Zum socialen Frieden, Eine Darstellung der socialpolitischen Erziehung des englischen Volkes Leipzig, Verlag von Duncker & Humblot. 1890. im neunzehnten Jahrhundert. Dr. Gerliart von Schulze-Gaevernitz. Zweiter Band. Inhalt zum zweiten Bande. Seite Zweites Buch. Die' socialen Richtungen der Gegenwart .... 1 Fünftes Kapitel. Der Positivismus 3 I. Der Positivismus als theoretische Richtung 7 II. Der Positivismus als politische Richtung 48 Sechstes Kapitel. Der Socialismus 78 I. Die Grundlagen des Socialismus 80 II. Die Organisation des Socialismus 116 III. Der Socialismus und die Gewerkvereine 136 IV. Die Landfrage 157 V. Der Socialismus und die Kirche 164 VI. II. Spencers Kritik 176 Drittes Bnch. Der sociale Friede 187 Siebentes Kapitel. Die socialpolitische Erziehung der Grofsindustrie 190 I. Die Wohlfahrtseinrichtungen 190 II. Die Fabrikgesetzgebung 202 III. Die Koalitionsfreiheit 224 IV. Die Interessengemeinschaft der Arbeit mit der modernen Produktionsform 253 Achtes Kapitel. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter in der Grofsindustrie 280 I. Allgemeines 280 II. Die Textilgewerbe 290 — VI — Seite III. Die Kohlenindustrie * • 329 A. Der gemeinsame ständige Ausschufs (joint com- mittee) 333 Statuten des gemeinsamen ständigen Ausschusses für Northumberland. (März 1877) 348 Zusatzregeln 349 B. Erledigung allgemeiner Fragen 351 IV. Die Eisenindustrie 377 A. Eisenbergbau und Hochöfen 377 B. Das Hüttengewerbe 385 C. Gleitende Lohnskala 396 D. Die weitere Verarbeitung des Eisens 413 V. Folgen 425 Neuntes Kapitel. Die ungelernten Arbeiter 433 I. Der Ausstand der Dockarbeiter 1889 433 II. Die übrigen ungelernten Arbeiter 458 Schlufs 486 Zweites Buch. Die socialen Richtungen der Gegenwart. (Fünftes und sechstes Kapitel.) „It may be said, that the inferior efficacy of public and social feelings, is not inevitable — is the result of imperfect education." John Stuart Mill. Chapters on Socialism. Fortnightly Review Apr. 1879, S. 516. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 1 Fünftes Kapitel. Der Positivismus 1 . Vorbemerkung. Litteratur des englischen Positivismus. I. Englische Übersetzungen der Werke Comtes. The Positive Polity, 4 vols. 8vo, with Analytical Tables, Appendices, Diagrams, and Index. (Longmans & Co.) Vol. I. — The General View of Positivism and Introductory Prin- ciples (Dr. Bridges). Vol. II. — Social Statics, or the Ahstract Theory of Human Order (Mr. Frederic Harrison). Vol. III. — Social Dynamics, or the General Theory of Human Progress (Professor Beesly). Vol. IV. — The Theory of the Future of Man (Dr. Congreve). The General View of Positivism, translated by Dr. Bridges, 2nd edition. (Reeves & Turner.) The Positive Philosophy, translated by Harriet Martineau, 2nd edition. (Trübner & Co.) The Catechism of Positive Religion, translated by Dr. Congreve (Trübner & Co.) 1 Vorliegendes Kapitel, aufser die auf H. Spencer bezügliche Stelle, hat Herr Harold Herford zu Aberyswith in der Handschrift durchzusehen die Güte gehabt, ein in der deutschen Litteratur wie in den Schriften des Positivismus gleich bewanderter Anhänger der zu schildernden Richtung, welchem ich hiermit meinen Dank ausspreche. 1* t _ 4 — The Positivist Calendar and Tables, 24mo. The Positivist Library. II. Schriften englischer Positivisten. Dr. J. H. Bridges. — The Unity of Comte's Life and Doctrine, a Letter to Mr. Mill. (Trübner & Co.) — Prayer and Work, a Lay Sermon. — Religion and Progress, a Lay Sermon. — Rapports du Positivisme avec les autres croyances actuelles, Discours prononce ä Paris, 5 Sept. 1880. Frederic Harrison. — Order and Progress. (Longmans & Co.) — The Meaning of History. (Trübner & Co.) — Science and Humanity, a Lay Sermon. — The Present and the Future, an Address. — Pantheism and Cosmic Emotion, an Address. — Destination, or Choice of a Profession, an Address. Professor Beesly. — The Social Future of the Working Classes. (Reeves & Turner.) — Some Public Aspects of Positivism. International Policy. — Essays on the Foreign Relations of England. (Chapman & Hall.) Dr. R. Congreve. — Essays: Political, Social, and Religious, 8vo. (Longmans & Co.) Dr. J. Kaines. — The Doctrine of Positivism, 8vo. (Reeves & Turner.) — Clairauts Geometry, translated. (K. Paul & Co.) — The Beauty of Holiness. Professor Ingram. — The Present Position and Prospects of Political Economy, an Address. (Longmans & Co.) Henry Dix Hutton. — Humanity the True Object of Worship, Faith and Service. — A Letter on the Irish Crisis. Dr. R. Congreve. — Commemoration of Auguste Comte, 1879 and 1882. Positivist Library, 19 Chapel Street, Lamb's Conduit Street, London, W.C. Dr. J. II. Bridges. — Three Lectures on the Bible. (Reeves & Turner.) — Comte: the Successor of Aristotle and St. Paul. (Reeves & Turner.) Professor E. S. Beesly. — The Life and Death of William Frey. (Reeves & Turner.) — Positivism before the Church Congress. (Reeves & Turner.) — 5 — Frederic Harrison. — The Positivist Library. (Reeves & Turner.) Essays on International Policy. (Congreve, Harrison, Beesly, Bridges etc.). Cloth. (Chapman & Hall.) C. G. Higginson. — The Moral Significance of the Story of Faust. (E. W. Allen, Ave Maria Lane, London, EC.) — Auguste Comte (September 5th, 1887). (Beeves & Turner.) Von den kritischen Behandlungen, welche zahlreich, aber im allgemeinen wertlos sind, weil meist auf Mifsverständnis des Positivismus beruhend, nenne ich allein die bekannte, weit über dem Durchschnitt stehende Schrift J. St. Mills in der deutschen Ausgabe seiner gesammelten Schriften Bd. IX. Leipzig 1874. Aufserdem sind für den heutigen englischen Positivismus wichtig: a) die Aufsätze Fr. Harrisons und anderer Positivisten in der „Fortnightly Review" aus den sechziger und siebenziger Jahren; b) die reiche Pam- phletlitteratur der Positivisten; c) die jedem Besucher offenen religiösen Versammlungen der Positivisten zu Newton Hall, Fleur de Lys Court, Fetter Lane, London. Der ungeheure Umschwung von einer individualistischen zu einer socialen Gesellschaftsanschauung, welcher das Merkmal des neunzehnten Jahrhunderts bildet, und dessen Mittelpunkt für England Thomas Carlyle gewesen ist, hat nicht nur die konservativen und gemäfsigt liberalen Richtungen ergriffen. Auch die Radikalen haben ihm ihren vollen Zoll bezahlt. An Stelle des älteren Radikalismus, wie er theoretisch durch Bentham, politisch in der Lehre vom Laissez- faire durch John Bright, Cobden und andere vertreten wurde, tritt der Positivismus und der Socialismus. Der Positivismus ist älteren Datums. Schon H. Taine weist in seinem Buche: „Notes sur l'Angleterre" (Paris 1872), welches auf Beobachtungen der fünfziger und sechziger Jahre beruht, darauf hin, dafs positivistische Anschauungen in England vielfach auch im Arbeiterstande Boden gewännen. Die Ausbreitung des Positivismus aber wurde, wie seine eigenen Vertreter vorhergesagt hatten 1 , seit den siebziger Jahren durch den Socialismus überholt. Wie sehr noch bis vor kurzem socialistische Richtungen gerade den Radikalsten der Radikalen entgegengesetzt waren, auch für England erscheint es heute nur als eine Frage der Zeit, bis auf der äufsersten Linken sich der Umschwung vom Individualismus zum Socialismus vollzogen haben wird. Die Positivisten ihrerseits aber betrachten diese Entwicklung als Gewinn für sich, indem sie zwar den Socialismus nicht teilen, aber ihn, wie wir sehen werden, als notwendigen Durchgangspunkt betrachten, über welchen hinaus West-Europa in den „positivistischen Gesellschaftszustand" übergehen soll. Trotzdem wird auch der Positivismus mehr und mehr eine Macht, mit der man sich auseinandersetzen mufs. Der Positivismus geht auf August Comte zurück, welcher im Jahre 1798, zwei Jahre nach Carlyle, zu Montpellier in Süd-Frankreich geboren wurde. Seine Werke sehen die englischen Positivisten als Grundlage ihrer Lehre an; jedoch haben die veränderten Verhältnisse, wie sie das moderne England gegenüber der Zeit und Heimat Comtes aufweist, für Männer, deren Hauptinteressen auf dem socialen Gebiete liegen, neue Probleme zu Tage gefördert. Daher finden sich in der neueren positivistischen Litteratur Englands Fragen, welche Comte nur gestreift hat, eingehend behandelt; diese Fortentwicklung des Positivismus veranlafst mich die im folgenden zu gebende Darstellung seiner Grundgedanken vorzugsweise auf die Schriften seiner lebenden Vertreter, sowie mündliche Mitteilungen derselben aufzubauen. Auch bin ich mir bewufst, dafs die Aufgabe, den modernen 1 Vergl. Frederic Harrison, New Years address 1887, S. 19. — 7 — englischen Positivismus in dem gegebenen Rahmen darzustellen, nicht anders als unzulänglich zu lösen ist. Ist doch einerseits das schwierige System Comtes nicht als bekannt vorauszusetzen, während andererseits auf die Stellungnahme der englischen Positivisten zu den socialen Problemen der Gegenwart der Hauptnachdruck zu legen ist. Bei der Schwierigkeit der Aufgabe schien mir jedes Einmischen von Kritik verwirrend; daher ich so objektiv wie möglich darstelle. Meine Darstellung geht den entgegengesetzten Weg als die von J. St. Mill gegebene. Während dieser die damals eben aufgetretene Philosophie A. Comtes darstellt, versuche ich die Auffassung, welche dieselbe bei den heutigen englischen Positivisten findet, wiederzugeben. Daher konnte Mill mit den theoretischen Aufstellungen des Positivismus beginnen, um damit zu endigen, dafs dieselben auch Anspruch machten, Religion zu sein; für mich dagegen war dieser letztere Punkt zuerst hervorzuheben war, weil er für die Positivisten das wichtigste ist. Während Mill auf die Lächerlichkeiten, welche den späteren Aufstellungen Comtes anhaften, eine grelle Beleuchtung wirft, können wir dieselben übergehen, da sich die heutigen Positivisten ihnen ebensowenig versehliefsen, wie jeder unbefangene Leser, aber die Grundlehren für durch sie unberührt erklären. I. Der Positivismus als theoretische Richtung. Die Kritik des Positivismus gegenüber den socialen Verhältnissen der Gegenwart ist der von Thomas Carlyle geübten äufserst verwandt. Diese Verwandtschaft wäre mehr in das Auge gefallen, wäre nicht die Schreibweise beider so sehr ver- schieden: während Carlyles Gedanken fast stets in der glänzenden Sprache der Leidenschaft hervorgestofsen werden, dagegen das innere System verborgen liegt und nur bei andauerndem Studium hervortritt, opfert Comte selbst die Flüssigkeit des Stils den Anforderungen einer fast mathematischen Schärfe. ■ Trotzdem sind sich die Comtisten bewufst, in wie vielen Punkten ihnen Carlyle vorgearbeitet hat. Man kann sagen, dafs die Aufnahme, die der Positivismus in England gefunden hat, dem Einflufs zu verdanken ist, welchen Carlyle auch auf die radikalen Richtungen geübt hat. Aber während die Diagnose, welche Carlyle und die Positivisten über die krankhafte Beschaffenheit der gegenwärtigen Gesellschaftszustände aufstellen, die gleiche ist, — eine Thatsache, die z. B. C. G. Iligginson 1 betont — gehen beide, was die Prognose der künftigen Entwicklung angeht, auseinander. Wie Carlyle führt der Positivismus die socialen wie moralischen Mifstände der Gegenwart auf die „dösOrganisation spirituelle" zurück, d. h. die Disharmonie, welche dadurch in die menschliche Natur gekommen ist, dafs der Glauben, auf welchem das Denken, Fühlen und Handeln des Einzelnen und damit die Gesellschaft beruht, durch die fortschreitende Entwicklung des Wissens für immer weitere Kreise hinfällig wird. Die Fähigkeit der Hingabe und Selbstaufopferung geht in dem Grade verloren, als durch den Fortschritt des Wissens ihre intellektuellen Voraussetzungen veralten. Die selbstsüchtigen d. h. gesellschaftsfeindlichen Triebe werden damit wieder mächtiger und der Bestand der Gesellschaft, jener durch altruistisches Handeln der Vorzeit aufgespeicherten Erbschaft, wird dadurch in Frage gestellt. 1 Auguste Comte, an address on his life and work. C. G. Higginson, London, Reeves and Turner, Strand W.C. S. 6. Was dem modernen Menschen fehlt, ist also die Übereinstimmung seiner wissenschaftlichen Überzeugungen und seiner Gefühlswelt, welche in einer geordneten und plan- mäfsigen Thätigkeit ihren Ausdruck finden würde. Eine solche Lehensauffassung aber, welche alle Fähigkeit des Menschen: Denken, Fühlen und Handeln durch Unterordnung unter einen aufserhalb des Individuums befindlichen Zweck in Harmonie setzt, hat man zu allen Zeiten als „Religion" bezeichnet. „Sie ist", wie Comte in seinem Katechismus des Positivismus sagt, „der Zustand vollkommener Einheit, welcher unser persönliches sowohl als unser sociales Dasein auszeichnet, wenn alle seine physischen wie moralischen Bestandteile einer gemeinsamen Bestimmung zustreben. Da eine solche individuelle wie kollektive Harmonie unter so verwickelten Existenzbedingungen wie die unsrigen sind, unmöglich vollständig verwirklicht werden kann, so stellt diese Definition der Religion den unwandelbaren Typus dar, dem uns die Gesamtheit menschlicher Anstrengungen immer näher und näher zu bringen hat. Unser gröfstes Glück wie Verdienst besteht hauptsächlich in der Annäherung an diese Einheit, deren allmälige Zunahme den besten Mafsstab des wirklichen persönlichen wie gesellschaftlichen Fortschritts bildet." Religion umfafst demnach den ganzen Menschen, sie ist „coextensive with life". Sie bringt das Denken in Übereinstimmung mit den Gefühlen und giebt beiden einheitlichen Ausdruck im Handeln. Sodann aber vereinigt sie Menschen zu Gemeinsamkeiten der Gedanken, der Gefühle und der Handlungen; sie schliefst so die Einzelnen zu socialen Ganzen zusammen und beherrscht das gesamte Leben der Gesellschaft. Dergestalt war die Religion in allen wirklich religiösen Zeiten: unter den grofsen Theokratien des Ostens, unter Moses und den Propheten, im frühen Griechenland und — 10 — Rom, unter den christlichen Märtyrern der ersten Jahrhunderte, in der Kirche des Mittelalters. Damals war Gott thatsächlieh allmächtig und allgegenwärtig und kein Gebiet des Lebens gab es, das er nicht erfüllt und geregelt hätte — alles durchaus Carlylesche Gedanken. Anders heute. Es ist schwer für uns, sagen die Positi- visten, sich von dieser allumfassenden Macht der Religion auch nur eine Vorstellung zu machen. Denn was heute unter diesem' Namen auftritt, ist nichts weniger als eine das individuelle wie das sociale Leben ordnende Macht. Die heutige Gottheit vielmehr, welche nur in Negationen beschrieben werden kann, hat sich mehr und mehr aus der Welt zurückgezogen; die Religion ist nicht mehr imstande, Wissenschaft, Kunst, Industrie, Politik zu ordnen und das ganze menschliche Dasein einheitlich zu machen (systematiser). Alle diese Gebiete, mehr und mehr von ihr freigegeben, unterfallen der Herrschaft des Individualismus. Nur noch fern von allem praktischen Leben gilt die Religion auf dem Nebellande der metaphysischen Spekulation. Ihre einzige Hoffnung beruht auf ihrer Unbestimmtheit. Wie sie zu jenseitig ist, um in das praktische Leben hinüberzureichen, zu subjektiv, um dem Menschen als eine über ihm stehende Autorität entgegenzutreten, so ist sie zu neutral, um mit der Wissenschaft in Streit zu geraten. Die Religion in diesen Zustand überzuführen, war das Werk des religiösen Liberalismus. Mit Recht erklärte Cardinal Newman für die der Religion heute am meisten drohende Gefahr jene Lehre, dafs es überhaupt keine objektive Wahrheit in der Religion gäbe, dafs vielmehr ein Glaube so gut wie der andere sei. Aber es ist ein armseliger Anspruch, nicht „unvereinbar" mit der Wissenschaft und den Anforderungen des praktischen Lebens zu sein, für eine Macht, welche das gesamte menschliche Dasein be- > — 11 — herrschen und ordnen sollte, das Denken sowohl wie das Handeln. Dies wenigstens, sagen die Positivisten, gelte von der protestantischen Form des Christentums, die sich jedem Wechsel der Verhältnisse anpasse, „weich und gestaltlos wie der Morgennebel". Die römisch-katholische Kirche dagegen gesteht ihre Unvereinbarkeit mit der gesamten modernen Kultur offen ein. Für die Entdeckungen der Wissenschaft hat sie nichts als den Syllabus, für die industrielle Entwicklung der Gegenwart, welche mehr als alles andere nach einer organisierenden Macht ruft, hat sie nichts als die Lehre von Schlechtigkeit des Diesseits und den Rat asketischer Weltflucht. Sie gleicht einer „majestätischen Ruine, welche fest und unveränderlich bleibt, weil die leiseste Veränderung sie in Staub werfen würde". Freilich noch ist die Entwicklung in allen Kreisen nicht gleich weit vorgeschritten. An alle diejenigen, welche dem Alten noch irgendwie innere Befriedigung und den Antrieb zu selbstlosem Handeln verdanken, wendet sich der Positivismus nicht. Er ehrt vielmehr jede Überzeugung, gleich viel, welche es sei, wenn sie nur imstande ist, den Trieben der Selbstverleugnung über die der Selbstsucht den Sieg zu verschaffen. Ganz verschieden von dem Materialismus der ihm vorausgehenden Aufklärung sieht der Positivismus in den Stiftern und Heiligen der Religionen, insbesondere des Christentums, die Wohlthäter der Menschheit; sie allein bisher wirkten wahrhaft konstruktiv und sind daher die Gröfsten der Vergangenheit. Aber neben jenen Kreisen stehen heute und wachsen mehr und mehr an Bedeutung andere. Der Positivismus wendet sich aussehliefslich an diejenigen, welche ein „System des Lebens" nicht mehr besitzen, an die Männer der Wissen- schaft, welche die erweiterte Erkenntnis, d. h. die Einsicht von der unabänderlichen und allgemeinen Geltung des Naturgesetzes den theologischen Glauben hat aufgeben lassen, an die arbeitenden Millionen, welche zu ihrem Schaden empfinden, dafs die Macht, welche das wirtschaftliche Leben regeln sollte, abgedankt hat. Für sie ist der Positivismus nicht eine neue Philosophie, sondern die Religion, d. h. diejenige Macht, welche das Leben und Denken zunächst der fortgeschrittensten Nationen neu organisieren, und damit den „positiven Gesell- schaftszustand" der Verwirklichung zuführen wird. Als solche hat der Positivismus mit Gegnern zu kämpfen. Er erblickt dieselben nicht unter den Anhängern der alten Religionen. Vielmehr, wenn es eine geistige Macht in der Gegenwart giebt, der sich der Positivismus verwandt fühlt, so ist es die christliche Religion, so weit sie mehr als ein Wort und wirklich noch eine Macht ist. Zu ihr, die eine positive Macht war, wie er selber sein wird, befindet er sich, um den Ausdruck zu gebrauchen, in einem „sympathievollen Antagonismus" und giebt lediglich der Zeit anheim, zwischen ihr und sich selbst zu entscheiden. Sie ist die Form der Vergangenheit, er selbst die Form der Zukunft, um das moralisch schlechte, den „alten Adam" zu bekämpfen. Unter den Kreisen, die dagegen vom Christentum schlechterdings nicht mehr beeinflufst werden, und die sein eigentliches Missionsfeld darstellen, hat er zwei Gegner. Sein erster Gegner ist die Wissenschaft der Gegenwart. Der Positivismus als Religion ordnet das menschliche Leben einer aufser ihm stehenden Macht unter. Damit aber wird auch die Wissenschaft dieser Macht untergeordnet, während ihre heutigen Vertreter sie als Selbstzweck hinstellen. Der Positivismus will zu praktischem Zwecke das gesamte menschliche Wissen systematisieren, was die Fachleute in individua- — 13 — listischer Beschränktheit bekämpfen. Dieselben, lediglich mit ihren Sonderfächern' beschäftigt, haben den Begriff der Wissenschaft als eines Ganzen verloren. Soweit sie zudem in den heute am weitesten fortgeschrittenen Wissenschaften, den mathematischen und physikalischen, zu Hause sind, glauben sie die für ihr beschränktes Gebiet gültige Erklärung auf alle anderen übertragen zu können; daher der Materialismus, welcher unter den Specialisten dieser Fächer seine wissenschaftlichen Verteidiger findet. Wenn die Philosophie das Wissen als Selbstzweck betrachtet, die Religion es einem höheren Zweck unterordnet, so findet der Positivismus in den Kreisen der Fachgelehrten Gegner, weil er Religion und nicht blofs Philosophie ist. In gleicher Weise aber erheben sich innerhalb der religionslosen Arbeiterklasse Gegner des Positivismus, weil er Religion und nicht Politik ist. Sobald die alten Glaubensformen hinfällig geworden sind und damit das physische Wohlsein das allbeherrschende Ziel wird, glauben die wirtschaftlich Schwachen, dafs ihnen durch politische Veränderung geholfen werden könne, und verlangen Eingriff des Staates, um die von ihnen zumeist empfundenen Mifsstände zu beseitigen. Während daher die Massen dem Socialismus anheimfallen — ein Vorgang, welcher aus dem Vorherrschen einer individualistischen Weltanschauung notwendig folgt •—, werden zunächst nur wenige der besten unter den Arbeitern eine Lehre annehmen, welche jeden Versuch, durch äufsere Mittel die Gesellschaft umzuformen, als verfehlt zurückweist, und sociale Reform nur auf Grund der innerlichen Reform des Einzelnen möglich erklärt. Trotzdem ist, sagen die Positivisten, der endliche Sieg ihrer Sache sicher. Sie nämlich böten den einzigen Weg, um zwei scheinbar unversöhnliche Forderungen, die beide — 14 — gleich tief in der menschlichen Natur eingewurzelt sind, zu versöhnen: die wissenschaftliche Forschung einerseits und das religiöse Bedürfnis andererseits. Diese Versöhnung bewirkt der Positivismus durch Aufstellung des altruistischen Grundsatzes: „Lebe für den Nächsten", welcher sein End- auspruch wie der der früheren Keligionen ist. Alles andere erschien demgegenüber Mittel zum Zweck; Zungenreden, Weissagen, selbst der Glaube als Fürwahrhalten gewisser Vorstellungen von einem Jenseits war dem Apostel nichts ohne die Liebe, dieses letzte uud höchste Erzeugnis der Religion. Jede Religion, die dieses Namens würdig war, unternahm die Gesellschaft wie das Leben des Einzelnen dadurch zu organisieren, dafs sie in einer oder der anderen Form irgend ein grofses sociales Gefühl zur Richtschnur erhob. Für die Juden des alten Testaments war es die Unterwerfung unter den Stammesgott und die von ihnen eingesetzte Theokratie, für die älteren Griechen Hingabe an ihre Stadt und Stadtgottheit. Unter Ausdehnung des GottesbegrifFes hat sieh der Kreis immer mehr erweitert, sodafs gegenüber dem Christentum der Positivismus kaum etwas neues sagt, wenn er das „Lebe für den Nächsten" dahin auslegt: „Lebe für die Familie, das Vaterland, die Menschheit." Es sind dies die drei Kreise, durch welche der Mensch in seiner Entwicklung hindurchgegangen ist, und von denen immer der vorhergehende, weil er noch mehr egoistische Triebe in Bewegung setzt, als Erziehung für den nachfolgenden zu betrachten ist. Der gemeinsame Feind aller Religionen ist demgegenüber der Individualismus, welcher in der Gegenwart, nachdem das Christentum für viele machtlos geworden ist, wieder fast ungebändigt herrscht; daher dieMifsachtung der Familie, des Vaterlandes, der Menschheit. Werden doch diese Worte vielfach nur noch zur Verhüllung selbstsüchtiger Ziele benutzt — 15 werden. Hier liegt das tiefste Übel, an dem die Gegenwart leidet; es zu beseitigen, ist nicht das Gesetz, sondern allein die Religion berufen. Es erhebt sich die Frage: was bringt der Positivismus neues, wenn der Altruismus von allen Religionen gepredigt worden ist. Trotzdem, sagen die Positivisten, sei ihre Lehre etwas durchaus neues; ja ihr Erscheinen eröffne einen Abschnitt in der Geschichte der Menschheit. Alle Religionen nämlich mufsten bisher, um ihren Endzweck zu ^erreichen und den Individualismus zu besiegen, übernatürliche Hülfsmittel aufbieten. Von der frühesten Form eines kindlichen Fetischismus bis zu der letzten, dem Monotheismus, war es der Glaube an übersinnliche Wesen allein, durch welcher jener Sieg erfochten werden konnte. Auch war das unentwickelte Denken des Menschen mit diesem Glauben wohl vereinbar; später aber konnte es freiwillig eine übernatürliche Beeinflufsung des vom Naturgesetz beherrschten Diesseits nicht mehr annehmen. Die Folge war, dafs das Denken gefesselt wurde: „der Verstand wurde zum Sklaven." Es war dies zu jener Zeit eine Notwendigkeit; denn es handelte sich um weit bedeutendere Güter. Das menschliche Denken eben war noch nicht imstande, Selbstaufopferung und Hingabe für das Wohl anderer ohne übernatürliche Hülfsmittel verstandesgemäfs zu begründen. Dies zeigt sich deutlich darin, dafs bisher alle, welche sich vom Glauben an das Übernatürliche befreit hatten und lediglich auf Grund der Erfahrung urteilten, eine utilitarische Moralauffassung vertraten. Die entgegengesetzte altruistische konnte allein bestehen auf Grund der Religionen oder theologisch beeinflufster Philosophien. Daher waren die letzteren allein social positiv, während jene trotz ihres Ausspruchs auf wissenschaftlichen Positivismus social negativ wirkten. Hierin ist heute eine Veränderung eingetreten: das — 16 — menschliche Denken hat in seiner Entwicklung einen Punkt erreicht, von dem aus die Unterordnung der Selbstsucht unter die Selbstaufopferung, die bisher schlechterdings unverständlich erschien, als Naturgesetz bewiesen wird. Es tritt diese Möglichkeit ein mit dem Erscheinen einer neuen Wissenschaft: der Sociologie. Dieselbe überträgt die positive Denkweise, welche bisher in den früher ausgebildeten Wissenschaften geherrscht hat, z. B. der Physik, der Biologie u. s. w., auf die Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft, die bisher lediglich theologischen oder metaphysischen Erklärungen zugänglich schienen. Comte gewinnt damit in den Augen seiner Anhänger die Bedeutung eines Religionsstifters. Dadurch, dafs er die Sociologie positiv machte, wurde es zum erstenmal möglich, die Selbstsucht der Liebe unterzuordnen, d.h. religiös zu leben, ohne theologische oder metaphysische Annahme. Nennt sich der Positivismus eine Religion, d. h. eine Organisierung des menschlichen Daseins durch Unterordnung desselben unter einen aufser ihm befindlichen Zweck, so ist er eine Religion ohne Gott. Er verheifst die „reconstruetion sans dien", sowohl die Reform des Einzelnen wie der Gesellschaft auf Grund der erfahrungsgemäfsen Wissenschaft, „die Gründung einer allgemeinen Religion auf die wahre Philosophie, welche sich aus der thatsächlichen Wissenschaft er- giebt". Indem wir sogleich sehen, in welcher Weise dies geschieht, ist zunächst einem Mifsverständnis abzuwehren. Die Positivisten weisen jede Verwechslung ihrer Ansichten mit denen des Materialismus zurück 1 . Im Gegenteil, wenn die Wahl allein wäre zwischen dem theologischen Glauben einer- 1 Vergl. Comte, General view of positivism, translated by Bridges S. 49 ff. — 17 — seits und dem heute vielfach verbreiteten materialistischen Atheismus andererseits, so sei der erstere weit vorzuziehen. Er sei dem letzteren in doppelter Hinsicht überlegen: 1. moralisch. Der materialistische Atheismus der Gegenwart führe notwendig zu utilitarischer Moral, die theologische Annahme dagegen möglicherweise zu altruistischer. Der Atheismus entfefsle den Individualismus und bewirke so Verlängerung der Periode der Devolution, in welcher sich die Gegenwart befinde. 2. verstan- desgemäfs. Denn wenn man darauf bestehe, eine Ursache für die Welt der sinnlichen Erscheinungen aufzunehmen, so sei es weit annehmbarer, dieselbe in einem vernünftigen Willen zu finden, den man sich doch vorstellen könne, als in unvorstellbaren Wesenheiten, z. B. der Materie. Die Annahme eines schaffenden und erhaltenden Gottes sei die einzige, welche den Verstand befriedige, so lange derselbe die Frage nach der Ursache nicht ganz aufgebe und die Fragestellung selbst als verkehrt anerkenne. Der Positivismus unterscheidet sich von beiden Anschauungen dadurch, dafs er nicht Warum? sondern Wie? fragt, indem er lediglich Thatsachen feststellt, wie es diejenigen Wissenschaften, welche zuerst die positive Periode erreicht hatten, z. B. die Physik, die Astronomie seit lange thaten. Dabei ist er sich bewufst, dafs diese Thatsachen nur subjektives Dasein haben, und giebt das Suchen nach objektiver Wahrheit nicht nur als vergeblich, sondern als nutzlos auf. Weit entfernt, den theologischen Glauben mit Vernunftgründen zu widerlegen, sieht er ihn dadurch aufgehoben, dafs er seinen Ein- flufs auf die Gesellschaft und den Einzelnen mehr und mehr ein- büfst. Befindet sich zu ihm der Positivismus in einem Zustande „gesunden Wettbewerbes", so hat er von dem modernen Materialismus nichts als unfruchtbaren Widerstand zu erwarten; denn derselbe verursache „eine Gemütsstimmung, welche weit v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 2 — 18 — ungünstiger für den organischen Geist des Positivismus ist, als einfaches Anhangen an den alten Formen des Glaubens." Wie nun entspricht der Positivismus seinem Anspruch, beweisbare Religion (foi demontrable) zu sein? Es ergiebt sicli dies aus seiner entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung. Da kein Wollen, also kein Handeln ohne Vorstellung eines gewollten Gegenstandes erfolgt, so ist die gesamte menschliche Geschichte abhängig von der Entwicklung der Vorstellungswelt ; ein Überblick über die eine ist zugleich ein Überblick über die andere. So z. B. ist die Liebe zu Gott oder die Furcht vor Gott ein wichtiger Beweggrund für das Handeln der Menschen, also ein bedeutsamer geschichtlicher Faktor gewesen; aber der Mensch mufste einen Gott vorstellen, bevor er ihn lieben oder fürchten konnte. Wenn es daher gelingt, ein Gesetz für die Entwicklung der menschlichen Vorstellungen zu entdecken, so ist dieses zugleich ein Gesetz der menschlichen Geschichte überhaupt. Comte spricht nun dieses Gesetz darin aus, dafs jede einzelne Vorstellung wie die gesamte Vorstellungswelt drei Stufen durchmache, erst theologisch, dann metaphysisch, dann positiv sei. Wir müssen prüfen, welchen Sinn Comte mit dieser Aufstellung verbindet, da sie die Grundlage seiner Gedankenwelt bildet. Für den menschlichen Geist seien zwei Wege möglich, die Welt aufzufassen. Entweder könne er von dem eigenen Selbst ausgehen und nach dessen Analogie die Welt beurteilen, oder er könne ohne diese Analogie die Erscheinungen einfach beobachten und nach Gewinnung ihrer Gesetze diese auf die Beurteilung des Subjektes anwenden. Für den Menschen in der Kindheit des Erkennens sei nur der erstere Weg möglich gewesen. Die Welt sei in jener Periode dem Menschen vollständig untergeordnet, indem dieser sich als Mittelpunkt des Ganzen be- — 19 — trachte, und die Erscheinungen überhaupt nur insoweit beobachte, als sie auf ihn unmittelbar Bezug hätten. Sei doch die Erkenntnis lediglich für die Befriedigung der notwendigen Bedürfnisse entwickelt. Es ergehe sich hieraus die Notwendigkeit, dafs der Mensch sich zugleich als Typus der äufse- ren Erscheinungen ansehe. Er wisse keine andere Erklärung für dieselben, als dafs er sie seinen eigenen Handlungen vergleiche. Der Mensch kenne im Anfange nichts als sich selbst und übertrage diese Kenntnis auf die Erscheinungen, welche seine Aufmerksamkeit fesseln. Er hält also die Vorgänge des Weltalls für hervorgebracht durch Willensakte nach seiner Art belebter Wesen. Dies sei der Ursprung der theologischen Denkweise, welche Comte vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus für die erste und unerläfsliche Bedingung aller Fortschritte hält. Die theologische Denkweise macht nun nach Comte verschiedene Entwicklungsstufen durch, welche dadurch herbeigeführt werden, dafs auch der andere Weg der Erkenntnis, der von aufsen nach innen, beschritten zu werden anfängt und mit der Beobachtung der Thatsachen allmälich für einige derselben eine Reihe von unwandelbaren Gesetzen erkannt werden. Ursprünglich beseelt der Mensch jeden Körper mit einem Leben, das dem seinen mehr oder weniger ähnlich gedacht wird (Fetischismus) — eine Auffassung, die mit der Annahme irgend eines Gesetzes noch unvereinbar ist. Später stellt er über die sichtbare eine gewöhnlicherweise unsichtbare Welt, welche er mit übermenschlichen Wesen bevölkert, deren Einwirkung die sichtbaren Erscheinungen bestimmt. In jener Zeit besteht noch nicht der Begriff des Wunders, weil die Herrschaft des Gesetzes erst für ganz geringe Teile der Erscheinungswelt, solche, die der täglichen Erfahrung am nächsten stehen, angenommen wird. Alles ist in gleicher 2* — 20 — Weise wunderbar, wie die aus ältester Zeit überlieferten Poesien beweisen, welche göttlichen Eingriff bei den bedeutsamsten wie den gewöhnlichsten Vorgängen des Lebens annehmen. Wir müssen uns versagen, auf die Ableitung der frühesten gesellschaftlichen Zustände aus dieser ersten Form des Denkens einzugehen. Comte nimmt an, dafs die „intellektuelle Einheit", d. h. gewisse gemeinsame Vorstellungen, welche durch sie herbeigeführt wurden, die Vorbedingung aller socialen Gebilde gewesen sei. Er untersucht, wie in jener Zeit als erstes derselben die Familie, wenn auch noch unvollkommen, sich entwickelt habe, wie der Polytheismus mit der Trennung eines Priesterstandes von der Masse des Volkes einen bedeutenden Fortschritt für das Menschengeschlecht angebahnt hätte, wie jene Periode eine kriegerische Organisation des Volkes hervorgerufen habe, wie die Entstehung des Staates mit der des Polytheismus zusammenfalle, wie beide zusammen wüchsen, wie die höchste Tugend, die der Polytheismus hervorgebracht habe, die Vaterlandsliebe gewesen sei u. s. w. Diese Ausführungen, sowie die entsprechenden für das monotheistische System, enthalten, wie J. St. Mill anerkannt hat, hochinteressante und grofsenteils einwandsfreie Verknüpfungen geschichtlich feststehender That- sachen. Aber das polytheistische System wurde mit der Zeit dadurch unhaltbar, dafs die Kenntnis der die Erscheinungen beherrschenden Gesetze zunahm. Die alte Vorstellung von Ereignissen, die täglich durch eine Legion von Göttern und Göttinnen willkürlich hervorgerufen würden, erwies sich als unvereinbar mit den gewöhnlichsten Beobachtungen. Schon die griechische Philosophie hatte den Erfolg, dafs ein ganzer Teil der Erscheinungswelt, die äufsere Natur, der Herrschaft — 21 - der Götter entzogen und der des Gesetzes überliefert wurde. Dagegen herrschte auf dem Gebiete der moralischen und socialen Erscheinungen noch unbeschränkt die theologische Erklärungsweise. Comte entwickelt des eingehenden, wie diese Thatsache den polytheistischen Glauben zum Monotheismus führte, in welchem die theologische Anschauungsweise ihre letzte und grofsartigste Stufe erreicht. Die Vorstellung einer allumfassenden Vernunft, welche die Natur nach sich selbst auferlegten und nur äufserst selten verlassenen Gesetzen lenke, dagegen in das menschliche Leben noch häufig eingreife, die dort etwa herrschenden Gesetze unterbrechend, schien einmal die theologische Denkweise zu wahren, andererseits vereinbar mit dem wissenschaftlichen Studium der Natur. Bereits beim Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus, sodann aber noch mehr bei der Zurückdrängung des letzteren selbst, war die „metaphysische" Erklärungsweise von grofsem Einflüsse. Diese bezieht die Erscheinungen nicht mehr auf göttliche Willensakte, sondern erklärt sie durch Abstraktionen, welche für Wirklichkeiten gelten. So nimmt sie z. B. nicht mehr an, dafs Dryaden die Bäume belebten, sondern dafs vielmehr jede Pflanze und jedes Tier eine beseelende Kraft, „Bildungstrieb", „Lebenskraft" genannt, besäfse. Man nimmt eine „Heilkraft", ein „Streben nach dem Vollkommenen" in der Natur an. Man sagt nicht mehr, die Gestirne bewegten sich in Kreisen, weil ihnen Gott solche vorgeschrieben, sondern weil der Kreis die vollkommenste Linie sei u. s. w. Diese Annahme, einerseits die Anwendung der Gesetze zulassend, denen eine Wesenheit, nicht aber ein Wille unterworfen sein kann, ist andererseits vereinbar mit dem Glauben an eine allumfassende Gottheit. Auf diesem Kompromifs baute das Christentum seine — 22 — bisher unerreichte, nach Cointe im elften bis dreizehnten Jahrhundert ihren Höhepunkt findende Gesellschaft auf, bis heute das „Meisterwerk menschlicher Weisheit". Innerlich freilich befand sich die theologische Denkweise zur Zeit des Monotheismus bereits im Verfall, während sie äufserlich ihr „edelstes Werk" errichtete. Es zeigt sich dies z. B. darin, dafs sie für das gewöhnliche Leben bereits die Annahme von Wundern und Prophezeiungen verwehrt — eine Lage des Übergangs, welche, wie Comte sagt, in der politischen Welt der Einrichtung der konstitutionellen Monarchie entspricht 1 . Dieses Zurückweichen der theologischen Erklärungsweise zeigt sich auch anderwärts: noch betet man vielleicht um Veränderung des Wetters, sicher um Sinnesänderung der Menschen und Eingriffe auf gesellschaftlichem Gebiet, während man es bereits ungereimt finden würde, um Nichtbestätigung der gewöhnlichsten astronomischen Gesetze, z. B. Stillstand der Sonne oder des Mondes, Verkürzung oder Verlängerung der Nacht und des Tages zu beten. Es giebt unter allen nicht christlichen Riehtungen der neueren Aufklärung keine, welche das Christentum so hoch stellt wie der Positivismus. Nichts sei jenem bisher zu vergleichen gewesen; ja, die sittlichen Ideen des Christentums wie seine im Mittelalter versuchte, wenn auch nur halb vollendete gesellschaftliche Organisation, heute im Verfall, werden nach Ansicht der Positivisten alsdann wieder aufleben, wenn die Menschheit aus der heutigen negativen Periode wieder in eine positive gelangt sein wird. Sein gröfster Vorzug war es, die altruistische Sittlichkeit zum ersten Male rein ausgesprochen und das „Lebe für andere" an die Stelle des „Lebe für dich selbst" gesetzt zu haben. Auch ist das Christentum zuerst 1 Vergl. Philosophie positive IV, S. 701. — 28 — eine wahrhaft katholische Religion gewesen, welche die Menschheit zu umspannen wenigstens forderte. Der Familie und dem Staat hat es den weit erhabeneren Gegenstand der Christenheit, ja der Menschheit übergeordnet 1 . Das gröfste auf socialem Gebiete war die von ihm herbeigeführte Trennung der geistlichen von der weltlichen Gewalt; damit wurde wenigstens als Forderung angedeutet, dafs die Politik der Moral unterzuordnen sei. In den besten Zeiten des Altertums war zwar das Privatleben der Vaterlandsliebe untergeordnet, in der Politik des Staates dagegen waren noch aus- schliefslich Interessen mafsgebend. Aber das System des Mittelalters beruhte auf einem intellektuellen Kompromifs, welcher nur zeitweilig sein konnte. Der menschliche Geist, während mehrerer Jahrhunderte mit der gedankenmäfsigen wie gesellschaftlichen Entwicklung des Monotheismus beschäftigt, begann seit dem vierzehnten Jahrhundert wieder auf dem Gebiete der einzelnen Wissenschaften neue positive Kenntnisse zu gewinnen und in der allgemeinen Weltanschauung der Theologie metaphysische Begriffe entgegenzusetzen. Seine Kritik im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ist unsystematisch und unbewufst. Sodann erfolgt die bewufste und systematische Kritik. Dieselbe ist noch zuerst beschränkt durch die christlichen Urkunden (Protestantismus) , sodann durch einen allgemeinen Gottesglauben (Deismus). Endlich als unbeschränkte führt sie, da man das Suchen nach Ursachen noch nicht aufgiebt, zum materialistischen Atheismus der Gegenwart. Alle drei Stadien sind nach Ansicht der Positivisten Sehritte der Auflösung. Auch auf politischen Gebiete wirken sie auflösend, obgleich zwar im An- 1 Catechisme du Positivisme, 1852. „Die socialen Gefühle sind zuerst häuslich, dann bürgerlich, zuletzt allgemein", S. 388. — 24 — fang durch Zusammenbruch des mittelalterlichen Systems die weltliche Gewalt gestärkt wird. Aber das Fortschreiten der metaphysischen Entwicklung mit ihren Menschenrechten, ihrer Parlamentsherrschaft u. s. w. legt die Regierungsgewalt that- sächlich lahm. Das gleiche gilt auf wirtschaftlichem Gebiet: die sittlichen wie gesetzlichen Schranken, die den selbstsüchtigen Trieben des Individuums gezogen waren, werden hinfällig. Es wird damit ein Kampf um das Dasein, d. h. Ausbeutung des Schwachen durch den Starken entfesselt. Die metaphysische Entwicklung aber wird durch die positivistische überholt. Wir leben heute nach Ansicht der Anhänger dieser Richtung in der Zeit, da der Positivismus, bisher auf beschränktem Gebiet herrschend, zum ersten Male allgemeine und ausschliefsliche Ansprüche geltend macht. Er ist heute daran, die „unwiderruflich erschöpfte theologische Weltanschauung durch einen beweisbaren Glauben zu ersetzen". Hierauf wird es seine weitere Aufgabe sein, die „arbeitenden Massen der Gesellschaft einzufügen", eine Entwicklung, welche den Übergang vom Sklaven zum Hörigen und freien Lohnarbeiter zum Abschlufs führen wird. Beides sind die „untrennbaren Aufgaben, welche das Mittelalter dem Zeitalter der Revolution hinterlassen hat" 1 . Seit den ältesten Zeiten ist die Ausbreitung des Positivismus ununterbrochen vor sich gegangen. Wir haben erwähnt, wie die positive Betrachtungsweise, im Anfang durch die theologische fast ausgeschlossen, doch schon früh in gewissen Ansätzen vorhanden war. Gar bald nämlich mufste der ursprüngliche Mensch bemerken, dafs eine, wenn auch zunächst geringe Anzahl von Erscheinungen nicht willkürlich, sondern nach Gesetzen vor sich ginge. Es war das 1 Yergl. Appel aux Conservateurs, 1855, S. 84. — 25 — praktische Bedürfnis der Voraussicht des Eintretens gewisser alltäglicher Ereignisse, welches den Menschen die ersten Gesetze auffinden liefs. „Savoir pour prövoir ahn de pourvoir" hat nach Comte ebenso von den ersten Anfängen des Erkennens gegolten, wie auch später jedes Studium, welches nicht den Zweck des menschlichen Lebens vor Augen hat, ihm als nutzlose Verschwendung von Kraft und Zeit gilt. Die Keihenfolge, in der ein Gebiet nach dem anderen der Aufsenwelt von der positivistischen Denkweise in Besitz genommen ward, bietet die natürliche d. h. geschichtlich gegebene Einteilung der Wissenschaften. Die von Comte aufgestellte Leiter der Wissenschaften hängt so auf das engste mit jenem Gesetze der drei Stufen zusammen. Es hat eine Zeit gegeben, da der Mensch die Erscheinungen der Zahlen und des Raumes bereits positiv beurteilte, d. h. hier die Geltung von Gesetzen erkannte, während er die Gestirne noch als willensbegabte Wesen anbetete oder von Göttern gelenkt sein liefs. Daher ist die Mathematik die erste aller Wissenschaften ; ihr folgt die Astronomie, welche mit Kepler, Galilei und Newton die positive Stufe erreichte, sodann die übrigen Wissenschaften, und zwar in der Art, dafs die Gesetze, welche für die vorhergehende entdeckt wurden, auch die folgende beherrschen, während für diese aufserdem eine Reihe neuer ihr eigentümlicher Gesetze aufgestellt werden. Jede Wissenschaft also hängt von den Wahrheiten aller vorhergehenden ab und fügt denselben gewisse neue hinzu. Nach der Astronomie kommt die Physik, die Chemie und die Biologie, von denen eine nach der anderen sich aus der theologischen Denkweise emporringt. Den Übergang bildet gewöhnlich die metaphysische Auffassung, indem man die Vorgänge, die man nicht mehr auf überirdische Einwirkung zurückführt, zunächst fingierten Wesenheiten zuschreibt. Die Biologie, — 26 — d. h. die Erforschung des lebenden Einzelorganismus, stand lange unter theologischem Einflufs, welcher sich in der Annahme einer jenseitigen, in dem Körper wohnenden Seele aussprach; dann geriet sie unter die metaphysischen Erklärungsweisen mittelst der sogenannten „Lebenskraft" u. s. w. Erst heute hat die wissenschaftliche Forschung gelernt, auch hier sich einfach mit der Beobachtung der Thatsachen zu begnügen, auf das „Warum?" zu verzichten und statt dessen den Versuch zu machen, die das Leben beherrschenden Gesetze kennen zu lernen. Dieselben sind um so verwickelter, als, wie oben erwähnt, das organische Leben unter sämtlichen die früheren Wissenschaften beherrschenden Gesetzen steht. Für dasselbe gelten die geometrischen Notwendigkeiten des Raumes; als eine im Weltall befindliche Erscheinung kann es sich den Gesetzen der Astronomie nicht entziehen; die Physik und die Chemie sind für die Veränderungen des Organismus von gröfster Wichtigkeit. Daneben gelten für das Lebewesen Gesetze, die aus den vorhergehenden Wissenschaften nicht zu entnehmen sind, und deren Ursprung zu erforschen, wie die Erforschung der Ursache überhaupt, aufserhalb der Grenzen der menschlichen Erkenntnis liegt. Was von der Biologie gilt, aber ist in noch viel höherem Mafse von der ihr folgenden, die Reihe der Wissenschaften schliefsenden „Sociologie", der Fall. Die Erscheinungen der Gesellschaft wurden bisher entweder theologisch oder metaphysisch erklärt, auf einen göttlichen Plan oder auf gewisse Wesenheiten, z. B. einen Vervollkommnungstrieb, einen idealen Naturzustand, das abstrakte Individuum zurückgeführt. Freilich fand sich auch hier in beschränktem Mafse bereits sehr früh das Bewufstsein der Geltung gewisser Gesetze. Jede Politik beruht darauf, dafs sie gewisse Ereignisse vorhersieht, ihnen begegnet u. s. w., was unmöglich wäre, wenn man die — 27 — gesellschaftlichen Erscheinungen durchweg von göttlichem, daher unberechenbarem Willen abhängig glaubte. Dagegen hat man bis in unsere Tage die überkommene Ordnung, insbesondere Recht, Sitte und Sittlichkeit, auf göttliche Einsetzung zurückgeführt. Nachdem diese Ansichten zu veralten begannen, versuchte man, nach Vorgang der Völkerrechtslehrer, die Erklärung der gesellschaftlichen Ordnung oder vielmehr das, was man ihr gegenüber als Ideal ansah, aus der „Natur der Dinge". Es war die Zeit des Naturrechts im Gegensatz zum positiven Recht. Die lediglich negativen Tendenzen dieser Richtung zeigten sich in der französischen Revolution, die auf Grund des natürlichen Menschenrechts eine neue Gesellschaft aufzubauen unternahm, aber lediglich die überkommene zerstörte. Comte bezeichnet die metaphysischen Lehren auf dem Gebiet des Staats, der Gesellschaft u. s. w. als „Systematisierung der Anarchie". Der erste, aber mifslungene Versuch, die gesellschaftlichen Erscheinungen Gesetzen einzuordnen, wurde von der englischen Nationalökonomie im Anfange und der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gemacht. Die Methode jener Versuche war jedoch verfehlt. Jene Nationalökonomie gehört zweifellos noch der metaphysischen Stufe des Denkens an. Sie versucht nämlich die Gesetze der Gesellschaft nicht aus dem gegebenen, sondern aus einem augeblicherweise vor aller Geschichte vorhandenen menschlichen Individuum abzuleiten, welches sie mit gewissen Trieben, dem Erwerbs- und Geschlechtstrieb, ausstattet. Nach Comte 1 trägt diese Nationalökonomie alle Zeichen des metaphysischen Zustandes an sich. Einmal fehle ihr jene zusammenhängende Linie des Fortschritts , welche positive Wissenschaften auszeichne. Dort 1 Vergl. Philosophie positive IV, S. 264 ff. ful'se jede Forschling auf der vorhergehenden; der Schatz der unbestritten anerkannten Gesetze werde immer gröfser, während die Nationalökonomie einen ewigen Streit um die Grundbegriffe aufweise. In gleicher Weise zeige sich ihr metaphysischer Charakter darin, dafs sie jede Berührung mit anderen socialen Erscheinungen, welche willkürlich von ihr ausgeschlossen würden, ängstlich vermeide. Nun beweise aber schon die Betrachtung lebender Einzelwesen den innigen Zusammenhang aller organischen Erscheinungen. So sei auch die wirtschaftliche Entwicklung der Menschheit nicht von der geistigen, sittlichen und politischen zu trennen. Auch was ihr praktisches Ergebnis angeht, so trägt die individualistische Nationalökonomie denselben Charakter, wie alle jene von Comte mit dem Worte metaphysisch bezeichneten Richtungen. Sie hat die alte wirtschaftliche Ordnung über den Haufen geworfen, welche mit der industriellen Entwicklung der Gegenwart unvereinbar wurde, während sie ihrerseits allen Anforderungen des Lebens gegenüber nur die Antwort des Nichteingriffs hat, ganz ebenso wie die metaphysische Philosophie die ältere Theologie, die metaphysische Rechtslehre die bestehende staatliche Ordnung zerstört haben, während sie dem Bedürfnis nach einer neuen Ordnung gegenüber nur eine negative Antwort geben. Diese Angriffe auf die Methode der älteren Nationalökonomie haben die Positivisten fortgesetzt, bis sie auch für England gegenstandslos wurden. Bei allen Studien der organischen Welt ist es nach F. Harrison verfehlt, die Teile, welche doch Organe seien, von einander zu trennen. So z. B. könne man den Sauerstoff oder Wasserstoff zwar besonders untersuchen, weil sie sich scheiden liefsen, nicht dagegen gäbe es eine besondere „Wissenschaft des Magens". Nicht anders aber verführen die Nationalökonomen, welche die Ge- — 29 — setze des „Reichtums" zu erforschen sich bemühten, während doch der Mensch nicht nur ein kapitalanhäufendes Wesen sei, sondern bei jener Thätigkeit durch andere moralische u.s.w. Eigenschaften bestimmt würde, die nur geschichtlicli zu erklären wären. Daher wenden sich die Positivisten auch gegen den Millschen Versuch, die Nationalökonomie als „hypothetische Wissenschaft" zu retten, welche wahr sei, wenn man bestimmte Faktoren als nichtvorhanden annähme. Kennt man von den ein Produkt bildenden Faktoren nur einen, während die anderen ihrer Zahl und Gröfse nach unbestimmt sind, so ist die Kenntnis des einen Faktors wertlos. Wenn endlich Mill dadurch die Abstraktionen der Nationalökonomie verteidigt, dafs sie zwar nicht für alle Zeiten gelten, wohl aber der Natur des heutigen, d. h. dem individualistisch gesinnten Menschen entsprächen, so geben dies die Positivisten in gewissen Grenzen zwar zu. Jedoch sagen sie, dafs gerade die fortschreitende Entwicklung,- an deinen Spitze der Positivismus stehe, den Individualismus des Menschen der Nationalökonomie überwinde. „Sie stereotypiert ein gesellschaftliches System, das wir zu reformieren bemüht sind. Nur ein strikt Konservativer kann ihr heute sich zurechnen" h Gegenüber diesem mifslungenen Versuch, die gesellchaft- lichen Erscheinungen unter wissenschaftliche Betrachtung zu bringen, fragen wir, welches nach Comte die Methode der Gesellschaftswissenschaft ist. Sie mufs insofern die gleiche sein, wie die der übrigen Wissenschaften, als man überall vom Bekannten zum Unbekannten fortzuschreiten hat. Aber es besteht zwischen der Gesellschaftswissenschaft und den früheren Wissenschaften ein Unterschied, welcher, wenn auch in geringerem Grade, bereits der das organische Einzelwesen behandelnden 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. VIII, S. 42 ff. — 30 — Biologie eigen sei. Gegenüber der unbelebten Natur bietet die Beobachtung der einfachsten Thatsachen die Möglichkeit, die herrschenden Gesetze aufzufinden. Dagegen ist die Beobachtung komplizierter Vorgänge ungeeignet, allgemeine Gesetze zu ergeben. Wir studieren die Gesetze der Schwerkraft, der Elek- tricität u. s. w. an ihren einfachsten Erscheinungen, z. B. dem Pendel, dem elektrischen Funken. Dagegen wären wir angesichts der zusammengesetzteren Erscheinungen, z. B. der Meteorologie, dem Gewitter, den Winden u. s. w. nie imstande gewesen, allgemeine Gesetze zu entdecken. Nur allmählich, und zwar je zusammengesetzter sie sind, um so langsamer, werden erst jene Vorgänge der Herrschaft der aus den einfacheren Thatsachen gewonnenen Gesetze unterworfen. In diesen Wissenschaften ist das Ganze, in welchem die Erscheinungen vor sich gehen, das Weltall, wie man es nennt, schlechterdings der menschlichen Vernunft entzogen und, wo es auftaucht, als metaphysischer Begriff zu bekämpfen. Anders sobald man das Gebiet des organischen Lebens betritt. Dem pflanzlichen oder tierischen Körper gegenüber wäre eine ausschliefsliche Betrachtung der Teile ungenügend, welche vielmehr stets in Rücksicht auf das Ganze zu untersuchen sind. Weit mehr noch gilt dies von den socialen Erscheinungen. Die sie zusammensetzenden elementaren Thatsachen sind menschliche Gedanken, Gefühle und Handlungen. Man hat nun demgemäfs angenommen, dafs die Gesellschaft aus der Natur ihrer Einheit d. h. des Menschen, abgeleitet werden könne — ein Irrtum, welchem die Nationalökonomen und Bentham verfielen. Ein solcher Versuch ist allemal verfehlt. Einmal ist die Wissenschaft des menschlichen Einzelwesens noch nicht fortgeschritten genug, um irgend welchen Ausgangspunkt für die Erklärung der socialen Erscheinungen zu gewähren. Sodann aber, selbst — 31 — wenn wir die Biologie noch soweit fortgeschritten denken, wäre dennoch ein solcher Versuch aussichtslos. Der Mensch nämlich wird mehr und mehr ein Erzeugnis der Gesellschaft. Seine Handlungen werden weniger durch die einfachen und überall gleichen Neigungen der Menschennatur bestimmt als durch den Einflufs, welchen durch überkommene Einrichtungen, Sitten, Gewohnheiten u. s. w. die vergangenen Geschlechter über das gegenwärtige ausüben. „Die Lebenden werden mehr und mehr von den Toten beherrscht." Demgegenüber ist bei den gesellschaftlichen Erscheinungen noch mehr als bei denen der Biologie das Ganze bekannter als seine Teile. Während auf die Handlungen der einzelnen Menschen die gesamte Geschichte dös Menschengeschlechts, die verschiedenen Faktoren in verschiedenster Weise einwirkt, ist diese Geschichte selbst in ihren grofsen Zügen bekannt. Wenn nicht die Untersuchung dieser grofsen Entwicklung die Gesetze der Gesellschaft gewährt, so ist die Hoffnung, dieselben aufzufinden, vergeblich. Sollte man dagegen imstande sein, der Betrachtung der Geschichte Gesetze (d. h. bestimmte, regelmäfsig wiederkehrende Keihenfolgen) zu entnehmen, so würden alsdann unsere Kenntnisse von der Natur des menschlichen Einzelwesens von Wert sein, um jene Gesetze zu bewahrheiten. Nur insofern letztere mit den Deduktionen aus der Biologie übereinstimmten, könnten sie den Bang von Gesetzen im Sinne des Positivismus einnehmen. Nach der Aufstellung Comtes, welche mit der Methode der damaligen Nationalökonomie im schärfsten Widerspruche stand, hat man bei Studien socialer Erscheinungen vom Ganzen (Ensemble) auszugehen, und kann Einzelheiten aber nur dann mit Erfolg untersuchen, wenn man ihren Zusammenhang mit den gröfseren Erscheinungen und in letzter Linie dem Ganzen im Auge behält, d. h. sie geschichtlich auffafst. Dies besagt — 32 — der von Comte aufgestellte Satz: entre l'homme et le monde il faut l'humanitd, der einzelne Mensch ist so sehr Erzeugnis der Geschichte, dafs man ihn nur im Zusammenhang mit der ihn umgebenden Gesellschaft und ihrer vorhergehenden Entwicklung verstehen kann. Die von Comte aufgestellte Methode für das Studium der Gesellschaft ist nichts diesem Gebiete eigentümliches. Vielmehr zeigt sich darin ihr Charakter als einer Wissenschaft des organischen Lebens, welchen sie mit der Biologie teilt. Während beiden unorganischen Erscheinungen die einfachen Vorgänge bekannt, die zusammengesetzten dagegen weniger bekannt sind, so liegen in der organischen Welt die einfachen Vorgänge meist verborgen, dagegen sind die Erscheinungen um so bekannter, je zusammengesetzter sie sind. Der Mensch — eine Vorstellung, die von allen der Biologie die zusammengesetzteste ist — ist am bekanntesten und seine Analogie bildet den Ausgangspunkt für den Begriff des lebenden Wesens überhaupt. Die gleiche Notwendigkeit vom Ganzen, d. h. der Geschichte der Menschheit auszugehen, herrscht auf dem Gebiete der Sociologie, da hier die einzelnen Erscheinungen in noch gröfserer gegenseitigen Abhängigkeit stehen als selbst beim Einzelorganismus. Diese Methode enthält aber zugleich das erste Gesetz der Sociologie, das des organischen Zusammenhanges. Es folgt hieraus, dafs die Gebiete der socialen Erscheinungen, insbesondere die geistige, sittliche, staatliche und gewerbliche Entwicklung, von einander in gegenseitiger Abhängigkeit stehen. Eines herauszugreifen und es zu behandeln, als wären die andern nicht vorhanden, ist ein Irrtum, welcher sich besonders häufig heute darin zeigt, dafs man die politischen Einrichtungen und das bestehende Kechts- system als unabhängig von dem bestehenden Zustande der Sitten, Kultur u. s. w. ansieht. Demgegenüber ist zu betonen, — 33 — dafs die politischen und rechtlichen Zustände stets, aufser in Übergangszeiten mit dem entsprechenden Stande der Civili- sation übereinstimmen; die Vorstellung von der absoluten Güte gewisser Kegiemngsformen gehört der metaphysischen Denkweise an. Das Gefühl dieses Zusammenhanges, die „Solidarität der Menschheit", wird nach Ansicht der Positivisten heute immer mehr Gemeingut Westeuropas, wenn auch noch vielfach nicht zur positivistischen Klarheit entwickelt. Die englische Nationalökonomie hat hier vorgearbeitet, indem sie den Irrtum ihrer Vorgängerin wiederlegte, dafs ein Land nur wohlhabend werden könne auf Kosten des andern. Wie hieraus einleuchtet, versteht also Comte unter Menschheit nicht das gesamte Menschengeschlecht, sondern nur die in geschichtlicher Abhängigkeit voneinander stehenden Kulturen Asiens, Europas, Amerikas — ein Kreis, welcher sich nach seiner Ansicht jedoch mehr und mehr ausdehnt. Auch ist die innerliche Abhängigkeit der Teile dieses Kreises nicht allezeit die gleiche gewesen. Vielmehr überwogen in früher Zeit die kleineren Zusammenhänge, insbesondere der Familie und des Staates, welche auch später trotzdem die „Menschheit" ihnen übergeordnet wird, nicht etwa dadurch an Bedeutung abnehmen, sondern vielmehr gewinnen. Auch hier die Ähnlichkeit des organischen Lebens; auf seinen niedersten Stufen sind die Teile fast unabhängig von einander, auf den höchsten dagegen ist die gegenseitige Abhängigkeit am meisten entwickelt, während die Teile trotzdem am weitesten zu getrennten Organen differenziert sind. Das Gesetz des organischen Zusammenhangs wird ergänzt durch ein weiteres Gesetz, welches die Entwicklung betrifft. v. Scliu lze-Gaevernitz , Zum soc. Frieden. II. 3 — 34 . — Ist jenes das Gesetz der „socialen Statik", so ist das folgende das der „socialen Dynamik". Da die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten, wie am Eingang hervorgehoben, das leitende Element in der Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt bildet, so ist das Gesetz, welches, wie wir sahen, für jene gilt, das der drei Stufen, zugleich das Gesetz der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Für Comte entspricht dieser Entwicklung eine gleiche des äufseren Lebens vom Kriege, der ursprünglichen Beschäftigung des Freien, zur Industrie d. h. der Einwirkung auf die umgebende Natur zum Zwecke der Erhaltung des Lebens L Nur mit dem Fortschreiten der positiven Kenntnisse bezüglich der äufseren Natur wird eine wachsende Einwirkung des Menschen auf dieselbe, wie sie die Industrie darstellt, möglich. Diese beiden sich deckenden Ketten der Entwicklung bilden für Comte den Gesichtspunkt, unter welchen sich die Geschichte der Menschheit wie die aller ihrer Teile ordnen läfst. Aus diesen Gesetzen aber ergeben sich wichtige Folgerungen: 1. Die Wissenschaften waren bisher ohne inneren Zusammenhang. Es war ihnen eine einheitliche Weltanschauung nicht zu entnehmen, weshalb die Theologie und Metaphysik doch immer noch die herrschenden Mächte blieben. Zwar in Einzelheiten den Menschen aufklärend und leitend, gaben die Wissenschaften ihm weder innere Einheit noch einen Ansporn für sein Handeln. Heute dagegen schliefsen sie sich mit dem positiv werden der Soeiologie zu einem System zusammen — eine Einheit, welche freilich nicht wie 1 Appel aux Conservateurs, 1855, S. 8. „Das praktische Leben hat drei einander folgende Stufen: Eroberung, Verteidigung, Industrie". die von der Theologie gewährte in einem äufseren, jenseitigen Wesen, sondern im erkennenden Subjekte liegt. Da aber alle Kenntnis nur subjektiv ist und wir von den Dingen an sich überhaupt nichts wissen, so ist es auch nur natürlich, dal's die unsere Kenntnisse umfassende Einheit subjektiv ist, Alle Wissenschaften, alle unsere Vorstellungen, die von Zahlen und Gröfsen, die der Astronomie, der Physik u. s. w., finden ihre Einheit in der Vorstellung der Menschheit. Denn nur um der Bedürfnisse der Menschheit willen, für ihre Erhaltung und Fortentwicklung, sind sie entstanden. Die Kenntnis der Gesetze, unter denen die Menschheit lebt, begann mit der Mathematik. Ihr und den Naturwissenschaften verdanken wir die Kenntnis der äufseren Bedingungen unseres Daseins, der Gesetze des Raumes, der Zeit, der Jahreszeit, des Klimas, des Lichtes, der Hitze, der Elektricität, der chemischen Zusammensetzung etc. Die Biologie enthüllt uns weitere Gesetze, welchen die Menschheit in gleicher Weise unterworfen ist. Mit der Entdeckung der Gesetze der Sociologie aber zeigt sich, dafs sämtliche früheren Wissenschaften sich der Entwicklung der Menschheit einreihen, dafs die Sociologie alle anderen umfafst. Hieraus folgt, dafs, während bisher nur positive Teilansichten möglich waren, nun eine Gesamtansicht möglich ist, welche der Theologie zu entnehmen man sich vergeblich bemühte. Das analytische Verfahren der früheren Wissenschaften findet in der Sociologie seine Synthese. Hieraus folgt die Unterordnung der Analyse unter die Synthese. Die Untersuchung der Einzelheiten der uns umgebenden Natur und der Gesellschaft ist gut und nützlich, aber nicht an sich, sondern nur als Mittel für den Zweck des socialen Daseins. Kenntnisse von Einzelheiten sind gut und nützlich aber nur, wenn sie einem System eingeordnet sind, 3* — 36 — welches, da es von anfsen nicht erhältlich, von innen aus zu suchen ist 1 . 2. Alle politischen Versuche hatten bisher den Charakter des Experimentes. Während man seit lange für die äufsere Natur die Herrschaft gewisser Gesetze annahm, glaubte man, dafs die gesellschaftlichen Zustände mehr oder weniger nach Willkür veränderlich seien. Hierauf beruhte die Annahme, dafs man durch gesetzliche Mafsnahmen die Gesellschaft unbegrenzt umgestalten könne. Der Positivismus dagegen behauptet, dafs die menschliche Gesellschaft allen Gesetzen unterfalle, welche von den Wissenschaften aufgestellt würden, dafs man diese Gesetze kennen müsse, um nicht auf den Zufall hin, sondern planmäfsig in die socialen Verhältnisse einzugreifen. Nennt man die Summe der für die bestehende Gesellschaft mafsgebenden Gesetze „die Ordnung", so ist es klar, dafs diese Ordnung zwar nicht zu überschreiten, wohl aber innerhalb derselben Weiterentwicklung möglich ist. Werden doch die Erscheinungen, je zusammengesetzter sie sind, und einer je höheren Wissenschaft sie angehören, desto veränderlicher durch menschlichen Eingriff. Hieraus folgt, dafs der Fortschritt der Ordnung untergeordnet ist, wie etwa das Wachstum des Baumes dem Baum selber. 3. Die Auffassung von der Menschheit als Organismus weist dem Einzelnen die Stellung des Organs an. Mehr und 1 Comte entwickelt in seinem letzten Werke, der „Synthese sub- jective", S. 506—528 höchst geistreich, wie die Unterordnung der Einzelwissenschaften unter die Wissenschaft von dem socialen Menschen zu vergleichen sei der Unterordnung des Differenzierens in der Mathematik unter das Integrieren. Das Differenzieren (Zerlegen einer Kurve in unendlich kleine Teile) habe zum Zweck das Integrieren (d. h. Zusammenfassung dieser Teile zur Messung der Kurve). In gleicher Weise zerschnitten die Einzelwissenschaften das menschliche Dasein in Teile, welche an sich keine Realität hätten, zum Zweck der Erkenntnis der Gesetze, unter denen das Dasein stünde. — 37 — mehr hat die Entwicklung den Menschen dazu erzogen, sich dem Ganzen unterzuordnen, zuerst die theologische Entwicklung, für welche das Ganze noch beschränkter Natur war, sodann die beginnende positive Entwicklung, welche die Menschheit als letztes und höchstes Ganze erfafst. Zwischen beiden liegt die Periode des Übergangs, gekennzeichnet durch den Individualismus und die Metaphysik. Während die theologische Denkweise die Unterordnung des Einzelnen aber nur unvollkommen bewirkte, beweist die positive Wissenschaft, dai's „Existenz im vollen Sinne des Wortes überhaupt nur von der Menschheit ausgesagt, dagegen von dem Menschen als Individuum eigentlich nicht gesagt werden kann, dafs er existiere 1 " —■• ebensowenig wie von dem Organ eines lebenden Körpers. Dieser Gedanke ist nicht neu, aber erst heute zu wissenschaftlicher Klarheit erhoben. Bereits Pascal hat gesagt: „die ganze Reihenfolge der Menschen während des Laufes so vieler Jahrhunderte sollte als ein Mensch betrachtet werden, welcher immer lebt und fortwährend lernt 2 ". Die Wissenschaft zeigt heute ferner, dafs das Dasein des Einzelmenschen zu nichts anderem dient, als zur Erhaltung des Gesamtwesens, welches die Attribute des Lebens in höherem Mafse als irgend ein anderer Organismus besitzt. Dieses Bewufstsein hat zwar das Christentum bereits im Menschen erweckt; es erfüllt Thomas a Kempis, wenn er betet, dal's er Gott mehr lieben möge als sich, und sich nur um Gottes willen. Aber so lange man das allumfassende, dem Einzeldasein übergeordnete Ganze als jenseitig annahm, mufste jeder Fortschritt der Wissenschaft, in dem er jenen Glauben erschütterte, zugleich dem Individualismus mehr und 1 Comte, General- View of Positivism S. 354. London 1865. 2 Pascal, Pensees I, 1. mehr freies Spiel geben. Nun aber hat die Wissenschaft, von der Analyse zur Synthese fortschreitend, das diesseitige Gesamtdasein gefunden. Sie beweist, dafs die Unterordnung unter dasselbe, d. h. der Altruismus, den Gesetzen der menschlichen Natur entspricht, und dafs ohne denselben das Dasein des Gesamtwesens und damit das der Einzelwesen unmöglich wäre. Wir sehen, wie so nach Comte die Wissenschaft die am Eingang aufgestellte Forderung erfüllt: sie beweist die Notwendigkeit des Altruismus und wird damit zur Religion. Betrachten wir die Geschichte der Menschheit als eine Erziehung vom Individualismus zum Altruismus, so hat bisher der theologische Glaube die Rolle des Erziehers gespielt, die nunmehr die Wissenschaft übernimmt — nicht mehr unvereinbar mit dem sittlichen Gefühl, sondern es entwickelnd und stärkend. Die „Unterordnung der Selbstsucht unter die Liebe" ist die wichtigste der drei Unterordnungen, mittelst deren der Positivismus das menschliche Dasein ordnet. Sie unterdrückt nicht die individuelle Unabhängigkeit, ebenso wie die Analyse unter die Synthese, der Fortschritt unter die Ordnung zwar unterzuordnen, aber in dieser Unterordnung unerläfsliche Bedingung des Übergeordneten sind. Die Eigentümlichkeit der Menschheit gegenüber anderen Organismen besteht darin, dafs sie aus getrennten Einheiten sich zusammensetzt, deren Fortentwicklung zugleich Fortentwicklung des Ganzen ist. Also nicht Unterdrückung des Individuums, wie sie von den Mystikern geübt wurde, sondern möglichst hohe Ausbildung desselben, weil es so am besten zum Dienste für das Gesamtdasein geschickt ist. Auch nicht Unterdrückung der zahlreichen, zwischen dem Einzel- und Gesamtdasein stehenden, organischen Verbände; nur indem sie solchen dienen, sind die meisten der Menschen fähig, die Menschheit — 39 — zu fördern. Vor allem nicht Unterdrückung des Familien- und Vaterlandsgefühls, sondern Fortentwicklung derselben im Dienste der Menschheit. Aber die Unterordnung des Individualismus unter den Altruismus betrifft nicht nur das Gebiet des Gefühls. Altruistisches Fühlen treibt unmittelbar zum altruistischen Handeln; damit das letztere aber möglich sei, müssen zuvor die Gesetze, welchen die Menschheit unterworfen ist, bekannt sein. Diese Gesetze aber bilden den Inhalt sämtlicher AVissenschaften. Der Altruismus ergreift daher das Gebiet der Erkenntnis. Eine altruistische Wissenschaft ist eine solche, welche den Zweck des Gesamtdaseins zum Hintergrunde hat und in Hinblick auf dieses, die Analyse der Synthese unterordnet. Sie ist so der erste Schritt im Dienste des „grofsen Wesens", wie Comte die Menschheit nennt, indem sie seine Natur- und Lebensbedingungen enthüllt — Vorbedingung für jedes Handeln. Sodann aber hat der Mensch auch bei jedweder Thätigkeit sich nicht als ein für seinen Vorteil arbeitendes Individuum zu betrachten; vielmehr soll er sich bewufst sein, dafs er eine Funktion des Ganzen verrichtet. Eine Thätigkeit in solchem Sinne ist Arbeit. Ihr sogenannter Lohn, wie beschaffen er immer sei, ist nicht als ein Entgelt anzusehen; jede wahre Arbeit hat einen Wert, welcher schlechterdings unbezahlbar ist. ATelmehr ist der sogenannte Lohn nur eine von der Gesellschaft mehr oder minder vollkommen getroffene Veranstaltung, um das Individuum im Stande zu erhalten, seine Arbeit fortzusetzen. Freilich ist diese Auffassung heute angesichts des herrschenden Individualismus wenig verbreitet. Erst der Positivismus wird ihr Kraft geben 1 . 1 Die gleiche Auffassung der Arbeit findet sich bei Carlyle. Vergl. oben S. 129. — 40 — Besonders auf zwei Gebieten ist sie beute fast gänzlich unbekannt. Einmal auf dem Gebiete der Wissenschaft. Dieselbe ist nicht als Spiel des Geistes an sich gut, wie ja die Mufse des Gelehrten der Arbeit anderer, in Vergangenheit und Gegenwart, verdankt wird; er ist daher für ihre Anwendung ebenso verantwortlich, wie der Reiche für die Anwendung des Reichtums. Alle wissenschaftlichen Beobachtungen, weil beruhend auf individualistischem Geiste, „werden heute rückschrittlich, sofern sie nicht belebt sind durch die organische Vorstellung der lebenden menschlichen Gesamtheit", sagt Harrison 1 . Das gleiche gilt von dem Gebiete der Industrie. Der Kapitalist sollte sich als öffentlicher Verwalter des ihm von der Gesellschaft übertragenen Besitzes ansehen und ihn zum gemeinen Besten anwenden. Der Arbeiter sollte nicht widerwillig dienen, sondern als Mitarbeiter an dem gemeinsamen Zweck der Gütererzeugung seine Unentbehrlichkeit und Würde erkennen. Er sollte sein Werk verrichten in dem Geiste, wie der Krieger den Heeresdienst verrichtete, nicht um des Soldes, sondern um der Sache willen. Indem der Positivismus die Unterordnung des Individualismus unter den Altruismus dort weiter führt, wo sie das Christentum stehen gelassen, so wird die Geschichte zu einer fortschreitenden Socialisierung. „Der Mensch wird mehr und mehr religiös" — ein Satz, der freilich nur dann begründet gefunden wird, wenn man den lediglich der Auflösung der theologischen Denkweise zuzuschreibenden Individualismus der Gegenwart als vorübergehend erkannt hat. Heute nämlich ist nach Ansicht der Positivisten die Religion im Erscheinen, welche das gesamte menschliche Dasein umfassen, ihm, dem so viel zerspalteten, wieder Einheit und Richtung 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. VIII. — 41 — geben und alle menschlichen Fähigkeiten in den Dienst eines allgemein anerkannten höheren Zweckes stellen wird. Im Eingange seines letzten Werkes 1 fafst Comte diese Gedanken mit folgenden Worten zusammen, welche für den in seiner Ausdrucksweise Bewanderten in der That seine gesamte Philosophie umschliefsen. „Die Unterordnung des Fortschrittes unter die Ordnung, der Analyse unter die Synthese, der Selbstsucht unter die Liebe: dies sind die drei Arten, die praktische, die theoretische und die ethische, das Problem des menschlichen Lebens zu beschreiben, welches in der Erreichung einer dauernden und vollständigen Einheit besteht. Es sind drei Wege, um ein und dieselbe Frage aufzustellen, entsprechend den drei Seiten unserer Natur: Thätigkeit, Verstand und Gefühl. So abhängig sind dieselben voneinander, dafs die drei Seiten des Problems nicht nur verbunden, sondern identisch sind. Trotzdem behauptet das letzte der drei den Vorrang, da es allein die Quelle berührt, wo die Lösung zu finden ist. Denn Ordnung setzt Liebe voraus; Synthese ist unmöglich aufser als Ergebnis von Sympathie. Infolgedessen sind Einheit im Denken und Handeln unmöglich ohne Einheit im Fühlen. Daher ist Religion wichtiger als Philosophie und Politik. In letzter Linie kann man daher sagen, dafs das Problem des Lebens darin besteht, Einklang in unsere Gefühle zu bringen, durch Erweiterung der socialen und Unterordnung der selbstsüchtigen. Damit ist auch die Unterordnung der Veränderung, des Fortschritts, unter das Bestehende, die Ordnung, und der Einzelforschung unter die weiten Auffassungen des Ganzen gegeben." Comte versäumt nicht, den Begriff der Menschheit, welche den Mittelpunkt unseres Fühlens, Denkens und Han- 1 Synthese Subjective. Paris 1856. — 42 — delns bilden soll, mit all der Erhabenheit auszustatten, deren er fähig ist. Langsam nur mit der Entwicklung des menschlichen Geistes ist die Auffassung der Menschheit als einer organischen Einheit möglich geworden. In älteren Zeiten wäre diese Vorstellung unvereinbar gewesen mit dem theologischen Geiste und dem militärischen Charakter der Gesellschaft, welcher die Sklaverei der produzierenden Klassen notwendig machte. Das Gefühl des Patriotismus, beschränkt wie es zuerst war, war aber doch ein Vorspiel des kommenden Dienstes der Menschheit; es wurde überholt.durch das Gefühl der allgemeinen Brüderlichkeit, welche das Christentum lehrte. Aber die intellektuelle Haltlosigkeit des christlichen Glaubens, sowie der militärische und aristokratische Charakter der mittelalterlichen Gesellschaft machten eine Verwirklichung dieses erhabenen Gedankens damals unmöglich, welcher im grofsen Forderung blieb, aber doch zur Abschaffung der Sklaverei führte. Der Fortsehritt des Denkens zerbrach mehr und mehr die intellektuellen Grundlagen der christlichen Brüderlichkeit wie der übrigen socialen Gefühle, bis gerade, als damit das Dasein der Gesellschaft selbst in Frage gestellt schien, die positive Wissenschaft ihren höchsten Gedanken erreichte in der Erfassung der Menschheit als „des grofsen Wesens", dem alles übrige unterzuordnen sei. Das „grofse Wesen" der „Religion der Menschheit" ist nicht absolut und unveränderlich. Wie die menschliche Natur überhaupt, ist es relativ, in hohem Grade des Wachstums und der Vervollkommnung fähig. Als das höchste lebende Wesen zeigt es die gegenseitige Abhängigkeit der Teile im vollkommensten Mafse. Die menschlichen Einzelwesen, welche es zusammensetzen, werden mehr und mehr vereinigt durch altruistische Gefühle in einer oder der andern Form. Liebe durchdringt und hält es. Daher sagt Comte, dafs man als jenem grofsem Dasein zugehörig, auf seine Ent- Wicklung von Einflufs und in ihren Wirkungen unsterblich nur die ansehen könne, welche ihr Leben wirklich, sei es bewufst oder unbewufst, mehr als Organe denn als Individuen gelebt hätten 1 . Aber der Zusammenhang der Einzeldasein erstreckt sich nicht nur auf die Gegenwart, sondern in gleicher Weise in die Vergangenheit und die Zukunft. In den Erscheinungen des Gesellschaftslebens überwiegt mehr und mehr der Einflufs der Vergangenheit den der Gegenwart. Dieser Zusammenhang ist es, welcher den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnet. Auch bei manchen Tieren finden sich Ansätze zum Gesellschaftsleben; aber der Mensch allein kann jenes Zusammenwirken unzähliger Generationen sowohl begreifen wie verwirklichen. „Unsere Abhängigkeit von der Vergangenheit, noch mehr als die von der Gegenwart lehrt uns, dafs das einzig wahre Dasein das Gesamtdasein des Geschlechtes ist 2 ." In das unergründliche Dunkel der Vergangenheit gehüllt, steigt dieses Gesamtdasein vor unseren Blicken hinauf, um- fafst die vielgeteilte Gegenwart und verliert sich in den Fernen der Zukunft. Der Teil desselben, den wir am besten kennen, der für die meisten das umschliefst, was wir am meisten geliebt und von dem wir die gröfsten Wohlthaten empfangen haben: die Vergangenheit verlangt nicht mehr unseren Dienst, sondern nur unsere Liebe. Wohl wenige waren wie Comte so durchdrungen von Ehrfurcht vor der Vergangenheit; anders als die meisten Philosophen war es auch in seinen Schriften überall sein Streben, anzuknüpfen 1 Auch hier wieder liegt ein Berührungspunkt mit Carlyle. Vergl. oben S. 163 u. 164. 2 General view of positivism S. 387. London 1865. und sich als das Ergebnis seiner Vorgänger hinzustellen 1 . Aber das grofse Wesen, dem wir nach Comte alles verdanken, ist nicht jenseitig, wie jener Gott, der die Dienste des Gläubigen nicht brauchte. Seine Zukunft bedarf nicht nur unserer Liebe, sondern auch unserer Arbeit. Unsere Wohlthäter ehren wir dadurch, dafs wir denselben Zwecken leben wie sie: der Menscheit, die alle umfafst. Ihr, dem „einzigen grofsen Wesen", ist unser gesamtes Dasein nach seinen verschiedenen Seiten unterzuordnen. Unsere Gedanken sind geweiht seiner Kenntnis , unsere Gefühle seiner Liebe, unsere Handlungen seinem Dienst. „So können Positivisten, wie alle Gläubigen, ihr Leben als einen fortdauernden und ernstlichen Dienst ihrer Religion erklären. — Dieselbe bietet die Lösung, soweit solche möglich ist, für das grofse Problem des Mittelalters, Unterordnung der Politik unter die Moral", welche unmittelbar aus der Unterordnung der Selbstsucht unter die socialen Gefühle folgt. Der Positivismus betrachtet die Gröfsen der Christenheit als seine Vorgänger, deren Glaubensvorstellungen er nicht einmal als absolut irrig — giebt es doch keine absolute Wahrheit — sondern als relativ richtig für ihre Zeit, aber kraftlos für die Gegenwart erklärt. Gegenüber dem allumfassenden Ganzen unterschätzt der Positivismus nicht die Bedeutung der kleineren Kreise, in denen das Individuum steht. Wenige der radikalen Denker der Gegenwart haben der Familie einen so hohen Wert für die sittliche Erziehung des Menschen zugeschrieben als Comte. Hören wir folgende Worte: „Der erste Keim socialen Ge- 1 Vergl. folgendes Wort Comtes: „Bei aller Anstrengung wird selbst das längste, wohl angewendete Leben uns nicht instandsetzen, mehr als einen unmerklichen Teil dessen, was wir empfangen haben, zurückzuzahlen". — 45 — fühls liegt in der Liebe des Kindes zu den Eltern. Kindesliebe ist der Ausgangspunkt der sittlichen Erziehung. Aus ihr ergiebt sich das Gefühl des Zusammenhangs und damit die Ehrfurcht vor den Vorfahren. Sie ist das erste Band, durch welches der neue Mensch sich an die gesamte Vergangenheit der Menschheit geknüpft fühlt. Geschwisterliebe kommt sodann, indem sie das Gefühl der Solidarität und der Einheit mit den Zeitgenossen einpflanzt — so ergiebt sich bereits eine Art von Aufsenlinie des socialen Daseins. Die zweite Stufe sittlicher Erziehung beginnt mit der Gattenliebe, der wichtigsten von allen, in welcher Vollkommenheit der Hingebung durch Gegenseitigkeit und Unauflöslichkeit des Bandes gesichert ist. Sie ist das höchste Vorbild aller socialen Gefühle und hat sich den Namen der „Liebe" angeeignet. Von dieser vollkommensten der Vereinigungen entspringt die letzte Reihe der Familiengefühle: die Elternliebe. Sie vollendet die Erziehung, durch welche die Natur uns für die allgemeine Liebe vorbereitet. Sie lehrt uns für unsere Nachfolger zu sorgen und verknüpft uns so mit der Zukunft, wie uns die Kindesliebe mit der Vergangenheit verband" L Wir haben in letzter Linie des Zukunftsbildes zu gedenken, das die Positivisten von der reorganisierten Gesellschaft entwerfen. Wir können uns hier sehr kurz fassen, da die Einzelheiten der von Comte entworfenen Utopie von seinen Anhängern nicht als mafsgebend angesehen werden. Nur wenige grofse Züge des Bildes stehen fest. Der Ausgangspunkt ist der, dafs mit Ausbreitung und weiterer Entwicklung der positiven Wissenschaft auch die heute zerspaltenen Ansichten der Menschen von der Gesellschaft und der Stellung des Einzelnen in ihr wieder an Übereinstimmung gewinnen 1 Vergl. General view of positivism S. 101, 102. 46 — werden. Ist die Auffassung der Menschheit als eines Gesamtorganismus, welcher dem Einzelnen die Stellung des Organs zuweist, wirklich ein Begriff der positiven Wissenschaft, so ist anzunehmen, dafs sich die Anerkennung desselben in gleicher Weise Boden verschaffen wird, wie z. B. die gleichfalls einst alle Hemmnisse überwindende Vorstellung des Ko- pernikanischen Sonnensystems. Die Divergenz der Ansichten, wie sie die Gegenwart aufweist, wird damit verschwinden und die öffentliche Meinung wieder die Einheit gewinnen, welche sich aus einer allgemein angenommenen Weltanschauung ergiebt und vorübergehend während der Blütezeit des christlichen Glaubens für das Abendland erreicht war. Wie es in der Astronomie, der Physik u. s. w. keine Gewissensfreiheit gäbe, d. h. jeder Mensch die von den Sachkundigen aufgestellten Grundsätze vertrauensvoll annähme, so werde, meint der Positivismus, dies später für Politik und Moral nicht anders sein. Die Meinungsverschiedenheiten auf letzteren Gebieten rührten nur daher, dafs die älteren auf theologischer Grundlage ruhenden Meinungen im verschwinden begriffen seien und von der Vielgestaltigkeit der metaphysischen Übergangsperiode überwuchert würden. Jene Einheitlichkeit erreicht die öffentliche Meinung also dadurch, dafs die Kenntnis der positiven Wissenschaften sich mehr und mehr ausbreitet. Die Erziehung hat zwar in letzter Linie den sittlichen Zweck: Unterordnung der natürlichen Selbstsucht unter die gesellschaftliche Liebe. Aber Ausbreitung der Wissenschaft mit ihrem Schlufsstein, dem Begriff der Menschheit, ist nach Ansicht der Positivisten heute hierzu das wichtigste Mittel. In dem zukünftigen Gesellschaftszustande wird die Erziehung aller Klassen die gleiche sein. In der That scheint die Ausgleichung der Erziehungsunterschiede — 47 — schon heute als Eigentümlichkeit der gesellschaftlichen Neuordnung festzustehen. Sobald die Einstimmigkeit erreicht und die positive Wissenschaft — Comte stellt sehr hohe Forderungen an das von allen zu erreichende Mafs — genügend verbreitet ist, wird die Macht der öffentlichen Meinung ungeheuer. Völliger Ausschlufs aus der Gesellschaft wird das letzte Mittel sein, durch welches die öffentliche Meinung ihre Forderungen an die Sittlichkeit des Einzelnen durchsetzt — eine Strafe, der sich selbst der Mächtigste nicht wird entziehen können. Das Organ der öffentlichen Meinung ist der „-spekulative Stand", welcher sich, sobald nur die Wissenschaftlichkeit auch für die socialen Erscheinungen erreicht ist, von selbst ebenso absondern wird, wie etwa heute der der Astronomen. Schon heute liegen, trotz der traurigen Verwirrung aller Ansichten, Ansätze hierzu in der Macht der Schriftsteller und Zeitungen. Hinter diesem „Mundstück der öffentlichen Meinung" stehen als ihre Träger einmal die Arbeiter, d. h. die Mehrzahl der Männer und sodann die Frauen. Sie alle sind an der Regierung unbeteiligt, welche in den Händen weniger — nach Comte weniger, grofser Kapitalisten liegt. Aber gehoben durch eine allen gleiche Erziehung und vereinigt durch eine gemeinsame Weltanschauung wird die öffentliche Meinung ohne gewaltsame Mittel die „Unterordnung der Politik unter die Moral" durchsetzen. Schon heute zeigt sich ein derartiger Einflufs der öffentlichen Meinung in internationalen wie Arbeitsstreitigkeiten. Politische und wirtschaftliche Macht wird alsdann nicht ein Recht, sondern ein Amt sein und der „Hingebung der Starken für die Schwachen" wird „Ehrfurcht der Schwachen für die Starken" entsprechen. — 48 — II. Der Positivismus als politische Richtung. Nach Ansicht der Positivisten befindet sieh die heutige Gesellschaft in einem Zustande des Überganges, welcher sich in Auflösung und Anarchie bemerkbar macht. Der Grund davon ist, dafs die Entwicklung des westlichen Europas un- gleichmäfsig fortschreitet, sodafs die drei Arten des Denkens: die theologische, die metaphysische und die positive unvermittelt neben einander stehen und die Einen von diesem, die Andern von jenem Boden aus argumentieren, was gegenseitiges Verständnis unmöglich macht. Diese führen die gesellschaftlichen Einrichtungen auf göttlichen Ursprung zurück, jene auf metaphysische Vorstellungen, wie Volkssouveränität, Menschenrechte u. s. w., während die Positivisten sie auf ihre Übereinstimmung mit den die Entwicklung der Menschheit beherrschenden Gesetzen prüfen. In den Lücken aber zwischen den drei Parteien dehnt sich immer weiter die Masse der Meinungslosen, welche nichts als das eigene Selbst anerkennen und ihre Selbstsucht im Kampf mit der ganzen Welt zu befriedigen suchen. Daneben befehden auch jene Parteien einander auf den Tod, unfähig sich zu dem Begriffe der relativen Berechtigung zu erheben; dieser Kampf wird dadurch vermehrt, dafs sie fortwährend sich in feindliche Unterparteien spalten. Eine Ausnahme hiervon allein glauben die Positivisten zu machen. Innere Zwistigkeiten finden nach Comte unter ihnen um deswillen keinen Boden, weil ihre Meinungen die ruhige und feste Überzeugung besitzen, welche für das Gebiet der äufseren Natur Männer wie Kepler, Newton u. s. w. begründet haben, von deren Aufstellungen abzuweichen nur dem Unvernünftigen einfallen könnte. Des weiteren aber bewirkt ihre Einsicht — 49 — von dem Zusammenhang der menschlichen Entwicklung, dafs sie mit den ihnen vorausgehenden Richtungen als mit notwendigen und heilsamen Stufen der Entwicklung sympathisieren, bedingt freilich nur mit den metaphysischen, als Mächten einer notwendig gewordenen Zerstörung, unbedingt dagegen mit den Religionen der Vergangenheit, denen sie die besten Besitztümer der Menschheit danken. Wir betrachten die Wirkung der drei bezeichneten Richtungen auf die gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart, um das obige Urteil des Positivismus über dieselben zu verstehen. I. Beziehentlich der theologischen Weltanschauung ist fast nur hervorzuheben, dafs sie mehr und mehr ihre regelnde Macht über das Leben der Menschen verliert. Dies macht sich unter anderm in dem Schwächerwerden der Familienbande bemerkbar. Während die vorhergehenden Zeiten allmählich die monogamische Ehe gegenüber den Eingriffen des ungezügelten Geschlechtstriebes entwickelten und mit Heiligkeit umkleideten, so ist heute im westlichen Europa wieder eine Lockerung des ehelichen Bandes eingetreten. Das Ideal der geschlechtlichen Reinheit im aufserehelichen Leben, die Errungenschaft des Christentums gegenüber dem Heidentum, besteht heute selbst als Ideal für weite Kreise nicht mehr. In gleicher Weise findet sich die alte loyale Anhänglichkeit an den von Gott eingesetzten Herrscher nur noch in beschränkten Teilen des westlichen Europas; die sittliche Ordnung, welche einst den ganzen Menschen zu beherrschen beanspruchte, macht auf dem Gebiete des Staates und im Verkehr der Staaten unter einander immer offener der ungezügelten Interessenpolitik Platz. Das Christentum versuche heute noch in der letzten Stunde, seinen Anspruch auf Beherrschung des menschlichen Lebens durchzuführen; wir werden die ersten sein, die seine v. Schulze-Ga evernitz, Zum soc. Frieden. II. 4 — 50 — Bemühungen mit Freuden anerkennen, sagen die Positivisten. Andererseits aber sind sie sicher, dafs ein Wiederauflehen nicht zu erwarten, trotz der für das neunzehnte Jahrhundert so bezeichnenden reaktionären Richtungen. Die religiös reaktionäre Richtung entspringt aus der gerechten Furcht, dafs die Verflüchtigung und Subjektivierung der Religion auch mit einer Subjektivierung der sittlichen Anschauungen, auf denen die Gesellschaft beruht, enden müsse. Sie ist sodann ein Protest dagegen, dafs die geistliche Leitung der Nation nicht zu weltlichen Zwecken gehraucht und daher nicht unter die zeitliche Macht gebeugt werden dürfe; daher die Bestrebungen, die Kirche von der Herrschaft des Staates zu befreien, wie sie sich z. B. unter den Anhängern Puseys und den weitergehenden Newmans fanden. So ist diese Richtung nichts als der Ausdruck des religiösen Bedürfnisses der Gegenwart überhaupt. Dasselbe veranlafst vielfach die Besten, Ansichten äufserlich zu verteidigen, gegen welche ihr Verstand sich empört, deswegen, weil sie ihnen unauflöslich mit der sittlichen und gesellschaftlichen Ordnung verknüpft erscheinen. „Schrecklich ist dieser Aufruhr des Verstandes gegen die Forderungen des Herzens, welches ein unerträglicher Tyrann geworden ist. In den letzten Stunden dieses Kampfes haben gar viele von uns gestanden" 1 . Ähnliches gilt von der politischen Reaktion, welche sich von der alten Loyalität dadurch unterscheidet, dafs sie innerlich an die göttliche Einsetzung der Autoritäten nicht mehr glaubt, denen sie sich äufserlich unterordnet, weil sie ihr als das einzige Mittel erscheinen, um die schwankende Ordnung der sittlichen und gesellschaftlichen Welt aufrecht zu erhalten. Reeves 1 Five Discourses on positive Religion by J. H. Bridges. London, res & Turner, 1882. — 51 — Das Auftreten der reaktionären Richtungen im neunzehnten Jahrhundert ist nach Ansicht der Positivisten nichts als ein Beweis dafür, wie sehr die Menschheit einer neuen, sittlich wie gesellschaftlich positiven Macht bedarf. Sie werden, meint Professor E. S. Beesley 1 , einst von der Nachwelt als das bezeichnendere Merkmal des neunzehnten Jahrhunderts angesehen werden, selbst als die Entwicklung der Demokratie, welche nichts als eine Fortsetzung der seit mehreren Jahrhunderten vor sich gehenden Revolution ist. II. Die metaphysische Denkweise ist heute viel verbreiteter als die theologische. Sie schien bis vor kurzem das Gebiet der Politik vollständig zu beherrschen. Ihre eigentlichen Träger sind die sogenannten Mittelklassen, d. h. die durch Besitz ausgezeichneten Stände, welche im gröfsten Teil des westlichen Europas heute die Herrschaft ausüben oder mit dem notwendigen Verfall der älteren Herrschaftsformen immer mehr ausüben werden. Für sie besteht die heute vor sich gehende Umwälzung der Gesellschaft lediglich darin, sie selber an die Spitze zu bringen. Daher glauben sie, dafs dieselbe dort, wo dieses Ziel durch Einführung der Parlamentsherrschaft u. s. w. erreicht ist, nunmehr als beendet zu betrachten sei. Sie verkennen, dafs die politische nur ein Vorspiel der socialen Umwälzung ist. Auch zeigt sich bereits der Verfall des bürgerlichen Konstitutionalismus, welcher nur eine Zwischenzeit auszufüllen berufen ist, darin, dafs er selbst von seinen Anhängern aufhört, geglaubt zu werden. Dieselben verteidigen zwar die Parlamentsherrschaft noch durch Hinweis auf metaphysische Abstraktionen wie Menschenrechte, Volkssouveränität u. s. w., innerlich aber 1 Positivism before the chürch congress. London, Reeves & Turner, 1889. 4* werden sie sich bewufst, dafs es sich um ein Ding handelt, welches sie aufrecht erhalten, weil es ihren Interessen dient. Die „Herrschaft durch das Volk" wird zur Ausbeutung des Volkes durch die Besitzenden. Von dem Grundgedanken aus, dafs die öffentliche Macht nicht ein Recht, sondern eine sociale Funktion sein solle, erklären sich die Angriffe der Positivisten auf das bisherige System in England, wie sie insbesondere Frederic Harrison in der „Fortnightly Review" entwickelt hat. Thatsächlich, so führt er aus, ist die Demokratie der Gegenwart Schein; die englische Staatsform ist richtiger als Plutokratie zu bezeichnen. Das. Schauspiel der Parlamentsregierung hat lediglich den Zweck, dem Volke die Meinung beizubringen, als oh es sich selbst regiere, während es von .einer „Börsenaristrokratie" regiert wird 1 . Demgegenüber ist die Krone und das Oberhaus doppelter Schein: „ein Spiel im Spiele". Die Krone würde zwar einen Vorteil besitzen, nämlich den, die bestehende Ordnung als solche zu verkörpern und zu stärken — ein Vorteil in den Augen der Positivisten, da Fortschritt nie durch gewaltsames Brechen des Bestehenden zu erreichen ist. Aber dieser Vorteil werde durch einen Nachteil aufgehoben, welcher mit der Zeit eine Abschaffung der Krone notwendig machen werde. Ihr Bestehen nämlich drücke den zeitweilig herrschenden Minister zu einer Stellung hinab, in der er zu sehr den parlamentarischen Kämpfen ausgesetzt sei und ihm die Möglichkeit persönlicher Herrschaft zu sehr fehle — er sei derjenige republikanische Präsident, der am wenigsten Würde und Macht habe (the least dignified and established president) 2 — bezeichnend genug für die Um- 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. Bd. XI, S. 621 ff. 2 Vergl. a. a. 0. S. 638. Wandlung der Zeiten: während früher die Radikalen aus Rücksicht auf die Volkssouveränität Abschaffung der Krone verlangten, so tritt hier dasselbe Verlangen auf gewisser- rnafsen aus monarchischen Gründen. Die Angriffe der Positivisten auf das parlamentarische System Englands nehmen Carlyles Kritik wieder auf. Der Hauptvorwurf ist der: das Parlament thue thatsächlich überhaupt nichts, es verhalte sich allen konstruktiven Aufgaben gegenüber regungslos. Als Grund wird einmal der bezeichnet, dafs alle Verhandlungen und Mafsnabmen innerhalb des Parlaments lediglich von dem Hintergedanken getragen seien, wer Herrscher sein solle, während es doch thatsächlich gar nicht darauf ankomme, wer regiere, sondern allein, wie regiert werde. Hierzu aber kommt ein weiterer Grund der Thatlosigkeit des Parlamentes: lediglich die Besitzenden vertretend, wolle es allein den Schein einer Volksregierung herstellen, während die wirtschaftlich Starken die Schwachen dann am besten ausbeuten könnten, wenn gar nicht regiert werde. Um die bezeichnete Täuschung zu erhalten, hätte man heute die demokratischen Verfassungsänderungen vorgenommen, insbesondere die Ausdehnung des Wahlrechts. Das einzige Ziel, das man hierbei verfolge, bestehe darin, bei aller Vermehrung der Wähler das Ergebnis unverändert zu erhalten. Zu diesem Zwecke aber diene gerade eine Ausdehnung bis zu den untersten Schichten des Arbeiterstandes. Diese nämlich seien viel leichter zu beeinflussen als die denkenden und bessergestellten Teile desselben, wie z. B. die Lazzaronis die beste Stütze des Bourbonenregiments gebildet hätten 1 . Trotz der bestehenden Plutokratie aber vollziehe sich 1 Vergl. Fortnightly Review. N. S. Bd. III, S. 381. — 54 — zwar langsam, aber unaufhaltsam der Übergang der Macht (transit of power) von den besitzenden, zumeist noch in der metaphysischen Periode des Denkens befangenen Mittelklassen auf den Arbeiterstand, von welchem am ersten die Annahme der positiven Denkweise zu erwarten sei. Trotz aller demokratischen Verfassungsänderungen sei freilich dieser Übergang zunächst mehr moralischer als thatsächlicher Natur. Es könne aber die Zeit nicht ausbleiben, da den neu zur Macht aufsteigenden Klassen der Charakter der parlamentarischen Klassenherrschaft offenbar werde. Habe sie doch in Frankreich, wo sie am unbeschränktesten sei, eine „reductio ad absurdum" erlebt. Dann werde wieder eine mehr persönliche Herrschaft errichtet werden, freilich keine despotische, sondern eine der öffentlichen Meinung unterworfene, nicht auf Grund göttlicher Einsetzung, sondern auf Grund ihrer socialen Brauchbarkeit. Bewiesen doch schon heute die Arbeiter in ihren Vereinen Sinn für persönliche Autorität und die Einsicht von der Unmöglichkeit einer Regierung durch Mehrheiten. Das Parlament aber werde alsdann die nützliche Aufgabe versehen, dem persönlichen Regiment Schranken zu ziehen; es werde dann mit Nutzen „nein sagen", während es heute zum Schaden der Gesellschaft bereits nichts anderes thue. Was man heute vom konstitutionellen Monarchen sage, werde in der republikanischen Staatsform der Zukunft von dem Parlamente gelten, dafs es „der Herrscher, aber nicht der Regierer" sei. Wenn die Kritik des parlamentarischen Systems uns bereits einen Blick auf die von den Positivisten erwartete Zukunftsentwicklung zu werfen veranlafste, so müssen wir auf die gegenwärtig bestehende Herrschaft der Mittelklassen zurückkehren. Dieselbe hat heute eine neuere Form angenommen, welche ihren Geist noch besser zum Ausdruck bringt: den „Imperialismus" mit seiner militärischen Konzentration, seiner — 55 — lediglich auf Gewalt gegründeten Zusammenfassung grofser, fälschlicherweise als Nationen bezeichneter Bevölkerungsmassen. Diese Form der Regierung herrscht heute auf dem Festlande; auch in England hat sie in der Partei der sogenannten Imperialisten, aber nicht nur unter ihnen, zahlreiche Anhänger. Dieses System bildet scheinbar einen Rückfall in vergangene Stufen der menschlichen Entwicklung, da die Beschäftigung des Mannes der Krieg war — grofse und nützliche Zeiten: war doch der Krieg nach Ansicht des Positivismus einer der wichtigsten Erzieher des Menschen, welcher ihm Selbstverleugnung, Aufopferung zu Gunsten eines Ganzen und Unterordnung unter Herrscher gelehrt hat. Aber der heutige Militarismus hat mit dem älteren nur den äufseren Schein gemein. Die Mittelklassen des westlichen Europa glauben nämlich nicht mehr an die auf göttlicher Einsetzung beruhende Autorität des kriegerischen Stammesoberhauptes oder Königs. Wenn sie die militärische Form annahmen, wenn sie das ihnen schwerfallende Opfer brachten, auf Herstellung der Parlamentsherrschaft zeitweilig zu verzichten zu Gunsten persönlichen Regimentes, so lag der Grund in ihrer Selbstucht, ihrer Habgier und gegenseitigen Eifersucht. Aus diesem Grunde schlössen sie den innerlich unwahren Kompromifs mit den Resten der alten königlichen Gewalt. Um sich gegenseitig zu berauben, ballten sie sich zu jenen kriegerischen Grofsstaaten zusammen, welche, wie Harrison sagt, „nur in einer Atmosphäre von Krieg leben können, unvermeidlich zu Zwang, Unterdrückung und Klassenherrschaft führen, unverträglich mit Fortschritt und Frieden, mit den Interessen des Volkes und einer guten Regierung sind" E Dreierlei ist für diese militaristischen Grofsstaaten der 1 The centenary of the revolution S. 9. Ileeves & Turner. 1889. — 56 — Gegenwart bezeichnend: a) Sie beruhen auf kriegerischer Organisation und halten nur durch Gewalt zusammen. Die irische Frage ist ein Beispiel dieses fehlerhaften Systems. Die Positivisten sind eifrige Anhänger der Home-Bule Partei, indem sie Selbstregierung der einzelnen Provinzen überall befürworten. Selbst Frankreich, wie centralisiert es scheine, verdanke seine Zusammenfassung lediglich den Anforderungen des militaristischen Systems. b) Ganz besonders aber zeigt sich in der Behandlung schwächerer und weniger civilisierter Bassen der demselben zu Gründe liegende Geist der Herrschsucht und Habgier. Am deutlichsten zeigt er sich nach Ansicht des Positivismus in dem Wettrennen, welches zwischen den Staaten Europas heute um die Eroberung und Zerteilung des afrikanischen Festlandes stattfindet. Soldaten, Entdecker, Geographen und Missionäre seien — wenn auch vielfach sich dessen nicht bewufst — mit Zeitungsschreibern und Kaufleuten daran, Afrika auszuplündern und in Sklavenbande zu schlagen. Das Gerede von Wissenschaft, Civilisation, Christentum, Abschaffung der Sklaverei, Unterdrückung des Krieges diene lediglich dazu die Triebfedern der Habgier und Herrschsucht zu verschleiern. Das Christentum und christliche Tugenden, sagt Frederic Harrison am angeführten Orte, liefsen sich nur durch sittliche Mäehte verbreiten, so wie es die ersten Christen verbreitet hätten, nicht durch Kruppsche Kanonen und Panzerschiffe. „Nicht zufrieden mit einem Beiche von 250 Millionen Hindus in Asien, zu welchem sie eben daran sind, ein neues Königreich zu fügen", fährt der genannte Schriftsteller fort, „sind unsere Landsleute in jenem Treiben, wie gewöhnlich, wieder an der Spitze, sich Beiche herauszuschneiden aus den unbegrenzten Landstrichen Afrikas". c) Ganz ebenso gewaltsam aber gehen nach Ansicht der — 57 — Positivisten die besitzenden Klassen in der Form militärisch organisierter Grofsstaaten gegen die unteren in ihrer Heimat vor. Ja die erwachende Furcht vor dem „Umschwünge der Macht", den sie selbst durch Demokratisierung der Verfassung vorbereitet hätten, sei ein neuer Grund für sie, die militärische Organisation festzuhalten, durch welche sie ihre Herrschaft zu verteidigen hofften. Ganz besonders in das Auge fallen nach Harrison die Schattenseiten des herrschenden Systems in Frankreich, welches in seinen heutigen Leiden und Zuckungen vorbildlich sei für das, was ganz Europa durchmache oder noch durchzumachen habe. Im Innern eine durchaus unfähige Parlamentsherrschaft, welche die leitenden Plätze in die Hände von Börsenspekulanten und Schwindlern gegeben hätte, nach aufsen militärische Organisation und koloniale Ausbeutung. Auch würden die besitzenden Klassen nicht Bedenken tragen, die Militärgewalt gegen die Abeiterr zu wenden, um das bestehende System der Unterdrückung aufrecht zu erhalten 1 . „Die revolutionäre Krisis", sagt F. Harrison, der wichtigste politische Schriftsteller der englischen Positivisten, sein 1 Ist es gestattet, an diesem Orte ausnahmsweise ein Wort der Kritik einzuschalten, so möchte ich darauf hinweisen, dafs die militärische Organisation der europäischen Grofsstaaten gewifs zum guten Teil dem Drucke zuzuschreiben ist, den der Osten auf den Westen Europas ausübt. Der Osten, in positivistischer Sprechweise, steht auf der theologischen Stufe, ist seiner Natur nach kriegerisch und würde den Westen überschwemmen, die Geschichte um Jahrhunderte zurückstellen, falls der Westen seine militärische Organisation aufgäbe. Der Fehler der positivistischen Kritik scheint darin zu liegen, dafs sie den Westen Europas als eine für sich geschlossene Welt betrachtet, während Comte auf das schärfste betonte, dafs bei socialen Problemen die Methode, die vom „ensemhle" ausgehe, allein anwendbar sei. Dies heifst in vorliegender Frage mindestens die ganze europäische und einen guten Teil der asiatischen Welt in Betracht ziehen. — 58 — Urteil über die Gesellschaft der Gegenwart zusammenfassend 1 , „ist nur das äufsere und sichtbare Schwinden der letzten Reste der Religion, welche einst Europa zusammengehalten hatte, wie die Reformation das äufsere und sichtbare Schwinden des alten, katholischen Systems des dreizehnten Jahrhunderts war. Die Reformation mit ihrem religiösen und politischen Kompromifs bot eine zeitweilige Grundlage der Ordnung. Nun ist dies zu Ende. Europa mit einer ungeheuren Bevölkerung, ungeahnten Hiilfsmitteln befindet sich moralisch in einem Zustande, wie die römische Welt des späteren Kaiserreichs, als die alte Religion offenbar aufgehört hatte zu herrschen und zu vereinigen und die Leiden der Gesellschaft nach einer neuen Religion riefen. Wir können uns heute zurückversetzen in die Zeit des heiligen Augustinus, als dieser auf den ihn umgebenden, schwer gefährdeten Zustand der bestehenden politischen Mächte, die geistige Verderbnis, die sittliche Lähmung, die Unfähigkeit der alten Götter blickte und Hoffnung nur in einer neuen Religion, in einem Staate sah, der nicht von Menschen, sondern von Gott gemacht sei". III. Einer gleichen Hoffnung sind sich die Positivisten bewufst. Weit entfernt am bestehenden zu verzweifeln, erblicken sie überall Anzeichen dafür, dafs die Menschheit dem „positivistischen Gesellschaftszustande" sich nähere. Auch diesmal wird die neue Religion nicht unter den Besitzenden zuerst ihre Anhänger finden, vielmehr sind es wieder die Besitzlosen, die Arbeiter, insbesondere die denkenden und fortgeschrittenen unter denselben, welche der positivistischen Denkweise am nächsten stehen. Darin zwar gleichen sie einem grofsen Teile der Mittelklassen, dafs auch auf sie 1 Vergl. The Centenary of the Revolution S. 18. Reeves & Turner. 