag' wurde von einem fähigen Mediziner, natürlich auch freiwillig und umsonst, ein Verbandkurs abgehalten. Am Schlüsse des Kursus fand ein Examen statt, welches die Mehrzahl der Teilnehmer bestand, und nach dessen Ergebnis der Bischof von Wakefield Preise austeilte. An demselben Abend hielt ein anderer Herr eine Klasse für Kirchengeschichte ab. Freitag kam der Auschufs zusammen zu geschäftlichen Beratungen. Am Samstag, dem bestbesuchten Abend des Klubs, hatten um 9 Uhr alle Spiele und sonstigen Unterhaltungen aufzuhören. Es fanden dann alle vierzehn Tage Konzerte statt, bei welchem der innerhalb des Klubs gebildete Gesangverein und Verein für Instrumentalmusik zusammenwirkten. Von den dazwischenliegenden Samstagen wurde der eine durch Vorträge ausgefüllt, welche meist von früheren Angehörigen der Universität Oxford gehalten wurden. Gegenstände waren „Napoleon", „William Pitt" „David Livingstone", „Bismarck", „Macaulay" u. s. w. Den vierten Samstag im Monat fanden Debatten über politische und wirtschaftliche Fragen statt, bei denen ein Mitglied des Vereins, also ein Arbeiter, den Vorsitz führte. Häufig nahmen Parlamentsmitglieder und andere Männer von Bedeutung an diesen Debatten Teil. All vierteljährlich fand ein gröfserer Gesellschaftsabend statt mit Tanz, Theateraufführung und Gesängen. Ferner veranstaltete der Klub von Zeit zu Zeit — 443 — Ausflüge. Im Juni 1888 lud z. B. der Decan von West- minster, ein hochangesehener Geistlicher, 30—40 Mitglieder ein, unter seiner Führung die berühmte Abtei zu besichtigen. Der Klub sorgt auch für gewisse wirtschaftliche Bedürfnisse seiner Mitglieder, indem er eine Darlehnskasse und eine Sparkasse besitzt. In weit gröfserem Mafsstabe verfolgt ähnliche Zwecke der University-Club, welcher als Beispiel eines grofsen und wohlgeleiteten Londoner Arbeiterklubs betrachtet werden kann. Derselbe besitzt heute über 1000 Mitglieder; seine ausgedehnten Räumlichkeiten befinden sich 17 Victoria Park Square E, etwa zehn Minuten vom Oxford-Hause entfernt 1 . Wir treten in den Thorweg ein. Rechts vom Eingang liegen eine Reihe wohlgehaltener und luftiger Zimmer: Spielzimmer, Billardzimmer, ein Lesezimmer, wohlversehen mit Lokalblättern wie den grofsen Blättern der Hauptstadt, ferner eine geräumige Bibliothek. Des weiteren sind mehrere Räume für Unterrichtszwecke vorhanden. Links vom Eingang befindet sich der mit dem Klub verbundene genossenschaftliche Verkaufsladen, geradeaus „Oxford-Hall", ein über tausend Personen fassender Saal, welcher zu Versammlungen und zugleich als Turnhalle dient. Der Klub ist finanziell selbständig, während er seine Entstehung der Opferwilligkeit eines Herrn Buchanan verdankt, welcher den Klub geradezu zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. 1 Gegenüber dem Klublokal befindet sich das Bethnal-Green Museum, welches seine Entstehung dem Wunsche verdankt, etwas von den in Nationalbesitz befindlichen Kunstwerken den Arbeitermassen zugänglich zu machen, für welche die Museen des Westens wegen ihrer Entfernung so gut wie nicht vorhanden sind. Aufser kunstgewerblichen, dauernd vorhandenen Gegenständen pflegt man vorübergehend Gemälde aus andern Museen auszustellen. Diese Nachbarschaft bedeutet für den University Club die bestmögliche Lage in Bethnal-Green. Unterricht veranstaltet der Klub in Zeichnen, Stenographie, englischem Aufsatz und Buchhaltung, ferner hält Herr Buchanan wöchentliche Bibelklassen ab. Alle 14 Tage finden Vorträge über Gegenstände allgemeinen Interesses statt. Auch blüht eine Debattiergesellschaft, wie solche überall in Arbeiterkreisen bestehen. Die Fähigkeit der Verhandlung irgend welchen Gegenstandes in gröfserer Versammlung durch Besprechung und Abstimmung ist geradezu Voraussetzung für das Gedeihen aller wirtschaftlichen Arbeitervereine, insbesondere der Genossenschaften und Ge werk vereine. Diese Kunst, die ein grofses Stück Übung und Disciplin voraussetzt. wird besonders durch die Gewohnheit des Arbeiters entwickelt, Fragen, die ihn interessieren, in Form der Debatte zu erwägen. Diese Debatten bieten den Angehörigen der gebildeten Klassen viel benutzte Gelegenheit zum Meinungsaustausch mit den Arbeitern. Es dürfte von Interesse sein, die Statuten des Debattenvereins des University-Clubs, die ich der Güte des Vorsitzenden verdanke, in etwas abgekürzter Form wiederzugeben: 1. Jedes Mitglied des University-Clubs ist berechtigt, Mitglied der Debattiergesellschaft zu werden. 2. Der Ausschufs besteht aus 7 Mitgliedern einschliesslich des Schriftführers und des Vorsitzenden. Der Vorsitzende wird von dem Leiter des Oxford-Hauses ernannt, die anderen Mitglieder des Ausschusses von der Gesellschaft erwählt. B. Das Verhandlungsprotokoll soll stets in der folgenden Sitzung verlesen und genehmigt werden. 4. Gegenstand der Debatte bilden politische und sociale Fragen, aber keine theologischen. 5. Amendements sind verboten. — 445 — 6. Kein Mitglied hat das Recht, mehr als einmal in der Debatte zu reden, ausgenommen derjenige, welcher die Verhandlung eröffnet, wenn er zu erwidern wünscht. 7. Gäste können unter Zustimmung des Vorsitzenden sich an der Debatte, jedoch nicht an der Abstimmung beteiligen. 8. In allen unvorhergesehenen Fragen soll die Geschäftsordnung des Hauses der Gemeinen mafsgebend sein. In gleicher Weise wie für die Belehrung sorgt der Klub für die Unterhaltung seiner Mitglieder und deren Familien. Abgesehen von einem Turnverein bestehen Vereine für Rudern, Cricket, Fufsball, Wiesentennis, kurz, für fast alle nationalen Spiele, alle geleitet von freiwilligen Lehrern, zumeist Herren aus dem Westend. In gleicher Weise wird eine dramatische Lesegesellschaft, ein Choralvereiu und eine Instrumentalkapelle von unbezahlten Kräften geleitet. Einen eigentümlichen Eindruck macht die von einem jungen Herrn, der sich auf diesem Gebiete besonders auszeichnen mag, ins Leben gerufene Tanzstunde. Auf den ersten Blick erscheint es angesichts der auf dem Festlande verbreiteten Anschauungen und Gewohnheiten bedenklich, junge Arbeiter beiderlei Geschlechts, eine grofse Anzahl junger, schmucker Frauenspersonen, unter Aufsicht eines ebenso jungen Herren, allwöchentlich zum Tanze zu vereinigen. Der Augenschein belehrt dagegen bald, wie sehr gerade ein derartiges Unternehmen von sittlich hebendem Einflufs auf die Teilnehmer ist. Die Herren vom Oxford-Hause sind weitsichtig genug, in dem geselligen Verkehr der Jugend beider Geschlechter an sich etwas notwendiges und nützliches zu erblicken. Sie suchen denselben durch Einrichtung von Tanzstunden, Gesellschaftsabenden, Theateraufführungen und Bällen der Schenke zu entziehen und unter den Einflufs von gebildeten Elementen — 446 zu bringen. In der That unterschied sich der Ton der Unterhaltung und die geselligen Formen, welche ich bei dei oben erwähnten Gelegenheit beobachtete wenig von den in den Mittelklassen herrschenden. Welchen Gegensatz zweier benachbarter Volksleben weist der Besuch eines solchen Abend etwa mit dem eines Lorettenballes der Pariser Studenten auf. Wie die Männer, so sind auch zahlreiche Damen der gebildeten Klassen bis in die Kreise der Aristokratie in Arbeiterklubs thätig. So besteht z. B. im University-Club ein musikalischer, von einer Dame geleiteter Abend, die „Mufse- stunde" genannt, ein Verein für verheiratete Frauen, endlich ein Nachmittag, an welchem Spiele für Kinder von Vereinsmitgliedern veranstaltet werden, eine Art Kindergarten, alle unter Leitung von gebildeten Frauen. Ähnlich dem vorerwähnten Oxford-House-Club veranstaltet auch der University-Club Ausflüge; Einladungen von auswärts sind häufig. So waren z. B. Pfingsten 1888 ungefähr hundert Mitglieder des Klubs in Oxford, wo sie von Studenten wie Lehrern auf das freundlichste aufgenommen und bewirtet wurden. Bei alledem aber ist nicht zu vergessen, dafs der Klub nicht etwa von Wohlthätigkeit abhängt, vielmehr die Arbeiter seine Angelegenheiten selbständig verwalten. Neben den geselligen Zwecken des Klubs kommen eine Reihe wirtschaftlicher in Betracht. Er besitzt eine Darlehns-, wie eine Krankenkasse 1 ; ferner ist mit dem Klub ein Konsumverein verbunden. 1 Diese letztere hat zwei Klassen, eine für solche, die wöchentlich 1 d., und die andere für solche die wöchentlich 2 d. einzahlen. Die ersteren erhalten im Krankheitsfall wöchentlich während 2 Monaten den ersten Monat je 5 sh. und den zweiten je 3 sh., die letzteren erhalten in gleicher Weise je 10 sh. und je 6 sh. Die Kontrolle ist dadurch erleichtert, dafs die Mitglieder sich persönlich kennen; im Krankheitsfalle werden die beiden nächstwohnenden Mitglieder ausdrücklich mit der Beaufsichtigung des Kranken betraut. — 447 — Unter dem Namen Webb-Institute hat das Oxford-House auch einen Knabenverein in das Leben gerufen, welcher in einem eigenen Hause seinen Sitz hat. Als an dem für die Eröffnung festgesetzten Abend die Herren des Oxford-Hauses, welche die Einschreibung der Aufzunehmenden zu besorgen hatten, dein Hause sich näherten, war bereits eine grofse Menge von Knaben über „das Eisengitter geklettert und hatte den Garten vor dem Hause gefüllt". Nur mit Mühe konnten die Herren sich Eingang verschaffen, und sobald sie die Thür öffneten, drängten die Massen, Knaben des verschiedensten Alters und Äufseren, nach. Trotzdem kam keine Sachbeschädigung vor, und nachdem hundert Namen, eingetragen waren, wurde die Zahl für geschlossen erklärt, während für die übrig gebliebenen Anwärterlisten auf freiwerdende Stellen aufgelegt wurden. Dieser Vorgang ist bezeichnend für die Aufnahme, welche heute die Bestrebungen der gebildeten Klassen seitens der arbeitenden Klassen finden. Die Thätigkeit des Vereins erstreckt sich auf die üblichen Unterhaltungen und Unterrichtsgegenstände und beruht ebenfalls auf freiwilligen Kräften. Besonderes Gewicht wird auf die praktischen Beschäftigungen, wie Zeichnen, Schnitzen u. s. w. gelegt. Lord Wolmer, Parlamentsmitglied, erteilt eine Bibelstunde. Besonders nützlich bewährt sich auch eine mit dem Club verbundene Badeanstalt. — Unter den übrigen mit dem Oxford-Hause in Verbindung stehenden Anstalten erwähnen wir noch eines Zufluchthauses, welches des Nachts über für Obdachlose geöffnet wird 1 . 1 Das schwierige bei derartigen Unternehmen ist das arbeitsscheue Element von denen zu unterscheiden, welche durch Zufall in die Lage vollständigster Mittellosigkeit gekommen sind, erstere fernzuhalten, letzteren womöglich dauernd zu helfen, was durch Hülfe zur Auswanderung, Verschaffen von Arbeit u. s. w. versucht wird und die Verbindung mit den allerverschiedensten wohlthätigen Vereinen notwendig macht. — 448 — Verlassen wir nunmehr das Oxford-Haus und hegeben uns nach Toynbee-Hall, der „Universitätsniederlassung" in Ost-London. Dieselbe trägt im Vergleich mit dem Oxford- Hause einen weltlichen Charakter, obgleich sie ebenfalls von einem Geistlichen, dem Rev. Barnett, geleitet wird. Nachdem Verfasser anderwärts (Grenzboten 1887) Toynbee-Hall zum Gegenstande einer eingehenderen Besprechung gemacht hat, ist es ihm eine Freude, die grofsartigen Fortschritte, welche die Anstalt in der kurzen seitdem verflossenen Zeit gemacht hat, festzustellen; sie ist heute der Mittelpunkt aller der Geselligkeit und Bildung dienenden Bestrebungen ihres Bezirkes. Toynbee-Hall wendet sich noch weniger als das Oxford-Haus an die tiefsten Schichten der Bevölkerung, was, wie wir sahen, gewöhnlich Sache der specifisch kirchlichen Richtungen ist. Indem es das Bedürfnis nach Bildung und Geselligkeit bei seinen Nachbarn zu befriedigen sucht, bemüht es sich, gerade die höchststehenden derselben auf eine Stufe zu heben, welche für die arbeitenden Massen Ost-Londons, ohne Hülfe von aufsen, zu erreichen sehr schwierig ist. Fehlt es doch jenen Massen Ost-Londons an Berührung mit den besten Gedanken ihres Zeitalters. Alle Kenner jener Verhältnisse stimmen dahin überein, dafs nicht sowohl dem Mangel .an Gesetzgebung, als dem Mangel an öffentlicher Meinung, an Gemeingeist und Organisation der Arbeiter, die Schäden, an denen jene Bezirke vor allen leiden, zuzuschreiben sind. Wie wären Unwissenheit, Thatlosigkeit, Vereinsamung und Selbstsucht der Massen mit einem Federstrich, und sei es auch einem des Gesetzgebers, zu beseitigen? Die Gründer von Toynbee-Hall gingen von dem Gedanken aus, durch die von der Universität abgehenden Elemente, welche sich zur Vorbildung für den künftigen Beruf nach London begeben, dem Mangel an gebildeten, und zur Arbeit — 449 — für ihre Mitbürger bereiten Männern in Ost-London abzuhelfen. Als Gegenstand der „Universitätsniederlassung" wird bezeichnet, „die Universitäten mit Ost-London zu verknüpfen, die Teilnahme, die Thatkraft und den Gemeinsinn von Oxford und Cambridge auf die thatsächlichen Verhältnisse des grofsstädtischen Lebens zu lenken". Es war nicht Arnold Toynbee selbst, welcher Toynbee-IIall gründete, vielmehr waren es Freunde aus seinem Kollegium, welche kurz nach seinem Tode mit dieser Gründung ihm ein Denkmal in seinem Sinne zu errichten beschlossen. Sie gingen seinen Spuren nach und gründeten in demselben Bezirke Ost-Londons, wo er gewirkt hatte, eine Anstalt, welche seine Bestrebungen in gröfserem Mafstabe fortsetzen sollte. Die Vorschläge des „Vereins zur Errichtung von Universitätsniederlassungen" fanden sowohl seitens der Presse als auch seitens der angesehensten Männer der verschiedensten Richtungen und Berufe Zustimmung. Bei der Ausführung des Gedankens waren zwei Grundsätze mafsgebend. Einmal beschlofs man, die Niederlassung nach der Art eines Universitätskollegiums einzurichten. In den vorhergegangenen Jahren waren mannichfach Männer, welche früher der Universität angehört hatten, den Spuren Toynbees in Ost-London zu praktischer Arbeit gefolgt, vereinzelte Versuche, deren Erfolg oft zweifelhaft blieb. Diese Kräfte sollten sich von nun an um einen gemeinsamen Mittelpunkt ordnen. Indem man den Männern, welche zur gedachten Arbeit gewillt waren, einen eigenen Herd gab, holfte man ihnen die Öde und Vereinsamung fernzuhalten, der jeder gebildete Bewohner Ost-Londons leicht anheimfällt. Zweitens aber ging man von dem Gedanken aus, dafs nur wenige Männer in der Lage seien, ihr ganzes Lehen einer humanitären Thätigkeit zu widmen. Dagegen glaubte man, dafs es vielen jungen Männern möglich sei, nach dem Verlassen der v. S cliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 29 - 450 — Universität und während der ersten Vorbereitungsjahre für ihren Beruf Mufsestunden, besonders des Abends, ihren weniger begünstigten Mitbürgern zu schenken. Um daher möglichst vielen die Mitarbeit zu ermöglichen, nahm man von vornherein nur eine kurze Durchschnittsdauer der Anwesenheit der Residenten in der zu gründenden Niederlassung an; einige Jahre, selbst wenige Monate der Arbeit in Ost-London können sie bereits mit wertvollen Erfahrungen bereichern. Wenn aber ihre Thätigkeit auch für den Osten von Nutzen sein soll, so erfordern ihre unerfahrenen Kräfte eine einsichtige und gleichmäfsige Leitung. Man bedarf also neben den Residenten eines dauernd angestellten Vorstehers, der womöglich eine in den Verhältnissen Ost-Londons altbewährte Kraft sein mufs. Heute versieht dieses Amt der Rev. S. A. Barnett. Geleitet von diesen Grundgedanken, ging die „Universi- ties settlement association" sogleich an die Ausführung. Schon hatte sie ein Grundstück gekauft und war bereits mit dem Niederreifsen eines Teiles der halbverfallenen Gebäude daselbst beschäftigt, als die Schwesteruniversität dem Unternehmen ihre hülfreiche Hand bot. Unter der Mitwirkung der angesehensten Professoren wurde am 24. Mai 1884 in Cambridge eine Versammlung abgehalten. Männer, die man sonst kaum von derselben Tribüne hören wird, sprachen sich bei dieser Gelegenheit in gleichem Sinne aus: Männer kirchlich konservativer Richtung, ebenso wie der bekannte Leiter der Radikalen Chamberlain. Auch Prinz Albert Eduard Viktor, der älteste Sohn des Prinzen von Wales, erhob sich, um seine Teilnahme für ein Unternehmen auszusprechen, das denjenigen, die sich einst darin würden bethätigen können, einen weiteren Gesichtskreis zu eröffnen verspräche, „als er uns, die wir im Westen Londons leben, zu erreichen möglich ist". Erst nachdem die in Oxford gegründete Gesellschaft — 451 — sieh durch zahlreiche Mitglieder aus Cambridge verstärkt hatte, war das Unternehmen gesichert. Die Räume von Toynbee-Hall sind heute der Kampfplatz von Meinungen jeder Art und aller Klassen. Neben tausenden von Arbeitern, die hier Erholung und Belehrung finden, verkehren in Toynbee-Hall die angesehensten Männer des Staates und wissenschaftliche Namen ersten Ranges. Man kann dort alle politischen Ansichten hören, auch solche social- revolutionärer Verzweiflung, wie sie einem unorganisierten und daher hülflösen Arbeiterstand eigen sind; eigentümlicher aber ist es, solche Ansichten alsdann von Arbeitern bekämpft zu sehen, aus einem der dem höher stehenden Arbeiter eigentümlichen Gesichtspunkte: dem gewerkvereinlichen oder dem genossenschaftlichen. Was kann mehr dazu beitragen, jene verzweiflungsvollen Meinungen zurückzudrängen, als solche Gegnerschaft und die ruhige Besprechung derselben mit Angehörigen der sogenannten „kapitalistischen Klassen", deren Selbstlosigkeit schon durch ihre Anwesenheit und Arbeit an diesem Orte feststeht? Keiner wird seiner Meinung wegen verdammt, sondern jede Meinung gehört, wenn sie nur in der Form der ordnungsmäfsigen Debatte sich äufsert und sachlich erwogen ist. Die Zwecke von Toynbee-Hall sind so verschiedenartige, seine Thätigkeit ist seit der oben erwähnten Besprechung so angewachsen, dafs selbst für einen allgemeinen Überblick der Rahmen dieser Arbeit zu eng ist. Möglich ist diese Fülle des Wirkens nur dadurch, dafs die Bewohner von Toynbee- Hall gewissermafsen der Kern sind, um den sich ein greiser Kreis gleichgesinnter Freunde schliefst. Ist es doch in weiten Kreisen unter den jüngeren Männern der besten Gesellschaftsklassen heute Sitte (gentleman-like) geworden, einen Abend der Woche in den Bezirken Ost-Londons zu verbringen. 29* — 452 — Gerade die ersten Männer auf allen Gebieten aber sind von dem Bewufstsein socialer Verpflichtung besonders erfüllt; gerne leisten sie der Aufforderung Folge, von ihrem Besten, ihrem Wissen und ihrer Zeit, ihren weniger begünstigten Mitbürgern mitzuteilen, deren Leben sonst einförmig und ohne höhere Anregung dahinfliefst — ein Geschenk, das wertvoller als jede Geldspende ist. Ist doch das Elend an einzelnen Punkten nicht das schlimmste, sondern das niedere Niveau des Durchschnittslebens, wie Eduard Denison gesagt hatte, „aufser einem kreischenden Orgelkasten die Abwesenheit von allem, was die Gedanken des Menschen über das tägliche Brot erhebt, der gänzliche Mangel an Bildung und Religion". Eine Liste geradezu glänzender Namen weisen die in Toynbee-Hall gehaltenen Vorträge auf. Von Männern, die bei der einen oder anderen Gelegenheit für oder in Toynbee-Hall thätig waren, seien als ein Beweis dafür, in wie weiten Kreisen derartige Bestrebungen Anklang finden, folgende genannt: von Männern des Staates und der Aristokratie der künftige Thronfolger Viktor Albert, beteiligt bei der Gründung, der Prinz Edward von Wales, Eröffner des Knabenklubs Whittington, der Marquis von Ripon, der Lord Salisbury, welcher einmal eine Anzahl von Arbeitern, die sich an Toynbee- Hall angeschlossen hatten, zur Besichtigung seines Stammsitzes Hatfield-House einlud, der Lord Justice Fry, zahlreiche Parlamentsmitglieder beider Parteien z. B. Sir Richard Temple, Sir Henry Roscoe, Baron F. von Rothschild u. s. w., ferner höhere und niedere Geistlichkeit; von Männern der Wissenschaft z. B. Max Müller, der berühmte Linguist, Professor Dicey, der angesehene Staatsrechtslehrer, der Naturwissenschaftler Professor Huxley, der berühmte Afrikareisende Ca- meron, Frederic Harrison, der Führer der Positivisten und andere. Vor allem aber sind es die Universitäten, wo die — 453 — Bewegung, wie sie von ihnen ausging, noch heute ihre wärmsten Anhänger findet. Entsprechend dem Worte des Matthew Arnold, dafs Erziehung zu geselligen Formen einen sittlichen Anstois bedeute, indem sie dahin wirke, zusammenzuführen und die Augen zu öffnen für die gegenseitige Abhängigkeit, legt Toynbee-Hall grofsen Wert auf gesellige Veranstaltungen. In gleicher Richtung liegt das Bestreben um Wachrufung, Pflege und Verbreitung des ästhetischen Sinnes, welcher infolge der Trennung der Klassen den breiten Massen der modernen Grofsstädte abhanden gekommen ist. Es ist nicht zu verkennen, dafs hierin eine wichtige Aufgabe der Volkserziehung besteht; gerade für diejenigen, welche durch äufsereNotwendigkeit von der Berührung mit der Natur entfernt sind, böte die Kunst den besten Ersatz. Auch hängen unmittelbar praktische Interessen mit solcher Erweckung des ästhetischen Sinnes zusammen, indem in Zukunft neben der dem Umfang nach weit ausgedehnteren Fabrikarbeit das Kunstgewerbe von Bedeutung sein wird. In letzterer Richtung wirken die zahlreichen Klassen für Zeichnen, Modellieren u. s. w., in ersterer die von Toynbee-Hall veranstalteten Gemäldeausstellungen, zu welchen Freunde der Anstalt jährlich ihre Schätze vereinigen, Ausflüge nach den Museen des Westens, zu Resten alter Architektur u. s. w. Zahlreiche Gesellschaften mit wissenschaftlichen und litterarischen Zwecken haben ferner in Toynbee-Hall ihren Sitz aufgeschlagen. Sie setzen sich zusammen aus Bewohnern Ost- Londons: Handlungsbeflissenen und Arbeitern, und werden meist von einem gebildeten, oft mit der Sache wissenschaftlich vertrauten Gentleman geleitet. Ich erwähne die „Gesellschaft für Litteratur des Elisabetheischen Zeitalters", die „Shakespearegesellschaft", die „philosophische Toynbeegesell- — 454 — schaft", den „Adam Smith-Club", die „Gesellschaft von Ost- Londoner Altertumsfreunden", die „naturwissenschaftliche Toynbeegesellschaft", die „Abende für venetianische Kunst", die „Ruskingesellschaft" u. s. w. Von ganz besonderer Bedeutung scheint ferner den Leitern von Toynbee-Hall, mit den Volksschullehrern und denen, die es werden wollen, anzuknüpfen. Zur Hebung derselben wurde ein doppelter Weg eingeschlagen, einmal der der Agitation durch Gründung „der Liga für Erziehungsreform", welche auf den Universitäten zahlreiche Anhänger besitzt. Dieselbe strebt eine akademische Vorbildung der Volksschullehrer oder wenigstens eines Bruchteiles derselben an. Daneben sind von Toynbee-Hall Versuche ausgegangen, die Volksschullehrer von ganz London zu einem Verein zu organisieren. Neben diesen weitgehenden Bestrebungen wird die Arbeit im Kleinen nicht vergessen. Der Ausländer mit seinen gesellschaftlichen Vorurteilen erstaunt über den zwanglosen Verkehr zwischen Herren der besten Gesellschaft und diesen jungen Leuten, deren überbürdeten Geist man am Abend durch gemeinsame Lektüre u. s. w. zu erfrischen sucht. Das ist „Christentum", obwohl von Dogmen nicht die Rede ■fc ist; denn es ist selbstloses Wirken im Dienste von anderen, im Dienste des heranwachsenden Geschlechtes. Wir sind auf Oxford-House und Toynbee-Hall lediglich aus dem Grande eingegangen, um Beispiele weit verbreiteter Bestrebungen zu geben. Beide stehen in ihrer Art durchaus nicht vereinzelt da. Im Gegenteil, wenn auch nicht nach derselben Schablone errichtet, bestehen nicht wenige derartiger Anstalten und mehr noch sind im Entstehen begriffen. Erinnert sei hier nur an das „Working-Men's-College", welches von F. D. Maurice und seinen Freunden errichtet wurde und — 455 — heute noch fortblüht 1 . Die Zwecke dieser Anstalt stehen durchaus auf dem Boden der den Gegenstand vorliegenden Kapitels bildenden Bewegung. „Die Schüler sind der Mehrzahl nach Arbeiter, die Lehrer gewöhnlich frühere Mitglieder der Universitäten, die nun in verschiedenen Berufen thätig sind, oder Leute, welche selber Schüler des Working-Men's- College gewesen sind. Der Zweck des College ist, die Klassen zusammenzubringen, indem man sie in der gemeinsamen Arbeit des Lernens und Lehrens vereinigt. Es sorgt für Unterricht zu den möglich geringsten Kosten, indem fast alle Lehrer unbezahlt sind, und zwar in den Gegenständen, welche am meisten den englischen Bürger angehen, und versucht liberale Erziehung in den Bereich des Arbeiters zu bringen 2 ". Werfen wir einen Rückblick auf die geschilderten Bestrebungen, so ist vor einem Mifsverständnis zu warnen. Dieselben sind keine Armenpflege; denn sie wenden sich nicht an die materiell Bedürftigen, vielmehr vorzüglich an den auf sich selbst gestellten Arbeiterstand von seinen höchsten bis niedersten Schichten. Sie suchen ihn geistig, sittlich und körperlich zu heben, weisen dagegen auf das entschiedenste von sich, die Sorge für jene notwendigen Lebensbedürfnisse zu übernehmen, 1 Vergl. Brentano, Die christlich-sociale Bewegung in England, Kapitel VI und Anhang VIII. 2 Eingang des XII. Berichtes des Working-Men's-College, 1880. Da das Working-Men's-College nicht im Osten der Stadt, sondern im Mittelpunkt derselben liegt (45 Great Ormond Street, Bloomsbury W. C.), so sind unter seinen Besuchern Schreiber und ähnliche Berufe stark vertreten. Trotzdem überwiegen die Arbeiter. Folgendes Prozentverhältnis bestand im Winter 1888/89: Schreiber 34 °/o, Handlungsbeflissene aller Art 5 - Öffentliche Angestellte (Polizisten u. s. w.), Lehrer. . 8 - In Warenlagern angestellt als Packer u. s. w 15 - Arbeiter mehr oder weniger gelernten Berufes ... 38 - ✓ bezüglich derer jeder Erwachsene und Arbeitsfähige auf sich selbst angewiesen ist und deren Befriedigung durch andere die Lebenshaltung der Bevölkerung herabdrückt. Sie unterscheiden sich hierdurch von dem: „panem et circenses" des Cäsarismus. Ferner stehen sie auf dem Boden voller gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Sie verfolgen nicht den Zweck, den Arbeiter durch Wohltbaten in Abhängigkeit zu halten oder ihn gar für eine politische Partei zu gewinnen. Selbständigkeit der unteren Klassen ist, wo sie vorhanden, der Ausgangspunkt, wo sie nicht vorhanden ist, der Zielpunkt der geschilderten Bestrebungen. Sie sind von dem goldenen Grundsatze getragen, ohne den alle Bemühungen um die unteren Klassen vergeblich sind: „help them to help them- selves", Hülfe zur Selb st hülfe; helft ihnen, selbständig zu werden und der Hülfe nicht mehr zu bedürfen. Jene Bestrebungen sind lediglich aus dem Bewufstsein socialer Verpflichtung hervorgegangen, welches den Gentleman von dem gelehrten oder ungelehrten Lohnarbeiter unterscheidet. Wenn sie mit einem weiteren Zweckgedanken verbunden sind, so ist es der, dafs in einem Staate, der den unteren Klassen das Wahlrecht gegeben hat, Hebung und Beteiligung derselben an dem Denken und Fühlen der Nation geradezu Lebensfrage für die Gesellschaft wird. Dem entspricht folgendes Ergebnis: Während der Arbeiter, sobald er wirtschaftlich und geistig auf eigenen Füfsen steht, alles was nach Wohlthätigkeit aussieht, schroff von sich weist, sehen wir in England die best situierten und geistig höchststehenden Arbeiter auf das eifrigste an den geschilderten Bestrebungen mitwirken, welche nicht auf Geldspenden, sondern auf persönliche Hingabe gerade der Besten der Nation beruhen. Daher waren die Universitäten der Ausgangspunkt der Bewegung, jene altehrwürdigen Sitze der nationalen Bil- ■düng, welche durch die Freigebigkeit der Vorfahren dem heute heifser als früher tobenden Kampfe um das tägliche Brot entrückt sind 1 . IV. Die Universitätsausdehnungsbeweguiig. Auf das engste mit den soeben geschilderten Bestrebungen sowohl in ihren Zielen als in dem Geiste, von dem sie getragen ist, hängt die „Universitätsausdehnungsbewegung" zusammen. Ihr Zweck ist der, denen die nicht die Universitäten beziehen können, soviel als möglich' die Vorteile einer Universitätserziehung zu verschaffen. „Die Universität wird zum Volke gebracht, wenn das Volk nicht zu den Universitäten kommen kann." Die Universitäten, welche bisher fern von den Mittelpunkten des gewerblichen Lebens ein vornehmes Dasein führten, welche als Hochburgen der aristokratischen Gesinnung vielfach angesehen werden, haben, wie das vorgehende zeigt, sich dem Hauche der Zeit nicht entzogen. Die ganze soeben geschilderte Bewegung bedeutet die Anerkennung jener unvermeidlichen Demokratisierung, welche ihren eigentlichen Ausdruck mehr noch als in der Verallgemeinerung der politischen Rechte, in einer Veränderung der gesellschaftlichen Anschauungen und Gewohnheiten findet. Der Schwerpunkt von Staat und Gesellschaft ist eben, um die Worte Eduard Denisons zu gebrauchen, „von dem vornehmen Lord auf dem Rottenrow 1 Bezeichnend, flu- die Stellung der Arbeiter zu den Universitäten war z. B. der Vortrag, welchen Ben Tillet, der Schriftführer der Dockarbeiter, über den Ausstand des vorigen Jahres zu Oxford hielt, unter grofser Beteiligung und Vorsitz des Vorstehers von Pusey House. Redner, seihst Dockarbeiter, wies darauf hin, wie gerade die Universitäten geeignet seien, für die Hebung der arbeitenden Klassen einzutreten. — 458 — geglitten zu dem barhäuptigen Mann auf dem Dache des Omnibus". Dieser Entwicklung entspricht das Verlangen nach höherer Bildung, welches bisher nur in beschränkten Kreisen heimisch, heute auch von solchen empfunden wird, deren Lebenslage einen Besuch der Universität nicht gestattet. Die Universitäten sind diesem Bedürfnis entgegengekommen durch Ausbreitung eines grofsartigen Systems von Wanderlehrern über ganz England. Zumeist in Abendklassen werden hier weiten Kreisen des Volkes diejenigen Gegenstände der Bildung vermittelt, welche in den Universitäten die Studenten unter günstigeren Umständen sich aneignen. Nur ein besonderer Eifer kann auf Seiten der Schüler der „Ausdehnungsbewegung" die Vorteile der Mufse ersetzen, deren der Student auf der Universität sich erfreut. Dafs dieser Eifer vorhanden ist, dafs die Ergebnisse der Prüfungen, welche jeden Ausdehnungskursus beschliefsen, nicht selten den Studenten der Universität Ehre machen würden 1 , das alles zeigt, wie in England vielleicht allein die Gleichstellung der unteren mit den oberen Klassen bereits mehr als rechtliche Form und philosophische Forderung ist. Ein weiterer Beweis hierfür aber ist das schnelle Wachstum der Schülerzahl, welches die Ausdehnungsbewegung von Jahr zu Jahr aufweist. Wenn heute bereits jährlich etwa 30 000 Personen den von den Universitäten veranstalteten Vorlesungen beiwohnen, ein grofser Teil der Zuhörer auch häusliches Studium auf den Gegenstand derselben verwendet, z. B. schriftliche Arbeiten anfertigt u. s. w., so ergiebt sich hieraus, wie weit und wie stark das Bedürfnis nach höherer Bildung verbreitet ist. 1 Nicht selten liest man in den Berichten der Examinatoren, dafs die ihnen eingesandten Arbeiten solchen Studenten selbst zur Ehre gereichen würden, welche sich um den Grad bewürben (go in for honours). — 459 — Es ist natürlich unsere Aufgabe nicht, auf die Einzelheiten dieser grofsartigen Unternehmung einzugehen, welche einer Geschichte der höheren Bildungsanstalten angehören. Wir begnügen uns mit wenigen Worten. Die Organisation & der Universitätsausdehnung beruht auf den Universitäten als „Centraikörpern" und örtlichen Ausschüssen. Jede der beiden Universitäten ist der Mittelpunkt eines Unterrichtssystems; aufserdem besteht für London eine besondere Gesellschaft (the London Society for the extension of university teaehing), welche.es übernommen hat, London mit den sonst von einer der beiden Universitäten veranstalteten Vorlesungen zu versehen. Diese Gesellschaft besitzt in London gegen vierzig örtliche Mittelpunkte, an denen je zweimal im Jahre Vorlesungskurse gehalten werden. Wo immer das Bedürfnis nach „Ausdehnungsvorlesungen" <2 auftaucht, setzt sich ein freigebildeter örtlicher Ausschufs mit einer der Universitäten, bezw. der Londoner Gesellschaft in • Verbindung, indem er seinerseits für die erforderlichen Räume, Geldmittel u. s. w. aufkommt. Für einen dreimonatlichen Kursus sind der Universität gegen 45 E zu zahlen. Das Geld wird in verschiedener Weise aufgebracht, bald durch Zeichnung, bald durch bestehende Gesellschaften, wie „Local Colleges", „Litterary and philosophical Societies" u. s. w. Zweimal im Jahre, im Frühjahr und im Herbst, werden die Vorlesungen veranstaltet, deren Dauer gewöhnlich zwölf, auch sechs oder neun Wochen beträgt, woran sich eine weitere Woche für Prüfungen schliefst. Auch in der Zwischenzeit wird teilweise für Fortsetzung systematischen Studiums gesorgt. Jeder Kursus wird mit einer öffentlichen Versammlung 4 eröffnet, an der oft mehrere hundert Personen teilnehmen. Vor ihr legt der Lehrer den von der Universität gebilligten Plan seiner Vorlesung (den Syllabus) dar und beantwortet I — 460 — Fragen, die aus der Mitte der Versammlung laut werden. Zu dem regelmäfsigen Kursus dagegen, der sich wöchentlich aus einer Stunde Vortrag und einer Stunde sogenannter „Klasse", einer Art Konversatorium, zusammensetzt, verschafft nur ein gelöstes Billet Zutritt. Für die Methode ist folgendes bezeichnend. Die Bewegung will „Universitätsbildung" solchen Kreisen vermitteln, welche dieselbe sich nicht selber holen können. Sie wendet sich daher ausschliefslich an Erwachsene, rechnet allein auf das Interesse der Zuhörer und schliefst demgemäfs, um Fortschritte zu erzielen, jede Schulordnung und jede Benutzung des Ehrgeizes aus. Ebenso freiwillig wie der Besuch der Vorlesung überhaupt, ist auch die Teilnahme an der „Klasse", in der sich nur diejenigen Schüler zusammenfinden, die der Sache Zeit zu widmen in der Lage sind. Während in der Vorlesung freier Vortrag herrscht, benutzt der Lehrer die Klasse zu Erklärungen und Erweiterungen des Vortrages, auch zu Wiederholungen durch Frage und Antwort; gewöhnlich ist der Inhalt der vorhergehenden Vorlesung Gegenstand der Klasse. Zugleich werden von Woche zu Woche schriftliche Arbeiten abgegeben, die, wie ausdrücklich vorbehalten ist, auch namenlos sein dürfen, um Leute, die mit der Feder wenig vertraut sind, nicht etwa abzuschrecken. Diese Aufsätze werden von dem Lehrer in der nächsten Stunde verbessert zurückgegeben. Bei naturwissenschaftlichen Vorlesungen werden die Experimente in den Klassen von den Schülern vielfach selbständig wiederholt. Die Gegenstände der Ausdehnungsvorlesungen zerfallen in drei Abteilungen: 1. Litteratur und Geschichte, 2. Naturwissenschaft und 8. Kunst. Zur ersten Klasse gehören Vorlesungen über englische und antike Litteratur, ferner eingehende Kurse über englische Geschichte und Verfassungs- — 461 — entwicklung, europäische Geschichte und Nationalökonomie; die zweite Klasse bietet Vorträge über alle Fächer der Naturwissenschaft. Was die Kunstabteilung angeht, so ist sie natürlich der Zahl ihrer Gegenstände nach beschränkter, als die beiden vorhergehenden. Man will diese Vorträge nicht als Kunstschulen aufgefafst wissen, in denen etwa Unterricht in Malerei, Skulptur u. s. w. erteilt werden soll. Für dieses Gebiet sorgt in England zum Teil der Staat (South Kensington). Vielmehr bezweckt man Kunstverständnis und Kunstwürdigung zu verbreiten. Dadurch, dafs die in den verschiedenen Semestern stattfindenden Vorlesungen aneinander anschliefsen, wird eine zusammenhängende und gründliche Fortbildung ermöglicht. Beispielsweise finden vier einander ergänzende Vorlesungen über volkswirtschaftliche Gegenstände statt 1 . Die erste behandelt die allgemeinen Grundbegriffe der Wissenschaft z. B. Erzeugung und Verteilung von Gütern, Kapital, Arbeit, Rente, Lohn, Gewinn u. s. w.; im zweiten Semester schliefst sich hieran eine Behandlung der schwierigeren Fragen der theoretischen Nationalökonomie, der Lehren von Wert, Preis, Nachfrage und Angebot, Geld, Kredit u. s. w. An diese Vorlesungen schliefsen sich zwei weitere, welche die „sociale und wirtschaftliche Geschichte Englands", also die sogenannte praktische Nationalökonomie, behandeln und deren zweite speciell die Entwicklung des heutigen gewerblichen Systems zum Gegenstande hat. In ähnlicher Weise wird Astronomie in zwei Kursen gelesen, Physik in ihre wichtigsten Teile: 1 Vergl. The Calender of Cambridge Local Leetures 1880/81, S. 34. Nach den Oktober 1888 angenommenen Segeln stellt die Oxforder Gesellschaft „Bescheinigungen eines vollständigen Kursus systematischen Studiums" aus, die ein Studium von drei bis vier Jahren voraussetzen, welches in der That gründliche Kenntnis vermittelt. Licht, Schall, Elektrizität u. s. w. zerlegt, sodafs für einen, der eine Reihe zusammenhängender Vorlesungen verfolgt, im Laufe von zwei bis drei Jahren eine nicht ganz oberflächliche Kenntniss des Gegenstandes zu erwerben ist. Mit besonderer Vorliebe wird das Studium der englischen Geschichte gepflegt, welche in zahlreichen Unterabschnitten gelesen wird. Besonders eingehende Behandlung findet die Zeit der Reformation und der Puritaner. In der That ist Kenntnis der heimischen Geschichte für jeden, der politische Rechte bewufst ausüben soll, unentbehrlich. Am Schlüsse jeder Ausdehnungsvorlesung findet eine Prüfung statt, welche nicht der Lehrer abhält, sondern ein von der Universität zu diesem Zweck abgeordneter Examinator. Die Prüfung ist natürlich freiwillig; zugelassen werden jedoch nur solche, die zur Zufriedenheit des Lehrers an den Arbeiten in der Klasse teilgenommen haben. Wenn der Schüler die Prüfung bestanden hat, so wird ihm darüber ein Zeugnis ausgestellt. Auf die Erteilung desselben ist jedoch nicht nur das Urteil des Examinators, sondern auch das des Lehrers über die wöchentlichen Leistungen von Einflufs. Die Zeugnisse enthalten zwei Grade: „Bestanden" und „Auszeichnung". Jede weitere Abstufung ist deshalb un- thunlich, weil es sich um Leute des verschiedensten Alters und aller Bildungsgrade handelt. Das Zeugnis hat zunächst Wert in sich selbst. In den unteren Mittel- und Arbeiterklassen legt man auf solche Bescheinigung einer gewissen Bildung grofsen Wert, und unter mehreren sonst gleich zu achtenden Bewerbern mag sie oft den Auschlag geben. Aufser- dern aber erhebt eine bestimmt vorgeschriebene Reihe von Vorlesungen aus einem einheitlichen Gebiete, z. B. Naturwissenschaft oder Geschichte, den Schüler der von Cambridge veranstalteten Vorlesungen zum „affiliierten Studenten". Dafs — 463 — er die betreffenden Vorlesungen gehört hat, hat er durch Vorlegung der entsprechenden Zeugnisse darzuthun. Unter dieser Voraussetzung erläfst man ihm, wenn er später die Universität beziehen sollte, ein Jahr des Studiums, sodafs er statt nach drei bereits nach zwei Jahren seine Universitätsprüfung bestehen kann. Der Zweck dieser Einrichtung besteht einmal darin, dem Schüler der Ausdehnungskurse einen Antrieb zu planmäfsigem und fortgesetztem Studium zu geben. Zwar kommt es nicht häufig vor , dafs von dem Privilegium einer vei'kürzten Universitätszeit Gebrauch gemacht wird; denn die meisten, die es erworben haben, sind eben überhaupt nicht in der Lage, den täglichen Broterwerb Studien halber aufgeben zu können. Indem sich jedoch diese „angegliederten Studenten" zu Vereinen zusammenschliefsen, besitzt die Universität aufser ihren vollen Mitgliedern über das ganze Land ihre zugehörigen Genossen, welche stolz darauf sind, in gewisser Weise zur alten berühmten Hochschule zu zählen. Daher ist auch der ideale Erfolg dieser Einrichtung nicht zu unterschätzen. Dr. Westcott drückte denselben in einer am 9. März 1887 zu Cambridge abgehaltenen Versammlung mit folgenden Worten aus: „Der Bergmann in den Northumbri- schen Kohlengruben, Arbeiter in den Fabriken der mittleren Grafschaften, Arbeiter in Stadt und Land können mit Stolz wiederholen, was nicht nur unser Motto, sondern nun auch ihres ist: „Hinc lucem et pocula sacra", wenn sie ihr Leben erhellt und gereinigt, veredelt und geheiligt finden durch den Begriff einer höheren Erziehung, welche die Universität zu ihnen hat bringen dürfen." Oxford gewährt den tüchtigsten Schülern seiner Ausdehnungsvorlesungen einen anderen Vorteil. Einige hundert von ihnen (1889 bereits gegen 1000) werden während der Universitätsferien, im August, nach Oxford eingeladen und dort — 464 — bei Abwesenheit der Studenten in den Kollegien einquartiert. Aufser dafs man den Geladenen die an Erinnerungen so reiche Universität zeigt, werden Vorlesungen abgehalten, welche den Zweck verfolgen, durch Angabe von Litteratur etc. die häuslichen Studien in jener Zwischenzeit zu leiten, in der keine Ausdehnungsvorlesungen stattfinden. Aufserdem werden Preisarbeiten ausgeschrieben aus dem Gebiete der Geschichte, Litteratur, Nationalökonomie und Naturwissenschaft, von denen einige nur für Elementarlehrer, andere nur für Arbeiter zugänglich sind. Man erwartet, dafs die Preise zu einem Aufenthalt in Oxford und zum Studium daselbst verwendet werden. Für die Volkstümlichkeit der „Ausdehnungsbewegung" sprechen folgende Zahlen, welche aufserordentlich raschen Fortschritt bekunden: Zahl der Mittelpunkte Zahl der Vorlesungen Zahl der Zuhörer A. Die Oxforder Gesellschaft für Ausdehnung d. Universitätsbildung. 1885-86 22 27 .— 1886—87 50 67 9 908 1887-88 53 87 13 076 1888—89 82 109 14351 B. Die Cambridger Gesellschaft. 1883—84 51 66 7 878 1884-85 57 73 7 259 1885—86 61 80 8 557 1886—87 74 100, 10 494 1887—88 74 98 9 509 C. Die Londoner Gesellschaft. 1884 42 53 3 662 1885 47 63 5195 1886 45 61 5 084 1887 49 65 5 662 1888 59 80 7150- 5 ! — 465 — Eine andere Frage freilich ist die, welche Klassen die Universitätsausdehnungsbewegung erreicht, und hierauf ist eine Antwort deswegen nicht leicht, weil es dafür eine Statistik nicht giebt. Man hat Damen aus den besten Ständen an den Vorlesungen teilnehmen sehen. Einen nicht unbedeutenden Teil der Hörer stellt ferner der Handelsstand. Namentlich in den Industrie- und Bergwerksbezirken des Nordens jedoch hat die Bewegung weit über den Mittelstand hinaus den eigentlichen Arbeiter erreicht. Gerade für ihn ist die Ausdehnungsbewegung von besonderer Wichtigkeit. Man darf dabei nicht an jene seichte Aufklärung denken, wie sie mit Popularisierung der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft häufig verbunden ist. Die Universitätsausdehnung verfolgt praktische Zwecke. Sie will den ungebildeten Mann seine politischen Rechte, mit denen ihn die neuere Gesetzgebung so reichlich beschenkt hat, begreifen und nach eigenem Urteil ausüben lehren; sie will ihm — und dies ist besonders bei den naturwissenschaftlichen Vorlesungen der Fall — Kenntnisse für seinen Beruf an die Hand geben oder ihm für seine Mufsestunden, wie durch die Kunstklassen, Gebiete des Vergnügens eröffnen, die ihm sonst verschlossen blieben. Dafs die Universitätsausdehnungsbewegung hier in der That einem bestehenden Bedürfnis entgegengekommen ist, zeigen zahlreiche Fälle, wie folgender. Zwei Arbeiter nahmen an einem Kurse über Chemie', der in Cramlington abgehalten wurde, Teil, und legten den Hin- und Rückweg, jedesmal etwa fünf englische Meilen, zu Fufs zurück. Nachbarn von ihnen hätten ebenfalls gern an 'dem Kurse teilgenommen, konnten sich jedoch den erforderlichen Aufwand an Zeit nicht gestatten. Man veranstaltete daher in dem Dorfe einen ähnlichen Kursus, in dem die beiden Teilnehmer den Inhalt der gehörten Vorlesung so gut als möglich wie- v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 30 hergaben. Sie verschafften sich sogar einige Apparate, um die Experimente zu wiederholen. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch wurde gegen Ende des Kursus eine Prüfung veranstaltet, in welcher der Examinator „eine tüchtige Kenntnis des behandelten Gegenstandes fand, die selbst zum Bestehen eines gewöhnlichen Universitätsexamens auf demselben Gebiete ausgereicht haben würde". Bergleute haben als Zuhörer teilgenommen, welche nach beendeter Vorlesung zur Nachtschicht einfuhren. Der Oxforder Bericht vom Juli 1889 erzählt von einer Weberin aus einer Baumwollenfabrik zu Burnley, welche eine Preisarbeit geschrieben hatte, die ihr ermöglichen sollte, nach Oxford für einige Zeit zur weiteren Fortbildung zu gehen. Für diesen Zweck opferte sie ihre Mittagszeit, um am Webstuhl ihre Bücher vorzunehmen. Bezüglich der Teilnahme der Arbeiter hat man die Erfahrung gemacht, dafs ein gänzlicher Erlafs des Eintrittsgeldes weder die Zahl noch insbesondere den Ernst der Teilnehmer erhöht. Wer den Willen hat, Zeit und Mühe auf den Gegenstand der Vorlesung zu verwenden, wird auch in der Lage sein, das Geld aufzubringen und gerade dadurch, dafs er sich im Anfang ein Opfer auferlegt, wird seine Ausdauer angespornt. Die Beteiligung von Arbeitern an den Ausdehnungsvorlesungen liefert dort besonders erfreuliche Ergebnisse, wo die Arbeitervereine der Bewegung entgegenkommen. So beteiligen sich als solche nicht selten Jünglingsvereine, Arbeiterklubs mit geselligen und politischen Zwecken, Debattengesellschaften etc. an den Vorlesungen. Einige Arbeitervereine sind als selbständige Veranstalter von Vorlesungen aufgetreten, insbesondere mehrere gröfsere Genossenschaften. Aus den angegebenen Gründen konnten wir auf die Ausdehnungsbewegung nicht näher eingehen. Erwähnen mufsten — 467 — wir sie, weil sie ein Zeichen dafür ist, wie in der Tliat eine gesellschaftliche Neuordnung sich vorbereitet, welche die Entfernungen zwischen den verschiedenen Klassen vermindert und eine thatsächliche Gleichheit befördert, die ja dort oft am wenigsten vorhanden ist, wo Verfassungsparagraphen sie dekretieren. Mögen die Formen dieser Neuordnung noch verschleiert sein, das dürfte feststehen, dafs mit Erweiterung des Bedürfnisses nach höherer Bildung sich auch die Grenzen zwischen leitenden und geleiteten Klassen verschieben werden. Weise ist es, diesem Bedürfnis von oben her entgegenzukommen, während es sich selbst überlassen seine Nahrung — die revolutionäre Litteratur — schafft und die Gesellschaft in zwei Nationen auseinanderreifst 1 . 1 Festländische Beobachter erstaunt der hohe Bildungsstand des fortgeschrittenen englischen Arbeiters. Nach den jüngst erschienenen „Problems of Greater Britain" von Sir Charles Dilke ist Australien einen Schritt weiter. Eine gleichmäfsige Durchschnittserziehung, gleiche Interessen, gleiche Vergnügungen, wie Zeichnen, Musik u.s.w., vor allem auch gleiche Sports wie Fufsball, Cricket, haben hier, verbunden mit hohen Löhnen, dem Achtstundentage und freiem Schulunterricht, den Arbeiterstand als getrennten Stand und damit die Arbeiterfrage nahezu beseitigt. — Mein Material über die Universitätsausdehnungsbewegung verdanke ich hauptsächlich Herrn M. E. Sadler, dem Schriftführer der Oxforder Gesellschaft für Universitätsausdehnung, dem ich hiermit meinen Dank ausspreche. 30* Zum socialen Frieden, Eine Darstellung der socialpolitischen Erziehung des englischen Volkes Leipzig, Verlag von Duncker & Humblot. 1890. im neunzehnten Jahrhundert. Dr. Gerliart von Schulze-Gaevernitz. Zweiter Band. Inhalt zum zweiten Bande. Seite Zweites Buch. Die' socialen Richtungen der Gegenwart .... 1 Fünftes Kapitel. Der Positivismus 3 I. Der Positivismus als theoretische Richtung 7 II. Der Positivismus als politische Richtung 48 Sechstes Kapitel. Der Socialismus 78 I. Die Grundlagen des Socialismus 80 II. Die Organisation des Socialismus 116 III. Der Socialismus und die Gewerkvereine 136 IV. Die Landfrage 157 V. Der Socialismus und die Kirche 164 VI. II. Spencers Kritik 176 Drittes Bnch. Der sociale Friede 187 Siebentes Kapitel. Die socialpolitische Erziehung der Grofsindustrie 190 I. Die Wohlfahrtseinrichtungen 190 II. Die Fabrikgesetzgebung 202 III. Die Koalitionsfreiheit 224 IV. Die Interessengemeinschaft der Arbeit mit der modernen Produktionsform 253 Achtes Kapitel. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter in der Grofsindustrie 280 I. Allgemeines 280 II. Die Textilgewerbe 290 — VI — Seite III. Die Kohlenindustrie * • 329 A. Der gemeinsame ständige Ausschufs (joint com- mittee) 333 Statuten des gemeinsamen ständigen Ausschusses für Northumberland. (März 1877) 348 Zusatzregeln 349 B. Erledigung allgemeiner Fragen 351 IV. Die Eisenindustrie 377 A. Eisenbergbau und Hochöfen 377 B. Das Hüttengewerbe 385 C. Gleitende Lohnskala 396 D. Die weitere Verarbeitung des Eisens 413 V. Folgen 425 Neuntes Kapitel. Die ungelernten Arbeiter 433 I. Der Ausstand der Dockarbeiter 1889 433 II. Die übrigen ungelernten Arbeiter 458 Schlufs 486 Zweites Buch. Die socialen Richtungen der Gegenwart. (Fünftes und sechstes Kapitel.) „It may be said, that the inferior efficacy of public and social feelings, is not inevitable — is the result of imperfect education." John Stuart Mill. Chapters on Socialism. Fortnightly Review Apr. 1879, S. 516. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 1 Fünftes Kapitel. Der Positivismus 1 . Vorbemerkung. Litteratur des englischen Positivismus. I. Englische Übersetzungen der Werke Comtes. The Positive Polity, 4 vols. 8vo, with Analytical Tables, Appendices, Diagrams, and Index. (Longmans & Co.) Vol. I. — The General View of Positivism and Introductory Prin- ciples (Dr. Bridges). Vol. II. — Social Statics, or the Ahstract Theory of Human Order (Mr. Frederic Harrison). Vol. III. — Social Dynamics, or the General Theory of Human Progress (Professor Beesly). Vol. IV. — The Theory of the Future of Man (Dr. Congreve). The General View of Positivism, translated by Dr. Bridges, 2nd edition. (Reeves & Turner.) The Positive Philosophy, translated by Harriet Martineau, 2nd edition. (Trübner & Co.) The Catechism of Positive Religion, translated by Dr. Congreve (Trübner & Co.) 1 Vorliegendes Kapitel, aufser die auf H. Spencer bezügliche Stelle, hat Herr Harold Herford zu Aberyswith in der Handschrift durchzusehen die Güte gehabt, ein in der deutschen Litteratur wie in den Schriften des Positivismus gleich bewanderter Anhänger der zu schildernden Richtung, welchem ich hiermit meinen Dank ausspreche. 1* t _ 4 — The Positivist Calendar and Tables, 24mo. The Positivist Library. II. Schriften englischer Positivisten. Dr. J. H. Bridges. — The Unity of Comte's Life and Doctrine, a Letter to Mr. Mill. (Trübner & Co.) — Prayer and Work, a Lay Sermon. — Religion and Progress, a Lay Sermon. — Rapports du Positivisme avec les autres croyances actuelles, Discours prononce ä Paris, 5 Sept. 1880. Frederic Harrison. — Order and Progress. (Longmans & Co.) — The Meaning of History. (Trübner & Co.) — Science and Humanity, a Lay Sermon. — The Present and the Future, an Address. — Pantheism and Cosmic Emotion, an Address. — Destination, or Choice of a Profession, an Address. Professor Beesly. — The Social Future of the Working Classes. (Reeves & Turner.) — Some Public Aspects of Positivism. International Policy. — Essays on the Foreign Relations of England. (Chapman & Hall.) Dr. R. Congreve. — Essays: Political, Social, and Religious, 8vo. (Longmans & Co.) Dr. J. Kaines. — The Doctrine of Positivism, 8vo. (Reeves & Turner.) — Clairauts Geometry, translated. (K. Paul & Co.) — The Beauty of Holiness. Professor Ingram. — The Present Position and Prospects of Political Economy, an Address. (Longmans & Co.) Henry Dix Hutton. — Humanity the True Object of Worship, Faith and Service. — A Letter on the Irish Crisis. Dr. R. Congreve. — Commemoration of Auguste Comte, 1879 and 1882. Positivist Library, 19 Chapel Street, Lamb's Conduit Street, London, W.C. Dr. J. II. Bridges. — Three Lectures on the Bible. (Reeves & Turner.) — Comte: the Successor of Aristotle and St. Paul. (Reeves & Turner.) Professor E. S. Beesly. — The Life and Death of William Frey. (Reeves & Turner.) — Positivism before the Church Congress. (Reeves & Turner.) — 5 — Frederic Harrison. — The Positivist Library. (Reeves & Turner.) Essays on International Policy. (Congreve, Harrison, Beesly, Bridges etc.). Cloth. (Chapman & Hall.) C. G. Higginson. — The Moral Significance of the Story of Faust. (E. W. Allen, Ave Maria Lane, London, EC.) — Auguste Comte (September 5th, 1887). (Beeves & Turner.) Von den kritischen Behandlungen, welche zahlreich, aber im allgemeinen wertlos sind, weil meist auf Mifsverständnis des Positivismus beruhend, nenne ich allein die bekannte, weit über dem Durchschnitt stehende Schrift J. St. Mills in der deutschen Ausgabe seiner gesammelten Schriften Bd. IX. Leipzig 1874. Aufserdem sind für den heutigen englischen Positivismus wichtig: a) die Aufsätze Fr. Harrisons und anderer Positivisten in der „Fortnightly Review" aus den sechziger und siebenziger Jahren; b) die reiche Pam- phletlitteratur der Positivisten; c) die jedem Besucher offenen religiösen Versammlungen der Positivisten zu Newton Hall, Fleur de Lys Court, Fetter Lane, London. Der ungeheure Umschwung von einer individualistischen zu einer socialen Gesellschaftsanschauung, welcher das Merkmal des neunzehnten Jahrhunderts bildet, und dessen Mittelpunkt für England Thomas Carlyle gewesen ist, hat nicht nur die konservativen und gemäfsigt liberalen Richtungen ergriffen. Auch die Radikalen haben ihm ihren vollen Zoll bezahlt. An Stelle des älteren Radikalismus, wie er theoretisch durch Bentham, politisch in der Lehre vom Laissez- faire durch John Bright, Cobden und andere vertreten wurde, tritt der Positivismus und der Socialismus. Der Positivismus ist älteren Datums. Schon H. Taine weist in seinem Buche: „Notes sur l'Angleterre" (Paris 1872), welches auf Beobachtungen der fünfziger und sechziger Jahre beruht, darauf hin, dafs positivistische Anschauungen in England vielfach auch im Arbeiterstande Boden gewännen. Die Ausbreitung des Positivismus aber wurde, wie seine eigenen Vertreter vorhergesagt hatten 1 , seit den siebziger Jahren durch den Socialismus überholt. Wie sehr noch bis vor kurzem socialistische Richtungen gerade den Radikalsten der Radikalen entgegengesetzt waren, auch für England erscheint es heute nur als eine Frage der Zeit, bis auf der äufsersten Linken sich der Umschwung vom Individualismus zum Socialismus vollzogen haben wird. Die Positivisten ihrerseits aber betrachten diese Entwicklung als Gewinn für sich, indem sie zwar den Socialismus nicht teilen, aber ihn, wie wir sehen werden, als notwendigen Durchgangspunkt betrachten, über welchen hinaus West-Europa in den „positivistischen Gesellschaftszustand" übergehen soll. Trotzdem wird auch der Positivismus mehr und mehr eine Macht, mit der man sich auseinandersetzen mufs. Der Positivismus geht auf August Comte zurück, welcher im Jahre 1798, zwei Jahre nach Carlyle, zu Montpellier in Süd-Frankreich geboren wurde. Seine Werke sehen die englischen Positivisten als Grundlage ihrer Lehre an; jedoch haben die veränderten Verhältnisse, wie sie das moderne England gegenüber der Zeit und Heimat Comtes aufweist, für Männer, deren Hauptinteressen auf dem socialen Gebiete liegen, neue Probleme zu Tage gefördert. Daher finden sich in der neueren positivistischen Litteratur Englands Fragen, welche Comte nur gestreift hat, eingehend behandelt; diese Fortentwicklung des Positivismus veranlafst mich die im folgenden zu gebende Darstellung seiner Grundgedanken vorzugsweise auf die Schriften seiner lebenden Vertreter, sowie mündliche Mitteilungen derselben aufzubauen. Auch bin ich mir bewufst, dafs die Aufgabe, den modernen 1 Vergl. Frederic Harrison, New Years address 1887, S. 19. — 7 — englischen Positivismus in dem gegebenen Rahmen darzustellen, nicht anders als unzulänglich zu lösen ist. Ist doch einerseits das schwierige System Comtes nicht als bekannt vorauszusetzen, während andererseits auf die Stellungnahme der englischen Positivisten zu den socialen Problemen der Gegenwart der Hauptnachdruck zu legen ist. Bei der Schwierigkeit der Aufgabe schien mir jedes Einmischen von Kritik verwirrend; daher ich so objektiv wie möglich darstelle. Meine Darstellung geht den entgegengesetzten Weg als die von J. St. Mill gegebene. Während dieser die damals eben aufgetretene Philosophie A. Comtes darstellt, versuche ich die Auffassung, welche dieselbe bei den heutigen englischen Positivisten findet, wiederzugeben. Daher konnte Mill mit den theoretischen Aufstellungen des Positivismus beginnen, um damit zu endigen, dafs dieselben auch Anspruch machten, Religion zu sein; für mich dagegen war dieser letztere Punkt zuerst hervorzuheben war, weil er für die Positivisten das wichtigste ist. Während Mill auf die Lächerlichkeiten, welche den späteren Aufstellungen Comtes anhaften, eine grelle Beleuchtung wirft, können wir dieselben übergehen, da sich die heutigen Positivisten ihnen ebensowenig versehliefsen, wie jeder unbefangene Leser, aber die Grundlehren für durch sie unberührt erklären. I. Der Positivismus als theoretische Richtung. Die Kritik des Positivismus gegenüber den socialen Verhältnissen der Gegenwart ist der von Thomas Carlyle geübten äufserst verwandt. Diese Verwandtschaft wäre mehr in das Auge gefallen, wäre nicht die Schreibweise beider so sehr ver- schieden: während Carlyles Gedanken fast stets in der glänzenden Sprache der Leidenschaft hervorgestofsen werden, dagegen das innere System verborgen liegt und nur bei andauerndem Studium hervortritt, opfert Comte selbst die Flüssigkeit des Stils den Anforderungen einer fast mathematischen Schärfe. ■ Trotzdem sind sich die Comtisten bewufst, in wie vielen Punkten ihnen Carlyle vorgearbeitet hat. Man kann sagen, dafs die Aufnahme, die der Positivismus in England gefunden hat, dem Einflufs zu verdanken ist, welchen Carlyle auch auf die radikalen Richtungen geübt hat. Aber während die Diagnose, welche Carlyle und die Positivisten über die krankhafte Beschaffenheit der gegenwärtigen Gesellschaftszustände aufstellen, die gleiche ist, — eine Thatsache, die z. B. C. G. Iligginson 1 betont — gehen beide, was die Prognose der künftigen Entwicklung angeht, auseinander. Wie Carlyle führt der Positivismus die socialen wie moralischen Mifstände der Gegenwart auf die „dösOrganisation spirituelle" zurück, d. h. die Disharmonie, welche dadurch in die menschliche Natur gekommen ist, dafs der Glauben, auf welchem das Denken, Fühlen und Handeln des Einzelnen und damit die Gesellschaft beruht, durch die fortschreitende Entwicklung des Wissens für immer weitere Kreise hinfällig wird. Die Fähigkeit der Hingabe und Selbstaufopferung geht in dem Grade verloren, als durch den Fortschritt des Wissens ihre intellektuellen Voraussetzungen veralten. Die selbstsüchtigen d. h. gesellschaftsfeindlichen Triebe werden damit wieder mächtiger und der Bestand der Gesellschaft, jener durch altruistisches Handeln der Vorzeit aufgespeicherten Erbschaft, wird dadurch in Frage gestellt. 1 Auguste Comte, an address on his life and work. C. G. Higginson, London, Reeves and Turner, Strand W.C. S. 6. Was dem modernen Menschen fehlt, ist also die Übereinstimmung seiner wissenschaftlichen Überzeugungen und seiner Gefühlswelt, welche in einer geordneten und plan- mäfsigen Thätigkeit ihren Ausdruck finden würde. Eine solche Lehensauffassung aber, welche alle Fähigkeit des Menschen: Denken, Fühlen und Handeln durch Unterordnung unter einen aufserhalb des Individuums befindlichen Zweck in Harmonie setzt, hat man zu allen Zeiten als „Religion" bezeichnet. „Sie ist", wie Comte in seinem Katechismus des Positivismus sagt, „der Zustand vollkommener Einheit, welcher unser persönliches sowohl als unser sociales Dasein auszeichnet, wenn alle seine physischen wie moralischen Bestandteile einer gemeinsamen Bestimmung zustreben. Da eine solche individuelle wie kollektive Harmonie unter so verwickelten Existenzbedingungen wie die unsrigen sind, unmöglich vollständig verwirklicht werden kann, so stellt diese Definition der Religion den unwandelbaren Typus dar, dem uns die Gesamtheit menschlicher Anstrengungen immer näher und näher zu bringen hat. Unser gröfstes Glück wie Verdienst besteht hauptsächlich in der Annäherung an diese Einheit, deren allmälige Zunahme den besten Mafsstab des wirklichen persönlichen wie gesellschaftlichen Fortschritts bildet." Religion umfafst demnach den ganzen Menschen, sie ist „coextensive with life". Sie bringt das Denken in Übereinstimmung mit den Gefühlen und giebt beiden einheitlichen Ausdruck im Handeln. Sodann aber vereinigt sie Menschen zu Gemeinsamkeiten der Gedanken, der Gefühle und der Handlungen; sie schliefst so die Einzelnen zu socialen Ganzen zusammen und beherrscht das gesamte Leben der Gesellschaft. Dergestalt war die Religion in allen wirklich religiösen Zeiten: unter den grofsen Theokratien des Ostens, unter Moses und den Propheten, im frühen Griechenland und — 10 — Rom, unter den christlichen Märtyrern der ersten Jahrhunderte, in der Kirche des Mittelalters. Damals war Gott thatsächlieh allmächtig und allgegenwärtig und kein Gebiet des Lebens gab es, das er nicht erfüllt und geregelt hätte — alles durchaus Carlylesche Gedanken. Anders heute. Es ist schwer für uns, sagen die Positi- visten, sich von dieser allumfassenden Macht der Religion auch nur eine Vorstellung zu machen. Denn was heute unter diesem' Namen auftritt, ist nichts weniger als eine das individuelle wie das sociale Leben ordnende Macht. Die heutige Gottheit vielmehr, welche nur in Negationen beschrieben werden kann, hat sich mehr und mehr aus der Welt zurückgezogen; die Religion ist nicht mehr imstande, Wissenschaft, Kunst, Industrie, Politik zu ordnen und das ganze menschliche Dasein einheitlich zu machen (systematiser). Alle diese Gebiete, mehr und mehr von ihr freigegeben, unterfallen der Herrschaft des Individualismus. Nur noch fern von allem praktischen Leben gilt die Religion auf dem Nebellande der metaphysischen Spekulation. Ihre einzige Hoffnung beruht auf ihrer Unbestimmtheit. Wie sie zu jenseitig ist, um in das praktische Leben hinüberzureichen, zu subjektiv, um dem Menschen als eine über ihm stehende Autorität entgegenzutreten, so ist sie zu neutral, um mit der Wissenschaft in Streit zu geraten. Die Religion in diesen Zustand überzuführen, war das Werk des religiösen Liberalismus. Mit Recht erklärte Cardinal Newman für die der Religion heute am meisten drohende Gefahr jene Lehre, dafs es überhaupt keine objektive Wahrheit in der Religion gäbe, dafs vielmehr ein Glaube so gut wie der andere sei. Aber es ist ein armseliger Anspruch, nicht „unvereinbar" mit der Wissenschaft und den Anforderungen des praktischen Lebens zu sein, für eine Macht, welche das gesamte menschliche Dasein be- > — 11 — herrschen und ordnen sollte, das Denken sowohl wie das Handeln. Dies wenigstens, sagen die Positivisten, gelte von der protestantischen Form des Christentums, die sich jedem Wechsel der Verhältnisse anpasse, „weich und gestaltlos wie der Morgennebel". Die römisch-katholische Kirche dagegen gesteht ihre Unvereinbarkeit mit der gesamten modernen Kultur offen ein. Für die Entdeckungen der Wissenschaft hat sie nichts als den Syllabus, für die industrielle Entwicklung der Gegenwart, welche mehr als alles andere nach einer organisierenden Macht ruft, hat sie nichts als die Lehre von Schlechtigkeit des Diesseits und den Rat asketischer Weltflucht. Sie gleicht einer „majestätischen Ruine, welche fest und unveränderlich bleibt, weil die leiseste Veränderung sie in Staub werfen würde". Freilich noch ist die Entwicklung in allen Kreisen nicht gleich weit vorgeschritten. An alle diejenigen, welche dem Alten noch irgendwie innere Befriedigung und den Antrieb zu selbstlosem Handeln verdanken, wendet sich der Positivismus nicht. Er ehrt vielmehr jede Überzeugung, gleich viel, welche es sei, wenn sie nur imstande ist, den Trieben der Selbstverleugnung über die der Selbstsucht den Sieg zu verschaffen. Ganz verschieden von dem Materialismus der ihm vorausgehenden Aufklärung sieht der Positivismus in den Stiftern und Heiligen der Religionen, insbesondere des Christentums, die Wohlthäter der Menschheit; sie allein bisher wirkten wahrhaft konstruktiv und sind daher die Gröfsten der Vergangenheit. Aber neben jenen Kreisen stehen heute und wachsen mehr und mehr an Bedeutung andere. Der Positivismus wendet sich aussehliefslich an diejenigen, welche ein „System des Lebens" nicht mehr besitzen, an die Männer der Wissen- schaft, welche die erweiterte Erkenntnis, d. h. die Einsicht von der unabänderlichen und allgemeinen Geltung des Naturgesetzes den theologischen Glauben hat aufgeben lassen, an die arbeitenden Millionen, welche zu ihrem Schaden empfinden, dafs die Macht, welche das wirtschaftliche Leben regeln sollte, abgedankt hat. Für sie ist der Positivismus nicht eine neue Philosophie, sondern die Religion, d. h. diejenige Macht, welche das Leben und Denken zunächst der fortgeschrittensten Nationen neu organisieren, und damit den „positiven Gesell- schaftszustand" der Verwirklichung zuführen wird. Als solche hat der Positivismus mit Gegnern zu kämpfen. Er erblickt dieselben nicht unter den Anhängern der alten Religionen. Vielmehr, wenn es eine geistige Macht in der Gegenwart giebt, der sich der Positivismus verwandt fühlt, so ist es die christliche Religion, so weit sie mehr als ein Wort und wirklich noch eine Macht ist. Zu ihr, die eine positive Macht war, wie er selber sein wird, befindet er sich, um den Ausdruck zu gebrauchen, in einem „sympathievollen Antagonismus" und giebt lediglich der Zeit anheim, zwischen ihr und sich selbst zu entscheiden. Sie ist die Form der Vergangenheit, er selbst die Form der Zukunft, um das moralisch schlechte, den „alten Adam" zu bekämpfen. Unter den Kreisen, die dagegen vom Christentum schlechterdings nicht mehr beeinflufst werden, und die sein eigentliches Missionsfeld darstellen, hat er zwei Gegner. Sein erster Gegner ist die Wissenschaft der Gegenwart. Der Positivismus als Religion ordnet das menschliche Leben einer aufser ihm stehenden Macht unter. Damit aber wird auch die Wissenschaft dieser Macht untergeordnet, während ihre heutigen Vertreter sie als Selbstzweck hinstellen. Der Positivismus will zu praktischem Zwecke das gesamte menschliche Wissen systematisieren, was die Fachleute in individua- — 13 — listischer Beschränktheit bekämpfen. Dieselben, lediglich mit ihren Sonderfächern' beschäftigt, haben den Begriff der Wissenschaft als eines Ganzen verloren. Soweit sie zudem in den heute am weitesten fortgeschrittenen Wissenschaften, den mathematischen und physikalischen, zu Hause sind, glauben sie die für ihr beschränktes Gebiet gültige Erklärung auf alle anderen übertragen zu können; daher der Materialismus, welcher unter den Specialisten dieser Fächer seine wissenschaftlichen Verteidiger findet. Wenn die Philosophie das Wissen als Selbstzweck betrachtet, die Religion es einem höheren Zweck unterordnet, so findet der Positivismus in den Kreisen der Fachgelehrten Gegner, weil er Religion und nicht blofs Philosophie ist. In gleicher Weise aber erheben sich innerhalb der religionslosen Arbeiterklasse Gegner des Positivismus, weil er Religion und nicht Politik ist. Sobald die alten Glaubensformen hinfällig geworden sind und damit das physische Wohlsein das allbeherrschende Ziel wird, glauben die wirtschaftlich Schwachen, dafs ihnen durch politische Veränderung geholfen werden könne, und verlangen Eingriff des Staates, um die von ihnen zumeist empfundenen Mifsstände zu beseitigen. Während daher die Massen dem Socialismus anheimfallen — ein Vorgang, welcher aus dem Vorherrschen einer individualistischen Weltanschauung notwendig folgt •—, werden zunächst nur wenige der besten unter den Arbeitern eine Lehre annehmen, welche jeden Versuch, durch äufsere Mittel die Gesellschaft umzuformen, als verfehlt zurückweist, und sociale Reform nur auf Grund der innerlichen Reform des Einzelnen möglich erklärt. Trotzdem ist, sagen die Positivisten, der endliche Sieg ihrer Sache sicher. Sie nämlich böten den einzigen Weg, um zwei scheinbar unversöhnliche Forderungen, die beide — 14 — gleich tief in der menschlichen Natur eingewurzelt sind, zu versöhnen: die wissenschaftliche Forschung einerseits und das religiöse Bedürfnis andererseits. Diese Versöhnung bewirkt der Positivismus durch Aufstellung des altruistischen Grundsatzes: „Lebe für den Nächsten", welcher sein End- auspruch wie der der früheren Keligionen ist. Alles andere erschien demgegenüber Mittel zum Zweck; Zungenreden, Weissagen, selbst der Glaube als Fürwahrhalten gewisser Vorstellungen von einem Jenseits war dem Apostel nichts ohne die Liebe, dieses letzte uud höchste Erzeugnis der Religion. Jede Religion, die dieses Namens würdig war, unternahm die Gesellschaft wie das Leben des Einzelnen dadurch zu organisieren, dafs sie in einer oder der anderen Form irgend ein grofses sociales Gefühl zur Richtschnur erhob. Für die Juden des alten Testaments war es die Unterwerfung unter den Stammesgott und die von ihnen eingesetzte Theokratie, für die älteren Griechen Hingabe an ihre Stadt und Stadtgottheit. Unter Ausdehnung des GottesbegrifFes hat sieh der Kreis immer mehr erweitert, sodafs gegenüber dem Christentum der Positivismus kaum etwas neues sagt, wenn er das „Lebe für den Nächsten" dahin auslegt: „Lebe für die Familie, das Vaterland, die Menschheit." Es sind dies die drei Kreise, durch welche der Mensch in seiner Entwicklung hindurchgegangen ist, und von denen immer der vorhergehende, weil er noch mehr egoistische Triebe in Bewegung setzt, als Erziehung für den nachfolgenden zu betrachten ist. Der gemeinsame Feind aller Religionen ist demgegenüber der Individualismus, welcher in der Gegenwart, nachdem das Christentum für viele machtlos geworden ist, wieder fast ungebändigt herrscht; daher dieMifsachtung der Familie, des Vaterlandes, der Menschheit. Werden doch diese Worte vielfach nur noch zur Verhüllung selbstsüchtiger Ziele benutzt — 15 werden. Hier liegt das tiefste Übel, an dem die Gegenwart leidet; es zu beseitigen, ist nicht das Gesetz, sondern allein die Religion berufen. Es erhebt sich die Frage: was bringt der Positivismus neues, wenn der Altruismus von allen Religionen gepredigt worden ist. Trotzdem, sagen die Positivisten, sei ihre Lehre etwas durchaus neues; ja ihr Erscheinen eröffne einen Abschnitt in der Geschichte der Menschheit. Alle Religionen nämlich mufsten bisher, um ihren Endzweck zu ^erreichen und den Individualismus zu besiegen, übernatürliche Hülfsmittel aufbieten. Von der frühesten Form eines kindlichen Fetischismus bis zu der letzten, dem Monotheismus, war es der Glaube an übersinnliche Wesen allein, durch welcher jener Sieg erfochten werden konnte. Auch war das unentwickelte Denken des Menschen mit diesem Glauben wohl vereinbar; später aber konnte es freiwillig eine übernatürliche Beeinflufsung des vom Naturgesetz beherrschten Diesseits nicht mehr annehmen. Die Folge war, dafs das Denken gefesselt wurde: „der Verstand wurde zum Sklaven." Es war dies zu jener Zeit eine Notwendigkeit; denn es handelte sich um weit bedeutendere Güter. Das menschliche Denken eben war noch nicht imstande, Selbstaufopferung und Hingabe für das Wohl anderer ohne übernatürliche Hülfsmittel verstandesgemäfs zu begründen. Dies zeigt sich deutlich darin, dafs bisher alle, welche sich vom Glauben an das Übernatürliche befreit hatten und lediglich auf Grund der Erfahrung urteilten, eine utilitarische Moralauffassung vertraten. Die entgegengesetzte altruistische konnte allein bestehen auf Grund der Religionen oder theologisch beeinflufster Philosophien. Daher waren die letzteren allein social positiv, während jene trotz ihres Ausspruchs auf wissenschaftlichen Positivismus social negativ wirkten. Hierin ist heute eine Veränderung eingetreten: das — 16 — menschliche Denken hat in seiner Entwicklung einen Punkt erreicht, von dem aus die Unterordnung der Selbstsucht unter die Selbstaufopferung, die bisher schlechterdings unverständlich erschien, als Naturgesetz bewiesen wird. Es tritt diese Möglichkeit ein mit dem Erscheinen einer neuen Wissenschaft: der Sociologie. Dieselbe überträgt die positive Denkweise, welche bisher in den früher ausgebildeten Wissenschaften geherrscht hat, z. B. der Physik, der Biologie u. s. w., auf die Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft, die bisher lediglich theologischen oder metaphysischen Erklärungen zugänglich schienen. Comte gewinnt damit in den Augen seiner Anhänger die Bedeutung eines Religionsstifters. Dadurch, dafs er die Sociologie positiv machte, wurde es zum erstenmal möglich, die Selbstsucht der Liebe unterzuordnen, d.h. religiös zu leben, ohne theologische oder metaphysische Annahme. Nennt sich der Positivismus eine Religion, d. h. eine Organisierung des menschlichen Daseins durch Unterordnung desselben unter einen aufser ihm befindlichen Zweck, so ist er eine Religion ohne Gott. Er verheifst die „reconstruetion sans dien", sowohl die Reform des Einzelnen wie der Gesellschaft auf Grund der erfahrungsgemäfsen Wissenschaft, „die Gründung einer allgemeinen Religion auf die wahre Philosophie, welche sich aus der thatsächlichen Wissenschaft er- giebt". Indem wir sogleich sehen, in welcher Weise dies geschieht, ist zunächst einem Mifsverständnis abzuwehren. Die Positivisten weisen jede Verwechslung ihrer Ansichten mit denen des Materialismus zurück 1 . Im Gegenteil, wenn die Wahl allein wäre zwischen dem theologischen Glauben einer- 1 Vergl. Comte, General view of positivism, translated by Bridges S. 49 ff. — 17 — seits und dem heute vielfach verbreiteten materialistischen Atheismus andererseits, so sei der erstere weit vorzuziehen. Er sei dem letzteren in doppelter Hinsicht überlegen: 1. moralisch. Der materialistische Atheismus der Gegenwart führe notwendig zu utilitarischer Moral, die theologische Annahme dagegen möglicherweise zu altruistischer. Der Atheismus entfefsle den Individualismus und bewirke so Verlängerung der Periode der Devolution, in welcher sich die Gegenwart befinde. 2. verstan- desgemäfs. Denn wenn man darauf bestehe, eine Ursache für die Welt der sinnlichen Erscheinungen aufzunehmen, so sei es weit annehmbarer, dieselbe in einem vernünftigen Willen zu finden, den man sich doch vorstellen könne, als in unvorstellbaren Wesenheiten, z. B. der Materie. Die Annahme eines schaffenden und erhaltenden Gottes sei die einzige, welche den Verstand befriedige, so lange derselbe die Frage nach der Ursache nicht ganz aufgebe und die Fragestellung selbst als verkehrt anerkenne. Der Positivismus unterscheidet sich von beiden Anschauungen dadurch, dafs er nicht Warum? sondern Wie? fragt, indem er lediglich Thatsachen feststellt, wie es diejenigen Wissenschaften, welche zuerst die positive Periode erreicht hatten, z. B. die Physik, die Astronomie seit lange thaten. Dabei ist er sich bewufst, dafs diese Thatsachen nur subjektives Dasein haben, und giebt das Suchen nach objektiver Wahrheit nicht nur als vergeblich, sondern als nutzlos auf. Weit entfernt, den theologischen Glauben mit Vernunftgründen zu widerlegen, sieht er ihn dadurch aufgehoben, dafs er seinen Ein- flufs auf die Gesellschaft und den Einzelnen mehr und mehr ein- büfst. Befindet sich zu ihm der Positivismus in einem Zustande „gesunden Wettbewerbes", so hat er von dem modernen Materialismus nichts als unfruchtbaren Widerstand zu erwarten; denn derselbe verursache „eine Gemütsstimmung, welche weit v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 2 — 18 — ungünstiger für den organischen Geist des Positivismus ist, als einfaches Anhangen an den alten Formen des Glaubens." Wie nun entspricht der Positivismus seinem Anspruch, beweisbare Religion (foi demontrable) zu sein? Es ergiebt sicli dies aus seiner entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung. Da kein Wollen, also kein Handeln ohne Vorstellung eines gewollten Gegenstandes erfolgt, so ist die gesamte menschliche Geschichte abhängig von der Entwicklung der Vorstellungswelt ; ein Überblick über die eine ist zugleich ein Überblick über die andere. So z. B. ist die Liebe zu Gott oder die Furcht vor Gott ein wichtiger Beweggrund für das Handeln der Menschen, also ein bedeutsamer geschichtlicher Faktor gewesen; aber der Mensch mufste einen Gott vorstellen, bevor er ihn lieben oder fürchten konnte. Wenn es daher gelingt, ein Gesetz für die Entwicklung der menschlichen Vorstellungen zu entdecken, so ist dieses zugleich ein Gesetz der menschlichen Geschichte überhaupt. Comte spricht nun dieses Gesetz darin aus, dafs jede einzelne Vorstellung wie die gesamte Vorstellungswelt drei Stufen durchmache, erst theologisch, dann metaphysisch, dann positiv sei. Wir müssen prüfen, welchen Sinn Comte mit dieser Aufstellung verbindet, da sie die Grundlage seiner Gedankenwelt bildet. Für den menschlichen Geist seien zwei Wege möglich, die Welt aufzufassen. Entweder könne er von dem eigenen Selbst ausgehen und nach dessen Analogie die Welt beurteilen, oder er könne ohne diese Analogie die Erscheinungen einfach beobachten und nach Gewinnung ihrer Gesetze diese auf die Beurteilung des Subjektes anwenden. Für den Menschen in der Kindheit des Erkennens sei nur der erstere Weg möglich gewesen. Die Welt sei in jener Periode dem Menschen vollständig untergeordnet, indem dieser sich als Mittelpunkt des Ganzen be- — 19 — trachte, und die Erscheinungen überhaupt nur insoweit beobachte, als sie auf ihn unmittelbar Bezug hätten. Sei doch die Erkenntnis lediglich für die Befriedigung der notwendigen Bedürfnisse entwickelt. Es ergehe sich hieraus die Notwendigkeit, dafs der Mensch sich zugleich als Typus der äufse- ren Erscheinungen ansehe. Er wisse keine andere Erklärung für dieselben, als dafs er sie seinen eigenen Handlungen vergleiche. Der Mensch kenne im Anfange nichts als sich selbst und übertrage diese Kenntnis auf die Erscheinungen, welche seine Aufmerksamkeit fesseln. Er hält also die Vorgänge des Weltalls für hervorgebracht durch Willensakte nach seiner Art belebter Wesen. Dies sei der Ursprung der theologischen Denkweise, welche Comte vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus für die erste und unerläfsliche Bedingung aller Fortschritte hält. Die theologische Denkweise macht nun nach Comte verschiedene Entwicklungsstufen durch, welche dadurch herbeigeführt werden, dafs auch der andere Weg der Erkenntnis, der von aufsen nach innen, beschritten zu werden anfängt und mit der Beobachtung der Thatsachen allmälich für einige derselben eine Reihe von unwandelbaren Gesetzen erkannt werden. Ursprünglich beseelt der Mensch jeden Körper mit einem Leben, das dem seinen mehr oder weniger ähnlich gedacht wird (Fetischismus) — eine Auffassung, die mit der Annahme irgend eines Gesetzes noch unvereinbar ist. Später stellt er über die sichtbare eine gewöhnlicherweise unsichtbare Welt, welche er mit übermenschlichen Wesen bevölkert, deren Einwirkung die sichtbaren Erscheinungen bestimmt. In jener Zeit besteht noch nicht der Begriff des Wunders, weil die Herrschaft des Gesetzes erst für ganz geringe Teile der Erscheinungswelt, solche, die der täglichen Erfahrung am nächsten stehen, angenommen wird. Alles ist in gleicher 2* — 20 — Weise wunderbar, wie die aus ältester Zeit überlieferten Poesien beweisen, welche göttlichen Eingriff bei den bedeutsamsten wie den gewöhnlichsten Vorgängen des Lebens annehmen. Wir müssen uns versagen, auf die Ableitung der frühesten gesellschaftlichen Zustände aus dieser ersten Form des Denkens einzugehen. Comte nimmt an, dafs die „intellektuelle Einheit", d. h. gewisse gemeinsame Vorstellungen, welche durch sie herbeigeführt wurden, die Vorbedingung aller socialen Gebilde gewesen sei. Er untersucht, wie in jener Zeit als erstes derselben die Familie, wenn auch noch unvollkommen, sich entwickelt habe, wie der Polytheismus mit der Trennung eines Priesterstandes von der Masse des Volkes einen bedeutenden Fortschritt für das Menschengeschlecht angebahnt hätte, wie jene Periode eine kriegerische Organisation des Volkes hervorgerufen habe, wie die Entstehung des Staates mit der des Polytheismus zusammenfalle, wie beide zusammen wüchsen, wie die höchste Tugend, die der Polytheismus hervorgebracht habe, die Vaterlandsliebe gewesen sei u. s. w. Diese Ausführungen, sowie die entsprechenden für das monotheistische System, enthalten, wie J. St. Mill anerkannt hat, hochinteressante und grofsenteils einwandsfreie Verknüpfungen geschichtlich feststehender That- sachen. Aber das polytheistische System wurde mit der Zeit dadurch unhaltbar, dafs die Kenntnis der die Erscheinungen beherrschenden Gesetze zunahm. Die alte Vorstellung von Ereignissen, die täglich durch eine Legion von Göttern und Göttinnen willkürlich hervorgerufen würden, erwies sich als unvereinbar mit den gewöhnlichsten Beobachtungen. Schon die griechische Philosophie hatte den Erfolg, dafs ein ganzer Teil der Erscheinungswelt, die äufsere Natur, der Herrschaft — 21 - der Götter entzogen und der des Gesetzes überliefert wurde. Dagegen herrschte auf dem Gebiete der moralischen und socialen Erscheinungen noch unbeschränkt die theologische Erklärungsweise. Comte entwickelt des eingehenden, wie diese Thatsache den polytheistischen Glauben zum Monotheismus führte, in welchem die theologische Anschauungsweise ihre letzte und grofsartigste Stufe erreicht. Die Vorstellung einer allumfassenden Vernunft, welche die Natur nach sich selbst auferlegten und nur äufserst selten verlassenen Gesetzen lenke, dagegen in das menschliche Leben noch häufig eingreife, die dort etwa herrschenden Gesetze unterbrechend, schien einmal die theologische Denkweise zu wahren, andererseits vereinbar mit dem wissenschaftlichen Studium der Natur. Bereits beim Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus, sodann aber noch mehr bei der Zurückdrängung des letzteren selbst, war die „metaphysische" Erklärungsweise von grofsem Einflüsse. Diese bezieht die Erscheinungen nicht mehr auf göttliche Willensakte, sondern erklärt sie durch Abstraktionen, welche für Wirklichkeiten gelten. So nimmt sie z. B. nicht mehr an, dafs Dryaden die Bäume belebten, sondern dafs vielmehr jede Pflanze und jedes Tier eine beseelende Kraft, „Bildungstrieb", „Lebenskraft" genannt, besäfse. Man nimmt eine „Heilkraft", ein „Streben nach dem Vollkommenen" in der Natur an. Man sagt nicht mehr, die Gestirne bewegten sich in Kreisen, weil ihnen Gott solche vorgeschrieben, sondern weil der Kreis die vollkommenste Linie sei u. s. w. Diese Annahme, einerseits die Anwendung der Gesetze zulassend, denen eine Wesenheit, nicht aber ein Wille unterworfen sein kann, ist andererseits vereinbar mit dem Glauben an eine allumfassende Gottheit. Auf diesem Kompromifs baute das Christentum seine — 22 — bisher unerreichte, nach Cointe im elften bis dreizehnten Jahrhundert ihren Höhepunkt findende Gesellschaft auf, bis heute das „Meisterwerk menschlicher Weisheit". Innerlich freilich befand sich die theologische Denkweise zur Zeit des Monotheismus bereits im Verfall, während sie äufserlich ihr „edelstes Werk" errichtete. Es zeigt sich dies z. B. darin, dafs sie für das gewöhnliche Leben bereits die Annahme von Wundern und Prophezeiungen verwehrt — eine Lage des Übergangs, welche, wie Comte sagt, in der politischen Welt der Einrichtung der konstitutionellen Monarchie entspricht 1 . Dieses Zurückweichen der theologischen Erklärungsweise zeigt sich auch anderwärts: noch betet man vielleicht um Veränderung des Wetters, sicher um Sinnesänderung der Menschen und Eingriffe auf gesellschaftlichem Gebiet, während man es bereits ungereimt finden würde, um Nichtbestätigung der gewöhnlichsten astronomischen Gesetze, z. B. Stillstand der Sonne oder des Mondes, Verkürzung oder Verlängerung der Nacht und des Tages zu beten. Es giebt unter allen nicht christlichen Riehtungen der neueren Aufklärung keine, welche das Christentum so hoch stellt wie der Positivismus. Nichts sei jenem bisher zu vergleichen gewesen; ja, die sittlichen Ideen des Christentums wie seine im Mittelalter versuchte, wenn auch nur halb vollendete gesellschaftliche Organisation, heute im Verfall, werden nach Ansicht der Positivisten alsdann wieder aufleben, wenn die Menschheit aus der heutigen negativen Periode wieder in eine positive gelangt sein wird. Sein gröfster Vorzug war es, die altruistische Sittlichkeit zum ersten Male rein ausgesprochen und das „Lebe für andere" an die Stelle des „Lebe für dich selbst" gesetzt zu haben. Auch ist das Christentum zuerst 1 Vergl. Philosophie positive IV, S. 701. — 28 — eine wahrhaft katholische Religion gewesen, welche die Menschheit zu umspannen wenigstens forderte. Der Familie und dem Staat hat es den weit erhabeneren Gegenstand der Christenheit, ja der Menschheit übergeordnet 1 . Das gröfste auf socialem Gebiete war die von ihm herbeigeführte Trennung der geistlichen von der weltlichen Gewalt; damit wurde wenigstens als Forderung angedeutet, dafs die Politik der Moral unterzuordnen sei. In den besten Zeiten des Altertums war zwar das Privatleben der Vaterlandsliebe untergeordnet, in der Politik des Staates dagegen waren noch aus- schliefslich Interessen mafsgebend. Aber das System des Mittelalters beruhte auf einem intellektuellen Kompromifs, welcher nur zeitweilig sein konnte. Der menschliche Geist, während mehrerer Jahrhunderte mit der gedankenmäfsigen wie gesellschaftlichen Entwicklung des Monotheismus beschäftigt, begann seit dem vierzehnten Jahrhundert wieder auf dem Gebiete der einzelnen Wissenschaften neue positive Kenntnisse zu gewinnen und in der allgemeinen Weltanschauung der Theologie metaphysische Begriffe entgegenzusetzen. Seine Kritik im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ist unsystematisch und unbewufst. Sodann erfolgt die bewufste und systematische Kritik. Dieselbe ist noch zuerst beschränkt durch die christlichen Urkunden (Protestantismus) , sodann durch einen allgemeinen Gottesglauben (Deismus). Endlich als unbeschränkte führt sie, da man das Suchen nach Ursachen noch nicht aufgiebt, zum materialistischen Atheismus der Gegenwart. Alle drei Stadien sind nach Ansicht der Positivisten Sehritte der Auflösung. Auch auf politischen Gebiete wirken sie auflösend, obgleich zwar im An- 1 Catechisme du Positivisme, 1852. „Die socialen Gefühle sind zuerst häuslich, dann bürgerlich, zuletzt allgemein", S. 388. — 24 — fang durch Zusammenbruch des mittelalterlichen Systems die weltliche Gewalt gestärkt wird. Aber das Fortschreiten der metaphysischen Entwicklung mit ihren Menschenrechten, ihrer Parlamentsherrschaft u. s. w. legt die Regierungsgewalt that- sächlich lahm. Das gleiche gilt auf wirtschaftlichem Gebiet: die sittlichen wie gesetzlichen Schranken, die den selbstsüchtigen Trieben des Individuums gezogen waren, werden hinfällig. Es wird damit ein Kampf um das Dasein, d. h. Ausbeutung des Schwachen durch den Starken entfesselt. Die metaphysische Entwicklung aber wird durch die positivistische überholt. Wir leben heute nach Ansicht der Anhänger dieser Richtung in der Zeit, da der Positivismus, bisher auf beschränktem Gebiet herrschend, zum ersten Male allgemeine und ausschliefsliche Ansprüche geltend macht. Er ist heute daran, die „unwiderruflich erschöpfte theologische Weltanschauung durch einen beweisbaren Glauben zu ersetzen". Hierauf wird es seine weitere Aufgabe sein, die „arbeitenden Massen der Gesellschaft einzufügen", eine Entwicklung, welche den Übergang vom Sklaven zum Hörigen und freien Lohnarbeiter zum Abschlufs führen wird. Beides sind die „untrennbaren Aufgaben, welche das Mittelalter dem Zeitalter der Revolution hinterlassen hat" 1 . Seit den ältesten Zeiten ist die Ausbreitung des Positivismus ununterbrochen vor sich gegangen. Wir haben erwähnt, wie die positive Betrachtungsweise, im Anfang durch die theologische fast ausgeschlossen, doch schon früh in gewissen Ansätzen vorhanden war. Gar bald nämlich mufste der ursprüngliche Mensch bemerken, dafs eine, wenn auch zunächst geringe Anzahl von Erscheinungen nicht willkürlich, sondern nach Gesetzen vor sich ginge. Es war das 1 Yergl. Appel aux Conservateurs, 1855, S. 84. — 25 — praktische Bedürfnis der Voraussicht des Eintretens gewisser alltäglicher Ereignisse, welches den Menschen die ersten Gesetze auffinden liefs. „Savoir pour prövoir ahn de pourvoir" hat nach Comte ebenso von den ersten Anfängen des Erkennens gegolten, wie auch später jedes Studium, welches nicht den Zweck des menschlichen Lebens vor Augen hat, ihm als nutzlose Verschwendung von Kraft und Zeit gilt. Die Keihenfolge, in der ein Gebiet nach dem anderen der Aufsenwelt von der positivistischen Denkweise in Besitz genommen ward, bietet die natürliche d. h. geschichtlich gegebene Einteilung der Wissenschaften. Die von Comte aufgestellte Leiter der Wissenschaften hängt so auf das engste mit jenem Gesetze der drei Stufen zusammen. Es hat eine Zeit gegeben, da der Mensch die Erscheinungen der Zahlen und des Raumes bereits positiv beurteilte, d. h. hier die Geltung von Gesetzen erkannte, während er die Gestirne noch als willensbegabte Wesen anbetete oder von Göttern gelenkt sein liefs. Daher ist die Mathematik die erste aller Wissenschaften ; ihr folgt die Astronomie, welche mit Kepler, Galilei und Newton die positive Stufe erreichte, sodann die übrigen Wissenschaften, und zwar in der Art, dafs die Gesetze, welche für die vorhergehende entdeckt wurden, auch die folgende beherrschen, während für diese aufserdem eine Reihe neuer ihr eigentümlicher Gesetze aufgestellt werden. Jede Wissenschaft also hängt von den Wahrheiten aller vorhergehenden ab und fügt denselben gewisse neue hinzu. Nach der Astronomie kommt die Physik, die Chemie und die Biologie, von denen eine nach der anderen sich aus der theologischen Denkweise emporringt. Den Übergang bildet gewöhnlich die metaphysische Auffassung, indem man die Vorgänge, die man nicht mehr auf überirdische Einwirkung zurückführt, zunächst fingierten Wesenheiten zuschreibt. Die Biologie, — 26 — d. h. die Erforschung des lebenden Einzelorganismus, stand lange unter theologischem Einflufs, welcher sich in der Annahme einer jenseitigen, in dem Körper wohnenden Seele aussprach; dann geriet sie unter die metaphysischen Erklärungsweisen mittelst der sogenannten „Lebenskraft" u. s. w. Erst heute hat die wissenschaftliche Forschung gelernt, auch hier sich einfach mit der Beobachtung der Thatsachen zu begnügen, auf das „Warum?" zu verzichten und statt dessen den Versuch zu machen, die das Leben beherrschenden Gesetze kennen zu lernen. Dieselben sind um so verwickelter, als, wie oben erwähnt, das organische Leben unter sämtlichen die früheren Wissenschaften beherrschenden Gesetzen steht. Für dasselbe gelten die geometrischen Notwendigkeiten des Raumes; als eine im Weltall befindliche Erscheinung kann es sich den Gesetzen der Astronomie nicht entziehen; die Physik und die Chemie sind für die Veränderungen des Organismus von gröfster Wichtigkeit. Daneben gelten für das Lebewesen Gesetze, die aus den vorhergehenden Wissenschaften nicht zu entnehmen sind, und deren Ursprung zu erforschen, wie die Erforschung der Ursache überhaupt, aufserhalb der Grenzen der menschlichen Erkenntnis liegt. Was von der Biologie gilt, aber ist in noch viel höherem Mafse von der ihr folgenden, die Reihe der Wissenschaften schliefsenden „Sociologie", der Fall. Die Erscheinungen der Gesellschaft wurden bisher entweder theologisch oder metaphysisch erklärt, auf einen göttlichen Plan oder auf gewisse Wesenheiten, z. B. einen Vervollkommnungstrieb, einen idealen Naturzustand, das abstrakte Individuum zurückgeführt. Freilich fand sich auch hier in beschränktem Mafse bereits sehr früh das Bewufstsein der Geltung gewisser Gesetze. Jede Politik beruht darauf, dafs sie gewisse Ereignisse vorhersieht, ihnen begegnet u. s. w., was unmöglich wäre, wenn man die — 27 — gesellschaftlichen Erscheinungen durchweg von göttlichem, daher unberechenbarem Willen abhängig glaubte. Dagegen hat man bis in unsere Tage die überkommene Ordnung, insbesondere Recht, Sitte und Sittlichkeit, auf göttliche Einsetzung zurückgeführt. Nachdem diese Ansichten zu veralten begannen, versuchte man, nach Vorgang der Völkerrechtslehrer, die Erklärung der gesellschaftlichen Ordnung oder vielmehr das, was man ihr gegenüber als Ideal ansah, aus der „Natur der Dinge". Es war die Zeit des Naturrechts im Gegensatz zum positiven Recht. Die lediglich negativen Tendenzen dieser Richtung zeigten sich in der französischen Revolution, die auf Grund des natürlichen Menschenrechts eine neue Gesellschaft aufzubauen unternahm, aber lediglich die überkommene zerstörte. Comte bezeichnet die metaphysischen Lehren auf dem Gebiet des Staats, der Gesellschaft u. s. w. als „Systematisierung der Anarchie". Der erste, aber mifslungene Versuch, die gesellschaftlichen Erscheinungen Gesetzen einzuordnen, wurde von der englischen Nationalökonomie im Anfange und der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gemacht. Die Methode jener Versuche war jedoch verfehlt. Jene Nationalökonomie gehört zweifellos noch der metaphysischen Stufe des Denkens an. Sie versucht nämlich die Gesetze der Gesellschaft nicht aus dem gegebenen, sondern aus einem augeblicherweise vor aller Geschichte vorhandenen menschlichen Individuum abzuleiten, welches sie mit gewissen Trieben, dem Erwerbs- und Geschlechtstrieb, ausstattet. Nach Comte 1 trägt diese Nationalökonomie alle Zeichen des metaphysischen Zustandes an sich. Einmal fehle ihr jene zusammenhängende Linie des Fortschritts , welche positive Wissenschaften auszeichne. Dort 1 Vergl. Philosophie positive IV, S. 264 ff. ful'se jede Forschling auf der vorhergehenden; der Schatz der unbestritten anerkannten Gesetze werde immer gröfser, während die Nationalökonomie einen ewigen Streit um die Grundbegriffe aufweise. In gleicher Weise zeige sich ihr metaphysischer Charakter darin, dafs sie jede Berührung mit anderen socialen Erscheinungen, welche willkürlich von ihr ausgeschlossen würden, ängstlich vermeide. Nun beweise aber schon die Betrachtung lebender Einzelwesen den innigen Zusammenhang aller organischen Erscheinungen. So sei auch die wirtschaftliche Entwicklung der Menschheit nicht von der geistigen, sittlichen und politischen zu trennen. Auch was ihr praktisches Ergebnis angeht, so trägt die individualistische Nationalökonomie denselben Charakter, wie alle jene von Comte mit dem Worte metaphysisch bezeichneten Richtungen. Sie hat die alte wirtschaftliche Ordnung über den Haufen geworfen, welche mit der industriellen Entwicklung der Gegenwart unvereinbar wurde, während sie ihrerseits allen Anforderungen des Lebens gegenüber nur die Antwort des Nichteingriffs hat, ganz ebenso wie die metaphysische Philosophie die ältere Theologie, die metaphysische Rechtslehre die bestehende staatliche Ordnung zerstört haben, während sie dem Bedürfnis nach einer neuen Ordnung gegenüber nur eine negative Antwort geben. Diese Angriffe auf die Methode der älteren Nationalökonomie haben die Positivisten fortgesetzt, bis sie auch für England gegenstandslos wurden. Bei allen Studien der organischen Welt ist es nach F. Harrison verfehlt, die Teile, welche doch Organe seien, von einander zu trennen. So z. B. könne man den Sauerstoff oder Wasserstoff zwar besonders untersuchen, weil sie sich scheiden liefsen, nicht dagegen gäbe es eine besondere „Wissenschaft des Magens". Nicht anders aber verführen die Nationalökonomen, welche die Ge- — 29 — setze des „Reichtums" zu erforschen sich bemühten, während doch der Mensch nicht nur ein kapitalanhäufendes Wesen sei, sondern bei jener Thätigkeit durch andere moralische u.s.w. Eigenschaften bestimmt würde, die nur geschichtlicli zu erklären wären. Daher wenden sich die Positivisten auch gegen den Millschen Versuch, die Nationalökonomie als „hypothetische Wissenschaft" zu retten, welche wahr sei, wenn man bestimmte Faktoren als nichtvorhanden annähme. Kennt man von den ein Produkt bildenden Faktoren nur einen, während die anderen ihrer Zahl und Gröfse nach unbestimmt sind, so ist die Kenntnis des einen Faktors wertlos. Wenn endlich Mill dadurch die Abstraktionen der Nationalökonomie verteidigt, dafs sie zwar nicht für alle Zeiten gelten, wohl aber der Natur des heutigen, d. h. dem individualistisch gesinnten Menschen entsprächen, so geben dies die Positivisten in gewissen Grenzen zwar zu. Jedoch sagen sie, dafs gerade die fortschreitende Entwicklung,- an deinen Spitze der Positivismus stehe, den Individualismus des Menschen der Nationalökonomie überwinde. „Sie stereotypiert ein gesellschaftliches System, das wir zu reformieren bemüht sind. Nur ein strikt Konservativer kann ihr heute sich zurechnen" h Gegenüber diesem mifslungenen Versuch, die gesellchaft- lichen Erscheinungen unter wissenschaftliche Betrachtung zu bringen, fragen wir, welches nach Comte die Methode der Gesellschaftswissenschaft ist. Sie mufs insofern die gleiche sein, wie die der übrigen Wissenschaften, als man überall vom Bekannten zum Unbekannten fortzuschreiten hat. Aber es besteht zwischen der Gesellschaftswissenschaft und den früheren Wissenschaften ein Unterschied, welcher, wenn auch in geringerem Grade, bereits der das organische Einzelwesen behandelnden 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. VIII, S. 42 ff. — 30 — Biologie eigen sei. Gegenüber der unbelebten Natur bietet die Beobachtung der einfachsten Thatsachen die Möglichkeit, die herrschenden Gesetze aufzufinden. Dagegen ist die Beobachtung komplizierter Vorgänge ungeeignet, allgemeine Gesetze zu ergeben. Wir studieren die Gesetze der Schwerkraft, der Elek- tricität u. s. w. an ihren einfachsten Erscheinungen, z. B. dem Pendel, dem elektrischen Funken. Dagegen wären wir angesichts der zusammengesetzteren Erscheinungen, z. B. der Meteorologie, dem Gewitter, den Winden u. s. w. nie imstande gewesen, allgemeine Gesetze zu entdecken. Nur allmählich, und zwar je zusammengesetzter sie sind, um so langsamer, werden erst jene Vorgänge der Herrschaft der aus den einfacheren Thatsachen gewonnenen Gesetze unterworfen. In diesen Wissenschaften ist das Ganze, in welchem die Erscheinungen vor sich gehen, das Weltall, wie man es nennt, schlechterdings der menschlichen Vernunft entzogen und, wo es auftaucht, als metaphysischer Begriff zu bekämpfen. Anders sobald man das Gebiet des organischen Lebens betritt. Dem pflanzlichen oder tierischen Körper gegenüber wäre eine ausschliefsliche Betrachtung der Teile ungenügend, welche vielmehr stets in Rücksicht auf das Ganze zu untersuchen sind. Weit mehr noch gilt dies von den socialen Erscheinungen. Die sie zusammensetzenden elementaren Thatsachen sind menschliche Gedanken, Gefühle und Handlungen. Man hat nun demgemäfs angenommen, dafs die Gesellschaft aus der Natur ihrer Einheit d. h. des Menschen, abgeleitet werden könne — ein Irrtum, welchem die Nationalökonomen und Bentham verfielen. Ein solcher Versuch ist allemal verfehlt. Einmal ist die Wissenschaft des menschlichen Einzelwesens noch nicht fortgeschritten genug, um irgend welchen Ausgangspunkt für die Erklärung der socialen Erscheinungen zu gewähren. Sodann aber, selbst — 31 — wenn wir die Biologie noch soweit fortgeschritten denken, wäre dennoch ein solcher Versuch aussichtslos. Der Mensch nämlich wird mehr und mehr ein Erzeugnis der Gesellschaft. Seine Handlungen werden weniger durch die einfachen und überall gleichen Neigungen der Menschennatur bestimmt als durch den Einflufs, welchen durch überkommene Einrichtungen, Sitten, Gewohnheiten u. s. w. die vergangenen Geschlechter über das gegenwärtige ausüben. „Die Lebenden werden mehr und mehr von den Toten beherrscht." Demgegenüber ist bei den gesellschaftlichen Erscheinungen noch mehr als bei denen der Biologie das Ganze bekannter als seine Teile. Während auf die Handlungen der einzelnen Menschen die gesamte Geschichte dös Menschengeschlechts, die verschiedenen Faktoren in verschiedenster Weise einwirkt, ist diese Geschichte selbst in ihren grofsen Zügen bekannt. Wenn nicht die Untersuchung dieser grofsen Entwicklung die Gesetze der Gesellschaft gewährt, so ist die Hoffnung, dieselben aufzufinden, vergeblich. Sollte man dagegen imstande sein, der Betrachtung der Geschichte Gesetze (d. h. bestimmte, regelmäfsig wiederkehrende Keihenfolgen) zu entnehmen, so würden alsdann unsere Kenntnisse von der Natur des menschlichen Einzelwesens von Wert sein, um jene Gesetze zu bewahrheiten. Nur insofern letztere mit den Deduktionen aus der Biologie übereinstimmten, könnten sie den Bang von Gesetzen im Sinne des Positivismus einnehmen. Nach der Aufstellung Comtes, welche mit der Methode der damaligen Nationalökonomie im schärfsten Widerspruche stand, hat man bei Studien socialer Erscheinungen vom Ganzen (Ensemble) auszugehen, und kann Einzelheiten aber nur dann mit Erfolg untersuchen, wenn man ihren Zusammenhang mit den gröfseren Erscheinungen und in letzter Linie dem Ganzen im Auge behält, d. h. sie geschichtlich auffafst. Dies besagt — 32 — der von Comte aufgestellte Satz: entre l'homme et le monde il faut l'humanitd, der einzelne Mensch ist so sehr Erzeugnis der Geschichte, dafs man ihn nur im Zusammenhang mit der ihn umgebenden Gesellschaft und ihrer vorhergehenden Entwicklung verstehen kann. Die von Comte aufgestellte Methode für das Studium der Gesellschaft ist nichts diesem Gebiete eigentümliches. Vielmehr zeigt sich darin ihr Charakter als einer Wissenschaft des organischen Lebens, welchen sie mit der Biologie teilt. Während beiden unorganischen Erscheinungen die einfachen Vorgänge bekannt, die zusammengesetzten dagegen weniger bekannt sind, so liegen in der organischen Welt die einfachen Vorgänge meist verborgen, dagegen sind die Erscheinungen um so bekannter, je zusammengesetzter sie sind. Der Mensch — eine Vorstellung, die von allen der Biologie die zusammengesetzteste ist — ist am bekanntesten und seine Analogie bildet den Ausgangspunkt für den Begriff des lebenden Wesens überhaupt. Die gleiche Notwendigkeit vom Ganzen, d. h. der Geschichte der Menschheit auszugehen, herrscht auf dem Gebiete der Sociologie, da hier die einzelnen Erscheinungen in noch gröfserer gegenseitigen Abhängigkeit stehen als selbst beim Einzelorganismus. Diese Methode enthält aber zugleich das erste Gesetz der Sociologie, das des organischen Zusammenhanges. Es folgt hieraus, dafs die Gebiete der socialen Erscheinungen, insbesondere die geistige, sittliche, staatliche und gewerbliche Entwicklung, von einander in gegenseitiger Abhängigkeit stehen. Eines herauszugreifen und es zu behandeln, als wären die andern nicht vorhanden, ist ein Irrtum, welcher sich besonders häufig heute darin zeigt, dafs man die politischen Einrichtungen und das bestehende Kechts- system als unabhängig von dem bestehenden Zustande der Sitten, Kultur u. s. w. ansieht. Demgegenüber ist zu betonen, — 33 — dafs die politischen und rechtlichen Zustände stets, aufser in Übergangszeiten mit dem entsprechenden Stande der Civili- sation übereinstimmen; die Vorstellung von der absoluten Güte gewisser Kegiemngsformen gehört der metaphysischen Denkweise an. Das Gefühl dieses Zusammenhanges, die „Solidarität der Menschheit", wird nach Ansicht der Positivisten heute immer mehr Gemeingut Westeuropas, wenn auch noch vielfach nicht zur positivistischen Klarheit entwickelt. Die englische Nationalökonomie hat hier vorgearbeitet, indem sie den Irrtum ihrer Vorgängerin wiederlegte, dafs ein Land nur wohlhabend werden könne auf Kosten des andern. Wie hieraus einleuchtet, versteht also Comte unter Menschheit nicht das gesamte Menschengeschlecht, sondern nur die in geschichtlicher Abhängigkeit voneinander stehenden Kulturen Asiens, Europas, Amerikas — ein Kreis, welcher sich nach seiner Ansicht jedoch mehr und mehr ausdehnt. Auch ist die innerliche Abhängigkeit der Teile dieses Kreises nicht allezeit die gleiche gewesen. Vielmehr überwogen in früher Zeit die kleineren Zusammenhänge, insbesondere der Familie und des Staates, welche auch später trotzdem die „Menschheit" ihnen übergeordnet wird, nicht etwa dadurch an Bedeutung abnehmen, sondern vielmehr gewinnen. Auch hier die Ähnlichkeit des organischen Lebens; auf seinen niedersten Stufen sind die Teile fast unabhängig von einander, auf den höchsten dagegen ist die gegenseitige Abhängigkeit am meisten entwickelt, während die Teile trotzdem am weitesten zu getrennten Organen differenziert sind. Das Gesetz des organischen Zusammenhangs wird ergänzt durch ein weiteres Gesetz, welches die Entwicklung betrifft. v. Scliu lze-Gaevernitz , Zum soc. Frieden. II. 3 — 34 . — Ist jenes das Gesetz der „socialen Statik", so ist das folgende das der „socialen Dynamik". Da die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten, wie am Eingang hervorgehoben, das leitende Element in der Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt bildet, so ist das Gesetz, welches, wie wir sahen, für jene gilt, das der drei Stufen, zugleich das Gesetz der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Für Comte entspricht dieser Entwicklung eine gleiche des äufseren Lebens vom Kriege, der ursprünglichen Beschäftigung des Freien, zur Industrie d. h. der Einwirkung auf die umgebende Natur zum Zwecke der Erhaltung des Lebens L Nur mit dem Fortschreiten der positiven Kenntnisse bezüglich der äufseren Natur wird eine wachsende Einwirkung des Menschen auf dieselbe, wie sie die Industrie darstellt, möglich. Diese beiden sich deckenden Ketten der Entwicklung bilden für Comte den Gesichtspunkt, unter welchen sich die Geschichte der Menschheit wie die aller ihrer Teile ordnen läfst. Aus diesen Gesetzen aber ergeben sich wichtige Folgerungen: 1. Die Wissenschaften waren bisher ohne inneren Zusammenhang. Es war ihnen eine einheitliche Weltanschauung nicht zu entnehmen, weshalb die Theologie und Metaphysik doch immer noch die herrschenden Mächte blieben. Zwar in Einzelheiten den Menschen aufklärend und leitend, gaben die Wissenschaften ihm weder innere Einheit noch einen Ansporn für sein Handeln. Heute dagegen schliefsen sie sich mit dem positiv werden der Soeiologie zu einem System zusammen — eine Einheit, welche freilich nicht wie 1 Appel aux Conservateurs, 1855, S. 8. „Das praktische Leben hat drei einander folgende Stufen: Eroberung, Verteidigung, Industrie". die von der Theologie gewährte in einem äufseren, jenseitigen Wesen, sondern im erkennenden Subjekte liegt. Da aber alle Kenntnis nur subjektiv ist und wir von den Dingen an sich überhaupt nichts wissen, so ist es auch nur natürlich, dal's die unsere Kenntnisse umfassende Einheit subjektiv ist, Alle Wissenschaften, alle unsere Vorstellungen, die von Zahlen und Gröfsen, die der Astronomie, der Physik u. s. w., finden ihre Einheit in der Vorstellung der Menschheit. Denn nur um der Bedürfnisse der Menschheit willen, für ihre Erhaltung und Fortentwicklung, sind sie entstanden. Die Kenntnis der Gesetze, unter denen die Menschheit lebt, begann mit der Mathematik. Ihr und den Naturwissenschaften verdanken wir die Kenntnis der äufseren Bedingungen unseres Daseins, der Gesetze des Raumes, der Zeit, der Jahreszeit, des Klimas, des Lichtes, der Hitze, der Elektricität, der chemischen Zusammensetzung etc. Die Biologie enthüllt uns weitere Gesetze, welchen die Menschheit in gleicher Weise unterworfen ist. Mit der Entdeckung der Gesetze der Sociologie aber zeigt sich, dafs sämtliche früheren Wissenschaften sich der Entwicklung der Menschheit einreihen, dafs die Sociologie alle anderen umfafst. Hieraus folgt, dafs, während bisher nur positive Teilansichten möglich waren, nun eine Gesamtansicht möglich ist, welche der Theologie zu entnehmen man sich vergeblich bemühte. Das analytische Verfahren der früheren Wissenschaften findet in der Sociologie seine Synthese. Hieraus folgt die Unterordnung der Analyse unter die Synthese. Die Untersuchung der Einzelheiten der uns umgebenden Natur und der Gesellschaft ist gut und nützlich, aber nicht an sich, sondern nur als Mittel für den Zweck des socialen Daseins. Kenntnisse von Einzelheiten sind gut und nützlich aber nur, wenn sie einem System eingeordnet sind, 3* — 36 — welches, da es von anfsen nicht erhältlich, von innen aus zu suchen ist 1 . 2. Alle politischen Versuche hatten bisher den Charakter des Experimentes. Während man seit lange für die äufsere Natur die Herrschaft gewisser Gesetze annahm, glaubte man, dafs die gesellschaftlichen Zustände mehr oder weniger nach Willkür veränderlich seien. Hierauf beruhte die Annahme, dafs man durch gesetzliche Mafsnahmen die Gesellschaft unbegrenzt umgestalten könne. Der Positivismus dagegen behauptet, dafs die menschliche Gesellschaft allen Gesetzen unterfalle, welche von den Wissenschaften aufgestellt würden, dafs man diese Gesetze kennen müsse, um nicht auf den Zufall hin, sondern planmäfsig in die socialen Verhältnisse einzugreifen. Nennt man die Summe der für die bestehende Gesellschaft mafsgebenden Gesetze „die Ordnung", so ist es klar, dafs diese Ordnung zwar nicht zu überschreiten, wohl aber innerhalb derselben Weiterentwicklung möglich ist. Werden doch die Erscheinungen, je zusammengesetzter sie sind, und einer je höheren Wissenschaft sie angehören, desto veränderlicher durch menschlichen Eingriff. Hieraus folgt, dafs der Fortschritt der Ordnung untergeordnet ist, wie etwa das Wachstum des Baumes dem Baum selber. 3. Die Auffassung von der Menschheit als Organismus weist dem Einzelnen die Stellung des Organs an. Mehr und 1 Comte entwickelt in seinem letzten Werke, der „Synthese sub- jective", S. 506—528 höchst geistreich, wie die Unterordnung der Einzelwissenschaften unter die Wissenschaft von dem socialen Menschen zu vergleichen sei der Unterordnung des Differenzierens in der Mathematik unter das Integrieren. Das Differenzieren (Zerlegen einer Kurve in unendlich kleine Teile) habe zum Zweck das Integrieren (d. h. Zusammenfassung dieser Teile zur Messung der Kurve). In gleicher Weise zerschnitten die Einzelwissenschaften das menschliche Dasein in Teile, welche an sich keine Realität hätten, zum Zweck der Erkenntnis der Gesetze, unter denen das Dasein stünde. — 37 — mehr hat die Entwicklung den Menschen dazu erzogen, sich dem Ganzen unterzuordnen, zuerst die theologische Entwicklung, für welche das Ganze noch beschränkter Natur war, sodann die beginnende positive Entwicklung, welche die Menschheit als letztes und höchstes Ganze erfafst. Zwischen beiden liegt die Periode des Übergangs, gekennzeichnet durch den Individualismus und die Metaphysik. Während die theologische Denkweise die Unterordnung des Einzelnen aber nur unvollkommen bewirkte, beweist die positive Wissenschaft, dai's „Existenz im vollen Sinne des Wortes überhaupt nur von der Menschheit ausgesagt, dagegen von dem Menschen als Individuum eigentlich nicht gesagt werden kann, dafs er existiere 1 " —■• ebensowenig wie von dem Organ eines lebenden Körpers. Dieser Gedanke ist nicht neu, aber erst heute zu wissenschaftlicher Klarheit erhoben. Bereits Pascal hat gesagt: „die ganze Reihenfolge der Menschen während des Laufes so vieler Jahrhunderte sollte als ein Mensch betrachtet werden, welcher immer lebt und fortwährend lernt 2 ". Die Wissenschaft zeigt heute ferner, dafs das Dasein des Einzelmenschen zu nichts anderem dient, als zur Erhaltung des Gesamtwesens, welches die Attribute des Lebens in höherem Mafse als irgend ein anderer Organismus besitzt. Dieses Bewufstsein hat zwar das Christentum bereits im Menschen erweckt; es erfüllt Thomas a Kempis, wenn er betet, dal's er Gott mehr lieben möge als sich, und sich nur um Gottes willen. Aber so lange man das allumfassende, dem Einzeldasein übergeordnete Ganze als jenseitig annahm, mufste jeder Fortschritt der Wissenschaft, in dem er jenen Glauben erschütterte, zugleich dem Individualismus mehr und 1 Comte, General- View of Positivism S. 354. London 1865. 2 Pascal, Pensees I, 1. mehr freies Spiel geben. Nun aber hat die Wissenschaft, von der Analyse zur Synthese fortschreitend, das diesseitige Gesamtdasein gefunden. Sie beweist, dafs die Unterordnung unter dasselbe, d. h. der Altruismus, den Gesetzen der menschlichen Natur entspricht, und dafs ohne denselben das Dasein des Gesamtwesens und damit das der Einzelwesen unmöglich wäre. Wir sehen, wie so nach Comte die Wissenschaft die am Eingang aufgestellte Forderung erfüllt: sie beweist die Notwendigkeit des Altruismus und wird damit zur Religion. Betrachten wir die Geschichte der Menschheit als eine Erziehung vom Individualismus zum Altruismus, so hat bisher der theologische Glaube die Rolle des Erziehers gespielt, die nunmehr die Wissenschaft übernimmt — nicht mehr unvereinbar mit dem sittlichen Gefühl, sondern es entwickelnd und stärkend. Die „Unterordnung der Selbstsucht unter die Liebe" ist die wichtigste der drei Unterordnungen, mittelst deren der Positivismus das menschliche Dasein ordnet. Sie unterdrückt nicht die individuelle Unabhängigkeit, ebenso wie die Analyse unter die Synthese, der Fortschritt unter die Ordnung zwar unterzuordnen, aber in dieser Unterordnung unerläfsliche Bedingung des Übergeordneten sind. Die Eigentümlichkeit der Menschheit gegenüber anderen Organismen besteht darin, dafs sie aus getrennten Einheiten sich zusammensetzt, deren Fortentwicklung zugleich Fortentwicklung des Ganzen ist. Also nicht Unterdrückung des Individuums, wie sie von den Mystikern geübt wurde, sondern möglichst hohe Ausbildung desselben, weil es so am besten zum Dienste für das Gesamtdasein geschickt ist. Auch nicht Unterdrückung der zahlreichen, zwischen dem Einzel- und Gesamtdasein stehenden, organischen Verbände; nur indem sie solchen dienen, sind die meisten der Menschen fähig, die Menschheit — 39 — zu fördern. Vor allem nicht Unterdrückung des Familien- und Vaterlandsgefühls, sondern Fortentwicklung derselben im Dienste der Menschheit. Aber die Unterordnung des Individualismus unter den Altruismus betrifft nicht nur das Gebiet des Gefühls. Altruistisches Fühlen treibt unmittelbar zum altruistischen Handeln; damit das letztere aber möglich sei, müssen zuvor die Gesetze, welchen die Menschheit unterworfen ist, bekannt sein. Diese Gesetze aber bilden den Inhalt sämtlicher AVissenschaften. Der Altruismus ergreift daher das Gebiet der Erkenntnis. Eine altruistische Wissenschaft ist eine solche, welche den Zweck des Gesamtdaseins zum Hintergrunde hat und in Hinblick auf dieses, die Analyse der Synthese unterordnet. Sie ist so der erste Schritt im Dienste des „grofsen Wesens", wie Comte die Menschheit nennt, indem sie seine Natur- und Lebensbedingungen enthüllt — Vorbedingung für jedes Handeln. Sodann aber hat der Mensch auch bei jedweder Thätigkeit sich nicht als ein für seinen Vorteil arbeitendes Individuum zu betrachten; vielmehr soll er sich bewufst sein, dafs er eine Funktion des Ganzen verrichtet. Eine Thätigkeit in solchem Sinne ist Arbeit. Ihr sogenannter Lohn, wie beschaffen er immer sei, ist nicht als ein Entgelt anzusehen; jede wahre Arbeit hat einen Wert, welcher schlechterdings unbezahlbar ist. ATelmehr ist der sogenannte Lohn nur eine von der Gesellschaft mehr oder minder vollkommen getroffene Veranstaltung, um das Individuum im Stande zu erhalten, seine Arbeit fortzusetzen. Freilich ist diese Auffassung heute angesichts des herrschenden Individualismus wenig verbreitet. Erst der Positivismus wird ihr Kraft geben 1 . 