Werner Sombart Der Bourgeois Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen Verlag von Duncker k, Äumblot München und Leipzig 1913 Vorwort Ä5ie der Geist unserer Zeit geworden ist und wie er sich heute gestaltet, will dieses Buch zu schildern versuchen, indem es eine Genesis des repräsentativen Trägers dieses Geistes: des Bourgeois, gibt. Damit sich die Vorstellungen des Lesers niemals in das Schattenreich des Abstrakten verlieren, sondern immer mit den Anschauungen des lebendigen Lebens erfüllt bleiben, habe ich den Menschen in den Mittelpunkt meiner Untersuchung gestellt und habe ich den Titel so gewählt, wie er jetzt dasteht. Aber das Geistige der Menschenart Bourgeois ist es doch allein, was uns beschäftigen soll, nicht seine sozialen Beziehungen: das drückt der Untertitel aus. Anter den Händen hat sich die „Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen" zu einer Analyse und Kritik unseres Zeitgeistes ausgewachsen, deren wir nun freilich schon eine ganze Menge besitzen. And viele, die sicher viel „geistreicher" sind als dieses Buch. Aber die eben darum niemand recht befriedigen und keine durchschlagende Wirkung auszuüben vermögen. Was mir an den bisherigen Versuchen, das geistige Wesen unserer Zeit zu kennzeichnen, zu fehlen scheint, ist die breite Tatsachenbasis, ist die Antermauerung der seelischen Analyse mit historischem Material. Diese Lücke will dieses Buch ausfüllen, das deshalb mehr, als es mir oft selber lieb war, mit stofflichen Elementen angefüllt ist. Wir müssen uns aber gewöhnen, wenn wir so tiefwurzelnde Probleme wie die seelische Struktur unserer Zeit behandeln, auch die unendliche Mannigfaltigkeit des wirklichen Ablaufs der Ereignisse auf unser Empfinden und auf unser Nachdenken wirken zu lassen. Geistreiche Apercus führen uns niemals zu der tiefen Einsicht in die Wesenheit geschichtlicher Zusammenhänge, die doch nun ein- IV Vorwort mal allein das Verständnis für den „Geist einer Zeit" vermitteln. Aber ebensowenig will dieses Buch darauf verzichten, die geschichtlichen Gegebenheiten sinnvoll zu deuten und sie zu einem anmutenden Kranz von Gedanken zusammenzuflechten. Eine bloße Stoffanhäufung vermag uns gewiß auch nicht zu befriedigen. Der Leser mag entscheiden, ob der Kurs dieses Buches, wie ich beabsichtigt habe, zwischen den Extremen der Stoffhuberei und der Sinnhuberei, wie Bischer sie genannt hat, glücklich hindurchführt. Mittel-Schreiberhau, den 12. November 1913. Werner Sombart. Inhaltsverzeichnis Seite Einleitung........................... l Erstes Kapitel: Der Geist im Wirtschaftsleben....... I Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschastsgesinnung 11 Erstes Buch. Die Entwicklung des kapitalistischen Geistes. Erster Abschnitt. Der Unternehmungsgeist.......... 29 Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld...... 29 Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung, . . 44 1, Erwerb durch Gewaltmittel............ 47 2, Erwerb durch Zaubermittel............ 49 3, Erwerb durch Geistesmittel (Erfindungsgabe) ... 52 4, Erwerb durch Geldmittel............. 60 Fünftes Kapitel: Das Wesen des Unternehmungsgeistes . . 69 1. Der Eroberer.................. 7l1 2. Der Organisator................. 71 3. Der Händler.................. 72 Sechstes Kapitel: Die Anfänge der Unternehmung..... 77 1. Der Kriegszug................. 77 2. Die Grundherrschaft............... 80 Z. Der Staat................... 82 4. Die Kirche.................... 84 Siebentes Kapitel: Die Grundtypen des kapitalistischen Unter- nehmertums...................... 86 1. Die Freibeuter................. 90 2. Die Feudalherren................ 102 3. Die Staatsbeamten............... lll 4. Die Spekulanten................. 115 5. Die Kaufleute..............- - - !23 6. Die Handwerker................. 132 Zweiter Abschnitt. Der Bttrgergeist............. 135 Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden........ 135 1. Die hellige Wirtschaftlichkeit........... 137 2. Die Geschästsmoral............... 160 Neuntes Kapitel: Die Rechenhaftigkeit........... 164 VI Inhaltsverzeichnis Seite Dritter Abschnitt. Die nationale Entfaltung des kapitalistischen Geistes........................... 170 Zehntes Kapitel: Die verschiedenen Möglichkeiten der Gestaltung........................ 170 Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern - 172 1. Italien..................... 172 2. Die Pyrenäenhalbinsel.............. 174 3. Frankreich.................... 177 4. Deutschland................... 181 5. Solland..................... 185 6. Großbritannien................. 188 7. Die Vereinigten Staaten von Amerika...... 193 Vierter Abschnitt. Der Bourgeois einst und jetzt....... 194 Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils....... 194 Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch ... 212 Zweites Buch. Die Quellen des kapitalistischen Geistes. Einleitung........................... 243 Vierzehntes Kapitel: Das Problem............ 243 Erster Abschnitt. Die biologischen Grundlagen........ 253 Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen.......... 253 1. Anternehmernaturen............... 256 2. Bürgernaturen................. 259 Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker..... 266 Zweiter Abschnitt. Die sittlichen Mächte........... 282 Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie........... 282 Achtzehntes Kapitel: Die Bedeutung der Religion für den Menschen des Frühkapitalismus............ 292 1. Die Katholiken................. 292 2. Die Protestanten................ 296 3. Die Juden................... 299 Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus......... 303 Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus........ 323 Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus ........ 337 Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte am Aufbau des kapitalistischen Geistes......... 349 Inhaltsverzeichnis VII Seite Dritter Abschnitt. Die sozialen Amstände........... 3K1 Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat.......... 3kl Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen...... 38V 1. Die Wanderungen der Juden.......... 383 2. Die Wanderungen der religionsverfolgten Christen, insbesondere der Protestanten.......... 39V 3. Die Kolonisation der überseeischen Länder, insbesondere der Vereinigten Staaten........ 389 Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die Gold- und Silberfunde, . 399 Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Technik......... 413 Siebenundzwan^igstes Kapitel: Di: vorkapitalistische Berufs- tätigkeit........................ 431 Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst- ... 441 Schluß............................ 457 Neunundzwanzigstes Kapitel : Rückblick und Ausblick.... 457 Quellenbelege......................... 465 Sachregister.......................... 527 Autorenregister........................ 535 Einleitung Erstes Kapitel: Der Geist im Wirtschaftsleben Was ist das: der Geist im Wirtschaftsleben? Ein Witzbold, zu dem ich davon sprach, meinte: es gäbe im Wirtschaftsleben überhaupt keinen Geist. Das ist nun sicher falsch; selbst wenn man das Wort in dem Sinne faßt, in dem es von ihm gemeint war; in dem Sinne also, in dem wir es mit den Suffixen reich und voll verbinden. Aber in diesem Sinne gebrauche ich das Wort Geist natürlich nicht, wenn ich hier von einem Geist im Wirtschaftsleben rede. Ich verstehe darunter auch nicht, woran man ebenfalls denken könnte, das, was man wohl besser als Geist des Wirtschaftslebens bezeichnet; nämlich eines bestimmt gearteten Wirtschaftslebens, das man in seiner ideellen (begrifflichen) Reinheit damit zum Ausdruck zu bringen sucht, daß man nach seinem „Geiste" sucht, wie man etwa den „Geist des römischen Rechts" aufzuweisen vermag. Ich gebrauche die Wortverbindung vielmehr in dem schlichten Verstand, wonach sie so viel bedeutet, wie alles Seelische, in diesem Sinne also alles Geistige, das im Bereiche des Wirtschaftslebens zutage tritt. Daß ein solches aber vorhanden sei, wird niemand bestreiten wollen; es sei denn, er leugne ein spezisch Seelisches in den menschlichen Bestrebungen überhaupt. Denn auch die wirtschaftliche Tätigkeit kommt natürlich nur zustande, wenn menschlicher Geist sich der Körperwelt mitteilt und auf sie wirkt. Alle Produktion, aller Transport ist Bearbeitung der Natur, und in aller Arbeit steckt selbstverständlich Seele. Will man bildlich reden, so kann man das Wirtschaftsleben als einen Organismus ansprechen und von diesem aussagen, daß er aus Körper und Seele zusammengesetzt Sombart, Der Bourgeois I 2 Einleitung sei. Den Wirtschaftskörper bilden die äußeren Formen, in denen sich das Wirtschaftsleben abspielt: die Wirtschafts- und Betriebsformen, die Organisationen mannigfacher Art, in deren Llmkreis und mit deren Äilfe gewirtschaftet wird; aber auch die äußeren Bedingungen, unter denen der wirtschaftliche Prozeß sich vollzieht, kann man dem Wirtschaftskörper zurechnen, dem nun eben der Wirtschaftsgeist gegenübersteht. Das heißt also die Gesamtheit seelischer Eigenschaften und Tätigkeiten, die beim Wirtschaften in Betracht kommen. Alle Äußerungen des Intellekts, alle Charakterzüge, die bei wirtschaftlichen Strebungen zutage treten. Ebenso aber auch alle Zielsetzungen, alle Werturteile, alle Grundsätze, von denen das Verhalten der wirtschaftenden Menschen bestimmt und geregelt wird. Ich fasse den Begriff also in einem denkbar weiten Sinne und beschränke ihn nicht etwa, wie es häufig geschieht, auf den Bereich, den man durch die Wirtschaftsethik umschreiben kann, das heißt auf das sittlich Normative im Amkreis des Wirtschaftlichen. Dieses bildet vielmehr nur einen Teil dessen, was ich als Geist im Wirtschaftsleben bezeichne. Das Geistige, das wir in wirtschaftlichen Handlungen aufweisen können, trägt entweder einen allgemeinen Chrakter: ist eine allgemeine seelische Eigenschaft, eine allgemeine Maxime, die sich nur innerhalb eines bestimmten Tätigkeitskreises bemerkbar machen: etwa die Klugheit oder die Energie; etwa die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Oder es sind Äußerungen des Seelenlebens, die nur mit Bezug auf wirtschaftliche Vorgänge zutage treten (wenn sie auch auf allgemeine Eigenschaften und Wertungen zurückzuführen sind): wie etwa eine spezifisch kalkulatorische Vornahme oder ein bestimmtes Prinzip der Buchführung u. dgl. Mit diesen Feststellungen sind wir nun aber einer Frage ganz nahe gerückt, die recht eigentlich im Mittelpunkte unseres Erstes Kapitel: Der Geist im Wirtschaftsleben Z Interesses steht und um deren Beantwortung sich ein großer Teil des Streites dreht, den meine Problemstellung hervorgerufen hat, der Frage: ob es denn immer derselbe Geist sei, der im Wirtschaftsleben oder genauer in dem wirtschaftenden Menschen herrscht, oder ob sich ein verschiedener Geist etwa nach Individuen, nach Berufen, nach Ländern, nach Zeiten oder sonstwie unterscheiden lasse. Seltsam: hier sind es vor allem die Historiker vom Fach, die mit Leidenschaftlichkeit den Satz verfechten: es sei im Grunde immer derselbe Geist gewesen, der die Menschen bei ihrem wirtschaftlichen Verhalten geleitet habe. Seltsam nenne ich diese Tatsache, weil es doch gerade immer die Historiker sind, die sich (mit Recht I) dagegen sträuben, etwas Allgemeines über die Geschichte der Menschen auszusagen, etwa „allgemeine Entwicklungsgesetze" aufzustellen, die mit Windelband meinen: es blieben in diesem Falle, das heißt wenn man allgemein gültige Sätze aus dem Ablauf der Geschichte abstrahieren wollte, nur wenige Trivialitäten übrig. Diese selben Männer wehren sich mit Äänden und Füßen gegen meine These: der Geist, der die Wirtschaftssubjekte beherrscht, könne ein grundverschiedener sein und sei schon jeweils ein grundverschiedener gewesen. Offenbar spukt hier in den Köpfen derer, die sich nur gelegentlich mit den Problemen des Wirtschaftslebens beschäftigen, die alte Vorstellung (die die Nationalökonomen längst als falsch erkannt haben) von einer „ökonomischen Natur" des Menschen, von dem eLonomical man, den die Klassiker als Wirtschaftsmenschen schlechthin betrachteten, den wir aber längst als den kapitalistischen Wirtschaftsmenschen entlarvt haben. Nein. Die allererste Voraussetzung für ein richtiges Verständnis wirtschaftlicher Vorgänge ist die Einsicht, daß der Geist des Wirtschaftslebens (in dem Sinne also, in dem die Wortverbindung hier verstanden wird) grundverschieden sein kann; das heißt also, um 1* 4 Einleitung es noch einmal genau festzustellen, daß die bei der Vornahme wirtschaftlicher Handlungen erforderten seelischen Qualitäten ebenso verschieden von Fall zu Fall sind wie die leitenden Ideen und Grundsätze, nach denen die wirtschaftliche Tätigkeit eingestellt wird. Ich behaupte: es ist ein anderer „Geist", der einen Handwerker alten Schlages und einen modernen amerikanischen Unternehmer beherrscht; ich behaupte: zwischen Herrn von Nothsattel und Veitel Jtzig und zwischen diesen beiden und T. O. Schröter besteht ein beträchtlicher Unterschied in ihrer Stellung zum Wirtschaftsleben; der Büttnerbauer und seine Geldgeber sind von einem verschiedenen Wirtschaftsgeiste beherrscht. Wer unbefangen an die Dinge herantritt, wird mir entgegenhalten: es sei kindisch von mir, solche Trivialitäten erst ausdrücklich zu „behaupten". Wer die Literatur kennt, die sich an meine Lehre vom „Geist im Wirtschaftsleben" anknüpft, weiß, daß meine Behauptungen keineswegs allgemein als richtig anerkannt sind, daß vielmehr die große Mehrzahl meiner Kritiker sie rundweg für falsch erklärt. Wie so etwas möglich ist, vermag man nur zu begreifen, wenn man die Einwände, die gegen meine Auffassung erhoben worden sind, kennen lernt. Bei der zentralen Bedeutung dieser Frage will ich in Kürze die wichtigsten dieser Einwände hier verzeichnen und gleich dabei sagen, weshalb sie mir als nicht stichhaltig erscheinen. Wenn ich dabei die Namen der Kritiker unerwähnt lasse, so werden die Leser mir das nicht übel nehmen. Die einen also, die Radikalen, behaupten: es habe immer derselbe Geist im Wirtschaftsleben geherrscht: alle Menschen, die wirtschafteten, erstrebten Gewinn, immer sei gerechnet worden und werde gerechnet usw. Höchstens geben sie zu: daß „Gradunterschiede" zwischen einem „rechnenden" Bauern im Mittelalter und einem modernen Bankier, zwischen dem Gewinnstreben Erstes Kapitel: Der Geist im Wirtschaftsleben 5 eines Handwerkers und eines amerikanischen Trustmagnaten bestehen. Ich behaupte demgegenüber (und kann natürlich den vollen Beweis erst im Verlauf dieses Buches erbringen): 1. daß es keineswegs immer nur um „Gradunterschiede" sich handelt, wenn z. B. ein Wirtschaftssubjekt grundsätzlich empirisch oder grundsätzlich rationalistisch wirtschaftet; wenn das wirtschaftliche Äandeln im einen Falle vorwiegend intellektuelle, im anderen Falle vorwiegend gefühlsmäßige Betätigung erheischt; 2. daß aber, auch zugegeben, es seien immer nur „Gradunterschiede", die den Geist zweier Wirtschaftenden trennen, diese „Gradunterschiede" bedeutend genug sein können, um „Wesensunterschiedlichkeiten" oder sagen wir richtiger: wesentliche Unterschiedlichkeiten zu begründen. Soll man die Elemente der Logik und Psychologie lehren? Auch ein Riese ist nur „graduell" vom Zwerg unterschieden, ebenso wie die Kitze von der Kälte, das Alter von der Jugend, die dichte Besiedelung von der dünnen, die Großstadt von der Kleinstadt, das Forte vom Piano usf. Die anderen geben zwar zu, daß jeweils recht verschiedener „Geist" in dem wirtschaftlichen Verhalten der einzelnen zutage tritt, legen aber Wert darauf zu behaupten, daß die menschliche Natur doch „immer dieselbe" bleibe und nur je unter verschiedenen Amständen verschiedene Seiten ihres Wesens entwickele. Nun ja, das versteht sich ja eigentlich von selbst, daß in aller Menschheitsgeschichte es sich um „dieselbe" menschliche Natur handelt. Das ist ja die Grundvoraussetzung aller Geschichtsschreibung, da wir ohne sie überhaupt kein geschichtliches Geschehen begreifen würden. Natürlich sind die Grundtatsachen des menschlichen Lebens: Geburt und Tod, Liebe und Äaß, Treue und Verrat, Lüge und Wahrheit, Äunger und Durst, Armut und Reichtum immer dieselben. Auch die Notwendigkeit zu wirtschaften ist immer dieselbe und ebenso der Ablauf des 6 Einleitung wirtschaftlichen Prozesses bleibt derselbe. And es ist gewiß eine reizvolle Aufgabe, das in aller menschlichen Geschichte Gleichbleibende zu begreifen und zu schildern. Nur Aufgabe des Historikers ist es doch wohl nicht. Denn Geschichte schreiben heißt doch wohl das jeweils Verschiedene darstellen. Daß nun aber solche „Verschiedenheiten" auch im Wirtschaftsleben die Äülle und Fülle da sind, auch innerhalb seiner geistigen Bestandteile, und daß sie recht wohl wert sind, als solche erfaßt zu werden, das haben, sollte ich meinen, die Antersuchungen des letzten Menschenalters zur Genüge ergeben. Wenn man will, mag man diese Verschiedenheit des wirtschaftlichen Geistes als verschiedene Äußerungen einer und derselben „menschlichen Natur" betrachten: Dann gilt es eben die Verschiedenartigkeit dieser „Äußerungen" darzustellen. Nun ist damit aber die Meinungsverschiedenheit zwischen den Historikern und mir noch nicht erschöpft. Ja, ihr Äaupt- einwand, den sie aus der ganzen Fülle ihrer Einzelkenntnisse heraus erheben, ist noch gar nicht erwähnt. Es ist nämlich dieser: auch zugegeben, daß es verschiedenen Geist in verschiedenen Wirtschaftssubjekten gibt und zu verschiedenen Zeiten gegeben hat: unzulässig ist es (was ich tue), von dem Geist einer bestimmten Wirtschaftsepoche zu reden und verschiedene Epochen in der Geschichte nach der Verschiedenheit ihres wirtschaftlichen Geistes abzugrenzen. Anzulässig ist das, sagen sie, weil zu jeder Zeit verschieden geartete und verschieden orientierte Wirtschaftssubjekte dagewesen sind. Ich will genauer umschreiben, was ich meine. Eine Epoche im Wirtschaftsleben nach dem Geiste im Wirtschaftsleben unterscheide ich danach, ob in einer bestimmten Zeit ein bestimmter Geist vorgeherrscht hat. Ich bemerke im vorhinein, daß damit die Wirtschaftsepoche noch nicht voll charakterisiert wird, da es zu diesem Ende not- Erstes Kapitel: Der Geist im Wirtschaftsleben 7 wendig ist, die der Zeit eigentümliche äußere Struktur des Wirtschaftslebens heranzuziehen. Erst diese zusammen mit dem herrschenden Geist ergeben die Gesamtansicht einer Zeit. Die Form einer Wirtschaft und der Geist, in dem sie geführt wird, stehen zwar generell im Verhältnis adäquater Beziehung, nicht aber in dem einer gesetzlichen Abhängigkeit voneinander, wie Max Weber das bereits in dem Falle Benjamin Franklin ausgeführt hat. „Benjamin Franklin war mit kapitalistischem Geiste erfüllt zu einer Zeit, wo sein Buchdruckerbetrieb der Form nach sich in nichts von irgendeinem Handwerksbetrieb unterschied." In meiner Terminologie heißt das: erst das Wirtschaftssystem charakterisiert eine Wirtschaftsepoche, wenn es in ihm vorherrscht. Wollen wir uns die Möglichkeiten klar machen, die hier obwalten können, so müssen wir uns erst Kenntnis verschaffen von dem, was „ein bestimmter Geist" bedeutet, und von dem, was .vorherrschen" bedeutet. Wir unterscheiden die theoretische von der empirischen Betrachtung. Die theoretische Betrachtung verhilft uns dazu: 1. einzelne Züge, die wir bei wirtschaftlich handelnden Personen beobachtet haben, konsequent durchzudenken und sie zu voller begrifflicher Reinheit zu entwickeln: etwa die Idee der Nahrung, das Gewinnstreben, den ökonomischen Nationalismus oder Traditionalismus usw.; 2. diese einzelnen Züge zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen, das alsdann den Typ eines wirtschaftlichen Gesamtgeistes darstellt, wie er in der Idee sich uns ergibt. 3. die einzelnen Züge getrennt oder vereinigt können wir auf ein gedachtes Wirtschaftssubjekt beziehen und dieses damit als einen bestimmten Typ kennzeichnen, dem die einzelnen Bewußtseinsinhalte oder der Komplex von Bewußtseinsinhalten als psychologische Eigenschaften von uns verliehen werden. Je nachdem wir nun einzelne Züge oder Komplexe von 8 Einleitung solchen oder Bewußtseinsinhalte, die mit ihnen erfüllt sind, unterscheiden, können wir (in verschiedenem Sinn) von einem „bestimmten Geiste des Wirtschaftslebens" reden, ohne damit einstweilen eine bestimmte empirische Gestaltung zu bezeichnen. Wollen wir nun behaupten, daß ein bestimmter Geist „geherrscht" oder „vorgeherrscht" habe, so stellen wir die Beziehungen zwischen ihm und lebendigen Menschen fest: wir fällen ein Arteil über seine „Verbreitung" in der Wirklichkeit, genau gesprochen: über seine „Verbreitung" und seine „Vertiefung" oder (anders ausgedrückt) über den Grad seiner extensiven und intensiven Entwicklung. Diese hängt ab von der größeren oder geringeren Annäherung der einzelnen Züge des wirtschaftlichen Geistes im Individuum an ihre ideelle Vollkommenheit einerseits, von der größeren oder geringeren Häufung einzelner zu einem Gesamtgeist gehörigen Züge andrerseits. Also: der ökonomische Rationalismus kann mehr oder wenig vollendet in einem Wirtschaftssubjekte sein, er kann sich mit einem mehr oder wenig stark entwickelten Gewinnstreben paaren oder nicht, damit kann wiederum eine rigorose oder laxe Auffassung von kaufmännischer Solidität verbunden sein usw. Die extensive Entwicklung eines bestimmten wirtschaftlichen Geistes stellt sich dar in der Menge von Individuen, die jeweils von ihm erfüllt sind: ein bestimmter Geist kann eine sehr hohe Intensität der Entwicklung in einzelnen Wirtschaftssubjekten aufweisen, ohne daß er eine sehr weite Verbreitung gefunden hat, umgekehrt können viele abgeblaßte Züge eines wirtschaftlichen Gesamtgeistes oder einige wenige stark entwickelte Züge in einer großen Menge von Individuen zu finden sein. Ein bestimmter Geist „herrscht" zu einer Zeit dann, wenn er überhaupt eine weite Verbreitung hat, er herrscht vor, Erstes Kapitel: Der Geist im Wirtschaftsleben 9 wenn er die wirtschaftlichen Handlungen der meisten Wirtschaftssubjekte bestimmt. Gegen eine solche Annahme eines „herrschenden" oder „vorherrschenden" Geistes wird nur der Eigensinn oder der Unverstand geltend machen, daß in dieser selben Zeit auch Individuen gelebt haben, die anders orientiert, mit einem anderen Wirtschaftsgeiste erfüllt waren. 5 5 Diese Besinnungen waren notwendig, um (für den zweifelsüchtigen Leser) die Bahn frei zu machen für die folgende Darstellung, die es sich als Aufgabe stellt, die Wandlungen des wirtschaftlichen Geistes in der Geschichtsepoche der westeuropäischamerikanischen Kultur zu schildern, insbesondere die Entstehung desjenigen Geistes darzustellen, der unsere Gegenwart fast ausschließlich beherrscht: des kapitalistischen. In dieser Spanne Zeit, also seit dem Eintritt der germanischslawisch-keltischen Völker in die Geschichte — das ist die These — hat sich die Wirtschaftsgesinnung von Grund aus gewandelt, indem sich aus einem anderen, nennen wir ihn einstweilen: vorkapitalistischen, Geiste der kapitalistische herausgebildet hat. Dieser moderne kapitalistische Geist ist eine für unsere europäische Welt, deren Anfang im frühen Mittelalter liegt, neue Erscheinung, was nicht ausschließt, daß sich ein ähnlicher Wirtschaftsgeist schon früher einmal, in den Kulturen der Alten Welt, entwickelt hatte, auch nicht, daß dieser früher schon dagewesene Geist seine Hand im Spiele gehabt hat bei der Entstehung des modernen kapitalistischen Geistes. Diese Einflüsse sind seinerzeit zu berücksichtigen. Berechtigt aber bleibt es, den Werdegang der Wirtschaftsgesinnung innerhalb des Kulturkreises der europäischen Völker als eine für sich bestehende Sondererscheinung zu erfassen und zur Darstellung zu bringen. Daß man anderseits bis in die mittelalterliche Zeit zurückgehen 10 Einleitung muß, um den Werdegang des modernen kapitalistischen Geistes zu verstehen, wird, wie ich hoffe, diese Arbeit selber rechtfertigen. Äber die mit dem Problem der Genesis eines bestimmten Wirtschaftsgeistes zusammenhängenden Fragen grundsätzlicher Natur, insbesondere über die im Anschluß an meine erste Darstellung viel erörterte Frage: ob das Ei oder das Äuhn früher da sei, das heißt: ob der wirtschaftliche Geist das Wirtschaftsleben oder das Wirtschaftsleben den wirtschaftlichen Geist er- zeuge, spreche ich füglich erst dort, wo ich die genetische Darstellung vollende, die sich nach der Anlage dieses Buches nur auf den kapitalistischen Geist bezieht. Vorher will ich den vorkapitalistischen Wirtschaftsgeist (ohne auf seine Entstehung einzugehen) als gegebene Tatsache schildern, um damit den Ausgangspunkt für die Entwicklung des kapitalistischen Geistes festzulegen. Das folgende Kapitel ist der Schilderung dieses vorkapitalistischen Geistes gewidmet. Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirt- schaftsgefinnung Der vorkapitalistische Mensch: das ist der natürliche Mensch. Der Mensch, wie ihn Gott geschaffen hat. Der Mensch, der noch nicht auf dem Kopfe balanciert und mit den Künden läuft (wie es der Wirtschafts mensch unserer Tage tut), sondern der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und auf ihnen durch die Welt schreitet. Seine Wirtschaftsgesinnung aufzufinden, ist deshalb auch nicht schwer: sie ergibt sich wie von selbst aus der menschlichen Natur. Selbstverständlich steht im Mittelpunkt aller Bemühungen und aller Sorgen der lebendige Mensch. Er ist der „Maßstab aller Dinge": men8urs omnium rerum liomc». Damit ist aber auch die Stellung des Menschen zur Wirtschaft schon bestimmt: diese dient wie alles übrige Menschenwerk menschlichen Zwecken'). Also: das ist die grundlegend wichtige Folgerung aus dieser Auffassung — ist der Ausgangspunkt aller wirtschaftlichen Tätigkeit der Bedarf des Menschen, das heißt sein naturaler Bedarf an Gütern. Wieviel Güter er konsumiert, soviel müssen produziert werden; wieviel er ausgibt, soviel muß er einnehmen. Erst sind die Ausgaben gegeben, danach bestimmen sich die Einnahmen. Ich nenne diese Art der Wirtschaftsführung eine Ausgabewirtschaft. Alle vorkapitalistische und vorbürgerliche Wirtschaft ist Ausgabewirtschaft in diesem Sinne. Der Bedarf selbst wird nicht von der Willkür des Individuums bestimmt, sondern hat im Laufe der Zeit innerhalb der einzelnen sozialen Gruppen eine bestimmte Größe und Art angenommen, die nun als fest gegeben angesehen wird. Das ist die Idee des standesgemäßen Unterhalts, die alle vorkapitalistische Wirtschaftsführung beherrscht. Was das Leben in langsamer Entwicklung ausgebildet hatte, empfängt dann von 12 Einleitung den Autoritäten des Rechts und der Moral die Weihe der grundsätzlichen Anerkennung und Vorschrift. In dem thomistischen Lehrgebäude bildet die Idee des standesgemäßen Anterhalts ein wichtiges Fundamentum: es ist nötig, daß die Beziehungen des Menschen zur äußeren Güterwelt irgendwie einer Beschränkung, einem Maßstabe unterworfen werden: necesge est quoci bcmum nomini8 circa es (sc. bcma exteriora) consislat in quacism mensui-3. Dieses Maß bildet den standesgemäßen Unterhalt: prout sunt nece8S3N3 sci viwm eius secuncium gusm con- cZitlvnem ^). Standesgemäß soll der Anterhalt sein. Also verschieden groß und verschieden geartet innerhalb der verschiedenen Stände. Da heben sich denn deutlich zwei Schichten voneinander ab, deren Lebensführung das vorkapitalistische Dasein kennzeichnen: die Äerren und die Masse des Volkes, die Reichen und die Armen, die Seigneure und die Bauern, Handwerker und Krämer, die Leute, die ein freies, unabhängiges Leben führen, ohne wirtschaftliche Arbeit, und diejenigen, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen, die Wirtschaftsmenschen. Ein seigneuriales Dasein führen heißt aus dem Vollen leben und viele leben lassen; heißt im Kriege und auf der Jagd seine Tage verbringen und im lustigen Kreise froher Zecher, beim Würfelspiel oder in den Armen schöner Frauen die Nächte vertun. Äeißr Schlösser bauen und Kirchen, heißt Glanz und Pracht auf den Turnieren oder bei anderen festlichen Gelegenheiten entfalten, heißt Luxus treiben, soweit es die Mittel erlauben und über diese hinaus. Immer sind die Ausgaben größer als die Einnahmen. Dann muß dafür gesorgt werden, daß diese entsprechend sich vergrößern: Der Vogt muß die Abgaben der Bauern erhöhen, der Rendant muß die Pachte steigern, oder man sucht (wie wir noch sehen werden) außerhalb der Kreise des normalen wirtschaftlichen Gütererwerbs die Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgestnnung 1Z Mittel, um das Defizit zu decken. Das Geld verachtet der Seigneur. Es ist schmutzig, ebenso wie alle Erwerbstätigkeit schmutzig ist. Geld ist zum Ausgeben da^): „usus pecuniae est in ernissione ipsius" (S. Thomas). So lebten die weltlichen, so lange Zeiten hindurch auch die geistlichen Äerren. Ein deutliches Bild von der seigneurialen Lebensführung der Geistlichkeit in Florenz während des Quattrocento, das durchaus als typisch gelten darf für alles Leben der Reichen in vorkapitalistischer Zeit, entwirft L. B. Alb erti, wenn er folgendes sagt: „Die Priester wollen alle anderen an Glanz und Prachtentfaltung übertreffen, wollen eine große Anzahl wohlgepflegter und schöngeschmückter Rosse haben, wollen öffentlich auftreten mit einem großen Gefolge, und von Tag zu Tag steigert sich ihr Kang zum Nichtstun und ihre freche Lasterhaftigkeit. Obwohl ihnen das Schicksal große Mittel in den Schoß wirft, sind sie doch immer unzufrieden und, ohne einen Gedanken ans Sparen, ohne Wirtschaftlichkeit, sinnen sie nur darauf, wie sie ihre angestachelten Begierden befriedigen können. Immer fehlt es an Einnahmen, immer sind die Ausgaben größer als ihre ordentlichen Einnahmen. So müssen sie das Fehlende anderswo her zu ergattern suchen" ^) usw. Ein solches Leben mußte schließlich zum wirtschaftlichen Untergang führen, und die Geschichte lehrt uns, daß ein großer Teil der alten Adelsfamilien in allen Ländern am allzu flotten Leben zugrunde gegangen sind. Für die große Masse des Volkes war es auch in vorkapitalistischer Zeit notwendig, da man immer nur über beschränkte Mittel verfügte, Ausgabe und Einnahme, Bedarf und Güterbeschaffung in ein dauernd geordnetes Verhältnis zueinander zu bringen. Auch hier freilich mit derselben Voranstellung des Bedarfs, der also ein traditionell festgegebener war, und den es zu befriedigen galt. Das führte zu der Idee der 14 Einleitung Nahrung, die aller vorkapitalistischen Wirtschaftsgestaltung ihr Gepräge verleiht. Die Idee der Nahrung ist in den Wäldern Europas von den sich seßhaft machenden Stämmen der jungen Völker geboren worden. Es ist der Gedanke, daß jede Bauernfamilie so viel Äofland, so viel Ackerland, so viel Anteil an der Gemeindeweide und dem Gemeindewalde erhalten soll, wie sie zu ihrem Unterhalte benötigt. Dieser Komplex von Produktionsgelegenheiten und Produktionsmitteln war die altdeutsche Äufe, die im germanischen Gewanndorfe ihre vollendete Ausbildung erfahren hat, aber doch auch in allen Ansiedlungen der keltischen und slawischen Völker ihrer Grundidee nach sich wiederfindet. Das heißt also: Art und Amfang der einzelnen Wirtschaft werden bestimmt durch die Art und den Amfang des als gegeben angenommenen Bedarfs. Aller Zweck des Wirtschaftet ist die Befriedigung dieses Bedarfs. Die Wirtschaft untersteht, wie ich es genannt habe, dem Bedarfsdeckungsprinzip. Aus dem bäuerlichen Anschauungskreise ist dann die Idee der Nahrung auf die gewerbliche Produktion, auf Äandel und Verkehr übertragen worden und hat hier die Geister beherrscht, solange diese Wirtschaftssphären handwerksmäßig organisiert waren. Will man die Grundidee erkennen, von der alles handwerksmäßige Denken und Wollen bestimmt wird, so muß man sich das System des handwerksmäßigen Schaffens als die Übertragung der Kufenverfassung auf gewerbliche und kommerzielle Verhältnisse vorstellen. Bis ins einzelne läßt sich die Analogie verfolgen, die zwischen einer bäuerlichen Äufnergemeinde und einer in einer Zunft geeinten Korporation von Handwerkern obwaltet. Beide gehen von einer gegebenen Größe des zu befriedigenden Bedarfs und damit der zu vollbringenden Arbeit aus, beide sind orientiert unter dem Gesichtspunkte der Nahrung. Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung 1Z Der immer wiederkehrende Grundgedanke jedes echten .Handwerkers und Handwerksfreundes ist der: das Handwerk solle seinen Mann ernähren. Er will so viel arbeiten, daß er seinen Unterhalt gewinnt; er hat, wie die Handwerker in Jena (von denen uns Goethe erzählt) „meist den vernünftigen Sinn, nicht mehr zu arbeiten, als sie allenfalls zu einem lustigen Leben brauchen". Wie es in der sogenannten Reformation Sigismunds heißt, die den tausendfach wiederholten Grundgedanken aller handwerksmäßigen Organisation in klassischer Form ausspricht: „wolt ir aber kören, wag kaiserlicli reckt ^epuitet, uns vorciern sinci nit naren ^evvessen — es sinci nantvverclc ciarumb erteilt, ciss ^eäermsn sein tä^Iicn brot ciarmit Aevvin unci sol niemsnt ciem anciern preisten in sein nantwerek. ciamit scnickt ciie weit ir notciurit unä maA sicn ^ecierman er- neren"°). Natürlich muß sich aus der Verschiedenheit der Personen, aus der Verschiedenheit der Erwerbsquellen eine verschiedene Auffassung vom Wesen der „Nahrung" bei Bauer und Handwerker ergeben. Der Bauer will als eigner Herr auf seiner Scholle sitzen und aus dieser im Rahmen der Eigenwirtschaft seinen Unterhalt ziehen. Der Handwerker ist auf den Absatz seiner Erzeugnisse, auf die Verwertung seiner Dienste angewiesen: er ist immer in eine verkehrswirtschaftliche Organisation einbezogen. Was für den Bauern also die hinreichende Größe seines Besitztums ist, ist für den Handwerker der genügende Umfang seines Absatzes. Aber die Grundidee bleibt in beiden Fällen dieselbe. Man hat mir, als ich schon früher ähnliche Gedanken entwickelte, entgegengehalten: es sei ganz verkehrt, für irgendeine Zeit anzunehmen, daß die Menschen sich beschränkt hätten, nur ihren Unterhalt zu befriedigen, nur ihre „Nahrung" zu haben, nur ihren naturgemäßen traditionellen Bedarf zu decken. Viel- 16 Einleitung mehr sei es zu allen Zeiten „in der Natur des Menschen" gelegen gewesen, so viel wie möglich zu verdienen, so reich wie möglich zu werden. Ich bestreite das heute noch ebenso entschieden wie früher und behaupte heute dezidierter denn je, daß das Wirtschaftsleben in der Tat im vorkapitalistischen Zeitalter unter dem Bedarfsdeckungsprinzip gestanden hat, daß Bauer und Handwerker ihre Nahrung und nichts weiter mit ihrer normalen wirtschaftlichen Tätigkeit gesucht haben. Die gegen diese meine Auffassung erhobenen Einwände, soweit man sie überhaupt zu begründen versucht hat, sind vornehmlich zwei, die aber beide nicht stichhaltig sind: 1. Es hätten immer einzelne Handwerker über den Rahmen der „Nahrung" hinausgestrebt, hätten ihre Geschäfte erweitert und hätten mit ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit Gewinn erjagt. Das ist richtig. Beweist aber nur, daß es Ausnahmen von der Regel stets gibt, und diese Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Der Leser erinnere sich dessen, was ich über den Begriff des „Vorherrschens" eines bestimmten Geistes gesagt habe. Niemals hat nur ein Geist geherrscht. 2. Die Geschichte des europäischen Mittelalters lehre uns, daß zu allen Zeiten in weiten Kreisen auch des wirtschaftenden Volks eine starke Geldsucht geherrscht habe. Auch das gebe ich zu. Llnd ich werde im weiteren Verlauf dieser Darstellung von dieser wachsenden Geldsucht selbst zu reden haben. Aber ich behaupte, sie habe den Geist des vorkapitalistischen Wirtschaftslebens in seinen Grundlagen nicht zu erschüttern vermocht Es ist vielmehr gerade wieder ein Beweis für den allem Gewinnstreben abgekehrten Geist der vorkapitalistischen Wirtschaft, daß sich alle Erwerbslust, alle Geldgier außerhalb des Nexus der Güterproduktion, des Gütertransports und sogar zum großen Teil auch des Güterhandels zu befriedigen trachtet. Man läuft in die Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung 17 Bergwerke, man gräbt nach Schätzen, man treibt Alchimie und allerhand Zauberkünste, um Geld zu erlangen, weil man es im Nahmen der Alltagswirtschaft nicht erwerben kann. Aristoteles, der am tiefsten das Wesen der vorkapitalistischen Wirtschaft erkannt hat, sieht deshalb durchaus sachgemäß den Gelderwerb über den naturalen Bedarf hinaus als nicht zur wirtschaftlichen Tätigkeit gehörig an. Ebensowenig dient der Reichtum an barem Gelde wirtschaftlichen Zwecken: für den nötigen Unterhalt sorgt vielmehr der mxo?, sondern er ist nur zu außerwirtschaftlicher, „unsittlicher" Verwendung geeignet. Alle Wirtschaft hat Maß und Grenzen, der Gelderwerb nicht. (Pol. l.ib. I.) Fragen wir nun, in welchem Geiste gemäß diesen Leitsätzen die Wirtschaftsführung der Bauern und Handwerker sich gestaltet, so genügt es, daß wir uns vergegenwärtigen, wer die Wirtschaftssubjekte waren, die alle vorkommende Arbeit: die leitende, organisierende, disponierende und ausführende selbst vornahmen oder durch wenige Hilfskräfte vornehmen ließen. Es sind einfache Durchschnittsmenschen mit starkem Triebleben, stark entwickelten Gefühls- und Gemütseigenschaften und ebenso gering entfalteten intellektuellen Kräften. AnVollkommenheiten im Denken, mangelnde geistige Energie, mangelnde geistige Disziplin begegnen uns bei den Menschen jener Zeit nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den Städten, die lange Jahrhunderte hindurch noch große, organisch gewachsene Dörfer sind. Es waren dieselben Menschen, deren gering entwickelten Intellektualismus wir auch auf anderen Kulturgebieten beobachten. So bemerkt einmal Keutgen sehr feinsinnig von der Art der Rechtserzeugung im Mittelalter: „Es handelt sich nur um einen Mangel an geistiger Energie, der sich bei unseren älteren Rechtsaufzeichnungen häufig erkennen läßt, die von an intensive Sombart, Der Bourgeois 2 1» Einleitung Geistesarbeit nicht gewohnten Männern ausgegangen sind. ... Ich erinnere nur daran, wie überraschend lückenhaft in der Berücksichtigung der verschiedenen Gebiete des Rechtslebens unsere älteren Stadtrechte sich erweisen" °). Ein Analogon dazu in der Sphäre der Wirtschaft bietet der gering entwickelte Sinn für das Rechnungsmäßige, für das exakte Abmessen von Größen, für die richtige Handhabung von Ziffern. Das gilt selbst für die Tätigkeit des Kaufmanns. In Wirklichkeit wollte man gar nicht „exakt" sein. Das ist eine spezifisch moderne Vorstellung, daß Rechnungen notwendig „stimmen" müssen. Alle frühere Zeit ging bei der Neuheit ziffernmäßiger Wertung der Dinge und ziffernmäßiger Ausdrucksweise immer nur auf eine ganz ungefähre Umschreibung der Größenverhältnisse hinaus. Jeder, der sich mit Rechnungen des Mittelalters befaßt hat, weiß, daß bei Nachprüfungen der von ihnen aufgeführten Summe oft sehr abweichende Ziffern herauskommen. Flüchtigkeits- und Rechenfehler sind gang und gäbe^). Der Wechsel von Ziffern im Ansatz einer Beispielrechnung ist, fast möchte man sagen, die Regel ^. Wir müssen uns eben die Schwierigkeiten für jene Menschen, Ziffern auch nur kurze Zeit im Kopfe zu behalten, als ungeheuer große denken. Wie heute bei Kindern. Aller dieser Mangel an exakt-rechnerischem Wollen und Können kommt nun aber in der Loi-ciisant-Buchführung des Mittelalters zum deutlichsten Ausdruck. Wer die Aufzeichnungen eines Tölner, eines Viko von Geldersen, eines Wittenborg, eines Ott Ruhland durchblättert, hat Mühe, sich vorzustellen, daß die Schreiber bedeutende Kaufleute ihrer Zeit gewesen sind. Denn ihre ganze Rechnungsführung besteht in nichts anderem als einer ungeordneten Notierung der Beträge ihrer Ein- und Verkäufe, wie sie heute jeder Krämer in der kleinen Provinzstadt vorzunehmen pflegt. Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung 19 Es sind im wahren Sinne nur „Journale", „Memoriale", d. h. Notizbücher, die die Stellen der Knoten in den Taschentüchern von Bauern vertreten, die zu Markte in die Stadt ziehen. Obendrein noch mit Angenauigkeiten gespickt. Auch lax und liberal in der Festhaltung von Schuld- oder Forderungssummen. „Item unci am bellin mit Iientscnücnen, nit vvaik icn wie viel cier ist;" „item unä nocn ist ainer, imt mit 6en ob^escbnbnen gekauft; bleibt mir ocb 19 Aulcien rbein. umb miscntlin patemoster ... icn nsb ctes Samens vergessen." Diesem Mangel an kalkulatorischem Sinn entspricht auf der anderen Seite die rein qualitative Beziehung der Wirtschaftssubjekte zu der Gllterwelt. Man stellt (um in heutiger Terminologie zu sprechen) noch keine Tauschwerte her (die rein quantitativ bestimmt sind), sondern ausschließlich Gebrauchsgüter, also qualitativ unterschiedliche Dinge. Die Arbeit des echten Bauern ebenso wie des echten Handwerkers ist einsame Werkschöpfung: in stiller Versunkenheit gibt er sich seiner Beschäftigung hin. Er lebt in seinem Werk, wie der Künstler darin lebt, er gäbe es am liebsten gar nicht dem Markte preis. Anter bitteren Tränen der Bäuerin wird die geliebte Schecke aus dem Stalle geholt und zur Schlachtbank geführt; der alt Lourrss kämpft um seinen Pfeifenkopf, den ihm der Händler abkaufen will. Kommt es aber zum Verkauf (und das muß ja wenigstens bei verkehrswirtschaftlicher Verknüpfung die Regel bilden), so soll das erzeugte Gut seines Schöpfers würdig sein. Der Bauer wie der Handwerker stehen hinter ihrem Erzeugnis; sie vertreten es mit Künstlerehre. Aus dieser Tatsache erklärt sich z. B. die tiefe Abneigung alles Hand- werkertums gegen Falsifikate oder selbst Surrogate, ja auch nur gegen Schleuderarbeit. Ebensowenig wie die Geistesenergie ist nun aber beim vorkapitalistischen Wirtschaftsmenschen die Willensenergie entwickelt. 2* 20 Einleitung Das äußert sich in dem langsamen Tempo der wirtschaftlichen Tätigkeit. Vor allem und zunächst sucht man sie sich so viel als irgend möglich vom Leibe zu halten. Wo man „feiern" kann, tut man es. Man hat zur wirtschaftlichen Tätigkeit seelisch etwa dieselben Beziehungen wie das Kind zum Schulunterricht, dem es sich gewiß nicht unterzieht, wenn es nicht muß. Keine Spur von einer Liebe zur Wirtschaft oder zur wirtschaftlichen Arbeit. Diese Grundstimmung können wir ohne weiteres aus der bekannten Tatsache ableiten, daß in aller vorkapitalistischen Zeit die Zahl der Feiertage im Jahre enorm groß war. Eine hübsche Übersicht über die zahlreichen Feiertage im bayrischen Bergbau noch während des 16. Jahrhunderts gibt Ä. Peetz°). Danach waren in verschiedenen Fällen: And bei der Arbeit selbst eilt man sich nicht. Es ist gar kein Interesse vorhanden, daß etwas in sehr kurzer Zeit oder daß in einer bestimmten Zeit sehr viel erzeugt oder vollbracht werde. Die Dauer der Produktionsperiode wird durch zwei Momente bestimmt: durch die Anforderungen, die das Werk an gute und solide Ausführung stellt und durch die natürlichen Bedürfnisse des arbeitenden Menschen selbst. Die Produktion von Gütern ist eine Betätigung lebendiger Menschen, die sich in ihrem Werke „ausleben"; sie folgt daher ebenso den Gesetzen dieser blutdurchströmten Personenheiten, wie der Wachstumsprozeß eines Baumes oder der Zeugungsakt eines Tieres von den inneren Notwendigkeiten dieser Lebewesen Richtung, Ziel und Maß empfangen. von 203 Tagen 123 Arbeitstage „ 366 „ 366 ,. 161 ., 287 .. 99 193 260 263 Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung 21 Ebenso wie bei dem Tempo der Arbeit ist auch bei der Zusammenstellung der einzelnen Arbeitsverrichtungen zu einem Berufe die menschliche Natur mit ihren Anforderungen allein maßgebend: mensura omnium rerum liomo gilt auch hier. Dieser höchstpersönlichen Art der Wirtschaftsführung entspricht nun ihr Empirismus, oder wie man es neuerdings genannt hat, ihr Traditionalismus. Empirisch, traditio- nalistisch wird gewirtschaftet; das heißt: so wie man es überkommen hat, so wie man gelernt hat, so wie man es gewohnt ist. Man blickt bei dem Entscheide über eine Vornahme oder Maßregel nicht zuerst nach vorn, nach dem Zwecke, fragt nicht ausschließlich nach ihrer Zweckmäßigkeit, sondern schaut nach hinten, nach den Vorbildern und Mustern und Erfahrungen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß dieses traditionalistische Verhalten durchaus das Verhalten aller natürlichen Menschen ist, daß es auf allen Kulturgebieten in der früheren Zeit des menschlichen Daseins durchaus vorgeherrscht hat aus Gründen, die in der Natur des Menschen selbst zu suchen sind, und die alle letztlich in der starken Tendenz der menschlichen Seele zur Beharrung wurzeln. Von unserer Geburt an, vielleicht schon vorher, werden wir von unserer Amgebung, die uns als geeignete Autorität gegenübersteht, in eine bestimmte Richtung des Könnens und Wollens hineingedrängt: alle Mitteilungen, Lehren, Handlungen, Gefühle, Anschauungen der Eltern und Lehrer werden von uns zunächst ohne weiteres angenommen. „Je unentwickelter ein Mensch ist, desto stärker ist er dieser Gewalt des Vorbilds, der Tradition, der Autorität und der Suggestion unterworfen" Zu dieser Macht der Überlieferung gesellt sich nun im weiteren Verlauf des menschlichen Lebens eine zweite ebenso starke: die Macht der Gewohnheit, die den Menschen immer 22 Einleitung lieber das tun läßt, was er schon getan hat, und was er infolgedessen „kann", die ihn also ebenfalls in den Bahnen festhält, die er bereits eingeschlagen hat. Sehr fein nennt Tönnies") die Gewohnheit: Wille oder Lust durch Erfahrung entstanden. Arsprünglich indifferente oder unangenehme Ideen werden durch ihre Assoziativ« und Vermischung mit ursprünglich angenehmen selber angenehme, bis sie endlich in die Zirkulation des Lebens und gleichsam in das Blut übergehen. Erfahrung ist Äbung und Äbung hier die bildende Tätigkeit. Äbung, zuerst schwer, wird leicht durch vielfache Wiederholung, macht unsichere und unbestimmte Bewegungen sicher und bestimmt, bildet besondere Organe und Kräftevorräte aus. Damit aber wird der tätige Mensch immer wieder dazu veranlaßt, das ihm leicht gewordene zu wiederholen, das heißt bei dem einmal Erlernten zu bleiben, gleichgültig, ja feindselig gegenüber Neuerungen, kurz traditionalistisch zu werden. Es kommt dazu ein Moment, auf das Vierkandt mit Recht hinweist, daß der einzelne als Glied einer Gruppe im Bestreben, sich als würdiges Glied zu erweisen, die diese Gruppe auszeichnenden Kulturgüter besonders pflegt. Was wiederum die Wirkung hat, daß der einzelne grundsätzlich nicht das Neue erstrebt, sondern eher das Alte zur Vollendung zu bringen trachtet. So wird der ursprüngliche Mensch durch mannigfaltige Kräfte gleichsam in die Bahnen der bestehenden Kultur hineingeschoben, und dadurch wird seine gesamte seelische Kultur in einer bestimmten Richtung beeinflußt: „Die Fähigkeit der Spontaneität, der Initiative, der Selbständigkeit, die ohnehin gering ist, wird noch mehr abgeschwächt entsprechend dem allgemeinen Satze, daß Anlagen sich nur nach Maßgabe ihrer fortgesetzten Anwendung entwickeln können und mangels einer solchen verkümmern" ^). Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung 23 Alle diese Einzelzüge des vorkapitalistischen Wirtschaftslebens wie des vorkapitalistischen Kulturlebens überhaupt finden ihre innere Einheit in der Grundidee eines auf Beharrung und Auswirkung des Lebendigen im räumlichen Nebeneinander beruhenden Lebens. Das höchste Ideal jener Zeit, wie es das wundervolle System des heiligen Thomas in seiner letzten Vollkommenheit durchleuchtet, ist die in sich ruhende und aus ihrem Wesenskern zur Vollendung aufsteigende Einzelseele. Diesem Ideal sind alle Lebensforderungen und alle Lebensformen angepaßt. Ihm entspricht die feste Gliederung der Menschen in bestimmte Berufe und Stände, die alle als gleichwertig in ihren gemeinsamen Beziehungen auf das Ganze gedacht werden und die dem einzelnen die festen Formen darbieten, innerhalb deren er sein individuelles Dasein zur Vollkommenheit entfalten kann. Ihm entsprechen die Leitideen, unter denen das Wirtschaftsleben steht: das Prinzip der Bedarfsdeckung und des Traditionalismus, die beide Prinzipien der Beharrung sind. Der Grundzug des vorkapitalistischen Daseins ist der der sicheren Ruhe, wie er allem organischen Leben eigentümlich ist. !lnd es ist nun zu zeigen, wie diese Ruhe sich in Anruhe wandelt, wie die Gesellschaft aus einer grundsätzlich statischen zu einer grundsätzlich dynamischen sich entwickelt. » 5 Derjenige Geist, der diese Wandlung vollbringt, der die Alte Welt in Trümmer schlägt, ist der kapitalistische Geist, wie wir ihn nennen nach dem Wirtschaftssystem, in dem er haust. Es ist der Geist unserer Tage. Derselbe, der jeden amerikanischen Dollarmenschen wie jeden Flieger beseelt, der unser ganzes Wesen beherrscht, und der die Geschicke der Welt leitet. Aufgabe dieses Werkes ist es, den kapitalistischen Geist seit seinen frühesten Anfängen während seines Werdeganges bis 24 Einleitung zur Gegenwart und über diese hinaus zu verfolgen. Diese Aufgabe soll in einem doppelten Sinn zu lösen versucht werden. Indem wir zunächst einmal der Entstehung des kapitalistischen Geistes in der Geschichte nachforschen. Das geschieht in dem ersten Buche. Dabei werden wir die einzelnen Bestandteile bloßlegen, aus denen der kapitalistische Geist zusammengewachsen ist, deren wir zwei, zunächst getrennt, in ihrer allmählichen Ausbildung verfolgen: Den Unternehmungsgeist und den Bürgergeist, die beide vereint erst den kapitalistischen Geist bilden. Diese beiden Bestandteile sind selbst noch komplexer Natur: der Unternehmungsgeist ist eine Synthese von Geldgier, Abenteurerlust, Erfindungsgeist und manchem andern, der Bürgergeist setzt sich aus Rechnerei und Bedachtsamkeit, aus Vernünftigkeit und Wirtschaftlichkeit zusammen. (In dem bunten Gewebe des kapitalistischen Geistes bildet der Bürgergeist den baumwollenen Schußfaden, der Anter- nehmungsgeist ist die seidene Kette.) Das zweite Buch dieses Werkes soll dann in systematischer Form die Ursachen und Bedingungen aufweisen, denen der kapitalistische Geist seine Entstehung und seine Ausbildung verdankt. Während das erste Buch zeigt, wie alles kam, wird das zweite Buch darzutun haben, weshalb alles so und nicht anders kommen mußte. » 5 5 Absichtlich stelle ich nicht an den Anfang meiner Untersuchung eine genaue Begriffsbestimmung und Analyse dessen, was wir unter „kapitalistischem Geist" oder seinem Träger, „dem Bourgeois", zu verstehen haben; es würde das zu ermüdenden Wiederholungen Anlaß geben. Vielmehr gehe ich aus von einer ganz vagen Vorstellung, wie sie jeder von diesen Dingen besitzt, verfolge dann die Genesis der einzelnen Bestandteile Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgcsmnuna 25 dieses „kapitalistischen Geistes" und füge die auf dem Wege der historischen Analyse gefundenen Elemente zu einem einheitlichen Bilde im vierten Abschnitt zusammen, wo dann also erst die vollständige Begriffsbestimmung gegeben wird. Ich hoffe, daß sich diese etwas gewagte Methode als fruchtbar und zuverlässig erweisen wird. Erstes Buch Die Entwicklung des kapitalistischen Geistes Erster Abschnitt Der Unternehmungsgeist Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld Ä5enn nicht alle europäische Geschichte: gewiß die Geschichte des kapitalistischen Geistes wird ihren Anfang haben in dem Ringen der Götter und Menschen nach dem Besitze des unheilbringenden Goldes. Die Völuspa hat uns berichtet, wie aus der Vermischung des Arwasserreichs der Wanen und des Lichtreichs der Asen aller Streit und alle Schuld in die Welt gekommen und wie dies bewirkt worden durch das Gold, das Eigen der Wasserwelt, das in den Besitz der Asen kam: durch Vermittlung der zwergischen Handwerker aus der Erdentiefe, die als Golddiebe und Goldbearbeiter berüchtigt sind. Das Gold, das Symbol der Erde, die ans Licht tritt mit ihren goldenen Saaten und Früchten, um die aller Neid und Streit entbrennt, die der Schauplatz aller Schuld und Sühne wird, symbolisiert nun überhaupt die allseitig begehrte und erstrebte sinnliche Macht und Pracht'«). Mit diesen tiefsten Gedanken stellt die Edda das Streben nach dem Golde in den Mittelpunkt der Weltgeschichte. „Wohl kannt' ich das Kriegsleid, das kam in die Welten seit Goldesmasse die Götter zuerst in Streitvaters Kalle stießen und schmolzen und dreimal brannten die dreimal Geborne. Wohin sie zu Kaus kommt, heißt man sie „Gut". Der Zauberin werden zahm die Wölfe; mit Wunderkrästen und Wunderkünsten ist sie bei Argen immer geehrt. Nun würgen sich Brüder und werden zu Mördern, Geschwister sinnen auf Sippenverderb; 30 Erster Abschnitt: Der Anternehmungsgeist Die Gründe erschallen; der Giergeist fliegt: Kein einziger Mann will des andern schonen. Wißt Ihr davon?" So lautet „die Kunde der Wala". „Nun rat' ich dir, Siegfried: versäum' nicht den Rat und reite heim von hinnen: Dies klingende Gold, dieser glutvolle Schatz, diese Ringe müssen dich morden" mahnt Fafner. Aber Siegfried antwortet: „Schon riet'st du den Rat; und ich reite doch zu dem Kort in dem Nest auf der Keide, Des Goldes waltet jedweder gern . . Auch Siegfried! Die Sage spiegelt nur die Wirklichkeit wieder. Alles spricht dafür, daß frühzeitig in den jung-europäischen Völkern, wenn auch vielleicht zuerst nur in den Oberschichten, eine unerschöpfliche Sucht nach dem Golde und seinem Besitze erwacht war. Die Anfänge dieser Goldgier verlieren sich in das Dunkel der Vorgeschichte. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich in denselben Etappen wie bei anderen Völkern entwickelt habe. Im Beginn der Kultur tritt uns die Freude an reinem Schmuck, an der glitzernden Pracht der Edelmetalle, die als Geschmeide verwandt werden, allein entgegen. Dann stellt sich die Freude am vielen Schmuck ein. Dann gesellt sich zu dieser die Freude am Besitze vielen Schmuckes. Diese wandelt sich leicht zur Freude am Besitze vieler Schmuckgegenstände. Endlich wird ein erster Höhepunkt in der Geschichte der Goldsucht erreicht: die Freude am Besitze des Goldes: gleichviel in welcher Gestalt, wenn auch die schöne Gebrauchsform noch immer am meisten geliebt wird. Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld ZI Das ist die Epoche der Wortbildung, in der die germanischen Völker angelangt sind, als wir geschichtliche Kunde von ihrem Verhältnis zum Golde (und Silber) bekommen. Das Streben nach „Aorten" ist eine so wichtige Erscheinung in der Geschichte der europäischen Völker, daß wir uns etwas genauer über sie unterrichten müssen. Ich teile deshalb hier einige Stellen aus der lebendigen Darstellung mit, die Gustav Frey tag von diesen Vorgängen und Zuständen im frühen Mittelalter gibt"): „Die Germanen waren ein geldloses Volk, als sie gegen die Römergrenze anstürmten; die rollende Silbermünze der Römer war seit dem dritten Jahrhundert schlecht, lange nur über- silbertes Kupfer von sehr unsicherem Verkehrswert. An das Gold hing sich also zuerst der Wunsch der Germanen. Aber es war nicht vorzugsweise das gemünzte Metall, welches ihnen lieb wurde, sie begehrten es als kriegerischen Schmuck und als Ehrengefäß beim Mahle, in der Weise eines jugendlichen Volkes, welches seine Äabe zu zeigen liebt, und nach Germanenart, welche auch den praktischen Vorteil mit sinnigen Gedanken umzog. Ein kostbares Schmuckstück wär Ehre und Stolz des Kriegers. Für den Herrn aber, welcher den Krieger unterhielt, war der Besitz solcher Kostbarkeiten von höherem Wert. Des Häuptlings Pflicht war es, mild zu sein gegen Mannen, und der beste Beweis solcher Milde war die reichliche Austeilung wertvoller Schmuckstücke. Wer das vermochte, war sicher, von dem Sänger und seinen Bankgenossen gerühmt zu werden und Anhang zu finden, so viel er bedürfte. Einen großen Schatz haben war also gleichbedeutend mit Macht haben; die entstandenen Lücken stets durch neuen Erwerb ausfüllen, war Aufgabe des klugen Fürsten. Er mußte ihn sicher verwahren, denn seine Feinde stellten zuerst dem Schatze nach; der Schatz hob den Besitzer aus jeder Niederlage herauf, er warb stets Folgsame, welche ihm den Treueid leisteten. In der Wanderzeit 32 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist wurde, wie es scheint, bei den Fürstengeschlechtern aller Völker die Anlage eines Äausschatzes Brauch. Mit Königskleid und Thronsessel richtete als einer der spätesten Leuvigild um 568 seinen Schatz her; bis auf ihn hatten die Könige der Westgoten in Tracht und Lebensart unter ihrem Volke gesessen wie andere Männer. Seitdem ruht überall die Königsmacht auf Reich, Schatz und Volk. Der Schatz eines Fürsten bestand aus goldenem, später auch aus silbernem Schmuck und Gerät, aus Armringen, Spangen, Diademen, Ketten, Bechern, Trinkhörnern, Becken, Schalen, Krügen, Tischplatten und Pferdeschmuck, teils von römischer, zuweilen auch von heimischer Arbeit, ferner aus Edelsteinen und Perlen, aus kostbaren Gewändern, die in den kaiserlichen Fabriken gewebt waren, und aus gut gestählten und geschmückten Waffen. Dann aus gemünztem Gold, zumal, wenn es durch Größe oder Gepräge merkwürdig war; endlich aus Goldbarren, welche in die römische Form von Stäben, in die deutsche von Birnen und Keilen gegossen wurden. Auch der König bewahrte verarbeitetes Edelmetall lieber als das runde Geld, und schon in der Wanderzeit wurde auf eine Arbeit, welche für zierlich galt, und auf kostbare Steine, welche eingefügt waren, hoher Wert gelegt. Außerdem suchte man die Pracht in Amfang und Schwere der einzelnen Stücke. Sie wurden in riesiger Größe verfertigt, zumal silberne Becken, und mußten durch Maschinen auf die Tafel gehoben werden. Solche Kostbarkeiten erwarb ein Fürst durch Geschenke, welche bei jeder Staatsaktion, bei Besuchen, Gesandtschaften, Friedensverträgen gegeben und empfangen wurden, am liebsten durch Tribut, den ihm die Römer bezahlten, und der nicht niedrig war — 300, 700 Pfund Gold jährlich —, endlich durch Raub und Beute, durch die Abgaben der Unterworfenen und die Einnahmen von seinen Gütern. Auch das geprägte Metall, welches in den neu- Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld ZZ gegründeten Germanenreichen zum Schatze floß, wurde oft verarbeitet. Gern rühmte sich der Besitzer seiner Prachtstücke und der Größe seiner Geldkisten. Nicht nur die Könige und Häuptlinge sorgten um einen Schatz; wer nur konnte, sammelte den Kort. Den Prinzen wurde sogleich nach der Geburt ein eigener kleiner Schatz angelegt. Als der zweijährige Sohn der Fredegunde im Jahre 584 starb, befrachtete sein Schatz von seidenen Kleidern und Schmuck aus Gold und Silber vier Karren. Ebenso wurden Königstöchter bei der Vermählung mit Schatzstücken und Geschmeide ausgestattet, und ihnen begegnete wohl, daß sie auf der Brautreise um ihrer Schätze willen angefallen wurden. Der Schatz für sie wurde auch aus sogenannten freiwilligen Gaben der Landesgenossen gesammelt und von harten Königen dabei arge Bedrückung geübt. Als die fränkische Njgunthe im Jahre 584 zu den Westgoten nach Spanien gesandt wurde, füllte ihr Schatz fünfzig Frachtwagen. Jeder Herzog und andere Beamte des Königs sammelten in gleicher Weise. Argwöhnisch wurde von dem Oberherrn der Schatz des Beamten betrachtet, häufig diente der Sammler als Schwamm, welcher vollgesogen ausgepreßt wurde bis auf den letzten Tropfen, und der Anglückliche konnte zufrieden sein, wenn er nicht bei der Entleerung seiner Kasten auch das Leben verlor. Es war gütig von dem Langobardenkönig Agilulf, daß er sich begnügte, dem aufsässigen Herzog Gaidulf seinen Schatz zu nehmen, den dieser auf einer Insel des Comersees verborgen hatte, und daß er den Empörer wieder zu Gnaden empfing, „weil ihm die Kraft, zu schaden, genommen war". Gelang dem Herrn nicht, den Schatz des Beamten zu rechter Zeit einzuziehen, so hatte er vielleicht um die Herrschaft mit ihm zu kämpfen. Ebenso trugen Kirchen und Klöster zu Kauf, ihre Einnahmen und Geschenke legten sie an in Kelchen, Schüsseln, Evangelien- Sombart, Der Bourgeois Z Z4 Erster Abschnitt: Der Anrernehmungsgeist behältnissen, die mit Gold und Edelsteinen verziert waren. Kam ein Bischof in kriegerisches Gedränge, so nahm er einen goldenen Kelch aus dem Kirchenschatz, ließ Geld daraus prägen und löste dadurch sich und die Seinen. Denn der Schatz eines Heiligen wurde auch von ruchlosen Plünderern mit Scheu betrachtet, weil der Eigentümer den Räubern durch seine Klagen im Kimmel sehr schaden konnte. Doch nicht immer vermochte ein weitgefürchteter Heiliger die Äabgier abzuhalten" usw. Der Wert des Äortes liegt in seiner Größe: damit ist also schon eine erste Quantitätsbewertung neben die ursprünglich reine Qualitätswertung getreten. And zwar wird die Größe noch als eine sinnlich wahrnehmbare, meß- und wägbare empfunden und vorgestellt. Diese sinnliche Bewertung des Schatzes reicht noch weit in die geldwirtschaftliche Epoche hinein. Bis ins hohe Mittelalter hinauf begegnen wir bei den europäischen Völkern dieser (übrigens in dem Altertum schon sehr verbreiteten und heute noch in den primitiven Kulturen nicht verschwundenen) Liebe zur Schatzbildung, die oft die Liebe zum Gelde überwuchert. So belehren uns die Äacksilberschätze aus Osteuropa aus dem 10. und 11. Jahrhundert, die sich von Schlesien bis zur Ostsee verstreut finden (Massen zerhackter Silberklumpen und zerschnittener Münzen), daß man nicht die geprägten Münzen, sondern das Metall als solches schätzte und bewahrte^). Am dieselbe Zeit finden wir in Deutschland ^), in Frankreich ^) und selbst in Italien") die Schatzkammern der Reichen mit goldenen und silbernen Gefäßen angefüllt, deren Besitz außerhalb aller Geldeigenschaft als solche gewertet wurde. In einigen Ländern, wie Spanien, dauert die Sitte der Schatzbildung bis in die Jahrhunderte der neueren Geschichte fort. Als der Kerzog von Frias starb, hinterließ er drei Töchter und 600000 Scudi Bargeld. Dieser Betrag wurde in Kisten Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld .^5 getan mit den Namen der Töchter: die älteste war sieben Jahre alt. Die Vormünder bekamen die Schlüssel und öffneten die Truhen nur, um das Geld den Ehemännern auszuzahlen. Vor allem aber stopfte man noch im 16. und 17. Jahrhundert in Spanien sein Äaus mit Gold- und Silbergeräten voll. Beim Tode des Herzogs von Albuquerque brauchte man sechs Wochen, um seine goldenen und silbernen Geräte zu wägen und aufzuschreiben; er hatte u. a. 1400 Dutzend Teller, 50 große, 700 kleine Platten, 40 silberne Leitern, um damit auf die Büfetts zu steigen. Der Äerzog Alba, der nicht als besonders reich galt, hinterließ doch 600 Dutzend silberne Teller, 800 silberne Platten usw. ^). Die Neigung zur „Fortbildung" war im damaligen Spanien so stark, daß Philipp III. im Jahre 1600 eine Verordnung erließ, die befahl, daß alles Gold- und Silbergerät des Landes eingeliefert und zu Münzen geschlagen werden sollte"). Aber eine solche Seelenstimmung, wie sie die reichen Spanier noch im 16. Jahrhundert erfüllte, war ein Anachronismus : die allgemeine Entwicklung des europäischen Geistes war schon längst über die Periode der Fortbildung hinausgeschritten, die etwa im 12. Jahrhundert ihr Ende erreicht. Seit jener Zeit verschiebt sich das Interesse an der Form des Edelmetalls, wenn auch dessen Besitz noch immer und mehr denn je erstrebt wird. Aber man wertet jetzt nicht mehr die wägbaren Äaufen von Gold und Silber, gleichviel in welcher Gestalt: man hat angefangen, das Geld, also das Edelmetall in der gemeinsten Form, in der es allgemeines Warenäquivalent, Tausch- und Zahlungsmittel ist, höher als alles zu bewerten. Die Goldgier wird von der Geld sucht abgelöst, für die wir nunmehr einige Zeugnisse beizubringen haben. Es scheint fast, als ob (außer unter den Juden) die „Gewinnsucht" — wie von nun ab der Ausdruck lautet: die lucn 3* 36 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist rabies — am frühesten in Klerikerkreisen eingenistet hätte. Jedenfalls haben wir aus ganz früher Zeit Kunde von Priestern, deren „schimpfliche Gewinnsucht" getadelt wird: schon im 9. Jahrhundert begegnen wir auf den Konzilen den Klagen über den Wucher der Priester^). Bekannt ist ja, welche Rolle dann während des Äochmittelalters das Geld bei den Besetzungen der Priesterstellen spielt. Ein so ruhiger Beobachter wie L. B. Alberti will für seine Zeit als eine in dem Priesterstand ganz allgemeine Erscheinung die Geldgier angesehen wissen. Er sagt einmal von Papst Johann XXII.: „Er hatte Fehler und vor allem jenen, der fast in allen Priestern bekanntermaßen sich wieder findet: er war im höchsten Grade geldgierig, so daß jedes Ding in seiner Nähe käuflich war"^). Aber als Alberti diese Worte schreibt, war die Geldsucht längst nicht mehr (falls sie das überhaupt je gewesen ist) ein Privileg des Klerus und der Juden. Vielmehr waren seit geraumer Zeit weite, um nicht zu sagen alle Kreise der Bevölkerung von ihr befallen. Es scheint (ich sage wieder: es scheint, denn bei derartigen Stimmungen wie der hier betrachteten lassen sich natürlich keine exakten Nachweise für ihren Eintritt in die Geschichte erbringen): es scheint, als ob den großen Wendepunkt auch hier das dreizehnte Jahrhundert, wenigstens für die fortgeschrittenen Länder Deutschland, Frankreich, Italien bedeute. Jedenfalls häufen sich in diesem Jahrhundert, namentlich in Deutschland, die Klagen über die zunehmende Gewinnsucht: „Auf Minne nur und auf Gewinn Steht der ganzen Welt der Sinn; Noch süßer sind Gewinne Den meisten doch als Minne. Wie lieb auch seien Weib und Kind, Gewinne noch viel lieber sind. Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld 37 Des Mannes Sinnen Ist zu gewinnen." So singt in unzähligen Wiederholungen Fr ei dank. And auch durch Walter von der Vogelweide klingt ein ähnlicher Ton an vielen Stellen durch Noch viel kräftigere Worte finden natürlich die Moralprediger der Zeit, wie der Verfasser eines Gedichtes der Liederhandschrift von Benediktbeuren^) oder der Volksredner Berthold von Regensburg^). Am dieselbe Zeit schleudert Dante seine Bannsprüche gegen die Gewinnsucht des Adels und der Bürger in den italienischen Städten, die während des Trecento zweifellos bereits von einem intensiven Gewinnfieber befallen waren. „All zu sehr sind sie auf Geldgewinn bedacht, so daß man von ihnen fast sagen kann: es brennt ein ewiges Verlangen nach Besitz wie ein Feuer in ihnen", heißt es in der „Beschreibung von Florenz" aus dem Jahre 1339^. „Das Geld", ruft aber um dieselbe Zeit Beato Domi- nici^ aus, „ist sehr geliebt von Großen und Kleinen, von Geistlichen und Weltlichen, von Armen und Reichen, von Mönchen und Prälaten: alles ist dem Geld Untertan: pecuniae obeäiunt omnis. Dieser verwünschte Äunger nach dem Golde führt die vernarrten Seelen zu allem Äbel; er blendet den Verstand, löscht das Gewissen aus, trübt das Gedächtnis, mißleitet den Willen, kennt keinen Freund, liebt keinen Verwandten, fürchtet nicht Gott und hat vor den Menschen keine Scham mehr." Wie etwa in Florenz schon im 14. Jahrhundert ein ganz und gar mammonistischer Zug herrschte, ersehen wir aus Schilderungen und Betrachtungen, wie sie uns in den Familienbüchern L. B. Albertis aufbewahrt sind. Äier wird der Reichtum als unentbehrliches Kulturgut an jeder Stelle gepriesen, und an jeder Stelle wird die Erwerbssucht als die allgemeine und ganz selbstverständliche Seelenstimmung der Bevölkerung an- 38 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist erkannt: „alle sind nur auf Gewinn und Reichtum bedacht"; „jeder Gedanke beschäftigt sich mit dem Erwerb"; „die Reich- tümer, für die fast jeder sich vor allem müht" usw. Ach teile in den Quellenbelegen einige besonders charakteristische Stellen aus Albertis I-ibri cielw tami^Im mit^).Z Wir kennen dann zahlreiche Äußerungen aus der Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts, die uns bezeugen, daß das Geld überall in Westeuropa begonnen hatte, seine Äerrscherstellung einzunehmen. ?ecunise obeciiunt omnia, klagt Erasmus; -(Zeit ist suir ercien cler irciiscli Avtt«, verkündet Äans Sachs; beklagenswert nennt Wimpheling seine Zeit, in welcher das Geld zu regieren angefangen. Colon aber feiert in einem bekannten Briefe an die Königin Isabella die Vorzüge des Geldes mit beredten Worten also: »HI oro es excellentissimo, con e! se Imce iesoro ^ con ei tesoro quien lo tiene, riace cusnto quiere en ei munäo x que ecria Iss snimss al paraiso«^^). Die Symptome, aus denen wir auf immer raschere Zunahme der Geldsucht, auf eine Vermammonisierung des ganzen Lebenszuschnitts schließen dürfen, mehren sich: die Ämter werden käuflich; der Adel verschwägert sich mit der reich gewordenen Crapule; die Staaten richten ihre Politik auf Vermehrung des baren Geldes aus (Merkantilismus I), die Praktiken zur Geldbeschaffung, wie im nächsten Kapitel zu zeigen sein wird, nehmen an Menge und Raffiniertheit zu. Im 17. Jahrhundert, das wir uns gern in einem ernsten, düsteren Lichte vorstellen, läßt die Geldsucht nicht nach. Im Gegenteil: in einzelnen Kreisen scheint sie noch stärker zu werden. Wir stoßen auf manche bewegliche Klage: in Italien^), in Deutschland 2°), in Holland. Kier erschien gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein höchst kurioses Büchlein (das denn auch bald von einem Kamburger ins Deutsche übertragen wurde), das trotz (oder gerade wegen) seiner satirischen Färbung ein ausgezeich- Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld .'9 netes Bild von der schon damals der Geldanbetung völlig verfallenen Gesellschaft entwirft. Da ich noch nirgends diese wichtige Quelle verwertet gefunden habe, will ich einiges aus dem höchst kurzweiligen (wenn auch sehr langatmigen) und seltenen Traktate mitteilen, der den Titel führt: Das Lob der Geld-Sucht. Satyre. Aus dem Holländischen des Äerrn von Deckers. Bei Benjamin Schillen in Kamburg und Fr. Groschuff in Leipzig zu finden. Im Jahre 1703. Das Büchlein trägt das Motto: ... (Zuici ri6e8? /Vlutato nomine 6e te iabula ngi-ratur. ... Der Verfasser ist ein offenbar welt- und menschenkundiger Mann mit freiem Blick für die Schwächen seiner Zeit. Ich möchte seine Schrift fast ein Pendant zu Mandevilles Bienenfabel nennen, obwohl sie dessen scharf geschliffenen Witz durch behaglich holländisch-niederdeutsche Breite ersetzt. (Übrigens ist mir nur die deutsche Übersetzung bekannt: möglich ist auch, daß diese fingiert ist, und daß es gar kein holländisches Original gibt, obwohl der Verfasser an verschiedenen Stellen den angeblich holländischen Text zitiert.) Es ist ein Gedicht in dem beliebten Versmaße der Zeit von 4113 (I) Zeilen Amfang, von denen folgende Proben hier Platz finden mögen: Die Geldsucht spricht: „Ich muß mich von dem Joch der Lästerer befreyen. Daß ich kein Brunnquell sey von allen Schelmercyen, Kein Born des Angemachs noch eines Buben-Stücks Besondern gegentheils die Wurtzel Eures Glücks, Der Grundstein aller Lust, die Quelle hoher Ehre, Der Künste Angelstern, der Jugend beste Röhre, Ja, was noch höher klingt, die öberste Göttin And in der großen Welt die höchste Königin." (V. 23—31.) Sie stellt dann ihre Eltern vor: Frau Überfluß ist ihre Mutter; die (I) Vorsicht der Vater. 40 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Sie beginnt dann mit einem Loblied auf das Gold und fährt fort: „Ich wil ja nicht das Lob des rothen Goldes singen. Nein, nein, mein eignes Lob, die lüsterne Begier Des Goldes zeiget sich in ihrem Schmucke hier. Ich darf deswegen nicht erst meinen Kopfs zerbrechen, And viele Prahlerei von meinem Gelde sprechen, Es wird schon ohnedem gesucht mit aller Macht And mehr als Tugend, Ehr' und als Verstand geacht' Ihr pfleget es weit mehr als Künste zu erheben. Mehr als Gesundheit, mehr als alles Äeyl und Leben." (V. 145—153.) Sie beschwert sich angesichts dessen darüber, daß man sie — die Geldsucht — nicht selber preist: „Das beste so an Euch, das Kertze ist ja mein. So sollten billig auch die Lippen meine seyn." (V. 158/59.) Sie unternimmt es deshalb, alle die guten Taten aufzuzählen, die sie für die Menschen tut. Es sind folgende (die in Marginalien vermerkt sind): „Die Geldsucht ist eine Urheberin der menschlichen Gesellschaft; Macht Ehebündnisse; Macht Freundschafft und Bündnisse; Errichtet Staaten und Städte; Sie erhält sie auch im Stande; Verschafft Ehre und Achtbarbkeit — . . . Freude und Ergetzlichkeit; Sie befördert Künste und Wissenschaften . . . Den Kauffhandel, . . . Die Alchymie, Geldmacherey, ... Die Artzneykunst": „Die brüderliche Lieb ist es bey weitem nicht. Die einem Kranken Äülff und guten Rath verspricht. Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld 41 Ihr Körer müsset ja bey leibe nimmer meinen Daß ein Galenus werd aus Mitleid Euch erscheinen; Weit weit ein ander Ding zieht ihn zum Bette hin. Es ist die Goldes--Sucht, ein hoffender Gewinn." (V. 1158—1163.) Dasselbe gilt von anderen Berufen, die nur durch Aussicht auf Gewinn betrieben werden: die Barbierkunst, die Apothekerei, die Rechtsgelehrtheit, die Kirchenzeremonie. Sie ist Stifterin der „Freyen Künste"; befördert die Philosophie, die Malerei, die Schau- und andere Spiele, die Druckerey: „Daß mein ich Geldsucht auch für ihre schwere Pressen Das könntet Ihr genug aus manchem Brief ermessen. Das mehr unnützen Quarck als Weisheit in sich hält And manchen Idiot ans Tageslicht gestellt And dennoch angenehm wird in Verlag genommen. Warum? Dieweil davon mehr dicke Thaler kommen Als von der Schrift, worin ein Kern von Weisheit ist, And welches jedes Ding nach reifem Artheil mißt. Was ihr verdauen sollt, muß sein von grobem Wesen, Die Weisheit rühmt man wohl, doch wird der Quarck gelesen." (!) (V. 1544—1553.) Die Geldsucht fördert ferner die Kriegskunst: „Sie hat die Seefahrth verbessert, -öab ich nicht manche Spur der Silbermin entdeckt?" (V. 1742.) „Frau Isabell und König Ferdinand" nicht weniger als Columbus haben ihre Entdeckungserfolge ihr zu verdanken. Erster Abschnitt: Der Anrernehmungsgeist Sie hat „die Erdbeschreybung vollkommener gemacht, Künste ausgebreitet und rohe Völker höflich gemacht, die Sprachen gemein gemacht, Völker versammelt, viele Fabeln verworfen, regieret alle Staatsgeschäfte": „Warum doch gehet Ihr so offt im großen Naht? Ists nicht um den Gewinn und Einkunft von dem Staat? Am Eure Cämmercy des Reiches reich zu machen? Man mag Wohl manches mahl auch andre guten Sachen Die auf das Stats-Tapet weitläuffug ausgestreuet Behülff- und nützlich sein mit Recht und Billigkeit; Die aber vom Profit und Nutzen hergenommen. Die sind es, die euch recht an euer Äertze kommen." (V. 1968-1975.) „. . . Der frome Aristid Vcrwarff gleich einen Raht, dadurch ihm einer ricth Was ihm mehr Fortheilhafft als Recht und Billig schiene: Keut aber machet man weit eine andre Miene, And was verhel' ich's auch? Das Lock-Aas von Profit Ists Auge, wodurch man in's Stats-Gcheimnis sieht." (V. 1984-1989.) Die Geldsucht „geht mit alten und klugen Leuten um: die Geldsucht rühmt sich eine Beförderin der Tugenden zu sein; sie befördert die Nahrung und Handwerker, beschweret sich über die Vielheit der Studierenden": „Es sein die Geistlichen, es sein die Rechts-Gelahrten, Man weiß bey jedem Amt das Spiel also zu karten. Wer dem Patrone bringt ein Bcutelgen voll Geld, Der wird vor allem gleich zu solchem Dienst bestellt. Ein Dienst, womit man eh die Tugenden vergölte. Auch billig noch der Lohn der Tugenden sein solte. Der wird in mancher Stadt wohl öffentlich verkaufst And einer vor das Geld zum Küster umgetaufft." (V. 2269—2276.) Drittes Kapitel: Die Gier nach Gold und Geld 43 „Spricht von der Sparsamkeit, Verschwendung. Sie verwirft die Verachtung des Geldes einiger stoischen und cynischen Philosophen; Mildgebigkeit; befördert die Demut, Großmut und Courage; reizt zur Beständigkeit; breitet die christliche Lehre aus; die Geldsucht hilft zur ewigen Seligkeit; ist keine Ketzerin, sondern eine reine Lutheranerin; wird eine Göttin." Sie schließt ihr Gedicht mit einem begeisterten „Lob des Geldes". (V. 3932 ff.) In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts erlebte dann die französische und englische Welt (was Kolland schon einmal in den Iahren 1634 durchgemacht hatte) jenen ersten krankhaften Geldrauschzustand, der seitdem immer von Zeit zu Zeit wieder aufgetreten ist, wenn auch vielleicht nie wieder in solcher elementaren Stärke, und der den gesamten Volkskörper so sehr durchdrungen hat, daß nun eine allgemeine Geldsucht als eine konstitutive Eigenschaft der Seele des modernen Menschen betrachtet werden darf. Ich will aber jene vulkanischen Ausbrüche des Geldfiebers, wie sie Kolland bei Gelegenheit der Tulpenmanie, Frankreich in der Law-Epoche, England in der Bubbles-Zeit erlebten, im Zusammenhange mit den damals beliebten Mitteln zur Geldbeschaffung: dem Börsenspiel, schildern und versuche nunmehr erst im Zusammenhange die Frage zu beantworten, welche Machenschaften die Menschen ersannen, um das ersehnte und ergierte Geld in ihren Besitz zu bringen. Wir werden insbesondere zu untersuchen haben, welche davon beim Aufbau der kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung mitgeholfen habe, welche als tote Äste abzusterben bestimmt waren. Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung Es wäre eine kindliche Auffassung, wenn man glauben würde, die Goldgier und die Geldsucht hätten nun unmittelbar auf das Wirtschaftsleben in der Weise eingewirkt, daß sie aus sich den kapitalistischen Geist und die kapitalistische Unternehmung geboren hätten. So rasch und so einfach hat sich die Genesis unseres modernen Wirtschaftssystems und insbesondere der modernen Wirtschaftsgesinnung nicht vollzogen. Zunächst übte wohl die zunehmende Gewinnsucht auf das Wirtschaftsleben überhaupt keinen Einfluß aus. Man suchte sich in den Besitz von Gold und Geld zu setzen außerhalb der Bahnen normaler wirtschaftlicher Tätigkeit; ja oft genug unter Hintansetzung und Vernachlässigung seiner Wirtschaft. Der naive Mensch dachte gar nicht daran, wenn er Bauer oder Schuster, und selbst nicht ohne weiteres, wenn er Kaufmann war, daß ihm diese seine AUtagstätigkeit dazu dienen könne, Reichtümer und Schätze zu erwerben. Ein Mann wie Alb erti, der mitten im Geschäftsleben stand und sicher schon vom kapitalistischen Geiste durchdrungen war, führt neben der Großkaufmannschaft als Quellen des Gelderwerbs folgende an^°): 1. das Schatzsuchen, 2. das Erbschleichen, von denen er sagt, daß ihnen „nicht wenige" ergeben seien; 3. das Kliententum: „sich lieb Kind bei reichen Bürgern machen, bloß in der Hoffnung, einen Anteil an dem Reichtum zu bekommen"; 4. den Wucher (die Geldleihe); 5. die Vermietung von Äerden, Zugtieren usw. Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung 45 Welche seltsame Zusammenstellung! Nicht weniger fremd mutet uns eine andere Aufzählung der beliebtesten Erwerbsarten an, die wir aus dem 17. Jahrhundert besitzen^; danach werden mit Vorliebe drei Wege eingeschlagen, um zu Reichtum zu gelangen: 1. Äofdienst, 2. Kriegsdienst, 3. Alchimie. Ein genaues Studium jener Jahrhunderte belehrt uns aber, daß diese Männer ganz richtig beobachtet hatten: alle die genannten Erwerbsarten waren in der Tat im Schwange und hatten vielfach eine weit größere Bedeutung als Äandel, Gewerbe und Landwirtschaft in der Wertvorstellung jener, die nach Reichtümern verlangten. Wir können sogar leicht eine Reihe anderer Erwerbsmöglichkeiten neben den schon genannten aufzählen, die ebenfalls außerhalb des Amkreises der normalen wirtschaftlichen Tätigkeit lagen. Da in diesem Zusammenhange nur jene Mittel zur Geldbeschaffung in Betracht kommen, die beim Aufbau der kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung eine Rolle gespielt haben, so erwähne ich diejenigen, von denen sich das nicht sagen läßt, nur kurz, ohne näher auf sie einzugehen. Es sind: 1. die Beamtenlaufbahn, die dank der Möglichkeit, sich durch Anterschleife, Bestechungen und Durchstechereien Nebeneinnahmen zu beschaffen, gern beschritten wurde, um sich rasch große Vermögen zu sammeln. An einer anderen Stelle, dort, wo ich die Entstehung des bürgerlichen Reichtums verfolge, werde ich Gelegenheit haben, die großen Chancen zur Bereicherung ziffernmäßig aufzuweisen, die in aller früheren Zeit die Beamtenlaufbahn bot. 46 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Verwandt mit ihr war 2. der Ämterkauf, der nichts anderes bedeutete, als eine Art von Rentenkauf: die Verauslagung einer Stammsumme, um dafür das Recht auf Sporteln und Gefalle zu erlangen, die mit einem Amte verbunden waren. Zuweilen freilich war das erkaufte Amt auch der Schlund, in dem ein Vermögen versank, wenn die Einkünfte nicht die erhoffte Äöhe erreichten. 3. Die von Alberti erwähnte Klientel ei, die sich begegnet mit einem Lakaientum, wie es namentlich im 17. und 18. Jahrhundert beliebt war: indem ganz arme Leute in den Dienst reicher Männer treten, um diesen Dienst nach ein paar Iahren oft genug schwerreich zu verlassen. 4. rechne ich hierher das Staatsrentnertum, das seit dem 17. Jahrhundert einen immer größeren Amfang annimmt. Alle, die eine dieser Erwerbsarten wählen, tragen nicht zur Entwicklung des kapitalistischen Geistes bei (wenn wir als solchen immer den „Geist" des kapitalistischen Unternehmers ansehen), den sie viel eher (wie wir noch sehen werden) abzutöten und in seiner Entwicklung aufzuhalten geeignet sind. Deshalb scheide ich auch aus meiner Darstellung die „Haute kinance" alten Stils aus, wie sie sich namentlich in Frankreich und England während des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelt hatte. Das waren die ganz reichen Leute, meist bürgerlicher Herkunft, die sich als Steuerpächter oder Staatsgläubiger bereichert hatten und nun als Fettaugen auf der Suppe schwammen, dem Wirtschaftsleben aber ferne standen. Es sind die i^ermiers Zeneraux, die Partisans, die l'rsitans in Frankreich (wo sie den Spitznamen Turcarets bekamen nach einer Komödie des Le Sage aus dem Jahre 1709, in der das Emporkommen eines früheren Lakaien namens Turcarer geschildert wird: Turcaret ist „le iinancier ciont I'espnt et I'e6ucation ne sont pas ü Is kauteur 6e ss tortune"); es sind die Ltoclc- Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung 47 Kollers, „tne moniecl mlerest" in England, wo ihre Zahl um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf 17000 geschätzt wurde. In all den Praktiken dagegen, die ich nunmehr noch namhaft machen will, stecken Ansätze, Keime, Entwicklungsmöglichkeiten kapitalistischer Unternehmungen. Deshalb müssen wir uns näher mit ihnen vertraut machen. Am die mannigfachen Erwerbsarten, die hier in Frage kommen, in unserem Geiste zu einer gewissen Ordnung zusammenzufügen, will ich sie unterscheiden, je nachdem bei ihnen Gewaltmittel oder Zaubermittel oder Geistesmittel (Erfindungsgabe) oder Geldmittel vornehmlich zur Verwendung gelangen. I. Erwerb durch Gewaltmittel An was ich hierbei denke, sind nicht sowohl die Machenschaften der Obrigkeiten, sich durch Amlagen und Steuern aller Art Mittel zu beschaffen, als es vielmehr eine Erwerbsart ist, die jahrhundertelang in den ritterlichen Kreisen beliebt war und in Ansehen stand; ich meine den Straßenraub. Daß dieser in vielen Ländern, namentlich in Deutschland, aber auch in Frankreich und England während des Mittelalters und darüber hinaus eine soziale Institution und keine gelegentliche Extravaganz war, lehren uns die zahlreichen Quellen, aus denen wir unsere Kenntnis schöpfen können. Ich will nur ein paar Belege anführen: „Damals stund's in Deutschland", schreibt Zorn in seiner Wormser Chronik (14. Jahrhundert), „und fürnehmlich am Rhein also, daß wer der stärkste war, der schob den andern in den Sack, wie er konnt und möchte: die Reuter und Edelleute nährten sich aus dem Stegreif, mordeten, wen sie konnten, ver- 48 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist legten und versperrten die Pässe und Straßen und stellten denen, so ihres Gewerbes halber über Land ziehen mußten, wunderbarlich nach." Ein Liedersänger gibt dem jungen Edelmann folgenden Rat^): „Wiltu dich erneren du junger edelman, folg du miner lere fitz uf, drab zum ban l halt dich zu dem grünen Wald wan der bur ins holz fert so renn in freislich an l derwüsch in bi dem kragen erfreuw das herze din nimm im was er habe span uß die pferdelin sin l" Bekannt ist, daß der Edle Raubritterei lernte wie der Schuster die Schusterei. And im Liede heißt es lustig: „Ruten, roven, det en is gheyn schände, dat doynt die besten van dem lande." And dasselbe Bild in anderen Ländern: „Die Herren lassen von ihrem Raubritterleben nicht" („les seiZneurs ne wissen: pas civiler a la proie"), schreibt Iaquesde Vitry von Frankreich. In Italien und England bekam das Raubrittertum eine besondere Nuance: es wurde zum Seeräubertum. Dieses haben wir aber in anderem Zusammenhange zu würdigen, da es fast stets in der Form der Anternehmung auftritt, während hier nur von den Einzelpraktiken zur Geldbeschaffung die Rede ist, zu denen man (in zahlreichen Fällen wenigstens) die Stegreifreiterei rechnen kann. Weil in dieser aber doch der Keim zu einer Unternehmung steckt und weil der Unternehmungsgeist in dem Naubrittertum einen Anstoß zur Entfaltung empfangen kann, mußte seiner hier Erwähnung geschehen. Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung 49 2. Erwerb durch Zaubermittel Aus ganz und gar anderem Geiste sind diejenigen Bestrebungen geboren, an die ich hier denke: Zaubermittel sollen helfen, Reichtum gewinnen. Das setzt voraus den Glauben an die mit Geistern und Dämonen erfüllte Welt, an die Möglichkeit, Beziehungen mit diesen Geistern zu pflegen, sie den eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Man ruft die Äilfe der Götter vorbei. And eine lebhafte, oft genug krankhaft überreizte Phantasie hilft die Gelegenheiten ausfindig machen, wo die Geister helfen können. Es galt, auf wunderbare Weise in den Besitz des ersehnten Goldes zu kommen: sei es, daß man es fand, sei es, daß man es machte. Dadurch kam man zu zwei verschiedenen Reihen von Bestrebungen: zur Schatzgräberei einerseits, zur Alchimie anderseits. Der Schatzgräberei begegnen wir seit den frühesten Zeiten. „Von der Völkerwanderung bis in die Gegenwart gehört zu den geheimen Wünschen der Germanen, einen Schatz zu finden: dieselben BeschwörungsMittel, derselbe Aberglaube durch fünfzehnhundert Jahre 22)." In der Tat war der Gedanke, vergrabene Schätze aufzufinden, in jenen frühen Zeitläuften gar nicht so arg verrückt. Denn ganz beträchtliche Massen von gemünztem und un- gemünztem Edelmetall müssen namentlich in Kriegszeiten allerorts vergraben worden sein. „Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften, Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften. Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte. Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte; So war's von je in mächtiger Römer Zeit And so fortan bis gestern, ja bis heut. Das alles liegt im Boden still begraben ..." Sombart, Der Bourgeois 4 50 Erster Abschnitt: Der Anternehmungsgeist And die Zauberformeln, die bekannten, sollten dazu dienen, die Pforten aufzuschließen. Bei der Nacht, bei der Nacht. „Am Tage erkennen, das sind Possen; Im Finstern sind Mysterien zu Haus." Es werden dann dieselben Leute gewesen sein, Leute mit geringer Arbeitsenergie, mit kleinem Fleiß, aber heiß im Begehren, mutig im Zugreifen, zäh im Verfolgen fixer Ideen, gläubig und phantasiereich, die ihr ganzes Leben lang in regelmäßiger Wiederkehr nach Schätzen gruben, die dann in den großen Tagen, wenn durch die Lande die Kunde ging von neuentdeckten Gold- oder Silberlagern, sich aufmachten, Weib und Kind daheim zurückließen, während ihre Werkstatt oder ihre Läden verödeten und der Pflug in der Ackerfurche stand, und dem Phantom nachjagten, das da vor ihren Augen aufgetaucht war. Die Quellen berichten uns von den Zeiten des Mittelalters an, wie stark dieser Schürferparoxysmus, dieses Goldgräberfieber immer wieder von Zeit zu Zeit um sich griffen, und wie es am Nammelsberg im 13. Jahrhundert, oder um Freiburg im 14., oder im Inntal im 15. Jahrhundert, oder im 16. in Peru, oder im 17. in Brasilien nicht anders ausgesehen hat wie in den 1850er Iahren in Kalifornien oder noch am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts in Klondike. Vielleicht sind die Seelen nüchterner seitdem geworden. Es sind nicht mehr Märchen von dem vergoldeten Wunderprinzen oder dem goldenen Kaufe der Sonne, die die Goldgräber ans Werk locken; aber in der Grundstimmung hat sich nichts geändert. Aber wenn man gar das Gold hätte machen können! Am das zu erreichen, „hat man sich der Magie ergeben"; hat Alchimie betrieben, wiederum nicht als einen Alltagsberuf, sondern als eine Art von Gottesdienst, dem man in geweihter Stimmung oblag. Arsprünglich mögen andere Kräfte stärker gewesen sein, die die Menschen der Alchimie in die Arme trieben. Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung 51 Bald aber trat mehr und mehr das Interesse an der Goldgewinnung in den Vordergrund: „Während mehr als tausend Iahren (war) das ganze chemische Wissen nur als Alchimie zusammengefaßt: und um deswillen, daß es der Lösung des Problems, wie edle Metalle künstlich hervorzubringen seien, diene" Seit dem 15. Jahrhundert wurde die Alchimie dann fast reines Mittel zum Zwecke der Bereicherung. Sehr zum Ärger > der wahren „Adepten" bemächtigten sich jetzt Äans und Kunz des Tigels, um ihr Glück zu versuchen. Man klagte^): „Es will fast jedermann ein Alchimiste heißen. Ein grober Idiot, der Jünger mit den Greisen, Ein Scherer, altes Weib, ein kurtzweiliger Rat, Der kahl geschorne Mönch, der Priester und Soldat." „tn projects), die 1697 erschienen und 1890 von Äugo Fischer unter dem Titel: „Soziale Fragen vor zweihundert Iahren" ins Deutsche übertragen worden ist. Darin bezeichnet der wie bekannt außerordentlich kenntnisreiche Verfasser seine Zeit geradezu als das Zeitalter der Projektenmacherei und nennt das Jahr 1680 als den Beginn dieses „Zeitalters": „um das Jahr 1680 begann die Kunst und das Geheimnis des Projektenmachens in die Welt zu kriechen" (übersetzt nicht ganz richtig der Deutsche den englischen Text, der heißt: "about tne ^ear 1b80, tne art or myster^ c>k projectiriA Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung 55 be^sn vi8ibl> to creep into tne >vorlcj," da „m^stei^" nier offenbar die Bedeutung „Handwerk" hat). Er meint damit, daß jedenfalls nie zuvor ein so hoher Grad des Projekt- machens und Erfindens erreicht worden sei, „wenigstens was Äandelsangelegenheiten und Staatseinrichtungen anbetrifft". Es wimmelte zu seiner Zeit von solchen Leuten, „welche — abgesehen von den zahllosen Ideen, die während der Geburt sterben und (gleich Fehlgeburten des Gehirns) nur ans Licht kommen, um sich aufzulösen — wirklich täglich neue Künsteleien, Kniffe und Pläne, um Geld zu gewinnen, an die niemand zuvor gedacht hätte, hervorbringen." An einer anderen Stelle beschreibt er etwas genauer, was man unter einem Projektenmacher verstehe: Es gibt Leute, die zu schlau sind, um zu wirklichen Verbrechern in ihrer Jagd nach dem Gold zu werden. Diese wenden ihre Gedanken gewissen verborgenen Arten von Kniffen und Betrügereien zu, einem anderen Wege des Diebstahls, der ebenso schlimm, ja sogar schlimmer ist als die anderen, da sie unter schönen Vorwänden ehrliche Leute verleiten, ihr Geld herzugeben und mit ihnen zu gehen, worauf sie hinter den Vorhang eines Zufluchtsortes schlüpfen und der Ehrlichkeit wie dem Gesetze ein Schnippchen schlagen. Andere wenden unter dem Druck der Notwendigkeit ihre Gedanken rechtschaffenen, auf dem Boden der Ehrlichkeit und Llnbescholtenheit gegründeten Erfindungen zu. Diese beiden letzten Klassen nenne man Projektenmacher, und da es stets mehr Gänse als Schwäne gibt, so sei die Zahl der zweiten Gruppe weit geringer als die der ersten. ... „Ein bloßer Projektenmacher," fährt Defoe fort, „ist demnach etwas Verächtliches. Durch seine verzweifelte Vermögenslage so in die Enge getrieben, daß er nur durch ein Wunder befreit werden kann oder umkommen muß, zermartert er sein Gehirn nach solch einem Wunder vergebens und findet kein anderes 56 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Rettungsmittel als, indem er, einem Puppenspieler gleich, die Puppen hochtrabende Worte reden läßt, dieses oder jenes als etwas noch nicht Dagewesenes hinstellt und als neue Erfindung ausposaunt, sich ein Patent verschafft, es in Aktien teilt und diese verkauft. An Mitteln und Wegen, die neue Idee zu ungeheurer Größe anzuschwellen, fehlt es ihm nicht; Tausende und Hunderttausend? sind das geringste, wovon er spricht; manchmal sind es gar Millionen, bis schließlich der Ehrgeiz eines ehrlichen Dummkopfs sich dazu verlocken läßt, sein Geld dafür hinzugeben. And dann — nasLiwr riäiculus mus! Dem armen Wagehals bleibt's überlassen, das Projekt fortzuführen, und der Projektenmacher lacht sich ins Fäustchen. Der Taucher soll auf den Grund der Themse gehen, der Salpeterfabrikant soll aus Tom T . . ds Teich Häuser bauen, die Ingenieure bauen Modelle und Windmühlen, um Wasser zu schöpfen" usw. (a. a. O. S. 21). An einer Stelle seines Werkes macht Defoe die Bemerkung: die Franzosen seien „nicht so fruchtbar an Erfindungen und Auskunftsmitteln" gewesen wie die Engländer. Darin irrt er aber sehr. Im Gegenteil: man ist versucht, zu sagen: das klassische Land der Projektenmacher sei Frankreich, wo um dieselbe Zeit wie in England, sage von Mitte oder Ende des 17. Jahrhunderts bis tief ins 18. hinein, dieselben Vorgänge sich abspielen wie jenseits des Kanals, und vielleicht noch, der Volksveranlagung entsprechend, in etwas temperamentvollerer und dramatischerer Form. Auch und gerade für Frankreich stellen gute Kenner jener Zeitläufte sogar für den Anfang des 17. Jahrhunderts „eine Sucht zu erfinden und sich schnell damit zu bereichern" fest"). Die Projektenmacher hießen in Frankreich: »6c>nneur8 ä'avis«, »bm8seurs ci'sssaires«. Die cionneurs ä'avis, erfahren wir^), wimmeln auf dem Pariser Pflaster herum (es ist das 17. Jahrhundert gemeint); Viertes Kapitel: Allerhand Mittel zur Geldbeschaffung 57 man sieht sie um 10 Ahr beim Ausgang aus dem Palais auf der Place du Change: dort schwatzen sie ohne Unterbrechung. Die meisten sind Äungerleider, die nicht einmal einen Mantel haben (was sie ohne Gnade deklassiert), wohl aber Glauben. Man begegnet ihnen immer in dem Augenblick, in dem sie irgendeine glänzende Sache ausfindig gemacht haben. Sie schlüpfen in die Vorzimmer, treten die Schwellen der Staatsbeamten ab und pflegen mit den galanten Frauen geheimnisvolle Zwiesprache. Ihr Äeute ist bejammernswert: ihr Morgen ist voll von Versprechungen und von Licht. Dieses Morgen wird ihnen die berühmte Million bringen. Sie haben Verstand, mehr Einbildungskraft als Urteilskraft. Oft genug kommen sie mit kindischen, bizarren, grotesken, ungeheuerlichen Ideen, deren Konsequenzen sie jedoch mit mathematischer Genauigkeit entwickeln. Ihr Rat, den sie erteilen (svis), ist die Idee von heute: für die Erteilung des Rates, für den Verkauf ihrer Idee bekommen sie eine Vergütung: den clroit cj'avi8. Manche haben wundervolle Ideen, die sie bereichern (wie z. B. Tonti, der Erfinder der Tontine), andere vegetieren dahin und werden ausgebeutet von solchen, die weniger Phantasie, aber mehr Weltklugheit und mehr Beziehungen haben und wissen, wo das nötige Geld zu finden ist. Ihre Natur wird uns so geschildert: voll Anruhe, voller Spürsinn, immer im Anschlag, mit durchbohrendem Blick, mit scharfen Klauen, immer auf der Jagd nach den Talern. Anter ihnen findet man die verkannten Erfinder, die Romantiker der Tat, die unruhigen und fein- organisierten Gehirne, Bankrotteurs mit einem möglichst düstern Äute auf dem Kopfe, Bohemiens, die aus der Bourgeoisie entwischt sind und nun gern wieder hinein möchten, kühne und auskunftsreiche Leute, die ihr Brot im Rauch der Garküche verzehren, wenn der Gimpel, den man rupfen wollte, sich nicht eingestellt hat, schmutzige Abenteurer, die im Kot auf der 58 Erster Abschnitt: Der Anternehmungsgeist Straße oder in der vergoldeten Äaut eines großen Financiers endigen. Wie verbreitet der Typ des Projektenmachers in dem damaligen Frankreich gewesen sein muß, zeigt uns die Rolle, die ihn Moliere in seinen „Facheux" spielen läßt, wo er als einer der ständigen Figuren der Pariser Gesellschaft uns entgegentritt, wie ihn Eraste bezeichnet: (Leise) > Voici quelque Souffleur, nZpre eine ^lan. cle toiles; Marquis d'Äervilly: bei seinem LnZteau cle I_anckeIIes eine Leinenweberei ; Duchesse de Choiseul - Gouffier: eine Baumwollspinnerei in kleiU^; Comtesse de Lameth läßt 100 Räder in Kenencourt verteilen""). Sicur Gaulme beim Schlosse de Bas eine Manufaktur für feine Tücher; de Ramel ebenso; Baron de Sumene Seidenfilande; Marquis d'Kervilly Tischzeugmanufaktur; Sieur du Sel des Monts Baumwollmanufaktur; die Seigneurs Requin und Desbois Baum- woll- und Flachsspinnerei; le sieur Marie de Perpignan Teppichweberei; Ch. Pascal de Carcossonne feine Tücher usw. Die Zahl der adligen Textilindustriellen in Frankreich während des 18. Jahrhunderts ist in der Tat sehr groß ^°). Für die Entwicklung der Großindustrie, namentlich der Textilindustrie in Böhmen während des 18. Jahrhunderts wird es geradezu entscheidend, daß sich, angeregt durch das Beispiel des Kon- seßpräsidenten Grafen Ios. Kinsky, eine Reihe von Aristokraten zur Einführung von Manufakturen auf ihren Gütern entschloß. Schon 1762 konnte Kinsky der Kaiserin die „erfreuliche Nachricht" geben, daß verschiedene Herrschaften in Böhmen, darunter Gras Waldstein, Fürst Lobkowitz, Graf Bolza, „auch Neigung bezeigten", das Manufakturwesen auf ihren Besitzungen zu fördern „Aber den meisten dieser Adelsgründungen," meint der Sohn einer bürgerlichen Fabrikantenstadt, „fehlte es an der erforderlichen inneren Triebkraft und Lebensfähigkeit. Anders wurde das erst durch Joh. Zos. Leiten- bergcr (1730—1802), der als Sohn eines kleinen böhmischen Färber- mcisters. ..." ^) usw. SieventesKapitel: Die Grundtypend, kapitalistischen Unternehmertums Ig9 4. Eine bei den Grundherren besonders beliebte Industrie ist die Glasindustrie gewesen, die man deshalb so bevorzugte, weil sie eine so vortreffliche Gelegenheit bot, die reichen Äolzbestände zu verwerten. In Frankreich war die Glasfabrikation geradezu dem Adel vorbehalten; daher die »verriers Aentilsliommeg« ^). Bürgerliche durften nur auf Grund besonderer Privilegien Glashütten errichten oder sich an ihrer Errichtung beteiligen. Es ist daher überflüssig, die lange Reihe adliger Glashüttenbcsitzer mit Namen aufzuführen. Die mehrfach genannten Werke enthalten zahlreiche Beispiele. Daß auch in andern Ländern die Glashütten sehr häufig gründ- herrlichen Ursprungs waren, ist bekannt. Ebenso wie die Glasfabrikation, wurde hier und da 5. die Porzellanerzeugung von den Grundherren übernommen. Wie bei dieser Industrie das L>olz, so sollte in anderen das Wasser ausgenutzt werden, weshalb wir häufig 6. die Getreidemühlen und Papiermühlen in grundherrlichem Betriebe finden. Oder man gründete eine beliebige Industrie zur Ausnutzung der billigen Brennstoffe, die man auf seinem Besitz hatte, wie Torf usw. In Summa: an zahlreichen Punkten des europäischen Wirtschaftslebens sehen wir den Feudalherrn an dem Aufbau des Kapitalismus beteiligt, so daß es wohl schon auf Grund dieser Erfahrungen berechtigt ist, ihn als einen besonderen Typus des frühkapitalistischen Unternehmers zu betrachten und zu würdigen. Dieser Eindruck seiner Bedeutung für den Gang der kapitalistischen Entwicklung verstärkt sich noch in unserer Vorstellung, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß auch ein beträchtlicher Teil des Kolonialkapitalismus grundherrlich-feudalem Geiste entsprungen ist. So war die Wirtschaftsverfassung, die die Italiener in ihren Levante-Kolonien einführten, dem Feudalsystem 110 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist nachgebildet. Größtenteils galt es nur den Herrn zu wechseln: an Stelle des türkischen den „fränkischen" Grundherrn zu setzen- Wie Grundherrschaften wurden auch die Städte ausgebeutet, in denen die italienischen Eroberer die einzelnen Gewerbetreibenden wie Körige unter sich verteilten. Auf unfreier Arbeit ruhte das ganze System. Auch im 16. Jahrhundert gab den Spaniern und Portugiesen das Feudalsystem noch die Form her, in der die Bevölkerung Amerikas den ökonomischen Zwecken der Kolonialunternehmer, die sich völlig als Grundherren in der neuen Welt betrachteten, ausgeliefert wurde: hier sprach man von Lnco- mienclas und repartiementos, dort von Kapitalien und Les- marias. Selbstverständlich waren auch hier Hörigkeit und später reine Sklaverei die Formen der Arbeitsverfassung. And diejenigen, die die Bergwerke und Plantagen besaßen und kapitalistisch nutzten, waren Feudalherren von echtem Schrot und Korn '2°). Das gilt aber endlich auch von den ersten Unternehmern, denen die Südstaaten Nordamerikas zur Ausbeutung übertragen wurden. Wir erinnern uns des Lord Delaware, der der Hauptbeteiligte an der Virginia Co. of London (gegründet 1606) war, an Lord Baltimore, den „Begründer" von Maryland, dessen gewinnsüchtige Absichten heute nicht mehr bezweifelt werden; wir denken an die acht Eigentümer, denen 1663 das Land zwischen Virginia und Florida („Carolina") übertragen wurde und finden unter diesen den Herzog von Albernarle, den Earl von Clarendon, Sir William Berkeley und vor allem Lord Shaftesbury ^"). Alle diese begründeten — auf der Unterlage der Sklaverei — Unternehmungen in durchaus feudalem Sinne. And wie man weiß, ist dieser halbfeudale Charakter den kapitalistischen Plantagenbesitzern der „Negerstaaten" zu eigen geblieben bis zum Bürgerkriege. Erst damals siegte der Kaufmanns- und Siebentes Kapitel: DieGrundtypend.kapitalistischen Unternehmertums m Bürgergeist über den »8outnein Gentleman«. Erst damals endigte der Versuch, „inmitten einer Gemeinschaft von Farmern und Kaufleuten, von Gewerbetreibenden und rechtlich freien Lohnarbeitern ein Plantagensystem von Grandseigneurs und ihren kleinen Nachahmern auf Zwang und .Herkommen aufzubauen" ^°«-). 3. Die Staatsbeamten Man könnte auf den Gedanken kommen, den ganzen modernen Staat als riesige kapitalistische Anternehmung aufzufassen, seit sich sein Streben mehr und mehr auf den „Erwerb", das heißt genau gesprochen, auf die Beschaffung von Gold und Geld richtet. And das ist wohl der Fall, seit die Entdeckungen und Eroberungen der Spanier den Sinn der Fürsten geweckt hatten, zumal seit Indien in ihren Gesichtskreis getreten war und nun alles Trachten, wenigstens der seebefahrenen Staaten, auf die Erlangung eines Anteils an der Beute gerichtet war. Aber auch, wenn man an gar keinen Eroberungszug nach dem Goldlande dachte, so dachte man doch sicher zuerst und zuletzt immer wieder an das eine: wie man Geld sich verschaffen könne: sei es zu unmittelbarer Verwendung für Staatszwecke, sei es als Beförderer der Volkswirtschaft. Wenn Colbert den Sinn aller merkantilistischen Politik in dem Satze zusammen- faßte: „Ich glaube: darüber wird man sich leicht einigen können, daß es nichts anderes als die Geldmenge in einem Staate ist, die den Grad seiner Größe und seine Macht bestimmt'^)", so könnte das ebenso gut als oberster Grundsatz jeder kapitalistischen Anternehmung aufgestellt werden, wenn man nur statt Geldmenge: Größe des Profits setzen will. Aber daran denke ich nicht, wenn ich hier die Staatsbeamten als einen der frühen Anternehmertypen aufzähle. Auch an die Politik denke ich nicht, die in der Verfolgung jenes obersten Zieles die modernen Staaten betrieben haben. 112 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Ihrer werden wir uns vielmehr erst erinnern, wo wir den Quellen nachgehen, aus denen der kapitalistische Geist entsprungen ist. Dort werden wir festzustellen haben, daß manche Maßregel der merkantilistischen Staatskunst dazu beigetragen hat. Keime kapitalistischen Geistes bei den Untertanen zur Reife zu bringen. Äier will ich vielmehr darauf hinweisen, daß zu den Trägern des modernen kapitalistischen Unternehmungsgeistes selbst der Fürst und seine Beamten gehörten, daß sie eine bedeutungsvolle Stellung unter den ersten Vertretern der modernen Wirtschafts- gesinnung einnehmen. Was ein kluger Mann von Gustav Wasa in Schweden sagt'""), gilt von allen bedeutenden Fürsten des ^ncien regime: „Er war der erste Unternehmer seiner Nation; wie er die Metallschätze des schwedischen Bodens herauszuholen und der Krone dienstbar zu machen suchte, so wies er nicht nur durch Handelsverträge und Schutzzölle, sondern auch durch eigenen Seehandel großen Stils seinen Kaufleuten den Weg. Alles ging von ihm aus." Es hieße ein Buch für sich schreiben, wollte ich hier die Tätigkeit schildern, die das moderne Fürstentum als Begründer kapitalistischer Industrien und anderer Wirtschaftszweige während der Jahrhunderte seit dem Mittelalter bis in unsere Zeit hinein ausgeübt hat. Im wesentlichen sind ja die Tatsachen auch bekannt. Es war nur nötig, hier daran zu erinnern und es wird dem Zwecke dieser Untersuchung Genüge getan, wenn ich angebe, worin mir die besondere Bedeutung der staatlichen Unternehmertätigkeit zu liegen scheint, welche besonderen Züge es sind, die den Staatsbeamten als kapitalistischen Unternehmer auszeichnen. Zunächst und vor allem: in sehr großem Umfange trat die staatliche Unternehmertätigkeit an eine leere Stelle, wo sonst überhaupt nichts vor sich gegangen wäre. Die Initiative des Siebentes Kapitel: DieGrundtypend.kapitalistischenAnternehmertums IIZ Fürsten gab häufig genug erst den Anstoß, damit sich kapita- listisches Wesen entfalte, sie bedeutet also häufig genug den ersten Anfang des Unternehmungsgeistes überhaupt. Wir haben ein klassisches Zeugnis für dieses Verhältnis der staatlichen zur privaten Initiative in dem Ausspruche eines deutschen Kameralisten, der meinte: zur Verbesserung der Manufakturen gehörten Klugheit, Nachdenken, Kosten und Belohnungen, und dann zu dem Schlüsse kommt: „Das sind Staatsbeschäftigungen; der Kaufmann aber bleibet bei dem, was er erlernt hat und wie er es gewohnt ist. Er bekümmert sich nicht um die allgemeinen Vorteile seines Vaterlandes ^")." Dieser Satz spricht Bände. And wenn er auch in dem damals rückständigen Deutschland niedergeschrieben worden ist, so gilt er in abgeschwächtem Maße doch für weite Kreise des frühkapitalistischen Wirtschaftslebens überhaupt. Was hätte z. B. vielerorts aus dem Bergbau werden sollen, wenn der Fürst nicht beizeiten eingesprungen wäre und den verfahrenen Karren aus dem Sumpfe geholt hätte. Man denke an die Geschichte des Bergbaues in dem heutigen Ruhrbezirke. „Bei der planlosen Gräberei, die fast bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts jahrhundertelang geherrscht, gab es natürlich keine Vorrichtung. In der Cleve-Märkischen Bergordnung von 1766 übernahm der Staat die technische und wirtschaftliche Leitung des Betriebes. Der Vormund erzog das direktionslose Kind" ^°). And so geschah es in tausend anderen Fällen. Aber nicht nur, daß der Staat seinen Unternehmungsgeist betätigte, sondern ebenso wie er ihn betätigte, wird bedeutsam für die kapitalistische Gesamtentwicklung. Die staatliche Unternehmung hatte stets einen großen, einen überragenden Zug. Das galt für den äußeren Rahmen der Veranstaltung. In Zeiten ungenügender Kapitalbildung waren die Summen, mit denen die Staatsverwaltungen einAnternehmenfundierenkonnten,bedeutend; Sombart, Der Bourgeois 8 114 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist oft allein groß genug, um das Unternehmen überhaupt beginnen zu können. Man denke an die großen Verkehrsunternehmungen, die ja bis ins 19. Jahrhundert hinein nur von der Kapitalkraft des Staates getragen werden konnten; man denke an Werst- anlagen und Ähnliches. Ebenso überragend war der Organisationsapparat, über den der Staat verfügte. Wiederum versetze man sich in Zeiten, in denen es an geschultem Personal noch fehlte, um zu ermessen, welchen Vorsprung der Staat in seinem Beamtenapparat hatte vor privaten Unternehmern, die sich ihren Stab von Leuten und Aufsehern erst heranbilden mußten. Die überragende Größe der staatlichen Unternehmung lag aber ebenso auf dem rein geistigen Gebiete. An keiner Stelle außer beim Fürsten konnte das Interesse so sehr auf die ferne Zukunft eingestellt sein und konnten deshalb ganz weit angelegte Pläne entworfen und ausgeführt werden. Was alles kapitalistische Wesen auszeichnet: die Langsichtigkeit der Unternehmung, die Dauerhaftigkeit der geistigen Energie: das mußte bei staat- lichen Unternehmungen wie von selbst aus ihrem Wesen herauswachsen. Aber auch an schöpferischen Ideen, an umfassenden Kenntnissen, an wissenschaftlicher Schulung: wer sollte den genialen Leitern der modernen Staaten gleichkommen? Wo war so viel Genie damals wie in den Regierungsstuben vereinigt? Denn die Talente blieben der Staatsverwaltung in jener Zeit noch nicht fern. Natürlich denke ich nur an die hervorragenden Fürsten und ihre Staatsmänner und Beamten, an denen ja aber die Geschichte so außerordentlich reich ist. Wer war in dem Frankreich seiner Zeit auch als kapitalistischer Unternehmer begabter als Colbert '^), wer unter Friedrich dem Großen begabter im Lande etwa als der Freiherr von Äeinitz, der Schöpfer des staatlichen Bergwesens in Oberschlesien? Siebentes Kapitel: Die Grundtypend, kapitalistischen Anternehmertums 115 Was im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung als Mängel der staatlichen Unternehmertätigkeit empfunden wurde: ihre Schwerfälligkeit, ihre Neigung zum Bureaukratismus: das alles fiel in den Anfängen dieses Wirtschaftssystems noch nicht ins Gewicht, in denen vielmehr der Staatsbeamte als ein ganz besonders wichtiger und bedeutsamer Unternehmertyp erscheint mit ganz ausgeprägter geistiger Eigenart von ungeheurer Tragweite. 4. Die Spekulanten Spekulanten als ein besonderer Typ des kapitalistischen Unternehmers sind die Gründer und Leiter von Spekulationsunternehmungen. Diese aber treten mit dem Augenblick in die Erscheinung, in dem ein Projektenmacher die nötigen Geldmittel auftreibt, um seine Idee in die Wirklichkeit umzusetzen; indem also, wie ich schon sagte, das Projektenmachen sich mit der Anter- nehmung verbindet. Dieser Zeitpunkt ist nun aber, soviel wir sehen können, gegen das Ende des 17. Jahrhunderts erreicht. Wir erfahren, daß damals schon viele der Projektanten ein williges Gehör bei den Geldbesitzern finden, und daß es infolgedessen zu „Gründungen" von allerhand Unternehmungen kommt, die wir als Spekulationsunternehmung bezeichnen müssen. Defoe, dem wir schon mehr als einmal wertvolle Aufschlüsse verdankt haben, unterrichtet uns auch über diesen Punkt in seiner schlagenden Weise wie folgt: „Es gibt leider nur zu viele prahlerische Anpreisungen von neuen Entdeckungen, neuen Erfindungen, neuen Maschinen und anderem mehr, die, über ihren wahren Wert herausgestrichen, zu etwas Großem werden sollen, falls die und die Summen aufgebracht und die und die Maschinen gemacht sind. Solche Scheinerfindungen haben die Phantasie Leichtgläubiger so erregt, daß sie auf einen bloßen Schimmer von Hoffnungen hin 8* 116 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Gesellschaften gebildet, Komitees gewählt, Beamte ernannt, Aktien ausgeschrieben, Kontobücher eingerichtet, große Kapitalien aufgenommen und einen leeren Begriff dermaßen in die Äöhe getrieben haben, daß viele Leute sich haben verleiten lassen, ihr Geld gegen Aktien an ein neues Nichts hinzugeben. And nachdem die Erfinder den Spaß so weit getrieben haben, bis sie ihre Äand aus dem Spiele gezogen, lassen sie die Wolke sich selbst auflösen und die armen Käufer sich miteinander abfinden und vor Gericht zerren wegen der Abschlüsse, Äbertragungen oder wegen dieses oder jenen Knochens, den der pfiffige Erfinder unter sie geworfen, um auf sie selbst die Schuld des Mißlingens zu wälzen. So beginnen die Aktien erst allmählig zu fallen, und glücklich ist der, welcher hier bei Zeiten verkauft, bevor sie gleich messingnem Gelde ganz wertlos geworden sind. Ich habe es erlebt, wie in solcher Weise Aktien von Banken, Patenten, Maschinen und anderen Anrer-- nehmungen durch hochtrabende Worte und den Namen eines dabei beteiligten angesehenen Mannes auf 100 K pro Aktie !/soo Anteil oder eine Aktie getrieben wurden und schließlich so zurückgingen, daß sie auf 12, 10, 9, 8 F pro Aktie herunter- spekuliert waren, bis sich zuletzt „kein Käufer" mehr fand — (das neue Wort für „keinen Wert"), wodurch dann viele Familien ins Elend gerieten. Als Beispiele hierfür brauchte ich nur einige Leinenmanufakturen, Salpeterwerke, Kupferminen, Tauchermaschinen u. A. anzuführen, ohne, glaube ich, der Wahrheit oder einigen augenscheinlich schuldigen Personen Anrecht zu tun. Ich könnte bei diesem Gegenstande länger verweilen und die Betrügereien und Schliche von Börsenspekulanten, Maschinenbauern, Patentinhabern, Komitees zusammen mit jenen Börsenhanswürsten, den Maklern, aufdecken, doch habe ich zu solch einer Arbeit nicht Galle genug. Alle die aber, welche sich nicht durch solche Scheinerfinder um ihr Vermögen Siebentes Kapitel: Die Grundtypend, kapitalistischen Unternehmertums 117 gebracht sehen wollen, will ich zur allgemeinen Richtschnur darauf aufmerksam machen, daß die Personen, welche einer solchen Unternehmung verdächtig scheinen, sicherlich mit diesem Vorschlage kommen: .Vor dem Versuche brauche ich Ihr Geld/ And hier könnte ich eine sehr ergötzliche Geschichte von einem Patenthändler zum besten geben, bei der niemand anders als ich selbst der Gefoppte war, doch will ich sie mir für eine andere Gelegenheit aufsparen." Es würde aber dieser ausdrücklichen Bestätigung ab seiten eines guten Sachkenners gar nicht bedürfen, um festzustellen, daß jene Zeit und noch mehr die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts eine „Gründerperiode" ganz großen Stils gewesen sind: meines Wissens die erste, in der die Sucht zu Neu- begründungen kapitalistischer Anternehmungen in dieser epidemischen Weise Völker ergriffen hat, wie damals namentlich die Engländer und die Franzosen. Es ist die Zeit des Südsee- Schwindels in England, des Lawschen Systems in Frankreich, die aber beide nur die am meisten hervorstechenden Anter- nehmungen sind, die infolgedessen den Blick so sehr blenden, daß man oft gar nicht bemerkt, wie um diese Riesenschwindel- unternehmen herum sich eine Anzahl anderer „Gründungen" vollzog, die in ihrer Gesamtheit der ganzen Epoche recht eigentlich erst den Stempel aufdrücken. Am recht zu verstehen, welche neue Welt damals der Menschheit erschlossen wurde, muß man sich einen Äberblick verschaffen über den Amfang und die Richtung, die in jener Zeit zum ersten Male (und vorbildlich für alle Zukunft) das Gründungsfieber angenommen und eingeschlagen hat. Wir besitzen ja in dem Materiale, das die amtlichen Antersuchungs- kommissionen damals zusammengetragen haben, eine reiche Fundgrube an authentischen Zeugnissen und außerdem einen Auszug aus der englischen Enquete, die Anderson „zum warnenden 118 Erster Abschnitt: Der Anternehmungsgeist Exempel für alle kommenden Generationen," wie er schreibt^), gemacht hat. Ich will daraus einige wenige Tatsachen mitteilen. Im Mittelpunkt des Interesses (in England) stand natürlich die Gründung der Südseekompagnie. Diese war zunächst nichts anderes als eine der vielen Kolonialgesellschaften, die vorher schon bestanden hatte. Ihr Privilegium gab ihr das Recht des ausschließenden Handels nach allen Plätzen an der Ostküste von Amerika von dem Flusse „Aranoca" bis zur Südspitze des Feuerlands und an der Westküste vom Kap Äorn bis zum nördlichsten Teile Amerikas. Sie bekam auch alle Machtmittel übertragen wie die andern Gesellschaften. Ihre Bedeutung für die Entwicklung des Kapitalmarktes und der Spekulationswut lag aber nicht eigentlich in ihrem eigenen Gebaren als Spekulationsunternehmung. Sie diente nur dazu, eine latente Gründungsmanie gleichsam auszulösen. Das tat sie, wie bekannt, durch die Verquickung ihrer Geschäfte mit den Staatsfinanzen. Der damals aufkommenden Sitte gemäß übernahm sie einen immer größeren Teil der englischen öffentlichen Schuld, indem sie nach und nach über 31000000 F Anleihen in Gesellschaftskapital verwandelte. Das bedeutete also — und das ist die Pointe —, daß vielleicht der größte Teil des englischen Barvermögens, das bis dahin in festverzinslichen Papieren angelegt war, nun in dividendentragendes, der Agiotage zugängliches Kapital umgewechselt wurde. Welche spekulative Leidenschaft damals die geldbesitzenden Kreise erfüllte, zeigen die Kurse, zu denen der Amtausch der Rentenpapiere erfolgte. Bei der letzten Einlösung wurden die Aktien zu 800 °/o zum Amtausch angeboten und angenommen. Am dieselbe Zeit (August 1720) legte die Gesellschaft neue Aktien zum Kurse von 1000 °/o aus, um die sich die Käufer (bei 200 F Ein- zahlungsverpflichtung) noch immer rissen. Siebentes Kapitel: Die Grundtypend, kapitalistischen Unternehmertums 119 Die also angefachte Spielwut des Publikums wurde nun von geschickten Machern dazu benutzt, um zahllose neue Anter- nehmungen lwenn auch zunächst nur auf dem Papiere) ins Leben zu rufen. Aus der langen Liste dieser kubbles (Seifenblasen), wie man diese windigen Gründungen nannte, seien folgende angeführt: Dekatier-Gcsellschast (abgekürzt: G.) ^1 200 000 FZ, Englische Kupfer-G., Walliser Kupfer-G., Kön. Fischerei-G., G. der Erzgruben-Anternehmen von England, Degenklingen-G., Strickerei-G., G. um frisches Wasser nach Liverpool zu leiten, G. um frische Fische nach London zu bringen, Äarburger L>andels-G., G. zur Erbauung von Schiffen zum verchartern, G. zur Hebung des Flachs- und Hanfbaus in England, ebensolche für Pennsylvanien, G. zur Verbesserung des Landes, G. zur Walfischfängerei, G. zur Gewinnung von Salz in Kolvhead (2 Mill. F), G. „Die große Fischerei", Bodmerei-G., G. zur Besiedlung der Bahama-Inseln, Allgemeine Feuerversicherungs-G. (1200000 F), K. Börsenassekuranz-G. (500 000 F), Londoner Versicherungs-G. (3 600000 F). Ferner: 12 G. zum Betrieb der Fischerei, 4 G. zur Gewinnung von Salz, 8 Versicherungs-G., 2 Remittierungs-G. (kemittances ok None^), 4 Wasser-G., 2 Zucker-G., 11 G. zur Besiedelung von oder zum Handel nach amerikanischen Ländern, 120 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist 2 Bau-G., 13 Landwirtschastliche--G., 6 Sl-G., 4 G. zur Verbesserung von Häfen und Korrektion von Flüssen, 4 G. zur Versorgung Londons, 6 G. zur Anlage von Leinenmanufakturen, 5 G. zur Anlage von Scidenmanufakturen, 15 G. zur Anlage von Montanwerken und Metallverarbeitungsfabriken. Endlich: 60 G. mit verschiedenen Zwecken, darunter G. zur Reinigung Londons (2 Mill. K), G. zum Handel mit Menschenhaaren, G. zur Keilung venerischer Krankheiten, G. zur Beschäftigung der Armen, G. zur Anlage einer großen Apotheke (2 Mill. G. zur Anfertigung des perpetum mobile, G. zum Handel mit gewissen Waren cerlain commoMies) in England, G. zur Erbauung von Käufern in ganz England (3 Mill. K), G. zur Äber- nähme von Beerdigungen usw. usw. Im ganzen also über 200 „Gründungen" in einem Jahre: das ist eine Ziffer, wie sie bei uns heute in einem Jahre mittelguter Konjunktur erreicht wird; also eine enorme Ziffer für das England jener Tage. Ein Wahrzeichen blühender Phantasie zugleich ist diese Liste der ersten Spekulationsunternehmungen in unserer Zeit. Aber was uns nun vor allem interessiert, ist der „Geist", aus dem all' diese Pläne entsprungen waren; mit anderen Worten: was wir versuchen wollen, ist eine etwas genauere Umschreibung dessen, was man „Spekulationsgeist" (insoweit er eine Erscheinungsform des kapitalistischen Anternehmungsgeistes, nicht bloß eine andere Form der Spielwut ist) nennt, ist eine Analyse der besonderen Artung einer Spekulantenpsyche. Was zunächst einmal diese neuen Formen der kapitalistischen Anternehmung von den früher von uns betrachteten scharf unterscheidet, ist der Amstand, daß bei ihrer Entstehung und zum Teil auch bei ihrer Durchführung ganz andere Seelenkräfte Siebentes Kapitel: Die Grundtypen d, kapitalistischenAnternehmertums 121 als bisher den Ausschlag geben. Allen drei Formen der kapitalistischen Unternehmung, deren Geist wir kennen lernten, ist gemeinsam der Unterbau eines äußeren Machtverhältnisses: die Leiter jener Unternehmungen vollbringen ihre Leistungen letzten Endes unter Anwendung äußerer Zwangsmittel. Mögen diese sichtbar zutage treten wie bei der Freibeuterunternehmung; mögen sie im Hintergründe verborgen sein, wie bei den beiden anderen Formen, wo es die Macht des Staates oder die Macht im Staate ist, die über den Erfolg entscheidet. Das Wesensandere bei der Tätigkeit des Spekulanten ist nun das, daß er (wenigstens bei der Begründung seines Anter- nehmens) eine neue Machtquelle in seinem eigenen Innern ausschließt: die suggestive Kraft, mit der allein er seine Pläne verwirklicht. An die Stelle des äußeren Zwangs setzt er den inneren Zwang. An die Stelle der Furcht als treibende Kraft die Äoffnung. Er vollbringt sein Werk etwa in dieser Weise. Selbst träumt er mit aller Leidenschaftlichkeit den Traum seines glücklich zu Ende geführten, erfolgreichen Unternehmens. Er sieht sich als reichen, mächtigen Mann, den seine Mitmenschen verehren und seiern wegen der ruhmvollen Taten, die er vollbracht hat und die er selbst ins Angeheure in seiner Phantasie auswachsen läßt. Er wird erst dies vollbringen, dann jenes daran schließen, ein ganzes System von Unternehmungen ins Leben rufen, er wird den Erdkreis mit dem Ruhm seiner Werke erfüllen. Er träumt das Riesengroße. Er lebt wie in einem beständigen Fieber. Die Übertreibung seiner eigenen Ideen reizt ihn immer von neuem und hält ihn in immerwährender Bewegung. Die Grundstimmung seines Wesens ist ein enthusiastischer Lyrismus. And aus dieser Grundstimmung heraus vollbringt er nun sein größtes Werk: er reißt andere Menschen mit sich fort, daß sie ihm seinen Plan durchführen helfen. Ist er ein großer Ver- 122 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist treter seiner Art, so eignet ihm eine dichterische Fähigkeit, vor den Augen der anderen Bilder von verführerischem Reiz und bunter Pracht erstehen zu machen, die von den Wundern, die er vollbringen will, eine Vorstellung geben: welchen Segen das geplante Werk für die Welt bedeutet, welchen Segen für die, die es ausführen. Er verspricht goldene Berge und weiß seine Versprechungen glaubhaft zu machen. Er regt die Phantasie an, er weckt den Glauben And er weckt mächtige Instinkte, die er zu seinem Vorteil verwendet: er stachelt vor allem die Spielwut auf und stellt sie in seinen Dienst. Keine Spekulationsunternehmung größeren Stils ohne Börsenspiel. Das Spiel ist die Seele, ist die Flamme, die das ganze Wirken durchglüht. „Hn Kien", ruft Saccard aus: „ohne Spekulation (in diesem engeren Sinne) würde man keine Geschäfte machen, meine liebe Freundin. Warum zum Teufel verlangen Sie, daß ich mein Geld herausrücke, daß ich mein Vermögen riskiere, wenn Sie mir nicht eine außergewöhnliche Vergütung versprechen, ein plötzliches Glück, das mir den Äimmel öffnet? Mit der legitimen und mittelmäßigen Bezahlung der Arbeit, mit dem vernünftigen Gleichgewicht der täglichen Geschäfte ist das Leben eine Wüste von ungeheurer Plattheit, ist es ein Sumpf, in dem alle Kräfte einschlafen und verkümmern; laßt aber plötzlich am Horizonte ein Traumbild aufflammen, versprecht, daß man mit einem Sou hundert gewinnen wird, gebt all jenen schläfrigen Seelen die Möglichkeit der Jagd nach dem Anmöglichen, zeigt ihnen die Millionen, die in zwei Stunden verdient sind, meinetwegen mit Äals- und Beinbrüchen . . . und das Nennen beginnt, die Energien verzehnfachen sich, das Gedränge ist so groß, daß die Leute, indem sie nur für ihr eigenes Wohl sich abmühen, lebendige, große und schöne Werke vollbringen. . Stimmung machen, ist die Losung. And daß dazu alle Siebentes Kapitel: Die Grundtypen d, kapitalistischen Unternehmertums 12Z Mittel recht sind, die die Aufmerksamkeit, die Neugierde, die Kauflust erringen, versteht sich von selbst. Lärm wird Selbstzweck. And die Arbeit des Spekulanten ist vollbracht, seinen Zweck hat er erreicht, wenn weite Kreise in einen Zustand des Rausches geraten, in dem sie alle Mittel zu bewilligen bereit sind, die er zur Durchführung seines Unternehmens braucht. Je weniger leicht sich der Plan eines Unternehmens übersehen läßt, je mehr die möglichen Wirkungen allgemeiner Natur sind, desto besser eignet es sich für den Spekulanten, desto größere Wunder kann der Spekulationsgeist vollbringen. Daher große Bankunternehmungen, große Äberseeunternehmungen, große Verkehrsunternehmungen (Eisenbahnenbau I Suez- und Panamakanal!) besonders geeignete Objekte für die Betätigung des Spekulationsgeistes von Anfang an gewesen und bis heute geblieben sind. 5. Die Kaufleute Kaufleute (als Anternehmertypus) nenne ich alle diejenigen, die kapitalistische Unternehmungen aus dem Waren- oder Geldhandel heraus entwickelt haben. Zunächst im Bereiche des Waren- und Geldhandels selbst, in dem sie kleine handwerksmäßige Betriebe über ihren ursprünglichen Amfang hinaus ausgeweitet und zu kapitalistischen Unternehmungen umgebildet haben. Dieser Fall einer allmählichen, schrittweisen Vergrößerung, bei der unmerklich die eine Wirtschaftsform in die andere übergeht, bis schließlich „die Quantität in die Qualität umschlägt", ist sicher ein sehr häufiger gewesen (wie er ja heute noch täglich vorkommt). Ein großer Teil der handwerksmäßigen „ne^iotiatoreZ" ist im Laufe der Zeit zu kapitalistischen Unternehmern geworden: das sind die Florentiner Wollhändler, die englischen trsäesmen, die französischen mgrcligncis, die jüdischen 124 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Schnittwarenhändler. Natürlich mußte eine Reihe glücklicher Amstände sich vereinigen, damit eine solche Metamorphose möglich war. Aber das interessiert uns hier nicht, wo wir nur die Tatsache festzustellen haben, daß die Metamorphose sich häufig vollzogen hat. Häufig, sage ich, ohne mehr als ein unbestimmtes Gefühl als Grund für diese quantitative Bestimmung anführen zu können. In Wirklichkeit entzieht sich das Wieviel vollständig unserem Schätzungsvermögen. Kaufleute sind aber auch noch auf einem anderen Wege kapitalistische Unternehmer geworden: durch Übergriffe in das Bereich der Güterproduktion. Das ist einer der wichtigsten (vielleicht numerisch der häufigsten) Fälle, in denen gewerbliche Arbeiter (Handwerker oder auch bäuerliche Eigenproduzenten) durch reiche Leute mit Vorschüssen ausgestattet wurden, bis sie zu reinen Lohnarbeitern in einer kapitalistischen Unternehmung herabgesunken waren: ist der wichtigste Fall des „Verlags". Wir sahen an einer anderen Stelle (siehe oben Seite 87 ff.), daß die Geldgeber, die die Handwerker mit Barmitteln versahen, um ihnen die Weiterproduktion zu ermöglichen, sehr verschiedenen sozialen Schichten angehörten. Zu eigentlichen „Verlegern", also zu kapitalistischen Unternehmern wurden sie jedoch in der Regel nur, wenn sie schon selbst Geschäftsleute waren. Zum Teil allerdings waren es reichere „Kollegen", die zu Brotgebern der verarmten Handwerker sich aufschwangen. Am nur ein paar frühe Beispiele anzuführen: Die ^rte cZella l.ana äi ?iLa verbietet im 14. Jahrhundert, dem „Arbeiter" mehr als 25 Pfund in der Stadt, 50 Pfund in der Landschaft anzuvertrauen. Kein Lanaiuolo der Stadt Pisa soll eine Werkstatt errichten, in der er gegen Lohne (acl preZio) weben läßt, außer seiner eigenen. In der Zunft der Wollscherer finden wir (1537) in England zwei Darlehen von 1l)l) und 5V M, die reichere an ärmere Handwerker darleihen. Eine Reihe von Streitfällen betrifft diese Dar- Siebentes Kapitel: Die Grundtypen d. kapitalistischen Unternehmertums 1 lehen, aus denen wir entnehmen können, daß die ärmeren Meister ihre Schuld abarbeiten mußten '^). 1548 verbietet ein englisches Gesetz den reichen Meistern der Lederzünste, die ärmeren mit Leder zu versorgen; 1549 5V wird das Gesetz aufgehoben mit der Begründung: ohne dem ginge es nichts). In Frankreich dasselbe Bild um dieselbe Zeit: arme Hutmacher in Abhängigkeit von reichen^"). Aber viel häufiger waren es Kaufleute, meist Zwischenhändler, die zu Verlegern der Handwerker wurden. Dieser Vorgang ist so häufig, daß er fast als der normale erscheint. Sein häufiges Vorkommen hat sogar die Blicke der Historiker so sehr geblendet, daß sie das Problem der Entstehung kapitalistischer Produktionsunternehmungen in ein allmähliches „Übergreifen des Handelskapitals" in die Produktionssphäre simplifizieren (Marx!). Davon ist nun natürlich keine Rede, wie dieses Buch zu genügend deutlicher Erkenntnis bringt. Aber daß, wie gesagt, die Fälle häufig waren, in denen Warenhändler zu Leitern von Produktionsunternehmungen wurden, unterliegt keinem Zweifel. Diejenigen Gewerbe, in denen dieser Vorgang besonders häufig sich abspielte, sind: 1. (vor allem!) die Textilindustrie, wo in sämtlichen Ländern sicher seit dem 14. Jahrhundert, vielleicht schon früher, die Mitglieder der Calimala-Zunst, die Gewandschneider, die Llotliiers, die msi-cliÄncjs cirspierZ, das heißt also: die Tuchhändler (ebenso wie die Seidenwarenhändler) auf der einen Seite, die Garnhändler auf der anderen Seite, Handwerker verlegen; 2. der Bergbau und das Hüttenwesen, soweit es nicht grundherrliches Gepräge beibehielt; 3. die Galanteriewarenbranche (Paternostermacher!); 4. die Schneiderei: mindestens im 17. Jahrhundert haben sich in allen größeren Städten aus den — meist jüdischen — Kleiderhändlern „Konfektionäre" entwickelt 126 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Wes GeistesKind diese neuen Männer waren, die herankrochen, um die Welt zu erobern, werden wir am besten erkennen, wenn wir die eigentümliche Art, Handel zu treiben und Unternehmer zu sein, bei drei Völkern beobachten, in denen sich der „kaufmännische" Geist zuerst und am reinsten zur Blüte entfaltet hat: bei den Florentinern, den Schotten und den Juden. 1. Die Florentiner^") Scharf hebt sich das Vorgehen der Florentiner — wenigstens seit etwa dem 13. Jahrhundert — von dem der Venetianer, Genuesen und auch der Pisaner in der Levante, die ja vor allem in Betracht kommt, ab. Während die anderen Städte kämpfen, treibt Florenz „Äandel". Jener Machtmittel ist ein starkes Keer, ist eine starke Flotte. Die Florentiner haben während der Blütezeit ihres .Handels keine Kriegsflotte, ja nicht einmal eine nennenswerte Kauffahrteiflotte besessen. Ihre Waren verladen sie auf fremde Schiffe, die sie chartern, und wenn sie Schutz brauchen, nehmen sie proven?alische oder genuesische Galeeren in ihren Dienst. Am liebsten umgehen sie die Gefahr: sie wählen Reisewege quer durch das Land und machen weite Amwege, um den vielen Seeräubern im Archipel oder den Schiffen der rivalisierenden Nation nicht zur Beute zu fallen. Womit sie ihre Erfolge bei fremden Völkern errangen, waren ganz andere Dinge: 1. Geld: der Florentiner Warenhandel ist von Anbeginn noch viel ausschließlicher als der anderer Nationen mit Geldgeschäften verbunden, und reine Geldgeschäfte bilden von jeher einen Äauptteil der Florentiner Geschäftstätigkeit; 2. Verträge: Pagnini zählt die lange Reihe der geschickt von den Florentinern abgeschlossenen Handelsverträge auf; 3. Sachkunde: die berühmten Traktate des Balducci (Pegolotti) und Azzano sprechen dafür: sie bildeten die Quelle, aus denen die damalige Kaufmanns- Siebentes Kapitel: Die Grundtypen d, kapitalistischen Unternehmertums 127 welt ihre Kenntnisse von den handelstechnisch und handelsgeographisch wichtigen Dingen schöpfte; Pagnini führt sie richtig als Beweis für die Erfahrenheit unserer Kaufleute (prova clella peri?is cie'nostri mercanti) an- Sinter den kriegführenden Nationen ziehen sie her: wenn diese erschöpft sind, treten sie an ihre Stelle; wenn diese sich die Gunst der Sultane durch ihr rauhes Auftreten verscherzt haben, wissen sie sich bei den Machthabern mit Geldgeschenken und Versprechungen einzuschmeicheln. „Daß Venedig sich im Einzelkriege mit den Osmanen verblute, war die stille Hoffnung der Florentiner. Dieser Krieg (1463) sollte deshalb ja nicht zur gemeinsamen Angelegenheit des Abendlandes erhoben werden; die Florentiner selbst steckten sich, um nicht daran teilnehmen zu müssen, dem Papst Pius II. gegenüber hinter die Behauptung, ihre Äandelsgaleeren und ihre Kaufleute ließen sich nicht so schnell aus der Türkei zurückrufen . . Anter- dessen machen sie sich lieb Kind beim Sultan, „sie saßen im Rat des Sultans, sie begingen als Freunde seine Siege mit Freudenfesten, sie wußten ihre Bedeutung als Äandelsnation bei ihm ins rechte Licht zu setzen und seine Gunst auch in dieser Beziehung so vollständig zu gewinnen, daß nicht bloß die Venetianer, sondern auch die Genüssen in Pera und andere Italiener in der Levante darob voll Neides und Ärgers waren. Am nur dieses Übergewicht möglichst lange zu behaupten, hintertreiben sie . . ." usw. Als die Venetianer sie gebeten hatten, mit ihnen gegen die Türken zu Felde zu ziehen und ihre Handelsbeziehungen abzubrechen, hatte die Signoria erklärt, „gerade die heurige Fahrt nicht mehr einstellen zu können, da für dieselbe viele Tuche fabriziert und viele Waren eingekauft worden seien." (!) Daß sich solche Auffassung ganz gut auch mit einer gelegentlichen Preisgabe der persönlichen Würde verträgt (wenn es der geschäftliche Vorteil erheischte», läßt sich leicht verstehen. 128 Erster Abschnitt: Der Anternehmungsgeist So sehen wir die Florentiner auf Cypern, wo sie zu den nicht privilegierten Nationen gehörten, um die den Pisanern zugebilligten 2 Prozent Zollermäßigung zu genießen, sich für Pisaner ausgeben; dafür mußten sie sich freilich „auch gefallen lassen, daß die Pisaner ihnen bedeutende Abgaben auflegten und sie sonst demütigend behandelten". (Später erreicht Pegolotti, der Faktor (I) der Bardi und Peruzzi, die Gleichstellung mit den Pisanern.) Ein friedsames Kändlervolk, das schließlich, als er preiswert zu haben ist, sich auch noch einen Äafen kauft, nachdem ihm Pisa eben gleichfalls verkauft worden war. Dieses für alles Florentiner Wesen bezeichnende Geschehnis spielte sich im Jahre 1421 ab. Damals war der günstige Moment gekommen: „als der Doge Tommaso da Campofregosa in Genua (das kurz, ehe Pisa durch Verrat in die Äände der Florentiner kam, sich der beiden Ääfen Porto Pisano und Livorno mit Gewalt bemächtigt hatte) des — Geldes dringend benötigt war, um sich seiner Feinde zu erwehren; die Florentiner boten ihm solches, wenn er ihnen die beiden Ääfen abträte, und am 27. Juni 1421 kam der Äandel zustande um den Preis von 100000 fl." Übrigens wurde es auch dann noch nichts Rechtes mit der Schiffahrt der Florentiner: um das Jahr 1500 wird der Handelsverkehr schon wieder im wesentlichen mit fremden Schiffen und größtenteils zu Lande fortgesetzt. Wollhändler und Bankiers sind doch eben für die Schiffahrt verdorben. In allen Schiffahrtsunternehmungen steckt — und steckte vor allem in damaliger Zeit — ein gutes Teil Freibeutertum; und das war dem Florentiner Wesen fremd. Das unterscheidet ihren Äandel so scharf von dem der benachbarten Städte. „Werfen wir einen Rückblick auf die Geschichte der florentinisch-ägyptischen Wechselbeziehungen", schließt Äeyd seine Darstellung, „so kann uns die Tatsache nicht entgehen, daß Konflikte von der Art, wie sie bei anderen Handels- Siebentes Kapitel: Die Grundtypen d, kapitalistischen Unternehmertums l 29 Nationen vorkommen, hier ganz ausbleiben. Alles scheint glatt zu verlaufen." And wie der Handel, so die Industrie: die berühmte Florentiner Tuchindustrie, vielleicht die erste wahrhaft kapitalistisch organisierte Industrie, ist ein Kind des Wollhandels, also aus rein kaufmännischem Geiste geboren. Nur eine Spiegelung dieses .Händlergeistes ist das öffentliche Leben in dieser Stadt. Wie hat sie ihre großen Männer leiden lassen, wie ihre großen Künstler mit ihrer Filzigkeit gequält I Was Wunder, wenn das Regiment seit dem 14. Jahrhundert in die Äände von Wollhändlern und Bankiers geraten war. And die Krönung Florentiner Wesens gleichsam ist es, daß schließlich zu Fürsten dieses Landes eine Familie von Geldhändlern geworden ist. 2. Die Schotten sind die Florentiner des Nordens, was ihr Äändlertum anbetrifft (daß sich in der geistigen Struktur des Schotten außerdem sehr andere Züge als beim Florentiner finden, ändert an der Richtigkeit dieses Vergleichs nichts). So wie wohl die Erhebung der Medici der einzige Fall in der Geschichte ist, daß Bankiers zu Landesfürsten wurden, so ist es wohl auch nur einmal in der Geschichte vorgekommen, daß ein Volk für eine Summe baren Geldes ihren König an eine fremde Nation verkauft hat, wie es die Schotten mit Karl gemacht haben. (Die Schotten: damit meine ich die Flachländer (l-vwianäer), während die Hochländer (i^iZKIancier) nicht nur eine andere, sondern eine geradezu entgegengesetzte Seelenverfassung haben.) Just wie die Florentiner bleiben sie — obwohl vom Meere umspült! — dem Meere fern: sie sind nie eine seebefahrene Nation großen Stils gewesen. Am die Mitte des 17. Jahrhunderts (1656), als die Englisch-Ostindische Kompagnie einen Sombart, Der Bourgeois 9 130 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist Schiffsbestand von 15000 t Raumgehalt hatte (1642), während schon 1628 die Themseflotte 7 Indienfahrer mit 4200 t, 34 andere Fahrzeuge mit 7850 t aufwies, hat der größte schottische Äafen (Leith) 12 Fahrzeuge mit zusammen 1000 Tonnen Tragfähigkeit, Glasgow hat 12 Fahrzeuge mit 830 t, Dundee 10 mit 498 1 usw. ^). Bis ins 18. Jahrhundert hinein haben sie eigentlich keine eigene Flotte; bis dahin treiben sie ihren Äber- seehandel in Schiffen, die sie von den Engländern chartern (genau wie die Florentiner!). Ihr Handel ist vielmehr ein Binnenhandel. Sie vermitteln den Warenaustausch zwischen den Äighländern und Londonern (so Dundee, Glasgow); oder sie vertreiben selbstgefangene Fische oder Kohle oder eigene verfertigte Wollstoffe (plaidinA) nach Irland, Holland, Norwegen, Frankreich und bringen von dort Äopfen, Getreide, Mehl, Butter, Äolz usw. heim. In ihren Seelen glimmt aber ein mächtiger Erwerbstrieb, der während des 16. und 17. Jahrhunderts unter der Asche einer unerhörten Bigotterie verborgen ist und (wie wir noch sehen werden) Ende des 17. Jahrhunderts plötzlich zur Flamme aufschlägt, und sie zu erfolgreichen Anternehmungen zu Kaufe und in der Fremde sich drängen läßt. In welchem Geiste aber sie ihre Geschäfte betreiben, läßt ein schottischer Weisheitsspruch erkennen, den Marx einmal zitiert: „Wenn ihr ein wenig gewonnen habt, wird es oft leicht, viel zu gewinnen; die Schwierigkeit liegt darin, das Wenige zu gewinnen." Es ist mit einem Worte echt kaufmännischer Geist, es ist echter „Kändlergeist', der überall durch ihre geschäftliche Tätigkeit hindurch scheint. Ein guter Beobachter hat diesen schottisch- florentinischen Geschäftsgeist am Anfang vorigen Jahrhunderts einmal treffend wie folgt beschrieben (indem er ihn in Gegensatz zu dem Geist der irländischen Geschäftsleute stellt)'^): Siebentes Kapitel: DieGrundtypend.kaPitalistischenAnternehmertums 1Z1 „Könnten sie — die Irland er — durch einen raschen coup 6e mmn zum Genusse eines merkantilischen Reichtums gelangen, so würden sie sich wohl gerne dazu entschließen; aber sie können sich nicht auf dreifüßige Kontorstühlchen niederlassen und über Pulte und lange Handelsbücher gebeugt liegen, um sich langsam Schätze zu erknickern. Dergleichen aber ist ganz Sache eines Schotten. Sein Verlangen, den Gipfel des Baumes zu erreichen, ist ebenfalls ziemlich heftig; aber seine Hoffnungen sind weniger sanguinisch als beharrlich, und wirksame Ausdauer ersetzt das momentane Feuer ..." Der Jrländer springt und hüpft wie ein Eichhörnchen — der Schotte klimmt ruhig von Ast zu Ast. „Diese bewundernswerte Fähigkeit des Schotten, sich in Handelsgeschäften hervorzutun, seine außerordentliche Nachgiebigkeit gegen seine Vorgesetzten, die beständige Hast, womit er sein Segel nach jedem Winde aufspannt, hat nicht allein bewirkt, daß man in den Handelshäusern Londons eine Anzahl schottischer Schreiber, sondern auch Schotten als Kompagnons finden kann." Man sieht: man könnte in dieser Schilderung ohne weiteres das Wort Schotten durch das Wort Florentiner ersetzen; aber auch noch durch ein anderes Wort: 3. Die Juden Da ich annehme, daß die Leser mein Buch über „Die Juden und das Wirtschaftsleben" kennen, so erspare ich mir hier eine ausführliche Darstellung des jüdischen Geschäftsgeistes, wie er aus dem jüdischen Geschäftsgebaren hervorleuchtet. Ich nehme um so lieber von dieser Schilderung Abstand, als es sich zudem noch um eine Wiederholung handeln würde dessen, was ich eben über die beiden andern Völker gesagt habe. Denn: Florentiner-Schotten-Iuden. Wenn Marti an in seinen Erklärungen des Ezechiel über die Juden im Nömerreiche bemerkt: 9* 1Z2 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist „Bis heute wohnt in den Syrern (Juden) ein solcher eingeborener Geschäftseifer, daß sie des Gewinnes wegen die ganze Erde durchziehen; und so groß ist ihre Lust zu handeln, daß sie überall innerhalb des römischen Reiches zwischen Krieg, Mord und Totschlag Reichtümer zu erwerben trachten" —, so trifft das den Nagel auf den Kopf und kennzeichnet mit epigrammatischer Kürze die Stellung der Juden im Wirtschaftsleben der Völker: „zwischen Krieg, Mord und Totschlag" suchen sie Reichtümer zu erwerben, während die anderen Völker diese durch Krieg, Mord und Totschlag zu erwerben trachten. Ohne Seemacht, ohne Kriegsmacht schwingen sie sich zu Herren der Welt auf, mittels derselben Kräfte, die wir in den Äänden der Florentiner wirksam fanden: Geld - Verträge (d. h. Privat- Kaufverträge) — Sachkunde. Alle Anternehmungen, die sie begründen, sind aus Äändlergeist geboren; alle Juden, die sich zu kapitalistischen Anternehmern aufschwangen, stellen den Anter- nehmertyp der Kaufleute dar: deshalb war ihrer an dieser Stelle zu gedenken. Es erübrigt nun nur noch kurz den letzten Unternehmertyp zu umreißen. 6. Die Handwerker Das ist genau genommen ein Widerspruch in sich: „der Handwerker": ein Typus des kapitalistischen Unternehmers. Aber ich finde keinen besseren Ausdruck, um das zu bezeichnen, was die Engländer treffend - NanuigLturer«, die Franzosen »fabricant« (im Gegensatz zu dem aus kaufmännischem Geiste geborenen »entrepreneur«) nennen. Also den heraufgekommenen Handwerksmeister in der gewerblichen Produktionssphäre, der seinen Betrieb in langjährigem, mühevollem Ringen zu einer kapitalistischen Unternehmung ausgeweitet hat: den Mann mit den schwieligen Künden, dem viereckigen Kopfe, den Siebentes Kapitel: Die Grundtypen d. kapitalistischen Anternehmertums 1ZZ groben Manieren, der in der altmodischen Einrichtung bis zur silbernen Hochzeit wohnt, um dann sich von einem Architekten seine Wohnung nach dem neuesten Stil möblieren zu lassen, weil seine Tochter, die er auf Händen trägt, und der er eine gegediegene Bildung (die ihm fehlt) hat angedeihen lassen, es so wünscht. Die bekannten Knoten der „ersten Generation", die Seli macie men, die aber doch über einen gewissen mittleren Geschäftsumfang nicht hinauskommen. Die Stammväter der späteren Großunternehmer. In wichtigen Industrien, wie z. B. der Maschinenindustrie, hat dieser Typus geradezu die Regel in den Anfängen der kapitalistischen Entwicklung gebildet. Wir finden ihn aber in fast allen Industrien zerstreut. Auch in der Textilindustrie hat der „Tuchfabrikant" eine Rolle gespielt^""). Er ist in allen Ländern gleichmäßig verbreitet gewesen. In großen Städten fand man ihn besonders häufig ^°). Irgendwelche auch nur annäherungsweise Schätzung des numerischen Anteils ist selbstverständlich bei diesem Typus ebenso unmöglich wie bei irgendeinem der andern. -i- ->- Was ich über den Geist, aus dem dieser letzte Anternehmer- typ: der Handwerker, geboren ist, zu sagen habe, kann ich (an dieser Stelle) mit wenigen Worten, weil es in den vorhergehenden Ausführungen schon ausgesprochen ist, sagen. So sehr nämlich der Handwerker und der Kaufmann untereinander verschieden sind: sie haben doch eine Reihe gemeinsamer Züge: gemeinsam sogar mit der Spekulationsunternehmung (von der sie im übrigen Welten trennen) haben sie die Abkehr von allem Gewaltmäßigen und Autoritäthaften ihres Wirkens, das die ersten drei Unternehmertypen charakterisiert. Auch der handwerkerhafte Leiter einer kapitalistischen Unternehmung muß vor allem „Händler" sein in 134 Erster Abschnitt: Der Unternehmungsgeist dem von mir festgestellten Sinne: er muß sich durch friedliche Überredungskunst seinen Weg durchs Leben bahnen; im geschickten Abschluß von meist freihändigen Verträgen: mit seinen Lieferanten, mit seinen Arbeitern, mit seinen Kunden liegen alle Möglichkeiten des Gewinns für ihn eingeschlossen. Damit diese Unternehmer aber Erfolg haben, müssen sie — das gilt auch von den „Kaufleuten" — noch andere Fähigkeiten und vor allem bestimmte sittliche Qualitäten besitzen, die in diesem hohen Maße bei den übrigen Unternehmertypen nicht erheischt werden; sie müssen, um es in zwei Schlagworten auszudrücken: rechnen und sparen können. Sie müssen die Eigenschaften des guten Kalkulators und des guten Äausvaters in sich vereinigen: ein ganz neuer „Geist" muß in ihnen lebendig werden, der dann auch in die anderen Unternehmer einzieht und schließlich einen unentbehrlichen Bestandteil des kapitalistischen Geistes überhaupt bildet. Äber sein Wesen und sein Werden müssen wir uns nun aber erst genauer unterrichten. Die folgenden Kapitel sind ihm gewidmet. 135 Zweiter Abschnitt Der Bürgergeist Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 3n dem, was wir heute als kapitalistischen Geist bezeichnen, steckt außer dem Unternehmungsgeist und außer dem Erwerbs- triebe noch eine Menge anderer seelischer Eigenarten, von denen ich einen bestimmten Komplex unter dem Begriffe der bürgerlichen Tugenden zusammenfasse. Darunter verstehe ich alle diejenigen Ansichten und Grundsätze (und das nach ihnen gestaltete Betragen und Sichverhalten), die einen guten Bürger und Hausvater, einen soliden und „besonnenen" Geschäftsmann ausmachen. Anders ausgedrückt: in jedem vollendeten kapitalistischen Anter- nehmer, in jedem Bourgeois steckt ein „Bürger". Wie schaut er aus, wo ist er zur Welt gekommen? Soviel ich sehe, tritt uns der „Bürger" in seiner Vollendung zuerst entgegen in Florenz um die Wende des 14. Jahrhunderts: während des Trecento ist er offenbar geboren. Damit spreche ich schon aus, daß ich unter „Bürger" nicht etwa jeden Bewohner einer Stadt oder jeden Kaufmann und Handwerker verstehe, sondern ein eigenartiges Gebilde, das aus diesen äußerlich als Bürger erscheinenden Gruppen sich erst heraus entwickelt, einen Menschen von ganz besonderer Seelenbeschaffenheit, für den wir keine bessere Bezeichnung haben als die gewählte, freilich in „...": er ist ein „Bürger", sagen wir heute noch, um einen Typus, nicht um einen Stand zu bezeichnen. Was unser Augenmerk, wenn wir nach der Geburt des „Bürgers" fragen, gerade auf Florenz hinlenkt, ist die Fülle von Zeugnissen, die wir für seine Existenz in jener Stadt schon im IS. Jahrhundert besitzen^"). Eine ganze Reihe von Ge- 136 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist schäftsleuten und Männern, die jedenfalls mit dem Geschäftsleben jener Zeit vertraut waren (und wer wäre das in dem Newyork des Quattrocento nicht gewesen!), haben ihre Anschauungen in wertvollen Memoirenwerken oder Erbauungsschriften niedergelegt, aus denen uns in vollendeter Deutlichkeit das Bild Benjamin Franklins, dieses fleischgewordenen Bürgerprinzips, entgegentritt. Was man vielfach erst im 17. und 18. Jahrhundert entstehen sah: die Grundsätze einer wohlgeordneten bürgerlichen Existenz mit allen Merkmalen einer ausgeprägten Parvificentia und Wohlanständigkeit: das bildet schon ums Jahr 1450 in den Seelen der Florentiner Wollhändler und Geldwechsler die Lebenssubstanz. Der vollendete Typus des „Bürgers" während des Quattrocento: der, dessen Schriften auch die wertvollste Quelle für uns bilden, um uns ein Arteil über den Geisteszustand jener frühesten Epoche bürgerlicher Weltanschauung zu bilden, ist L- B. Alberti. Von ihm stammen die berühmten Bücher über das Familienregiment (Oel Aoverno äella famiAlia), in denen in der Tat schon alles steht, was D efoe und Benjamin Fr an kl in nachher auf englisch gesagt haben. Die Familienbücher Albertis sind aber vor allem auch deshalb als Quelle für uns unschätzbar, weil wir wissen, daß sie schon zu ihrer Zeit bewundert und viel gelesen wurden, daß sie schon bald nach ihrem Erscheinen als klassisches Traktat galten, das andere Äausväter teils wörtlich, teils im Auszuge in ihre Chroniken und Memoiren herübernahmen. Wir sind deshalb wohl zu dem Schlüsse berechtigt, daß die Ansichten, die Alberti in seinen Familienbüchern vorträgt (obwohl diese Lehr- und Erbauungsschriften sind), doch schon in weiten Kreisen geteilt wurden und schon eine Art von allgemeinem Zeitgeist, der natürlich nur innerhalb der Geschäftswelt verbreitet war, darstellen. Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 137 Ich gebe deshalb im folgenden die Ansichten und Meinungen Albertis in ihren Grundzügen wieder und ziehe die Äußerungen anderer Männer aus jener Zeit nur hier und da zur Ergänzung heran. Beschränken werde ich mich natürlich auf diejenigen Teile seiner Schriften, in denen er über seine Stellung zum Wirtschaftsleben sich äußert, während seine übrigen Lebensanschauungen nur insoweit für uns in Betracht kommen, als sie für die Herausbildung der besonderen Wirischafts- gesinnung Bedeutung haben. Zwei Gruppen von Ansichten kommen für uns hauptsächlich in Betracht: diejenigen, die sich auf die innere Ausgestaltung der Wirtschaft beziehen, und diejenigen, die die Beziehungen der Wirtschaftssubjekte zur Kundschaft insbesondere und zu der Außenwelt im allgemeinen zu regeln bestimmt sind. Den ersten Komplex von Sätzen fasse ich (aus alsobald ersichtlichem Grunde) unter der Bezeichnung der „heiligen Wirtschaftlichkeit", den zweiten unter dem Rubrum „Geschäftsmoral" zusammen. 1. Die heilige Wirtschaftlichkeit „Äeilig" nennt Alb erti die Wirtschaftlichkeit oder die gute Wirtschaftsführung, oder wie man sonst „mAsseri^is" übersetzen will: »Lancia cc>8a la M388eri?>3« iS- 151). Was versteht er unter dieser M3ssen?i3? Er gibt an verschiedenen Stellen eine Erklärung ab, die aber nicht alle übereinstimmen. Fassen wir den Begriff im weitesten Verstände auf, so daß er alle Wirtschaftsregeln, die Alberti den Seinen verkündet, in sich begreift, so bekommen wir etwa folgenden Sinn. Zu einer guten Wirtschaft gehört: 1. die Nationalisierung der Wirtschaftsführung. Ein guter Wirt bedenkt die Wirtschaftsführung: »Is sollecitu- ciine e cura cielle cose, cioe la massen?ia< (S. 133). Das bedeutet im einzelnen zunächst einmal, daß er die Vorgänge des 138 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist Wirtschaftlichen die Schwelle seines Bewußtseins überschreiten läßt; daß er sich um wirtschaftliche Probleme kümmert; daß er ihnen sein Interesse zuwendet; daß er sich nicht schämt, von ihnen zu reden wie von etwas Schmutzigem; daß er sich sogar seiner wirtschaftlichen Taten rühmt. Das war etwas unerhört Neues. And zwar deshalb, weil es Reiche, Große waren, die nun so dachten. Daß sich der kleine Packenträger immer um seine Groschen gemüht hatte, und daß sich der kleine Ladeninhaber einen großen Teil seines Lebens mit der Bedenkung von Einnahme und Ausgabe gemüht hatte: das versteht sich von selbst. Aber der Reiche, der Große! Der Mann, der so viel und mehr zu verzehren hatte wie die LeiAneurs von ehedem: auch der machte die Probleme der Wirtschaftsführung zum Gegenstande seines Nachdenkens! Ich sage mit Bedacht: die Probleme der Wirtschaftsführung: andere Probleme, die in den Bereich des Wirtschaftlichen hineinragen, waren auch früher schon rationalisiert worden: wir sahen schon, daß in jeder Unternehmung größeren Stils ein wohldurchdachter Plan zu seiner vollen Durchführung gelangt, was ohne gründliche Durchdenkung, ohne weitsichtige Inbeziehungsetzung von Zwecken und Mitteln, kurz ohne gründliche Rationalisierung nicht möglich ist. Aber nun galt es vor allem die Wirtschaftsführung zu rationalisieren, worunter ich im wesentlichen verstehe: die Herstellung eines vernünftigen Verhältnisses zwischen Einnahmen und Ausgaben, also eine besondere Äaushaltungskunst. Das Problem stellen, hieß aber alsogleich, es in einem ganz bestimmten Sinne lösen; dieser Sinn, diese neue Auffassung von guter Wirtschaftsführung konnte zunächst gar nichts anderes bedeuten, als eine grundsätzliche Verwerfung aller Maximen seigneurialer Lebens gestaltung. Die Wirtschaft des Seigneurs war, wie wir sahen, eine Ausgabe- Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 139 wirtschaft gewesen: soundso viel brauchte er zum standesgemäßen Unterhalt oder auch verschwendete und vergeudete er: folglich mußte er soundsoviel einnehmen. Diese Ausgabewirtschaft wird nun in eine Einnahmewirtschaft verkehrt. Die oberste Regel, mit der Alberti das dritte, die Wirtschaftsphilosophie enthaltende Buch seines Traktates zusammenfassend schließt, die letzten Worte in Pandolfinis Schrift überhaupt, das A und O aller guten Äaushaltungskunst, das Credo jedes braven „Bürgers", der Wahrspruch der neuen, jetzt heraufdämmernden Zeit, die Quintessenz der Weltanschauung aller tüchtigen Leute: das ist in dem Satze zusammengefaßt^): „Behaltet dieses im Gedächtnis, meine Söhne: niemals laßt Eure Ausgaben größer als Eure Einnahmen sein." Mit diesem Satze war das Fundamentum der bürgerlich- kapitalistischen Wirtschaftsführung gelegt. Denn mit der Befolgung dieses Satzes war die Rationalisierung zu einer 2. Ökonomisierung der Wirtschaftsführung geworden. Nicht zwangsweise, sondern freiwillig: denn diese Ökonomisierung bezog sich nicht auf die Iammerwirtschaften der kleinen Leute, wo „Schmalhans Küchenmeister" von Gottes Gnaden ist, sondern wiederum auf die Reichen. Das war das Anerhörte, das Neue: daß jemand die Mittel hatte und sie doch zu Rate hielt. Denn alsbald kam zu jenem Grundsatz: nicht mehr auszugeben als einzunehmen, der höhere hinzu: weniger auszugeben als einzunehmen: zu sparen. Die Idee des Sparens trat in die Welt! Abermals nicht des erzwungenen, sondern des selbst gewellten Sparens, des Sparens nicht als einer Not, sondern des Sparens als einer Tugend. Der sparsame Wirt wird nun das Ideal selbst der Reichen, soweit sie Bürger geworden waren. And ein Giovanni Ruccellai, ein Mann, der Äunderttausende im Vermögen hatte, macht sich 140 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist den Ausspruch eines Landsmanns zu eigen, der gesagt hatte: „Es habe ihm ein Groschen, den er gespart habe, mehr Ehre gemacht als hundert, die er ausgegeben habe" "^). Nicht das seigneuriale Auftreten ehrt den tüchtigen Mann, sondern daß er Ordnung in seiner Wirtschaft hält^"). Sparsamkeit wird nun so sehr geachtet, sie wird so sehr zur wirtschaftlichen Tugend schlechthin erhoben, daß der Begriff der »NasseriÄA«, also der Wirtschaftlichkeit, oft geradezu mit dem der Sparsamkeit gleichgesetzt wird. Ein paar Stellen aus Albertis Familienbüchern werden zeigen, welche zentrale Bedeutung man jetzt der Sparsamkeit beimaß. Vor allem wird nun der Gedanke in tausend Wendungen immer wieder ausgesprochen: reich wird man nicht nur dadurch, daß man viel erwirbt, sondern ebenso dadurch, daß man wenig ausgibt; arm umgekehrt dadurch, daß man verschwendet^) (immer mit dem Hinblick auf die verschwenderischen Seigneurs): „wie vor einem Todfeind, hüte man sich vor überflüssigen Ausgaben"; „jede Ausgabe, die nicht unbedingt notwendig (molw neLessarm) ist, kann nur aus Verrücktheit gemacht werden (cia pg^lg)"; „ein so schlechtes Ding die Verschwendung ist, so gut, nützlich und lobenswert ist die Sparsamkeit"; „die Sparsamkeit schadet niemand, sie nützt der Familie"; „heilig ist die Sparsamkeit". „Weißt du, welche Leute mir am besten gefallen? Diejenigen, die nur für das Nötigste ihr Geld ausgeben und nicht mehr; den Überschuß heben sie auf; diese nenne ich sparsam, gute Wirte (massai)"«)." Ein anderes Mal äußert sich der Meister über den »^ssssio« so: »^wsssi«, also sagen wir: „gute Wirte sind diejenigen, die Maß zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig halten; Frage: aber wie erkennt man, was zu viel, was wenig ist? Antwort: leicht mit einem Maßstab (misurg; Pandolfini, 54 hat hier das Wort ^a^ione« eingesetzt) in der Äand; Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 141 Frage: ich möchte wissen, was das für ein Maß ist; Antwort: das ist leicht gesagt: keine Ausgabe darf größer sein, als es absolut notwendig ist (cne äimsnäi la necegsitk) und nicht kleiner sein, als es die Wohlanständigkeit (onesta) vorschreibt" Alberti entwirft auch ein Schema für die Rangordnung der verschiedenen Ausgaben: 1. Die Ausgaben für Nahrung und Kleidung: sie sind notwendig; 2. andere Ausgaben; von diesen sind: a) einige auch notwendig; das sind diejenigen, die, wenn sie nicht gemacht werden, dem Ansehen, dem Renommee der Familie schaden; es sind die Ausgaben für Unterhaltung des Kaufes, des Landsitzes und des Geschäftshauses in der Stadt (botte^a); b) andere, die man zwar nicht zu machen braucht, die aber doch nicht eigentlich verwerflich sind: macht man sie, erfreut man sich, macht man sie nicht, erleidet man keinen Schaden: dahin gehören Ausgaben für Gespanne, für Bücher, für Bemalen der Loggia usw.; c) endlich gibt es Ausgaben, die durchaus verwerflich, die verrückt (pa??e) sind: das sind die zum Unterhalt von Menschen, zur Ernährung einer Klientel (wiederum die verhaltene Wut gegen alles seigneuriale Wesen: solche Gefolgschaften sind schlimmer als wilde Bestien!)^). Die notwendigen Ausgaben soll man so schnell wie möglich machen; die nicht notwendigen soll man so lange wie möglich hinausschieben. Warum, fragen die Schüler den Meister: wir möchten deine Gründe hören, denn wir wissen: du tust nichts ohne reiflichste Überlegung (nulla tÄe sen?s optims ra^ione). Darum, antwortet Gianozzo: weil mir die 142 Zweiter Abschnitt: Der Biirgergeist Lust zu der Ausgabe, wenn ich sie hinausschiebe, möglicherweise vergeht und ich die Summe dann spare; vergeht mir die Lust aber nicht, dann habe ich doch Zeit, mir zu überlegen, wie ich zu der Sache wohl auf dem billigsten Wege komme""). Aber zur vollendeten Ökonomisierung der Wirtschaft (und des Lebens) gehört nicht nur das Sparen (man könnte es die Ökonomie des Stoffes nennen), sondern auch eine nützliche Anordnung der Tätigkeiten und eine zweckvolle Erfüllung der Zeit, gehört das, was man als Ökonomie der Kräfte bezeichnen mag. Die predigt denn nun unser Meister auch mit Eindringlichkeit und Nachhaltigkeit. Die echte ^3S8eri?ia soll sich aus das .Haushalten mit drei Dingen, die unser sind, erstrecken: 1. unsere Seele; 2. unsern Körper; 3. — vor allem I — unsere Zeit. Haushalten heißt nützliche und anständige Beschäftigung: „mein ganzes Leben mühe ich mich ab, nützliche und ehrenhafte Dinge zu tun" ""^), heißt vor allem aber überhaupt Beschäftigung: „ich bediene mich des Körpers, der Seele und der Zeit nicht anders als in vernünftiger Weise. Ich suche so viel wie möglich davon zu erhalten und möglichst nichts zu verlieren" ^°°). Die Hauptsache aber: meidet den Müßiggang I Zwei Todfeinde sind die Verschwendung und der Müßiggang. Müßiggang verdirbt den Körper und den Geists). Aus dem Müßiggang erwachsen Anehre und Schande (ciisonore et intamia). Die Seele der Müßiggänger ist noch immer die Brutstätte aller Laster gewesen. Nichts ist so schädlich, so verderblich lpestitero) für das öffentliche und das Privatleben wie müßige Bürger. Aus dem Müßiggang entsteht die Äppigkeit (wscivis); aus dieser die Verachtung der Gesetze usw. ^). Als die Schüler einmal klagen: sie könnten all die weisen Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 14Z Lehren des Meisters doch nicht behalten und befolgen, meint er: doch, wenn sie nur die Zeit richtig einteilten: „Wer keine Zeit zu verlieren weiß, der kann beinahe jede Sache tun; und wer die Zeit gut anzuwenden versteht, der wird bald Äerr über jedes beliebiges Tun sein" ^). Gianozzo gibt dann selbst Anweisungen, wie man die Zeit am besten einteilen und ausnutzen könne: „Am von dem so kostbaren Gute, der Zeit, nichts zu verlieren, stelle ich mir diese Regel auf: nie bin ich müßig, ich fliehe den Schlaf und lege mich erst nieder, wenn ich vor Ermattung umsinke..... Ich verfahre also so: ich fliehe den Schlaf und die Muße, indem ich mir etwas vornehme. Am alles in guter Ordnung zu voll- bringen, was vollbracht werden muß, mache ich mir morgens, wenn ich aufstehe, einen Zeitplan: was werde ich heute zu tun haben? Viele Dinge: ich werde sie aufzählen, denke ich, und jeder weise ich dann ihre Zeit zu: dieses tue ich heute morgen, das nachmittags, das heute abend; und auf diese Weise vollbringe ich meine Geschäfte in guter Ordnung, fast ohne Mühe---- Abends überdenke ich mir alles, ehe ich mich zur Ruhe lege, was ich getan habe. . . . Lieber will ich den Schlaf verlieren als die Zeit"^) .... And so weiter in endlosen Wiederholungen (die eine rechte Ökonomisierung der Rede noch nicht erkennen lassen I). Was aber wiederum eine Hauptsache für den Geschäfts-- mann ist: Fleiß und Betriebsamkeit sind die Quellen des Reichtums: .Die Gewinne wachsen an, weil mit der Aus- dehnung der Geschäfte auch unser Fleiß und unsere Arbeit sich vergrößern" Zur Vervollständigung des vielleicht noch lückenhaften Bildes, das diese Auszüge aus unsrer besten Quelle von dem Geiste eines Florentiner „Bürgers" im 15. Jahrhunderts geben, will ich noch eine lebendige Schilderung hier wiedergeben, die uns ein 144 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist geistvoller Mann von den Verwandten Leonardo da Vincis entwirft, und die wie abgemessen diese in den Rahmen hineinstellt, den die schriftlichen Überlieferungen uns hinterlassen habend). „Eine besondere Betrübnis über das zu jener Zeit verbreitete Gerücht seiner Gottlosigkeit trug sein Bruder Lorenzo zur Schau, der, an Iahren fast noch ein Knabe, ein gelehriger Schüler Savonarolas, ,ein Greiner' war, bereits ein Geschäft besaß und der Innung der Florentiner Wollkämmer angehörte. Oft lenkte er in Gegenwart des Vaters das Gespräch mit Leonardo auf den christlichen Glauben, die Notwendigkeit der Buße, die Demut, warnte ihn vor den ketzerischen Meinungen einzelner neuerer Philosophen und schenkte ihm zum Abschied ein von ihm selbst zur Seelenrettung verfaßtes Buch. Jetzt, vor dem Kamine des alten Familienzimmers sitzend, zog Leonardo das sorgfältig geschriebene Buch hervor: -lavols ciel confessiongrio ciescripto per me, I^oren^o cii 3er ?ierro cia Vinci, ruorentino, maricisw slla I^anna, mia Lo^nstg.« — ,Beichtbuch, von mir, l^oren^o cii Ser?lerrc» cia Vinci, einem Florentiner, selbst verfaßt und Nanna, meiner Schwägerin, gewidmet.' Diesem Titel war noch in kleiner Schrift hinzugefügt: ,Ein äußerst nützliches Handbuch für alle diejenigen, die ihre Sünden beichten wollen. Nimm dies Buch zur Kand und lies. Wenn du in der Inhaltsangabe auf deine Sünden stößt, so zeichne dir die Stelle an, lasse aus, worin du dich unschuldig fühlst, so wird es auch einem anderen von Nutzen sein, da du überzeugt sein kannst, daß auch tausend Zungen diesen Stoff nicht erschöpfen können.' Es folgten ein von dem jungen Wollkämmer mit wahrer Kleinkrämerei zusammengestelltes Verzeichnis aller Sünden und echt gottesfürchtige Betrachtungen, die jeder Christ in seiner Seele anstellen muß, wenn er an das Geheimnis der Beichte herantreten will. Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 145 Mit theologischer Spitzfindigkeit erörterte Lorenzo die Frage, ob es eine Sünde sei, unverzollte Tuche und andere Wollwaren zu tragen. „Was die Seele anbetrifft, so kann ihr ein solches Tragen ausländischer Waren nicht schaden, wenn der Zoll ein ungerechtfertigter sein sollte. Daher mag, geliebte Brüder und Schwestern, euer Gewissen darüber beruhigt sein. Sollte aber jemand fragen wollen: ,Lorenzo, worauf begründest du diese deine Ansicht über die ausländischen Tuche?', so antworte ich ihm: im vergangenen Jahre 1499 befand ich mich in Geschäften in der Stadt Pisa; da hörte ich in der Kirche St. Michele eine Predigt des Dominikanermönchs Frater Zanobi, der mit erstaunlicher, fast unglaublicher Fülle von gelehrten Beweisen dasselbe über die ausländischen Tuche ausführte wie ich jetzt." Zum Schluß erzählte Lorenzo weitschweifig, wie ihn der Dämon der Äölle — ciemonio infernale — vom Schreiben dieses sür die Seele heilsamen Buches abgehalten habe. Anter anderem hätte er den Einwand geltend gemacht, daß Lorenzo nicht die notwendige Gelehrsamkeit und Redegewandtheit besäße, und daß es ihm, dem ehrsamen Wollkämmer, besser zieme, sich um sein Geschäft als um das Verfassen von geistlichen Büchern zu kümmern. Er habe aber die Versuchungen des Teufels überwunden und sei zu der Überzeugung gelangt, daß es bei einem solchen Werke weniger auf gelehrte Kenntnisse und Redegewandtheit als auf christliche Philosophie und Andacht ankäme. Infolgedessen habe er mit Gottes und der heiligen Zungfrau Maria Äilfe dieses Buch beendet, das er „seiner Schwägerin Nanna, sowie allen Brüdern und Schwestern in Christo" widme. Leonardo lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Beschreibung der vier christlichen Äaupttugenden, die Lorenzo, wohl nicht ohne Hintergedanken in bezug auf seinen Bruder, den berühmten Künstler, den Malern unter folgender Allegorie darzustellen Svmvarr, Der Bourgeois 10 146 Zweiter Abschnitt: Der Bllrgergeist anriet: die Klugheit mit drei Gesichtern, zum Zeichen, daß sie die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu erkennen vermag; die Gerechtigkeit mit Schwert und Wage; die Kraft an eine Säule gelehnt; die Mäßigkeit: in der einen .Hand den Zirkel, in der anderen die Schere, „mit der sie jeden Überfluß abschneidet". Aus diesem Traktat wehte Leonardo ein bekannter Geist entgegen, die bürgerliche Gottesfurcht, die seine Kinderjahre umgeben hatte und in der Famile von Geschlecht auf Geschlecht überging. Schon hundert Jahre vor seiner Geburt waren die Ahnen seines Äauses ebenso ehrbare, sparsame, gottesfürchtige Beamte der Florentiner Gemeinde gewesen, wie sein Vater Ser Piero. Schon im Jahre 1339 war zum erstenmal in den Akten der Argroßvater des Künstlers, ein gewisser Ser Guido di Ser Michele da Vinci als »I^otsjo« der Regierung erwähnt worden. Wie ein Lebender stand sein Großvater Antonio vor seinem Geiste. Die Lebensweisheit des Großvaters glich auf ein Äaar der des Enkels Lorenzo. Er lehrte seine Kinder, nach nichts Erhabenem zu streben — weder nach Ruhm, nach Ehren, nach Staats- oder kriegerischen Ämtern, noch nach übermäßigem Reichtum oder Gelehrsamkeit. „Die richtige Mitte einzuhalten," pflegte er zu sagen, „ist der sicherste Lebensweg " Leonardo glaubte die ruhige und nachdrückliche Stimme des Greises zu hören, mit der er diese Lebensregel von der „goldenen Mittelstraße" verkündigte. „Meine Kinder, nehmt die Ameisen zum Vorbilde, die sich bereits heute um die Bedürfnisse des morgigen Tages sorgen. Werdet sparsam und mäßig. Mit wem soll ich einen guten Äaushalter, einen guten Familienvater vergleichen? Ich vergleiche ihn mit einer Spinne, die im Mittelpunkt des weit aus- Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 147 gespannten Gewebes sitzt und zur Äilfe herbeieilt, sobald sie das geringste Zittern eines Fadens wahrnimmt." Er verlangte, daß sich alle Familienglieder täglich zum abendlichen Ave-Maria-Läuten zusammenfänden. Er selbst ging ums ganze Äaus herum, schloß die Pforte, trug die Schlüssel in die Schlafstube und versteckte sie unter das Kopfkissen. Nicht die geringste Kleinigkeit in der Wirtschaft entging seinen Blicken — ob den Stieren zu wenig Keu gereicht worden war, ob die Magd den Lampendocht zu sehr herausgezogen hatte und die Lampe somit mehr Öl verbrauchte — alles bemerkte er, um alles bekümmerte er sich. Geiz war ihm dabei aber fremd. Er selbst kaufte das beste Tuch zu seinen Kleidern und riet dies auch seinen Kindern; er scheute sich nicht vor der größeren Geldausgabe, da die Kleidung aus gutem Tuche, wie er richtig erklärte, nicht so gewechselt zu werden brauche und somit nicht allein verständiger, sondern auch billiger wäre. Die Familie mußte nach Ansicht des Großvaters ungetrennt unter einem Dache leben; „denn", pflegte er zu sagen, „wenn alle an einem Tische essen, genügt ein Tischtuch, ein Licht, wenn sie aber zu zweien essen, brauchen sie zwei Tischtücher, zwei Lichter; wenn ein Kamin alle erwärmt, so reicht ein Bund Scheitholz, für zwei sind zwei notwendig und so ist es in allen Stücken." Auf die Frauen sah er von oben herab: „Sie müssen sich um die Küche und um die Kinder bekümmern, sich nicht in die Angelegenheiten des Mannes mischen; ein Tor, der auf Weiberklugheit baut." Mitunter hatte die Weisheit Ser Antonios etwas Spitzfindiges. „Kinder," wiederholte er, „seid barmherzig, wie es unsere heilige Kirche von uns fordert; zieht aber die glücklichen Freunde den unglücklichen, die reichen den armen vor. Die höchste Lebenskunst besteht darin, wohltätig zu erscheinen und durch Schlauheit den Schlauen zu übertrumpfen." 