1889. die älteren religiösen Denkformen jeden Einflufs verloren haben. Aber während jene, im Besitze der politischen Herrschaft, dieselbe lediglich zn selbstsüchtigen Zwecken handhaben, erwache unter den Arbeitern mehr und mehr das Verständnis für eine der Grundwahrheiten des Positivismus — nämlich die, dafs die Politik der Moral unterzuordnen sei, welche Forderung in gleicher Weise das Christentum bereits zur Zeit seiner Machtfülle aufgestellt habe. Auf dieser Einsicht beruhe die innerhalb des Arbeiterstandes immer mehr sich ausbreitende Partei, welche grundsätzlich gegen Einmischung in fremde Verhältnisse und gegen jeden Angriff auf das Ausland sei (anti-aggressionist party). Schon vor 30 Jahren stellte Dr. Congreve, der erste Anhänger des Positivismus in England, in einer Abhandlung über die auswärtige Politik den Satz auf, dafs dieselbe nicht von selbstsüchtigen, sondern sittlichen Gesichtspunkten beherrscht sein solle. Seitdem haben sich die Posi- tivisten bei allen Gelegenheiten, insbesondere auf Anlafs des sogenannten Opiumkrieges mit China, der Unterwerfung der Zulus, der Transvaalangelegenheit u. s. w. stets in gleichem Sinne vernehmen lassen. Zuerst, sagen sie, seien sie verlacht worden; heute werde die „internationale Moralität" zwar nicht befolgt, aber doch von einer stets wachsenden Partei gefordert. Dieselbe setze sich vor allem aus den besseren Teilen des Arbeiterstandes zusammen. Sie sei gegen Kolonien, gleichviel ob sie einträglich wären oder nicht, weil sie auf ungerechter Beherrschung beruhten. Diese Partei sei bereits eine politische Macht, deren Unterstützung Gladstone vor allem seine Volkstümlichkeit verdanke. Insbesondere aber zeigten sich die Erfolge jener positivistischen Grundanschauung auf dem Gebiete der irischen Politik. Vor 20 Jahren forderten bereits die Positivisten 60 — Unabhängigkeit und Selbstregiening für Irland. (Dr. Congreve: „Ireland a new selfruling unit".) Im Anfang seien sie ganz allein gestanden, als Utopisten und Fanatiker verschrieen worden. Aber sie seien nur der Durchschnittsmeinung ihrer Zeit voran gewesen. Denn heute sei ihre Forderung Schlachtruf einer grofsen, politischen Partei, „des gesamten aufgeklärten Teiles der Nation". Besonders aber seien die Arbeiter auf ihrer Seite, während der Widerstand von den besitzenden Mittelklassen ausgehe. Der Grund aber, welcher die Arbeiter in ihrer Stellungnahme zur irischen Frage bestimme, sei nicht der, dafs die Selbstregierung Irlands nützlich und heilsam für England, sondern der, dafs das heutige System sittlich verwerflich, „ungerecht", wie sie sagen, sei. Gerade auf dem Gebiete der auswärtigen und irischen Politik zeigt sich nach Ansicht der Positivisten, dafs sie selber die Vorkämpfer dessen seien, was die liberale Partei später zu ihrem Programm zu machen pflege. Dies aber sei dem wachsenden Einflui's des Arbeiterstandes auf die Richtung des heutigen Radikalismus zuzuschreiben. Freilich seien heute nur erst beschränkte fortgeschrittene Teile des Arbeiterstandes weit genug, um positivistische Anschauungen anzunehmen. Das Bestehen der grofsen Staaten, welche mit Gewalt Angehörige der verschiedensten Denkstufen zusammenbänden, wirke der Entwicklung hinderlich. Daher begrüfsten die Positivisten den Gedanken der Pariser Kommune, den Arbeiterstand von der reaktionären Herrschaft der Provinzen zu befreien 1 . In der That bestand ein Zusammenhang zwischen jener Bewegung und den von Comte aufgestellten Lehren. Wenn die Kommune „eine neue positive, experimentelle und wissenschaftliche Ära" verhiefs, so 1 Vergl. Fortniglitly Review. N. S. S. 557 ff. — 61 — war dies ein Citat aus Comte, ja geradezu ohne die positivistische Terminologie unverständlich. Mit der Errichtung der Pariser Kommune schien das Ideal der Positivisten, eine Zerspaltung Europas in viele Föderativrepubliken, den ersten Schritt zur Verwirklichung gethan zu haben — eine Zerspaltung, die deswegen notwendig sei, weil nur bei einer gleichartigen, auf derselben Entwicklungsstufe des Denkens stehenden Bevölkerung Unterdrückung des einen Teiles durch den andern vermeidbar sei. Auch hätte die Kommune die Notwendigkeit eines persönlichen Regimentes anerkannt. Es ist selbstverständlich, dafs die Positivisten die zur Zeit der Kommune verübten Zerstörungen den Gegnern derselben zuschreiben. Dagegen trug auch nach Ansicht der Positivisten die Pariser Kommune, d. h. Gemeinde einen schweren Fehler an sich, welcher zeigt, dafs der Pariser Arbeiter zu dem positivistischen Gesellschaftszustande noch nicht reif war: sie neigte kommunistischen Lehren zu, d. h. sie suchte durch politische Mafsregeln zu verwirklichen, was durch moralische Entwicklung herbeizuführen sei. Wir berühren hiermit die Stellungnahme der Positivisten zu den kommunistischen und socialistischen Parteien der Gegenwart. Ihre Ausbreitung unter den Arbeitern, welche bei weitem ihr Ende noch nicht erreicht habe, ist in den Augen der Positivisten die wichtigste Erscheinung in der politischen Geschichte unserer Zeit. Die Revolution, welche seit etwa einem Jahrhundert Europa umgestaltet, zerfällt nach Ansicht der Positivisten in zwei Teile. Die politische, welche heute noch nicht ihr Ende erreicht hat, war von den Mittelklassen getragen, welche sie zur Macht emporhob; ihr Ideal waren politische Rechte, ihre Denkweise metaphysisch, ihr Ausgangspunkt ein abstraktes, nirgends in Wirklichkeit vorhandenes Individuum. Der zweite — 62 — Teil der Revolution, welcher sich 1848 in Frankreich bereits angekündigt hat, wird die sociale sein. Sie geht aus von den arbeitenden Klassen, welche einzusehen heginnen, dal's politische Rechte an sich nicht das Endziel sind, dafs vielmehr die sogenannte „Frage des Eigentums" weit wichtiger sei, d. h. die Frage, wie der Besitz des Einzelnen zu Gunsten der Gemeinschaft zur Anwendung gebracht werden könne. Das Problem, welches damit aufgestellt werde, sei dasselbe, welches der Positivismus für das wichtigte der Gegenwart erkläre, und das Comte bereits in folgender Weise formuliert habe: „la richesse est sociale dans sa source et doit l'etre aussi dans son application". Es beziehe sich dies nicht nur, wie die Kommunisten und Socialisten meinen, auf den Besitz an körperlichen Gütern, sondern auf jeden Besitz, z. B. auch den des Talentes. Denn in allen Formen sei der Besitz ein Erzeugnis der gesellschaftlichen Zustände, aus denen der Einzelne hervorgewachsen sei. Ohne Mitwirkung der Gesellschaft sei er nicht zu erzeugen, geschweige denn zu übertragen und sei daher nicht ein persönliches, nach Belieben auszuübendes Recht, sondern vielmehr eine sociale Funktion. Insofern, als der Kommunismus und Socialismus dieses Problem, zwar noch in beschränkter Form, aufstellt, erkennen ihn die Positivisten als „Fortschritt des revolutionären Geistes in gesunder Richtung" 1 an; daher nehmen sie an, dafs er in Zukunft bedeutend an Ausdehnung und Einflufs zunehmen werde, in dem Grade nämlich, als die arbeitenden Klassen die Erfahrung machen, dafs ihnen die politischen Veränderungen nichts nützen. Die Lösung dagegen, welche die Kommunisten vorschlügen, 1 Vergl. Comte, General view of positiyism S. 160. London, Trübner, 1865. — 63 — sei eine politische, genau wie ihre Vorgänger bereits durch politische Mittel die Gesellschaft neu ordnen zu können gemeint hatten. Das Mittel, durch welches sie die richtige Anwendung des Kapitals herbeizuführen hofften, sei lediglich ein Wechsel in der Person seines Besitzers. Auch die Socialisteu böten im Grunde keine andere Lösung; der einzige Unterschied sei der, dafs sie die Undurchführbarkeit der kommunistischen Vorschläge einsehend mehr die kritische Seite, d. h. die Angriffe auf das bestehende System in den Vordergrund stellten. Angenommen sie gelangten irgendwo vorübergehend zu Macht, so würden ihre positiven Versuche auf mehr oder minder kommunistische Mafsregeln hinauslaufen. Diese von der Mehrzahl des heutigen Arbeiterstandes befürwortete Lösung der socialen Frage aber sei unwissenschaftlich. Sie verkenne das Wesen der menschlichen Gesellschaft und die Gesetze, unter welchen dieselbe stehe, und führe daher nicht zu dem beabsichtigten Ziele. Ihre Befürworter bewiesen, dafs sie im wesentlichen noch auf derselben Stufe des Denkens stünden, wie die von ihnen bekämpften Gegner. Indem die menschliche Gesellschaft dem Auge der positiven Wissenschaft sieh als ein Organismus darstellt, nicht als ein willkürlich gemachter Mechanismus, unterfällt sie dem für Organismen überhaupt geltenden Gesetze der Kontinuität. Jede grofse Veränderung mufs aus der vorhergehenden hervorwachsen, während durch den Versuch einer plötzlichen und willkürlichen Veränderung nur die äufsere Anordnung getroffen, im besten Fall wenig erreicht, möglicherweise aber die Entwicklung zurückgehalten und vieles zerstört werden kann. Die Veränderungen in einem Organismus nämlich gehen vor sich durch Umgestaltung der ihn zusammensetzenden organischen Einheiten; dieses Gesetz gilt schon für die Physiologie, in weit höherem Mafse aber für die Sociologie und bildet, — 64 — wie Herbert Spencer nachweist, den Hauptunterschied zwischen organischer und anorganischer Entwicklung. In der Sprache des gewöhnlichen Lehens ausgedrückt aber heilst dies nichts anderes, als dafs die sociale Entwicklung nicht von politischen, sondern von moralischen Veränderungen abhängt, dafs daher gegenüber jener Hauptaufgabe der Gegenwart, Anwendung des individuellen Besitzes zum allgemeinen Besten, auch nicht politische, sondern vielmehr moralische Schranken der Selbstsucht des Individuums auferlegt werden müssen. „Diejenigen, welche sich solchen unterwerfen", sagt Comte, „werden es mit ihrem freien Willen unter dem Eiuflufs der Erziehung thun. Ihr Gehorsam, einerseits sicher geleistet, wird doch, wie schon Aristoteles bemerkt, das Verdienst der Freiwilligkeit besitzen. Indem wir das private Eigentum in eine öffentliche Funktion verwandeln, unterwerfen wir es keinem tyrannischen. Eingriff, welcher im höchsten Grade entsittlichend auf den menschlichen Charakter wirken würde" L Indem die Kommunisten und Socialisten die Lösung der Aufgabe durch politische Mittel anstreben, können sie an sich auch der Anwendung von Gewalt nicht unter allen Umständen abgeneigt sein. So weit sie friedliche Mittel befürworten, thun sie dies aus praktischen Gründen und für den Augenblick. Die bestehende Ordnung scheint ihnen zu stark und daher jeder gewaltsame Angriff auf dieselbe aussichtslos. Aber da sie lediglich politische Mittel zur Anwendung bringen wollen, ist hierzu nur erforderlich, dafs sie die politische Macht in die Hand bekommen, dagegen ganz gleichgültig, wie diese Macht errungen ist, ob durch friedliche oder gewaltsame Mittel. Daher werden sie, wenn ihnen die Anwendung von Gewalt aussichtsvoll erscheint, nicht zaudern, zu derselben zu greifen. 1 Vergl. a. a. 0. S. 174. — 65 — Der Positivismus ist dagegen nach seiner Natur grundsätzlich friedlich. Seine Lehre besänftigt die Gegensätze des Klassenhasses. Denn die bestehende Ordnung, wie verbesserungsbedürftig sie sei, ist ihm zunächst eine der wissenschaftlichen Beobachtung unterworfene Thatsache, auf welche er seine Vorliebe für wissenschaftliche Thatsachen überhaupt überträgt. Sie ist des weiteren wohl besserungsbedürftig, aber gewifs nicht völlig schlecht, denn sie ist das Endergebnis aller edlen und grofsen Thaten der Vorfahren. Hat es doch nicht an solchen gefehlt, die den Positivismus um deswillen rückschrittlicher Neigung beschuldigten. Dies freilich ganz mit Unrecht: die bestehende Ordnung ist eine Thatsache, die nicht etwa der Einwirkung des Menschen entzogen, vielmehr von ihm, sofern er nur die Gesetze, unter denen sie steht, erkannt hat, in weitem Mafse zu beeinflussen ist. Was der Positivismus behauptet, ist nur, dafs diese Beeinflussung allein innerhalb bestimmter Grenzen vor sich gehen könne, welche die natürlichen Gesetze vorschrieben. Wie niemand z. B. die Gesellschaft der Herrschaft der astronomischen Gesetze oder dem Gesetze der Schwerkraft entziehen könne, so auch nicht den für das sociale Ganze eigentümlich geltenden Gesetzen. Aus letzteren folge, dafs Fortschritt aber nur auf Grund und als Entwicklung der Ordnung möglich sei, dafs eine Zerstörung der bestehenden Ordnung auch den Fortschritt unmöglich mache, ganz ebenso wie die physiologischen Funktionen von den anatomischen Zuständen abhingen. Daraus, dafs der Socialismus diese wissenschaftlichen Thatsachen verkenne, folgen nach Ansicht des Positivismus zwei weitere Fehler. Einmal mangele er des geschichtlichen Sinnes und unterschätze die Wichtigkeit der Erbschaft, welche von einem Geschlecht dem andern überliefert werde. Sodann aber begehe er den weiteren Fehler, die Freiheit des Individuums v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 5 unterdrücken zu wollen. Er verkenne damit die ungeheure Überlegenheit des socialen über den thierischen oder menschlichen Einzelorganismus: der letztere bestehe aus physisch verbundenen, der erstere aus freien, sittlich verbundenen Einheiten. Es handle, sich darum, den Individualismus unterzuordnen, nicht zu zerstören. Zwar habe das heutige industrielle System seine Organisierung noch nicht gefunden; aber der Keim einer solchen liege sicherlich in der spontan eingetretenen Differenzierung zwischen Unternehmer und Arbeiter; darin jedenfalls bestehe die Stärke der Industrie, dafs sie persönlichem Regiment, nicht einer parlamentarischen Scheingewalt untergeordnet sei. Es handle sich nicht darum, den Arbeitgeber abzuschaffen, im Gegenteil das produzierende Kapital zu konzentrieren, indem es so eher in der Lage sei, die gerechten Ansprüche der Arbeiter zu befriedigen. Die Zukunft gehöre dem „Feldherrn der Industrie" (captain of industry), dem Führer und Sorger für seine Leute. Sei doch einst auch nur die Person des Nelson, nicht ein unpersönliches Admiralitätsamt, imstande gewesen, den Soldaten Begeisterung einzuflöfsen L Wie sehr sich so der Positivismus von den socialistischen und kommunistischen Richtungen unterscheidet, so begrüfst er sie als Vorläufer seiner eigenen Ausbreitung. Folgende Gesichtspunkte kommen hier zur Geltung: 1. Das Problem der Gegenwart: Anwendung des persönlichen Besitzes zum allgemeinen Besten d. h. Unterordnung des heute frei schaltenden Individualismus unter das Interesse der Gemeinschaft, ist, abgesehen vom Positivismus, niemals in so scharfer Weise aufgestellt worden, wie von jenen 1 Vergl. F. Harrison, Fortnightly Review Bd. III, S. 498. Auch hier liegen wieder Berührungspunkte mit Carlyle. Vergl. Bd. I, S. 275. — 67 — Lehren. 2. Das Problem ist nicht allein aufgestellt worden, vielmehr sind auch die Träger jenes Individualismus, die besitzenden Mittelstände, zwangsweise auf dasselbe aufmerksam gemacht worden durch die Furcht, welche jene Bewegungen des Arbeiterstandes hervorrufen. 3. Jene Richtungen sind nützlich als Protest gegen die frühere Nationalökonomie, insbesondere gegen die Sätze, dafs das Eigentum in freier Weise ohne Rücksicht auf die Gemeinschaft angewendet werden dürfe, ferner, dafs die gesellschaftliche Ordnung, auf falsch aufgefafsten Naturgesetzen beruhend, durch menschliche Eingriffe nicht zu verändern sei, woraus die Theorie des laissez- faire entsprang. 4. Jene Richtungen bewirkten ein wachsendes "Verlangen nach staatlichem Eingriff, der zwar nicht die Lösung bringen, aber doch vorbereitend — für England auf dem Gebiete der Erziehung, der Landfrage, der Hygiene u. s. w. — nützlich wirken könne. 5. Die von jenen Richtungen vorgeschlagene Lösung ist zwar im höchsten Grade destruktiv, jedoch so augenscheinlich unpraktisch, dafs sie sich bei dem ersten "Versuche ihrer Lösung sofort widerlegen und daher nicht in weitem Mafse schädlich wirken wird. Ist auch nicht zu erwarten, dafs die Masse der Arbeiter in nächster Zukunft die socialistischen Lehren aufgeben werde, so zeigen sich nach Ansicht der Positivisten doch heute schon Ansätze einer den Socialismus überholenden Weiterentwicklung. Fragen reiner Politik hörten auf, die Arbeiter zu interessieren. Ihre Aufmerksamkeit vereinige sich auf sociale Fragen. Die blofse Vertauschung einer Person oder Partei mit einer anderen beziehentlich der politischen Macht sei ihnen nicht mehr ein genügendes Ziel; auch beziehentlich des Eigentums würden sie bald dahin kommen. In beiden Fällen handle es sich darum, nicht wer das Recht habe, sondern wie es ausgeübt werde, nicht darum, das private 5" — 68 — Eigentum abzuschaffen, vielmehr sich von seiner Übermacht zu befreien. Die Positivisten messen für den sich heute vollziehenden Umschwung den Gewerkvereinen die gröfste Bedeutung bei 1 . Auch hier können sie sich rühmen, der öffentlichen Meinung weit vorausgeschritten zu sein, ja in bedeutendem Umfange sie geleitet zu haben. Schon Comte hatte auf die Gewerkvereine als wichtige Faktoren der Fortentwicklung hingewiesen, zu einer Zeit, da in England nicht nur der Führer der Konservativen im „Sybil", sondern die öffentliche Meinung überhaupt sie verdammte. Dieses Verhältnis währte während des gröfseren Teiles des Jahrhunderts. Noch in den sechziger Jahren machte man für verbrecherische Ausschreitungen einiger Sheffielder Gewerkvereinler die Gewerkvereine überhaupt verantwortlich. Die damals zur Untersuchung ihrer Verhältnisse eingesetzte Kommission sollte Material zur Unterdrückung der Vereine beschaffen. Jedoch waren die Ergebnisse der ausgedehnten Nachforschungen solche, dafs sich gegen die Mehrzahl der Gewerkvereine der Vorwurf der Gesetzesverletzung nicht aufbringen liefs. Damals nun setzten die Positivisten mit einer höchst umfangreichen publizistischen Thätigkeit zu Gunsten der Gewerkvereine ein. Besonders war es neben H. Crompton der mehrfach erwähnte F. Harrison, welcher seine „Tracts for trades unionists" veröffentlichte. Die von den Positivisten ins Feld geführten Beweisgründe waren damals neu, seitdem wurden sie oft wiederholt. Die Arbeit sei eine Ware so eigentümlicher Art, dafs der Arbeiter nur durch Vereinigung mit seines- 1 In der That steht die antisocialistische Richtung der Gewerkvereine der vom Positivismus geübten Kritik sehr nahe. Vergl. Trade Unions by William Tränt S. 185. London, Iiegan Paul, Trench & Co., 1884. — 69 — gleichen sich zur Stellung einer Vertragspartei aufschwingen könne; der Arbeiter besitze das Hecht, seine Arbeit an gewisse ihm freistehende Bedingungen zu knüpfen, so wie jeder andere; die gegenteilige Ansicht sei eine Folge der früher bestandenen Anschauung, dafs der Arbeiter zur Arbeit öffentlich rechtlich verpflichtet sei u. s. w. Der damals eintretende Umschwung der öffentlichen Meinung ist zum guten Teile dem thatkräftigen Eingreifen der Positivisten in die schwankenden Tagesansichten zuzuschreiben. Er fand in den folgenden Jahren seinen Ausdruck in einer die Gewerkvereine legalisierenden Gesetzgebung 1 . Während die erwähnte Gesetzgebung noch starken Widerstand in dem Lager beider Parteien fand, so hat sich heute die öffentliche Meinung zu dem Standpunkt der Positivisten bekehrt; in dieser Hinsicht giebt es keinen Unterschied mehr zwischen Liberalen und Konservativen, Arbeitern und Arbeitgebern in England. Auf die Kämpfe der früheren Jahre zurückblickend konnte daher F. Harrison in seiner Rede vor dem Kon- grefs der Gewerkvereine 188S sagen: mit den Gewerkvereinen sei es gegangen wie mit den Eisenbahnen; erst seien sie Gegenstand heftigster Angriffe gewesen, heute seien sie so selbstverständlich, dafs die Auseinandersetzung ihrer Berechtigung und Nützlichkeit pedantisch erscheinen würde. Was die Positivisten schon vor dreifsig Jahren vorhergesagt hatten, erfüllt sich mehr und mehr. Die Gewerkvereine sind heute, wenn nicht zahlen- mäfsig, so doch moralisch die stärkste Macht un er den Arbeitern. Sie lehren ihnen den Wert der individuellen Freiheit gegenüber dem vom Socialismus befürworteten Staatsein- 1 Vergl. F. Harrison, Progress ancl Order S. 67. Longmans & Co. für die Stellung der Positivisten zu dieser Gesetzgebung. Vergl. ferner unten Kap. VII, Absclm. 3. — 70 — griff schätzen. Ihre Kämpfe mit dem Kapital werden mehr und mehr friedlich ausgefochten. Von den Arbeitgebern als die Vertretung der Arbeiter anerkannt, bewirken sie, dafs der Arbeiter aufhört, blofses Produktionsmittel, „Hand" zu sein, und mehr und mehr wirklicher Mitarbeiter, „Cooperator" wird, was F. Harrison bereits 1866 als Aufgabe der Gewerkvereine hingestellt hatte 1 . Freilieh haben die Gewerkvereine bisher nur einem beschränkten Teile des Arbeiterstandes geholfen. Jedoch ist hier der Weg gezeigt, auf dem nach Ansicht der Positivisten fortgeschritten werden mufs. Zwei Thatsachen aber beginnen in neuester Zeit sich bereits geltend zu machen, welche den Ausständen des folgenden Jahrhunderts einen durchaus anderen Charakter als denen des vergangenen aufdrücken werden. a) Die öffentliche Meinung, wenigstens innerhalb der gesamten englisch sprechenden Welt, bemächtigt sich bereits heute dieser Kämpfe. Sie unterstützt die gerechten Forderungen der Arbeiter auf ein menschenwürdiges Dasein, wie sie insbesondere in dem Verlangen nach verkürzter Arbeitszeit sich aussprechen. Schon heute sehen wir, wie die öffentliche Meinung ungelernten und schwach organisierten Arbeitern, denen vom rein gewerkvereinlichen Standpunkt aus nicht zu helfen ist, den Sieg verschafft, so bei dem jüngst stattgehabten Ausstande der Londoner Dockarbeiter 2 . Aber die Macht der öffentlichen Meinung wird nach Ansicht der Positivisten gewaltig wachsen, in dem Grade nämlich, als sie durch Verbreitung positivistischer Ansichten an Einheitlichkeit gewinnt. Sie wird ein wichtigerer Schutz für den Arbeiter werden als I Vergl. Fortnightly Keview Bd. III, S. 47, 51 ff. II Vergl. unten Kap. IX, Abschn. 1. — 71 — die Gesetzgebung; denn welcher Verein von Arbeitgebern könnte sich auf die Dauer der öffentlichen Meinung einer civi- lisierten Welt widersetzen. Damit werden die Arbeitausstände mehr und mehr das werden, als was sie J. H. Bridges bezeichnet: „eine Aktion der organisierten öffentlichen Meinung." b) Die „Internationalisierung" der Organisationen aber, welche nach und nach die gesamten Kulturstaaten umfassen würden, werde die Arbeitgeber von der Furcht befreien, dafs verbesserte Arbeitsbedingungen dem ausländischen Mit- bewerb zu Gute kämen. Auch würde, wie auf beschränktem Gebiete schon heute die Ansätze vorlägen, so auch auf dem erweiterten der Zukunft der Kriegszustand friedlicheren Methoden der Entscheidung Platz machen und die öffentliche Meinung die Schiedsrichterin zwischen den Anforderungen der Produktion und der Arbeit sein. Die Positivisten verweisen um ein Beispiel von der Macht der positivistisch erzogenen öffentlichen Meinung der Zukunft zu geben, auf den gleichfalls ohne äufseren Zwang geübten Einflufs der Kirche des Mittelalters, durch den sie z. B. den Gottesfrieden und ähnliches durchgesetzt habe. Aus dem gesagten geht bereits hervor, dafs nach Ansicht der Positivisten eine befriedigende Lage der Arbeiter erst dann erreicht werden kann, wenn die Durchsetzung der Menschheit mit positivistischen Anschauungen grofse Fortschritte gemacht hat. Die wahre „Organisation der Arbeit" wird erst nach der „Organisation der Erziehung" erreicht werden, während jeder Versuch, das „sociale Gebäude der Zukunft aufzubauen", scheitern mufs, bevor seine sittlichen und verstandesgemäfsen Grundlagen gelegt sind. Ein Blick auf das verflossene Halbjahrhundert zeigt ein — 72 — Wachsen der Bedeutung und Anhängerzahl des Positivismus. In vielen Fragen ist er, wie gezeigt, der öffentlichen Meinung vorangegangen. Weithin hat er seinen Einflufs geltend gemacht. Um den Positivismus zu beurteilen, und zugleich den ungeheueren Umschwung des Denkens zu ermessen, welchen wir im vorliegenden Werke darstellen, bedenke man, dafs der Positivismus an Stelle des früheren benthamistischen Radikalismus tritt. Derselbe war materialistisch in seiner Weltanschauung, Militärisch in seiner Moral, „kompetitionistisch", d. h. das Laissez-faire vertretend, in seiner Politik. Die neuere Richtung des Radikalismus ist dagegen positivistisch, altiuistisch, social. Als Unterschiede vom Standpunkt der praktischen Politik sind hervorzuheben: 1. Verteidigung der Ehe und des Familienlebens, Betonung der Unterschiede der Geschlechter, Verlangen nach Beschränkung der Frauenarbeit. 2. Strengste Nichteinmischungspolitik, ihre Anwendung auf Irland und koloniale Fragen; Verlangen nach Decentralisation. 3. Forderung des staatlichen Eingriffs auf socialem Gebiet, ohne andererseits den socialistischen Irrtum zu teilen, dafs hierdurch mehr als nebensächliches geleistet werden könne. 4. Betrachtung aller politischen Fragen weniger vom Standpunkt des Kapitals als der Arbeit, Anerkennung der Gewerkvereine und Beeinflussung der öffentlichen Meinung zu Gunsten der Arbeiter. 5. Bekämpfung aller Umsturzideen als unpraktisch und unwissenschaftlich. Diese Verbindung eines durchaus radikalen mit einem völlig friedlichen Charakter ist an dem Positivismus von socialem Standpunkt aus besonders bedeutsam. Nur derjenige wird seine Zeit verstehen und auf sie wirken, welcher ihre Strömungen, die befreundeten wie die gegnerischen, kennt; insbesondere aber diejenigen, welche, wenn schon heute wichtig, der Entwicklung voranzuschreiten — 73 — scheinen. In dieser Hinsicht scheint die Kenntnis des Positivismus besonders wichtig 1 . 1 Es scheint an dieser Stelle notwendig, auf die Philosophie Herbert Spencers mit wenigen Worten einzugehen, obwohl eine ausführlichere Behandlung derselben aus dem Rahmen dieser Arbeit fällt. Einmal nämlich haben die Gedanken des genannten Schriftstellers nicht eine unmittelbar socialpolitische Spitze; ihre Bedeutung in dieser Richtung liegt vorwiegend in der Bekämpfung des Socialismus, in welcher Eigenschaft sie unten zu erwähnen sind. Sodann fehlt Herbert Spencer eine Anhängerschaft, welche sich unter den Geistesrichtungen des heutigen Englands etwa in der Weise des Comtistischen Positivismus als eine geschlossene Gruppe mit bestimmten politischen und socialen Forderungen hervorhöbe. Dagegen stehen die in den „First Principles" und dem ersten Bande der Biologie enthaltenen Gedanken in enger Berührung mit den philosophischen Grundlagen der in vorliegender Arbeit geschilderten Richtungen, insbesondere mit Carlyle und dem Positivismus. Herbert Spencers Werke haben wesentlich dazu heigetragen, die frühere mechanische und utilitarische Gesellschaftsauffassung aufzuheben. Folgende Hauptpunkte scheinen in dieser Beziehung hervorzuheben: 1. Spencer ist Positivist in der Verneinung jeder Spekulation und der Beschränkung der Wissenschaft auf die Ordnung gegebenen Materials; er ist demzufolge antimaterialistisch. 2. Der Mittelpunkt seines Systems ist der Begriff der Entwicklung. 3. Er fafst den Begriff der organischen Entwicklung (Leben) in einer auf individuelle wie sociale Organismen gleichmäfsig passenden Weise. 4. Er vertritt eine altruistische Moral. Hierüber noch folgendes: Nach Spencer beruht alles Erkennen auf gegebenen sinnlichen Empfindungen, welche das Urmaterial alles geistigen Lebens sind. Durch die Differenzierung der Empfindungsvermögen (Sinne) entsteht die Aufsen- welt, indem das Zusammenwirken mehrerer Arten von Empfindungen den Menschen zwingt, die Eindrücke zu objektivieren. Das neugeborene Kind, ähnlich wie jenes tief auf der Stufe der Organismen stehende Wesen, dem zuerst die Aufsenwelt als solche erwachte, schafft durch Kombination von Tast- und Gesichtseindrücken den Körper und macht dadurch subjektive Empfindungen zu objektiven Wahrnehmungen, Objekten. Hiermit ist der Kreis des menschlichen Erkennens erschöpft, woraus unmittelbar folgt, dafs nur Körper und Bewegung Gegenstand der Kenntnis des Menschen sein können. Keine Erscheinung, und sei sie noch so kompliziert, von der ich nicht annehmen mufs, dafs sie auf Körper und Bewegung sich zurückführen lasse, deswegen nämlich, weil ich über- — 74 — haupt nichts anderes wahrnehmen kann. Das sogenannte Gesetz der Erhaltung des Stoffes und der Bewegung ist für Spencer nichts als ein anderer Ausdruck der Beschränkung der menschlichen Erkenntnis auf das körperliche Gebiet. Die Vorstellung des Entstehens von Stoff oder Bewegung aus dem Nichts, des Vergehens derselben in das Nichts, ist unmöglich, weil sie Verknüpfung von Dingen wäre, die dem Gebiet des Bewufstseins angehören, mit solchen, die aus demselben herausfallen. Die in der Sonnenwärme enthaltene Bewegung geht unter den mannich- fachsten Formen, als Wärme, Licht, mechanische Bewegung u. s. w., durch alle Erscheinungen des organischen wie socialen Lebens hindurch. Die Sonnenwärme als Molekularbewegung bringt zuerst den chemischen Pro- zefs hervor, auf dem das Pflanzenlehen beruht, die Desoxydation der Kohlensäure. Von diesem hängt weiter der umgekehrte Vorgang ab, die Oxydation der Kohle, den das Tierleben darstellt. Die ursprüngliche Bewegung tritt hier in neuer Form auf, in dem Aufbau des Körpers und den Bewegungen seiner Organe, also in chemischen und mechanischen Vorgängen. Plierzu sind auch die Vorgänge des Denkens und Empfindens zu rechnen, welche nicht anders als in der Form der Bewegung vorgestellt werden können. Die eine Form der Bewegung geht in die andere über, daher auch die geistigen Funktionen von körperlichen abhängig sind und umgekehrt, z. B. Denken ist abhängig von der Blutversorgung des Gehirns wie umgekehrt es Ausscheidung alkalischer Phosphate durch die Nieren hervorruft. So ist auch das gesamte sociale Dasein, das Leben der Gesellschaft, nichts anderes als umgewandelte Sonnenwärme. Der gesellschaftliche Mensch zieht aufserdem die von der Sonne in ferner Vorzeit geleistete Arbeit in seinen Dienst und setzt durch die Kohlen Maschinen in Bewegung, die seine Organe verdoppeln. Daher müssen auch die socialen Vorgänge den gleichen Gesetzen wie die Veränderungen der organischen und anorganischen Natur überhaupt unterworfen sein — Gesetzen, welche, wenn auch die Wissenschaft noch nicht so weit gelangt ist, sich grundsätzlich auf das Gesetz der Erhaltung von Stoff und Bewegung zurückführen lassen, weil nichts anderes als diese beiden Gegenstand der Erkenntnis sein können. H. Spencer vertritt mit diesen Gedankengängen, welche nur andeutungsweise berührt werden, Ansichten, welche als durchaus positivistisch dem modernen Denken entsprechen, indem sie die menschliche Erkenntnis auf das Gebiet des Gegebenen beschränken. Ganz eng berührt sich auch H. Spencers Definition der Philosophie mit der von Comte gegebenen: Ordnung der Wahrheiten der verschiedenen Wissenschaften. Aber Wenn Spencer einerseits mit voller Schärfe das ganze Gebiet — 75 — der Erscheinungen auf Stoff und Bewegung zurückführt, so ist er doch weit entfernt, diese beiden Grundlagen, in die alle Erscheinung auflösbar ist, für Realitäten zu halten, wie der Materialismus es thut. Der letztere ist nichts als ein Rückfall in die frühere, metaphysische Denkweise, welche aus dem Gebiet der Erscheinung hinaus auf das der Realität sich schwingen zu können meinte. Für Spencer ist in Übereinstimmung mit Sir William Hamilton und der gesamten deutschen Philosophie die ganze Welt der Erscheinung etwas rein relatives. Die gesamte Wissenschaft führt zuletzt auf unbegreifliches zurück. Raum, Zeit, Stoff, Bewegung, Empfindung, Bewufstsein: alles enthält unlösbare Rätsel, ein Merkmal dafür, dafs die Welt der Erscheinungen rein relativ ist. Die Begründung dieser Thatsachen vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt ist einfach: der menschliche Intellekt, ebenso wie jedes andere Organ des Körpers, ist in der Not des Lebens und zu praktischen Zwecken, nicht zu theoretischer Weltbetrachtung entwickelt. Es ist nach Spencer ein passendes Bild, dafs, jemehr sich der Kreis unserer Kenntnisse ausdehnt, desto mehr seine Peripherie mit dem Unbegreiflichen in Berührung kommt. Alles, was wir wissen, ist — „won from the void and formless infinite." eine Vorstellung, welche sich in ähnlichen Worten bei Carlyle wiederfindet. „Unsere Kenntnis, sei es vom Subjekte oder vom Objekte", sagt Sir W. Hamilton, welchem Spencer zustimmt, „ist nichts als die Kenntnis von relativen Äufserungen (manifestations) eines Daseins, welches selbst aufser- halb des Bereichs der Erkenntnis liegt." Diese Endbehauptung aller Philosophie stimmt nun aber mit dem Grundgedanken aller Religion überein. „In der Behauptung einer Realität, welche schlechterdings unerforschbar ist, findet die Religion eine Aufstellung, welche mit der ihrigen zusammenfällt; alle Religion beruht auf dem Bewufstsein einer unbegreiflichen Macht, welche man allgegenwärtig nennt, wegen der vollständigen Unmöglichkeit ihr Grenzen anzuweisen". In frühen Entwicklungsstufen zwar versucht die Religion eine Welterklärung zu geben, was sie für Ungebildete stets thut; später dagegen spricht sie ausdrücklich ihrer Welterklärung die Erkennbarkeit ab: Gott erkennen wird unmöglich erklärt, die Annahme dieser Möglichkeit Gotteslästerung. Nach Spencer also geht alle Religion auf einen unerforsch- lichen Grund hinter den der Realität ermangelnden Erscheinungen zurück. Ihre zeitliche Form ist der dem zeitgenössischen Durchschnittsdenken angemessene Ausdruck dieser Wahrheit. Als solcher sind die einzelnen Religionen „notwendige Begleiterscheinungen des menschlichen Lebens, besonders angepafst den Gesellschaften, in denen sie einheimisch sind, Elemente der grofsen Entwicklung, deren Anfang und Ende aufserhalb des Begreiflichen liegen" — selbst Arten von Offenbarung des Unbegreiflichen. Hier liegt ein wichtiger Punkt des Auseinandergehens des Comtischen und des Spencerseben Positivismus, bei dem der letztere bei weitem näher an Carlyle steht. Comte nämlich verneint, dafs etwas, was schlechterdings aufserhalb des Gebietes der Erkenntnis liege, von irgend welcher Bedeutung für das menschliche Leben sein könne. Seine Keligion ist daher vollständig der Erkenntnis angehörig, „die Religion der Menschheit". H. Spencer dagegen behauptet, dafs die Annahme eines rein relativen Daseins ohne den Hintergrund eines Absoluten nicht möglich sei, und dafs, damit der Mensch anders als rein individualistisch handle, jene Behauptung der Religion unentbehrlich sei. Weit entfernt, eine Religion geben zu wollen, wie Comte und seine Anhänger thun, ist Spencers Philosophie vielmehr rein auf das Gebiet des Erkennens beschränkt und trägt einen durchaus monistischen Charakter, entsprechend dem allbeherrschenden Gesetze der Erhaltung von Stoff und Bewegung. Wenn nur das sinnlich" wahrnehmbare Gegenstand der Erkenntnis ist, so ist damit zugleich alles, so lange es wahrgenommen werden kann, Gegenstand 4er Erkenntnis. Ein Ding verstehen heifst daher, es von dem Hervorgehen aus dem Unwahrnehmharen an bis zu dem Aufgehen in dasselbe zu verfolgen. Die Erklärung eines Dinges ist so lange unvollständig, als wir nicht seine Geschichte kennen. Wenn, wie hervorgehoben, einmal Voraussetzung einer solchen Erkenntnis die Unzerstörbarkeit von Stoff und Bewegung ist — ein Satz, der nichts ist als eine Zerlegung („decomposition") der Erscheinungen in ihre Elemente — so ist ferner Voraussetzung der Erkenntnis ein Gesetz in dem steten Wechsel der Erscheinung (d. h. in der steten Veränderung der Stellung der einzelnen Teile der Materie zueinander). Dieses Gesetz, dessen Verfolgung einen Band erfordern würde, ist nach Spencer das „Gesetz der Entwicklung und der Auflösung" (evolution and dissolution). Entwicklung ist nach Spencer ein Übergang zum Zusammenhängenden vom Unzusammenhängenden, eine „Sammlung von Stoff und Zerstreuung von Bewegung", Auflösung „Sammlung von Bewegung und Zerstreuimg von Stoff". Absolute Ruhe ist unmöglich, es mufs stets Entwicklung oder Auflösung oder beides neben einander vorhanden sein. Entwicklung besteht einmal in dem Prozefs der Sammlung von Stoff Integration), daneben geht die Differenzierung der einzelnen Teile her. Wie sich das Ganze gegenüber der Aufsenwelt individualisiert, so individualisieren sich die Teile von einander, indem sie damit zugleich von einander abhängiger werden. — 77 - Die von H. Spencer in den „First principles" an der Hand der Mechanik gewonnenen Grundsätze der Entwicklung beziehen sich auf alle Erscheinungen sowohl die der anorganischen, wie die organischen, wie die socialen. Spencer geht in der monistischen Auffassung aller Erscheinungen bis zu den äufsersten Folgerungen: er unterwirft die sociale Welt nicht nur den für alles organische Lehen geltenden Gesetzen, sondern auch den für die organische wie unorganische Welt gemeinsam geltenden. Denn den Unterschied, welcher für den unwissenschaftlichen Betrachter zwischen dem Organismus des Einzelwesens einerseits und dem socialen Ganzen andererseits darin besteht, dafs letzteres sich aus unzusammenhängenden Individuen zusammensetzt und daher abstrakter Begriff, nicht Konkretum erscheint, beseitigt Spencer von vornherein. Auch scheinbar zusammenhängende Körper könnten ja nie wirklich zusammenhängend sein, wie die Zusammendriickbarkeit der Stoffe beweise, ferner ihre verschiedenen Aggregatzustände, in denen dieselbe Masse ganz verschiedenen Umfang einnähme, weshalb man annehmen müsse, dafs auch ihre Einheiten (Moleküle) getrennt seien. Zudem gäbe es auch unorganische Ganze, die aus weitgetrennten Teilen zusammengesetzt seien, z. B. das Sonnensystem. Aufserdem sei natürlich auch der Zusammenhang socialer Ganzen ein rein körperlicher, indem die Nervensysteme der Einheiten durch körperliche Mittel aufeinander wirkten. — Aus der Entwicklung überhaupt hebt sich die organische Entwicklung hervor, welcher auch die sociale angehört. Die auf das eingehendste nach allen Seiten geprüfte Definition des Lebens, beziehungsweise der organischen Entwicklung kann nach Spencer nicht anders gefafst werden als auf Einzelorganismen und gesellschaftliche Organismen in gleicher Weise anwendbar. Das eigentümliche des Lebens, welches durch Abstammung eine unendliche Entwicklungsreihe bildet, deren Anfang wie Ende Dunkel umhüllt, ist ein System selbständiger, in sich geschlossener Bewegung, in welchem sich die Teile gegenseitig im Gleichgewicht halten und Störungen von aufsen durch innere Neuordnung wieder aufheben; lebende Wesen sind die einzig wahrnehmbaren Ganzen, indem in der unorganischen Natur das Ganze unsem Blicken entzogen ist. — Ein weiteres Eingehen auf die Spencersche Philosophie fällt aus dem Rahmen vorliegender Arbeit; das gesagte genügt, um zahlreiche Anknüpfungspunkte an Carlyle und Comte zu erkennen. Sechstes Kapitel. Der Socialismus 1 . Vorbemerkung - . Aus der reichen Litteratur des englischen Socialismus seien als dem folgenden Kapitel hauptsächlich zu Grunde liegend genannt: Veröffentlichungen bei Reeves (London, Fleet Street 185): The Progress of Socialism, by Sidney Webb. The Banner of Christ in the Hands of the Socialists. True and False Society, by William Morris. Right of Meeting in Trafalgar Square. A Plea for Socialism, by J. L. Mahon. The Labour Elector, the Organ of Practical Socialism, edited by H. H. Champion. Laws of Eternal Life, being Studies in the Church Catechism, by Stewart D. Headlam. Manifesto of the Socialist League, new edition annotated, by M. Morris, and E. B. Bax. Socialism and Slavery (an answer to Herbert Spencer), by H. M. Hyndman. Socialist Catechism, by J. L. Joynes. Socialism made Piain, the Social and Political Manifesto of the Demo- cratic Federation. Chants for Socialists hy William Morris. Socialism and Sex, by K. P. Revised and Corrected Issue. Social Future of the Working Classes, hy E. C. Beesly. Land Nationalisation, its Necessity and its Aims, by Alfred Russell Wallace. A Dream of John Ball and a King's Lesson, by William Morris. The Man with the Red Flag: Being the speech delivered at the Ohl Bailey, by John Burns. 1 Für freundliche Durchsicht der Druckbogen sage ich Herrn Sidney Olivier, dem Schriftführer der Fahischen Gesellschaft, besten Dank. — 79 - Useful Work versus Useless Toil, by W. Morris. Nationalisation of tbe Land, in 1775 and 1882, by Thos. Spence (1775), Notes and Introduction by H. M. Hyndman. Wby I am a Socialist, by Annie Besant. Christian Socialism versus Present Day Unsocialism, by E. D. Girdlestone. All for the Cause, Words by William Morris. A Commune for London, by H. M. Hyndman. Depression of Trade, its Causes and its Remedies, by A. R. Wallace. Commonweal, weekly. Justice, weekly; quarterly; yearly. Freedom: a Journal of Anarchist Socialism. Coming Revolution in England, by H. M. Hyndman. Social Reconstruction of England, by H. M. Plyndman. Church Reformer, monthly. Christian Socialist. A Journal for those who Work and Think. Sings of Change, Seven Lectures, by William Morris. In anderm Verlag erschienen: The historical Basis of Socialism (London, Kegan, Paul & Co., 1883) by H. M. Hyndman. The bankruptcy of India (London, Swan Sonnenschein & Co., 1886) by H. M. Hyndman. England for all (E. W. Allen, 1881) by II. M. Hyndman. Fabian Essays in Socialism edited by G. Bernard Shaw (1890, Fleetstreet 63). Socialism in England (Swan Sonnenschein & Co., 1890) by Sidney J. Webb. Fabian Tracts, Veröffentlichungen der Fabian Society. (180 Portsdown Road, W. London.) Social Reformation on Christian Principles, Veröffentlichung der „Christian Socialist Society". (8 Lorne Villas, Brockley Road, Forest Hill, London S. E.) Cooperative Commonwealth (London, Swan Sonnenschein & Co.) by L, Gronlund. Socialism in England (London, Swan Sonnenschein & Co., 1890) by Sidney Webb. Daselbst erschienen auch als Teile der „New Series": Civilisation, its Cause an Cure, by Edward Carpenter. The Religion of Socialism by E. B. Bax. The Ethics of Socialism by E. B. Bax. Englands Ideal and other papers on social subjects by Edward Carpenter. An Enquiry into Socialism by T. Kirkup. — 80 - I. Die Grundlagen des Socialismus. Diejenigen Schriftsteller, welche als einflufsreichste Führer der socialistischen Bewegung der Gegenwart angesehen werden können, Karl Marx und Henry George, sind nicht Engländer. Trotzdem dürfen wir den Socialismus in vorliegender Arbeit nicht übergehen; nicht nur deshalb, weil er aus Deutschland und Amerika nach England herübergetragen wurde, dort Ausbreitung gefunden und eigentümliche Umgestaltungen erfahren hat. Der Socialismus ist vielmehr durch weit innigere Bande mit England verbunden; von Ausländern in ein System gebracht entstammt er englischen Eltern. Seine Mutter ist die ältere, sogenannte klassische Nationalökonomie, deren folgerichtige Weiterentwicklung er enthält; als seinen Vater aber könnte man alsdann jenen von Carlyle eingeleiteten Umschwung betrachten, welcher das auf individuelle Konkurrenz aufgebaute Gesellschaftssystem verurteilt und den Standpunkt möglichster Kapitalerzeugung mit dem der an der Erzeugung beteiligten Menschen vertauscht. Dieser Umschwung wenigstens hat den Anlafs gegeben, dafs die ältere Nationalökonomie in den Socialismus umschlug, wie z. B. die Entwicklung der Ansichten J. St. Mills beweist. Betrachten wir, was der Socialismus mit Carlyle gemeinsam hat, indem wir zunächst Henry George aufser acht lassen und die Entstehung des Marxischen Socialismus in das Auge fassen. Es kommt hier vor allem das 1843 erschienene Buch von Engels: „Die Lage der arbeitenden Klassen in England", sowie das von Engels und Marx gemeinsam verfafste: „Kommunistische Manifest" in Betracht, weil in diesen Schriften bereits der Keim zu den weiteren Gedanken des deutschen — 81 — Socialismus, iiisbesondere des Marxischen „Kapital" enthalten ist. Der Zusammenhang des erstgenannten Buches mit Car- lyle ist ein offenbarer und wird schon durch die Häufigkeit der Citate, welche Engels von diesem entlehnt, bewiesen. Von Carlyle stammt die Beurteilung, welche Engels auf das, sei es in englischen Blaubüchern enthaltene, sei es aus eigner Anschauung gewonnene Material anwendet: die tief elende Lage der arbeitenden Klassen Englands in den dreifsiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts, welche kaum die Möglichkeit irgend welcher Besserung erwarten liefs, das Aufkommen der ersten socialrevolutionären Arbeiterpartei etc. Statt nämlich, wie die ältere Nationalökonomie, diese Verhältnisse damit zu rechtfertigen, dafs sie Erzeugnis naturnotwendiger Gesetze seien, verdammt Engels mit derselben Leidenschaft, wie Carlyle, dieses System, welches das Leben der Arbeiter zu einem Hazardspiel mache, alle Familien- und socialen Verhältnisse verkehre, die Durchschnittslebensdauer der Massen verkürze, die Nation physisch ruiniere etc. „Wenn ein einzelner einem anderen", eifert Engels, „Schaden thut und zwar einen solchen Schaden, der dem Beschädigten Tod zuzieht, so nennen wir das Totschlag; wenn der Thäter im voraus wufste, dafs der Schaden tötlich sein würde, so nennen wir seine That Mord. Wenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in solche Lage versetzt, dafs sie notwendig einem frühzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen, einem Tode, der ebenso gewaltsam ist, wie der Tod durchs Schwert oder die Kugel — wenn sie Tausenden die nötigen Lebensbedingungen entzieht, sie in Verhältnisse stellt, in welchen sie nicht leben können, u. s. w. so ist das ebensogut Mord, wie die That des Einzelnen, nur versteckter, heimtückischer Mord, gegen den sich niemand wehren kann, der kein Mord zu sein scheint, v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 6 weil alle und doch wieder niemand dieser Mörder ist — " 1 . Einem solchen System gegenüber, auch darin stimmt Engels mit Carlyle überein, dürfe man nicht fragen, wie viel Zins und Dividende es gewähre, sondern, ob es gerecht sei, und vor allem, ob es von denen, die darunter litten, als gerecht empfunden werde 2 . Ebenso wie Carlyle, verneint Engels diese letztere Frage, indem er darauf hinweist, dafs jene Massen nur mit Gewalt niedergehalten würden. Ausdrücklich ferner erkennt Engels an, dafs Carlyle den socialen Mifsständen am tiefsten auf den Grund gehe, indem er den bestehenden Zustand der Organisationslosigkeit verdamme, in welchem der Schwache von dem Starken zu Boden getreten werde, und „Organisation der Arbeit" fordere 3 . Durchaus in dem Tone, den wir aus Carlyles Chartismus her kennen, sind auch die Angriffe gehalten, welche das „Kommunistische Manifest" gegen die bestehende Gesellschaftsordnung schleudert. Was Carlyle als das Zeitalter des Individualismus brandmarkt, in welchem alle früheren, die Menschen zusammenhaltenden Bande gefallen seien, um die Triebe der Selbstsucht zu entfesseln, wird von Marx und Engels in der genannten Schrift als die Herrschaftsperiode der Bourgeoisie bezeichnet. Die Bourgeoisie ist dasjenige revolutionäre Element, welches die alte Gesellschaft sprengt; an Stelle der „alten, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen" setzt sie Beziehungen zwischen den Menschen, welche sich lediglich nach dem Grundsatze des Handels: dem der Nachfrage und des Angebotes richten. „Sie hat", wie das Manifest in Anklängen 1 F. Engels, Lage der arbeitenden Klassen in England, II. Aufl. S. 120. 349. Leipzig 1848. 2 Carlyle, Chartism S. 34 ff. 3 F. Engels a. a. 0. an die Carlylesche Ausdrucks weise sagt, „die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, die gefühllose bare Zahlung. — — Sie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Thätigkeiten ihres heiligen Scheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt." Die von ihr gebrachte Freiheit bedeute, wie Carlyle wörtlich gesagt hatte, nichts als „Freiheit der Ausbeutung"; sie hat dem Arbeiter nicht genützt, sondern geschadet. Auch die Kritik der Wirkungen dieses Systems bewegt sich in der genannten Schrift, welche den Keim der späteren socialdemokratischen Litteratur enthält , auf dem Boden der Carlyleschen Gedanken. Einerseits hat es grofses vollbracht in der Unterjochung der Naturkräfte und hat dadurch die Produktionsfähigkeit in einer Weise gesteigert, welche früheren Jahrhunderten ungeahnt war. Dagegen kommen diese äufseren Erfolge, welche unser Zeitalter errungen hat, niemandem zu gute; Carlyle hatte es mit dem Könige Midas der Fabel verglichen, der durch seine Berührung alles in Gold verwandelte, aber trotz seines Reichtums Hungers starb. In ganz ähnlicher Weise machen die Verfasser des „Kommunistischen Manifestes" auf jene Krankheiten der heutigen Gesellschaft, welche man Handelskrisen nennt, aufmerksam. Wäre früher nicht als. Widersinn erschienen, fragen sie, diese Hungersnot, dieser allgemeine Vernichtungskrieg deswegen, weil zu viel Industrie, zu viel Handel, zu viel Lebensmittel da sind? Die Rückführung des heutigen Gesellschaftssystems auf den Individualismus und die Kritik seiner Wirkungen, der -6* — 84 — Herabdrückung der grofsen Mehrzahl der Menschen zum Elend, haben Engels und Marx Carlyle entnommen. Jedoch halten sie sich an der Oberfläche und folgen Carlyle nicht bis zu seinem Grundgedanken, welcher eine Aufhebung des Individualismus bedeutet. Vielmehr behalten sie die Weltanschauung der von ihnen bekämpften Gesellschaftsordnung und damit die aus ihr herfliefsende klassische Nationalökonomie bei, woraus jene Zwitterbildung entspringt, welche als moderner Socialismus bezeichnet wird. Gerade dieser Eigenschaft verdankt er seine Volkstümlichkeit, die heute von keiner anderen Richtung in gleicher Weise geteilt wird. Innerlich besteht ein tiefer Gegensatz zwischen Carlyle und sämtlichen bisher behandelten Denkern einerseits und dem Socialismus andererseits. Der Socialismus verwirft zwar das System des freien Wettbewerbs (competition), welches die klassische Nationalökonomie empfahl, aber er behält die Grundlage derselben bei: das lediglich von egoistischen Trieben bewegte, nur dem Erwerbstrieb und dem Geschlechtstrieb gehorchende Individuum. Der Socialismus ist insofern die Fortsetzung der klassischen Nationalökonomie. Er ist zwar Gegner des Systems der individuellen Konkurrenz, d. h. um den englischen Ausdruck zu gebrauchen, „anticompetitionist", aber individualistisch in seinen Grundgedanken und utilitarisch in seinem Ziel, welches für ihn „das höchste Glück der gröfsten Menge" bleibt. Carlyle wie Comte hatten demgegenüber behauptet, dafs die menschliche Gesellschaft gerade darauf beruhe, dafs jenen individualistischen Beweggründen durch sociale die Wage gehalten würde, dafs es Zeiten der Auflösung seien, in denen wie heute der Individualismus entfesselt werde, um später wieder durch neue, wirksamere, weil freiwilligere Schranken zurückgehalten zu werden, welche Carlyle „neue Glaubensformen", Comte „die Religion der Menschheit" nennt. Die — 85 — socialistischen Denker dagegen nehmen mit den klassischen Nationalökonomen an, dafs die egoistischen Triebe immer und allein, wenn auch in verschiedenen Ausdrucksweisen, regiert hätten. Sidney Webb, einer der bedeutendsten der lebenden englischen Socialisten, drückt diesen Gedanken dahin aus, dats die „grofse Welt, wie die Schlange des Poeten, sich stets auf dem Bauche bewege". Für den Forscher liege hierin der Schlüssel zu der scheinbar so verwirrten Geschichte Europas. Alle Geschichte nämlich liefse sich in die der Eigentums- und die der Geschlechtsverhältnisse auseinanderlegen, was für „einen künftigen Darwin der Geschichte" den Gesichtspunkt abgeben werde, um die erste wissenschaftliche Analyse der Entwicklung der Menschheit zu bieten 1 . Mit dem gemeinsamen Ausgangspunkte stimmten auch die Methode und die wichtigsten Lehren des Sociälismus mit der klassischen Nationalökonomie überein 2 . Bis in das einzelne hinein ist der Sociälismus des Marx und des Henry George auf Adam Smith, Malthus und vor allem Ricardo zurückzuführen. Diese Entwicklung fällt aus unserer Arbeit, gehörte sie doch einer Entwicklung der individualistischen Gesellschaftsauffassungen an, während unsere Aufgabe darin besteht, das Erwachen einer antiindividualistischen, d. h. socialen Gesellschaftsauffassung und ihre Bedeutung für die englische Gesellschaft in diesem Jahrhundert darzustellen; mit der socialen aber hat 1 Vergl. Sidney Webb, Progress of Socialism S. 5. W. Reeves, London. 2 So verbindet z. B. Prof. Sidgwick in seinen „Principles of Political Economy" socialistische Ansiebten mit voller „nationalökonomischer Orthodoxie". Vergl. auch Sidgwick, „Economic Socialism". Contemporary Review. November 1888. Dasselbe liefse sich auch von den übrigen Professoren der Nationalökonomie im heutigen England sagen, wenn diese überhaupt noch ökonomisch orthodox wären. Sie gehören, aufser Sidgwick, alle zur historisch-realistischen Schule. — 86 - die socialistische Auffassung zwar äufserlich den Standpunkt gemein, von dem aus sie urteilt, ist aber innerlich von ihr grundverschieden, wie die Sprache treffend andeutet 1 . Wir heben lediglich diejenigen Lehren der klassischen Nationalökonomie hervor, auf welchen der Socialismus augenscheinlich beruht. Da derselbe aber sein Hervorgehen aus jener, wie gezeigt, dem Anstois verdankt, welchen man mit dem Namen Carlyles bezeichnen kann, da auf den Wellen der von diesem ausgehenden Bewegung der Socialismus seine Verbreitung gefunden hat, so ist es sodann die Aufgabe des vorliegenden Kapitels, zu zeigen, in welchen Formen und in welchem Grade der Socialismus in dem heutigen England von Wirkung ist, und welche Bedeutung ihm daselbst für die Zukunft beschieden zu sein scheint. Der Socialismus ist in der That nichts als die Fortbildung der klassischen Nationalökonomie, welche nur beziehentlich des Werturteils über die der Theorie entsprechende Gesellschaft von dem Boden Ricardos auf den Carlyles, von dem des Kapitals auf den der Arbeit hinübergetreten ist. Der Socialismus beruht auf der W e r 11 e h r e d e s A d a m S m i t h, wie sie von Ricardo weiter gebildet ist, und auf der Lohnlehre des Ricardo, wie sie durch den einseitig verstandenen Malthus unterstützt wurde — ein Verhältnis, welches bei den deutschen Socialisten schon unverkennbar, bei Henry George aber ganz offenbar ist, welcher theoretisch nichts als eine Wiederholung des Ricardo ist. Nach der von Adam Smith vertretenen Lehre ist der Wert eines Gutes gleich der auf die Herstellung desselben aufgewandten Arbeit. Brentano hat vor kurzem auf die hauptsächlich in Betracht kommende Stelle, welche sich am Eingang 1 Vergl. z. B. archaisch, archaistisch; hellenisch, hellenistisch u. s. w. des VIII. Kapitels des I. Buches findet, aufmerksam gemacht 1 . Eine ähnliche Stelle findet sich im V. Kapitel desselben Buches: „Der wirkliche Preis einer jeden Sache, oder das, was jede Sache demjenigen, der sie erlangen will, wirklich kostet, ist die Mühe und Beschwerlichkeit, sie zu erwerben. Was jedes Ding demjenigen, der es erworben hat und es veräufsern oder gegen etwas anderes vertauschen will, wert ist, ist die Mühe und Beschwerlichkeit, die es ihm selber ersparen und anderen auflegen kann. Das, was mit Geld oder Ware erkauft werden kann, wird ebensowohl durch Arbeit erworben, als das, was man im Schweifse des eigenen Leibes erwirbt. Jenes Geld oder jene Güter ersparen uns wirklich Mühe. Sie enthalten den Wert einer gewissen Quantität Arbeit, den wir gegen etwas vertauschen, das unseres Erachtens zu derselben Zeit den Wert einer gleich grofsen Quantität Arbeit enthält." Die von Brentano angeführte Stelle widerlegt zugleich die Lesersche Ansicht, dafs nach A. Smith nur die eingetauschte, nicht die Herstellungsarbeit das Mafs der Werte sei, indem daselbst deutlich von einem Naturzustande die Rede ist, in welchem der Wert gleich der aufgewandten Arbeit gewesen sei — einem Zustande, welcher sich später verändert habe. Nach der Art, wie der Naturzustand von den Individualisten aufgefafst wurde, kann daselbst überhaupt von einer eingetauschten Arbeit noch nicht die Rede sein. Ricardo hat im ersten Kapitel seiner „Principles" diese Lehre aufgenommen. Indem er jedoch die Gültigkeit des Satzes nicht durch Verlegung in einen Naturzustand rettet, sondern auch von der Gegenwart behauptet, hat er seine Wertlehre jenen oft 1 Vergl. Brentano, Über die Ursachen der socialen Not S. 32, Leipzig 1889, imd Leser, Begriff des Reichtums bei Adam Smith. Heidelberg 1874. — 88 — gerügten Widersprüchen ausgesetzt, an denen Adam Smith, sobald man jene Scheidung festhält, nicht leidet. Diese Wertlehre ist nichts als ein anderer Ausdruck der philosophischen Grundauffassung der ganzen klassischen Nationalökonomie, welche wir als die des abstrakten Individuums bezeichneten. Die Menschen stehen sich als gleiche, mit gleichen Trieben ausgestattete Individuen vereinzelt gegenüber; ihr Kampf führt nicht zur Unterdrückung der Schwachen, sondern zur Ausgleichung der Interessen, der socialen Harmonie — ein Zustand, welcher heute leider durch Gesetze und Sitten, unvernünftige Überlieferung und verkehrte Erziehung verdunkelt ist, aber als wieder zu erreichendes Ziel von den Weisen der Menschheit erkannt wird. In einem solchen Zustande, welcher Besitz oder irgend welches Übergewicht des einen über den andern nicht kennt, mufs in der That jedem das Produkt seiner Arbeit gehören und die Arbeit, bei der gleichen Begabung aller, zum Wertmesser geeignet sein. Da für diese Auffassung der Mensch nur als einzelner in Betracht kommt, so mufs ferner, wenn sich mehrere zu einer Arbeit vereinigen, der Wert des Erzeugnisses gleich der Summe der Arbeitsleistungen der einzelnen Teilnehmer sein. Wenn die Summe dessen, was sie für ihre Arbeit erhalten, geringer ist als der Wert des Gesamtproduktes, so ist ihnen daher widerrechtlich von ihrer Arbeit etwas genommen. Diese Ansicht, die Adam Smith teilt, und auf der Marx fufst, übersieht, wie der Individualismus überhaupt, dafs die vereinigte Arbeitsleistung etwas anderes ist, als die Summe der Einzelleistungen, sich von ihnen eben durch das Moment der Vereinigung unterscheidet, ähnlich wie die Summe der einzelnen Individuen nicht den Begriff des überindividuellen Organismus ausfüllt. Mit Recht sagt daher Brentano a. a. 0.: „In Wahrheit ist das Produkt, bei dessen Herstellung der Lohnarbeiter Verwendung findet, nicht das Produkt des Arbeiters" — ein Gedanke, dessen Begründung mir freilich nur möglich scheint durch den Satz, dafs das Ganze verschieden ist von seinen Teilen, welcher die Grundlage aller antiindividualistischen Welt- und Gesellschaftsauffassungen bildet. Steht man jedoch auf dem angedeuteten Standpunkt, so folgt alles weitere von selbst. Erhält der Arbeiter weniger als das, was hiernach der Wert seines Erzeugnisses ist, so rnufs jemand da sein, welcher ihm diese Differenz, den Marxischen „Mehrwert", nimmt, d.h. ihn „ausbeutet", worauf in der Sprache des Manifestes alle bisherige Geschichte zurückzuführen ist. Dafs Adam Smith dieser Ansicht bereits gehuldigt hat, beweisen verschiedene Stellen seines Werkes. Wenn der Naturzustand geblieben wäre, so führt er aus, würde eine ungeheure Verbilligung aller Bedürfnisse des menschlichen Daseins mit Erhöhung der Produktionskräfte eingetreten sein. Da aber der Wert der Güter sich in diesem Zustande nur nach der aufgewandten Arbeit richtet, so heifst diese Behauptung einfach, dafs zur Befriedigung seiner Bedürfnisse der Einzelne immer weniger Arbeit hätte aufzuwenden brauchen — wie denn socialistische Utopien heute ausmalen, dafs in der künftigen Gesellschaft eine zwei-, ja einstündige Arbeitszeit genügen würde. Dieser glückliche Naturzustand wurde nun durch einen Störenfried unterbrochen, welcher unbegründeterweise eintritt: den Besitzergreifer des Grund und Bodens und des beweglichen Kapitals, bei Ricardo natürlich nur den ersteren. Eine Begründung, ja nur eine Entstehungstheorie des Kapitals findet sich bei Adam Smith nicht, weil sie mit der Grundannahme jenes harmonischen Naturzustandes unvereinbar gewesen wäre. Der Kapitalist zwingt nun dem Arbeiter einen Teil des ihm naturgemäfs zufallenden Lohnes ab, indem er ihm den Lebensunterhalt während der Ai'beit - 90 — vorenthält, sodal's „der Überflufs Weniger der Grund sei der Dürftigkeit Vieler". „Der Meister nimmt einen Anteil am Produkte der Arbeit oder am Werte, den die Arbeiter den Materialien, worauf sie verwendet wird, zusetzen 1 ." Hieraus entspringen Rente und Gewinn. 2. Die Veränderungen, welche Ricardo den Ansichten Adam Smith zu Teil werden läfst, erklären sich daraus, dafs er ausschliefslich den Standpunkt des beweglichen Kapitals vertritt. Wie in der politischen Geschichte der Zeit die Industriellen die Arbeiter zur Durchsetzung ihrer Herrschaft benutzen, so verhüllt Ricardo den zwischen beiden bestehenden Interessengegensatz und stellt ihre Interessen als gemeinsam gegenüber dem Grundbesitz dar. Obgleich Ricardo die Wertlehre des Adam Smith teilt, findet sich bei ihm doch keine der obigen ähnliche Ausführung dahin, dafs ein Teil des Wertes der Arbeit vom Kapitalbesitzer dem Arbeiter entzogen werde. Das Ergebnis der Ricardoschen Renten-, Lohn- und Gewinntheorie vielmehr ist, dafs Löhne und Gewinne hoffnungslos fallen, die Grundrenten dagegen naturnotwendig steigen. Was Ricardo zu Gunsten des Kapitals vernachlässigt, wird gegenüber dem Grundbesitz desto breiter ausgeführt: die berühmte Grundrentenlehre. Diese Lehre stammt von Anderson und Malthus 2 , zwei energischen Vertretern des Interesses der Grundeigentümer; das einzige Originelle von Ricardo besteht in der fanatischen Systematik, mit der er sie 1 Yergl. Wealth of nations Buch Y, Kap. 1; Buch I, Kap. 8. 2 Anderson hat diese Lehre wiederholt entwickelt: zuerst in einer gegen Smith gerichteten Ausfuhrung in seinen Observations on National Industry 1777, auf welche Smith antworten wollte, was er indes unterliefs; sodann in einer Schrift über die Korngesetze 1777; desgleichen in späteren Schriften, zuletzt in seinen Recreations in Agriculture, II. Series, I vol. S. 401—428, London 1801. Die bezüglichen Schriften von Malthus sind bekannt. — 91 — gegen die Grundeigentümer kehrte. Anderson hatte mittelst derselben die Grundeigentümer gegen den Vorwurf verteidigt, dal's die hohen von ihnen bezogenen Gründrenten die Ursache der hohen Getreidepreise seien; nicht die Rente bestimme den Preis, sondern der Preis die Rente. Ricardo zeigt, wie eben diese Thatsache den Grundeigentümer notwendig zum Feind alles Fortschritts mache, indem sie sein Interesse an allen Schwierigkeiten der Produktion und der Zufuhr, welche ein Steigen der Preise zur Folge hätten, erwecke. Er ist es, der in seiner Denunciation des Monopols der Grundeigentümer der späteren Antiliorngesetzliga das Leitmotiv ihrer Agitation geliefert hat 1 , und diese hat aus Dank dafür seinen Namen mit der Andersonschen Lehre verknüpft. Nichts charakteristischer als Folgendes: die von Cobden und Bright begründete Financial reform association in Liverpool, deren Zweck die Durchführung der letzten Konsequenzen der Doctrin der beiden grofsen Manchestermänner ist, verficht heute in Durchführung ihres Programms dieselben Ideen wie Henry George; und in der That hat dieser die Ricardoschen Gedanken unverändert beibehalten und zur Begründung seiner Forderung nach Beseitigung der Rente, d. h. Verstaatlichung des Grundeigentums, benutzt 2 . 1 Vergl. die in unzähligen Auflagen verbreitete Broschürenlitteratur der Antikorngesetzagitation. 2 Ich verdanke diese Mitteilung Herrn Prof. Brentano, der auch in seinen Vorlesungen auf Anderson, Malthus und die Ursachen des Ruhms der „Ricardo"schen Grundrentenlehre verweist. Das Organ der financial reform association ist „The financial reformer" 18, Hackins Hey, Liverpool. Ähnliche Ziele verfolgt „The United Committee for advocating the taxation of ground rents and values" organized by the London Municipal 4 Reform League and the English Land Restoration League, President: Lord Monkswell, Vicepresidents: The Rt. Hon. Lord Hobhouse and The Earl Compton. 18 Bouverie Street, Fleet Street, London E. C. — Vergl. übrigens für die Ziele dieser manchesterlichen Gesellschaften auch Engels, | — 92 — Kraft seines natürlichen Monopols, so lehrt nämlich Ricardo, bezieht der Grundherr denjenigen Teil des Produktes der Erde, welcher den Unterschied zwischen der wirklich aufgewandten und der auf dem schlechtesten, noch in Anbau befindlichen Boden aufgewandten Arbeit gleichkommt. Die Rente wächst daher „mit zunehmenden Nationalreichtum und der Schwierigkeit, die wachsende Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versehen". Eine notwendige Folge dieser Entwicklung ist das Steigen der Lebensmittelpreise, welches, ob nun der Geldlohn steigt oder nicht, den thatsächlichen Lohn der Arbeiter, d. h. das, was sie kaufen können, unaufhaltsam herabdrückt. Hieraus ergiebt sich, „dafs die Lage des Arbeiters im allgemeinen schlechter, die des Grundherrn immer besser wird". Dieser Satz spricht die Tendenz aus, welche Ricardo mit der Aufstellung des „ehernen Lohngesetzes" verfolgt, das im fünften Kapitel der „Principles" entwickelt wird. Der Lohn sinkt stets zu der Gröfse herab, welche notwendig ist, „dafs die Arbeiter leben und ihr Geschlecht fortpflanzen können", dem sogenannten Lebensminimum. Während Ricardo allerdings zugiebt, dafs insbesondere in einer fortschreitenden Gesellschaft durch Sitten und Gewohnheiten der Marktpreis der Arbeit zeitweilig über den „natürlichen Preis" derselben stehen können, so treten doch schon bei ihm diese Ausnahmen zurück. Dafs man sie gänzlich vergafs und den Arbeiter an die Grenze des Elends gefesselt glaubte, dahin wirkte die Bevölkerungslehre des Malthus. Dafs auch Ricardo thatsächlich dieser Ansicht war und jenen Ausnahmen ge- The Lab Our Movement in America (London 1887) S. 6: „wbat Henry George demands, leaves tbe present mode of social production untouclied, and has, in fact, been anticipated by tbe extreme section of Ricardian bour- geois economists who, too, demand the confiscation of tbe rent of land by tbe State". — 93 — ringe Bedeutung beimafs, beweist z. B. jene Deduktion, dai's es gleich sei, ob die Steuern auf Lohn oder Gewinn gelegt würden, da der Lohn den notwendigen Unterhaltsmitteln gleich sei und die Steuer daher stets auf den Gewinn abgewälzt würde. Da mit steigender Produktion der erforderliche Zuwachs der Nahrungsmenge nur durch Aufwendung von mehr und mehr Arbeit möglich ist, so sinken auch die Gewinne, und der Arbeitgeber leidet wie der Arbeiter. In seinem „Essay on tlie influence of a low price of corn on the profit of stock" (1815) spricht bereits Ricardo den Grundgedanken seiner ganzen Nationalökonomie in folgenden Worten aus: „Das Interesse des Grundherrn ist jederzeit dem aller anderen Stände in der Gesellschaft entgegengesetzt." Da aber offenkundig nicht der Grundherr allein ein natürliches Monopol hat, sondern ebenso der Kapitalbesitzer, da die Unterscheidung, dafs es sich allein bei der Landwirtschaft um ein in beschränkter Menge herstellbares Gut handle, unhaltbar ist, so ist es von Ricardo aus nur ein kleiner Schritt, das Interesse der Besitzenden dem der Besitzlosen gegenüberzustellen. Hatte Ricardo den Grundherrn als den Ausbeuter mifsliebig zu machen gesucht, der ohne Arbeit die Früchte fremder Mühe pflücke, so hatte dies die Bedeutung, die Arbeiter zum Vorstofse gegen die überlieferten Machtverhältnisse zu gebrauchen. Nach der Bewegung für die Reformbill aber kamen der Chartismus und seine Nachfolger, die socialrevolutionären Parteien des Festlandes, welche Kapital wie Grundbesitz in gleicher Weise für die Feinde des Arbeiters erklärten, wie Adam Smith bereits angedeutet hatte. Aus den Lehren Adam Smith und Ricardos ergeben sich folgende Sätze, auf denen der Socialismus beruht: 1. Dem Arbeiter wird ein Teil des Erzeugnisses seiner Arbeit widerrechtlich entzogen, nämlich die Differenz des - 94 — Wertes des Erzeugnisses und der Summe der gezahlten Löhne; sogenannte Mehrwertslehre (Adam Smith — Marx). 2. Die Lebenshaltung des Arbeiters ist an das Lebensminimum unter dem bestehenden Gesellschaftssystem gebunden, seine Lage kann nur schlechter werden (Ricardo, — Marx, Henry George). a) Der Monopolist, der ihn ausheutet, ist der Grundherr. (Ricardo — radikale Bourgeoisie und Henry George.) b) Der Monopolist ist der Besitzer der Produktionsmittel schlechthin. (A. Smith — Marx.) Der Socialismus unterscheidet sich aber, wie gesagt, durch das Werturteil, welches er über die von den Gesetzen der klassischen Nationalökonomie beherrschte Gesellschaft fällt. Adam Smith hatte das Entstehen von Rente und Gewinn ge- wissermafsen damit entschuldigt, dafs es mit der Civilisation der Menschheit untrennbar verknüpft sei. Ricardo hatte die Arbeiter dadurch mit dem Lebensminimum auszusöhnen versucht, dafs er es mit einem unabwendbaren Naturgesetz begründete. Diejenigen nun, welche man durch Vorwegnähme von Rente und Gewinn auf das Lebensmiuimum heruntergedrückt erklärte, zogen den naheliegenden Schlufs, dafs diese Gesellschaft beseitigt werden müsse, wodurch Rente und Gewinn in Wegfall kommen und der Lohn die ihm von rechtswegen entsprechende Höhe als Wert des Arbeitserzeugnisses wieder erreichen werde. Gleich der Nationalökonomie behauptet der Marxische Socialismus, dafs der Arbeiter, statt sich zu heben, immer weiter „unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse" hinabsinken müsse. „Er wird zum Pauper und der Pauperismus entwickelt sich noch rascher als Bevölkerung und Reichtum." Aber, setzt der Socialismus hinzu, diese Thatsache, notwendig in der heutigen Gesellschaft, erzeugt die Kräfte, welche sie beseitigen werden. „Die Bourgeoisie schmiedet die Waffen, die ihr den Tod bringen." — 95 — Indem der Socialismus das Verdammungsurteil über die heutige Gesellschaft unter Beibehaltung ihrer Theorie ausspricht, so folgt hieraus ein weiteres bezeichnendes Merlanal des modernen Socialismus. Carlyle hatte das heutige System ganz ebenso verurteilt; aber indem er in ihm lediglich den Ausdruck subjektiver Zustände erblickte, hatte er durchgreifende Besserung nur von einer inneren Umgestaltung erwartet. Der Socialismus dagegen fufst auf dem Denken der von ihm bekämpften Gesellschaft: der Theorie des abstrakten Individuums. Nicht im Menschen liegt der Fehler, sondern in der Anordnung der Menschen, auf politischem, nicht auf moralischem Gebiet. Politische Mittel daher können helfen: Besitzergreifung des Staates durch die Proletarier, Abschaffung von Rente und Gewinn durch Verstaatlichung der Produktionsmittel. Hieraus aber folgt ein weiteres: unter dem heutigen Gesellschaftssystem ist die Lage der Arbeiter hoffnungslos. Alle Verbesserung ihrer Lage, erhöhte Löhne, Arbeiterscliutz- gesetze u. s. w., sind daher nur Schein; sie werden durch das Gesetz des Lebensminimums vereitelt. Fruchtlos an sich, dienen sie nur dazu, das Proletariat zu bestechen und den kommenden Umschwung aufzuhalten. Ist eine allmähliche Herauf- führung desselben also unmöglich, so kann er nur ein plötzlicher und gewaltsamer sein. Die folgerichtigste Ausbildung des Socialismus ist daher die social revolutionäre Ansicht, wie sie die Verfasser des Manifestes vertreten. Daneben tritt jedoch eine zweite Richtung, welche die Lehre von der unabänderlichen Herabdrtickung der Arbeiter nicht in voller Schärfe anwendet. Insbesondere durch Ausnutzung des politischen Wahlrechts der Arbeiter erstrebt sie zunehmenden Staatseingriff zu Gunsten der Schwachen d. h. allmählich fortschreitende Einschränkung des Eigentums. Wir bezeichnen sie als die Partei des praktischen Socialis- — 96 — mus, an welche sich auch Richtungen anschliefsen können, welche Staatseingriff an bestimmten Punkten und zu bestimmten Zwecken verlangen, ohne die eigentlich socia- listische Theorie zu teilen. Der praktische Socialismus hält es für einen Irrtum, dafs „die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und für sich in Bewegung setzen kann"; er verlangt daher an Stelle des Umsturzes allmähliche Umgestaltung. Wie er zeitlich dem revolutionären Socialismus nachfolgt, so ist er innerlich von antiindividualistischen Gedanken beeinflufst, wenn er auch noch auf dem Boden des Individualismus fufst. Nur durch Übergang zum praktischen Socialismus kann der revolutionäre verschwinden und alles, was die Entwicklung des ersteren fördert, mufs der Ausbreitung des letzteren entgegenwirken. Der Grund, weshalb nicht in England, sondern in Deutschland auf Grund der englischen Nationalökonomie die Theorie des Marx entwickelt wurde, liegt auf der Hand. Die Grundbehauptung des Socialismus, welche er aus der älteren Lehre hernahm, wurde zu der Zeit, da sie Deutschland in ein System brachte, in England durch die Thatsachen bereits widerlegt: die Lage des Arbeiters zeigte sich nicht durch ein Naturgesetz an das sogenannte Lebensminimum gefesselt, der Arbeiter erwies sich als nicht hoffnungslos schwach dem Kapitalisten gegenüber, wie Ricardo und Marx lehrten. Seine Lage verbesserte sich vielmehr zusehends, wie jeder englische Arbeiter, der die Geschichte einer gelernten Grofsindustrie seit fünfzig Jahren übersieht, heute als unzweifelhaft bestätigt; Verbündung der Arbeiter erwies die Lehre vom Lohnfond als haltlos; die Arbeiter wurden nach und nach eine Macht, welche auf die Gestaltung des Arbeitsvertrages neben dem Arbeitgeber Einflufs gewann u. s. w. Die socialrevolutionäre Partei verlor damit unter den ge- lernten englischen Arbeitern, wie sie besonders in den nördlichen und mittleren Grafschaften leben, ihren Boden, während früher gerade dort, z. B. in Lancashire, der Chartismus besonders stark gewesen war. Daneben aber ging eine zweite Entwicklung, welche wachsenden staatlichen Eingriff in das System des freien Wettbewerbes zu Gunsten des Arbeiters bedeutete: die erste moderne Arbeiterschutzgesetzgebung. Zuerst von wohlwollenden Fabrikanten und von Torys, von letzteren im Gegensatze zur individualistischen Doctrin und zum beweglichen Kapital eingeführt, fand sie bald auch unter den liberalen Politikern Freunde, in dem Grade nämlich, als die wachsende politische Bedeutung der Arbeiter Rücksichtnahme auf dieselben als Parteigenossen und Wähler notwendig machte. Da diese Bedeutung aber in stetem Wachsen begriffen war und ist, so wird in Zukunft auch die bezeichnete Richtung der englischen Gesetzgebung weiter verfolgt werden. Während man also auf dem Festlande die socialistische Theorie aufbaute, zu gleicher Zeit der freien Konkurrenz aber thatsächlich offenes Feld schaffte, auch nicht anders konnte, ohne der eigentlich erst im Entstehen begriffenen Grofsindustrie zu schwere Lasten aufzuerlegen — in demselben Jahrzehnt ging England zum praktischen Socialismus über, während es als Theorie die ältere Nationalökonomie zunächst beibehielt. Diese letztere behauptete ihre Herrschaft, abgesehen von jenen Richtungen, welche in christlicher, positivistischer oder anderer Form altruistische Anschauungen annahmen und ausbildeten. Aber jene ältere Nationalökonomie mufste sich an einem bestimmten Punkte als unvereinbar mit der fortschreitenden thatsächlichen Entwicklung erweisen. Solange man den staatlichen Eingriff nur Kindern und Frauen zu gute kommen liefs, oder gewisse Mifsbräuche y. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 7 — 98 — an dem durch freien Vertrag hergestellten Arbeitsverhältnis beschnitt (z. B. durch Truckgesetze u. s. w.), konnte man die ältere Theorie soweit biegen, um mit ihr in 'Übereinstimmung zu bleiben, „das nationalökonomische Gewissen" beruhigen. Wie aber, als die Forderung auftrat, auch zu Gunsten des erwachsenen männlichen Arbeiters gewisse Beschränkungen der individuellen Freiheit einzuführen — eine Forderung, welche mit der wachsenden, politischen Macht der Arbeiter unausbleiblich war? Diesem Verlangen gegenüber erweist sich die ältere Nationalökonomie als spröde, wird vielmehr die mächtigste Waffe in der Hand der Gegner. Man mufste ihr eine andere Theorie entgegensetzen, und welche bot sich, als der festländische Socialismus, solange die grofse Mehrzahl der Engländer noch in individualistischem Denken steckte, und zu wahrhaft socialen Anschauungen nach der Art Carlyles, Comtes u. s. w. noch nicht reif war? Dies also ist der Hauptgrund der Übernahme des deutschen und amerikanischen Socialismus, dessen Behauptung, dafs die Lage des Arbeiters hoffnungslos sei, man in Englgnd hintenansetzt. Der Socialismus verliert damit seine revolutionäre Spitze und wird zur Begründung gesetzgeberischer Forderungen verwendet. Ob man als Endziel die Verstaatlichung aller Produktionsmittel annimmt oder verwirft, ist im Grunde hierbei gleichgültig; denn diese Forderung ist zwar für den revolutionären Socialismus unentbehrlich, nicht aber für den praktischpolitischen, der nahe Ziele den entfernteren voranstellt. John Stuart Mill verkörpert am besten die bezeichnete Entwicklung, weil er zwar nicht originell, aber in seltenem Grade empfänglich für die Richtungen seiner Zeit war. Er geht vom rein Benthamschen Standpunkt und der älteren Nationalökonomie aus. Er wird — mit Maurice und Carlyle persönlich befreundet — von dem Umschwünge ergriffen, der das — 99 - System des freien Wettbewerbs und die damit gegebene Herabdrückung der arbeitenden Klassen verdammt. Aber er wird nicht Socialist im Sinne von Engels und Marx, da er die Wichtigkeit der individuellen Freiheit und ihre Bedeutung für den Fortschritt der unteren Klassen in der heimischen Entwicklung seiner Zeit zu klar vor Augen hat. Er behält so einmal die nationalökonomischen Grundansichten seiner Jugend bei, läfst jedoch weitgehenden Eingriff des Staates in die Rechte des Einzelnen zu; ja, er ist der erste Nationalökonom, welcher die Notwendigkeit, auch erwachsene Männer unter Umständen zu schützen, verteidigt, indem er Abschaffung des Systems des freien Vertrags in Bezug auf die irischen Pächter verlangt. So von dem Socialismus stark beeinflufst, verdankt er nicht weniger den antiindividualistischen Richtungen, neben Carlyle insbesondere Comte. Nach seiner Selbstbiographie ist in dieser Richtung auch der Einflufs von Mrs. Mill bedeutend gewesen. Mill gelangt damit zu der Einsicht, dafs der Staatseingriff nicht die Hauptsache thun könne, sondern erwartet mehr von inneren Wandlungen, welche an Stelle egoistischer wieder sociale Beweggründe in den Vordergrund stellen würden. Mill hat in seiner Selbstbiographie von diesen Einflüssen in klarer Weise Rechenschaft gegeben, sodafs man im stände ist, seine eigenen Worte darüber anzuführen : (1. Periode. Einflufs Benthams und Ricardos.) In den Tagen der Jugend „hatte ich die Möglichkeit einer Fundamentalverbesserung in den socialen Einrichtungen so ziemlich durch die Brille der alten Nationalökonomie betrachtet. Das Privateigentum, wie es jetzt verstanden wird, und das Erbrecht schien mir das letzte Wort der Gesetzgebung und ich dachte nicht weiter als die aus diesen Einrichtungen sich ergebenden Ungleichheiten durch Beseitigung 7* — 100 — der Erstgeburtsrechte und Beseitigung der Fideikommisse zu mildern. leb betrachtete damals als Hirngespinst den Gedanken, weiter zu gehen in der Abschaffung der Ungerechtigkeit, dai's einige zum Reichtum, bei weitem die meisten aber zur Armut geboren sind — (Umschlag des Werturteils, Einflufs Carlyles) — denn Ungerechtigkeit ist es, mag man ein Abhülfsmittel zulassen oder nicht" 1 . In Fortbildung der älteren Nationalökonomie und fast in den Worten, die Marx wählt, spricht Hill von „der Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital", „von dem ungeheuren Anteile, welchen die Besitzer der Mittel der Industrie sich vom Produkte aneignen" 2 . (2. Periode — Socialismus.) „Es gab in meinem geistigen Fortschritt einen Moment, in welchem ich leicht eine Vorliebe für das Überregieren sowohl auf socialem wie politischem Gebiet mir hätte aneignen können, einen Moment, in welchem mir durch den Rückschlag von dem gegenteiligen Übermafs ein Anlafs geboten wurde, in meinen radikalen und demokratischen Anschauungen flauer zu werden" 8 . Damals ging Mills Ideal von schliefslicher Verbesserung weit über das frühere hinaus. Er nahm in Aussieht „eine Zeit, in welcher die Gesellschaft sich nicht mehr nach Faulenzern und Müfsiggängem gliedern — —, in welcher die Verteilung des Arbeitserzeugnisses, statt, wie in so hohem Grade jetzt geschieht, vom Zufall der Geburt abzuhängen, durch einstimmige Beschlüsse und nach anerkannten gerechten Grundsätzen vor sich gehen werde" — eine Zeit „gemeinschaftlichen Eigentumsrechtes an dem Rohmaterial des Erdballs und der gleichen Teilnahme aller an den Wohltha- ten der vei'einigten Arbeitsthätigkeit". Von diesen Ansichten 1 J. St. Mill, Selbstbiographie S. 192. Stuttgart 1874. 2 Political Economy, Peoples' Edition, S. 477. 3 Selbstbiographie S. 210. — 101 — erkennt er ausdrücklich an, dafs sie ihn unter die Zahl der Socialisten einreihten. (3. Periode. — Einflufs der antiindividualistischen Denker, insbesondere Comtes; Einflufs von Mrs. Mill.) „Wir erkannten klar, dafs um eine solche sociale Umwandlung möglich oder wünschenswert zu machen, eine entsprechende Charakterwandlung platzgreifen müsse in der unkultivierten Herde sowohl, welche die arbeitenden Massen in sich schliefst, als in der grofsen Mehrheit der Arbeitgeber. Beide diese Klassen müssen durch Übung lernen, für edle oder jedenfalls für öffentliche und sociale Zwecke zu arbeiten und vereint zu wirken, nicht blofs wie bisher für selbstsüchtige Interessen. Die Fähigkeit dazu hat immer im menschlichen Geschlecht bestanden, besteht noch und wird wahrscheinlich nie erlöschen. Durch Erziehung, Gewohnheit und Pflege der Gesinnung kann auch der gemeine Mann bewogen werden, für sein Land zu graben oder zu weben, wie er sich bereit erweist, für das Vaterland zu kämpfen. Allerdings können erst durch langsame Abstufungen und ein System durch Geschlechter hindurch fortgeführter Kultur die Men- ° sehen bis zu diesem Punkt gebracht Werden; aber ein Hindernis liegt nicht in der wesentlichen Konstitution der Menschennatur. Das Interesse am Gemeinwohl ist gegenwärtig eine so schwache Triebfeder, nicht, weil es nicht anders sein kann, sondern weil der Geist nicht gewöhnt ist, darauf zu sinnen, weil er vom Morgen bis in die Nacht auf Dinge sinnt, die nur dem persönlichen Vorteil dienen. — Die eingefleischte Selbstsucht, welche den Allgemeincharakter des derzeitigen Gesellschaftszustandes bildet, wurzelt nur deshalb so tief, weil sie durch die ganze Kette der bestehenden Einrichtungen genährt wird 1 ." 1 J. St. Mill, Selbstbiographie (deutsch) S. 193. 194. Stuttgart 1874. — 102 — Mill enthält auf diese Weise die Einflüsse der drei wichtigsten Richtungen seiner Zeit. In der ersten Auflage seiner Nationalökonomie vertritt er noch den älteren Standpunkt, den eines Gegners des Socialismus. In der zweiten Auflage, welche von der ersten durch die französische Revolution von 1848 getrennt ist, wird das Buch zum Verteidiger der in der ersten angegriffenen Ansichten. Endlich in den späteren Schriften Mills tritt die Befürwortung des Staatseingriffes wieder zurück hinter der Wertlegung auf die innere Entwicklung des Menschen, welche nur auf Grund individueller Freiheit möglich sei. Dieser Standpunkt findet sich insbesondere in der in den Jahren 1854—1858 entstandenen Abhandlung „On Liberty". Denselben vertritt Mill auch in den nach seinem Tode von seiner Tochter Mifs Helen Taylor, veröffentlichten Bruchstücken eines unvollendeten Werkes über Socialismus 1 . Die wachsende Ausbreitung des Socialismus unter den Arbeitern, ihre im Zunehmen begriffene, politische Macht, welche dadurch an Einflufs gewinne, dafs sie nicht auf revolutionärem Wege, sondern dem geordneter politischer Agitation und wissenschaftlicher Verteidigung ihre Forderungen durchzusetzen suchten, veranlafste Mill, dieses letzte Werk zu unternehmen. In der Kritik der bestehenden Gesellschaft, des Reichtums Weniger, der Armut Vieler, des Vorwärtskommens der Selbstsucht und des Dahintenbleibens der Tugend, des Kampfes aller gegen alle, stimmt er mit den So- cialisten überein. Dagegen verwirft er das von ihnen vorgeschlagene Mittel der Verstaatlichung der Produktionsmittel als unwirksam, und verweist auf die Zunahme socialer Motive. Mill ist in diesem Nebeneinander verschiedener Richtungen Vorbild für die meisten seiner Landleute, wie denn gesagt werden kann, dafs er zwar keineswegs der tiefste, 1 Fortnightly Review, 1879. Chapters on Socialism. 103 — wohl aber der die Durchschnittsansichten seiner Zeit am meisten wiedergebende Denker Englands ist, sowohl auf philosophischem als besonders socialem und politischem Gebiet. Natürlich ist bei dem einen seiner Landsleute dieser, dem anderen jener Einflufs überwiegend. Die Vertreter eines ausgesprochen socialistischen Standpunktes werden wir in folgendem kennen lernen. Aber auch der von Carlyle, Comte etc. ausgehende Einflufs breitet sich aus. Ein jüngst erschienenes Buch, „Cyril" 1 von Geoffrey Drage, einem jüngeren Juristen, beweist wie in den Universitätskreisen heute die Carlylesche Grundansicht, dafs die menschliche Gesellschaft statt auf Selbstsucht auf Selbstüberwindung (selfdenial) beruhe, Wurzel ge- fafst hat. Aber auch diese letztere Richtung, die im Gegensatz zu socialistisch als social zu bezeichnen ist, stimmt, wie die Betrachtung der Universitätsbewegung und des Positivismus, so auch das soeben genannte Buch zeigt, darin mit dem Socialismus überein, dafs sie den Glauben an die alleinseligmachende Kraft des Laissez-faire aufgegeben hat. Auch sie fordert vielfachen und weitgehenden Staatseingriff, wenn auch mit jenem dem eigentlichen Socialismus entgegengesetzten Gedanken, dafs die gesetzliche Beschränkung nicht an sich gut sei, vielmehr zur Erziehung des Individuums zur Freiheit dienen sollte. Von dem Gesichtspunkt der praktischen Politik aus werden daher alle diese Richtungen, Mill, Toynbee, Fr. Harrison etc. als socialistisch bezeichnet. Sie alle befürworten Beschränkung der Freiheit des Individuums zu Gunsten der schwächeren Volksklassen durch staatlichen Eingriff (Socialismus im weiteren Sinne, in England meist Socialismus schlechthin genannt). 1 „Cyril" liy Geoffrey Drage. London, Allen & Co., 1889. Vergl. „Ein Programm englischer Reformpolitik" von Dr. G. r. Schulze-Gaevernitz. Preufs. Jahrb. 1889, Bd. 63, Heft 3. — 104 — Unter ihnen aber heben sich die Richtungen hervor, welche die weitergehenden Theorien der Ausländer angenommen haben. Wo man die Grenze zwischen diesem Socia- lismus im engeren Sinne und jenem soeben besprochenen zieht, d. h. welches Mals von gefordertem Staatseingriff man für die Unterscheidung mafsgebend sein läfst, bestimmt sich durch folgendes Merkmal. Socialisten im engeren Sinne sind die Verstaatlicher sowohl des Landes als die sämtlicher Produktionsmittel, also Georgisten wie Marxisten. Alle, die weniger verlangen, gelten als gemäfsigte Socialisten. Diese Grenzziehung ist dadurch geboten, dafs die ersteren Staatseingriff auf Grund einer specifisch-socialistischen Theorie, die letzteren dagegen im einzelnen aus praktischen Gründen fordern. Uns interessieren hier nur die ersteren Richtungen, indem die letzteren nach deutschem Sprachgebrauch als socia- listisch kaum zu bezeichnen wären. Obgleich wir für die Annahme der socialistischen Theorie bereits oben einen allgemeinen Grund angegeben haben — man sucht eine Lehre, um die Benutzung der staatlichen Gewalt im Interesse der zur politischen Macht aufsteigenden Arbeiter zu rechtfertigen — so ist doch noch ein besonderer Umstand hervorzuheben, ohne den die genannten Schriftsteller, insbesondere Marx, Einflufs in England nicht gewonnen hätten. An einem Punkte in England nämlich scheint die Marxisehe Lehre vom Lebensminimum Recht zu haben. Die ungeheuren Massen, welche im Osten, Süden und weiten Teilen des Nordens Londons sich zusammendrängen, Bevölkerungen, der Berlins mehr als doppelt überlegen, haben die Fortschritte, welche die Arbeiter der gelernten Industrien des mittleren und nördlichen Englands zweifellos seit der Mitte des Jahrhunderts errangen, nicht mitgemacht. Während der englische Arbeiter aus den Schilderungen Gaskeils, des Grafen — 105 — von Shaftesbury, den Blaubüchern aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts heute nicht mehr wiederzuerkennen ist, so ist der Bewohner Ost-Londons diesem Bilde ähnlich geblieben oder möglicherweise erst in dasselbe hineingewachsen. Daher sind die Kreise, in welchen Marxische Lehren Anklang fanden, nicht die des kräftigen englischen Arbeiterstandes , sondern zunächst die sogenannten professionellen Berafe. Als Beamte, Rechtsanwälte, Lehrer, Ärzte strömen sie in London zusammen, insbesondere nachdem die Universitäten sich auch dem Vermögenslosen geöffnet haben, während früher dort Brodstudium unmöglich war. Vom englischen Arbeiter haben sie nichts als das scheinbar hoffnungslose Elend Ost-Londons vor Augen. Mehr aber als das, was man vom Hören kennt, wirkt das was man vor Augen hat, womit man täglich in Berührung kommt — und es ist uns bekannt, wie sehr heute die jüngeren Kreise der früheren Universitätsangehörigen Fühlung mit den unteren Klassen gefunden haben. Auch den Universitäten, die in südenglischen Ackerbaugrafschaften sich befinden, liegt London näher als Lancashire und die nördlichen Grafschaften. Daher sind es ferner Professoren und Docenten, insbesondere die, welche Nationalökonomie zum Specialstudium gemacht haben, in deren Kreisen die socialistische Theorie viele Anhänger gefunden hat. Befördert wurde diese Annahme dadurch, dafs der Socialismus kein Aufgeben der immer noch im Blut liegenden älteren Nationalökonomie, insbesondere seiner Lohn- und Rentenlehre verlangt. So bezeichnen sich zahlreiche Professoren der Nationalökonomie als Socialisten z. B. Prof. Marshall und Prof. K. Pearson (Cambridge), Prof. Sidgwick u. s. w. Von den vierzehn Vorlesungen über Nationalökonomie, welche im Winter 1887 in London stattfanden, wurden acht von ausgesprochenen Socialisten gehalten. Ja, man sagt, dafs die Universitätsausdeh- — 106 — nungsbewegung Mühe hatte, unter den jüngeren Nationalökonomen genügend Lehrer frei von socialistischer Färbung zu finden, der die älteren Mitglieder der betreffenden Gesellschaften entgegen waren. Endlich aber sind es jene elenden Massen selbst, unter denen die festländische Socialdemokratie Boden fand, nachdem sie anfingen, über ihre eigene Lage nachzudenken. Hierzu trug bei die aufserordentlich starke Einwanderung, deutscher Arbeiter nach London, wo zugleich der russische Nihilismus und internationale Anarchismus sein Stelldichein haben. Der heutige Londoner Socialismus, soweit er revolutionär ist, ist nichts als der Chartismus des Londoner Proletariats, welches in seiner Entwicklung um fünfzig Jahre hinter dem englischen Arbeiter zurück ist, der nördlich vom Trent vornehmlich seinen Sitz hat. Daher ist es wohl möglich, dafs noch nicht ergriffene Schichten der Arbeiter in Zukunft der Bewegung zufallen; wichtiger aber ist, dafs auch der Londoner Arbeiter zum Teil sich bereits darüber emporhebt, wie der jedes revolutionären Beigeschmacks entbehrende Ausstand der Dockarbeiter 1889 bewies. Viele Mifsverständnisse und Streitigkeiten wären vermieden worden, wenn man sich des Unterschiedes zwischen dem englischen Industriearbeiter und dem hauptstädtischen Proletariat stets bewufst gewesen wäre. Von dem ersteren hörte man, dafs er als der fortgeschrittenste Typus seiner Klasse anzusehen sei: körperlich und geistig wohl entwickelt, in mächtigen und besonnenen Vereinigungen organisiert, der revolutionären Agitation unzugänglich. Daneben erhielt man Berichte von entsetzlichem Elend, von Pauperismus, wie er auf dem Festlande unbekannt ist, so z. B. aus der Feder Henry Taines in seinen Noten über England. Man hörte von Menschen, die des Hungers sterben, von Scharen Ar- — 107 — beitsloser, welche die Hauptstadt durchziehen und ihr Elend in den glänzenden Vierteln der Weltstadt blofsstellen, die meist zwar ruhig in geordneten Zügen marschierend, durch den blofsen Anblick ihrer Not zu wirken suchen, einmal aber doch (am 8. Februar 1886) die Läden in Picadilly und May Fair plünderten und mit Steinwürfen die Spiegelscheiben der Klubs in Pall Mall zertümmerten, jene Sitze eines unerreichten Luxus selber bedrohend. Damals erhoben sich Stimmen, dafs für England der Tag der socialen Revolution angebrochen sei. Alle, welche die englischen Arbeiterverhältnisse als hochentwickelt geschildert hatten, galten als widerlegt; man beschuldigte sie womöglich im Interesse einer politischen Partei schön gefärbt zu haben. Beide Bilder sind wahr, beide stehen nebeneinander. Irrtümlich jedoch ist es, rvenn man das Vorhandensein jener elenden Massen der Industrie Schuld giebt, und etwa hinzufügt, wie die Maschine den Menschen um sein Brot bringe und sein Dasein hinabdrücke. Das umgekehrte ist der Fall. Das Elend jener Massen besteht darin, dafs sie nicht der Grofsindustrie angehören, dafs sie nur die ungelernte Kraft ihrer Hände auf den Arbeitsmarkt bringen. Ohne erschöpfend sein zu wollen betrachten wir einige der das Londoner Proletariat zusammensetzenden Klassen 1 . Man denkt zuerst der Londoner Hafenarbeiter, welche mit ihren Familien mehrere Hunderttausend ausmachen. Jeden Morgen pflegen oder vielmehr pflegten, denn der „grol'se Ausstand" hat das geändert, 20—25000 erwachsene Männer an den Eingängen der Londoner Docks sich zu drängen, bis die Thore sich aufthaten, die Menge hineinströmte und die körper- 1 Vergl. Charles Booth, Life and Labour in East-London. London 1889. — 108 — lieh fähigen ausgesucht wurden. Die nicht gewählten gehörten zum Heer der „Arbeitslosen", die sich und ihre Familien durch die Armenpflege, den Bettel oder Diebstahl erhalten müssen. Aber auch jene, die Arbeit erhielten, zählten nicht selten nach zwei Stunden zu derselben Klasse. Die Dockgesellschaften, bis vor kurzem einem unbeschränkten Arbeitsangebot gegenüber, zogen es vor, so viel Arbeiter anzunehmen, dafs die vorhandene Arbeit in kürzester Zeit zu erledigen war. Zu dem kommt, dafs jene von dem Hafen lebende Bevölkerung von der Unregelmäfsigkeit der Witterung abhängt. Wenn widrige Winde, Stürme im Kanal etc. die Schiffe zurückhalten, herrscht Hunger und Elend in Ost-London. Einen weiteren Bestandteil jener dem Pauperismus verfallenen Massen bilden die, welche einem mit Grofsindustrie kämpfenden Handwerke angehören. Noch giebt es in London, das man fälschlich als den wirtschaftlich fortgeschrittensten Teil Englands ansieht, zahlreiche Handweber (Spital- fields Weber), deren gewöhnlicher Zustand um die Grenze des Verhungerns schwankt. Einen bedeutenden Teil zu dem Heere des Elends stellen ferner die mit den Bekleidungsgewerben zusammenhängenden Arbeiter. Hier ist das System des „Sehweifstreibens" (sweating) in voller Blüte. Zwischen Arbeiter und Unternehmer schiebt sich gewöhnlich ein Mittelsmann ein, welcher Lieferungen an Schuh-, Bekleidungs- etc. Geschäfte in Akkord nimmt. In Höhlen des Schmutzes und Lasters zusammengepfercht, sind Männer wie Weiber hier nicht besser als Sklaven. Die Arbeitsdauer ist unbeschränkt; nicht selten haben die Opfer ihrem Herrn die notwendigen Kleidungsstücke versetzt, sodafs sie, weil am Ausgehen verhindert, buchstäblich der Freiheit beraubt sind. Hierhin gehören jene Tausende von Frauen und Mädchen, welche den Tag über angestrengt arbeitend, oft in ungebührlich langer — 109 — Arbeitszeit, nicht imstande sind, sich des nächtlichen Nebengewerbes der Strafse zu entschlagen. Romanschriftstellern und Zeitungen sind diese Zustände ein beliebter Stoff. Dafs diese Dinge nicht erfunden sind, bewiesen die höchst eingehenden Untersuchungen der Kommission des Hauses der Lords, welche vor zwei Jahren in bezug auf das Schweifstreibersystem eingesetzt wurde. Lord Dunraven, welcher sich lediglich wegen der zu ergreifenden Abhülfsmittel mit seinen Genossen in Widerspruch befand, führt das Elend Ost-Londons unter andern auf Vernachlässigung des alten Lehrlingssystems zurück — ein Beweis mehr, dafs es sich in der That um zurückgebliebene, handwerksmäfsige Zustände handelt. In London fliefsen aus dem ganzen Lande alle die Elemente zusammen, welche auf der socialen Stufenleiter, sei es durch Schwäche, sei es durch Laster hinabgesunken sind: das „Residuum" der Gesellschaft. Daneben besteht eine starke Einwanderung mittelloser Arbeit vom Festlande, welche der englische Arbeiter nicht weniger fürchtet als der Amerikaner oder Australier die Chinesen. Eine ungeheure Wohlthätig- keit ergiefst sich über Schuldige und Unschuldige. Mehr als 13000000 freier Mittagessen (!) wurden in London z. B. 1888 ausgeteilt nach Schätzung des Schriftführers der „Gesellschaft für Organisation der Wohlthätigkeit", C. S. Loch. In der Zeitschrift, welche die genannte Gesellschaft herausgiebt, der „Charity Review" finden sich zahlreiche, an der Hand der Statistik geführte Nachweisungen von der Schädlichkeit jener durch die verschiedensten Kanäle fliefsenden, einen ungeheuren Betrag ausmachenden Spenden, durch welche „die Reichen von ihren socialen Pflichten sich loszukaufen suchen". In der That kann man sagen, dafs die oberen Klassen der englischen Gesellschaft sich die Plage der Arbeitslosen zum guten Teil — 110 — selber grolsziehen. Austeilung freier Mahlzeiten in den Schulen, Zufluchtsstätten zum Übernachten, welche dem Armen eine eigene Wohnung überflüssig machen, Verkauf von Nahrungsmitteln unter dem wahren Preise, weitherzige Ausführung des Armengesetzes durch Gewährung eines bedeutenden Bruchteils aller Unterstützungen aufserhalb des Armenhauses — das alles bedeutet nichts als Prämien für die, deren Einkünfte am oder unter dem Lebensminimuni sich befinden. Es ist die Schattenseite jener heute erwachten Teilnahme für die besitzlosen Klassen, welche sich seitens derer, die nichts von ihrer Zeit und Persönlichkeit zu opfern bereit sind, in unvernünftigen Geldspenden äufsert. Ist doch bei der sogenannten Wohlthätigkeit die persönliche Berührung der Klassen mit den Massen das wertvollste. Nach der Berechnung des genannten Herrn Loch werden in- einem Jahre auf Wohlthätigkeit in London folgende Summen 5 verwendet: Seitens der City Corporationen 110000 ( £ der Geistlichkeit der City ? von Stiftungen für wohlthätige Zwecke in Middlesex 39 294 - - Surrey 23 945 - - Kent 13136 - der Gemeindegeistliehkeit 54750 - der Sekten 32850 - privater Gesellschaften 2183 720 - der Gerichte 3 500 - der privaten Wohlthätigkeit ? 2461 195 £ der Armenbehörden 2 258029 - 4 719224 £ 1 Vergl. Charity Organisation Keview. Aug. 1888. — 111 — Hierbei sind die für Erziehung und andere gemeinnützige Zwecke sowie die nicht zu schätzende private Wohlthätigkeit nicht mitgerechnet. Gewiis werden gegen 100000000 Mark jährlich für wohlthätige Zwecke in London verwendet. Aus den angeführten Thatsachen, deren Verfolgung hier zu weit führen würde, ergiebt sich in London als ständige Erscheinung eine „Armee der Unbeschäftigten", deren tägliche Zahl auf 20000 körperlich arbeitsfähiger Personen geschätzt wird 1 . In Verbindung hiermit pflegt die Zahl der öffentlich unterstützten Armen im Sommer abzunehmen, um im Winter wieder anzuschwellen. Im gleichen Monat erreicht sie meist wieder dieselbe Höhe, obgleich sich periodische Schwankungen wahrnehmen lassen. So erhielten z. B. öffentliche Armenunterstützung in London: in der zweiten Woche des Februars 1889 107 056 Personen, - - . - - - 1888 110220 1887 104560 1886 102050 Obdachlos wurden aufgegriffen am letzten Tage der zweiten Woche des Februars 1888 in der Hauptstadt 1191 Personen (1030 Männer, 144 Weiber und 17 Kinder unter 16 Jahren). In London stirbt von fünf Personen durchschnittlich eine in Arbeitshäusern, öffentlichen Hospitälern u. s. w. 2 . 1 Vergl. „Mansion House Relief Committee Report" 1888. " Vergl. Register Generals Report 1888, C—5,138, S. 2. 73. Danach starben in London 1887: 82 545 Personen (davon über 20 Jahr: 43 507 Personen). In Arbeitshäusern starben 9399 Personen, - Hospitälern - 7 201 - Anstalten für Geisteskranke - 400 - öffentlichen Anstalten also starben 17 000 Personen. — 112 — Das Vorhandensein einer unter dem eigentlichen Arbeiter stehenden Klasse, welche von der Wohlthätigkeit oder der öffentlichen Armenpflege abhängt, der sogenannte „Pauperismus", ist die Schattenseite der englischen Gesellschaftszustände, der „stain on our civilisation", wie der bekannte Statistiker R. Giffen sich ausdrückt 1 . Ähnliche Verhältnisse wie in London wiederholen sich in geringerem Grade in verschiedenen anderen gröfseren Städten, vor allen aber sodann in den ackerbautreibenden Teilen des Landes, während die nördlichen Grafschaften, die Sitze der Industrie, verhältnismäfsig frei sind. Aufser London, welches agrarische Grafschaften umgeben, ist Irland der Sitz des Pauperismus. Nächstdem kommen die südenglischen Grafschaften, deren ländlicher Tagelöhner vielfach an der Grenze des Lebensminimums steht. Er lebt fast stets in Furcht, „auf die Gemeinde zu kommen". Es ist bekannt, dafs vor Reform des Armengesetzes in manchen Gegenden der Grundherr die Last der Lohnzahlung auf die Gemeinde abgewälzt hatte. Dieses Verhältnis hat sich zwar gebessert, ist aber bei der bisherigen Schwäche und der Schwierigkeit der Organisation ländlicher Tagelöhner kaum beseitigt. Über eine Million Armer werden im vereinigten Königreiche täglich im Durchschnitte von der Armenverwaltung unterstützt 2 ; da 1 Vergl. über diesen Gegenstand R. Giffen, Essays in Finance, Vol. II, S. 350. 2 In England und Wales, tägliche Durchschnittszahl, 1886—87 796 036 Kosten 8 296 230 £ - Schottland am 14. Mai 1887 92 071 - 899 135 - • Irland, Durchschnittszahl, 1887 124130 - 904 018 - 1 012 237 Kosten 10 099 383 £ (Report of Local Government Board for England and Wales, p. 14 of C—5131; Report of Board for Supervision of Poor, Scotland, p. 132, C—5118; p. 4 and 15 of Report of Local Government Board, Ireland, C—5134). — 113 — aber viele nicht das ganze Jahr hindurch Unterstützung erhalten, so ist die Zahl der überhaupt auf die Annenpflege angewiesenen bedeutend gröfser. Sie wird von Mulhall 1 auf etwa drei Millionen geschätzt, von Dudley Baxter 2 sogar etwas mehr, von Dr. G. B. Longstaff dagegen pur auf zwei Millionen 8 . Im ganzen werden über 10000 000 £ jährlich im vereinigten Königreiche für öffentliche Armenpflege ausgegeben — ein Verhältnis, welches, wie die Statistik andeutet, nicht zum mindesten den unglücklichen Agrarverhältnissen Englands zuzuschreiben ist. Daher denn auch neben dem Londoner Pauper der ländliche Tagelöhner socialdemo- kratischen etc. Einflüssen am zugänglichsten ist. Die Lage dieser dem Pauperismus verfallenen Massen weist alle diejenigen Schattenseiten auf, welche für das körperliche wie sittliche Befinden aus ähnlichen Verhältnissen überall sich ergeben. Der Gesundheitszustand eines bedeutenden Bruchteiles der Nation ist unter der Grenze, welche im öffentlichen Interesse zu fordern ist, wie Professor Iluxley, der berühmte Naturwissenschaftler, in der Februarnummer des „Nineteenth Century" 1888 warnend hervorhebt. Während das durchschnittliche Todesalter unter Adel, Gentry und professionellen Berufen in England und Wales 55 Jahre beträgt, ist es unter den ärmeren Klassen von Lambeth, einem Stadtteil Süd-Londons, nur 29 Jähre; die Kindersterblichkeit innerhalb des ersten Lebensjahres beträgt 8 °/o für die wohlhabenden Klassen, in vielen ärmeren Bezirken der Hauptstadt 30 % und mehr. Die angedeuteten Verhältnisse sind der Hintergrund des englischen Socialismus. Sie allein in das Auge fassend kamen 1 Dictionary of Statistics S. 346. 2 National Income S. 87. 3 Industrial Kemuneration Conference S. 129. London 1885. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 8 - 114 — auch in England vorurteilsfreie Beobachter zu der Behauptung, dafs die Lage der unteren Klassen unter dem heutigen Gesellschaftssystem eine hoffnungslose sei — ein Satz, welcher die Grundlage des Marxischen Socialismus bildet. So konnte Professor Cairnes z. B. noch 1874 aufstellen, dafs die Grenzen der möglichen Verbesserung des Loses' der Arbeiter äufserst enge seien. „Das Problem ihrer Hebung ist hoffnungslos. Als eine Masse werden sie durchaus nicht emporsteigen. Wenige, energischer und glücklicher als die übrigen, werden von Zeit zu Zeit entkommen aus den Reihen ihrer Genossen zu höheren Stufen des gewerblichen Lebens, aber die grofse Mehrzahl wird wesentlich bleiben, wo sie ist" x . Ein solcher Satz wäre unmöglich ohne das Vorhandensein jener breiten Masse von Armen, welche insbesondere London besitzt, weshalb.auch der Socialismus in erster Linie eine eigentümlich Londoner Erscheinung ist. Der gelehrte Professor aber vergifst, dafs bis in die Mitte des Jahrhunderts der gesamte englische Arbeiterstand jener unterschiedslosen Masse angehörte, dafs sich seitdem immer neue Kreise aus derselben abgesondert haben und emporgestiegen sind. Der nordenglische Arbeiter und der Gewerk- vereinler würde heute jene Behauptung entschieden bestreiten. So sieht George Howell, früherer Schriftführer des parlamentarischen Ausschusses der Gewerkvereine, die Schwierigkeit des Problems des Pauperismus und der Beseitigung des Schweifstreibersystems zwar ein, hält jedoch Besserung für möglich. Von zwei Faktoren erhofft er sie: einmal von dem fortschreitenden Übergang zur Grofsindustrie und Beseitigung der zwischen Handwerk und Fabriksystem um das Dasein 1 Prof. J. E. Cairnes, Some Leading Principles of Political Economy S. 348. 1874. — 115 — kämpfenden Gewerbe, sodann von fortschreitender Organisation auch der ungelernten Arbeiter, welche Beschränkung des Arbeitsangebotes und Erhöhung der Löhne bringen soll, auch von internationaler Organisation. In dritter Reihe hätte er, wenn ihm nicht als einem Gewerkvereinler älteren Stieles hierfür der Blick benommen wäre, in dem Socialismus selber eine Kraft erkannt, in welcher die Natur sich ein Heilmittel schafft. Ehe wir jedoch auf den englischen Socialismus eingehen, möchten wir hervorheben, dafs eine gänzliche Beseitigung der angegebenen Schäden, welche seine Grundlage bilden, bei einem Volke kaum zu erwarten ist, das in der physischen Vollkraft steht, und dessen Bevölkerungszunahme daher eine äufserst starke ist. Tragen doch die am tiefsten stehenden Klassen zu dieser Zunahme am meisten bei. In Hampstead, einem Vororte Londons, der sich fast ausschliefslich aus Villen Wohlhabender zusammensetzt, kommen jährlich auf 1000 Einwohner 22 Geburten, in Whiteehapel, einem armen Distrikte Ost- Londons, dagegen 37. Diese Bevölkerungszunahme ist an sich nicht zu beklagen, indem sie verstärkten Kampf um das Dasein und damit Erhaltung und Förderung der nationalen Energie bedeutet; sie ist jedoch mit teilweisem Pauperismus unlösbar verbunden 1 . Nicht Beseitigung dieses Übels, sondern das 1 Die Klagen betreffend den Pauperismus sind nicht neu. Macaulay sagt vom Zeitalter Karls II.: „Ein scharfer Kampf um das Dasein bestand damals durch Annahme einer elend tiefen Lebenshaltung, durch grausame und unbedachte Kinderarbeit, durch Ergänzung der Löhne mittelst der Armensteuer in solcher Ausdehnung, dafs unter der Regierung Karls II. die Armenlast beinahe die Hälfte der gesammten Staatseinkünfte ausmachte." Die Armenlast blieb bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts ziemlich in gleicher Höhe; in den Jahren 1748—50 betrug sie durchschnittlich 690 000 wenig mehr als 1673. (Vergl. Senior, English Poor Laws, Edinburgh Review, October 1841.) Seitdem stieg sie rapid mit 8* — 116 — Emporsteigen immer neuer Gruppen und Kreise aus jener untersten Schicht ist das beste, was wir von der Zukunft erwarten. II. Die Organisation des Socialismus. Nachdem wir die Gründe der Ausbreitung des Socialismus betrachtet haben, gehen wir zur Darstellung der heute bestehenden socialistischen Richtungen und Organisationen über. Unter den socialistischen Gruppen nimmt, ihrer Anhängerzahl nach, die „socialdemokratische Federation" die bedeutendste Stellung ein. Sie ging aus der 1881 gegründeten Einführung des Industrialsysterns, Übergang der Landwirtschaft zum Grofs- betrieb, der Einschliefsung von Gemeindeländereien, Zunahme der Bevölkerung u. s. w. 1750 betrug sie für England und Wales 700 000 £ 1785 - - - - - - 1912 000 - 1800 4 000 000 - 1834 7 511 000 - mit Einführung des 1 neuen Armengesetzes j 1835 5 110 000 - 1886 7 960 000 - Vergleichen wir den Betrag der Armensteuer der genannten Länder in den Jahren 1831 und 1881 mit der Bevölkerungsziffer und dem Betrag der Staatsausgaben dieser Jahre, so finden wir: Armensteuer Bevölkerung Staatsausgaben 1831 6 798 889 £ 13 897 182 Seelen 49 078 108 £ 1881 8 102 136 - 25 974 439 - 85 472 556 - Es betrug also 1831 die Armensteuer 9 s. 9% d., 1881 dagegen 6 s 2 9 /io d. auf den Kopf der Bevölkerung. Während die Staatsausgaben eine Zunahme von 74 Prozent, weist die Armensteuer eine Zunahme von nur 19,4 Prozent auf. Eine Wirkung der Friendly Societies! - 117 — „demokratischen Federation" hervor. Als ihr Führer ist der vielfach als Schriftsteller thätige H. M. Hyndman zu bezeichnen, welcher die Gedanken von Marx, des „Aristoteles des neunzehnten Jahrhunderts", in England popularisiert. Die englische Socialdemokratie ist auf Londoner Boden gewachsen und hat unter dem gelernten Arbeiterstande wenig Boden. In London besitzt die Federation gegen 30 Zweige; aufserdem ist sie in Newcastle stark, wo in den Schulrat drei ihrer Anhänger gewählt wurden. In das Parlament wurde bisher kein Social- demokrat als solcher gewählt. Dagegen haben ihre Führer unter den „Unbeschäftigten" Londons vielfach Gehör gefunden; so wurden von ihnen die Demonstrationen auf dem Trafalgar Platze veranstaltet, welche die öffentliche Aufmerksamkeit auf die dunkelste Seite der socialen Zustände Englands lenkten. Solange die Socialdemokraten sich lediglich an das „Residuum" der Gesellschaft wandten und ihr Organ „Justice" sich in heftigstem Gegensatz zu den gelernten Gewerkvereinen befand, mufsten sie die Lehre, dafs die Lage der Arbeiter unter Fortbestand des heutigen Gesellschaftssystems nicht zu bessern sei, in den Vordergrund stellen. In der That schien bis vor kurzem die Lage dieser „Reservearmee der Industrie" durchaus hoffnungslos. Ihre Zahl aber müsse, sagten die Socialdemokraten, dauernd zunehmen, indem durch weitere Anwendung von Maschinen immer mehr die gelernte Arbeit durch ungelernte ersetzt und die, welche früher mit Menschenhänden verrichtet wurde, sodann völlig von der Maschine übernommen werde. Hyndman weist in einer seiner Schriften darauf hin, wie dieser Prozefs mit der bevorstehenden Ersetzung des Dampfes durch die Elektricität beschleunigt werden würde, sodafs in absehbarer Zeit die besseren Arbeiterstände verschwunden sein und ein Abgrund zwischen dem Reichtum und einem an der Grenze des Hunger- — 118 — todes befindlichen Proletariat gähnen müsse L Natürlich könnten Leute, die von einer Woche zur andern ihres Lebens nicht sicher seien, durch irgendwelche Veränderung innerhalb der Gesellschaft nicht leiden; von einer Revolution hätten sie daher nichts zu fürchten, aber alles zu hoffen. „In naher Zukunft müssen die englischen Arbeiter entweder die Herren oder die Sklaven sein" 2 . Die in solchen ähnlichen Worten sich äufsernde Stellungnahme ist hier nicht weiter zu schildern, da sie aus Deutschland genügend bekannt ist. Dieselbe fand auch vornehmlich unter dem zahlreichen deutschen Proletariat Londons Anhänger, welches einen bedeutenden Teil der Londoner Socialdemokratie ausmacht. So hörte ich in der Versammlung zur Feier der Pariser Kommune 1889, welche die Socialdemokraten veranstalteten, mehr deutsch als englisch. Selbst über die englischen „Unbeschäftigten" scheint diese eigentlich revolutionäre Propaganda wenig Einflufs zu haben. „Sobald sie beschäftigt sind", sagte mir ein Führer des englischen Socialismus, „so hören sie auf Socialisten zu sein; selbst wenn sie einmal eine Unruhe erregen sollten, so thäten sie das mehr aus bitterster Not, als um des Principes willen". So waren z. B. die Beschlüsse, welche in den grofsen Versammlungen von Unbeschäftigten während des Winters 1887 beschlossen wurden, gemäfsigter Natur; man verlangte Unterstützung arbeitsfähiger Armer, welche sonst keine Arbeit finden könnten, durch öffentliche Arbeiten, insbesondere Bau von Arbeiterwohnungen, welche von der Londoner Centraibehörde (metropolitan board of works) errichtet werden sollten, weitherzigere Anwendung des Armengesetzes u. s. w. Der ruhige 1 Vergl. Hyndman, The Coming Revolution in England, S. 30, 31. London, W. Reeves. 