1 Die gleiche Auffassung der Arbeit findet sich bei Carlyle. Vergl. oben S. 129. — 40 — Besonders auf zwei Gebieten ist sie beute fast gänzlich unbekannt. Einmal auf dem Gebiete der Wissenschaft. Dieselbe ist nicht als Spiel des Geistes an sich gut, wie ja die Mufse des Gelehrten der Arbeit anderer, in Vergangenheit und Gegenwart, verdankt wird; er ist daher für ihre Anwendung ebenso verantwortlich, wie der Reiche für die Anwendung des Reichtums. Alle wissenschaftlichen Beobachtungen, weil beruhend auf individualistischem Geiste, „werden heute rückschrittlich, sofern sie nicht belebt sind durch die organische Vorstellung der lebenden menschlichen Gesamtheit", sagt Harrison 1 . Das gleiche gilt von dem Gebiete der Industrie. Der Kapitalist sollte sich als öffentlicher Verwalter des ihm von der Gesellschaft übertragenen Besitzes ansehen und ihn zum gemeinen Besten anwenden. Der Arbeiter sollte nicht widerwillig dienen, sondern als Mitarbeiter an dem gemeinsamen Zweck der Gütererzeugung seine Unentbehrlichkeit und Würde erkennen. Er sollte sein Werk verrichten in dem Geiste, wie der Krieger den Heeresdienst verrichtete, nicht um des Soldes, sondern um der Sache willen. Indem der Positivismus die Unterordnung des Individualismus unter den Altruismus dort weiter führt, wo sie das Christentum stehen gelassen, so wird die Geschichte zu einer fortschreitenden Socialisierung. „Der Mensch wird mehr und mehr religiös" — ein Satz, der freilich nur dann begründet gefunden wird, wenn man den lediglich der Auflösung der theologischen Denkweise zuzuschreibenden Individualismus der Gegenwart als vorübergehend erkannt hat. Heute nämlich ist nach Ansicht der Positivisten die Religion im Erscheinen, welche das gesamte menschliche Dasein umfassen, ihm, dem so viel zerspalteten, wieder Einheit und Richtung 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. VIII. — 41 — geben und alle menschlichen Fähigkeiten in den Dienst eines allgemein anerkannten höheren Zweckes stellen wird. Im Eingange seines letzten Werkes 1 fafst Comte diese Gedanken mit folgenden Worten zusammen, welche für den in seiner Ausdrucksweise Bewanderten in der That seine gesamte Philosophie umschliefsen. „Die Unterordnung des Fortschrittes unter die Ordnung, der Analyse unter die Synthese, der Selbstsucht unter die Liebe: dies sind die drei Arten, die praktische, die theoretische und die ethische, das Problem des menschlichen Lebens zu beschreiben, welches in der Erreichung einer dauernden und vollständigen Einheit besteht. Es sind drei Wege, um ein und dieselbe Frage aufzustellen, entsprechend den drei Seiten unserer Natur: Thätigkeit, Verstand und Gefühl. So abhängig sind dieselben voneinander, dafs die drei Seiten des Problems nicht nur verbunden, sondern identisch sind. Trotzdem behauptet das letzte der drei den Vorrang, da es allein die Quelle berührt, wo die Lösung zu finden ist. Denn Ordnung setzt Liebe voraus; Synthese ist unmöglich aufser als Ergebnis von Sympathie. Infolgedessen sind Einheit im Denken und Handeln unmöglich ohne Einheit im Fühlen. Daher ist Religion wichtiger als Philosophie und Politik. In letzter Linie kann man daher sagen, dafs das Problem des Lebens darin besteht, Einklang in unsere Gefühle zu bringen, durch Erweiterung der socialen und Unterordnung der selbstsüchtigen. Damit ist auch die Unterordnung der Veränderung, des Fortschritts, unter das Bestehende, die Ordnung, und der Einzelforschung unter die weiten Auffassungen des Ganzen gegeben." Comte versäumt nicht, den Begriff der Menschheit, welche den Mittelpunkt unseres Fühlens, Denkens und Han- 1 Synthese Subjective. Paris 1856. — 42 — delns bilden soll, mit all der Erhabenheit auszustatten, deren er fähig ist. Langsam nur mit der Entwicklung des menschlichen Geistes ist die Auffassung der Menschheit als einer organischen Einheit möglich geworden. In älteren Zeiten wäre diese Vorstellung unvereinbar gewesen mit dem theologischen Geiste und dem militärischen Charakter der Gesellschaft, welcher die Sklaverei der produzierenden Klassen notwendig machte. Das Gefühl des Patriotismus, beschränkt wie es zuerst war, war aber doch ein Vorspiel des kommenden Dienstes der Menschheit; es wurde überholt.durch das Gefühl der allgemeinen Brüderlichkeit, welche das Christentum lehrte. Aber die intellektuelle Haltlosigkeit des christlichen Glaubens, sowie der militärische und aristokratische Charakter der mittelalterlichen Gesellschaft machten eine Verwirklichung dieses erhabenen Gedankens damals unmöglich, welcher im grofsen Forderung blieb, aber doch zur Abschaffung der Sklaverei führte. Der Fortsehritt des Denkens zerbrach mehr und mehr die intellektuellen Grundlagen der christlichen Brüderlichkeit wie der übrigen socialen Gefühle, bis gerade, als damit das Dasein der Gesellschaft selbst in Frage gestellt schien, die positive Wissenschaft ihren höchsten Gedanken erreichte in der Erfassung der Menschheit als „des grofsen Wesens", dem alles übrige unterzuordnen sei. Das „grofse Wesen" der „Religion der Menschheit" ist nicht absolut und unveränderlich. Wie die menschliche Natur überhaupt, ist es relativ, in hohem Grade des Wachstums und der Vervollkommnung fähig. Als das höchste lebende Wesen zeigt es die gegenseitige Abhängigkeit der Teile im vollkommensten Mafse. Die menschlichen Einzelwesen, welche es zusammensetzen, werden mehr und mehr vereinigt durch altruistische Gefühle in einer oder der andern Form. Liebe durchdringt und hält es. Daher sagt Comte, dafs man als jenem grofsem Dasein zugehörig, auf seine Ent- Wicklung von Einflufs und in ihren Wirkungen unsterblich nur die ansehen könne, welche ihr Leben wirklich, sei es bewufst oder unbewufst, mehr als Organe denn als Individuen gelebt hätten 1 . Aber der Zusammenhang der Einzeldasein erstreckt sich nicht nur auf die Gegenwart, sondern in gleicher Weise in die Vergangenheit und die Zukunft. In den Erscheinungen des Gesellschaftslebens überwiegt mehr und mehr der Einflufs der Vergangenheit den der Gegenwart. Dieser Zusammenhang ist es, welcher den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnet. Auch bei manchen Tieren finden sich Ansätze zum Gesellschaftsleben; aber der Mensch allein kann jenes Zusammenwirken unzähliger Generationen sowohl begreifen wie verwirklichen. „Unsere Abhängigkeit von der Vergangenheit, noch mehr als die von der Gegenwart lehrt uns, dafs das einzig wahre Dasein das Gesamtdasein des Geschlechtes ist 2 ." In das unergründliche Dunkel der Vergangenheit gehüllt, steigt dieses Gesamtdasein vor unseren Blicken hinauf, um- fafst die vielgeteilte Gegenwart und verliert sich in den Fernen der Zukunft. Der Teil desselben, den wir am besten kennen, der für die meisten das umschliefst, was wir am meisten geliebt und von dem wir die gröfsten Wohlthaten empfangen haben: die Vergangenheit verlangt nicht mehr unseren Dienst, sondern nur unsere Liebe. Wohl wenige waren wie Comte so durchdrungen von Ehrfurcht vor der Vergangenheit; anders als die meisten Philosophen war es auch in seinen Schriften überall sein Streben, anzuknüpfen 1 Auch hier wieder liegt ein Berührungspunkt mit Carlyle. Vergl. oben S. 163 u. 164. 2 General view of positivism S. 387. London 1865. und sich als das Ergebnis seiner Vorgänger hinzustellen 1 . Aber das grofse Wesen, dem wir nach Comte alles verdanken, ist nicht jenseitig, wie jener Gott, der die Dienste des Gläubigen nicht brauchte. Seine Zukunft bedarf nicht nur unserer Liebe, sondern auch unserer Arbeit. Unsere Wohlthäter ehren wir dadurch, dafs wir denselben Zwecken leben wie sie: der Menscheit, die alle umfafst. Ihr, dem „einzigen grofsen Wesen", ist unser gesamtes Dasein nach seinen verschiedenen Seiten unterzuordnen. Unsere Gedanken sind geweiht seiner Kenntnis , unsere Gefühle seiner Liebe, unsere Handlungen seinem Dienst. „So können Positivisten, wie alle Gläubigen, ihr Leben als einen fortdauernden und ernstlichen Dienst ihrer Religion erklären. — Dieselbe bietet die Lösung, soweit solche möglich ist, für das grofse Problem des Mittelalters, Unterordnung der Politik unter die Moral", welche unmittelbar aus der Unterordnung der Selbstsucht unter die socialen Gefühle folgt. Der Positivismus betrachtet die Gröfsen der Christenheit als seine Vorgänger, deren Glaubensvorstellungen er nicht einmal als absolut irrig — giebt es doch keine absolute Wahrheit — sondern als relativ richtig für ihre Zeit, aber kraftlos für die Gegenwart erklärt. Gegenüber dem allumfassenden Ganzen unterschätzt der Positivismus nicht die Bedeutung der kleineren Kreise, in denen das Individuum steht. Wenige der radikalen Denker der Gegenwart haben der Familie einen so hohen Wert für die sittliche Erziehung des Menschen zugeschrieben als Comte. Hören wir folgende Worte: „Der erste Keim socialen Ge- 1 Vergl. folgendes Wort Comtes: „Bei aller Anstrengung wird selbst das längste, wohl angewendete Leben uns nicht instandsetzen, mehr als einen unmerklichen Teil dessen, was wir empfangen haben, zurückzuzahlen". — 45 — fühls liegt in der Liebe des Kindes zu den Eltern. Kindesliebe ist der Ausgangspunkt der sittlichen Erziehung. Aus ihr ergiebt sich das Gefühl des Zusammenhangs und damit die Ehrfurcht vor den Vorfahren. Sie ist das erste Band, durch welches der neue Mensch sich an die gesamte Vergangenheit der Menschheit geknüpft fühlt. Geschwisterliebe kommt sodann, indem sie das Gefühl der Solidarität und der Einheit mit den Zeitgenossen einpflanzt — so ergiebt sich bereits eine Art von Aufsenlinie des socialen Daseins. Die zweite Stufe sittlicher Erziehung beginnt mit der Gattenliebe, der wichtigsten von allen, in welcher Vollkommenheit der Hingebung durch Gegenseitigkeit und Unauflöslichkeit des Bandes gesichert ist. Sie ist das höchste Vorbild aller socialen Gefühle und hat sich den Namen der „Liebe" angeeignet. Von dieser vollkommensten der Vereinigungen entspringt die letzte Reihe der Familiengefühle: die Elternliebe. Sie vollendet die Erziehung, durch welche die Natur uns für die allgemeine Liebe vorbereitet. Sie lehrt uns für unsere Nachfolger zu sorgen und verknüpft uns so mit der Zukunft, wie uns die Kindesliebe mit der Vergangenheit verband" L Wir haben in letzter Linie des Zukunftsbildes zu gedenken, das die Positivisten von der reorganisierten Gesellschaft entwerfen. Wir können uns hier sehr kurz fassen, da die Einzelheiten der von Comte entworfenen Utopie von seinen Anhängern nicht als mafsgebend angesehen werden. Nur wenige grofse Züge des Bildes stehen fest. Der Ausgangspunkt ist der, dafs mit Ausbreitung und weiterer Entwicklung der positiven Wissenschaft auch die heute zerspaltenen Ansichten der Menschen von der Gesellschaft und der Stellung des Einzelnen in ihr wieder an Übereinstimmung gewinnen 1 Vergl. General view of positivism S. 101, 102. 46 — werden. Ist die Auffassung der Menschheit als eines Gesamtorganismus, welcher dem Einzelnen die Stellung des Organs zuweist, wirklich ein Begriff der positiven Wissenschaft, so ist anzunehmen, dafs sich die Anerkennung desselben in gleicher Weise Boden verschaffen wird, wie z. B. die gleichfalls einst alle Hemmnisse überwindende Vorstellung des Ko- pernikanischen Sonnensystems. Die Divergenz der Ansichten, wie sie die Gegenwart aufweist, wird damit verschwinden und die öffentliche Meinung wieder die Einheit gewinnen, welche sich aus einer allgemein angenommenen Weltanschauung ergiebt und vorübergehend während der Blütezeit des christlichen Glaubens für das Abendland erreicht war. Wie es in der Astronomie, der Physik u. s. w. keine Gewissensfreiheit gäbe, d. h. jeder Mensch die von den Sachkundigen aufgestellten Grundsätze vertrauensvoll annähme, so werde, meint der Positivismus, dies später für Politik und Moral nicht anders sein. Die Meinungsverschiedenheiten auf letzteren Gebieten rührten nur daher, dafs die älteren auf theologischer Grundlage ruhenden Meinungen im verschwinden begriffen seien und von der Vielgestaltigkeit der metaphysischen Übergangsperiode überwuchert würden. Jene Einheitlichkeit erreicht die öffentliche Meinung also dadurch, dafs die Kenntnis der positiven Wissenschaften sich mehr und mehr ausbreitet. Die Erziehung hat zwar in letzter Linie den sittlichen Zweck: Unterordnung der natürlichen Selbstsucht unter die gesellschaftliche Liebe. Aber Ausbreitung der Wissenschaft mit ihrem Schlufsstein, dem Begriff der Menschheit, ist nach Ansicht der Positivisten heute hierzu das wichtigste Mittel. In dem zukünftigen Gesellschaftszustande wird die Erziehung aller Klassen die gleiche sein. In der That scheint die Ausgleichung der Erziehungsunterschiede — 47 — schon heute als Eigentümlichkeit der gesellschaftlichen Neuordnung festzustehen. Sobald die Einstimmigkeit erreicht und die positive Wissenschaft — Comte stellt sehr hohe Forderungen an das von allen zu erreichende Mafs — genügend verbreitet ist, wird die Macht der öffentlichen Meinung ungeheuer. Völliger Ausschlufs aus der Gesellschaft wird das letzte Mittel sein, durch welches die öffentliche Meinung ihre Forderungen an die Sittlichkeit des Einzelnen durchsetzt — eine Strafe, der sich selbst der Mächtigste nicht wird entziehen können. Das Organ der öffentlichen Meinung ist der „-spekulative Stand", welcher sich, sobald nur die Wissenschaftlichkeit auch für die socialen Erscheinungen erreicht ist, von selbst ebenso absondern wird, wie etwa heute der der Astronomen. Schon heute liegen, trotz der traurigen Verwirrung aller Ansichten, Ansätze hierzu in der Macht der Schriftsteller und Zeitungen. Hinter diesem „Mundstück der öffentlichen Meinung" stehen als ihre Träger einmal die Arbeiter, d. h. die Mehrzahl der Männer und sodann die Frauen. Sie alle sind an der Regierung unbeteiligt, welche in den Händen weniger — nach Comte weniger, grofser Kapitalisten liegt. Aber gehoben durch eine allen gleiche Erziehung und vereinigt durch eine gemeinsame Weltanschauung wird die öffentliche Meinung ohne gewaltsame Mittel die „Unterordnung der Politik unter die Moral" durchsetzen. Schon heute zeigt sich ein derartiger Einflufs der öffentlichen Meinung in internationalen wie Arbeitsstreitigkeiten. Politische und wirtschaftliche Macht wird alsdann nicht ein Recht, sondern ein Amt sein und der „Hingebung der Starken für die Schwachen" wird „Ehrfurcht der Schwachen für die Starken" entsprechen. — 48 — II. Der Positivismus als politische Richtung. Nach Ansicht der Positivisten befindet sieh die heutige Gesellschaft in einem Zustande des Überganges, welcher sich in Auflösung und Anarchie bemerkbar macht. Der Grund davon ist, dafs die Entwicklung des westlichen Europas un- gleichmäfsig fortschreitet, sodafs die drei Arten des Denkens: die theologische, die metaphysische und die positive unvermittelt neben einander stehen und die Einen von diesem, die Andern von jenem Boden aus argumentieren, was gegenseitiges Verständnis unmöglich macht. Diese führen die gesellschaftlichen Einrichtungen auf göttlichen Ursprung zurück, jene auf metaphysische Vorstellungen, wie Volkssouveränität, Menschenrechte u. s. w., während die Positivisten sie auf ihre Übereinstimmung mit den die Entwicklung der Menschheit beherrschenden Gesetzen prüfen. In den Lücken aber zwischen den drei Parteien dehnt sich immer weiter die Masse der Meinungslosen, welche nichts als das eigene Selbst anerkennen und ihre Selbstsucht im Kampf mit der ganzen Welt zu befriedigen suchen. Daneben befehden auch jene Parteien einander auf den Tod, unfähig sich zu dem Begriffe der relativen Berechtigung zu erheben; dieser Kampf wird dadurch vermehrt, dafs sie fortwährend sich in feindliche Unterparteien spalten. Eine Ausnahme hiervon allein glauben die Positivisten zu machen. Innere Zwistigkeiten finden nach Comte unter ihnen um deswillen keinen Boden, weil ihre Meinungen die ruhige und feste Überzeugung besitzen, welche für das Gebiet der äufseren Natur Männer wie Kepler, Newton u. s. w. begründet haben, von deren Aufstellungen abzuweichen nur dem Unvernünftigen einfallen könnte. Des weiteren aber bewirkt ihre Einsicht — 49 — von dem Zusammenhang der menschlichen Entwicklung, dafs sie mit den ihnen vorausgehenden Richtungen als mit notwendigen und heilsamen Stufen der Entwicklung sympathisieren, bedingt freilich nur mit den metaphysischen, als Mächten einer notwendig gewordenen Zerstörung, unbedingt dagegen mit den Religionen der Vergangenheit, denen sie die besten Besitztümer der Menschheit danken. Wir betrachten die Wirkung der drei bezeichneten Richtungen auf die gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart, um das obige Urteil des Positivismus über dieselben zu verstehen. I. Beziehentlich der theologischen Weltanschauung ist fast nur hervorzuheben, dafs sie mehr und mehr ihre regelnde Macht über das Leben der Menschen verliert. Dies macht sich unter anderm in dem Schwächerwerden der Familienbande bemerkbar. Während die vorhergehenden Zeiten allmählich die monogamische Ehe gegenüber den Eingriffen des ungezügelten Geschlechtstriebes entwickelten und mit Heiligkeit umkleideten, so ist heute im westlichen Europa wieder eine Lockerung des ehelichen Bandes eingetreten. Das Ideal der geschlechtlichen Reinheit im aufserehelichen Leben, die Errungenschaft des Christentums gegenüber dem Heidentum, besteht heute selbst als Ideal für weite Kreise nicht mehr. In gleicher Weise findet sich die alte loyale Anhänglichkeit an den von Gott eingesetzten Herrscher nur noch in beschränkten Teilen des westlichen Europas; die sittliche Ordnung, welche einst den ganzen Menschen zu beherrschen beanspruchte, macht auf dem Gebiete des Staates und im Verkehr der Staaten unter einander immer offener der ungezügelten Interessenpolitik Platz. Das Christentum versuche heute noch in der letzten Stunde, seinen Anspruch auf Beherrschung des menschlichen Lebens durchzuführen; wir werden die ersten sein, die seine v. Schulze-Ga evernitz, Zum soc. Frieden. II. 4 — 50 — Bemühungen mit Freuden anerkennen, sagen die Positivisten. Andererseits aber sind sie sicher, dafs ein Wiederauflehen nicht zu erwarten, trotz der für das neunzehnte Jahrhundert so bezeichnenden reaktionären Richtungen. Die religiös reaktionäre Richtung entspringt aus der gerechten Furcht, dafs die Verflüchtigung und Subjektivierung der Religion auch mit einer Subjektivierung der sittlichen Anschauungen, auf denen die Gesellschaft beruht, enden müsse. Sie ist sodann ein Protest dagegen, dafs die geistliche Leitung der Nation nicht zu weltlichen Zwecken gehraucht und daher nicht unter die zeitliche Macht gebeugt werden dürfe; daher die Bestrebungen, die Kirche von der Herrschaft des Staates zu befreien, wie sie sich z. B. unter den Anhängern Puseys und den weitergehenden Newmans fanden. So ist diese Richtung nichts als der Ausdruck des religiösen Bedürfnisses der Gegenwart überhaupt. Dasselbe veranlafst vielfach die Besten, Ansichten äufserlich zu verteidigen, gegen welche ihr Verstand sich empört, deswegen, weil sie ihnen unauflöslich mit der sittlichen und gesellschaftlichen Ordnung verknüpft erscheinen. „Schrecklich ist dieser Aufruhr des Verstandes gegen die Forderungen des Herzens, welches ein unerträglicher Tyrann geworden ist. In den letzten Stunden dieses Kampfes haben gar viele von uns gestanden" 1 . Ähnliches gilt von der politischen Reaktion, welche sich von der alten Loyalität dadurch unterscheidet, dafs sie innerlich an die göttliche Einsetzung der Autoritäten nicht mehr glaubt, denen sie sich äufserlich unterordnet, weil sie ihr als das einzige Mittel erscheinen, um die schwankende Ordnung der sittlichen und gesellschaftlichen Welt aufrecht zu erhalten. Reeves 1 Five Discourses on positive Religion by J. H. Bridges. London, res & Turner, 1882. — 51 — Das Auftreten der reaktionären Richtungen im neunzehnten Jahrhundert ist nach Ansicht der Positivisten nichts als ein Beweis dafür, wie sehr die Menschheit einer neuen, sittlich wie gesellschaftlich positiven Macht bedarf. Sie werden, meint Professor E. S. Beesley 1 , einst von der Nachwelt als das bezeichnendere Merkmal des neunzehnten Jahrhunderts angesehen werden, selbst als die Entwicklung der Demokratie, welche nichts als eine Fortsetzung der seit mehreren Jahrhunderten vor sich gehenden Revolution ist. II. Die metaphysische Denkweise ist heute viel verbreiteter als die theologische. Sie schien bis vor kurzem das Gebiet der Politik vollständig zu beherrschen. Ihre eigentlichen Träger sind die sogenannten Mittelklassen, d. h. die durch Besitz ausgezeichneten Stände, welche im gröfsten Teil des westlichen Europas heute die Herrschaft ausüben oder mit dem notwendigen Verfall der älteren Herrschaftsformen immer mehr ausüben werden. Für sie besteht die heute vor sich gehende Umwälzung der Gesellschaft lediglich darin, sie selber an die Spitze zu bringen. Daher glauben sie, dafs dieselbe dort, wo dieses Ziel durch Einführung der Parlamentsherrschaft u. s. w. erreicht ist, nunmehr als beendet zu betrachten sei. Sie verkennen, dafs die politische nur ein Vorspiel der socialen Umwälzung ist. Auch zeigt sich bereits der Verfall des bürgerlichen Konstitutionalismus, welcher nur eine Zwischenzeit auszufüllen berufen ist, darin, dafs er selbst von seinen Anhängern aufhört, geglaubt zu werden. Dieselben verteidigen zwar die Parlamentsherrschaft noch durch Hinweis auf metaphysische Abstraktionen wie Menschenrechte, Volkssouveränität u. s. w., innerlich aber 1 Positivism before the chürch congress. London, Reeves & Turner, 1889. 4* werden sie sich bewufst, dafs es sich um ein Ding handelt, welches sie aufrecht erhalten, weil es ihren Interessen dient. Die „Herrschaft durch das Volk" wird zur Ausbeutung des Volkes durch die Besitzenden. Von dem Grundgedanken aus, dafs die öffentliche Macht nicht ein Recht, sondern eine sociale Funktion sein solle, erklären sich die Angriffe der Positivisten auf das bisherige System in England, wie sie insbesondere Frederic Harrison in der „Fortnightly Review" entwickelt hat. Thatsächlich, so führt er aus, ist die Demokratie der Gegenwart Schein; die englische Staatsform ist richtiger als Plutokratie zu bezeichnen. Das. Schauspiel der Parlamentsregierung hat lediglich den Zweck, dem Volke die Meinung beizubringen, als oh es sich selbst regiere, während es von .einer „Börsenaristrokratie" regiert wird 1 . Demgegenüber ist die Krone und das Oberhaus doppelter Schein: „ein Spiel im Spiele". Die Krone würde zwar einen Vorteil besitzen, nämlich den, die bestehende Ordnung als solche zu verkörpern und zu stärken — ein Vorteil in den Augen der Positivisten, da Fortschritt nie durch gewaltsames Brechen des Bestehenden zu erreichen ist. Aber dieser Vorteil werde durch einen Nachteil aufgehoben, welcher mit der Zeit eine Abschaffung der Krone notwendig machen werde. Ihr Bestehen nämlich drücke den zeitweilig herrschenden Minister zu einer Stellung hinab, in der er zu sehr den parlamentarischen Kämpfen ausgesetzt sei und ihm die Möglichkeit persönlicher Herrschaft zu sehr fehle — er sei derjenige republikanische Präsident, der am wenigsten Würde und Macht habe (the least dignified and established president) 2 — bezeichnend genug für die Um- 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. Bd. XI, S. 621 ff. 2 Vergl. a. a. 0. S. 638. Wandlung der Zeiten: während früher die Radikalen aus Rücksicht auf die Volkssouveränität Abschaffung der Krone verlangten, so tritt hier dasselbe Verlangen auf gewisser- rnafsen aus monarchischen Gründen. Die Angriffe der Positivisten auf das parlamentarische System Englands nehmen Carlyles Kritik wieder auf. Der Hauptvorwurf ist der: das Parlament thue thatsächlich überhaupt nichts, es verhalte sich allen konstruktiven Aufgaben gegenüber regungslos. Als Grund wird einmal der bezeichnet, dafs alle Verhandlungen und Mafsnabmen innerhalb des Parlaments lediglich von dem Hintergedanken getragen seien, wer Herrscher sein solle, während es doch thatsächlich gar nicht darauf ankomme, wer regiere, sondern allein, wie regiert werde. Hierzu aber kommt ein weiterer Grund der Thatlosigkeit des Parlamentes: lediglich die Besitzenden vertretend, wolle es allein den Schein einer Volksregierung herstellen, während die wirtschaftlich Starken die Schwachen dann am besten ausbeuten könnten, wenn gar nicht regiert werde. Um die bezeichnete Täuschung zu erhalten, hätte man heute die demokratischen Verfassungsänderungen vorgenommen, insbesondere die Ausdehnung des Wahlrechts. Das einzige Ziel, das man hierbei verfolge, bestehe darin, bei aller Vermehrung der Wähler das Ergebnis unverändert zu erhalten. Zu diesem Zwecke aber diene gerade eine Ausdehnung bis zu den untersten Schichten des Arbeiterstandes. Diese nämlich seien viel leichter zu beeinflussen als die denkenden und bessergestellten Teile desselben, wie z. B. die Lazzaronis die beste Stütze des Bourbonenregiments gebildet hätten 1 . Trotz der bestehenden Plutokratie aber vollziehe sich 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. Bd. III, S. 381. — 54 — zwar langsam, aber unaufhaltsam der Übergang der Macht (transit of power) von den besitzenden, zumeist noch in der metaphysischen Periode des Denkens befangenen Mittelklassen auf den Arbeiterstand, von welchem am ersten die Annahme der positiven Denkweise zu erwarten sei. Trotz aller demokratischen Verfassungsänderungen sei freilich dieser Übergang zunächst mehr moralischer als thatsächlicher Natur. Es könne aber die Zeit nicht ausbleiben, da den neu zur Macht aufsteigenden Klassen der Charakter der parlamentarischen Klassenherrschaft offenbar werde. Habe sie doch in Frankreich, wo sie am unbeschränktesten sei, eine „reductio ad absurdum" erlebt. Dann werde wieder eine mehr persönliche Herrschaft errichtet werden, freilich keine despotische, sondern eine der öffentlichen Meinung unterworfene, nicht auf Grund göttlicher Einsetzung, sondern auf Grund ihrer socialen Brauchbarkeit. Bewiesen doch schon heute die Arbeiter in ihren Vereinen Sinn für persönliche Autorität und die Einsicht von der Unmöglichkeit einer Regierung durch Mehrheiten. Das Parlament aber werde alsdann die nützliche Aufgabe versehen, dem persönlichen Regiment Schranken zu ziehen; es werde dann mit Nutzen „nein sagen", während es heute zum Schaden der Gesellschaft bereits nichts anderes thue. Was man heute vom konstitutionellen Monarchen sage, werde in der republikanischen Staatsform der Zukunft von dem Parlamente gelten, dafs es „der Herrscher, aber nicht der Regierer" sei. Wenn die Kritik des parlamentarischen Systems uns bereits einen Blick auf die von den Positivisten erwartete Zukunftsentwicklung zu werfen veranlafste, so müssen wir auf die gegenwärtig bestehende Herrschaft der Mittelklassen zurückkehren. Dieselbe hat heute eine neuere Form angenommen, welche ihren Geist noch besser zum Ausdruck bringt: den „Imperialismus" mit seiner militärischen Konzentration, seiner — 55 — lediglich auf Gewalt gegründeten Zusammenfassung grofser, fälschlicherweise als Nationen bezeichneter Bevölkerungsmassen. Diese Form der Regierung herrscht heute auf dem Festlande; auch in England hat sie in der Partei der sogenannten Imperialisten, aber nicht nur unter ihnen, zahlreiche Anhänger. Dieses System bildet scheinbar einen Rückfall in vergangene Stufen der menschlichen Entwicklung, da die Beschäftigung des Mannes der Krieg war — grofse und nützliche Zeiten: war doch der Krieg nach Ansicht des Positivismus einer der wichtigsten Erzieher des Menschen, welcher ihm Selbstverleugnung, Aufopferung zu Gunsten eines Ganzen und Unterordnung unter Herrscher gelehrt hat. Aber der heutige Militarismus hat mit dem älteren nur den äufseren Schein gemein. Die Mittelklassen des westlichen Europa glauben nämlich nicht mehr an die auf göttlicher Einsetzung beruhende Autorität des kriegerischen Stammesoberhauptes oder Königs. Wenn sie die militärische Form annahmen, wenn sie das ihnen schwerfallende Opfer brachten, auf Herstellung der Parlamentsherrschaft zeitweilig zu verzichten zu Gunsten persönlichen Regimentes, so lag der Grund in ihrer Selbstucht, ihrer Habgier und gegenseitigen Eifersucht. Aus diesem Grunde schlössen sie den innerlich unwahren Kompromifs mit den Resten der alten königlichen Gewalt. Um sich gegenseitig zu berauben, ballten sie sich zu jenen kriegerischen Grofsstaaten zusammen, welche, wie Harrison sagt, „nur in einer Atmosphäre von Krieg leben können, unvermeidlich zu Zwang, Unterdrückung und Klassenherrschaft führen, unverträglich mit Fortschritt und Frieden, mit den Interessen des Volkes und einer guten Regierung sind" E Dreierlei ist für diese militaristischen Grofsstaaten der 1 The centenary of the revolution S. 9. Ileeves & Turner. 1889. — 56 — Gegenwart bezeichnend: a) Sie beruhen auf kriegerischer Organisation und halten nur durch Gewalt zusammen. Die irische Frage ist ein Beispiel dieses fehlerhaften Systems. Die Positivisten sind eifrige Anhänger der Home-Bule Partei, indem sie Selbstregierung der einzelnen Provinzen überall befürworten. Selbst Frankreich, wie centralisiert es scheine, verdanke seine Zusammenfassung lediglich den Anforderungen des militaristischen Systems. b) Ganz besonders aber zeigt sich in der Behandlung schwächerer und weniger civilisierter Bassen der demselben zu Gründe liegende Geist der Herrschsucht und Habgier. Am deutlichsten zeigt er sich nach Ansicht des Positivismus in dem Wettrennen, welches zwischen den Staaten Europas heute um die Eroberung und Zerteilung des afrikanischen Festlandes stattfindet. Soldaten, Entdecker, Geographen und Missionäre seien — wenn auch vielfach sich dessen nicht bewufst — mit Zeitungsschreibern und Kaufleuten daran, Afrika auszuplündern und in Sklavenbande zu schlagen. Das Gerede von Wissenschaft, Civilisation, Christentum, Abschaffung der Sklaverei, Unterdrückung des Krieges diene lediglich dazu die Triebfedern der Habgier und Herrschsucht zu verschleiern. Das Christentum und christliche Tugenden, sagt Frederic Harrison am angeführten Orte, liefsen sich nur durch sittliche Mäehte verbreiten, so wie es die ersten Christen verbreitet hätten, nicht durch Kruppsche Kanonen und Panzerschiffe. „Nicht zufrieden mit einem Beiche von 250 Millionen Hindus in Asien, zu welchem sie eben daran sind, ein neues Königreich zu fügen", fährt der genannte Schriftsteller fort, „sind unsere Landsleute in jenem Treiben, wie gewöhnlich, wieder an der Spitze, sich Beiche herauszuschneiden aus den unbegrenzten Landstrichen Afrikas". c) Ganz ebenso gewaltsam aber gehen nach Ansicht der — 57 — Positivisten die besitzenden Klassen in der Form militärisch organisierter Grofsstaaten gegen die unteren in ihrer Heimat vor. Ja die erwachende Furcht vor dem „Umschwünge der Macht", den sie selbst durch Demokratisierung der Verfassung vorbereitet hätten, sei ein neuer Grund für sie, die militärische Organisation festzuhalten, durch welche sie ihre Herrschaft zu verteidigen hofften. Ganz besonders in das Auge fallen nach Harrison die Schattenseiten des herrschenden Systems in Frankreich, welches in seinen heutigen Leiden und Zuckungen vorbildlich sei für das, was ganz Europa durchmache oder noch durchzumachen habe. Im Innern eine durchaus unfähige Parlamentsherrschaft, welche die leitenden Plätze in die Hände von Börsenspekulanten und Schwindlern gegeben hätte, nach aufsen militärische Organisation und koloniale Ausbeutung. Auch würden die besitzenden Klassen nicht Bedenken tragen, die Militärgewalt gegen die Abeiterr zu wenden, um das bestehende System der Unterdrückung aufrecht zu erhalten 1 . „Die revolutionäre Krisis", sagt F. Harrison, der wichtigste politische Schriftsteller der englischen Positivisten, sein 1 Ist es gestattet, an diesem Orte ausnahmsweise ein Wort der Kritik einzuschalten, so möchte ich darauf hinweisen, dafs die militärische Organisation der europäischen Grofsstaaten gewifs zum guten Teil dem Drucke zuzuschreiben ist, den der Osten auf den Westen Europas ausübt. Der Osten, in positivistischer Sprechweise, steht auf der theologischen Stufe, ist seiner Natur nach kriegerisch und würde den Westen überschwemmen, die Geschichte um Jahrhunderte zurückstellen, falls der Westen seine militärische Organisation aufgäbe. Der Fehler der positivistischen Kritik scheint darin zu liegen, dafs sie den Westen Europas als eine für sich geschlossene Welt betrachtet, während Comte auf das schärfste betonte, dafs bei socialen Problemen die Methode, die vom „ensemhle" ausgehe, allein anwendbar sei. Dies heifst in vorliegender Frage mindestens die ganze europäische und einen guten Teil der asiatischen Welt in Betracht ziehen. — 58 — Urteil über die Gesellschaft der Gegenwart zusammenfassend 1 , „ist nur das äufsere und sichtbare Schwinden der letzten Reste der Religion, welche einst Europa zusammengehalten hatte, wie die Reformation das äufsere und sichtbare Schwinden des alten, katholischen Systems des dreizehnten Jahrhunderts war. Die Reformation mit ihrem religiösen und politischen Kompromifs bot eine zeitweilige Grundlage der Ordnung. Nun ist dies zu Ende. Europa mit einer ungeheuren Bevölkerung, ungeahnten Hiilfsmitteln befindet sich moralisch in einem Zustande, wie die römische Welt des späteren Kaiserreichs, als die alte Religion offenbar aufgehört hatte zu herrschen und zu vereinigen und die Leiden der Gesellschaft nach einer neuen Religion riefen. Wir können uns heute zurückversetzen in die Zeit des heiligen Augustinus, als dieser auf den ihn umgebenden, schwer gefährdeten Zustand der bestehenden politischen Mächte, die geistige Verderbnis, die sittliche Lähmung, die Unfähigkeit der alten Götter blickte und Hoffnung nur in einer neuen Religion, in einem Staate sah, der nicht von Menschen, sondern von Gott gemacht sei". III. Einer gleichen Hoffnung sind sich die Positivisten bewufst. Weit entfernt am bestehenden zu verzweifeln, erblicken sie überall Anzeichen dafür, dafs die Menschheit dem „positivistischen Gesellschaftszustande" sich nähere. Auch diesmal wird die neue Religion nicht unter den Besitzenden zuerst ihre Anhänger finden, vielmehr sind es wieder die Besitzlosen, die Arbeiter, insbesondere die denkenden und fortgeschrittenen unter denselben, welche der positivistischen Denkweise am nächsten stehen. Darin zwar gleichen sie einem grofsen Teile der Mittelklassen, dafs auch auf sie 1 Vergl. The Centenary of the Revolution S. 18. Reeves & Turner. 1889. die älteren religiösen Denkformen jeden Einflufs verloren haben. Aber während jene, im Besitze der politischen Herrschaft, dieselbe lediglich zn selbstsüchtigen Zwecken handhaben, erwache unter den Arbeitern mehr und mehr das Verständnis für eine der Grundwahrheiten des Positivismus — nämlich die, dafs die Politik der Moral unterzuordnen sei, welche Forderung in gleicher Weise das Christentum bereits zur Zeit seiner Machtfülle aufgestellt habe. Auf dieser Einsicht beruhe die innerhalb des Arbeiterstandes immer mehr sich ausbreitende Partei, welche grundsätzlich gegen Einmischung in fremde Verhältnisse und gegen jeden Angriff auf das Ausland sei (anti-aggressionist party). Schon vor 30 Jahren stellte Dr. Congreve, der erste Anhänger des Positivismus in England, in einer Abhandlung über die auswärtige Politik den Satz auf, dafs dieselbe nicht von selbstsüchtigen, sondern sittlichen Gesichtspunkten beherrscht sein solle. Seitdem haben sich die Posi- tivisten bei allen Gelegenheiten, insbesondere auf Anlafs des sogenannten Opiumkrieges mit China, der Unterwerfung der Zulus, der Transvaalangelegenheit u. s. w. stets in gleichem Sinne vernehmen lassen. Zuerst, sagen sie, seien sie verlacht worden; heute werde die „internationale Moralität" zwar nicht befolgt, aber doch von einer stets wachsenden Partei gefordert. Dieselbe setze sich vor allem aus den besseren Teilen des Arbeiterstandes zusammen. Sie sei gegen Kolonien, gleichviel ob sie einträglich wären oder nicht, weil sie auf ungerechter Beherrschung beruhten. Diese Partei sei bereits eine politische Macht, deren Unterstützung Gladstone vor allem seine Volkstümlichkeit verdanke. Insbesondere aber zeigten sich die Erfolge jener positivistischen Grundanschauung auf dem Gebiete der irischen Politik. Vor 20 Jahren forderten bereits die Positivisten 60 — Unabhängigkeit und Selbstregiening für Irland. (Dr. Congreve: „Ireland a new selfruling unit".) Im Anfang seien sie ganz allein gestanden, als Utopisten und Fanatiker verschrieen worden. Aber sie seien nur der Durchschnittsmeinung ihrer Zeit voran gewesen. Denn heute sei ihre Forderung Schlachtruf einer grofsen, politischen Partei, „des gesamten aufgeklärten Teiles der Nation". Besonders aber seien die Arbeiter auf ihrer Seite, während der Widerstand von den besitzenden Mittelklassen ausgehe. Der Grund aber, welcher die Arbeiter in ihrer Stellungnahme zur irischen Frage bestimme, sei nicht der, dafs die Selbstregierung Irlands nützlich und heilsam für England, sondern der, dafs das heutige System sittlich verwerflich, „ungerecht", wie sie sagen, sei. Gerade auf dem Gebiete der auswärtigen und irischen Politik zeigt sich nach Ansicht der Positivisten, dafs sie selber die Vorkämpfer dessen seien, was die liberale Partei später zu ihrem Programm zu machen pflege. Dies aber sei dem wachsenden Einflui's des Arbeiterstandes auf die Richtung des heutigen Radikalismus zuzuschreiben. Freilich seien heute nur erst beschränkte fortgeschrittene Teile des Arbeiterstandes weit genug, um positivistische Anschauungen anzunehmen. Das Bestehen der grofsen Staaten, welche mit Gewalt Angehörige der verschiedensten Denkstufen zusammenbänden, wirke der Entwicklung hinderlich. Daher begrüfsten die Positivisten den Gedanken der Pariser Kommune, den Arbeiterstand von der reaktionären Herrschaft der Provinzen zu befreien 1 . In der That bestand ein Zusammenhang zwischen jener Bewegung und den von Comte aufgestellten Lehren. Wenn die Kommune „eine neue positive, experimentelle und wissenschaftliche Ära" verhiefs, so 1 Vergl. Fortniglitly Review. N. S. S. 557 ff. — 61 — war dies ein Citat aus Comte, ja geradezu ohne die positivistische Terminologie unverständlich. Mit der Errichtung der Pariser Kommune schien das Ideal der Positivisten, eine Zerspaltung Europas in viele Föderativrepubliken, den ersten Schritt zur Verwirklichung gethan zu haben — eine Zerspaltung, die deswegen notwendig sei, weil nur bei einer gleichartigen, auf derselben Entwicklungsstufe des Denkens stehenden Bevölkerung Unterdrückung des einen Teiles durch den andern vermeidbar sei. Auch hätte die Kommune die Notwendigkeit eines persönlichen Regimentes anerkannt. Es ist selbstverständlich, dafs die Positivisten die zur Zeit der Kommune verübten Zerstörungen den Gegnern derselben zuschreiben. Dagegen trug auch nach Ansicht der Positivisten die Pariser Kommune, d. h. Gemeinde einen schweren Fehler an sich, welcher zeigt, dafs der Pariser Arbeiter zu dem positivistischen Gesellschaftszustande noch nicht reif war: sie neigte kommunistischen Lehren zu, d. h. sie suchte durch politische Mafsregeln zu verwirklichen, was durch moralische Entwicklung herbeizuführen sei. Wir berühren hiermit die Stellungnahme der Positivisten zu den kommunistischen und socialistischen Parteien der Gegenwart. Ihre Ausbreitung unter den Arbeitern, welche bei weitem ihr Ende noch nicht erreicht habe, ist in den Augen der Positivisten die wichtigste Erscheinung in der politischen Geschichte unserer Zeit. Die Revolution, welche seit etwa einem Jahrhundert Europa umgestaltet, zerfällt nach Ansicht der Positivisten in zwei Teile. Die politische, welche heute noch nicht ihr Ende erreicht hat, war von den Mittelklassen getragen, welche sie zur Macht emporhob; ihr Ideal waren politische Rechte, ihre Denkweise metaphysisch, ihr Ausgangspunkt ein abstraktes, nirgends in Wirklichkeit vorhandenes Individuum. Der zweite — 62 — Teil der Revolution, welcher sich 1848 in Frankreich bereits angekündigt hat, wird die sociale sein. Sie geht aus von den arbeitenden Klassen, welche einzusehen heginnen, dal's politische Rechte an sich nicht das Endziel sind, dafs vielmehr die sogenannte „Frage des Eigentums" weit wichtiger sei, d. h. die Frage, wie der Besitz des Einzelnen zu Gunsten der Gemeinschaft zur Anwendung gebracht werden könne. Das Problem, welches damit aufgestellt werde, sei dasselbe, welches der Positivismus für das wichtigte der Gegenwart erkläre, und das Comte bereits in folgender Weise formuliert habe: „la richesse est sociale dans sa source et doit l'etre aussi dans son application". Es beziehe sich dies nicht nur, wie die Kommunisten und Socialisten meinen, auf den Besitz an körperlichen Gütern, sondern auf jeden Besitz, z. B. auch den des Talentes. Denn in allen Formen sei der Besitz ein Erzeugnis der gesellschaftlichen Zustände, aus denen der Einzelne hervorgewachsen sei. Ohne Mitwirkung der Gesellschaft sei er nicht zu erzeugen, geschweige denn zu übertragen und sei daher nicht ein persönliches, nach Belieben auszuübendes Recht, sondern vielmehr eine sociale Funktion. Insofern, als der Kommunismus und Socialismus dieses Problem, zwar noch in beschränkter Form, aufstellt, erkennen ihn die Positivisten als „Fortschritt des revolutionären Geistes in gesunder Richtung" 1 an; daher nehmen sie an, dafs er in Zukunft bedeutend an Ausdehnung und Einflufs zunehmen werde, in dem Grade nämlich, als die arbeitenden Klassen die Erfahrung machen, dafs ihnen die politischen Veränderungen nichts nützen. Die Lösung dagegen, welche die Kommunisten vorschlügen, 1 Vergl. Comte, General view of positiyism S. 160. London, Trübner, 1865. — 63 — sei eine politische, genau wie ihre Vorgänger bereits durch politische Mittel die Gesellschaft neu ordnen zu können gemeint hatten. Das Mittel, durch welches sie die richtige Anwendung des Kapitals herbeizuführen hofften, sei lediglich ein Wechsel in der Person seines Besitzers. Auch die Socialisteu böten im Grunde keine andere Lösung; der einzige Unterschied sei der, dafs sie die Undurchführbarkeit der kommunistischen Vorschläge einsehend mehr die kritische Seite, d. h. die Angriffe auf das bestehende System in den Vordergrund stellten. Angenommen sie gelangten irgendwo vorübergehend zu Macht, so würden ihre positiven Versuche auf mehr oder minder kommunistische Mafsregeln hinauslaufen. Diese von der Mehrzahl des heutigen Arbeiterstandes befürwortete Lösung der socialen Frage aber sei unwissenschaftlich. Sie verkenne das Wesen der menschlichen Gesellschaft und die Gesetze, unter welchen dieselbe stehe, und führe daher nicht zu dem beabsichtigten Ziele. Ihre Befürworter bewiesen, dafs sie im wesentlichen noch auf derselben Stufe des Denkens stünden, wie die von ihnen bekämpften Gegner. Indem die menschliche Gesellschaft dem Auge der positiven Wissenschaft sieh als ein Organismus darstellt, nicht als ein willkürlich gemachter Mechanismus, unterfällt sie dem für Organismen überhaupt geltenden Gesetze der Kontinuität. Jede grofse Veränderung mufs aus der vorhergehenden hervorwachsen, während durch den Versuch einer plötzlichen und willkürlichen Veränderung nur die äufsere Anordnung getroffen, im besten Fall wenig erreicht, möglicherweise aber die Entwicklung zurückgehalten und vieles zerstört werden kann. Die Veränderungen in einem Organismus nämlich gehen vor sich durch Umgestaltung der ihn zusammensetzenden organischen Einheiten; dieses Gesetz gilt schon für die Physiologie, in weit höherem Mafse aber für die Sociologie und bildet, — 64 — wie Herbert Spencer nachweist, den Hauptunterschied zwischen organischer und anorganischer Entwicklung. In der Sprache des gewöhnlichen Lehens ausgedrückt aber heilst dies nichts anderes, als dafs die sociale Entwicklung nicht von politischen, sondern von moralischen Veränderungen abhängt, dafs daher gegenüber jener Hauptaufgabe der Gegenwart, Anwendung des individuellen Besitzes zum allgemeinen Besten, auch nicht politische, sondern vielmehr moralische Schranken der Selbstsucht des Individuums auferlegt werden müssen. „Diejenigen, welche sich solchen unterwerfen", sagt Comte, „werden es mit ihrem freien Willen unter dem Eiuflufs der Erziehung thun. Ihr Gehorsam, einerseits sicher geleistet, wird doch, wie schon Aristoteles bemerkt, das Verdienst der Freiwilligkeit besitzen. Indem wir das private Eigentum in eine öffentliche Funktion verwandeln, unterwerfen wir es keinem tyrannischen. Eingriff, welcher im höchsten Grade entsittlichend auf den menschlichen Charakter wirken würde" L Indem die Kommunisten und Socialisten die Lösung der Aufgabe durch politische Mittel anstreben, können sie an sich auch der Anwendung von Gewalt nicht unter allen Umständen abgeneigt sein. So weit sie friedliche Mittel befürworten, thun sie dies aus praktischen Gründen und für den Augenblick. Die bestehende Ordnung scheint ihnen zu stark und daher jeder gewaltsame Angriff auf dieselbe aussichtslos. Aber da sie lediglich politische Mittel zur Anwendung bringen wollen, ist hierzu nur erforderlich, dafs sie die politische Macht in die Hand bekommen, dagegen ganz gleichgültig, wie diese Macht errungen ist, ob durch friedliche oder gewaltsame Mittel. Daher werden sie, wenn ihnen die Anwendung von Gewalt aussichtsvoll erscheint, nicht zaudern, zu derselben zu greifen. 1 Vergl. a. a. 0. S. 174. — 65 — Der Positivismus ist dagegen nach seiner Natur grundsätzlich friedlich. Seine Lehre besänftigt die Gegensätze des Klassenhasses. Denn die bestehende Ordnung, wie verbesserungsbedürftig sie sei, ist ihm zunächst eine der wissenschaftlichen Beobachtung unterworfene Thatsache, auf welche er seine Vorliebe für wissenschaftliche Thatsachen überhaupt überträgt. Sie ist des weiteren wohl besserungsbedürftig, aber gewifs nicht völlig schlecht, denn sie ist das Endergebnis aller edlen und grofsen Thaten der Vorfahren. Hat es doch nicht an solchen gefehlt, die den Positivismus um deswillen rückschrittlicher Neigung beschuldigten. Dies freilich ganz mit Unrecht: die bestehende Ordnung ist eine Thatsache, die nicht etwa der Einwirkung des Menschen entzogen, vielmehr von ihm, sofern er nur die Gesetze, unter denen sie steht, erkannt hat, in weitem Mafse zu beeinflussen ist. Was der Positivismus behauptet, ist nur, dafs diese Beeinflussung allein innerhalb bestimmter Grenzen vor sich gehen könne, welche die natürlichen Gesetze vorschrieben. Wie niemand z. B. die Gesellschaft der Herrschaft der astronomischen Gesetze oder dem Gesetze der Schwerkraft entziehen könne, so auch nicht den für das sociale Ganze eigentümlich geltenden Gesetzen. Aus letzteren folge, dafs Fortschritt aber nur auf Grund und als Entwicklung der Ordnung möglich sei, dafs eine Zerstörung der bestehenden Ordnung auch den Fortschritt unmöglich mache, ganz ebenso wie die physiologischen Funktionen von den anatomischen Zuständen abhingen. Daraus, dafs der Socialismus diese wissenschaftlichen Thatsachen verkenne, folgen nach Ansicht des Positivismus zwei weitere Fehler. Einmal mangele er des geschichtlichen Sinnes und unterschätze die Wichtigkeit der Erbschaft, welche von einem Geschlecht dem andern überliefert werde. Sodann aber begehe er den weiteren Fehler, die Freiheit des Individuums v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 5 unterdrücken zu wollen. Er verkenne damit die ungeheure Überlegenheit des socialen über den thierischen oder menschlichen Einzelorganismus: der letztere bestehe aus physisch verbundenen, der erstere aus freien, sittlich verbundenen Einheiten. Es handle, sich darum, den Individualismus unterzuordnen, nicht zu zerstören. Zwar habe das heutige industrielle System seine Organisierung noch nicht gefunden; aber der Keim einer solchen liege sicherlich in der spontan eingetretenen Differenzierung zwischen Unternehmer und Arbeiter; darin jedenfalls bestehe die Stärke der Industrie, dafs sie persönlichem Regiment, nicht einer parlamentarischen Scheingewalt untergeordnet sei. Es handle sich nicht darum, den Arbeitgeber abzuschaffen, im Gegenteil das produzierende Kapital zu konzentrieren, indem es so eher in der Lage sei, die gerechten Ansprüche der Arbeiter zu befriedigen. Die Zukunft gehöre dem „Feldherrn der Industrie" (captain of industry), dem Führer und Sorger für seine Leute. Sei doch einst auch nur die Person des Nelson, nicht ein unpersönliches Admiralitätsamt, imstande gewesen, den Soldaten Begeisterung einzuflöfsen L Wie sehr sich so der Positivismus von den socialistischen und kommunistischen Richtungen unterscheidet, so begrüfst er sie als Vorläufer seiner eigenen Ausbreitung. Folgende Gesichtspunkte kommen hier zur Geltung: 1. Das Problem der Gegenwart: Anwendung des persönlichen Besitzes zum allgemeinen Besten d. h. Unterordnung des heute frei schaltenden Individualismus unter das Interesse der Gemeinschaft, ist, abgesehen vom Positivismus, niemals in so scharfer Weise aufgestellt worden, wie von jenen 1 Vergl. F. Harrison, Fortnightly Review Bd. III, S. 498. Auch hier liegen wieder Berührungspunkte mit Carlyle. Vergl. Bd. I, S. 275. — 67 — Lehren. 2. Das Problem ist nicht allein aufgestellt worden, vielmehr sind auch die Träger jenes Individualismus, die besitzenden Mittelstände, zwangsweise auf dasselbe aufmerksam gemacht worden durch die Furcht, welche jene Bewegungen des Arbeiterstandes hervorrufen. 3. Jene Richtungen sind nützlich als Protest gegen die frühere Nationalökonomie, insbesondere gegen die Sätze, dafs das Eigentum in freier Weise ohne Rücksicht auf die Gemeinschaft angewendet werden dürfe, ferner, dafs die gesellschaftliche Ordnung, auf falsch aufgefafsten Naturgesetzen beruhend, durch menschliche Eingriffe nicht zu verändern sei, woraus die Theorie des laissez- faire entsprang. 4. Jene Richtungen bewirkten ein wachsendes "Verlangen nach staatlichem Eingriff, der zwar nicht die Lösung bringen, aber doch vorbereitend — für England auf dem Gebiete der Erziehung, der Landfrage, der Hygiene u. s. w. — nützlich wirken könne. 5. Die von jenen Richtungen vorgeschlagene Lösung ist zwar im höchsten Grade destruktiv, jedoch so augenscheinlich unpraktisch, dafs sie sich bei dem ersten "Versuche ihrer Lösung sofort widerlegen und daher nicht in weitem Mafse schädlich wirken wird. Ist auch nicht zu erwarten, dafs die Masse der Arbeiter in nächster Zukunft die socialistischen Lehren aufgeben werde, so zeigen sich nach Ansicht der Positivisten doch heute schon Ansätze einer den Socialismus überholenden Weiterentwicklung. Fragen reiner Politik hörten auf, die Arbeiter zu interessieren. Ihre Aufmerksamkeit vereinige sich auf sociale Fragen. Die blofse Vertauschung einer Person oder Partei mit einer anderen beziehentlich der politischen Macht sei ihnen nicht mehr ein genügendes Ziel; auch beziehentlich des Eigentums würden sie bald dahin kommen. In beiden Fällen handle es sich darum, nicht wer das Recht habe, sondern wie es ausgeübt werde, nicht darum, das private 5" — 68 — Eigentum abzuschaffen, vielmehr sich von seiner Übermacht zu befreien. Die Positivisten messen für den sich heute vollziehenden Umschwung den Gewerkvereinen die gröfste Bedeutung bei 1 . Auch hier können sie sich rühmen, der öffentlichen Meinung weit vorausgeschritten zu sein, ja in bedeutendem Umfange sie geleitet zu haben. Schon Comte hatte auf die Gewerkvereine als wichtige Faktoren der Fortentwicklung hingewiesen, zu einer Zeit, da in England nicht nur der Führer der Konservativen im „Sybil", sondern die öffentliche Meinung überhaupt sie verdammte. Dieses Verhältnis währte während des gröfseren Teiles des Jahrhunderts. Noch in den sechziger Jahren machte man für verbrecherische Ausschreitungen einiger Sheffielder Gewerkvereinler die Gewerkvereine überhaupt verantwortlich. Die damals zur Untersuchung ihrer Verhältnisse eingesetzte Kommission sollte Material zur Unterdrückung der Vereine beschaffen. Jedoch waren die Ergebnisse der ausgedehnten Nachforschungen solche, dafs sich gegen die Mehrzahl der Gewerkvereine der Vorwurf der Gesetzesverletzung nicht aufbringen liefs. Damals nun setzten die Positivisten mit einer höchst umfangreichen publizistischen Thätigkeit zu Gunsten der Gewerkvereine ein. Besonders war es neben H. Crompton der mehrfach erwähnte F. Harrison, welcher seine „Tracts for trades unionists" veröffentlichte. Die von den Positivisten ins Feld geführten Beweisgründe waren damals neu, seitdem wurden sie oft wiederholt. Die Arbeit sei eine Ware so eigentümlicher Art, dafs der Arbeiter nur durch Vereinigung mit seines- 1 In der That steht die antisocialistische Richtung der Gewerkvereine der vom Positivismus geübten Kritik sehr nahe. Vergl. Trade Unions by William Tränt S. 185. London, Iiegan Paul, Trench & Co., 1884. — 69 — gleichen sich zur Stellung einer Vertragspartei aufschwingen könne; der Arbeiter besitze das Hecht, seine Arbeit an gewisse ihm freistehende Bedingungen zu knüpfen, so wie jeder andere; die gegenteilige Ansicht sei eine Folge der früher bestandenen Anschauung, dafs der Arbeiter zur Arbeit öffentlich rechtlich verpflichtet sei u. s. w. Der damals eintretende Umschwung der öffentlichen Meinung ist zum guten Teile dem thatkräftigen Eingreifen der Positivisten in die schwankenden Tagesansichten zuzuschreiben. Er fand in den folgenden Jahren seinen Ausdruck in einer die Gewerkvereine legalisierenden Gesetzgebung 1 . Während die erwähnte Gesetzgebung noch starken Widerstand in dem Lager beider Parteien fand, so hat sich heute die öffentliche Meinung zu dem Standpunkt der Positivisten bekehrt; in dieser Hinsicht giebt es keinen Unterschied mehr zwischen Liberalen und Konservativen, Arbeitern und Arbeitgebern in England. Auf die Kämpfe der früheren Jahre zurückblickend konnte daher F. Harrison in seiner Rede vor dem Kon- grefs der Gewerkvereine 188S sagen: mit den Gewerkvereinen sei es gegangen wie mit den Eisenbahnen; erst seien sie Gegenstand heftigster Angriffe gewesen, heute seien sie so selbstverständlich, dafs die Auseinandersetzung ihrer Berechtigung und Nützlichkeit pedantisch erscheinen würde. Was die Positivisten schon vor dreifsig Jahren vorhergesagt hatten, erfüllt sich mehr und mehr. Die Gewerkvereine sind heute, wenn nicht zahlen- mäfsig, so doch moralisch die stärkste Macht un er den Arbeitern. Sie lehren ihnen den Wert der individuellen Freiheit gegenüber dem vom Socialismus befürworteten Staatsein- 1 Vergl. F. Harrison, Progress ancl Order S. 67. Longmans & Co. für die Stellung der Positivisten zu dieser Gesetzgebung. Vergl. ferner unten Kap. VII, Absclm. 3. — 70 — griff schätzen. Ihre Kämpfe mit dem Kapital werden mehr und mehr friedlich ausgefochten. Von den Arbeitgebern als die Vertretung der Arbeiter anerkannt, bewirken sie, dafs der Arbeiter aufhört, blofses Produktionsmittel, „Hand" zu sein, und mehr und mehr wirklicher Mitarbeiter, „Cooperator" wird, was F. Harrison bereits 1866 als Aufgabe der Gewerkvereine hingestellt hatte 1 . Freilieh haben die Gewerkvereine bisher nur einem beschränkten Teile des Arbeiterstandes geholfen. Jedoch ist hier der Weg gezeigt, auf dem nach Ansicht der Positivisten fortgeschritten werden mufs. Zwei Thatsachen aber beginnen in neuester Zeit sich bereits geltend zu machen, welche den Ausständen des folgenden Jahrhunderts einen durchaus anderen Charakter als denen des vergangenen aufdrücken werden. a) Die öffentliche Meinung, wenigstens innerhalb der gesamten englisch sprechenden Welt, bemächtigt sich bereits heute dieser Kämpfe. Sie unterstützt die gerechten Forderungen der Arbeiter auf ein menschenwürdiges Dasein, wie sie insbesondere in dem Verlangen nach verkürzter Arbeitszeit sich aussprechen. Schon heute sehen wir, wie die öffentliche Meinung ungelernten und schwach organisierten Arbeitern, denen vom rein gewerkvereinlichen Standpunkt aus nicht zu helfen ist, den Sieg verschafft, so bei dem jüngst stattgehabten Ausstande der Londoner Dockarbeiter 2 . Aber die Macht der öffentlichen Meinung wird nach Ansicht der Positivisten gewaltig wachsen, in dem Grade nämlich, als sie durch Verbreitung positivistischer Ansichten an Einheitlichkeit gewinnt. Sie wird ein wichtigerer Schutz für den Arbeiter werden als I Vergl. Fortnightly Keview Bd. III, S. 47, 51 ff. II Vergl. unten Kap. IX, Abschn. 1. — 71 — die Gesetzgebung; denn welcher Verein von Arbeitgebern könnte sich auf die Dauer der öffentlichen Meinung einer civi- lisierten Welt widersetzen. Damit werden die Arbeitausstände mehr und mehr das werden, als was sie J. H. Bridges bezeichnet: „eine Aktion der organisierten öffentlichen Meinung." b) Die „Internationalisierung" der Organisationen aber, welche nach und nach die gesamten Kulturstaaten umfassen würden, werde die Arbeitgeber von der Furcht befreien, dafs verbesserte Arbeitsbedingungen dem ausländischen Mit- bewerb zu Gute kämen. Auch würde, wie auf beschränktem Gebiete schon heute die Ansätze vorlägen, so auch auf dem erweiterten der Zukunft der Kriegszustand friedlicheren Methoden der Entscheidung Platz machen und die öffentliche Meinung die Schiedsrichterin zwischen den Anforderungen der Produktion und der Arbeit sein. Die Positivisten verweisen um ein Beispiel von der Macht der positivistisch erzogenen öffentlichen Meinung der Zukunft zu geben, auf den gleichfalls ohne äufseren Zwang geübten Einflufs der Kirche des Mittelalters, durch den sie z. B. den Gottesfrieden und ähnliches durchgesetzt habe. Aus dem gesagten geht bereits hervor, dafs nach Ansicht der Positivisten eine befriedigende Lage der Arbeiter erst dann erreicht werden kann, wenn die Durchsetzung der Menschheit mit positivistischen Anschauungen grofse Fortschritte gemacht hat. Die wahre „Organisation der Arbeit" wird erst nach der „Organisation der Erziehung" erreicht werden, während jeder Versuch, das „sociale Gebäude der Zukunft aufzubauen", scheitern mufs, bevor seine sittlichen und verstandesgemäfsen Grundlagen gelegt sind. Ein Blick auf das verflossene Halbjahrhundert zeigt ein — 72 — Wachsen der Bedeutung und Anhängerzahl des Positivismus. In vielen Fragen ist er, wie gezeigt, der öffentlichen Meinung vorangegangen. Weithin hat er seinen Einflufs geltend gemacht. Um den Positivismus zu beurteilen, und zugleich den ungeheueren Umschwung des Denkens zu ermessen, welchen wir im vorliegenden Werke darstellen, bedenke man, dafs der Positivismus an Stelle des früheren benthamistischen Radikalismus tritt. Derselbe war materialistisch in seiner Weltanschauung, Militärisch in seiner Moral, „kompetitionistisch", d. h. das Laissez-faire vertretend, in seiner Politik. Die neuere Richtung des Radikalismus ist dagegen positivistisch, altiuistisch, social. Als Unterschiede vom Standpunkt der praktischen Politik sind hervorzuheben: 1. Verteidigung der Ehe und des Familienlebens, Betonung der Unterschiede der Geschlechter, Verlangen nach Beschränkung der Frauenarbeit. 2. Strengste Nichteinmischungspolitik, ihre Anwendung auf Irland und koloniale Fragen; Verlangen nach Decentralisation. 3. Forderung des staatlichen Eingriffs auf socialem Gebiet, ohne andererseits den socialistischen Irrtum zu teilen, dafs hierdurch mehr als nebensächliches geleistet werden könne. 4. Betrachtung aller politischen Fragen weniger vom Standpunkt des Kapitals als der Arbeit, Anerkennung der Gewerkvereine und Beeinflussung der öffentlichen Meinung zu Gunsten der Arbeiter. 5. Bekämpfung aller Umsturzideen als unpraktisch und unwissenschaftlich. Diese Verbindung eines durchaus radikalen mit einem völlig friedlichen Charakter ist an dem Positivismus von socialem Standpunkt aus besonders bedeutsam. Nur derjenige wird seine Zeit verstehen und auf sie wirken, welcher ihre Strömungen, die befreundeten wie die gegnerischen, kennt; insbesondere aber diejenigen, welche, wenn schon heute wichtig, der Entwicklung voranzuschreiten — 73 — scheinen. In dieser Hinsicht scheint die Kenntnis des Positivismus besonders wichtig 1 . 1 Es scheint an dieser Stelle notwendig, auf die Philosophie Herbert Spencers mit wenigen Worten einzugehen, obwohl eine ausführlichere Behandlung derselben aus dem Rahmen dieser Arbeit fällt. Einmal nämlich haben die Gedanken des genannten Schriftstellers nicht eine unmittelbar socialpolitische Spitze; ihre Bedeutung in dieser Richtung liegt vorwiegend in der Bekämpfung des Socialismus, in welcher Eigenschaft sie unten zu erwähnen sind. Sodann fehlt Herbert Spencer eine Anhängerschaft, welche sich unter den Geistesrichtungen des heutigen Englands etwa in der Weise des Comtistischen Positivismus als eine geschlossene Gruppe mit bestimmten politischen und socialen Forderungen hervorhöbe. Dagegen stehen die in den „First Principles" und dem ersten Bande der Biologie enthaltenen Gedanken in enger Berührung mit den philosophischen Grundlagen der in vorliegender Arbeit geschilderten Richtungen, insbesondere mit Carlyle und dem Positivismus. Herbert Spencers Werke haben wesentlich dazu heigetragen, die frühere mechanische und utilitarische Gesellschaftsauffassung aufzuheben. Folgende Hauptpunkte scheinen in dieser Beziehung hervorzuheben: 1. Spencer ist Positivist in der Verneinung jeder Spekulation und der Beschränkung der Wissenschaft auf die Ordnung gegebenen Materials; er ist demzufolge antimaterialistisch. 2. Der Mittelpunkt seines Systems ist der Begriff der Entwicklung. 3. Er fafst den Begriff der organischen Entwicklung (Leben) in einer auf individuelle wie sociale Organismen gleichmäfsig passenden Weise. 4. Er vertritt eine altruistische Moral. Hierüber noch folgendes: Nach Spencer beruht alles Erkennen auf gegebenen sinnlichen Empfindungen, welche das Urmaterial alles geistigen Lebens sind. Durch die Differenzierung der Empfindungsvermögen (Sinne) entsteht die Aufsen- welt, indem das Zusammenwirken mehrerer Arten von Empfindungen den Menschen zwingt, die Eindrücke zu objektivieren. Das neugeborene Kind, ähnlich wie jenes tief auf der Stufe der Organismen stehende Wesen, dem zuerst die Aufsenwelt als solche erwachte, schafft durch Kombination von Tast- und Gesichtseindrücken den Körper und macht dadurch subjektive Empfindungen zu objektiven Wahrnehmungen, Objekten. Hiermit ist der Kreis des menschlichen Erkennens erschöpft, woraus unmittelbar folgt, dafs nur Körper und Bewegung Gegenstand der Kenntnis des Menschen sein können. Keine Erscheinung, und sei sie noch so kompliziert, von der ich nicht annehmen mufs, dafs sie auf Körper und Bewegung sich zurückführen lasse, deswegen nämlich, weil ich über- — 74 — haupt nichts anderes wahrnehmen kann. Das sogenannte Gesetz der Erhaltung des Stoffes und der Bewegung ist für Spencer nichts als ein anderer Ausdruck der Beschränkung der menschlichen Erkenntnis auf das körperliche Gebiet. Die Vorstellung des Entstehens von Stoff oder Bewegung aus dem Nichts, des Vergehens derselben in das Nichts, ist unmöglich, weil sie Verknüpfung von Dingen wäre, die dem Gebiet des Bewufstseins angehören, mit solchen, die aus demselben herausfallen. Die in der Sonnenwärme enthaltene Bewegung geht unter den mannich- fachsten Formen, als Wärme, Licht, mechanische Bewegung u. s. w., durch alle Erscheinungen des organischen wie socialen Lebens hindurch. Die Sonnenwärme als Molekularbewegung bringt zuerst den chemischen Pro- zefs hervor, auf dem das Pflanzenlehen beruht, die Desoxydation der Kohlensäure. Von diesem hängt weiter der umgekehrte Vorgang ab, die Oxydation der Kohle, den das Tierleben darstellt. Die ursprüngliche Bewegung tritt hier in neuer Form auf, in dem Aufbau des Körpers und den Bewegungen seiner Organe, also in chemischen und mechanischen Vorgängen. Plierzu sind auch die Vorgänge des Denkens und Empfindens zu rechnen, welche nicht anders als in der Form der Bewegung vorgestellt werden können. Die eine Form der Bewegung geht in die andere über, daher auch die geistigen Funktionen von körperlichen abhängig sind und umgekehrt, z. B. Denken ist abhängig von der Blutversorgung des Gehirns wie umgekehrt es Ausscheidung alkalischer Phosphate durch die Nieren hervorruft. So ist auch das gesamte sociale Dasein, das Leben der Gesellschaft, nichts anderes als umgewandelte Sonnenwärme. Der gesellschaftliche Mensch zieht aufserdem die von der Sonne in ferner Vorzeit geleistete Arbeit in seinen Dienst und setzt durch die Kohlen Maschinen in Bewegung, die seine Organe verdoppeln. Daher müssen auch die socialen Vorgänge den gleichen Gesetzen wie die Veränderungen der organischen und anorganischen Natur überhaupt unterworfen sein — Gesetzen, welche, wenn auch die Wissenschaft noch nicht so weit gelangt ist, sich grundsätzlich auf das Gesetz der Erhaltung von Stoff und Bewegung zurückführen lassen, weil nichts anderes als diese beiden Gegenstand der Erkenntnis sein können. H. Spencer vertritt mit diesen Gedankengängen, welche nur andeutungsweise berührt werden, Ansichten, welche als durchaus positivistisch dem modernen Denken entsprechen, indem sie die menschliche Erkenntnis auf das Gebiet des Gegebenen beschränken. Ganz eng berührt sich auch H. Spencers Definition der Philosophie mit der von Comte gegebenen: Ordnung der Wahrheiten der verschiedenen Wissenschaften. Aber Wenn Spencer einerseits mit voller Schärfe das ganze Gebiet — 75 — der Erscheinungen auf Stoff und Bewegung zurückführt, so ist er doch weit entfernt, diese beiden Grundlagen, in die alle Erscheinung auflösbar ist, für Realitäten zu halten, wie der Materialismus es thut. Der letztere ist nichts als ein Rückfall in die frühere, metaphysische Denkweise, welche aus dem Gebiet der Erscheinung hinaus auf das der Realität sich schwingen zu können meinte. Für Spencer ist in Übereinstimmung mit Sir William Hamilton und der gesamten deutschen Philosophie die ganze Welt der Erscheinung etwas rein relatives. Die gesamte Wissenschaft führt zuletzt auf unbegreifliches zurück. Raum, Zeit, Stoff, Bewegung, Empfindung, Bewufstsein: alles enthält unlösbare Rätsel, ein Merkmal dafür, dafs die Welt der Erscheinungen rein relativ ist. Die Begründung dieser Thatsachen vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt ist einfach: der menschliche Intellekt, ebenso wie jedes andere Organ des Körpers, ist in der Not des Lebens und zu praktischen Zwecken, nicht zu theoretischer Weltbetrachtung entwickelt. Es ist nach Spencer ein passendes Bild, dafs, jemehr sich der Kreis unserer Kenntnisse ausdehnt, desto mehr seine Peripherie mit dem Unbegreiflichen in Berührung kommt. Alles, was wir wissen, ist — „won from the void and formless infinite." eine Vorstellung, welche sich in ähnlichen Worten bei Carlyle wiederfindet. „Unsere Kenntnis, sei es vom Subjekte oder vom Objekte", sagt Sir W. Hamilton, welchem Spencer zustimmt, „ist nichts als die Kenntnis von relativen Äufserungen (manifestations) eines Daseins, welches selbst aufser- halb des Bereichs der Erkenntnis liegt." Diese Endbehauptung aller Philosophie stimmt nun aber mit dem Grundgedanken aller Religion überein. „In der Behauptung einer Realität, welche schlechterdings unerforschbar ist, findet die Religion eine Aufstellung, welche mit der ihrigen zusammenfällt; alle Religion beruht auf dem Bewufstsein einer unbegreiflichen Macht, welche man allgegenwärtig nennt, wegen der vollständigen Unmöglichkeit ihr Grenzen anzuweisen". In frühen Entwicklungsstufen zwar versucht die Religion eine Welterklärung zu geben, was sie für Ungebildete stets thut; später dagegen spricht sie ausdrücklich ihrer Welterklärung die Erkennbarkeit ab: Gott erkennen wird unmöglich erklärt, die Annahme dieser Möglichkeit Gotteslästerung. Nach Spencer also geht alle Religion auf einen unerforsch- lichen Grund hinter den der Realität ermangelnden Erscheinungen zurück. Ihre zeitliche Form ist der dem zeitgenössischen Durchschnittsdenken angemessene Ausdruck dieser Wahrheit. Als solcher sind die einzelnen Religionen „notwendige Begleiterscheinungen des menschlichen Lebens, besonders angepafst den Gesellschaften, in denen sie einheimisch sind, Elemente der grofsen Entwicklung, deren Anfang und Ende aufserhalb des Begreiflichen liegen" — selbst Arten von Offenbarung des Unbegreiflichen. Hier liegt ein wichtiger Punkt des Auseinandergehens des Comtischen und des Spencerseben Positivismus, bei dem der letztere bei weitem näher an Carlyle steht. Comte nämlich verneint, dafs etwas, was schlechterdings aufserhalb des Gebietes der Erkenntnis liege, von irgend welcher Bedeutung für das menschliche Leben sein könne. Seine Keligion ist daher vollständig der Erkenntnis angehörig, „die Religion der Menschheit". H. Spencer dagegen behauptet, dafs die Annahme eines rein relativen Daseins ohne den Hintergrund eines Absoluten nicht möglich sei, und dafs, damit der Mensch anders als rein individualistisch handle, jene Behauptung der Religion unentbehrlich sei. Weit entfernt, eine Religion geben zu wollen, wie Comte und seine Anhänger thun, ist Spencers Philosophie vielmehr rein auf das Gebiet des Erkennens beschränkt und trägt einen durchaus monistischen Charakter, entsprechend dem allbeherrschenden Gesetze der Erhaltung von Stoff und Bewegung. Wenn nur das sinnlich" wahrnehmbare Gegenstand der Erkenntnis ist, so ist damit zugleich alles, so lange es wahrgenommen werden kann, Gegenstand 4er Erkenntnis. Ein Ding verstehen heifst daher, es von dem Hervorgehen aus dem Unwahrnehmharen an bis zu dem Aufgehen in dasselbe zu verfolgen. Die Erklärung eines Dinges ist so lange unvollständig, als wir nicht seine Geschichte kennen. Wenn, wie hervorgehoben, einmal Voraussetzung einer solchen Erkenntnis die Unzerstörbarkeit von Stoff und Bewegung ist — ein Satz, der nichts ist als eine Zerlegung („decomposition") der Erscheinungen in ihre Elemente — so ist ferner Voraussetzung der Erkenntnis ein Gesetz in dem steten Wechsel der Erscheinung (d. h. in der steten Veränderung der Stellung der einzelnen Teile der Materie zueinander). Dieses Gesetz, dessen Verfolgung einen Band erfordern würde, ist nach Spencer das „Gesetz der Entwicklung und der Auflösung" (evolution and dissolution). Entwicklung ist nach Spencer ein Übergang zum Zusammenhängenden vom Unzusammenhängenden, eine „Sammlung von Stoff und Zerstreuung von Bewegung", Auflösung „Sammlung von Bewegung und Zerstreuimg von Stoff". Absolute Ruhe ist unmöglich, es mufs stets Entwicklung oder Auflösung oder beides neben einander vorhanden sein. Entwicklung besteht einmal in dem Prozefs der Sammlung von Stoff Integration), daneben geht die Differenzierung der einzelnen Teile her. Wie sich das Ganze gegenüber der Aufsenwelt individualisiert, so individualisieren sich die Teile von einander, indem sie damit zugleich von einander abhängiger werden. — 77 - Die von H. Spencer in den „First principles" an der Hand der Mechanik gewonnenen Grundsätze der Entwicklung beziehen sich auf alle Erscheinungen sowohl die der anorganischen, wie die organischen, wie die socialen. Spencer geht in der monistischen Auffassung aller Erscheinungen bis zu den äufsersten Folgerungen: er unterwirft die sociale Welt nicht nur den für alles organische Lehen geltenden Gesetzen, sondern auch den für die organische wie unorganische Welt gemeinsam geltenden. Denn den Unterschied, welcher für den unwissenschaftlichen Betrachter zwischen dem Organismus des Einzelwesens einerseits und dem socialen Ganzen andererseits darin besteht, dafs letzteres sich aus unzusammenhängenden Individuen zusammensetzt und daher abstrakter Begriff, nicht Konkretum erscheint, beseitigt Spencer von vornherein. Auch scheinbar zusammenhängende Körper könnten ja nie wirklich zusammenhängend sein, wie die Zusammendriickbarkeit der Stoffe beweise, ferner ihre verschiedenen Aggregatzustände, in denen dieselbe Masse ganz verschiedenen Umfang einnähme, weshalb man annehmen müsse, dafs auch ihre Einheiten (Moleküle) getrennt seien. Zudem gäbe es auch unorganische Ganze, die aus weitgetrennten Teilen zusammengesetzt seien, z. B. das Sonnensystem. Aufserdem sei natürlich auch der Zusammenhang socialer Ganzen ein rein körperlicher, indem die Nervensysteme der Einheiten durch körperliche Mittel aufeinander wirkten. — Aus der Entwicklung überhaupt hebt sich die organische Entwicklung hervor, welcher auch die sociale angehört. Die auf das eingehendste nach allen Seiten geprüfte Definition des Lebens, beziehungsweise der organischen Entwicklung kann nach Spencer nicht anders gefafst werden als auf Einzelorganismen und gesellschaftliche Organismen in gleicher Weise anwendbar. Das eigentümliche des Lebens, welches durch Abstammung eine unendliche Entwicklungsreihe bildet, deren Anfang wie Ende Dunkel umhüllt, ist ein System selbständiger, in sich geschlossener Bewegung, in welchem sich die Teile gegenseitig im Gleichgewicht halten und Störungen von aufsen durch innere Neuordnung wieder aufheben; lebende Wesen sind die einzig wahrnehmbaren Ganzen, indem in der unorganischen Natur das Ganze unsem Blicken entzogen ist. — Ein weiteres Eingehen auf die Spencersche Philosophie fällt aus dem Rahmen vorliegender Arbeit; das gesagte genügt, um zahlreiche Anknüpfungspunkte an Carlyle und Comte zu erkennen. Sechstes Kapitel. Der Socialismus 1 . Vorbemerkung - . Aus der reichen Litteratur des englischen Socialismus seien als dem folgenden Kapitel hauptsächlich zu Grunde liegend genannt: Veröffentlichungen bei Reeves (London, Fleet Street 185): The Progress of Socialism, by Sidney Webb. The Banner of Christ in the Hands of the Socialists. True and False Society, by William Morris. Right of Meeting in Trafalgar Square. A Plea for Socialism, by J. L. Mahon. The Labour Elector, the Organ of Practical Socialism, edited by H. H. Champion. Laws of Eternal Life, being Studies in the Church Catechism, by Stewart D. Headlam. Manifesto of the Socialist League, new edition annotated, by M. Morris, and E. B. Bax. Socialism and Slavery (an answer to Herbert Spencer), by H. M. Hyndman. Socialist Catechism, by J. L. Joynes. Socialism made Piain, the Social and Political Manifesto of the Demo- cratic Federation. Chants for Socialists hy William Morris. Socialism and Sex, by K. P. Revised and Corrected Issue. Social Future of the Working Classes, hy E. C. Beesly. Land Nationalisation, its Necessity and its Aims, by Alfred Russell Wallace. A Dream of John Ball and a King's Lesson, by William Morris. The Man with the Red Flag: Being the speech delivered at the Ohl Bailey, by John Burns. 1 Für freundliche Durchsicht der Druckbogen sage ich Herrn Sidney Olivier, dem Schriftführer der Fahischen Gesellschaft, besten Dank. — 79 - Useful Work versus Useless Toil, by W. Morris. Nationalisation of tbe Land, in 1775 and 1882, by Thos. Spence (1775), Notes and Introduction by H. M. Hyndman. Wby I am a Socialist, by Annie Besant. Christian Socialism versus Present Day Unsocialism, by E. D. Girdlestone. All for the Cause, Words by William Morris. A Commune for London, by H. M. Hyndman. Depression of Trade, its Causes and its Remedies, by A. R. Wallace. Commonweal, weekly. Justice, weekly; quarterly; yearly. Freedom: a Journal of Anarchist Socialism. Coming Revolution in England, by H. M. Hyndman. Social Reconstruction of England, by H. M. Plyndman. Church Reformer, monthly. Christian Socialist. A Journal for those who Work and Think. Sings of Change, Seven Lectures, by William Morris. In anderm Verlag erschienen: The historical Basis of Socialism (London, Kegan, Paul & Co., 1883) by H. M. Hyndman. The bankruptcy of India (London, Swan Sonnenschein & Co., 1886) by H. M. Hyndman. England for all (E. W. Allen, 1881) by II. M. Hyndman. Fabian Essays in Socialism edited by G. Bernard Shaw (1890, Fleetstreet 63). Socialism in England (Swan Sonnenschein & Co., 1890) by Sidney J. Webb. Fabian Tracts, Veröffentlichungen der Fabian Society. (180 Portsdown Road, W. London.) Social Reformation on Christian Principles, Veröffentlichung der „Christian Socialist Society". (8 Lorne Villas, Brockley Road, Forest Hill, London S. E.) Cooperative Commonwealth (London, Swan Sonnenschein & Co.) by L, Gronlund. Socialism in England (London, Swan Sonnenschein & Co., 1890) by Sidney Webb. Daselbst erschienen auch als Teile der „New Series": Civilisation, its Cause an Cure, by Edward Carpenter. The Religion of Socialism by E. B. Bax. The Ethics of Socialism by E. B. Bax. Englands Ideal and other papers on social subjects by Edward Carpenter. An Enquiry into Socialism by T. Kirkup. — 80 - I. Die Grundlagen des Socialismus. Diejenigen Schriftsteller, welche als einflufsreichste Führer der socialistischen Bewegung der Gegenwart angesehen werden können, Karl Marx und Henry George, sind nicht Engländer. Trotzdem dürfen wir den Socialismus in vorliegender Arbeit nicht übergehen; nicht nur deshalb, weil er aus Deutschland und Amerika nach England herübergetragen wurde, dort Ausbreitung gefunden und eigentümliche Umgestaltungen erfahren hat. Der Socialismus ist vielmehr durch weit innigere Bande mit England verbunden; von Ausländern in ein System gebracht entstammt er englischen Eltern. Seine Mutter ist die ältere, sogenannte klassische Nationalökonomie, deren folgerichtige Weiterentwicklung er enthält; als seinen Vater aber könnte man alsdann jenen von Carlyle eingeleiteten Umschwung betrachten, welcher das auf individuelle Konkurrenz aufgebaute Gesellschaftssystem verurteilt und den Standpunkt möglichster Kapitalerzeugung mit dem der an der Erzeugung beteiligten Menschen vertauscht. Dieser Umschwung wenigstens hat den Anlafs gegeben, dafs die ältere Nationalökonomie in den Socialismus umschlug, wie z. B. die Entwicklung der Ansichten J. St. Mills beweist. Betrachten wir, was der Socialismus mit Carlyle gemeinsam hat, indem wir zunächst Henry George aufser acht lassen und die Entstehung des Marxischen Socialismus in das Auge fassen. Es kommt hier vor allem das 1843 erschienene Buch von Engels: „Die Lage der arbeitenden Klassen in England", sowie das von Engels und Marx gemeinsam verfafste: „Kommunistische Manifest" in Betracht, weil in diesen Schriften bereits der Keim zu den weiteren Gedanken des deutschen — 81 — Socialismus, iiisbesondere des Marxischen „Kapital" enthalten ist. Der Zusammenhang des erstgenannten Buches mit Car- lyle ist ein offenbarer und wird schon durch die Häufigkeit der Citate, welche Engels von diesem entlehnt, bewiesen. Von Carlyle stammt die Beurteilung, welche Engels auf das, sei es in englischen Blaubüchern enthaltene, sei es aus eigner Anschauung gewonnene Material anwendet: die tief elende Lage der arbeitenden Klassen Englands in den dreifsiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts, welche kaum die Möglichkeit irgend welcher Besserung erwarten liefs, das Aufkommen der ersten socialrevolutionären Arbeiterpartei etc. Statt nämlich, wie die ältere Nationalökonomie, diese Verhältnisse damit zu rechtfertigen, dafs sie Erzeugnis naturnotwendiger Gesetze seien, verdammt Engels mit derselben Leidenschaft, wie Carlyle, dieses System, welches das Leben der Arbeiter zu einem Hazardspiel mache, alle Familien- und socialen Verhältnisse verkehre, die Durchschnittslebensdauer der Massen verkürze, die Nation physisch ruiniere etc. „Wenn ein einzelner einem anderen", eifert Engels, „Schaden thut und zwar einen solchen Schaden, der dem Beschädigten Tod zuzieht, so nennen wir das Totschlag; wenn der Thäter im voraus wufste, dafs der Schaden tötlich sein würde, so nennen wir seine That Mord. Wenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in solche Lage versetzt, dafs sie notwendig einem frühzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen, einem Tode, der ebenso gewaltsam ist, wie der Tod durchs Schwert oder die Kugel — wenn sie Tausenden die nötigen Lebensbedingungen entzieht, sie in Verhältnisse stellt, in welchen sie nicht leben können, u. s. w. so ist das ebensogut Mord, wie die That des Einzelnen, nur versteckter, heimtückischer Mord, gegen den sich niemand wehren kann, der kein Mord zu sein scheint, v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 6 weil alle und doch wieder niemand dieser Mörder ist — " 1 . Einem solchen System gegenüber, auch darin stimmt Engels mit Carlyle überein, dürfe man nicht fragen, wie viel Zins und Dividende es gewähre, sondern, ob es gerecht sei, und vor allem, ob es von denen, die darunter litten, als gerecht empfunden werde 2 . Ebenso wie Carlyle, verneint Engels diese letztere Frage, indem er darauf hinweist, dafs jene Massen nur mit Gewalt niedergehalten würden. Ausdrücklich ferner erkennt Engels an, dafs Carlyle den socialen Mifsständen am tiefsten auf den Grund gehe, indem er den bestehenden Zustand der Organisationslosigkeit verdamme, in welchem der Schwache von dem Starken zu Boden getreten werde, und „Organisation der Arbeit" fordere 3 . Durchaus in dem Tone, den wir aus Carlyles Chartismus her kennen, sind auch die Angriffe gehalten, welche das „Kommunistische Manifest" gegen die bestehende Gesellschaftsordnung schleudert. Was Carlyle als das Zeitalter des Individualismus brandmarkt, in welchem alle früheren, die Menschen zusammenhaltenden Bande gefallen seien, um die Triebe der Selbstsucht zu entfesseln, wird von Marx und Engels in der genannten Schrift als die Herrschaftsperiode der Bourgeoisie bezeichnet. Die Bourgeoisie ist dasjenige revolutionäre Element, welches die alte Gesellschaft sprengt; an Stelle der „alten, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen" setzt sie Beziehungen zwischen den Menschen, welche sich lediglich nach dem Grundsatze des Handels: dem der Nachfrage und des Angebotes richten. „Sie hat", wie das Manifest in Anklängen 1 F. Engels, Lage der arbeitenden Klassen in England, II. Aufl. S. 120. 349. Leipzig 1848. 2 Carlyle, Chartism S. 34 ff. 3 F. Engels a. a. 0. an die Carlylesche Ausdrucks weise sagt, „die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, die gefühllose bare Zahlung. — — Sie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Thätigkeiten ihres heiligen Scheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt." Die von ihr gebrachte Freiheit bedeute, wie Carlyle wörtlich gesagt hatte, nichts als „Freiheit der Ausbeutung"; sie hat dem Arbeiter nicht genützt, sondern geschadet. Auch die Kritik der Wirkungen dieses Systems bewegt sich in der genannten Schrift, welche den Keim der späteren socialdemokratischen Litteratur enthält , auf dem Boden der Carlyleschen Gedanken. Einerseits hat es grofses vollbracht in der Unterjochung der Naturkräfte und hat dadurch die Produktionsfähigkeit in einer Weise gesteigert, welche früheren Jahrhunderten ungeahnt war. Dagegen kommen diese äufseren Erfolge, welche unser Zeitalter errungen hat, niemandem zu gute; Carlyle hatte es mit dem Könige Midas der Fabel verglichen, der durch seine Berührung alles in Gold verwandelte, aber trotz seines Reichtums Hungers starb. In ganz ähnlicher Weise machen die Verfasser des „Kommunistischen Manifestes" auf jene Krankheiten der heutigen Gesellschaft, welche man Handelskrisen nennt, aufmerksam. Wäre früher nicht als. Widersinn erschienen, fragen sie, diese Hungersnot, dieser allgemeine Vernichtungskrieg deswegen, weil zu viel Industrie, zu viel Handel, zu viel Lebensmittel da sind? Die Rückführung des heutigen Gesellschaftssystems auf den Individualismus und die Kritik seiner Wirkungen, der -6* — 84 — Herabdrückung der grofsen Mehrzahl der Menschen zum Elend, haben Engels und Marx Carlyle entnommen. Jedoch halten sie sich an der Oberfläche und folgen Carlyle nicht bis zu seinem Grundgedanken, welcher eine Aufhebung des Individualismus bedeutet. Vielmehr behalten sie die Weltanschauung der von ihnen bekämpften Gesellschaftsordnung und damit die aus ihr herfliefsende klassische Nationalökonomie bei, woraus jene Zwitterbildung entspringt, welche als moderner Socialismus bezeichnet wird. Gerade dieser Eigenschaft verdankt er seine Volkstümlichkeit, die heute von keiner anderen Richtung in gleicher Weise geteilt wird. Innerlich besteht ein tiefer Gegensatz zwischen Carlyle und sämtlichen bisher behandelten Denkern einerseits und dem Socialismus andererseits. Der Socialismus verwirft zwar das System des freien Wettbewerbs (competition), welches die klassische Nationalökonomie empfahl, aber er behält die Grundlage derselben bei: das lediglich von egoistischen Trieben bewegte, nur dem Erwerbstrieb und dem Geschlechtstrieb gehorchende Individuum. Der Socialismus ist insofern die Fortsetzung der klassischen Nationalökonomie. Er ist zwar Gegner des Systems der individuellen Konkurrenz, d. h. um den englischen Ausdruck zu gebrauchen, „anticompetitionist", aber individualistisch in seinen Grundgedanken und utilitarisch in seinem Ziel, welches für ihn „das höchste Glück der gröfsten Menge" bleibt. Carlyle wie Comte hatten demgegenüber behauptet, dafs die menschliche Gesellschaft gerade darauf beruhe, dafs jenen individualistischen Beweggründen durch sociale die Wage gehalten würde, dafs es Zeiten der Auflösung seien, in denen wie heute der Individualismus entfesselt werde, um später wieder durch neue, wirksamere, weil freiwilligere Schranken zurückgehalten zu werden, welche Carlyle „neue Glaubensformen", Comte „die Religion der Menschheit" nennt. Die — 85 — socialistischen Denker dagegen nehmen mit den klassischen Nationalökonomen an, dafs die egoistischen Triebe immer und allein, wenn auch in verschiedenen Ausdrucksweisen, regiert hätten. Sidney Webb, einer der bedeutendsten der lebenden englischen Socialisten, drückt diesen Gedanken dahin aus, dats die „grofse Welt, wie die Schlange des Poeten, sich stets auf dem Bauche bewege". Für den Forscher liege hierin der Schlüssel zu der scheinbar so verwirrten Geschichte Europas. Alle Geschichte nämlich liefse sich in die der Eigentums- und die der Geschlechtsverhältnisse auseinanderlegen, was für „einen künftigen Darwin der Geschichte" den Gesichtspunkt abgeben werde, um die erste wissenschaftliche Analyse der Entwicklung der Menschheit zu bieten 1 . Mit dem gemeinsamen Ausgangspunkte stimmten auch die Methode und die wichtigsten Lehren des Sociälismus mit der klassischen Nationalökonomie überein 2 . Bis in das einzelne hinein ist der Sociälismus des Marx und des Henry George auf Adam Smith, Malthus und vor allem Ricardo zurückzuführen. Diese Entwicklung fällt aus unserer Arbeit, gehörte sie doch einer Entwicklung der individualistischen Gesellschaftsauffassungen an, während unsere Aufgabe darin besteht, das Erwachen einer antiindividualistischen, d. h. socialen Gesellschaftsauffassung und ihre Bedeutung für die englische Gesellschaft in diesem Jahrhundert darzustellen; mit der socialen aber hat 1 Vergl. Sidney Webb, Progress of Socialism S. 5. W. Reeves, London. 2 So verbindet z. B. Prof. Sidgwick in seinen „Principles of Political Economy" socialistische Ansiebten mit voller „nationalökonomischer Orthodoxie". Vergl. auch Sidgwick, „Economic Socialism". Contemporary Review. November 1888. Dasselbe liefse sich auch von den übrigen Professoren der Nationalökonomie im heutigen England sagen, wenn diese überhaupt noch ökonomisch orthodox wären. Sie gehören, aufser Sidgwick, alle zur historisch-realistischen Schule. — 86 - die socialistische Auffassung zwar äufserlich den Standpunkt gemein, von dem aus sie urteilt, ist aber innerlich von ihr grundverschieden, wie die Sprache treffend andeutet 1 . Wir heben lediglich diejenigen Lehren der klassischen Nationalökonomie hervor, auf welchen der Socialismus augenscheinlich beruht. Da derselbe aber sein Hervorgehen aus jener, wie gezeigt, dem Anstois verdankt, welchen man mit dem Namen Carlyles bezeichnen kann, da auf den Wellen der von diesem ausgehenden Bewegung der Socialismus seine Verbreitung gefunden hat, so ist es sodann die Aufgabe des vorliegenden Kapitels, zu zeigen, in welchen Formen und in welchem Grade der Socialismus in dem heutigen England von Wirkung ist, und welche Bedeutung ihm daselbst für die Zukunft beschieden zu sein scheint. Der Socialismus ist in der That nichts als die Fortbildung der klassischen Nationalökonomie, welche nur beziehentlich des Werturteils über die der Theorie entsprechende Gesellschaft von dem Boden Ricardos auf den Carlyles, von dem des Kapitals auf den der Arbeit hinübergetreten ist. Der Socialismus beruht auf der W e r 11 e h r e d e s A d a m S m i t h, wie sie von Ricardo weiter gebildet ist, und auf der Lohnlehre des Ricardo, wie sie durch den einseitig verstandenen Malthus unterstützt wurde — ein Verhältnis, welches bei den deutschen Socialisten schon unverkennbar, bei Henry George aber ganz offenbar ist, welcher theoretisch nichts als eine Wiederholung des Ricardo ist. Nach der von Adam Smith vertretenen Lehre ist der Wert eines Gutes gleich der auf die Herstellung desselben aufgewandten Arbeit. Brentano hat vor kurzem auf die hauptsächlich in Betracht kommende Stelle, welche sich am Eingang 1 Vergl. z. B. archaisch, archaistisch; hellenisch, hellenistisch u. s. w. des VIII. Kapitels des I. Buches findet, aufmerksam gemacht 1 . Eine ähnliche Stelle findet sich im V. Kapitel desselben Buches: „Der wirkliche Preis einer jeden Sache, oder das, was jede Sache demjenigen, der sie erlangen will, wirklich kostet, ist die Mühe und Beschwerlichkeit, sie zu erwerben. Was jedes Ding demjenigen, der es erworben hat und es veräufsern oder gegen etwas anderes vertauschen will, wert ist, ist die Mühe und Beschwerlichkeit, die es ihm selber ersparen und anderen auflegen kann. Das, was mit Geld oder Ware erkauft werden kann, wird ebensowohl durch Arbeit erworben, als das, was man im Schweifse des eigenen Leibes erwirbt. Jenes Geld oder jene Güter ersparen uns wirklich Mühe. Sie enthalten den Wert einer gewissen Quantität Arbeit, den wir gegen etwas vertauschen, das unseres Erachtens zu derselben Zeit den Wert einer gleich grofsen Quantität Arbeit enthält." Die von Brentano angeführte Stelle widerlegt zugleich die Lesersche Ansicht, dafs nach A. Smith nur die eingetauschte, nicht die Herstellungsarbeit das Mafs der Werte sei, indem daselbst deutlich von einem Naturzustande die Rede ist, in welchem der Wert gleich der aufgewandten Arbeit gewesen sei — einem Zustande, welcher sich später verändert habe. Nach der Art, wie der Naturzustand von den Individualisten aufgefafst wurde, kann daselbst überhaupt von einer eingetauschten Arbeit noch nicht die Rede sein. Ricardo hat im ersten Kapitel seiner „Principles" diese Lehre aufgenommen. Indem er jedoch die Gültigkeit des Satzes nicht durch Verlegung in einen Naturzustand rettet, sondern auch von der Gegenwart behauptet, hat er seine Wertlehre jenen oft 1 Vergl. Brentano, Über die Ursachen der socialen Not S. 32, Leipzig 1889, imd Leser, Begriff des Reichtums bei Adam Smith. Heidelberg 1874. — 88 — gerügten Widersprüchen ausgesetzt, an denen Adam Smith, sobald man jene Scheidung festhält, nicht leidet. Diese Wertlehre ist nichts als ein anderer Ausdruck der philosophischen Grundauffassung der ganzen klassischen Nationalökonomie, welche wir als die des abstrakten Individuums bezeichneten. Die Menschen stehen sich als gleiche, mit gleichen Trieben ausgestattete Individuen vereinzelt gegenüber; ihr Kampf führt nicht zur Unterdrückung der Schwachen, sondern zur Ausgleichung der Interessen, der socialen Harmonie — ein Zustand, welcher heute leider durch Gesetze und Sitten, unvernünftige Überlieferung und verkehrte Erziehung verdunkelt ist, aber als wieder zu erreichendes Ziel von den Weisen der Menschheit erkannt wird. In einem solchen Zustande, welcher Besitz oder irgend welches Übergewicht des einen über den andern nicht kennt, mufs in der That jedem das Produkt seiner Arbeit gehören und die Arbeit, bei der gleichen Begabung aller, zum Wertmesser geeignet sein. Da für diese Auffassung der Mensch nur als einzelner in Betracht kommt, so mufs ferner, wenn sich mehrere zu einer Arbeit vereinigen, der Wert des Erzeugnisses gleich der Summe der Arbeitsleistungen der einzelnen Teilnehmer sein. Wenn die Summe dessen, was sie für ihre Arbeit erhalten, geringer ist als der Wert des Gesamtproduktes, so ist ihnen daher widerrechtlich von ihrer Arbeit etwas genommen. Diese Ansicht, die Adam Smith teilt, und auf der Marx fufst, übersieht, wie der Individualismus überhaupt, dafs die vereinigte Arbeitsleistung etwas anderes ist, als die Summe der Einzelleistungen, sich von ihnen eben durch das Moment der Vereinigung unterscheidet, ähnlich wie die Summe der einzelnen Individuen nicht den Begriff des überindividuellen Organismus ausfüllt. Mit Recht sagt daher Brentano a. a. 0.: „In Wahrheit ist das Produkt, bei dessen Herstellung der Lohnarbeiter Verwendung findet, nicht das Produkt des Arbeiters" — ein Gedanke, dessen Begründung mir freilich nur möglich scheint durch den Satz, dafs das Ganze verschieden ist von seinen Teilen, welcher die Grundlage aller antiindividualistischen Welt- und Gesellschaftsauffassungen bildet. Steht man jedoch auf dem angedeuteten Standpunkt, so folgt alles weitere von selbst. Erhält der Arbeiter weniger als das, was hiernach der Wert seines Erzeugnisses ist, so rnufs jemand da sein, welcher ihm diese Differenz, den Marxischen „Mehrwert", nimmt, d.h. ihn „ausbeutet", worauf in der Sprache des Manifestes alle bisherige Geschichte zurückzuführen ist. Dafs Adam Smith dieser Ansicht bereits gehuldigt hat, beweisen verschiedene Stellen seines Werkes. Wenn der Naturzustand geblieben wäre, so führt er aus, würde eine ungeheure Verbilligung aller Bedürfnisse des menschlichen Daseins mit Erhöhung der Produktionskräfte eingetreten sein. Da aber der Wert der Güter sich in diesem Zustande nur nach der aufgewandten Arbeit richtet, so heifst diese Behauptung einfach, dafs zur Befriedigung seiner Bedürfnisse der Einzelne immer weniger Arbeit hätte aufzuwenden brauchen — wie denn socialistische Utopien heute ausmalen, dafs in der künftigen Gesellschaft eine zwei-, ja einstündige Arbeitszeit genügen würde. Dieser glückliche Naturzustand wurde nun durch einen Störenfried unterbrochen, welcher unbegründeterweise eintritt: den Besitzergreifer des Grund und Bodens und des beweglichen Kapitals, bei Ricardo natürlich nur den ersteren. Eine Begründung, ja nur eine Entstehungstheorie des Kapitals findet sich bei Adam Smith nicht, weil sie mit der Grundannahme jenes harmonischen Naturzustandes unvereinbar gewesen wäre. Der Kapitalist zwingt nun dem Arbeiter einen Teil des ihm naturgemäfs zufallenden Lohnes ab, indem er ihm den Lebensunterhalt während der Ai'beit - 90 — vorenthält, sodal's „der Überflufs Weniger der Grund sei der Dürftigkeit Vieler". „Der Meister nimmt einen Anteil am Produkte der Arbeit oder am Werte, den die Arbeiter den Materialien, worauf sie verwendet wird, zusetzen 1 ." Hieraus entspringen Rente und Gewinn. 2. Die Veränderungen, welche Ricardo den Ansichten Adam Smith zu Teil werden läfst, erklären sich daraus, dafs er ausschliefslich den Standpunkt des beweglichen Kapitals vertritt. Wie in der politischen Geschichte der Zeit die Industriellen die Arbeiter zur Durchsetzung ihrer Herrschaft benutzen, so verhüllt Ricardo den zwischen beiden bestehenden Interessengegensatz und stellt ihre Interessen als gemeinsam gegenüber dem Grundbesitz dar. Obgleich Ricardo die Wertlehre des Adam Smith teilt, findet sich bei ihm doch keine der obigen ähnliche Ausführung dahin, dafs ein Teil des Wertes der Arbeit vom Kapitalbesitzer dem Arbeiter entzogen werde. Das Ergebnis der Ricardoschen Renten-, Lohn- und Gewinntheorie vielmehr ist, dafs Löhne und Gewinne hoffnungslos fallen, die Grundrenten dagegen naturnotwendig steigen. Was Ricardo zu Gunsten des Kapitals vernachlässigt, wird gegenüber dem Grundbesitz desto breiter ausgeführt: die berühmte Grundrentenlehre. Diese Lehre stammt von Anderson und Malthus 2 , zwei energischen Vertretern des Interesses der Grundeigentümer; das einzige Originelle von Ricardo besteht in der fanatischen Systematik, mit der er sie 1 Yergl. Wealth of nations Buch Y, Kap. 1; Buch I, Kap. 8. 2 Anderson hat diese Lehre wiederholt entwickelt: zuerst in einer gegen Smith gerichteten Ausfuhrung in seinen Observations on National Industry 1777, auf welche Smith antworten wollte, was er indes unterliefs; sodann in einer Schrift über die Korngesetze 1777; desgleichen in späteren Schriften, zuletzt in seinen Recreations in Agriculture, II. Series, I vol. S. 401—428, London 1801. Die bezüglichen Schriften von Malthus sind bekannt. — 91 — gegen die Grundeigentümer kehrte. Anderson hatte mittelst derselben die Grundeigentümer gegen den Vorwurf verteidigt, dal's die hohen von ihnen bezogenen Gründrenten die Ursache der hohen Getreidepreise seien; nicht die Rente bestimme den Preis, sondern der Preis die Rente. Ricardo zeigt, wie eben diese Thatsache den Grundeigentümer notwendig zum Feind alles Fortschritts mache, indem sie sein Interesse an allen Schwierigkeiten der Produktion und der Zufuhr, welche ein Steigen der Preise zur Folge hätten, erwecke. Er ist es, der in seiner Denunciation des Monopols der Grundeigentümer der späteren Antiliorngesetzliga das Leitmotiv ihrer Agitation geliefert hat 1 , und diese hat aus Dank dafür seinen Namen mit der Andersonschen Lehre verknüpft. Nichts charakteristischer als Folgendes: die von Cobden und Bright begründete Financial reform association in Liverpool, deren Zweck die Durchführung der letzten Konsequenzen der Doctrin der beiden grofsen Manchestermänner ist, verficht heute in Durchführung ihres Programms dieselben Ideen wie Henry George; und in der That hat dieser die Ricardoschen Gedanken unverändert beibehalten und zur Begründung seiner Forderung nach Beseitigung der Rente, d. h. Verstaatlichung des Grundeigentums, benutzt 2 . 1 Vergl. die in unzähligen Auflagen verbreitete Broschürenlitteratur der Antikorngesetzagitation. 2 Ich verdanke diese Mitteilung Herrn Prof. Brentano, der auch in seinen Vorlesungen auf Anderson, Malthus und die Ursachen des Ruhms der „Ricardo"schen Grundrentenlehre verweist. Das Organ der financial reform association ist „The financial reformer" 18, Hackins Hey, Liverpool. Ähnliche Ziele verfolgt „The United Committee for advocating the taxation of ground rents and values" organized by the London Municipal 4 Reform League and the English Land Restoration League, President: Lord Monkswell, Vicepresidents: The Rt. Hon. Lord Hobhouse and The Earl Compton. 18 Bouverie Street, Fleet Street, London E. C. — Vergl. übrigens für die Ziele dieser manchesterlichen Gesellschaften auch Engels, | — 92 — Kraft seines natürlichen Monopols, so lehrt nämlich Ricardo, bezieht der Grundherr denjenigen Teil des Produktes der Erde, welcher den Unterschied zwischen der wirklich aufgewandten und der auf dem schlechtesten, noch in Anbau befindlichen Boden aufgewandten Arbeit gleichkommt. Die Rente wächst daher „mit zunehmenden Nationalreichtum und der Schwierigkeit, die wachsende Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versehen". Eine notwendige Folge dieser Entwicklung ist das Steigen der Lebensmittelpreise, welches, ob nun der Geldlohn steigt oder nicht, den thatsächlichen Lohn der Arbeiter, d. h. das, was sie kaufen können, unaufhaltsam herabdrückt. Hieraus ergiebt sich, „dafs die Lage des Arbeiters im allgemeinen schlechter, die des Grundherrn immer besser wird". Dieser Satz spricht die Tendenz aus, welche Ricardo mit der Aufstellung des „ehernen Lohngesetzes" verfolgt, das im fünften Kapitel der „Principles" entwickelt wird. Der Lohn sinkt stets zu der Gröfse herab, welche notwendig ist, „dafs die Arbeiter leben und ihr Geschlecht fortpflanzen können", dem sogenannten Lebensminimum. Während Ricardo allerdings zugiebt, dafs insbesondere in einer fortschreitenden Gesellschaft durch Sitten und Gewohnheiten der Marktpreis der Arbeit zeitweilig über den „natürlichen Preis" derselben stehen können, so treten doch schon bei ihm diese Ausnahmen zurück. Dafs man sie gänzlich vergafs und den Arbeiter an die Grenze des Elends gefesselt glaubte, dahin wirkte die Bevölkerungslehre des Malthus. Dafs auch Ricardo thatsächlich dieser Ansicht war und jenen Ausnahmen ge- The Lab Our Movement in America (London 1887) S. 6: „wbat Henry George demands, leaves tbe present mode of social production untouclied, and has, in fact, been anticipated by tbe extreme section of Ricardian bour- geois economists who, too, demand the confiscation of tbe rent of land by tbe State". — 93 — ringe Bedeutung beimafs, beweist z. B. jene Deduktion, dai's es gleich sei, ob die Steuern auf Lohn oder Gewinn gelegt würden, da der Lohn den notwendigen Unterhaltsmitteln gleich sei und die Steuer daher stets auf den Gewinn abgewälzt würde. Da mit steigender Produktion der erforderliche Zuwachs der Nahrungsmenge nur durch Aufwendung von mehr und mehr Arbeit möglich ist, so sinken auch die Gewinne, und der Arbeitgeber leidet wie der Arbeiter. In seinem „Essay on tlie influence of a low price of corn on the profit of stock" (1815) spricht bereits Ricardo den Grundgedanken seiner ganzen Nationalökonomie in folgenden Worten aus: „Das Interesse des Grundherrn ist jederzeit dem aller anderen Stände in der Gesellschaft entgegengesetzt." Da aber offenkundig nicht der Grundherr allein ein natürliches Monopol hat, sondern ebenso der Kapitalbesitzer, da die Unterscheidung, dafs es sich allein bei der Landwirtschaft um ein in beschränkter Menge herstellbares Gut handle, unhaltbar ist, so ist es von Ricardo aus nur ein kleiner Schritt, das Interesse der Besitzenden dem der Besitzlosen gegenüberzustellen. Hatte Ricardo den Grundherrn als den Ausbeuter mifsliebig zu machen gesucht, der ohne Arbeit die Früchte fremder Mühe pflücke, so hatte dies die Bedeutung, die Arbeiter zum Vorstofse gegen die überlieferten Machtverhältnisse zu gebrauchen. Nach der Bewegung für die Reformbill aber kamen der Chartismus und seine Nachfolger, die socialrevolutionären Parteien des Festlandes, welche Kapital wie Grundbesitz in gleicher Weise für die Feinde des Arbeiters erklärten, wie Adam Smith bereits angedeutet hatte. Aus den Lehren Adam Smith und Ricardos ergeben sich folgende Sätze, auf denen der Socialismus beruht: 1. Dem Arbeiter wird ein Teil des Erzeugnisses seiner Arbeit widerrechtlich entzogen, nämlich die Differenz des - 94 — Wertes des Erzeugnisses und der Summe der gezahlten Löhne; sogenannte Mehrwertslehre (Adam Smith — Marx). 2. Die Lebenshaltung des Arbeiters ist an das Lebensminimum unter dem bestehenden Gesellschaftssystem gebunden, seine Lage kann nur schlechter werden (Ricardo, — Marx, Henry George). a) Der Monopolist, der ihn ausheutet, ist der Grundherr. (Ricardo — radikale Bourgeoisie und Henry George.) b) Der Monopolist ist der Besitzer der Produktionsmittel schlechthin. (A. Smith — Marx.) Der Socialismus unterscheidet sich aber, wie gesagt, durch das Werturteil, welches er über die von den Gesetzen der klassischen Nationalökonomie beherrschte Gesellschaft fällt. Adam Smith hatte das Entstehen von Rente und Gewinn ge- wissermafsen damit entschuldigt, dafs es mit der Civilisation der Menschheit untrennbar verknüpft sei. Ricardo hatte die Arbeiter dadurch mit dem Lebensminimum auszusöhnen versucht, dafs er es mit einem unabwendbaren Naturgesetz begründete. Diejenigen nun, welche man durch Vorwegnähme von Rente und Gewinn auf das Lebensmiuimum heruntergedrückt erklärte, zogen den naheliegenden Schlufs, dafs diese Gesellschaft beseitigt werden müsse, wodurch Rente und Gewinn in Wegfall kommen und der Lohn die ihm von rechtswegen entsprechende Höhe als Wert des Arbeitserzeugnisses wieder erreichen werde. Gleich der Nationalökonomie behauptet der Marxische Socialismus, dafs der Arbeiter, statt sich zu heben, immer weiter „unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse" hinabsinken müsse. „Er wird zum Pauper und der Pauperismus entwickelt sich noch rascher als Bevölkerung und Reichtum." Aber, setzt der Socialismus hinzu, diese Thatsache, notwendig in der heutigen Gesellschaft, erzeugt die Kräfte, welche sie beseitigen werden. „Die Bourgeoisie schmiedet die Waffen, die ihr den Tod bringen." — 95 — Indem der Socialismus das Verdammungsurteil über die heutige Gesellschaft unter Beibehaltung ihrer Theorie ausspricht, so folgt hieraus ein weiteres bezeichnendes Merlanal des modernen Socialismus. Carlyle hatte das heutige System ganz ebenso verurteilt; aber indem er in ihm lediglich den Ausdruck subjektiver Zustände erblickte, hatte er durchgreifende Besserung nur von einer inneren Umgestaltung erwartet. Der Socialismus dagegen fufst auf dem Denken der von ihm bekämpften Gesellschaft: der Theorie des abstrakten Individuums. Nicht im Menschen liegt der Fehler, sondern in der Anordnung der Menschen, auf politischem, nicht auf moralischem Gebiet. Politische Mittel daher können helfen: Besitzergreifung des Staates durch die Proletarier, Abschaffung von Rente und Gewinn durch Verstaatlichung der Produktionsmittel. Hieraus aber folgt ein weiteres: unter dem heutigen Gesellschaftssystem ist die Lage der Arbeiter hoffnungslos. Alle Verbesserung ihrer Lage, erhöhte Löhne, Arbeiterscliutz- gesetze u. s. w., sind daher nur Schein; sie werden durch das Gesetz des Lebensminimums vereitelt. Fruchtlos an sich, dienen sie nur dazu, das Proletariat zu bestechen und den kommenden Umschwung aufzuhalten. Ist eine allmähliche Herauf- führung desselben also unmöglich, so kann er nur ein plötzlicher und gewaltsamer sein. Die folgerichtigste Ausbildung des Socialismus ist daher die social revolutionäre Ansicht, wie sie die Verfasser des Manifestes vertreten. Daneben tritt jedoch eine zweite Richtung, welche die Lehre von der unabänderlichen Herabdrtickung der Arbeiter nicht in voller Schärfe anwendet. Insbesondere durch Ausnutzung des politischen Wahlrechts der Arbeiter erstrebt sie zunehmenden Staatseingriff zu Gunsten der Schwachen d. h. allmählich fortschreitende Einschränkung des Eigentums. Wir bezeichnen sie als die Partei des praktischen Socialis- — 96 — mus, an welche sich auch Richtungen anschliefsen können, welche Staatseingriff an bestimmten Punkten und zu bestimmten Zwecken verlangen, ohne die eigentlich socia- listische Theorie zu teilen. Der praktische Socialismus hält es für einen Irrtum, dafs „die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und für sich in Bewegung setzen kann"; er verlangt daher an Stelle des Umsturzes allmähliche Umgestaltung. Wie er zeitlich dem revolutionären Socialismus nachfolgt, so ist er innerlich von antiindividualistischen Gedanken beeinflufst, wenn er auch noch auf dem Boden des Individualismus fufst. Nur durch Übergang zum praktischen Socialismus kann der revolutionäre verschwinden und alles, was die Entwicklung des ersteren fördert, mufs der Ausbreitung des letzteren entgegenwirken. Der Grund, weshalb nicht in England, sondern in Deutschland auf Grund der englischen Nationalökonomie die Theorie des Marx entwickelt wurde, liegt auf der Hand. Die Grundbehauptung des Socialismus, welche er aus der älteren Lehre hernahm, wurde zu der Zeit, da sie Deutschland in ein System brachte, in England durch die Thatsachen bereits widerlegt: die Lage des Arbeiters zeigte sich nicht durch ein Naturgesetz an das sogenannte Lebensminimum gefesselt, der Arbeiter erwies sich als nicht hoffnungslos schwach dem Kapitalisten gegenüber, wie Ricardo und Marx lehrten. Seine Lage verbesserte sich vielmehr zusehends, wie jeder englische Arbeiter, der die Geschichte einer gelernten Grofsindustrie seit fünfzig Jahren übersieht, heute als unzweifelhaft bestätigt; Verbündung der Arbeiter erwies die Lehre vom Lohnfond als haltlos; die Arbeiter wurden nach und nach eine Macht, welche auf die Gestaltung des Arbeitsvertrages neben dem Arbeitgeber Einflufs gewann u. s. w. Die socialrevolutionäre Partei verlor damit unter den ge- lernten englischen Arbeitern, wie sie besonders in den nördlichen und mittleren Grafschaften leben, ihren Boden, während früher gerade dort, z. B. in Lancashire, der Chartismus besonders stark gewesen war. Daneben aber ging eine zweite Entwicklung, welche wachsenden staatlichen Eingriff in das System des freien Wettbewerbes zu Gunsten des Arbeiters bedeutete: die erste moderne Arbeiterschutzgesetzgebung. Zuerst von wohlwollenden Fabrikanten und von Torys, von letzteren im Gegensatze zur individualistischen Doctrin und zum beweglichen Kapital eingeführt, fand sie bald auch unter den liberalen Politikern Freunde, in dem Grade nämlich, als die wachsende politische Bedeutung der Arbeiter Rücksichtnahme auf dieselben als Parteigenossen und Wähler notwendig machte. Da diese Bedeutung aber in stetem Wachsen begriffen war und ist, so wird in Zukunft auch die bezeichnete Richtung der englischen Gesetzgebung weiter verfolgt werden. Während man also auf dem Festlande die socialistische Theorie aufbaute, zu gleicher Zeit der freien Konkurrenz aber thatsächlich offenes Feld schaffte, auch nicht anders konnte, ohne der eigentlich erst im Entstehen begriffenen Grofsindustrie zu schwere Lasten aufzuerlegen — in demselben Jahrzehnt ging England zum praktischen Socialismus über, während es als Theorie die ältere Nationalökonomie zunächst beibehielt. Diese letztere behauptete ihre Herrschaft, abgesehen von jenen Richtungen, welche in christlicher, positivistischer oder anderer Form altruistische Anschauungen annahmen und ausbildeten. Aber jene ältere Nationalökonomie mufste sich an einem bestimmten Punkte als unvereinbar mit der fortschreitenden thatsächlichen Entwicklung erweisen. Solange man den staatlichen Eingriff nur Kindern und Frauen zu gute kommen liefs, oder gewisse Mifsbräuche y. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 7 — 98 — an dem durch freien Vertrag hergestellten Arbeitsverhältnis beschnitt (z. B. durch Truckgesetze u. s. w.), konnte man die ältere Theorie soweit biegen, um mit ihr in 'Übereinstimmung zu bleiben, „das nationalökonomische Gewissen" beruhigen. Wie aber, als die Forderung auftrat, auch zu Gunsten des erwachsenen männlichen Arbeiters gewisse Beschränkungen der individuellen Freiheit einzuführen — eine Forderung, welche mit der wachsenden, politischen Macht der Arbeiter unausbleiblich war? Diesem Verlangen gegenüber erweist sich die ältere Nationalökonomie als spröde, wird vielmehr die mächtigste Waffe in der Hand der Gegner. Man mufste ihr eine andere Theorie entgegensetzen, und welche bot sich, als der festländische Socialismus, solange die grofse Mehrzahl der Engländer noch in individualistischem Denken steckte, und zu wahrhaft socialen Anschauungen nach der Art Carlyles, Comtes u. s. w. noch nicht reif war? Dies also ist der Hauptgrund der Übernahme des deutschen und amerikanischen Socialismus, dessen Behauptung, dafs die Lage des Arbeiters hoffnungslos sei, man in Englgnd hintenansetzt. Der Socialismus verliert damit seine revolutionäre Spitze und wird zur Begründung gesetzgeberischer Forderungen verwendet. Ob man als Endziel die Verstaatlichung aller Produktionsmittel annimmt oder verwirft, ist im Grunde hierbei gleichgültig; denn diese Forderung ist zwar für den revolutionären Socialismus unentbehrlich, nicht aber für den praktischpolitischen, der nahe Ziele den entfernteren voranstellt. John Stuart Mill verkörpert am besten die bezeichnete Entwicklung, weil er zwar nicht originell, aber in seltenem Grade empfänglich für die Richtungen seiner Zeit war. Er geht vom rein Benthamschen Standpunkt und der älteren Nationalökonomie aus. Er wird — mit Maurice und Carlyle persönlich befreundet — von dem Umschwünge ergriffen, der das — 99 - System des freien Wettbewerbs und die damit gegebene Herabdrückung der arbeitenden Klassen verdammt. Aber er wird nicht Socialist im Sinne von Engels und Marx, da er die Wichtigkeit der individuellen Freiheit und ihre Bedeutung für den Fortschritt der unteren Klassen in der heimischen Entwicklung seiner Zeit zu klar vor Augen hat. Er behält so einmal die nationalökonomischen Grundansichten seiner Jugend bei, läfst jedoch weitgehenden Eingriff des Staates in die Rechte des Einzelnen zu; ja, er ist der erste Nationalökonom, welcher die Notwendigkeit, auch erwachsene Männer unter Umständen zu schützen, verteidigt, indem er Abschaffung des Systems des freien Vertrags in Bezug auf die irischen Pächter verlangt. So von dem Socialismus stark beeinflufst, verdankt er nicht weniger den antiindividualistischen Richtungen, neben Carlyle insbesondere Comte. Nach seiner Selbstbiographie ist in dieser Richtung auch der Einflufs von Mrs. Mill bedeutend gewesen. Mill gelangt damit zu der Einsicht, dafs der Staatseingriff nicht die Hauptsache thun könne, sondern erwartet mehr von inneren Wandlungen, welche an Stelle egoistischer wieder sociale Beweggründe in den Vordergrund stellen würden. Mill hat in seiner Selbstbiographie von diesen Einflüssen in klarer Weise Rechenschaft gegeben, sodafs man im stände ist, seine eigenen Worte darüber anzuführen : (1. Periode. Einflufs Benthams und Ricardos.) In den Tagen der Jugend „hatte ich die Möglichkeit einer Fundamentalverbesserung in den socialen Einrichtungen so ziemlich durch die Brille der alten Nationalökonomie betrachtet. Das Privateigentum, wie es jetzt verstanden wird, und das Erbrecht schien mir das letzte Wort der Gesetzgebung und ich dachte nicht weiter als die aus diesen Einrichtungen sich ergebenden Ungleichheiten durch Beseitigung 7* — 100 — der Erstgeburtsrechte und Beseitigung der Fideikommisse zu mildern. leb betrachtete damals als Hirngespinst den Gedanken, weiter zu gehen in der Abschaffung der Ungerechtigkeit, dai's einige zum Reichtum, bei weitem die meisten aber zur Armut geboren sind — (Umschlag des Werturteils, Einflufs Carlyles) — denn Ungerechtigkeit ist es, mag man ein Abhülfsmittel zulassen oder nicht" 1 . In Fortbildung der älteren Nationalökonomie und fast in den Worten, die Marx wählt, spricht Hill von „der Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital", „von dem ungeheuren Anteile, welchen die Besitzer der Mittel der Industrie sich vom Produkte aneignen" 2 . (2. Periode — Socialismus.) „Es gab in meinem geistigen Fortschritt einen Moment, in welchem ich leicht eine Vorliebe für das Überregieren sowohl auf socialem wie politischem Gebiet mir hätte aneignen können, einen Moment, in welchem mir durch den Rückschlag von dem gegenteiligen Übermafs ein Anlafs geboten wurde, in meinen radikalen und demokratischen Anschauungen flauer zu werden" 8 . Damals ging Mills Ideal von schliefslicher Verbesserung weit über das frühere hinaus. Er nahm in Aussieht „eine Zeit, in welcher die Gesellschaft sich nicht mehr nach Faulenzern und Müfsiggängem gliedern — —, in welcher die Verteilung des Arbeitserzeugnisses, statt, wie in so hohem Grade jetzt geschieht, vom Zufall der Geburt abzuhängen, durch einstimmige Beschlüsse und nach anerkannten gerechten Grundsätzen vor sich gehen werde" — eine Zeit „gemeinschaftlichen Eigentumsrechtes an dem Rohmaterial des Erdballs und der gleichen Teilnahme aller an den Wohltha- ten der vei'einigten Arbeitsthätigkeit". Von diesen Ansichten 1 J. St. Mill, Selbstbiographie S. 192. Stuttgart 1874. 2 Political Economy, Peoples' Edition, S. 477. 3 Selbstbiographie S. 210. — 101 — erkennt er ausdrücklich an, dafs sie ihn unter die Zahl der Socialisten einreihten. (3. Periode. — Einflufs der antiindividualistischen Denker, insbesondere Comtes; Einflufs von Mrs. Mill.) „Wir erkannten klar, dafs um eine solche sociale Umwandlung möglich oder wünschenswert zu machen, eine entsprechende Charakterwandlung platzgreifen müsse in der unkultivierten Herde sowohl, welche die arbeitenden Massen in sich schliefst, als in der grofsen Mehrheit der Arbeitgeber. Beide diese Klassen müssen durch Übung lernen, für edle oder jedenfalls für öffentliche und sociale Zwecke zu arbeiten und vereint zu wirken, nicht blofs wie bisher für selbstsüchtige Interessen. Die Fähigkeit dazu hat immer im menschlichen Geschlecht bestanden, besteht noch und wird wahrscheinlich nie erlöschen. Durch Erziehung, Gewohnheit und Pflege der Gesinnung kann auch der gemeine Mann bewogen werden, für sein Land zu graben oder zu weben, wie er sich bereit erweist, für das Vaterland zu kämpfen. Allerdings können erst durch langsame Abstufungen und ein System durch Geschlechter hindurch fortgeführter Kultur die Men- ° sehen bis zu diesem Punkt gebracht Werden; aber ein Hindernis liegt nicht in der wesentlichen Konstitution der Menschennatur. Das Interesse am Gemeinwohl ist gegenwärtig eine so schwache Triebfeder, nicht, weil es nicht anders sein kann, sondern weil der Geist nicht gewöhnt ist, darauf zu sinnen, weil er vom Morgen bis in die Nacht auf Dinge sinnt, die nur dem persönlichen Vorteil dienen. — Die eingefleischte Selbstsucht, welche den Allgemeincharakter des derzeitigen Gesellschaftszustandes bildet, wurzelt nur deshalb so tief, weil sie durch die ganze Kette der bestehenden Einrichtungen genährt wird 1 ." 1 J. St. Mill, Selbstbiographie (deutsch) S. 193. 194. Stuttgart 1874. — 102 — Mill enthält auf diese Weise die Einflüsse der drei wichtigsten Richtungen seiner Zeit. In der ersten Auflage seiner Nationalökonomie vertritt er noch den älteren Standpunkt, den eines Gegners des Socialismus. In der zweiten Auflage, welche von der ersten durch die französische Revolution von 1848 getrennt ist, wird das Buch zum Verteidiger der in der ersten angegriffenen Ansichten. Endlich in den späteren Schriften Mills tritt die Befürwortung des Staatseingriffes wieder zurück hinter der Wertlegung auf die innere Entwicklung des Menschen, welche nur auf Grund individueller Freiheit möglich sei. Dieser Standpunkt findet sich insbesondere in der in den Jahren 1854—1858 entstandenen Abhandlung „On Liberty". Denselben vertritt Mill auch in den nach seinem Tode von seiner Tochter Mifs Helen Taylor, veröffentlichten Bruchstücken eines unvollendeten Werkes über Socialismus 1 . Die wachsende Ausbreitung des Socialismus unter den Arbeitern, ihre im Zunehmen begriffene, politische Macht, welche dadurch an Einflufs gewinne, dafs sie nicht auf revolutionärem Wege, sondern dem geordneter politischer Agitation und wissenschaftlicher Verteidigung ihre Forderungen durchzusetzen suchten, veranlafste Mill, dieses letzte Werk zu unternehmen. In der Kritik der bestehenden Gesellschaft, des Reichtums Weniger, der Armut Vieler, des Vorwärtskommens der Selbstsucht und des Dahintenbleibens der Tugend, des Kampfes aller gegen alle, stimmt er mit den So- cialisten überein. Dagegen verwirft er das von ihnen vorgeschlagene Mittel der Verstaatlichung der Produktionsmittel als unwirksam, und verweist auf die Zunahme socialer Motive. Mill ist in diesem Nebeneinander verschiedener Richtungen Vorbild für die meisten seiner Landleute, wie denn gesagt werden kann, dafs er zwar keineswegs der tiefste, 1 Fortnightly Review, 1879. Chapters on Socialism. 103 — wohl aber der die Durchschnittsansichten seiner Zeit am meisten wiedergebende Denker Englands ist, sowohl auf philosophischem als besonders socialem und politischem Gebiet. Natürlich ist bei dem einen seiner Landsleute dieser, dem anderen jener Einflufs überwiegend. Die Vertreter eines ausgesprochen socialistischen Standpunktes werden wir in folgendem kennen lernen. Aber auch der von Carlyle, Comte etc. ausgehende Einflufs breitet sich aus. Ein jüngst erschienenes Buch, „Cyril" 1 von Geoffrey Drage, einem jüngeren Juristen, beweist wie in den Universitätskreisen heute die Carlylesche Grundansicht, dafs die menschliche Gesellschaft statt auf Selbstsucht auf Selbstüberwindung (selfdenial) beruhe, Wurzel ge- fafst hat. Aber auch diese letztere Richtung, die im Gegensatz zu socialistisch als social zu bezeichnen ist, stimmt, wie die Betrachtung der Universitätsbewegung und des Positivismus, so auch das soeben genannte Buch zeigt, darin mit dem Socialismus überein, dafs sie den Glauben an die alleinseligmachende Kraft des Laissez-faire aufgegeben hat. Auch sie fordert vielfachen und weitgehenden Staatseingriff, wenn auch mit jenem dem eigentlichen Socialismus entgegengesetzten Gedanken, dafs die gesetzliche Beschränkung nicht an sich gut sei, vielmehr zur Erziehung des Individuums zur Freiheit dienen sollte. Von dem Gesichtspunkt der praktischen Politik aus werden daher alle diese Richtungen, Mill, Toynbee, Fr. Harrison etc. als socialistisch bezeichnet. Sie alle befürworten Beschränkung der Freiheit des Individuums zu Gunsten der schwächeren Volksklassen durch staatlichen Eingriff (Socialismus im weiteren Sinne, in England meist Socialismus schlechthin genannt). 1 „Cyril" liy Geoffrey Drage. London, Allen & Co., 1889. Vergl. „Ein Programm englischer Reformpolitik" von Dr. G. r. Schulze-Gaevernitz. Preufs. Jahrb. 1889, Bd. 63, Heft 3. — 104 — Unter ihnen aber heben sich die Richtungen hervor, welche die weitergehenden Theorien der Ausländer angenommen haben. Wo man die Grenze zwischen diesem Socia- lismus im engeren Sinne und jenem soeben besprochenen zieht, d. h. welches Mals von gefordertem Staatseingriff man für die Unterscheidung mafsgebend sein läfst, bestimmt sich durch folgendes Merkmal. Socialisten im engeren Sinne sind die Verstaatlicher sowohl des Landes als die sämtlicher Produktionsmittel, also Georgisten wie Marxisten. Alle, die weniger verlangen, gelten als gemäfsigte Socialisten. Diese Grenzziehung ist dadurch geboten, dafs die ersteren Staatseingriff auf Grund einer specifisch-socialistischen Theorie, die letzteren dagegen im einzelnen aus praktischen Gründen fordern. Uns interessieren hier nur die ersteren Richtungen, indem die letzteren nach deutschem Sprachgebrauch als socia- listisch kaum zu bezeichnen wären. Obgleich wir für die Annahme der socialistischen Theorie bereits oben einen allgemeinen Grund angegeben haben — man sucht eine Lehre, um die Benutzung der staatlichen Gewalt im Interesse der zur politischen Macht aufsteigenden Arbeiter zu rechtfertigen — so ist doch noch ein besonderer Umstand hervorzuheben, ohne den die genannten Schriftsteller, insbesondere Marx, Einflufs in England nicht gewonnen hätten. An einem Punkte in England nämlich scheint die Marxisehe Lehre vom Lebensminimum Recht zu haben. Die ungeheuren Massen, welche im Osten, Süden und weiten Teilen des Nordens Londons sich zusammendrängen, Bevölkerungen, der Berlins mehr als doppelt überlegen, haben die Fortschritte, welche die Arbeiter der gelernten Industrien des mittleren und nördlichen Englands zweifellos seit der Mitte des Jahrhunderts errangen, nicht mitgemacht. Während der englische Arbeiter aus den Schilderungen Gaskeils, des Grafen — 105 — von Shaftesbury, den Blaubüchern aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts heute nicht mehr wiederzuerkennen ist, so ist der Bewohner Ost-Londons diesem Bilde ähnlich geblieben oder möglicherweise erst in dasselbe hineingewachsen. Daher sind die Kreise, in welchen Marxische Lehren Anklang fanden, nicht die des kräftigen englischen Arbeiterstandes , sondern zunächst die sogenannten professionellen Berafe. Als Beamte, Rechtsanwälte, Lehrer, Ärzte strömen sie in London zusammen, insbesondere nachdem die Universitäten sich auch dem Vermögenslosen geöffnet haben, während früher dort Brodstudium unmöglich war. Vom englischen Arbeiter haben sie nichts als das scheinbar hoffnungslose Elend Ost-Londons vor Augen. Mehr aber als das, was man vom Hören kennt, wirkt das was man vor Augen hat, womit man täglich in Berührung kommt — und es ist uns bekannt, wie sehr heute die jüngeren Kreise der früheren Universitätsangehörigen Fühlung mit den unteren Klassen gefunden haben. Auch den Universitäten, die in südenglischen Ackerbaugrafschaften sich befinden, liegt London näher als Lancashire und die nördlichen Grafschaften. Daher sind es ferner Professoren und Docenten, insbesondere die, welche Nationalökonomie zum Specialstudium gemacht haben, in deren Kreisen die socialistische Theorie viele Anhänger gefunden hat. Befördert wurde diese Annahme dadurch, dafs der Socialismus kein Aufgeben der immer noch im Blut liegenden älteren Nationalökonomie, insbesondere seiner Lohn- und Rentenlehre verlangt. So bezeichnen sich zahlreiche Professoren der Nationalökonomie als Socialisten z. B. Prof. Marshall und Prof. K. Pearson (Cambridge), Prof. Sidgwick u. s. w. Von den vierzehn Vorlesungen über Nationalökonomie, welche im Winter 1887 in London stattfanden, wurden acht von ausgesprochenen Socialisten gehalten. Ja, man sagt, dafs die Universitätsausdeh- — 106 — nungsbewegung Mühe hatte, unter den jüngeren Nationalökonomen genügend Lehrer frei von socialistischer Färbung zu finden, der die älteren Mitglieder der betreffenden Gesellschaften entgegen waren. Endlich aber sind es jene elenden Massen selbst, unter denen die festländische Socialdemokratie Boden fand, nachdem sie anfingen, über ihre eigene Lage nachzudenken. Hierzu trug bei die aufserordentlich starke Einwanderung, deutscher Arbeiter nach London, wo zugleich der russische Nihilismus und internationale Anarchismus sein Stelldichein haben. Der heutige Londoner Socialismus, soweit er revolutionär ist, ist nichts als der Chartismus des Londoner Proletariats, welches in seiner Entwicklung um fünfzig Jahre hinter dem englischen Arbeiter zurück ist, der nördlich vom Trent vornehmlich seinen Sitz hat. Daher ist es wohl möglich, dafs noch nicht ergriffene Schichten der Arbeiter in Zukunft der Bewegung zufallen; wichtiger aber ist, dafs auch der Londoner Arbeiter zum Teil sich bereits darüber emporhebt, wie der jedes revolutionären Beigeschmacks entbehrende Ausstand der Dockarbeiter 1889 bewies. Viele Mifsverständnisse und Streitigkeiten wären vermieden worden, wenn man sich des Unterschiedes zwischen dem englischen Industriearbeiter und dem hauptstädtischen Proletariat stets bewufst gewesen wäre. Von dem ersteren hörte man, dafs er als der fortgeschrittenste Typus seiner Klasse anzusehen sei: körperlich und geistig wohl entwickelt, in mächtigen und besonnenen Vereinigungen organisiert, der revolutionären Agitation unzugänglich. Daneben erhielt man Berichte von entsetzlichem Elend, von Pauperismus, wie er auf dem Festlande unbekannt ist, so z. B. aus der Feder Henry Taines in seinen Noten über England. Man hörte von Menschen, die des Hungers sterben, von Scharen Ar- — 107 — beitsloser, welche die Hauptstadt durchziehen und ihr Elend in den glänzenden Vierteln der Weltstadt blofsstellen, die meist zwar ruhig in geordneten Zügen marschierend, durch den blofsen Anblick ihrer Not zu wirken suchen, einmal aber doch (am 8. Februar 1886) die Läden in Picadilly und May Fair plünderten und mit Steinwürfen die Spiegelscheiben der Klubs in Pall Mall zertümmerten, jene Sitze eines unerreichten Luxus selber bedrohend. Damals erhoben sich Stimmen, dafs für England der Tag der socialen Revolution angebrochen sei. Alle, welche die englischen Arbeiterverhältnisse als hochentwickelt geschildert hatten, galten als widerlegt; man beschuldigte sie womöglich im Interesse einer politischen Partei schön gefärbt zu haben. Beide Bilder sind wahr, beide stehen nebeneinander. Irrtümlich jedoch ist es, rvenn man das Vorhandensein jener elenden Massen der Industrie Schuld giebt, und etwa hinzufügt, wie die Maschine den Menschen um sein Brot bringe und sein Dasein hinabdrücke. Das umgekehrte ist der Fall. Das Elend jener Massen besteht darin, dafs sie nicht der Grofsindustrie angehören, dafs sie nur die ungelernte Kraft ihrer Hände auf den Arbeitsmarkt bringen. Ohne erschöpfend sein zu wollen betrachten wir einige der das Londoner Proletariat zusammensetzenden Klassen 1 . Man denkt zuerst der Londoner Hafenarbeiter, welche mit ihren Familien mehrere Hunderttausend ausmachen. Jeden Morgen pflegen oder vielmehr pflegten, denn der „grol'se Ausstand" hat das geändert, 20—25000 erwachsene Männer an den Eingängen der Londoner Docks sich zu drängen, bis die Thore sich aufthaten, die Menge hineinströmte und die körper- 1 Vergl. Charles Booth, Life and Labour in East-London. London 1889. — 108 — lieh fähigen ausgesucht wurden. Die nicht gewählten gehörten zum Heer der „Arbeitslosen", die sich und ihre Familien durch die Armenpflege, den Bettel oder Diebstahl erhalten müssen. Aber auch jene, die Arbeit erhielten, zählten nicht selten nach zwei Stunden zu derselben Klasse. Die Dockgesellschaften, bis vor kurzem einem unbeschränkten Arbeitsangebot gegenüber, zogen es vor, so viel Arbeiter anzunehmen, dafs die vorhandene Arbeit in kürzester Zeit zu erledigen war. Zu dem kommt, dafs jene von dem Hafen lebende Bevölkerung von der Unregelmäfsigkeit der Witterung abhängt. Wenn widrige Winde, Stürme im Kanal etc. die Schiffe zurückhalten, herrscht Hunger und Elend in Ost-London. Einen weiteren Bestandteil jener dem Pauperismus verfallenen Massen bilden die, welche einem mit Grofsindustrie kämpfenden Handwerke angehören. Noch giebt es in London, das man fälschlich als den wirtschaftlich fortgeschrittensten Teil Englands ansieht, zahlreiche Handweber (Spital- fields Weber), deren gewöhnlicher Zustand um die Grenze des Verhungerns schwankt. Einen bedeutenden Teil zu dem Heere des Elends stellen ferner die mit den Bekleidungsgewerben zusammenhängenden Arbeiter. Hier ist das System des „Sehweifstreibens" (sweating) in voller Blüte. Zwischen Arbeiter und Unternehmer schiebt sich gewöhnlich ein Mittelsmann ein, welcher Lieferungen an Schuh-, Bekleidungs- etc. Geschäfte in Akkord nimmt. In Höhlen des Schmutzes und Lasters zusammengepfercht, sind Männer wie Weiber hier nicht besser als Sklaven. Die Arbeitsdauer ist unbeschränkt; nicht selten haben die Opfer ihrem Herrn die notwendigen Kleidungsstücke versetzt, sodafs sie, weil am Ausgehen verhindert, buchstäblich der Freiheit beraubt sind. Hierhin gehören jene Tausende von Frauen und Mädchen, welche den Tag über angestrengt arbeitend, oft in ungebührlich langer — 109 — Arbeitszeit, nicht imstande sind, sich des nächtlichen Nebengewerbes der Strafse zu entschlagen. Romanschriftstellern und Zeitungen sind diese Zustände ein beliebter Stoff. Dafs diese Dinge nicht erfunden sind, bewiesen die höchst eingehenden Untersuchungen der Kommission des Hauses der Lords, welche vor zwei Jahren in bezug auf das Schweifstreibersystem eingesetzt wurde. Lord Dunraven, welcher sich lediglich wegen der zu ergreifenden Abhülfsmittel mit seinen Genossen in Widerspruch befand, führt das Elend Ost-Londons unter andern auf Vernachlässigung des alten Lehrlingssystems zurück — ein Beweis mehr, dafs es sich in der That um zurückgebliebene, handwerksmäfsige Zustände handelt. In London fliefsen aus dem ganzen Lande alle die Elemente zusammen, welche auf der socialen Stufenleiter, sei es durch Schwäche, sei es durch Laster hinabgesunken sind: das „Residuum" der Gesellschaft. Daneben besteht eine starke Einwanderung mittelloser Arbeit vom Festlande, welche der englische Arbeiter nicht weniger fürchtet als der Amerikaner oder Australier die Chinesen. Eine ungeheure Wohlthätig- keit ergiefst sich über Schuldige und Unschuldige. Mehr als 13000000 freier Mittagessen (!) wurden in London z. B. 1888 ausgeteilt nach Schätzung des Schriftführers der „Gesellschaft für Organisation der Wohlthätigkeit", C. S. Loch. In der Zeitschrift, welche die genannte Gesellschaft herausgiebt, der „Charity Review" finden sich zahlreiche, an der Hand der Statistik geführte Nachweisungen von der Schädlichkeit jener durch die verschiedensten Kanäle fliefsenden, einen ungeheuren Betrag ausmachenden Spenden, durch welche „die Reichen von ihren socialen Pflichten sich loszukaufen suchen". In der That kann man sagen, dafs die oberen Klassen der englischen Gesellschaft sich die Plage der Arbeitslosen zum guten Teil — 110 — selber grolsziehen. Austeilung freier Mahlzeiten in den Schulen, Zufluchtsstätten zum Übernachten, welche dem Armen eine eigene Wohnung überflüssig machen, Verkauf von Nahrungsmitteln unter dem wahren Preise, weitherzige Ausführung des Armengesetzes durch Gewährung eines bedeutenden Bruchteils aller Unterstützungen aufserhalb des Armenhauses — das alles bedeutet nichts als Prämien für die, deren Einkünfte am oder unter dem Lebensminimuni sich befinden. Es ist die Schattenseite jener heute erwachten Teilnahme für die besitzlosen Klassen, welche sich seitens derer, die nichts von ihrer Zeit und Persönlichkeit zu opfern bereit sind, in unvernünftigen Geldspenden äufsert. Ist doch bei der sogenannten Wohlthätigkeit die persönliche Berührung der Klassen mit den Massen das wertvollste. Nach der Berechnung des genannten Herrn Loch werden in- einem Jahre auf Wohlthätigkeit in London folgende Summen 5 verwendet: Seitens der City Corporationen 110000 ( £ der Geistlichkeit der City ? von Stiftungen für wohlthätige Zwecke in Middlesex 39 294 - - Surrey 23 945 - - Kent 13136 - der Gemeindegeistliehkeit 54750 - der Sekten 32850 - privater Gesellschaften 2183 720 - der Gerichte 3 500 - der privaten Wohlthätigkeit ? 2461 195 £ der Armenbehörden 2 258029 - 4 719224 £ 1 Vergl. Charity Organisation Keview. Aug. 1888. — 111 — Hierbei sind die für Erziehung und andere gemeinnützige Zwecke sowie die nicht zu schätzende private Wohlthätigkeit nicht mitgerechnet. Gewiis werden gegen 100000000 Mark jährlich für wohlthätige Zwecke in London verwendet. Aus den angeführten Thatsachen, deren Verfolgung hier zu weit führen würde, ergiebt sich in London als ständige Erscheinung eine „Armee der Unbeschäftigten", deren tägliche Zahl auf 20000 körperlich arbeitsfähiger Personen geschätzt wird 1 . In Verbindung hiermit pflegt die Zahl der öffentlich unterstützten Armen im Sommer abzunehmen, um im Winter wieder anzuschwellen. Im gleichen Monat erreicht sie meist wieder dieselbe Höhe, obgleich sich periodische Schwankungen wahrnehmen lassen. So erhielten z. B. öffentliche Armenunterstützung in London: in der zweiten Woche des Februars 1889 107 056 Personen, - - . - - - 1888 110220 1887 104560 1886 102050 Obdachlos wurden aufgegriffen am letzten Tage der zweiten Woche des Februars 1888 in der Hauptstadt 1191 Personen (1030 Männer, 144 Weiber und 17 Kinder unter 16 Jahren). In London stirbt von fünf Personen durchschnittlich eine in Arbeitshäusern, öffentlichen Hospitälern u. s. w. 2 . 1 Vergl. „Mansion House Relief Committee Report" 1888. " Vergl. Register Generals Report 1888, C—5,138, S. 2. 73. Danach starben in London 1887: 82 545 Personen (davon über 20 Jahr: 43 507 Personen). In Arbeitshäusern starben 9399 Personen, - Hospitälern - 7 201 - Anstalten für Geisteskranke - 400 - öffentlichen Anstalten also starben 17 000 Personen. — 112 — Das Vorhandensein einer unter dem eigentlichen Arbeiter stehenden Klasse, welche von der Wohlthätigkeit oder der öffentlichen Armenpflege abhängt, der sogenannte „Pauperismus", ist die Schattenseite der englischen Gesellschaftszustände, der „stain on our civilisation", wie der bekannte Statistiker R. Giffen sich ausdrückt 1 . Ähnliche Verhältnisse wie in London wiederholen sich in geringerem Grade in verschiedenen anderen gröfseren Städten, vor allen aber sodann in den ackerbautreibenden Teilen des Landes, während die nördlichen Grafschaften, die Sitze der Industrie, verhältnismäfsig frei sind. Aufser London, welches agrarische Grafschaften umgeben, ist Irland der Sitz des Pauperismus. Nächstdem kommen die südenglischen Grafschaften, deren ländlicher Tagelöhner vielfach an der Grenze des Lebensminimums steht. Er lebt fast stets in Furcht, „auf die Gemeinde zu kommen". Es ist bekannt, dafs vor Reform des Armengesetzes in manchen Gegenden der Grundherr die Last der Lohnzahlung auf die Gemeinde abgewälzt hatte. Dieses Verhältnis hat sich zwar gebessert, ist aber bei der bisherigen Schwäche und der Schwierigkeit der Organisation ländlicher Tagelöhner kaum beseitigt. Über eine Million Armer werden im vereinigten Königreiche täglich im Durchschnitte von der Armenverwaltung unterstützt 2 ; da 1 Vergl. über diesen Gegenstand R. Giffen, Essays in Finance, Vol. II, S. 350. 2 In England und Wales, tägliche Durchschnittszahl, 1886—87 796 036 Kosten 8 296 230 £ - Schottland am 14. Mai 1887 92 071 - 899 135 - • Irland, Durchschnittszahl, 1887 124130 - 904 018 - 1 012 237 Kosten 10 099 383 £ (Report of Local Government Board for England and Wales, p. 14 of C—5131; Report of Board for Supervision of Poor, Scotland, p. 132, C—5118; p. 4 and 15 of Report of Local Government Board, Ireland, C—5134). — 113 — aber viele nicht das ganze Jahr hindurch Unterstützung erhalten, so ist die Zahl der überhaupt auf die Annenpflege angewiesenen bedeutend gröfser. Sie wird von Mulhall 1 auf etwa drei Millionen geschätzt, von Dudley Baxter 2 sogar etwas mehr, von Dr. G. B. Longstaff dagegen pur auf zwei Millionen 8 . Im ganzen werden über 10000 000 £ jährlich im vereinigten Königreiche für öffentliche Armenpflege ausgegeben — ein Verhältnis, welches, wie die Statistik andeutet, nicht zum mindesten den unglücklichen Agrarverhältnissen Englands zuzuschreiben ist. Daher denn auch neben dem Londoner Pauper der ländliche Tagelöhner socialdemo- kratischen etc. Einflüssen am zugänglichsten ist. Die Lage dieser dem Pauperismus verfallenen Massen weist alle diejenigen Schattenseiten auf, welche für das körperliche wie sittliche Befinden aus ähnlichen Verhältnissen überall sich ergeben. Der Gesundheitszustand eines bedeutenden Bruchteiles der Nation ist unter der Grenze, welche im öffentlichen Interesse zu fordern ist, wie Professor Iluxley, der berühmte Naturwissenschaftler, in der Februarnummer des „Nineteenth Century" 1888 warnend hervorhebt. Während das durchschnittliche Todesalter unter Adel, Gentry und professionellen Berufen in England und Wales 55 Jahre beträgt, ist es unter den ärmeren Klassen von Lambeth, einem Stadtteil Süd-Londons, nur 29 Jähre; die Kindersterblichkeit innerhalb des ersten Lebensjahres beträgt 8 °/o für die wohlhabenden Klassen, in vielen ärmeren Bezirken der Hauptstadt 30 % und mehr. Die angedeuteten Verhältnisse sind der Hintergrund des englischen Socialismus. Sie allein in das Auge fassend kamen 1 Dictionary of Statistics S. 346. 2 National Income S. 87. 3 Industrial Kemuneration Conference S. 129. London 1885. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 8 - 114 — auch in England vorurteilsfreie Beobachter zu der Behauptung, dafs die Lage der unteren Klassen unter dem heutigen Gesellschaftssystem eine hoffnungslose sei — ein Satz, welcher die Grundlage des Marxischen Socialismus bildet. So konnte Professor Cairnes z. B. noch 1874 aufstellen, dafs die Grenzen der möglichen Verbesserung des Loses' der Arbeiter äufserst enge seien. „Das Problem ihrer Hebung ist hoffnungslos. Als eine Masse werden sie durchaus nicht emporsteigen. Wenige, energischer und glücklicher als die übrigen, werden von Zeit zu Zeit entkommen aus den Reihen ihrer Genossen zu höheren Stufen des gewerblichen Lebens, aber die grofse Mehrzahl wird wesentlich bleiben, wo sie ist" x . Ein solcher Satz wäre unmöglich ohne das Vorhandensein jener breiten Masse von Armen, welche insbesondere London besitzt, weshalb.auch der Socialismus in erster Linie eine eigentümlich Londoner Erscheinung ist. Der gelehrte Professor aber vergifst, dafs bis in die Mitte des Jahrhunderts der gesamte englische Arbeiterstand jener unterschiedslosen Masse angehörte, dafs sich seitdem immer neue Kreise aus derselben abgesondert haben und emporgestiegen sind. Der nordenglische Arbeiter und der Gewerk- vereinler würde heute jene Behauptung entschieden bestreiten. So sieht George Howell, früherer Schriftführer des parlamentarischen Ausschusses der Gewerkvereine, die Schwierigkeit des Problems des Pauperismus und der Beseitigung des Schweifstreibersystems zwar ein, hält jedoch Besserung für möglich. Von zwei Faktoren erhofft er sie: einmal von dem fortschreitenden Übergang zur Grofsindustrie und Beseitigung der zwischen Handwerk und Fabriksystem um das Dasein 1 Prof. J. E. Cairnes, Some Leading Principles of Political Economy S. 348. 1874. — 115 — kämpfenden Gewerbe, sodann von fortschreitender Organisation auch der ungelernten Arbeiter, welche Beschränkung des Arbeitsangebotes und Erhöhung der Löhne bringen soll, auch von internationaler Organisation. In dritter Reihe hätte er, wenn ihm nicht als einem Gewerkvereinler älteren Stieles hierfür der Blick benommen wäre, in dem Socialismus selber eine Kraft erkannt, in welcher die Natur sich ein Heilmittel schafft. Ehe wir jedoch auf den englischen Socialismus eingehen, möchten wir hervorheben, dafs eine gänzliche Beseitigung der angegebenen Schäden, welche seine Grundlage bilden, bei einem Volke kaum zu erwarten ist, das in der physischen Vollkraft steht, und dessen Bevölkerungszunahme daher eine äufserst starke ist. Tragen doch die am tiefsten stehenden Klassen zu dieser Zunahme am meisten bei. In Hampstead, einem Vororte Londons, der sich fast ausschliefslich aus Villen Wohlhabender zusammensetzt, kommen jährlich auf 1000 Einwohner 22 Geburten, in Whiteehapel, einem armen Distrikte Ost- Londons, dagegen 37. Diese Bevölkerungszunahme ist an sich nicht zu beklagen, indem sie verstärkten Kampf um das Dasein und damit Erhaltung und Förderung der nationalen Energie bedeutet; sie ist jedoch mit teilweisem Pauperismus unlösbar verbunden 1 . Nicht Beseitigung dieses Übels, sondern das 1 Die Klagen betreffend den Pauperismus sind nicht neu. Macaulay sagt vom Zeitalter Karls II.: „Ein scharfer Kampf um das Dasein bestand damals durch Annahme einer elend tiefen Lebenshaltung, durch grausame und unbedachte Kinderarbeit, durch Ergänzung der Löhne mittelst der Armensteuer in solcher Ausdehnung, dafs unter der Regierung Karls II. die Armenlast beinahe die Hälfte der gesammten Staatseinkünfte ausmachte." Die Armenlast blieb bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts ziemlich in gleicher Höhe; in den Jahren 1748—50 betrug sie durchschnittlich 690 000 wenig mehr als 1673. (Vergl. Senior, English Poor Laws, Edinburgh Review, October 1841.) Seitdem stieg sie rapid mit 8* — 116 — Emporsteigen immer neuer Gruppen und Kreise aus jener untersten Schicht ist das beste, was wir von der Zukunft erwarten. II. Die Organisation des Socialismus. Nachdem wir die Gründe der Ausbreitung des Socialismus betrachtet haben, gehen wir zur Darstellung der heute bestehenden socialistischen Richtungen und Organisationen über. Unter den socialistischen Gruppen nimmt, ihrer Anhängerzahl nach, die „socialdemokratische Federation" die bedeutendste Stellung ein. Sie ging aus der 1881 gegründeten Einführung des Industrialsysterns, Übergang der Landwirtschaft zum Grofs- betrieb, der Einschliefsung von Gemeindeländereien, Zunahme der Bevölkerung u. s. w. 1750 betrug sie für England und Wales 700 000 £ 1785 - - - - - - 1912 000 - 1800 4 000 000 - 1834 7 511 000 - mit Einführung des 1 neuen Armengesetzes j 1835 5 110 000 - 1886 7 960 000 - Vergleichen wir den Betrag der Armensteuer der genannten Länder in den Jahren 1831 und 1881 mit der Bevölkerungsziffer und dem Betrag der Staatsausgaben dieser Jahre, so finden wir: Armensteuer Bevölkerung Staatsausgaben 1831 6 798 889 £ 13 897 182 Seelen 49 078 108 £ 1881 8 102 136 - 25 974 439 - 85 472 556 - Es betrug also 1831 die Armensteuer 9 s. 9% d., 1881 dagegen 6 s 2 9 /io d. auf den Kopf der Bevölkerung. Während die Staatsausgaben eine Zunahme von 74 Prozent, weist die Armensteuer eine Zunahme von nur 19,4 Prozent auf. Eine Wirkung der Friendly Societies! - 117 — „demokratischen Federation" hervor. Als ihr Führer ist der vielfach als Schriftsteller thätige H. M. Hyndman zu bezeichnen, welcher die Gedanken von Marx, des „Aristoteles des neunzehnten Jahrhunderts", in England popularisiert. Die englische Socialdemokratie ist auf Londoner Boden gewachsen und hat unter dem gelernten Arbeiterstande wenig Boden. In London besitzt die Federation gegen 30 Zweige; aufserdem ist sie in Newcastle stark, wo in den Schulrat drei ihrer Anhänger gewählt wurden. In das Parlament wurde bisher kein Social- demokrat als solcher gewählt. Dagegen haben ihre Führer unter den „Unbeschäftigten" Londons vielfach Gehör gefunden; so wurden von ihnen die Demonstrationen auf dem Trafalgar Platze veranstaltet, welche die öffentliche Aufmerksamkeit auf die dunkelste Seite der socialen Zustände Englands lenkten. Solange die Socialdemokraten sich lediglich an das „Residuum" der Gesellschaft wandten und ihr Organ „Justice" sich in heftigstem Gegensatz zu den gelernten Gewerkvereinen befand, mufsten sie die Lehre, dafs die Lage der Arbeiter unter Fortbestand des heutigen Gesellschaftssystems nicht zu bessern sei, in den Vordergrund stellen. In der That schien bis vor kurzem die Lage dieser „Reservearmee der Industrie" durchaus hoffnungslos. Ihre Zahl aber müsse, sagten die Socialdemokraten, dauernd zunehmen, indem durch weitere Anwendung von Maschinen immer mehr die gelernte Arbeit durch ungelernte ersetzt und die, welche früher mit Menschenhänden verrichtet wurde, sodann völlig von der Maschine übernommen werde. Hyndman weist in einer seiner Schriften darauf hin, wie dieser Prozefs mit der bevorstehenden Ersetzung des Dampfes durch die Elektricität beschleunigt werden würde, sodafs in absehbarer Zeit die besseren Arbeiterstände verschwunden sein und ein Abgrund zwischen dem Reichtum und einem an der Grenze des Hunger- — 118 — todes befindlichen Proletariat gähnen müsse L Natürlich könnten Leute, die von einer Woche zur andern ihres Lebens nicht sicher seien, durch irgendwelche Veränderung innerhalb der Gesellschaft nicht leiden; von einer Revolution hätten sie daher nichts zu fürchten, aber alles zu hoffen. „In naher Zukunft müssen die englischen Arbeiter entweder die Herren oder die Sklaven sein" 2 . Die in solchen ähnlichen Worten sich äufsernde Stellungnahme ist hier nicht weiter zu schildern, da sie aus Deutschland genügend bekannt ist. Dieselbe fand auch vornehmlich unter dem zahlreichen deutschen Proletariat Londons Anhänger, welches einen bedeutenden Teil der Londoner Socialdemokratie ausmacht. So hörte ich in der Versammlung zur Feier der Pariser Kommune 1889, welche die Socialdemokraten veranstalteten, mehr deutsch als englisch. Selbst über die englischen „Unbeschäftigten" scheint diese eigentlich revolutionäre Propaganda wenig Einflufs zu haben. „Sobald sie beschäftigt sind", sagte mir ein Führer des englischen Socialismus, „so hören sie auf Socialisten zu sein; selbst wenn sie einmal eine Unruhe erregen sollten, so thäten sie das mehr aus bitterster Not, als um des Principes willen". So waren z. B. die Beschlüsse, welche in den grofsen Versammlungen von Unbeschäftigten während des Winters 1887 beschlossen wurden, gemäfsigter Natur; man verlangte Unterstützung arbeitsfähiger Armer, welche sonst keine Arbeit finden könnten, durch öffentliche Arbeiten, insbesondere Bau von Arbeiterwohnungen, welche von der Londoner Centraibehörde (metropolitan board of works) errichtet werden sollten, weitherzigere Anwendung des Armengesetzes u. s. w. Der ruhige 1 Vergl. Hyndman, The Coming Revolution in England, S. 30, 31. London, W. Reeves. 2 Vergl. Ilyndman a. a. 0. — 119 — Verlauf dieser Versammlungen, welche doch die elendesten Massen der Weltstadt in sich fal'sten, bewies, dafs selbst unter diesen die eigentliche „Gewaltpartei" kaum Boden hat. So weit dieselbe aber Anhänger hat, ist sie nichts neues, sondern lediglich Fortsetzung der alten Chartisten, welche die Ausdrucksweise des Marxischen Socialismus angenommen haben. Für diese Kreise ist die sociale Frage nach wie vor „eine Messer- und Gabelfrage" geblieben, die, da keine Aussicht auf anderweitige Lösung vorhanden scheint, mit Gewalt gelöst werden mufs. In der That ergiebt sich der Zusammenhang der Chartisten mit den heutigen Socialrevolutionären z. B. daraus, dafs in ihren Zeitschriften u. s. w. die verstorbenen Chartisten verherrlicht und die noch lebenden als Parteigenossen angesehen werden. Wäre es auch denkbar, dafs eine so mächtige Bewegung mit so begeisterten Anhängern wie der Chartismus plötzlich verschwinde? Er verlor an Boden, indem die gelernten Arbeiter in Organisation und Lohnkämpfen geeignetere Mittel zur Verbesserung ihrer Lage fanden, als die „physische Gewalt", welche der Chartismus befürwortete. Dagegen lebte er im Londoner Proletariat fort, weil das letztere noch keinen Ausweg gefunden hatte, seinen glücklicheren Genossen nördlich vom Trent nachzufolgen. Aber die englische Socialdemokratie hat heute ihre Stellung geändert und ist von revolutionärer Propoganda zu praktischer Politik übergegangen; sie ist im Begriff, von einer Partei der Arbeitslosen zu einer Partei der Arbeiter zu werden. Für diese Veränderung ist bezeichnend das Eintreten von wirklichen Arbeitern in ihre Reihen, insbesondere der dem Gewerkverein der „Engineers" immer noch angehörigen John Burns und Tom Mann. Bezeichnend ist für diesen Umschwung: die Socialdemo- — 120 — kratie legt nunmehr den Hauptnachdruck auf gesetzgeberische Malsregeln. Statt zu behaupten, dai's die Lage des Arbeiters immer schlimmer werde, nennt man die Fabrikgesetze einen „grofsen Segen". Statt Revolution zu predigen, bei der eben doch heute ein grol'ser Teil der englischen Arbeiter etwas zu verlieren hätte, befürwortet sie praktische Mafsregeln, wie diese auf der socialdemokratischen Konferenz zu Birmingham 1889 in ein Programm zusammengefafst wurden. In dem Mals, als sie das thut, ist sie sicher, unter den arbeitenden Klassen an Bedeutung und Anhängern zu gewinnen. Aber in demselben Mafse, als sie politische Forderungen stellt, mufs sie auf den Boden des Bestehenden treten. Indem sie durch Abstimmungen im Parlament Ziele zu verwirklichen sucht, wird sie vielfach gezwungen sein, für gemeinsam Gewolltes mit Personen zusammen zu arbeiten, welche ihre Ansichten über den Endzweck: die Verstaatlichung aller Produktionsmittel, nicht teilen z. B. den Georgistcn und anderen. Sie mufs auf die naheliegenden Ziele den Nachdruck legen. Die Taktik der englischen Socialdemokraten besteht also heute in der Benutzung der vorhandenen gesetzlichen Mittel. Der Kampf geht an der Wahlurne vor sich. Die Arbeiter sollen nach ihrer Ansicht in jedem Wahlkreise den zu wählenden Kandidaten verpflichten, bestimmte arbeiterfreundliche Maisregeln im Parlamente zu befürworten. Sobald die Arbeiter von dem Be- wufstsein ihres gemeinsamen Interesses erfüllt seien, könne ein Erfolg nicht ausbleiben. Weigere sich nämlich ein liberaler Kandidat, die bezeichneten Bedingungen anzunehmen, so hätte Parnell das Mittel gelehrt, den notwendigen Zwang auszuüben. Man brauche nur zu drohen, sich auf die Seite der Gegenpartei zu stellen, um sicher zu sein, seinen Willen durchzusetzen. In der That liege das Schicksal der liberalen Partei in den Händen der Arbeiter, welche dieses Verhältnis — 121 — nur auszunutzen brauchten, um weitere Schritte in der Richtung auf das zu erreichende Ziel vorwärts zu thun 1 . Uni die politische Macht der Arbeiter zu erhöhen, sind die ersten Mafsregeln, die man verlangt, weitere Demokratisierung: Allgemeines, auch Frauenstimmrecht, dreijährige oder jährliche Parlamente, gleichmäfsige Wahlbezirke, Bezahlung der Abgeordneten 2 : ein Programm, das sich mit dem des bürgerlichen Radikalismus nahe berührt. Da aber auch schon die heutige Verfassung den Arbeitern die Möglichkeit politischen Einflusses gewährt, so verfolgen die Socialisten die Absicht, in alle durch Wahl zu besetzenden öffentlichen Behörden, die Vestrys, die Armenaufseher, die Grafschaftsräte und Stadtvertretungen, so weit als möglich, Anhänger zu bringen. So wurde z. B. der bekannte John Burns in den Grafschaftsrat für London mit 3071 Stimmen gewählt, mit 800 mehr, als der radikale Mitbewerber erhielt; nunmehr ist er auch als Parlamentskandidat aufgetreten, bezeichnenderweise jedoch von Hyndman und den Socialdemokraten älteren Schlages bekämpft, welche die Schwenkung zur praktischen Politik nicht in gleichem Mafse durchgemacht haben, wie dieser weit angesehenere Arbeiterführer. Insbesondere scheint der neu geschaffene Grafschaftsrat für London (Gesetz von 1888) den Socialisten geeignet, ihre Sache zu fördern. Aber auch hier ist ihr Auftreten anders als in jenen Ländern, wo sie schlechthin auf dem Boden der Verneinung stehen. Die englischen Socialisten gehen Schritt vor Schritt vor und haben so im einzelnen bereits nicht wenige Erfolge zu verzeichnen. Z. B. beschlofs das Lon- 1 Dies die Stellung des eine „Arbeiterpartei" befürwortenden „Labour Elector" des Herrn H. Champion. Vergl. auch den Schlufs dieses Werkes. 2 Vergl. England for All by Hyndman S. 90 ff. (E. W. Allen) und Sidney Webb, Socialism in England S. 14 ff. (Swan Sonnenschein). — 122 — doner County Council keine Unternehmer zu beschäftigen, welche ihren Leuten weniger als die von den Gewerkvereinen aufrecht erhaltenen Normallöhne zahlten. Das nächste Ziel ist, einen Beschlufs durchzusetzen, wonach die Stadtverwaltung für ihre eigenen Angestellten einen Normalarbeitstag festsetzt. Weiter im Auge haben sie Übernahme der Wasserwerke, Gaswerke und womöglich der Docks durch die Stadtverwaltung, Mafsregeln, welche in der That diesen völlig monopolistischen Unternehmungen gegenüber im allgemeinen Interesse liegen. Indem sich so die englische Socialdemokratie zum Mundstück durchführbarer Forderungen macht, gewinnt sie Aussicht, mehr und mehr Anhänger innerhalb des Arbeiterstandes zu finden. Aber in gleichem Mafse geht mit ihr selbst eine Änderung vor sich. In den Blättern der Gewaltpartei findet sich daher heute häufig die Beschuldigung, dafs die Social- demokraten liberal geworden seien, man tadelt, dafs Angehörige der Konfederation an liberalen Wahlversammlungen teilnähmen und mit bekannten liberalen Abgeordneten auf derselben Plattform gesessen hätten. Insbesondere gilt dieser Bichtung John Burns als ein Abtrünniger, da seine Wahl von zahlreichen liberalen und radikalen Vereinen unterstützt wird. Die Socialdemokratie mit dem bezeichneten Frontwechsel dagegen nähert sich mehr und mehr den Ansichten der „Fabischen Gesellschaft", welche die wissenschaftlichen und geistig bedeutendsten Anhänger des Socialismus umfafst. Wenn jene Socialdemokraten heute mit Vorliebe den Spruch der Genesis: „Im Schweifse deines Angesichts sollst du dein Brod essen" citieren sowie das Carlylesche Wort: „Wenn ein Mensch nicht arbeitet, so mufs er stehlen, wie immer er sein Stehlen benennen mag", so erblicken die Fabier mit J. St. Mill in dem „grofsen Übel des Be- — 123 — Stehens einer nicht arbeitenden Klasse" den Grund der Herabdrückung des Arbeiters. In Gestalt von Rente und Gewinn werde den eigentlichen Produzenten das Produkt ihrer Arbeit geraubt. „Wir behaupten", sagt Sidney Webb, eines der Hauptmitglieder dieser Gruppe, „dai's eine Gesellschaft, welche unthätige Eigentümer gewisser gesellschaftlicher Erzeugnisse in den Stand setzt, für die Konsumtion von dem hülflosen Mitbürger einen Zoll zu erheben, vielleicht in früheren Stadien der Entwicklung nützlich, heute aber schlecht ist. Sie ist, wie Mill und Cairnes selbst sagen, schuldig, unnötiges Sterben und Leiden der besitzlosen Klassen herbeizuführen" b Das Mittel zur Veränderung dieser Zustände erblicken die Fabier in der Verstaatlichung der Produktionsmittel, ein Vorgang, welcher nichts als die Fortsetzung einer bereits begonnenen Entwicklung bedeute. Öffentliche Funktionen, sogar Gerichtsbarkeit, seien einst Gegenstand privater Unternehmung gewesen; Zölle, Posten u. s. w. seien ihr entzogen worden; die Aufhebung der Sklaverei sei nichts als ein Schritt in der Beschränkung der Verfügungsfreiheit zu Gunsten des allgemeinen Wohles gewesen. Auch liege in solcher Entwicklung nur scheinbar eine Beschränkung der Freiheit, indem dieselbe heute thatsächlich nur zu Gunsten Weniger bestehe, und gerade durch die fortschreitende Einschränkung dieser Wenigen die Freiheit der Meisten erst begründet , zum mindesten erweitert werde. Ähnlich hatte schon Mill gesagt: „die Beschränkungen des Kommunismus würden Freiheit sein, im Vergleiche mit der gegenwärtigen Lage der Mehrzahl der menschlichen Rasse" 2 . Es besteht 1 Sidney Webb, What Socialism means. London, W. Reeves, 185 Fleet Street. E. C. 2 John Stuart Mill, Principles of Political Economy (Letzte Ausg.), S. 129. — 124 — also eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Fabiern und Socialdemokraten, wie denn auch jene sich selbst als Social- demokraten bezeichnen. Dagegen hat die Fabische Gesellschaft von vornherein friedliche Fortbildung der bestehenden Gesellschaft als Ziel aufgestellt. Die Idee der Aufrichtung einer Gesellschaftsutopie auf dem Wege des Umsturzes sei nicht nur unpraktisch, sondern wissenschaftlich heute völlig unhaltbar. Der im neunzehnten Jahrhundert gemachte Fortschritt des Denkens bestehe darin, dafs die Vorstellung der Gesellschaft nicht mehr statisch, sondern dynamisch und Fortschritt nur als Fortentwicklung der Ordnung denkbar sei. Wir sehen den Einflufs des mit den Namen Carlyles, Comtes und Darwins verknüpften Gedankenumschwunges. Die Fabische Gesellschaft mit einer ihrem Wesen nach friedlichen Politik ist vor allen geeignet, den künftigen Radikalismus zu beeinflussen. Ihre Hauptthätigkeit besteht in der Abhaltung von Vorlesungen socialistischen Inhalts sowohl in London als in anderen Teilen des vereinigten Königreichs. Zusammengesetzt aus gebildeten, zum Teil studierten Elementen hat sie als besonders wichtiges Feld der Propaganda die Universitäten in das Auge gefafst. In der That sind die liberalen und radikalen Kreise der Universitäten heute mehr und mehr im Begriff socialistisch zu werden, wie mir z. B. eine Debatte über Socialismus in dem Oxforder Palmerstonklub bewies. Unter den jungen Rechtsanwälten, Ärzten und namentlich unter der Geistlichkeit 1 findet man heute zahlreiche Socialisten, die keine Scheu tragen, sich Socialdemokraten zu nennen. Die wissenschaftlichen Ansichten der Fabischen Gesell- 1 Man vergl. clen Abschnitt Socialism in tlie Churckes in Sidney Webb, Socialism in England S. 63 und den Report of Pan-Anglican Conference. (London 1888. Society for Promoting Christian Knowledge.) — 125 — schaft sind in den 1890 erschienenen „Fabian Essays in Socialisra" enthalten. Dieselben, etwas ungleich in ihrem Werte, bieten eine äufserst geschickte Verquickung der Methoden und Ergebnisse der älteren abstrakten und der neueren historisch-realistischen Schule in der Nationalökonomie. Sie beginnen mit einer abstrakten ökonomischen Darlegung, in welcher aus den Lieblingstheorien der Abstrakten und unter Bekämpfung der durch Jevons überwundenen Ricardo-Marxschen Wertlehre, scharfsinnig und elegant die Unhaltbarkeit der bestehenden Wirtschaftsordnung und das Unvermeidliche der socialdemokratischen Postulate deduciert wird. Dann folgen ein historischer und ein morphologischer Aufsatz, um an demselben Ziele zu enden. Hierauf eine Untersuchung der Grundlagen des Socialismus vom Standpunkte der Moral. Unter den weiteren Aufsätzen erscheint als besonders beachtenswert noch der, welcher den „Übergang" von der heutigen zur künftigen Wirtschaftsorganisation behandelt. Mit Malthus sehen die Fabier ein Übel in leichtsinniger Volksvermehrung. In den Anfängen der kapitalistischen Produktion habe darüber eitel Freude geherrscht, denn sie habe die gewünschten Arbeitskräfte geliefert. Mit steigender Armenlast aber erscheine das ungestörte Walten des Geschlechtstriebs als eine Plage. Man schreie über Übervölkerung. Aber „eure Sklaven hören nicht auf euch. Sie vermehren sich wie Kaninchen. Ihre Armut erzeugt Schmutz, Häfslichkeit, Krankheit, Unsittlichkeit und Trunk. In Ekel flieht ihr in das andere Ende der Stadt, gebt ihnen besondere Sitze in euren Eisenbahnen, Theatern und Kirchen; und doch schwärmen sie um euch. Sie vergiften euer Leben, so wie ihr ihres geopfert habt. Dann kommt die Furcht vor ihrer Auflehnung, Anfälle wahnsinniger Unterdrückung und wahnsinniger Wohlthätigkeit und inzwischen fährt die Bevölkerung fort sich zu vermehren". Aber ungleich — 126 — Malthus sehen die Fabier — in Übereinstimmung mit dem heutigen Stand der Wirtschaftswissenschaft — in dieser Volks- vermehrung nicht die Ursache, sondern die Wirkung des tiefen Elends der unteren Klassen. Sie ist die Folge einer Armut, welche den Sinn und die Möglichkeit für alle anderen Genüsse aufser den geschlechtlichen getötet hat. Nur durch Hebung, welche den Massen höhere Freuden als die rein animalischen erschliefse, ist dieser Gefahr zu begegnen. Aus diesem Grunde befürworten die Fabier socia- listischen Staatseingriff zu Gunsten der Schwachen. Ihre Politik aber ist die des Fabius Cunctator: ein schrittweises Vorrücken. Sie suchen daher als „echte Politiker" zunächst nahe und mögliche Ziele zu erreichen in Verbindung auch mit solchen, welche die socialistische Endforderung nicht teilen — ein „opportunistischer Socialismus", welcher vom Boden des Bestehenden aus den Weg der Reform beschreiten will. Indem sich auch die Socialdemokraten mehr und mehr diesem Standpunkt zuneigen, können wir das von der Fabischen Gesellschaft herausgegebene „Neue radikale Programm" als beiden Richtungen im grofsen und ganzen gemeinsam betrachten. Dieses Programm kritisiert sowohl das des heutigen Radikalen als das des „Torydemokraten", Lord Randolph Churchhill. Das zu Nottingham 1887 aufgestellte Programm der Radikalen enthält folgende Punkte: 1. Männerstimmrecht. 2. Freiheit des Grund und Bodens (free trade in land) d. h. Aufhebung der Beschränkungen, welche dem freien Verfügungsrecht entgegenstehen, Aufhebung der Fideikommisse etc. Die Socialisten entgegnen, diese Beschränkungen sind die letzten Zeichen dafür, dafs das Land nicht als freies Eigentum einst dem Besitzer zustand; ihre Beseitigung käme allein den städtischen Kapitalisten zu Gute. 3. Entstaatlichung der Kirche. Nein, sagen die Socialisten, die Verbindung des Staates — 127 — mit der Kirche giebt dem ersteren ein Aufsichtsrecht über das ungeheure Vermögen der Kirche und bezeichnet, dafs dasselbe dem allgemeinen Besten zu dienen hat. 4. Dezentralisation der Regierung, local government. Lord Randolph Churchhill dagegen verlangt: 1. Gröfsere Sparsamkeit in der Verwaltung. 2. Unentgeltliche Erziehung. 3. Haftpflicht der gewerblichen Unternehmer, Ausdehnung des Haftpflichtgesetzes — Mafsregeln, von denen insbesondere die zweite die Socialisten in ihr Programm aufnehmen. Das Programm der Socialisten ist beiden gegenüber folgendes : 1. Allgemeines Stimmrecht für Erwachsene. Die Empfänger von Armenunterstützung müfsten das Stimmrecht besitzen, weil, „wenn die Gesetze gerecht wären, es keine Armen gäbe, und sie eine Stimme bei der Veränderung der Gesetze haben müssen, unter denen sie am meisten leiden". 2. Ferner verlangen die Socialisten Bezahlung der Mitglieder des Volkshauses und jährliche Parlamente, wie dies der Herzog vou Richmond vor 100 Jahren bereits verlangt habe. 3. Kapitalrentensteuer, welche sowohl Grundrente wie Kapitalzinsen erfassen soll. Beide zusammen betragen ungefähr 450 Millionen , etwa ein Drittel des gesamten Nationaleinkommens. Die Socialisten erblicken in einer derartigen Besteuerung den Anfang zur einstigen Unterdrückung von Rente und Zinsen. 4. Die Municipalbehörden, hervorgehend aus der Wahl der Ortsangehörigen, sollen berechtigt werden, alle Arten der Industrie im eigenen Namen vorzunehmen und Grundbesitz zu erwerben. Das herrschende System sei nichts als „Schutz der Privatunternehmung, welcher das Volk verhindert, seine politischen zugleich als industrielle Organisationen zu benutzen". Insbesondere ist es die Plage der Unbeschäftigten, — 128 — welcher die Socialisten durch Vornahme öffentlicher Arbeiten zu begegnen vorschlagen. Gas, Wasser, Strafsen, Beleuchtung, Pflasterung, Polizei, Tramways und Omnibus, Stadteisenbahn, Parks, Gesundheitspflege, Flufspolizei, Märkte, Armenpflege und unter Mitwirkung der Centraibehörde auch die Schule wünschen die Socialisten „municipalisiert" zu sehen 1 . Auf die Vorschläge der Socialisten bezüglich der Wohnungsfrage der Arbeiter brauchen wir nicht weiter einzugehen, indem es unter ihnen nieht an Stimmen fehlt, welche von Mafsregeln abraten, die unter dem heutigen Gesellschaftssystem pauperisierend wirken müfsten. Eine solche wäre z. B. der Bau von Arbeiterwohnungen durch die Stadtverwaltung und ihre Vermietung, sei es auch zum Kostenpreise, an die Arbeiter 2 . Jedenfalls aber steht es den Socialisten fest, dafs die Londoner Stadtverwaltung solche Veränderungen auch für den Osten und Süden Londons herbeiführen sollte, durch welche in den letzten dreifsig Jahren der Westen zur glänzenden Weltstadt geworden sei: Kanalisation, Anlage eines Themsestadens, öffentlicher Gärten und Parks u. s. w. Für die Arbeiterbezirke kämen insbesondere öffentliche Bäder und Waschhäuser, Spielplätze und Bibliotheken in Betracht. 5. Verstaatlichung der Eisenbahnen, unter Bezugnahme auf das natürliche Monopol und die hieraus entspringenden unverhältnismäfsigen Dividenden der Eisenbahngesellschaften. 6. Der Achtstundentag d. h. gesetzliche Beschränkung des Arbeitstages auf acht Stunden. Es ist bezeichnend, wie 1 Vergl. A Commune for London by H. M. Hyndman. Justice Printery . 337 Strand. Desgl. S. Webb, Socialism in England S. 98—118. 2 Vergl. Labour Elector vom 2. März 1889 S. 13. Das Gesetz von 1885 beziehentlich der Arbeiterwohnungen giebt den Städten das Recht SVa % Anleihen aufzunehmen zum Zweck des Baues solcher Wohnungen. Es blieb jedoch bisher meist ein toter Buchstabe. — 129 — die englischen Socialisten sich dieser von den Pariser Arbeiterkongressen angenommenen Forderung gegenüber verhalten. Auch hier handelt es sich nicht um ein blofses Agitationsmittel, sondern um ein praktisches, allmählich zu verwirklichendes Ziel. Hyndman unter andern entwickelt z. B. dieseii Standpunkt in der „New Review", August 1889. Er verweist darauf, dafs eine gesetzliche Arbeitszeit nichts neues wäre, indem für die westindischen Sklaven eine solche bereits bestanden hätte, ein grofser Teil der Arbeiter aber ebenso hülflos wie jene sei. Der gewichtigste Einwand, dem er zu begegnen hat, ist der, dafs durch Erhöhung der Produktionskosten die englische Industrie dem ausländischen Mitbe- werb gegenüber geschädigt, ja in manchen Zweigen vielleicht vernichtet werden könnte, so lange die Staaten des Festlandes zu gleichem Schritte nicht bereit wären. Die Socialisten erkennen diesen Einwand als zeitweilig gültig an und beschränken daher ihren Vorschlag dahin, man führe einen gesetzlichen Arbeitstag für diejenigen Industrien ein, welche der ausländischen Konkurrenz nicht unterworfen sind, z. B. zu Gunsten der Eisenbahn- und Pferdebahnangestellten u. s. w. Sind es doch gerade diese Arbeiter, welche am wenigsten imstande sind, durch eigene Kraft sich zu schützen 1 . Auch dieser Vorschlag aber scheint den Socialisten noch zu weitgehend, um unter den heutigen Parteiverhältnissen im Parlament Aussicht auf baldige Einführung zu haben. Sie haben daher einen anderen Punkt als den der praktischen Verwirklichung nächstliegenden aufgegriffen. Die Municipal- behörden, insbesondere der Grafschaftsrat von London, soll 1 New Review. Longmans, Green & Co. Vergl. auch The facts about the unemployed. Modern Press. Paternoster Row 13. v. Schulz e-Gaevern itz, Zum soc. Frieden. II. 9 — 130 — mit gutem Beispiel vorangehen und für die von ihm beschäftigten Arbeiter den Achtstundentag annehmen. Erst wenn das erreicht ist — und es ist nach den obigen Bemerkungen durchaus ein Ding der Möglichkeit —, ist zu erwarten, dafs der Staat nachfolge. Als zweiter Schritt wird dann der gesetzliche Arbeitstag für Eisenbalm-, Pferdebahn- und Omnibusangestellte in das Auge gefafst. Weitere Fortschritte in der angedeuteten Richtung aber hängen davon ab, dafs die Regierung, nachdem sie für ihre eigenen Arbeiter in Arsenalen, Postanstalten u. s. w. die Maisregel angenommen, also sich grundsätzlich mit ihr einverstanden erklärt hat, eine internationale Vereinbarung zustande bringt, welche voraussichtlich ebenfalls zunächst nur gewisse Arbeiter umfassen wird, um später weiter ausgebaut zu werden. Was in Deutschland Theorie ist, wird in England zum Programm praktischer Politik. Was die eigentlich politischen Fragen angeht, die England heute bewegen, so befürworten die Socialisten die Glad- stonesche Home-Rulepolitik, indem sie nicht nur für Irland, sondern für den ganzen Staat möglichste Decentralisation verlangen. Dagegen sehen sie in einem solchem Schritte nicht den Anfang zu einer Zerstückelung des Reiches. Im Gegenteil stimmt Hyndman 1 dem Plane der engeren Verbindung der Kolonien mit dem Mutterlande zu, sowie der Errichtung eines Reichsparlamentes über den Parlamenten der einzelnen Teile der britischen Inseln und der Kolonien. Auch einer gänzlichen Abrüstung redet Hyndman am genannten 1 England for All by H. M. Hyndman S. 152, 164, 180. London, W. Allen. — Wir werden am Scblufs unseres Werkes sehen, wie die Politik der grofsen liberalen Partei nur durch Gradunterschiede von dem soeben entwickelten Programm verschieden ist — ein Umstand, der die Bildung einer parlamentarischen Arbeiterpartei verhindert. — 131 — Orte keineswegs das Wort und macht sogar den Diplomaten der Mittelklassenregierung einen schweren Vorwurf aus der Aufgabe des Rechts der Kaperei auf dem Pariser Kongrefs, weil dasselbe im Kriege die beste Stärke der englischen Seemacht gebildet habe. Mit dem angedeuteten Umschwünge in der socialistischen Arbeiterpartei trennen sich von ihr die eigentlich revolutionären Elemente, obgleich diese sich zum Teil ebenfalls als Socialisten bezeichnen. Aber das volkswirtschaftliche Glaubensbekennt- 4- nis ist eben hier nicht das entscheidende, sondern das taktische Programm, und in letzterem unterscheidet sich diese revolutionäre Gruppe der Socialisten in nichts von den Anarchisten. Letztere erklären, dafs die Abschaffung aller Autorität, die Beseitigung des Staates und die völlige Freiheit des Einzelnen notwendige Vorbedingung zur Erreichung eines heute nicht weiter zu formulierenden, idealen Gesellschaftszustandes sei; jede bestimmte Vorstellung vom Ideal gilt als Reaktion und ist höchstens Gegenstand dichterischer Extase. Insofern enthält der Anarchismus eigentlich nichts als ein taktisches Programm: Zerstörung des Bestehenden. Indem nun Socialisten dieser Taktik zustimmen, ohne Aufgabe des Zukunftsbildes einer kollektivistischen Volkswirtschaft, ist ein „anarchistischer Socialismus" wohl möglich, obgleich der Anarchismus als äufserster Individualismus dem Socialismus entgegengesetzt ist. Dieser Standpunkt, welcher von der „Socialistischen Liga" vertreten wird, mufs natürlich auf die Lehre der socialistischen Schriftsteller den Nachdruck legen, dafs die Lage des Arbeiters unter dem heutigen Gesellschaftssystem immer schlechter werden müsse — ein Satz, der bei dem praktischen Socialismus, welcher Vorschläge zur Hebung der ar- 9* — 132 — bettenden Klassen vertritt, in den Hintergrund rückt. Die Vertreter der revolutionären Richtung also stehen im Gegensatz zu den Fabiern und den Socialdemokraten. Sie tadeln das Bestreben der ersteren, aus dem Bestehenden heraus den socialistischen Zustand zu entwickeln, sowie die Beteiligung der letzteren an den politischen Wahlen und Gemeindeangelegenheiten. Ebenso wenden sie sich gegen die Gewerkvereine, nicht etwa, wie John Burns und seine Anhänger nur gegen die heute von dem parlamentarischen Gewerk- vereinsausschufs eingeschlagene Politik. Während John Burns vielmehr der Verbündung der ungelernten Londoner Arbeiter (der Gasarbeiter, Hafenarbeiter u. s. w.) die wichtigsten Dienste geleistet hat, erklärt der revolutionäre Socialismus Gewerkvereine als schlechthin zwecklos. „Das allgemeine Resultat ist, dafs die Gewerkvereine heute nicht an Stärke zunehmen. Auf der anderen Seite wächst die Zahl derjenigen Tagelöhner gewaltig, welche zu allen Arten von Beschäftigungen durch die Not des Lebens getrieben, keine Gewerkvereini er werden können. Der unbeschränkte Wettbewerb unter diesen wirkt auf die organisierten Arbeiter zurück und ist ein unübersteigliches Hindernis für die Erlangung von tliat- sächlichen Vorteilen seitens der Gewerkvereine" L Der Nutzen von Arbeitseinstellungen bestehe lediglich in Erweckung und Verbreitung des Klassenhasses. Der anarchistische Socialismus bekämpft alle Bestrebungen, welche dazu dienen könnten, das dem Untergange geweihte System zu erhalten und den endlichen Zusammenbruch hinauszuschieben. „Sie bauen Stützen für ein in sich morsches Gebäude". Er bekämpft die Ansicht der Fabier und der 1 Vergl. Address to Trade Unions issued by the Socialist League. London, W. C. Great Queen Street 24. — 133 — Socialdemokraten, dafs die sociale Frage an der Stimmurne zu lösen sei, als „den grofsen Aberglauben des Jahrhunderts" und stellt als Ziel auf, „den Fetisch der Gesetzgebung und der Gesetzgeber zu untergraben". Arbeiterschutzgesetze, welche die Regierungen anböten, seien nur „ein Mittel, in den Augen der Massen den Parlamentarismus wieder herzustellen, welcher doch auf das äulserste entwertet sei". Auch wendet man sich gegen den Vorschlag' des Achtstundentages, welcher lediglich als Agitationsmittel, insbesondere soweit er undurchführbar ist, zur Erregung von Unzufriedenheit brauchbar sei. Ein Glück ist es, sagen die Revolutionäre, dafs von den Regierungen Bekämpfung auch der gemäfsigten socialistischen Vorschläge zu erwarten ist; denn durch Annahme derselben „würde Friede möglich und die vollständige Emancipation der Arbeit für lange Jahre ausbleiben". Die „Socialistische Liga" befürwortet die Politik des Laissez-faire, weil sie am zerstörendsten wirke, also aus dem entgegengesetzten Gesichtspunkte wie der ältere Liberalismus. Man hat zu warten, bis das gegenwärtige System in sich so morsch wird, dafs es zusammenbricht. Das einzige , was man inzwischen thun kann, ist Unterstützung aller Versuche, dasselbe zu erschüttern. So begrüfst man die Bestrebungen der irischen Partei, nicht etwa aus dem Gesichtspunkte der notwendigen Decentralisation, wie die Socialdemokraten, sondern als „einen Angriff auf die grofse reaktionäre Macht, die sich britisches Weltreich nennt". Daher auch die Sympathie mit dem Verbrecher als dem Märtyrer der heutigen Gesellschaft und dem Kämpfer gegen das Bestehende. Das Beste, was die Revolutionäre hoffen, ist, dafs auf diesem Wege der Kampf täglich schärfer und bitterer werde, bis er zuletzt „in Niedermetzelung übergeht und offenen — 134 — Krieg an Stelle der langsamen und grausameren Methoden der friedlichen Konkurrenz" b Unter den Anhängern des anarchistischen Socialismus finden sich zahlreiche Ausländer, z. B. der bekannte russische Fürst Kropotkine; Arbeiter sind unter ihnen kaum vertreten 2 . Selbst auf die Unbeschäftigten haben wohl Männer wie John Burns Einflufs, welche ihnen einen Weg der Bettung weisen, nicht aber eine Richtung, die ihnen nichts als Verzweiflung giebt. Dem gelernten Arbeiter aber erscheint sie völlig utopistisch; an sie vornehmlich denkt er, wenn er, wie man in England noch hören kann, erklärt, Socialismus sei für ihn Zeitverlust (waste of time). Der bedeutendste Engländer unter der revolutionären Gruppe ist der Möbelfabrikant William Morris. Auf dem Pariser Kongrefs bewies Morris seinen extremen Standpunkt dadurch , dafs er auf dem Marxisten- kongrefs gegen die Vereinigung mit den Possibilisten eiferte, unter denen sich die englischen Socialdemokraten befanden 3 . Selbst die übrigen englischen Teilnehmer an dem Marxisten- kongrefs, z. B. das Parlamentsmitglied Cunninghame-Graham, folgten hierin nicht. Dagegen erfreut sich Morris eines bedeutenden Rufes als Reformator des Geschmacks im englischen Kunstgewerbe und als Dichter. In der That scheint er der erste wirkliche Dichter zu sein, welchen der Socialismus hervorgebracht hat, indem die in Deutschland zum Teil in den Gebrauch der Socialisten übergegangenen Gedichte von Freiligrath, Prutz u. s. w. einem 1 Vergl. VV. Morris, Useful Work versus useful toil, S. 39. London, W. C. Great Queen Street 24. — Im übrigen entwickeln wir die Stellung der Liga aus ihrem Organ, dem Commonweal. 2 Dies bestätigt z. B. Sidney Webb, einer der gründlichsten Kenner des englischen Socialismus, welcher zugleich einer seiner geistigen Führer ist. Vergl. Socialism in England S. 34. 3 Hyndman stimmte sogar gegen die Vereinigung beider Kongresse. — 135 — ganz anderen Boden entstammen. Von den Werken Morris' gelten „der Traum des John Ball" und „das irdische Paradies" als die besten, daneben veröffentlichte er ein Heftchen „Gesänge für Socialisten". Sein bekanntestes Lied, welches z. B. auf der oben erwähnten Feier der Kommune durch den von ihm eingenähten Chor der „Socialistischen Liga" vorgetragen wurde, teilen wir als Probe dieser Litteratur mit. Es verherrlicht die in den Arbeiterrevolutionen gefallenen Märtyrer. Alle für die Sache. Hör ein Wort, ein Wort zur Stunde, denn der Tag kam nah heran, Da die Sache uns wird rufen, den zum Leben, den zum Tod. Wer da stirbt, er stirbt nicht einsam; viele gingen ihm voran, Deren Ruhm nicht von der Vorzeit; gestern liefsen sie ihr Blut, Sie der Erde jüngste Kinder, letzte eines tapfern Tods. War die Botschaft, die sie brachten, doch das Wort, das uns erfüllt, Und die Hoffnung unseres Herzens war ihr todbesiegelt Ziel. Ihre Schmerzen ruhn im Grabe, 'hin Tyrannen sie gestürzt; Doch aus ihrem Leid erhebt sich Hoffen, das unsterblich ist. Klage nimmer, dafs die Welt sie überlebt hat, traure nicht. Sichtbar stärken sie, vernehmlich uns're Hand noch heut im Streit. Hatte Namen der und Ehre, war gelehrt er weis' und stark, Waren namenlos die andern, reich an Unrecht nur und Leid, Ruhmvoll, ruhmlos: alle leben, einig leiten sie uns an, Jeden Schmerz für nichts zu zählen, zu verachten jede Qual. Hör' sie rufen: „Glücklich, glücklich, die ihr in der trüben Nacht — 136 — Scheidestunde seid geboren, in des Morgens Dämnrerscliein. Ob im Leben oder Sterben — euer ist das schönste Los: Frieden durch Gewirr und Streiten zu erringen, zu verleih'n." Sei's so! Oftmals will michs dünken, dafs in jener künft'gen Welt, Da kein Sklave mehr des Goldes atmet zwischen See und See,- Mancher stillstehn wird und denken jener alten, bittern Zeit, Eli' das Blut von tausend Schlachten uns vom Fluch des Golds befreit; Ein Gedenken ernst und heilig unter Liebenden wird's sein Und man wird uns Weise heifsen, die wir „Narren", „Träumer" heut'. Doch der Name darf verklingen, die Geschichte uns'res Tods, Unsere Thaten werden leben in dem Neubau einer Welt, Wer kann da des Daseins achten, ob Gewinn es ob Verlust. Lieblich fliegt dahin das Leben, wie die Sache jeden ruft. Es ist klar, dafs eine solche Begeisterung, wie sie bei der Internationalität gerade dieser Gruppe über ganz Europa Anhänger hat, in Unterdrückung und Gewaltmitteln der Gegner ihre beste Nahrung findet. III. Der Socialismus und die Gewerkvereiue. Wir haben im vorhergehenden die beiden Richtungen, auseinandergelegt, in welche der Socialismus in England wie auf dem Festlande, wenn auch hier weniger deutlich, sich zu spalten im Begriffe steht: Richtungen, welche trotz des gemeinsamen Namens einander innerlich geradezu ent- - 137 — gegengesetzt sind. Der revolutionäre Socialismus mufs alle praktisch-soeialistischen Mafsregeln bekämpfen, weil sie die Unzufriedenheit der Massen vermindern könnten, und lediglich undurchführbare Vorschläge als Agitationsmittel befürworten. Der praktische Socialismus dagegen wird bei den bestehenden Parteiverhältnissen parlamentarische Bündnisse suchen, welche allein zu Gunsten gemäfsigter Vorschläge zu erhalten sein werden. Es erhebt sich daher die Frage: welche dieser beiden Richtungen hat in England greisere Aussicht? Ist es ferner wahrscheinlich, dafs eine von ihnen an Anhängerzahl dermafsen zunimmt, um auf die politischen und socialen Verhältnisse thatsächlichen Einflufs zu gewinnen? Diese Fragen lassen sich meiner Meinung nach nur beantworten durch Untersuchung der weiteren Fragen: welche Stellung nehmen die Gewerkvereine heute zum Socialismus ein, und welche werden sie voraussichtlich in Zukunft einnehmen? Die Gewerkvereine scheinen nämlich diejenige Macht zu sein, welche in der englischen Arbeiterbewegung die Führung behauptet und in Zukunft behaupten wird. Letzteres ist bezweifelt worden, insbesondere hat man auf dem Festlande die Gewerkvereine Englands bereits totgesagt. Darum hierüber zunächst ein Wort. Entstehung, innere Einrichtung und Wirksamkeit der Gewerkvereine sind in Deutschland durch das Buch Brentanos bekannt geworden. Dasselbe erschien zu Beginn der sieben- ziger Jahre, konnte also nicht weiter gehen als bis zur Legalisierung dieser Vereine. Diese haben dann in Deutschland verschiedene Arten von Gegnern gefunden: selbstverständlich die Vertreter des patriarchalischen Systems, aber aufserdem diejenigen, welche in einem bureaukratischen Staatssocialismus das Heil suchen, sowie die Socialdemokratie. Die beiden letzteren, sonst so verschieden, werden nicht müde, das Fiasko - 138 — der englischen Gewerkvereine zu verkünden. Und in That haben sich Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre für die englischen Gewerkvereine bedeutende Schwierigkeiten aus dem Anwachsen der Zahl ihrer unbeschäftigten Mitglieder ergeben, welche die Kassen der Vereine bedeutend in Anspruch nahmen. Die Ursache war die ganz anormal lange Dauer der Geschäftsstockung, ein Übelstand, gegen den übrigens auch der bureaukratische Staatssocialismus bis jetzt noch kein Mittel angegeben hat. Seitdem hat ein neuer Aufschwung stattgefunden ; und wenn derselbe auch nicht so kräftig wie früher ist, so hat er doch nicht blofs aufs neue die Gewerkvereins- kassen gefüllt, sondern diese haben auch durch Ausschreibung aufserordentlicher Umlagen während dieser Periode des Aufschwungs sich für den Fall der Wiederkehr einer so lange dauernden Depression gerüstet. So lange die Depressionen noch nicht perennierend geworden sind, müssen sich die Gegner der Gewerkvereine noch auf das erhoffte Fiasko vertrösten. Ein anderer Vorwurf gegen die Gewerkvereine ist, dafs sie nur die gelernten Arbeiter umfafsten, dagegen aufser Stand seien, der weit gröfseren Masse der ungelernten zu helfen. Und in der That umfafsten sie zur Zeit, als das Buch Brentanos erschien, nur erst die Mehrzahl der gelernten Gewerbe. Aber nichts, was die Lebensfähigkeit der Organisation mehr zu beweisen vermöchte, als dafs sich die letztverflossenen Jahre durch eine geradezu erstaunliche Ausbreitung der Gewerkvereine nicht nur unter den „ungelernten", sondern sogar unter den weiblichen Arbeitern auszeichnen. Welche Gründe dies ermöglichten, ist weiter unten zu besprechen. Es genügt, hier festzustellen, dafs die Summe aller Gewerkver- einler heute gegen anderthalb Millionen betragen mag, eine eher zu niedrig als zu hoch gegriffene Zahl nach einer mir seitens des früheren Sekretärs des parlamentarischen Aus- — 139 — Schusses der Gewerkvereine, George Howell, Parlamentsmitglied und volkwirtschaftlichem Schriftsteller, mitgeteilten Schätzung. Die Zahl der auf den Gewerksvereinskongressen vertretenen Arbeiter ist natürlich eine geringere, da aus der Beteiligung den Vereinen die Pflicht zur Beisteuer für den parlamentarischen Ausschufs erwächst, der sich viele Vereine um so lieber entziehen, als dessen Arbeit doch so wie so im Interesse aller Arbeiter geleistet wird. Dennoch hat auch die Zahl der auf dem Kongresse vertretenen Arbeiter stetig zugenommen. 1887 auf dem Kongresse zu Swansea betrug sie 674034 Personen, 1888 auf dem Kongresse zu Bradford 816944, endlich 1889 zu Dundee 885 055, eine Zahl, die bis zum nächsten Kongrefs durch die inzwischen erfolgte Vereinigung der Londoner Dock- und anderer Arbeiter einer Million nicht fern bleiben dürfte. Die Gewerkvereine, zunächst nur die bestsituierten Arbeiter umfassend, dehnen sich nach unten hin über immer weitere Kreise aus, schneiden immer neue Teile aus jener form- und zusammenhangslosen Masse von Proletariern heraus, welche der Übermacht des Kapitals wehrlos unterworfen und auf das Minimum der notwendigen Lebenshaltung beschränkt ist. Bei Beurteilung der Stellung der Gewerkvereine sowohl zur socialrevolutionären Partei als auch zu dem auf gesetzlichen Bahnen wandelnden Socialismus mufs man stets eines vor Augen haben: die Gewerkvereinsorganisation beruht nicht auf irgend welcher ökonomischen oder politischen Theorie, sondern ist nichts anderes als die Inkarnation des praktischen gesunden Menschenverstandes der englischen Arbeiterklasse. Als solche ist sie der Gegner von jeder Art von „ismen", vom Individualismus Avie vom Socialismus. Wie sie zur Zeit, da die gesamte individualistische Nationalökonomie sie als Ausgeburt menschlichen Wahnsinns denuncierte, gegen alle diese Angriffe stumpf, zäh an dem festhielt, was ihr im Arbeiterinteresse zu liegen schien, so sieht sie auch heute lediglich auf die praktische Bedeutung jedweder Mafsregel, einerlei, oh man diese als individualistisch oder als socia- listisch bezeichnen mag. Diese rein praktische Betrachtungsweise bestimmt auch ihr Verhalten zur socialrevolutionären Partei. Alle, welche der Gewerkvereinsbewegung angehören, sind sich bewufst, dafs die arbeitenden Klassen durch diese Organisationen enorme Fortschritte gemacht haben. Sie haben die Widerlegung der Grundbehauptung jeder socialrevolutionären Bewegung, dafs der Arbeiter seine Lage dauernd zu verbessern aufser Stand sei, am eigenen Leibe erlebt. Sie erinnern sich der Erhöhung des Lohnes und der Verkürzung der Arbeitszeit, der Verbilligung der Lebensmittel und der Fabrikgesetze, die ihnen geworden sind. Sie gedenken der Cooperation und des Hauses, das sie oder ihre Freunde mittelst derselben erworben haben. Ein Arbeiterstand, der solche Erfolge erlangt hat und den Weg zu weiteren Erfolgen vor sich sieht, ist nicht revolutionär. Dazu kommt noch ein anderes, was speciell seine Abneigung gegen den kontinentalen Socialismus erklärt. Die englischen Gewerkvereine haben in doppelter Beziehung böse Tage durchgemacht. Es gab eine Zeit, da waren ihre Kampfmittel das Vitriol und der Mord, und sie wurden verfolgt als der Schrecken der Gesellschaft. Damals haben sie gar nichts erreicht. In dem Mafse, in dem sie diese gewalt- thätigen und revolutionären Mittel aufgaben, eroberten sie die Sympathien der Gesellschaft und machten mit deren Unterstützung die eben genannten Fortschritte in der Hebung der Arbeiterklasse. Dabei haben ihnen ihre Freunde aus den höheren Klassen gesagt, haltet euch fern vom kontinentalen Socialismus. Die Gewalt, die auf dem Kontinent alle legitimen Bestrehungen der Arbeiter unterdrückt, hat sie dort zu Verschwörern gemacht. So besteht der kontinentale Socialismus in einer ständigen Verschwörung, und über Nacht könntet ihr ohne Wissen und Willen in eine mächtige Umsturzbewegung verwickelt sein. Dann würde sich auch gegen euch ein Sturm der Entrüstung in England erheben, der alles von euch Erreichte gefährden würde. Diese Politik hat vortreffliche Früchte getragen. Die Gewerkvereinler sind „respec- table" geworden und haben damit ihre Ziele erreicht. Diese Position wollen sie nicht wieder in Frage stellen, und daher die Abneigung des Gewerkvereinlers gegen den kontinentalen Socialismus, worunter er eine Agitation versteht, welche durch undurchführbare Zukunftsbilder die Arbeiter von der Verfolgung ihrer Interessen abhält, welche von der Unzufriedenheit der Massen lebt und Revolution bezweckt. Dies auch die Erklärung des Ausspruchs des Vorsitzenden des Kongresses der Gewerkvereine zu Bradford: „In dem Grade als unsere ausländischen Brüder den Gedanken an gewaltsamen Umsturz aufgeben und zu Organisation und gesetzlicher Agitation übergehen, sind wir durch Pflicht, Neigung und Interesse gebunden, mit ihnen zusammenzuarbeiten". Man kann daher mit Sicherheit sagen, dafs die Gewerkvereine und damit der englische Arbeiterstand überhaupt den Aposteln des Umsturzes auch in Zukunft verschlossen bleiben werden 1 . Andererseits ist es jedoch ebenso gewifs, dais die 1 Diese Ansicht teilt, wie mir aus brieflicher Mitteilung bekannt ist, der mit dem englischen Socialismus durchaus vertraute Rev. M. Kaufmann, Rector von Erpingham (Ingworth, Nonvich), der Übersetzer von Scliäifle ins Englische und Verfasser mehrerer Werke über Socialismus. Vergl. meine Erwiderung auf den Bericht der industriellen und wirtschaftlichen Vereine über englische Arbeiterverhältnisse. Deutsches Wochenblatt, Jahrgang III, Nr. 6, S. 67. — 142 — genannten Vereine sich mehr und mehr zu einzelnen vom Socialismus befürworteten Mafsregeln bekennen werden, in dem Mal'se nämlich als sie ihnen für die in Frage kommenden Interessen praktisch erscheinen werden. Während die erstere Behauptung von keinem Kenner der englischen Arbeiterverhältnisse bestritten werden dürfte, insbesondere auch nicht von den Führern des englischen Socialismus selbst, so wird die zweite heute noch um so mehr angezweifelt werden können, als sich eine Fülle von Aussprüchen der anerkanntesten Führer der Gewerkvereine gegen Staatshülfe im allgemeinen oder diese oder jene socialistische Mafsregeln im besonderen anführen lassen. Man denke z. B. an das Schlufswort, mit welchem Broad- hurst, der bisherige Führer der Gewerkvereinler in- und aufser- halb des Parlaments, seinen Bericht über das Jahr 1887/1888 vor dem Kongresse zu Bradford beendete: „Wenn die Arbeit festhält an dem bisher innegehabten Verfahren, Selbstvertrauen und Unabhängigkeit zeigt, Staatshülfe zurückweist, denen hilft, die sieh nicht selbst helfen können, ihre eigenen Bedürfnisse sich selbst befriedigt und alles das festhält, was sie erlangt hat, so wird sie sicher an Würde und Wichtigkeit gewinnen". Durch folgenden, geradezu komischen Zwischenfall, welcher sich auf dem internationalen Gewerkvereinskongrefs 1888 zu London ereignete, zeigten die englischen Gewerkvereinler, wie weit ihre Furcht ging, mit den festländischen Socialisten zusammengeworfen zu werden. Von den 46 anwesenden Ausländern — Gewerkvereinlern aus Frankreich, Belgien, Holland, während aus Deutschland und Österreich keine Vertreter anwesend waren — bekannten sich alle bis auf zwei zur socialistischen Partei; von jenen beiden war der .eine, der Vertreter der Pariser Drucker, ein Positivist, der andere, der Vertreter der Pariser Zimmerleute, ein Anarchist. Dieser letztere nun erklärte es in der Frage des Normal- - 143 - arbeitstages für kindisch, von der Gesetzgebung etwas zu erwarten, sondern stellte vielmehr im Gegensatz zu den anwesenden Socialisten zur Abstimmung: dafs die arbeitenden Klassen „auf ihre eigene Kraft sich verlassen sollten", womit in Anbetracht der festländischen Arbeiterverhältnisse nichts als Anwendung von Petroleum und Dynamit gemeint sein konnte. Die englischen Gewerkvereinler, an die Mittel der friedlichen Organisation und Abweisung des Staatseingriffs denkend, stimmten, unter dem Gelächter der Ausländer, für den Antrag des Anarchisten 1 . In solchen und ähnlichen Fällen haben wiederholt die englischen Gewerkvereinler sich als Gegner des Socialismus erklärt und ihm gegenüber auf die Mittel der Selbstliülfe verwiesen, welche den Arbeitern zu Gebote stünden. Fragt man aber, aus welchem Grunde dieser Gegensatz zum Socialismus herrührt, so bemerkt man, dafs derselbe kein grundsätzlicher ist. Vielmehr beruht derselbe, abgesehen von der schon berührten Abneigung vor revolutionärem Unsinn und vor Verwechslung mit demselben auf einer weiteren höchst praktischen Erwägung. Die Gewerkvereine haben nämlich die nicht unberechtigte Meinung, dafs niemand die Interessen der zu ihnen gehörigen Arbeiter so gut wie sie selbst verstehe. Sie haben sowohl mit Gesetzen als auch mit Schiedsrichtern, die von Aufsen kamen — mochte ein noch so wohlwollender Geist dieselben beseelen — oft bittere Erfahrungen gemacht. Sie sind daher der Meinung, dafs sie da, wo sie stark sind, ohne jedwede Hülfe von anderen, sei es des Staates, sei es Privater, besser fahren als mit Hülfe derselben. Sie wollen in allen solchen Fällen ihre Angelegenheiten in eigener Hand behalten. 1 Vergl. Adolphe Smith, Critical Essay on the Congress. London 19 Barclay Koad, Walham Green. — 144 — So erklärt sieh denn auch das Verhalten der Gewerkvereine selbst gegenüber dem weit friedlicheren englischen Socialismus. Noch zu einer Zeit, da auf den Universitäten bereits zahlreiche Gelehrte und Studenten sich als Socialisten bezeichneten, da Mill diesen Namen auf sich angewendet hatte, wiesen die Gewerkvereinler das Wort Socialismus mit Entrüstung von sich. Zu der Socialdemokratie insbesondere, welche sich an die unter dem organisierten Arbeiterstande stehenden Massen wandte, befanden sich die Gewerkvereine im entschiedensten Widerspruch, soweit sie sie nicht vernachlässigten. Das Verhältnis zum Socialismus hat sich heute verändert. Bereits auf dem Gewerkvereinskongresse zu S wansea 1887 konnte der Vorsitzende aussprechen, dafs das Wort Socialismus für die Gewerkvereinler seine Schrecken verloren habe. Ähnliches zeigte sich auf dem Possibilistenkongrefs 1889 zu Paris, an dem allerdings nur eine Minderheit der englischen Gewerkvereinler beteiligt war. Thatsächlich handelt es sich aber nicht sowohl um eine Veränderung in der Stimmung und politischen Richtung der Gewerkvereine, als vielmehr um eine Veränderung in der Bedeutung des Socialismus. Die Gewerkvereinler eben waren nie Theoretiker. Als praktische Männer ergriffen sie jedwedes Mittel, das ihrem Ziele, der Hebung der Arbeit, zu dienen schien. Sobald der Socialismus anständig wird und die Verbindung mit ihm keine Gefährdung des Errungenen mit sich bringt, werden die Gewerkvereine in allen den Fragen für Staatshülfe sein, die sie, wie Fragen über Lohnhöhe und Arbeitszeit, nicht hesser selbständig erledigen zu können meinen. So errichteten sie den „parlamentarischen Ausschufs", welcher nunmehr seit fast zwei Jahrzehnten die dem Parlamente vorliegenden Gesetzentwürfe vom Standpunkt der Arbeit aus prüft, sowie seinerseits gesetzliche Vorlagen ausarbeitet und dem Parlamente durch seinen — 145 — Schriftführer vorlegt — ein Zeichen, wie wenig sie den Staatseingriff an sich fürchten. Da es zu weit führen würde, über die gesamte Thätig- keit dieses Ausschusses seit seinem Bestehen einen Überblick zu gehen, so betrachten wir nur, was in den letzten Jahren an Gesetzesvorschlägen von ihm ausgegangen ist, teils Gesetz wurde, teils noch auf der Stufe des Entwurfes sich befindet. Zunächst zu nennen sind folgende, den Vertretern der Gewerkvereine innerhalb und aufserhalb des Parlamentes zu verdankende Gesetze: die Mines Regulation Bill 1887, welche unter andern Bestimmungen das Alter der überhaupt nicht in den Bergwerken zu beschäftigenden Kinder von 10 auf 12 Jahre erhöht, ferner den Bergleuten das Recht giebt, durch Wahl Männer zu bestimmen, sei es Bergleute, sei es andere, welche alle vier Wochen das Bergwerk auf seine Sicherheit, die Innehaltung der gesetzlichen Schutzbestimmungen u. s. w. zu prüfen haben. Des weiteren wurde in demselben Jahre eine Verschärfung des Truckgesetzes erreicht. Ferner kam hauptsächlich durch Bemühung der Gewerkvereine, insbesondere des Sheffielder Gewerkvereinsausschusses, ein Gesetz zu Stande, welches die Bezeichnung der ausländischen Waren mit Marken, die ihren Ursprung angeben, vorschreibt. Eine Verschärfung des Haftpflichtgesetzes, welches die vertrags- mäfsige Befreiung der Arbeitgeber von der Haftpflicht unmöglich macht, eine Veränderung des Zwangsvollstreckungsverfahrens, welches gewisse Gegenstände von der Zwangsvollstreckung ausschliefst (Bett, Arbeitszeug u. s. w.), sind des weiteren hier aufzuführen — für die kurze Frist gewifs eine bedeutende Anzahl von Gesetzen, die fast alle in dem Sinne „socialistisch" sind, als sie eine Beschränkung der individuellen Freiheit zu Gunsten des Schwächeren enthalten. v. Scliulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. 10 — 146 — Genau dasselbe gilt von den noch unerfüllten Wünschen, welche die Gewerkvereine zur Zeit an die Gesetzgebung richten: z. B. Verbot des Imprägnierens des Baumwollengewebes mit einem das Gewicht erhöhenden Kalkstaub wegen der Gesundheitsschädlichkeit dieser Arbeit (cotton-sizing), Vermehrung der Fabrikinspektoren, Notwendigkeit eines Befähigungszeugnisses für die mit der Aufsicht über Maschinen beauftragten Arbeiter u. s. w. Besonders bezeichnend aber ist die Haltung der englischen Gewerkvereine in der Frage des gesetzlichen Achtstundentages. Es ist bekannt, dafs auf den letzten Gewerkvereinskongressen die Frage vorgebracht, der gesetzliche Achtstundentag von einer Minderheit befürwortet, aber mit bedeutender Mehrheit verworfen wurde. Dasselbe Ergebnis fand sich, als man im vorigen Jahre die Frage einer Art von Referendum unterbreitete. Allerdings, so behaupten die Gegner, hat man bei der Vornahme dieser Abstimmung seitens des parlamentarischen Ausschusses dafür gesorgt, dafs die den gesetzlichen Achtstundentag verwerfenden Stimmen in die Mehrheit gelangten; jedenfalls läfst sich nicht leugnen, dafs ein grofser Teil der Gewerkvereinler und besonders ihre im Parlament befindlichen Führer dem Beschlüsse abhold waren. Untersuchen wir aber die Gründe, welche für dieselben mafsgebend sind, so führen sie sich darauf zurück, dafs ein Achtstundentag zwar an sich wünschenswert — haben doch schon 1872 die Gewerkvereinsführer den Achtstundentag als ihr Ziel bezeichnet 1 , — aber seine allgemeine Durchführung durch Gesetz als unmöglich schien. Ein ihn empfehlender Beschlufs hätte nicht dem praktischen, sondern dem theoretischen Socia- 1 Vergl. Brentano, Arbeitergilden II, S. 356, Note 131; ferner ib. S. 93. 94. — 147 ■ — lismus angehört. Schlagworte, wie „individuelle Freiheit", „Yertragsfreiheit" u. s. w., haben auf diese Männer der Arbeit keinen Einflufs. Ihre Bedenken sind anderer Natur: sie sind sich bewufst, dafs bei den augenblickliehen Parteiverhältnissen im Parlamente an eine Mehrheit für den Achtstundentag nicht zu denken sei; es schwäche aber ihre Position im Parlamente, wenn sie von diesem Dinge verlangten, bei dem sie alle Parteien gegen sich hätten. Sodann seien die Verhältnisse in den verschiedenen Industrien viel zu ungleich, um eine gleich- mäfsige Regelung zu ertragen. Die Folge sei, dafs dann in den verschiedenen Gewerben Ausnahmen gestattet werden müfsten, und die weitere Folge, dafs ein solches Gesetz dann überhaupt leicht ein toter Buchstabe bleibe. Mache doch schon jetzt die Durchführung der bestehenden Beschränkungen der Arbeitszeit durch die Fabrikgesetze grofse Schwierigkeiten, zahlreiche Verletzungen lägen vor, denen häufig nicht vorzubeugen sei, wogegen Beschränkungen der Arbeitszeit, wo sie durch Verbündung erreicht seien, auch wirklich eingehalten würden. Am wichtigsten aber sind die Gründe des ausländischen Mit- bewerbs 1 ; sie bestimmen vor allen die Arbeiter der Baumwollenindustrie den Vorschlag zu bekämpfen. 1 Die Führer der Gewerkvereine sind sich eben heute bewufst, dafs im eigenen Interesse der Arbeit jede Mafsregel vermieden werden müsse, welche die englische Industrie schädigen könne. Mein geehrter Freund, Herr Ralph Young, der Führer der Bergleute von Nortliumberland, schreibt mir unter dem 5. März 1890, dafs die Ausbreitung socialistischer Strömungen hauptsächlich dem Umstände zuzuschreiben sei, dafs die Arbeiter erst allmählich in den Besitz der politischen Macht gelangt seien, welche ihnen das Wahlgesetz von 1865 gewährt habe, dafs sie sonst jedenfalls schon früher ebenso nach staatlicher Hülfe ausgeschaut haben würden, wie heute. Die weitgehend socialistischen Forderungen aber, wie sie vielfach auftauchten, seien dem Umstände zuzuschreiben, dafs die ungebildeten Massen sich der beschränkten Grenzen, innerhalb deren der Staat helfen könne, nicht bewufst seien. „Fast jeder Volks- 10* Auch in dieser Frage scheint es, dafs die Gewerkvereine den Weg des praktischen Socialismus beschreiten werden, indem sie zunächst für gewisse Berufsarten den gesetzlichen Achtstundentag nicht allein beschliefsen, sondern vielmehr einer Verwirklichung allmählich zuführen werden: Berufsarten, bei denen die Überwachung leicht und ausländischer Mitbewerb weniger zu fürchten ist. So wurde von denselben Kongressen, die die Einführung eines allgemeinen Achtstundentages durch die Gesetzgebung verwarfen, ein solcher für Bergleute, Eisenbahn- und Strafsenbahuarbeiter, und zwar von orthodoxen Gewerkvereinlern angenommen. Das vorhergehende beweist, dafs die Gewerkvereine dem staatlichen Eingriff durchaus nicht an sich abgeneigt sind, sondern dafs ihr Socialismus sich lediglich an die Grenzen des möglichen und zweckdienlichen hält. Bei der fortdauernden Ausdehnung der Gewerkvereine, der fortschreitenden Organisierung auch der ungelernten Arbeiter ist es klar, dafs auf den Kongressen stets politisch unerfahrene Elemente vertreten sein werden, welche diese Grenzen verkennen. Wird doch eine solche Einsicht nur durch lange parlamentarische und gewerkvereinliche Erfahrung erworben. Daher die Erscheinung, dafs auf den letzten Kongressen sich eine Opposition bildete, Männer der schärferen Tonart, welche ins- redner, welcher selber unfähig ist, etwas praktisches anzuführen, um die Bürde der Arbeit zu erleichtern, nimmt an, dafs das Parlament, welches aus nicht anderen Menschen als er selbst zusammengesetzt ist, in der Lage sei, eine Lösung für jede Klage zu finden. Dies ist unmöglich. Eine dauernde Hebung der Arbeiter kann nur dadurch eintreten, dafs der Betrag des Kapitals, welches Anlage sucht, in schnellerem Verhältnis wächst, als die Anzahl der Hände, welche Beschäftigung suchen." — Man beachte, wie die alte, irrige Manchesterlehre über das Verhältnis von Kapital und Arbeit bei diesem Arbeiterführer sich findet. Von einer Hebung der Arbeiter auf Kosten des Kapitalgewinstes wird ganz abgesehen. — 149 — besondere für die Annahme des gesetzlichen Achtstundentages eintraten. Man hat das Auftreten dieser Partei dahin ausgelegt, dafs der Socialismus in die englischen Gewerkvereine einzudringen anfange: mit Unrecht, wie uns scheint, da der Socialismus als revolutionärer Socialismus aus den oben angedeuteten Gründen keine Aussicht auf Aufnahme hat, sogenannte socialistische Mafsregeln niemals aber aus diesen oder jenen theoretischen, sondern stets nur aus praktischen Gründen in Erwägung gezogen werden und Beifall oder Verwerfung finden. Vielmehr bezieht sich jener Gegensatz lediglich auf die Politik des parlamentarischen Ausschusses, d. h. eigentlich dessen Führer Broadhurst. Die Begründung des mit einer Mehrheit von 142 gegen 17 Stimmen abgelehnten Mifstrauensvotums auf dem Kongrels zu Dundee zeigt, dafs in der That persönliche Gründe von der Opposition gegen Broadhurst vorgebracht wurden 1 . Nun scheint es nicht unmöglich, dafs in Zukunft diese Opposition an Stärke gewinnt; war doch gewifs ein Grund für jene überwältigende Mehrheit zu Gunsten Broadhursts, dafs sein gefährlichster Gegner John Burns wegen des Ausstandes der Londoner Dockarbeiter von dem Kongresse abwesend war. Die kraftvolle Persönlichkeit dieses jungen, 1 Das abgelehnte Mifstrauensvotum hat folgenden Wortlaut: „Der Kongrefs, von der Thatsache Akt nehmend, dafs unter den Gewerk- vereinsmitgliedern dieses Landes eine starke Mifsstimmung gegen den Abgeordneten Henry Broadhurst besteht, weil derselbe bei Wahlen Männer, die als Ausbeuter und unbillige Arbeitgeber bekannt sind, unterstützt und nach seiner eigenen Erklärung darin unbeirrt fortfahren will, und weil er ferner zugestandenermafsen Aktien von einer Gesellschaft besessen hat, von welcher Arbeiter übermäfsig lange angespannt und unter Tarif bezahlt werden, erklärt, dafs Herr Broadhurst keine geeignete Person für das Amt eines Sekretärs des parlamentarischen Ausschusses der britischen Gewerkvereine ist". — — 150 — weit angesehenen Arbeiterführers berechtigt zvi der Annahme, dafs seine Anhängerzahl in Zukunft bedeutend anwachsen wird. Nehmen wir etwas an, was allerdings nicht wahrscheinlich ist, dafs John Burns einmal die Erbschaft der bisherigen Führer anträte, und nehmen wir weiter an, was allerdings noch weniger wahrscheinlich ist, es wäre ein Stillstand in seinem bisher schon bemerkbaren Fortschritt zu gröfserer Mäfsigung eingetreten, so wäre damit ein Mann an das Ruder gelangt, welcher sich als Socialisten bezeichnet. Trotzdem könnte auch in diesem Falle ein wesentlicher Unterschied weder in den Zielen noch in der Taktik der Gewerkvereine eintreten. Das Ziel bleibt dasselbe: Hebung der Lage des Arbeiters nach jeder Seite und mit jedem Mittel vom Boden des Bestehenden aus. Auch John Burns will schon jetzt keinen Gewaltakt, sonst hätte er nicht die Londoner ungelernten Arbeiter organisiert und damit diejenigen zu einem menschenwürdigen Dasein gehoben, welche doch bisher in England den einzigen Zündstoff für den revolutionären Funken abgaben. Das oben besprochene politische Programm des Socialismus unterscheidet sich kaum von dem der Gewerkvereinler und wird, wenn es im Versuche seiner Verwirklichung mit den Thatsachen zusammentrifft, noch vorhandene Anklänge an seinen utopistischen Ursprung abstreifen. War es doch gewifs der Umstand, dafs der Socialismus in der Gestalt eines praktischen Programmes auftrat, welcher viele englische Gewerkvereinler mit diesem bisher so gefürchteten Namen versöhnte. Der Socialismus schien geschäftsmäfsig („business like") geworden, eine Eigenschaft, die für den englischen Gewerkvereinler Vorbedingung des Interesses ist. Aber auch ein Führer der Gewerkvereine, der sich Socialist nennt, könnte nicht viel anders vorgehen als die heutigen Führer. Er könnte lediglich durch Willensstärke und durch — 151 gröfsere Macht derer, die er leitet, schnellere und gröfsere Erfolge erzielen. Als Mittel aber bleiben nach wie vor neben fortschreitender Organisierung, welche auf die ungelernten, die ländlichen Arbeiter u. s. w. auszudehnen ist, Wirksamkeit in den Gemeindebehörden und Beeinflussung der Gesetzgebung. Auch in letzterer Hinsicht wird kein Führer der Gewerk- vereine, der greifbaren Erfolgen nachgeht, viel anders verfahren können als bisher etwa Broadhurst. Derselbe erklärte, durch langjährige Erfahrung dahin gekommen zu sein, sich zunächst ein Urteil darüber zu bilden, was das Parlament im besten Falle zu bewilligen sich bewegen lassen würde und dann in seinen Gesetzesentwürfen ein wenig mehr zu fordern — zu viel stofse auch die Freunde zurück und, was man heute nicht erreiche, könne man in einigen Jahren von neuem versuchen. Immer wird derartigen Erwägungen gegenüber seitens solcher Widerspruch erhoben werden, denen nicht rasch genug vorwärts geschritten wird, weil sie die Schwierigkeiten nicht kennen. Immer wird solchen die Antwort gegeben werden müssen, wie sie Broadhurst heute ihnen entgegenstellt: „macht mich stärker, wählt statt 8 bis 10 etwa 30 Arbeiter in das Haus der Gemeinen, dann will ich mehr erreichen als jetzt". Andererseits erkennen aber auch die Socialisten die Wichtigkeit der gewerkvereinlichen Organisation an, welche, wie wir sahen, die Sociairevolutionäre bekämpft. Sobald sie praktische Ziele in das Auge fafsten, wurden sie gewahr, dafs bei den bestehenden Parteiverhältnissen vor der Hand von der Gesetzgebung wenig zu erreichen ist. So rückt heute auch für sie die Organisation in die erste Linie des Interesses. In einem socialistischen Blatte, dem Labour Elector vom 11. Januar 1890, finde ich folgende Worte, die in der That wenig socia- listisch klingen. Das Parlament sei verschlossen gegenüber den Forderungen der Arbeiter. „So lafst uns denn diese Frage — 152 Mi r uns selbst lösen. Das Parlament, so sagt man uns, kann diese Dinge nicht so gut für die Arbeiter thun, als diese selber". Nachdem sodann auf einen Ausfall der kapitalistischen Times gegen die Koalitionsfreiheit Bezug genommen ist, heifst es weiter: „»Laissez-faire« ist bisher der Schlachtruf unserer kapitalistischen Gegner gewesen, »Laissez-faire« rufen wir jetzt, indem wir mit unsern Zehntausenden, die zu Hunderttausenden anschwellen, vorrücken". Dafs aber dieses Vorgehen auf Grund des bestehenden gedacht ist, zeigt die Person des Herausgebers H. H. Champion, der, obwohl er sich selbst einen Socialdemokraten nennt, wiederholt erklärt hat, dafs er gegen jeden auf das äufserste ankämpfen würde, der gegen die Gesetzlichkeit verstofse, und der das Hauptverdienst hat um den glücklichen und gesetzlichen Austrag des Ausstandes der Dockarbeiter. Sicherlich aber werden die Gewerkvereine, je mehr sie sich ausbreiten, desto mehr auch auf parlamentarischem Kampfplatze eine Macht werden. Je mehr sie sich nämlich ausbreiten, desto schwächere Arbeiterkategorien werden in die Organisation eintreten; und je schwächer diese Organisationen sein werden, desto mehr wird ihnen der gesetzgeberische Weg gegenüber dem kostspieligeren des Ausstandes empfehlenswert erscheinen. Es wird dann Gewerkvereine geben, welche als socialistisch erscheinen, weil sie durch ihre Schwäche genötigt nach Staatshülfe rufen, und daneben andere, die stolz auf ihre Stärke und eifersüchtig gegen jedwede fremde Einmischung, die Staatshülfe zurückweisen. Im Grunde äufsert sich ebensowenig in der Taktik der einen wie in der anderen ein socialistischer Zug, sondern lediglich der Sinn fürs Praktische, der eben für die Gewerkvereine das Charakteristische ist. Schon heute erblicken alle Gewerkvereinler eine ihrer wichtigsten Aufgaben in der Wahl von Vertretern der Arbeit — 153 — in das Parlament; hierin begegnet sich die gemäfsigte Mehrheit, unter der die Bergleute vorangingen, indem sie zuerst Vertreter ins Parlament sandten, mit der fortschrittlicheren Linken; naturgemäfs, dafs jeder der beiden Teile die Aufgaben, welche der Arbeitervertreter im Parlament zu erfüllen hat, sich verschiedenartig vorstellt. Der wichtigste Schritt in dieser Richtung ist die Bildung von nationalen Arbeiterwahlausschüssen, welche auf dem Kongresse von 1886 beschlossen wurden, also von der älteren Richtung ausgingen und sich mehr und mehr über das ganze Land ausdehnen. Wie schnell Erfolge erzielt werden, ist ungewifs. Jedenfalls aber werden die Mitglieder dieser „Arbeiterpartei" als praktische Männer, um etwas zu erreichen, auf lange hinaus mit einer der beiden historischen Parteien und zwar nach der geschichtlichen Entwicklung mit den Liberalen gehen — um so mehr als man innerhalb dieser Partei mehr und mehr auf die Wünsche der Arbeiter wird Rücksicht nehmen müssen. Ohne in Arbeiterkreisen sich der Beliebtheit, ja begeisterter Gefolgschaft zu erfreuen, wird kein Staatsmann mehr durch das Mittel der liberalen Partei sich an die Spitze des Staates stellen können. Wenn aber der politische Einflufs der Arbeiter in Zukunft nur wachsen kann, so ist eine solche Entwicklung nicht zu fürchten. Ein englischer Arbeiterführer gleicht eben nicht gewissen Radikalen des Festlandes, welche nichts als ihre Theorie kennen und um dieser willen die Welt vorhanden wähnen. Das vielmehr ist das grofsartigste an jenen Arbeiterorganisationen, dafs sie den Arbeiter zur Politik erziehen, wie einst das nunmehr dem Untergange verfallene Selfgovernment die ländliche Gentry. Ein Mann, der auf diesem Wege emporsteigen will, pflegt sich allerdings zunächst durch Teilnahme an den Versammlungen hervorzuthun, und es fehlt nicht an „wilden" Reden, durch welche die jungen Streber die Auf- 154 — merksamkeit der Gallerie auf sieh zu ziehen bemüht sind. Dies zeigt sich namentlich bei Arbeitern, die noch in den Anfängen der Organisation stecken, und auch in alten Vereinen macht oft ein „Junger", der den Platz des alten Gewerk- vereinssekretärs haben möchte, diesem das Leben sauer. Aber um emporzukommen, sind doch noch andere Fähigkeiten nötig als die zum Reden, die nach Carlyles Vorwurf das einzige Erfordernis des modernen Staatsmannes ist. Und ist ein Gewerkvereinssekretär einmal fest im Sattel, so hört das Reden für die Gallerie ganz auf. In den Vordergrund tritt das Verwalten. Betrachten wir den Lebensgang eines jener Arbeiterführer, unter denen Verfasser mehrere persönlich zu kennen den Vorzug hat. In seiner Jugend lernt er die Arbeit praktisch im Bergwerk, beziehungsweise in der Fabrik, in dem Eisenwerke u. s. w. — und zwar die Arbeit eines englischen Arbeiters, welche heute anerkanntermafsen auf der ganzen Welt eine der intensivsten ist, d. h. in kürzester Zeit am meisten leistet. Keiner der heutigen Führer, der nicht früher selbst Arbeiter gewesen; verschliefsen doch die organisierten Arbeiter ihre Reihen gewerbsmäfsigen Politikern und Litteraten. Durch das Vertrauen seiner Genossen wird er zu einer Beamtenstelle des Zweigvereins, der am Orte seinen Sitz hat, emporgehoben. Er hat nunmehr die Rechte und Interessen seiner Schutzbefohlenen, die sich auf mehrere hundert belaufen mögen, wahrzunehmen, oft die Leidenschaftlichkeit der Seinen zurückzukämmen, die Kassen des Vereins zu verwalten u. s. w. Er lernt mit der Feder umgehen, rechnen — und was mehr ist — herrschen. Sein Beruf führt ihn in häufige Berührung mit den Arbeitgebern, sowie den politischen Führern der Stadt. Von beiden wird er achtungsvoll, - 155 - von letzteren bereits als eine Person von Einfluis behandelt. Daneben aber ist er der schärfsten Überwachung Seitens der Arbeiter unterworfen, vor denen seine Amtsführung wie sein Privatleben offen darliegt. Die Versammlungen englischer Gewerkvereinler nehmen den Rechenschaftsbericht ihres Vorstandes nicht wie Aktionäre lediglich einregistrierend hin; sie üben das Recht wie die Pflicht der Kritik. In schwierigen Fragen aber erhält der Führer noch die Anleitung von oben, d. h. der Centralstelle des Vereins; einen allgemeinen Ausstand z. B. dürfte er nicht von sich aus betreiben. Hat er nun in seinem heimischen Kreise durch Klugheit, Festigkeit und Ehrlichkeit die Probezeit bestanden, so kann er durch Wahl seiner Genossen weiter, d. h. zur Leitung des Gesamtvereins aufsteigen. In dieser Stellung hat er die Interessen nicht mehr von hunderten, sondern tausenden, oft zehntausenden von Familien wahrzunehmen. Von ihm hängt Leben und Unterhalt jener ab. Denn wenn auch bei wichtigen Entscheidungen Abstimmungen vorgenommen werden, so giebt das Verhalten der Führer doch gewöhnlich die Richtung der Politik des Vereins an. Ein falscher Schritt, ein Nachgeben gegenüber der Leidenschaft, Vorliehe für eine Theorie, könnte für unzählige verhängnisvoll werden. Dagegen ist Kenntnis des Standes seines Gewerbes nicht nur in England, sondern über die Welt Voraussetzung zur glücklichen Führung seiner Aufgabe. Er lernt weite Verhältnisse übersehen, kleine mit grofsen Interessen abwägen. Dabei versieht er eine Thätigkeit, welche ihm als Unternehmer, Beamten einer Aktiengesellschaft u. s. w. ein Vermögen einbringen würde, für wenig mehr als den Lohn, den er einst mit seiner Hände Arbeit verdiente, d. h. thatsächlich im Ehrenamt. Sein Auftreten ist fest, aber gemäfsigt; nicht leicht ist es, mit ihm zu einem Übereinkommen zu gelangen, denn er weifs — 156 — genau, wie weit sein Gegner nachgeben mufs. Aber sein Versprechen gilt und er weifs es durchzusetzen. Wenn ein solcher Mann in den Rat der Nation eintritt, so stellt er keine unerreichbaren Forderungen, wie sie nur allzu häufig von der äufsersten Linken als Agitationsmittel in das Volk geworfen werden. Seine Vorgeschichte hat ihn zum Gefühl der Verantwortlichkeit seiner Stellung erzogen. Er sucht greifbare Erfolge, nicht Namen und Ruhm. Wenn seine Zahl im Parlamente sich mehrt, wird die Gesetzgebung die Interessen der arbeitenden Massen eingehender als bisher berücksichtigten. Man mag das Socialismus nennen; aber stets wird es sich um Mafsregeln handeln, die aus praktischen Gesichtspunkten und nicht um der Theorie willen erlassen werden. Vor allem werden solche Gesetze nicht begünstigt werden, welche, wie einige der heutigen Vorschläge des Socialismus pauperi- sierend wirken müfsten. Mafsregeln, welche die Interessen der nationalen Industrie und damit des Arbeiters schädigten, werden von solchen Vertretern der Arbeit nicht befürwortet, wie das Verhalten der Baumwollenarbeiter Lancashires in der Frage des gesetzlichen Achtstundentages beweist. Allem voran aber werden für solche Arbeiterführer die Interessen des Ganzen stehen, von dem sie wie alle abhängen. In diesem Sinne sagte der frühere Bergmann und jetzige Vertreter der Bergleute Northumberlands auf dem Kongresse zu Bradford 1888: „der Arbeiter ist Bürger und hat Interessen am Staate so gut wie persönliche Interessen, die aus seiner Arbeit sich ergeben. — — Die letzteren sind gewifs grofse und gewichtige Interessen und für Leute, welche um das Leben kämpfen, von sehr ernster Bedeutung. Aber weit üb,er diesen Interessen stehen die, welche ihn als Bürger angehen; was immer den Fortschritt des Vaterlandes verhindert, wird auch den Fortschritt der Industrie aufhalten und damit das verringern, was der Arbeiter von der Industrie erhalten kann." — Solehe Männer sind das hoffnungsvollste Zeichen in der äufseren Geschichte der Zeit. IV. Die Landfrage. Aus dem vorhergehenden ergiebt sich, dafs die eigentlich socialistische Theorie, insbesondere so weit sie zu einem revolutionären Programm führt, in England auf kleine Kreise beschränkt ist, dafs dagegen, je mehr die arbeitenden Klassen an politischem Einflufs gewinnen, die zu Gunsten der Mittelklassen entfesselte freie Konkurrenz durch die Gesetzgebung gewisse Einschränkungen erleiden wird, welche man als socia- listisch bezeichnen kann. Dagegen werden auf einem Gebiete weitergehende Mafsregeln nicht nur von den beschränkten, durch Marx beeinflufsten Kreisen, sondern von einer weit gröfseren und einflufsreicheren Partei gefordert; ich meine die Angriffe auf das private Eigentum an Grund und Boden. Die Gründe dieser Erscheinung sind naheliegend. Während der festländische Socialismus sich gerade dieser Art des Eigentums gegenüber besonders zurückhält, um nicht den zahlreichen, kleineren Grundbesitz gegen sich in die Waffen zu rufen, so sind in England die Grundbesitzer die gröfsten und meist angegriffenen unter den Kapitalisten. Der Angriff auf die Latifundien vereinigt Arbeiter und städtische Mittelklassen und giebt beiden ein gemeinsames Programm. Er ist die Fortsetzung des seit einem Jahrhundert geführten Kampfes zwischen Stadt und Land, dem die beiden gröfsten Bewegungen, welche England in diesem Jahrhundert durchgemacht hat: die zur Zeit der Reformbill 1882 und die für die Abschaffung der Kornzölle 1846 angehörten. — 158 — Die Waffe schmiedete hier wie an andern Stellen dem beweglichen Kapital die individualistische Nationalökonomie, insbesondere Ricardo. Indem sie alles Einkommen in Rente, Zins und Lohn einteilte, erklärte sie die beiden letzteren Arten als mittelbares oder unmittelbares Ergebnis menschlicher Arbeit, die Grundrente dagegen als ein ohne jede Arbeit gewonnenes Einkommen, welches der Grundbesitzer für die Benutzung des Grund und Bodens monopolistisch erhebe. Zudem habe die Grundrente die Neigung fortwährend zu steigen, in dem Grade nämlich, als mit dem Wachsen der Civilisation schlechtere oder ungeeignetere Grundstücke in Benutzung genommen würden. Also auch dieses Steigen der Grundrente verdanke der Grundbesitzer lediglich der Arbeit anderer. Infolge hiervon empfehlen die Nationalökonomen die Grundrente oder wenigstens ihren „unverdienten Zuwachs" (unearned increment) als besonders geeigneten Gegenstand der Besteuerung. Wie gewöhnlich gehen die Ausführungen Ricardos auf Vorgänger, hier auf Andeutungen des Adam Smith zurück, dessen einschlägige Stelle wir daher anführen. „Grundrenten sind ein noch geeigneterer Gegenstand der Besteuerung. Eine Steuer auf Grundrenten würde allein auf den Eigentümer der Grundrente fallen, welcher immer als Monopolist handelt. Grundrenten sind eine Art des Einkommens, welche der Eigentümer in vielen Fällen geniefst, ohne irgend welche Sorge oder Aufmerksamkeit auf sein Eigentum zu verwenden. Wenn auch ein Teil dieses Einkommens ihm genommen werden sollte, um die Ausgaben des Staates zu tragen, so wird dadurch keine Entmutigung irgend einer Art von Industrie gegeben. Die jährliche Produktion vom Lande, die Arbeit der Gesellschaft, der wirkliche Reichtum und das Einkommen der grofsen Menge des Volkes würde bei einer solchen Besteuerung dasselbe bleiben wie bisher. Nichts kann ver- — 159 — nünftiger sein, als dafs ein Fond, welcher seine Entstehung der guten Regierung des Staates verdankt, in besonderer Weise besteuert wird und mehr als die meisten anderen Fonds zur Erhaltung der Regierung beiträgt." (Wealth of Kations Buch Y, Kap. II.) Ähnlich schon war die Stellung der Merkantilisten gewesen. Quesnay empfahl bereits die Besteuerung der Grundrente als einzige Steuer und Turgot fiel, als er eine Steuerreform in dem angegebenen Sinne einzuführen versuchte. Ricardo führte die Lehre Adam Smiths, wie oben hervorgehoben, dahin aus, dafs die Grundrente dahin führe, Lohn und Gewinn immer mehr herabzudrücken. Die aufsergewölin- lichen Verhältnisse, welche in England von der Zeit der napoleonischen Kriege bis zur Abschaffung der Kornzölle herrschten, schienen diese Deduktionen zu rechtfertigen. Die Kornzufuhr war beschränkt und die Bevölkerung in starker Zunahme. Bei steigenden Brodpreisen und wachsender Industrie waren die Arbeitgeber vielfach zur Lohnerhöhung gezwungen. Da aber die Preise des Getreides infolge der Beschränkung der Zufuhr von aufsen Monopolpreise waren, gingen die erhöhten Löhne in die Tasche der Grundbesitzer; die hohen Getreidepreise gestatteten selbst die schlechtesten Ländereien in Anbau zu nehmen und es ergab sich so eine Vermehrung der Grundrente auf Kosten der arbeitenden und kapitalistischen Klassen. Es ist aber charakteristisch für die deduktiven Nationalökonomen, dafs sie ihre Lehre von der fortschreitenden Absorption von Lohn und Kapitalgewinn durch den Grundeigentümer selbst dann noch beibehielten, als die entgegenstehenden Konjunkturen schon längst zu einer fortschreitenden Entwertung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes zu führen begonnen hatten. Noch Mill erklärt in einem seiner Aufsätze über Landreform 1873 (!), dafs die Rente fortwährend zunehmen, Ge- — 160 — winne und Löhne gleich bleiben oder abnehmen müi'sten — zu einer Zeit, da in ganz England die landwirtschaftlichen Renten in vollem Niedergänge begriffen waren. Dieser Kampf gegen die Grundrente fällt aufserhalb des Rahmens unserer Arbeit. Fast alle Führer und Schriftsteller des älteren Liberalismus haben sich an ihm beteiligt. Unmittelbar nach Abschaffung der Korngesetze bereits kam es zwischen Jolm Bright und Richard Cobden zu einer Besprechung darüber, ob man zuerst die Reform der Landgesetzgebung oder die des Parlamentes auf das Programm der liberalen Partei setzen solle. Auf Rat Cobdens entschied man sich für letzteres, da erst ein erweitertes Wahlrecht die notwendigen Handhaben zu durchgreifenden Reformen auf dem Gebiete der Landgesetzgebung bieten werde. „Landreform" ist seitdem mehr und mehr der Schlachtruf der liberalen Partei geworden und dürfte die Veranlassung bieten, auf lange Zeit hinaus die Interessen des städtischen Kapitals mit denen der städtischen Arbeit zu verbinden. Aber der wachsende Einflufs H. Georges in der Landfrage zeigt, wie heute individualistische durch socialistische Strömungen ersetzt werden. Die früheren Liberalen verstanden unter Landreform hauptsächlich „Freihandel in Land" d. h. Beseitigung aller gesetzlichen Beschränkungen der Verfügungsfreiheit, so Aufhebung der Fideikommisse und Erstgeburtsrechte, Verwandlung der dinglichen Besitzrechte (tenure) in Rechte aus persönlichen Pachtverträgen u. s. w. Alle diese Vorschläge sind lediglich im Interesse der kapitalistischen Klasse und hätten für den kleinen Pächter nur Verschlechterung seiner Lage bedeutet, wie das Irische Landgesetz von 1860 bewies, welches Mill, damals Parlamentsmitglied, bereits von socia- listischem Gesichtspunkte angriff. Seit dem Beginn der siebziger Jahre wird auf dem Ge- — 161 — biete der Landfrage der kapitalistische Gesichtspunkt nach und nach von dem der arbeitenden Klassen in den Hintergrund gedrängt. Die Vorschläge sind freilich noch nicht genügend geklärt; die einen verlangen Herstellung eines ländlichen Kleinbesitzes durch eine Art Ablösungsgesetzgebung, so J. St. Mill und der bekannte Naturforscher A. R. Wallaee 1 . Ihr Organ ist die „Land Nationalisation society". Diesen Standpunkt teilt die irische Partei. Die weiter gehende Richtung verlangt Verstaatlichung des Grund und Bodens. Auch die Anhänger der letzteren Partei gehören nicht etwa nur zu Mitgliedern der genannten socialistischen Gruppen. Sie sind weit zahlreicher. Ihr Apostel ist Henry George. Viele liberale und radikale Vereine über das ganze Land haben sich für diese Lösung der Landfrage erklärt. Den Mittelpunkt ihrer Bestrebungen bildet die „L a n d Restoration Leägue", welche als ihren Zweck „die Rückgabe des Landes an das Volk" aufstellt, damit eigentliche Land- verstaatlicher und weniger weitgehende Grundsteuerreformer vereinigend. Die Liga ist bei der Zahl ihrer Zweigvereine, der ihr angeschlossenen politischen Vereine (für London 1889 allein 33), der wiederholt ausgesprochenen Beistimmung der Gewerksvereinskongresse, so besonders des zu Dundee 1889, in der That heute eine Macht. Sechszehn ausgesprochene Landverstaatlicher sollen im Parlament, neunundvierzig im Londoner Grafschaftsrat sich befinden. Die Liga hofft das zu werden, was einst die Anticornlaw-Liga war. Auch in der Gesetzgebung hat die socialistische Stellung zur Landfrage bereits an einem Punkte ihren Einflufs geltend gemacht, in dem von der liberalen Regierung erlassenen Gesetze, welches dem Richter das Recht der Ermäfsigung von 1 Yergl. Industrial Remuneration Conference, S. 368 ff. Cassel & Co. 1885, sowie Land Nationalisation by A. R. Wallaee. London, W. Reeves. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 11 — 162 Pachtzinsen für Irland zuspricht. Es war das erste Mal, dafs die liberale Partei bewufst die Freiheit des Vertrages zu Gunsten erwachsener Männer beschränkte. Das Gesetz, welches Ermäfsigung der Pachtzinsen in Schottland vorsieht, war ein •weiterer Schritt in dieser Richtung 1 . Insbesondere haben die irischen Verhältnisse ein Vorgehen der liberalen Partei ver- anlafst, zu dem sie zur Zeit in England keineswegs noch entschlossen wäre. Vielmehr scheinen die sehr auseinandergehenden Ansichten sich hier zunächst auf eine weniger weitgehende Forderung zu vereinigen: „die Neuanpassung der Grundsteuer". Diese Forderung vertritt auch die von Cobden und Bright begründete „Financial Reform Association", deren schon S. 91 Erwähnung geschah. Die Grundsteuer, in früheren Jahrhunderten als Ablösung für die vom Grundherrn persönlich zu leistenden Dienste gezahlt und nach der Weise des ständischen Staates zwischen Parlament und Krone in wechselnder Höhe vereinbart, wurde im Jahre 1692 festgelegt als 4 Schilling vom Pfund des jährlichen Einkommens. Die damalige Schätzung wurde trotz ungeheurer Erhöhung des Einkommens vom Lande, besonders von den städtischen Grundstücken beibehalten, so dafs thatsächlich der gröfste Teil derselben der Besteuerung 1 Zu diesem Zwecke richtete man das eigentümliche, in vieler Beziehung für England durchaus neue Verfahren vor dem „Land Court" ein, welcher die Grundzinsen der schottischen Pächter (crofters) ermäßigt. Während eines Jahres (1888/89) hat dieses staatlich eingesetzte Schiedsgericht in sechs schottischen Grafschaften die Grundzinsen und schuldigen Rückstände in folgender Weise herabgesetzt: bisheriger Grundzins 11 882 £ 18 sh. festgesetzter - 8 380 - 2 • Ermäfsigung 3 502 £ 16 sh. (29Va %). , Rückstände 20 325 £ 14 sh. nunmehr noch schuldig 6428 - 10 - Erlafs 13 897 £ 4 s h. (68 %). 163 — entgeht. Macaulay 1 berichtet bereits vom Jahre 1856, dafs damals die Grundsteuer wenig mehr als ein Fünfzigstel dessen betragen habe, was sie nach dem wirklichen Werte der Renten hätte betragen sollen; heute beträgt die Grundsteuer statt 4 Schilling kaum zwei Penee auf das Pfund Sterl. Da es sich hier um Verhältnisse handelt, welche auf den eigentümlichen Agrarverhältnissen Englands beruhen, so ist weiteres Eingehen nicht unsere Aufgabe. Hervorzuheben ist nur folgendes: 1. dafs die Landreform derjenige Punkt ist, wo die liberale Partei zuerst auf den socialistischen Boden tritt, weil es sich hier nicht um einen Angriff auf die Interessen des beweglichen Kapitals, sondern des Grofsgrandbesitzes handelt; 2. dafs angesichts der ungeheuren Mächte des Widerstandes auch hier die extremen Richtungen zur Zeit weit entfernt von Aussicht auf Verwirklichung ihres Endzieles, dagegen als nützliches Mittel für die Herbeiführung unabweislicher Reformen zu betrachten sind; 3. dafs ein staatlicher Eingriff in die Grundbesitzverhältnisse Lebensfrage der Nation ist bei der Verödung des Landes 2 und dem Anschwellen der Städte, der Aufserkulturlegung früher ertragreichen Landes und der nichts desto weniger fortschreitenden Bereicherung des Grofsgrandbesitzes, indem trotz des Verfalles der Landwirtschaft die Renten im ganzen gewachsen sind. Als Grund hierfür kommt in Betracht, dafs der zu industriellen Zwecken, zu Wohnhäusern u.s.w. benutzte, der gröfste Teil des städtischen Grund und Bodens in den Händen 1 History of England Vol. IV, S. 285. 2 Die Verminderung der Bevölkerungszahl in den ackerbautreibenden Grafschaften trat zuerst für 2 Grafschaften im Jahrzehnt 1851—61 hervor, 1871 waren es bereits 4, 1881 gar 13 Grafschaften, deren Bevölkerung abgenommen hatte, während in den übrigen die bedeutende Zunahme ausschliefslich auf die Städte kam. — Der deutsche Osten bietet Analogien. 11* — 164 — des Grofsgrundbesitzes verblieben ist und nur in langdauernden Pachten (9—99 Jahre) vergeben wird. Ein greiser Teil Londons gehört z. B. dem Herzog von Westminster. Der Ablauf solcher Pachtverträge gewährt dem Grundherrn die Gelegenheit, den inzwischen eingetretenen, gewerblichen Gewinn schwer zu belasten. Hieraus ist das ungeheure Wachsen der Renten vom Londoner Grund und Boden zu erklären. In der That seheinen nicht nur in London, sondern auch in einigen anderen Städten z. B. Birmingham, Sheffield die städtischen Renten in stärkerem Verhältnis zu steigen als Gewinne und Löhne 1 . Hierzu kommt, dafs eine Bergwerksfreiheit, wie sie in Preufsen besteht, in England unbekannt ist und die von den Bergwerksunternehmern dem Grundbesitzer zu zahlenden Abgaben eine ungeheure Höhe erreichen. V. Der Socialismus und die Kirche. Der Socialismus trägt in England, insbesondere aber in Schottland vielfach eine christliche Färbung. In allen socia- listischen Gesellschaften finden sich Leute entschieden christlichen Glaubens. Aufserdem aber giebt es ausgesprochen „christlich socialistische" Organisationen, deren bedeutendste „die christlich socialistische Gesellschaft" und die „Gilde des Heil. Mathäus" sind. Das religiöse Leben hat in diesem Jahrhundert einen Aufschwung genommen, welcher die Kirche an verschiedenen Punkten in die sociale Entwicklung eingreifen läfst. Wir 1 Vergl. Report prepared by Arthur O'Coniior M. P., Sonderbericht eines Mitgliedes der Royal Commission on the Depression of trade. Ferner Figures for Londoners, Fabian Tracts No. 10. — 165 — erinnern an Maurice 1 und Kingsley sowie an Pusey und seine Nachfolger. Heute findet sich unter den Geistlichen der Kirche, wie der Sekten eine starke Strömung zum Socialis- mus. Dieselbe stimmt zwar mit jenen älteren christlich Socialen in der Behauptung überein, dafs die bestehenden Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft, insbesondere der Kampf um das nackte Dasein, wie er seitens so vieler geführt werde, durch das Christentum zu überwinden seien. Der Unterschied besteht jedoch darin, dafs die heutigen christlichen Socialisten als Werkzeug hierfür den durch das Christentum bestimmten Staatseingriff befürworten, von dem die alten christlich Socialen nichts hatten wissen wollen. Durchaus verschieden von den deutschen Verhältnissen scheiden sich die sogenannten Liberalen und Konservativen innerhalb der englischen Kirche nicht nach Lehrmeinungen, sondern nach der Stellung zu kirchenpolitschen und socialen Fragen. Die Liberalen befürworten sei es Entstaatlichung -— dies besonders die Dissenters —, sei es Demokratisierung der Kirche. Letzteres ist die neuere Richtung; sie verlangt Beseitigung des Einflusses der Bischöfe, der Patronats- rechte u. s. w. und Übertragung der kirchlichen Regierung auf örtliche und allgemeine kirchliche Parlamente. Durch „Invasion der Kirche durch die Massen" seitens „der Menge der Jünger" sei allein Befreiung der Kirche von „Kaste und Mammon" zu erhoffen. Man erwartet also von weitgehendem Wahlrecht aller ihrer Angehörigen, dafs die Kirche aufhöre Vertreterin von Klassen- und Besitzvorrechten zu sein und Gemeingut des Volkes werde. Wie man das Volk seiner Gemeindeländereien, so habe man es seiner Kirche beraubt 1 Der Führer des heutigen christlichen Socialismus, der Rev. Stuart Headlam, Mitglied des Londoner Grafschaftsrats, ist Schüler von Maurice. I — 16(3 — und beide werde es in gleicher Weise wieder zurückerobern durch das Erwachen der Demokratie. Es läfst sich nicht verkennen, wie in der That eine Ähnlichkeit zwischen der heutigen Landfrage und der Kirchenfrage besteht. Beide waren von den herrschenden Klassen monopolisiert worden. Der individualistische Liberalismus fordert „freies Land" und „Entstaatlichung der Kirche", der neue socialistische Radikalismus setzt dem „Verstaatlichung des Landes" und „freie (d. h. demokratisierte) Kirche" entgegen. Dies die Stellung der Partei, deren Organ der „Churchreformer" ist. Also nicht auf kirchenpolitische Fragen beschränken sich diese geistlichen Reformer. Diejenigen, sagen sie, welche die Jenseitigkeit und Überweltlichkeit des Christentums betonten, hätten nur zu häufig sich mit den bestehenden socialen Misver- hältnissen auf diesem Wege auseinandersetzen wollen, welche anzugreifen ihnen der Mut fehlte oder persönliches Interesse verbot. Die Thätigkeit Jesu hätte sich dagegen ebenso auf die diesseitige wie die jenseitige Welt bezogen. „Unser Herr Jesus Christus erklärte ausdrücklich, dafs einer Nation Gerechtigkeit darin bestehe, dafs sie Acht habe, dafs die ihrigen in genügender Weise genährt, gekleidet und in Wohnungen untergebracht seien; seine haupsächlichsten Wunder waren gegen die physischen Leiden gerichtet, welche das menschliche Leben verderben und zerstören" L Er heilte Kranke, erweckte frühzeitig Gestorbene, dadurch zeigend, dafs es nicht sein Wille sei, dafs, wie im heutigen England, ein fast zwanzigjähriger Unterschied im Durchschnittsalter der reicheren und ärmeren Klassen bestehe. Das Christentum sei dem entsprechend in seiner ursprüng- 1 Aus der Ansprache des Vorstehers der „Gilde vom heil. Mathäus" am 14. September 1888. liehen Form „aggressiv" gewesen. Christus war nicht nur gütig und hülfreich gegen die Armen, sondern streng, ja, heftig gegen die Mächtigen und Reichen. Dafs dieser sein Angriff in der That ein politischer war, beweise „jener Hymnus auf die sociale Revolution", welchen die Kirche den Lobgesang der Maria (Lucas 1, 51—53) nenne. „Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die da stolz sind in ihrem Herzen. Er stürzt die Herrscher von ihren Thronen (dvvccoTag ano 'Jui'jvon 1 ) und erhebet die Niedrigen. Er füllt die Hungrigen mit guten Dingen und die Reichen hat er leer weggeschickt". Wäre nicht heute ein stillschweigendes Abkommen getroffen, dafs diese Worte einer armen Arbeiterfrau nicht nach ihrer offenbaren Meinung zu nehmen seien, dafs es der Beruf des Geistlichen sei, sie „weg zu spiritualisieren", in etwas fernes und unwirkliches zu verwandeln, so würde wahrscheinlich in manchen Ländern die Polizei sie verbieten. Der sociale Umschwung, die „Wiederherstellung aller Dinge", wie der Apostel sagt, ist von Christus zuerst als das Ziel der menschlichen Geschichte erklärt worden. Sie ist nach Ansicht der heutigen christlichen Socialisten sein Versprechen an die Menschheit, dessen Inhalt sich erst voll in unserem Zeitalter ersehliefst. Entsprechend jenem dreifachen Angriff gegen die „Stolzen", die „Mächtigen", die „Reichen", hat der bevorstehende Umschwung eine dreifache Seite: eine moralische, eine politische und eine sociale. Schon diese Gleichstellung der inneren mit äufseren Eigenschaften zeigt, dafs es sich durchaus nicht blofs um eine innerliche Veränderung handelt. Wie könnte auch innere Gerechtigkeit da sein, wo ihr die äufseren Verhältnisse scharf widersprechen, wo die einen hungern, während die anderen zu viel haben? Stolz, Macht, Reichtum sind weltlich und sündhaft; dagegen ist es der — 168 — Wille des Herrn, dal's jedem das „tägliche Brot", d.h. ein auskömmliches Leben gewährt sei, wie die vierte Bitte seines Gebetes beweist. Auch ist Gott heute nicht etwa anderen Sinnes geworden. So wie er die Kinder Israels betrachtete, welche von den „stolzen, mächtigen, reichen Egyptern" um die Früchte ihrer Arbeit in den Ziegeleien betrogen wurden, so blickt er heute auf die Heimatlosen und Arbeitslosen in Ost-London hinab, deren Befreiung, physische und geistige, das „Reich Gottes" ist. Die ersten Christen hätten offenbar „das Reich Gottes" als sinnlich und diesseitig gedacht und erst ihre Nachfolger es zu Übersinnlichem verflüchtigt. Christus wollte die socialen Ungleichheiten beseitigen; sein Kampf, so meinen jene geistliehen Reformer, war vor allen ein „Kampf gegen die Armut", wie er darin zeigt, dafs er als den natürlichen Platz des Reichen, so lang es überhaupt noch Arme giebt, die Hölle erklärt. Es beruht dies darauf dafs er im Reichtum eine Beraubung der Armen erblickte, was unbewufst, aber oft in fast denselben Worten wie die Propheten und Apostel, heute Marx und Henry George erklären. Was sagen sie anderes als was das Christentum längst gesagt: einmal, dafs „der Mensch sechs Tage arbeiten solle" und „der, der nicht arbeiten wolle, auch nicht essen solle" sowie, dafs der, der da arbeite, in Hoffnung arbeiten solle auf Teilnahme an den Früchten der Arbeit. „Der, so da pflügt, soll in Hoffnung pflügen, und der, so da drischt, soll in Hoffnung auf einen Anteil dreschen." Das Christentum also verdammt das heutige System der Güterverteilung, welches „Arbeit in Hoffnung" den meisten nicht gewähre, sowie das Leben der Reichen auf Grund von Einkommen ohne Arbeit. Der Socialismus sei nichts als eine neue Offenbarung des Christentums; der heilige Geist habe heute wieder Ausdruck gefunden in jener viel verleumdeten Bewegung, — 169 — welche dein Christentum in seinem frühesten, unverfälschten Alter auf das äufserste gleiche. Sobald die eingesetzten Führer des Volkes, die Geistlichkeit und die Kirche, dieses einsähen, so würden sie die Leitung der Bewegung antreten. Politik, Gesetzgebung, Volkswirtschaft, jeder Teil des menschlichen Lebens sei von den Christen in Anspruch zu nehmen. Das „Banner Christi" aber sei schon in der Hand der Socia- listen, wie überhaupt kein Fortschritt denkbar sei, der nicht durch den Willen und die Kraft Gottes gewirkt werde 1 . Es ist klar, dafs es allein von den volkswirtschaftlichen Anschauungen abhängt, wo die christlichen Socialisten den Beginn „des essens ohne zu arbeiten" annehmen. Sind sie Marxisten, so wird ihnen Grundrente, Zins und Gewinn als „unverdienter Zuwachs" erscheinen; sind sie Georgisten, so werden sie als solchen nur die Grundrente ansehen. Es ist nun eine eigentümliche Erscheinung, dafs die meisten der christlichen Socialisten den letzteren Standpunkt einnehmen. Zins und Gewinn sehen sie meist für Erzeugnis unmittelbarer oder mittelbarer Arbeit an; dagegen fordern sie die Unterdrückung der Grundrente als einer Beraubung der Armen durch die Reichen. Ihr Führer, der Rev. Stuart Headlam, nimmt ausdrücklich diesen Standpunkt ein und ist gegen Verstaatlichung des Kapitals. Auch hier liegt der Anknüpfungspunkt nicht fern. Der radikalen Forderung der Entstaatlichung der 1 Vergl. Church Reformer vom August 1888 S. 180, 181; vom Oktober 1888 S. 218—221; vom November 1886 S. 242—45. Kritisch liefse sich gegen den christlichen Socialismus einwenden, dafs das Christentum, wenn es selbst in der Kritik der Gesellschaft mit den heutigen Socialisten übereinstimme, die von ihm empfohlenen Mittel verwirft. Staatlicher Zwang ist rein äufserliches Mittel, während Christi Reich „nicht von dieser "Welt" also innerlich, daher „Wiedergeburt" die Bedingung des idealen Zustandes ist. — Das Christentum ist antiindividualistisch, social nicht socialistiscli. - 170 — Kirche und Säkularisierung ihrer Güter setzt der christliche Socialismus die radikalere der Verstaatlichung alles Grundbesitzes entgegen, „dem plutokratischen Liberalismus, der die Kirche vom Staate, dem heiligen Vaterlande, befreien will", den Socialismus der Armen und Besitzlosen, welche die Kirche und ihren Besitz für sich in Anspruch nehmen 1 . "Wir sahen bereits oben, wie der Führer der Socialdemokraten einen gleichen Standpunkt in dieser Frage einnahm. Die Vertreterin der christlich socialistischen Richtung ist „die Gilde des heiligen Mathäus", ein Verein von gegen zweihundert Mitgliedern, von denen die Mehrzahl Geistliche sind. Es berührt eigentümlich, Ansichten des politischen Radikalismus bei diesen Männer mit felsenfester Orthodoxie vereint zu finden, mit unerschüttertem Wunderglauben, Annahme buchstäblicher Inspiration u. s. w. Die Regeln der Gesellschaft legen Zeugnis von ihrem thatsächlich religiösen Geiste ab. Sie lauten folgendermafsen: „Zweck der Gilde des heiligen Mathäus ist: 1. durch jedes mögliche Mittel die bestehenden Vorurteile seitens der Säkularisten (d. h. vor allem des atheistischen, deutschen Socialismus) gegen die Kirche, ihre Sakramente und Dogmen zu überwinden und zu versuchen, „Gott vor dem Volke zu rechtfertigen"; 2. häufige und andächtige Begehung des heiligen Abendmahles; 3. das Studium der socialen und politischen Fragen im Lichte der Incarnation." Ein bedeutender und gemäfsigterer Vertreter des christlichen Socialismus ist der Rev. Stopford Brooke, früher englischer Hofgeistlicher in Berlin, welcher seine Ansichten in einer Predigtsammlung „Christus im modernen Leben" geistvoll vertritt. 1 Vergl. Tlie Banner of Christ in the hands of Socialists S. 9. 13 Paternoster Row, London. — 171 — Die Gilde des heiligen Mathäus steht in engen Beziehungen mit den übrigen socialistischen Gesellschaften und sucht unter deren Anhängern durch zahlreiche Predigten und Vorlesungen ihre Ansichten zu verbreiten. Besuchen wir eine dieser Predigten; es offenbart sich hier eine Eigenheit des englischen Wesens. Bei uns pflegen gerade radikale Richtungen das sie von anderen Trennende zü betonen; dort dagegen sehen wir Vereinigung unter Hervorkehrung des gemeinsamen Ziels, was eine Abschleifung von Übertreibungen und Ersatz extremer Forderungen durch praktisch-politische Bestrehungen zur Folge hat. In einer kleinen Kirche Ost-Londons predigt ein Geistlicher christlich-socialistischer Färbung. Er kam auf Einladung des radikalen Bezirksvereins. Die Mitglieder dieses Vereins, sowie die des Zweigvereins der socialdemokratischen Federation ziehen in geordnetem Zuge herbei; die Kirche ist bald bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Prediger zeigt unter Belegung mit Bibelstellen, wie die Worte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" nicht neu, sondern das Evangelium des Herrn Jesu seien. „Das Jerusalem in der Höhe ist frei, welches die Mutter unser aller ist." Da aber die Arbeiter ohne Verbündung nicht frei sein können, so fordert der Prediger, sofort auf das praktische Gebiet übergreifend, ge- werkvereinliche Organisation auch der ungelernten Arbeiter. Die Forderung der Gleichheit belegt der Prediger mit den oben angeführten Stellen, da Christus den Reichtum verdammt und Beseitigung der Armut verlangt. Darin aber, dai's er die letzte Forderung, die der Brüderlichkeit, als die höchste und die Bedingung der andern darstellt, zeigt sich der religiöse Grundton dieses Socialismus. „In einem Geiste seid ihr alle getauft zu einem Körper." Aber diese innerliche Bedingung des christlichen Ideals hintenansetzend, wendet — 172 — sich der Prediger dein Gebiete der Politik zu, welche im christlichen Sinne jene aufgestellten Ziele befördern solle. Auch sie müsse der Gegenstand von Predigten sein; oder habe Gott keinen Anteil an der Politik und überlasse er sie dem Teufel? Der Socialismus sei es, der für die Religion der Brüderlichkeit, die Christus zum Leitstern des menschlichen Lebens erhoben habe, heute auch das Gebiet der Politik in Anspruch nehme 1 . Die Zuhörerschaft folgt mit Aufmerksamkeit; aber äufsere Zeichen des Beifalls werden nicht an dem heiligen Orte, sondern erst auf der Strafse laut, als der Geistliche nach beendetem Gottesdienst die Kirche verläfst. Eigentümlich ist überhaupt, wie allenthalben radikale und socialistische Vereine den Bemühungen der christlichen Socia- listen entgegenkommen, auch radikale Zeitungen, z. B. der „Star", sie begünstigen. Es scheint fast, als ob der Socialismus, wie er einmal, um in England Verbreitung zu finden, auf den Boden des bestehenden treten, so andererseits sich dort christianisieren müsse. Dies beweist noch mehr die andere Seite der christlich socialistischen Propaganda, welche sich auf die geistlichen Amtsbrüder bezieht, und um so mehr Boden gewinnt, als, wie wir sahen, die Kirche zur Verteidigung gegen den radikalen Vorschlag der Entstaatlichung an dem radikaleren Socialismus Interesse hat. Viele kirchliche und religiöse Zeitungen haben ihre Spalten Besprechungen des Socialismus in durchaus freundschaftlichem Tone geöffnet, so z. B. die Church Times, 1 Der Grundgedanke einer andern christlich-socialistischen Predigt war z. B., dafs das Christentum als Kulturmacht erst Kapitalbildung herbeigeführt und damit auch die Aufgabe habe, die daraus entspringende Ungleichheit und Unterdrückung des Armen zu beseitigen. Der Geistliche, Rev. A. Rowlands, schlofs in sein Gebet den deutschen Kaiser, dessen Erlasse jüngst erschienen waren. — 173 — die Church Review; Blätter, so „respektabel" wie der Record, und so weit verbreitet wie die methodistische Christian World, haben den Socialdemokraten H. H. Champion eingeladen, in ihnen über Socialismus zu schreiben. Schon bei seinem früheren Aufenthalte in England redete Henry George mit grofsem Erfolge vor einer Versammlung von 400—500 Geistlichen im Sion College zu London. Bei seiner letzten Anwesenheit hielt Henry George seine erste Ansprache gar in einer Kirche vor einer grofsen Versammlung, welche vom christlichen Jünglingsverein arrangiert und zum grofsen Teil aus Geistlichen zusammengesetzt war. Sein Angriff auf das Grundeigentum ging von dem Gedanken aus, dafs die Grundrente (nach Ricardoscher Theorie) Diebstahl sei, mithin gegen das achte Gebot verstolse. Die Versammlung trug einen durchaus gottesdienstlichen Charakter. George und seine Anhänger behaupten, dafs die Verstaatlichung des Landes schlechthin göttlicher Wille sei. „Gott sendet Manna auf die Erde für die Hungrigen, aber der Grundherr nimmt es; wenn Moses eine Quelle aus dem Felsen erweckte, sie würde heute nicht die Durstigen erquicken, sondern dem Grundherrn dienen, seine Rente zu erhöhen" L Auch vor den Diöcesanversammlungen ist die Frage des Socialismus bereits vielfach besprochen worden. In der Versammlung der Diöcese von Rochester äufserte sich z. B. der Bischof: „Die einzige Sicherheit der Kirche besteht im Leiten. Sie sollte überall und mit allen Mitteln, sowohl in Dingen dieser Welt wie jener, den arbeitenden Massen beistehen." 1 Rev. T. Travers Sherlock in einer Rede in der Imperial Mission < Hall am 6. Oktober 1885. Ähnlich sagte seiner Zeit auch R. Cobden: „Freetrade is a divine law". Die ganze Propoganda H. Georges' hat einen religiösen Grundton; er hielt wiederholt in Kirchen gottesdienstliche Versammlungen ab. — 174 — Das wichtigste aber war, dafs auf der „Pananglikanischen Bischofskonferenz" zu Lambeth 1888, welche als Vertretung der Kirche gilt und von sämtlichen englischen Prälaten besucht wird, der Socialismus in die Liste der zur Besprechung gelangenden Gegenstände aufgenommen ward. Die Gilde des heiligen Mathäus hatte an die „most reverend and right reverend fathei'S in God" ein ehrerbietiges Memorial über- sandt, in dem sie lebhaft für den Socialismus Partei nahm. Auch die Stellung der Bischöfe war eine sympathische; es wurde den Geistlichen ausdrücklich erlaubt, an den Vereinen und Versammlungen der Socialisten Teil zu nehmen 1 . Ein Rückblick zeigt, wie in England der Socialismus, dessen blofser Name auf dem Festlande vielfach Schrecken und die Vorstellung von Barrikaden hervorruft, ein Mittel der friedlichen Fortentwicklung und Minderung jener socialen Schwierigkeiten geworden ist, an denen heute Europa krankt. Auch solche, welche seine Theorie, die Fortsetzung der 1 Die Äufserungen der „Panenglischen JBischofskonferenz" sind folgende : 1 entnommen dem Encyclischen Sendschreiben, 2 dem Bericht des Ausschusses für Socialismus: (1) „No more iniportant problems can well occupy the attention — whether of Clergy or Laity — than such as are connected with what is properly called Socialism. To study schemes pro- posed for redressing the social balance, to welcome the good which rnay he found in the aims or Operations of any, and to devise methods, whether hy legislation or by social combinations, or in any other way, for a peaceful Solution of the problems without violence or injustice, is one of the noblest pursuits which can engage the thoughts of those who strive to follow in the footsteps of Christ." — (2) „The Clergy may enter into friendly relation with Socialists, attending, when possible, their club meetings, and trying to understand their aims and methods. At the same time it will contribute no little to draw together the various classes of society if the Clergy endeavour, in sermons and lectures, to set forth the true principles of Society, showing how property is a trust to he administered for the good of humanity, and how much of what is good and true in Socialism is to he found in the precepts of Christ". — 175 — kapitalistischen Nationalökonomie, verwerfen, können ihn als socialen Faktor für die Gegenwart bewillkommnen. Haben doch auch die Lehren des Individualismus, obgleich sie durchgeführt die menschliche Gesellschaft aufgehoben haben würden, Segen dem Jahrhundert gebracht, das sie einzuführen versuchte — Segnungen, welche erst dann voll gewürdigt werden können, wenn sie ganz geschichtlich geworden sein werden. Der Grund aber, weshalb dem Socialismus in England die bezeichnete Bedeutung zukommt, liegt in zweierlei: 1. Die englischen Arbeiter befinden sich seit fünfzig Jahren wirtschaftlieh in einem Aufschwünge, welcher ihnen die Grundbehauptung socialrevolutionärer Bestrebungen unannehmbar macht, die nämlich, dafs die Lage des Arbeiters unabänderlich schlecht sei und nach Naturgesetz immer schlechter werden müsse. 2. Sie besitzen zudem entsprechend den politischen Verhältnissen Englands die Macht und sind daran, die politische Schulung zu erwerben, mittelst deren sie mögliche Forderungen auf Grund des Bestehenden verwirklichen können — ein Grund, weshalb selbst die weitest gehenden Socialisten friedliche Mittel befürworten. 3. Die öffentliche Meinung, insbesondere ihre Führer in Universitäten und Kirche, betrachten infolge des von Carlyle und der Menge seiner Nachfolger eingeleiteten Umschwungs die socialen Verhältnisse nicht mehr vom Standpunkt des Kapitals. Sie neigen vielmehr eher einer Betrachtung vom Standpunkt der Arbeit zu, welche in Bezug auf die Gesetzgebung Socialismus heilst, ebenso wie eine von den besitzenden Mittelklassen ausgehende Betrachtung zu der Lehre vom Laissez-faire führte. Dies beseitigt Klassengegensätze und erhöht die Aussicht friedlicher Fortschritte. — 176 — VI. H. Spencers Kritik. Wir dürfen den englischen Socialisnius nicht verlassen, ohne den geistig bedeutendsten Gegner desselben zu berühren, dessen Kritik, selbst ohne sie voll zu teilen, man jedenfalls Klärung des Urteils über den Socialisnius verdankt. Herbert Spencer 1 geht von dem ihm mit Carlyle gemeinsamen Gedanken aus, dafs die Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände von der Verbesserung des Individuums abhänge, dafs die sociale Frage daher in letzter Linie eine moralische sei. Es sei also ein Irrtum, dafs durch Veränderung der Anordnung der Individuen, d. Ii. durch politische Mafsregeln, eine schlecht arbeitende Gesellschaftsmaschine in eine gutarbeitende verwandelt werden könne; es sei dies eine mechanische Auffassung, welche der von der Gesellschaft als eines Organismus entgegengesetzt sei. Vielmehr beruhen die empfundenen Schäden nach Spencer darauf, dafs -das menschliche Individuum heute auch in den fortgeschrittensten Gemeinschaften dem gesellschaftlichen Zustande noch nicht genügend angepafst sei, eine Entwicklung, welche nur langsam im Laufe der Jahrhunderte vor sich gehe. Nach Spencers geschichtsphilosophischer Auffassung nämlich entwickeln sich die menschlichen Gemeinschaften von dem „kämpfenden Typus" zum „gewerblichen Typus". Dem ersteren entspricht ein System gezwungener, dem Letzteren ein solches freiwilliger Zusammenarbeit 2 . In der 1 Vergl. besonders die in dem Buche: The man versus the State, London, Williams & Norgate, 1884, gesammelten Aufsätze. 2 militant type — industrial type. compulsary Cooperation — voluntary Cooperation. — 177 — militärisch gegliederten Gesellschaft wird dem Einzelnen von der regierenden Macht seine Aufgabe zugewiesen. Diejenige Organisation ist die stärkste, in welcher ein blinder Glaube an den Führer herrscht; völliger Gehorsam der Soldaten gegen den Feldherrn ist die Voraussetzung kriegerischen Erfolges. Dasselbe gilt auf jener Stufe der Entwicklung aber nicht nur vom Kriege, sondern auch von den Beziehungen des Einzelnen in Friedenszeiten. Ist doch der Anführer im Kriege zugleich der Herrscher im Frieden, dessen Befehle als Gesetz von den Unterthanen aufgenommen werden. Daher die ältesten grofsen Monarchien von Eroberungsvölkern gegründet waren, bei denen der Herrscher als Gott galt und unbeschränkter Herr über Leben und Eigentum der Unterthanen war; denn solche Gesellschaften erwiesen sich im Kampfe um das Dasein als die stärksten. Daher ist der kämpfende Typus der Gesellschaft durch den Glauben an die Macht, ja die Allmacht der Regierung charakterisiert, welcher zu einer blinden Unterwerfung unter ihre Anordnungen führt. Auf der anderen Seite folgt daraus aber auch das Vertrauen, dafs die Regierung über dem Einzelnen als Vorsehung walte und als solche die Aufgabe habe, ihn vor den Widrigkeiten des Lebens zu schützen, dafs alles nicht durch, aber doch für das Individuum zu geschehen habe. Es entspricht diesem Zustand auf Seiten der Theorie der Glaube an die Göttlichkeit oder wenigstens göttliche Einsetzung des Herrschers. Der Umschwung, welcher diesem Zustande ein Ende bereitet, vollzieht sich nach Spencer durch Entwicklung der gewerblichen Gesellschaft, welche den einzelnen an unabhängiges Handeln gewöhnt. Rechtlich zeigt sich die Entwicklung im Übergang vom status (Sachen- und Familienrecht) zum Kontrakte. Der Glauben an die Macht der Regierung wird durch das Vertrauen in die eigene Kraft ersetzt. v. Schulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. 12 Die englischen Arbeiterbewegungen z. B. unterscheiden sich als die fortgeschritteneren von den festländischen dadurch, dal's sie Hülfe nicht sowohl vom Staate erwarten, als von organisatorischer Anstrengung; der festländische Arbeiter kann nur allmählich sich von verzweiflungsvollen Umsturzgedanken zu thätiger Selbsthülfe emporraffen. Freilich nur mit grofser Schwierigkeit erblickt der gewerbliche Typus der Gesellschaft das Licht, welches, wie die Religion verheifst, die Schwerter in Pflugscharen und die Lanzen in Sicheln verwandelt, an Stelle der Bekämpfung und Vernichtung gegenseitige Förderung und Zusammenarbeit: den „Frieden auf Erden" heraufführt. Die arbeitenden Klassen der fortgeschrittensten Kulturländer haben das Ziel, wenn auch nicht ohne Mifsverständnis, bereits in das Auge gefafst: sie sind grundsätzlich dem Kriege abgeneigt und erkennen in ihren Genossen anderer Länder Brüder, die zu töten ihnen ebenso sinnlos wie verwerflich erscheint. Diese Erscheinung, die jedem, der die fortgeschritteneren Typen des europäischen und amerikanischen Arbeiters kennt, geläufig ist, hängt in nichts mit der internationalen Umsturzpartei zusammen, sondern findet sich am stärksten gerade bei dem von jedem Umsturzgedanken entfernten, englischen Gewerkvereinler. Jedem Beobachter fällt es auf, wie wenig der Kriegsruhm in diesen Kreisen gilt. Die oberen Klassen selbst der fortgeschrittensten Nationen dagegen leben nach Spencer noch in einer der militärischen Organisation der Gesellschaft entsprechenden Ideenwelt: wenn sie zwar des Sonntags das Ideal der Selbstaufopferung und Hingabe anbeten, liegen die Vorbilder, welche des Wochentags ihr Handeln bestimmen, zum gröfstenteil noch in der heidnischen Welt; es sind die Herrscher, Helden und Eroberer des Altertums und der eigenen Geschichte, Ist I — 179 — bereits hierdurch die Entwicklung des gewerblichen Typus der Gesellschaft zur Zeit noch hintangehalten, so kommt hierzu der Druck, welchen der weniger fortgeschrittene Osten auf den Westen Europas ausübt. Die äufseren Verhältnisse schon zwingen die Staaten des Festlandes zur militärischen Organisation, deren Übergewicht über die Selbständigkeit des Individuums von Westen nach Osten zunimmt. Es entspricht diesem Zustande im Innern in der gleichen zunehmenden Weise ein Vertrauen in die Staatsgewalt, welche, sei sie nun in den Händen eines unumschränkten Alleinherrschers oder denen eines gleich unbeschränkten Parlamentes, eine dem Individuum vorbehaltene und dem Staate entzogene Sphäre nicht anerkennt. Daher mit abnehmender Civilisation wachsender Eingriff in die Freiheit des Einzelnen, welchen man damit rechtfertigt, dafs er für das Wohl der Gemeinschaft stattfinde. Alle solche Versuche, die socialen Schäden zu heben, halten sich thatsächlieh nur an äufserliche Symptome. Es liegt ihnen die unwissenschaftliche Denkweise zu Grunde, welche die Gesellschaft mechanisch statt organisch > fafst, den notwendigen Zusammenhang aller Teile des Organismus und die Einheitlichkeit seiner Entwicklung übersieht. Das vollendetste Beispiel dafür, wie der „kämpfende Typus" in den heutigen Übergangszuständen sich auch die bürgerlichen Beziehungen der einzelnen Gesellschaftsglieder unterwirft, erblickt Spencer in dem „Staatssocialismus des Fürsten Bismarck", in welchem die Mehrzahl der oberen, nicht aber die der arbeitenden Klasse die Lösung der socialen Schwierigkeiten erblicke. Derselbe ist nur dort denkbar, \ wo auch die bürgerlichen Verhältnisse militärisch organisiert sind, eine Beamtenhierarchie sich über dem gewerblichen Leben aufbaut und anordnend, bald fördernd und bald hindernd, 12* — 180 — in dasselbe eingreift, wo der Beamte als Vertreter des Staates noch etwas vom Vertrauen eines kriegerischen Führers geniefst. Eine ähnliche, nur noch straffere Organisation aber wäre unbedingt Voraussetzung der von den Socialdemokraten geplanten Gesellschaft „mit ihren landwirtschaftlichen und gewerblichen 0 Armeen unter Staatskontrolle", wie solche in der Geschichte nur einmal annähernd verwirklicht wurden von einer durchaus militärischen Gesellschaft — dem alten Incareiche Perus. Da wir Spencer zur Zeit für eine wirksame Macht in dem socialen Leben Englands nicht halten, vielmehr der Soeialismus im Aufsteigen begriffen scheint, so können wir hier auf Spencer nicht näher eingehen. Gewifs ist nicht zu leugnen, dafs seine Grundanschauung, gestützt auf einen ungeheueren Schatz des Erfahrungswissens, auf das engste mit dem von uns als „antiindividualistisch" bezeichneten Standpunkt zusammenhängt, mit dem, was wir als die Errungenschaft des neunzehnten im Gegensatz zum achtzehnten Jahrhundert bezeichneten: der Einsicht, dafs die sociale Frage auf eine moralische zurückgeht, was nicht verschieden ist von der Anwendung des christlichen Grundgedankens auf die gesellschaftlichen Erscheinungen. Aber gerade wenn wir uns auf H. Spencers Standpunkt stellen, scheint seine Besorgnis unbegründet, dafs Europa durch das Aufkommen des modernen Soeialismus einer neuen Sklaverei entgegengehe, die es in die Barbarei und den Despotismus zurückschleudern müsse. Wenn die fortgeschrittensten Gesellschaften, in Spencerscher Ausdrucksweise, sich heute wirklich noch in dem „semi militant type", auf der halbkriegerischen Stufe, befinden, so wird man den Soeialismus als notwendiges Ergebnis dieses Zustandes beurteilen. Man t kann so seine Berechtigung, ja Nützlichkeit voll würdigen, ohne in ihm das Endziel der menschlichen Entwicklung zu ii — 181 — erblicken. Wenn Spencer pessimistischer urteilte, so liegt das daran, dals er den Übergang des älteren Liberalismus zum Socialismus vor Augen hat und nicht ohne Einmischung eines Gefühlselementes urteilt. Wenn ihm die bisherige 0 liberale Entwicklung Englands Fortschritt in der Richtung auf den gewerblichen Gesellschaftszustand bedeutet, so mufs er in dem Überhandnehmen des Socialismus einen Rückschritt erblicken, welcher in der Überhandnähme staatlicher Aufsicht und Ordnung privater Verhältnisse sich zeigt und nach der kriegerischen Organisation der Vergangenheit zurückweist. Hieraus ist Spencers Gegnerschaft gegen den Socialismus erklärlich, welchen er doch unter dem von ihm aufgestellten Gesetze der Wellenbewegung in aller organischen Entwicklung leidenschaftslos und geschichtlich hätte würdigen können. Durchaus richtig und höchst interessant ist der von Ii. Spencer gegebene Überblick über die Entwicklung, welche die liberale Partei Englands dem Socialismus zuführt, während die daraus gezogenen Folgerungen unberechtigt erscheinen. Die Eigentümlichkeit der liberalen Partei Englands bestand seit der Zeit Karls II. in der Beschneidung und Zurückdrängung der Zwangsgewalt des Staates, während das Ziel der gegnerischen Partei Aufrechterhaltung und Stärkung derselben war. Whig-Grundsätze sind in dem Habeas Corpus-Acte und in der Bill of Rights enthalten, welche zuerst den einzelnen gegen die staatliche, damals monarchische Willkür, schützten. Gegen die Wende des vorigen Jahrhunderts hatte die Periode langer Kriege zeit- k weise eine rückschrittliche Entwicklung verursacht, welche durch zahlreiche Zwangsmafsregeln seitens der Staatsgewalt nach innen bezeichnet war. Alsdann kam wieder eine Zeit liberaler Gesetzgebung, für welche unter anderen die Gesetze bezeichnend sind, welche die Religionsfreiheit einführen und Dissenters wie Katholiken von civil- und öffentlich-rechtlichen Nachteilen befreien. Durch Erweiterung des Wahlrechts wurde die Klasse der Vielen beschränkt, welche unter der Zwangsgewalt der Wenigen waren. Die Aufhebung der verschiedensten Restrictivgesetze gegen Arbeiterverbindungen, Freizügigkeit, freie Meinungsäufserung und Verbreitung derselben (stamp duty), freier Austausch der Erzeugnisse der verschiedenen Länder (Freihandel) u. s. w., wirkten in gleicher Richtung. Wenn nebenher eine Entwicklung von der monarchischen zur parlamentarischen Regierung geht, so ist nach Spencer doch die Thatsache viel wichtiger, dafs die Regierungsgewalt überhaupt eingeschränkt und die Sphäre des Individuums erweitert worden ist. „In der gleichen Weise wie einst die Aufhebung der Luxusgesetze, der Gesetze, welche diese oder jene Art der Vergnügung verboten, welche bestimmte Methoden der Landwirtschaft vorschrieben, das Zugeständnis in sich schlofs, dafs es besser sei, wenn der Staat nicht eingriffe, so ist auch die Entfernung jener Schranken der individuellen Thätigkeit, welche im letzten Menschenalter der Liberalismus vollbracht hat, ein praktisches Eingeständnis, dafs der Kreis der Regierungsthätigkeit beschränkt werden solle." Ganz anders heute. Heute ist es wieder Erweiterung der staatlichen Befugnisse und Beschränkung der individuellen Freiheit, die den sogenannten Liberalismus bezeichnet, welcher so zu einem „neuen Torytum" geworden ist 1 . Gerade auf dem linken Flügel des Liberalismus, unter den sogenannten Radikalen, finden sich die eifrigsten Befürworter dieser Entwick- 1 Näheres hierüber am Schlüsse der Arbeit. ■■f — 183 — hing. „Der grofse politische Aberglaube der Gegenwart ist der Glaube an das göttliche Recht der Parlamente". Die englische Gesetzgebung der letzten beiden Jahrzehnte ist von diesem socialistischen Geiste erfüllt, wie er sich aber noch mehr in den vom Radikalismus verfolgten Zielen ausspricht: der staatlichen Erziehung, dem gesetzlichen Achtstundentage, der Bedrohung des Grundeigentums. H. Spencers persönlicher Gegensatz zu dieser Entwicklung läfst ihn nach unserer Ansicht die in ihr liegende Gefahr weit überschätzen. Seine Kritik des Zukunftsbildes der socialistischen Gesellschaft ist durchaus zutreffend: der Einzelne sei in ihr zum Sklaven der Gesellschaft erniedrigt, eine Sklaverei, die nicht weniger drückend sein könne, als die des Privateigentümers; denn auch der socialistische Staat könne nur mit dem vorhandenen Menschenmaterial aufgebaut werden, Selbstsucht und Ungerechtigkeit aber müfsten dort am schwersten lasten, wo die Freiheit des Einzelnen am wenigsten geschützt sei. Die Beamtenhierarchie, die der Socialismus brauche, sei die beste Vorbereitung des Despotismus. Unzutreffend jedoch scheint es einen solchen, rein utopistischen Zustand gegen Mafsregeln der praktischen Politik, die von ihm weit entfernt sind, ins Feld zu führen. Vielmehr kann man in dem Socialismus, ohne an die Verwirklichung seiner Utopie zu glauben, einen wichtigen Faktor in der Entwicklung der Gegenwart erblicken. Dafs die Freiheit des Individuums wirklich durch ihn wieder beseitigt werde, scheint uns undenkbar — undenkbar, dafs der Staat die Methoden des Landbaus und der Industrie, Kleidung und Speisen je wieder vorschreiben könne. Viele der Errungenschaften der Vergangenheit scheinen über die Angriffe des Socialismus erhaben. Die Freiheit der religiösen Überzeugung ist ein unveräufserlicher Besitz, ebenso die Freiheit der Meinungs- — 184 — äufserung. Diese Güter in Frage zu stellen, wird ein fortgeschrittener Arbeiterstand, wenn er heute auch socialistisehen Ideen huldigt, nie geneigt sein; ist doch Warnung genug der Europa benachbarte und doch von ihm so weit entfernte russische Despotismus. Dagegen ist es nur zu natürlich, dafs die Massen, wo sie — ein Werk eben des Liberalismus — zur Macht gelangen, zunächst wieder Schranken zu ihrem eigenen Schutze errichten. Denn die vom Liberalismus herbeigeführte Befreiung des Individuums war jener innerlichen Entwicklung vorangeeilt, von welcher doch die äufsere, in Gesetzen und Sitten zu Tage tretende Entwicklung nach Carlyle wie Spencer lediglich der Ausdruck ist. Noch eben befindet sich die Gesellschaft, auch die der fortgeschrittensten Völker, auf einer Stufe, welche gewaltsame Einschränkung der selbstsüchtigen Triebe der Menschen und gezwungene Zusammenarbeit, wie sie Staatsthätigkeit im Gegensatz zur freien Privatim terneh- mung bedeutet, nicht entbehren kann. Spencer giebt das selbst bezüglich der Gegenwart zu: „Während die Gefühle und Vorstellungen der Menschen derart sind, fortwährend den Frieden zu gefährden, so ist es notwendig, dafs sie einen solchen Glauben in die Autorität der Regierung besitzen, der ihr die genügende Zwangsgewalt über sie für kriegerische Zwecke giebt — ein Glaube, welcher ihr unvermeidlich zur selben Zeit auch Zwangsgewalt für andere Zwecke verschafft." Dafs die Menschen für jene freiwillige Selbstbeschränkung, wie sie Sittlichkeit statt Gesetz auferlegt, und damit für freiwillige Zusammenarbeit noch nicht reif sind, bewies der Erfolg jener Aufhebung veralteter Schranken, welche die liberale Gesetzgebung herbeigeführt hatte. Schrankenlosigkeit führte zu Unterdrückung und Ausbeutung des Schwachen, sie verursachte damit den socialen Krieg, wie wir ihn in der Einleitung ge- schildert haben. Vorgeblicherweise im Interesse der Freiheit geschehend, führte sie Verhältnisse herbei, welche thatsäch- lich die vollste Unfreiheit der Mehrzahl des Volkes bedeuteten. Als man daher später der neuen Produktionsform entsprechende Schranken der gesetzlichen Freiheit des Individuums aufrichtete, z. B. die Fabrikgesetzgebung — eine Entwicklung, welche man als socialistisch bezeichnen kann — so begründete man damit erst die thatsächliche Freiheit der meisten. Indem man die Freiheit weniger beschnitt, vermehrte man die Gesamtsumme der vorhandenen Freiheit. So hat der Socialismus nur äufserlich eine reaktionäre Färbung, indem er Schranken errichtet, wo bereits die Schranken gefallen schienen. Auch sind die von ihm errichteten anderen Geistes als die, welche in Gesellschaften von rein kriegerischem Typus einst bestanden: sie sind errichtet im Interesse der Allgemeinheit, nicht dem der Klassen. Sie dienen der Erziehung zur Freiheit und damit dem menschlichen Fortschritt, welcher Entfaltung des socialen Daseins auf Grund sittlicher Selbstbeschränkung aus dem individualistischen Dasein und der zwangsweise beschränkten Selbstsucht bedeutet. Indem der Socialismus trotz Aufrichtung von Schranken doch thatsächlich im Interesse der Befreiung der Massen wirksam wird, ist er ein Glied in der ungeheuren Kette der demokratischen Entwicklung, welche das Weib wie die Sklaven befreit hat, die einst nur Mittel für das Dasein Bevorzugter waren. Trotz widersprechenden Scheins dient er der vom Christentum zum erstenmal grundsätzlich ausgesprochenen Forderung, dafs jedem Menschen, auch den ärmsten, ein unvergleichlicher, mit allem irdischen unmefsbarer Wert und Selbstzweck beizulegen sei. Dem Socialismus entspricht ein Idealbild der menschlichen Gesellschaft: der socialistische Zukunftsstaat. Das- — 186 - selbe ist in der That reaktionär, indem es die Freiheit des Individuums wieder aufhebt und der antiken Vorstellungsweise entspricht, die den Bürger in allein der Allmacht des Staates unterwirft. Aber diese Utopie halten wir für nichts als das zeitlich vergängliche Mittel zur Verbreitung des Socialismus; dafs sie, wie sie von einigen Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts ausgedacht wurde, eine Entwicklung hemmen sollte, welche bis in das Dunkel der gesehichtslosen Vorzeit hinaufreicht — dies zu fürchten, scheint schlechterdings grundlos. Drittes Buch. Der sociale Friede. „Workman and employer parted as protector and dependant to unite as equal Citizens of a free State." A. Toynbee, Industrial Revolution S. '200. Siebentes Kapitel. Die socialpolitische Erziehung der Großindustrie. I. Die Wohlfahrtseinrichtungen. Wir sahen oben, wie die aufkommende Grofsindustrie die Gesellschaft zu sprengen drohte. Es ist nunmehr unsere Aufgabe zu sehen, wie sie sich in den bestehenden Verhältnissen einrichtet und zu Zuständen führt, welche den Titel vorliegenden Werkes rechtfertigen — eine Entwicklung, welche parallel und untergeordnet der im ersten und zweiten Buch gegebenen ist. Während Beobachter aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts die Grofsindustrie als den Fluch der modernen Gesellschaft betrachten, werden wir dahin gelangen, gerade in ihrer Fortentwicklung und Steigerung den Ausweg aus den socialen Schwierigkeiten zu erblicken; letztere werden einer Übergangsperiode angehörig scheinen, welche durch Niedergang von Handwerk und Hausindustrie, durch Schwäche und Organisationslosigkeit des gewerblichen Arbeiterstandes gekennzeichnet ist. Die Grofsindustrie hat zwei neue Klassen der Bevölkerung erzeugt, welche allmählich alle anderen an Bedeutung übertreffen: den Arbeiter und den — 190 — Arbeitgeber. Wir sahen, wie die Theorie, welche diese Entwicklung begleitete, den Arbeiter lediglich als Produktionsmittel betrachtete. Dieser aber, nicht zufrieden als blofses Mittel sich behandeln zu lassen, gründete die erste socialrevolutionäre Partei. Aber auch der Arbeitgeber war etwas anderes als ein ausschliei'slich zum Zwecke der Kapitalanhäufung in Thätig- keit tretender Automat, wofür ihn die Theorie ausgab. Auch e r war daneben Mensch, d. h. nicht einem, sondern zahlreichen und verwickelten Beweggründen gehorchend und von den überlieferten Glaubens- und Moralvorstellungen, wie den neuentstehenden Zeitideen vielfältig beeinflufst. Die Theorie mochte am ehesten noch auf die erste Generation der Arbeitgeber gepafst haben, welche durchweg aus den untersten Kreisen emporgestiegen waren. Ihre Hölle war in der That, wie Carlyle es ausgedrückt hatte, keinen Gewinn zu machen. Auf ihre Söhne pafste bereits diese Beschreibung nicht mehr, soweit dieselben nicht in dem schnell erworbenen Reichtum ihrer Väter früh untergegangen, sondern durch Universitätsstudium, öffentliche Thätigkeit u. s. w. in Berührung mit dem Geistesleben der Nation getreten waren. Entsprechend der oben geschilderten Wandlung der Theorie macht auch die thatsächliche Stellung des Arbeitgebers zum Arbeiter im Laufe des Jahrhunderts eine Veränderung durch. Zur Zeit der Herrschaft der individualistischen Nationalökonomie war der Arbeiter für den Arbeitgeber thatsächlich nichts als ein Mittel der Gütererzeugung. In der zweiten Periode, entsprechend der von Carlyle ausgehenden Bewegung, welche zuerst die Färbung des socialen Torytums an sich trug, betrachtete der Arbeitgeber den Arbeiter als seiner Schutzgewalt unterworfen. Indem er für ihn patriarchalisch sorgte, glaubte er die Herrschaft im Arbeitsverhältnis wie die politische Heerfolge des Arbeiters sich zu sichern. In jener Zeit entstanden die viel- — 191 — gerühmten Wohlfahrtseinrichtungen der englischen Arbeitgeber, ferner die Fabrikgesetzgebung, welche sich zuerst in konservativen Händen befand; die gewerkvereinliehe Organisation der Arbeiter dagegen wurde damals von der Staatsgewalt wie den im Staate herrschenden Klassen bekämpft. In der letzten Periode endlich wird jener von Carlyle vorausgesehene „Hauptmann der Industrie" möglich, welcher die selbständigen Bestrebungen der Arbeiter als die einer wirtschaftlich wie politisch gleichberechtigten Macht anerkennt. Jene Schutzgewalt nämlich erwies sich um deswillen unhaltbar, weil die Interessen des einzelnen Arbeiters denen des Arbeitgebers entgegengesetzt sind, weshalb die Arbeiter nicht anders können, als durch Verbündung den Schutz ihrer eigenen Interessen zu übernehmen. Diese dritte Periode ist bezeichnet durch volle Anerkennung der Koalitionsfreiheit und der Gewerkvereine und durch ein politisches Bündnis der fortgeschrittenen Arbeitgeber mit den Arbeitern, wodurch die Politik der liberalen Partei socialistisch gefärbt wird. Wohlfahrtseinrichtungen einzelner Arbeitgeber sind auch jetzt noch möglich, aber ihre Ehrlichkeit zeigt sich nun darin, dafs sie die Unabhängigkeit der Arbeiter eher fördern als einschränken. Die Fabrikgesetzgebung, welche in ihren wesentlichen Bestandteilen aus der vorhergehenden Periode übernommen ist, wird nun nicht mehr durch die Arbeitgeher für die Arbeiter, sondern durch die Arbeiter in Übereinstimmung mit den Arbeitgebern fortgebildet. Wenn wir zunächst auf die Wohlfahrtseinrichtungen eingehen, so zwingt uns der zur Verfügung stehende Raum von jedem Typus derselben nur ein aus eigener Anschauung kennen gelerntes Beispiel vorzuführen. Unter den älteren Gründungen, welche das feudale Abhängigkeitsverhältnis vergangener Zeiten nachzuahmen suchten, ist die von Sir Titus Salt erbaute — 192 — Arbeiterstadt Saltaire das bekannteste Beispiel. Schon das Äufsere dieser Stadt von einer Anhöhe der Nachbarschaft aus betrachtet, die riesigen, hochschlotigen Fabrikgebäude und daneben die niedrigen Arbeiterhäuser, erinnern an das von der Ansiedelung der Hintersassen umgebene Schlots des Gutsherrn. Dai's diese Ähnlichkeit jedoch nur eine äufserliehe ist, drängt sich dem Beschauer dann auf, wenn ihm weit von der Stadt und unberührt von dem Bauch der Fabrik auf einem fernen Hügel der parkumgehene Wohnsitz des Fabrikherrn gezeigt wird: die Interessengemeinschaft, welche zwischen Gutsherrn und Hörigen bestand, ist aufgelöst. Äufserlich ist Saltaire wohl das glänzendste, was auf dem Gebiete der Fürsorge für den Arbeiter je geleistet worden ist. Aufser den Arbeiterhäusern zeigt man ein Theater, für welches von Sir Titus 25000 £ verausgabt worden sind, ein Klubhaus mit einem Museum für Völkerkunde und einem Malerund Bildhaueratelier, Kirchen und Schulen, ein gedecktes Schwimmbad, einen grofsen Park mit Spielplätzen. Auf dem Flusse stehen Ruderboote, ja sogar ein kleines Dampfschiff zur Verfügung. In der Kirche ist dem Gründer der Stadt eine Marmorstatue von den Arbeitern errichtet. Bei dem äufseren Glänze treten die Schattenseiten der Anlage für den flüchtigen Beschauer zurück; erst Gespräche mit den Einwohnern belehren, dafs es sich hier um eine Anlage handelt, welche Wohlthaten nur gegen den Verkauf der Freiheit gewährt. Die Lage der Arbeiter in Saltaire ist dadurch bestimmt, dafs sämtliche Arbeiterhäuser im Eigentum des Unternehmers stehen. Auf einem bis dahin der Landwirtschaft dienenden Grundstücke hat Anfang der fünfziger Jahre Sir Titus die für etwa 4000 Einwohner bestimmten Wohngebäude errichtet und seitdem ist die Firma dem Grundsatze treu gehlieben, jeden Kaufantrag seitens der Arbeiter — 193 — abzulehnen. Die Folge hiervon ist, dafs sie jede ihr mifs- liebige Persönlichkeit aus Saltaire entfernen kann, dafs daher irgend welche Organisierungsversuche der Arbeiter ausgeschlossen sind. So lange Sir Titus, der wohlwollende Fabrikpatriarch, an der Spitze des Unternehmens stand, machte sich die Abhängigkeit, sowohl wirtschaftliche wie politische, den Arbeitern wenig fühlbar. Seine weniger wohlwollenden Geschäftsnachfolger aber konnten der Versuchung nicht widerstehen, die Abhängigkeit der Arbeiter 'sich zu Nutze zu machen. Dies geschah durch Ilerabdrückung der Löhne, welche niederer als die in der Nachbarschaft bezahlten sind. Die Arbeiter waren dem gegenüber machtlos; nur die jüngeren unter ihnen versuchten, nicht ohne Billigung seitens der übrigen, Widerstand. So ist auch Saltaire von Arbeitseinstellungen nicht verschont geblieben, welche aber immer mit der Unterwerfung der Arbeiter unter die einseitig aufgestellten Arbeitsbedingungen endigten; die Führer dieser Bewegungen wurden einfach aus der Stadt entfernt. Auch beginnen heute jene die Selbstverwaltung seitens der Arbeiter verschmähenden Gründungen des Sir Titus zu verfallen, nachdem das persönliche Interesse seitens der Fabrikleitung geschwunden ist. Das Badehaus steht bereits geschlossen und unbenutzt, das Institut, d. h. die höhere Sehulanstalt erstickt unter Schuldenlast und geht demselben Schicksal entgegen; selbst für die Kirche, welche ebenfalls nicht genügend fundiert ist, fürchtet man. Ähnliche Anlagen wie Saltaire, Beispiele des sogenannten Cottagesystems, sind zahlreich in ganz England. Bei ihnen finden sich äufserlieh die glänzendsten Wohlfahrtseinrichtungen, während thatsächlich ein veralteter Typus der Arbeiterfürsorge in ihnen fortlebt. Bezeichnend für sie ist, dafs die Arbeitgeber die Aufnahme in die Zahl ihrer begünstigten Arbeiter von der Nichtzugehörigkeit zu Gewerkvereinen abhängig v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 13 — 194 - machen. Dementsprechend gehören auch diese Arbeitgeber nicht den Vereinigungen ihrer Berufsgenossen an. Während die Arbeitsbedingungen heute in England gewöhnlich durch Verhandlungen der beiderseitigen Vereine festgesetzt werden, wehren diese Unternehmungen jeden Eingriff in das persönliche Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter seitens Dritter ab. Trotzdem sind sie gezwungen, im grofsen und ganzen jenen Festsetzungen zu folgen, es sei denn, dai's sie, wie nicht selten, 'die Abhängigkeit der Arbeiter zur Herab- driickung der Löhne mifsbrauchen. Von gewisser, wenn auch ausnahmsweise!' Berechtigung sind derartige Anlagen dort, wo es sich um Herstellung einer besonders hohen Qualität von Waren handelt, zu der die Durchschnittsarbeitskraft, wie sie in den Gewerkvereinen vertreten ist, nicht genügt. Alsdann erscheint die Arbeiterfürsorge als Mittel zur Verbesserung der produzierenden Maschine. Ein Beispiel einer solchen Unternehmung bildet die Spinnerei von Hugh Mason zu Ashton under Lyne, welche besondere Garne für die Wirkerei zu Bradford, Nottingham und Glasgow verfertigt. Die Fabrik besteht seit 50 Jahren nach demselben System und arbeitet mit den ausgezeichnetsten Maschinen und den vorzüglichsten Arbeitern. Die letzteren sind zum grofsen Teil schon seit ihrer Kindheit in der Fabrik; die älteren haben noch dem Vater des jetzigen Geschäftsinhabers und Gründer des Unternehmens gedient. Die Löhne werden nach einer besonderen, vom Arbeitgeber aufgestellten Liste geregelt, welche höhere Löhne gewährt als die ortsüblichen. Äufserlich ist die Anlage ein Saltaire im kleinen. Die Arbeiterhäuser, welche die Fabrik umgeben, gehören dem Unternehmer und werden von den Arbeitern zur Miete bewohnt (3 sh. 6 d. bis 4 sh. wöchentlich, meist 3 Räume). Des weiteren ist eine Vorlesungshalle vorhanden, ein Lese- zimmer, ein gedecktes Bad, ein Turnplatz mit Geräten u. s. w. Diese Einrichtungen bezahlen sich, weil eine Arbeit von besonders hoher Qualität verlangt wird. In solchen Fällen mag auch die Fortsetzung des patriarchalischen Verhältnisses zwischen Arbeiter und Arbeitgeher möglich und für beide befriedigend sein. Nur möchten wir betonen, dafs es sich hier um Ausnahmsfälle handelt, welche zwar erfreulich, aber doch von keiner besonderen socialpolitischen Bedeutung sind. Denn wo es sich, wie meist, um Herstellung der gewöhnlichen Stapelwaren handelt, zu der die Durchschnittsarbeit genügt, wird die gegenseitige Konkurrenz, insbesondere zur Zeit niedergehenden Geschäftes, den Unternehmer zwingen, die durch grofsartige Wohlfahrtseinrichtungen verursachte Steigerung der Produktionskosten an einem andern Punkte, insbesondere an Löhnen, wieder einzubringen. Unternehmungen dagegen, in denen der zeitgeinäfse Geist herrscht, fallen äufserlich nicht mehr durch grofsartige Wohl- fahrtseinrichtungen auf; insbesondere sind jene im Eigentum des „Herren" befindlichen Arbeiterwohnungen verschwunden, welche einst die Fabriken umgaben. Dagegen zeichnen sich die Arbeitsräume selbst gegen die frühere Zeit vorteilhaft aus; in Anwendung von hygienischen Mafsregeln und Schutzvorrichtungen, an Licht und Luft übertreffen sie meist die Anlagen jener älteren Fabrikpatriarchen. Des weiteren ist alles vermieden, und wird von den Gewerkvereinen auf das äufserste bekämpft 1 , was Abhängigmachung der Arbeiter herbeiführen könnte. Dasselbe, was, wie wir oben sahen, von den Wohl- thätigkeitsbestrebungen überhaupt gilt, so weit sie den eigentlichen Arbeiterstand betreffen, findet in noch viel höherem 1 Diese Bedeutung hatte der Ausstand der Londoner Gasarbeiter gegen die von der Gasgesellschaft beabsichtigte Gewinnbeteiligung der Arbeiter Neujahr 1890. 13* — 196 — Mafse auf die Bemühungen der Arbeitgeber um die Arbeiter Anwendung. Wie jede Wohlthätigkeit, die körperlich fähigen Arbeitern gegenüber die unentbehrlichen Bedürfnisse des Lebens betrifft, pauperisiert, so bewirkt sie, wenn von Arbeitgebern ausgehend, Abhängigkeit der Arbeiter. Wo die Kosten der notwendigen Nahrung und Wohnung zum Teil durch Geschenke bestritten werden, ist stets die Möglichkeit vorhanden, eine Art des Hörigkeitsverhältnisses zu begründen, das zwar zur Zeit nicht ausgenutzt zu werden braucht, aber doch die Möglichkeit der Ausnutzung in sich schliefst. Anders dagegen, wo der Arbeitgeber Konsumvereine, Baugesellschaften u. s. w. als selbständige Unternehmungen in das Leben ruft. Hier handelt es sich um Hülfe zur Selbsthülfe, um ein „help them to help themselves". Es liegen eigene Bewegungen der Arbeiterwelt vor und das, was ein wohlgesinnter Arbeitgeber in dieser Richtung thut, ist die Erziehung seiner Arbeiter zur Höhe ihrer fortgeschritteneren Genossen und damit eben zur wirtschaftlichen Selbständigkeit — das Gegenbild des früheren Track- und Cottage- systems. Überhaupt bleibt dem Arbeitgeber, auch wenn er rückhaltlos die Gleichberechtigung der Arbeiter anerkennt, ein weites Gebiet der Thätigkeit. Dieselbe betrifft jedoch nicht mehr die unentbehrlichen Lebensbedürfnisse, sondern Erziehung im weitesten Sinne: geistige Hebung, körperliche Ausbildung und geeignete Unterhaltung. Das, was er unternimmt, tritt meist nicht als reine Freigebigkeit auf, sondern sucht die freiwillige Beteiligung der Arbeiter an der Tragung der Lasten. Sein Bestreben ist, die Unternehmungen so bald als möglich geldlich unabhängig zu machen und die Verwaltung in die Hand der Beteiligten zu legen. Der äufserste Punkt aber, an dem sich zeigt, ob der Arbeitgeber wirklich ein Kind des — 197 — modernen Geistes ist, liegt in der Anerkennung gewerkverein- licher Verbündungen unter seinen Arbeitern. Nur allzu häufig wurden und werden Wohlfahrtseinrichtungen als Mittel zur Bekämpfung der Arbeiterorganisation benutzt, während sie gerade dann am lebensfähigsten sich erweisen, wenn die Gewerkvereine dafür zu interessieren sind, wie das oben erwähnte Beispiel der Abendschulen in Manchester zeigt 1 . In folgenden Richtungen äufsert sich vorzugsweise eine wirklich moderne und ehrlich gemeinte Arbeiterfürsorge. Vor allem unterstützt sie die auf Erziehung des Arbeiters gerichteten Bewegungen, z. B. durch Beförderung von Universitäts- ausdehnungsvorlesungen und ähnlichem. Besonders scheint die kunstgewerbliche und technische Erziehung der Arbeiter seitens denkender Arbeitgeber heute gefördert zu werden; in der That handelt es sich hier um eine Sache, welche für die Konkurrenzfähigkeit Englands dem Auslande gegenüber von gröfster Wichtigkeit ist. In dieser Richtung wird auch in Saltaire tüchtiges geleistet. Auch für die religiösen Bedürfnisse ihrer Arbeiter sorgen nicht wenige Arbeitgeber. Der Graf von Meath 2 erzählt von einer Fabrik in Derby, in welcher täglich vor Beginn der Arbeit in einem besonderen Saal eine kurze Andacht stattfindet, deren Besuch, obgleich freiwillig, ein guter ist. Aber auch auf diesem Gebiete wird der Arbeitgeber mehr wirken, wenn er selbständige Bewegungen fördert, z. B. die sogenannten „missions", die in Gestalt einer Reihe von Predigten oder Vorträgen auswärtiger Geistlicher insbesondere zur Fastenzeit stattfinden. Hierher gehört auch Unterstützung der Mäfsigkeitsbewegung, wodurch der Arbeitgeber, und zwar in Zusammenarbeit mit vielen der 1 Vergl. oben Bd. I, S. 434. 2 Nineteenth Century 1888 S. 537. fortgeschrittenen Arbeiter, nützlich wirken kann. Der Trunk, das Laster des englischen Arbeiters, ist nach Ansicht aller Kenner in England nur durch das Versprechen vollständiger Enthaltsamkeit zu bekämpfen. Der über das ganze Reich, besonders unter den Arbeitern, verbreitete Mäfsigkeitsverein treibt in den Mittelpunkten der Arbeiterbevölkerung eine lebhafte Propaganda. Zu ihren Gunsten kann der Arbeitgeber viel thun, z. B. durch Gewährung eines entsprechenden Raumes für die Versammlungen, Verbreitung der Aufrufe und Flugblätter unter seinen Leuten, am meisten durch das eigene Beispiel. Eine solche „Mission" für die Mäfsigkeitssache wurde z. B. November 1888 auf Anregung des Geschäftsinhabers in der von der Firma R. Ha worth erbauten Vorlesungshalle zu Salford abgehalten 1 . Die Eröffnungsversammlung fand die Unterstützung verschiedener Gesangvereine der Nachbarschaft und der Kapelle der Fabrikarbeiter. Der Saal war von dem Fabrikherrn mit lebenden Pflanzen in würdiger Weise ausgeschmückt. Durch Volkstümlichkeit wufste der Redner die anwesenden Arbeiter, meist junge Männer und Frauen, so sehr zu ergreifen, dafs die Mission sich zu einem „Erfolge" gestaltete, und gegen 500 Personen in die aufgestellten Urnen die schriftliche Ver- pflichtung zu vollständiger Enthaltsamkeit legten. Die Inhaber der Firma sowie angesehene Personen der Nachbarschaft führten den Vorsitz. Für die körperliche Ausbildung seiner jungen Fabrikmannschaft sorgt ein wohlwollender Arbeitgeber durch Anlage von Turn- und Spielplätzen 2 ; wo die Vorbedingungen vorhanden sind, stellt sich die Pflege der nationalen Sports, 1 Eichard Haworth, Ordsal Lane. Salford. Baumwollenspinnerei und -weberei, gegen 3000 Arbeiter. Diese Firma ist überhaupt durch zabheicbe Unternehmungen zu Gunsten der Arbeiter ausgezeichnet. 2 Vergl. den Grafen von Meath am angeführten Orte. 7 - 199 - insbesondere des nationalsten aller Spiele, des Criquet, von selbst ein 1 . Ich hörte von dem Sohne eines Arbeitgebers, welcher alljährlich mit den jüngeren Arbeitern der väterlichen Fabrik eine Art Turnfahrt an die See unternimmt. Ein wichtiges Gebiet der Arbeiterfürsorge ist die Beförderung vernünftiger Unterhaltung und Geselligkeit, wodurch dem Trunk, dem Spiel und der Ausschweifung am wirksamsten zu Leibe gegangen wird. Zahlreiche Arbeitgeber haben für ihre Arbeiter Klubräume mit Billardtischen und Lesezimmer hergestellt. Auch hier erweist sich wichtiger als Opfer an Geld das persönliche Interesse und womöglich die Beteiligung des Arbeitgebers und seiner Familienangehörigen. Glänzend ausgestattete Arbeiterklubs sind meist schnell auf Abwege geraten; nur Vereine, welche auf Selbstverwaltung und Beiträgen der Mitglieder beruhen, sind eines dauernden und ernstlichen Interesses der Beteiligten sicher. In den Gründungsstatuten kann allerdings der Arbeitgeber, der für die Sache Opfer gebracht hat, dem Verein die künftige Richtung angeben. Als besonders wichtig erscheint die Aufnahme der Mäfsig- keitsklausel, d. h. der Ausschlufs jedes alkoholischen Getränkes. Z. B. machte die oben erwähnte Firma R. Haworth die Erfahrung, dafs der von ihr reich ausgestattete Verein durch Zulassung solcher Getränke zu Grunde ging. Als selbstverständlich gilt, dafs die Verwaltung eines auch vom Arbeitgeber gegründeten Arbeiterklubs völlig selbständig sein 1 Um sich über nationale Bedeutung dieses Spieles zu orientieren, vergl. die lebendige Schilderung des wiederholt angeführten Buches von G. Drage, Cyril IV edition, passim, besonders S. 181 ff. London 1889. Wohlwollende Arbeitgeber befördern in Municipalbehörden, Vereinen u. s. w. die Anlage von Parks, d. h. die Freilassung gröfserer von Baumgruppen unterbrochener Wiesenflächen in den Peripherien der meist sehr schnell sich ausdehnenden Industrieorte, und die Einrichtung von Spielplätzen. Ein solcher Verein besteht für London: Metropolitan public gardens association, 83 Lancaster Gate W. — 200 — mufs; auch in Knabenvereinen wirken bereits vernünftige Leiter auf Erziehung zur Selbstverwaltung. Ähnliche Vereine bestehen für die unverheirateten Arbeiterinnen, an welchen sich nicht selten die Frauen oder Töchter der Fabrikanten beteiligen. Das „Girls Pariour" der erwähnten Firma wird zudem von einer Reihe von Damen aus der Nachbarschaft besucht, welche die Mädchen für die Haushaltung vorbilden, insbesondere im Nähen, Schneidern, Stricken und Kochen Unterricht erteilen. Auch hier tragen die Mitglieder einen Teil der Kosten (1 Penny wöchentlich). Die Zusammenkünfte des „Pariours" sind belebt durch Gesang, Recitation und Musik und am Samstag finden Unterhaltungsabende statt. Ähnliche Fürsorge für die in der Fabrik beschäftigten Frauen und Mädchen scheint nicht wenig verbreitet. Wodurch unterscheiden sich diese Wohlfahrtsbestrebungen von denen der älteren Zeit? Während die letzteren von dem Arbeitgeber als solchem ausgingen und seine wirtschaftliche Überlegenheit über die Arbeiter zum Ausdruck brachten, ist der moderne Arbeitgeber auf diesem Gebiete lediglich ein Privatmann, dessen Beruf die Berührung mit dem Arbeiter erleichtert. Er wandelt jenen bei Gelegenheit der Universitätsbewegung erwähnten Männern nach, von deren Bemühungen um die arbeitenden Klassen die seinen in ihrem Wesen nicht verschieden sind. Wo der Arbeitgeber Menschenfreundlichkeit mit Verständnis der Zeit verbindet, wird wieder ein Verhältnis persönlicher Zuneigung zwischen ihm und den Arbeitern möglich, nachdem das alte patriarchalische durch die gewerk- vereinliche Organisation gebrochen worden ist. Gerade wo es sich um hochbezahlte, fest gegründeten Gewerkvereinen zugehörige Arbeiter handelt, habe ich Beispiele gegenseitigen Vertrauens gefunden, wie sie früher selten waren. Die Arbeiter von William Mather zu Salford, fast ausnahmslos dem — 201 — Gewerkverein der Maschinenbauer angehörig, hängen mit Verehrung an dem Chef der Firma, in welcher nicht wenige von ihnen von Jugend bis Alter ununterbrochen beschäftigt waren. Herr Mather erkennt das Bestehen des Gewerkvereins voll an. Er enthält sich besonderer Wohlfahrtseinrichtungen für seine Leute, hat dagegen auf dem Gebiete der Erziehung der Arbeiterbevölkerung überhaupt bedeutende Verdienste 1 . Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, wo sie n icht veralteter Natur und daher durch die Entwicklung gefährdet sind, bauen sich auf dem Boden politischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung auf. Zeitgemäfse Wohlfahrtsbestrebungen zielen nicht darauf, den Arbeiter in Abhängigkeit zu halten oder gar hinabzudrücken, sondern ihn, wo er noch nicht reif genug ist, zur wirtschaftlichen und geistigen Freiheit und dem Mitbesitz der nationalen Bildung emporzuheben, — Güter, welche die Zukunft ihm anweist 2 . 1 Für das Verhältnis dieses Arbeitgebers zu dem Gewerkvereiii ist folgendes bezeichnend. Die 22 Zweigvereine der vereinigten Maschinenbauer zu Manchester und Umgegend luden Herrn Mather zu ihrer Jahresversammlung ein, worauf dieser sein Nichterscheinen — er ist Parlamentsmitglied — mit folgenden Worten entschuldigt: „Ich brauche Sie meines Interesses an der amalgamierten Gesellschaft nicht zu versichern. Sie haben immer ein schlagendes Beispiel von Einigkeit und Eifer geboten in der Beförderung der Interessen unseres edlen Berufes. Als ein Arbeitgeber war es mir stets ein Vergnügen, Mitgliedern Ihres Vereins zu begegnen. —" 2 Als in neuester Zeit in England Ausdehnung findend ist die Gewinnbeteiligung der Arbeiter, d. h. Auszahlung eines sogenannten Bonus am Ende des Geschäftsjahres entsprechend dem erzielten Gewinn zu erwähnen. Bestimmte Klassen von Arbeitern, insbesondere die Vorarbeiter, erhalten häufig einen solchen Bonus, so z. B. bei Mather, bei Cassell (Verlagsdruckerei), Blundell, Spence & Co. (Limited), Bourroughs, Wellcome & Co., Curtis & Co. (Limited), Hamilton & Co. (Limited), Hazell, Watson & Viney (Limited), Waterlow & Sons (Limited). Vergl. Industrial Remuneration Conference S. 251 ff. Cassel 1885. Dieser Art der Bezahlung, welche die Leistungen der Arbeiter erhöhen soll, stehen die Gewerkvereine mifstrauisch gegenüber. In der That wird sie vielfach mit 202 — II. Die Fabrikgesetzgebung L Eine Geschichte der englischen Fabrikgesetzgebung, welche wir leider noch nicht besitzen, ist nicht die Aufgabe vorliegenden Buches. Am allerwenigsten darf auf die Einzelheiten der gesetzlichen Bestimmungen eingegangen werden; vielmehr interessieren hier ausschliefslich die treibenden Kräfte dieser ersten Arbeiterschutzgesetzgebung, welche in denjenigen Ländern, die später zur Grofsindustrie übergehen, in ähnlicher Weise auftreten und gleiche Widerstände zu überwinden haben. Auch in dieser Beziehung ist die englische Entwicklung vorbildlich. Den Einzelheiten der gesetzlichen Regelung kommt dagegen ein solches allgemeines Interesse nicht zu. Da seit 1832 die gewerblichen Arbeitgeber die herrschende Klasse im Staate sind, so gewährt diese Untersuchung zugleich einen Einblick in den Wechsel ihrer Stellung zum Arbeiterschutz sowie zur Arbeit überhaupt. Obgleich während der ersten Jahrzehnte der Agitation für die Gesetze ein grofser Teil der Arbeitgeber dieselben bekämpfte, viele auch die Gesetz gewordenen Bestimmungen in ihrer Ausführung zu hindern suchten, so ist es doch von vornherein sicher, dafs dieser Widerstand kein geschlossener gewesen ist. Wenn daher Marx mit glänzenden Worten den Feldzug schildert, welchen das Kapital gegen die Fabrikgesetze geführt habe, so ist, die dem Zweck eingeführt, die Arbeiterorganisationen zu sprengen, so z. B. die geplante Einführung sogenannter Gewinnbeteiligung seitens der Londoner Pferdebahngesellschaften, welche den mit ganz besonderen Schwierigkeiten kämpfenden Gewerkverein ihrer elenden Arbeiter vernichten soll. 1 Vorliegender Abschnitt beruht in seinem geschichtlichen Teil aufser auf den gleichzeitigen Parlamentsdebatten und Berichten auf Alfred, Iiistory of the factory movement, London 1857. — 203 — Einzelheiten seiner Darstellung zugegeben, doch demgegenüber zu betonen, dafs ein Staat, der völlig in der Hand der Besitzenden war, die erste und noch heute in Europa wirkungsvollste Arbeiterschutzgesetzgebung geschalten hat, welche nach Marx selbst es verhinderte, dafs der Arbeiter sich durch freiwilligen Vertrag in Sklaverei verkaufe, die ihn vor Degeneration gerettet und seinen physischen Zustand beschützt habe 1 . Auch in der Geschichte der Fabrikgesetzgebung sind die oben angedeuteten drei Abschnitte der Entwicklung wahrzunehmen. Die ersten Fabrikgesetze ergehen unter dem Widerstande der grofsen Mehrzahl der Arbeitgeber; sie werden durchgesetzt auf Grund christlicher Vorstellungen und der Nachwirkung des eudämonistischen Polizeistaates durch die konservative Partei. Die wichtigeren Fabrikgesetze aus der Mitte des Jahrhunderts finden dagegen gewichtige Unterstützung auf Seiten der Arbeitgeber und zwar besonders derjenigen der fortgeschrittensten Grofsindustrien. Heute endlich hat die dritte Periode begonnen, in welcher der Schutz der Arbeit aus den Händen ihrer hochgeborenen Beschützer wie der wohlwollenden Arbeitgeber in die der Arbeiter selbst gleitet. Aber die Arbeiter, als sie zur Macht gelangten, fanden die Fabrikgesetzgebung bereits vor. Wir sahen daher oben, wie der parlamentarische Ausschufs der Gewerkvereine bisher lediglich kleinere Verbesserungen der bestehenden Fabrikgesetze herbeigeführt hat. Freilich liegt Weitergehendes in der Zukunft, so der Normalarbeitstag auch für erwachsene männliche Arbeiter. Unsere Aufgabe ist an dieser Stelle auf die beiden ersten Abschnitte der Entwicklung beschränkt. Die Geschichte der englischen wie die aller Fabrikgesetzgebung überhaupt wird 1 Marx, Kapital Bd. I, S. 253—298. — 204 — durch die Namen zweier Männer eröffnet, welche selbst unter die gröfsten Arbeitgeber ihrer Zeit zählten: Robert Owen und Sir Robert Peel. Diese Thatsache bereits widerlegt die Ansicht, als sei die Fabrikgesetzgebung von den Arbeitern erzwungen worden; denn dieselben waren im Anfange des Jahrhunderts noch ohne jeden Einflufs auf die Gesetzgebung. Während wir oben die phantastische Seite der Owenschen Weltverbesserungspläne berührten, ist hier darauf hinzuweisen, wie dieser Mann, der von tausenden von Arbeitern als der Prophet eines goldenen Zeitalters verehrt wurde, zugleich der erste Arbeitgeber war, welcher eine Interessengemeinschaft zwischen Industrie und Arbeiter thatsächlich zu verwirklichen versucht hat. In zahlreichen Schriften hat Owen entwickelt, dafs die Herabdrückung der Arbeiter, insbesondere die übermäfsige Kinderarbeit einen Verlust einmal für den Staat und die Eltern der Kinder bedeute, da jeder Shilling, den ein Kind in vorzeitiger Arbeit verdiene, der Verlust eines Pfundes Lohn im Mannesalter sei. Aber auch die Arbeitgeber verführen unwirtschaftlich, wenn sie, die bei toten Maschinen doch keine Kosten zur Vervollkommnung sparten, die Leistungsfähigkeit der lebenden Maschinen durch unvernünftige Kinderarbeit minderten. „Seit Einführung der unbelebten Triebkraft in britische Fabriken sind die Menschen mit wenigen Ausnahmen als Maschinen zweiten und geringeren Ranges behandelt worden. Bei genügendem Nachdenken über den Gegenstand wird man finden, dafs der Mensch, selbst lilofs betrachtet als Werkzeug zur Hervorbringung des Reichtums, noch sehr verbessert werden kann" 1 . Das wichtigste aber an solchen Aufstellungen war, dafs 1 R. Owen, Letters to tlie owners and superintendents of manu- factories, 1813. Owen sie an der Hand der Thatsachen bewährte. In seinen Spinnereien hatte er bereits thatsächlich den Zehnstundentag durchgeführt; seine grofsartigen Erziehungsanstalten verfolgten den Zweck „einer Verbindung produktiver Arbeit mit der Erziehung der Kinder". Indem sich Owen auf diese Weise einen Arbeiterstand heranzog, wie er im damaligen England sonst noch unbekannt war, blühten seine Geschäfte und bestätigten seine Theorie. Die Spinnereien Owens zu New- Lanark, umgeben von einer Arbeiterstadt und mannichfachen Erziehungs- und Wohlfahrtsanstalten, waren weithin berühmt. Philanthropen besichtigten sie, Potentaten erkundigten sich nach ihrem Fortgange. Auch waren es die daselbst gemachten Erfahrungen, welche Owens Plan einer Neugestaltung der Gesellschaft auf Grund kommunistischer Gemeinschaften ver- anlafsten, wobei er vergafs, dafs die Erfolge, die er zu New- Lanark errungen, auf ausnahmsweisen Umständen beruhten: seiner eigenen Persönlichkeit, welche Liebe und Achtung in seltenem Mafse zu erzwingen wufste, und einem durch ihn herangebildeten, ganz aufsergewöhnlichen Arbeiterstande. That- sache aber bleibt, dafs am Eingange der Geschichte der modernen Produktionsweise überhaupt eine Grofsindustrieller steht, dessen Sorge für das Wohl seiner Arbeiter allen folgenden Zeiten um deswillen ein Beispiel sein kann, weil sie nicht Abhängigmachung, sondern geistige und körperliche Hebung und damit Steigerung der Produktionskraft der Arbeiter bezweckte. Sein Name wurde Tausenden von Arbeitern der eines Heiligen; Owen ist noch heute ein in Arbeiterkreisen beliebter Vorname. Owen war nicht der Schwärmer, als der er in Kreisen seiner Gegner dargestellt wurde. Sind hierfür schon Beweis seine geschäftlichen Erfolge, so zeigt sich dies auch darin, dafs er die Arbeitgeber wie Arbeiter seiner Zeit in ihrer — 206 — Mehrzahl für seine Pläne als noch nicht reif erkannte. Daher war er der erste, welcher eine Arbeiterschutzgesetzgebung in weitem Unifange forderte 1 . Owens Forderungen waren folgende: 1. ein Normalarbeitstag von 12 Stunden, in denen DA Stunden für Mahlzeiten und Erholung eingeschlossen sein sollten; 2. Verbot der Beschäftigung von Kindern unter 10 Jahren, während Kinder von 10—12 Jahren nicht über 6 Stunden täglich beschäftigt werden sollten; 3. Verbot der Beschäftigung von Kindern, welche nicht ein von allen Staatsbürgern zu erreichendes Minimum von Kenntnissen nachwiesen: Lesen, Schreiben, Rechnen und bei Mädchen auch Nähen. In enger Verbindung hiermit steht Owens Forderung des allgemeinem Schulzwangs. Seine Begründung dieser Vorschläge war eine wirtschaftliche, dieselbe, welche mehrere Jahrzehnte später die englischen Arbeitgeber mit einer Fabrikgesetzgebung aussöhnte: die Produktionskraft der Arbeiter werde durch Kinderarbeit vorzeitig gebrochen; durch Beschränkung der Kinderarbeit, durch Einführung des Schulzwanges schaffe man eine Arbeit, welche quantitativ vielleicht nicht weniger, qualitativ aber jedenfalls mehr leisten werde als die bisherige. Sollte aber durch Arbeiterschutzgesetze wirklich eine Verringerung der Gesamtsumme der Produktion eintreten, so bedeute dies für die Arbeitgeber nicht einen Nachteil, sondern eher einen Vorteil. Die Gesetze nämlich, welche Alle in gleicher Weise träfen und unehrliche Konkurrenz unmöglich machten, würden der Überproduktion und jenem mit ihr verbundenen Geist der Täuschung entgegenwirken, der sich in billigen und schlechten Waren und Niedergang der Preise äufsere, Gedanken, welche bereits den Wunsch andeuten, die Produktion 1 Vergl. u. a. R. Owen, Manufacturing System 1818 sowie R. Owen, Letter to the British employers 30. März 1816. — 207 — in allgemeiner Weise zu beschränken und der Aufnahmefähigkeit des Marktes anzupassen. Owens Ausführungen eilten ihrer Zeit weit voraus. Die erste Fabrikgesetzgebung ist aus ganz andern Beweggründen hervorgegangen. Sie betraf ursprünglich die Baumwollenindustrie 1 allein, wurde dann auf die Woll-, Leinen-, später die Seidenindustrie und erst von den Textilgewerben auf die übrigen Grol'sindustrien und zuletzt den Kleinbetrieb ausgedehnt. Nicht zwar diejenige Industrie, in der sich der gewerbliche Umschwung zuerst vollzog, nahm die Baumwollenindustrie gegen die Wende des Jahrhunderts einen solchen Aufschwung, dafs sie zuerst diejenigen Zustände in grofsem Umfange zeitigte, welche mit dem Aufkommen des Grofs- betriebes verbunden zu sein pflegen. Solange die Dampfkraft noch nicht in weitem Umfange angewandt wurde, waren es die hügeligen Gegenden des nördlichen England, an deren Wasserläufen jene ersten Baumwollenspinnereien entstanden, welche bei der Kleinheit und Unvollkommenheit der Maschinen auf Kinderarbeit angewiesen waren. Da die Zahl der Kinder der Nachbarschaft nicht genügte, so schlössen die Fabrikanten mit den Armenverwaltungen Südenglands Verträge auf Lieferung wohlfeiler Arbeit. Viele Wagenladungen solcher Armenkinder, Knaben und Mädchen von meist unter zehn Jahren, wurden auf die Weise nach den Sitzen der Baumwollenindustrie verschickt : „Lehrlinge", d.h. Arbeitskräfte, für deren Benutzung nichts zu zahlen war, die bei Auktionen als Inventar mit verkauft und als ein billiges und leicht zu ergänzendes Material schnell und rücksichtslos konsumiert wurden. Das Gesundheitsamt von Manchester protestierte bereits am 25. Januar 1 Das Gesetz von 1802, obwohl „cotton and otker mills" betreffend, fand fast ausschliefslich auf Baumwollenspinnereien Anwendung. - 208 — 1796 gegen diese Zustände, welche die ganze Nachbarschaft der Gefahr der ansteckenden Krankheiten aussetzten. Aus philanthropischen und christlichen Gesichtspunkten befürwortete der ältere Sir Robert Peel, welcher selbst grofser Baumwollenspinner und zur Zeit Parlamentsmitglied war, Staatseingriff zu Gunsten der Fabriklehrlinge. Beim Besuche seiner eigenen Fabrik, die gegen 1000 solcher Kinder beschäftigte, erklärt Peel selbst, sei er durch das ungesunde Aussehen und den verkrüppelten Wuchs derselben erschreckt worden; in einer Rede im House of Commons am 2. Juni 1802 sagt er ausdrücklich: „Der Hauptzweck, den ich mit Vorlage dieses Gesetzes verfolge, ist die Verbesserung der religiösen und sittlichen Erziehung der Kinder" P Das ebenfalls von Sir Robert Peel beantragte Gesetz von 1819 ist nichts als eine Anpassung der Bestimmungen von 1802 an den veränderten Stand der Industrie. Die Baumwollen- spinnerei war mit allgemeiner Einführung der Dampfkraft in die Städte gezogen, und war damit in der Lage, auf die Armenkinder, die allein das Gesetz von 1802 betraf, zu verzichten. Die Bevölkerung der Städte bot genugsam jugendliche Arbeitskräfte, welche von ihren Eltern in „freiem" Arbeitsvertrage verkauft, die erwachsene Arbeit verdrängten. Sir Robert Peel sprach bei dieser Gelegenheit den später vielfach wiederholten Satz aus, dafs „die grofse Anstrengung britischer Erfindungsgabe, welche die Maschinerie der Fabriken zu solcher Vollendung gebracht habe, statt in einen Segen in den bittersten Fluch für die Nation verwandelt wurde" 3 . 1 Das bezeichnete Gesetz bezog sieb lediglich auf die von den Armenvenvaltungen gelieferten Lehrlinge, für die es die Arbeitszeit auf 12 Stunden beschränkt, Nachtarbeit ausschliefst u. s. w. 2 Bezeichnend für Peel ist, dafs er Gegner der Koalitionsfreiheit war. Vergl. Brentano, Arbeitergilden der Gegenwart Bd. I, S. 119. — 209 — Aus eleu gleichen Gründen sind die weiteren Gesetze von 1825 und 1883 sowie die sie begleitende Agitation hervorgegangen. Träger dieser Bewegung sind nicht die Arbeitgeber, deren grofse Mehrzahl vielmehr jede Fabrikgesetzgebung noch auf das äufserste bekämpft, sondern Männer, die von christlicher Grundlage aus jene Goldgier bekämpfen, die unschuldige Kinder opfere. Ihre Hauptgegner erblickten sie in den Fabrikanten, den Liberalen, den Nationalökonomen. Richard Oastier war Konservativer der alten Schule („a Church and King tory of the old sort"); sein Wahlspruch waren die Worte: „Altar, Thron, Hütte". Sein Eintreten für die Fabrikgesetze erklärt er in folgender Weise. Wie die britischen Gesetze nach den Grundsätzen des Christentums auszulegen seien, so solle das Handeln des britischen Volkes ebenfalls durch jene beherrscht werden. Die Armen und Unterdrückten haben daher einen besonderen Anspruch auf Berücksichtigung seitens der christlichen Regierungen, insbesondere aber die Kinder. Diese Gedanken auf die gegenwärtige Gesellschaft anwendend folgert Oastier, dafs das Fabriksystem, welches die Armen sittlich und körperlich herabdrücke, insbesondere die Kinder in der grausamsten Weise ausbeute, gegen das Gesetz Gottes und daher gegen den Geist der britischen Verfassung sei. Auch stelle es den christlichen Arbeitgeber vor die Wahl, entweder dem gewissenlosen Unterdrücker es gleich zu thun oder durch den Mitbewerb jenes zu Grunde gerichtet zu werden. Die Verfassung eines christlichen Staates und das bestehende Fabriksystem seien daher „so entgegengesetzt wie Licht und Finsternis". Zuerst von seinen Feinden spottweise der „König" der Arbeiter genannt, wurde diese Bezeichnung sein Ehrenname. In der That glichen seine Agitationsreisen in späteren Jahren wahren Triumphzügen. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 14 — 210 — Oastier war seiner Sache leidenschaftlich ergeben; hierin lag der Grund seiner Volkstümlichkeit. Er spricht sich hierüber in folgender Weise aus: „Diejenigen, welche mich meiner Leidenschaftlichkeit wegen tadeln, sollten die tiefe, heilige und überwältigende Überzeugung von der Wichtigkeit bedenken, welche diese Sache in meinen Augen besafs. — — Ich sah meine jungen und hülflosen Nachbarn schrittweise zu Grunde gehen unter der Peitsche und dem Frohndienst eines Fabrikungeheuers. Ich hörte ihr Stöhnen, sah ihre Thränen und wufste, dafs sie sich auf mich verliefsen. Ich wurde von weinenden Müttern besucht, welche mir die blutenden Wunden ihrer Kinder zeigten und mich fragten: „Ist das gerecht, Herr? Ist es nicht genug, dafs diese armen Dinger durch die Arbeit getötet werden, während sie unser Brod verdienen ? Müssen sie dazu noch so geschlagen und getreten werden?" Ich sah erwachsene Männer, deren einzige Aufgabe es war, ihre Kleinen lange vor Sonnenuntergang nach der Fabrik zu tragen und sie lange nach Sonnenaufgang nach Hause zurückzubringen. Ich hörte die Flüche dieser Väter; sie waren laut und tief, von Gott registriert, nie vergessen". Man sieht, wie es entsetzliche Zustände waren, die Oastier zu seiner Agitation veranlafsten und wie der Grundgedanke derselben Schutz der Hülflosen war. Neben Oastier, dem Agitator, steht Sadler, der Wortführer der Bewegung im Parlament. Auch er war wesentlich von christlichen Beweggründen geleitet. So schreibt er am 20. November 1831 nach Annahme des Gesetzentwurfs von Sir John Hobhouse (1831), welcher die Arbeitsdauer für Personen unter 18 Jahren auf 12 Stunden herabsetzte und Nachtarbeit für Personen von 18—21 Jahren verbot: „Ich bin überzeugt, dafs die Zehnstundenforderung nie von denen aufgegeben werden kann, welche Kinder lieben und die Zu- Stimmung dessen zu erlangen wünschen, welcher der Kinder Freund war." Wie Oastier gegen die „blutdürstigen Fabriktyrannen" eiferte, welche sich „liberal" bezeichneten und für Befreiung der Negersklaven schwärmten, aber gegen ihre „weifsen Sklaven" weniger liberal seien als die westindischen Pflanzer, da letztere die Schwarzen doch zur Mannheit grofs wachsen liefsen, ehe sie sie verbrauchten, in ähnlicher Weise wendet sich Sadler gegen die Nationalökonomen, „diese Pest der Gesellschaft, die Verfolger der Armen", deren Lehren „zur Herabdrückung, zum Elend und zur Vernichtung der arbeitenden Klassen führen". Von gleichen Gesichtspunkten ging die grofse Mehrzahl der konservativen Vertreter der Fabrikgesetzgebung aus, so insbesondere Lord Ashley, der spätere Graf von Shaftesbury. Derselbe übernahm die Vertretung der Arbeiterschutzbewegung im Unterhause, nachdem Sadler in das reformierte Parlament nicht mehr gewählt war. Des Grafen von Shaftesbury jüngst veröffentlichtes Leben zeigt, wie auch ihn zur Teilnahme an der Bewegung christliche Beweggründe veranlafsten. Es ist daher hier auf ihn nicht weiter einzugehen, umsomehr als er die bekannteste Persönlichkeit aus der Geschichte der englischen Fabrikgesetzgebung ist. Für ihn persönlich handelte es sich zwar nicht um einen Angriff des Grundbesitzes gegen das Kapital und um Bache für die Reformbill; jedoch war dieser Gesichtspunkt für viele seiner Parteigänger ausschlaggebend und von grofser Bedeutung für die Bewegung. Während jener ersten Jahrzehnte der Agitation für Arbeiterschutz waren die Fabrikanten, d. h. die liberale Partei, mit wenigen Ausnahmen ihre Gegner. Es war die Zeit der unbeschränkten Herrschaft der klassischen Nationalökonomie, d. h. der Auffassung der wirtschaftlichen Vorgänge von einseitig kapitalistischem Standpunkt. In gutem Glauben pflich- 14* — 212 — tete man allgemein Behauptungen bei, wie etwa der welche Augustus Lee, ein Spinner aus Manchester, 1816 vor der Parlamentskommission abgab. Auf Grund langer Erfahrung in Baumwollenspinnereien sei seine Ansicht, dafs jeder Versuch, die freie Arbeit durch Gesetzgebung zu regeln, den schwersten Schaden denjenigen Klassen bringen würde, zu deren Gunsten er bestimmt sei. Die angeführten Mifs- stände, hervorgehend aus Verschiedenheiten des Geschicks, der Sorgfalt und der Geschäftsführung, würden ihre beste Heilung finden in den unmittelbaren Interessen der beteiligten Parteien, — — die Umstände der Industrie seien so verwickelt und verschiedenartig, dafs keine allgemeine Regel ausgedacht werden könne ohne einen sehr ungleichen Druck u. s. w. Hierzu kam natürlich Furcht vor Niedergang der Industrie, Flucht des Kapitals in das Ausland u. s. w. Es zeigte sich, wie weit Owens Urteil dem seiner Berufsgenossen voraus war. Die von den Gegnern der ersten Fabrikgesetzgebung vorgebrachten Einwände entsprechen bis in Einzelheiten hinein denen, welche später anderwärts bei gleicher Gelegenheit erhoben werden. Vorbildlich für diese Bedenken ist der von den Wollspinnereibesitzern zu Halifax am 5. März 1831 angenommene Beschlufs. Es werden darin folgende Gesichtspunkte geltend gemacht : eine Beschränkung der Arbeitszeit werde die Löhne mindern; bei grofsen Familien könnten die Eltern der Kinderarbeit nicht beraubt werden, ohne in Elend zu geraten; eine solche Gesetzgebung müsse zu Erhöhung der Produktionskosten und damit Steigerung der Preise führen, dadurch die arbeitenden Klassen selbst benachteiligen und lediglich den Mitbewerbern im Auslande Nutzen bringen; gesetzlicher Arbeiterschutz sei „unverantwortlich auf Grund der Humanität und der Arbeiterfreundlichkeit". Die — 213 — nicht zu leugnenden Mifsstände werden dem Wirken von Naturgesetzen zugeschrieben, für die niemand zur Rechenschaft zu ziehen sei. Die arbeitenden Klassen, heifst es, seien zur Zeit „der thatsächlichen Notwendigkeit freiwilliger (!) Arbeit durch die innere und äufsere Lage des Landes unterworfen, welche allein die gegenwärtigen, langen Arbeitsstunden verlangt und fordert". Der Führer des Widerstandes gegen die Fabrikgesetze, der Hauptvertreter jener „wissenschaftlichen Staatsmänner" der Zeit war Lord Brougham. Nach ihm ist Eigentumsschutz die einzige Aufgabe einer „erleuchteten Staatsregierung"; Arbeiterschutz bedeutet nach ihm eine ungerechtfertigte Einmischung in Nachfrage und Angebot, Beschränkung der Kinderarbeit zugleich eine solche in die Rechte der Eltern. Sicherlich aber waren nicht alle ihm beipflichtenden Fabrikanten guten Glaubens. Wie konnten Männer, welche als Friedensrichter oder Grafschaftsrichter Verurteilung wegen offenkundiger Gesetzesverletzung verweigerten, — dies geschah auch noch nach dem Gesetze von 1844 — sich auf die ehernen Naturgesetze berufen, welche alle Mafsregeln dilettantischer Staatskunst zu Nichte machten 1 ? Das gleiche gilt von solchen, die ihre Arbeiter zwangen, in eine Kasse zusammenzuschiefsen, aus der die den Unternehmer treffenden Geldstrafen wegen Gesetzesübertretung bestritten werden sollten 2 . 1 Hierher gehört das „Relayssystem", welche die Feststellung von Übertretungen des Gesetzes fast unmöglich machte. Vergl. Marx, Kapital Bd. I, S. 273, 283 ff. Irrtümlich sagt Marx S. 283, dafs die Zusammensetzung der über die Verletzung des Gesetzes von 1844 aburteilenden Gerichte widerrechtlich gewesen sei. Der Sir J. Hobhouse Act (1831), auf den er sich beruft, war durch das Gesetz von 1833 aufgehoben worden. 2 Bericht des parlamentarischen Ausschusses von 1832 § 7349. — 214 - Demgegenüber aber darf man nicht vergessen, dafs das Gesetz von 1833, welches die erste einigermafsen wirksame Malsregel war, indem hier zum ersten Mal die Einrichtung der Fabrikinspektoren auftritt , von dem reformierten Parlamente erlassen worden ist, in welchem die Bourgeoisie unbestrittenermafsen die Oberhand hatte. In der That waren schon damals eine Reihe von Fabrikanten Anhänger der Arbeiterschutzgesetzgebung. Nicht wenige von ihnen waren es als Konservative und aus christlichen Gründen, so z. B. John Wood, ein bedeutender Wollspinner aus Bradford, dessen Verdienst es war, Richard Oastier für die Sache der Fabrikgesetzgebung gewonnen zu haben. Bei Gelegenheit eines Besuches Oastiers machte ihn John Wood erst mit den Ausbeutungen bekannt, welchen die Kinder und jugendlichen Arbeiter ausgesetzt waren. In seiner eigenen Fabrik herrsche dreizehnstündige Kinderarbeit, während in denen seiner Konkurrenten vierzehn- bis achtzehnstündige nicht selten sei; er selbst gewähre 40 Minuten zu Essen und Erholung, seine Konkurrenten meist weniger, zum Teil müfsten die Kinder selbst während des Essens die Arbeit fortsetzen. Hierdurch sei er verhindert, seinerseits Milderungen eintreten zu lassen; aber er verpflichte Oastier auf die Bibel, „jenes Buch, in dem er täglich seine Verdammung lese", eine Bewegung zu Gunsten der Fabrikkinder in das Leben zu rufen. Ein durchaus andersartiges Element, an Stelle des Gefühls Verstandeserwägung, tritt in die Bewegung in der Person John Fieldens. Er ist der erste liberale Arbeitgeber, der gegenüber der die Linke des Hauses beherrschenden Lehre des Laissez-faire, wie sie von der Fabrikantenpartei vertreten wurde, Staatseingriff befürwortete — so Vorläufer jenes Umschwunges, der den Radikalismus des John Bright und die nationalökonomisehe Orthodoxie Cobdens heutigen Tages zum — 215 — Soeialismus hinüberführt. John Fielden von Todmorden in Lancashire war als junger Mensch noch selbst in der Fabrik seines Vaters als Arbeiter beschäftigt gewesen. Er hatte sich sodann zu einem der gröfsten Baumwollenspinner Englands emporgearbeitet. In allen Märkten der Welt waren seine Baumwollenwaren bekannt und der Name Fielden gleichbedeutend mit Ehrlichkeit und mutigem Unternehmungsgeist. So kannte er einerseits die Arbeit, wie sie damals in den englischen Spinnereien üblich war, aus eigener Erfahrung; gegenüber der Behauptung seiner Berufsgenossen, dafs dieselbe weder zu lang noch zu ermüdend sei, konnte er darauf hinweisen, wie erschöpft er sich selbst als Knabe nach nur zehnstündiger Arbeit gefühlt habe. Andererseits aber behauptete er auf Grund vierzigjähriger Erfahrung und eingehend aufgestellter Berechnungen, dafs die Verkürzung der Arbeitszeit die unabweisliche Bedingung für den weiteren Erfolg der Baumwollenverarbeitung sei. Sein Hauptgrund hierfür ist Beschränkung der Überproduktion, welche die Preise so sehr herabgedrückt habe, dafs sie dem Arbeitgeber keinen Gewinn, dem Arbeiter Entbehrungen, dem ausländischen Verbraucher aber allein Gewinn brächten. Die Verlängerung der Arbeitszeit und die damit zusammenhängende Herabdrückung der Löhne beraube ferner die englischen Arbeiter ihrer Konsumtionsfähigkeit, während sie doch in erster Linie die Abnehmer der heimischen Industrie sein sollten. Gehe das gegenseitige Unterbieten in den Preisen der Industrieerzeugnisse durch Druck auf die Arbeit so weiter wie in den Jahren von 1815—1832, so sei der Ruin sicher. Fielden wurde 1832 bei der ersten Wahl auf Grund der Reformbill von dem neugeschaffenen Wahlflecken Oldham, dem Sitze der Baumwollenindustrie, in das Parlament gewählt. In gleicher Weise kamen einige weitere liberale Befürworter der Fabrikgesetzgebung seitens benachbarter, ebenfalls rein industrieller und liberaler Wahlflecken in das Parlament, bei welchen Wahlen doch die Fabrikanten die Entscheidung allein in der Hand hatten. Wie es die Arbeitgeber der fortgeschrittensten Grofsindustrie waren, so stellten sich unter ihnen zuerst wieder die gröfsten Unternehmer, welche mit den besten Maschinen arbeiteten, auf Seite des gesetzlichen Arbeiterschutzes. Sodann aber waren die Baumwollenfabrikanten, welchen die ersten Schranken auferlegt waren, bemüht, dieselben auf die übrigen Textilgewerbe zum mindesten auszudehnen. Es zeigte sich, dafs auf dem Gebiete der Arbeiterschutzgesetzgebung lediglich die ersten Schritte schwierig sind, während die eigenen Interessen der Betroffenen zur Fortsetzung drängen. So hatte sich z. B. bereits vor Erlafs des Gesetzes von 1838 in Manchester ein Verein von Baumwollenspinnern gebildet, welcher die gerichtliche Verfolgung der Übertreter der Fabrikgesetze bezweckte — eine Mafsregel der grofsen und in der Öffentlichkeit der Stadt arbeitenden Unternehmer gegen die kleineren und abgelegeneren Fabriken des platten Landes. Um dieselbe Zeit waren die Wollen-, Flachs- und Seidenverarbeiter fast durchweg noch Gegner der Fabrikgesetze und zwar in der angeführten Ordnung, sodafs die Wollfabrikanten, deren Betrieb am meisten Grofsindustrie war, den geringsten, die Seidenfabrikanten, deren Betriebsweise den Verbesseinngen der Maschinerie am langsamsten folgte, den heftigsten Widerstand leisteten. So waren auch die Wollspinner Bradfords die ersten, welche mit den Baunr- wollenfabrikanten Lancashires behufs Ausdehnung der Fabrikgesetze in Verbindung traten. Am 22. November 1830 fafsten die Vertreter der 23 gröfsten Wollspinnereien in Bradford den Beschlufs, bei dem Parlament um Beschränkung der Arbeitszeit 1 für ihr Gewerbe einzukommen. Der Briefwechsel, welcher in dieser Angelegenheit zwischen den Industriellen Bradfords und Lancashires geführt wurde, erinnert durch seine Wertlegung auf die Beschränkung der Produktion bereits an die Kartellverabredungen der Folgezeit. — Das angeführte aber widerlegt die oft gehörte Ansicht, dafs die Ausdehnung der Maschinerie den Arbeiter schädige. Vielmehr sehen wir hier und werden wiederholt sehen, dafs die technisch fortgeschrittensten Industrien die dem Arbeiter günstigsten Verhältnisse aufzuweisen pflegen. Das Gesetz von 1833 2 , welches alle Textilgewerbe betrifft, kam also schon nicht ohne die Zustimmung einer gewichtigen Minderheit der Arbeitgeber zu Stande und wurde von einer liberalen Regierung erlassen. In den Jahren zwischen 1833 und 1847 liegt die berühmte Agitation für das Zehnstundengesetz, d. h. für eine Beschränkung der Arbeitszeit für alle Frauen und jugendliche Arbeiter auf 10 Stunden —• eine bessere Antwort der herrschenden Klassen auf die in jenen Jahren ihre Höhe erreichende socialrevolutionäre Arbeiterbewegung, als es ein Repressivgesetz gewesen wäre. Konservative Richtungen wirkten damals mit den fortgeschrittensten Teilen der liberalen Fabrikantenpartei zusammen. Aber als dieses Ziel nach der Etappe von 1844 im Jahre 1847 erreicht wurde, da war es ein liberaler Fabrikant, John Fielden, der das Gesetz beantragte, und das konservative Kabinet des 1 Man sprach gewöhnlich von der Beschränkung der Arbeitszeit im allgemeinen, während man lediglich die Arbeitszeit der Kinder, Unerwachsenen und Frauen im Auge hatte. Für die Textilgewerbe, welche von Kinderarbeit abhingen, war der Unterschied jedoch lediglich formell. 2 Dieses Gesetz verbietet die Nachtarbeit für Personen unter 18 Jahren; ferner führt es ein Arbeitermaximum für Kinder (9—13 Jahre) von 48 Stunden wöchentlich und für jugendliche Arbeiter (13—18 Jahre) von 69 Stunden wöchentlich ein. Erleichterungen für die Seidenfabrikation. — 218 — jüngeren Peel, das es bekämpfte. So hatten sich die Zeiten geändert. Sämtliche Vertreter der wichtigsten Industrieorte Lancashires, d. h. nach dem damaligen Wahlsystem die Vertreter der dortigen Arbeitgeber, liberal oder radikal in ihren politischen Ansichten, waren jetzt auf Seiten der Fabrikgesetzgebung; aufser John Fielden thaten sich besonders die Parlamentsmitglieder Botherton für Salford und Hindley für Ashton hervor, welche selber grofse Baumwollenfabrikanten waren. Die Agitation für das Zehnstundengesetz hat auf das ein- flufsreichste die Einlenkung der soeialrevolutionären Bewegung in friedliehe Bahnen befördert. In jenen stürmischen Versammlungen, welche während der dreifsiger und vierziger Jahre in den Industriebezirken Nordenglands von den Vertretern des Arbeiterschutzes gehalten wurden, begegneten sich zum ersten Mal Arbeiter und Arbeitgeber auf dem Boden gemeinsamen Interesses. Mochte die Sprache seitens der Arbeiter häufig noch heftig sein und noch mehr die ihrer nicht dem Arbeiterstande angehörigen Führer, so war doch der Gegenstand, um den es sich handelte, für die Arbeiter zu sehr von Lebensinteresse, als dafs sie sich hätten fern halten können, wie es einer soeialrevolutionären Politik entsprochen hätte. Bei einer dieser Gelegenheiten zu Leeds am 9. September 1837 drückte ein Redner, der Reverend Stephens, die Bedeutung der Versammlung dahin aus, dafs sie nach bisher herrschendem Klassenkampfe zum ersten Male „eine Zusammenkunft von Spinnereibesitzern, Aufsehern und Arbeitern darstelle, welche über die gemeinsamen Interessen aller beraten wollten". In der Bewegung zu Gunsten des Zehnstundentages wurde so weit mehr als in der nebenhergehenden für Abschaffung der Konizölle, der Grund zu jenem Bündnisse zwischen den Liberalen, d. h. den Arbeitgebern und den Arbeitern — 219 — gelegt, auf welchem sich der sociale Friede Englands gegenwärtig in erster Linie aufbaut. Die Möglichkeit dieser Verschmelzung beruht allein auf der zuerst innerhalb der Kreise der englischen Arbeitgeber und später auch der Arbeiter sich verbreitenden Überzeugung von der Gemeinsamkeit der Interessen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber nicht zwar als einzelner Personen, wohl aber als der zur Güterproduktion zusammenwirkenden Gesamtheiten. Wie anders klingen nun die Gründe, die für den Arbei- terschutz geltend gemacht werden, als jene der ihn früher befürwortenden Konservativen, die womöglich das Fabriksystem selbst auszurotten bestrebt waren. Eine der besten Begründungen, welche überhaupt vom Standpunkte der Arbeitgeber aus für die Arbeiterschutzgesetzgebung geltend gemacht werden kann, enthält ein Schriftstück, welches von zwei einflufsreichen Arbeitgebern Yorkshires, den Herren W. Walker und W. Rand, als Antwort auf die Einwürfe verfafst wurde, die ihnen der Minister entgegenhielt, als sie ihm in Angelegenheit der Fabrikgesetzgebung aufwarteten. Es datiert vom 16. November 1841 (angeführt bei Alfred). Die in erster Linie erhobenen Einwürfe, grundsätzliche Verwerflichkeit des staatlichen Eingriffes in den Arbeitsmarkt und die Rechte der Eltern, werden nicht mehr als ernst behandelt und ihnen lediglich entgegengehalten, dafs bereits durch die bisherige Fabrikgesetzgebung der Grundsatz der Nichteinmischung gebrochen sei. Es wird sodann kurz auf die Notwendigkeit gesetzlichen Arbeiterschutzes aus sittlichen und gesundheitlichen Gründen eingegangen. Des weiteren aber folgt eine Auseinandersetzung über die Interessen der Arbeitgeber an der geforderten Gesetzgebung. Es stehe fest, dafs zwölf Stunden täglich das ganze Jahr hindurch nicht gearbeitet werden könne, indem sonst Überproduk- — 220 — tion allen Gewinn hinwegschwemmen müsse. In den letzten sieben Jahren sei auch thatsächlich die Arbeitszeit von zehn Stunden durchschnittlich nicht überschritten worden. Wenn nun diese Durchschnittszahl statt durch den Wechsel iiber- mäfsiger Arbeit und erzwungenen Stillstandes dadurch erreicht werde, dal's der Staat für alle Produzenten eine Grenze der Arbeitszeit festsetze, so müsse dies die Märkte regel- mäfsiger machen, die Preise höher halten und vor allem dahin wirken, die jähen Geschäftsschwankungen zu mildern. Sollte aber als Folge der Gesetzgebung auch eine Steigerung der Produktionskosten eintreten, was von vielen bezweifelt werde, so würde dieser Nachteil gegen den soeben besprochenen Vorteil gering sein; denn diese Steigerung würde jedenfalls nicht in das Gewicht fallen gegenüber den Preisschwankungen, welche heute häufig ein einziger Markttag bringe. Für den Arbeiter würden ferner die Vorteile einer Beschränkung der Arbeitszeit grofs sein. Der Einwand, dafs sie Lohnherabsetzung erleiden würden, sei schon deshalb nichtig, weil ja die Durchschnittszahl der Arbeitsstunden dieselbe bleiben und nur der Wechsel von Überarbeit und Arbeitlosig- keit verringert werden würde. Dieser Wechsel aber sei das, was am meisten einer Hebung des Arbeiters im Wege stehe. Es sei sogar denkbar, dafs die Fabrikgesetzgebung durch Steigerung der Nachfrage nach Arbeit vielleicht auf die Löhne steigernd wirken könne. Keineswegs aber würde eine solche Wirkung dem Arbeitgeber zum Nachteil gereichen. Alles nämlich, was den Arbeiter hebe, diene auch dem Arbeitgeber. Der wichtigste Vorteil der englischen Industrie über den ausländischen Mitbewerber bestehe darin, dafs sie die „geschickteste und fleifsigste Arbeit auf dem Erdball" besitze. Hierauf beruhe, dafs die Produktion in England billiger sei als auf dem Festlande, und daraus lasse sich folgern, dafs eine durch — 221 die Fabrikgesetze etwa verursachte Steigerung der Löhne, vermöge der mit ihr zusammenhängenden Verbesserung der Arbeit eine Vermehrung der Produktionskosten nicht zur Folge haben werde. Dieser letztere Gesichtspunkt, der des Interesses der Arbeitgeber an der Hebung der Arbeiter, taucht hier neben dem Wunsche nach Beschränkung der Produktion zum. erstenmale in dem Gebiete der praktischen Politik auf, wie er von Owen bereits vor dreifsig Jahren entwickelt war. Die Zehnstundenbewegung fand in den Gesetzen von 1844, 1847 und 1850 ihren Abschlufs; das letztere Gesetz hatte den Zweck, die zahlreichen, strafrechtlich nicht zu fassenden Umgehungen des früheren Gesetzes durch das sogenannte Relayssystem zu beseitigen 1 . Die Gesetzgebung wird seit der Mitte des Jahrzehnts von den Textilgewerben auf andere Gewerbe ausgedehnt (insbesondere Extension Act and Workshop Regulation Act 1867), eine Entwicklung, welche hier nicht interessiert, da die treibenden Kräfte dieselben bleiben. Immer wieder begegnet man der Erscheinung, dafs die grofsen Betriebe den Arbeiterschutz willig annehmen, während die kleineren und insbesondere noch die halb handwerks- mäfsigen heftigen Widerstand leisten. 1878 wird die ge- P sarnte Gesetzgebung kodifiziert. Wenn man aber so zu dem ersten wirksamen Arbeiterschutz in Europa gelangt ist, so beruhte das vor allem darauf, dafs man zuerst mit einer Sondergesetzgebung für die fortgeschrittenste, die socialen Schäden am frühesten zeitigende Grofsindustrie begonnen hatte und nur Schritt für Schritt vorwärtsgegangen war. Man 1 Das Gesetz führt an Stelle der gesetzlichen Arbeitszeit von zehn Stunden für die durch dieselbe betroffenen Personen einen gesetzlichen Arbeitstag von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends ein, innerhalb welcher Zeit Mahlzeitspausen im Gesamtbetrage von P/a Stunden gewährt werden müssen, aufserdem einen freien Samstag Nachmittag von 2 Uhr an. — 222 — teilte so die jeder derartigen Gesetzgebung entgegenstehenden Widerstände, indem man zuerst die Agrarier, sodann die Arbeitgeber der schon unterworfenen Industrien, die einen nach den andern, für die Sache benutzte. Auf dem Gebiete der Grofsindustrie sind heute die Arbeitgeber grundsätzlich für die Gesetzgebung gewonnen; fast in jeder Session des Parlamentes erfolgen Verbesserungen der bestehenden Bestimmungen und sorgen in einzelnen Punkten für die Weiterbildung und Anpassung der Gesetzgebung an die Fortschritte der Industrie. Nur der Unterschied gegen früher ist heute eingetreten, dafs seit den letzten 15 Jahren der Arbeiter, d. h. der parlamentarische Ausschufs der Gewerkvereine, die Weiterentwicklung der Fabrikgesetzgebung in der eigenen Hand hat. Das Bewufstsein des Interesses der Arbeit an dem Stande der nationalen Industrie hält von extremen Forderungen zurück. Die Furcht vor Schädigung des Gewerbes, von welchem sie abhängen, veran- lafste z. B. die Baumwollenarbeiter Lancashires jüngst gegen den gesetzlichen Achtstundentag zu stimmen. Daher ist auf diesem Gebiete auch in Zukunft nur ein schrittweises Vorwärtsschreiten zu erwarten, welches in vielen Industrien von dem Stande der Frage im Auslande abhängt ; ebenso sicher aber ist auf der anderen Seite, dafs ein Abschlufs dieser Gesetzgebung noch nicht ersichtlich ist. Insbesondere erscheint in der öffentlichen Meinung der Grundsatz schon stark erschüttert, dafs die Gesetzgebung nur zu Gunsten der Unerwachsenen und Frauen, nicht der erwachsenen Männer eingreifen solle. Anders liegt die Sache bei den Gewerben, welche noch nicht zum Grofsbetriebe übergegangen sind. So nützlich sich die Fabrikgesetzgebung für letzteren erweist, ebenso wirkungslos ist sie für handwerksmäfsige und häusliche Gewerbe. Hierin stimmen die Berichte aller Fabrikinspektoren überein. So — 223 — ist z. B. die Lage der Näherinnen, welchen in den Höhlen Ost-Londons „der Schweifs getrieben wird", heute genau dieselbe, wie zur Zeit Kingsleys in den vierziger Jahren, zur Zeit des Ausschusses der Lords, der 1855 über diese Frage safs, zur Zeit der Children Employinent Commission 1862 bis 1866. Auch ist hier keine Besserung zu erwarten, so lange die Betriebsweise dieser Gewerbe in den Wohnungen überhaupt fortbesteht. Die Gesetzgebung sowie die Arbeiterkoalitionen können liier daher viel mehr indirekt als direkt wirken. Denn jede durch sie herbeigeführte Steigerung in den Ansprüchen zu Gunsten der Arbeiter macht diese veralteten Betriebsweisen konkurrenzunfähig gegen den Grofsbetrieb, der seinerseits, vermöge seiner besseren wirtschaftlichen Organisation, diesen Ansprüchen genügen zu können bewiesen hat. Damit treten dann gesunde an Stelle von ungesunden Verhältnissen 1 . Der Mittelstand hungernder Sweater, aber auch der verhungernde Arbeiter verschwinden. An Stelle beider tritt eine behäbige Arbeiterklasse. Dagegen hat in der Grofsindustrie die Fabrikgesetzgebung die im Anfang des Jahrhunderts so schreienden Mifs- stände grofsenteils beseitigt. Die Wirkung der Gesetze von 1844 und 1847 erhellt aus folgenden Zahlen. In der Textilindustrie wurden 1835 56 903 Personen unter 13 Jahren, 1850 dagegen nur 40775 beschäftigt, eine Abnahme von gegen 27 % 2 . 1870 wurden in denselben Industrien von England und Wales 75 877 solcher Personen beschäftigt, 1 Die Einführung der Nähmaschine hat einen günstigen Einflufs sowohl auf den Gesundheitszustand als die Lohnverhältnisse der Näherinnen gewirkt. In den fabrikmäfsig betriebenen Anstalten, wo als Triebkraft vielfach Dampf verwendet wird, sind die Arbeitsräume gesünder und die Arbeitsstunden kürzer als bei den kleinen Meistern. Vergl. Die englische Fabrikgesetzgebung von Dr. Ernst Plener. Wien 1871. 2 Report of the Insp. o. F. 31. Oktober 1850 S. 15, 49. 