10* 148 Zweiter Abschnitt: Der Burgergeist Er wies sie an, Obstbäume auf dem Grenzrain zu pflanzen, damit diese das Ackerfeld des Nachbarn beschatteten; er lehrte sie, auf liebenswürdige Art ein Darlehnsgesuch abzuschlagen. „Äier ist der Vorteil ein doppelter," fügte er hinzu, .ihr behaltet euer Geld und könnt den, der euch betrügen wollte, noch auslachen. Wenn aber der Bittsteller ein gebildeter Mann ist, so wird er euch verstehen und euch eurer Liebenswürdigkeit wegen, mit der ihr seine Bitte abschlugt, nur noch mehr achten Ein Schelm, — der nimmt, ein Tor ^ der gibt. Verwandten aber und Hausgenossen helft nicht nur mit Geld, sondern auch mit Blut, Schweiß und eurer Ehre — mit allem, was ihr besitzt, schont sogar euer Leben nicht für das Wohlergehen der Familie, denn erinnert euch daran, meine Geliebten: es gereicht dem Menschen zum größeren Ruhm und Vorteil, wenn er den Seinen Gutes erweist als Fremden." Nach dreißigjähriger Abwesenheit wieder unter dem Dache seines großväterlichen Äauses sitzend, dem Geheul des Windes lauschend und die im Kamin verglimmenden Kohlen betrachtend, dachte Leonardo daran, wie sein ganzes Leben dieser haushälterischen Lebensweisheit seines Großvaters widersprach, wie es bloß ein ungestümer Überfluß, eine gesetzwidrige Anmäßigkeit gewesen sei, die nach Ansicht seines Bruders Lorenzo von der Göttin der Mäßigkeit mit ihrer eisernen Schere abgeschnitten werden mußte." -i- 5 Wenn wir nun die Entwicklung der bürgerlichen Tugenden durch die Jahrhunderte verfolgen, so wird unser Augenmerk gerichtet sein müssen sowohl auf ihre intensive wie auf ihre extensive Weiterbildung, wie man es nennen könnte. Jene betrifft den Inhalt der Tugendlehre selbst, diese die Verbreitung solcher Tugenden unter der Masse. Ansere Kenntnis diesen Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 149 beiden Problemen gegenüber ist nun durchaus verschiedener Natur. Das, was ich die intensive Weiterbildung nannte, können wir bis ins einzelste genau verfolgen an der Äand der Lehrbücher und Erziehungsschriften, in denen die Tugenden gepredigt werden; die extensive Entwicklung hingegen können wir nur ungefähr aus Symptomen feststellen. Eine intensive Weiterbildung der bürgerlichen Tugendlehre, wie sie die Quattrocentisten aufgestellt haben, ist nun genau genommen überhaupt nicht erfolgt. Was all' die kommenden Jahrhunderte den angehenden Geschäftsleuten gelehrt wird, ist vielmehr nichts anderes, als was Alberti seinen Schülern ans Äerz legte. Zwischen der Lebensführung des Großvaters Leonardos und der Benjamin Franklins besteht, wie schon gesagt, nicht der mindeste Anterschied. Die Grundsätze bleiben im engsten Sinne dieselben. Sie wiederholen sich in jedem Jahrhundert fast wörtlich, und alle die Lehrschriften des 16., 17., 18. Jahrhunderts muten uns wie Übersetzungen Albertis in andere Sprachen an. Sehen wir uns ein paar repräsentative Werke aus den verschiedenen Jahrhunderten an. Da stoßen wir im 16. Jahrhundert auf eine für jene Zeit charakteristische Art von Schriften: die Landbauschriftsteller, die wir in allen Ländern gleichmäßig verbreitet finden. Der Spanier Äerrera bringt dem Äandel wenig Neigung entgegen. Aber was er für den Landwirt an Tugenden anpreist, ist nichts anderes, als was Alberti dem tüchtigen Wollhändler wünschte: eine wohlüberlegte Handlungsweise, Abkehr vom Müßiggang, genaue Kenntnis seiner Berufstätigkeit Der Franzose Etienne gibt folgende Verhaltungsmaßregeln: der gute Wirt verbringe seine freie Zeit mit Nachdenken und mit der Besorgung seiner Geschäfte, ohne sich ablenken zu lassen 150 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist durch Jagdvergnügungen, durch Gelage, durch viele Freunde und Gastereien usw. Genaue Zeiteinteilung ist die Hauptsache. Niemals dürfen die Ausgaben die Einnahmen überschreiten. Mit Fleiß kann der gute Wirt auch schlechte Böden fruchtbar machen. Ein altes Sprichwort sagt: der gute Hausvater soll mehr bedacht sein auf den Profit und die lange Dauer der Sachen, als auf eine momentane Befriedigung und gegenwärtigen Nutzen^). Der Italiener Tanara^"» stellt als obersten Leitsatz die Nützlichkeit auf: auch im Garten soll man keine Blumen ziehen, mit denen man nichts verdienen kann, sondern nur markt- und absatzfähige Ware: die Schönheit des Gartens Eden hat den armen Adam und mit ihm uns alle ins Elend gestürzt. Reichtum erwirbt man nicht durch Hofdienst, Kriegsdienst oder Alchimie, sondern durch sparsame Wirtschaftsführung. Im 17. Jahrhundert begegnen uns zahlreiche „Kaufmannsbücher" und „Kaufmannslexika", in denen die Ermahnungen an den jungen und alten Geschäftsmann, sein Leben und seine Wirtschaft vernünftig und tugendhaft zu gestalten, einen breiten Raum einnehmen. Wieder sind es dieselben Lehren: bedenke alles wohl, halte gute Ordnung, sei nüchtern, fleißig und sparsam, so kann es dir an nichts fehlen, und du wirst ein geachteter Bürger und ein wohlhabender Mann werden. Da haben wir Savarys bekanntes Werk: 1.e pai-iÄt neZociant, das Colbert gewidmet ist. Es handelt zwar vorwiegend von der Kaufmannskunst; aber die Kaufmannsmoral wird doch nicht unberücksichtigt gelassen: das Glück und der Reichtum der Kaufleute hängen ab: 1. von der genauen Sachkenntnis; 2. von der guten Ordnung im Geschäft; 3. vom Fleiß; 4. von der Sparsamkeit und der guten Wirtschaft des Hauses (cie I'eparAne et 6e I'oeconomie de leur msison); 5. von der geschäftlichen Solidität^"). Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 151 Einen viel breiteren Raum nimmt die kaufmännische Tugendlehre ein in dem englischen Gegenstück zum pgrfmt ne^ociant: dem „vollkommenen Händler", einem Werke, das bekanntlich D. Defoe zugeschrieben wird^): Fleißig sei der Kaufmann! „Der fleißige Kaufmann ist immer der wissende und vollkommene Kaufmann" (S. 45). Er meide tunlichst alle Vergnügungen und Zerstreuungen, auch wenn sie als unschuldig bezeichnet werden: das Kapitel, das davon handelt (das neunte in der vierten Auflage), trägt die Überschrift: „Oi innocent Oiversions, as ilie^ sre csllecl. l-lovv fatal to tlie Iraclesman, especiall^ to tke ^ounAer 3ort": „Von den unschuldigen Zerstreuungen, wie sie geheißen werden. Wie verhängnisvoll sie für den Kaufmann, insonderheit für den jungen, sind." Am gefährlichsten sind die sportlichen und seigneurialen Belustigungen. „Wenn ich einen jungen Ladenbesitzer Pferde halten, Jagden reiten sehe, die Äundesprache lernen und den Sportsmann-Iargon reden höre, so bekomme ich immer einen Schrecken" (S. 87). Na, und dann vor allem: Keinen Aufwand machen! „Ein kostspieliges Leben (expensive livinZ) ist wie ein schleichendes Fieber"; „es ist der verborgene Feind, der die Lebendigen auffrißt"; „es frißt das Leben und das Blut des Kaufmanns auf" und so weiter in vielen ähnlichen Wendungen (S. 97 f.). Der gute Wirt macht übertriebenen Aufwand weder für sein Kaus, noch für seine Kleidung, noch für Geselligkeit, noch für Equipagen u. dgl. „Das Geschäftsleben ist kein Ball, zu dem man geschmückt und maskiert geht"; „es wird allein durch Klugheit und Mäßigkeit (pru^ence snä ii-uZalit^) im Gang erhalten" (S. 103). „Durch kluge Geschäftsführung und mäßige Lebensweise kann man seinen Reichtum beliebig vermehren (2, 208). „Wenn die Ausgaben hinter den Einnahmen zurückbleiben, wird der Mensch immer vorwärts kommen; wenn dies 152 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist nicht der Fall ist, brauche ich nicht zu sagen, was eintreten wird" <2, 210). Savary und Defoe reichen mit den neuen Auflagen ihrer Werke ins 18. Jahrhundert hinein. Den Faden, den sie gesponnen hatten, spinnen nun Männer wie Benjamin Franklin weiter. Zu Franklins Lieblingsschriftstellern gehörte Defoe. In Benjamin Franklin, dem Manne, der (nach Balzac) der Erfinder des Blitzableiters, der Zeitungsente und der Republik ist, feiert die „bürgerliche Weltauffassung ihren Höhepunkt. Die Vernünftigkeit und Wohlabgemessenheit dieses Amerikaners benehmen einem förmlich den Atem. Bei ihm ist alles zur Negel geworden, wird alles mit richtigem Maß gemessen, strahlt jede Handlung von ökonomischer Weisheit. Er liebte die Ökonomie! Folgende Anekdote wird von ihm erzählt, die den ganzen Menschen in seiner ganzen monumentalen Größe uns vor die Augen stellt: Eines Abends wurde in einer größeren Gesellschaft eine neue Lampe mit glänzendem Lichte bewundert. 'Aber, so fragte man allgemein, wird diese Lampe nicht mehr kosten als die früheren? Es sei doch sehr wünschenswert, daß man die Zimmerbeleuchtung so billig wie möglich herstelle, in den jetzigen Zeitläuften, wo alle Ausgaben so gestiegen seien. „Mich freute", äußerte sich dazu Benjamin Franklin, „dieser allgemein ausgesprochene Sinn für Ökonomie, die ich außerordentlich liebe'°^)." Das ist der Gipfel: darüber hinaus führt kein Weg mehr. Man kennt seine energische Vertretung der Zeitökonomie; man weiß auch, daß von ihm das Wort: „Zeit ist Geld" geprägt worden ist'^). „Ist dir das Leben lieb, so verschleudere die Zeit nicht, denn sie ist der Stoff des Lebens. . . Wie viele Zeit verschwenden wir unnötigerweise aufs Schlafen und bedenken nicht, daß der Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 153 schlafende Fuchs kein Geflügel fängt, und daß man im Grabe lange genug schlafen wird . ." „Ist mir aber die Zeit das kostbarste unter allen Dingen, so muß Zeitvcrschwendung die größte aller Arten von Verschwendungen sein . . . verlorene Zeit läßt sich nie wieder finden, und was wir Zeit genug heißen, ist immer kurz genug" And der vollendeten Zeitökonomie muß die vollendete Stoffökonomie entsprechen: Sparen, sparen, sparen, hallt's uns von allen Seiten aus den Schriften Frank lins entgegen. „Wollt ihr reich werden, so seid aufs Sparen ebensowohl wie aufs Erwerben bedacht. Beide Indien haben Spanien nicht reich gemacht, weil seine Ausgaben noch größer sind als seine Einkünfte. Weg also mit euren kostspieligen Torheiten" Das A und das O der Franklinschen Lebensweisheit ist in die zwei Worte zusammengefaßt: Inciustr^ ^nci fruZalit^: Fleiß und Mäßigkeit. Das sind die Wege, um zu Reichtum zu gelangen: „Vergeude nie Zeit noch Geld, sondern mache immer von beiden den denkbar besten Gebrauch" Am wiederum zu zeigen, wie sich ein ganzes Lebensbild eines Menschen gestaltet, der solcherweise „die heilige Wirtschaftlichkeit" anbetet, setze ich eine Stelle aus Benjamin Frank lins Memoiren hier her, in der er uns belehrt, welche Tugenden überhaupt er für die wertvollsten hielt, und wie er selbst zu einem tugendhaften Menschen sich erzogen hat. In dem „Tugendschema", das der große Mann dort entwirft, findet die „bürgerliche" Lebensauffassung ihren letzten und höchsten Ausdruck. Die Stelle lautet^): Ängefä'hr um diese Zeit faßte ich den kühnen und ernsten Vorsatz, nach sittlicher Vervollkommnung zu streben. Ich wünschte leben zu können, ohne irgendeinen Fehler zu irgendeiner Zeit zu begehen; ich wünschte, alles zu überwinden, wozu entweder natürliche Neigung, 154 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnte. Da ich wußte oder zu wissen glaubte, was recht und unrecht sei, so sah ich nicht ein, weshalb ich nicht immer das eine sollte tun und das andere lassen können. Ich fand jedoch bald, daß ich mir eine weit schwierigere Aufgabe gestellt, als ich mir eingebildet hatte. Während ich alle Sorgfalt aufbot, um mich vor dem einen Fehler zu hüten, ward ich häufig von einem anderen überrascht; die Gewohnheit gewann die Äbermacht über die Unachtsamkeit, und die Neigung war zuweilen stärker als die Vernunft. Ich kam zuletzt zu dem Schlüsse, die bloße theoretische Überzeugung, daß es in unserem Interesse liege, vollkommen tugendhaft zu sein, reiche nicht hin, um uns vor dem Straucheln zu bewahren, und die gegenteiligen Gewohnheiten müssen gebrochen, gute dafür erworben und befestigt werden, ehe wir irgendein Vertrauen auf eine stetige gleichförmige Rechtschaffenheit des Wandels haben können. Zu diesem Zweck erfand ich mir daher nachfolgende Methode: In den verschiedenen Aufzählungen der Tugenden und sittlichen Vorzüge, welchen ich bei meiner Lektüre begegnet hatte, fand ich deren Verzeichnis mehr oder weniger zahlreich, je nachdem die betreffenden Schriftsteller mehr oder weniger Begriffe unter demselben Namen zusammengefaßt hatten. Die Mäßigkeit zum Beispiel wurde von dem einen auf Essen und Trinken beschränkt, während sie von anderen so weit ausgedehnt wurde, daß sie die Mäßigung jedes anderen Vergnügens, Verlangens, Gelüstes, jeder Neigung oder Leidenschaft, körperlicher wie geistiger bedeute und sich sogar auf unseren Geist und Ehrgeiz erstrecke. Ich nahm mir nun vor, behufs größerer Deutlichkeit lieber mehr Namen anzuwenden und weniger Ideen mit jedem zu verknüpfen, als wenige Namen mit vielen Ideen. So faßte ich denn unter dreizehn Namen von Tugenden alles das zusammen, was mir zu jener Zeit als notwendig oder wünschenswert einfiel, und verband mit jedem einen kurzen Lehrsatz, welcher die volle Ausdehnung ausdrückte, die ich seiner Bedeutung gab. Die Namen der Tugenden samt ihren Vorschriften waren: 1. Mäßigkeit. — Iß nicht bis zum Stumpfsinn, trink nicht bis zur Berauschung. 2. Schweigen. — Sprich nur, was anderen oder dir selbst nützen kann; vermeide unbedeutende Anterhaltung. Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 155 3. Ordnung. — Laß jedes Ding seine Stelle haben und jeden Teil deines Geschäfts seine Zeit haben. 4. Entschlossenheit. — Nimm dir vor, durchzuführen, was du mußt; vollführe unfehlbar, was du dir vornimmst. 5. Genügsamkeit.— Mache keine Ausgabe, als um anderen oder dir selbst Gutes zu tun: das heißt vergeude nichts. 6. Fleiß. — Verliere keine Zeit; sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützen Tätigkeit. 7. Aufrichtigkeit. — Bediene dich keiner schädlichen Täuschung; denke unschuldig und gerecht, und wenn du sprichst, so sprich darnach. 8. Gerechtigkeit. — Schade niemandem, indem du ihm unrecht tust oder die Wohltaten unterlässest, welche deine Pflicht sind. 9. Mäßigung. — Vermeide Extreme; hüte dich, Beleidigungen so tief zu empfinden oder so übel aufzunehmen, als sie es nach deinem Dafürhalten verdienen. 1l). Reinlichkeit. — Dulde keine Anrcinlichkeit am Körper, an Kleidern oder in der Wohnung. 11. Gemütsruhe. — Beunruhige dich nicht über Kleinigkeiten oder über gewöhnliche oder unvermeidliche Anglücksfälle. 12. Keuschheit.— Äbe geschlechtlichen Amgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit und Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes. 13. Demut. — Ahme Jesus und Sokrates nach. Da es meine Absicht war, mir die Gewohnheit aller dieser Tugenden anzueignen, so hielt ich es für angemessen, meine Aufmerksamkeit nicht zu zersplittern, indem ich alles auf einmal versuchte, sondern mein Augenmerk immer nur auf eine von ihnen zu bestimmter Zeit richtete, und dann erst, wenn ich mich zum Herrn derselben gemacht, zu einer anderen fortzuschreiten, und so fort, bis ich alle dreizehn durchgemacht haben würde. Da aber die vorherige Erwerbung einiger von diesen Tugenden auch die Erwerbung gewisser anderen erleichtern dürfte, so ordnete ich sie mit dieser Absicht in der Reihenfolge an, wie sie oben stehen. Die Mäßigkeit an der Spitze, da sie dazu dient, jene Kühle und Klarheit des Kopfes zu verschaffen. 156 Zweiter Abschnitt: Der Bllrgergeist welche durchaus unerläßlich ist, wo man beständige Wachsamkeit beobachten und auf der Äut sein muß gegen die unermüdliche Anziehungskraft alter Gewohnheiten und die Gewalt beständiger Versuchungen. Ist die Mäßigkeit erworben und befestigt, so wird das Stillschweigen leichter sein. Nun ging aber mein Wunsch dahin, gleichzeitig mit der Zunahme an Tugend auch Kenntnisse zu erwerben, und weil ich mir klar machte, daß diese Kenntnisse im Gespräch leichter durch den Gebrauch des Ohres als der Zunge erworben werden, und daher mit einer Gewohnheit zu brechen wünschte, welche ich angenommen hatte: nämlich zu schwatzen, zu witzeln und zu scherzen, was mich nur für unbedeutende Gesellschaft annehmbar machte, so räumte ich dem Stillschweigen die zweite Stelle ein. Ich erwartete, diese Tugend und die nächste, die Ordnung, würden mir mehr Zeit gestatten, um meinen Zielen und meinen Studien nachzugehen. Die Entschlossenheit, einmal zur Gewohnheit geworden, würde mich fest erhalten in meinen Bemühungen, alle die weiter folgenden Tugenden zu erringen; Genügsamkeit und Fleiß sollten mich von dem Reste meiner Schulden befreien, mir Wohlstand und Unabhängigkeit sichern und mir die Ausübung der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit usw. um so leichter machen. In der Annahme, daß, dem Rate des Pythagoras in seinen „Goldenen Versen" gemäß, eine tägliche Prüfung notwendig sein würde, erfand ich nachstehende Methode, um diese Prüfung durchzuführen : Ich machte mir ein kleines Buch, worin ich jeder der Tugenden eine Seite anwies, liniierte jede Seite mit roter Tinte, so daß sie sieben Felder hatte, für jeden Tag der Woche eines, und bezeichnete jedes Feld mit dem Anfangsbuchstaben des Tages. Diese Felder kreuzte ich mit dreizehn roten Querlinicn und setzte an den Anfang jeder Linie die Anfangsbuchstaben von einer der Tugenden, um auf dieser Linie und in dem betreffenden Felde durch ein schwarzes Kreuzchen jeden Fehler vorzumerken, welchen ich mir, nach genauer Prüfung meinerseits, an jenem Tag hinsichtlich der betreffenden Tugend hatte zuschulden kommen lassen. Ich nahm mir vor, auf jede dieser Tugenden der Reihe nach eine Woche lang genau achtzugeben. So ging in der ersten Woche mein hauptsächliches Augenmerk dahin, jeden auch noch so Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 157 geringen Vorstoß gegen die Mäßigkeit zu vermeiden, die anderen Tugenden ihrem gewöhnlichen Schicksal zu überlassen und nur jeden Abend die Fehltritte des Tages zu verzeichnen. Wenn ich daher auf diese Weise in der ersten Woche meine erste, mit „Mäßigkeit" bezeichnete Linie frei von schwarzen Punkten zu halten vermochte, so nahm ich an, die gewohnheitsmäßige Ausübung dieser Tugend sei so sehr gestärkt und ihr Gcgenpart so sehr geschwächt, daß ich wagen konnte, mein Augenmerk auf die Mitbcachtung der nächsten auszudehnen und für die folgende Woche beide Linien frei von Kreuzen zu halten. Wenn ich auf diese Weise bis zur letzten fortschritt, konnte ich in dreizehn Wochen einen vollständigen Kurs und in einem Jahre vier Kurse durchmachen. And wie derjenige, welcher das Ankraut in einem Garten zu beseitigen hat, keinen Versuch macht, alle schlechten Gewächse auf einmal zu entfernen, was über seine Kraft und die Möglichkeit hinausgehen würde, sondern immer nur an einem der Beete auf einmal arbeitet, und erst, nachdem er damit fertig geworden ist, ein zweites in Angriff nimmt, so hoffte ich das ermunternde Vergnügen zu haben, auf meinen Seiten den Fortschritt, den ich in der Tugend machte, dadurch ermitteln zu können, daß ich nach und nach meine Linien von ihren schwarzen Punkten befreite, bis ich am Ende nach einer Anzahl Kursen so glücklich sein würde, bei einer täglichen Selbstprüfung von dreizehn Wochen ein reines Buch zu überblicken. (Siehe Tabelle nächste Seite.) Man sieht: der Großvater Leonardos und der Vater der amerikanischen Republik: sie gleichen sich aufs Saar. In den vierhundert Jahren hat sich kaum ein Zug an dem Gesamtbilde geändert. „Bürger" alle beide. -i- 5 Äaben nun die Vielen nach den weisen Lehren ihrer Meister gelebt? Hat jeder Geschäftsmann nach dem Tugendschema Benjamin Franklins sein Dasein eingerichtet? Nach manchen Klagen, die die Verkünder dieser Weisheit ausgestoßen haben: — bei Savary, bei Defoe lesen wir 158 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist Form der Seiten Mäßigkeit Iß nicht bis zum Stumpfsinn, Trink' nicht bis zur Berauschung S. M' D. M. D. F- S. Mäßigkeit...... Schweigsamkeit . . . 4- 4- 4- 4- Ordnung ...... 4- 4- 4- 4- 4- 4- 4- Entschlossenheit . . . 4- 4- Sparsamkeit..... 4- 4- Fleiß........ 4- Wahrhaftigkeit . . . Gerechtigkeit .... Mäßigung..... Reinlichkeit..... Gemütsruhe..... Keuschheit...... Demut....... häufig Klagen über die Verderbtheit ihrer Generation, die in Luxus- und Wohlleben zu verkommen drohe — könnte man zu der Annahme kommen: die Worte der Prediger seien in der Wüste verhallt. Aber ich glaube, das wäre doch eine allzu pessimistische Auf- fassung, gegen die mancherlei Gründe sprechen. Ich glaube, daß jener Geist des fleißigen und sparsamen, des mäßigen und besonnenen, mit einem Worte des tugendhaften „Bürgers" von Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 159 den Wirtschaftssubjekten der neuen Zeit, den kapitalistischen Unternehmern, wenigstens von den Kaufleuten und Handwerkern (unserm Typus 4, 5 und 6) allmählich Besitz ergriffen hat. Vielleicht in den verschiedenen Ländern in verschieden hohem Grade: vielleicht waren die Franzosen im 17. und 18. Jahrhundert schlechtere „Wirte" als die Holländer oder die Amerikaner; darauf lassen gelegentliche Bemerkungen schließen, wie wir sie in Schriften urteilsfähiger Leute, nach Art etwa des „Patriotischen Kaufmanns", finden: da wird z. B. der Sohn des französischen Handelsherrn nach Holland in die Lehre geschickt, „wo er die schöne Ökonomie lernt, die die Häuser reich macht" Aber von diesen Nuancen abgesehen, wird die Bürgerlichkeit doch wohl mit der Zeit ein Bestandteil des kapitalistischen Geistes. Denn wie kämen sonst, wenn sie nicht diesem Geiste entsprochen hätte, immer wieder die ersten Vertreter ihrer Zeit dazu, sie mit denselben Worten zu predigen? Müssen wir daraus nicht den Schluß ziehen, daß sie in der Natur der Dinge begründet war. Mit welcher Frage ich freilich schon in das zweite große Problem, das uns in diesem Buche beschäftigen soll, hinübergegriffen habe: in das Problem der Entstehungsursachen des kapitalistischen Geistes. Ich will deshalb lieber hier auf dieses Argumentum des „In der Natur der Sache gelegen sein" verzichten und als Beweis für die Tatsache, daß weite Kreise vom Geist der Bürgerlichkeit ergriffen worden sind, daß das Motto: Sparsam, fleißig und mäßig! in vielen Kontoren über den Pulten geprangt habe, nur den Llmstand anführen, daß die Schriften, in denen jene Lehren verkündet wurden, zu den meist gelesenen ihrer Zeit gehört haben. Alberti, sahen wir schon, war in dem Italien seiner Zeit klassisch geworden: Defoe war in beiden Welten gleich bekannt; Benjamin Franklin vor allem hat eine Verbreitung gehabt, wie wenige Schriftsteller vor ihm und nach ihm. Wenn 160 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist man es für die früheren Jahrhunderte nicht gelten lassen will: für das 18. Iahrbundert ist es mit Äänden zu greifen, daß der Geist des Großvaters Lionardos in weiten Kreisen Eingang gefunden hatte. Dafür erbringt das Schicksal der Franklinschen Schriften den bündigen Beweis: Die Quintessenz der Franklinschen Weisheitslehren ist ent- halten in »?c>or Kicn3rä8 /^ImanÄL«, den er Jahrzehnte hindurch jährlich erscheinen ließ. Eine Zusammenfassung wiederum der hierin vorgetragenen Ansichten enthält „die Ansprache des Vaters Abraham an das amerikanische Volk auf einer Auktion" im Jahrgang 1758 dieses Kalenders. Diese Ansprache wurde unter dem Titel „Der Weg zum Reichtum" C7ne >Vc>y w >Ve3lin) als besondere Schrift herausgegeben, und als solche wurde sie der Welt bekannt. Sie wurde in allen Zeitungen abgedruckt und über den Erdball verbreitet. 70 Auflagen sind davon in englischer Sprache erschienen, 56 in französischer, 11 in deutscher, 9 in italienischer. Die Schrift wurde außerdem übersetzt in die spanische, dänische, schwedische, wallisische, polnische, gälische, russische, böhmische, holländische, katalonische, chinesische, neugriechische Sprache und in die Sprechschreibweise (plionetic wntinA). Sie ist mindestens 400 mal gedruckt^"). Da muß man doch schon annehmen, daß eine allgemeine Neigung vorhanden war, sich von diesem Manne belehren zu lassen. 2. Die Geschäftsmoral Ein guter Geschäftsmann sein, heißt nicht nur, seine Wirtschaft im Innern in bester Ordnung halten, sondern schließt auch in sich ein besonderes Verhalten zur Außenwelt: ich nenne die darauf bezüglichen Regeln und Vorschriften die Geschäftsmoral. Wobei ich dem Worte einen doppelten Sinn unterlege. Geschäfts- moral heißt nämlich sowohl Moral beim Geschäft, als auch Moral fürs Geschäft. Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 161 Moral beim Geschäft, das heißt bei der Abwicklung von Geschäften, beim Vertragsabschluß also mit der Kundschaft, wird für gewöhnlich bezeichnet mit dem Ausdruck: kaufmännische Solidität: also Zuverlässigkeit im Kalten von Versprechungen, „reelle" Bedienung, Pünktlichkeit in der Erfüllung von Verpflichtungen usw. Sie ist auch erst mit der Herausbildung der kapitalistischen Wirtschaft möglich und nötig geworden. Sie gehört also zu dem Komplex „bürgerlicher" Tugenden, von denen hier die Rede ist. Wir werden kaum von der „Solidität" eines Bauern, von der „Solidität" eines Handwerkers reden (wir meinten denn die Art ihrer Arbeit, an die wir aber nicht denken, wenn wir von einer besonderen kaufmännischen Solidität sprechen). Erst nachdem sich das Wirtschaften aufgelöst hatte in eine Reihe von Vertragsabschlüssen, erst nachdem die wirtschaftlichen Beziehungen ihre frühere rein persönliche Färbung verloren hatten, konnte der Begriff der „Solidität" in dem hier gemeinten Sinne entstehen. Das heißt also genau genommen: eine Moral der Vertragstreue. Auch diese mußte erst einmal als persönliche Tugend entwickelt werden. And sie ist als solche ausgebildet worden von denselben Florentinern (oder anderen) Wollhändlern, die wir eben als die Väter der ökonomischen Tugendlehre kennen gelernt haben. „Niemals (?) hat es", meint Alberti wieder, „in unsrer Familie jemand gegeben, der bei den Verträgen sein Wort gebrochen hätte... ." „Immer haben die Ansrigen bei den Vertragsabschlüssen höchste Einfachheit, höchste Wahrhaftigkeit beobachtet und dadurch sind sie in Italien und im Auslande als Kaufleute großen Stils bekannt geworden." „Bei jedem Kauf und jedem Verkauf herrsche Einfachheit, Wahrhaftigkeit, Treue und Ehrlichkeit, sei es im Verkehr mit dem Fremden, sei es in dem mit dem Freunde; mit allen seien die Geschäfte klar und bündig""«). Sombart. Der Bourgeois 11 162 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist Diese Grundsätze werden dann in Zukunft von jedem vertreten, der dem Geschäftsmann Lehren erteilt. In all den vorhin genannten Schriften kehren sie fast gleichlautend wieder. Unnötig daher, Belege beizubringen. Der Stand der kaufmännischen Solidität ist nicht immer und nicht bei allen Völkern zu den verschiedenen Zeiten derselbe gewesen. Im allgemeinen nehmen wir wahr, daß die Solidität mit der Ausbreitung des kapitalistischen Wesens immer größer wird. Interessant ist es z. B., zu beobachten, wie die englische Geschäftswelt, die später als das Muster der Solidität angesehen wurde, noch im 17. Jahrhundert im Rufe einer nicht übermäßig soliden Geschäftsführung stand. Wir haben eine Reihe von Zeugnissen, die uns darüber belehren, daß damals die Holländer den Engländern als Vorbilder strenger Solidität vorgehalten wurden Nun hat aber, wie wir sahen, das Wort „Geschäftsmoral" noch einen andern Sinn. Es bedeutet auch eine Moral, die den Zweck verfolgt, geschäftliche Vorteile zu erlangen: also eine Moral fürs Geschäft, eine Moral aus Geschäft. Auch diese wird zu einem Bestandteil der bürgerlichen Tugenden mit dem Aufkommen des Kapitalismus. Es erscheint von nun ab vorteilhaft (aus Geschäftsrücksichten), bestimmte Tugenden zu pflegen oder — sie doch wenigstens zur Schau zu tragen, oder sie zu haben und zu zeigen. Diese Tugenden lassen sich unter einem Sammelbegriff zusammenfassen: das ist die bürgerliche Wohlanständigkeit. Man muß „korrekt" leben: das wird nun zu einer obersten Verhaltungsmaßregel für den guten Geschäftsmann. Man muß sich aller Ausschweifungen enthalten, sich nur in anständiger Gesellschaft zeigen; man darf kein Trinker, kein Spieler, kein Weiberfreund sein; man muß zur heiligen Messe oder zur Sonntagspredigt gehen; kurz, man muß auch in seinem äußeren Verhalten der Welt gegenüber ein guter „Bürger" Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 163 sein — aus Geschäftsinteresse. Denn eine solche sittliche Lebensführung hebt den Kredit. Bei Alb erti ist die Bezeichnung für solcherart Tugendhaftigkeit, also für das, was wir „bürgerliche Wohlanständigkeit" nennen, one 8 ta. And die one8ta ist in seinem Moralkodex die zentrale Tugend, von der alle anderen ihren Sinn und ihre Belichtung empfangen: sie soll uns immerfort begleiten wie ein öffentlicher, gerechter, praktischer und sehr kluger Makler, der jede unserer Handlungen, Gedanken und Wünsche mißt, wägt und abschätzt. Die bürgerliche Wohlanständigkeit gibt allen unsern Vornahmen den letzten Schliff. Sie ist von jeher die beste Lehrmeisterin der Tugenden, eine treue Gefährtin der Sitten, eine verehrungswürdige Mutter eines ruhigen und glücklichen Lebens gewesen. And — die Hauptsache — sie ist uns außerordentlich nützlich. Daher — wenn wir immer uns der Wohlanständigkeit befleißigen ^ werden wir reich, gepriesen, geliebt und geehrt sein. . . . "^). Mit fast gleichen Worten wiederum tönt es durch alle Jahrhunderte hindurch: die italienische one8tk wird zur französischen Iionnetete, zur englischen Kone8l^: alles Begriffe, die bezeichnenderweise Ehrbarkeit und geschäftliche Solidität gleichermaßen umfassen. Immer auch haftet ihnen ein wenig Scheinheiligkeit an; weil es ja — im Geschäftsinteresse - genügt, wenn man für wohlanständig gehalten wird. Es zu sein, genügt jedenfalls nicht, man muß auch dafür gelten. Weshalb denn Benjamin Franklin zu diesem Entschluß kam: „um meinen Kredit und meine Stellung als Geschäftsmann zu stärken, trug ich Sorge, nicht nur in Wirklichkeit arbeitsam und nüchtern zu sein, sondern auch allen Anschein des Gegenteils zu vermeiden. Ich kleidete mich darum schlicht; ich ließ mich nie an einem Orte sehen, wo nichtige Vergnügungen veranstaltet wurden; ich ging nie fischen, nie jagen usw." II* 164 Neuntes Kapitel: Die Rechenhaftigkeit Da sich ein großer Teil der kapitalistischen Wirtschaft in eine Abschließung von Verträgen über geldwerte Leistungen und Gegenleistungen auflöst (Kauf von Produktionsmitteln, Verkauf von fertigen Produkten, Ankauf der Arbeitskräfte usw.), und da aller Anfang des kapitalistischen Wirtschaftens ebenso wie alles Ende eine Geldsumme ist, so bildet, wie man bereits in den Anfängen der kapitalistischen Wirtschaft sehr wohl begriffen hatte "^), einen wichtigen Bestandteil des kapitalistischen Geistes das, was ich schon früher die Rechenhaftigkeit genannt habe. Worunter zu verstehen ist: die Neigung, die Gepflogenheit, aber auch die Fähigkeit, die Welt in Zahlen aufzulösen und diese Zahlen zu einem kunstvollen System von Einnahmen und Ausgaben zusammenzustellen. Die Zahlen, das versteht sich, sind immer der Ausdruck einer Wertgröße, und das System dieser Wertgrößen soll dazu dienen, die Minus- und Pluswerte in ein solches Verhältnis zueinander zu bringen, daß sich daraus ersehen läßt, ob das Anternehmen Gewinn oder Verlust gebracht hat. Die beiden Seiten der „Rechenhaftigkeit" stellen sich also dar in dem, was heute zwei Disziplinen der Privatwirtschaftslehre bildet: in dem „kaufmännischen Rechnen" einerseits, in der „Buchführung" andererseits. Die Entstehung und Weiterbildung der Rechenhaftigkeit zu verfolgen, stehen uns drei Wege offen: 1. können wir an dem Stande des technischen Apparates symptomatisch den Stand der Rechenhaftigkeit feststellen; 2. können wir aus überlieferten Rechnungen und Buchführungen unmittelbar ersehen, wie eine Zeit gerechnet hat; 3. können wir gelegentliche Äußerungen von Zeitgenossen als Zeugnisse für den Zustand der Rechenhaftigkeit in einer bestimmten Epoche oder in einem bestimmten Lande verwenden. Neuntes Kapitel: Die Rechenhaftigkeit 165 Ich habe bereits in meinem „Modernen Kapitalismus" den Werdegang der Rechenhaftigkeit seit dem Mittelalter skizziert und begnüge mich deshalb hier mit einigen wenigen Hinweisen, die des Zusammenhanges wegen hier Platz finden sollen. Einige neuere Feststellungen werden das, was ich früher ausgeführt habe, ergänzen""). Die Wiege auch des kaufmännischen Rechnens ist Italien; genauer gesprochen: Florenz: mit dem l-iber ^bbaci des Leonardo Pisano, das 1202 erschien, wird die Grundlage für die korrekte Kalkulation gelegt- Aber doch erst die Grundlage. Ein genaues Rechnen mußte nun erst langsam erlernt werden. Im 13. Jahrhundert bürgern sich in Italien erst die arabischen Ziffern mit Stellenwert ein, ohne die wir uns eine rasche und genaue Kalkulation schwer vorstellen können. Noch 1299 wird aber ihr Gebrauch den Mitgliedern der Calimala-Zunft verboten! Wie langsam selbst in Italien die Rechenkunst Fortschritte machte, zeigt noch die Handschrift des IntrocZuctorius über qui et pulveris äicitui' in MAtnemsticam cksciplinsm aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, dessen Verfasser durcheinander arabische Ziffern mit Stellenwert, römische Zahlzeichen, Finger- und Gelenkzahlen benutzt. Seit dem 14. Jahrhundert in Italien, seit dem 15. und namentlich 16. Jahrhundert im Norden, verbreitet sich dann eben die Rechenkunst rasch weiter. Es bürgert sich das Ziffernrechnen ein und verdrängt allmählich das schwerfällige Rechnen auf der Linie, was einen großen Fortschritt bedeutete: „soviel Vortheils ein Fußgänger, der leichtfertig und mit keiner Last beladen ist, gegen einen, der unter einer schweren last stecket, hat, soviel Vortheil hat auch ein Kunstrechner mit den Ziffern für einen mit den Linien", hatte schon der Rechenmeister Simon Jacob von Koburg richtig erkannt. Schon vor Tartaglia, dem mathematischen Genie des 166 Zweiter Abschnitt: Der Bllrgergeist 16. Jahrhunderts, der das kaufmännische Rechnen vervollkommnete, hatte sich unter den italienischen Kaufleuten bei Warenberechnungen eine neue Art von „Schlußrechnung" an Stelle der Regeldetri entwickelt, die sich unter dem Namen der „welschen Praxis" im Anfange des 16. Jahrhunderts von Italien aus nach Frankreich und Deutschland verbreitet. In deutscher Sprache brachte zuerst Heinrich Grammateus die welsche Praxis in seinem Rechenbuche (1518). Im IS. Jahrhundert wurden die Dezimalbrüche „erfunden", die seit 1585 durch Simon Stevin mehr in Gebrauch kommen. 1615 ist das Geburtsjahr der Rechenmaschine. Mit dem Druck der Rechenbücher, deren Zahl sich rasch vermehrt, wurde die Lehre des kaufmännischen Rechnens sehr ver- einfacht. Zu einer Verallgemeinerung der Rechenkunst trugen die Rechenschulen bei, die sich namentlich in den Handelsstädten seit dem 14. Jahrhundert entwickeln. Im 14. Jahrhundert bestehen in Florenz (immer wieder Florenz I) schon sechs solche Schulen, die, wie uns Villani berichtet, von 1200 Knaben regelmäßig besucht waren, und in denen „der Abakus und die Elemente des kaufmännischen Rechnens" gelehrt wurden. In Deutschland scheinen diese Schulen am frühesten in Lübeck entstanden zu sein; in Hamburg entstand das Bedürfnis danach um das Jahr 1400. Die Anfänge einer geordneten Buchführung reichen bis in das 13. Jahrhundert hinauf; die Rechnungsausweise des Papstes Nikolaus III. aus dem Jahre 1279/80, die Ausgaberegister der Kommune Florenz aus dem Jahre 1303 legen Zeugnis ab, daß damals die einfache Buchführung so gut wie vollendet war. Aber auch die doppelte Buchführung ist fast ebenso alt. Ob sie im 13. Jahrhundert bereits in Anwendung war, ist zweifelhaft. Urkundlich festgestellt worden ist durch die Untersuchungen Cornelio Desimonis, daß jedenfalls im Neuntes Kapitel: Die Rechenhaftigkeit 167 Jahre 1340 schon die Stadtverwaltung Genuas ihre Bücher auf der Grundlage der partits äoppia in einer Vollendung geführt hat, die auf ein beträchtliches Alter dieses Systems schließen läßt. Aus dem 15. Jahrhundert besitzen wir dann mehrfache Zeugnisse für ihre Verbreitung im öffentlichen und privaten Rechnungswesen. Das lehrreichste und vollkommenste Beispiel sind die uns erhaltenen Geschäftsbücher der Gebrüder Soranzo in Venedig (1406), um deren Bearbeitung sich Ä. Sieveking Verdienste erworben hat. Ihre erste theoretische Durchbildung und Darstellung erfuhr dann die doppelte Buchführung durch FraLucaPaciuoli, derinder elften Abhandlung im neunten Abschnitt des ersten Teiles seiner Summa -uitnmetica diesen Gegenstand erörtert hat. Vollkommen oder weniger vollkommen: jedenfalls „rechnete" man in jenen Jahrhunderten des keimenden Kapitalismus namentlich in Italien schon mächtig; rechnete man und buchte man: die Rechnerei und Bucherei war zu einer wesentlichen Beschäftigung der „bürgerlichen" Unternehmer geworden, die in den Anfängen sicher noch vieles selbst tun mußten, was später angestellten Buchhaltern übertragen wurde. Messer Benedetto Alberti pflegte zu sagen: es stünde dem tüchtigen Geschäftsmann so wohl an, wenn er immer die Äände mit Tinte beschmiert habe. Er erklärte es als die Pflicht jedes Kaufmanns, sowie jedes Geschäftsmannes, der mit vielen Leuten zu tun hat, immer alles aufzuschreiben, jeden Vertrag, jeden Eingang und Ausgang an Geld, alles so oft zu überprüfen, daß er eigentlich immer die Feder in der Kand hätte. . . Die Führung auf dem Gebiete des kaufmännischen Rechnungswesens, die in den Ansängen zweifellos Italien gehabt hatte, ging dann in den folgenden Jahrhunderten auf Holland über. Holland wurde das Musterland nicht nur für alles, was bürgerliche Tugend hieß, sondern auch für rechnerische Exakt- V 168 Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist heit. Noch im 18. Jahrhundert wird z. B. der Abstand empfunden, der zwischen der amerikanischen und der holländischen Geschäftskunst bestand. Franklin erzählt'") von der Witwe eines Kompagnons, einer geborenen Holländerin: wie sie erst ihm regelmäßige und genaue Abrechnungen schickte, zu denen ihr Mann lein Amerikaner) nicht zu bringen war: „Die Buchhaltung", fügt er hinzu, „bildet in .Holland einen Bestandteil des weiblichen Anterrichts." Das galt für die I7Z0er Jahre. Dann trat England den Niederlanden zur Seite. Im Anfang des 19. Jahrhunderts wiesen die deutschen Kaufleute auf England und Kolland hin als die Länder mit der fortgeschrittenen „kaufmännischen Bildung", die innerhalb Deutschlands wiederum damals in Hamburg am höchsten entwickelt gewesen zu sein scheint. Aber das Verhältnis dieser Länder zueinander schreibt in den 1830 er Jahren ein guter Sachkenner folgendes: „Zu solchen freien und klaren Ansichten in Handelssachen, wie namentlich der Engländer, dieser Kaufmann durch und durch, sie hat, gelangt der Hamburger sehr selten oder erst spät; das Dezidierte, Selbständige, was jener an den Tag legt, fehlt diesem mehr oder weniger in der angedeuteten Beziehung ganz. Dennoch kann man die hamburgische kaufmännische Akkuratesse dem übrigen Deutschland mit Recht als Muster nachrühmen; sie kommt fast der holländischen an Amsicht gleich, ist aber bedeutend liberaler, als die des ängstlichen Mynheer" Daß aber damals die Rechenhaftigkeit selbst in den weniger fortgeschrittenen Ländern einen eisernen Bestand im kapitalistischen Geiste bildete, versteht sich. » » -i- Neuntes Kapitel: Die Rechenhaftigkeit 169 Mit diesen letzten wie mit einigen früheren Bemerkungen über die Geschichte der bürgerlichen Tugenden habe ich schon auf nationale Unterschiedlichkeiten hingewiesen, wie wir sie in der allmählichen Ausbildung des kapitalistischen Geistes beobachten können. Diesem Problem wollen wir im folgenden Abschnitt unsere Aufmerksamkeit noch etwas mehr zuwenden. 170 Dritter Abschnitt Die nationale Entfaltung des kapitalistischen Geistes Zehntes Kapitel: Die verschiedenen Möglichkeiten der Gestaltung Die Entstehung und Entwicklung des kapitalistischen Geistes sind eine allgemeine Angelegenheit aller europäischen und amerikanischen Völker, die die Geschichte der neuen Zeit bilden. Wir haben Zeugnisse dafür zur Genüge kennen gelernt: die Belege, mit denen ich in der voraufgehenden Darstellung die Genesis dieses Geistes zu schildern versucht habe, sind allen Ländern entnommen worden. And der vor aller Augen liegende Gang der Ereignisse bestätigt ja diese Allgemeinheit der Entwicklung. Gleichwohl gibt es natürlich Unterschiede in der Art und Weise, wie sich die moderne Wirtschaftsgesinnung entfaltet hat; Unterschiede zunächst je nach den verschiedenen Ländern, in denen wir ihren Spuren nachgehen; Unterschiede aber auch je nach den verschiedenen Epochen der kapitalistischen Entwicklung. Hier sollen zunächst die nationalen Unterschiede verfolgt werden und zwar wollen wir uns erst vergegenwärtigen, worin diese Unterschiede bestehen können: 1. kann der Zeitpunkt ein verschiedener sein, in dem eine Nation (Volk oder anderswie abgegrenzte Gruppe: auf die Art der Abgrenzung kommt es hier nicht an: ich werde im folgenden im wesentlichen die historischen großen Nationen je als besonders zu betrachtende Gruppe unterscheiden) vom Strome der kapitalistischen Entwicklung ergriffen wird, der Zeitpunkt also, in dem die Genesis des Bourgeois einsetzt; 2. kann verschieden sein die Zeitdauer, während welcher der kapitalistische Geist eine Nation beherrscht; danach würden sich Zehntes Kapitel: Die verschiedenen Möglichkeiten der Gestaltung 171 also Verschiedenheiten im zeitlichen Verlauf der kapitalistischen Entwicklung ergeben; 3. kann verschieden sein der Intensitätsgrad des kapitalistischen Geistes: das Maß der Hochspannung des Unternehmungsgeistes und Erwerbstriebs, das Maß der bürgerlichen Tugendhaftigkeit und Rechnungshaftigkeit; 4. kann verschieden sein die Extensität des kapitalistischen Geistes: die Verbreitung über die verschiedenen sozialen Schichten eines Volkes; 5. kann verschieden sein das Mischungsverhältnis, in dem die verschiedenen Bestandteile des kapitalistischen Geistes (Anter- nehmungsgeist — Bürgergeist - die verschiedenen Äußerungsformen des Unternehmungsgeistes usw.» auftreten. 6. kann verschieden sein die Entwicklungsstärke und Entwicklungsdauer dieser einzelnen Bestandteile: die Entwicklung kann bei allen einen gleichmäßigen oder bei jedem Bestandteil einen gesonderten Verlauf nehmen. Man wird leicht zu ermessen vermögen, welche außerordentliche Verschiedenheit die Gesamtentwicklung bourgeoisen Wesens in den einzelnen Ländern nehmen kann angesichts der zahllosen Kombinationen der aufgezählten Möglichkeiten. Die wichtigsten Unterschiede der nationalen Entwicklung sind aber folgende: ob ein Land stark oder schwach kapitalistisch ist; ob alle Bestandteile oder eine einzelne — und welche — zur vollen Entfaltung kommen; ob die Entwicklung früh oder spät einsetzt; ob sie vorübergehend, intermittierend oder dauernd ist. Wie diese verschiedenen Möglichkeiten nun in den einzelnen Ländern Wirklichkeiten geworden sind, welche Eigenarten danach die Geschichte des kapitalistischen Geistes in ihnen aufweist, soll die folgende kurze (und gewiß sehr unvollkommene) Skizze zur Anschauung bringen. 172 Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 1. Italien Italien ist doch wohl das Land, wo der kapitalistische Geist am frühesten sich entfaltet: er erfährt seit dem 13. Jahrhundert in den oberitalienischen Äandelsrepubliken eine Ausdehnung, die ihn schon im 14. Jahrhundert zu einer Massenerscheinung werden läßt. Sicher aber hat er während der Jahrhunderte des Mittelalters dort schon eine Äöhe der intensiven Entwicklung erreicht, wie nirgends wo sonst. Ich habe ja für jene frühere Zeit in besonderer Reichhaltigkeit die Belege aus italienischen Zuständen entnehmen können. Namentlich diejenigen Seelenzustände, die ich zusammenfassend den Bürgergeist nannte, finden wir in den italienischen Städten am frühesten und wiederum am stärksten in den tos- kanischen Städten entwickelt. Äber die verschiedene Richtung, die der Anternehmungsgeist in diesen und in anderen italienischen Städten, u. a. namentlich in den beiden großen Seeplätzen Venedig und Genua, nimmt, habe ich ebenfalls bereits gesprochen. Stark betonen möchte ich aber noch einmal, daß es vor allem Florenz ist, dem die Entwicklung des bourgeoisen Wesens den stärksten Anstoß verdankt: hier herrschte schon, wie wir feststellen konnten, im 14. Jahrhundert ein fieberhaftes (man ist versucht, zu sagen: amerikanisches) Erwerbsstreben; hier erfüllte eine bis zur Liebe gesteigerte Äingabe an das Geschäft alle Kreise: Florenz ist „derjenige Staat, welchen sterbende Väter testamentarisch ersuchten, ihre Söhne um 1000 Goldgulden zu büßen, wenn sie kein regelmäßiges Gewerbe treiben würden"""); hier hat die spezifisch kaufmännische Geschäftsgebarung, wie wir ebenfalls feststellen konnten, ihre erste gründliche Ausbildung erfahren; hier wurden Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 17Z die bürgerlichen Tugenden durch Männer wie Alberti zuerst gelehrt und gepflegt; hier entwickelte sich die Rechenhaftigkeit zuerst zur vollen Blüte in den Darstellungen des Fibonaccio und des Paciuoli; hier wurde, um auch das noch zu erwähnen, die statistische Betrachtung der Dinge zuerst auf das reichste ausgebildet: Burckhardt vergleicht eine statistische Aufzeichnung eines Florentiners vom Jahre 1442 mit einer Statistik von Venedig, die fast aus demselben Jahre stammt und meint: diese offenbare freilich einen weit größeren Besitz, Erwerb und Schauplatz: „allein wer erkennt nicht in der floren- tinischen Aufzeichnung den höheren Geist?" Er spricht im Zusammenhang damit von einem „angeborenen Talent der Florentiner für die Berechnung des ganzen äußeren Daseins". Diese kapitalistische Herrlichkeit nimmt aber ein ziemlich rasches Ende. Zwar bleiben der rechnerische und der haushälterische Sinn dieselben; ja sie werden während des 16. und 17. Jahrhunderts, wie wir aus den Schriftstellern dieser Zeit ersehen konnten, noch weiter ausgebildet. Aber der Unternehmungsgeist erlahmt. Wir können ganz deutlich verfolgen, wie in Süditalien schon seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, in den übrigen Teilen des Landes seit dem 16. Jahrhundert die Freude am Erwerb und die geschäftliche Betriebsamkeit einer behaglichen, bald seigneurialen, bald rentnerhaften Lebensführung Platz machen. Aus einem süditalienischen Städtchen (La Cava) wird schon vor dem Jahre 15l)l) geklagt: der Ort sei sprichwörtlich reich gewesen, solange dort lauter Maurer und Tuchweber lebten; jetzt, da man statt Maurerzeug und Webstllhlen nur Sporen, Steigbügel und vergoldete Gürtel sehe, da jedermann Doktor der Rechte oder der Medizin, Notar, Offizier und Ritter zu werden trachte, sei die bitterste Armut eingekehrt^"). In Florenz setzt eine ähnliche Entwicklung zur Feudalisierung, 174 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d, kapitalistischen Geistes oder wie man es genannt hat: zur Äispanisierung des Lebens, „deren Kauptelemente die Verachtung der Arbeit und die Sucht nach Adelstiteln war", unter Cosimo, dem ersten Großherzog, ein: ihm dankte man, daß er die jungen Leute, welche jetzt Äandel und Gewerbe verachteten, zur Ritterschaft in seinen Stephansorden heranziehe. Es zeigt sich gerade in Florenz ein allgemeines Streben der Reichen nach der Ritterwürde, die man vor allem darum begehrte, weil sie allein die Turnier- fähigkeit verlieh. And das Turnierwesen erlebte gerade wieder in Florenz eine starke Nachblüte. Man hatte sich — echt bürgerlich — eine weniger gefährliche Form des Turniers zurecht gemacht, der man nun mit Leidenschaft huldigte, ohne sich bewußt zu sein, welche Karikatur diese Mischung bürgerlichen und feudalen Wesens darstellte. Schon die ersten Medici nehmen sich der Turniere „mit einer wahren Leidenschaft an, als wollten sie, die unadligen Privatleute, zeigen, daß ihr geselliger Kreis jedem Äofe gleichstehe" '^). Auch in den übrigen oberitalienischen Städten setzt seit dem 16. Jahrhundert eine ähnliche Entwicklung ein. Wurde das Ideal des reich gewordenen Bourgeois der Ritter, so strebten die mittleren Existenzen nach einem geruhsamen Rentnerleben, wenn möglich auf der Villa: eine »viw temperaw«, ein »8wto pÄciiiLv« wurden als die wahren Werte gepriesen. Das ist der Ton, auf den beispielsweise alle die zahlreichen Landwirtschaftsschriften abgestimmt sind, aus denen wir schon einige Proben kennen gelernt haben "^). 2. Die Pyrenäenhalbinsel Auch in einigen Städten der Pyrenäenhalbinsel scheint frühzeitig kapitalistisches Wesen sich entfaltet zu haben. Was wir von Barcelona, seinem Handels- und Seerecht, aus dem Mittelalter wissen (viel ist es nicht), läßt darauf schließen, daß Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 175 hier mindestens im 14. Jahrhundert schon eine starke Durchdringung der Geschäftswelt mit kapitalistischem Geiste statt- gefunden hatte. Anser Augenmerk wird dann wieder auf die Ereignisse in Portugal und Spanien gelenkt, als die Entdecker- fahrten im 15. Jahrhundert sich häufen, die schließlich zu den beiden großen geographischen Funden am Ende des Jahrhunderts führen. Kein Zweifel, daß damals ein unstillbarer Golddurst, aber auch ein kühner Anternehmungsgeist weite Kreise der Bevölkerung in den Küstenstädten der Pyrenäenhalbinsel beseelte, die sich während des 16. Jahrhunderts in den Eroberungszügen nach Amerika und der Kolonisation des neuen Erdteils zu großer Stärke und Gestaltungskraft entfalten. Aber in diesen Eroberungszügen und Kolonisationsunternehmungen erschöpfte sich der kapitalistische Geist der Spanier und Portugiesen keineswegs: wir sehen die Lissaboner Kaufleute einen Handel mit den neuentdeckten und angenäherten Gebieten des Westens und Ostens führen, der den der Italiener an Amfang jedenfalls weit übertraf, wir finden die Sevillaner die Silberschiffe zur Rückfracht mit Waren beladen. Wir begegnen aber im 16. Jahrhundert an verschiedenen Orten einer ausgedehnten Industrie, die auf eine nicht geringe Entwicklung des kapitalistischen Geistes schließen läßt. In Sevilla schlugen 16000 Webstühle, die 130000 Personen Arbeit verschafften^^). Toledo verarbeitete 430000 Pfund Seide, wobei 38484 Personen Beschäftigung fanden. Bedeutende Seiden- und Wollmanufakturen finden wir in Segovia'^) usw. And dann kommt im 17. Jahrhundert die völlige Erstarrung, von der so oft berichtet worden ist. Der Anternehmungsgeist erlahmt, das Geschäftsinteresse erlischt: der Sinn der Nation wird allem Wirtschaftlichen entfremdet und wendet sich kirchlichen und höfischen oder ritterlichen Dingen zu. Wie am Ackerbau, so haftete nun am Handel der Makel einer Beschäftigung, die 176 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d. kapitalistischen Geistes dem Manne von guter Rasse nicht anstand. Das war es, was dem fremden Beobachter, dem Italiener, Niederländer, Franzosen, Engländer so unbegreiflich erschien, was sie als spanische Faulheit bezeichneten. „Alle", sagt Guicciardini, „haben die Einbildung des Edelmanns im Kopf. Im Jahre 1523 brachten die Cortes die Bitte an den König, daß jeder Spanier den Degen tragen dürfe; zwei Jahre später sprechen sie das große Wort aus, daß die Äijosdalgo von besserer Art seien als die Steuerzahler" ^''). „Die Äijosdalgo (wurden) als der eigentliche Kern der Nation angesehen: die Staatsämter wurden ihnen übertragen; die Städte empfanden es übel, wenn irgendein Gewerbetreibender bei ihnen Corregidor geworden; die Cortes von Aragon hätten niemand unter sich geduldet, der sich je mit Verkauf befaßt hatte; genug, die Gunst der öffentlichen Meinung war dem Stande der Äijosdalgo zugewendet. Jedermann wünschte, wie sie sein Leben in höherer Ehre und ohne mühselige Arbeit zu führen. Anzählige machten wahre oder erdichtete Ansprüche auf die Vorrechte der Äidalquia; es schwebten darüber so viele Äändel, daß in jedem Gerichtshof immer der Sonnabend für dieselben ausgesetzt war, angewandt wurde und doch häufig nicht zureichte. Natürlich bildete sich dann im allgemeinen eine gewisse Abneigung gegen Kandwerk und Kaufmannschaft, gegen Gewerbe und Emsigkeit aus." (Ranke, dem ich diese Zeilen entnehme^"), fährt dann fort, was uns aber ganz und gar nichts angeht: „Ist es denn auch so unbedingt Treffliches und Lobenswertes, seine Tage Beschäftigungen zu widmen, die, an sich unbedeutend, doch das ganze Leben dahin nehmen, damit man Geld von anderen erwerbe? Wenn man sich nur sonst edel und wohl beschäftigt!") „Mit den materiellen Interessen verhält es sich wie mit anderen menschlichen Dingen. Was nicht in dem Geist einer Nation lebendig Wurzel schlägt, kann nicht zu wahrer Blüte empor- Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 177 kommen. Die Spanier lebten und webten in der Idee des katholischen Kultus und der hierarchischen Weltanschauung; diese so weit wie möglich auszubeuten, hielten sie für ihren Beruf; ihr Stolz war, die Stellung festzuhalten, die sie dazu fähig machte; übrigens suchten sie das Leben in heiteren Tagen, ohne Mühe, zu genießen. Für die Emsigkeit fleißigen Erwerbes hatten sie keinen Sinn"^). Für ihren ganz und gar dem kapitalistischen Geiste fremden Lebensstil habe ich schon früher Belege beigebracht: siehe oben Seite 34 f. And in den Kolonien, wo Spanier und Portugiesen sich niederließen, herrschte bald derselbe Geists). 3. Frankreich Frankreich ist zu allen Zeiten reich gewesen an großen und genialen Unternehmern mit vorwiegend spekulativem Geiste: rasch und umfassend in ihren Plänen, draufgängerisch, phantasievoll, ein wenig bramarbasierend, aber voller Schwung, voller Elan, der sie oft genug in Gefahr bringt, zu scheitern oder gar im Gefängnis zu endigen, wenn sie nicht vorher schon erschlafft oder physisch zusammengebrochen sind. Ein solcher Typus ist Jacques Coeur im 15. Jahrhundert: jener Mann, der durch die Kraft seiner genialen Persönlichkeit eine kurze Zeit den französischen Handel großen Stils zu leuchtender Blüte brachte. Er besitzt sieben Galeeren, beschäftigt 3l)0 Faktoren und unterhält Beziehungen mit allen großen Seeplätzen der Welt. „Die Gunst, die er beim Könige genoß (er war Schatzmeister Karls VII.), kam seinen kommerziellen Anter- nehmungen in einem Maße zugute, daß kein anderer französischer Kaufmann mit ihm zu konkurrieren vermochte. Ja das Kontor dieses einen Mannes stellte eine Welthandelsmacht dar, die mit den Venetianern, den Genuesen und Catalonen rivalisierte." Die Gelder, die er in diesem Handel und durch manche nicht Sombart, Der Bourgeois 12 178 Dritter Abschnitt : Die nationale Entfaltung d. kapitalistischen Geistes ganz einwandfreie Finanzoperation zusammenbrachte, verwendete er dann, um den ganzen Äof zu seinem Schuldner und damit zuletzt zu seinem Feinde zu machen. Sein Ende ist bekannt: wegen Hochverrats, Münzfälschung usw. angeklagt, wird er gefangen, seiner Güter beraubt und verbannt. Eine ganz verwandte Erscheinung ist im Zeitalter Ludwigs XIV. der große Fouquet. And diese abenteuerlichen Spekulanten ganz großen Kalibers, neben denen zahlreiche kleine in ähnlichem Geiste ihr Gewerbe treiben, sind bis auf unsere Tage: bis zu den Lesseps und Boncourt, den Rochefort und Kumberts und Deperdussins eine Eigenheit Frankreichs geblieben! Die Saccards! Ein wenig hart, aber doch im Grunde treffend, hat schon Montaigne diese etwas „windige" Art des Unternehmertums seiner Landsleute charakterisiert, wenn er einmal von ihnen sagt: „Ich fürchte, unsere Augen sind größer als unser Magen; und wir haben (bei der Erwerbung eines neuen Landes) mehr Neugierde als Ausdauer: wir umarmen alles, aber wir behalten nichts in den Armen als Wind" ^). Es ist kein Widerspruch, wenn wir gleichzeitig in Frankreich seit Colberts Zeiten bis heute bewegliche Klagen vernehmen über den „mangelnden Unternehmungsgeist" des französischen Geschäftsmannes. Diese Klagen beziehen sich offenbar auf die große Masse der mittleren Kaufleute und Industriellen und beziehen sich auf „solide", wenn auch weiter ausschauende Unternehmungen. „Unsere Kaufleute", jammert Colbert, „haben keine Initiative, um sich in Dinge einzulassen, die ihnen unbekannt sind" ^°). Welche Not hatte dieser im wahrsten Sinne „unternehmende" Staatsmann, um die Indolenz seiner Lands- leute zu überwinden, wenn es sich z. B. um die Gründung einer überseeischen Kompagnie wie der LompaZnie 6e8 Inäeg onentaleg handelte! Da werden Konferenzen über Konferenzen (vom Astes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 179 21. bis 26. Mai 1664 drei) gehalten, in denen reiche und einflußreiche Kaufleute und Industrielle bearbeitet werden, damit sie sich zur Zeichnung von Aktien entschließen"') (wie etwa heute, wenn eine „Wissenschaftliche Akademie" oder eine „Orient- Gesellschaft" aus den freiwilligen Beiträgen der reichen Leute begründet werden soll). Man lese die Bücher der Sayous, der Blondel und anderer genauer Kenner des französischen Wirtschaftslebens, und man wird finden, daß sie auf denselben Ton wie der Aus- spruch Colberts gestimmt sind. Als indolent, ja sogar als faul galt der französische Geschäftsmann — der früheren Zeit. Der „patriotische Kaufmann", dem wir schon öfters auf unseren Wegen begegnet sind"-), klagt um die Mitte des 18. Jahrhunderts, daß in den Geschäften Frankreichs so wenig gearbeitet werde: er möchte, daß sein Sohn „Tag und Nacht" arbeite, „statt zwei (I) Stunden am Tage, wie es in Frankreich Sitte ist". Äbrigens ist das Buch selbst ein Beweis, daß der Geist Franklins im damaligen Frankreich keineswegs bei allen Kaufleuten Wurzel gefaßt hatte: es ist voller romantischer Ideen, voller Schwung, voller chevaleresker Neigung — trotz seiner Sehnsucht nach amerikanischen Zuständen. Diesem gering entwickelten kapitalistischen Sinn entsprechen (und entsprachen: der Geist der französischen Nation ist sich in dieser Hinsicht während der letzten Jahrhunderte merkwürdig gleich geblieben) die positiven Ideale des Volks der Franzosen. Da begegnen wir (wenigstens noch im 18. Jahrhundert) stark ausgeprägten seigneurialen Neigungen auf der einen Seite. Wir lesen wiederum, wie unser Gewährsmann, der patriotische Kaufmann, sich bitter über diesen verhängnisvollen Zug seiner Landsleute zu verschwenderischem Leben beklagt: daß sie ihren Reichtum, statt ihn in kapitalistischen Unternehmungen anzulegen, zu un- 12* 180 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d, kapitalistischen Geistes nützen Luxusausgaben verwendeten: das sei der Grund, weshalb man in Frankreich für Leihkapitalien in Handel und Industrie 5—6 Prozent bezahlen müsse, die man in Holland und England für 2^/2—3 Prozent bekomme. Er meint: Darlehn an die Geschäftswelt zu 3 Prozent seien viel profitabler und räsonabler als „der Ankauf dieser schönen Landgüter, die nichts tragen" ^). Auf der anderen Seite zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze französische Wirtschaftsgeschichte die Hemmung der Entwicklung kapitalistischen Wesens durch eine andere Eigenart oder wie die dem Kapitalismus feindlich gesinnten Beurteiler sagen: Anart des französischen Volkes: seine Vorliebe für die gesicherte (und angesehene) Stellung des Beamten. Diese „Plage der Stellenjägerei" (»>a pwie cZu konctionnansme«), wie sie ein urteilsvoller Geschichtschreiber des französischen Handels nennt ^), der französische Ämterwahnsinn (»la tolie trancaise äes oiiices«), wie ein anderer nicht minder kenntnisreicher Autor diesen Zug bezeichnet^"), womit eine Verachtung der industriellen und kommerziellen Berufe (»le c^eäsin äes carriereg incjustnelle8 et Lommerciales«) verbunden ist, beginnt seit dem 16. Jahrhundert und ist heute noch nicht verschwunden. Sie bekundet die geringe Stärke, die der kapitalistische Geist in Frankreich seit jeher erreicht hat: wer irgend konnte, zog sich aus dem Geschäftsleben zurück oder vermied es einzutreten und verwendete sein Vermögen, um sich damit (wie es bis ins 18. Jahrhundert allgemein möglich war) ein Amt zu kaufen. Die Geschichte Frankreichs ist ein Beweis für die Verbreitung dieser Sitte über alle Schichten der Bevölkerung. Im engen Zusammenhange mit solcher Art Neigungen steht dann — man kann sie ebensogut als Arsache wie als Wirkung ansehen — die geringe Achtung, die man Handel und Gewerbe in Frankreich, man darf wohl sagen: bis zum Julikönigtum, entgegenbrachte. Nicht, daß die Reichen nach dem Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 181 Adel strebten, und daß der Adel bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auch als der sozial bevorrechtete Stand angesehen wurde, auch nicht einmal die gesetzliche Bestimmung, daß Kaufmannschaft „derogierte", habe ich dabei im Auge: solche Auffassung war auch in England zu Äause (und ist ja im Grunde heute noch nicht ganz verschwunden). Nein, ich meine die beleidigend geringe Bewertung der händlerischen und kommerziellen Tätigkeit, die beleidigend wegwerfenden Äußerungen über deren sozialen Wert, die wir in so ausgeprägter Form bis ins 18. Jahrhundert hinein (außer in Spanien) doch wohl nur in Frankreich finden. Wenn ein guter Kenner im 16. Jahrhundert die Stimmung in den oberen Schichten Frankreichs mit den Worten kennzeichnet: „Wenn es Verachtung auf der Welt gibt, so gilt sie dem Kaufmann" (»s'il ^ a mepns au monäe il est sur le msrckanä«)''-"), so wäre das für das damalige England schon nicht mehr zutreffend gewesen (während es für Deutschland, wie wir noch sehen werden, hätte gelten können); ein Ausspruch aber wie der Montesquieus (und er ist nicht vereinzelt) um die Mitte des 18. Jahrhunderts wäre selbst im damaligen Deutschland nicht denkbar gewesen: „Alles ist verloren, wenn der einträgliche Beruf des Finanzmannes schließlich auch noch ein geachteter Beruf zu werden verspricht. Dann erfaßt ein Ekel alle übrigen Stände, die Ehre verliert alle ihre Bedeutung, die langsamen und natürlichen Mittel, sich auszuzeichnen, verfangen nicht mehr, und die Negierung ist in ihrem innersten Wesen erschüttert" 4. Deutschland Daß in Deutschland während des „Zeitalters der Fugger" (vielleicht hier und da schon früher) kapitalistischer Geist sich zu entwickeln und zu verbreiten angefangen hatte, dürfen wir nicht 182 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d, kapitalistischen Geistes in Zweifel ziehen. Vor allem beobachten wir ein wagemutiges Unternehmertum, das neben einem vorsichtig kaufmännischen Handels- und Verlegertum die Note jener Zeit bildet. Aber ich möchte doch vor Überschätzung warnen, möchte den Gedanken ganz und gar von der Äand weisen, als sei der kapitalistische Geist in Deutschland selbst im 16. Jahrhundert zu einer Äöhe und Breite der Entwicklung gelangt, die sich auch nur im entferntesten mit der etwa in den italienischen Städten schon des 14. Jahrhunderts in Vergleich stellen ließe. Was wir uns zum Bewußtsein bringen müssen, um über den Stand des kapitalistischen Geistes in Deutschland sage im 16. Jahrhundert lals anerkanntermaßen seine Entwicklung im Zenith stand), richtig zu urteilen ist vornehmlich folgendes: 1. Es können immer nur ganz vereinzelte Erscheinungen gewesen sein, in denen kapitalistisches Wesen zutage trat. Die „öffentliche Meinung", die Arteile der Intellektuellen, der führenden Geister lehnen jede Äußerung des neuen Geistes noch durchaus und übereinstimmend ab. Was Luther über die „Fuggerei" zu sagen weiß, beweist das ebenso wie die Äußerungen etwa eines Alrich von Kutten und eines Erasmus von Rotterdam^). -Mex diese Anschauungen beschränken sich nicht etwa auf die Kreise des Adels und der Gelehrten. Sie waren durchaus volkstümlich. Sebastian Franck übersetzte des Erasmus Schrift"'-') und hatte großen Erfolg damit. Ciceros Traktat „über die Pflichten", in dem er die bekannten Äußerungen über die Minderwertigkeit des „Handels" (im Sinne des Schachers) tut, wurde in jenem Jahrhundert zu einer Art Äausbuch, dank der ungeheuren Verbreitung der vielen Übersetzungen ^°"). Das alles läßt darauf schließen, daß kapitalistisches Denken und Werten nur erst an der Oberfläche der deutschen Volksseele geblieben waren. Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 183 2. Nun könnte man meinen: jene scharfe Kritik, die die Zeitgenossen an dem kapitalistischen Wesen üben, sei ein Beweis gerade dafür, daß dieses rasch zu starker Blüte gekommen sei. Das ist bis zu einem gewissen Grade richtig. And wenn man nur die Größe der Unternehmungen, der Preistreibereien, Monopoltendenzen ins Auge faßt, war der Entwicklungsgrad des Kapitalismus in Deutschland zu jener Zeit ein verhältnismäßig hoher. Man muß sich aber erinnern, daß der kapitalistische Geist noch viele andere Bestandteile hat, und diese waren damals bei uns nur kümmerlich zur Entfaltung gekommen. Ich denke an alles das, was wir Nechenhaftigkeit genannt haben. Wie gering das in Deutschland im 16. Jahrhundert ausgebildet war, dafür habe ich schon einige Zeugnisse angeführt. Ich erinnere an Geschäftsbücher wie die des Ott Ruland (15. Jahrhundert), Geschäftsberichte wie die des Lucas Rem (16. Jahrhundert), die alle mit den gleichen Dokumenten des italienischen Geistes des 14. und 15. Jahrhunderts keinen Vergleich aushalten. Nechenhaftigkeit geht nicht verloren. Wie gering entwickelt sie in Deutschland aber noch im 18. Jahrhundert war, damals im Vergleich mit der englischen und holländischen Geschäftsroutine, habe ich bereits gezeigt. 3. Jedenfalls war jene „Hochblüte" kapitalistischen Geistes im 16. Jahrhundert (wenn man schon von einer solchen reden will) von kurzer Dauer. Noch während des 16. Jahrhunderts setzt auch in Deutschland jener Feudalisierungsprozeß ein, den wir aus Italien bereits kennen, und saugt die bedeutenden Anternehmerfamilien rein auf. Ein Nachwuchs von Bourgeois ist aber während der beiden folgenden Jahrhunderte nur in sehr geringem Amfange und sehr bescheidenem Ausmaße vorhanden. Erst im 18. Jahrhundert beginnt ein regeres industrielles und kommerzielles Leben, das dann noch einmal zu Beginn des 19. Jahrhunderts ermattet. Man kann ohne Übertreibung sagen. 184 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d. kapitalistischen Geistes daß eine wirkliche Neublüte des kapitalistischen Geistes in Deutschland erst nach 1850 beginnt. Daß in derGegenwart Deutschland mit den Vereinigten Staaten um die Palme der höchsten Vollendung des kapitalistischen Geistes ringt, ist eine von niemand bestrittene Tatsache. Will man also die Eigenart des modernen Unternehmertums in Deutschland erkennen, so braucht man nur die Schilderung zu lesen, die ich im 13. Kapitel vom Wesen des modernen Wirtschaftsmenschen überhaupt entwerfe: der deutsche Unternehmer stellt heute «neben oder sagen wir: nächst dem Amerikaner) den reinsten Typus dieser Menschenspezies dar. Was ihn von anderen ebenfalls modernen Typen vielleicht unterscheidet^) ist: a) seine Anschmiegsamkeit: unsere Überlegenheit auf dem Weltmarkte beruht nicht zuletzt auf dieser Fähigkeit, den Wünschen und Eigenarten der Abnehmer gerecht zu werden, wie urteilsvolle Beobachter zu unzähligen Malen festgestellt haben; beruht aber auch auf dem sicheren Blick für die Eigenart der Verhältnisse und der Anpassung an diese, wenn es sich zum Beispiel um eine Fabrikanlage im Auslande handelt; b) sein großes Organisationstalent, das in unseren großen Schiffahrtsunternehmungen, Großbanken, Elektrizitätsgesellschaften zum Ausdruck kommt, die von keiner anderen Nation, selbst nicht von den Amerikanern, uns nachgemacht werden; c) seine Stellung zur Wissenschaft. Auch das ist eine heute allgemein anerkannte Tatsache, daß unsere großen Industrien — namentlich die elektrische und chemische Industrie — ihre Sieghaftigkeit vor allem der hingebenden Sorgfalt für wissenschaftliche Begründung und Durchdringung der Produktionsprozesse verdanken. Im Augenblicke soll sich die Stellung des deutschen Unternehmertums zu einem anderen Komplexe von Wissenschaften: l Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 18Z den Wirtschaftswissenschaften, entscheiden. Es hat fast den Anschein, als ob auch hier sich zu einer Besonderheit des kapitalistischen Unternehmers in Deutschland die Erkenntnis gestalten wollte, daß es zu einem wesentlichen Bestandteile erfolgreicher Unternehmertätigkeit gehöre, seinen Betrieb mit wissenschaftlichem Geiste zu durchdringen. Jedenfalls wird man getrost sagen dürfen, daß schon heute die Methode zur Führung der Geschäfte, daß also die Rechenhaftigkeit als Lehrstoff die höchste Ausbildung an den deutschen Anternehmerschulen erlangt haben. S. Holland Vielleicht sind die Vereinigten Provinzen diejenigen Stätten, wo der kapitalistische Geist zum ersten Male zur vollen Entfaltung gelangt ist, wo er nach allen Seiten hin eine gleichmäßige, bis dahin unbekannte Entwicklung erfahren und wo er von einem ganzen Volke zum ersten Male Besitz ergriffen hat. Im 17. Jahrhundert ist Kolland durchaus und unbestritten das Musterland des Kapitalismus: beneidet von allen anderen Nationen, die in dem Bestreben, Holland nachzueifern, selbst zu den größten Anstrengungen sich aufraffen; die hohe Schule aller kaufmännischen Künste; die Pflanzstätte der bürgerlichen Tugenden. Ein seebefahrenes kriegerisches Volk, aber auch in allen Pfiffen und Kniffen des Händlertums ohne Rivalen; von wildem Spekulationsfieber gelegentlich geschüttelt (wie wir selbst feststellen konnten), und dann der Mittelpunkt des internationalen Börsenverkehrs. Es genügt, an diese allen bekannten Tatsachen zu erinnern. Am dem Leser eine besondere Freude zu bereiten, will ich die kurze und doch völlig erschöpfende Schilderung hierhersetzen, die Ranke von dem Zustande geschäftlicher Blüte entwirft, wie ihn Holland im 17. Jahrhundert erreicht hatte. „Nunmehr machte Holland die Produkte der Welt sich 186 Dritter Abschnitt i Die nationale Entfaltung d. kapitalistischen Geistes zinsbar. Es vermittelte zuerst die Bedürfnisse der östlichen und der westlichen Küstenländer an den benachbarten Meeren. Das Holz und das Korn, welche jene, das Salz und den Wein, welche diese gaben, tauschte es gegen einander aus. Es sandte seine Schiffe zum Fang des Herings nach den nördlichen Gewässern: von da führte es denselben an alle Mündungen der aus den südlichen Ländern kommenden Flüsse, von der Weichsel bis zur Seine. Rhein, Maas und Scheide hinauf brachte es ihn selber. Man schiffte bis nach Cypern, um Wolle, bis nach Neapel, um Seide zu holen; da mußten die Küsten der alten Phönizier einem so weit entfernten deutschen Volk, zu dessen Wohnsitzen sie selber schwerlich gedrungen sind, zinsbar werden. Von den verschiedenen Gegenständen des Handels sammelten sich nun bei den Holländern die größten Vorräte an. In ihren Speichern fand Contarini im Jahre 1610 100000 Säcke guten Weizen und ebensoviel Korn; und Naleigh versichert, daß sie immer mit 700000 Quarter Korn versehen gewesen seien, so daß sie auch ihren Nachbarn in Fällen eines dringenden Be- dürfnisses zu Hilfe kommen konnten: natürlich nicht ohne großen Vorteil: ein Jahr Mißwachses galt ihnen für sieben gute. And keineswegs begnügten sie sich, das erste Produkt wieder zu vertreiben: selbst der fremden Arbeit fügten sie gern etwas hinzu. Sie führten bei 80000 Stück Tuch des Jahres aus England, aber ungefärbt; sie erst bereiteten es zum täglichen Gebrauche und hatten dann von dem Verkaufe den größeren Gewinn. Wenn sie dergestalt einen so großen Teil des europäischen Verkehrs bereits in der Hand hatten, so war doch der glänzendste Vorteil sowie der eigentliche Ruhm ihrer Seefahrt an Ostindien geknüpft. Von allen Feindseligkeiten, die sie gegen Spanien ausgeübt, war die Unternehmung auf Indien diejenige, welche den König und die Nation am meisten erschreckte, am härtesten traf und der Tätigkeit der Holländer selbst den Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 187 mächtigsten Schwung gab. Contarini bewundert die Ordnung, mit welcher sie um 1610 jährlich zehn bis vierzehn Schiffe dahin sandten; er gibt das Kapital der Gesellschaft auf 6600000 Gulden an. Diese großartige, weltumfassende Bewegung führte sie dann weiter; auch auf unbekannte Länder schifften sie aus. Ihre Bemühungen, eine nördliche Durchfahrt zu finden, die Reisen ihrer Äeemskerke verdunkelten vollends den Seeruhm anderer Nationen. Da sah man denn alle Ääfen, Buchten, Meerbusen von Holland mit Schiffen bevölkert: alle Kanäle des inneren Landes mit Fahrzeugen bedeckt. Man hatte das bezeichnende Wort, ebenso viele seien dort auf dem Wasser wohnhaft wie auf dem Lande. Man rechnete 200 größere, 3000 mittlere Schiffe, die ihre vornehmste Station bei Amsterdam hatten. Äart an die Stadt stieß der dichte, dunkle Wald ihrer Mastbäume. Amsterdam nahm unter diesen Amständen ungemein zu. Binnen 30 Iahren ward es zweimal bedeutend erweitert. Man erzählt, daß im Jahre 1601 daselbst 600 neue Käufer er- baut wurden. Für einen Fuß breit Boden, sagt Contarini, gab man einen Scudo. Er rechnet im Jahre 1610 50000 Einwohner. Da blühten die Gewerbe; die Arbeiten waren vortreff- lich. Die Reichen blieben mäßig und sparsam, wie denn mancher, der das feinste Tuch verkaufte, sich selbst in grobes kleidete; die Armen hatten ihr Auskommen; das Müßiggehen wurde bestraft. Da ward es eine gewöhnliche Sache, nach Indien zu schiffen; man lernte mit jedem Winde segeln. Jedes Äaus ward eine Schiffahrtsschule; es war keins ohne Seekarte. Äätten sie einem Feinde weichen sollen, da sie die See so ganz bezwungen? Die holländischen Schiffe hatten den Ruhm, sich eher zu verbrennen, als zu ergeben." Diesem wundervollen Bericht will ich ergänzend nur hinzu- 188 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d. kapitalistischen Geistes fügen, daß insbesondere auch in der Pflege der bürgerlichen Tugenden und in der Ausbildung der Rechenhaftigkeit Holland als das Musterland in damaliger Zeit galt: eine Tatsache, für deren Richtigkeit ich schon eine Reihe beweiskräftiger Zeugnisse beigebracht habe. And was ist aus diesem hochentwickelten kapitalistischen Geist geworden? Einzelne Bestandteile — namentlich die zuletzt erwähnten — sind geblieben; andere sind verkümmert oder ganz verschwunden. Schon im Verlaufe des 17. Jahrhunderts vermindert sich der kriegerische Sinn, der in der früheren Zeit allen überseeischen Unternehmungen ihre besondere Note verliehen hatte; im 18. Jahrhundert schrumpft dann auch der Unternehmungsgeist mehr und mehr ein: der Bourgeois wird zwar nicht, wie in andern Ländern, „feudalisiert", aber — wie man es nennen könnte — er verfettet. Er lebt von seinen Revenuen, die ihm entweder die Kolonien oder seine Leihgelder in den Schoß warfen. Holland wird, wie man weiß, im 18. Jahrhundert der Geldborger ganz Europas. Das Interesse an kapitalistischen Unternehmungen irgendwelcher Art verringert sich immer mehr. „Die Holländer haben aufgehört, Kaufleute zu sein; sie sind Kommissionäre geworden; und aus Kommissionären sind sie schließlich zu Geldgebern geworden/' (Luzac.) Der Kredit mochte Staatskredit oder Wechselakzeptkredit sein, das blieb sich gleich: der Unternehmungsgeist war auf alle Fälle gebrochen, wenn diese Kreditgewährung zur Hauptbeschäftigung der Bourgeois geworden war. 6. Großbritannien Eine grundverschiedene Entwicklung hat der kapitalistische Geist je in den drei Teilen des Vereinigten Königreichs: Irland, Schottland und England durchgemacht. Irland scheidet fast aus der Reihe der Länder mit kapita- Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 189 listischer Kultur aus. Kein anderes Land ist bis heute so wenig vom Äauche des kapitalistischen Geistes berührt worden wie Irland. Sein Schicksal interessiert uns deshalb in diesem Zusammenhange auch nicht weiter. England sind wir schon öfters im Verlaufe dieser Studien begegnet: wir sahen, wie ein kräftiger Anternehmergeist, aus Abenteuerlust und Eroberungsdrang geboren, im 16. Jahr- hundert hervorbricht und gleichsam das Keroenzeitalter des Kapitalismus in dem Lande begründet. Wir sahen den Grundherrn am Werke, sich zum kapitalistischen Unternehmer umzumodeln. Wir erlebten eine stürmische Periode spekulativer Gründungen von allerhand Unternehmungen am Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts mit. Wir erfuhren, wie sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bürgerliche Tugenden und Nechenhaftigkeit zu hoher Blüte entwickelt hatten, daß sie vorbildlich für rückständige Länder, wie Deutschland und Frankreich, geworden waren. And wir wissen, daß der moderne Jn- dustrialismus seine Wiege in England hat. Vom Ende des 17. Jahrhunderts an, insbesondere seit der Vereinigung der beiden Königreiche wird dann der Gang der kapitalistischen Entwicklung Englands stark beeinflußt durch die Entwicklung, die der kapitalistische Geist in dem Nachbarlande Schottland erfahren hatte. In keinem Lande der Welt vollzieht sich dessen Geburt auf eine so seltsame Weise wie in Schottland. Nichts muß denjenigen, der sich mit der Entstehung kapitalistischen Wesens beschäftigt, mehr verwundern als die ganz abrupte Art, wie mit einem Knalle förmlich die Blüte des kapitalistischen Geistes in diesem Lande aufbricht und plötzlich, unvermittelt sich voll entfaltet, wie die Blüte der Victoria re^ia über Nacht, mit einem Schlage. Bis zum 17. Jahrhundert hatten die Schotten, wie wir an 190 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d- kapitalistischen Geistes andrer Stelle sahen, einen ziemlich kümmerlichen Äandel mit den Nachbarländern fast ohne eigene Schiffahrt betrieben. Von kapitalistischem Wesen waren sie ziemlich unberührt geblieben. Während des 17. Jahrhunderts änderte sich an diesem Zustand des Wirtschaftslebens nicht viel. Dagegen erlebten sie eine ungewöhnlich starke, religiöse Erhebung im Gefolge der Reformation. And nun gegen das Ende des 17. Jahrhunderts ereignet sich jener plötzliche Ausbruch eines unzähmbaren Erwerbsstrebens und Anternehmungsgeistes. Das bestätigen uns zu viel glaubwürdige Zeugen, als daß wir an den Tatsachen selbst zweifeln dürfen. Kier sind einige der Zeugnisse"^). „Bald nach der Revolution wurden die glühenden Gefühle (tne aräent feelinZs) des schottischen Volkes abgelenkt aus ihren alten Kanälen religiöser Streitigkeiten und kriegerischer Interessen in der Richtung auf kommerzielle Anternehmungen", schreibt Burton. Llnter dem Jahre 1699 vermerkt Burnett in der „Geschichte seiner eigenen Zeit": „Koch und niedrig war damals in Schottland von dem Wunsche beseelt, Geschäfte zu treiben" (ciesirous c»s AettiriA mW tracle). 1698 schreibt Fletcher of Saltoun: „Durch niemand gezwungen, vielmehr infolge eines unvorhergesehenen und unerwarteten Wandels des Volksgeistes (b^ an unioregeen an6 unexpecteci LNsn^e ok tne Zenius oi tnis Nation) sind alle ihre Gedanken und Neigungen, als ob sie von einer höheren Macht zusammengefaßt und geleitet wären, auf die Geschäfte gerichtet." Die puritanischen Geistlichen waren entsetzt. Sie standen ratlos am Afer wie die Äenne, die die Entlein davon schwimmen sieht. 1709 drückt der Prediger Robert Wodrow in seinen Briefen die Ansicht aus, daß „die Sünde unserer allzu großen Schwärmerei für wirtschaftliche Dinge (our too Zreat konäness ior tmäe), die so weit geht, daß sie uns die wertvollen Interessen ver- Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern Igj nachlässigen läßt, uns beim jüngsten Gerichte angerechnet werden wird." Als in demselben Jahre den Glasgowern einige Schiffe gekapert werden, wünscht er, daß man drin eine Fügung Gottes erkennen möge: „Ich bin sicher, unser Äerrgott blickt mit Mißfallen auf unseren Äandel, seit er die Stelle der Religion eingenommen hat" (tne l.c>rcZ is remarkabl^ krouninA upon our tisäe ... 8MLe it was put in tne room c>k reli^ion). Was das für ein Geist war, der da plötzlich hervorbrach, haben wir an anderer Stelle schon in Erfahrung gebracht. Daß er wesentlich zu der kapitalistischen Hochblüte beigetragen hat, die England und Schottland seit der Mitte des 18. Jahr- Hunderts erleben, ist unzweifelhaft sicher. Wie nun aber ist der weitere Verlauf der Entwicklung des kapitalistischen Geistes in diesen Ländern gewesen. Wie stellt sich uns sein Bild in der Gegenwart dar, wenn wir es etwa vergleichen mit dem, das andere Länder — wie z. B. Deutschland — gewähren. Da stimmen denn nun die Zeugnisse aller sachkundigen und urteilsfähigen Männer dahin überein, daß England heute in einen Zustand „kapitalistischer Erschlaffung"^) eingetreten ist. Diese äußert sich namentlich in folgenden Punkten: 1. Die Rationalität der Wirtschaftsführung hat aufgehört, eine absolute und zwingende zu sein. Der englische Unternehmer hat den Fortschritt, den wir beim deutschen sich vollziehen sehen, nicht mitgemacht: er hat die technische Wissenschaft nicht in seinen Dienst genommen. Er ist auf technischem Gebiete rückständig; die Anwendung der neuesten Methoden wird in England vielfach für unmöglich erklärt; bei der Lieferung des Rohmaterials verabsäumt er eine Prüfung im Laboratorium und verläßt sich ganz auf den Namen der liefernden Firma; auf seine veralteten Maschinenmodelle ist er stolz, statt sie zum alten Eisen zu werfen. 192 Dritter Abschnitt: Die nationale Entfaltung d. kapitalistischen Geistes Äber eine analoge Irrationalität oder Traditionalismus auf dem Gebiete des Handels berichtet das Blau- buch vom Juli 1897. „Die Deutschen bringen ihre Waren zum Käufer, während der britische Kaufmann darauf wartet, daß der Käufer zu ihm kommt." Die britischen Agenten und Reisenden leben auf zu großem Fuße. Der Engländer gestaltet die Verpackung vielfach zu schwer und solide, der Ausländer dagegen leicht und gefällig. Der Engländer vernachlässigt den von der Qualität unabhängigen »kimsk« insbesondere bei billigeren Gütern und geringeren Qualitäten. Er verlangt Zahlung und trägt der Kreditbedürftigkeit der überseeischen Kunden keine Rechnung. Er vernachlässigt die Reklame. Die englischen Waren sind oft zu gut und zu teuer. Der Engländer nötigt seinen Geschmack dem Markte auf; er liefert vielfach entweder so, wie er es für richtig hält, oder gar nicht. Auch eine gewisse Verknöcherung des Bankwesens wird beobachtet. 2. Der Unternehmungsgeist, das Interesse am Geschäft, die Arbeitslust verringern sich. Das alte du8iness-Ideal verschwindet und macht einer ganz neuen Orientierung des Lebens Platz. Die Freude am Luxus, an seigneurialer Lebensführung, vor allem am Sport, verbreitet sich immer mehr und lähmt die wirtschaftlichen Energien. „In den Kreisen der ^Vi. I. l?. L. Member8 oi tke iclle, rick clas8) spielt der deutsche Bücherwurm eine gleich jämmerliche Rolle wie der höchstens als Schwiegervater brauchbare amerikanische Dollarkönig: wie verschieden sie beide sonst sein mögen, sie gehören zu den Dummen, welche arbeiten. Von dieser dereinst feudalen Auffassung ist heute die bürgerliche Oberschicht des englischen Volkes durchseucht." „Bezeichnenderweise tragen die beliebtesten Zweige des nationalen Sports einen stark plutokratischen Zuschnitt. — Sie Elftes Kapitel: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern 19Z setzen ein Aristokratengeschlecht voraus, das von der Arbeit des Negers, Chinesen und Äindu, von den Zinsen und Grundrenten aus aller Äerren Länder lebt, und das den Boden des Mutterlandes nur noch als Luxusgegenstand wertet" 7. Die Vereinigten Staaten von Amerika Äber diese habe ich am wenigsten auszusagen (an dieser Stelle), obwohl sie die allergrößte Bedeutung für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes haben. Das wenige ist dieses: 1. Die Elemente des kapitalistischen Geistes finden sich in der amerikanischen Volksseele verbreitet, seitdem die Kolonien begründet werden, auch als diesem Geiste noch kein „Körper", das heißt keine kapitalistische Wirtschaftsverfassung entsprach. 2. In den Vereinigten Staaten vollzieht sich die Ambildung des frühkapitalistischen in den hochkapitalistischen Geist am frühesten und am gründlichsten: zahlreiche Zeugnisse bestätigen uns-°°), daß die Ideen des modernen Amerikanismus schon im Anfang des 19. Jahrhunderts in den Köpfen Wurzel geschlagen hatten und den Lebensstil zu bestimmen anfingen. Worin diese Besonderheit des hochkapitalistischen Geistes besteht, der zuerst in Amerika sich entfaltet, um dann zu einem allgemeinen Geiste unserer Epoche zu werden, versuche ich im 13. Kapitel darzutun. 3. Alles, was der kapitalistische Geist an Konsequenzen in sich trägt, ist heute am höchsten in den Vereinigten Staaten zur Entwicklung gelangt. Äier ist seine Stärke einstweilen auch noch nicht gebrochen. Äier ist einstweilen noch alles Sturm und Wirbel. Sombart, Der Bourgeois IZ 194 Vierter Abschnitt Der Bourgeois einst und jetzt Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils bisher haben wir die Elemente kennen gelernt, aus denen die Seele eines kapitalistischen Unternehmers zusammengesetzt ist, wenn sie der Vollendung zustrebt. Aus Erwerbstrieb und Unternehmungsgeist, aus Bürgerlichkeit und Rechenhaftigkeit baut sich die komplizierte Psyche eines Bourgeois auf, und diese Bestandteile können selbst wieder in zahlreichen Nuancen sich darstellen und in ganz verschiedenen Mischungsverhältnissen sich in ein und derselben Person vorfinden. Wir unterschieden deshalb schon verschiedene Typen kapitalistischer Unternehmer, die sich während der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft herausbilden. Wir stellten auch fest, daß sich in den verschiedenen Ländern die Entwicklung des kapitalistischen Geistes in den mannigfachsten Formen vollzieht. Wir stehen nun vor der Frage: ob es denn überhaupt einen kapitalistischen Geist, ob es den Bourgeois gibt. Das heißt also doch wohl, ob in den verschiedenen Typen, die wir uns zunächst weiter bestehend denken müssen, ob in den verschiedenen nationalen Gestaltungen gemeinsame Züge sich aufweisen lassen, aus denen wir uns das Bild eines Bourgeois zurechtlegen können. Diese Frage dürfen wir unbedingt bejahen, wenn wir eine Einschränkung machen: wenn wir die Epochen der kapitalistischen Entwicklung und in ihnen jeweils den einer bestimmten Epoche charakteristischen „Geist", den diese Epochen seinem Wesen nach angehörigen Unternehmer- oder Bourgeoistyp unterscheiden. Das heißt: wenn wir nicht einen Typ für alle Zeiten, sondern je einen besonderen für verschiedene Zeiten aufstellen. Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 195 Soviel ich nun sehe, tragen die kapitalistischen Unternehmer vom Beginn der kapitalistischen Entwicklung an bis etwa gegen Ende des 18, Jahrhunderts, das heißt während jener Epoche, die ich die frühkapitalistische genannt habe, bei allen Anter- schiedlichkeiten im einzelnen doch in vielen Beziehungen ein ein- heitliches Gepräge, das sie scharf abhebt von dem modernen Unternehmertyp. Dieses Bild von dem Bourgeois alten Stils will ich hier in den Amrissen zu zeichnen versuchen, ehe ich angebe, worin ich die dem letzten Jahrhundert eigentümlichen Züge des kapitalistischen Geistes erblicke. Kapitalistischer Unternehmer war dieser alte Bourgeois also auch: der Erwerb war sein Ziel, die Begründung von Anter- nehmungen sein Mittel; er spekulierte und kalkulierte; und schließlich nahmen auch die bürgerlichen Tugenden (freilich in einem sehr verschiedenen Grade I) von seinem Wesen Besitz. Was ihn aber sein eigentümliches (uns heute so fremd gewordenes) Gesicht gibt, war dieses — wenn man in einem Satze den „alten Stil" bezeichnen will —: daß in allem seinen Denken und Planen, in allem seinem Lassen und Tun das Wohl und Wehe des lebendigen Menschen die Bestimmung abgab. Noch hatte die vorkapitalistische Leitidee ihre Wirkung nicht eingebüßt: omnium rerum mensura nomo: das Maß aller Dinge blieb der Mensch. Genauer: blieb die natürliche, sinnvolle Auswirkung des Lebens. Noch schreitet selbst der Bourgeois auf seinen beiden Beinen breitspurig dahin, noch geht er nicht auf den Sünden. Freilich: von dem vorkapitalistischen Menschen, wie wir ihn noch in den ersten Anfängen des Kapitalismus antreffen, als die Genueser adligen „Kaufleute" sich Burgen bauten, oder als Sir Walter Raleigh das Goldland suchen ging: freilich von dem haben sich bis zu den Defoe und Benjamin Franklin nur Teile erhalten. Der natürliche Vollmensch mit seiner gesunden 1Z* 196 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Triebhaftigkeit hat schon viele Einbuße erlitten; hat sich in die Zwangsjacke der bürgerlichen Wohlanständigkeit gewöhnen; hat rechnen lernen müssen. Seine Klauen sind gestutzt; seine Raub- tierzähne abgefeilt; seine Äörner mit Lederpolstern versehen. Aber alle, die dem Kapitalismus dienen: der große Grundherr, wie der große Äberseekaufmann, der Bankier wie der Spekulant, der Manufakturer wie der Wollhändler: sie alle haben doch nicht aufgehört, ihre geschäftliche Tätigkeit den Anforderungen gesunder Menschlichkeit anzupassen; für sie alle ist das Geschäft nur Mittel zum Zweck des Lebens geblieben; für sie alle entscheiden ihre eigenen Lebensinteressen und die der andern Menschen, für die sie, mit denen sie tätig sind, über die Richtung und das Ausmaß ihres Wirkens. Daß sie so dachten, die Bourgeois alten Stils, bezeugt zunächst: 1. (und vor allem) ihre Auffassung vom Sinn des Reichtums; ihre innere Stellung zum eignen Erwerb. Der Reichtum wird geschätzt, ihn zu erwerben ist das heiß ersehnte Ziel, aber er soll nicht Selbstzweck sein; er soll nur dazu dienen, Lebenswerte zu schaffen oder zu erhalten. So klingt es uns aus den Schriften aller derer entgegen, die wir im Verlauf dieser Darstellung schon öfters als Gewährsmänner benutzt haben: von Alberti bis Defoe und Franklin sind alle Betrachtungen über den Reichtum auf denselben Ton abgestimmt. Wie wertvoll Reichtum ist, meint Alberti, das weiß nur der zu beurteilen, der einmal gezwungen ist, zu einem andern jenes „bittere und freien Geistern aufs tiefste verhaßte Wort zu sprechen: ich bitte dich""""). Der Reichtum soll uns frei und unabhängig machen, er soll dazu dienen, Freunde zu erwerben, uns angesehen und berühmt zu machen"^). Aber: „was man nicht nützt, ist eine schwere Last" 2°"). Es wird genügen, wenn ich diesen Äußerungen aus den Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 197 Kindheitsjahren des Kapitalismus einige gegenüberstelle aus der letzten Periode unsrer Epoche: man wird die Äbereinstimmung sofort erkennen. Benjamin Franklin und seine Verehrer lassen sich wie folgt vernehmen: „Der Mann, dem Gott Reichtum und eine Seele verliehen hat, ihn recht zu gebrauchen, hat daran eine besondere und vorzügliche Gnadenbezeugung erhalten." Folgen Anweisungen, den Reichtum gut anzuwenden^""). „Reichtum muß durch Fleiß und Geschicklichkeit beständig wuchern. Nie darf man ihn müßig liegen lassen; immer muß er das Vermögen seines Besitzers vermehren und Glück weit und breit verbreiten .... Die Nichtbenutzung des Reichtums widerstreitet ebensowohl seiner Bestimmung, als dies gegen die Pflicht der Menschheit verstößt .... Geld und Güter zu sammeln, ist verständig; aber sie zweck- mäßig zu gebrauchen, vernünftig. Nicht der Reichtum macht glücklich, sondern seine weise Anwendung, und was hülfe es dem Menschen, wenn er alle Güter dieser Welt gewönne und nicht — ein Biedermann (!) wäre"^")? „Reichtum gibt Ansehen, gewährt Zuversicht und schafft Mittel (!) zu mancherlei nützlichen und ehrenvollen Anter- nehmungen .... Der Reichtum verscheucht Sorgen, die Tag und Nacht an unserm Leben nagen. Äeiter sehen wir in die Zukunft, sobald wir ein gutes Gewissen dabei bewahren. Dieses muß die Grundlage jedes Erwerbes sein. Immer richtig zu handeln und das Gute zu tun aus Ehrfurcht gegen Gott und aus Achtung gegen die Menschheit, gibt Freudigkeit zu jedem Unternehmen. Gott stets vor Augen und im Äerzen zu haben, nebst verständiger Arbeit, ist der Anfang zur Kunst, reich zu werden; denn was hülse aller Gewinn, wenn 198 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt wir den scheuen müßten, der Äerr der Welten ist, und was nützte uns das Geld, wenn wir nicht heiter auf zum Äimmel blicken könnten" °"). Diese letzten Bemerkungen weisen schon auf eine andere Ansicht hin, die wir bei den Bourgeois alten Stils ebenfalls allgemein verbreitet finden, und die seiner Erwerbstätigkeit ebenfalls eine ganz bestimmte Färbung gibt: die Ansicht: nur auf anständige Weise -xinestsmente«, >none8tl^«, erworbener Reichtum mache froh"^). „Verkaufst du etwas um Gewinn, so höre das Lispeln des Gewissens und begnüge dich mit einem mäßigen Gewinste: und mache dir die Unwissenheit des Käufers nicht zunutze" ^). Man könnte nun vielleicht einwenden: solche weise Lehren seien leicht geäußert. Sie drückten vielleicht nur die Auffassung der Stunden ruhigen Besinnens aus, sie seien vielleicht nur die Stimme des Gewissens, die in der Ruhe der Studierstube vernommen, im Lärm des Tages aber überhört wurde. Sie hätten deshalb keine Beweiskraft. Einen solchen Einwand würde ich zu entkräften versuchen mit dem Hinweis auf die Tatsache, daß 2. ihre Stellung zum Geschäftsleben selber, ihr Benehmen als Geschäftsleute, die Art und Weise ihrer Geschäftsführung, daß das, was man ihren Geschäftsstil nennen könnte, durchaus von demselben Geist zeugen, aus dem jene Äußerungen über den Sinn des Erwerbes geboren sind. Das Tempo ihrer geschäftlichen Tätigkeit war noch ein ge- mächliches; ihr ganzes Gehaben ein geruhsames. Noch war kein Sturm in ihrem Tun. Wir sahen, wie Franklin darauf bedacht war, seine Zeit so nützlich wie möglich zu verwenden, wie er den Fleiß als oberste Tugend pries. And wie schaute sein Arbeitstag aus: sechs ganze Stunden sind dem Geschäft gewidmet; sieben Stunden Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 199 schlief er; die übrige Zeit beschäftigte er sich mit Beten, mit Lektüre, mit geselligen Zerstreuungen. And er war der Typus eines strebsamen, damals noch kleinen Unternehmers! Äier ist der überaus lehrreiche Plan seiner Tageseinteilung, den er im Anschluß an sein Tugendschema entworfen hatte: „Da die Vorschrift der Ordnung verlangte, daß jeder Teil meines Geschäfts seine zugewiesene Zeit habe, so enthielt eine Seite in meinem Büchlein folgenden Stundenplan für die Verwendung der vierundzwanzig Stunden eines natürlichen Tages: 5 Der Morgen: Frage: Was werde ich heute Gutes tun? 6 7 8 9 10 11 12 Steh auf, wasche dich, bete zum Allmächtigen! Richte dir das Geschäft des Tages ein und fasse deine Entschlüsse für denselben, setze das ;e- weilige Studium fort und frühstücke. Arbeite. ^x^« avi^^. / ^. Lies oder Nberlies deine Geschäftsbücher, iß Der Mittag: ^ ^ zu Mittag. Der Abend: Die Nacht: 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 2 3 4 Arbeite. Bring' alle Dinge wieder an ihre Stelle- Nimm das Abendbrot ein. Unterhalte dich mit Musik, Lesen, Gespräch und Zerstreuung. Prüfe den verlebten Tag. Schlafe. Die Bozener Großhändler sperrten den ganzen Sommer über ihre Geschäfte zu und lebten in der Sommerfrische in Ober-Bozen. 200 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt And wie man den Tag über, das Jahr über sich Muße ließ, so auch im Leben als Ganzes genommen. Es war wohl die allgemeine Gepflogenheit, daß Leute, die sich in Äandel und Produktion ein — bescheidenes — Vermögen erworben hatten, in noch guten Jahren sich zur Ruhe setzten und wenn irgendmöglich sich ein Landgut kauften, um auf ihm ihren Lebensnachmittag in beschaulicher Ruhe zu verbringen. Jacob Fugger, dessen Ausspruch: „er wollte gewinnen, dieweil er könnte", ich selbst einmal als typisch-charakteristisch für eine vollendete kapitalistische Wirtschaftsgcsinnung iwas er sicher auch ist) einer Darstellung der Genesis des modernen Kapitalismus als Motto vorgesetzt habe, ist seiner Zeit sicherlich weit vorausgeeilt. Wie ihn denn ja auch Anton Fugger als einen sonderbaren Kauz mit dieser Auffassung kennzeichnen will. Er war nicht „normal". Das waren vielmehr diejenigen, die im Rucksack ihrer Lebensanschauung von vornherein das Rentner- ideal mitgebracht hatten. Durch alle italienischen Kaufmannsbücher geht das Sehnen nach einem ruhigen Leben in der Villa, die deutsche Renaissance hat denselben Zug, die Geschäftsleute zu feudalisieren, und diesen Zug treffen wir unverändert an noch in den Gewohnheiten der englischen Kaufleute im 18. Jahrhundert. Das Rentnerideal erscheint uns also hier (wir werden sehen, daß es noch einen ganz anderen Sinn haben, daß es in einer ganz anderen Kausalreihe seinen Platz finden kann) als ein gemeinsames Merkmal frühkapitalistischer Wirtschaftsgesinnung. Wie durchaus es noch die englische Geschäftswelt in der ersten Äälfte des 18. Jahrhunderts beherrschte, dafür bringt uns wieder D efo e den Beweis bei durch seine Betrachtungen, mit denen er die offenbar allgemeine Gepflogenheit der englischen Kaufleute, sich beizeiten zurückzuziehen, begleitet (im Xl.1. Ln. der 3. Auflage des Lompl. tln^I. 1>2äesmgn). > Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 201 Er meint: wer sich 20000 F erworben habe, für den sei es wohl an der Zeit, das Geschäft aufzugeben. Mit diesem Gelde kann er sich schon ein ganz hübsches Gut kaufen, und damit tritt er in die Gentry ein. Er gibt diesem neugebackenen Gentleman nun folgende Lehren auf den Weg: 1. er soll sein haushälterisches Leben auch in Zukunft weiterführen: von den 1000 F Rente soll er höchstens 500 F verzehren und mit dem Ersparten seinen Besitz vergrößern; 2. er soll sich nicht in Spekulationen einlassen und nicht an Gründungen beteiligen: er hat sich doch zurückgezogen, um das zu genießen, was er erworben hat (retir'ä to enjo^ vvkst tke^ nsci Ac>t): warum es da in gewagten Anternehmungen wieder aufs Spiel setzen? Welcher andere Grund als reine Kabsucht kann solch einen Mann überhaupt veranlassen, sich in neue Abenteuer zu stürzen? So einer hat nichts anderes zu tun, als sich ruhig zu verhalten, nachdem er in solche Lebenslage gekommen ist (Sucn an c>ne . . nag notniriA to äo but tc> de quiet, vvnen ne is arriveci at tnis Situation in Iite). Vorher mußte er allerdings, um sein Vermögen zu erwerben, fleißig und tätig sein; jetzt hat er aber nichts zu tun, als den Entschluß zu fassen, faul und untätig zu sein (tc> cletermine to be indolent anci inactive). Staatsrenten und Landbesitz sind die einzig richtige Anlage für seine Ersparnisse. 5 Wenn diese Bourgeois alten Stils nun aber arbeiteten, so war die Geschäftsführung selbst derart, daß sich in einer gegebenen Zeit eine möglichst geringe Anzahl von Geschäftsakten abspielte. Der geringen extensiven Entwicklung der Geschäftstätigkeit entsprach eine ebenso geringe intensive Entwicklung. Bezeichnend für den Geist, in dem man Geschäfte betrieb, erscheint mir der Amstand, daß alle frühere Geschäfts- 202 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Weisheit darauf hinauslief, möglichst hohe Preise zu erzielen, damit man mit einem möglichst geringen Amsatz einen hohen Profit erreiche: kleiner Amsatz, großer Nutzen, ist das Geschäftsprinzip der Unternehmer von damals. Nicht nur etwa der kleinen, halb handwerksmäßigen Existenzen; nein selbst der ganz großen Erwerbsgesellschaften. Es war der Grundsatz beispielsweise der holländisch-ostindischen Kompagnie: „kleine Geschäfte mit großem Nutzen" zu treiben. Daher ihre Politik: die Gewürzbäume auszurotten; reichliche Ernten zu verbrennen usw. Dieses tat man auch deshalb, um den schädlichen Genuß der Kolonialwaren nicht den Armen zuteil werden zu lassen. Es war im wesentlichen ein Absatz an die Reichen, den man im Auge hatte, und der ist immer bequemer als ein Absatz an die große Masse 2"). Ein Spiegelbild dieser Auffassung war die Theorie der ökonomischen Schriftsteller, die (wie überall) während des ganzen 17. und 18. Jahrhunderts Verteidiger hoher Preise waren ^°). Nur ein äußerer Ausdruck dieser inneren Ruhe und Gemessenheit war das würdevolle Auftreten, war die etwas steife und pedantische Erscheinung des Bourgeois alten Stils. Wir können uns weder im langen Pelzmantel der Renaissancezeit noch in den Kniehosen und der Perücke der späteren Jahrhunderte einen hastigen Menschen recht vorstellen. And glaubwürdige Zeitgenossen schildern uns denn auch den Geschäftsmann als einen bedächtig dahinschreitenden Menschen, der niemals Eile hat, gerade weil er etwas tut. Messer Alberto, selbst ein sehr beschäftigter Mann, pflegte zu sagen: er habe noch nie einen fleißigen Menschen anders als langsam gehen sehen, erfahren wir aus dem Florenz des 15. Jahrhunderts^). And ein guter Gewährsmann berichtet uns über die Industriestadt Lyon im 18. Jahrhundert: „hier in Lyon geht man Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 203 ruhigen Schritts, weil (I) man beschäftigt ist, während man in Paris rennt, weil man müßig geht" 2"). Lebendig vor uns sehen wir die Großkaufleute Glasgows im 18. Jahrhundert, „wie sie in roten Röcken, mit dem Dreimaster und gepuderten Perücken auf und ab die Planistanes stapften, das einzige Stückchen Pflaster im damaligen Glasgow, das 3 oder 400 Meter Straße vor der Stadthalle bedeckte ^ würdevoll einer zum anderen sprechend, und hochmütig dem niederen Volke zunickend, das ihnen zu huldigen kam" °^). 3. Die Stellung zur Konkurrenz und zur Kundschaft entspricht der eigenen Geschäftsführung: man will doch vor allem seine Ruhe haben: dieses „statische Prinzip", das alles vorkapitalistische Wirtschaftsleben ausschließlich beherrscht hatte, nimmt doch auch im Gefüge des frühkapitalistischen Geistes noch immer eine bedeutende Stellung ein. Die „Kundschaft" gilt noch wie ein umfriedeter Bezirk, der dem einzelnen zugesprochen ist: wie das Territorium im überseeischen Lande, das der Handelsgesellschaft als abgegrenztes Gebiet zur alleinigen Ausbeutung überlassen ist. Gerade über diese Eigenart der frühkapitalistischen Wirtschaftsgesinnung habe ich mich unlängst in anderem Zusammenhange ausführlich ausgesprochen^") und ich kann mich deshalb hier mit wenigen Äindeutungen begnügen. Ich will nur auf einige wichtige Geschäftsgrundsätze und Geschäftsanschauungen verweisen, die sich aus dem Prinzip einer statisch gedachten Wirtschaftsgestaltung ergeben mußten und die den Ideenkreis des Bourgeois alten Stils in der Tat auch beherrscht haben. Auf das strengste verpönt war aller „Kundenfang": es galt als „unchristlich", als unsittlich, seinen Nachbarn die Käufer abspenstig zu machen. Anter den „Regeln der Kaufleute, die mit Waren handeln", befindet sich eine, die lautet: „Wende keinem seine Kunden oder Äandelsmann weder münd- noch 204 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt schriftlich ab; und tue einem andern auch nicht, was Du wilt, daß Dir nicht gesche." Diesen Grundsatz schärfen denn auch die Kaufmannsordnungen immer wieder von neuem ein: in der „Mayntzischen Policey Ordnung" (18. sc.) heißt es, „daß niemand den andern vom Kauff abtreiben oder mit höherem Bieten demselben eine Ware verteuern soll, bey Verlust der gekauften Ware; niemand (sollte) sich in des andern Handel eindringen oder seinen eigenen so stark führen, daß andere Bürger darüber zu Grunde gehen." Die sächsischen Kramer-Ordnungen von 1672, 1682, 1692 bestimmen in Art. 18: „Soll kein Cramer dem andern seine Kaufleute von seinen Buden oder Cram Laden abruffen noch mit Wincken oder andern Geberden und Zeichen vom Kauf abhalten weniger die Kaufleute für eines andern Buden oder Gewölben mahnen, ob sie ihm gleich mit Schulden verhafftet seyn"^°). Ganz folgerichtig waren dann aber auch alle Praktiken im einzelnen verpönt, die darauf hinausliefen, seine Kundschaft zu vergrößern. Bis ins 19. Jahrhundert hinein besteht bei vornehmen Häusern eine Abneigung selbst gegen einfache Geschäftsanzeigen: so sind wir beispielsweise gerade von den Neuyorker Firmen unterrichtet, daß sie diese Abneigung noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts hegten^'). Als durchaus verwerflich galt aber noch lange Zeit, während welcher die Geschäftsanzeige schon bestand, die Geschäftsreklame, das heißt die Anpreisung, der Hinweis auf besondere Vorzüge, die ein Geschäft etwa vor anderen aufzuweisen sich anmaßte. Als den höchsten Grad kaufmännischer Ananständig- keit aber betrachtete man die Ankündigung: daß man billigere Preise nehme als die Konkurrenz. Das „Unterbieten", das „unäei-8eIIiiiA" galt in jeder Gestalt als unschicklich: „Seinem Neben-Bürger zu Schaden Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 205 zu verkauften, und allzusehr zu schleudern, bringt keinen Segen." Als eine geradezu schmutzige Praktik aber galt der öffentliche Hinweis darauf. In der fünften Auflage des Lomplete LnAligli l'rademan (1745) findet sich eine Anmerkung der Herausgeber folgenden Inhalts: „Seit unser Autor schrieb (Defoe starb 1731), ist die Llnsitte des Anterbietens so schäm- los entwickelt (tni8 unciergellinA praLtice is Zrown to sucn a snameiul neiANt), daß gewisse Leute öffentlich bekanntmachen: daß sie ihre Waren billiger als die übrige Kaufmannschaft abgeben (tNÄl psrticuwr pergons publicl Aävertise Inat tne^ unäersell tke rest ok tne traäe). Ein besonders wertvolles Dokument besitzen wir für Frank- reich, sogar aus der zweiten Äälfte des 18. Jahrhunderts, woraus mit aller Deutlichkeit hervorgeht, wie unerhört die Preisunterbietung und deren öffentliche Bekanntmachung damals selbst in Paris noch waren. Es heißt darin (einer Ordonnanz des Jahres 1761), daß derartige Manipulationen nur als die letzte Verzweiflungstat eines unsoliden Geschäftsmannes angesehen werden müssen. Die Ordonnanz verbietet auf das strengste allen en Aro8- und en Detail-Kaufleuten in Paris und seinen Vororten, „daß einer hinter dem andern herlaufe", um ihren Waren Absatz zu verschaffen; insbesondere aber Zettel zu verteilen, um darauf auf ihre Waren hinzuweisen. Aber auch andere Weisen, sich auf Kosten anderer Wirtschaften zu bereichern, die Kreise anderer Wirtschaftssubjekte zu stören, um sich einen Vorteil zu verschaffen, galten als verwerflich. Der Verfasser des „Vollkommenen englischen Kaufmanns" stellt über die Anzweckmäßigkeit und Anstatthaftigkeit solchen Niederkonkurrierens folgende Betrachtungen an, die überaus lehrreich sind für die Erkenntnis damaliger Wirtschaftsgrundsätze und uns wiederum einen deutlichen Beweis 206 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt dafür erbringen, daß alles noch in statischen, und wenn man will, traditionalistischen Anschauungen befangen war. Wir müssen immer bedenken, daß der Verfasser des berühmten Kaufmannsbuches ein durchaus fortgeschrittener Geschäftsmann war und sonst in durchaus kapitalistischem Geiste dachte. Der Fall, den er uns vorführt, ist folgender ^) - am Absatz des Wiltshirer Tuches an den Ladenbesitzer in Northampton sind folgende Personen beteiligt: 1. der Kärrner, der die Tuche von Warminster nach London führt; 2. Mr. A., der Kommissionär oder Faktor, der die Tuche in Blackwell-Äall feilbietet; 3. Mr. B., der V^oolen-äraper, der Grossist, der sie an Mr. C., den Ladenbesitzer in Northampton verkauft; 4. der Northamptoner Fuhrmann, der sie nach Northampton bringt. Nun ist da ein Mr. F. G-, ein anderer Detaillist in Northampton, ein reicher Mann (an over-^rown tracZesman), der mehr Geld als seine Nachbarn hat und infolgedessen keinen Kredit in Anspruch zu nehmen braucht. Dieser findet aus, wo die Tuche gemacht werden, und knüpft nun mit dem Warminsterer Tuchfabrikanten direkte Beziehungen an. Er kauft die Ware beim Produzenten und läßt sie auf eigenen Saumtieren direkt nach Northampton schaffen. And weil er vielleicht bar bezahlt, gibt ihm der Tuchfabrikant die Tuche einen Penny pro Elle billiger, als er sie dem Londoner Grossisten verkauft hatte. Was wird nun die Folge dieses Vorgehens sein? Der reiche Tuchhändler in Northampton wird folgende Vorteile haben: 1. spart er an Transportkosten. Allerdings wird er für den Transport von Warminster nach Northampton etwas mehr be- Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 207 zahlen müssen, weil der Weg weiter als nach London ist und abseits von der gewöhnlichen Route liegt; aber da er vielleicht drei bis vier Saumlasten auf einmal bezieht, wird er diesen Verlust wieder einbringen. Wenn er dann noch die Pferde mit Wolle belädt, die er dem Warminsterer Tuchfabrikanten liefert, so kostet ihm der Transport der Tuche gar nichts. Er bekommt also die Tuche 2/6 billiger in seinen Laden herein als sein Nachbar; und indem er sie um diesen Preis billiger an D- E. Esq. und die andere Kundschaft verkauft, zieht er diese sämtlich von seinem ärmeren Konkurrenten ab, der nur noch an solche Kunden verkaufen kann, die vielleicht bei ihm in der Kreide stehen und deshalb bei ihm kaufen müssen, weil sie sein Geld brauchen. Aber das ist noch nicht alles: dieses Mr.s F. G. von Northampton wegen, der nun direkt vom Produzenten kauft, werden der Fuhrmann von Warminster, der Fuhrmann von Northampton und Mr. A., der Blackwell-Äall-Faktor, ganz ausgeschaltet; und Mr. B., der Tuchgrossist, der eine große Familie hat, eine hohe Miete bezahlt, wird ruiniert, weil er den Zwischenhandel verliert. Auf diese Weise ist der Kanal des Äandels abgelenkt; der Strom ist abgeschnitten, und alle Familien, die früher von dem Handel lebten, sind brotlos geworden und irren in der Welt herum, um ihren Unterhalt anderswo zu suchen und ihn vielleicht überhaupt nicht zu finden. And was ist der Gewinn, der bei diesem ganzen Beraubungssysteme herausspringt? Ausschließlich dieser: einen habsüchtigen (covetous) Mann reich zu machen; und ^- daß der Äerr D. E. von Northamplonshire den Stoff für seine Anzüge um so und so viel die Elle billiger einkauft: ein ganz belangloser Vorteil für ihn, den er gar nicht übermäßig hoch bewertet, und der sicher in keinem Verhältnis zu den Wunden steht, die der Handel empfangen hat. 208 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Das heißt, schließt unser Gewährsmann seine Darstellung, die Warenzirkulation unterbinden; daß heißt Handel treiben mit wenig Händen (tnig is manaZinA ti-ade witn a ievv nancls) und wenn eine derartige Praxis, wie sie allem Anschein nach sich einzubürgern begonnen hat, allgemein wird, so wird eine Million Menschen in England, die jetzt ihr gutes Auskommen im Handel findet, beschäftigungslos werden und ihre Familien werden mit der Zeit betteln gehen müssen. Diese Sähe, scheint mir, sprechen Bände. Wie völlig unverständlich müssen diese Gedankengänge einem modernen Geschäftsmann vorkommen I Äber dem Produzenten und Händler wurde nun aber auch der Konsument nicht vergessen. Ja in gewissem Sinne blieb dieser die Hauptperson, da ja noch die Anschauung nicht ganz aus der Welt verschwunden war: daß Gütererzeugung und Güterhandel am Ende für den Güterverzehr, um diesen gut zu gestalten, da seien. Die naturale Orientierung, wie man es nennen könnte, waltete auch hier noch ob: Gebrauchsgüterbeschaffung ist noch immer Zweck aller wirtschaftlichen Tätigkeit, noch ist nicht die reine Warenproduktion deren Inhalt geworden. Daher denn vor allem während der ganzen frühkapitalistischen Epoche immer noch das Bestreben deutlich zutage tritt: gute Waren herzustellen; Waren, die das sind, was sie scheinen: also auch echte Waren. Von diesem Bestreben sind alle die unzähligen Neglementationen der Warenerzeugung getragen, die gerade das 17. und 18. Jahrhundert wie keine Zeit zuvor ausfüllen. Nur daß der Staat jetzt die Kontrolle in die Hand nahm und an seinen Amtsstellen die Waren der obrigkeitlichen Schau unterwarf. Diese staatliche Fürsorge für ordentliche Ware, könnte man nun freilich sagen, sei gerade ein Beweis dafür, daß die Wirt- Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 209 schaftsgesinnung der Zeit nicht mehr auf Herstellung guter Gebrauchsgüter gerichtet gewesen sei. Der Einwand wäre aber unberechtigt. Die staatliche Kontrolle sollte doch nur die Ver- gehen einzelner weniger, gewissenloser Produzenten unmöglich machen. Im allgemeinen war noch die Absicht vorhanden, gute und echte Waren zu liefern; die Absicht, die allein echten Handwerk eigen ist, und die auch die frühkapitalistische Industrie zum Teil übernommen hatte. Wie langsam sich der rein-kapitalistische Grundsatz durch- setzte: daß allein der Tauschwert der Waren für den Anter- nehmer entschied, daß also das kapitalistische Interesse indifferent gegenüber der Gebrauchsgütereigenschaft sei, vermögen wir bei-- spielsweise aus den Meinungskämpfen zu ersehen, die in England noch während des 18. Jahrhunderts deswegen ausgefochten wurden. Offenbar stand Ios. Child, wie in so vielen Dingen, im Gegensatz zu der großen Mehrzahl seiner Zeitgenossen und wohl auch seiner Berufsgenossen, wenn er dafür eintrat, daß es der Einsicht des Anternehmers zu überlassen sei, welcher Art Waren und von welcher Güte er sie auf den Markt bringen wolle. Wie seltsam mutet es uns heute an, wenn Child noch sür das Recht des Fabrikanten auf Schundwarenproduktion kämpft! „Wenn wir", ruft er aus"^), „den Weltmarkt erobern wollen, müssen wir es den Holländern nachahmen, die die schlechteste Ware ebenso wie die beste produzieren, damit wir in den Stand gesetzt werden, alle Märkte und alle Geschmäcker zufrieden zu stellen." Endlich scheint mir bezeichnend für den Geist, der den Bourgeois alten Stil beseelte, 4. seine Stellung zur Technik. Auch hier kehrt derselbe Gedanke wie überall wieder: Fortschritte in der Technik sind nur wünschenswert, wenn sie kein Menschenglück zerstören. Die paar Pfennige, die sie das Produkt vielleicht verbilligen, Sombart, Der Bourgeois 14 210 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt sind die Tränen nicht wert, die sie etwa den Familien durch sie arbeitslos gewordener Arbeiter verursachen. Also auch hier steht im Mittelpunkt des Interesses der Mensch, der dieses Mal sogar „nur" der Lohnarbeiter ist. Aber auch an diesen dachte man früher, wenn auch vielleicht aus selbstsüchtigen Gründen. Wir haben eine Menge von Zeugnissen, aus dem mit voller Deutlichkeit hervorgeht, daß man namentlich gegen die Ein- führung „arbeitsparender" Maschinen eine große Abneigung hatte. Ich führe ein paar besonders lehrreiche Fälle an, in denen diese Abneigung zutage tritt. Im zweiten Jahr der Elisabeth (von England) unterbreitet ein venezianischer „Erfinder" (eine jener typischen Erscheinungen, die wir bereits kennen gelernt haben) dem Vorstand der Tuchmacher-- zunft (in der aber schon damals im wesentlichen kapitalistische Verleger saßen) eine arbeitsparende Maschine zum Walken breiter Tuche. Nach reiflicher Überlegung kommt der Vorstand zu einem ablehnenden Bescheide: die Maschine würde zahlreiche Arbeiter brotlos machen^!. Bis 1684 war in Frankreich der Strumpfwirkerstuhl verboten (auch in bereits kapitalistisch organisierten Gewerben), vorwiegend, weil man fürchtete, er könne den armen Leuten den Verdienst schmälern^). Selbst ein berufsmäßiger Projektenmacher und „Erfinder", wie Ioh, Ioach. Becher meint"^): „Wiewohlich nicht raten will instrumenia zu erfinden, um die Menschen zu ersparen, oder ihnen ihre Nahrung zu verkürzen, so will ich doch nicht abraten, ingtrumenta zu practiciren, welche vorteilhaft und nützlich seyn — zumahlen an solchen Örtern, wo viel Arbeit ist und wo man des Äandwerks-Volck nicht wohl haben kann." Colbert erblickt in dem Erfinder arbeitsparender Maschinen einen „Feind der Arbeit"; Friedrich M. erklärt: „sodann ist es auch gar nicht meine Intention, daß die Spinnmaschine Zwölftes Kapitel: Der Bourgeois alten Stils 211 allgemein werde. ... Es würde sonst eine sehr große Menge Menschen, die bisher vom Spinnen sich ernährt haben, außer Brot gesetzt werden; das kann unmöglich angehen" 22°"). Daß ein Mann von so vornehmer Gesinnung und so feinem Geschmack wie Montesquieu gegen allen technischen Fortschritt eingenommen war er hielt den Gebrauch der Maschinen, selbst den der Wassermühlen nicht ohne weiteres für einen Segen! 2^) —, wird uns nicht in Erstaunen versetzen. Aber selbst ein so waschechter Lu8mess-msn wie Post- lethwayt spricht sich doch noch sehr zurückhaltend gegenüber neuen Erfindungen aus^«). Arbeitsparende Maschinen seien in Staaten ohne auswärtigen Äandel auf alle Fälle verderblich; selbst Äandelsstaaten dürften nur bestimmte Maschinen zulassen nnd sollten alle verbieten, die Güter für den Inlands- konsum erzeugten: „was wir an Schnelligkeit in der Ausführung gewinnen, verlieren wir an Kraft" lvvnat vve Agin in expecii- tion, vve lose in stren^tn). Bald ist es, sehen wir, die uralte Idee der Nahrung, bald ist es der Traditionalismus, bald sind es ethische Bedenken: immer aber ist es irgend etwas, das die freie Entfaltung des Erwerbstriebes, des Anternehmungsgeistes und des ökonomischen Rationalismus hemmt. Das sollte sich nun ändern ungefähr mit dem Eintritt ins 19- Jahrhundert; langsam und allmählich zunächst, dann rasch und plötzlich. Diese Wandlungen des kapitalistischen Geistes in unsrer Zeit wollen wir im nächsten Kapitel verfolgen. 14* 212 Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch Ä5as hat sich in der Wirtschaftsgesinnung während des letzten Jahrhunderts verändert? Was kennzeichnet den kapitalistischen Geist unserer Tage, der der hochkapitalistische ist und unterscheidet ihn von dem, den wir im Bourgeois alten Stils lebendig fanden? Ehe ich auf diese Frage eine Antwort zu geben versuche, wollen wir uns gegenwärtig halten, daß auch heute noch es keineswegs nur einen Anternehmertyp gibt, daß vielmehr heute noch wie in der Periode des Frühkapitalismus ein sehr verschiedener Geist je in verschiedenen kapitalistischen Anternehmern herrscht, daß wir also erst einmal die großen Gruppen von Anternehmern unterscheiden müssen, die je einen besonderen Typus darstellen. Als solche treten uns zunächst die alten Bekannten entgegen, denen wir schon in den früheren Zeiten des Kapitalismus begegneten: da ist auch heute noch der Freibeuter, der Grundherr, der Bureaukrat, der Spekulant, der Kaufmann, der Manufakturer, wie uns der Augenschein leicht überzeugen kann Wenn wir uns das Wirken eines Cecil Rhodes vor Augen halten: werden wir nicht unwillkürlich an die Genueser Kaufherren auf ihren Türmen, noch mehr vielleicht an Sir Walter Naleigh, an Francis Drake erinnert? Cecil Rhodes ist eine ausgesprochene Räubernatur: ein Entdecker, ein Eroberer, ein Äberwinder ganz großen Stils, der freilich neben dem Säbel, der haut, und der Flinte, die schießt, noch die Waffen der modernen Börsenspekulation für seine Unternehmungen ins Feld führt: halb Politiker, halb kapitalistischer Anternehmer, mehr Unterhändler als Händler, der keine andere Macht anerkennt als die brutale Gewalt. Seltsam, in ihm irgendwelchen puri- Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 213 tanischen Geist verkörpert zu sehen. Wenn wir ihn schon mit früheren Geschlechtern vergleichen wollen, dann müssen wir ihn den Renaissancemenschen zurechnen. Welche andere Welt als die des Cecil Rhodes tst die, in der etwa ein Mann wie der Freiherr von Stumm oder ein schlesischer Montanmagnat lebt. Da atmen wir noch die Luft der alten Grundherrschaften. Abhängigkeitsverhältnisse, hierarchische Gliederung des Personals, etwas schwerfälliges Geschäfts- gebaren: das sind einige der Züge im Bilde solcher Unternehmungen, deren Leiter uns an die alten grundherrlich kapitalistischen Anternehmer erinnern. And treffen wir nicht zahlreiche Unternehmer an, die uns eher wie Bureaukraten wie als Kaufleute oder Händler anmuten? Korrekt in ihrem Handeln, peinlich in ihrer Ordnung, wohl abgemessen in ihren Entschlüssen, mit starker Begabung für das Organisatorische, ohne starke draufgängerische Neigungen, vortreffliche Verwaltungsbeamte, die heute Oberbürgermeister einer Großstadt sind und morgen einer großen Bank vorstehen, die heute noch ein Ressort in einem Ministerium unter sich haben und morgen die Leitung eines Syndikats übernehmen. Von den Direktoren staatlicher und städtischer Werke und halböffentlicher Anternehmungen gar nicht zu reden, die doch in unserer Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnen. And wie grundverschieden von allen den genannten Typen wiederum ist der Spekulant unserer Tage, der kaum in irgendeinem wesentlichen Punkte von dem Projektenmacher des 18. Jahrhunderts sich unterscheidet. So ging unlängst von einem französischen Spekulanten folgende Nachricht durch die Blätter: „Der Millionenschwindler Rochette ist kaum dreißig Jahre alt. Er war zuerst Pikkolo in einem Bahnhofsrestaurant, dann Kellner in einem Kaffeehaus zu Melun. Er kam dann nach Paris, lernte Buchhaltung und trat bei dem Finanzschwindler 214 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Berger ein. Als Berger bankbrüchig wurde, übernahm Rochette seine Geschäfte mit 5000 Franken, der Mitgift einer Maschinen- schreiberin, die er heiratete. Hierauf begann er zu gründen und gründete in kaum vier Iahren dreizehn Aktiengesellschaften. Zuerst den Credit Minier mit 500000 Franken, dann die Laviana-Kohlengruben mit 2 Millionen, die Liat-Kohlen- gruben mit ebenso viel, die Banque Francs Esvagnole mit 20 Millionen, das Syndikat Minier mit 10 Millionen, die Llnion Franco Belge mit 2'/s Millionen, das Finanz-Tageblatt Le Financier mit 2 Millionen, eine Reihe Kupfer- und Zinn- Minengesellschaften, eine Island- und Marokko-Fischerei, eine Glühstrumpfgesellschaft mit 4^2 und Äella-Feuerbüsche mit 15 Millionen Franken. Im ganzen gab er rund 60 Millionen Anteilscheine aus, die er zuletzt auf etwa 200 Millionen Kurswert trieb und die jetzt etwa 20 Millionen wert sein mögen. Er hatte 57 Zweiganstalten in der französischen Provinz. An den verschiedenen Banken und Gründungen Rochettes sind nicht weniger als 40000 Personen beteiligt, und fast ebenso groß ist auch die Zahl der Opfer, deren Verluste insgesamt wahrscheinlich 150 Millionen übersteigen. Daß Rochette so lange und so intensiv sein unehrliches Äandwerk treiben konnte, wird auf seine Geschicklichkeit zurückgeführt, sich mit respektabeln Persönlichkeiten zu umgeben. — Von der Geschicklichkeit Rochettes, seinen Opfern Sand in die Augen zu streuen, spricht die Gründung einer großen Fabrik zur Ausbeutung eines Patentes auf ein neues Glühlicht. Am die Aktien dieser jüngsten Gründung riß man sich förmlich in Paris, und man bewunderte die große Fabrik, die mehreren tausend Arbeitern Brot geben sollte, und deren Schornstein Tag und Nacht ununterbrochen dichte Rauchwolken ausstieß — zur großen Genugtuung der Aktionäre. In Wirklichkeit aber wurde in der Fabrik keine Äand gerührt mit Ausnahme der Äeizer, welche Dampf machten!" Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 21Z Mutet uns das nicht gerade an, als ob wir einen Bericht aus dem England der 1720er Jahre lesen? Daneben waltet der tüchtige Kaufmann, der sein Glück macht durch einen sicheren Blick für die Konjunktur oder auch nur durch gutes Rechnen und geschickte Vertragsabschlüsse mit seinen Lieferanten, seinen Kunden und seinen Arbeitern. Was hat ein Berliner Konfektionär mit Cecil Rhodes, was hat der Leiter eines großen Warenhauses mit den Spekulanten in Goldminen zu tun? Was sie alle mit dem Manufakturer, der heute noch wie vor 100 und 200 Iahren seine kleine Fabrik in Brad- ford oder Sedan, in Forst oder Spremberg leitet? Sie alle, die alten Freunde, sind noch da und scheinbar in unveränderter Gestalt. And damit das Bild, das das moderne Unternehmertum darstellt, gar bunt ausschaue, haben sich in unserer Zeit noch einige neue Typen dazugefunden. Ich denke dabei nicht einmal in erster Linie an Mc. Allan, den Äeld in Keller manns Roman „Der Tunnel". Obwohl wir hier in der Tat einen ganz neuen Unternehmertyp vor uns sehen: eine Kreuzung von Spekulanten und Techniker. Eine seltsame Mischung von Eroberer und Träumer; einen Mann, der nichts von Geldgeschäften versteht, der nur erfüllt ist von einer fixen technischen Idee, der aber gleichwohl ein Riesenunternehmen leitet und die Milliarden Amerikas und Europas kommandiert. Ich sage: ich denke nicht einmal an diesen Unternehmertyp, weil ich, offen gestanden, nicht weiß, ob er existiert. Möglich wäre es, daß es ihn gäbe. Die Zeichnung, die Kellermann von diesem Mc. Allan entwirft, ist so lebendig, daß man glaubt, ihn vor sich zu sehen. Ich persönlich kenne keinen solchen Typ. Ich will aber gern glauben, daß es bloß an meiner mangelhaften Erfahrung liegt, und somit könnten wir den Typ Mc- Allan als neuen (siebenten) Typ des modernen Anternehmers aufmarschieren lassen. 216 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Eine Erscheinung aber, die immer häufiger wird, je mehr sich unsere Anternehmungen ausbreiten, die am häufigsten in den Vereinigten Staaten beobachtet wird, ist das, was man den Großunternehmer nennen könnte, da das Wort Äberunternehmer doch zu garstig klingt. Großunternehmer sind Männer, die verschiedene der sonst getrennten Anternehmertypen in sich vereinigen: die Freibeuter und gerissener Kalkulator, Feudalherr und Spekulant in einem sind, wie wir es an den amerikanischen Trustmagnaten großen Stils wahrnehmen können. Ebenfalls eine Erscheinung unserer Zeit ist der Kollektiv- Unternehmer : das ist ein Kollegium kapitalistischer Unternehmer, die unter dem Titel von Generaldirektoren an der Spitze von Niesenunternehmungen stehen, von denen jeder eine oder einzelne besondere Funktionen ausübt, und die in ihrer Gesamtheit erst den Ganz- oder Großunternehmer darstellen. Man denke an Organisationen, wie sie unsere großen Elektrizitätsunternehmungen, uusere Montanwerke, unsere Kanonenfabriken besitzen. Also bunt genug ist das Bild, das das moderne Unternehmertum in seinen verschiedenen Typen darstellt. Gleichwohl wird man auch für unsere Zeit ebenso wie für die gute alte Zeit gemeinsame Züge in all diesen verschiedenen Vertretern der modernen Wirtschaftsmenschen aufweisen können und wird von einem Geiste einheitlichen Gepräges sprechen dürfen, der sie alle beherrscht. Natürlich in sehr verschiedenem Grade, mit sehr unterschiedlichen Nuancen, der aber doch ebensosehr als hochkapitalistischer Geist wird gelten dürfen, wie wir in unseren früheren Betrachtungen einen besonderen Geist der frühkapitalistischen Epoche gefunden hatten. Wie schaut nun dieser hochkapitalistische Geist aus? Welche gemeinsamen Züge beobachten wir in dem Seelengefüge des modernen Wirtschaftsmenschen? Ich denke, vor allem müssen wir Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschastsmensch 2l7 1. nach dem Ideal Ausschau halten, nach den zentralen Lebenswerten, nach denen sich der moderne Wirtschastsmensch orientiert. And da stoßen wir denn alsbald auf eine seltsame Verschiebung in der Stellung des Menschen zu den im engeren Sinne persönlichen Werten: eine Verschiebung, die mir für die gesamte übrige Lebensgestaltung von entscheidender Bedeutung geworden zu sein scheint. Ich meine die Tatsache, daß der lebendige Mensch mit seinem Wohl und Wehe, mit seinen Bedürfnissen und Anforderungen aus dem Mittelpunkte des Interessenkreises herausgedrängt worden ist, und daß seine Stelle ein paar Abstrakt« eingenommen haben: der Erwerb und das Geschäft. Der Mensch hat also, was er bis zum Schlüsse der frühkapitalistischen Epoche geblieben war, aufgehört, das Maß aller Dinge zu sein. Das Streben der Wirtschaftssubjekte ist vielmehr auf möglichst hohen Erwerb und möglichste Blüte des Geschäfts gerichtet: zwei Dinge, die im engsten unlöslichen Zusammenhange miteinander stehen, wie wir gleich sehen werden- And zwar ist ihre Beziehung zueinander diese: daß die Anter- nehmer die Geschäftsblüte anstreben wollen und den Erwerb betreiben müssen (auch wenn sie ihn gar nicht mit Bewußtsein als Ziel sich vorgesetzt haben). Was überall als das lebendige Interesse des Anternehmens durchscheint, ist gewiß nicht immer — und sicher nicht bei den führenden Persönlichkeiten, die den Typus bestimmen - das Gewinnstreben. Ich glaube, Walther Nathenau hat durchaus recht, wenn er einmal sagt: „Ich habe noch niemals einen Geschäftsmann gekannt, dem das Verdienen die Hauptsache seines Berufes war, und ich möchte behaupten, daß, wer am persönlichen Geldgewinn hängt, ein großer Geschäftsmann überhaupt nicht sein kann" ^"). Was jedem Anternehmer vielmehr immer am nächsten am Herzen liegt, das ist etwas anderes; das, was ihn ganz erfüllt, ist das Interesse an seinem Geschäft. Das 218 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt hatWaltherNathenau wieder in klassischer Form wie folgt ausgesprochen: „Das Objekt, auf das der Geschäftsmann seine Arbeit und seine Sorgen, seinen Stolz und seine Wünsche häuft, ist sein Unternehmen; es heiße, wie es wolle: Handelsgeschäft, Fabrik, Bank, Reederei, Theater, Eisenbahn. Dies Unternehmen steht ihm gegenüber wie ein körperlich lebendiges Wesen, das durch seine Buchführung, Organisation und Firmen ein unabhängiges wirtschaftliches Dasein führt. Der Geschäfts-- mann kennt kein anderes Trachten, als daß dieses Geschäft zu einem blühenden, starken und zukunftsreichen Organismus erwachse . . .""'">> Dasselbe sagen fast mit den gleichen Worten alle Unternehmer unserer Tage, wo sie sich über den „Sinn" ihrer Tätigkeit geäußert haben. Nun müssen wir uns klar sein, daß die Blüte eines „Geschäfts", das heißt also einer kapitalistischen Anternehmung, die immer mit einer Geldsumme anfängt und immer mit einer Geldsumme endigt, gebunden ist an die Erwerbung eines Überschusses. Geschäftlicher Erfolg kann offenbar nur Äberschußwirtschaft bedeuten. Ohne Profit keine Geschäftsblüte. Eine Fabrik mag die kostbarsten oder die wohlfeilsten Produkte herstellen; die Qualität ihrer Produkte mag ihr einen Weltruf verschafft haben: arbeitet sie dauernd mit Anterbilanz, so ist sie im kapitalistischen Sinn ein mißglücktes Unternehmen. Wenn dieses Geschöpf — auf dessen Gedeihen der Anternehmer sein ganzes Sinnen und Trachten richtet —, wenn die kapitalistische Unternehmung wachsen und blühen soll, muß sie Profit abwerfen: Prosperieren heißt rentieren""). Das ist es, was ich meinte, wenn ich vorhin sagte: der Unternehmer will die Blüte seines Geschäfts, und er muß den Erwerb wollen. Mit dieser Zielsetzung — das ist die Pointe — ist der End- Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 219 Punkt des Strebens eines Unternehmers in die Unendlichkeit gerückt. Für den Erwerb ebensowenig wie für die Blüte eines Geschäfts gibt es irgendwelche natürliche Begrenzung, wie sie etwa durch den „standesgemäßen" Unterhalt einer Person aller früheren Wirtschaft gegeben war. An keinem noch so fernen Punkte kann der Gesamtgewinn so hoch steigen, daß man sagen könnte: es ist genug. And wenn an irgendeinem Punkte der Entwicklung die Ausdehnung eines Geschäfts nicht mehr zur Steigerung seiner Prosperität beitrüge, so sorgt die Allseitigkeit des modernen Unternehmertums dafür, daß sich an das eine Geschäft ein zweites und drittes anreiht. Daher wir nicht nur ein Streben nach Expansion des einen Geschäfts, sondern ein ebenso starkes Streben nach Neubegründung anderer Geschäfte in unserer Zeit als Drang, der dem auf der Äöhe stehenden Unternehmer inne- wohnt, wahrnehmen können. Immer stoßen wir auf eine Art von psyckischem Zwang, wenn wir das Streben des modernen Unternehmertums analysieren. Oft will er nicht weiter auf der Bahn; aber er muß wollen. Das bezeugen zahlreiche Aussprüche bedeutender Persönlichkeiten. „Immer hoffen wir," sagt Carnegie einmal, „daß wir uns nicht noch weiter auszudehnen brauchen, stets aber finden wir wieder, daß ein Aufschub weiterer Ausdehnung einen Rückschritt bedeuten würde" Als Rockefeller gefragt wurde, was ihn zu seinen Trustunternehmungen veranlaßt habe, antwortete er: der erste Grund zu der Gründung war der Wunsch, unser Können und unser Kapital zu vereinigen, um ein Geschäft von einiger Größe und Bedeutung an die Stelle vieler kleinen zu setzen (to carr^ on s busmess c>i some mAAnitucie ancl importance in place of tne 8M3II dusiness tnat eacn 8eparately naci tneretokore carrieä on). „Als einige Zeit vergangen war (fährt er fort) und die Möglichkeiten des Geschäfts zutage traten, fanden wir, 2M Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt daß mehr Kapital nötig war, fanden auch die nötigen Menschen und die bedurften Kapitalsummen und gründeten die Zwnäai-cj 0il Lompan> mit einem Kapital von 1000000 K. Später fanden wir aus, daß noch mehr Kapital gewinnbringend angelegt werden könne .... und erhöhten unser Kapital auf 3500000 S. Als das Geschäft sich ausdehnte .... wurde mehr Kapital hineingesteckt: das Ziel blieb immer dasselbe: unser Geschäft zu erweitern, indem wir die besten und billigsten Produkte lieferten (tl?e object beinA alvva^s tne ssme to extenci our busmess b> fournisliino tke best anci cneapest pro6ucts)" 222). Das Monomanische tritt in dieser Zeugenaussage Nockefellers prachtvoll deutlich in die Erscheinung': Kapital wird auf Kapital getürmt, weil (I) das Geschäft wächst. „Ausdehnung des Geschäfts" ist der leitende Gesichtspunkt. Billigkeit und Güte der Produktion Mittel zu diesem Zwecke. And noch die Äußerung eines Deutschen (Dr. Strousbergs): „Ein Keil treibt aber in der Regel den andern, und so brachte der große Eisenbahnbau, wie ich ihn betrieb, weitere Anforderungen mit sich. Diese zu befriedigen, erweiterte ich meinen Wirkungskreis, entfernte mich immer mehr von meinem ursprünglichen Plan, und dies gewährte mir so viel Aussicht, daß ich mich nun ganz meinen Geschäften hingab"^). Den meisten Unternehmern kommt etwas anderes als dieses (für den außenstehenden Betrachter völlig sinnlose) Streben nach Expansion wohl gar nicht zum Bewußtsein. Fragt man sie: wozu denn all dieses Gestrebe eigentlich dienen solle, so schauen sie einen erstaunt an und antworten ein wenig gereizt: das verstehe sich doch von selbst, das erheische doch das Gedeihen des Wirtschaftslebens, das erfordere doch der wirtschaftliche Fortschritt. Forscht man nach, was sich hinter diesen meist ganz allgemein gehaltenen und ziemlich stereotypen Wendungen wohl Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirrschastsmensch 221 für eine Ideenassoziation verbergen möge, so findet man, daß sie mit „wirtschaftlichem Aufschwung" oder „Fortschritt" die Ausweitung dessen meinen, was man den wirtschaftlichen Apparat nennen könnte, also gleichsam die Gesamtheit oder den Inbegriff des Inhalts aller Anternehmungstätigkeit: Steigerung der Produktion — Lieferung immer größerer Mengen von Gütern zu den billigsten Preisen — riesige Absatzziffern ^ riesige Verkehrsziffern — raschesten Güter-, Personen- und Nachrichtentransport. Für den unbeteiligten Beobachter ist die erteilte Antwort nicht weniger sinnlos als das Anendlichkeitsstreben selbst, das er vorher beobachtet hatte, und nach dessen Vernunftsgründen er gefragt hatte. Begnügt man sich also bei dieser Antwort auch noch nicht, weil man das Bedürfnis fühlt, der Sinnlosigkeit doch einen irgendwelchen Sinn unterzulegen, ist man der Meinung, daß schließlich doch irgend etwas wie ein Lebenswert die Grundlage aller dieser Strebungen bilden müsse (wenn er auch den beteiligten Menschen selber nicht zum Bewußtsein kommt, wenn er nur etwa in der Tiefe ihrer Seele wie ein Instinkt schlummert), da doch sonst ganze Generationen nicht geisteskranker, sondern sehr geistesstarker Menschen nicht von dem gleichen Dränge erfüllt sein könnten, fängt man an, auf eigene Faust die Psyche des modernen Wirtschaftsmenschen zu analysieren, so stößt man bei seinen Nachforschungen auf — das Kind. In der Tat scheint mir die Seelenstruktur des modernen Unternehmers, wie des von seinem Geiste immer mehr angesteckten modernen Menschen überhaupt am ehesten uns verständlich zu werden, wenn man sich in die Vorstellungs- und Wertewelt des Kindes versetzt und sich zum Bewußtsein bringt, daß in unseren überlebensgroß erscheinenden Unternehmern und allen echt modernen Menschen die Triebkräfte ihres Handelns dieselben sind wie beim Kind. Die letzten Wertungen dieser 222 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Menschen bedeuten eine ungeheure Reduktion aller seelischen Prozesse auf ihre allereinfachsten Elemente, stellen sich als eine voll- ständige Simplifizierung der seelischen Vorgänge dar, sind also eine Art von Nückfall in die einfachen Zustände der Kinderseele. Ich will diese Ansicht begründen. Das Kind hat vier elementare Wertekomplexe, vier „Ideale" beherrschen sein Leben: !. das sinnliche Große: im erwachsenen Menschen und darüber hinaus im Riesen verkörpert; 2. die rasche Bewegung: im raschen Laufen, im Treiben des Kreisels, im Drehen auf dem Karussell verwirklicht sich ihm dieses Ideal; 3. das Neue: es wirft das Spielzeug weg, um ein anderes zu ergreifen, es fängt ein Werk an, um es unvollendet zu lassen, weil eine andere Beschäftigung es anzieht; 4. das Machtgefühl: es reißt der Fliege die Beine aus, zwingt den Äund zum Schönmachen und Apportieren (immer wieder), läßt den Drachen in die Lust steigen Diese — und wenn wir genau nachprüfen nur diese Ideale des Kindes stecken nun aber in allen spezifisch modernen Wertvorstellungen. Also: 1. die Quantitätsbewertung. Im Mittelpunkt alles Interesses steht heute, darüber wird kein Zweifel aufkommen können, die Bewunderung jeder meß- oder wägbaren Größe. Es herrscht allgemein, wie ein urteilsvoller Engländer (Bryce) es ausgedrückt hat: »a tenäenc> to mi8w!r Zrestness« i „die Tendenz äußere und innere Größe zu verwechseln", wie wir übersetzen müssen, da die deutsche Sprache leider kein einziges Wort je für »biZness« und »^realness« besitzt. Worin sich die Größe darstellt, ist einerlei: es kann die Einwohnerzahl einer Stadt oder eines Landes, die Äöhe eines Dreizehntes Kapitel: Der moderne WirtschaftSmensch 223 Monumentes, die Breite eines Flusses, die Häufigkeit der Selbstmorde, die Menge der mit der Eisenbahn beförderten Personen, die Größe eines Schiffes, die Zahl der in einer Symphonie mitwirkenden Menschen oder sonst irgend etwas sein. Am liebsten freilich bewundert man die Größe einer Geldsumme. Im Geldausdruck hat man zudem den wunderbar bequemen Weg gefunden, fast alle an und für sich nicht meß- oder wägbaren Werte in Quantitäten zu verwandeln und sie damit in den Amkreis der Größenbeurteilung einzufügen. Wertvoll ist nunmehr das, was viel kostet. And man kann nun sagen: dieses Bild, dieser Schmuck ist doppelt so wertvoll wie der andere. In Amerika, wo wir natürlich diesen „modernen" Geist immer am besten studieren können, weil er hier seine einstweilen höchste Entwicklungsstufe erreicht hat, macht man kurzen Prozeß und setzt einfach den Kostenpreis vor den zu bewertenden Gegenstand, den man damit ohne weiteres in eine meß- und wägbare Größe verwandelt. „Äaben Sie den 50 VW Dollar-Nembrand im Äause des Äerrn T. schon gesehen?" — die oft gehörte Frage. „Äeute früh ist die 500000 Dollar-Jacht Carnegies im Kafen von so und so eingelaufen" (Zeitungsnotiz). Wer sich gewöhnt hat, nur die Quantität einer Erscheinung zu werten, wird geneigt sein, zwei Erscheinungen miteinander zu vergleichen, um sie aneinander zu messen und der größeren den höheren Wert beizumessen. Wenn die eine von zwei Erscheinungen in einem bestimmten Zeitablauf zur größeren wird, so nennen wir das Erfolg haben. Der Sinn für das meßbar Große hat also als notwendige Begleiterscheinung die Äoch- wertung des Erfolges. Auch der moderne Geschäftsmann wird nur nach seinem Erfolge bewertet. Erfolg haben, heißt aber immer, andern vorauskommen, mehr werden, mehr leisten, mehr haben wie andere: „größer" sein. Im Streben nach 224 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Erfolg liegt also dasselbe Anendlichkeitsmoment eingeschlossen wie im Erwerbsstreben: beide ergänzen einander. Am welche eigentümlichen Seelenvorgänge es sich bei derartigen Wertverschiebungen, wie sie unsere Zeit vornimmt, handelt, zeigt vielleicht am deutlichsten die Stellung, die der moderne Mensch dem Sport gegenüber einnimmt. An ihm interessiert ihn im wesentlichen nur noch die Frage: wer wird in einem Wettkampf Sieger sein, wer vollbringt die meßbar höchste Leistung? Eine reine Quantitätsbeziehung zwischen zwei Leistungen stellt die Wette her. Kann man sich denken, daß in einer griechischen Palästra gewettet wurde? Oder wäre dies auch nur denkbar bei einem spanischen Stiergefecht? Gewiß nicht. Weil hier wie dort die höchstpersönliche Betätigung einzelner Individuen künstlerisch — das heißt eben rein qualitativ, so daß eine Abschätzung nach Quantitäten nicht möglich ist — gewertet wird und wurde. 2. Die Schnelligkeit irgendeines Geschehnisses, einer Vornahme interessiert den modernen Menschen fast ebenso wie die Massenhaftigkeit. Im Automobil mit „100 Kilometer Geschwindigkeit" fahren: das schwebt recht eigentlich unserer Zeit als ein höchstes Ideal vor Augen. And wer sich nicht selbst im Fluge vorwärts bewegen kann, der erfreut sich an den Ziffern, die er über irgendwelche irgendwo erreichte Schnelligkeiten liest: daß der Schnellzug zwischen Berlin und Hamburg wieder um zehn Minuten seine Fahrtzeit abgekürzt hat, daß der neueste Riesendampfer drei Stunden früher in Neuyork angekommen ist; daß man jetzt die Briefe schon um ^2 8 statt um 8 bekommt; daß eine Zeitung eine (vielleicht falsche) Kriegsnachricht schon am Nachmittag um 5 bringen konnte, während die Konkurrentin erst um 6 damit herauskam: all das interessiert die merkwürdigen Menschen unserer Tage, all dem legen sie eine große Bedeutung bei. Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 225 Sie haben auch einen eigentümlichen Begriff geschaffen, um die jeweils schnellsten Leistungen als höchste Werte ihrem Gemüte wie ihrem Gedächtnis einzuprägen, einen Begriff, der auch bei der Vergleichung der Quantitäten Anwendung findet und dem erst eine volle Wirklichkeit entspricht, wenn Größe und Schnelligkeit sich in einer Leistung verbinden: den Begriff des Rekords. Aller Größenwahn und aller Schnelligkeits- wahn unserer Zeit findet seinen Ausdruck in diesem Begriffe des Rekords. And ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daß ein Geschichtsschreiber, der die Gegenwart, in der wir heute leben, in ein paar hundert Iahren schildern soll, diesen Abschnitt seiner Darstellung überschreibt: „Das Zeitalter des Rekords". 3. Das Neue reizt die Menschen unserer Zeit, weil es neu ist. Am stärksten: wenn es „noch nicht dagewesen" ist. Wir nennen den Eindruck, den die Mitteilung des Neuen, am liebsten: des „noch nicht Dagewesenen", auf die Menschen macht: Sensation. Annötig, Belege für die Tatsache anzuführen, daß unsere Zeit im höchsten Maße „sensationslüstern" ist. Die moderne Zeitung ist ja ein einziger großer Beweis dafür. Die Art unserer Vergnügungen (Wechsel der Tänze in jedem Winter!), die Moden (Durchjagung aller Stilarten in zehn Iahren!), die Freude an neuen Erfindungen (Luftschiffe!): alles und jedes spricht für dieses starke Interesse am Neuen, das in den modernen Menschen lebt und sie immer wieder Neues erstreben und aufsuchen läßt. 4. Der Machtkitzel, den ich als viertes Wahrzeichen modernen Geistes bezeichnen möchte, ist die Freude daran, uns anderen überlegen zeigen zu können. Er ist im letzten Grunde ein Eingeständnis der Schwäche; weshalb ja auch, wie wir sahen, er einen wichtigen Bestandteil der kindlichen Wertewelt bildet. Ein Mensch mit wahrer innerer und natürlicher Größe wird niemals der äußeren Macht einen besonders hohen Wert Soinbart, Der Bourgeois 15 226 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt beimessen. Für Siegfried hat die Macht keinen Reiz, wohl aber für Mime. Bismarck hat sicher niemals sich viel um die Macht gekümmert, die er selbstverständlich ausübte, wohl aber hat Lassalle kein stärkeres Sehnen erfüllt, als das Streben nach Macht. Ein König hat die Macht, deshalb ist sie für ihn kein großer Wert: ein kleiner Händler von der polnischen Grenze, der einen König, weil dieser Geld von ihm braucht, antichambrieren läßt, sonnt sich in seiner Macht, weil sie ihm innerlich fehlt. Ein Anternehmer, der über 10000 Menschen kommandiert und sich dieser Macht freut, gleicht dem Knaben, der seinen Äund immerfort zum Apportieren zwingt. And wenn nun weder das Geld noch sonst ein äußeres Zwangsmittel uns eine unmittelbare Macht über Menschen verleiht, so begnügen wir uns mit dem stolzen Bewußtsein, die Elemente bezwungen zu haben. Daher die kindliche Freude unserer Zeit an neuen „epochemachenden" „Erfindungen", daher die merkwürdige Begeisterung beispielsweise für die „Beherrschung der Lust" durch die Flugtechnik. Einem Menschen, dem es „eingeboren. Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt. Wenn über uns im blauen Raum verloren Ihr schmetternd Lied die Lerche singt ..." — dem wird es keinen übermäßig großen Eindruck machen, wenn nun Benzinmotoren in der Luft herum knattern. Ein wirklich großes Geschlecht, das mit den tiefen Problemen der Menschenseele ringt, wird nicht sich groß fühlen, weil ihm ein paar technische Erfindungen geglückt sind. Es wird diese Art von äußerlicher Macht gering schätzen. Ansere Zeit aber, der alle wahre Größe abgeht, ergötzt sich wie das Kind gerade an dieser Macht und überwertet diejenigen, die sie besitzen. Weshalb die Erfinder und die Millionäre heute am höchsten im Ansehen der Masse stehen. Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 227 Möglich, daß all diese Ideale dem Unternehmer deutlicher oder verschwommener vor Augen schweben, der sein Werk vollbringen will. Sie alle verkörpern sich aber sür ihn doch, gewinnen greifbare Gestalt für ihn doch nur in dem nächsten Ziele, auf dessen Erreichung sein Streben gerichtet ist: der Größe und Blüte seines Geschäftes, die ja immer die notwendige Voraussetzung für ihn bildete, um irgendeines jener allgemeinen Ideale zu verwirklichen. Das Erwerbsstreben und das Geschäftsinteresse sind es also, die seiner Tätigkeit als Unternehmer Richtung und Maß geben. Welcher Art wird unter dem Einfluß dieser Mächte die Tätigkeit des modernen Anternehmers sich gestalten? 2. Die Tätigkeit. Der Art nach ist die Tätigkeit des modernen kapitalistischen Anternehmers in ihren Grundbestandteilen dieselbe wie früher: er muß erobern, organisieren, verhandeln, spekulieren und kalkulieren. Aber es lassen sich doch in dem Artcharakter seiner Tätigkeit Veränderungen nachweisen, die von einer Verschiebung des Anteils der verschiedenen Einzelbetätigungen an der Gesamttätigkeit herrühren. Offenbar gewinnt in unserer Zeit immer mehr an Bedeutung in dem Gesamtwirken des Unternehmers die Funktion des „Händlers" — wenn wir das Wort wie oben im Sinne von VerHändler gebrauchen. Immer mehr hängen die Geschäftserfolge ab von der starken suggestiven Kraft und Geschicklichkeit, mit der die mannigfachen Verträge abgeschlossen werden. Die Knoten müssen immer mehr gelöst und können nicht mehr so oft wie früher durchhauen werden. Sodann wird immer wichtiger für den Unternehmer die geschickte Spekulation; worunter ich hier die Vornahme von Börsentransaktionen verstehe. Die moderne Unternehmung wird immer mehr in den Börsennexus hineingezogen. Trustbildung 15» 228 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt beispielsweise in den Vereinigten Staaten heißt im Grunde nichts anderes, als die Verwandlung von Produktions- und Handelsgeschäften in Börsengeschäfte, womit also auch für den Leiter eines Produktions- oder Warenhandels-Unternehmens ganz neue Aufgaben erwachsen, deren Bewältigung auch neue Formen der Betätigung erheischt. Die Kalkulation wird immer mehr verfeinert und sowohl durch ihre Vervollkommnung als auch durch ihre Ausweitung immer schwieriger. Endlich gestaltet sich die Tätigkeit des modernen Unternehmers, solange noch nicht jene Funktionsteilung, von der oben die Rede war, eingetreten ist, immer vielseitiger, in dem Maße namentlich, wie die aus allen Zweigen des Wirtschaftslebens „kombinierte" Unternehmung sich ausdehnt. Aber das entscheidend Neue in dem Wirken des modernen Wirtschaftsmenschen ist doch die Veränderung, die das Ausmaß seiner Tätigkeit erfahren hat. Weil jede natürliche Begrenzung des Strebens weggefallen ist, weil nicht mehr die Anforderungen des lebendigen Menschen, nicht mehr die Menge der zu verarbeitenden Güter dem Tun des Unternehmers Schranken setzen, so ist dieses „maßlos", „grenzenlos" geworden. >Ic>n sunt certi cienique tmes. Das bedeutet positiv, daß die Energieausgabe des modernen Wirtschaftsmenschen extensiv wie intensiv bis an die Grenze des Menschenmöglichen gesteigert wird. Alle Zeit des Tages, des Jahres, des Lebens wird der Arbeit gewidmet. And während dieser Zeit werden alle Kräfte bis zum äußersten angespannt. Vor den Augen jedermanns steht ja das Bild dieser bis zum Wahnsinn arbeitenden Menschen. Es ist ein allgemeines Kennzeichen dieser Menschen, sie mögen Unternehmer oder Arbeiter sein, daß sie beständig vor Äber- anstrengung zusammenzubrechen drohen. And immer sind sie in Aufregung und Äast. Tempo, Tempo I Das ist das Losungs- Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wtrtschaftsmensch 229 wort unserer Zeit geworden. Das bis zur Raserei gesteigerte Vorwärtsgehen und Stürmen ist ihre Eigenart; man weiß es ja. Man weiß auch, wie dieses Äbermaß von geschäftlicher Tätigkeit die Körper zermürbt, die Seelen verdorren macht. Alle Lebenswerte sind dem Moloch der Arbeit geopfert, alle Regungen des Geistes und des Äerzens dem einen Interesse: dem Geschäft zum Opfer gebracht. Das hat wiederum in geschickter Weise uns Kellermann in seinem Tunnel-Buch geschildert, wenn er von seinem Kelden, der eine kraftstrotzende Vollnatur gewesen war, am Schlüsse sagt: „Schöpfer des Tunnels war er zu seinem Sklaven geworden. Sein Gehirn kannte keine andere Ideenassoziation mehr als Maschinen, Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter und Pferdestärken. Fast alle menschlichen Empfindungen waren in ihm abgestumpft. Nur einen Freund hatte er noch, das war Lloyd. Die beiden verbrachten häufig die Abende zusammen. Da saßen sie in ihren Sesseln und —schwiegen." Besonders deutlich tritt diese Zerrüttung des Seelenlebens im modernen Wirtschaftsmenschen zutage, wo es sich um den Kern des natürlichen Lebens: um die Beziehung zu den Frauen handelt. Zu einem intensiven Erfülltsein mit zarten Liebesgefühlen fehlt diesen Männern ebenso die Zeit, wie zu einem galanten Liebesspiel, und die Fähigkeit der großen Liebesleidenschaft besitzen sie nicht. Die beiden Formen, die ihr Liebesleben annimmt, sind entweder die völlige Apathie oder der kurze äußerliche Sinnenrausch. Entweder sie kümmern sich um Frauen überhaupt nicht, oder sie begnügen sich mit den äußeren Liebesgenüssen, die die käufliche Liebe zu bieten vermag. (Wie weit bei diesem eigentümlichen und ganz typischen Verhältnis des Wirtschaftsmenschen zu den Frauen eine natürliche Veranlagung mitspielt, werden wir in einem anderen Zusammenhange zu prüfen haben.) 230 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt 3. Die Geschäftsgrundsätze haben naturgemäß, entsprechend den Verschiebungen, die das Ziel der Wirtschaft erfahren hat, ebenfalls eine Wandlung durchgemacht. Keute steht das wirtschaftliche Verhalten des modernen Unternehmers vornehmlich unter folgenden Regeln: a) Die gesamte Tätigkeit untersteht einer höchstmöglichen, einer tunlichst absolutenNationalität- Diese Rationalität ist von jeher ein Bestandteil des kapitalistischen Geistes gewesen, wie wir im Verlaufe dieser Untersuchungen festgestellt haben. Sie hat sich von jeher geäußert in der Planmäßigkeit, Zweckmäßigkeit und Rechnungsmäßigkeit der Wirtschaftsführung. Aber was den modern-kapitalistischen Geist von dem frühkapitalistischen in dieser Hinsicht unterscheidet, ist die strikte, folgerichtige, unbedingte Durchführung der rationellen Geschäftsgrundsätze auf allen Gebieten. Die letzten Spuren von Traditionalismus sind ausgetilgt. Den modernen Wirtschaftsmenschen «wie er immer im amerikanischen Unternehmer am reinsten in die Erscheinung tritt) erfüllt der Wille zur schlechthin rationellen Wirtschaftsgestaltung, und er besitzt auch die Entschlossenheit, diesen Willen durchzuführen; also jede vollkommenste Methode, sei es der kaufmännischen Organisation, sei es des Rechnungswesens, sei es der Produktionstechnik, weil sie die rationellste ist, anzuwenden, was natürlich auf der anderen Seite bedeutet, daß er unbekümmert um irgendwelche Schwierigkeiten die alte Methode aufgibt in dem Augenblick, in dem er eine bessere in Erfahrung gebracht hat. b) Auf reine Tausch güterproduktion ist die Wirtschaft ausgerichtet. Da die Äöhe des erzielten Gewinnes das einzig vernünftige Ziel der kapitalistischen Unternehmung ist, so entscheidet über die Richtung der Gütererzeugung nicht die Art und Güte der hergestellten Produkte, sondern allein ihre Absatzfähigkeit. Was den größten Erlös erzielt, ist selbstverständlich Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschastsmensch 231 gleichgültig. Daher die Indifferenz des modernen Unternehmens sowohl gegen die Produktion von Schundwaren als gegen die Fabrikation von Surrogaten. Wenn mit schlechten Stiefeln mehr Profit erzielt wird als mit guten, so hieße es sich gegen den heiligen Geist des Kapitalismus versündigen, wenn man gute Stiefeln anfertigen wollte. Daß heute in manchen Produktionszweigen (chemische Industrie!) eine Bewegung eingesetzt hat, die auf eine „Äebung der Qualität" abzielt, beweist ebensowenig etwas gegen die Richtigkeit des eben geäußerten Gedankens, wie etwa das Bemühen der Warenhausbesitzer, durch Prämienverteilung an die Angestellten den Verkauf der teuereren Artikel zu befördern. Es beweist vielmehr nur, daß in solchen Fällen das kapitalistische (Profit-) Interesse in der Richtung der Qualitätsproduktion oder des Absatzes wertvollerer Gegenstände sich zu bewegen angefangen hat. In dem Augenblicke, in dem ein Unternehmer einsehen würde, daß ihm die Begünstigung der qualitativ höher stehenden Waren Schaden brächte, würde er natürlich sofort die minder gute Ware wieder herstellen oder vertreiben. Was ja im Grunde selbstverständlich erscheint, sobald man mit den Augen des kapitalistischen Unternehmers die Welt anzusehen sich bequemt. Da die Größe des Absatzes über die Äöhe des Profits entscheidet, da aber, wie wir sehen, es dem Erwerbsstreben eigentümlich ist, die Möglichkeiten der Profiterzielung so sehr wie irgend tunlich auszuweiten, so ist also das Sinnen und Trachten des modernen Unternehmers notwendig auf die unausgesetzte Vergrößerung des Absatzes gerichtet, die auch noch deshalb ihm am Äerzen liegt, weil sie ihm mannigfache Vorteile im Konkurrenzkampfe gewährt. Dieses krampfhafte Streben nach Erweiterung des Absatzgebietes und Vermehrung der Absatzmengen (das als die stärkste Triebkraft im modernkapitalistischen Mechanismus erscheint) zeitigt dann eine Reihe 2Z2 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt von Geschäftsgrundsätzen, die alle den einen Zweck haben, das Publikum zum Kaufen zu veranlassen. Ich nenne die wichtigsten: c) Der Kunde wird aufgesucht und angegriffen, wie man es nennen könnte: ein Grundsatz, der aller modernen Geschäftsführung ebenso selbstverständlich eigen ist, wie er aller früheren, auch noch der frühkapitalistischen, wie wir sahen, fremd war. Der Zweck, den man verfolgt, ist: 1. die Aufmerksamkeit; 2. die Kauflust der Kunden zu erregen. Das erste geschieht dadurch, daß man ihnen möglichst laut in die Ohren schreit oder mit möglichst grellen Farben in die Augen sticht. Das andere sucht man dadurch zu erreichen, daß man ihnen die Äber- zeugung, die abzusetzende Ware sei außerordentlich gut oder außerordentlich preiswert, zu suggerieren trachtet. Annötig zu sagen, daß das Mittel zur Erreichung dieses Zweckes die Reklame ist. Annötig auch zu sagen, daß die rücksichtslose Verfolgung dieses Zweckes alle Gefühle für Schicklichkeit, Geschmack, Anstand und Würde zerstören muß. Daß die moderne Reklame in ihren letzten Konsequenzen ästhetisch abstoßend, sittlich schamlos ist, ist heute eine zu selbstverständliche Tatsache, als daß sie noch eines Wortes der Begründung bedürfte. Äier ist auch gewiß nicht der Ort, über Wert oder Anwert der Reklame zu verhandeln. Vielmehr galt es nur, sie als einen charakteristischen Zug in dem Gesamtbild der modernen Wirtschaftsführung aufzuweisen. ä) Die größtmögliche Verbilligung der Produktion und des Absatzes wird erstrebt, um durch wirkliche Vorteile das Publikum anzulocken. Dieses Streben führt zu zahlreichen, unserem Wirtschaftsleben eigentümlichen Einrichtungen und Gepflogenheiten, die hier aufzuzählen ebenfalls nicht der Ort ist, da es sich für uns ja nur darum handelt, die Grundsätze der Wirtschaftsführung zu ermitteln. Wir sahen, wie alle Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 233 frühkapitalistische Wirtschaftsgesinnung den billigen Preisen abhold war, wie in ihr die Maxime galt: an wenigen Geschäften viel zu verdienen. Dem gegenüber ist heute das Ziel: an vielen Geschäften wenig zu verdienen, was sich in dem Leitsatze ausspricht, der das heutige Wirtschaftsleben in allen seinen Zweigen beherrscht: großer Amsatz — kleiner Nutzen. e) Ellbogenfreiheit wird gefordert, um die dem Erwerbsstreben gesteckten Ziele ungehindert erreichen zu können. In dieser Ellbogenfreiheit steckt erstens die formelle Freiheit, tun und lassen zu können, was man im Geschäftsinteresse für not- wendig erachtet. Man wünschte keine Beschränkung durch das Recht oder die Sitte; man wünschte keine Amfriedung anderer Wirtschaftssubjekte, sondern will das Recht haben, jeden anderen niederkonkurrieren zu können, wenn das eigene Bedürfnis es erheischt (dafür verzichtet man auf den eigenen Schutz); man wünscht nicht, daß der Staat oder etwa eine Vertreterschaft der Arbeiter seine Hand bei der Gestaltung der Arbeitsverträge im Spiele habe. Alle „Gebundenheit" der früheren Zeit wird verabscheut. Die freie Betätigung der eigenen Kraft soll allein über den wirtschaftlichen Erfolg entscheiden. Zweitens steckt (materiell) in der Forderung der Ellbogenfreiheit die Idee eines völlig rücksichtslosen Erwerbes. Mit ihrer Herrschaft wird der Primat des Erwerbswertes über alle anderen Werte anerkannt. Bindungen irgendwelcher Art, Bedenken irgendwelcher Art: sittliche, ästhetische, gemütliche gibt es nicht mehr. Wir sagen dann: der Handelnde verfährt „skrupellos" in der Wahl seiner Mittel. Was rücksichtsloser Erwerb ist, lehrt uns heute am besten das Vorgehen der großen amerikanischen Trusts. In letzter Zeit haben uns die Schilderungen der Machenschaften der American l'obacco Lompsn^ wieder einmal die in Deutschland und überhaupt in Europa noch nicht so allgemein an- 234 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt gewandte Geschäftspraxis skrupelloser Anternehmer besonders lebendig vor Augen gestellt. Wir erfuhren da, was es heißt, keine Rücksichten mehr zu nehmen und keinen Weg unbegangen zu lassen, der zum Ziele zu führen verspricht. Am Absatzgebiete zu erwerben, verschleuderte der Trust seine Erzeugnisse. An Zwischenhändler gab er die größten Rabatte. Bekannte angesehene Marken wurden nachgeahmt und minderwertiges Fabrikat in dem trügerischen Gewände verkauft. Etwaige Prozesse konnte der Trust infolge seines finanziellen Übergewichts so lange verschleppen, bis inzwischen der Gegner zugrunde gerichtet war. Auch den Kleinbetrieb brachte der Trust an sich, indem er einfach an geeigneten Punkten Konkurrenzgeschäfte errichtete, die so lange „schleuderten", bis der altangestammte Laden zusperren mußte. Der Trust monopolisierte schließlich auch den Einkauf der Rohprodukte, und aus diesem Anlaß ist es dann zu dem Kampfe mit den Tabakpflanzern in Kentucky gekommen. Als 1911 gegen den Tabaktrust nach dem Scherman-Gesetze vorgegangen wurde, erklärte der das Arteil verkündende Richter: „Die ganze Kampagne des Trusts gegen die Anabhängigen wurde mit staunenswerter Schlauheit, Vorsicht und Raffinement ausgedacht, sowie durchgeführt. Im Felde der Konkurrenz wurde jedes menschliche Wesen, das infolge seiner Tatkraft oder semer Fähigkeiten dem Truste Angelegenheiten hätte bereiten können, unbarmherzig beiseite geschoben." Der vollendete Typus eines skrupellosen „smarten" Geschäftsmannes war der vor einigen Jahren verstorbene Edward Ä. Äarriman, über dessen Wirksamkeit sich ein Nachruf wie folgt verbreitete^): „Das Geheimnis (seines) Sieges bestand in der völligen Loslösung von moralischen Skrupeln. Äätte Äarriman sich nicht von allen sittlichen Bedenken frei gemacht, so würde er gleich über die ersten Stufen seiner Ent- Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 235 Wicklung zum Großspekulanten gestolpert sein. Er begann damit, daß er dem Mann, der ihm die Pforten zum Paradies der Eisenbahnen geöffnet hatte, das Genick umdrehte; und die zweite Etappe der ruhmvollen Laufbahn wurde durch eine brutale Kampagne gegen Morgan eingeleitet. Der hat dann allerdings die Fähigkeiten seines Gegners für sich selbst nutzbringend angelegt. Die Auseinandersetzung mit Äill stand auch nicht im Zeichen der Rücksichtnahme. And der Anschluß an die Standard- Oil-Gruppen vollzog sich gleichfalls durch einen Gewaltakt. Aber Dinge, die ein strenger Sittenrichter in das Schuldenkonto Äarrimans einträgt, gehören zum eisernen Besitz der amerikanischen Spekulation. Mit der hat man wie mit einer gegebenen Größe zu rechnen: das Wesen solcher Faktoren erschöpft sich aber darin, daß sie unveränderlich sind. Äarrimans Geschäfte mit der New-Aork Life Insurance und der National City Bank; die Ausschüttung hoher Dividenden, die erst durch Ausgabe von Schuldverschreibungen hervorgebracht wurden; kunstvolle Praktiken in den Büchern: das sind Dinge, vor denen den strengen Moralisten ein Grausen überkommt. Der amerikanische Spekulant gleitet rasch über derartige Erscheinungen hinweg; und der Gesetzgeber muß sich damit begnügen, den guten Willen zur Abhilfe zu zeigen." Von den großen Siegern auf der Rennbahn des modernen Kapitalismus gilt wohl durchgehends, was man unlängst noch von Rockefeller sagte, daß sie „mit einer fast naiven Rücksichtslosigkeit sich über jedes moralische Hemmnis hinwegzusetzen gewußt" haben. John Rockefeller selbst, dessen Memoiren ein köstlicher Spiegel dieser fast kindlich-naiven Auffassung sind, soll sein Credo einmal in die Worte zusammengefaßt haben: er sei bereit, einem Stellvertreter eine Million Dollar Gehalt zu zahlen: der aber müsse (natürlich neben mancher positiven Begabung) vor allem „nicht die geringsten Skrupel" haben 2Z6 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt und bereit sein, „rücksichtslos Tausende von Opfern hinsterben zu lassen". Ein Mann, der sich selbst für einen sehr „rückständigen" Unternehmer in dieser Äinsicht hielt, weil er „zu gutmütig" sei, „zu viele Bedenken" habe, Werner Siemens, ermahnt einmal seinen Bruder Karl zur „smarten" Geschäftsführung mit folgenden Worten: „Sei nur immer streng und rücksichtslos- Das ist in einem so großen Geschäft nötig. Fängst du erst einmal an, auf Privatverhältnisse Rücksicht zu nehmen, so kommst du in ein Labyrinth von Ansprüchen und Jntrigen hinein". (Brief vom 31. März 1856.) 4. Die bürgerlichen Tugenden. Was ist aus ihnen geworden, die wir als so wesentliche Bestandteile beim Aufbau des kapitalistischen Geistes erkannt hatten? Äaben Fleiß, Sparsamkeit, Ehrbarkeit, Inäusti^,fi-UAaIit>, nonest/ noch heute eine irgendwelche Bedeutung für die Gesinnungsbildung des kapitalistischen Anternehmers? Die Frage ist nicht ohne weiteres zu bejahen, aber ebensowenig auch zu verneinen. Weil nämlich die Stellung, die heute diese Tugenden" im Ganzen des wirtschaftlichen Gefüges einnehmen, eine grundsätzlich andere ist, als sie in der frühkapitalistischen Epoche war. Jene Begriffe haben freilich aufgehört, wesentliche und notwendige Tugenden des kapitalistischen Anternehmers zusein; aber darum haben sie keineswegs ihre Bedeutung für die Gestaltung der Wirtschaftsführung verloren. Sie sind nur aus der Sphäre persönlicher Willensbetätigung herausgetreten und sind zu Sachbestandteilen des Geschäftsmechanismus geworden. Sie haben aufgehört, Eigenschaften lebendiger Menschen zu sein und sind statt dessen zu objektiven Prinzipien der Wirtschaftsführung geworden. Das klingt sonderbar und bedarf einer Erklärung. Was ich meine, will ich für jede einzelne der genannten Tugenden im besonderen ausführen. Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 237 Zu der Zeit, als tüchtige und pflichttreue Geschäftsleute dem jungen Nachwuchs den Fleiß als oberste Tugend eines erfolgreichen Anternehmers priesen, da mußten sie bemüht sein, in das Triebleben ihrer Schüler gleichsam ein festes Fundament von Pflichten hineinzubauen, mußten sie bei jedem einzelnen eine persönliche Willensrichtung durch Ermahnung hervorzurufen versuchen. And wenn die Ermahnung gefruchtet hatte, so arbeitete nun der fleißige Geschäftsmann in starker Selbstüberwindung sein Pensum ab. Der moderne Wirtschaftsmensch kommt zu seinem Rasen auf ganz andere Wege: er wird in den Strudel des wirtschaftlichen Betriebes hereingezogen und wird mit ihm fortgerissen. Er übt nicht mehr eine Tugend, sondern steht in einem Zwangsverhältnis. Das Tempo des Betriebes entscheidet über sein eigenes Tempo. Er kann ebensowenig faul sein wie der Arbeiter an einer Maschine, während es der Mann mit dem Werkzeug in seiner Äand hat, ob er fleißig sein will oder nicht. Noch deutlicher tritt die Objektivierung der „Tugend" Sparsamkeit zutage; weil sich hier die private Wirtschaftsführung des Anternehmers von der Wirtschaftsführung seines Geschäftes völlig trennt. Diese untersteht heute dem Sparsamkeitsprinzip mehr denn je. „Verschwendung ist auch im kleinsten zu bekämpfen, ist nicht kleinlich, denn sie ist eine fressende Krankheit, die sich nicht lokalisieren läßt. Es gibt große Unternehmungen, deren Existenz davon abhängt, ob die mit Erde gefüllten Kippwagen rein entleert werden, oder ob eine Schaufel voll Sand darin zurückbleibt" ^"). Bekannt ist die knickerige Sparsamkeit, die Nockefeller in der Geschäftsführung der Standard Oil Company zur Anwendung bringt: die Metalltropfen, die beim Löten von den Kannen fallen, werden aufgefangen und wieder verwertet; der Kehricht auf den Äöfen wird, ehe er fortgeschafft wird, genau untersucht; die kleinen Kisten, in denen das Zinn aus Europa kommt, verkauft man an Blumenhändler in der 238 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Stadt, oder man benutzt sie zur Feuerung Aber an diesem Sparfanatismus hat die Privatwirtschaft der Unternehmer selber nicht teil. Weder auf den Schlössern Walter Rathenaus idem der obige Ausspruch entnommen war), noch auf denen Rockefellers wird der Besucher Benjamin Franklinischen Geist verspüren und »fiuMlit^«, .Genügsamkeit" und „Mäßigkeit" richten nicht mehr die Tafeln unserer reichen Unternehmer her. Selbst wenn die Männer noch nach alt-bürgerlichem Stile weiterleben: die Frauen und Söhne und Töchter sorgen dafür, daß der Luxus und das Wohlleben und die Prachtentfaltung zu Bestandteilen bourgeoiser Lebensführung werde. Freilich: der Stil der Wirtschaftsführung wird auch beim reichen Bourgeois heute noch der „bürgerliche" sein, wie ihn Alberti begründet hat: laßt nie die Ausgaben größer wie die Einnahmen sein, hatte er seinen Schülern als letzte Weisheit mit auf den Weg gegeben. And rechnet! In beiden folgt jeder echte Bourgeois jenem großen Lehrer. And das wird ihn und seine Wirtschaft immer vom Seigneur und der seinigen unterscheiden, in der man das Geld verachtet. Endlich die kaufmännische „Solidität". Wer möchte zweifeln, daß „solide" Geschäftsführung auch heute noch und heute vielleicht mehr denn je einen unentbehrlichen Bestandteil der Praxis jedes großen Anternehmers ausmache. Aber wiederum ist das Gebaren des Anternehmers als Menschen von dem Gebaren des Geschäftes völlig getrennt. Die Maximen der „Solidität" sind heute ein Komplex von Grundsätzen, die nicht mehr das persönliche Verhalten eines Wirtschaftssubjekts, sondern die Abwicklung geschäftlicher Beziehungen regeln sollen. Ein „solider" Kaufmann kann persönlich durchaus moralisch minderwertig sein; die Kennzeichnung als „solide" bezieht sich lediglich auf die von ihm getrennt gedachte Geschäftsführung. Diese ist gleichsam losgelöst von dem persönlichen Gebaren des Geschäfts- Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 239 leiters und unterliegt ganz besonderen Gesetzen. Ein Geschäft ist solide, sagen wir: es hat als solches den Ruf der Solidität, vielleicht seit Generationen. Wir kennen ihre Inhaber gar nicht; es ist vielleicht ein Gesellschaftsunternehmen, vielleicht eine ganz und gar unpersönliche Aktiengesellschaft mit wechselnden Direktoren an der Spitze, deren persönliche Moralität man nicht nachprüfen kann und nicht nachzuprüfen braucht. Der Ruf der „Firma bürgt für deren Charakter. Wir können diese Verschiebung des Begriffes der Solidität aus der Sphäre der persönlichen Charaktereigenschaften und ihre Übertragung auf einen Geschäftsmechanismus besonders deutlich verfolgen, wo es sich um die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens handelt. Wenn früher das Vertrauen in die Solidität z. B. einer Bank auf dem Ansehen alter Patrizierfamilien beruhte, so ist es heute im wesentlichen die Äöhe des investierten Kapitals und der Reserven, was einer Aktienbank ihre Stellung in der Geschäftswelt und beim Publikum verschafft. Daß diese großen Geschäfte „solide" geführt werden, nimmt man — bis etwa ihre Schwindelhaftigkeit entdeckt wird — als selbstverständlich an. Also auch hier derselbe Prozeß der „Versachlichung", den wir bei den anderen „bürgerlichen Tugenden" beobachten konnten. Das gilt natürlich alles bloß für die großen Unternehmungen. Für mittlere und kleine Unternehmer bleibt auch heute noch in Geltung, was wir für die früheren Zeiten des Kapitalismus haben feststellen können. Da bilden die bürgerlichen Tugenden noch heute einen Bestandteil der Charaktereigenschaften des Anternehmers selbst, da sind sie als persönliche Tugenden noch immer die notwendigen Voraussetzungen des wirtschaftlichen Vorwärtskommens. Aber der hochkapitalistische Geist tritt uns in seiner Reinheit doch nur in den großen Unternehmen und ihren Leitern entgegen. -i- -ü 5 240 Vierter Abschnitt: Der Bourgeois einst und jetzt Mit den letzten Ausführungen habe ich nun aber schon ein Problem berührt, das ich bisher ganz beiseite gestellt hatte, weil ich es im Zusammenhange behandeln will: das Problem, wie und weshalb so und nicht anders sich der kapitalistische Geist herausgebildet hat; welchen Arsachen er sein Dasein und seine eigentümliche Formung verdankt, welche Kräfte bei seinem Auf- bau wirksam gewesen sind. Dieses Problem enthält die Frage nach den Quellen des kapitalistischen Geistes, und die Beantwortung dieser Frage wird in dem folgenden Buche dieses Werkes versucht. Zweites Buch Die Quellen des kapitalistischen Geistes Sombart, Der Bourgeois 16 ^ 243 Einleitung Vierzehntes Kapitel: Das Problem Das Problem: die Quellen des kapitalistischen Geistes aufzuweisen, also die Beantwortung der Frage: woher kommt der kapitalistische Geist, kann zunächst in dem rein äußerlichen Sinne gefaßt werden, daß man darunter das äußerliche Erscheinen eines kapitalistischen Anternehmers in einem Lande (wohin er etwa Handel treibt, oder wo er vielleicht ein Geschäft begründet) versteht, so daß man also zum Beispiel feststellt: der kapitalistische Geist in China geht auf die Engländer zurück, oder: die Juden haben den kapitalistischen Geist nach Magdeburg gebracht. In diesem Sinne, in dem es also im wesentlichen ein historisches Wanderungsproblem ist, soll das Problem der Entstehung des kapitalistischen Geistes hier nicht verstanden werden. Äier soll vielmehr die Frage aufgeworfen werden: wie entstand in den Seelen der Menschen eine kapitalistische Wirtschaftsgesinnung; wodurch wurde in den Wirtschaftssubjekten einer bestimmten Epoche jener Geist lebendig, der sie die Strebungen haben, die Fähigkeiten entfalten, die Grundsätze befolgen ließ, die wir als Bestandteile des bourgeoisen Geistes kennen gelernt haben; was hat die Entstehung, einmal und dann immer wieder, in jeder Generation von neuem, von Wirtschaftssubjekten mit bestimmter Ideenrichtung und bestimmter Geistesstruktur, mit einem bestimmten Wollen und Können, bewirkt? Nun muß ich freilich bemerken, daß manche Leute in dem hier eben formulierten Problem gar kein Problem erblicken, weil sie es als selbstverständlich betrachten, daß der kapitalistische Geist durch den Kapitalismus selber gebildet werde, weil sie in diesem Geist selbst gar nichts Substantielles, sondern nur gleichsam eine Funktion der wirtschaftlichen Organisation zu erkennen 16* 244 Einleitung glauben. Dieser Ansicht gegenüber würde ich geltend machen, daß sie etwas als „selbstverständlich", als „gegeben" annimmt, was es ganz gewiß nicht ist; daß sie ein Dogma verkündigt, wo es sich darum handelt, einen Beweis zu erbringen. Gewiß ist es möglich, daß die Wirtschaftsgesinnung ihren Ursprung in der Wirtschaftsverfassung hat — und wir werden als Quelle des kapitalistischen Geistes den Kapitalismus selbst an manchen Stellen aufzuweisen haben — aber daß dieser Kausalzusammenhang besteht, das ist doch immer erst im einzelnen Falle fest- zustellen, wie denn auch immer erst zu zeigen ist, wodurch und wie das Wirtschaftssystem auf die Geistesverfassung der Wirtschaftssubjekte bestimmend einwirkt. Wiederum gibt es Leute, die zwar zugeben, daß die Entstehung des kapitalistischen Geistes (wie jeder anderen Wirtschaftsgesinnung) ein Problem sei, die aber seine Lösung auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis für unmöglich halten. So lehnte noch unlängst ein nicht unbegabter jüngerer Gelehrter alle Versuche, die Quellen des kapitalistischen Geistes auf- zudecken, als grundsätzlich verfehlt mit folgenden Worten ab "^): „Der .Geist des Kapitalismus' und der sich um ihn grup- pierende moderne bürgerliche Lebensstil, das sind die in diesen Schlagworten eingeschlossenen Gedanken, sind nicht mehr als eine übergeschichtliche, äußerst fruchtbare Äilfsvorstellung. Wie man von einer Entwicklung, einer Geschichte der Moralbegriffe sprechen kann, deren Hauptstädten aber nicht mehr in das Licht der mit Arkunden belegten Geschichten getaucht sind, so haben zwar auch die Sparsamkeit, das nüchterne Eigeninteresse und sämtliche dem kapitalistischen Geist zugrunde liegenden psychischen Eigenschaften (?) eine Entwicklung durchgemacht, aber diese Heranbildung ist unserer historischen Erkenntnis nicht mehr zugänglich, wir können höchstens nachzeichnen, wie der mit der Möglichkeit wirtschaftlichen Handelns und mit Vierzehntes Kapitel: Das Problem 245 der dazu gehörigen Seelenverfassung wohlausgestattete Homo sapiens reagierte, als die ökonomischen und i!) gesellschaftlichen Zustände jene Eigenschaften, die wir als kapitalistische Gesinnung bezeichnen, in ihm frei machten/' Nichtig ist in diesen Auffassungen zweifellos die Bemerkung, daß die Anfänge irgendwelcher Seelenzustände „nicht in das Licht der mit Llrkunden belegten Geschichte getaucht sind". Es heißt Anmögliches fordern, wenn die Historiker von uns den „quellenmäßigen" Nachweis etwa der Einwirkung, den der Puritanismus auf die Entfaltung des kapitalistischen Geistes ausgeübt hat, verlangen^"). Davon kann natürlich keine Rede sein. Am was es sich allein handeln kann, ist ungefähr das, was Feuchtwanger in der angeführten Stelle mit „höchstens" erreichbar bezeichnet, und was ich mit etwas anderen Worten so umschreiben möchte: wir können feststellen, welche — natürlichen oder sonstigen — Gegebenheiten bestimmte Äußerungen des Geistes lebendig gemacht haben können und wahrscheinlich lebendig gemacht haben. Bei welchen Feststellungen uns als Erkenntnisquelle im wesentlichen unser inneres, eigenes Erlebnis zur Verfügung steht. Wir können ^ noch etwas genauer — unterscheiden zwischen seelischen Veranlagungen, die wir als notwendige Voraussetzungen irgendwelcher Seelenäußerung ansehen müssen und irgendwelchen äußeren Am- ständen oder Ereignissen, die aus diesen Veranlagungen bestimmte Strebungen, Ansichten und Fertigkeiten haben zur Betätigung kommen lassen. Für solcherart Antersuchungen lassen sich sogar einige ganz sichere Regeln aufstellen, kraft deren wir zunächst in der Erkenntnis gefördert werden: was wir als Quelle einer bestimmten Wirtschaftsgesinnung nicht ansehen dürfen. Es ist z. B. nicht statthaft, eine besondere volkliche Veranlagung als Arsache (Bedingung) einer Seelen- Äußerung zu betrachten, die wir bei verschiedenen Völkern gleich- 246 Einleitung mäßig beobachten; es geht nicht an, irgendeine ^Erscheinung des kapitalistischen Geistes auf eine Quelle zurückzuführen, die erst später aufspringt: Lebensansichten des 15. Jahrhunderts können ganz sicher nicht aus den religiösen Lehren des 17. Jahrhunderts sich ableiten; eine Erscheinung kann ebensowenig aus einer Quelle entspringen, die notorisch niemals im Zusammenhang mit ihr gestanden hat: kapitalistischer Geist in Deutschland des 19. Jahrhunderts darf nicht als Ausfluß puritanischer oder quäkerischer Religionsgesinnung betrachtet werden usw. Für die richtige Deutung der Zusammenhänge ist es sodann aber notwendig, daß wir uns folgende Tatsachen klar zum Bewußtsein bringen: 1. daß die Ableitung der einzelnen Bestandteile des kapitalistischen Geistes offenbar eine sehr verschiedene sein muß dank der Artverschiedenheit dieser Bestandteile selbst. Mich will es bedünken, als habe der Streit um unser Problem seine Ursache zum großen Teil darin, daß man nicht mit hinreichender Deutlichkeit erkannt hat, wie grundsätzlich verschieden die einzelnen Äußerungen des kapitalistischen Geistes ihrer Natur nach sind und wie grundsätzlich verschieden infolgedessen sich die Aufgabe gestaltet, je nachdem man die Quelle dieses oder jenes Bestandteiles aufdecken will. Was wir als Wesensart des kapitalistischen Geistes kennen gelernt haben, sind nämlich entweder Seelenzustände, die außerhalb aller Bewußtheit sich abspielen: das, was wir als „Triebe" bezeichnen können, wenn es sich etwa um den Unternehmungsgeist in seinem ursprünglichen Verstände handelt, oder um die Erwerbssucht, um den Tätigkeitsdrang, die Raublust u. a.; die man andrerseits als instinktmäßiges Äandeln, instinktive Begabung zu bezeichnen pflegt. Daß diese „Instinkte" bei den erfolgreichen Unternehmern von jeher eine große Rolle gespielt haben, wird von allen Vierzehntes Kapitel: Das Problem 247 Sachkennern übereinstimmend hervorgehoben und kann jedermann durch eigene Beobachtung bestätigt finden. „Wollte man folgern, daß materielle Klugheit, Geschicklichkeit der Mache, rechnerisches Erfassen und diplomatische Schlagfertigkeit das Wesen des Geschäftsmanns umschreiben, so träfe diese Definition nicht die größten ihres Schlages. Klugheit und Energie werden stets zu Erfolgen führen, aber diese Erfolge werden stets überflügelt durch andere, die man dem Glücke beimißt, oder den Zeitumständen oder rücksichtsloser Freibeuterei: mit Anrecht — IW. gewiß nicht in allen Fällen, aber oft; (W. S.) —, denn sie gehören der Phantasie (und auch dieser nicht allein, sondern einem komplexen, nicht analysierbaren Geisteszustande». Es gibt divinatorische Naturen, die auf jenen, zwar materiellen, doch aller Kalkulation sich entziehenden Gebieten die Entwicklung kommender Jahrzehnte, ihre Bedürfnisse und ihre Behelfe überschauen. Ohne Nachdenken, aus einer Geistesverfassung, die das Bestehende und Werdende in einem zweiten, abgebildeten Schöpfungsvorgang nachschafft, erblicken sie den Zustand des Verkehrs, der Produktion, des Austausches, so wie ihn die inneren Gesetze bestimmen und ändern, und wählen unbewußt nach dieser Vision ihr Arteil und ihre Pläne" ^°). Das trifft ungefähr mit dem zusammen, was uns Friedrich Gentz (in einem Briefe an Adam Müller) von den Nothschilds berichtet: „Sie sind gemeine, unwissende Juden von gutem, äußeren Anstand, in ihrem Handwerk bloße Naturalisten, ohne irgendeine Ahnung eines höheren Zusammenhanges der Dinge, aber mit bewundernswürdigem Instinkte begabt, der sie immer das Rechte und zwischen zwei Rechten immer das Beste wählen heißt- Ihr ungeheurer Reichtum ist durchaus das Werk dieses Instinkts, welchen die Menge Glück zu nennen pflegt. Die tiefsinnigen Raisonnements von Baring . . . flößen mir, seitdem ich das alles in der Nähe gesehen habe, weniger Ver- 248 Einleitung trauen ein als ein gesunder Blick eines der klügeren Rothschilds." Ähnlich urteilt Heinrich Äeine über James Nothschild: „Eine eigentümliche Kapazität ist bei ihm die Beobachtungs- gäbe oder der Instinkt, womit er Kapazitäten anderer Leute in jeder Sphäre, wo nicht zu beurteilen, doch herauszufinden versteht." Oder der kapitalistische Geist äußert sich in einer bestimmten Charakterbildung, denen bestimmte Grundsätze der Geschäftsführung, denen die bürgerlichen Tugenden entsprechen. Oder wir stehen erlernten Kenntnissen gegenüber, wo wir auf Fertigkeiten im Rechnen, in der Handhabung der Geschäfte, in der Betriebsanordnung oder Ähnliches stoßen. Dieser verschiedene Grundcharakter der einzelnen Seiten des kapitalistischen Geistes wird nun aber bei der Frage nach dessen Entstehung in doppeltem Sinne bedeutsam. Erstens ist die Art und Weise, wie der einzelne Zug in einer Seele in die Erscheinung tritt, verschieden bei den verschiedenen Bestandteilen : die triebhafte Regung, die instinktive Fähigkeit sind da, sie stecken im Blute; sie können nur entweder unterdrückt werden, verkümmern, unbenutzt bleiben oder angeregt, entwickelt, befördert werden. Der Natur der beiden anderen Bestandteile entspricht es, daß sie erworben werden und zwar der Regel nach durch Lehre: die eine Seite der Ausbildung, die Charakterbildung, ist ein Erziehungswerk, die andere, die Verstandesbildung, ist ein Anterrichtswerk. Grundsätzlich verschieden bei den verschiedenen Bestandteilen des kapitalistischen Geistes ist aber zweitens auch ihre Übertragung von einer Person auf die andere, von einer Generation auf die andere, und zwar deshalb, weil die erste Kategorie im engsten Sinne an die lebendige Persönlichkeit gebunden ist, die Vierzehntes Kapitel : Das Problem 249 höchstens durch ihr Beispiel ermunternd auf andere wirken kann, die aber diese Betätigungen kapitalistischen Geistes immer mit ins Grab nimmt. Triebe und Talente können niemals außerhalb des lebendigen Menschen angehäuft werden; jeder einzelne, auch wenn tausend Jahre hindurch sie entfaltet sind, fängt immer wieder von vorne an. Tugenden und Fertigkeiten lassen sich aber trennen von der Einzelpersönlichkeit und lassen sich objektivieren in Lehrsystemen. Diese Lehrsysteme bleiben, auch wenn der einzelne Mensch stirbt: in ihnen findet der später Geborene die Erfahrungen der früheren Geschlechter niedergelegt, von denen er selber Nutzen ziehen kann. Die Lehre kann beliebig lange unbefolgt bleiben: ist sie nur irgendwie niedergeschrieben, so kann sie nach Generationen plötzlich wieder in einem Leser Wurzel schlagen. Sowohl die Tugend- als auch die Fertigkeitslehren sind zeitlich und räumlich beliebig übertragbar. Diese unterscheiden sich von jenen nur dadurch, daß ihr Inhalt mit jeder Generation wächst, weil die Erfahrungen, die technischen Fähigkeiten usw. sich anhäufen, während man von einer Tugendlehre nur in beschränktem Sinne sagen kann, daß sie sich die Erfahrungen einer früheren zunutze macht. Nach alledem leuchtet es nun wohl aber ein, daß die Entstehungsarten bei den verschiedenen Bestandteilen des kapitalistischen Geistes ganz und gar verschieden sind. 2. müssen wir, wenn wir den Quellen des kapitalistischen Geistes nachspüren, uns klar machen, daß dessen Entstehungsbedingungen ebenso grundverschieden sind, jenachdenEpochen der kapitalistischen Entwicklung. Vor allem ist auch hier der Unterschied zwischen der Epoche des Frühkapitalismus und der des Äochkapitalismus festzuhalten. Will man die verschiedene Stellung, die das Wirtschaftssubjekt in jener und in dieser eingenommen hat, bezugsweise einnimmt, schlagwort- 250 Einleitung artig kennzeichnen, so kann man sagen: in der Epoche des Frühkapitalismus macht der Anternehmer den Kapitalismus, in der des Äochkapitalismus macht der Kapitalismus den Unternehmer. Man muß bedenken, daß in den Anfängen des Kapitalismus die kapitalistischen Organisationen noch ganz vereinzelt sind, daß sie vielfach von nicht kapitalistischen Menschen erst geschaffen werden; daß in ihnen der Stock von Kenntnissen und Erfahrungen gering ist, daß auch diese erst erworben, erprobt, gesammelt werden müssen; daß in den Anfängen die Mittel zum Betriebe einer kapitalistischen Unternehmung erst mühsam beschafft werden, daß die Grundlagen des Vertragssystems durch langsames Vordringen von Treu und Glauben erst gelegt werden müssen usw. Wieviel mehr Willkür kann, wieviel mehr freie Initiative muß der einzelne Anternehmer entfalten. Die heutige kapitalistische Organisation ist, wie es Max Weber treffend ausgedrückt hat, ein ungeheurer Kosmos, in den der einzelne hineingeboren wird und der für ihn, wenigstens als einzelnen, als faktisch unabänderliches Gehäuse, in dem er zu leben hat, gegeben ist. Er zwingt dem einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf. Der einzelne steht aber auch einem ungeheuren Berg von Erfahrungen gegenüber, die ihn zu erdrücken drohen: die Methoden der Buchführung, des Rechnungswesens, der Löhnung, der Betriebsorganisation, der Geschäftstechnik usw. sind so verfeinert, daß ihre Anwendung allein Arbeit und Mühe macht, während sie selbst längst von Berufsmenschen für den kapitalistischen Anternehmer weitergebildet werden. Llnter welch anderen Verhältnissen „entsteht" also kapitalistischer Geist einstmals und heute! Alle diese Unterschiede müssen aber selbstverständlich in Betracht gezogen werden, wenn wir unser Problem auch nur leidlich gut lösen wollen. Vierzehntes Kapitel: Das Problem 251 Am den ungeheuren Stoff, der dem Forscher so reichlich zufließt, daß er in ihm manches Mal zu ersticken fürchten muß, im eigenen Denken und für die Darstellung zu ordnen, stehen uns zwei Wege offen: entweder wir können die Entstehungsgründe für die einzelnen Bestandteile des kapitalistischen Geistes der Reihe nach ermitteln, so daß wir also erst untersuchen: was hat den Golddurst erzeugt, dann: was hat den Anternehmungs- geist in seinen verschiedenen Äußerungsformen befördert, dann: was hat die bürgerlichen Tugenden entstehen lassen und so fort. Oder wir können die verschiedenen Arsachenkomplexe auf ihre mannigfachen Wirkungen hin prüfen. Der erste Weg führt notwendig zu unausgesetzten Wiederholungen und ist deshalb ermüdend. Ich wähle darum den zweiten, der erheblich abwechslungsreicher ist und — wenn auch mit einigen Amwegen (die ja oft der größte Reiz der Wanderung sind) — ebenso sicher zum Ziele führt. Die folgende Einteilung des Stoffes ist also so zu verstehen: daß ich in einem ersten Abschnitte die biologischen Grundlagen festzulegen suche, auf denen alle kapitalistische Geistesgeschichte sich aufbaut. Das für die Aufnahme des kapitalistischen Geistes als geeignet erkannte Menschentum wird nun den kapitalistischen Geist in dem Maße in sich aufnehmen und betätigen — sei es durch Einflüsse von außen her, sei es durch Auslese — als bestimmte moralische Kräfte sich wirksam erweisen (zweiter Abschnitt) und als bestimmte soziale Umstände Einfluß gewinnen (dritter Abschnitt). Die Aufgabe, die wir uns also in dem zweiten und dritten Abschnitt stellen, ist die, nachzuweisen: wie durch äußere Einwirkung aus dem disponierten Menschenmaterial Individuen mit kapitalistischer Geistesrichtung gebildet werden. And zwar verfolgen wir sämtliche Einwirkungen, die in diesem Sinne ein bestimmter Arsachenkomplex ausübt, von den Anfängen seiner Wirksamkeit bis zum heutigen 252 Einleitung Tage und verfolgen die Einwirkungen nach allen Seiten des kapitalistischen Wesens hin gleichmäßig. Wir werden einen besonderen Reiz darin finden, zu sehen: wie außerordentlich mannigfaltig die Einflüsse dieses oder jenes Faktors: die Äber° schriften der Kapitel 15 bis 28 weisen ihre Gesamtheit dem Leser nach ^ bei der Entstehung des kapitalistischen Geistes sein können und gewesen sind; zu sehen dann am Schlüsse: aus wie unzähligen Komponenten dieser sich zusammensetzt. 253 Erster Abschnitt Die biologischen Grundlagen Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen Steckt das Wesen des Bourgeois im Blute? Gibt es Menschen, die „von Natur" Bourgeois sind, und die sich dadurch von anderen Menschen unterscheiden? Äaben wir deshalb in einer besonderen Blutsart, in einer besonderen „Natur" eine Quelle (oder vielleicht die Quelle) des kapitalistischen Geistes zu suchen? Oder welche Bedeutung überhaupt kommt der Blutbeschaffenheit für die Entstehung und Entwicklung dieses Geistes zu? Am auf diese Fragen eine Antwort zu finden, werden wir uns auf folgende Tatbestände und Zusammenhänge besinnen müssen. Ohne Zweifel gehen alle Erscheinungsformen des kapitalistischen Geistes wie alle Seelenzustände und Seelenvorgänge auf bestimmte „Anlagen" zurück, das heißt also auf eine ursprüngliche, vererbte Beschaffenheit des Organismus, „vermöge deren die Fähigkeit und Tendenz zu bestimmten Funktionen oder die Neigung zur Erwerbung bestimmter Zustände in ihm liegt, vorbereitet ist" ^"). Dahingestellt kann einstweilen bleiben, ob die biologischen „Anlagen" zum kapitalistischen Geiste mehr allgemeiner Art, das heißt nach verschiedenen Richtungen hin entfaltbar sind (also daß sie auch zu anderen Betätigungen als eben des Bourgeois die Unterlage bilden können), oder ob sie von Anfang an in dieser einzigen Richtung nur zur Entfaltung gebracht werden können. Handelt es sich um psychische Anlagen, so sprechen wir auch von „Dispositionen" zu seelischem Verhalten (des Vorstellens, Denkens, Fühlens, Wollens, des l 254 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen Charakters, der Phantasie usw.). Im weiteren Sinne gebrauchen wir das Wort „Anlage" ununterschiedlich sür gute oder schlechte Anlagen, im engeren Sinne denken wir an „die vererbte Fähigkeit zu leichteren, schnelleren und zweckmäßigeren Funktionen vsycho-physischer, besonders geistiger Art". Ich sage: daß alle Erscheinungsformen des kapitalistischen Geistes, also der Seelenverfassung des Bourgeois auf ererbten „Anlagen" beruhen, kann nicht in Zweifel gezogen werden Das gilt gleichermaßen von den triebhaften Wollungen wie von der „instinktmäßigen" Begabung, von den bürgerlichen Tugenden wie von den Fertigkeiten: zu dem allen müssen wir als Untergrund eine seelische „Disposition" denken, wobei es unentschieden (weil für die hier angestellten Betrachtungen bedeutungslos) bleiben kann, ob und inwieweit und in welcher Art diesen seelischen „Dispositionen" körperliche (somatische) Eigenarten entsprechen. Gleichgültig für die hier erörterte Frage ist es auch, wie diese „Dispositionen" in den Menschen gelangt sind; ob und wann und wie sie „erworben" sind: es genügt, daß sie in dem durchaus schon in das volle Licht der Geschichte fallenden Zeitpunkte, in dem der kapitalistische Geist geboren wird, dem Menschen innewohnten. Wichtig ist nun, festzuhalten, daß sie in diesem Zeitpunkte ihm „im Blute" staken, das heißt vererbbar geworden waren. Das gilt insbesondere auch von der Veranlagung zu „instinktmäßig" richtigen und treffenden Handlungen. Denn wenn wir unter Instinkten auch aufgesammelte Erfahrungen, die im Unterbewußtsein leben, verstehen, „automatisch gewordene Willens- und Triebhandlungen vieler Generationen" (W und t), so ist das Entscheidende doch auch bei ihrer Betätigung, daß sie auf bestimmte vererbte und vererbbare „Anlagen" zurückzuführen sind, daß also gerade sie nicht ohne eine Verankerung im Blute gedacht werden können. Ganz gleich, ob es sich um primäre Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen 255 oder sekundäre (das heißt erst im gesellschaftlichen Zusammenleben entstandene) Instinkte handelt. Die Frage, die wir nunmehr uns stellen müssen, ist die-, sind die „Dispositionen" für die Zustände des kapitalistischen Geistes allgemein menschliche, das heißt allen Menschen gleichmäßig eigen. Gleichmäßig wohl auf keinen Fall. Denn gleich veranlagt sind wohl auf keinem geistigen Gebiete die Menschen, selbst dort nicht, wo es sich um allgemeine menschliche Dispositionen handelt, wie etwa um die Disposition zum Erlernen der Sprache, die alle gesunden Menschen besitzen. Aber auch diese ist bei dem einen stärker, beim andern schwächer entwickelt, wie die Erfahrung beim Kinde lehrt, das bald früher, bald später, bald leichter, bald schwerer die Muttersprache erlernt; wie es sich aber besonders deutlich beim Erlernen fremder Sprachen erweist. Aber auch der Art nach, möchte ich glauben, gehören die „Dispositionen" für kapitalistisches Denken und Wollen nicht zu den allgemein menschlichen Anlagen, sondern sind bei diesem vorhanden, bei jenem nicht. Oder wenigstens sind sie bei einzelnen Individuen in so schwachem Maße vorhanden, daß sie praktisch als nicht vorhanden gelten können, während sie andere in so ausgeprägter Form besitzen, daß sie sich dadurch deutlich von ihren Mitmenschen abheben. Sicher haben viele Menschen nur verschwindend geringe Anlagen, zu Freibeutern zu werden, Tausende von Menschen zu organisieren, sich in Börsengeschäften zurechtzufinden, rasch zu rechnen; ja selbst nur zur Sparsamkeit und zur Zeiteinteilung, wie überhaupt zu einer irgendwie geordneten Lebensführung. Noch geringer ist natürlich die Anzahl der Menschen, die viele oder alle der Anlagen besitzen, aus denen die verschiedenen Bestandteile des kapitalistischen Geistes entspringen. Wenn aber die kapitalistische Disposition (wie wir der Kürze halber sagen wollen) spezifisch oder auch nur graduell von 236 . Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen Mensch zu Mensch verschieden ist, so wird man auch Naturen mit kapitalistischer Veranlagung, also Menschen, die sich (überhaupt und in höherem Maße) zu kapitalistischen Anternehmern eignen, als besondere „Bourgeoisnaturen", als „geborene" Bourgeois (das sie sind, auch wenn sie nie in ihrer Lebensstellung Bourgeois werden) ansprechen dürfen. Welcher Art, fragen wir nun weiter, ist die spezifische Veranlagung dieser Wirtschaftsmenschen, welche eigentümlichen Blutseigenschaften weist eine „Bourgeoisnatur" auf? Wobei wir natürlich eine möglichst vollständige Auswirkung des Bourgeoistyp, also eine Natur in Betracht ziehen, die sämtliche oder fast sämtliche Veranlagungen besitzt, die zur Be- tätigung kapitalistischen Geistes nötig sind. In jedem vollkommenen Bourgeois wohnen, wie wir wissen, zwei Seelen: eine Anternehmerseele und eine Bürgerseele, die beide vereinigt erst den kapitalistischen Geist bilden. Danach möchte ich auch in der Bourgeoisnatur zwei verschiedene Naturen unterscheiden: die Anternehmernatur und die Bürgernatur; das heißt also, um es noch einmal zu wiederholen: die Gesamtheit der Anlagen, der seelischen Dispositionen zum Unternehmer einerseits, zum Bürger andererseits. I. Anrernehmernaturen Am seine Funktionen, die wir kennen, erfolgreich ausüben zu können, muß der kapitalistische Anternehmer, wenn wir seine geistige Veranlagung ins Auge fassen, gescheit, klug und geistvoll sein (wie ich die verschiedenen Dispositionen schlagwort- mäßig bezeichnen möchte). Gescheit: also rasch in der Auffassung, scharf im Arteil, nachhaltig im Denken und mit dem sicheren „Sinn für das Wesentliche" ausgestattet, der ihn befähigt, den ^a^c>s, also den richtigen Augenblick, zu erkennen. Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen 257 Über eine große „Beweglichkeit des Geistes" muß namentlich der Spekulant verfügen, der gleichsam die leichte Kavallerie bildet neben der schweren Reiterei, die andere Typen des Unternehmertums stellen: viv3cite 6'esprit et 6e corps wird uns am großen Gründer immer wieder gerühmt. Rasche Orientierungsfähigkeit inmitten komplizierter Marktverhältnisse muß er haben, wie der Vorposten, der in einer Schlacht Aufklärungsdienste verrichten soll. Als besonders wertvolle Gabe wird von Unternehmern selbst ein gutes Gedächtnis bezeichnet: so von Carnegie, der sich dessen rühmt, von Werner Siemens, der glaubte, es nicht zu besitzen^). Klug: also befähigt, „menschenkundig" und „weltkundig" zu werden. Sicher in der Beurteilung, sicher in der Behandlung von Menschen; sicher in der Bewertung etwelcher Sachlage; vertraut vor allem mit den Schwächen und Fehlern seiner Umgebung. Immer wieder wird uns diese Geisteseigenschaft als hervorstechender Zug großer Geschäftsleute genannt. Geschmeidigkeit einerseits, suggestive Kraft andererseits muß vor allem der VerHändler besitzen. Geistvoll: also reich an „Ideen", an „Einfällen", reich an einer besonderen Art von Phantasie, die Wundt die kombinatorische nennt (im Gegensatz zur intuitiven Phantasie etwa des Künstlers). Einer reichen Ausstattung mit den Gaben des „Intellekts" muß entsprechen eine Fülle von „Lebenskraft", „Lebensenergien" oder wie wir sonst diese Veranlagung nennen wollen, von der wir nur soviel wissen, daß sie die notwendige Voraussetzung allen „unternehmerhaften" Gebarens ist: daß sie die Lust an der Unternehmung, die Tatenlust schafft und dann für die Durchführung des Unternehmens sorgt, indem sie die nötige Taten kraft dem Menschen zur Verfügung stellt. Es muß etwas Forderndes in dem Wesen sein, etwas, das hinaustreibt, Sombart, Der Bourgeois 17 238 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen das die träge Ruhe auf der Ofenbank zur Qual werden läßt. And etwas Starkknochiges — mit dem Beil Zugehauenes —, etwas Starknerviges. Wir haben deutlich das Bild eines Menschen vor Augen, den wir „unternehmend" nennen. Alle jene Anternehmereigenschaften, die wir kennen gelernt haben als notwendige Bedingungen eines Erfolges: die Entschlossenheit, die Stetigkeit, die Ausdauer, die Rastlosigkeit, die Zielstrebig- keit, die Zähigkeit, der Wagemut, die Kühnheit: alle wurzeln sie in einer starken Lebenskraft, in einer überdurchschnittlichen Lebendigkeit oder ..Vitalität", wie wir zu sagen gewohnt sind. Eher ein Äemmnis für ihr Wirken ist dagegen eine starke Entwicklung der gemütlichen Anlagen, die eine starke Betonung der Gefühlswerte zu erzeugen pflegt. Anternehmernaturen, können wir also zusammenfassend sagen, sind Menschen mit einer ausgesprochenen intellektuell voluntaristischen Begabung, die sie in übernormaler Stärke besitzen müssen, um Großes zu leisten, und einem verkümmerten Gefühls- und Gemütsleben (ganz trivial). Man wird ihr Bild noch deutlicher sich vor Augen stellen können, wenn man sie mit anderen Naturen kontrastiert. Man hat den kapitalistischen Anternehmer, namentlich wo er als Organisator Geniales leistet, wohl mit dem Künstler verglichen. Das scheint mir aber ganz und gar verkehrt. Sie beide stellen scharfumschriebene Gegensätze dar. Wenn man sie miteinander in Parallele brachte, so wies man vor allem darauf hin, daß beide über ein großes Maß von „Phantasie" verfügen mußten, um Hervorragendes zu leisten. Aber selbst hier ist — wie wir schon feststellen konnten - ihre Begabung nicht dieselbe: die Arten von „Phantasie", die im einen und im andern Falle in Frage kommen, sind nicht dieselben Geistesäußerungen. In allem anderen Wesen aber scheinen mir kapitalistische Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen ZZg Unternehmer und Künstler aus ganz verschiedenen Quellen ihre Seelen zu tränken. Jene sind zweckstrebig, diese zweckfeind; jene intellektuell-voluntaristisch, diese gemütsvoll; jene hart, diese weich und zart; jene weltkundig, diese weltenfremd; jene haben die Augen nach außen, diese nach innen gerichtet; jene kennen darum die Menschen, diese den Menschen. Ebensowenig verwandt wie mit den Künstlern sind unsere Anternehmernaturen verwandt mit Handwerkern, Rentnern, Ästheten, Gelehrten, Genießern, Ethikern und Ähnlichem. Wohingegen sie viele Züge gemeinsam mit Feldherren und Staatsmännern haben, die beide, zumal die Staatsmänner, letzten Endes ja auch Eroberer, Organisatoren und Händler sind. Während einzelne Begabungen des kapitalistischen Wirtschafts- subjektes sich wiederfinden in dem Wirken des Schachspielers und des genialen Arztes. Die Kunst der Diagnose befähigt nicht nur. Kranke zu heilen, sondern ebensosehr glückliche Geschäfte an der Börse zum Abschluß zu bringen. 2. Bürgernaturen Daß auch der Bürger im Blute steckt, daß ein Mensch von Natur ein „Bürger" ist oder doch dazu neigt, es zu werden: das empfinden wir auf das deutlichste. Wir schmecken ganz deutlich die Wesenheit der Bürgernatur, wir kennen das eigentümliche Aroma dieser Menschengattung ganz genau. And doch ist es unendlich schwer, ja: ist es bei dem heutigen Stande der Forschung vielleicht unmöglich, die besonderen „Anlagen", die Grundzüge der Seele im einzelnen zu bezeichnen, die einen Menschen zum Bürger bestimmen. Wir werden uns daher damit begnügen müssen, die eigentümliche Bürgernatur etwas genauer zu umschreiben und sie vor allem in einen Gegensatz zu stellen zu anders grundgefügten Naturen. Es scheint fast, als ob der Anterschied zwischen dem Bürger 17* 260 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen und dem Nichtbürger einen ganz tiefen Wesensunterschied zweier menschlichen Typen ausdrücke, die wir in verschiedenen Betrachtungen doch immer als die beiden Grundtypen der Menschen überhaupt (oder wenigstens des europäischen Menschen) wiederfinden. Die Menschen sind nämlich, wie man es vielleicht ausdrücken könnte, entweder hinausgebende oder hereinnehmende, verschwenderische oder haushälterische Menschen in ihrem ganzen Gebaren. Der Grundzug der Menschen ist — ein Gegensatz, den die Alten schon kannten und den die Scholastiker zu entscheidender Bedeutung erheben — luxuris oder avantm: sie sind gleichgültig gegen die inneren und äußeren Güter und geben sie im Gefühl des eigenen Reichtums — sorglos — weg, oder sie halten Haus damit, hüten und pflegen sie — sorg- sam — und wachen über Einnahme und Ausgabe von Geist, Kraft, Gut und Geld. Ich versuche hiermit wohl denselben Gegensatz zu treffen, den Bergson mit den Bezeichnungen des komme ouvert und komme clos ausdrücken will. Diese beiden Grundtypen: die hinausgebenden und hereinnehmenden Menschen, die seigneurialen und die bürgerlichen Naturen (denn es versteht sich wohl von selbst, daß ich den einen Grundtyp in der Bürgernatur wiederfinde) stehen sich nun in jeder Lebenslage als scharfe Gegensätze gegenüber. Sie bewerten die Welt und das Leben verschieden: jene haben als oberste Werte subjektive, persönliche; diese objektive, sachliche; jene sind geborene Genußmenschen, diese geborene Pflichtmenschen; jene Einzelmenschen, diese Herdenmenschen; jene Persönlichkeitsmenschen, diese Sachmenschen; jene Ästhetiker, diese Ethiker. Wie Blumen, die ihren Dust nutzlos in die Welt verstreuen, jene; wie heilsame Kräuter und eßbare Pilze diese. Welche gegensätzliche Veranlagung dann auch in der grundverschiedenen Bewertung der einzelnen Beschäftigungen und der Gesamttätigkeit des Menschen ihren Ausdruck findet: Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen 261 die einen lassen nur diejenige Tätigkeit als vornehm und würdig gelten, die den Menschen als Persönlichkeit vornehm und würdig werden läßt; die anderen erklären alle Beschäftigungen für gleichwertig, wofern sie nur dem allgemeinen Besten zugute kommen, das heißt „nützlich" sind. Eine unendlich wichtige Anterschiedlichkeit der Leb ens b etrachtung, die Kulturwelten voneinander trennt, je nachdem die eine oder andere Auffassung vorherrscht. Die Alten werteten persönlich, wir Bürger sachlich. In wundervoll zugespitzter Form drückt Cicero seine Auffassung in den Worten aus: „nicht wieviel einer nützt, sondern was einer ist, fällt ins Gewicht"-"). Aber der Gegensätzlichkeiten gibt es immer noch mehr. Während die Anbürger lebend, schauend, bedenkend durch die Welt gehen, müssen die Bürger ordnen, erziehen, unterweisen. Jene träumen, diese rechnen. Der kleine Nockefeller galt schon als Kind für einen gewiegten Rechner. Mit seinem Vater — einem Arzt in Cleveland — machte er regelrechte Geschäfte. „Seit frühester Kindheit", erzählt er selbst in seinen Memoiren, „führte ich ein kleines Buch (ich nannte es .Kontobuch' und habe es bis heute aufgehoben), in das ich regelmäßig meine Einnahmen und Ausgaben eintrug." Das mußte im Blute stecken. Keine Macht der Erde hätte den jungen Byron oder den jungen Anselm Feuerbach dazu vermocht, ein solches Konto- buch zu führen und — aufzuheben. Jene singen und klingen; diese sind tonlos: in der Wesenheit selbst, aber auch in der Äußerung; jene sind farbig, diese farblos. Künstler (der Veranlagung, nicht dem Berufe nach): die einen; Beamte: die anderen. Auf Seide gearbeitet jene — auf Wolle diese. Wilhelm Meister und sein Freund Werner: jener redet wie 262 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen einer, „der Königreiche verschenkt"; dieser, „wie es einer Person geziemt, die eine Stecknadel aufhebt." Tafso und Antonio. Es drängt sich uns nun aber wie von selbst die Wahrnehmung auf, daß die Unterschiedlichkeit dieser beiden Grundtypen in der letzten Tiefe auf einer Gegensätzlichkeit ihres Liebeslebens beruhen muß. Denn offenbar wird von diesem das gesamte Gehaben des Menschen wie von einer höchsten, unsichtbaren Gewalt bestimmt. Die polaren Gegensätze in der Welt sind die bürgerliche und die erotische Natur. Was eine „erotische Natur" sei, wird man wiederum nur mit dem Gefühle wahrnehmen, wird man immer erleben, aber kaum in Begriffe fassen können. Vielleicht, daß das Dichter- wort es uns sagt: eine „erotische Natur" ist der Pater seraticus, der jauchzend ausruft: „Ewiger Wonnebrand, Glühendes Liebeband, Siedender Schmerz der Brust, Schäumende Götterlust. Pfeile, durchdringet mich, Keulen, zerschmettert mich. Blitze, durchwettert mich, Daß ja das Nichtige Alles verflüchtige Glänze der Dauerstern Ewiger Liebe Kern . . ." Daß ja das Nichtige alles verflüchtige . . . „Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Kerzens." Alles in der Welt ist nichtig, außer der Liebe. Es gibt nur einen dauernden Lebenswert: die Liebe. Im Kern: die geschlechtliche Liebe, in ihren Ausstrahlungen alle Liebe: Gottesliebe, Menschenliebe «nicht etwa: Liebe zur Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen 263 Menschheit). Alles andere in der Welt ist nichtig. And für nichts in der Welt darf die Liebe nur Mittel sein. Nicht für den Genuß, nicht für die Erhaltung der Gattung. Die Mahnung: „Seid fruchtbar und mehret euch" enthält die tiefste Versündigung gegen die Liebe. Der erotischen Natur gleich fern steht die unsinnliche wie die sinnliche Natur, die beide sich vortrefflich mit der Bürger- natur vertragen. Sinnlichkeit und Erotik sind fast einander ausschließende Gegensätze. Dem Ordnungsbedürfnis der Bürgerlichkeit fügen sich sinnliche und unsinnliche Naturen, erotische nie. Eine starke Sinnlichkeit kann — wenn gezähmt und behütet — der kapitalistischen Disziplin zugute kommen; die erotische Veranlagung widerstrebt allen Anterwerfungen unter eine bürgerliche Lebensordnung, weil sie niemals Ersatzwerte für Liebes- werte annehmen wird. Die erotischen Naturen sind außerordentlich verschieden dimensioniert und ebenso verschieden nuanciert, versteht sich: vom heiligen Augustinus und dem heiligen Franziskus und der „schönen Seele" bewegen sie sich in unzähligen Abstufungen hinab bis zur Philine und dem in Liebesabenteuern sein Leben verbringenden Alltagsmenschen. Aber auch diese sind noch in ihrem Wesen grundsätzlich zum Bürger verdorben. And für die Herausbildung der Bürgerlichkeit als einer Massenerscheinung kommen vielmehr die gewöhnlichen Naturen in Betracht als die überlebensgroßen. Ein guter Äaushälter, können wir es ganz allgemein ausdrücken, also ein guter Bürger und ein Erotiker welchen Grades auch immer sind unversöhnliche Gegensätze. Entweder im Mittelpunkt aller Lebenswerte steht das Wirtschaftsinteresse lim weitesten Sinne), oder das Liebesinteresse. Entweder man lebt, um zu wirtschaften oder um zu lieben. Wirtschaften heißt sparen, lieben heißt verschwenden. In ganz nüchterner Weise 264 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen äußern diesen Gegensatz die alten Ökonomiker. So meint Xenophon z. B.-"): „Zudem sehe ich, daß du dir einbildest, reich zu sein, daß du gleichgültig bist gegen den Erwerb und Liebesgeschichten im Kopfe hast, als ob du dir das so leisten könntest. Drum tust du mir leid, und ich fürchte, daß es dir noch recht schlecht geht und du in arge Verlegenheit gerätst." „Zur Wirtschafterin machten wir auf Grund eingehender Prüfung diejenige Person, die uns am meisten Maß halten zu können schien mit Rücksicht auf Essen, Trinken, Schlafen und Lieben." „Antauglich zur Wirtschaftlichkeit sind die Verliebten." Einen ganz ähnlichen Gedanken spricht der römische Landwirtschaftsschriftsteller Columella aus, wenn er seinem Wirte rät: „Kalte dich von Liebesgeschichten fern: wer sich denen ergibt, der kann an nichts anderes denken. Für ihn gibt es nur einen Preis: die Erfüllung seiner Liebessehnsucht; nur eine Strafe: wenn er unglücklich liebt" ^"). Eine gute Wirtschafterin darf keine Gedanken an Männer haben, sie muß »a viris remotissima« sein. Das alles konnte und sollte hier nur angedeutet werden. Eingehende Untersuchungen werden tiefere und breitere Erkenntnis zutage fördern. Ich wollte den Gedanken nicht unausgesprochen lassen, daß zuletzt doch die Begabung zum Kapitalismus in der geschlechtlichen Konstitution wurzelt, und daß das Problem „Liebe und Kapitalismus" auch nach dieser Seite hin im Mittelpunkte unseres Interesses steht. Für die Beantwortung der Frage nach den Grundlagen des kapitalistischen Geistes genügt die Feststellung: daß es jedenfalls besondere Bourgeoisnaturen (eine Kreuzung von Anternehmer- und Bürgernaturen) gibt; Menschen also, deren Veranlagung sie disponiert, kapitalistischen Geist rascher zu entwickeln als Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen 265 andere, wenn eine äußere Veranlassung, ein äußerer Reiz auf sie einwirkt; die alsdann die Strebungen des kapitalistischen Anternehmers eher und intensiver zu den ihrigen machen, die die bürgerlichen Tugenden bereitwilliger annehmen; die die ökonomischen Fähigkeiten leichter und vollständiger sich aneignen als andere, heterogene Naturen. Wobei natürlich ein unermeßlich großer Spielraum bleibt Mischen Anternehmer- und Bürgergenies und solchen Naturen, die für alles kapitalistische Wesen gänzlich verloren sind. Wir müssen uns aber zum Bewußtsein bringen, daß das Problem, dessen Aufhellung wir uns hier widmen, sich nicht damit erschöpft: ob einzelne Individuen bourgeoisbegabt sind oder nicht. Daß hinter dieser Frage vielmehr eine andere, wichtigere aufsteht: wie sich in größeren Menschengruppen (den historischen Völkern) die Bourgeoisnaturen vertreten finden: ob sie in den einen etwa zahlreicher als in den anderen sind, ob wir deshalb, da wir ja die Entwicklung des kapitalistischen Geistes als Massenerscheinung erklären wollen, Völker mit größerer oder geringerer Begabung für den Kapitalismus unterscheiden können, und ob sich diese volkliche Veranlagung gleich bleibt oder im Laufe der Zeit — und wodurch - verändern kann. Erst wenn wir auch diese Frage, deren Erörterung das folgende Kapitel gewidmet ist, noch beantwortet haben, können wir ein begründetes Arteil über die biologischen Grundlagen des kapitalistischen Geistes abgeben. 266 Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker Äie Erwägungen, die wir im vorhergehenden Kapitel angestellt haben, haben uns überzeugt, daß jeder Betätigung kapitalistischen Geistes eine natürliche, im Blute begründete besondere Veranlagung entsprechen muß. Der Äberblick über die tatsächliche Entwicklung, die der kapitalistische Geist während der europäischen Geschichtsepoche erlebt hat, hat uns zu der Einsicht geführt, daß sich bei allen Völkern diese Entwicklung vollzogen hat, daß sie aber bei den verschiedenen Völkern einen verschiedenen Verlauf genommen hat, sei es, daß der Stärkegrad verschieden war, sei es, daß sich die verschiedenen Bestandteile des kapitalistischen Geistes in verschiedenem Mischungsverhältnis vorfanden. Daraus müssen wir den Schluß ziehen, daß also: 1. alle Völker Europas zum Kapitalismus veranlagt, 2. die verschiedenen Völker verschieden veranlagt sind. Was genauer betrachtet diesen Tatbestand ausdrückt: wenn wir sagen: ein Volk ist veranlagt, so bedeutet das: daß sich in dem Volke eine entsprechend große Anzahl von Menschentypen (Varianten) vorfindet, die ihrerseits die Veranlagung, um die es sich handelt, besitzen. Ansere eben gemachte Feststellung besagt also: 1. ,Alle Völker sind für den Kapitalismus veranlagt , heißt: in den Völkern Europas haben sich im Verlauf ihrer Geschichte eine hinreichende Anzahl kapitalistischer Varianten (wie wir abgekürzt sagen können für: Varianten, die geeignet waren, kapitalistischen Geist zu entfalten) vorgefunden, um den Kapitalismus überhaupt zur Entwicklung zu bringen. 2. ,Die Völker sind verschieden veranlagt' heißt: a) sie weisen in einer gegebenen Bevölkerungsmenge verschieden viele kapitalistische Varianten auf: deren „Prozentsatz", Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 267 wie wir zu sagen pflegen, ist ein verschieden hoher, und bezugs- weise oder: die einzelnen Varianten besitzen einen verschieden hohen Grad kapitalistischer Veranlagung: quantitativ verschiedene Veranlagung; b) die Art ihrer Veranlagung ist verschieden: die einen haben mehr Varianten, die eine Veranlagung für diesen, die anderen mehr solche, die eine Veranlagung für jenen Bestandteil des kapitalistischen Geistes besitzen: qualitativ verschiedene Veranlagung. Wie haben wir uns nun — rein biologisch — die Entstehung dieser gleichmäßig vorhandenen oder verschieden verteilten kapitalistischen Varianten vorzustellen? Auszuschließen ist die Meinung: die Anlage zum kapitalistischen Geist sei im Laufe der Geschichte „erworben" worden: das heißt: die Äbung kapitalistischer Praktiken sei mit der Zeit ins Blut gedrungen und hätte hier Veränderungen des Organismus hervorgerufen. Dagegen ist zunächst einzuwenden: daß eine solche Hypothese der von uns als feststehend angenommenen Tatsache widerspricht, daß nichts geübt werden kann, wozu keine „Anlage" schon da ist. Wollte man aber auch gelten lassen, daß eine erste Äbung trotz mangelnder Veranlagung stattgefunden habe, so bleibt es — nach dem heutigen Stande der biologischen Forschung immer noch unwahrscheinlich, daß diese Äbung zu einer Anlage geführt habe"^). Wir müßten also mit dauernder Äbung in allen ihren Verfeinerungen rechnen ohne eine dazu vorhandene Anlage, was ebenfalls allem heutigen Wissen widerspricht. Wir werden also zu der Annahme einer ursprünglichen oder, wie wir sie nennen können, Arveranlagung der Völker gedrängt. Diese können wir uns nun in einer doppelten Gestalt vorstellen: entweder als gleiche oder als verschiedene. Wenn wir sie gleich voraussetzen, so müssen wir alle Verschiedenheiten, 268 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen die sich im Laufe der Geschichte ergeben haben, auf stärkere oder schwächere oder ungleichmäßige Äbung der ursprünglichen Anlagen und einen entsprechenden Ausleseprozeß zurückführen. Im anderen Falle kommen wir ohne diese Hilfskonstruktion aus. Theoretisch sind beide Fälle denkbar. Die Tatsachen der geschichtlichen Wirklichkeit sprechen jedoch dafür, daß eine verschiedene Arveranlagung der europäischen Völker bestanden habe, wenigstens in dem Zeitpunkte, in dem wir von ihnen glaubhafte Nachrichten erhalten. Die Annahme solcher Verschiedenheit erleichtert die Erklärung des geschichtlichen Ablaufs der Ereignisse ungemein, für zahlreiche Zusammenhänge gewinnen wir erst durch sie ein richtiges Verständnis, so daß, da nichts Triftiges dagegen spricht, ich sie dieser Darstellung zugrunde legen werde. Dann ergibt sich etwa folgendes Bild. Die Stämme oder Völker, aus denen sich die europäische Völkerfamilie zusammensetzt, sind teilweise kapitalistisch unterveranlagt, teilweise überveranlagt. Jene unterveranlagten Völker weisen zwar auch kapitalistische Varianten auf (das müssen wir annehmen, da es kein Volk gibt, in dem der kapitalistische Geist überhaupt nicht zur Entfaltung gelangt wäre), aber in so geringer Zahl und mit so geringer Stärke der Veranlagung, daß die Entwicklung kapitalistischen Wesens in den ersten Ansätzen stecken bleibt. Die überveranlagten Völker dagegen haben reichliche und gute kapitalistische Varianten, so daß unter gleichen Bedingungen kapitalistisches Wesen rascher und vollkommener zur Entfaltung gelangt. Wie unerläßlich es ist, verschieden starke Arveranlagung anzunehmen, erweist sich schon hier: wie sollte es sich sonst erklären lassen, daß Völker mit gleichen oder fast gleichen Bedingungen so ganz und gar verschiedene Entwicklungshöhen in der Ausbildung des kapitalistischen Geistes erreicht haben. Denn welche Verschiedenheit der Entwicklungs- Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 269 bedingungen bestand denn etwa zwischen Spanien und Italien, zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Schottland und Irland? Man darf die späteren geschichtlichen Erlebnisse dieser Länder nicht unter die verschiedenen Entwicklungsbedingungen zählen, da sie ja selbst wieder erst ihre Erklärung in der verschiedenen Grundveranlagung finden. Oder will man leugnen, daß jedes Volk den Staat, die Religion, die Kriege hat, die „es verdient", das heißt, die seiner Eigenart entsprechen? Ebenso spricht für die Nichtigkeit unserer Annahme einer ursprünglich verschiedenen Veranlagung der Amstand, daß wir die unterveranlagten oder überveranlagten Völker (umgekehrt) unter verschiedenen äußeren Lebensbedingungen gleiche Entwicklungen durchmachen oder bewirken sehen. Das gilt auch für die innerhalb der überveranlagten Völker ersichtlich zutage tretende Artverschiedenheit ihrer kapitalistischen Veranlagung: auch diese führt unter ganz heterogenen Verhältnissen zu wesensgleichen Lebensäußerungen. Zu den Völkern mit kapitalistischer Llnterver- anlagung rechne ich vor allem die Kelten und einige germanische Stämme, wie namentlich die Goten (es ist ganz und gar nicht angängig, die „germanischen" Völker als grundsätzlich gleichveranlagt anzusehen; sie mögen einige Wesenszüge gemeinsam haben, die sie von völlig andersgearteten Völkern, wie etwa den Juden, unterscheiden; unter sich weisen sie aber, namentlich was ihre wirtschaftliche Veranlagung anbetrifft, außerordentlich große Unterschiede auf: ich wüßte nicht, wie die Verschiedenheit der Veranlagung zum Kapitalismus größer sein sollte als etwa zwischen Goten, Langobarden und Friesen). Äberall wo Kelten die Mehrheit der Bevölkerung bilden, kommt es überhaupt zu keiner rechten Entwicklung kapitalistischen Wesens: die obere Schicht, der Adel, lebt mit großer seigneurialer Geste ohne allen Sinn für Sparsamkeit und bürgerliche Tugend- 270 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen hastigkeit, die Mittelschichten verharren in Traditionalismus und ziehen das kleinste, sichere Pöstchen dem rastlosen Er- werbe vor. Kelten sind die Hochländer in Schottland^?), vor allem der schottische Adel', jenes ritterliche, fehdelustige, etwas donquichottehafte Geschlecht, das noch heute an seinen alten Clan-Traditionen festhält und vom kapitalistischen Geiste bis heute noch kaum berührt ist: der Lniek of tne Llan fühlt sich noch heute als der alte Feudalherr und hütet seine Familien- kleinodien mit Eifersucht, wenn schon längst die Wucherer angefangen haben, seinen Äausrat wegzutragen. Kelten sind die Iren, deren Mangel an „Wirtschaftlichkeit" zu allen Zeiten die Klage der kapitalistisch gesinnten Beurteiler gebildet hat. Jene Iren, die selbst in dem Wirbelwind des amerikanischen Wirtschaftslebens ihre gemächliche Ruhe zum großen Teil bewahrt haben und sich drüben am liebsten auch in den sicheren Äafen eines Amtes zu retten suchen. Kelten sind stark dem französischen Volke beigemischt und es liegt recht nahe, jene Tendenz zum Rentnertum, jene „Plage der Stellenjägerei", die wir als einen allgemein anerkannten Zug der französischen Volksseele kennen gelernt haben, auf das keltische Blut zurückzuführen, das im französischen Volkskörper steckt. Geht auf dieses Blut auch jener Schwung, jener „eisn" zurück, den wir ebenfalls in Frankreichs Unternehmern häufiger antrafen wie anderswo? John Law fand erst in Frankreich rechtes Verständnis für seine Ideen: war es das Keltische in seinem Wesen, das dieses Verständnis vermittelte? Laws väterliche Ahnen waren Lowländer (Juden?), mütterlicherseits führte er seinen Stammbaum auf adlige Äochlandsfamilien zurück^). Kelten finden wir endlich als einen Bestandteil des aus ihnen, Iberern «einem völlig unkapitalistischen Volke, das selbst dem Reize, den das Gold auf fast alle Völker ausübt, sich verschloß) und Römern gemischten Eingeborenenvolke, das die West- Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 271 goten vorfanden, als sie die Pyrenäenhalbinsel besiedelten^"). Sie und die Goten sind es denn wohl gewesen, die die Entwicklung des kapitalistischen Geistes hintanhielten, nachdem sich dessen Kraft in einer Reihe von heldenhaften und abenteuerlichen Beutezügen erschöpft hatte. Alles was kapitalistisches Wesen in Spanien und Portugal verbreiten half, gehörte wohl keinem der beiden Stämme an, war vielmehr jüdischen oder maurischen Geblüts. Aber uns interessieren mehr als die unterveranlagten die kapitalistisch überveranlagten Völker Europas. Anter diesen lassen sich wiederum deutlich zwei Gruppen unterscheiden: diejenigen Völker, die für das großzügige Gewalt- Unternehmertum, für die Freibeuterei, eine besondere Veranlagung hatten und diejenigen, deren Befähigung vielmehr in einer erfolgreichen friedlichen Handelstätigkeit lag, die aber auch (infolgedessen oder wenigstens im Zusammenhange mit dieser Veranlagung) eine Hinneigung zur Bürgerlichkeit besaßen. Ich will jene erste Gruppe Heldenvölker, diese andere Händlervölker nennen. Daß diese Gegensätze nicht etwa „sozialer" Natur waren, wie unsere Milieufanatiker in allen solchen Fällen ohne Prüfung annehmen (weil ja nichts Unterschiedliches im Blute liegen darf, da man sonst das geliebte Gleichheitsideal in der Zukunft schlechterdings nicht verwirklichen könnte), lehrt ein Blick auf die Geschichte dieser Völker. Diese belehrt uns, daß die soziale Schichtung unmöglich der Grund der verschiedenen Geistesrichtung sein kann, da sie in den meisten Fällen erst das Ergebnis des Zusammenlebens jener beiden gegensätzlich veranlagten Völker ist; sie belehrt uns aber auch, daß die Händlervölker in keiner sozialen Schicht je Helden lin dem weitesten Verstände) erzeugt haben: wohl verstanden nur in der Zeit der westeuropäischen Geschichte, in die sie mit ihrem festgefügten Volkscharakter eintreten. 272 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen Zu den Keldenvölkern, die also selbst in die wirtschaftliche Welt Züge des .Heldentums hineintrugen, soweit das möglich ist, die jene ganz oder halbkriegerischen Unternehmer stellten, denen wir in der Epoche des Frühkapitalismus so oft begegnet sind?, gehören zunächst die Römer, die ja sür Italien, für Teile Spaniens, Galliens, Westgermaniens wichtige Bestandteile des Volkskörpers bilden. Was wir von ihrer Art, Geschäfte zu betreiben, wissen, trägt ganz den Charakter der Gewalt- unternehmung, ruht ganz auf dem Gedanken, daß auch der wirtschaftliche Erfolg vor allem mit dem Schwerte errungen werden müsse. „Die Verbindung der römischen und der im Ausland ihnen sich eng anschließenden, italienischen Kaufmannschaft erstreckte sich bald über die bedeutendsten Orte in den abhängigen (!) Landschaften, nach Afrika und Numidien, nach Griechenland und dem Orient. Überall bildeten sie eine privilegierte Kompagnie für sich, die ihr politisches (!) und wirtschaftliches Übergewicht nicht nur in der Fremde, sondern rückwirkend auch in der Keimat fühlen ließ. Wiederholt mußte die Republik einen Fcldzug unternehmen, weil den römischen Kaufleuten im Auslande etwas Unangenehmes passiert war, selbst wenn sie sich im Anrecht befanden" ^'"). Äier wäre dann auch an die bekannte Bewertung zu erinnern, die die Alten den verschiedenen Arten der Unternehmung zuteil werden ließen: es ist dieselbe, die später z. B. bei den Engländern oder den Franzosen wiederkehrt: der Lkippin^- mercliant gilt als gesellschaftsfähig, weil er mehr Krieger als Händler ist, der eigentliche „Händler", der traäeZman, der mar- clianä nicht. Cicero hat in seiner oft zitierten Äußerung über die Anständigkeit der einen, die Nicht-Anständigkeit der andern Tätigkeit die innere Gegensätzlichkeit des Geistes, der ja die beiden Unternehmungen beseelt, zu vollendetem Ausdruck gebracht, wenn er sagt: „Den Großhandel, der Länder umspannt und vom Weltmarkt Waren herbeiholt, diese den Bewohnern Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 273 zuteilt, ohne sie zu überlisten und zu beschwätzen, ist keineswegs ganz abzuweisen^)." „Ohne sie zu überlisten und zu beschwätzen": so übersetzt Otto Neurath »sine vanitate impertiens« frei, aber treffend. In meiner Terminologie: Eroberer-Anternehmer sein, das mag allenfalls hingehen; Äändler-Anternehmer sein: unmöglich für den, der etwas auf sich hält. Zu den Römern gesellen sich dann einige der germanischen Stämme, die offenbar von gleichem Geiste beseelt sind: es sind vor allem die Normannen, die Langobarden, die Sachsen und die Franken. Ihnen soweit nicht den Römern verdanken ebenso die Venetianer wie die Genuesen, die Engländer wie die Deutschen sei es ihr freibeuterisches, sei es ihr grundherr^ schaftliches Anternehmertum. Für die eigenartige Veranlagung dieser Stämme gewinnen wir nun aber erst das richtige Verständnis, wenn wir sie mit solchen Völkern vergleichen, die zwar ebenso stark, aber in ganz anderer Weise für die Entfaltung kapitalistischen Wesens geeignet waren: mit den Kändlervölkern, in denen also vor allem die Fähigkeit schlummerte, durch friedliche Vertragschließung, durch geschicktes Eingehen auf den Gegenpart, aber auch durch übertragene Rechenkunst gewinnbringende Geschäfte zu machen. Welche europäischen Völker hauptsächlich diese Seite des kapitalistischen Geistes zur Entwicklung gebracht haben, sahen wir bereits: es sind die Florentiner, die Schotten und die Juden. Äier gilt es, dafür Belege anzuführen, daß die eigenartige Be- tätigung dieser Völker in der historischen Zeit wahrscheinlich denn mehr als eine Wahrscheinlichkeit nachzuweisen, gestattet uns das überlieferte Beweismaterial nicht — auf eine eigenartige Arveranlagung zurückzuführen ist, die sie bzw. die in ihnen zur Vorherrschaft gelangenden Elemente schon besaßen, als sie in die Geschichte eintraten. Sombart, Der Bourgeois l!> 274 Erster Abschnitt: Die biologische» Grundlagen Was die Florentiner zu Händlern, mehr: zum ersten und größten Händlervolk des Mittelalters gemacht hat, war das etruskische und griechische (orientalische) Blut, das in ihnen floß. Wie stark sich etruskisches Wesen durch die Römerzeit hin- durch in den Bewohnern Toskanas erhalten hat, dafür fehlt uns jede Möglichkeit der Schätzung. Nach guten Sachkennern soll gerade die Stadt Florenz nur in geringem Maße ihren etruskischen Charakter eingebüßt haben ^). Daß das etruskische Blut einen wichtigen Bestandteil des Florentiner Blutes gebildet habe, darüber besteht kein Zweifel. Nun waren aber die Etrusker^) neben Phöniziern und Karthagern das eigentliche „Handelsvolk" des Altertums, dessen Geschäftsgebaren, soviel wir von ihm wissen, dasselbe war, das später die Florentiner kennzeichnete: der Schwerpunkt ihres Handels lag seit dem 5., spätestens dem 4. Jahrhundert im friedlichen Landhandel, namentlich mit den nördlich von ihnen wohnenden Völkern. Diesen Handel besorgten sie auch nach der Kolonisation des Landes durch die Römer, die lange Zeit allen Handel verschmähten und die einheimische Bevölkerung ruhig den gewohnten Handel weiter treiben ließen. Den allgemeinen Geist dieses Händlervolkes bezeichnen die besten Kenner als rational, als „praktisch" in seinem Wesen: „Mit diesem praktischen Sinn durchdringen sich seit den ältesten Zeiten religiöse Ideen . . jene alte Phantasie . . wird hier genötigt, sich konsequenter zu bleiben und in engere Schranken eingeschlossen; es gestaltet sich ein in sich wohlzusammenhängendes System . . . Götter und Menschen werden zu einem Staate vereinigt und ein Vertrag zwischen ihnen aufgerichtet, kraft dessen die Götter in beständigem Verkehr mit dem Menschen ihn warnen und lenken, aber auch dem starken Menschenwillen mitunter nachzugeben bewogen werden. Aus den Ideen dieses Verkehrs . . wird eine Ordnung des öffentlichen und alltäglichen Lebens gebildet, die mit bewunderns- Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 275 würdiger Konsequenz auch in scheinbar unwesentlichen Dingen durchgeführt wird und den Grundsatz eines nach dem Positiven strebenden Volkes ausspricht: daß die Regel überall das Beste sei" Von Interesse ist es auch zu erfahren, daß die Etrusker ein stark kirchlich-religiöses Volk waren 2°°), wie nachher die Florentiner und wie die beiden andern Äandelsvölker psr excellence: die Schotten und die Juden. Aber die etruskische Schicht lagerte sich nun während der Römerzeit eine starke Schicht Asiaten, die ganz gewiß von demselben Geiste erfüllt waren, der die Etrusker beseelt hatte, da sie als Händler nach Italien gekommen waren. „In Florenz war die Zahl der Griechen oder Vorderasiaten eine große; von 115 Grabsteinen heidnischer Zeit weisen 21 Inschriften 26 griechische Namen auf, und unter 48 Epitaphien, die uns das Andenken von Florentiner Christen der ersten Jahrhunderte bewahren, finden sich neun in griechischer Sprache; ein anderes, von dem nur ein geringes Bruchstück vorliegt, enthält einen griechischen Buchstaben in dem einzigen (lateinischen» Worte, das es aufweist; in einem weiteren ist der Bestattete seiner Nationalität nach als Kleinasiat bezeichnet . . man wird jene . . Inschriften . . Wohl durchweg auf vorderasiatische Händler und deren Angehörige beziehen dürfen.." Noch andere Anzeichen gibt es für „die bedeutende Stellung, die das griechische Element in der Florentiner Christengemeinde einnahm . . ." „Noch im 11. Jahrhundert (fragte bei der Taufe) der Presbyter, in welcher Sprache der Täufling Christum bekennen werde, worauf ein Akolyth einen Knaben im Arm das Symbolum lateinisch, ein anderer ein Mädchen haltend, es griechisch absang" -so). Wenn die Hypothese richtig ist^), daß die Küsten Schottlands von Friesland aus besiedelt sind, so würde dies eine vortreffliche Bestätigung der Tatsache sein, daß auch die eigentümliche schottische Veranlagung eine Arveranlagung ist. Denn was wir von den Friesen wissen, ist dieses: daß sie in ganz früher Zeit als „kluge, gewandte Handelsleute" befunden 18* 276 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen werden^). Wir hätten dann in England den Einfluß des römisch-sächsisch-normannischen, in Niederschottland den des friesischen Volkselements zu suchen und würden die Unterschiedlichkeit der Veranlagung dieser beiden Teile Großbritanniens zwanglos aus der verschiedenen Blutsbeschaffenheit erklären können. Aber die Friesen haben noch einem andern Volke seinen Charakter aufgeprägt, von dem wir ebenfalls wissen, daß es frühzeitig in die Bahnen des Äändlertums und der bürgerlichrechnerischen Lebensführung einlenkt: den Holländern, so daß wir wohl mit einigem Rechte die Friesen als das spezifische Äändlervolk unter den germanischen Stämmen ansprechen dürfen, dem sich dann ebenbürtig zur Seite stellt der Stamm der Alemannen, aus dem das Äändlervolk der Schweizer hervorgegangen ist. In langen Beweisführungen glaube ich die Tatsache außer Zweifel gestellt zu haben, daß die besondere Veranlagung der Juden, wie sie uns in dem Augenblick entgegentritt, als sie auf die Entwicklung des kapitalistischen Geistes entscheidenden Einfluß auszuüben beginnen: also etwa seit dem 17. Jahrhundert, eine Arveranlagung sei: mindestens in dem Sinne, in dem uns die Tatsache hier ausschließlich interessiert: daß die Veranlagung dieselbe war, als die Juden in die westeuropäische Geschichte eintreten. Ich verweise den Leser auf die Darstellung in meinem öfters genannten Buche: „Die Juden und das Wirtschaftsleben" und übernehme von dort das Ergebnis: auch die Juden sind ein Äändlervolk von Geblüt. So daß wir also nun die wichtige Feststellung machen können: der kapitalistische Geist in Europa ist ausgebildet worden von einer Anzahl verschieden urveranlagter Völker, unter denen drei sich als spezifische Äändlervölker von den übrigen Äelden- völkern abheben: die Etrusker, die Friesen und die Juden. Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 277 Die Arveranlagung ist nun aber natürlich nur der Ausgangspunkt, von dem aus der biologische Gestaltungsprozeß seinen Anfang nimmt. Man weiß, daß sich in jeder Generation die Veranlagung eines Volkes ändert, weil in jeder Generation zwei Kräfte ihre Ambildungsarbeit von neuem vollbringen: die Auslese und die Blutsmischung. Was sich über deren Wirksamkeit mit Bezug auf unser Problem annähernd Bestimmtes aussagen läßt, ist etwa folgendes: Bei den Äändlervölkern vollzieht sich der Prozeß der Auslese der lebensfähigsten Varianten, also derjenigen mit starker Mndlerbegabung, am raschesten und gründlichsten. Die Juden hatten kaum noch etwas auszulesen: sie stellen von vornherein schon ein fast rein gezüchtetes Kändlervolk dar. Die Florentiner waren stark durchsetzt mit germanischem Blut, das vor allem im Adel floß: solange dieser den Ton angab, war das Bild, das Florenz bot, das einer durchaus kriegerischen Stadt. Wir beobachten nun mit Interesse, wie nirgends frühzeitiger und durchschlagender die dem herrschenden Typus feindlichen Elemente aus dem Volkskörper ausgemerzt wurden wie in Florenz. Ein großer Teil des Adels verschwand ohne äußere Zwangsmittel: wir wissen, daß schon Dante den Llntergang einer großen Anzahl adliger Geschlechter beklagt. Der Nest wurde zwangsweise beseitigt. Schon im Jahre 1292 hatten die Popolanen, also die Männer mit dem Äändler- blut, durchgesetzt, daß kein Grande in die Stadtverwaltung gelangen konnte. Die Wirkung auf den Adel war eine zweifache: die anpassungsfähigen Elemente verzichten auf ihre Sonderstellung und lassen sich in die Liste der Arti eintragen. Die anderen, wir müssen also annehmen: die Varianten, in denen das seigneuriale Empfinden zu stark war, deren Blut allem Äändlertum widerstrebte, wanderten aus. Die weitere 278 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen Geschichte von Florenz: die immer stärker werdende demokratische Färbung des öffentlichen Lebens belehrt uns, daß vom 14. Jahrhundert an die Bürger unter sich waren. Nicht minder gründlich wurde in Niederschottland mit dem (keltischen) Adel aufgeräumt. Seit dem 15. Jahrhundert gerät er rasch in Verfall: dank „seinem ewigen Geldmangel und seinem Ungeschick im Geldausgeben" 2°°). Was nicht ganz und gar von der Bildfläche zu verschwinden bestimmt war, hatte sich schon früher in die Äochlandsberge zurückgezogen. Seitdem hatte also das friesische Äändlertum ein erdrückendes Übergewicht in der niederschottischen Volksgemeinschaft. Langsamer, aber ebenso unaufhaltsam vollzieht sich die Auslese der kapitalistischen Varianten bei den übrigen Völkern. Man darf annehmen: in zwei Anläufen. Zunächst werden die un- kapitalistischen Varianten ausgemerzt; dann werden aus den kapitalistischen Varianten die Äändlervarianten ausgelesen. Dieser Ausleseprozeß vollzog sich in dem Maße, als aus den unteren Schichten des Volkes die „Tüchtigsten" sich zu kapitalistischen Anternehmern aufschwangen. Denn diese aus dem Äand- werk oder noch tiefer herkommenden Männer konnten, wie wir sahen, im wesentlichen nur durch ihr geschicktes Kändlertum, durch ihr gutes Haushalten und ihr fleißiges Rechnen über die anderen hinauswachsen. In gleicher Richtung wie die Auslese wirkte die Bluts- mischung, die ja schon im Mittelalter beginnt und seit dem 16. Jahrhundert in Ländern wie Frankreich und England immer mehr an Bedeutung gewann. Wir müssen ein Gesetz annehmen, wonach bei der Vermischung seigneurialen und bürgerlichen Blutes dieses sich als das stärkere erweist- Ein Phänomen wie das des Leon Battista Alberti ließe sich sonst nicht erklären. Die Alberti waren eins der vornehmsten und edelsten Germanengeschlechter Toskanas gewesen, das jahrhundertelang mit Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 279 kriegerischen Unternehmungen sein Dasein ausgefüllt hatte. Wir kennen verschiedene Zweige dieses Geschlechts^^), unter denen die Contalberti die berühmtesten sind. Aber auch derjenige Stamm, dem Leon Battista entsproß, war stolz und mächtig gewesen: diese Alberti stammen vom Castello di Catenaia im Valdarno; sie besaßen einst außer ihrem Stammschloß die Schlösser Talla, Montegiovi, Bagena und Penna und sind mit edlen germanischen Geschlechtern blutsverwandt. Im Partei- zwist besiegt, ziehen sie (im 13. Jahrhundert) in die Stadt, wo der erste Alberti sich noch in die Zunft der Giudici eintragen läßt. And dann werden sie die besten — Wollhändler. And der Sprosse eines solchen Geschlechtes schreibt ein Buch, das an bürgerlicher, um nicht zu sagen, spießbürgerlicher Gesinnung schwer seinesgleichen findet; in dem schon im 14. und 15. Jahrhundert der Geist Benjamin Franklins umgeht. Was müssen da für Ströme von Krämerblut in das edle Blut dieser adligen Familie hineingeflossen sein, ehe eine solche Wandlung möglich geworden war! Bei Leon Battista selbst können wir diese „Verpantschung" des edlen Blutes „quellenmäßig" nachweisen: er war ein uneheliches Kind und wurde in Venedig geboren. Also wird eine ganz „bürgerliche" Frau mit Äändler- blut in den Adern aus weiß Gott was für einem Stamme seine Mutter gewesen sein. Eines Amstandes mag nun noch Erwägung geschehen, ehe wir diesen biologischen Teil unserer Darstellung beschließen: es mag daran erinnert werden, daß jede Vermehrung der kapitalistischen Varianten, bloß weil sie eintrat, notwendig eine Beförderung des kapitalistischen Geistes bedeutete. Daß diese durch sie — extensiv ^ mehr verbreitet wurde, versteht sich von selbst. Aber auch eine Jntensivisierung dieses Geistes mußte durch jene bloße Vermehrung der Varianten eintreten, weil durch sie eine Betätigung immer leichter wurde, die Ausbildung der 280 Erster Abschnitt: Die biologischen Grundlagen kapitalistischen Anlagen also einen immer vollkommeneren Grad erreichen konnte: das Aufeinandereinwirken der einzelnen Varianten gleicher Veranlagung muß das bewirken, da ja die Möglichkeiten ihrer Entfaltung dadurch notwendig vermehrt werden. » -i- Was uns nunmehr noch zu leisten obliegt, ist die Lösung einer rein historischen Aufgabe. Es ist der Nachweis zu führen, welchen Einflüssen die Herausbildung des kapitalistischen Geistes zuzuschreiben ist; genauer: was es war, das die kapitalistischen Anlagen zur Entfaltung brachte, und was den vorhin geschilderten Ausleseprozeß bewirkt hat. Der Leser ersieht aus dem Inhaltsverzeichnis, daß ich zwei Gruppen solcher Einflüsse unterscheide: wenn man will: innere und äußere, obwohl diese Bezeichnung nicht ganz zutreffend ist, da auch die „inneren" Einflüsse durch Anregung von außen wirksam werden und auch die „äußeren" schließlich ohne einen innerlichen Seelenvorgang nicht gedacht werden können. Immerhin wirken „die sittlichen Mächte" mehr von innen nach außen, „die sozialen Umstände" mehr von außen nach innen. Keiner gesonderten Betrachtung unterziehe ich die „Naturbedingungen", das heißt diejenigen Einwirkungen, die auf das Land, sein Klima, seine Lage, seine Bodenschätze zurückzuführen sind. Soweit wir solche Einwirkungen annehmen müssen, werden sie je bei denjenigen „sozialen Amständen" berücksichtigt werden, die selbst wieder ein Ergebnis geographischer Eigenart sind: wie der besondere Beruf; die Ausbeutung der Edelmetallager; die eigentümliche Gestaltung der Technik. And nun — ehe wir Abschied nehmen von dem heiklen Problem der „biologischen Grundlagen" noch dies eine manchem skeptischen Leser zum Trost und zur Beruhigung: Sechzehntes Kapitel: Die Veranlagung der Völker 281 Die folgende historische Darstellung behält ihren (etwa vorhandenen) Wert auch für denjenigen, der sich auf irgendwelche biologischen Erörterungen nicht einläßt. Auch derjenige Milieutheoretiker, der alles aus allem entstehen läßt, kann die folgenden Ausführungen gelten lassen. Während sie nämlich für uns Blutsgläubige die Bedeutung haben, daß sie diejenigen Amstände (Einflüsse) aufdecken, die vorhandene Anlage zur Entfaltung bringen und anpassungsfähige Varianten auslösen, würde ein Milieugläubiger annehmen können, daß die von mir im folgenden aufgezählten historischen Tatsachen es gewesen sind, die den kapitalistischen Geist (aus dem Nichts) erzeugt haben. Wir beide sind der Meinung, daß ohne einen ganz bestimmten Verlauf der Geschichte kein kapitalistischer Geist sich entwickelt hätte- Wir beide legen also der Aufdeckung der historischen Umstände die größte Bedeutung bei. Wir beide sind also gleich interessiert, zu erfahren, welcher Art diese historischen Amstände waren, denen wir die Entstehung und Entfaltung des kapitalistischen Geistes verdanken. 282 Zweiter Abschnitt Die sittlichen Mächte Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie Äöenn wir den Begriff der ethischen Orientierung so weit fassen, daß wir die religiöse Verankerung moralischer Wertungen einbeziehen, so ergeben sich als höhere sittliche Mächte, denen unser Handeln Richtung und Ziel verdanken kann (wenn wir also von der „Volkssitte" absehen): Philosophie und Religion. Sie sind es denn auch, deren Einwirkung auf die Psyche der Wirtschaftssubjekte, deren Mitwirkung bei der Herausbildung des kapitalistischen Geistes im folgenden zur Darstellung gebracht werden sollen: also zunächst die der Philosophie. Es sieht fast wie ein Scherz aus, wenn in der Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen als eine der Quellen, aus denen der kapitalistische Geist gespeist worden ist, die Philosophie bezeichnet wird. Trotzdem hat sie ohne Zweifel ihren Anteil am Aufbau dieses Geistes, wenn es auch freilich nur — wie sich leicht denken läßt — die mißratenen Kinder der großen Mutter gewesen sind, von denen sich die Seelen kapitalistischer Unternehmer haben belehren lassen. Es ist die „Philosophie des gesunden Menschenverstandes", ist der Atili- tarismus in allen seinen Schattierungen, der ja im Grunde nichts anderes ist als die in ein System gebrachte „bürgerliche" Weltanschauung, auf die wir mehr als einen unserer Gewährsmänner, deren Ansichten wir kennen gelernt haben, sich berufen sehen. Auf utilitaristische Gedankengänge läßt sich ein guter Teil der kapitalistischen Tugendlehre und der kapitalistischen Wirtschaftsregeln zurückführen. Gerade die Ansichten der beiden Männer, die die frühkapitalistische Epoche mit ihren Schriften Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie 283 einleiten und beschließen: L. B- Alberti und B. Fr an kl in, sind Atilitarier von reinstem Geblüt. Sei tugendhast, so wirst du glücklich: das ist die Leitidee ihres Lebens. Tugend ist Wirtschaftlichkeit, tugendhaft leben, heißt haushalten mit Leib und Seele. Deshalb ist die Nüchternheit: bei Alberti die »Lobrietü« (1c. p. 164), bei Franklin die »truMlitx« die höchste Tugend. Frage immer, was dir nützlich ist, dann wirst du ein tugendhaftes, das heißt also ein glückliches Leben führen. Am aber zu wissen, was dir nützlich ist: höre auf die Stimme der Vernunft. Die Vernunft ist die große Lehrmeisterin des Lebens. Alles, was wir uns vorsetzen, können wir mit Äilfe der Vernunft und Selbstüberwindung erreichen. Vollständige Rationalisierung und Ökonomisierung der Lebensführung ist also das Ziel des Weisen '««). Woher nahmen diese Männer solche Ansichten, die sie doch — Wollhändler und Buchdrucker, die sie waren nicht selbst erdacht haben konnten. Bei Benjamin Franklin mag man an eine der vielen empiristisch-naturalistischen Philosophien denken, die damals schon in England im Schwange waren. Bei den Quattrocentisten können wir ganz deutlich den Einfluß des Altertums wahrnehmen. Insoweit wir also in Albertis und anderer Männer jener Zeit Schriften die ersten systematischen Darstellungen kapitalistischer Gedankengänge vor uns haben, müssen wir, insoweit der Inhalt dieser Schriften wiederum von der eben gekennzeichneten Philosophie beeinflußt worden ist, den Geist der Antike, und zwar, wie wir einschränkend sagen können: den Geist der Spätantike, als eine der Quellen des kapi- talistischen Geistes ansprechen. Daß ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den Wirt- schaftsideen des italienischen Frühkapitalismus und den Ansichten der Alten besteht, läßt sich auf verschiedene Weise nachweisen. (An den durch die Lehren der Kirche vermittelten Zusammenhang 284 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte denke ich hier natürlich nicht). Es würde fast schon die Erinnerung genügen, daß jedermann, der etwas auf sich hielt, in jener Zeit des Rinascimento die Schriftsteller des Altertums las und sich in seinen eigenen Schriften tunlichst an die Lehrmeinungen jener anschloßt). Aber wir brauchen uns mit diesem Wahrscheinlichkeitsbeweis nicht zu begnügen, da wir genügend viel Zeugnisse für die Tatsache haben, daß die Männer, die in Italien damals über wirtschaftliche Dinge schrieben und die kapitalistischen Gedanken zuerst systematisch entwickelten, in der Literatur des Altertums wohl bejchlagen waren. In den Familienbüchern Albertis sind die Verweisungen auf die antiken Schriftsteller sehr häufig. Er zitiert: Äomer, Demosthenes, Tenophon, Virgil, Cicero, Livius, Plutarch, Plato, Aristoteles, Varro, Columella, Cato, Plinius; am meisten Plutarch, Cicero, Columella. Ein anderer Florentiner Kaufmann des Quattrocento, Giov. Ruccellai, führt Belege für seine kaufmännischen Regeln an aus: Seneca, Ovid, Aristoteles, Cicero, Salomon, Cato, Plato ^). Daß die öfters von uns zu Rate gezogenen Landbauschrist- steller des Cinquecento und Seicento alle auf den römischen 8criptore8 rei rusticse fußten, versteht sich von selbst. And der Ääufigkeit dieser Verweisungen entspricht nun auch die Übereinstimmung der Ansichten und Lehrmeinungen, die wir zwischen den Alten und unseren Florentiner Wirtschaftsmenschen beobachten können. Selbstverständlich muß man sich den Zusammenhang nicht so denken, daß diese etwa die Systeme der alten Philosophie als Ganzes herübergenommen und daraus ihre Anschauungen logisch entwickelt hätten. Es waren ja keine Philosophen, sondern Männer der Praxis, die vielerlei gelesen hatten und das Gelesene nun mit ihren eigenen Lebenserfahrungen verbanden, um daraus Regeln für praktisches Handeln abzuleiten. Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie 285 Von den leitenden Ideen der spätantiken Philosophie sagte ihnen am meisten der auch der Stoa zugrunde liegende Gedanke eines sittlichen Naturgesetzes zu, demgemäß der Vernunft die Herrschaft über die natürliche Triebwelt gebührt, der Gedanke also der Rationalisierung der gesamten Lebensführung. Diesen Gedanken, der zu den Tiefen der Erkenntnis führt, und den wir namentlich in der Stoa zu einem erhabenen System der Weltbetrachtung und Weltbewertung ausgebaut sehen, verflachte man begreiflicherweise, indem man ihn in dem rein utilitarischen Sinne umbog: daß unser höchstes Glück aus einer rationellen, „zweckmäßigen" Lebensgestaltung fließe. Immerhin blieb als Grundton der Lehren eines Alberti und der verwandten Geister diese allem kapitalistischen Wesen ungemein fördersame sittliche Forderung der Disziplinierung und Methodi- sierung des Lebens bestehen. Wenn Alberti nicht müde wird, die Überwindung der Triebhaftigkeit des Menschen durch Selbstzucht zu predigen, so beruft er sich dabei mehr als einmal auf antike Gewährsmänner^). (So nimmt er z. B. aus Seneca den Gedanken: »keliqus nobis aliena sunt, tempus tsmen rwstrum e8t« alle übrigen Dinge sind unserer Einwirkung entzogen: die Zeit ist unser.) Man kann, wenn man es darauf anlegt, das heißt einzelne Ansichten ohne ihren Bezug auf das Ganze des Lehrgebäudes herausgreift, jeden stoischen Traktat in einen utilitarisch- rationalistischen verflachen, und deshalb bot unseren Wollhändlern selbst die stoische Philosophie, die sie kannten, eine Fülle von Anregung und Belehrung. Ich denke mir z. B., daß Alberti oder Ruccellai Marc Aurels wundervolle „Selbstbetrachtungen" zur Äand nahmen, mit Eifer studierten und sich dabei folgende Stellen auszogen (ich zitiere mit geringen Abweichungen nach der Übersetzung von vr. Albert Witt- stock): 286 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte „Ich bestrebte mich . . einfach und mäßig zu leben, weit entfernt von dem gewöhnlichen Luxus der Großen" (I, 3); „von Apollonius lernte ich . . mit Bedachtsamkeit, doch ohne Wankelmut, auf nichts Rücksicht zu nehmen, als auf die gesunde Vernunft" (I, 8); „weiter danke ich den Göttern, daß ich nicht zu große Fortschritte in der Rede- und Dichtkunst (die nach der Ansicht der Stoiker nicht dem Ernst und der strengen Wahrheitsliebe entsprechen), noch auch in anderen solchen Wissenschaften, die mich fönst leicht gänzlich gefesselt haben könnten" (I, 17); „laßt die Bücher, die Zerstreuung, es fehlt dir die Zeit" (II, 2); „die Seele des Menschen . . schändet sich . . wenn sie bei ihren Handlungen und Bestrebungen kein Ziel verfolgt, sondern unbesonnen ihr Tun dem Zufall überläßt, während die Pflicht gebietet, selbst die unbedeutendsten Dinge auf einen Zweck zu beziehen" (II, 16); „für den Guten (bleibt) nur das übrig, daß er zu allem, was ihm als Pflicht erscheint, die Vernunft zu seiner Führerin habe" (III, 16); „des Nutzens wegen ist die Natur gezwungen, so zu verfahren, wie sie es tut" (IV, 9); „hast du Vernunft? Ja. Warum gebrauchst du sie denn nicht? Denn wenn du sie schalten läßt, was willst du noch mehr?" (IV, 13). „Wenn du des Morgens nicht gern aufstehen magst, so denke: ich erwache, um als Mensch zu wirken. Warum sollte ich mit AnWillen das tun, wozu ich geschaffen und in die Welt geschickt bin? Bin ich denn geboren, im warmen Bette liegen zu bleiben? — .Aber das ist angenehmer.' — Du bist also zum Vergnügen geboren, nicht zur Tätigkeit, zur Arbeit? Siehst du nicht, wie die Pflanzen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen, die Bienen (IW. wörtlich so bei Albertil) jedes ihr Geschäft verrichten und nach ihrem Vermögen der Harmonie der Welt dienen? And du weigerst dich, deine Pflicht als Mensch zu tun, eilst nicht zu deiner natürlichen Bestimmung? .Aber man muß doch auch ausruhen?' Freilich muß man das. Indes hat auch hierin die Natur eine bestimmte Grenze gesetzt, wie sie im Essen und Trinken eine solche gesetzt hat. Du aber überschreitest diese Schranke, du gehst über das Bedürfnis Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie 287 hinaus. Nicht so in den Äußerungen deiner Tätigkeit; hier bleibst du hinter dem Möglichen zurück. Du liebst dich eben selbst nicht, sonst würdest du auch deine Natur und das, was sie will, lieben. Diejenigen, welche ihr -Handwerk lieben, arbeiten sich dabei ab, vergessen das Bad und die Mahlzeit. Du aber achtest deine Natur weniger hoch, als der Erzgießer seine Bildformen, der Tänzer seine Sprünge, der Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige sein bißchen Ruhm? Auch diese versagen sich den Gegenständen ihrer Leidenschaft zu Lieb eher Nahrung und Schlaf, als daß sie die Vermehrung dessen unterlassen, was für sie so anziehend ist" (V, 1); „beim Reden muß man acht haben auf die Ausdrücke und bei den Handlungen auf die Erfolge. Bei den Handlungen muß man sogleich zusehen, auf welchen Zweck sie hinzielen, und bei den Worten prüfen, welches ihr Sinn ist" (VII, 4); „niemand wird müde, seinen Nutzen zu suchen; Nutzen aber gewährt uns eine naturgemäße Tätigkeit. Werde also nicht müde, deinen Nutzen zu suchen" (VII, 74); „du mußt in dein ganzes Leben, wie in jede einzelne Handlung Ordnung bringen" (VIII, 32); „unterdrücke die bloße Einbildung; hemme die Leidenschaft; dämpfe die Begierde; erhalte die königliche Vernunft bei der Herrschaft über sich selbst" (IX, 7); „warum genügt es dir nicht, diese kurze Lebenszeit geziemend hinzubringen? Warum versäumst du Zeit und Gelegenheit?" (X, 31); „handle nicht aufs Geratewohl, nicht ohne Zweck" (XII, 20). Viele dieser Sätze des wahrhast kaiserlichen Philosophen lesen sich wie Äbersetzungen aus den Familienbüchern Albertis. Sie könnten aber auch in William Penns „Früchten der Einsamkeit" stehen und würden selbst den Tugendschriften Benjamin Franklins zur Zierde gereichen. Die Lebensphilosophie der Alten mußte unseren Florentinern nun aber darum noch ganz besonders lieb und wert sein, weil sie auch für ihr Gewinnstreben die vortrefflichsten Nechtfertigungs- gründe beizubringen wußte. Was zum Beispiel der feinsinnige 288 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Seneca über Sinn und Bedeutung des Reichtums und des Erwerbs sagt, hat Alberti fast wörtlich übernommen. Die wichtigsten Stellen (cie tranqu. an., 21. 22. 