2 Vergl. Ilyndman a. a. 0. — 119 — Verlauf dieser Versammlungen, welche doch die elendesten Massen der Weltstadt in sich fal'sten, bewies, dafs selbst unter diesen die eigentliche „Gewaltpartei" kaum Boden hat. So weit dieselbe aber Anhänger hat, ist sie nichts neues, sondern lediglich Fortsetzung der alten Chartisten, welche die Ausdrucksweise des Marxischen Socialismus angenommen haben. Für diese Kreise ist die sociale Frage nach wie vor „eine Messer- und Gabelfrage" geblieben, die, da keine Aussicht auf anderweitige Lösung vorhanden scheint, mit Gewalt gelöst werden mufs. In der That ergiebt sich der Zusammenhang der Chartisten mit den heutigen Socialrevolutionären z. B. daraus, dafs in ihren Zeitschriften u. s. w. die verstorbenen Chartisten verherrlicht und die noch lebenden als Parteigenossen angesehen werden. Wäre es auch denkbar, dafs eine so mächtige Bewegung mit so begeisterten Anhängern wie der Chartismus plötzlich verschwinde? Er verlor an Boden, indem die gelernten Arbeiter in Organisation und Lohnkämpfen geeignetere Mittel zur Verbesserung ihrer Lage fanden, als die „physische Gewalt", welche der Chartismus befürwortete. Dagegen lebte er im Londoner Proletariat fort, weil das letztere noch keinen Ausweg gefunden hatte, seinen glücklicheren Genossen nördlich vom Trent nachzufolgen. Aber die englische Socialdemokratie hat heute ihre Stellung geändert und ist von revolutionärer Propoganda zu praktischer Politik übergegangen; sie ist im Begriff, von einer Partei der Arbeitslosen zu einer Partei der Arbeiter zu werden. Für diese Veränderung ist bezeichnend das Eintreten von wirklichen Arbeitern in ihre Reihen, insbesondere der dem Gewerkverein der „Engineers" immer noch angehörigen John Burns und Tom Mann. Bezeichnend ist für diesen Umschwung: die Socialdemo- — 120 — kratie legt nunmehr den Hauptnachdruck auf gesetzgeberische Malsregeln. Statt zu behaupten, dai's die Lage des Arbeiters immer schlimmer werde, nennt man die Fabrikgesetze einen „grofsen Segen". Statt Revolution zu predigen, bei der eben doch heute ein grol'ser Teil der englischen Arbeiter etwas zu verlieren hätte, befürwortet sie praktische Mafsregeln, wie diese auf der socialdemokratischen Konferenz zu Birmingham 1889 in ein Programm zusammengefafst wurden. In dem Mals, als sie das thut, ist sie sicher, unter den arbeitenden Klassen an Bedeutung und Anhängern zu gewinnen. Aber in demselben Mafse, als sie politische Forderungen stellt, mufs sie auf den Boden des Bestehenden treten. Indem sie durch Abstimmungen im Parlament Ziele zu verwirklichen sucht, wird sie vielfach gezwungen sein, für gemeinsam Gewolltes mit Personen zusammen zu arbeiten, welche ihre Ansichten über den Endzweck: die Verstaatlichung aller Produktionsmittel, nicht teilen z. B. den Georgistcn und anderen. Sie mufs auf die naheliegenden Ziele den Nachdruck legen. Die Taktik der englischen Socialdemokraten besteht also heute in der Benutzung der vorhandenen gesetzlichen Mittel. Der Kampf geht an der Wahlurne vor sich. Die Arbeiter sollen nach ihrer Ansicht in jedem Wahlkreise den zu wählenden Kandidaten verpflichten, bestimmte arbeiterfreundliche Maisregeln im Parlamente zu befürworten. Sobald die Arbeiter von dem Be- wufstsein ihres gemeinsamen Interesses erfüllt seien, könne ein Erfolg nicht ausbleiben. Weigere sich nämlich ein liberaler Kandidat, die bezeichneten Bedingungen anzunehmen, so hätte Parnell das Mittel gelehrt, den notwendigen Zwang auszuüben. Man brauche nur zu drohen, sich auf die Seite der Gegenpartei zu stellen, um sicher zu sein, seinen Willen durchzusetzen. In der That liege das Schicksal der liberalen Partei in den Händen der Arbeiter, welche dieses Verhältnis — 121 — nur auszunutzen brauchten, um weitere Schritte in der Richtung auf das zu erreichende Ziel vorwärts zu thun 1 . Uni die politische Macht der Arbeiter zu erhöhen, sind die ersten Mafsregeln, die man verlangt, weitere Demokratisierung: Allgemeines, auch Frauenstimmrecht, dreijährige oder jährliche Parlamente, gleichmäfsige Wahlbezirke, Bezahlung der Abgeordneten 2 : ein Programm, das sich mit dem des bürgerlichen Radikalismus nahe berührt. Da aber auch schon die heutige Verfassung den Arbeitern die Möglichkeit politischen Einflusses gewährt, so verfolgen die Socialisten die Absicht, in alle durch Wahl zu besetzenden öffentlichen Behörden, die Vestrys, die Armenaufseher, die Grafschaftsräte und Stadtvertretungen, so weit als möglich, Anhänger zu bringen. So wurde z. B. der bekannte John Burns in den Grafschaftsrat für London mit 3071 Stimmen gewählt, mit 800 mehr, als der radikale Mitbewerber erhielt; nunmehr ist er auch als Parlamentskandidat aufgetreten, bezeichnenderweise jedoch von Hyndman und den Socialdemokraten älteren Schlages bekämpft, welche die Schwenkung zur praktischen Politik nicht in gleichem Mafse durchgemacht haben, wie dieser weit angesehenere Arbeiterführer. Insbesondere scheint der neu geschaffene Grafschaftsrat für London (Gesetz von 1888) den Socialisten geeignet, ihre Sache zu fördern. Aber auch hier ist ihr Auftreten anders als in jenen Ländern, wo sie schlechthin auf dem Boden der Verneinung stehen. Die englischen Socialisten gehen Schritt vor Schritt vor und haben so im einzelnen bereits nicht wenige Erfolge zu verzeichnen. Z. B. beschlofs das Lon- 1 Dies die Stellung des eine „Arbeiterpartei" befürwortenden „Labour Elector" des Herrn H. Champion. Vergl. auch den Schlufs dieses Werkes. 2 Vergl. England for All by Hyndman S. 90 ff. (E. W. Allen) und Sidney Webb, Socialism in England S. 14 ff. (Swan Sonnenschein). — 122 — doner County Council keine Unternehmer zu beschäftigen, welche ihren Leuten weniger als die von den Gewerkvereinen aufrecht erhaltenen Normallöhne zahlten. Das nächste Ziel ist, einen Beschlufs durchzusetzen, wonach die Stadtverwaltung für ihre eigenen Angestellten einen Normalarbeitstag festsetzt. Weiter im Auge haben sie Übernahme der Wasserwerke, Gaswerke und womöglich der Docks durch die Stadtverwaltung, Mafsregeln, welche in der That diesen völlig monopolistischen Unternehmungen gegenüber im allgemeinen Interesse liegen. Indem sich so die englische Socialdemokratie zum Mundstück durchführbarer Forderungen macht, gewinnt sie Aussicht, mehr und mehr Anhänger innerhalb des Arbeiterstandes zu finden. Aber in gleichem Mafse geht mit ihr selbst eine Änderung vor sich. In den Blättern der Gewaltpartei findet sich daher heute häufig die Beschuldigung, dafs die Social- demokraten liberal geworden seien, man tadelt, dafs Angehörige der Konfederation an liberalen Wahlversammlungen teilnähmen und mit bekannten liberalen Abgeordneten auf derselben Plattform gesessen hätten. Insbesondere gilt dieser Bichtung John Burns als ein Abtrünniger, da seine Wahl von zahlreichen liberalen und radikalen Vereinen unterstützt wird. Die Socialdemokratie mit dem bezeichneten Frontwechsel dagegen nähert sich mehr und mehr den Ansichten der „Fabischen Gesellschaft", welche die wissenschaftlichen und geistig bedeutendsten Anhänger des Socialismus umfafst. Wenn jene Socialdemokraten heute mit Vorliebe den Spruch der Genesis: „Im Schweifse deines Angesichts sollst du dein Brod essen" citieren sowie das Carlylesche Wort: „Wenn ein Mensch nicht arbeitet, so mufs er stehlen, wie immer er sein Stehlen benennen mag", so erblicken die Fabier mit J. St. Mill in dem „grofsen Übel des Be- — 123 — Stehens einer nicht arbeitenden Klasse" den Grund der Herabdrückung des Arbeiters. In Gestalt von Rente und Gewinn werde den eigentlichen Produzenten das Produkt ihrer Arbeit geraubt. „Wir behaupten", sagt Sidney Webb, eines der Hauptmitglieder dieser Gruppe, „dai's eine Gesellschaft, welche unthätige Eigentümer gewisser gesellschaftlicher Erzeugnisse in den Stand setzt, für die Konsumtion von dem hülflosen Mitbürger einen Zoll zu erheben, vielleicht in früheren Stadien der Entwicklung nützlich, heute aber schlecht ist. Sie ist, wie Mill und Cairnes selbst sagen, schuldig, unnötiges Sterben und Leiden der besitzlosen Klassen herbeizuführen" b Das Mittel zur Veränderung dieser Zustände erblicken die Fabier in der Verstaatlichung der Produktionsmittel, ein Vorgang, welcher nichts als die Fortsetzung einer bereits begonnenen Entwicklung bedeute. Öffentliche Funktionen, sogar Gerichtsbarkeit, seien einst Gegenstand privater Unternehmung gewesen; Zölle, Posten u. s. w. seien ihr entzogen worden; die Aufhebung der Sklaverei sei nichts als ein Schritt in der Beschränkung der Verfügungsfreiheit zu Gunsten des allgemeinen Wohles gewesen. Auch liege in solcher Entwicklung nur scheinbar eine Beschränkung der Freiheit, indem dieselbe heute thatsächlich nur zu Gunsten Weniger bestehe, und gerade durch die fortschreitende Einschränkung dieser Wenigen die Freiheit der Meisten erst begründet , zum mindesten erweitert werde. Ähnlich hatte schon Mill gesagt: „die Beschränkungen des Kommunismus würden Freiheit sein, im Vergleiche mit der gegenwärtigen Lage der Mehrzahl der menschlichen Rasse" 2 . Es besteht 1 Sidney Webb, What Socialism means. London, W. Reeves, 185 Fleet Street. E. C. 2 John Stuart Mill, Principles of Political Economy (Letzte Ausg.), S. 129. — 124 — also eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Fabiern und Socialdemokraten, wie denn auch jene sich selbst als Social- demokraten bezeichnen. Dagegen hat die Fabische Gesellschaft von vornherein friedliche Fortbildung der bestehenden Gesellschaft als Ziel aufgestellt. Die Idee der Aufrichtung einer Gesellschaftsutopie auf dem Wege des Umsturzes sei nicht nur unpraktisch, sondern wissenschaftlich heute völlig unhaltbar. Der im neunzehnten Jahrhundert gemachte Fortschritt des Denkens bestehe darin, dafs die Vorstellung der Gesellschaft nicht mehr statisch, sondern dynamisch und Fortschritt nur als Fortentwicklung der Ordnung denkbar sei. Wir sehen den Einflufs des mit den Namen Carlyles, Comtes und Darwins verknüpften Gedankenumschwunges. Die Fabische Gesellschaft mit einer ihrem Wesen nach friedlichen Politik ist vor allen geeignet, den künftigen Radikalismus zu beeinflussen. Ihre Hauptthätigkeit besteht in der Abhaltung von Vorlesungen socialistischen Inhalts sowohl in London als in anderen Teilen des vereinigten Königreichs. Zusammengesetzt aus gebildeten, zum Teil studierten Elementen hat sie als besonders wichtiges Feld der Propaganda die Universitäten in das Auge gefafst. In der That sind die liberalen und radikalen Kreise der Universitäten heute mehr und mehr im Begriff socialistisch zu werden, wie mir z. B. eine Debatte über Socialismus in dem Oxforder Palmerstonklub bewies. Unter den jungen Rechtsanwälten, Ärzten und namentlich unter der Geistlichkeit 1 findet man heute zahlreiche Socialisten, die keine Scheu tragen, sich Socialdemokraten zu nennen. Die wissenschaftlichen Ansichten der Fabischen Gesell- 1 Man vergl. clen Abschnitt Socialism in tlie Churckes in Sidney Webb, Socialism in England S. 63 und den Report of Pan-Anglican Conference. (London 1888. Society for Promoting Christian Knowledge.) — 125 — schaft sind in den 1890 erschienenen „Fabian Essays in Socialisra" enthalten. Dieselben, etwas ungleich in ihrem Werte, bieten eine äufserst geschickte Verquickung der Methoden und Ergebnisse der älteren abstrakten und der neueren historisch-realistischen Schule in der Nationalökonomie. Sie beginnen mit einer abstrakten ökonomischen Darlegung, in welcher aus den Lieblingstheorien der Abstrakten und unter Bekämpfung der durch Jevons überwundenen Ricardo-Marxschen Wertlehre, scharfsinnig und elegant die Unhaltbarkeit der bestehenden Wirtschaftsordnung und das Unvermeidliche der socialdemokratischen Postulate deduciert wird. Dann folgen ein historischer und ein morphologischer Aufsatz, um an demselben Ziele zu enden. Hierauf eine Untersuchung der Grundlagen des Socialismus vom Standpunkte der Moral. Unter den weiteren Aufsätzen erscheint als besonders beachtenswert noch der, welcher den „Übergang" von der heutigen zur künftigen Wirtschaftsorganisation behandelt. Mit Malthus sehen die Fabier ein Übel in leichtsinniger Volksvermehrung. In den Anfängen der kapitalistischen Produktion habe darüber eitel Freude geherrscht, denn sie habe die gewünschten Arbeitskräfte geliefert. Mit steigender Armenlast aber erscheine das ungestörte Walten des Geschlechtstriebs als eine Plage. Man schreie über Übervölkerung. Aber „eure Sklaven hören nicht auf euch. Sie vermehren sich wie Kaninchen. Ihre Armut erzeugt Schmutz, Häfslichkeit, Krankheit, Unsittlichkeit und Trunk. In Ekel flieht ihr in das andere Ende der Stadt, gebt ihnen besondere Sitze in euren Eisenbahnen, Theatern und Kirchen; und doch schwärmen sie um euch. Sie vergiften euer Leben, so wie ihr ihres geopfert habt. Dann kommt die Furcht vor ihrer Auflehnung, Anfälle wahnsinniger Unterdrückung und wahnsinniger Wohlthätigkeit und inzwischen fährt die Bevölkerung fort sich zu vermehren". Aber ungleich — 126 — Malthus sehen die Fabier — in Übereinstimmung mit dem heutigen Stand der Wirtschaftswissenschaft — in dieser Volks- vermehrung nicht die Ursache, sondern die Wirkung des tiefen Elends der unteren Klassen. Sie ist die Folge einer Armut, welche den Sinn und die Möglichkeit für alle anderen Genüsse aufser den geschlechtlichen getötet hat. Nur durch Hebung, welche den Massen höhere Freuden als die rein animalischen erschliefse, ist dieser Gefahr zu begegnen. Aus diesem Grunde befürworten die Fabier socia- listischen Staatseingriff zu Gunsten der Schwachen. Ihre Politik aber ist die des Fabius Cunctator: ein schrittweises Vorrücken. Sie suchen daher als „echte Politiker" zunächst nahe und mögliche Ziele zu erreichen in Verbindung auch mit solchen, welche die socialistische Endforderung nicht teilen — ein „opportunistischer Socialismus", welcher vom Boden des Bestehenden aus den Weg der Reform beschreiten will. Indem sich auch die Socialdemokraten mehr und mehr diesem Standpunkt zuneigen, können wir das von der Fabischen Gesellschaft herausgegebene „Neue radikale Programm" als beiden Richtungen im grofsen und ganzen gemeinsam betrachten. Dieses Programm kritisiert sowohl das des heutigen Radikalen als das des „Torydemokraten", Lord Randolph Churchhill. Das zu Nottingham 1887 aufgestellte Programm der Radikalen enthält folgende Punkte: 1. Männerstimmrecht. 2. Freiheit des Grund und Bodens (free trade in land) d. h. Aufhebung der Beschränkungen, welche dem freien Verfügungsrecht entgegenstehen, Aufhebung der Fideikommisse etc. Die Socialisten entgegnen, diese Beschränkungen sind die letzten Zeichen dafür, dafs das Land nicht als freies Eigentum einst dem Besitzer zustand; ihre Beseitigung käme allein den städtischen Kapitalisten zu Gute. 3. Entstaatlichung der Kirche. Nein, sagen die Socialisten, die Verbindung des Staates — 127 — mit der Kirche giebt dem ersteren ein Aufsichtsrecht über das ungeheure Vermögen der Kirche und bezeichnet, dafs dasselbe dem allgemeinen Besten zu dienen hat. 4. Dezentralisation der Regierung, local government. Lord Randolph Churchhill dagegen verlangt: 1. Gröfsere Sparsamkeit in der Verwaltung. 2. Unentgeltliche Erziehung. 3. Haftpflicht der gewerblichen Unternehmer, Ausdehnung des Haftpflichtgesetzes — Mafsregeln, von denen insbesondere die zweite die Socialisten in ihr Programm aufnehmen. Das Programm der Socialisten ist beiden gegenüber folgendes : 1. Allgemeines Stimmrecht für Erwachsene. Die Empfänger von Armenunterstützung müfsten das Stimmrecht besitzen, weil, „wenn die Gesetze gerecht wären, es keine Armen gäbe, und sie eine Stimme bei der Veränderung der Gesetze haben müssen, unter denen sie am meisten leiden". 2. Ferner verlangen die Socialisten Bezahlung der Mitglieder des Volkshauses und jährliche Parlamente, wie dies der Herzog vou Richmond vor 100 Jahren bereits verlangt habe. 3. Kapitalrentensteuer, welche sowohl Grundrente wie Kapitalzinsen erfassen soll. Beide zusammen betragen ungefähr 450 Millionen , etwa ein Drittel des gesamten Nationaleinkommens. Die Socialisten erblicken in einer derartigen Besteuerung den Anfang zur einstigen Unterdrückung von Rente und Zinsen. 4. Die Municipalbehörden, hervorgehend aus der Wahl der Ortsangehörigen, sollen berechtigt werden, alle Arten der Industrie im eigenen Namen vorzunehmen und Grundbesitz zu erwerben. Das herrschende System sei nichts als „Schutz der Privatunternehmung, welcher das Volk verhindert, seine politischen zugleich als industrielle Organisationen zu benutzen". Insbesondere ist es die Plage der Unbeschäftigten, — 128 — welcher die Socialisten durch Vornahme öffentlicher Arbeiten zu begegnen vorschlagen. Gas, Wasser, Strafsen, Beleuchtung, Pflasterung, Polizei, Tramways und Omnibus, Stadteisenbahn, Parks, Gesundheitspflege, Flufspolizei, Märkte, Armenpflege und unter Mitwirkung der Centraibehörde auch die Schule wünschen die Socialisten „municipalisiert" zu sehen 1 . Auf die Vorschläge der Socialisten bezüglich der Wohnungsfrage der Arbeiter brauchen wir nicht weiter einzugehen, indem es unter ihnen nieht an Stimmen fehlt, welche von Mafsregeln abraten, die unter dem heutigen Gesellschaftssystem pauperisierend wirken müfsten. Eine solche wäre z. B. der Bau von Arbeiterwohnungen durch die Stadtverwaltung und ihre Vermietung, sei es auch zum Kostenpreise, an die Arbeiter 2 . Jedenfalls aber steht es den Socialisten fest, dafs die Londoner Stadtverwaltung solche Veränderungen auch für den Osten und Süden Londons herbeiführen sollte, durch welche in den letzten dreifsig Jahren der Westen zur glänzenden Weltstadt geworden sei: Kanalisation, Anlage eines Themsestadens, öffentlicher Gärten und Parks u. s. w. Für die Arbeiterbezirke kämen insbesondere öffentliche Bäder und Waschhäuser, Spielplätze und Bibliotheken in Betracht. 5. Verstaatlichung der Eisenbahnen, unter Bezugnahme auf das natürliche Monopol und die hieraus entspringenden unverhältnismäfsigen Dividenden der Eisenbahngesellschaften. 6. Der Achtstundentag d. h. gesetzliche Beschränkung des Arbeitstages auf acht Stunden. Es ist bezeichnend, wie 1 Vergl. A Commune for London by H. M. Hyndman. Justice Printery . 337 Strand. Desgl. S. Webb, Socialism in England S. 98—118. 2 Vergl. Labour Elector vom 2. März 1889 S. 13. Das Gesetz von 1885 beziehentlich der Arbeiterwohnungen giebt den Städten das Recht SVa % Anleihen aufzunehmen zum Zweck des Baues solcher Wohnungen. Es blieb jedoch bisher meist ein toter Buchstabe. — 129 — die englischen Socialisten sich dieser von den Pariser Arbeiterkongressen angenommenen Forderung gegenüber verhalten. Auch hier handelt es sich nicht um ein blofses Agitationsmittel, sondern um ein praktisches, allmählich zu verwirklichendes Ziel. Hyndman unter andern entwickelt z. B. dieseii Standpunkt in der „New Review", August 1889. Er verweist darauf, dafs eine gesetzliche Arbeitszeit nichts neues wäre, indem für die westindischen Sklaven eine solche bereits bestanden hätte, ein grofser Teil der Arbeiter aber ebenso hülflos wie jene sei. Der gewichtigste Einwand, dem er zu begegnen hat, ist der, dafs durch Erhöhung der Produktionskosten die englische Industrie dem ausländischen Mitbe- werb gegenüber geschädigt, ja in manchen Zweigen vielleicht vernichtet werden könnte, so lange die Staaten des Festlandes zu gleichem Schritte nicht bereit wären. Die Socialisten erkennen diesen Einwand als zeitweilig gültig an und beschränken daher ihren Vorschlag dahin, man führe einen gesetzlichen Arbeitstag für diejenigen Industrien ein, welche der ausländischen Konkurrenz nicht unterworfen sind, z. B. zu Gunsten der Eisenbahn- und Pferdebahnangestellten u. s. w. Sind es doch gerade diese Arbeiter, welche am wenigsten imstande sind, durch eigene Kraft sich zu schützen 1 . Auch dieser Vorschlag aber scheint den Socialisten noch zu weitgehend, um unter den heutigen Parteiverhältnissen im Parlament Aussicht auf baldige Einführung zu haben. Sie haben daher einen anderen Punkt als den der praktischen Verwirklichung nächstliegenden aufgegriffen. Die Municipal- behörden, insbesondere der Grafschaftsrat von London, soll 1 New Review. Longmans, Green & Co. Vergl. auch The facts about the unemployed. Modern Press. Paternoster Row 13. v. Schulz e-Gaevern itz, Zum soc. Frieden. II. 9 — 130 — mit gutem Beispiel vorangehen und für die von ihm beschäftigten Arbeiter den Achtstundentag annehmen. Erst wenn das erreicht ist — und es ist nach den obigen Bemerkungen durchaus ein Ding der Möglichkeit —, ist zu erwarten, dafs der Staat nachfolge. Als zweiter Schritt wird dann der gesetzliche Arbeitstag für Eisenbalm-, Pferdebahn- und Omnibusangestellte in das Auge gefafst. Weitere Fortschritte in der angedeuteten Richtung aber hängen davon ab, dafs die Regierung, nachdem sie für ihre eigenen Arbeiter in Arsenalen, Postanstalten u. s. w. die Maisregel angenommen, also sich grundsätzlich mit ihr einverstanden erklärt hat, eine internationale Vereinbarung zustande bringt, welche voraussichtlich ebenfalls zunächst nur gewisse Arbeiter umfassen wird, um später weiter ausgebaut zu werden. Was in Deutschland Theorie ist, wird in England zum Programm praktischer Politik. Was die eigentlich politischen Fragen angeht, die England heute bewegen, so befürworten die Socialisten die Glad- stonesche Home-Rulepolitik, indem sie nicht nur für Irland, sondern für den ganzen Staat möglichste Decentralisation verlangen. Dagegen sehen sie in einem solchem Schritte nicht den Anfang zu einer Zerstückelung des Reiches. Im Gegenteil stimmt Hyndman 1 dem Plane der engeren Verbindung der Kolonien mit dem Mutterlande zu, sowie der Errichtung eines Reichsparlamentes über den Parlamenten der einzelnen Teile der britischen Inseln und der Kolonien. Auch einer gänzlichen Abrüstung redet Hyndman am genannten 1 England for All by H. M. Hyndman S. 152, 164, 180. London, W. Allen. — Wir werden am Scblufs unseres Werkes sehen, wie die Politik der grofsen liberalen Partei nur durch Gradunterschiede von dem soeben entwickelten Programm verschieden ist — ein Umstand, der die Bildung einer parlamentarischen Arbeiterpartei verhindert. — 131 — Orte keineswegs das Wort und macht sogar den Diplomaten der Mittelklassenregierung einen schweren Vorwurf aus der Aufgabe des Rechts der Kaperei auf dem Pariser Kongrefs, weil dasselbe im Kriege die beste Stärke der englischen Seemacht gebildet habe. Mit dem angedeuteten Umschwünge in der socialistischen Arbeiterpartei trennen sich von ihr die eigentlich revolutionären Elemente, obgleich diese sich zum Teil ebenfalls als Socialisten bezeichnen. Aber das volkswirtschaftliche Glaubensbekennt- 4- nis ist eben hier nicht das entscheidende, sondern das taktische Programm, und in letzterem unterscheidet sich diese revolutionäre Gruppe der Socialisten in nichts von den Anarchisten. Letztere erklären, dafs die Abschaffung aller Autorität, die Beseitigung des Staates und die völlige Freiheit des Einzelnen notwendige Vorbedingung zur Erreichung eines heute nicht weiter zu formulierenden, idealen Gesellschaftszustandes sei; jede bestimmte Vorstellung vom Ideal gilt als Reaktion und ist höchstens Gegenstand dichterischer Extase. Insofern enthält der Anarchismus eigentlich nichts als ein taktisches Programm: Zerstörung des Bestehenden. Indem nun Socialisten dieser Taktik zustimmen, ohne Aufgabe des Zukunftsbildes einer kollektivistischen Volkswirtschaft, ist ein „anarchistischer Socialismus" wohl möglich, obgleich der Anarchismus als äufserster Individualismus dem Socialismus entgegengesetzt ist. Dieser Standpunkt, welcher von der „Socialistischen Liga" vertreten wird, mufs natürlich auf die Lehre der socialistischen Schriftsteller den Nachdruck legen, dafs die Lage des Arbeiters unter dem heutigen Gesellschaftssystem immer schlechter werden müsse — ein Satz, der bei dem praktischen Socialismus, welcher Vorschläge zur Hebung der ar- 9* — 132 — bettenden Klassen vertritt, in den Hintergrund rückt. Die Vertreter der revolutionären Richtung also stehen im Gegensatz zu den Fabiern und den Socialdemokraten. Sie tadeln das Bestreben der ersteren, aus dem Bestehenden heraus den socialistischen Zustand zu entwickeln, sowie die Beteiligung der letzteren an den politischen Wahlen und Gemeindeangelegenheiten. Ebenso wenden sie sich gegen die Gewerkvereine, nicht etwa, wie John Burns und seine Anhänger nur gegen die heute von dem parlamentarischen Gewerk- vereinsausschufs eingeschlagene Politik. Während John Burns vielmehr der Verbündung der ungelernten Londoner Arbeiter (der Gasarbeiter, Hafenarbeiter u. s. w.) die wichtigsten Dienste geleistet hat, erklärt der revolutionäre Socialismus Gewerkvereine als schlechthin zwecklos. „Das allgemeine Resultat ist, dafs die Gewerkvereine heute nicht an Stärke zunehmen. Auf der anderen Seite wächst die Zahl derjenigen Tagelöhner gewaltig, welche zu allen Arten von Beschäftigungen durch die Not des Lebens getrieben, keine Gewerkvereini er werden können. Der unbeschränkte Wettbewerb unter diesen wirkt auf die organisierten Arbeiter zurück und ist ein unübersteigliches Hindernis für die Erlangung von tliat- sächlichen Vorteilen seitens der Gewerkvereine" L Der Nutzen von Arbeitseinstellungen bestehe lediglich in Erweckung und Verbreitung des Klassenhasses. Der anarchistische Socialismus bekämpft alle Bestrebungen, welche dazu dienen könnten, das dem Untergange geweihte System zu erhalten und den endlichen Zusammenbruch hinauszuschieben. „Sie bauen Stützen für ein in sich morsches Gebäude". Er bekämpft die Ansicht der Fabier und der 1 Vergl. Address to Trade Unions issued by the Socialist League. London, W. C. Great Queen Street 24. — 133 — Socialdemokraten, dafs die sociale Frage an der Stimmurne zu lösen sei, als „den grofsen Aberglauben des Jahrhunderts" und stellt als Ziel auf, „den Fetisch der Gesetzgebung und der Gesetzgeber zu untergraben". Arbeiterschutzgesetze, welche die Regierungen anböten, seien nur „ein Mittel, in den Augen der Massen den Parlamentarismus wieder herzustellen, welcher doch auf das äulserste entwertet sei". Auch wendet man sich gegen den Vorschlag' des Achtstundentages, welcher lediglich als Agitationsmittel, insbesondere soweit er undurchführbar ist, zur Erregung von Unzufriedenheit brauchbar sei. Ein Glück ist es, sagen die Revolutionäre, dafs von den Regierungen Bekämpfung auch der gemäfsigten socialistischen Vorschläge zu erwarten ist; denn durch Annahme derselben „würde Friede möglich und die vollständige Emancipation der Arbeit für lange Jahre ausbleiben". Die „Socialistische Liga" befürwortet die Politik des Laissez-faire, weil sie am zerstörendsten wirke, also aus dem entgegengesetzten Gesichtspunkte wie der ältere Liberalismus. Man hat zu warten, bis das gegenwärtige System in sich so morsch wird, dafs es zusammenbricht. Das einzige , was man inzwischen thun kann, ist Unterstützung aller Versuche, dasselbe zu erschüttern. So begrüfst man die Bestrebungen der irischen Partei, nicht etwa aus dem Gesichtspunkte der notwendigen Decentralisation, wie die Socialdemokraten, sondern als „einen Angriff auf die grofse reaktionäre Macht, die sich britisches Weltreich nennt". Daher auch die Sympathie mit dem Verbrecher als dem Märtyrer der heutigen Gesellschaft und dem Kämpfer gegen das Bestehende. Das Beste, was die Revolutionäre hoffen, ist, dafs auf diesem Wege der Kampf täglich schärfer und bitterer werde, bis er zuletzt „in Niedermetzelung übergeht und offenen — 134 — Krieg an Stelle der langsamen und grausameren Methoden der friedlichen Konkurrenz" b Unter den Anhängern des anarchistischen Socialismus finden sich zahlreiche Ausländer, z. B. der bekannte russische Fürst Kropotkine; Arbeiter sind unter ihnen kaum vertreten 2 . Selbst auf die Unbeschäftigten haben wohl Männer wie John Burns Einflufs, welche ihnen einen Weg der Bettung weisen, nicht aber eine Richtung, die ihnen nichts als Verzweiflung giebt. Dem gelernten Arbeiter aber erscheint sie völlig utopistisch; an sie vornehmlich denkt er, wenn er, wie man in England noch hören kann, erklärt, Socialismus sei für ihn Zeitverlust (waste of time). Der bedeutendste Engländer unter der revolutionären Gruppe ist der Möbelfabrikant William Morris. Auf dem Pariser Kongrefs bewies Morris seinen extremen Standpunkt dadurch , dafs er auf dem Marxisten- kongrefs gegen die Vereinigung mit den Possibilisten eiferte, unter denen sich die englischen Socialdemokraten befanden 3 . Selbst die übrigen englischen Teilnehmer an dem Marxisten- kongrefs, z. B. das Parlamentsmitglied Cunninghame-Graham, folgten hierin nicht. Dagegen erfreut sich Morris eines bedeutenden Rufes als Reformator des Geschmacks im englischen Kunstgewerbe und als Dichter. In der That scheint er der erste wirkliche Dichter zu sein, welchen der Socialismus hervorgebracht hat, indem die in Deutschland zum Teil in den Gebrauch der Socialisten übergegangenen Gedichte von Freiligrath, Prutz u. s. w. einem 1 Vergl. VV. Morris, Useful Work versus useful toil, S. 39. London, W. C. Great Queen Street 24. — Im übrigen entwickeln wir die Stellung der Liga aus ihrem Organ, dem Commonweal. 2 Dies bestätigt z. B. Sidney Webb, einer der gründlichsten Kenner des englischen Socialismus, welcher zugleich einer seiner geistigen Führer ist. Vergl. Socialism in England S. 34. 3 Hyndman stimmte sogar gegen die Vereinigung beider Kongresse. — 135 — ganz anderen Boden entstammen. Von den Werken Morris' gelten „der Traum des John Ball" und „das irdische Paradies" als die besten, daneben veröffentlichte er ein Heftchen „Gesänge für Socialisten". Sein bekanntestes Lied, welches z. B. auf der oben erwähnten Feier der Kommune durch den von ihm eingenähten Chor der „Socialistischen Liga" vorgetragen wurde, teilen wir als Probe dieser Litteratur mit. Es verherrlicht die in den Arbeiterrevolutionen gefallenen Märtyrer. Alle für die Sache. Hör ein Wort, ein Wort zur Stunde, denn der Tag kam nah heran, Da die Sache uns wird rufen, den zum Leben, den zum Tod. Wer da stirbt, er stirbt nicht einsam; viele gingen ihm voran, Deren Ruhm nicht von der Vorzeit; gestern liefsen sie ihr Blut, Sie der Erde jüngste Kinder, letzte eines tapfern Tods. War die Botschaft, die sie brachten, doch das Wort, das uns erfüllt, Und die Hoffnung unseres Herzens war ihr todbesiegelt Ziel. Ihre Schmerzen ruhn im Grabe, 'hin Tyrannen sie gestürzt; Doch aus ihrem Leid erhebt sich Hoffen, das unsterblich ist. Klage nimmer, dafs die Welt sie überlebt hat, traure nicht. Sichtbar stärken sie, vernehmlich uns're Hand noch heut im Streit. Hatte Namen der und Ehre, war gelehrt er weis' und stark, Waren namenlos die andern, reich an Unrecht nur und Leid, Ruhmvoll, ruhmlos: alle leben, einig leiten sie uns an, Jeden Schmerz für nichts zu zählen, zu verachten jede Qual. Hör' sie rufen: „Glücklich, glücklich, die ihr in der trüben Nacht — 136 — Scheidestunde seid geboren, in des Morgens Dämnrerscliein. Ob im Leben oder Sterben — euer ist das schönste Los: Frieden durch Gewirr und Streiten zu erringen, zu verleih'n." Sei's so! Oftmals will michs dünken, dafs in jener künft'gen Welt, Da kein Sklave mehr des Goldes atmet zwischen See und See,- Mancher stillstehn wird und denken jener alten, bittern Zeit, Eli' das Blut von tausend Schlachten uns vom Fluch des Golds befreit; Ein Gedenken ernst und heilig unter Liebenden wird's sein Und man wird uns Weise heifsen, die wir „Narren", „Träumer" heut'. Doch der Name darf verklingen, die Geschichte uns'res Tods, Unsere Thaten werden leben in dem Neubau einer Welt, Wer kann da des Daseins achten, ob Gewinn es ob Verlust. Lieblich fliegt dahin das Leben, wie die Sache jeden ruft. Es ist klar, dafs eine solche Begeisterung, wie sie bei der Internationalität gerade dieser Gruppe über ganz Europa Anhänger hat, in Unterdrückung und Gewaltmitteln der Gegner ihre beste Nahrung findet. III. Der Socialismus und die Gewerkvereiue. Wir haben im vorhergehenden die beiden Richtungen, auseinandergelegt, in welche der Socialismus in England wie auf dem Festlande, wenn auch hier weniger deutlich, sich zu spalten im Begriffe steht: Richtungen, welche trotz des gemeinsamen Namens einander innerlich geradezu ent- - 137 — gegengesetzt sind. Der revolutionäre Socialismus mufs alle praktisch-soeialistischen Mafsregeln bekämpfen, weil sie die Unzufriedenheit der Massen vermindern könnten, und lediglich undurchführbare Vorschläge als Agitationsmittel befürworten. Der praktische Socialismus dagegen wird bei den bestehenden Parteiverhältnissen parlamentarische Bündnisse suchen, welche allein zu Gunsten gemäfsigter Vorschläge zu erhalten sein werden. Es erhebt sich daher die Frage: welche dieser beiden Richtungen hat in England greisere Aussicht? Ist es ferner wahrscheinlich, dafs eine von ihnen an Anhängerzahl dermafsen zunimmt, um auf die politischen und socialen Verhältnisse thatsächlichen Einflufs zu gewinnen? Diese Fragen lassen sich meiner Meinung nach nur beantworten durch Untersuchung der weiteren Fragen: welche Stellung nehmen die Gewerkvereine heute zum Socialismus ein, und welche werden sie voraussichtlich in Zukunft einnehmen? Die Gewerkvereine scheinen nämlich diejenige Macht zu sein, welche in der englischen Arbeiterbewegung die Führung behauptet und in Zukunft behaupten wird. Letzteres ist bezweifelt worden, insbesondere hat man auf dem Festlande die Gewerkvereine Englands bereits totgesagt. Darum hierüber zunächst ein Wort. Entstehung, innere Einrichtung und Wirksamkeit der Gewerkvereine sind in Deutschland durch das Buch Brentanos bekannt geworden. Dasselbe erschien zu Beginn der sieben- ziger Jahre, konnte also nicht weiter gehen als bis zur Legalisierung dieser Vereine. Diese haben dann in Deutschland verschiedene Arten von Gegnern gefunden: selbstverständlich die Vertreter des patriarchalischen Systems, aber aufserdem diejenigen, welche in einem bureaukratischen Staatssocialismus das Heil suchen, sowie die Socialdemokratie. Die beiden letzteren, sonst so verschieden, werden nicht müde, das Fiasko - 138 — der englischen Gewerkvereine zu verkünden. Und in That haben sich Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre für die englischen Gewerkvereine bedeutende Schwierigkeiten aus dem Anwachsen der Zahl ihrer unbeschäftigten Mitglieder ergeben, welche die Kassen der Vereine bedeutend in Anspruch nahmen. Die Ursache war die ganz anormal lange Dauer der Geschäftsstockung, ein Übelstand, gegen den übrigens auch der bureaukratische Staatssocialismus bis jetzt noch kein Mittel angegeben hat. Seitdem hat ein neuer Aufschwung stattgefunden ; und wenn derselbe auch nicht so kräftig wie früher ist, so hat er doch nicht blofs aufs neue die Gewerkvereins- kassen gefüllt, sondern diese haben auch durch Ausschreibung aufserordentlicher Umlagen während dieser Periode des Aufschwungs sich für den Fall der Wiederkehr einer so lange dauernden Depression gerüstet. So lange die Depressionen noch nicht perennierend geworden sind, müssen sich die Gegner der Gewerkvereine noch auf das erhoffte Fiasko vertrösten. Ein anderer Vorwurf gegen die Gewerkvereine ist, dafs sie nur die gelernten Arbeiter umfafsten, dagegen aufser Stand seien, der weit gröfseren Masse der ungelernten zu helfen. Und in der That umfafsten sie zur Zeit, als das Buch Brentanos erschien, nur erst die Mehrzahl der gelernten Gewerbe. Aber nichts, was die Lebensfähigkeit der Organisation mehr zu beweisen vermöchte, als dafs sich die letztverflossenen Jahre durch eine geradezu erstaunliche Ausbreitung der Gewerkvereine nicht nur unter den „ungelernten", sondern sogar unter den weiblichen Arbeitern auszeichnen. Welche Gründe dies ermöglichten, ist weiter unten zu besprechen. Es genügt, hier festzustellen, dafs die Summe aller Gewerkver- einler heute gegen anderthalb Millionen betragen mag, eine eher zu niedrig als zu hoch gegriffene Zahl nach einer mir seitens des früheren Sekretärs des parlamentarischen Aus- — 139 — Schusses der Gewerkvereine, George Howell, Parlamentsmitglied und volkwirtschaftlichem Schriftsteller, mitgeteilten Schätzung. Die Zahl der auf den Gewerksvereinskongressen vertretenen Arbeiter ist natürlich eine geringere, da aus der Beteiligung den Vereinen die Pflicht zur Beisteuer für den parlamentarischen Ausschufs erwächst, der sich viele Vereine um so lieber entziehen, als dessen Arbeit doch so wie so im Interesse aller Arbeiter geleistet wird. Dennoch hat auch die Zahl der auf dem Kongresse vertretenen Arbeiter stetig zugenommen. 1887 auf dem Kongresse zu Swansea betrug sie 674034 Personen, 1888 auf dem Kongresse zu Bradford 816944, endlich 1889 zu Dundee 885 055, eine Zahl, die bis zum nächsten Kongrefs durch die inzwischen erfolgte Vereinigung der Londoner Dock- und anderer Arbeiter einer Million nicht fern bleiben dürfte. Die Gewerkvereine, zunächst nur die bestsituierten Arbeiter umfassend, dehnen sich nach unten hin über immer weitere Kreise aus, schneiden immer neue Teile aus jener form- und zusammenhangslosen Masse von Proletariern heraus, welche der Übermacht des Kapitals wehrlos unterworfen und auf das Minimum der notwendigen Lebenshaltung beschränkt ist. Bei Beurteilung der Stellung der Gewerkvereine sowohl zur socialrevolutionären Partei als auch zu dem auf gesetzlichen Bahnen wandelnden Socialismus mufs man stets eines vor Augen haben: die Gewerkvereinsorganisation beruht nicht auf irgend welcher ökonomischen oder politischen Theorie, sondern ist nichts anderes als die Inkarnation des praktischen gesunden Menschenverstandes der englischen Arbeiterklasse. Als solche ist sie der Gegner von jeder Art von „ismen", vom Individualismus Avie vom Socialismus. Wie sie zur Zeit, da die gesamte individualistische Nationalökonomie sie als Ausgeburt menschlichen Wahnsinns denuncierte, gegen alle diese Angriffe stumpf, zäh an dem festhielt, was ihr im Arbeiterinteresse zu liegen schien, so sieht sie auch heute lediglich auf die praktische Bedeutung jedweder Mafsregel, einerlei, oh man diese als individualistisch oder als socia- listisch bezeichnen mag. Diese rein praktische Betrachtungsweise bestimmt auch ihr Verhalten zur socialrevolutionären Partei. Alle, welche der Gewerkvereinsbewegung angehören, sind sich bewufst, dafs die arbeitenden Klassen durch diese Organisationen enorme Fortschritte gemacht haben. Sie haben die Widerlegung der Grundbehauptung jeder socialrevolutionären Bewegung, dafs der Arbeiter seine Lage dauernd zu verbessern aufser Stand sei, am eigenen Leibe erlebt. Sie erinnern sich der Erhöhung des Lohnes und der Verkürzung der Arbeitszeit, der Verbilligung der Lebensmittel und der Fabrikgesetze, die ihnen geworden sind. Sie gedenken der Cooperation und des Hauses, das sie oder ihre Freunde mittelst derselben erworben haben. Ein Arbeiterstand, der solche Erfolge erlangt hat und den Weg zu weiteren Erfolgen vor sich sieht, ist nicht revolutionär. Dazu kommt noch ein anderes, was speciell seine Abneigung gegen den kontinentalen Socialismus erklärt. Die englischen Gewerkvereine haben in doppelter Beziehung böse Tage durchgemacht. Es gab eine Zeit, da waren ihre Kampfmittel das Vitriol und der Mord, und sie wurden verfolgt als der Schrecken der Gesellschaft. Damals haben sie gar nichts erreicht. In dem Mafse, in dem sie diese gewalt- thätigen und revolutionären Mittel aufgaben, eroberten sie die Sympathien der Gesellschaft und machten mit deren Unterstützung die eben genannten Fortschritte in der Hebung der Arbeiterklasse. Dabei haben ihnen ihre Freunde aus den höheren Klassen gesagt, haltet euch fern vom kontinentalen Socialismus. Die Gewalt, die auf dem Kontinent alle legitimen Bestrehungen der Arbeiter unterdrückt, hat sie dort zu Verschwörern gemacht. So besteht der kontinentale Socialismus in einer ständigen Verschwörung, und über Nacht könntet ihr ohne Wissen und Willen in eine mächtige Umsturzbewegung verwickelt sein. Dann würde sich auch gegen euch ein Sturm der Entrüstung in England erheben, der alles von euch Erreichte gefährden würde. Diese Politik hat vortreffliche Früchte getragen. Die Gewerkvereinler sind „respec- table" geworden und haben damit ihre Ziele erreicht. Diese Position wollen sie nicht wieder in Frage stellen, und daher die Abneigung des Gewerkvereinlers gegen den kontinentalen Socialismus, worunter er eine Agitation versteht, welche durch undurchführbare Zukunftsbilder die Arbeiter von der Verfolgung ihrer Interessen abhält, welche von der Unzufriedenheit der Massen lebt und Revolution bezweckt. Dies auch die Erklärung des Ausspruchs des Vorsitzenden des Kongresses der Gewerkvereine zu Bradford: „In dem Grade als unsere ausländischen Brüder den Gedanken an gewaltsamen Umsturz aufgeben und zu Organisation und gesetzlicher Agitation übergehen, sind wir durch Pflicht, Neigung und Interesse gebunden, mit ihnen zusammenzuarbeiten". Man kann daher mit Sicherheit sagen, dafs die Gewerkvereine und damit der englische Arbeiterstand überhaupt den Aposteln des Umsturzes auch in Zukunft verschlossen bleiben werden 1 . Andererseits ist es jedoch ebenso gewifs, dais die 1 Diese Ansicht teilt, wie mir aus brieflicher Mitteilung bekannt ist, der mit dem englischen Socialismus durchaus vertraute Rev. M. Kaufmann, Rector von Erpingham (Ingworth, Nonvich), der Übersetzer von Scliäifle ins Englische und Verfasser mehrerer Werke über Socialismus. Vergl. meine Erwiderung auf den Bericht der industriellen und wirtschaftlichen Vereine über englische Arbeiterverhältnisse. Deutsches Wochenblatt, Jahrgang III, Nr. 6, S. 67. — 142 — genannten Vereine sich mehr und mehr zu einzelnen vom Socialismus befürworteten Mafsregeln bekennen werden, in dem Mal'se nämlich als sie ihnen für die in Frage kommenden Interessen praktisch erscheinen werden. Während die erstere Behauptung von keinem Kenner der englischen Arbeiterverhältnisse bestritten werden dürfte, insbesondere auch nicht von den Führern des englischen Socialismus selbst, so wird die zweite heute noch um so mehr angezweifelt werden können, als sich eine Fülle von Aussprüchen der anerkanntesten Führer der Gewerkvereine gegen Staatshülfe im allgemeinen oder diese oder jene socialistische Mafsregeln im besonderen anführen lassen. Man denke z. B. an das Schlufswort, mit welchem Broad- hurst, der bisherige Führer der Gewerkvereinler in- und aufser- halb des Parlaments, seinen Bericht über das Jahr 1887/1888 vor dem Kongresse zu Bradford beendete: „Wenn die Arbeit festhält an dem bisher innegehabten Verfahren, Selbstvertrauen und Unabhängigkeit zeigt, Staatshülfe zurückweist, denen hilft, die sieh nicht selbst helfen können, ihre eigenen Bedürfnisse sich selbst befriedigt und alles das festhält, was sie erlangt hat, so wird sie sicher an Würde und Wichtigkeit gewinnen". Durch folgenden, geradezu komischen Zwischenfall, welcher sich auf dem internationalen Gewerkvereinskongrefs 1888 zu London ereignete, zeigten die englischen Gewerkvereinler, wie weit ihre Furcht ging, mit den festländischen Socialisten zusammengeworfen zu werden. Von den 46 anwesenden Ausländern — Gewerkvereinlern aus Frankreich, Belgien, Holland, während aus Deutschland und Österreich keine Vertreter anwesend waren — bekannten sich alle bis auf zwei zur socialistischen Partei; von jenen beiden war der .eine, der Vertreter der Pariser Drucker, ein Positivist, der andere, der Vertreter der Pariser Zimmerleute, ein Anarchist. Dieser letztere nun erklärte es in der Frage des Normal- - 143 - arbeitstages für kindisch, von der Gesetzgebung etwas zu erwarten, sondern stellte vielmehr im Gegensatz zu den anwesenden Socialisten zur Abstimmung: dafs die arbeitenden Klassen „auf ihre eigene Kraft sich verlassen sollten", womit in Anbetracht der festländischen Arbeiterverhältnisse nichts als Anwendung von Petroleum und Dynamit gemeint sein konnte. Die englischen Gewerkvereinler, an die Mittel der friedlichen Organisation und Abweisung des Staatseingriffs denkend, stimmten, unter dem Gelächter der Ausländer, für den Antrag des Anarchisten 1 . In solchen und ähnlichen Fällen haben wiederholt die englischen Gewerkvereinler sich als Gegner des Socialismus erklärt und ihm gegenüber auf die Mittel der Selbstliülfe verwiesen, welche den Arbeitern zu Gebote stünden. Fragt man aber, aus welchem Grunde dieser Gegensatz zum Socialismus herrührt, so bemerkt man, dafs derselbe kein grundsätzlicher ist. Vielmehr beruht derselbe, abgesehen von der schon berührten Abneigung vor revolutionärem Unsinn und vor Verwechslung mit demselben auf einer weiteren höchst praktischen Erwägung. Die Gewerkvereine haben nämlich die nicht unberechtigte Meinung, dafs niemand die Interessen der zu ihnen gehörigen Arbeiter so gut wie sie selbst verstehe. Sie haben sowohl mit Gesetzen als auch mit Schiedsrichtern, die von Aufsen kamen — mochte ein noch so wohlwollender Geist dieselben beseelen — oft bittere Erfahrungen gemacht. Sie sind daher der Meinung, dafs sie da, wo sie stark sind, ohne jedwede Hülfe von anderen, sei es des Staates, sei es Privater, besser fahren als mit Hülfe derselben. Sie wollen in allen solchen Fällen ihre Angelegenheiten in eigener Hand behalten. 1 Vergl. Adolphe Smith, Critical Essay on the Congress. London 19 Barclay Koad, Walham Green. — 144 — So erklärt sieh denn auch das Verhalten der Gewerkvereine selbst gegenüber dem weit friedlicheren englischen Socialismus. Noch zu einer Zeit, da auf den Universitäten bereits zahlreiche Gelehrte und Studenten sich als Socialisten bezeichneten, da Mill diesen Namen auf sich angewendet hatte, wiesen die Gewerkvereinler das Wort Socialismus mit Entrüstung von sich. Zu der Socialdemokratie insbesondere, welche sich an die unter dem organisierten Arbeiterstande stehenden Massen wandte, befanden sich die Gewerkvereine im entschiedensten Widerspruch, soweit sie sie nicht vernachlässigten. Das Verhältnis zum Socialismus hat sich heute verändert. Bereits auf dem Gewerkvereinskongresse zu S wansea 1887 konnte der Vorsitzende aussprechen, dafs das Wort Socialismus für die Gewerkvereinler seine Schrecken verloren habe. Ähnliches zeigte sich auf dem Possibilistenkongrefs 1889 zu Paris, an dem allerdings nur eine Minderheit der englischen Gewerkvereinler beteiligt war. Thatsächlich handelt es sich aber nicht sowohl um eine Veränderung in der Stimmung und politischen Richtung der Gewerkvereine, als vielmehr um eine Veränderung in der Bedeutung des Socialismus. Die Gewerkvereinler eben waren nie Theoretiker. Als praktische Männer ergriffen sie jedwedes Mittel, das ihrem Ziele, der Hebung der Arbeit, zu dienen schien. Sobald der Socialismus anständig wird und die Verbindung mit ihm keine Gefährdung des Errungenen mit sich bringt, werden die Gewerkvereine in allen den Fragen für Staatshülfe sein, die sie, wie Fragen über Lohnhöhe und Arbeitszeit, nicht hesser selbständig erledigen zu können meinen. So errichteten sie den „parlamentarischen Ausschufs", welcher nunmehr seit fast zwei Jahrzehnten die dem Parlamente vorliegenden Gesetzentwürfe vom Standpunkt der Arbeit aus prüft, sowie seinerseits gesetzliche Vorlagen ausarbeitet und dem Parlamente durch seinen — 145 — Schriftführer vorlegt — ein Zeichen, wie wenig sie den Staatseingriff an sich fürchten. Da es zu weit führen würde, über die gesamte Thätig- keit dieses Ausschusses seit seinem Bestehen einen Überblick zu gehen, so betrachten wir nur, was in den letzten Jahren an Gesetzesvorschlägen von ihm ausgegangen ist, teils Gesetz wurde, teils noch auf der Stufe des Entwurfes sich befindet. Zunächst zu nennen sind folgende, den Vertretern der Gewerkvereine innerhalb und aufserhalb des Parlamentes zu verdankende Gesetze: die Mines Regulation Bill 1887, welche unter andern Bestimmungen das Alter der überhaupt nicht in den Bergwerken zu beschäftigenden Kinder von 10 auf 12 Jahre erhöht, ferner den Bergleuten das Recht giebt, durch Wahl Männer zu bestimmen, sei es Bergleute, sei es andere, welche alle vier Wochen das Bergwerk auf seine Sicherheit, die Innehaltung der gesetzlichen Schutzbestimmungen u. s. w. zu prüfen haben. Des weiteren wurde in demselben Jahre eine Verschärfung des Truckgesetzes erreicht. Ferner kam hauptsächlich durch Bemühung der Gewerkvereine, insbesondere des Sheffielder Gewerkvereinsausschusses, ein Gesetz zu Stande, welches die Bezeichnung der ausländischen Waren mit Marken, die ihren Ursprung angeben, vorschreibt. Eine Verschärfung des Haftpflichtgesetzes, welches die vertrags- mäfsige Befreiung der Arbeitgeber von der Haftpflicht unmöglich macht, eine Veränderung des Zwangsvollstreckungsverfahrens, welches gewisse Gegenstände von der Zwangsvollstreckung ausschliefst (Bett, Arbeitszeug u. s. w.), sind des weiteren hier aufzuführen — für die kurze Frist gewifs eine bedeutende Anzahl von Gesetzen, die fast alle in dem Sinne „socialistisch" sind, als sie eine Beschränkung der individuellen Freiheit zu Gunsten des Schwächeren enthalten. v. Scliulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. 10 — 146 — Genau dasselbe gilt von den noch unerfüllten Wünschen, welche die Gewerkvereine zur Zeit an die Gesetzgebung richten: z. B. Verbot des Imprägnierens des Baumwollengewebes mit einem das Gewicht erhöhenden Kalkstaub wegen der Gesundheitsschädlichkeit dieser Arbeit (cotton-sizing), Vermehrung der Fabrikinspektoren, Notwendigkeit eines Befähigungszeugnisses für die mit der Aufsicht über Maschinen beauftragten Arbeiter u. s. w. Besonders bezeichnend aber ist die Haltung der englischen Gewerkvereine in der Frage des gesetzlichen Achtstundentages. Es ist bekannt, dafs auf den letzten Gewerkvereinskongressen die Frage vorgebracht, der gesetzliche Achtstundentag von einer Minderheit befürwortet, aber mit bedeutender Mehrheit verworfen wurde. Dasselbe Ergebnis fand sich, als man im vorigen Jahre die Frage einer Art von Referendum unterbreitete. Allerdings, so behaupten die Gegner, hat man bei der Vornahme dieser Abstimmung seitens des parlamentarischen Ausschusses dafür gesorgt, dafs die den gesetzlichen Achtstundentag verwerfenden Stimmen in die Mehrheit gelangten; jedenfalls läfst sich nicht leugnen, dafs ein grofser Teil der Gewerkvereinler und besonders ihre im Parlament befindlichen Führer dem Beschlüsse abhold waren. Untersuchen wir aber die Gründe, welche für dieselben mafsgebend sind, so führen sie sich darauf zurück, dafs ein Achtstundentag zwar an sich wünschenswert — haben doch schon 1872 die Gewerkvereinsführer den Achtstundentag als ihr Ziel bezeichnet 1 , — aber seine allgemeine Durchführung durch Gesetz als unmöglich schien. Ein ihn empfehlender Beschlufs hätte nicht dem praktischen, sondern dem theoretischen Socia- 1 Vergl. Brentano, Arbeitergilden II, S. 356, Note 131; ferner ib. S. 93. 94. — 147 ■ — lismus angehört. Schlagworte, wie „individuelle Freiheit", „Yertragsfreiheit" u. s. w., haben auf diese Männer der Arbeit keinen Einflufs. Ihre Bedenken sind anderer Natur: sie sind sich bewufst, dafs bei den augenblickliehen Parteiverhältnissen im Parlamente an eine Mehrheit für den Achtstundentag nicht zu denken sei; es schwäche aber ihre Position im Parlamente, wenn sie von diesem Dinge verlangten, bei dem sie alle Parteien gegen sich hätten. Sodann seien die Verhältnisse in den verschiedenen Industrien viel zu ungleich, um eine gleich- mäfsige Regelung zu ertragen. Die Folge sei, dafs dann in den verschiedenen Gewerben Ausnahmen gestattet werden müfsten, und die weitere Folge, dafs ein solches Gesetz dann überhaupt leicht ein toter Buchstabe bleibe. Mache doch schon jetzt die Durchführung der bestehenden Beschränkungen der Arbeitszeit durch die Fabrikgesetze grofse Schwierigkeiten, zahlreiche Verletzungen lägen vor, denen häufig nicht vorzubeugen sei, wogegen Beschränkungen der Arbeitszeit, wo sie durch Verbündung erreicht seien, auch wirklich eingehalten würden. Am wichtigsten aber sind die Gründe des ausländischen Mit- bewerbs 1 ; sie bestimmen vor allen die Arbeiter der Baumwollenindustrie den Vorschlag zu bekämpfen. 1 Die Führer der Gewerkvereine sind sich eben heute bewufst, dafs im eigenen Interesse der Arbeit jede Mafsregel vermieden werden müsse, welche die englische Industrie schädigen könne. Mein geehrter Freund, Herr Ralph Young, der Führer der Bergleute von Nortliumberland, schreibt mir unter dem 5. März 1890, dafs die Ausbreitung socialistischer Strömungen hauptsächlich dem Umstände zuzuschreiben sei, dafs die Arbeiter erst allmählich in den Besitz der politischen Macht gelangt seien, welche ihnen das Wahlgesetz von 1865 gewährt habe, dafs sie sonst jedenfalls schon früher ebenso nach staatlicher Hülfe ausgeschaut haben würden, wie heute. Die weitgehend socialistischen Forderungen aber, wie sie vielfach auftauchten, seien dem Umstände zuzuschreiben, dafs die ungebildeten Massen sich der beschränkten Grenzen, innerhalb deren der Staat helfen könne, nicht bewufst seien. „Fast jeder Volks- 10* Auch in dieser Frage scheint es, dafs die Gewerkvereine den Weg des praktischen Socialismus beschreiten werden, indem sie zunächst für gewisse Berufsarten den gesetzlichen Achtstundentag nicht allein beschliefsen, sondern vielmehr einer Verwirklichung allmählich zuführen werden: Berufsarten, bei denen die Überwachung leicht und ausländischer Mitbewerb weniger zu fürchten ist. So wurde von denselben Kongressen, die die Einführung eines allgemeinen Achtstundentages durch die Gesetzgebung verwarfen, ein solcher für Bergleute, Eisenbahn- und Strafsenbahuarbeiter, und zwar von orthodoxen Gewerkvereinlern angenommen. Das vorhergehende beweist, dafs die Gewerkvereine dem staatlichen Eingriff durchaus nicht an sich abgeneigt sind, sondern dafs ihr Socialismus sich lediglich an die Grenzen des möglichen und zweckdienlichen hält. Bei der fortdauernden Ausdehnung der Gewerkvereine, der fortschreitenden Organisierung auch der ungelernten Arbeiter ist es klar, dafs auf den Kongressen stets politisch unerfahrene Elemente vertreten sein werden, welche diese Grenzen verkennen. Wird doch eine solche Einsicht nur durch lange parlamentarische und gewerkvereinliche Erfahrung erworben. Daher die Erscheinung, dafs auf den letzten Kongressen sich eine Opposition bildete, Männer der schärferen Tonart, welche ins- redner, welcher selber unfähig ist, etwas praktisches anzuführen, um die Bürde der Arbeit zu erleichtern, nimmt an, dafs das Parlament, welches aus nicht anderen Menschen als er selbst zusammengesetzt ist, in der Lage sei, eine Lösung für jede Klage zu finden. Dies ist unmöglich. Eine dauernde Hebung der Arbeiter kann nur dadurch eintreten, dafs der Betrag des Kapitals, welches Anlage sucht, in schnellerem Verhältnis wächst, als die Anzahl der Hände, welche Beschäftigung suchen." — Man beachte, wie die alte, irrige Manchesterlehre über das Verhältnis von Kapital und Arbeit bei diesem Arbeiterführer sich findet. Von einer Hebung der Arbeiter auf Kosten des Kapitalgewinstes wird ganz abgesehen. — 149 — besondere für die Annahme des gesetzlichen Achtstundentages eintraten. Man hat das Auftreten dieser Partei dahin ausgelegt, dafs der Socialismus in die englischen Gewerkvereine einzudringen anfange: mit Unrecht, wie uns scheint, da der Socialismus als revolutionärer Socialismus aus den oben angedeuteten Gründen keine Aussicht auf Aufnahme hat, sogenannte socialistische Mafsregeln niemals aber aus diesen oder jenen theoretischen, sondern stets nur aus praktischen Gründen in Erwägung gezogen werden und Beifall oder Verwerfung finden. Vielmehr bezieht sich jener Gegensatz lediglich auf die Politik des parlamentarischen Ausschusses, d. h. eigentlich dessen Führer Broadhurst. Die Begründung des mit einer Mehrheit von 142 gegen 17 Stimmen abgelehnten Mifstrauensvotums auf dem Kongrels zu Dundee zeigt, dafs in der That persönliche Gründe von der Opposition gegen Broadhurst vorgebracht wurden 1 . Nun scheint es nicht unmöglich, dafs in Zukunft diese Opposition an Stärke gewinnt; war doch gewifs ein Grund für jene überwältigende Mehrheit zu Gunsten Broadhursts, dafs sein gefährlichster Gegner John Burns wegen des Ausstandes der Londoner Dockarbeiter von dem Kongresse abwesend war. Die kraftvolle Persönlichkeit dieses jungen, 1 Das abgelehnte Mifstrauensvotum hat folgenden Wortlaut: „Der Kongrefs, von der Thatsache Akt nehmend, dafs unter den Gewerk- vereinsmitgliedern dieses Landes eine starke Mifsstimmung gegen den Abgeordneten Henry Broadhurst besteht, weil derselbe bei Wahlen Männer, die als Ausbeuter und unbillige Arbeitgeber bekannt sind, unterstützt und nach seiner eigenen Erklärung darin unbeirrt fortfahren will, und weil er ferner zugestandenermafsen Aktien von einer Gesellschaft besessen hat, von welcher Arbeiter übermäfsig lange angespannt und unter Tarif bezahlt werden, erklärt, dafs Herr Broadhurst keine geeignete Person für das Amt eines Sekretärs des parlamentarischen Ausschusses der britischen Gewerkvereine ist". — — 150 — weit angesehenen Arbeiterführers berechtigt zvi der Annahme, dafs seine Anhängerzahl in Zukunft bedeutend anwachsen wird. Nehmen wir etwas an, was allerdings nicht wahrscheinlich ist, dafs John Burns einmal die Erbschaft der bisherigen Führer anträte, und nehmen wir weiter an, was allerdings noch weniger wahrscheinlich ist, es wäre ein Stillstand in seinem bisher schon bemerkbaren Fortschritt zu gröfserer Mäfsigung eingetreten, so wäre damit ein Mann an das Ruder gelangt, welcher sich als Socialisten bezeichnet. Trotzdem könnte auch in diesem Falle ein wesentlicher Unterschied weder in den Zielen noch in der Taktik der Gewerkvereine eintreten. Das Ziel bleibt dasselbe: Hebung der Lage des Arbeiters nach jeder Seite und mit jedem Mittel vom Boden des Bestehenden aus. Auch John Burns will schon jetzt keinen Gewaltakt, sonst hätte er nicht die Londoner ungelernten Arbeiter organisiert und damit diejenigen zu einem menschenwürdigen Dasein gehoben, welche doch bisher in England den einzigen Zündstoff für den revolutionären Funken abgaben. Das oben besprochene politische Programm des Socialismus unterscheidet sich kaum von dem der Gewerkvereinler und wird, wenn es im Versuche seiner Verwirklichung mit den Thatsachen zusammentrifft, noch vorhandene Anklänge an seinen utopistischen Ursprung abstreifen. War es doch gewifs der Umstand, dafs der Socialismus in der Gestalt eines praktischen Programmes auftrat, welcher viele englische Gewerkvereinler mit diesem bisher so gefürchteten Namen versöhnte. Der Socialismus schien geschäftsmäfsig („business like") geworden, eine Eigenschaft, die für den englischen Gewerkvereinler Vorbedingung des Interesses ist. Aber auch ein Führer der Gewerkvereine, der sich Socialist nennt, könnte nicht viel anders vorgehen als die heutigen Führer. Er könnte lediglich durch Willensstärke und durch — 151 gröfsere Macht derer, die er leitet, schnellere und gröfsere Erfolge erzielen. Als Mittel aber bleiben nach wie vor neben fortschreitender Organisierung, welche auf die ungelernten, die ländlichen Arbeiter u. s. w. auszudehnen ist, Wirksamkeit in den Gemeindebehörden und Beeinflussung der Gesetzgebung. Auch in letzterer Hinsicht wird kein Führer der Gewerk- vereine, der greifbaren Erfolgen nachgeht, viel anders verfahren können als bisher etwa Broadhurst. Derselbe erklärte, durch langjährige Erfahrung dahin gekommen zu sein, sich zunächst ein Urteil darüber zu bilden, was das Parlament im besten Falle zu bewilligen sich bewegen lassen würde und dann in seinen Gesetzesentwürfen ein wenig mehr zu fordern — zu viel stofse auch die Freunde zurück und, was man heute nicht erreiche, könne man in einigen Jahren von neuem versuchen. Immer wird derartigen Erwägungen gegenüber seitens solcher Widerspruch erhoben werden, denen nicht rasch genug vorwärts geschritten wird, weil sie die Schwierigkeiten nicht kennen. Immer wird solchen die Antwort gegeben werden müssen, wie sie Broadhurst heute ihnen entgegenstellt: „macht mich stärker, wählt statt 8 bis 10 etwa 30 Arbeiter in das Haus der Gemeinen, dann will ich mehr erreichen als jetzt". Andererseits erkennen aber auch die Socialisten die Wichtigkeit der gewerkvereinlichen Organisation an, welche, wie wir sahen, die Sociairevolutionäre bekämpft. Sobald sie praktische Ziele in das Auge fafsten, wurden sie gewahr, dafs bei den bestehenden Parteiverhältnissen vor der Hand von der Gesetzgebung wenig zu erreichen ist. So rückt heute auch für sie die Organisation in die erste Linie des Interesses. In einem socialistischen Blatte, dem Labour Elector vom 11. Januar 1890, finde ich folgende Worte, die in der That wenig socia- listisch klingen. Das Parlament sei verschlossen gegenüber den Forderungen der Arbeiter. „So lafst uns denn diese Frage — 152 Mi r uns selbst lösen. Das Parlament, so sagt man uns, kann diese Dinge nicht so gut für die Arbeiter thun, als diese selber". Nachdem sodann auf einen Ausfall der kapitalistischen Times gegen die Koalitionsfreiheit Bezug genommen ist, heifst es weiter: „»Laissez-faire« ist bisher der Schlachtruf unserer kapitalistischen Gegner gewesen, »Laissez-faire« rufen wir jetzt, indem wir mit unsern Zehntausenden, die zu Hunderttausenden anschwellen, vorrücken". Dafs aber dieses Vorgehen auf Grund des bestehenden gedacht ist, zeigt die Person des Herausgebers H. H. Champion, der, obwohl er sich selbst einen Socialdemokraten nennt, wiederholt erklärt hat, dafs er gegen jeden auf das äufserste ankämpfen würde, der gegen die Gesetzlichkeit verstofse, und der das Hauptverdienst hat um den glücklichen und gesetzlichen Austrag des Ausstandes der Dockarbeiter. Sicherlich aber werden die Gewerkvereine, je mehr sie sich ausbreiten, desto mehr auch auf parlamentarischem Kampfplatze eine Macht werden. Je mehr sie sich nämlich ausbreiten, desto schwächere Arbeiterkategorien werden in die Organisation eintreten; und je schwächer diese Organisationen sein werden, desto mehr wird ihnen der gesetzgeberische Weg gegenüber dem kostspieligeren des Ausstandes empfehlenswert erscheinen. Es wird dann Gewerkvereine geben, welche als socialistisch erscheinen, weil sie durch ihre Schwäche genötigt nach Staatshülfe rufen, und daneben andere, die stolz auf ihre Stärke und eifersüchtig gegen jedwede fremde Einmischung, die Staatshülfe zurückweisen. Im Grunde äufsert sich ebensowenig in der Taktik der einen wie in der anderen ein socialistischer Zug, sondern lediglich der Sinn fürs Praktische, der eben für die Gewerkvereine das Charakteristische ist. Schon heute erblicken alle Gewerkvereinler eine ihrer wichtigsten Aufgaben in der Wahl von Vertretern der Arbeit — 153 — in das Parlament; hierin begegnet sich die gemäfsigte Mehrheit, unter der die Bergleute vorangingen, indem sie zuerst Vertreter ins Parlament sandten, mit der fortschrittlicheren Linken; naturgemäfs, dafs jeder der beiden Teile die Aufgaben, welche der Arbeitervertreter im Parlament zu erfüllen hat, sich verschiedenartig vorstellt. Der wichtigste Schritt in dieser Richtung ist die Bildung von nationalen Arbeiterwahlausschüssen, welche auf dem Kongresse von 1886 beschlossen wurden, also von der älteren Richtung ausgingen und sich mehr und mehr über das ganze Land ausdehnen. Wie schnell Erfolge erzielt werden, ist ungewifs. Jedenfalls aber werden die Mitglieder dieser „Arbeiterpartei" als praktische Männer, um etwas zu erreichen, auf lange hinaus mit einer der beiden historischen Parteien und zwar nach der geschichtlichen Entwicklung mit den Liberalen gehen — um so mehr als man innerhalb dieser Partei mehr und mehr auf die Wünsche der Arbeiter wird Rücksicht nehmen müssen. Ohne in Arbeiterkreisen sich der Beliebtheit, ja begeisterter Gefolgschaft zu erfreuen, wird kein Staatsmann mehr durch das Mittel der liberalen Partei sich an die Spitze des Staates stellen können. Wenn aber der politische Einflufs der Arbeiter in Zukunft nur wachsen kann, so ist eine solche Entwicklung nicht zu fürchten. Ein englischer Arbeiterführer gleicht eben nicht gewissen Radikalen des Festlandes, welche nichts als ihre Theorie kennen und um dieser willen die Welt vorhanden wähnen. Das vielmehr ist das grofsartigste an jenen Arbeiterorganisationen, dafs sie den Arbeiter zur Politik erziehen, wie einst das nunmehr dem Untergange verfallene Selfgovernment die ländliche Gentry. Ein Mann, der auf diesem Wege emporsteigen will, pflegt sich allerdings zunächst durch Teilnahme an den Versammlungen hervorzuthun, und es fehlt nicht an „wilden" Reden, durch welche die jungen Streber die Auf- 154 — merksamkeit der Gallerie auf sieh zu ziehen bemüht sind. Dies zeigt sich namentlich bei Arbeitern, die noch in den Anfängen der Organisation stecken, und auch in alten Vereinen macht oft ein „Junger", der den Platz des alten Gewerk- vereinssekretärs haben möchte, diesem das Leben sauer. Aber um emporzukommen, sind doch noch andere Fähigkeiten nötig als die zum Reden, die nach Carlyles Vorwurf das einzige Erfordernis des modernen Staatsmannes ist. Und ist ein Gewerkvereinssekretär einmal fest im Sattel, so hört das Reden für die Gallerie ganz auf. In den Vordergrund tritt das Verwalten. Betrachten wir den Lebensgang eines jener Arbeiterführer, unter denen Verfasser mehrere persönlich zu kennen den Vorzug hat. In seiner Jugend lernt er die Arbeit praktisch im Bergwerk, beziehungsweise in der Fabrik, in dem Eisenwerke u. s. w. — und zwar die Arbeit eines englischen Arbeiters, welche heute anerkanntermafsen auf der ganzen Welt eine der intensivsten ist, d. h. in kürzester Zeit am meisten leistet. Keiner der heutigen Führer, der nicht früher selbst Arbeiter gewesen; verschliefsen doch die organisierten Arbeiter ihre Reihen gewerbsmäfsigen Politikern und Litteraten. Durch das Vertrauen seiner Genossen wird er zu einer Beamtenstelle des Zweigvereins, der am Orte seinen Sitz hat, emporgehoben. Er hat nunmehr die Rechte und Interessen seiner Schutzbefohlenen, die sich auf mehrere hundert belaufen mögen, wahrzunehmen, oft die Leidenschaftlichkeit der Seinen zurückzukämmen, die Kassen des Vereins zu verwalten u. s. w. Er lernt mit der Feder umgehen, rechnen — und was mehr ist — herrschen. Sein Beruf führt ihn in häufige Berührung mit den Arbeitgebern, sowie den politischen Führern der Stadt. Von beiden wird er achtungsvoll, - 155 - von letzteren bereits als eine Person von Einfluis behandelt. Daneben aber ist er der schärfsten Überwachung Seitens der Arbeiter unterworfen, vor denen seine Amtsführung wie sein Privatleben offen darliegt. Die Versammlungen englischer Gewerkvereinler nehmen den Rechenschaftsbericht ihres Vorstandes nicht wie Aktionäre lediglich einregistrierend hin; sie üben das Recht wie die Pflicht der Kritik. In schwierigen Fragen aber erhält der Führer noch die Anleitung von oben, d. h. der Centralstelle des Vereins; einen allgemeinen Ausstand z. B. dürfte er nicht von sich aus betreiben. Hat er nun in seinem heimischen Kreise durch Klugheit, Festigkeit und Ehrlichkeit die Probezeit bestanden, so kann er durch Wahl seiner Genossen weiter, d. h. zur Leitung des Gesamtvereins aufsteigen. In dieser Stellung hat er die Interessen nicht mehr von hunderten, sondern tausenden, oft zehntausenden von Familien wahrzunehmen. Von ihm hängt Leben und Unterhalt jener ab. Denn wenn auch bei wichtigen Entscheidungen Abstimmungen vorgenommen werden, so giebt das Verhalten der Führer doch gewöhnlich die Richtung der Politik des Vereins an. Ein falscher Schritt, ein Nachgeben gegenüber der Leidenschaft, Vorliehe für eine Theorie, könnte für unzählige verhängnisvoll werden. Dagegen ist Kenntnis des Standes seines Gewerbes nicht nur in England, sondern über die Welt Voraussetzung zur glücklichen Führung seiner Aufgabe. Er lernt weite Verhältnisse übersehen, kleine mit grofsen Interessen abwägen. Dabei versieht er eine Thätigkeit, welche ihm als Unternehmer, Beamten einer Aktiengesellschaft u. s. w. ein Vermögen einbringen würde, für wenig mehr als den Lohn, den er einst mit seiner Hände Arbeit verdiente, d. h. thatsächlich im Ehrenamt. Sein Auftreten ist fest, aber gemäfsigt; nicht leicht ist es, mit ihm zu einem Übereinkommen zu gelangen, denn er weifs — 156 — genau, wie weit sein Gegner nachgeben mufs. Aber sein Versprechen gilt und er weifs es durchzusetzen. Wenn ein solcher Mann in den Rat der Nation eintritt, so stellt er keine unerreichbaren Forderungen, wie sie nur allzu häufig von der äufsersten Linken als Agitationsmittel in das Volk geworfen werden. Seine Vorgeschichte hat ihn zum Gefühl der Verantwortlichkeit seiner Stellung erzogen. Er sucht greifbare Erfolge, nicht Namen und Ruhm. Wenn seine Zahl im Parlamente sich mehrt, wird die Gesetzgebung die Interessen der arbeitenden Massen eingehender als bisher berücksichtigten. Man mag das Socialismus nennen; aber stets wird es sich um Mafsregeln handeln, die aus praktischen Gesichtspunkten und nicht um der Theorie willen erlassen werden. Vor allem werden solche Gesetze nicht begünstigt werden, welche, wie einige der heutigen Vorschläge des Socialismus pauperi- sierend wirken müfsten. Mafsregeln, welche die Interessen der nationalen Industrie und damit des Arbeiters schädigten, werden von solchen Vertretern der Arbeit nicht befürwortet, wie das Verhalten der Baumwollenarbeiter Lancashires in der Frage des gesetzlichen Achtstundentages beweist. Allem voran aber werden für solche Arbeiterführer die Interessen des Ganzen stehen, von dem sie wie alle abhängen. In diesem Sinne sagte der frühere Bergmann und jetzige Vertreter der Bergleute Northumberlands auf dem Kongresse zu Bradford 1888: „der Arbeiter ist Bürger und hat Interessen am Staate so gut wie persönliche Interessen, die aus seiner Arbeit sich ergeben. — — Die letzteren sind gewifs grofse und gewichtige Interessen und für Leute, welche um das Leben kämpfen, von sehr ernster Bedeutung. Aber weit üb,er diesen Interessen stehen die, welche ihn als Bürger angehen; was immer den Fortschritt des Vaterlandes verhindert, wird auch den Fortschritt der Industrie aufhalten und damit das verringern, was der Arbeiter von der Industrie erhalten kann." — Solehe Männer sind das hoffnungsvollste Zeichen in der äufseren Geschichte der Zeit. IV. Die Landfrage. Aus dem vorhergehenden ergiebt sich, dafs die eigentlich socialistische Theorie, insbesondere so weit sie zu einem revolutionären Programm führt, in England auf kleine Kreise beschränkt ist, dafs dagegen, je mehr die arbeitenden Klassen an politischem Einflufs gewinnen, die zu Gunsten der Mittelklassen entfesselte freie Konkurrenz durch die Gesetzgebung gewisse Einschränkungen erleiden wird, welche man als socia- listisch bezeichnen kann. Dagegen werden auf einem Gebiete weitergehende Mafsregeln nicht nur von den beschränkten, durch Marx beeinflufsten Kreisen, sondern von einer weit gröfseren und einflufsreicheren Partei gefordert; ich meine die Angriffe auf das private Eigentum an Grund und Boden. Die Gründe dieser Erscheinung sind naheliegend. Während der festländische Socialismus sich gerade dieser Art des Eigentums gegenüber besonders zurückhält, um nicht den zahlreichen, kleineren Grundbesitz gegen sich in die Waffen zu rufen, so sind in England die Grundbesitzer die gröfsten und meist angegriffenen unter den Kapitalisten. Der Angriff auf die Latifundien vereinigt Arbeiter und städtische Mittelklassen und giebt beiden ein gemeinsames Programm. Er ist die Fortsetzung des seit einem Jahrhundert geführten Kampfes zwischen Stadt und Land, dem die beiden gröfsten Bewegungen, welche England in diesem Jahrhundert durchgemacht hat: die zur Zeit der Reformbill 1882 und die für die Abschaffung der Kornzölle 1846 angehörten. — 158 — Die Waffe schmiedete hier wie an andern Stellen dem beweglichen Kapital die individualistische Nationalökonomie, insbesondere Ricardo. Indem sie alles Einkommen in Rente, Zins und Lohn einteilte, erklärte sie die beiden letzteren Arten als mittelbares oder unmittelbares Ergebnis menschlicher Arbeit, die Grundrente dagegen als ein ohne jede Arbeit gewonnenes Einkommen, welches der Grundbesitzer für die Benutzung des Grund und Bodens monopolistisch erhebe. Zudem habe die Grundrente die Neigung fortwährend zu steigen, in dem Grade nämlich, als mit dem Wachsen der Civilisation schlechtere oder ungeeignetere Grundstücke in Benutzung genommen würden. Also auch dieses Steigen der Grundrente verdanke der Grundbesitzer lediglich der Arbeit anderer. Infolge hiervon empfehlen die Nationalökonomen die Grundrente oder wenigstens ihren „unverdienten Zuwachs" (unearned increment) als besonders geeigneten Gegenstand der Besteuerung. Wie gewöhnlich gehen die Ausführungen Ricardos auf Vorgänger, hier auf Andeutungen des Adam Smith zurück, dessen einschlägige Stelle wir daher anführen. „Grundrenten sind ein noch geeigneterer Gegenstand der Besteuerung. Eine Steuer auf Grundrenten würde allein auf den Eigentümer der Grundrente fallen, welcher immer als Monopolist handelt. Grundrenten sind eine Art des Einkommens, welche der Eigentümer in vielen Fällen geniefst, ohne irgend welche Sorge oder Aufmerksamkeit auf sein Eigentum zu verwenden. Wenn auch ein Teil dieses Einkommens ihm genommen werden sollte, um die Ausgaben des Staates zu tragen, so wird dadurch keine Entmutigung irgend einer Art von Industrie gegeben. Die jährliche Produktion vom Lande, die Arbeit der Gesellschaft, der wirkliche Reichtum und das Einkommen der grofsen Menge des Volkes würde bei einer solchen Besteuerung dasselbe bleiben wie bisher. Nichts kann ver- — 159 — nünftiger sein, als dafs ein Fond, welcher seine Entstehung der guten Regierung des Staates verdankt, in besonderer Weise besteuert wird und mehr als die meisten anderen Fonds zur Erhaltung der Regierung beiträgt." (Wealth of Kations Buch Y, Kap. II.) Ähnlich schon war die Stellung der Merkantilisten gewesen. Quesnay empfahl bereits die Besteuerung der Grundrente als einzige Steuer und Turgot fiel, als er eine Steuerreform in dem angegebenen Sinne einzuführen versuchte. Ricardo führte die Lehre Adam Smiths, wie oben hervorgehoben, dahin aus, dafs die Grundrente dahin führe, Lohn und Gewinn immer mehr herabzudrücken. Die aufsergewölin- lichen Verhältnisse, welche in England von der Zeit der napoleonischen Kriege bis zur Abschaffung der Kornzölle herrschten, schienen diese Deduktionen zu rechtfertigen. Die Kornzufuhr war beschränkt und die Bevölkerung in starker Zunahme. Bei steigenden Brodpreisen und wachsender Industrie waren die Arbeitgeber vielfach zur Lohnerhöhung gezwungen. Da aber die Preise des Getreides infolge der Beschränkung der Zufuhr von aufsen Monopolpreise waren, gingen die erhöhten Löhne in die Tasche der Grundbesitzer; die hohen Getreidepreise gestatteten selbst die schlechtesten Ländereien in Anbau zu nehmen und es ergab sich so eine Vermehrung der Grundrente auf Kosten der arbeitenden und kapitalistischen Klassen. Es ist aber charakteristisch für die deduktiven Nationalökonomen, dafs sie ihre Lehre von der fortschreitenden Absorption von Lohn und Kapitalgewinn durch den Grundeigentümer selbst dann noch beibehielten, als die entgegenstehenden Konjunkturen schon längst zu einer fortschreitenden Entwertung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes zu führen begonnen hatten. Noch Mill erklärt in einem seiner Aufsätze über Landreform 1873 (!), dafs die Rente fortwährend zunehmen, Ge- — 160 — winne und Löhne gleich bleiben oder abnehmen müi'sten — zu einer Zeit, da in ganz England die landwirtschaftlichen Renten in vollem Niedergänge begriffen waren. Dieser Kampf gegen die Grundrente fällt aufserhalb des Rahmens unserer Arbeit. Fast alle Führer und Schriftsteller des älteren Liberalismus haben sich an ihm beteiligt. Unmittelbar nach Abschaffung der Korngesetze bereits kam es zwischen Jolm Bright und Richard Cobden zu einer Besprechung darüber, ob man zuerst die Reform der Landgesetzgebung oder die des Parlamentes auf das Programm der liberalen Partei setzen solle. Auf Rat Cobdens entschied man sich für letzteres, da erst ein erweitertes Wahlrecht die notwendigen Handhaben zu durchgreifenden Reformen auf dem Gebiete der Landgesetzgebung bieten werde. „Landreform" ist seitdem mehr und mehr der Schlachtruf der liberalen Partei geworden und dürfte die Veranlassung bieten, auf lange Zeit hinaus die Interessen des städtischen Kapitals mit denen der städtischen Arbeit zu verbinden. Aber der wachsende Einflufs H. Georges in der Landfrage zeigt, wie heute individualistische durch socialistische Strömungen ersetzt werden. Die früheren Liberalen verstanden unter Landreform hauptsächlich „Freihandel in Land" d. h. Beseitigung aller gesetzlichen Beschränkungen der Verfügungsfreiheit, so Aufhebung der Fideikommisse und Erstgeburtsrechte, Verwandlung der dinglichen Besitzrechte (tenure) in Rechte aus persönlichen Pachtverträgen u. s. w. Alle diese Vorschläge sind lediglich im Interesse der kapitalistischen Klasse und hätten für den kleinen Pächter nur Verschlechterung seiner Lage bedeutet, wie das Irische Landgesetz von 1860 bewies, welches Mill, damals Parlamentsmitglied, bereits von socia- listischem Gesichtspunkte angriff. Seit dem Beginn der siebziger Jahre wird auf dem Ge- — 161 — biete der Landfrage der kapitalistische Gesichtspunkt nach und nach von dem der arbeitenden Klassen in den Hintergrund gedrängt. Die Vorschläge sind freilich noch nicht genügend geklärt; die einen verlangen Herstellung eines ländlichen Kleinbesitzes durch eine Art Ablösungsgesetzgebung, so J. St. Mill und der bekannte Naturforscher A. R. Wallaee 1 . Ihr Organ ist die „Land Nationalisation society". Diesen Standpunkt teilt die irische Partei. Die weiter gehende Richtung verlangt Verstaatlichung des Grund und Bodens. Auch die Anhänger der letzteren Partei gehören nicht etwa nur zu Mitgliedern der genannten socialistischen Gruppen. Sie sind weit zahlreicher. Ihr Apostel ist Henry George. Viele liberale und radikale Vereine über das ganze Land haben sich für diese Lösung der Landfrage erklärt. Den Mittelpunkt ihrer Bestrebungen bildet die „L a n d Restoration Leägue", welche als ihren Zweck „die Rückgabe des Landes an das Volk" aufstellt, damit eigentliche Land- verstaatlicher und weniger weitgehende Grundsteuerreformer vereinigend. Die Liga ist bei der Zahl ihrer Zweigvereine, der ihr angeschlossenen politischen Vereine (für London 1889 allein 33), der wiederholt ausgesprochenen Beistimmung der Gewerksvereinskongresse, so besonders des zu Dundee 1889, in der That heute eine Macht. Sechszehn ausgesprochene Landverstaatlicher sollen im Parlament, neunundvierzig im Londoner Grafschaftsrat sich befinden. Die Liga hofft das zu werden, was einst die Anticornlaw-Liga war. Auch in der Gesetzgebung hat die socialistische Stellung zur Landfrage bereits an einem Punkte ihren Einflufs geltend gemacht, in dem von der liberalen Regierung erlassenen Gesetze, welches dem Richter das Recht der Ermäfsigung von 1 Yergl. Industrial Remuneration Conference, S. 368 ff. Cassel & Co. 1885, sowie Land Nationalisation by A. R. Wallaee. London, W. Reeves. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 11 — 162 Pachtzinsen für Irland zuspricht. Es war das erste Mal, dafs die liberale Partei bewufst die Freiheit des Vertrages zu Gunsten erwachsener Männer beschränkte. Das Gesetz, welches Ermäfsigung der Pachtzinsen in Schottland vorsieht, war ein •weiterer Schritt in dieser Richtung 1 . Insbesondere haben die irischen Verhältnisse ein Vorgehen der liberalen Partei ver- anlafst, zu dem sie zur Zeit in England keineswegs noch entschlossen wäre. Vielmehr scheinen die sehr auseinandergehenden Ansichten sich hier zunächst auf eine weniger weitgehende Forderung zu vereinigen: „die Neuanpassung der Grundsteuer". Diese Forderung vertritt auch die von Cobden und Bright begründete „Financial Reform Association", deren schon S. 91 Erwähnung geschah. Die Grundsteuer, in früheren Jahrhunderten als Ablösung für die vom Grundherrn persönlich zu leistenden Dienste gezahlt und nach der Weise des ständischen Staates zwischen Parlament und Krone in wechselnder Höhe vereinbart, wurde im Jahre 1692 festgelegt als 4 Schilling vom Pfund des jährlichen Einkommens. Die damalige Schätzung wurde trotz ungeheurer Erhöhung des Einkommens vom Lande, besonders von den städtischen Grundstücken beibehalten, so dafs thatsächlich der gröfste Teil derselben der Besteuerung 1 Zu diesem Zwecke richtete man das eigentümliche, in vieler Beziehung für England durchaus neue Verfahren vor dem „Land Court" ein, welcher die Grundzinsen der schottischen Pächter (crofters) ermäßigt. Während eines Jahres (1888/89) hat dieses staatlich eingesetzte Schiedsgericht in sechs schottischen Grafschaften die Grundzinsen und schuldigen Rückstände in folgender Weise herabgesetzt: bisheriger Grundzins 11 882 £ 18 sh. festgesetzter - 8 380 - 2 • Ermäfsigung 3 502 £ 16 sh. (29Va %). , Rückstände 20 325 £ 14 sh. nunmehr noch schuldig 6428 - 10 - Erlafs 13 897 £ 4 s h. (68 %). 163 — entgeht. Macaulay 1 berichtet bereits vom Jahre 1856, dafs damals die Grundsteuer wenig mehr als ein Fünfzigstel dessen betragen habe, was sie nach dem wirklichen Werte der Renten hätte betragen sollen; heute beträgt die Grundsteuer statt 4 Schilling kaum zwei Penee auf das Pfund Sterl. Da es sich hier um Verhältnisse handelt, welche auf den eigentümlichen Agrarverhältnissen Englands beruhen, so ist weiteres Eingehen nicht unsere Aufgabe. Hervorzuheben ist nur folgendes: 1. dafs die Landreform derjenige Punkt ist, wo die liberale Partei zuerst auf den socialistischen Boden tritt, weil es sich hier nicht um einen Angriff auf die Interessen des beweglichen Kapitals, sondern des Grofsgrandbesitzes handelt; 2. dafs angesichts der ungeheuren Mächte des Widerstandes auch hier die extremen Richtungen zur Zeit weit entfernt von Aussicht auf Verwirklichung ihres Endzieles, dagegen als nützliches Mittel für die Herbeiführung unabweislicher Reformen zu betrachten sind; 3. dafs ein staatlicher Eingriff in die Grundbesitzverhältnisse Lebensfrage der Nation ist bei der Verödung des Landes 2 und dem Anschwellen der Städte, der Aufserkulturlegung früher ertragreichen Landes und der nichts desto weniger fortschreitenden Bereicherung des Grofsgrandbesitzes, indem trotz des Verfalles der Landwirtschaft die Renten im ganzen gewachsen sind. Als Grund hierfür kommt in Betracht, dafs der zu industriellen Zwecken, zu Wohnhäusern u.s.w. benutzte, der gröfste Teil des städtischen Grund und Bodens in den Händen 1 History of England Vol. IV, S. 285. 2 Die Verminderung der Bevölkerungszahl in den ackerbautreibenden Grafschaften trat zuerst für 2 Grafschaften im Jahrzehnt 1851—61 hervor, 1871 waren es bereits 4, 1881 gar 13 Grafschaften, deren Bevölkerung abgenommen hatte, während in den übrigen die bedeutende Zunahme ausschliefslich auf die Städte kam. — Der deutsche Osten bietet Analogien. 11* — 164 — des Grofsgrundbesitzes verblieben ist und nur in langdauernden Pachten (9—99 Jahre) vergeben wird. Ein greiser Teil Londons gehört z. B. dem Herzog von Westminster. Der Ablauf solcher Pachtverträge gewährt dem Grundherrn die Gelegenheit, den inzwischen eingetretenen, gewerblichen Gewinn schwer zu belasten. Hieraus ist das ungeheure Wachsen der Renten vom Londoner Grund und Boden zu erklären. In der That seheinen nicht nur in London, sondern auch in einigen anderen Städten z. B. Birmingham, Sheffield die städtischen Renten in stärkerem Verhältnis zu steigen als Gewinne und Löhne 1 . Hierzu kommt, dafs eine Bergwerksfreiheit, wie sie in Preufsen besteht, in England unbekannt ist und die von den Bergwerksunternehmern dem Grundbesitzer zu zahlenden Abgaben eine ungeheure Höhe erreichen. V. Der Socialismus und die Kirche. Der Socialismus trägt in England, insbesondere aber in Schottland vielfach eine christliche Färbung. In allen socia- listischen Gesellschaften finden sich Leute entschieden christlichen Glaubens. Aufserdem aber giebt es ausgesprochen „christlich socialistische" Organisationen, deren bedeutendste „die christlich socialistische Gesellschaft" und die „Gilde des Heil. Mathäus" sind. Das religiöse Leben hat in diesem Jahrhundert einen Aufschwung genommen, welcher die Kirche an verschiedenen Punkten in die sociale Entwicklung eingreifen läfst. Wir 1 Vergl. Report prepared by Arthur O'Coniior M. P., Sonderbericht eines Mitgliedes der Royal Commission on the Depression of trade. Ferner Figures for Londoners, Fabian Tracts No. 10. — 165 — erinnern an Maurice 1 und Kingsley sowie an Pusey und seine Nachfolger. Heute findet sich unter den Geistlichen der Kirche, wie der Sekten eine starke Strömung zum Socialis- mus. Dieselbe stimmt zwar mit jenen älteren christlich Socialen in der Behauptung überein, dafs die bestehenden Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft, insbesondere der Kampf um das nackte Dasein, wie er seitens so vieler geführt werde, durch das Christentum zu überwinden seien. Der Unterschied besteht jedoch darin, dafs die heutigen christlichen Socialisten als Werkzeug hierfür den durch das Christentum bestimmten Staatseingriff befürworten, von dem die alten christlich Socialen nichts hatten wissen wollen. Durchaus verschieden von den deutschen Verhältnissen scheiden sich die sogenannten Liberalen und Konservativen innerhalb der englischen Kirche nicht nach Lehrmeinungen, sondern nach der Stellung zu kirchenpolitschen und socialen Fragen. Die Liberalen befürworten sei es Entstaatlichung -— dies besonders die Dissenters —, sei es Demokratisierung der Kirche. Letzteres ist die neuere Richtung; sie verlangt Beseitigung des Einflusses der Bischöfe, der Patronats- rechte u. s. w. und Übertragung der kirchlichen Regierung auf örtliche und allgemeine kirchliche Parlamente. Durch „Invasion der Kirche durch die Massen" seitens „der Menge der Jünger" sei allein Befreiung der Kirche von „Kaste und Mammon" zu erhoffen. Man erwartet also von weitgehendem Wahlrecht aller ihrer Angehörigen, dafs die Kirche aufhöre Vertreterin von Klassen- und Besitzvorrechten zu sein und Gemeingut des Volkes werde. Wie man das Volk seiner Gemeindeländereien, so habe man es seiner Kirche beraubt 1 Der Führer des heutigen christlichen Socialismus, der Rev. Stuart Headlam, Mitglied des Londoner Grafschaftsrats, ist Schüler von Maurice. I — 16(3 — und beide werde es in gleicher Weise wieder zurückerobern durch das Erwachen der Demokratie. Es läfst sich nicht verkennen, wie in der That eine Ähnlichkeit zwischen der heutigen Landfrage und der Kirchenfrage besteht. Beide waren von den herrschenden Klassen monopolisiert worden. Der individualistische Liberalismus fordert „freies Land" und „Entstaatlichung der Kirche", der neue socialistische Radikalismus setzt dem „Verstaatlichung des Landes" und „freie (d. h. demokratisierte) Kirche" entgegen. Dies die Stellung der Partei, deren Organ der „Churchreformer" ist. Also nicht auf kirchenpolitische Fragen beschränken sich diese geistlichen Reformer. Diejenigen, sagen sie, welche die Jenseitigkeit und Überweltlichkeit des Christentums betonten, hätten nur zu häufig sich mit den bestehenden socialen Misver- hältnissen auf diesem Wege auseinandersetzen wollen, welche anzugreifen ihnen der Mut fehlte oder persönliches Interesse verbot. Die Thätigkeit Jesu hätte sich dagegen ebenso auf die diesseitige wie die jenseitige Welt bezogen. „Unser Herr Jesus Christus erklärte ausdrücklich, dafs einer Nation Gerechtigkeit darin bestehe, dafs sie Acht habe, dafs die ihrigen in genügender Weise genährt, gekleidet und in Wohnungen untergebracht seien; seine haupsächlichsten Wunder waren gegen die physischen Leiden gerichtet, welche das menschliche Leben verderben und zerstören" L Er heilte Kranke, erweckte frühzeitig Gestorbene, dadurch zeigend, dafs es nicht sein Wille sei, dafs, wie im heutigen England, ein fast zwanzigjähriger Unterschied im Durchschnittsalter der reicheren und ärmeren Klassen bestehe. Das Christentum sei dem entsprechend in seiner ursprüng- 1 Aus der Ansprache des Vorstehers der „Gilde vom heil. Mathäus" am 14. September 1888. liehen Form „aggressiv" gewesen. Christus war nicht nur gütig und hülfreich gegen die Armen, sondern streng, ja, heftig gegen die Mächtigen und Reichen. Dafs dieser sein Angriff in der That ein politischer war, beweise „jener Hymnus auf die sociale Revolution", welchen die Kirche den Lobgesang der Maria (Lucas 1, 51—53) nenne. „Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die da stolz sind in ihrem Herzen. Er stürzt die Herrscher von ihren Thronen (dvvccoTag ano 'Jui'jvon 1 ) und erhebet die Niedrigen. Er füllt die Hungrigen mit guten Dingen und die Reichen hat er leer weggeschickt". Wäre nicht heute ein stillschweigendes Abkommen getroffen, dafs diese Worte einer armen Arbeiterfrau nicht nach ihrer offenbaren Meinung zu nehmen seien, dafs es der Beruf des Geistlichen sei, sie „weg zu spiritualisieren", in etwas fernes und unwirkliches zu verwandeln, so würde wahrscheinlich in manchen Ländern die Polizei sie verbieten. Der sociale Umschwung, die „Wiederherstellung aller Dinge", wie der Apostel sagt, ist von Christus zuerst als das Ziel der menschlichen Geschichte erklärt worden. Sie ist nach Ansicht der heutigen christlichen Socialisten sein Versprechen an die Menschheit, dessen Inhalt sich erst voll in unserem Zeitalter ersehliefst. Entsprechend jenem dreifachen Angriff gegen die „Stolzen", die „Mächtigen", die „Reichen", hat der bevorstehende Umschwung eine dreifache Seite: eine moralische, eine politische und eine sociale. Schon diese Gleichstellung der inneren mit äufseren Eigenschaften zeigt, dafs es sich durchaus nicht blofs um eine innerliche Veränderung handelt. Wie könnte auch innere Gerechtigkeit da sein, wo ihr die äufseren Verhältnisse scharf widersprechen, wo die einen hungern, während die anderen zu viel haben? Stolz, Macht, Reichtum sind weltlich und sündhaft; dagegen ist es der — 168 — Wille des Herrn, dal's jedem das „tägliche Brot", d.h. ein auskömmliches Leben gewährt sei, wie die vierte Bitte seines Gebetes beweist. Auch ist Gott heute nicht etwa anderen Sinnes geworden. So wie er die Kinder Israels betrachtete, welche von den „stolzen, mächtigen, reichen Egyptern" um die Früchte ihrer Arbeit in den Ziegeleien betrogen wurden, so blickt er heute auf die Heimatlosen und Arbeitslosen in Ost-London hinab, deren Befreiung, physische und geistige, das „Reich Gottes" ist. Die ersten Christen hätten offenbar „das Reich Gottes" als sinnlich und diesseitig gedacht und erst ihre Nachfolger es zu Übersinnlichem verflüchtigt. Christus wollte die socialen Ungleichheiten beseitigen; sein Kampf, so meinen jene geistliehen Reformer, war vor allen ein „Kampf gegen die Armut", wie er darin zeigt, dafs er als den natürlichen Platz des Reichen, so lang es überhaupt noch Arme giebt, die Hölle erklärt. Es beruht dies darauf dafs er im Reichtum eine Beraubung der Armen erblickte, was unbewufst, aber oft in fast denselben Worten wie die Propheten und Apostel, heute Marx und Henry George erklären. Was sagen sie anderes als was das Christentum längst gesagt: einmal, dafs „der Mensch sechs Tage arbeiten solle" und „der, der nicht arbeiten wolle, auch nicht essen solle" sowie, dafs der, der da arbeite, in Hoffnung arbeiten solle auf Teilnahme an den Früchten der Arbeit. „Der, so da pflügt, soll in Hoffnung pflügen, und der, so da drischt, soll in Hoffnung auf einen Anteil dreschen." Das Christentum also verdammt das heutige System der Güterverteilung, welches „Arbeit in Hoffnung" den meisten nicht gewähre, sowie das Leben der Reichen auf Grund von Einkommen ohne Arbeit. Der Socialismus sei nichts als eine neue Offenbarung des Christentums; der heilige Geist habe heute wieder Ausdruck gefunden in jener viel verleumdeten Bewegung, — 169 — welche dein Christentum in seinem frühesten, unverfälschten Alter auf das äufserste gleiche. Sobald die eingesetzten Führer des Volkes, die Geistlichkeit und die Kirche, dieses einsähen, so würden sie die Leitung der Bewegung antreten. Politik, Gesetzgebung, Volkswirtschaft, jeder Teil des menschlichen Lebens sei von den Christen in Anspruch zu nehmen. Das „Banner Christi" aber sei schon in der Hand der Socia- listen, wie überhaupt kein Fortschritt denkbar sei, der nicht durch den Willen und die Kraft Gottes gewirkt werde 1 . Es ist klar, dafs es allein von den volkswirtschaftlichen Anschauungen abhängt, wo die christlichen Socialisten den Beginn „des essens ohne zu arbeiten" annehmen. Sind sie Marxisten, so wird ihnen Grundrente, Zins und Gewinn als „unverdienter Zuwachs" erscheinen; sind sie Georgisten, so werden sie als solchen nur die Grundrente ansehen. Es ist nun eine eigentümliche Erscheinung, dafs die meisten der christlichen Socialisten den letzteren Standpunkt einnehmen. Zins und Gewinn sehen sie meist für Erzeugnis unmittelbarer oder mittelbarer Arbeit an; dagegen fordern sie die Unterdrückung der Grundrente als einer Beraubung der Armen durch die Reichen. Ihr Führer, der Rev. Stuart Headlam, nimmt ausdrücklich diesen Standpunkt ein und ist gegen Verstaatlichung des Kapitals. Auch hier liegt der Anknüpfungspunkt nicht fern. Der radikalen Forderung der Entstaatlichung der 1 Vergl. Church Reformer vom August 1888 S. 180, 181; vom Oktober 1888 S. 218—221; vom November 1886 S. 242—45. Kritisch liefse sich gegen den christlichen Socialismus einwenden, dafs das Christentum, wenn es selbst in der Kritik der Gesellschaft mit den heutigen Socialisten übereinstimme, die von ihm empfohlenen Mittel verwirft. Staatlicher Zwang ist rein äufserliches Mittel, während Christi Reich „nicht von dieser "Welt" also innerlich, daher „Wiedergeburt" die Bedingung des idealen Zustandes ist. — Das Christentum ist antiindividualistisch, social nicht socialistiscli. - 170 — Kirche und Säkularisierung ihrer Güter setzt der christliche Socialismus die radikalere der Verstaatlichung alles Grundbesitzes entgegen, „dem plutokratischen Liberalismus, der die Kirche vom Staate, dem heiligen Vaterlande, befreien will", den Socialismus der Armen und Besitzlosen, welche die Kirche und ihren Besitz für sich in Anspruch nehmen 1 . "Wir sahen bereits oben, wie der Führer der Socialdemokraten einen gleichen Standpunkt in dieser Frage einnahm. Die Vertreterin der christlich socialistischen Richtung ist „die Gilde des heiligen Mathäus", ein Verein von gegen zweihundert Mitgliedern, von denen die Mehrzahl Geistliche sind. Es berührt eigentümlich, Ansichten des politischen Radikalismus bei diesen Männer mit felsenfester Orthodoxie vereint zu finden, mit unerschüttertem Wunderglauben, Annahme buchstäblicher Inspiration u. s. w. Die Regeln der Gesellschaft legen Zeugnis von ihrem thatsächlich religiösen Geiste ab. Sie lauten folgendermafsen: „Zweck der Gilde des heiligen Mathäus ist: 1. durch jedes mögliche Mittel die bestehenden Vorurteile seitens der Säkularisten (d. h. vor allem des atheistischen, deutschen Socialismus) gegen die Kirche, ihre Sakramente und Dogmen zu überwinden und zu versuchen, „Gott vor dem Volke zu rechtfertigen"; 2. häufige und andächtige Begehung des heiligen Abendmahles; 3. das Studium der socialen und politischen Fragen im Lichte der Incarnation." Ein bedeutender und gemäfsigterer Vertreter des christlichen Socialismus ist der Rev. Stopford Brooke, früher englischer Hofgeistlicher in Berlin, welcher seine Ansichten in einer Predigtsammlung „Christus im modernen Leben" geistvoll vertritt. 1 Vergl. Tlie Banner of Christ in the hands of Socialists S. 9. 13 Paternoster Row, London. — 171 — Die Gilde des heiligen Mathäus steht in engen Beziehungen mit den übrigen socialistischen Gesellschaften und sucht unter deren Anhängern durch zahlreiche Predigten und Vorlesungen ihre Ansichten zu verbreiten. Besuchen wir eine dieser Predigten; es offenbart sich hier eine Eigenheit des englischen Wesens. Bei uns pflegen gerade radikale Richtungen das sie von anderen Trennende zü betonen; dort dagegen sehen wir Vereinigung unter Hervorkehrung des gemeinsamen Ziels, was eine Abschleifung von Übertreibungen und Ersatz extremer Forderungen durch praktisch-politische Bestrehungen zur Folge hat. In einer kleinen Kirche Ost-Londons predigt ein Geistlicher christlich-socialistischer Färbung. Er kam auf Einladung des radikalen Bezirksvereins. Die Mitglieder dieses Vereins, sowie die des Zweigvereins der socialdemokratischen Federation ziehen in geordnetem Zuge herbei; die Kirche ist bald bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Prediger zeigt unter Belegung mit Bibelstellen, wie die Worte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" nicht neu, sondern das Evangelium des Herrn Jesu seien. „Das Jerusalem in der Höhe ist frei, welches die Mutter unser aller ist." Da aber die Arbeiter ohne Verbündung nicht frei sein können, so fordert der Prediger, sofort auf das praktische Gebiet übergreifend, ge- werkvereinliche Organisation auch der ungelernten Arbeiter. Die Forderung der Gleichheit belegt der Prediger mit den oben angeführten Stellen, da Christus den Reichtum verdammt und Beseitigung der Armut verlangt. Darin aber, dai's er die letzte Forderung, die der Brüderlichkeit, als die höchste und die Bedingung der andern darstellt, zeigt sich der religiöse Grundton dieses Socialismus. „In einem Geiste seid ihr alle getauft zu einem Körper." Aber diese innerliche Bedingung des christlichen Ideals hintenansetzend, wendet — 172 — sich der Prediger dein Gebiete der Politik zu, welche im christlichen Sinne jene aufgestellten Ziele befördern solle. Auch sie müsse der Gegenstand von Predigten sein; oder habe Gott keinen Anteil an der Politik und überlasse er sie dem Teufel? Der Socialismus sei es, der für die Religion der Brüderlichkeit, die Christus zum Leitstern des menschlichen Lebens erhoben habe, heute auch das Gebiet der Politik in Anspruch nehme 1 . Die Zuhörerschaft folgt mit Aufmerksamkeit; aber äufsere Zeichen des Beifalls werden nicht an dem heiligen Orte, sondern erst auf der Strafse laut, als der Geistliche nach beendetem Gottesdienst die Kirche verläfst. Eigentümlich ist überhaupt, wie allenthalben radikale und socialistische Vereine den Bemühungen der christlichen Socia- listen entgegenkommen, auch radikale Zeitungen, z. B. der „Star", sie begünstigen. Es scheint fast, als ob der Socialismus, wie er einmal, um in England Verbreitung zu finden, auf den Boden des bestehenden treten, so andererseits sich dort christianisieren müsse. Dies beweist noch mehr die andere Seite der christlich socialistischen Propaganda, welche sich auf die geistlichen Amtsbrüder bezieht, und um so mehr Boden gewinnt, als, wie wir sahen, die Kirche zur Verteidigung gegen den radikalen Vorschlag der Entstaatlichung an dem radikaleren Socialismus Interesse hat. Viele kirchliche und religiöse Zeitungen haben ihre Spalten Besprechungen des Socialismus in durchaus freundschaftlichem Tone geöffnet, so z. B. die Church Times, 1 Der Grundgedanke einer andern christlich-socialistischen Predigt war z. B., dafs das Christentum als Kulturmacht erst Kapitalbildung herbeigeführt und damit auch die Aufgabe habe, die daraus entspringende Ungleichheit und Unterdrückung des Armen zu beseitigen. Der Geistliche, Rev. A. Rowlands, schlofs in sein Gebet den deutschen Kaiser, dessen Erlasse jüngst erschienen waren. — 173 — die Church Review; Blätter, so „respektabel" wie der Record, und so weit verbreitet wie die methodistische Christian World, haben den Socialdemokraten H. H. Champion eingeladen, in ihnen über Socialismus zu schreiben. Schon bei seinem früheren Aufenthalte in England redete Henry George mit grofsem Erfolge vor einer Versammlung von 400—500 Geistlichen im Sion College zu London. Bei seiner letzten Anwesenheit hielt Henry George seine erste Ansprache gar in einer Kirche vor einer grofsen Versammlung, welche vom christlichen Jünglingsverein arrangiert und zum grofsen Teil aus Geistlichen zusammengesetzt war. Sein Angriff auf das Grundeigentum ging von dem Gedanken aus, dafs die Grundrente (nach Ricardoscher Theorie) Diebstahl sei, mithin gegen das achte Gebot verstolse. Die Versammlung trug einen durchaus gottesdienstlichen Charakter. George und seine Anhänger behaupten, dafs die Verstaatlichung des Landes schlechthin göttlicher Wille sei. „Gott sendet Manna auf die Erde für die Hungrigen, aber der Grundherr nimmt es; wenn Moses eine Quelle aus dem Felsen erweckte, sie würde heute nicht die Durstigen erquicken, sondern dem Grundherrn dienen, seine Rente zu erhöhen" L Auch vor den Diöcesanversammlungen ist die Frage des Socialismus bereits vielfach besprochen worden. In der Versammlung der Diöcese von Rochester äufserte sich z. B. der Bischof: „Die einzige Sicherheit der Kirche besteht im Leiten. Sie sollte überall und mit allen Mitteln, sowohl in Dingen dieser Welt wie jener, den arbeitenden Massen beistehen." 1 Rev. T. Travers Sherlock in einer Rede in der Imperial Mission < Hall am 6. Oktober 1885. Ähnlich sagte seiner Zeit auch R. Cobden: „Freetrade is a divine law". Die ganze Propoganda H. Georges' hat einen religiösen Grundton; er hielt wiederholt in Kirchen gottesdienstliche Versammlungen ab. — 174 — Das wichtigste aber war, dafs auf der „Pananglikanischen Bischofskonferenz" zu Lambeth 1888, welche als Vertretung der Kirche gilt und von sämtlichen englischen Prälaten besucht wird, der Socialismus in die Liste der zur Besprechung gelangenden Gegenstände aufgenommen ward. Die Gilde des heiligen Mathäus hatte an die „most reverend and right reverend fathei'S in God" ein ehrerbietiges Memorial über- sandt, in dem sie lebhaft für den Socialismus Partei nahm. Auch die Stellung der Bischöfe war eine sympathische; es wurde den Geistlichen ausdrücklich erlaubt, an den Vereinen und Versammlungen der Socialisten Teil zu nehmen 1 . Ein Rückblick zeigt, wie in England der Socialismus, dessen blofser Name auf dem Festlande vielfach Schrecken und die Vorstellung von Barrikaden hervorruft, ein Mittel der friedlichen Fortentwicklung und Minderung jener socialen Schwierigkeiten geworden ist, an denen heute Europa krankt. Auch solche, welche seine Theorie, die Fortsetzung der 1 Die Äufserungen der „Panenglischen JBischofskonferenz" sind folgende : 1 entnommen dem Encyclischen Sendschreiben, 2 dem Bericht des Ausschusses für Socialismus: (1) „No more iniportant problems can well occupy the attention — whether of Clergy or Laity — than such as are connected with what is properly called Socialism. To study schemes pro- posed for redressing the social balance, to welcome the good which rnay he found in the aims or Operations of any, and to devise methods, whether hy legislation or by social combinations, or in any other way, for a peaceful Solution of the problems without violence or injustice, is one of the noblest pursuits which can engage the thoughts of those who strive to follow in the footsteps of Christ." — (2) „The Clergy may enter into friendly relation with Socialists, attending, when possible, their club meetings, and trying to understand their aims and methods. At the same time it will contribute no little to draw together the various classes of society if the Clergy endeavour, in sermons and lectures, to set forth the true principles of Society, showing how property is a trust to he administered for the good of humanity, and how much of what is good and true in Socialism is to he found in the precepts of Christ". — 175 — kapitalistischen Nationalökonomie, verwerfen, können ihn als socialen Faktor für die Gegenwart bewillkommnen. Haben doch auch die Lehren des Individualismus, obgleich sie durchgeführt die menschliche Gesellschaft aufgehoben haben würden, Segen dem Jahrhundert gebracht, das sie einzuführen versuchte — Segnungen, welche erst dann voll gewürdigt werden können, wenn sie ganz geschichtlich geworden sein werden. Der Grund aber, weshalb dem Socialismus in England die bezeichnete Bedeutung zukommt, liegt in zweierlei: 1. Die englischen Arbeiter befinden sich seit fünfzig Jahren wirtschaftlieh in einem Aufschwünge, welcher ihnen die Grundbehauptung socialrevolutionärer Bestrebungen unannehmbar macht, die nämlich, dafs die Lage des Arbeiters unabänderlich schlecht sei und nach Naturgesetz immer schlechter werden müsse. 2. Sie besitzen zudem entsprechend den politischen Verhältnissen Englands die Macht und sind daran, die politische Schulung zu erwerben, mittelst deren sie mögliche Forderungen auf Grund des Bestehenden verwirklichen können — ein Grund, weshalb selbst die weitest gehenden Socialisten friedliche Mittel befürworten. 3. Die öffentliche Meinung, insbesondere ihre Führer in Universitäten und Kirche, betrachten infolge des von Carlyle und der Menge seiner Nachfolger eingeleiteten Umschwungs die socialen Verhältnisse nicht mehr vom Standpunkt des Kapitals. Sie neigen vielmehr eher einer Betrachtung vom Standpunkt der Arbeit zu, welche in Bezug auf die Gesetzgebung Socialismus heilst, ebenso wie eine von den besitzenden Mittelklassen ausgehende Betrachtung zu der Lehre vom Laissez-faire führte. Dies beseitigt Klassengegensätze und erhöht die Aussicht friedlicher Fortschritte. — 176 — VI. H. Spencers Kritik. Wir dürfen den englischen Socialisnius nicht verlassen, ohne den geistig bedeutendsten Gegner desselben zu berühren, dessen Kritik, selbst ohne sie voll zu teilen, man jedenfalls Klärung des Urteils über den Socialisnius verdankt. Herbert Spencer 1 geht von dem ihm mit Carlyle gemeinsamen Gedanken aus, dafs die Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände von der Verbesserung des Individuums abhänge, dafs die sociale Frage daher in letzter Linie eine moralische sei. Es sei also ein Irrtum, dafs durch Veränderung der Anordnung der Individuen, d. Ii. durch politische Mafsregeln, eine schlecht arbeitende Gesellschaftsmaschine in eine gutarbeitende verwandelt werden könne; es sei dies eine mechanische Auffassung, welche der von der Gesellschaft als eines Organismus entgegengesetzt sei. Vielmehr beruhen die empfundenen Schäden nach Spencer darauf, dafs -das menschliche Individuum heute auch in den fortgeschrittensten Gemeinschaften dem gesellschaftlichen Zustande noch nicht genügend angepafst sei, eine Entwicklung, welche nur langsam im Laufe der Jahrhunderte vor sich gehe. Nach Spencers geschichtsphilosophischer Auffassung nämlich entwickeln sich die menschlichen Gemeinschaften von dem „kämpfenden Typus" zum „gewerblichen Typus". Dem ersteren entspricht ein System gezwungener, dem Letzteren ein solches freiwilliger Zusammenarbeit 2 . In der 1 Vergl. besonders die in dem Buche: The man versus the State, London, Williams & Norgate, 1884, gesammelten Aufsätze. 