1885 76091; in der Textilindustrie, auf welche die Kinderarbeit vorzüglich kommt, ist also die Zahl der beschäftigten Kinder in einem Zeitraum von fünfzehn Jahren unverändert geblieben, während die Zahl der erwachsenen Arbeiter in derselben Zeit um 14 Prozent gestiegen ist (von 907230 auf 1034261) P Dieses Ergebnis widerlegt die Behauptung von Engels und Marx, dafs notwendigerweise Kinderarbeit die der Erwachsenen verdränge. Hier wie in vielen Punkten scheint die Entwicklung des Festlandes der englischen heute entgegengesetzt, ein Widerspruch, der sich dann ausgleicht, wenn man den gewerblichen Zustand Englands vor fünfzig Jahren an Stelle des heutigen zur Ver- gleichung herbeizieht. III. Die Koalitionsfreiheit. Neben der Fabrikgesetzgebung geht eine zweite Entwicklung her, welche bei aller Wichtigkeit der ersteren für den socialen Frieden doch von weit gröfserer Bedeutung ist: die Stellung der gesetzgebenden Gewalt und der herrschenden Klassen zu den Verbündungen der Arbeiter. Auch hier lassen sich drei Abschnitte unterscheiden: während der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts Unterdrückung, sodann noch ehe die Reformbill die Arbeitgeber ans Ruder bringt, halbe, durch Strafgesetze verklausulierte Anerkennung, welcher Zustand sich während des Halbjahrhunderts erhielt, in welchem die Arbeitgeber die Macht allein in der Hand hielten (1825—1875). Sodann, da die Arbeiter, zunächst neben und als Verbündete der liberalen 1 Statistical Abstraft for the united Iüngdom 1888 S. 164, 165. — 225 — Arbeitgeber, politische Bedeutung erlangen, volle Anerkennung ihrer Organisation und Aufhebung aller benachteiligenden Bestimmungen. Verbündungen der Schwachen zum Schutze gegen die Starken sind so alt, wie die menschliche Geschichte. Das Mittelalter ist voll von solchen Verbündungen; die Zünfte entwickeln sich in dieser Weise gegenüber den Vollbürgern, wie später die Gesellenverbände gegenüber den Zünften. In denjenigen Gewerben, welche zuerst für den Export arbeiten und in denen "daher der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zuerst zu Tage tritt, finden sich bereits im vierzehnten Jahrhundert Gesellengenossenschaften zur Hochhaltung oder Steigerung der Löhne und ähnlichen Zwecken. Bereits in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts finden sich in der Wollenweberei Arbeitseinstellungen, welche, wie Brentano bemerkt 1 , sich nur durch die Zeit von denen des neunzehnten Jahrhunderts unterscheiden. In denjenigen Gewerben, welche am frühesten den handwerksmäfsigen Betrieb abstreifen, entwickeln sich zuerst die Verbündungen der Arbeiter. Wie hervorgehoben, war das vorige Jahrhundert in England ebenso wie in Deutschland zum mindesten nicht ärmer an Arbeitseinstellungen als das gegenwärtige. Die Arbeitgeber erlangten damals eine ganze Beihe zum Teil höchst drakonischer Gesetze zur Unterdrückung der Arbeiterkoalitionen. Man nennt diese Gesetze in England die „Combination Laws", welche auf Petitionen der Arbeitgeber hin im Jahre 1800 durch das Gesetz 40 George III 106 ihren Ab- schlufs fanden. Dieses Gesetz macht das Verbot der Arbeiter- 1 Das Arbeitsverhältnis S. 73. Leipzig 1877. Über das Alter und die Entwicklung der Gewerkvereine vergl. Brentano, Arbeitergilden der Gegenwart Bd. I. v. Schulze-G-aevernitz, Zum soe. Frieden. II. 15 koalitionen allgemein 1 . Unter Gefängnisstrafe werden alle Übereinkünfte zwischen Arbeitern verboten, welche eine Erlangung von höheren Löhnen, kürzerer Arbeitszeit u. s. w. oder irgendwelche Kontrolle der Arbeitgeber bezwecken. In gleicher Weise wird der Versuch bestraft, durch Geldspenden, Überredung, Bitten, Einschüchterung oder andere Mittel zu verhindern, dafs ein Arbeitsloser in Arbeit trete, ein beschäftigter Arbeiter in Arbeit bleibe oder ein Arbeitgeber seinen Arbeiter in der ihm passend scheinenden Weise beschäftige. Lehrreich für derartige Versuche ist der Erfolg des Gesetzes, welches ausdrücklich die Arbeitseinstellungen beseitigen sollte. Die Arbeiterverbündungen, welche bis dahin grofsen- teils öffentlich gewesen waren, wurden nunmehr geheim. Unter der Herrschaft dieses Gesetzes dehnen sich Arbeiterorganisationen über ganz England aus. Noch heute lebt in den Arbeiterkreisen die Erinnerung an jene Zeit fort, in welcher man die Bücher des Vereins in der Haide versteckte und den Schwur der Geheimhaltung den Mitgliedern auferlegte. Zu gleicher Zeit wucherte ein wilder Klassenhafs der Arbeiter gegen die besitzenden und gesetzgebenden Klassen auf. Das junge Arbeitergeschlecht, welches unter der Herrschaft der Suppressivgesetze aufwuchs, wurde der Träger der social- revolutionären Bewegung des Chartismus. Die Kämpfe, welche nach wie vor mit dem Kapital geführt wurden, nahmen einen gewaltsamen Charakter an; da die Arbeiter wufsten, dafs sie unter allen Umständen das Strafgesetz verletzten, so verloren Sachbeschädigung, Körperverletzung u. s. w. für sie den Begriff besonderer Ungesetzlichkeit. Oft führten die Arbeitseinstellungen zu schweren Verbrechen; in Schottland 1 Ähnlich der von Napoleon 1810 erlassene Code penal art. 414 bis 416. — 227 — wie Lancasliire glichen sie nicht selten eigentlichen Aufstandsversuchen. Vorübergehend bestand in den Mittelpunkten der Industrie ein planmäfsiger Terrorismus, der durch blutige Mittel aufrecht erhalten wurde, so in Glasgow während der Jahre 1819 bis 1828. Aus jener Zeit stammt folgender Eid eines schottischen Gewerkvereins der von neu aufzunehmenden Mitgliedern zu leisten war: „Ich — — schwöre freiwillig zum allmächtigen Gott und vor diesen Zeugen, dafs ich mit Eifer und Schnelle ausführen will, soweit meine Kräfte gehen, jede Aufgabe und jeden Befehl, den die Mehrheit meiner Brüder auf mich legt, zur Beförderung unseres gemeinsamen Besten, wie z. B. die Bestrafung der Reichen 1 , Ermordung tyrannischer Arbeitgeber 2 , Zerstörung von Fabriken, dafs ich auch mit Freuden beitragen werde, diejenigen meiner Brüder zu unterhalten, welche infolge dieser Bestrebungen gegen die Tyrannei arbeitslos werden " 3 . Zur selben Zeit armierten viele Fabrikanten Lancashires ihre Fabriken mit Kanonen. Damals unter dem Ausnahmegesetz entstand in den Arbeitern jenes Gefühl ungerechter Behandlung seitens der herrschenden Klassen, welches Thomas Carlyle für den Grund aller gesellschaftsfeindlichen Bestrebungen erklärte und hier machte man zum erstenmal gegenüber der modernen Arbeiterbewegung die alte Erfahrung, dafs nichts zur Gesetzesverletzung so sehr reizt, als wenn sie im Scheine des Märtyrertums strahlt. Wo bereits unter der Herrschaft des Gesetzes von 1800 die Arbeitgeber ihren Kampf gegen die Arbeiterverbündungen 1 „nob" = Mann von Stande, Angehöriger der oberen Klassen. 2 Man vergl. Mary Barton by Mrs. Gaskell, wieder herausgegeben von Smith, Eider & Co., London 1890. 3 Vergl. Hansards Parliamentary Debates. N. S. Bd. XIII, S. 1402. 15* — 228 — freiwillig aufgaben, lagen die Verhältnisse günstiger, so z. B. im Druckereigewerbe, in dem bei einer Lohnstreitigkeit bereits 1816 die Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber ausdrücklich auf das Gesetz verzichteten, so dafs der Fall vom Verein zum Verein verhandelt wurde. In ähnlicher Weise bestanden die Vereine der Wollweber zu Leeds und Dewsbury während der Jahre 1819—1823 ganz offenkundig; Arbeitgeber wie Behörden vermieden, gegen sie einzuschreiten, indem die Verhältnisse in jenen Städten einen aufsergewöhnlich friedlichen Charakter trugen. Auch die Maschinenbauer besassen bereits damals eine ziemlich ausgedehnte Organisation. Der Vorwand, mit dem man das Koalitionsverbot verteidigte, war der, dafs das Gesetz das Arbeitsverhältnis regele und daher eigenmächtige Einmischung der Arbeiter in dasselbe nicht zu dulden sei. Dieser Vorwand fiel hinweg, als man 1814 das Lehrlingsgesetz der Elisabeth aufhob. Wenn man damals sich auf Adam Smith berief, so fiel es niemandem ein, dafs dieser, wie das Lehrlingsgesetz, so das Koalitionsverbot verurteilte. Auch Ricardo, der Mann des Laissez-faire, ist im Parlamente nie gegen letzteres aufgetreten, wenn man sich auch nach seinem Tode auf ihn im Interesse der Aufhebung berief. Erst die offenbare Unwirksamkeit des Verbots war es, welche seit Anfang der zwanziger Jahre den Gedanken an seine Aufhebung anregte. Dafs die Verbündungen der Arbeiter an sich ein verabscheuungswertes Ding seien, Arbeitsausstände eine Auflehnung gegen die bestehende Ordnung, ist der Grundton selbst der meisten die Aufhebung des Verbotes befürwortenden Reden. Niemand zweifelte, dafs die Unternehmer allein berechtigt seien, das Gewerbe einschliefslich des Arbeitsverhältnisses zu ordnen. Den Arbeiter als gleichberechtigte. Partei aufzufassen, lag der öffentlichen Meinung fern. — 229 — Trotzdem ist J o s e p h H u 111 e, auf welchen das Gesetz von 1824 zurückgeht, unter den ersten jener Männer des praktischen Lebens zu nennen, denen die Anbahnung des socialen Friedens zu danken ist. Damals gerade hatte man jenes gewalttätige Geschlecht von Arbeitern erzogen, welche sich in den folgenden Jahrzehnten zur revolutionären Partei organisierten. Aber ihren Kindern eröffnete Humes Gesetz den Weg, ihre Wünsche auf friedlicheren und, wie sie bald inne wurden, wirksameren Wegen zu verfolgen. Noch fehlte die richtige Diagnose der socialen Krankheit; aber indem man ein unvernünftiges Heilverfahren, Suppressivgesetze, wegen der steten Steigerung des Symptoms, des wuchernden Klassenhasses, aufgab, liefs man der Natur die Freiheit, den Gesundungs- prozefs herbeizuführen. Die in der Sitzung vom 1. März 1823 von P. Moore angeregte Aufhebung des Koalitionsverbotes, wurde von Joseph Hume im folgenden Jahre mit besserem Erfolge aufgenommen. Interessant sind die diesbezüglichen Verhandlungen. Als Grund zu Gunsten des Antrages wird betont, dafs das gesetzliche Verbot, weit entfernt die Zahl der Verbündungen zu vermindern, das Übel, das es verhindern sollte, bedeutend verschärft hätte. Nur allzu oft, wenn man die Strafbestim- mungen angewandt habe, sei der Schade in letzter Linie auf die Arbeitgeber zurückgefallen 1 . Dafs man mit Aufhebung der Koalitionsverbote eine grundsätzliche Gleichstellung des Arbeiters nicht beabsichtigte, zeigt der wiederholte Versuch seitens der Redner, auf Grund des bestehenden gemeinen Rechtes eine kriminelle Bestrafung der Arbeiter wegen Vertragsbruches 1 Vergl. Hansards Debates. N. S. Bd. IX, S. 545 ff.; Bd. X, S. 147, 149. — 230 — zu konstruieren 1 . Von Seiten der Arbeitgeber erfolgten damals zahlreiche Petitionen gegen die Aufhebung des Verbots. Dafs sie nicht persönliche Aussagen vor dem mit Untersuchung der Frage betrauten Ausschufs machten, begründeten die Arbeitgeber aus Lancashire damit, dafs sie solche vermieden, um sich nicht der Rache der Arbeiter auszusetzen — Zeichen eines Zustandes des Terrorismus. Die Ergebnisse der Untersuchung des Ausschusses liefen dahin zusammen, dafs zur Zeit Arbeiterverbündungen über das ganze Reich verbreitet seien. Die auf Grund des Gesetzes von 1800 wie des gemeinen Rechts zahlreich vorgekommenen Verurteilungen hätten augenscheinlich Erfolg nicht gehabt. Schwere Gewaltthaten und Friedensbrüche seien häufig mit den Arbeitseinstellungen verbunden, aufruhrähnliche Erscheinungen mit den Versuchen der Arbeitgeber, die Verbindungen der Arbeiter zu sprengen. Das Gesetz habe nach der Ansicht vieler vernommener Zeugen von beiden Seiten die Wirkung gehabt, gegenseitiges Mifstrauen und Erbitterung herbeizuführen und jene Verbündungen dem Frieden der Gesellschaft in hohem Mafse gefährlich zu machen. Dafs als Ergebnis dieses Berichts Aufhebung des Koalitionsverbots anstatt der ebenfalls befürworteten Verschärfung erfolgte, giebt der socialen Entwicklung Englands die entscheidende Wendung. Das Gesetz von 1824 (5 George IV c. 95) hebt zunächst die statutarischen Koalitionsverbote auf, befreit sodann alle Arbeiter, welche sich zur Erhöhung der Löhne, Verkürzung der Arbeitsstunden, Verleitung zum Kontraktsbruch und zu Nichtannahme von Arbeit, ferner zu irgend welcher Regulierung der Betriebsweise eines Gewerbes verbinden, von 1 „Common law" ist das auf Gewohnheitsrecht und Gerichtsgebrauch beruhende Recht im Gegensatz zu dem „Statute law", d. h. dem seit Eduard III. entstandenen Gesetzesrecht. — 231 — allen Strafen, auch denen des gemeinen Rechts. Der dritte Teil des Gesetzes enthält Strafbestimmungen gegen die, welche oben bezeichnete und ähnliche Handlungen, z. B. auch die Aufrechterhaltung irgend welcher Vereinsstatuten, durch Gewalt, Drohung oder Einschüchterung begehen (violence to person or property, thread, intimidation). Unmittelbare Folge des Gesetzes war der Ausbruch einer Reihe gröfserer Ausstände, welche die öffentliche Meinung erschreckten. Der eigentliche Kampf um die Koalitionsfreiheit erhob sich daher erst nach ihrer gesetzlichen Anerkennung. Die Partei der Arbeitgeber sammelte sich im folgenden Jahre und verlangte unter der Begründung, dafs das Parlament übereilt vorgegangen sei, Erneuerung der abgeschafften Gesetze. Auch der jüngere Peel, welcher damals Staatssekretär war, erklärte, dafs etwas geschehen müsse, um dem Übel, das in thätigster Wirksamkeit sei, beizukommen: „diesen verabscheu- ungswürdigen Vereinigungen, welche Freiheit und Gedeihen der Industrie schwer beeinträchtigen". Ein Gegner des bisherigen Rechts sei er nur um deswillen gewesen, weil es sich als wirkungslos erwiesen habe; dagegen sei er durchaus dafür, dafs gegen diejenigen Arbeiter strafrechtlich vorgegangen werde, welche, sei es auch in sonst strafloser Form, zum Vertragsbruch aufforderten. Die Partei der Fabrikanten ging noch weiter. Sie stellte jede Verbindung von Arbeitern, welche, gleichviel mit welchen Mitteln, für andere ihr nicht angehörige Personen die Arbeitsbedingungen festzustellen suche, als einen Angriff auf die Freiheit des Individuums dar, welche das Gesetz schützen müsse. Man vergafs, dafs täglich die Freiheit jedes einzelnen durch oft sehr einschneidende Reaktion seiner Berufs- und Standesgenossen beschränkt wird. Kommt es doch allein darauf an, ob diese Reaktion, durch welche gewisse Regelungen des Lebens, insbesondere des Erwerbs, aufrecht — 232 — erhalten werden, durch erlaubte oder unerlaubte Mittel sich vollzieht. Mit Recht machte J. Hume geltend, dafs z. B. ein Rechtsanwalt, der weniger als das übliche Honorar nähme, ebenfalls von seinen Berufsgenossen geächtet werden würde, „made uncomfortable", wie die Gewerkvereinler in Beziehung auf diejenigen ihrer Genossen sagten, welche die vom Verein aufgestellten Lohnsätze unterboten. Das Gesetz von 1825, welches das vorjährige aufhob, war ein Kompromifs, in dem die Feinde der Koalitionsfreiheit die Übermacht hatten. Sie hatten zwar vergeblich es dahin zu bringen gesucht, mit der ganzen Schärfe des Gesetzes die Arbeiterverbündungen überhaupt hinwegzutilgen. Denn die Freunde des Gesetzes von 1824 konnten bereits darauf verweisen, dafs seit der Anerkennung der Koalitionen ein Schritt zur Aussöhnung der Gegensätze schon gethan sei. Man habe wenigstens keine geheimen und darum staatsgefährlichen Vereine mehr; sie seien offener geworden, ihre Mittel weniger gewalt- thätig. Bei Gelegenheit der Debatte fiel jenes in Beziehung auf die Arbeiterbewegung beherzigenswerte Wort: es sei der beste Beweis des Machtgefühls einer Regierung, wenn sie hier Milde und Mäfsigung übe. Trotzdem war bei Abfassung des neuen Gesetzes der Eintiufs der Fabrikanten überwiegend; ihre Petitionen wurden eingehend berücksichtigt gegenüber den Tausenden von Unterschriften der Arbeiterpetitionen. Während das Gesetz von 1824 die Koalitionen allgemein erlaubt und nur gewisse in Verbindung mit ihnen vorkommende Handlungen unter Strafe gestellt hatte, werden sie nunmehr wieder verboten unter Zulassung einer einzigen Ausnahme. Für den Fall nämlich wurden Arbeiter von der gesetzlichen Strafe befreit, „dafs sie allein zu dem Zweck zusammenkommen, um über die Löhne zu beraten und zu beschliefsen, welche die in den Versammlungen anwesenden — 233 — Personen für ihre Arbeit fordern sollten"; ebenso werden ähnliche Verabredungen über die Arbeitszeit gestattet. Dagegen wird ausdrücklich jeder Versuch, andere zur Arbeitseinstellung zu verleiten, für strafbar erklärt; denn wenn man scheinbar die Strafe an gewisse Voraussetzungen knüpfte: Anwendung von Gewalt, Einschüchterung oder Belästigung (molestation), so konnte man unter dem letzteren Ausdruck jedes andere Mittel, auf das die beiden ersten Bezeichnungen nicht pafsten, einbegreifen, sodafs die Organisierung eines Ausstandes eigentlich schlechthin strafbar wurde. Ebenso wurde der Versuch unter Strafe gestellt, einen Unternehmer zu zwingen, in irgend welcher Weise seine Geschäftsführung auch beziehentlich der Arbeiter einzurichten, insbesondere die Zahl der Lehrlinge zu beschränken 1 . Die angedrohte Strafe ist Gefängnis bis zu drei Monaten und wird auf dem Wege eines aufserordentlichen Verfahrens von den Friedensrichtern erkannt; das Zugeständnis einer Berufung gegen die Entscheidungen des Friedensrichters war um deswillen von geringer Bedeutung, weil die Berufung an die Quarter-Sessions ging, in denen das Element der Friedensrichter, d. h. in industriellen Grafschaften das der Arbeitgeber, ebenfalls überwog. Aufserdem trat, da das Gesetz von 1824 aufgehoben wurde, das gemeine Strafrecht wieder in Kraft und wurde mit seinen weit härteren Strafen auf Verschwörung in der Folgezeit vielfach gegen Gewerkvereine und Ausstände angewandt 2 . 1 Auch dieses Verbot ist allgemein, indem es an die vagen Bedingungen „violence to person or property, threads or intimidation, molesting or in any way obstructing another" geknüpft ist. 2 Als „Conspiracy" galt „a combination to injure an individual or a class otherwise than by a criminal or fraudulent act", eine Theorie, welche z. B. von Lord Bramwell 1867 imd Lord Esher 1872 angewand wurde. Heute ist die Theorie eine andere, so die Criminal Code Com- missioners 1878 und Justice Stephen in seinem „Criminal Digest": „con- — 234 — Wie sehr das Gesetz von 1825 ein Kampfgesetz war, zeigt seine Einleitung. „ in Erwägung, dafs die Koalitionen schädlich für Industrie und Handel, gefährlich der Kulie des Landes und ganz besonders zuwider den Interessen aller derer laufen, welche an ihnen beteiligt sind —Erreicht war im Vergleich zu dem Zustand vor 1824 lediglich die grundsätzliche Anerkennung, dafs es Verbündungen unter Arbeitern geben könne, welche gesetzlich erlaubt seien, obgleich fast alle Handlungen, um solchen Verbündungen Erfolg zu verschaffen, strafbar blieben. Trotzdem ist es der Rechtszustand des Gesetzes von 1825, unter welchem sich die englischen Gewerkvereine zu ihrer Bedeutung entwickelten, die sie gegen Beginn der siebziger Jahre einnahmen, ein Beweis, wie sehr es sich hier um eine Bewegung handelt, welche die Ungunst des Gesetzes nicht unterdrücken, sondern höchstens aus gesetzlichen Bahnen herausdrängen kann. Das Gesetz von 1825 befreite nur solche Arbeiter von der Strafe, welche zusammenkamen, um über die Löhne oder Arbeitsstunden der Anwesenden zu heschliefsen — wodurch bereits jede gewöhnliche Geschäftsführung eines Ge- werksvereins durch Beamte strafbar blieb. Ferner blieben alle Verabredungen anderer Art z. B. die, nicht in Gesellschaft bestimmter Personen zu arbeiten, andere Personen zur Arbeitseinstellung zu überreden u. s. w., auch soweit sich nur die Anwesenden verpflichteten, strafbar. Thatsächlich konnte kein Arbeiter irgend welche Handlung als Mitglied eines Gewerkvereins vornehmen, ohne sich eines Vergehens schuldig zu machen. Wie früher erfolgten bei jedem gröfseren Ausstand zahlreiche Verurteilungen, welche gewöhnlich weithin spiracy to injure otherwise than by fraud finds no place amongst crimes known to the law". Vergl. Law Quarterly Review, April 1890. — 235 — in den Arbeiterkreisen Bewegung hervorriefen. So waren es daher auch jetzt noch aufsehenerregende Verurteilungen, so z. B. die von sechs Arbeitern aus Dorchester zu siebenjähriger Deportation (1834), welche den bestehenden Klassengegensatz nährten und forterhielten. In ähnlicher Weise wirkte, dafs Veruntreuungen von Gewerkvereinsgeldern straflos blieben, da die Vereine in keiner Weise gesetzlich anerkannt waren. (Fall Hornby gegen Close 1866.) Bezeichnend ist, dals das Whig-Ministerium, welches mit der Reformbill die Arbeitgeber zur Herrschaft brachte, selbst diesen spärlichen Rest der Koalitionsfreiheit in Frage zu stellen drohte. Gerettet wurde derselbe durch seinen augenscheinlichen Erfolg, indem z. B. bereits ein parlamentarischer Aus- schul's im Jahre 1838 berichtete, dafs die Verbündungen der Arbeiter zwar sehr weit ausgedehnt, auch für die Arbeitgeber häufig sehr unbequem seien, trotzdem die Arbeitsausstände gegen früher einen friedlichen Charakter angenommen hätten, und nur in einigen Ausnahmsfällen noch zu Gewalttätigkeiten Anlals gäben. Die Durchschnittsauffassung jener Zeit betrachtete die Gewerkvereine als gesetzwidrige Verbündungen, welche die schwachen und unwissenden Arbeiter vergewaltigten, als das Erzeugnis von Agitatoren, die aus ihnen ihren Lebensunterhalt machten, und mit denen zu verhandeln den Arbeitgeber entehre. Nicht selten legten die letzteren als Sieger nach einem Lohnkampfe den Arbeitern die Bedingung auf, ihrem Ge werk verein abzuschwören, was natürlich die Vereine nicht sprengte, wohl aber die Arbeiter zur Unwahrheit und Heimlichkeit zwang. Am bekanntesten ist das den vereinigten Maschinenbauern nach ihrer Niederlage 1852 abgenommene Versprechen, ihren Verein aufzulösen, welcher thatsächlich mit — 236 — neuer Kraft auflebte und seitdem der kräftigste aller englischen Gewerkvereine wurde. Die gröfste Gefahr aber drohte den Gewerkvereinen zu zu Anfang der sechziger Jahre. Seitens einiger Sheffielder Gewerkvereine waren unter der Leitung eines gewissen Broadhead eine Reihe verbrecherischer Einschüchterungsversuche gegen Nicht-Gewerkvereinsarbeiter unternommen worden. Die öffentliche Meinung sah in diesen Verbrechen das Erzeugnis gewerkvereinlichen Geistes überhaupt. Die That- sache war, dafs die Arbeiterzustände der Sheffielder Gewerbe ganz exceptionelle waren — wurde doch die grofse Mehrzahl ihrer Arbeiter nicht älter als 30 oder 32 Jahre, in einzelnen Gewerben nicht älter als 28 1 — während andererseits diese Gewerbe aus eigentümlichen, unten zu erwähnenden Gründen einer starken Organisierung der Arbeiter ganz besondere Schwierigkeiten in den Weg setzen. Diese aus- nahmsweisen Verhältnisse hatten den Anlafs zu jenen Verbrechen gegeben. Man sprach in Presse wie Parlament offen die Ansicht aus, dafs die Sheffielder Vorfälle eine Verschärfung der Gesetzgebung und Unterdrückung der Koalitionen verlangten. Die Haupteinwände gegen die Gewerkvereine, durch welche die Arbeitgeberpartei ihrer Feindschaft ein theoretisches Gewand gab, waren immer noch die, dafs sie die Freiheit des einzelnen Arbeiters beschränkten und in die natürliche Regelung des Arbeitsmarktes durch Nachfrage und Angebot künstlich eingriffen. Wenn von den 800000 industriellen Arbeitern des Landes etwa 530000 diesen Vereinen angehörten, so sei dies ein Zustand weitgehender Tyrannei, den der Gesetzgeber nicht dulden dürfe. 1 Vergl. Brentano, Arbeitergilden I, S. 284. Aber die Zeiten waren seit 1825 andere geworden. Die Gewerkvereine verlangten selbst eine möglichst eingehende Untersuchung ihrer Verhältnisse, welche darthun würde, dai's sie mit jenen Verbrechen nichts gemein hätten. Infolge des von Carlyle ausgegangenen Anstofses waren damals den Arbeitern gewichtige Verteidiger erwachsen, so der Genossenschafter Thomas Hughes und vor allem der Positivist Frederic Harrison. Sie brachten die Ansicht zur Geltung, dafs die Gewerkvereine weit entfernt die Freiheit des einzelnen aufzuheben, den Arbeiter erst freimachten, d. h. ihn in die Lage brächten, an der Festsetzung der Arbeitsbedingungen wie ein anderer Verkäufer mitzuwirken, dafs sie erst die Voraussetzungen schüfen, von denen die Nationalökonomie bei Behandlung des Arbeitsverhältnisses ausgehe, dafs es daher die schreiendste Ungerechtigkeit sein würde, wenn man sie unterdrücken wolle, eine Ungerechtigkeit, die auch nur zu versuchen England von einem Ende zum andern in den blutigsten Bürgerkrieg stürzen würde, den es jemals gegeben habe. Dabei zeigten sie, dafs in den Gewerkvereinen die Keime für eine Neuordnung der Industrie gegeben seien, welche an Stelle der bestehenden Anarchie treten werde, und dafs, wo vereinzelt ein gewaltthätiger Geist noch in ihnen lebe, dies die Folge der bisherigen Unterdrückung sei. (Vergl. Bd. I, S. 421, Bd. II, S. 68.) Dazu kam dann noch das Werk von Thornton und im Anschlufs an ihn die Bekehrung von John Stuart Mill. In den Verhandlungen über die einzusetzende Kommission traten Ansichten zu Tage, welche auch auf Seiten der Arbeitgeber, und unter ihnen der besonders hervorragenden, einen ungeheuren Fortschritt gegen die Debatten der Jahre 1824 und 1825 bekunden. So vertrat bereits ein Grofs- industrieller und Arbeitgeber von 5000 Arbeitern, Sir Francis Crofsley, den Standpunkt, welcher allein die Grundlage des — 238 — socialen Friedens abgeben kann. Er gestand den Arbeitern das Recht zu, ihre Arbeit so gut als möglich zu verkaufen, wie ja auch die Unternehmer mit ihren Waren den besten Markt suchten. Wie bei Verkauf ihrer Fabrikate, so hätten die Arbeitgeber auch beim Kauf der Arbeit zu verfahren, d. h. mit der Gegenpartei zu verhandeln und Vernunftgründe mit Vernunftgründen zu begegnen. Nach seiner Meinung, sagte der Redner, seien die Kämpfe in der Industrie nicht weniger auf Fehler der Arbeitgeber wie der Arbeiter zurückzuführen. Wenn man nicht so sehr bestrebt wäre, die Preise der Arbeit zu drücken, und einen versöhnlicheren Geist zeigte, so würden weniger Ausstände und Gesetzesverletzungen zu beklagen sein. Auch dürfe man nicht zu viel von der Gesetzgebung erwarten, vielmehr könnten praktische Erfolge nur hervorgehen durch weise Mäfsigung der Arbeitgeber wie der Arbeiter in ihren persönlichen Beziehungen und gegenseitigen Verhandlungen. Wenn die Unternehmer mehr darauf sähen, die besten anstatt der billigsten Erzeugnisse hervorzubringen, so würden weniger Ausstände stattfinden. In den Parlamentsverhandlungen von 1870 und 1871 ist der Grund, weshalb aufgeklärte Arbeitgeber vollständige Legalisierung der Arbeiterverbündungen befürworten, bereits der, dafs man dadurch allein die kostspieligen Lohnkänipfe vermeiden und friedliche Beziehungen mit den Arbeitern herbeiführen könne. So sagt z. B. Mundella, dafs die Gewerkvereine, obwohl er die ihnen anhaftenden Schwächen wohl kenne, allein dem Arbeitgeber das Mittel böten, an die Arbeiter „en masse" heranzukommen, um mit ihnen zu verhandeln. Ein anderer Arbeitgeber, welcher seit vierzig Jahren einem Gewerkverein gegenübergestanden hatte, bestätigte, dafs in seinem Gewerbe, der Teppichfabrikation, soweit seine Kenntnis zurückgehe. Ausstände überhaupt nicht vorgekommen seien, sondern stets — 239 — alle Fragen durch friedliche Verhandlungen zwischen dem bestehenden starken Gewerkverein und den Arbeitgebern entschieden worden seien 1 . Andere weisen darauf hin, dafs Ausstände, durch welche sie geschädigt worden seien, deswegen ausgebrochen waren, weil die betreffenden Vereine der Arbeiter zu schwach organisiert und die Führer nicht in der Lage gewesen seien, den unverständigen Massen Halt zu gebieten. Auch werden Gewerkvereinler als die besseren Arbeiter gegenüber Nichtgewerkvereinlern bezeichnet. Daneben aber machten sich auf der anderen Seite noch die früheren Auffassungen vernehmbar. Es sei für den Arbeitgeber ein unwürdiges Verhältnis, mit dem Arbeiter zu verhandeln, unrichtig, ihn „en masse" zu behandeln. Das wünschenswerte sei ein persönliches Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und dem einzelnen Arbeiter und dieses hätten die Gewerkvereine zerschnitten. Die Untersuchungen der Kommission von 1867—1869 waren aufserordentlich eingehend; ihre Ergebnisse sind in sechzehn Bänden enthalten und durch das Buch Brentanos in Deutschland bekannt geworden. Sie waren den Gewerkvereinen günstig und bewiesen, dafs die vorgekommenen Ausschreitungen auf wenige und meist unbedeutende Vereine beschränkt geblieben waren. Auch zeigte sich, dafs das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter dort, wo keine Koalitionen bestünden, zwar nicht friedlicher, wohl aber für den Arbeiter schlechter, ja stellenweise hoffnungslos sei. Die Folge dieses Ergebnisses waren Anträge auf Legalisierung der Gewerkvereine und, nunmehr von vielen und bedeutenden Arbeitgebern unterstützt, die Gesetzgebung von 1871—1876. Die Stimmung des Parlamentes war in 1 Vergl. Hansarcls Deliates. Tliird Series. Vol. 205, S. 813. — 240 — auffallend kurzer Zeit umgeschlagen. Noch bei Einsetzung der Konnnission wurde vielfach die Notwendigkeit stärkerer Suppressivgesetze verteidigt. Wenn man wenige Jahre darauf die Koalitionsfreiheit in dem Umfange anerkannte, dafs der Arbeiter in dieser Richtung heute schlechterdings keine Wünsche mehr hat, so liegt der eigentliche Grund darin, dafs durch das Reformgesetz von 1868 die Arbeiter zu einer politischen Macht geworden waren, welche die liberale Partei nicht mehr vernachlässigen konnte. Wenn diese Partei im Anfange der siebziger Jahre durch mehrere Gesetze die Gewerkvereine legalisierte, so war dies der erste Schritt jener allmählichen Entwicklung, welche diese Partei in eine Vertreterin der Arbeit verwandelt und die Bildung einer besonderen Arbeiterpartei in der Art der deutschen Socialdemokratie bisher verhindert hat. Die Trades-Unions Acts von 1871 und 1876 gewähren den Gewerkvereinen, unter der Bedingung, dafs sie ihre Statuten registrieren lassen, diejenigen Rechte, welche den Friendly societies auf Grund früherer Gesetze bereits zustehen, d. h. die Rechte der juristischen Persönlichkeit. Sie können klagen und verklagt werden, Eigentum an Fahrnis und Liegenschaft besitzen und haben einen summarischen Prozefs gegen ihre Beamten wegen Veruntreuung. Aufserdem besitzen sie Erleichterungen beziehentlich der Vererbung von Gesellschaftsanteilen u. s. w. Das Gesetz von 1871 erfuhr durch das von 1876 weitere Ausgestaltung, welches ausdrücklich in Ubereinstimmung mit den Führern der Gewerkvereine erlassen wurde. Einmal erleichtert das Gesetz die Übertragung des in der Bank von England oder Irland angelegten Vermögens der Vereine auf neue Treuhänder (Trustees) für den Fall, dafs die bisherigen in Vermögensverfall und ähnliches geraten. Ferner dehnt das Gesetz den Gerichtsstand der — 241 — Gewerkvereine dahin aus, dai's sie nun nicht mehr blol's am Orte ihres Geschäftsmittelpunktes, sondern auch dort, wo eine Veruntreuung gegen sie begangen wurde, auf Schadenersatz gerichtlich vorgehen können. England ist von dem Grundsatze der Körperschafts- freiheit 1 heute thatsächlich nicht mehr weit entfernt— ein Sieg der socialen Rechtsauffassung über die individualistische, da diese letztere nur in ausnahmsweisen Fällen Mehrheiten von Individuen auf künstliche Weise durch Staatsakt die Rechtspersönlichkeit beilegt. In neuester Zeit wurde von englischen Juristen die Frage angeregt, oh nicht das Recht den letzten Schritt thun und jede Gesellschaft, welche auf formelle Weise, d. h. durch Eintragung, ihre Existenz darthue, als rechts- und vermögensfähig anerkennen solle. Der Friendly Societies Act von 1855 gab bereits dem Staatssekretär die Befugnis, auf weitere Zwecke aufser den vom Gesetze für die Friendly societies zugelassenen den Rechtsvorzug der juristischen Persönlichkeit auszudehnen. Diese Bestimmung, welche das Gesetz von 1875 wiederholte (Consolidation Act 1875, 88 und 39 Vict. cap. 60 sec. 8 [5]), hat thatsächlich zu wiederholten Ausdehnungen der Körperschaftsrechte geführt, so z. B. im Juli 1878 auf alle Gesellschaften zur Beförderung von Litte- ratur, Wissenschaft und Kunst. Die Bestimmungen sind in der That heute so weit gefai'st, dafs fast alle Vereine aufser solchen zu geschäftlichen Zwecken, für welche ebenfalls die weitgehendste Freiheit herrscht, durch einfache Registrierung jene Rechte erwerben können. Durch Übergang zur vollen Körperschaftsfreiheit würden die besondere Arten von Vereinen 1 Uber die Körperschaftsfreiheit als Forderung der germanistischen Rechtsauffassung vergl. Gierke an wiederholten Stellen, insbesondere auch sein Gutachten für den XIX. Juristentag (Verhandlungen B. II). v. Schulze-G aev ernitz, Zum soc. Frieden. IT. 16 — 242 — privilegierenden Gesetze, also auch die Gewerkvereinsgesetze hinfällig werden. Während so die den Gewerkvereinen gewährten Rechte auf Grund der neuesten Rechtsentwicklung kaum noch als Bevorzugung erscheinen, so ist festzuhalten, dafs der politische oder halbpolitische Charakter eines Vereins in England Anlafs zu besonderer Behandlung niemals geboten hat. Wenn man sich heute dem Grundsatze der Körperschaftsfreiheit nähert, so besteht seit Aufhebung der „combination laws" die Voraussetzung desselben, die Vereinsfreiheit. Selbst die social- revolutionäre Bewegung des Chartismus gab allein zur Bestrafung begangener Verbrechen Anlafs, und zwar zeitweise zu sehr strenger Bestrafung, nicht aber zur polizeilichen Überwachung und Unterdrückung verdächtiger Vereine. Die Voraussetzung der Vereinsfreiheit ist das Versammlungsrecht, insbesondere das der Versammlungen unter freiem Himmel, auf welche eine Massenbewegung angewiesen ist. Dieses Recht gilt seit jeher als Grundrecht des englischen Bürgers. Dadurch, dafs man den Versammlungen des Arbeiters ihre ungehinderte Entfaltung liefs, haben sie allmählich jene Sachlichkeit und Ordnung angenommen, welche festländische Beobachter in Staunen setzt. Dafs sie nicht immer so waren, beweist das über die Chartisten gesagte. Die Folgen dieses Zustandes liegen nicht fern. In Frankreich besteht die weitgehendste Aufsicht des Staates über die Vereine, deren Statuten durchweg der Genehmigung der Verwaltungsbehörden unterliegen 1 ; noch unter dem zweiten Kaiserreich war dort die Versammlungsfreiheit so wenig anerkannt, dafs man Versammlungen ausständiger Arbeiter häufig verbot und polizeilich auflöste. Frankreich hat damit 1 Gesetz vom 10. April 1834. Code penal art. 291. — 243 — die Fähigkeit der Selbsthülfe und das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit untergraben; seine Arbeiter erwarten alles vom Staate, welchen sie für allmächtig halten, die socialen Schäden, wirkliche wie eingebildete, zu beseitigen. Wenn der Staat jener Erwartung nicht entspricht, so mifst man die Schuld der bestehenden Verfassung bei. Man brauche diese nur zu ändern, d. h. die Staatsgewalt den Besitzenden zu entreifsen und in die Hand der Besitzlosen zu bringen, um ein goldenes Zeitalter heraufzuführen. Hierin aber besteht der Grund jener soeialrevolutionären Gesinnung, welche in dem Mafse heute die Völker Europas beherrscht, als der Staat die in Verbündungen sich äufsernde Selbsthülfe der Schwachen unterdrückt und damit die Zwischenglieder vernichtet, welche den einzelnen mit dem bestehenden verbinden. Andererseits aber wurden die altehrwürdigen Grundlagen der englischen Freiheit die Vorbedingungen für jene durchaus moderne Entwicklung, weiche statt zur Revolution zum socialen Frieden führt. Ein endgültiger Friedensschlufs freilich war erst möglich mit der Aufhebung jener Strafgesetze, welche die Ausübung der dem englischen Bürger zustehenden Freiheiten für den Arbeiter erschwerten. Es geschah dies durch den Criminal law amendement Act von 1871 und den Conspiracy and Protection of Property Act von 1875. Von den die Arbeiter- verbündungen bedrohenden Strafgesetzen erwähnten wir oben das von 1825. Ungünstiger aber noch als die statutarischen Bestimmungen war hier wie an anderen Stellen für den Arbeiter die von den richterlichen Beamten entwickelte gemeinrechtliche Doctrin. Jede Verbindung von Arbeitern zur Erhöhung der Löhne konnte danach, weil gegen das öffentliche Wohl gerichtet, als Verschwörung (conspiracy) bestraft werden. Die 16* — 244 — Eigentümlichkeit des englischen Strafprozesses bewirkte, dal's diese Theorie zwar nur in Ausnahmsfällen angewendet wurde, dann aber gerade in ihrer Unbestimmtheit als Verfolgung einer Klasse der Gesellschaft zu Gunsten der anderen empfunden wurde. Beschränkt wurden die statutarischen wie die gemeinrechtlichen Strafbestimmungen zuerst durch das Gesetz von 1871. Schon die vom Parlamente vorgenommene Ausscheidung des strafrechtlichen Stoffes aus dem die privatrechtlichen Verhältnisse der Gewerkvereine regelnden Gesetz ist für den Geist der Gesetzgebung bezeichnend. Man wollte auch den Schein vermeiden, als ob man gegen die Gewerk- vereinler Ausnahmebestimmungen erlasse. Trotzdem behaupteten auch jetzt noch die Verteidiger der Arbeit im Parlament, dal's der Arbeiter ungünstiger als jeder andere Bürger behandelt werde. Es sei zwar klar, dafs Zwang, so weit er mit ungesetzlichen Mitteln geübt werde, also auch der Zwang zur Arbeitseinstellung oder Nichtannahme von Arbeit, das Einschreiten des Strafgesetzes rechtfertige. Auch habe das Gesetz solche Fälle allein wohl im Auge gehabt; die Rechtsprechung jedoch habe diese Grenze überschritten, indem sie den vom Gesetz gebrauchten Ausdruck „coerce" als gleichbedeutend mit „veranlassen" auslegte. So wurde z. B. auf Grund des Gesetzes von 1871 ein Arbeiter von dem Polizeigericht in Hainmersmith verurteilt, welcher lediglich zum Ausstand auffordernde, gedruckte Aufrufe austeilte, also gewifs nicht einen auch sonst strafbaren Zwang, sondern lediglich eine für den gewöhnlichen Bürger straflose Beeinflussung anderer vornahm. Welche Empfindungen ein Ausnahmegesetz selbst in Arbeitern .wachruft, die wie damals die Gewerkvereine bereits voll auf dem Boden des Bestehenden standen, zeigen folgende Worte aus einer dem Ministerium — 245 — des Inneren März 1872 überreichten Denkschrift des Gewerk- vereinsausschusses: das Gesetz von 1871 sei gegründet auf die Annahme strafbarer Gesinnungen bei demjenigen bedeutenden Bruchteil Ihrer Majestät Unterthanen, welche unter dem Namen Gewerkvereinler bekannt seien, obgleich diese „so gesetzlich gesinnt seien wie jeder andere Teil Ihrer Majestät Unterthanen, sowohl gegenüber einer offenen als einer geheimen Verletzung des Geistes wie Buchstabens der Landesgesetze" 1 . Eine wirklich gleichmäfsige Behandlung der wirtschaftlichen Bestrebungen der Arbeiter mit denen der übrigen Bürger wurde gewährt durch den 1875 erlassenen „Conspiracy and Protection of Property Act". Ein Fallenlassen aller Strafbestimmungen und einfache Unterstellung aller in Verbindung mit Ausständen vorkommenden Handlungen unter das bestehende Strafrecht wurde selbst von den beiden bedeutendsten „Verteidigern der Arbeit", Thomas Hughes und Frederic Harrison, nicht gefordert. In ihrem dem Bericht der königlichen Kommission von 1867 beigegebenen Gutachten (Third Report Dissent LIII) sagen vielmehr die genannten Herren: „Die Politik, ausnahmsweise Strafen auf die arbeitende Bevölkerung als solche zu legen und so bei dieser Klasse ausnahmsweise Vergehen zu statuieren, scheint uns grundsätzlich verfehlt und seit lange aufser Ansehen gekommen. Nichts aufser einer aufsergewöhnlichen Gefahr für die öffentliche Sicherheit kann eine solche Anomalie rechtfertigen". Das Gesetz von 1875, welches das gemeine Recht wie das Gesetz von 1871 aufhebt, bemüht sich diese aufsergewöhnlichen Fälle einer öffentlichen Kalamität, von 1 Angeführt bei George Howell, Conflicts of Capital ancl Labour S. 308. — 246 — denen einer Schädigung wenn auch noch so gewichtiger Privatinteressen zu trennen und läfst im ersten Falle unter gewissen Umständen Bestrafung eintreten, jedoch nur unter der Voraussetzung des Vertragsbruchs. Liegt ein solcher nicht vor, so ist unter allen Umständen Strafe unmöglich. Gewöhnlich ist jedoch auch der Vertragsbruch straflos. Strafbar ist er nur dann, wenn er die Wasser- oder Gaszufuhr für eine Stadt abschneidet 1 (Abteilung IV) oder mit Bewufstsein der Wahrscheinlichkeit dieses Erfolges auf Seiten des Vertragsbrechers „in seinen Folgen, sei es allein, sei es in Verbindung mit anderen Umständen, menschliches Leben gefährdet, schwere Körperverletzung verursacht oder wertvolles Eigentum, bewegliches wie unbewegliches, der Zerstörung oder schwerer Beschädigung aussetzt". Strafbar bleibt ferner Einschüchterung, Belästigung und Überwachung anderer, wenn sie in der Absicht geschieht, sie zu einer Handlung oder Unterlassung zu zwingen, welche ihnen rechtlich freistellt; es ist bei dieser Strafbestimmung (Abteilung VII) das Wort „coeree" durch den engeren Ausdruck „compel" ersetzt, welches sich nur auf unmittelbaren Zwang anwenden läfst. Demnach können ausständige Arbeiter z. B. Wachen (picket) ausstellen, um sich zu vergewissern, wer zur Arbeit geht, oder um andere zur Einstellung der Arbeit zu überreden. Straflos ist also die Aufforderung zum Vertragsbruch. Strafbar wird die Handlung erst dann, falls die ausgestellten Wachposten nicht eine gütliche Überredung, sondern eine Zwangsausübung beabsichtigen, z. B. auch wenn sie in solcher Menge aus- 1 Daher der letzte Gasarbeiterausstand, weil diese Arbeiter eine kurze Kündigungsfrist haben müssen. Arbeitseinstellungen ohne vorhergehende Kündigung sind in England überhaupt selten; so erfolgte der grofse Kohlenarbeiterausstand Frühjahr 1890 durchweg nach Kündigung seitens der Arbeiter. — 247 - gestellt würden, dal's der Zugang zu der Arbeitsstätte erschwert oder unmöglich gemacht würde. Mit diesem Rechtszustande darf die geschilderte gesetzliche Entwicklung als abgeschlossen betrachtet werden, indem sich die Gewerkvereine selbst mit ihr einverstanden erklärt haben. Nun erst haben Verurteilungen die beabsichtigte Wirkung, nachdem sie nicht mehr von einer grofsen Klasse der Staatsangehörigen als Ungerechtigkeit empfunden werden. Wenn seitdem ausständige Arbeiter versuchten, andere zur Arbeitseinstellung gesetzwidrig zu zwingen, so haben wiederholt die Centraileitungen der Gewerkvereine nach TJnter- breitung des Falls seitens der Arbeitgeber die Zahlungen zur Führung des Ausstands an den Zweigverein eingestellt; in anderen Fällen haben sie die gerichtliche Verteidigung von Arbeitern abgelehnt, welche auf Grund eines ähnlichen Thatbestandes verfolgt wurden. Mit der Gesetzgebung von 1871—1876 ist auch der Grund des Mifstrauens gefallen, welcher bisher die Arbeiter von den oberen Klassen, insbesondere den Arbeitgebern trennte. Es ist wunderbar, in wie kurzer Zeit sich seitdem der Umschwung vollzogen hat, welcher aus den früher als staatsgefährlich geltenden Gewerkvereinen ein wichtiges und mehr und mehr ein- flul'sreiches Glied der liberalen Partei macht 1 . Nicht viel mehr denn zehn Jahre, seitdem die kapitalistische Presse die Austil- gung der Arbeiterverbündungen durch die Schärfe des Gesetzes verlangt hatte, waren vergangen, als der Schriftführer des parlamentarischen Ausschusses der Gewerkvereine, Herr Broad- hurst, ein Mann, der sich vom einfachen Maurer zum Vorsteher seines Gewerkvereins emporgearbeitet hatte, Unter- 1 Als politische Vertretung der Gewerkvereine ist das seit 1871 bestehende „Parliamentary Committee" anzusehen, welches an dem letzten Tage der jährlichen Gewerkvereinskongresse (seit 1868) gewählt wird. — 248 — Staatssekretär im Ministerium Gladstone (1880) wurde. Diese Thatsache ist mehr bezeichnend als alles andere für die nicht nur theoretisch ausgesprochene, sondern politisch wie gesellschaftlich verwirklichte Gleichberechtigung der Arbeiter. Der sociale Friede kann erst dann als geschlossen angesehen werden, wenn die Thatkraft und der Ehrgeiz der geistig und als Charaktere voranstehenden Arbeiter nicht mehr im Gegensatz zum Staate, sondern im Staate seine Befriedigung findet, wenn ihm die höchsten Staatsämter, welche die Regelung der Arbeit betreffen, offen stehen. Mit Stolz fühlt sich dann der Arbeiter als einen bedeutenden und mächtigen Bestandteil des Bestehenden 1 . Hiermit wird auch wieder ein persönliches Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter möglich, nachdem das alte Autoritätsverhältnis hinweggefallen ist. Freilich ist jede Spur von Abhängigkeit der Arbeiter geschwunden; die Beziehungen beider, soweit sie nicht rein wirtschaftlicher Natur wie die zwischen zwei Kaufleuten sind, tragen den Charakter eines politischen Bündnisses selbständig denkender Männer, welches auf Grund des gemeinsamen Interesses, nämlich der industriellen Gröfse Englands, und derjenigen Ideen abgeschlossen ist, welche heute in gleicher Weise den fortgeschrittenen Teilen der Arbeiter wie Arbeitgeber am Herzen liegen. Welcher Art dieselben sind, zeigt z. B. das Wahlprogramm eines 1 Es sei erlaubt hier eines Gespräches zu gedenken, welches ich vor der Börse zu Manchester, deren ungeheurem Gewühl ich soeben entronnen war, mit einer den Arbeiterkreisen angehörigen Persönlichkeit hatte. „Dort", sagte mein Begleiter, auf die Börse weisend, „hat die eine und ältere Macht Lancashires ihren Sitz. Dies aber", fuhr er fort, auf ein einfaches Geschäftsschild an einem der Nachbarhäuser deutend, welches anzeigte, dafs hier die Zeitung der Baumwollenarbeiter ihr Geschäftslokal hatte, „dies erinnert Sie an die andere, jüngere und in Zukunft wohl bedeutendere Macht Lancashires". — 249 — grofsen Arbeitgebers aus Manchester, dessen Wahl (Frühjahr 1889) in einem rein industriellen, von den Stimmen der Arbeiter abhängigen Wahlkreise vor sich ging. Der Kandidat erklärt darin, dafs er aus vollem Herzen ein Anhänger der Gewerkvereine sei, und den Glauben habe, dafs dieselben bei intelligenter Verfolgung ihrer Zwecke, zum Gedeihen der englischen Industrie beitrügen; er erklärt sich ferner für einen Freund der Mäfsigkeitsbewegung, welche in England mit der liberalen Sache verknüpft ist, einen Anhänger des Prinzips der Nichteinmischung in auswärtige Angelegenheiten, einen Befürworter der internationalen Schiedsgerichte und der Lösung der irischen Frage im Sinne der Decentralisation. Auch zeigt das Glaubensbekenntnis des Kandidaten jene socialistische Abtönung, welche früher bei einem liberalen Arbeitgeber in England unmöglich gewesen wäre. Er verlangt Eingriff des Staates zum Wohle der Massen, aber führt bezeichnenderweise nur das Beispiel der Volkserziehung an, für welche der Staat mehr als bisher in Thätigkeit zu setzen sei, insbesondere für die technisch gewerbliche Seite der Erziehung. Am Schlüsse wird auf das allgemeine Interesse hingewiesen, welches Arbeiter und Arbeitgeber verbindet; als Grofsindustrieller sei der Kandidat identisch mit den Interessen des Wahlkreises und der Wähler. Dafs aber heute mehr als ein kühl verstandesmäfsiges Bündnis, dafs wieder persönliche Bande zwischen Arbeiter und Arbeitgeber möglich sind, auch hierfür war mir der soeben erwähnte Wahlfeldzug ein Beispiel. Der Kandidat beschäftigt vorwiegend Arbeiter, die dem Gewerkverein der Maschinenbauer angehören. Bekanntlich ist derselbe einer der mächtigsten in England mit mehr als 50000 Mitgliedern und mehreren Millionen Mark Vermögen; seine Angehörigen rechnen zu den fortgeschrittensten Arbeitern, bei — 250 — denen jede Spur patriarchalischer Abhängigkeit geschwunden ist. In Ländern, wo die Arbeiterbewegung in staatsfeindliche Bahnen gedrängt ist, hätten diese Arbeiter wie ein Mann für einen Anhänger jener Richtung gestimmt. In England thaten sie sogar mehr, als für den Arbeitgeber zu stimmen, was man vielleicht auf ausnahmsweise Verhältnisse hätte zurückführen können. Es handelte sich nämlich um eine Wahl in einem anderen Wahlbezirke, als dem, wo der Kandidat seine Werke hat; in beiden waren die Maschinenbauer gleich stark vertreten. Damals nun trat die Centralleitung des Gewerkvereins, welche in London ihren Sitz hat, in der Person ihres Schriftführers, eines altbewährten Kämpen, der bis in die Chartistenzeit hinein stets unter den ersten in der Arbeiterbewegung gestanden hat, für die Wahl des Arbeitgebers ein. Sein Schreiben ist so bezeichnend für das, was auf dem Gebiete des socialen Friedens in England während des Jahrhunderts erreicht ist, wenn man es etwa mit jener oben abgedruckten Eidesformel vergleicht, in der sich die Arbeiter selbst zum Morde der „Fabriktyrannen" verpflichten, dafs ich es wörtlich wiedergebe. „In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben vom 9. März, erkläre ich, dafs Herr einer der besten Arbeitgeber in Lancashire ist, und dafs, wenn ich hundert Stimmen hätte, er sie alle haben sollte. Seine Firma war die erste, welche den neunstündigen Arbeitstag gewährte; während der letzten Geschäftsstockung hat sie keine Lohnherabsetzung vorgenommen und Herr .... erklärte mir, dafs er noch den Tag zu erleben hoffte, da die Arbeiter etwas mehr als die Löhne empfangen sollten 1 . Als 1 Bezieht sich auf den Plan einer Gewinnbeteiligung durch Verteilung eines Bonus. Ein Zeichen, dafs die Gewerkvereine durchaus nicht grundsätzlich gegen diese Art der Löhnung sind, zu welchem Mifs- verständnis der letzte Gasarbeiterausstand Anlafs gegeben hat. Vergl. oben S. 199. — 251 — Freund der Armen und Bedürftigen übertrifft ihn keiner und er ist einer der gröfsten Befürworter einer gesunden Erziehimg für die Kinder der arbeitenden Klassen aller Bekenntnisse. Ich spreche von Herrn , wie ich ihn seit fünfundzwanzig Jahren erfunden habe, als einen, der nach meiner Meinung stets das Gute zu thun sich bemüht hat. Indem ich ihm jeden Erfolg wünsche, bin ich Festländische Beobachter haben nun zwar behauptet, dals durch das Aufkommen der mit dem Namen John Burns bezeichneten Richtung der soeben geschlossene Friede bedroht, ja das Wiederaufleben einer socialrevolutionären Arbeiterpartei nach dem Muster des Festlandes auch in England nur Frage der Zeit sei. Aus den oben (Kapitel VI, 3) angegebenen Gründen scheint diese Auffassung irrig. Dafs in der englischen Arbeiterwelt, welche in den Gewerkvereinskongressen heute ihre parlamentsähnliche Vertretung besitzt, sich von der anerkannten Autorität eine opponierende Linke absondert, ist aus rein menschlichen Gründen erklärlich. Aber auch für letztere Richtung gilt, dafs sie angesichts der bestehenden Verhältnisse ihre Zwecke praktisch allein auf friedlichem Wege verfolgen kann. Geht ihr Führer über den heute anerkannten Führer hinaus, so ist sein Ehrgeiz nicht Revolution und Tod auf der Barrikade, eher vielleicht statt des Unter- staatssekretariats ein Portefeuille. Blickt man auf die Geschichte der Kämpfe zurück, welche im Laufe des Jahrhunderts um die Koalitionsfreiheit geführt wurden, so enthält dieselbe sowohl für die politisch herrschenden Klassen, d. h. im England des neunzehnten Jahrhunderts die Arbeitgeber, als für die Arbeiter eine Lehre, welche ein früherer Arbeiter und heute angesehener nationalökonomischer Schriftsteller, George Howell, der gewesene Sekretär des Gewerkvereinsausschusses, in dem oben ge- — 252 — nannten Werke mit folgenden Worten ausspricht. Die englische Entwicklung lehre einmal die herrschenden Klassen, „dafs Repressivgesetze sowohl unwirksam als gefährlich und unterdrückend sind. Ihre Wirkung ist Demoralisation der Gesinnung; die Begriffe von Recht und Unrecht werden verwirrt, bis ein Gefühl erlittener Ungerechtigkeit die schlimmsten Übel der Gewaltthat und Wildheit hervorbringt. Menschen, welche wissen, dafs sie Verbrecher durch die blofsen Bestrebungen sind, die sie im Auge haben, kümmern sich wenig, ob in den Mitteln, die sie anwenden, neue Verbrechen hinzukommen". Während diese Lehre den Staatsmännern Englands heute in Fleisch und Blut übergegangen ist, machen nunmehr auch die Arbeiter die ihnen aus der Geschichte erwachsende Lehre zum Leitstern ihres Vorgehens. Nach Ansicht Howells lehrt nämlich die Vergangenheit die Arbeiter, „die Weisheit der Mäfsigung in allen ihren Forderungen einsehen, sowie verstehen, dafs ihre Pflicht gegenüber dem Staat, dessen Glieder sie sind, ihnen gebietet, friedlich und in verfassungs- mäfsiger Weise ihre Ziele zu verfolgen, indem früher oder später ihre Forderungen, wenn gerecht, von der Gesetzgebung bewilligt werden müssen. Bei ihrer gegenwärtigen politischen Macht, wenn diese weise angewandt wird, kann kein Anspruch, der auf Gerechtigkeit sich gründet, zurückgewiesen werden. Aber die, welche die Ungerechtigkeit anderer anklagen, müssen Acht haben, nicht einer gleichen Verurteilung sich schuldig zu machen durch Abweichung von den Grundsätzen der Gerechtigkeit" L 1 G. Howell, The Conflicts of Labour and Capital S. 146. London 1878. Soeben (Mai 1890) wird der Prospectus der 2. Auflage dieses Buches von Macmillan & Co. ausgegeben. Sie bringt die Darstellung der Gewerkvereine bis auf den heutigen Tag. — 253 — IV. Die Interessengemeinschaft der Arbeit mit der modernen Produktionsform. Die Fabrikgesetzgebung, mehr noch die gewerkvereinliche Organisation, welche durch die Koalitionsfreiheit ermöglicht wurde, hat die Lage des englischen Arbeiters weit über die seiner Voreltern wie seiner festländischen Genossen emporgehoben. Wären diese Fortschritte des englischen Arbeiters mit der heutigen Produktionsweise unvereinbar, ja ihr nur schädlich, so käme ihnen allein eine ausnahmsweise Bedeutung zu. Sie wären nicht der Keim, aus dem sich in allmählicher und friedlicher Umgestaltung jene Reform der Gesellschaft entfalten könnte, welche in endgültiger Weise die arbeitenden Klassen zum Mitbesitz der geistigen Güter der Menschheit emporzuheben hat, die bisher nur auf wenige beschränkt waren. Handelte es sich zwischen Arbeiter und Arbeitgeber um einen Kampf auf das Messer, so wäre es auch unmöglich, die Entscheidung der die Arbeit betreffenden Streitfragen auf die Dauer in friedliche Formen zu giefsen, wie sie sich heute in England entwickeln (vergl. das folgende Kapitel). Ebenso unmöglich wäre jenes soeben erwähnte politische Bündnis mit den Arbeitern, welches, wie jedes andere, auf Interessengemeinschaft beruhen mufs. Es wäre höchstens ein vorübergehender Waffenstillstand denkbar. Nur auf den Trümmern der heutigen Gesellschaft könnte sich die Zukunft der arbeitenden Klassen aufbauen. Jene Ausstandsbewegungen, welche Europa heute durchzucken, müfsten uns alsdann noch, wie den Gründern der Socialdemokratie um die Mitte des Jahrhunderts, als das Vorpostengeplänkel erscheinen, welches der grofsen und allgemeinen Schlacht, der von ihnen vorhergesagten — 254 — socialen Revolution, vorhergeht. Wir hätten sie als den Vorboten der Explosion, nicht als ein Zeichen noch unvollkommener Maschinerie zu betrachten, welches die Fortschritte der Technik beseitigen werden. Wenn wir nun behaupten, dafs zwischen der grofsindustriellen * Entwicklung und den Interessen der Arbeit eine wechselseitige Abhängigkeit besteht, so ist zunächst vor einem Mifsverständnis zu warnen. Wir behaupten nicht eine Interessengemeinschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, worüber zunächst einige Worte. Der Gegensatz ihrer Interessen ist in der Natur der heutigen Produktionsweise begründet. Beide haben sich in den Rest zu teilen, der nach Abzug der Produktionskosten als Lohn und Gewinn auseinanderfällt. Höhere Löhne bedeuten — die andern Faktoren unverändert angenommen — niedere Gewinne. Dieser Gegensatz, welchen Wohlfahrtseinrichtungen nicht verschleiern können, findet seine Entscheidung wie jeder wirtschaftliche Interessengegensatz in einer Machtfrage. Es ist daher unrichtig zu behaupten, dafs hohe Gewinne an sich im Interesse der Arbeiter liegen. Frivol wird jene Behauptung dann, wenn sie die Form annimmt, dafs ein luxuriöses Leben der Arbeitgeber im Interesse der Arbeiter sei. Hohe Gewinne sind es nur insofern, als sie die Möglichkeit einer Steigerung der Löhne gewähren. Auch ist dieser Gegensatz der Interessen durchaus nichts besonderes, sondern das allgemeine in der heutigen Wirtschaftsordnung. Eine reiche Ernte des amerikanischen Pflanzers erfreut das Herz unseres Baumwollenspinners doch nur deshalb, weil sie die Möglichkeit einer Herabdrückung der Baumwollenpreise eröffnet. Nicht anders steht der Arbeiter zu den Gewinnen der Arbeitgeber. Dafs die englischen Arbeiter hohe Gewinne und ein luxuriöses Leben der Arbeitgeber keineswegs als in ihrem Interesse liegend ansehen, hätte der Berichterstatter der deutschen — 255 — Industriellen bereits aus der Äufserung des Herrn Trow zu Darlington, eines der angesehensten Gewerkvereinsführer, entnehmen können, welcher „fast mit cynischer Offenheit es als das mit äufserster Konsequenz verfolgte Ziel der Arbeiterorganisationen bezeichnete, mehr und mehr von dem Gewinne der Arbeitgebei' für die Arbeiter zu erlangen" J . Aber der Gegensatz beider ist ein wirtschaftlicher, d. h. nicht derart, dafs das Ziel des Kampfes Vernichtung des Gegners ist. Beide Seiten sind von einander abhängig und können, ohne sich selbst zu schädigen, in der Bekämpfung des Gegners nicht so weit gehen, dafs sie seine Daseinsbedingungen gefährden. Das Minimum, das der Arbeitgeber dem Arbeiter gewähren rnufs, ist einleuchtend. Er ist gezwungen, ihn am Leben zu erhalten und ihn in die Lage setzen, sich zu l'eproduzieren. Wo die Löhne nahe diesem Minimum stehen, richten sie sich nach den Produktionskosten der Arbeit als eines nahezu unbeschränkt vorhandenen, beliebig zu ergänzenden Produktionsmittels. Tritt dagegen der Arbeiter als Warenverkäufer auf, was allein durch Verbündung und damit eintretende Möglichkeit der Zurückhaltung seines Angebots möglich ist, so wird ihm, wie gewöhnlich dem Verkäufer, aufser den Produktionskosten der Ware noch ein Mehr zu Teil. Das erstere war der Fall in jenem frühesten Lebensalter der Grofsindustrie, welches der Name Ricardos bezeichnet. Im Laufe des Jahrhunderts vollzog sich dann eine Hebung der Löhne und Lebenshaltung des Arbeiters, parallel gehend mit der Entwicklung seiner gewerkschaftlichen Organisierung. Im Laufe jener Kämpfe, welche nun- 1 Vergl. Berliner Volksblatt vom 26. 'November 1889 und die „Berichte der von industriellen und wirtschaftlichen Vereinen nach England entsendeten Kommission zur Untersuchung der dortigen Arbeiterverhältnisse". Berlin 1890. — 256 — mehr die Machtfrage zwischen Arbeitgeber und -nehmer entschieden, lehrten schwere und wiederholte Niederlagen die Arbeiter aber auch das Maximum kennen, das ihren Forderungen jeweils unüberschreitbar entgegensteht. Einmal kann Hebung der Löhne eintreten durch gleichzeitige Verminderung der Produktionskosten: der Kapitalzinsen, der Kosten der Maschinerie, des Rohmaterials u. s. w. Jedoch giebt es liier objektiv festliegende Grenzen. Im übrigen ist der Arbeiter auf Herabdrückung des Unternehniergewinns angewiesen. Aber auch hier giebt es ein Maximum dessen, was er jeweils erlangen kann, ähnlich dem Minimum, unter welches Herabdrückung unmöglich ist. Es ist nämlich ein bestimmter Betrag des Gewinns notwendig, um einen mit den entsprechenden Fähigkeiten ausgestatteten Unternehmer für die Industrie zu gewinnen, beziehungsweise in ihr festzuhalten. Nun ist es zwar klar, dafs diese Rate des Gewinns ebenfalls eine veränderliche Gröfse ist und durch Ausbreitung allgemeiner und technischer Erziehung in den Mittelklassen, durch Ausgleichung der Vermögensgegensätze und mit der damit erweiterten Möglichkeit der Ausbildung zum Unternehmer, durch Zunahme der aktienmäfsigen Betriebe mit bezahlten Geschäftsführern u. s. w. herabgedrückt werden kann. Wenn also auch in dieser Beziehung eine allmähliche Verschiebung zu Gunsten der Arbeiter möglich und im Laufe dfer Zeit eine Verwirklichung jener Forderungen nicht ausgeschlossen erscheint, welche die Träume unserer Gesellschaftsreformer erfüllen, so ist es doch ebenso sicher, dafs die Entwicklung jedenfalls nur äufserst langsam vor sich geht und immer eine Grenze als zeitweilig unüberschreitbar bestehen bleibt. Zunächst entzieht sich dieselbe der Kenntnis des Arbeiters. Liegt ihm doch Einsicht in das Verhältnis der Produktionskosten und der Gewinne fern. Daher ist die — 257 — Geschichte des Jahrhunderts von unglücklichen Lohnkämpfen erfüllt, welche durch Elend und Niederlagen dem Arbeiter das Vorhandensein jenes von ihm unabhängigen Maximums der Löhne aufdrängten. In gleicher Richtung wirkte die fortschreitende geistige Hebung des Arbeiters, die wachsende Einsicht in die Lage seiner Industrie, besonders wenn zu diesem Zweck eigene Beamten von den Gewerkvereinen angestellt wurden, sowie die Gewohnheit mit den Arbeitgebern durch Gründe und Gegengründe über die Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Die Arbeiter lernten die Grenzen ihrer Forderungen erkennen, statt erst durch mifsglückte Ausstände ihre Undurchführbarkeit zu erfahren; sie lernten sich mit dem möglichen zu begnügen und selbst Lohnherabsetzungen, wenn unabwendbar, über sich ergehen zu lassen. Ein fortgeschrittener Arbeiterstand fordert nur das, was er, alle wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des Augenblicks überschlagen, durchzusetzen stark genug ist. Dies ist z. B. auch die wiederholt ausgesprochene Ansicht des John Burns. Soweit es sich um die Anerkennung dieser beiden Seiten gesetzten Grenzen handelt, kann man in der That von einer beschränkten Interessengemeinschaft zwischen Arbeitergeber und Arbeiter reden. Verkannte der Arbeitgeber ursprünglich, dafs er durch Herabdrückung der Löhne unter einen gewissen Punkt die vorhandene Menge der nationalen Arbeitskraft und Arbeitsfähigkeit vermindere und damit sich selbst schädige, so ist heute, wie die industriellen Schiedsgerichte zeigen, das Recht auf das Lebensminimum der Arbeiter auch seitens der Ai - - beitgeber anerkannt. Die andere Seite der beschränkten Interessengemeinschaft besteht in der Anerkennung und Beobachtung des ihren Forderungen gesetzten Maximums seitens der Arbeiter. Was dagegen innerhalb dieser Grenzen auf Lohn und was auf Gewinn kommt, entscheidet die Machtfrage, ist Inter- v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 17 essengegensatz. Das Bewufstsein aber jener beschränkten Interessengemeinschaft zwischen Arbeiter und Arbeitgeber findet sich besonders in den friedlichen Methoden zur Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten und Festsetzung von Arbeitsbedingungen verwirklicht, wovon im folgenden Kapitel die Rede sein wird. Nach Abwehr möglichen Mifsverständnisses haben wir hier zu fragen: welche Wirkung übt es auf die nationale Produktion, wenn die Löhne sich von dem Minimum aufwärts bewegen, wenn der Arbeiter in die Lage gelangt, von dem zwischen ihm und dem Unternehmer zu verteilenden Fond einen gröfseren Teil für sich abzuschneiden? Dafs der Arbeiter, wo er das ihm jeweils gesetzte Maximum zu überschreiten sucht, stets die Produktion absolut schädigt, ist klar. Aber wir sahen, wie er, durch Schaden gewitzigt, jene Grenze im eigenen Interesse zu beobachten lernt. Dagegen bedarf es einer besonderen Untersuchung, welche Art der Verteilung innerhalb jener soeben erörterten Grenzen der Industrie am vorteilhaftesten ist. Man ist eben zu Unrecht gewohnt, alles, was dem Arbeitgeber ungünstig ist, der nationalen Produktion überhaupt schädlich zu erklären. Es handelt sieh hier um die Frage: übt die Hebung der Arbeiter, üben die sie bewirkenden Verbündungen auf die Industrie und die Konkurrenzfähigkeit mit dem Auslande einen günstigen oder schädigenden Einflufs? Diese Frage ist sehr wichtig: denn wäre das letztere der Fall, wäre der Zustand unorganisierter, nahe dem Lebensminimum befindlicher Arbeiter für die Industrie der günstigere, so würde die industrielle Entwicklung Englands, auch wenn sie zeitweise einem socialen Friedenszustand zuzuführen scheint, doch ihren eigenen Grund untergraben. Sie würde den festländischen Mitbewerbern, deren Arbeiter schlechter gestellt und unorganisiert sind, zu weichen haben, ebenso wie — 259 — das europäische Festland später der indischen, japanischen und chinesischen Konkurrenz zu unterliegen hätte. Solche Behauptungen haben nicht gefehlt. Auf dem Festlande sind in Kreisen der Arbeitgeber wiederholt Stimmen laut geworden, welche die Erstarkung der eigenen Industrie gegenüber der englischen Konkurrenz der Entwicklung der englischen Gewerkvereine zuschreiben. Man hält dies als warnendes Beispiel sowohl den eigenen Arbeitern wie den heimischen Gesetzgebern vor. Die Ansicht der Arbeitgeber aber teilen die Gründer der Socialdemokratie des Festlandes. Auch nach ihnen ist das Lebensminimum das natürliche Geschick des Arbeiters unter der heutigen Produktionsform; alle Versuche, sich darüber hinaus zu heben, sind zum Fehlschlagen verdammt. Das Urteil beider aber ist nicht unverdächtig, denn beide haben aus entgegengesetzten Gründen ein Interesse daran, den Arbeiter an das Lebensminimum zu fesseln. Demgegenüber fragen wir die Thatsachen, welche Wirkung hat die Verbesserung der Lage des Arbeiters, wie sie in Erhöhung der Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit zum Ausdruck kommt? Es ist klar, dafs sie — alle andern Umstände gleich angenommen — zunächst eine Verteuerung des Arbeiters bedeutet; als eine Verminderung des augenblicklichen Gewinns wird sie sich stets unter dem Widerstande des Unternehmers vollziehen. Es kommt jedoch hier darauf an, festzustellen, dafs neben der Verteuerung des Arbeiters ein Prozefs der Verbilligung der Arbeit hergeht; der in einer bestimmten Menge wirtschaftlicher Güter auf die Arbeit kommende Betrag strebt nach einem in der ganzen Welt ungefähr gleichen Durchschnitt, obgleich die Löhne aufserordentlich verschieden sein mögen. Ja bei den fortgeschrittensten Grofsindustrien können bei Verteuerung des 17* — 260 — Arbeiters die Kosten der Arbeit sogar eine umgekehrte Bewegung zeigen. Die Löhne des Arbeiters sind höher bei der zum Grofs- betriebe übergegangenen englischen oder amerikanischen Industrie als bei der im allgemeinen noch auf dem Übergange vom Kleinbetriebe zum Grofsbetriebe stehenden deutschen 1 , ohne dafs die Kosten der Arbeit wesentlich verschieden sind. Natürlich kann die bezeichnete Thatsache den Arbeitgeber im einzelnen Fall nicht verhindern, sich den Forderungen der Arbeiter zu widersetzen. Denn sie berührt den einzelnen nicht, sondern vollzieht sich allmählich und für die Industrie eines Landes im ganzen. Trotzdem ist sie von grofser Wichtigkeit. Denn wenn die Verteuerung des Arbeiters im Laufe der Entwicklung eine Verteuerung der Arbeit nicht mit sich geführt hat, wird die Erhöhung der Lebenshaltung, welche der englische Arbeiter errungen hat, nicht mehr ernstlich gefährdet werden können. Wir führen zunächst einige Beispiele zur Erläuterung des behaupteten Verhältnisses an, um sodann auf die Gründe einzugehen. Es ist das Verdienst des Lord Thomas Brassey, die Erfahrungen seines Vaters auf diesem Gebiet dem weiteren Publikum zugänglich gemacht zu haben. In seinem Werke „Work and Wages" 2 hat Lord Thomas Brassey das die Lohn- 1 In Deutschland waren 1882 selbst in der Textilindustrie noch 42 % aller Arbeiter (233 165 von 561 248) im Kleinbetriebe, d. b. in Gruppen von unter fünf Personen beschäftigt. Diese Thatsache wird oft vergessen bei Beurteilung der socialen Verhältnisse Deutschlands. Deutschland ist noch auf lange im Übergangszeitalter; seine Arbeiterverhältnisse können infolge dessen denen der zum vollen Grofsbetriebe übergegangenen Länder noch nicht gleichen. 2 Work and Wages. London, Bell & Daldy, 1872. Vergl. auch Brentano, Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung, Leipzig 1876 und Über die Leistungen der Grundarbeiter, — 261 — frage betreffende Material veröffentlicht, auf welches die Bearbeitung der Biographie seines Vaters geführt hatte, — Erfahrungen reichhaltiger wahrscheinlich als die irgend eines anderen Arbeitgebers. In Verbindung mit seinen Geschäftsteilhabern hatte derselbe Eisenbahnen auf dem ganzen Erdkreise gebaut und dabei durch langjährige Erfahrung gefunden, dafs der Bau eines Kilometers Bahnlinie in allen Ländern der Erde etwa gleich viel koste, gleichgültig ob man den von einer Hand Reis lebenden Hindu oder Chinesen, den mittlere Bezahlung empfangenden Franzosen, Italiener und Deutschen oder den höchstbezahlten englischen, amerikanischen oder australischen Arbeiter beschäftige. Sehr häufig sogar sei die Arbeit mit dem höher bezahlten Arbeiter als billiger bevorzugt worden, obgleich der ältere Brassey natürlich nirgends nationale oder philanthropische Gesichtspunkte kannte, sondern lediglich jenen Scharfsinn eines weitsehenden Unternehmers anwandte, dem er seine seltenen Erfolge verdankte. Gröfsere Geschicklichkeit, höherer Fleifs und besser entwickelte körperliche Kraft hätten häufig den Mehrbetrag aufgewogen. Zu ähnlichen Ergebnissen wie Brassey sind zahlreiche englische Arbeitgeber durch die Erfahrung geführt worden. Dies schliefst natürlich nicht aus, dafs im einzelnen Falle um die Lohnhöhe heftig gekämpft wird. Jedoch hat es die Stellung der Arbeitgeber zu der Gewerkvereinsorganisation als solcher verändert. Man erblickt in ihr nicht mehr, wie man früher that, ein dem Erfolge der Industrie in den Weg gestelltes Hindernis, mit dem sich zu vertragen unmöglich sei. Hören wir z. B. Sir Francis Crofsley bei Gelegenheit der Debatte über Einsetzung der Trades-Unions-Commission besonders in Preufsen, und die Lolinsteigerung von 1872. HoltzendorfFs Jahrbuch für Gesetzgebung etc. IV. Jahrgang. — 262 — 1867. „Man findet draufsen die unvernünftige Anschauung verbreitet, dafs es für die Arbeiter ein Unrecht sei, ihre Arbeit zum möglichst hohen Preise zu verkaufen; aber man darf nicht vergessen, dafs Arbeit das einzige Ding ist, welches sie zu verkaufen haben. Das beste, was man thun kann, ist, der Sache ihren natürlichen Lauf zu lassen. Es ist ein grofser Fehler seitens der Arbeitgeber anzunehmen, dafs immer die niedrigst bezahlte Arbeit die billigste sei." In ähnlicher Weise sprach sich der bekannte Eisenindustrielle Sir Isaac Lothian Bell vor einer Versammlung der an dieser Industrie beteiligten Arbeitgeber Nord-Englands aus: es stehe auf Grund eingehender Untersuchungen fest, dafs die Löhne in Frankreich zwar viel niedriger, dennoch die Kosten des Ausschmelzens einer Tonne Roheisen im ganzen weit gröfser seien als in Middlesbrough, wofür mit als Erklärung diene, dafs 42 französische nicht mehr als 25 englische Arbeiter leisteten. Das angeführte Buch Brasseys enthält wertvolle Angaben für diese Frage in grofser Menge. Da das Buch vergriffen ist, so seien noch folgende Beispiele demselben entnommen. Bei der Ausführung der North Devon Eisenbahn wurden anfänglich 2 sh., dann 2 sh. 6 d., endlich 3 sh. bezahlt; unter sonst gleichbleibenden Bedingungen sanken die Produktionskosten. Die gleiche Beobachtung wurde bei den umfassenden Drainierungs- werken in London gemacht. Eine ähnliche Erfahrung gewann der ältere Brassey 1842 bei dem Bau der Eisenbahn Paris- Rouen. Obgleich die englischen Erdarbeiter genau doppelt so viel erhielten als die französischen (5 sh. und 2 sh. 6 d.), so wurde dieselbe Arbeit billiger von englischen als von französischen Arbeitern verrichtet. Dieses Verhältnis wiederholte sich bei einer grofsen Anzahl festländischer, indischer und australischer Linien. Hierbei ist zu bedenken, dafs die Arbeiter nicht von Brassey selbst, sondern von kleineren Zwischen- Unternehmern angestellt waren, die bestimmte Leistungen in Akkord hatten, also von Leuten, deren ausschliefsliches Interesse es war, die Kosten der Arbeit herabzudrücken. Sie thaten dies nicht selten durch Anstellung höher bezahlter Arbeiter. Bekanntlich sind Angaben über die Produktionskosten besonders schwer erhältlich; jedoch kann man durch Ver- gleichung der amerikanischen Verhältnisse, wo die Löhne noch höher sind als in England — aufgewogen freilich durch höhere Preise der Lebensbedürfnisse — das Untersuchungsfeld derartig erweitern, um selbst bei Beschränktheit des zu Gebote stehenden Zahlenmaterials das Wirken der oben behaupteten Tendenz deutlich zu erkennen. Leider bezieht sich das von Brassey gegebene Material, auf das wir verweisen, nur auf die mittleren Jahrzehnte des Jahrhunderts. Allein für die Baumwollenindustrie ist es mir gelungen, einige Angaben, welche auf die neueste Zeit herabgehen, zu erhalten. Die Baumwollenindustrie ist jedoch für vorliegende Untersuchung mehr als jede andere geeignet, weil bei ihr die Fabrikationsweise wie das Fabrikat in allen civili- sierten Ländern gleichartig und sie am vollständigsten zum Grofsbetriebe übergegangen ist. Es zeigt sich liier, dafs die Kosten der Arbeit dort niederer sind, wo die höchsten Löhne bezahlt werden, d. h. in Amerika und England, als in Ländern der niedrigsten Löhne, z. B. in den Spinnereien Indiens und Japans 1 . Daher man in letzteren diejenigen Waren mit Gewinn verfertigt, bei denen die Kosten der Arbeit weniger in das Gewicht fallen gegenüber den Kosten 1 Die Fracht einer Tonne Baumwolle beträgt von Bombay nach Liverpool 22 sb. 6 p., die Rückfracht einer Tonne Garn nach Bombay 12 sh. 6 p., zusammen 35 sh. Der Unterschied wirkt als Schutzzoll für Indien. — 264 — des Rohmaterials, also die starken Garne. Feine Game dagegen spinnt man in Lancashire, weil bei ihnen die Kosten der Arbeit ein bedeutendes Element der Produktionskosten überhaupt ausmachen. Die Mülhäuser Druckereien beziehen den zu bedruckenden Stoff grofsen Teils aus England, ein Beweis dafür, dafs derselbe in England billiger hergestellt wird, trotzdem höhere Löhne in Manchester als im Elsafs gezahlt werden. Diese Thatsachen finden ihre Erklärung in folgenden Angaben: Die täglichen Löhne eines Durchschnitts wehers. die Arbeitszeit. in Pence rednciert 1 . in der Schweiz 2 1 /4—2Va Frs. 22 »/2— 25 d. in Deutschland 2 Mark 24 d. ■ etwa 12stündig in Frankreich . 2 3 A—3 Frs. 27V2—30 d. in England . . 2 sli. 9 d. 33 d. 9 stündig in Amerika . . 80 Cts. —1 Sh. 12V2 Cts. 40—56 d. 10 stündig Um die Kosten der Arbeit, welche von den Löhnen verschieden sind, zu berechnen, hat man unter zu Grundelegung einer bestimmten Sorte Calico (64 X 64 Standard) die Summe der in einer bestimmten Zeit bezahlten Löhne durch die Summe des in derselben Zeit hergestellten Erzeugnisses zu teilen. Alsdann sind die Kosten der Arbeit auf 1 Elle = Löhne TT . , , Menge des Erzeugnisse? Hiernaeh berechnet ' stelleü sich die Kosten der Arbeit auf 1 Elle: in der Schweiz und Deutschland 0,303 d. in England 0,275 - in Amerika 0,2 1 Wir reducieren auf Pence (d.); 1 Pence = 10 Centimes - 8 Pfennige = 2 Amerik. Cents. — 265 — Den Grund dieses umgekehrten Verhältnisses zwischen Löhnen und Kosten der Arbeit enthalten folgende Thatsachen: in der Schweiz kommt 1 Weber auf 2—3 Webstühle in Deutschland | - - - etwa ebensoviel und Frankreich J in England .... 3—4 in Amerika .... 6—8 England macht seinen Nachteil gegenüber Amerika zum Teil durch gröfsere Beschleunigung der Maschinerie wieder gut, worin es sämtliche Länder übertrifft. Hieraus ergiebt sich folgendes Verhältnis 1 : Wöchentliche Produktion für 1 Weber Durchschnittlicher Wochenlohn (reduciert auf Shilling und Pence) Kosten der Arbeit für 1 Yard Schweiz und Deutschland 466 Yards 11 sh. 8 d. 0,303 d. England . . 709 - 16 - 3 - 0,275 - Amerika . . 1200 - 20 - 3 - 0,2 - Gleiches gilt von der Baumwollenspinnerei. Herrn Redgrave, einem englischen Fabrikinspektor, ist ein interessanter Berieht für diese Industrie zu verdanken, welchen Brassey anführt. Obgleich er etwa 20 Jahre alt ist, sei folgendes aus ihm angeführt: „Vergleicht man die Arbeit eines britischen 1 Ähnliches besagt die von Victor Delahaye, französischem Abgeordneten zur Berliner Arbeiterschutzkonferenz, allerdings bereits vor längerer Zeit aufgestellte Berechnung, wonach die durchschnittliche Jahresproduktion des französischen Arbeiters den Wert von 3342 Frs., die des Parisers den Wert von 6123 Frs., die des nordamerikanischen Arbeiters den von 10194 Frs. beträgt. Der französische Arbeiter arbeite 12, der Pariser 11, der Amerikaner 9 Stunden den Tag, ähnlich verhielten sich die Löhne. — 266 — Spinners mit der des ausländischen, d. h. die durchschnittliche Personenzahl, welche an den Spindeln beschäftigt ist, so kommt in Frankreich eine Person auf 14, in Rufsland eine auf 28, in Preufsen eine auf 37, in England eine auf 74 Spindeln. Jedoch giebt es in meinem Bezirke genug Spinnereien, in denen 2200 Spindeln von einem Spinner und zwei Gehülfen besorgt werden. — — Vor kurzem erzählte mir ein englischer Geschäftsführer aus einer Fabrik in Oldenburg, dafs dort bei einer Arbeitszeit von 5'/2 morgens bis 8 Uhr Abends und unter englischen Aufsehern dieselbe Masse Arbeit verrichtet würde wie in England bei einer Arbeitszeit von 6 Uhr früh bis 6 Uhr Abends. Unter deutschen Aufsehern dagegen sei die Produktion geringer. Die Löhne waren zum Teil 50 °/o niedriger als in England, aber die Zahl der Hände im Verhältnis zu der Maschinerie war bei weitem gröfser." In ähnlicherWeise erhalten die deutschen Kattundrucker etwa nur 1 U bis 1 /a des Lohnes, der in Massachusetts bezahlt wird; der letztere beträgt 4 Dollars 50 Cents täglich. Trotzdem fällt für den dortigen Arbeitgeber dieser bedeutende Lohnsatz wenig in das Gewicht, da ein Drucker (mit einem Gehülfen) einer täglichen Hervorbringung von 20000 Yards entspricht. Wird so die Höhe des Lohnes innerhalb gewisser Grenzen gleichgültig, so ist in Deutschland bei der weit geringeren Produktion pro Arbeiter das geringste Schwanken des Lohnes von bedeutendem Einflufs auf die Gewinne. — Selbstverständlich ist es, dafs die in der Baumwollenindustrie beobachtete Verbilligung der Arbeit bei Verteuerung des Arbeiters nicht überall, sondern nur in andern ebenfalls weit fortgeschrittenen Industrien, vielleicht nirgends gleich rein wiedergefunden wird. Aber es kommt auf die Tendenz der grofs- industriellen Entwicklung in Beziehung auf die Lage der Arbeit an. — 267 — Wir fragen nunmehr nach den Gründen der bezeichneten Erscheinung. I. Dieselben lassen sich einmal auf die Wirkungen zurückführen, welche die Verteuerung des Arbeiters auf seine Arbeitsfähigkeit ausübt. Vorübergehend hohe Löhne führen einen tiefstehenden Arbeiter zur Verschwendung und wirken auf seine Arbeitsfähigkeit mindernd. Ein höher entwickelter Arbeiter benutzt sie einmal zu Sparanlagen, insbesondere in der Form der Stärkung seiner selbstverwalteten Vereine. Desgleichen wirkt eine Steigerung der Löhne steigernd auf seine Lebenshaltung, wofür ebenfalls die Civilisations- stufe des Volkes entscheidend ist. Wenn der Indier in vier Tagen so viel verdient, dafs er damit Reis für die ganze Woche kaufen kann, so arbeitet er zwei Tage nicht, weil er keine anderen Bedürfnisse kennt. Der Russe und zum Teil noch der Deutsche, welcher mehr verdient, als den notdürftigen Lebensunterhalt, legt den Überschufs in Schnaps an — das Steigen der Löhne bewirkt also hier eher eine Verminderung als eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit. Derjenige Arbeiter dagegen, welcher den höheren Lohn auf Fleischnahrung verwendet, wie der englische und amerikanische, heizt damit stärker die hervorbringende Maschine. Die körperliche Überlegenheit, welche mit Übergang zu vorwiegender Fleischnahrung zusammenhängt, ist die unerläfsliche Bedingung zu derjenigen Steigerung der Arbeitsleistung, welche die englischen und amerikanischen Arbeiter aufweisen. Daher die Bedeutung der in der englischen Arbeiterwelt heute so einfiufsreichen Mäfsigkeitsbewegung. Wenn die Arbeitgeber sie unterstützen, so thun sie dies nicht ohne eigenes Interesse. Es handelt sich für sie darum, dafs die Mehrkosten, welche sie für die „lebende Maschine" ausgeben, wirklich zu deren Vervollkommnung angewandt werden. Mundella erzählte mir, er habe um die Verschiedenheit der Lebenshaltung zwischen dem englischen und dem festlän- - 268 — dischen Arbeiter anschaulich zu machen, einmal aus Sachsen diejenigen Lebensmittel kommen lassen, welche eine gut, eine mittel und eine schlecht bezahlte Arbeiterfamilie bestimmter Kopfzahl die Woche verbrauchte. Schon die der ersten Familie seien weit unter dem Durchschnitt dessen gewesen, an was der englische Arbeiter gewöhnt sei; die der zweiten und dritten aber würde er nicht anrühren. Auch bei Gelegenheit des jüngsten Socialistenkongresses verwunderten sich die englischen Arbeiter über die niedere Lebenshaltung sogar ihrer Pariser Genossen. Fleisch äfsen sie wenig; das Brod aber, das ihre Hauptnahrung ausmache, sei von schlechterer Beschaffenheit als das englische. Über den Wert der besseren Lebenshaltung, auf welcher die Vorzüglichkeit des englischen Arbeiters beruhe, stimmen die meisten Nationalökonomen überein. So führt Mill in seiner Nationalökonomie die deutschen Quellen entstammende Thatsache an, dafs zwei Mäher in Middlessex an einem Tage etwa so viel mähen als sechs russische Leibeigene; trotzdem die Lebensbedürfnisse der Bussen im Vergleich mit denen der Engländer aufserordentlich gering seien, beliefen sieh die Kosten des Mähens einer bestimmten Fläche für den englischen Farmer nur auf 1 /s Kopeken, den russischen Grundbesitzer dagegen auf 3 bis 4 Kopeken. Prof. Fawcett bemerkt mit Kecht, dafs die Ilungerlöhne, welche vielfach der Tagelöhner empfängt, ebenso unwirtschaftlich sind, als wenn man der Ersparnis halber ein nur halbgefüttertes Pferd zur Landarbeit verwenden wollte 1 . 1 Für die Allgemeinheit ist die Erhöhung der physischen Lage des Arbeiterstandes schon um deswillen vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus ein Gewinn, als dadurch das Verhältnis der in produktionsfähigem Alter stehenden Personen gegenüber dem nicht produktionsfähigen Kindes- und Jugendalter zunimmt. In England sind unter tausend Personen beinahe doppelt so viel im Alter von 50 zu 60 Jahren als in Rufsland. — 269 — Das gleiche gilt von der Arbeitszeit. Abgesehen davon, dafs auch hier plötzliche Veränderungen zu Müfsiggang und Ausschweifung führen, so hat eine allmählich eintretende Verkürzung der Arbeitszeit, wie sie heute bei den fortgeschrittensten Kulturnationen sich vollzieht, eine ähnliche "Wirkung wie die Aufwärtsbewegung der Löhne. Vor allem kann hier nicht genug Nachdruck auf eine Erfahrung gelegt werden, die sich aus der Sterblichkeitsstatistik der Vereinigten Maschinenbauer ergiebt, und von der Professor Brentano auf einer Reise nach England im März 1890 Kenntnis genommen hat. Die Maschinenbauer zahlen Begräbnisgelder beim Tode eines Mitgliedes und seiner Gattin. Seit Dezennien veröffentlichen sie mit Rücksicht hierauf in ihrem Jahresberichte das Durchschnittsalter der gestorbenen Männer und ihrer gestorbenen Frauen. Nach dem Jahresbericht von 1871 betrag das der Männer 38V4, das der Frauen 37bv Jahr. Im Jahre 1872 erlangten die Maschinenbauer die Abkürzung des Arbeitstags auf 9 Stunden. Seitdem hat sich das Durchschnittsalter der gestorbenen Männer konstant gehoben. Nach dem Jahresbericht von 1889 betrug es 48 x /4. Ein Teil dieser Hebung ist unzweifelhaft den allgemeinen sanitären Verbesserungen zu danken; aber höchstens die Hälfte; die andere Hälfte kommt auf die Abkürzung des Arbeitstages. Während das Durchschnittsalter der gestorbenen Männer um 10 Jahre stieg, stieg nämlich das der Frauen nur um die Hälfte, von 3 7 1 /A auf 43. Für die älteren Arbeiter, die nunmehr um eine Stunde weniger arbeiteten, bedeutete dies also eine Verlängerung des Lebens um 5 Jahre; für die Volkswirtschaft bedeutete es eine Verbesserung des Verhältnisses der im produktionsfähigen Alter stehenden Personen zu dem nicht produktionsfähigen Kindes- und Jugendalter. Aber die Kürzung der Arbeitszeit hat noch eine bedeut- — 270 — saniere Wirkung als die Aufwärtsbewegung der Löhne. Hebt die letztere die physische Lebenshaltung, insbesondere durch Verbesserung der Nahrung, so erhöht die erstere den geistigen und sittlichen Stand des Arbeiters. Kurze Arbeitszeit bedeutet nicht weniger Arbeit. In Rufsland beginnen die Landleute, wenn sie für sich selbst arbeiten, im Sommer um 2 Uhr morgens und beenden um 9 Uhr abends ihre Arbeit, was nach Abzug von 2 bis 3stündiger Pause 16 bis 17 Stunden Arbeitszeit ausmacht. Trotzdem versichern berufene Beobachter, dafs ein englischer Arbeiter bei 10 stündiger Arbeitszeit soviel als zwei Russen in 16 bis 17 stündiger verrichten würde 1 . Ähnliches gilt innerhalb Englands selbst. Die Bergleute in Südwales arbeiten täglich 12 Stunden, die in Northumberland nicht mehr als 7, wobei zu bemerken ist, dafs letztere in doppelter Schicht beschäftigt sind. Die Produktionskosten sind, wie das Parlamentsmitglied Elliot feststellt, in beiden Bezirken gleich, eher in Südwales höher 1 . Von Wichtigkeit ist das Umsichgreifen der Stücklöhnung. Die sogenannte Neunstundenbewegung, welche Ende der 50er Jahre von den englischen Gewerkvereinen ausging, traf deshalb auf nicht sehr starken Widerstand der Arbeitgeber, weil bereits damals die wichtigsten englischen Industrien zur Stücklöhnung übergegangen waren. Bereits in Mitte der 70er Jahre wurde, wie Mundella feststellte, von der englischen Ausfuhr im Werte von 240 000 000 £ zum mindesten 90 °/o gegen Stücklohn gefertigt. Dort aber, wo Stücklöhnung herrscht, ist Verkürzung der Arbeitszeit bei Steigerung der Arbeitsleistung- Interesse des Arbeitgebers. In der That hat der neunstündige Arbeitstag, wie er in den grofsen englischen Industrien heute 1 Angeführt von Brassey in „Work and Wages". Vergl. auch folgendes Kapitel, Abschnitt 3. — 271 — fast allgemein ist, den Betrag geleisteter Arbeit nirgends vermindert. Bezüglich der im Entstehen begriffenen Achtstundenbewegung dürfte derselbe Weg beschritten werden, da die Arbeiterorganisation noch auf lange hinaus zu schwach ist, durch internationales Vorgehen die Produktionsbedingungen der verschiedenen Länder einander anzupassen L Der englische Arbeiter ist also auch in diesem Falle darauf angewiesen, die Arbeitsleistung entsprechend zn steigern, in den Gewerben wenigstens, wo ausländischer Mitbewerb in Frage kommt. Nachdem die Achtstundenbewegung in Australien ihr Ziel erreicht hat, wo die Entfernung als Schutzzoll dient, dürfte sie in Amerika und England zuerst praktisch werden, während sie auf dem europäischen Festlande lange Zeit lediglich ein Agitationsmittel bleiben mufs. Eine bedeutende Weiterausbildung der grofsindustriellen Betriebsweise, sowie eine aufser- ordentliche Steigerung der Arbeitsleistung mufs ihrem Siege hier vorausgehen 2 . Die Bedeutung der erwähnten Bewegung aber ergiebt 1 Vergl. in Bezug auf die Verschiedenheit der Produktionsbedingungen mit Rücksicht auf internationalen Arbeiterschutz die interessanten Ausführungen Brentanos, Deutsches Wochenblatt. Februar 1890. 2 Über die Stellung der englischen Politiker zu der Achtstundenbewegung folgendes: Grundsätzlich erkennt man allerseits den Achtstundentag als wünschenswert an. Seine allgemeine gesetzliche Einführung befürwortet niemand; dagegeh begünstigt ein wachsender Flügel der Radikalen, sowie die Torydemokraten Lord Churchill und Lord Dunraven den gesetzlichen Achtstundentag für bestimmte Klassen von Arbeitern, in deren Gewerben die ausländische Konkurrenz nicht unmittelbar drückt, z. B. für Bergleute. An andern Stellen scheint Vorgehen der städtischen Behörden in Aussicht. Vergl. Anm. S. 270. Über den Achtstundentag in Australien vergl. Sir Charles Dilke, Problems of Greater Britain, 1890, Bd. II, S. 290 passim, über die höhere Leistungsfähigkeit der australischen Arbeit insbesondere. — 272 sich ans folgenden Gesichtspunkten. Der geistige Besitz der Menschheit, wie er von Geschlecht zu Geschlecht gehändigt wird, war früher ein Erbteil Weniger. Man denke an die antike Welt, deren Errungenschaften auf wissenschaftlichem, künstlerischem und dichterischem Gebiet nur wenigen Vollbürgern zu Gute kamen. Seit der Renaissance vollzieht sich auf diesem Gebiete ein Demokratisierungsprozefs, indem jener immaterielle Besitz, welcher die europäische Kulturgemeinschaft ausmacht, mehr und mehr ein Gemeingut wird. Immer neue Kreise drängen von unten zur Teilnahme heran. Seit Entstehung des industriellen Arbeiters insbesondere hat sich das „Bedürfnis zu denken", wie es Jules Simon nennt, auch in den untersten Schichten der Gesellschaft verbreitet, die früher in der Gedankenlosigkeit gewohnheitsmäfsiger Abhängigkeitsverhältnisse dahinlebten. Nicht überall zwar ist dieses Bedürfnis bei den arbeitenden Klassen erwacht, wohl aber zunächst in den grofsen Mittelpunkten der gewerblichen Bewegung Europas, Amerikas und Australiens. Diesem stets wachsenden Ansturm Halt zu gebieten, ist unmöglich. Der einzig sichere Plan scheint vielmehr, die Thore so weit als möglich aufzuwerfen, Einlafs zu gewähren und so aus jenen Kindern der Zukunft, statt Feinden und Zerstörern, Träger, Fortsetzer und Verteidiger der alten Erbschaft zu machen, welche das höchste umschliefst, was die Menschheit besitzt — ein Verfahren, das dem Mittelpunkte jener Kultur, dem Christentum, jedenfalls besser entspricht als das entgegengesetzte. In der That benutzt ein fortgeschrittener Arbeiterstand, wie der englische, die gewonnene Zeit zur Fortbildung in Volksbibliotheken und Abendklassen aller Art oder zur Förderung seines Vereinslebens, d. h. zur Ausbildung seiner geistigen und wirtschaftlichen Selbständigkeit 1 . 1 Vergl. über den Gebrauch, den die englischen Arbeiter von den — 273 — Die Verkürzung der Arbeitszeit ist aber auch noch aus einem anderen Gesichtspunkt die berechtigtste der Forderungen des Arbeiters. Das Familienleben, diese erste Schule aller Sittlichkeit, bleibt demjenigen verschlossen, der erst zu später Nachtzeit todmüde in sein Heim zurückkehrt 1 . Wundert man sich über staatsfeindliche Gesinnung, wenn man das zerschneidet, was bei den Besitzlosen mit dem Bestehenden verbindet: die Familie? Mit der Verkürzung der Arbeitszeit hat sich das Familienleben der englischen Arbeiter bedeutend gehoben, das in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts der Auflösung nahe war. Diese Erwägungen berühren in erster Linie allerdings nur die öffentliche Meinung und den Gesetzgeber. Für den Arbeitgeber kommt in Betracht, dafs eine allmähliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die geistigen Fähigkeiten und damit die Arbeitsleistung des Arbeiters fördernd wirkt. In Verbindung mit der Ausbreitung der Stücklöhnung verändert sich daher der Standpunkt der Arbeitgeber in der Frage der Arbeitszeit. Bekannte Arbeitgeber wie Mundella, Hugh Mason u. a. sprechen sich heute für Verkürzung der Arbeitszeit aus. Im März 1890 erklärte dem Prof. Brentano ein Aufseher der Maschinenfabrik von William Mather zu Salford, der auch in Amerika und in Sachsen thätig gewesen, im Beisein eines der Teilhaber der Firma die relativ geringere Erfolgen der Neunstundenbewegung gemacht haben, Brentano, Arbeitergilden der Gegenwart Bd. II, S. 85—102. 1 Pferdebahn- und Eisenbahnarbeiter leiden in England wie anderwärts am meisten unter überlanger Arbeitszeit. Diese Arbeiter mufsten sich wiederholt zwischen 1 und 3 Uhr des Nachts zusammenfinden, um ihre Angelegenheiten zu beraten. Hier ist die Stadt Glasgow rühmlich vorangegangen. Wie sie in den Konzessionen der Pferdebahngesellschaften, wird der Staat später in denen der Eisenbahnen die Arbeitszeit der Angestellten regeln. v. Schulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. 18 — 274 — Arbeitszeit der amerikanischen Arbeiter als Ursache ihrer gröfseren Leistungsfähigkeit; er liabe ganz dieselbe Beobachtung in der Fabrik zu Salford gemacht, so oft kürzer gearbeitet worden sei; und er plaidierte daher für den Achtstundentag. Auch in Sachsen sei entsprechend der längeren Arbeitszeit die Leistung geringer. Begreiflich, dafs man täglich von Fabriken liest, die zum Achtstundentage, meist mit Einführung- doppelter Schichten, übergegangen sind. II. Den Arbeitgeber zwingt die Verteuerung des Arbeiters zur weiteren Ausbildung der Maschinerie und zur Fortentwicklung der grofsindustriellen Betriebsweise, welche die Beste des handwerksmäfsigen Betriebes mehr und mehr abstreift. Der drei- und vierfache Lohn in Amerika bedeutet vielfach billigere Arbeit als in Deutschland wegen der ungeheuren Steigerung der Produktion. In der industriellen Geschichte Englands läfst sich in gleicher Weise wahrnehmen, wie die Verteuerung des Arbeitei'S die Vervollkommnung des Produktionsprozesses bewirkt. In der Bauinwollenindustrie gehen eine Reihe von Erfindungen und Verbesserungen der Maschinerie unmittelbar auf Lohnkämpfe zurück, welche gerade dann, wenn sie mit Niederlage des Arbeitgebers scheinbar die tiefsten Wunden schlugen, zur Fortentwicklung der Industrie den schärfsten Ansporn gegeben haben. Die Machtlosigkeit und die damit zusammenhängende Billigkeit des festländischen Arbeiters wirkt dagegen, um ein Wort des Lord Brassey anzuwenden, auf die Arbeitgeber, wie das Capua, das die Kampfesfähigkeit der Soldaten des Hannibal durch seine Genüsse schwächt. Ein Beispiel für den Einflufs, welchen die Verteuerung des Arbeiters ausübt, ist folgendes. Eine Uhrenfabrikation als Hausindustrie, wie sie im Schwarzwald und in der Schweiz betrieben wird, wäre in Amerika der hohen Löhne wegen un- 1 - 275 - möglich. Infolge dessen war man dort zum Grofsbetriebe überzugehen gezwungen. Eine Uhrenfabrik dieser Art, welche 420 Leute beschäftigt, fertigt täglicli 1500 Uhren auf Grund aufserordentlich ausgebildeter Maschinerie, weitgehender Arbeitsteilung und eines die menschliche Arbeitskraft auf das äufserste ausnutzenden Arbeitsplanes. Der Rohstoff kommt in der Gestalt von Stahl- und Messingplatten in die Fabrik und verlälst dieselbe in der Gestalt von Uhren in seiden- ausgeschlagenen Pappschachteln. Jede Uhr enthält 58 einzelne Teile, welche 870 verschiedene Prozesse durchmachen. Die Herstellung der Räder, Schrauben, Bolzen, Federn, alles geschieht durch Maschinen, welche fortwährend Vervollkommnungen erfahren. Heute wird z. B. die Herstellung der täglich zu verfertigenden 1500 Federn durch zwei Maschinen und zwei Arbeiter besorgt, während vor zwei Jahren noch 12 Arbeiter dazu notwendig waren. Die Arbeit ist in hohem Grade eine gelernte, wie es die Arbeit des Schwarzwälder Hausindustriellen in ihrer Art auch ist; jedoch ist die Fertigkeit, welche erfordert wird, hier und dort weit verschieden. Der amerikanische Arbeiter hat mit gröfster Genauigkeit eine einzelne Bewegung der Maschine zu überwachen, während der andere den ganzen oder gröfseren Teil des Produktionsprozesses der Reihe nach selber vornimmt. Die Löhne der Amerikaner, welche durchweg durch Stückarbeit verdient werden, sind etwa vierfach so hoch als die in der deutschen Hausindustrie gezahlten. Trotzdem sind die Kosten der Arbeit in der letzteren höher als in der amerikanischen Fabrik, deren Erzeugnis bei gleicher Qualität billiger ist. Für den amerikanischen Unternehmer kommt es nämlich kaum darauf an, ob eine Arbeiterin 9 oder 10 Dollars die Woche verdient, wenn sie imstande ist, täglich den Rand in 1500 Uhren zu befestigen, 18* — 276 — während die geringste Lohnerhöhung den Gewinn des Arbeitgebers der deutschen Hausindustrie gefährdet. Für dieses Fortschreiten der grofsindustriellen Betriebsweise parallel mit der Hebung der Lebenshaltung des Arbeiters bietet die englische Baumwollenindustrie ein allgemeines Beispiel 1 . In den drei Jahrzehnten von 1856—1885 hat sich die Zahl der mit Baumwollenspinnerei und -Weberei beschäftigten Fabriken kaum vergröfsert (von 2210 auf 2635). Dagegen hat sich die in denselben angewandte Maschinerie in jener Zeit bedeutend vermehrt, d. h. die Ausdehnung der Industrie ging mehr durch Vergröfserung der einzelnen als durch Vermehrung der Zahl der Betriebe vor sich. Die Zahl der Spindeln hat sich von 28 010 217 auf 44348 921, die der Webstühle von 298847 auf 560955 gehoben. Zudem gehen heute Spindeln wie Webstühle weit schneller als vor 30 Jahren, sodafs die Gesamtproduktion jedenfalls in noch stärkerem Verhältnis gewachsen ist. Dem gegenüber hat sich die Zahl der in der Baumwollenindustrie beschäftigten Arbeiter nur von 379329 auf 504069 vermehrt; auf eine Fabrik kamen 1856 durchschnittlich 170, 1885 dagegen 190 Arbeiter. Es ergiebt sich hieraus unter Berücksichtigung der stärkeren Zunahme der Maschinerie, dafs die Bedeutung des Arbeitslohnes in den Produktionskosten geringer geworden ist, sodafs die Erhöhung der Löhne, die sich in jenen Jahren vollzogen hat, mit Ver- billigung der Arbeit nicht unverträglich scheint. Dafs dies in der That der Fall war, beweist die in verschiedenen Grofsindustrien innerhalb der letzten 20 Jahre eingetretene Steigerung des Wochenverdienstes der Arbeiter, obgleich die Stücklöhne oft in noch stärkerem Verhältnis 1 Die Zahlen für 1856 sind einem Bericht des Elijah Helm vor der Manchester Statistical society 1868, die für 1885 dem Statistical Abstract for the United Kingdom 1888 entnommen. - 277 — herabgingen. So erwidern auf das Rundschreiben, welches die Königliche Kommission zur Untersuchung der gedrückten Lage des Gewerbes 1886 über die Höhe der Löhne während der Jahre 1865—85 an die Arbeitervereine des Landes erliefs, z. B. die Baumwollenspinner, dafs seit 1865 in den Stücklöhnen eine Verschlechterung um 15 °/o eingetreten sei, dafs aber trotzdem das Einkommen des Arbeiters um 8—12 °/o in die Höhe gegangen sei „infolge der Verbesserung der Maschinen, der gröfseren Beschleunigung, mit der sie arbeiten, der genaueren Aufsicht über alle Arten der Geschäftsführung, verbunden mit einer den Arbeitern vor 20 Jahren unbekannten Disciplin". Ähnliches erwidert der Gewerkverein der Maschinenbauer zu Dukinfield und Oldham. Herr Lord, der Präsident der Handelskammer von Manchester, hat in einer Reihe von Tafeln, welche den Berichten derselben Kommission 1 beigegeben sind, die Bewegung der Löhne in bestimmten Fabriken von Lancashire seit 1850 dargelegt. Es ergiebt sich daraus ebenfalls, dafs der Gesamtverdienst der Arbeiter bedeutend gestiegen ist, sowohl in den Jahren von 1850—1870, als in den darauf folgenden 18 Jahren, während in dieser letzteren Periode die in den Listen enthaltenen Stücklöhne nicht heraufgegangen sind, sondern eher Herabsetzung erlitten haben — ein Beweis für die Verbilligung der Arbeit trotz steigender Verdienste der Arbeiter durch Zunahme der Intensität der Arbeit und Vervollkommnung der Maschinerie. Das vorhergehende ist insofern von grofser Wichtigkeit, als danach die Erhöhung der Lage des Arbeiters und die sie bezweckenden Verbündungen als etwas wirtschaftlich mögliches, ja vorteilhaftes erscheint. Diese Thatsache ist heute allgemein 1 Appendix, Part I to the second Report of Royal Commission on Trade Depression S. 377. — 278 — anerkannt; Gladstone erklärt aus diesem Gesichtspunkt sogar die Arbeiterausstände als der Nation im ganzen nützlich 1 . Man sucht dem fremden Mitbewerber nicht durch lange Arbeitszeit und niedrige Löhne, sondern durch Güte und Intensität der Arbeit zuvorzukommen, während diejenigen festländischen Industrien, in denen der Arbeiter am hülflosesten dem Kapital ausgeliefert und am schlechtesten bezahlt ist, am lautesten nach Schutzzoll rufen. Insofern, als eine Erhöhung der Lebenshaltung des Arbeiters, wie sie durch Steigerung der Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit bewirkt wird, mit dem industriellen Fortschritt Hand in Hand geht, läfst sich von einer Interessengemeinschaft zwischen grofsindustrieller Entwicklung und Arbeit sprachen. Eine solche besteht, wie schon hervorgehoben, zwischen den einzelnen Beteiligten nicht. Denn jene Entwicklung, die bei erhöhter Lebenshaltung des Arbeiters die Kosten der Arbeit auf gleicher Höhe erhält oder gar vermindert, vollzieht sich nur allmählich und nur in ganz ausnahmsweisen Fällen wird der einzelne Arbeitgeber in der Lage sein, seines geschäftlichen Vorteils wegen die Löhne zu erhöhen oder die Arbeitszeit zu verkürzen, wie es wiederholt der ältere Brassey that. Gewöhnlich bestehen hinsichtlich beider entgegengesetzte Interessen, welche, wie stets den Gegensatz zwischen Käufer und Verkäufer, die wirtschaftliche Machtfrage entscheidet. Dafs aber die Machtverhältnisse nicht mehr rein einseitige sind, wie sie früher waren, dafs damit die Lage des Arbeiters über ihr Minimum sich emporhebt, erweist sich, im Gegensatz zu den Prophezeiungen des Marxischen Kapitals als verträglich mit der grofsindustriellen Entwicklung. Wenn man daneben jenes jeweils den Forderungen der Arbeit gesetzte Maximum be- 5 Yergl. Lloyd's News vom 4. Mai 1890, — 279 — rücksiehtigt, so giebt es stets einen Punkt, in dem die Interessen zwischen Arbeiter und Unternehmer am besten ausgeglichen erscheinen, in dem die Spannung von unten stark genug ist, um die grofsindustrielle Entwicklung vorwärts zu treiben und doch der Druck von oben genügend ist, um Gewinne und Zinsen in der Höhe zu belassen, welche Unternehmer und Kapital der Industrie zuführt — ein Verhältnis, undenkbar obne starke Organisation der Arbeit. Jener Punkt wird zunächst durch Lohnkämpfe festgestellt. Liefsen sicli Methoden auffinden, durch welche eine Feststellung dieses Punktes ohne die Kosten vor sich ginge, welche Lohnkämpfe verursachen, so käme diese Ersparnis Gewinnen wie Löhnen zu Gute; es wäre diese Industrie vom Standpunkte des allgemeinen Besten aus in der günstigsten Lage, nachdem das vorhergehende ergeben hat, dafs die gewerkvereinliche Organisation der Arbeiter und die mit ihr zusammenhängende Hebung ihrer Lebenshaltung mit der modernen Produktionsform nicht unvereinbar ist, sondern ihre Fortentwicklung befördert und vorwärts treibt. Über diese Methoden im folgenden Hauptstück. Achtes Kapitel. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter in der Großindustrie. I. Allgemeines. Das vorhergehende Kapitel hat gezeigt, wie der englische t Arbeitgeber eine dreifache Stellung dem Arbeiter gegenüber eingenommen hat. In den ersten Jahrzehnten nach Entstehung der Grofsindustrie betrachtet er ihn, entsprechend den Lehren der individualistischen Nationalökonomie, als ein seinem Willen schlechthin unterworfenes Produktionsmittel. Später fühlt er sich als Schützer, „Patron" des Arbeiters, und sucht auf diese Schutzgewalt wieder eine Ai't feudaler Herrschaft zu gründen. In letzter Linie erkennt er ihn als gleichberechtigten und selbständigen Mitfaktor am Werke der nationalen Produktion an. Dem entspricht auf Seiten des Arbeiters eine ähnliche Entwicklung. Der Arbeiter als willens- und machtloses Produktionsmittel ist revolutionär. Thatsächlich vom Lebensminimum wenig entfernt, glaubt er an die Naturnotwendig- keit seines Elends — Anschauungen, welche von Engels und Marx, als sie in England auszusterben begannen, in ein System gebracht und dem festländischen Ar-heiter, der weit später in die bezeichnete Entwicklung eintrat, überliefert wurden. Wir haben oben die socialrevolutionäre Bewegung der englischen Arbeiter berührt und gezeigt, wie auch die Lohnkämpfe jener Zeit einen so gewaltsamen Charakter trugen, dafs sie oft von revolutionären Ausbrüchen wenig verschieden waren. In der That waren diese Arbeitseinstellungen mehr das Ergebnis rachsüchtiger Erregung als wirtschaftlich nüchterner Berechnung. Die zweite Periode ist bezeichnet durch die Ausbildung der Arbeiterorganisation, deren Anfänge in der ersten liegen. Diese Entwicklung, auf deren Darstellung durch Brentano in seinen „Arbeitergilden der Gegenwart" wir verweisen, wurde erleichtert durch den Rechtsschutz, welchen die Vergangenheit dem englischen Bürger überliefert hatte. Wenn auch zunächst die Machtverhältnisse noch sehr ungleich verteilt und die Kämpfe für den Arbeiter noch auf lange hinaus eine „traurige Monotonie von Niederlagen" waren, so rückte doch die Organisation als die zunächst einzig praktische Waffe an Stelle der revolutionären Bestrebungen in die erste Linie des Interesses der Arbeiter. Wenn der Kampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitern damals scheinbar noch erbitterter wurde, so haben doch jene Kämpfe einen Unterschied gegenüber den früheren. Während in den zwanziger bis vierziger Jahren die Arbeiter Wahngebilden in aussichtslosen Aufstandsversuchen nachjagten, waren es seitdem greifbare Ziele: höherer Lohn, andere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitsstunden, für die sie ihr Dasein einsetzen, die sie bald erreichen, bald nicht erreichen. Hiermit hängt zusammen, dafs — 282 — der gewaltsame Geist, der früher zu den schlimmsten Ausschreitungen geführt hatte, auszusterben begann. Unzufrieden waren mit der bezeichneten Entwicklung einmal die Revolutionäre, welche die Unzufriedenheit der Massen brauchten. Ein Arbeiter, der auf Mittel sinnt, bessere Arbeitsbedingungen zu erzwingen und darin Erfolg gehabt hat, merkt bald, dafs die Zukunftsträume jener es nicht sind, die ihm den Kochtopf füllen. Vielleicht benutzt er sie noch dazu sich Abends neben Bier und Branntwein an ihnen zu berauschen; aber am Tage denkt er an praktischere Mittel sich zu helfen. Hierauf beruht bereits der von Brentano hervorgehobene Gegensatz zwischen Gewerkvereinen und Chartisten, der sich in der Feindschaft zwischen den ersteren und dem revolutionären Socialismus fortsetzt. Unzufrieden waren andererseits mit der bezeichneten Entwicklung auch die Arbeitgeber. Waren sie doch allgemein aus alter Zeit noch gewöhnt, eine wenigstens moralische Verpflichtung des Arbeiters zur Arbeit anzunehmen, wie sie der früheren (Elisabethischen) Regelung der gewerblichen Verhältnisse entsprach, bei der aber die Pflicht zur Arbeit durch ein Recht auf Arbeit und Unterhalt ergänzt wurde. Noch betrachteten die Arbeitgeber die Weigerung der Arbeiter zu arbeiten als Auflehnung. Jene Gewerkvereine wurden daher bei ihrer Entstehung als hochverräterisch und gesellschaftsfeindlich gebrandmarkt. Besonders bezeichnend aber für die Stellung der Arbeitgeber war ihre Weigerung, über die von den Arbeitern gestellten Bedingungen mit ihnen zu verhandeln. Durch die Organisation der Arbeiter wurden die englischen Arbeitgeber gezwungen, sich in ähnlichen Vereinen zusammenzuschliefsen. Sie versuchten die Ausstände mit Ausschliefsungen der daran beteiligten Arbeiter zu bekämpfen. Indem die Arbeiter sich nicht mehr machtlos zur Wehr setzten, wurden die Kämpfe länger, ihr Ausgang zweifelhafter. Tausende und Abertausende von Familien gerieten durch sie ins Elend; oft war eine schmähliche Niederlage der Arbeiter ihr Ende, wie bei dem grofsen Ausstande der ververeinigten Maschinenbauer 1852. Andei'erseits aber waren auch Erfolge nicht selten; sie wurden um so häufiger, je mehr die Arbeiter die Verhältnisse ihres Gewerbes übersehen lernten, den Weltmarkt zu studieren anfingen und darum die Zeit ihres Vorgehens richtiger als bisher wählten. Ein Gewerbe nach dem andern trat so im Laufe des Jahrhunderts aus der ersten Periode hinaus, in der der Arbeitgeber den Arbeitern giebt, was er zu geben gewillt oder durch gegenseitige Konkurrenz zu geben gezwungen ist. Freilich waren es zunächst nur die Arbeiter der eigentlichen Grofsindustrie, welche an dieser Entwicklung teilnahmen. Die ungelernten Arbeiter, die ländlichen Tagelöhner, jene Massen, welche die Bevölkerung Ost-Londons ausmachen, blieben auf jener ersten organisationslosen Stufe stehen. Daher wurden sie nunmehr der Sitz jener socialrevolutionären Richtungen, bis auch für sie heute die Stunde des Fortschritts gekommen ist. Indem wir hierauf im folgenden Kapitel eingehen, betrachten wir zunächst nur die Verhältnisse der Grofsindustrie. Die Entwicklung geht für diese dahin, Arbeitgeber wie Arbeiter zur Einsicht zu bringen, dafs ihr Gegensatz nicht auf persönlichem Übelwollen beruht, sondern ein Kampf ist, wie er sich allenthalben zwischen Käufern und Verkäufern abspielt und als solcher nicht durch das Gefühl, sondern lediglich durch Verstandesrücksichten beherrscht wird. Diese Anschauungen entwickelten sich durch den Zwang der Verhältnisse. Nachdem die Versuche, den Arbeiter zu feudalisieren, fehlgeschlagen waren, er andererseits auch nicht mehr als willen- — 284 — loses Produktionsmittel zu behandeln war, kam der Arbeitgeber und zwar durch Rücksicht auf d i e P r o d u k t i o 11 s- kosten im Interesse der Vermeidung von Lohnkämpfen dahin, den Arbeiter als gleichberechtigte Macht und das Verhältnis zwischen sich und ihm als rein wirtschaftliches aufzufassen, in dem beide Teile in gleicher Weise loyal handeln, wenn sie mit allen gesetzlichen Mitteln ihren eigenen Vorteil verfolgen. So gelangten die Arbeitgeber dazu, die Verbindungen der Arbeiter anzuerkennen und ihre Forderungen nicht anders zu behandeln, als sie Preissteigerungen des Baumwolllieferanten entgegentreten würden. Ebenso wie er mit diesem korrespondiert, begann er mit dem Arbeitsverkäufer zu verhandeln; nicht selten war er bereit, auch ihm einen höheren Preis zu zahlen, wie er das teurere Rohmaterial unter Umständen dem billigeren vorzieht. In dieser Richtung erwarb sich ein besonderes Verdienst der bekannte A. J. Mundella, welcher mit den Arbeitern wie mit einer Vertragspartei zu einer Zeit verhandelte, da die meisten seiner Berufsgenossen sich noch dadurch zu „entehren" glaubten. Andererseits aber griff auch unter den Gewerkvereinen die Einsicht Platz, dafs es nicht Blutsaugerei und feindlicher Wille, sondern vielmehr wirtschaftliche Notwendigkeit sei, welche die Arbeitgeber zu ihren Gegnern mache. Gewalt- thätigkeiten und Gesetzesüberschreitungen — Zeichen dafür, dafs der Arbeiter noch nicht reif ist für die Stellung wirtschaftlicher Gleichberechtigung — wurden seltener, wenn auch lange noch in ihnen der gewaltsame Geist der ersten Periode hin und wieder zum Ausbruch kam. Die Führer der fortgeschritteneren Gewerkvereine dagegen fingen an, statt Gewaltreden zu halten, Handelsstatistik zu treiben. Denn Kenntnis der Weltlage ihres Gewerbes erwies sich als ein weit besseres Mittel im wirtschaftlichen Kampfe als jene Ausschreitungen, — 285 — durch welche man in den Augen der Unparteiischen sich ins Unrecht setzte. Stehen sich Arbeitgeher aber und Arbeiter als selbständige wirtschaftliche Mächte gegenüber, so sind die Folgen dieses Zustandes doppelte: einmal gesellschaftliche und sodann wirtschaftliche. Beide Seiten können sich nun als selbständige Bürger auf dem Boden eines freien Staates begegnen. Die Gesellschaft, jene durch Sitten und Vorstellungen verbundene Gemeinschaft, öffnet sich nun dem Arbeiter, der ihr bisher feindlich gegenüber gestanden hat. In gleicher Weise thut sich der Staat auf: der Arbeiter wird zur politischen Macht. Beides haben wir oben geschildert. Hier interessieren uns die wirtschaftlichen Folgen. Sobald die Arbeitgeber sehen, dafs die Arbeiter die Macht haben, vernünftige Forderungen, wenn nötig, auf dem Wege des Kampfes durchzusetzen, werden sie freiwillig nachgeben, ebenso wie die Arbeiter unmögliches zu fordern oder notwendigem sich zu widersetzen aufhören, aus Furcht, durch Niederlagen ihre Vereine zu schwächen. Beides setzt Organisation der Arbeiter voraus. So hat man in England wiederholt die Erfahrung gemacht, dafs Lohnkämpfe dann eintraten, wenn die Gewerkvereine erschlafften, und die Machtverhältnisse infolgedessen unklar wurden. So behaupten z. B. die Maurer, dafs Arbeitseinstellungen, die früher bei ihnen sehr häufig waren, mit zunehmender Straffheit ihres Gewerkvereins seltener wurden. Eine ähnliche Erfahrung haben zahlreiche Arbeiter gemacht. An sich ist dies selbstverständlich; denn die Arbeitgeber werden sich natürlich nicht leicht auf einen Kampf einlassen, wenn sie wissen, dafs der Widerstand ein starker sein wird. Andererseits werden die Arbeiter eher leere als gefüllte Kassen auf das Spiel setzen, eher Hunderte als Tausende oder gar Mil- — 286 — lionen. Je gröfser und fester gegründet der Gewerkverein ist, eine desto ernstere und gewichtigere Frage wird für ihn der Lohnkampf. Aus diesen Gesichtspunkten haben beide Seiten ein Interesse daran, ihren Gegensatz, sobald sie ihn als rein wirtschaftlichen auffassen, auf die einfachste und wenigst kostspielige Art zur Entscheidung zu bringen. Hören wir die Meinung des Herrn Maudsley, eines jener Arbeiterführer, die neben den gröfsten Kapitalisten Manchesters die mächtigsten Männer- in Lancashire sind und denen viele Tausende folgen: „Meine Ansicht ist, dafs der Lohn des Arbeiters das sein sollte, was er in ordnungsmäfsigem und gesetzlichem Kampfe das Kapital zu bezahlen zwingen kann. Man hat eingewendet, dafs dies zu einem fortwährenden Kriegszustande in der Industrie führen müsse. Wenn dies der Fall ist, so sind daran allein die Kapitalisten schuld. Wenn sie von dem Piedestal herabsteigen, auf dem die Mehrzahl noch steht, und sich einfach als Kaufleute betrachten, die sich auf dem Markt befinden, um den Preis, zu dem die Arbeit käuflich ist, festzustellen, und sie das gleiche Recht der Nachforschung, das sie selbst beanspruchen und ausüben, den Arbeitern zugestehen, — — so werden wir mit Arbeitsausständen wenig zu thun haben" 1 — Worte, welche den eigentümlich berühren, der von Arbeitern und Arbeiterführern täglich zu hören gewohnt ist, dafs der Staat alles und sie nichts für sich selbst thun sollen. Sobald beide Parteien nicht mehr gegenseitig von der Voraussetzung des bösen Willens ausgehen, erscheint zunächst eine grofse Anzahl von Streitigkeiten, die bisher zu den erbittertsten Kämpfen geführt haben, zwecklos. Sir Rupert 1 Industrial remuneration Conference S. 163. Cassell & Co. 1885. \ \ — 287 — Kettle teilt die Gründe, welche Arbeitsausstände im Gefolge zu haben pflegen, in drei Klassen. 1. Erstens, sagt er, entstehen sie aus „verletztem G e f i'i hie"; die Arbeiter glauben, dafs die Arbeitgeber, häufiger noch die Angestellten derselben, ihnen gegenüber zu sehr als „Herren" aufgetreten sind, sie ungerecht und hochmütig behandelt haben. Die Arbeitgeber glauben sich durch unehrerbietiges Benehmen der Arbeiter verletzt. Es ist Thatsache, dafs solche Fälle ursprünglich gerade sehr häufig zu beschränkten, aber desto heftigeren Kämpfen führten. Dieselben aber sind durchaus nicht wirtschaftlicher Natur. Sie berühren nicht Arbeitgeber und Arbeiter als solche, sondern einzelne menschliche Individuen; sie lassen sich daher vermeiden und, wenn entstanden, schlichten, sobald die beiden Seiten wirklich auf dem Standpunkt des Käufers und Verkäufers stehen. Wären doch zwischen diesen, etwa dem Spinner und dem Baumwollenlieferanten, Streitigkeiten „aus verletztem Gefühle" geradezu lächerlich. 