23) lauten im Auszuge wie folgt: „Der Weise hält sich keineswegs der Gaben des Glückes für unwert. Er liebt den Reichtum nicht, aber er hat ihn gern; er nimmt ihn nicht in sein Kerz auf, aber in sein Haus; er verschmäht ihn nicht, wenn er ihn hat, sondern hält ihn zusammen. Offenbar hat der Weise, wenn er Vermögen besitzt, mehr Mittel, seinen Geist zu entwickeln, als wenn er arm ist. . . beim Reichtum ist ein weites Feld eröffnet für Mäßigung, Freigebigkeit, Sorgfalt, Pracht und gute Verwendung ^Alberti schränkte das etwas ein, knickerig, wie er veranlagt war, indem er sagte: „Die Freigebigkeit, die einen Zweck hat, ist immer lobenswert"; selbst gegen Fremde kann man freigebig sein: „sei es um sich das Renommee der Freigebigkeit zu verschaffen (per karti conoscere nc>n avaro), sei es, um sich neue Freunde zu erwerben." Oella tarn., 237^ . . . Reichtum erfreut, wie bei der Schiffahrt ein günstiger, fördernder Wind, wie ein guter Tag und in frostiger Winterszeit ein sonniges Plätzchen . . . Einige Dinge werden einigermaßen geschätzt, andere sehr; zu diesen gehört unstreitig der Reichtum . . . Köre also auf, den Philosophen das Geld zu verbieten; niemand hat die Weisheit zur Armut verdammt. Ein Philosoph kann große Schätze haben, aber sie sind niemand genommen worden, sie sind nicht blutbefleckt, sie sind ohne Anrecht und schmutzigen Gewinn erworben ^Wie die Sachen in Wirklichkeit lagen: daß Seneca z. B. den Britanniern ein Darlehn von 40 Mill. Sesterzen auf hohe Zinsen aufgedrungen hatte, dessen plötzliche und gewaltsame Eintreibung ein Grund zum Ausstande der Provinz im Jahre 6V war, konnte man ja aus den Schriften nicht mehr ersehen! Jedenfalls machten sich die Alberti und seine Nachfolger diese Grundsätze selbst zu eigens . . . Käufe deine Schätze beliebig an, sie sind rechtmäßig" usw. Das sind dieselben Gedanken, die fast alle Sittenlehrer des Altertums vertreten: zum Vergleich diene noch Ciceros Ausspruch (2. äe Inv.) „das Geld erstrebt man nicht seiner eigenen Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie 289 Natur und Anziehungskrast, sondern wegen des daraus zu erzielenden Vorteils": dieselben, die wir während der ganzen frühkapitalistischen Epoche im Schwange fanden: erwirb so viel du kannst, doch auf ehrenwerte Weise (oneZwmente, Iionestl^!) und — hänge dein Äerz nicht an den Reichtum, betrachte ihn als Mittel, nicht als Zweck I Noch willkommener mußten aber den Wirtschaftsmenschen in den Frühzeiten des Kapitalismus jene Schriften der Alten sein, in denen die praktischen Regeln für eine geordnete Wirt- schaftsführung schon fertig niedergelegt waren, denen man also unmittelbar in seinem eigenen Geschäftsleben nacheifern konnte und die ich hier (obwohl sie nicht eigentlich „philosophischen" Inhalts sind, im Zusammenhange mitabhandeln zu dürfen bitte». So viel ich sehe, haben auf die Ausbildung der kapitalistischen Gedankengänge den größten Einfluß ausgeübt aus der griechischen Literatur der Oeconomicus von Ienophon lder offenbar viel mehr gelesen und verwertet wurde als der doch zu sehr noch in handwerkerlichen, anti-chrematistischen Vorstellungen „befangene" Aristoteles»; aus der römischen Literatur die Landbauschriftsteller, vor allem Columella. Aus dem Qecc>nomicu8 müssen folgende Stellen eine besonders starke Wirkung ausgeübt haben: „Ich handle so wie es recht und billig ist, von dem Wunsche beseelt, mir Gesundheit, Kraft, Ehre in der Bürgerschaft, Wohlwollen bei meinen Freunden, glückliche Errettung im Kriege und Reichtum auf anständige Weise zu verschaffen. Dir liegt also daran, Zschomachus, reich zu werden, und dir durch angestrengte Tätigkeit große Schätze zu erwerben . . .? Daran liegt mir allerdings sehr. Denn ich halte es für eine große Annehmlichkeit, Sokrates, die Götter und die Freunde in vornehmer Weise zu ehren, ihnen beizustehen, wenn sie etwas bedürfen, und die Stadt, soviel an mir lwgt, nicht ohne Pracht und Glanz zu lassen . . . „Zu gleicher Zeit nach Gesundheit und Körperkraft streben, sich Svmvarr, Der Bourgeois 19 290 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte für den Krieg vorbereiten und aus Vermehrung seines Reichtums bedacht sein, alles dies verdient Bewunderung und Anerkennung" . . .2°^). Das schreibt Alberti wörtlich nach, nur den Zwischensatz, der von — der Kriegsführung handelt, läßt er aus. „Wenn man das Geld mit vollen Äänden ausgibt, während die Wirtschaft im Verhältnis zu den Ausgaben nicht genug abwirft, dann darf man sich nicht wundern, wenn an Stelle des Überflusses Mangel eintritt" 2°°). Ferner die Stellen, die von der inneren Ordnung des Hauswesens handeln: „es gibt überhaupt nichts so Nützliches und so Schönes im Leben, liebe Frau, wie die Ordnung" (a. a. O. S. 38); die namentlich die Frauen zur Abkehr von eitlem Tand, vom Flirt und von der Eitelkeit anhalten: die gute Äausfrau schminkt sich nicht; die das Personal zur „rationellsten" Wirtschaftsführung anleiten u. a.: Sie alle finden sich fast wörtlich bei Alberti wieder und enthalten im Keim alle Gedanken, die nachher in der Lehre von der »Lancia ms88eri?ia« weiter entwickelt worden sind. Dasselbe gilt von den römischen Landbauschriftstellern. „Die Schriften C a t o s und der übrigen 8criptores rei rusiicae" muten in gewisser Äinsicht ähnlich an wie etwa Thaers „Rationelle Landwirtschaft ', sie gehen davon aus, daß jemand als Kapitalanlage den Kauf eines Landgutes beabsichtigt, geben hierfür Ratschläge und erörtern dann ... die Dinge, die ein angehender Landwirt wissen muß, um einen Villicus annähernd kontrollieren zu können" ^°). Erwerbsstreben und ökonomischer Rationalismus sind hier schon in ihren letzten Konsequenzen entwickelt^"). Vor allem wird auch schon der größte Nachdruck auf eine vollendete Zeitökonomie gelegt: Zeit ist Geld^)I Endlich standen den Männern, die sich das Studium der Alten angelegen sein ließen, eine Menge einzelner Stellen aus Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie 291 Dichtern und Schriftstellern zu Gebote, in denen die „bürgerlichen" Tugenden, namentlich Betriebsamkeit und Sparsamkeit gepriesen wurden. Viele dieser Stellen wurden wohl dadurch besonders wirksam, daß sie nach Art von Sprichwörtern von Mund zu Munde gingen. Ein altes Sprichwort, meint Alberti (p. 70), das von den unseren viel zitiert wird (antiquo cietto et molto frequentsto äs' nostri) lautet: „Müßiggang ist aller Laster Anfang" ll' otio 8i e balia äe' vitii). „Keine geringere Tugend ist das Seinige zusammenzuhalten als etwas zu er- werben" voluntas est remissa aci eli^enäum actum clebitum ve! circumstantiam circa actum clebitum observari), die Trägheit (clesiciia), die Unbeständigkeit (inconstantia: instabilitatem voluntatis im- portal), den Stumpfsinn (torpor), die Unterlassung (omissio), die Faulheit (piAritia), den Müßiggang (c>tic>sit3s), die Unklugheit (impruclentw: ille impruclens clicitur, qui ncm clili^enter observat circumstantias in operibus 8uis; secl inter omnes circumstaniias nobilissima est circumstantw temporis c>UÄM impruclens ne^Ii^it odserv^re). Alle diese Laster wiederum folgen aus der »luxuria«: aus der Genußsucht im allgemeinen, aus der ungezügelten Betätigung der erotischen Neigungen insbesondere: die vollendete Klugheit wie jede geistige Tugend besteht in der Eindämmung der sinnlichen Triebe ^°°). Es liegt auf der Kand, welche überragend große Bedeutung diese Lehre von den geistigen Tugenden, diese Vorschriften, die, wie ich es nannte, ein geistiges Training zum Zwecke hatten, für den angehenden kapitalistischen Unternehmer haben mußten. Wenn auch gewiß die Kirchenlehrer nicht in erster Linie an diesen gedacht haben, so war er doch der erste, für den diese Tugenden der geistigen Energie auch einen praktischen Wert be- kamen. Es sind ja geradezu die Eigenschaften des guten und erfolgreichen Unternehmers, die hier als Tugenden gepriesen und mit der ganzen Autorität der Kirche gezüchtet wurden. Eine Preisaufgabe des Inhalts: „wie erziehe ich den triebhaften und genußfrohen Seigneur einerseits, den stumpfsinnigen und schlappen Handwerker andererseits zum kapitalistischen Unter- nehmer?" hätte keine bessere Lösung zutage fördern können, als sie schon in der Ethik der Thomisten enthalten war. 314 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Der herrschenden Ansicht von der Stellung der Kirchenlehre zu den Anforderungen des emporkommenden Kapitalismus laufen die hier geäußerten Anschauungen stracks entgegen. Man hat bisher nicht nur diesen den kapitalistischen Geist fördernden Gehalt der thomistischen Ethik übersehen, man hat geglaubt, aus ihr eine Anmenge von Lehren und Vorschriften oder Verboten herauslesen zu sollen, die angeblich alle eine Todfeindschaft gegen die neuen Menschen des kapitalistischen Zeitalters und ihre Bestrebungen enthalten. Der erste und, soviel ich sehe, bis jetzt einzige Forscher, der dieser herrschenden Auffassung entgegengetreten ist, ist Franz Keller, auf dessen wertvolle Schrift ich zu verschiedenen Malen bereits hingewiesen habe. Ihm verdanke ich die Anregung zu einem erneuten, eingehenden Studium der scholastischen Quellen, das mich nicht nur völlig von der Richtigkeit der von Keller vertretenen Ansichten überzeugt, sondern mir über diesen hinaus die deutliche Erkenntnis verschafft hat, daß das Gegenteil von dem, was man bisher angenommen hat, und was ich selbst im Vertrauen auf die früheren Untersuchungen angenommen hatte, richtig ist: daß die Anschauungen der Scholastiker, vor allem natürlich der des Spätmittelalters, über Reichtum und Erwerb, insbesondere auch ihre Ansichten über die Statthaftigkeit oder Anstatt!)aftigkeit des Zinsnehmens, für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes nicht nur kein Hindernis bedeuten, daß sie vielmehr wesentlich zur Stärkung und Beförderung dieses Geistes beitragen mußten. Das ist im Grunde gar nicht so erstaunlich, wenn man sich die Männer näher ansieht, die wir vornehmlich als Scholastiker kennen. Wir haben uns sehr zu Anrecht daran gewöhnt, in ihnen weltfremde, abstruse Stubengelehrte zu erblicken, die in endlosen Wiederholungen und unerträglichen Weitschweifigkeiten unwirkliche Dinge traktierten. Das gilt gewiß von vielen der Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus Z15 kleineren Kirchenlichter. Aber es gilt wahrhastig nicht von den Großen. Von der Erhabenheit des Werkes des Ä. Thomas selbst sprach ich schon. Aber nicht seine Monumentalität ist es, was ich hier (für den, der es auch nur flüchtig kennt, gewiß unnützerweise) hervorheben wollte. Ich wollte nur auf den Fehler hinweisen, der so oft begangen wird, daß man Thomas von Aquino ohne weiteres dem „Mittelalter" zurechnet und ganz vergißt, daß er doch immerhin in einem Jahrhundert lebte und schrieb, das für das Land, in dem er wirkte, schon den Anfang der neuen Zeit bedeutete. Aber mag man Thomas von Aquino selbst ganz und gar in das vorkapitalistische Zeitalter verweisen: die Männer, die nach ihm über christliche Ethik schrieben, standen schon im vollen Lichte der kapitalistischen Entwicklung. Das gilt vor allem von Antoninus von Florenz, der 1389 geboren wurde und 1439 starb; das gilt von seinem Zeitgenossen Bernhard von Siena; das gilt von dem Kommentator des Ä. Thomas, dem Kardinal Caietanus, der 1469 starb; das gilt von Chrys. Iavellus und vielen anderen. And nicht nur die Zeit, in der diese Männer lebten, auch ihre Persönlichkeiten sprechen dafür, daß sie weder weltfremd noch weltfeindlich waren, daß sie insbesondere die wirtschaftliche Revolution, die sich vor ihren Augen vollzog, begriffen, und nicht gewillt waren, dem rollenden Rade in die Speichen zu fallen. Sie stehen dem Kapitalismus mit unendlich viel größerer Sachkunde und mit unendlich viel größerer Sympathie gegenüber als etwa im 17. Jahrhundert die zelotischen Verkünder des Puritanismus. Welch eine Fülle praktischen Wissens steckt in der Summa des Antoninus I Das ist das Werk eines der lebenskundigsten Männer seiner Zeit, der offenen Blicks durch die Straßen von Florenz ging, dem keiner von den Tausenden geschäftlicher Pfiffe und Kniffe seiner lieben Landsleute verborgen blieb, der im Transportversicherungs- 316 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Wesen ebenso zuhause war wie im Wechselgeschäst, in der Seidenindustrie ebenso wie im Tuchhandel. Äören wir nun, wie sich diese Leute zu dem neuen Wirtschaftssystem und seinem Geiste stellen. Fragen wir zunächst, welche Auffassung die scholastische Ethik von dem Problem des Reichseins oder Armseins als solchem hat, so haben wir festzustellen, daß das frühchristliche Armutsideal, das manche der Kirchenväter und die meisten Anhänger der Sekten erfüllt, ganz und gar verschwunden ist. An sich ist es für den frommen Christen belangslos, ob er arm oder reich ist: es kommt nur auf den Gebrauch an, den er von seinem Reichtum oder seiner Armut macht: nicht Reichtum oder Armut an sich flieht der Weise, sondern nur ihren Mißbraucht). Wägt man die beiden Verfassungen des Reich- und Armseins gegeneinander ab, so neigt sich die Wage eher zugunsten des Reichtums ^). Reichtum und Armut sind gleichermaßen eine Fügung Gottes Mit beiden verbindet er in seiner Güte bestimmte Zwecke: den Armen will er zur Geduld erziehen, dem Reichen ein Zeichen seiner Gnade geben oder auch ihm die Möglichkeit verschaffen, den Reichtum gut zu verwenden ^). Daraus folgt aber die Pflicht der guten Verwendung. Auch darf der fromme Christ sein Äerz nicht an ihn hängen, darf ihn auch nicht als Mittel zur Sünde benutzen. Tut er das nicht, verwendet er den Reichtum pflichtgemäß, so gebührt diesem nicht der Vorwurf der Iniquitas, der ihm zuweilen gemacht wird ^°°). Zweck des Reichtums kann natürlich niemals der Reichtum selbst sein; er darf immer nur als Mittel betrachtet werden, um dem Menschen und durch den Menschen Gott zu dienen. Jener ist der nahe, dieser der entfernte Zweck: kinus propinquus, kinis remotus. War das Reich sein zu allen Zeiten von den Scholastikern als ein von Gott gewollter Zustand betrachtet worden, so war die Stellung zu dem Problem des Reicher Werdens nicht Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus 317 immer die gleiche. Hier vertrat derÄ- Thomas die grundsätzlich statische Auffassung, wie ich sie nannte, jene Auffassung des ruhenden Gesellschaftszustandes, wie sie allem vorkapitalistischen Wesen entspricht. Jedermann steht an seinem Platze und bleibt darauf sein Leben lang: er hat einen bestimmten Beruf, einen bestimmten Stand, ein bestimmtes Auskommen, das seinem Stande entspricht: „den standesgemäßen Unterhalt". Alle Veränderungen, alle Entwicklung, aller „Fortschritt" sind innerliche Vorgänge und betreffen die Beziehungen des Einzelmenschen zu Gott. Danach war also auch das Maß des Reichtums (mensura äivitiae), über das jeder zu verfügen hatte, ein für allemal bestimmt: prout 8unt necesssnae a6 vitam nominis secunäum suam conclitionem: er war so reich wie es seinem Stande entsprach. Eine solche Auffassung konnte sich in dem revolutionären 14. und 15. Jahrhundert nicht halten. Sie stellte die Beichtväter täglich vor die schwierigsten Probleme, denn genau befolgt führt sie ja zu der Schlußfolgerung: daß niemand sich aus seinem Stande in die Äöhe arbeiten, daß niemand Reichtum erwerben könne, der ihn befähigte, einen höheren standesgemäßen Anterhalt zu bestreiten. Ein rusticus müßte danach immer rusticus, der artifex immer arMex, der civi8 immer eivis bleiben, keiner dürfte sich ein Landgut kaufen usw.: »quae sunt manifeste absur^a«: was offenbar Ansinn wäre, wie Kard. Caietanus in seinem Kommentar gegen die vom Ä. Thomas scheinbar vertretene Ansicht einwendet. Offenbar, meint er, muß die Möglichkeit für jedermann bestehen, sich emporzuarbeiten, also auch reicher zu werden. And er begründet diese Möglichkeit wie folgt: wenn jemand hervorragende Eigenschaften (Tugenden) besitzt, die ihn befähigen, über seinen Stand hinauszuwachsen, so soll er auch die Mittel dazu erwerben dürfen, die dem höheren 318 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Status entsprechen: sein Gewinnstreben, sein größerer Reichtum bleiben dann immer noch innerhalb der Grenzen seiner Natur: der höhere Stand entspricht seiner Begabung; sein Streben über seinen Stand hinaus muß nach der Größe seiner Begabung beurteilt werden: -mensuratur quippe komm appetitug agcen- cienäi peneg quantiwtem suae virtutig«. Mit dieser Auslegung der thomistischen Regel war also den kapitalistischen Anter- nehmern der Weg frei gemacht für ihren Aufstieg. Jene Männer, „die aus der Masse hervorragen durch besondere Gaben", denen „von Rechts wegen die Herrschaft über die anderen gebührt, obwohl sie nicht die Herren sind"; jene Männer, deren Sinn auf die Handlung und andere große Werke gerichtet ist, wie es Antoninus bezeichnet: »intenti sä mercationes et alia ms^na opers«: die konnten nun mit voller Approbation ab seiten der kirchlichen Instanzen ihrem Gewinn nachgehen, konnten Kapital akkumulieren, soviel sie mochten: sie blieben ungestraft °°°). „Soviel sie .mochten': wobei es sich von selbst versteht, daß ihr Gewinnstreben sich 1. innerhalb der Grenzen der Vernunft bewegt und 2. die Gebote der Sittlichkeit in der Mittelwahl nicht verletzt. Anvernünftig und deshalb strafwürdig handelt derjenige, der den Gewinn um des Gewinnes willen erstrebt, Reichtümer um der Reichtümer willen anhäuft, in die Höhe will um des Steigens willen. Solches Tun, weil es keine Grenzen hat, ist sinnlos^'). And ebenso strafwürdig ist der, der bei seinem Erwerbe die Rücksichten der Moral oder des öffentlichen Wohles hintansetzt, der die Stimme seines Gewissens nicht mehr hört, sondern um eines Geschäftsgewinnes willen das Keil seiner Seele gefährdet^). Also wie ich es bezeichnete: das schrankenlose und das rücksichtslose Erwerbsstreben wird von allen katholischen Sittenlehrern bis in die neuere Zeit hinein verdammt. Sie vertreten damit die Auffassung, die wir im „Bourgeois Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus 319 alten Stils" noch lebendig sahen, die also bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche geherrscht hat, die aber natürlich ein frisches und fröhliches Gewinnen keineswegs ausschloß. Es war nicht sowohl das Ausmaß des Gewinnes, als vielmehr die Sinnesrichtung des kapitalistischen Unternehmers, die die kirchliche Morallehre beeinflussen wollte. Was sie verhindern wollte und zu verhindern gewiß mitgeholfen hat, war die Amkehrung aller Lebenswerte, wie sie sich erst in unserem Zeitalter vollzogen hat. Als Grundton klingt aus allen Äußerungen der italienischen Spätscholastiker über ökonomische Dinge eine herzliche und ver- ständnisvolle Anteilnahme heraus an dem „Aufschwünge", den das Wirtschaftsleben zu ihrer Zeit und in ihrem Lande nahm; wir müssen also in unserer Ausdrucksweise sagen: sie sympathisierten durchaus mit dem Kapitalismus. And diese Sympathie ist offenbar einer der Gründe, weshalb sie mit solcher Zähigkeit an der kanonistischen Wucherlehre festhielten. Das „Zinsverbot" besagt in dem Munde der katholischen Moralisten des 15. und 16. Jahrhunderts in fachtechnischer Terminologie: Ihr sollt das Geld nicht verhindern, sich in Kapital zu verwandeln. Diese Ansicht: daß das Zinsverbot den stärksten Anreiz zur Entwicklung des kapitalistischen Geistes enthielt, erscheint auf den ersten Blick paradox. And doch drängt sie sich bei einem leidlich aufmerksamen Studium der Quellen auf, so daß ich offen gestanden nicht recht begreife, warum noch niemand diese Zusammenhänge gesehen hat. Kommt es vielleicht daher, daß meistens nur Nichtnationalökonomen diese Quellen benutzt haben, denen jene begriffliche Schulung, die wir an den Antoninus oder Bernardus bewundern müssen, abging? Franz Keller, der wohl befähigt gewesen wäre, die Sachlage richtig zu beurteilen, hat sich gerade mit diesem — freilich wohl wichtigsten! — Teile des Problems nicht befaßt. 320 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Beim Ä. Thomas ist der Kapitalbegriff noch in 8wtu nascencii. Aber auch er unterscheidet doch auch schon — wenn auch noch nach wesentlich formalen Merkmalen — das einfache Darlehn von der Kapitalanlage und erklärt den Gewinn aus jenem für unzulässig, aber aus dieser für statthaft^). Dagegen ist bei Antoninus von Florenz und Bernar- dus vonSiena der Kapitalbegriff zu voller Schärfe entwickelt und wird auch mit dem Worte „Kapital" bezeichnet. Was sie über ihn auszusagen wissen, hat die nationalökonomische Wissenschaft erst seit Marx wieder gelernt. So entwickelt — was nicht eigentlich zu dem Problem gehört, das uns hier beschäftigt — Antoninus mit völliger Sachbeherrschung die Bedeutung der Schnelligkeit des'Kapitalumschlags für die Steigerung des Profits"«). Was uns hier interessiert, ist folgendes: Kapitalanlage (ratio capiwlis) und Geldleihe lMio mutui) werden in einen scharfen und grundsätzlichen Gegensatz zueinander gestellt^"). In der Form der Leihe ist das Geld unfruchtbar, als Kapital ist es fruchtbar: „es hat als solches nicht einfach den Charakter des Geldes oder einer Sache, sondern darüber hinaus eine schöpferische Eigenschaft, die wir eben alsKapital bezeichnen" "^). Die sehr einfache Formel, in der die kirchlichen Autoritäten nun zu der Frage des Gewinnmachens Stellung nehmen, ist diese: Einfacher Leihzins in jeder Gestalt ist verboten; Kapitalprofit in jeder Gestalt ist erlaubt: sei es, daß er aus Handelsgeschäften fließt, sei es aus einem Verlagsunternehmen : cisns pecuniam .. artekici msterias emenäas et ea e>8 artikicisw iscienäum ; sei es, daß er durch Transportversicherung erzielt wird^); sei es durch Beteiligung an einem Unternehmen: mocZo societatiZ^), »her wie sonst""). Nur eine Einschränkung wird gemacht: der Kapitalist muß Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus 321 unmittelbar — durch Gewinn und Verlust — an der Anter- nehmung beteiligt sein. Äält er sich im Hintergründe, fehlt ihm der Wagemut, der „Unternehmungsgeist", will er sein Geld nicht riskieren, dann soll er auch keinen Gewinn machen. Also auch wenn jemand ein fest verzinsliches Darlehn zu produk- tiven Zwecken gibt, ohne auch den eventuellen Verlust zu tragen, so ist der Zins unstatthaft. (Es ist daraus ersichtlich, daß die von einigen versuchte Gegenüberstellung von Produktivkredit und Konsumtivkredit sGestattung des Zinses dort, Verbot hier^ dem Sinn der scholastischen Gewinnlehre nicht gerecht wird.) Eine Aktiengesellschaft könnte also keine Obligationen auf- nehmen; ein Bankdepot darf nicht verzinst werden""); das Darlehn an einen Handwerker, dessen Stammsumme Vertrags- mäßig sichergestellt ist, ist unstatthaft"^); ein Gesellschaftsvertrag ist nur erlaubt, wenn alle Sozien auch am Verluste teilnehmen"'"). Man merkt den frommen Männern an, wie sie auf alle Weise die Anternehmungslust anstacheln möchten: die »inäustrm« ist es, die sie durch die Gestattung eines Gewinns belohnen wollen: sie ist die Quelle des Kapitalprofits. Das Geld allein ist freilich unfruchtbar; aber die »inäustna«, der Anternehmungs- geist, befruchtet es, so daß es nun einen rechtmäßigen Gewinn abwirft"'"). Wir wissen, daß die Scholastiker nichts so verpönen wie die Antätigkeit. Das leuchtet auch aus ihrer Profit- und Zinslehre hervor: derjenige, der bloß Geld auf Zinsen leiht, ohne selbst als Unternehmer tätig zu sein, ist faul: er soll auch keinen Lohn in Gestalt von Zins erhalten. Deshalb ist, wie wir sehen, die Verzinsung auch desjenigen Darlehns verboten, das zu produktiven Zwecken verwandt, wenn andere die produktive Tätigkeit ausüben. Sehr charakteristisch ist eine Stelle beiAntoninus, wo er darauf hinweist, daß die Nobili, die nicht arbeiten wollen, ihr Geld andern ins Geschäft geben, ohne auch nur Sombart, Der Bourgeois 2l 322 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte das Risiko mittragen zu wollen: der Zins, der ihnen bezahlt wird, ist unerlaubt^'). Ganz besonders aber ist deshalb bei den Spätscholastikern der gewerbsmäßige Wucher verhaßt, der der Todfeind alles kapitalistischen Unternehmungsgeistes ist. Eine der schwersten Sünden ist der „Geiz", die avaritia, die nicht nur nicht dasselbe sondern geradezu das Gegenteil eines normalen Gewinnstrebens ist. Der Geizige, der avarus, ist der Wucherer, den Antoninus mit wundervoller Darstellungskraft uns vor Augen stellt: wie er über seinen Schätzen hockt, vor Dieben zittert, abends seine Goldstücke zählt, in der Nacht schreckhafte Träume hat und bei Tage nur auf Raub auszieht, trachtend, wen er in seine Netze ziehen könne. (Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, welche gewaltige Rolle der Wucher in Gestalt des Konsumtivkredits in der damaligen Zeit bei der Liquidation der feudalen Gesellschaft gespielt haben muß.) Aus dem Geize — das müssen wir besonders beachten ^ folgt unter andern Untugenden die Untätigkeit: die inertia: „der Geiz, die Seelenstimmung des Wucherers, nimmt dem Geizigen alle Tatkraft hinweg, mittels deren er sich auf erlaubte und heil- same Weise Gewinn verschaffen könnte: der Wucherer wird träge, schlapp, müßig. And so wird der Mensch gezwungen, zu unerlaubten Mitteln des Erwerbes seine Zuflucht zu nehmen" ^). Äier verschlingt sich die Lehre vom erlaubten Gewinn mit der Lehre von den geistigen Tugenden: alles läuft auf denselben Grundgedanken hinaus: das tatkräftige Unternehmertum ist Gott wohlgefällig; verschwenderische Nobili, schlappe Stubenhocker, müßiggehende Wucherer dagegen sind ihm ein Gräuel. 323 Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus Der Protestantismus bedeutet zunächst auf der ganzen Linie eine ernste Gefahr für den Kapitalismus und insbesondere die kapitalistische Wirtschaftsgesinnung. Das konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Kapitalismus ist doch — wie man ihn auch immer betrachten und bewerten möge — aus Weltlichkeit und Diesseitigkeit zusammengefügt, und deshalb wird er immer um so mehr Anhänger finden, je mehr der Blick der Menschen auf die Freuden dieser Erde gerichtet ist, und deshalb wird er immer gehaßt und verdammt werden von Menschen, denen die Jrdischkeit nur als Vorbereitung auf ein Leben im Jenseits gilt. Jede Vertiefung des religiösen Gefühls muß eine Indifferenz gegenüber allen wirtschaftlichen Dingen erzeugen, und Indifferenz gegenüber dem wirtschaftlichen Erfolge bedeutet Schwächung und Zersetzung des kapitalistischen Geistes. Da nun aber die Bewegung der Reformation zweifellos eine Ver- innerlichung des Menschen und eine Verstärkung des metaphysischen Bedürfnisses in ihrem Gefolge hatte, so mußten die kapitalistischen Interessen zunächst einmal Schaden leiden in dem Maße, wie sich der Geist der Reformation verbreitete. Beim Luthertum wurde diese anti-kapitalistische Stimmung noch verstärkt durch die massiv eigenwirtschaftlich-handwerkerliche Gesinnung Luthers selber, der in seiner Wirtschaftsphilosophie weit hinter den Thomismus zurückging. And wir können ohne viel Bedenken sagen, daß in den Ländern, in denen das Luthertum zur Herrschaft gelangt, die Einwirkung der Religion auf das Wirtschaftsleben — soweit sie überhaupt stattfand — ganz sicher nicht in einer Förderung, sondern ganz gewiß eher in einer Hemmung der kapitalistischen Tendenz auslief. Aber auch dort, wo die andern Richtungen des Protestantismus : insbesondere also wo der Kalvinismus — den Sieg davon- 21* 324 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte trugen, wird man zunächst eine starke Feindschaft der Kirche gegen den Kapitalismus und seinen Geist feststellen müssen und wird zu der Annahme gedrängt werden, daß das neue Bekenntnis für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes in vieler Beziehung eher schädlich als nützlich gewesen ist. Da man heute sich gewöhnt hat, im Kalvinismus und zumal in seiner englisch-schottischen Spielart, dem Puriranismus, schlechthin einen Beförderer des kapitalistischen Geistes, wenn nicht gar seinen Erzeuger, zu erblicken, so wird es nötig sein, daß ich die anti-kapitalistischen Tendenzen, die der kalvinistisch-puritanischen Ethik innewohnten, etwas ausführlicher darlege. Ich beziehe mich dabei ausschließlich auf englisch-schottische Quellen, da man ja für Großbritannien eine besonders starke Förderung des Kapitalismus durch den Puritanismus annimmt. Zunächst und vor allem tritt in der puritanischen Ethik das frühchristliche Armutsideal wieder viel mehr in den Vordergrund. Die Bewertung des Reichtums und damit aller Erwerbstätigkeit nähert sich wieder mehr dem Evangelium und die Abneigung gegen den irdischen Besitz ist viel stärker als bei den Scholastikern. Grundsätzlich vertritt der Puritanismus dieselbe Ansicht wie der Thomismus: Reichtum und Armut sind für das Keil der Seele beide gleich belanglos. Aber während wir bei den Thomisten eine Hinneigung zum Reichtum bemerkten, finden wir umgekehrt bei den Puritanern eine stärkere Sympathie für die Armut. Der Verstand der Ethiker beider Richtungen erklärt die beiden Zustände für indifferent, das Äerz der Scholastiker ist eher beim Reichtum, das der Puritaner eher bei der Armut. So sind die Stellen, in denen in Baxters Directory der Reichtum verdammt wird, in denen auf seine Gefahren und auf seine Nutzlosigkeit hingewiesen wird, zahlreicher als in irgendeiner thomistischen Summa. Ich führe ein paar dieser Stellen an: Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus 325 „Wie wenig bedeuten der Reichtum und die Ehren dieser Welt für eine Seele, die in eine andere Welt geht und nicht weiß, ob sie diese Nacht abgerufen wird. Dann nimm den Reichtum mit, wenn du kannst." „Arbeite daran, die großen Nöte zu fühlen, die kein Geld beseitigen kann." „Geld wird deine Knechtschaft, in der dich die Sünde hält, eher verschärfen als erleichtern." „Ist ehrbare Armut nicht viel süßer als übertrieben geliebter Reichtum?" „Bedenke, daß Reichtum es viel schwerer macht, gerettet zu werden" — unter Berufung auf Sokrates, Luk. 18, 24 ff. („es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe" usw.). Luk. 6, 24. 25; 1. Tim. 6, 10: „die Liebe zum Gelde ist die Wurzel alles Äbels" — Glaubt ihr's, daß hier die Gefahren für eure Seelen liegen: wie könnt ihr das Geld dann noch so lieben und euch um seinen Erwerb abmühen?" Kast du Reichtum ererbt oder fällt er dir in deinem Geschäft zu: gut, so wirf ihn nicht weg, fondern mache einen guten Gebrauch davon (wir werden noch sehen, worin dieser bestand). Aber — „es ist kein Grund vorhanden, warum ihr eine so große Gefahr (wie den Reichtum) herbeiwünschen und aufsuchen sollt." „Was hindert mehr als die Liebe und die Sorge für weltliche Dinge die Bekehrung der Sünder? Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." „Mit einem Wort: Ihr hört es: die Liebe zum Gelde ist die Wurzel alles Äbels, und die Liebe des Vaters ist nicht bei denen, die die Welt lieben." „Nicht umsonst warnt Christus so oft und so eindringlich vor dem Reichtum, und beschreibt die Torheit, die Gefahr und das Elend des weltlichen Reichen, und erzählt euch, wie schwer der Reiche zu retten ist" »2»). Zusammenfassend zählt Baxter folgende Adelstände der Liebe zum Gelde auf: 1. sie zieht das Kerz von Gott zu der Kreatur (der Welt); 2. sie macht taub gegen das Wort; 3. sie zerstört heilige Betrachtung (ko!)? meältation anci cvnterence); 326 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte 4. sie stiehlt die Zeit der Vorbereitung auf den Tod; 5. sie erzeugt Streit in der nächsten Umgebung; Kriege zwischen den Nationen; 6. sie erzeugt alle Ungerechtigkeit und Unterdrückung; 7. sie zerstört Mildtätigkeit und gute Werke; 8. sie bringt Familien in Anordnung (äisorcleretn anä prokimetn sgmilie5); 9. sie führt die Menschen in Versuchung zur Sünde: »it is tne very price tnat tne cievil Aives kor souls«; 1V. sie entzieht die Seele der Gemeinschaft mit Gott. Begreiflicherweise wird bei dieser ablehnenden Stellung, die der strenge Puritaner dem Reichtum gegenüber einnimmt, das Streben, nach Reichtum zu gelangen, also vor allem auch das kapitalistische Gewinnstreben noch schärfer verurteilt. Die Grundstimmung ist auch hier die des Evangeliums: „Sorget nicht um das Morgen . . ." „Wer gewinnsüchtig ist, zerstört sein Kaus; aber wer den Besitz verachtet, der wird leben." „Wißt ihr nicht, daß ein frommer Mann, der zufrieden ist mit seinem täglichen Brot, ein viel süßeres und ruhigeres Leben führt und einen sanfteren Tod hat als ein sich abquälender Weltling?" „Wenn Christus sich abgerackert und gesorgt hat, um des Reichtums willen, dann tuet desgleichen: wenn er das für das glücklichste Leben gehalten hat, denket auch so. Aber wenn er das verachtet hat, verachtet es auch." „Wenn ihr wirklich geglaubt hättet, daß der Erwerb der heiligen Weisheit so viel besser wäre, denn der Erwerb von Geld, wie Salomon Prov. 3, 14 sagt, so würdet ihr mehr von eurer Zeit aus das Studium der heiligen Schriften und auf die Vorbereitung auf euer Ende verwendet haben." „Quälende Sorgen hier und Verdammung drüben sind wahrhaftig ein teurer Preis, den ihr für euer Geld zahlt." „Kabet acht, daß ihr nicht zu viel Gefallen findet an dem Erfolg und der Blüte eures Geschäfts, wie jene: Luk. 12, 20." („Tor, diese Nacht wird man deine Schätze von dir nehmen" usw.)^). Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus 327 Ich habe absichtlich die Belege für die ganz und gar erwerbsfeindliche Gesinnung der puritanischen Moraltheologen aus Baxter genommen, weil er als typischer Vertreter jener Richtung anerkannt ist. Bei andern Predigern finden wir aber genau dieselbe Grundstimmung: was trachtet ihr nach irdischen Schätzen? Was sorget ihr für den Tag? „Wenn Menschen nicht zufrieden sind mit Nahrung und Kleidung, sondern noch mehr aufhäufen wollen, so tut Gott recht an ihnen, wenn er ihnen nicht einmal das tägliche Brot gibt; und wenn er den Mitmenschen gestattet, sie mit scheelen Augen anzusehen und an ihnen heimzuzahlen, so lange sie noch Fleisch haben." „Ihr sollt das Notwendige zum Leben haben: Nahrung und Kleidung; wenn ihr nach mehr strebt, wenn ihr begehrt reich zu sein und überflüssige Dinge zu besitzen, so werdet ihr in mannigfaltige Versuchung fallen" usw. „Wahrlich: mehr zu fordern und zu erstreben, als was für unseren Lebensunterhalt nötig ist, ist sowohl unverträglich mit der Unterwürfigkeit, die wir Gott schuldig sind, als auch spricht es für unsere Eitelkeit, Torheit und Anbedachtsamkeit." „Warum sollen die Menschen ihre Köpfe damit abrackern, für den morgigen Tag zu sorgen, da sie doch nicht wissen, ob sie morgen etwas bedürfen werden"^). Verdammung des Reichtums bei Ab ernelh y, Kutcheson u.a.^°). Erst auch in denselben Wandlungen. Dieser vollständigen Verachtung aller irdischen Güter entsprach die Äochbewertung der Beschäftigung mit Gott. Jede Zeit, die nicht dem Gottesdienste geweiht ist, ist verloren. „Wieviel größere Schätze könnt Ihr in einer gegebenen Zeit gewinnen als Geld, wenn ihr sie mit Beten, Predigen und heiligen Veranstaltungen hinbringt". Zeitvergeudung ist die übertriebene Beschäftigung mit weltlichen Dingen und mit dem Geschäft: excess vvorlcll^ cases anä business. Solche Leute sind ganz von weltlichen Gedanken erfüllt: früh sind es die ersten, abends die letzten; die „Welt" läßt ihnen keine Zeit 328 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte für ernste Gedanken; die „Welt" raubt ihnen die Zeit, die Gott und ihren Seelen gebührt, die Zeit, in der sie „beten, lesen, meditieren oder ein Gespräch über heilige Dinge führen sollten^). And wirklich haben die Menschen, namentlich in Schottland, dieser Hochburg des Puritanismus, lange Zeit diesen Lehren gemäß gelebt. Das heißt sie haben den größten Teil ihres Lebens in der Kirche oder mit Vorbereitungen für den Gottes- dienst verbracht. Sonnabend, Sonntag und Montag wurden «alles das gilt vornehmlich fürs 17. Jahrhundert) die Märkte verboten. Wochentags fanden täglich früh und abends Gebete in der Kirche statt; gepredigt wurde zwei- bis dreimal in der Woche; im Jahre 1650 wurde jeden Nachmittag eine Vorlesung veranstaltet. 1653 waren bei Austeilung des Abendmahls folgendermaßen die Wochentage besetzt: Mittwoch Fasten und acht Stunden Gebete und Predigten; Sonnabend zwei oder drei Predigten; Sonntag: zwölf Stunden Gottesdienst in der Kirche; Montag drei oder vier Predigten^). Aus jedem Worte, aus jeder Handlung der frommen Puritaner jener Zeit spricht eine so starke Weltflüchtigkeit, wie sie früher nur einzelne Sekten zur Schau getragen hatten. And wenn wir trotzdem annehmen wollen, daß der Puritanismus nicht geradezu eine Vernichtung alles kapitalistischen Geistes mit sich gebracht hat, so müssen wir glauben, daß er mit anderen Äußerungen seines Wesens — wenn auch ungewollte — dem Kapitalismus günstige Wirkungen ausgeübt habe. Das ist denn auch wohl tatsächlich der Fall. And zwar erblicke ich den Dienst, den der Puritanismus gewiß ohne Absicht seinem Todfeinde, dem Kapitalismus, geleistet hat, in der Tatsache, daß er die Grundsätze der thomistischen Ethik wieder mit voller, neu entfachter Leidenschaftlichkeit und in teilweise schärferer und einseitigerer Fassung vertrat. Mit aller Entschiedenheit fordert die puritanische Ethik Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus 329 wiederum die Nationalisierung und Methodisierung des Lebens, die Unterdrückung der Triebe, die Llmbildung des kreatürlichen Menschen in den Vernunftmenschen: „Nehmt nichts und tut nichts, nur weil das Gefühl oder die Lust es so möchten, sondern nur, weil ihr einen vernünftigen Grund habt, so zu handeln." Dieser Gedanke wird in tausendfacher Form mit ermüdender Breite bei Baxter immer wiederholt^"). Die Äauptsünden (master sin) sind wieder: Sinnlichkeit, Fleischeslust oder Üppigkeit (sensualit^, ilesn-pIessmA or voluptoousness). Gut zusammengefaßt finden wir die Grundgedanken der puritanischen Ethik in dem Traktat desJsaacBarrow,Ok Inciustr^, wo es heißt °»°): „Wir sollen gemäß strengen Gesetzen regieren und regulieren: alle Fähigkeiten unserer Seele, alle Glieder unseres Körpers, alle inneren Vorgänge und äußeren Handlungen; so daß wir unsere Neigungen zähmen, unsere Gelüste bändigen und unsere Leidenschaften ordnen; so daß wir unsere Kerzen bewahren vor eitlen Gedanken und schlechten Wünschen; so daß wir unsere Zungen hüten vor üblen und nichtigen Reden; so daß wir unsere Schritte auf den rechten Weg lenken, und nicht nach rechts, nicht nach links abweichen." Es mag zugegeben werden, daß in der etwas anderen dogmatischen Verankerung dieses obersten Postulates der rationalen, antikreatürlichen Lebensführung, wie sie bei den verschiedenen Richtungen des nicht lutherischen Protestantismus beliebt wurde, eine Verstärkung des Antriebs zur Befolgung jener Vorschriften liegen konnte. Danach galt es, durch die Bewährung in einem spezifisch gearteten, von dem Lebensstil des „natürlichen" Menschen unzweideutig verschiedenen Wandel den „Gnadenstand" garantiert zu bekommen. Daraus folgte dann, wie Max Weber uns ausführlich dargelegt hat, für den einzelnen das Bedürfnis zur methodischen Kontrolle seines Gnadenstandes in der Lebensführung. Dieser dadurch geschaffene besondere Lebensstil be- zzy Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte deutete eine „an Gottes Willen orientierte rationale Gestaltung des ganzen Daseins". Aber ob dem gewöhnlichen Menschen diese dogmatische Finesse immer zum Bewußtsein gekommen ist? Für ihn war doch das Entscheidende: der Priester (Gott) befiehlt diese bestimmte Art der Lebensführung, die wir als „rationalisierte" bezeichnen, die aber dem Gläubigen sich in nichts anderem als einer Summe von Vorschriften darstellte. And er folgte dem Gebote des Priesters (Gottes) in dem Maße, wie er gottesfürchtig war. And daß auch die frommen Katholiken sich mit einer unausgesetzten Selbstkontrolle quälten (und quälen solltenI) haben wir selbst feststellen können. Da nun der Inhalt der Vorschriften im Thomismus und Puritanismus wortwörtlich derselbe ist, so würde eine etwas genauere Befolgung und somit eine stärkere Rationalisierung und Methodisierung der Lebensführung bei den Puritanern aus nichts anderem zu erklären sein als aus dem gesteigerten religiösen Gefühl der Menschen des 17. Jahrhunderts. Wortwörtlich gleich mit den thomistischen Lehrsätzen lauten auch alle einzelnen Ermahnungen der puritanischen Ethik zu einem wohlgeordneten Lebenswandel: die bürgerlichen Tugenden, die sie verkündet, sind genau dieselben, wie wir sie bei den Scholastikern gefeiert haben: 1. Betriebsamkeit: inäustry^). Sie ist von Gott gewollt; zwar kommen alle Gaben von Gott; aber Gott will, daß wir sie erarbeiten: deshalb müssen wir inäustrious sein: das ist der leitende Gedanke der Schrift des Isaac Barrow, der seine Belegstellen fast alle dem Alten Testament entnimmt. „Sollen wir allein müßig gehen, da alle Kreatur so fleißig ist"^): denselben Satz haben wir bei Antoninus auch schon gefunden. „Müßiggang ist aller Laster Anfang": gilt hier wie dort als selbstverständlich^). 2. Beschäftigung mit nützlichen Dingen wird gefordert: Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus ZZI Sport, Spiel, Jagd, Maskeraden sind verpönt^): hier wie dort. 3. Mäßigkeit: Anzucht, Trunkenheit usw. sind Todsünden: hier wie dort. Vielleicht war in den puritanischen Ländern im 17. Jahrhundert die Kontrolle schärfer als in den italienischen Städten des 15.: wir hören von einem raffinierten Spionagesystem, das z. B. in den schottischen Städten zur Vollendung ausgebildet war^). And vielleicht waren die Forderungen um einige Nuancen strenger als bei den Thomisten. Insbesondere ist wohl in den Ländern des Puritanismus das Geschlechtsleben noch mehr unterbunden worden (weil es sich mehr unterbinden ließ: Blutsveranlagung I) als bei den katholischen Völkern. Die Keuschheit artete bei den angelsächsischen Völkern zur Prüderie aus. And zu der Verlogenheit und Verschrobenheit in Eroticis, denen wir in England und den amerikanischen Neu-England- staaten noch heute begegnen, hat der Puritanismus wohl sein Teil beigetragen. „Wir trennen die beiden Geschlechter, die, wenn sie beisammen sind, dahinschmelzen wie Schnee an der Sonne", rühmt sich im 18. Jahrhundert ein quäkerischer Großkaufmann aus Amerika seinem französischen Kollegen gegenüber ^°). 4. Sparsamkeit — eine Äaupttugend bei Thomisten wie Puritanern (und den verwandten Sekten noch mehr). Im Schottland des 17. Jahrhunderts nehmen die Geistlichen die Luxusverbote wieder auf, sie fordern Beschränkung des Kleiderund Wohnluxus, Beschränkung des Aufwandes bei Kochzeiten usw. 2^). Es ist bekannt, daß der Äauptsport der Quäker die Sparsamkeit in allen Dingen war: selbst in den Worten, in den Gesten, in den Benennungen der Wochentage usw.^). Auch diese Tugend wird bei den Protestanten in ihre Extreme gesteigert. And diese Steigerung ist freilich so groß, daß wir hier vielleicht einen wirklichen — den einzigen I — Wesensunterschied in der Sozialethik der Puritaner und der 332 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Scholastiker feststellen müssen. Will man diesen Unterschied in einem Wort ausdrücken, so kann man sagen: der Protestantismus tilgt alle Spuren eines künstlerischen Bedürfnisses nach sinnlicher Größe und Pracht aus. Es macht die unvergleich- liche Schönheit der thomistischen Gedankenwelt aus, daß sie am letzten Ende aus einem tief künstlerisch empfindenden Gemüte geboren ist. Noch spüren wir den himmlischen Geist augustinischer Lebensbetrachtung in ihr. Ich erinnere an das, was uns S. Thomas über die Schönheit der Harmonie in Welt und Menschen sagt: zum Charakter des Schönen oder Wohl- anständigen trägt bei der Glanz und das gebührende Verhältnis nach Dionysius (4 cie ciiv. nom.), der da sagt: „Gott ist schön als die Arsache der Harmonie im All und des Glanzes". Deshalb besteht die Schönheit des Körpers darin, daß er Glieder besitzt, die in sich und untereinander in gutem Verhältnis stehen, und daß die Farbe eine gewisse gebührende Stelle hat. And ähnlich besteht die geistige Schönheit darin, daß das Benehmen und das Tun des Menschen durch ein gutes Verhältnis gemessen sei gemäß dem geistigen Glänze der Vernunft. Deshalb nennt Augustinus (83 qu. 30) das Ehrbare eine „geistige Schönheit". Dieses künstlerische Empfinden drückt sich dann aus in der Anerkenntnis einer Tugend von hohem Range, die in keiner protestantischen Ethik mehr Platz hat: der maZnikiLentis — der Prachtliebe also. NsAniticentiÄ ist das Streben, etwas „Großartiges und Prachtvolles zu wirken". Dabei wird in erster Linie an die Kirche und das Gemeinwesen gedacht, an öffentlichen Luxus. In bestimmten Fällen gilt die Prachtliebe aber auch der eigenen Person: wie bei dem, was nur einmal vorkommt, z. B. bei Hochzeiten, oder bei dem, was Dauer hat, z. B. bei der Wohnung! Der besondere Wesenscharakter der Prachtliebe richtet sich auf das Großartige im Kunstwerk^). Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus ZZZ Ein solcher Sinn für das Prachtvolle war freilich den Protestanten abhanden gekommen. NsAnificentia hatte in ihrem Lehrgebäude keinen Platz mehr, das eben der nüchternen, kalten, weißgetünchten, allen Bilderschmucks beraubten^") Kirchenscheune glich, wie sie an die Stelle des erhabenen gothischen Domes trat, durch dessen bunte Fenster die warme Sonne ihre Strahlen wirft. Die Äaupttugend in der puritanischen Ethik wurde das Gegenspiel der msAnificentm, das die Scholastiker als schwere Sünde verdammt hatten: die parvificentia, die Knauserei. „Knauser heißt jemand, weil seine Absicht darauf geht, etwas Kleinliches zu machen . . Der Prachtliebende will zuerst die Größe des Werkes, und dann gibt er acht auf die Größe der Ausgaben, die er um des Werkes willen nicht vermeidet. Der Knauser aber gibt zuerst acht darauf, wie die Ausgaben recht gering werden, .damit er so wenig wie möglich verwende', und erst aus Grund dessen will er das beabsichtigte Werk, wenn es nämlich nicht zu viel kostet" In der Entwicklung der Sparsamkeit (parsimonm) zur Knickrigkeit (parvikiLentiz) liegt vielleicht das größte Verdienst, das sich die puritanische und quäkerische Ethik um den Kapitalismus, soweit in ihm Bürgergeist lebt, erworben haben. Oder will man dem Fallenlassen des Zinsverbots eine größere Bedeutung beilegen? Wir sahen aber, daß gerade dieses Verbot einen der stärksten Antriebe zur Entfaltung des kapitalistischen Geistes geboten hatte. Ich glaube, daß in der Praxis diese veränderte Auffassung der Moraltheologen in der Wucherfrage völlig belanglos gewesen ist. Nun möchte ich doch aber ausdrücklich auch noch sagen, wofür man die puritanische und quäkerische Ethik nicht verantwortlich machen kann: 1. Ganz gewiß nicht für die Begründung und Entwicklung 334 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte der bürgerlichen Tugenden schlechthin: die waren da ein paar hundert Jahre, ehe es Puritanismus gab: wir fanden sie in den Familienbüchern Albertis bereits in aller Vollständigkeit. Soweit also ein Neligionssystem an ihrer Entstehung schuld ist, ist es das katholische. Die protestantische Ethik konnte nichts tun als übernehmen, was der Thomismus geschaffen hatte. 2. Aber auch für die schrankenlose Entfaltung des Erwerbstriebes, für das sinnlose Geldmachen, für die Geschäftsidiosyn- krafie, die wir als ein Merkmal des hochkapitalistischen Geistes feststellen konnten, möchte ich den Puritanismus nicht verantwortlich machen. Wir sahen, wie der puritanische Sittenprediger im Grunde seines Äerzens allem Erwerbsstreben abhold war. Immer aber, auch insoweit er das Trachten nach Gewinn und den Reichtum selbst gelten läßt, geschieht es doch mit der stillschweigenden oder ausdrücklichen Einschränkung: Gewinnstreben und Erwerb dürfen nie Selbstzweck werden. Sie können ihre Rechtfertigung nur finden in einer gottgefälligen Verwendung des Reichtums und sind nur erlaubt, soweit sie dem Seelenheile des Unternehmers keinen Schaden tun. Auch hier kehren zum Teil in denselben Wendungen die Gedanken der Scholastiker wieder. Ihr dürft dem Erwerbe nachgehen, ist der hundertmal wiederholte Grundsatz bei Baxter, wenn ihr den erworbenen Reichtum dazu verwendet, Gutes zu tun: Gutes heißt aber: Gott und seinen Dienern spenden, die Armen unterstützen, dem Gemeinwohl dienen: »in tne 8ervice ok Ooä, in benesicence to our neiZnbour, in aävsncinA publick Moä« ^). 3. Gewiß hat die puritanische Ethik auch nicht den rücksichtslosen Erwerb verschuldet. Sie unterscheidet sich auch darin in nichts von der thomistischen Geschäftsmoral, daß sie wie diese nur den Erwerb mit anständigen Mitteln gutheißt. „Was ein Mann auf ehrenhafte Weise erwirbt, das verdient Lob"^). Ja, sie vertritt, wie diese, im Grunde noch immer die Idee Zwanzigstes Kapitel: Der Protestantismus ZZ5 eines „gerechten Preises", das heißt: will den Marktverkehr den Gesetzen der Gerechtigkeit und Billigkeit unterwerfen. Den Gedanken der völlig freien Konkurrenz weist sie mit Entschiedenheit von sich: „diejenigen stellen einen falschen Grundsatz auf, die da meinen: ihre Ware sei soviel wert als jemand dafür geben will." „Es gilt für ausgemacht auf dem Markte, daß jeder soviel zu bekommen sucht als er irgend kann, und daß das »Laveat emptor« die einzige Sicherheit ist. So ist es aber nicht unter Christen, ja nicht einmal unter Angläubigen, die Treu und Glauben oder den gewöhnlichen Anstand besitzen" ^"). 4. Endlich halte ich es für bedenklich, überall dort, wo man in Ländern mit puritanischem Bevölkerungseinschlag in nach- puritanischer Zeit große Anternehmerleistungen wahrnimmt, sie ohne weiteres als eine Wirkung der puritanischen Weltauffassung anzusehen. Gerade zu weitausschauenden oder gar abenteuerlichen Anternehmungen hat diese ihre Anhänger am wenigsten geführt; höchstens zu einem wohltemperierten Krämertume. Schotten waren Puritaner! Ich wies an einer früheren Stelle schon darauf hin, wie verfehlt es mir erscheint, zum Beispiel einen Mann wie Cecil Nhodes als Puritaner zu kennzeichnen. Oder all die großen Unternehmer ähnlichen Kalibers, die England und Amerika im 19. Jahrhundert hervorgebracht haben. Das heißt den kapitalistischen Geist doch gar zu eng auffassen, wenn man ihn in dieser Weise immer wieder in allen seinen Ausstrahlungen auf den Puritanismus zurückführt: ich habe, glaube ich, klar und deutlich gezeigt, daß die Stammväter unserer großen „wagenden Kaufleute" aus ganz anderem Äolze geschnitzt waren; daß sie Raleigh, Cavendish, Drake, Fugger und wie sonst immer heißen, die schon deshalb, weil sie zu früh geboren waren, ihren Geist nicht mit dem abstrusen Zeug erfüllen konnten, das im Lnristian Directory ein Gespenst wie Mr. Baxter aufgestapelt hat. 336 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Gewiß: auch unter den Puritanern sind große kapitalistische Unternehmer gewesen. Aber ich zweifle noch sehr, ob sie ihre Größe der Ethik des Puritanismus verdanken und nicht ganz anderen Blutseigenschaften und Schicksalsfügungen. Auch das geht nicht an: die großen Unternehmer puritanischen Glaubens aus nichts anderem zu erklären als aus der Eigenart der puritanischen Ethik. Es wird noch unsere Aufgabe sein, im weiteren Verlaufe dieser Darstellung die vielen Möglichkeiten aufzuweisen, denen eine Blüte kapitalistischen Geistes ihre Entstehung verdanken kann. Nur eine dieser Möglichkeiten ist die Unterwerfung unter das puritanische Sittengesetz. Und wie ich in diesem Kapitel glaube gezeigt zu haben: diese Unterwerfung kann immer nur einen geringen Einfluß auf die Entwicklung des kapitalistischen Geistes ausgeübt haben. 337 Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus über die jüdische Religion und ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben, insonderheit für die Ausbildung des kapitalistischen Geistes, habe ich mich in meinem Iudenbuche ausführlich geäußert, auf das ich deshalb auch den Leser verweise, falls ihm die folgende Darstellung lückenhaft erscheint. Ich vertrete die an jener Stelle entwickelten Ansichten im wesentlichen heute noch, trotz der scharfen Kritik, die sie namentlich ab feiten zahlreicher Rabbiner erfahren haben, die begreiflicherweise sich darüber aufregen mußten, daß ein Außenstehender manche Züge ihrer Religion aufgedeckt hat, die ihnen als „Schönheitsfehler" erscheinen mögen. Nur eins will ich auf jene Kritiken antworten, die mir vorgeworfen haben: ich hätte bestimmte Seiten der jüdischen Religion — wie namentlich den Mystizismus, der auch in ihr eine Stelle habe — übersehen. Ohne mich auf eine Prüfung der Frage einzulassen, inwieweit die Behauptung richtig ist, daß neben der Gesetzesreligion noch andere Bestandteile in der jüdischen Gesamtreligion enthalten sind: man soll doch erwägen, daß ich die Zusammenhänge habe aufdecken wollen, die zwischen dem JudaismusundKapitalismus obwalten. Dazu brauchte ich, selbst wenn die gesamte Iudenheit in ihrer Religion noch andere Glaubensartikel gehabt hätte als die von mir aufgewiesenen, diejenigen Äußerungen des religiösen Gefühls nicht zu berücksichtigen, die für die Herausbildung des kapitalistischen Geistes offensichtlich gar nicht in Betracht kommen, wie beispielsweise etwaige mystische Regungen. Gerade so wie ich bei der Darstellung der thomistischen Ethik mit vollem Bewußtsein die paulinisch-augustinische Liebes- und Gnadenlehre unberücksichtigt gelassen habe. Trotzdem sie zum offiziellen Katholizismus gehörte. Während der offizielle Judaismus seit Esras Zeiten Sombart, Der Bourgeois 22 338 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte doch wohl ausschließlich den Standpunkt der Gesetzesreligion als den allein gültigen vertreten hat. Jene Kritiken treffen mich also nicht. Aber ich habe mich selbst in einem wichtigen Punkte zu verbessern. Als ich mein Judenbuch schrieb, hatte ich mich noch nicht eingehend mit der thomistischen Ethik beschäftigt. Ich habe daher viele Sätze der jüdischen Religion: wie die bedingte Anerkenntnis des Reichtums, vor allem aber die Forderung einer grundsätzlichen Rationalisierung der Lebensführung für ausschließlich jüdisch gehalten und sie in einen Gegensatz zu den Auffassungen der (vorpuritanischen) christlichen Religion gestellt. Das war ein Irrtum. Jene für uns besonders wichtigen Bestandteile des jüdischen Religionssystems, insonderheit der jüdischen Moraltheologie, sind zwar nicht durchgängig im früheren Christentum, wohl aber im Thomismus ebenfalls enthalten, wie die Darstellung im 19. Kapitel dieses Buches erwiesen hat. Was uns gar nicht wundern kann, da ja der Thomismus sich gerade dadurch kennzeichnet, daß er das jüdische Sittengesetz mit Entschiedenheit als Kern des göttlichen Naturgesetzes anerkannt hat. Ebensowenig wie der Puritanismus hat der Judaismus in den für uns wesentlichen Punkten etwas anderes gelehrt wie der Thomismus. Trotzdem lassen sich bestimmte Züge im jüdischen Religionssystem nachweisen, die ihm ein besonderes Gepräge geben und dadurch von der katholischen und protestantischen Religion unterscheiden: wohl verstanden immer nur in denjenigen Bestandteilen seiner Ethik, die uns hier angehen. Als das dem Judaismus Eigenartige möchte ich die Tatsache ansehen, daß er die dem Kapitalismus zugute kommenden Lehren in aller Vollständigkeit enthält und mit aller Folgerichtigkeit ausgebildet hat. So ist die Beurteilung, die die jüdischen Religionslehren dem Reichtum widerfahren lassen, zweifellos um verschiedene Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus ZZg Nuancen günstiger als selbst in den katholischen Sittenlehren. Kein Wunder, da ja die Gewährsmänner für den Juden die Weisen des Alten Bundes sind, deren Auffassung in neunund- neunzig von hundert Fällen eine dem Reichtum und Wohlstand günstige war, während sich die christlichen Moraltheologen doch immer erst mit dem Armutsideal des Evangeliums auseinandersetzen mußten. Ein ausschließlich anerkanntes Armutsideal hat es aber in der jüdischen Religion überhaupt nie gegeben. Die Ausbildung des Rationalismus ist aber in der jüdischen Religion zweifellos eine strengere und weiter umfassende als in der katholischen Religion und ähnelt jener im Puritanismus. Insbesondere ist die Disziplinierung des Geschlechtstriebes, die zwar, wie wir gesehen haben, einen wichtigen Bestandteil auch der thomistischen Ethik bildet, doch erst im Judaismus und Puritanismus bis zu jener Höhe getrieben werden, wo sie eine Schauder erregende Karikatur wird. Mit dem Puritanismus gemeinsam hat der Judaismus jene vollständige Ausmerzung alles künstlerischen Empfindens, das im Thomismus noch so stark ist. Das zweite Gebot des De- kalogs ist von den Scholastikern so gut wie ganz unbeachtet gelassen worden, während es auf die judaistische Weltauffassung einen bestimmenden Einfluß ausgeübt hat. Was ferner der jüdischen Sittenlehre eine Sonderstellung in der Entwicklung des modernen Geistes verschafft, ist der wichtige Lim- stand, daß sie ihren Gehalt schon zu einer Zeit empfangen hat, als das Christentum noch in ganz anderen Bahnen wandelte. Das Judentum war reichtumsfroh, als die Christen noch im essenischen Armutsideal befangen waren, und die jüdische Moraltheologie lehrte jenen rabiaten und extremen Rationalismus, als in den Gemütern der Christen noch die paulinisch-augustinische Liebes- religion lebte. Alle die der Entfaltung des kapitalistischen Geistes fördersamen Bestandteile der Ethik haben also im Juden- 22" 340 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Volke tausend Jahre länger wirken können und haben im Verlaufe einer langen Geschichte einen Ausleseprozeß befördert, der die Juden längst vorbereitet hatte, dem Kapitalismus zu dienen, als die christliche Religion eben erst ihr Erziehungswerk begann. Beim Eintritt in die kapitalistische Epoche der neuen Zeit war somit das Judenvolk dank seiner Religion schon ganz anders hochgezüchtet als irgendein christliches Volk. Die Juden hatten dadurch, wenn alle anderen Umstände sich gleich blieben, einen gewaltigen Vorsprung vor allen übrigen Völkern voraus. Wodurch nun aber die jüdische Religion eine geradezu grundstürzende Wirkung auszuüben in den Stand gesetzt wurde, war die eigentümliche Behandlung, die sie dem Fremden an- gedeihen ließ. Die jüdische Ethik bekam ein doppeltes Gesicht: je nachdem es sich um Juden oder Nicht-Juden handelte, waren die Sittengesetze verschieden. Was ursprünglich wohl in jeder Volksethik in die Erscheinung tritt: die doppelte Moral: den Volksgenossen und den Fremden gegenüber: das erhielt sich durch die eigentümlichen Schicksale des Judenvolkes bei diesem durch die lange Reihe der Jahrhunderte und hat bis vor ganz kurzem die Geschäftsgrundsätze des Juden eigentümlich beeinflußt. Die jüdische Religion schloß also in sich, wie man es nennen kann, ein besonderes Fremdenrecht, dessen Inhalt ich doch auch hier — im Anschluß an meine frühere Darstellung in meinem Iudenbuche, wo der Leser auch die weiteren Quellenbelege findet — in den Äauptzügen wenigstens wiedergeben möchte. Die wichtigste und am häufigsten erörterte Bestimmung dieses jüdischen Fremdenrechtes betrifft das Zinsverbot oder richtiger die Zinsgestattung. Im alten jüdischen Gemeinwesen war, wie überall (soviel wir zu sehen vermögen) in den Anfängen der Kultur das zinslose Darlehn (würden wir in heutiger juridifierender Terminologie sagen) die allein zulässige oder vielmehr die selbstverständliche Form der gegenseitigen Aushilfe. Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus Z41 Aber es finden sich auch schon in dem ältesten Gesetz (was auch eine ganz allgemein beobachtete Gepflogenheit war) Bestimmungen des Inhalts: daß man „vom Fremden" (vom Nicht- genossen also) Zins nehmen dürfe. Die Kauptstelle, in der dies gesagt ist, findet sich Deut. 23, 20. Andere Stellen der Thora, die auf das Zinsnehmen Bezug haben, sind Ex. 22, 25; Lev. 25, 37. An diese Thora- sähe knüpft sich nun seit den Zeiten der Tanaim bis heute eine überaus lebhafte Diskussion, deren Mittelpunkt die berühmten Auseinandersetzungen in der Baba mezia fol. 70'^ bilden. Ich habe die Empfindung, als diente ein großer Teil dieser Dis- kussion ausschließlich dem Zwecke, den außerordentlich klaren Tatbestand, wie er durch die Thora geschaffen ist (und wie er sich übrigens in der Mischna noch fast unverändert findet), durch allerhand Sophismen zu verdunkeln. Deut. 23, 20 sagt deutlich: von deinem Genossen darfst du keinen Zins nehmen, vom Fremden darfst du. Freilich: Eine Zweideutigkeit lag schon in diesem Artexte eingeschlossen: bei der Identität von Futurum und Imperativ im Äebräischen kann man die Stelle lesen: vom Fremden „magst du" und: vom Fremden „sollst du" „wuchern" (das bedeutet immer nicht mehr als: Zinsen nehmen). Für unsere Frage genügt vollständig die Feststellung: der Gläubige fand in der heiligen Schrift Sätze, die ihm mindestens das Zinsnehmen (im Verkehr mit den Goim) gestatteten: er war also das ganze Mittelalter hindurch von der Last des Zinsverbotes, dem die Christen unterstanden, befreit. Dieses Recht ist aber auch von der Lehrmeinung der Rabbinen meines Wissens niemals ernstlich in Frage gezogen. Anzweifelhaft aber hat es auch Zeiten gegeben, in denen die Erlaubnis, Zinsen zu nehmen, in eine Pflicht, mit dem Fremden zu wuchern, umgedeutet wurde, in der also die strengere Lesart beliebt war. Diese Zeiten waren aber gerade diejenigen, auf die es für 342 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte das praktische Leben ankam: die Jahrhunderte seit dem Äoch- mittelalter. Es scheint von den Schriftstellern, die in unseren Tagen den Gegenstand behandelt haben, nicht beachtet worden zu sein, daß Deut. 23, 20 mit Bezug auf die Fremden unter die Gebote aufgenommen worden ist, die das Leben der Jsraeliten regeln: durch die Tradition ist gelehrt worden, daß man dem Fremden auf Wucher leihen soll. In dieser Form ist das Gebot — es ist das 198. — auch in den Schulchan Aruch übergegangen. Die modernen Rabbiner, denen die — ach so klaren! — Bestimmungen des jüdischen Fremdenrechts unbequem sind (warum eigentlich?), versuchen dann die Bedeutung solcher Sätze wie das 198. Gebot dadurch abzuschwächen, daß sie behaupten: „Fremde" im Sinne der Stelle seien nicht alle Nicht- juden, sondern nur „die Heiden", „die Götzendiener". Es ist aber immer sehr kontrovers gewesen, wer zu den einen, wer zu den anderen gehört habe. And der Gläubige, der beispielsweise das 198. Gebot seinem Gedächtnis eingeprägt hat, wird die feinen Distinktionen gelehrter Rabbiner nicht gemacht haben; ihm genügte, daß der Mann, dem er auf Zinsen lieh, kein Jude, kein Genosse, kein Nächster, sondern ein Goi war. Was also an der Religion lag, das tat sie, um die Juden während des Mittelalters dem „Wucher" in die Äände zu treiben, und sie wurde dabei von der christlichen unterstützt. Soweit also die Beschäftigung mit der Geldleihe bedeutungsvoll für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes geworden ist, hat das jüdische Fremdenrecht seinen Teil dazu beigetragen. Wir haben eine der Wirkungen, die der Wucherberuf mit sich brachte, bereits kennen gelernt: er schwächte den Unternehmungsgeist. Aber er hat auf der anderen Seite auch einen fördernden Einfluß auf die Entwicklung des kapitalistischen Geistes ausgeübt, wie am richtigen Orte darzutun sein wird. Daß nun aber auch sonst die Stellung des „Fremden" im Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus 343 jüdischen (göttlichen) Rechte eine Ausnahmestellung war, daß die Verpflichtungen ihm gegenüber niemals so strenge waren als dem „Nächsten", dem Juden gegenüber: das kann nur Unkenntnis oder Böswilligkeit leugnen. Gewiß haben die Auffassungen des Rechts (und vor allem wohl der Sitte) von der Art und Weise, wie der Fremde zu behandeln sei, im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen erfahren. Aber an dem Grundgedanken: dem Fremden schuldest du weniger Rücksicht als dem Stammesgenossen, ist seit der Thora bis heute nichts geändert worden. Diesen Eindruck hinterläßt jedes unbefangene Studium des Fremdenrechts in den heiligen Schriften (vor allem der Thora), im Talmud und in den Codices. Man macht heute noch in apologetischen Schriften die berühmten Stellen in der Thora: Ex. 12, 49; 23, 9; Lev. 19, 33, 34; 25, 44-46; Deut. 10, 18, 19 geltend, um daraus die „fremdenfreundliche" Auffassung des jüdischen Gesetzes zu erweisen. Aber erstens ist natürlich in einer Äalacha, um die es sich hier doch meist handelt, die „mündliche" Tradition nicht außer acht zu lassen; und zweitens enthalten doch selbst jene Stellen der Thora zwar die Mahnung, den „Fremdling" (der natürlich zudem noch im alten Palästina eine ganz andere Bedeutung hatte wie später in der Zerstreuung: der Ger und der Goi sind doch grundverschiedene Begriffe), den „Fremdling" zwar gut zu behandeln, „denn ihr seid auch Fremde gewesen im Ägypterlande", aber doch daneben schon die Weisung (oder die Erlaubnis), ihn als minderen Rechtes zu betrachten: „Also soll es zugehen mit dem Erlaßjahre: wenn einer seinem Nächsten etwas geliehen hat, das soll er nicht einnehmen. Von einem Fremdling magst du es einnehmen; aber dem, der dein Bruder ist, sollst du es erlassen" (Deut. 13, 2, 3). Es ist immer dieselbe Sache wie beim Zinsennehmen: differentielle Behandlung des Juden und des Nichtjuden. And begreiflicherweise sind denn die Rechtsfälle, in denen der Nichtjude minderes Recht 344 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte hat als der Jude, im Laufe der Jahrhunderte immer zahlreicher geworden und bilden im letzten Kodex schon eine recht stattliche Menge. Ich führe aus dem Choschen Kamischpat folgende Abschnitte an (die sicherlich nicht alle sind, in denen die differen- tielle Rechtslage des Fremden ausdrücklich ausgesprochen ist): 188, 194, 227, 231, 259, 266, 272, 283, 348, 389ff. Die große Bedeutung des Fremdenrechts für das Wirtschaftsleben erblicke ich nun aber in zweierlei. Zunächst darin, daß durch die fremdenfeindlichen Bestimmungen des jüdischen Gewerbe- und Handelsrechts der Verkehr mit den Fremden nicht nur rücksichtsloser gestaltet wurde (also daß eine in allem Verkehr mit Fremden liegende Tendenz verschärft wurde), sondern daß auch die Geschäftsmoral, wenn ich es so ausdrücken darf, gelockert wurde. Ich gebe ohne weiteres zu, daß diese Wirkung nicht notwendig einzutreten brauchte, aber sie konnte sehr leicht eintreten und ist gewiß auch in häufigen Fällen namentlich im Kreise der östlichen Juden eingetreten. Wenn beispielsweise ein Satz des Fremdenrechts (er ist oft erörtert worden I) besagte: der von den Heiden (Fremden) selbst begangene Irrtum in einer Rechnung darf von dem Israeliten zu seinem Vorteil benützt werden, ohne daß eine Verpflichtung bestünde, darauf aufmerksam zu machen (der Satz wurde in den Tur aufgenommen, im Kodex des Karo findet er sich zunächst nicht, wird aber dann durch die Glosse des Isserle hineingebracht): so mußte eine derartige Nechtsauffassung (und von ihr sind zahlreiche andere Gesetzesstellen erfüllt) in dem frommen Juden doch unweigerlich den Glauben erwecken: im Verkehr mit den Fremden brauchst du's überhaupt nicht so genau zu nehmen. Er brauchte darum sich subjektiv gar keiner unmoralischen Gesinnung oder Handlung schuldig zu machen (konnte im Verkehr mit den Genossen die außerordentlich rigorosen Vorschriften des Gesetzes über richtiges Maß und Gewicht streng einhalten): er Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus 345 konnte im besten Glauben handeln, wenn er den Fremden etwa „übervorteilte". Zwar wurde ihm in manchen Fällen ausdrücklich eingeschärft: du mußt auch dem Fremden gegenüber ehrlich sein lz. B. Ch. h. 231), aber daß man das schon ausdrücklich sagen mußte I And dann hieß es ja wieder expressis verbis (Ch. h. 227. 26): „Einen Nichtjuden kann man übervorteilen, denn es heißt in der Schrift 3. Mos. 25, 14, es soll niemand seinen Bruder übervorteilen" (hier ist nicht vom Betrug die Nede, sondern von einem höheren Preise, den man einem Fremden abnimmt). Diese ganz vage Auffassung: am Fremden darfst du einen Schmu machen, darfst auch im Verkehr mit ihm mal fünfe gerade sein lassen (du begehst damit keine Sünde), wurde nun wohl dort noch gefestigt, wo sich jene formale Rabulistik im Talmudstudium entwickelte wie in vielen Iudengemeinden des Ostens Europas. Wie diese auf das Geschäftsgebaren der Juden laxifizierend eingewirkthat, stellt Graetz anschaulich dar, dessen Worte (da er ja in diesem Falle gewiß ein einwands- freier Zeuge ist) ich hier ungekürzt wiedergeben möchte (da sie für manchen Zug im wirtschaftlichen Wirken der Aschkenaze die Erklärung enthalten): „Drehen und Verdrehen, Advokatenkniffigkeit, Witzelei und voreiliges Absprechen gegen das, was nicht in ihrem Gesichtskreise lag, wurde ... das Grundwesen des polnischen Juden . . . Biederkeit und Rechtssinn waren ihm ebenso abhanden gekommen wie Einfachheit und Sinn für Wahrheit. Der Troß eignete sich das kniffige Wesen der Hochschulen an und gebrauchte es, um den minder Schlauen zu überlisten. Er fand an Betrügerei und Äberlistung Lust und eine Art siegreicher Freude. Freilich gegen Stammesgenossen konnte List nicht gut angewendet werden, weil diese gewitzigt waren; aber die nichtjüdische Welt, mit der sie verkehrten, empfand zu ihrem Schaden die Überlegenheit des talmudischen Geistes des Z4ß Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte polnischen Juden ... Die Verdorbenheit der polnischen Juden rächte sich an ihnen auf eine blutige Weise und hatte zur Folge, daß die übrige Judenheit in Europa von dem polnischen Wesen eine Zeitlang angesteckt wurde. Durch die Abwanderung der Juden aus Polen (infolge der kosakischen Judenverfolgungen) wurde das Judentum gleichsam polonisiert." Die zweite, vielleicht noch bedeutsamere Wirkung, die die differenzielle Behandlung der Fremden im jüdischen Rechte im Gefolge hatte, war die, daß ganz allgemein die Auffassung von dem Wesen des Handels-- und Gewerbebetriebes sich umgestaltete, und zwar frühzeitig in der Richtung, wie wir sagen würden, der Gewerbefreiheit und des Freihandels. Wenn wir die Juden als die Väter des Freihandels (und damit als die Bahnbrecher des Kapitalismus) kennen gelernt haben, so wollen wir hier feststellen, daß sie dazu durch ihr früh im freihändlerischen Sinne entwickeltes Gewerberecht (das immer als göttliches Gebot zu gelten hat) nicht zuletzt vorbereitet waren, und wollen ferner feststellen, daß dieses freiheitliche Recht offenbar durch das Fremdenrecht stark beeinflußt worden ist. Denn es läßt sich ziemlich deutlich verfolgen, daß im Verkehr mit Fremden sich zuerst die Grundsätze des personalgebundenen Rechtes lockern und von freiwirtschaftlichen Gedanken ersetzt werden. Ich verweise nur auf folgende Punkte. Das Preisrecht (oder die Preispolitik) steht für den Verkehr mit Genossen in Talmud und Schulchan Aruch durchaus noch im Bannkreis der Idee vom ju8tum prelium (wie das ganze Mittelalter überhaupt), erstrebt also eine Konventionalisierung der Preisbildung unter Anlehnung an die Idee der Nahrung: dem Nichtjuden gegenüber wird das jugtum pretium fallen gelassen, wird die „moderne" Preisbildung als die natürliche angesehen (Ch. h. 227, 26; vgl. schon B. m. 49,''ff.). Aber woher auch immer diese Auffassung stammen möge: Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus Z47 überaus wichtig ist die Tatsache selbst, daß schon im Talmud und noch deutlicher im Schulchan Aruch gewerbefreiheitliche und freihändlerische Anschauungen vertreten werden, die dem gesamten christlichen Recht? des Mittelalters ganz und gar fremd waren. Das durch ein gründliches und systematisches Studium der Quellen einwandfrei und im einzelnen festzustellen, wäre eine dankbare Aufgabe für einen gescheiten Rechts- und Wirtschaftshistoriker. Ich muß mich hier wieder mit der Äer- Vorkehrung einiger weniger Stellen begnügen, die aber, wie mir scheint, schon genügen, um meine Behauptung als richtig zu erweisen. Da ist zunächst eine Stelle in Talmud und Codices, die grundsätzlich die freie Konkurrenz zwischen Handeltreibenden anerkennt (also ein Geschäftsgebaren, das, wie wir in anderem Zusammenhange sahen, aller vorkapitalistischen und frühkapitalistischen Auffassung vom Wesen des anständigen Kaufmanns widersprach). B. m. fol. 60 " ^ lautet (inSammter - scher Übersetzung): Mischna: „R. Iehuda lehrt: Der Krämer soll den Kindern nicht Sangen und Nüsse verteilen, weil er sie dadurch gewöhnt, zu ihm zu kommen. Die Weisen jedoch erlauben es. Auch darf man nicht den Preis verderben. Die Weisen jedoch (meinen): sein Andenken sei zum Guten; man soll nicht die gespaltenen Bohnen auslösen. So entscheidet Abba Saul; die Weisen dagegen erlauben es." Gemara: „Frage: Was ist der Grund der Nabbanen? Antwort: Weil er zu ihm sagen kann: ich verteile Nüsse, verteile du Pflaumen (I). In der Mischna stand: „Auch darf man nicht den Preis verderben, die Weisen dagegen sagen, sein Andenken sei zum Guten usw. Frage: Was ist der Grund der Rabbanen? Weil er das Tor (den Preis) erweitert (herabsetzt)." Auf der Wanderung bis zum Schulchan Aruch sind dann die anti- gewerbefreiheitlichen Räsonnements ganz abgestorben und die 348 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte „fortgeschrittene" Auffassung ist allein stehen geblieben: „Dem Krämer ist es erlaubt, den Kindern, die bei ihm kaufen, Nüsse und dergleichen zu schenken, um sie an sich zu ziehen, auch kann er wohlfeiler, als der Marktpreis ist, verkaufen, und die Marktleute können nichts dagegen haben." (Ch. h. 228, 18.) Ähnlich lautet die Bestimmung Ch. h. 156, 7: (Kaufleute, die ihre Waren in die Stadt bringen, unterliegen verschiedenen Beschränkungen) „verkaufen aber die Fremden wohlfeiler oder ihre Waren besser als die Stadtleute, so können diese den Fremden nicht wehren, daß das jüdische Publikum Vorteil davon hat" usw. Oder Ch. h. 156, 5: Will ein Jude einem Nichtjuden auf niedrigere Zinsen Geld leihen, so kann der andere ihm das nicht wehren. Ebenso finden wir im jüdischen Recht das starre Prinzip des Gewerbemonopols zugunsten der „Gewerbefreiheit" (wenigstens im Schulchan Aruch) durchbrochen: War einer unter den Bewohnern eines Ganges, heißt es Ch. h. 156, 5, ein Handwerker, und die andern haben nicht protestiert, und ein anderer von diesen Bewohnern will dasselbe Handwerk anfangen, so kann ihn der erste nicht daran hindern und sagen: er nehme ihm das Brot weg, selbst wenn der zweite aus einem andern Gange (Äofe) wäre usw. Es kann also keinem Zweifel unterliegen: Gott will den Freihandel, Gott will die Gewerbefreiheit I Welch ein Antrieb, sie nun im Wirtschaftsleben wirklich zu betätigen! 349 Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte am Aufbau des kapitalistischen Geistes Ä5ir haben in den voraufgehenden Kapiteln mit aller An- befangenheit, um nicht zu sagen: Naivität, von Einwirkungen der sittlichen Mächte auf die Ausgestaltung des kapitalistischen Geistes gesprochen. Jetzt müssen wir uns einmal besinnen und uns die Frage vorlegen, mit welchem Rechte wir das getan haben; ob wir denn auch für die Richtigkeit unserer Behauptungen einstehen können. Diese Frage ist mit dem, was die bisherige Darstellung gebracht hat, keineswegs schon in unserem Sinne entschieden. Denn was ich aufgewiesen habe, ist die Tatsache: daß in zahlreichen Fällen — eine Parallelität besteht zwischen bestimmten Erscheinungen des kapitalistischen Geistes und bestimmten Lehren der Philosophie und Religion. Nun könnte man mir aber entgegenhalten: diese Parallelität berechtige noch ganz und gar nicht, einen Kausalzusammenhang zwischen den beiden Reihen von Erscheinungen anzunehmen; vielmehr sei es sehr gut denkbar, daß der kapitalistische Geist aus anderen Quellen gespeist wurde, die ihm die gleiche Färbung verliehen haben, wie sie aus einer Beeinflussung durch ethische Gebote hätte erzielt werden können. Ferner könnte eingewendet werden — und dieser Einwand liegt sogar recht nahe bei der in vielen Kreisen heutigentags herrschenden Denkgewohnheit —: gut, mag ein Kausalzusammenhang bestehen zwischen kapitalistischem Geist und sittlichen Vorschriften, so ist es doch der umgekehrte wie der von euch angenommene: nicht der kapitalistische Geist ist durch die sittlichen Forderungen von Philosophie und Religion gebildet worden, sondern diese sind nichts anderes als eine „Spiegelung" der 330 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte eigentümlichen wirtschaftlichen Verhältnisse, die in einer bestimmten Wirtschaftsgesinnung ihren Ausdruck finden. Es ist nicht meine Absicht, das mit der letzten Einwendung berührte Problem hier einer eingehenden Erörterung zu unterziehen. Was über die grundsätzlichen Beziehungen zwischen Religion und Wirtschaftsleben zu sagen ist, hat noch unlängst Ernst Tröltsch in urteilsvoller Weise und mit weitestem Entgegenkommen gegen die Ideen der „materialistischen Geschichtsauffassung" zusammengestellt. Ich will mich vielmehr an dieser Stelle damit begnügen, kurz meinen Standpunkt in dieser Frage zu bezeichnen, nur um von da aus den Spezialfall, der uns hier angeht, zu entscheiden, das heißt: den wahrscheinlichen „Anteil der sittlichen Mächte am Aufbau des kapitalistischen Geistes" einigermaßen genau abgrenzen zu können. Wie auch immer man das Genie des Religionsstifters erklären mag: damit eine Religion Wurzel schlage, müssen bestimmte Vorbedingungen in der Llmwelt erfüllt sein. Diese Vorbedingungen sind keineswegs nur ökonomischer, sondern mindestens ebensosehr biologisch-ethnologischer Natur. Von dem Gesamtzustande eines Volkes — seiner Blutsbeschaffenheit und seinen sozialen Lebensverhältnissen — hängt es ab, ob eine Religion (oder eine Philosophie, für die im kleineren Maßstabe dasselbe gilt) aufgenommen wird, und durch den Gesamtzustand eines Volkes wird die Entwicklung bestimmt, die das Religionssystem im Laufe der Zeit durchmacht. Wir können das auch so ausdrücken, daß wir sagen: damit eine Religion Boden fasse und sich in einer bestimmten Richtung entfalte, muH eine ..Disposition" im Volke vorhanden sein. „Wir können ebensogut erwarten, daß Samen auf kahlem Felsen wachse, als daß eine milde und philosophische Religion unter unwissenden und rohen Wilden eingeführt werden könne." Die „Disposition" des Volkes wird nun, je mehr wir uns Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw, Z51 der Gegenwart nähern, um so stärker durch die wirtschaftlichen Zustände bestimmt, weil die wirtschaftlichen Interessen ^ wenigstens im Ablauf der westeuropäischen Geschichte ^ einen immer breiteren Raum im Seelenleben der Menschen einnehmen. Deshalb machen sich auch die Einwirkungen des Wirtschaftslebens auf die Formen der Religion um so stärker fühl- bar, je jünger die Religion ist. Wir können die Richtigkeit dieser Sätze, die ich für gründ- legend wichtig halte, leicht einsehen, wenn wir die Stärke in den Beziehungen der verschiedenen christlichen Neligionssysteme zu dem Wirtschaftsleben der Zeitepoche, in der sie Leben gewannen, miteinander in Vergleich stellen. Die Verbreitung der augustinischen Lehren mit irgendwelchen ökonomischen Verhältnissen anders als negativ in Verbindung bringen wollen, heißt den Tatsachen geradezu Gewalt antun. Etwas mehr tritt die Bedeutung der wirtschaftlichen Zustände schon für die Entwicklung des thomistischen Glaubenssystems hervor; namentlich scheint mir die Weiterbildung der scholastischen Sittenlehre im 14. und 15. Jahrhundert von der Entwicklung des Wirtschaftslebens nicht unwesentlich beeinflußt worden zu sein. Im wesentlichen aber dürfen wir annehmen, daß auch der Katholizismus des Spätmittelalters noch aus Quellen gespeist worden ist, die nicht erst in der Zeit seiner Entstehung und nicht an den Orten seiner Entstehung aufgebrochen waren: wir sehen gar zu deutlich, wie er zusammenfloß aus religiösem Erlebnis, Lebenserfahrung des Alltags, Weisheitslehren der Spätantike und Sittengeboten des Iudenvolkes. Deutlich dagegen macht sich der Einfluß bemerkbar, den auf die Ausgestaltung der kalvinistischen Richtungen des Protestantismus die fortgeschrittene kapitalistische Wirtschaft ausgeübt hat. Daß der Puritanismus schließlich die bourgeoise Lebensführung anerkannte als eine mit dem Gnadenstande verträgliche, ist ihm 352 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte von der Macht der wirtschaftlichen Verhältnisse abgerungen und abgezwungen worden. Wie sehr er seinem inneren Wesen nach dem Kapitalismus abhold war, haben wir gesehen. Am liebsten hätten die puritanischen Prediger des 16. und frühen 17. Jahrhunderts den ganzen Mammonsdienst in Grund und Boden gewettert und hätten an seiner Stelle eine bäuerlich-handwerksmäßige Wirtschaftsverfassung gesetzt, die einen viel passenderen Nahmen für ihre antiweltlichen Lehren abgegeben hätte. Aber es war zu spät. Sie konnten unmöglich, wie es das Luthertum in dem wirtschaftlich darniederliegenden Deutschland tat, die Anfänge und Fortschritte des Kapitalismus einfach ignorieren. Wahrscheinlich schweren Herzens erkannten sie dessen Dasein an und suchten nun, ihn, so gut es ging, mit ihren religiösen Anschauungen zu versöhnen. Wie sehr das sie umgebende Wirtschaftsleben ihre Lehren bestimmte, ersehen wir aus der eigentümlichen Form, in der sie diese vortrugen; es ist bekannt, daß sie vielfach Vorstellungen des Wirtschaftslebens ihrer Zeit in ihre Darstellung der Äeilswahrheiten hinübernahmen. So, wenn der „Äeilige" über seine Sünden Buch führt, sie als Kapital und Zinsen unterscheidet, so daß „die Heiligung des Lebens so fast den Charakter eines Geschäftsbetriebes annehmen kann." „Auch Baxter (Lsintg evalastinA rest. c. XII) erläutert Gottes Ansichtbarkeit durch die Bemerkung: Wie man im Wege der Korrespondenz gewinnbringenden Äandel mit einem nicht gesehenen Fremden treiben könne, so könne man auch durch einen .seligen Handel' mit dem unsichtbaren Gott die .eine köstliche Perle' erwerben. Diese kommerziellen anstatt der bei den älteren Moralisten und im Luthertum üblichen forensischen Gleichnisse sind recht charakteristisch für den Puritanismus, der im Effekt eben den Menschen selbst seine Seligkeit .erhandeln' läßt" ^-). Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw. Z5Z Freilich: das waren dem Judaismus durchaus geläufige Vor- stellungen, wie ich in meinem Judenbuche ausführlich dargelegt habe. And wahrscheinlich hatten die puritanischen Theologen jene Bilder und Gleichnisse zuerst in den Schriften ihrer jüdischen Kollegen gefunden. Aber daß sie sie übernahmen, hatte doch seinen Grund in der Tatsache, daß das jüdisch-theologische Denken eben dem kapitalistischen Wesen am meisten bereits angepaßt war, und daß es also in einer Zeit am Platze war, in der die Welt mit kapitalistischem Geiste sich wieder mehr erfüllte. Äätten die puritanischen Prediger in einer bäuerlichfeudalen oder handwerkerlichen Umgebung ihre Lehren verkündet, so wäre es einfach absurd gewesen, ihrer Gemeinde mit den Bildern der Buchführung, des Kapitals und der Zinsen ihre Glaubenssätze eindringlich zu machen. Aber — und darauf kommt es an — hat einmal ein Neli- gionssystem (und wiederum auch: ein Philosophiesystem) Wurzel gefaßt, dann wirkt zweifellos die in ihm zusammengefaßte und mit dem Nimbus des Übersinnlichen ausgestattete Lehre wiederum zurück auf das Leben und gewiß auch auf das Wirtschaftsleben. And es wäre seltsam, wenn nicht auch die Seelenstimmung der Wirtschaftssubjekte durch derartig systematisch durchgebildete und autoritativ verkündete Sittengebote beeinflußt werden sollte. Freilich: Auch diese Beeinflussung ist wiederum an die Erfüllung bestimmter Bedingungen geknüpft: eine persönlicher, eine sachlicher Natur. Die Bedingung persönlicher Natur, die erfüllt sein muß, damit die sittlichen Mächte Einfluß auf das wirtschaftliche Gebaren auszuüben imstande sind, ist diese: sie selbst müssen Gewalt über die Seelen der Menschen haben. Die beste Ethik wirkt natürlich nicht, wenn niemand da ist, der sie befolgen will, weil er an sie glaubt. Daß diese Bedingung während der ganzen frühkapitalistischen Epoche erfüllt war, haben wir Sombart, Der Bourgeois 23 354 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte selbst feststellen können: das Interesse für Philosophie in der Zeit des Ninascimento, vor allem aber der stark religiöse Sinn in allen Ländern bis ins 18. Jahrhundert hinein sind verbürgte Tatsachen. Aber auch die notwendige Sachbedingung für die Wirksamkeit der sittlichen Mächte war während der Epoche des Frühkapitalismus erfüllt; ich meine die verhältnismäßig geringe L> öhe der kapitalistischen Entwicklung, die wir ebenfalls bereits festgestellt haben. Solange ein Wirtschaftssystem erst aufgebaut wird, solange es von den freien Entschließungen einzelner Personen abhängt, wie sie wirtschaften wollen, solange haben selbstverständlich sittliche Lehren und aus ihnen fließende sittliche Maximen der handelnden Menschen einen viel weiteren Spielraum für ihre Betätigung, als wenn erst die einzelnen Zweige des Wirtschaftssystems voll ausgebildet, die einzelnen Vornahmen mechanisiert, die einzelnen Wirtschaftssubjekte zwangsläufig in eine bestimmte Verhaltungslinie gedrängt worden sind. Da wir nun aber während einer bestimmten Epoche, eben innerhalb der Epoche des Frühkapitalismus, beide Bedingungen erfüllt sehen, so denke ich, sind wir zu dem Schlüsse berechtigt, daß die sittlichen Mächte — Philosophie und namentlich Religion —, mögen wir über die Art ihrer Entstehung denken, wie wir wollen, nun, nachdem sie einmal wirksam geworden waren, auch ihren Anteil an der Ausbildung des kapitalistischen Geistes gehabt haben, daß also jene Parallelerscheinungen, die wir in zahlreichen Fällen feststellen konnten: zwischen Sitten- lehre und Betätigung kapitalistischen Geistes in der von uns angenommenen Weise tatsächlich gedeutet werden dürfen, daß das Moralgebot die Arsache, die Gestaltung des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte die Wirkung war. Was wir, wenn wir noch einmal rückschauen, vornehmlich Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw. ZZZ als das Werk der sittlichen Mächte bei der Entfaltung des kapitalistischen Geistes ansehen dürfen, deucht mich folgendes zu sein: 1. Die Erzeugung einer dem Kapitalismus günstigen Grund- stimmung, wie man es nennen könnte: die Herausbildung einer rationalisierenden und methodisierenden Lebensauffassung, an der die Philosophie der Spätantike ebenso wie alle drei Religionen gleichmäßigen Anteil haben; 2. die Pflege der bürgerlichen Tugenden, die sich ebenfalls alle drei Religionssysteme ebenso wie die Weisen des Altertums mit gleicher Liebe haben angelegen sein lassen; 3. die Hemmung des Erwerbsstrebens und die Bindung der Wirtschaftsgesinnung: wie sie die beiden christlichen Konfessionen predigen und wie sie während der frühkapitalistischen Epoche tatsächlich vorhanden sind. Wir können deshalb sagen, daß der Kapitalismus bis zum Ende dieser Periode unter dem mildernden Einflüsse der christlichen Sittenlehre steht. Wer das nicht sieht, hat den Frllhkapitalismus in seiner Eigenart nicht begriffen. Es ist nun aber, wie wir sahen, ein besonderes Merkmal der jüdischen Ethik, daß sie (wenigstens im Verkehr mit „Fremden", der aber praktisch allein in Betracht kommt) jene Grundsätze, durch die die christlichen Konfessionen hemmend und bindend das Wirtschaftsleben beeinflußten, nicht kennt. Daher sehen wir denn auch schon während der frühkapitalistischen Epoche allein die Juden die Schranken der alten Wirtschaftssitte durchbrechen und für einen sowohl schranken- wie rücksichtslosen Erwerb eintreten. Diese Ideen sind dann aber Allgemeingut des kapitalistischen Geistes erst in der Zeit des Äochkapitalismus geworden, das heißt in einer Zeit, in der — zumal in protestantischen Ländern — die Stärke des religiösen Gefühles unstreitig abgenommen hatte, und in der gleichzeitig sich der Einfluß des 23* 356 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte Judentums immer mehr ausgebreitet hatte. Sicherlich also haben auch an der Eigenart der hochkapitalistischen Entwicklung die sittlichen Mächte, hat insonderheit die Religion schuld: die christliche dadurch, daß sie nicht mehr wirkte, die jüdische dadurch, daß sie gerade noch wirkte. Nun hieße es aber auf der anderen Seite den Einfluß der sittlichen Mächte auf das Wirtschaftsleben maßlos überschätzen wollte man sie für die gesamte Entwicklung verantwortlich machen, die wir im kapitalistischen Geist seit dem Ende der frühkapitalistischen Epoche sich haben vollziehen sehen. Mir scheint, daß gerade die Erwägungen, die wir eben angestellt haben und die uns dazu führten, eine nicht unbeträchtliche Wirkungssphäre der sittlichen Mächte anzunehmen, doch auch uns die Grenzen ihrer Wirksamkeit zu erkennen geben. Ich möchte diese Grenzen wie folgt gezogen sehen: 1. auch solange die sittlichen Werte von den Menschen anerkannt werden, das heißt: solange diese (im weitesten Sinne) „gläubig" sind, ist die wirkungsvolle Betätigung der sittlichen Mächte als Bildner des kapitalistischen Geistes (wie auch ihre Entstehung) an die Erfüllung gewisser Sachbedingungen geknüpft. 