2 militant type — industrial type. compulsary Cooperation — voluntary Cooperation. — 177 — militärisch gegliederten Gesellschaft wird dem Einzelnen von der regierenden Macht seine Aufgabe zugewiesen. Diejenige Organisation ist die stärkste, in welcher ein blinder Glaube an den Führer herrscht; völliger Gehorsam der Soldaten gegen den Feldherrn ist die Voraussetzung kriegerischen Erfolges. Dasselbe gilt auf jener Stufe der Entwicklung aber nicht nur vom Kriege, sondern auch von den Beziehungen des Einzelnen in Friedenszeiten. Ist doch der Anführer im Kriege zugleich der Herrscher im Frieden, dessen Befehle als Gesetz von den Unterthanen aufgenommen werden. Daher die ältesten grofsen Monarchien von Eroberungsvölkern gegründet waren, bei denen der Herrscher als Gott galt und unbeschränkter Herr über Leben und Eigentum der Unterthanen war; denn solche Gesellschaften erwiesen sich im Kampfe um das Dasein als die stärksten. Daher ist der kämpfende Typus der Gesellschaft durch den Glauben an die Macht, ja die Allmacht der Regierung charakterisiert, welcher zu einer blinden Unterwerfung unter ihre Anordnungen führt. Auf der anderen Seite folgt daraus aber auch das Vertrauen, dafs die Regierung über dem Einzelnen als Vorsehung walte und als solche die Aufgabe habe, ihn vor den Widrigkeiten des Lebens zu schützen, dafs alles nicht durch, aber doch für das Individuum zu geschehen habe. Es entspricht diesem Zustand auf Seiten der Theorie der Glaube an die Göttlichkeit oder wenigstens göttliche Einsetzung des Herrschers. Der Umschwung, welcher diesem Zustande ein Ende bereitet, vollzieht sich nach Spencer durch Entwicklung der gewerblichen Gesellschaft, welche den einzelnen an unabhängiges Handeln gewöhnt. Rechtlich zeigt sich die Entwicklung im Übergang vom status (Sachen- und Familienrecht) zum Kontrakte. Der Glauben an die Macht der Regierung wird durch das Vertrauen in die eigene Kraft ersetzt. v. Schulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. 12 Die englischen Arbeiterbewegungen z. B. unterscheiden sich als die fortgeschritteneren von den festländischen dadurch, dal's sie Hülfe nicht sowohl vom Staate erwarten, als von organisatorischer Anstrengung; der festländische Arbeiter kann nur allmählich sich von verzweiflungsvollen Umsturzgedanken zu thätiger Selbsthülfe emporraffen. Freilich nur mit grofser Schwierigkeit erblickt der gewerbliche Typus der Gesellschaft das Licht, welches, wie die Religion verheifst, die Schwerter in Pflugscharen und die Lanzen in Sicheln verwandelt, an Stelle der Bekämpfung und Vernichtung gegenseitige Förderung und Zusammenarbeit: den „Frieden auf Erden" heraufführt. Die arbeitenden Klassen der fortgeschrittensten Kulturländer haben das Ziel, wenn auch nicht ohne Mifsverständnis, bereits in das Auge gefafst: sie sind grundsätzlich dem Kriege abgeneigt und erkennen in ihren Genossen anderer Länder Brüder, die zu töten ihnen ebenso sinnlos wie verwerflich erscheint. Diese Erscheinung, die jedem, der die fortgeschritteneren Typen des europäischen und amerikanischen Arbeiters kennt, geläufig ist, hängt in nichts mit der internationalen Umsturzpartei zusammen, sondern findet sich am stärksten gerade bei dem von jedem Umsturzgedanken entfernten, englischen Gewerkvereinler. Jedem Beobachter fällt es auf, wie wenig der Kriegsruhm in diesen Kreisen gilt. Die oberen Klassen selbst der fortgeschrittensten Nationen dagegen leben nach Spencer noch in einer der militärischen Organisation der Gesellschaft entsprechenden Ideenwelt: wenn sie zwar des Sonntags das Ideal der Selbstaufopferung und Hingabe anbeten, liegen die Vorbilder, welche des Wochentags ihr Handeln bestimmen, zum gröfstenteil noch in der heidnischen Welt; es sind die Herrscher, Helden und Eroberer des Altertums und der eigenen Geschichte, Ist I — 179 — bereits hierdurch die Entwicklung des gewerblichen Typus der Gesellschaft zur Zeit noch hintangehalten, so kommt hierzu der Druck, welchen der weniger fortgeschrittene Osten auf den Westen Europas ausübt. Die äufseren Verhältnisse schon zwingen die Staaten des Festlandes zur militärischen Organisation, deren Übergewicht über die Selbständigkeit des Individuums von Westen nach Osten zunimmt. Es entspricht diesem Zustande im Innern in der gleichen zunehmenden Weise ein Vertrauen in die Staatsgewalt, welche, sei sie nun in den Händen eines unumschränkten Alleinherrschers oder denen eines gleich unbeschränkten Parlamentes, eine dem Individuum vorbehaltene und dem Staate entzogene Sphäre nicht anerkennt. Daher mit abnehmender Civilisation wachsender Eingriff in die Freiheit des Einzelnen, welchen man damit rechtfertigt, dafs er für das Wohl der Gemeinschaft stattfinde. Alle solche Versuche, die socialen Schäden zu heben, halten sich thatsächlieh nur an äufserliche Symptome. Es liegt ihnen die unwissenschaftliche Denkweise zu Grunde, welche die Gesellschaft mechanisch statt organisch > fafst, den notwendigen Zusammenhang aller Teile des Organismus und die Einheitlichkeit seiner Entwicklung übersieht. Das vollendetste Beispiel dafür, wie der „kämpfende Typus" in den heutigen Übergangszuständen sich auch die bürgerlichen Beziehungen der einzelnen Gesellschaftsglieder unterwirft, erblickt Spencer in dem „Staatssocialismus des Fürsten Bismarck", in welchem die Mehrzahl der oberen, nicht aber die der arbeitenden Klasse die Lösung der socialen Schwierigkeiten erblicke. Derselbe ist nur dort denkbar, \ wo auch die bürgerlichen Verhältnisse militärisch organisiert sind, eine Beamtenhierarchie sich über dem gewerblichen Leben aufbaut und anordnend, bald fördernd und bald hindernd, 12* — 180 — in dasselbe eingreift, wo der Beamte als Vertreter des Staates noch etwas vom Vertrauen eines kriegerischen Führers geniefst. Eine ähnliche, nur noch straffere Organisation aber wäre unbedingt Voraussetzung der von den Socialdemokraten geplanten Gesellschaft „mit ihren landwirtschaftlichen und gewerblichen 0 Armeen unter Staatskontrolle", wie solche in der Geschichte nur einmal annähernd verwirklicht wurden von einer durchaus militärischen Gesellschaft — dem alten Incareiche Perus. Da wir Spencer zur Zeit für eine wirksame Macht in dem socialen Leben Englands nicht halten, vielmehr der Soeialismus im Aufsteigen begriffen scheint, so können wir hier auf Spencer nicht näher eingehen. Gewifs ist nicht zu leugnen, dafs seine Grundanschauung, gestützt auf einen ungeheueren Schatz des Erfahrungswissens, auf das engste mit dem von uns als „antiindividualistisch" bezeichneten Standpunkt zusammenhängt, mit dem, was wir als die Errungenschaft des neunzehnten im Gegensatz zum achtzehnten Jahrhundert bezeichneten: der Einsicht, dafs die sociale Frage auf eine moralische zurückgeht, was nicht verschieden ist von der Anwendung des christlichen Grundgedankens auf die gesellschaftlichen Erscheinungen. Aber gerade wenn wir uns auf H. Spencers Standpunkt stellen, scheint seine Besorgnis unbegründet, dafs Europa durch das Aufkommen des modernen Soeialismus einer neuen Sklaverei entgegengehe, die es in die Barbarei und den Despotismus zurückschleudern müsse. Wenn die fortgeschrittensten Gesellschaften, in Spencerscher Ausdrucksweise, sich heute wirklich noch in dem „semi militant type", auf der halbkriegerischen Stufe, befinden, so wird man den Soeialismus als notwendiges Ergebnis dieses Zustandes beurteilen. Man t kann so seine Berechtigung, ja Nützlichkeit voll würdigen, ohne in ihm das Endziel der menschlichen Entwicklung zu ii — 181 — erblicken. Wenn Spencer pessimistischer urteilte, so liegt das daran, dals er den Übergang des älteren Liberalismus zum Socialismus vor Augen hat und nicht ohne Einmischung eines Gefühlselementes urteilt. Wenn ihm die bisherige 0 liberale Entwicklung Englands Fortschritt in der Richtung auf den gewerblichen Gesellschaftszustand bedeutet, so mufs er in dem Überhandnehmen des Socialismus einen Rückschritt erblicken, welcher in der Überhandnähme staatlicher Aufsicht und Ordnung privater Verhältnisse sich zeigt und nach der kriegerischen Organisation der Vergangenheit zurückweist. Hieraus ist Spencers Gegnerschaft gegen den Socialismus erklärlich, welchen er doch unter dem von ihm aufgestellten Gesetze der Wellenbewegung in aller organischen Entwicklung leidenschaftslos und geschichtlich hätte würdigen können. Durchaus richtig und höchst interessant ist der von Ii. Spencer gegebene Überblick über die Entwicklung, welche die liberale Partei Englands dem Socialismus zuführt, während die daraus gezogenen Folgerungen unberechtigt erscheinen. Die Eigentümlichkeit der liberalen Partei Englands bestand seit der Zeit Karls II. in der Beschneidung und Zurückdrängung der Zwangsgewalt des Staates, während das Ziel der gegnerischen Partei Aufrechterhaltung und Stärkung derselben war. Whig-Grundsätze sind in dem Habeas Corpus-Acte und in der Bill of Rights enthalten, welche zuerst den einzelnen gegen die staatliche, damals monarchische Willkür, schützten. Gegen die Wende des vorigen Jahrhunderts hatte die Periode langer Kriege zeit- k weise eine rückschrittliche Entwicklung verursacht, welche durch zahlreiche Zwangsmafsregeln seitens der Staatsgewalt nach innen bezeichnet war. Alsdann kam wieder eine Zeit liberaler Gesetzgebung, für welche unter anderen die Gesetze bezeichnend sind, welche die Religionsfreiheit einführen und Dissenters wie Katholiken von civil- und öffentlich-rechtlichen Nachteilen befreien. Durch Erweiterung des Wahlrechts wurde die Klasse der Vielen beschränkt, welche unter der Zwangsgewalt der Wenigen waren. Die Aufhebung der verschiedensten Restrictivgesetze gegen Arbeiterverbindungen, Freizügigkeit, freie Meinungsäufserung und Verbreitung derselben (stamp duty), freier Austausch der Erzeugnisse der verschiedenen Länder (Freihandel) u. s. w., wirkten in gleicher Richtung. Wenn nebenher eine Entwicklung von der monarchischen zur parlamentarischen Regierung geht, so ist nach Spencer doch die Thatsache viel wichtiger, dafs die Regierungsgewalt überhaupt eingeschränkt und die Sphäre des Individuums erweitert worden ist. „In der gleichen Weise wie einst die Aufhebung der Luxusgesetze, der Gesetze, welche diese oder jene Art der Vergnügung verboten, welche bestimmte Methoden der Landwirtschaft vorschrieben, das Zugeständnis in sich schlofs, dafs es besser sei, wenn der Staat nicht eingriffe, so ist auch die Entfernung jener Schranken der individuellen Thätigkeit, welche im letzten Menschenalter der Liberalismus vollbracht hat, ein praktisches Eingeständnis, dafs der Kreis der Regierungsthätigkeit beschränkt werden solle." Ganz anders heute. Heute ist es wieder Erweiterung der staatlichen Befugnisse und Beschränkung der individuellen Freiheit, die den sogenannten Liberalismus bezeichnet, welcher so zu einem „neuen Torytum" geworden ist 1 . Gerade auf dem linken Flügel des Liberalismus, unter den sogenannten Radikalen, finden sich die eifrigsten Befürworter dieser Entwick- 1 Näheres hierüber am Schlüsse der Arbeit. ■■f — 183 — hing. „Der grofse politische Aberglaube der Gegenwart ist der Glaube an das göttliche Recht der Parlamente". Die englische Gesetzgebung der letzten beiden Jahrzehnte ist von diesem socialistischen Geiste erfüllt, wie er sich aber noch mehr in den vom Radikalismus verfolgten Zielen ausspricht: der staatlichen Erziehung, dem gesetzlichen Achtstundentage, der Bedrohung des Grundeigentums. H. Spencers persönlicher Gegensatz zu dieser Entwicklung läfst ihn nach unserer Ansicht die in ihr liegende Gefahr weit überschätzen. Seine Kritik des Zukunftsbildes der socialistischen Gesellschaft ist durchaus zutreffend: der Einzelne sei in ihr zum Sklaven der Gesellschaft erniedrigt, eine Sklaverei, die nicht weniger drückend sein könne, als die des Privateigentümers; denn auch der socialistische Staat könne nur mit dem vorhandenen Menschenmaterial aufgebaut werden, Selbstsucht und Ungerechtigkeit aber müfsten dort am schwersten lasten, wo die Freiheit des Einzelnen am wenigsten geschützt sei. Die Beamtenhierarchie, die der Socialismus brauche, sei die beste Vorbereitung des Despotismus. Unzutreffend jedoch scheint es einen solchen, rein utopistischen Zustand gegen Mafsregeln der praktischen Politik, die von ihm weit entfernt sind, ins Feld zu führen. Vielmehr kann man in dem Socialismus, ohne an die Verwirklichung seiner Utopie zu glauben, einen wichtigen Faktor in der Entwicklung der Gegenwart erblicken. Dafs die Freiheit des Individuums wirklich durch ihn wieder beseitigt werde, scheint uns undenkbar — undenkbar, dafs der Staat die Methoden des Landbaus und der Industrie, Kleidung und Speisen je wieder vorschreiben könne. Viele der Errungenschaften der Vergangenheit scheinen über die Angriffe des Socialismus erhaben. Die Freiheit der religiösen Überzeugung ist ein unveräufserlicher Besitz, ebenso die Freiheit der Meinungs- — 184 — äufserung. Diese Güter in Frage zu stellen, wird ein fortgeschrittener Arbeiterstand, wenn er heute auch socialistisehen Ideen huldigt, nie geneigt sein; ist doch Warnung genug der Europa benachbarte und doch von ihm so weit entfernte russische Despotismus. Dagegen ist es nur zu natürlich, dafs die Massen, wo sie — ein Werk eben des Liberalismus — zur Macht gelangen, zunächst wieder Schranken zu ihrem eigenen Schutze errichten. Denn die vom Liberalismus herbeigeführte Befreiung des Individuums war jener innerlichen Entwicklung vorangeeilt, von welcher doch die äufsere, in Gesetzen und Sitten zu Tage tretende Entwicklung nach Carlyle wie Spencer lediglich der Ausdruck ist. Noch eben befindet sich die Gesellschaft, auch die der fortgeschrittensten Völker, auf einer Stufe, welche gewaltsame Einschränkung der selbstsüchtigen Triebe der Menschen und gezwungene Zusammenarbeit, wie sie Staatsthätigkeit im Gegensatz zur freien Privatim terneh- mung bedeutet, nicht entbehren kann. Spencer giebt das selbst bezüglich der Gegenwart zu: „Während die Gefühle und Vorstellungen der Menschen derart sind, fortwährend den Frieden zu gefährden, so ist es notwendig, dafs sie einen solchen Glauben in die Autorität der Regierung besitzen, der ihr die genügende Zwangsgewalt über sie für kriegerische Zwecke giebt — ein Glaube, welcher ihr unvermeidlich zur selben Zeit auch Zwangsgewalt für andere Zwecke verschafft." Dafs die Menschen für jene freiwillige Selbstbeschränkung, wie sie Sittlichkeit statt Gesetz auferlegt, und damit für freiwillige Zusammenarbeit noch nicht reif sind, bewies der Erfolg jener Aufhebung veralteter Schranken, welche die liberale Gesetzgebung herbeigeführt hatte. Schrankenlosigkeit führte zu Unterdrückung und Ausbeutung des Schwachen, sie verursachte damit den socialen Krieg, wie wir ihn in der Einleitung ge- schildert haben. Vorgeblicherweise im Interesse der Freiheit geschehend, führte sie Verhältnisse herbei, welche thatsäch- lich die vollste Unfreiheit der Mehrzahl des Volkes bedeuteten. Als man daher später der neuen Produktionsform entsprechende Schranken der gesetzlichen Freiheit des Individuums aufrichtete, z. B. die Fabrikgesetzgebung — eine Entwicklung, welche man als socialistisch bezeichnen kann — so begründete man damit erst die thatsächliche Freiheit der meisten. Indem man die Freiheit weniger beschnitt, vermehrte man die Gesamtsumme der vorhandenen Freiheit. So hat der Socialismus nur äufserlich eine reaktionäre Färbung, indem er Schranken errichtet, wo bereits die Schranken gefallen schienen. Auch sind die von ihm errichteten anderen Geistes als die, welche in Gesellschaften von rein kriegerischem Typus einst bestanden: sie sind errichtet im Interesse der Allgemeinheit, nicht dem der Klassen. Sie dienen der Erziehung zur Freiheit und damit dem menschlichen Fortschritt, welcher Entfaltung des socialen Daseins auf Grund sittlicher Selbstbeschränkung aus dem individualistischen Dasein und der zwangsweise beschränkten Selbstsucht bedeutet. Indem der Socialismus trotz Aufrichtung von Schranken doch thatsächlich im Interesse der Befreiung der Massen wirksam wird, ist er ein Glied in der ungeheuren Kette der demokratischen Entwicklung, welche das Weib wie die Sklaven befreit hat, die einst nur Mittel für das Dasein Bevorzugter waren. Trotz widersprechenden Scheins dient er der vom Christentum zum erstenmal grundsätzlich ausgesprochenen Forderung, dafs jedem Menschen, auch den ärmsten, ein unvergleichlicher, mit allem irdischen unmefsbarer Wert und Selbstzweck beizulegen sei. Dem Socialismus entspricht ein Idealbild der menschlichen Gesellschaft: der socialistische Zukunftsstaat. Das- — 186 - selbe ist in der That reaktionär, indem es die Freiheit des Individuums wieder aufhebt und der antiken Vorstellungsweise entspricht, die den Bürger in allein der Allmacht des Staates unterwirft. Aber diese Utopie halten wir für nichts als das zeitlich vergängliche Mittel zur Verbreitung des Socialismus; dafs sie, wie sie von einigen Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts ausgedacht wurde, eine Entwicklung hemmen sollte, welche bis in das Dunkel der gesehichtslosen Vorzeit hinaufreicht — dies zu fürchten, scheint schlechterdings grundlos. Drittes Buch. Der sociale Friede. „Workman and employer parted as protector and dependant to unite as equal Citizens of a free State." A. Toynbee, Industrial Revolution S. '200. Siebentes Kapitel. Die socialpolitische Erziehung der Großindustrie. I. Die Wohlfahrtseinrichtungen. Wir sahen oben, wie die aufkommende Grofsindustrie die Gesellschaft zu sprengen drohte. Es ist nunmehr unsere Aufgabe zu sehen, wie sie sich in den bestehenden Verhältnissen einrichtet und zu Zuständen führt, welche den Titel vorliegenden Werkes rechtfertigen — eine Entwicklung, welche parallel und untergeordnet der im ersten und zweiten Buch gegebenen ist. Während Beobachter aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts die Grofsindustrie als den Fluch der modernen Gesellschaft betrachten, werden wir dahin gelangen, gerade in ihrer Fortentwicklung und Steigerung den Ausweg aus den socialen Schwierigkeiten zu erblicken; letztere werden einer Übergangsperiode angehörig scheinen, welche durch Niedergang von Handwerk und Hausindustrie, durch Schwäche und Organisationslosigkeit des gewerblichen Arbeiterstandes gekennzeichnet ist. Die Grofsindustrie hat zwei neue Klassen der Bevölkerung erzeugt, welche allmählich alle anderen an Bedeutung übertreffen: den Arbeiter und den — 190 — Arbeitgeber. Wir sahen, wie die Theorie, welche diese Entwicklung begleitete, den Arbeiter lediglich als Produktionsmittel betrachtete. Dieser aber, nicht zufrieden als blofses Mittel sich behandeln zu lassen, gründete die erste socialrevolutionäre Partei. Aber auch der Arbeitgeber war etwas anderes als ein ausschliei'slich zum Zwecke der Kapitalanhäufung in Thätig- keit tretender Automat, wofür ihn die Theorie ausgab. Auch e r war daneben Mensch, d. h. nicht einem, sondern zahlreichen und verwickelten Beweggründen gehorchend und von den überlieferten Glaubens- und Moralvorstellungen, wie den neuentstehenden Zeitideen vielfältig beeinflufst. Die Theorie mochte am ehesten noch auf die erste Generation der Arbeitgeber gepafst haben, welche durchweg aus den untersten Kreisen emporgestiegen waren. Ihre Hölle war in der That, wie Carlyle es ausgedrückt hatte, keinen Gewinn zu machen. Auf ihre Söhne pafste bereits diese Beschreibung nicht mehr, soweit dieselben nicht in dem schnell erworbenen Reichtum ihrer Väter früh untergegangen, sondern durch Universitätsstudium, öffentliche Thätigkeit u. s. w. in Berührung mit dem Geistesleben der Nation getreten waren. Entsprechend der oben geschilderten Wandlung der Theorie macht auch die thatsächliche Stellung des Arbeitgebers zum Arbeiter im Laufe des Jahrhunderts eine Veränderung durch. Zur Zeit der Herrschaft der individualistischen Nationalökonomie war der Arbeiter für den Arbeitgeber thatsächlich nichts als ein Mittel der Gütererzeugung. In der zweiten Periode, entsprechend der von Carlyle ausgehenden Bewegung, welche zuerst die Färbung des socialen Torytums an sich trug, betrachtete der Arbeitgeber den Arbeiter als seiner Schutzgewalt unterworfen. Indem er für ihn patriarchalisch sorgte, glaubte er die Herrschaft im Arbeitsverhältnis wie die politische Heerfolge des Arbeiters sich zu sichern. In jener Zeit entstanden die viel- — 191 — gerühmten Wohlfahrtseinrichtungen der englischen Arbeitgeber, ferner die Fabrikgesetzgebung, welche sich zuerst in konservativen Händen befand; die gewerkvereinliehe Organisation der Arbeiter dagegen wurde damals von der Staatsgewalt wie den im Staate herrschenden Klassen bekämpft. In der letzten Periode endlich wird jener von Carlyle vorausgesehene „Hauptmann der Industrie" möglich, welcher die selbständigen Bestrebungen der Arbeiter als die einer wirtschaftlich wie politisch gleichberechtigten Macht anerkennt. Jene Schutzgewalt nämlich erwies sich um deswillen unhaltbar, weil die Interessen des einzelnen Arbeiters denen des Arbeitgebers entgegengesetzt sind, weshalb die Arbeiter nicht anders können, als durch Verbündung den Schutz ihrer eigenen Interessen zu übernehmen. Diese dritte Periode ist bezeichnet durch volle Anerkennung der Koalitionsfreiheit und der Gewerkvereine und durch ein politisches Bündnis der fortgeschrittenen Arbeitgeber mit den Arbeitern, wodurch die Politik der liberalen Partei socialistisch gefärbt wird. Wohlfahrtseinrichtungen einzelner Arbeitgeber sind auch jetzt noch möglich, aber ihre Ehrlichkeit zeigt sich nun darin, dafs sie die Unabhängigkeit der Arbeiter eher fördern als einschränken. Die Fabrikgesetzgebung, welche in ihren wesentlichen Bestandteilen aus der vorhergehenden Periode übernommen ist, wird nun nicht mehr durch die Arbeitgeher für die Arbeiter, sondern durch die Arbeiter in Übereinstimmung mit den Arbeitgebern fortgebildet. Wenn wir zunächst auf die Wohlfahrtseinrichtungen eingehen, so zwingt uns der zur Verfügung stehende Raum von jedem Typus derselben nur ein aus eigener Anschauung kennen gelerntes Beispiel vorzuführen. Unter den älteren Gründungen, welche das feudale Abhängigkeitsverhältnis vergangener Zeiten nachzuahmen suchten, ist die von Sir Titus Salt erbaute — 192 — Arbeiterstadt Saltaire das bekannteste Beispiel. Schon das Äufsere dieser Stadt von einer Anhöhe der Nachbarschaft aus betrachtet, die riesigen, hochschlotigen Fabrikgebäude und daneben die niedrigen Arbeiterhäuser, erinnern an das von der Ansiedelung der Hintersassen umgebene Schlots des Gutsherrn. Dai's diese Ähnlichkeit jedoch nur eine äufserliehe ist, drängt sich dem Beschauer dann auf, wenn ihm weit von der Stadt und unberührt von dem Bauch der Fabrik auf einem fernen Hügel der parkumgehene Wohnsitz des Fabrikherrn gezeigt wird: die Interessengemeinschaft, welche zwischen Gutsherrn und Hörigen bestand, ist aufgelöst. Äufserlich ist Saltaire wohl das glänzendste, was auf dem Gebiete der Fürsorge für den Arbeiter je geleistet worden ist. Aufser den Arbeiterhäusern zeigt man ein Theater, für welches von Sir Titus 25000 £ verausgabt worden sind, ein Klubhaus mit einem Museum für Völkerkunde und einem Malerund Bildhaueratelier, Kirchen und Schulen, ein gedecktes Schwimmbad, einen grofsen Park mit Spielplätzen. Auf dem Flusse stehen Ruderboote, ja sogar ein kleines Dampfschiff zur Verfügung. In der Kirche ist dem Gründer der Stadt eine Marmorstatue von den Arbeitern errichtet. Bei dem äufseren Glänze treten die Schattenseiten der Anlage für den flüchtigen Beschauer zurück; erst Gespräche mit den Einwohnern belehren, dafs es sich hier um eine Anlage handelt, welche Wohlthaten nur gegen den Verkauf der Freiheit gewährt. Die Lage der Arbeiter in Saltaire ist dadurch bestimmt, dafs sämtliche Arbeiterhäuser im Eigentum des Unternehmers stehen. Auf einem bis dahin der Landwirtschaft dienenden Grundstücke hat Anfang der fünfziger Jahre Sir Titus die für etwa 4000 Einwohner bestimmten Wohngebäude errichtet und seitdem ist die Firma dem Grundsatze treu gehlieben, jeden Kaufantrag seitens der Arbeiter — 193 — abzulehnen. Die Folge hiervon ist, dafs sie jede ihr mifs- liebige Persönlichkeit aus Saltaire entfernen kann, dafs daher irgend welche Organisierungsversuche der Arbeiter ausgeschlossen sind. So lange Sir Titus, der wohlwollende Fabrikpatriarch, an der Spitze des Unternehmens stand, machte sich die Abhängigkeit, sowohl wirtschaftliche wie politische, den Arbeitern wenig fühlbar. Seine weniger wohlwollenden Geschäftsnachfolger aber konnten der Versuchung nicht widerstehen, die Abhängigkeit der Arbeiter 'sich zu Nutze zu machen. Dies geschah durch Ilerabdrückung der Löhne, welche niederer als die in der Nachbarschaft bezahlten sind. Die Arbeiter waren dem gegenüber machtlos; nur die jüngeren unter ihnen versuchten, nicht ohne Billigung seitens der übrigen, Widerstand. So ist auch Saltaire von Arbeitseinstellungen nicht verschont geblieben, welche aber immer mit der Unterwerfung der Arbeiter unter die einseitig aufgestellten Arbeitsbedingungen endigten; die Führer dieser Bewegungen wurden einfach aus der Stadt entfernt. Auch beginnen heute jene die Selbstverwaltung seitens der Arbeiter verschmähenden Gründungen des Sir Titus zu verfallen, nachdem das persönliche Interesse seitens der Fabrikleitung geschwunden ist. Das Badehaus steht bereits geschlossen und unbenutzt, das Institut, d. h. die höhere Sehulanstalt erstickt unter Schuldenlast und geht demselben Schicksal entgegen; selbst für die Kirche, welche ebenfalls nicht genügend fundiert ist, fürchtet man. Ähnliche Anlagen wie Saltaire, Beispiele des sogenannten Cottagesystems, sind zahlreich in ganz England. Bei ihnen finden sich äufserlieh die glänzendsten Wohlfahrtseinrichtungen, während thatsächlich ein veralteter Typus der Arbeiterfürsorge in ihnen fortlebt. Bezeichnend für sie ist, dafs die Arbeitgeber die Aufnahme in die Zahl ihrer begünstigten Arbeiter von der Nichtzugehörigkeit zu Gewerkvereinen abhängig v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 13 — 194 - machen. Dementsprechend gehören auch diese Arbeitgeber nicht den Vereinigungen ihrer Berufsgenossen an. Während die Arbeitsbedingungen heute in England gewöhnlich durch Verhandlungen der beiderseitigen Vereine festgesetzt werden, wehren diese Unternehmungen jeden Eingriff in das persönliche Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter seitens Dritter ab. Trotzdem sind sie gezwungen, im grofsen und ganzen jenen Festsetzungen zu folgen, es sei denn, dai's sie, wie nicht selten, 'die Abhängigkeit der Arbeiter zur Herab- driickung der Löhne mifsbrauchen. Von gewisser, wenn auch ausnahmsweise!' Berechtigung sind derartige Anlagen dort, wo es sich um Herstellung einer besonders hohen Qualität von Waren handelt, zu der die Durchschnittsarbeitskraft, wie sie in den Gewerkvereinen vertreten ist, nicht genügt. Alsdann erscheint die Arbeiterfürsorge als Mittel zur Verbesserung der produzierenden Maschine. Ein Beispiel einer solchen Unternehmung bildet die Spinnerei von Hugh Mason zu Ashton under Lyne, welche besondere Garne für die Wirkerei zu Bradford, Nottingham und Glasgow verfertigt. Die Fabrik besteht seit 50 Jahren nach demselben System und arbeitet mit den ausgezeichnetsten Maschinen und den vorzüglichsten Arbeitern. Die letzteren sind zum grofsen Teil schon seit ihrer Kindheit in der Fabrik; die älteren haben noch dem Vater des jetzigen Geschäftsinhabers und Gründer des Unternehmens gedient. Die Löhne werden nach einer besonderen, vom Arbeitgeber aufgestellten Liste geregelt, welche höhere Löhne gewährt als die ortsüblichen. Äufserlich ist die Anlage ein Saltaire im kleinen. Die Arbeiterhäuser, welche die Fabrik umgeben, gehören dem Unternehmer und werden von den Arbeitern zur Miete bewohnt (3 sh. 6 d. bis 4 sh. wöchentlich, meist 3 Räume). Des weiteren ist eine Vorlesungshalle vorhanden, ein Lese- zimmer, ein gedecktes Bad, ein Turnplatz mit Geräten u. s. w. Diese Einrichtungen bezahlen sich, weil eine Arbeit von besonders hoher Qualität verlangt wird. In solchen Fällen mag auch die Fortsetzung des patriarchalischen Verhältnisses zwischen Arbeiter und Arbeitgeher möglich und für beide befriedigend sein. Nur möchten wir betonen, dafs es sich hier um Ausnahmsfälle handelt, welche zwar erfreulich, aber doch von keiner besonderen socialpolitischen Bedeutung sind. Denn wo es sich, wie meist, um Herstellung der gewöhnlichen Stapelwaren handelt, zu der die Durchschnittsarbeit genügt, wird die gegenseitige Konkurrenz, insbesondere zur Zeit niedergehenden Geschäftes, den Unternehmer zwingen, die durch grofsartige Wohlfahrtseinrichtungen verursachte Steigerung der Produktionskosten an einem andern Punkte, insbesondere an Löhnen, wieder einzubringen. Unternehmungen dagegen, in denen der zeitgeinäfse Geist herrscht, fallen äufserlich nicht mehr durch grofsartige Wohl- fahrtseinrichtungen auf; insbesondere sind jene im Eigentum des „Herren" befindlichen Arbeiterwohnungen verschwunden, welche einst die Fabriken umgaben. Dagegen zeichnen sich die Arbeitsräume selbst gegen die frühere Zeit vorteilhaft aus; in Anwendung von hygienischen Mafsregeln und Schutzvorrichtungen, an Licht und Luft übertreffen sie meist die Anlagen jener älteren Fabrikpatriarchen. Des weiteren ist alles vermieden, und wird von den Gewerkvereinen auf das äufserste bekämpft 1 , was Abhängigmachung der Arbeiter herbeiführen könnte. Dasselbe, was, wie wir oben sahen, von den Wohl- thätigkeitsbestrebungen überhaupt gilt, so weit sie den eigentlichen Arbeiterstand betreffen, findet in noch viel höherem 1 Diese Bedeutung hatte der Ausstand der Londoner Gasarbeiter gegen die von der Gasgesellschaft beabsichtigte Gewinnbeteiligung der Arbeiter Neujahr 1890. 13* — 196 — Mafse auf die Bemühungen der Arbeitgeber um die Arbeiter Anwendung. Wie jede Wohlthätigkeit, die körperlich fähigen Arbeitern gegenüber die unentbehrlichen Bedürfnisse des Lebens betrifft, pauperisiert, so bewirkt sie, wenn von Arbeitgebern ausgehend, Abhängigkeit der Arbeiter. Wo die Kosten der notwendigen Nahrung und Wohnung zum Teil durch Geschenke bestritten werden, ist stets die Möglichkeit vorhanden, eine Art des Hörigkeitsverhältnisses zu begründen, das zwar zur Zeit nicht ausgenutzt zu werden braucht, aber doch die Möglichkeit der Ausnutzung in sich schliefst. Anders dagegen, wo der Arbeitgeber Konsumvereine, Baugesellschaften u. s. w. als selbständige Unternehmungen in das Leben ruft. Hier handelt es sich um Hülfe zur Selbsthülfe, um ein „help them to help themselves". Es liegen eigene Bewegungen der Arbeiterwelt vor und das, was ein wohlgesinnter Arbeitgeber in dieser Richtung thut, ist die Erziehung seiner Arbeiter zur Höhe ihrer fortgeschritteneren Genossen und damit eben zur wirtschaftlichen Selbständigkeit — das Gegenbild des früheren Track- und Cottage- systems. Überhaupt bleibt dem Arbeitgeber, auch wenn er rückhaltlos die Gleichberechtigung der Arbeiter anerkennt, ein weites Gebiet der Thätigkeit. Dieselbe betrifft jedoch nicht mehr die unentbehrlichen Lebensbedürfnisse, sondern Erziehung im weitesten Sinne: geistige Hebung, körperliche Ausbildung und geeignete Unterhaltung. Das, was er unternimmt, tritt meist nicht als reine Freigebigkeit auf, sondern sucht die freiwillige Beteiligung der Arbeiter an der Tragung der Lasten. Sein Bestreben ist, die Unternehmungen so bald als möglich geldlich unabhängig zu machen und die Verwaltung in die Hand der Beteiligten zu legen. Der äufserste Punkt aber, an dem sich zeigt, ob der Arbeitgeber wirklich ein Kind des — 197 — modernen Geistes ist, liegt in der Anerkennung gewerkverein- licher Verbündungen unter seinen Arbeitern. Nur allzu häufig wurden und werden Wohlfahrtseinrichtungen als Mittel zur Bekämpfung der Arbeiterorganisation benutzt, während sie gerade dann am lebensfähigsten sich erweisen, wenn die Gewerkvereine dafür zu interessieren sind, wie das oben erwähnte Beispiel der Abendschulen in Manchester zeigt 1 . In folgenden Richtungen äufsert sich vorzugsweise eine wirklich moderne und ehrlich gemeinte Arbeiterfürsorge. Vor allem unterstützt sie die auf Erziehung des Arbeiters gerichteten Bewegungen, z. B. durch Beförderung von Universitäts- ausdehnungsvorlesungen und ähnlichem. Besonders scheint die kunstgewerbliche und technische Erziehung der Arbeiter seitens denkender Arbeitgeber heute gefördert zu werden; in der That handelt es sich hier um eine Sache, welche für die Konkurrenzfähigkeit Englands dem Auslande gegenüber von gröfster Wichtigkeit ist. In dieser Richtung wird auch in Saltaire tüchtiges geleistet. Auch für die religiösen Bedürfnisse ihrer Arbeiter sorgen nicht wenige Arbeitgeber. Der Graf von Meath 2 erzählt von einer Fabrik in Derby, in welcher täglich vor Beginn der Arbeit in einem besonderen Saal eine kurze Andacht stattfindet, deren Besuch, obgleich freiwillig, ein guter ist. Aber auch auf diesem Gebiete wird der Arbeitgeber mehr wirken, wenn er selbständige Bewegungen fördert, z. B. die sogenannten „missions", die in Gestalt einer Reihe von Predigten oder Vorträgen auswärtiger Geistlicher insbesondere zur Fastenzeit stattfinden. Hierher gehört auch Unterstützung der Mäfsigkeitsbewegung, wodurch der Arbeitgeber, und zwar in Zusammenarbeit mit vielen der 1 Vergl. oben Bd. I, S. 434. 2 Nineteenth Century 1888 S. 537. fortgeschrittenen Arbeiter, nützlich wirken kann. Der Trunk, das Laster des englischen Arbeiters, ist nach Ansicht aller Kenner in England nur durch das Versprechen vollständiger Enthaltsamkeit zu bekämpfen. Der über das ganze Reich, besonders unter den Arbeitern, verbreitete Mäfsigkeitsverein treibt in den Mittelpunkten der Arbeiterbevölkerung eine lebhafte Propaganda. Zu ihren Gunsten kann der Arbeitgeber viel thun, z. B. durch Gewährung eines entsprechenden Raumes für die Versammlungen, Verbreitung der Aufrufe und Flugblätter unter seinen Leuten, am meisten durch das eigene Beispiel. Eine solche „Mission" für die Mäfsigkeitssache wurde z. B. November 1888 auf Anregung des Geschäftsinhabers in der von der Firma R. Ha worth erbauten Vorlesungshalle zu Salford abgehalten 1 . Die Eröffnungsversammlung fand die Unterstützung verschiedener Gesangvereine der Nachbarschaft und der Kapelle der Fabrikarbeiter. Der Saal war von dem Fabrikherrn mit lebenden Pflanzen in würdiger Weise ausgeschmückt. Durch Volkstümlichkeit wufste der Redner die anwesenden Arbeiter, meist junge Männer und Frauen, so sehr zu ergreifen, dafs die Mission sich zu einem „Erfolge" gestaltete, und gegen 500 Personen in die aufgestellten Urnen die schriftliche Ver- pflichtung zu vollständiger Enthaltsamkeit legten. Die Inhaber der Firma sowie angesehene Personen der Nachbarschaft führten den Vorsitz. Für die körperliche Ausbildung seiner jungen Fabrikmannschaft sorgt ein wohlwollender Arbeitgeber durch Anlage von Turn- und Spielplätzen 2 ; wo die Vorbedingungen vorhanden sind, stellt sich die Pflege der nationalen Sports, 1 Eichard Haworth, Ordsal Lane. Salford. Baumwollenspinnerei und -weberei, gegen 3000 Arbeiter. Diese Firma ist überhaupt durch zabheicbe Unternehmungen zu Gunsten der Arbeiter ausgezeichnet. 2 Vergl. den Grafen von Meath am angeführten Orte. 7 - 199 - insbesondere des nationalsten aller Spiele, des Criquet, von selbst ein 1 . Ich hörte von dem Sohne eines Arbeitgebers, welcher alljährlich mit den jüngeren Arbeitern der väterlichen Fabrik eine Art Turnfahrt an die See unternimmt. Ein wichtiges Gebiet der Arbeiterfürsorge ist die Beförderung vernünftiger Unterhaltung und Geselligkeit, wodurch dem Trunk, dem Spiel und der Ausschweifung am wirksamsten zu Leibe gegangen wird. Zahlreiche Arbeitgeber haben für ihre Arbeiter Klubräume mit Billardtischen und Lesezimmer hergestellt. Auch hier erweist sich wichtiger als Opfer an Geld das persönliche Interesse und womöglich die Beteiligung des Arbeitgebers und seiner Familienangehörigen. Glänzend ausgestattete Arbeiterklubs sind meist schnell auf Abwege geraten; nur Vereine, welche auf Selbstverwaltung und Beiträgen der Mitglieder beruhen, sind eines dauernden und ernstlichen Interesses der Beteiligten sicher. In den Gründungsstatuten kann allerdings der Arbeitgeber, der für die Sache Opfer gebracht hat, dem Verein die künftige Richtung angeben. Als besonders wichtig erscheint die Aufnahme der Mäfsig- keitsklausel, d. h. der Ausschlufs jedes alkoholischen Getränkes. Z. B. machte die oben erwähnte Firma R. Haworth die Erfahrung, dafs der von ihr reich ausgestattete Verein durch Zulassung solcher Getränke zu Grunde ging. Als selbstverständlich gilt, dafs die Verwaltung eines auch vom Arbeitgeber gegründeten Arbeiterklubs völlig selbständig sein 1 Um sich über nationale Bedeutung dieses Spieles zu orientieren, vergl. die lebendige Schilderung des wiederholt angeführten Buches von G. Drage, Cyril IV edition, passim, besonders S. 181 ff. London 1889. Wohlwollende Arbeitgeber befördern in Municipalbehörden, Vereinen u. s. w. die Anlage von Parks, d. h. die Freilassung gröfserer von Baumgruppen unterbrochener Wiesenflächen in den Peripherien der meist sehr schnell sich ausdehnenden Industrieorte, und die Einrichtung von Spielplätzen. Ein solcher Verein besteht für London: Metropolitan public gardens association, 83 Lancaster Gate W. — 200 — mufs; auch in Knabenvereinen wirken bereits vernünftige Leiter auf Erziehung zur Selbstverwaltung. Ähnliche Vereine bestehen für die unverheirateten Arbeiterinnen, an welchen sich nicht selten die Frauen oder Töchter der Fabrikanten beteiligen. Das „Girls Pariour" der erwähnten Firma wird zudem von einer Reihe von Damen aus der Nachbarschaft besucht, welche die Mädchen für die Haushaltung vorbilden, insbesondere im Nähen, Schneidern, Stricken und Kochen Unterricht erteilen. Auch hier tragen die Mitglieder einen Teil der Kosten (1 Penny wöchentlich). Die Zusammenkünfte des „Pariours" sind belebt durch Gesang, Recitation und Musik und am Samstag finden Unterhaltungsabende statt. Ähnliche Fürsorge für die in der Fabrik beschäftigten Frauen und Mädchen scheint nicht wenig verbreitet. Wodurch unterscheiden sich diese Wohlfahrtsbestrebungen von denen der älteren Zeit? Während die letzteren von dem Arbeitgeber als solchem ausgingen und seine wirtschaftliche Überlegenheit über die Arbeiter zum Ausdruck brachten, ist der moderne Arbeitgeber auf diesem Gebiete lediglich ein Privatmann, dessen Beruf die Berührung mit dem Arbeiter erleichtert. Er wandelt jenen bei Gelegenheit der Universitätsbewegung erwähnten Männern nach, von deren Bemühungen um die arbeitenden Klassen die seinen in ihrem Wesen nicht verschieden sind. Wo der Arbeitgeber Menschenfreundlichkeit mit Verständnis der Zeit verbindet, wird wieder ein Verhältnis persönlicher Zuneigung zwischen ihm und den Arbeitern möglich, nachdem das alte patriarchalische durch die gewerk- vereinliche Organisation gebrochen worden ist. Gerade wo es sich um hochbezahlte, fest gegründeten Gewerkvereinen zugehörige Arbeiter handelt, habe ich Beispiele gegenseitigen Vertrauens gefunden, wie sie früher selten waren. Die Arbeiter von William Mather zu Salford, fast ausnahmslos dem — 201 — Gewerkverein der Maschinenbauer angehörig, hängen mit Verehrung an dem Chef der Firma, in welcher nicht wenige von ihnen von Jugend bis Alter ununterbrochen beschäftigt waren. Herr Mather erkennt das Bestehen des Gewerkvereins voll an. Er enthält sich besonderer Wohlfahrtseinrichtungen für seine Leute, hat dagegen auf dem Gebiete der Erziehung der Arbeiterbevölkerung überhaupt bedeutende Verdienste 1 . Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, wo sie n icht veralteter Natur und daher durch die Entwicklung gefährdet sind, bauen sich auf dem Boden politischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung auf. Zeitgemäfse Wohlfahrtsbestrebungen zielen nicht darauf, den Arbeiter in Abhängigkeit zu halten oder gar hinabzudrücken, sondern ihn, wo er noch nicht reif genug ist, zur wirtschaftlichen und geistigen Freiheit und dem Mitbesitz der nationalen Bildung emporzuheben, — Güter, welche die Zukunft ihm anweist 2 . 1 Für das Verhältnis dieses Arbeitgebers zu dem Gewerkvereiii ist folgendes bezeichnend. Die 22 Zweigvereine der vereinigten Maschinenbauer zu Manchester und Umgegend luden Herrn Mather zu ihrer Jahresversammlung ein, worauf dieser sein Nichterscheinen — er ist Parlamentsmitglied — mit folgenden Worten entschuldigt: „Ich brauche Sie meines Interesses an der amalgamierten Gesellschaft nicht zu versichern. Sie haben immer ein schlagendes Beispiel von Einigkeit und Eifer geboten in der Beförderung der Interessen unseres edlen Berufes. Als ein Arbeitgeber war es mir stets ein Vergnügen, Mitgliedern Ihres Vereins zu begegnen. —" 2 Als in neuester Zeit in England Ausdehnung findend ist die Gewinnbeteiligung der Arbeiter, d. h. Auszahlung eines sogenannten Bonus am Ende des Geschäftsjahres entsprechend dem erzielten Gewinn zu erwähnen. Bestimmte Klassen von Arbeitern, insbesondere die Vorarbeiter, erhalten häufig einen solchen Bonus, so z. B. bei Mather, bei Cassell (Verlagsdruckerei), Blundell, Spence & Co. (Limited), Bourroughs, Wellcome & Co., Curtis & Co. (Limited), Hamilton & Co. (Limited), Hazell, Watson & Viney (Limited), Waterlow & Sons (Limited). Vergl. Industrial Remuneration Conference S. 251 ff. Cassel 1885. Dieser Art der Bezahlung, welche die Leistungen der Arbeiter erhöhen soll, stehen die Gewerkvereine mifstrauisch gegenüber. In der That wird sie vielfach mit 202 — II. Die Fabrikgesetzgebung L Eine Geschichte der englischen Fabrikgesetzgebung, welche wir leider noch nicht besitzen, ist nicht die Aufgabe vorliegenden Buches. Am allerwenigsten darf auf die Einzelheiten der gesetzlichen Bestimmungen eingegangen werden; vielmehr interessieren hier ausschliefslich die treibenden Kräfte dieser ersten Arbeiterschutzgesetzgebung, welche in denjenigen Ländern, die später zur Grofsindustrie übergehen, in ähnlicher Weise auftreten und gleiche Widerstände zu überwinden haben. Auch in dieser Beziehung ist die englische Entwicklung vorbildlich. Den Einzelheiten der gesetzlichen Regelung kommt dagegen ein solches allgemeines Interesse nicht zu. Da seit 1832 die gewerblichen Arbeitgeber die herrschende Klasse im Staate sind, so gewährt diese Untersuchung zugleich einen Einblick in den Wechsel ihrer Stellung zum Arbeiterschutz sowie zur Arbeit überhaupt. Obgleich während der ersten Jahrzehnte der Agitation für die Gesetze ein grofser Teil der Arbeitgeber dieselben bekämpfte, viele auch die Gesetz gewordenen Bestimmungen in ihrer Ausführung zu hindern suchten, so ist es doch von vornherein sicher, dafs dieser Widerstand kein geschlossener gewesen ist. Wenn daher Marx mit glänzenden Worten den Feldzug schildert, welchen das Kapital gegen die Fabrikgesetze geführt habe, so ist, die dem Zweck eingeführt, die Arbeiterorganisationen zu sprengen, so z. B. die geplante Einführung sogenannter Gewinnbeteiligung seitens der Londoner Pferdebahngesellschaften, welche den mit ganz besonderen Schwierigkeiten kämpfenden Gewerkverein ihrer elenden Arbeiter vernichten soll. 1 Vorliegender Abschnitt beruht in seinem geschichtlichen Teil aufser auf den gleichzeitigen Parlamentsdebatten und Berichten auf Alfred, Iiistory of the factory movement, London 1857. — 203 — Einzelheiten seiner Darstellung zugegeben, doch demgegenüber zu betonen, dafs ein Staat, der völlig in der Hand der Besitzenden war, die erste und noch heute in Europa wirkungsvollste Arbeiterschutzgesetzgebung geschalten hat, welche nach Marx selbst es verhinderte, dafs der Arbeiter sich durch freiwilligen Vertrag in Sklaverei verkaufe, die ihn vor Degeneration gerettet und seinen physischen Zustand beschützt habe 1 . Auch in der Geschichte der Fabrikgesetzgebung sind die oben angedeuteten drei Abschnitte der Entwicklung wahrzunehmen. Die ersten Fabrikgesetze ergehen unter dem Widerstande der grofsen Mehrzahl der Arbeitgeber; sie werden durchgesetzt auf Grund christlicher Vorstellungen und der Nachwirkung des eudämonistischen Polizeistaates durch die konservative Partei. Die wichtigeren Fabrikgesetze aus der Mitte des Jahrhunderts finden dagegen gewichtige Unterstützung auf Seiten der Arbeitgeber und zwar besonders derjenigen der fortgeschrittensten Grofsindustrien. Heute endlich hat die dritte Periode begonnen, in welcher der Schutz der Arbeit aus den Händen ihrer hochgeborenen Beschützer wie der wohlwollenden Arbeitgeber in die der Arbeiter selbst gleitet. Aber die Arbeiter, als sie zur Macht gelangten, fanden die Fabrikgesetzgebung bereits vor. Wir sahen daher oben, wie der parlamentarische Ausschufs der Gewerkvereine bisher lediglich kleinere Verbesserungen der bestehenden Fabrikgesetze herbeigeführt hat. Freilich liegt Weitergehendes in der Zukunft, so der Normalarbeitstag auch für erwachsene männliche Arbeiter. Unsere Aufgabe ist an dieser Stelle auf die beiden ersten Abschnitte der Entwicklung beschränkt. Die Geschichte der englischen wie die aller Fabrikgesetzgebung überhaupt wird 1 Marx, Kapital Bd. I, S. 253—298. — 204 — durch die Namen zweier Männer eröffnet, welche selbst unter die gröfsten Arbeitgeber ihrer Zeit zählten: Robert Owen und Sir Robert Peel. Diese Thatsache bereits widerlegt die Ansicht, als sei die Fabrikgesetzgebung von den Arbeitern erzwungen worden; denn dieselben waren im Anfange des Jahrhunderts noch ohne jeden Einflufs auf die Gesetzgebung. Während wir oben die phantastische Seite der Owenschen Weltverbesserungspläne berührten, ist hier darauf hinzuweisen, wie dieser Mann, der von tausenden von Arbeitern als der Prophet eines goldenen Zeitalters verehrt wurde, zugleich der erste Arbeitgeber war, welcher eine Interessengemeinschaft zwischen Industrie und Arbeiter thatsächlich zu verwirklichen versucht hat. In zahlreichen Schriften hat Owen entwickelt, dafs die Herabdrückung der Arbeiter, insbesondere die übermäfsige Kinderarbeit einen Verlust einmal für den Staat und die Eltern der Kinder bedeute, da jeder Shilling, den ein Kind in vorzeitiger Arbeit verdiene, der Verlust eines Pfundes Lohn im Mannesalter sei. Aber auch die Arbeitgeber verführen unwirtschaftlich, wenn sie, die bei toten Maschinen doch keine Kosten zur Vervollkommnung sparten, die Leistungsfähigkeit der lebenden Maschinen durch unvernünftige Kinderarbeit minderten. „Seit Einführung der unbelebten Triebkraft in britische Fabriken sind die Menschen mit wenigen Ausnahmen als Maschinen zweiten und geringeren Ranges behandelt worden. Bei genügendem Nachdenken über den Gegenstand wird man finden, dafs der Mensch, selbst lilofs betrachtet als Werkzeug zur Hervorbringung des Reichtums, noch sehr verbessert werden kann" 1 . Das wichtigste aber an solchen Aufstellungen war, dafs 1 R. Owen, Letters to tlie owners and superintendents of manu- factories, 1813. Owen sie an der Hand der Thatsachen bewährte. In seinen Spinnereien hatte er bereits thatsächlich den Zehnstundentag durchgeführt; seine grofsartigen Erziehungsanstalten verfolgten den Zweck „einer Verbindung produktiver Arbeit mit der Erziehung der Kinder". Indem sich Owen auf diese Weise einen Arbeiterstand heranzog, wie er im damaligen England sonst noch unbekannt war, blühten seine Geschäfte und bestätigten seine Theorie. Die Spinnereien Owens zu New- Lanark, umgeben von einer Arbeiterstadt und mannichfachen Erziehungs- und Wohlfahrtsanstalten, waren weithin berühmt. Philanthropen besichtigten sie, Potentaten erkundigten sich nach ihrem Fortgange. Auch waren es die daselbst gemachten Erfahrungen, welche Owens Plan einer Neugestaltung der Gesellschaft auf Grund kommunistischer Gemeinschaften ver- anlafsten, wobei er vergafs, dafs die Erfolge, die er zu New- Lanark errungen, auf ausnahmsweisen Umständen beruhten: seiner eigenen Persönlichkeit, welche Liebe und Achtung in seltenem Mafse zu erzwingen wufste, und einem durch ihn herangebildeten, ganz aufsergewöhnlichen Arbeiterstande. That- sache aber bleibt, dafs am Eingange der Geschichte der modernen Produktionsweise überhaupt eine Grofsindustrieller steht, dessen Sorge für das Wohl seiner Arbeiter allen folgenden Zeiten um deswillen ein Beispiel sein kann, weil sie nicht Abhängigmachung, sondern geistige und körperliche Hebung und damit Steigerung der Produktionskraft der Arbeiter bezweckte. Sein Name wurde Tausenden von Arbeitern der eines Heiligen; Owen ist noch heute ein in Arbeiterkreisen beliebter Vorname. Owen war nicht der Schwärmer, als der er in Kreisen seiner Gegner dargestellt wurde. Sind hierfür schon Beweis seine geschäftlichen Erfolge, so zeigt sich dies auch darin, dafs er die Arbeitgeber wie Arbeiter seiner Zeit in ihrer — 206 — Mehrzahl für seine Pläne als noch nicht reif erkannte. Daher war er der erste, welcher eine Arbeiterschutzgesetzgebung in weitem Unifange forderte 1 . Owens Forderungen waren folgende: 1. ein Normalarbeitstag von 12 Stunden, in denen DA Stunden für Mahlzeiten und Erholung eingeschlossen sein sollten; 2. Verbot der Beschäftigung von Kindern unter 10 Jahren, während Kinder von 10—12 Jahren nicht über 6 Stunden täglich beschäftigt werden sollten; 3. Verbot der Beschäftigung von Kindern, welche nicht ein von allen Staatsbürgern zu erreichendes Minimum von Kenntnissen nachwiesen: Lesen, Schreiben, Rechnen und bei Mädchen auch Nähen. In enger Verbindung hiermit steht Owens Forderung des allgemeinem Schulzwangs. Seine Begründung dieser Vorschläge war eine wirtschaftliche, dieselbe, welche mehrere Jahrzehnte später die englischen Arbeitgeber mit einer Fabrikgesetzgebung aussöhnte: die Produktionskraft der Arbeiter werde durch Kinderarbeit vorzeitig gebrochen; durch Beschränkung der Kinderarbeit, durch Einführung des Schulzwanges schaffe man eine Arbeit, welche quantitativ vielleicht nicht weniger, qualitativ aber jedenfalls mehr leisten werde als die bisherige. Sollte aber durch Arbeiterschutzgesetze wirklich eine Verringerung der Gesamtsumme der Produktion eintreten, so bedeute dies für die Arbeitgeber nicht einen Nachteil, sondern eher einen Vorteil. Die Gesetze nämlich, welche Alle in gleicher Weise träfen und unehrliche Konkurrenz unmöglich machten, würden der Überproduktion und jenem mit ihr verbundenen Geist der Täuschung entgegenwirken, der sich in billigen und schlechten Waren und Niedergang der Preise äufsere, Gedanken, welche bereits den Wunsch andeuten, die Produktion 1 Vergl. u. a. R. Owen, Manufacturing System 1818 sowie R. Owen, Letter to the British employers 30. März 1816. — 207 — in allgemeiner Weise zu beschränken und der Aufnahmefähigkeit des Marktes anzupassen. Owens Ausführungen eilten ihrer Zeit weit voraus. Die erste Fabrikgesetzgebung ist aus ganz andern Beweggründen hervorgegangen. Sie betraf ursprünglich die Baumwollenindustrie 1 allein, wurde dann auf die Woll-, Leinen-, später die Seidenindustrie und erst von den Textilgewerben auf die übrigen Grol'sindustrien und zuletzt den Kleinbetrieb ausgedehnt. Nicht zwar diejenige Industrie, in der sich der gewerbliche Umschwung zuerst vollzog, nahm die Baumwollenindustrie gegen die Wende des Jahrhunderts einen solchen Aufschwung, dafs sie zuerst diejenigen Zustände in grofsem Umfange zeitigte, welche mit dem Aufkommen des Grofs- betriebes verbunden zu sein pflegen. Solange die Dampfkraft noch nicht in weitem Umfange angewandt wurde, waren es die hügeligen Gegenden des nördlichen England, an deren Wasserläufen jene ersten Baumwollenspinnereien entstanden, welche bei der Kleinheit und Unvollkommenheit der Maschinen auf Kinderarbeit angewiesen waren. Da die Zahl der Kinder der Nachbarschaft nicht genügte, so schlössen die Fabrikanten mit den Armenverwaltungen Südenglands Verträge auf Lieferung wohlfeiler Arbeit. Viele Wagenladungen solcher Armenkinder, Knaben und Mädchen von meist unter zehn Jahren, wurden auf die Weise nach den Sitzen der Baumwollenindustrie verschickt : „Lehrlinge", d.h. Arbeitskräfte, für deren Benutzung nichts zu zahlen war, die bei Auktionen als Inventar mit verkauft und als ein billiges und leicht zu ergänzendes Material schnell und rücksichtslos konsumiert wurden. Das Gesundheitsamt von Manchester protestierte bereits am 25. Januar 1 Das Gesetz von 1802, obwohl „cotton and otker mills" betreffend, fand fast ausschliefslich auf Baumwollenspinnereien Anwendung. - 208 — 1796 gegen diese Zustände, welche die ganze Nachbarschaft der Gefahr der ansteckenden Krankheiten aussetzten. Aus philanthropischen und christlichen Gesichtspunkten befürwortete der ältere Sir Robert Peel, welcher selbst grofser Baumwollenspinner und zur Zeit Parlamentsmitglied war, Staatseingriff zu Gunsten der Fabriklehrlinge. Beim Besuche seiner eigenen Fabrik, die gegen 1000 solcher Kinder beschäftigte, erklärt Peel selbst, sei er durch das ungesunde Aussehen und den verkrüppelten Wuchs derselben erschreckt worden; in einer Rede im House of Commons am 2. Juni 1802 sagt er ausdrücklich: „Der Hauptzweck, den ich mit Vorlage dieses Gesetzes verfolge, ist die Verbesserung der religiösen und sittlichen Erziehung der Kinder" P Das ebenfalls von Sir Robert Peel beantragte Gesetz von 1819 ist nichts als eine Anpassung der Bestimmungen von 1802 an den veränderten Stand der Industrie. Die Baumwollen- spinnerei war mit allgemeiner Einführung der Dampfkraft in die Städte gezogen, und war damit in der Lage, auf die Armenkinder, die allein das Gesetz von 1802 betraf, zu verzichten. Die Bevölkerung der Städte bot genugsam jugendliche Arbeitskräfte, welche von ihren Eltern in „freiem" Arbeitsvertrage verkauft, die erwachsene Arbeit verdrängten. Sir Robert Peel sprach bei dieser Gelegenheit den später vielfach wiederholten Satz aus, dafs „die grofse Anstrengung britischer Erfindungsgabe, welche die Maschinerie der Fabriken zu solcher Vollendung gebracht habe, statt in einen Segen in den bittersten Fluch für die Nation verwandelt wurde" 3 . 1 Das bezeichnete Gesetz bezog sieb lediglich auf die von den Armenvenvaltungen gelieferten Lehrlinge, für die es die Arbeitszeit auf 12 Stunden beschränkt, Nachtarbeit ausschliefst u. s. w. 2 Bezeichnend für Peel ist, dafs er Gegner der Koalitionsfreiheit war. Vergl. Brentano, Arbeitergilden der Gegenwart Bd. I, S. 119. — 209 — Aus eleu gleichen Gründen sind die weiteren Gesetze von 1825 und 1883 sowie die sie begleitende Agitation hervorgegangen. Träger dieser Bewegung sind nicht die Arbeitgeber, deren grofse Mehrzahl vielmehr jede Fabrikgesetzgebung noch auf das äufserste bekämpft, sondern Männer, die von christlicher Grundlage aus jene Goldgier bekämpfen, die unschuldige Kinder opfere. Ihre Hauptgegner erblickten sie in den Fabrikanten, den Liberalen, den Nationalökonomen. Richard Oastier war Konservativer der alten Schule („a Church and King tory of the old sort"); sein Wahlspruch waren die Worte: „Altar, Thron, Hütte". Sein Eintreten für die Fabrikgesetze erklärt er in folgender Weise. Wie die britischen Gesetze nach den Grundsätzen des Christentums auszulegen seien, so solle das Handeln des britischen Volkes ebenfalls durch jene beherrscht werden. Die Armen und Unterdrückten haben daher einen besonderen Anspruch auf Berücksichtigung seitens der christlichen Regierungen, insbesondere aber die Kinder. Diese Gedanken auf die gegenwärtige Gesellschaft anwendend folgert Oastier, dafs das Fabriksystem, welches die Armen sittlich und körperlich herabdrücke, insbesondere die Kinder in der grausamsten Weise ausbeute, gegen das Gesetz Gottes und daher gegen den Geist der britischen Verfassung sei. Auch stelle es den christlichen Arbeitgeber vor die Wahl, entweder dem gewissenlosen Unterdrücker es gleich zu thun oder durch den Mitbewerb jenes zu Grunde gerichtet zu werden. Die Verfassung eines christlichen Staates und das bestehende Fabriksystem seien daher „so entgegengesetzt wie Licht und Finsternis". Zuerst von seinen Feinden spottweise der „König" der Arbeiter genannt, wurde diese Bezeichnung sein Ehrenname. In der That glichen seine Agitationsreisen in späteren Jahren wahren Triumphzügen. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 14 — 210 — Oastier war seiner Sache leidenschaftlich ergeben; hierin lag der Grund seiner Volkstümlichkeit. Er spricht sich hierüber in folgender Weise aus: „Diejenigen, welche mich meiner Leidenschaftlichkeit wegen tadeln, sollten die tiefe, heilige und überwältigende Überzeugung von der Wichtigkeit bedenken, welche diese Sache in meinen Augen besafs. — — Ich sah meine jungen und hülflosen Nachbarn schrittweise zu Grunde gehen unter der Peitsche und dem Frohndienst eines Fabrikungeheuers. Ich hörte ihr Stöhnen, sah ihre Thränen und wufste, dafs sie sich auf mich verliefsen. Ich wurde von weinenden Müttern besucht, welche mir die blutenden Wunden ihrer Kinder zeigten und mich fragten: „Ist das gerecht, Herr? Ist es nicht genug, dafs diese armen Dinger durch die Arbeit getötet werden, während sie unser Brod verdienen ? Müssen sie dazu noch so geschlagen und getreten werden?" Ich sah erwachsene Männer, deren einzige Aufgabe es war, ihre Kleinen lange vor Sonnenuntergang nach der Fabrik zu tragen und sie lange nach Sonnenaufgang nach Hause zurückzubringen. Ich hörte die Flüche dieser Väter; sie waren laut und tief, von Gott registriert, nie vergessen". Man sieht, wie es entsetzliche Zustände waren, die Oastier zu seiner Agitation veranlafsten und wie der Grundgedanke derselben Schutz der Hülflosen war. Neben Oastier, dem Agitator, steht Sadler, der Wortführer der Bewegung im Parlament. Auch er war wesentlich von christlichen Beweggründen geleitet. So schreibt er am 20. November 1831 nach Annahme des Gesetzentwurfs von Sir John Hobhouse (1831), welcher die Arbeitsdauer für Personen unter 18 Jahren auf 12 Stunden herabsetzte und Nachtarbeit für Personen von 18—21 Jahren verbot: „Ich bin überzeugt, dafs die Zehnstundenforderung nie von denen aufgegeben werden kann, welche Kinder lieben und die Zu- Stimmung dessen zu erlangen wünschen, welcher der Kinder Freund war." Wie Oastier gegen die „blutdürstigen Fabriktyrannen" eiferte, welche sich „liberal" bezeichneten und für Befreiung der Negersklaven schwärmten, aber gegen ihre „weifsen Sklaven" weniger liberal seien als die westindischen Pflanzer, da letztere die Schwarzen doch zur Mannheit grofs wachsen liefsen, ehe sie sie verbrauchten, in ähnlicher Weise wendet sich Sadler gegen die Nationalökonomen, „diese Pest der Gesellschaft, die Verfolger der Armen", deren Lehren „zur Herabdrückung, zum Elend und zur Vernichtung der arbeitenden Klassen führen". Von gleichen Gesichtspunkten ging die grofse Mehrzahl der konservativen Vertreter der Fabrikgesetzgebung aus, so insbesondere Lord Ashley, der spätere Graf von Shaftesbury. Derselbe übernahm die Vertretung der Arbeiterschutzbewegung im Unterhause, nachdem Sadler in das reformierte Parlament nicht mehr gewählt war. Des Grafen von Shaftesbury jüngst veröffentlichtes Leben zeigt, wie auch ihn zur Teilnahme an der Bewegung christliche Beweggründe veranlafsten. Es ist daher hier auf ihn nicht weiter einzugehen, umsomehr als er die bekannteste Persönlichkeit aus der Geschichte der englischen Fabrikgesetzgebung ist. Für ihn persönlich handelte es sich zwar nicht um einen Angriff des Grundbesitzes gegen das Kapital und um Bache für die Reformbill; jedoch war dieser Gesichtspunkt für viele seiner Parteigänger ausschlaggebend und von grofser Bedeutung für die Bewegung. Während jener ersten Jahrzehnte der Agitation für Arbeiterschutz waren die Fabrikanten, d. h. die liberale Partei, mit wenigen Ausnahmen ihre Gegner. Es war die Zeit der unbeschränkten Herrschaft der klassischen Nationalökonomie, d. h. der Auffassung der wirtschaftlichen Vorgänge von einseitig kapitalistischem Standpunkt. In gutem Glauben pflich- 14* — 212 — tete man allgemein Behauptungen bei, wie etwa der welche Augustus Lee, ein Spinner aus Manchester, 1816 vor der Parlamentskommission abgab. Auf Grund langer Erfahrung in Baumwollenspinnereien sei seine Ansicht, dafs jeder Versuch, die freie Arbeit durch Gesetzgebung zu regeln, den schwersten Schaden denjenigen Klassen bringen würde, zu deren Gunsten er bestimmt sei. Die angeführten Mifs- stände, hervorgehend aus Verschiedenheiten des Geschicks, der Sorgfalt und der Geschäftsführung, würden ihre beste Heilung finden in den unmittelbaren Interessen der beteiligten Parteien, — — die Umstände der Industrie seien so verwickelt und verschiedenartig, dafs keine allgemeine Regel ausgedacht werden könne ohne einen sehr ungleichen Druck u. s. w. Hierzu kam natürlich Furcht vor Niedergang der Industrie, Flucht des Kapitals in das Ausland u. s. w. Es zeigte sich, wie weit Owens Urteil dem seiner Berufsgenossen voraus war. Die von den Gegnern der ersten Fabrikgesetzgebung vorgebrachten Einwände entsprechen bis in Einzelheiten hinein denen, welche später anderwärts bei gleicher Gelegenheit erhoben werden. Vorbildlich für diese Bedenken ist der von den Wollspinnereibesitzern zu Halifax am 5. März 1831 angenommene Beschlufs. Es werden darin folgende Gesichtspunkte geltend gemacht : eine Beschränkung der Arbeitszeit werde die Löhne mindern; bei grofsen Familien könnten die Eltern der Kinderarbeit nicht beraubt werden, ohne in Elend zu geraten; eine solche Gesetzgebung müsse zu Erhöhung der Produktionskosten und damit Steigerung der Preise führen, dadurch die arbeitenden Klassen selbst benachteiligen und lediglich den Mitbewerbern im Auslande Nutzen bringen; gesetzlicher Arbeiterschutz sei „unverantwortlich auf Grund der Humanität und der Arbeiterfreundlichkeit". Die — 213 — nicht zu leugnenden Mifsstände werden dem Wirken von Naturgesetzen zugeschrieben, für die niemand zur Rechenschaft zu ziehen sei. Die arbeitenden Klassen, heifst es, seien zur Zeit „der thatsächlichen Notwendigkeit freiwilliger (!) Arbeit durch die innere und äufsere Lage des Landes unterworfen, welche allein die gegenwärtigen, langen Arbeitsstunden verlangt und fordert". Der Führer des Widerstandes gegen die Fabrikgesetze, der Hauptvertreter jener „wissenschaftlichen Staatsmänner" der Zeit war Lord Brougham. Nach ihm ist Eigentumsschutz die einzige Aufgabe einer „erleuchteten Staatsregierung"; Arbeiterschutz bedeutet nach ihm eine ungerechtfertigte Einmischung in Nachfrage und Angebot, Beschränkung der Kinderarbeit zugleich eine solche in die Rechte der Eltern. Sicherlich aber waren nicht alle ihm beipflichtenden Fabrikanten guten Glaubens. Wie konnten Männer, welche als Friedensrichter oder Grafschaftsrichter Verurteilung wegen offenkundiger Gesetzesverletzung verweigerten, — dies geschah auch noch nach dem Gesetze von 1844 — sich auf die ehernen Naturgesetze berufen, welche alle Mafsregeln dilettantischer Staatskunst zu Nichte machten 1 ? Das gleiche gilt von solchen, die ihre Arbeiter zwangen, in eine Kasse zusammenzuschiefsen, aus der die den Unternehmer treffenden Geldstrafen wegen Gesetzesübertretung bestritten werden sollten 2 . 1 Hierher gehört das „Relayssystem", welche die Feststellung von Übertretungen des Gesetzes fast unmöglich machte. Vergl. Marx, Kapital Bd. I, S. 273, 283 ff. Irrtümlich sagt Marx S. 283, dafs die Zusammensetzung der über die Verletzung des Gesetzes von 1844 aburteilenden Gerichte widerrechtlich gewesen sei. Der Sir J. Hobhouse Act (1831), auf den er sich beruft, war durch das Gesetz von 1833 aufgehoben worden. 2 Bericht des parlamentarischen Ausschusses von 1832 § 7349. — 214 - Demgegenüber aber darf man nicht vergessen, dafs das Gesetz von 1833, welches die erste einigermafsen wirksame Malsregel war, indem hier zum ersten Mal die Einrichtung der Fabrikinspektoren auftritt , von dem reformierten Parlamente erlassen worden ist, in welchem die Bourgeoisie unbestrittenermafsen die Oberhand hatte. In der That waren schon damals eine Reihe von Fabrikanten Anhänger der Arbeiterschutzgesetzgebung. Nicht wenige von ihnen waren es als Konservative und aus christlichen Gründen, so z. B. John Wood, ein bedeutender Wollspinner aus Bradford, dessen Verdienst es war, Richard Oastier für die Sache der Fabrikgesetzgebung gewonnen zu haben. Bei Gelegenheit eines Besuches Oastiers machte ihn John Wood erst mit den Ausbeutungen bekannt, welchen die Kinder und jugendlichen Arbeiter ausgesetzt waren. In seiner eigenen Fabrik herrsche dreizehnstündige Kinderarbeit, während in denen seiner Konkurrenten vierzehn- bis achtzehnstündige nicht selten sei; er selbst gewähre 40 Minuten zu Essen und Erholung, seine Konkurrenten meist weniger, zum Teil müfsten die Kinder selbst während des Essens die Arbeit fortsetzen. Hierdurch sei er verhindert, seinerseits Milderungen eintreten zu lassen; aber er verpflichte Oastier auf die Bibel, „jenes Buch, in dem er täglich seine Verdammung lese", eine Bewegung zu Gunsten der Fabrikkinder in das Leben zu rufen. Ein durchaus andersartiges Element, an Stelle des Gefühls Verstandeserwägung, tritt in die Bewegung in der Person John Fieldens. Er ist der erste liberale Arbeitgeber, der gegenüber der die Linke des Hauses beherrschenden Lehre des Laissez-faire, wie sie von der Fabrikantenpartei vertreten wurde, Staatseingriff befürwortete — so Vorläufer jenes Umschwunges, der den Radikalismus des John Bright und die nationalökonomisehe Orthodoxie Cobdens heutigen Tages zum — 215 — Soeialismus hinüberführt. John Fielden von Todmorden in Lancashire war als junger Mensch noch selbst in der Fabrik seines Vaters als Arbeiter beschäftigt gewesen. Er hatte sich sodann zu einem der gröfsten Baumwollenspinner Englands emporgearbeitet. In allen Märkten der Welt waren seine Baumwollenwaren bekannt und der Name Fielden gleichbedeutend mit Ehrlichkeit und mutigem Unternehmungsgeist. So kannte er einerseits die Arbeit, wie sie damals in den englischen Spinnereien üblich war, aus eigener Erfahrung; gegenüber der Behauptung seiner Berufsgenossen, dafs dieselbe weder zu lang noch zu ermüdend sei, konnte er darauf hinweisen, wie erschöpft er sich selbst als Knabe nach nur zehnstündiger Arbeit gefühlt habe. Andererseits aber behauptete er auf Grund vierzigjähriger Erfahrung und eingehend aufgestellter Berechnungen, dafs die Verkürzung der Arbeitszeit die unabweisliche Bedingung für den weiteren Erfolg der Baumwollenverarbeitung sei. Sein Hauptgrund hierfür ist Beschränkung der Überproduktion, welche die Preise so sehr herabgedrückt habe, dafs sie dem Arbeitgeber keinen Gewinn, dem Arbeiter Entbehrungen, dem ausländischen Verbraucher aber allein Gewinn brächten. Die Verlängerung der Arbeitszeit und die damit zusammenhängende Herabdrückung der Löhne beraube ferner die englischen Arbeiter ihrer Konsumtionsfähigkeit, während sie doch in erster Linie die Abnehmer der heimischen Industrie sein sollten. Gehe das gegenseitige Unterbieten in den Preisen der Industrieerzeugnisse durch Druck auf die Arbeit so weiter wie in den Jahren von 1815—1832, so sei der Ruin sicher. Fielden wurde 1832 bei der ersten Wahl auf Grund der Reformbill von dem neugeschaffenen Wahlflecken Oldham, dem Sitze der Baumwollenindustrie, in das Parlament gewählt. In gleicher Weise kamen einige weitere liberale Befürworter der Fabrikgesetzgebung seitens benachbarter, ebenfalls rein industrieller und liberaler Wahlflecken in das Parlament, bei welchen Wahlen doch die Fabrikanten die Entscheidung allein in der Hand hatten. Wie es die Arbeitgeber der fortgeschrittensten Grofsindustrie waren, so stellten sich unter ihnen zuerst wieder die gröfsten Unternehmer, welche mit den besten Maschinen arbeiteten, auf Seite des gesetzlichen Arbeiterschutzes. Sodann aber waren die Baumwollenfabrikanten, welchen die ersten Schranken auferlegt waren, bemüht, dieselben auf die übrigen Textilgewerbe zum mindesten auszudehnen. Es zeigte sich, dafs auf dem Gebiete der Arbeiterschutzgesetzgebung lediglich die ersten Schritte schwierig sind, während die eigenen Interessen der Betroffenen zur Fortsetzung drängen. So hatte sich z. B. bereits vor Erlafs des Gesetzes von 1838 in Manchester ein Verein von Baumwollenspinnern gebildet, welcher die gerichtliche Verfolgung der Übertreter der Fabrikgesetze bezweckte — eine Mafsregel der grofsen und in der Öffentlichkeit der Stadt arbeitenden Unternehmer gegen die kleineren und abgelegeneren Fabriken des platten Landes. Um dieselbe Zeit waren die Wollen-, Flachs- und Seidenverarbeiter fast durchweg noch Gegner der Fabrikgesetze und zwar in der angeführten Ordnung, sodafs die Wollfabrikanten, deren Betrieb am meisten Grofsindustrie war, den geringsten, die Seidenfabrikanten, deren Betriebsweise den Verbesseinngen der Maschinerie am langsamsten folgte, den heftigsten Widerstand leisteten. So waren auch die Wollspinner Bradfords die ersten, welche mit den Baunr- wollenfabrikanten Lancashires behufs Ausdehnung der Fabrikgesetze in Verbindung traten. Am 22. November 1830 fafsten die Vertreter der 23 gröfsten Wollspinnereien in Bradford den Beschlufs, bei dem Parlament um Beschränkung der Arbeitszeit 1 für ihr Gewerbe einzukommen. Der Briefwechsel, welcher in dieser Angelegenheit zwischen den Industriellen Bradfords und Lancashires geführt wurde, erinnert durch seine Wertlegung auf die Beschränkung der Produktion bereits an die Kartellverabredungen der Folgezeit. — Das angeführte aber widerlegt die oft gehörte Ansicht, dafs die Ausdehnung der Maschinerie den Arbeiter schädige. Vielmehr sehen wir hier und werden wiederholt sehen, dafs die technisch fortgeschrittensten Industrien die dem Arbeiter günstigsten Verhältnisse aufzuweisen pflegen. Das Gesetz von 1833 2 , welches alle Textilgewerbe betrifft, kam also schon nicht ohne die Zustimmung einer gewichtigen Minderheit der Arbeitgeber zu Stande und wurde von einer liberalen Regierung erlassen. In den Jahren zwischen 1833 und 1847 liegt die berühmte Agitation für das Zehnstundengesetz, d. h. für eine Beschränkung der Arbeitszeit für alle Frauen und jugendliche Arbeiter auf 10 Stunden —• eine bessere Antwort der herrschenden Klassen auf die in jenen Jahren ihre Höhe erreichende socialrevolutionäre Arbeiterbewegung, als es ein Repressivgesetz gewesen wäre. Konservative Richtungen wirkten damals mit den fortgeschrittensten Teilen der liberalen Fabrikantenpartei zusammen. Aber als dieses Ziel nach der Etappe von 1844 im Jahre 1847 erreicht wurde, da war es ein liberaler Fabrikant, John Fielden, der das Gesetz beantragte, und das konservative Kabinet des 1 Man sprach gewöhnlich von der Beschränkung der Arbeitszeit im allgemeinen, während man lediglich die Arbeitszeit der Kinder, Unerwachsenen und Frauen im Auge hatte. Für die Textilgewerbe, welche von Kinderarbeit abhingen, war der Unterschied jedoch lediglich formell. 2 Dieses Gesetz verbietet die Nachtarbeit für Personen unter 18 Jahren; ferner führt es ein Arbeitermaximum für Kinder (9—13 Jahre) von 48 Stunden wöchentlich und für jugendliche Arbeiter (13—18 Jahre) von 69 Stunden wöchentlich ein. Erleichterungen für die Seidenfabrikation. — 218 — jüngeren Peel, das es bekämpfte. So hatten sich die Zeiten geändert. Sämtliche Vertreter der wichtigsten Industrieorte Lancashires, d. h. nach dem damaligen Wahlsystem die Vertreter der dortigen Arbeitgeber, liberal oder radikal in ihren politischen Ansichten, waren jetzt auf Seiten der Fabrikgesetzgebung; aufser John Fielden thaten sich besonders die Parlamentsmitglieder Botherton für Salford und Hindley für Ashton hervor, welche selber grofse Baumwollenfabrikanten waren. Die Agitation für das Zehnstundengesetz hat auf das ein- flufsreichste die Einlenkung der soeialrevolutionären Bewegung in friedliehe Bahnen befördert. In jenen stürmischen Versammlungen, welche während der dreifsiger und vierziger Jahre in den Industriebezirken Nordenglands von den Vertretern des Arbeiterschutzes gehalten wurden, begegneten sich zum ersten Mal Arbeiter und Arbeitgeber auf dem Boden gemeinsamen Interesses. Mochte die Sprache seitens der Arbeiter häufig noch heftig sein und noch mehr die ihrer nicht dem Arbeiterstande angehörigen Führer, so war doch der Gegenstand, um den es sich handelte, für die Arbeiter zu sehr von Lebensinteresse, als dafs sie sich hätten fern halten können, wie es einer soeialrevolutionären Politik entsprochen hätte. Bei einer dieser Gelegenheiten zu Leeds am 9. September 1837 drückte ein Redner, der Reverend Stephens, die Bedeutung der Versammlung dahin aus, dafs sie nach bisher herrschendem Klassenkampfe zum ersten Male „eine Zusammenkunft von Spinnereibesitzern, Aufsehern und Arbeitern darstelle, welche über die gemeinsamen Interessen aller beraten wollten". In der Bewegung zu Gunsten des Zehnstundentages wurde so weit mehr als in der nebenhergehenden für Abschaffung der Konizölle, der Grund zu jenem Bündnisse zwischen den Liberalen, d. h. den Arbeitgebern und den Arbeitern — 219 — gelegt, auf welchem sich der sociale Friede Englands gegenwärtig in erster Linie aufbaut. Die Möglichkeit dieser Verschmelzung beruht allein auf der zuerst innerhalb der Kreise der englischen Arbeitgeber und später auch der Arbeiter sich verbreitenden Überzeugung von der Gemeinsamkeit der Interessen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber nicht zwar als einzelner Personen, wohl aber als der zur Güterproduktion zusammenwirkenden Gesamtheiten. Wie anders klingen nun die Gründe, die für den Arbei- terschutz geltend gemacht werden, als jene der ihn früher befürwortenden Konservativen, die womöglich das Fabriksystem selbst auszurotten bestrebt waren. Eine der besten Begründungen, welche überhaupt vom Standpunkte der Arbeitgeber aus für die Arbeiterschutzgesetzgebung geltend gemacht werden kann, enthält ein Schriftstück, welches von zwei einflufsreichen Arbeitgebern Yorkshires, den Herren W. Walker und W. Rand, als Antwort auf die Einwürfe verfafst wurde, die ihnen der Minister entgegenhielt, als sie ihm in Angelegenheit der Fabrikgesetzgebung aufwarteten. Es datiert vom 16. November 1841 (angeführt bei Alfred). Die in erster Linie erhobenen Einwürfe, grundsätzliche Verwerflichkeit des staatlichen Eingriffes in den Arbeitsmarkt und die Rechte der Eltern, werden nicht mehr als ernst behandelt und ihnen lediglich entgegengehalten, dafs bereits durch die bisherige Fabrikgesetzgebung der Grundsatz der Nichteinmischung gebrochen sei. Es wird sodann kurz auf die Notwendigkeit gesetzlichen Arbeiterschutzes aus sittlichen und gesundheitlichen Gründen eingegangen. Des weiteren aber folgt eine Auseinandersetzung über die Interessen der Arbeitgeber an der geforderten Gesetzgebung. Es stehe fest, dafs zwölf Stunden täglich das ganze Jahr hindurch nicht gearbeitet werden könne, indem sonst Überproduk- — 220 — tion allen Gewinn hinwegschwemmen müsse. In den letzten sieben Jahren sei auch thatsächlich die Arbeitszeit von zehn Stunden durchschnittlich nicht überschritten worden. Wenn nun diese Durchschnittszahl statt durch den Wechsel iiber- mäfsiger Arbeit und erzwungenen Stillstandes dadurch erreicht werde, dal's der Staat für alle Produzenten eine Grenze der Arbeitszeit festsetze, so müsse dies die Märkte regel- mäfsiger machen, die Preise höher halten und vor allem dahin wirken, die jähen Geschäftsschwankungen zu mildern. Sollte aber als Folge der Gesetzgebung auch eine Steigerung der Produktionskosten eintreten, was von vielen bezweifelt werde, so würde dieser Nachteil gegen den soeben besprochenen Vorteil gering sein; denn diese Steigerung würde jedenfalls nicht in das Gewicht fallen gegenüber den Preisschwankungen, welche heute häufig ein einziger Markttag bringe. Für den Arbeiter würden ferner die Vorteile einer Beschränkung der Arbeitszeit grofs sein. Der Einwand, dafs sie Lohnherabsetzung erleiden würden, sei schon deshalb nichtig, weil ja die Durchschnittszahl der Arbeitsstunden dieselbe bleiben und nur der Wechsel von Überarbeit und Arbeitlosig- keit verringert werden würde. Dieser Wechsel aber sei das, was am meisten einer Hebung des Arbeiters im Wege stehe. Es sei sogar denkbar, dafs die Fabrikgesetzgebung durch Steigerung der Nachfrage nach Arbeit vielleicht auf die Löhne steigernd wirken könne. Keineswegs aber würde eine solche Wirkung dem Arbeitgeber zum Nachteil gereichen. Alles nämlich, was den Arbeiter hebe, diene auch dem Arbeitgeber. Der wichtigste Vorteil der englischen Industrie über den ausländischen Mitbewerber bestehe darin, dafs sie die „geschickteste und fleifsigste Arbeit auf dem Erdball" besitze. Hierauf beruhe, dafs die Produktion in England billiger sei als auf dem Festlande, und daraus lasse sich folgern, dafs eine durch — 221 die Fabrikgesetze etwa verursachte Steigerung der Löhne, vermöge der mit ihr zusammenhängenden Verbesserung der Arbeit eine Vermehrung der Produktionskosten nicht zur Folge haben werde. Dieser letztere Gesichtspunkt, der des Interesses der Arbeitgeber an der Hebung der Arbeiter, taucht hier neben dem Wunsche nach Beschränkung der Produktion zum. erstenmale in dem Gebiete der praktischen Politik auf, wie er von Owen bereits vor dreifsig Jahren entwickelt war. Die Zehnstundenbewegung fand in den Gesetzen von 1844, 1847 und 1850 ihren Abschlufs; das letztere Gesetz hatte den Zweck, die zahlreichen, strafrechtlich nicht zu fassenden Umgehungen des früheren Gesetzes durch das sogenannte Relayssystem zu beseitigen 1 . Die Gesetzgebung wird seit der Mitte des Jahrzehnts von den Textilgewerben auf andere Gewerbe ausgedehnt (insbesondere Extension Act and Workshop Regulation Act 1867), eine Entwicklung, welche hier nicht interessiert, da die treibenden Kräfte dieselben bleiben. Immer wieder begegnet man der Erscheinung, dafs die grofsen Betriebe den Arbeiterschutz willig annehmen, während die kleineren und insbesondere noch die halb handwerks- mäfsigen heftigen Widerstand leisten. 1878 wird die ge- P sarnte Gesetzgebung kodifiziert. Wenn man aber so zu dem ersten wirksamen Arbeiterschutz in Europa gelangt ist, so beruhte das vor allem darauf, dafs man zuerst mit einer Sondergesetzgebung für die fortgeschrittenste, die socialen Schäden am frühesten zeitigende Grofsindustrie begonnen hatte und nur Schritt für Schritt vorwärtsgegangen war. Man 1 Das Gesetz führt an Stelle der gesetzlichen Arbeitszeit von zehn Stunden für die durch dieselbe betroffenen Personen einen gesetzlichen Arbeitstag von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends ein, innerhalb welcher Zeit Mahlzeitspausen im Gesamtbetrage von P/a Stunden gewährt werden müssen, aufserdem einen freien Samstag Nachmittag von 2 Uhr an. — 222 — teilte so die jeder derartigen Gesetzgebung entgegenstehenden Widerstände, indem man zuerst die Agrarier, sodann die Arbeitgeber der schon unterworfenen Industrien, die einen nach den andern, für die Sache benutzte. Auf dem Gebiete der Grofsindustrie sind heute die Arbeitgeber grundsätzlich für die Gesetzgebung gewonnen; fast in jeder Session des Parlamentes erfolgen Verbesserungen der bestehenden Bestimmungen und sorgen in einzelnen Punkten für die Weiterbildung und Anpassung der Gesetzgebung an die Fortschritte der Industrie. Nur der Unterschied gegen früher ist heute eingetreten, dafs seit den letzten 15 Jahren der Arbeiter, d. h. der parlamentarische Ausschufs der Gewerkvereine, die Weiterentwicklung der Fabrikgesetzgebung in der eigenen Hand hat. Das Bewufstsein des Interesses der Arbeit an dem Stande der nationalen Industrie hält von extremen Forderungen zurück. Die Furcht vor Schädigung des Gewerbes, von welchem sie abhängen, veran- lafste z. B. die Baumwollenarbeiter Lancashires jüngst gegen den gesetzlichen Achtstundentag zu stimmen. Daher ist auf diesem Gebiete auch in Zukunft nur ein schrittweises Vorwärtsschreiten zu erwarten, welches in vielen Industrien von dem Stande der Frage im Auslande abhängt ; ebenso sicher aber ist auf der anderen Seite, dafs ein Abschlufs dieser Gesetzgebung noch nicht ersichtlich ist. Insbesondere erscheint in der öffentlichen Meinung der Grundsatz schon stark erschüttert, dafs die Gesetzgebung nur zu Gunsten der Unerwachsenen und Frauen, nicht der erwachsenen Männer eingreifen solle. Anders liegt die Sache bei den Gewerben, welche noch nicht zum Grofsbetriebe übergegangen sind. So nützlich sich die Fabrikgesetzgebung für letzteren erweist, ebenso wirkungslos ist sie für handwerksmäfsige und häusliche Gewerbe. Hierin stimmen die Berichte aller Fabrikinspektoren überein. So — 223 — ist z. B. die Lage der Näherinnen, welchen in den Höhlen Ost-Londons „der Schweifs getrieben wird", heute genau dieselbe, wie zur Zeit Kingsleys in den vierziger Jahren, zur Zeit des Ausschusses der Lords, der 1855 über diese Frage safs, zur Zeit der Children Employinent Commission 1862 bis 1866. Auch ist hier keine Besserung zu erwarten, so lange die Betriebsweise dieser Gewerbe in den Wohnungen überhaupt fortbesteht. Die Gesetzgebung sowie die Arbeiterkoalitionen können liier daher viel mehr indirekt als direkt wirken. Denn jede durch sie herbeigeführte Steigerung in den Ansprüchen zu Gunsten der Arbeiter macht diese veralteten Betriebsweisen konkurrenzunfähig gegen den Grofsbetrieb, der seinerseits, vermöge seiner besseren wirtschaftlichen Organisation, diesen Ansprüchen genügen zu können bewiesen hat. Damit treten dann gesunde an Stelle von ungesunden Verhältnissen 1 . Der Mittelstand hungernder Sweater, aber auch der verhungernde Arbeiter verschwinden. An Stelle beider tritt eine behäbige Arbeiterklasse. Dagegen hat in der Grofsindustrie die Fabrikgesetzgebung die im Anfang des Jahrhunderts so schreienden Mifs- stände grofsenteils beseitigt. Die Wirkung der Gesetze von 1844 und 1847 erhellt aus folgenden Zahlen. In der Textilindustrie wurden 1835 56 903 Personen unter 13 Jahren, 1850 dagegen nur 40775 beschäftigt, eine Abnahme von gegen 27 % 2 . 1870 wurden in denselben Industrien von England und Wales 75 877 solcher Personen beschäftigt, 1 Die Einführung der Nähmaschine hat einen günstigen Einflufs sowohl auf den Gesundheitszustand als die Lohnverhältnisse der Näherinnen gewirkt. In den fabrikmäfsig betriebenen Anstalten, wo als Triebkraft vielfach Dampf verwendet wird, sind die Arbeitsräume gesünder und die Arbeitsstunden kürzer als bei den kleinen Meistern. Vergl. Die englische Fabrikgesetzgebung von Dr. Ernst Plener. Wien 1871. 2 Report of the Insp. o. F. 31. Oktober 1850 S. 15, 49. 1885 76091; in der Textilindustrie, auf welche die Kinderarbeit vorzüglich kommt, ist also die Zahl der beschäftigten Kinder in einem Zeitraum von fünfzehn Jahren unverändert geblieben, während die Zahl der erwachsenen Arbeiter in derselben Zeit um 14 Prozent gestiegen ist (von 907230 auf 1034261) P Dieses Ergebnis widerlegt die Behauptung von Engels und Marx, dafs notwendigerweise Kinderarbeit die der Erwachsenen verdränge. Hier wie in vielen Punkten scheint die Entwicklung des Festlandes der englischen heute entgegengesetzt, ein Widerspruch, der sich dann ausgleicht, wenn man den gewerblichen Zustand Englands vor fünfzig Jahren an Stelle des heutigen zur Ver- gleichung herbeizieht. III. Die Koalitionsfreiheit. Neben der Fabrikgesetzgebung geht eine zweite Entwicklung her, welche bei aller Wichtigkeit der ersteren für den socialen Frieden doch von weit gröfserer Bedeutung ist: die Stellung der gesetzgebenden Gewalt und der herrschenden Klassen zu den Verbündungen der Arbeiter. Auch hier lassen sich drei Abschnitte unterscheiden: während der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts Unterdrückung, sodann noch ehe die Reformbill die Arbeitgeber ans Ruder bringt, halbe, durch Strafgesetze verklausulierte Anerkennung, welcher Zustand sich während des Halbjahrhunderts erhielt, in welchem die Arbeitgeber die Macht allein in der Hand hielten (1825—1875). Sodann, da die Arbeiter, zunächst neben und als Verbündete der liberalen 1 Statistical Abstraft for the united Iüngdom 1888 S. 164, 165. — 225 — Arbeitgeber, politische Bedeutung erlangen, volle Anerkennung ihrer Organisation und Aufhebung aller benachteiligenden Bestimmungen. Verbündungen der Schwachen zum Schutze gegen die Starken sind so alt, wie die menschliche Geschichte. Das Mittelalter ist voll von solchen Verbündungen; die Zünfte entwickeln sich in dieser Weise gegenüber den Vollbürgern, wie später die Gesellenverbände gegenüber den Zünften. In denjenigen Gewerben, welche zuerst für den Export arbeiten und in denen "daher der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zuerst zu Tage tritt, finden sich bereits im vierzehnten Jahrhundert Gesellengenossenschaften zur Hochhaltung oder Steigerung der Löhne und ähnlichen Zwecken. Bereits in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts finden sich in der Wollenweberei Arbeitseinstellungen, welche, wie Brentano bemerkt 1 , sich nur durch die Zeit von denen des neunzehnten Jahrhunderts unterscheiden. In denjenigen Gewerben, welche am frühesten den handwerksmäfsigen Betrieb abstreifen, entwickeln sich zuerst die Verbündungen der Arbeiter. Wie hervorgehoben, war das vorige Jahrhundert in England ebenso wie in Deutschland zum mindesten nicht ärmer an Arbeitseinstellungen als das gegenwärtige. Die Arbeitgeber erlangten damals eine ganze Beihe zum Teil höchst drakonischer Gesetze zur Unterdrückung der Arbeiterkoalitionen. Man nennt diese Gesetze in England die „Combination Laws", welche auf Petitionen der Arbeitgeber hin im Jahre 1800 durch das Gesetz 40 George III 106 ihren Ab- schlufs fanden. Dieses Gesetz macht das Verbot der Arbeiter- 1 Das Arbeitsverhältnis S. 73. Leipzig 1877. Über das Alter und die Entwicklung der Gewerkvereine vergl. Brentano, Arbeitergilden der Gegenwart Bd. I. v. Schulze-G-aevernitz, Zum soe. Frieden. II. 15 koalitionen allgemein 1 . Unter Gefängnisstrafe werden alle Übereinkünfte zwischen Arbeitern verboten, welche eine Erlangung von höheren Löhnen, kürzerer Arbeitszeit u. s. w. oder irgendwelche Kontrolle der Arbeitgeber bezwecken. In gleicher Weise wird der Versuch bestraft, durch Geldspenden, Überredung, Bitten, Einschüchterung oder andere Mittel zu verhindern, dafs ein Arbeitsloser in Arbeit trete, ein beschäftigter Arbeiter in Arbeit bleibe oder ein Arbeitgeber seinen Arbeiter in der ihm passend scheinenden Weise beschäftige. Lehrreich für derartige Versuche ist der Erfolg des Gesetzes, welches ausdrücklich die Arbeitseinstellungen beseitigen sollte. Die Arbeiterverbündungen, welche bis dahin grofsen- teils öffentlich gewesen waren, wurden nunmehr geheim. Unter der Herrschaft dieses Gesetzes dehnen sich Arbeiterorganisationen über ganz England aus. Noch heute lebt in den Arbeiterkreisen die Erinnerung an jene Zeit fort, in welcher man die Bücher des Vereins in der Haide versteckte und den Schwur der Geheimhaltung den Mitgliedern auferlegte. Zu gleicher Zeit wucherte ein wilder Klassenhafs der Arbeiter gegen die besitzenden und gesetzgebenden Klassen auf. Das junge Arbeitergeschlecht, welches unter der Herrschaft der Suppressivgesetze aufwuchs, wurde der Träger der social- revolutionären Bewegung des Chartismus. Die Kämpfe, welche nach wie vor mit dem Kapital geführt wurden, nahmen einen gewaltsamen Charakter an; da die Arbeiter wufsten, dafs sie unter allen Umständen das Strafgesetz verletzten, so verloren Sachbeschädigung, Körperverletzung u. s. w. für sie den Begriff besonderer Ungesetzlichkeit. Oft führten die Arbeitseinstellungen zu schweren Verbrechen; in Schottland 1 Ähnlich der von Napoleon 1810 erlassene Code penal art. 414 bis 416. — 227 — wie Lancasliire glichen sie nicht selten eigentlichen Aufstandsversuchen. Vorübergehend bestand in den Mittelpunkten der Industrie ein planmäfsiger Terrorismus, der durch blutige Mittel aufrecht erhalten wurde, so in Glasgow während der Jahre 1819 bis 1828. Aus jener Zeit stammt folgender Eid eines schottischen Gewerkvereins der von neu aufzunehmenden Mitgliedern zu leisten war: „Ich — — schwöre freiwillig zum allmächtigen Gott und vor diesen Zeugen, dafs ich mit Eifer und Schnelle ausführen will, soweit meine Kräfte gehen, jede Aufgabe und jeden Befehl, den die Mehrheit meiner Brüder auf mich legt, zur Beförderung unseres gemeinsamen Besten, wie z. B. die Bestrafung der Reichen 1 , Ermordung tyrannischer Arbeitgeber 2 , Zerstörung von Fabriken, dafs ich auch mit Freuden beitragen werde, diejenigen meiner Brüder zu unterhalten, welche infolge dieser Bestrebungen gegen die Tyrannei arbeitslos werden " 3 . Zur selben Zeit armierten viele Fabrikanten Lancashires ihre Fabriken mit Kanonen. Damals unter dem Ausnahmegesetz entstand in den Arbeitern jenes Gefühl ungerechter Behandlung seitens der herrschenden Klassen, welches Thomas Carlyle für den Grund aller gesellschaftsfeindlichen Bestrebungen erklärte und hier machte man zum erstenmal gegenüber der modernen Arbeiterbewegung die alte Erfahrung, dafs nichts zur Gesetzesverletzung so sehr reizt, als wenn sie im Scheine des Märtyrertums strahlt. Wo bereits unter der Herrschaft des Gesetzes von 1800 die Arbeitgeber ihren Kampf gegen die Arbeiterverbündungen 1 „nob" = Mann von Stande, Angehöriger der oberen Klassen. 2 Man vergl. Mary Barton by Mrs. Gaskell, wieder herausgegeben von Smith, Eider & Co., London 1890. 3 Vergl. Hansards Parliamentary Debates. N. S. Bd. XIII, S. 1402. 15* — 228 — freiwillig aufgaben, lagen die Verhältnisse günstiger, so z. B. im Druckereigewerbe, in dem bei einer Lohnstreitigkeit bereits 1816 die Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber ausdrücklich auf das Gesetz verzichteten, so dafs der Fall vom Verein zum Verein verhandelt wurde. In ähnlicher Weise bestanden die Vereine der Wollweber zu Leeds und Dewsbury während der Jahre 1819—1823 ganz offenkundig; Arbeitgeber wie Behörden vermieden, gegen sie einzuschreiten, indem die Verhältnisse in jenen Städten einen aufsergewöhnlich friedlichen Charakter trugen. Auch die Maschinenbauer besassen bereits damals eine ziemlich ausgedehnte Organisation. Der Vorwand, mit dem man das Koalitionsverbot verteidigte, war der, dafs das Gesetz das Arbeitsverhältnis regele und daher eigenmächtige Einmischung der Arbeiter in dasselbe nicht zu dulden sei. Dieser Vorwand fiel hinweg, als man 1814 das Lehrlingsgesetz der Elisabeth aufhob. Wenn man damals sich auf Adam Smith berief, so fiel es niemandem ein, dafs dieser, wie das Lehrlingsgesetz, so das Koalitionsverbot verurteilte. Auch Ricardo, der Mann des Laissez-faire, ist im Parlamente nie gegen letzteres aufgetreten, wenn man sich auch nach seinem Tode auf ihn im Interesse der Aufhebung berief. Erst die offenbare Unwirksamkeit des Verbots war es, welche seit Anfang der zwanziger Jahre den Gedanken an seine Aufhebung anregte. Dafs die Verbündungen der Arbeiter an sich ein verabscheuungswertes Ding seien, Arbeitsausstände eine Auflehnung gegen die bestehende Ordnung, ist der Grundton selbst der meisten die Aufhebung des Verbotes befürwortenden Reden. Niemand zweifelte, dafs die Unternehmer allein berechtigt seien, das Gewerbe einschliefslich des Arbeitsverhältnisses zu ordnen. Den Arbeiter als gleichberechtigte. Partei aufzufassen, lag der öffentlichen Meinung fern. — 229 — Trotzdem ist J o s e p h H u 111 e, auf welchen das Gesetz von 1824 zurückgeht, unter den ersten jener Männer des praktischen Lebens zu nennen, denen die Anbahnung des socialen Friedens zu danken ist. Damals gerade hatte man jenes gewalttätige Geschlecht von Arbeitern erzogen, welche sich in den folgenden Jahrzehnten zur revolutionären Partei organisierten. Aber ihren Kindern eröffnete Humes Gesetz den Weg, ihre Wünsche auf friedlicheren und, wie sie bald inne wurden, wirksameren Wegen zu verfolgen. Noch fehlte die richtige Diagnose der socialen Krankheit; aber indem man ein unvernünftiges Heilverfahren, Suppressivgesetze, wegen der steten Steigerung des Symptoms, des wuchernden Klassenhasses, aufgab, liefs man der Natur die Freiheit, den Gesundungs- prozefs herbeizuführen. Die in der Sitzung vom 1. März 1823 von P. Moore angeregte Aufhebung des Koalitionsverbotes, wurde von Joseph Hume im folgenden Jahre mit besserem Erfolge aufgenommen. Interessant sind die diesbezüglichen Verhandlungen. Als Grund zu Gunsten des Antrages wird betont, dafs das gesetzliche Verbot, weit entfernt die Zahl der Verbündungen zu vermindern, das Übel, das es verhindern sollte, bedeutend verschärft hätte. Nur allzu oft, wenn man die Strafbestim- mungen angewandt habe, sei der Schade in letzter Linie auf die Arbeitgeber zurückgefallen 1 . Dafs man mit Aufhebung der Koalitionsverbote eine grundsätzliche Gleichstellung des Arbeiters nicht beabsichtigte, zeigt der wiederholte Versuch seitens der Redner, auf Grund des bestehenden gemeinen Rechtes eine kriminelle Bestrafung der Arbeiter wegen Vertragsbruches 1 Vergl. Hansards Debates. N. S. Bd. IX, S. 545 ff.; Bd. X, S. 147, 149. — 230 — zu konstruieren 1 . Von Seiten der Arbeitgeber erfolgten damals zahlreiche Petitionen gegen die Aufhebung des Verbots. Dafs sie nicht persönliche Aussagen vor dem mit Untersuchung der Frage betrauten Ausschufs machten, begründeten die Arbeitgeber aus Lancashire damit, dafs sie solche vermieden, um sich nicht der Rache der Arbeiter auszusetzen — Zeichen eines Zustandes des Terrorismus. Die Ergebnisse der Untersuchung des Ausschusses liefen dahin zusammen, dafs zur Zeit Arbeiterverbündungen über das ganze Reich verbreitet seien. Die auf Grund des Gesetzes von 1800 wie des gemeinen Rechts zahlreich vorgekommenen Verurteilungen hätten augenscheinlich Erfolg nicht gehabt. Schwere Gewaltthaten und Friedensbrüche seien häufig mit den Arbeitseinstellungen verbunden, aufruhrähnliche Erscheinungen mit den Versuchen der Arbeitgeber, die Verbindungen der Arbeiter zu sprengen. Das Gesetz habe nach der Ansicht vieler vernommener Zeugen von beiden Seiten die Wirkung gehabt, gegenseitiges Mifstrauen und Erbitterung herbeizuführen und jene Verbündungen dem Frieden der Gesellschaft in hohem Mafse gefährlich zu machen. Dafs als Ergebnis dieses Berichts Aufhebung des Koalitionsverbots anstatt der ebenfalls befürworteten Verschärfung erfolgte, giebt der socialen Entwicklung Englands die entscheidende Wendung. Das Gesetz von 1824 (5 George IV c. 95) hebt zunächst die statutarischen Koalitionsverbote auf, befreit sodann alle Arbeiter, welche sich zur Erhöhung der Löhne, Verkürzung der Arbeitsstunden, Verleitung zum Kontraktsbruch und zu Nichtannahme von Arbeit, ferner zu irgend welcher Regulierung der Betriebsweise eines Gewerbes verbinden, von 1 „Common law" ist das auf Gewohnheitsrecht und Gerichtsgebrauch beruhende Recht im Gegensatz zu dem „Statute law", d. h. dem seit Eduard III. entstandenen Gesetzesrecht. — 231 — allen Strafen, auch denen des gemeinen Rechts. Der dritte Teil des Gesetzes enthält Strafbestimmungen gegen die, welche oben bezeichnete und ähnliche Handlungen, z. B. auch die Aufrechterhaltung irgend welcher Vereinsstatuten, durch Gewalt, Drohung oder Einschüchterung begehen (violence to person or property, thread, intimidation). Unmittelbare Folge des Gesetzes war der Ausbruch einer Reihe gröfserer Ausstände, welche die öffentliche Meinung erschreckten. Der eigentliche Kampf um die Koalitionsfreiheit erhob sich daher erst nach ihrer gesetzlichen Anerkennung. Die Partei der Arbeitgeber sammelte sich im folgenden Jahre und verlangte unter der Begründung, dafs das Parlament übereilt vorgegangen sei, Erneuerung der abgeschafften Gesetze. Auch der jüngere Peel, welcher damals Staatssekretär war, erklärte, dafs etwas geschehen müsse, um dem Übel, das in thätigster Wirksamkeit sei, beizukommen: „diesen verabscheu- ungswürdigen Vereinigungen, welche Freiheit und Gedeihen der Industrie schwer beeinträchtigen". Ein Gegner des bisherigen Rechts sei er nur um deswillen gewesen, weil es sich als wirkungslos erwiesen habe; dagegen sei er durchaus dafür, dafs gegen diejenigen Arbeiter strafrechtlich vorgegangen werde, welche, sei es auch in sonst strafloser Form, zum Vertragsbruch aufforderten. Die Partei der Fabrikanten ging noch weiter. Sie stellte jede Verbindung von Arbeitern, welche, gleichviel mit welchen Mitteln, für andere ihr nicht angehörige Personen die Arbeitsbedingungen festzustellen suche, als einen Angriff auf die Freiheit des Individuums dar, welche das Gesetz schützen müsse. Man vergafs, dafs täglich die Freiheit jedes einzelnen durch oft sehr einschneidende Reaktion seiner Berufs- und Standesgenossen beschränkt wird. Kommt es doch allein darauf an, ob diese Reaktion, durch welche gewisse Regelungen des Lebens, insbesondere des Erwerbs, aufrecht — 232 — erhalten werden, durch erlaubte oder unerlaubte Mittel sich vollzieht. Mit Recht machte J. Hume geltend, dafs z. B. ein Rechtsanwalt, der weniger als das übliche Honorar nähme, ebenfalls von seinen Berufsgenossen geächtet werden würde, „made uncomfortable", wie die Gewerkvereinler in Beziehung auf diejenigen ihrer Genossen sagten, welche die vom Verein aufgestellten Lohnsätze unterboten. Das Gesetz von 1825, welches das vorjährige aufhob, war ein Kompromifs, in dem die Feinde der Koalitionsfreiheit die Übermacht hatten. Sie hatten zwar vergeblich es dahin zu bringen gesucht, mit der ganzen Schärfe des Gesetzes die Arbeiterverbündungen überhaupt hinwegzutilgen. Denn die Freunde des Gesetzes von 1824 konnten bereits darauf verweisen, dafs seit der Anerkennung der Koalitionen ein Schritt zur Aussöhnung der Gegensätze schon gethan sei. Man habe wenigstens keine geheimen und darum staatsgefährlichen Vereine mehr; sie seien offener geworden, ihre Mittel weniger gewalt- thätig. Bei Gelegenheit der Debatte fiel jenes in Beziehung auf die Arbeiterbewegung beherzigenswerte Wort: es sei der beste Beweis des Machtgefühls einer Regierung, wenn sie hier Milde und Mäfsigung übe. Trotzdem war bei Abfassung des neuen Gesetzes der Eintiufs der Fabrikanten überwiegend; ihre Petitionen wurden eingehend berücksichtigt gegenüber den Tausenden von Unterschriften der Arbeiterpetitionen. Während das Gesetz von 1824 die Koalitionen allgemein erlaubt und nur gewisse in Verbindung mit ihnen vorkommende Handlungen unter Strafe gestellt hatte, werden sie nunmehr wieder verboten unter Zulassung einer einzigen Ausnahme. Für den Fall nämlich wurden Arbeiter von der gesetzlichen Strafe befreit, „dafs sie allein zu dem Zweck zusammenkommen, um über die Löhne zu beraten und zu beschliefsen, welche die in den Versammlungen anwesenden — 233 — Personen für ihre Arbeit fordern sollten"; ebenso werden ähnliche Verabredungen über die Arbeitszeit gestattet. Dagegen wird ausdrücklich jeder Versuch, andere zur Arbeitseinstellung zu verleiten, für strafbar erklärt; denn wenn man scheinbar die Strafe an gewisse Voraussetzungen knüpfte: Anwendung von Gewalt, Einschüchterung oder Belästigung (molestation), so konnte man unter dem letzteren Ausdruck jedes andere Mittel, auf das die beiden ersten Bezeichnungen nicht pafsten, einbegreifen, sodafs die Organisierung eines Ausstandes eigentlich schlechthin strafbar wurde. Ebenso wurde der Versuch unter Strafe gestellt, einen Unternehmer zu zwingen, in irgend welcher Weise seine Geschäftsführung auch beziehentlich der Arbeiter einzurichten, insbesondere die Zahl der Lehrlinge zu beschränken 1 . Die angedrohte Strafe ist Gefängnis bis zu drei Monaten und wird auf dem Wege eines aufserordentlichen Verfahrens von den Friedensrichtern erkannt; das Zugeständnis einer Berufung gegen die Entscheidungen des Friedensrichters war um deswillen von geringer Bedeutung, weil die Berufung an die Quarter-Sessions ging, in denen das Element der Friedensrichter, d. h. in industriellen Grafschaften das der Arbeitgeber, ebenfalls überwog. Aufserdem trat, da das Gesetz von 1824 aufgehoben wurde, das gemeine Strafrecht wieder in Kraft und wurde mit seinen weit härteren Strafen auf Verschwörung in der Folgezeit vielfach gegen Gewerkvereine und Ausstände angewandt 2 . 1 Auch dieses Verbot ist allgemein, indem es an die vagen Bedingungen „violence to person or property, threads or intimidation, molesting or in any way obstructing another" geknüpft ist. 2 Als „Conspiracy" galt „a combination to injure an individual or a class otherwise than by a criminal or fraudulent act", eine Theorie, welche z. B. von Lord Bramwell 1867 imd Lord Esher 1872 angewand wurde. Heute ist die Theorie eine andere, so die Criminal Code Com- missioners 1878 und Justice Stephen in seinem „Criminal Digest": „con- — 234 — Wie sehr das Gesetz von 1825 ein Kampfgesetz war, zeigt seine Einleitung. „ in Erwägung, dafs die Koalitionen schädlich für Industrie und Handel, gefährlich der Kulie des Landes und ganz besonders zuwider den Interessen aller derer laufen, welche an ihnen beteiligt sind —Erreicht war im Vergleich zu dem Zustand vor 1824 lediglich die grundsätzliche Anerkennung, dafs es Verbündungen unter Arbeitern geben könne, welche gesetzlich erlaubt seien, obgleich fast alle Handlungen, um solchen Verbündungen Erfolg zu verschaffen, strafbar blieben. Trotzdem ist es der Rechtszustand des Gesetzes von 1825, unter welchem sich die englischen Gewerkvereine zu ihrer Bedeutung entwickelten, die sie gegen Beginn der siebziger Jahre einnahmen, ein Beweis, wie sehr es sich hier um eine Bewegung handelt, welche die Ungunst des Gesetzes nicht unterdrücken, sondern höchstens aus gesetzlichen Bahnen herausdrängen kann. Das Gesetz von 1825 befreite nur solche Arbeiter von der Strafe, welche zusammenkamen, um über die Löhne oder Arbeitsstunden der Anwesenden zu heschliefsen — wodurch bereits jede gewöhnliche Geschäftsführung eines Ge- werksvereins durch Beamte strafbar blieb. Ferner blieben alle Verabredungen anderer Art z. B. die, nicht in Gesellschaft bestimmter Personen zu arbeiten, andere Personen zur Arbeitseinstellung zu überreden u. s. w., auch soweit sich nur die Anwesenden verpflichteten, strafbar. Thatsächlich konnte kein Arbeiter irgend welche Handlung als Mitglied eines Gewerkvereins vornehmen, ohne sich eines Vergehens schuldig zu machen. Wie früher erfolgten bei jedem gröfseren Ausstand zahlreiche Verurteilungen, welche gewöhnlich weithin spiracy to injure otherwise than by fraud finds no place amongst crimes known to the law". Vergl. Law Quarterly Review, April 1890. — 235 — in den Arbeiterkreisen Bewegung hervorriefen. So waren es daher auch jetzt noch aufsehenerregende Verurteilungen, so z. B. die von sechs Arbeitern aus Dorchester zu siebenjähriger Deportation (1834), welche den bestehenden Klassengegensatz nährten und forterhielten. In ähnlicher Weise wirkte, dafs Veruntreuungen von Gewerkvereinsgeldern straflos blieben, da die Vereine in keiner Weise gesetzlich anerkannt waren. (Fall Hornby gegen Close 1866.) Bezeichnend ist, dals das Whig-Ministerium, welches mit der Reformbill die Arbeitgeber zur Herrschaft brachte, selbst diesen spärlichen Rest der Koalitionsfreiheit in Frage zu stellen drohte. Gerettet wurde derselbe durch seinen augenscheinlichen Erfolg, indem z. B. bereits ein parlamentarischer Aus- schul's im Jahre 1838 berichtete, dafs die Verbündungen der Arbeiter zwar sehr weit ausgedehnt, auch für die Arbeitgeber häufig sehr unbequem seien, trotzdem die Arbeitsausstände gegen früher einen friedlichen Charakter angenommen hätten, und nur in einigen Ausnahmsfällen noch zu Gewalttätigkeiten Anlals gäben. Die Durchschnittsauffassung jener Zeit betrachtete die Gewerkvereine als gesetzwidrige Verbündungen, welche die schwachen und unwissenden Arbeiter vergewaltigten, als das Erzeugnis von Agitatoren, die aus ihnen ihren Lebensunterhalt machten, und mit denen zu verhandeln den Arbeitgeber entehre. Nicht selten legten die letzteren als Sieger nach einem Lohnkampfe den Arbeitern die Bedingung auf, ihrem Ge werk verein abzuschwören, was natürlich die Vereine nicht sprengte, wohl aber die Arbeiter zur Unwahrheit und Heimlichkeit zwang. Am bekanntesten ist das den vereinigten Maschinenbauern nach ihrer Niederlage 1852 abgenommene Versprechen, ihren Verein aufzulösen, welcher thatsächlich mit — 236 — neuer Kraft auflebte und seitdem der kräftigste aller englischen Gewerkvereine wurde. Die gröfste Gefahr aber drohte den Gewerkvereinen zu zu Anfang der sechziger Jahre. Seitens einiger Sheffielder Gewerkvereine waren unter der Leitung eines gewissen Broadhead eine Reihe verbrecherischer Einschüchterungsversuche gegen Nicht-Gewerkvereinsarbeiter unternommen worden. Die öffentliche Meinung sah in diesen Verbrechen das Erzeugnis gewerkvereinlichen Geistes überhaupt. Die That- sache war, dafs die Arbeiterzustände der Sheffielder Gewerbe ganz exceptionelle waren — wurde doch die grofse Mehrzahl ihrer Arbeiter nicht älter als 30 oder 32 Jahre, in einzelnen Gewerben nicht älter als 28 1 — während andererseits diese Gewerbe aus eigentümlichen, unten zu erwähnenden Gründen einer starken Organisierung der Arbeiter ganz besondere Schwierigkeiten in den Weg setzen. Diese aus- nahmsweisen Verhältnisse hatten den Anlafs zu jenen Verbrechen gegeben. Man sprach in Presse wie Parlament offen die Ansicht aus, dafs die Sheffielder Vorfälle eine Verschärfung der Gesetzgebung und Unterdrückung der Koalitionen verlangten. Die Haupteinwände gegen die Gewerkvereine, durch welche die Arbeitgeberpartei ihrer Feindschaft ein theoretisches Gewand gab, waren immer noch die, dafs sie die Freiheit des einzelnen Arbeiters beschränkten und in die natürliche Regelung des Arbeitsmarktes durch Nachfrage und Angebot künstlich eingriffen. Wenn von den 800000 industriellen Arbeitern des Landes etwa 530000 diesen Vereinen angehörten, so sei dies ein Zustand weitgehender Tyrannei, den der Gesetzgeber nicht dulden dürfe. 