2. In zweiter Linie kommen Streitigkeiten, die ebenfalls nur einzelne Personen angehen, aber nicht die Anwendung der üblichen Höflichkeitsformen, sondern die der rechtlich oder durch Gewohnheit feststehenden Arbeitsbedingungen betreffen: „Fragen des individuellen Falles." Es handelt sich bei ihnen darum, ob der einzelne Arbeiter gemäl's feststehender Grundsätze z. B. genug bezahlt erhalten, Überzeit gearbeitet hat u. s. w. Auch solcher Streit ist nicht ein wirtschaftlicher, sondern vielmehr ein rechtlicher und wäre seiner Natur nach durch Gerichte zu entscheiden, indem in ihm die eine Partei Recht, die andere Unrecht hat. Wenn wegen seiner Umständlichkeit der gerichtliche Weg verschlossen ist, so werden in fortgeschrittenen Zuständen doch diese Fragen durch gerichtsähnliche Behörden entschieden. — 288 — Iii England bestellt man dieselben durch freiwillige Übereinkunft, aber begrifflich steht nichts entgegen, dafs sie vom Staate eingesetzt werden. Hierfür können Gewerbegerichte, wenn sie unparteiisch und sachkundig sind, von grofsem Nutzen sein. 3. Ganz anderer Natur aber sind in dritter Linie die Fragen, welche nicht die Anwendung bestehender, sondern die Festsetzung künftiger Arbeitsbedingungen: Lohn, Arbeitszeit etc. angehen. „Allgemeine (auch Grafschafts-)F rage n." Hier handelt es sich nicht um bestimmte Personen, sondern um die Arbeitgeber und die Arbeiter einer Industrie, eines Bezirkes als solche. Diese Fragen sind wirtschaftliche und lassen sich nach der heutigen Wirtschaftsordnung wie alle Fragen zwischen Käufern und Verkäufern nur auf dem Wege des wirtschaftlichen Kampfes lösen; derjenige siegt, der am längsten des anderen entbehren kann. Der Kampf ist Machtabwägung; der Sieger ist der Berechtigte und von keiner Seite ist zu verlangen, dafs sie etwas nachgebe, wozu sie nicht gezwungen werden kann. Im Gegensatz zu den vorgenannten Streitigkeiten handelt es sich hier nicht um Rechtsprechung, sondern um Rechtssetzung. Solche aber erfolgt, wo es keine über den Parteien stehende Autorität giebt, allemal auf dem Wege des Vertrages, wie z. B. das Völkerrecht zeigt. Vertrag zwischen gleichberechtigten Parteien ist der Grundtypus aller jener zur Entscheidung dieser Fragen ausgebildeten Methoden z. B. des Schiedsgerichtes der Lohnskala, des Einigungsamtes u. s. w. Sobald nämlich die beiden Parteien lediglich ihre Interessen zu Rate ziehen, so werden sie sich fragen, ob die Funktion des Kampfes, die Maehtabwägung, nicht ebensogut durch menschliche Einsicht verrichtet werden kann, ähnlich wie man die — 289 — Spannung des Dampfes an einer angebrachten Vorrichtung abliest, anstatt sie durch das Zerbersten des Kessels kennen zu lernen. Voraussetzung hierfür aber ist, dafs die zu messenden Kräfte, d. h. die Organisationen beider Teile, wirklich vorhanden sind. Es ist diese Feststellung des Preises der Arbeit durchaus nichts besonderes. Vielmehr hat Brentano 1 bereits auf die Analogie der Feststellung anderer Marktpreise durch ein Börsenkommissariat hingewiesen. Ist man aber auf diesem Wege dazu gekommen, die Zahl der Arbeitsausstände zu verringern, so werden ungeheure Summen dem Lande erspart 2 und die Industrie dem Auslande gegenüber mächtig gekräftigt. Denn man verbindet dann die gröfste Fähigkeit des Arbeiters mit den Vorteilen jenes pseudopatriarchalischen Zustandes, in dem die Industrie den Frieden durch geringe Leistungsfähigkeit erkauft, bis er auch hier früher oder später gebrochen wird. Die Art und Weise, wie der Preis der Arbeit festgestellt wird, ist verschieden entwickelt. Wir müssen daher die wichtigsten Industrien der Reihe nach mustern, soweit in ihnen Arbeitsstreitigkeiten überhaupt durch friedliche Methode entschieden werden. Weit entfernt nämlich, sie alle in dem letztgenannten Stadium zu finden. Nicht wenige Gewerbe befinden sich in dem zweiten, dem des organisierten Kampfes, 1 Vergl. Brentano, Das Arbeitsverhältnis gemäfs dem heutigen Recht S. 270. Leipzig 1877. 2 Herr G. P. Bevan berechnet in der Sitzung der „Kgl. Statistischen Gesellschaft" vom 20. Januar 1880 allein die von den Arbeitern in 114 gröfseren Strikes zwischen 1870—80 verlorene Summe auf 5 067 625 $£. Der Verlust der Arbeitgeber sei nicht statistisch festzustellen, da er 1. zins- und gewinnloses Ruhen des Kapitals, 2. Verschlechterung von Maschinen u. s. w., 3. Verlust von Kundschaft in sich schliefse. Ferner litten die Hauseigentümer und Kaufleute wegen unbezahlter Mietzinse und Rechnungen, in letzter Linie die Armensteuerpflichtigen. Vergl. übrigens gegenüber solchen Berechnungen: Brentano, Arbeitergilden II, S. 256. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 19 — 290 — manche, die schwächeren sogar in dem ersten organisationslosen; aber gerade die allerwichtigsten sind in die letzte reriode, die des gewerblichen Friedens, bereits übergegangen. II. Die Textilgewerbe. Die Festsetzung der Arbeitsbedingungen auf dem Wege von Verhandlungen ist nicht neu. Wo die Arbeitgeber bei Gewerben, welche der Schärfe der Konkurrenz wenig ausgesetzt sind, sich zur Anerkennung der Gleichberechtigung früh herbeiliefsen, erscheint die sonst zwischen beiden Stufen sich breit ausdehnende Periode des Kampfes abgekürzt, so z. B. überall bei dem Setzergewerbe. Die Preislisten der Londoner Setzer werden seit mehr als einem Jahrhundert durch Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern vereinbart; ähnliches erwähnten wir oben von der Teppichfabrikation; für weitere Beispiele verweisen wir auf Brentanos „Arbeitergilden der Gegenwart" II, S. 267 ff. Besonders interessant ist dieselbe Gewohnheit in der Seidenweberei, weil sie unmittelbar an das alte Gewerberecht anknüpft, welches für diese Industrie durch die sogenannten Spital fiel d sgesetze verlängert worden war. In Zusammenkünften zwischen Vertretern von Arbeitgebern und Arbeitern wurden hier im Anfange des Jahrhunderts die Lohnlisten ausgearbeitet, welche durch obrigkeitliche Bestätigung sodann für beide Teile autoritative Kraft erhielten. Auch ist die Seidenindustrie die erste, die nach Wegfall der genannten Gesetze zu einer eigentlichen Einigungskammer gelangte. Der „Macclesfield Silk Trade Board", welcher 1849 errichtet wurde, war der Vorläufer der Mim- — 291 — dellaschen Einrichtungen. Er war aus Vertretern des Gewerkvereins und der Arbeitgeher zusammengesetzt und verfolgte bereits die beiden Zwecke, welchen derartige Kammern stets dienen: Durchführung der bestehenden Rechtsverhältnisse und Vereinbarung der künftigen Arbeitsbedingungen. Zur Verwirklichung ihrer Entscheidungen besafs jedoch die Kammer noch nicht das Mittel des moralischen Druckes, welcher heute selbst mächtigen Arbeitgebern gegenüber kaum versagt. Die öffentliche Meinung stand damals noch nicht auf dem Standpunkte der Gleichberechtigung. Daher war die Kammer lediglich auf die Macht des Gewerkvereins angewiesen, dessen Vorgehen gegen diejenigen, welche die Entscheidungen verletzten, von den übrigen Arbeitgebern durch Erlaubnis von Sammlungen unter ihren Arbeitern, ja durch Zuschüsse zur Streikkasse gefördert wurde. An der mangelnden Unterstützung seitens der öffentlichen Meinung ging denn die Kammer zu Grunde, indem sie nach mehrjährigem Bestände eine Entscheidung gegenüber dem mächtigsten der ihr zugehörigen Arbeitgeber nicht durchsetzen konnte. Trotzdem hat man auch nach Beseitigung der Kammer Arbeitsbedingungen auf dem Wege von Verhandlungen festzusetzen nicht aufgehört. Überall dagegen, wo diese Gewohnheit nicht an ältere Verhältnisse anknüpft, sind es diejenigen Industrien, welche am meisten durch Lohnkämpfe zu leiden haben, in denen man zuerst zu friedlichen Methoden zur Entscheidung von Arbeitsstreitigkeiten übergeht. „Nottingham", wo Mundella 1868 eine Einigungskammer für die Wirkerei errichtete, so erzählt er, „litt vielleicht mehr als irgend ein anderer Mittelpunkt der Industrie in Europa von den Zwistigkeiten zwischen Kapital und Arbeit", ähnlich wie es in Wolverhampton das wegen Arbeitsstreitigkeiten geradezu verrufene Baugewerbe, ferner die ebenfalls sehr unbefriedigenden Verhältnisse in der Eisen- 19* — 292 — industrie waren, welche Arbeitgehern und Arbeitern früher als anderwärts die Notwendigkeit friedlicher Methoden nahe legten. Die Geschichte der Gründung der Nottinghamer Einigungskammer ist bekannt. Wir heben nur die Punkte hervor, in denen sie vorbildlich für derartige Versuche überhaupt ist. 1. Die Verhältnisse in Nottingham litten, wie gesagt, mehr als andere an einem scharf ausgeprägten Klassengegensatz ; Gewaltthaten waren bei Arbeitsstreitigkeiten häufig. Die Arbeitgeber weigerten sich, den Gewerkverein anzuerkennen, und da infolgedessen Verhandlungen unmöglich waren, so bestand bei jeder verlangten Veränderung des Arbeiterverhältnisses wie der Löhne ein System des gegenseitigen Aushungerns, das für beide Seiten mit schwersten Verlusten verbunden war. Im Jahre 1860 tobten die Kämpfe besonders heftig; die Arbeitgeber gingen damit um, sämtliche Arbeiter auszusperi-en. Da war es Mundella und einige andere, welche den Vorschlag machten, die durch eine solche Mafsregel herbeigeführten Verluste zu vermeiden durch persönliche Besprechung mit den Arbeitern. „Wir gingen", erzählt Mundella, „wir erniedrigten uns, wie einige sich ausdrückten. Wir sagten zu den Arbeitern: „Wir wollen mit euch sprechen und sehen, ob wir nicht ein besseres System ausfindig machen können. Ihr gebt jeder von euch 1 Shilling bis 1 Shilling 6 Pence die Woche aus, um uns zu bekämpfen. Lafst uns versuchen festzustellen, was die Preise sein sollen"." Das Ergebnis dieser Verhandlungen war die Nottinghamer Einigungskammer, welche zur Entscheidung aller zwischen Arbeitern und Arbeitgebern entstehenden Streitigkeiten aus Vertretern beider Seiten zu gleichen Teilen gebildet wurde. Im Falle der Stimmengleichheit hatte die Ent- — 293 — Scheidung ursprünglich der Vorsitzende, später ein von Jahr zu Jahr gewählter Unparteiischer. Das gesagte beweist, dafs es nicht ein besonders günstiges Verhältnis zu den Arbeitern war, welches den Arbeitgebern ermöglichte, auf den Boden der Verhandlungen hinabzusteigen, auch nicht das Gefühl der Interessengemeinschaft, sondern vielmehr ein sehr ausgebildeter Gegensatz, welcher aus Rücksicht auf die Produktionskosten in friedliche Formen gegossen wurde. Erst allmählich lernten dann die Arbeiter durch die Gewohnheit der Verhandlungen, die ihren Forderungen gesetzten Grenzen erkennen, welche vom Stande der Industrie und dem ausländischen Mitbewerb abhängen. 2. Wollte man auf dem Wege der Verhandlung vorgehen, so mufste man den bisher bekämpften Gewerkverein anerkennen. Ohne Organisation der Arbeiter ist wenigstens die friedliche Festsetzung derjenigen Fragen, welche künftige Arbeitsbedingungen betreifen, unmöglich. Auch machte man hierbei bald die seitdem oft wiederholte Erfahrung, dafs gerade die Führer der Arbeiterorganisationen, weil die einsichtigsten, auch die gemäfsigtsten sind. Mundella sagt hierüber: „Gerade die Leute, welche die Fabrikanten am meisten fürchteten, wurden als Vertreter der Arbeiter in die Kammer geschickt. Wir fanden in ihnen die geradsinnigsten Leute, die wir nur zur Verhandlung hätten wünschen können. Oftmals erfuhren vir, dafs die Macht hinter ihnen zu stark gewesen ist; aber sie sind gewöhnlich die einsichtigsten Arbeiter; oft unter grofsem Druck von aufsen leisten sie Widerstand. Sie sind die beste Schutzmauer, die wir haben, zwischen den unwissenden Arbeitern und uns selbst 1 ." 3. Dafs die zu entscheidenden Fragen verschiedener Art 1 Angefahrt bei Henry Crompton, Industrial Conciliation. London 1876. — 294 — sind, sich bald auf Verletzung bestehender, bald Festsetzung künftiger Arbeitsbedingungen beziehen, war den Gründern der Kammer nickt klar bewufst. Trotzdem führte die Natur der Sache auch bereits hier zu verschiedenartiger Behandlung. Im ersteren Falle nämlich ist eine Art gerichtlicher Untersuchung unumgänglich, indem rechtliche oder thatsäch- liche Behauptungen aufgestellt und bestritten werden; z. B. die Arbeiter behaupten, durch eine bestimmte Handlungsweise des Arbeitgebers seien die übereingekommenen Arbeitsbedingungen verletzt worden etc. Für die Feststellung derartig bestrittener Thatsachen war bereits in Nottingham ein besonderes Verfahren vorgesehen, indem zuerst die Schriftführer der Kammer, sodann ein Untersuchungsausschufs, aus zwei Arbeitern und zwei Arbeitgebern bestehend, den Sachverhalt zu prüfen hatten. Allerdings war gegen seine Entscheidungen ursprünglich Berufung an die Kammer möglich, während doch zur Feststellung von Thatsachen jedenfalls eine gröfsere Vereinigung nicht so geeignet ist als wenige sachkundige Männer. Daher hat später auch hier die Erfahrung dazu geführt, derartige Streitigkeiten, die man als die des individuellen Falles bezeichnete, dem engeren Ausschufs zur endgültigen Entscheidung zu überlassen, wenn nötig, durch Ernennung eines Unparteiischen. 4. Nach mehr als zwanzigjährigem Bestände ist die Nottinghamer Einigungskammer zeitweilig zusammengebrochen. Die Wirkerei befand sich nämlich in aufserordentlichem Geschäftsrückgange seit Beginn der achtziger Jahre. Die Gewerkvereine waren überlastet mit unbeschäftigten Mitgliedern. Die älteren Firmen der Stadt hatten zwar zunächst das Bestreben, die alten Einrichtungen fortbestehen zu lassen; noch 1886 setzte die Einigungskammer eine Lohnverminderung von 10 % fest. Aber kleinere Unternehmer auf dem Lande beobach- — 295 — teten nicht mehr diesen Entscheid, sondern zahlten weit geringere Löhne. Der Gewerkverein war nicht mehr stark genug, jene Fabriken zum Stillstand zu bringen. Damit aber war ein Loch in die bestehende Organisation gerissen. Auch die besser gesinnten Arbeitgeber folgten unter dem Drucke der Konkurrenz. Die Liste, nach welcher bisher die Löhne bezahlt wurden, ward aufgegeben und die alte Erbitterung des Kampfes, welche längst in Nottingham erloschen schien, ward wieder angefacht; wieder, wie vor Jahrzehnten, drohten die Arbeitgeber ihren Arbeitern mit Entlassung, wenn sie dem Gewerkverein beiträten. Trotzdem aber hatte das zwanzigjährige Bestehen der Einigungskammer den Erfolg gehabt, Arbeitern wie Arbeitgebern den Wert dieser Einrichtung zu lehren und, wie Mundella dem Prof. Brentano im März 1890 mitteilte, ist die Wiedererrichtung derselben gelungen. Die Gründe des zeitweisen Scheiterns der Nottinghamer Einigungskammer lassen sich aufser auf den Niedergang der Industrie darauf zurückführen, dafs das Gewerbe dem Wechsel der Mode in hohem Mafse ausgesetzt ist und das Streben der einzelnen Fabrikanten, sich durch Neuheiten zu übertreffen, zum Geheimhalten der Muster führt. Diese Umstände sind schwer verträglich mit einer einheitlichen Festsetzung der künftigen Arbeitsbedingungen, worin der Hauptzweck jeder Einigungskammer besteht. Schon in den sechziger Jahren umfafsten die vereinbarten Listen die Löhne von mehr als 6000 verschiedenen Artikeln. Das Gesagte beweist, wie eng die Möglichkeit einer Einigungskammer und die Formen des Verfahrens mit der Natur und dem Stande der betreffenden Industrie zusammenhängen 1 . 1 Yergl. näheres über die Nottinghamer Einigungskanimer Brentano, Das Arbeitsverhältnis gemäfs dem heutigen Recht S. 273 ff.; Arbeitergilden der Gegenwart II, S. 273 ff.; Crompton, Industrial Conciliation S. 33 ff. — 296 — Ähnliches gilt von der Wollweberei, welche ihren Sitz in der Grafschaft York, besonders in Bradford und Hudders- field hat. Obgleich die älteste Industrie Englands, ist sie, weil zahlreichen Schwankungen der Mode und des ausländischen Mitbewerbs unterworfen, ferner weil fast 70 Prozent aller Arbeiter Frauen sind, noch wenig organisiert. Allerdings beginnt sich in letzter Zeit der Gewerkverein der Wollfärber zu rühren; Lady Dilke ist eifrig daran, die Arbeiterinnen zu organisieren; aber im allgemeinen liegen die Verhältnisse hier wie in Lancashire vor fünfzig Jahren. Die Arbeiter werden nach Listen bezahlt, welche jeder Arbeitgeber für seine Fabrik nach Gutdünken aufstellt. Ihre Lebenslage ist unsicher und elend. Trotzdem hat auch in diesem Gewerbe bereits ein gröfseres Schiedsgericht stattgefunden, als die Arbeiter 1880 Lohnerhöhung verlangten. Es erfolgte ein langdauernder Ausstand, bis die Arbeitgeber auf ein Schiedsgericht eingingen. Sir Henry Mitchell, einer der gröfsten Kaufleute Bradfords, war Schiedsrichter; er erkannte den Arbeitern eine Lohnaufbesserung zu. Wenn in den beiden genannten Industrien die Klassengegensätze noch grofs sind, so beruht dies auf tieferliegenden Gründen. Es ist nicht zu erwarten, dafs sich in naher Zukunft in ihnen ähnliche Verhältnisse entwickeln, wie sie die grofse Stapelindustrie Lancashires zeigt. Einzelne wohlwollende Arbeitgeber können wenig zu ihrer Besserung beitragen. Dieselbe liegt auf einem ganz anderen Gebiet. Die schlechte Lage der Arbeit in ihnen ist dadurch bedingt, dafs beide einer launischen und wechselnden Nachfrage unterworfen sind, wie alle Gewerbe, die hauptsächlich für die Bedürfnisse des Luxus arbeiten. Erst eine gleichmäfsigere Verteilung des Volkseinkommens würde hier der Nachfrage jenen — 297 — stätigen Charakter geben, -nie er zu einer befriedigenden Lösung der Arbeiterfrage unerläfslich ist 1 . Eine solche ist dort kaum möglich, wo ein Gewerbe zwar als Produktionsweise die Form der Grofsindustrie angenommen hat, dagegen sein Erzeugnis noch den handwerkmäfsigen Charakter, der sich in stetem Wechsel kundgiebt, bewahrt. Ganz anders liegen die Verhältnisse in der Baumwollenindustrie, welche obwohl bei weitem jünger als die Wollenweberei heute alle anderen Textilgewerbe an Wichtigkeit überragt 2 . Ihr ist der Reichtum Englands in erster Linie entsprungen und auch heute dürften ihr etwa nur die verschiedenen Zweige der Eisenindustrie zusammengenommen die Wage halten 3 . Sitz der Industrie ist die einst ärmliche Grafschaft Lancashire, heute der gewerbliche Mittelpunkt Englands. „Was Manchester sagt, sagt London morgen", ist ein englisches 1 Yergl. hierüber den Schlufs dieses Buches. 2 Herr Sarauel Andrew, der Schriftführer der Baumwollenfabrikanten zu Oldham hat nachfolgende, die Baumwollenindustrie betreffende Darstellung durchzusehen die Güte gehabt und erklärt sie mir brieflich als den Thatsachen entsprechend. Hierfür sowie für die Freundlichkeit, mit der er mir durch Lancashire den Weg gewiesen hat, sage ich den genannten Herrn meinen Dank. 3 Die Exportverhältnisse für 1887 sind folgende: Gesamtausfuhr an Gam 11379 485 £ - Baumwollengewehen .... 59 577 284 - Summa 70 956 769 £ Davon betrug die Gesamtausfuhr nach Ostindien an Garn ... 2 629 275 £ - Gewehen . . 17 965 776 - Summa 20 595 051 £. Der heimische Verbrauch ist nur zu schätzen; er wurde 1884 auf 22 420 000 £ berechnet und schwankt seiner Natur nach wenig. Die Gesamtproduktion dürfte 100 Millionen Pfund erreichen; den höchsten Punkt erreichte die Ausfuhr 1872 (über 88 Milk), den niedrigsten 1879 (unter 64 Mill.). Sprichwort. Dort wuchsen in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts als Zwillingsgeschwister die moderne Nationalökonomie und die Baumwollenindustrie auf. Beide machten ihre Kinderkrankheiten durch, von denen wir hier nur die der letzteren ins Auge zu fassen haben. Manchester, obwohl der Mittelpunkt der Grafschaft, ist heute nicht eigentlich mehr der Sitz der Industrie; dieselbe hat sich mehr und mehr in die um Manchester gelegenen Fabrikorte gezogen. Unter diesen ist Oldham der wichtigste. Man hat berechnet, dafs in England 40 Millionen Spindeln täglich schwirren, etwa ebensoviel wie in allen übrigen Ländern der Erde zusammengenommen. (1885 hatte der europäische Kontinent 22 3 /, so setzte dies natürlich ein feststehendes System der Löhnung voraus. Wenn jede der Parteien ihren Vorteil darin suchte, auf die Festsetzung der Arbeitsbedingungen möglichst zu ihren Gunsten einzuwirken, so mufste es in beiderseitigem Interesse erscheinen, das einmal Festgesetzte dem Kampfe zu entziehen. Diesem Bedürfnis entsprang der zwischen Grubenbesitzern und Bergleuten vereinbarte ständige Ausschufs (joint eommittee), welcher die Fortbildung des zur Verhandlung der Fragen des individuellen Falls bereits im Mundellaschen Statut vorgesehenen Untersuchungsausschusses ist, mit welchem er jedoch geschichtlich nicht zusammenhängt. Hier also, wie in der Baumwollenindustrie Lancashires, setzte die Entwicklung zunächst an der Entscheidung der Streitfragen des einzelnen Falles ein. Wie unabhängig sie aber in beiden Gebieten erfolgt ist, geht daraus hervor, dafs die zu diesem Zwecke getroffene Einrichtung in der Kohlenindustrie denselben Namen führt wie das mit der entgegengesetzten Funktion betraute Organ der Arbeiter- und Arbeitgebervereine Lancashires. Der gemeinsame Ausschufs in Northumberland und Durham entscheidet Fragen des einzelnen Falls wie die Sekretäre der Vereine in Lancashire. Der gemeinsame Ausschufs in Lancashire verhandelt allgemeine Fragen, welche der gleichnamigen Einrichtung der Kohlenindustrie gar nicht unterfallen. — 334 — Ein besonderes Verdienst ist Herrn T. W. Bönning zuzuschreiben, welcher als Schriftführer der Grubenbesitzer von Northumberland wie Durham sich mit Herrn Crawford in Verbindung setzte, der dasselbe Amt bei dem Gewerkverein von Durham versah. Auch hier also zeigte sich der Einflufs bezahlter Beamten, welche in gesellschaftlicher Stellung nicht allzuweit voneinander entfernt und an dem Gegensatz zwischen Arbeiter und Arbeitgeber persönlich unbeteiligt sind. Das Resultat der Besprechungen der genannten Herren waren Vorschläge dahin, wie jene unbedeutenderen Streitigkeiten friedlich entschieden werden könnten, ohne in den selten auftauchenden eigentlichen Kernfragen einer von beiden Seiten die Hände zu binden. Anfang des Jahres 1873 wurde durch Übereinkommen der sich gegenüberstellenden Vereine sowohl für Durhain wie für Northumberland je eiii Verwaltungsausschufs in das Leben gerufen. Beide halten ihre Sitzungen zu Newcastle, dem Geschäftsmittelpunkte der vereinigten Grubenbesitzer. Als Zweck der Einrichtung wurde damals bezeichnet, „alle Etagen, aufser sogenannten Grafschaftsfragen, welche die Industrie im allgemeinen betreifen, zu besprechen, als da angehen Löhne, Gebräuche der Arbeit und irgend welche andere Streitfragen, wie sie von Zeit zu Zeit in den Gruben sich erheben und der Erwägung des Ausschusses der Parteien von nun an unterbreitet werden sollen". (Aus den ersten Statuten des Ausschusses für Northumberland.) Während ursprünglich nur eine Besprechung bezweckt war, wurden 1877 die Statuten dahin verändert, dafs der Ausschufs die Fragen endgültig entscheiden sollte. So sagt Art. 4 der Regeln des Verwaltungsausschusses für Durham: „er soll volle Gewalt haben, alle Streitfragen beizulegen; seine Entscheidung soll endgültig - 335 — sein und alle Parteien in der Weise, wie der AusschuTs es anordnet, binden". Seit ihrer Begründung, also 16 Jahre lang, sind die Ausschüsse ununterbrochen thätig gewesen. Gerade dafs man ihnen die allgemeinen Fragen entzogen hatte, erwies sich als ein besonderer Vorteil. Denn selbst in der Zeit, da die Wogen des Kampfes zwischen den Parteien am höchsten gingen, bewahrten die Verhandlungen der Ausschüsse jenen rein geschäftlichen Charakter, der ein Beweis dafür ist, wie persönliche Erwägungen gegenüber sachlichen zurücktreten. Die Entscheidungen wurden fast niemals angefochten und gegen die Einrichtung selbst hat keine der beiden Parteien je Widerspruch erhoben. Um einen Eindruck von der weitgehenden Bedeutung dieser Ausschüsse zu geben, genügen folgende Zahlen: der Ausschufs für Durham verhandelte 1881 390 Fälle, 1882 493, 1883 562, 1884 gar 629 Fälle; der Ausschufs von Northumberland hat seit seiner Errichtung im ganzen gegen 4000 Fälle verhandelt und entschieden. Seine Entscheidungen, welche für die Jahre von 1873—1886 in einem Bande 1 erschienen sind, haben ein ganzes System ungeschriebenen Rechtes entwickelt, welches das Arbeitsverhältnis bis in das einzelne hinein regelt. Da es aus den verschiedensten Gründen für den Arbeiter kaum je möglich ist, den Rechtsweg zu beschreiten, so liegt erst in der Errichtung eines solchen Ausschusses oder einer ähnlichen Behörde die thatsächliche Verwirklichung des von der Gesetzgebung wie der öffentlichen Meinung des neunzehnten Jahrhunderts anerkannten Gedankens, dafs die Arbeitsbedingungen, seien sie welche sie wollen, wie sie durch Ver- 1 Proceedings of the Joint Committee. Steam Collieries Defence Association. Newcastle. 1886. — 336 — trag und Gewohnheit festgestellt sind, ein Rechts Verhältnis, d. h. auf beiden Seiten Pflichten und Rechte begründen und dafs ihre Beobachtung daher nicht lediglich von dem guten Willen der einen Seite abhängt. Die Zusammensetzung der Ausschüsse ist folgende: Sechs Arbeiter werden von dem Gewerkverein, sechs Arbeitgeber von dem Verein der Grubenverwaltungen als Beisitzer erwählt. Dieselben einigen sich auf einen Vorsitzenden, von dem, sobald man in allen Fällen zu endgültigen Entscheidungen kommen will, bei Stimmengleichheit der Ausschlag gegeben wird. Ursprünglich versah Herr B. Forster, ein Arbeitgeber aus Northumberland, dies Amt für seine Grafschaft. Derselbe glaubte jedoch, weil er in gewisser Weise zugleich Partei sei, sich der ausschlaggebenden Stimme enthalten zu müssen, was zu Unzuträglichkeiten führte und nicht selten eine Entscheidung verhinderte. Seit 1876 einigten sieh daher die beiden Vereine dahin, einen Juristen zum Vorsitzenden zu erwählen; die mangelnde Sachkenntnis erwies sich um deswillen als wenig bedenklich, weil Fälle, die zur Stimmengleichheit der Beisitzer führen, gewöhnlich zu einer sehr eingehenden Erörterung Anlal's gegeben haben; dagegen ist völlige Unparteilichkeit der entscheidenden Stimme in hohem Grade wichtig, ja für das Dasein der ganzen Einrichtung auf die Dauer unentbehrlich. Seit der genannten Zeit versieht der Grafschaftsrichter E. Maynell das Amt des Vorsitzenden für Northumberland wie für Durham und haben seit seiner Amtsführung die Entscheidungen des Ausschusses an Gleichmäfsig- keit der angewandten Grundsätze bedeutend gewonnen. Die Verhandlungen gehen in folgender Weise vor sich. Anträge müssen schriftlich angebracht und dürfen nicht von Privatpersonen, sondern nur durch Vermittlung der Beamten der beiderseitigen Vereine gestellt werden. Auf Seiten der Arbeiter wie der Arbeitgeber wird je eine Geschäftsrolle gebildet, welche vier Tage vor der Sitzung der andern Seite mitzuteilen ist; die Fälle werden abwechselnd von der einen und der andern Seite zur Verhandlung gebracht. Der Ausschufs prüft bei jedem Fall zunächst seine Zuständigkeit und weist, wie ich aus dem erwähnten Buche ersehe, sehr häufig Fragen als „Grafschaftsfragen" von sich. Erklärt er sich für zuständig, so entscheidet er in vielen Fällen sofort, nämlich dort, wo die Thatsachen klarliegen. Wo Beweiserhebung notwendig ist, kann der Ausschufs zwar selbst Zeugen vernehmen und Aktenstücke sich vorlegen lassen. Weit häufiger jedoch werden zwei Berichterstatter, von jeder Seite einer, ernannt, welche, ähnlich den Sekretären in Lancashire, an Ort und Stelle sich begeben, um die notwendigen Erhebungen zu machen. Sie legen sodann in der nächsten Sitzung ihren Bericht vor, auf Grund dessen die Entscheidung erfolgt. Manchmal aber auch betraut der Ausschufs jene beiden mit der endgültigen Erledigung der Sache; sie erhalten damit die Stellung von Schiedsrichtern. Für den Fall, dafs sie sich nicht einigen können, wird ein dritter jJnparteiischer ernannt; derselbe wird in Nortkumberland vom Vorsitzenden des Ausschusses bezeichnet; in Durham ist es gemäfs den Statuten der Grafschaftsrichter, also zur Zeit Herr Maynell, der Vorsitzende selbst. Nicht selten, in weniger wichtigen Fällen, bestimmt auch der Ausschufs einfach einen Sachverständigen, der die Sache entscheiden soll. Er besitzt also grofse Freiheit in der Wahl seiner Mittel. Für Änderungen seiner Statuten ist der Ausschufs autonom und kommen solche in der That fast alljährlich vor. Hervorzuheben ist, dafs beide Parteien zu gleichen Teilen die Kosten der Einrichtung tragen, — eine Bestimmung, worin sich die Gleichberechtigung beider ausspricht. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 22 — 338 — Wenn ein Beisitzer in einer Frage persönlich Partei ist, so darf er sich an der Abstimmung nicht beteiligen; in diesem Falle mufs auch ein Mitglied der andern Seite sieh der Stimme enthalten. In vielen Fällen kommt es überhaupt nicht zur Abstimmung, weil die Verhandlungen den Charakter einer persönlichen Besprechung bewahrt haben. Häufig erklären einzelne Mitglieder, dafs sie persönlich eine Sache in Ordnung bringen würden, so besonders die Vertreter der Arbeiter bei Beschwerden der Arbeitgeber. Denn als Beamte des Gewerkvereins können sie den einzelnen Arbeiter einfach auffordern, den Beschwerdegrund abzustellen. In solchen Fällen vertagt der Ausschufs die Beschlufsfassung. Um die das Arbeitsverhältnis beherrschenden Regeln auf den einzelnen Fall anzuwenden, ist es notwendig, dafs solche Regeln überhaupt vorhanden sind. Es erhebt sich hier die Schwierigkeit, dafs die in den Bergwerken zu leistenden Arbeiten bei ihrer wechselnden Natur in einer Liste sich nicht zusammenstellen lassen, welche die Löhne für jede einzelne Verrichtung zahlenmäfsig angäbe. Das System der die Arbeit beherrschenden Grundsätze ist aber in den Bergwerksbezirken gewohnheitsmäfsig festgestellt und haben zu dieser Feststellung die Verwaltungsausschüsse durch ihre langjährige Rechtsprechung in hohem Mafse beigetragen. Ein Überblick über dasselbe lehrt die Mannigfaltigkeit der den Ausschüssen unterfallenden Aufgaben ermessen. Der Bergbau in den bezeichneten Grafschaften ist durch den Grundsatz der Arbeitsteilung in hervorragendem Grade beherrscht. Die Arbeiter zerfallen in sieben Hauptklassen, die sich in zahlreiche Unterabteilungen gliedern. Die wichtigsten Arbeiter sind die „Häuer", d. h. die eigentlichen Bergleute, welche ausschliefslich mit dem Heraushauen der Kohle zu thun haben. Für sie herrscht, wie sogleich zu zeigen ist, — 339 — der Grundsatz, der in gewissem Grade für die gesamte englische Industrie gilt, die Produktion nicht durch Herab- drückung des Lohnes, sondern durch Stärkung der Intensität der Arbeit zu fördern. Die Löhne aller übrigen Klassen richten sich nach den ihren; aber während für sie Stücklöh- nung gilt, werden die meisten andern nach der Zeit bezahlt. Alle Klagen also, welche die Löhnung der letzteren Klassen betreffen, hat der gemeinsame Ausschufs auf den zu berechnenden Durchschnittstagesverdienst der Häuer zu prüfen und, je nachdem sie in dem gewohnheitsmäfsigen Verhältnis zu demselben stehen oder nicht, abzuweisen oder zuzusprechen. Um einen Begriff von der Schwierigkeit dieser Aufgabe zu geben, sei folgendes erwähnt. Die zweite Klasse, welche die unter Tage aufser den Häuern beschäftigten Arbeiter umfafst, enthält 32 Unterarten, 19 von Erwachsenen und 13 von Knaben. Zur dritten Klasse gehören die höher als die Bergleute bezahlten Arbeiter, Aufseher u. s. w., ebenfalls mit den verschiedensten Löhnen. Die vierte Klasse umfafst gar in 37 Unterarten Arbeiter, die an Tage beschäftigt sind, die fünfte und sechste Klasse besser bezahlte Arbeiter, Maschinenarbeiter und solche, die zum Teil dem Gewerkverein der „Maschinenbauer" angehören; die letzteren stehen aufserhalb der von den Bergleuten getroffenen Abmachungen. In letzter Linie kommen die eigentlichen Tagelöhner. Alle diese Arbeiter erkennen mit der bezeichneten Ausnahme die Rechtsprechung des gemeinsamen Ausschusses an, die ihre Löhne in dem gewohnheitsmäfsigen Verhältnis zueinander erhält. Übrigens werden auch für sie mehr und mehr Stücklöhne eingeführt. Alle diese Löhne richten sich nach dem Durchschnittslohn der Häuer. Erhalten z. B. die Häuer 5 °/o Lohnerhöhung, so werden sämtliche andere Löhne, seien es Stück- oder Zeitlöhne, um 22* — 340 — 5 °/o erhöht, wobei ihr gegenwärtiges Verhältnis unveränderlich bleibt. Die Häuer aber werden nach der Tonne geförderter Kohle bezahlt. Der Ausschufs berechnet den Durchschnitt, welcher für das betreffende Jahr in der Grafschaft für die harte und die weiche Kohle bezahlt wird auf Grund der unten zu besprechenden, allgemeinen Festsetzungen. Dieser Durchschnitt ist Richtschnur seiner Entscheidungen. Demgegenüber ist die thatsächliche Löhnung der Arbeiter äufserst wechselnd. So pflegt bei eintretenden Schwierigkeiten der Arbeit eine Lohnerhöhung gewährt zu werden, z. B. wenn Steine sich in der Kohle finden, ferner wenn das Dach unsicher ist und Herabfallen von Steinen droht u. s. w. Abgesehen von diesen aufsergewöhnlichen Fällen zerfällt die Arbeit an jedem Flötz überhaupt in zwei verschieden bezahlte Teile: zuerst werden schmale Gänge in die Kohle gehauen und dieselben von Quergängen gekreuzt, so dafs Pfeiler mit der Grundfläche von 30—60 Ellen im Quadrat stehen bleiben; sodann werden die Pfeiler mit Hülfe von Pulver ausgesprengt. Der erste Teil der Arbeit ist viel schwerer als der zweite und wird entsprechend höher bezahlt. Natürlich lassen sich bei der Verschiedenheit der Verhältnisse, unter denen die Bergleute arbeiten, täglich neue Komplikationen denken. Es sind daher feststehende Lohnsätze unmöglich. Vielmehr hat sich derjenige Arbeiter, welcher sich über zu geringe Bezahlung beklagt, derjenige Arbeitgeber, welcher zu viel zu zahlen glaubt, an den gemeinsamen Ausschufs zu wenden. Dieser läfst den Fall prüfen, d. h. die Natur der Arbeit an Ort und Stelle untersuchen und entscheidet danach unter Zugrundelegung des erwähnten Durchschnittslohnes. Den letzteren selbst kann er nicht verändern; eine Erhöhung oder Erniedrigung desselben wäre eine Graf- — 341 — schaftsfrage und käme einer allgemeinen Lohnerhöhung oder -herabsetzung gleich. Dagegen kann er im einzelnen Falle den Arbeitern höhern Lohn zusprechen, beziehungsweise ihren Lohn vermindern auf Grund davon, dafs derselbe höher oder niedrer als der Durchschnittslohn sei, der für diese Art der Arbeit in der Grafschaft gezahlt werde. Da nun aber in diesen Fragen eine mathematische Genauigkeit nicht zu erreichen ist, so bestimmen die Statuten des gemeinsamen Ausschusses, dafs in den Stücklöhnen der Häuer eine Änderung nur dann verlangt werden könne, wenn nachgewiesen würde, dafs dieselben um 5 °/o höher oder niedriger als die für diese Arbeit gewährte Durchschnittslöhnung seien. Hieraus folgt, dafs nicht nur in verschiedenen Gruben, sondern sogar in derselben Grube die verschiedensten Löhne herrschen. So schwankten z. B. in zwei benachbarten Gruben die Löhne von 1 sh. 2 1 /2 d. bis 2 sh. die Tonne. Auch wechselt der Tagesverdienst durchaus, z. B. bewegt sich derselbe in den angeführten Gruben zwischen 3 sh. 6 d. und 4 sh. 9 d.; besondere Schwierigkeiten scheinen also als Grund absolut höherer Bezahlung angesehen zu werden. Fälle, in denen es sich um Lohnfestsetzungen dieser Art handelt, sind bei weitem die zahlreichsten unter den an den gemeinsamen Ausschufs gelangenden. Beispiele sind folgende: die Arbeiter verlangen höheren Lohn wegen eindringenden Wassers, wegen verminderter Höhe des Flötzes, deswegen, weil eine für die Grafschaft ausgesprochene Lohnerhöhung ihnen nicht zu teil geworden sei. Die Arbeitgeber verlangen Lohnverkürzung deswegen, weil der Flötz „gebrochen" werde, d. h. die Gänge fertig ausgearbeitet und die Pfeiler nunmehr nur auszusprengen seien, weil die Kohle weicher und damit die Arbeit leichter werde; sie fordern Anpassung bestimmter Löhne an eine für die Grafschaft ausgesprochene Lohnherab- — 342 — Setzung; sie verlangen, dafs ihre Grube aus der Klasse der teurer bezahlenden „Dampfkohlenwerke" in die der weniger bezahlenden versetzt werde, welche „weiche Kohle" fördern. Solche und ähnliche Fälle erledigt der Ausschufs. Derselbe ist jedoch mit seinen Entscheidungen nicht an die Anträge der Parteien gebunden. So verlangten z. B. die Arbeiter wegen aufserordentlicher Hitze im Schacht eine Lohnerhöhung. Der Ausschufs verwarf diesen Antrag, in der Meinung, dafs unter solchen Umständen überhaupt nicht gearbeitet werden solle, forderte vielmehr den betreffenden Arbeitgeber auf, durch verbesserte Ventilation die Temperatur zu erniedrigen. Allgemeine Fragen weist er von sich, so z. B. als die Arbeiter eine bisher ungebräuchliche Vergütung dafür forderten, dafs sie die ihnen zum eignen Verbrauch zugeteilten Kohlen verlüden; hätte der Ausschufs hier nein oder ja gesagt, so hätte er damit nach seiner Ansicht einen neuen allgemeinen Grundsatz für die Löhnung aufgestellt, was über seine Befugnis hinausging. Eine weitere Komplizierung erfuhr das System der Löhnung und damit die Rechtsprechung des Ausschusses durch Einführung der sogenannten „Fairy Bills". Es kommt nämlich bei der harten Kohle Northumberlands, welche der Ausfuhr vor allen dient, darauf an, die Kohle in möglichst grofsen Stücken zu fördern. Auch ist es für die Grubenbesitzer um deswillen wichtig, dafs die Arbeiter hierzu einen Ansporn haben, weil sie alsdann den auszusprengenden Flötz nach Kräften ausnutzen und möglichst tief, d. h. dort, wo er auf dem Stein aufsitzt, unterwühlen. Die Vereine der Arbeitgeber und Arbeiter einigten sich 1877 daher dahin, dafs die Arbeiter, wenn es die Grubenverwaltungen vorzögen, allein nach den grofsen Stücken bezahlt werden sollten. Dieselben werden dadurch gesondert, dafs man die Kohlen über Latten gleiten läfst, zwischen welchen die kleineren hindurchfallen. Durch Schiedsspruch des Herrn Dr. Playfair wurde festgestellt, dafs sich in der Tonne bisher 60,8 °/o grofse Stücke befanden; für dieses Gewicht (also ^ Tonne) wird der Arbeiter mit dem üblichen Durchschnittslohn für die ganze Tonne bezahlt. Was er darüber liefert, ist demnach Extragewinn; dagegen wird er für die kleinen Stücke, welche zu Boden fallen, gar nicht bezahlt. Die Einführung dieses Systems, welches übrigens nur teilweise angenommen wurde, war Grafschaftsfrage. Dagegen führte seine Anwendung zu häufigen Zweifeln, welche der Verwaltungsausschufs entschied. Auch in diesem Fall bleibt der Durchschnittssatz, der für die Tonne zu gegebener Zeit gezahlt wird, Grundlage seiner Entscheidungen. Wo Stücklohn herrscht, ist die Länge der Arbeitszeit nicht von gleichem Interesse für die Parteien als dort, wo Tagelohn bezahlt wird. Trotzdem hat der Ausschufs nicht selten mit Fragen der Arbeitszeit zu thun. Auch in dieser Hinsicht herrscht der Grundsatz, die Arbeitsleistung möglichst zu steigern. Die Arbeitszeit ist auffallend kurz, GVa oder 6 Stunden (uneingerechnet Aus- und Einfahrt); jedoch gestattet in gewissen Fällen der Ausschufs eine längere Arbeitszeit. Es wird in doppelter Schicht gearbeitet; an Stelle der ersten Arbeiter treten nach 6- oder 6 1 /ästündiger Arbeit Ersatzmänner. Die Schattenseite dieses Systems, dafs jeder nur daran Interesse hat, möglichst viel für sich herauszufordern, ohne die Arbeit des Nachmannes vorzubereiten, wird dadurch vermieden, dafs Vormann und Nachmann ihr Geschäft gemeinsam betreiben, d. h. zusammen als eine Person bezahlt werden, häufig wohl Vater und Sohn oder Angehörige desselben Haushaltes sind. Die Vorteile dieses Systems für den Arbeitgeber fafste Lord Herschell, der im Jahre 1877 für die Kohlenindustrie — 344 — Northumberlands Schiedsrichter war, in folgender Weise zusammen : Schiedsrichter, sich wendend an den Zeugen Herrn Mamatt, Sachverständigen für die Kohlenindustrie in Yorkshire, wo nur in einer Schicht und mit längerer Arbeitszeit gearbeitet wird: „Wenn Sie das nehmen, was per Tag aus der Grube herauskommt — das Quantum, auf das die stehenden Ausgaben sich beziehen —, so würde jedenfalls die Art und Weise, wie in Northumberland gearbeitet wird, mehr Gewinn bringen als die Ihre, weil man hier, soviel ich verstehe, das doppelte Quantum fördert"? Zeuge: „Jawohl, während derselben Zeit von 24 Stunden". Herr Bunning, Sekretär der Arbeitgeber: „Aber mit der doppelten Anzahl von Menschen". Schiedsrichter: „Dieselben werden nach der Tonne bezahlt und daher ist es ganz gleichgültig, ob man die doppelte Anzahl von Menschen hat oder nicht. Was ich meine, ist, dafs, wenn man sechs Tonnen an Stelle von dreien den Tag erhält, sehr viele der stehenden Ausgaben sich auf sechs statt drei verteilen werden". — Da nämlich jeder Arbeiter trotz der kurzen Stundenzahl nicht weniger, sondern eher mehr leistet als ein länger arbeitender anderwärts, so befindet sich der Arbeitgeber in der Lage, als ob er einen Arbeiter zwölf bis dreizehn Stunden arbeiten hätte, der doppelt soviel fördert als der Arbeiter in den Bergwerken des Konkurrenten. Dieses System komplizierter Stücklöhnung mit kurzer Arbeitszeit und Schichtwechsel wäre ohne die Thätigkeit des gemeinsamen Ausschusses undurchführbar, welche jeder Arbeitsleistung den ihr gebührenden Lohn anpafst. Ohne das würde, da der Lohn nicht aus einer Liste zu entnehmen ist, voll- — 345 — ständige Unsicherheit herrschen. Die Arbeiter würden sich häufig über ungerechte Löhne beklagen und örtliche Ausstände häufig sein, welche eine in Intensität so gesteigerte Industrie gerade am wenigsten vertragen kann. Andrerseits aber würden einzelne Arbeitgeber durch Druck auf die Löhne ihrer Arbeiter Vorsprung vor den andern zu erreichen suchen. Beides wird dadurch unmöglich, dafs es eine Autorität giebt, die für die ganze Grafschaft die Arbeitsbedingungen auf gleicher Linie hält. Während, wie wir sahen, der Durchschnittslohn für die Tonne die Grundlage der Entscheidungen des Ausschusses bildet, so hat derselbe doch auch manchmal den Durchschnittstagesverdienst der Bergleute zu Bäte zu ziehen. Einen solchen Fall erwähnten wir (Bezahlung anderer, nach der Zeit beschäftigter Arbeiter). Ferner besteht die Bestimmung, dafs der Tagesverdienst, wo er sich durch verlängerte Arbeitszeit, nicht durch eintretende Schwierigkeiten der Arbeit, über den Durchschnittsverdienst hebt, 5 sh. 2 d; nicht überschreiten dürfe, womit für die Verlängerung der Arbeitszeit eine Maximalgrenze gegeben ist, sowie dafs kein Arbeitgeber eine Lohnherabsetzung fordern könne, aufser wenn der in der Grube durchschnittlich bezahlte Tagelohn 5 sh. 2 d. um 5 °/o übersteigt. Der Durchschnittstagesverdienst wechselt je nach dem Steigen oder Sinken des Stücklohns. Der Bergmann von Nort- humberland erhält für den Tag mehr als der in Durham. Herr Beginald Guthrie, zur Zeit Schriftführer der Grubenbesitzer beider Grafschaften, giebt mir folgende Zahlen an: Bei siebenstündiger Schicht (Einfahrt inbegriffen) — 5 sh. 2 d. für Northumberland — 4 sh. 8 d. für Durham. Bei 6V2 stündiger Schicht — 4 sh. 9V2 d. für Northumberland — 4 sh. 5 d. für Durham. Trotzdem ist der Bergmann in Durham besser gestellt als der in Northumberland, da der letztere von der Öffnung — 346 — der Ostsee im Frühjahr abhängt und daher seine Arbeit bei spätem Frühjahr oft Unterbrechungen erleidet. Hinzuzufügen ist, um das Bild der Thätigkeit des Ausschusses zu vervollständigen, dafs die Bergleute im Fall der Verheiratung ein Haus und ein Stück Gartenland erhalten (im Werte von 1 sh. 6 d. bis 2 sh. die Woche). Es ist klar, dafs diese Berechtigung zu zahlreichen Streitfragen führt: über ihren Beginn, über die Beschaffenheit des Hauses, von der andern Seite über die notwendigen Ausbesserungen u. s. w. In gleicher Weise entscheidet der Aussehufs über das Recht des Arbeiters auf Feuerung und über seine Verpflichtung, Licht, Pulver und einen Teil der Werkzeuge selbst zu stellen. Fügen wir hinzu, dafs der Aussehufs auch von Arbeitgebern dazu benutzt wird, Mifsbräuche bei der Arbeit abzustellen, welche sie sonst zu verhindern kaum im stände wären. So finde ich Anträge darauf, dai's die Arbeiter das Dach oder die Sohle eines Flötzes besser auszuarbeiten hätten, Beschwerden darüber, dafs sie zu viel Pulver an Stelle der Handarbeit verwendeten, wodurch die Kohle verschlechtert würde. Die Arbeiter, denen die Entscheidung des Ausschusses mit dem Ansehen ihrer gewerkvereinlichen Behörden entgegentritt, sind gezwungen, derselben sich zu fügen, ja Lohnherabsetzungen und Strafen sich gefallen zu lassen. Ganz besonders aber tritt der Aussehufs denjenigen Arbeitern entgegen, welche selbst für den Fall einer noch so begründeten Beschwerde die Arbeit einstellen. Wird doch durch unautorisierten Ausstand seine schiedsrichterliche Stellung in Frage gestellt. In solchen Fällen werden die Beschwerden überhaupt nicht gehört oder für längere Zeit, nachdem die Arbeit wieder aufgenommen ist, vertagt. Natürlich zahlt auch der Gewerkverein solchen Bergleuten keine Ausstandsgelder. Das Gesagte gewährt einen Überblick über die weit- — 347 - reichende Thätigkeit des gemeinsamen ständigen Ausschusses. Seine Stärke besteht darin, dai's ihm jene allgemeinen Fragen entzogen sind, welche weder technischer noch rechtlicher, sondern wirtschaftlicher Natur und nicht selten für beide Parteien so wichtig sind, dai's sie in ihnen dem Spruche eines Dritten sich nicht zu beugen geneigt sind. Hierhin gehören vor allen die Lohnfragen, welche dank dem Ausschusse statt in unzählige zu zersplittern, für die ganze Grafschaft mit einer einzigen Prozentzahl ausgedrückt werden, z. B. 5 % Erhöhung, Verminderung. Dies ist Voraussetzung für friedliche Lösung auch dieser Fragen durch Verhandlungen der sich gegenüberstehenden Vereine, durch Schiedsspruch oder gleitende Skalen. Unmittelbar aber leistet der Ausschufs aufserordentlich viel in der Vermeidung aller der Arbeitsstreitigkeiten, welehe aus den Fragen des „individuellen Falles" entspringen. In den letzten Jahrzehnten fanden in Northumberland zweimal (1878 und 1887) allgemeine Arbeitsausstände wegen Lohnfragen statt. Läfst man diese Jahre aufser Betracht, weil ja mit jenen Fragen der Ausschufs nichts zu thun hatte, so erhält man zwei je achtjährige Perioden von 1870—77 und von 1879—86. In der ersteren, während welcher der Ausschufs errichtet wurde und noch keine endgültigen Entscheidungen fällte, ist die Summe des auf örtliche Arbeitsausstände vom Gewerkverein verausgabten Geldes 12 337 |£, in der letzten Periode nur 4275 £; der Jahresdurchschnitt in der ersten ist 1525 i£, in der zweiten 531 j£, — das letztere ein in der That äufserst geringer Betrag, w r enn man bedenkt, dafs einige Gruben dem Verein der Arbeitgeber nicht beigetreten sind, der Gewerkverein also, wenn er ihnen gegenüber Beschwerden hat, auf Ausstände angewiesen ist. — 848 — Statuten des gemeinsamen ständigen Ausschusses für Northumberland. März 1877. 1. Der Gegenstand des Ausschusses soll sein die Besprechung aller Fragen (aufser solchen, die man Grafschaftsfragen nennt und die das Gewerbe im allgemeinen angehen) \ als da Löhne, Arten der Arbeit und alle andern Gegenstände betreffen, wie sie von Zeit zu Zeit in den Gruben sich erheben und der Erwägung des Ausschusses durch die betreffenden Parteien unterstellt werden sollen. Derselbe soll alle Streitfragen besprechen, Beweise erheben und seine Entscheidung soll endgültig sein. 2. Der Ausschuf's besteht aus sechs Vertretern, weiche der Gewerkverein der Bergleute, und sechs, welche der Verein der Grubenbesitzer ernennt; ein Vorsitzender soll jährlich durch beide Vereine bezeichnet werden, der stimmberechtigt sein soll. 3. Es soll keine Verhandlung stattfinden, wenn nicht wenigstens je drei Vertreter der beiden Vereine anwesend sind. 4. Jede Partei zahlt ihre eignen Kosten. 5. Ist irgend eine Veränderung oder Erweiterung dieser Regeln gewünscht, so soll von einem solchen Antrage in der Sitzung, die der Beratung dieser Veränderung vorhergeht, bereits eine Mitteilung gemacht werden. 6. Ist irgend ein Mitglied in einer zu behandelnden Frage 1 Dies der Unterschied von der Einigungskanuner. So heifst es in den Statuten der mittlerweile zusammengebrochenen Einigungskammer für die chemische Industrie Nordenglands: „Die Kammer soll über Lohnfragen und alle anderen Gegenstände, welche die gegenseitigen Interessen der Arbeiter und Arbeitgeber angehen, entscheiden". Ähnliches bestimmten die Statuten der Einigungskammer für die Wirkerei in Nottingham: „irgend welche Fragen". Hierin liegt die Schwäche dieser Einrichtung. — 849 — persönlich interessiert, so soll es sich der Abstimmung enthalten und ein Mitglied der Gegenpartei soll sich dann ebenfalls der Abstimmung enthalten. 7. Die Geschäftsrolle soll mitgeteilt werden wenigstens vier volle Tage vor jeder Sitzung (von Schriftführer an Schriftführer) und kein Mitglied soll im stände sein, in irgend einer andern Weise etwas zur Verhandlung zu bringen. 8. Wenn sowohl die Grubenbesitzer wie die Bergleute auf ihrer Geschäftsrolle Fälle haben, so soll von jeder Seite abwechselnd ein Fall erwogen werden. 9. Wenn man in einem Falle zum Schiedsgericht schreitet und die Schiedsrichter sich nicht über die Ernennung eines Unparteiischen verständigen können, so soll der Vorsitzende dss Ausschusses die Ernennung vornehmen. 10. Alle Anträge betreffend Lohnherabsetzungen oder -erhöhungen für irgend einen Teil einer Grube, sollen die Frage der Löhnung für dieselbe Klasse von Arbeitern in der ganzen Grube eröffnen. 11. Bevor irgend eine Veränderung in den Häuerlöhnen genehmigt wird, mufs klar nachgewiesen werden, dafs der durchschnittliche Lohn, beziehentlich dessen der Antrag gestellt ist, mindestens 5 % über oder unter dem Grafschaftsdurchschnitt steht. Z u s a t z r e g el n. 12. Der Ausschuls darf keine Frage betr. Übergang von Zeitlohn zu Stücklohn und umgekehrt verhandeln (Grafschaftsfrage). 13. In Zukunft sollen Arbeitgeber und Arbeiter nicht weniger als 10 volle Tage vorher jeden Antrag (ihrem Schriftführer) mitteilen, dagegen hat die Mitteilung von einem Verein an den andern wie bisher zu geschehen und mit der Unter- schrift oder dem Stempel des Beamten des Vereins gezeichnet zu werden. 14. Gewöhnlich sollen die drei letzten Ablöhnungen vor dem Antrage berücksichtigt werden, ausschliefslich der ersten und letzten im Vierteljahre, aber kein angebotener Beweis bezüglich irgend einer Ablöhnung soll ausgeschlossen werden. 15. In Zukunft soll kein Fall, ohne dafs eine Sitzung dazwischen liegt, von neuem verhandelt werden. 16. Der Vorsitzende wird jährlich in einer Sitzung am zweiten Samstag des Mai erwählt; seine Wiederwahl soll bereits in der vorhergehenden Sitzung des Ausschusses besprochen werden. 17. Den Tagesverdienst auf 4 sh. 9Va d. angenommen, soll Überzeit, wo sie zu vermehrter Produktion führt, zu nicht mehr als 4 1 2 d. erlaubt sein, jedoch jeder Fall auf seine Eigentümlichkeit hin in Betracht gezogen werden. (Vergl. S. 343 unten.) Kein Arbeitgeber darf eine Lohnherabsetzung verlangen, wenn nicht der Durchschnittstagesverdienst in seiner Grube wenigstens 5 °/ 0 über 5 sh. 2 d. beträgt. Wenn irgend eine Belegschaft Lohnerhöhung verlangt, so ist der Durchschnittstagesverdienst auf 4 sh. 9V2 d. anzunehmen plus irgend welchem Zusatz, der aus Überzeit folgt 1 . 18. Erhöhungen oder Herabsetzungen des Lohnes haben mit dem ersten Zahltage nach der Entscheidung zu beginnen. 19. In Zukunft sollen Berichte oder Schiedssprüche das Datum bezeichnen, an dem eine Veränderung eintreten soll. 20. Die Berichterstatter haben die Zeit ihrer Zusammenkunft so früh als möglich anzusetzen. 1 Besclilufs vom 12. Juli 1879; natürlich schwankt der Durchschnittstagesverdienst und zwar in Prozenten, je nach den Lohnskalen oder anderweitigen Festsetzungen. - 351 — B. Erledigung allgemeiner Fragen. Wir betrachten nunmehr, wie sogenannte „Grafschaftsfragen" erledigt, d. h. die Arbeitsbedingungen festgesetzt werden, nachdem wir die Anwendung der festgesetzten kennen gelernt haben. Die Arbeitsbedingungen werden nach rechtlicher Auffassung durch Vertrag geregelt. Thatsächlich liegt jedoch erst dann ein Vertrag, d. h. eine Übereinkunft zweier einander gegenüberstehenden Willen vor, wenn der Arbeiter durch Verbündung mächtig genug geworden ist, um neben dem Arbeitgeber auch seinerseits die Feststellung dieser Bedingungen zu beeinflussen. Wie gestaltet dieselben sein werden, hängt davon ab, welche Partei der andern länger und leichter entbehren kann. Es werden Fälle sich nie vermeiden lassen, in denen die Probe darauf wirklich gemacht wird, was Einigungskammern, welche den Parteien für alle Zeit die Hände binden, verkennen. Dagegen lassen sich diese Fälle des Kampfes aufserordentlich vermindern. In wachsendem Grade nämlich werden die materiellen Gründe, welche die Lohnschwankungen beeinflussen, insbesondere die Lage des Gewerbes, auch der Erkenntnis des Arbeiters zugänglich und damit der Ausgang, welchen ein Kampf haben würde, vorhersehbar. Die Feststellung der Arbeitsbedingungen erfolgt alsdann durch Vertrag auf Grund friedlicher Verhandlungen. Da aber jene Gründe die Industrie, im ganzen betreffen, insbesondere nicht von dem Gewinn des einzelnen Unternehmers, sondern von der Marktlage abhängen, so besteht die Tendenz, die Entscheidung für das gesamte Gewerbe einheitlich zu treffen, wie wir für Lancashire oben sahen. In der Kohlenindustrie, die wir betrachten, werden die Lohnveränderungen zwischen dem Verein der Gruben- — 352 — besitzer einerseits und den Gewerkvereinen von Northumber- land und Durham andrerseits je für die betreffende Grafschaft einheitlich geregelt. Mit Erlöschen des alten Klassengegensatzes wird die Zahl der friedlich ohne vorhergehenden Kampf getroffenen Abmachungen immer überwiegender. So zähle ich für Northumberland seit 1870 im ganzen 13 durch Vertrag herbeigeführte Lohnveränderungen, dagegen nur 2 allgemeine Ausstände. In Durham, wo die Lohnveränderungen sogar etwas häufiger gewesen zu sein scheinen, ist überhaupt in der genannten Periode nur e i n allgemeiner Ausstand vorgekommen. Wir überblicken kurz die Geschichte dieser Veränderungen, zunächst für Northumberland. Ungefähr Mitte 1871 trat die englische Kohlenindustrie in eine Periode bis dahin unerhörten Aufschwungs. Damals wandten sich die Belegschaften einzelner Gruben in Northumberland an die betreffenden Grubenbesitzer mit dem Verlangen nach Lohnerhöhung. Sie wurden, wie erwähnt, an den Verein der Arbeitgeber gewiesen und nach Verhandlungen einigte sich hier zum erstenmal dieser Verein mit dem der Arbeiter auf eine die ganze Grafschaft betreffende Lohnerhöhung von 10°/ 0 , Anfang 1872. In gleicher Weise wurden im Juli 1872 weitere 20°/ o und im März 1873 noch einmal 20°/ 0 gewährt. Die Löhne waren im ganzen um 50°/ o gestiegen und zwar auf friedlichem Wege, da die Grubenbesitzer die aufserordentlichen Gewinne sich nicht durch Arbeitsausstand verkürzen lassen .wollten. Bereits 1873 begann die entgegengesetzte Bewegung. Mit dem Sinken des Marktpreises der Kohle forderten die Arbeitgeber 1874 zwei Lohnherabsetzungen, welche ebenfalls durch Vertrag zwischen den Parteien eingeführt wurden, die eine von 10° 0 , die andere von 14°/ 0 . Als aber 1875 abermalige Lohnverkürzung verlangt wurde, da waren die Arbeiter — 353 — zweifelhaft, ob dieselbe in der Lage des Gewerbes begründet sei oder ob sie sich nicht vielmehr mit Erfolg dagegen wehren könnten. Diese Unsicherheit führte sie zum Vorschlag eines Schiedsgerichts. Die Arbeitgeber gingen darauf ein, und unter sinkender Konstellation des Marktes folgt nunmehr eine Periode der Schiedsgerichte. Das erste fand März 1875 vor Sir Rupert Kettle statt, welcher bereits in andern Gewerben erfolgreich das Schiedsamt bekleidet hatte, und führte zu einer Lohnherabsetzung von 10°/ o . Noch im nämlichen Jahr erkannte Lord Herschell auf eine weitere von 8 °/ 0 , August 1876 Sir Lyon Playfair auf eine solche von 7 °/ 0 . Im Juli 1877 wies Lord Herschell aber das Verlangen der Arbeitgeber nach weiterer Lohnherabsetzung ab; dafs dieser Schiedsspruch jedoch nicht auf gesunder Grundlage beruhte, zeigte sich darin, dafs die Arbeitgeber drei Monate nach dem Schiedssprüche abermals Verkürzung der Löhne um 15 °/ 0 verlangten, und ausdrücklich erklärten, dafs sie sich einem Schiedsgericht nicht unterwerfen würden und in einem darauf ausbrechenden Ausstande den Sieg davontrugen. Genau dieselbe Entwicklung liegt in Durkam vor. Auch hier wurden 1872 und 1873 50 °/ 0 Lohnerhöhung gewährt, sodann 1874—76 fünf Lohnherabsetzungen vorgenommen, von ihnen vier auf dem Wege des Schiedsgerichts. Es scheint hier der Ort, das Wesen des industriellen Schiedsgerichts, wie es sich in England entwickelt hat, näher zu betrachten, um alsdann bei Besprechung der Eisenindustrie, für die es ebenfalls sehr wichtig ist, nicht weiter darauf zurückzukommen. Voraussetzung der Einführung des Schiedsgerichtes in die Industrie ist ein .Friedenszustand, in dem die Arbeiter die Arbeitgeber nicht mehr als Feinde und Unterdrücker, sondern lediglich als wirtschaftliche Gegner ansehen. Ohne das näm- v. Schulze-Gaeve'rnitz, Zum soc. Frieden. IJ. 23 - 354 — lieh werden die Arbeiter nicht Vertrauen in die Unparteilichkeit des Schiedsrichters gewinnen, welcher gewöhnlich den oberen Klassen angehört. Andererseits werden die Arbeitgeber es unter ihrer Würde halten, ihr Verhältnis zu den Arbeitern von einem Dritten bestimmen zu lassen. Dafs in der That dieser Zustand des Friedens einen grofsen Teil der englischen Industrie beherrscht, beweisen die Verhandlungen vor den Schiedsrichtern in fast allen Gewerben. Wenn man bedenkt, dafs es sich für beide Parteien um die wichtigsten Interessen, für den Arbeiter um ein Brot w r eniger oder nicht, vielleicht daheim um hungernde Kinder, für den Arbeitgeber oft um geschäftlichen Ruin handelt, so ist der Ton der Höflichkeit, in dem diese Verhandlungen geführt werden, bewunderungswürdig. Jede Seite scheint dadurch an den Tag' legen zu wollen, dafs der Meinungsverschiedenheit, in der sie sich gegenüber der anderen Seite befindet, wirtschaftliche Gründe, keine persönlichen zu Grunde liegen. So erklären z. B. die Arbeitgeber vor Sir Rupert Kettle 1875: „Unsere Bergleute bilden sowohl körperlich wie geistig einen höchst fortgeschrittenen Typus der Menschheit, aus dem einige unserer begabtesten Erfinder und Gesetzgeber hervorgegangen sind. Aus ihren Reihen sind heute mit grofsem Geschick einige der fähigsten Sachwalter auserwählt worden, w T elche je eine Gruppe von Menschen zu vertreten haben" — ähnlich wie etwa ein Advokat die Fähigkeit seines Gegners hervorhebt. Der Schiedsrichter bezeugte in seinem Gutachten damals, dafs die Verhandlungen vom ersten bis zum letzten Wort in einem durchaus freundschaftlichen Tone geführt worden seien. Lord Herschell gar sagte wenige Jahre später, dafs sie „in besserem Geiste und in fähigerer Weise gar nicht hätten geführt werden können". Auch die Arbeiter, welche zu hitzigen Worten wohl eher geneigt sind, bemühen sich den Ton gegenseitigen — 355 — Zuvorkommens nach Kräften zu wahren. „Wir sagen manchmal harte Dinge", sagt einer ihrer Vertreter „wenn wir heifs werden; aber sobald die Versammlung vorüber ist, vergessen wir sie. — — Wir bewundern den versöhnlichen Geist, in welchem wir heute zusammengetroffen sind, und wollen uns bemühen, in demselben zu erwidern". (Aus dem Schiedsgerichte Shaw-Lefevres 1878 in der Eisenindustrie.) Mehr noch als durch Worte bewiesen die Arbeiter der Eisenindustrie durch folgende geradezu staunenswerte That- sache, wie weit dem Klassenhasse heute gegenseitiges Vertrauen Platz gemacht hat. Zu wiederholten Malen, als es sich für sie um äufserst einschneidende Lohnveränderungen handelte, erwählten sie David Dale, einen angesehenen Eisengruben- und Eisenwalzwerkbesitzer, zum Schiedsrichter, indem sie glaubten, dafs er selbst dort, wo er in eigner Sache zu Gericht säfse, unparteiisch ihre Interessen mit den seinen abwägen würde. Die Form, in welcher das Schiedsgericht vor sich zu gehen pflegt, ist wechselnd. Entweder ernennen die Partein je zwei „arbitrators", welche sich auf einen Unparteiischen einigen, oder es wird der letztere unmittelbar durch Übereinkunft zwischen Arbeitern und Arbeitgebern bezeichnet. Anerkanntermafsen ist der Unterschied zwischen beiden Formen rein äufserlich. Jene „arbitrators" sind nämlich that- sächlich nichts als Sachwalter und eine Übereinkunft zwischen ihnen ist fast unmöglich, da sich sonst die Parteien wohl auch ohne Schiedsgericht geeinigt hätten. Daher bleibt auch hier die Entscheidimg bei dem einen Unparteiischen, zu dessen Aufklärung lediglich jene Beisitzer dienen. Die Verhandlungen sind mündlich; jedoch verliest bei Beginn der Verhandlung der Vertreter der klägerischen Partei einen Schriftsatz, der seine Forderung begründet, worauf die 23* — 356 — Gegenpartei in gleicher Weise erwidert. Sodann folgt Beweisaufnahme, Kreuzverhöre der Zeugen u. s. w., endlich II Schlufsplaidoyer der Parteien. Allein trotz der äufseren Form einer Gerichtsverhandlung beruht das Schiedsgericht, wie schon das römische Hecht lehrt, auf dem Schiedsverträge zwischen den Parteien. Nicht eine dritte über den Parteien stehende Autorität stellt hier, wie früher, die Arbeitsbedingungen fest. Im Gegenteil, mit fortschreitender Entwicklung wird die zunächst leere rechtliche Form des Arbeitsvertrages mehr und mehr mit dem thatsächlichen Inhalt gefüllt. Wir sahen, wie die Lohnsteigerungen im Beginn der siebziger Jahre durch Vertrag der beiderseitigen Vereine herbeigeführt wurden. Alljährlich werden seitdem unwichtigere Seiten der Arbeitsbedingungen, welche der gemeinsame ständige Ausschufs als Grafschaftsfragen von sich gewiesen hat, in „allgemeinen Zusammenkünften", d. h. durch Vereinigung gröfserer Abordnungen der beiden Parteien vertragsmäfsig erledigt. Ein ähnlicher Vertrag liegt jedem Schiedsgerichte zu Grunde: auch hier Verhandlungen seitens Bevollmächtigter und Vertragsschlufs über künftige Arbeitsbedingungen, mit dem Unterschiede nur, dafs der materielle Inhalt des Vertrages dem Ermessen eines Dritten ganz oder teilweise anheimgestellt wird. Die Unterwerfung unter den Schiedsspruch beruht auf dieser vertragsmäfsigen Festsetzung; dies zeigt sich insbesondere darin, dafs nicht selten die Parteien gewisse Punkte, über welche sie einig sind, dem Schiedsrichter entziehen. So wurde z. B. festgesetzt, dafs derselbe innerhalb bestimmter Grenzen den Lohn festsetzen, dafs er von einem bestimmten Normaljahre ausgehen und seinen Entscheid durch Vergleichung der heutigen Lohnverhältnisse mit den damaligen gewinnen solle. Derartige Beschränkungen wurden z. B. durch schriftlich abgeschlossenen — 357 — Vertrag dem Schiedsgerichte des Herrn Wheeler 1875 in Cumberland zu Grunde gelegt. Auch wird häufig im Schiedsverträge die Zeit, für die der Schiedsspruch gelten soll, festgestellt. Infolge seines vertragsmäfsigen Charakters ist es Voraussetzung des industriellen Schiedsgerichtes, dafs beide Seiten die entsprechenden Organe der Willensäufserung und -Verpflichtung besitzen, d. h. in Vereinen organisiert sind. Daher ist dasselbe unmöglich, wo der Arbeiter einzeln dem Arbeitgeber gegenübersteht. Wie könnte man Tausende und Zehntausende im voraus verpflichten, sich einem Schiedssprüche zu unterwerfen? Am Ende bliebe es jedem einzelnen möglich sich nicht als gebunden zu erklären, so dafs man am Schilds nicht weiter als im Anfang wäre. Wo dagegen die Arbeiter organisiert sind, sorgt der Gewerkverein für die Durchführung des Schiedsspruches. Obgleich in der englischen Industrie Hunderte solcher Schiedssprüche vorgekommen sind, ist die Durchführung derselben kaum jemals in Frage gestellt, niemals der gerichtlichen Entscheidung unterbreitet worden. Es zeigt sich hier auch die Bedeutung der öffentlichen Meinung. In der von ihr geübten Macht liegt die wichtigtse Gewähr für die Innehaltung des Schiedsspruches. Gerichtliche Klagbarkeit, wie sie nach den von Sir Rupert Kettle aufgestellten Regeln für das Schiedsverfahren, sowie nach dem sogenannten Mundella-Akt 1 erreichbar ist, erweist sich dem gegenüber von geringer Bedeutung. 1 Der sogenannte „Mundella-Akt" von 1872 ermöglicht, dafs Arbeiter i und Arbeitgeber für die Zukunft alle entstehenden Lohnstreitigkeiten j einem Schiedsgerichte zu unterwerfen sich verpflichten. Das Gesetz hat keine praktische Anwendung gefunden. — Beziehentlich der rechtlichen j Erzwingbarkeit eines Schiedsspruches steht die Vertretungsbefugnis der Vorstände des Gewerkvereins für jedes einzelne Mitglied statutenmäfsig fest und wird durch Beitritt zum Verein anerkannt. Jedoch ist die ge- - 358 — Was die Gründe angeht, welche für die Fällung des Schiedsspruches mafsgebend sind, so zeigt die Erfahrung, dafs der Schiedsrichter sich ausschliefslich an die Thatsachen zu halten hat, welche ohne sein Dazwischentreten die Lohnhöhe entscheiden würden, d. h. an die bestehenden Machtverhältnisse. Dies wird mitunter verschleiert. Es kommt vor, dafs die Parteien aus taktischen Erwägungen sich nicht auf die in der Marktlage begründeten Machtverhältnisse berufen. Der jeweilig schwächere Teil sucht häufig durch Anziehung anderer Argumente die Frage auf ein anderes Gebiet hinüberzuspielen, als auf das, auf dem er verlieren mufs. So wenn z. B. die Arbeiter bei sinkendem Markte einer Lohnreduktion mit der Bemerkung entgegentreten, dafs sie nicht leben könnten, oder dafs nicht sie es seien, die für fehlerhafte Geschäftsführung und Geschäftsstockungen die Verantwortung zu tragen hätten, oder dafs es dem Unternehmer und nicht ihnen zur Last falle, wenn die Flötze allmählich schlechter würden, mit der Ausdehnung der Bergwerke die Förderung der gebrochenen Kohlen an das Tageslicht kostspieliger würde und andere „natürliche Nachteile" einträten; oder wenn umgekehrt die Arbeitgeber geltend machen, dafs die Arbeiter ihre bisherige Lebenshaltung mit geringeren Mitteln durchführen könnten, weil sich der Geldwert gehoben habe oder weil die Konsumvereine die Lebensmittel verbilligt hätten. All' dies sind nur taktische Argumente, um durch Erweckung von Sympathie den Schiedsrichter vom springenden Punkte der richtliche Erzwingbarkeit praktisch von geringer Bedeutung. Wo Arbeiter und Arbeitgeber unorganisiert sind, ist sie doch undurchführbar, wo sie organisiert sind, überflüssig. So legt Spence Watson (Contemporary Review, Mai 1890) allen Wert darauf, dafs beide Parteien thatsächlich Vertreter (truly representative) einer gesamten Industrie eines gröfseren Bezirkes seien. — 359 — Entscheidung abzulenken. Es ist aber nicht zu vergessen, dai's es sich heim Preise der Arbeit um den Preis eines wirtschaftlichen Gutes handelt, welcher in derselben Weise wie jeder solche Preis festgestellt wird. Es liegt ein Lieferungsgeschäft vor, indem die Ware Arbeit zu einem heute bestimmten Preise für eine gewisse, zukünftige Zeitdauer verkauft wird 1 , ganz nach der Art wie derartige Geschäfte alltäglich auf der Börse abgeschlossen werden, daher ihm auch eine Fristbestimmung, innerhalb deren der Schiedsspruch gelten soll, bezw. eine Kündigungsfrist eigentümlich ist. Der Schiedsrichter, wie jeder dritte zur Preisfeststellung zwischen zwei unabhängigen Parteien berufene, hat lediglich das zu ermitteln, was, wenn er nicht einträte, sieh als natürliche Höhe des Preises feststellen würde. Da er den Kampf zu vermeiden berufen ist, so hat er die Funktion des Kampfes, die Feststellung der gegenseitigen Machtverhältnisse verstandesgemäfs zu erfüllen. Nur wo er das gethan, ist er sicher, dafs sein Spruch sich als lebensfähig erweist. Wo er dagegen jenen taktischen Argumenten der Parteien Gewicht beimifst, ist eine dauerhafte und gesunde Lohnregelung unmöglich. So z. B. wies Lord Herschell einmal die Arbeitgeber ab, weil sie nicht nachweisen konnten, dafs sie schlechter als ihre Konkurrenten daran seien. Da sie aber augenblicklich in der Lage waren, die geforderte Lohnherabsetzung zu erzwingen, so konnte sein Spruch nicht von Bestand sein; vielmehr mufsten die Arbeitgeber das, wozu sie die Macht hatten, sich bald auf anderem Wege zu verschaffen versuchen. Daher warnt David Dale die Schiedsrichter, sich durch Gefühle leiten zu lassen; auch Spence Watson spricht sich 1 Wir brauchen den Ausdruck „Kauf" der Arbeit, um anzudeuten, dafs der Vorgang wirtschaftlich nicht vom Kauf eines anderen Produktionsmittels verschieden ist. Juristisch hegt natürlich Miete vor. dahin aus, dafs, so schwer es sei, er als der Schiedsrichter nicht davor zurückschrecken dürfe, unter Umständen die Lebenshaltung der Arbeiter herabzudrücken, ja vielleicht Not und Elend über eine ganze Bevölkerung zu verhängen. Aus demselben Gesichtspunkte erklärt sich die Ansicht David Dales, dafs das zu gewährende Minimum des Lohnes bei gelernter Arbeit eher niedriger sei, als bei weniger gelernter; denn die erstere könne die Industrie viel schwieriger verlassen. Dagegen sei Anträgen gelernter Arbeiter auf Lohnerhöhung um deswillen bereitwillig Folge zu geben und das von ihnen zu erreichende Maximum ein fast unbegrenztes, weil die Arbeitgeber bei steigender Bewegung des Marktes und Gewinnes von jenen durchaus abhängig seien. Aus den angegebenen Gründen ist der von Marshall und I'rice 1 aufgestellten Ansicht entgegenzutreten, dafs es einen „richtigen" d. h. gewissermafsen aprioristisch feststehenden Lohnsatz gäbe, der, wenn nur aufgefunden, dauernde Grundlage der Lohnregelung sein könne. Gibt es doch auch keinen „richtigen Preis" des Getreides, vielmehr schwankt derselbe nach Mafsgabe der Verhältnisse des Marktes, d. h. der wirtschaftlichen Machtverhältnisse. Dasselbe gilt von der Arbeit. Ihr Preis schwankt wie jeder andere zwischen einem Maximum und Minimum; das letztere bestimmen die Produktionskosten d. i. bei der Arbeit das sogenannte Lebensminimum; das Maximum dagegen ist der Punkt, da der Käufer d. i. das in der betreffenden Industrie beschäftigte Kapital sich zurückzieht. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus die bei Schiedssprüchen Ausschlag gebenden Gründe und Gegengründe, 1 Vergl. Marshall „Economics of Industry", Price „Industrial Peace", Munro „The sliding scales in the coal industry", „The sliding scales in the iron indugtry". — 361 — so finden wir, dafs sie alle in letzter Linie auf die Machtverhältnisse zurückgehen. 1. Dies gilt zunächst von dem Grundsatz, dafs der Lohn in einem gewissen Verhältnis zu der Höhe des Durchschnittsgewinnes steht. Bei hohem Gewinn steigt die Nachfrage des Arbeitgehers nach Arbeit. Der Arbeiter ist daher in einer relativ starken Position. Umgekehrt läfst ein sinkender Gewinn dem Arbeitgeber den Arbeiter als entbehrlich erscheinen, und es giebt eine Grenze, an der er lieber zu produzieren aufhört als eine Lohnerhöhung zu bewilligen. Es entspricht also den die Lohnbildung beherrschenden Gesetzen, wenn man, wie in England bei Schiedsgerichten allgemein, die Löhne in gewissen Grenzen den Gewinnveränderungen folgen läfst. Was aber ist der Durchschnittsgewinn? Seine mathematische Bestimmung ist mit den allergröfsten Schwierigkeiten verbunden, ja meist geradezu unmöglich. Da aber der Gewinn mit den Verkaufspreisen zu steigen pflegt, hilft man sich in der Kohlenindustrie damit, an Stelle des Durchschnittsgewinns den Durchschnittsverkaufspreis der Kohle zu setzen, der, wie man annimmt, mit jenem in einem festen Verhältnis steht. Die übrigen aufser dem Lohne die Produktionskosten mitbestimmenden Elemente (z. B. Kapitalzins, die Abgaben an den Grundherrn, Kosten der Maschinerie u. s. w.) werden hierbei als gleichbleibend angenommen. Dieser Durchsehnittsverkaufspreis ist natürlich nicht nach Angaben der Arbeitgeber festzusetzen, da diese damit den Ausgang des Schiedsgerichtes in der Hand hätten. Vielmehr wird er heute durch Vertrauensmänner beider Parteien festgestellt, welche die Bücher bestimmter Firmen prüfen, aber, eidlich zu Stillschweigen verpflichtet, nur das Resultat ihrer Berechnungen mitteilen. Schon bei dem ersten Schiedsgerichte in der Kohlen- — 362 — industrie vor Sir Rupert Kettle gingen die Lohnherabsetzung fordernden Arbeitgeber von der Behauptung verminderten Gewinns aus. Die Kosten des Lohnes seien für die Tonne geförderte Kohle um 84% höher als im April 1871, welchen beide Parteien als Normalmonat anerkannten, der Preis der Tonne Kohle dagegen nur um 64% höher, daher die Löhne herabgesetzt werden müfsten, um das April 1871 vorhandene Normalverhältnis wieder herzustellen. Die Arbeiter erkannten grundsätzlich diese Basis der Verhandlung an und suchten nur durch Bestreitung der angegebenen Zahlen ihre Interessen zu verteidigen. „Wir haben", sagen sie an anderer Stelle, „immer unsere Bereitwilligkeit erklärt, die Löhne nach dem Verkaufspreis der Kohle zu regeln, und unser Vertrauen in diesen Grundsatz bewiesen, indem wir ihm nicht nur bei steigendem, sondern auch bei fallendem Markte anhingen." Von demselben Gedanken gehen sämtliche Schiedsgerichte in Northumberland aus, bis Juli 1877 in dem Schiedsgerichte vor Lord Herschell die Arbeitgeber aus einem neuen Gesichtspunkte ihre Forderung begründeten. Dagegen sagt derselbe Schiedsrichter 1876: „Beide Parteien stimmen dahin überein, dafs die Veränderungen des Verkaufspreises die Hauptgrundlage für die Veränderung der Löhne sein müssen." Dafs in der That hierbei der Gedanke vorschwebt, dafs die Löhne in einem festen Verhältnis zu den Gewinnen stünden, wobei man für letztere als „rohen", „ungenauen, aber praktischen" Ersatz die Verkaufspreise angenommen hat, zeigen die Verhandlungen. Oft genug machen nämlich die Arbeitgeber als Einwand geltend, dafs bei gleichem Verkaufspreise ihre Produktionskosten zugenommen hätten, was nichts anderes sagen will, als dafs ihre Gewinne herabgegangen seien. In dieser Richtung z. B. verweisen sie vor Sir Rupert Kettle auf die Neunstundenbewegung 1871 und den „Mines regulation — 363 — Act" von 1873. In späteren Schiedsgerichten machen ihrerseits die Arbeiter darauf aufmerksam, dafs mit Einführung der doppelten Schicht und infolge ihrer aufsergewöhnlich gesteigerten Arbeitsleistung die Produktionskosten gesunken seien, indem die stehenden Ausgaben sich auf eine vermehrte Produktion verteilten. Also auch hier der Gedanke, dafs der Gewinn für die Löhne entscheidend sei, was auch unmittelbar ausgesprochen wird. Auch in dem Hüttengewerbe ist der Preis des Erzeugnisses des Walzeisens für die Löhne entscheidend, womit z. B. vor David Dale 1877 wie 1878 Arbeiter und Arbeitgeber sich zufrieden erklären. Aber auch hier finden sich daneben nicht wenig Bezugnahmen auf verminderte oder vermehrte Produktionskosten, wodurch trotz gleichbleibender Marktpreise der Gewinn gesunken oder gestiegen sei. Insbesondere wird hier auf Schwankungen des Preises des Roheisens von beiden Seiten hingewiesen. Von demselben Gedanken gehen die Arbeitgeber aus, wenn sie bei einer Forderung auf Lohnherabsetzung geltend machen, dafs der Preis zwar nicht entsprechend gesunken sei, dagegen infolge von Geschäftsstockung weniger als früher verkauft werde. Auch hier ist die Beweisführung stillschweigend dahin zu ergänzen, dafs infolgedessen der Gewinn gesunken sei, daher die Löhne herabgesetzt werden miifsten. (Gutachten der Herren Williams und Mundella 1876 in der Eisenindustrie.) Es ist klar, dafs die bezeichneten Grundsätze nur dann leitend sein können, wenn man von einem gegebenen Verhältnis zwischen Lohn und Verkaufspreis (bezw. Gewinn) ausgeht. Für die Kohlenindustrie war dies die Zeit vor dem Steigen der Löhne 1871. Gerade die Frage, welches dieser Ausgangspunkt sein soll, ist für den Schiedsspruch entscheidend, sodafs hierüber am schwersten eine Einigung zu er- zielen ist. Z. B. weigern sich vor Lord Herschell 1876 die Arbeiter, April 1871 als Normalmonat anzuerkennen, da damals die Ostsee schon offen und daher die Kohlenpreise ver- hältnismäfsig hoch gewesen seien. Wie der Schiedsrichter feststellte, bot in der That Januar 1871 eine weit günstigere Grundlage für die Arbeiter; man half sich damit, dafs, um zu einem beiderseitig anerkannten Normalverhältnis zu gelangen, von einer längeren Zeit der Durchschnitt genommen wurde. 2. Es ist jedoch unmöglich, das Verhältnis zwischen Lohn und Gewinn als ein gleichbleibendes anzusehen. Wie könnte dies insbesondere der englische Arbeiter zugeben, dessen Geschichte in einer Verschiebung dieses Verhältnisses zu seinen Gunsten besteht? Vielmehr sucht er den Satz aufzustellen, dafs sein Leben und seine Arbeitsfähigkeit unter allen Umständen zu erhalten und die ihm durch die Geschichte gewordene Höhe der Lebenshaltung fortzugewähren sei, unabhängig von Gewinn und Verlust der Industrie. Allein die Arbeitgeber sind weit entfernt, diesen Satz anzuerkennen, und es kommt vor, dafs sie ihm gegenüber auf die Überfüllung des Arbeitsmarktes, d. h. das thatsächliehe Machtverhältnis hinweisen, welches eine Herabdrüekung der bisherigen Lebenshaltung ermögliche. Damit hängt denn das Streben der Arbeiter zusammen, namentlich durch Kürzung des normalen Arbeitstags dem Vorhandensein von Beschäftigungslosen vorzubeugen und so den Arbeitsmarkt zu ihren Gunsten zu gestalten. Mitunter unterstützen sie auch die Auswanderung, um nach Verminderung des Arbeitsangebots eine verlorene Position wieder gewinnen zu können. Darauf beruht auch ihre neuerlich vielfach günstige Beurteilung der Kartelle. 3. Ganz ebenso wie von dem angenommenen Verhältnisse des Lohns zu den Verkaufspreisen bei relativer Überfüllung des Arbeitsmarkts zu Ungunsten der Arbeiter abgegangen wird, — 365 — so wird bei umgekehrter Marktlage die Grundlage der Berechnung der Lohnhöhe zu ihren Gunsten geändert. Es äui'sert sich die Veränderung des Machtverhältnisses in einer Steigerung des Lohns auf Kosten des Gewinns. Daher auch die vielen Bezugnahmen auf die in derselben Industrie anderwärts herrschenden Lohnverhältnisse. Wenn z. B. die Löhne in der benachbarten Grafschaft höher sind, so verschieben sich die Machtverhältnisse damit zu Gunsten der Arbeiter. Das umgekehrte gilt von den Arbeitgebern. Hieraus aber entspringt eine Tendenz, die Löhne innerhalb einer bestimmten Industrie einander anzunähern, wie ja in gewissen Gewerben die Löhne für ganz England in der That heute einheitlich festgesetzt werden. So berufen sich Juli 1877 die Arbeitgeber von Northumberland darauf, dal's in allen anderen Gebieten der Kohlenindustrie länger gearbeitet und geringere Löhne gezahlt würden. Die Arbeiter wiesen demgegenüber darauf hin, dafs sie entsprechend mehr leisteten, auch der Preis der von ihnen geförderten Kohle ein höherer sei, so dafs ihre Arbeitgeber in besserer Lage als ihre Konkurrenten wären. Lord Herschell, der damalige Schiedsrichter, sah diesen Beweis als erbracht an, worauf er den Antrag der Arbeitgeber abwies, — ein Entscheid, der wie gesagt, nicht Bestand hatte. Indem der Schiedsrichter bei seinem Spruche die Machtverhältnisse, wie sie die Marktlage schafft, zu Grunde legt, gelangt er — und zwar im beiderseitigen Interesse von Arbeitgeber und Arbeiter auch zur Berücksichtigung des Standes der betreffenden Industrie auf dem Weltmarkt. Gestattet nämlich die internationale Konkurrenz keine Lohnerhöhung oder erheischt sie eine Herabsetzung des Lohnes, so können die Arbeitgeber die Arbeiter eher entbehren als umgekehrt. Es bedeutet dies also eine Verstärkung des Machtverhältnisses der Arbeitgeber gegenüber den Arbeitern, während eine glück- — 366 — liehe Gestaltung der internationalen Konkurrenzverhältnisse die umgekehrte Wirkung äulsert. Daher bildet die Berücksichtigung der internationalen Konkurrenz hei allen Streitigkeiten unter den Angehörigen der Industrien, die für den Weltmarkt arbeiten, eine Hauptaufgabe der Schiedsrichter. Und die Darlegung aller dieser hierauf bezüglichen Momente ist vielleicht das wirtschaftlich, social und politisch Segensreichste in dem ganzen Wirken der Schiedsgerichte. Es werden nämlich die Arbeiter dadurch auf praktischem Wege zur Erkenntnis der Bedingungen erzogen, von denen ihre eigene Existenz abhängt. Sie erleben, wie ihre dauernde Beschäftigung und die Höhe ihrer Einnahmen abhängig ist von dem Wohle ihrer Industrie und ihres Vaterlandes, und es erwacht in ihnen das Bewufst- sein von der Abhängigkeit des Wohles ihrer Klasse von dem Wohle des Ganzen. Damit aber das Schiedsverfahren diese günstigen Wirkungen übe, ist von dem Schiedsrichter vor allem Übersicht über die Industrie und die wirtschaftliche Lage des Landes, ja den Weltmarkt zu verlangen. Grofse Arbeitgeber, angesehene Staatsmänner und Volkswirte werden die besten Schiedsrichter sein. Solche aber, frei von jeder bewufst oder unbewufst kapitalistischen Auffassung, sind erst möglich seit jenem Umschwung des Denkens, welchen die vorhergehenden beiden Bücher geschildert haben. Nach diesem Überblicke über die Eigentümlichkeiten des Schiedsgerichtes, welches in allen Zweigen der Industrie Englands eine bedeutende Rolle spielt, kehren wir zur Kohlenindustrie der nördlichen Grafschaften zurück. Die bezeichneten Schiedsgerichte gingen in der Zeit eines fallenden Marktes vor sich; daher führten sie, mit der bezeichneten Ausnahme, sämtlich zu Lohnherabsetzungen. Dieselben wurden auf das gewissenhafteste von den Arbeitern angenommen; — 367 — nicht einen einzigen Tag während oder nach dem Schiedsgerichte standen die Gruben still. Jedoch haftete den Schiedsgerichten eine Schattenseite an. Wenn sie auf Grund der augenblicklichen Verhältnisse den Kurswert der Arbeit feststellten, so rnufste sich jede Partei berechtigt glauben, bei einer wirklichen oder vermuteten Veränderung dieser Verhältnisse zu ihren Gunsten ein neues Schiedsgericht zu beantragen. Damit aber häuften sich dieselben in einer Weise, welche bei dem Apparat, der jedesmal in Bewegung gesetzt wurde, geradezu unerträglich wurde. In den Jahren 1875 und 1876 waren neun Schiedsgerichte in Durham vorgekommen. Als daher in dem letzten Shaw- Lefevre die Höhe des Lohnes neu festgesetzt hatte, schien es durchaus notwendig, für eine gewisse Zeitdauer die abermalige Anrufung eines Schiedsgerichtes auszuschliefsen. Nun aber hatten sämtliche bisher ergangene Schiedssprüche den Verkaufspreis der Kohle den Lohnveränderungen zu Grunde gelegt. Daher kamen beide Parteien dahin überein, den von Shaw-Lefevre festgesetzten Lohn während zweier Jahre nach jenem Verkaufspreis auf-, resp. niedergehen zu lassen. Dies ist der Ursprung der ersten „gleitenden Lohnskala" in der \ ~ " Kohlenindustrie. Die März 1877 angenommene Skala bestimmte, dafs die von Shaw-Lefevre festgesetzten Löhne dieselben bleiben sollten, solange der Marktpreis der Kohle die damalige Höhe von 5 sh. 8 d. bis 6 sh. 4 d. die Tonne behielte. Jede Steigerung desselben darüber hinaus um 8 d. sollte 5°/o Lohnerhöhung mit sich bringen. Dagegen sollten die Löhne bei einem Kohlenpreise von 5 sh. 8 d. bis 5 sh. 4 d. um 5 °/o und, wenn der Preis unter 5 sh. 4 d. sinken sollte, um 7 1 /a ü /o erniedrigt werden. Weiteres Sinken war nicht vorgesehen, ferner war bestimmt, dafs der Lohn eines Häuers nie niederer — 368 — als 2 sh 9 d. den Tag sein sollte. Diese Skala galt, wie verabredet, zwei Jahre. Die Arbeitgeber kündigten, sobald sie konnten, wegen niedergehenden Geschäftes. Nach einem mehrwöchentlichen Ausstande fand 1879 ein Schiedsgericht statt, in welchem Graf Derby den Lohn auf Antrag der Arbeitgeber von neuem herabsetzte. Auf Grund dieses Schiedsspruches wurde dann eine neue Skala verabredet, welche den Arbeitgebern günstiger als die erste war. Dieselbe kannte ein Minimum nicht und liefs mit jeder Veränderung des Kohlenpreises um 4 d. sowohl unter als über dem angenommenen Normalpreis die Löhne um 2 1 /2°/o auf- und niederschwanken. Seitdem hat diese Skala die Löhne in Durham geregelt, ohne dafs ein Lohnkampf oder ein Schiedsspruch erfolgt wäre. Als 1882 die Industrie sich hob, wurde durch Vertrag der Parteien eine Änderung in der Skala zu Gunsten der Arbeiter eingeführt. Diese Skala besteht heute formell nicht mehr. Doch ist das Princip der Veränderung des Lohnes nach Mafsgabe der Preise thatsächlich geblieben. Steigen die Preise, so wird auf Grund jedesmaliger Verhandlung der Lohn entsprechend der veränderten Marktlage festgestellt. In ähnlicher Weise vollzog sich die Entwicklung in Northumberland. Auch hier griff man, um die Häufigkeit der Schiedsgerichte zu vermindern, November 1879 nach dem soeben erwähnten, beiden Grafschaften gemeinsamen Ausstande zu einer Skala, welche der in der Nachbargrafschaft eingeführten Skala sehr ähnlich war. Nur der als normal angenommene Verkaufspreis der Kohle war ein höherer, da Northumberland bessere Kohlen liefert als Durham. Eine Veränderung zu Gunsten der Arbeiter erfolgte 1883. Jedoch erwies sich die Voraussetzung einer Aufwärtsbewegung des Marktes, von der damals die Arbeitgeber ausgegangen waren, — 369 - als falsch. Sie kündigten daher die Skala, welche Herbst 1886 aufser Kraft trat, und verlangten eine Veränderung ihrer Basis, welche für die Arbeiter einer Verschlechterung um 10 %> gleichkam. Die Leiter des Gewerkvereins sahen ein, dafs man nachgeben müsse, verhandelten mit den Arbeitgebern und schlugen ein Schiedsgericht vor. Da aber zeigte sich, wie wenig die Gewerkvereinsführer die autokratischen Beherrscher der ihnen ergebenen Massen sind, als welche sie vielfach gelten. Da die Löhne ohnehin sehr niedrig waren, glaubten die Arbeiter eine weitere Lohnherabsetzung nicht ertragen zu können. Wider Willen des Gewerkvereins begannen einige Belegschaften die von ihnen bearbeiteten Gruben zu verlassen; das machte weitere Verhandlungen unmöglich, obgleich man sehr nahe am Abschlufs war. Es folgte der schwere und von den Besten beider Seiten viel bedauerte Ausstand im Winter 1886/87. Obgleich der Gewerkverein seine Mittel auf das äufserste anstrengte, und nahe an 40 000 '£ (800 000 Mark) verausgabte, von denen ihm 10700 '£ (214000 Mark) von Vereinen und Privaten über ganz England (!) beigesteuert wurden, unterlag er, wie seine Führer voraussahen, der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die siegreichen Arbeitgeber erzwangen nunmehr eine Skala, deren Grundlage um 12 1 /ä % statt um blos 10% sehlechter für die Arbeiter war, — wie der Sekretär der Arbeitgeber sagt, blos um die Arbeiter für ihren thörichten Widerstand gegen das durch die Marktlage Gebotene und gegen den besseren Rat ihrer Führer zu strafen. Dabei wurde ihnen jedoch versprochen, dafs diese anormale Lohnreduktion später durch Lohnerhöhungen über die alte Basis der Skala wieder gutgemacht werden solle. Die Position der Gewerkvereinsführer aber wurde durch diesen Ausgang des Strikes begreiflicher Weise gefestigt. Die so für die Arbeiter verschleehteite Skala bestand von v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 24 — 370 — Mai bis Oktober 1887. Seitdem wurde keine Skala vereinbart. Indes Helsen die Arbeitgeber nach wie vor durch Vertrauensmänner die Verkaufspreise ermitteln. Die Gewerk- vereinsführer behaupten in der Lage gewesen zu sein, sich von der Richtigkeit dieser Ermittelungen zu überzeugen. Und auf Grund der so ermittelten Preise erlangten sie auf dem Wege der Verhandlung, — der gemeinsame ständige Aus- schufs funktionierte, nebenbei bemerkt, trotz aufgehobener Skala nach wie vor fort — von 1887 bis August 1888 zwei Lohnerhöhungen; seitdem erfolgten weitere Lohnerhöhungen, so dal's bis Januar 1890 die Löhne im ganzen um 37 % gestiegen sind. Die Anschauung der Arbeiter ist, dafs die zeitweilige Verschiebung der Basis der Skala zu ihren Ungunsten, die 1887 eintrat und von den Parteien nur als zeitweiliger Vorsehufs der Arbeiter an die Arbeitgeber betrachtet worden war, wieder wett gemacht sei. Somit ist man in der Kohlenindustrie sowohl in Durham als auch in Northumberland bei einer Regelung der Arbeitsbedingungen angelangt, welche derjenigen in der Textilindustrie ähnlich ist. Arbeitseinstellungen und Aussperrungen erscheinen in beiden nur mehr als ultima ratio, zu deren Anwendung man äufserst widerwillig schreitet. Aber auch die Schlichtung durch einen Schiedsrichter (Arbitration) erscheint als ein schon fast überwundenes Stadium. Ein solcher Schiedsrichter ist als Regel seinem Berufe nach dem Gewerbe fremd; infolge dessen besteht die Gefahr, dafs er trotz besten Willens, weil er die kommerziellen und technischen Verhältnisse des Gewerbes nicht genügend zu meistern vermag, einen falschen Entscheid giebt; lieber noch nimmt man daher eine dem Gewerbe angehörige Person zum Schiedsrichter, obwohl hier ganz aufsergewöhnliche Charaktereigenschaften nötig sind, um die unentbehrliche Unbefangenheit zu garantieren. Da ein — 371 — Schiedsrichter mit den erforderlichen Eigenschaften also nur in den seltensten Fällen zu finden ist, sucht die stärkere Partei (in der Textilindustrie der Verein der Arbeiter, in der Kohlenindustrie der der Arbeitgeber) das Dazwischentreten eines Schiedsrichters wenn irgend möglich zu vermeiden. An Stelle rler Erledigung durch Schiedsspruch tritt nun aber nicht etwa wieder Arbeitseinstellung oder Aussperrung, sondern die Erledigung durch Verhandlung (Negotiation) zwischen den Führern der beiden Parteien. Die vollendete Sachkunde der Verhandelnden sowie die Stärke der hinter ihnen stehenden Organisationen haben zur Folge, dafs diese Verhandlungen mit eben derselben Schärfe geführt w r erden und ebenso glatt verlaufen, wie die Transaktionen zwischen den gröfsten Geschäftshäusern. Nach der Rolle, welche die gleitende Skala bei dieser Art der Erledigung spielt, erscheint dieselbe aber nicht, wie manche englische Nationalökonomen meinen, als etwas Vollkommeneres als die vertragsmässige Festsetzung der Arbeitsbedingungen; vielmehr ist diese Rolle insofern eine untergeordnete, als die Skala kein besonderes System der Festsetzung der Arbeitsbedingungen bedeutet, sondern sich mit jedwedem Systeme verträgt. Wie sie sich, wovon S. 390 und 396 zu reden sein wird, bei Festsetzung der Arbeitsbedingungen durch den einseitigen Willen verbündeter Arbeitgeber findet, so verträgt sie sich mit ihrer Regelung durch Schiedsspruch oder auf dem Weg der Verhandlung. Bei jedem dieser Systeme bedeutet sie eine Ersparung der Notwendigkeit, den Lohn festzustellen, so lange in dem wirtschaftlichen Machtverhältnisse von Arbeitgeber und Arbeiter in der Hauptsache keine Änderung eintritt. Dies ist bequem und vermeidet Gefahren, möglicherweise für Jahre. Daher ist es auch wahrscheinlich, dafs in der Kohlenindustrie Durhams und Northumberlands mit der Zeit 24* eine neue Skala vereinbart wird, denn beide Parteien sind von der Nützlichkeit einer solchen durchdrungen. So schreibt Thomas Burt in einem Briefe an Mundella, dafs das System der Skalen „mit der äufsersten Milde und Harmonie" gearbeitet habe, dafs es 1886 in den beiden genannten Grafschaften die Löhne von 60 000 Arbeitern beherrscht habe, und dafs Ausstände unter ihm so gut wie unbekannt seien, während dieselben vor etwa zwanzig Jahren sich sehr häufig ereignet hätten 1 . Allein die Notwendigkeit, die Grundlagen dieser Skalen bei Veränderung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse zu revidieren, sei es auf dem Wege des Schiedsspruches sei es auf dem der Verhandlung zwischen den beiden Organisationen, kann niemals eliminiert werden. Werfen wir einen Blick auf die anderen Kohlenbezirke, so ist kaum etwas Neues hinzuzufügen. Überall besteht die äulserste Ähnlichkeit mit den geschilderten Verhältnissen. Cumberland, dessen Mittelpunkt Workington ist, gleicht Dur- ham völlig: gemeinsamer ständiger Ausschufs für individuelle 1 Herr Young, ein anderer Führer des genannten Gewerkvereins, sagt ähnliches in einem Artikel des „Newcastle Leader" vom 23. Januar 1890. Dafs die Skalen Lohnfestsetzungen, was sonst unmöglich wäre,, für längere Zeit, oft Jahre, herbeiführen, darin besteht ihr aufserordent- licher Vorteil für die Industrie. Die Arbeitgeber sind der Arbeit sicher und können daraufhin ihre Kontrakte abschliefsen. Es ist allgemein anerkannt, dafs der Kohlenindustrie von Northumherland durch Einführung der Skala über eine schwere, vielleicht lebensgefährliche Krisis hinweg geholfen wurde. Die sechs Jahre von 1874—80 zeigten bei vermehrter Kohlenerzeugung für ganz England (aufser 1878) eine Abnahme für Northumberland (aufser 1875 und 1879). Von 1874—78 hatte die Gesamtproduktion um 7,68 % zugenommen, die Northumberiands um 14,35 °/o sich verringert. 1879 wurde die erste Skala daselbst eingeführt. Seitdem bis 1886, dem letzten Jahr, das die Skala beherrschte, war die Produktion Englands nur um 19,55 %, die Northumberiands um 35,79 °/a gestiegen. — 373 — Fälle, Lohnfestsetzung durch Schiedsgerichte und seit 1879 eine viermal in ihrem „Standard" geänderte Skala. Das wichtigste Kohlengebiet aufser den nördlichen Grafschaften ist Süd-Wales. Auch hier dasselbe Bild. Nach einem Versuche von 1875, der keine Dauer hatte, besteht hier seit 1880 eine Skala, welche seitdem mehrfach verändert wurde und die Löhne von 60000 Arbeitern beherrscht. Diese Skala hatte als Ausgangspunkt die Löhne von 1879, welche die niedersten seit vielen Jahren gewesen waren. Die unter ihr gezahlten Löhne waren von vornherein um 10°/o höher und stiegen sodann um 7 1 /a°/o, so dafs sie 1883 17 1 /2 °/o über dem „Standard" waren. Von 1883—1888 fielen sie dagegen und erreichten Winter 1887/88 nahezu den Ausgangspunkt. Seitdem aber begann ein gewaltiger Aufschwung, welcher die Löhne 12 1 /2% gemäfs der Skala hob, bis Beginn 1889 die Bergleute eine Veränderung der bestehenden Skala verlangten. Einen Augenblick fast schien der Friede in Frage gestellt; man sprach, um den Ausbruch eines Ausstandes zu verhindern, von einem Schiedsgericht. Aber die Schwierigkeiten erwiesen sich geringer, als man gefürchtet hatte. Wiederholte Zusammenkünfte der Vertreter der beiderseitigen Vereine brachten im März 1889 eine augenblickliche Lohnerhöhung um 7Va %, am 1. Mai um 2 1 /2 °/o, am 1. September um 5%, am 1. Oktober um2 1 /2°/o. Inzwischen aber wurde eine neue, den Arbeitern günstigere Skala vereinbart, die am 1. Januar 1890 in Kraft trat. Der Lohn stieg abermals um 7 1 /2 °/o. Im ganzen war er seit dem 1. November 1888 somit um 30 °/o gestiegen. Die Wichtigkeit der geschilderten Zustände wird man ermessen, wenn man die Menge der in den Kohlengruben beschäftigten Arbeiter bedenkt — 1872 wurden sie auf 400000, 1882 auf 520000 geschätzt — und die Unordnungen sich vergegenwärtigt, als etwa 300000 dieser Arbeiter im März 1890 auch nur für wenige Tage die Arbeit einstellten. Auch in den Kohlendistrikten, in denen diese Arbeitseinstellung stattfand, waren die Arbeitsbedingungen schon früher einmal durch Schiedsspruch erledigt worden. Allein es heifst, die Arbeitgeber hätten denselben nicht ehrlich durchgeführt. Vielleicht dafs dies eine der Ursachen war, warum die Arbeiter der genannten Grafschaften sich der neuen „progressiven" Bewegung unter den Grubenarbeitern anschlössen. Diese umfafst Yorkshire, Lancashire, Cheshire, Derbyshire, Nottinghainshire, North Staffordshire, Teile von South Staffordshire, Cannoch Chase, Leicestershire, Warwick- shire, Somerset, Worcestershire, Forest of Dean, Teile von Monmouthshire, das südwestliche Cumberland, Bristol, Nord Wales und in Schottland Stirlingshire und Ayrshire. Sie betont die scharfe Wahrnehmung des Arbeiterinteresses in allen Lohnfragen, ist für einen gesetzlichen Achtstundentag und befürwortet noch einige weitere gesetzliche Mafsnahmen im Interesse der Grubenarbeiter. Im März dieses Jahres machten die die genannten Distrikte umfassende „Miners' Federation of Great Britain" geltend, dafs die Lohnsteigerung, welche den Arbeitern aus Anlafs des eingetretenen Aufschwungs im Kohlengewerbe zu Teil geworden sei, hinter dem Satze zurückbleibe, den sie nach dem bisher bestehenden Herkommen beanspruchen könnten. Sie verlangten als ihren dem üblichen entsprechenden Anteil an der Konjunktur eine Lohnerhöhung um 10 °/o, die zur Hälfte sofort, zur anderen Hälfte am 1. Juli eintreten solle. Die Föderation der Grubenbesitzer der genannten Distrikte verlangte darauf ein Schiedsgericht und erbot sich vor demselben die absolute Unfähigkeit der Arbeitgeber, höhere Löhne zu zahlen, darzuthun. Allein die Arbeiter, ihrer Sache voll- — 375 - ständig sicher, wollten von einem Schiedsrichter nichts wissen, lehnten dagegen nicht ab, auf Verhandlungen einzugehen. Am Sonnabend, dem 15. März, kam es zum Strike. Sofort ein wahnsinniges Steigen der Kohlenpreise. Notierung auf kurze Termine war nicht erhältlich. Viele Fabriken Lancashires, die keine Kohlenvorräte aufgehäuft hatten, sowie die Werkstätten der Stahl- und Eisenindustrie in Sheffield wurden geschlossen und ihre Arbeiter brodlos. Die Eisenbahnen rauften sich förmlich um die Kohlen, wie denn z. B. eine Bahn beschuldigt wurde, Kohlen, die ihr zum Transport übergeben worden waren, selbst zu verbrauchen. All' dies rührte indes die Grubenbesitzer nicht; verkauften sie doch, wie die Blätter nach beendetem Strike meldeten, „zu exorbitanten Preisen Tausende von Tonnen von Kohlenresten, die, wenig besser als Schmutz, seit Jahren sich aufgehäuft hatten und die bis dahin niemand selbst als Geschenk genommen hätte". Erst als die Zahl der Grubenbesitzer, die unter Bewilligung der Arbeiterforderungen die Konjunktur ausnutzen wollten, mehr und mehr zunahm, hörte die Föderation der Grubenbesitzer auf die dringlicher werdenden Prefsstimmen. Nach fünf Tagen suchte ihr Präsident seine angegriffene Gesundheit durch einen Landaufenthalt zu kräftigen, und die Forderungen der Arbeiter wurden mit der Modifikation, dafs die Lohnerhöhung um die zweiten 5 °/o statt am 1. Juli erst am 1. August eintreten solle, bewilligt. Im Standard vom 21. März aber erhielten die Grubenbesitzer eine Strafpredigt: „Wenn sie in der Lage gewesen seien, die Forderungen der Arbeiter zu bewilligen, so hätten sie den Strike abwenden sollen, indem sie sich denselben bei Zeiten fügten. So aber hätten sie alle Strafen der Niederlage erlitten und, was schlimmer sei, die gesamte Gesellschaft der Beunruhigung durch Krieg ausgesetzt. Sie könnten nicht erwarten, dafs sie in Zukunft ernsthaft genommen würden, wenn sie abermals ihre Unfähigkeit, Konzessionen zu machen, vorschützen sollten. Die Arbeiter würden erwidern, dafs sie hinsichtlich der Wertlosigkeit des Kon possumus der Arbeitgeber ihre Erfahrungen gemacht hätten." Nicht nur in Süd-Wales, sondern auch in Durham und Northumberland erreichten die Arbeiter aber vermöge des hier herrschenden glatteren Systems, ihre Differenzen mit den Arbeitgebern zu begleichen, ohne Kampf dasselbe, was die Grubenleute des mittleren Englands erkämpfen mufsten. Beim Friedensschlufs am 21. März dieses Jahres gaben denn auch die Delegierten der progressiven Miners Federation of Great Britain zu Protokoll: „Was zukünftige Lohnfragen angeht, so erklären wir uns bereit dahin zu wirken, dafs, bevor eine allgemeine Kündigung seitens der Arbeiter stattfindet, die Forderungen der Arbeiter einem Ausschufs der Grubenbesitzer des betreffenden Distrikts oder dem Ausschufs der Föderation der Grubenbesitzer vorgetragen werden und das Ergebnis der Verhandlung den Arbeitern mitgeteilt werden soll. Desgleichen ersuchen wir die Grubenbesitzer in Zukunft eine ähnliche Haltung einzuhalten, wenn sie eine Änderung in der Lohnhöhe ihrer Arbeiter eintreten lassen wollen." Die 1889 und 1890 in Birmingham stattgehabten Kongresse der englischen Bergleute verhandelten die Frage eines achtstündigen gesetzlichen Arbeitstages für Bergleute, womit der Staat in ein Gebiet eingreifen würde, welches bisher den Verhandlungen der Parteien überlassen war.. Ein darauf bezüglicher Antrag wird im Parlament eingebracht werden; die Unterstützung mehrerer hervorragender Politiker soll für denselben in Aussicht stehen. Auffällig ist, dafs an dieser Forderung die drei mächtigsten Gewerkvereine nicht beteiligt sind: die von Northumberland, Durham und Südwales. Der Grund liegt nicht etwa darin, dafs sie für einen längeren Arbeitstag wären; beträgt derselbe doch in Durharn nur 7 und in Northuniberland 7—8 Stunden, Ein- und Ausfahren eingeschlossen, und eher bestände bei den dortigen Grubenarbeitern die Furcht, dafs sie bei gesetzlichem Achtstundentag länger zu arbeiten hätten. Es handelt sich vielmehr um Bezirke, in denen friedliche Verhandlungen auf dem Boden der Gleichberechtigung allgemein sind. In Schottland dagegen haben die Grubenbesitzer den Gewerkverein als Vertretung der Arbeiter noch nicht anerkannt und verweigern jede Verhandlung. Die Folge ist, dafs die schottischen Bergleute unter den Befürwortern jenes Staatseingriffs an der Spitze stehen und zu den heftigsten Gegnern der ge- mäfsigten Mehrheit der Gewerkvereine gehören. IV. Die Eisenindustrie. A. Eisenbergbau und Hochöfen. Die Gewinnung des Eisensteines im Bergbau hat zwar technisch mit der Überführung desselben in Roheisen nichts zu thun; trotzdem bilden wirtschaftlich beide eine Einheit. Der englische Eisenstein nämlich, aufser wo eine besonders günstige Lage Wassertransport gestattet, wird an Ort und Stelle ausgeschmolzen und erst in der Form von Roheisen auf den Markt gebracht. In vielen Fällen sind die Grubenbesitzer zugleich Hochofenbesitzer. So z. B. werden 57 Prozent des in Cleveland gewonnenen Eisensteines innerhalb derselben Betriebe schon in Roheisen verwandelt, nur 43 Prozent überhaupt verkauft und auch diese zum gröfsten Teil an Hochöfen derselben Gegend. — 378 — Lager von Eisenerz befinden sich in verschiedenen Teilen Englands, in Northamptonshire, Lincolnshire und Oxford- shire; wichtiger aber als diese Grafschaften ist Yorkshire, insbesondere dessen nordöstlicher, an der See gelegener Teil, den man Cleveland nennt. Während in den erstgenannten Bezirken die Gewinnung des Erzes vielfach von Tagelöhnern verrichtet wird und daher, wo dies der Fall, die Arbeit wenig organisiert ist, begegnet man in Cleveland Arbeitsverhältnissen, welche an die der Kohlenindustrie erinnern. Dem Verein der Gruben- und Hochofenbesitzer stehen die Gewerkvereine der Bergleute und der Hochofenarbeiter gegenüber. Wir beschränken unsern Blick auf die erste Klasse, die mehr als 20 000 Arbeiter umfafst, weil von der anderen, nicht weniger zahlreichen alles, was von jener zu sagen ist, in gleicher Weise gilt. Hervorzuheben ist ferner, dafs die hohe Entwicklung des Arbeitsverhältnisses in dieser Industrie sich in verhältnismäfsig kurzer Zeit vollzogen hat, indem die Eisenlager Clevelands erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt wurden. Noch gibt es Leute, welche sich dieser Gegend als rein landwirtschaftlicher erinnern. Während in den Kohlenbezirken der Arbeiter jahrelanger Schulung bedarf, ist die Arbeit des Eisengrabens in Jahresfrist zu erlernen. Ein bedeutender Schutz gegen das Hereindrängen ländlicher Tagelöhner besteht für den Bergmann jedoch in dem Mangel an Wohnungen, welcher die Arbeitgeber in diesem ländlichen Bezirke zwingt, für neuanziehende Arbeiter Häuser zu bauen. Der Gewerkverein ist nicht alt; am 13. Januar 1872 wurde er gestiftet und seine Statuten verraten seine späte Entstehung. Nicht die Kriegs-, sondern die Friedenszwecke werden in erste Linie gestellt: Unterstützung und Versicherung der Mitglieder, in zweite — bezeichnend für einen Zug, der über ganz Europa geht — der — 379 — legislative Zweck: Einwirkung auf die Gesetzgebung im Sinne von Arbeiterschutz u. s. w. In dritter Linie erst kommt die Verteidigung der Rechte des Arbeiters gegenüber den Arbeitgebern. Bereits im folgenden Jahre, Ende 1873, wurde durch Übereinkunft mit den Arbeitgebern ein gemeinsamer ständiger Aus- schufs gegründet, welcher seitdem ununterbrochen bestanden hat. Sein Zweck ist Entscheidung der Streitfragen des individuellen Falles, derselbe wie in den benachbarten Kohlenbezirken. Der einzige Unterschied ist der, dafs in gewöhnlichen Fällen ein Vorsitzender mit ausschlaggebender Stimme fehlt, vielmehr die sechs Vertreter der Arbeiter mit denen der Arbeitgeber die Sache durch Besprechung entscheiden. Nur wenn sie sich nicht einigen können, was in etwa einem Drittel der behandelten Fälle eintritt, wird ein Unparteiischer — meist ein Jurist der Gegend — zum Schiedsrichter ernannt. Entsprechend seiner Natur kann der Ausschufs die durchschnittliche Lohnhöhe nicht verändern, ebensowenig die Verhältnisse der verschiedenen Lohnklassen zueinander. Dagegen kann er auf Lohnerhöhung oder -herabsetzung im einzelnen Fall dann erkennen, wenn der für eine bestimmte Arbeit bezahlte Betrag nicht mehr dem dafür feststehenden Durchschnittslohne entspricht infolge von Veränderung der natürlichen Bedingungen, unter denen die Arbeit sich vollzieht. Das Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern scheint hier ein solches zu sein, dafs Streitfälle seltener an den gemeinsamen Ausschufs gelangen als in der Kohlenindustrie. Seit seiner Entstehung bis Ende 1888 hat er im ganzen nur achtzig Sitzungen abgehalten, in denen 400 Fälle verhandelt wurden. In den sieben Jahren von 1874—1880 fanden im ganzen 40, dagegen in den von 1882—1888 nur 32 Sitzungen statt. Besonders scheint zu dieser Verminderung der an den Aus- — 380 — schiii's gelangenden Streitfragen die genaue Prüfung beizutragen, welche der Gewerkverein der Sache zu teil werden läfst, bevor er sie jenem unterbreitet. Wenn ein Arbeiter Grund zur Beschwerde zu haben glaubt, so mufs er zunächst seinei Loge (Zweigverein) den Fall unterbreiten. Diese hat, falls sie auf Untersuchung die Beschwerde für begründet hält, eine Abordnung an den Geschäftsführer der betreffenden Grube zu senden. Da die Arbeitgeber nicht nur die Abordnungen empfangen, sondern mit ihnen freundlich und sachlich zu verhandeln pflegen, so wird hierdurch schon die Mehrzahl der Fälle beigelegt. Nur unter der Voraussetzung, dafs dieser Schritt geschehen und erfolglos geblieben ist, kann der Ausschufs des Bezirksvereins an den des Gesamtvereins, der in Saltburn-by-the sea seinen Sitz hat, die Sache weitergeben. Es hat dies in der Form eines ausführlichen Schriftsatzes zu geschehen, und erst wenn diesen die Centraibehörde genau geprüft und für die Kenntnisnahme des gemeinsamen Ausschusses als geeignet erfunden hat, unterbreitet sie diesem den Fall, nicht im Namen des Beschwerdeführers, sondern im eigenen Namen. Auch in der Entscheidung der allgemeinen Fragen besteht die gröfste Ähnlichkeit mit den in den Kohlenbezirken herrschenden Gewohnheiten. Hier wie dort werden solche nicht durch den gemeinsamen Ausschufs entschieden, sondern durch gröfsere Vereinigungen von Arbeitervertretern und Arbeitgebern ohne Abstimmung beraten und vereinbart. In Cleveland pflegen sogar alle beteiligten Firmen bei diesen Versammlungen vertreten zu sein. Die Geschichte der jüngsten Lohnregelung zerfällt auch hier in dieselben drei Abschnitte: der erste während des Geschäftsaufschwunges im Anfang der siebziger Jahre ist durch vertragsmäfsige Lohnerhöhungen, der zweite seit 1873 durch Schiedsgerichte bezeichnet; seit 1879 — 381 — geschieht die Regelung des Lohnes auf Grund vereinbarter Skalen. Eigentümlich ist bezüglich der ersten Periode, dafs die Bergleute von Cleveland, geistig vielleicht nicht ganz auf der Höhe derer von Northumberland und Durhani stehend, zur Zeit als der Markt sich wandte, 1873 noch eine Lohnerhöhung forderten. Es folgte ein mehrwöchentlicher Ausstand, bis endlich Sir Rupert Kettle als Schiedsrichter erwählt wurde und das Verlangen abwies5 ja er erklärte sogar, eine Lohnherabsetzung nur um deswillen nicht auszusprechen, weil sie die Arbeitgeber nicht verlangt hätten. Bald darauf wurde der Geschäftsniedergang allen offenbar, und 1874, als die Arbeitgeber eine beträchtliche Lohnherabsetzung verlangten, holten sich die Arbeiter die Lehre, dafs sie gegen einen sinkenden Markt nichts durch Ausstand vermöchten. Seit diesem allgemeinen Ausstande, der sechs Wochen dauerte, ist keiner in Cleveland mehr vorgekommen. In den Jahren 1875, 1876 und 1877 erfolgten drei weitere Schiedsgerichte, welche allemal mit Lohnherabsetzung endeten. Auch hier lag die Begründung des Schiedsspruches stets in dem Herabgehen des Marktpreises des Erzeugnisses. Jedoch hat das Eisenerz, da es meist in denselben Betrieben weiter verarbeitet wird, kaum einen Marktpreis. Man, war also gezwungen, den Preis eines entfernteren Produktes, den des Roheisens, entscheiden zu lassen, weil dieser allein zahlenmäfsig festzustellen ist. Zwar war man sich der Unzuträglichkeit bewufst, dafs neben den Löhnen der Bergleute weitere Umstände auf die Produktionskosten und damit auf die Preise des Roheisens verändernd einwirken, insbesondere die wechselnden Preise der Kohle. Trotzdem nahm Sir Rupert Kettle an, dafs nach dem normalen Verhältnis 3U/4 Prozent der Produktionskosten des Roheisens auf die Löhne der Bergleute zu rechnen seien und 382 gab danach seinen Entscheid. Auch die Bergleute erkannten grundsätzlich die Roheisenpreise als Regulatoren ihrer Löhne an. Das letzte Schiedsgericht von 1877 zeichnet sich dadurch aus, dal's es ein Lebensminimum deutlich anerkennt: es bestimmt, dafs die unter 21 sh. die Woche verdienenden Bergleute, sowie die unter 19 sh. verdienenden Arbeiter am Tageslicht, soweit sie verheiratet seien, von der auszusprechenden Lohnherabsetzung nicht mit ergriffen sein sollten. Seit 1879 werden die Löhne der Bergleute wie die der an den Hochöfen beschäftigten Arbeiter durch gleitende Skalen geregelt. Auch hier führte dazu das Bedürfnis, die Löhne für längere Zeit festzusetzen, und der Wunsch, das allzuhäufige Auftauchen allgemeiner Fragen zu verhindern. Auch hier ward die Skala nach vorhergehenden Verhandlungen durch Vertrag zwischen den Parteien aufgestellt und ist auch ihr die Beifügung einer Fristbestimmung d. h. einer Kündigungszeit eigentümlich, worin sich ihr vertragsmäfsiger Charakter ausspricht. Wir sahen oben, dafs jede Lohnskala von einem gegebenen Verhältnis zwischen Preis und Lohn ausgehen mufs. In den Skalen der bei der Eisengewinnung beschäftigten Arbeiter ist bestimmt, dafs die im Jahre 1879 vor Einführung der ersten Skala bestehenden Löhne dann bezahlt werden sollten, wenn der Preis der Tonne Cleveland Roheisen Nr. 3 34 sh. betrage. Der Preis dieser Nummer nämlich, nimmt man an, ist wenig von dem Durchschnittspreise sämtlicher Nummern verschieden. Eigentümlich ist den neueren Skalen in dieser Industrie, dafs schon eine ganz geringe Preisschwankung die Löhne beeinflufst. Ein Steigen des Preises der Tonne Roheisen um 0,96 d. ( 96 /ioo penny) hebt die Löhne der nach der Tonne bezahlten Bergleute um 0,01 d. In demselben Verhältnis bewegt sich die Skala über und unter dem Nullpunkt — 383 — weiter, so dafs, wenn z. B. der Preis des Roheisens auf 36 sh. steigt, 0,5 d. pro Tonne den.Normallöhnen zugefügt werden. Diese letzteren selbst sind, wie in der Kohlenindustrie, aufser- ordentlich verschieden, je nach der Schwierigkeit der Arbeit, der Dicke des Erzganges u. s. w. Als Durchschnittsnormallohn wird 9,50 d. pro Tonne angenommen und auf Grund desselben stellt der gemeinsame Ausschufs den im einzelnen Fall zu zahlenden Lohn fest. Nachdem die erste Skala, wie verabredet, von 1879 bis 1881 bestanden hatte, verlangten die Bergleute für die neue Skala einen günstigeren Ausgangspunkt, nämlich einen Roheisenpreis von 32 sh. anstatt von 34 sh., wodurch natürlich ihre Löhne entsprechend sich gehoben hätten (um 0,25 d. pro Tonne). Da die Arbeitgeber sich auf diesen Vorschlag nicht einliefsen, so traf man das Auskunftsmittel, zwar den Preis von 34 sh. als „Standard" beizubehalten, dagegen bei einem Stand des Preises des Roheisens zwischen 40 sh. und 42 sh. den sogenannten „doppelten Sprung" einzuführen; die Löhne bewegen sich alsdann in doppeltem Verhältnis aufwärts, also um 0,01 d. nicht erst bei einer Preissteigerung von 0,96 d. wie sonst, sondern schon bei einer solchen 0,48 d. Diese zweite Skala, welche unmittelbar an die erste an- schlofs, wurde vom 31. Dezember 1881 bis 31. Dezember 1883 vereinbart, sodann auf weitere IV2 Jahre, bis 30. Juni 1885, verlängert. Die Arbeiter nämlich glaubten, es sei für sie günstiger, wenn die Vereinbarung im Sommer endige; sie seien, so meinten sie, für die Mitbestimmung der Bedingungen des Neuabschlusses in dieser Jahreszeit stärker, weil sie im Sommer eher als im Winter die Möglichkeit eines Ausstandes hinter sich hätten. Es ist jedoch nicht dazu gekommen. Vielmehr wurde die Skala wiederholt verlängert. Den Schwankungen der Löhne der Bergleute folgen die der übrigen bei dem Bergbau beschäftigten Arbeiter, welche — 384 — nicht nach Stück, sondern nach Zeit bezahlt werden. Auch hier bewirkt die Skala nicht eine Annäherung der einzelnen Löhne aneinander; vielmehr bleiben die gewohnheitsmäfsigen Unterschiede zwischen den Klassen von Arbeitern, vom Aufseher bis zum Tagelöhner, bestehen und werden vom gemeinsamen ständigen Aussehufs bei seinen Entscheidungen zu Grunde gelegt. Nur die Prozentzahl, in der diese verschiedenen Löhne auf- und niederschwanken, wird von der Skala angegeben. Durchaus ähnlich den Verhältnissen der Bergleute sind die der Hochofenarbeiter, welche ebenfalls in einem die Grafschaft umfassenden Gewerkvereine organisiert sind. Auch für sie besteht ein gemeinsamer ständiger Aussehufs, desgleichen werden auch ihre Löhne seit 1879 von Skalen beherrscht. Während der Jahre 1885 und 1886 bestand jedoch 14 Monate lang keine Skala, indem die Arbeitgeber eine Veränderung der bisherigen Skala zu ihren Gunsten verlangten. Die Arbeiter nahmen zwar die verlangte Herabsetzung der Löhne um 5 Prozent auf sich, erklärten aber in diesem Falle lieber keine Skala haben, sondern nur die ursprüngliche wieder annehmen zu wollen. In der That wurde dieselbe Januar 1887 erneuert. Der einzige Unterschied von der früheren Skala war der, dafs, wie bei den Bergleuten schon vorher geschehen, selbst äufserst geringe Preisschwankungen bereits die Löhne beeinflussen. Früher bewirkte eine Veränderung der Preise von Schilling zu Schilling eine Bewegung der Löhne um 1,25 Prozent. Nunmehr aber wird, schon wenn der Preis um 2,40 d. steigt, 0,25 Prozent dem Normallohn zugethan, was dasselbe Endergebnis mit sich bringt, indem bei 35 sh. Preis, d. i. 1 Schilling über dem „Standard", eben auch hier der Zusatz zum Lohn 1,25 Prozent beträgt. Die Arbeiter jedoch wünschen eine möglichst in die Decimalen gehende Anpassung, damit die Löhne den Preisen möglichst schnell folgen. Also auch in diesem wichtigsten Bezirke des englischen m/mm — 385 — Eisenbergbaues findet sich eine durchaus friedliche Gestaltung des Arbeitsverhältnisses. Dieselbe ist um so bedeutungsvoller als es sich hier nicht um hoch bezahlte und den Schwankungen des Arbeitsmarktes wenig unterworfene Arbeiter handelt, wie in den Kohlenbezirken der nördlichen Grafschaften. Vielmehr sind die Clevelandbergleute, wie erwähnt, dem Hereinströmen fremder Arbeit ausgesetzt, und ihre Löhne gingen unter den erwähnten Skalen manchmal aufserordent- lich tief hinab. Ihr Verhältnis zu den Arbeitgebern ist ein besonders vertrauensvolles. Die bestehenden Einrichtungen haben sich zu beider, besonders aber der Arbeitgeber Zufriedenheit bewährt. Die letzteren, zu den gröfsten Industriellen gehörig, — unter ihnen finden sich Namen wie Lord Armstrong, Sir Benjamin Samuelson u. s. w. — brauchen vor allem Sicherheit der Arbeit zur Erfüllung ihrer grofsartigen Kontrakte, was ihnen der heutige Zustand des Arbeitsverhältnisses gewährleistet. Die Arbeiter aber bedürfen Sicherheit der Beschäftigung in ihrem von der industriellen Lage des Landes besonders abhängigen Gewerbe und haben darum ein gleiches Interesse, die Konkurrenzfähigkeit ihrer Arbeitgeber durch Einrichtungen zu