2. Auch solange die Menschen gläubig sind, sind die sittlichen Mächte keineswegs die einzigen Quellen des kapitalistischen Geistes. Sonst müßten gleiche Religionssysteme auch immer denselben kapitalistischen Geist erzeugen, was keineswegs immer geschehen ist: Spanien, Italien I und derselbe kapitalistische Geist könnte nicht aus verschiedenen Religionssystemen erwachsen sein: Italien, Deutschland, Amerika I Am einzusehen, daß die sittlichen Mächte nicht die einzige Quelle des kapitalistischen Geistes sind, würde schon die Überlegung genügen, daß viele Seiten dieses Geistes und manche Formen seiner Betätigung von ihnen ihrer Natur nach gar nicht gebildet werden können. Wie man leicht zu einseitiger Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw. ZZ7 Betrachtung kommen kann, wenn man diese Verschiedenheiten nicht anerkennt, zeigen die Worte, mit denen Franz Keller seine glückliche Auseinandersetzung mit mir und meinen früher vorgetragenen Ansichten abschließt: „Das Entscheidende für den Ursprung des Kapitalismus ist nicht jene Ansammlung großer Reichtümer in einzelnen Känden, sondern jener Fonds sittlicher Kräfte, die in der Anternehmer- Verantwortlichkeit ihre höchste wirtschaftliche Ausgestaltung finden. Die sittlichen Kräfte sind das Produkt einer langen Erziehung und bilden dann im Volke die Grundlage für das Vertragssystem, auf dem sich die Unternehmertätigkeit aufbaut." Diese Worte enthalten einen durchaus richtigen Kern, aber sie verkennen die Vielgestaltigkeit des Problems, das in Frage steht. Erstens ist (was hier nicht in Betracht kommt) für die Entstehung des Kapitalismus (als eines Wirtschaftssystems) sowohl die Ansammlung großer Vermögen als die Herausbildung eines kapitalistischen Geistes als noch manches andere „entscheidend'. Niemals können Wirtschaftsformen aus sittlichen Bestrebungen irgendwelcher Art entspringen. Gegen dieses Mißverständnis hat sich schon Max Weber mit Entschiedenheit gewendet, als man ihm unterschieben wollte, er habe den gesamten Kapitalismus aus religiösen Motiven abzuleiten versucht^). Aber wenn wir auch nur an den „Geist" im Wirtschaftsleben denken: an die Wirtschaftsgesinnung in ihrem allgemeinsten Verstände, so wissen wir, denke ich, nunmehr, daß dieser kapitalistische Geist ein buntes Gemisch von Seelenzuständen verschiedenartigsten Charakters darstellt, von denen nur einige Bestandteile einer Beeinflussung durch sittliche Mächte ihrer Natur nach zugänglich sind, wie ich sagte, also anerzogen werden 358 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte können. Es sind das jene Bestandteile, die wir im weitesten Sinne als „Tugenden" bezeichnen können: Tugenden des Geistes, Tugenden des Charakters, die sämtlich wiederum auf eine Disziplinierung unseres natürlichen Wesens hinauslaufen, auf Zucht: des Intellektes und des Willens. Diese Tugenden können erworben werden, und der Weg zu ihnen führt über die Anerkenntnis und Befolgung bestimmter sittlicher Normen, wie sie die Ethik lehrt. Daß auch der Erwerb dieser Tugenden eine bestimmte Blutsveranlagung zur Voraussetzung hat, daß er der einen Natur leichter sällt als der anderen, weil sie besser „disponiert" ist, wollen wir dabei nicht vergessen. Immerhin: hier ist das eigentliche Wirkungsgebiet für die sittlichen Mächte und ihr „Erziehungswerk". Aber außer den Tugenden stecken, wie wir wissen, im kapitalistischen Geiste noch andere Bestandteile, von denen die einen überhaupt nicht erwerbbar sind, weil sie angeboren sein müssen: das sind die Talente, die besonderen Veranlagungen zum wagenden Anternehmer, zum geistvollen Spekulanten, zum geschickten Rechner. Keine sittliche Macht der Welt kann aus einem Troddel ein Genie machen; keine aus einem Träumer einen Rechner. Auch Talente freilich können „ausgebildet" werden; und Talente können (durch Auslese) vermehrt und gesteigert werden: weder an ihrer Ausbildung noch an ihrer Auslese sind aber die sittlichen Mächte beteiligt. Endlich fanden wir im kapitalistischen Geist neben Tugenden und Talenten noch Techniken: Fertigkeiten zur Bewältigung der Geschäfte, rechnerische, organisatorische Fertigkeiten, auf deren Erwerbung ebenfalls die sittlichen Mächte ohne Einfluß sind, die vielmehr durch Unterricht gelehrt werden müssen. Wiederum: der sittlich vollkommenste Mensch wird ein schlechter kapitalistischer Unternehmer sein, wenn er seine Bücher nach einem falschen Systeme führt und wenn er in seiner Kalkulation Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw- Z59 Schnitzer macht. Das Maß kapitalistischer Fertigkeiten wird nun bestimmt werden durch die Summe der aufgestapelten Techniken einerseits, durch die Fähigkeit zu ihrer Erlernung und den Willen zu ihrer Erlernung andererseits. Von diesen ihren Amfang bestimmenden Faktoren ist einer sittlichen Vervollkommnung nur der letzte fähig: der Wille zu ihrer Erlernung, mit anderen Worten der Fleiß. Die beiden anderen wiederum entziehen sich der Einwirkung durch sittliche Mächte: wieviel Fertigkeiten im Laufe der Zeit erfunden werden, hängt von der Erfindungsgabe ab, die entweder da ist oder nicht; wie rasch und wie leicht und wie vollkommen die Wirtschaftssubjekte sie sich aneignen, dagegen von deren Begabung. Diese ist von Natur verschieden groß. Ihr Durchschnitt ebenso wie ihr Höchstmaß können im Laufe von Generationen gleichfalls gesteigert werden — durch Auslese. Diese Auslese bewirken abermals nicht die sittlichen Kräfte. Für die Entwicklung zahlreicher Bestandteile des kapitalistischen Geistes können wir also diese nicht verantwortlich machen, selbst wenn sie in einer Volksgemeinschaft ihre Durchschlagskraft noch in vollem Amfange bewahrt haben. Wie aber, wenn diese Voraussetzung entfällt, wie es zweifellos seit dem Ende der frühkapitalistischen Epoche bei den Christenvölkern der Fall ist? Wie, wenn in dieser Zeit der kapitalistische Geist noch so grundstürzende Wandlungen vollzogen hat, wie wir festzustellen in der Lage waren? Wandlungen, die nur möglich gewesen sind unter Mißachtung aller von den christlichen Sittenlehrern, mochten sie Katholiken oder Protestanten sein, verkünde'en Geboten? Wandlungen, die auf der Durchbrechung aller der Schranken beruhen, die Katholizismus und Protestantismus für das Verhalten der Wirtschaftsmenschen gezogen hatten? Wandlungen, die nur mit einer einzigen Ethik noch in Einklang zu bringen sind: der jüdischen? Wir werden 360 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte nicht so kritiklos sein wollen und die gesamte Eigenart des modernen Wirtschaftsmenschen dem Einflüsse der jüdischen Moral zuschreiben (so beträchtlich dieser Einfluß auch immerhin gewesen sein mag). Also werden wir nicht umhin können, nach anderen Quellen Ausschau zu halten, aus denen dieser hochkapitalistische Geist entsprungen ist. Die Wirksamkeit anderer Kräfte, als sie von den sittlichen Mächten ausgehen können, müssen wir also zu aller Zeit annehmen: in der frühkapitalistischen Epoche neben diesen; in der hochkapitalistischen statt dieser. Diese anderen Kräfte entspringen den sozialen Amständen. Welchen? will der folgende Abschnitt festzustellen versuchen. 361 Dritter Abschnitt Die sozialen Umstände Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat Ä5enn ich in diesem und in den folgenden Kapiteln versuchen will, die äußeren (sozialen) Amstände aufzuweisen, die einen bestimmenden Einfluß auf den geistigen Entwicklungsgang des modernen Wirtschaftsmenschen ausgeübt haben, so kann das nur den Sinn haben, daß ich auf der einen Seite einen möglichst vollständigen Äb erblick über die überhaupt in Betracht kommenden Arsachenkomplexe gebe, auf der anderen Seite einige wenige, mir besonders wichtig dünkende Punkte unter stärkeres Licht setze, damit sie sich dem Auge des Lesers besser einprägen. Mehr darstellen, hieße eine Wirtschaftsgeschichte, ja eine Kulturgeschichte, ja eine allgemeine Geschichte des letzten halben Jahrtausends schreiben: denn welcher Teil dieser Geschichte stände mit dem Problem, das uns beschäftigt, nicht in einem mehr oder weniger engen Zusammenhange? Wenn ich als ersten solcher Arsachenkomplexe den Staat behandle, so geschieht es nicht nur wegen der zweifellos großen Bedeutung, die seine Entwicklung selbst für die Ausbildung des kapitalistischen Geistes namentlich in der Epoche des Frühkapitalismus hat, sondern auch deshalb: weil er, gleichsam wie eine Schale die Kerne einer Frucht, so eine große Reihe anderer Arsachenkomplexe in sich schließt. Ich will zeigen, wodurch der Staat den kapitalistischen Geist gefördert hat. Zuvor aber will ich nicht unerwähnt lassen, daß er für dessen Entwicklung in mancher Äinsicht auch eine Hemmung bedeutet hat. Es wird nicht in Zweifel gezogen werden dürfen, daß ein über- 362 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände triebener Fiskalismus den Anternehmungsgeist hemmen und schließlich ertöten kann. Sind die Steuern so hoch, daß sie den Profit allzusehr verkürzen, indem sie die Unternehmungen selbst zu stark belasten oder durch Steigerung der Löhne die Konkurrenz einer Industrie mit dem Auslande unmöglich machen, so wird sich die Lust, sein Geld als Kapital zu verwenden, allmählich verringern. Es ist bekannt, daß man (Ranke) den „wirtschaftlichen Niedergang" Spaniens seit dem 17. Jahrhundert ebenso wie den raschen Verfall der holländischen Industrie während des 18. Jahrhunderts (Luzac und Prings- heim) mit dem übermäßig hohen Steuerdruck in diesen Ländern in Verbindung bringt. Ähnlich wie eine falsche Steuerpolitik können — wenn auch sicher nur in geringem Amfange — falsche Handels- oder gewerbep.olitische Maßnahmen lähmend auf den Anternehmungsgeist einwirken. Auch eine überspannte Sozialpolitik könnte diesen niederdrücken (hat es freilich bisher wohl kaum getan). An einer anderen Stelle hat aber die Entwicklung des modernen Staatswesens die Entfaltung des kapitalistischen Geistes zweifellos hintangehalten, ohne daß man der Staatsleitung sogar den Vorwurf machen könnte, eine „falsche" Politik getrieben zuhaben. Das ist im Bereiche des öffentlichen Schuldenwesens. Ich habe bei einer anderen Gelegenheit^) den ziffernmäßigen Nachweis geführt, welche ungeheure Summen seit dem Ende des Mittelalters namentlich für Kriegszwecke in die Tresors der Staatsverwaltungen geflossen sind. Diese Blutentziehung nahm dem Wirtschaftskörper zunächst einen guten Teil seiner Kraft weg (wenn er auch später durch die Verwendung jener Beträge zu produktiven Zwecken wieder gestärkt wurde). Nicht nur wurden die Sachmittel verringert, deren der Kapitalismus zur Durchführung seiner Pläne bedarf, sondern auch — was uns hier angeht — mußte die Möglichkeit, Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 363 sein Geld gewinnbringend in öffentlichen Anleihen anlegen zu können, abermals die Entfaltung der Unternehmungslust verhindern oder doch wenigstens verlangsamen: sobald die reichen Leute anfangen, Renten zu kaufen, statt ihr Geld in kapitalistische Anternehmungen zu stecken, beginnt ihr geistiger Verfettungsprozeß. Aus England, Frankreich, Kolland vernehmen wir im 17- und 18. Jahrhundert dieselben Klagen der kapitalismusfreundlichen Männer: das Geld, das bestimmt wäre, Kandel und Industrie zu befruchten, endigt in den öffentlichen Schatzkammern, wo es hoch verzinst wird^). Eine besonders wirksame Art, den Unternehmungsgeist zu töten, hat der Staat in Frankreich zur Anwendung gebracht, wo, wie wir im anderen Zusammenhange schon feststellen konnten, der Ämterkauf während langer Jahrhunderte eine das öffentliche Leben geradezu in seiner Eigenart bestimmende Einrichtung gewesen ist. Die Form war eine andere als die öffentliche Schuldverschreibung; die Wirkung war dieselbe: die reichen Leute wurden bequem und hörten auf, sich für kapitalistische Anter- nehmungen zu interessieren. Wobei dann nun sich besonders gut das Ineinandergreifen der verschiedenen, den kapitalistischen Geist beeinflussenden Kräfte beobachten läßt: der vom Standpunkt der kapitalistischen Begabung aus unterveranlagte französische Volksgeist (den wir aus keltischer Blutsart glaubten erklären zu sollen) schuf die Einrichtung des Ämterkaufs als seinem Wesen gemäße Form der Geldverwertung; diese Einrichtung wirkte dann, nachdem sie einmal geschaffen war, lähmend, wie wir sehen, auf den Unternehmungsgeist; dadurch verkümmerten die etwa vorhandenen kapitalistischen Anlagen oder wurden die stärker unterveranlagten Varianten ausgelesen, wodurch dann wieder usw. Ähnlich kann die Stellung wirken, die der Staat zu der ge° 364 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände sellschaftlichen Gliederung seines Volkes einnimmt, wenn er etwa einen dem Geschäftsleben entfremdeten Adel begünstigt und die tüchtigsten Elemente der Bourgeoisie dadurch aus der kapitalistischen Welt ausmerzt, daß er sie in diesen Adelsstand erhebt. Auch hier wird im einzelnen Fall schwer festzustellen sein, was Ursache, was Wirkung ist: ob die Abkehr von kapitalistischen Interessen durch die Nobilitierung erst hervorgerufen wird, oder ob diese nur die äußere Anerkenntnis eines schon innerlich in der Bourgeoisie vollzogenen Feudalisierungs- prozesses ist. Diesen Hemmungen steht nun aber die gewaltige Förderung gegenüber, die der Staat auf alle mögliche Weisen dem kapitalistischen Geiste angedeihen läßt. Zunächst weil er ihn sördern will: hierher gehören also alle staatlichen Maßnahmen zugunsten der kapitalistischen Interessen. Der Staat ist selbst, wie wir wissen, einer der ersten kapitalistischen Unternehmer gewesen und auch immer einer der größten geblieben. Dadurch wirkt er vorbildlich, wirkt er anregend auf den privaten Erwerbsgeist, wirkt er lehrhaft in allen Organisationsfragen, wirkt er erzieherisch in den Fragen der geschäftlichen Moral, Er übt einen Einfluß auf die Umbildung der sozialen Wertungen: indem er selber Geschäfte macht, nimmt er den Makel von den „schmutzigen Gewerben", der diesen in aller vorkapitalistischen Zeit anhaftet, erhebt er die »artes sorciic^ael zum Range gentlemenliker Betätigungen. Aber noch größeren Einfluß auf die Entwicklung des kapitalistischen Geistes gewinnt der Staat naturgemäß auf Umwegen: durch die Gestaltung seiner Wirtschaftspolitik. Äier müssen wir uns der zweifellos sehr großen Förderung erinnern, die die kapitalistischen Interessen durch die merkantilistische Politik während der Epoche des Frühkapitalismus erfahren haben. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 365 Was von dieser für unser Problem unmittelbar in Betracht kommt, ist vornehmlich dieses: Der Staat ist es, der vielerorts die Privaten an den Ohren herbeizieht, damit sie sich als kapitalistische Unternehmer betätigen. Er stößt und treibt sie mit Gewalt und Überredung in den Kapitalismus hinein. Das Bild der körperlichen Nötigung, das ich hier gebrauche, ist der Schrift eines kameralistischen Schriftstellers des 18. Jahrhunderts entlehnt, der da meint: „daß der plebs von seiner alten Leyer nicht abgehe, bis man ihn bei Nase und Arme zu seinem neuen Vorteile hinschleppe" °"). Wie Colbert seine besonders indolenten Landsleute in Trapp zu bringen sucht, ist rührend anzusehen ^°). Ämter zahlreichen Unternehmungen während des 16. und 17. Jahrhunderts in England steht als unmittelbar treibende Kraft, weil mit seinem Geldbeutel interessiert, der König (oder die Königin). In langen Zwiesprachen werden die Drake, die Raleigh von ihnen zu neuen Fahrten veranlaßt: so geht der letzte Plan Naleighs, noch einmal nach Guayana zu segeln, von dem geldbedürftigen Jakob I. aus so sehen wir Karl I. seine Agenten im Lande herumschicken, um mit Industriellen gewinnbringende Verträge abzuschließen^). And dann haben wir des kunstvollen Systems von Privi- legierungen zu gedenken, mittels deren der merkantilistische Staat vorhandene kapitalistische Interessen förderte, zum Leben drängende, aber erst keimhaft schlummernde zur Entfaltung brachte oder endlich erst die Keime solcher Interessen legte. Der ganze Sinn dieser staatlichen „Privilegierungen" (im weitesten Verstände) kommt in einem Briefe des französischen zweiten Heinrichs vom 13. Juni 1568 vortrefflich zum Ausdruck: indem er mit dürren Worten ausspricht, daß seine „Privilegien und Wohltaten" die „tugendhaften und betriebsamen" Gewerbetreibenden zu profitabeln Unternehmungen anspornen sollen^). Zgg Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände Die „Privilegierungen", die also alle auf demselben Grundgedanken beruhen: durch Verheißungen materieller oder ideeller Vorteile den Unternehmungsgeist rege zu machen, haben sehr verschiedene Formen angenommen: sie erscheinen als Monopolisierungen, also gleichsam als negative Privilegisierungen, indem hier ein Produktionsmonopol, dort ein Handelsmonopol, dort wiederum ein Verkehrsmonopol erteilt wird; sie treten als handelspolitische Schutz- oder Vergünstigungsmaßregeln auf; sie nehmen endlich die Gestalt direkter Prämiierungen an. In seinem lDictionnaire zählt Sa Vary alle Prämien auf, mit denen man die Unternehmungslust anzustacheln versuchte: Verleihung des erblichen Adels; Erlaubnis zur Naturalisation; Erlaß der Eingangszölle; zinslose Darlehen; Iahrespensionen; Braufreiheit; Äberlassung von Bauplätzen; Befreiung von der Gewerbeaufsicht; Unterstützungen mit barem Gelde u. a. m. „Allen Erfindungen wurde durch Privilegium und Protektion zu Kilfe gekommen, des Königs Kasse stand gleichsam an Märkten und Landstraßen und harrte derer, denen nur irgendeine Erfindung zu Gebote stand, um sie zu belohnen" (Heinrich Laube). Also Unterstützung und Beförderung jener „Projektenmacherei", von der ich weitläufig erzählt habe, durch den Staat! Eine Belebung des Anternehmungsgeistes hat der Staat beabsichtigt, und wohl auch in gewissem Amfange (in keinem sehr großen: denn zu jener Zeit, als das Ereignis, an das ich eben zu erinnern im Begriffe bin, eintrat, war dieser Unternehmungsgeist schon stark genug, um der Förderung durch den Staat entraten zu können, den er vielmehr umgekehrt zu seinem Frontwechsel zwang) erreicht durch den Abbruch des merkan- tilistisch-zünftlerischen Systems und die Einführung der „Gewerbefreiheit" in dem neuen Wirtschaftsrechte des 19. Jahrhunderts. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 367 Endlich ist der Staat ein bewußter Förderer des kapitalistischen Geistes geworden durch die Pflege des Schulwesens in allen seinen verschiedenen Höhenlagen. Wir haben die Entstehung von Anterrichtsanstalten in früheren Abschnitten dieses Werkes als ein Symptom für das Vorhandensein eines nach Menge oder Art eigentümlichen kapitalistischen Geistes verwertet: hier muß ihre Bedeutung als Quelle dieses Geistes hervorgehoben werden. Von den Rechenschulen an, die in Florenz schon im 14. Jahrhundert begründet wurden, bis zu den Handelsschulen und Kandelshochschulen unserer Tage sind die von öffentlichen Körperschaften ins Leben gerufenen Anstalten zur Verbreitung und zur Vertiefung des kaufmännischen Wissens ebensoviele Pflanzschulen kapitalistischen Geistes geworden: hier ist vor allem die Rechenhaftigkeit ausgebildet worden, hier sind die Regeln für gute Geschäftsorganisationen gelehrt worden usw. Aber ich glaube, daß die Wirkungen, die der Staat, ohne es zu wollen, ausgeübt hat, für die Entwicklung des kapitalistischen Geistes noch bedeutsamer gewesen sind als diejenigen, die er beabsichtigt hatte (und die oft genug gar nicht eingetreten sein werden). Wir wollen nicht vergessen, daß der Staat für die Entfaltung des kapitalistischen Wesens in wichtigen Fällen von großer Bedeutung zunächst durch seine Nicht-Existenz geworden ist. Oder anders ausgedrückt — wenn man dieses Paradoxon scheut, dem Staate eine Wirkung zuzuschreiben und gleichzeitig zu sagen, daß er nicht da ist —: die Eigenart der staatlichen Verhältnisse hat zuweilen dadurch den kapitalistischen Geist zu höherer und rascherer Entfaltung gebracht, daß sie ein Gemeinwesen nicht oder erst spät zu einem machtvollen Großstaat haben werden lassen. Ich denke an Staaten wie die Schweiz oder Deutschland vor 1870. In diesen sind bestimmte 368 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände Seiten des kapitalistischen Geistes gewiß dadurch ausgebildet worden, daß ihren Angehörigen ein Rückhalt an einem machtvollen Staalswesen fehlte oder fehlt. Dadurch sind die Angehörigen solcher Nationen gezwungen, im Auslande sich mehr den Bedürfnissen des Marktes anzupassen, weil sie ihren Absatz niemals ertrotzen können, sondern ihn durch Äberredungs- künste und gute Leistungen sich erobern müssen: sie müssen ihren Scharfsinn mehr anstrengen und ihre Rücken geschmeidig halten. Das Äändlerhafte im kapitalistischen Geiste wird dadurch zur Entwicklung gebracht; aber auch die geschäftliche Energie kann gesteigert werden. Wir lernten besondere Eigenarten des deutschen Bourgeoisgeistes kennen, die ihn von dem englischen deutlich unterscheiden: ein Grund dieser Verschiedenheit ist zweifellos die lange Zersplitterung Deutschlands, die es verhindert hat, daß wir in einem großen Kolonialreiche gesicherte Märkte besitzen, und die unsere Kaufleute und Industriellen zwang, sich eine geachtete Stellung im Auslande, einen „Platz an der Sonne" zu verschaffen ohne Kriegsschiffe als Rückendeckung^). Dann hat nun aber der Staat durch sein Dasein und die Eigenart seiner Entwicklung den kapitalistischen Geist mächtig gefördert. Ich habe den modernen Staat selbst als eine der Grundformen der Unternehmung bezeichnet, was er zweifellos ist. Damit gab er nun aber in seiner Gesamtorganisation, in der Gliederung seiner Verwaltung in einzelne Nessorts, in seiner Beamtenhierarchie, in der Weite seiner Ziele und der Stetigkeit ihrer Verfolgung und vielem andern das beste Vorbild für die großen kapitalistischen Unternehmungen ab, wirkte er also anregend und belehrend auf den organisatorischen Sinn, steigerte er die organisatorischen Fähigkeiten des Leiters dieser Wirtschaften. Diejenigen einzelnen Zweige der staatlichen Verwaltung, Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 369 die vornehmlich Einfluß auf die Ausbildung des kapitalistischen Geistes ausgeübt zu haben scheinen, sind folgende: 1. Das Äeerw esen, dessen Wirkungen zahlreich sind. Viel- leicht das wichtigste soziale Ereignis der neueren Geschichte ist die Entstehung eines Berufsheeres: im Mittelalter des Ritterheeres; in der neueren Zeit des Söldnerheeres. Die große Bedeutung dieses Ereignisses erblicke ich darin, daß es die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Angehörigen eines Gemeinwesens differenziert hat: es wurde nicht mehr ein ganzer Mensch verlangt, um sich im Kampfe ums Dasein zu erhalten: ein Mensch, der sowohl kriegerische als wirtschaftliche Fähigkeiten und Kenntnisse besaß; sondern nur noch ein halber Mensch: ein Mensch, der sich entweder zum Kriege oder zum Wirtschaften eignete. Dadurch konnten die spezifisch bürgerlichen Tugenden stärker gezüchtet werden; die besten Bürger wurden ausgelesen, ein „Bürger"tum ohne allen Einschlag kriegerischen Wesens konnte sich ausbilden. Was wäre, so müssen wir fragen, beispielsweise aus dem Florentiner Äandels- geist geworden, wenn die Bürger von Florenz nicht schon so frühzeitig — seit dem 13. Jahrhundert - sich Söldner gehalten hätten, sondern allesamt verpflichtet gewesen wären, wie germanische Bauern jeden Augenblick zur Waffe zu greifen, um ihren Äeimatboden zu verteidigen. Alberti, der immer klar die Sachlage beurteilt, will die hervorragenden kaufmännischen Fähigkeiten seiner Landsleute geradezu aus dem Amstande erklärt wissen, daß in seiner Vaterstadt keine Gelegenheit (und Nötigung) bestanden habe, das Waffenhandwerk zu pflegen. Dadurch, meint er, sei vor allem ein starker Antrieb geschaffen worden, sich durch Erwerbung von Geldvermögen mittels geschäftlicher Tätigkeit eine Stellung im Staate zu schaffen^). Wenn die Juden den vollendeten Typus des Kändlervolkes darstellen, so ist daran gewiß nicht zuletzt ihr Schicksal schuld, Sombart, Der Bourgeois 24 370 Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände das sie zweitausend Jahre lang dazu verdammte, ohne kriegerische Betätigung zu leben, wodurch alle kriegerischen Naturen allmählich aus dem Volkskörper ausgemerzt wurden. Auf einen anderen Zusammenhang zwischen dem Heerwesen und der Entwicklung des kapitalistischen Geistes habe ich schon früher an anderen Stellen^'') hingewiesen: ich meine die Förderung, die die Disziplin einerseits, die organisatorischen Fähigkeiten andererseits durch die Ausbildung des modernen Äeereskörpers erfahren haben. Wenn wir die spezifisch militärischen Tugenden uns ansehen, wie sie seit dem 17. Jahrhundert gefordert wurden, so bemerken wir sehr bald, daß es im wesentlichen dieselben sind, die wir als kapitalistische Tugenden kennen gelernt haben. And wenn wir bedenken, daß die modernen Äeeresorganisationen lange vor den großen kapitalistischen Unternehmungen ins Leben traten, so werden wir nicht umhin können, auch hier einen Einfluß auf die Entwicklungen bestimmter Seiten des kapitalistischen Geistes anzunehmen. Es ist deshalb aber auch kein Zufall, daß diejenigen Seiten dieses Geistes, die einem guten militärischen Drill ihr Dasein verdanken, am stärksten entwickelt sind bei Völkern, deren Äeeresorganisation eine besonders glänzende ist, also vor allem in Deutschland. Äeute, da die kapitalistischen Unternehmungen immer mehr an Ausdehnung gewinnen und immer mehr die Natur von riesigen Truppenaufgeboten annehmen, kommen begreiflicherweise diese besonderen Begabungen und Äbungen erst recht zur Geltung, Äeute sehen unbefangene Ausländer die Überlegenheit der deutschen Unternehmer in dieser Beziehung sehr deutlich, und wir hören auch, daß diese Überlegenheit von guten Beobachtern auf den militärischen Drill zurückgeführt wird. So äußert ein urteilsfähiger Engländer seine Meinung über diese Zusammenhänge mit folgenden Worten: Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 371 „Man übertreibt kaum, wenn man sagt, daß der Militärdienst mehr als irgendein anderer (I) Einfluß das industrielle Deutschland macht. Unternehmer und Arbeiter sind zusammen durch ihn gegangen; sie haben in derselben Schule gelernt und sie verstehen beide gleich, daß Ordnung für jede organisierte Kraft, sie sei nun industriell oder militärisch, wesentlich ist" ^). Daß auch hier wieder Blutsveranlagung und historisches Schicksal im Verhältnis der Wechselwirkung stehen, wie wir es bei anderen Erscheinungen bereits feststellen konnten, begreift sich von selbst. Als der moderne Staat sein .Heerwesen zur Entwicklung brachte, da ist es gewiß niemanden! der führenden Männer in den Sinn gekommen, daß mit dieser neuen Einrichtung und großenteils durch sie ein Bevölkerungselement in die Äöhe getragen wurde, das bestimmt sein sollte, wie ein Sprengstoff in dem Gemäuer des alten Staates zu wirken: die Juden. Ich habe in meinem Judenbuche ausführlich dargestellt, wie sie es waren, die den Fürsten — namentlich seit dem 17. Jahrhundert — die nötigen Gelder für die Kriegsführung verschafften, sei es auf dem Wege persönlicher Darleihung, sei es durch Vermittlung der Börse, an deren Aufbau sie so stark beteiligt sind; habe aber auch gezeigt, welche hervorragende Rolle die Juden als Äeereslieferanten, das heißt bei der Besorgung von Lebensmitteln, Kleidung, Waffen für die Äeereskörper gespielt haben. Durch diese Beihilfen wurden sie aber nicht nur reich, sondern sie verbesserten auch sozial ihre Stellung im Lande, so daß wir das moderne Heerwesen in einem recht beträchtlichen Amfange für die spätere Emanzipation der Juden verantwortlich machen können, damit also auch für die Verbreitung des den Juden eigentümlichen kapitalistischen Geistes in der modernen Welt. Mit diesem Gedanken habe ich schon auf ein zweites Spezialgebiet staatlicher Verwaltung hinübergegriffen, nämlich 24* 372 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände 2. das Finanzwesen, das für die Herausbildung des kapitalistischen Geistes ebenfalls in Betracht kommt. Zunächst eben wiederum durch die Begünstigung, die es dem Iudenvolke zuteil werden ließ, dessen Spitzen als wichtige und einflußreiche Finanzmänner sich dem modernen Fürsten unentbehrlich zu machen wußten, und das damit als Ganzes zu größerer Macht gelangte. Alles aber — das müssen wir ein für allemal festhalten — was geeignet ist, die Juden hochzubringen, ihren Wirkungskreis zu erweitern, ihren Einfluß auf das Wirtschaftsleben zu steigern, bedeutet eine starke Förderung des kapitalistischen Geistes, und zwar immer in seiner Entwicklung zu den hochkapitalistischen Formen, die, wie wir wissen, dem jüdischen Wesen am ehesten entsprachen. Diese Förderung wurde herbeigeführt: 1. durch die rein äußerliche Vermehrung der jüdischen Anternehmer; 2. durch die Beeinflussung der christlichen Unternehmer durch jüdischen Geist; 3. durch die Verbreitung also dieses Geistes über immer größere Gebiete des Wirtschaftslebens; 4. durch die dadurch wiederum bewirkte Auslese der dem neuen Geschäftsgebaren angepaßten Varianten: dadurch wieder Verbreitung, Verbreiterung, Vertiefung. Es ist immer derselbe Prozeß, den wir an verschiedenen Stellen beobachten. Aber das Finanzwesen der modernen Staaten hat auch auf andere Weise dazu beigetragen, daß der kapitalistische Geist sich entwickelte: namentlich in seinen Anfängen ist dieser zweifellos durch die Ausbildung der Finanzorganisation selber wesentlich gefördert worden. Äier haben die in modernem Geiste geführten Finanzwirtschaften der italienischen Freistaaten schon das ihrige beigetragen. Wir verdanken den fleißigen Studien unserer Italianisten wie Sieveking und anderen die Einsicht, daß beispielsweise die kaufmännische Buchführung ihre erste Ausbildung erfahren hat in der Finanzverwaltung einer Stadt wie Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 373 Genua; wir wissen oder können vermuten, daß das Bedürfnis nach zuverlässigen Statistiken, durch die der rechnerische Sinn gepflegt und entwickelt wurde, zuerst von den Finanzorganen dieser aufstrebenden Gemeinwesen empfunden wurde. „Eine Macht (wie die Republik Venedig), deren Grundlagen so kompliziert, deren Tätigkeit und Interessen auf einen so weiten Schauplatz ausgedehnt waren, ließe sich gar nicht denken ohne eine großartige Übersicht des Ganzen, ohne eine beständige Bilanz der Kräfte und Lasten, der Zunahme und Abnahme. Venedig möchte sich wohl als der Geburtsort der modernen Statistik geltend machen dürfen, mit ihm Florenz und in zweiter Linie die entwickelteren italienischen Fürstentümer.--Erst in den italienischen Staaten vereinigen sich die Konsequenzen einer völligen politischen Bewußtheit, das Vorbild mohammedanischer Administration und ein uralter starker Betrieb der Produktion und des Handels selbst, um eine wahre Statistik zu begründen" ^°). Welche Bedeutung aber eine allgemeine Darstellung der sozialen Welt in Ziffern auf die Geister ausgeübt hat, wie sehr durch sie die Rechenhaftigkeit und die Quantifizierungstendenzen, diese wichtigen Bestandteile des kapitalistischen Geistes, gefördert worden sind, wird man bei einiger Äberlegung leicht „ermessen" (sagen wir wieder, ganz ob es sich von selbst verstünde, daß wir immer mit einem Metermaß durchs Leben gingen). Die Finanzwirtschaft der öffentlichen Körper war der erste große „Kaushalt", wie der moderne Staat die erste große „Anternehmung" war: an ihnen mußten sich also die kapitalistischen Ideen wie an den größten Vorbildern nach den verschiedenen Seiten hin orientieren. In dem öffentlichen Schuldenwesen erwuchs aber ein erstes großes „Vertragssystem", das weitere Kreise als die Sippe, den Stand umfaßte, und das daher andere sittliche Kräfte zu seiner Erhaltung brauchte, als sie in den urwüchsigen Gemein- 374 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände schasten lebendig gewesen waren: „gesellschaftliche" Bindungen (im Tönniesschen Sinne) wurden dadurch erstmalig in größerem Stile geschaffen, und diejenigen Bindungsmittel, auf deren Verwendung die kapitalistische Verkehrswirtschaft aufgebaut ist: kaufmännische Solidität, Treu und Glauben, Zusagen auf lange Zeit hinaus und die Absicht, diese Zusagen zu halten, fanden nirgends so früh und so allgemeine Gelegenheit, zur Anwendung zu gelangen, wie in den großen Schuldenverwaltungen der emporkommenden Städte und Staaten. In ganz anderem Sinne haben diese dann belebend auf den kapitalistischen Geist gewirkt, wenn an sie — wie wir sahen — die ersten großen Spekulationsunternehmungen anknüpfen: der Südseeschwindel in England, der Law-Schwindel in Frankreich, die doch — trotz oder gerade wegen ihres „schwindelhaften" Charakters — für das kapitalistische „Gründer"tum von durch- schlagender Bedeutung geworden sind, wären ohne die eigenartige und beträchtliche Entwicklung des öffentlichen Schuldenwesens nicht denkbar gewesen. Endlich wollen wir eines Zweiges staatlicher Verwaltung gedenken, der scheinbar nichts oder wenig mit der Entwicklung des kapitalistischen Geistes zu tun hat, der aber doch bei näherem Zusehen sich als höchst bedeutsam für diese Entwicklung erweist: ich meine 3. die Kirchenpolitik. In weiterem Sinne kann man als einen kirchenpolitischen Akt auch die „Emanzipation" der Juden betrachten, dessen Wichtigkeit für die Herausbildung des hochkapitalistischen Geistes außer Frage steht. Aber sie ist doch nicht dasjenige, an was ich in erster Linie denke, wenn ich die Kirchenpolitik der modernen Staaten mitverantwortlich mache für die raschere und allgemeinere Ausbreitung des kapitalistischen Geistes und seine gleichzeitige Vertiefung. Das ist vielmehr die ganz wichtige Tatsache, daß Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 375 der Staat — durch die Ausbildung des Staatskirchentums vornehmlich — den Begriff und die Erscheinung des Ketzers oder Äeterodoxen als einer politischen oder sozialen Kategorie schuf. Womit gesagt sein soll, daß in den modernen Staaten zwei Kategorien von Bürgern: Vollbürger und Äalbbürger je nach ihrem Glaubensbekenntnis unterschieden wurden, von denen die einen also: die Mitglieder der Landeskirche, im vollen Besitze aller bürgerlichen Rechte waren, während als „Kalbbürger" die Mitglieder anderer Konfessionen galten, denen namentlich der Zugang zu den öffentlichen Ämtern und Würden gesperrt oder erschwert war. Äberall waren Äalbbürger in diesem Sinne die Juden bis ins 18. Jahrhundert hinein und meist darüber hinaus; in den katholischen Ländern waren es außerdem noch die Protestanten; in den protestantischen Ländern umgekehrt die Katholiken und die nicht zur Staatskirche gehörigen Richtungen, in Großbritannien also die Presbyterianer, die Quäker usw.; in den presbyterianischen Neuenglandstaaten Amerikas die Anhänger der lMK dkurcli usw. Dieses „Ketzertum" als solches, ganz unabhängig von dem Bekenntnis selbst, das als ketzerisch angesehen wurde, müssen wir nun offenbar als eine wichtige Quelle des kapitalistischen Geistes gelten lassen, weil es mächtig das Erwerbsinteresse stärkte und die geschäftliche Tüchtigkeit steigerte. And zwar aus naheliegenden Gründen: von der Anteilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen, mußten die Häretiker ihre ganze Lebenskraft in der Wirtschaft verausgaben. Diese bot ihnen allein die Möglichkeit, sich diejenige angesehene Stellung im Gemeinwesen zu verschaffen, die ihnen der Staat vorenthielt. Es konnte gar nicht ausbleiben, daß in diesen Kreisen der „Ausgeschlossenen" die Bedeutung des Geldbesitzes höher bewertet wurde als unter sonst gleichen Amständen bei den anderen Bevölkerungsschichten, weil für sie ja das Geld den einzigen Weg zur Macht bedeutete. 376 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände Andererseits brachte es ihre Stellung als Keterodoxe mit sich, daß sie ihre ökonomischen Fähigkeiten stärker entwickeln mußten, weil naturgemäß für sie die Erwerbsgelegenheiten sich schwieriger gestalteten. Nur die peinlichste Gewissenhaftigkeit, nur die gerissenste Rechenhaftigkeit, nur die weitestgehende Anpassung an die Bedürfnisse der Kundschaft versprachen ihnen einen geschäftlichen Erfolg. Verfolgt und verdächtigt, schreibt B enoit von den Hugenotten; wie hätten sie sich anders behaupten können, als durch „die Weisheit ihres Verhaltens und durch ihre Ehrenhaftigkeit" (par la sgZe8se leurs moeurs et psr leur konnetete). Naheliegend war es auch, daß diese Häretiker in der Zeit des beginnenden Kapitalismus sich gerade den kapitalistischen Unternehmungen mit besonderem Eifer widmeten, da ja diese die meisten Erfolge versprachen, die sicherste Äandhabe boten, um zu Reichtum und dadurch zu Ansehen zu gelangen. Deshalb finden wir sie in jenen kritischen Zeiten, also vornehmlich vom 16. bis 18. Jahrhundert überall an erster Stelle als Bankiers, als Großkaufleute, als Industrielle. „Äandel und Wandel", „tne Iraäe", wurden von ihnen geradezu beherrscht. Diese Zusammenhänge haben die besten Beurteiler schon während jener Jahrhunderte richtig erkannt. Die Spanier sagten schlechthin: die Ketzerei befördert den Äandelsgeist. And ein hellsichtiger Mann wie William Petty fällt über die Bedeutung der „Ketzerei" für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes folgendes interessante Arteil ^°): „Der Äandel liegt in allen Staaten und unter jeder Regierung in den Äänden der heterodoxen Partei und solcher, die eine andere als die öffentlich anerkannte Meinung vertreten; also in Indien, wo die mohammedanische Religion anerkannt ist, sind die Hindus (tlie Lanians) die bedeutendsten Kaufleute. Im türkischen Reich die Juden und Christen. In Venedig, Neapel, Livorno, Genua und Lissabon die Juden und Nichtpäpstlichen Selbst in Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 377 Frankreich sind die Hugenotten verhältnismäßig viel stärker im Handel vertreten, während in Irland, wo die katholische Religion nicht vom Staate anerkannt ist, die Anhänger dieser Religion einen großen Teil des Handels in den Händen haben. Woraus folgt, daß der Handelsgeist nicht mit irgendwelcher Religion als solcher verknüpft ist, sondern wie vorher schon gesagt wurde mit der Heterodoxie als Ganzes, wie auch das Beispiel aller großen englischen Handelsstädte bestätigt" (Irao'e is not kixeci to sn^ Species ok keliZion ss sucli; dut ratner . . . to tne rleterociox pari ok tne vvnole). Ähnlichen Arteilen, inbesondere auch über die Bedeutung der l>Ion—Lontormists für die Entwicklung von Handel und Industrie in Großbritannien, begegnen wir häufiger^"). Daß diese Beobachtungen, wie sie uns diese Männer mitteilen, richtig waren, lehrt uns ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte jener Zeit. Wir sind besonders gut unterrichtet über die Verhältnisse in Frankreich durch die Intendanturberichte, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes vom Könige eingefordert wurden und die Boulainvilliers gesammelt und im Auszuge mitgeteilt hat^). Daraus ersieht man, daß in der Tat der vielleicht größte Teil der kapitalistischen Industrie und des Überseehandels in den Händen der Reformierten lag (oder bis zu jener für Frankreich so überaus kritischen Zeit gelegen hatte). Die Eisenarbeiten in Sedan, die Papierfabrikation in Auvergne, in Angoumois, in der Generalite von Bordeaux, die Lohgerbereien in Touraine, die mit den englischen wetteiferten, waren ausschließlich in ihren Händen; in der Normandie, Maine und Bretagne, „hatten sie fast den meisten Anteil an den blühenden Leinwandwebereien"; in Tours und Lyon an der Fabrikation von Seide, Samt und Taffet; in Languedoc, Provence, Dauphinee, Champagne an der Wollindustrie, in der Generalite von Paris an der Spitzenanfertigung usw. Z78 Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände In Guienne liegt der Weinhandel in ihren Händen; in zwei Gouvernements (cZe krousZe et ä'OIewn) hat ein Dutzend Familien das Monopol des Salz- und Weinhandels; in Sancerre sind sie nach Aussage des Intendanten „den Katholiken an Zahl, Reichtum und Bedeutung überlegen". In der Generalite von Alencon beherrschen 4000 Protestanten fast den gesamten Handel. Dasselbe Bild in Rouen, Caen, Nimes, Metz. Den auswärtigen Handel trieben sie am liebsten nach Kolland und Großbritannien, und die Holländer und Engländer machten am liebsten mit ihnen Geschäfte, weil sie mehr Vertrauen zu ihnen hatten, wie zu den Katholiken — meint Benoit. Auch als Bankiers begegnen wir zahlreichen Reformierten im damaligen Frankreich, und gern übernehmen sie auch Steuerpachten, zu denen sie zugelassen waren. Man weiß, daß Colbert sich sehr sträubte gegen die Edikte, die ihre Verwendung in der Steuerverwaltung verboten. So daß man sich dem Arteil Rankes über die wirtschaftliche Stellung der protestantischen Ketzer im Frankreich des 17. Jahrhunderts wohl wird anschließen dürfen, wenn er zusammenfassend sagt»«'): „Von dem Krieg und den eigentlichen Staatsämtern ausgeschlossen, nehmen die Reformierten um so größeren Anteil an der Verwaltung der Finanzen, den Staatspachtungen, dem Anleihewesen; es ist bemerkenswert, mit welchem Eifer und Erfolg sie sich der aufkommenden Manufaktur widmeten." Wiederum drängt sich die Frage auf: irren wir denn nicht, wenn wir den kapitalistischen Geist aus dem Ketzertum ableiten? Waren die Ketzer kapitalistisch gesinnt, weil sie Ketzer waren, oder waren sie nicht etwa Ketzer, weil sie schon im Kapitalismus drinsteckten? Oder — noch etwas weiter gefaßt: waren sie vielleicht Ketzer und Vertreter kapitalistischer Interessen, weil sie zu beiden gleichmäßig durch ihr Blut veranlagt waren? Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat 379 Sind die Hugenotten in Frankreich nicht vielleicht die Angehörigen der germanischen Stämme, die stärker zum Kapitalismus und mehr zu freier Religionsauffassung neigten? Möglich ist es gewiß, ich bin sogar geneigt zu sagen: es ist wahrscheinlich, daß in Ketzertum und kapitalistischer Gesinnung Blutseigenschaften ihren Ausdruck fanden; und daß das Ketzertum gewiß auch auf ökonomische Ursachen zurückzuführen ist. Einen Beweis für die Richtigkeit solcher Annahmen zu erbringen, ist natürlich ganz unmöglich. Aber auch wenn die Annahmen berechtigt sind, so unterliegt es wiederum keinem Zweifel, daß der soziale Zustand, wie er durch das Ketzertum geschaffen wurde, vorhandene Tendenzen verstärkte: indem durch ihn bestimmte kapitalistische Anlagen zur Entfaltung gebracht, kapitalistisch veranlagte Varianten rascher und entschiedener ausgelesen wurden, so daß wir in allen Fällen berechtigt sind, das Ketzertum für eine — gewiß nicht schwache — Quelle des kapitalistischen Geistes zu halten. Nun aber steht mit dem religiösen — und man kann hinzufügen: mit dem politischen — Ketzertum eine andere soziale Erscheinung im engsten Zusammenhange, die noch viel größeren Anteil am Aufbau des kapitalistischen Geistes gehabt hat als die Ketzerei selber: ich meine die Wanderungen aus einem Lande in das andere, die wir die aus religiösen oder politischen Gründen Verfolgten in jenen Jahrhunderten des Frühkapitalismus machen sehen. Die Ketzer werden zu Emigranten. Das Problem der Wanderungen greift aber über das „Emigranten"-Problem hinaus, sofern solche Wanderungen auch aus anderen als religiösen oder politischen Gründen erfolgten. Deshalb behandle ich sie gesondert und im Zusammenhange und widme ihnen das ganze folgende Kapitel. 380 Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen Ich könnte es mir außerordentlich reizvoll denken, die ge- sammte Menschheitsgeschichte unter dem Gesichtspunkt „des Fremden" und seines Einflusses auf den Gang der Ereignisse zu schreiben. In der Tat beobachten wir von den Anfängen der Geschichte an, wie im kleinen und im großen es den Einwirkungen von außen her zuzuschreiben ist, daß die Volksgemeinschaften sich eigenartig entwickeln. Es mag sich um Neligionssysteme oder technische Erfindungen, um Formen des Alltagslebens oder Moden und Trachten, um Staatsumwälzungen oder Börseneinrichtungen handeln: immer oder wenigstens sehr häufig finden wir, daß die Anregung von „Fremden" ausgeht. So spielt auch in der Geistes-(und Sozial-)Ge- schichte des Bourgeois der Fremde eine überragend große Rolle. Anausgesetzt während des europäischen Mittelalters und in größerem Amfange noch in den späteren Jahrhunderten verlassen Familien ihren angestammten Wohnsitz, um in einem anderen Lande ihren Äerd zu errichten. And das sind gerade diejenigen Wirtschaftssubjekte, die wir in zahlreichen Fällen als die hervorragenden Träger kapitalistischen Geistes, als die Begründer und Förderer kapitalistischer Organisation ansprechen müssen. Es lohnt deshalb wohl, den Zusammenhängen nachzugehen, die etwa zwischen den Wanderungen und der Geschichte des kapitalistischen Geistes bestehen. Zunächst die Tatsachen^). Wir können unterscheiden: Einzelwanderungen und Massenwanderungen. Einzelwanderungen, denen also die Tatsache zugrunde liegt, daß aus individueller Veranlassung eine Familie (oder auch ein paar Familien) ihren Wohnsitz verändern, das heißt Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen Z81 in ein anderes Land oder doch in eine andere Landschaft übersiedeln, hat es natürlich zu allen Zeiten gegeben. Ans interessieren hier diejenigen, an die sich eine irgendwelche Förderung des kapitalistischen Geistes anknüpft, wie wir sie namentlich dann vermuten dürfen, wenn wir die Einwanderer als Träger einer höheren Form des Wirtschaftsverkehrs oder als Begründer neuer Industrien antreffen. Ich denke im ersten Falle an die „Lombarden" und andere italienische Geldhändler, die während des Kochmittelalters in Frankreich, England und anderswo ihr Geschäft betreiben; und ich erinnere daran, wie unter anderen Industrien während des Mittelalters und späterhin von fremden Einwanderern namentlich die Seidenindustrie gefördert worden ist. And zwar im kapitalistischen Sinne gefördert worden ist (denn die Übertragung von Handwerkern aus einem Orte in den anderen geht uns in diesem Zusammenhange nichts an). So erfahren wir z. B. über den Einfluß der Einwanderung von Lucchesen auf die Entwicklung der venezianischen Seidenindustrie folgendes: „Eine neue Phase der Entwicklung trat mit Einwanderung von Kaufleuten und Seidenarbeitern aus Lucca ein, worauf erst die Industrie ganz zur Entfaltung gelangte; zugleich trat das kaufmännische Element mehr in den Vordergrund: die Kaufleute wurden Leiter der Produktion; sie übergaben ihr eigenes Rohmaterial den Meistern zur Verarbeitung in den verschiedenen Stadien der Produktion--")." And über die genuesische Seidenindustrie: „Ähnlich wie in Venedig mit der Einwanderung der Lucchesen nahm die Seidenindustrie in Genua einen großen Aufschwung erst durch die Gebrüder Perolerii und andere Kaufleute, welche im Beginn des 15. Jahrhunderts lucchesische Musterzeichner in ihren Dienst zogen. Ihnen wurde sogar die Einführung der Seidenindustrie überhaupt zugeschrieben. Zugleich wurde damals eine neue soziale Ordnung im Genueser Seidengewerbe eingeführt — nämlich die 382 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände kapitalistische Hausindustrie —, welche ihren Ausdruck 1432 in der Gründung der Seidenzunst fand 2°°)." In Bologna wurde die vielleicht erste moderne Fabrik, eine Seidenfilande, „in der eine einzige Maschine die Arbeit von 4000 Spinnerinnen verrichtete", von einem gewissen Bolognino di Bar- ghesano aus Lucca angeblich im Jahre 1341 errichtet 2"°). Die Lyoneser Seidenindustrie führt ihren Ursprung ebenfalls auf eingewanderte Italiener zurück, die sie zunächst Wohl in rein handwerksmäßiger Form betrieben. Ans interessiert, daß die Äber- sührung in die kapitalistische Organisation im 16. Jahrhundert wiederum auf die Initiative zweier Fremden zurückzuführen ist ^7). Dasselbe gilt von der schweizerischen Seidenindustrie: 1575 eröffnen die Pelligari eine Seidenmanufaktur mit 15, später 3V Knechten: „ein Betrieb von 15 resp. 3V Gesellen war bisher selbst bei Papierern und Buchdruckern unerhört"^); dasselbe von der österreichischen Seidenindustrie ^). Die Seidenindustrie ist nur das Äauptbeispiel; daneben sind aber zahllose Industrien bald hier, bald dort, bald von Franzosen, bald von Deutschen, bald von Holländern, bald von Italienern, in fremden Ländern, und zwar meist immer, wenn sie im Begriff waren, in die kapitalistische Form überzugehen, begründet worden^"). Noch viel fühlbarer wird aber der Einfluß der „Fremden" auf den Gang des Wirtschaftslebens in den Fällen, in denen es sich um Massenwanderungen aus einem in das andere Land handelt. Solcher Massenwanderungen können wir seit dem 16. Jahrhundert, in dem sie einsetzen, folgende drei unterscheiden : 1. die Wanderungen der Juden; 2. die Wanderungen der religionsverfolgten Christen, insbesondere der Protestanten; 3. die Kolonisation der überseeischen Länder, namentlich der Vereinigten Staaten von Amerika. Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen ZZZ Ich will in aller Kürze — da die ausführliche Darlegung des Tatsächlichen uns von unserm geraden Gedankenwege abführen würde — die notwendigsten Angaben über den Verlauf dieser Wanderungen machen, soweit diese Angaben unentbehrlich sind, um sich eine annähernd richtige Vorstellung von der äußerlich feststellbaren Bedeutung der genannten Bewegungen zu verschaffen. 1. Die Wanderungen der Juden"") Die Juden sind ein Wandervolk seit der babylonischen Zeit. Diejenigen räumlichen Verschiebungen des Iudenvolks, die hier vornehmlich in Betracht kommen, setzen mit dem Ende des 15. Jahrhunderts ein, als, wie man annimmt, 300000 Juden aus Spanien nach Navarra, Frankreich, Portugal und nach dem Osten auswanderten- Ein beträchtlicher Teil dieser spanischen Juden ging nach England, Holland und in deutsche Städte Frankfurt a. M. und Kamburg (während um dieselbe Zeit eine Menge oberdeutscher und ebenso italienischer Städte ihre Juden austrieben). Seit den Kosakenverfolgungen im 17. Jahrhundert beginnt dann die Abwanderung der östlichen Juden aus Polen, wohin sie sich während des Mittelalters aus allen Erdteilen geflüchtet hatten. Dieser Prozeß der Zerstäubung der russischpolnischen Juden hatte einen ziemlich organischen Verlauf genommen, bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Krater plötzlich wieder große Massen auswarf und jene ungezählten Äunderttausende, die in den letzten Jahrzehnten ihre Zuflucht in der Neuen Welt gesucht haben. Im ganzen handelt es sich bei dieser Abwanderung der östlichen Juden um die Bewegung von Millionen. Beträgt doch der Verlust, den allein die Gegenden des östlichen Preußens durch die Abwanderung der Juden bloß in den Iahren von 1880-1905 erfahren haben, über 70000. ZZ4 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände Welche entscheidend wichtige Rolle aber die Juden in der Geschichte des modernen Kapitalismus gespielt haben, in welchem Sinne und in welchem Amfang sie die Entwicklung des kapitalistischen Geistes beeinflußt haben, haben wir im Verlauf dieser Darstellung zu erfahren wiederholt Gelegenheit gehabt. Wer sich nach mehr Wissen sehnt, den muß ich wiederum bitten, mein Iudenbuch zur Äand zu nehmen, dessen wesentlicher Inhalt ja gerade auf den Nachweis hinläuft, daß der Anteil der Juden an dem Aufbau namentlich des hochkapitalistischen Geistes ein recht beträchtlicher ist. 2. Die Wanderungen der religionsverfolgten Christen, insbesondere der Protestanten^) nahmen seit dem Ausbruch der Reformation den Charakter von Massenwanderungen an. Wohl alle Länder haben gegeben und empfangen, aber man weiß, daß die meisten Verluste Frankreich erlitt, und daß die anderen Länder mehr französische Emigranten aufnahmen, als sie eigene Landeskinder verloren. Eine genaue ziffermäßige Feststellung des Amfangs dieser Wanderungen ist nicht möglich. Doch kann man getrost sagen, daß es sich um viele Hunderttausend gehandelt hat, die — nur innerhalb der Grenzen Europas — ihre Äeimat wechselten, weil sie ihren Glauben nicht wechseln wollten. Die Zahl derjenigen Protestanten, die allein nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (168S) Frankreich verließen, schätzt Weiß»^) auf250—300000 (von 1000000 Protestanten überhaupt, die damals in Frankreich lebten). Aber die Abwanderungen hatten schon im 16. Jahrhundert begonnen, und Frankreich war nicht das einzige Land, aus dem eine Abwanderung stattfand. Aber es kommt auch nicht so sehr darauf an, zu wissen, ob es hunderttausend mehr oder weniger waren, die damals an den Wanderungen teilnahmen, als vielmehr die Bedeutung sich klar zu machen, die Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen Z85 diese Wanderungen für die Neugestaltung des Wirtschaftslebens (was uns hier angeht) gehabt haben. And die läßt sich leicht ermessen, wenn man sich die Mühe nimmt, die Wirksamkeit der Emigranten in den Ländern ihrer Bestimmung zu verfolgen. Da ergibt sich, daß sie überall am Aufbau des Kapitalismus allerregsten Anteil nahmen, und daß im Bankwesen und namentlich in der Industrie alle Länder den Eingewanderten eine wesentliche Förderung verdanken. Das im einzelnen nachweisen, hieße eine Wirtschaftsgeschichte des 16., 17. und 18. Jahrhunderts schreiben. Aber ich will doch wenigstens einige wichtige Tatbestände hervorheben, deren Kenntnis dem Leser ganz gewiß dazu verhilft, den großen Anteil einigermaßen wenigstens zu erkennen, den die religionsverfolgten Wanderer am Aufbau des kapitalistischen Wesens gehabt haben. Die deutschen Staaten empfingen, wie man weiß, Flüchtlinge in größeren Massen aus Osterreich, Schottland und Frankreich. Die Schotten und Franzosen kommen als Vertreter des kapitalistischen Geistes vornehmlich in Betracht. Schotten kamen während des 16. und 17. Jahrhunderts nach Ostpreußen und Posen in großen Scharen. Sie waren reformierten und katholischen Bekenntnisses, aber in beiden Fällen verließen sie ihre Äeimat, weil sie die Bedrückungen um ihres Glaubens willen nicht ertragen konnten. (Wir erinnern uns, daß diese Völkerwelle auch die Vorfahren Jmmanuel Kants ^Cants) an die preußische Küste gespült hat!) Die Schotten in Ostpreußen waren in der Mehrzahl „wohlhabend und intelligent" und galten als gefährliche Konkurrenten^). Aber auch ins Innere drangen sie vor: am Schlüsse des 16. Jahrhunderts finden wir ansässige schottische Kolonien in Krakau, Bromberg, Posen; überall waren die Schotten unter den angesehensten Kaufleuten. Im Anfang des 17. Jahrhunderts waren mehr als die Äälfte der Posener Großkaufleute Schotten; noch 1713 unter 36 Mitgliedern der Kaufmannsinnung 8. In einer Petition der Posener Kaufleute an den Grafen Äoym vom I I. August 1795 heißt es-"°): Sombart, Der Bourgeois 386 Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände „Die Stadt Posen hatte ihren ehemaligen Glanz und die Größe ihres Handels demjenigen Teile seiner Einwohner zu verdanken, welche aus Schottland emigriert waren und unter der Erhaltung vieler Privilegien sich allhier als Kaufleute etabliert hatten." Flüchtlinge aus der Pfalz und Kolland, Reformierte und Mennoniten, sind es gewesen, die den Grund zu der (gleich auf kapitalistischer Basis errichteten) Crefelder Seidenindustrie gelegt haben. Mitglieder der um 1688 eingewanderten Familie von der Leyen sind als die Begründer der Seidenindustrie in Creseld anzusehen. Im Jahre 1768 beschäftigte die Firma Friedr. und Heinr. von der Leyen 2806 Menschen in der Seidenindustrie ^«). Holländer waren (neben Juden) die führenden Bankhäuser der Reichsstadt Frankfurt a. M. Bekannt ist die Rolle, die die französischen Emigranten im deutschen Wirtschaftsleben des 17. und 18. Jahrhunderts gespielt haben: daß sie hier allerorts vor allem die kapitalistische Industrie meist erst begründet haben und einzelne große Handelszweige (wie z. B. den in Seidenwaren) fast ganz in ihren Händen hatten. Die wichtigsten Kolonien französischer Refugies waren ^") im Kurfürstentum Sachsen, in Frankfurt a. M., in Hamburg, in Braun- schweig, in der Landgrafschaft Hessen (Kassel!) und — vor allem — in Brandenburg-Preußen. Die Zahl der unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich III. aufgenommenen Franzosen wird auf 25666 geschätzt, davon in Berlin allein 16 666^). Die Refugies führten überall das System der .Manusactures reunies", wir würden also sagen: der kapitalistischen Hausindustrie, ein; namentlich in der Erzeugung von Wollstoffen, so in Magdeburg (1687 beschäftigten Andre Valentin aus Nimes und Pierre Claparede aus Montpellier 166 Arbeiter an Webstühlen und 466 Spinnerinnen), Halle a. S., Brandenburg, Westfalen, Berlin, und in der Seidenfabrikation. Andere Industrien, die den Franzosen ihre Begründung oder Weiterentwicklung im kapitalistischen Sinne verdanken, waren die Erzeugung von Strümpfen, Hüten (1782 wird die erste Hutfabrik mit 37 Arbeitern von einem Franzosen in Berlin begründet^"), Leder, Handschuhen, Papeterien, Spielkarten, Leinöl, Luxusseifen (1696 wird die erste Luxusseifenfabrik von einem Franzosen in Berlin errichtet^"), Lichter, Glas, Spiegeln u. a.^). Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen Z87 Änter den 386 Mitgliedern der Tuch- und Seidenzunst in Berlin finden sich noch zu Anfang des Jahres 1808 nicht weniger als 81 französische Namen »»-). Solland ist seit der Lostrennung der sieben Provinzen der Zufluchtsort aller möglichen Arten von Flüchtlingen gewesen. „l.a Arancle srclie äeL luZitik" nannte es schon Bayle"^). Das religiöse Interesse war keineswegs immer das entscheidende; die holländischen Staaten nahmen auf, was ihnen Vorteil für Handel und Industrie zu bringen versprach: Heiden, Juden, Christen, Katholiken und Protestanten^). So kamen unter Maria Tudor 30000 protestantische Engländer nach Kolland; während des Dreißigjährigen Krieges zahlreiche Deutsche, während der spanischen Gewaltherrschaft (also schon im 16. Jahrhundert) Wallonen, Flamländer, Brabanter aus den spanischen Niederlanden; seit ihrer Vertreibung aus Spanien, wie wir schon sahen, viele Juden; seit dem 16. und namentlich im 17. Jahrhundert große Massen französischer Protestanten, deren Zahl man gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf 55—75 000 schätzte»^). Interessant ist nun die Feststellung: daß auch in diesem Lande die Fremden einen besonders starken Anteil an dem „Aufschwünge des Wirtschaftslebens", heißt also an Begründung und Ausbreitung des Kapitalismus genommen haben. Wie sehr namentlich der Börsenhandel und die Spekulation durch die Juden befördert worden ist, die die Amsterdamer Börse im 17. und 18. Jahrhundert fast vollständig beherrschten^"), habe ich ausführlich in meinem Judenbuche dargetan. Aber auch die andern Einwanderer nahmen bald eine hervorragende Stellung in Handel und Judustrie ein. So finden wir beispielsweise einen Franzosen, den „genialen und rastlosen" Balthasar de Moucheron, als Begründer von Handelsgesellschaften neben seinem Bruder, Melchior, der ebenfalls ein berühmter Kaufmann war 2^). Besonders aber — wie fast überall — erwiesen sich die französischen Emigranten geschickt in der Einbürgerung neuer kapitalistischer Industrien. Ein zeitgenössischer Schriftsteller des 17. Jahrhunderts stellt fest, daß mehr als zwanzig verschiedene Manufakturarten in Holland von Refugies eingeführt seien ^). Die Blüte Amsterdams führt ein anderer Schriftsteller der Zeit auf den Einfluß der Fremden zurück^»). Neben Amsterdam zogen vor allem Leiden und Haarlem 2S* 388 Dritter Abschnitt: Die sozialen Llmstände Vorteil von ihnen ^°). Die Industrien, die durch die französischen Refugies gepflanzt wurden, sind, wie üblich, in erster Linie die Textil-(Seiden-) Industrie, dann die -Lmtmacherei, die Papierfabrikation, die Buchdruckerei Wir können auch deutlich wahrnehmen, wie gerade immer die Wendung zur kapitalistischen Organisation auf den Einfluß der Einwanderer zurückzuführen ist: bis zum 17. Jahrhundert ist das Handwerk ziemlich intakt; dann setzen — namentlich in der zweiten Kä'lfte des Jahrhunderts — die Kontrakte der Städte mit fremden Unternehmern ein: 1666 Vertrag des Magistrats von Kaarlem mit einem Engländer zwecks Errichtung einer Spiegelfabrik, 1678 mit I. I. Becher zwecks Begründung einer Seidenzwirnerei usw. ^). Daß auch in England die kapitalistische Entwicklung wesentlich gefördert ist durch fremde Einwanderer, ist weniger bekannt, und kann doch nicht in Zweifel gezogen werden. Dahingestellt bleibe, welche dauernden Spuren die Italiener, die im 14. Jahrhundert England überschwemmten, im englischen Wirtschaftsleben zurückgelassen haben. Ein so gründlicher Kenner wie Cunningham will beispielsweise in den ersten englischen Kapitalistenvereinigungen Nachahmungen italienischer Vorbilder sehen ^). Sicher aber haben die Einwanderer des 16. und 17. Jahrhunderts, die namentlich aus Kolland und Frankreich kamen, tiefe Furchen im englischen Wirtschaftsleben gezogen. Ihre Zahl ist beträchtlich: 1560 sollen schon 10 000, 1563 gar 30 000 flandrische Flüchtlinge in England Aufnahme gefunden haben (nach dem Berichte des spanischen Gesandten). Mögen diese Ziffern auch übertrieben sein, so können wir doch annehmen, daß sie von der Wirklichkeit nicht weit entfernt waren, wie zuverlässige Statistiken bestätigen: eine Zählung des Lordmayor von London aus dem Jahre 1568 ergibt 6704 Fremde in London, davon 5225 Niederländer; 1571 sind in Norwich 3925 Kolländer und Wallonen, 1587 besteht die Majorität der Bevölkerung (4679) aus ihnen°°"). Es gibt gute Gewährsmänner, die behaupten, daß mit diesen Niederländern die Geschichte der englischen Industrie beginne. Beträchtlicher noch war die Zahl der französischen Flüchtlinge, die namentlich im 17. Jahrhundert nach England kamen. Sie wird übereinstimmend von Baird, Poole, Cunningham auf etwa 80000 geschätzt, von denen die Hälfte etwa nach Amerika weitergewandert fein soll. Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Wanderungen 389 And zwar waren es gerade die reicheren Hugenotten, die sich nach England begaben 2°°). Die fremden Einwanderer betätigten nun ihren Unternehmungsgeist auf den verschiedensten Gebieten des Handels und der Industrie, für die sie vielfach bahnbrechend geworden sind. Hauptsächlich von ihnen eingebürgert wurden: die Seidenindustrie, die Schleier- und Battistwcberei, die Teppichweberei, die Hutfabrikation: früher wurden Hüte aus Flandern bezogen, Nefugie's begründen eine Manufaktur für Filz- und tniummeä kats unter 5 und 6 Hcl. VI. 1; die Papierfabrikation: die Erzeugung von Luxuspapier 1598 durch einen Deutschen, Spillmann, eingeführt; nach einem Gedichte von Thomas Churchyard beschäftigt er 600 Personen; die Glasindustrie: 8. 9. LI. Privileg an Anthony Been und John Care immel ist, unterliegt seiner Gewalt: dem Golde dienstbar sind auch die Frömmigkeit und die Schamhaftigkeit und der Glaube, kurz jede Tugend und jeder Ruhm erkennen das Gold als Herrn über sich an. And selbst über unsere unsterblichen Seelen, Gott straf mich, übt das gleißende Metall seine Herrschaft aus. Das Gold bindet Könige und Päpste; es versöhnt Menschen und — behaupten manche — sogar Götter. Nichts widersteht dem Golde; nichts ist ihm zu unerreichbar." Die Geldwirtschaft allein aber ist imstande, den Menschen an die rein quantifizierende Betrachtung der Welt zu gewöhnen. Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die Gold- und Silberfunde 4g 1 Erst wenn in Jahrzehnten und Jahrhunderten immer wieder der gleichmacherische Maßstab des Geldes als Wertmesser verwendet wird, löscht sich die ursprünglich Art- und Eigenschaftbewertende Anschauung aus, und die Menge- und Massebewertende Orientierung wird zu einer Selbstverständlichkeit des alltäglichen Lebens. Die Geldwirtschaft ist im eigentlichen Sinne die Vorschule des kapitalistischen Geistes: sie drillt die menschliche Seele auf die kapitalistische Betrachtung der Welt ein. Die allgemeine Verwendung des Geldes — das hier immer das Metall- und fast nur das Edelmetallgeld ist — bot aber auch erst die Voraussetzung dar, damit sich jener Bestandteil des kapitalistischen Geistes, den wir als Rechenhaftigkeit bezeichneten, entfalten konnte. Das Rechnen in einer Eigenwirtschaft und ebenso in einer Natural-Verkehrswirtschaft ist außerordentlich mühsam, wenn nicht unmöglich. Denn die Grundlage des Rechnens bildet die Zahl; und die Zahl will eine Größe vorstellen, und meßbare Wertgrößen gibt es für die Praxis nicht, solange nicht der Geldausdruck sich eingebürgert hat. Ohne Geldwirtschäft gäbe es keinen modernen Staat, der wiederum, wie wir sahen, soviel Förderung für den kapitalistischen Geist gebracht hat; ohne Geldwirtschaft gäbe es keinen Antoninus von Florenz und so weiter, wie man es sich leicht selber weiter ausdenken kann. Ganz abgesehen davon, daß es ohne Geldwirtschaft auch gar keinen — Kapitalismus gäbe, also kein Objekt, auf den sich der kapitalistische Geist beziehen könnte. And wiederum, das müssen wir uns immer gegenwärtig halten, waren die Begründung und Ausbreitung der Geldwirtschaft an die ganz simple Voraussetzung gebunden, daß eine genügend große Menge Geldstoff (da in den Anfängen Geldsurrogate gar nicht in Betracht kamen, also: Edelmetalle) einer Volksgemeinschaft zur Verfügung stand. Somvart, Der Bourgeois 26 402 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände 2. Eine Vermehrung des Geldvorrats pflegt meist Äand in Äand zu gehen mit einem Anwachsen der Einzelvermögen: die größeren Geldmengen häufen sich an einzelnen Stellen stärker an. Diese Vergrößerung der Vermögen wirkt nun aber nach einer bestimmten Seite hin fördernd auf die Entfaltung des kapitalistischen Geistes: sie steigert die Geldgier, die wir als die Mutter dieses Geistes kennen gelernt haben. Es ist scheinbar in dem Wesen der menschlichen Psyche begründet, daß die Vergrößerung des Besitzes den Wunsch nach mehr in uns wachruft. Diese Beobachtung hat man zu allen Zeiten und bei allen Völkern gemacht: „Je mehr der Mann des Guts gewinnt, Ze mehr das Gut er wieder minnt ..." reimt Fr ei dank. And bei den römischen Dichtern finden wir schon denselben Gedanken ausgesprochen: »Oe8cit amor nummi, quantum ipsa pecunia Lre8Lit«, sagt Iuvenal (Sat. 14); »Lrescentem gequitur cum pecunism maiorumque fame8« Äoraz (Iib.3 c. 16). »Oe vrs^: ce n'est p38 la dielte, c'e8t plutot I'abonclance qui prociuit I'svarice« — meint Montaigne. And die Erfahrungen des täglichen Lebens ebenso wie die der Geschichte bestätigen die Nichtigkeit dieser Beobachtungen. Darum begegnet uns im Mittelalter die Geldgier und die Erwerbssucht am frühesten bei denen, die zuerst in den Besitz großer Geldmengen gekommen sind: beim Klerus und bei den Juden. Äaben wir in dieser schlichten psychologischen Tatsache die Erklärung vor uns für die Anendlichkeit des Gewinnstrebens, das schließlich, wie wir sahen, den modernen Wirtschaftsmenschen beherrscht? Eine der Wurzeln dieses Gewinnstrebens liegt hier sicherlich bloß. Andere werden wir noch kennen lernen. Fllnfundzwanzigstes Kapitel: Die Gold- und Silberfunde 4YZ Aber nicht nur der eigene Besitz steigert in uns das Verlangen nach größerem Besitz: schon der Anblick fremden Geldes, der Anblick großer Geldmassen überhaupt kann ^ wenn die Gemüter darauf eingestellt sind — die Menschen toll machen und sie in jenen Zustand des Rausches versetzen, den wir als das Merkmal aller großen Spekulationsperioden kennen gelernt haben. Das Gold, das wir glitzern sehen, dessen klingenden Ton wir hören, peitscht unser Blut auf, verwirrt unsere Sinne, erfüllt uns mit dem leidenschaftlichen Dränge, von diesem Golde selbst soviel wie möglich zu besitzen. „Die Flut von Gold, die nicht abnahm, sondern stetig wuchs, zauberte einen Glanz wahnsinniger Gier in die Augen der Köpfe, die sich in die Schalter zwängten" — als die neuen Aktien der neuen Gesellschaft gezeichnet wurden. Es ist ein feiner Zug in Zolas »I_'^r^ent«, wenn wir Saccard immer wieder zurückkehren sehen zu jenem Kolb, der die Goldarbitrage betreibt und täglich viele Millionen aus der Münzform in die Barrenform umschmilzt: hier klingt und klirrt es geisterhaft, und an diesem Klang richtet sich die Seele des großen Spekulanten immer wieder von neuem auf: es ist „die Musik des Goldes", die durch alle Geschäfte klingt: „vergleichbar den Stimmen der Feen aus den Märchen..." Bei dieser starken Wirkung, die die großen Goldmassen auf die Seele des Menschen ausüben, gehen rein sinnliche Eindrücke mit reflektierten Vorstellungen Äand in Äand. In den beiden eben angeführten Beispielen ist es die unmittelbare optische und akustische Sinneswahrnehmung, die den Zauber ausübt. In anderen Fällen sind es die abstrakten Vorstellungen großer Ziffern: Niesengewinne, Riesenvermögen, Riesenumsätze, die gleicherweise aufreizend wirken. Sofern nun diese Größenwirkungen, wie es der Fall zu sein pflegt, im Gefolge einer Vermehrung der Geldvorräte sich einstellen, wird deren Be- 26* M M 404 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände deutung abermals von einer anderen Seite her unseren Blicken offenbart. Laßt irgendwo einen Saufen Gold sichtbar werden und die Pulse schlagen schneller. 3. Im engsten Zusammenhange mit der eben beobachteten Tatsache steht nun eine andere Wirkung, die ich der Vermehrung der Geldvorräte in einem Lande zuschreibe: diese bietet die Veranlassung zur Entstehung des Spekulationsgeistes. Dieser ist, wie wir wissen, das Kind, das Geldgier und Unternehmungsgeist in wilder Paarung zeugen. Die Vermehrung der Geldvorräte spielt aber hierbei gleichsam die Rolle der Ge- legenheitsmacherin, Sie kann auf verschiedener Weise bei der Entstehung des Spekulationsgeistes fördernd mitwirken. Zunächst dadurch, daß ein großer Geldreichtum in einem Lande auch auf die schon vorhandenen kapitalistischen Anter- nehmer einen ihre Unternehmungslust steigernden Einfluß ausübt. Das ist der Zusammenhang der Dinge, der Colbert offenbar vorschwebte, wenn er einmal schrieb: „Wenn Geld in einem Lande ist, wird der allgemeine Wunsch erzeugt, davon zu profitieren, und der veranlaßt die Menschen, es in Bewegung zu setzen" "2). Oder die Steigerung der Zufuhr von Edelmetall weckt in den Unternehmern, die hier schon zu Spekulanten werden, das Streben, selbst an der Erbeutung des Goldes teilzunehmen. Das war die unmittelbare Wirkung der Erschließung Amerikas auf die zunächst beteiligten Nationen: Spanien und Portugal, die uns ein guter Kenner mit folgenden Worten schildert: „Es war damals (um 1530) die Zeit, wo Anerbietungen zu kolonialen Anternehmungen in Massen an den Indienrat gelangten, weil wieder einmal Gerüchte von einem im Innern des südamerikanischen Kontinentes gelegenen Goldlande Fünsundzwanzigstes Kapitel: Die Gold- und Silberfunde 4gZ die Gemüter aller Abenteuerlustigen in mächtige Erregung ver- versetzten . . .""°). Aber was ich im Sinne habe, sind nicht eigentlich diese Wirkungen einer Vermehrung des Geldvorrates. Woran ich vielmehr denke, ist die Tatsache, daß sie — auf Llmwegen — dasjenige erzeugt, was wir eine Kausseperiode erster Ordnung nennen: einen Zustand des Wirtschaftslebens also, wie er erstmalig die europäische Menschheit gegen Ende des 17. und am Anfange des 18. Jahrhunderts heimgesucht hat, wie er dann sich öfters wiederholt hat, namentlich um die Mitte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ich habe von den Wirkungen jener ersten großen Äausse- oder Spekulations- oder Gründerzeit im ersten Buche dieses Werkes eine Schilderung zu geben versucht, habe vor allem zu zeigen unternommen, wie damals eine ganz neue Form des kapitalistischen Geistes: der Spekulationsgeist, in die Erscheinung trat, der seitdem einen notwendigen Bestandteil dieses Geistes ausmacht. Hier möchte ich den Nachweis zu führen versuchen, daß jene erste Spekulations- und Gründungsmanie in unmittelbarer Folge einer raschen und starken Vermehrung der Geldvorräte in den beiden hauptsächlich beteiligten Ländern: Frankreich und England aufgetreten ist. Frankreich zog während des 17. (und 18.) Jahrhunderts große Massen Bargeld in das Land im wesentlichen auf dem Wege seines auswärtigen Handels. Wir besitzen für das 17. Jahrhundert keine genaue Statistik des französischen Außenhandels, können aber aus einigen Ziffern deutlich genug erkennen, um welche beträchtlichen Summen es sich gehandelt haben muß. In dem Jahrfünft 1716 bis 1720, das also die Zeit des Kauptgründungsschwindels ist, betrug der Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr im Jahresdurchschnitt 30 Millionen Franken^). Die größte Menge Bargeld brachte der spanisch-amerikanische Handel ins Land. Er war stark 406 Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände aktiv und lieferte im 17. Jahrhundert die Mittel, um alle Passiv- Saldi, die etwa im Handel mit anderen Ländern entstanden, reichlich zu begleichen. Seignelay weist den Vorwurf zurück, den man der indischen Kompagnie gemacht hatte, daß ihr indischer Handel Geld außer Landes führe: es sei spanisches Silber, mit dem die indischen Importen bezahlt würden^). Es gab Schiffe, die Gold und Silber im Werte von 300 Millionen Franken an Bord hatten. Der venezianische Gesandte Tiepolo bestätigt diese Tatsache, daß Frankreich große Summen am amerikanischen -Handel gewann^). Die Engländer berechneten, daß Hunderte von Millionen auf diesem Wege in die Hände der Franzosen gelangt und diese dadurch allein in den Stand gesetzt worden seien, den Krieg auszuhalten. Der größte Vorwurf, der der Wighpartei von den Tones gemacht wurde, bestand darin, daß sie nichts getan hatten, um diesen Handel zu stören Ein Land, an dem Frankreich im 17. Jahrhundert große Summen gewann, war ferner Holland. Von Holland wissen wir, daß es in dieser Zeit an Geld förmlich erstickte: 1684 war die Geldflüssigkeit so groß, daß die Stadt Amsterdam ihre Anleihen von 3'/s auf3°/o herabsetzte^). Diese Geldplethora stammte in jenen Iahren zum Teil von den großen Vermögen her, die die französischen Emigranten (und gewiß auch die Juden) nach Kolland gebracht hatten^"). Aber die größte Menge des Geldes war doch durch den spanischen Handel herbeigeschafft worden, wie alle Beurteiler übereinstimmend bestätigen"«). Von dem holländischen Gelde hatte Frankreich bis zum Niedergang des holländisch-französischen Handels große Mengen an sich gezogen. Im Jahre 1658 hatte die Ausfuhr nach Holland 72 Millionen Franken betragen, davon für 52 Millionen Industrieerzeugnisse ^"). !lnd diese Waren wurden größtenteils mit barem Gelde bezahlt: de Wit nimmt an, daß in jener Zeit die Franzosen von den Holländern jährlich mehr als 30 Millionen Gulden in barem Gelde erhielten "2). Noch größer werden die Summen baren Geldes gewesen sein, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts und namentlich in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts nach England flössen. Diese Geldbeträge stammten vornehmlich aus drei Quellen: es waren Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die Gold- und Silberfunde 497 1. die Vermögen, mit denen die französischen Emigranten nach England einwanderten. Ich habe an anderer Stelle die Ziffern dieser Nefugies angegeben. Iurieu nimmt an daß jeder von ihnen durchschnittlich 300 ecu8 mitgebracht habe. Wichtiger ist aber, daß (außer nach Kolland) die Reichsten nach England kamen "2), Derselbe Gewährsmann schätzt die Summen, die manche Lyoneser Familien mitbrachten, auf 200 000 Taler; 2. die Vermögen, die die aus Portugal und Kolland um diese Zeit — jene im Gefolge Katharinas von Braganza, diese im Gefolge Wilhelms III. — einwandernden Juden besaßen^); 3. die Äberfchüfse, die der auswärtige Handel abwarf. Die Bilanz des englischen Ausfuhrhandels war um jene Zeit außerordentlich aktiv: der Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr betrug in dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts im Jahresdurchschnitt zwei bis drei Millionen Pfund Sterling"^. Diese günstige Handelsbilanz wurde vornehmlich durch den Handel mit folgenden Ländern erzielt: a) Kolland"«). b) Spanien, in welchem Lande die Engländer im 17. Jahrhundert eine Reihe wichtiger Handelsvergünstigungen erlangt hatten "?); im Frieden von Atrecht, in dem der Assiento-Vertrag zwischen Spanien und England abgeschlossen wird, bedingt sich England das Recht aus, jährlich nach dem spanischen Amerika ein Schiff von 500 Tonnen (später 650 Tonnen) mit englischen Waren zur freien Konkurrenz auf die Messe zu Porto Bello und Vera Cruz zu senden "6). c) Portugal. Mit diesem Lande hatte England seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, als Portugal einen beträchtlichen Aufschwung zu nehmen begann (1640 schüttelte es das spanische Joch ab; Brasilien wird in den 1650 er Jahren von der holländischen Herrschaft befreit), enge Beziehungen geknüpft: 1642 wurde ein Handelsvertrag abgeschlossen, durch den England das Übergewicht über die Holländer im Handel mit den portugiesischen Kolonien erlangt; dann folgte die Heirat Karls II. mit Katharina; dann — der Methuen-Vertrag (1703). Durch den Methuen-Vertrag sollen jede Woche 50 000 Pfund Sterling in bar nach England geflossen sein'""): eine Ziffer, die kaum übertrieben sein dürfte, wenn wir bedenken, daß nach einem anderen Gewährsmann England nach 408 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände Portugal schon im ersten Jahre nach Abschluß des Methuen-Vertragcs für 13 Millionen Crusados (5 2-/4 Mach Waren ausführte^»). 6) Brasilien. Hierhin ging ein Teil der Waren, die England nach Portugal verfrachtete. Aber außerdem bestand noch ein beträchtlicher Handel mit dieser Kolonie selbst. Namentlich feine englische Wollwaren wurden dort abgesetzt, da die reichen Brasilianer mit Vorliebe solche trugen^'). Mir scheint: dieser Tatbestand, den ich hiermit aufgedeckt habe: daß Frankreich und England um die Wende des 17. Jahr- Hunderts und im Anfang des 18. Jahrhunderts mit Bargeld förmlich überflutet wurden, ist außerordentlich wichtig und darf beileibe nicht übersehen werden, wenn man sich ein richtiges Arteil über die Zusammenhänge des Wirtschaftslebens in jenen kritischen Jahrzehnten bilden will; ich habe an anderer Stelle feststellen können, daß jene Zeit von den besten Beobachtern als eine „Gründerzeit" (auch abgesehen vom Law- und Südseeschwindel, die nur den Abschluß dieser Periode bildeten) bezeichnet wurde: als ein aZe oi projectiriA. And daß diese Beobachtung richtig war, bestätigen uns die Tatsachen, die uns die Quellen jener Zeit in reicher Fülle mitteilen. Äier wurde gezeigt, welche Geldmengen damals in die beiden Länder geströmt waren und strömten: wir können getrost schließen, daß sie die Grundlage und die Veranlassung jenes Spekulationsfiebers bildeten, und daß also dieser wichtigste Fall in der Wirtschaftsgeschichte mit schlagender Deutlichkeit zeigt, welche große Bedeutung die Vermehrung des Geldvorrats für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes (denn diese Seite des Problems interessiert uns hier allein) besitzt. Nun gehen wir aber noch einen Schritt weiter und fragen: Woher stammten die Mengen Bargeld, die in jener Zeit nach Frankreich und England kamen? Meine Ausführungen über die Quellen dieser Geldbeträge enthalten schon die Antwort: es war das Silber der amerikani- FiinfundzwanzigsteS Kapitel: ?ie Gold- und Silberfunde 409 schen Bergwerke, und es war das Gold der brasilianischen Ströme, mit denen das Wirtschaftsleben Frankreichs und Englands befruchtet wurde. Kolland pumpte die spanisch-portugiesischen Edelmetalle zu- nächst auf seine Märkte; von hier wurden sie direkt (durch Auswanderung) oder indirekt (durch den Handel) Frankreich und England zugeführt. Diese Länder saugten sie aber auch durch ihren eigenen Handel auf: sei es durch Vermittlung der Mutterländer — Portugal und Spanien — sei es durch Eigenhandel mit den amerikanischen Kolonien. Das war so seit dem 16. Jahrhundert gewesen, wurde zu einem vollendeten System aber erst im Lauf des 17. Jahrhunderts ausgebildet: damals waren Portugal und Spanien wirklich nur Kanäle, durch die das Gold und Silber ihrer Kolonien hindurchfloß ^). Ich teile zum Schlüsse noch die Ziffern der Edclmetallproduktion in diesen Jahrhunderten mit (nach Soetbeer): Zunächst handelt es sich um die Silber schätze Mexikos, Perus und Bolivias. Die Erschließung der reichen Bergwerke von Guana- xuato und Potosi fällt in die Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie bewirkt eine Steigerung der schon beträchtlichen Silbcrausbeute von 90200 Ik projectinA das Projektenzeitalter, recht eigentlich ein s^e oi invention, ein Erfindungszeitalter war, wie uns unsere Gewährsmänner versichern. Damals konnten noch kleine Erfindungen, weil das Erfinden überhaupt erst anfing, in ein schnelleres Tempo zu kommen, schon beträchtliche Mengen von Spekulationsgeist auslösen. Später, und namentlich in unserer Zeit, als jeder Tag technische Neuerungen brachte, haben nur die ganz großen Erfindungen das Gründungsfieber anzufachen vermocht. Dann aber mit um so stärkerer Wirkung. Ich erinnere an die Spekulationsperiode, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Erfindung der Eisenbahnen, gegen das Ende des Jahrhunderts die verschiedenen Erfindungen im Bereiche der Elektrotechnik nach sich gezogen haben. Sehen wir so die Technik starke Willensenergien in den Wirtschaftssubjekten auslösen und ihre Entfaltung fördern, so Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Technik 419 beobachten wir auf der anderen Seite, wie die Technik auch das Denken der Wirtsch afts m en sch en nach verschiedenen Richtungen hin beeinflußt und vielfach geradezu revolutioniert. Sie macht zunächst dieses Denken zielstrebiger, bewußter, das heißt sie weckt und entwickelt den Rationalismus, diesen wie wir wissen wesentlichen Bestandteil des kapitalistischen Geistes. Es ist schon von anderen auf die Rolle hingewiesen worden, die die Technik und die technischen Neuerungen bei der Herausbildung des rationalen Denkens und insbesondere des ökonomischen Rationalismus zu allen Zeiten gespielt haben. Jede technische Erfindung bringt den wirtschaftenden Menschen, wie es Vierkandt treffend ausdrückt^), unausgesetzt in einen „Kontakt mit der Realität" und durchbricht damit die, wie wir sahen, in der Natur des Menschen begründeten traditionalistischen Tendenzen. Der Wandel in den technischen Verfahrungs weisen „wirkt auf das Bewußtsein wie eine Art Revision der gesamten einschlägigen Verhältnisse." Sind solche technischen Neuerungen nur selten, so werden sie nicht imstande sein, die traditionalistische Gesamttendenz wesentlich zu beeinflussen. Äber die Stelle, die neu aufgegraben ist, wächst bald wieder das Gras der Alltagsgewohnheit. Wenn nun aber, wie es seit dem Beginn der neuen Zeit der Fall ist, in immer kürzeren Zwischenräumen die technischen Neuerungen sich Schlag auf Schlag einstellen, so bleibt der Boden unausgesetzt aufgewühlt und kann sich nicht mit einer Nasennarbe bedecken. Die Tatsache des raschen Wechsels in den Verfahrungsweisen allein würde genügen, um die Bewußtheit des Menschen zu einer dauernden Seelenstimmung zu machen. Nun wirkt die moderne Technik aber noch viel unmittelbarer und viel nachhaltiger auf eine Steigerung auch des ökonomischen Rationalismus hin dadurch, daß sie selber im letzten Jahrhundert von rationalem Geiste erfüllt ist, seit sie 27* 420 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände angefangen hat, auf wissenschaftlicher Grundlage ihre Verfahren aufzubauen. Alle frühere Technik^"), so Wunderbares sie auch geleistet hatte, war empirisch gewesen: hatte auf der persönlichen Erfahrung beruht, die von Meister zu Meister, von Geschlecht zu Geschlecht durch die ebenso persönliche Lehre übertragen worden war. Man kannte die Handgriffe, die Verfahrungsweise, die man anzuwenden hatte; damit begnügte man sich. Man hatte die Erfahrung im Laufe der Zeit gewonnen und bewahrte die Erfahrung weiter. An die Stelle der Erfahrung tritt als Grundlage der Technik seit dem 17. Jahrhundert die naturwissenschaftliche Erkenntnis. Seitdem wird etwas nicht mehr vollbracht, weil ein Meister sich im Besitze eines persönlichen Könnens befindet, sondern weil jedermann, der sich mit dem Gegenstande beschäftigt, die Gesetze kennt, die dem technischen Vorgange zugrunde liegen, und deren gewissenhafte Befolgung auch jedermann den Erfolg verbürgt. War früher gearbeitet worden nach Regeln, so vollzieht sich jetzt die Tätigkeit nach Gesetzen, deren Ergründung und Anwendung die eigentliche Hauptaufgabe des rationellen Verfahrens erscheint. Die Gleichförmigkeit des Gegensatzes zwischen alter und moderner Technik einerseits, handwerkerlicher und kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung andererseits springt in die Augen. Es ist aber in beiden Fällen derselbe Gegensatz zwischen Empirie und Nationalismus. Wenn aber in zwei eng miteinander in Berührung stehenden Kulturkreisen, wie Technik und Wirtschaft, sich die gleiche Entwicklung vollzieht, wie hier von der empirischen zur rationalen Gestaltung, so läßt sich ohne weiteres annehmen, daß die eine Entwicklung auf die andere ihren Einfluß ausgeübt hat, daß somit der ökonomische Rationalismus seine Ausbildung miterfahren hat durch den technischen Nationalismus. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Technik 421 Nun läßt sich aber deutlich verfolgen, wie tatsächlich eine Einwirkung des technischen Rationalismus auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens stattfindet: wie die wissenschaftliche Handhabung der Technik den ökonomischen Nationalismus unmittelbar erzwingt. Im Grunde genommen erfolgt heute die Ordnung der Privatwirtschaft in den meisten Zweigen unter genauer Berücksichtigung der technischen Anforderungen und die wirtschaftliche Vollkommenheit wird unter beständiger Ausrichtung des Gedankens der Leiter einer Unternehmung auf die Technik des Produktionsprozesses erstrebt. Wir sahen (siehe S. 184), ein wie deutliches Wahrzeichen höchster Ausbildung des ökonomischen Rationalismus heutzutage die Verwendung wissenschaftlich geschulter Hilfskräfte in einem Betriebe ist. Nun also: da ist die Tatsache, daß die Anforderungen, die die Technik stellt, den Anlaß zu einer höchst rationalen Wirtschaftsgestaltung bilden, in einem besonders durchsichtigen Falle erwiesen. Aber das Leben bietet zahlreiche solcher Fälle dar. Zielstrebiger, bewußter, also rationaler wird das Denken des Wirtschaftsmenschen durch die Technik, zumal die moderne Technik gestaltet. Nun wollen wir noch feststellen, daß es unter deren Einfluß auch genauer, gleichsam pünktlicher wird. Dafür sorgen zunächst die von der Technik geschaffenen Methoden und Vorrichtungen zum Messen der verschiedensten Größen, namentlich der Zeit. Die Erfindung der Ähren spielt eine wichtige Rolle in der Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen. Die Erfindung der Gewichtsuhren wird in das 10. Jahrhundert verlegt; die erste Räderuhr, von deren Erbauung wir hören, ist diejenige, die Heinrich von Wick 1364 für Karl V. in Paris anfertigt. Während des 14. Jahrhunderts haben alle größeren Städte Italiens Ähren, die die 24 Stunden schlagen^'). Im Jahre 1510 erfindet Peter Äele die Taschenuhren: Johann 422 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände Cocläus sagt darüber im Jahre 1S11: „Aus Eisen machte er kleine Ähren mit vielen Rädern, die 40 Stunden anzeigen und schlagen und im Busen oder Geldbeutel getragen werden können"^). 