1 Vergl. Brentano, Arbeitergilden I, S. 284. Aber die Zeiten waren seit 1825 andere geworden. Die Gewerkvereine verlangten selbst eine möglichst eingehende Untersuchung ihrer Verhältnisse, welche darthun würde, dai's sie mit jenen Verbrechen nichts gemein hätten. Infolge des von Carlyle ausgegangenen Anstofses waren damals den Arbeitern gewichtige Verteidiger erwachsen, so der Genossenschafter Thomas Hughes und vor allem der Positivist Frederic Harrison. Sie brachten die Ansicht zur Geltung, dafs die Gewerkvereine weit entfernt die Freiheit des einzelnen aufzuheben, den Arbeiter erst freimachten, d. h. ihn in die Lage brächten, an der Festsetzung der Arbeitsbedingungen wie ein anderer Verkäufer mitzuwirken, dafs sie erst die Voraussetzungen schüfen, von denen die Nationalökonomie bei Behandlung des Arbeitsverhältnisses ausgehe, dafs es daher die schreiendste Ungerechtigkeit sein würde, wenn man sie unterdrücken wolle, eine Ungerechtigkeit, die auch nur zu versuchen England von einem Ende zum andern in den blutigsten Bürgerkrieg stürzen würde, den es jemals gegeben habe. Dabei zeigten sie, dafs in den Gewerkvereinen die Keime für eine Neuordnung der Industrie gegeben seien, welche an Stelle der bestehenden Anarchie treten werde, und dafs, wo vereinzelt ein gewaltthätiger Geist noch in ihnen lebe, dies die Folge der bisherigen Unterdrückung sei. (Vergl. Bd. I, S. 421, Bd. II, S. 68.) Dazu kam dann noch das Werk von Thornton und im Anschlufs an ihn die Bekehrung von John Stuart Mill. In den Verhandlungen über die einzusetzende Kommission traten Ansichten zu Tage, welche auch auf Seiten der Arbeitgeber, und unter ihnen der besonders hervorragenden, einen ungeheuren Fortschritt gegen die Debatten der Jahre 1824 und 1825 bekunden. So vertrat bereits ein Grofs- industrieller und Arbeitgeber von 5000 Arbeitern, Sir Francis Crofsley, den Standpunkt, welcher allein die Grundlage des — 238 — socialen Friedens abgeben kann. Er gestand den Arbeitern das Recht zu, ihre Arbeit so gut als möglich zu verkaufen, wie ja auch die Unternehmer mit ihren Waren den besten Markt suchten. Wie bei Verkauf ihrer Fabrikate, so hätten die Arbeitgeber auch beim Kauf der Arbeit zu verfahren, d. h. mit der Gegenpartei zu verhandeln und Vernunftgründe mit Vernunftgründen zu begegnen. Nach seiner Meinung, sagte der Redner, seien die Kämpfe in der Industrie nicht weniger auf Fehler der Arbeitgeber wie der Arbeiter zurückzuführen. Wenn man nicht so sehr bestrebt wäre, die Preise der Arbeit zu drücken, und einen versöhnlicheren Geist zeigte, so würden weniger Ausstände und Gesetzesverletzungen zu beklagen sein. Auch dürfe man nicht zu viel von der Gesetzgebung erwarten, vielmehr könnten praktische Erfolge nur hervorgehen durch weise Mäfsigung der Arbeitgeber wie der Arbeiter in ihren persönlichen Beziehungen und gegenseitigen Verhandlungen. Wenn die Unternehmer mehr darauf sähen, die besten anstatt der billigsten Erzeugnisse hervorzubringen, so würden weniger Ausstände stattfinden. In den Parlamentsverhandlungen von 1870 und 1871 ist der Grund, weshalb aufgeklärte Arbeitgeber vollständige Legalisierung der Arbeiterverbündungen befürworten, bereits der, dafs man dadurch allein die kostspieligen Lohnkänipfe vermeiden und friedliche Beziehungen mit den Arbeitern herbeiführen könne. So sagt z. B. Mundella, dafs die Gewerkvereine, obwohl er die ihnen anhaftenden Schwächen wohl kenne, allein dem Arbeitgeber das Mittel böten, an die Arbeiter „en masse" heranzukommen, um mit ihnen zu verhandeln. Ein anderer Arbeitgeber, welcher seit vierzig Jahren einem Gewerkverein gegenübergestanden hatte, bestätigte, dafs in seinem Gewerbe, der Teppichfabrikation, soweit seine Kenntnis zurückgehe. Ausstände überhaupt nicht vorgekommen seien, sondern stets — 239 — alle Fragen durch friedliche Verhandlungen zwischen dem bestehenden starken Gewerkverein und den Arbeitgebern entschieden worden seien 1 . Andere weisen darauf hin, dafs Ausstände, durch welche sie geschädigt worden seien, deswegen ausgebrochen waren, weil die betreffenden Vereine der Arbeiter zu schwach organisiert und die Führer nicht in der Lage gewesen seien, den unverständigen Massen Halt zu gebieten. Auch werden Gewerkvereinler als die besseren Arbeiter gegenüber Nichtgewerkvereinlern bezeichnet. Daneben aber machten sich auf der anderen Seite noch die früheren Auffassungen vernehmbar. Es sei für den Arbeitgeber ein unwürdiges Verhältnis, mit dem Arbeiter zu verhandeln, unrichtig, ihn „en masse" zu behandeln. Das wünschenswerte sei ein persönliches Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und dem einzelnen Arbeiter und dieses hätten die Gewerkvereine zerschnitten. Die Untersuchungen der Kommission von 1867—1869 waren aufserordentlich eingehend; ihre Ergebnisse sind in sechzehn Bänden enthalten und durch das Buch Brentanos in Deutschland bekannt geworden. Sie waren den Gewerkvereinen günstig und bewiesen, dafs die vorgekommenen Ausschreitungen auf wenige und meist unbedeutende Vereine beschränkt geblieben waren. Auch zeigte sich, dafs das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter dort, wo keine Koalitionen bestünden, zwar nicht friedlicher, wohl aber für den Arbeiter schlechter, ja stellenweise hoffnungslos sei. Die Folge dieses Ergebnisses waren Anträge auf Legalisierung der Gewerkvereine und, nunmehr von vielen und bedeutenden Arbeitgebern unterstützt, die Gesetzgebung von 1871—1876. Die Stimmung des Parlamentes war in 1 Vergl. Hansarcls Deliates. Tliird Series. Vol. 205, S. 813. — 240 — auffallend kurzer Zeit umgeschlagen. Noch bei Einsetzung der Konnnission wurde vielfach die Notwendigkeit stärkerer Suppressivgesetze verteidigt. Wenn man wenige Jahre darauf die Koalitionsfreiheit in dem Umfange anerkannte, dafs der Arbeiter in dieser Richtung heute schlechterdings keine Wünsche mehr hat, so liegt der eigentliche Grund darin, dafs durch das Reformgesetz von 1868 die Arbeiter zu einer politischen Macht geworden waren, welche die liberale Partei nicht mehr vernachlässigen konnte. Wenn diese Partei im Anfange der siebziger Jahre durch mehrere Gesetze die Gewerkvereine legalisierte, so war dies der erste Schritt jener allmählichen Entwicklung, welche diese Partei in eine Vertreterin der Arbeit verwandelt und die Bildung einer besonderen Arbeiterpartei in der Art der deutschen Socialdemokratie bisher verhindert hat. Die Trades-Unions Acts von 1871 und 1876 gewähren den Gewerkvereinen, unter der Bedingung, dafs sie ihre Statuten registrieren lassen, diejenigen Rechte, welche den Friendly societies auf Grund früherer Gesetze bereits zustehen, d. h. die Rechte der juristischen Persönlichkeit. Sie können klagen und verklagt werden, Eigentum an Fahrnis und Liegenschaft besitzen und haben einen summarischen Prozefs gegen ihre Beamten wegen Veruntreuung. Aufserdem besitzen sie Erleichterungen beziehentlich der Vererbung von Gesellschaftsanteilen u. s. w. Das Gesetz von 1871 erfuhr durch das von 1876 weitere Ausgestaltung, welches ausdrücklich in Ubereinstimmung mit den Führern der Gewerkvereine erlassen wurde. Einmal erleichtert das Gesetz die Übertragung des in der Bank von England oder Irland angelegten Vermögens der Vereine auf neue Treuhänder (Trustees) für den Fall, dafs die bisherigen in Vermögensverfall und ähnliches geraten. Ferner dehnt das Gesetz den Gerichtsstand der — 241 — Gewerkvereine dahin aus, dai's sie nun nicht mehr blol's am Orte ihres Geschäftsmittelpunktes, sondern auch dort, wo eine Veruntreuung gegen sie begangen wurde, auf Schadenersatz gerichtlich vorgehen können. England ist von dem Grundsatze der Körperschafts- freiheit 1 heute thatsächlich nicht mehr weit entfernt— ein Sieg der socialen Rechtsauffassung über die individualistische, da diese letztere nur in ausnahmsweisen Fällen Mehrheiten von Individuen auf künstliche Weise durch Staatsakt die Rechtspersönlichkeit beilegt. In neuester Zeit wurde von englischen Juristen die Frage angeregt, oh nicht das Recht den letzten Schritt thun und jede Gesellschaft, welche auf formelle Weise, d. h. durch Eintragung, ihre Existenz darthue, als rechts- und vermögensfähig anerkennen solle. Der Friendly Societies Act von 1855 gab bereits dem Staatssekretär die Befugnis, auf weitere Zwecke aufser den vom Gesetze für die Friendly societies zugelassenen den Rechtsvorzug der juristischen Persönlichkeit auszudehnen. Diese Bestimmung, welche das Gesetz von 1875 wiederholte (Consolidation Act 1875, 88 und 39 Vict. cap. 60 sec. 8 [5]), hat thatsächlich zu wiederholten Ausdehnungen der Körperschaftsrechte geführt, so z. B. im Juli 1878 auf alle Gesellschaften zur Beförderung von Litte- ratur, Wissenschaft und Kunst. Die Bestimmungen sind in der That heute so weit gefai'st, dafs fast alle Vereine aufser solchen zu geschäftlichen Zwecken, für welche ebenfalls die weitgehendste Freiheit herrscht, durch einfache Registrierung jene Rechte erwerben können. Durch Übergang zur vollen Körperschaftsfreiheit würden die besondere Arten von Vereinen 1 Uber die Körperschaftsfreiheit als Forderung der germanistischen Rechtsauffassung vergl. Gierke an wiederholten Stellen, insbesondere auch sein Gutachten für den XIX. Juristentag (Verhandlungen B. II). v. Schulze-G aev ernitz, Zum soc. Frieden. IT. 16 — 242 — privilegierenden Gesetze, also auch die Gewerkvereinsgesetze hinfällig werden. Während so die den Gewerkvereinen gewährten Rechte auf Grund der neuesten Rechtsentwicklung kaum noch als Bevorzugung erscheinen, so ist festzuhalten, dafs der politische oder halbpolitische Charakter eines Vereins in England Anlafs zu besonderer Behandlung niemals geboten hat. Wenn man sich heute dem Grundsatze der Körperschaftsfreiheit nähert, so besteht seit Aufhebung der „combination laws" die Voraussetzung desselben, die Vereinsfreiheit. Selbst die social- revolutionäre Bewegung des Chartismus gab allein zur Bestrafung begangener Verbrechen Anlafs, und zwar zeitweise zu sehr strenger Bestrafung, nicht aber zur polizeilichen Überwachung und Unterdrückung verdächtiger Vereine. Die Voraussetzung der Vereinsfreiheit ist das Versammlungsrecht, insbesondere das der Versammlungen unter freiem Himmel, auf welche eine Massenbewegung angewiesen ist. Dieses Recht gilt seit jeher als Grundrecht des englischen Bürgers. Dadurch, dafs man den Versammlungen des Arbeiters ihre ungehinderte Entfaltung liefs, haben sie allmählich jene Sachlichkeit und Ordnung angenommen, welche festländische Beobachter in Staunen setzt. Dafs sie nicht immer so waren, beweist das über die Chartisten gesagte. Die Folgen dieses Zustandes liegen nicht fern. In Frankreich besteht die weitgehendste Aufsicht des Staates über die Vereine, deren Statuten durchweg der Genehmigung der Verwaltungsbehörden unterliegen 1 ; noch unter dem zweiten Kaiserreich war dort die Versammlungsfreiheit so wenig anerkannt, dafs man Versammlungen ausständiger Arbeiter häufig verbot und polizeilich auflöste. Frankreich hat damit 1 Gesetz vom 10. April 1834. Code penal art. 291. — 243 — die Fähigkeit der Selbsthülfe und das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit untergraben; seine Arbeiter erwarten alles vom Staate, welchen sie für allmächtig halten, die socialen Schäden, wirkliche wie eingebildete, zu beseitigen. Wenn der Staat jener Erwartung nicht entspricht, so mifst man die Schuld der bestehenden Verfassung bei. Man brauche diese nur zu ändern, d. h. die Staatsgewalt den Besitzenden zu entreifsen und in die Hand der Besitzlosen zu bringen, um ein goldenes Zeitalter heraufzuführen. Hierin aber besteht der Grund jener soeialrevolutionären Gesinnung, welche in dem Mafse heute die Völker Europas beherrscht, als der Staat die in Verbündungen sich äufsernde Selbsthülfe der Schwachen unterdrückt und damit die Zwischenglieder vernichtet, welche den einzelnen mit dem bestehenden verbinden. Andererseits aber wurden die altehrwürdigen Grundlagen der englischen Freiheit die Vorbedingungen für jene durchaus moderne Entwicklung, weiche statt zur Revolution zum socialen Frieden führt. Ein endgültiger Friedensschlufs freilich war erst möglich mit der Aufhebung jener Strafgesetze, welche die Ausübung der dem englischen Bürger zustehenden Freiheiten für den Arbeiter erschwerten. Es geschah dies durch den Criminal law amendement Act von 1871 und den Conspiracy and Protection of Property Act von 1875. Von den die Arbeiter- verbündungen bedrohenden Strafgesetzen erwähnten wir oben das von 1825. Ungünstiger aber noch als die statutarischen Bestimmungen war hier wie an anderen Stellen für den Arbeiter die von den richterlichen Beamten entwickelte gemeinrechtliche Doctrin. Jede Verbindung von Arbeitern zur Erhöhung der Löhne konnte danach, weil gegen das öffentliche Wohl gerichtet, als Verschwörung (conspiracy) bestraft werden. Die 16* — 244 — Eigentümlichkeit des englischen Strafprozesses bewirkte, dal's diese Theorie zwar nur in Ausnahmsfällen angewendet wurde, dann aber gerade in ihrer Unbestimmtheit als Verfolgung einer Klasse der Gesellschaft zu Gunsten der anderen empfunden wurde. Beschränkt wurden die statutarischen wie die gemeinrechtlichen Strafbestimmungen zuerst durch das Gesetz von 1871. Schon die vom Parlamente vorgenommene Ausscheidung des strafrechtlichen Stoffes aus dem die privatrechtlichen Verhältnisse der Gewerkvereine regelnden Gesetz ist für den Geist der Gesetzgebung bezeichnend. Man wollte auch den Schein vermeiden, als ob man gegen die Gewerk- vereinler Ausnahmebestimmungen erlasse. Trotzdem behaupteten auch jetzt noch die Verteidiger der Arbeit im Parlament, dal's der Arbeiter ungünstiger als jeder andere Bürger behandelt werde. Es sei zwar klar, dafs Zwang, so weit er mit ungesetzlichen Mitteln geübt werde, also auch der Zwang zur Arbeitseinstellung oder Nichtannahme von Arbeit, das Einschreiten des Strafgesetzes rechtfertige. Auch habe das Gesetz solche Fälle allein wohl im Auge gehabt; die Rechtsprechung jedoch habe diese Grenze überschritten, indem sie den vom Gesetz gebrauchten Ausdruck „coerce" als gleichbedeutend mit „veranlassen" auslegte. So wurde z. B. auf Grund des Gesetzes von 1871 ein Arbeiter von dem Polizeigericht in Hainmersmith verurteilt, welcher lediglich zum Ausstand auffordernde, gedruckte Aufrufe austeilte, also gewifs nicht einen auch sonst strafbaren Zwang, sondern lediglich eine für den gewöhnlichen Bürger straflose Beeinflussung anderer vornahm. Welche Empfindungen ein Ausnahmegesetz selbst in Arbeitern .wachruft, die wie damals die Gewerkvereine bereits voll auf dem Boden des Bestehenden standen, zeigen folgende Worte aus einer dem Ministerium — 245 — des Inneren März 1872 überreichten Denkschrift des Gewerk- vereinsausschusses: das Gesetz von 1871 sei gegründet auf die Annahme strafbarer Gesinnungen bei demjenigen bedeutenden Bruchteil Ihrer Majestät Unterthanen, welche unter dem Namen Gewerkvereinler bekannt seien, obgleich diese „so gesetzlich gesinnt seien wie jeder andere Teil Ihrer Majestät Unterthanen, sowohl gegenüber einer offenen als einer geheimen Verletzung des Geistes wie Buchstabens der Landesgesetze" 1 . Eine wirklich gleichmäfsige Behandlung der wirtschaftlichen Bestrebungen der Arbeiter mit denen der übrigen Bürger wurde gewährt durch den 1875 erlassenen „Conspiracy and Protection of Property Act". Ein Fallenlassen aller Strafbestimmungen und einfache Unterstellung aller in Verbindung mit Ausständen vorkommenden Handlungen unter das bestehende Strafrecht wurde selbst von den beiden bedeutendsten „Verteidigern der Arbeit", Thomas Hughes und Frederic Harrison, nicht gefordert. In ihrem dem Bericht der königlichen Kommission von 1867 beigegebenen Gutachten (Third Report Dissent LIII) sagen vielmehr die genannten Herren: „Die Politik, ausnahmsweise Strafen auf die arbeitende Bevölkerung als solche zu legen und so bei dieser Klasse ausnahmsweise Vergehen zu statuieren, scheint uns grundsätzlich verfehlt und seit lange aufser Ansehen gekommen. Nichts aufser einer aufsergewöhnlichen Gefahr für die öffentliche Sicherheit kann eine solche Anomalie rechtfertigen". Das Gesetz von 1875, welches das gemeine Recht wie das Gesetz von 1871 aufhebt, bemüht sich diese aufsergewöhnlichen Fälle einer öffentlichen Kalamität, von 1 Angeführt bei George Howell, Conflicts of Capital ancl Labour S. 308. — 246 — denen einer Schädigung wenn auch noch so gewichtiger Privatinteressen zu trennen und läfst im ersten Falle unter gewissen Umständen Bestrafung eintreten, jedoch nur unter der Voraussetzung des Vertragsbruchs. Liegt ein solcher nicht vor, so ist unter allen Umständen Strafe unmöglich. Gewöhnlich ist jedoch auch der Vertragsbruch straflos. Strafbar ist er nur dann, wenn er die Wasser- oder Gaszufuhr für eine Stadt abschneidet 1 (Abteilung IV) oder mit Bewufstsein der Wahrscheinlichkeit dieses Erfolges auf Seiten des Vertragsbrechers „in seinen Folgen, sei es allein, sei es in Verbindung mit anderen Umständen, menschliches Leben gefährdet, schwere Körperverletzung verursacht oder wertvolles Eigentum, bewegliches wie unbewegliches, der Zerstörung oder schwerer Beschädigung aussetzt". Strafbar bleibt ferner Einschüchterung, Belästigung und Überwachung anderer, wenn sie in der Absicht geschieht, sie zu einer Handlung oder Unterlassung zu zwingen, welche ihnen rechtlich freistellt; es ist bei dieser Strafbestimmung (Abteilung VII) das Wort „coeree" durch den engeren Ausdruck „compel" ersetzt, welches sich nur auf unmittelbaren Zwang anwenden läfst. Demnach können ausständige Arbeiter z. B. Wachen (picket) ausstellen, um sich zu vergewissern, wer zur Arbeit geht, oder um andere zur Einstellung der Arbeit zu überreden. Straflos ist also die Aufforderung zum Vertragsbruch. Strafbar wird die Handlung erst dann, falls die ausgestellten Wachposten nicht eine gütliche Überredung, sondern eine Zwangsausübung beabsichtigen, z. B. auch wenn sie in solcher Menge aus- 1 Daher der letzte Gasarbeiterausstand, weil diese Arbeiter eine kurze Kündigungsfrist haben müssen. Arbeitseinstellungen ohne vorhergehende Kündigung sind in England überhaupt selten; so erfolgte der grofse Kohlenarbeiterausstand Frühjahr 1890 durchweg nach Kündigung seitens der Arbeiter. — 247 - gestellt würden, dal's der Zugang zu der Arbeitsstätte erschwert oder unmöglich gemacht würde. Mit diesem Rechtszustande darf die geschilderte gesetzliche Entwicklung als abgeschlossen betrachtet werden, indem sich die Gewerkvereine selbst mit ihr einverstanden erklärt haben. Nun erst haben Verurteilungen die beabsichtigte Wirkung, nachdem sie nicht mehr von einer grofsen Klasse der Staatsangehörigen als Ungerechtigkeit empfunden werden. Wenn seitdem ausständige Arbeiter versuchten, andere zur Arbeitseinstellung gesetzwidrig zu zwingen, so haben wiederholt die Centraileitungen der Gewerkvereine nach TJnter- breitung des Falls seitens der Arbeitgeber die Zahlungen zur Führung des Ausstands an den Zweigverein eingestellt; in anderen Fällen haben sie die gerichtliche Verteidigung von Arbeitern abgelehnt, welche auf Grund eines ähnlichen Thatbestandes verfolgt wurden. Mit der Gesetzgebung von 1871—1876 ist auch der Grund des Mifstrauens gefallen, welcher bisher die Arbeiter von den oberen Klassen, insbesondere den Arbeitgebern trennte. Es ist wunderbar, in wie kurzer Zeit sich seitdem der Umschwung vollzogen hat, welcher aus den früher als staatsgefährlich geltenden Gewerkvereinen ein wichtiges und mehr und mehr ein- flul'sreiches Glied der liberalen Partei macht 1 . Nicht viel mehr denn zehn Jahre, seitdem die kapitalistische Presse die Austil- gung der Arbeiterverbündungen durch die Schärfe des Gesetzes verlangt hatte, waren vergangen, als der Schriftführer des parlamentarischen Ausschusses der Gewerkvereine, Herr Broad- hurst, ein Mann, der sich vom einfachen Maurer zum Vorsteher seines Gewerkvereins emporgearbeitet hatte, Unter- 1 Als politische Vertretung der Gewerkvereine ist das seit 1871 bestehende „Parliamentary Committee" anzusehen, welches an dem letzten Tage der jährlichen Gewerkvereinskongresse (seit 1868) gewählt wird. — 248 — Staatssekretär im Ministerium Gladstone (1880) wurde. Diese Thatsache ist mehr bezeichnend als alles andere für die nicht nur theoretisch ausgesprochene, sondern politisch wie gesellschaftlich verwirklichte Gleichberechtigung der Arbeiter. Der sociale Friede kann erst dann als geschlossen angesehen werden, wenn die Thatkraft und der Ehrgeiz der geistig und als Charaktere voranstehenden Arbeiter nicht mehr im Gegensatz zum Staate, sondern im Staate seine Befriedigung findet, wenn ihm die höchsten Staatsämter, welche die Regelung der Arbeit betreffen, offen stehen. Mit Stolz fühlt sich dann der Arbeiter als einen bedeutenden und mächtigen Bestandteil des Bestehenden 1 . Hiermit wird auch wieder ein persönliches Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter möglich, nachdem das alte Autoritätsverhältnis hinweggefallen ist. Freilich ist jede Spur von Abhängigkeit der Arbeiter geschwunden; die Beziehungen beider, soweit sie nicht rein wirtschaftlicher Natur wie die zwischen zwei Kaufleuten sind, tragen den Charakter eines politischen Bündnisses selbständig denkender Männer, welches auf Grund des gemeinsamen Interesses, nämlich der industriellen Gröfse Englands, und derjenigen Ideen abgeschlossen ist, welche heute in gleicher Weise den fortgeschrittenen Teilen der Arbeiter wie Arbeitgeber am Herzen liegen. Welcher Art dieselben sind, zeigt z. B. das Wahlprogramm eines 1 Es sei erlaubt hier eines Gespräches zu gedenken, welches ich vor der Börse zu Manchester, deren ungeheurem Gewühl ich soeben entronnen war, mit einer den Arbeiterkreisen angehörigen Persönlichkeit hatte. „Dort", sagte mein Begleiter, auf die Börse weisend, „hat die eine und ältere Macht Lancashires ihren Sitz. Dies aber", fuhr er fort, auf ein einfaches Geschäftsschild an einem der Nachbarhäuser deutend, welches anzeigte, dafs hier die Zeitung der Baumwollenarbeiter ihr Geschäftslokal hatte, „dies erinnert Sie an die andere, jüngere und in Zukunft wohl bedeutendere Macht Lancashires". — 249 — grofsen Arbeitgebers aus Manchester, dessen Wahl (Frühjahr 1889) in einem rein industriellen, von den Stimmen der Arbeiter abhängigen Wahlkreise vor sich ging. Der Kandidat erklärt darin, dafs er aus vollem Herzen ein Anhänger der Gewerkvereine sei, und den Glauben habe, dafs dieselben bei intelligenter Verfolgung ihrer Zwecke, zum Gedeihen der englischen Industrie beitrügen; er erklärt sich ferner für einen Freund der Mäfsigkeitsbewegung, welche in England mit der liberalen Sache verknüpft ist, einen Anhänger des Prinzips der Nichteinmischung in auswärtige Angelegenheiten, einen Befürworter der internationalen Schiedsgerichte und der Lösung der irischen Frage im Sinne der Decentralisation. Auch zeigt das Glaubensbekenntnis des Kandidaten jene socialistische Abtönung, welche früher bei einem liberalen Arbeitgeber in England unmöglich gewesen wäre. Er verlangt Eingriff des Staates zum Wohle der Massen, aber führt bezeichnenderweise nur das Beispiel der Volkserziehung an, für welche der Staat mehr als bisher in Thätigkeit zu setzen sei, insbesondere für die technisch gewerbliche Seite der Erziehung. Am Schlüsse wird auf das allgemeine Interesse hingewiesen, welches Arbeiter und Arbeitgeber verbindet; als Grofsindustrieller sei der Kandidat identisch mit den Interessen des Wahlkreises und der Wähler. Dafs aber heute mehr als ein kühl verstandesmäfsiges Bündnis, dafs wieder persönliche Bande zwischen Arbeiter und Arbeitgeber möglich sind, auch hierfür war mir der soeben erwähnte Wahlfeldzug ein Beispiel. Der Kandidat beschäftigt vorwiegend Arbeiter, die dem Gewerkverein der Maschinenbauer angehören. Bekanntlich ist derselbe einer der mächtigsten in England mit mehr als 50000 Mitgliedern und mehreren Millionen Mark Vermögen; seine Angehörigen rechnen zu den fortgeschrittensten Arbeitern, bei — 250 — denen jede Spur patriarchalischer Abhängigkeit geschwunden ist. In Ländern, wo die Arbeiterbewegung in staatsfeindliche Bahnen gedrängt ist, hätten diese Arbeiter wie ein Mann für einen Anhänger jener Richtung gestimmt. In England thaten sie sogar mehr, als für den Arbeitgeber zu stimmen, was man vielleicht auf ausnahmsweise Verhältnisse hätte zurückführen können. Es handelte sich nämlich um eine Wahl in einem anderen Wahlbezirke, als dem, wo der Kandidat seine Werke hat; in beiden waren die Maschinenbauer gleich stark vertreten. Damals nun trat die Centralleitung des Gewerkvereins, welche in London ihren Sitz hat, in der Person ihres Schriftführers, eines altbewährten Kämpen, der bis in die Chartistenzeit hinein stets unter den ersten in der Arbeiterbewegung gestanden hat, für die Wahl des Arbeitgebers ein. Sein Schreiben ist so bezeichnend für das, was auf dem Gebiete des socialen Friedens in England während des Jahrhunderts erreicht ist, wenn man es etwa mit jener oben abgedruckten Eidesformel vergleicht, in der sich die Arbeiter selbst zum Morde der „Fabriktyrannen" verpflichten, dafs ich es wörtlich wiedergebe. „In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben vom 9. März, erkläre ich, dafs Herr einer der besten Arbeitgeber in Lancashire ist, und dafs, wenn ich hundert Stimmen hätte, er sie alle haben sollte. Seine Firma war die erste, welche den neunstündigen Arbeitstag gewährte; während der letzten Geschäftsstockung hat sie keine Lohnherabsetzung vorgenommen und Herr .... erklärte mir, dafs er noch den Tag zu erleben hoffte, da die Arbeiter etwas mehr als die Löhne empfangen sollten 1 . Als 1 Bezieht sich auf den Plan einer Gewinnbeteiligung durch Verteilung eines Bonus. Ein Zeichen, dafs die Gewerkvereine durchaus nicht grundsätzlich gegen diese Art der Löhnung sind, zu welchem Mifs- verständnis der letzte Gasarbeiterausstand Anlafs gegeben hat. Vergl. oben S. 199. — 251 — Freund der Armen und Bedürftigen übertrifft ihn keiner und er ist einer der gröfsten Befürworter einer gesunden Erziehimg für die Kinder der arbeitenden Klassen aller Bekenntnisse. Ich spreche von Herrn , wie ich ihn seit fünfundzwanzig Jahren erfunden habe, als einen, der nach meiner Meinung stets das Gute zu thun sich bemüht hat. Indem ich ihm jeden Erfolg wünsche, bin ich Festländische Beobachter haben nun zwar behauptet, dals durch das Aufkommen der mit dem Namen John Burns bezeichneten Richtung der soeben geschlossene Friede bedroht, ja das Wiederaufleben einer socialrevolutionären Arbeiterpartei nach dem Muster des Festlandes auch in England nur Frage der Zeit sei. Aus den oben (Kapitel VI, 3) angegebenen Gründen scheint diese Auffassung irrig. Dafs in der englischen Arbeiterwelt, welche in den Gewerkvereinskongressen heute ihre parlamentsähnliche Vertretung besitzt, sich von der anerkannten Autorität eine opponierende Linke absondert, ist aus rein menschlichen Gründen erklärlich. Aber auch für letztere Richtung gilt, dafs sie angesichts der bestehenden Verhältnisse ihre Zwecke praktisch allein auf friedlichem Wege verfolgen kann. Geht ihr Führer über den heute anerkannten Führer hinaus, so ist sein Ehrgeiz nicht Revolution und Tod auf der Barrikade, eher vielleicht statt des Unter- staatssekretariats ein Portefeuille. Blickt man auf die Geschichte der Kämpfe zurück, welche im Laufe des Jahrhunderts um die Koalitionsfreiheit geführt wurden, so enthält dieselbe sowohl für die politisch herrschenden Klassen, d. h. im England des neunzehnten Jahrhunderts die Arbeitgeber, als für die Arbeiter eine Lehre, welche ein früherer Arbeiter und heute angesehener nationalökonomischer Schriftsteller, George Howell, der gewesene Sekretär des Gewerkvereinsausschusses, in dem oben ge- — 252 — nannten Werke mit folgenden Worten ausspricht. Die englische Entwicklung lehre einmal die herrschenden Klassen, „dafs Repressivgesetze sowohl unwirksam als gefährlich und unterdrückend sind. Ihre Wirkung ist Demoralisation der Gesinnung; die Begriffe von Recht und Unrecht werden verwirrt, bis ein Gefühl erlittener Ungerechtigkeit die schlimmsten Übel der Gewaltthat und Wildheit hervorbringt. Menschen, welche wissen, dafs sie Verbrecher durch die blofsen Bestrebungen sind, die sie im Auge haben, kümmern sich wenig, ob in den Mitteln, die sie anwenden, neue Verbrechen hinzukommen". Während diese Lehre den Staatsmännern Englands heute in Fleisch und Blut übergegangen ist, machen nunmehr auch die Arbeiter die ihnen aus der Geschichte erwachsende Lehre zum Leitstern ihres Vorgehens. Nach Ansicht Howells lehrt nämlich die Vergangenheit die Arbeiter, „die Weisheit der Mäfsigung in allen ihren Forderungen einsehen, sowie verstehen, dafs ihre Pflicht gegenüber dem Staat, dessen Glieder sie sind, ihnen gebietet, friedlich und in verfassungs- mäfsiger Weise ihre Ziele zu verfolgen, indem früher oder später ihre Forderungen, wenn gerecht, von der Gesetzgebung bewilligt werden müssen. Bei ihrer gegenwärtigen politischen Macht, wenn diese weise angewandt wird, kann kein Anspruch, der auf Gerechtigkeit sich gründet, zurückgewiesen werden. Aber die, welche die Ungerechtigkeit anderer anklagen, müssen Acht haben, nicht einer gleichen Verurteilung sich schuldig zu machen durch Abweichung von den Grundsätzen der Gerechtigkeit" L 1 G. Howell, The Conflicts of Labour and Capital S. 146. London 1878. Soeben (Mai 1890) wird der Prospectus der 2. Auflage dieses Buches von Macmillan & Co. ausgegeben. Sie bringt die Darstellung der Gewerkvereine bis auf den heutigen Tag. — 253 — IV. Die Interessengemeinschaft der Arbeit mit der modernen Produktionsform. Die Fabrikgesetzgebung, mehr noch die gewerkvereinliche Organisation, welche durch die Koalitionsfreiheit ermöglicht wurde, hat die Lage des englischen Arbeiters weit über die seiner Voreltern wie seiner festländischen Genossen emporgehoben. Wären diese Fortschritte des englischen Arbeiters mit der heutigen Produktionsweise unvereinbar, ja ihr nur schädlich, so käme ihnen allein eine ausnahmsweise Bedeutung zu. Sie wären nicht der Keim, aus dem sich in allmählicher und friedlicher Umgestaltung jene Reform der Gesellschaft entfalten könnte, welche in endgültiger Weise die arbeitenden Klassen zum Mitbesitz der geistigen Güter der Menschheit emporzuheben hat, die bisher nur auf wenige beschränkt waren. Handelte es sich zwischen Arbeiter und Arbeitgeber um einen Kampf auf das Messer, so wäre es auch unmöglich, die Entscheidung der die Arbeit betreffenden Streitfragen auf die Dauer in friedliche Formen zu giefsen, wie sie sich heute in England entwickeln (vergl. das folgende Kapitel). Ebenso unmöglich wäre jenes soeben erwähnte politische Bündnis mit den Arbeitern, welches, wie jedes andere, auf Interessengemeinschaft beruhen mufs. Es wäre höchstens ein vorübergehender Waffenstillstand denkbar. Nur auf den Trümmern der heutigen Gesellschaft könnte sich die Zukunft der arbeitenden Klassen aufbauen. Jene Ausstandsbewegungen, welche Europa heute durchzucken, müfsten uns alsdann noch, wie den Gründern der Socialdemokratie um die Mitte des Jahrhunderts, als das Vorpostengeplänkel erscheinen, welches der grofsen und allgemeinen Schlacht, der von ihnen vorhergesagten — 254 — socialen Revolution, vorhergeht. Wir hätten sie als den Vorboten der Explosion, nicht als ein Zeichen noch unvollkommener Maschinerie zu betrachten, welches die Fortschritte der Technik beseitigen werden. Wenn wir nun behaupten, dafs zwischen der grofsindustriellen * Entwicklung und den Interessen der Arbeit eine wechselseitige Abhängigkeit besteht, so ist zunächst vor einem Mifsverständnis zu warnen. Wir behaupten nicht eine Interessengemeinschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, worüber zunächst einige Worte. Der Gegensatz ihrer Interessen ist in der Natur der heutigen Produktionsweise begründet. Beide haben sich in den Rest zu teilen, der nach Abzug der Produktionskosten als Lohn und Gewinn auseinanderfällt. Höhere Löhne bedeuten — die andern Faktoren unverändert angenommen — niedere Gewinne. Dieser Gegensatz, welchen Wohlfahrtseinrichtungen nicht verschleiern können, findet seine Entscheidung wie jeder wirtschaftliche Interessengegensatz in einer Machtfrage. Es ist daher unrichtig zu behaupten, dafs hohe Gewinne an sich im Interesse der Arbeiter liegen. Frivol wird jene Behauptung dann, wenn sie die Form annimmt, dafs ein luxuriöses Leben der Arbeitgeber im Interesse der Arbeiter sei. Hohe Gewinne sind es nur insofern, als sie die Möglichkeit einer Steigerung der Löhne gewähren. Auch ist dieser Gegensatz der Interessen durchaus nichts besonderes, sondern das allgemeine in der heutigen Wirtschaftsordnung. Eine reiche Ernte des amerikanischen Pflanzers erfreut das Herz unseres Baumwollenspinners doch nur deshalb, weil sie die Möglichkeit einer Herabdrückung der Baumwollenpreise eröffnet. Nicht anders steht der Arbeiter zu den Gewinnen der Arbeitgeber. Dafs die englischen Arbeiter hohe Gewinne und ein luxuriöses Leben der Arbeitgeber keineswegs als in ihrem Interesse liegend ansehen, hätte der Berichterstatter der deutschen — 255 — Industriellen bereits aus der Äufserung des Herrn Trow zu Darlington, eines der angesehensten Gewerkvereinsführer, entnehmen können, welcher „fast mit cynischer Offenheit es als das mit äufserster Konsequenz verfolgte Ziel der Arbeiterorganisationen bezeichnete, mehr und mehr von dem Gewinne der Arbeitgebei' für die Arbeiter zu erlangen" J . Aber der Gegensatz beider ist ein wirtschaftlicher, d. h. nicht derart, dafs das Ziel des Kampfes Vernichtung des Gegners ist. Beide Seiten sind von einander abhängig und können, ohne sich selbst zu schädigen, in der Bekämpfung des Gegners nicht so weit gehen, dafs sie seine Daseinsbedingungen gefährden. Das Minimum, das der Arbeitgeber dem Arbeiter gewähren rnufs, ist einleuchtend. Er ist gezwungen, ihn am Leben zu erhalten und ihn in die Lage setzen, sich zu l'eproduzieren. Wo die Löhne nahe diesem Minimum stehen, richten sie sich nach den Produktionskosten der Arbeit als eines nahezu unbeschränkt vorhandenen, beliebig zu ergänzenden Produktionsmittels. Tritt dagegen der Arbeiter als Warenverkäufer auf, was allein durch Verbündung und damit eintretende Möglichkeit der Zurückhaltung seines Angebots möglich ist, so wird ihm, wie gewöhnlich dem Verkäufer, aufser den Produktionskosten der Ware noch ein Mehr zu Teil. Das erstere war der Fall in jenem frühesten Lebensalter der Grofsindustrie, welches der Name Ricardos bezeichnet. Im Laufe des Jahrhunderts vollzog sich dann eine Hebung der Löhne und Lebenshaltung des Arbeiters, parallel gehend mit der Entwicklung seiner gewerkschaftlichen Organisierung. Im Laufe jener Kämpfe, welche nun- 1 Vergl. Berliner Volksblatt vom 26. 'November 1889 und die „Berichte der von industriellen und wirtschaftlichen Vereinen nach England entsendeten Kommission zur Untersuchung der dortigen Arbeiterverhältnisse". Berlin 1890. — 256 — mehr die Machtfrage zwischen Arbeitgeber und -nehmer entschieden, lehrten schwere und wiederholte Niederlagen die Arbeiter aber auch das Maximum kennen, das ihren Forderungen jeweils unüberschreitbar entgegensteht. Einmal kann Hebung der Löhne eintreten durch gleichzeitige Verminderung der Produktionskosten: der Kapitalzinsen, der Kosten der Maschinerie, des Rohmaterials u. s. w. Jedoch giebt es liier objektiv festliegende Grenzen. Im übrigen ist der Arbeiter auf Herabdrückung des Unternehniergewinns angewiesen. Aber auch hier giebt es ein Maximum dessen, was er jeweils erlangen kann, ähnlich dem Minimum, unter welches Herabdrückung unmöglich ist. Es ist nämlich ein bestimmter Betrag des Gewinns notwendig, um einen mit den entsprechenden Fähigkeiten ausgestatteten Unternehmer für die Industrie zu gewinnen, beziehungsweise in ihr festzuhalten. Nun ist es zwar klar, dafs diese Rate des Gewinns ebenfalls eine veränderliche Gröfse ist und durch Ausbreitung allgemeiner und technischer Erziehung in den Mittelklassen, durch Ausgleichung der Vermögensgegensätze und mit der damit erweiterten Möglichkeit der Ausbildung zum Unternehmer, durch Zunahme der aktienmäfsigen Betriebe mit bezahlten Geschäftsführern u. s. w. herabgedrückt werden kann. Wenn also auch in dieser Beziehung eine allmähliche Verschiebung zu Gunsten der Arbeiter möglich und im Laufe dfer Zeit eine Verwirklichung jener Forderungen nicht ausgeschlossen erscheint, welche die Träume unserer Gesellschaftsreformer erfüllen, so ist es doch ebenso sicher, dafs die Entwicklung jedenfalls nur äufserst langsam vor sich geht und immer eine Grenze als zeitweilig unüberschreitbar bestehen bleibt. Zunächst entzieht sich dieselbe der Kenntnis des Arbeiters. Liegt ihm doch Einsicht in das Verhältnis der Produktionskosten und der Gewinne fern. Daher ist die — 257 — Geschichte des Jahrhunderts von unglücklichen Lohnkämpfen erfüllt, welche durch Elend und Niederlagen dem Arbeiter das Vorhandensein jenes von ihm unabhängigen Maximums der Löhne aufdrängten. In gleicher Richtung wirkte die fortschreitende geistige Hebung des Arbeiters, die wachsende Einsicht in die Lage seiner Industrie, besonders wenn zu diesem Zweck eigene Beamten von den Gewerkvereinen angestellt wurden, sowie die Gewohnheit mit den Arbeitgebern durch Gründe und Gegengründe über die Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Die Arbeiter lernten die Grenzen ihrer Forderungen erkennen, statt erst durch mifsglückte Ausstände ihre Undurchführbarkeit zu erfahren; sie lernten sich mit dem möglichen zu begnügen und selbst Lohnherabsetzungen, wenn unabwendbar, über sich ergehen zu lassen. Ein fortgeschrittener Arbeiterstand fordert nur das, was er, alle wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des Augenblicks überschlagen, durchzusetzen stark genug ist. Dies ist z. B. auch die wiederholt ausgesprochene Ansicht des John Burns. Soweit es sich um die Anerkennung dieser beiden Seiten gesetzten Grenzen handelt, kann man in der That von einer beschränkten Interessengemeinschaft zwischen Arbeitergeber und Arbeiter reden. Verkannte der Arbeitgeber ursprünglich, dafs er durch Herabdrückung der Löhne unter einen gewissen Punkt die vorhandene Menge der nationalen Arbeitskraft und Arbeitsfähigkeit vermindere und damit sich selbst schädige, so ist heute, wie die industriellen Schiedsgerichte zeigen, das Recht auf das Lebensminimum der Arbeiter auch seitens der Ai - - beitgeber anerkannt. Die andere Seite der beschränkten Interessengemeinschaft besteht in der Anerkennung und Beobachtung des ihren Forderungen gesetzten Maximums seitens der Arbeiter. Was dagegen innerhalb dieser Grenzen auf Lohn und was auf Gewinn kommt, entscheidet die Machtfrage, ist Inter- v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 17 essengegensatz. Das Bewufstsein aber jener beschränkten Interessengemeinschaft zwischen Arbeiter und Arbeitgeber findet sich besonders in den friedlichen Methoden zur Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten und Festsetzung von Arbeitsbedingungen verwirklicht, wovon im folgenden Kapitel die Rede sein wird. Nach Abwehr möglichen Mifsverständnisses haben wir hier zu fragen: welche Wirkung übt es auf die nationale Produktion, wenn die Löhne sich von dem Minimum aufwärts bewegen, wenn der Arbeiter in die Lage gelangt, von dem zwischen ihm und dem Unternehmer zu verteilenden Fond einen gröfseren Teil für sich abzuschneiden? Dafs der Arbeiter, wo er das ihm jeweils gesetzte Maximum zu überschreiten sucht, stets die Produktion absolut schädigt, ist klar. Aber wir sahen, wie er, durch Schaden gewitzigt, jene Grenze im eigenen Interesse zu beobachten lernt. Dagegen bedarf es einer besonderen Untersuchung, welche Art der Verteilung innerhalb jener soeben erörterten Grenzen der Industrie am vorteilhaftesten ist. Man ist eben zu Unrecht gewohnt, alles, was dem Arbeitgeber ungünstig ist, der nationalen Produktion überhaupt schädlich zu erklären. Es handelt sieh hier um die Frage: übt die Hebung der Arbeiter, üben die sie bewirkenden Verbündungen auf die Industrie und die Konkurrenzfähigkeit mit dem Auslande einen günstigen oder schädigenden Einflufs? Diese Frage ist sehr wichtig: denn wäre das letztere der Fall, wäre der Zustand unorganisierter, nahe dem Lebensminimum befindlicher Arbeiter für die Industrie der günstigere, so würde die industrielle Entwicklung Englands, auch wenn sie zeitweise einem socialen Friedenszustand zuzuführen scheint, doch ihren eigenen Grund untergraben. Sie würde den festländischen Mitbewerbern, deren Arbeiter schlechter gestellt und unorganisiert sind, zu weichen haben, ebenso wie — 259 — das europäische Festland später der indischen, japanischen und chinesischen Konkurrenz zu unterliegen hätte. Solche Behauptungen haben nicht gefehlt. Auf dem Festlande sind in Kreisen der Arbeitgeber wiederholt Stimmen laut geworden, welche die Erstarkung der eigenen Industrie gegenüber der englischen Konkurrenz der Entwicklung der englischen Gewerkvereine zuschreiben. Man hält dies als warnendes Beispiel sowohl den eigenen Arbeitern wie den heimischen Gesetzgebern vor. Die Ansicht der Arbeitgeber aber teilen die Gründer der Socialdemokratie des Festlandes. Auch nach ihnen ist das Lebensminimum das natürliche Geschick des Arbeiters unter der heutigen Produktionsform; alle Versuche, sich darüber hinaus zu heben, sind zum Fehlschlagen verdammt. Das Urteil beider aber ist nicht unverdächtig, denn beide haben aus entgegengesetzten Gründen ein Interesse daran, den Arbeiter an das Lebensminimum zu fesseln. Demgegenüber fragen wir die Thatsachen, welche Wirkung hat die Verbesserung der Lage des Arbeiters, wie sie in Erhöhung der Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit zum Ausdruck kommt? Es ist klar, dafs sie — alle andern Umstände gleich angenommen — zunächst eine Verteuerung des Arbeiters bedeutet; als eine Verminderung des augenblicklichen Gewinns wird sie sich stets unter dem Widerstande des Unternehmers vollziehen. Es kommt jedoch hier darauf an, festzustellen, dafs neben der Verteuerung des Arbeiters ein Prozefs der Verbilligung der Arbeit hergeht; der in einer bestimmten Menge wirtschaftlicher Güter auf die Arbeit kommende Betrag strebt nach einem in der ganzen Welt ungefähr gleichen Durchschnitt, obgleich die Löhne aufserordentlich verschieden sein mögen. Ja bei den fortgeschrittensten Grofsindustrien können bei Verteuerung des 17* — 260 — Arbeiters die Kosten der Arbeit sogar eine umgekehrte Bewegung zeigen. Die Löhne des Arbeiters sind höher bei der zum Grofs- betriebe übergegangenen englischen oder amerikanischen Industrie als bei der im allgemeinen noch auf dem Übergange vom Kleinbetriebe zum Grofsbetriebe stehenden deutschen 1 , ohne dafs die Kosten der Arbeit wesentlich verschieden sind. Natürlich kann die bezeichnete Thatsache den Arbeitgeber im einzelnen Fall nicht verhindern, sich den Forderungen der Arbeiter zu widersetzen. Denn sie berührt den einzelnen nicht, sondern vollzieht sich allmählich und für die Industrie eines Landes im ganzen. Trotzdem ist sie von grofser Wichtigkeit. Denn wenn die Verteuerung des Arbeiters im Laufe der Entwicklung eine Verteuerung der Arbeit nicht mit sich geführt hat, wird die Erhöhung der Lebenshaltung, welche der englische Arbeiter errungen hat, nicht mehr ernstlich gefährdet werden können. Wir führen zunächst einige Beispiele zur Erläuterung des behaupteten Verhältnisses an, um sodann auf die Gründe einzugehen. Es ist das Verdienst des Lord Thomas Brassey, die Erfahrungen seines Vaters auf diesem Gebiet dem weiteren Publikum zugänglich gemacht zu haben. In seinem Werke „Work and Wages" 2 hat Lord Thomas Brassey das die Lohn- 1 In Deutschland waren 1882 selbst in der Textilindustrie noch 42 % aller Arbeiter (233 165 von 561 248) im Kleinbetriebe, d. b. in Gruppen von unter fünf Personen beschäftigt. Diese Thatsache wird oft vergessen bei Beurteilung der socialen Verhältnisse Deutschlands. Deutschland ist noch auf lange im Übergangszeitalter; seine Arbeiterverhältnisse können infolge dessen denen der zum vollen Grofsbetriebe übergegangenen Länder noch nicht gleichen. 2 Work and Wages. London, Bell & Daldy, 1872. Vergl. auch Brentano, Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung, Leipzig 1876 und Über die Leistungen der Grundarbeiter, — 261 — frage betreffende Material veröffentlicht, auf welches die Bearbeitung der Biographie seines Vaters geführt hatte, — Erfahrungen reichhaltiger wahrscheinlich als die irgend eines anderen Arbeitgebers. In Verbindung mit seinen Geschäftsteilhabern hatte derselbe Eisenbahnen auf dem ganzen Erdkreise gebaut und dabei durch langjährige Erfahrung gefunden, dafs der Bau eines Kilometers Bahnlinie in allen Ländern der Erde etwa gleich viel koste, gleichgültig ob man den von einer Hand Reis lebenden Hindu oder Chinesen, den mittlere Bezahlung empfangenden Franzosen, Italiener und Deutschen oder den höchstbezahlten englischen, amerikanischen oder australischen Arbeiter beschäftige. Sehr häufig sogar sei die Arbeit mit dem höher bezahlten Arbeiter als billiger bevorzugt worden, obgleich der ältere Brassey natürlich nirgends nationale oder philanthropische Gesichtspunkte kannte, sondern lediglich jenen Scharfsinn eines weitsehenden Unternehmers anwandte, dem er seine seltenen Erfolge verdankte. Gröfsere Geschicklichkeit, höherer Fleifs und besser entwickelte körperliche Kraft hätten häufig den Mehrbetrag aufgewogen. Zu ähnlichen Ergebnissen wie Brassey sind zahlreiche englische Arbeitgeber durch die Erfahrung geführt worden. Dies schliefst natürlich nicht aus, dafs im einzelnen Falle um die Lohnhöhe heftig gekämpft wird. Jedoch hat es die Stellung der Arbeitgeber zu der Gewerkvereinsorganisation als solcher verändert. Man erblickt in ihr nicht mehr, wie man früher that, ein dem Erfolge der Industrie in den Weg gestelltes Hindernis, mit dem sich zu vertragen unmöglich sei. Hören wir z. B. Sir Francis Crofsley bei Gelegenheit der Debatte über Einsetzung der Trades-Unions-Commission besonders in Preufsen, und die Lolinsteigerung von 1872. HoltzendorfFs Jahrbuch für Gesetzgebung etc. IV. Jahrgang. — 262 — 1867. „Man findet draufsen die unvernünftige Anschauung verbreitet, dafs es für die Arbeiter ein Unrecht sei, ihre Arbeit zum möglichst hohen Preise zu verkaufen; aber man darf nicht vergessen, dafs Arbeit das einzige Ding ist, welches sie zu verkaufen haben. Das beste, was man thun kann, ist, der Sache ihren natürlichen Lauf zu lassen. Es ist ein grofser Fehler seitens der Arbeitgeber anzunehmen, dafs immer die niedrigst bezahlte Arbeit die billigste sei." In ähnlicher Weise sprach sich der bekannte Eisenindustrielle Sir Isaac Lothian Bell vor einer Versammlung der an dieser Industrie beteiligten Arbeitgeber Nord-Englands aus: es stehe auf Grund eingehender Untersuchungen fest, dafs die Löhne in Frankreich zwar viel niedriger, dennoch die Kosten des Ausschmelzens einer Tonne Roheisen im ganzen weit gröfser seien als in Middlesbrough, wofür mit als Erklärung diene, dafs 42 französische nicht mehr als 25 englische Arbeiter leisteten. Das angeführte Buch Brasseys enthält wertvolle Angaben für diese Frage in grofser Menge. Da das Buch vergriffen ist, so seien noch folgende Beispiele demselben entnommen. Bei der Ausführung der North Devon Eisenbahn wurden anfänglich 2 sh., dann 2 sh. 6 d., endlich 3 sh. bezahlt; unter sonst gleichbleibenden Bedingungen sanken die Produktionskosten. Die gleiche Beobachtung wurde bei den umfassenden Drainierungs- werken in London gemacht. Eine ähnliche Erfahrung gewann der ältere Brassey 1842 bei dem Bau der Eisenbahn Paris- Rouen. Obgleich die englischen Erdarbeiter genau doppelt so viel erhielten als die französischen (5 sh. und 2 sh. 6 d.), so wurde dieselbe Arbeit billiger von englischen als von französischen Arbeitern verrichtet. Dieses Verhältnis wiederholte sich bei einer grofsen Anzahl festländischer, indischer und australischer Linien. Hierbei ist zu bedenken, dafs die Arbeiter nicht von Brassey selbst, sondern von kleineren Zwischen- Unternehmern angestellt waren, die bestimmte Leistungen in Akkord hatten, also von Leuten, deren ausschliefsliches Interesse es war, die Kosten der Arbeit herabzudrücken. Sie thaten dies nicht selten durch Anstellung höher bezahlter Arbeiter. Bekanntlich sind Angaben über die Produktionskosten besonders schwer erhältlich; jedoch kann man durch Ver- gleichung der amerikanischen Verhältnisse, wo die Löhne noch höher sind als in England — aufgewogen freilich durch höhere Preise der Lebensbedürfnisse — das Untersuchungsfeld derartig erweitern, um selbst bei Beschränktheit des zu Gebote stehenden Zahlenmaterials das Wirken der oben behaupteten Tendenz deutlich zu erkennen. Leider bezieht sich das von Brassey gegebene Material, auf das wir verweisen, nur auf die mittleren Jahrzehnte des Jahrhunderts. Allein für die Baumwollenindustrie ist es mir gelungen, einige Angaben, welche auf die neueste Zeit herabgehen, zu erhalten. Die Baumwollenindustrie ist jedoch für vorliegende Untersuchung mehr als jede andere geeignet, weil bei ihr die Fabrikationsweise wie das Fabrikat in allen civili- sierten Ländern gleichartig und sie am vollständigsten zum Grofsbetriebe übergegangen ist. Es zeigt sich liier, dafs die Kosten der Arbeit dort niederer sind, wo die höchsten Löhne bezahlt werden, d. h. in Amerika und England, als in Ländern der niedrigsten Löhne, z. B. in den Spinnereien Indiens und Japans 1 . Daher man in letzteren diejenigen Waren mit Gewinn verfertigt, bei denen die Kosten der Arbeit weniger in das Gewicht fallen gegenüber den Kosten 1 Die Fracht einer Tonne Baumwolle beträgt von Bombay nach Liverpool 22 sb. 6 p., die Rückfracht einer Tonne Garn nach Bombay 12 sh. 6 p., zusammen 35 sh. Der Unterschied wirkt als Schutzzoll für Indien. — 264 — des Rohmaterials, also die starken Garne. Feine Game dagegen spinnt man in Lancashire, weil bei ihnen die Kosten der Arbeit ein bedeutendes Element der Produktionskosten überhaupt ausmachen. Die Mülhäuser Druckereien beziehen den zu bedruckenden Stoff grofsen Teils aus England, ein Beweis dafür, dafs derselbe in England billiger hergestellt wird, trotzdem höhere Löhne in Manchester als im Elsafs gezahlt werden. Diese Thatsachen finden ihre Erklärung in folgenden Angaben: Die täglichen Löhne eines Durchschnitts wehers. die Arbeitszeit. in Pence rednciert 1 . in der Schweiz 2 1 /4—2Va Frs. 22 »/2— 25 d. in Deutschland 2 Mark 24 d. ■ etwa 12stündig in Frankreich . 2 3 A—3 Frs. 27V2—30 d. in England . . 2 sli. 9 d. 33 d. 9 stündig in Amerika . . 80 Cts. —1 Sh. 12V2 Cts. 40—56 d. 10 stündig Um die Kosten der Arbeit, welche von den Löhnen verschieden sind, zu berechnen, hat man unter zu Grundelegung einer bestimmten Sorte Calico (64 X 64 Standard) die Summe der in einer bestimmten Zeit bezahlten Löhne durch die Summe des in derselben Zeit hergestellten Erzeugnisses zu teilen. Alsdann sind die Kosten der Arbeit auf 1 Elle = Löhne TT . , , Menge des Erzeugnisse? Hiernaeh berechnet ' stelleü sich die Kosten der Arbeit auf 1 Elle: in der Schweiz und Deutschland 0,303 d. in England 0,275 - in Amerika 0,2 1 Wir reducieren auf Pence (d.); 1 Pence = 10 Centimes - 8 Pfennige = 2 Amerik. Cents. — 265 — Den Grund dieses umgekehrten Verhältnisses zwischen Löhnen und Kosten der Arbeit enthalten folgende Thatsachen: in der Schweiz kommt 1 Weber auf 2—3 Webstühle in Deutschland | - - - etwa ebensoviel und Frankreich J in England .... 3—4 in Amerika .... 6—8 England macht seinen Nachteil gegenüber Amerika zum Teil durch gröfsere Beschleunigung der Maschinerie wieder gut, worin es sämtliche Länder übertrifft. Hieraus ergiebt sich folgendes Verhältnis 1 : Wöchentliche Produktion für 1 Weber Durchschnittlicher Wochenlohn (reduciert auf Shilling und Pence) Kosten der Arbeit für 1 Yard Schweiz und Deutschland 466 Yards 11 sh. 8 d. 0,303 d. England . . 709 - 16 - 3 - 0,275 - Amerika . . 1200 - 20 - 3 - 0,2 - Gleiches gilt von der Baumwollenspinnerei. Herrn Redgrave, einem englischen Fabrikinspektor, ist ein interessanter Berieht für diese Industrie zu verdanken, welchen Brassey anführt. Obgleich er etwa 20 Jahre alt ist, sei folgendes aus ihm angeführt: „Vergleicht man die Arbeit eines britischen 1 Ähnliches besagt die von Victor Delahaye, französischem Abgeordneten zur Berliner Arbeiterschutzkonferenz, allerdings bereits vor längerer Zeit aufgestellte Berechnung, wonach die durchschnittliche Jahresproduktion des französischen Arbeiters den Wert von 3342 Frs., die des Parisers den Wert von 6123 Frs., die des nordamerikanischen Arbeiters den von 10194 Frs. beträgt. Der französische Arbeiter arbeite 12, der Pariser 11, der Amerikaner 9 Stunden den Tag, ähnlich verhielten sich die Löhne. — 266 — Spinners mit der des ausländischen, d. h. die durchschnittliche Personenzahl, welche an den Spindeln beschäftigt ist, so kommt in Frankreich eine Person auf 14, in Rufsland eine auf 28, in Preufsen eine auf 37, in England eine auf 74 Spindeln. Jedoch giebt es in meinem Bezirke genug Spinnereien, in denen 2200 Spindeln von einem Spinner und zwei Gehülfen besorgt werden. — — Vor kurzem erzählte mir ein englischer Geschäftsführer aus einer Fabrik in Oldenburg, dafs dort bei einer Arbeitszeit von 5'/2 morgens bis 8 Uhr Abends und unter englischen Aufsehern dieselbe Masse Arbeit verrichtet würde wie in England bei einer Arbeitszeit von 6 Uhr früh bis 6 Uhr Abends. Unter deutschen Aufsehern dagegen sei die Produktion geringer. Die Löhne waren zum Teil 50 °/o niedriger als in England, aber die Zahl der Hände im Verhältnis zu der Maschinerie war bei weitem gröfser." In ähnlicherWeise erhalten die deutschen Kattundrucker etwa nur 1 U bis 1 /a des Lohnes, der in Massachusetts bezahlt wird; der letztere beträgt 4 Dollars 50 Cents täglich. Trotzdem fällt für den dortigen Arbeitgeber dieser bedeutende Lohnsatz wenig in das Gewicht, da ein Drucker (mit einem Gehülfen) einer täglichen Hervorbringung von 20000 Yards entspricht. Wird so die Höhe des Lohnes innerhalb gewisser Grenzen gleichgültig, so ist in Deutschland bei der weit geringeren Produktion pro Arbeiter das geringste Schwanken des Lohnes von bedeutendem Einflufs auf die Gewinne. — Selbstverständlich ist es, dafs die in der Baumwollenindustrie beobachtete Verbilligung der Arbeit bei Verteuerung des Arbeiters nicht überall, sondern nur in andern ebenfalls weit fortgeschrittenen Industrien, vielleicht nirgends gleich rein wiedergefunden wird. Aber es kommt auf die Tendenz der grofs- industriellen Entwicklung in Beziehung auf die Lage der Arbeit an. — 267 — Wir fragen nunmehr nach den Gründen der bezeichneten Erscheinung. I. Dieselben lassen sich einmal auf die Wirkungen zurückführen, welche die Verteuerung des Arbeiters auf seine Arbeitsfähigkeit ausübt. Vorübergehend hohe Löhne führen einen tiefstehenden Arbeiter zur Verschwendung und wirken auf seine Arbeitsfähigkeit mindernd. Ein höher entwickelter Arbeiter benutzt sie einmal zu Sparanlagen, insbesondere in der Form der Stärkung seiner selbstverwalteten Vereine. Desgleichen wirkt eine Steigerung der Löhne steigernd auf seine Lebenshaltung, wofür ebenfalls die Civilisations- stufe des Volkes entscheidend ist. Wenn der Indier in vier Tagen so viel verdient, dafs er damit Reis für die ganze Woche kaufen kann, so arbeitet er zwei Tage nicht, weil er keine anderen Bedürfnisse kennt. Der Russe und zum Teil noch der Deutsche, welcher mehr verdient, als den notdürftigen Lebensunterhalt, legt den Überschufs in Schnaps an — das Steigen der Löhne bewirkt also hier eher eine Verminderung als eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit. Derjenige Arbeiter dagegen, welcher den höheren Lohn auf Fleischnahrung verwendet, wie der englische und amerikanische, heizt damit stärker die hervorbringende Maschine. Die körperliche Überlegenheit, welche mit Übergang zu vorwiegender Fleischnahrung zusammenhängt, ist die unerläfsliche Bedingung zu derjenigen Steigerung der Arbeitsleistung, welche die englischen und amerikanischen Arbeiter aufweisen. Daher die Bedeutung der in der englischen Arbeiterwelt heute so einfiufsreichen Mäfsigkeitsbewegung. Wenn die Arbeitgeber sie unterstützen, so thun sie dies nicht ohne eigenes Interesse. Es handelt sich für sie darum, dafs die Mehrkosten, welche sie für die „lebende Maschine" ausgeben, wirklich zu deren Vervollkommnung angewandt werden. Mundella erzählte mir, er habe um die Verschiedenheit der Lebenshaltung zwischen dem englischen und dem festlän- - 268 — dischen Arbeiter anschaulich zu machen, einmal aus Sachsen diejenigen Lebensmittel kommen lassen, welche eine gut, eine mittel und eine schlecht bezahlte Arbeiterfamilie bestimmter Kopfzahl die Woche verbrauchte. Schon die der ersten Familie seien weit unter dem Durchschnitt dessen gewesen, an was der englische Arbeiter gewöhnt sei; die der zweiten und dritten aber würde er nicht anrühren. Auch bei Gelegenheit des jüngsten Socialistenkongresses verwunderten sich die englischen Arbeiter über die niedere Lebenshaltung sogar ihrer Pariser Genossen. Fleisch äfsen sie wenig; das Brod aber, das ihre Hauptnahrung ausmache, sei von schlechterer Beschaffenheit als das englische. Über den Wert der besseren Lebenshaltung, auf welcher die Vorzüglichkeit des englischen Arbeiters beruhe, stimmen die meisten Nationalökonomen überein. So führt Mill in seiner Nationalökonomie die deutschen Quellen entstammende Thatsache an, dafs zwei Mäher in Middlessex an einem Tage etwa so viel mähen als sechs russische Leibeigene; trotzdem die Lebensbedürfnisse der Bussen im Vergleich mit denen der Engländer aufserordentlich gering seien, beliefen sieh die Kosten des Mähens einer bestimmten Fläche für den englischen Farmer nur auf 1 /s Kopeken, den russischen Grundbesitzer dagegen auf 3 bis 4 Kopeken. Prof. Fawcett bemerkt mit Kecht, dafs die Ilungerlöhne, welche vielfach der Tagelöhner empfängt, ebenso unwirtschaftlich sind, als wenn man der Ersparnis halber ein nur halbgefüttertes Pferd zur Landarbeit verwenden wollte 1 . 1 Für die Allgemeinheit ist die Erhöhung der physischen Lage des Arbeiterstandes schon um deswillen vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus ein Gewinn, als dadurch das Verhältnis der in produktionsfähigem Alter stehenden Personen gegenüber dem nicht produktionsfähigen Kindes- und Jugendalter zunimmt. In England sind unter tausend Personen beinahe doppelt so viel im Alter von 50 zu 60 Jahren als in Rufsland. — 269 — Das gleiche gilt von der Arbeitszeit. Abgesehen davon, dafs auch hier plötzliche Veränderungen zu Müfsiggang und Ausschweifung führen, so hat eine allmählich eintretende Verkürzung der Arbeitszeit, wie sie heute bei den fortgeschrittensten Kulturnationen sich vollzieht, eine ähnliche "Wirkung wie die Aufwärtsbewegung der Löhne. Vor allem kann hier nicht genug Nachdruck auf eine Erfahrung gelegt werden, die sich aus der Sterblichkeitsstatistik der Vereinigten Maschinenbauer ergiebt, und von der Professor Brentano auf einer Reise nach England im März 1890 Kenntnis genommen hat. Die Maschinenbauer zahlen Begräbnisgelder beim Tode eines Mitgliedes und seiner Gattin. Seit Dezennien veröffentlichen sie mit Rücksicht hierauf in ihrem Jahresberichte das Durchschnittsalter der gestorbenen Männer und ihrer gestorbenen Frauen. Nach dem Jahresbericht von 1871 betrag das der Männer 38V4, das der Frauen 37bv Jahr. Im Jahre 1872 erlangten die Maschinenbauer die Abkürzung des Arbeitstags auf 9 Stunden. Seitdem hat sich das Durchschnittsalter der gestorbenen Männer konstant gehoben. Nach dem Jahresbericht von 1889 betrug es 48 x /4. Ein Teil dieser Hebung ist unzweifelhaft den allgemeinen sanitären Verbesserungen zu danken; aber höchstens die Hälfte; die andere Hälfte kommt auf die Abkürzung des Arbeitstages. Während das Durchschnittsalter der gestorbenen Männer um 10 Jahre stieg, stieg nämlich das der Frauen nur um die Hälfte, von 3 7 1 /A auf 43. Für die älteren Arbeiter, die nunmehr um eine Stunde weniger arbeiteten, bedeutete dies also eine Verlängerung des Lebens um 5 Jahre; für die Volkswirtschaft bedeutete es eine Verbesserung des Verhältnisses der im produktionsfähigen Alter stehenden Personen zu dem nicht produktionsfähigen Kindes- und Jugendalter. Aber die Kürzung der Arbeitszeit hat noch eine bedeut- — 270 — saniere Wirkung als die Aufwärtsbewegung der Löhne. Hebt die letztere die physische Lebenshaltung, insbesondere durch Verbesserung der Nahrung, so erhöht die erstere den geistigen und sittlichen Stand des Arbeiters. Kurze Arbeitszeit bedeutet nicht weniger Arbeit. In Rufsland beginnen die Landleute, wenn sie für sich selbst arbeiten, im Sommer um 2 Uhr morgens und beenden um 9 Uhr abends ihre Arbeit, was nach Abzug von 2 bis 3stündiger Pause 16 bis 17 Stunden Arbeitszeit ausmacht. Trotzdem versichern berufene Beobachter, dafs ein englischer Arbeiter bei 10 stündiger Arbeitszeit soviel als zwei Russen in 16 bis 17 stündiger verrichten würde 1 . Ähnliches gilt innerhalb Englands selbst. Die Bergleute in Südwales arbeiten täglich 12 Stunden, die in Northumberland nicht mehr als 7, wobei zu bemerken ist, dafs letztere in doppelter Schicht beschäftigt sind. Die Produktionskosten sind, wie das Parlamentsmitglied Elliot feststellt, in beiden Bezirken gleich, eher in Südwales höher 1 . Von Wichtigkeit ist das Umsichgreifen der Stücklöhnung. Die sogenannte Neunstundenbewegung, welche Ende der 50er Jahre von den englischen Gewerkvereinen ausging, traf deshalb auf nicht sehr starken Widerstand der Arbeitgeber, weil bereits damals die wichtigsten englischen Industrien zur Stücklöhnung übergegangen waren. Bereits in Mitte der 70er Jahre wurde, wie Mundella feststellte, von der englischen Ausfuhr im Werte von 240 000 000 £ zum mindesten 90 °/o gegen Stücklohn gefertigt. Dort aber, wo Stücklöhnung herrscht, ist Verkürzung der Arbeitszeit bei Steigerung der Arbeitsleistung- Interesse des Arbeitgebers. In der That hat der neunstündige Arbeitstag, wie er in den grofsen englischen Industrien heute 1 Angeführt von Brassey in „Work and Wages". Vergl. auch folgendes Kapitel, Abschnitt 3. — 271 — fast allgemein ist, den Betrag geleisteter Arbeit nirgends vermindert. Bezüglich der im Entstehen begriffenen Achtstundenbewegung dürfte derselbe Weg beschritten werden, da die Arbeiterorganisation noch auf lange hinaus zu schwach ist, durch internationales Vorgehen die Produktionsbedingungen der verschiedenen Länder einander anzupassen L Der englische Arbeiter ist also auch in diesem Falle darauf angewiesen, die Arbeitsleistung entsprechend zn steigern, in den Gewerben wenigstens, wo ausländischer Mitbewerb in Frage kommt. Nachdem die Achtstundenbewegung in Australien ihr Ziel erreicht hat, wo die Entfernung als Schutzzoll dient, dürfte sie in Amerika und England zuerst praktisch werden, während sie auf dem europäischen Festlande lange Zeit lediglich ein Agitationsmittel bleiben mufs. Eine bedeutende Weiterausbildung der grofsindustriellen Betriebsweise, sowie eine aufser- ordentliche Steigerung der Arbeitsleistung mufs ihrem Siege hier vorausgehen 2 . Die Bedeutung der erwähnten Bewegung aber ergiebt 1 Vergl. in Bezug auf die Verschiedenheit der Produktionsbedingungen mit Rücksicht auf internationalen Arbeiterschutz die interessanten Ausführungen Brentanos, Deutsches Wochenblatt. Februar 1890. 2 Über die Stellung der englischen Politiker zu der Achtstundenbewegung folgendes: Grundsätzlich erkennt man allerseits den Achtstundentag als wünschenswert an. Seine allgemeine gesetzliche Einführung befürwortet niemand; dagegeh begünstigt ein wachsender Flügel der Radikalen, sowie die Torydemokraten Lord Churchill und Lord Dunraven den gesetzlichen Achtstundentag für bestimmte Klassen von Arbeitern, in deren Gewerben die ausländische Konkurrenz nicht unmittelbar drückt, z. B. für Bergleute. An andern Stellen scheint Vorgehen der städtischen Behörden in Aussicht. Vergl. Anm. S. 270. Über den Achtstundentag in Australien vergl. Sir Charles Dilke, Problems of Greater Britain, 1890, Bd. II, S. 290 passim, über die höhere Leistungsfähigkeit der australischen Arbeit insbesondere. — 272 sich ans folgenden Gesichtspunkten. Der geistige Besitz der Menschheit, wie er von Geschlecht zu Geschlecht gehändigt wird, war früher ein Erbteil Weniger. Man denke an die antike Welt, deren Errungenschaften auf wissenschaftlichem, künstlerischem und dichterischem Gebiet nur wenigen Vollbürgern zu Gute kamen. Seit der Renaissance vollzieht sich auf diesem Gebiete ein Demokratisierungsprozefs, indem jener immaterielle Besitz, welcher die europäische Kulturgemeinschaft ausmacht, mehr und mehr ein Gemeingut wird. Immer neue Kreise drängen von unten zur Teilnahme heran. Seit Entstehung des industriellen Arbeiters insbesondere hat sich das „Bedürfnis zu denken", wie es Jules Simon nennt, auch in den untersten Schichten der Gesellschaft verbreitet, die früher in der Gedankenlosigkeit gewohnheitsmäfsiger Abhängigkeitsverhältnisse dahinlebten. Nicht überall zwar ist dieses Bedürfnis bei den arbeitenden Klassen erwacht, wohl aber zunächst in den grofsen Mittelpunkten der gewerblichen Bewegung Europas, Amerikas und Australiens. Diesem stets wachsenden Ansturm Halt zu gebieten, ist unmöglich. Der einzig sichere Plan scheint vielmehr, die Thore so weit als möglich aufzuwerfen, Einlafs zu gewähren und so aus jenen Kindern der Zukunft, statt Feinden und Zerstörern, Träger, Fortsetzer und Verteidiger der alten Erbschaft zu machen, welche das höchste umschliefst, was die Menschheit besitzt — ein Verfahren, das dem Mittelpunkte jener Kultur, dem Christentum, jedenfalls besser entspricht als das entgegengesetzte. In der That benutzt ein fortgeschrittener Arbeiterstand, wie der englische, die gewonnene Zeit zur Fortbildung in Volksbibliotheken und Abendklassen aller Art oder zur Förderung seines Vereinslebens, d. h. zur Ausbildung seiner geistigen und wirtschaftlichen Selbständigkeit 1 . 1 Vergl. über den Gebrauch, den die englischen Arbeiter von den — 273 — Die Verkürzung der Arbeitszeit ist aber auch noch aus einem anderen Gesichtspunkt die berechtigtste der Forderungen des Arbeiters. Das Familienleben, diese erste Schule aller Sittlichkeit, bleibt demjenigen verschlossen, der erst zu später Nachtzeit todmüde in sein Heim zurückkehrt 1 . Wundert man sich über staatsfeindliche Gesinnung, wenn man das zerschneidet, was bei den Besitzlosen mit dem Bestehenden verbindet: die Familie? Mit der Verkürzung der Arbeitszeit hat sich das Familienleben der englischen Arbeiter bedeutend gehoben, das in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts der Auflösung nahe war. Diese Erwägungen berühren in erster Linie allerdings nur die öffentliche Meinung und den Gesetzgeber. Für den Arbeitgeber kommt in Betracht, dafs eine allmähliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die geistigen Fähigkeiten und damit die Arbeitsleistung des Arbeiters fördernd wirkt. In Verbindung mit der Ausbreitung der Stücklöhnung verändert sich daher der Standpunkt der Arbeitgeber in der Frage der Arbeitszeit. Bekannte Arbeitgeber wie Mundella, Hugh Mason u. a. sprechen sich heute für Verkürzung der Arbeitszeit aus. Im März 1890 erklärte dem Prof. Brentano ein Aufseher der Maschinenfabrik von William Mather zu Salford, der auch in Amerika und in Sachsen thätig gewesen, im Beisein eines der Teilhaber der Firma die relativ geringere Erfolgen der Neunstundenbewegung gemacht haben, Brentano, Arbeitergilden der Gegenwart Bd. II, S. 85—102. 1 Pferdebahn- und Eisenbahnarbeiter leiden in England wie anderwärts am meisten unter überlanger Arbeitszeit. Diese Arbeiter mufsten sich wiederholt zwischen 1 und 3 Uhr des Nachts zusammenfinden, um ihre Angelegenheiten zu beraten. Hier ist die Stadt Glasgow rühmlich vorangegangen. Wie sie in den Konzessionen der Pferdebahngesellschaften, wird der Staat später in denen der Eisenbahnen die Arbeitszeit der Angestellten regeln. v. Schulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. 18 — 274 — Arbeitszeit der amerikanischen Arbeiter als Ursache ihrer gröfseren Leistungsfähigkeit; er liabe ganz dieselbe Beobachtung in der Fabrik zu Salford gemacht, so oft kürzer gearbeitet worden sei; und er plaidierte daher für den Achtstundentag. Auch in Sachsen sei entsprechend der längeren Arbeitszeit die Leistung geringer. Begreiflich, dafs man täglich von Fabriken liest, die zum Achtstundentage, meist mit Einführung- doppelter Schichten, übergegangen sind. II. Den Arbeitgeber zwingt die Verteuerung des Arbeiters zur weiteren Ausbildung der Maschinerie und zur Fortentwicklung der grofsindustriellen Betriebsweise, welche die Beste des handwerksmäfsigen Betriebes mehr und mehr abstreift. Der drei- und vierfache Lohn in Amerika bedeutet vielfach billigere Arbeit als in Deutschland wegen der ungeheuren Steigerung der Produktion. In der industriellen Geschichte Englands läfst sich in gleicher Weise wahrnehmen, wie die Verteuerung des Arbeitei'S die Vervollkommnung des Produktionsprozesses bewirkt. In der Bauinwollenindustrie gehen eine Reihe von Erfindungen und Verbesserungen der Maschinerie unmittelbar auf Lohnkämpfe zurück, welche gerade dann, wenn sie mit Niederlage des Arbeitgebers scheinbar die tiefsten Wunden schlugen, zur Fortentwicklung der Industrie den schärfsten Ansporn gegeben haben. Die Machtlosigkeit und die damit zusammenhängende Billigkeit des festländischen Arbeiters wirkt dagegen, um ein Wort des Lord Brassey anzuwenden, auf die Arbeitgeber, wie das Capua, das die Kampfesfähigkeit der Soldaten des Hannibal durch seine Genüsse schwächt. Ein Beispiel für den Einflufs, welchen die Verteuerung des Arbeiters ausübt, ist folgendes. Eine Uhrenfabrikation als Hausindustrie, wie sie im Schwarzwald und in der Schweiz betrieben wird, wäre in Amerika der hohen Löhne wegen un- 1 - 275 - möglich. Infolge dessen war man dort zum Grofsbetriebe überzugehen gezwungen. Eine Uhrenfabrik dieser Art, welche 420 Leute beschäftigt, fertigt täglicli 1500 Uhren auf Grund aufserordentlich ausgebildeter Maschinerie, weitgehender Arbeitsteilung und eines die menschliche Arbeitskraft auf das äufserste ausnutzenden Arbeitsplanes. Der Rohstoff kommt in der Gestalt von Stahl- und Messingplatten in die Fabrik und verlälst dieselbe in der Gestalt von Uhren in seiden- ausgeschlagenen Pappschachteln. Jede Uhr enthält 58 einzelne Teile, welche 870 verschiedene Prozesse durchmachen. Die Herstellung der Räder, Schrauben, Bolzen, Federn, alles geschieht durch Maschinen, welche fortwährend Vervollkommnungen erfahren. Heute wird z. B. die Herstellung der täglich zu verfertigenden 1500 Federn durch zwei Maschinen und zwei Arbeiter besorgt, während vor zwei Jahren noch 12 Arbeiter dazu notwendig waren. Die Arbeit ist in hohem Grade eine gelernte, wie es die Arbeit des Schwarzwälder Hausindustriellen in ihrer Art auch ist; jedoch ist die Fertigkeit, welche erfordert wird, hier und dort weit verschieden. Der amerikanische Arbeiter hat mit gröfster Genauigkeit eine einzelne Bewegung der Maschine zu überwachen, während der andere den ganzen oder gröfseren Teil des Produktionsprozesses der Reihe nach selber vornimmt. Die Löhne der Amerikaner, welche durchweg durch Stückarbeit verdient werden, sind etwa vierfach so hoch als die in der deutschen Hausindustrie gezahlten. Trotzdem sind die Kosten der Arbeit in der letzteren höher als in der amerikanischen Fabrik, deren Erzeugnis bei gleicher Qualität billiger ist. Für den amerikanischen Unternehmer kommt es nämlich kaum darauf an, ob eine Arbeiterin 9 oder 10 Dollars die Woche verdient, wenn sie imstande ist, täglich den Rand in 1500 Uhren zu befestigen, 18* — 276 — während die geringste Lohnerhöhung den Gewinn des Arbeitgebers der deutschen Hausindustrie gefährdet. Für dieses Fortschreiten der grofsindustriellen Betriebsweise parallel mit der Hebung der Lebenshaltung des Arbeiters bietet die englische Baumwollenindustrie ein allgemeines Beispiel 1 . In den drei Jahrzehnten von 1856—1885 hat sich die Zahl der mit Baumwollenspinnerei und -Weberei beschäftigten Fabriken kaum vergröfsert (von 2210 auf 2635). Dagegen hat sich die in denselben angewandte Maschinerie in jener Zeit bedeutend vermehrt, d. h. die Ausdehnung der Industrie ging mehr durch Vergröfserung der einzelnen als durch Vermehrung der Zahl der Betriebe vor sich. Die Zahl der Spindeln hat sich von 28 010 217 auf 44348 921, die der Webstühle von 298847 auf 560955 gehoben. Zudem gehen heute Spindeln wie Webstühle weit schneller als vor 30 Jahren, sodafs die Gesamtproduktion jedenfalls in noch stärkerem Verhältnis gewachsen ist. Dem gegenüber hat sich die Zahl der in der Baumwollenindustrie beschäftigten Arbeiter nur von 379329 auf 504069 vermehrt; auf eine Fabrik kamen 1856 durchschnittlich 170, 1885 dagegen 190 Arbeiter. Es ergiebt sich hieraus unter Berücksichtigung der stärkeren Zunahme der Maschinerie, dafs die Bedeutung des Arbeitslohnes in den Produktionskosten geringer geworden ist, sodafs die Erhöhung der Löhne, die sich in jenen Jahren vollzogen hat, mit Ver- billigung der Arbeit nicht unverträglich scheint. Dafs dies in der That der Fall war, beweist die in verschiedenen Grofsindustrien innerhalb der letzten 20 Jahre eingetretene Steigerung des Wochenverdienstes der Arbeiter, obgleich die Stücklöhne oft in noch stärkerem Verhältnis 1 Die Zahlen für 1856 sind einem Bericht des Elijah Helm vor der Manchester Statistical society 1868, die für 1885 dem Statistical Abstract for the United Kingdom 1888 entnommen. - 277 — herabgingen. So erwidern auf das Rundschreiben, welches die Königliche Kommission zur Untersuchung der gedrückten Lage des Gewerbes 1886 über die Höhe der Löhne während der Jahre 1865—85 an die Arbeitervereine des Landes erliefs, z. B. die Baumwollenspinner, dafs seit 1865 in den Stücklöhnen eine Verschlechterung um 15 °/o eingetreten sei, dafs aber trotzdem das Einkommen des Arbeiters um 8—12 °/o in die Höhe gegangen sei „infolge der Verbesserung der Maschinen, der gröfseren Beschleunigung, mit der sie arbeiten, der genaueren Aufsicht über alle Arten der Geschäftsführung, verbunden mit einer den Arbeitern vor 20 Jahren unbekannten Disciplin". Ähnliches erwidert der Gewerkverein der Maschinenbauer zu Dukinfield und Oldham. Herr Lord, der Präsident der Handelskammer von Manchester, hat in einer Reihe von Tafeln, welche den Berichten derselben Kommission 1 beigegeben sind, die Bewegung der Löhne in bestimmten Fabriken von Lancashire seit 1850 dargelegt. Es ergiebt sich daraus ebenfalls, dafs der Gesamtverdienst der Arbeiter bedeutend gestiegen ist, sowohl in den Jahren von 1850—1870, als in den darauf folgenden 18 Jahren, während in dieser letzteren Periode die in den Listen enthaltenen Stücklöhne nicht heraufgegangen sind, sondern eher Herabsetzung erlitten haben — ein Beweis für die Verbilligung der Arbeit trotz steigender Verdienste der Arbeiter durch Zunahme der Intensität der Arbeit und Vervollkommnung der Maschinerie. Das vorhergehende ist insofern von grofser Wichtigkeit, als danach die Erhöhung der Lage des Arbeiters und die sie bezweckenden Verbündungen als etwas wirtschaftlich mögliches, ja vorteilhaftes erscheint. Diese Thatsache ist heute allgemein 1 Appendix, Part I to the second Report of Royal Commission on Trade Depression S. 377. — 278 — anerkannt; Gladstone erklärt aus diesem Gesichtspunkt sogar die Arbeiterausstände als der Nation im ganzen nützlich 1 . Man sucht dem fremden Mitbewerber nicht durch lange Arbeitszeit und niedrige Löhne, sondern durch Güte und Intensität der Arbeit zuvorzukommen, während diejenigen festländischen Industrien, in denen der Arbeiter am hülflosesten dem Kapital ausgeliefert und am schlechtesten bezahlt ist, am lautesten nach Schutzzoll rufen. Insofern, als eine Erhöhung der Lebenshaltung des Arbeiters, wie sie durch Steigerung der Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit bewirkt wird, mit dem industriellen Fortschritt Hand in Hand geht, läfst sich von einer Interessengemeinschaft zwischen grofsindustrieller Entwicklung und Arbeit sprachen. Eine solche besteht, wie schon hervorgehoben, zwischen den einzelnen Beteiligten nicht. Denn jene Entwicklung, die bei erhöhter Lebenshaltung des Arbeiters die Kosten der Arbeit auf gleicher Höhe erhält oder gar vermindert, vollzieht sich nur allmählich und nur in ganz ausnahmsweisen Fällen wird der einzelne Arbeitgeber in der Lage sein, seines geschäftlichen Vorteils wegen die Löhne zu erhöhen oder die Arbeitszeit zu verkürzen, wie es wiederholt der ältere Brassey that. Gewöhnlich bestehen hinsichtlich beider entgegengesetzte Interessen, welche, wie stets den Gegensatz zwischen Käufer und Verkäufer, die wirtschaftliche Machtfrage entscheidet. Dafs aber die Machtverhältnisse nicht mehr rein einseitige sind, wie sie früher waren, dafs damit die Lage des Arbeiters über ihr Minimum sich emporhebt, erweist sich, im Gegensatz zu den Prophezeiungen des Marxischen Kapitals als verträglich mit der grofsindustriellen Entwicklung. Wenn man daneben jenes jeweils den Forderungen der Arbeit gesetzte Maximum be- 5 Yergl. Lloyd's News vom 4. Mai 1890, — 279 — rücksiehtigt, so giebt es stets einen Punkt, in dem die Interessen zwischen Arbeiter und Unternehmer am besten ausgeglichen erscheinen, in dem die Spannung von unten stark genug ist, um die grofsindustrielle Entwicklung vorwärts zu treiben und doch der Druck von oben genügend ist, um Gewinne und Zinsen in der Höhe zu belassen, welche Unternehmer und Kapital der Industrie zuführt — ein Verhältnis, undenkbar obne starke Organisation der Arbeit. Jener Punkt wird zunächst durch Lohnkämpfe festgestellt. Liefsen sicli Methoden auffinden, durch welche eine Feststellung dieses Punktes ohne die Kosten vor sich ginge, welche Lohnkämpfe verursachen, so käme diese Ersparnis Gewinnen wie Löhnen zu Gute; es wäre diese Industrie vom Standpunkte des allgemeinen Besten aus in der günstigsten Lage, nachdem das vorhergehende ergeben hat, dafs die gewerkvereinliche Organisation der Arbeiter und die mit ihr zusammenhängende Hebung ihrer Lebenshaltung mit der modernen Produktionsform nicht unvereinbar ist, sondern ihre Fortentwicklung befördert und vorwärts treibt. Über diese Methoden im folgenden Hauptstück. Achtes Kapitel. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter in der Großindustrie. I. Allgemeines. Das vorhergehende Kapitel hat gezeigt, wie der englische t Arbeitgeber eine dreifache Stellung dem Arbeiter gegenüber eingenommen hat. In den ersten Jahrzehnten nach Entstehung der Grofsindustrie betrachtet er ihn, entsprechend den Lehren der individualistischen Nationalökonomie, als ein seinem Willen schlechthin unterworfenes Produktionsmittel. Später fühlt er sich als Schützer, „Patron" des Arbeiters, und sucht auf diese Schutzgewalt wieder eine Ai't feudaler Herrschaft zu gründen. In letzter Linie erkennt er ihn als gleichberechtigten und selbständigen Mitfaktor am Werke der nationalen Produktion an. Dem entspricht auf Seiten des Arbeiters eine ähnliche Entwicklung. Der Arbeiter als willens- und machtloses Produktionsmittel ist revolutionär. Thatsächlich vom Lebensminimum wenig entfernt, glaubt er an die Naturnotwendig- keit seines Elends — Anschauungen, welche von Engels und Marx, als sie in England auszusterben begannen, in ein System gebracht und dem festländischen Ar-heiter, der weit später in die bezeichnete Entwicklung eintrat, überliefert wurden. Wir haben oben die socialrevolutionäre Bewegung der englischen Arbeiter berührt und gezeigt, wie auch die Lohnkämpfe jener Zeit einen so gewaltsamen Charakter trugen, dafs sie oft von revolutionären Ausbrüchen wenig verschieden waren. In der That waren diese Arbeitseinstellungen mehr das Ergebnis rachsüchtiger Erregung als wirtschaftlich nüchterner Berechnung. Die zweite Periode ist bezeichnet durch die Ausbildung der Arbeiterorganisation, deren Anfänge in der ersten liegen. Diese Entwicklung, auf deren Darstellung durch Brentano in seinen „Arbeitergilden der Gegenwart" wir verweisen, wurde erleichtert durch den Rechtsschutz, welchen die Vergangenheit dem englischen Bürger überliefert hatte. Wenn auch zunächst die Machtverhältnisse noch sehr ungleich verteilt und die Kämpfe für den Arbeiter noch auf lange hinaus eine „traurige Monotonie von Niederlagen" waren, so rückte doch die Organisation als die zunächst einzig praktische Waffe an Stelle der revolutionären Bestrebungen in die erste Linie des Interesses der Arbeiter. Wenn der Kampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitern damals scheinbar noch erbitterter wurde, so haben doch jene Kämpfe einen Unterschied gegenüber den früheren. Während in den zwanziger bis vierziger Jahren die Arbeiter Wahngebilden in aussichtslosen Aufstandsversuchen nachjagten, waren es seitdem greifbare Ziele: höherer Lohn, andere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitsstunden, für die sie ihr Dasein einsetzen, die sie bald erreichen, bald nicht erreichen. Hiermit hängt zusammen, dafs — 282 — der gewaltsame Geist, der früher zu den schlimmsten Ausschreitungen geführt hatte, auszusterben begann. Unzufrieden waren mit der bezeichneten Entwicklung einmal die Revolutionäre, welche die Unzufriedenheit der Massen brauchten. Ein Arbeiter, der auf Mittel sinnt, bessere Arbeitsbedingungen zu erzwingen und darin Erfolg gehabt hat, merkt bald, dafs die Zukunftsträume jener es nicht sind, die ihm den Kochtopf füllen. Vielleicht benutzt er sie noch dazu sich Abends neben Bier und Branntwein an ihnen zu berauschen; aber am Tage denkt er an praktischere Mittel sich zu helfen. Hierauf beruht bereits der von Brentano hervorgehobene Gegensatz zwischen Gewerkvereinen und Chartisten, der sich in der Feindschaft zwischen den ersteren und dem revolutionären Socialismus fortsetzt. Unzufrieden waren andererseits mit der bezeichneten Entwicklung auch die Arbeitgeber. Waren sie doch allgemein aus alter Zeit noch gewöhnt, eine wenigstens moralische Verpflichtung des Arbeiters zur Arbeit anzunehmen, wie sie der früheren (Elisabethischen) Regelung der gewerblichen Verhältnisse entsprach, bei der aber die Pflicht zur Arbeit durch ein Recht auf Arbeit und Unterhalt ergänzt wurde. Noch betrachteten die Arbeitgeber die Weigerung der Arbeiter zu arbeiten als Auflehnung. Jene Gewerkvereine wurden daher bei ihrer Entstehung als hochverräterisch und gesellschaftsfeindlich gebrandmarkt. Besonders bezeichnend aber für die Stellung der Arbeitgeber war ihre Weigerung, über die von den Arbeitern gestellten Bedingungen mit ihnen zu verhandeln. Durch die Organisation der Arbeiter wurden die englischen Arbeitgeber gezwungen, sich in ähnlichen Vereinen zusammenzuschliefsen. Sie versuchten die Ausstände mit Ausschliefsungen der daran beteiligten Arbeiter zu bekämpfen. Indem die Arbeiter sich nicht mehr machtlos zur Wehr setzten, wurden die Kämpfe länger, ihr Ausgang zweifelhafter. Tausende und Abertausende von Familien gerieten durch sie ins Elend; oft war eine schmähliche Niederlage der Arbeiter ihr Ende, wie bei dem grofsen Ausstande der ververeinigten Maschinenbauer 1852. Andei'erseits aber waren auch Erfolge nicht selten; sie wurden um so häufiger, je mehr die Arbeiter die Verhältnisse ihres Gewerbes übersehen lernten, den Weltmarkt zu studieren anfingen und darum die Zeit ihres Vorgehens richtiger als bisher wählten. Ein Gewerbe nach dem andern trat so im Laufe des Jahrhunderts aus der ersten Periode hinaus, in der der Arbeitgeber den Arbeitern giebt, was er zu geben gewillt oder durch gegenseitige Konkurrenz zu geben gezwungen ist. Freilich waren es zunächst nur die Arbeiter der eigentlichen Grofsindustrie, welche an dieser Entwicklung teilnahmen. Die ungelernten Arbeiter, die ländlichen Tagelöhner, jene Massen, welche die Bevölkerung Ost-Londons ausmachen, blieben auf jener ersten organisationslosen Stufe stehen. Daher wurden sie nunmehr der Sitz jener socialrevolutionären Richtungen, bis auch für sie heute die Stunde des Fortschritts gekommen ist. Indem wir hierauf im folgenden Kapitel eingehen, betrachten wir zunächst nur die Verhältnisse der Grofsindustrie. Die Entwicklung geht für diese dahin, Arbeitgeber wie Arbeiter zur Einsicht zu bringen, dafs ihr Gegensatz nicht auf persönlichem Übelwollen beruht, sondern ein Kampf ist, wie er sich allenthalben zwischen Käufern und Verkäufern abspielt und als solcher nicht durch das Gefühl, sondern lediglich durch Verstandesrücksichten beherrscht wird. Diese Anschauungen entwickelten sich durch den Zwang der Verhältnisse. Nachdem die Versuche, den Arbeiter zu feudalisieren, fehlgeschlagen waren, er andererseits auch nicht mehr als willen- — 284 — loses Produktionsmittel zu behandeln war, kam der Arbeitgeber und zwar durch Rücksicht auf d i e P r o d u k t i o 11 s- kosten im Interesse der Vermeidung von Lohnkämpfen dahin, den Arbeiter als gleichberechtigte Macht und das Verhältnis zwischen sich und ihm als rein wirtschaftliches aufzufassen, in dem beide Teile in gleicher Weise loyal handeln, wenn sie mit allen gesetzlichen Mitteln ihren eigenen Vorteil verfolgen. So gelangten die Arbeitgeber dazu, die Verbindungen der Arbeiter anzuerkennen und ihre Forderungen nicht anders zu behandeln, als sie Preissteigerungen des Baumwolllieferanten entgegentreten würden. Ebenso wie er mit diesem korrespondiert, begann er mit dem Arbeitsverkäufer zu verhandeln; nicht selten war er bereit, auch ihm einen höheren Preis zu zahlen, wie er das teurere Rohmaterial unter Umständen dem billigeren vorzieht. In dieser Richtung erwarb sich ein besonderes Verdienst der bekannte A. J. Mundella, welcher mit den Arbeitern wie mit einer Vertragspartei zu einer Zeit verhandelte, da die meisten seiner Berufsgenossen sich noch dadurch zu „entehren" glaubten. Andererseits aber griff auch unter den Gewerkvereinen die Einsicht Platz, dafs es nicht Blutsaugerei und feindlicher Wille, sondern vielmehr wirtschaftliche Notwendigkeit sei, welche die Arbeitgeber zu ihren Gegnern mache. Gewalt- thätigkeiten und Gesetzesüberschreitungen — Zeichen dafür, dafs der Arbeiter noch nicht reif ist für die Stellung wirtschaftlicher Gleichberechtigung — wurden seltener, wenn auch lange noch in ihnen der gewaltsame Geist der ersten Periode hin und wieder zum Ausbruch kam. Die Führer der fortgeschritteneren Gewerkvereine dagegen fingen an, statt Gewaltreden zu halten, Handelsstatistik zu treiben. Denn Kenntnis der Weltlage ihres Gewerbes erwies sich als ein weit besseres Mittel im wirtschaftlichen Kampfe als jene Ausschreitungen, — 285 — durch welche man in den Augen der Unparteiischen sich ins Unrecht setzte. Stehen sich Arbeitgeher aber und Arbeiter als selbständige wirtschaftliche Mächte gegenüber, so sind die Folgen dieses Zustandes doppelte: einmal gesellschaftliche und sodann wirtschaftliche. Beide Seiten können sich nun als selbständige Bürger auf dem Boden eines freien Staates begegnen. Die Gesellschaft, jene durch Sitten und Vorstellungen verbundene Gemeinschaft, öffnet sich nun dem Arbeiter, der ihr bisher feindlich gegenüber gestanden hat. In gleicher Weise thut sich der Staat auf: der Arbeiter wird zur politischen Macht. Beides haben wir oben geschildert. Hier interessieren uns die wirtschaftlichen Folgen. Sobald die Arbeitgeber sehen, dafs die Arbeiter die Macht haben, vernünftige Forderungen, wenn nötig, auf dem Wege des Kampfes durchzusetzen, werden sie freiwillig nachgeben, ebenso wie die Arbeiter unmögliches zu fordern oder notwendigem sich zu widersetzen aufhören, aus Furcht, durch Niederlagen ihre Vereine zu schwächen. Beides setzt Organisation der Arbeiter voraus. So hat man in England wiederholt die Erfahrung gemacht, dafs Lohnkämpfe dann eintraten, wenn die Gewerkvereine erschlafften, und die Machtverhältnisse infolgedessen unklar wurden. So behaupten z. B. die Maurer, dafs Arbeitseinstellungen, die früher bei ihnen sehr häufig waren, mit zunehmender Straffheit ihres Gewerkvereins seltener wurden. Eine ähnliche Erfahrung haben zahlreiche Arbeiter gemacht. An sich ist dies selbstverständlich; denn die Arbeitgeber werden sich natürlich nicht leicht auf einen Kampf einlassen, wenn sie wissen, dafs der Widerstand ein starker sein wird. Andererseits werden die Arbeiter eher leere als gefüllte Kassen auf das Spiel setzen, eher Hunderte als Tausende oder gar Mil- — 286 — lionen. Je gröfser und fester gegründet der Gewerkverein ist, eine desto ernstere und gewichtigere Frage wird für ihn der Lohnkampf. Aus diesen Gesichtspunkten haben beide Seiten ein Interesse daran, ihren Gegensatz, sobald sie ihn als rein wirtschaftlichen auffassen, auf die einfachste und wenigst kostspielige Art zur Entscheidung zu bringen. Hören wir die Meinung des Herrn Maudsley, eines jener Arbeiterführer, die neben den gröfsten Kapitalisten Manchesters die mächtigsten Männer- in Lancashire sind und denen viele Tausende folgen: „Meine Ansicht ist, dafs der Lohn des Arbeiters das sein sollte, was er in ordnungsmäfsigem und gesetzlichem Kampfe das Kapital zu bezahlen zwingen kann. Man hat eingewendet, dafs dies zu einem fortwährenden Kriegszustande in der Industrie führen müsse. Wenn dies der Fall ist, so sind daran allein die Kapitalisten schuld. Wenn sie von dem Piedestal herabsteigen, auf dem die Mehrzahl noch steht, und sich einfach als Kaufleute betrachten, die sich auf dem Markt befinden, um den Preis, zu dem die Arbeit käuflich ist, festzustellen, und sie das gleiche Recht der Nachforschung, das sie selbst beanspruchen und ausüben, den Arbeitern zugestehen, — — so werden wir mit Arbeitsausständen wenig zu thun haben" 1 — Worte, welche den eigentümlich berühren, der von Arbeitern und Arbeiterführern täglich zu hören gewohnt ist, dafs der Staat alles und sie nichts für sich selbst thun sollen. Sobald beide Parteien nicht mehr gegenseitig von der Voraussetzung des bösen Willens ausgehen, erscheint zunächst eine grofse Anzahl von Streitigkeiten, die bisher zu den erbittertsten Kämpfen geführt haben, zwecklos. Sir Rupert 1 Industrial remuneration Conference S. 163. Cassell & Co. 1885. \ \ — 287 — Kettle teilt die Gründe, welche Arbeitsausstände im Gefolge zu haben pflegen, in drei Klassen. 1. Erstens, sagt er, entstehen sie aus „verletztem G e f i'i hie"; die Arbeiter glauben, dafs die Arbeitgeber, häufiger noch die Angestellten derselben, ihnen gegenüber zu sehr als „Herren" aufgetreten sind, sie ungerecht und hochmütig behandelt haben. Die Arbeitgeber glauben sich durch unehrerbietiges Benehmen der Arbeiter verletzt. Es ist Thatsache, dafs solche Fälle ursprünglich gerade sehr häufig zu beschränkten, aber desto heftigeren Kämpfen führten. Dieselben aber sind durchaus nicht wirtschaftlicher Natur. Sie berühren nicht Arbeitgeber und Arbeiter als solche, sondern einzelne menschliche Individuen; sie lassen sich daher vermeiden und, wenn entstanden, schlichten, sobald die beiden Seiten wirklich auf dem Standpunkt des Käufers und Verkäufers stehen. Wären doch zwischen diesen, etwa dem Spinner und dem Baumwollenlieferanten, Streitigkeiten „aus verletztem Gefühle" geradezu lächerlich. 2. In zweiter Linie kommen Streitigkeiten, die ebenfalls nur einzelne Personen angehen, aber nicht die Anwendung der üblichen Höflichkeitsformen, sondern die der rechtlich oder durch Gewohnheit feststehenden Arbeitsbedingungen betreffen: „Fragen des individuellen Falles." Es handelt sich bei ihnen darum, ob der einzelne Arbeiter gemäl's feststehender Grundsätze z. B. genug bezahlt erhalten, Überzeit gearbeitet hat u. s. w. Auch solcher Streit ist nicht ein wirtschaftlicher, sondern vielmehr ein rechtlicher und wäre seiner Natur nach durch Gerichte zu entscheiden, indem in ihm die eine Partei Recht, die andere Unrecht hat. Wenn wegen seiner Umständlichkeit der gerichtliche Weg verschlossen ist, so werden in fortgeschrittenen Zuständen doch diese Fragen durch gerichtsähnliche Behörden entschieden. — 288 — Iii England bestellt man dieselben durch freiwillige Übereinkunft, aber begrifflich steht nichts entgegen, dafs sie vom Staate eingesetzt werden. Hierfür können Gewerbegerichte, wenn sie unparteiisch und sachkundig sind, von grofsem Nutzen sein. 3. Ganz anderer Natur aber sind in dritter Linie die Fragen, welche nicht die Anwendung bestehender, sondern die Festsetzung künftiger Arbeitsbedingungen: Lohn, Arbeitszeit etc. angehen. „Allgemeine (auch Grafschafts-)F rage n." Hier handelt es sich nicht um bestimmte Personen, sondern um die Arbeitgeber und die Arbeiter einer Industrie, eines Bezirkes als solche. Diese Fragen sind wirtschaftliche und lassen sich nach der heutigen Wirtschaftsordnung wie alle Fragen zwischen Käufern und Verkäufern nur auf dem Wege des wirtschaftlichen Kampfes lösen; derjenige siegt, der am längsten des anderen entbehren kann. Der Kampf ist Machtabwägung; der Sieger ist der Berechtigte und von keiner Seite ist zu verlangen, dafs sie etwas nachgebe, wozu sie nicht gezwungen werden kann. Im Gegensatz zu den vorgenannten Streitigkeiten handelt es sich hier nicht um Rechtsprechung, sondern um Rechtssetzung. Solche aber erfolgt, wo es keine über den Parteien stehende Autorität giebt, allemal auf dem Wege des Vertrages, wie z. B. das Völkerrecht zeigt. Vertrag zwischen gleichberechtigten Parteien ist der Grundtypus aller jener zur Entscheidung dieser Fragen ausgebildeten Methoden z. B. des Schiedsgerichtes der Lohnskala, des Einigungsamtes u. s. w. Sobald nämlich die beiden Parteien lediglich ihre Interessen zu Rate ziehen, so werden sie sich fragen, ob die Funktion des Kampfes, die Maehtabwägung, nicht ebensogut durch menschliche Einsicht verrichtet werden kann, ähnlich wie man die — 289 — Spannung des Dampfes an einer angebrachten Vorrichtung abliest, anstatt sie durch das Zerbersten des Kessels kennen zu lernen. Voraussetzung hierfür aber ist, dafs die zu messenden Kräfte, d. h. die Organisationen beider Teile, wirklich vorhanden sind. Es ist diese Feststellung des Preises der Arbeit durchaus nichts besonderes. Vielmehr hat Brentano 1 bereits auf die Analogie der Feststellung anderer Marktpreise durch ein Börsenkommissariat hingewiesen. Ist man aber auf diesem Wege dazu gekommen, die Zahl der Arbeitsausstände zu verringern, so werden ungeheure Summen dem Lande erspart 2 und die Industrie dem Auslande gegenüber mächtig gekräftigt. Denn man verbindet dann die gröfste Fähigkeit des Arbeiters mit den Vorteilen jenes pseudopatriarchalischen Zustandes, in dem die Industrie den Frieden durch geringe Leistungsfähigkeit erkauft, bis er auch hier früher oder später gebrochen wird. Die Art und Weise, wie der Preis der Arbeit festgestellt wird, ist verschieden entwickelt. Wir müssen daher die wichtigsten Industrien der Reihe nach mustern, soweit in ihnen Arbeitsstreitigkeiten überhaupt durch friedliche Methode entschieden werden. Weit entfernt nämlich, sie alle in dem letztgenannten Stadium zu finden. Nicht wenige Gewerbe befinden sich in dem zweiten, dem des organisierten Kampfes, 1 Vergl. Brentano, Das Arbeitsverhältnis gemäfs dem heutigen Recht S. 270. Leipzig 1877. 2 Herr G. P. Bevan berechnet in der Sitzung der „Kgl. Statistischen Gesellschaft" vom 20. Januar 1880 allein die von den Arbeitern in 114 gröfseren Strikes zwischen 1870—80 verlorene Summe auf 5 067 625 $£. Der Verlust der Arbeitgeber sei nicht statistisch festzustellen, da er 1. zins- und gewinnloses Ruhen des Kapitals, 2. Verschlechterung von Maschinen u. s. w., 3. Verlust von Kundschaft in sich schliefse. Ferner litten die Hauseigentümer und Kaufleute wegen unbezahlter Mietzinse und Rechnungen, in letzter Linie die Armensteuerpflichtigen. Vergl. übrigens gegenüber solchen Berechnungen: Brentano, Arbeitergilden II, S. 256. v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 19 — 290 — manche, die schwächeren sogar in dem ersten organisationslosen; aber gerade die allerwichtigsten sind in die letzte reriode, die des gewerblichen Friedens, bereits übergegangen. II. Die Textilgewerbe. Die Festsetzung der Arbeitsbedingungen auf dem Wege von Verhandlungen ist nicht neu. Wo die Arbeitgeber bei Gewerben, welche der Schärfe der Konkurrenz wenig ausgesetzt sind, sich zur Anerkennung der Gleichberechtigung früh herbeiliefsen, erscheint die sonst zwischen beiden Stufen sich breit ausdehnende Periode des Kampfes abgekürzt, so z. B. überall bei dem Setzergewerbe. Die Preislisten der Londoner Setzer werden seit mehr als einem Jahrhundert durch Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern vereinbart; ähnliches erwähnten wir oben von der Teppichfabrikation; für weitere Beispiele verweisen wir auf Brentanos „Arbeitergilden der Gegenwart" II, S. 267 ff. Besonders interessant ist dieselbe Gewohnheit in der Seidenweberei, weil sie unmittelbar an das alte Gewerberecht anknüpft, welches für diese Industrie durch die sogenannten Spital fiel d sgesetze verlängert worden war. In Zusammenkünften zwischen Vertretern von Arbeitgebern und Arbeitern wurden hier im Anfange des Jahrhunderts die Lohnlisten ausgearbeitet, welche durch obrigkeitliche Bestätigung sodann für beide Teile autoritative Kraft erhielten. Auch ist die Seidenindustrie die erste, die nach Wegfall der genannten Gesetze zu einer eigentlichen Einigungskammer gelangte. Der „Macclesfield Silk Trade Board", welcher 1849 errichtet wurde, war der Vorläufer der Mim- — 291 — dellaschen Einrichtungen. Er war aus Vertretern des Gewerkvereins und der Arbeitgeher zusammengesetzt und verfolgte bereits die beiden Zwecke, welchen derartige Kammern stets dienen: Durchführung der bestehenden Rechtsverhältnisse und Vereinbarung der künftigen Arbeitsbedingungen. Zur Verwirklichung ihrer Entscheidungen besafs jedoch die Kammer noch nicht das Mittel des moralischen Druckes, welcher heute selbst mächtigen Arbeitgebern gegenüber kaum versagt. Die öffentliche Meinung stand damals noch nicht auf dem Standpunkte der Gleichberechtigung. Daher war die Kammer lediglich auf die Macht des Gewerkvereins angewiesen, dessen Vorgehen gegen diejenigen, welche die Entscheidungen verletzten, von den übrigen Arbeitgebern durch Erlaubnis von Sammlungen unter ihren Arbeitern, ja durch Zuschüsse zur Streikkasse gefördert wurde. An der mangelnden Unterstützung seitens der öffentlichen Meinung ging denn die Kammer zu Grunde, indem sie nach mehrjährigem Bestände eine Entscheidung gegenüber dem mächtigsten der ihr zugehörigen Arbeitgeber nicht durchsetzen konnte. Trotzdem hat man auch nach Beseitigung der Kammer Arbeitsbedingungen auf dem Wege von Verhandlungen festzusetzen nicht aufgehört. Überall dagegen, wo diese Gewohnheit nicht an ältere Verhältnisse anknüpft, sind es diejenigen Industrien, welche am meisten durch Lohnkämpfe zu leiden haben, in denen man zuerst zu friedlichen Methoden zur Entscheidung von Arbeitsstreitigkeiten übergeht. „Nottingham", wo Mundella 1868 eine Einigungskammer für die Wirkerei errichtete, so erzählt er, „litt vielleicht mehr als irgend ein anderer Mittelpunkt der Industrie in Europa von den Zwistigkeiten zwischen Kapital und Arbeit", ähnlich wie es in Wolverhampton das wegen Arbeitsstreitigkeiten geradezu verrufene Baugewerbe, ferner die ebenfalls sehr unbefriedigenden Verhältnisse in der Eisen- 19* — 292 — industrie waren, welche Arbeitgehern und Arbeitern früher als anderwärts die Notwendigkeit friedlicher Methoden nahe legten. Die Geschichte der Gründung der Nottinghamer Einigungskammer ist bekannt. Wir heben nur die Punkte hervor, in denen sie vorbildlich für derartige Versuche überhaupt ist. 1. Die Verhältnisse in Nottingham litten, wie gesagt, mehr als andere an einem scharf ausgeprägten Klassengegensatz ; Gewaltthaten waren bei Arbeitsstreitigkeiten häufig. Die Arbeitgeber weigerten sich, den Gewerkverein anzuerkennen, und da infolgedessen Verhandlungen unmöglich waren, so bestand bei jeder verlangten Veränderung des Arbeiterverhältnisses wie der Löhne ein System des gegenseitigen Aushungerns, das für beide Seiten mit schwersten Verlusten verbunden war. Im Jahre 1860 tobten die Kämpfe besonders heftig; die Arbeitgeber gingen damit um, sämtliche Arbeiter auszusperi-en. Da war es Mundella und einige andere, welche den Vorschlag machten, die durch eine solche Mafsregel herbeigeführten Verluste zu vermeiden durch persönliche Besprechung mit den Arbeitern. „Wir gingen", erzählt Mundella, „wir erniedrigten uns, wie einige sich ausdrückten. Wir sagten zu den Arbeitern: „Wir wollen mit euch sprechen und sehen, ob wir nicht ein besseres System ausfindig machen können. Ihr gebt jeder von euch 1 Shilling bis 1 Shilling 6 Pence die Woche aus, um uns zu bekämpfen. Lafst uns versuchen festzustellen, was die Preise sein sollen"." Das Ergebnis dieser Verhandlungen war die Nottinghamer Einigungskammer, welche zur Entscheidung aller zwischen Arbeitern und Arbeitgebern entstehenden Streitigkeiten aus Vertretern beider Seiten zu gleichen Teilen gebildet wurde. Im Falle der Stimmengleichheit hatte die Ent- — 293 — Scheidung ursprünglich der Vorsitzende, später ein von Jahr zu Jahr gewählter Unparteiischer. Das gesagte beweist, dafs es nicht ein besonders günstiges Verhältnis zu den Arbeitern war, welches den Arbeitgebern ermöglichte, auf den Boden der Verhandlungen hinabzusteigen, auch nicht das Gefühl der Interessengemeinschaft, sondern vielmehr ein sehr ausgebildeter Gegensatz, welcher aus Rücksicht auf die Produktionskosten in friedliche Formen gegossen wurde. Erst allmählich lernten dann die Arbeiter durch die Gewohnheit der Verhandlungen, die ihren Forderungen gesetzten Grenzen erkennen, welche vom Stande der Industrie und dem ausländischen Mitbewerb abhängen. 2. Wollte man auf dem Wege der Verhandlung vorgehen, so mufste man den bisher bekämpften Gewerkverein anerkennen. Ohne Organisation der Arbeiter ist wenigstens die friedliche Festsetzung derjenigen Fragen, welche künftige Arbeitsbedingungen betreifen, unmöglich. Auch machte man hierbei bald die seitdem oft wiederholte Erfahrung, dafs gerade die Führer der Arbeiterorganisationen, weil die einsichtigsten, auch die gemäfsigtsten sind. Mundella sagt hierüber: „Gerade die Leute, welche die Fabrikanten am meisten fürchteten, wurden als Vertreter der Arbeiter in die Kammer geschickt. Wir fanden in ihnen die geradsinnigsten Leute, die wir nur zur Verhandlung hätten wünschen können. Oftmals erfuhren vir, dafs die Macht hinter ihnen zu stark gewesen ist; aber sie sind gewöhnlich die einsichtigsten Arbeiter; oft unter grofsem Druck von aufsen leisten sie Widerstand. Sie sind die beste Schutzmauer, die wir haben, zwischen den unwissenden Arbeitern und uns selbst 1 ." 3. Dafs die zu entscheidenden Fragen verschiedener Art 1 Angefahrt bei Henry Crompton, Industrial Conciliation. London 1876. — 294 — sind, sich bald auf Verletzung bestehender, bald Festsetzung künftiger Arbeitsbedingungen beziehen, war den Gründern der Kammer nickt klar bewufst. Trotzdem führte die Natur der Sache auch bereits hier zu verschiedenartiger Behandlung. Im ersteren Falle nämlich ist eine Art gerichtlicher Untersuchung unumgänglich, indem rechtliche oder thatsäch- liche Behauptungen aufgestellt und bestritten werden; z. B. die Arbeiter behaupten, durch eine bestimmte Handlungsweise des Arbeitgebers seien die übereingekommenen Arbeitsbedingungen verletzt worden etc. Für die Feststellung derartig bestrittener Thatsachen war bereits in Nottingham ein besonderes Verfahren vorgesehen, indem zuerst die Schriftführer der Kammer, sodann ein Untersuchungsausschufs, aus zwei Arbeitern und zwei Arbeitgebern bestehend, den Sachverhalt zu prüfen hatten. Allerdings war gegen seine Entscheidungen ursprünglich Berufung an die Kammer möglich, während doch zur Feststellung von Thatsachen jedenfalls eine gröfsere Vereinigung nicht so geeignet ist als wenige sachkundige Männer. Daher hat später auch hier die Erfahrung dazu geführt, derartige Streitigkeiten, die man als die des individuellen Falles bezeichnete, dem engeren Ausschufs zur endgültigen Entscheidung zu überlassen, wenn nötig, durch Ernennung eines Unparteiischen. 4. Nach mehr als zwanzigjährigem Bestände ist die Nottinghamer Einigungskammer zeitweilig zusammengebrochen. Die Wirkerei befand sich nämlich in aufserordentlichem Geschäftsrückgange seit Beginn der achtziger Jahre. Die Gewerkvereine waren überlastet mit unbeschäftigten Mitgliedern. Die älteren Firmen der Stadt hatten zwar zunächst das Bestreben, die alten Einrichtungen fortbestehen zu lassen; noch 1886 setzte die Einigungskammer eine Lohnverminderung von 10 % fest. Aber kleinere Unternehmer auf dem Lande beobach- — 295 — teten nicht mehr diesen Entscheid, sondern zahlten weit geringere Löhne. Der Gewerkverein war nicht mehr stark genug, jene Fabriken zum Stillstand zu bringen. Damit aber war ein Loch in die bestehende Organisation gerissen. Auch die besser gesinnten Arbeitgeber folgten unter dem Drucke der Konkurrenz. Die Liste, nach welcher bisher die Löhne bezahlt wurden, ward aufgegeben und die alte Erbitterung des Kampfes, welche längst in Nottingham erloschen schien, ward wieder angefacht; wieder, wie vor Jahrzehnten, drohten die Arbeitgeber ihren Arbeitern mit Entlassung, wenn sie dem Gewerkverein beiträten. Trotzdem aber hatte das zwanzigjährige Bestehen der Einigungskammer den Erfolg gehabt, Arbeitern wie Arbeitgebern den Wert dieser Einrichtung zu lehren und, wie Mundella dem Prof. Brentano im März 1890 mitteilte, ist die Wiedererrichtung derselben gelungen. Die Gründe des zeitweisen Scheiterns der Nottinghamer Einigungskammer lassen sich aufser auf den Niedergang der Industrie darauf zurückführen, dafs das Gewerbe dem Wechsel der Mode in hohem Mafse ausgesetzt ist und das Streben der einzelnen Fabrikanten, sich durch Neuheiten zu übertreffen, zum Geheimhalten der Muster führt. Diese Umstände sind schwer verträglich mit einer einheitlichen Festsetzung der künftigen Arbeitsbedingungen, worin der Hauptzweck jeder Einigungskammer besteht. Schon in den sechziger Jahren umfafsten die vereinbarten Listen die Löhne von mehr als 6000 verschiedenen Artikeln. Das Gesagte beweist, wie eng die Möglichkeit einer Einigungskammer und die Formen des Verfahrens mit der Natur und dem Stande der betreffenden Industrie zusammenhängen 1 . 1 Yergl. näheres über die Nottinghamer Einigungskanimer Brentano, Das Arbeitsverhältnis gemäfs dem heutigen Recht S. 273 ff.; Arbeitergilden der Gegenwart II, S. 273 ff.; Crompton, Industrial Conciliation S. 33 ff. — 296 — Ähnliches gilt von der Wollweberei, welche ihren Sitz in der Grafschaft York, besonders in Bradford und Hudders- field hat. Obgleich die älteste Industrie Englands, ist sie, weil zahlreichen Schwankungen der Mode und des ausländischen Mitbewerbs unterworfen, ferner weil fast 70 Prozent aller Arbeiter Frauen sind, noch wenig organisiert. Allerdings beginnt sich in letzter Zeit der Gewerkverein der Wollfärber zu rühren; Lady Dilke ist eifrig daran, die Arbeiterinnen zu organisieren; aber im allgemeinen liegen die Verhältnisse hier wie in Lancashire vor fünfzig Jahren. Die Arbeiter werden nach Listen bezahlt, welche jeder Arbeitgeber für seine Fabrik nach Gutdünken aufstellt. Ihre Lebenslage ist unsicher und elend. Trotzdem hat auch in diesem Gewerbe bereits ein gröfseres Schiedsgericht stattgefunden, als die Arbeiter 1880 Lohnerhöhung verlangten. Es erfolgte ein langdauernder Ausstand, bis die Arbeitgeber auf ein Schiedsgericht eingingen. Sir Henry Mitchell, einer der gröfsten Kaufleute Bradfords, war Schiedsrichter; er erkannte den Arbeitern eine Lohnaufbesserung zu. Wenn in den beiden genannten Industrien die Klassengegensätze noch grofs sind, so beruht dies auf tieferliegenden Gründen. Es ist nicht zu erwarten, dafs sich in naher Zukunft in ihnen ähnliche Verhältnisse entwickeln, wie sie die grofse Stapelindustrie Lancashires zeigt. Einzelne wohlwollende Arbeitgeber können wenig zu ihrer Besserung beitragen. Dieselbe liegt auf einem ganz anderen Gebiet. Die schlechte Lage der Arbeit in ihnen ist dadurch bedingt, dafs beide einer launischen und wechselnden Nachfrage unterworfen sind, wie alle Gewerbe, die hauptsächlich für die Bedürfnisse des Luxus arbeiten. Erst eine gleichmäfsigere Verteilung des Volkseinkommens würde hier der Nachfrage jenen — 297 — stätigen Charakter geben, -nie er zu einer befriedigenden Lösung der Arbeiterfrage unerläfslich ist 1 . Eine solche ist dort kaum möglich, wo ein Gewerbe zwar als Produktionsweise die Form der Grofsindustrie angenommen hat, dagegen sein Erzeugnis noch den handwerkmäfsigen Charakter, der sich in stetem Wechsel kundgiebt, bewahrt. Ganz anders liegen die Verhältnisse in der Baumwollenindustrie, welche obwohl bei weitem jünger als die Wollenweberei heute alle anderen Textilgewerbe an Wichtigkeit überragt 2 . Ihr ist der Reichtum Englands in erster Linie entsprungen und auch heute dürften ihr etwa nur die verschiedenen Zweige der Eisenindustrie zusammengenommen die Wage halten 3 . Sitz der Industrie ist die einst ärmliche Grafschaft Lancashire, heute der gewerbliche Mittelpunkt Englands. „Was Manchester sagt, sagt London morgen", ist ein englisches 1 Yergl. hierüber den Schlufs dieses Buches. 2 Herr Sarauel Andrew, der Schriftführer der Baumwollenfabrikanten zu Oldham hat nachfolgende, die Baumwollenindustrie betreffende Darstellung durchzusehen die Güte gehabt und erklärt sie mir brieflich als den Thatsachen entsprechend. Hierfür sowie für die Freundlichkeit, mit der er mir durch Lancashire den Weg gewiesen hat, sage ich den genannten Herrn meinen Dank. 3 Die Exportverhältnisse für 1887 sind folgende: Gesamtausfuhr an Gam 11379 485 £ - Baumwollengewehen .... 59 577 284 - Summa 70 956 769 £ Davon betrug die Gesamtausfuhr nach Ostindien an Garn ... 2 629 275 £ - Gewehen . . 