erhalten, welche die Industrie vor den Krisen der Lohnkämpfe bewahren. Das Bewufstsein einer Interessengemeinschaft mit den Arbeitgebern ist unter diesen Arbeitern ganz besonders entwickelt, wie es mir z. B. Herr Snow, der Schriftführer der Hochöfenleute, aussprach. B. Das Hüttengewerbe. Die Herstellung von eisernen Platten, Schienen u. s. w., ist eine der wichtigsten Industrien Englands. Sie ist ziemlich auf zwei Gebiete beschränkt; das nördliche hat seinen Mittelpunkt zu Darlington und Middlesbrough in der Graf- y. Schulze-Gaevemifcz, Zum soc. Frieden. II. 25 — 386 — schaft York und verarbeitet das in Cleveland hervorgebrachte Roheisen. Das zweite umfafst Staffordshire und greift in die angrenzenden Grafschaften Derbyshire, Shropshire und Lancashire über; als sein Mittelpunkt kann Birmingham bezeichnet werden. Die Entwicklung des Arbeitsverhältnisses in beiden Gebieten weist die gröfsten Ähnlichkeiten auf; dagegen zeigen sich eine Reihe von Verschiedenheiten, sobald man die Eisenindustrie mit den behandelten Verhältnissen des Bergbaues vergleicht. Ähnlich wie in der Nottinghamer Wirkerei waren auch in der englischen Eisenindustrie die Verhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitern die denkbar schlechtesten. Der Aufschwung Anfangs der sechziger Jahre rief zahlreiche Arbeits- ausstände hervor (1862, 1863, 1864 und 1865); in gleicher Weise wurden die seitdem notwendigen Lohnherabsetzungen den Arbeitern stets auf dem Wege des Lohnkampfes aufgezwungen. Die Arbeitgeber errichteten eine gemeinsame Kasse, aus welcher diese Kämpfe geführt wurden, da man, wie Sir B. Samuelson erzählt, sicher sein konnte, im Falle eines steigenden Marktes sofort mit ganz übertriebenen Forderungen der Arbeiter zu thun zu haben. Dieser Fall trat 1869 ein. Eine Fortsetzung der bisherigen Zustände wäre gerade zur Zeit, da die Industrie sich von den vorhergehenden Verlusten erholen sollte, verhängnisvoll gewesen. Da war es ein bedeutender Industrieller von weiten Gesichtspunkten, David Dale, welcher mit dem Vorschlage hervortrat, nicht nur die geforderte Lohnerhöhung mit den Vertretern der Arbeiter zu verhandeln, sondern auch die Errichtung einer Einigungskammer zu besprechen. Dieser Versuch einer friedlichen Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten wurde zu einer Zeit gemacht, als die Gewerkvereine noch nicht die gesetzliche und sociale Anerkennung erlangt hatten, — 387 — woraus sich seine eigentümliche Form ergiebt. Im Jahre 1869 wurde für die Eisenindustrie Nordenglands eine solche Schiedsund Einigungskammer zur Schlichtung aller entstehenden Arbeitsstreitigkeiten gebildet. Von jedem beitretenden Eisenwerke wurde je ein Vertreter des Arbeitgebers und einer der in der Hütte beschäftigten Arbeiter zur Kammer abgeordnet, ohne Rücksichtnahme auf die bestehenden Vereine, was bis auf den heutigen Tag beibehalten ist. Der hierin liegende Unterschied von ähnlichen Einrichtungen, welche oben betrachtet wurden, ist nicht so grofs, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. Denn die von den Arbeitern der einzelnen Werke erwählten Vertreter werden Vertrauensmänner des Gewerkvereins sein, von welchem die Durchführung der Entscheidungen der Kammer allein abhängt. Da aber die that- sächlich miteinander verhandelnden Organisationen der Arbeiter und Arbeitgeber als solche unerwähnt bleiben, so nehmen die Mitglieder der Kammer zu Unrecht eine Art schiedsrichterlicher Stellung ein, während sie in der That nichts als Parteien sind. Sodann ist infolge der erwähnten Einrichtung die Zahl der in der Kammer vertretenen Arbeiter eine geringere, als dort, wo der Gewerkverein selbsthandelnd auftritt. Es sollen nicht mehr als 25% aller in der Eisenindustrie beschäftigten Arbeiter für die Kammer Beiträge zahlen; trotzdem ist anerkannt, dafs ihre Entscheidungen in Lohnfragen für alle mafs- gebend sind. Wie gesagt, hatte man die Schlichtung aller sich erhebenden Fragen der Kammer übertragen. Aber die Erfahrung zeigte auch hier, dafs die zwischen Arbeiter und Arbeitgeber sich erhebenden Streitigkeiten zwiefacher Natur sind und als solche verschiedener Behandlung bedürfen. Die „Fragen des individuellen Falles" auf dem Wege des Kampfes zu entscheiden, ist unvernünftig, weil es sich um die Anwendung 25* — 888 — feststehender Regeln handelt; die Feststellung dieser Regeln selbst dagegen ist nach der heutigen Gesellschaftsordnung Sache des wirtschaftlichen Kampfes, wie er sich überall zwischen Käufer und Verkäufer abspielt; seine Vermeidung* nichts als vernunftgemäfse Vorherbestimmung des Ergebnisses, welches der Kampf haben würde. Es ist interessant zu beobachten, wie der bezeichnete Unterschied sich der Praxis der Schieds- und Einigungskammer für Nordengland aufdrängte. Für die Fragen erster Art wurde ein Ausschufs von 10 Mitgliedern, 5 Arbeitern und 5 Arbeitgebern, welcher im Fall der Stimmengleichheit der Kammer die Sache unterbreitete, nach der Art des in Nottingham von Mundella eingeführten Untersuchungsausschusses gewählt. Es erwies sich aber weiter, dafs hier, wo es sich meist um Feststellung von That- fragen handelt, wenige sachkundige Männer brauchbarer sind als eine vielköpfige Versammlung. Daher wurde 1883 derjenige Sehritt gethan, welcher Ausschufs und Kammer that- sächlieh in zwei Behörden spaltete: dem Ausschusse wurde die Befugnis beigelegt, die bezeichneten Fragen endgültig* zu entscheiden. Zu diesem Zweck erwählt er nunmehr einen Unparteiischen, welcher dann eintritt, wenn die Mitglieder sich nicht einigen können. Jede Berufung an die Kammer ist ausgeschlossen. Das gleiche Bedürfnis also führte zur Einrichtung eines ähnlichen Verwaltungsausschusses wie in der Kohlenindustrie trotz verschiedenen Ausgangspunktes. Auch die Art des Verfahrens ist dieselbe. Bevor eine Sache an den Ausschufs kommt, hat der Vertreter der Arbeiter beziehungsweise des Arbeitgebers des einzelnen Werkes mit dem der gegenüberstehenden Partei zwecks friedlicher Schlichtung zu verhandeln; für diese Besprechungen ist in den gröfseren Werken eine bestimmte Stunde in der Woche festgesetzt. Auf diesem Wege wird die Mehrzahl der auf- — 389 — tauchenden Fragen beigelegt; nur wo dies nicht möglich ist, wird der Fall dem Schriftführer der Arbeiter, beziehungsweise Arbeitgeber unterbreitet. Jede der beiden in der Kammer vertretenen Parteien nämlich erwählt aus ihrer Mitte einen Schriftführer, welcher ihre laufenden Geschäfte besorgt und die zu entscheidenden Fälle an den Ausschufs bringt. Der Aus- schufs aber untersucht, erhebt Beweise und fällt seinen Spruch ganz wie der der Bergleute. Jede Unterbrechung der Arbeit aus Anlafs solcher Streitigkeiten ist ausgeschlossen. Für allgemeine Fragen dagegen oder, wie es in den Statuten der Kammer heifst, „eine allgemeine Lohnerhöhung oder -herabsetzung oder die Ernennung eines Schiedsrichters, der über solche Dinge zu entscheiden die Macht haben soll", ist der Ausschufs unzuständig und hat dieselben an die Kammer, d. h. die Vereinigung aller Vertreter der Arbeitgeber und Arbeiter, zu verweisen. Wenn hier durch Besprechung eine Verständigung nicht zu erzielen ist, so sind die Parteien durch die Statuten verpflichtet, die Sache einem Schiedsrichter zu unterbreiten. Scheinbar ist hiermit ein Schritt mehr zur friedlichen Erledigung von Arbeitsstreitigkeiten gethan als in den bisher behandelten Industrien. Jedoch ist dieser Unterschied kaum wesentlich. Einmal nämlich steht es jeder Partei frei, ihre Teilnahme an der Kammer zu kündigen und sich so jener Verpflichtung zu entziehen. Andrerseits aber böte die Ernennung des Schiedsrichters, über welchen die Parteien im einzelnen Fall sich zu einigen haben, eine weitere Handhabe, die friedliche Entscheidung zu vereiteln. Daher hängt es auch hier vom guten Willen der Parteien ab, die Lohnfragen einem Schiedsgerichte zu unterwerfen oder nicht, und jene Bestimmung der Statuten ist wenig mehr als eine moralische Verpflichtung. Dafs trotzdem seit dem Bestehen der Kammer alle, selbst die einschneidend- - 390 — sten Lohnfragen ohne Kampf entschieden worden sind, zeigt, wie sehr der Vorteil einer solchen Erledigung beiden Parteien bewufst und ein friedlicher Geist in die Industrie eingezogen ist. Trotzdem aber handelt es sich auch hier im Grunde nicht um autoritative Festsetzung durch einen Dritten, sondern um Vertrag zwischen zwei gleichberechtigten Parteien. Die Kammer hat zur Lohnregelung bald Verhandlungen bald Schiedsgerichte oder Skalen gebraucht. Die Geschichte der Lohnfestsetzungen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte weist mit der im Bergbau grofse Ähnlichkeit auf. In den ersten beiden Jahren der Kammer, 1869—71, wurden viermal allgemeine Lohnfragen durch Schiedsgericht erledigt. Damals schon führte die Überhandnähme von Schiedsgerichten zum Versuch einer gleitenden Skala. Dieselbe wurde durch einen Ausschufs der Kammer vorbereitet, von dieser selbst angenommen und trat am 31. März 1872 in Kraft. Sie ist die früheste der neueren Skalen und mag deshalb in der Eisenindustrie zuerst aufgekommen sein, weil hier früher bereits, als die Arbeit noch wenig organisiert war, von den Arbeitgebern wiederholt Skalen zur Lohnregelung gebraucht wurden; bereits in dem Bericht der Kommission zur Untersuchung der Gewerkvereine 1867 ist von ihnen die Rede. Diese Skalen älteren Datums hatten jedoch mit den hier behandelten nur die technische Einrichtung gemein. Sie beruhten auf Vereinbarung nicht der Arbeitgeber und Arbeiter, sondern lediglich der Arbeitgeber untereinander; und ausserdem waren während ihres Bestandes die Arbeiter noch der weiteren Willkür der Arbeitgeber preisgegeben, indem die letzteren die nominellen Verkaufspreise beliebig festsetzten 1 . Die Skala von 1872 war das Vorbild, nach dem alle 1 Vergl. Brentano, Die Arbeitergilden der Gegenwart Bd. II, S. 214. — 391 — folgenden Skalen des Hüttengewerbes aufgebaut wurden. Sie ging aus von den Durchschnittsverkaufspreisen aller Klassen von Walzeisen, wie sie von Vierteljahr zu Vierteljahr aus den Büchern der beteiligten Firmen von dem Rechner der Kammer, Herrn Waterhouse, festgestellt werden sollten, und gewährte 1 sh. Lohn für das ü? des Preises der Tonne Eisen und aufserdem ein Extra (2 sh. 9 d. pro Tonne), welches „Basis" genannt wurde. Der unerwartete Aufschwung der Eisenindustrie 1872 brachte dieser ersten Skala den Tod. Die April 1872 vorgenommene Berechnung des Herrn Waterhouse gewährte den Arbeitern nämlich nur 5 °/o, die im Juli 7 1 /2 % Lohnerhöhung, während in denselben Tagen die Arbeitgeber des südlichen Bezirks, wo eine Skala nicht bestand, ihren Arbeitern 20% zugestanden. Die Folge davon war, dafs die Arbeiter der nordenglischen Eisenindustrie eine gleiche Vergünstigung forderten und die Arbeitgeber I2V2 °/o über die Skala bewilligten, womit dieselbe aufgegeben war. Es folgte im Beginn des nächsten Jahres eine weitere Lohnerhöhung durch Schiedsspruch des Sir Rupert Kettle. Daneben wurden bereits 1873 wieder Verhandlungen behufs Errichtung einer neuen Lohnskala geführt. Dieselben waren nicht auf das nördliche Gebiet beschränkt, vielmehr waren bei ihnen auch Vertreter Straffordshires beteiligt. Ihr Ergebnis war die „Derby-Skala", deswegen so bezeichnet, weil sie zu Derby verhandelt worden war. Während des Jahres 1874/75 beherrschte sie die Löhne beider Bezirke, d. h. der meisten im Hüttengewerbe beschäftigten Arbeiter. Bei der Berechnung des Durchschnittsverkaufspreises bestand jedoch die Verschiedenheit, dafs im Norden die Bücher aller Firmen, im Süden- dagegen nur die einer bestimmten Anzahl geprüft wurden. Die Arbeitgeber des Nordens glaubten sich hierdurch — 392 — benachteiligt und beendigten daher die Skala bereits Juli 1875 nach einjährigem Bestände durch Kündigung. Ein weiterer Grund hierfür war, dafs im Norden damals noch hauptsächlich Schienen hergestellt wurden, im Süden dagegen man bereits zur Herstellung teurerer Produkte, Stangen und Platten, übergegangen war, wobei, da ein Durchschnittspreis berechnet wurde, die Löhne im Norden durch die Skala unverhältnis- mäfsig gesteigert wurden. In der That ergab die erste Lohnfestsetzung unter der Skala im Norden trotz fallenden Marktes eine Erhöhung um 3 d. per Tonne. Trotzdem die Derby- Skala so bald verlassen wurde, blieb die Neigung, die Löhne für die ganze Industrie einheitlich zu regeln. In allen Schiedsgerichten wird auf die Löhne des anderen Bezirks Bezug genommen. Seit Beendigung der Skala fanden eine Reihe von Schiedsgerichten statt. Während man bisher einen Schiedsrichter gehabt hatte, versuchte man es damals mit der in der Kohlenindustrie häufigen Form, wonach jede Partei ihren Schiedsrichter ernennt und diese, wenn sie sich nicht einigen können, einem Unparteiischen die Sache übertragen. Die Arbeiter behaupten jedoch, hiermit schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Es bezieht sich dies auf das Anfang 1875 abgehaltene Schiedsgericht der Herren Williams und Mundella für die Eisenindustrie Nordenglands. Das Eigentümliche an dem Schiedssprüche der genannten Herren besteht darin, dafs die Lohnherabsetzung, welche sie aussprachen, nicht durch eine Verminderung des Verkaufspreises, vielmehr durch eine solche der Nachfrage begründet wurde. Ausdrücklich wird jedoch diese Herabsetzung als eine vorübergehende Mafsregel bezeichnet, „welche", wie die Schiedsrichter hoffen, „dahin wirken soll, die gegenwärtige Depression des Hüttengewerbes zu beseitigen, Nachfrage und — 393 — damit Beschäftigung zu vennehren, nicht aber als Aufstellung eines festen Verhältnisses zwischen Lohn und Preis betrachtet werden soll". Die Arbeiter waren mit diesem Schiedssprüche um so weniger zufrieden, als der beabsichtigte Erfolg ausblieb. Trotzdem wurde auch dieser Schiedsspruch gewissenhaft von ihnen angenommen. In 18 Monaten sanken damals die Löhne um 42 1 / , 2 °/o. Dafs die Arbeiter solche Lohnverkürzungen friedlich über sich ergehen liefsen, ist ein Beweis der moralischen Macht derartiger Einrichtungen. In früheren Jahren hätten die erbittertsten Kämpfe die ohnedies hart bedrängte Industrie völlig zerrüttet. In den Jahren von 1875—1880 erfolgten im ganzen nicht weniger als fünf Schiedsgerichte, die meist, wenn auch nicht ausschliel'slich, von dem Marktpreise des Eisens ausgingen, wie er auch nach Beendigung der Skala von Herrn Water- house allvierteljährlich im Auftrage der Kammer veröffentlicht wurde. Zur damaligen Zeit sinkenden Geschäfts erwählten die Arbeiter David Dale wiederholt zum Schiedsrichter, der, obgleich Arbeitgeber, ihr Vertrauen in seltenem Mafse besitzt. Herr Trow, der Führer des Gewerkvereins und der beredte Verteidiger der Arbeiter in den Schiedsgerichten, äul'serte sich hierüber in folgender Weise: „Kein Arbeitgeber kann mehr Vertrauen in Herrn Dale haben als wir, sowohl in seine Fähigkeit als seine Gradheit, Unparteilichkeit und Ehrenhaftigkeit. Wenn es irgend eine Frage giebt, möge sie noch so schwerwiegend sein, die mich persönlich berührte, so würde ich bereit sein, sie Herrn Dale zu unterbreiten". Den Bemühungen David Dales gelang es 1880, eine neue Skala zu stände zu bringen, die „Dale-Skala", welche bis 1882 bestand und damals ebenfalls wieder einem plötzlichen Aufschwünge zum Opfer fiel. Die Arbeiter kündigten sie, weil die Skala ihnen nicht schnell genug Anteil an dem vermehrten Gewinn verschaffte. Ihre Erneuerung erfolgte 1883 durch die sogenannte „Durham-Verabredung"; diese ist dadurch interessant, dafs hier auf Betreiben der Arbeiter, um die Produktion zu beschränken, die Arbeitszeit auf 10 Schichten die Woche festgesetzt wurde. Auch die erneuerte Dale-Skala war nicht von langem Bestände. Es folgen sodann in den Jahren 1884—1888 fünf weitere Schiedsgerichte, in welchen Dr. Spence Watson das Schiedsamt versah. Dieses allzuhäufige Angehen eines Dritten aber war dem der Kammer zu Grunde liegenden Gedanken wenig entsprechend. Dieser ist nämlich Versöhnlichkeit und verlangt, dafs beide Parteien sich gegenseitig Zugeständnisse machen, „es nicht bis zum äufsersten Pfennig treiben", wovor bereits Sir Rupert Kettle 1873 gewarnt hatte. Der viel erfahrene Schiedsrichter Spence Watson sah in solchem Verfahren geradezu eine Gefahr für das Bestehen der Einigungskammer überhaupt. In seinem Spruche vom 28. November 1888 riet er auf das dringendste zur Annahme „einer automatischen Festsetzung der künftigen Löhne durch eine gleitende Skala", die der häufigen Wiederholung von Schiedsgerichten weit überlegen sei. „Sie vermeidet Reibung, giebt Sicherheit Arbeitern wie Arbeitgebern und bewirkt Beständigkeit der Industrie und der Arbeit". Kurze Zeit nachher traten die Vertreter beider Parteien zur Vorbereitung einer Skala zusammen. Für den Fall, dafs während der Verhandlungen Streitfragen entstünden, sollten dieselben Herrn Watson unterbreitet werden. Die Dienste des letzteren wurden jedoch nicht gebraucht; vielmehr gelangte man nach Meinungsverschiedenheiten zu einer neuen Skala, welche Juli 1889 in Kraft trat, für zwei Jahre vereinbart ist und nicht mit Unrecht als „Watson-Skala" nach ihrem geistigen Urheber bezeichnet werden könnte. Nach dem Obigen erscheint es unnötig, einen gleichen — 395 — Überblick über die Geschichte der Lohnbewegung in Stafford- shire zu geben. Auch dort finden wir in derselben Weise einen bunten Wechsel von Schiedsgerichten und Skalen; auch dort sind Verhandlungen wegen einer neuen Skala im Gange, welche mittlerweile wahrscheinlich zu ihrer Annahme geführt haben. Wenn man bedenkt, dafs in einem so wichtigen Gewerbe wie der Hüttenindustrie seit zwanzig Jahren ein allgemeiner Ausstand nicht vorgekommen 1 ist und dafs es sich hier nicht um eine hochbezahlte Klasse gelernter Arbeiter handelt, sondern um eine grofse Anzahl der verschiedensten Arten von Arbeitern, deren Arbeit die „schwerste sein soll, welche der Mensch freiwillig auf sich nimmt", so sieht man, wie die friedliche Gestaltung der zwischen Arbeiter und Arbeitgeber herrschenden Beziehungen in der That weite Gebiete bereits ergriffen hat. Dafs in ihr der Grund liegt, weshalb die englische Eisenindustrie die aufserordentlich schwere Krisis von 1875—79 verhältnismäfsig schnell überwunden hat, darin stimmen alle Sachverständigen überein. Indem die Arbeiter die einschneidenden Lohnherabsetzungen ohne Widerstand auf sich nahmen, welche Williams und Mundella 1875 und David Dale 1878 über sie verhängten, halfen sie den Arbeitgebern über Verhältnisse hinweg, die bei Ausbruch von Arbeitsstreitigkeiten für beide verhängnisvoll hätten werden können. David Dale fafst die Bedeutung der Einigungskammer für das Hüttengewerbe mit folgenden Worten zusammen: „Wären wir gescheitert, so würde nicht nur unsere grofse Industrie zu jenem gewerblichem Kriegszustand zurückgekehrt sein, welcher früher die Hülfsquellen unseres Distriktes verwüstet 1 Am 31. Dezember 1881 brach in Yorkshire ein gröfserer, aber nicht allgemeiner Ausstand aus bei Gelegenheit der Beendigung der „Dale-Skala". — 396 — hatte, sondern die Annahme eines friedlichen Verfahrens durch Verhandlung und Schiedsgericht würde in andern Gewerben unberechenbar aufgeschoben worden sein" 1 . C. Gleitende Lohnskala. Es scheint hier am Platze, auf das Wesen der „gleitenden Lohnskala" des näheren einzugehen, da dieselbe im Hüttengewerbe, wie gesagt, am längsten besteht und dort auch am frühesten ihre moderne Gestaltung annahm, wie sie dem Verhältnis der Gleichberechtigung der bei der Produktion beteiligten Parteien entspricht 2 . Die älteren Skalen, eigentlich auf das Hüttengewerbe Staffordshires beschränkt, waren Gegenstand der Angriffe der Gewerkvereine, weil sie gegen sie gerichtete Mafsregeln der Gegencoalition der Arbeitgeber waren. Waren diese, um den Arbeitern zu widerstehen, übereingekommen, die Lohnsätze gemeinsam zu regeln, so boten die unter einander vereinbarten Skalen eine einfache und unauffällige Methode, den Lohn nach der Machtlage schwanken zu lafsen. Bei den Zusammenkünften brauchte man gar nicht von Löhnen zu reden, sondern vereinbarte nur Verkaufspreise. Die Haupteinwürfe der Arbeiter gegen diese Skalen waren dem entsprechend folgende. a) Einmal glaubten sie nicht zugeben zu dürfen, dafs es ein feststehendes Verhältnis zwischen Lohn und Preis gäbe. Sie warfen der Skala vor, dafs sie wichtige Faktoren, welche den 1 Yergl. Presentation to David Dale S. 8. Darlington 1881. Nach derselben Quelle betragen die Kosten der Kammer auf die Tonne Eisen 0,6048 d., d. h. etwa Ys. Pfennig, Avas auf Arbeiter und Arbeitgeber in gleicher Weise verteilt wird. 2 Auch für Amerika scheint Ähnliches zu gelten, indem auch dort im HüttengeAverbe seit längerer Zeit Skalen im Gebrauche sind. Vergl. J. D. Weeks, Industrial conciliation and arbitration in New York, Ohio and Pennsylvania. Boston, Rand Avery & Co. — 397 — Lohn beeinflufsten, überhaupt nicht in Rechnung zöge. Es könne nämlich sehr leicht vorkommen, dai's die Verkaufspreise zwar gleich blieben, dagegen andere Umstände einträten, welche eine Veränderung der Löhne begründeten. Ein solcher Fall sei zum Beispiel eine Vermehrung der Konsumtion, welche die Gewinne erhöhe, ohne den Verkaufspreis zu beeinflussen. Ja in gewissen Fällen sei sogar, wenn nicht nur der Preis, sondern selbst die Gewinne gleichblieben, trotzdem eine Erhöhung des Lohnes zu verlangen, z. B. dann, wenn durch Massenauswanderung und Ähnliches der Arbeitsmarkt stark gelichtet sei. Die Arbeitgeber behaupteten demgegenüber, dafs entsprechend den „Gebräuchen des Gewerbes" die Arbeiter einen Schilling pro Pfund Sterling des Preises der Tonne Eisen zu erhalten hätten. Die Arbeiter setzten sich hiergegen zur Wehr und erreichten bereits 1863 durch Ausstand 1 sh. mehr als den einen Schilling pro '£. b) Des weiteren aber behaupteten die Arbeiter, dafs nicht nur der Ausgangspunkt der Skala willkürlich sei, sondern dafs die Arbeitgeber auch das in der Folge eintretende Steigen oder Fallen des Normallohnes in ihrer Hand hätten. Dieselben setzten nämlich auf vierteljährlichen Zusammenkünften den zukünftigen Preis des Eisens fest, nicht sowohl um selber zu diesem Preise zu verkaufen, als vielmehr der Lohnregelung willen. In der That geben auch die Arbeitgeber vor der Ge- werkvereins-Kommission zu, dafs sie durch jene veröffentlichten Preise in keiner Weise gebunden seien, vielmehr darin blofs eine bequeme Art der Lohnregelung erblickten. Die Skala war also in Wirklichkeit nichts als eine einseitige Festsetzung des Lohnes durch die Arbeitgeber. c) In letzter Linie aber wandten sich die Arbeiter gegen das Schwanken der Löhne überhaupt, indem sie erklärten, niedere aber gleichmäfsige höheren schwankenden vorzuziehen. — 398 — So bezeichnet z. B. der Schriftführer der Hüttenarbeiter die Arbeiter einer bestimmten Gegend, wo eine Skala nicht herrsche, als um deswillen besser gestellt, weil „ihr Lohn nicht steige und falle". Die Arbeitgeber behaupten dagegen, dafs dieses Schwanken der Löhne nach den Gewinnen um deswillen notwendig sei, weil bei der Tonne Eisen 80—85 °/ 0 der Produktionskosten auf die Löhne kämen. Wie bereits oben erwähnt, ist heute ein Umschlag in den Ansichten der Arbeiter bezüglich der Skalen eingetreten, welcher mit ihrer Ausdehnung über sehr weite Gebiete der Industrie und bedeutende Teile des Arbeiterstandes zusammenfällt. Dieselben haben nicht nur die bedeutende nördliche Eisenindustrie, ferner, wie David Dale mir mitteilt, einen Teil der Stahlindustrie (Consett Cie., Palmers Shipbuilding and Iron Cie.) ergriffen, sondern auch in der Bergwerksindustrie weite Verbreitung gefunden. Dafs die Arbeiter dem Princip der Skala nicht mehr feindlich gegenüberstehen, beweist z. B. das oben angeführte Ui'teil Burts. Der Grund hiervon besteht darin, dafs die Skala ihren Charakter verändert hat und die drei obigen Einwände that- sächlich hin weggefallen sind. a) Was den ersten Einwand angeht, so haftet er der Skala nicht ihrem Wesen nach an. Der als Ausgangspunkt angenommene Normallohn braucht eben nicht festzustehen, sondern kann auch, wie schon S. 372 gesagt wurde, durch Vertrag zwischen den beiden Parteien, wenn nötig, verändert werden. Damit wird es aber unerläfsliche Bedingung einer modernen, auf den Boden der Gleichberechtigung beruhenden Skala, dafs sie eine Fristbestimmung beziehungsweise Kündigungsfrist enthält. Dieselbe ist dann kein durch die „Gebräuche des Gewerbes" geheiligtes Gesetz, das anzutasten schlechthin als Unrecht gilt, vielmehr eine von den Parteien auf Grund der augenblick- liehen gewerblichen Lage geschlossene Übereinkunft. Jene Umstände, wie vermehrter Gewinn durch vermehrte Konsumtion, Leere oder Fülle des Arbeitsmarktes etc. werden einfach dadurch berücksichtigt, dafs man den Ausgangspunkt der Skala den veränderten Umständen vertragsmäfsig anpafst. Gerade die Gewohnheit, den Lohn vertragsmäfsig festzusetzen, hat zur Ausbreitung der Skalen geführt. Da ein solcher Vertrag nämlich immer eine gefährliche Sache ist, indem bei jedem Abschlufs die Möglichkeit des Kampfes im Hintergrunde steht, so drängt sich die Notwendigkeit auf, für begrenzte Zeit den Verträgen bindende Kraft zu geben. Dies ist um so mehr der Fall, wenn man den Inhalt des Vertrages durch Schiedsgericht festgestellt hat; man kann nicht jeden Monat den Zeit und Geld kostenden Apparat in Anwendung bringen. Dort nun, wo wenigstens einer der Faktoren, welche die Parteien zur Forderung einer Lohnveränderung berechtigen, zahlenmäfsig festzustellen ist, läfst man den Lohn diesem Faktor folgen und schliefst damit die aus Veränderung desselben sich ergebenden Streitfragen aus. Man kann in solchen Industrien damit die Lohnfrage für beschränkte Zeit verbannen. b) Der dem Arbeitgeber dadurch ermöglichten Willkür, dafs er Preise zum Zweck der Lohnfestsetzung macht, ist durch Ermittelung der wahren Verkaufspreise, nachdem sie erzielt worden sind, durch Unparteiische zu begegnen. c) Was endlich den Einwand angeht, dafs die Schwankungen des Lohnes überhaupt für den Arbeiter ungünstig seien, so scheint er gegen die Skala selbst für die Zeit, als er ausgesprochen wurde, nicht stichhaltig. Ein aus Wales berufener Zeuge berichtet, dafs in dem dortigen Ilüttengewerbe, das keine Skala habe, die Löhne ebenfalls um 30°/o während 10—12 Jahren geschwankt hätten. Freilich hätten sie nicht so oft, wie unter der Skala, sich verändert, wären aber im grofsen und ganzen doch den Preisen des Eisens gefolgt. Nun scheint es aber sehr zweifelhaft, ob im Interesse des Arbeiters ein durch Mittelglieder hindurchgehendes Schwanken nicht einem jähen und unvermittelten vorzuziehen ist. Wenigstens ist dies die Ansicht der englischen Arbeiter, welche, wie z. B. in dem Eisenbergbau, verlangten, dafs selbst die kleinsten Preisschwankungen auf die Löhne von Einflufs sein sollten. In zweiter Linie aber scheint überhaupt der Widerwille der englischen Arbeiter gegen das Schwanken der Löhne in weiten Kreisen geschwunden zu sein. Ist doch in dieser Hinsicht der Baumwollenarbeiter, welcher auf das genaueste den Gewinn der Unternehmer berechnet und danach seine Forderungen richtet, in keiner Weise anders als der unter der Skala arbeitende gestellt. Vielmehr scheinen gleichbleibende Löhne nur dort möglich, wo in gewissem Sinne Monopolpreise vorhanden sind, z. B. im Buchdruckergewerbe, im englischen Schiffsbau etc. Dort, wo der Arbeiter gezwungen ist, den Verlust der Industrie sei es durch Lohnherabsetzung, sei es häufiger noch durch Entlassung zu teilen, hat er es auch gelernt, an dem Gewinn seinen Teil zu erlangen; Voraussetzung hierfür ist genaue Kenntnis des augenblicklichen Standes seines Gewerbes. So hörte ich von englischen Arbeitern wiederholt aussprechen, dafs sie sich an den guten Jahren schadlos halten müfsten, um sich und ihre Vereine für die schlechten zu stärken. Mill und Thornton erblicken hierin den Beginn einer Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Hierzu kommt, dafs, wie Giffen feststellt, die englische Industrie in wachsendem Mafse mit Darlehns- und Aktienkapital betrieben wird. Hier ist es nun besonders nötig, wenn anders das Kapital sich nicht zurückziehen soll, durch Erdulden von Lohnreduktionen ein gewisses Minimum des Gewinnes aufrecht zu erhalten, was andrerseits Teilnahme der Arbeiter an erhöhten Gewinnen voraussetzt. Dieselben garantieren so gewifsermafsen dem Kapital die Zinsen, wofür sie als Versicherungsprämie einen Teil des Gewinnes sich zueignen. Die heutige Skala ist also von der älteren, in dem Kommissionsbericht 1867 erwähnten sehr verschieden. Aber der wichtigste Unterschied ist der, dafs sie heute wie jede Lohn Veränderung auf Vertrag zwischen gleichberechtigten und gleichmächtigen Parteien beruht; daher sind jene enthusiastischen Ansichten vieler Engländer über die „automatische Regelung der Löhne" durch Skalen als ihr Wesen verkennend zurückzuweisen. Prof. Munro (Sliding scales in the iron industry, London 1886, pg. 26) bezeichnet sie z. B. „als die gröfste Entdeckung auf dem Gebiete der Verteilung des Reichtums seit Ricardos Theorie von der Grundrente". Aber die Löhne werden unter der gleitenden Skala nicht durch einen „natürlichen", auf mathematischem Wege sich ergebenden Mafs- stab beherrscht, sondern unterliegen hier wie überall der ver- tragsmäfsigen Feststellung, bei der die hinter den Parteien stehende Macht den Ausschlag giebt, und nach Ablauf kurzer Zeit mufs die Vertragsmäfsige Festsetzung stets wiederholt werden. 1. Solche Gründe, welche aufserhalb der Skala liegen, bestimmen zunächst das Wichtigste: den zum Ausgangspunkt genommenen Normallohn und Normalpreis. Hiervon hängt die Höhe aller unter der Skala bezahlten Löhne in erster Linie ab und um diese Basis entbrennen daher bei Aufstellung der Skalen die heftigsten Kämpfe. Eine Veränderung einer der beiden Gröfsen verrückt das Lohnverhältnis zu Gunsten einer oder der andern Partei. So ist klar, dafs z. B. die Arbeiter in doppelter Weise eine günstigere Gestaltung der v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 26 — 402 — Skala erreichen können, einmal durch Erhöhung des Normallohnes, sodann durch Erniedrigung des Normalpreises, wobei das Umgekehrte für den Arbeitgeber gilt. Um welches der beiden Elemente sich die Kämpfe drehen, hängt vom Charakter des Gewerbes ab. In der Bergwerksindustrie ist die zu einer gewissen Zeit vorhandene Löhnung, wie wir sahen, je nach den Gruben etc. aufserordentlich mannigfaltig. Sie wird daher überhaupt nicht in die Skala eingeführt, vielmehr gewährt diese nur prozentuale Abzüge oder Erhöhungen des unerwähnten Normallohnes. Daher ist der Verkaufspreis allein diejenige Zahl, deren Erhöhung oder Herabsetzung die Basis der Skala zu Gunsten der Arbeiter und Arbeitgeber verändert. Wenn z. B. die Skala für den Bergbau zu Durham 1879 den Normalpreis der Kohle auf 4 sh. 2 d. bis 4 sh. 6 d. festsetzt, dagegen 1882 auf 8 sh. 10 d. bis 4 sh. erniedrigt, so bedeutet das eine Lohnaufbesserung für die Arbeiter, da sie bei geringerem Preise die gleichen Löhne erhalten. In dem Hüttengewerbe dagegen herrschen nicht derartig verschiedene Löhne, sondern für jede bestimmte Arbeit, z. B. das Walzen, das Schneiden des Eisens u. s. w., ein feststehender Lohnsatz, weil nämlich hier keine natürlichen Bedingungen erschwerend oder erleichternd auf die Arbeit einwirken. Infolgedessen wird der Normallohn in die Skala eingeführt und die Fragen, ob Lohnerhöhung oder -herabsetzung, drücken sich als Kämpfe um die Höhe des anzunehmenden Normallohnes aus. So z. B. gab die Dale-Skala 1879 den Arbeitern neben dem altgewohnten Schilling auf das Pfund die sogenannte Basis von 1 sh. 6 d., d. Ii. pro £ des Verkaufspreises 1 sh., das gleitende Element, plus dem feststehenden Element 1 sh. 6 d.; die heutige Skala dagegen gewährt 2 sh. als Basis, d. h. pro £ des Preises 1 sh. Lohn + 2 sh., eine bedeutende — 403 — Lohnerhöhung, die dem augenblicklichen Aufschwünge der Industrie entspricht 1 . 1 Diesen Unterschied zeigt z. B. folgende Skala aus Durham im Vergleiche zu der Dale-Skala: I. Übereinkunft vom 12. Juni 1884 zwischen dem Verein der Grubenbesitzer und dem der Bergleute von Durham. Wenn der durchschnittliche kaufspreis der Kohle Ver- so sollen folgende Erhöhungen oder Herabsetzungen des Normallohnes (Zeitlohnes wie Stücklohnes), d. h. des Lohnes November 1879, vorgenommen werden erreicht aber nicht erreicht Erhöhungen Herabsetzungen s. d. s. d. % % 3 10 4 0 — — 4 0 4 2 D/4 — 4 2 4 4 2% — 4 4 4 6 3 3 /4 — 4 6 4 8 5 — 4 8 4 10 6 l /4 — 4 10 5 0 7Va — 5 0 5 2 8 3 /4 — 5 2 5 4 10 — 5 4 5 6 1D /4 — 5 6 5 8 12 Va — 5 8 5 10 13 3 /4 — 5 10 6 0 16V4 — 6 0 6 2 18 3 /4 — 6 2 6 4 20 — 6 6 4 6 6 6 6 8 2VU 22Va — und so aufwärts, Vk °/o für jede 2 d; 2Va'% nur für die beiden Veränderungen um 2 d., die zwischen 5 sh. 10 d. bis 6 sh. 2 d. Preis liegen 10 vu 2'/a und so abwärts. II. Dagegen heifst es für die Eisenindustrie einfach: „1 Schilling und 6 Pence mehr als Schillinge pro Pfund". (Dale-Skala.) 26* PTmir' i Wie gesagt, ist es dieser vertragsmäßige Ausgangspunkt,, von dem die Löhnung unter der Skala abhängt. Seine Festsetzung bestimmt, einen wie hohen Anteil die Arbeiter an dem Gewinsten erhalten. Er wird durch rein geschichtliche Gründe beherrscht, was sich darin zeigt, dafs man gewöhnlich von einem zu bestimmter Zeit herrschenden Lohne, den beide Parteien für normal ansehen, ausgeht. Nicht selten ist es der unmittelbar vor Beginn der Skala übliche, manchmal auch ein früherer Lohnsatz, so z. B. in der Kohlenindustrie der im Jahre 1871 herrschende. Dagegen hält es David Dale r welcher in der Aufstellung von Skalen wie wenige Erfahrung hat, für angemessener, von einer längeren Zeitspanne, wodurch man den Einflufs vorübergehender Elemente ausschliefse, den Durchschnittslohn zu berechnen und diesen unter Erhöhung um einen geringen Prozentsatz (2 °/ 0 —5 °/ 0 ) zum Ausgangspunkt der Skala zu machen. Mit diesem Prozentsatz bezahlten die Arbeitgeber die aus dem Bestehen der Skala ihnen erwachsenden Vorteile nicht zu teuer. 2. Die gleitende Skala ist aber des weiteren insofern keine „automatische Festsetzung der Löhne", als auch das zweite Element, das Verhältnis, in dem die Löhne den Preisen folgen, vertragsmäfsiger Festsetzung überlassen und der Geschichte zu entnehmen ist. Dieses Verhältnis wird meist mit Prozentzahlen bezeichnet, so z. B. heifst es in den Skalen von Durham, dafs bei jeder Schwankung des Preises um 2 cL die Löhne um lV* °/ 0 fallen oder sinken sollen. Je höher diese Prozentzahl gegriffen ist, desto bedeutenderen Veränderungen ist der Lohn ausgesetzt. Da aber die wirtschaftliche Lage des Arbeiters eine gewisse Stetigkeit des Einkommens fordert, so hat dieses Bedürfnis zu interessanten Versuchen der Graduierung der Skalen — 405 — -geführt 1 . Hierzu ist auch die Einführung eines Lohnminimums zu rechnen, d. h. die Bestimmung, dafs die Löhne nicht unter einen Minimallohn fallen sollen. Diese Klausel, welche in vielen Skalen zu finden ist, wird natürlich von den Arbeitgebern nicht eingeführt ohne irgend welchen Ersatz. Dieser kann einmal in der Festsetzung des Normalverhältnisses, von dem die Skala ausgeht, gesucht werden. Richtiger jedoch scheint es, den Minimallohn dadurch aufzuwiegen, dafs man das Steigen nach oben graduiert, d. h. sobald der Verkaufspreis eine gewisse Höhe erreicht, die Löhne in langsamerem Verhältnis folgen läfst. Dies z. B. thut die sogenannte „Oceanskala", welche bestimmt, dafs die Löhne unter ein Minimum nicht fallen dürfen, dafs sie über diesem Minimum hei jeder Veränderung des Verkaufspreises um 4 x /a d., solange der Lohn unter dem Normalpunkte ist, um 2V2 °/ 0 , dagegen über diesem Punkt nur um IV2 °/ 0 schwanken sollen. Diese Graduierung scheint die Bestimmung des Minimums in der geeignetsten Weise aufzuwiegen, indem der Arbeiter besonders hohe Löhne aufgeben kann, wenn er vor aufsergewöhnlich tiefen geschützt ist. Wo dagegen ein Minimum fehlt, scheint eine umgekehrte Graduierung, d. h. ein langsameres Schwanken der Löhne nach unten als nach oben, ein angemessener Ersatz, so z. B. in Durham, in gewisser Weise auch in North- nmberland. Dagegen ist im Interesse des Arbeiters vor einer Übertreibung des Principes des Minimums zu warnen. Derselbe bedarf, wie gezeigt, der Beteiligung an den zeitweisen Gewinsten der Industrie, um sich und seine Organisationen für schlechte Zeit zu stärken. Ist er doch, ob nun ein Minimum 1 Crawford Munro, Sliding Scales in the Coal industry. London 1885, Heywood. — 406 — besteht oder nicht, dadurch dafs der Arbeitgeber sein Geschäft schiiefsen oder Arbeiter entlassen kann, stets gezwungen, an den Verlusten teilzunehmen. Er verliert alsdann die für die Einführung des Minimums an den Arbeitgeber bezahlte Prämie ohne Ersatz. 3. Die Lohnskala ist auch nicht eine „ dauernde Festsetzung der Löhne". Sie beruht einmal auf der Annahme, dafs Gewinste und Verkaufspreise in festem Verhältnis ständen, was- selbst annähernd nur für beschränkte Zeit der Fall ist. Es werden stets Umstände eintreten, welche, ohne die Höhe der Preise zu berühren, die Gewinste aufserordentlich verändern können: Aufnahmefähigkeit des Marktes, Schwanken des Zinsfufses u. s. w. Zum zweiten werden auch Umstände nicht ausbleiben, welche selbst bei gleichbleibendem Gewinn eine Verschiebung des Verhältnisses zwischen Lohn und Gewinn rechtfertigen. So sagt J. W. Pease in seinem Schiedssprüche zu Middles- brough 1882: „Mit grofser Eindringlichkeit haben die Arbeiter betont, dafs die soeben beendigte Skala deswegen unbefriedigend war, weil sie den Lohn der Arbeit behandelte, als ob er stets in einem gleichbleibenden Verhältnisse zum Preise des Eisens stünde, dafs Umstände eintreten können und eingetreten sind, da die Arbeit — im Markte rar — teurer wird und um einen höheren Preis gekauft werden sollte. Auch führten sie an, dafs die andern Elemente der Produktionskosten des Eisens nicht notwendig denselben Bedingungen wie bei Errichtung der Skala unterworfen blieben". In solchen Fällen entspricht die Grundlage der Skala den Verhältnissen nicht mehr und mufs ihnen neu angepafst werden. Daher besitzt jede Skala eine Kündigungsfrist und kaum wurde eine, soviel ich weifs, je über zwei Jahre unkündbar verabredet. Bei jeder grofsen Veränderung der Geschäftslage, Krisis oder Aufschwung, werden die bestehenden — 407 — Skalen gekündigt. So wurden augenblicklich in der Eisenindustrie die Skalen der Aussicht auf ein Steigen des Geschäftes angepafst. In der Bergwerksindustrie dagegen, wo diese Aussicht später eintrat, werden heute die bestehenden gekündigt; nur in Süd-Wales ist die neue Anpassung bereits erfolgt. — Wir haben im vorhergehenden Irrtümer zurückgewiesen, vor welchen die Engländer sich durch ein Studium der deutschen Litteratur, vor allem Brentanos „Arbeitergilden der Gegenwart", hätten schützen können. Demgegenüber ist die vertragsmäfsige Natur auch der durch Skalen erfolgten Lohnfestsetzung zu betonen und aus ihr ergibt sich als notwendige Voraussetzung der modernen Skala die Organisation beider Teile. Die Durchführung der Verabredung, die Einhaltung der Kündigungsfrist gewährleisten allein die beiderseitigen Vereine, welche als Kontrahenten beim Abschlufs der Skala auftreten. Zwei Einrichtungen ferner, welche notwendig sind, wenn die Skala mehr sein soll als blofse Verschleierung einseitiger Diktierung der Arbeitsbedingungen, setzen ebenfalls Organisation beider Teile voraus. a) Die Skala verlangt einen für das ganze Gewerbe (Grafschaft u. s. w.) anerkannten Lohnsatz, welchen sie prozentual vermehrt oder vermindert. Ein solcher Lohn aber ist ohne einen Verwaltungsausschufs nicht aufrecht zu erhalten. Stände es dem Arbeitgeber frei, lokale Lohnherabsetzungen nach Gutdünken vorzunehmen, so würde er dadurch die allgemeine Regelung durch die Skala vereiteln. b) Das Gleiche wäre der Fall, wenn die Arbeitgeber beliebig die Preise, zu denen sie verkaufen, angeben könnten. Die Skala setzt daher eine unparteiische und sachliche'Er- mittelung der Preise voraus. Diese ist nur möglich, wenn — 408 - von beiden Parteien berufsmälsige Rechner ernannt werden, welche in bestimmten Zeitabschnitten (3 Monat) die wahren Verkaufspreise ermitteln, wie es schon nicht selten beim Schiedsgericht vorkommt. Da aber die einzelnen Arbeitgeber miteinander konkurrieren, so müssen diese Berechnungen, soweit aus ihnen der Verkaufspreis der einzelnen Unternehmer hervorginge, geheimgehalten werden, wozu die Rechner eidlich verpflichtet sind; nur der Durchschnittspreis wird veröffentlicht. Es stellt sich hierbei heraus, dal's die in den Zeitungen veröffentlichten Preise von den thatsächlichen durchaus abweichen, die letzteren vielmehr den ersteren nur langsam folgen. So hat es oft genug bittere Enttäuschung bei den Arbeitern hervorgerufen, dafs der Rechner weit geringere Preise feststellte, als nach den Zeitungsnachrichten erwartet wurden. Andererseits pflegen bei Sturz der Preise die that- sächlich erzielten zu Gunsten der Arbeiter höher als die der Zeitung zu sein. Obgleich die Ergebnisse der Berechnungen nicht selten unliebsame Überraschungen bereiten, sind sie stets auf das loyalste angenommen worden. Als im Mai 1880 die Arbeiter der Eisenindustrie eine Lohnerhöhung mit Sicherheit erwarteten, die Berechnungen des Herrn Waterhouse eine Preiserhöhung jedoch nicht ergaben und infolgedessen starke Mifsstimmung in den Arbeiterkreisen herrschte, nahm der genannte Herr Gelegenheit, vor der Kammer die Methode seiner Berechnungen darzulegen 1 . Da das Eisen an verschiedenen Plätzen in verschiedener Weise verkauft wird, so ist die Bestimmung des wirklichen Verkaufspreises mit grofsen Schwierigkeiten verbunden. Das Eisen wird in London mit einem besonderen Aufschlag für 1 Mr. Waterhouses Explanation. Darlington 1880. Fracht, dagegen wird es in Middlesbrough und Darlington frei an Bord verkauft, d. h. in dem Preise sind die Kosten der Verladung auf das Schiff bezw. diese sowie die Eisenbahnfracht enthalten. Es ist daher notwendig, um den Nettopreis zu erhalten, auf den einzelnen Fall einzugehen und die in dem Bruttopreise etwa erhaltene Fracht in Abzug zu bringen. Ferner wird entweder für bar oder auf Kredit verkauft, und in letzterem Falle mufs von dem ausgemachten Kaufpreise der Diskont abgezogen werden, um den Nettopreis zu erhalten. In gleicher Weise mufs der Diskont in Abzug gebracht werden, wenn gegen Wechsel verkauft worden ist. Ferner gewähren einige Firmen dem Agenten, welcher den Verkauf vermittelt, eine Provision bis etwa 1 Prozent von dem Verkaufspreise; auch diese erklärt Herr Waterhouse in Abzug zu bringen, um den wirklichen Preis zu ermitteln. Das Verfahren des genannten Herrn ist folgendes. Jede der an der Kammer beteiligten Firmen erhält ein Buch, in welches sie alle einzelnen Kontrakte einzutragen hat. In der ersten Kolonne der Seiten wird verzeichnet, wieviel und zu welchem Preise verkauft worden ist. In der zweiten Kolonne ist anzugeben, ob das Eisen an Ort und Stelle oder auf Entfernung verkauft worden ist, und im letzteren Falle wieviel Fracht bezahlt wurde. In der folgenden Kolonne ist zu verzeichnen, ob ein Kreditverkauf abgeschlossen wurde und zwar ob mittelst der Berechnung eines Diskonts oder mittelst Wechsels. In der letzten Kolonne sind Angaben bezüglich der Provision zu machen. Jede Firma wird aufgefordert, diese Eintragungen monatlich zu machen und allvierteljährlich einen Abschlufs anzufertigen. Am Ende jedes Vierteljahres nämlich schickt — 410 — Herr Waterhouse jeder Firma ein gedrucktes Formular, in welchem unter den Rubriken Schienen, Stangen, Platten u. s. w. die gesamte verkaufte Quantität und der Nettoverkaufspreis (d. h. der Verkaufspreis weniger den vorgesehenen Abzügen) anzugeben ist. Innerhalb der ersten zehn Tage des Vierteljahres pflegen diese Listen angefertigt und Herrn Waterhouse nach London zugesandt zu werden. Sobald alle Eingänge erfolgt sind, reist Herr Waterhouse zu ihrer Kontrollierung in den Bezirk, für welchen die Kammer besteht. Jede einzelne Firma wird besucht und die von ihr gemachten Angaben nach ihren Büchern geprüft. Zunächst werden die oben erwähnten Bücher rechnerisch genau durchgegangen. Es erklärt Herr Waterhouse, bei dieser Prüfung hauptsächlich darauf zu sehen, ob die von dem Rohpreise gemachten Abzüge berechtigterweise geschehen sind oder nicht. Er fühle sich dabei als Vertreter der Arbeiter, indem er als praktischer Mann es dem Interesse der Arbeitgeber über- liefse, alle Abzüge, zu denen sie berechtigt wären, wirklich zu machen. Zu diesem Zwecke werden die Bücher, in denen die Frachten verzeichnet sind, vorgefordert. Auch greift man eine Anzahl von Fällen heraus, in denen nach den bestehenden Tarifen die Frachten ausgerechnet und mit jenen angegebenen verglichen würden. In Fällen aufsergewöhnlich hoher Abzüge wird das Kontraktbuch der Firma eingesehen, die Einzelheiten des Kontraktes geprüft und danach die Berechtigung der Abzüge als Fracht, Diskont u. s. w. beurteilt. Ebensowenig wie die Abzüge werden die Angaben bezüglich des verkauften Gesamtgewichts auf guten Glauben angenommen, da ja die Bücher, aus denen die Berichte an den Rechner entnommen wurden, besonders zum Zweck der Lohn- — 411 — festsetzung geführt werden. Nun könnten die Arbeitgeber hierin die Anzahl verkaufter Tonnen höher als in Wirklichkeit angeben und damit die Löhne herabdrücken. Es werden daher die für die Kammer geführten Bücher mit den ordentlichen Büchern der Firma verglichen, deren ordnungsmäfsige Führung ein Beweis ihrer Genauigkeit ist. Herr Waterhouse rühmt die Zuvorkommenheit, mit welcher die Firmen ihm, dessen Diskretion sie sicher sind, nach jeder Richtung die gewünschte Auskunft erteilen. Nachdem Herr Waterhouse in genügender Weise sich der Richtigkeit der ihm übermittelten Zahlen versichert hat, kehrt er nach London zurück. Hier wird nun der durchschnittliche Nettoverkaufspreis aller Firmen berechnet, wonach sich die Lohnhöhe richtet. Um Fehler zu vermeiden, wird die Rechnung von zwei unabhängigen Schreibern gemacht, welche zu einem übereinstimmenden Resultate kommen müssen. Etwa zehn Tage, nachdem die vollen Zahlenangaben erhalten sind, ist diese Arbeit beendigt, und noch an demselben Abend schickt Herr Waterhouse je ein Exemplar dem Sekretär der Arbeitgeber und dem der Arbeiter, ferner an zwei Zeitungen, so dafs diese Herren es an dem Morgen, an dem es in der Zeitung erscheint, bereits in der Hand haben, womit den Arbeitern die für das Vierteljahr zu erwartenden Löhne sich feststellen. Was die Wirkung der Skalen angeht, so ist zunächst feststehend, dafs dieselben für die Arbeitgeber äufserst vorteilhaft sind. Sie gewähren der Industrie Stetigkeit und schliefsen Arbeitsstreitigkeiten für eine bestimmte Zeit mit Sicherheit aus. Sie geben den Unternehmern die Möglichkeit, Kontrakte auf längere Zeit abzuschliefsen und gewähren ein Gefühl der Sicherheit, dessen Wert derjenige Industrielle schätzt, welcher die Gefahr von Arbeitsausständen gekannt — 412 — hat. Die Vorteile der Skala sind so handgreiflich, dals sich die Arbeitgeber bereit erklären, sie mit einem gewissen Prozentsatz höherer Löhne zu bezahlen. Die Arbeiter behaupten, die Skala sei jenen 5 Prozent wert. Weniger in die Augen fallend sind die Vorteile der Skala für die Arbeiter. Manche unter ihnen fürchten sogar, dafs die Arbeitgeber durch die Skalen verleitet würden, sich gegenseitig zu unterbieten durch Herabsetzung der Preise, da sie ja damit auch die Löhne erniedrigten. Diese Gefahr ist unbegründet. Man vergifst nämlich, dafs die Arbeitgeber untereinander konkurrieren und derjenige, welcher den niedrigeren Preis fordert, damit nicht die von ihm zu zahlenden Löhne, sondern die der ganzen Industrie drückt, was auf die eigenen Produktionskosten nur einen ganz verschwindenden Einflufs haben kann. Dagegen gewähren die Skalen dem Arbeiter folgenden Vorteil. Die Skala gewährt, obgleich auf den ersten Blick das Gegenteil der Fall zu sein scheint, eine gröfsere Stetigkeit der Löhne, was für den Arbeiter sehr wichtig ist. Es ist Thatsache, dafs ohne Skala die Löhne weit gröfseren Schwankungen ausgesetzt sind, indem sie dann den imaginären, in Extremen sich bewegenden Zeitungspreisen, nicht den weniger schwankenden thatsächlichen Preisen folgen. Auch sind Skalen nie aufgegeben worden, weil sie zu viel schwankten, sondern stets, weil sie nicht schnell und intensiv genug den Wandlungen des Marktes folgten. Hierzu kommt, dafs sie der Industrie Stetigkeit verleihen und so die Möglichkeit des jähsten Wechsels, des von Arbeit zu Arbeitslosigkeit, vermindern. Sir Joseph Pease beschreibt diese Wirkungen in seinem Schiedssprüche 1882 mit folgenden Worten: Die Skala gibt dem Unternehmer einen unzweifelhaften Vorteil im Wett- — 413 — bewerb auf dem Weltmarkt, womit sie auch dem Arbeiter einen wesentlichen Dienst leistet. Sie gewährt dem letzteren die Erhöhung des Lohnes, welche notwendig aus vermehrter Nachfrage folgt und aus dem vermehrten Gewinn von dem Erzeugnis, das seine Arbeit hervorbringt. In Zeiten des Geschäftsniedergangs befähigt sie den Unternehmer, sein Werk im Gange und den Arbeiter in Beschäftigung zu erhalten." D. Die weitere Verarbeitung des Eisens. Überblickt man die zahlreichen mit der weiteren Verarbeitung des Eisens beschäftigten Gewerbe, so läfst sieli die Regel aufstellen, dafs die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter in dem Grade befriedigend und friedlich sind, als die gewerkvereinliche Organisation der Arbeiter vorgeschritten ist. Auch hier waren es die gröfsten Arbeitgeber, welche hinter den anderen in Anerkennung der Arbei- terverbiindungen zurückblieben z. B. die Firma Armstrong, der englische Krupp. Abgesehen davon, dafs die Organisation der Arbeiter von der Lage des Gewerbes abhängt, indem in einer dauernd niedergehenden Industrie auch die Verbündungen beider Parteien dem Untergange verfallen sind, so lassen sich zwei weitere Umstände namhaft machen, von denen die Stärke der Gewerkvereine abhängt. 1. Einmal kommt in Betracht, dafs die Arbeit eine gelernte und damit das Eindrängen von ungelernten Arbeitern, Frauen und Kindern erschwert ist. Einfache Tagelöhner haben gröfsere Schwierigkeit, sieh wirksam zu organisieren. 2. Nur dort, wo die Arbeit eine gleichmäfsige ist und für die gesamte Industrie die Arbeitsbedingungen sich einheitlich festsetzen lassen, sind die Gewerkvereine in der Lage, mit den gegenüberstehenden Vereinen der Arbeitgeber die Regelung der Arbeit vertrags- mäfsig zu vereinbaren. Wo keiner der tiezeichneten Umstände vorliegt, sind die Organisationen schwach; dies ist z. B. in der Sheffielder S t a h 1 k 1 i n g e n f a b r i k a t i o n der Fall. Einmal besteht hier für eine grol'se Anzahl von Verrichtungen kein Schutz gegen das Einströmen ungelernter Arbeit. Schlimmer noch ist, dafs allgemeine Lohnfestsetzungen unmöglich sind. Jeder Arbeitgeber macht seine besondere Ware, häufig wechseln die nicht selten geheimgehaltenen Modelle und fortwährend finden Veränderungen in der Beschaffenheit der Erzeugnisse statt, so dafs der Lohn fast für jede Arbeit besonders ausgemacht werden mufs. Die Folge hiervon ist, dafs der Gewerkverein sich um die Festsetzung desselben nicht kümmern kann, vielmehr den einzelnen Arbeitern sie überlassen mufs. Hierbei aber bleibt das alte Übergewicht des Arbeitgebers bestehen; derselbe setzt einseitig seine Listen fest und gibt sie ebenso einseitig wieder auf. „Wir haben sehr alte Listen, die älteste ist von 1817", sagte mir einer dieser Herren, „aber wir bezahlen selten, was darin steht." Da dem Gewerkverein hier seine Hauptaufgabe entzogen ist, umfafst er nur einen Bruchteil der Arbeiter und ist für die übrigen in keiner Weise mafsgebend. Lokale Streitigkeiten, Ausstände u. s. w. sind nicht selten und die Lage der Arbeiter ist wenig befriedigend. Bemerkenswert ist jedoch, dafs selbst in diesem Gewerbe das Bestreben nach friedlicher Gestaltung der Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber Eingang gefunden hat. Es ist auch liier allgemein üblich, dafs die Arbeitgeber Beschwerden ihrer Leute anhören, Deputationen empfangen etc. Die Sheffielder Gewerkvereine haben sogar im Jahre 1888 der Handelskammer den Vorschlag gemacht, die so oft auf- — 415 tretenden Streitigkeiten, welche schwere Verluste im Gefolge hätten, durch Einrichtung von „gemeinsamen Ausschüfsen" zu vermeiden. Jedoch haben die Arbeitgeber diesen Vorschlag rundweg abgelehnt und zwar — nicht ohne Berechtigung — weil er unpraktisch sei. In der That, wonach soll der gemeinsame Ausschufs seine Entscheidungen richten, wenn für jede Arbeit ein besonderer Lohn gezahlt wird und ein allgemeiner Mafsstab nicht existiert? Wer ferner sollte seine Entscheidungen durchführen, wo jeder Arbeitgeber beliebig Nicht- gewerkvereinsarbeiter herbeiziehen kann? — Abgesehen von der soeben besprochenen Ausnahme besitzen die übrigen mit der weiteren Verarbeitung des Eisens beschäftigten Industrien starke Arbeiterorganisationen. Neb- * men wir z. B. die 1809 gegründete, heute gegen 13000 Mitglieder zählende Gesellschaft der E i s e n g i e f s e r an. Die friedliche Beilegung jener Fragen des „individuellen Falles" ist durch die Regeln des Vereins nahezu gesichert. Jeder Arbeiter hat danach, wenn er sich ungerecht behandelt, z.B. nicht genügend bezahlt glaubt, zunächst den Arbeitgeber anzugehen. Man ersieht aus dieser Bestimmung, wie allgemein englische Arbeitgeber den Beschwerden ihrer Leute Gehör schenken. Ist auf diesem Wege Abstellung nicht eingetreten, so hat sich der Beschwerdeführer an den Vorsitzenden seines Zweigvereins zu wenden. Die Stellungnahme desselben zur Sache hängt von einem Beschluis der Generalversammlung ab, in welcher der Beschwerdeführer nicht mitstimmen darf. Der Zweigverein sendet, wenn er die Beschwerde für begründet hält, eine Abordnung an den Arbeitgeber. Aber auch, wenn dieser Sehritt ohne Erfolg ist, bleiben die Arbeiter ruhig in Arbeit, indem sie den Fall ihrem Centralausschufs, der in London seinen Sitz hat, übergeben. Dieser sendet gewöhnlich einen Untersuchungsausschufs an Ort und Stelle, um die Besehwerde zu prüfen. Erst wenn er die Angaben als thatsächlich erfunden betroffen hat, ordnet der Centralausschufs örtlichen Ausstand an, den er ebenso selbständig, wenn es ihm gut scheint, wieder beendigen kann, ohne die ausständigen Arbeiter zu fragen. In allgemeinen Fragen z. B. Lohnerhöhungen und -herab- setzungen sind Verhandlungen mit den Arbeitgebern allgemein. Auch hier zeigt sich, wie wachsende Einsicht der Arbeiter in den Stand ihres Gewerbes übertriebene Forderungen beseitigt, dagegen möglichen zur Annahme ohne vorhergehenden Lohnkampf verhilft. In dieser Richtung heilst es in der Einleitung der Statuten des Vereins: „Wir suchen Streitigkeiten und Ausstände so viel als möglich zu vermeiden. Wir haben sorgfältig die Ursachen der Beunruhigungen zu studieren, nach ihren Gründen zu forschen und durch jedwedes Mittel in unserer Gewalt sie friedlich beizulegen". In monatlichen und jährlichen Berichten wird der Stand des Gewerbes genau verfolgt und für die Arbeiter die entsprechenden Folgerungen daraus gezogen. So hiefs es z. B. in einem Berichte des Schriftführers des Vereins, Herrn E. Woods, an die Zweigvereine vor einiger Zeit: „die allgemeine Aussicht führt zu der unliebsamen Annahme, dafs das Geschäft im Niedergang sich befindet". Infolgedessen solle dem „Unvermeidlichen" nicht nur durch Sparsamkeit, sondern auch durch Vermeidung jedes Anlasses zum Streit begegnet werden. Unter den mit Verarbeitung des Eisens beschäftigten Gewerben nimmt die Maschinenfabrikation und damit der Gewerkverein der „Amalgamated Engineers" die erste Stelle ein. Seine Mitgliederzahl ist stetig gewachsen und erreichte im März 1890 die Ziffer 62116. Sein Jahresabschlufs sehwankt zwischen einem plus von 2 bis 5 Millionen Mark. Diese seine Bedeutung verknüpft den Verein auf das - 417 — engste mit den Interessen der nationalen Industrie überhaupt. Jeden Niedergang derselben empfindet er als schwere Belastung wegen der wachsenden Zahl der zu erhaltenden unbeschäftigten Mitglieder. Im Jahre 1879, also zur Zeit der tiefsten Depression, wandte der Verein 149 931 £ (ca. 3 Millionen Mark) allein für den letzteren Zweck auf. Es ist daher sicher, dafs er alles vermeiden wird, was den englischen Maschinenbau gegenüber dem Auslande schwächen könnte. Ihm steht ein Verein der Arbeitgeber gegenüber, welcher seinen Sitz zu London und Manchester hat, jedoch nicht alle Arbeitgeber des Maschinenbaues umfafst. Die Regelung von Arbeitsstreitigkeiten geschieht auf dem Wege von Verhandlungen. Ausstände sind selten. 1885 z.B. gaben die Maschinenbauer neben einer Gesamtausgabe von fast 4 Millionen Mark auf Strikes nur 27 000 Mark aus, von welcher Summe ein bedeutender Teil an andere Gewerkvereine zur Unterstützung ihrer Forderungen ging. Jene Streitfragen, welche wir als die des „individuellen Falles" bezeichneten, werden fast stets friedlich erledigt und zwar zwischen den betreffenden Arbeitgebern und Arbeitern ohne Anrufung einer aufsenstehenden Behörde. Die Art und Weise, wie in den Eisenwerken von Samuel Brooks zu Manchester (1600 Arbeiter) solche Fälle erledigt werden, mag als typisch gelten. Es ist dies eine angesehene, auch auf dem Festlande wohlbekannte Firma, welche hauptsächlich die zur Spinnerei und Weberei der Baumwolle erforderlichen Maschinen herstellt. Dort ist einer der leitenden Herren der Firma mit der Behandlung der Beschwerden beauftragt. Der Vorarbeiter des Beschwerdeführers macht diesem Herrn von der Beschwerde Anzeige; wenn der Fall damit und durch Gehör des Beschwerdeführers nicht sofort erledigt wird, so wählen die Arbeiter eine Deputation, welche meist aus Bell I Ii I v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 27 — 418 — amten der Gewerkvereine besteht; mit dieser wird die Sache durchgesprochen und bei gutem Willen beider Seiten erledigt. Mit den Gewerkvereinen selbst — es kommen nämlich aufser dem der Maschinenbauer noch einige andere in Betracht — verkehrt die Firma selten und nur in äui'sersten Fällen. Auch vermeidet es der Gewerkverein sich in derartige Fragen zu mischen, von dem Gesichtspunkte aus, dafs jeder seiner Angehörigen ein so tüchtiger Arbeiter sein müsse, um, wenn er sich ungerecht behandelt glaubt, anderwärts Arbeit zu finden. Die Regelung der allgemeinen Fragen d. h. der künftigen Arbeitsbedingungen leidet daran dal's eine allgemeine Festsetzung wegen der Mannigfaltigkeit der Arbeit recht schwierig ist. Daher müssen auch diese Fragen zwischen den Arbeitern und Arbeitgebern eines kleineren Bezirkes ausgemacht werden. Der Gewerkverein als Ganzes verhandelt mit dem Verein der Arbeitgeber nicht. Hierin mag auch der Widerstand gegen die Einführung und Verbreitung von Stückarbeit seitens der Vereinigten Maschinenbauer seinen Grund haben. Denn solange eine Zeitlöhnung bestand, konnte dieselbe allgemein festgesetzt werden; die Stückarbeit dagegen, welche wegen ihrer Verschiedenartigkeit und ihres Wechsels in allgemeine Listen nicht gebracht werden kann, bietet den Arbeitgebern eine Handhabe zur einseitigen Festsetzung der Löhne. Noch im Jahre 1875 fand in den Eisenwerken zu Erith in Kent ein Ausstand gegen die Erweiterung der Stückarbeit statt, welcher .einen prin- cipiellen Charakter annahm. Er war, wie jeder Kampf gegen den natürlichen Lauf der Dinge, erfolglos. Der Gewerkverein ignoriert heute diese Art der Löhnung und verlangt von seineu Mitgliedern, dafs sie ein Minimum die Woche (30— 32 sh). verdienen, sei es durch Stück- oder Zeitlohn. Einen neuen Ausstand unternahm er Anfang 1890 gegen Stückarbeit in den Maxim-Nordenfield-Works. Eine Lösung wird die Frage dadurch finden, dafs es auch in dieser Industrie Listen einzuführen gelingt. So sind z. B. in Manchester solche zwischen Arbeiter und Arbeitgebern zunächst für die in Überzeit zu verrichtenden Arbeiten vereinbart. Ein allgemeiner Ausstand der Maschinenbauer ist seit 1851 nicht vorgekommen. Auch kleinere Ausstände sind äufserst selten. Der in den letzten Jahren erfolgte Aufschwung des Geschäftes wurde dazu benutzt, die Lohnherabsetzungen, die gegen Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre erlitten waren, wieder gut zu machen. Auch diese Lohnbewegung vollzog sich über das ganze vereinigte Königreich auf dem Wege von Verhandlungen, Verträgen und Schiedsgerichten. So wurde 1888 zu Bolton eine Lohnfrage durch Schiedsgericht des Herrn Samuel Pope beigelegt. Der Schiedsspruch fiel zu Gunsten der Arbeitgeber aus, welehe jedoch wenige Monate darauf die Vorteile, die ihnen der Schiedsspruch gewährte, durch Vertrag mit den Arbeitern aufgaben. Unter den Forderungen der Maschinenbauer bei dem Ausstande März 1890 in Nordengland stand bereits die Errichtung einer Einigungskammer vornan. Dagegen erklärte sich der Generalsekretär der Vereinigten Maschinenbauer noch im März 1890 gegenüber dem Professor Brentano ebenso lebhaft gegen die allgemeine Einführung von Schiedsgerichten in seinem Gewerbe, wie dies zwanzig Jahre früher der damalige Generalsekretär gethan hatte. Auch waren die Gründe dieselben wie damals: „Wir sind stark genug, um ohne das auszukommen. Wir haben es nicht nötig." Auch hier heifst dies aber nicht etwa, dafs man Arbeitseinstellungen dem Schiedsgerichte vorzöge. Sondern man scheut das Hereinziehen eines Nichtsachverständigen und glaubt auf dem 27* — 420 — Wege direkter, auf genaue Sachkenntnis gestützter Verhandlung besser zu fahren. Dieses Gefühl der eigenen Stärke ist es auch, warum Burns und einige wenige Andere diesem Gewerkverein angehörige Socialisten in ihm wenig Gesinnungsgenossen finden. So heifst es im Bericht des Gewerkvereins vom April 1888 über die Agitation für gesetzliche Beschränkung der Arbeit: „Wir sind dem staatlichen Eingriff in die erwachsene männliche Arbeit entgegen." Besondere weit ist die befriedigende Entwicklung des Arbeitsverhältnisses im Schiffsbau gediehen. Grund hiervon ist die aufserordentlich straffe Organisation der Arbeiter. Der leitende Gewerkverein ist der der „Eisenschiffsbauer"" (boilermaker and ironshipbuilder), d. h. der Arbeiter, welche die Panzerung der Schiffe und die Herstellung von Kesseln und von Schiffen aus Eisen- oder Stahlplatten verrichten. Dieser Verein steht unter der besonnenen und dabei kräftigen Leitung des Herrn Knight; er umfafst das gesamte Königreich und ist am meisten centralisiert von allen englischen Gewerkvereinen. Bereits Artikel 2 der Statuten braucht das bezeichnende, sonst nirgends zu findende Wort: „der Verein soll regiert werden durch den Exekutivaus- schufs", und Artikel 37 ermöglicht dieses Regiment dadurch, dafs er alle in den Kassen der Zweigvereine befindlichen Summen zum Vermögen des Gesamtvereins erklärt. Damit ist die Gewalt der Centraibehörde eine aufserordentliche; sie allein vermittelt die Festsetzung der Arbeitsbedingungen mit den Arbeitgebern. Die Stärke des Gewerkvereins beruht darauf, dafs beide oben angeführten Umstände für ihn begünstigend zusammenkommen. Einmal ist die Arbeit eine gelernte und zwar in dem Grade, dafs der Verein sogar die von ihm geforderten Beschränkungen der Lehrlingszahl durchzuführen in der Lage — 421 — ist. Sodann aber ist die Arbeit eine gleichmäfsige, ihr Lohn kann in allgemein gültigen Listen zum voraus bestimmt werden. Infolge hiervon ist eine scharfe Scheidung zwischen individuellen und allgemeinen Fragen ausgebildet. Die ersteren, d. h. alle Fälle von Beschwerden einzelner, werden durch örtliche Behörden entschieden, welche aus Vertretern von Arbeitern und Arbeitgebern zusammengesetzt sind. Wie in den oben behandelten Gewerben ist die Aufgabe dieser Ausschüsse, die Anwendung der festgesetzten Arbeitsbedingungen zu sichern, nicht die letzteren selbst festzustellen. Es ist anerkannt, dafs solche Fälle fast nie zu Arbeitsunterbrechungen führen. Ein Unparteiischer wird nur selten ernannt. Eigentümlich aber und eine Folge der Centralisation des Gewerkvereins ist, dafs diejenigen lokalen Beamten, welche die Fälle zuerst untersuchen, mit dem betreffenden Arbeitgeber verhandeln und erst dann, wenn sie keinen Erfolg damit hatten, die Sache dem Ausschufs unterbreiten, nicht wie sonst von der örtlichen Organisation, sondern der Centraistelle ernannt werden. Sie heifsen daher „Delegierte", werden für ihre Dienste besoldet und haben ihre ganze Zeit den Geschäften des Vereins zu widmen. Zwar besteht für die Zweigvereine („Distrikte", d. h. Vereinigungen mehrerer Logen) kein Zwang, solche Delegierte aufzunehmen: vielmehr ist es in Artikel 7 der Statuten ihnen ausdrücklich freigegeben, um die Ernennung eines solchen bei der Centraistelle einzukommen. Jedoch besitzt thatsächlich die grofse Mehrzahl der Bezirke solche Beamte. Sie üben auch im übrigen eine bedeutende Aufsichtsgewalt aus, können z. B. Mitglieder wegen Trunkenheit, freiwilliger Arbeitslosigkeit u. s. w. in Strafe nehmen. Fragen über Herabsetzung oder Erhöhung der Löhne werden dagegen für alle 217 Logen des Königreichs ein- — 422 — heitlich durch die Centraibehörde zu Newcastle-on-Tyne entschieden. Sie allein verhandelt durch ihren Schriftführer mit den gegenüberstehenden Vereinigungen der Arbeitgeber* Diese letzteren sind nicht einheitlich, sondern für den Süden (London), den Westen (Liverpool), den Osten (Newcastle) und Schottland (Glasgow) besonders organisiert. Die Verhandlungen werden fast stets friedlich und in den besten Formen, geführt. Konferenzen finden statt, in denen oft an 25 und mehr Arbeiter und nicht selten sämtliche Arbeitgeber des Bezirkes anwesend sind. Da nicht abgestimmt wird, ist die Zahl gleichgültig. Neben dem Sitzungssaal befindet sich ein Konversationszimmer, in das sich die eine oder die andere Partei zurückzieht, um die Vorschläge der Gegenpartei zu beraten. Da Vereinbarung fast immer erzielt wurde, so ist ein Schiedsgericht bisher noch nicht vorgekommen. Auf dem Centraibureau wird die Bewegung des Gewerbes auf das eingehendste verfolgt, die offiziellen Berichte wie die Statistik der Seeversicherung u. s. w. studiert. Man kennt daher die Lage des Gewerbes zu genau, um je Forderungen zu stellen, die zu erreichen man nicht sicher ist. Die Arbeitgeber, denen diese Thatsache bekannt ist, lassen sich schon deshalb auf Kämpfe nur höchst ungern ein. Beide wissen, dafs sie ein gemeinsames Interesse haben: das Monopol, das England thatsächlich für den Schiffsbau besitzt, zu erhalten* „Auch die Arbeitgeber", sagt der Bericht des Gewerkvereins vom März 1889, „haben eingesehen, dafs wir viel besser vorwärts kommen, wenn wir in Harmonie arbeiten und unsere Schwierigkeiten durch Vereinbarung abstellen, als wenn wir unsere Zeit und unser Geld verschwenden, indem wir einander bekämpfen, die wir doch Freunde sein sollten." Ausstände sind äufserst selten, allgemeine unerhört; vor zwölf Jahren fand ein lokaler in Liverpool statt, weil die — 423 — dortigen Arbeitgeber eine in den übrigen Teilen Englands bewilligte Lohnerhöhung nicht zugestehen wollten. Die Arbeiter begründen diesen Ausstand damit, dafs sie „billig mit den Arbeitgebern verfahren", und schon jener wegen, die untereinander konkurrierten, die Löhne für ganz England auf gleicher Höhe halten mtifsten. Ein weiterer Ausstand ereignete sich im Februar 1885 in dem Bezirke des östlichen Schilfsbaues. Der Verlauf und die Beendigung dieses Ausstandes ist bezeichnend dafür, wie auch diese nicht stets zu vermeidenden Kämpfe — früher zu den wildesten Ausschreitungen führend und fast stets den Eingriff der Militärgewalt fordernd — heute, wenigstens auf dem Gebiete der Grofsindustrie, als rein wirtschaftliche empfunden w r erden und darum von aller persönlichen Erbitterung frei sind. Im Beginn des Jahres 1885 verlangten die Arbeitgeber eine bedeutende Lohnherabsetzung; aber erst am 6. Februar, nachdem Verhandlungen vergeblich geführt waren, wurde der Gewerkverein des nordöstlichen Bezirkes (Wear and Tyne) auf Kriegsfufs gesetzt, indem der Exekutivausschufs eine „Streikeerlaubnis" von 20 000 Mark bewilligte. Von dieser Zeit an gehen fortwährend Verhandlungen zwischen beiden Seiten, indem die Logen des Gewerkvereins über die Vorschläge der Arbeitgeber abstimmten und der "Exekutivausschufs Gegenvorschläge machte. Der ganze Streit wurde in durchaus „versöhnlichem Geiste" geführt. Die Arbeitgeber erklärten es als ihren Wunsch, „mit den Vertretern der Arbeiter in friedlicher Konferenz zusammenzukommen"; am 19. Februar erklärten sie sich bereit, durch gemeinsam ernannte Rechner ihre Lohnbücher prüfen und die Durchschnitte, welche sie angegeben hatten und die von den Arbeitern bestritten wurden, feststellen zu lassen. Nach dreiwöchentlichem Ausstande wurde eine Übereinkunft erzielt, in — 424 — der eine geringere Lohnherabsetzung, als die Arbeitgeber verlangt hatten, festgesetzt wurde. „Die Arbeiter haben rühmlich gefochten, den Kampf allein betrachtet als einen für bessere Arbeitsbedingungen und die Schlacht halb gewonnen" sagt der Bericht des Gewerkvereins. Des weiteren heilst es daselbst: „Dieser Ausstand oder Ausschliefsung, wie man es nennen mag, ist in dem möglichst besten Geiste von beiden Seiten geführt worden. Da waren kaum gegenseitige Vorwürfe; da war gar kein Gewaltakt." Wenn man etwa hiermit vergleicht, in welcher Art noch der grofse Ausstand der Maschinenbauer 1852 geführt wurde, so wird man des ungeheueren Umschwungs gewahr, welcher in den Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber in England eingetreten ist. Die Kriegserklärung der Maschinenbauer war damals wenn auch sachlich so doch auch der Form nach eine Kriegserklärung, voll aufreizender Anklänge. Demgegenüber erklärten die Arbeitgeber auf Verhandlungen sich nicht einzulassen und verlangten unbedingte Unterwerfung der Arbeiter, welche ihren Verein abzuschwören hatten. Dieser Kampf war kein wirtschaftlicher, sondern ein Kampf um Unterwerfung resp. Emancipation; Erbitterung trieb die Gegner bis zum äufsersten; Ziel war gegenseitige gänzliche Vernichtung, Ergebnis schmähliche Niederlage der Arbeiter, welche durch die angeführte Bedingung von den Arbeitgebern zur Unaufrichtig- keit gezwungen wurden; denn der Gewerkverein lebte natürlich fort. Demgegenüber heute das Bewufstsein einer Interessengemeinschaft. Wenn die Gehässigkeit schwindet und die Parteien sich auf gleichem Fufse begegnen, werden beide, insbesondere auch die Arbeiter, gewahr, dafs solche Kämpfe für die Industrie einen objektiven Verlust bedeuten, dafs sie insofern auch damit sich selber schädigen. Herr Knight, einen — 425 — Rückblick auf den Ausstand werfend, warnt die Arbeiter davor, leichtsinnig den Frieden zu brechen, der dem Kriege vorzuziehen sei und bedauert , dafs der Vergleich nicht eher erzielt wurde, als nachdem „mehrere Wochen in Unthätigkeit verbracht waren". Wo die Arbeitgeber diese Gesinnung teilen, ist es nur ausnahmsweise, dafs zu dem äufsersten Mittel des Ausstandes gegriffen wird. Voraussetzung eines solchen Zu- standes aber ist, dafs beide Seiten sich als gleichberechtigte Parteien gegenüberstehen und die Arbeitgeber diese That- sache nicht nur mit Worten, sondern auch in Gesinnung und Handlungsweise anerkennen. Die Wichtigkeit der Organisation der Schiffsbauer wird aber erst dann in das richtige Licht gerückt, wenn man bedenkt , dafs. der Gewerkverein der Schiffsbauer, welcher 26 545 Mitglieder zählt (1888), für sechs oder sieben andere Klassen von Arbeitern: Zimmerleute, Schmiede, Flaschner, Maler etc. mafsgebend ist, und dafs ihm die Vereine dieser in allem nachgehen. V. Folgen. Das vorhergehende hat gezeigt, dafs auf den wichtigsten Gebieten der Industrie Englands sich ein Friedenszustand vorbereitet, welchem man dort am nächsten scheint, wo die Organisation der Arbeiter am weitesten fortgeschritten ist. Dies gilt jedoch nicht nur von den behandelten Industrien, sondern allgemein. Die Festsetzung der Arbeitsbedingungen auf dem Wege friedlicher Verhandlungen oder des Schiedsgerichts ist weit verbreitet. Nicht wenige Gewerkvereine haben sogar in ihre Statuten die Bestimmung aufgenommen, dafs ein Ausstand — 426 — nicht eher erklärt werden darf, bis das bonafide Anerbieten eines Schiedsgerichts der Gegenpartei gemacht ist. Aber auch dauernde Einrichtungen, Ausschüsse und Kammern, sind nicht auf das geschilderte Gebiet beschränkt. Wo diese Einrichtungen nicht unmittelbar an die alte Zeit anknüpfen, wie z. B. bei den Setzern, gehen diejenigen Gewerbe voran, welche bei starker Organisation der Arbeiter gerade die heftigsten Lohnkämpfe aufwiesen. Erinnert sei an die von Sir Rupert Kettle in dem Baugewerbe weit verbreiteten Schiedskammern. Wo insbesondere eine einheitliche Lohnfestsetzung in der Form von Listen üblich ist, führt gewöhnlich das Bedürfnis dazu, die Entscheidung der sich erhebenden Streitigkeiten einem Ausschufs der die Liste vereinbarenden Vereine zu übertragen. So z. B. wurde bei Vereinbarung einer Lohnliste zwischen den Maurern zu Bristol und ihren Arbeitgebern bestimmt, dafs ein Ausschufs von je sechs Beisitzern alle Streitigkeiten wegen Auslegung und Anwendung dei; Liste entscheiden solle, und dafs bei solchen Gelegenheiten eine Unterbrechung der Arbeit nicht eintreten dürfe. Auch für die ehemische Industrie bestehen ähnliche Einrichtungen, wie mir z. B. die Statuten einer inzwischen gekündigten Einigungskammer für Northumberland und Durham beweisen. Gerade deswegen, weil alle derartigen Einrichtungen auf Grand eines freien und kündbaren Vertrages bald hier bald dort auftauchen, um häufig ebenso bald zu verschwinden, ist es unmöglich, über ihre Ausbreitung einen Überblick zu erlangen. Es genügt jedoch festzustellen, dafs man in dem Grade Neigung zu ihrer Einführung findet, als die Arbeiterorganisation fortgeschritten und die Industrie die Form des eigentlichen Grofs- hetriebes annimmt, welcher einheitliche Festsetzung der Arbeitsbedingungen für weite Kreise ermöglicht. Die Folgen der geschilderten Einrichtungen erblickt bereits — 427 der Berieht der Nottinghamer Einigungskammer von 1866 in einer Erziehung des Arbeiters. „Eines der auffallendsten Ergebnisse dieses Austausches von Gedanken und Meinungen ist, dafs der Arbeiter besser bekannt wird mit den Gesetzen, die Handel und Industrie beherrschen, und mit dem Einflufs des ausländischen Mitbewerbs". Die Arbeiter beginnen einzusehen, dafs über eine gewisse Grenze hinaus Forderungen unmöglich oder, wenn ausnahmsweise durchführbar, verhängnifs- voll für die Industrie sind. So verurteilt z. B. Th. Burt, der Führer der Bergleute von Northumberland, den Versuch, die Löhne über ihre natürliche d. h. durch die wirtschaftlichen Gesetze bestimmte Grenze in die Höhe zu schrauben. Er weist darauf hin, dafs Kapitalanlagen in Bergwerksanteilen nicht so sicher seien, als solche in englischen Staatspapieren, weil die Kohlenindustrie von vielen unvorhersehbaren Zufällen abhängig sei; daher sei es notwendig und liege auch im Interesse der Bergleute, dafs die Dividenden höher seien, als die Zinsen der englischen Staatsschuld. Die Arbeiter beginnen damit die Vorteile von Methoden zu erkennen, welche Ausstände und Ausschliefsungen vermeiden, jene „willkürliche Verschwendung des angesammelten Reichthums durch Arbeitgeber und Arbeiter", wie Th. Burt an andrer Stelle sagt. Hieraus entspringt das Bewufstsein einer Interessengemeinschaft mit der Industrie, welches festländische Beobachter heute am englischen Arbeiter erstaunt. Dasselbe aber ist weit verschieden von dem naiven Stolz auf die Gröfse des Brotherrn, wie er in patriarchalischen Zuständen zu finden ist, es ist auch keine „Freude an dem luxuriösen'Leben der Arbeitgeber", es beruht vielmehr auf nüchternen und rein wirtschaftlichen Erwägungen. In dieser Richtung ist die Thätigkeit der Gewerkvereins- führer von gröfster Wichtigkeit. Sie sind es, welche zuerst — 428 — einen Einblick in den wirtschaftlichen Stand ihres Gewerbes gewinnen, und ihre schwierigste Aufgabe ist es, die Massen in den Grenzen der Vernunft zurückzuhalten. Ist doch ein aussichtsloser Lohnkampf für einen gut situierten Gewerkverein ein äufserst gefährliches Unternehmen. Dies aber dem ungebildeten Arbeiter klar zu machen, ist besonders dann nicht leicht, wenn es sich um eine notwendige Lohnherabsetzung handelt. In solchen Fällen den Kampf und damit schwere Schädigung niedergehender Industrien, wie zwecklose Schwächung der Arbeiterorganisationen vermieden zu haben, ist das Verdienst von Arbeiterführern wie Burt, Maudsley, Birtwistle, Burnett, welches die ganze Nation ihnen danken sollte. Demgegenüber halten es die Arbeiter für ihr gutes Recht, an den Gewinnen einer steigenden Industrie teilzunehmen. Die in diesen Fällen den Führern obliegende Aufgabe ist durch handelspolitische und statistische Studien zu lösen; sie besteht darin, den Augenblick zu erfassen und die Forderung so zu stellen, dafs ihre Erfüllung geringeren Verlust für die Arbeitgeber bedeutet, als Stillstand der Werke. Auch in solchen Fällen aber werden die Arbeiter, falls sie das Ergebnis des Kampfes auf friedlichem Wege erreichen können, den letzteren als den weniger kostspieligen vorziehen. Man hatte vielfach gefürchtet, dafs mit Legalisierung der Gewerkvereine die Zahl der Lohnkämpfe zunehmen würde. Das Gegenteil war der Fall: die Gewerkvereine wurden zu Friedensorganisationen. Dafs diese Erscheinung aber eine dauernde sein wird, ist daraus zu schliefsen, dafs sie nicht auf vorübergehenden Gefühlsmomenten beruht; vielmehr treten die letzteren mehr und mehr in den Hintergrund, indem die Arbeiter ihr Verhältnis zu den Arbeitgebern in wachsendem Mafse nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilen. Leute, die nichts zu verlieren haben, werden leichter in den Kampf gehen, als solche, die ein wohlgegründetes Dasein auf das Spiel setzen; wenn sie es aber thun, so thun sie es wohlgerüstet und nicht ohne Aussicht auf Erfolg. Daher die erschwerenden Bestimmungen, an welche die Erklärung eines Ausstandes von den meisten Gewerkvereinsstatuten geknüpft wird, daher die Befürwortung schiedsgerichtlicher Entscheidungen durch die Gewerkvereine. So wurde von dem 21. Gewerk- vereinskongrefs zu Bradford 1888 nahezu einstimmig folgender Beschlufs gefafst: „Der Kongrefs ist der Ansicht, dafs die Bildung vereinigter Kammern, welche in gleicher Weise aus Arbeitern und Arbeitgebern zusammengesetzt sind, sehr nötig ist, ein besseres Verständnis zwischen beiden hervorbringen und die Beilegung der ärgerlichen Streitigkeiten, welche die Interessen beider schädigen, sichern würde. Er fordert daher die Arbeiter der grofsen Industriemittelpunkte auf, die Sache vor die Handelskammern und andere Vereine der Arbeitgeber zu bringen, um die Bildung solcher Kammern zu befördern". Ein gleicher Beschlufs wurde September 1889 zu Dundee gefafst 1 . Der Einflufs der geschilderten Verhältnisse ist nicht weniger grofs auf die Arbeitgeber. Hier erst gelangen wir zum vollen Verständnis jenes oben besprochenen politischen Bündnisses, dem die sociale Gleichstellung von Arbeitgeber und Arbeiter 1 Bezeichnend für das Gesagte sind folgende von George Howell 1883 in der Contemporary Review angeführte Thatsachen: „Letztes Jahr (1882) haben die Vereinigten Maschinenbauer mit einem Einkommen von 124 000 £ und einem Jahresabschlufs von 168 000 £ auf Streitigkeiten nur 895 £ ausgegeben, einschliefslich dessen, womit sie andere Gewerkvereine unterstützten, also weniger als 1 % ihres Einkommens. Die Eisengiefser gaben für den genannten Zweck von einem Einkommen von 42 000 £ nur 214 £, die Vereinigten Schreiner, welche in Ausstände verwickelt waren, von 50 000 £ nur 2000 £, die Schneider von 18 000 £ nur 565 £ aus. Die Maurer endlich, welche 11 000 Mitglieder zählen, gaben nichts auf Strikes aus". folgt. Auch hierfür sind die Gründe in letzter Linie wirtschaftlicher Natur. Die heranwachsende Organisation der Arbeiter wird von den Arbeitgebern solange bekämpft, als sie die Hoffnung haben, den Arbeiter in der Lage eines willenlosen Produktionsmittels zu halten. Es tritt jedoch mit wachsender Stärke der Organisation ein Punkt ein, wo diese Stellung der Arbeitgeber den Unternehmergewinn und damit die Industrie übei'haupt gefährdet. Es wird dann wirtschaftliches Interesse der Arbeitgeber, den Gegner, den man nicht vernichten kann, anzuerkennen und mit ihm zu verhandeln, um durch Vermeidung der immer kostspieligem Lohnkämpfe die Produktionskosten zu beschneiden. Freilich ist es die Frage, wie früh die Arbeitgeber dieses ihr Interesse begreifen. Wirkt doch nichts so sehr zur Verblendung des Urteils als die Erbitterung eines jahrzehntelangen Kampfes. Dafs die englischen Arbeitgeber ihr Interesse weitsichtig erfafsten und durch Anerkennung der Arbeiterorganisation den gewerblichen Friedenssehlufs beschleunigten, war unmöglich ohne jenen ungeheueren Umschwung des Denkens, welchen die beiden ersten Bücher vorliegenden Werkes geschildert haben. Wenn wir oben Arbeiterführer erwähnten, welche vorangegangen sind, so sei auch jener hervorragenden Arbeitgeber nicht vergessen, denen ihr Vaterland in gleicherweise zu Danke verpflichtet ist. Hierhin gehören z. B. der ältere Brassey, E. Akroyd und W. E. Forster, welche die Gewohnheit der Verhandlungen mit den Arbeitern schon zu einer Zeit pflegten, als im allgemeinen noch der Kampf tobte, ferner Anthony John Mundella, dessen Name als Stifter der ersten modernen Einigungskammer der Geschichte angehört, David Dale, William Mather u. a. Weit entfernt freilich, dafs die Mehrzahl der englischen Arbeitgeber auf dem Standpunkt der genannten steht. Noch sehen nicht wenige in den Gewerkvereinen Feinde, die sie bekämpfen, und mit denen sie nur notgedrungen verhandeln. Noch ergeht sich nicht selten die Presse, so besonders das Organ des Kapitalismus, die Times, nicht anders als vor 20 Jahren in Angriffen auf die Koalitionsfreiheit. Aber die wichtigsten englischen Industrien und in ihnen die geistig hervorragenden Arbeitgeber stehen auf dem Boden rückhaltloser Anerkennung der Gewerkvereine; im Vergleich mit den früheren Zuständen unaufhörlichen Kampfes erblicken sie in ihnen den Faktor, welcher der englischen Industrie den Frieden wiederzugeben in der Lage ist. Wenn nun die „Strikeepidemie" auf dem Festlande sicher ihren Höhepunkt heute noch nicht erreicht hat, da die Parteien dort für einen Fortschritt darüber hinaus noch nicht reif sind, so haben jene oben genannten Männer recht, wenn sie in den englischen Gewerkvereinen und den darauf beruhenden Einigungseinrichtungen die Gewähr der Konkurrenzfähigkeit Englands erblicken. Diesen Gedanken drückt z. B. ein bei Tränt abgedruckter Brief eines Arbeitgebers der Eisenindustrie in folgender Weise aus. „Ich betrachte die Gewerkvereine als bewunderungswürdige Erziehungsanstalten der Arbeiter, in welchen sie bald ihren ketzerischen Ansichten über Arbeit und Kapital entwachsen. Wenn man sie dagegen von oben herab behandelt und in heftiger Weise schilt, dann werden sie — wie manche von ihnen es leider thun — die Arbeitgeber als ihre natürlichen Feinde betrachten, die man entsprechend behandeln mufs. Die jüngeren Arbeiter sind gewöhnlich gewaltthätige Burschen, aber ich sehe, wie sie unter Erziehung und Führung der hervorragendsten Mitglieder der Gewerkvereine bald zur Minderheit werden; man sagt ihnen da klar und eindringlieh, dafs der alte Weg, Streitigkeiten mit den Arbeitgebern auszumachen, der schlechteste ist, der überhaupt be- — 432 — schritten werden könnte, und sie hören mit Achtung zu, da es von Leuten ihrer Klasse kommt, während sie die Arbeitgeber, die solches sagten, mit Mifstrauen ansehen würden 1 ". In ähnlicher Weise sagt David Dale: „Ich möchte auf das ausdrücklichste erklären, als Ergebnis langer und verschiedenartiger Erfahrung, dafs die beste Sicherheit der Arbeitgeber für die Herrschaft von Vernunft und die Beobachtung der Verträge seitens der Arbeiter ein an Zahl starker Gewerkverein ist mit einer fähigen, das Vertrauen der Arbeiter besitzenden Executive 2 ". In solchen Arbeitgebern und solchen Arbeitern liegt die Gewähr, dafs, was immer die Zukunft bringe, die sociale Fortentwicklung Englands keine gewaltsame sein wird. 1 Trades Unions by W. Tränt S. 163. London 1884. Eine ähnliche Äufserung eines Arbeitgebers über die Gewerkvereine ist abgedruckt im Labour Electour vom 16. November 1889 S. 308. 2 Presentation to David Dale S. 8. Darlington, Times Office, 1881. Neuntes Kapitel. Die ungelernten Arbeiter. Der Ausstand der Dockarbeiter 1889. Die vorhergehenden beiden Kapitel beziehen sich lediglich auf den gelernten Arbeiter der Grofsindustrie. Der ungelernte Arbeiter, insbesondere des Londoner Proletariats, ist erst seit kurzem in die Gewerkvereinsbewegung eingetreten. Auf diese Entwicklung ist hier um so mehr einzugehen, als die bisherige Hoffnungslosigkeit Ost-Londons der von uns vertretenen Auffassung entgegen gehalten zu werden pflegt. Unter der Bewegung des ungelernten Arbeiters übertrifft alle anderen Ereignisse der im August und September 1889 stattgehabte Ausstand der Londoner Dockarbeiter, „der grofse Strike", wie er in Arbeiterkreisen genannt wird. Merkwürdig ist er zunächst wegen seiner Ausdehnung: mehr als 130000 Arbeiter waren unmittelbar beteiligt, eine Zahl, welche jedoch dann bedeutend wächst, wenn man die anderen in Folge des Dockarbeiterausstandes ausbrechenden Arbeitseinstellungen mit in Rechnung bringt. Interessanter noch waren die inneren Bedingungen dieses merkwürdigen Schauspiels. Nicht vom gelernten und organisierten Arbeiter ging die Bewegung aus; t . Schulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. — 434 — vielmehr von jener als hoffnungslos bezeichneten Reservearmee der Arbeit, zu der alle die hinabgleiten, welche nichts als die blofse Kraft ihrer Arme anzubieten haben. Sind doch die Docks die letzte Zuflucht für gescheiterte Existenzen aller Art. Das Angebot von Arbeit war hier unbeschränkt und entsprechend der Lehre der Nationalökonomen die Lebenshaltung der Dockarbeiter jenes Minimum, welches die Kosten der notdürftigsten Lebenshaltung beträgt; häufig auch sank sie unter jenes Minimum herab, d. h. der Dockarbeiter hungerte nicht selten so sehr, dafs in solchen Zeiten die Zahl der Unfälle in den Docks zuzunehmen pflegte, weil der Arbeiter durch Entbehrungen allzusehr geschwächt war. Man nannte dies „ausnahmsweise Notlage", welche aber alljährlich in den Berichten der Armenaufseher jener Bezirke wiederkehrte; die Sturmflut voiFWohlthätigkeit, die sie hervorrief, lief's mit der Ebbe die Verhältnisse nur um so aussichtsloser zurück. Jener Bodensatz der Gesellschaft auch war es, welcher allen socialrevolutionären Richtungen als Beweis dafür diente, dafs die Lage der Arbeiter mit fortschreitender Entwicklung sich verschlechtere, dal's die Fortschritte des gelernten Arbeiters lediglich auf Kosten des ungelernten gemacht seien. Solche Behauptungen waren bisher kaum zu widerlegen. Denn dafs durch Organisation zu helfen sei, hätten bis vor kurzem noch selbst die meisten Gewerkvereinler bezweifelt. So hatte auch das ungelöste Problem des Londoner Ostends, wie wir sahen, in den arbeiterfreundlichen Kreisen der Universitäten und der professionellen Berufe vielfach socialistische Reformpläne gezeitigt. Aber das Unerwartete geschah. Ohne dafs selbst die Organe der Londoner Socialdemokratie vor dem 10. August von einer Bewegung unter den Dockarbeitern berichteten, sah man jene Massen sich gliedern, Führer wählen, deren Namen man — 435 — bisher kaum gehört hatte, und mit der Disciplin eines geschulten Heeres gemäfsigte, aber doch das Übel an der Wurzel fassende Forderungen aufstellen. Merkwürdiger noch, die Arbeiter siegten. Ein solcher Ausgang schien undenkbar. Mufste es nicht eine Leichtigkeit sein, aus der Reservearmee der Industrie die Ersatzmannschaften heranzuziehen? Aber die Wendung, welche der Kampf nahm, war der Beweis, dafs heute im Wirtschaftsleben wieder sociale Momente Bedeutung gewinnen, welche eine individualistische Betrachtungsweise aufser Rechnung liefs, die Solidarität der arbeitenden Klassen und die Stellungnahme der öffentlichen Meinung. So bildet der Dockarbeiterausstand mit Recht den Abschlufs unseres Werkes; denn er ist nur verständlich auf Grund jenes ungeheueren, oben verfolgten Gedankenunischwungs, welcher daran ist, die englische Gesellschaft umzugestalten. Die Vorgeschichte des Ausstandes lehrt, dafs es der gelernte Arbeiter war, welcher die Keime der Organisation in die hülflosen Massen des Ostens legte. Zu nennen ist der Name eines jungen Maschinenbauers, John Burns, der zum Führer im grofsen Stile bestimmt zu sein scheint. John Burns ist ein Beispiel jenes fortgeschrittensten englischen Arbeiters, welcher in Bildung wie Selbstgefühl die Gleichstellung mit den übrigen Klassen der Gesellschaft völlig verwirklicht. Mit zwölf Jahren mufste er die Schule verlassen, aber sein Bildungsdrang führte ihn zu Carlyle und Ruskin, welche seine Führer wurden. Als Schiffsmaschinist lernte er Afrika kennen und verwandte seine Ersparnisse zu einer Reise nach dem europäischen Festlande, wobei er Paris, Berlin und Wien besuchte. Fünfundzwanzigjährig liefs er sich in London als Maschinenbauer nieder. Seinem Eintreten verdankt die socialistische Bewegung ihren Übergang auf das Gebiet der praktischen 23* — 436 — Politik und damit ihre wachsende Bedeutung innerhalb der Gewerkvereinswelt. Nicht aufreizende Leidenschaft, sondern eine das shakespearische streifende Laune machten diesen Yolksmann zum Herrscher der Londoner Massen, welche er halb familiär, halb befehlend als „Lads", Burschen, anzureden pflegt. Seit jener Zeit auch begann Burns seinen „Kreuzzug" unter den Dockarbeitern. Selbst in West-London beschäftigt, verliefs er nicht selten seine Wohnung gegen 3—4 Uhr des Morgens und legte die weite Entfernung zu Fuss zurück, um den an den Thoren der Docks um Arbeit kämpfenden Massen den Organisationsgedanken zu predigen und gegen 7 oder 8 Uhr an seiner Arbeit im Westen zu sein. Neben Burns wirkten im gleichen Sinne der Maschinenbauer Toni Mann, H. H. Champion und der Dockarbeiter Ben Tillet, welcher schon im Jahre 1887 in einem Flugblatte die Organisierung der Dockarbeiter und Einsetzung von Schiedsgerichten verlangt hatte 1 . Dafs aber die Selbstaufopferung möglich wurde, welche Verbündung von dem Einzelnen zu Gunsten der Allgemeinheit verlangt, ist gewifs zum guten Teil auf jenes unbemerkte, aber rastlose Wirken seitens Angehöriger der oberen Klassen, insbesondere der Geistlichkeit im Osten Londons zurückzuführen. Man denke an alles das, was wir oben von diesen Bestrebungen gesagt haben. Man denke jener oben beschriebenen Arbeiter- und Knabenvereine mit ihren socialpolitischen Debatten, ihrer Gewöhnung an Selbstverwaltung u. s. w., wodurch der Gesichtskreis des Ostlondoners erweitert und gemeinsames Vorgehen vorbereitet wird. So sehr ist das Vorurteil gefallen, welches einst in Arbeiterverbündungen etwas gesellschaftsfeindliches 1 „A Dock Laboürers Bitter Cry" by a Docker, 1887. Das Flugblatt ist zugleich interessant durch den hohen Grad von Bildung und Beherrschung der Sprache, den es verrät. — 437 — •erblickte, dafs seit Jahren zahlreiche Geistliche und Laien ihre Schutzbefohlenen darauf hinwiesen als den Weg, auf dem durch Selbsterziehung des einzelnen dauernde Erfolge für Alle zu erringen seien. Den unmittelbaren Anlafs zu dem Ausstande aber gab der Erfolg, welchen der ebenfalls unter der Beihülfe des John Burns gegründete Gewerkverein der Gasarbeiter Sonnner 1889 davon trug. Nach viermonatlichem Bestände zählte er bereits 11000 Mitglieder 1 und hatte Abkürzung der Arbeitszeit von 12—13 Stunden auf 8 Stunden durchgesetzt. Kurze Zeit darauf, am 13. August 1889, stellten gegenüber einer versuchten Lohnherabsetzung 300 Dockarbeiter die Arbeit ein. Die Beschwerden, deren Abstellung man verlangte, waren folgende: a) Bisher hatten Zwischenmänner, sogenannte „Schweifstreiber", von den Dockgesellschaften bestimmte Arbeiten übernommen und ihrerseits die Arbeiter in der Weise gedungen, dafs sie allmorgent- lich aus den arbeitsuchenden Massen die körperlich fähigsten auslasen 2 . Die Arbeiter verlangten Einführung direkter Stücklöhnung und Beseitigung des Zwischenmannes, b) Des weiteren sollte der bisher auf 5 d. die Stunde festgesetzte Minimallohn auf 6 d. erhöht werden (für Überzeit von 6 d. auf 8 d.). c) Am eigentümlichsten war die weitere Forderung einer Minimalarbeitszeit von 4 Stunden. Bei dem Überangebot von Arbeit hatten die Zwischenleute nicht selten Arbeitskräfte genug gefunden, um die ganze zu verrichtende Arbeit in kürzester Frist zu erledigen. Nicht selten wurden Dockarbeiter 1 Heute durch Verschmelzug der Vereine über ganz Grofsbrittannien mehr als 100 000 Mitglieder. Vergl. Bericht im Star vom 3. Juni 1890. 2 Für die Entladung eines Dampfers voll Weizen von 6000 Tonnen erhielt der Unternehmer .... 125 £ — sh. — d., er bezahlte dafür an 81 Arbeiter 57 - 13 - 6 - Gewinn des Unternehmers 67^6 sh. 6 d. — 438 — nach einer einstündigen, ja halbstündigen Arbeit entlassen. Von nun an, so verlangten die Docker, solle keiner mehr unter 4 Stunden beschäftigt, beziehungsweise bezahlt werden. Aber gerade dieses nahezu unbegrenzte Angebot von Arbeit machte das Unternehmen scheinbar hoffnungslos; die Dockgesellschaften wiesen jede Verhandlung ab, in der Meinung, die Ausständigen mit Leichtigkeit aus der Menge der Unbeschäftigten zu ersetzen. Eine unerwartete Wendung jedoch trat am dritten Tage ein. Eine wichtige Klasse der in den Docks beschäftigten gelernten Arbeiter, die Stauer (stevedorers) 1 erklärten, die Forderungen der Docker zu den ihrigen zu machen, für sich selbst dagegen nichts zu verlangen. Ihr Vorgehen war das Signal für Arbeitseinstellung anderer Klassen gelernter Arbeiter, insbesondere Matrosen 2 , der Bootsleute und der Ewerführer 3 . In den Umzügen, welche in den nächsten Wochen die Stadt durchzogen, erblickte man zahlreiche Banner, welche die Aufschrift „out on principle" trugen. In der That haben die genannten Klassen von Arbeitern sich an dem Kampfe in völlig selbstloser Weise beteiligt und sind nach fünf Wochen der Arbeitslosigkeit, nach Erschöpfung ihrer Kassen grofsenteils, ohne etwas für sich auch nur verlangt zu haben, wieder in die Docks zurückgekehrt. Das Zusammenwirken vieler Klassen gelernter Arbeiter verwirklichte, was die Dockarbeiter auszuführen nicht in der Lage gewesen wären: 1 Die Stauer besorgen die Unterbringung der Güter innerhalb der Schiffe, während die Dockarbeiter sie aus den Schiffen oder in die Schiffe befördern. 2 Die „Sailors and Firemens Union", welche natürlich nicht auf London beschränkt ist, umfafst 60 000 Mann. 3 Ewer ist eine Barke, welche Waren von und zu den Schiffen bringt, welche nicht am Quai entladen oder beladen werden können. Die Ewerführer besitzen eine aus dem Mittelalter stammende Organisation, sind in hohem Mafse gelernte Arbeiter. den Stillstand des Londoner Hafens. Von da an griff die Bewegung lawinenartig um sich; zuerst auf die nördliche Seite der Themse beschränkt, sprang sie auf die südliche über, sodafs am 29. August bereits 120000—150000 Arbeiter beteiligt waren. Der weitere Umstand, ohne welchen der Ausstand ebenfalls undurchführbar gewesen wäre, war die Stellung der Behörden und der öffentlichen Meinung. Zweierlei trat in dieser Hinsicht als Ergebnis derjenigen Entwicklung hervor, welche wir in vorliegendem Werke geschildert haben. Einmal fand sich der Arbeiter im Besitze der vollen Gleichberechtigung mit dem Kapital in der Verfolgung seiner wirtschaftlichen Bestrebungen. „Vor zwanzig Jahren" schrieb ein grofses liberales Blatt, die Daily News „würde jeder Schritt der Arbeiter, vom ersten bis zum letzten, ein Vergehen gegen das Strafgesetz gewesen sein. — Die Herren Burns und Tillet säfsen längst hinter Schlots und Riegel. — Es hätte Blutvergiefsen im Ostend und Brandstiftungen im Westend gegeben. — Heute weifs der Arbeiter, dafs er genau dieselbe Freiheit hat, für das, was er für eine gerechte Sache hält, einzutreten wie ein Kapitalist oder ein Oberhausmitglied". Versammlungen unter freiem Himmel und Umzüge sind in England gesetzlich erlaubt; ebenso stehen öffentliche Sammlungen in Zeitungen wie auf den Strafsen jedem frei. Aber noch niemals hatte sich gröfseren Arbeiterbewegungen gegenüber die Polizei so sehr jeder „Überwachung" enthalten. Man beschränkte sich lediglich auf Aufrechterhaltung des freien Verkehrs und der Ordnung auf den Strafsen. Versammlungen dicht vor den Thoren der Docks wurden ruhig geduldet, ebenso die ausgestellten Wachposten der Arbeiter. Die Folge hiervon war, dafs der Ausstand des Londoner Proletariats jener Spitze gegen die staatliche Ordnung entbehrte, welche bisher, wenn auch verborgen und mittelbar, selten bei — 440 einer gröfseren Arbeitseinstellung gefehlt hatte. Im Gegenteil erklärten nach Schlufs des Ausstandes die Führer, dafs die Stellung der niederen wie höheren Polizeiorgane eine völlig gerechte gewesen sei. In der That zeigte der Dockarbeiterausstand, dafs man in England heute gelernt hat, in welcher Weise der Staat Massenbewegungen am geschicktesten behandelt. Allen denen, die ein Interesse an Kartätschen gehabt hätten, war die bezeichnete Stellung der Behörden ein Dorn im Auge, so der socialistischen Liga; ebenso beklagte Most in New-York den Mangel jedes revolutionären Beigeschmacks; pflegten doch die Ausständigen auf ihren Umzügen Polizei wie Soldaten mit Hochrufen zu begrüfsen. Dieser völlig unparteiischen, jeder Bevormundung sich enthaltenden Stellung des Staates entsprach die Ordnung, in welcher der Ausstand geführt wurde. Diejenigen, welche man bisher als die verlorenen Kinder der Gesellschaft angesehen hatte, durften in Zügen von 20 000, 30000 Mann und mehr die City ungestört durchziehen, diesen Sitz des Welthandels, in dessen Mitte die Edelmetallvorräte der Bank von England ruhen; in keinem Lande Europas wäre ähnliches möglich gewesen. Aber die Schätze der City blieben unberührt, ebenso die offenen Metzgerläden, wie sie im Ostend Sitte sind, was vielleicht noch wunderbarer war, wenn man die Entbehrungen bedenkt, denen sich die Bevölkerung einer Grofsstadt freiwillig unterworfen hatte. John Burns erzählt, dafs er oft, wenn er von den Massen umdrängt wurde, mehrere hundert £ bei sich getragen und nicht einen Pfennig eingebüfst habe; auch sei er nie, wie es ihm sonst häufig bei Ausständen gegangen sei, um ein Trinkgeld angebettelt worden. Ähnlich erklärte der Wortführer des Schwurgerichtes Old Bailv nach Beendigung des Ausstandes: obgleich fünf Wochen lang 150000 Mann eines hauptstädtischen Proletariats hungernd auf der Strafse gestanden — 441 — hätten, sei nicht ein einziges auf den Ausstand zurückgehendes Vergehen zur Aburteilung an das Schwurgericht gekommen. Aber die Arbeiter genossen mehr als volle Freiheit der Bewegung. Wenn auch noch nicht, wie die Positivisten von der Zukunft erwarten, die öffentliche Meinung Schiedsrichterin in Arbeitsstreitigkeiten ist, so wirft sie doch schon heute ein schweres Gewicht in die Wagsehale. Gegen sie auszuharren, ist selbst dem Mächtigen kaum möglich. Dies zeigte sich zum ersten Mal in gröfserem Umfang bei dem Ausstande der Dockarbeiter, welche ohne die von dieser Seite gewordene Unterstützung den Sieg kaum erfochten hätten. Schien doch bisher in London die Arbeiterfrage unlösbar.' Das dort herrschende Massenelend wurde allgemein, wie Giften es ausdrückt, als „der Stein in unserer Civilisation" empfunden. Nun sah man unerwartet denjenigen Weg dort beschritten, welcher die gelernten Arbeiter emporgeführt hatte. Zudem mufste der von den Dockarbeitern gemachte Versuch bei seinem riesenhaften Umfange auf Jahre hinaus die Lage Ostlondons entscheiden. Daher das Interesse an dem Siege. Entsprechend dem in den beiden vorhergehenden Büchern geschilderten Umschwung der, socialpolitischen Auffassungen urteilte man, dafs ein gewisses Minimum der Lebenshaltung dem Arbeiter schlechthin zu gewähren sei, und dafs ein gewerbliches Unternehmen, welches nur unter der Bedingung Gewinn abwerfe, dafs es den Arbeiter zum „menschlichen Vieh" herabdrücke, besser zu Grunde gehe. Sachverständige Beurteiler erkannten daneben an, dafs die Forderungen der Arbeiter die Dividende gefährdeten; aber man zog daraus nicht den Schlufs, dafs jene Forderungen unbillig, sondern dafs die Londoner Dockanstalten geschäftlich verfehlt seien, wie sie in der That veraltet sind und z. B. hinter denen Hamburgs weit zurückstehen. Die weitgehendsten Beurteiler aber kamen zu der Forderung — 442 — der Verstaatlichung der Docks, was freilich, bezeichnend genug, als ein extrem socialistischer Vorschlag angesehen wurde. Eigentümlich war, wie der öffentlichen Meinung die Geistlichkeit voranging, welche ihre altüberkommene Stellung durch stete Berührung mit den Fragen der Zeit in England zu bewahren verstand. So schrieb ein hochangesehener Geistlicher, der Dekan von Manchester, bei Beginn des Ausstandes: „Ein packendes Beispiel der Selbstlosigkeit, der Genossenschaft und der Unterstützung des Schwachen durch den Starken haben einige nicht unmittelbar beteiligte Gewerkvereine gegeben. Die Gewerkvereinsarbeiter, von denen ich mit aufrichtiger und erprobter Achtung und Freundschaft spreche, haben nach meiner Ansicht etwas sehr notwendiges gelernt, nämlich dafs sie nicht zu dem ungelernten und unorganisierten Arbeiter sagen dürfen: Wir brauchen dich nicht. — — Staatsmänner aber und Organe der öffentlichen Meinung jedweder politischen Richtung gestehen zu, was sie hoffentlich nicht wieder vergessen werden, dafs kein Kapitalinteresse und kein Gesetz der Nationalökonomie die Lage jener entschuldigt". Während des Ausstandes veröffentlichte die Gemeindegeistlichkeit der von den Dockarbeitern bewohnten Bezirke eine Erklärung dahin, dafs der bisherige Zustand derselben unbedingt einer Abhülfe bedürfe und dafs die gestellten Forderungen auf eine dauernde Beschneidung der Übel in vernünftiger Weise berechnet seien. Aber die Stellungnahme der öffentlichen Meinung unterschied sich von ähnlichen Bewegungen früherer Zeit, in denen man einen gleich elenden Arbeiter vor sich hatte z. B. der für Einführung der ersten Fabrikgesetze. Damals neigte man sich mitleidsvoll zu dem Armen, der für alle Zeit schutzbedürftig sei. Diesmal verwies man auch ihn auf die eigene Kraft und, wenn man half, war es Hülfe zur Selbsthülfe. So — 443 — erklärte der Manchester Guardian: Die Bemühungen der Arbeiter durch Verbündung ihre Lebenshaltung zu erhöhen, seien im allgemeinen Interesse, weil sie den einzig möglichen Damm zögen gegen das Meer des Pauperismus. Massenversammlungen über ganz England, wie in Amerika und Australien erklärten sich zu ihren Gunsten. Zahlreiche Zeitungen eröffneten Sammlungen für sie. Lehrreich ist die Durchsicht dieser Subskriptionslisten. Da waren es zunächst zahllose Arbeitervereine aller Art, welche beisteuerten (die Setzer 10000 Mark, die Maschinenbauer 14000), daneben Privatpersonen aller Gesellschaftsklassen. Selbst von Aktionären der Dockgesellschaften gingen Beiträge ein. Besonders beteiligte sich auch die Aristokratie des Landes. Ein Wohlthäter, der jedenfalls nicht den arbeitenden Klassen angehörte, zeichnete 40000 Mark, ohne dafs mehr als die Anfangsbuchstaben seines Namens bekannt wurden. Besonders flofsen namhafte Summen aus Australien. In erster Linie beteiligten sich auch dort die Gewerkvereine. Dafs es aber nicht die Arbeiter allein waren, zeigen folgende Thatsachen. Die Mitglieder des damals tagenden Parlamentes von Victoria veranstalteten unter sich eine Sammlung; der Premierminister von Tasmania sandte einen Check von 14000 Mark. Wie verfehlt demgegenüber die Annahme war, dafs der Dockarbeiterausstand ein Unternehmen der festländischen Socialdemokratie sei, beweist der Umstand, dafs vom europäischen Kontinente nicht mehr als 2000 Mark kamen, wovon Deutschland die Hälfte, Frankreich und Belgien je ein Viertel aufgebracht hatten. Über die Höhe der Gesamtsumme sind nur Sehätzungen möglich. Bedeutende Unterstützungssummen seitens solcher, die sich scheuten zur Unterstützung des Ausstandes direkt beizutragen, kamen nämlich mittelbar den hungernden Weibern und Kindern zu Gute. Die Gemeindegeistlichen, wohlthätige — 444 — Vereine aller Art, die Heilsarmee und zahlreiche Private wurden die Kanäle, durch die ein bedeutender Teil der Ausstandsgelder Holsen. Durch die Ausstandsleitung gingen gegen 120000 SS, die Gesamtsumme aber war gewifs nicht niedriger als 200000 SS (4 Millionen Mark). Wenn man jedoch bedenkt, dafs während fünf Wochen mehrere Hunderttausend Menschen zu erhalten waren, so wird man die Schärfe der Entbehrungen ermessen, welchen die Ausständigen ausgesetzt waren. Gehörten sie doch zu den bedürftigsten Klassen, die kaum etwas besitzen, um darauf zurück zu greifen. Während der ersten Woche des Ausstandes fand ein unerhörter Andrang an die Pfandhäuser statt, der in der zweiten Woche jedoch bereits aufhörte, ein Zeichen dafür, dafs die Docker nichts mehr zu versetzen hatten 1 . Keine kleine Sache war die Ordnung des Unterstützungswesens. Tag und Nacht thätig vereinigte John Burns jene bisher zusammenhangslose Masse der Docker unter seiner Leitung. In zwölf Tagen hat er neunzig Versammlungen abgehalten vor einer Hörerschaft von Tausenden, oft Zehntausenden. Auch die Vertretung der des „Principes wegen" ausständigen Gewerkvereine verstand er in seine Hand zu 1 Engels (Socialdemokrat vom 5. Oktober 1889) führt die Stellungnahme der öffentlichen Meinung darauf zurück, dafs die Mittelklassen, insbesondere der Londoner Handelsstand, sich mit den Arbeitern verbunden hätten, um das Monopol der Dockgesellschaften zu brechen. Dies mag mitgewirkt haben, giebt aber für jene Erscheinung keine volle Erklärung. Denn 1. hätten es die englischen Mittelklassen jeden Tag in der Hand, das Monopol durch Gesetz aufzuheben; 2. erklärt es nicht die Stellung der öffentlichen Meinung Australiens und Amerikas; 3. wird dadurch nicht die ganz gleiche Stellungnahme der öffentlichen Meinung gegenüber andern Klassen ungelernter Arbeiter: Schneider, Näherinnen, Omnibus- und Eisenbahnarbeiter erklärt. — 445 — bekommen: Bedingung des Erfolges, der von einheitlichem Vorgehen abhing. Wades Arms, ein kleines Gasthaus in der Nähe der Docks, war der Sitz des Ausschusses. Tag und Nacht wurde hier an der Bewältigung der riesenhaften Aufgabe gearbeitet. Unterstützung gewährte der Ausschufs lediglich in der Gestalt von Karten, welche auf Nahrungsmittel lauteten und gegen Vorweisung der Mitgliedskarte des Gewerkvereins erteilt wurden. Lange Zeit vor Öffnung des Bureaus, wo die Karten verteilt wurden, drängten sich bereits hunderte von Männern um die verschlossene Thür. Sobald die Thür geöffnet wurde, bildete die Polizei eine doppelte Reihe, durch welche nur einer nach dem andern hineingelassen wurde. Sonst würde der Starke den Schwachen tot getreten haben. Der Docker aber, welcher aufsergewöhnliche Verdienste bisher in Brandy anzulegen pflegte, war während des Ausstandes ein Muster der Mäfsigkeit, Ein Gedanke hatte die Massen ergriffen und der Einzelne, den Ermahnungen von Menschenfreunden nicht hatten nüchtern halten können, wurde nun mäfsig zu Tausenden, „des Principes wegen". Die Durchführung einer geregelten Verpflegung wäre unmöglich gewesen, ohne das Eintreten zahlreicher freiwilliger Kräfte. Auf der Südseite trat die Ausstandsleitung direkt in Verbindung mit einem Ausschufs von Damen, welcher eine Suppenküche errichtete. (133 Church Street, Deptford.) In der Mehrzahl der Fälle dagegen vermied man unmittelbare Verbindung. Reiche Gaben an Geld, Brot und Suppenmaterialien kamen durch die Gemeindegeistlichkeit oder wohlthätige Vereine zur Verteilung. Die gröfste Suppenküche war die des Herrn Sidney Buxton, des Parlamentsmitglieds für die Doekbezirke. Ähnliche Einrichtungen trafen die Geistlichen Herrn Adderley und Dalton. Die Heilsarmee errichtete in Whitechapelstreet eine Niederlage von Nahrungsmitteln, aus welcher zeitweise täglich gegen lOOOO Personen gespeist wurden. Alle diese Bestrehungen — in gewöhnlichen Zeiten ein wenig erfreulicher Anblick, weil sie den Armen noch tiefer herabdrücken — waren damals von dem Gedanken getragen, dafs, wenn es möglich sei, den Docker einige Wochen vor dem Verhungern zu schützen, er in Zukunft sich und seine Familie in anständiger Weise würde selber durchschlagen können. Eine weitere Aufgabe der Führer bestand in der Orga- ganisierung eines Postendienstes zu Wasser wie zu Lande, um etwa von anderwärts herbeigezogene Arbeiter von dem Ausstande zu benachrichtigen und zur Umkehr zu bewegen. 