17 965 776 - Summa 20 595 051 £. Der heimische Verbrauch ist nur zu schätzen; er wurde 1884 auf 22 420 000 £ berechnet und schwankt seiner Natur nach wenig. Die Gesamtproduktion dürfte 100 Millionen Pfund erreichen; den höchsten Punkt erreichte die Ausfuhr 1872 (über 88 Milk), den niedrigsten 1879 (unter 64 Mill.). Sprichwort. Dort wuchsen in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts als Zwillingsgeschwister die moderne Nationalökonomie und die Baumwollenindustrie auf. Beide machten ihre Kinderkrankheiten durch, von denen wir hier nur die der letzteren ins Auge zu fassen haben. Manchester, obwohl der Mittelpunkt der Grafschaft, ist heute nicht eigentlich mehr der Sitz der Industrie; dieselbe hat sich mehr und mehr in die um Manchester gelegenen Fabrikorte gezogen. Unter diesen ist Oldham der wichtigste. Man hat berechnet, dafs in England 40 Millionen Spindeln täglich schwirren, etwa ebensoviel wie in allen übrigen Ländern der Erde zusammengenommen. (1885 hatte der europäische Kontinent 22 3 /, so setzte dies natürlich ein feststehendes System der Löhnung voraus. Wenn jede der Parteien ihren Vorteil darin suchte, auf die Festsetzung der Arbeitsbedingungen möglichst zu ihren Gunsten einzuwirken, so mufste es in beiderseitigem Interesse erscheinen, das einmal Festgesetzte dem Kampfe zu entziehen. Diesem Bedürfnis entsprang der zwischen Grubenbesitzern und Bergleuten vereinbarte ständige Ausschufs (joint eommittee), welcher die Fortbildung des zur Verhandlung der Fragen des individuellen Falls bereits im Mundellaschen Statut vorgesehenen Untersuchungsausschusses ist, mit welchem er jedoch geschichtlich nicht zusammenhängt. Hier also, wie in der Baumwollenindustrie Lancashires, setzte die Entwicklung zunächst an der Entscheidung der Streitfragen des einzelnen Falles ein. Wie unabhängig sie aber in beiden Gebieten erfolgt ist, geht daraus hervor, dafs die zu diesem Zwecke getroffene Einrichtung in der Kohlenindustrie denselben Namen führt wie das mit der entgegengesetzten Funktion betraute Organ der Arbeiter- und Arbeitgebervereine Lancashires. Der gemeinsame Ausschufs in Northumberland und Durham entscheidet Fragen des einzelnen Falls wie die Sekretäre der Vereine in Lancashire. Der gemeinsame Ausschufs in Lancashire verhandelt allgemeine Fragen, welche der gleichnamigen Einrichtung der Kohlenindustrie gar nicht unterfallen. — 334 — Ein besonderes Verdienst ist Herrn T. W. Bönning zuzuschreiben, welcher als Schriftführer der Grubenbesitzer von Northumberland wie Durham sich mit Herrn Crawford in Verbindung setzte, der dasselbe Amt bei dem Gewerkverein von Durham versah. Auch hier also zeigte sich der Einflufs bezahlter Beamten, welche in gesellschaftlicher Stellung nicht allzuweit voneinander entfernt und an dem Gegensatz zwischen Arbeiter und Arbeitgeber persönlich unbeteiligt sind. Das Resultat der Besprechungen der genannten Herren waren Vorschläge dahin, wie jene unbedeutenderen Streitigkeiten friedlich entschieden werden könnten, ohne in den selten auftauchenden eigentlichen Kernfragen einer von beiden Seiten die Hände zu binden. Anfang des Jahres 1873 wurde durch Übereinkommen der sich gegenüberstellenden Vereine sowohl für Durhain wie für Northumberland je eiii Verwaltungsausschufs in das Leben gerufen. Beide halten ihre Sitzungen zu Newcastle, dem Geschäftsmittelpunkte der vereinigten Grubenbesitzer. Als Zweck der Einrichtung wurde damals bezeichnet, „alle Etagen, aufser sogenannten Grafschaftsfragen, welche die Industrie im allgemeinen betreifen, zu besprechen, als da angehen Löhne, Gebräuche der Arbeit und irgend welche andere Streitfragen, wie sie von Zeit zu Zeit in den Gruben sich erheben und der Erwägung des Ausschusses der Parteien von nun an unterbreitet werden sollen". (Aus den ersten Statuten des Ausschusses für Northumberland.) Während ursprünglich nur eine Besprechung bezweckt war, wurden 1877 die Statuten dahin verändert, dafs der Ausschufs die Fragen endgültig entscheiden sollte. So sagt Art. 4 der Regeln des Verwaltungsausschusses für Durham: „er soll volle Gewalt haben, alle Streitfragen beizulegen; seine Entscheidung soll endgültig - 335 — sein und alle Parteien in der Weise, wie der AusschuTs es anordnet, binden". Seit ihrer Begründung, also 16 Jahre lang, sind die Ausschüsse ununterbrochen thätig gewesen. Gerade dafs man ihnen die allgemeinen Fragen entzogen hatte, erwies sich als ein besonderer Vorteil. Denn selbst in der Zeit, da die Wogen des Kampfes zwischen den Parteien am höchsten gingen, bewahrten die Verhandlungen der Ausschüsse jenen rein geschäftlichen Charakter, der ein Beweis dafür ist, wie persönliche Erwägungen gegenüber sachlichen zurücktreten. Die Entscheidungen wurden fast niemals angefochten und gegen die Einrichtung selbst hat keine der beiden Parteien je Widerspruch erhoben. Um einen Eindruck von der weitgehenden Bedeutung dieser Ausschüsse zu geben, genügen folgende Zahlen: der Ausschufs für Durham verhandelte 1881 390 Fälle, 1882 493, 1883 562, 1884 gar 629 Fälle; der Ausschufs von Northumberland hat seit seiner Errichtung im ganzen gegen 4000 Fälle verhandelt und entschieden. Seine Entscheidungen, welche für die Jahre von 1873—1886 in einem Bande 1 erschienen sind, haben ein ganzes System ungeschriebenen Rechtes entwickelt, welches das Arbeitsverhältnis bis in das einzelne hinein regelt. Da es aus den verschiedensten Gründen für den Arbeiter kaum je möglich ist, den Rechtsweg zu beschreiten, so liegt erst in der Errichtung eines solchen Ausschusses oder einer ähnlichen Behörde die thatsächliche Verwirklichung des von der Gesetzgebung wie der öffentlichen Meinung des neunzehnten Jahrhunderts anerkannten Gedankens, dafs die Arbeitsbedingungen, seien sie welche sie wollen, wie sie durch Ver- 1 Proceedings of the Joint Committee. Steam Collieries Defence Association. Newcastle. 1886. — 336 — trag und Gewohnheit festgestellt sind, ein Rechts Verhältnis, d. h. auf beiden Seiten Pflichten und Rechte begründen und dafs ihre Beobachtung daher nicht lediglich von dem guten Willen der einen Seite abhängt. Die Zusammensetzung der Ausschüsse ist folgende: Sechs Arbeiter werden von dem Gewerkverein, sechs Arbeitgeber von dem Verein der Grubenverwaltungen als Beisitzer erwählt. Dieselben einigen sich auf einen Vorsitzenden, von dem, sobald man in allen Fällen zu endgültigen Entscheidungen kommen will, bei Stimmengleichheit der Ausschlag gegeben wird. Ursprünglich versah Herr B. Forster, ein Arbeitgeber aus Northumberland, dies Amt für seine Grafschaft. Derselbe glaubte jedoch, weil er in gewisser Weise zugleich Partei sei, sich der ausschlaggebenden Stimme enthalten zu müssen, was zu Unzuträglichkeiten führte und nicht selten eine Entscheidung verhinderte. Seit 1876 einigten sieh daher die beiden Vereine dahin, einen Juristen zum Vorsitzenden zu erwählen; die mangelnde Sachkenntnis erwies sich um deswillen als wenig bedenklich, weil Fälle, die zur Stimmengleichheit der Beisitzer führen, gewöhnlich zu einer sehr eingehenden Erörterung Anlal's gegeben haben; dagegen ist völlige Unparteilichkeit der entscheidenden Stimme in hohem Grade wichtig, ja für das Dasein der ganzen Einrichtung auf die Dauer unentbehrlich. Seit der genannten Zeit versieht der Grafschaftsrichter E. Maynell das Amt des Vorsitzenden für Northumberland wie für Durham und haben seit seiner Amtsführung die Entscheidungen des Ausschusses an Gleichmäfsig- keit der angewandten Grundsätze bedeutend gewonnen. Die Verhandlungen gehen in folgender Weise vor sich. Anträge müssen schriftlich angebracht und dürfen nicht von Privatpersonen, sondern nur durch Vermittlung der Beamten der beiderseitigen Vereine gestellt werden. Auf Seiten der Arbeiter wie der Arbeitgeber wird je eine Geschäftsrolle gebildet, welche vier Tage vor der Sitzung der andern Seite mitzuteilen ist; die Fälle werden abwechselnd von der einen und der andern Seite zur Verhandlung gebracht. Der Ausschufs prüft bei jedem Fall zunächst seine Zuständigkeit und weist, wie ich aus dem erwähnten Buche ersehe, sehr häufig Fragen als „Grafschaftsfragen" von sich. Erklärt er sich für zuständig, so entscheidet er in vielen Fällen sofort, nämlich dort, wo die Thatsachen klarliegen. Wo Beweiserhebung notwendig ist, kann der Ausschufs zwar selbst Zeugen vernehmen und Aktenstücke sich vorlegen lassen. Weit häufiger jedoch werden zwei Berichterstatter, von jeder Seite einer, ernannt, welche, ähnlich den Sekretären in Lancashire, an Ort und Stelle sich begeben, um die notwendigen Erhebungen zu machen. Sie legen sodann in der nächsten Sitzung ihren Bericht vor, auf Grund dessen die Entscheidung erfolgt. Manchmal aber auch betraut der Ausschufs jene beiden mit der endgültigen Erledigung der Sache; sie erhalten damit die Stellung von Schiedsrichtern. Für den Fall, dafs sie sich nicht einigen können, wird ein dritter jJnparteiischer ernannt; derselbe wird in Nortkumberland vom Vorsitzenden des Ausschusses bezeichnet; in Durham ist es gemäfs den Statuten der Grafschaftsrichter, also zur Zeit Herr Maynell, der Vorsitzende selbst. Nicht selten, in weniger wichtigen Fällen, bestimmt auch der Ausschufs einfach einen Sachverständigen, der die Sache entscheiden soll. Er besitzt also grofse Freiheit in der Wahl seiner Mittel. Für Änderungen seiner Statuten ist der Ausschufs autonom und kommen solche in der That fast alljährlich vor. Hervorzuheben ist, dafs beide Parteien zu gleichen Teilen die Kosten der Einrichtung tragen, — eine Bestimmung, worin sich die Gleichberechtigung beider ausspricht. v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 22 — 338 — Wenn ein Beisitzer in einer Frage persönlich Partei ist, so darf er sich an der Abstimmung nicht beteiligen; in diesem Falle mufs auch ein Mitglied der andern Seite sieh der Stimme enthalten. In vielen Fällen kommt es überhaupt nicht zur Abstimmung, weil die Verhandlungen den Charakter einer persönlichen Besprechung bewahrt haben. Häufig erklären einzelne Mitglieder, dafs sie persönlich eine Sache in Ordnung bringen würden, so besonders die Vertreter der Arbeiter bei Beschwerden der Arbeitgeber. Denn als Beamte des Gewerkvereins können sie den einzelnen Arbeiter einfach auffordern, den Beschwerdegrund abzustellen. In solchen Fällen vertagt der Ausschufs die Beschlufsfassung. Um die das Arbeitsverhältnis beherrschenden Regeln auf den einzelnen Fall anzuwenden, ist es notwendig, dafs solche Regeln überhaupt vorhanden sind. Es erhebt sich hier die Schwierigkeit, dafs die in den Bergwerken zu leistenden Arbeiten bei ihrer wechselnden Natur in einer Liste sich nicht zusammenstellen lassen, welche die Löhne für jede einzelne Verrichtung zahlenmäfsig angäbe. Das System der die Arbeit beherrschenden Grundsätze ist aber in den Bergwerksbezirken gewohnheitsmäfsig festgestellt und haben zu dieser Feststellung die Verwaltungsausschüsse durch ihre langjährige Rechtsprechung in hohem Mafse beigetragen. Ein Überblick über dasselbe lehrt die Mannigfaltigkeit der den Ausschüssen unterfallenden Aufgaben ermessen. Der Bergbau in den bezeichneten Grafschaften ist durch den Grundsatz der Arbeitsteilung in hervorragendem Grade beherrscht. Die Arbeiter zerfallen in sieben Hauptklassen, die sich in zahlreiche Unterabteilungen gliedern. Die wichtigsten Arbeiter sind die „Häuer", d. h. die eigentlichen Bergleute, welche ausschliefslich mit dem Heraushauen der Kohle zu thun haben. Für sie herrscht, wie sogleich zu zeigen ist, — 339 — der Grundsatz, der in gewissem Grade für die gesamte englische Industrie gilt, die Produktion nicht durch Herab- drückung des Lohnes, sondern durch Stärkung der Intensität der Arbeit zu fördern. Die Löhne aller übrigen Klassen richten sich nach den ihren; aber während für sie Stücklöh- nung gilt, werden die meisten andern nach der Zeit bezahlt. Alle Klagen also, welche die Löhnung der letzteren Klassen betreffen, hat der gemeinsame Ausschufs auf den zu berechnenden Durchschnittstagesverdienst der Häuer zu prüfen und, je nachdem sie in dem gewohnheitsmäfsigen Verhältnis zu demselben stehen oder nicht, abzuweisen oder zuzusprechen. Um einen Begriff von der Schwierigkeit dieser Aufgabe zu geben, sei folgendes erwähnt. Die zweite Klasse, welche die unter Tage aufser den Häuern beschäftigten Arbeiter umfafst, enthält 32 Unterarten, 19 von Erwachsenen und 13 von Knaben. Zur dritten Klasse gehören die höher als die Bergleute bezahlten Arbeiter, Aufseher u. s. w., ebenfalls mit den verschiedensten Löhnen. Die vierte Klasse umfafst gar in 37 Unterarten Arbeiter, die an Tage beschäftigt sind, die fünfte und sechste Klasse besser bezahlte Arbeiter, Maschinenarbeiter und solche, die zum Teil dem Gewerkverein der „Maschinenbauer" angehören; die letzteren stehen aufserhalb der von den Bergleuten getroffenen Abmachungen. In letzter Linie kommen die eigentlichen Tagelöhner. Alle diese Arbeiter erkennen mit der bezeichneten Ausnahme die Rechtsprechung des gemeinsamen Ausschusses an, die ihre Löhne in dem gewohnheitsmäfsigen Verhältnis zueinander erhält. Übrigens werden auch für sie mehr und mehr Stücklöhne eingeführt. Alle diese Löhne richten sich nach dem Durchschnittslohn der Häuer. Erhalten z. B. die Häuer 5 °/o Lohnerhöhung, so werden sämtliche andere Löhne, seien es Stück- oder Zeitlöhne, um 22* — 340 — 5 °/o erhöht, wobei ihr gegenwärtiges Verhältnis unveränderlich bleibt. Die Häuer aber werden nach der Tonne geförderter Kohle bezahlt. Der Ausschufs berechnet den Durchschnitt, welcher für das betreffende Jahr in der Grafschaft für die harte und die weiche Kohle bezahlt wird auf Grund der unten zu besprechenden, allgemeinen Festsetzungen. Dieser Durchschnitt ist Richtschnur seiner Entscheidungen. Demgegenüber ist die thatsächliche Löhnung der Arbeiter äufserst wechselnd. So pflegt bei eintretenden Schwierigkeiten der Arbeit eine Lohnerhöhung gewährt zu werden, z. B. wenn Steine sich in der Kohle finden, ferner wenn das Dach unsicher ist und Herabfallen von Steinen droht u. s. w. Abgesehen von diesen aufsergewöhnlichen Fällen zerfällt die Arbeit an jedem Flötz überhaupt in zwei verschieden bezahlte Teile: zuerst werden schmale Gänge in die Kohle gehauen und dieselben von Quergängen gekreuzt, so dafs Pfeiler mit der Grundfläche von 30—60 Ellen im Quadrat stehen bleiben; sodann werden die Pfeiler mit Hülfe von Pulver ausgesprengt. Der erste Teil der Arbeit ist viel schwerer als der zweite und wird entsprechend höher bezahlt. Natürlich lassen sich bei der Verschiedenheit der Verhältnisse, unter denen die Bergleute arbeiten, täglich neue Komplikationen denken. Es sind daher feststehende Lohnsätze unmöglich. Vielmehr hat sich derjenige Arbeiter, welcher sich über zu geringe Bezahlung beklagt, derjenige Arbeitgeber, welcher zu viel zu zahlen glaubt, an den gemeinsamen Ausschufs zu wenden. Dieser läfst den Fall prüfen, d. h. die Natur der Arbeit an Ort und Stelle untersuchen und entscheidet danach unter Zugrundelegung des erwähnten Durchschnittslohnes. Den letzteren selbst kann er nicht verändern; eine Erhöhung oder Erniedrigung desselben wäre eine Graf- — 341 — schaftsfrage und käme einer allgemeinen Lohnerhöhung oder -herabsetzung gleich. Dagegen kann er im einzelnen Falle den Arbeitern höhern Lohn zusprechen, beziehungsweise ihren Lohn vermindern auf Grund davon, dafs derselbe höher oder niedrer als der Durchschnittslohn sei, der für diese Art der Arbeit in der Grafschaft gezahlt werde. Da nun aber in diesen Fragen eine mathematische Genauigkeit nicht zu erreichen ist, so bestimmen die Statuten des gemeinsamen Ausschusses, dafs in den Stücklöhnen der Häuer eine Änderung nur dann verlangt werden könne, wenn nachgewiesen würde, dafs dieselben um 5 °/o höher oder niedriger als die für diese Arbeit gewährte Durchschnittslöhnung seien. Hieraus folgt, dafs nicht nur in verschiedenen Gruben, sondern sogar in derselben Grube die verschiedensten Löhne herrschen. So schwankten z. B. in zwei benachbarten Gruben die Löhne von 1 sh. 2 1 /2 d. bis 2 sh. die Tonne. Auch wechselt der Tagesverdienst durchaus, z. B. bewegt sich derselbe in den angeführten Gruben zwischen 3 sh. 6 d. und 4 sh. 9 d.; besondere Schwierigkeiten scheinen also als Grund absolut höherer Bezahlung angesehen zu werden. Fälle, in denen es sich um Lohnfestsetzungen dieser Art handelt, sind bei weitem die zahlreichsten unter den an den gemeinsamen Ausschufs gelangenden. Beispiele sind folgende: die Arbeiter verlangen höheren Lohn wegen eindringenden Wassers, wegen verminderter Höhe des Flötzes, deswegen, weil eine für die Grafschaft ausgesprochene Lohnerhöhung ihnen nicht zu teil geworden sei. Die Arbeitgeber verlangen Lohnverkürzung deswegen, weil der Flötz „gebrochen" werde, d. h. die Gänge fertig ausgearbeitet und die Pfeiler nunmehr nur auszusprengen seien, weil die Kohle weicher und damit die Arbeit leichter werde; sie fordern Anpassung bestimmter Löhne an eine für die Grafschaft ausgesprochene Lohnherab- — 342 — Setzung; sie verlangen, dafs ihre Grube aus der Klasse der teurer bezahlenden „Dampfkohlenwerke" in die der weniger bezahlenden versetzt werde, welche „weiche Kohle" fördern. Solche und ähnliche Fälle erledigt der Ausschufs. Derselbe ist jedoch mit seinen Entscheidungen nicht an die Anträge der Parteien gebunden. So verlangten z. B. die Arbeiter wegen aufserordentlicher Hitze im Schacht eine Lohnerhöhung. Der Ausschufs verwarf diesen Antrag, in der Meinung, dafs unter solchen Umständen überhaupt nicht gearbeitet werden solle, forderte vielmehr den betreffenden Arbeitgeber auf, durch verbesserte Ventilation die Temperatur zu erniedrigen. Allgemeine Fragen weist er von sich, so z. B. als die Arbeiter eine bisher ungebräuchliche Vergütung dafür forderten, dafs sie die ihnen zum eignen Verbrauch zugeteilten Kohlen verlüden; hätte der Ausschufs hier nein oder ja gesagt, so hätte er damit nach seiner Ansicht einen neuen allgemeinen Grundsatz für die Löhnung aufgestellt, was über seine Befugnis hinausging. Eine weitere Komplizierung erfuhr das System der Löhnung und damit die Rechtsprechung des Ausschusses durch Einführung der sogenannten „Fairy Bills". Es kommt nämlich bei der harten Kohle Northumberlands, welche der Ausfuhr vor allen dient, darauf an, die Kohle in möglichst grofsen Stücken zu fördern. Auch ist es für die Grubenbesitzer um deswillen wichtig, dafs die Arbeiter hierzu einen Ansporn haben, weil sie alsdann den auszusprengenden Flötz nach Kräften ausnutzen und möglichst tief, d. h. dort, wo er auf dem Stein aufsitzt, unterwühlen. Die Vereine der Arbeitgeber und Arbeiter einigten sich 1877 daher dahin, dafs die Arbeiter, wenn es die Grubenverwaltungen vorzögen, allein nach den grofsen Stücken bezahlt werden sollten. Dieselben werden dadurch gesondert, dafs man die Kohlen über Latten gleiten läfst, zwischen welchen die kleineren hindurchfallen. Durch Schiedsspruch des Herrn Dr. Playfair wurde festgestellt, dafs sich in der Tonne bisher 60,8 °/o grofse Stücke befanden; für dieses Gewicht (also ^ Tonne) wird der Arbeiter mit dem üblichen Durchschnittslohn für die ganze Tonne bezahlt. Was er darüber liefert, ist demnach Extragewinn; dagegen wird er für die kleinen Stücke, welche zu Boden fallen, gar nicht bezahlt. Die Einführung dieses Systems, welches übrigens nur teilweise angenommen wurde, war Grafschaftsfrage. Dagegen führte seine Anwendung zu häufigen Zweifeln, welche der Verwaltungsausschufs entschied. Auch in diesem Fall bleibt der Durchschnittssatz, der für die Tonne zu gegebener Zeit gezahlt wird, Grundlage seiner Entscheidungen. Wo Stücklohn herrscht, ist die Länge der Arbeitszeit nicht von gleichem Interesse für die Parteien als dort, wo Tagelohn bezahlt wird. Trotzdem hat der Ausschufs nicht selten mit Fragen der Arbeitszeit zu thun. Auch in dieser Hinsicht herrscht der Grundsatz, die Arbeitsleistung möglichst zu steigern. Die Arbeitszeit ist auffallend kurz, GVa oder 6 Stunden (uneingerechnet Aus- und Einfahrt); jedoch gestattet in gewissen Fällen der Ausschufs eine längere Arbeitszeit. Es wird in doppelter Schicht gearbeitet; an Stelle der ersten Arbeiter treten nach 6- oder 6 1 /ästündiger Arbeit Ersatzmänner. Die Schattenseite dieses Systems, dafs jeder nur daran Interesse hat, möglichst viel für sich herauszufordern, ohne die Arbeit des Nachmannes vorzubereiten, wird dadurch vermieden, dafs Vormann und Nachmann ihr Geschäft gemeinsam betreiben, d. h. zusammen als eine Person bezahlt werden, häufig wohl Vater und Sohn oder Angehörige desselben Haushaltes sind. Die Vorteile dieses Systems für den Arbeitgeber fafste Lord Herschell, der im Jahre 1877 für die Kohlenindustrie — 344 — Northumberlands Schiedsrichter war, in folgender Weise zusammen : Schiedsrichter, sich wendend an den Zeugen Herrn Mamatt, Sachverständigen für die Kohlenindustrie in Yorkshire, wo nur in einer Schicht und mit längerer Arbeitszeit gearbeitet wird: „Wenn Sie das nehmen, was per Tag aus der Grube herauskommt — das Quantum, auf das die stehenden Ausgaben sich beziehen —, so würde jedenfalls die Art und Weise, wie in Northumberland gearbeitet wird, mehr Gewinn bringen als die Ihre, weil man hier, soviel ich verstehe, das doppelte Quantum fördert"? Zeuge: „Jawohl, während derselben Zeit von 24 Stunden". Herr Bunning, Sekretär der Arbeitgeber: „Aber mit der doppelten Anzahl von Menschen". Schiedsrichter: „Dieselben werden nach der Tonne bezahlt und daher ist es ganz gleichgültig, ob man die doppelte Anzahl von Menschen hat oder nicht. Was ich meine, ist, dafs, wenn man sechs Tonnen an Stelle von dreien den Tag erhält, sehr viele der stehenden Ausgaben sich auf sechs statt drei verteilen werden". — Da nämlich jeder Arbeiter trotz der kurzen Stundenzahl nicht weniger, sondern eher mehr leistet als ein länger arbeitender anderwärts, so befindet sich der Arbeitgeber in der Lage, als ob er einen Arbeiter zwölf bis dreizehn Stunden arbeiten hätte, der doppelt soviel fördert als der Arbeiter in den Bergwerken des Konkurrenten. Dieses System komplizierter Stücklöhnung mit kurzer Arbeitszeit und Schichtwechsel wäre ohne die Thätigkeit des gemeinsamen Ausschusses undurchführbar, welche jeder Arbeitsleistung den ihr gebührenden Lohn anpafst. Ohne das würde, da der Lohn nicht aus einer Liste zu entnehmen ist, voll- — 345 — ständige Unsicherheit herrschen. Die Arbeiter würden sich häufig über ungerechte Löhne beklagen und örtliche Ausstände häufig sein, welche eine in Intensität so gesteigerte Industrie gerade am wenigsten vertragen kann. Andrerseits aber würden einzelne Arbeitgeber durch Druck auf die Löhne ihrer Arbeiter Vorsprung vor den andern zu erreichen suchen. Beides wird dadurch unmöglich, dafs es eine Autorität giebt, die für die ganze Grafschaft die Arbeitsbedingungen auf gleicher Linie hält. Während, wie wir sahen, der Durchschnittslohn für die Tonne die Grundlage der Entscheidungen des Ausschusses bildet, so hat derselbe doch auch manchmal den Durchschnittstagesverdienst der Bergleute zu Bäte zu ziehen. Einen solchen Fall erwähnten wir (Bezahlung anderer, nach der Zeit beschäftigter Arbeiter). Ferner besteht die Bestimmung, dafs der Tagesverdienst, wo er sich durch verlängerte Arbeitszeit, nicht durch eintretende Schwierigkeiten der Arbeit, über den Durchschnittsverdienst hebt, 5 sh. 2 d; nicht überschreiten dürfe, womit für die Verlängerung der Arbeitszeit eine Maximalgrenze gegeben ist, sowie dafs kein Arbeitgeber eine Lohnherabsetzung fordern könne, aufser wenn der in der Grube durchschnittlich bezahlte Tagelohn 5 sh. 2 d. um 5 °/o übersteigt. Der Durchschnittstagesverdienst wechselt je nach dem Steigen oder Sinken des Stücklohns. Der Bergmann von Nort- humberland erhält für den Tag mehr als der in Durham. Herr Beginald Guthrie, zur Zeit Schriftführer der Grubenbesitzer beider Grafschaften, giebt mir folgende Zahlen an: Bei siebenstündiger Schicht (Einfahrt inbegriffen) — 5 sh. 2 d. für Northumberland — 4 sh. 8 d. für Durham. Bei 6V2 stündiger Schicht — 4 sh. 9V2 d. für Northumberland — 4 sh. 5 d. für Durham. Trotzdem ist der Bergmann in Durham besser gestellt als der in Northumberland, da der letztere von der Öffnung — 346 — der Ostsee im Frühjahr abhängt und daher seine Arbeit bei spätem Frühjahr oft Unterbrechungen erleidet. Hinzuzufügen ist, um das Bild der Thätigkeit des Ausschusses zu vervollständigen, dafs die Bergleute im Fall der Verheiratung ein Haus und ein Stück Gartenland erhalten (im Werte von 1 sh. 6 d. bis 2 sh. die Woche). Es ist klar, dafs diese Berechtigung zu zahlreichen Streitfragen führt: über ihren Beginn, über die Beschaffenheit des Hauses, von der andern Seite über die notwendigen Ausbesserungen u. s. w. In gleicher Weise entscheidet der Aussehufs über das Recht des Arbeiters auf Feuerung und über seine Verpflichtung, Licht, Pulver und einen Teil der Werkzeuge selbst zu stellen. Fügen wir hinzu, dafs der Aussehufs auch von Arbeitgebern dazu benutzt wird, Mifsbräuche bei der Arbeit abzustellen, welche sie sonst zu verhindern kaum im stände wären. So finde ich Anträge darauf, dai's die Arbeiter das Dach oder die Sohle eines Flötzes besser auszuarbeiten hätten, Beschwerden darüber, dafs sie zu viel Pulver an Stelle der Handarbeit verwendeten, wodurch die Kohle verschlechtert würde. Die Arbeiter, denen die Entscheidung des Ausschusses mit dem Ansehen ihrer gewerkvereinlichen Behörden entgegentritt, sind gezwungen, derselben sich zu fügen, ja Lohnherabsetzungen und Strafen sich gefallen zu lassen. Ganz besonders aber tritt der Aussehufs denjenigen Arbeitern entgegen, welche selbst für den Fall einer noch so begründeten Beschwerde die Arbeit einstellen. Wird doch durch unautorisierten Ausstand seine schiedsrichterliche Stellung in Frage gestellt. In solchen Fällen werden die Beschwerden überhaupt nicht gehört oder für längere Zeit, nachdem die Arbeit wieder aufgenommen ist, vertagt. Natürlich zahlt auch der Gewerkverein solchen Bergleuten keine Ausstandsgelder. Das Gesagte gewährt einen Überblick über die weit- — 347 - reichende Thätigkeit des gemeinsamen ständigen Ausschusses. Seine Stärke besteht darin, dai's ihm jene allgemeinen Fragen entzogen sind, welche weder technischer noch rechtlicher, sondern wirtschaftlicher Natur und nicht selten für beide Parteien so wichtig sind, dai's sie in ihnen dem Spruche eines Dritten sich nicht zu beugen geneigt sind. Hierhin gehören vor allen die Lohnfragen, welche dank dem Ausschusse statt in unzählige zu zersplittern, für die ganze Grafschaft mit einer einzigen Prozentzahl ausgedrückt werden, z. B. 5 % Erhöhung, Verminderung. Dies ist Voraussetzung für friedliche Lösung auch dieser Fragen durch Verhandlungen der sich gegenüberstehenden Vereine, durch Schiedsspruch oder gleitende Skalen. Unmittelbar aber leistet der Ausschufs aufserordentlich viel in der Vermeidung aller der Arbeitsstreitigkeiten, welehe aus den Fragen des „individuellen Falles" entspringen. In den letzten Jahrzehnten fanden in Northumberland zweimal (1878 und 1887) allgemeine Arbeitsausstände wegen Lohnfragen statt. Läfst man diese Jahre aufser Betracht, weil ja mit jenen Fragen der Ausschufs nichts zu thun hatte, so erhält man zwei je achtjährige Perioden von 1870—77 und von 1879—86. In der ersteren, während welcher der Ausschufs errichtet wurde und noch keine endgültigen Entscheidungen fällte, ist die Summe des auf örtliche Arbeitsausstände vom Gewerkverein verausgabten Geldes 12 337 |£, in der letzten Periode nur 4275 £; der Jahresdurchschnitt in der ersten ist 1525 i£, in der zweiten 531 j£, — das letztere ein in der That äufserst geringer Betrag, w r enn man bedenkt, dafs einige Gruben dem Verein der Arbeitgeber nicht beigetreten sind, der Gewerkverein also, wenn er ihnen gegenüber Beschwerden hat, auf Ausstände angewiesen ist. — 848 — Statuten des gemeinsamen ständigen Ausschusses für Northumberland. März 1877. 1. Der Gegenstand des Ausschusses soll sein die Besprechung aller Fragen (aufser solchen, die man Grafschaftsfragen nennt und die das Gewerbe im allgemeinen angehen) \ als da Löhne, Arten der Arbeit und alle andern Gegenstände betreffen, wie sie von Zeit zu Zeit in den Gruben sich erheben und der Erwägung des Ausschusses durch die betreffenden Parteien unterstellt werden sollen. Derselbe soll alle Streitfragen besprechen, Beweise erheben und seine Entscheidung soll endgültig sein. 2. Der Ausschuf's besteht aus sechs Vertretern, weiche der Gewerkverein der Bergleute, und sechs, welche der Verein der Grubenbesitzer ernennt; ein Vorsitzender soll jährlich durch beide Vereine bezeichnet werden, der stimmberechtigt sein soll. 3. Es soll keine Verhandlung stattfinden, wenn nicht wenigstens je drei Vertreter der beiden Vereine anwesend sind. 4. Jede Partei zahlt ihre eignen Kosten. 5. Ist irgend eine Veränderung oder Erweiterung dieser Regeln gewünscht, so soll von einem solchen Antrage in der Sitzung, die der Beratung dieser Veränderung vorhergeht, bereits eine Mitteilung gemacht werden. 6. Ist irgend ein Mitglied in einer zu behandelnden Frage 1 Dies der Unterschied von der Einigungskanuner. So heifst es in den Statuten der mittlerweile zusammengebrochenen Einigungskammer für die chemische Industrie Nordenglands: „Die Kammer soll über Lohnfragen und alle anderen Gegenstände, welche die gegenseitigen Interessen der Arbeiter und Arbeitgeber angehen, entscheiden". Ähnliches bestimmten die Statuten der Einigungskammer für die Wirkerei in Nottingham: „irgend welche Fragen". Hierin liegt die Schwäche dieser Einrichtung. — 849 — persönlich interessiert, so soll es sich der Abstimmung enthalten und ein Mitglied der Gegenpartei soll sich dann ebenfalls der Abstimmung enthalten. 7. Die Geschäftsrolle soll mitgeteilt werden wenigstens vier volle Tage vor jeder Sitzung (von Schriftführer an Schriftführer) und kein Mitglied soll im stände sein, in irgend einer andern Weise etwas zur Verhandlung zu bringen. 8. Wenn sowohl die Grubenbesitzer wie die Bergleute auf ihrer Geschäftsrolle Fälle haben, so soll von jeder Seite abwechselnd ein Fall erwogen werden. 9. Wenn man in einem Falle zum Schiedsgericht schreitet und die Schiedsrichter sich nicht über die Ernennung eines Unparteiischen verständigen können, so soll der Vorsitzende dss Ausschusses die Ernennung vornehmen. 10. Alle Anträge betreffend Lohnherabsetzungen oder -erhöhungen für irgend einen Teil einer Grube, sollen die Frage der Löhnung für dieselbe Klasse von Arbeitern in der ganzen Grube eröffnen. 11. Bevor irgend eine Veränderung in den Häuerlöhnen genehmigt wird, mufs klar nachgewiesen werden, dafs der durchschnittliche Lohn, beziehentlich dessen der Antrag gestellt ist, mindestens 5 % über oder unter dem Grafschaftsdurchschnitt steht. Z u s a t z r e g el n. 12. Der Ausschuls darf keine Frage betr. Übergang von Zeitlohn zu Stücklohn und umgekehrt verhandeln (Grafschaftsfrage). 13. In Zukunft sollen Arbeitgeber und Arbeiter nicht weniger als 10 volle Tage vorher jeden Antrag (ihrem Schriftführer) mitteilen, dagegen hat die Mitteilung von einem Verein an den andern wie bisher zu geschehen und mit der Unter- schrift oder dem Stempel des Beamten des Vereins gezeichnet zu werden. 14. Gewöhnlich sollen die drei letzten Ablöhnungen vor dem Antrage berücksichtigt werden, ausschliefslich der ersten und letzten im Vierteljahre, aber kein angebotener Beweis bezüglich irgend einer Ablöhnung soll ausgeschlossen werden. 15. In Zukunft soll kein Fall, ohne dafs eine Sitzung dazwischen liegt, von neuem verhandelt werden. 16. Der Vorsitzende wird jährlich in einer Sitzung am zweiten Samstag des Mai erwählt; seine Wiederwahl soll bereits in der vorhergehenden Sitzung des Ausschusses besprochen werden. 17. Den Tagesverdienst auf 4 sh. 9Va d. angenommen, soll Überzeit, wo sie zu vermehrter Produktion führt, zu nicht mehr als 4 1 2 d. erlaubt sein, jedoch jeder Fall auf seine Eigentümlichkeit hin in Betracht gezogen werden. (Vergl. S. 343 unten.) Kein Arbeitgeber darf eine Lohnherabsetzung verlangen, wenn nicht der Durchschnittstagesverdienst in seiner Grube wenigstens 5 °/ 0 über 5 sh. 2 d. beträgt. Wenn irgend eine Belegschaft Lohnerhöhung verlangt, so ist der Durchschnittstagesverdienst auf 4 sh. 9V2 d. anzunehmen plus irgend welchem Zusatz, der aus Überzeit folgt 1 . 18. Erhöhungen oder Herabsetzungen des Lohnes haben mit dem ersten Zahltage nach der Entscheidung zu beginnen. 19. In Zukunft sollen Berichte oder Schiedssprüche das Datum bezeichnen, an dem eine Veränderung eintreten soll. 20. Die Berichterstatter haben die Zeit ihrer Zusammenkunft so früh als möglich anzusetzen. 1 Besclilufs vom 12. Juli 1879; natürlich schwankt der Durchschnittstagesverdienst und zwar in Prozenten, je nach den Lohnskalen oder anderweitigen Festsetzungen. - 351 — B. Erledigung allgemeiner Fragen. Wir betrachten nunmehr, wie sogenannte „Grafschaftsfragen" erledigt, d. h. die Arbeitsbedingungen festgesetzt werden, nachdem wir die Anwendung der festgesetzten kennen gelernt haben. Die Arbeitsbedingungen werden nach rechtlicher Auffassung durch Vertrag geregelt. Thatsächlich liegt jedoch erst dann ein Vertrag, d. h. eine Übereinkunft zweier einander gegenüberstehenden Willen vor, wenn der Arbeiter durch Verbündung mächtig genug geworden ist, um neben dem Arbeitgeber auch seinerseits die Feststellung dieser Bedingungen zu beeinflussen. Wie gestaltet dieselben sein werden, hängt davon ab, welche Partei der andern länger und leichter entbehren kann. Es werden Fälle sich nie vermeiden lassen, in denen die Probe darauf wirklich gemacht wird, was Einigungskammern, welche den Parteien für alle Zeit die Hände binden, verkennen. Dagegen lassen sich diese Fälle des Kampfes aufserordentlich vermindern. In wachsendem Grade nämlich werden die materiellen Gründe, welche die Lohnschwankungen beeinflussen, insbesondere die Lage des Gewerbes, auch der Erkenntnis des Arbeiters zugänglich und damit der Ausgang, welchen ein Kampf haben würde, vorhersehbar. Die Feststellung der Arbeitsbedingungen erfolgt alsdann durch Vertrag auf Grund friedlicher Verhandlungen. Da aber jene Gründe die Industrie, im ganzen betreffen, insbesondere nicht von dem Gewinn des einzelnen Unternehmers, sondern von der Marktlage abhängen, so besteht die Tendenz, die Entscheidung für das gesamte Gewerbe einheitlich zu treffen, wie wir für Lancashire oben sahen. In der Kohlenindustrie, die wir betrachten, werden die Lohnveränderungen zwischen dem Verein der Gruben- — 352 — besitzer einerseits und den Gewerkvereinen von Northumber- land und Durham andrerseits je für die betreffende Grafschaft einheitlich geregelt. Mit Erlöschen des alten Klassengegensatzes wird die Zahl der friedlich ohne vorhergehenden Kampf getroffenen Abmachungen immer überwiegender. So zähle ich für Northumberland seit 1870 im ganzen 13 durch Vertrag herbeigeführte Lohnveränderungen, dagegen nur 2 allgemeine Ausstände. In Durham, wo die Lohnveränderungen sogar etwas häufiger gewesen zu sein scheinen, ist überhaupt in der genannten Periode nur e i n allgemeiner Ausstand vorgekommen. Wir überblicken kurz die Geschichte dieser Veränderungen, zunächst für Northumberland. Ungefähr Mitte 1871 trat die englische Kohlenindustrie in eine Periode bis dahin unerhörten Aufschwungs. Damals wandten sich die Belegschaften einzelner Gruben in Northumberland an die betreffenden Grubenbesitzer mit dem Verlangen nach Lohnerhöhung. Sie wurden, wie erwähnt, an den Verein der Arbeitgeber gewiesen und nach Verhandlungen einigte sich hier zum erstenmal dieser Verein mit dem der Arbeiter auf eine die ganze Grafschaft betreffende Lohnerhöhung von 10°/ 0 , Anfang 1872. In gleicher Weise wurden im Juli 1872 weitere 20°/ o und im März 1873 noch einmal 20°/ 0 gewährt. Die Löhne waren im ganzen um 50°/ o gestiegen und zwar auf friedlichem Wege, da die Grubenbesitzer die aufserordentlichen Gewinne sich nicht durch Arbeitsausstand verkürzen lassen .wollten. Bereits 1873 begann die entgegengesetzte Bewegung. Mit dem Sinken des Marktpreises der Kohle forderten die Arbeitgeber 1874 zwei Lohnherabsetzungen, welche ebenfalls durch Vertrag zwischen den Parteien eingeführt wurden, die eine von 10° 0 , die andere von 14°/ 0 . Als aber 1875 abermalige Lohnverkürzung verlangt wurde, da waren die Arbeiter — 353 — zweifelhaft, ob dieselbe in der Lage des Gewerbes begründet sei oder ob sie sich nicht vielmehr mit Erfolg dagegen wehren könnten. Diese Unsicherheit führte sie zum Vorschlag eines Schiedsgerichts. Die Arbeitgeber gingen darauf ein, und unter sinkender Konstellation des Marktes folgt nunmehr eine Periode der Schiedsgerichte. Das erste fand März 1875 vor Sir Rupert Kettle statt, welcher bereits in andern Gewerben erfolgreich das Schiedsamt bekleidet hatte, und führte zu einer Lohnherabsetzung von 10°/ o . Noch im nämlichen Jahr erkannte Lord Herschell auf eine weitere von 8 °/ 0 , August 1876 Sir Lyon Playfair auf eine solche von 7 °/ 0 . Im Juli 1877 wies Lord Herschell aber das Verlangen der Arbeitgeber nach weiterer Lohnherabsetzung ab; dafs dieser Schiedsspruch jedoch nicht auf gesunder Grundlage beruhte, zeigte sich darin, dafs die Arbeitgeber drei Monate nach dem Schiedssprüche abermals Verkürzung der Löhne um 15 °/ 0 verlangten, und ausdrücklich erklärten, dafs sie sich einem Schiedsgericht nicht unterwerfen würden und in einem darauf ausbrechenden Ausstande den Sieg davontrugen. Genau dieselbe Entwicklung liegt in Durkam vor. Auch hier wurden 1872 und 1873 50 °/ 0 Lohnerhöhung gewährt, sodann 1874—76 fünf Lohnherabsetzungen vorgenommen, von ihnen vier auf dem Wege des Schiedsgerichts. Es scheint hier der Ort, das Wesen des industriellen Schiedsgerichts, wie es sich in England entwickelt hat, näher zu betrachten, um alsdann bei Besprechung der Eisenindustrie, für die es ebenfalls sehr wichtig ist, nicht weiter darauf zurückzukommen. Voraussetzung der Einführung des Schiedsgerichtes in die Industrie ist ein .Friedenszustand, in dem die Arbeiter die Arbeitgeber nicht mehr als Feinde und Unterdrücker, sondern lediglich als wirtschaftliche Gegner ansehen. Ohne das näm- v. Schulze-Gaeve'rnitz, Zum soc. Frieden. IJ. 23 - 354 — lieh werden die Arbeiter nicht Vertrauen in die Unparteilichkeit des Schiedsrichters gewinnen, welcher gewöhnlich den oberen Klassen angehört. Andererseits werden die Arbeitgeber es unter ihrer Würde halten, ihr Verhältnis zu den Arbeitern von einem Dritten bestimmen zu lassen. Dafs in der That dieser Zustand des Friedens einen grofsen Teil der englischen Industrie beherrscht, beweisen die Verhandlungen vor den Schiedsrichtern in fast allen Gewerben. Wenn man bedenkt, dafs es sich für beide Parteien um die wichtigsten Interessen, für den Arbeiter um ein Brot w r eniger oder nicht, vielleicht daheim um hungernde Kinder, für den Arbeitgeber oft um geschäftlichen Ruin handelt, so ist der Ton der Höflichkeit, in dem diese Verhandlungen geführt werden, bewunderungswürdig. Jede Seite scheint dadurch an den Tag' legen zu wollen, dafs der Meinungsverschiedenheit, in der sie sich gegenüber der anderen Seite befindet, wirtschaftliche Gründe, keine persönlichen zu Grunde liegen. So erklären z. B. die Arbeitgeber vor Sir Rupert Kettle 1875: „Unsere Bergleute bilden sowohl körperlich wie geistig einen höchst fortgeschrittenen Typus der Menschheit, aus dem einige unserer begabtesten Erfinder und Gesetzgeber hervorgegangen sind. Aus ihren Reihen sind heute mit grofsem Geschick einige der fähigsten Sachwalter auserwählt worden, w T elche je eine Gruppe von Menschen zu vertreten haben" — ähnlich wie etwa ein Advokat die Fähigkeit seines Gegners hervorhebt. Der Schiedsrichter bezeugte in seinem Gutachten damals, dafs die Verhandlungen vom ersten bis zum letzten Wort in einem durchaus freundschaftlichen Tone geführt worden seien. Lord Herschell gar sagte wenige Jahre später, dafs sie „in besserem Geiste und in fähigerer Weise gar nicht hätten geführt werden können". Auch die Arbeiter, welche zu hitzigen Worten wohl eher geneigt sind, bemühen sich den Ton gegenseitigen — 355 — Zuvorkommens nach Kräften zu wahren. „Wir sagen manchmal harte Dinge", sagt einer ihrer Vertreter „wenn wir heifs werden; aber sobald die Versammlung vorüber ist, vergessen wir sie. — — Wir bewundern den versöhnlichen Geist, in welchem wir heute zusammengetroffen sind, und wollen uns bemühen, in demselben zu erwidern". (Aus dem Schiedsgerichte Shaw-Lefevres 1878 in der Eisenindustrie.) Mehr noch als durch Worte bewiesen die Arbeiter der Eisenindustrie durch folgende geradezu staunenswerte That- sache, wie weit dem Klassenhasse heute gegenseitiges Vertrauen Platz gemacht hat. Zu wiederholten Malen, als es sich für sie um äufserst einschneidende Lohnveränderungen handelte, erwählten sie David Dale, einen angesehenen Eisengruben- und Eisenwalzwerkbesitzer, zum Schiedsrichter, indem sie glaubten, dafs er selbst dort, wo er in eigner Sache zu Gericht säfse, unparteiisch ihre Interessen mit den seinen abwägen würde. Die Form, in welcher das Schiedsgericht vor sich zu gehen pflegt, ist wechselnd. Entweder ernennen die Partein je zwei „arbitrators", welche sich auf einen Unparteiischen einigen, oder es wird der letztere unmittelbar durch Übereinkunft zwischen Arbeitern und Arbeitgebern bezeichnet. Anerkanntermafsen ist der Unterschied zwischen beiden Formen rein äufserlich. Jene „arbitrators" sind nämlich that- sächlich nichts als Sachwalter und eine Übereinkunft zwischen ihnen ist fast unmöglich, da sich sonst die Parteien wohl auch ohne Schiedsgericht geeinigt hätten. Daher bleibt auch hier die Entscheidimg bei dem einen Unparteiischen, zu dessen Aufklärung lediglich jene Beisitzer dienen. Die Verhandlungen sind mündlich; jedoch verliest bei Beginn der Verhandlung der Vertreter der klägerischen Partei einen Schriftsatz, der seine Forderung begründet, worauf die 23* — 356 — Gegenpartei in gleicher Weise erwidert. Sodann folgt Beweisaufnahme, Kreuzverhöre der Zeugen u. s. w., endlich II Schlufsplaidoyer der Parteien. Allein trotz der äufseren Form einer Gerichtsverhandlung beruht das Schiedsgericht, wie schon das römische Hecht lehrt, auf dem Schiedsverträge zwischen den Parteien. Nicht eine dritte über den Parteien stehende Autorität stellt hier, wie früher, die Arbeitsbedingungen fest. Im Gegenteil, mit fortschreitender Entwicklung wird die zunächst leere rechtliche Form des Arbeitsvertrages mehr und mehr mit dem thatsächlichen Inhalt gefüllt. Wir sahen, wie die Lohnsteigerungen im Beginn der siebziger Jahre durch Vertrag der beiderseitigen Vereine herbeigeführt wurden. Alljährlich werden seitdem unwichtigere Seiten der Arbeitsbedingungen, welche der gemeinsame ständige Ausschufs als Grafschaftsfragen von sich gewiesen hat, in „allgemeinen Zusammenkünften", d. h. durch Vereinigung gröfserer Abordnungen der beiden Parteien vertragsmäfsig erledigt. Ein ähnlicher Vertrag liegt jedem Schiedsgerichte zu Grunde: auch hier Verhandlungen seitens Bevollmächtigter und Vertragsschlufs über künftige Arbeitsbedingungen, mit dem Unterschiede nur, dafs der materielle Inhalt des Vertrages dem Ermessen eines Dritten ganz oder teilweise anheimgestellt wird. Die Unterwerfung unter den Schiedsspruch beruht auf dieser vertragsmäfsigen Festsetzung; dies zeigt sich insbesondere darin, dafs nicht selten die Parteien gewisse Punkte, über welche sie einig sind, dem Schiedsrichter entziehen. So wurde z. B. festgesetzt, dafs derselbe innerhalb bestimmter Grenzen den Lohn festsetzen, dafs er von einem bestimmten Normaljahre ausgehen und seinen Entscheid durch Vergleichung der heutigen Lohnverhältnisse mit den damaligen gewinnen solle. Derartige Beschränkungen wurden z. B. durch schriftlich abgeschlossenen — 357 — Vertrag dem Schiedsgerichte des Herrn Wheeler 1875 in Cumberland zu Grunde gelegt. Auch wird häufig im Schiedsverträge die Zeit, für die der Schiedsspruch gelten soll, festgestellt. Infolge seines vertragsmäfsigen Charakters ist es Voraussetzung des industriellen Schiedsgerichtes, dafs beide Seiten die entsprechenden Organe der Willensäufserung und -Verpflichtung besitzen, d. h. in Vereinen organisiert sind. Daher ist dasselbe unmöglich, wo der Arbeiter einzeln dem Arbeitgeber gegenübersteht. Wie könnte man Tausende und Zehntausende im voraus verpflichten, sich einem Schiedssprüche zu unterwerfen? Am Ende bliebe es jedem einzelnen möglich sich nicht als gebunden zu erklären, so dafs man am Schilds nicht weiter als im Anfang wäre. Wo dagegen die Arbeiter organisiert sind, sorgt der Gewerkverein für die Durchführung des Schiedsspruches. Obgleich in der englischen Industrie Hunderte solcher Schiedssprüche vorgekommen sind, ist die Durchführung derselben kaum jemals in Frage gestellt, niemals der gerichtlichen Entscheidung unterbreitet worden. Es zeigt sich hier auch die Bedeutung der öffentlichen Meinung. In der von ihr geübten Macht liegt die wichtigtse Gewähr für die Innehaltung des Schiedsspruches. Gerichtliche Klagbarkeit, wie sie nach den von Sir Rupert Kettle aufgestellten Regeln für das Schiedsverfahren, sowie nach dem sogenannten Mundella-Akt 1 erreichbar ist, erweist sich dem gegenüber von geringer Bedeutung. 1 Der sogenannte „Mundella-Akt" von 1872 ermöglicht, dafs Arbeiter i und Arbeitgeber für die Zukunft alle entstehenden Lohnstreitigkeiten j einem Schiedsgerichte zu unterwerfen sich verpflichten. Das Gesetz hat keine praktische Anwendung gefunden. — Beziehentlich der rechtlichen j Erzwingbarkeit eines Schiedsspruches steht die Vertretungsbefugnis der Vorstände des Gewerkvereins für jedes einzelne Mitglied statutenmäfsig fest und wird durch Beitritt zum Verein anerkannt. Jedoch ist die ge- - 358 — Was die Gründe angeht, welche für die Fällung des Schiedsspruches mafsgebend sind, so zeigt die Erfahrung, dafs der Schiedsrichter sich ausschliefslich an die Thatsachen zu halten hat, welche ohne sein Dazwischentreten die Lohnhöhe entscheiden würden, d. h. an die bestehenden Machtverhältnisse. Dies wird mitunter verschleiert. Es kommt vor, dafs die Parteien aus taktischen Erwägungen sich nicht auf die in der Marktlage begründeten Machtverhältnisse berufen. Der jeweilig schwächere Teil sucht häufig durch Anziehung anderer Argumente die Frage auf ein anderes Gebiet hinüberzuspielen, als auf das, auf dem er verlieren mufs. So wenn z. B. die Arbeiter bei sinkendem Markte einer Lohnreduktion mit der Bemerkung entgegentreten, dafs sie nicht leben könnten, oder dafs nicht sie es seien, die für fehlerhafte Geschäftsführung und Geschäftsstockungen die Verantwortung zu tragen hätten, oder dafs es dem Unternehmer und nicht ihnen zur Last falle, wenn die Flötze allmählich schlechter würden, mit der Ausdehnung der Bergwerke die Förderung der gebrochenen Kohlen an das Tageslicht kostspieliger würde und andere „natürliche Nachteile" einträten; oder wenn umgekehrt die Arbeitgeber geltend machen, dafs die Arbeiter ihre bisherige Lebenshaltung mit geringeren Mitteln durchführen könnten, weil sich der Geldwert gehoben habe oder weil die Konsumvereine die Lebensmittel verbilligt hätten. All' dies sind nur taktische Argumente, um durch Erweckung von Sympathie den Schiedsrichter vom springenden Punkte der richtliche Erzwingbarkeit praktisch von geringer Bedeutung. Wo Arbeiter und Arbeitgeber unorganisiert sind, ist sie doch undurchführbar, wo sie organisiert sind, überflüssig. So legt Spence Watson (Contemporary Review, Mai 1890) allen Wert darauf, dafs beide Parteien thatsächlich Vertreter (truly representative) einer gesamten Industrie eines gröfseren Bezirkes seien. — 359 — Entscheidung abzulenken. Es ist aber nicht zu vergessen, dai's es sich heim Preise der Arbeit um den Preis eines wirtschaftlichen Gutes handelt, welcher in derselben Weise wie jeder solche Preis festgestellt wird. Es liegt ein Lieferungsgeschäft vor, indem die Ware Arbeit zu einem heute bestimmten Preise für eine gewisse, zukünftige Zeitdauer verkauft wird 1 , ganz nach der Art wie derartige Geschäfte alltäglich auf der Börse abgeschlossen werden, daher ihm auch eine Fristbestimmung, innerhalb deren der Schiedsspruch gelten soll, bezw. eine Kündigungsfrist eigentümlich ist. Der Schiedsrichter, wie jeder dritte zur Preisfeststellung zwischen zwei unabhängigen Parteien berufene, hat lediglich das zu ermitteln, was, wenn er nicht einträte, sieh als natürliche Höhe des Preises feststellen würde. Da er den Kampf zu vermeiden berufen ist, so hat er die Funktion des Kampfes, die Feststellung der gegenseitigen Machtverhältnisse verstandesgemäfs zu erfüllen. Nur wo er das gethan, ist er sicher, dafs sein Spruch sich als lebensfähig erweist. Wo er dagegen jenen taktischen Argumenten der Parteien Gewicht beimifst, ist eine dauerhafte und gesunde Lohnregelung unmöglich. So z. B. wies Lord Herschell einmal die Arbeitgeber ab, weil sie nicht nachweisen konnten, dafs sie schlechter als ihre Konkurrenten daran seien. Da sie aber augenblicklich in der Lage waren, die geforderte Lohnherabsetzung zu erzwingen, so konnte sein Spruch nicht von Bestand sein; vielmehr mufsten die Arbeitgeber das, wozu sie die Macht hatten, sich bald auf anderem Wege zu verschaffen versuchen. Daher warnt David Dale die Schiedsrichter, sich durch Gefühle leiten zu lassen; auch Spence Watson spricht sich 1 Wir brauchen den Ausdruck „Kauf" der Arbeit, um anzudeuten, dafs der Vorgang wirtschaftlich nicht vom Kauf eines anderen Produktionsmittels verschieden ist. Juristisch hegt natürlich Miete vor. dahin aus, dafs, so schwer es sei, er als der Schiedsrichter nicht davor zurückschrecken dürfe, unter Umständen die Lebenshaltung der Arbeiter herabzudrücken, ja vielleicht Not und Elend über eine ganze Bevölkerung zu verhängen. Aus demselben Gesichtspunkte erklärt sich die Ansicht David Dales, dafs das zu gewährende Minimum des Lohnes bei gelernter Arbeit eher niedriger sei, als bei weniger gelernter; denn die erstere könne die Industrie viel schwieriger verlassen. Dagegen sei Anträgen gelernter Arbeiter auf Lohnerhöhung um deswillen bereitwillig Folge zu geben und das von ihnen zu erreichende Maximum ein fast unbegrenztes, weil die Arbeitgeber bei steigender Bewegung des Marktes und Gewinnes von jenen durchaus abhängig seien. Aus den angegebenen Gründen ist der von Marshall und I'rice 1 aufgestellten Ansicht entgegenzutreten, dafs es einen „richtigen" d. h. gewissermafsen aprioristisch feststehenden Lohnsatz gäbe, der, wenn nur aufgefunden, dauernde Grundlage der Lohnregelung sein könne. Gibt es doch auch keinen „richtigen Preis" des Getreides, vielmehr schwankt derselbe nach Mafsgabe der Verhältnisse des Marktes, d. h. der wirtschaftlichen Machtverhältnisse. Dasselbe gilt von der Arbeit. Ihr Preis schwankt wie jeder andere zwischen einem Maximum und Minimum; das letztere bestimmen die Produktionskosten d. i. bei der Arbeit das sogenannte Lebensminimum; das Maximum dagegen ist der Punkt, da der Käufer d. i. das in der betreffenden Industrie beschäftigte Kapital sich zurückzieht. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus die bei Schiedssprüchen Ausschlag gebenden Gründe und Gegengründe, 1 Vergl. Marshall „Economics of Industry", Price „Industrial Peace", Munro „The sliding scales in the coal industry", „The sliding scales in the iron indugtry". — 361 — so finden wir, dafs sie alle in letzter Linie auf die Machtverhältnisse zurückgehen. 1. Dies gilt zunächst von dem Grundsatz, dafs der Lohn in einem gewissen Verhältnis zu der Höhe des Durchschnittsgewinnes steht. Bei hohem Gewinn steigt die Nachfrage des Arbeitgehers nach Arbeit. Der Arbeiter ist daher in einer relativ starken Position. Umgekehrt läfst ein sinkender Gewinn dem Arbeitgeber den Arbeiter als entbehrlich erscheinen, und es giebt eine Grenze, an der er lieber zu produzieren aufhört als eine Lohnerhöhung zu bewilligen. Es entspricht also den die Lohnbildung beherrschenden Gesetzen, wenn man, wie in England bei Schiedsgerichten allgemein, die Löhne in gewissen Grenzen den Gewinnveränderungen folgen läfst. Was aber ist der Durchschnittsgewinn? Seine mathematische Bestimmung ist mit den allergröfsten Schwierigkeiten verbunden, ja meist geradezu unmöglich. Da aber der Gewinn mit den Verkaufspreisen zu steigen pflegt, hilft man sich in der Kohlenindustrie damit, an Stelle des Durchschnittsgewinns den Durchschnittsverkaufspreis der Kohle zu setzen, der, wie man annimmt, mit jenem in einem festen Verhältnis steht. Die übrigen aufser dem Lohne die Produktionskosten mitbestimmenden Elemente (z. B. Kapitalzins, die Abgaben an den Grundherrn, Kosten der Maschinerie u. s. w.) werden hierbei als gleichbleibend angenommen. Dieser Durchsehnittsverkaufspreis ist natürlich nicht nach Angaben der Arbeitgeber festzusetzen, da diese damit den Ausgang des Schiedsgerichtes in der Hand hätten. Vielmehr wird er heute durch Vertrauensmänner beider Parteien festgestellt, welche die Bücher bestimmter Firmen prüfen, aber, eidlich zu Stillschweigen verpflichtet, nur das Resultat ihrer Berechnungen mitteilen. Schon bei dem ersten Schiedsgerichte in der Kohlen- — 362 — industrie vor Sir Rupert Kettle gingen die Lohnherabsetzung fordernden Arbeitgeber von der Behauptung verminderten Gewinns aus. Die Kosten des Lohnes seien für die Tonne geförderte Kohle um 84% höher als im April 1871, welchen beide Parteien als Normalmonat anerkannten, der Preis der Tonne Kohle dagegen nur um 64% höher, daher die Löhne herabgesetzt werden müfsten, um das April 1871 vorhandene Normalverhältnis wieder herzustellen. Die Arbeiter erkannten grundsätzlich diese Basis der Verhandlung an und suchten nur durch Bestreitung der angegebenen Zahlen ihre Interessen zu verteidigen. „Wir haben", sagen sie an anderer Stelle, „immer unsere Bereitwilligkeit erklärt, die Löhne nach dem Verkaufspreis der Kohle zu regeln, und unser Vertrauen in diesen Grundsatz bewiesen, indem wir ihm nicht nur bei steigendem, sondern auch bei fallendem Markte anhingen." Von demselben Gedanken gehen sämtliche Schiedsgerichte in Northumberland aus, bis Juli 1877 in dem Schiedsgerichte vor Lord Herschell die Arbeitgeber aus einem neuen Gesichtspunkte ihre Forderung begründeten. Dagegen sagt derselbe Schiedsrichter 1876: „Beide Parteien stimmen dahin überein, dafs die Veränderungen des Verkaufspreises die Hauptgrundlage für die Veränderung der Löhne sein müssen." Dafs in der That hierbei der Gedanke vorschwebt, dafs die Löhne in einem festen Verhältnis zu den Gewinnen stünden, wobei man für letztere als „rohen", „ungenauen, aber praktischen" Ersatz die Verkaufspreise angenommen hat, zeigen die Verhandlungen. Oft genug machen nämlich die Arbeitgeber als Einwand geltend, dafs bei gleichem Verkaufspreise ihre Produktionskosten zugenommen hätten, was nichts anderes sagen will, als dafs ihre Gewinne herabgegangen seien. In dieser Richtung z. B. verweisen sie vor Sir Rupert Kettle auf die Neunstundenbewegung 1871 und den „Mines regulation — 363 — Act" von 1873. In späteren Schiedsgerichten machen ihrerseits die Arbeiter darauf aufmerksam, dafs mit Einführung der doppelten Schicht und infolge ihrer aufsergewöhnlich gesteigerten Arbeitsleistung die Produktionskosten gesunken seien, indem die stehenden Ausgaben sich auf eine vermehrte Produktion verteilten. Also auch hier der Gedanke, dafs der Gewinn für die Löhne entscheidend sei, was auch unmittelbar ausgesprochen wird. Auch in dem Hüttengewerbe ist der Preis des Erzeugnisses des Walzeisens für die Löhne entscheidend, womit z. B. vor David Dale 1877 wie 1878 Arbeiter und Arbeitgeber sich zufrieden erklären. Aber auch hier finden sich daneben nicht wenig Bezugnahmen auf verminderte oder vermehrte Produktionskosten, wodurch trotz gleichbleibender Marktpreise der Gewinn gesunken oder gestiegen sei. Insbesondere wird hier auf Schwankungen des Preises des Roheisens von beiden Seiten hingewiesen. Von demselben Gedanken gehen die Arbeitgeber aus, wenn sie bei einer Forderung auf Lohnherabsetzung geltend machen, dafs der Preis zwar nicht entsprechend gesunken sei, dagegen infolge von Geschäftsstockung weniger als früher verkauft werde. Auch hier ist die Beweisführung stillschweigend dahin zu ergänzen, dafs infolgedessen der Gewinn gesunken sei, daher die Löhne herabgesetzt werden miifsten. (Gutachten der Herren Williams und Mundella 1876 in der Eisenindustrie.) Es ist klar, dafs die bezeichneten Grundsätze nur dann leitend sein können, wenn man von einem gegebenen Verhältnis zwischen Lohn und Verkaufspreis (bezw. Gewinn) ausgeht. Für die Kohlenindustrie war dies die Zeit vor dem Steigen der Löhne 1871. Gerade die Frage, welches dieser Ausgangspunkt sein soll, ist für den Schiedsspruch entscheidend, sodafs hierüber am schwersten eine Einigung zu er- zielen ist. Z. B. weigern sich vor Lord Herschell 1876 die Arbeiter, April 1871 als Normalmonat anzuerkennen, da damals die Ostsee schon offen und daher die Kohlenpreise ver- hältnismäfsig hoch gewesen seien. Wie der Schiedsrichter feststellte, bot in der That Januar 1871 eine weit günstigere Grundlage für die Arbeiter; man half sich damit, dafs, um zu einem beiderseitig anerkannten Normalverhältnis zu gelangen, von einer längeren Zeit der Durchschnitt genommen wurde. 2. Es ist jedoch unmöglich, das Verhältnis zwischen Lohn und Gewinn als ein gleichbleibendes anzusehen. Wie könnte dies insbesondere der englische Arbeiter zugeben, dessen Geschichte in einer Verschiebung dieses Verhältnisses zu seinen Gunsten besteht? Vielmehr sucht er den Satz aufzustellen, dafs sein Leben und seine Arbeitsfähigkeit unter allen Umständen zu erhalten und die ihm durch die Geschichte gewordene Höhe der Lebenshaltung fortzugewähren sei, unabhängig von Gewinn und Verlust der Industrie. Allein die Arbeitgeber sind weit entfernt, diesen Satz anzuerkennen, und es kommt vor, dafs sie ihm gegenüber auf die Überfüllung des Arbeitsmarktes, d. h. das thatsächliehe Machtverhältnis hinweisen, welches eine Herabdrüekung der bisherigen Lebenshaltung ermögliche. Damit hängt denn das Streben der Arbeiter zusammen, namentlich durch Kürzung des normalen Arbeitstags dem Vorhandensein von Beschäftigungslosen vorzubeugen und so den Arbeitsmarkt zu ihren Gunsten zu gestalten. Mitunter unterstützen sie auch die Auswanderung, um nach Verminderung des Arbeitsangebots eine verlorene Position wieder gewinnen zu können. Darauf beruht auch ihre neuerlich vielfach günstige Beurteilung der Kartelle. 3. Ganz ebenso wie von dem angenommenen Verhältnisse des Lohns zu den Verkaufspreisen bei relativer Überfüllung des Arbeitsmarkts zu Ungunsten der Arbeiter abgegangen wird, — 365 — so wird bei umgekehrter Marktlage die Grundlage der Berechnung der Lohnhöhe zu ihren Gunsten geändert. Es äui'sert sich die Veränderung des Machtverhältnisses in einer Steigerung des Lohns auf Kosten des Gewinns. Daher auch die vielen Bezugnahmen auf die in derselben Industrie anderwärts herrschenden Lohnverhältnisse. Wenn z. B. die Löhne in der benachbarten Grafschaft höher sind, so verschieben sich die Machtverhältnisse damit zu Gunsten der Arbeiter. Das umgekehrte gilt von den Arbeitgebern. Hieraus aber entspringt eine Tendenz, die Löhne innerhalb einer bestimmten Industrie einander anzunähern, wie ja in gewissen Gewerben die Löhne für ganz England in der That heute einheitlich festgesetzt werden. So berufen sich Juli 1877 die Arbeitgeber von Northumberland darauf, dal's in allen anderen Gebieten der Kohlenindustrie länger gearbeitet und geringere Löhne gezahlt würden. Die Arbeiter wiesen demgegenüber darauf hin, dafs sie entsprechend mehr leisteten, auch der Preis der von ihnen geförderten Kohle ein höherer sei, so dafs ihre Arbeitgeber in besserer Lage als ihre Konkurrenten wären. Lord Herschell, der damalige Schiedsrichter, sah diesen Beweis als erbracht an, worauf er den Antrag der Arbeitgeber abwies, — ein Entscheid, der wie gesagt, nicht Bestand hatte. Indem der Schiedsrichter bei seinem Spruche die Machtverhältnisse, wie sie die Marktlage schafft, zu Grunde legt, gelangt er — und zwar im beiderseitigen Interesse von Arbeitgeber und Arbeiter auch zur Berücksichtigung des Standes der betreffenden Industrie auf dem Weltmarkt. Gestattet nämlich die internationale Konkurrenz keine Lohnerhöhung oder erheischt sie eine Herabsetzung des Lohnes, so können die Arbeitgeber die Arbeiter eher entbehren als umgekehrt. Es bedeutet dies also eine Verstärkung des Machtverhältnisses der Arbeitgeber gegenüber den Arbeitern, während eine glück- — 366 — liehe Gestaltung der internationalen Konkurrenzverhältnisse die umgekehrte Wirkung äulsert. Daher bildet die Berücksichtigung der internationalen Konkurrenz hei allen Streitigkeiten unter den Angehörigen der Industrien, die für den Weltmarkt arbeiten, eine Hauptaufgabe der Schiedsrichter. Und die Darlegung aller dieser hierauf bezüglichen Momente ist vielleicht das wirtschaftlich, social und politisch Segensreichste in dem ganzen Wirken der Schiedsgerichte. Es werden nämlich die Arbeiter dadurch auf praktischem Wege zur Erkenntnis der Bedingungen erzogen, von denen ihre eigene Existenz abhängt. Sie erleben, wie ihre dauernde Beschäftigung und die Höhe ihrer Einnahmen abhängig ist von dem Wohle ihrer Industrie und ihres Vaterlandes, und es erwacht in ihnen das Bewufst- sein von der Abhängigkeit des Wohles ihrer Klasse von dem Wohle des Ganzen. Damit aber das Schiedsverfahren diese günstigen Wirkungen übe, ist von dem Schiedsrichter vor allem Übersicht über die Industrie und die wirtschaftliche Lage des Landes, ja den Weltmarkt zu verlangen. Grofse Arbeitgeber, angesehene Staatsmänner und Volkswirte werden die besten Schiedsrichter sein. Solche aber, frei von jeder bewufst oder unbewufst kapitalistischen Auffassung, sind erst möglich seit jenem Umschwung des Denkens, welchen die vorhergehenden beiden Bücher geschildert haben. Nach diesem Überblicke über die Eigentümlichkeiten des Schiedsgerichtes, welches in allen Zweigen der Industrie Englands eine bedeutende Rolle spielt, kehren wir zur Kohlenindustrie der nördlichen Grafschaften zurück. Die bezeichneten Schiedsgerichte gingen in der Zeit eines fallenden Marktes vor sich; daher führten sie, mit der bezeichneten Ausnahme, sämtlich zu Lohnherabsetzungen. Dieselben wurden auf das gewissenhafteste von den Arbeitern angenommen; — 367 — nicht einen einzigen Tag während oder nach dem Schiedsgerichte standen die Gruben still. Jedoch haftete den Schiedsgerichten eine Schattenseite an. Wenn sie auf Grund der augenblicklichen Verhältnisse den Kurswert der Arbeit feststellten, so rnufste sich jede Partei berechtigt glauben, bei einer wirklichen oder vermuteten Veränderung dieser Verhältnisse zu ihren Gunsten ein neues Schiedsgericht zu beantragen. Damit aber häuften sich dieselben in einer Weise, welche bei dem Apparat, der jedesmal in Bewegung gesetzt wurde, geradezu unerträglich wurde. In den Jahren 1875 und 1876 waren neun Schiedsgerichte in Durham vorgekommen. Als daher in dem letzten Shaw- Lefevre die Höhe des Lohnes neu festgesetzt hatte, schien es durchaus notwendig, für eine gewisse Zeitdauer die abermalige Anrufung eines Schiedsgerichtes auszuschliefsen. Nun aber hatten sämtliche bisher ergangene Schiedssprüche den Verkaufspreis der Kohle den Lohnveränderungen zu Grunde gelegt. Daher kamen beide Parteien dahin überein, den von Shaw-Lefevre festgesetzten Lohn während zweier Jahre nach jenem Verkaufspreis auf-, resp. niedergehen zu lassen. Dies ist der Ursprung der ersten „gleitenden Lohnskala" in der \ ~ " Kohlenindustrie. Die März 1877 angenommene Skala bestimmte, dafs die von Shaw-Lefevre festgesetzten Löhne dieselben bleiben sollten, solange der Marktpreis der Kohle die damalige Höhe von 5 sh. 8 d. bis 6 sh. 4 d. die Tonne behielte. Jede Steigerung desselben darüber hinaus um 8 d. sollte 5°/o Lohnerhöhung mit sich bringen. Dagegen sollten die Löhne bei einem Kohlenpreise von 5 sh. 8 d. bis 5 sh. 4 d. um 5 °/o und, wenn der Preis unter 5 sh. 4 d. sinken sollte, um 7 1 /a ü /o erniedrigt werden. Weiteres Sinken war nicht vorgesehen, ferner war bestimmt, dafs der Lohn eines Häuers nie niederer — 368 — als 2 sh 9 d. den Tag sein sollte. Diese Skala galt, wie verabredet, zwei Jahre. Die Arbeitgeber kündigten, sobald sie konnten, wegen niedergehenden Geschäftes. Nach einem mehrwöchentlichen Ausstande fand 1879 ein Schiedsgericht statt, in welchem Graf Derby den Lohn auf Antrag der Arbeitgeber von neuem herabsetzte. Auf Grund dieses Schiedsspruches wurde dann eine neue Skala verabredet, welche den Arbeitgebern günstiger als die erste war. Dieselbe kannte ein Minimum nicht und liefs mit jeder Veränderung des Kohlenpreises um 4 d. sowohl unter als über dem angenommenen Normalpreis die Löhne um 2 1 /2°/o auf- und niederschwanken. Seitdem hat diese Skala die Löhne in Durham geregelt, ohne dafs ein Lohnkampf oder ein Schiedsspruch erfolgt wäre. Als 1882 die Industrie sich hob, wurde durch Vertrag der Parteien eine Änderung in der Skala zu Gunsten der Arbeiter eingeführt. Diese Skala besteht heute formell nicht mehr. Doch ist das Princip der Veränderung des Lohnes nach Mafsgabe der Preise thatsächlich geblieben. Steigen die Preise, so wird auf Grund jedesmaliger Verhandlung der Lohn entsprechend der veränderten Marktlage festgestellt. In ähnlicher Weise vollzog sich die Entwicklung in Northumberland. Auch hier griff man, um die Häufigkeit der Schiedsgerichte zu vermindern, November 1879 nach dem soeben erwähnten, beiden Grafschaften gemeinsamen Ausstande zu einer Skala, welche der in der Nachbargrafschaft eingeführten Skala sehr ähnlich war. Nur der als normal angenommene Verkaufspreis der Kohle war ein höherer, da Northumberland bessere Kohlen liefert als Durham. Eine Veränderung zu Gunsten der Arbeiter erfolgte 1883. Jedoch erwies sich die Voraussetzung einer Aufwärtsbewegung des Marktes, von der damals die Arbeitgeber ausgegangen waren, — 369 - als falsch. Sie kündigten daher die Skala, welche Herbst 1886 aufser Kraft trat, und verlangten eine Veränderung ihrer Basis, welche für die Arbeiter einer Verschlechterung um 10 %> gleichkam. Die Leiter des Gewerkvereins sahen ein, dafs man nachgeben müsse, verhandelten mit den Arbeitgebern und schlugen ein Schiedsgericht vor. Da aber zeigte sich, wie wenig die Gewerkvereinsführer die autokratischen Beherrscher der ihnen ergebenen Massen sind, als welche sie vielfach gelten. Da die Löhne ohnehin sehr niedrig waren, glaubten die Arbeiter eine weitere Lohnherabsetzung nicht ertragen zu können. Wider Willen des Gewerkvereins begannen einige Belegschaften die von ihnen bearbeiteten Gruben zu verlassen; das machte weitere Verhandlungen unmöglich, obgleich man sehr nahe am Abschlufs war. Es folgte der schwere und von den Besten beider Seiten viel bedauerte Ausstand im Winter 1886/87. Obgleich der Gewerkverein seine Mittel auf das äufserste anstrengte, und nahe an 40 000 '£ (800 000 Mark) verausgabte, von denen ihm 10700 '£ (214000 Mark) von Vereinen und Privaten über ganz England (!) beigesteuert wurden, unterlag er, wie seine Führer voraussahen, der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die siegreichen Arbeitgeber erzwangen nunmehr eine Skala, deren Grundlage um 12 1 /ä % statt um blos 10% sehlechter für die Arbeiter war, — wie der Sekretär der Arbeitgeber sagt, blos um die Arbeiter für ihren thörichten Widerstand gegen das durch die Marktlage Gebotene und gegen den besseren Rat ihrer Führer zu strafen. Dabei wurde ihnen jedoch versprochen, dafs diese anormale Lohnreduktion später durch Lohnerhöhungen über die alte Basis der Skala wieder gutgemacht werden solle. Die Position der Gewerkvereinsführer aber wurde durch diesen Ausgang des Strikes begreiflicher Weise gefestigt. Die so für die Arbeiter verschleehteite Skala bestand von v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 24 — 370 — Mai bis Oktober 1887. Seitdem wurde keine Skala vereinbart. Indes Helsen die Arbeitgeber nach wie vor durch Vertrauensmänner die Verkaufspreise ermitteln. Die Gewerk- vereinsführer behaupten in der Lage gewesen zu sein, sich von der Richtigkeit dieser Ermittelungen zu überzeugen. Und auf Grund der so ermittelten Preise erlangten sie auf dem Wege der Verhandlung, — der gemeinsame ständige Aus- schufs funktionierte, nebenbei bemerkt, trotz aufgehobener Skala nach wie vor fort — von 1887 bis August 1888 zwei Lohnerhöhungen; seitdem erfolgten weitere Lohnerhöhungen, so dal's bis Januar 1890 die Löhne im ganzen um 37 % gestiegen sind. Die Anschauung der Arbeiter ist, dafs die zeitweilige Verschiebung der Basis der Skala zu ihren Ungunsten, die 1887 eintrat und von den Parteien nur als zeitweiliger Vorsehufs der Arbeiter an die Arbeitgeber betrachtet worden war, wieder wett gemacht sei. Somit ist man in der Kohlenindustrie sowohl in Durham als auch in Northumberland bei einer Regelung der Arbeitsbedingungen angelangt, welche derjenigen in der Textilindustrie ähnlich ist. Arbeitseinstellungen und Aussperrungen erscheinen in beiden nur mehr als ultima ratio, zu deren Anwendung man äufserst widerwillig schreitet. Aber auch die Schlichtung durch einen Schiedsrichter (Arbitration) erscheint als ein schon fast überwundenes Stadium. Ein solcher Schiedsrichter ist als Regel seinem Berufe nach dem Gewerbe fremd; infolge dessen besteht die Gefahr, dafs er trotz besten Willens, weil er die kommerziellen und technischen Verhältnisse des Gewerbes nicht genügend zu meistern vermag, einen falschen Entscheid giebt; lieber noch nimmt man daher eine dem Gewerbe angehörige Person zum Schiedsrichter, obwohl hier ganz aufsergewöhnliche Charaktereigenschaften nötig sind, um die unentbehrliche Unbefangenheit zu garantieren. Da ein — 371 — Schiedsrichter mit den erforderlichen Eigenschaften also nur in den seltensten Fällen zu finden ist, sucht die stärkere Partei (in der Textilindustrie der Verein der Arbeiter, in der Kohlenindustrie der der Arbeitgeber) das Dazwischentreten eines Schiedsrichters wenn irgend möglich zu vermeiden. An Stelle rler Erledigung durch Schiedsspruch tritt nun aber nicht etwa wieder Arbeitseinstellung oder Aussperrung, sondern die Erledigung durch Verhandlung (Negotiation) zwischen den Führern der beiden Parteien. Die vollendete Sachkunde der Verhandelnden sowie die Stärke der hinter ihnen stehenden Organisationen haben zur Folge, dafs diese Verhandlungen mit eben derselben Schärfe geführt w r erden und ebenso glatt verlaufen, wie die Transaktionen zwischen den gröfsten Geschäftshäusern. Nach der Rolle, welche die gleitende Skala bei dieser Art der Erledigung spielt, erscheint dieselbe aber nicht, wie manche englische Nationalökonomen meinen, als etwas Vollkommeneres als die vertragsmässige Festsetzung der Arbeitsbedingungen; vielmehr ist diese Rolle insofern eine untergeordnete, als die Skala kein besonderes System der Festsetzung der Arbeitsbedingungen bedeutet, sondern sich mit jedwedem Systeme verträgt. Wie sie sich, wovon S. 390 und 396 zu reden sein wird, bei Festsetzung der Arbeitsbedingungen durch den einseitigen Willen verbündeter Arbeitgeber findet, so verträgt sie sich mit ihrer Regelung durch Schiedsspruch oder auf dem Weg der Verhandlung. Bei jedem dieser Systeme bedeutet sie eine Ersparung der Notwendigkeit, den Lohn festzustellen, so lange in dem wirtschaftlichen Machtverhältnisse von Arbeitgeber und Arbeiter in der Hauptsache keine Änderung eintritt. Dies ist bequem und vermeidet Gefahren, möglicherweise für Jahre. Daher ist es auch wahrscheinlich, dafs in der Kohlenindustrie Durhams und Northumberlands mit der Zeit 24* eine neue Skala vereinbart wird, denn beide Parteien sind von der Nützlichkeit einer solchen durchdrungen. So schreibt Thomas Burt in einem Briefe an Mundella, dafs das System der Skalen „mit der äufsersten Milde und Harmonie" gearbeitet habe, dafs es 1886 in den beiden genannten Grafschaften die Löhne von 60 000 Arbeitern beherrscht habe, und dafs Ausstände unter ihm so gut wie unbekannt seien, während dieselben vor etwa zwanzig Jahren sich sehr häufig ereignet hätten 1 . Allein die Notwendigkeit, die Grundlagen dieser Skalen bei Veränderung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse zu revidieren, sei es auf dem Wege des Schiedsspruches sei es auf dem der Verhandlung zwischen den beiden Organisationen, kann niemals eliminiert werden. Werfen wir einen Blick auf die anderen Kohlenbezirke, so ist kaum etwas Neues hinzuzufügen. Überall besteht die äulserste Ähnlichkeit mit den geschilderten Verhältnissen. Cumberland, dessen Mittelpunkt Workington ist, gleicht Dur- ham völlig: gemeinsamer ständiger Ausschufs für individuelle 1 Herr Young, ein anderer Führer des genannten Gewerkvereins, sagt ähnliches in einem Artikel des „Newcastle Leader" vom 23. Januar 1890. Dafs die Skalen Lohnfestsetzungen, was sonst unmöglich wäre,, für längere Zeit, oft Jahre, herbeiführen, darin besteht ihr aufserordent- licher Vorteil für die Industrie. Die Arbeitgeber sind der Arbeit sicher und können daraufhin ihre Kontrakte abschliefsen. Es ist allgemein anerkannt, dafs der Kohlenindustrie von Northumherland durch Einführung der Skala über eine schwere, vielleicht lebensgefährliche Krisis hinweg geholfen wurde. Die sechs Jahre von 1874—80 zeigten bei vermehrter Kohlenerzeugung für ganz England (aufser 1878) eine Abnahme für Northumberland (aufser 1875 und 1879). Von 1874—78 hatte die Gesamtproduktion um 7,68 % zugenommen, die Northumberiands um 14,35 °/o sich verringert. 1879 wurde die erste Skala daselbst eingeführt. Seitdem bis 1886, dem letzten Jahr, das die Skala beherrschte, war die Produktion Englands nur um 19,55 %, die Northumberiands um 35,79 °/a gestiegen. — 373 — Fälle, Lohnfestsetzung durch Schiedsgerichte und seit 1879 eine viermal in ihrem „Standard" geänderte Skala. Das wichtigste Kohlengebiet aufser den nördlichen Grafschaften ist Süd-Wales. Auch hier dasselbe Bild. Nach einem Versuche von 1875, der keine Dauer hatte, besteht hier seit 1880 eine Skala, welche seitdem mehrfach verändert wurde und die Löhne von 60000 Arbeitern beherrscht. Diese Skala hatte als Ausgangspunkt die Löhne von 1879, welche die niedersten seit vielen Jahren gewesen waren. Die unter ihr gezahlten Löhne waren von vornherein um 10°/o höher und stiegen sodann um 7 1 /a°/o, so dafs sie 1883 17 1 /2 °/o über dem „Standard" waren. Von 1883—1888 fielen sie dagegen und erreichten Winter 1887/88 nahezu den Ausgangspunkt. Seitdem aber begann ein gewaltiger Aufschwung, welcher die Löhne 12 1 /2% gemäfs der Skala hob, bis Beginn 1889 die Bergleute eine Veränderung der bestehenden Skala verlangten. Einen Augenblick fast schien der Friede in Frage gestellt; man sprach, um den Ausbruch eines Ausstandes zu verhindern, von einem Schiedsgericht. Aber die Schwierigkeiten erwiesen sich geringer, als man gefürchtet hatte. Wiederholte Zusammenkünfte der Vertreter der beiderseitigen Vereine brachten im März 1889 eine augenblickliche Lohnerhöhung um 7Va %, am 1. Mai um 2 1 /2 °/o, am 1. September um 5%, am 1. Oktober um2 1 /2°/o. Inzwischen aber wurde eine neue, den Arbeitern günstigere Skala vereinbart, die am 1. Januar 1890 in Kraft trat. Der Lohn stieg abermals um 7 1 /2 °/o. Im ganzen war er seit dem 1. November 1888 somit um 30 °/o gestiegen. Die Wichtigkeit der geschilderten Zustände wird man ermessen, wenn man die Menge der in den Kohlengruben beschäftigten Arbeiter bedenkt — 1872 wurden sie auf 400000, 1882 auf 520000 geschätzt — und die Unordnungen sich vergegenwärtigt, als etwa 300000 dieser Arbeiter im März 1890 auch nur für wenige Tage die Arbeit einstellten. Auch in den Kohlendistrikten, in denen diese Arbeitseinstellung stattfand, waren die Arbeitsbedingungen schon früher einmal durch Schiedsspruch erledigt worden. Allein es heifst, die Arbeitgeber hätten denselben nicht ehrlich durchgeführt. Vielleicht dafs dies eine der Ursachen war, warum die Arbeiter der genannten Grafschaften sich der neuen „progressiven" Bewegung unter den Grubenarbeitern anschlössen. Diese umfafst Yorkshire, Lancashire, Cheshire, Derbyshire, Nottinghainshire, North Staffordshire, Teile von South Staffordshire, Cannoch Chase, Leicestershire, Warwick- shire, Somerset, Worcestershire, Forest of Dean, Teile von Monmouthshire, das südwestliche Cumberland, Bristol, Nord Wales und in Schottland Stirlingshire und Ayrshire. Sie betont die scharfe Wahrnehmung des Arbeiterinteresses in allen Lohnfragen, ist für einen gesetzlichen Achtstundentag und befürwortet noch einige weitere gesetzliche Mafsnahmen im Interesse der Grubenarbeiter. Im März dieses Jahres machten die die genannten Distrikte umfassende „Miners' Federation of Great Britain" geltend, dafs die Lohnsteigerung, welche den Arbeitern aus Anlafs des eingetretenen Aufschwungs im Kohlengewerbe zu Teil geworden sei, hinter dem Satze zurückbleibe, den sie nach dem bisher bestehenden Herkommen beanspruchen könnten. Sie verlangten als ihren dem üblichen entsprechenden Anteil an der Konjunktur eine Lohnerhöhung um 10 °/o, die zur Hälfte sofort, zur anderen Hälfte am 1. Juli eintreten solle. Die Föderation der Grubenbesitzer der genannten Distrikte verlangte darauf ein Schiedsgericht und erbot sich vor demselben die absolute Unfähigkeit der Arbeitgeber, höhere Löhne zu zahlen, darzuthun. Allein die Arbeiter, ihrer Sache voll- — 375 - ständig sicher, wollten von einem Schiedsrichter nichts wissen, lehnten dagegen nicht ab, auf Verhandlungen einzugehen. Am Sonnabend, dem 15. März, kam es zum Strike. Sofort ein wahnsinniges Steigen der Kohlenpreise. Notierung auf kurze Termine war nicht erhältlich. Viele Fabriken Lancashires, die keine Kohlenvorräte aufgehäuft hatten, sowie die Werkstätten der Stahl- und Eisenindustrie in Sheffield wurden geschlossen und ihre Arbeiter brodlos. Die Eisenbahnen rauften sich förmlich um die Kohlen, wie denn z. B. eine Bahn beschuldigt wurde, Kohlen, die ihr zum Transport übergeben worden waren, selbst zu verbrauchen. All' dies rührte indes die Grubenbesitzer nicht; verkauften sie doch, wie die Blätter nach beendetem Strike meldeten, „zu exorbitanten Preisen Tausende von Tonnen von Kohlenresten, die, wenig besser als Schmutz, seit Jahren sich aufgehäuft hatten und die bis dahin niemand selbst als Geschenk genommen hätte". Erst als die Zahl der Grubenbesitzer, die unter Bewilligung der Arbeiterforderungen die Konjunktur ausnutzen wollten, mehr und mehr zunahm, hörte die Föderation der Grubenbesitzer auf die dringlicher werdenden Prefsstimmen. Nach fünf Tagen suchte ihr Präsident seine angegriffene Gesundheit durch einen Landaufenthalt zu kräftigen, und die Forderungen der Arbeiter wurden mit der Modifikation, dafs die Lohnerhöhung um die zweiten 5 °/o statt am 1. Juli erst am 1. August eintreten solle, bewilligt. Im Standard vom 21. März aber erhielten die Grubenbesitzer eine Strafpredigt: „Wenn sie in der Lage gewesen seien, die Forderungen der Arbeiter zu bewilligen, so hätten sie den Strike abwenden sollen, indem sie sich denselben bei Zeiten fügten. So aber hätten sie alle Strafen der Niederlage erlitten und, was schlimmer sei, die gesamte Gesellschaft der Beunruhigung durch Krieg ausgesetzt. Sie könnten nicht erwarten, dafs sie in Zukunft ernsthaft genommen würden, wenn sie abermals ihre Unfähigkeit, Konzessionen zu machen, vorschützen sollten. Die Arbeiter würden erwidern, dafs sie hinsichtlich der Wertlosigkeit des Kon possumus der Arbeitgeber ihre Erfahrungen gemacht hätten." Nicht nur in Süd-Wales, sondern auch in Durham und Northumberland erreichten die Arbeiter aber vermöge des hier herrschenden glatteren Systems, ihre Differenzen mit den Arbeitgebern zu begleichen, ohne Kampf dasselbe, was die Grubenleute des mittleren Englands erkämpfen mufsten. Beim Friedensschlufs am 21. März dieses Jahres gaben denn auch die Delegierten der progressiven Miners Federation of Great Britain zu Protokoll: „Was zukünftige Lohnfragen angeht, so erklären wir uns bereit dahin zu wirken, dafs, bevor eine allgemeine Kündigung seitens der Arbeiter stattfindet, die Forderungen der Arbeiter einem Ausschufs der Grubenbesitzer des betreffenden Distrikts oder dem Ausschufs der Föderation der Grubenbesitzer vorgetragen werden und das Ergebnis der Verhandlung den Arbeitern mitgeteilt werden soll. Desgleichen ersuchen wir die Grubenbesitzer in Zukunft eine ähnliche Haltung einzuhalten, wenn sie eine Änderung in der Lohnhöhe ihrer Arbeiter eintreten lassen wollen." Die 1889 und 1890 in Birmingham stattgehabten Kongresse der englischen Bergleute verhandelten die Frage eines achtstündigen gesetzlichen Arbeitstages für Bergleute, womit der Staat in ein Gebiet eingreifen würde, welches bisher den Verhandlungen der Parteien überlassen war.. Ein darauf bezüglicher Antrag wird im Parlament eingebracht werden; die Unterstützung mehrerer hervorragender Politiker soll für denselben in Aussicht stehen. Auffällig ist, dafs an dieser Forderung die drei mächtigsten Gewerkvereine nicht beteiligt sind: die von Northumberland, Durham und Südwales. Der Grund liegt nicht etwa darin, dafs sie für einen längeren Arbeitstag wären; beträgt derselbe doch in Durharn nur 7 und in Northuniberland 7—8 Stunden, Ein- und Ausfahren eingeschlossen, und eher bestände bei den dortigen Grubenarbeitern die Furcht, dafs sie bei gesetzlichem Achtstundentag länger zu arbeiten hätten. Es handelt sich vielmehr um Bezirke, in denen friedliche Verhandlungen auf dem Boden der Gleichberechtigung allgemein sind. In Schottland dagegen haben die Grubenbesitzer den Gewerkverein als Vertretung der Arbeiter noch nicht anerkannt und verweigern jede Verhandlung. Die Folge ist, dafs die schottischen Bergleute unter den Befürwortern jenes Staatseingriffs an der Spitze stehen und zu den heftigsten Gegnern der ge- mäfsigten Mehrheit der Gewerkvereine gehören. IV. Die Eisenindustrie. A. Eisenbergbau und Hochöfen. Die Gewinnung des Eisensteines im Bergbau hat zwar technisch mit der Überführung desselben in Roheisen nichts zu thun; trotzdem bilden wirtschaftlich beide eine Einheit. Der englische Eisenstein nämlich, aufser wo eine besonders günstige Lage Wassertransport gestattet, wird an Ort und Stelle ausgeschmolzen und erst in der Form von Roheisen auf den Markt gebracht. In vielen Fällen sind die Grubenbesitzer zugleich Hochofenbesitzer. So z. B. werden 57 Prozent des in Cleveland gewonnenen Eisensteines innerhalb derselben Betriebe schon in Roheisen verwandelt, nur 43 Prozent überhaupt verkauft und auch diese zum gröfsten Teil an Hochöfen derselben Gegend. — 378 — Lager von Eisenerz befinden sich in verschiedenen Teilen Englands, in Northamptonshire, Lincolnshire und Oxford- shire; wichtiger aber als diese Grafschaften ist Yorkshire, insbesondere dessen nordöstlicher, an der See gelegener Teil, den man Cleveland nennt. Während in den erstgenannten Bezirken die Gewinnung des Erzes vielfach von Tagelöhnern verrichtet wird und daher, wo dies der Fall, die Arbeit wenig organisiert ist, begegnet man in Cleveland Arbeitsverhältnissen, welche an die der Kohlenindustrie erinnern. Dem Verein der Gruben- und Hochofenbesitzer stehen die Gewerkvereine der Bergleute und der Hochofenarbeiter gegenüber. Wir beschränken unsern Blick auf die erste Klasse, die mehr als 20 000 Arbeiter umfafst, weil von der anderen, nicht weniger zahlreichen alles, was von jener zu sagen ist, in gleicher Weise gilt. Hervorzuheben ist ferner, dafs die hohe Entwicklung des Arbeitsverhältnisses in dieser Industrie sich in verhältnismäfsig kurzer Zeit vollzogen hat, indem die Eisenlager Clevelands erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt wurden. Noch gibt es Leute, welche sich dieser Gegend als rein landwirtschaftlicher erinnern. Während in den Kohlenbezirken der Arbeiter jahrelanger Schulung bedarf, ist die Arbeit des Eisengrabens in Jahresfrist zu erlernen. Ein bedeutender Schutz gegen das Hereindrängen ländlicher Tagelöhner besteht für den Bergmann jedoch in dem Mangel an Wohnungen, welcher die Arbeitgeber in diesem ländlichen Bezirke zwingt, für neuanziehende Arbeiter Häuser zu bauen. Der Gewerkverein ist nicht alt; am 13. Januar 1872 wurde er gestiftet und seine Statuten verraten seine späte Entstehung. Nicht die Kriegs-, sondern die Friedenszwecke werden in erste Linie gestellt: Unterstützung und Versicherung der Mitglieder, in zweite — bezeichnend für einen Zug, der über ganz Europa geht — der — 379 — legislative Zweck: Einwirkung auf die Gesetzgebung im Sinne von Arbeiterschutz u. s. w. In dritter Linie erst kommt die Verteidigung der Rechte des Arbeiters gegenüber den Arbeitgebern. Bereits im folgenden Jahre, Ende 1873, wurde durch Übereinkunft mit den Arbeitgebern ein gemeinsamer ständiger Aus- schufs gegründet, welcher seitdem ununterbrochen bestanden hat. Sein Zweck ist Entscheidung der Streitfragen des individuellen Falles, derselbe wie in den benachbarten Kohlenbezirken. Der einzige Unterschied ist der, dafs in gewöhnlichen Fällen ein Vorsitzender mit ausschlaggebender Stimme fehlt, vielmehr die sechs Vertreter der Arbeiter mit denen der Arbeitgeber die Sache durch Besprechung entscheiden. Nur wenn sie sich nicht einigen können, was in etwa einem Drittel der behandelten Fälle eintritt, wird ein Unparteiischer — meist ein Jurist der Gegend — zum Schiedsrichter ernannt. Entsprechend seiner Natur kann der Ausschufs die durchschnittliche Lohnhöhe nicht verändern, ebensowenig die Verhältnisse der verschiedenen Lohnklassen zueinander. Dagegen kann er auf Lohnerhöhung oder -herabsetzung im einzelnen Fall dann erkennen, wenn der für eine bestimmte Arbeit bezahlte Betrag nicht mehr dem dafür feststehenden Durchschnittslohne entspricht infolge von Veränderung der natürlichen Bedingungen, unter denen die Arbeit sich vollzieht. Das Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern scheint hier ein solches zu sein, dafs Streitfälle seltener an den gemeinsamen Ausschufs gelangen als in der Kohlenindustrie. Seit seiner Entstehung bis Ende 1888 hat er im ganzen nur achtzig Sitzungen abgehalten, in denen 400 Fälle verhandelt wurden. In den sieben Jahren von 1874—1880 fanden im ganzen 40, dagegen in den von 1882—1888 nur 32 Sitzungen statt. Besonders scheint zu dieser Verminderung der an den Aus- — 380 — schiii's gelangenden Streitfragen die genaue Prüfung beizutragen, welche der Gewerkverein der Sache zu teil werden läfst, bevor er sie jenem unterbreitet. Wenn ein Arbeiter Grund zur Beschwerde zu haben glaubt, so mufs er zunächst seinei Loge (Zweigverein) den Fall unterbreiten. Diese hat, falls sie auf Untersuchung die Beschwerde für begründet hält, eine Abordnung an den Geschäftsführer der betreffenden Grube zu senden. Da die Arbeitgeber nicht nur die Abordnungen empfangen, sondern mit ihnen freundlich und sachlich zu verhandeln pflegen, so wird hierdurch schon die Mehrzahl der Fälle beigelegt. Nur unter der Voraussetzung, dafs dieser Schritt geschehen und erfolglos geblieben ist, kann der Ausschufs des Bezirksvereins an den des Gesamtvereins, der in Saltburn-by-the sea seinen Sitz hat, die Sache weitergeben. Es hat dies in der Form eines ausführlichen Schriftsatzes zu geschehen, und erst wenn diesen die Centraibehörde genau geprüft und für die Kenntnisnahme des gemeinsamen Ausschusses als geeignet erfunden hat, unterbreitet sie diesem den Fall, nicht im Namen des Beschwerdeführers, sondern im eigenen Namen. Auch in der Entscheidung der allgemeinen Fragen besteht die gröfste Ähnlichkeit mit den in den Kohlenbezirken herrschenden Gewohnheiten. Hier wie dort werden solche nicht durch den gemeinsamen Ausschufs entschieden, sondern durch gröfsere Vereinigungen von Arbeitervertretern und Arbeitgebern ohne Abstimmung beraten und vereinbart. In Cleveland pflegen sogar alle beteiligten Firmen bei diesen Versammlungen vertreten zu sein. Die Geschichte der jüngsten Lohnregelung zerfällt auch hier in dieselben drei Abschnitte: der erste während des Geschäftsaufschwunges im Anfang der siebziger Jahre ist durch vertragsmäfsige Lohnerhöhungen, der zweite seit 1873 durch Schiedsgerichte bezeichnet; seit 1879 — 381 — geschieht die Regelung des Lohnes auf Grund vereinbarter Skalen. Eigentümlich ist bezüglich der ersten Periode, dafs die Bergleute von Cleveland, geistig vielleicht nicht ganz auf der Höhe derer von Northumberland und Durhani stehend, zur Zeit als der Markt sich wandte, 1873 noch eine Lohnerhöhung forderten. Es folgte ein mehrwöchentlicher Ausstand, bis endlich Sir Rupert Kettle als Schiedsrichter erwählt wurde und das Verlangen abwies5 ja er erklärte sogar, eine Lohnherabsetzung nur um deswillen nicht auszusprechen, weil sie die Arbeitgeber nicht verlangt hätten. Bald darauf wurde der Geschäftsniedergang allen offenbar, und 1874, als die Arbeitgeber eine beträchtliche Lohnherabsetzung verlangten, holten sich die Arbeiter die Lehre, dafs sie gegen einen sinkenden Markt nichts durch Ausstand vermöchten. Seit diesem allgemeinen Ausstande, der sechs Wochen dauerte, ist keiner in Cleveland mehr vorgekommen. In den Jahren 1875, 1876 und 1877 erfolgten drei weitere Schiedsgerichte, welche allemal mit Lohnherabsetzung endeten. Auch hier lag die Begründung des Schiedsspruches stets in dem Herabgehen des Marktpreises des Erzeugnisses. Jedoch hat das Eisenerz, da es meist in denselben Betrieben weiter verarbeitet wird, kaum einen Marktpreis. Man, war also gezwungen, den Preis eines entfernteren Produktes, den des Roheisens, entscheiden zu lassen, weil dieser allein zahlenmäfsig festzustellen ist. Zwar war man sich der Unzuträglichkeit bewufst, dafs neben den Löhnen der Bergleute weitere Umstände auf die Produktionskosten und damit auf die Preise des Roheisens verändernd einwirken, insbesondere die wechselnden Preise der Kohle. Trotzdem nahm Sir Rupert Kettle an, dafs nach dem normalen Verhältnis 3U/4 Prozent der Produktionskosten des Roheisens auf die Löhne der Bergleute zu rechnen seien und 382 gab danach seinen Entscheid. Auch die Bergleute erkannten grundsätzlich die Roheisenpreise als Regulatoren ihrer Löhne an. Das letzte Schiedsgericht von 1877 zeichnet sich dadurch aus, dal's es ein Lebensminimum deutlich anerkennt: es bestimmt, dafs die unter 21 sh. die Woche verdienenden Bergleute, sowie die unter 19 sh. verdienenden Arbeiter am Tageslicht, soweit sie verheiratet seien, von der auszusprechenden Lohnherabsetzung nicht mit ergriffen sein sollten. Seit 1879 werden die Löhne der Bergleute wie die der an den Hochöfen beschäftigten Arbeiter durch gleitende Skalen geregelt. Auch hier führte dazu das Bedürfnis, die Löhne für längere Zeit festzusetzen, und der Wunsch, das allzuhäufige Auftauchen allgemeiner Fragen zu verhindern. Auch hier ward die Skala nach vorhergehenden Verhandlungen durch Vertrag zwischen den Parteien aufgestellt und ist auch ihr die Beifügung einer Fristbestimmung d. h. einer Kündigungszeit eigentümlich, worin sich ihr vertragsmäfsiger Charakter ausspricht. Wir sahen oben, dafs jede Lohnskala von einem gegebenen Verhältnis zwischen Preis und Lohn ausgehen mufs. In den Skalen der bei der Eisengewinnung beschäftigten Arbeiter ist bestimmt, dafs die im Jahre 1879 vor Einführung der ersten Skala bestehenden Löhne dann bezahlt werden sollten, wenn der Preis der Tonne Cleveland Roheisen Nr. 3 34 sh. betrage. Der Preis dieser Nummer nämlich, nimmt man an, ist wenig von dem Durchschnittspreise sämtlicher Nummern verschieden. Eigentümlich ist den neueren Skalen in dieser Industrie, dafs schon eine ganz geringe Preisschwankung die Löhne beeinflufst. Ein Steigen des Preises der Tonne Roheisen um 0,96 d. ( 96 /ioo penny) hebt die Löhne der nach der Tonne bezahlten Bergleute um 0,01 d. In demselben Verhältnis bewegt sich die Skala über und unter dem Nullpunkt — 383 — weiter, so dafs, wenn z. B. der Preis des Roheisens auf 36 sh. steigt, 0,5 d. pro Tonne den.Normallöhnen zugefügt werden. Diese letzteren selbst sind, wie in der Kohlenindustrie, aufser- ordentlich verschieden, je nach der Schwierigkeit der Arbeit, der Dicke des Erzganges u. s. w. Als Durchschnittsnormallohn wird 9,50 d. pro Tonne angenommen und auf Grund desselben stellt der gemeinsame Ausschufs den im einzelnen Fall zu zahlenden Lohn fest. Nachdem die erste Skala, wie verabredet, von 1879 bis 1881 bestanden hatte, verlangten die Bergleute für die neue Skala einen günstigeren Ausgangspunkt, nämlich einen Roheisenpreis von 32 sh. anstatt von 34 sh., wodurch natürlich ihre Löhne entsprechend sich gehoben hätten (um 0,25 d. pro Tonne). Da die Arbeitgeber sich auf diesen Vorschlag nicht einliefsen, so traf man das Auskunftsmittel, zwar den Preis von 34 sh. als „Standard" beizubehalten, dagegen bei einem Stand des Preises des Roheisens zwischen 40 sh. und 42 sh. den sogenannten „doppelten Sprung" einzuführen; die Löhne bewegen sich alsdann in doppeltem Verhältnis aufwärts, also um 0,01 d. nicht erst bei einer Preissteigerung von 0,96 d. wie sonst, sondern schon bei einer solchen 0,48 d. Diese zweite Skala, welche unmittelbar an die erste an- schlofs, wurde vom 31. Dezember 1881 bis 31. Dezember 1883 vereinbart, sodann auf weitere IV2 Jahre, bis 30. Juni 1885, verlängert. Die Arbeiter nämlich glaubten, es sei für sie günstiger, wenn die Vereinbarung im Sommer endige; sie seien, so meinten sie, für die Mitbestimmung der Bedingungen des Neuabschlusses in dieser Jahreszeit stärker, weil sie im Sommer eher als im Winter die Möglichkeit eines Ausstandes hinter sich hätten. Es ist jedoch nicht dazu gekommen. Vielmehr wurde die Skala wiederholt verlängert. Den Schwankungen der Löhne der Bergleute folgen die der übrigen bei dem Bergbau beschäftigten Arbeiter, welche — 384 — nicht nach Stück, sondern nach Zeit bezahlt werden. Auch hier bewirkt die Skala nicht eine Annäherung der einzelnen Löhne aneinander; vielmehr bleiben die gewohnheitsmäfsigen Unterschiede zwischen den Klassen von Arbeitern, vom Aufseher bis zum Tagelöhner, bestehen und werden vom gemeinsamen ständigen Aussehufs bei seinen Entscheidungen zu Grunde gelegt. Nur die Prozentzahl, in der diese verschiedenen Löhne auf- und niederschwanken, wird von der Skala angegeben. Durchaus ähnlich den Verhältnissen der Bergleute sind die der Hochofenarbeiter, welche ebenfalls in einem die Grafschaft umfassenden Gewerkvereine organisiert sind. Auch für sie besteht ein gemeinsamer ständiger Aussehufs, desgleichen werden auch ihre Löhne seit 1879 von Skalen beherrscht. Während der Jahre 1885 und 1886 bestand jedoch 14 Monate lang keine Skala, indem die Arbeitgeber eine Veränderung der bisherigen Skala zu ihren Gunsten verlangten. Die Arbeiter nahmen zwar die verlangte Herabsetzung der Löhne um 5 Prozent auf sich, erklärten aber in diesem Falle lieber keine Skala haben, sondern nur die ursprüngliche wieder annehmen zu wollen. In der That wurde dieselbe Januar 1887 erneuert. Der einzige Unterschied von der früheren Skala war der, dafs, wie bei den Bergleuten schon vorher geschehen, selbst äufserst geringe Preisschwankungen bereits die Löhne beeinflussen. Früher bewirkte eine Veränderung der Preise von Schilling zu Schilling eine Bewegung der Löhne um 1,25 Prozent. Nunmehr aber wird, schon wenn der Preis um 2,40 d. steigt, 0,25 Prozent dem Normallohn zugethan, was dasselbe Endergebnis mit sich bringt, indem bei 35 sh. Preis, d. i. 1 Schilling über dem „Standard", eben auch hier der Zusatz zum Lohn 1,25 Prozent beträgt. Die Arbeiter jedoch wünschen eine möglichst in die Decimalen gehende Anpassung, damit die Löhne den Preisen möglichst schnell folgen. Also auch in diesem wichtigsten Bezirke des englischen m/mm — 385 — Eisenbergbaues findet sich eine durchaus friedliche Gestaltung des Arbeitsverhältnisses. Dieselbe ist um so bedeutungsvoller als es sich hier nicht um hoch bezahlte und den Schwankungen des Arbeitsmarktes wenig unterworfene Arbeiter handelt, wie in den Kohlenbezirken der nördlichen Grafschaften. Vielmehr sind die Clevelandbergleute, wie erwähnt, dem Hereinströmen fremder Arbeit ausgesetzt, und ihre Löhne gingen unter den erwähnten Skalen manchmal aufserordent- lich tief hinab. Ihr Verhältnis zu den Arbeitgebern ist ein besonders vertrauensvolles. Die bestehenden Einrichtungen haben sich zu beider, besonders aber der Arbeitgeber Zufriedenheit bewährt. Die letzteren, zu den gröfsten Industriellen gehörig, — unter ihnen finden sich Namen wie Lord Armstrong, Sir Benjamin Samuelson u. s. w. — brauchen vor allem Sicherheit der Arbeit zur Erfüllung ihrer grofsartigen Kontrakte, was ihnen der heutige Zustand des Arbeitsverhältnisses gewährleistet. Die Arbeiter aber bedürfen Sicherheit der Beschäftigung in ihrem von der industriellen Lage des Landes besonders abhängigen Gewerbe und haben darum ein gleiches Interesse, die Konkurrenzfähigkeit ihrer Arbeitgeber durch Einrichtungen zu erhalten, welche die Industrie vor den Krisen der Lohnkämpfe bewahren. Das Bewufstsein einer Interessengemeinschaft mit den Arbeitgebern ist unter diesen Arbeitern ganz besonders entwickelt, wie es mir z. B. Herr Snow, der Schriftführer der Hochöfenleute, aussprach. B. Das Hüttengewerbe. Die Herstellung von eisernen Platten, Schienen u. s. w., ist eine der wichtigsten Industrien Englands. Sie ist ziemlich auf zwei Gebiete beschränkt; das nördliche hat seinen Mittelpunkt zu Darlington und Middlesbrough in der Graf- y. Schulze-Gaevemifcz, Zum soc. Frieden. II. 25 — 386 — schaft York und verarbeitet das in Cleveland hervorgebrachte Roheisen. Das zweite umfafst Staffordshire und greift in die angrenzenden Grafschaften Derbyshire, Shropshire und Lancashire über; als sein Mittelpunkt kann Birmingham bezeichnet werden. Die Entwicklung des Arbeitsverhältnisses in beiden Gebieten weist die gröfsten Ähnlichkeiten auf; dagegen zeigen sich eine Reihe von Verschiedenheiten, sobald man die Eisenindustrie mit den behandelten Verhältnissen des Bergbaues vergleicht. Ähnlich wie in der Nottinghamer Wirkerei waren auch in der englischen Eisenindustrie die Verhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitern die denkbar schlechtesten. Der Aufschwung Anfangs der sechziger Jahre rief zahlreiche Arbeits- ausstände hervor (1862, 1863, 1864 und 1865); in gleicher Weise wurden die seitdem notwendigen Lohnherabsetzungen den Arbeitern stets auf dem Wege des Lohnkampfes aufgezwungen. Die Arbeitgeber errichteten eine gemeinsame Kasse, aus welcher diese Kämpfe geführt wurden, da man, wie Sir B. Samuelson erzählt, sicher sein konnte, im Falle eines steigenden Marktes sofort mit ganz übertriebenen Forderungen der Arbeiter zu thun zu haben. Dieser Fall trat 1869 ein. Eine Fortsetzung der bisherigen Zustände wäre gerade zur Zeit, da die Industrie sich von den vorhergehenden Verlusten erholen sollte, verhängnisvoll gewesen. Da war es ein bedeutender Industrieller von weiten Gesichtspunkten, David Dale, welcher mit dem Vorschlage hervortrat, nicht nur die geforderte Lohnerhöhung mit den Vertretern der Arbeiter zu verhandeln, sondern auch die Errichtung einer Einigungskammer zu besprechen. Dieser Versuch einer friedlichen Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten wurde zu einer Zeit gemacht, als die Gewerkvereine noch nicht die gesetzliche und sociale Anerkennung erlangt hatten, — 387 — woraus sich seine eigentümliche Form ergiebt. Im Jahre 1869 wurde für die Eisenindustrie Nordenglands eine solche Schiedsund Einigungskammer zur Schlichtung aller entstehenden Arbeitsstreitigkeiten gebildet. Von jedem beitretenden Eisenwerke wurde je ein Vertreter des Arbeitgebers und einer der in der Hütte beschäftigten Arbeiter zur Kammer abgeordnet, ohne Rücksichtnahme auf die bestehenden Vereine, was bis auf den heutigen Tag beibehalten ist. Der hierin liegende Unterschied von ähnlichen Einrichtungen, welche oben betrachtet wurden, ist nicht so grofs, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. Denn die von den Arbeitern der einzelnen Werke erwählten Vertreter werden Vertrauensmänner des Gewerkvereins sein, von welchem die Durchführung der Entscheidungen der Kammer allein abhängt. Da aber die that- sächlich miteinander verhandelnden Organisationen der Arbeiter und Arbeitgeber als solche unerwähnt bleiben, so nehmen die Mitglieder der Kammer zu Unrecht eine Art schiedsrichterlicher Stellung ein, während sie in der That nichts als Parteien sind. Sodann ist infolge der erwähnten Einrichtung die Zahl der in der Kammer vertretenen Arbeiter eine geringere, als dort, wo der Gewerkverein selbsthandelnd auftritt. Es sollen nicht mehr als 25% aller in der Eisenindustrie beschäftigten Arbeiter für die Kammer Beiträge zahlen; trotzdem ist anerkannt, dafs ihre Entscheidungen in Lohnfragen für alle mafs- gebend sind. Wie gesagt, hatte man die Schlichtung aller sich erhebenden Fragen der Kammer übertragen. Aber die Erfahrung zeigte auch hier, dafs die zwischen Arbeiter und Arbeitgeber sich erhebenden Streitigkeiten zwiefacher Natur sind und als solche verschiedener Behandlung bedürfen. Die „Fragen des individuellen Falles" auf dem Wege des Kampfes zu entscheiden, ist unvernünftig, weil es sich um die Anwendung 25* — 888 — feststehender Regeln handelt; die Feststellung dieser Regeln selbst dagegen ist nach der heutigen Gesellschaftsordnung Sache des wirtschaftlichen Kampfes, wie er sich überall zwischen Käufer und Verkäufer abspielt; seine Vermeidung* nichts als vernunftgemäfse Vorherbestimmung des Ergebnisses, welches der Kampf haben würde. Es ist interessant zu beobachten, wie der bezeichnete Unterschied sich der Praxis der Schieds- und Einigungskammer für Nordengland aufdrängte. Für die Fragen erster Art wurde ein Ausschufs von 10 Mitgliedern, 5 Arbeitern und 5 Arbeitgebern, welcher im Fall der Stimmengleichheit der Kammer die Sache unterbreitete, nach der Art des in Nottingham von Mundella eingeführten Untersuchungsausschusses gewählt. Es erwies sich aber weiter, dafs hier, wo es sich meist um Feststellung von That- fragen handelt, wenige sachkundige Männer brauchbarer sind als eine vielköpfige Versammlung. Daher wurde 1883 derjenige Sehritt gethan, welcher Ausschufs und Kammer that- sächlieh in zwei Behörden spaltete: dem Ausschusse wurde die Befugnis beigelegt, die bezeichneten Fragen endgültig* zu entscheiden. Zu diesem Zweck erwählt er nunmehr einen Unparteiischen, welcher dann eintritt, wenn die Mitglieder sich nicht einigen können. Jede Berufung an die Kammer ist ausgeschlossen. Das gleiche Bedürfnis also führte zur Einrichtung eines ähnlichen Verwaltungsausschusses wie in der Kohlenindustrie trotz verschiedenen Ausgangspunktes. Auch die Art des Verfahrens ist dieselbe. Bevor eine Sache an den Ausschufs kommt, hat der Vertreter der Arbeiter beziehungsweise des Arbeitgebers des einzelnen Werkes mit dem der gegenüberstehenden Partei zwecks friedlicher Schlichtung zu verhandeln; für diese Besprechungen ist in den gröfseren Werken eine bestimmte Stunde in der Woche festgesetzt. Auf diesem Wege wird die Mehrzahl der auf- — 389 — tauchenden Fragen beigelegt; nur wo dies nicht möglich ist, wird der Fall dem Schriftführer der Arbeiter, beziehungsweise Arbeitgeber unterbreitet. Jede der beiden in der Kammer vertretenen Parteien nämlich erwählt aus ihrer Mitte einen Schriftführer, welcher ihre laufenden Geschäfte besorgt und die zu entscheidenden Fälle an den Ausschufs bringt. Der Aus- schufs aber untersucht, erhebt Beweise und fällt seinen Spruch ganz wie der der Bergleute. Jede Unterbrechung der Arbeit aus Anlafs solcher Streitigkeiten ist ausgeschlossen. Für allgemeine Fragen dagegen oder, wie es in den Statuten der Kammer heifst, „eine allgemeine Lohnerhöhung oder -herabsetzung oder die Ernennung eines Schiedsrichters, der über solche Dinge zu entscheiden die Macht haben soll", ist der Ausschufs unzuständig und hat dieselben an die Kammer, d. h. die Vereinigung aller Vertreter der Arbeitgeber und Arbeiter, zu verweisen. Wenn hier durch Besprechung eine Verständigung nicht zu erzielen ist, so sind die Parteien durch die Statuten verpflichtet, die Sache einem Schiedsrichter zu unterbreiten. Scheinbar ist hiermit ein Schritt mehr zur friedlichen Erledigung von Arbeitsstreitigkeiten gethan als in den bisher behandelten Industrien. Jedoch ist dieser Unterschied kaum wesentlich. Einmal nämlich steht es jeder Partei frei, ihre Teilnahme an der Kammer zu kündigen und sich so jener Verpflichtung zu entziehen. Andrerseits aber böte die Ernennung des Schiedsrichters, über welchen die Parteien im einzelnen Fall sich zu einigen haben, eine weitere Handhabe, die friedliche Entscheidung zu vereiteln. Daher hängt es auch hier vom guten Willen der Parteien ab, die Lohnfragen einem Schiedsgerichte zu unterwerfen oder nicht, und jene Bestimmung der Statuten ist wenig mehr als eine moralische Verpflichtung. Dafs trotzdem seit dem Bestehen der Kammer alle, selbst die einschneidend- - 390 — sten Lohnfragen ohne Kampf entschieden worden sind, zeigt, wie sehr der Vorteil einer solchen Erledigung beiden Parteien bewufst und ein friedlicher Geist in die Industrie eingezogen ist. Trotzdem aber handelt es sich auch hier im Grunde nicht um autoritative Festsetzung durch einen Dritten, sondern um Vertrag zwischen zwei gleichberechtigten Parteien. Die Kammer hat zur Lohnregelung bald Verhandlungen bald Schiedsgerichte oder Skalen gebraucht. Die Geschichte der Lohnfestsetzungen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte weist mit der im Bergbau grofse Ähnlichkeit auf. In den ersten beiden Jahren der Kammer, 1869—71, wurden viermal allgemeine Lohnfragen durch Schiedsgericht erledigt. Damals schon führte die Überhandnähme von Schiedsgerichten zum Versuch einer gleitenden Skala. Dieselbe wurde durch einen Ausschufs der Kammer vorbereitet, von dieser selbst angenommen und trat am 31. März 1872 in Kraft. Sie ist die früheste der neueren Skalen und mag deshalb in der Eisenindustrie zuerst aufgekommen sein, weil hier früher bereits, als die Arbeit noch wenig organisiert war, von den Arbeitgebern wiederholt Skalen zur Lohnregelung gebraucht wurden; bereits in dem Bericht der Kommission zur Untersuchung der Gewerkvereine 1867 ist von ihnen die Rede. Diese Skalen älteren Datums hatten jedoch mit den hier behandelten nur die technische Einrichtung gemein. Sie beruhten auf Vereinbarung nicht der Arbeitgeber und Arbeiter, sondern lediglich der Arbeitgeber untereinander; und ausserdem waren während ihres Bestandes die Arbeiter noch der weiteren Willkür der Arbeitgeber preisgegeben, indem die letzteren die nominellen Verkaufspreise beliebig festsetzten 1 . Die Skala von 1872 war das Vorbild, nach dem alle 1 Vergl. Brentano, Die Arbeitergilden der Gegenwart Bd. II, S. 214. — 391 — folgenden Skalen des Hüttengewerbes aufgebaut wurden. Sie ging aus von den Durchschnittsverkaufspreisen aller Klassen von Walzeisen, wie sie von Vierteljahr zu Vierteljahr aus den Büchern der beteiligten Firmen von dem Rechner der Kammer, Herrn Waterhouse, festgestellt werden sollten, und gewährte 1 sh. Lohn für das ü? des Preises der Tonne Eisen und aufserdem ein Extra (2 sh. 9 d. pro Tonne), welches „Basis" genannt wurde. Der unerwartete Aufschwung der Eisenindustrie 1872 brachte dieser ersten Skala den Tod. Die April 1872 vorgenommene Berechnung des Herrn Waterhouse gewährte den Arbeitern nämlich nur 5 °/o, die im Juli 7 1 /2 % Lohnerhöhung, während in denselben Tagen die Arbeitgeber des südlichen Bezirks, wo eine Skala nicht bestand, ihren Arbeitern 20% zugestanden. Die Folge davon war, dafs die Arbeiter der nordenglischen Eisenindustrie eine gleiche Vergünstigung forderten und die Arbeitgeber I2V2 °/o über die Skala bewilligten, womit dieselbe aufgegeben war. Es folgte im Beginn des nächsten Jahres eine weitere Lohnerhöhung durch Schiedsspruch des Sir Rupert Kettle. Daneben wurden bereits 1873 wieder Verhandlungen behufs Errichtung einer neuen Lohnskala geführt. Dieselben waren nicht auf das nördliche Gebiet beschränkt, vielmehr waren bei ihnen auch Vertreter Straffordshires beteiligt. Ihr Ergebnis war die „Derby-Skala", deswegen so bezeichnet, weil sie zu Derby verhandelt worden war. Während des Jahres 1874/75 beherrschte sie die Löhne beider Bezirke, d. h. der meisten im Hüttengewerbe beschäftigten Arbeiter. Bei der Berechnung des Durchschnittsverkaufspreises bestand jedoch die Verschiedenheit, dafs im Norden die Bücher aller Firmen, im Süden- dagegen nur die einer bestimmten Anzahl geprüft wurden. Die Arbeitgeber des Nordens glaubten sich hierdurch — 392 — benachteiligt und beendigten daher die Skala bereits Juli 1875 nach einjährigem Bestände durch Kündigung. Ein weiterer Grund hierfür war, dafs im Norden damals noch hauptsächlich Schienen hergestellt wurden, im Süden dagegen man bereits zur Herstellung teurerer Produkte, Stangen und Platten, übergegangen war, wobei, da ein Durchschnittspreis berechnet wurde, die Löhne im Norden durch die Skala unverhältnis- mäfsig gesteigert wurden. In der That ergab die erste Lohnfestsetzung unter der Skala im Norden trotz fallenden Marktes eine Erhöhung um 3 d. per Tonne. Trotzdem die Derby- Skala so bald verlassen wurde, blieb die Neigung, die Löhne für die ganze Industrie einheitlich zu regeln. In allen Schiedsgerichten wird auf die Löhne des anderen Bezirks Bezug genommen. Seit Beendigung der Skala fanden eine Reihe von Schiedsgerichten statt. Während man bisher einen Schiedsrichter gehabt hatte, versuchte man es damals mit der in der Kohlenindustrie häufigen Form, wonach jede Partei ihren Schiedsrichter ernennt und diese, wenn sie sich nicht einigen können, einem Unparteiischen die Sache übertragen. Die Arbeiter behaupten jedoch, hiermit schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Es bezieht sich dies auf das Anfang 1875 abgehaltene Schiedsgericht der Herren Williams und Mundella für die Eisenindustrie Nordenglands. Das Eigentümliche an dem Schiedssprüche der genannten Herren besteht darin, dafs die Lohnherabsetzung, welche sie aussprachen, nicht durch eine Verminderung des Verkaufspreises, vielmehr durch eine solche der Nachfrage begründet wurde. Ausdrücklich wird jedoch diese Herabsetzung als eine vorübergehende Mafsregel bezeichnet, „welche", wie die Schiedsrichter hoffen, „dahin wirken soll, die gegenwärtige Depression des Hüttengewerbes zu beseitigen, Nachfrage und — 393 — damit Beschäftigung zu vennehren, nicht aber als Aufstellung eines festen Verhältnisses zwischen Lohn und Preis betrachtet werden soll". Die Arbeiter waren mit diesem Schiedssprüche um so weniger zufrieden, als der beabsichtigte Erfolg ausblieb. Trotzdem wurde auch dieser Schiedsspruch gewissenhaft von ihnen angenommen. In 18 Monaten sanken damals die Löhne um 42 1 / , 2 °/o. Dafs die Arbeiter solche Lohnverkürzungen friedlich über sich ergehen liefsen, ist ein Beweis der moralischen Macht derartiger Einrichtungen. In früheren Jahren hätten die erbittertsten Kämpfe die ohnedies hart bedrängte Industrie völlig zerrüttet. In den Jahren von 1875—1880 erfolgten im ganzen nicht weniger als fünf Schiedsgerichte, die meist, wenn auch nicht ausschliel'slich, von dem Marktpreise des Eisens ausgingen, wie er auch nach Beendigung der Skala von Herrn Water- house allvierteljährlich im Auftrage der Kammer veröffentlicht wurde. Zur damaligen Zeit sinkenden Geschäfts erwählten die Arbeiter David Dale wiederholt zum Schiedsrichter, der, obgleich Arbeitgeber, ihr Vertrauen in seltenem Mafse besitzt. Herr Trow, der Führer des Gewerkvereins und der beredte Verteidiger der Arbeiter in den Schiedsgerichten, äul'serte sich hierüber in folgender Weise: „Kein Arbeitgeber kann mehr Vertrauen in Herrn Dale haben als wir, sowohl in seine Fähigkeit als seine Gradheit, Unparteilichkeit und Ehrenhaftigkeit. Wenn es irgend eine Frage giebt, möge sie noch so schwerwiegend sein, die mich persönlich berührte, so würde ich bereit sein, sie Herrn Dale zu unterbreiten". Den Bemühungen David Dales gelang es 1880, eine neue Skala zu stände zu bringen, die „Dale-Skala", welche bis 1882 bestand und damals ebenfalls wieder einem plötzlichen Aufschwünge zum Opfer fiel. Die Arbeiter kündigten sie, weil die Skala ihnen nicht schnell genug Anteil an dem vermehrten Gewinn verschaffte. Ihre Erneuerung erfolgte 1883 durch die sogenannte „Durham-Verabredung"; diese ist dadurch interessant, dafs hier auf Betreiben der Arbeiter, um die Produktion zu beschränken, die Arbeitszeit auf 10 Schichten die Woche festgesetzt wurde. Auch die erneuerte Dale-Skala war nicht von langem Bestände. Es folgen sodann in den Jahren 1884—1888 fünf weitere Schiedsgerichte, in welchen Dr. Spence Watson das Schiedsamt versah. Dieses allzuhäufige Angehen eines Dritten aber war dem der Kammer zu Grunde liegenden Gedanken wenig entsprechend. Dieser ist nämlich Versöhnlichkeit und verlangt, dafs beide Parteien sich gegenseitig Zugeständnisse machen, „es nicht bis zum äufsersten Pfennig treiben", wovor bereits Sir Rupert Kettle 1873 gewarnt hatte. Der viel erfahrene Schiedsrichter Spence Watson sah in solchem Verfahren geradezu eine Gefahr für das Bestehen der Einigungskammer überhaupt. In seinem Spruche vom 28. November 1888 riet er auf das dringendste zur Annahme „einer automatischen Festsetzung der künftigen Löhne durch eine gleitende Skala", die der häufigen Wiederholung von Schiedsgerichten weit überlegen sei. „Sie vermeidet Reibung, giebt Sicherheit Arbeitern wie Arbeitgebern und bewirkt Beständigkeit der Industrie und der Arbeit". Kurze Zeit nachher traten die Vertreter beider Parteien zur Vorbereitung einer Skala zusammen. Für den Fall, dafs während der Verhandlungen Streitfragen entstünden, sollten dieselben Herrn Watson unterbreitet werden. Die Dienste des letzteren wurden jedoch nicht gebraucht; vielmehr gelangte man nach Meinungsverschiedenheiten zu einer neuen Skala, welche Juli 1889 in Kraft trat, für zwei Jahre vereinbart ist und nicht mit Unrecht als „Watson-Skala" nach ihrem geistigen Urheber bezeichnet werden könnte. Nach dem Obigen erscheint es unnötig, einen gleichen — 395 — Überblick über die Geschichte der Lohnbewegung in Stafford- shire zu geben. Auch dort finden wir in derselben Weise einen bunten Wechsel von Schiedsgerichten und Skalen; auch dort sind Verhandlungen wegen einer neuen Skala im Gange, welche mittlerweile wahrscheinlich zu ihrer Annahme geführt haben. Wenn man bedenkt, dafs in einem so wichtigen Gewerbe wie der Hüttenindustrie seit zwanzig Jahren ein allgemeiner Ausstand nicht vorgekommen 1 ist und dafs es sich hier nicht um eine hochbezahlte Klasse gelernter Arbeiter handelt, sondern um eine grofse Anzahl der verschiedensten Arten von Arbeitern, deren Arbeit die „schwerste sein soll, welche der Mensch freiwillig auf sich nimmt", so sieht man, wie die friedliche Gestaltung der zwischen Arbeiter und Arbeitgeber herrschenden Beziehungen in der That weite Gebiete bereits ergriffen hat. Dafs in ihr der Grund liegt, weshalb die englische Eisenindustrie die aufserordentlich schwere Krisis von 1875—79 verhältnismäfsig schnell überwunden hat, darin stimmen alle Sachverständigen überein. Indem die Arbeiter die einschneidenden Lohnherabsetzungen ohne Widerstand auf sich nahmen, welche Williams und Mundella 1875 und David Dale 1878 über sie verhängten, halfen sie den Arbeitgebern über Verhältnisse hinweg, die bei Ausbruch von Arbeitsstreitigkeiten für beide verhängnisvoll hätten werden können. David Dale fafst die Bedeutung der Einigungskammer für das Hüttengewerbe mit folgenden Worten zusammen: „Wären wir gescheitert, so würde nicht nur unsere grofse Industrie zu jenem gewerblichem Kriegszustand zurückgekehrt sein, welcher früher die Hülfsquellen unseres Distriktes verwüstet 1 Am 31. Dezember 1881 brach in Yorkshire ein gröfserer, aber nicht allgemeiner Ausstand aus bei Gelegenheit der Beendigung der „Dale-Skala". — 396 — hatte, sondern die Annahme eines friedlichen Verfahrens durch Verhandlung und Schiedsgericht würde in andern Gewerben unberechenbar aufgeschoben worden sein" 1 . C. Gleitende Lohnskala. Es scheint hier am Platze, auf das Wesen der „gleitenden Lohnskala" des näheren einzugehen, da dieselbe im Hüttengewerbe, wie gesagt, am längsten besteht und dort auch am frühesten ihre moderne Gestaltung annahm, wie sie dem Verhältnis der Gleichberechtigung der bei der Produktion beteiligten Parteien entspricht 2 . Die älteren Skalen, eigentlich auf das Hüttengewerbe Staffordshires beschränkt, waren Gegenstand der Angriffe der Gewerkvereine, weil sie gegen sie gerichtete Mafsregeln der Gegencoalition der Arbeitgeber waren. Waren diese, um den Arbeitern zu widerstehen, übereingekommen, die Lohnsätze gemeinsam zu regeln, so boten die unter einander vereinbarten Skalen eine einfache und unauffällige Methode, den Lohn nach der Machtlage schwanken zu lafsen. Bei den Zusammenkünften brauchte man gar nicht von Löhnen zu reden, sondern vereinbarte nur Verkaufspreise. Die Haupteinwürfe der Arbeiter gegen diese Skalen waren dem entsprechend folgende. a) Einmal glaubten sie nicht zugeben zu dürfen, dafs es ein feststehendes Verhältnis zwischen Lohn und Preis gäbe. Sie warfen der Skala vor, dafs sie wichtige Faktoren, welche den 1 Yergl. Presentation to David Dale S. 8. Darlington 1881. Nach derselben Quelle betragen die Kosten der Kammer auf die Tonne Eisen 0,6048 d., d. h. etwa Ys. Pfennig, Avas auf Arbeiter und Arbeitgeber in gleicher Weise verteilt wird. 2 Auch für Amerika scheint Ähnliches zu gelten, indem auch dort im HüttengeAverbe seit längerer Zeit Skalen im Gebrauche sind. Vergl. J. D. Weeks, Industrial conciliation and arbitration in New York, Ohio and Pennsylvania. Boston, Rand Avery & Co. — 397 — Lohn beeinflufsten, überhaupt nicht in Rechnung zöge. Es könne nämlich sehr leicht vorkommen, dai's die Verkaufspreise zwar gleich blieben, dagegen andere Umstände einträten, welche eine Veränderung der Löhne begründeten. Ein solcher Fall sei zum Beispiel eine Vermehrung der Konsumtion, welche die Gewinne erhöhe, ohne den Verkaufspreis zu beeinflussen. Ja in gewissen Fällen sei sogar, wenn nicht nur der Preis, sondern selbst die Gewinne gleichblieben, trotzdem eine Erhöhung des Lohnes zu verlangen, z. B. dann, wenn durch Massenauswanderung und Ähnliches der Arbeitsmarkt stark gelichtet sei. Die Arbeitgeber behaupteten demgegenüber, dafs entsprechend den „Gebräuchen des Gewerbes" die Arbeiter einen Schilling pro Pfund Sterling des Preises der Tonne Eisen zu erhalten hätten. Die Arbeiter setzten sich hiergegen zur Wehr und erreichten bereits 1863 durch Ausstand 1 sh. mehr als den einen Schilling pro '£. b) Des weiteren aber behaupteten die Arbeiter, dafs nicht nur der Ausgangspunkt der Skala willkürlich sei, sondern dafs die Arbeitgeber auch das in der Folge eintretende Steigen oder Fallen des Normallohnes in ihrer Hand hätten. Dieselben setzten nämlich auf vierteljährlichen Zusammenkünften den zukünftigen Preis des Eisens fest, nicht sowohl um selber zu diesem Preise zu verkaufen, als vielmehr der Lohnregelung willen. In der That geben auch die Arbeitgeber vor der Ge- werkvereins-Kommission zu, dafs sie durch jene veröffentlichten Preise in keiner Weise gebunden seien, vielmehr darin blofs eine bequeme Art der Lohnregelung erblickten. Die Skala war also in Wirklichkeit nichts als eine einseitige Festsetzung des Lohnes durch die Arbeitgeber. c) In letzter Linie aber wandten sich die Arbeiter gegen das Schwanken der Löhne überhaupt, indem sie erklärten, niedere aber gleichmäfsige höheren schwankenden vorzuziehen. — 398 — So bezeichnet z. B. der Schriftführer der Hüttenarbeiter die Arbeiter einer bestimmten Gegend, wo eine Skala nicht herrsche, als um deswillen besser gestellt, weil „ihr Lohn nicht steige und falle". Die Arbeitgeber behaupten dagegen, dafs dieses Schwanken der Löhne nach den Gewinnen um deswillen notwendig sei, weil bei der Tonne Eisen 80—85 °/ 0 der Produktionskosten auf die Löhne kämen. Wie bereits oben erwähnt, ist heute ein Umschlag in den Ansichten der Arbeiter bezüglich der Skalen eingetreten, welcher mit ihrer Ausdehnung über sehr weite Gebiete der Industrie und bedeutende Teile des Arbeiterstandes zusammenfällt. Dieselben haben nicht nur die bedeutende nördliche Eisenindustrie, ferner, wie David Dale mir mitteilt, einen Teil der Stahlindustrie (Consett Cie., Palmers Shipbuilding and Iron Cie.) ergriffen, sondern auch in der Bergwerksindustrie weite Verbreitung gefunden. Dafs die Arbeiter dem Princip der Skala nicht mehr feindlich gegenüberstehen, beweist z. B. das oben angeführte Ui'teil Burts. Der Grund hiervon besteht darin, dafs die Skala ihren Charakter verändert hat und die drei obigen Einwände that- sächlich hin weggefallen sind. a) Was den ersten Einwand angeht, so haftet er der Skala nicht ihrem Wesen nach an. Der als Ausgangspunkt angenommene Normallohn braucht eben nicht festzustehen, sondern kann auch, wie schon S. 372 gesagt wurde, durch Vertrag zwischen den beiden Parteien, wenn nötig, verändert werden. Damit wird es aber unerläfsliche Bedingung einer modernen, auf den Boden der Gleichberechtigung beruhenden Skala, dafs sie eine Fristbestimmung beziehungsweise Kündigungsfrist enthält. Dieselbe ist dann kein durch die „Gebräuche des Gewerbes" geheiligtes Gesetz, das anzutasten schlechthin als Unrecht gilt, vielmehr eine von den Parteien auf Grund der augenblick- liehen gewerblichen Lage geschlossene Übereinkunft. Jene Umstände, wie vermehrter Gewinn durch vermehrte Konsumtion, Leere oder Fülle des Arbeitsmarktes etc. werden einfach dadurch berücksichtigt, dafs man den Ausgangspunkt der Skala den veränderten Umständen vertragsmäfsig anpafst. Gerade die Gewohnheit, den Lohn vertragsmäfsig festzusetzen, hat zur Ausbreitung der Skalen geführt. Da ein solcher Vertrag nämlich immer eine gefährliche Sache ist, indem bei jedem Abschlufs die Möglichkeit des Kampfes im Hintergrunde steht, so drängt sich die Notwendigkeit auf, für begrenzte Zeit den Verträgen bindende Kraft zu geben. Dies ist um so mehr der Fall, wenn man den Inhalt des Vertrages durch Schiedsgericht festgestellt hat; man kann nicht jeden Monat den Zeit und Geld kostenden Apparat in Anwendung bringen. Dort nun, wo wenigstens einer der Faktoren, welche die Parteien zur Forderung einer Lohnveränderung berechtigen, zahlenmäfsig festzustellen ist, läfst man den Lohn diesem Faktor folgen und schliefst damit die aus Veränderung desselben sich ergebenden Streitfragen aus. Man kann in solchen Industrien damit die Lohnfrage für beschränkte Zeit verbannen. b) Der dem Arbeitgeber dadurch ermöglichten Willkür, dafs er Preise zum Zweck der Lohnfestsetzung macht, ist durch Ermittelung der wahren Verkaufspreise, nachdem sie erzielt worden sind, durch Unparteiische zu begegnen. c) Was endlich den Einwand angeht, dafs die Schwankungen des Lohnes überhaupt für den Arbeiter ungünstig seien, so scheint er gegen die Skala selbst für die Zeit, als er ausgesprochen wurde, nicht stichhaltig. Ein aus Wales berufener Zeuge berichtet, dafs in dem dortigen Ilüttengewerbe, das keine Skala habe, die Löhne ebenfalls um 30°/o während 10—12 Jahren geschwankt hätten. Freilich hätten sie nicht so oft, wie unter der Skala, sich verändert, wären aber im grofsen und ganzen doch den Preisen des Eisens gefolgt. Nun scheint es aber sehr zweifelhaft, ob im Interesse des Arbeiters ein durch Mittelglieder hindurchgehendes Schwanken nicht einem jähen und unvermittelten vorzuziehen ist. Wenigstens ist dies die Ansicht der englischen Arbeiter, welche, wie z. B. in dem Eisenbergbau, verlangten, dafs selbst die kleinsten Preisschwankungen auf die Löhne von Einflufs sein sollten. In zweiter Linie aber scheint überhaupt der Widerwille der englischen Arbeiter gegen das Schwanken der Löhne in weiten Kreisen geschwunden zu sein. Ist doch in dieser Hinsicht der Baumwollenarbeiter, welcher auf das genaueste den Gewinn der Unternehmer berechnet und danach seine Forderungen richtet, in keiner Weise anders als der unter der Skala arbeitende gestellt. Vielmehr scheinen gleichbleibende Löhne nur dort möglich, wo in gewissem Sinne Monopolpreise vorhanden sind, z. B. im Buchdruckergewerbe, im englischen Schiffsbau etc. Dort, wo der Arbeiter gezwungen ist, den Verlust der Industrie sei es durch Lohnherabsetzung, sei es häufiger noch durch Entlassung zu teilen, hat er es auch gelernt, an dem Gewinn seinen Teil zu erlangen; Voraussetzung hierfür ist genaue Kenntnis des augenblicklichen Standes seines Gewerbes. So hörte ich von englischen Arbeitern wiederholt aussprechen, dafs sie sich an den guten Jahren schadlos halten müfsten, um sich und ihre Vereine für die schlechten zu stärken. Mill und Thornton erblicken hierin den Beginn einer Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Hierzu kommt, dafs, wie Giffen feststellt, die englische Industrie in wachsendem Mafse mit Darlehns- und Aktienkapital betrieben wird. Hier ist es nun besonders nötig, wenn anders das Kapital sich nicht zurückziehen soll, durch Erdulden von Lohnreduktionen ein gewisses Minimum des Gewinnes aufrecht zu erhalten, was andrerseits Teilnahme der Arbeiter an erhöhten Gewinnen voraussetzt. Dieselben garantieren so gewifsermafsen dem Kapital die Zinsen, wofür sie als Versicherungsprämie einen Teil des Gewinnes sich zueignen. Die heutige Skala ist also von der älteren, in dem Kommissionsbericht 1867 erwähnten sehr verschieden. Aber der wichtigste Unterschied ist der, dafs sie heute wie jede Lohn Veränderung auf Vertrag zwischen gleichberechtigten und gleichmächtigen Parteien beruht; daher sind jene enthusiastischen Ansichten vieler Engländer über die „automatische Regelung der Löhne" durch Skalen als ihr Wesen verkennend zurückzuweisen. Prof. Munro (Sliding scales in the iron industry, London 1886, pg. 26) bezeichnet sie z. B. „als die gröfste Entdeckung auf dem Gebiete der Verteilung des Reichtums seit Ricardos Theorie von der Grundrente". Aber die Löhne werden unter der gleitenden Skala nicht durch einen „natürlichen", auf mathematischem Wege sich ergebenden Mafs- stab beherrscht, sondern unterliegen hier wie überall der ver- tragsmäfsigen Feststellung, bei der die hinter den Parteien stehende Macht den Ausschlag giebt, und nach Ablauf kurzer Zeit mufs die Vertragsmäfsige Festsetzung stets wiederholt werden. 1. Solche Gründe, welche aufserhalb der Skala liegen, bestimmen zunächst das Wichtigste: den zum Ausgangspunkt genommenen Normallohn und Normalpreis. Hiervon hängt die Höhe aller unter der Skala bezahlten Löhne in erster Linie ab und um diese Basis entbrennen daher bei Aufstellung der Skalen die heftigsten Kämpfe. Eine Veränderung einer der beiden Gröfsen verrückt das Lohnverhältnis zu Gunsten einer oder der andern Partei. So ist klar, dafs z. B. die Arbeiter in doppelter Weise eine günstigere Gestaltung der v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 26 — 402 — Skala erreichen können, einmal durch Erhöhung des Normallohnes, sodann durch Erniedrigung des Normalpreises, wobei das Umgekehrte für den Arbeitgeber gilt. Um welches der beiden Elemente sich die Kämpfe drehen, hängt vom Charakter des Gewerbes ab. In der Bergwerksindustrie ist die zu einer gewissen Zeit vorhandene Löhnung, wie wir sahen, je nach den Gruben etc. aufserordentlich mannigfaltig. Sie wird daher überhaupt nicht in die Skala eingeführt, vielmehr gewährt diese nur prozentuale Abzüge oder Erhöhungen des unerwähnten Normallohnes. Daher ist der Verkaufspreis allein diejenige Zahl, deren Erhöhung oder Herabsetzung die Basis der Skala zu Gunsten der Arbeiter und Arbeitgeber verändert. Wenn z. B. die Skala für den Bergbau zu Durham 1879 den Normalpreis der Kohle auf 4 sh. 2 d. bis 4 sh. 6 d. festsetzt, dagegen 1882 auf 8 sh. 10 d. bis 4 sh. erniedrigt, so bedeutet das eine Lohnaufbesserung für die Arbeiter, da sie bei geringerem Preise die gleichen Löhne erhalten. In dem Hüttengewerbe dagegen herrschen nicht derartig verschiedene Löhne, sondern für jede bestimmte Arbeit, z. B. das Walzen, das Schneiden des Eisens u. s. w., ein feststehender Lohnsatz, weil nämlich hier keine natürlichen Bedingungen erschwerend oder erleichternd auf die Arbeit einwirken. Infolgedessen wird der Normallohn in die Skala eingeführt und die Fragen, ob Lohnerhöhung oder -herabsetzung, drücken sich als Kämpfe um die Höhe des anzunehmenden Normallohnes aus. So z. B. gab die Dale-Skala 1879 den Arbeitern neben dem altgewohnten Schilling auf das Pfund die sogenannte Basis von 1 sh. 6 d., d. Ii. pro £ des Verkaufspreises 1 sh., das gleitende Element, plus dem feststehenden Element 1 sh. 6 d.; die heutige Skala dagegen gewährt 2 sh. als Basis, d. h. pro £ des Preises 1 sh. Lohn + 2 sh., eine bedeutende — 403 — Lohnerhöhung, die dem augenblicklichen Aufschwünge der Industrie entspricht 1 . 1 Diesen Unterschied zeigt z. B. folgende Skala aus Durham im Vergleiche zu der Dale-Skala: I. Übereinkunft vom 12. Juni 1884 zwischen dem Verein der Grubenbesitzer und dem der Bergleute von Durham. Wenn der durchschnittliche kaufspreis der Kohle Ver- so sollen folgende Erhöhungen oder Herabsetzungen des Normallohnes (Zeitlohnes wie Stücklohnes), d. h. des Lohnes November 1879, vorgenommen werden erreicht aber nicht erreicht Erhöhungen Herabsetzungen s. d. s. d. % % 3 10 4 0 — — 4 0 4 2 D/4 — 4 2 4 4 2% — 4 4 4 6 3 3 /4 — 4 6 4 8 5 — 4 8 4 10 6 l /4 — 4 10 5 0 7Va — 5 0 5 2 8 3 /4 — 5 2 5 4 10 — 5 4 5 6 1D /4 — 5 6 5 8 12 Va — 5 8 5 10 13 3 /4 — 5 10 6 0 16V4 — 6 0 6 2 18 3 /4 — 6 2 6 4 20 — 6 6 4 6 6 6 6 8 2VU 22Va — und so aufwärts, Vk °/o für jede 2 d; 2Va'% nur für die beiden Veränderungen um 2 d., die zwischen 5 sh. 10 d. bis 6 sh. 2 d. Preis liegen 10 vu 2'/a und so abwärts. II. Dagegen heifst es für die Eisenindustrie einfach: „1 Schilling und 6 Pence mehr als Schillinge pro Pfund". (Dale-Skala.) 26* PTmir' i Wie gesagt, ist es dieser vertragsmäßige Ausgangspunkt,, von dem die Löhnung unter der Skala abhängt. Seine Festsetzung bestimmt, einen wie hohen Anteil die Arbeiter an dem Gewinsten erhalten. Er wird durch rein geschichtliche Gründe beherrscht, was sich darin zeigt, dafs man gewöhnlich von einem zu bestimmter Zeit herrschenden Lohne, den beide Parteien für normal ansehen, ausgeht. Nicht selten ist es der unmittelbar vor Beginn der Skala übliche, manchmal auch ein früherer Lohnsatz, so z. B. in der Kohlenindustrie der im Jahre 1871 herrschende. Dagegen hält es David Dale r welcher in der Aufstellung von Skalen wie wenige Erfahrung hat, für angemessener, von einer längeren Zeitspanne, wodurch man den Einflufs vorübergehender Elemente ausschliefse, den Durchschnittslohn zu berechnen und diesen unter Erhöhung um einen geringen Prozentsatz (2 °/ 0 —5 °/ 0 ) zum Ausgangspunkt der Skala zu machen. Mit diesem Prozentsatz bezahlten die Arbeitgeber die aus dem Bestehen der Skala ihnen erwachsenden Vorteile nicht zu teuer. 2. Die gleitende Skala ist aber des weiteren insofern keine „automatische Festsetzung der Löhne", als auch das zweite Element, das Verhältnis, in dem die Löhne den Preisen folgen, vertragsmäfsiger Festsetzung überlassen und der Geschichte zu entnehmen ist. Dieses Verhältnis wird meist mit Prozentzahlen bezeichnet, so z. B. heifst es in den Skalen von Durham, dafs bei jeder Schwankung des Preises um 2 cL die Löhne um lV* °/ 0 fallen oder sinken sollen. Je höher diese Prozentzahl gegriffen ist, desto bedeutenderen Veränderungen ist der Lohn ausgesetzt. Da aber die wirtschaftliche Lage des Arbeiters eine gewisse Stetigkeit des Einkommens fordert, so hat dieses Bedürfnis zu interessanten Versuchen der Graduierung der Skalen — 405 — -geführt 1 . Hierzu ist auch die Einführung eines Lohnminimums zu rechnen, d. h. die Bestimmung, dafs die Löhne nicht unter einen Minimallohn fallen sollen. Diese Klausel, welche in vielen Skalen zu finden ist, wird natürlich von den Arbeitgebern nicht eingeführt ohne irgend welchen Ersatz. Dieser kann einmal in der Festsetzung des Normalverhältnisses, von dem die Skala ausgeht, gesucht werden. Richtiger jedoch scheint es, den Minimallohn dadurch aufzuwiegen, dafs man das Steigen nach oben graduiert, d. h. sobald der Verkaufspreis eine gewisse Höhe erreicht, die Löhne in langsamerem Verhältnis folgen läfst. Dies z. B. thut die sogenannte „Oceanskala", welche bestimmt, dafs die Löhne unter ein Minimum nicht fallen dürfen, dafs sie über diesem Minimum hei jeder Veränderung des Verkaufspreises um 4 x /a d., solange der Lohn unter dem Normalpunkte ist, um 2V2 °/ 0 , dagegen über diesem Punkt nur um IV2 °/ 0 schwanken sollen. Diese Graduierung scheint die Bestimmung des Minimums in der geeignetsten Weise aufzuwiegen, indem der Arbeiter besonders hohe Löhne aufgeben kann, wenn er vor aufsergewöhnlich tiefen geschützt ist. Wo dagegen ein Minimum fehlt, scheint eine umgekehrte Graduierung, d. h. ein langsameres Schwanken der Löhne nach unten als nach oben, ein angemessener Ersatz, so z. B. in Durham, in gewisser Weise auch in North- nmberland. Dagegen ist im Interesse des Arbeiters vor einer Übertreibung des Principes des Minimums zu warnen. Derselbe bedarf, wie gezeigt, der Beteiligung an den zeitweisen Gewinsten der Industrie, um sich und seine Organisationen für schlechte Zeit zu stärken. Ist er doch, ob nun ein Minimum 1 Crawford Munro, Sliding Scales in the Coal industry. London 1885, Heywood. — 406 — besteht oder nicht, dadurch dafs der Arbeitgeber sein Geschäft schiiefsen oder Arbeiter entlassen kann, stets gezwungen, an den Verlusten teilzunehmen. Er verliert alsdann die für die Einführung des Minimums an den Arbeitgeber bezahlte Prämie ohne Ersatz. 3. Die Lohnskala ist auch nicht eine „ dauernde Festsetzung der Löhne". Sie beruht einmal auf der Annahme, dafs Gewinste und Verkaufspreise in festem Verhältnis ständen, was- selbst annähernd nur für beschränkte Zeit der Fall ist. Es werden stets Umstände eintreten, welche, ohne die Höhe der Preise zu berühren, die Gewinste aufserordentlich verändern können: Aufnahmefähigkeit des Marktes, Schwanken des Zinsfufses u. s. w. Zum zweiten werden auch Umstände nicht ausbleiben, welche selbst bei gleichbleibendem Gewinn eine Verschiebung des Verhältnisses zwischen Lohn und Gewinn rechtfertigen. So sagt J. W. Pease in seinem Schiedssprüche zu Middles- brough 1882: „Mit grofser Eindringlichkeit haben die Arbeiter betont, dafs die soeben beendigte Skala deswegen unbefriedigend war, weil sie den Lohn der Arbeit behandelte, als ob er stets in einem gleichbleibenden Verhältnisse zum Preise des Eisens stünde, dafs Umstände eintreten können und eingetreten sind, da die Arbeit — im Markte rar — teurer wird und um einen höheren Preis gekauft werden sollte. Auch führten sie an, dafs die andern Elemente der Produktionskosten des Eisens nicht notwendig denselben Bedingungen wie bei Errichtung der Skala unterworfen blieben". In solchen Fällen entspricht die Grundlage der Skala den Verhältnissen nicht mehr und mufs ihnen neu angepafst werden. Daher besitzt jede Skala eine Kündigungsfrist und kaum wurde eine, soviel ich weifs, je über zwei Jahre unkündbar verabredet. Bei jeder grofsen Veränderung der Geschäftslage, Krisis oder Aufschwung, werden die bestehenden — 407 — Skalen gekündigt. So wurden augenblicklich in der Eisenindustrie die Skalen der Aussicht auf ein Steigen des Geschäftes angepafst. In der Bergwerksindustrie dagegen, wo diese Aussicht später eintrat, werden heute die bestehenden gekündigt; nur in Süd-Wales ist die neue Anpassung bereits erfolgt. — Wir haben im vorhergehenden Irrtümer zurückgewiesen, vor welchen die Engländer sich durch ein Studium der deutschen Litteratur, vor allem Brentanos „Arbeitergilden der Gegenwart", hätten schützen können. Demgegenüber ist die vertragsmäfsige Natur auch der durch Skalen erfolgten Lohnfestsetzung zu betonen und aus ihr ergibt sich als notwendige Voraussetzung der modernen Skala die Organisation beider Teile. Die Durchführung der Verabredung, die Einhaltung der Kündigungsfrist gewährleisten allein die beiderseitigen Vereine, welche als Kontrahenten beim Abschlufs der Skala auftreten. Zwei Einrichtungen ferner, welche notwendig sind, wenn die Skala mehr sein soll als blofse Verschleierung einseitiger Diktierung der Arbeitsbedingungen, setzen ebenfalls Organisation beider Teile voraus. a) Die Skala verlangt einen für das ganze Gewerbe (Grafschaft u. s. w.) anerkannten Lohnsatz, welchen sie prozentual vermehrt oder vermindert. Ein solcher Lohn aber ist ohne einen Verwaltungsausschufs nicht aufrecht zu erhalten. Stände es dem Arbeitgeber frei, lokale Lohnherabsetzungen nach Gutdünken vorzunehmen, so würde er dadurch die allgemeine Regelung durch die Skala vereiteln. b) Das Gleiche wäre der Fall, wenn die Arbeitgeber beliebig die Preise, zu denen sie verkaufen, angeben könnten. Die Skala setzt daher eine unparteiische und sachliche'Er- mittelung der Preise voraus. Diese ist nur möglich, wenn — 408 - von beiden Parteien berufsmälsige Rechner ernannt werden, welche in bestimmten Zeitabschnitten (3 Monat) die wahren Verkaufspreise ermitteln, wie es schon nicht selten beim Schiedsgericht vorkommt. Da aber die einzelnen Arbeitgeber miteinander konkurrieren, so müssen diese Berechnungen, soweit aus ihnen der Verkaufspreis der einzelnen Unternehmer hervorginge, geheimgehalten werden, wozu die Rechner eidlich verpflichtet sind; nur der Durchschnittspreis wird veröffentlicht. Es stellt sich hierbei heraus, dal's die in den Zeitungen veröffentlichten Preise von den thatsächlichen durchaus abweichen, die letzteren vielmehr den ersteren nur langsam folgen. So hat es oft genug bittere Enttäuschung bei den Arbeitern hervorgerufen, dafs der Rechner weit geringere Preise feststellte, als nach den Zeitungsnachrichten erwartet wurden. Andererseits pflegen bei Sturz der Preise die that- sächlich erzielten zu Gunsten der Arbeiter höher als die der Zeitung zu sein. Obgleich die Ergebnisse der Berechnungen nicht selten unliebsame Überraschungen bereiten, sind sie stets auf das loyalste angenommen worden. Als im Mai 1880 die Arbeiter der Eisenindustrie eine Lohnerhöhung mit Sicherheit erwarteten, die Berechnungen des Herrn Waterhouse eine Preiserhöhung jedoch nicht ergaben und infolgedessen starke Mifsstimmung in den Arbeiterkreisen herrschte, nahm der genannte Herr Gelegenheit, vor der Kammer die Methode seiner Berechnungen darzulegen 1 . Da das Eisen an verschiedenen Plätzen in verschiedener Weise verkauft wird, so ist die Bestimmung des wirklichen Verkaufspreises mit grofsen Schwierigkeiten verbunden. Das Eisen wird in London mit einem besonderen Aufschlag für 1 Mr. Waterhouses Explanation. Darlington 1880. Fracht, dagegen wird es in Middlesbrough und Darlington frei an Bord verkauft, d. h. in dem Preise sind die Kosten der Verladung auf das Schiff bezw. diese sowie die Eisenbahnfracht enthalten. Es ist daher notwendig, um den Nettopreis zu erhalten, auf den einzelnen Fall einzugehen und die in dem Bruttopreise etwa erhaltene Fracht in Abzug zu bringen. Ferner wird entweder für bar oder auf Kredit verkauft, und in letzterem Falle mufs von dem ausgemachten Kaufpreise der Diskont abgezogen werden, um den Nettopreis zu erhalten. In gleicher Weise mufs der Diskont in Abzug gebracht werden, wenn gegen Wechsel verkauft worden ist. Ferner gewähren einige Firmen dem Agenten, welcher den Verkauf vermittelt, eine Provision bis etwa 1 Prozent von dem Verkaufspreise; auch diese erklärt Herr Waterhouse in Abzug zu bringen, um den wirklichen Preis zu ermitteln. Das Verfahren des genannten Herrn ist folgendes. Jede der an der Kammer beteiligten Firmen erhält ein Buch, in welches sie alle einzelnen Kontrakte einzutragen hat. In der ersten Kolonne der Seiten wird verzeichnet, wieviel und zu welchem Preise verkauft worden ist. In der zweiten Kolonne ist anzugeben, ob das Eisen an Ort und Stelle oder auf Entfernung verkauft worden ist, und im letzteren Falle wieviel Fracht bezahlt wurde. In der folgenden Kolonne ist zu verzeichnen, ob ein Kreditverkauf abgeschlossen wurde und zwar ob mittelst der Berechnung eines Diskonts oder mittelst Wechsels. In der letzten Kolonne sind Angaben bezüglich der Provision zu machen. Jede Firma wird aufgefordert, diese Eintragungen monatlich zu machen und allvierteljährlich einen Abschlufs anzufertigen. Am Ende jedes Vierteljahres nämlich schickt — 410 — Herr Waterhouse jeder Firma ein gedrucktes Formular, in welchem unter den Rubriken Schienen, Stangen, Platten u. s. w. die gesamte verkaufte Quantität und der Nettoverkaufspreis (d. h. der Verkaufspreis weniger den vorgesehenen Abzügen) anzugeben ist. Innerhalb der ersten zehn Tage des Vierteljahres pflegen diese Listen angefertigt und Herrn Waterhouse nach London zugesandt zu werden. Sobald alle Eingänge erfolgt sind, reist Herr Waterhouse zu ihrer Kontrollierung in den Bezirk, für welchen die Kammer besteht. Jede einzelne Firma wird besucht und die von ihr gemachten Angaben nach ihren Büchern geprüft. Zunächst werden die oben erwähnten Bücher rechnerisch genau durchgegangen. Es erklärt Herr Waterhouse, bei dieser Prüfung hauptsächlich darauf zu sehen, ob die von dem Rohpreise gemachten Abzüge berechtigterweise geschehen sind oder nicht. Er fühle sich dabei als Vertreter der Arbeiter, indem er als praktischer Mann es dem Interesse der Arbeitgeber über- liefse, alle Abzüge, zu denen sie berechtigt wären, wirklich zu machen. Zu diesem Zwecke werden die Bücher, in denen die Frachten verzeichnet sind, vorgefordert. Auch greift man eine Anzahl von Fällen heraus, in denen nach den bestehenden Tarifen die Frachten ausgerechnet und mit jenen angegebenen verglichen würden. In Fällen aufsergewöhnlich hoher Abzüge wird das Kontraktbuch der Firma eingesehen, die Einzelheiten des Kontraktes geprüft und danach die Berechtigung der Abzüge als Fracht, Diskont u. s. w. beurteilt. Ebensowenig wie die Abzüge werden die Angaben bezüglich des verkauften Gesamtgewichts auf guten Glauben angenommen, da ja die Bücher, aus denen die Berichte an den Rechner entnommen wurden, besonders zum Zweck der Lohn- — 411 — festsetzung geführt werden. Nun könnten die Arbeitgeber hierin die Anzahl verkaufter Tonnen höher als in Wirklichkeit angeben und damit die Löhne herabdrücken. Es werden daher die für die Kammer geführten Bücher mit den ordentlichen Büchern der Firma verglichen, deren ordnungsmäfsige Führung ein Beweis ihrer Genauigkeit ist. Herr Waterhouse rühmt die Zuvorkommenheit, mit welcher die Firmen ihm, dessen Diskretion sie sicher sind, nach jeder Richtung die gewünschte Auskunft erteilen. Nachdem Herr Waterhouse in genügender Weise sich der Richtigkeit der ihm übermittelten Zahlen versichert hat, kehrt er nach London zurück. Hier wird nun der durchschnittliche Nettoverkaufspreis aller Firmen berechnet, wonach sich die Lohnhöhe richtet. Um Fehler zu vermeiden, wird die Rechnung von zwei unabhängigen Schreibern gemacht, welche zu einem übereinstimmenden Resultate kommen müssen. Etwa zehn Tage, nachdem die vollen Zahlenangaben erhalten sind, ist diese Arbeit beendigt, und noch an demselben Abend schickt Herr Waterhouse je ein Exemplar dem Sekretär der Arbeitgeber und dem der Arbeiter, ferner an zwei Zeitungen, so dafs diese Herren es an dem Morgen, an dem es in der Zeitung erscheint, bereits in der Hand haben, womit den Arbeitern die für das Vierteljahr zu erwartenden Löhne sich feststellen. Was die Wirkung der Skalen angeht, so ist zunächst feststehend, dafs dieselben für die Arbeitgeber äufserst vorteilhaft sind. Sie gewähren der Industrie Stetigkeit und schliefsen Arbeitsstreitigkeiten für eine bestimmte Zeit mit Sicherheit aus. Sie geben den Unternehmern die Möglichkeit, Kontrakte auf längere Zeit abzuschliefsen und gewähren ein Gefühl der Sicherheit, dessen Wert derjenige Industrielle schätzt, welcher die Gefahr von Arbeitsausständen gekannt — 412 — hat. Die Vorteile der Skala sind so handgreiflich, dals sich die Arbeitgeber bereit erklären, sie mit einem gewissen Prozentsatz höherer Löhne zu bezahlen. Die Arbeiter behaupten, die Skala sei jenen 5 Prozent wert. Weniger in die Augen fallend sind die Vorteile der Skala für die Arbeiter. Manche unter ihnen fürchten sogar, dafs die Arbeitgeber durch die Skalen verleitet würden, sich gegenseitig zu unterbieten durch Herabsetzung der Preise, da sie ja damit auch die Löhne erniedrigten. Diese Gefahr ist unbegründet. Man vergifst nämlich, dafs die Arbeitgeber untereinander konkurrieren und derjenige, welcher den niedrigeren Preis fordert, damit nicht die von ihm zu zahlenden Löhne, sondern die der ganzen Industrie drückt, was auf die eigenen Produktionskosten nur einen ganz verschwindenden Einflufs haben kann. Dagegen gewähren die Skalen dem Arbeiter folgenden Vorteil. Die Skala gewährt, obgleich auf den ersten Blick das Gegenteil der Fall zu sein scheint, eine gröfsere Stetigkeit der Löhne, was für den Arbeiter sehr wichtig ist. Es ist Thatsache, dafs ohne Skala die Löhne weit gröfseren Schwankungen ausgesetzt sind, indem sie dann den imaginären, in Extremen sich bewegenden Zeitungspreisen, nicht den weniger schwankenden thatsächlichen Preisen folgen. Auch sind Skalen nie aufgegeben worden, weil sie zu viel schwankten, sondern stets, weil sie nicht schnell und intensiv genug den Wandlungen des Marktes folgten. Hierzu kommt, dafs sie der Industrie Stetigkeit verleihen und so die Möglichkeit des jähsten Wechsels, des von Arbeit zu Arbeitslosigkeit, vermindern. Sir Joseph Pease beschreibt diese Wirkungen in seinem Schiedssprüche 1882 mit folgenden Worten: Die Skala gibt dem Unternehmer einen unzweifelhaften Vorteil im Wett- — 413 — bewerb auf dem Weltmarkt, womit sie auch dem Arbeiter einen wesentlichen Dienst leistet. Sie gewährt dem letzteren die Erhöhung des Lohnes, welche notwendig aus vermehrter Nachfrage folgt und aus dem vermehrten Gewinn von dem Erzeugnis, das seine Arbeit hervorbringt. In Zeiten des Geschäftsniedergangs befähigt sie den Unternehmer, sein Werk im Gange und den Arbeiter in Beschäftigung zu erhalten." D. Die weitere Verarbeitung des Eisens. Überblickt man die zahlreichen mit der weiteren Verarbeitung des Eisens beschäftigten Gewerbe, so läfst sieli die Regel aufstellen, dafs die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter in dem Grade befriedigend und friedlich sind, als die gewerkvereinliche Organisation der Arbeiter vorgeschritten ist. Auch hier waren es die gröfsten Arbeitgeber, welche hinter den anderen in Anerkennung der Arbei- terverbiindungen zurückblieben z. B. die Firma Armstrong, der englische Krupp. Abgesehen davon, dafs die Organisation der Arbeiter von der Lage des Gewerbes abhängt, indem in einer dauernd niedergehenden Industrie auch die Verbündungen beider Parteien dem Untergange verfallen sind, so lassen sich zwei weitere Umstände namhaft machen, von denen die Stärke der Gewerkvereine abhängt. 1. Einmal kommt in Betracht, dafs die Arbeit eine gelernte und damit das Eindrängen von ungelernten Arbeitern, Frauen und Kindern erschwert ist. Einfache Tagelöhner haben gröfsere Schwierigkeit, sieh wirksam zu organisieren. 2. Nur dort, wo die Arbeit eine gleichmäfsige ist und für die gesamte Industrie die Arbeitsbedingungen sich einheitlich festsetzen lassen, sind die Gewerkvereine in der Lage, mit den gegenüberstehenden Vereinen der Arbeitgeber die Regelung der Arbeit vertrags- mäfsig zu vereinbaren. Wo keiner der tiezeichneten Umstände vorliegt, sind die Organisationen schwach; dies ist z. B. in der Sheffielder S t a h 1 k 1 i n g e n f a b r i k a t i o n der Fall. Einmal besteht hier für eine grol'se Anzahl von Verrichtungen kein Schutz gegen das Einströmen ungelernter Arbeit. Schlimmer noch ist, dafs allgemeine Lohnfestsetzungen unmöglich sind. Jeder Arbeitgeber macht seine besondere Ware, häufig wechseln die nicht selten geheimgehaltenen Modelle und fortwährend finden Veränderungen in der Beschaffenheit der Erzeugnisse statt, so dafs der Lohn fast für jede Arbeit besonders ausgemacht werden mufs. Die Folge hiervon ist, dafs der Gewerkverein sich um die Festsetzung desselben nicht kümmern kann, vielmehr den einzelnen Arbeitern sie überlassen mufs. Hierbei aber bleibt das alte Übergewicht des Arbeitgebers bestehen; derselbe setzt einseitig seine Listen fest und gibt sie ebenso einseitig wieder auf. „Wir haben sehr alte Listen, die älteste ist von 1817", sagte mir einer dieser Herren, „aber wir bezahlen selten, was darin steht." Da dem Gewerkverein hier seine Hauptaufgabe entzogen ist, umfafst er nur einen Bruchteil der Arbeiter und ist für die übrigen in keiner Weise mafsgebend. Lokale Streitigkeiten, Ausstände u. s. w. sind nicht selten und die Lage der Arbeiter ist wenig befriedigend. Bemerkenswert ist jedoch, dafs selbst in diesem Gewerbe das Bestreben nach friedlicher Gestaltung der Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber Eingang gefunden hat. Es ist auch liier allgemein üblich, dafs die Arbeitgeber Beschwerden ihrer Leute anhören, Deputationen empfangen etc. Die Sheffielder Gewerkvereine haben sogar im Jahre 1888 der Handelskammer den Vorschlag gemacht, die so oft auf- — 415 tretenden Streitigkeiten, welche schwere Verluste im Gefolge hätten, durch Einrichtung von „gemeinsamen Ausschüfsen" zu vermeiden. Jedoch haben die Arbeitgeber diesen Vorschlag rundweg abgelehnt und zwar — nicht ohne Berechtigung — weil er unpraktisch sei. In der That, wonach soll der gemeinsame Ausschufs seine Entscheidungen richten, wenn für jede Arbeit ein besonderer Lohn gezahlt wird und ein allgemeiner Mafsstab nicht existiert? Wer ferner sollte seine Entscheidungen durchführen, wo jeder Arbeitgeber beliebig Nicht- gewerkvereinsarbeiter herbeiziehen kann? — Abgesehen von der soeben besprochenen Ausnahme besitzen die übrigen mit der weiteren Verarbeitung des Eisens beschäftigten Industrien starke Arbeiterorganisationen. Neb- * men wir z. B. die 1809 gegründete, heute gegen 13000 Mitglieder zählende Gesellschaft der E i s e n g i e f s e r an. Die friedliche Beilegung jener Fragen des „individuellen Falles" ist durch die Regeln des Vereins nahezu gesichert. Jeder Arbeiter hat danach, wenn er sich ungerecht behandelt, z.B. nicht genügend bezahlt glaubt, zunächst den Arbeitgeber anzugehen. Man ersieht aus dieser Bestimmung, wie allgemein englische Arbeitgeber den Beschwerden ihrer Leute Gehör schenken. Ist auf diesem Wege Abstellung nicht eingetreten, so hat sich der Beschwerdeführer an den Vorsitzenden seines Zweigvereins zu wenden. Die Stellungnahme desselben zur Sache hängt von einem Beschluis der Generalversammlung ab, in welcher der Beschwerdeführer nicht mitstimmen darf. Der Zweigverein sendet, wenn er die Beschwerde für begründet hält, eine Abordnung an den Arbeitgeber. Aber auch, wenn dieser Sehritt ohne Erfolg ist, bleiben die Arbeiter ruhig in Arbeit, indem sie den Fall ihrem Centralausschufs, der in London seinen Sitz hat, übergeben. Dieser sendet gewöhnlich einen Untersuchungsausschufs an Ort und Stelle, um die Besehwerde zu prüfen. Erst wenn er die Angaben als thatsächlich erfunden betroffen hat, ordnet der Centralausschufs örtlichen Ausstand an, den er ebenso selbständig, wenn es ihm gut scheint, wieder beendigen kann, ohne die ausständigen Arbeiter zu fragen. In allgemeinen Fragen z. B. Lohnerhöhungen und -herab- setzungen sind Verhandlungen mit den Arbeitgebern allgemein. Auch hier zeigt sich, wie wachsende Einsicht der Arbeiter in den Stand ihres Gewerbes übertriebene Forderungen beseitigt, dagegen möglichen zur Annahme ohne vorhergehenden Lohnkampf verhilft. In dieser Richtung heilst es in der Einleitung der Statuten des Vereins: „Wir suchen Streitigkeiten und Ausstände so viel als möglich zu vermeiden. Wir haben sorgfältig die Ursachen der Beunruhigungen zu studieren, nach ihren Gründen zu forschen und durch jedwedes Mittel in unserer Gewalt sie friedlich beizulegen". In monatlichen und jährlichen Berichten wird der Stand des Gewerbes genau verfolgt und für die Arbeiter die entsprechenden Folgerungen daraus gezogen. So hiefs es z. B. in einem Berichte des Schriftführers des Vereins, Herrn E. Woods, an die Zweigvereine vor einiger Zeit: „die allgemeine Aussicht führt zu der unliebsamen Annahme, dafs das Geschäft im Niedergang sich befindet". Infolgedessen solle dem „Unvermeidlichen" nicht nur durch Sparsamkeit, sondern auch durch Vermeidung jedes Anlasses zum Streit begegnet werden. Unter den mit Verarbeitung des Eisens beschäftigten Gewerben nimmt die Maschinenfabrikation und damit der Gewerkverein der „Amalgamated Engineers" die erste Stelle ein. Seine Mitgliederzahl ist stetig gewachsen und erreichte im März 1890 die Ziffer 62116. Sein Jahresabschlufs sehwankt zwischen einem plus von 2 bis 5 Millionen Mark. Diese seine Bedeutung verknüpft den Verein auf das - 417 — engste mit den Interessen der nationalen Industrie überhaupt. Jeden Niedergang derselben empfindet er als schwere Belastung wegen der wachsenden Zahl der zu erhaltenden unbeschäftigten Mitglieder. Im Jahre 1879, also zur Zeit der tiefsten Depression, wandte der Verein 149 931 £ (ca. 3 Millionen Mark) allein für den letzteren Zweck auf. Es ist daher sicher, dafs er alles vermeiden wird, was den englischen Maschinenbau gegenüber dem Auslande schwächen könnte. Ihm steht ein Verein der Arbeitgeber gegenüber, welcher seinen Sitz zu London und Manchester hat, jedoch nicht alle Arbeitgeber des Maschinenbaues umfafst. Die Regelung von Arbeitsstreitigkeiten geschieht auf dem Wege von Verhandlungen. Ausstände sind selten. 1885 z.B. gaben die Maschinenbauer neben einer Gesamtausgabe von fast 4 Millionen Mark auf Strikes nur 27 000 Mark aus, von welcher Summe ein bedeutender Teil an andere Gewerkvereine zur Unterstützung ihrer Forderungen ging. Jene Streitfragen, welche wir als die des „individuellen Falles" bezeichneten, werden fast stets friedlich erledigt und zwar zwischen den betreffenden Arbeitgebern und Arbeitern ohne Anrufung einer aufsenstehenden Behörde. Die Art und Weise, wie in den Eisenwerken von Samuel Brooks zu Manchester (1600 Arbeiter) solche Fälle erledigt werden, mag als typisch gelten. Es ist dies eine angesehene, auch auf dem Festlande wohlbekannte Firma, welche hauptsächlich die zur Spinnerei und Weberei der Baumwolle erforderlichen Maschinen herstellt. Dort ist einer der leitenden Herren der Firma mit der Behandlung der Beschwerden beauftragt. Der Vorarbeiter des Beschwerdeführers macht diesem Herrn von der Beschwerde Anzeige; wenn der Fall damit und durch Gehör des Beschwerdeführers nicht sofort erledigt wird, so wählen die Arbeiter eine Deputation, welche meist aus Bell I Ii I v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 27 — 418 — amten der Gewerkvereine besteht; mit dieser wird die Sache durchgesprochen und bei gutem Willen beider Seiten erledigt. Mit den Gewerkvereinen selbst — es kommen nämlich aufser dem der Maschinenbauer noch einige andere in Betracht — verkehrt die Firma selten und nur in äui'sersten Fällen. Auch vermeidet es der Gewerkverein sich in derartige Fragen zu mischen, von dem Gesichtspunkte aus, dafs jeder seiner Angehörigen ein so tüchtiger Arbeiter sein müsse, um, wenn er sich ungerecht behandelt glaubt, anderwärts Arbeit zu finden. Die Regelung der allgemeinen Fragen d. h. der künftigen Arbeitsbedingungen leidet daran dal's eine allgemeine Festsetzung wegen der Mannigfaltigkeit der Arbeit recht schwierig ist. Daher müssen auch diese Fragen zwischen den Arbeitern und Arbeitgebern eines kleineren Bezirkes ausgemacht werden. Der Gewerkverein als Ganzes verhandelt mit dem Verein der Arbeitgeber nicht. Hierin mag auch der Widerstand gegen die Einführung und Verbreitung von Stückarbeit seitens der Vereinigten Maschinenbauer seinen Grund haben. Denn solange eine Zeitlöhnung bestand, konnte dieselbe allgemein festgesetzt werden; die Stückarbeit dagegen, welche wegen ihrer Verschiedenartigkeit und ihres Wechsels in allgemeine Listen nicht gebracht werden kann, bietet den Arbeitgebern eine Handhabe zur einseitigen Festsetzung der Löhne. Noch im Jahre 1875 fand in den Eisenwerken zu Erith in Kent ein Ausstand gegen die Erweiterung der Stückarbeit statt, welcher .einen prin- cipiellen Charakter annahm. Er war, wie jeder Kampf gegen den natürlichen Lauf der Dinge, erfolglos. Der Gewerkverein ignoriert heute diese Art der Löhnung und verlangt von seineu Mitgliedern, dafs sie ein Minimum die Woche (30— 32 sh). verdienen, sei es durch Stück- oder Zeitlohn. Einen neuen Ausstand unternahm er Anfang 1890 gegen Stückarbeit in den Maxim-Nordenfield-Works. Eine Lösung wird die Frage dadurch finden, dafs es auch in dieser Industrie Listen einzuführen gelingt. So sind z. B. in Manchester solche zwischen Arbeiter und Arbeitgebern zunächst für die in Überzeit zu verrichtenden Arbeiten vereinbart. Ein allgemeiner Ausstand der Maschinenbauer ist seit 1851 nicht vorgekommen. Auch kleinere Ausstände sind äufserst selten. Der in den letzten Jahren erfolgte Aufschwung des Geschäftes wurde dazu benutzt, die Lohnherabsetzungen, die gegen Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre erlitten waren, wieder gut zu machen. Auch diese Lohnbewegung vollzog sich über das ganze vereinigte Königreich auf dem Wege von Verhandlungen, Verträgen und Schiedsgerichten. So wurde 1888 zu Bolton eine Lohnfrage durch Schiedsgericht des Herrn Samuel Pope beigelegt. Der Schiedsspruch fiel zu Gunsten der Arbeitgeber aus, welehe jedoch wenige Monate darauf die Vorteile, die ihnen der Schiedsspruch gewährte, durch Vertrag mit den Arbeitern aufgaben. Unter den Forderungen der Maschinenbauer bei dem Ausstande März 1890 in Nordengland stand bereits die Errichtung einer Einigungskammer vornan. Dagegen erklärte sich der Generalsekretär der Vereinigten Maschinenbauer noch im März 1890 gegenüber dem Professor Brentano ebenso lebhaft gegen die allgemeine Einführung von Schiedsgerichten in seinem Gewerbe, wie dies zwanzig Jahre früher der damalige Generalsekretär gethan hatte. Auch waren die Gründe dieselben wie damals: „Wir sind stark genug, um ohne das auszukommen. Wir haben es nicht nötig." Auch hier heifst dies aber nicht etwa, dafs man Arbeitseinstellungen dem Schiedsgerichte vorzöge. Sondern man scheut das Hereinziehen eines Nichtsachverständigen und glaubt auf dem 27* — 420 — Wege direkter, auf genaue Sachkenntnis gestützter Verhandlung besser zu fahren. Dieses Gefühl der eigenen Stärke ist es auch, warum Burns und einige wenige Andere diesem Gewerkverein angehörige Socialisten in ihm wenig Gesinnungsgenossen finden. So heifst es im Bericht des Gewerkvereins vom April 1888 über die Agitation für gesetzliche Beschränkung der Arbeit: „Wir sind dem staatlichen Eingriff in die erwachsene männliche Arbeit entgegen." Besondere weit ist die befriedigende Entwicklung des Arbeitsverhältnisses im Schiffsbau gediehen. Grund hiervon ist die aufserordentlich straffe Organisation der Arbeiter. Der leitende Gewerkverein ist der der „Eisenschiffsbauer"" (boilermaker and ironshipbuilder), d. h. der Arbeiter, welche die Panzerung der Schiffe und die Herstellung von Kesseln und von Schiffen aus Eisen- oder Stahlplatten verrichten. Dieser Verein steht unter der besonnenen und dabei kräftigen Leitung des Herrn Knight; er umfafst das gesamte Königreich und ist am meisten centralisiert von allen englischen Gewerkvereinen. Bereits Artikel 2 der Statuten braucht das bezeichnende, sonst nirgends zu findende Wort: „der Verein soll regiert werden durch den Exekutivaus- schufs", und Artikel 37 ermöglicht dieses Regiment dadurch, dafs er alle in den Kassen der Zweigvereine befindlichen Summen zum Vermögen des Gesamtvereins erklärt. Damit ist die Gewalt der Centraibehörde eine aufserordentliche; sie allein vermittelt die Festsetzung der Arbeitsbedingungen mit den Arbeitgebern. Die Stärke des Gewerkvereins beruht darauf, dafs beide oben angeführten Umstände für ihn begünstigend zusammenkommen. Einmal ist die Arbeit eine gelernte und zwar in dem Grade, dafs der Verein sogar die von ihm geforderten Beschränkungen der Lehrlingszahl durchzuführen in der Lage — 421 — ist. Sodann aber ist die Arbeit eine gleichmäfsige, ihr Lohn kann in allgemein gültigen Listen zum voraus bestimmt werden. Infolge hiervon ist eine scharfe Scheidung zwischen individuellen und allgemeinen Fragen ausgebildet. Die ersteren, d. h. alle Fälle von Beschwerden einzelner, werden durch örtliche Behörden entschieden, welche aus Vertretern von Arbeitern und Arbeitgebern zusammengesetzt sind. Wie in den oben behandelten Gewerben ist die Aufgabe dieser Ausschüsse, die Anwendung der festgesetzten Arbeitsbedingungen zu sichern, nicht die letzteren selbst festzustellen. Es ist anerkannt, dafs solche Fälle fast nie zu Arbeitsunterbrechungen führen. Ein Unparteiischer wird nur selten ernannt. Eigentümlich aber und eine Folge der Centralisation des Gewerkvereins ist, dafs diejenigen lokalen Beamten, welche die Fälle zuerst untersuchen, mit dem betreffenden Arbeitgeber verhandeln und erst dann, wenn sie keinen Erfolg damit hatten, die Sache dem Ausschufs unterbreiten, nicht wie sonst von der örtlichen Organisation, sondern der Centraistelle ernannt werden. Sie heifsen daher „Delegierte", werden für ihre Dienste besoldet und haben ihre ganze Zeit den Geschäften des Vereins zu widmen. Zwar besteht für die Zweigvereine („Distrikte", d. h. Vereinigungen mehrerer Logen) kein Zwang, solche Delegierte aufzunehmen: vielmehr ist es in Artikel 7 der Statuten ihnen ausdrücklich freigegeben, um die Ernennung eines solchen bei der Centraistelle einzukommen. Jedoch besitzt thatsächlich die grofse Mehrzahl der Bezirke solche Beamte. Sie üben auch im übrigen eine bedeutende Aufsichtsgewalt aus, können z. B. Mitglieder wegen Trunkenheit, freiwilliger Arbeitslosigkeit u. s. w. in Strafe nehmen. Fragen über Herabsetzung oder Erhöhung der Löhne werden dagegen für alle 217 Logen des Königreichs ein- — 422 — heitlich durch die Centraibehörde zu Newcastle-on-Tyne entschieden. Sie allein verhandelt durch ihren Schriftführer mit den gegenüberstehenden Vereinigungen der Arbeitgeber* Diese letzteren sind nicht einheitlich, sondern für den Süden (London), den Westen (Liverpool), den Osten (Newcastle) und Schottland (Glasgow) besonders organisiert. Die Verhandlungen werden fast stets friedlich und in den besten Formen, geführt. Konferenzen finden statt, in denen oft an 25 und mehr Arbeiter und nicht selten sämtliche Arbeitgeber des Bezirkes anwesend sind. Da nicht abgestimmt wird, ist die Zahl gleichgültig. Neben dem Sitzungssaal befindet sich ein Konversationszimmer, in das sich die eine oder die andere Partei zurückzieht, um die Vorschläge der Gegenpartei zu beraten. Da Vereinbarung fast immer erzielt wurde, so ist ein Schiedsgericht bisher noch nicht vorgekommen. Auf dem Centraibureau wird die Bewegung des Gewerbes auf das eingehendste verfolgt, die offiziellen Berichte wie die Statistik der Seeversicherung u. s. w. studiert. Man kennt daher die Lage des Gewerbes zu genau, um je Forderungen zu stellen, die zu erreichen man nicht sicher ist. Die Arbeitgeber, denen diese Thatsache bekannt ist, lassen sich schon deshalb auf Kämpfe nur höchst ungern ein. Beide wissen, dafs sie ein gemeinsames Interesse haben: das Monopol, das England thatsächlich für den Schiffsbau besitzt, zu erhalten* „Auch die Arbeitgeber", sagt der Bericht des Gewerkvereins vom März 1889, „haben eingesehen, dafs wir viel besser vorwärts kommen, wenn wir in Harmonie arbeiten und unsere Schwierigkeiten durch Vereinbarung abstellen, als wenn wir unsere Zeit und unser Geld verschwenden, indem wir einander bekämpfen, die wir doch Freunde sein sollten." Ausstände sind äufserst selten, allgemeine unerhört; vor zwölf Jahren fand ein lokaler in Liverpool statt, weil die — 423 — dortigen Arbeitgeber eine in den übrigen Teilen Englands bewilligte Lohnerhöhung nicht zugestehen wollten. Die Arbeiter begründen diesen Ausstand damit, dafs sie „billig mit den Arbeitgebern verfahren", und schon jener wegen, die untereinander konkurrierten, die Löhne für ganz England auf gleicher Höhe halten mtifsten. Ein weiterer Ausstand ereignete sich im Februar 1885 in dem Bezirke des östlichen Schilfsbaues. Der Verlauf und die Beendigung dieses Ausstandes ist bezeichnend dafür, wie auch diese nicht stets zu vermeidenden Kämpfe — früher zu den wildesten Ausschreitungen führend und fast stets den Eingriff der Militärgewalt fordernd — heute, wenigstens auf dem Gebiete der Grofsindustrie, als rein wirtschaftliche empfunden w r erden und darum von aller persönlichen Erbitterung frei sind. Im Beginn des Jahres 1885 verlangten die Arbeitgeber eine bedeutende Lohnherabsetzung; aber erst am 6. Februar, nachdem Verhandlungen vergeblich geführt waren, wurde der Gewerkverein des nordöstlichen Bezirkes (Wear and Tyne) auf Kriegsfufs gesetzt, indem der Exekutivausschufs eine „Streikeerlaubnis" von 20 000 Mark bewilligte. Von dieser Zeit an gehen fortwährend Verhandlungen zwischen beiden Seiten, indem die Logen des Gewerkvereins über die Vorschläge der Arbeitgeber abstimmten und der "Exekutivausschufs Gegenvorschläge machte. Der ganze Streit wurde in durchaus „versöhnlichem Geiste" geführt. Die Arbeitgeber erklärten es als ihren Wunsch, „mit den Vertretern der Arbeiter in friedlicher Konferenz zusammenzukommen"; am 19. Februar erklärten sie sich bereit, durch gemeinsam ernannte Rechner ihre Lohnbücher prüfen und die Durchschnitte, welche sie angegeben hatten und die von den Arbeitern bestritten wurden, feststellen zu lassen. Nach dreiwöchentlichem Ausstande wurde eine Übereinkunft erzielt, in — 424 — der eine geringere Lohnherabsetzung, als die Arbeitgeber verlangt hatten, festgesetzt wurde. „Die Arbeiter haben rühmlich gefochten, den Kampf allein betrachtet als einen für bessere Arbeitsbedingungen und die Schlacht halb gewonnen" sagt der Bericht des Gewerkvereins. Des weiteren heilst es daselbst: „Dieser Ausstand oder Ausschliefsung, wie man es nennen mag, ist in dem möglichst besten Geiste von beiden Seiten geführt worden. Da waren kaum gegenseitige Vorwürfe; da war gar kein Gewaltakt." Wenn man etwa hiermit vergleicht, in welcher Art noch der grofse Ausstand der Maschinenbauer 1852 geführt wurde, so wird man des ungeheueren Umschwungs gewahr, welcher in den Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber in England eingetreten ist. Die Kriegserklärung der Maschinenbauer war damals wenn auch sachlich so doch auch der Form nach eine Kriegserklärung, voll aufreizender Anklänge. Demgegenüber erklärten die Arbeitgeber auf Verhandlungen sich nicht einzulassen und verlangten unbedingte Unterwerfung der Arbeiter, welche ihren Verein abzuschwören hatten. Dieser Kampf war kein wirtschaftlicher, sondern ein Kampf um Unterwerfung resp. Emancipation; Erbitterung trieb die Gegner bis zum äufsersten; Ziel war gegenseitige gänzliche Vernichtung, Ergebnis schmähliche Niederlage der Arbeiter, welche durch die angeführte Bedingung von den Arbeitgebern zur Unaufrichtig- keit gezwungen wurden; denn der Gewerkverein lebte natürlich fort. Demgegenüber heute das Bewufstsein einer Interessengemeinschaft. Wenn die Gehässigkeit schwindet und die Parteien sich auf gleichem Fufse begegnen, werden beide, insbesondere auch die Arbeiter, gewahr, dafs solche Kämpfe für die Industrie einen objektiven Verlust bedeuten, dafs sie insofern auch damit sich selber schädigen. Herr Knight, einen — 425 — Rückblick auf den Ausstand werfend, warnt die Arbeiter davor, leichtsinnig den Frieden zu brechen, der dem Kriege vorzuziehen sei und bedauert , dafs der Vergleich nicht eher erzielt wurde, als nachdem „mehrere Wochen in Unthätigkeit verbracht waren". Wo die Arbeitgeber diese Gesinnung teilen, ist es nur ausnahmsweise, dafs zu dem äufsersten Mittel des Ausstandes gegriffen wird. Voraussetzung eines solchen Zu- standes aber ist, dafs beide Seiten sich als gleichberechtigte Parteien gegenüberstehen und die Arbeitgeber diese That- sache nicht nur mit Worten, sondern auch in Gesinnung und Handlungsweise anerkennen. Die Wichtigkeit der Organisation der Schiffsbauer wird aber erst dann in das richtige Licht gerückt, wenn man bedenkt , dafs. der Gewerkverein der Schiffsbauer, welcher 26 545 Mitglieder zählt (1888), für sechs oder sieben andere Klassen von Arbeitern: Zimmerleute, Schmiede, Flaschner, Maler etc. mafsgebend ist, und dafs ihm die Vereine dieser in allem nachgehen. V. Folgen. Das vorhergehende hat gezeigt, dafs auf den wichtigsten Gebieten der Industrie Englands sich ein Friedenszustand vorbereitet, welchem man dort am nächsten scheint, wo die Organisation der Arbeiter am weitesten fortgeschritten ist. Dies gilt jedoch nicht nur von den behandelten Industrien, sondern allgemein. Die Festsetzung der Arbeitsbedingungen auf dem Wege friedlicher Verhandlungen oder des Schiedsgerichts ist weit verbreitet. Nicht wenige Gewerkvereine haben sogar in ihre Statuten die Bestimmung aufgenommen, dafs ein Ausstand — 426 — nicht eher erklärt werden darf, bis das bonafide Anerbieten eines Schiedsgerichts der Gegenpartei gemacht ist. Aber auch dauernde Einrichtungen, Ausschüsse und Kammern, sind nicht auf das geschilderte Gebiet beschränkt. Wo diese Einrichtungen nicht unmittelbar an die alte Zeit anknüpfen, wie z. B. bei den Setzern, gehen diejenigen Gewerbe voran, welche bei starker Organisation der Arbeiter gerade die heftigsten Lohnkämpfe aufwiesen. Erinnert sei an die von Sir Rupert Kettle in dem Baugewerbe weit verbreiteten Schiedskammern. Wo insbesondere eine einheitliche Lohnfestsetzung in der Form von Listen üblich ist, führt gewöhnlich das Bedürfnis dazu, die Entscheidung der sich erhebenden Streitigkeiten einem Ausschufs der die Liste vereinbarenden Vereine zu übertragen. So z. B. wurde bei Vereinbarung einer Lohnliste zwischen den Maurern zu Bristol und ihren Arbeitgebern bestimmt, dafs ein Ausschufs von je sechs Beisitzern alle Streitigkeiten wegen Auslegung und Anwendung dei; Liste entscheiden solle, und dafs bei solchen Gelegenheiten eine Unterbrechung der Arbeit nicht eintreten dürfe. Auch für die ehemische Industrie bestehen ähnliche Einrichtungen, wie mir z. B. die Statuten einer inzwischen gekündigten Einigungskammer für Northumberland und Durham beweisen. Gerade deswegen, weil alle derartigen Einrichtungen auf Grand eines freien und kündbaren Vertrages bald hier bald dort auftauchen, um häufig ebenso bald zu verschwinden, ist es unmöglich, über ihre Ausbreitung einen Überblick zu erlangen. Es genügt jedoch festzustellen, dafs man in dem Grade Neigung zu ihrer Einführung findet, als die Arbeiterorganisation fortgeschritten und die Industrie die Form des eigentlichen Grofs- hetriebes annimmt, welcher einheitliche Festsetzung der Arbeitsbedingungen für weite Kreise ermöglicht. Die Folgen der geschilderten Einrichtungen erblickt bereits — 427 der Berieht der Nottinghamer Einigungskammer von 1866 in einer Erziehung des Arbeiters. „Eines der auffallendsten Ergebnisse dieses Austausches von Gedanken und Meinungen ist, dafs der Arbeiter besser bekannt wird mit den Gesetzen, die Handel und Industrie beherrschen, und mit dem Einflufs des ausländischen Mitbewerbs". Die Arbeiter beginnen einzusehen, dafs über eine gewisse Grenze hinaus Forderungen unmöglich oder, wenn ausnahmsweise durchführbar, verhängnifs- voll für die Industrie sind. So verurteilt z. B. Th. Burt, der Führer der Bergleute von Northumberland, den Versuch, die Löhne über ihre natürliche d. h. durch die wirtschaftlichen Gesetze bestimmte Grenze in die Höhe zu schrauben. Er weist darauf hin, dafs Kapitalanlagen in Bergwerksanteilen nicht so sicher seien, als solche in englischen Staatspapieren, weil die Kohlenindustrie von vielen unvorhersehbaren Zufällen abhängig sei; daher sei es notwendig und liege auch im Interesse der Bergleute, dafs die Dividenden höher seien, als die Zinsen der englischen Staatsschuld. Die Arbeiter beginnen damit die Vorteile von Methoden zu erkennen, welche Ausstände und Ausschliefsungen vermeiden, jene „willkürliche Verschwendung des angesammelten Reichthums durch Arbeitgeber und Arbeiter", wie Th. Burt an andrer Stelle sagt. Hieraus entspringt das Bewufstsein einer Interessengemeinschaft mit der Industrie, welches festländische Beobachter heute am englischen Arbeiter erstaunt. Dasselbe aber ist weit verschieden von dem naiven Stolz auf die Gröfse des Brotherrn, wie er in patriarchalischen Zuständen zu finden ist, es ist auch keine „Freude an dem luxuriösen'Leben der Arbeitgeber", es beruht vielmehr auf nüchternen und rein wirtschaftlichen Erwägungen. In dieser Richtung ist die Thätigkeit der Gewerkvereins- führer von gröfster Wichtigkeit. Sie sind es, welche zuerst — 428 — einen Einblick in den wirtschaftlichen Stand ihres Gewerbes gewinnen, und ihre schwierigste Aufgabe ist es, die Massen in den Grenzen der Vernunft zurückzuhalten. Ist doch ein aussichtsloser Lohnkampf für einen gut situierten Gewerkverein ein äufserst gefährliches Unternehmen. Dies aber dem ungebildeten Arbeiter klar zu machen, ist besonders dann nicht leicht, wenn es sich um eine notwendige Lohnherabsetzung handelt. In solchen Fällen den Kampf und damit schwere Schädigung niedergehender Industrien, wie zwecklose Schwächung der Arbeiterorganisationen vermieden zu haben, ist das Verdienst von Arbeiterführern wie Burt, Maudsley, Birtwistle, Burnett, welches die ganze Nation ihnen danken sollte. Demgegenüber halten es die Arbeiter für ihr gutes Recht, an den Gewinnen einer steigenden Industrie teilzunehmen. Die in diesen Fällen den Führern obliegende Aufgabe ist durch handelspolitische und statistische Studien zu lösen; sie besteht darin, den Augenblick zu erfassen und die Forderung so zu stellen, dafs ihre Erfüllung geringeren Verlust für die Arbeitgeber bedeutet, als Stillstand der Werke. Auch in solchen Fällen aber werden die Arbeiter, falls sie das Ergebnis des Kampfes auf friedlichem Wege erreichen können, den letzteren als den weniger kostspieligen vorziehen. Man hatte vielfach gefürchtet, dafs mit Legalisierung der Gewerkvereine die Zahl der Lohnkämpfe zunehmen würde. Das Gegenteil war der Fall: die Gewerkvereine wurden zu Friedensorganisationen. Dafs diese Erscheinung aber eine dauernde sein wird, ist daraus zu schliefsen, dafs sie nicht auf vorübergehenden Gefühlsmomenten beruht; vielmehr treten die letzteren mehr und mehr in den Hintergrund, indem die Arbeiter ihr Verhältnis zu den Arbeitgebern in wachsendem Mafse nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilen. Leute, die nichts zu verlieren haben, werden leichter in den Kampf gehen, als solche, die ein wohlgegründetes Dasein auf das Spiel setzen; wenn sie es aber thun, so thun sie es wohlgerüstet und nicht ohne Aussicht auf Erfolg. Daher die erschwerenden Bestimmungen, an welche die Erklärung eines Ausstandes von den meisten Gewerkvereinsstatuten geknüpft wird, daher die Befürwortung schiedsgerichtlicher Entscheidungen durch die Gewerkvereine. So wurde von dem 21. Gewerk- vereinskongrefs zu Bradford 1888 nahezu einstimmig folgender Beschlufs gefafst: „Der Kongrefs ist der Ansicht, dafs die Bildung vereinigter Kammern, welche in gleicher Weise aus Arbeitern und Arbeitgebern zusammengesetzt sind, sehr nötig ist, ein besseres Verständnis zwischen beiden hervorbringen und die Beilegung der ärgerlichen Streitigkeiten, welche die Interessen beider schädigen, sichern würde. Er fordert daher die Arbeiter der grofsen Industriemittelpunkte auf, die Sache vor die Handelskammern und andere Vereine der Arbeitgeber zu bringen, um die Bildung solcher Kammern zu befördern". Ein gleicher Beschlufs wurde September 1889 zu Dundee gefafst 1 . Der Einflufs der geschilderten Verhältnisse ist nicht weniger grofs auf die Arbeitgeber. Hier erst gelangen wir zum vollen Verständnis jenes oben besprochenen politischen Bündnisses, dem die sociale Gleichstellung von Arbeitgeber und Arbeiter 1 Bezeichnend für das Gesagte sind folgende von George Howell 1883 in der Contemporary Review angeführte Thatsachen: „Letztes Jahr (1882) haben die Vereinigten Maschinenbauer mit einem Einkommen von 124 000 £ und einem Jahresabschlufs von 168 000 £ auf Streitigkeiten nur 895 £ ausgegeben, einschliefslich dessen, womit sie andere Gewerkvereine unterstützten, also weniger als 1 % ihres Einkommens. Die Eisengiefser gaben für den genannten Zweck von einem Einkommen von 42 000 £ nur 214 £, die Vereinigten Schreiner, welche in Ausstände verwickelt waren, von 50 000 £ nur 2000 £, die Schneider von 18 000 £ nur 565 £ aus. Die Maurer endlich, welche 11 000 Mitglieder zählen, gaben nichts auf Strikes aus". folgt. Auch hierfür sind die Gründe in letzter Linie wirtschaftlicher Natur. Die heranwachsende Organisation der Arbeiter wird von den Arbeitgebern solange bekämpft, als sie die Hoffnung haben, den Arbeiter in der Lage eines willenlosen Produktionsmittels zu halten. Es tritt jedoch mit wachsender Stärke der Organisation ein Punkt ein, wo diese Stellung der Arbeitgeber den Unternehmergewinn und damit die Industrie übei'haupt gefährdet. Es wird dann wirtschaftliches Interesse der Arbeitgeber, den Gegner, den man nicht vernichten kann, anzuerkennen und mit ihm zu verhandeln, um durch Vermeidung der immer kostspieligem Lohnkämpfe die Produktionskosten zu beschneiden. Freilich ist es die Frage, wie früh die Arbeitgeber dieses ihr Interesse begreifen. Wirkt doch nichts so sehr zur Verblendung des Urteils als die Erbitterung eines jahrzehntelangen Kampfes. Dafs die englischen Arbeitgeber ihr Interesse weitsichtig erfafsten und durch Anerkennung der Arbeiterorganisation den gewerblichen Friedenssehlufs beschleunigten, war unmöglich ohne jenen ungeheueren Umschwung des Denkens, welchen die beiden ersten Bücher vorliegenden Werkes geschildert haben. Wenn wir oben Arbeiterführer erwähnten, welche vorangegangen sind, so sei auch jener hervorragenden Arbeitgeber nicht vergessen, denen ihr Vaterland in gleicherweise zu Danke verpflichtet ist. Hierhin gehören z. B. der ältere Brassey, E. Akroyd und W. E. Forster, welche die Gewohnheit der Verhandlungen mit den Arbeitern schon zu einer Zeit pflegten, als im allgemeinen noch der Kampf tobte, ferner Anthony John Mundella, dessen Name als Stifter der ersten modernen Einigungskammer der Geschichte angehört, David Dale, William Mather u. a. Weit entfernt freilich, dafs die Mehrzahl der englischen Arbeitgeber auf dem Standpunkt der genannten steht. Noch sehen nicht wenige in den Gewerkvereinen Feinde, die sie bekämpfen, und mit denen sie nur notgedrungen verhandeln. Noch ergeht sich nicht selten die Presse, so besonders das Organ des Kapitalismus, die Times, nicht anders als vor 20 Jahren in Angriffen auf die Koalitionsfreiheit. Aber die wichtigsten englischen Industrien und in ihnen die geistig hervorragenden Arbeitgeber stehen auf dem Boden rückhaltloser Anerkennung der Gewerkvereine; im Vergleich mit den früheren Zuständen unaufhörlichen Kampfes erblicken sie in ihnen den Faktor, welcher der englischen Industrie den Frieden wiederzugeben in der Lage ist. Wenn nun die „Strikeepidemie" auf dem Festlande sicher ihren Höhepunkt heute noch nicht erreicht hat, da die Parteien dort für einen Fortschritt darüber hinaus noch nicht reif sind, so haben jene oben genannten Männer recht, wenn sie in den englischen Gewerkvereinen und den darauf beruhenden Einigungseinrichtungen die Gewähr der Konkurrenzfähigkeit Englands erblicken. Diesen Gedanken drückt z. B. ein bei Tränt abgedruckter Brief eines Arbeitgebers der Eisenindustrie in folgender Weise aus. „Ich betrachte die Gewerkvereine als bewunderungswürdige Erziehungsanstalten der Arbeiter, in welchen sie bald ihren ketzerischen Ansichten über Arbeit und Kapital entwachsen. Wenn man sie dagegen von oben herab behandelt und in heftiger Weise schilt, dann werden sie — wie manche von ihnen es leider thun — die Arbeitgeber als ihre natürlichen Feinde betrachten, die man entsprechend behandeln mufs. Die jüngeren Arbeiter sind gewöhnlich gewaltthätige Burschen, aber ich sehe, wie sie unter Erziehung und Führung der hervorragendsten Mitglieder der Gewerkvereine bald zur Minderheit werden; man sagt ihnen da klar und eindringlieh, dafs der alte Weg, Streitigkeiten mit den Arbeitgebern auszumachen, der schlechteste ist, der überhaupt be- — 432 — schritten werden könnte, und sie hören mit Achtung zu, da es von Leuten ihrer Klasse kommt, während sie die Arbeitgeber, die solches sagten, mit Mifstrauen ansehen würden 1 ". In ähnlicher Weise sagt David Dale: „Ich möchte auf das ausdrücklichste erklären, als Ergebnis langer und verschiedenartiger Erfahrung, dafs die beste Sicherheit der Arbeitgeber für die Herrschaft von Vernunft und die Beobachtung der Verträge seitens der Arbeiter ein an Zahl starker Gewerkverein ist mit einer fähigen, das Vertrauen der Arbeiter besitzenden Executive 2 ". In solchen Arbeitgebern und solchen Arbeitern liegt die Gewähr, dafs, was immer die Zukunft bringe, die sociale Fortentwicklung Englands keine gewaltsame sein wird. 1 Trades Unions by W. Tränt S. 163. London 1884. Eine ähnliche Äufserung eines Arbeitgebers über die Gewerkvereine ist abgedruckt im Labour Electour vom 16. November 1889 S. 308. 2 Presentation to David Dale S. 8. Darlington, Times Office, 1881. Neuntes Kapitel. Die ungelernten Arbeiter. Der Ausstand der Dockarbeiter 1889. Die vorhergehenden beiden Kapitel beziehen sich lediglich auf den gelernten Arbeiter der Grofsindustrie. Der ungelernte Arbeiter, insbesondere des Londoner Proletariats, ist erst seit kurzem in die Gewerkvereinsbewegung eingetreten. Auf diese Entwicklung ist hier um so mehr einzugehen, als die bisherige Hoffnungslosigkeit Ost-Londons der von uns vertretenen Auffassung entgegen gehalten zu werden pflegt. Unter der Bewegung des ungelernten Arbeiters übertrifft alle anderen Ereignisse der im August und September 1889 stattgehabte Ausstand der Londoner Dockarbeiter, „der grofse Strike", wie er in Arbeiterkreisen genannt wird. Merkwürdig ist er zunächst wegen seiner Ausdehnung: mehr als 130000 Arbeiter waren unmittelbar beteiligt, eine Zahl, welche jedoch dann bedeutend wächst, wenn man die anderen in Folge des Dockarbeiterausstandes ausbrechenden Arbeitseinstellungen mit in Rechnung bringt. Interessanter noch waren die inneren Bedingungen dieses merkwürdigen Schauspiels. Nicht vom gelernten und organisierten Arbeiter ging die Bewegung aus; t . Schulze-Gaevemitz, Zum soc. Frieden. II. — 434 — vielmehr von jener als hoffnungslos bezeichneten Reservearmee der Arbeit, zu der alle die hinabgleiten, welche nichts als die blofse Kraft ihrer Arme anzubieten haben. Sind doch die Docks die letzte Zuflucht für gescheiterte Existenzen aller Art. Das Angebot von Arbeit war hier unbeschränkt und entsprechend der Lehre der Nationalökonomen die Lebenshaltung der Dockarbeiter jenes Minimum, welches die Kosten der notdürftigsten Lebenshaltung beträgt; häufig auch sank sie unter jenes Minimum herab, d. h. der Dockarbeiter hungerte nicht selten so sehr, dafs in solchen Zeiten die Zahl der Unfälle in den Docks zuzunehmen pflegte, weil der Arbeiter durch Entbehrungen allzusehr geschwächt war. Man nannte dies „ausnahmsweise Notlage", welche aber alljährlich in den Berichten der Armenaufseher jener Bezirke wiederkehrte; die Sturmflut voiFWohlthätigkeit, die sie hervorrief, lief's mit der Ebbe die Verhältnisse nur um so aussichtsloser zurück. Jener Bodensatz der Gesellschaft auch war es, welcher allen socialrevolutionären Richtungen als Beweis dafür diente, dafs die Lage der Arbeiter mit fortschreitender Entwicklung sich verschlechtere, dal's die Fortschritte des gelernten Arbeiters lediglich auf Kosten des ungelernten gemacht seien. Solche Behauptungen waren bisher kaum zu widerlegen. Denn dafs durch Organisation zu helfen sei, hätten bis vor kurzem noch selbst die meisten Gewerkvereinler bezweifelt. So hatte auch das ungelöste Problem des Londoner Ostends, wie wir sahen, in den arbeiterfreundlichen Kreisen der Universitäten und der professionellen Berufe vielfach socialistische Reformpläne gezeitigt. Aber das Unerwartete geschah. Ohne dafs selbst die Organe der Londoner Socialdemokratie vor dem 10. August von einer Bewegung unter den Dockarbeitern berichteten, sah man jene Massen sich gliedern, Führer wählen, deren Namen man — 435 — bisher kaum gehört hatte, und mit der Disciplin eines geschulten Heeres gemäfsigte, aber doch das Übel an der Wurzel fassende Forderungen aufstellen. Merkwürdiger noch, die Arbeiter siegten. Ein solcher Ausgang schien undenkbar. Mufste es nicht eine Leichtigkeit sein, aus der Reservearmee der Industrie die Ersatzmannschaften heranzuziehen? Aber die Wendung, welche der Kampf nahm, war der Beweis, dafs heute im Wirtschaftsleben wieder sociale Momente Bedeutung gewinnen, welche eine individualistische Betrachtungsweise aufser Rechnung liefs, die Solidarität der arbeitenden Klassen und die Stellungnahme der öffentlichen Meinung. So bildet der Dockarbeiterausstand mit Recht den Abschlufs unseres Werkes; denn er ist nur verständlich auf Grund jenes ungeheueren, oben verfolgten Gedankenunischwungs, welcher daran ist, die englische Gesellschaft umzugestalten. Die Vorgeschichte des Ausstandes lehrt, dafs es der gelernte Arbeiter war, welcher die Keime der Organisation in die hülflosen Massen des Ostens legte. Zu nennen ist der Name eines jungen Maschinenbauers, John Burns, der zum Führer im grofsen Stile bestimmt zu sein scheint. John Burns ist ein Beispiel jenes fortgeschrittensten englischen Arbeiters, welcher in Bildung wie Selbstgefühl die Gleichstellung mit den übrigen Klassen der Gesellschaft völlig verwirklicht. Mit zwölf Jahren mufste er die Schule verlassen, aber sein Bildungsdrang führte ihn zu Carlyle und Ruskin, welche seine Führer wurden. Als Schiffsmaschinist lernte er Afrika kennen und verwandte seine Ersparnisse zu einer Reise nach dem europäischen Festlande, wobei er Paris, Berlin und Wien besuchte. Fünfundzwanzigjährig liefs er sich in London als Maschinenbauer nieder. Seinem Eintreten verdankt die socialistische Bewegung ihren Übergang auf das Gebiet der praktischen 23* — 436 — Politik und damit ihre wachsende Bedeutung innerhalb der Gewerkvereinswelt. Nicht aufreizende Leidenschaft, sondern eine das shakespearische streifende Laune machten diesen Yolksmann zum Herrscher der Londoner Massen, welche er halb familiär, halb befehlend als „Lads", Burschen, anzureden pflegt. Seit jener Zeit auch begann Burns seinen „Kreuzzug" unter den Dockarbeitern. Selbst in West-London beschäftigt, verliefs er nicht selten seine Wohnung gegen 3—4 Uhr des Morgens und legte die weite Entfernung zu Fuss zurück, um den an den Thoren der Docks um Arbeit kämpfenden Massen den Organisationsgedanken zu predigen und gegen 7 oder 8 Uhr an seiner Arbeit im Westen zu sein. Neben Burns wirkten im gleichen Sinne der Maschinenbauer Toni Mann, H. H. Champion und der Dockarbeiter Ben Tillet, welcher schon im Jahre 1887 in einem Flugblatte die Organisierung der Dockarbeiter und Einsetzung von Schiedsgerichten verlangt hatte 1 . Dafs aber die Selbstaufopferung möglich wurde, welche Verbündung von dem Einzelnen zu Gunsten der Allgemeinheit verlangt, ist gewifs zum guten Teil auf jenes unbemerkte, aber rastlose Wirken seitens Angehöriger der oberen Klassen, insbesondere der Geistlichkeit im Osten Londons zurückzuführen. Man denke an alles das, was wir oben von diesen Bestrebungen gesagt haben. Man denke jener oben beschriebenen Arbeiter- und Knabenvereine mit ihren socialpolitischen Debatten, ihrer Gewöhnung an Selbstverwaltung u. s. w., wodurch der Gesichtskreis des Ostlondoners erweitert und gemeinsames Vorgehen vorbereitet wird. So sehr ist das Vorurteil gefallen, welches einst in Arbeiterverbündungen etwas gesellschaftsfeindliches 1 „A Dock Laboürers Bitter Cry" by a Docker, 1887. Das Flugblatt ist zugleich interessant durch den hohen Grad von Bildung und Beherrschung der Sprache, den es verrät. — 437 — •erblickte, dafs seit Jahren zahlreiche Geistliche und Laien ihre Schutzbefohlenen darauf hinwiesen als den Weg, auf dem durch Selbsterziehung des einzelnen dauernde Erfolge für Alle zu erringen seien. Den unmittelbaren Anlafs zu dem Ausstande aber gab der Erfolg, welchen der ebenfalls unter der Beihülfe des John Burns gegründete Gewerkverein der Gasarbeiter Sonnner 1889 davon trug. Nach viermonatlichem Bestände zählte er bereits 11000 Mitglieder 1 und hatte Abkürzung der Arbeitszeit von 12—13 Stunden auf 8 Stunden durchgesetzt. Kurze Zeit darauf, am 13. August 1889, stellten gegenüber einer versuchten Lohnherabsetzung 300 Dockarbeiter die Arbeit ein. Die Beschwerden, deren Abstellung man verlangte, waren folgende: a) Bisher hatten Zwischenmänner, sogenannte „Schweifstreiber", von den Dockgesellschaften bestimmte Arbeiten übernommen und ihrerseits die Arbeiter in der Weise gedungen, dafs sie allmorgent- lich aus den arbeitsuchenden Massen die körperlich fähigsten auslasen 2 . Die Arbeiter verlangten Einführung direkter Stücklöhnung und Beseitigung des Zwischenmannes, b) Des weiteren sollte der bisher auf 5 d. die Stunde festgesetzte Minimallohn auf 6 d. erhöht werden (für Überzeit von 6 d. auf 8 d.). c) Am eigentümlichsten war die weitere Forderung einer Minimalarbeitszeit von 4 Stunden. Bei dem Überangebot von Arbeit hatten die Zwischenleute nicht selten Arbeitskräfte genug gefunden, um die ganze zu verrichtende Arbeit in kürzester Frist zu erledigen. Nicht selten wurden Dockarbeiter 1 Heute durch Verschmelzug der Vereine über ganz Grofsbrittannien mehr als 100 000 Mitglieder. Vergl. Bericht im Star vom 3. Juni 1890. 2 Für die Entladung eines Dampfers voll Weizen von 6000 Tonnen erhielt der Unternehmer .... 125 £ — sh. — d., er bezahlte dafür an 81 Arbeiter 57 - 13 - 6 - Gewinn des Unternehmers 67^6 sh. 6 d. — 438 — nach einer einstündigen, ja halbstündigen Arbeit entlassen. Von nun an, so verlangten die Docker, solle keiner mehr unter 4 Stunden beschäftigt, beziehungsweise bezahlt werden. Aber gerade dieses nahezu unbegrenzte Angebot von Arbeit machte das Unternehmen scheinbar hoffnungslos; die Dockgesellschaften wiesen jede Verhandlung ab, in der Meinung, die Ausständigen mit Leichtigkeit aus der Menge der Unbeschäftigten zu ersetzen. Eine unerwartete Wendung jedoch trat am dritten Tage ein. Eine wichtige Klasse der in den Docks beschäftigten gelernten Arbeiter, die Stauer (stevedorers) 1 erklärten, die Forderungen der Docker zu den ihrigen zu machen, für sich selbst dagegen nichts zu verlangen. Ihr Vorgehen war das Signal für Arbeitseinstellung anderer Klassen gelernter Arbeiter, insbesondere Matrosen 2 , der Bootsleute und der Ewerführer 3 . In den Umzügen, welche in den nächsten Wochen die Stadt durchzogen, erblickte man zahlreiche Banner, welche die Aufschrift „out on principle" trugen. In der That haben die genannten Klassen von Arbeitern sich an dem Kampfe in völlig selbstloser Weise beteiligt und sind nach fünf Wochen der Arbeitslosigkeit, nach Erschöpfung ihrer Kassen grofsenteils, ohne etwas für sich auch nur verlangt zu haben, wieder in die Docks zurückgekehrt. Das Zusammenwirken vieler Klassen gelernter Arbeiter verwirklichte, was die Dockarbeiter auszuführen nicht in der Lage gewesen wären: 1 Die Stauer besorgen die Unterbringung der Güter innerhalb der Schiffe, während die Dockarbeiter sie aus den Schiffen oder in die Schiffe befördern. 2 Die „Sailors and Firemens Union", welche natürlich nicht auf London beschränkt ist, umfafst 60 000 Mann. 3 Ewer ist eine Barke, welche Waren von und zu den Schiffen bringt, welche nicht am Quai entladen oder beladen werden können. Die Ewerführer besitzen eine aus dem Mittelalter stammende Organisation, sind in hohem Mafse gelernte Arbeiter. den Stillstand des Londoner Hafens. Von da an griff die Bewegung lawinenartig um sich; zuerst auf die nördliche Seite der Themse beschränkt, sprang sie auf die südliche über, sodafs am 29. August bereits 120000—150000 Arbeiter beteiligt waren. Der weitere Umstand, ohne welchen der Ausstand ebenfalls undurchführbar gewesen wäre, war die Stellung der Behörden und der öffentlichen Meinung. Zweierlei trat in dieser Hinsicht als Ergebnis derjenigen Entwicklung hervor, welche wir in vorliegendem Werke geschildert haben. Einmal fand sich der Arbeiter im Besitze der vollen Gleichberechtigung mit dem Kapital in der Verfolgung seiner wirtschaftlichen Bestrebungen. „Vor zwanzig Jahren" schrieb ein grofses liberales Blatt, die Daily News „würde jeder Schritt der Arbeiter, vom ersten bis zum letzten, ein Vergehen gegen das Strafgesetz gewesen sein. — Die Herren Burns und Tillet säfsen längst hinter Schlots und Riegel. — Es hätte Blutvergiefsen im Ostend und Brandstiftungen im Westend gegeben. — Heute weifs der Arbeiter, dafs er genau dieselbe Freiheit hat, für das, was er für eine gerechte Sache hält, einzutreten wie ein Kapitalist oder ein Oberhausmitglied". Versammlungen unter freiem Himmel und Umzüge sind in England gesetzlich erlaubt; ebenso stehen öffentliche Sammlungen in Zeitungen wie auf den Strafsen jedem frei. Aber noch niemals hatte sich gröfseren Arbeiterbewegungen gegenüber die Polizei so sehr jeder „Überwachung" enthalten. Man beschränkte sich lediglich auf Aufrechterhaltung des freien Verkehrs und der Ordnung auf den Strafsen. Versammlungen dicht vor den Thoren der Docks wurden ruhig geduldet, ebenso die ausgestellten Wachposten der Arbeiter. Die Folge hiervon war, dafs der Ausstand des Londoner Proletariats jener Spitze gegen die staatliche Ordnung entbehrte, welche bisher, wenn auch verborgen und mittelbar, selten bei — 440 einer gröfseren Arbeitseinstellung gefehlt hatte. Im Gegenteil erklärten nach Schlufs des Ausstandes die Führer, dafs die Stellung der niederen wie höheren Polizeiorgane eine völlig gerechte gewesen sei. In der That zeigte der Dockarbeiterausstand, dafs man in England heute gelernt hat, in welcher Weise der Staat Massenbewegungen am geschicktesten behandelt. Allen denen, die ein Interesse an Kartätschen gehabt hätten, war die bezeichnete Stellung der Behörden ein Dorn im Auge, so der socialistischen Liga; ebenso beklagte Most in New-York den Mangel jedes revolutionären Beigeschmacks; pflegten doch die Ausständigen auf ihren Umzügen Polizei wie Soldaten mit Hochrufen zu begrüfsen. Dieser völlig unparteiischen, jeder Bevormundung sich enthaltenden Stellung des Staates entsprach die Ordnung, in welcher der Ausstand geführt wurde. Diejenigen, welche man bisher als die verlorenen Kinder der Gesellschaft angesehen hatte, durften in Zügen von 20 000, 30000 Mann und mehr die City ungestört durchziehen, diesen Sitz des Welthandels, in dessen Mitte die Edelmetallvorräte der Bank von England ruhen; in keinem Lande Europas wäre ähnliches möglich gewesen. Aber die Schätze der City blieben unberührt, ebenso die offenen Metzgerläden, wie sie im Ostend Sitte sind, was vielleicht noch wunderbarer war, wenn man die Entbehrungen bedenkt, denen sich die Bevölkerung einer Grofsstadt freiwillig unterworfen hatte. John Burns erzählt, dafs er oft, wenn er von den Massen umdrängt wurde, mehrere hundert £ bei sich getragen und nicht einen Pfennig eingebüfst habe; auch sei er nie, wie es ihm sonst häufig bei Ausständen gegangen sei, um ein Trinkgeld angebettelt worden. Ähnlich erklärte der Wortführer des Schwurgerichtes Old Bailv nach Beendigung des Ausstandes: obgleich fünf Wochen lang 150000 Mann eines hauptstädtischen Proletariats hungernd auf der Strafse gestanden — 441 — hätten, sei nicht ein einziges auf den Ausstand zurückgehendes Vergehen zur Aburteilung an das Schwurgericht gekommen. Aber die Arbeiter genossen mehr als volle Freiheit der Bewegung. Wenn auch noch nicht, wie die Positivisten von der Zukunft erwarten, die öffentliche Meinung Schiedsrichterin in Arbeitsstreitigkeiten ist, so wirft sie doch schon heute ein schweres Gewicht in die Wagsehale. Gegen sie auszuharren, ist selbst dem Mächtigen kaum möglich. Dies zeigte sich zum ersten Mal in gröfserem Umfang bei dem Ausstande der Dockarbeiter, welche ohne die von dieser Seite gewordene Unterstützung den Sieg kaum erfochten hätten. Schien doch bisher in London die Arbeiterfrage unlösbar.' Das dort herrschende Massenelend wurde allgemein, wie Giften es ausdrückt, als „der Stein in unserer Civilisation" empfunden. Nun sah man unerwartet denjenigen Weg dort beschritten, welcher die gelernten Arbeiter emporgeführt hatte. Zudem mufste der von den Dockarbeitern gemachte Versuch bei seinem riesenhaften Umfange auf Jahre hinaus die Lage Ostlondons entscheiden. Daher das Interesse an dem Siege. Entsprechend dem in den beiden vorhergehenden Büchern geschilderten Umschwung der, socialpolitischen Auffassungen urteilte man, dafs ein gewisses Minimum der Lebenshaltung dem Arbeiter schlechthin zu gewähren sei, und dafs ein gewerbliches Unternehmen, welches nur unter der Bedingung Gewinn abwerfe, dafs es den Arbeiter zum „menschlichen Vieh" herabdrücke, besser zu Grunde gehe. Sachverständige Beurteiler erkannten daneben an, dafs die Forderungen der Arbeiter die Dividende gefährdeten; aber man zog daraus nicht den Schlufs, dafs jene Forderungen unbillig, sondern dafs die Londoner Dockanstalten geschäftlich verfehlt seien, wie sie in der That veraltet sind und z. B. hinter denen Hamburgs weit zurückstehen. Die weitgehendsten Beurteiler aber kamen zu der Forderung — 442 — der Verstaatlichung der Docks, was freilich, bezeichnend genug, als ein extrem socialistischer Vorschlag angesehen wurde. Eigentümlich war, wie der öffentlichen Meinung die Geistlichkeit voranging, welche ihre altüberkommene Stellung durch stete Berührung mit den Fragen der Zeit in England zu bewahren verstand. So schrieb ein hochangesehener Geistlicher, der Dekan von Manchester, bei Beginn des Ausstandes: „Ein packendes Beispiel der Selbstlosigkeit, der Genossenschaft und der Unterstützung des Schwachen durch den Starken haben einige nicht unmittelbar beteiligte Gewerkvereine gegeben. Die Gewerkvereinsarbeiter, von denen ich mit aufrichtiger und erprobter Achtung und Freundschaft spreche, haben nach meiner Ansicht etwas sehr notwendiges gelernt, nämlich dafs sie nicht zu dem ungelernten und unorganisierten Arbeiter sagen dürfen: Wir brauchen dich nicht. — — Staatsmänner aber und Organe der öffentlichen Meinung jedweder politischen Richtung gestehen zu, was sie hoffentlich nicht wieder vergessen werden, dafs kein Kapitalinteresse und kein Gesetz der Nationalökonomie die Lage jener entschuldigt". Während des Ausstandes veröffentlichte die Gemeindegeistlichkeit der von den Dockarbeitern bewohnten Bezirke eine Erklärung dahin, dafs der bisherige Zustand derselben unbedingt einer Abhülfe bedürfe und dafs die gestellten Forderungen auf eine dauernde Beschneidung der Übel in vernünftiger Weise berechnet seien. Aber die Stellungnahme der öffentlichen Meinung unterschied sich von ähnlichen Bewegungen früherer Zeit, in denen man einen gleich elenden Arbeiter vor sich hatte z. B. der für Einführung der ersten Fabrikgesetze. Damals neigte man sich mitleidsvoll zu dem Armen, der für alle Zeit schutzbedürftig sei. Diesmal verwies man auch ihn auf die eigene Kraft und, wenn man half, war es Hülfe zur Selbsthülfe. So — 443 — erklärte der Manchester Guardian: Die Bemühungen der Arbeiter durch Verbündung ihre Lebenshaltung zu erhöhen, seien im allgemeinen Interesse, weil sie den einzig möglichen Damm zögen gegen das Meer des Pauperismus. Massenversammlungen über ganz England, wie in Amerika und Australien erklärten sich zu ihren Gunsten. Zahlreiche Zeitungen eröffneten Sammlungen für sie. Lehrreich ist die Durchsicht dieser Subskriptionslisten. Da waren es zunächst zahllose Arbeitervereine aller Art, welche beisteuerten (die Setzer 10000 Mark, die Maschinenbauer 14000), daneben Privatpersonen aller Gesellschaftsklassen. Selbst von Aktionären der Dockgesellschaften gingen Beiträge ein. Besonders beteiligte sich auch die Aristokratie des Landes. Ein Wohlthäter, der jedenfalls nicht den arbeitenden Klassen angehörte, zeichnete 40000 Mark, ohne dafs mehr als die Anfangsbuchstaben seines Namens bekannt wurden. Besonders flofsen namhafte Summen aus Australien. In erster Linie beteiligten sich auch dort die Gewerkvereine. Dafs es aber nicht die Arbeiter allein waren, zeigen folgende Thatsachen. Die Mitglieder des damals tagenden Parlamentes von Victoria veranstalteten unter sich eine Sammlung; der Premierminister von Tasmania sandte einen Check von 14000 Mark. Wie verfehlt demgegenüber die Annahme war, dafs der Dockarbeiterausstand ein Unternehmen der festländischen Socialdemokratie sei, beweist der Umstand, dafs vom europäischen Kontinente nicht mehr als 2000 Mark kamen, wovon Deutschland die Hälfte, Frankreich und Belgien je ein Viertel aufgebracht hatten. Über die Höhe der Gesamtsumme sind nur Sehätzungen möglich. Bedeutende Unterstützungssummen seitens solcher, die sich scheuten zur Unterstützung des Ausstandes direkt beizutragen, kamen nämlich mittelbar den hungernden Weibern und Kindern zu Gute. Die Gemeindegeistlichen, wohlthätige — 444 — Vereine aller Art, die Heilsarmee und zahlreiche Private wurden die Kanäle, durch die ein bedeutender Teil der Ausstandsgelder Holsen. Durch die Ausstandsleitung gingen gegen 120000 SS, die Gesamtsumme aber war gewifs nicht niedriger als 200000 SS (4 Millionen Mark). Wenn man jedoch bedenkt, dafs während fünf Wochen mehrere Hunderttausend Menschen zu erhalten waren, so wird man die Schärfe der Entbehrungen ermessen, welchen die Ausständigen ausgesetzt waren. Gehörten sie doch zu den bedürftigsten Klassen, die kaum etwas besitzen, um darauf zurück zu greifen. Während der ersten Woche des Ausstandes fand ein unerhörter Andrang an die Pfandhäuser statt, der in der zweiten Woche jedoch bereits aufhörte, ein Zeichen dafür, dafs die Docker nichts mehr zu versetzen hatten 1 . Keine kleine Sache war die Ordnung des Unterstützungswesens. Tag und Nacht thätig vereinigte John Burns jene bisher zusammenhangslose Masse der Docker unter seiner Leitung. In zwölf Tagen hat er neunzig Versammlungen abgehalten vor einer Hörerschaft von Tausenden, oft Zehntausenden. Auch die Vertretung der des „Principes wegen" ausständigen Gewerkvereine verstand er in seine Hand zu 1 Engels (Socialdemokrat vom 5. Oktober 1889) führt die Stellungnahme der öffentlichen Meinung darauf zurück, dafs die Mittelklassen, insbesondere der Londoner Handelsstand, sich mit den Arbeitern verbunden hätten, um das Monopol der Dockgesellschaften zu brechen. Dies mag mitgewirkt haben, giebt aber für jene Erscheinung keine volle Erklärung. Denn 1. hätten es die englischen Mittelklassen jeden Tag in der Hand, das Monopol durch Gesetz aufzuheben; 2. erklärt es nicht die Stellung der öffentlichen Meinung Australiens und Amerikas; 3. wird dadurch nicht die ganz gleiche Stellungnahme der öffentlichen Meinung gegenüber andern Klassen ungelernter Arbeiter: Schneider, Näherinnen, Omnibus- und Eisenbahnarbeiter erklärt. — 445 — bekommen: Bedingung des Erfolges, der von einheitlichem Vorgehen abhing. Wades Arms, ein kleines Gasthaus in der Nähe der Docks, war der Sitz des Ausschusses. Tag und Nacht wurde hier an der Bewältigung der riesenhaften Aufgabe gearbeitet. Unterstützung gewährte der Ausschufs lediglich in der Gestalt von Karten, welche auf Nahrungsmittel lauteten und gegen Vorweisung der Mitgliedskarte des Gewerkvereins erteilt wurden. Lange Zeit vor Öffnung des Bureaus, wo die Karten verteilt wurden, drängten sich bereits hunderte von Männern um die verschlossene Thür. Sobald die Thür geöffnet wurde, bildete die Polizei eine doppelte Reihe, durch welche nur einer nach dem andern hineingelassen wurde. Sonst würde der Starke den Schwachen tot getreten haben. Der Docker aber, welcher aufsergewöhnliche Verdienste bisher in Brandy anzulegen pflegte, war während des Ausstandes ein Muster der Mäfsigkeit, Ein Gedanke hatte die Massen ergriffen und der Einzelne, den Ermahnungen von Menschenfreunden nicht hatten nüchtern halten können, wurde nun mäfsig zu Tausenden, „des Principes wegen". Die Durchführung einer geregelten Verpflegung wäre unmöglich gewesen, ohne das Eintreten zahlreicher freiwilliger Kräfte. Auf der Südseite trat die Ausstandsleitung direkt in Verbindung mit einem Ausschufs von Damen, welcher eine Suppenküche errichtete. (133 Church Street, Deptford.) In der Mehrzahl der Fälle dagegen vermied man unmittelbare Verbindung. Reiche Gaben an Geld, Brot und Suppenmaterialien kamen durch die Gemeindegeistlichkeit oder wohlthätige Vereine zur Verteilung. Die gröfste Suppenküche war die des Herrn Sidney Buxton, des Parlamentsmitglieds für die Doekbezirke. Ähnliche Einrichtungen trafen die Geistlichen Herrn Adderley und Dalton. Die Heilsarmee errichtete in Whitechapelstreet eine Niederlage von Nahrungsmitteln, aus welcher zeitweise täglich gegen lOOOO Personen gespeist wurden. Alle diese Bestrehungen — in gewöhnlichen Zeiten ein wenig erfreulicher Anblick, weil sie den Armen noch tiefer herabdrücken — waren damals von dem Gedanken getragen, dafs, wenn es möglich sei, den Docker einige Wochen vor dem Verhungern zu schützen, er in Zukunft sich und seine Familie in anständiger Weise würde selber durchschlagen können. Eine weitere Aufgabe der Führer bestand in der Orga- ganisierung eines Postendienstes zu Wasser wie zu Lande, um etwa von anderwärts herbeigezogene Arbeiter von dem Ausstande zu benachrichtigen und zur Umkehr zu bewegen. 5000 Posten cernierten Tag und Nacht die Docks. Der Postendienst war militärisch organisiert. Für jeden Quai war ein Anführer ernannt und Ablösung vorgesehen. Ruhige, entschlossen aussehende Gesellen diese Posten, vielfach mit den Spuren des Hungers in den Zügen. Vergewaltigungen der „Blacklegs", d. h. derer, die trotz des Ausstandes zur Arbeit gingen, waren äufserst selten; wo sie vorkamen, wurden sie allgemein als unvernünftig und schädlich verurteilt. Dieser Mäfsigung der Docker Leuten gegenüber, welche aus ihrer Not Vorteil zogen und die Zeit des Hungerns für sie verlängerten, entsprach die Bereitwilligkeit, mit der fast alle eigentlichen Arbeiter, welche z. B. aus Liverpool, Southhamp- ton verschrieben waren, nach Hause zurückkehrten. Aufser einer Zahl von farbigen Arbeitern sollen zuletzt lediglich zwei Arten von „Blacklegs" in den Docks thätig gewesen sein: die „gentlemen-blacklegs", d. h. Herren des Kaufmannstandes , Schreiber, Commis etc., welche in Lawn-Tennisan- zügen und Glacehandschuhen die dringlichste Arbeit besorgten und Angehörige jener tiefsten Schicht der Gesellschaft, welche — 447 — unter dem eigentlichen Arbeiter steht, und die als „criminal- blacklegs" von den Ausständigen bezeichnet wurden. Die engen, gewundenen Strafsen am Flusse, die sonst ununterbrochen von Lastwagen dröhnen, lagen nun einsam. An den Strafsenecken sah man hier und da einen Trupp schweigsamer Posten der Arbeiter oder Patrouillen von Polizisten. Jedes Gefährt hallte weithin über das Pflaster; wenn im Insassen einer der Anführer erkannt wurde, welcher den Postendienst kontrollierte, antworteten laute Beifallsrufe der Arbeiter. Auch in das Innere der Docks hinein wagten sich die Spione der Ausständigen als ländliche Tagelöhner oder Schreiber verkleidet. Während die Dockgesellschaften sich stellten, als sei alle Schwierigkeit überwunden, belehrte ein solcher Besuch, dafs sie nicht einmal imstande waren, die Neuseeländer Dampfer mit gefrorenem Fleisch zu entladen. Wir sahen, wie die Dockgesellschaften zunächst in der Meinung, dafs nach wenigen Tagen die Arbeiter wieder durch den Hunger zurückgetrieben werden würden, ihre Forderungen rundweg abschlugen. Sobald jedoch die Ausdehnung des Ausstandes klar wurde, gaben sie in allen Punkten, bis auf die geforderte Lohnerhöhung von 5 auf 6 Pence die Stunde, nach. Hierum drehte sich thatsächlich der Kampf. Der „Tanner", wie man diesen Lohnsatz nannte, wurde der Gegenstand einer populären Augenblickspoesie — sehr zum Erstaunen insbesondere der französischen Berichterstatter, welche hier ein hauptstädtisches Proletariat nicht für revolutionäre Schlagwörter, sondern für einen Lohnsatz sich begeistern sahen. Die Hartnäckigkeit der Gesellschaften in dieser Frage war auf ihre schlechte Lage zurückzuführen. Die ost- und westindischen Docks zahlten zur Zeit des Ausstands keine Dividende, waren mit ihren Zinszahlungen im Rückstände und standen unter Aufsicht des Konkursgerichtes. Auch die — 448 — anderen Dockgesellschaften waren kaum günstiger daran — eine Folge der Errichtung zu zahlreicher Docks und des damit entbrannten Krieges der Gesellschaften. So kämpfte man auf beiden Seiten thatsächlich um das Dasein. Heute beseitigten die Arbeiter den Mittelsmann des Mittelsmannes, d. h. den die Entfrachtung oder Befrachtung der Schiffe in Akkord besorgenden Unternehmer, um später gegen die Dockgesellschaften selbst vorzugehen. Bezeichnend hierfür ist, dafs die Schiffahrtsgesellschaften, die eigentlichen Arbeitgeber, zuerst mit Einigungsvorschlägen, aber auch mit der gegen die Gesellschaften gerichteten Drohung, ihre eigenen Docks zu bauen, hervortraten, während sich die Arbeiter unter der Bedingung direkter Anstellung durch sie zur Rückkehr zur Arbeit bereit erklärten. Die Dockgesellschaften, um ihr gesetzliches Monopol besorgt, wiesen diesen Einigungsvorschlag zurück. Der Ausstand aber zog immer weitere Kreise in Mitleidenschaft. Der Handel der City stockte, nachdem bereits während der ersten Tage des Ausstandes die Eisenbahngesellschaften erklärten, nicht mehr für die rechtzeitige Ablieferung der Waren einstehen zu können. Die Quais und Ewer waren mit Gütern überfüllt, und in den Docks sammelten sich die Schiffe. Da übernahm die City selber, vertreten durch den Lord Mayor, sowie ihre beiden höchsten geistlichen Würdenträger, den Bischof von London und den Kardinal Manning, die Vermittelung zwischen den Streitenden. Den gröfsten Einflufs in dem Einigungsäusschusse besafs unstreitig der Kardinal Manning. Die ehrwürdige Person dieses einundachtzigjährigen Prälaten, welcher unermüdlich zwischen den Hauptquartieren der Parteien hin und wieder eilte, wurde neben John Burns die volkstümlichste Figur des Ausstandes. — 449 — Da am 7. September die Dockgesellschaften auch die Lohnerhöbimg' zugestanden hatten, drehten sicli die Verhandlungen lediglich um den Anfangstermin, an dem die Bedingungen in Kraft treten sollten. Nachdem die Dockgesellschaften zunächst statt des 1. Januar den 1. Dezember, die Arbeiter den I.Oktober angeboten hatten, einigte man sich auf den 4. November. Die Dockgesellschaften wichen, wie sie erklärten, dem „Drucke von aufsen", welcher sich in einem Kampfe zwischen Arbeit und Kapital noch nie in gleicher Weise geltend gemacht habe, und der, wie sie selbst erklären, (in ihrem Schreiben an den Lord Mayor vom 7. September) „von weitreichenden Konsequenzen sein wird". Bei Beendigung des Ausstandes zeigte sich, dafs, wie gewöhnlich, die Führer die mafsvollsten waren. Sie bildeten die anerkannte Ausstandsleitung und verhandelten allein mit den gegenüberstehenden Arbeitgebern; nur die Ewerführer waren bei den Verhandlungen besonders vertreten. Der Bericht des Einigungsausschusses über die Schlufsverhandlungen vom 14. September zählt die beteiligten Parteien auf: „Der Lord Mayor, Kardinal Manning und Herr Sidney Buxton hielten den ganzen gestrigen Tag eine Reihe ausgedehnter Verhandlungen mit den Direktoren der Dockgesellschaften, mit dem Ausschufs der Ewerbesitzer des Londoner Hafens, mit dem Lohnausschufs der Ewerführer, mit einer Deputation der Schiffseigentümer und mit der Ausstandsleitung der Dockarbeiter. Das Ergebnis der Verhandlungen ist kurz, dafs zwischen den Dockgesellschaften und den verschiedenen von ihnen beschäftigten Klassen von Arbeitern keine Schwierigkeiten mehr vorhanden sind und dafs, sobald die Verträge bestätigt sind, alle Arbeit auf Strom, Quai und Dock wieder beginnen kann, mit der Mafsgabe, dafs die vom Einigungs- ausschufs vorgeschlagenen Bedingungen vom 4. November an in v. Schnlze-G aevernitz, Zum soc. Frieden. II. 29 — 450 — Kraft treten sollen." Diese Bedingungen stimmten thatsächlich mit den ursprünglichen Forderungen der Arbeiter überein: Minimallohn von 2 sh., d. h. vierstündige Arbeitszeit, Ersetzung der Akkordarbeit durch Stücklöhnung mit Minimallohn 6 d. die Stunde bezw. 8 d. die Überzeit, Überzeit von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Bezüglich des Termines hatten die Arbeiter nachgegeben. Die Dockgesellschaften hielten demgegenüber an zweierlei fest, einmal dafs die während des Ausstandes von ihnen beschäftigten Arbeiter (Blacklegs) un- belästigt bleiben sollten, ferner, dafs alle Klassen von Arbeitern dem Vertragsschlufs beiträten und die Arbeit den nächsten Montag wieder aufnähmen. Während die Dockgesell- schaften sich anfangs geweigert hatten, eine Vertretung der einzelnen Arbeiter anzuerkennen, wollten sie nun nicht mehr mit einzelnen Gewerkvereinen, sondern nur mit der einheitlichen Vertretung derselben den Vertrag abschliefsen. Diese Verhandlungen spielten sich am 14. September im Dockhause ab, welches seit Mittag von Menschenmassen umlagert war. Abends um 6V2 Uhr verlauteten die ersten Nachrichten vom Abschlufs eines vorläufigen Vertrages, aber erst um 8 Uhr erreichte John Burns Wade Arms, den Sitz der Ausstandsleitung. Zwei Nächte und ein Tag also waren gelassen, um die Bestätigung des Vertrages durch die verschiedenen beteiligten Vereine herbeizuführen. Die Stauer, Matrosen und Maschinisten, welche lediglich der Docker wegen den Ausstand mitgemacht hatten, erklärten zwar in gleich selbstloser Weise den Vertrag, der jenen genehm sei, ohne weiteres mitzeichnen zu wollen. Die Ewerführer hatten dagegen im Laufe des Ausstandes eigene Forderungen aufgestellt; zwar hatteii sie der Versuchung widerstanden, sich durch Bewilligung derselben zum Abfall von der Sache der Docker verleiten zu lassen; um so mehr verlangten sie jetzt, — 451 — •dafs auch sie befriedigt würden. Sie wurden damit der „Schlüssel der Lage". Nicht mit Unrecht hörte man manchen Docker sagen, dafs, wenn sie „des Prineipes wegen" aus den Docks herausgegangen seien, sie jetzt „des Prineipes wegen" wieder hinein sollten. Die Verhandlungen mit ihnen zogen sich die Nacht hindurch; aber nicht vergeblich rief Burns das Gefühl der alle Arbeiter verbindenden Solidarität an. Auch die Ewerführer erklärten sich bereit, ihre Forderungen einem Schiedsgerichte zu unterbreiten und unter dieser Bedingung ebenfalls Montag den 16. Sept. die Arbeit wieder zu beginnen. Die Ernennung des Schiedsrichters wurde dem Lord Mayor anheimgegeben, welcher keinen besseren Mann hierzu ernennen konnte, als den von uns mehrfach erwähnten Lord Brassey. Eine ähnliche Schwierigkait erhob sich im Süden. Arbeit und Arbeitsgewohnheit sind in dortigen Docks, obwohl nur durch d en Strom getrennt, von den nördlichen völlig verschieden.. Im Süden, wo insbesondere die grofsen Getreidelager sich befinden, kommen 15 Klassen verschiedener Arbeiter in Betracht; unter ihnen befinden sich wenige eigentliche Dockarbeiter; die Mehrzahl sind gelernt und höher bezahlt. Sie hatten sich zwar an dem Ausstand auf der Nordseite beteiligt, aber besondere Bedingungen gestellt, welche in jenem oben besprochenen Abkommen nicht mit inbegriffen waren. Nachdem John Burns die Zustimmung der Ewerführer erhalten hatte, eilte er Sonntags in aller Frühe in Begleitung des Herrn Sidney Buxton und eines Vertreters der Schifffahrtsgesellschaften nach dem Süden. Anfänglich waren die Verhandlungen äufserst schwierig, da dort bereits mehrere Arbeitgeber von der gemeinsamen Sache abgefallen waren. Sollte man den Sieg, den man in der Hand zu haben glaubte, um andererwillen preisgeben? Nur dem erstaunlichen Ein- 29* — 452 i / fiufs, welchen John Burns über den Londoner Arbeiter ausübt, gelang es, auch hier endlich Nachgiebigkeit zu erzielen. Die beteiligten Gewerkvereine gaben John Burns und Sidney Buxton unbeschränkte Vollmacht, damit diese sofort für sie durchsetzten, was zu erlangen sei, alles übrige aber einem Schiedsgericht unterbreiteten. Inzwischen aber sandten auch sie ihre Vertreter nach dem Norden, um den Tags vorher abgeschlossenen Vertrag mit zu unterzeichnen. Wenn man die ungeheuren Schwierigkeiten bedenkt, welche John Burns in diesen wenigen Stunden, um den Frieden zu stände zu bringen, überwunden hat, so kann man diejenigen nur mit Unwissenheit entschuldigen, welche ihn einen gewerbs- mäfsigen, vom Unfrieden lebenden Agitator genannt haben. Der Ost-Londoner weifs es besser; er verehrt in ihm den Mann, der mehr gethan und rastloser gearbeitet hat, als irgend ein anderer, um ihn aus dem unterschiedslosen Elend des Proletariats emporzuheben. Die Ergebnisse des Ausstandes bestehen darin, dafs sich // ein Kreis von ungefähr 60 000 Männern aus jener unterschiedslosen, tiefsten Schicht der Gesellschaft losgelöst hat und zur Stellung des eigentlichen Arbeiters emporgestiegen ist, welchen ein dauernder Beruf und ein relativ genügendes Auskommen bezeichnet. Mittelbar aber haben aufser den Dockarbeitern zahlreiche Klassen von Arbeitern gewonnen. Die Ewerführer und die Arbeiter der Südseite erlangten Lohnerhöhung, ebenso die Hafenarbeiter in Greenwich. Die Orangenverkäufer endlich, welche übrigens merkwürdigerweise einen aus dem Mittelalter stammenden Verein besitzen sollen, haben den Zwischenmann abgeschüttelt, welcher sie bisher um 100°/o ihres Verdienstes betrog. Im ganzen sollen gegen 200 Klassen Arbeiter die günstige Wirkung dieses Riesenausstandes gespürt haben.'' Volkswirtschaftlich betrachtet gleicht der Ausstand der Dockarbeiter darin ähnlichen Kämpfen der gelernten Arbeiter, dafs auch er lediglich auf die Machtfrage hinauslief. Aber bis vor kurzem wäre es als widersinnig erschienen von einer Machtfrage zwischen den mächtigen Gesellschaften und der bunt zusammengewürfelten Menge zu sprechen. Die Macht der letzteren beruhte im vorliegenden Fall nicht sowohl auf ihrer eigenen Stärke als auf der Solidarität der Arbeit und der Stellungnahme der öffentlichen Meinung. Diese Verschiedenheit gesetzt, hatte der Ausstand auch darin Ähnlichkeit mit dem Vorgehen der gelernten Arbeiter, dafs in ihm jene beschränkte Interessengemeinschaft zwischen Arbeiter und Unternehmer sich geltend machte, welche dem Arbeiter verbietet, seine Forderungen zu gegebener Zeit über einen gewissen Punkt hinaus zu spannen. Die Ausstandskasse war noch wohl gefüllt, als die Führer zur Nachgiebigkeit beziehentlich des Zeitpunktes rieten. Denn bei Verlängerung des Kampfes hatten die Arbeiter zu fürchten, durch Verscheuchung des Handels von London sich selbst zu schaden. Weitergehende Erfolge der Londoner Arbeiter waren eben nicht möglich, bevor nicht die der anderen englischen Häfen und womöglich Antwerpens nachgefolgt waren. Freilich waren die Massen weit entfernt, diese Notwendigkeit einzusehen. Besonders empörte man sich dagegen, diejenigen, welche während des Ausstandes die Plätze der regelmäfsigen Dockarbeiter eingenommen hatten, nun als Genossen zu behandeln. Infolgedessen kam es in den ersten Tagen zu bedenklichen Reibungen. Auch diese Schwierigkeiten beseitigte John Burns. Er stellte den Arbeitern vor, dafs ihr Erfolg nur dann das Vorspiel gröfserer Erfolge sein könne, wenn sie zur Zeit mit Mäfsigung und Besonnenheit vorgingen. Die „Blacklegs" würden zudem von selbst bald dem Gewerkverein — 454 — beitreten. Dies geschah in der That; die übrigen verliefsen freiwillig die Docks, indem der Gewerkverein ihnen unter dieser Bedingung aus den Überschüssen des Dockstrikes einen Wochenlohn ausbezahlte. Seit Beendigung „des grofsen Ausstandes" hat sich der Gewerkverein der Dockarbeiter kräftig weiter entwickelt. Er umfafst heute etwa 50000 Mitglieder. Sein Zweck ist lediglich Verteidigung der Interessen des Arbeiters gegen den Arbeitgeber: die mit den „gelernten" Gewerkvereinen regel- mäfsig verbundenen Versicherungszwecke fehlen bei den Verbündungen der ungelernten Arbeiter; sie lehnen sie sogar ostentativ ab, indem sie erklären, dafs die Gewerkvereine durch die Verbindung mit Versicherungszwecken in der Vertretung der Gewerbsinteressen allzu vorsichtig würden, und überweisen die Versicherung, nach deutschem Muster, dem Staate. Der wahre Grund ist, dafs die ungelernten Arbeiter zu wenig verdienen, um aufser zu Gewerkvereinszwecken noch andere Beiträge zahlen zu können. Jene erstere Aufgabe erfüllt der Verein zunächst dadurch, dafs er Beschwerden des einzelnen Arbeiters gegenüber den Dockgesellschaften vertritt. Es findet dabei jener öfters erwähnte Sichtungsprozefs statt, welcher so viel zur Vermeidung von Arbeitsstreitigkeiten beiträgt: jede Beschwerde wird zunächst von dem Vertrauensmann, welchen die mit einer bestimmten Arbeit beauftragten Arbeiter erwählen, einem der Aufseher oder Direktoren unterbreitet. Erst wenn sie so nicht beseitigt wird, gelangt sie zur Prüfung an den Zweigverein, von diesen an den Bezirksverein und von dort an den Ausschufs des Gesamtvereins, der sie, wenn er sie für begründet hält, aufnimmt. Seitdem sind wiederholt solche Beschwerden durch Verhandlungen zwischen dem Ausschufs des Gewerkvereins und den Dockgesellschaften — 455 — erledigt worden; einigemal sind allerdings auch örtliche Ausstände vorgekommen. In einem dieser Fälle, welcher weite Kreise zu betreffen drohte, trat.die Vermittlung des Einigungsausschusses der Londoner Handelskammer ein. Wenn der Gewerkverein die Rechte seiner Mitglieder vertritt, so gewährleistet er andererseits Tüchtigkeit der Arbeit; Arbeiter, welche ihre rflicht nicht erfüllen, haben Entfernung aus dem Verein zu gewärtigen. Die zweite und wichtigste Aufgabe jedes Gewerkvereins bezieht sich jedoch auf die allgemeinen Arbeitsbedingungen; in dieser Richtung hatte der Verein der Dockarbeiter lediglich die Errungenschaften des Ausstandes zu verteidigen. Die Bestimmungen des Friedenschlusses vom 14. September wurden im einzelnen vertragsmäfsig ausgeführt, wie derartige Verträge sieh wiederholt in dem „Labour Elector" abgedruckt finden 1 . Die Aufgabe des Vereins war nach dieser Richtung keine leichte. Haben sich doch Arbeitgeber fast nie nach der ersten Niederlage dazu verstanden, die vereinigten Arbeiter als gleichberechtigte Macht anzuerkennen. Im vorliegenden Fall waren die inzwischen ebenfalls verbündeten Dockgesellschaften dazu um so weniger geneigt, als sie Arbeiter vor sich hatten, deren Kraft- und Hoffnungslosigkeit sprichwörtlich gewesen war. Hierzu kam ein weiteres. Die geschäftliche Lage der Dockgesellschaften war schon vor dem Ausstande vom Herbst 1889 eine verzweifelte. Man hatte seitdem zwar die Abgaben für die Benutzung der Docks dermafsen gesteigert, dafs London zu dem teuersten Hafen Englands, vielleicht der Welt wurde. Trotzdem zeigte sich auf die Dauer Herunterschreibung des Grundkapitals unvermeidbar, wofür man dem Publikum wie den Aktionären gegenüber am liebsten die Schuld auf einen Vergl. z. B. Labour Elector vom 9. November 1889 S. 301. 