5000 Posten cernierten Tag und Nacht die Docks. Der Postendienst war militärisch organisiert. Für jeden Quai war ein Anführer ernannt und Ablösung vorgesehen. Ruhige, entschlossen aussehende Gesellen diese Posten, vielfach mit den Spuren des Hungers in den Zügen. Vergewaltigungen der „Blacklegs", d. h. derer, die trotz des Ausstandes zur Arbeit gingen, waren äufserst selten; wo sie vorkamen, wurden sie allgemein als unvernünftig und schädlich verurteilt. Dieser Mäfsigung der Docker Leuten gegenüber, welche aus ihrer Not Vorteil zogen und die Zeit des Hungerns für sie verlängerten, entsprach die Bereitwilligkeit, mit der fast alle eigentlichen Arbeiter, welche z. B. aus Liverpool, Southhamp- ton verschrieben waren, nach Hause zurückkehrten. Aufser einer Zahl von farbigen Arbeitern sollen zuletzt lediglich zwei Arten von „Blacklegs" in den Docks thätig gewesen sein: die „gentlemen-blacklegs", d. h. Herren des Kaufmannstandes , Schreiber, Commis etc., welche in Lawn-Tennisan- zügen und Glacehandschuhen die dringlichste Arbeit besorgten und Angehörige jener tiefsten Schicht der Gesellschaft, welche — 447 — unter dem eigentlichen Arbeiter steht, und die als „criminal- blacklegs" von den Ausständigen bezeichnet wurden. Die engen, gewundenen Strafsen am Flusse, die sonst ununterbrochen von Lastwagen dröhnen, lagen nun einsam. An den Strafsenecken sah man hier und da einen Trupp schweigsamer Posten der Arbeiter oder Patrouillen von Polizisten. Jedes Gefährt hallte weithin über das Pflaster; wenn im Insassen einer der Anführer erkannt wurde, welcher den Postendienst kontrollierte, antworteten laute Beifallsrufe der Arbeiter. Auch in das Innere der Docks hinein wagten sich die Spione der Ausständigen als ländliche Tagelöhner oder Schreiber verkleidet. Während die Dockgesellschaften sich stellten, als sei alle Schwierigkeit überwunden, belehrte ein solcher Besuch, dafs sie nicht einmal imstande waren, die Neuseeländer Dampfer mit gefrorenem Fleisch zu entladen. Wir sahen, wie die Dockgesellschaften zunächst in der Meinung, dafs nach wenigen Tagen die Arbeiter wieder durch den Hunger zurückgetrieben werden würden, ihre Forderungen rundweg abschlugen. Sobald jedoch die Ausdehnung des Ausstandes klar wurde, gaben sie in allen Punkten, bis auf die geforderte Lohnerhöhung von 5 auf 6 Pence die Stunde, nach. Hierum drehte sich thatsächlich der Kampf. Der „Tanner", wie man diesen Lohnsatz nannte, wurde der Gegenstand einer populären Augenblickspoesie — sehr zum Erstaunen insbesondere der französischen Berichterstatter, welche hier ein hauptstädtisches Proletariat nicht für revolutionäre Schlagwörter, sondern für einen Lohnsatz sich begeistern sahen. Die Hartnäckigkeit der Gesellschaften in dieser Frage war auf ihre schlechte Lage zurückzuführen. Die ost- und westindischen Docks zahlten zur Zeit des Ausstands keine Dividende, waren mit ihren Zinszahlungen im Rückstände und standen unter Aufsicht des Konkursgerichtes. Auch die — 448 — anderen Dockgesellschaften waren kaum günstiger daran — eine Folge der Errichtung zu zahlreicher Docks und des damit entbrannten Krieges der Gesellschaften. So kämpfte man auf beiden Seiten thatsächlich um das Dasein. Heute beseitigten die Arbeiter den Mittelsmann des Mittelsmannes, d. h. den die Entfrachtung oder Befrachtung der Schiffe in Akkord besorgenden Unternehmer, um später gegen die Dockgesellschaften selbst vorzugehen. Bezeichnend hierfür ist, dafs die Schiffahrtsgesellschaften, die eigentlichen Arbeitgeber, zuerst mit Einigungsvorschlägen, aber auch mit der gegen die Gesellschaften gerichteten Drohung, ihre eigenen Docks zu bauen, hervortraten, während sich die Arbeiter unter der Bedingung direkter Anstellung durch sie zur Rückkehr zur Arbeit bereit erklärten. Die Dockgesellschaften, um ihr gesetzliches Monopol besorgt, wiesen diesen Einigungsvorschlag zurück. Der Ausstand aber zog immer weitere Kreise in Mitleidenschaft. Der Handel der City stockte, nachdem bereits während der ersten Tage des Ausstandes die Eisenbahngesellschaften erklärten, nicht mehr für die rechtzeitige Ablieferung der Waren einstehen zu können. Die Quais und Ewer waren mit Gütern überfüllt, und in den Docks sammelten sich die Schiffe. Da übernahm die City selber, vertreten durch den Lord Mayor, sowie ihre beiden höchsten geistlichen Würdenträger, den Bischof von London und den Kardinal Manning, die Vermittelung zwischen den Streitenden. Den gröfsten Einflufs in dem Einigungsäusschusse besafs unstreitig der Kardinal Manning. Die ehrwürdige Person dieses einundachtzigjährigen Prälaten, welcher unermüdlich zwischen den Hauptquartieren der Parteien hin und wieder eilte, wurde neben John Burns die volkstümlichste Figur des Ausstandes. — 449 — Da am 7. September die Dockgesellschaften auch die Lohnerhöbimg' zugestanden hatten, drehten sicli die Verhandlungen lediglich um den Anfangstermin, an dem die Bedingungen in Kraft treten sollten. Nachdem die Dockgesellschaften zunächst statt des 1. Januar den 1. Dezember, die Arbeiter den I.Oktober angeboten hatten, einigte man sich auf den 4. November. Die Dockgesellschaften wichen, wie sie erklärten, dem „Drucke von aufsen", welcher sich in einem Kampfe zwischen Arbeit und Kapital noch nie in gleicher Weise geltend gemacht habe, und der, wie sie selbst erklären, (in ihrem Schreiben an den Lord Mayor vom 7. September) „von weitreichenden Konsequenzen sein wird". Bei Beendigung des Ausstandes zeigte sich, dafs, wie gewöhnlich, die Führer die mafsvollsten waren. Sie bildeten die anerkannte Ausstandsleitung und verhandelten allein mit den gegenüberstehenden Arbeitgebern; nur die Ewerführer waren bei den Verhandlungen besonders vertreten. Der Bericht des Einigungsausschusses über die Schlufsverhandlungen vom 14. September zählt die beteiligten Parteien auf: „Der Lord Mayor, Kardinal Manning und Herr Sidney Buxton hielten den ganzen gestrigen Tag eine Reihe ausgedehnter Verhandlungen mit den Direktoren der Dockgesellschaften, mit dem Ausschufs der Ewerbesitzer des Londoner Hafens, mit dem Lohnausschufs der Ewerführer, mit einer Deputation der Schiffseigentümer und mit der Ausstandsleitung der Dockarbeiter. Das Ergebnis der Verhandlungen ist kurz, dafs zwischen den Dockgesellschaften und den verschiedenen von ihnen beschäftigten Klassen von Arbeitern keine Schwierigkeiten mehr vorhanden sind und dafs, sobald die Verträge bestätigt sind, alle Arbeit auf Strom, Quai und Dock wieder beginnen kann, mit der Mafsgabe, dafs die vom Einigungs- ausschufs vorgeschlagenen Bedingungen vom 4. November an in v. Schnlze-G aevernitz, Zum soc. Frieden. II. 29 — 450 — Kraft treten sollen." Diese Bedingungen stimmten thatsächlich mit den ursprünglichen Forderungen der Arbeiter überein: Minimallohn von 2 sh., d. h. vierstündige Arbeitszeit, Ersetzung der Akkordarbeit durch Stücklöhnung mit Minimallohn 6 d. die Stunde bezw. 8 d. die Überzeit, Überzeit von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Bezüglich des Termines hatten die Arbeiter nachgegeben. Die Dockgesellschaften hielten demgegenüber an zweierlei fest, einmal dafs die während des Ausstandes von ihnen beschäftigten Arbeiter (Blacklegs) un- belästigt bleiben sollten, ferner, dafs alle Klassen von Arbeitern dem Vertragsschlufs beiträten und die Arbeit den nächsten Montag wieder aufnähmen. Während die Dockgesell- schaften sich anfangs geweigert hatten, eine Vertretung der einzelnen Arbeiter anzuerkennen, wollten sie nun nicht mehr mit einzelnen Gewerkvereinen, sondern nur mit der einheitlichen Vertretung derselben den Vertrag abschliefsen. Diese Verhandlungen spielten sich am 14. September im Dockhause ab, welches seit Mittag von Menschenmassen umlagert war. Abends um 6V2 Uhr verlauteten die ersten Nachrichten vom Abschlufs eines vorläufigen Vertrages, aber erst um 8 Uhr erreichte John Burns Wade Arms, den Sitz der Ausstandsleitung. Zwei Nächte und ein Tag also waren gelassen, um die Bestätigung des Vertrages durch die verschiedenen beteiligten Vereine herbeizuführen. Die Stauer, Matrosen und Maschinisten, welche lediglich der Docker wegen den Ausstand mitgemacht hatten, erklärten zwar in gleich selbstloser Weise den Vertrag, der jenen genehm sei, ohne weiteres mitzeichnen zu wollen. Die Ewerführer hatten dagegen im Laufe des Ausstandes eigene Forderungen aufgestellt; zwar hatteii sie der Versuchung widerstanden, sich durch Bewilligung derselben zum Abfall von der Sache der Docker verleiten zu lassen; um so mehr verlangten sie jetzt, — 451 — •dafs auch sie befriedigt würden. Sie wurden damit der „Schlüssel der Lage". Nicht mit Unrecht hörte man manchen Docker sagen, dafs, wenn sie „des Prineipes wegen" aus den Docks herausgegangen seien, sie jetzt „des Prineipes wegen" wieder hinein sollten. Die Verhandlungen mit ihnen zogen sich die Nacht hindurch; aber nicht vergeblich rief Burns das Gefühl der alle Arbeiter verbindenden Solidarität an. Auch die Ewerführer erklärten sich bereit, ihre Forderungen einem Schiedsgerichte zu unterbreiten und unter dieser Bedingung ebenfalls Montag den 16. Sept. die Arbeit wieder zu beginnen. Die Ernennung des Schiedsrichters wurde dem Lord Mayor anheimgegeben, welcher keinen besseren Mann hierzu ernennen konnte, als den von uns mehrfach erwähnten Lord Brassey. Eine ähnliche Schwierigkait erhob sich im Süden. Arbeit und Arbeitsgewohnheit sind in dortigen Docks, obwohl nur durch d en Strom getrennt, von den nördlichen völlig verschieden.. Im Süden, wo insbesondere die grofsen Getreidelager sich befinden, kommen 15 Klassen verschiedener Arbeiter in Betracht; unter ihnen befinden sich wenige eigentliche Dockarbeiter; die Mehrzahl sind gelernt und höher bezahlt. Sie hatten sich zwar an dem Ausstand auf der Nordseite beteiligt, aber besondere Bedingungen gestellt, welche in jenem oben besprochenen Abkommen nicht mit inbegriffen waren. Nachdem John Burns die Zustimmung der Ewerführer erhalten hatte, eilte er Sonntags in aller Frühe in Begleitung des Herrn Sidney Buxton und eines Vertreters der Schifffahrtsgesellschaften nach dem Süden. Anfänglich waren die Verhandlungen äufserst schwierig, da dort bereits mehrere Arbeitgeber von der gemeinsamen Sache abgefallen waren. Sollte man den Sieg, den man in der Hand zu haben glaubte, um andererwillen preisgeben? Nur dem erstaunlichen Ein- 29* — 452 i / fiufs, welchen John Burns über den Londoner Arbeiter ausübt, gelang es, auch hier endlich Nachgiebigkeit zu erzielen. Die beteiligten Gewerkvereine gaben John Burns und Sidney Buxton unbeschränkte Vollmacht, damit diese sofort für sie durchsetzten, was zu erlangen sei, alles übrige aber einem Schiedsgericht unterbreiteten. Inzwischen aber sandten auch sie ihre Vertreter nach dem Norden, um den Tags vorher abgeschlossenen Vertrag mit zu unterzeichnen. Wenn man die ungeheuren Schwierigkeiten bedenkt, welche John Burns in diesen wenigen Stunden, um den Frieden zu stände zu bringen, überwunden hat, so kann man diejenigen nur mit Unwissenheit entschuldigen, welche ihn einen gewerbs- mäfsigen, vom Unfrieden lebenden Agitator genannt haben. Der Ost-Londoner weifs es besser; er verehrt in ihm den Mann, der mehr gethan und rastloser gearbeitet hat, als irgend ein anderer, um ihn aus dem unterschiedslosen Elend des Proletariats emporzuheben. Die Ergebnisse des Ausstandes bestehen darin, dafs sich // ein Kreis von ungefähr 60 000 Männern aus jener unterschiedslosen, tiefsten Schicht der Gesellschaft losgelöst hat und zur Stellung des eigentlichen Arbeiters emporgestiegen ist, welchen ein dauernder Beruf und ein relativ genügendes Auskommen bezeichnet. Mittelbar aber haben aufser den Dockarbeitern zahlreiche Klassen von Arbeitern gewonnen. Die Ewerführer und die Arbeiter der Südseite erlangten Lohnerhöhung, ebenso die Hafenarbeiter in Greenwich. Die Orangenverkäufer endlich, welche übrigens merkwürdigerweise einen aus dem Mittelalter stammenden Verein besitzen sollen, haben den Zwischenmann abgeschüttelt, welcher sie bisher um 100°/o ihres Verdienstes betrog. Im ganzen sollen gegen 200 Klassen Arbeiter die günstige Wirkung dieses Riesenausstandes gespürt haben.'' Volkswirtschaftlich betrachtet gleicht der Ausstand der Dockarbeiter darin ähnlichen Kämpfen der gelernten Arbeiter, dafs auch er lediglich auf die Machtfrage hinauslief. Aber bis vor kurzem wäre es als widersinnig erschienen von einer Machtfrage zwischen den mächtigen Gesellschaften und der bunt zusammengewürfelten Menge zu sprechen. Die Macht der letzteren beruhte im vorliegenden Fall nicht sowohl auf ihrer eigenen Stärke als auf der Solidarität der Arbeit und der Stellungnahme der öffentlichen Meinung. Diese Verschiedenheit gesetzt, hatte der Ausstand auch darin Ähnlichkeit mit dem Vorgehen der gelernten Arbeiter, dafs in ihm jene beschränkte Interessengemeinschaft zwischen Arbeiter und Unternehmer sich geltend machte, welche dem Arbeiter verbietet, seine Forderungen zu gegebener Zeit über einen gewissen Punkt hinaus zu spannen. Die Ausstandskasse war noch wohl gefüllt, als die Führer zur Nachgiebigkeit beziehentlich des Zeitpunktes rieten. Denn bei Verlängerung des Kampfes hatten die Arbeiter zu fürchten, durch Verscheuchung des Handels von London sich selbst zu schaden. Weitergehende Erfolge der Londoner Arbeiter waren eben nicht möglich, bevor nicht die der anderen englischen Häfen und womöglich Antwerpens nachgefolgt waren. Freilich waren die Massen weit entfernt, diese Notwendigkeit einzusehen. Besonders empörte man sich dagegen, diejenigen, welche während des Ausstandes die Plätze der regelmäfsigen Dockarbeiter eingenommen hatten, nun als Genossen zu behandeln. Infolgedessen kam es in den ersten Tagen zu bedenklichen Reibungen. Auch diese Schwierigkeiten beseitigte John Burns. Er stellte den Arbeitern vor, dafs ihr Erfolg nur dann das Vorspiel gröfserer Erfolge sein könne, wenn sie zur Zeit mit Mäfsigung und Besonnenheit vorgingen. Die „Blacklegs" würden zudem von selbst bald dem Gewerkverein — 454 — beitreten. Dies geschah in der That; die übrigen verliefsen freiwillig die Docks, indem der Gewerkverein ihnen unter dieser Bedingung aus den Überschüssen des Dockstrikes einen Wochenlohn ausbezahlte. Seit Beendigung „des grofsen Ausstandes" hat sich der Gewerkverein der Dockarbeiter kräftig weiter entwickelt. Er umfafst heute etwa 50000 Mitglieder. Sein Zweck ist lediglich Verteidigung der Interessen des Arbeiters gegen den Arbeitgeber: die mit den „gelernten" Gewerkvereinen regel- mäfsig verbundenen Versicherungszwecke fehlen bei den Verbündungen der ungelernten Arbeiter; sie lehnen sie sogar ostentativ ab, indem sie erklären, dafs die Gewerkvereine durch die Verbindung mit Versicherungszwecken in der Vertretung der Gewerbsinteressen allzu vorsichtig würden, und überweisen die Versicherung, nach deutschem Muster, dem Staate. Der wahre Grund ist, dafs die ungelernten Arbeiter zu wenig verdienen, um aufser zu Gewerkvereinszwecken noch andere Beiträge zahlen zu können. Jene erstere Aufgabe erfüllt der Verein zunächst dadurch, dafs er Beschwerden des einzelnen Arbeiters gegenüber den Dockgesellschaften vertritt. Es findet dabei jener öfters erwähnte Sichtungsprozefs statt, welcher so viel zur Vermeidung von Arbeitsstreitigkeiten beiträgt: jede Beschwerde wird zunächst von dem Vertrauensmann, welchen die mit einer bestimmten Arbeit beauftragten Arbeiter erwählen, einem der Aufseher oder Direktoren unterbreitet. Erst wenn sie so nicht beseitigt wird, gelangt sie zur Prüfung an den Zweigverein, von diesen an den Bezirksverein und von dort an den Ausschufs des Gesamtvereins, der sie, wenn er sie für begründet hält, aufnimmt. Seitdem sind wiederholt solche Beschwerden durch Verhandlungen zwischen dem Ausschufs des Gewerkvereins und den Dockgesellschaften — 455 — erledigt worden; einigemal sind allerdings auch örtliche Ausstände vorgekommen. In einem dieser Fälle, welcher weite Kreise zu betreffen drohte, trat.die Vermittlung des Einigungsausschusses der Londoner Handelskammer ein. Wenn der Gewerkverein die Rechte seiner Mitglieder vertritt, so gewährleistet er andererseits Tüchtigkeit der Arbeit; Arbeiter, welche ihre rflicht nicht erfüllen, haben Entfernung aus dem Verein zu gewärtigen. Die zweite und wichtigste Aufgabe jedes Gewerkvereins bezieht sich jedoch auf die allgemeinen Arbeitsbedingungen; in dieser Richtung hatte der Verein der Dockarbeiter lediglich die Errungenschaften des Ausstandes zu verteidigen. Die Bestimmungen des Friedenschlusses vom 14. September wurden im einzelnen vertragsmäfsig ausgeführt, wie derartige Verträge sieh wiederholt in dem „Labour Elector" abgedruckt finden 1 . Die Aufgabe des Vereins war nach dieser Richtung keine leichte. Haben sich doch Arbeitgeber fast nie nach der ersten Niederlage dazu verstanden, die vereinigten Arbeiter als gleichberechtigte Macht anzuerkennen. Im vorliegenden Fall waren die inzwischen ebenfalls verbündeten Dockgesellschaften dazu um so weniger geneigt, als sie Arbeiter vor sich hatten, deren Kraft- und Hoffnungslosigkeit sprichwörtlich gewesen war. Hierzu kam ein weiteres. Die geschäftliche Lage der Dockgesellschaften war schon vor dem Ausstande vom Herbst 1889 eine verzweifelte. Man hatte seitdem zwar die Abgaben für die Benutzung der Docks dermafsen gesteigert, dafs London zu dem teuersten Hafen Englands, vielleicht der Welt wurde. Trotzdem zeigte sich auf die Dauer Herunterschreibung des Grundkapitals unvermeidbar, wofür man dem Publikum wie den Aktionären gegenüber am liebsten die Schuld auf einen Vergl. z. B. Labour Elector vom 9. November 1889 S. 301. 302. — 456 — neu ausbrechenden Ausstand geschoben hätte. Freilich aber — und dies ist ein Zeichen der neuen Zeit — durfte man einen Kampf nicht herbeiführen, ohne die Gegenseite vor der öffentlichen Meinung in das Unrecht gesetzt zu haben; denn gegen letztere ist ein so weitreichender Kampf, wie der mit den Dockarbeitern werden mufs, nicht mehr zu führen. Dem entsprechend war es die Aufgabe des Gewerkvereins, jeden Anlafs, der zu einem allgemeinen Ausstand hätte führen können, zu vermeiden, sich inzwischen zu stärken, und den Zusammenbruch der Gesellschaften abzuwarten. Die kühnsten Hoffnungen der Arbeiter gehen dahin, die Docks einst als „coope- rative" Anstalten fortzuführen. Die Lage des Gewerkvereins war um so schwieriger, als die Mittel, auf welche die Organisationen ungelernter Arbeiter angewiesen sind, ihrer Natur nach aggressiver sind, als die der gelernten Arbeiter. Die Gewerkvereine der letzteren können erspriefslich wirken, auch wenn sie nicht alle Arbeiter des Gewerbes umfassen; für die der ungelernten Arbeiter dagegen ist Ausschliefslichkeit Frage des Daseins. Die Dockarbeiter benutzten ihre siegreiche Rückkehr in die Docks dazu, die vorgefundenen „blacklegs" abzustofsen oder in ihren Verein einzuziehen. Seitdem haben sie Nicht- gewerkvereinsarbeit nicht mehr geduldet. Man ging sogar soweit, die Aufseher und kaufmännisch Angestellten der Docks zur Organisierung zu veranlassen 1 . Des weiteren ab verbot der Verein der Dockarbeiter seinen Angehörigen, Güter an Fuhrleute abzuliefern, welche nicht die Gewerkvereins- karte vorweisen könnten. Als dagegen die Gesellschaften jeden Arbeiter, der diesem Verbot nachkommen würde, zu entlassen drohten, schien ein neuer Kampf in nächster Nähe. Auch hier ist Männern wie Sidney Buxton und John Burns 1 Vergl. Labour Elector, 16. November 1889. der Sieg der Mäfsigung zu verdanken. Sidney Buxton wies darauf liin, dafs ein Gewerkverein klugerweise nur das verlangen dürfe, was er sicher sei, durchzusetzen; John Burns warnte wegen Kleinigkeiten den Streit zu entfachen; wenn die Docker das nächste Mal sich erhöben, müsse die Bedeutung des Zieles der öffentlichen Meinung klar und verständlich sein. Für derartige Streitfragen minderer Bedeutung dürfte in Zukunft die von der Londoner Handelskammer in Vorschlag gebrachte Einigungskammer vermittelnd eintreten 1 . Die Organisierung der Dockarbeiter ist wie die der ungelernten Arbeiter überhaupt von London ausgegangen. Mit Ausdehnung des Gewerkvereins auf die Mehrzahl der englischen Häfen sind die Arbeitsbedingungen allgemein den Londoner angepafst worden, was zum Teil durch Kampf, nicht selten aber auch auf dem Wege der friedlichen Verhandlung, so in Leith, vor sich ging. Damit hat aus der tiefsten Schicht der Gesellschaft eine wichtige und zahlreiche Klasse sich losgelöst, um den fortgeschritteneren Arbeitern nachzufolgen. Mögen die Endziele, an die man glaubt, teilweise noch weitgehend socialistische Färbung besitzen: man hat den praktischen Weg beschritten. Man verneint nicht mehr das bestehende; vielmehr hofft man aus ihm „Schritt für Schritt" die „Befreiung der Arbeit" zu verwirklichen. So traten naheliegende Ziele an Stelle des Endziels; man kämpft um den „Tanner". Hoffnungsfreudigkeit durchdringt die Massen und die Erfahrung, dafs die öffentliche Meinung nicht mehr 1 Die Kammer soll aus 12 Ausschüssen bestehen, je einer für eine bestimmte Gruppe von Gewerben, z. B. Baugewerbe, Bekleidungsgewerbe, Schiffahrt u. s. w. Die Mitglieder sollen von den beteiligten Vereinen der Arbeiter und Arbeitgeber gewählt werden. Kann ein Ausschufs zu keinem Entscheid kommen, so soll die Gesamtkammer angerufen werden. — Die Londoner Gewerkvereine haben fast alle ihre Zustimmung erklärt. — 458 — rein kapitalitisch urteilt, verknüpft mit dem Bestehenden und Überkommenen, ohne den Glauben an eine bessere Zukunft zu berühren. II. Die übrigen ungelernten Arbeiter. Der Erfolg der Docker gab den Anstofs für eine Bewegung, welche das ganze Heer der ungelernten Arbeiter durchzitterte. In Sheffield sollen damals allein zwölf bisher organisationslose Gewerbe organisiert worden sein. Diese Arbeiter sind meist nicht Arbeiter der Grofsindustrie. Einmal stehen sie monopolistisch gefärbten Gesellschaften und Anstalten gegenüber, sie sind Dock-, Eisenbahn-, Tramway- und Omnibusbedienstete, Angestellte der Post- und Telegraphenverwaltung etc. In zweiter Linie sind es die Arbeiter der handwerksmäfsigen Betriebe, die Bäcker, Schneider, Schuhmacher, Kellner etc. und die Masse der Frauen. Diese Klassen befinden sich in der Lage, welche der Arbeiter der Grofsindustrie in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts einnahm. Ihre wirtschaftliche Machtlosigkeit kommt mehr noch als in niederen Löhnen in überlanger Arbeitszeit zum Ausdruck. Mit der Bewegung, deren gröfstes Ergebnis der Londoner Dockarbeiterausstand ist, hat für alle die Stunde der Hoffnung gesehlagen. Viele von ihnen haben bereits zum Teil sehr erheblich gewonnen. Wie jene verdanken sie diese Erfolge dem Wirksamwerden der Solidarität der Arbeit und der sympathischen Stellung der öffentlichen Meinung. So sieht man Vertreter des fortgeschrittensten Arbeiterstandes wie John Burns und Tom Mann an der Spitze der Bewegung; neben diesen radikalen Arbeiterführern finden wir allenthalben Angehörige der oberen Klassen — 459 — beteiligt. So leihen gewöhnlich Geistliche ihre Unterstützung als Schriftführer den jungen Vereinen 1 . Aristokraten und gewesene Minister führen in ihren Versammlungen den Vorsitz. Dadurch eben unterscheidet sich England vom europäischen Festlande wie von Amerika, dafs es dort innerhalb der oberen Schicht der Gesellschaft breite Kreise giebt, die Universitäten, die professionellen Berufe, die Geistlichen, die Aristokratie, welche nicht unmittelbar kapitalistisch interessiert, mit fortschreitender Entwicklung von der Seite des Kapitals auf die der Arbeit übertreten. Neben den Dockarbeitern kommen an Zahl in erster Linie die Eisenbahnarbeiter in Betracht. Die übertrieben lange Arbeitszeit der Eisenbahnarbeiter, von 16, ja zum Teil 17 und 18 Stunden ist wiederholt von der öffentlichen Meinung, wie im Parlament verurteilt worden, bei Gelegenheit von Unfällen, welche lediglich der Überanstrengung der Arbeiter zuzuschreiben waren. Aber das Aufsehen, das einzelne solcher Fälle erregt hatten, hatte Besserung nicht gebracht. Erst mit dem Erfolge der Dockarbeiter, da der Organisationsgedanke weithin die Massen durchzuckte, schien der Weg der Hoffnung sich zu öffnen. „Lafst uns", heifst es in einem Aufrufe jener Tage, „auf unserem Recht in gesetzlicher Weise bestehen und nicht das vom Parlament erwarten, was wir selbst für uns thun könnten und zu thun die Kraft haben sollten". In der That liegt ähnlich wie für die Docker auch für die Eisenbahnarbeiter die Möglichkeit der Machtentfaltung in ihrer Masse. Gelingt es, die Mehrzahl der 400 000 Eisenbahnarbeiter des vereinigten Königreichs zum Zusammenhalten zu bewegen, so würde im Fall eines Kampfes Ersatz aus dem Heere der Unbeschäftigten nicht mehr möglich sein. 1 Beispielsweise der Rev. F. Barclay, der Schriftführer der Tramway- angestellten, Rev. T. Morris, der Gasarbeiter. — 460 — Auch hier gingen die Anfänge der Organisierung von Männern, wie John Burns und H. H. Champion, aus; aber neben ihnen waren Geistliche, Angehörige von Toynbeehall und ähnliche Elemente thätig. Wie aus dem obigen hervorgeht, handelte es sich lediglich um die Massen ungelernter Eisenbahnarbeiter. Die höher bezahlten und verhältnismäfsig gelernten Arbeiter besitzen seit längerer Zeit einen Gewerkverein: die „amalgamierte Genossenschaft der Eisenbahnbediensteten" mit über 10000 Mitgliedern und 80 000 £ Vermögen. Dieser Verein älteren Stiles versieht aufser den eigentlichen Gewerkvereinszwecken Invaliden-, Kranken-, Alters- und Waisenversicherung, zahlt Sterbegelder, übernimmt die gerichtliche Durchführung der Schadenersatzansprüche verunglückter Mitglieder; seine Statuten schreiben in allen Streitigkeiten mit den Arbeitgebern Anerbieten eines Schiedsgerichts vor. Diese Bestimmungen waren den ungelernten Arbeitern „zu aristokratisch". Man warf der amalgamierten Gesellschaft vor, nicht thatkräftig genug die Interessen der Arbeiter zu verteidigen, „für die Mitglieder zu sorgen, wenn sie tot seien, statt durch Verkürzung der Arbeitszeit zu verhindern, dafs sie getötet wurden". So trat neben den älteren Gewerkverein der „Allgemeine Eisenbahnarbeiterverein", welcher geringere Beiträge einzieht, keine Versicherungszwecke kennt und sich lediglich auf das Arbeitsverhältnis bezieht. Seine Thätigkeit fällt in die beiden Seiten auseinander, welche oben wiederholt hervorgehoben wurden: in die Verfolgung der Beschwerden einzelner und die Verbesserung der allgemeinen Arbeitsbedingungen. Als erstes und wichtigstes Ziel hat man eine Arbeitszeit von 60 Stunden die Woche in das Auge gefafst. Der Verein, welcher dem der gelernten Arbeiter keineswegs feindlich gegenüber steht, entwickelte sich rasch. Nach — 461 — vierwöchentlichem Bestehen zählte er bereits 30 000 Mitglieder. Wenn er auch im Gefühl noch mangelnder Kraft bisher von allgemeinen Mafsregeln abgesehen hat, so hat er doch in einzelnen Fällen bereits wertvolle Zugeständnisse, besonders auch hinsichtlich der Sonntagsarbeit, erreicht. Erwähnt sei auch, dafs in Newcastle bereits ein Schiedsgericht zwischen der North-Eastern Kailway und einem Teil ihrer Angestellten stattgehabt hat unter Vorsitz des oben wiederholt erwähnten Dr. Spence Watson (am 10. Januar 1890) — ein Beweis, dafs die Anwendung der für die gelernten Arbeiter entwickelten aMethoden zur Beseitigung von Arbeitsstreitigkeiten auch für die ungelernten nicht unmöglich ist. In einer weit hoffnungsloseren Lage als die Eisenbahnarbeiter befinden sich die Omnibus- und Pferdebahnangestellten. Der Grund hiervon ist der, dafs sie zu ungelernt und nicht zahlreich genug sind, um den Weg der Verbündung mit Erfolg zu beschreiten, aufser mit starker Unterstützung seitens der öffentlichen Meinung. Ihre Arbeitszeit ist erschreckend lang; 17 und 18 Stunden gehören nicht zu den Seltenheiten. Zudem sind sie bei niederen Löhnen zahlreichen Strafbestimmungen unterworfen, wodurch ihnen oft ein bedeutender Teil des verdienten Lohnes vorenthalten wird. Entsprechend ihrer hülflosen Lage findet man bei ihren Organisationsversuchen in noch höherem Mafse als bei den Dock- und Eisenbahnarbeitern Beteiligung von einzelnen Angehörigen der oberen Klassen. Die erste Versammlung, welche September vorigen Jahres zu Memorial Hall von Vs2 Uhr bis 1 .23 Uhr nachts abgehalten wurde, weil die Arbeitszeit der Teilnehmer eine andere Stunde unmöglich machte, leitete Lord Rosebery, der frühere Minister des Auswärtigen. Als Schriftführer des neugebildeten Gewerkvereins hat sich der Rev. F. Barclay grofse Verdienste erworben. Das in jener Versammlung beschlossene Manifest wendet sich in erster Linie gegen die tiberlange Arbeitszeit. Bisher habe man um Beseitigung der Beschwerden gebeten; nun, da dieses erfolglos geblieben sei, wolle man den einzigen Weg beschreiten, der zum Ziele führe, den der Selbsthülfe durch Yerbündung. Man fordere alle Berufsgenossen auf, sich dem stets wachsenden Heer der organisierten Arbeit und damit der Sache der Menschheit anzu- schliefsen. Sodann rufe man die öffentliche Meinung an, den jungen Gewerkverein zu stützen, der ja äufserst bescheidene Forderungen, einen zwölfstündigen Arbeitstag, aufstelle. Die Antwort der Arbeitgeber war zunächst die gewöhnliche, insbesondere ungelernten und verachteten Arbeitern gegenüber. Zwar konnte man der Abordnung, welche von einem Geistlichen geführt war, nicht schlechthin Gehör versagen. Aber der Beitritt zum Vereine wurde wiederholt mit sofortiger Entlassung bestraft. Erst als die öffentliche Meinung sich der Bewegung ernstlich annahm, liefs man sich zu einigen Zugeständnissen herbei: so bewilligten einige Gesellschaften den zwölfstündigen Arbeitstag. Die Schwierigkeit aber, auf dem Wege der Verbündung vorzugehen, legt Meiden Gedanken einer Schutzgesetzgebung besonders nahe. Wirksamer noch dürfte den Londoner Tramwayangestellten durch Municipalisierung der Betriebe geholfen werden, für die sich Lord Kosebery, der Vorsitzende des Londoner Grafschaftsrates, ausgesprochen hat. In Glasgow hat die Stadtbehörde die Pferdebahnen übernommen und zehnstündige Arbeitszeit eingeführt. Bei den im Kleinbetriebe stehenden Arbeitern finden wir, dafs die Anerkennung der Gewerkvereine seitens der Arbeitgeber geringeren Schwierigkeiten begegnet als bei grofsen, mit den Arbeitern völlig aufser Berührung stehenden Aktiengesellschaften. Der Gewerkverein der Kellner wurde von — 463 — den Arbeitgebern ohne weiteres anerkannt. Die vereinigten Bäckermeister verhandelten sofort mit dem neu entstandenen Gewerkverein der Bäcker. Die Schneidermeister des Ostends unterwarfen sich beim ersten Widerstande ihrer Leute freiwillig einem Schiedsgericht. Dagegen ist es schwerer, die zahlreichen einzelnen Meister zum Festhalten des Übereingekommenen zu veranlassen. Man findet daher Yerbündung der Vertragstreuen Meister mit den Arbeitern, ja selbst Beitritt zum Gewerkverein, zum Schutz gegen die Vertragsbrüchigen. Die Beteiligung der oberen Klassen ist dort besonders stark, wo die Lage der Arbeiter am hülflosesten ist. Die Bäcker, welche nicht völlig ungelernt sind und zudem die Möglichkeit eines Boycotts seitens der arbeitenden Klassen hinter sich haben, wurden von John Burns organisiert. Ihr Erfolg war vollständig; eine übermäfsig lange Arbeitszeit haben sie ohne Ausstand, durch Verhandlungen auf den Zwölfstundentag herabgebracht. Anders die Schneider des Londoner Ostends; von Schweifstreibern in erschrecklichem Mafse ausgebeutet, benutzten sie den Dockarbeiterausstand zur Arbeitseinstellung; dieser Versuch wäre zu jeder anderen Zeit undenkbar gewesen, weil nichts so sehr wie das tiefste Elend den Menschen isoliert und von gemeinschaftlichem Handeln fernhält. Für sie trat das Parlamentsmitglied für Whitechapel, Herr Samuel Montagu, ein; seiner Vermittelung zwischen den Parteien war die Einsetzung eines Schiedsgerichtes zu danken, an dem Lord Brassey, Lord Dunraven, der Bischof von Bedford und mehrere Geistliche beteiligt waren. Eine eigentümliche Erscheinung in der That, solche Männer in den Daseinskampf der Elendesten der Elenden eingreifen zu sehen, nur möglich auf Grund jenes Umschwungs der socialpolitischen Anschauungen, den wir in den ersten Teilen unseres Werkes verständlich zu machen versucht haben. — 464 — Jedoch erwies es sich bei den bestehenden Verhältnissen unmöglich, den Schiedsspruch durchzuführen. Die Mittelsleute nämlich, welche den grofsen Bekleidungsgeschäften des Westends und der City liefern, stehen unter einander in schärfster Konkurrenz, die von jenen zu äufserstem Druck auf die Preise benutzt wird. Dementsprechend wird die Arbeit vielfach an Frauen vergeben, welche zu Hause arbeiten und die niedersten Löhne, oft nicht mehr als wenige Pence für den Anzug, erhalten, wodurch jede vertragsmäfsige Regelung der Arbeit durchbrochen wird. Als daher Frühjahr 1890 ein neuer Ausstand im Gange war, machte der Führer der Arbeitgeber, Marc Moses, welcher, wie er sagt, „die Ehre hatte, als ein richtiger Durchschnittsschweifstreiber in der Presse bezeichnet zu werden", den Vorschlag engster Verbündung zwischen den Vereinen der Arbeiter und der Arbeitgeber. In der That kamen beide Seiten überein, nur bei Vereinsmitgliedern mehr zu arbeiten, bezw. nur solche anzustellen; die Arbeitgeber verpflichten sich ferner nur an solche Geschäfte zu liefern, welche die in einer Liste festgesetzten Preise bezahlen und dadurch die Verkürzung der Arbeitszeit ermöglichen. Unter einander aber sollen in Zukunft alle Streitigkeiten durch eine Einigungskammer ausgetragen werden. Wir sehen, wie auch hier alles auf den Grofsbetrieb hindrängt, indem diese Übereinkunft Kampf gegen die kleinen und illoyalen Konkurrenten bedeutet. Ähnliches bezweckte auch der Ausstand der Londoner Schuhmacher, der stattfand, um die Errichtung von Werkstätten und das Verbot von gewerblicher Arbeit in den Wohnräumen zu erzwingen. Von besonderem Interesse sind die Versuche, die weibliche Arbeit zu organisieren, welche ebenfalls mit der Bewegung des Jahres 1889 zusammenhängen. Zwar bestand bereits seit 1874 die „Womens I'rovident League", welche Bildung von Gewerkvereinen mit Versicherungszwecken verfolgte. Diese Bewegung blieb jedoch auf enge Kreise beschränkt, hauptsächlich wegen der Gleichgültigkeit, fast Feindschaft der älteren Gewerkvereine. Wenn diese letzteren bereits fürchteten, dafs die ungelernten Arbeiter nur auf Kosten der gelernten ihre Lage verbessern könnten, so waren sie noch ablehnender gegen die Frauenarbeit. Es ist von jeher das Bestreben der englischen Arbeiter und damit auch ihrer Organisationen gewesen, die Frauen aus der Erwerbsarbeit auszuschliefsen, weil die Frau ins Haus gehöre. Wenn ihre Konkurrenz gegen die männliche Arbeit aufhöre, werde der Lohn der Männer auch so hoch steigen, dafs die Mitarbeit der Frau zur Ernährung der Familie nicht mehr notwendig sei. Allein nur in der Bergwerksindustrie wurde dies Ziel erreicht, indem der Staat die Beschäftigung von Frauen verbot. In andern Gewerben war der Ausschlufs der Frauen von der Erwerbsarbeit aber nicht zu erlangen. Da kam man auf den Gedanken, die Frauen, deren Arbeit man nicht verhindern könne, zu organisieren, um ihre Arbeitsbedingungen möglichst auf die Stufe derjenigen der Männer zu heben. Dadurch würde einmal der Anreiz, Frauen statt Männer zu beschäftigen, wegfallen, unter allen Umständen aber die Herabdrückung der Arbeitsbedingungen der Männer durch die Konkurrenz der Frauen verhindert werden. Daher denn der Beschlufs des Gewerkvereinskongresses zu Dundee (1889), welcher Organisation der weiblichen Arbeit und ihre Unterstützung durch die bestehenden Gewerkvereine fordert. Auch die andere Seite der neuen Bewegung, Beteiligung von Angehörigen der oberen Klassen, zeigt sich ganz besonders bei den Organisierungsversuchen der Frauen. In erster Linie ist hier Lady Dilke zu nennen. Als der Kongrefs zu Dundee safs, veranstaltete sie daselbst Versammlungen mit dem Zweck, v. Schulze-Ga evernitz, Zum soc. Frieden. II. 30 — 466 — die in den dortigen Spinnereien beschäftigten Mädchen zu. einem Gewerkverein zusammenzuschliefsen. Bei diesen Versuchen trat auch jene weitere Eigentümlichkeit der neuen Bewegung hervor, dafs sie mehr als die der älteren Gewerkvereine sociale Beweggründe bei den Teilnehmern anruft. Nicht dadurch allein wufste Lady Düke ihre Zuhörerinnen zu gewinnen, dafs sie ihnen die persönlichen Vorteile der Verbündung auseinander setzte; sie entflammte sie durch Hinweis auf die Organisation als das Mittel zur einstigen Befreiung der unzähligen Arbeiterheere der Welt. Den Bestrebungen der Lady Dilke zeigten zahlreiche Mitglieder des Kongresses der Gewerkvereine, und zwar nicht nur der konservativen Mehrheit, sondern ebenso auch des fortschrittlichen Flügels, durch Erscheinen ihre Teilnahme 1 . Von Dundee setzte Lady Dilke ihren Feldzug durch Schottland fort, Versammlungen von oft mehreren Tausenden abhaltend, Hunderte von Arbeiterinnen den Organisationen zufügend und überall von den bestehenden Gewerkvereinen der gelernten Arbeiter auf das wärmste unterstützt. Seitdem hat sie auf Einladen zahlreicher örtlicher Gewerkschaftsräte (trades- councils), z. B. derer von Newcastle, Harwick, Glasgow, Ips- wich u. s. w. einen neuen Feldzug durch England und Schottland unternommen. In Zusammenhang mit den Bestrebungen der Lady Dilke steht die bisher wenig bekannte Women's Provident Society. In London .beabsichtigt die Gesellschaft eine Art weiblicher Arbeitsbörse zum Zweck der Stellenvermittlung zu errichten, ein Unternehmen, an dessen Spitze sich Lord und Lady Brassey gestellt haben. Zur selben Zeit aber ist in London eine ähnliche Gesellschaft in das Leben getreten, die „Womens Trades Association", 1 Yergl. Lady Dilke, New Review, Januar und Mai 1890. — 467 — welche die hauptstädtischen Arbeiterinnen organisiert. Der Gruntl dieser Trennung, welche übrigens freundlichem Zusammenarbeiten 1 nicht im Wege steht, scheint der zu sein, dafs die londoner Arbeiterinnen ähnlich wie die ungelernten Arbeiter Gewerkvereinszwecke mit Versicherungszwecken zu verbinden abgeneigt oder dazu nicht vermögend sind. Die Londoner Bewegung „steht auf vollständigem, fortschrittlichen Gewerk- vereinsboden; sie macht Anspruch auf die Hülfe jedes Mannes und jeder Frau jeder Klasse". In der Tliat ist die Lage der Mehrzahl der Londoner, insbesondere der Ost-Londoner Arbeiterinnen neben der der Dockarbeiter einer der dunkelsten Punkte des englischen Volkslebens. Unter ihnen fallen die in den Bekleidungsgeweihen beschäftigten Klassen ihrer Zahl nach besonders in das Gewicht, obgleich neben ihnen zahlreiche andere stehen, z. B. die Arbeiterinnen der Cigarren- oder Zündholzfabrikation, Seilerei u. s. w. Die drei Umstände kommen bei ihnen zusammen, von denen jeder einzelne bereits die Arbeit zu drücken pflegt: eine verhältnismäfsig ungelernte Arbeit, handwerksmäfsiger Betrieb, eine launische und an die Jahreszeit gebundene Mode. Die hieraus entspringende Wehrlosig- keit der Arbeit macht sich der Mittelsmann zu Nutze, welcher sich durch Accordarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeiter einschiebt. Die Folgen sind die solchen Verhältnissen allemal eigentümlichen. Der Durchschnittsverdienst einer Frau in London ist 2 d. die Stunde; in sehr vielen Fällen übersteigt er nicht 1 d. Zudem herrscht keine Gleichförmigkeit in den Löhnen; hier wird 50°/o mehr gezahlt als für dieselbe 1 So trafen sich z. B. hei einer geselligen Unterhaltung, welche Toynbee-Hall dem Gewerkverein der Ost-Londoner Schneiderinnen am 11. Dezember 1889 gab, Führerinnen beider Bewegungen zu freundschaftlichem Meinungsaustausch. 30* — 468 — Arbeit eine Strafse weiter, der beste Beweis, dafs die Arbei- beitsbedingungen einseitig und willkürlich bestimmt werden, indem allgemein wirtschaftliche Verhältnisse die Zahlung des höheren Lohnes nicht verhindern. Die Arbeitszeit ist aufser- gewöhnlich lang; zudem wird häufig verlangt, dafs die Arbeiterinnen die angefangene Arbeit am Abend mit nach Hause nehmen und dort vollenden. Zugleich herrscht in einzelnen Zweigen gröfste Unregelmäfsigkeit der Arbeit; um das Bisico, welches vom Wetter und ähnlichem abhängt, möglichst zu vermindern, wird in den Damenbekleidungswerkstätten, welche meist für die Kaufleute des Westens arbeiten, erst mit eintretender Nachfrage die Arbeit begonnen, die dann achtzehn- bis zwanzigstündig ist; sobald die Saison vorüber ist, wird die Mehrzahl der Arbeiterinnen entlassen, die während des Winters von der Strafse leben oder das Arbeitshaus aufsuchen 1 . Mrs. A. Besant ging hier voran; ihr gelang es zunächst die Arbeiterinnen in der Zündholzfabrikation zu organisieren und ihre Arbeitszeit zu verkürzen. Der Ausstand bei Bryant and May war das erste Zeichen einer Bewegung in der Welt der weiblichen Arbeit. Aber ein wirksamer Anstofs, der sich in weiten Kreisen fühlbar machte, ging erst von dem Dock- 1 Mr. Lakeman's Report lipon the social condition of Factory and Workshop female operatives in the Central Metropolitan District in 1887. Beispielsweise herrscht vielfach die Gewohnheit, von den geübteren Arbeiterinnen bei Beginn der Saison Muster anfertigen zu lassen, welche in den Geschäften ausgestellt werden. Gefällt das Muster und kommen Aufträge, so läfst der Unternehmer ein oder zwei Grofs Mäntel von der Näherin zu dem von ihr angegebenen Preise anfertigen, „wenn er ein ehrlicher Mann ist". Ist er unehrlich, so giebt er die Arbeit, nachdem er das Muster hat, einer Arbeiterin, die noch weniger nimmt. Oft soll nicht mehr als 1 sh. 6 d. für die Herstellung eines Mantels bezahlt werden. Diejenige, welche den Auftrag erhalten hat, rnufs nun ihrerseits Arbeiterinnen anstellen, welche, da sie selbst von dem Verdienst kaum anständig leben kann, sich mit wahren Hungerlöhnen zu begnügen haben. arbeiterausstande aus. Seine Führer stehen der Womens Trades Association nahe, welche aber keineswegs auf Arbeiterkreise beschränkt ist. Vielmehr findet man auch hier jenes merkwürdige Zusammenwirken aller Stände. So führte in der ersten grofsen Versammlung von Arbeiterinnen, welche im Ostend abgehalten wurde, der Bischof von Bedford den Vorsitz; in der Eröffnungsrede wies er darauf hin, dafs es nicht Wohlthätigkeit sei, was not thue, sondern Gerechtigkeit; diese aber könnten die Arbeiterinnen allein durch Verbündung sich verschaffen. Neben ihm war John Burns der Hauptredner. Der Grund seiner Anwesenheit sei das Gefühl dessen, was er seiner Mutter verdanke, welche gehungert habe, um ihre Kinder aufzuziehen. Ihr verdanke er, dafs er sich der Mäfsigkeitsbewegung angeschlossen habe, dafs er Bildung sich habe aneignen können, ihr aber auch, dafs er den Kampf gegen die „vermeidbare Armut" sich zur Lebensaufgabe gemacht habe, in welcher Eigenschaft er bereits bei fünfzehn Gewerkvereinsbildungen beteiligt gewesen sei. Aber der Organisierung der Londoner Frauenarbeit sei an Wichtigkeit höchstens die der Dockarbeiter gleich. Merkwürdiges Schauspiel, denjenigen Arbeiterführer, welcher der Mehrheit der gelernten Arbeiter zu radikal ist, in friedlicher Zusammenarbeit mit einem Bischof der Staatskirche, Geistlichen und Damen der ersten Gesellschaftskreise, die Besserung des Loses der Londoner Arbeiterinnen in die Hand nehmen zu sehen. Das Gegenstück war eine in Picadilly ebenfalls von der Womens Trades Association zusammenberufene Versammlung, welche die Damen des Westends mit der Bewegung bekannt machen sollte. Lord Dunraven führte den Vorsitz, nach ihm sprach der Bischof von Bedford, sodann Mrs. Briant, die Schriftführerin des Vereins der Cigarrenarbeiterinnen. Am — 470 - Schlufs redete Ben Tillet, der Führer der Dockarbeiter und eine der bekanntesten Figuren des Ausstandes. Das Ergebnis der Versammlung war eine Zeichnung in der Höhe von 40 000 zu Gunsten der Womens Trades Association und ihrer Propaganda. Sobald die Gewerkvereine in Gang gesetzt sind, stehen sie dagegen auf eigenen Füssen. Mrs. Briant hat im Nine- teenth Century (1889) die Schwierigkeiten, aber auch die Erfolge dieser Organisierungsversuche beschrieben. In Nottingham giebt es heute nur noch eine Cigarrenfabrik, welche Nicht- gewerkvereinslöhne zahlt und Nichtgewerkvereinsinitglieder beschäftigt. Es sei mir nunmehr gestattet, statt eines Rückblicks auf das Gesagte einen Brief abzudrucken, in dem Professor Brentano über die auf einer Studienreise nach England im März 1890 erhaltenen Eindrücke berichtet hat. Der Unterschied zwischen den älteren und jüngeren Gewerkvereinen und die Zukunft beider wird darin erörtert. Professor Brentano schreibt: „Aufser der neuesten Entwicklung des Schieds- und Einigungswesens war es mein Ziel, die Organisationen der ungelernten Arbeiter kennen zu lernen. „Die bisherige Organisation der englischen Gewerkvereine war im wesentlichen eine Organisation nur der gelernten Arbeiter gewesen. Auch haben die Arbeiter der gelernten Gewerbe eine weit gröfsere Leichtigkeit sich zu organisieren. Durch die Ansprüche, welche an ihre erworbene Geschicklichkeit gestellt werden, ist naturgemäfs die unbegrenzte Konkurrenz anderer Arbeiter ausgeschlossen, während die Ab- schliefsung nach unten, wie sie für eine starke Gewerkvereins- organisation unentbehrlich ist, den ungelernten Arbeitern ungemein schwer wird. Eben diese bisherige Begrenzung der Gewerkvereinsphäre auf die gelernten Arbeiter war der Vorwurf, den die aprioristischen Theoretiker gegen diese Organisationen zur Hebung der Arbeiter erhoben hatten. Dies auch war der Hacken, an dem die praktischen Feinde derselben, die officiösen Staatssocialisten und die Socialdemokraten stets angeknüpft hatten. „Da war seit Jahren unter dem Einflüsse der Ausbreitung socialdemokratischer Lehrmeinungen, •— nicht unter den Arbeitern, sondern den Gebildeten Englands, — eine Bewegung unter den ungelernten Arbeitern Londons entstanden. In grofsen Demonstrationen und lauten Massenversammlungen hatte sich dieselbe bemerklich gemacht, und mit begreiflicher Schadenfreude pflegte unsere officiöse Presse über jede dieser Demonstrationen zu berichten. Die Entwicklung schien danach den officiösen Staatssocialisten und den Socialdemokraten Recht zu geben, die da behaupteten, dafs es mit den Gewerk- vereinsorganisationen nichts sei. „Dies schien um so mehr der Fall zu sein, als eine Gefährdung der alten Gewerkvereinsorganisationen unter dem Einflüsse der seit 1873 anhaltenden Depression zu Tage trat. Die Unterstützung der Arbeitslosen hatte in manchen Jahren mehr als die Jahreseinnahme der Vereine betragen. Der Bankerott der Gewerkvereine schien vor der Thüre zu stehen. „Da trat eine Wandlung im vorigen Jahre ein. Handel und Industrie erlebten einen neuen Aufschwung. Die Kassen der alten Gewerkvereine fanden wieder vollen Ersatz für das in den vorausgegangenen Jahren Verlorene. Plötzlich hörte man, die Dockarbeiter, die letzten unter den Mühseligen und Beladenen Londons, hätten die Arbeit eingestellt. Nach aller Voraussetzung mufste der Strike scheitern. Allein das Gegenteil trat ein: die Docker erfochten den Sieg. „Die Zeitungen meldeten nun eine rapide Mehrung der Organisationen der ungelernten Arbeiter. Gleichzeitig aber verlautete auch von neuen Grundlagen derselben. Nicht nur feindlich gegen die alten G e werk verein e, sondern bewufst socialderaokratischer Tendenz sollten sie sein. Ein Umschwung in der Arbeiterbewegung Englands wurde vorausgesagt. Sie nähere sich nunmehr dem kontinentalen Muster. Unter Zusammenbruch der Gewerkvereinsorganisation gehöre in England die Zukunft dem revolutionären Socialismus. „Wenn dies wahr wäre, so wäre es von fundamentaler Bedeutung nicht nur für England, sondern für die Entwicklung der Arbeiterfrage der ganzen Welt. Das öffentliche Recht in England giebt nämlich den Arbeitern die Möglichkeit , ihren Willen spielend durchzusetzen, sobald sie die Majorität haben. Würden die englischen Arbeiter revolutionäre Socialisten, so müfste also eine von zwei Möglichkeiten eintreten: entweder der Umsturz der englischen Verfassung oder ein grofsartiger Versuch in socialdemokratischer Richtung. Jede der beiden Möglichkeiten wäre von nicht zu berechnender Rückwirkung auf die gesamte civilisierte Welt. „Ich fühlte also das brennendste Interesse, die Organisationen der ungelernten Arbeiter kennen zu lernen, den Geist, der sie beseele, und ihre Pläne, um so ein Bild von Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. „Was ist nun das Ergebnis meiner Eindrücke und Studien ? „Seit 18 Jahren ist eine grofse Wandlung in England eingetreten. Sie besteht in Dreifachem: „1. Die Gewerkvereine der gelernten Arbeiter, noch vor 20 Jahren verpönt und um ihre Existenz ringend, sind von den herrschenden Klassen als regelmäfsiges Glied der bestehenden Gesellschaftsorganisation recipiert worden. Sie gelten als Säule derselben. Ihre Mitglieder gelten als „re- — 473 — speetable"; ihre Führer sind „fashionable" geworden. Einen von ihnen hat man s. Z. zunr Unterstaatssekretär gemacht; eine gröfsere Anzahl derselben sind Mitglieder des Parlaments; in Manchester hat die Regierung zwei Gewerkvereins- sekretäre zu Magistratspersonen ernannt. In allen die Arbeiter eines Gewerbes betreffenden Angelegenheiten gelten ferner die Gewerkvereine als d i e Organisationen des betreffenden Gewerbes und ihre Führer als die legitimen Vertreter derselben. Diese Auffassung herrscht heute allgemein, bei Whig und Tory, bei Ministern und Arbeitgebern. Sehr bezeichnend war mir in dieser Beziehung eine Äufserung des Herrn Jenkins, des äufserst klugen Direktors der Consett Works. „Ich habe 30 Jahre lang mit der äufsersten Erbitterung für das patriarchalische System und gegen die Gewerkvereine gekämpft, und glaubte, dafs es unmöglich sei, bei Anerkennung derselben einen grofsen Betrieb zu führen. Ich sehe jetzt ein, dafs ich im Irrtum war. Nie ist es uns so gut gegangen, als seitdem wir uns entschlossen haben, mit dem Gewerkverein als dem Vertreter unserer Arbeiter unsere Arbeiterangelegenheiten zu ordnen". Damit hängt ferner zusammen, dafs die Behörden die Arbeitsbedingungen in bezug auf Arbeitslohn und Arbeitszeit, auf welchen die Gewerkvereine als auf den Arbeitsbedingungen ihres Gewerbes bestehen, den von ihnen abgeschlossenen Kontrakten zu Grund zu legen beginnen 1 . 1 Anmerkung des Dr. von Sckulze-Gaevernitz: So nehmen öffentliche Behörden heute nicht selten in die von ihnen vergebenen Lieferungsverträge die Bedingung auf, dafs der Unternehmer die anerkannten Ge- vverkvereinslöhne zahlen müsse. Auch die Achtsstundenklausel findet sich bereits in nicht wenigen derartigen Yerträgen, vornehmlich solchen der Schulbehörden, welche bedeutende Arbeitgeber sind. Insbesondere aber ist der Grafschaftsrat von London vorgegangen; er vergiebt keine Arbeit ohne die Bedingung der Gewerkvereinslöhne und führt für die von ihm unmittelbar oder mittelbar beschäftigten Arbeiter mehr und mehr den Achtstunden- — 474 — „Auf der anderen Seite hat diese Anerkennung auf die Gewerkvereine eine psychologisch begreifliche Rückwirkung- geübt. Die so lange Geschmähten und Verfolgten geniefsen offenbar mit Behagen die ihnen gewordene öffentliche Gunst und deren Vorteile. Sie sind äufserst vorsichtig, sie nicht wieder zu verscherzen, und dies zusammen mit ihren gleich zu erwähnenden wirtschaftlichen Interessen macht sie mehr als je zu den erbittertsten Gegnern einer socialen Revolution. „Die zweite grosse Wandlung, die eingetreten ist, habe ich schon erwähnt: Die Entstehung von socialdemokratischen Sekten, nicht unter den Arbeitern, sondern den Gebildeten. Es wimmelt unter den Angehörigen der höheren Klassen von begeisterten und sich selbst hingebenden Männern, die sich Social- demokraten nennen und es mehr oder weniger auch wirklich sind. Dabei welche Fülle von Nuancen, William Morris, Cunninghame Graham, Hyndman, Champion, die Fabier, die Socialdemokraten unter der Geistlichkeit! Und jeder von ihnen, der da erzählt, dafs seine Anschauung im Wachsen sei, und dafs ihr die Zukunft gehöre, während er die Anhänger der Übrigen für minimal an Zahl und Bedeutung hält. Ich habe dies successive von jedem unter ihnen, den ich kennen gelernt habe, gehört, und in den gedruckten Äusserungen eines jeden gelesen. Nicht als ob dieselben in bewufster Unwahrhaftigkeit hätten renommieren wollen. Sie waren alle optima fide. Aber alle Menschen, die sich so für eine Idee aufopfern, sind notwendig Optimisten, und täuschten sie sich nicht über ihren Erfolg und ihre tag ein. Für beides hat sich auch die Vertretung der liberalen und radikalen Vereine Londons, d. h. die offizielle Parteileitung des Londoner Liberalismus ausgesprochen, und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch die staatlichen Behörden nachgehen und der Staat damit die Gewerkvereinslöhne für die gewaltige Zahl der in seinem Dienste befindlichen Arbeiter als Normallöhne und den Achtstundentag als Normalarbeitstag anerkennt. — 475 — Zukunft, so würden sie überhaupt nicht wirken können. Allein oft dachte ich, wenn ich den einen oder anderen nach jeder Hinsicht hochgebildeten Mann mitunter mit bestrickender Liebenswürdigkeit diese Beteuerungen äufsern hörte, wie mag es denen ergehen, die ohne genauere Kenntnis der Interessen und der Arbeitsbedingungen der wirklichen Arbeiter und ihrer in diesen wurzelnden Anschauungen lediglich auf Grund solcher Äufserungen Gegenwart und Zukunft der Socialdemokratie in England beurteilen! „Die dritte neue Thatsache ist die Organisation der ungelernten Arbeiter. Die alten Gewerkvereine hatten dieselben nicht nur vernachlässigt, sondern manche ihrer Mafs- regeln hatten sie bedrückt. Nicht nur dai's sie bei einem Arbeitsstillstand keine Rücksicht auf die dadurch brodlos gewordenen Ungelernten genommen hatten, eine Reihe der Bestimmungen, an denen sie notwendig festhalten, wie die Lehrlingsbeschränkungen, werden von den Ungelernten als Beeinträchtigung ihrer Interessen empfunden. Da war nun die revolutionäre Socialdemokratie, welche seit Jahrzehnten bei den Gewerkvereinen einzudringen versucht hatte. Nachdem sich dies als vergeblich erwiesen hatte, suchte sie unter den heftigsten Schmähungen auf die „kleinen Bourgeois" den Fehler, den die alten Gewerkvereine mit ihrer Vernachlässigung der Ungelernten begangen hatten, gegen sie auszunützen. Allein diese Socialrevolutionäre hatten selbst nichts mit den Ungelernten anzufangen gewufst, als in grofsen Aufzügen durch die Strafsen zu ziehen und in Versammlungen unter freiem Himmel die Besitzenden durch wilde Reden zu erschrecken. Da, im vorigen Jahr, fingen die ungelernten Arbeiter an, sich zu organisieren und zwar auf Gewerkvereinsbasis. Die Bewegung dazu ging von ihnen selbst aus. Zuerst waren es die Gasarbeiter, welche sich organisierten und einen Sieg erfochten; dann kamen die Docker. Ihr Strike gelang gegen alle Regeln der Kunst, infolge einer vorzüglichen Organisation durch Champion, den Moltke des Dockstrikes, infolge der gleichzeitig hinreifsenden und besonnenen Beredsamkeit des John Bums und der grofsartigen Geldmittel, welche die höheren Klassen in einem fast vulkanischen Ausbruch von Sympathie den Ausstehenden zur Verfügung stellten. War während dieses Strikes die üble Laune charakteristisch, mit der die socialistische Liga das Entgegenkommen der Besitzenden und die neutrale Haltung der Behörden begleitete, so nicht minder der jämmerliche Doktrinarismus, mit dem Engels seine Geschichtsschablone tot hetzend, auch diese grofsartigen Sympathieäufserungen der Besitzenden auf gewisse kapitalistische Spekulationen zurückführen wollte: denn die Menge derjenigen, die da beisteuerten, stand unzweifelhaft allen solchen Erwägungen fern. Es war vielmehr die vierte Augustnacht 1789 der ungelernten Arbeiter, und gleich dieser von unberechenbarer Tragweite. „Die Folge des Sieges der Docker war nämlich, dafs die Gewerkvereinsorganisationen der ungelernten Arbeiter wie Pilze über Nacht emporschössen. Als ich am 15. März nach England kam, überreichte mir Ludlow, der Chief Registrar, eine Liste der Gewerkvereine, die er seit 1876 registriert hatte. In keinem Jahre waren so viele um die Registrierung eingekommen wie 1889, nämlich 45, fast das Doppelte der vorhergegangenen Jahre. Im Jahre 1890 waren bis zum 15. März bereits 18 registriert, und als ich gegen Ende März aus dem Norden zurückkam, war die Zahl bereits auf 46 gestiegen. Dies waren alles Vereine von ungelernten Arbeitern, und nicht wenige umfafsten bisher unerhörte Mitgliederzahlen 100.000, 180000 u. dergl. „Alle diese Organisationen unterscheiden sich einstweilen von den alten Gewerkvereinen durch ihren bewufst aggressiven Charakter. Derselbe äufsert sich: — 477 - „Einmal in der Abwesenheit von Versicherung gegen Krankheit, Unfall und Alter. (Die einzige mit den neuen Gewerkvereinen verknüpfte Unterstützung ist die Begräbnisunterstützung.) Was bei uns durch die Gesetzgebung der letzten 8 Jahre durchgeführt worden ist, hier ist es das Postulat der ungelernten Arbeiter, allerdings aus entgegengesetzten Motiven. In der That habe ich eine sehr gemischte Empfindung des Triumphes gehabt, als ich an meine Stellung zur deutschen Arbeiterversicherungsgesetzgebung bei deren Beginn zurückdachte, und dem zwischen den alten und neuen Gewerkvereinen bestehenden Streit über diese Versicherung nahe trat. Ich hatte damals ausgeführt: lafst den Gewerkvereinen die Kranken- und Altersversicherung, denn diese macht sie zwar stark, aber gleichzeitig konservativ. Man wollte aber keine starken Gewerkvereine und glaubte nicht an die konservative Wirkung der von mir befürworteten Verbindung. Heute ist aber diese Wirkung so sehr eingetreten, dass sie eben den alten Gewerkvereinen von den neuen zum Vorwurf gemacht wird. Und in der That findet man in jedem Gespräch mit einem Gewerkvereinssekretär der gelernten Gewerbe, wie die Rücksicht auf die Verpflichtungen als Unterstützungskasse, namentlich auf das für die Altersunterstützung angesammelte Vermögen sie zu der äufsersten Vorsicht in eigentlichen Gewerkvereinsfragen bestimmt. Hat die Gesellschaft von dieser konservativen Bedächtigkeit einen Vorteil, so hat der Gewerkverein andererseits den Gewinn, dafs die Verbindung mit den genannten Unterstützungen die Leute, die, wenn die Aufregung des Ausstandes vorüber ist, leicht vom Verein abfallen, bei der Fahne hält, und dafs das grofse während des Friedens angesammelte Vermögen ihnen eine ganz andere Wucht giebt, wenn es einmal zum Ausstand kommt. „Der aggressive Charakter der neuen Gewerkvereine äufsert sich zweitens in ihrem rücksichtslosen Draufgehen hei jeder Gelegenheit. Es ist gar kein Zweifel, dafs in nicht langer Zeit hier eine Reaktion eintreten mufs. Diese Politik kann nur während einer Zeit des Aufschwungs andauern. Bei eintretender Ebbe wird die Kur von selbst Platz greifen. Da die Beiträge, die von den Ungelernten erhoben werden können, nur sehr geringfügig sind, wird dann doppelte Vorsicht notwendig. Dafs eine Unterstützung seitens des Publikums, wie sie den Dockers zu Teil geworden ist, nur einmal in einem Jahrhundert vorkommt, hat mir Burns selbst zugegeben. Bleibt sie aus, so sind grofse Fonds nötig, um den Erfolg zu sichern. „Die Organisationen der ungelernten Arbeiter werden daher trotz allen jetzigen Geschreis als aggressive Gewerk- vereine keinen Bestand haben. Die ihnen drohende Gefahr ist eine doppelte: 1. Sie verlieren in ruhigen Zeiten ihre Mitglieder wegen fehlender Attraction. 2. Sie haben nicht die Mittel zum häufigen Strike. Sie können daher, wenn der Strike erfolgreich sein soll, sogar noch seltener als die gelernten Gewerkvereine striken. Und auch die von Burns und Williams geplante neue „Föderation der Arbeit", wonach alle Vereine ungelernter Arbeiter in einem Verband geeint werden sollen, um einheitlich geleitet sich gegenseitig mit ihren Mitteln auszuhelfen, wird daran nichts ändern. Denn wachsen damit die Mittel, so wachsen auch damit die Aufgaben, und die in der Arbeiterwelt chronische Eifersucht verhindert, die konzentrierten Mittel auf nur eine unter ihnen zu verwenden. Bis dieses von den Arbeitern selbst erkannt wird, wird es aber noch vieler bitterer Erfahrungen bedürfen. Denn bei den Gewerkvereinen der ungelernten Arbeiter beruht infolge der geringen Verluste, die, bei der Abwesenheit aller sonstigen — 479 — Unterstützungsansprüche der Ausschlufs aus dem Vereine dem Ausgestofsenen verursacht, wie die Erfahrung hei den Bergleuten, z. B. auch hei denen von Northumberland, zeigt, die Autorität der Führer wesentlich auf deren Persönlichkeit und ist daher weit prekärer als bei den gelernten Gewerkvereinen. Immerhin aber mufs diese Erkenntnis geweckt werden, wenn die neuen Gewerkvereine bestehen sollen, denn die neuen Gewerkvereine werden sein wie die alten, oder sie werden überhaupt nicht sein. „Dies beginnen denn die Führer der neuen Bewegung selbst schon einzusehen, und in einem Punkte sehen sie sich schon jetzt genötigt, den Bahnen der alten Gewerkvereine zu folgen. Es ist dies gerade der durch die Ungelernten an- gefochtenste Punkt ihrer Politik, ihre Exclusivität. Ich möchte hier einfach meine diesbezügliche Erörterung mit Bums, dem klugen, energischen und persönlich äufserst sympathischen Führer der neuen Bewegung, wiedergeben. „Ich: Ich begreife vollständig, wie Sie die ungelernten Arbeiter bei steigendem Markte organisieren und bessere Arbeitsbedingungen für sie erlangen können. Ich verstehe aber nicht, wie sie diese verbesserten Bedingungen bei sinkendem Markte zu halten vermögen. Bei den gelernten Arbeitern ist dies anders. Ein gelernter Maschinenbauer kann nicht aus dem Boden gestampft werden. Bei sinkendem Markte zieht der Gewerkverein der Maschinenbauer einen Teil des Arbeitsangebots vom Markte zurück, unterhält die Arbeitslosen und verhütet so, dafs der errungene Vorteil wieder verloren gehe. Wenn die Organisationen der ungelernten Arbeiter das Gleiche versuchten, wären für einen Zurückgezogenen zehn andere da, um an dessen Stelle zu treten. Ich verstehe überhaupt nicht, wie Sie bei sinkendem Markte die natürliche Beschränkung im Arbeitsangebot, welche bei den gelernten Arbeitern in der notwendigen Kunstfertigkeit liegt, ersetzen wollen. „Burns: Ich denke mir das so. Wir nehmen nicht mehr ungelernte Arbeiter in einen Gewerkverein auf, als in der betreifenden Beschäftigung ihre Nahrung finden können, und erkämpfen unter dem Drucke der öffentlichen Meinung von den Arbeitgebern, dafs sie keinen Arbeiter aufser einem Ge- werkvereinler beschäftigen. Schon jetzt haben wir beim Verein der londoner Dockers eine Ziffer in Aussicht genommen, bei deren Erreichung wir den Eintritt weiterer versagen. „Ich: Dann dürfen Sie aber nicht über die Exclusivität der alten Gewerkvereine klagen. Denn dies geht weiter als alles, was diese gethan haben und thun. Das ist dieselbe Politik wie die der deutschen Zünfte im 17. Jahrhundert, als sie bei abnehmender Absatzgelegenheit sich in geschlossene Zünfte verwandelten. Was gedenken Sie mit den draussen Bleibenden zu machen? „Burns: Ich gebe das erstere zu. Allein wir suchen den Punkt des Schliefsens hinauszuschieben durch Kürzung des Arbeitstags und Einführung doppelter Schichten. Für die dann draufsen Bleibenden verlangen wir Beschäftigung durch die Municipalität. „Ich: Das erstere dieser Mittel ist gleichfalls alte Ge- werkvereinspolitik. Das zweite kann ich mir praktisch nicht vorstellen. „Nun erfolgte eine Ausführung, die auf das hinauskam, was die Fabier in ihren Essays on Soeialism über die allmähliche Municipalisierung der Betriebe mittelst der aus der Besteuerung der Werterhöhung städtischer Grundstücke gewonnenen Mittel ausgeführt haben. Da nahm unsere Erörterung für diesmal ein Ende; ich hatte den Eindruck, dafs — 481 — es Burns nicht angenehm sein würde, sie weiter fortzuführen, und für mich wurde sie uninteressant, da sie in Zukunftsmusik auszuklingen begonnen hatte. Denn kein Zweifel, dafs noch manche Betriebszweige ohne Schädigung der Produktion municipalisiert oder verstaatlicht werden können; kein Zweifel aber auch, dafs es sehr viele Betriebe giebt, bei denen dies niemals der Fall sein kann. „Es entsteht nun die Frage: wenn das Programm der neuen Gewerkvereinsbewegung an seiner Undurchführbarkeit an diesem Punkte scheitert, ist dann eine sociale Revolution zu erwarten? „Hier ist der Punkt, wo die Stellung der ungelernten Arbeiter zur socialrevolutionären Partei, sowie die Haltung der alten Gewerkvereine und der Gebildeten zu diesen Problemen eine erhöhte Bedeutung erlangen. „Ich habe oben wiederholt betont, dafs während der letzten 18 Jahre die socialdemokratischen Lehren in England Wurzel * gefafst hätten unter den Gebildeten, aber nicht unter den Arbeitern. Dies trat mir nicht nur aus deren Kreisen selbst entgegen, sondern wurde mir auch von Harrison betont, der, wenn auch ein Gegner des Socialismus, doch der Schriftsteller ist, der zuerst seine mächtige Feder in den Dienst der neuen Gewerkvereinsbewegung gestellt hat. Ja selbst Geistliche im Ostend von London, die sich selbst Socialdemokraten nennen, gaben zu, dafs es Socialdemokraten unter den Arbeitern nur spärlich, im Osten von London und in Newcastle, gebe, und dasselbe bestätigte mir ehrlich und offen auch H. H. Champion, der, wenn er auch die Verstaatlichung aller Produktionsmittel zurückweist, sich doch sonst als gläubigen Marxisten bekennt. Ja er erklärte mir, dafs selbst Tom Mann, der radikale Präsident des Vereins der Docker, trotz alles Socialismus durch und durch in Gewerkvereinsideen lebe; und was die Masse v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 31 — 482 — der Arbeiter angehe, so verfolgte sie gleich den Gewerkverein- lern stets nur den nächsten erreichbaren Vorteil. „Die alten Gewerkvereine aber sind aufs äufserste gegen das von Burns entwickelte radikale Programm. Es ist dies ein Punkt, wo sie sich noch heute zu den heftigsten Ausfällen versteigen. So sagte mir eine der mafsgebendsten Persönlichkeiten unter den Führern der gelernten Arbeiter in Manchester: Wir sind aufs heftigste gegen diese übertriebenen Municipali- sierungs- und Verstaatlichungspläne. Wir sind für privates Sondereigentum. Unsere Vereine haben sehr grofses Eigentum ; ebenso haben unsere Mitglieder aus den Löhnen, die ihnen unsere Vereine verschafft haben, mittelst der Baugenossenschaften Häuser und mittelst der Aktiengesellschaften und Kooperativvereine Aktien von Fabriken erworben. Weder unsere Vereine noch unsere Mitglieder wollen dies aufgeben, und wir sind bereit, für die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung mit den Waffen in der Hand zu kämpfen, wenn jene (und hier kam eine wenig höfliche Bezeichnung) sie angreifen sollten. — Nebenbei bemerkt, gewifs eine wohl zu beachtende Thatsache, dafs diese Gewerkvereine, die noch vor vierzig Jahren mit Vitriol und Mord kämpften und als die gröfste Gefahr für Staats- und Gesellschaftsordnung betrachtet wurden, heute eine mächtige Schutzwehr des Bestehenden geworden sind! „Andererseits beginnen die alten Gewerkvereine zu erkennen, dafs es ihre Schuld ist, wenn die ungelernten Arbeiter diesen radikalen Programmen zustimmen, indem sie es unterlassen haben, sie rechtzeitig zu organisieren und durch solche geeignete Fürsorge Einfluss auf sie zu gewinnen. Derselbe Führer, dessen Worte ich soeben angeführt habe, hat mit anderen seinesgleichen es bereits unternommen, dies nachzuholen. Das Gleiche geschieht anderwärts und ebenso mit den — 483 — •weiblichen Arbeitern. Und während so von der einen Seite die Hand geboten wird, die Kluft, welche heute unstreitig noch alte und neue Gewerkvereine trennt, zu überbrücken, ist bei den Führern der neuen bereits das Bewufstsein entstanden, dass die Versöhnung im beiderseitigen Interesse liege- Denn wie ich in eingehender Erörterung mich überzeugt habe, erkennen sie, dafs alles, was die englische Arbeiterklasse erreicht hat, gefährdet wäre, wenn es den Arbeitgebern gelänge die einen Organisationen gegen die anderen auszuspielen. Daher auch die Erkenntnis, dafs es nötig ist, von allzu Extremem sich fernzuhalten. „Nicht als ob ich glaubte, dafs jemals die Politik der alten und neuen Gewerkvereine völlig identisch sein werde. Dazu gehen die Interessen beider in vielen wichtigen Punkten zu weit auseinander. Auch werden die starken Gewerkvereine der gelernten Arbeiter stets mehr für Selbsthülfe sein, weil sie dieselbe einerseits als ausreichend erkannt haben, andererseits und vor allem die Regelung der Arbeitsbedingungen dabei mehr in der eigenen Hand behalten; die ungelernten Arbeiter dagegen, deren Organisationen stets weit schwächer sein werden, werden deshalb stets mehr vom Staate verlangen. Bei der ungemein individualisierenden Art, wie man in England Gesetze macht, wäre es deshalb denkbar, dass für letztere in manchen Beziehungen Gesetze gemacht würden, welche für die gelernten Arbeiter keine Gültigkeit hätten. Allein der sociale Friede wird über all dies voraussichtlich nie gestört werden. „Ein Hauptverdienst dürfte dabei dem Umschwung in dem Gedankengang der höheren Klassen zufallen, der seit Carlyle eingetreten ist. Denn wie in der Vergangenheit, sehen wir sie auch in dieser Frage vermittelnd und erziehend thätig, und so dürfte es ihnen auch diesmal gelingen, indem sie 31* — 484 — die Führung der heute untersten Schicht der Arbeiterklasse zu gröfserem Anteil an unserer Kultur übernehmen, den Fortbestand und das weitere Fortschreiten dieser zu sichern. „Wie wenig aber aus der Thatsache, dafs die Führer der neuen Bewegung noch heute einem sehr weitgehenden Programme huldigen, auf eine Gefährdung des socialen Friedens zu schliefsen ist, mögen folgende Äusserungen darthun. Als ich Bums ein andermal fragte, ob er denn bereit sei, für Verstaatlichung aller Produktionsmittel einzutreten, gab er die sehr verständige Antwort: „Ob einmal alle Produktionsmittel verstaatlicht werden oder nicht, weifs ich nicht. Dies hängt von Ent- wickelungen ab, auf die ich einflufslos bin. Was in dieser Beziehung kommen soll, wird kommen, einerlei ob ich dafür oder dagegen bin. Jetzt aber gilt es, dafür zu sorgen, dafs den armen Ungelernten geholfen wird." Und Champion, ein anderer Führer des äufsersten linken Flügels, äufserte mir: „Ich werde alles für die Arbeiter thun, um sie in die Höhe zu bringen, aber unter der einen Bedingung, die ich stets nachdrücklichst betone: sie dürfen sich gegen unsere Verfassung nicht auflehnen. Unsere Verfassung giebt ihnen die Möglichkeit, alles zu erreichen, von dessen Güte sie die Mehrheit überzeugen können. Wenn aber eine Minderheit Anstalten machte, diese Mehrheit zu vergewaltigen, so würde ich sie, wie Ihr Kaiser gesagt hat, zerschmettern. Dieses Wort von ihm hat mir gefallen. Ich würde alles für die Arbeiter thun; aber wenn sie die Ordnung vergewaltigen wollten, würde ich sie zerschmettern." „So habe ich denn den Eindruck aus England mit fortgenommen, dafs die Gefahr einer socialen Devolution dort nicht besteht. Die neue Gewerkvereinsbewegung, weit entfernt, dieselbe hervorzurufen, erscheint, so toll sie sich vielleicht da oder dort noch gebehrden wird, vielmehr geeignet, — 485 — sie zu beschwören. Schon jetzt hat sie etwas Grolses geleistet. Sie hat die Ärmsten und Vernachläfsigtsten nunmehr in die Gewerkvereinsorganisation und damit in die grofse Bewegung eingegliedert, die seit mehr als einem halben Jahrhundert durch Hebung der Arbeiterklasse die die Nation zerschneidende Kluft zu überbrücken gedient hat. Ich habe den Eindruck mit fortgenommen, dafs während der letzten 18 Jahre in England ein enormei Fortschritt geschehen ist, und zwar ein Fortschritt zum Guten." So Professor Brentano. Dafür aber, dass dies nicht blofs die Anschauung eines „Gelehrten" ist, mit welcher Bezeichnung Interessenten heutzutage Dai'legungen, die ihnen unbequem sind, aus der Welt geschafft zu haben glauben, zeugen die folgenden Worte eines praktischen englischen Staatsmanns, eines der ersten Männer der liberalen Pai'tei und gewesenen Ministers des Auswärtigen, des Grafen Kosebery: „Der Dockarbeiterausstand bezeichnet einen Abschnitt nicht nur in der Geschichte Englands oder der Arbeit, sondern der Menschheit." Für den, der die Zeichen seiner Zeit zu lesen versteht, war er ein Beweis, dafs nicht dem Umsturz, sondern dem Fortschritt, nicht der Revolution, sondern der Organisation die Zukunft gehört. S c h I u f s. Vor einem Halbjahrhundert hat Carlyle die Demokratie als unabweisbare Tkatsache der Zukunft erklärt. Um den Umfang dieses Wortes zu ermessen, denke man nicht sowohl an politische Einrichtungen und setze es insbesondere nicht in Gegensatz zur monarchischen Verfassung. Giebt es doch Republiken, in denen thatsächlich der Geldsack allmächtig ist, und die den arbeitenden Klassen keine Hoffnung, aufser in der Revolution, gewähren. Das Carlylesche Wort bezieht sich vielmehr auf einen Umschwung des Denkens und Fühlens. Nicht mehr das Dasein einzelner Bevorzugter, sondern die Hebung der Massen, d. h., da die grofsindustrielle Betriebsform Voraussetzung dieser Entwicklung ist, die Hebung des Arbeiterstandes erscheint als Zweck des socialen Daseins. In erster Linie verlangt man Sicherstellung des materiellen Daseins und Beteiligung der Arbeiter an den Gewinnen der Industrie, deren ausschliefsliche Aneignung durch das Kapital als Ungerechtigkeit empfunden wird. Aber diese Forderung gilt nur als Mittel für die geistige Hebung, die Ausgleichung der auf den Verschiedenheiten des Denkens und der Bildung beruhenden Klassenunterschiede und die ungehinderte, individuelle Entwicklung eines Jeden. Je mehr diese Entwicklung fortschreitet, desto mehr gleitet der Schwerpunkt der Gesellschaft in die Massen. - 487 — Die neue Richtung ist entgegengesetzt der älteren Nationalökonomie , welche Kapitalanhäufung als Zweck des gesellschaftlichen Daseins setzte. Dagegen stimmt sie mit der Behauptung des Christentums überein, wonach jedem Menschen ein schlechthin und mit allem irdischen unmefsbarer Wert zukommt. Wie sie ohne diese Annahme im Grunde unhaltbar ist, so trägt sie auch darin das Wesen eines Glaubens, dafs sie begeisternd den Menschen erfafst und den einzelnen, oft unter dem Opfer persönlichen Wohlseins, zu socialem Handeln antreibt. Wunderbare Erscheinung, eine solche Macht noch in dem Jahrhundert Benthams und Ricardos. Die Frage ist nun die: stehen jene Forderungen, welche das Ergebnis unserer geistigen Entwicklung sind, mit der äufseren Entwicklung in Widerspruch? Sind sie vom Boden und durch Weiterentwicklung des Bestehenden erreichbar? Die Herabdrückung des Arbeiters, welche die neu aufkommende Grofsindustrie mit sich brachte, führte zuerst zu einer verneinenden Beantwortung dieser Frage. Dies war die Stellung der Chartisten, aber nicht minder die der klassischen Nationalökonomie. Ihre Lehren fortbildend brachten Engels und Marx diesen Gedanken in ein System. Die grofsindustrielle Entwicklung bedeute fortschreitende Herabdrückung der Arbeiter zum unterschiedslosen Proletariat, Häufung des Reichtums in wenigen Händen, Verschwinden der Mittelstände, Auftreten der socialrevolutionären Partei. Wie verhalten sich dieser Behauptung gegenüber die Thatsachen? Die eingehende Statistik des Board of Trade stellt für England das Gegenteil fest, womit der socialrevolutionären Richtung der Boden entzogen wird. Einmal ist es sicher, dafs sich die materielle Lage des Arbeiters während des verflossenen Halbjahrhunderts stetig gebessert hat. Diese oft hervorgehobene Thatsache hat der bekannte Sta- tistiker Robert Giften zahlenmäfsig dargelegt 1 . Es sei hier kurz auf die wichtigsten Punkte hingewiesen. Die Löhne des gewerblichen Arbeiters sind seit den dreifsiger Jahren durchschnittlich um 50 bis 100% gestiegen 2 ; selbst die Löhne des ländlichen Tagelöhners sind gestiegen und zwar, entgegengesetzt der Rieardoschen Lehre, wonach die Grundrente die Löhne aufsaugt, auf Kosten der Grundrente. Insbesondere weist Giften darauf hin, dafS auch die in den letzten beiden Jahrzehnten eingetretene Verteuerung des Goldes, welche die 1 The Progress of the Working Classes by Robert Giften. London, G. Bell and Sons, 1884. 2 Giften fübrt folgende Beispiele unter andern an: Gewerbe Ort Wochenlöhne vor 50 Jahren Wochenlöhne 1884 Zunahme in °/o Schreiner . . . Manchester. . . . 24 sh. — d. 34 sh. — d. 42 Schreiner . . . Glasgow 14 26 - — - 85 Bergleute . . . Straffordshire. . . 2 - 8 - 4 - — - 50 Musterweber . . Huddersfielder Tuchfabrikation 16 - 25 - — - 55 Mechan. Spinner - 25 - 6 - 30 - — - 20 Weber - 12 - — - 26 - — - 115 Weber desgl. Bradford . . 8 - 3 - 20 - 6 - 150 Spinner (unorwaclis.) - 4 - 5 - 11 - 6 - 160 Nach dem Bericht, welchen Herr George Lord, der "Vorsitzende der Handelskammer zu Manchester, Mai 1883 der „Commission on Trade Depression" (Appendix to the first Report S. 99) einreichte, sind in der Baumwollenindustrie von Lancashire die Löhne in folgenden Prozentsätzen innerhalb von 33 Jahren (1850—1883) gestiegen: Baumwollenspinner und -weber, mittlere Qualität 74,72 °/o, feine Qualität 16,27 - und -weber zu Bolton, feine Qualität. . . 35,16 - Nr. 150weft 37,00 - Bleicher 50,00 - Kalikodrucker '. . . . 50,00 - — 489 Preise der meisten Gegenstände des Verbrauchs gedrückt habe, auf die Löhne ohne Einflufs geblieben ist 1 . Dagegen sind die Preise fast aller Lebensbedürfnisse des Arbeiters bedeutend herabgegangen, sodafs er mit derselben Geldsumme weit mehr kaufen kann als früher, während er zugleich über mehr Mittel verfügt. Vor allem ist das Getreide, welches noch immer das Hauptnahrungsmittel des Arbeiters bildet, seit Aufhebung der Schutzzölle, wenn auch nicht unmittelbar darauf, sondern eigentlich erst seit 1862, billiger geworden. So war der Durchschnittspreis des Weizens in den Jahren 1837—1846 58 sh. 7 d., in den Jahren 1874—1884 48 sh. 9 d. Daneben sind, was für den Arbeiter gleich wichtig ist, die Getreidepreise stetiger geworden; eigentliche Teuerungspreise sind kaum mehr möglich. Dasselbe gilt von den meisten andern Verbrauchsgegenständen des Arbeiters, während allein Fleisch eine unbedeutende Steigerung erfahren hat — eine Steigerung, die um so weniger in das Gewicht fällt, als sie den Hauptverbrauchsgegenstand des Arbeiters, Speck und geräuchertes Schweinefleisch, kaum betrifft. Aus der Erhöhung der Löhne und der Verbilligving der Nahrungsmittel läfst sich auf eine Verbesserung der Lebenshaltung des Albeiters schliefsen. Dieselbe ergiebt aber auch unmittelbar die Statistik, auf welche Giffen hinweist. Der Durchschnittsverbrauch der wichtigsten Nahrungs- und Genufsmittel pro Kopf der Bevölkerung hat sich ungeheuer gehoben; dies zeigt sich am deutlichsten bei denjenigen Gegenständen, welche im Inlande nicht hergestellt werden, bei denen also einfach die Importziffern zur Vergleichung herbeigezogen werden können. Der Verbrauch von Thee und 1 Vergl. Recent Changes in Prices and Incomes. R. Giffen, Read befo r e the Royal Statistical Society, 18. Dezember 1888 S. 7—26, 56—88. — 490 — Zucker ist heute etwa viermal so grofs als vor 40 Jahren, eine Thatsaehe, welche, wie keine andere, für den wachsenden Komfort der Arbeiterbevölkerung spricht. Mit der Verbesserung der Lebenshaltung hängt eng zusammen die Verminderung der Sterblichkeitsziffer. Nach der Statistik von Humphrey hat sich in den 1880 vorhergehenden vier Jahrzehnten das Durchschnittsalter der Männer von 39,9 auf 41,9, das der Frauen von 41,9 auf 45,3 gehoben, eine Erscheinung, welche vor allen auf Verbesserung der Lebenslage und Verminderung der Kindersterblichkeit zurückgeht 1 . Welchen Anteil daran insbesondere die Verkürzung des Arbeitstages hat, zeigen da, wo sich, wie in der Sterblichkeitsstatistik der Gewerkvereine, ihre Wirkung besonders beobachten lässt, die oben (vgl. II, S. 269) aus den Jahresberichten der Maschinenbauer citierten Ziffern. Dafs diese Entwicklung auch die unterste Schicht berührt hat, beweist die relative Abnahme der Zahl der öffentlich unterstützten Armen, obgleich man heute gewifs nicht strenger als früher in der Beurteilung des einzelnen Falles ist 2 . Diesen unzweifelhaften Fortschritten gegenüber könnte man einwenden, dafs sie gegenüber der ungeheuren Kapital- 1 Vergl. Gilten, Progress of the Working classes S. 15 und Humphrey, Recent Decline in English death-rate, Statistical Society's Journal Bd. 46, S. 195. 2 Jahr Zahl der Bevölkerung von Grofs- britannien (ohne Irland) Zahl der Paupers 1860 22 956 451 965 229 1888 41 487 730 917 580 Die Abnahme beträgt etwa 50 %. Vergl. Statistical Abstract for the United Kingdom von 1875 und von 1888. Geht man weiter zurück, so ist die Abnahme noch gröfser. — 491 — Vermehrung unbedeutend seien und dafs nichts desto weniger durch rascheren Zusammenflurs des Besitzes die Gegensätze zwischen Reich und Arm stetig wüchsen. Es ist daher von hohem Werte, durch Giften festgestellt zu sehen, dafs jene weit verbreitete Vorstellung, wonach der Besitz in immer weniger Hände zusammenfliefst, für England irrig ist. Vielmehr beweist das reiche Material, welches der erste Statistiker Englands ausbreitet, eine fortschreitende Ausgleichung der Einkommen 1 . Und entweder beweist dies, dafs die Mittelklasse nicht, wie behauptet, im Schwinden ist, oder es beweist etwas, was noch wichtiger wäre, dafs nämlich die Einkommen aus Arbeit bedeutend im Wachsen sind, und die alte kleine Mittelklasse nicht durch eigenes Herabkommen, sondern durch Aufsteigen der Arbeiterklasse versehwindet. Zu dem gleichen Ergebnis gelangte die Königliche Kommission zur Untersuchung der Geschäftsstockung, welche auf Seite 16 des Endberichtes feststellt, dafs iii England die jährlichen Einkommen von unter 2000 £ sehr rasch an Zahl zunähmen, die Einkommen von 2000—5000 £ eine weit langsamere Zunahme, die Einkommen von über 5000 £ dagegen eine Abnahme zeigten. Die Kommission stellt fest, dafs zwar die grofsen Kapitalisten weniger verdienten als früher, die Zahl derer dagegen wüchse, die sich überhaupt in ihrer Lage verbesserten. In dem letzten Jahrzehnt (1877—1886) hat diese Entwicklung sich noch bedeutend verschärft. In jener Zeit, in welche zuerst eine Geschäftsstockung, sodann eine Hebung des Geschäftes fiel, haben die von der Einkommensteuer erfafsten Einkommen von 150—500 £, welche dem Arbeiterstand und der unteren Mittelklasse angehören, um 21,4°/o zugenommen; die Einkommen der oberen Mittelklasse zeigen eine geringe 1 R. Giffen, Increase of moderate incomes. Adress of the President of the R. Stat. Soc. 16. Dec. 1887. — 492 — Vermehrung, während die Zahl von Einkommen über 5000 £ um 2,3 °/o abgenommen hat 1 . Giften führt eine Reihe von weiteren Thatsachen an, welche gewissen Einwendungen gegen die ausschliefsliche Berücksichtigung der Einkommensteuer gegenüber um so wertvoller sind. Ohne auf sie einzugehen, weisen wir nur auf die wichtigsten Ergebnisse hin. In der Lebensversicherung wächst die Gesamtsumme der versicherten Prämien, in noch rascherem Verhältnis aber nimmt die Zahl der versicherten Personen zu, woraus folgt, dafs der Betrag der einzelnen Prämie abnimmt. (1880—1885 von 492 auf 466 £.) Zu ä hnl ichem Ergehnisse führt die Untersuchung der Häusersteuer; die Zahl der Häuser im Jahresmietswerte von 20—50 £, welche die untere Mittelklasse bewohnt, zeigt eine nicht unbeträchtliche Zunahme (19% von 1880—1886); hei den wertvolleren Häusern wird diese Zunahme immer geringer, bis endlich bei einem Mietwert von 1000 £ und darüber Abnahme eintritt (8 °/o von 1880—1886). Dagegen hat die Zahl der von der besseren Arbeiterklasse eingenommenen Häuser sich ungeheuer vermehrt 2 . Daneben geht eine andere Entwicklung her, welche ebenfalls ein Merkmal, teilweise aber auch den Grund für jene fortschreitende Vermögensausgleichung enthält; wir meinen die Zunahme der aktierimäfsigen Betriebe. In dem Jahrzehnt von 1877—1887 haben sie um 92% zugenommen und auf bedeutenden Gebieten der Produktion den Einzelbetrieb zurückgedrängt. Mehr als ein Drittel der gesamten englischen 1 Scheclule D. 500—1000 £ stabil, 1000—5000 £, Zunahme von 2,3 %, darüber Abnahme. Ähnliches gilt von den unter Schedule E angeführten Gehalten sowohl der öffentlichen wie privaten Beamten. - 1875—1886: Mietwert unter 10 £ 10—15 £ 15—20 £ Zunahme 5,8 °/o 58 °/o 56 %. Industrie, nach dem Betrage des beschäftigten Kapitals gerechnet, wird heute von Aktiengesellschaften betrieben 1 . Nach einer von Giffen angeführten Statistik aber scheint die Zahl der einzelnen Aktienbesitzer in noch rascherem Verhältnis zuzunehmen, woraus sich eine Verminderung des vom Einzelnen besessenen Betrages ergäbe. Dies aber bedeutet nichts anderes, als dafs die Gewinne der Industrie, statt wenigen Begünstigten zuzufallen, aufser bei besonders schwierigen, der Gesellschaftsform unzugänglichen Geschäften, den Mittelklassen zu Gute kommen, welche dadurch an Zahl und Bedeutung zunehmen, während der Arbeiter an ihnen mittelbar durch höhere Löhne Teil nimmt. Übrigens hat, wie die Genossenschaftsbewegung beweist, auch der höherstehende Arbeiter wenigstens auf dem Gebiete der Verteilung einen nicht unbeträchtlichen Teil der Gewinne sich angeeignet. In einzelnen Fällen selbst hat er der Aktienform sich nicht ohne Erfolg bedient. Die angeführten Thatsachen sind um so wichtiger, als man an eine Zunahme der Kluft zwischen Beich und Arm, wie Engels und Marx sie behaupten, selbst in solchen Kreisen noch glaubt, welche sich sonst als deren heftigsten Gegner erklären. Die englischen Arbeiter dagegen, von der äufsersten Rechten bis zur äufsersten Linken, erfüllt heute Hoffnung für die Zukunft. Legen doch auch die politischen Verhältnisse Englands, welche den Arbeitern Koalitionsfreiheit mit ihrem Zubehör, der Ver- sammlungs- und Prefsfreiheit, gewähren, dem Fortschritt kein Hindernis in den Weg, welches die Stimmung socialrevolutio- närer Verzweiflung hervorrufen könnte. Vielmehr sind sich die englischen Arbeiter mit Stolz bewufst, mehr als die irgend 1 Vergl. Capital and Land, Fabian Tract Nr. 7. London, 180 Ports- down Fioad. eines anderen Landes, auch die Nordamerikas, in dem Besitz derjenigen Bedingungen zu sehr, welche die friedliche und allmähliche, aber praktische Annäherung an das vorschwebende Ideal ermöglichen 1 . Ihre Taktik ist damit eine gesetzliche und friedliche geworden; die Mittel aber, welche sie benutzen, sind Organisation und Gesetzgebung. Die gewerkvereinliche Organisation verfolgt, abgesehen von dem Versicherungswesen, welches nur bei den gelernten Arbeitern, und da nicht ausnahmslos, mit ihr verbunden ist, durch Beschränkung des Arbeitsangebotes eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, z. B. Erhöhung der Löhne, Verkürzung der Arbeitszeit. In letzter Linie steht hier der Kampf. Aber je besser die Kräfte auf beiden Seiten organisiert werden, desto mehr wird man sich des gemeinsamen Interesses, der Hochhaltung der nationalen Industrie, auf beiden Seiten bewufst, desto mehr sucht man Methoden der friedlichen Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten auf. So sehen wir die jungen Gewerkvereine der ungelernten Arbeiter schon heute unter den Vordersten, welche für jene von uns beschriebenen Einigungseinrichtungen eintreten. Hieraus läfst sich für die Zukunft auf ein seltener werden jener gewerblichen Kämpfe rechnen, eine Thatsache, die allerdings noch lange dadurch verschleiert werden wird, dafs immer neue Klassen von Arbeitern aus der unorganisierten Menge emporsteigen und die früheren Entwicklungsstufen ihrer fortgeschritteneren Genossen erst heute durchmachen. Freilich scheinen die Kämpfe der Zukunft mit ihrer Abnahme an Zahl, ähnlich den Kriegen, an Umfang zuzunehmen; sie ergreifen schon heute oft zahlreiche Klassen von Arbeitern zugleich, wie dies bei dem Dockarbeiterausstande der Fall war; ja sie zeigen eine Nei- 1 Vergl. z. B. Labour Elector vom 5. Oktober 1889. — 495 — gung zur Internationalisierung. Aber mit ihrer Ausdehnung macht auch die öffentliche Meinung sich immer mehr in ihnen geltend und bewirkt dadurch, dafs ihr Erfolg von ihrer Stellungnahme ungemein abhängig ist, ihren geordneten Verlauf und durch Hindrängen auf friedliche Schlichtung ihre weitere Minderung. Mit fortschreitender Organisierung schwindet die Isoliertheit des Einzelnen, nach Carlyle ein Zeichen negativer Geschichtsperioden; genossenschaftliche Verbände halten und heben ihn wieder; sie sind für ihn zugleich Schulen der Unterordnung und Selbstverleugnung. Ähnlich den Zünften des Mittelalters gewinnen aber auch die Gewerkvereine mehr und mehr politische Bedeutung. Wenn sie den Grundsatz „keine Politik" aufstellen, so hat dies von jeher nur die Bedeutung gehallt, dafs sie damit abwehren wollten, sich in Dienst und Gefolgschaft einer der politischen Parteien zu stellen. Niemals aber bedeutete dies den Verzicht, auf die Gesetzgebung im Interesse des Erlasses von Mafsregeln, welche das Arbeiterinteresse fordert, zu wirken. Und je mehr solche Mafsnahmen in den Vordergrund treten, um so mehr wird die politische Bedeutung der Gewerkvereine zunehmen. Mit Recht sagt daher F. Harrison, dafs wenn der Gewerkvereinsführer älteren Schlages dem Beamten einer Aktiengesellschaft geglichen habe, er heute ein politischer Führer geworden sei. Deshalb ist aber noch nicht gesagt, dafs es zur Bildung einer besonderen Arbeiterpartei kommen wird. Diese Frage ist augenblicklich in einem kritischen Stadium. Sie wurde schon oben bei Besprechung des Socialismus gestreift, ohne dafs wir auf sie ihrer allgemeinen Natur wegen früher als hier eingehen konnten. Nachdem der Socialismus zur praktischen Politik übergegangen war, hat er zunächst eine eigene Arbeiterpartei zu gründen versucht. Diesen Zweck verfolgt die National — 496 — Labour Electoral Association 1 . Auch erklärte z. B. in einer Oktober 1889 zu Battersea gehaltenen Wahlrede John Burns, dafs er keiner von beiden Parteien angehöre, sondern lediglich als Arbeiterkandidat auftrete. Ob es nichtsdestoweniger zur Bildung einer eigenen Arbeiterpartei kommen wird, wird wesentlich von der Stellungnahme der bestehenden politischen Parteien zu den Arbeiterfragen, die im Parlament zur Erörterung und Beschlufsnahme kommen, abhängen. So vertritt der H. H. Champion, der Herausgeber des Labour Elector, das Programm, die Arbeiter möchten allen auftretenden Parlamentskandidaten Fragen vorlegen, die sich auf die im Parlament zur Verhandlung kommenden Arbeiterfragen bezögen und für denjenigen stimmen, der sich bereit erkläre, für ihre Forderungen zu stimmen, ganz gleichgiltig wie er sich im Übrigen politisch stelle; nur in ausgesprochenen Arbeiterwahlbezirken möchten sie für eigene Kandidaten an der Wahlurne eintreten. Indem dies auf die übrigen Parteien zurückwirkt, verhindert es aber naturgemäfs das Entstehen einer besonderen Arbeiterpartei. So hat z. B. die liberale Parteivertretung sich wichtige Forderungen des „Arbeiterprogramms" bereits mehr und mehr zu eigen gemacht. In Nordengland ist der liberale Vertreter der Stadt, der frühere Minister Morley, der „Labour Federation" zu Newcastle bereits in mehreren ihrer Forderungen entgegengekommen. Und dem „Arbeiterprogramm" des John Burns ist insbesondere das des Londoner Liberalismus verwandt. Dieses „Londonprogramm", welchem der Graf Rosebery nahe steht, und gegen dessen volle Aufnahme Gladstone sich nur zeitweise ausgesprochen hat, umfafst, wie es z. B. im Star vom 8. August 1888 und in 1 26 Westbourne Street, London S.W. Schriftführer W. Parnell (Alliance Cabinet Makers). — 497 — abgekürzter Form am 7. März 1890 erschien, als wichtigste folgende Punkte: 1. Steuerreform. Abschaffung der noch bestehenden indirekten Steuern aufser der auf Branntwein. Progressive Einkommen- und Erbsteuer. Neuumlegung der bestehenden Grundsteuer. 2. Ausdehnung der Fabrikgesetze. Ausdehnung der bestehenden Gesetze auf alle Arbeitgeber. Zwangsweise Registrierung aller Arbeitgeber mit mehr als drei Arbeitern. Vermehrung der Fabrikinspektoren, zu denen auch Frauen ernannt, und die vornehmlich aus der Arbeiterklasse selbst erwählt werden sollen. Einführung des Achtstundentages für alle im Dienst der Regierung oder Gemeindebehörden stehenden Arbeiter, ferner in allen auf gesetzlichem Monopol beruhenden Betrieben: Eisenbahnen, Pferdebahnen, Gasanstalten, Docks etc. Einführung folgender Bedingungen in alle von den Behörden geschlossenen Lieferungsverträge: a) Verbot der Accordarbeit; b) Achtstundentag; c) Gewerkvereins- löhne. Die den Achtstundentag betreffenden Forderungen des Programms sind bezeichnend für den praktischen Sinn der englischen Arbeiterbewegung. Obgleich die Arbeitszeit in den meisten grofsen Industrien nur neun Stunden beträgt, auch der Achtstundentag verbunden mit mehreren Schichten schon nicht mehr selten ist, hütet man sich vor augenblicklich undurchführbaren Forderungen. Man setzt vielmehr an dem Punkte ein, wo Erfolg am leichtesten scheint. Stehen doch bereits nicht wenige Stadtbehörden auf dem Boden des Programms. 3. Unentgeltlicher Unterricht in Volksschulen. 4. Reform des Armenunterstützungswesens. Zeitweilige Beschäftigung der Unbeschäftigten durch öffentliche Arbeiten. Wenn auch im Londonprogramm noch nicht ausgesprochen, v. S cliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 32 scheint hier staatliche Kranken-, Unfall- und Altersversicherung im Hintergründe zu stehen. Dieses wenigstens deutet das Programm der „Labour Electoral Organisation" zu Newcastle an. 5. Ausdehnung der Thätigkeit der Gemeindeverwaltung auf Gas- und Wasserversorgung, Strafsenbahnen, Museen, Bibliotheken, Häfen, Friedhöfe, Krankenhäuser etc., insbesondere auch auf den Bau von Ar heiter Wohnungen. Auch diese Forderungen sind bereits grofsenteils in einigen Städten, z. B. in Glasgow verwirklicht, wo alle im Londonprogramm aufgeführten Gegenstände aufser dem Hafen „municipalisiert" sind; insbesondere ist man nicht ohne Erfolg zur Herstellung von Arbeiterhäusern und Vermietung zum Selbstkostenpreise geschritten 1 . 6. In letzter Linie stehen die gewöhnlichen Forderungen des politischen Radikalismus, insbesondere Bezahlung der Parlamentsmitglieder und der Wahlkosten. Auf dieses Programm oder einzelne seiner Punkte, unter welchen übrigens bezeichnenderweise die Entstaatlichung der Kirche fehlt, sind heute bereits nicht wenige Mitglieder der liberalen Partei gewählt. Während so die liberale Partei mehr und mehr Staatseingriff zu Gunsten der Massen vertritt, wird die gegnerische Partei zur Verteidigerin der individuellen Freiheit. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich die Rollen vertauscht haben und die konservative „Liberty and Property Defence League" sich die Beweisgründe der älteren Nationalökonomie für das Laissez-faire zu eigen gemacht hat, welche einst für die liberale Partei erfunden waren. Wir haben damit die beiden Handhaben hervorgehoben, deren sich die englische Arbeiterbewegung heute bedient. Nun sind freilich die Widerstände höchst bedeutend und werden, 1 Report of the City of Glasgow, Improvement Trust, 1888. wahrscheinlich in der konservativen Partei sich vereinigend, im Interesse der englischen Konkurrenzfähigkeit wirksam werden. Zudem führt die wirtschaftliche Entwicklung mehr und mehr zu einer weiteren Konzentration, wenn auch nicht der Vermögen, so doch der Betriebe, vom Grofsbetrieb zum Kolossalbetri'eb, ja vielfach zum einheitlichen Betrieb ganzer Industriezweige mittelst der Kartelle und Trusts. In Amerika sind ganze Gewerbezweige so „monarchisiert" worden; in Deutschland sollen in die sechzig Industrieen bereits kartelliert worden sein; auch in England sind solche Entwicklungen nicht unbekannt, wenn sie auch angesichts der noch entgegenstehenden öffentlichen Meinung noch versteckt auftreten. Allein wenn auch dem Kapital damit ein neues Machtmittel erwächst, kann diese Entwicklung da, wo die Arbeiter gut organisiert sind, das Anwachsen der Macht der Arbeiter nicht aufhalten. So ist in England zweifelsohne die Macht des Arbeiters im Wachsen. Bedeutet nun eine solche Entwicklung die Gefährdung des geistigen und sittlichen Besitzes der Nation, wie festländische Beurteiler zu fürchten geneigt sind? Wir können hierfür die Tbatsachen um Rat fragen. Während die nordamerikanische Staatenwelt ein Abkömmling des älteren, agrarisch-kapitalistischen Englands ist, hat in den melancholischen Ebenen Australiens, an den Bergen und Gletschern Neuseelands ein Spröfsling des neueren industriell-demokratischen Englands Wurzel geschlagen. Die Ziele der englischen Arbeiterbewegung sind thatsächlich in den Staaten Australiens verwirklicht, über die das jüngst erschienene Buch des Sir Charles Dilke 1 Aufklärung gegeben hat. Die Lebenshaltung des australischen Arbeiters ist die höchste der Welt 2 . Der 1 Problems of Greater Britain, insbesondere Bd. II, Teil VI. London, Macmillan, 1890. 2 Die Löhne sind 100 % höher als in England für 20 °/o kürzere 32* Achtstundentag ist allgemein und wird von allen Klassen der Bevölkerung in gleicher Weise anerkannt. Aufzüge an dem zum nationalen Festtage gewordenen „Demonstration Day" verherrlichen die Einführung des Achtstundentages; wenige Australier gäbe es, meint Sir Charles, die sich nicht mit nationalem Stolze des Anblicks dieser wohlgenährten und wohlgekleideten Scharen erfreuten, wenn sie mit ihren Gewerkschaftsbannern die Strafsen durchzögen. Die Gewohnheit körperlicher Übungen, welche hier wie nirgends Gemeingut des Volkes sind, hat den physischen Stand des australischen Arbeiters ebenso gehoben wie ein allgemeiner und unentgeltlicher Volksschulunterricht seine Bildung und geistige Interessen. Er erfreut sich einer über dem europäischen Durchschnitt stehenden Presse, eines ausgebildeten Vereinslebens u. s. w. Ein grofsartiges System freiwilliger Versicherung schützt ihn vor Krankheit, Alter, Unfall; teilweise, z. B. in Viktoria, reichen die Friendly societies bis in die unteren Schichten der Mittelstände hinein. Für den vorliegenden Zweck ist die Thatsache noch wichtiger, dafs der organisierte Arbeiter, d. h. die Gewerkvereine, welche zu einer nationalen Föderation verbunden sind, in der jungen Gesellschaft die erste Macht darstellen. Australien scheint die entgegengesetzte Entwicklung einzuschlagen von Amerika, wo Kapital und Landinteresse allmächtig ist. Der unfruchtbarere Boden Australiens, welcher Staatshülfe zu Bewässerungsanlagen erfordert, das Überwiegen der Städte und besonders der Hauptstädte, in denen hohe Arbeitszeit, wofür allerdings die australische Arbeit durch weit gröfsere Leistungsfähigkeit diesen Unterschied zum grofsen Teil wieder aufhebt. Denn die gleichen Waren sind in England nur 20 °/o hilliger als in Australien, woneben aufserdem Entfernung und Schutzzoll dem australischen Arbeitgeber zu Gute kommen. •Jfy? - rmr- — 501 — Prozentzahlen der Gesamtbevölkerung wohnen (in Victoria. 35 %>), hat den Arbeiter zu einer sonst nirgends eingenommenen Bedeutung gehoben. Die Gesetzgebung legt davon Zeugnis ab. Die Vorschläge des Londonprogramms sind in Australien fast alle verwirklicht. Nicht nur dafs die Stadtbehörden einen grofsen Teil jener Monopole, wie Gas, Wasser, Pferdebahnen etc. übernommen haben, auch die Eisenbahnen befinden sich in Staatsbesitz, was in England als weitgehend socialistische Mafsregel angesehen wird. Die Erziehung ist unentgeltlich. Vor allen aber zeigt sich die Vorherrschaft der Arbeit gegenüber dem Kapital in dem System der Besteuerung; die wichtigste Steuer ist die progressive Erbsteuer, welche nach Düke thatsächlich jene Koncentrierung des Reichtums verhindert, wie sie in Amerika sich gefährlich geltend macht, ohne den Ansporn zur Kapitalbildung zu vermindern, da sie 10°/o (Victoria) beziehungsweise 13% (Neu-Seeland) nicht übersteigt. Der Achtstundentag ist nicht Gesetz 1 , jedoch ist die Aufnahme der achtstündigen Arbeitszeit in die Lieferungsverträge der Behörden, wie sie im Londonprogramm verlangt wird, allgemein. Ebenso sind die übrigen Forderungen, die wir oben anführten, in Australien meist verwirklicht: z. B. Bezahlung der Parlamentsmitglieder, zeitweilige Beschäftigung der Unbeschäftigten an öffentlichen Arbeiten u. s. w. Aber neben so weitgehendem Staatssocialismus ist kein Land der Welt so frei von revolutionärem Socialismus. Wenn die Herrschaft der Arbeiter in dem Besteuerungssystem voll zum Ausdruck kommt, so finden weitgehendere socialistische Vorschläge keinen Boden. Die Verstaatlichung des Landes, die der amerikanische Arbeiter fordert, hat hier, wo der Arbeiter sie ÖL 1 Bezeichnend für den geringen Wert, der auf ein solches, in der That überflüssiges Gesetz gelegt wird, ist, dafs es im Parlament von Süd- Australien zwar die Mehrheit erhielt, aber nicht zur dritten Lesung gelangte. — 502 — durchführen könnte, wenig Aussicht auf Verwirklichung. Denn der Arbeiter selbst ist Grundbesitzer; mehr als die Hälfte der Arbeiter Viktorias leben in eignen Häusern, welche sie mit Hülfe von Baugesellschaften errichten. Noch weniger natürlich wären sie weitergehenden Verstaatlichungsmafs- regeln geneigt, da sie ihre Ersparnisse grofsenteils aktien- mäfsig in Fabrik- und Bergwerksbetrieben anlegen. Auch in Beziehung auf das Arbeitsverhältnis bedeutet die hohe Entwicklung der Gewerkvereine nicht Zusammenbruch der nationalen Industrie. Ausstände und Ausschliefsungen sind äufserst selten; die Ansätze von Einigungseinrichtungen, die wir in England fanden, sind hier eine Entwicklungsstufe weiter. Die Gewohnheit der Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten durch Schiedsgerichte und Einigungskammern ist allgemein; es bestehen, zwar nicht gesetzlich eingeführt, aber doch als dauernde Einrichtungen sogenannte Boards of Ärbitrators, deren Beisitzer von Arbeitern und Arbeitgebern und deren Vorsitzende von den Beisitzern erwählt sind. Während die Arbeiter die politisch mafsgebende Klasse sind, und mit vollem Bewufstsein über ihre Interessen wachen, haben sie nicht den Ehrgeiz, Parlamentsmitglieder zu werden. Es giebt keine Arbeiterpartei, da die Arbeiter mit dem Volke identisch sind. So wählen sie ihre Vertreter gewöhnlich aus den litterarisch gebildeten Kreisen. Der in den Parlamenten herrschende Ton ist durchschnittlich ein hoher und die Staatsverwaltung ohne Zweifel von gröfserer Unbescholtenheit als in Amerika. Obwohl der Schulunterricht konfessionslos ist, erklärt Düke den australischen Arbeiter für religiöser als selbst den englischen und amerikanischen. Die Herrschaft der Arbeiter und die damit eintretende staatssocialistische Gesetzgebung hat also nicht die Weissagung H. Spencers bewahrheitet, welche er demjenigen entnahm, — 503 — was europäische, insbesondere unterdrückte Arbeiterbewegungen über ihre Endziele auszusagen pflegen. Die „kommende Sklaverei" scheint nirgends weniger in Sicht als in Australien. Die Freiheit und Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen ist keineswegs untergraben; vielmehr dienen die Eingriffe des Staates nur dazu, dieses höchste Erbteil der europäischen und insbesondere protestantisch - germanischen Abstammung möglichst vielen zu verwirklichen. Ist anzunehmen, dafs die arbeitenden Klassen, gerade je mehr sie emporsteigen, dieses Gut der Freiheit werden antasten wollen, auf welchem doch alles beruht, was sie errungen haben? In der That zeigt sich hier praktisch jene Versöhnung zwischen dem älteren Liberalismus und den mehr und mehr von socialistischen Gedanken durchsetzten Strömungen der Gegenwart — eine Vereinigung, deren gedankenmäfsigen Ausdruck wir in vorliegendem Werke in den verschiedensten Formen verfolgt haben. Wie könnte man auch glauben, dafs beide Richtungen im Leben ihre Vermittelung nicht finden könnten, nachdem die Entwicklung des Denkens bereits über sie als Gegensätze fortgeschritten ist? Diese Gedanken auf die gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart angewandt, geben zugleich eine Vorstellung über die Art, in welcher sich die Vereinigung im Leben vollziehen wird. Die Idee des Organismus, die wir in Übereinstimmung mit H. Taine als die Grundlage der geschilderten geistigen Bewegung ansehen, bietet die höhere Einheit. Die organische Entwicklung ist durch fortschreitende Unterordnung der Teile unter das Ganze und fortschreitende Differenzierung der Teile zu Organen gekennzeichnet. Daneben her geht ein Prozefs der Anpassung der das Ganze zusammensetzenden Einheiten an die Lebensbedingungen des Ganzen; der zuerst auf mechanische Mittel gegründete Verband wird mehr und w r , jf i m - — 504 — mehr ein Zusammenhang auf Grund innerer Strukturveränderungen, worauf z. B. die ungeheure Überlegenheit der socialen über die physischen Organismen beruht, indem erstere sich aus Individuen, letztere aus mechanisch verbundenen Teilen zusammensetzen. Der bezeichnete Vorgang strebt auf einen Zustand des Gleichgewichts hin, in dem Bewegung und Gegenbewegung sich gegenseitig ausgleichen. Freilich ist ein Organismus, welcher zu vollständigem, „ruhendem" Gleichgewicht gelangt wäre, undenkbar; diese Eigenschaft, die Ewigkeit wäre, könnten wir nur dem alle Erscheinungen umfassenden Ganzen zuschreiben, welches aus dem Gebiet der Erkenntnis hinausfällt. Wendet man diese Gedanken auf das Gebiet der gesellschaftlichen Entwicklung an, so ist auch von dieser fortschreitende Unterordnung der Teile unter das Ganze und fortschreitende Differenzierung der Teile zu Organen auszusagen. Die das Ganze zusammensetzenden Einheiten, die menschlichen Individuen, passen sich in wachsendem Mafse den Lebensbedürfnissen des Ganzen an; mechanische Mittel, staatlicher Zwang, werden durch innere, d. h. moralische Veränderungen in den Individuen ersetzt. Aller socialer Fortschritt ist also in letzter Linie moralischer Fortschritt, ein Gedanke, in dem ich mit meinem hochverehrten Freunde Dr. Spence Watson zu Newcastle voll übereinstimme. Aber eine Gesellschaft, die des Zwanges völlig entbehren könnte, die allein auf moralischer Unterordnung der Individuen beruhte, es also zum dauernden Gleichgewichte gebracht hätte, ist ein Ideal, als solches nicht von dieser Welt; man steuert ihm zu, ohne es zu erreichen. Dieses Ideal für Wirklichkeit genommen zu haben, war der Irrtum des älteren Liberalismus, welcher durch Befreiung des Individuums die sociale Harmonie herbeiführen zu können vermeinte. Wie weit das - 505 — Individuum von den Vorbedingungen jenes idealen ZustandeS entfernt war, zeigte sich darin, dafs die Befreiung des Individuums lediglich Entfesselung der selbstsüchtigen Triebe bedeutete. Hiermit aber gelangte man zur Unterdrückung des Schwachen durch den Starken und damit weiter zur social- revolutionären Partei, welche die Einsicht in den Irrtum des älteren Liberalismus allen denen heute aufzwingt, die nicht auf anderem Wege schon früher dazu gelangt sind. Demgegenüber betont in dem Grade, als die wirtschaftlich Schwachen geistig, gesellschaftlich und politisch in den Vordergrund treten, der Socialismus „den Zwang zu Opfern". Seine Überlegenheit gegen die frühere Denkweise besteht in der Behauptung, dafs der Einzelne, sein Besitz wie seine natürlichen Gaben, dem Ganzeu untergeordnet, dafs allgemeine höher als individuelle Interessen sind. Die socialistische aber wie die individualistische Gesellschaftsauffassung vereinigt die sociale. Sie stimmt ganz und voll mit jener Grundbehauptung des Socialismus überein, dafs der Einzelne für das Ganze da sei. Aber sie ist folgerichtiger. Jener Satz nämlich läfst sich nur begründen durch eine organische Gesellschaftsauffassung, im Gegensatz zu der mechanischen des Individualismus. Aus diesem Grunde aber kann auch die Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze nicht mechanisch, sondern allein organisch gedacht werden; sie ist als solche in wachsendem Grade eine freie auf inneren Veränderungen des Einzelnen beruhende. Wenn der Socialismus den Individualismus mit staatlicher Zwangsgewalt bricht, so ist für die sociale Auffassung Zweck nicht der Zwang, sondern die einstige Entbehrlichkeit des Zwanges. Mit der älteren Lehre ist ihr die Befreiung des Individuums das Ziel der Entwicklung, aber nicht ein heute oder morgen durch einige deroga- torische Gesetze zu erreichendes, sondern ein unendlich fernes, '«Mm " — 506 — ideales. Auch geschichtlich ist sie imstande, die bleibenden Segnungen zu würdigen, welche dem älteren Liberalismus verdankt werden. Er erst eröffnete dem mit ihm aufwachsenden Arbeiterstande des Grofsbetriebes die Möglichkeit der Selbstbestimmung, welche ihn heute zum Socialismus geführt hat. Aber die sociale Auffassung erwartet nicht sofortige Annahme ; erst dann wird sie als Damm der socialistischen Sturmflut gegenüber dienen, wenn der Arbeiterstand selbst hoch genug gestiegen ist, um die persönliche Freiheit als Gut dem socialistischen Staate gegenüber zu verteidigen. Hier wird, wie wir in Australien sehen, das Verlangen nach Staatseingriff seine unüberschreitbare Grenze finden. Ja auf die Dauer ist sogar eine Rückflut der socialistischen Strömung zu erwarten. Dann freilich müssen an Stelle der staatlichen Schranken sittliche sich entwickelt haben. Wenn der Fortschritt in dem Zurückweichen des Zwanges aus den menschlichen Beziehungen und seinem Ersatz durch freie Selbstbestimmung besteht, so setzt diese äufsere Entwicklung eine innere voraus. Ihre Vorbedingung ist, um in Carlylescher Ausdrucksweise zu reden, die Fortentwicklung jener „Formen des Glaubens", welche, in ihren Gestaltungen wechselnd, die eine Erziehung der Menschheit zur Freiheit durch Sittlichkeit vermitteln. Nicht wenige der hervorragendsten Werkmeister auf diesem Felde des Geistes haben wir oben in ihren Arbeitsstätten besucht. Mögen sie Nachfolger finden; auch sie arbeiten für den socialen Frieden. Index. Abendklassen I 434. Achtstundenbewegung II 271. Altruistisch I 106; II 14 ff. Amerika II 488. Anarchismus II 131. Anderson II 90. Andrew, Samuel II 297 ff. Anticorngesetzbewegung II 91. Arbeit I 129. Arbeiterklubs I 437. 440 ff. Arbeitsvertrag, der freie I 213. Aristokratie, englische I 203. Armengesetz der Elisabeth I 38. Arnold, Matthew I 372. Aufklärer I 146. Äufsere Formen der Gesellschaft I 128. Australien I 467; II 499 ff. Auswanderung I 286. Baumwollenindustrie II 263 ff. 296 ff. Barnett, Rev. S. A. I 450. Baugenossenschaften I 355 ff. Baugewerbe II 426. Bedford, Bischof von II 469. Beesley, Prof. E. S. II 51. Bell, Sir I. L. II 262. Bentham I 179 ff. 183; II 99. Besant, Mrs. A. II 468. Blackburn, Weber zu II 306. Bolingbroke I 12. Bolton, Lohnliste II 309. Bright, John II 91. 160. Bradford, Wollspinner II 216. Brassey, Lord II 260. 274. 451. Brentano I 296. 305. 419; II 239. 271. 273. 286. 289. 470 ff. Briant, Mrs. II 469. Briggs I 316. Broadhead II 236. Broadhurst II 142. 143. 247. Brooke, Rev. Stopford II 170. Brougham, Lord I 33; II 213. Bunning, T. W. II 335. Burnley I 369. Bums, John II 119. 121. 132. 435. 450 f. 460. 469. 479. Burt, Thomas II 331. 372. 425. Buxton, S. II 44-5. Cairnes, Prof. n 114. Champion, H. II. II 152. 460. 476. 481. 484. Charity Review II 109. Chartismus I 57 ff. 226. Christ-Church-Mission I 385. Christentum I 329 ff. 341. Churchill, Lord R. II 126. 271. Cleveland, Eisenbergbau und Hochöfen II 377. Cobden, R. II 91. 160. Coleridge I 245. Combination Laws II 225. Common Law II 230. Comte, A. I 246; II 6 ff. Congreve II 59. Conspiracy and Protection of Pro- perty Act 1875 II 243 ff. County Council fürLondon II 122.462. Criminal Law Amendment Act II 243 ff. 508 Index. Crofters, schottische II 162. Cromwell I 108 ff. Crossley, Sir Francis II 237. 261. Dale, David II 386. 393. 432. Darwin I 110. Defoe I 4. Delahaye, V. II 265. Demokratie I 155. 202. Denison, Eduard I 450. Derhy, Lord I 313. Derbyskala II 391. Deutsche Litteratur I 240. Deutsche Philosophie I 104. Deutsche Rechtsschule I 168. Deutschland I 289. Dilke, Lady II 465. Dilke, Sir Charles II 499. Disraeli, B. I 395 ff. Dockarbeiter II 433 ff. Drage, G. II 103. 199. Dunraven, Lord II 108. 271. 469. Engineers (Maschinenbauer) II 249. 416. Eisenbahnangestellte II 460. Eisengiesser II 413. Engels, F. I 42; II 81 ff. 444. Entsagung I 103. Entwickelung I 105. Exekutive I 282. Exeter-Hall I 390. Fabische Gesellschaft II 122 ff. Fabrikgesetzgebung I 283; II 202 ff. Fawcett, Prof. I 268. 370. Fielden, John II 214. Financial Reform Association II 91. 159. Finalitätserklärung I 60. Föderation der Arbeit II 478. Französische Revolution I 157. 225. Frauenorden I 386. Friedensrichter I 25. Gasarbeiter II 437. Gaskell I 47. Genossenschaft I 139 ff. Genossenschaftsamt I 318. Genossenschaftsbewegung I 295 ff. George, Henry II 91. 160. Geschichte I 118 ff. Gewerkvereine II 68. 136 ff. 235 ff. 470 ff. 494. Gierke, Otto I 167; II 241. Giffen, R. II 112. 477 ff. Gilde des heiligen Matthäus II 170. Gladstone II 278. Glasgow II 498. Gneist I 5. Goethe I 84. 251 ff. Gray, Lord I 29. Green, T. II. I 411 ff. Greenwood, J. I 364. Grundrente, Theorie der II 90. 158. Grundsteuer II 163. Hamilton, Sir William II 75. Handelskammer, Londoner II 457. Harrison, Frederic II 52. 57. 68 ff. Häuer II 338 ff. Hauptleute der Industrie I 275 ff. Haworth R. II 194. Headlam, Rev. Stuart II 165. 169. Ilebden Bridge I 363 ff. Herschell, Lord II 354. Hobbes I 12. Holyoake I 311. 343. Hörigkeitsverhältnisse I 217. Ilowell, George II 139. 219. 251. Huddersfield I 371. Hughes, Thomas I 302. j Hume, Joseph II 229. Hyndmän II 117 ff. Hüttengewerbe II 385 ff. Ilirxley, Prof. II 113. ! Idealismus I 242 ff. Jesuitismus I 144. 172. Imperialismus II 54 ff. Industrial and Provident Societies Act I 313. Innere Formen der Gesellschaft I 121 ff. Institution zu Halifax I 19. Johnstone, John I 92. Irland I 43. 210; II 162. Jung England 1 394. . Index. 509 Jünglingsvereine, christliche I 387. Justice II 117. Kalvinismus I 88. Ivameronianer I 91. Kant I 242 ff. 249. Kaufmann, Rev. M. II 141. Kettle, Sir R. II 286. 325. Kinderarbeit II 224. King, Gregory I 1. 15. Kingsley I 303. Kirche I 172. 393. Koalitionsfreiheit II 224 ff Kommune, Pariser II 61. Kommunistische Manifest II 84. Konkurrenz, freie I 110. Konsumverein I 335 ff 347 ff Körperschaftsfreiheit II 241. Kritische Philosophie I 241. Krapotkin, Fürst II 132. Landfrage II 157 ff. Land Nationalisation society II 161. Land Restoration League II 161. Landwirtschaft I 1. 7. Lee, Augustus II 212. Leclaire I 329. Lehrlingsgesetz der Elisabeth I 18. Lohnlisten II 312. Lohnskala, gleitende II 396 ff London programm II 496. Lord, Mr. II 277. Lovett, William I 58. Ludlow, J. M. I 302. 325 ff 476. Macchiavelli I 113. Maltkus I 37 ff 181. Manchesterlehre I 34. Mann Tom II 121. 458. 481. Manners, Lord John I 394. Manning, Kardinal II 448. Martineau, Harriet I 36. Marx II 84. 203. 470. Mason, Hugh II 190. Mässigkeitsbewegung n 197 ff Mather, William II 200. 273. Mathäus, Gilde des heiligen II 170. Maudsley I 434; II 286. Maurice, F. D I 296 ff Meath, Graf von II 193. Menschheit II 33. Merkantilismus I 16. 32. Methodismus I 143. Mill, John Stuart I 86. 317; II 7. 99 ff 159. 237. 268. Montagu, Samuel II 463. Moore, P. II 229. Morley, John II 496. Morris, W. II 134. Mundella, A. J. II 233. 267. 284. 291 ff 432. Munro, Prof. I 438; II 304. 313. 401. Näherinnen II 223. 467. National labour electoral association II 496. Nationalökonomie, klassische I 91 ff. 417 ff; II 27 ff. Naturwissenschaften I 177. Neale, V ansitartt 1293.304.318.327 ff. Negative Zeiten I 141. Negerfrage I 219. Neunstundenbewegung II 273. Newman, Kardinal I 380; II 10. Nottingham, Einigungskammer II292. Oastier, Richard II 209. O'Connel I 60. O'Connor I 60. 68. Oldham, Spinner zu n 307. Organismus I 106. 117 ff.; II 503. Ost-London I 431; II 104 ff Owen, Robert I 307; II 204. Oxford I 378. 399. 409. Oxfordhouse I 438. Pananglikanische Bischofskonferenz II 174. Parlament I 191 ff. Parlamentsverfassung, englische I 6. Pauperismus II 115. Pease, J. W. II 406. 412. Peel, Sir Robert II 204. 208. Pessimismus I 99. Philanthropismus I 184. Pioniere von Roclidale I 311. Piaton I 189. I Plutokratie II 53. 510 Index. Positive Zeiten I 136 ff. Produktivgenossenschaft I 339 ff. 359 ff. ' Public Libraries Act. I 357. Pusey I 378 ff. (Juesnay II 159. Radikalismus I 154 ff. Reaktionäre Richtungen 1375; II 50. Recht I 133. Reformation I 91 ff. 145. Reformbill I 29. Reklame I 152. Relay-System II 213. Revolution I 155 ff. Ricardo I 35; II 86. 90 ff. 158 ff. Rochdale I 311. Rosebery, Lord 1436; II 461.485.496. Ruskin, John I 372. 400 ff. Rüssel, Lord John I 64. Sadler II 210. Salisbury, Lord I 452. Salt, Sir Titus II 192. Saltaire II 193. Schiedsgericht, das industrielle II 354 ff. Schiffsbauer II 420 ff. Schneider II 463. Schopenhauer I 128. Schriftsteller I 257. Seidenweberei II 290. Selbstverwaltung I 5. 25. Setzergewerbe II 290. Shaftesbury, Graf von 142.53; II 211. Shaw-Lafevre II 368. Sheffield II 236. 414. Sherlock, Rev. T. T. II 173. Sidgwick, Prof. II 85. Simon, Jules II 272. Sittengesetz I 132. Smith, Adam I 31; II 87. Socialdemokratische Föderation II 116 ff. Sociale Frage I 206 ff. Socialistische Liga II 131 ff. Sociologie II 16. Socialrevolutionäre I 155. Sonntagsschulen I 391 ff. Spencer, H. I 166; II 73 ff. 176 ff. Star II 498. Stephens I 61. Sterling, John I 190. 245. Sweatingsystem II 108. Taine, II. I 104. 399; II 5. 503. Teppichfabrikation II 238. Thomson, George I 372 ff Thornton II 237. Tillet, Ren I 457; II 467. Tory Socialismus I 397. Toynbee, Arnold I 408 ff Toynbee-IIall I 448 ff. Trades Uuions Acts II 240. Trow, Mr. II 255. 393. Turgot I 31; II 159. Universitätsausdehnungsbewegung I 457 ff. Utilitarier I 98. 177. Vereinsfreiheit II 242. Versammlungsrecht II 242. Volkspalast I 435. Volksbibliothek I 257. Wallace, Prof. A. II 161. AVaterhouse, E. II 408. Watson, Dr. Spence II 327. 331. 394. 461. 504. AVebb, Sidney II 123. Wehrpflicht, allgemeine I 286. Westminster Review I 299. AVholesale Society I 314. 338. AVilhelm Meister I 100. AA r ohlthätigkeit in London II 109. AVohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber II 191. Wollweberei I 17 ff; II 296. AVomens Provident Society II 466. AVomens Provident League II 469. Young, Arthur I 16. Young, R. II 147. 329. 372. Zehnstundenbewegung II 218. Pierer'sclie Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel* & Co. in Altenburg.