302. — 456 — neu ausbrechenden Ausstand geschoben hätte. Freilich aber — und dies ist ein Zeichen der neuen Zeit — durfte man einen Kampf nicht herbeiführen, ohne die Gegenseite vor der öffentlichen Meinung in das Unrecht gesetzt zu haben; denn gegen letztere ist ein so weitreichender Kampf, wie der mit den Dockarbeitern werden mufs, nicht mehr zu führen. Dem entsprechend war es die Aufgabe des Gewerkvereins, jeden Anlafs, der zu einem allgemeinen Ausstand hätte führen können, zu vermeiden, sich inzwischen zu stärken, und den Zusammenbruch der Gesellschaften abzuwarten. Die kühnsten Hoffnungen der Arbeiter gehen dahin, die Docks einst als „coope- rative" Anstalten fortzuführen. Die Lage des Gewerkvereins war um so schwieriger, als die Mittel, auf welche die Organisationen ungelernter Arbeiter angewiesen sind, ihrer Natur nach aggressiver sind, als die der gelernten Arbeiter. Die Gewerkvereine der letzteren können erspriefslich wirken, auch wenn sie nicht alle Arbeiter des Gewerbes umfassen; für die der ungelernten Arbeiter dagegen ist Ausschliefslichkeit Frage des Daseins. Die Dockarbeiter benutzten ihre siegreiche Rückkehr in die Docks dazu, die vorgefundenen „blacklegs" abzustofsen oder in ihren Verein einzuziehen. Seitdem haben sie Nicht- gewerkvereinsarbeit nicht mehr geduldet. Man ging sogar soweit, die Aufseher und kaufmännisch Angestellten der Docks zur Organisierung zu veranlassen 1 . Des weiteren ab verbot der Verein der Dockarbeiter seinen Angehörigen, Güter an Fuhrleute abzuliefern, welche nicht die Gewerkvereins- karte vorweisen könnten. Als dagegen die Gesellschaften jeden Arbeiter, der diesem Verbot nachkommen würde, zu entlassen drohten, schien ein neuer Kampf in nächster Nähe. Auch hier ist Männern wie Sidney Buxton und John Burns 1 Vergl. Labour Elector, 16. November 1889. der Sieg der Mäfsigung zu verdanken. Sidney Buxton wies darauf liin, dafs ein Gewerkverein klugerweise nur das verlangen dürfe, was er sicher sei, durchzusetzen; John Burns warnte wegen Kleinigkeiten den Streit zu entfachen; wenn die Docker das nächste Mal sich erhöben, müsse die Bedeutung des Zieles der öffentlichen Meinung klar und verständlich sein. Für derartige Streitfragen minderer Bedeutung dürfte in Zukunft die von der Londoner Handelskammer in Vorschlag gebrachte Einigungskammer vermittelnd eintreten 1 . Die Organisierung der Dockarbeiter ist wie die der ungelernten Arbeiter überhaupt von London ausgegangen. Mit Ausdehnung des Gewerkvereins auf die Mehrzahl der englischen Häfen sind die Arbeitsbedingungen allgemein den Londoner angepafst worden, was zum Teil durch Kampf, nicht selten aber auch auf dem Wege der friedlichen Verhandlung, so in Leith, vor sich ging. Damit hat aus der tiefsten Schicht der Gesellschaft eine wichtige und zahlreiche Klasse sich losgelöst, um den fortgeschritteneren Arbeitern nachzufolgen. Mögen die Endziele, an die man glaubt, teilweise noch weitgehend socialistische Färbung besitzen: man hat den praktischen Weg beschritten. Man verneint nicht mehr das bestehende; vielmehr hofft man aus ihm „Schritt für Schritt" die „Befreiung der Arbeit" zu verwirklichen. So traten naheliegende Ziele an Stelle des Endziels; man kämpft um den „Tanner". Hoffnungsfreudigkeit durchdringt die Massen und die Erfahrung, dafs die öffentliche Meinung nicht mehr 1 Die Kammer soll aus 12 Ausschüssen bestehen, je einer für eine bestimmte Gruppe von Gewerben, z. B. Baugewerbe, Bekleidungsgewerbe, Schiffahrt u. s. w. Die Mitglieder sollen von den beteiligten Vereinen der Arbeiter und Arbeitgeber gewählt werden. Kann ein Ausschufs zu keinem Entscheid kommen, so soll die Gesamtkammer angerufen werden. — Die Londoner Gewerkvereine haben fast alle ihre Zustimmung erklärt. — 458 — rein kapitalitisch urteilt, verknüpft mit dem Bestehenden und Überkommenen, ohne den Glauben an eine bessere Zukunft zu berühren. II. Die übrigen ungelernten Arbeiter. Der Erfolg der Docker gab den Anstofs für eine Bewegung, welche das ganze Heer der ungelernten Arbeiter durchzitterte. In Sheffield sollen damals allein zwölf bisher organisationslose Gewerbe organisiert worden sein. Diese Arbeiter sind meist nicht Arbeiter der Grofsindustrie. Einmal stehen sie monopolistisch gefärbten Gesellschaften und Anstalten gegenüber, sie sind Dock-, Eisenbahn-, Tramway- und Omnibusbedienstete, Angestellte der Post- und Telegraphenverwaltung etc. In zweiter Linie sind es die Arbeiter der handwerksmäfsigen Betriebe, die Bäcker, Schneider, Schuhmacher, Kellner etc. und die Masse der Frauen. Diese Klassen befinden sich in der Lage, welche der Arbeiter der Grofsindustrie in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts einnahm. Ihre wirtschaftliche Machtlosigkeit kommt mehr noch als in niederen Löhnen in überlanger Arbeitszeit zum Ausdruck. Mit der Bewegung, deren gröfstes Ergebnis der Londoner Dockarbeiterausstand ist, hat für alle die Stunde der Hoffnung gesehlagen. Viele von ihnen haben bereits zum Teil sehr erheblich gewonnen. Wie jene verdanken sie diese Erfolge dem Wirksamwerden der Solidarität der Arbeit und der sympathischen Stellung der öffentlichen Meinung. So sieht man Vertreter des fortgeschrittensten Arbeiterstandes wie John Burns und Tom Mann an der Spitze der Bewegung; neben diesen radikalen Arbeiterführern finden wir allenthalben Angehörige der oberen Klassen — 459 — beteiligt. So leihen gewöhnlich Geistliche ihre Unterstützung als Schriftführer den jungen Vereinen 1 . Aristokraten und gewesene Minister führen in ihren Versammlungen den Vorsitz. Dadurch eben unterscheidet sich England vom europäischen Festlande wie von Amerika, dafs es dort innerhalb der oberen Schicht der Gesellschaft breite Kreise giebt, die Universitäten, die professionellen Berufe, die Geistlichen, die Aristokratie, welche nicht unmittelbar kapitalistisch interessiert, mit fortschreitender Entwicklung von der Seite des Kapitals auf die der Arbeit übertreten. Neben den Dockarbeitern kommen an Zahl in erster Linie die Eisenbahnarbeiter in Betracht. Die übertrieben lange Arbeitszeit der Eisenbahnarbeiter, von 16, ja zum Teil 17 und 18 Stunden ist wiederholt von der öffentlichen Meinung, wie im Parlament verurteilt worden, bei Gelegenheit von Unfällen, welche lediglich der Überanstrengung der Arbeiter zuzuschreiben waren. Aber das Aufsehen, das einzelne solcher Fälle erregt hatten, hatte Besserung nicht gebracht. Erst mit dem Erfolge der Dockarbeiter, da der Organisationsgedanke weithin die Massen durchzuckte, schien der Weg der Hoffnung sich zu öffnen. „Lafst uns", heifst es in einem Aufrufe jener Tage, „auf unserem Recht in gesetzlicher Weise bestehen und nicht das vom Parlament erwarten, was wir selbst für uns thun könnten und zu thun die Kraft haben sollten". In der That liegt ähnlich wie für die Docker auch für die Eisenbahnarbeiter die Möglichkeit der Machtentfaltung in ihrer Masse. Gelingt es, die Mehrzahl der 400 000 Eisenbahnarbeiter des vereinigten Königreichs zum Zusammenhalten zu bewegen, so würde im Fall eines Kampfes Ersatz aus dem Heere der Unbeschäftigten nicht mehr möglich sein. 1 Beispielsweise der Rev. F. Barclay, der Schriftführer der Tramway- angestellten, Rev. T. Morris, der Gasarbeiter. — 460 — Auch hier gingen die Anfänge der Organisierung von Männern, wie John Burns und H. H. Champion, aus; aber neben ihnen waren Geistliche, Angehörige von Toynbeehall und ähnliche Elemente thätig. Wie aus dem obigen hervorgeht, handelte es sich lediglich um die Massen ungelernter Eisenbahnarbeiter. Die höher bezahlten und verhältnismäfsig gelernten Arbeiter besitzen seit längerer Zeit einen Gewerkverein: die „amalgamierte Genossenschaft der Eisenbahnbediensteten" mit über 10000 Mitgliedern und 80 000 £ Vermögen. Dieser Verein älteren Stiles versieht aufser den eigentlichen Gewerkvereinszwecken Invaliden-, Kranken-, Alters- und Waisenversicherung, zahlt Sterbegelder, übernimmt die gerichtliche Durchführung der Schadenersatzansprüche verunglückter Mitglieder; seine Statuten schreiben in allen Streitigkeiten mit den Arbeitgebern Anerbieten eines Schiedsgerichts vor. Diese Bestimmungen waren den ungelernten Arbeitern „zu aristokratisch". Man warf der amalgamierten Gesellschaft vor, nicht thatkräftig genug die Interessen der Arbeiter zu verteidigen, „für die Mitglieder zu sorgen, wenn sie tot seien, statt durch Verkürzung der Arbeitszeit zu verhindern, dafs sie getötet wurden". So trat neben den älteren Gewerkverein der „Allgemeine Eisenbahnarbeiterverein", welcher geringere Beiträge einzieht, keine Versicherungszwecke kennt und sich lediglich auf das Arbeitsverhältnis bezieht. Seine Thätigkeit fällt in die beiden Seiten auseinander, welche oben wiederholt hervorgehoben wurden: in die Verfolgung der Beschwerden einzelner und die Verbesserung der allgemeinen Arbeitsbedingungen. Als erstes und wichtigstes Ziel hat man eine Arbeitszeit von 60 Stunden die Woche in das Auge gefafst. Der Verein, welcher dem der gelernten Arbeiter keineswegs feindlich gegenüber steht, entwickelte sich rasch. Nach — 461 — vierwöchentlichem Bestehen zählte er bereits 30 000 Mitglieder. Wenn er auch im Gefühl noch mangelnder Kraft bisher von allgemeinen Mafsregeln abgesehen hat, so hat er doch in einzelnen Fällen bereits wertvolle Zugeständnisse, besonders auch hinsichtlich der Sonntagsarbeit, erreicht. Erwähnt sei auch, dafs in Newcastle bereits ein Schiedsgericht zwischen der North-Eastern Kailway und einem Teil ihrer Angestellten stattgehabt hat unter Vorsitz des oben wiederholt erwähnten Dr. Spence Watson (am 10. Januar 1890) — ein Beweis, dafs die Anwendung der für die gelernten Arbeiter entwickelten aMethoden zur Beseitigung von Arbeitsstreitigkeiten auch für die ungelernten nicht unmöglich ist. In einer weit hoffnungsloseren Lage als die Eisenbahnarbeiter befinden sich die Omnibus- und Pferdebahnangestellten. Der Grund hiervon ist der, dafs sie zu ungelernt und nicht zahlreich genug sind, um den Weg der Verbündung mit Erfolg zu beschreiten, aufser mit starker Unterstützung seitens der öffentlichen Meinung. Ihre Arbeitszeit ist erschreckend lang; 17 und 18 Stunden gehören nicht zu den Seltenheiten. Zudem sind sie bei niederen Löhnen zahlreichen Strafbestimmungen unterworfen, wodurch ihnen oft ein bedeutender Teil des verdienten Lohnes vorenthalten wird. Entsprechend ihrer hülflosen Lage findet man bei ihren Organisationsversuchen in noch höherem Mafse als bei den Dock- und Eisenbahnarbeitern Beteiligung von einzelnen Angehörigen der oberen Klassen. Die erste Versammlung, welche September vorigen Jahres zu Memorial Hall von Vs2 Uhr bis 1 .23 Uhr nachts abgehalten wurde, weil die Arbeitszeit der Teilnehmer eine andere Stunde unmöglich machte, leitete Lord Rosebery, der frühere Minister des Auswärtigen. Als Schriftführer des neugebildeten Gewerkvereins hat sich der Rev. F. Barclay grofse Verdienste erworben. Das in jener Versammlung beschlossene Manifest wendet sich in erster Linie gegen die tiberlange Arbeitszeit. Bisher habe man um Beseitigung der Beschwerden gebeten; nun, da dieses erfolglos geblieben sei, wolle man den einzigen Weg beschreiten, der zum Ziele führe, den der Selbsthülfe durch Yerbündung. Man fordere alle Berufsgenossen auf, sich dem stets wachsenden Heer der organisierten Arbeit und damit der Sache der Menschheit anzu- schliefsen. Sodann rufe man die öffentliche Meinung an, den jungen Gewerkverein zu stützen, der ja äufserst bescheidene Forderungen, einen zwölfstündigen Arbeitstag, aufstelle. Die Antwort der Arbeitgeber war zunächst die gewöhnliche, insbesondere ungelernten und verachteten Arbeitern gegenüber. Zwar konnte man der Abordnung, welche von einem Geistlichen geführt war, nicht schlechthin Gehör versagen. Aber der Beitritt zum Vereine wurde wiederholt mit sofortiger Entlassung bestraft. Erst als die öffentliche Meinung sich der Bewegung ernstlich annahm, liefs man sich zu einigen Zugeständnissen herbei: so bewilligten einige Gesellschaften den zwölfstündigen Arbeitstag. Die Schwierigkeit aber, auf dem Wege der Verbündung vorzugehen, legt Meiden Gedanken einer Schutzgesetzgebung besonders nahe. Wirksamer noch dürfte den Londoner Tramwayangestellten durch Municipalisierung der Betriebe geholfen werden, für die sich Lord Kosebery, der Vorsitzende des Londoner Grafschaftsrates, ausgesprochen hat. In Glasgow hat die Stadtbehörde die Pferdebahnen übernommen und zehnstündige Arbeitszeit eingeführt. Bei den im Kleinbetriebe stehenden Arbeitern finden wir, dafs die Anerkennung der Gewerkvereine seitens der Arbeitgeber geringeren Schwierigkeiten begegnet als bei grofsen, mit den Arbeitern völlig aufser Berührung stehenden Aktiengesellschaften. Der Gewerkverein der Kellner wurde von — 463 — den Arbeitgebern ohne weiteres anerkannt. Die vereinigten Bäckermeister verhandelten sofort mit dem neu entstandenen Gewerkverein der Bäcker. Die Schneidermeister des Ostends unterwarfen sich beim ersten Widerstande ihrer Leute freiwillig einem Schiedsgericht. Dagegen ist es schwerer, die zahlreichen einzelnen Meister zum Festhalten des Übereingekommenen zu veranlassen. Man findet daher Yerbündung der Vertragstreuen Meister mit den Arbeitern, ja selbst Beitritt zum Gewerkverein, zum Schutz gegen die Vertragsbrüchigen. Die Beteiligung der oberen Klassen ist dort besonders stark, wo die Lage der Arbeiter am hülflosesten ist. Die Bäcker, welche nicht völlig ungelernt sind und zudem die Möglichkeit eines Boycotts seitens der arbeitenden Klassen hinter sich haben, wurden von John Burns organisiert. Ihr Erfolg war vollständig; eine übermäfsig lange Arbeitszeit haben sie ohne Ausstand, durch Verhandlungen auf den Zwölfstundentag herabgebracht. Anders die Schneider des Londoner Ostends; von Schweifstreibern in erschrecklichem Mafse ausgebeutet, benutzten sie den Dockarbeiterausstand zur Arbeitseinstellung; dieser Versuch wäre zu jeder anderen Zeit undenkbar gewesen, weil nichts so sehr wie das tiefste Elend den Menschen isoliert und von gemeinschaftlichem Handeln fernhält. Für sie trat das Parlamentsmitglied für Whitechapel, Herr Samuel Montagu, ein; seiner Vermittelung zwischen den Parteien war die Einsetzung eines Schiedsgerichtes zu danken, an dem Lord Brassey, Lord Dunraven, der Bischof von Bedford und mehrere Geistliche beteiligt waren. Eine eigentümliche Erscheinung in der That, solche Männer in den Daseinskampf der Elendesten der Elenden eingreifen zu sehen, nur möglich auf Grund jenes Umschwungs der socialpolitischen Anschauungen, den wir in den ersten Teilen unseres Werkes verständlich zu machen versucht haben. — 464 — Jedoch erwies es sich bei den bestehenden Verhältnissen unmöglich, den Schiedsspruch durchzuführen. Die Mittelsleute nämlich, welche den grofsen Bekleidungsgeschäften des Westends und der City liefern, stehen unter einander in schärfster Konkurrenz, die von jenen zu äufserstem Druck auf die Preise benutzt wird. Dementsprechend wird die Arbeit vielfach an Frauen vergeben, welche zu Hause arbeiten und die niedersten Löhne, oft nicht mehr als wenige Pence für den Anzug, erhalten, wodurch jede vertragsmäfsige Regelung der Arbeit durchbrochen wird. Als daher Frühjahr 1890 ein neuer Ausstand im Gange war, machte der Führer der Arbeitgeber, Marc Moses, welcher, wie er sagt, „die Ehre hatte, als ein richtiger Durchschnittsschweifstreiber in der Presse bezeichnet zu werden", den Vorschlag engster Verbündung zwischen den Vereinen der Arbeiter und der Arbeitgeber. In der That kamen beide Seiten überein, nur bei Vereinsmitgliedern mehr zu arbeiten, bezw. nur solche anzustellen; die Arbeitgeber verpflichten sich ferner nur an solche Geschäfte zu liefern, welche die in einer Liste festgesetzten Preise bezahlen und dadurch die Verkürzung der Arbeitszeit ermöglichen. Unter einander aber sollen in Zukunft alle Streitigkeiten durch eine Einigungskammer ausgetragen werden. Wir sehen, wie auch hier alles auf den Grofsbetrieb hindrängt, indem diese Übereinkunft Kampf gegen die kleinen und illoyalen Konkurrenten bedeutet. Ähnliches bezweckte auch der Ausstand der Londoner Schuhmacher, der stattfand, um die Errichtung von Werkstätten und das Verbot von gewerblicher Arbeit in den Wohnräumen zu erzwingen. Von besonderem Interesse sind die Versuche, die weibliche Arbeit zu organisieren, welche ebenfalls mit der Bewegung des Jahres 1889 zusammenhängen. Zwar bestand bereits seit 1874 die „Womens I'rovident League", welche Bildung von Gewerkvereinen mit Versicherungszwecken verfolgte. Diese Bewegung blieb jedoch auf enge Kreise beschränkt, hauptsächlich wegen der Gleichgültigkeit, fast Feindschaft der älteren Gewerkvereine. Wenn diese letzteren bereits fürchteten, dafs die ungelernten Arbeiter nur auf Kosten der gelernten ihre Lage verbessern könnten, so waren sie noch ablehnender gegen die Frauenarbeit. Es ist von jeher das Bestreben der englischen Arbeiter und damit auch ihrer Organisationen gewesen, die Frauen aus der Erwerbsarbeit auszuschliefsen, weil die Frau ins Haus gehöre. Wenn ihre Konkurrenz gegen die männliche Arbeit aufhöre, werde der Lohn der Männer auch so hoch steigen, dafs die Mitarbeit der Frau zur Ernährung der Familie nicht mehr notwendig sei. Allein nur in der Bergwerksindustrie wurde dies Ziel erreicht, indem der Staat die Beschäftigung von Frauen verbot. In andern Gewerben war der Ausschlufs der Frauen von der Erwerbsarbeit aber nicht zu erlangen. Da kam man auf den Gedanken, die Frauen, deren Arbeit man nicht verhindern könne, zu organisieren, um ihre Arbeitsbedingungen möglichst auf die Stufe derjenigen der Männer zu heben. Dadurch würde einmal der Anreiz, Frauen statt Männer zu beschäftigen, wegfallen, unter allen Umständen aber die Herabdrückung der Arbeitsbedingungen der Männer durch die Konkurrenz der Frauen verhindert werden. Daher denn der Beschlufs des Gewerkvereinskongresses zu Dundee (1889), welcher Organisation der weiblichen Arbeit und ihre Unterstützung durch die bestehenden Gewerkvereine fordert. Auch die andere Seite der neuen Bewegung, Beteiligung von Angehörigen der oberen Klassen, zeigt sich ganz besonders bei den Organisierungsversuchen der Frauen. In erster Linie ist hier Lady Dilke zu nennen. Als der Kongrefs zu Dundee safs, veranstaltete sie daselbst Versammlungen mit dem Zweck, v. Schulze-Ga evernitz, Zum soc. Frieden. II. 30 — 466 — die in den dortigen Spinnereien beschäftigten Mädchen zu. einem Gewerkverein zusammenzuschliefsen. Bei diesen Versuchen trat auch jene weitere Eigentümlichkeit der neuen Bewegung hervor, dafs sie mehr als die der älteren Gewerkvereine sociale Beweggründe bei den Teilnehmern anruft. Nicht dadurch allein wufste Lady Düke ihre Zuhörerinnen zu gewinnen, dafs sie ihnen die persönlichen Vorteile der Verbündung auseinander setzte; sie entflammte sie durch Hinweis auf die Organisation als das Mittel zur einstigen Befreiung der unzähligen Arbeiterheere der Welt. Den Bestrebungen der Lady Dilke zeigten zahlreiche Mitglieder des Kongresses der Gewerkvereine, und zwar nicht nur der konservativen Mehrheit, sondern ebenso auch des fortschrittlichen Flügels, durch Erscheinen ihre Teilnahme 1 . Von Dundee setzte Lady Dilke ihren Feldzug durch Schottland fort, Versammlungen von oft mehreren Tausenden abhaltend, Hunderte von Arbeiterinnen den Organisationen zufügend und überall von den bestehenden Gewerkvereinen der gelernten Arbeiter auf das wärmste unterstützt. Seitdem hat sie auf Einladen zahlreicher örtlicher Gewerkschaftsräte (trades- councils), z. B. derer von Newcastle, Harwick, Glasgow, Ips- wich u. s. w. einen neuen Feldzug durch England und Schottland unternommen. In Zusammenhang mit den Bestrebungen der Lady Dilke steht die bisher wenig bekannte Women's Provident Society. In London .beabsichtigt die Gesellschaft eine Art weiblicher Arbeitsbörse zum Zweck der Stellenvermittlung zu errichten, ein Unternehmen, an dessen Spitze sich Lord und Lady Brassey gestellt haben. Zur selben Zeit aber ist in London eine ähnliche Gesellschaft in das Leben getreten, die „Womens Trades Association", 1 Yergl. Lady Dilke, New Review, Januar und Mai 1890. — 467 — welche die hauptstädtischen Arbeiterinnen organisiert. Der Gruntl dieser Trennung, welche übrigens freundlichem Zusammenarbeiten 1 nicht im Wege steht, scheint der zu sein, dafs die londoner Arbeiterinnen ähnlich wie die ungelernten Arbeiter Gewerkvereinszwecke mit Versicherungszwecken zu verbinden abgeneigt oder dazu nicht vermögend sind. Die Londoner Bewegung „steht auf vollständigem, fortschrittlichen Gewerk- vereinsboden; sie macht Anspruch auf die Hülfe jedes Mannes und jeder Frau jeder Klasse". In der Tliat ist die Lage der Mehrzahl der Londoner, insbesondere der Ost-Londoner Arbeiterinnen neben der der Dockarbeiter einer der dunkelsten Punkte des englischen Volkslebens. Unter ihnen fallen die in den Bekleidungsgeweihen beschäftigten Klassen ihrer Zahl nach besonders in das Gewicht, obgleich neben ihnen zahlreiche andere stehen, z. B. die Arbeiterinnen der Cigarren- oder Zündholzfabrikation, Seilerei u. s. w. Die drei Umstände kommen bei ihnen zusammen, von denen jeder einzelne bereits die Arbeit zu drücken pflegt: eine verhältnismäfsig ungelernte Arbeit, handwerksmäfsiger Betrieb, eine launische und an die Jahreszeit gebundene Mode. Die hieraus entspringende Wehrlosig- keit der Arbeit macht sich der Mittelsmann zu Nutze, welcher sich durch Accordarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeiter einschiebt. Die Folgen sind die solchen Verhältnissen allemal eigentümlichen. Der Durchschnittsverdienst einer Frau in London ist 2 d. die Stunde; in sehr vielen Fällen übersteigt er nicht 1 d. Zudem herrscht keine Gleichförmigkeit in den Löhnen; hier wird 50°/o mehr gezahlt als für dieselbe 1 So trafen sich z. B. hei einer geselligen Unterhaltung, welche Toynbee-Hall dem Gewerkverein der Ost-Londoner Schneiderinnen am 11. Dezember 1889 gab, Führerinnen beider Bewegungen zu freundschaftlichem Meinungsaustausch. 30* — 468 — Arbeit eine Strafse weiter, der beste Beweis, dafs die Arbei- beitsbedingungen einseitig und willkürlich bestimmt werden, indem allgemein wirtschaftliche Verhältnisse die Zahlung des höheren Lohnes nicht verhindern. Die Arbeitszeit ist aufser- gewöhnlich lang; zudem wird häufig verlangt, dafs die Arbeiterinnen die angefangene Arbeit am Abend mit nach Hause nehmen und dort vollenden. Zugleich herrscht in einzelnen Zweigen gröfste Unregelmäfsigkeit der Arbeit; um das Bisico, welches vom Wetter und ähnlichem abhängt, möglichst zu vermindern, wird in den Damenbekleidungswerkstätten, welche meist für die Kaufleute des Westens arbeiten, erst mit eintretender Nachfrage die Arbeit begonnen, die dann achtzehn- bis zwanzigstündig ist; sobald die Saison vorüber ist, wird die Mehrzahl der Arbeiterinnen entlassen, die während des Winters von der Strafse leben oder das Arbeitshaus aufsuchen 1 . Mrs. A. Besant ging hier voran; ihr gelang es zunächst die Arbeiterinnen in der Zündholzfabrikation zu organisieren und ihre Arbeitszeit zu verkürzen. Der Ausstand bei Bryant and May war das erste Zeichen einer Bewegung in der Welt der weiblichen Arbeit. Aber ein wirksamer Anstofs, der sich in weiten Kreisen fühlbar machte, ging erst von dem Dock- 1 Mr. Lakeman's Report lipon the social condition of Factory and Workshop female operatives in the Central Metropolitan District in 1887. Beispielsweise herrscht vielfach die Gewohnheit, von den geübteren Arbeiterinnen bei Beginn der Saison Muster anfertigen zu lassen, welche in den Geschäften ausgestellt werden. Gefällt das Muster und kommen Aufträge, so läfst der Unternehmer ein oder zwei Grofs Mäntel von der Näherin zu dem von ihr angegebenen Preise anfertigen, „wenn er ein ehrlicher Mann ist". Ist er unehrlich, so giebt er die Arbeit, nachdem er das Muster hat, einer Arbeiterin, die noch weniger nimmt. Oft soll nicht mehr als 1 sh. 6 d. für die Herstellung eines Mantels bezahlt werden. Diejenige, welche den Auftrag erhalten hat, rnufs nun ihrerseits Arbeiterinnen anstellen, welche, da sie selbst von dem Verdienst kaum anständig leben kann, sich mit wahren Hungerlöhnen zu begnügen haben. arbeiterausstande aus. Seine Führer stehen der Womens Trades Association nahe, welche aber keineswegs auf Arbeiterkreise beschränkt ist. Vielmehr findet man auch hier jenes merkwürdige Zusammenwirken aller Stände. So führte in der ersten grofsen Versammlung von Arbeiterinnen, welche im Ostend abgehalten wurde, der Bischof von Bedford den Vorsitz; in der Eröffnungsrede wies er darauf hin, dafs es nicht Wohlthätigkeit sei, was not thue, sondern Gerechtigkeit; diese aber könnten die Arbeiterinnen allein durch Verbündung sich verschaffen. Neben ihm war John Burns der Hauptredner. Der Grund seiner Anwesenheit sei das Gefühl dessen, was er seiner Mutter verdanke, welche gehungert habe, um ihre Kinder aufzuziehen. Ihr verdanke er, dafs er sich der Mäfsigkeitsbewegung angeschlossen habe, dafs er Bildung sich habe aneignen können, ihr aber auch, dafs er den Kampf gegen die „vermeidbare Armut" sich zur Lebensaufgabe gemacht habe, in welcher Eigenschaft er bereits bei fünfzehn Gewerkvereinsbildungen beteiligt gewesen sei. Aber der Organisierung der Londoner Frauenarbeit sei an Wichtigkeit höchstens die der Dockarbeiter gleich. Merkwürdiges Schauspiel, denjenigen Arbeiterführer, welcher der Mehrheit der gelernten Arbeiter zu radikal ist, in friedlicher Zusammenarbeit mit einem Bischof der Staatskirche, Geistlichen und Damen der ersten Gesellschaftskreise, die Besserung des Loses der Londoner Arbeiterinnen in die Hand nehmen zu sehen. Das Gegenstück war eine in Picadilly ebenfalls von der Womens Trades Association zusammenberufene Versammlung, welche die Damen des Westends mit der Bewegung bekannt machen sollte. Lord Dunraven führte den Vorsitz, nach ihm sprach der Bischof von Bedford, sodann Mrs. Briant, die Schriftführerin des Vereins der Cigarrenarbeiterinnen. Am — 470 - Schlufs redete Ben Tillet, der Führer der Dockarbeiter und eine der bekanntesten Figuren des Ausstandes. Das Ergebnis der Versammlung war eine Zeichnung in der Höhe von 40 000 zu Gunsten der Womens Trades Association und ihrer Propaganda. Sobald die Gewerkvereine in Gang gesetzt sind, stehen sie dagegen auf eigenen Füssen. Mrs. Briant hat im Nine- teenth Century (1889) die Schwierigkeiten, aber auch die Erfolge dieser Organisierungsversuche beschrieben. In Nottingham giebt es heute nur noch eine Cigarrenfabrik, welche Nicht- gewerkvereinslöhne zahlt und Nichtgewerkvereinsinitglieder beschäftigt. Es sei mir nunmehr gestattet, statt eines Rückblicks auf das Gesagte einen Brief abzudrucken, in dem Professor Brentano über die auf einer Studienreise nach England im März 1890 erhaltenen Eindrücke berichtet hat. Der Unterschied zwischen den älteren und jüngeren Gewerkvereinen und die Zukunft beider wird darin erörtert. Professor Brentano schreibt: „Aufser der neuesten Entwicklung des Schieds- und Einigungswesens war es mein Ziel, die Organisationen der ungelernten Arbeiter kennen zu lernen. „Die bisherige Organisation der englischen Gewerkvereine war im wesentlichen eine Organisation nur der gelernten Arbeiter gewesen. Auch haben die Arbeiter der gelernten Gewerbe eine weit gröfsere Leichtigkeit sich zu organisieren. Durch die Ansprüche, welche an ihre erworbene Geschicklichkeit gestellt werden, ist naturgemäfs die unbegrenzte Konkurrenz anderer Arbeiter ausgeschlossen, während die Ab- schliefsung nach unten, wie sie für eine starke Gewerkvereins- organisation unentbehrlich ist, den ungelernten Arbeitern ungemein schwer wird. Eben diese bisherige Begrenzung der Gewerkvereinsphäre auf die gelernten Arbeiter war der Vorwurf, den die aprioristischen Theoretiker gegen diese Organisationen zur Hebung der Arbeiter erhoben hatten. Dies auch war der Hacken, an dem die praktischen Feinde derselben, die officiösen Staatssocialisten und die Socialdemokraten stets angeknüpft hatten. „Da war seit Jahren unter dem Einflüsse der Ausbreitung socialdemokratischer Lehrmeinungen, •— nicht unter den Arbeitern, sondern den Gebildeten Englands, — eine Bewegung unter den ungelernten Arbeitern Londons entstanden. In grofsen Demonstrationen und lauten Massenversammlungen hatte sich dieselbe bemerklich gemacht, und mit begreiflicher Schadenfreude pflegte unsere officiöse Presse über jede dieser Demonstrationen zu berichten. Die Entwicklung schien danach den officiösen Staatssocialisten und den Socialdemokraten Recht zu geben, die da behaupteten, dafs es mit den Gewerk- vereinsorganisationen nichts sei. „Dies schien um so mehr der Fall zu sein, als eine Gefährdung der alten Gewerkvereinsorganisationen unter dem Einflüsse der seit 1873 anhaltenden Depression zu Tage trat. Die Unterstützung der Arbeitslosen hatte in manchen Jahren mehr als die Jahreseinnahme der Vereine betragen. Der Bankerott der Gewerkvereine schien vor der Thüre zu stehen. „Da trat eine Wandlung im vorigen Jahre ein. Handel und Industrie erlebten einen neuen Aufschwung. Die Kassen der alten Gewerkvereine fanden wieder vollen Ersatz für das in den vorausgegangenen Jahren Verlorene. Plötzlich hörte man, die Dockarbeiter, die letzten unter den Mühseligen und Beladenen Londons, hätten die Arbeit eingestellt. Nach aller Voraussetzung mufste der Strike scheitern. Allein das Gegenteil trat ein: die Docker erfochten den Sieg. „Die Zeitungen meldeten nun eine rapide Mehrung der Organisationen der ungelernten Arbeiter. Gleichzeitig aber verlautete auch von neuen Grundlagen derselben. Nicht nur feindlich gegen die alten G e werk verein e, sondern bewufst socialderaokratischer Tendenz sollten sie sein. Ein Umschwung in der Arbeiterbewegung Englands wurde vorausgesagt. Sie nähere sich nunmehr dem kontinentalen Muster. Unter Zusammenbruch der Gewerkvereinsorganisation gehöre in England die Zukunft dem revolutionären Socialismus. „Wenn dies wahr wäre, so wäre es von fundamentaler Bedeutung nicht nur für England, sondern für die Entwicklung der Arbeiterfrage der ganzen Welt. Das öffentliche Recht in England giebt nämlich den Arbeitern die Möglichkeit , ihren Willen spielend durchzusetzen, sobald sie die Majorität haben. Würden die englischen Arbeiter revolutionäre Socialisten, so müfste also eine von zwei Möglichkeiten eintreten: entweder der Umsturz der englischen Verfassung oder ein grofsartiger Versuch in socialdemokratischer Richtung. Jede der beiden Möglichkeiten wäre von nicht zu berechnender Rückwirkung auf die gesamte civilisierte Welt. „Ich fühlte also das brennendste Interesse, die Organisationen der ungelernten Arbeiter kennen zu lernen, den Geist, der sie beseele, und ihre Pläne, um so ein Bild von Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. „Was ist nun das Ergebnis meiner Eindrücke und Studien ? „Seit 18 Jahren ist eine grofse Wandlung in England eingetreten. Sie besteht in Dreifachem: „1. Die Gewerkvereine der gelernten Arbeiter, noch vor 20 Jahren verpönt und um ihre Existenz ringend, sind von den herrschenden Klassen als regelmäfsiges Glied der bestehenden Gesellschaftsorganisation recipiert worden. Sie gelten als Säule derselben. Ihre Mitglieder gelten als „re- — 473 — speetable"; ihre Führer sind „fashionable" geworden. Einen von ihnen hat man s. Z. zunr Unterstaatssekretär gemacht; eine gröfsere Anzahl derselben sind Mitglieder des Parlaments; in Manchester hat die Regierung zwei Gewerkvereins- sekretäre zu Magistratspersonen ernannt. In allen die Arbeiter eines Gewerbes betreffenden Angelegenheiten gelten ferner die Gewerkvereine als d i e Organisationen des betreffenden Gewerbes und ihre Führer als die legitimen Vertreter derselben. Diese Auffassung herrscht heute allgemein, bei Whig und Tory, bei Ministern und Arbeitgebern. Sehr bezeichnend war mir in dieser Beziehung eine Äufserung des Herrn Jenkins, des äufserst klugen Direktors der Consett Works. „Ich habe 30 Jahre lang mit der äufsersten Erbitterung für das patriarchalische System und gegen die Gewerkvereine gekämpft, und glaubte, dafs es unmöglich sei, bei Anerkennung derselben einen grofsen Betrieb zu führen. Ich sehe jetzt ein, dafs ich im Irrtum war. Nie ist es uns so gut gegangen, als seitdem wir uns entschlossen haben, mit dem Gewerkverein als dem Vertreter unserer Arbeiter unsere Arbeiterangelegenheiten zu ordnen". Damit hängt ferner zusammen, dafs die Behörden die Arbeitsbedingungen in bezug auf Arbeitslohn und Arbeitszeit, auf welchen die Gewerkvereine als auf den Arbeitsbedingungen ihres Gewerbes bestehen, den von ihnen abgeschlossenen Kontrakten zu Grund zu legen beginnen 1 . 1 Anmerkung des Dr. von Sckulze-Gaevernitz: So nehmen öffentliche Behörden heute nicht selten in die von ihnen vergebenen Lieferungsverträge die Bedingung auf, dafs der Unternehmer die anerkannten Ge- vverkvereinslöhne zahlen müsse. Auch die Achtsstundenklausel findet sich bereits in nicht wenigen derartigen Yerträgen, vornehmlich solchen der Schulbehörden, welche bedeutende Arbeitgeber sind. Insbesondere aber ist der Grafschaftsrat von London vorgegangen; er vergiebt keine Arbeit ohne die Bedingung der Gewerkvereinslöhne und führt für die von ihm unmittelbar oder mittelbar beschäftigten Arbeiter mehr und mehr den Achtstunden- — 474 — „Auf der anderen Seite hat diese Anerkennung auf die Gewerkvereine eine psychologisch begreifliche Rückwirkung- geübt. Die so lange Geschmähten und Verfolgten geniefsen offenbar mit Behagen die ihnen gewordene öffentliche Gunst und deren Vorteile. Sie sind äufserst vorsichtig, sie nicht wieder zu verscherzen, und dies zusammen mit ihren gleich zu erwähnenden wirtschaftlichen Interessen macht sie mehr als je zu den erbittertsten Gegnern einer socialen Revolution. „Die zweite grosse Wandlung, die eingetreten ist, habe ich schon erwähnt: Die Entstehung von socialdemokratischen Sekten, nicht unter den Arbeitern, sondern den Gebildeten. Es wimmelt unter den Angehörigen der höheren Klassen von begeisterten und sich selbst hingebenden Männern, die sich Social- demokraten nennen und es mehr oder weniger auch wirklich sind. Dabei welche Fülle von Nuancen, William Morris, Cunninghame Graham, Hyndman, Champion, die Fabier, die Socialdemokraten unter der Geistlichkeit! Und jeder von ihnen, der da erzählt, dafs seine Anschauung im Wachsen sei, und dafs ihr die Zukunft gehöre, während er die Anhänger der Übrigen für minimal an Zahl und Bedeutung hält. Ich habe dies successive von jedem unter ihnen, den ich kennen gelernt habe, gehört, und in den gedruckten Äusserungen eines jeden gelesen. Nicht als ob dieselben in bewufster Unwahrhaftigkeit hätten renommieren wollen. Sie waren alle optima fide. Aber alle Menschen, die sich so für eine Idee aufopfern, sind notwendig Optimisten, und täuschten sie sich nicht über ihren Erfolg und ihre tag ein. Für beides hat sich auch die Vertretung der liberalen und radikalen Vereine Londons, d. h. die offizielle Parteileitung des Londoner Liberalismus ausgesprochen, und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch die staatlichen Behörden nachgehen und der Staat damit die Gewerkvereinslöhne für die gewaltige Zahl der in seinem Dienste befindlichen Arbeiter als Normallöhne und den Achtstundentag als Normalarbeitstag anerkennt. — 475 — Zukunft, so würden sie überhaupt nicht wirken können. Allein oft dachte ich, wenn ich den einen oder anderen nach jeder Hinsicht hochgebildeten Mann mitunter mit bestrickender Liebenswürdigkeit diese Beteuerungen äufsern hörte, wie mag es denen ergehen, die ohne genauere Kenntnis der Interessen und der Arbeitsbedingungen der wirklichen Arbeiter und ihrer in diesen wurzelnden Anschauungen lediglich auf Grund solcher Äufserungen Gegenwart und Zukunft der Socialdemokratie in England beurteilen! „Die dritte neue Thatsache ist die Organisation der ungelernten Arbeiter. Die alten Gewerkvereine hatten dieselben nicht nur vernachlässigt, sondern manche ihrer Mafs- regeln hatten sie bedrückt. Nicht nur dai's sie bei einem Arbeitsstillstand keine Rücksicht auf die dadurch brodlos gewordenen Ungelernten genommen hatten, eine Reihe der Bestimmungen, an denen sie notwendig festhalten, wie die Lehrlingsbeschränkungen, werden von den Ungelernten als Beeinträchtigung ihrer Interessen empfunden. Da war nun die revolutionäre Socialdemokratie, welche seit Jahrzehnten bei den Gewerkvereinen einzudringen versucht hatte. Nachdem sich dies als vergeblich erwiesen hatte, suchte sie unter den heftigsten Schmähungen auf die „kleinen Bourgeois" den Fehler, den die alten Gewerkvereine mit ihrer Vernachlässigung der Ungelernten begangen hatten, gegen sie auszunützen. Allein diese Socialrevolutionäre hatten selbst nichts mit den Ungelernten anzufangen gewufst, als in grofsen Aufzügen durch die Strafsen zu ziehen und in Versammlungen unter freiem Himmel die Besitzenden durch wilde Reden zu erschrecken. Da, im vorigen Jahr, fingen die ungelernten Arbeiter an, sich zu organisieren und zwar auf Gewerkvereinsbasis. Die Bewegung dazu ging von ihnen selbst aus. Zuerst waren es die Gasarbeiter, welche sich organisierten und einen Sieg erfochten; dann kamen die Docker. Ihr Strike gelang gegen alle Regeln der Kunst, infolge einer vorzüglichen Organisation durch Champion, den Moltke des Dockstrikes, infolge der gleichzeitig hinreifsenden und besonnenen Beredsamkeit des John Bums und der grofsartigen Geldmittel, welche die höheren Klassen in einem fast vulkanischen Ausbruch von Sympathie den Ausstehenden zur Verfügung stellten. War während dieses Strikes die üble Laune charakteristisch, mit der die socialistische Liga das Entgegenkommen der Besitzenden und die neutrale Haltung der Behörden begleitete, so nicht minder der jämmerliche Doktrinarismus, mit dem Engels seine Geschichtsschablone tot hetzend, auch diese grofsartigen Sympathieäufserungen der Besitzenden auf gewisse kapitalistische Spekulationen zurückführen wollte: denn die Menge derjenigen, die da beisteuerten, stand unzweifelhaft allen solchen Erwägungen fern. Es war vielmehr die vierte Augustnacht 1789 der ungelernten Arbeiter, und gleich dieser von unberechenbarer Tragweite. „Die Folge des Sieges der Docker war nämlich, dafs die Gewerkvereinsorganisationen der ungelernten Arbeiter wie Pilze über Nacht emporschössen. Als ich am 15. März nach England kam, überreichte mir Ludlow, der Chief Registrar, eine Liste der Gewerkvereine, die er seit 1876 registriert hatte. In keinem Jahre waren so viele um die Registrierung eingekommen wie 1889, nämlich 45, fast das Doppelte der vorhergegangenen Jahre. Im Jahre 1890 waren bis zum 15. März bereits 18 registriert, und als ich gegen Ende März aus dem Norden zurückkam, war die Zahl bereits auf 46 gestiegen. Dies waren alles Vereine von ungelernten Arbeitern, und nicht wenige umfafsten bisher unerhörte Mitgliederzahlen 100.000, 180000 u. dergl. „Alle diese Organisationen unterscheiden sich einstweilen von den alten Gewerkvereinen durch ihren bewufst aggressiven Charakter. Derselbe äufsert sich: — 477 - „Einmal in der Abwesenheit von Versicherung gegen Krankheit, Unfall und Alter. (Die einzige mit den neuen Gewerkvereinen verknüpfte Unterstützung ist die Begräbnisunterstützung.) Was bei uns durch die Gesetzgebung der letzten 8 Jahre durchgeführt worden ist, hier ist es das Postulat der ungelernten Arbeiter, allerdings aus entgegengesetzten Motiven. In der That habe ich eine sehr gemischte Empfindung des Triumphes gehabt, als ich an meine Stellung zur deutschen Arbeiterversicherungsgesetzgebung bei deren Beginn zurückdachte, und dem zwischen den alten und neuen Gewerkvereinen bestehenden Streit über diese Versicherung nahe trat. Ich hatte damals ausgeführt: lafst den Gewerkvereinen die Kranken- und Altersversicherung, denn diese macht sie zwar stark, aber gleichzeitig konservativ. Man wollte aber keine starken Gewerkvereine und glaubte nicht an die konservative Wirkung der von mir befürworteten Verbindung. Heute ist aber diese Wirkung so sehr eingetreten, dass sie eben den alten Gewerkvereinen von den neuen zum Vorwurf gemacht wird. Und in der That findet man in jedem Gespräch mit einem Gewerkvereinssekretär der gelernten Gewerbe, wie die Rücksicht auf die Verpflichtungen als Unterstützungskasse, namentlich auf das für die Altersunterstützung angesammelte Vermögen sie zu der äufsersten Vorsicht in eigentlichen Gewerkvereinsfragen bestimmt. Hat die Gesellschaft von dieser konservativen Bedächtigkeit einen Vorteil, so hat der Gewerkverein andererseits den Gewinn, dafs die Verbindung mit den genannten Unterstützungen die Leute, die, wenn die Aufregung des Ausstandes vorüber ist, leicht vom Verein abfallen, bei der Fahne hält, und dafs das grofse während des Friedens angesammelte Vermögen ihnen eine ganz andere Wucht giebt, wenn es einmal zum Ausstand kommt. „Der aggressive Charakter der neuen Gewerkvereine äufsert sich zweitens in ihrem rücksichtslosen Draufgehen hei jeder Gelegenheit. Es ist gar kein Zweifel, dafs in nicht langer Zeit hier eine Reaktion eintreten mufs. Diese Politik kann nur während einer Zeit des Aufschwungs andauern. Bei eintretender Ebbe wird die Kur von selbst Platz greifen. Da die Beiträge, die von den Ungelernten erhoben werden können, nur sehr geringfügig sind, wird dann doppelte Vorsicht notwendig. Dafs eine Unterstützung seitens des Publikums, wie sie den Dockers zu Teil geworden ist, nur einmal in einem Jahrhundert vorkommt, hat mir Burns selbst zugegeben. Bleibt sie aus, so sind grofse Fonds nötig, um den Erfolg zu sichern. „Die Organisationen der ungelernten Arbeiter werden daher trotz allen jetzigen Geschreis als aggressive Gewerk- vereine keinen Bestand haben. Die ihnen drohende Gefahr ist eine doppelte: 1. Sie verlieren in ruhigen Zeiten ihre Mitglieder wegen fehlender Attraction. 2. Sie haben nicht die Mittel zum häufigen Strike. Sie können daher, wenn der Strike erfolgreich sein soll, sogar noch seltener als die gelernten Gewerkvereine striken. Und auch die von Burns und Williams geplante neue „Föderation der Arbeit", wonach alle Vereine ungelernter Arbeiter in einem Verband geeint werden sollen, um einheitlich geleitet sich gegenseitig mit ihren Mitteln auszuhelfen, wird daran nichts ändern. Denn wachsen damit die Mittel, so wachsen auch damit die Aufgaben, und die in der Arbeiterwelt chronische Eifersucht verhindert, die konzentrierten Mittel auf nur eine unter ihnen zu verwenden. Bis dieses von den Arbeitern selbst erkannt wird, wird es aber noch vieler bitterer Erfahrungen bedürfen. Denn bei den Gewerkvereinen der ungelernten Arbeiter beruht infolge der geringen Verluste, die, bei der Abwesenheit aller sonstigen — 479 — Unterstützungsansprüche der Ausschlufs aus dem Vereine dem Ausgestofsenen verursacht, wie die Erfahrung hei den Bergleuten, z. B. auch hei denen von Northumberland, zeigt, die Autorität der Führer wesentlich auf deren Persönlichkeit und ist daher weit prekärer als bei den gelernten Gewerkvereinen. Immerhin aber mufs diese Erkenntnis geweckt werden, wenn die neuen Gewerkvereine bestehen sollen, denn die neuen Gewerkvereine werden sein wie die alten, oder sie werden überhaupt nicht sein. „Dies beginnen denn die Führer der neuen Bewegung selbst schon einzusehen, und in einem Punkte sehen sie sich schon jetzt genötigt, den Bahnen der alten Gewerkvereine zu folgen. Es ist dies gerade der durch die Ungelernten an- gefochtenste Punkt ihrer Politik, ihre Exclusivität. Ich möchte hier einfach meine diesbezügliche Erörterung mit Bums, dem klugen, energischen und persönlich äufserst sympathischen Führer der neuen Bewegung, wiedergeben. „Ich: Ich begreife vollständig, wie Sie die ungelernten Arbeiter bei steigendem Markte organisieren und bessere Arbeitsbedingungen für sie erlangen können. Ich verstehe aber nicht, wie sie diese verbesserten Bedingungen bei sinkendem Markte zu halten vermögen. Bei den gelernten Arbeitern ist dies anders. Ein gelernter Maschinenbauer kann nicht aus dem Boden gestampft werden. Bei sinkendem Markte zieht der Gewerkverein der Maschinenbauer einen Teil des Arbeitsangebots vom Markte zurück, unterhält die Arbeitslosen und verhütet so, dafs der errungene Vorteil wieder verloren gehe. Wenn die Organisationen der ungelernten Arbeiter das Gleiche versuchten, wären für einen Zurückgezogenen zehn andere da, um an dessen Stelle zu treten. Ich verstehe überhaupt nicht, wie Sie bei sinkendem Markte die natürliche Beschränkung im Arbeitsangebot, welche bei den gelernten Arbeitern in der notwendigen Kunstfertigkeit liegt, ersetzen wollen. „Burns: Ich denke mir das so. Wir nehmen nicht mehr ungelernte Arbeiter in einen Gewerkverein auf, als in der betreifenden Beschäftigung ihre Nahrung finden können, und erkämpfen unter dem Drucke der öffentlichen Meinung von den Arbeitgebern, dafs sie keinen Arbeiter aufser einem Ge- werkvereinler beschäftigen. Schon jetzt haben wir beim Verein der londoner Dockers eine Ziffer in Aussicht genommen, bei deren Erreichung wir den Eintritt weiterer versagen. „Ich: Dann dürfen Sie aber nicht über die Exclusivität der alten Gewerkvereine klagen. Denn dies geht weiter als alles, was diese gethan haben und thun. Das ist dieselbe Politik wie die der deutschen Zünfte im 17. Jahrhundert, als sie bei abnehmender Absatzgelegenheit sich in geschlossene Zünfte verwandelten. Was gedenken Sie mit den draussen Bleibenden zu machen? „Burns: Ich gebe das erstere zu. Allein wir suchen den Punkt des Schliefsens hinauszuschieben durch Kürzung des Arbeitstags und Einführung doppelter Schichten. Für die dann draufsen Bleibenden verlangen wir Beschäftigung durch die Municipalität. „Ich: Das erstere dieser Mittel ist gleichfalls alte Ge- werkvereinspolitik. Das zweite kann ich mir praktisch nicht vorstellen. „Nun erfolgte eine Ausführung, die auf das hinauskam, was die Fabier in ihren Essays on Soeialism über die allmähliche Municipalisierung der Betriebe mittelst der aus der Besteuerung der Werterhöhung städtischer Grundstücke gewonnenen Mittel ausgeführt haben. Da nahm unsere Erörterung für diesmal ein Ende; ich hatte den Eindruck, dafs — 481 — es Burns nicht angenehm sein würde, sie weiter fortzuführen, und für mich wurde sie uninteressant, da sie in Zukunftsmusik auszuklingen begonnen hatte. Denn kein Zweifel, dafs noch manche Betriebszweige ohne Schädigung der Produktion municipalisiert oder verstaatlicht werden können; kein Zweifel aber auch, dafs es sehr viele Betriebe giebt, bei denen dies niemals der Fall sein kann. „Es entsteht nun die Frage: wenn das Programm der neuen Gewerkvereinsbewegung an seiner Undurchführbarkeit an diesem Punkte scheitert, ist dann eine sociale Revolution zu erwarten? „Hier ist der Punkt, wo die Stellung der ungelernten Arbeiter zur socialrevolutionären Partei, sowie die Haltung der alten Gewerkvereine und der Gebildeten zu diesen Problemen eine erhöhte Bedeutung erlangen. „Ich habe oben wiederholt betont, dafs während der letzten 18 Jahre die socialdemokratischen Lehren in England Wurzel * gefafst hätten unter den Gebildeten, aber nicht unter den Arbeitern. Dies trat mir nicht nur aus deren Kreisen selbst entgegen, sondern wurde mir auch von Harrison betont, der, wenn auch ein Gegner des Socialismus, doch der Schriftsteller ist, der zuerst seine mächtige Feder in den Dienst der neuen Gewerkvereinsbewegung gestellt hat. Ja selbst Geistliche im Ostend von London, die sich selbst Socialdemokraten nennen, gaben zu, dafs es Socialdemokraten unter den Arbeitern nur spärlich, im Osten von London und in Newcastle, gebe, und dasselbe bestätigte mir ehrlich und offen auch H. H. Champion, der, wenn er auch die Verstaatlichung aller Produktionsmittel zurückweist, sich doch sonst als gläubigen Marxisten bekennt. Ja er erklärte mir, dafs selbst Tom Mann, der radikale Präsident des Vereins der Docker, trotz alles Socialismus durch und durch in Gewerkvereinsideen lebe; und was die Masse v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 31 — 482 — der Arbeiter angehe, so verfolgte sie gleich den Gewerkverein- lern stets nur den nächsten erreichbaren Vorteil. „Die alten Gewerkvereine aber sind aufs äufserste gegen das von Burns entwickelte radikale Programm. Es ist dies ein Punkt, wo sie sich noch heute zu den heftigsten Ausfällen versteigen. So sagte mir eine der mafsgebendsten Persönlichkeiten unter den Führern der gelernten Arbeiter in Manchester: Wir sind aufs heftigste gegen diese übertriebenen Municipali- sierungs- und Verstaatlichungspläne. Wir sind für privates Sondereigentum. Unsere Vereine haben sehr grofses Eigentum ; ebenso haben unsere Mitglieder aus den Löhnen, die ihnen unsere Vereine verschafft haben, mittelst der Baugenossenschaften Häuser und mittelst der Aktiengesellschaften und Kooperativvereine Aktien von Fabriken erworben. Weder unsere Vereine noch unsere Mitglieder wollen dies aufgeben, und wir sind bereit, für die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung mit den Waffen in der Hand zu kämpfen, wenn jene (und hier kam eine wenig höfliche Bezeichnung) sie angreifen sollten. — Nebenbei bemerkt, gewifs eine wohl zu beachtende Thatsache, dafs diese Gewerkvereine, die noch vor vierzig Jahren mit Vitriol und Mord kämpften und als die gröfste Gefahr für Staats- und Gesellschaftsordnung betrachtet wurden, heute eine mächtige Schutzwehr des Bestehenden geworden sind! „Andererseits beginnen die alten Gewerkvereine zu erkennen, dafs es ihre Schuld ist, wenn die ungelernten Arbeiter diesen radikalen Programmen zustimmen, indem sie es unterlassen haben, sie rechtzeitig zu organisieren und durch solche geeignete Fürsorge Einfluss auf sie zu gewinnen. Derselbe Führer, dessen Worte ich soeben angeführt habe, hat mit anderen seinesgleichen es bereits unternommen, dies nachzuholen. Das Gleiche geschieht anderwärts und ebenso mit den — 483 — •weiblichen Arbeitern. Und während so von der einen Seite die Hand geboten wird, die Kluft, welche heute unstreitig noch alte und neue Gewerkvereine trennt, zu überbrücken, ist bei den Führern der neuen bereits das Bewufstsein entstanden, dass die Versöhnung im beiderseitigen Interesse liege- Denn wie ich in eingehender Erörterung mich überzeugt habe, erkennen sie, dafs alles, was die englische Arbeiterklasse erreicht hat, gefährdet wäre, wenn es den Arbeitgebern gelänge die einen Organisationen gegen die anderen auszuspielen. Daher auch die Erkenntnis, dafs es nötig ist, von allzu Extremem sich fernzuhalten. „Nicht als ob ich glaubte, dafs jemals die Politik der alten und neuen Gewerkvereine völlig identisch sein werde. Dazu gehen die Interessen beider in vielen wichtigen Punkten zu weit auseinander. Auch werden die starken Gewerkvereine der gelernten Arbeiter stets mehr für Selbsthülfe sein, weil sie dieselbe einerseits als ausreichend erkannt haben, andererseits und vor allem die Regelung der Arbeitsbedingungen dabei mehr in der eigenen Hand behalten; die ungelernten Arbeiter dagegen, deren Organisationen stets weit schwächer sein werden, werden deshalb stets mehr vom Staate verlangen. Bei der ungemein individualisierenden Art, wie man in England Gesetze macht, wäre es deshalb denkbar, dass für letztere in manchen Beziehungen Gesetze gemacht würden, welche für die gelernten Arbeiter keine Gültigkeit hätten. Allein der sociale Friede wird über all dies voraussichtlich nie gestört werden. „Ein Hauptverdienst dürfte dabei dem Umschwung in dem Gedankengang der höheren Klassen zufallen, der seit Carlyle eingetreten ist. Denn wie in der Vergangenheit, sehen wir sie auch in dieser Frage vermittelnd und erziehend thätig, und so dürfte es ihnen auch diesmal gelingen, indem sie 31* — 484 — die Führung der heute untersten Schicht der Arbeiterklasse zu gröfserem Anteil an unserer Kultur übernehmen, den Fortbestand und das weitere Fortschreiten dieser zu sichern. „Wie wenig aber aus der Thatsache, dafs die Führer der neuen Bewegung noch heute einem sehr weitgehenden Programme huldigen, auf eine Gefährdung des socialen Friedens zu schliefsen ist, mögen folgende Äusserungen darthun. Als ich Bums ein andermal fragte, ob er denn bereit sei, für Verstaatlichung aller Produktionsmittel einzutreten, gab er die sehr verständige Antwort: „Ob einmal alle Produktionsmittel verstaatlicht werden oder nicht, weifs ich nicht. Dies hängt von Ent- wickelungen ab, auf die ich einflufslos bin. Was in dieser Beziehung kommen soll, wird kommen, einerlei ob ich dafür oder dagegen bin. Jetzt aber gilt es, dafür zu sorgen, dafs den armen Ungelernten geholfen wird." Und Champion, ein anderer Führer des äufsersten linken Flügels, äufserte mir: „Ich werde alles für die Arbeiter thun, um sie in die Höhe zu bringen, aber unter der einen Bedingung, die ich stets nachdrücklichst betone: sie dürfen sich gegen unsere Verfassung nicht auflehnen. Unsere Verfassung giebt ihnen die Möglichkeit, alles zu erreichen, von dessen Güte sie die Mehrheit überzeugen können. Wenn aber eine Minderheit Anstalten machte, diese Mehrheit zu vergewaltigen, so würde ich sie, wie Ihr Kaiser gesagt hat, zerschmettern. Dieses Wort von ihm hat mir gefallen. Ich würde alles für die Arbeiter thun; aber wenn sie die Ordnung vergewaltigen wollten, würde ich sie zerschmettern." „So habe ich denn den Eindruck aus England mit fortgenommen, dafs die Gefahr einer socialen Devolution dort nicht besteht. Die neue Gewerkvereinsbewegung, weit entfernt, dieselbe hervorzurufen, erscheint, so toll sie sich vielleicht da oder dort noch gebehrden wird, vielmehr geeignet, — 485 — sie zu beschwören. Schon jetzt hat sie etwas Grolses geleistet. Sie hat die Ärmsten und Vernachläfsigtsten nunmehr in die Gewerkvereinsorganisation und damit in die grofse Bewegung eingegliedert, die seit mehr als einem halben Jahrhundert durch Hebung der Arbeiterklasse die die Nation zerschneidende Kluft zu überbrücken gedient hat. Ich habe den Eindruck mit fortgenommen, dafs während der letzten 18 Jahre in England ein enormei Fortschritt geschehen ist, und zwar ein Fortschritt zum Guten." So Professor Brentano. Dafür aber, dass dies nicht blofs die Anschauung eines „Gelehrten" ist, mit welcher Bezeichnung Interessenten heutzutage Dai'legungen, die ihnen unbequem sind, aus der Welt geschafft zu haben glauben, zeugen die folgenden Worte eines praktischen englischen Staatsmanns, eines der ersten Männer der liberalen Pai'tei und gewesenen Ministers des Auswärtigen, des Grafen Kosebery: „Der Dockarbeiterausstand bezeichnet einen Abschnitt nicht nur in der Geschichte Englands oder der Arbeit, sondern der Menschheit." Für den, der die Zeichen seiner Zeit zu lesen versteht, war er ein Beweis, dafs nicht dem Umsturz, sondern dem Fortschritt, nicht der Revolution, sondern der Organisation die Zukunft gehört. S c h I u f s. Vor einem Halbjahrhundert hat Carlyle die Demokratie als unabweisbare Tkatsache der Zukunft erklärt. Um den Umfang dieses Wortes zu ermessen, denke man nicht sowohl an politische Einrichtungen und setze es insbesondere nicht in Gegensatz zur monarchischen Verfassung. Giebt es doch Republiken, in denen thatsächlich der Geldsack allmächtig ist, und die den arbeitenden Klassen keine Hoffnung, aufser in der Revolution, gewähren. Das Carlylesche Wort bezieht sich vielmehr auf einen Umschwung des Denkens und Fühlens. Nicht mehr das Dasein einzelner Bevorzugter, sondern die Hebung der Massen, d. h., da die grofsindustrielle Betriebsform Voraussetzung dieser Entwicklung ist, die Hebung des Arbeiterstandes erscheint als Zweck des socialen Daseins. In erster Linie verlangt man Sicherstellung des materiellen Daseins und Beteiligung der Arbeiter an den Gewinnen der Industrie, deren ausschliefsliche Aneignung durch das Kapital als Ungerechtigkeit empfunden wird. Aber diese Forderung gilt nur als Mittel für die geistige Hebung, die Ausgleichung der auf den Verschiedenheiten des Denkens und der Bildung beruhenden Klassenunterschiede und die ungehinderte, individuelle Entwicklung eines Jeden. Je mehr diese Entwicklung fortschreitet, desto mehr gleitet der Schwerpunkt der Gesellschaft in die Massen. - 487 — Die neue Richtung ist entgegengesetzt der älteren Nationalökonomie , welche Kapitalanhäufung als Zweck des gesellschaftlichen Daseins setzte. Dagegen stimmt sie mit der Behauptung des Christentums überein, wonach jedem Menschen ein schlechthin und mit allem irdischen unmefsbarer Wert zukommt. Wie sie ohne diese Annahme im Grunde unhaltbar ist, so trägt sie auch darin das Wesen eines Glaubens, dafs sie begeisternd den Menschen erfafst und den einzelnen, oft unter dem Opfer persönlichen Wohlseins, zu socialem Handeln antreibt. Wunderbare Erscheinung, eine solche Macht noch in dem Jahrhundert Benthams und Ricardos. Die Frage ist nun die: stehen jene Forderungen, welche das Ergebnis unserer geistigen Entwicklung sind, mit der äufseren Entwicklung in Widerspruch? Sind sie vom Boden und durch Weiterentwicklung des Bestehenden erreichbar? Die Herabdrückung des Arbeiters, welche die neu aufkommende Grofsindustrie mit sich brachte, führte zuerst zu einer verneinenden Beantwortung dieser Frage. Dies war die Stellung der Chartisten, aber nicht minder die der klassischen Nationalökonomie. Ihre Lehren fortbildend brachten Engels und Marx diesen Gedanken in ein System. Die grofsindustrielle Entwicklung bedeute fortschreitende Herabdrückung der Arbeiter zum unterschiedslosen Proletariat, Häufung des Reichtums in wenigen Händen, Verschwinden der Mittelstände, Auftreten der socialrevolutionären Partei. Wie verhalten sich dieser Behauptung gegenüber die Thatsachen? Die eingehende Statistik des Board of Trade stellt für England das Gegenteil fest, womit der socialrevolutionären Richtung der Boden entzogen wird. Einmal ist es sicher, dafs sich die materielle Lage des Arbeiters während des verflossenen Halbjahrhunderts stetig gebessert hat. Diese oft hervorgehobene Thatsache hat der bekannte Sta- tistiker Robert Giften zahlenmäfsig dargelegt 1 . Es sei hier kurz auf die wichtigsten Punkte hingewiesen. Die Löhne des gewerblichen Arbeiters sind seit den dreifsiger Jahren durchschnittlich um 50 bis 100% gestiegen 2 ; selbst die Löhne des ländlichen Tagelöhners sind gestiegen und zwar, entgegengesetzt der Rieardoschen Lehre, wonach die Grundrente die Löhne aufsaugt, auf Kosten der Grundrente. Insbesondere weist Giften darauf hin, dafS auch die in den letzten beiden Jahrzehnten eingetretene Verteuerung des Goldes, welche die 1 The Progress of the Working Classes by Robert Giften. London, G. Bell and Sons, 1884. 2 Giften fübrt folgende Beispiele unter andern an: Gewerbe Ort Wochenlöhne vor 50 Jahren Wochenlöhne 1884 Zunahme in °/o Schreiner . . . Manchester. . . . 24 sh. — d. 34 sh. — d. 42 Schreiner . . . Glasgow 14 26 - — - 85 Bergleute . . . Straffordshire. . . 2 - 8 - 4 - — - 50 Musterweber . . Huddersfielder Tuchfabrikation 16 - 25 - — - 55 Mechan. Spinner - 25 - 6 - 30 - — - 20 Weber - 12 - — - 26 - — - 115 Weber desgl. Bradford . . 8 - 3 - 20 - 6 - 150 Spinner (unorwaclis.) - 4 - 5 - 11 - 6 - 160 Nach dem Bericht, welchen Herr George Lord, der "Vorsitzende der Handelskammer zu Manchester, Mai 1883 der „Commission on Trade Depression" (Appendix to the first Report S. 99) einreichte, sind in der Baumwollenindustrie von Lancashire die Löhne in folgenden Prozentsätzen innerhalb von 33 Jahren (1850—1883) gestiegen: Baumwollenspinner und -weber, mittlere Qualität 74,72 °/o, feine Qualität 16,27 - und -weber zu Bolton, feine Qualität. . . 35,16 - Nr. 150weft 37,00 - Bleicher 50,00 - Kalikodrucker '. . . . 50,00 - — 489 Preise der meisten Gegenstände des Verbrauchs gedrückt habe, auf die Löhne ohne Einflufs geblieben ist 1 . Dagegen sind die Preise fast aller Lebensbedürfnisse des Arbeiters bedeutend herabgegangen, sodafs er mit derselben Geldsumme weit mehr kaufen kann als früher, während er zugleich über mehr Mittel verfügt. Vor allem ist das Getreide, welches noch immer das Hauptnahrungsmittel des Arbeiters bildet, seit Aufhebung der Schutzzölle, wenn auch nicht unmittelbar darauf, sondern eigentlich erst seit 1862, billiger geworden. So war der Durchschnittspreis des Weizens in den Jahren 1837—1846 58 sh. 7 d., in den Jahren 1874—1884 48 sh. 9 d. Daneben sind, was für den Arbeiter gleich wichtig ist, die Getreidepreise stetiger geworden; eigentliche Teuerungspreise sind kaum mehr möglich. Dasselbe gilt von den meisten andern Verbrauchsgegenständen des Arbeiters, während allein Fleisch eine unbedeutende Steigerung erfahren hat — eine Steigerung, die um so weniger in das Gewicht fällt, als sie den Hauptverbrauchsgegenstand des Arbeiters, Speck und geräuchertes Schweinefleisch, kaum betrifft. Aus der Erhöhung der Löhne und der Verbilligving der Nahrungsmittel läfst sich auf eine Verbesserung der Lebenshaltung des Albeiters schliefsen. Dieselbe ergiebt aber auch unmittelbar die Statistik, auf welche Giffen hinweist. Der Durchschnittsverbrauch der wichtigsten Nahrungs- und Genufsmittel pro Kopf der Bevölkerung hat sich ungeheuer gehoben; dies zeigt sich am deutlichsten bei denjenigen Gegenständen, welche im Inlande nicht hergestellt werden, bei denen also einfach die Importziffern zur Vergleichung herbeigezogen werden können. Der Verbrauch von Thee und 1 Vergl. Recent Changes in Prices and Incomes. R. Giffen, Read befo r e the Royal Statistical Society, 18. Dezember 1888 S. 7—26, 56—88. — 490 — Zucker ist heute etwa viermal so grofs als vor 40 Jahren, eine Thatsaehe, welche, wie keine andere, für den wachsenden Komfort der Arbeiterbevölkerung spricht. Mit der Verbesserung der Lebenshaltung hängt eng zusammen die Verminderung der Sterblichkeitsziffer. Nach der Statistik von Humphrey hat sich in den 1880 vorhergehenden vier Jahrzehnten das Durchschnittsalter der Männer von 39,9 auf 41,9, das der Frauen von 41,9 auf 45,3 gehoben, eine Erscheinung, welche vor allen auf Verbesserung der Lebenslage und Verminderung der Kindersterblichkeit zurückgeht 1 . Welchen Anteil daran insbesondere die Verkürzung des Arbeitstages hat, zeigen da, wo sich, wie in der Sterblichkeitsstatistik der Gewerkvereine, ihre Wirkung besonders beobachten lässt, die oben (vgl. II, S. 269) aus den Jahresberichten der Maschinenbauer citierten Ziffern. Dafs diese Entwicklung auch die unterste Schicht berührt hat, beweist die relative Abnahme der Zahl der öffentlich unterstützten Armen, obgleich man heute gewifs nicht strenger als früher in der Beurteilung des einzelnen Falles ist 2 . Diesen unzweifelhaften Fortschritten gegenüber könnte man einwenden, dafs sie gegenüber der ungeheuren Kapital- 1 Vergl. Gilten, Progress of the Working classes S. 15 und Humphrey, Recent Decline in English death-rate, Statistical Society's Journal Bd. 46, S. 195. 2 Jahr Zahl der Bevölkerung von Grofs- britannien (ohne Irland) Zahl der Paupers 1860 22 956 451 965 229 1888 41 487 730 917 580 Die Abnahme beträgt etwa 50 %. Vergl. Statistical Abstract for the United Kingdom von 1875 und von 1888. Geht man weiter zurück, so ist die Abnahme noch gröfser. — 491 — Vermehrung unbedeutend seien und dafs nichts desto weniger durch rascheren Zusammenflurs des Besitzes die Gegensätze zwischen Reich und Arm stetig wüchsen. Es ist daher von hohem Werte, durch Giften festgestellt zu sehen, dafs jene weit verbreitete Vorstellung, wonach der Besitz in immer weniger Hände zusammenfliefst, für England irrig ist. Vielmehr beweist das reiche Material, welches der erste Statistiker Englands ausbreitet, eine fortschreitende Ausgleichung der Einkommen 1 . Und entweder beweist dies, dafs die Mittelklasse nicht, wie behauptet, im Schwinden ist, oder es beweist etwas, was noch wichtiger wäre, dafs nämlich die Einkommen aus Arbeit bedeutend im Wachsen sind, und die alte kleine Mittelklasse nicht durch eigenes Herabkommen, sondern durch Aufsteigen der Arbeiterklasse versehwindet. Zu dem gleichen Ergebnis gelangte die Königliche Kommission zur Untersuchung der Geschäftsstockung, welche auf Seite 16 des Endberichtes feststellt, dafs iii England die jährlichen Einkommen von unter 2000 £ sehr rasch an Zahl zunähmen, die Einkommen von 2000—5000 £ eine weit langsamere Zunahme, die Einkommen von über 5000 £ dagegen eine Abnahme zeigten. Die Kommission stellt fest, dafs zwar die grofsen Kapitalisten weniger verdienten als früher, die Zahl derer dagegen wüchse, die sich überhaupt in ihrer Lage verbesserten. In dem letzten Jahrzehnt (1877—1886) hat diese Entwicklung sich noch bedeutend verschärft. In jener Zeit, in welche zuerst eine Geschäftsstockung, sodann eine Hebung des Geschäftes fiel, haben die von der Einkommensteuer erfafsten Einkommen von 150—500 £, welche dem Arbeiterstand und der unteren Mittelklasse angehören, um 21,4°/o zugenommen; die Einkommen der oberen Mittelklasse zeigen eine geringe 1 R. Giffen, Increase of moderate incomes. Adress of the President of the R. Stat. Soc. 16. Dec. 1887. — 492 — Vermehrung, während die Zahl von Einkommen über 5000 £ um 2,3 °/o abgenommen hat 1 . Giften führt eine Reihe von weiteren Thatsachen an, welche gewissen Einwendungen gegen die ausschliefsliche Berücksichtigung der Einkommensteuer gegenüber um so wertvoller sind. Ohne auf sie einzugehen, weisen wir nur auf die wichtigsten Ergebnisse hin. In der Lebensversicherung wächst die Gesamtsumme der versicherten Prämien, in noch rascherem Verhältnis aber nimmt die Zahl der versicherten Personen zu, woraus folgt, dafs der Betrag der einzelnen Prämie abnimmt. (1880—1885 von 492 auf 466 £.) Zu ä hnl ichem Ergehnisse führt die Untersuchung der Häusersteuer; die Zahl der Häuser im Jahresmietswerte von 20—50 £, welche die untere Mittelklasse bewohnt, zeigt eine nicht unbeträchtliche Zunahme (19% von 1880—1886); hei den wertvolleren Häusern wird diese Zunahme immer geringer, bis endlich bei einem Mietwert von 1000 £ und darüber Abnahme eintritt (8 °/o von 1880—1886). Dagegen hat die Zahl der von der besseren Arbeiterklasse eingenommenen Häuser sich ungeheuer vermehrt 2 . Daneben geht eine andere Entwicklung her, welche ebenfalls ein Merkmal, teilweise aber auch den Grund für jene fortschreitende Vermögensausgleichung enthält; wir meinen die Zunahme der aktierimäfsigen Betriebe. In dem Jahrzehnt von 1877—1887 haben sie um 92% zugenommen und auf bedeutenden Gebieten der Produktion den Einzelbetrieb zurückgedrängt. Mehr als ein Drittel der gesamten englischen 1 Scheclule D. 500—1000 £ stabil, 1000—5000 £, Zunahme von 2,3 %, darüber Abnahme. Ähnliches gilt von den unter Schedule E angeführten Gehalten sowohl der öffentlichen wie privaten Beamten. - 1875—1886: Mietwert unter 10 £ 10—15 £ 15—20 £ Zunahme 5,8 °/o 58 °/o 56 %. Industrie, nach dem Betrage des beschäftigten Kapitals gerechnet, wird heute von Aktiengesellschaften betrieben 1 . Nach einer von Giffen angeführten Statistik aber scheint die Zahl der einzelnen Aktienbesitzer in noch rascherem Verhältnis zuzunehmen, woraus sich eine Verminderung des vom Einzelnen besessenen Betrages ergäbe. Dies aber bedeutet nichts anderes, als dafs die Gewinne der Industrie, statt wenigen Begünstigten zuzufallen, aufser bei besonders schwierigen, der Gesellschaftsform unzugänglichen Geschäften, den Mittelklassen zu Gute kommen, welche dadurch an Zahl und Bedeutung zunehmen, während der Arbeiter an ihnen mittelbar durch höhere Löhne Teil nimmt. Übrigens hat, wie die Genossenschaftsbewegung beweist, auch der höherstehende Arbeiter wenigstens auf dem Gebiete der Verteilung einen nicht unbeträchtlichen Teil der Gewinne sich angeeignet. In einzelnen Fällen selbst hat er der Aktienform sich nicht ohne Erfolg bedient. Die angeführten Thatsachen sind um so wichtiger, als man an eine Zunahme der Kluft zwischen Beich und Arm, wie Engels und Marx sie behaupten, selbst in solchen Kreisen noch glaubt, welche sich sonst als deren heftigsten Gegner erklären. Die englischen Arbeiter dagegen, von der äufsersten Rechten bis zur äufsersten Linken, erfüllt heute Hoffnung für die Zukunft. Legen doch auch die politischen Verhältnisse Englands, welche den Arbeitern Koalitionsfreiheit mit ihrem Zubehör, der Ver- sammlungs- und Prefsfreiheit, gewähren, dem Fortschritt kein Hindernis in den Weg, welches die Stimmung socialrevolutio- närer Verzweiflung hervorrufen könnte. Vielmehr sind sich die englischen Arbeiter mit Stolz bewufst, mehr als die irgend 1 Vergl. Capital and Land, Fabian Tract Nr. 7. London, 180 Ports- down Fioad. eines anderen Landes, auch die Nordamerikas, in dem Besitz derjenigen Bedingungen zu sehr, welche die friedliche und allmähliche, aber praktische Annäherung an das vorschwebende Ideal ermöglichen 1 . Ihre Taktik ist damit eine gesetzliche und friedliche geworden; die Mittel aber, welche sie benutzen, sind Organisation und Gesetzgebung. Die gewerkvereinliche Organisation verfolgt, abgesehen von dem Versicherungswesen, welches nur bei den gelernten Arbeitern, und da nicht ausnahmslos, mit ihr verbunden ist, durch Beschränkung des Arbeitsangebotes eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, z. B. Erhöhung der Löhne, Verkürzung der Arbeitszeit. In letzter Linie steht hier der Kampf. Aber je besser die Kräfte auf beiden Seiten organisiert werden, desto mehr wird man sich des gemeinsamen Interesses, der Hochhaltung der nationalen Industrie, auf beiden Seiten bewufst, desto mehr sucht man Methoden der friedlichen Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten auf. So sehen wir die jungen Gewerkvereine der ungelernten Arbeiter schon heute unter den Vordersten, welche für jene von uns beschriebenen Einigungseinrichtungen eintreten. Hieraus läfst sich für die Zukunft auf ein seltener werden jener gewerblichen Kämpfe rechnen, eine Thatsache, die allerdings noch lange dadurch verschleiert werden wird, dafs immer neue Klassen von Arbeitern aus der unorganisierten Menge emporsteigen und die früheren Entwicklungsstufen ihrer fortgeschritteneren Genossen erst heute durchmachen. Freilich scheinen die Kämpfe der Zukunft mit ihrer Abnahme an Zahl, ähnlich den Kriegen, an Umfang zuzunehmen; sie ergreifen schon heute oft zahlreiche Klassen von Arbeitern zugleich, wie dies bei dem Dockarbeiterausstande der Fall war; ja sie zeigen eine Nei- 1 Vergl. z. B. Labour Elector vom 5. Oktober 1889. — 495 — gung zur Internationalisierung. Aber mit ihrer Ausdehnung macht auch die öffentliche Meinung sich immer mehr in ihnen geltend und bewirkt dadurch, dafs ihr Erfolg von ihrer Stellungnahme ungemein abhängig ist, ihren geordneten Verlauf und durch Hindrängen auf friedliche Schlichtung ihre weitere Minderung. Mit fortschreitender Organisierung schwindet die Isoliertheit des Einzelnen, nach Carlyle ein Zeichen negativer Geschichtsperioden; genossenschaftliche Verbände halten und heben ihn wieder; sie sind für ihn zugleich Schulen der Unterordnung und Selbstverleugnung. Ähnlich den Zünften des Mittelalters gewinnen aber auch die Gewerkvereine mehr und mehr politische Bedeutung. Wenn sie den Grundsatz „keine Politik" aufstellen, so hat dies von jeher nur die Bedeutung gehallt, dafs sie damit abwehren wollten, sich in Dienst und Gefolgschaft einer der politischen Parteien zu stellen. Niemals aber bedeutete dies den Verzicht, auf die Gesetzgebung im Interesse des Erlasses von Mafsregeln, welche das Arbeiterinteresse fordert, zu wirken. Und je mehr solche Mafsnahmen in den Vordergrund treten, um so mehr wird die politische Bedeutung der Gewerkvereine zunehmen. Mit Recht sagt daher F. Harrison, dafs wenn der Gewerkvereinsführer älteren Schlages dem Beamten einer Aktiengesellschaft geglichen habe, er heute ein politischer Führer geworden sei. Deshalb ist aber noch nicht gesagt, dafs es zur Bildung einer besonderen Arbeiterpartei kommen wird. Diese Frage ist augenblicklich in einem kritischen Stadium. Sie wurde schon oben bei Besprechung des Socialismus gestreift, ohne dafs wir auf sie ihrer allgemeinen Natur wegen früher als hier eingehen konnten. Nachdem der Socialismus zur praktischen Politik übergegangen war, hat er zunächst eine eigene Arbeiterpartei zu gründen versucht. Diesen Zweck verfolgt die National — 496 — Labour Electoral Association 1 . Auch erklärte z. B. in einer Oktober 1889 zu Battersea gehaltenen Wahlrede John Burns, dafs er keiner von beiden Parteien angehöre, sondern lediglich als Arbeiterkandidat auftrete. Ob es nichtsdestoweniger zur Bildung einer eigenen Arbeiterpartei kommen wird, wird wesentlich von der Stellungnahme der bestehenden politischen Parteien zu den Arbeiterfragen, die im Parlament zur Erörterung und Beschlufsnahme kommen, abhängen. So vertritt der H. H. Champion, der Herausgeber des Labour Elector, das Programm, die Arbeiter möchten allen auftretenden Parlamentskandidaten Fragen vorlegen, die sich auf die im Parlament zur Verhandlung kommenden Arbeiterfragen bezögen und für denjenigen stimmen, der sich bereit erkläre, für ihre Forderungen zu stimmen, ganz gleichgiltig wie er sich im Übrigen politisch stelle; nur in ausgesprochenen Arbeiterwahlbezirken möchten sie für eigene Kandidaten an der Wahlurne eintreten. Indem dies auf die übrigen Parteien zurückwirkt, verhindert es aber naturgemäfs das Entstehen einer besonderen Arbeiterpartei. So hat z. B. die liberale Parteivertretung sich wichtige Forderungen des „Arbeiterprogramms" bereits mehr und mehr zu eigen gemacht. In Nordengland ist der liberale Vertreter der Stadt, der frühere Minister Morley, der „Labour Federation" zu Newcastle bereits in mehreren ihrer Forderungen entgegengekommen. Und dem „Arbeiterprogramm" des John Burns ist insbesondere das des Londoner Liberalismus verwandt. Dieses „Londonprogramm", welchem der Graf Rosebery nahe steht, und gegen dessen volle Aufnahme Gladstone sich nur zeitweise ausgesprochen hat, umfafst, wie es z. B. im Star vom 8. August 1888 und in 1 26 Westbourne Street, London S.W. Schriftführer W. Parnell (Alliance Cabinet Makers). — 497 — abgekürzter Form am 7. März 1890 erschien, als wichtigste folgende Punkte: 1. Steuerreform. Abschaffung der noch bestehenden indirekten Steuern aufser der auf Branntwein. Progressive Einkommen- und Erbsteuer. Neuumlegung der bestehenden Grundsteuer. 2. Ausdehnung der Fabrikgesetze. Ausdehnung der bestehenden Gesetze auf alle Arbeitgeber. Zwangsweise Registrierung aller Arbeitgeber mit mehr als drei Arbeitern. Vermehrung der Fabrikinspektoren, zu denen auch Frauen ernannt, und die vornehmlich aus der Arbeiterklasse selbst erwählt werden sollen. Einführung des Achtstundentages für alle im Dienst der Regierung oder Gemeindebehörden stehenden Arbeiter, ferner in allen auf gesetzlichem Monopol beruhenden Betrieben: Eisenbahnen, Pferdebahnen, Gasanstalten, Docks etc. Einführung folgender Bedingungen in alle von den Behörden geschlossenen Lieferungsverträge: a) Verbot der Accordarbeit; b) Achtstundentag; c) Gewerkvereins- löhne. Die den Achtstundentag betreffenden Forderungen des Programms sind bezeichnend für den praktischen Sinn der englischen Arbeiterbewegung. Obgleich die Arbeitszeit in den meisten grofsen Industrien nur neun Stunden beträgt, auch der Achtstundentag verbunden mit mehreren Schichten schon nicht mehr selten ist, hütet man sich vor augenblicklich undurchführbaren Forderungen. Man setzt vielmehr an dem Punkte ein, wo Erfolg am leichtesten scheint. Stehen doch bereits nicht wenige Stadtbehörden auf dem Boden des Programms. 3. Unentgeltlicher Unterricht in Volksschulen. 4. Reform des Armenunterstützungswesens. Zeitweilige Beschäftigung der Unbeschäftigten durch öffentliche Arbeiten. Wenn auch im Londonprogramm noch nicht ausgesprochen, v. S cliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 32 scheint hier staatliche Kranken-, Unfall- und Altersversicherung im Hintergründe zu stehen. Dieses wenigstens deutet das Programm der „Labour Electoral Organisation" zu Newcastle an. 5. Ausdehnung der Thätigkeit der Gemeindeverwaltung auf Gas- und Wasserversorgung, Strafsenbahnen, Museen, Bibliotheken, Häfen, Friedhöfe, Krankenhäuser etc., insbesondere auch auf den Bau von Ar heiter Wohnungen. Auch diese Forderungen sind bereits grofsenteils in einigen Städten, z. B. in Glasgow verwirklicht, wo alle im Londonprogramm aufgeführten Gegenstände aufser dem Hafen „municipalisiert" sind; insbesondere ist man nicht ohne Erfolg zur Herstellung von Arbeiterhäusern und Vermietung zum Selbstkostenpreise geschritten 1 . 6. In letzter Linie stehen die gewöhnlichen Forderungen des politischen Radikalismus, insbesondere Bezahlung der Parlamentsmitglieder und der Wahlkosten. Auf dieses Programm oder einzelne seiner Punkte, unter welchen übrigens bezeichnenderweise die Entstaatlichung der Kirche fehlt, sind heute bereits nicht wenige Mitglieder der liberalen Partei gewählt. Während so die liberale Partei mehr und mehr Staatseingriff zu Gunsten der Massen vertritt, wird die gegnerische Partei zur Verteidigerin der individuellen Freiheit. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich die Rollen vertauscht haben und die konservative „Liberty and Property Defence League" sich die Beweisgründe der älteren Nationalökonomie für das Laissez-faire zu eigen gemacht hat, welche einst für die liberale Partei erfunden waren. Wir haben damit die beiden Handhaben hervorgehoben, deren sich die englische Arbeiterbewegung heute bedient. Nun sind freilich die Widerstände höchst bedeutend und werden, 1 Report of the City of Glasgow, Improvement Trust, 1888. wahrscheinlich in der konservativen Partei sich vereinigend, im Interesse der englischen Konkurrenzfähigkeit wirksam werden. Zudem führt die wirtschaftliche Entwicklung mehr und mehr zu einer weiteren Konzentration, wenn auch nicht der Vermögen, so doch der Betriebe, vom Grofsbetrieb zum Kolossalbetri'eb, ja vielfach zum einheitlichen Betrieb ganzer Industriezweige mittelst der Kartelle und Trusts. In Amerika sind ganze Gewerbezweige so „monarchisiert" worden; in Deutschland sollen in die sechzig Industrieen bereits kartelliert worden sein; auch in England sind solche Entwicklungen nicht unbekannt, wenn sie auch angesichts der noch entgegenstehenden öffentlichen Meinung noch versteckt auftreten. Allein wenn auch dem Kapital damit ein neues Machtmittel erwächst, kann diese Entwicklung da, wo die Arbeiter gut organisiert sind, das Anwachsen der Macht der Arbeiter nicht aufhalten. So ist in England zweifelsohne die Macht des Arbeiters im Wachsen. Bedeutet nun eine solche Entwicklung die Gefährdung des geistigen und sittlichen Besitzes der Nation, wie festländische Beurteiler zu fürchten geneigt sind? Wir können hierfür die Tbatsachen um Rat fragen. Während die nordamerikanische Staatenwelt ein Abkömmling des älteren, agrarisch-kapitalistischen Englands ist, hat in den melancholischen Ebenen Australiens, an den Bergen und Gletschern Neuseelands ein Spröfsling des neueren industriell-demokratischen Englands Wurzel geschlagen. Die Ziele der englischen Arbeiterbewegung sind thatsächlich in den Staaten Australiens verwirklicht, über die das jüngst erschienene Buch des Sir Charles Dilke 1 Aufklärung gegeben hat. Die Lebenshaltung des australischen Arbeiters ist die höchste der Welt 2 . Der 1 Problems of Greater Britain, insbesondere Bd. II, Teil VI. London, Macmillan, 1890. 2 Die Löhne sind 100 % höher als in England für 20 °/o kürzere 32* Achtstundentag ist allgemein und wird von allen Klassen der Bevölkerung in gleicher Weise anerkannt. Aufzüge an dem zum nationalen Festtage gewordenen „Demonstration Day" verherrlichen die Einführung des Achtstundentages; wenige Australier gäbe es, meint Sir Charles, die sich nicht mit nationalem Stolze des Anblicks dieser wohlgenährten und wohlgekleideten Scharen erfreuten, wenn sie mit ihren Gewerkschaftsbannern die Strafsen durchzögen. Die Gewohnheit körperlicher Übungen, welche hier wie nirgends Gemeingut des Volkes sind, hat den physischen Stand des australischen Arbeiters ebenso gehoben wie ein allgemeiner und unentgeltlicher Volksschulunterricht seine Bildung und geistige Interessen. Er erfreut sich einer über dem europäischen Durchschnitt stehenden Presse, eines ausgebildeten Vereinslebens u. s. w. Ein grofsartiges System freiwilliger Versicherung schützt ihn vor Krankheit, Alter, Unfall; teilweise, z. B. in Viktoria, reichen die Friendly societies bis in die unteren Schichten der Mittelstände hinein. Für den vorliegenden Zweck ist die Thatsache noch wichtiger, dafs der organisierte Arbeiter, d. h. die Gewerkvereine, welche zu einer nationalen Föderation verbunden sind, in der jungen Gesellschaft die erste Macht darstellen. Australien scheint die entgegengesetzte Entwicklung einzuschlagen von Amerika, wo Kapital und Landinteresse allmächtig ist. Der unfruchtbarere Boden Australiens, welcher Staatshülfe zu Bewässerungsanlagen erfordert, das Überwiegen der Städte und besonders der Hauptstädte, in denen hohe Arbeitszeit, wofür allerdings die australische Arbeit durch weit gröfsere Leistungsfähigkeit diesen Unterschied zum grofsen Teil wieder aufhebt. Denn die gleichen Waren sind in England nur 20 °/o hilliger als in Australien, woneben aufserdem Entfernung und Schutzzoll dem australischen Arbeitgeber zu Gute kommen. •Jfy? - rmr- — 501 — Prozentzahlen der Gesamtbevölkerung wohnen (in Victoria. 35 %>), hat den Arbeiter zu einer sonst nirgends eingenommenen Bedeutung gehoben. Die Gesetzgebung legt davon Zeugnis ab. Die Vorschläge des Londonprogramms sind in Australien fast alle verwirklicht. Nicht nur dafs die Stadtbehörden einen grofsen Teil jener Monopole, wie Gas, Wasser, Pferdebahnen etc. übernommen haben, auch die Eisenbahnen befinden sich in Staatsbesitz, was in England als weitgehend socialistische Mafsregel angesehen wird. Die Erziehung ist unentgeltlich. Vor allen aber zeigt sich die Vorherrschaft der Arbeit gegenüber dem Kapital in dem System der Besteuerung; die wichtigste Steuer ist die progressive Erbsteuer, welche nach Düke thatsächlich jene Koncentrierung des Reichtums verhindert, wie sie in Amerika sich gefährlich geltend macht, ohne den Ansporn zur Kapitalbildung zu vermindern, da sie 10°/o (Victoria) beziehungsweise 13% (Neu-Seeland) nicht übersteigt. Der Achtstundentag ist nicht Gesetz 1 , jedoch ist die Aufnahme der achtstündigen Arbeitszeit in die Lieferungsverträge der Behörden, wie sie im Londonprogramm verlangt wird, allgemein. Ebenso sind die übrigen Forderungen, die wir oben anführten, in Australien meist verwirklicht: z. B. Bezahlung der Parlamentsmitglieder, zeitweilige Beschäftigung der Unbeschäftigten an öffentlichen Arbeiten u. s. w. Aber neben so weitgehendem Staatssocialismus ist kein Land der Welt so frei von revolutionärem Socialismus. Wenn die Herrschaft der Arbeiter in dem Besteuerungssystem voll zum Ausdruck kommt, so finden weitgehendere socialistische Vorschläge keinen Boden. Die Verstaatlichung des Landes, die der amerikanische Arbeiter fordert, hat hier, wo der Arbeiter sie ÖL 1 Bezeichnend für den geringen Wert, der auf ein solches, in der That überflüssiges Gesetz gelegt wird, ist, dafs es im Parlament von Süd- Australien zwar die Mehrheit erhielt, aber nicht zur dritten Lesung gelangte. — 502 — durchführen könnte, wenig Aussicht auf Verwirklichung. Denn der Arbeiter selbst ist Grundbesitzer; mehr als die Hälfte der Arbeiter Viktorias leben in eignen Häusern, welche sie mit Hülfe von Baugesellschaften errichten. Noch weniger natürlich wären sie weitergehenden Verstaatlichungsmafs- regeln geneigt, da sie ihre Ersparnisse grofsenteils aktien- mäfsig in Fabrik- und Bergwerksbetrieben anlegen. Auch in Beziehung auf das Arbeitsverhältnis bedeutet die hohe Entwicklung der Gewerkvereine nicht Zusammenbruch der nationalen Industrie. Ausstände und Ausschliefsungen sind äufserst selten; die Ansätze von Einigungseinrichtungen, die wir in England fanden, sind hier eine Entwicklungsstufe weiter. Die Gewohnheit der Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten durch Schiedsgerichte und Einigungskammern ist allgemein; es bestehen, zwar nicht gesetzlich eingeführt, aber doch als dauernde Einrichtungen sogenannte Boards of Ärbitrators, deren Beisitzer von Arbeitern und Arbeitgebern und deren Vorsitzende von den Beisitzern erwählt sind. Während die Arbeiter die politisch mafsgebende Klasse sind, und mit vollem Bewufstsein über ihre Interessen wachen, haben sie nicht den Ehrgeiz, Parlamentsmitglieder zu werden. Es giebt keine Arbeiterpartei, da die Arbeiter mit dem Volke identisch sind. So wählen sie ihre Vertreter gewöhnlich aus den litterarisch gebildeten Kreisen. Der in den Parlamenten herrschende Ton ist durchschnittlich ein hoher und die Staatsverwaltung ohne Zweifel von gröfserer Unbescholtenheit als in Amerika. Obwohl der Schulunterricht konfessionslos ist, erklärt Düke den australischen Arbeiter für religiöser als selbst den englischen und amerikanischen. Die Herrschaft der Arbeiter und die damit eintretende staatssocialistische Gesetzgebung hat also nicht die Weissagung H. Spencers bewahrheitet, welche er demjenigen entnahm, — 503 — was europäische, insbesondere unterdrückte Arbeiterbewegungen über ihre Endziele auszusagen pflegen. Die „kommende Sklaverei" scheint nirgends weniger in Sicht als in Australien. Die Freiheit und Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen ist keineswegs untergraben; vielmehr dienen die Eingriffe des Staates nur dazu, dieses höchste Erbteil der europäischen und insbesondere protestantisch - germanischen Abstammung möglichst vielen zu verwirklichen. Ist anzunehmen, dafs die arbeitenden Klassen, gerade je mehr sie emporsteigen, dieses Gut der Freiheit werden antasten wollen, auf welchem doch alles beruht, was sie errungen haben? In der That zeigt sich hier praktisch jene Versöhnung zwischen dem älteren Liberalismus und den mehr und mehr von socialistischen Gedanken durchsetzten Strömungen der Gegenwart — eine Vereinigung, deren gedankenmäfsigen Ausdruck wir in vorliegendem Werke in den verschiedensten Formen verfolgt haben. Wie könnte man auch glauben, dafs beide Richtungen im Leben ihre Vermittelung nicht finden könnten, nachdem die Entwicklung des Denkens bereits über sie als Gegensätze fortgeschritten ist? Diese Gedanken auf die gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart angewandt, geben zugleich eine Vorstellung über die Art, in welcher sich die Vereinigung im Leben vollziehen wird. Die Idee des Organismus, die wir in Übereinstimmung mit H. Taine als die Grundlage der geschilderten geistigen Bewegung ansehen, bietet die höhere Einheit. Die organische Entwicklung ist durch fortschreitende Unterordnung der Teile unter das Ganze und fortschreitende Differenzierung der Teile zu Organen gekennzeichnet. Daneben her geht ein Prozefs der Anpassung der das Ganze zusammensetzenden Einheiten an die Lebensbedingungen des Ganzen; der zuerst auf mechanische Mittel gegründete Verband wird mehr und w r , jf i m - — 504 — mehr ein Zusammenhang auf Grund innerer Strukturveränderungen, worauf z. B. die ungeheure Überlegenheit der socialen über die physischen Organismen beruht, indem erstere sich aus Individuen, letztere aus mechanisch verbundenen Teilen zusammensetzen. Der bezeichnete Vorgang strebt auf einen Zustand des Gleichgewichts hin, in dem Bewegung und Gegenbewegung sich gegenseitig ausgleichen. Freilich ist ein Organismus, welcher zu vollständigem, „ruhendem" Gleichgewicht gelangt wäre, undenkbar; diese Eigenschaft, die Ewigkeit wäre, könnten wir nur dem alle Erscheinungen umfassenden Ganzen zuschreiben, welches aus dem Gebiet der Erkenntnis hinausfällt. Wendet man diese Gedanken auf das Gebiet der gesellschaftlichen Entwicklung an, so ist auch von dieser fortschreitende Unterordnung der Teile unter das Ganze und fortschreitende Differenzierung der Teile zu Organen auszusagen. Die das Ganze zusammensetzenden Einheiten, die menschlichen Individuen, passen sich in wachsendem Mafse den Lebensbedürfnissen des Ganzen an; mechanische Mittel, staatlicher Zwang, werden durch innere, d. h. moralische Veränderungen in den Individuen ersetzt. Aller socialer Fortschritt ist also in letzter Linie moralischer Fortschritt, ein Gedanke, in dem ich mit meinem hochverehrten Freunde Dr. Spence Watson zu Newcastle voll übereinstimme. Aber eine Gesellschaft, die des Zwanges völlig entbehren könnte, die allein auf moralischer Unterordnung der Individuen beruhte, es also zum dauernden Gleichgewichte gebracht hätte, ist ein Ideal, als solches nicht von dieser Welt; man steuert ihm zu, ohne es zu erreichen. Dieses Ideal für Wirklichkeit genommen zu haben, war der Irrtum des älteren Liberalismus, welcher durch Befreiung des Individuums die sociale Harmonie herbeiführen zu können vermeinte. Wie weit das - 505 — Individuum von den Vorbedingungen jenes idealen ZustandeS entfernt war, zeigte sich darin, dafs die Befreiung des Individuums lediglich Entfesselung der selbstsüchtigen Triebe bedeutete. Hiermit aber gelangte man zur Unterdrückung des Schwachen durch den Starken und damit weiter zur social- revolutionären Partei, welche die Einsicht in den Irrtum des älteren Liberalismus allen denen heute aufzwingt, die nicht auf anderem Wege schon früher dazu gelangt sind. Demgegenüber betont in dem Grade, als die wirtschaftlich Schwachen geistig, gesellschaftlich und politisch in den Vordergrund treten, der Socialismus „den Zwang zu Opfern". Seine Überlegenheit gegen die frühere Denkweise besteht in der Behauptung, dafs der Einzelne, sein Besitz wie seine natürlichen Gaben, dem Ganzeu untergeordnet, dafs allgemeine höher als individuelle Interessen sind. Die socialistische aber wie die individualistische Gesellschaftsauffassung vereinigt die sociale. Sie stimmt ganz und voll mit jener Grundbehauptung des Socialismus überein, dafs der Einzelne für das Ganze da sei. Aber sie ist folgerichtiger. Jener Satz nämlich läfst sich nur begründen durch eine organische Gesellschaftsauffassung, im Gegensatz zu der mechanischen des Individualismus. Aus diesem Grunde aber kann auch die Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze nicht mechanisch, sondern allein organisch gedacht werden; sie ist als solche in wachsendem Grade eine freie auf inneren Veränderungen des Einzelnen beruhende. Wenn der Socialismus den Individualismus mit staatlicher Zwangsgewalt bricht, so ist für die sociale Auffassung Zweck nicht der Zwang, sondern die einstige Entbehrlichkeit des Zwanges. Mit der älteren Lehre ist ihr die Befreiung des Individuums das Ziel der Entwicklung, aber nicht ein heute oder morgen durch einige deroga- torische Gesetze zu erreichendes, sondern ein unendlich fernes, '«Mm " — 506 — ideales. Auch geschichtlich ist sie imstande, die bleibenden Segnungen zu würdigen, welche dem älteren Liberalismus verdankt werden. Er erst eröffnete dem mit ihm aufwachsenden Arbeiterstande des Grofsbetriebes die Möglichkeit der Selbstbestimmung, welche ihn heute zum Socialismus geführt hat. Aber die sociale Auffassung erwartet nicht sofortige Annahme ; erst dann wird sie als Damm der socialistischen Sturmflut gegenüber dienen, wenn der Arbeiterstand selbst hoch genug gestiegen ist, um die persönliche Freiheit als Gut dem socialistischen Staate gegenüber zu verteidigen. Hier wird, wie wir in Australien sehen, das Verlangen nach Staatseingriff seine unüberschreitbare Grenze finden. Ja auf die Dauer ist sogar eine Rückflut der socialistischen Strömung zu erwarten. Dann freilich müssen an Stelle der staatlichen Schranken sittliche sich entwickelt haben. Wenn der Fortschritt in dem Zurückweichen des Zwanges aus den menschlichen Beziehungen und seinem Ersatz durch freie Selbstbestimmung besteht, so setzt diese äufsere Entwicklung eine innere voraus. Ihre Vorbedingung ist, um in Carlylescher Ausdrucksweise zu reden, die Fortentwicklung jener „Formen des Glaubens", welche, in ihren Gestaltungen wechselnd, die eine Erziehung der Menschheit zur Freiheit durch Sittlichkeit vermitteln. Nicht wenige der hervorragendsten Werkmeister auf diesem Felde des Geistes haben wir oben in ihren Arbeitsstätten besucht. Mögen sie Nachfolger finden; auch sie arbeiten für den socialen Frieden. Index. Abendklassen I 434. Achtstundenbewegung II 271. Altruistisch I 106; II 14 ff. Amerika II 488. Anarchismus II 131. Anderson II 90. Andrew, Samuel II 297 ff. Anticorngesetzbewegung II 91. Arbeit I 129. Arbeiterklubs I 437. 440 ff. Arbeitsvertrag, der freie I 213. Aristokratie, englische I 203. Armengesetz der Elisabeth I 38. Arnold, Matthew I 372. Aufklärer I 146. Äufsere Formen der Gesellschaft I 128. Australien I 467; II 499 ff. Auswanderung I 286. Baumwollenindustrie II 263 ff. 296 ff. Barnett, Rev. S. A. I 450. Baugenossenschaften I 355 ff. Baugewerbe II 426. Bedford, Bischof von II 469. Beesley, Prof. E. S. II 51. Bell, Sir I. L. II 262. Bentham I 179 ff. 183; II 99. Besant, Mrs. A. II 468. Blackburn, Weber zu II 306. Bolingbroke I 12. Bolton, Lohnliste II 309. Bright, John II 91. 160. Bradford, Wollspinner II 216. Brassey, Lord II 260. 274. 451. Brentano I 296. 305. 419; II 239. 271. 273. 286. 289. 470 ff. Briant, Mrs. II 469. Briggs I 316. Broadhead II 236. Broadhurst II 142. 143. 247. Brooke, Rev. Stopford II 170. Brougham, Lord I 33; II 213. Bunning, T. W. II 335. Burnley I 369. Bums, John II 119. 121. 132. 435. 450 f. 460. 469. 479. Burt, Thomas II 331. 372. 425. Buxton, S. II 44-5. Cairnes, Prof. n 114. Champion, H. II. II 152. 460. 476. 481. 484. Charity Review II 109. Chartismus I 57 ff. 226. Christ-Church-Mission I 385. Christentum I 329 ff. 341. Churchill, Lord R. II 126. 271. Cleveland, Eisenbergbau und Hochöfen II 377. Cobden, R. II 91. 160. Coleridge I 245. Combination Laws II 225. Common Law II 230. Comte, A. I 246; II 6 ff. Congreve II 59. Conspiracy and Protection of Pro- perty Act 1875 II 243 ff. County Council fürLondon II 122.462. Criminal Law Amendment Act II 243 ff. 508 Index. Crofters, schottische II 162. Cromwell I 108 ff. Crossley, Sir Francis II 237. 261. Dale, David II 386. 393. 432. Darwin I 110. Defoe I 4. Delahaye, V. II 265. Demokratie I 155. 202. Denison, Eduard I 450. Derhy, Lord I 313. Derbyskala II 391. Deutsche Litteratur I 240. Deutsche Philosophie I 104. Deutsche Rechtsschule I 168. Deutschland I 289. Dilke, Lady II 465. Dilke, Sir Charles II 499. Disraeli, B. I 395 ff. Dockarbeiter II 433 ff. Drage, G. II 103. 199. Dunraven, Lord II 108. 271. 469. Engineers (Maschinenbauer) II 249. 416. Eisenbahnangestellte II 460. Eisengiesser II 413. Engels, F. I 42; II 81 ff. 444. Entsagung I 103. Entwickelung I 105. Exekutive I 282. Exeter-Hall I 390. Fabische Gesellschaft II 122 ff. Fabrikgesetzgebung I 283; II 202 ff. Fawcett, Prof. I 268. 370. Fielden, John II 214. Financial Reform Association II 91. 159. Finalitätserklärung I 60. Föderation der Arbeit II 478. Französische Revolution I 157. 225. Frauenorden I 386. Friedensrichter I 25. Gasarbeiter II 437. Gaskell I 47. Genossenschaft I 139 ff. Genossenschaftsamt I 318. Genossenschaftsbewegung I 295 ff. George, Henry II 91. 160. Geschichte I 118 ff. Gewerkvereine II 68. 136 ff. 235 ff. 470 ff. 494. Gierke, Otto I 167; II 241. Giffen, R. II 112. 477 ff. Gilde des heiligen Matthäus II 170. Gladstone II 278. Glasgow II 498. Gneist I 5. Goethe I 84. 251 ff. Gray, Lord I 29. Green, T. II. I 411 ff. Greenwood, J. I 364. Grundrente, Theorie der II 90. 158. Grundsteuer II 163. Hamilton, Sir William II 75. Handelskammer, Londoner II 457. Harrison, Frederic II 52. 57. 68 ff. Häuer II 338 ff. Hauptleute der Industrie I 275 ff. Haworth R. II 194. Headlam, Rev. Stuart II 165. 169. Ilebden Bridge I 363 ff. Herschell, Lord II 354. Hobbes I 12. Holyoake I 311. 343. Hörigkeitsverhältnisse I 217. Ilowell, George II 139. 219. 251. Huddersfield I 371. Hughes, Thomas I 302. j Hume, Joseph II 229. Hyndmän II 117 ff. Hüttengewerbe II 385 ff. Ilirxley, Prof. II 113. ! Idealismus I 242 ff. Jesuitismus I 144. 172. Imperialismus II 54 ff. Industrial and Provident Societies Act I 313. Innere Formen der Gesellschaft I 121 ff. Institution zu Halifax I 19. Johnstone, John I 92. Irland I 43. 210; II 162. Jung England 1 394. . Index. 509 Jünglingsvereine, christliche I 387. Justice II 117. Kalvinismus I 88. Ivameronianer I 91. Kant I 242 ff. 249. Kaufmann, Rev. M. II 141. Kettle, Sir R. II 286. 325. Kinderarbeit II 224. King, Gregory I 1. 15. Kingsley I 303. Kirche I 172. 393. Koalitionsfreiheit II 224 ff Kommune, Pariser II 61. Kommunistische Manifest II 84. Konkurrenz, freie I 110. Konsumverein I 335 ff 347 ff Körperschaftsfreiheit II 241. Kritische Philosophie I 241. Krapotkin, Fürst II 132. Landfrage II 157 ff. Land Nationalisation society II 161. Land Restoration League II 161. Landwirtschaft I 1. 7. Lee, Augustus II 212. Leclaire I 329. Lehrlingsgesetz der Elisabeth I 18. Lohnlisten II 312. Lohnskala, gleitende II 396 ff London programm II 496. Lord, Mr. II 277. Lovett, William I 58. Ludlow, J. M. I 302. 325 ff 476. Macchiavelli I 113. Maltkus I 37 ff 181. Manchesterlehre I 34. Mann Tom II 121. 458. 481. Manners, Lord John I 394. Manning, Kardinal II 448. Martineau, Harriet I 36. Marx II 84. 203. 470. Mason, Hugh II 190. Mässigkeitsbewegung n 197 ff Mather, William II 200. 273. Mathäus, Gilde des heiligen II 170. Maudsley I 434; II 286. Maurice, F. D I 296 ff Meath, Graf von II 193. Menschheit II 33. Merkantilismus I 16. 32. Methodismus I 143. Mill, John Stuart I 86. 317; II 7. 99 ff 159. 237. 268. Montagu, Samuel II 463. Moore, P. II 229. Morley, John II 496. Morris, W. II 134. Mundella, A. J. II 233. 267. 284. 291 ff 432. Munro, Prof. I 438; II 304. 313. 401. Näherinnen II 223. 467. National labour electoral association II 496. Nationalökonomie, klassische I 91 ff. 417 ff; II 27 ff. Naturwissenschaften I 177. Neale, V ansitartt 1293.304.318.327 ff. Negative Zeiten I 141. Negerfrage I 219. Neunstundenbewegung II 273. Newman, Kardinal I 380; II 10. Nottingham, Einigungskammer II292. Oastier, Richard II 209. O'Connel I 60. O'Connor I 60. 68. Oldham, Spinner zu n 307. Organismus I 106. 117 ff.; II 503. Ost-London I 431; II 104 ff Owen, Robert I 307; II 204. Oxford I 378. 399. 409. Oxfordhouse I 438. Pananglikanische Bischofskonferenz II 174. Parlament I 191 ff. Parlamentsverfassung, englische I 6. Pauperismus II 115. Pease, J. W. II 406. 412. Peel, Sir Robert II 204. 208. Pessimismus I 99. Philanthropismus I 184. Pioniere von Roclidale I 311. Piaton I 189. I Plutokratie II 53. 510 Index. Positive Zeiten I 136 ff. Produktivgenossenschaft I 339 ff. 359 ff. ' Public Libraries Act. I 357. Pusey I 378 ff. (Juesnay II 159. Radikalismus I 154 ff. Reaktionäre Richtungen 1375; II 50. Recht I 133. Reformation I 91 ff. 145. Reformbill I 29. Reklame I 152. Relay-System II 213. Revolution I 155 ff. Ricardo I 35; II 86. 90 ff. 158 ff. Rochdale I 311. Rosebery, Lord 1436; II 461.485.496. Ruskin, John I 372. 400 ff. Rüssel, Lord John I 64. Sadler II 210. Salisbury, Lord I 452. Salt, Sir Titus II 192. Saltaire II 193. Schiedsgericht, das industrielle II 354 ff. Schiffsbauer II 420 ff. Schneider II 463. Schopenhauer I 128. Schriftsteller I 257. Seidenweberei II 290. Selbstverwaltung I 5. 25. Setzergewerbe II 290. Shaftesbury, Graf von 142.53; II 211. Shaw-Lafevre II 368. Sheffield II 236. 414. Sherlock, Rev. T. T. II 173. Sidgwick, Prof. II 85. Simon, Jules II 272. Sittengesetz I 132. Smith, Adam I 31; II 87. Socialdemokratische Föderation II 116 ff. Sociale Frage I 206 ff. Socialistische Liga II 131 ff. Sociologie II 16. Socialrevolutionäre I 155. Sonntagsschulen I 391 ff. Spencer, H. I 166; II 73 ff. 176 ff. Star II 498. Stephens I 61. Sterling, John I 190. 245. Sweatingsystem II 108. Taine, II. I 104. 399; II 5. 503. Teppichfabrikation II 238. Thomson, George I 372 ff Thornton II 237. Tillet, Ren I 457; II 467. Tory Socialismus I 397. Toynbee, Arnold I 408 ff Toynbee-IIall I 448 ff. Trades Uuions Acts II 240. Trow, Mr. II 255. 393. Turgot I 31; II 159. Universitätsausdehnungsbewegung I 457 ff. Utilitarier I 98. 177. Vereinsfreiheit II 242. Versammlungsrecht II 242. Volkspalast I 435. Volksbibliothek I 257. Wallace, Prof. A. II 161. AVaterhouse, E. II 408. Watson, Dr. Spence II 327. 331. 394. 461. 504. AVebb, Sidney II 123. Wehrpflicht, allgemeine I 286. Westminster Review I 299. AVholesale Society I 314. 338. AVilhelm Meister I 100. AA r ohlthätigkeit in London II 109. AVohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber II 191. Wollweberei I 17 ff; II 296. AVomens Provident Society II 466. AVomens Provident League II 469. Young, Arthur I 16. Young, R. II 147. 329. 372. Zehnstundenbewegung II 218. Pierer'sclie Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel* & Co. in Altenburg.