1690 kommt der Sekundenmesser hinzu, der von John Floyer als Hilfsmittel zur sicheren Pulszählung eingeführt wurde (ein Fall, in dem deutlich das wirtschaftliche Interesse nicht die treibende Kraft der Erfindung warl). Die genaue Zeiteinteilung, das „Rechnen" mit der Zeit, wird natür- lich erst möglich, nachdem die Zeit genau gemessen werden konnte. (Ebenso wurde das exakte Rechnen mit Geld erst möglich, nachdem die Technik eine exakte Herstellung der Münzen ermöglicht hatte!) Die rechnerisch genaue Wirtschaftsführung ist aber ebenso sehr befördert worden durch die allmähliche Vervollkommnung des technischen Prozesses. Genaue Kalkulationen bei Lieferungs- auftragen setzen eine vollständig sichere Produktion voraus; die modernen Verkehrsmittel haben, kann man getrost sagen, den wie eine riesige Maschine automatisch funktionierenden Betrieb erst ermöglicht, wenn nicht geschaffen: die Ausbildung des rechnerischen Sinnes ist also zum guten Teil ein Werk der Technik. Daß auch das Eiltempo des modernen Wirtschaftsmenschen erst durch die Errungenschaften der modernen Technik: Eisenbahn, Telegraph, Telephon erzeugt oder mindestens stark gefördert worden ist, lehrt die einfache Äberlegung. Andere Kräfte, werden wir noch sehen, sind hier am Werke, die auf dieses Tempo hindrängen: die Technik ermöglicht es, die Technik steigert es, die Technik verallgemeinert es. Es liegt nahe, die moderne Technik mit verantwortlich zu machen auch für die gesamte eigentümliche Gedankeneinstellung des modernen Wirtschaftsmenschen: seine rein quantifizierende Betrachtung der Welt. Freilich hat zu dieser das größte Teil Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Technik 423 wohl die Gewöhnung an den Geldausdruck beigetragen. Aber wir wollen uns doch erinnern, daß das Wesen des spezifisch modernen naturwissenschaftlichen Denkens diese selbe Tendenz zur Auflösung aller Qualitäten in Quantitäten ist. Erst dann, wenn sich für irgendeinen Vorgang in der Natur eine mache- matische Formel aufstellen läßt, so hat uns Kant belehrt, haben wir das Recht, von naturgesetzlicher Erkenntnis zu sprechen. Also sicher haben wir auch hier wieder eine Parallelentwicklung des naturwissenschaftlichen Geistes, wie er in der Technik sich niederschlägt, und des kapitalistischen Geistes vor uns, wie sich denn diese Parallelität noch in zahlreichen anderen Fällen nachweisen läßt^°). Aber da sich eine Einwirkung des natur- wissenschaftlich-technischen Denkens auf das wirtschaftliche bei diesen allgemeinsten Formen, die das Denken annimmt, schwer nachweisen läßt, so will ich darauf verzichten, den möglichen Zusammenhängen hier noch weiter nachzugehen, und will lieber die Aufmerksamkeit des Lesers noch auf einen anderen wichtigen Komplex geistiger Vorgänge hinlenken, bei denen die Ausbildung des kapitalistischen Geistes ganz deutlich in Abhängigkeit von der Entwicklung der Technik erfolgt. Ich meine die Verschiebungen der Lebenswerte, die wir den gewaltigen technischen Fortschritten unserer Zeit verdanken, und die für die Gesinnung des modernen Wirtschaftsmenschen von grundlegender Bedeutung geworden sind. Zweifellos ist — im wesentlichen durch die Errungenschaften der modernen Technik — das technische Interesse oder genauer das Interesse für technische Probleme in den Vordergrund aller Interessen getreten. Das ist begreiflich genug. Die immer größeren Leistungen im Bereiche der Technik haben erst die Neugier angeregt, haben die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und haben der Zeit ihren Stolz gegeben. Die Technik ist ja 424 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände das einzige Gebiet, auf dem wir ohne Angst die Bilanz unserer Leistungen prüfen können: sollte sich da die Masse, die immer dem Erfolge nachläuft, für dieses Gebiet, auf dem unsere einzigen großen Erfolge liegen, nicht besonders interessieren, zumal es so einfach ist, wenigstens die Ergebnisse der Technik zu würdigen. So ist es zur unbestreitbaren Tatsache geworden, daß Funkentelegraphie und Aeronautik heute die Menschen, und zumal die Jugend, mehr interessieren als das Problem der Erbsünde oder Werthers Leiden. Den großen Fortschritten der Technik verdanken wir aber noch eine andere Eigenart des Geistes unserer Zeit: die starke Äberwertung der materiellen Dinge. Wir sind rasch reich ge- worden, wir haben uns an den Frieden gewöhnt, die Technik hat uns Sicherheit vor den Schrecken der Pest und der Cholera gebracht: was Wunder, daß die niedrigen Instinkte im Menschen: sein Behagen am unbehinderten Genuß, der Sinn für Komfort und Wohlleben stark alle idealen Regungen überwuchert haben. Die Äerde grast friedlich auf der fetten Weide. Zunächst ist nun diese Steigerung der materiellen Interessen in unserer Zeit insofern der Sinnesrichtung des kapitalistischen Unternehmers zugute gekommen, als sie in ihm das Interesse für die Erlangung der Neichtumsmittel, das heißt sein Erwerbs- interesse wesentlich Lesteigert hat. Die Jagd nach dem Dollar ist denn doch nicht so imaginär, wie Anternehmerphilosophen von der hohen Warte ihres fürstlichen Reichtums aus uns glauben machen wollen. Sie ist doch eine allerwichtigste Triebkraft in dem Gefüge unserer modernen Wirtschaft, und der gesteigerte Erwerbstrieb, den also die Fortschritte der Technik mit hervorgerufen haben, bildet einen ganz wichtigen Bestandteil in der Psyche der modernen Wirtschaftsmenschen. Daß von dieser Sucht nach Gewinn der Makel genommen ist, daß wir es heute für nicht mehr entehrend halten, wenn einer dem Dollar nach- Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Technik 425 jagt, daß wir gesellschaftlich mit Leuten verkehren, von denen jeder weiß, daß die Dollarjagd ihr einziger Lebensinhalt ist: das hat natürlich zur Entwicklung dieser Seite kapitalistischen Geistes viel beigetragen, und das ist erst möglich geworden, nachdem die ganze Zeitrichtung unter dem Einflüsse der technischen Errungenschaften eine andere geworden war. Umgekehrt aber hat die Anteilnahme an dem Fortschritt der Technik und ihre grenzenlose Äberwertung insofern das Erwerbsstreben des kapitalistischen Unternehmers verstärkt, als sie sein eigenes Interesse an den technischen Leistungen, die er in seinen Werken vollbringt, gesteigert haben. Wir lernten als einen Zug im Wesen des modernen Wirtschaftsmenschen kennen, daß er sinnlos schafft und immer mehr schafft, und fanden als psychologische Erklärung (falls eine solche überhaupt möglich ist) unter anderem die kindliche Freude an technischen Vervollkommnungen. Diese aber ist nur erklärlich in einem technischen Zeitalter. Daß es einem Unternehmer in den Sinn kommen kann, es habe an sich irgendeinen Wert, recht viele Maschinen oder Beleuchtungskörper oder Reklameschilder oder Flugapparate herzustellen, daß er in der Erzeugung dieser Dinge als solcher eine irgendwelche Befriedigung finden kann (und neben anderen Motiven wirkt zweifellos auch diese Begeisterung für die Produktion als solche als treibende Kraft in der Seele des Unternehmers): das hat zur Voraussetzung die gekennzeichnete Gesamtstimmung unserer Zeit. Damit im engsten Zusammenhange steht auch die Begeisterung für den „Fortschritt", die ebenfalls in vielen Unternehmern als Triebkraft wirkt, die beispielsweise in Amerika diesen kindlichfröhlichen Zug in das Geistesleben hineinträgt, die jedem Reisenden zuerst auffällt. Stimmung des Kindes. Stimmung des Kolonialmenschen. Aber auch Stimmung des technischen Menschen. Denn wenn die sinnlose Idee des „Fortschritts" irgendwelchen 426 Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände Sinn hat, so sicher nur im Bereiche des technischen Könnens. Man wird zwar nicht sagen können, daß Kant über Plato „fortgeschritten" sei oder Bentham über Buddha, wohl aber, daß die Dampfmaschine Typus 1913 einen Fortschritt gegenüber der Wattschen Dampfmaschine bedeutet. Abermals im Zusammenhang mit dieser Neubildung von Werten steht eine andere bedeutsame Erscheinung im Geistesleben des modernen Wirtschaftsmenschen (wie Menschen überhaupt): die Erhebung des Mittels zum Zweck. Gewiß ist bei dieser Amkehr aller Werte wiederum das Geld stark beteiligt. Aber doch auch die Technik. Ihre Fortschritte haben es bewirkt, daß unser Interesse immer mehr und mehr darauf gerichtet worden ist, wie eine Sache gemacht wird und wie sie funktioniert, ganz gleich, wozu sie dient. Die „Mittel" ^ etwa zur Bewältigung des Verkehrs, zur Herstellung einer Zeitung — sind so kunstvoll geworden, daß sie unser Staunen erregen und unser Interesse völlig erschöpfen. Darüber vergessen wir dann schließlich den Zweck, dem sie dienen sollen. Wir sind überwältigt beim Anblick einer Rotationspresse und denken gar nicht mehr daran, welches völlig wertlose Schundblatt da heraus gespieen wird. Wir erschauern beim Aufstieg einer Flugmaschine und denken gar nicht mehr daran, daß dieser Apparat einstweilen nur dazu dient, unser Varieteprogramm um eine sensationelle Nummer zu bereichem und (bestenfalls) ein paar Schlossergesellen zu reichen Leuten zu machen. And so fort in allen Dingen. Damit ist aber die Sinnlosigkeit unserer gesamten Lebensbewertung und auch die Sinnlosigkeit alles heutigen kapitalistischen Strebens wiederum von einer Seite her erklärt. And endlich noch eins: wir sahen, daß den Geist des Bourgeois unserer Tage seine völlige Interesselosigkeit gegenüber dem Schicksal des Menschen kennzeichnet. Wir sahen, daß der Mensch aus dem Mittelpunkt der wirtschaftlichen Bewertung und Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Technik 427 Gedankeneinstellung ausgeschieden ist; daß nur noch der Prozeß (der Produktion, des Transports, der Preisbildung usw.) interessiert: lmt prociuctio et pereat Iiomo. Ist nun aber darin die Denkweise des Wirtschaftsmenschen nicht wiederum nur eine Folgeerscheinung der Umgestaltung, die der technische Prozeß erfahren hat? Wir wissen, daß die moderne Technologie den Produktionsprozeß gleichsam losgelöst von dem ausführenden Organe, dem Menschen, betrachtet. An die Stelle der durch die lebendige Persönlichkeit notwendig gebundenen organischen Gliederung der Produktionsprozesse tritt die nur im Hinblick auf den gewellten Erfolg zweckmäßig mechanisch eingerichtete Gliedbildung, wie es Neuleaux genannt hat. Die natürliche, lebendige Welt ist in Trümmer geschlagen, damit auf diesen Trümmern eine kunstvolle Welt aus menschlicher Erfindungsgabe und toten Stoffen zusammengefügt sich erhebe: das gilt für Wirtschaft wie Technik gleichermaßen. And ganz unzweifelhaft hat diese Verschiebung des technischen Verfahrens die Verschiebung unserer Gesamtbewertung der Welt wesentlich beeinflußt: in dem Maße, wie die Technik den Menschen aus dem Mittelpunkte des Produktionsprozesses verdrängte, verschwand der Mensch aus dem Mittelpunkte der wirtschaftlichen wie überhaupt kulturellen Bewertung. Zahlreich sind die mittelbaren Einwirkungen der Technik auf die Entwicklung des kapitalistischen Geistes, die sich also dadurch fühlbar machen, daß irgendwelche Zustände oder Vorgänge durch die Technik bewirkt, irgendwelche Ereignisse durch sie herbeigeführt werden, die ihrerseits einen bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung des kapitalistischen Geistes ausüben. Ich will nur auf zwei besonders wichtige Wirkungen solcher Art hinweisen; der Leser wird danach leicht andere Fälle selbst ausfindig machen. Wir lernten im vorigen Kapitel die Bedeutung kennen, die 428 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände die reiche Ausbeute an Silber und Gold namentlich im 16. und 17. Jahrhundert für die Entstehung des ersten Spekulationsfiebers zweifellos besitzt. Nun: daß diese Ausbeute möglich wurde, war im wesentlichen ein Werk der vervollkommneten Technik. Man kann dies schon damit beweisen, daß man sagt: ohne sie wären die Menschen nicht nach Amerika gekommen. Aber ich meine es noch in einem anderen Sinne: nur einige epochale Verbesserungen der Edelmetallproduktionstechnik haben namentlich jenen Silbersegen des 16. und der folgenden Jahrhunderte bewirkt. In jener Zeit wurden, wie wir schon sahen, die Wasserhaltungsmaschinen erfunden, die insbesondere die Weiterführung des europäischen Silberbergbaus ermöglichten. In jener Zeit (1557) wurde aber auch eine vielleicht noch wichtigere Erfindung gemacht: die Gewinnung des Silbers aus den Erzen mittels des Quecksilbers: das sogenannte Amalgamverfahren. Erst dieses Verfahren gestattete es, ohne übertriebene Kosten, auf den holzlosen Äöhen der Kordilleren, die Silbermassen an Ort und Stelle zu gewinnen; erst dieses Verfahren verringerte die Produktionskosten des Silbers dermaßen, daß nun eine so große Ausbeute gewinnbringend gemacht werden konnte. Die zweite bedeutsame Wirkung der Technik, an die ich denke, ist die rasche Vermehrung, die die Bevölkerung im 19. Jahrhundert erfahren hat. Daß diese im wesentlichen ein Werk der vervollkommneten Technik ist, darf nicht in Zweifel gezogen werden, da sie ja nicht etwa durch eine Vergrößerung der Geburtenziffern, sondern lediglich durch eine Verringerung der Sterblichkeit herbeigeführt worden ist. Diese Verringerung der Sterblichkeit ist aber im wesentlichen durch zwei Komplexe technischer Fortschritte erzielt worden: durch die Vervollkommnung der Äygiene, der Seuchentechnik, der ärztlichen Technik einerseits, durch die Vervollkommnung der Produktions- und nament- Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Technik 429 lich der Transporttechnik andrerseits, die ihrerseits dazu bei- getragen haben, daß soviel mehr Menschen ernährt werden, also am Leben bleiben konnten. Diese Bevölkerungsvermehrung unserer Zeit ist nun wiederum in zweifacher Beziehung für die Entwicklung des kapitalistischen Geistes unmittelbar von Bedeutung geworden: durch den Anreiz zur Auswanderung, den sie bot, einerseits, durch die Äebung des Anternehmersinns andrerseits. Äber die erste Wirkung und ihre Folgen habe ich im vorigen Kapitel gesprochen. Mit der zweiten Behauptung meine ich folgendes: eine rasche Bevölkerungszunahme bedeutet insofern eine Stärkung des Unternehmungsgeistes, als sie die Nötigung zum Erwerb größer macht und dadurch die wirtschaftliche Spannkraft stählt, als sie also die Gefahr für eine wohlhabende Bevölkerung, einem satten Rentnertum zu verfallen, hinausschiebt. Denn es ist klar, daß die Söhne eines wohlhabenden Mannes ganz anders dem Erwerbsleben gegenüberstehen, wenn ihrer viele, als wenn sie wenige sind. Bei gleichgroßen Vermögen entfällt auf den einen im ersten Fall eine kleinere Menge, und die Nötigung für ihn, selbst wieder durch wirtschaftliche Tätigkeit sich auf dem sozialen Niveau seiner Eltern zu erhalten, wird größer, als wenn dies Erbe nur auf einen oder zwei sich verteilt. Durch den stärkeren Nachwuchs wird auch schon eine ganz andere Stimmung selbst bei wohlhabenden Eltern ihren Kindern gegenüber erzeugt. Sie werden es vielmehr darauf absehen, ihre Kinder „etwas Tüchtiges lernen zu lassen", als sie in den untätigen Besitz einer Rente zu setzen. Sofern nun die Bevölkerungsvermehrung ^ freilich nicht aus technischen, sondern biologischen oder sozialen Gründen — in den verschiedenen Ländern eine sehr verschieden große im 19. Jahrhundert gewesen ist (Frankreich I England oder Deutschland!) und wir einen verschieden hohen Grad der Entwicklung 430 Dritter Abscknitt: Die sozialen Amstände des kapitalistischen Geistes just im Verhältnis zur verschiedenen Stärke der Bevölkerungszunahme beobachten, wird man berechtigt sein, auch diese Verschiedenheit mit dem Amstande der größeren oder geringeren Bevölkerungszunahme in Verbindung zu bringen. 431 Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die vorkapitalistische Berusstätigkeit Das Nächstliegende behandle ich zuletzt und brauchte es vielleicht gar nicht zu behandeln, weil es im Grunde sich von selbst versteht, und weil jedermann bei einigem Nachdenken leicht selber einsehen kann, worauf der Inhalt dieses Kapitels hinzielt: daß einige der vorkapitalistischen Berufe gleichsam Vorschulen des kapitalistischen Geistes gewesen sind. Wirtschaftliches Interesse und Alltagsgewöhnung waren die Lehrer, und das Ressentiment hat, wie wir sehen werden, nachgeholfen, einzelne Züge des kapitalistischen Geistes in jener Sphäre stärker auszubilden. Derjenige Beruf, in dem sich die Keime dieses Geistes am frühsten entfaltet haben, ist natürlich der Handel in seinem weitesten Verstände. Was er immer schon bewirken, oder woran er doch wenigstens den menschlichen Geist allmählich gewöhnen mußte, war die Ausrichtung des Denkens auf die Quantität. Während der vorkapitalistische Produzent, ob Bauer, ob gewerblicher Handwerker, immer, wie wir sahen, von den Kategorien der Qualität beherrscht bleibt: das heißt Güter als qualitativ verschiedene Gebrauchsgüter herstellt, verschwindet für den Händler frühzeitig die qualitative Bedeutung und Bewertung der Güterwelt, weil er erstens keine organischen Beziehungen zu den von ihm gehandelten Gütern hat. Der Bauer wie der Handwerker, beide, fanden wir, verwachsen bis zu einem gewissen Grade mit den Dingen, die sie herstellen; diese bilden einen Teil ihrer selbst; sie selbst sind in ihnen; ihr Verhältnis zu ihnen ist ein innerliches. Wohingegen der Händler zum Gegenstande seines Handels immer in einem rein äußerlichen Verhältnis verharrt: er übernimmt das Erzeugnis in fertigem Zustande und weiß nichts von den Mühen und Sorgen, unter denen es zur Welt gebracht ist. Er betrachtet es nur von einer 4Z2 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände einzigen Seite her: als Tauschwert. And darin liegt der zweite, positive Grund seiner quantifizierenden Betrachtungsweise: ein Tauschwert ist eine Größe, und nur diese Größe interessiert den Händler. Er mißt sie in Geld und löscht im Geldausdruck alle Quantitäten endgültig aus. So kann man auch sagen, daß seine Tätigkeit wie später die kapitalistische immer von Geld zu Geld ihn trägt, und daß somit alle seine Erwägungen und Bedenkungen mit Notwendigkeit den Geldausdruck zum Mittler haben. Deshalb muß er immer rechnen. Freilich: dieses Rechnen ist in den Anfängen unendlich primitiv, wie wir selbst noch für das Hochmittelalter feststellen konnten — aber es ist doch da. And es kann sich hier am ehesten ausbilden. Geht diese quantifizierende Wirkung auf das Denken von allem Handel aus, so beobachten wir nun, wie die verschiedenen Arten und Formen des Handels in verschiedener, aber immer in einer dem kapitalistischen Endziel zugewandten Richtung die Seelenverfassung des Wirtschaftsmenschen beeinflussen. Aller Handel, der über die Landesgrenzen weit hinaus in die Fremde führt, muß bis zu einem^gewissen Grade die Bedeutung gewinnen, die ich den Wanderungen, das heißt dem Heimat- Wechsel zugeschrieben habe: er erzieht zur rationalen Lebens- betrachtung und Lebensführung, insofern er den Kaufmann zur Anpassung an fremde Sitten und Gewohnheiten, zur richtigen Orts- und Mittelwahl unausgesetzt zwingt. Ein wichtiges Mittel zur Rationalisierung des Denkens ist die Vielsprachigkeit, die sich ebenfalls mit Notwendigkeit aus einem internationalen Handel ergibt. Diese Wirkung mußte der Handel schon dann ausüben, wenn ein Haus nur einen Stammsitz hatte, aber an vielen Stellen Faktoren unterhielt. Diese selber wurden alsdann nicht nur zu einem rationaleren Wesen erzogen, sondern auch die Prinzipale, die ihnen Anweisungen zu erteilen hatten und von ihnen Berichte empfingen, sie aber, wie wir wissen, Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die vorkapitalistische Berufstätigkeit 4ZZ auch häufig persönlich aufsuchten. Noch stärker wurde der zersetzende Einfluß, den der Äandel auf tradionalistische Lebensgewohnheiten ausübt, wenn sich die Kaufmannsfamilien selbst über aller Herren Länder verteilten: dann haben wir eine Vereinigung mit den Wirkungen, die von dem Heimatwechsel ausgehen, vor uns. In solcher Lage befanden sich besonders häufig jüdische Händlerfamilien, die, ich möchte sagen grundsätzlich, sich an verschiedenen Handelsplätzen niederließen^"). Aber auch manche christliche Familie sehen wir über den ganzen Erdball versprengt. So saßen Albertis im Anfang des 15. Jahrhunderts in Italien, England, Flandern, Spanien, Frankreich, Katalonien, auf Rhodus, in der Berberei und auf Soria^"). Am Aufbau des kapitalistischen Geistes ist aber der ortsferne Handel auch insofern beteiligt, als er wohl dazu beigetragen hat, die spezifisch kapitalistische Tugend der kaufmännischen Solidität zu entwickeln. Ich sagte an einer anderen Stelle, daß zu ihrer Pflege sicherlich auch die religiöse Lehre das ihrige getan hat. Aber wie es uns nun schon so oft im Verlaufe dieser Untersuchungen begegnet ist, daß ein bestimmter Bestandteil des kapitalistischen Geistes nicht bloß einer, sondern mehreren Quellen entsprungen ist, so sehen wir auch hier wieder eine andere bildende Kraft neben dem Machtspruche des sittlichen Gebotes am Werke: das geschäftliche Interesse. Es überspannt einen richtigen Gedanken, wenn Gustav Freytag, der es eigentlich wissen mußte, dessen Blick aber durch seine Parteinahme für die kommerziellen Kreise oft getrübt wird, einmal folgendes bemerkt^): die Tätigkeit des Kaufmanns „ist nur möglich ohne großartiges Vertrauen, welches ler) anderen gewährt, nicht nur den Leuten, die er selbst im Dienste hat, auch den Fremden, nicht den Christen allein, auch Heiden. Die Redlichkeit, welche eine eingegangene Verpflichtung völlig und ganz erfüllt, auch wenn sie einmal Opfer kostet, ist Sombart, Der Bourgeois 28 4Z4 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände dem Handel in jedem (?) Stadium seiner Entwicklung unentbehrlich; und gerade deshalb, weil der Handel Treue und Rechtschaffenheit im Verkehr zum besten Vorteil macht, schafft er gesunde und dauerhafte Verbindungen der Menschen". Daß dies übertrieben ist, wissen wir, die wir uns erinnern, wie langsam sich die kaufmännische Solidität noch während des kapitalistischen Zeitalters eingebürgert hat. Richtig aber an diesem Gedanken ist dies: daß im Verkehr selber eine Tendenz zur Solidität liegt, die mit zunehmender Intensität des Verkehrs immer stärker wird. Der Kaufmann sieht mit der Zeit ein, daß es nicht lohnt, zu schwindeln, weil die daraus erwachsenden Schäden: Verlust der Kundschaft, Zeitverlust infolge von Beanstandungen und deren notwendiger Erledigung usw. häufig größer sind als die Gewinne, die man durch betrügerische Kniffe mehr herausgeholt hat. Wenn sich also, wie wir sahen, eine „Geschäftsmoral" in dem Sinne einer Moral aus Geschäft entwickelt, wenn die aufgeklärten Gewürzkrämer des 15. wie des 18. Jahrhunderts den Satz aufstellen: »ttonegt^ >8 ine best pc>Iic>«, so hat zu dieser Entwicklung zweifellos die bessere Erkenntnis der wirklichen, eigenen Interessen beigetragen, wie sie der ortsferne Handel aus sich heraus erzeugen mußte, eine Erkenntnis, die dann natürlich um so eher sich in eine Maxime des Handels umsetzte, je dringlicher diese bürgerliche Solidität von den anerkannten Lehrern der Moral als sittliche Pflicht verkündet wurde. Verschieden aber wirkt der Handel, als Tätigkeit geübt, je nachdem er als Seehandel oder als Binnenhandel betrieben wird. Bei jenem waltet lange Zeit noch, wie wir feststellen konnten, der abenteuerlich-freibeuterische Zug vor; in ihm also bildet sich der „wagende" Kaufmann aus. Während der Binnenhandel das händlerische und kalkulatorische Moment zu stärkerer und ausschließlicher Entwicklung kommen läßt: der Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die vorkapitalistische Berufstätigkeit 4ZZ Binnenhandel ist die Geburtsstätte des „wägenden" Kaufmanns, der durch das Verstandesmittel der vollkommenen Rechenkunst auf dem Wege der geschickten Vertragschließung sich durchzusetzen gezwungen ist. Der binnenländische Wollhandel ist es gewesen, der bei den Florentinern das kommerzia- listische Wesen zu solcher Vollendung emporgezüchtet hat, wie wir es erlebt haben (Blutsveranlagung vorausgesetzt!). Wie denn der Binnenhandel auch viel eher als der männlich-wagende Seehandel die bürgerlichen Tugenden zu pflegen zwingt und anregt. Ich halte es für undenkbar (schon aus diesem Grunde), daß ein Buch, wie das von der heiligen Wirtschaftlichkeit im 15. Jahrhundert wo anders hätte entstehen können als in der Zentrale des Wollhandels und der Wollindustrie. Wir sahen, daß weder Florentiner, noch Schotten, noch Juden je seebefahren waren: ihre Blutsveranlagung hielt sie davon zurück, aber ihre Tätigkeit als Landhändler von Anbeginn an züchtete dann wieder diesen Äändlertyp empor, so daß wir abermals eine Wirkung als Arsache weiter wirken sehen. Eine besondere Rolle in der Geschichte des kapitalistischen Geistes hat die Geld leihe gespielt. Wir sahen an einer früheren Stelle, wie sie von den weltkundigen und tatenfrohen Spätscholastikern in der Frühzeit des Kapitalismus als dessen entschiedener Feind (richtig I) erkannt und aus sittlichen Gründen verdammt wurde. Aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß in anderer Richtung die Tätigkeit der Geldleihe für die Ausbildung bestimmter Seiten des kapitalistischen Wesens von sehr heilsamem Einfluß gewesen ist. Ich habe, weil ich das Problem von einer anderen Seite ansah, als Antoninus von Florenz, gerade die Geldleihe, mit der sich die Juden seit Salomo mit Vorliebe beschäftigt haben, und die sie während des europäischen Mittelalters fast ausschließlich als Beruf betrieben, als einen der Gründe angeführt, weshalb sie für 28* 436 Dritter Abschnitt! Die sozialen Umstände den Kapitalismus so trefflich vorbereitet waren, als dieser sich zu entwickeln begann. In der Tat halte ich an dieser Ansicht fest und halte die Geldleihe nach wie vor für eine der Quellen, aus denen der kapitalistische Geist gespeist worden ist zumal in einer Zeit, in der rings umher noch naturalwirtschaftliche unter der Kategorie der Qualität stehende Verhältnisse herrschten. Weshalb aber die Geldleihe in noch höherem Maße wie der Waren- Handel (von dem sie in dem hier fraglichen Sinne nur eine Steigerung darstellt) als eine Drillschule für die Ausbildung kapitalistischer Sinnesart anzusehen ist, läßt sich wie folgt ausdrücken: In der Geldleihe ist alle Qualität völlig ausgelöscht und der wirtschaftliche Vorgang ausschließlich quantitativ bestimmt; in der Geldleihe ist das Vertragsmäßige des Geschäfts das Wesentliche geworden: die Verhandlung über Leistung und Gegenleistung, das Versprechen für die Zukunft, die Idee der Lieferung bilden ihren Inhalt; in der Geldleihe ist alles Nahrungsmäßige verschwunden; in der Geldleihe ist alle Körperlichkeit (alles „Technische") endgültig ausgemerzt: die wirtschaftliche Tat ist rein geistiger Natur geworden; in der Geldleihe hat die wirtschaftliche Tätigkeit als solche allen Sinn verloren: die Betätigung mit Geldausleihen hat vollständig aufgehört, eine sinnvolle Betätigung des Körpers wie des Geistes zu sein; damit ist ihr Wert aus ihr selbst in den Erfolg verrückt; der Erfolg allein hat noch Sinn; die Geldleihe ist ein besonders fruchtbares Feld für die Entwicklung der Nechenhaftigkeit: der Mensch sitzt eigentlich sein ganzes Leben mit Rechenstift und Papier am Tische; in der Geldleihe tritt zum ersten Male ganz deutlich die Möglichkeit hervor, auch ohne eigenen Schweiß durch eine wirtschaftliche Wandlung Geld zu verdienen; ganz deutlich erscheint Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die vorkapitalistische Berufstatigkeit 4Z7 die Möglichkeit: auch ohne Gewaltakt fremde Leute für sich arbeiten zu lassen. Was dem berufsmäßigen Geldleiher, dem „Wucherer" fehlt, das hatte Anton inus richtig erkannt, ist der Unternehmungsgeist, der Wagemut. Tritt dieser aber hinzu, so kann gerade der Geldleiher zum kapitalistischen Unternehmer großen Stils sich auswachsen: die spezifisch kaufmännische Unternehmung ist eng mit der Geldleihe (wie wir gesehen haben) verknüpft. Die Geldleihe kann sich so zum kapitalistischen Geldhandel (Bankiertätigkeit!), aber auch zur kapitalistischen Produktionsunternehmung (Verlag I) auswachsen. Florenz ist nicht nur die Stadt des Wollhandels, sie ist auch die Stadt der Bankiers! Sie ist aber endlich auch, was wir bedenken müssen, wenn wir verstehen wollen, warum sie die Hochburg des frühkapita- listischen Geistes geworden ist, die Stadt der Zünfte par excellence und der Zunftherrschaft. Durch einen historischen Zufall: die Gegnerschaft zwischen der kaiserlichen und antikaiserlichen Partei, gelangten in Florenz die Zünfte schon im 12. Jahrhundert zum Anteil am Stadt- regiment. „Die Handwerkerzünfte hatten sich ihren Beistand (den sie dem Kaiser leisteten) hoch bezahlen lassen und der PodeM nebst seinen Räten stand in Wirklichkeit in Abhängigkeit von der neu zur politischen Macht gelangten Gesellschaftsschicht" Im Jahre 1193 sind der demokratischen Entwicklung des Gemeinwesens die Wege gebahnt. Wenn ich nun vorhin andeutete, daß ich diese Eigenart der Florentiner Geschichte ebenfalls mit verantwortlich mache für die hohe und frühe Entwicklung des kapitalistischen Geistes in Florenz, so kann das leicht parodox erscheinen, da ja doch die Zünfte die Todfeinde des Kapitalismus sind. And ist es doch nicht. Denn zweifellos stammt ein wichtiger Teil des kapitalistischen Geistes, derjenige vor allem, der in den bürgerlichen 4Z8 Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände Tugenden in die Erscheinung tritt, aus der Enge der Zunftstuben. Äier ist „die heilige Wirtschaftlichkeit" recht eigentlich zu Äause. Sie ist hier als ein Kind der Not zur Welt gekommen. Äier mußte man sparsam und nüchtern und betriebsam und keusch, und was weiß ich sonst noch, sein, wollte man nicht seine ganze Existenz aufs Spiel setzen. Man hat jene Tugenden christliche Tugenden genannt; waren sie auch. And sie zu Pflegen, ohne äußeren Zwang, war gewiß eine beachtenswerte Leistung der Selbstzucht. Aber man darf doch nicht vergessen, daß der Gewürzkrämer und Wollweber jene „Tugenden" eben als Bestandteile seiner Lebensführung aufgezwungen bekommt: er muß zu der Überzeugung gelangen, daß Schulden machen und mit Vergnügungen und Liebesaffären seine Zeit vergeuden ihn an den Bettelstab bringt. Wir beobachten denn auch aller Orten, wie die Not die Zünftler im Laufe der Zeit immer mehr zu guten „Bürgern" macht. Von den englischen und schottischen Städten wird uns das ausdrücklich bestätigt. „Es ist augensichtlich", schreibt eine vortreffliche Kennerin des mittelalterlichen England^), „daß lange vor der Reformation, und ehe irgendwelche puritanischen Grundsätze ihren Einfluß ausüben konnten, die Fröhlichkeit der Städte verschwunden war unter der Last des Geschäfts leb ens" (tke Zaiet^ ok tlie towns was alreacl^ sobereä tke pressure oi business). And ein anderer will dieselbe Entwicklung in den schottischen Städten beobachtet haben. Die Zunftstube engte selbst den bäuerlichen Lebensspielraum noch ein. Ein echter Bauer ist ein kleiner Seigneur, der lebt und leben läßt. Der städtische Handwerker verkümmert, vertrocknet, verödet und wird damit zum Stammvater des „Bürgergeistes". Freilich, daß dieser zu einem Bestandteile des kapitalistischen Geistes wurde, daß auch Leute, die es sich leisten konnten, ein Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die vorkapitalistische Berufstätigkeit 4Z9 freies und ungebundenes Leben zu führen, in der inäustr^ und fmMl-t^ ihr höchstes Ideal erblickten: dazu bedürfte es der Mitwirkung noch anderer Kräfte. Eine dieser Kräfte haben wir in der Sittenlehre der Philosophen und der Kirche kennen gelernt. Eine andere will ich hier noch namhaft machen. Es ist das Ressentiment. Man hat in letzter Zeit auf die überragende Bedeutung dieses geistigen Vorganges, den bekanntlich Nietzsche als Wurzel der Umwertung des aristokratischen Wertgegensatzes in den der Äerdenmoral betrachtet, für die gesamte Kulturentwicklung mit Entschiedenheit hingewiesen^). Ich glaube, daß er auch in der Geschichte des kapitalistischen Geistes eine Rolle gespielt hat, und ich erblicke sie in dieser Erhebung der aus der Not geborenen Grundsätze kleinbürgerlicher Lebensführung zu all- gemeinen, wertvollen Lebensmaximen; also in der Lehre der „bürgerlichen" Tugenden als hoher menschlicher Tugenden schlechthin. Männer bürgerlicher Lebensstellung, mit Vorliebe wohl deklassierte Adlige, die den Herren und ihrem Treiben mit scheelen Augen zusahen, sind es gewesen, die dieses Treiben als lasterhaft hinstellten und die Abkehr von aller seigneurialer Lebensführung (die sie im Grunde ihres Äerzens liebten und erstrebten, von der sie aber aus äußeren oder inneren Gründen ausgeschlossen waren) predigten. Der Grundzug in den Familien- büchern Albertis ist das Ressentiment. Ich habe schon früher verschiedene Stellen daraus mitgeteilt, aus denen ein geradezu komischer und kindischer Äaß gegen die „Signori" spricht, aus deren Kreise er ausgeschlossen war; sie ließen sich leicht vermehren. And immer endigt die Tirade gegen alles seigneuriale Wesen, gegen die seigneurialen Vergnügungen der Jagd, gegen die Sitten der Klientelei usw. mit pharisäischem Lob der eigenen braven „Bürgerlichkeit". Gewiß: kaufmännische Interessen, philosophische Lesefrüchte, Zuspruch des Beicht- 440 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände vaters; alles wirkte auf die Verbürgerlichung der Lebensauffassung hin. Aber die maßlose Schimpferei, in die Alberti verfällt, sobald ihn seine Rede auf die „Signori" bringt, und die dafür zeugen, daß er verteufelt schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht haben mußte, zeigen doch, daß vielleicht die stärkste Triebkraft, die ihn zu seiner gutbürgerlichen Weltanschauung gebracht hatte, das Ressentiment gewesen ist. Durch alle Zeiten hindurch ist dieses ja die festeste Stütze der bürgerlichen Moral geblieben. Ein tugendhafter „Bürger" verkündet heute noch den Satz und tröstet sich selbst am liebsten mit ihm: „Die Trauben sind sauer." Wenn nun aber irgendwo und irgendwann die Zünfte, in denen die „bürgerliche" Gesinnung aus reiner Not hauste, die aber auch gern „aus der Not eine Tugend machten", zu An- sehen und Einfluß gelangen, so daß sie schließlich in einem Gemeinwesen „den Ton angeben", so kann es nicht ausbleiben, daß ihre Sinnesart zu einer anerkannten und lobenswerten gestempelt wird. Ihr Geist wird der allgemeine Geist. Dieser Vorgang hat sich aber mit besonderer Deutlichkeit wieder in Florenz abgespielt, das eben deshalb schon im 15. Jahrhundert von Bürgerlichkeit förmlich trieft, während andere Städte (Venedig I) noch lange Zeit ihr seigneuriales Gepräge bewahren. 441 Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst Äls ich vor Iahren zum ersten Male den Versuch machte, das Problem der kapitalistischen Wirtschaft vom Mittelpunkt aus zu erörtern: das heißt als ich den kapitalistischen Geist zum Ausgangspunkt meiner Darstellung der kapitalistischen Entwicklung nahm, wurde mir nichts so sehr verdacht als gerade dies. Man warf mir einen Rückfall in „dualistische" Betrachtungsweise vor oder behauptete, ich hätte die Dinge auf den Kopf gestellt, » hätte Arsache und Wirkung verwechselt. Nicht sei der Kapitalis- mus ein Ausfluß des kapitalistischen Geistes, sondern dieser ein Ausfluß des Kapitalismus. Mit viel Geist nahm sich Mr. Simian in einer ausführlichen Kritik meiner an, die er mit den Worten schloß: „I-'espnt capitali^e ne nmt-il p38 6u cspitalisme beaucoup plutot que le cspitalisme ne nait 6e lui?"^) Das mit dieser Frage aufgeworfene Problem ist komplex und wird in seiner Gänze in der Neubearbeitung meines „Modernen Kapitalismus" erörtert werden. Äier interessiert uns nur der eine Teil des Problems, der in der ersten Äälfte jener Frage enthalten ist: entsteht nicht der kapitalistische Geist aus dem Kapitalismus? Diese Frage interessiert uns freilich in sehr hohem Maße. Denn wenn sie etwa in bejahendem Sinne beantwortet werden müßte, dann wäre der ganze Inhalt dieses Buches von Anfang bis zum siebenundzwanzigsten Kapitel unnütz, und es bliebe von ihm nichts übrig als dieses eine achtundzwanzigste Kapitel. Wir müssen uns also schon etwas eingehender mit dem Problem befassen. Zunächst ist die Fragestellung: entsteht der kapitalistische Geist aus dem Kapitalismus oder dieser aus jenem? — unklar. Kapitalismus und kapitalistischer Geist stehen überhaupt nicht im Verhältnis sich ausschließender Gegensätze zueinander, sondern 442 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände der kapitalistische Geist bildet einen Teil des Kapitalismus, wenn wir darunter (was allein einen Sinn gibt) das kapitalistische Wirtschaftssystem verstehen. Ebensowenig Berechtigung hat es also, jene Frage zu stellen, als etwa diese: entsteht die menschliche Seele aus dem Menschen oder dieser aus jener? Kapitalismus ist ja nicht da, wenn kapitalistischer Geist nicht da ist. Also muß man die Frage, um ihr überhaupt einen Sinn zu geben, anders fassen. Man muß sie in eine Form bringen, in der kapitalistischer „Geist" als ein Selbständiges erscheint, ' das nun als Bewirkendes oder Bewirktes auftreten kann. Das geschieht, wenn man dem kapitalistischen „Geist" nicht den Kapitalismus (als Ganzes), sondern den kapitalistischen „Körper" gegenüberstellt, wie ich oben schon alle diejenigen Bestandteile des kapitalistischen Wirtschaftssystems (bildhaft) bezeichnete, die nicht „Geist" sind: die also etwas außerhalb der Seele des kapitalistischen Unternehmens Befindliches darstellen: alles Organisatorische mit einem Wort: alle Beziehungen zwischen fremden Personen, alle objektivierten Ordnungen, alle institutionellen Einrichtungen; zum Beispiel: eine Fabrikanlage, ein Buch- Haltungssystem, eine Äandelsbeziehung, eine Börsenorganisation, ein Lohnverhältnis usw. Ich kann aber den kapitalistischen „Geist", wie er in einer lebendigen Person vorhanden ist oder Wurzel schlägt, auch in der Weise verselbständigen und nun wirklich dem „Kapitalismus" gegenüberstellen, wenn ich dabei an zeitlich oder räumlich getrennte Erscheinungen denke: der kapitalistische Geist, der in einer früheren Zeit zum Leben erweckt war, steht dem kapitalistischen Wirtschaftssystem von heute als ein Fremdes gegenüber; ebenso wie der kapitalistische Geist in einer Person dem „Kapitalismus", der neben ihr besteht, gegenüber etwas Selbständiges ist. And nun ist die Fragestellung statthaft: solcherweise ver- selbständigter kapitalistischer Geist kann (theoretisch) im Ver- Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst 443 hältnis von Arsache oder Wirkung zu dem andern Erscheinungs- komplex stehen. Wie werden wir nunmehr die Frage beantworten? Ist der kapitalistische Geist der Schöpfer der kapitalistischen Organisation (wohlverstanden: nicht einer andern, sondern derjenigen, in der er Hausen wird), oder entspringt der kapitalistische Geist aus der kapitalistischen Organisation? Die Frage so genau stellen, heißt sie schon beantworten: da Organisationen Menschenwerk sind, müssen der Mensch und sein „Geist", aus dem sie geboren sind, früher da sein. Das Bewirkte kann nicht dem Bewirkenden voraufgehen. Eine kapitalistische Organisation kann nicht den kapitalistischen Geist erzeugen, da man ja, wenn man das annehmen wollte, sofort fragen müßte: was denn der kapitalistischen Organisation zum Leben verholfen habe. Die Antwort: ein vorkapitalistischer Geist, würde uns nicht befriedigen. Denn wenn ein vorkapitalistischer Geist eine Organisation schafft, so kann das nie und nimmer eine kapitalistische sein. Sie kann allenfalls Züge mit einer solchen gemein haben, kann eine kapitalistoide sein. Anders liegt die Sache in dem zweiten Falle. Der Kapitalismus kann zweifellos außerhalb seiner selbst kapitalistischen Geist erzeugen. Wir brauchen uns sogar die Entfernung, aus der er wirkt, gar nicht so weit vorzustellen; es muß nur eine irgendwelche Distanz da sein: also nicht nur kann in einem Handwerker, der neben einer kapitalistischen Unternehmung seine Werkstatt hat, von dieser Nachbarschaft ein Funke kapitalistischen Geistes überspringen und kann seine Seele in Brand stecken; nicht nur kann die Gestaltung des Kapitalismus in einer Generation bildenden Einfluß auf die nächste Generation ausüben: auch innerhalb derselben Unternehmung kann das Wirtschaftssubjekt in seiner geistigen Struktur Veränderungen erfahren durch den Druck seiner eigenen Tätigkeit, unter der Einwirkung des Ablaufs seiner eigenen Geschäfte. 444 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände Wie wird nun unser Arteil lauten müssen über die tatsächliche Bedeutung des Kapitalismus als eines Bildners kapitalistischen Geistes, also über die historisch-wirklichen Einflüsse, die von dem Kapitalismus selbst ausgegangen sind; inwieweit er noch anders (in der hier beliebten bildmäßigen Form) ausgedrückt: als Quelle kapitalistischen Geistes in Betracht kommt. Da ist denn nun mit aller Entschiedenheit gegen den Gedanken Verwahrung einzulegen; der Kapitalismus selbst sei die einzige Quelle des kapitalistischen Geistes. Davon kann gar keine Rede sein. Daß erst einmal (in den Anfängen) kapitalistischer Geist vorhanden sein mußte (wenn auch in noch so embryonaler Gestalt), um eine erste kapitalistische Organisation ins Leben zu rufen, ergibt sich aus der logischen Erwägung, die wir eben angestellt haben: daß das Werk nicht vor seinem Schöpfer da sein kann. Mindestens muß also der kapitalistische Llrgeist aus andern Quellen gespeist worden sein, als dem Kapitalismus selbst. Aber noch mehr; auch als schon Kapitalismus da war, sind ganz augensichtlich andre Kräfte als nur dieser selbst mit am Werke gewesen, um kapitalistischen Geist zu erzeugen und schon vorhandenen zur Entfaltung zu bringen. Den Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung glaube ich denn doch mit diesem ganzen Buche erbracht zu haben. Oder wollte man in die abenteuerliche Vorstellung zurückverfallen: alle jene sittlichen Mächte, alle jene sozialen Amstände, die wir am Aufbau des kapitalistischen Geistes beteiligt gefunden haben, als „Ausfluß" oder „Spiegelungen" wirtschaftlicher (kapitalistischer) Verhältnisse anzusehen? Ich denke, wir sind jetzt ein Stück weiter auf dem Wege der Erkenntnis und sind durch die Fülle unseres Wissens und durch die Eindringlichkeit unserer psychologischen Analyse gefeit gegen solche aus jugendlichem Äber- schwange (wenn nicht aus verbohrter Starrsinnigkeit) geborenen Hypothesen. Nachdem wir unsere Kraft und unsern Geist seit Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst 445 Jahrzehnten darauf verwandt haben, den Knoten der historischen Zusammenhänge zu lösen, können wir nicht mehr uns damit zufrieden geben, ihn zu durchhauen. Aber diese Ansicht schließt nun ganz gewiß nicht die Überzeugung aus, daß der Kapitalismus auch an der Herausbildung der modernen Wirtschaftsgesinnung beteiligt ist. Gewiß ist er eine ihrer Quellen und gewiß nicht die schwächste. Je weiter die kapitalistische Entwicklung fortschreitet, von desto größerer Bedeutung wird sie für die Gestaltung des kapitalistischen Geistes, bis vielleicht zuletzt der Punkt erreicht wird, wo sie allein diesen bildet und formt. Diesen (bisher trotz aller großen Worte überhaupt noch nicht untersuchten) Einfluß, den der Kapitalismus selbst auf die Entwicklung des kapitalistischen Geistes ausgeübt hat, in seiner Besonderheit nachzuweisen, soll nun die Aufgabe dieses Kapitels noch sein. Mit dem Fortschreiten der kapitalistischen Entwicklung wird etwas erzeugt, das sich von den sonst produzierten Waren und Diensten dadurch vorteilhaft unterscheidet, daß es nicht vergeht, sondern sich von Generation zu Generation zu großen Massen anhäuft: Erfahrungen. Dank einer Reihe von Amständen, von denen wir mehrere kennen gelernt haben, sind Mittel ausfindig gemacht, diese Erfahrungen von der einzelnen Unternehmung abzuziehen, zu sammeln und als objektivierten Besitz zu erhalten und zu überliefern. Dieser ungeheure Erfahrungsstoff hat es ermöglicht, den ökonomischenRationalismus zur höchsten Vollendung zu bringen, wenn er benutzt wird. Daß er aber tatsächlich Anwendung findet, daß der nachgeborene Unternehmer sich tatsächlich die Erfahrungen der voraufgegangenen Geschlechter zunutze macht, dafür trägt Sorge zunächst die Zwangslage, in die das kapitalistische Wirtschaftssubjekt durch die Notwendig- 446 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände keit, Profit zu erzielen, einerseits, durch den Druck der Konkurrenz andrerseits versetzt wird. Er muß seinen Betrieb so rationell wie möglich gestalten. Aber vielleicht noch wirksamer drängt auf höchste Vollkommenheit der Wirtschaftsführung hin die dem ökonomischen Rationalismus selbst innewohnende Triebkraft, sich durchzusetzen. Hier beobachten wir einen jener seltsamen, auch in anderen Kulturkreisen sich abspielenden Vorgänge: daß ein von Menschenhand geschaffenes System zu eigenem Leben erwacht und selbstseelisch ohne und über und gegen das bewußte Eingreifen des Einzelmenschen seine Wirksamkeit entfaltet. Dieser Belebungsprozeß spielt sich etwa so ab. In dem Maße wie ökonomischer Rationalismus bedurft wurde, ist seine Erzeugung eine selbständige, Haupt- oder nebenberuflich geübte Tätigkeit geworden. Tausende und Abertausende von Menschen beschäftigen sich heute mit nichts anderem als mit der Ersinnung und Ausführung bester Methoden der Geschäftsführung. Angefangen mit den Professoren der Privatwirtschaftslehre an den Handelshochschulen bis hinunter zu dem Äeere von Bücherrevisoren, Kalkulatoren, Registratoren und Fabrikanten der vollkommensten Zahlmaschinen, Lohnberechnungsmaschinen, Schreibmaschinen, Briefordner usw. And selbst die Angestellten und Arbeiter großer Anternehmungen werden durch Prämien angereizt, sich an dieser Produktion von ökonomischem Rationalismus zu beteiligen. Damit ist natürlich eine Fülle von Interesse an der Vervollkommnung der Geschäftsmethoden geschaffen, sind ungezählte Mengen von Energien in diese Richtung geleitet worden. Für alle die an der Erzeugung von ökonomischem Rationalismus berufsmäßig beteiligten Personen wird diese Erzeugung Lebensaufgabe, Selbstzweck. Ähnlich wie wir es bei der Entwicklung der Technik beobachtet haben: man fragt nicht mehr nach dem Zweck, sondern vervollkommnet um Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst 447 der Vervollkommnung willen. Dabei geschieht es dann, genau wie bei der Entwicklung der Technik, daß der Mensch mit seinen lebendigen Interessen unberücksichtigt bleibt, wo es die Vollendung des rationalen Systemes gilt. So wächst nun also in unseren Tagen der ökonomische Rationalismus von innen heraus und vergrößert sich täglich durch eigene Kraft, selbst ohne Zutun des wirtschaftenden Menschen selbst. Dieses Wesen mit dem eigenen Leben nimmt nun der Anter- nehmer in seinen Dienst, wie er einen Direktor oder einen Arbeiter anstellt, ohne viel Äberlegung — mechanisch, noch besser: so wie er selbstverständlich sich die vollkommenste Maschine anschafft. Dieser rein mechanische Akt der Anwendung des jeweils höchst entwickelten Systems bester Geschäftsmethoden braucht nur automatisch immer wieder vollzogen zu werden, in dem Maße wie die Systeme sich vervollkommnen, um jederzeit die höchste Stufe der ökonomischen Ratio innezuhaben. Das System sitzt in dem Gehäuse der kapitalistischen Unternehmung wie ein unsichtbarer Geist: „es" rechnet, „es" führt Buch, „es" kalkuliert, „es" bestimmt die Lohnbeträge, „es" spart, „es" registriert usw. Es tritt dem Wirtschaftssubjekt mit selbstherrischer Gewalt gegenüber; es fordert von ihm; es zwingt ihn. And es rastet nicht; es wächst; es vervollkommnet sich. Es lebt sein eignes Leben. Diese Verselbständigung des ökonomischen Rationalismus: seine Summierung, Objektivierung, Mechanisierung und Automatisierung hat nun für die Ausgestaltung der Unternehmertätigkeit und damit für die Entwicklung des kapitalistischen Geistes selbst wieder weittragende Folgen. And zwar dadurch, daß der Unternehmer entlastet wird. Diese Wirkung tritt ganz deutlich ein, wenn dieser den ökonomischen Rationalismus fertig einkauft und von Äilfspersonen, die er dafür besoldet, einführen und durchführen läßt. Sie bleibt aber auch dann nicht aus, wenn er sich selbst um 448 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände diese Einführung und Durchführung kümmert, weil er die höchste Zweckmäßigkeit nicht erst durch eigenes Nachdenken ausfindig zu machen braucht, die vielmehr, wie wir wissen, aus selbständigen Lebensquellen entspringt. Erschöpfte sich früher ein großer Teil der geistigen Spannkraft des Wirtschaftsmenschen in dieser Äerausarbeitung der höchsten, ökonomischen Zweckmäßigkeit, so wird diese jetzt für andere Zwecke frei. Es vollzieht s!ch hier eine ganz seltsame Llmkehrung: auf seiner höchsten Entwicklungsstufe erzeugt der Nationalismus gleichsam aus sich selbst wieder eine Art von Traditionalismus. Werden Äirn und Zeit des modernen Wirtschaftsmenschen von der Sorge um die rationale Betriebsgestaltung — bis zu einem bestimmten Grade wenigstens — entlastet, so werden Energien freigesetzt, die für die übrige Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers: also für seine eigentliche Erwerbstätigkeit, wie wir mit einem Worte sagen können, verwendbar werden. And nun gilt es festzustellen, daß diese im engeren Sinne auf den Erwerb und die Entfaltung und Ausbildung des Geschäfts gerichteten Energien durch eine Reihe von Amständen, die der Ablauf der kapitalistischen Entwicklung selbst mit sich bringt, außerordentlich gesteigert werden. Wodurch dann jene ungeheure Spannung hervorgerufen wird, die wir als ein besonderes Kennzeichen des modernen Wirtschaftslebens, das heißt doch also: der Seele des modernen Wirtschaftsmenschen (denn wo sonst auf der Welt gäbe es „Wirtschaftsleben" ?) beobachtet haben. Die Vorgänge sind folgende. In der Seele des modernen Wirtschaftsmenschen arbeitet, wie wir wissender Drang nach dem unendlich Großen, der hin zu immer neuen Werken und immer größerem Wirken treibt. Fragen wir, woher dieser Drang kommt, so finden wir natürlich als ursprüngliche Triebkraft das Erwerbsstreben. Nicht weil es notwendig das hervorstechende Motiv in der Seele des Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst 449 Unternehmers ist. Sondern weil es sich durch die kapitalistischen Zusammenhänge dem einzelnen Unternehmer als objektiv zwingende Macht gegenüber stellt. Ich habe die Entstehung dieses Zwangs- Verhältnisses die Objektivierung des Gewinnstrebens genannt und habe gezeigt^), wie diese notwendig dadurch eintritt, daß alle erfolgreiche kapitalistische Wirtschaft Überschuß- Wirtschaft ist. Was auch der Unternehmer persönlich bezwecken möge: ob selbst in erster Linie den Gelderwerb, ob irgend etwas anderes: wie Machterweiterung, Betätigung seiner Kräfte, soziale Wohltaten: immer muß sein Unternehmen zu einem gewinnbringenden gestaltet werden, immer muß er also Profit machen wollen, wie ich das oben Seite 217 ff. dargelegt habe. In dieser erzwungenen Ausrichtung aller kapitalistischen Tätigkeit liegt die psychologische Möglichkeit des Anendlichkeitsstrebens eingeschlossen, dessen Verwirklichungsmöglichkeit wir in der Eigenart der modernen technischen Entwicklung begründet fanden. Daß nun diese Möglichkeit auch Wirklichkeit wurde, dafür sorgen eine Reihe von Umständen, von denen wir einen schon kennen: wir stellten fest, daß nach einem psychologischen Gesetz die Vermehrung des Reichtums den Drang nach immer weiterer Vermehrung aus sich heraus erzeugt. Ein anderes psychologisches Gesetz, das wir dann sich betätigen sehen, ist dieses: daß mit dem Wachsen des Aufgabenkreises (eine bestimmte Masse seelischer Energie vorausgesetzt) die Fähigkeiten und der Wille zu einer stärkeren Betätigung wachsen. Das ist, was schon in den Frühzeiten des Kapitalismus seinen Lobrednern zum Bewußtsein gekommen war, wenn zum Beispiel Alberti einmal sagt: daß in dem Unternehmer mit der Ausdehnung der Geschäfte Betriebsamkeit und Tätigkeit wachsen, wodurch sich die Gewinne von selbst vermehren ^). Nun bringt die entscheidende Wendung aber doch etwas anderes hervor, das wir beinahe wiederum als einen Objekti- Somvart, Der Bourgeois 29 459 Dritter Abschnitt: Die sozialen Amstände Vierungsvorgang bezeichnen können: auch das Streben des einzelnen Wirtschaftssubjektes nach Unendlichkeit seines Wirkens wird diesem durch die Gewalt der Tatsachen aufgezwungen, just wie vorhin das Gewinnstreben. Wir fanden bei der Analyse der Psyche des modernen Wirtschaftsmenschen (siehe Seite 219 f.) die Entschließungen des Unternehmens einer Art von psychischem Zwange unterstellt. Nun sind wir dem Ursprünge dieses Zwangs- Verhältnisses auf der Spur. Von zwei Seiten her wird innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft der Zwang ausgeübt: von der Seite der Technik und von der Seite der wirtschaftlichen Organisation selbst. Die moderne Technik wird, wie wir wissen, gekennzeichnet dadurch, daß sie alle natürlichen Schranken durchbricht, damit aber auch alle natürlichen Ausmaße bei ihrer Anwendung über den Kaufen wirft. Will der Unternehmer mit den Erfindungen der Technik Schritt halten (und daß er das wollen muß, dafür sorgt wiederum das Zwangsgesetz der Konkurrenz und des Profitmachers), so muß er auf unausgesetzte Ausweitung seines Betriebsumfanges bedacht sein. Es ist ein in der modernen Technik begründetes „Gesetz", daß jede neue Errungenschaft nur ausnutzbar wird, wenn die Masse der zur Bewältigung einer Aufgabe zusammengefaßten Produktionsmittel entsprechend vergrößert wird, wodurch natürlich auch der Umfang des Betriebes und mit diesem wieder der Umfang der Unternehmung ausgeweitet wird. Für das (dem Amfang nach) größte Unternehmen, das wir kennen: die Stahlwerke von Pittsburg, hat uns sein Begründer selber mit dürren Worten diese aus den Fortschritten der Technik sich ergebende Zwangslage als den Grund der unausgesetzten Vergrößerung angegeben. „Immer hoffen wir," sagt Carnegie^"), dessen bereits angeführte Worte wir jetzt erst verstehen, „daß wir uns nicht noch weiter auszudehnen brauchen, stets aber finden wir wieder, daß ein Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst 451 Aufschub weiterer Ausdehnung einen Rückschritt bedeuten würde, und noch heute lösen sich die aufeinanderfolgenden Verbesserungen und Erfindungen so schnell ab, daß für uns noch ebensoviel zu tun bleibt wie je." And was der technische Zwang an Freiheit übrig läßt, das nimmt der ökonomische sicher noch weg. Auch hier gilt dasselbe: der Unternehmer wird durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, das Anendliche erstreben zu wollen. Es wäre unnütz, noch mehr Worte über diesen Zusammenhang zu verlieren in einer Zeit, die im Zeichen der „Konzentrationstendenz" auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens (mit Ausnahme natürlich der Landwirtschaft) steht. Worauf es mir hier ankam, war, auch für diese bekannte Erscheinung die psychologische Verankerung aufzuweisen. Wie sich die Zwangsläufigkeit in dem Verhalten des Unternehmers hier entwickelt, zeigt uns die Beichte eines von einer seltenen Offenheit und Wahrheitsliebe beseelten Großunternehmers aus den Anfängen des deutschen Äochkapitalismus, dessen Selbstbiographie aus diesen inneren und äußeren Gründen auch sonst eine reiche Ausbeute für die Erkenntnis der sich formenden Psyche des modernen Wirtschaftsmenschen gewährt, zeigen uns die folgenden Worte des Dr. Strousberg"!), die ich deshalb noch hier mitteilen möchte: „Meine damalige Absicht war darauf beschränkt, beim Zustandebringen von Eisenbahnen mir so viel zu erwerben, daß ich mir einen größeren Grundbesitz kaufen konnte, mich dann von Geschäften zurückzuziehen und bei geeigneter Gelegenheit ein Mandat für das Abgeordnetenhaus anzunehmen und mich der parlamentarischen Tätigkeit gänzlich zu widmen. Inzwischen wurde ich durch Umstände gezwungen, mich beim Bau aktiv zu beteiligen, und von diesem Moment stellten sich ganz andere Bedingungen ein. Der Bau einer Bahn nimmt nötigerweise mehrere Jahre 29* 452 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände in Anspruch, es gibt fast keinen Bau, von dem man mit auch nur annähernder Gewißheit sagen kann, ob er Gewinn oder Verlust bringen werde, und da ist die einzige Sicherheit, mehrere Anternehmungen zu haben, damit man, da nicht alles gleichzeitig mißlingen kann, das Schlechte mit dem Guten auszugleichen vermag. Der Apparat für die Herstellung einer Bahn ist sehr groß, Kanzlei, Registratur, das technische Bureau, Rechnung und Revisionswesen können mit geringen Mehrkosten für mehrere Bahnen Dienste leisten. Alle diese Branchen bleiben nach Vollendung einer Bahn noch lange für Schlußabrechnung mit der Bahn, den Lieferanten und Subunternehmern erforderlich, selbst die leitenden Techniker sind auch nach der Vollendung des Baues nicht gut entbehrlich, weil eine Menge Fragen ohne dieselben kaum zu erledigen sind. Man kann nicht auf Eifer und Rührigkeit rechnen, wenn die Beamten nicht dauerndes Engagement in Aussicht haben. Die Gelegenheit, diesen Verhältnissen Rechnung zu tragen, bot sich von selbst an, und da ich voraussah, daß ich bei Berlin- Görlitz verlieren würde, so war es geboten, neue Geschäfte nicht auszuschlagen, dies um so mehr, als ich, wie jeder andere, damals der Überzeugung war, daß ich dadurch dem Lande die größten Dienste leistete. Ein Keil treibt in der Regel den andern, und so brachte der große Eisenbahnbau, wie ich ihn betrieb, weitere Anforderungen mit sich. Diese zu befriedigen, erweiterte ich meinen Wirkungskreis, entfernte mich immer mehr von meinem ursprünglichen Plane, und dies gewährte mir soviel Aussicht, meine Ideen für das Wohl der Arbeiter praktisch zu verwirklichen, daß ich mich nun ganz meinen Geschäften hingab." Im modernen Wirtschaftsmenschen steckt der Drang nach dem unendlich Großen; und daneben — wie man es wohl nennen kann ^ der Drang nach dem unendlich Kleinen, der sich darin äußert, daß er seine Tätigkeit so sehr wie möglich Achtundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst 4ZZ intensivieren, daß er jedes kleinste Zeitpartikelchen ausnutzen möchte, woraus jenes rasende „Tempo" des Wirtschaftslebens unserer Tage entspringt, wie wir es kennen gelernt haben. (Siehe Seite 228 f.) Wie sehr die peinliche Ausnutzung der Zeit wiederum durch die Technik ermöglicht worden ist, wie diese aber auch durch ihre Werke ein Eiltempo nahelegt, haben wir gesehen. Aber die moderne Technik erklärt nicht, warum dieses Eiltempo sich nun auch wirklich einstellt. Auch im Vatikan wird jetzt telephoniert, auch in Spanien fahren jetzt Eisenbahnen, auch in der Türkei spielt der Telegraph, aber ein Eiltempo kennen diese Stätten und Länder nicht. Dieses mußte erst in der Seele des modernen Wirtschaftsmenschen erzeugt werden, und daß es erzeugt wurde, dafür sorgte der Kapitalismus selbst. Er war es wiederum, der es den Wirtschaftssubjekten aufzwang, so daß sie nun wiederum wollen müssen. Was es ist, wodurch der Kapitalismus diesen Zwang ausübt, weiß jedes Kind: das Streben nach Beschleunigung des Kapitalumschlags ist die geheimnisvolle Macht, die hier so Wunderbares wirkt. Die Häufigkeit des Kapitalumschlags entscheidet — unter sonst gleichen Bedingungen — über die Äöhe der Preise und die Äöhe des Profits. Je häufiger ein Kapital von gegebener Größe umschlägt, desto billiger wird das Produkt, desto größer der Gesamtprofit. Der Beschleunigung des Kapitalumschlags dient aber jede Beschleunigung der Maschinen ebenso wie die Beschleunigung des Transports, wie die Beschleunigung in der Abwicklung der Kauf-- und Verkaufsgeschäfte. And in den Dienst dieses Beschleunigungsstrebens tritt die moderne Technik, die täglich neue Methoden offenbart, um den wirtschaftlichen Prozeß abermals um Sekunden abzukürzen. Also auch das „Tempo" in dem Geistesleben des modernen Wirtschaftsmenschen 454 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände wird ihm vom Kapitalismus (unter Beihilfe der Technik) abgezwungen. Er muß eilen wollen, auch wenn er nicht eilen will. Aber er will. Ebenso wie er auch nach dem Anendlichen in der Ausweitung seines Geschäftes streben will. Er will immer mehr wirtschaftliche Tätigkeit, und er will wirtschaftliche Tätigkeit in jeder Minute seines Lebens. Mit dieser Feststellung sind wir in der Erklärung der Vorgänge in der modernen Wirtschaftsseele bei dem letzten Punkte angelangt, den wir noch aufhellen müssen. Wie ist dieses möglich: daß gesunde und meist vortreffliche, überdurchschnittlich begabte Menschen so etwas wie wirtschaftliche Tätigkeit wollen können, nicht nur als eine Pflicht, nicht nur als ein notwendiges Äbel, sondern weil sie sie lieben, weil sie sich ihr mit Äerz und Geist, mit Körper und Seele ergeben haben. Am diesen rätselhaften Vorgang aufzuklären, müssen wir uns der Zustände erinnern, die wir in der Seele des Kolonisten antrafen. Wir fanden dort als den Grundzug eine tiefe Verlassenheit und sahen, wie mit innerer Notwendigkeit sich aus dieser Öde der Anternehmungsdrang und die Geschäftsraserei mit psychologischer Notwendigkeit entwickelten. In einer solchen Gemütsverfassung aber, wie die, in die der Kolonist durch äußere Amstände versetzt wird, muß der kapitalistische Anternehmer mit der Zeit gelangen, wenn jene Zwänge, die wir eben kennen gelernt haben, immer wieder auf ihn wirken. Wenn er immer wieder nichts tut, als Geschäfte machen, so muß seine Seele schließlich verdorren. Am ihn herum verödet alles, stirbt alles Leben ab, gehen alle Werte unter, entsteht schließlich eine Am- gebung, wie sie das Kolonialland von Natur aufweist. Die Heimat wird für den Anternehmer zur Fremde. Natur, Kunst, Literatur, Staat, Freunde: alles verschwindet in ein rätselhaftes Nichts für ihn, der keine „Zeit" mehr hat, sich Acktundzwanzigstes Kapitel: Der Kapitalismus selbst 45Z ihnen zu widmen. And während der Kolonist vielleicht gerade in dem Familienleben seine Seele erfrischte, brennt das Feuer des Anternehmungsdranges in unserem Unternehmer auch schließlich diese letzte grüne Stelle aus seiner Amgebung weg. Nun steht er in der Einöde und müßte zugrunde gehen, nachdem alle Werte für ihn vernichtet sind. Aber er will leben, denn er ist aus starker Lebenskraft gefügt. So muß er neue Werte sich schaffen, und diese Werte findet er — in seinem Geschäft. Er darf diese Tätigkeit nicht als sinnlos und wertlos ansehen, will er nicht den Grund, auf dem er steht, verlieren, will er nicht die letzte Lebensmöglichkeit sich selbst zerstören. Aber seltsam genug: aus dem trockenen Sande der Alltagsgeschäfte springen neue Quellen für den Verschmachtenden auf: eigenartige Reize erwachsen ihm, dem genügsam Gewordenen, aus dem Anhäufen von Gewinn an sich"2), eigenartige Reize aus der beständigen Ausweitung und Vervollkommnung des Geschäfts an sich. And fehlt es noch an Befriedigung, so verhilft jenes starke Allgemeingefühl der Begeisterung für technische Errungenschaften und der Stolz über die mächtigen Fortschritte unserer Zeit, die wir organisch aus der Entwicklung der modernen Technik emporwachsen sahen, dazu, ihm das sichere und erhebende Bewußtsein zu verleihen, am sausenden Webstuhl der Zeit für sein Teil mitzuarbeiten. Zwar ist die wirtschaftliche Tätigkeit wieder erst das Mittel, die technischen Ideen zu verwirklichen. Aber — dem großen Gesetz der Zeit folgend — wird auch dieser Widerspruch überwunden: das Mittel des Mittels wird bewertet und das Endziel — das lebendige Menschentum — darüber ganz und gar vergessen. Durch einen wundersam verwickelten Seelenprozeß ist es so weit gekommen, daß in unseren Tagen ohne Murren das Wirtschaften um des Wirtschaftens willen gepriesen wird; und dem modernen Wirtschaftsmenschen wachsen aus dieser Amkehrung 456 Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände aller Wertungen mächtige neue Anreize zur wohlgemuten Be- tätigung seiner Kräfte zu. Kein Puritcmismus hat den Unternehmer in den Strudel der besinnungslosen Geschäftigkeit hinabgezogen: der Kapitalis- mus hat es getan. Lind er hat es erst tun können, nach- dem die letzte Barriere weggerissen war, die den Unternehmer vor dem Äineinsinken in die Antiefe schützte: das religiöse Empfinden. Kein Pflichtgefühl braucht er, um diese besinnungslose Geschäftigkeit zum Lebens- inhalt zu machen: die Zeit hat ihn gelehrt, auch in der Öde sich Lebenswerte zu schaffen, indem sie diese Tätigkeit, die er ausübt, selber mit eigentümlichen Reizen umgab. Mit dieser letzten Metamorphose wird nun aber die höchste Spannung in das Wirtschaftsleben hineingetragen: nun wohnt nicht nur als treibende Kraft der erzwungene Wille in der wirtschaftlichen Welt: es wohnt die Liebe des Unternehmers selbst darin. Das Unternehmen ist seine Geliebte geworden, die er nun mit aller Inbrunst hegt und pflegt. Begreiflich, wenn nun der Prozeß abermals an Mächtigkeit gewinnt und durch seine Verstärkung und Beschleunigung abermals Anreize auf die Seele der Wirtschaftsmenschen zur letzten Anspannung ihrer Kräfte ausgeübt werden. Jetzt, denke ich, liegen die Zusammenhänge, um deren Aufhellung uns zu tun war, klar zutage: die Psyche des modernen Wirtschaftsmenschen ist uns kein Geheimnis mehr. 457 Schluß Neunundzwanzigstes Kapitel: Rückblick und Ausblick Ich kann mir denken, daß der Eindruck, den dieses Buch auf viele Leser macht, wenn sie es bis hierher durchgearbeitet haben, ein quälender ist. Das viele neue Material, die vielen neuen Gesichtspunkte und Fragestellungen, unter denen dieses Material verarbeitet worden ist, müssen zunächst ein Gefühl der Anruhe und Anbehaglichkeit erzeugen, das immer quälend ist. Anruhig bei der Erörterung wissenschaftlicher Probleme werden wir immer, wenn wir gleichsam den Grund unter den Füßen zu verlieren scheinen, und das tun wir in dem Augen- blick, in dem uns eine bequeme Formel, unter die wir die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen geordnet hatten, weg- genommen, entwertet wird. Dann glauben wir zunächst in dem Stoffe ertrinken zu müssen, bis wir irgendwo wieder festen Fuß fassen oder — schwimmen lernen. Mit den das Wesen und die Genesis des kapitalistischen Geistes erklärenden Formeln hat nun freilich dieses Buch gründlich aufgeräumt. Ganz zu schweigen von den simplifizierenden Schlagworten, die in der sozialistischen Literatur das Kapitel vom „Bourgeois" erfüllen: auch so geistreiche Hypothesen, wie die Max Webers, lassen sich nicht aufrecht erhalten. And weil ich selbst keine Formeln an die Stelle der früheren setzen kann, so werden viele das Buch unbefriedigt aus der Äand legen. Ist das Buch darum wertlos? Ein geistreicher Mann hat den Ausspruch getan: nur das ist ein gutes Buch, dessen Inhalt man in einem Satze angeben kann. Das kann ich nun freilich nicht. Es sei denn, der Satz dürfte lauten: das Problem 458 Schluß des kapitalistischen Geistes: seines Wesens und seiner Entstehung ist außerordentlich komplex, unendlich komplexer, als man bisher angenommen hat, als ich selbst geglaubt habe. Aber trotzdem das Ergebnis dieser Untersuchungen nur dieses sein kann: die Einsicht in das Problematische unseres Themas vermehrt zu haben, so möchte ich doch in diesen letzten Zeilen selbst noch etwas dazu tun, um jene Anruhe und An- befriedigung, in die ich den Leser vielleicht versetzt habe, zu bannen oder doch wenigstens zu verringern. Indem ich ihm zwar nicht eine einfache Formel in die Äand gebe, die ihn des weiteren Studiums überhebt, aber doch eine Art von Kartenbild aufzeichne, mit dessen Äilfe er sich vielleicht besser in der Fülle des Stoffes zurechtfinden kann. Was insbesondere Anbefriedigung zu erzeugen geeignet ist, ist die Vielheit der Arsachen, die ich für die Entstehung des kapitalistischen Geistes verantwortlich gemacht habe. Das ist mir von einsichtsvollen Beurteilern schon auf Grund meiner früheren Antersuchungen nahe gelegt worden: doch den Versuch zu machen, gleichsam eine Hierarchie der Lirsachen herzustellen, das heißt: nicht es dabei bewenden zu lassen, viele Ursachen einfach aufzuzählen, die sämtlich bei der Gestaltung eines bestimmten historischen Phänomens mitgewirkt haben, sondern anzugeben, in welchem Verhältnis der Aber- und Unterordnung diese Arsachen zueinander stehen. Nun scheint es mir aber einstweilen ein ganz aussichtsloses Beginnen, diese Ordnung in der Weise vorzunehmen, daß man sämtliche wirkenden Ursachen auf eine Grundursache, eine causa causans, zurückführt. Daß ein solches Unterfangen etwa im Sinne der materialistischen Geschichtsausfassung (in ihrer starren Anwendung) beim heutigen Stande unseres Wissens unmöglich ist, habe ich im Verlauf dieser Darstellung bei verschiedener Gelegenheit an der Äand von Tatsachen nachzuweisen Neunundzwanzigstes Kapitel: Rückblick und Ausblick 459 versucht. Der streng ökonomischen Kausalerklärung eine andere einheitliche Deutung gegenüberzustellen, fühle ich mich außerstande, so daß ich mich, wenn ich dem Bedürfnisse nach hierarchischer Anordnung der mannigfachen Einzelursachen gerecht werden will, damit begnügen muß, die Gesamtheit der wirkenden Amstände zu einem einheitlichen Ganzen geschichtlichen Geschehens zusammenzufassen, in dem zwar einzelne der aufgeführten Arsachen über- und untergeordnet, andere wiederum nebengeordnet erscheinen. Diese nebengeordneten Arsachen sind dasjenige, was man auch als die „zufälligen" Ereignisse bezeichnen kann, die aber doch für das Zustandekommen des Gesamtergebnisses nicht minder notwendig waren als die notwendigen, das heißt die aus gegebenen Voraussetzungen mit Notwendigkeit sich ergebenden. Das Bild, das wir dann vom Wesen und Werden des Bourgeois erhalten, ist folgendes: Die Grundlage aller Entwicklung, die wir als eine einmal gegebene und alles Geschehen in seiner Besonderheit letztlich bestimmende ansehen müssen, ist die in der Veranlagung ihrer einzelnen Glieder und in ihrer Zusammensetzung einzigartige Völkergruppe, die die europäische Geschichte seit dem Untergänge des römischen Reiches gemacht hat. In diesen Völkern finden wir von ihrem Auftreten an zwei mächtig wirkende Triebkräfte lebendig: die Sucht nach dem Golde und den Anter- nehmungsgeist, die sich bald miteinander verbinden. Aus dieser Verbindung entstehen in der Äeimat mächtige Organe: wirtschaftlicher und anderer Natur, entsteht vor allem auch der moderne Staat und mit ihm das wichtige Förderungsmittel des kapitalistischen Geistes: das Ketzertum, das aber zur Voraussetzung noch eine andere Grundeigenart der europäischen Volksseele hat: ihr stark religiöses Bedürfnis. Dieselben Triebkräfte treiben die Völker zu Eroberungen 460 Schluß und Unternehmungen auch in die Fremde: hier erschließen sich ihnen ungeahnt reiche Läger an Edelmetallen, die ihren Unternehmungsgeist und ihren Golddurst von neuem beleben; hier entstehen Kolonien, die abermals Pflanzstätten kapitalistischen Geistes werden. War der Unternehmungsgeist zunächst bei den Herren vor allem rege gewesen, und hatte er dadurch eine gewaltsame Färbung angenommen, so verbreitet sich mit der Zeit in den breiteren Volksschichten das Bestreben, auf eine andere Weise durch wirtschaftliche Unternehmungen zu Gelde zu gelangen: ohne Anwendung von Gewalt auf dem friedlichen Wege des VerHandelns. And es erwächst die Einsicht, daß bei diesem Unterfangen wesentliche Dienste die Betätigung eines haushälterischen Geistes zu leisten vermöge, eines Geistes, der spart und rechnet. Kam dieses bürgerliche Händlertum, das mittels der gekennzeichneten friedlichen Methode sich durchzusetzen versuchte, mit der Zeit bei allen Völkern allmählich zur Geltung, so waren es einige Volksstämme, in denen es von Anbeginn an der allgemeine Geist zu rascher und ausschließlicher Entwicklung brachte. Diese Volksstämme sind die Etrusker, die Friesen und die Juden, deren Einfluß an Bedeutung zunimmt, je mehr sich die Seelenstruktur des kapitalistischen Unternehmers in der Richtung des bürgerlichen Händlers wandelt. Gehen in den Anfängen der Entwicklung die verschiedenen Ströme nebeneinander her, so vereinigen sie sich im weiteren Verlaufe: in dem kapitalistischen Unternehmer fließen der Held, der Händler und der Bürger zusammen. Der Strom nimmt aber, je weiter er zu Tale geht, immer mehr die Farbe des bürgerlichen Händlers an, das Heldenhafte verschwindet immer mehr. Hierzu haben eine Reihe von Ursachen beigetragen; im einzelnen: die Entwicklung des Berufsheeres; die Autorität der Neunundzwanzigstes Kapitel: Rückblick und Ausblick 461 sittlichen Mächte, namentlich der Religion, die sich die Pflege gerade des friedlichen Bürgers angelegen sein lassen, und nicht zuletzt die Blutmischung, die das Äändlerblut die Äberhand gewinnen läßt. Im ganzen: die simple Tatsache, daß Heldentum nur bei wenigen ist, und daß eine Institution, die sich zu einer allgemeinen ausbildet, notwendig auf den der Masse eigenen Instinkten und Fähigkeiten sich aufbauen muß. Die Entwicklung des kapitalistischen Geistes geht nun weiter ihren Weg, auf dem wir deutlich zwei Etappen unterscheiden können: bis zum Ende etwa des 18. Jahrhunderts und seitdem bis heute. In jener ersten Epoche, die das Zeitalter des Frühkapitalismus umfaßt, trägt der kapitalistische Geist einen wesentlich gebundenen, in der zweiten einen wesentlich freien Charakter. Gebunden wurde er durch Sitte und Sittlichkeit, wie sie vor allem die christlichen Konfessionen lehrten. In der auf Erzielung von Gewinn ausgerichteten kapitalistischen Anternehmung liegen immanent ihrem Wesen eingeschlossen die Tendenzen zur Entfaltung eines grenzenlosen und rücksichtslosen Erwerbes. Daß diese Tendenzen zur Entfaltung gekommen sind, haben vornehmlich folgende Amstände veranlaßt: 1. die aus den Tiefen des germanisch-romanischen Geistes geborene Wissenschaft der Natur, die die moderne Technik ermöglicht hat; 2. die aus dem jüdischen Geiste geschaffene Börse. Erst die Vereinigung der modernen Technik mit der modernen Börse gab die äußeren Formen ab, in denen sich das Anendlichkeitsstreben des kapitalistischen Erwerbes verwirklichen konnte. Eine starke Unterstützung fand dieser Emanzipationsprozeß: 3. in dem Einfluß, den seit dem 17. Jahrhundert das Judentum auf das europäische Wirtschaftsleben auszuüben beginnt. Dieses drängte seiner Veranlagung nach auf schrankenlose und grenzenlose Betätigung des Erwerbsstrebens und wurde bei 462 Schluß diesem Streben durch seine Religion nicht gehindert, sondern unterstützt. Die Juden haben bei der Entstehung des modernen Kapitalismus wie ein katalytischer Stoff gewirkt. 4. wurden die Bindungen, die dem kapitalistischen Geiste in der Frühepoche seiner Entwicklung von Sitte und Sittlichkeit angelegt waren, gelockert durch die Abschwächung der religiösen Gefühle bei den christlichen Völkern und sie wurden 5. völlig gelöst durch die Zerreißung aller Bande in der Fremde, in die die Emigrierungen und die Auswanderung gerade die tüchtigsten Wirtschaftssubjekte geführt haben. And so wuchs der Kapitalismus und wuchs. 5 5 5 Nun rast der Riese fessellos durch die Lande, alles nieder- rennend, was sich ihm in den Weg stellt. Was wird die Zukunft bringen? Wer der Meinung ist, daß der Riese Kapitalismus Natur und Menschen zerstört, wird hoffen, daß man ihn fesseln und wieder in die Schranken zurückführen könne, aus denen er aus- gebrochen ist. And man hat dann gedacht, ihn mit ethischen Näsonnements zu Vernunft zubringen. Mir scheint, solche Versuche werden kläglich scheitern müssen. Er, der die eisernen Ketten der ältesten Religionen zersprengt hat, wird sich gewiß nicht mit den Seidenfäden einer weimarisch - königsbergischen Weisheitslehre binden lassen. Das einzige, was man, solange des Niesen Kraft ungebrochen ist, tun kann, ist Schutzvorkehrungen zu treffen zur Sicherung von Leib und Leben, Äab und Gut. Feuereimer aufstellen in Gestalt von Arbeiterschutzgesetzen, Keimatschutzgesetzen und Ähnlichem und ihre Bedienung einer wohlorganisierten Mannschaft übertragen, damit sie den Brand lösche, der in die umfriedeten Äütten unserer Kultur geschleudert wird. Neunundzwanzigstes Kapitel: Rückblick und Ausblick 46Z Wird aber sein Nasen ewig währen? Wird er sich nicht müde rennen? Ich glaube, er wird es tun. Ich glaube, daß in der Natur des kapitalistischen Geistes selbst eine Tendenz liegt, die ihn von innen heraus zu zersetzen und zu ertöten trachtet. Wir sind selbst schon an verschiedenen Stellen unseres Weges solchen Zusammenbrüchen des kapitalistischen Geistes begegnet: im 16. Jahrhundert in Deutschland und Italien, im 17. Jahrhundert in Holland und Frankreich, im 19. Jahrhundert (in der Gegenwart) in England. Mögen auch zum Teil bei diesen Kollapsen besondere Amstände mitgewirkt haben: zum guten Teil war es die allem kapitalistischen Geiste immanente Tendenz, die die Wandlungen bewirkt hat, und die wir auch in Zukunft weiter wirkend uns vorstellen müssen. Was den Unternehmungsgeist, ohne den der kapitalistische Geist nicht bestehen kann, immer gebrochen hat, war das Verflachen in ein sattes Nentnertum oder die Annahme seigneurialer Allüren. Der Bourgeois verfettet in dem Maße, wie er reicher wird und sich gewöhnt, seinen Reichtum in Nentenform zu nützen, gleichzeitig aber auch sich dem Luxus zu ergeben und das Leben eines Landgentleman zu führen. Sollten diese Mächte, die wir so oft am Werke sahen, in Zukunft nicht wirksam bleiben? Es wäre seltsam. Aber in unserer Zeit wird dem kapitalistischen Geiste noch von einer anderen Seite her der Lebensfaden abgebunden: durch die zunehmende Verbureaukratisierung unserer Unternehmungen. Was der Rentner noch übrig läßt, nimmt der Bureaukrat weg. Denn in einem regelrechten bureaukratischen Niesenbetriebe, in dem nicht nur der ökonomische Rationalismus, sondern auch der Unternehmungsgeist mechanisiert ist, bleibt für den kapitalistischen Geist kein Raum mehr. Wahrscheinlich wird ihm aber auch noch von einer dritten Stelle aus zu Leibe gegangen werden: mit fortschreitender 464 Schluß „Kultur" nehmen die Geburtenziffer und schließlich auch der Geburtenüberschuß mit zwingender Notwendigkeit ab. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Keine I-ex ?opp3ea, kein nationaler, kein religiöser Enthusiasmus, keine Tendenzdramen vermögen diesen Prozeß aufzuhalten. Mit dem Abnehmen des Geburtenüberschusses geht aber dem Kapitalismus der Atem aus: denn nur die rasende Bevölkerungsvermehrung der letzten hundert Jahre hat es ihm möglich gemacht, sich zu solcher Größe und Mächtigkeit auszuwachsen. Was kommen wird, wenn einmal der kapitalistische Geist aufgehört haben wird, seine jetzige Spannkraft zu besitzen, geht uns hier nichts an. Vielleicht wird der Niese dann, wenn er blind geworden ist, dazu abgerichtet, einen demokratischen Kultur- karren zu ziehen. Vielleicht auch ist es die Götterdämmerung. Das Gold wird dem Nheinstrom zurückgegeben. Wer weiß es? 467 Vorbemerkung Eine Literatur, die sich mit dem in diesem Buche behandelten Probleme beschäftigt, gibt es kaum. Zu nennen sind die Kritiken, die sich mit den einschlägigen Kapiteln meines „Modernen Kapitalismus" (1902) auseinandersetzen, und die ich gelegentlich anführen werde. Außer mir hat nur Max Weber in seinen Aufsätzen „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" (im Archiv für Sozialwissenschast und Sozialpolitik Band 21 ff.) das Thema selbständig behandelt. An diese Arbeit schließen sich dann wieder eine Reihe kritischer Auslassungen. Sonst ist jede Darstellung, wie die hier gegebene, fast ausschließlich auf die Benutzung der Quellen angewiesen. Äber deren Natur und Erkenntniswert will ich folgendes im vorhinein bemerken. Die Quellen zur Erschließung des Geistes im Wirtschaftsleben fließen für jeden, dessen Auge erst einmal geöffnet ist für das Problem, reichlich. Es sind auch hier unmittelbare und mittelbare Erkenntnisquellen. Unmittelbare Erfahrung vom wirtschaftlichen Geist übermitteln uns die wirtschaftenden Menschen selbst durch ihre Äußerungen, die natürlich auf ihren Erkenntniswert hin zu prüfen sind und aus denen — unnütz es besonders hervorzuheben — oft genug das Gegenteil abzulesen ist von dem, was geäußert wird. Solche (1.) Selbstzeugnisse können gelegentlicher Natur sein: Gespräche, schriftliche Mitteilungen usw., oder sie sind systematisch geordnet: in Selbstbiographien, Testamenten, „Reflexionen" und Ähnlichem. Aber viel zahlreicher sind die Möglichkeiten, auf Amwegen Einblicke in die Psyche des Wirtschaftenden zu gewinnen. Diese Möglichkeiten können wir also als mittelbare Erkenntnisquellen zusammenfassen. Hier kommen in Betracht: 2. Die „Werke" der Wirtschaftenden im weitesten Sinne; in denen sich also gleichsam ihr Geist „niedergeschlagen" hat. Ich denke an allgemeine Organisationen, die sie schaffen: Dorfanlagen, Fabrikbetriebe, Verkehrsunternehmungen; an technische Werke: Einrichtung von Werkstätten, Gestaltung der Arbeitsmittel, Anlage von Eisenbahnen, von Bewässerungen, von Kanälen und Häfen usw.; an besondere Einrichtungen zur Durchführung wirtschaftlicher Zwecke: das Rechnungswesen, Wohlfahrtseinrichtungen; an das Tempo der 30' 468 Quellenbelege Entwicklung, an den Rhythmus des Wirtschaftslebens: rasche Neugestaltung, rasche Ausdehnung des Wirtschaftskörpers und Ähnliches mehr. 3. Rechtsnormen: Bestimmungen über das Recht der freien Selbstbestimmung, über Konkurrenz, über Reklame, über Preisbildung, über Zinsnehmen usw. usw. 4. Sittenlehren: religiösen oder weltlichen Ursprungs. Zu ihnen kann man auch zählen alle kritischen Äußerungen: Satiren, Kampfes- schristen, Reformvorschläge usw. 5. Zeitspiegelungen: in der öffentlichen Meinung: z. B. Geltung der verschiedenen Berufe (Handel I) bei der Gesamtheit oder innerhalb bestimmter Klassen (Stellung des Adels zum Erwerb!); in Literatur, Kunst und Wissenschaft: Darstellung von Typen, Artbeschaffenheit der beliebten „Richtungen". 6. Soziale Stellung der einzelnen Gruppen der Bevölkerung zueinander: friedliches Zusammenleben, feindliche Haltung (etwa der Arbeiter zu den Unternehmern), patriarchalische Beziehung, geschäftliche Regelung. 7. Die Gestaltung der Politik, in der die Wirtschaftsgesinnung der einzelnen sich ausstrahlt: Machtpolitik oder Freihandel und dergleichen. Daß der Erkenntniswert der aus diesen Quellen zu entnehmenden Zeugnisse ein sehr verschiedener ist, leuchtet ohne weiteres ein. Die Selbstzeugnisse (1.) sind vor allem sehr selten und schon deshalb nicht sehr ergiebig. Sie können freilich unter Amständen von ganz großer Bedeutung für das richtige Verstehen eines Zustandes werden. Meist muß man freilich zwischen den Zeilen lesen. Das gilt insbesondere bei allen systematischen Äußerungen der gedachten Art. In den Selbstbiographien oder Memoiren etwa hervorragender Wirtschastsmenschen (deren es namentlich in unserer Zeit eine ganze Reihe gibt) stellen sich die Verfasser natürlich immer als ganz selbstlose, nur dem Gemeinwohl dienende Menschen hin, denen Geldverdienen ganz fern gelegen hat (was man ihnen sogar manchmal glauben darf, wenn es sich um Reichtumsübersättigte handelt, um Leute wie Rockefeller, Carnegie, W. v. Siemens, W. Rathenau, von denen wir Memoiren besitzen). Manche sind auch ehrlich gegen sich selbst, und die geben uns natürlich die besten Aufschlüsse. Ich denke an Quellenbelege 469 Selbstbiographien wie die von Strousberg. Zu berücksichtigen ist auch der Amstand, daß wir solche systematische Selbstzeugnisse meist nur von ganz hervorragenden Menschen haben, deren Überlebensgroße also auf das Durchschnittsmaß zurückzuführen ist, wenn wir ihre Leistungen und Ansichten verallgemeinern wollen. Von den übrigen Quellen sind die zuverlässigsten die „Werke" der Wirtschastssubjekte (2.). Sie lügen wenigstens niemals. Die unter 3 und 4 genannten Quellen sind sehr wichtig, aber besonders gefährlich zu benutzen, so daß es Forscher gibt, die sie überhaupt als Erkenntnisquelle für eine bestimmte tatsächliche Gestaltung der Dinge, hier also des „Geistes" einer Zeit, nicht gelten lassen wollen. So haben mir seinerzeit viele Kritiker zum Vorwurf gemacht, daß ich die Zdeenrichtung des mittelalterlichen Handwerkers aus Zunftordnungen oder auch aus Kritiken und Reformvorschlägen, wie etwa der Reform Kaiser Sigismunds, habe abnehmen wollen. Ich bemerke deshalb noch folgendes zu dieser Art Quellen und ihrer Verwendbarkeit: Der Fehler, der häufig begangen wird, ist nicht der, daß man aus jenen Quellen Erkenntnis schöpfen will, sondern daß man falsche Erkenntnis schöpfen will. Man wird auch nicht aus dem Strafgesetzbuch sich über die Verbreitung und die Arten des Diebstahls, aus der Gewerbeordnung nicht sich über die Gestaltung der Arbeiterverhältnisse in der Gegenwart unterrichten wollen. Aber was man aus ihnen sehr wohl lernen kann, ist die unsere Zeit beherrschende Durchschnittsauffassung von Diebstahl und Arbeiterschutz. Natürlich kann die in der Gesetzgebung niedergelegte oder m einer Streitschriftenliteratur (sür die ähnliche Regeln gelten) ausgesprochene Ansicht „veraltet" sein und nicht mehr dem „Zeitgeist" entsprechen. Dann wird man das festzustellen haben. Vor allem an der Äand der gegnerischen Äußerungen. Ein nicht allzu dummer Geschichtsschreiber unserer Zeit wird aus der Mittelstandsliteratur zwar entnehmen müssen, daß in Deutschland noch eine beträchtliche Menge Menschen in handwerksmäßigem Geiste denkt, wird aber feststellen müssen, daß die Grundauffassung unserer Zeit, wie sie in der maßgebenden Literatur zutage tritt, wie sie sich schließlich in Gesetzgebung und Verwaltung bestimmend durchsetzt, eine andere, kapitalistische war. Umgekehrt wird unser Arteil über den „Geist", der das mittelalterliche 470 Quellenbelege Wirtschaftsleben beherrschte, lauten müssen: zwar gab es gewiß täglich unzählige Handlungen und Gedanken, die gegen die handwerksmäßige Auffassung, wie sie die Sittennormen fordern und die Rechtsnormen festlegen, verstießen; ja gegen das Ende des Mittelalters werden sie sich gehäuft haben. Aber sie waren doch eben Verstöße. And der „Zeitgeist" (5.) verdammte sie. Der Zeitgeist empfand sie als Verstöße. And niemand wagte, diese Verstöße zu rechtfertigen. Oder gibt es eine einzige maßgebende Auslassung während des ganzen Mittelalters, die das Ote toi que je m'zs mette - Prinzip, die die individuelle Selbstverantwortlichkeit, die das unbeschränkte Gewinnstreben zu verteidigen gewagt hätten? 1) »Oivitiae comparantur a6 oeconomicam non sicut iinis ulti- MU8, secl sicut instrumenta quaeäsm, ut clicitur in I. Pol. finis autem ultimus oeconomice est totum bene vivere secunclum clo- mesticam conversationem.« 8. I'nom. 8. tn. 11-^ 11^ qu. 50 a. 3. 2) Die Äauptstelle lautet bei S. Thomas in der Summa theol. M qu. N8 art. I in der Fassung der neuen Ausgabe der gesamten Werke (Komas 1886), nach der ich immer zitiere, im ganzen wie folgt: »konÄ exterioranabentrationem utiliumaci kinem,—: I^ncle necesse est, quoc! bonum nominis circa ea consistat in quarrn mensura: ctum scilicet nomo secun6um aliquam mensuram quaerit kabere exteriores äivitigs, prout sunt n e c e s s a r i a a 6 v i t Ä m eius secunäum suam con6itionem. ticl icleo in excessu nuius mensurae consistit peccatum: cium scilicet aliquis supra 6ebitum moclum vult acquirere vel retinere. ()uoä oertinet ac! rationem ÄvsritiÄe quae äekinitur esse immoäeratus amor ligbencli.« Von dem Glossator Card. Caietanus werden diese Leitsätze verteidigt und wie folgt erklärt: »appellaticme vitae intelliZe non solum cibam et potum, seä c>uaecunc>ue opportune commocla et clelectabilia, salvÄ koneswte.« 3) Vgl., was ich in meinem „Luxus und Kapitalismus" (1913), S. 102 ff. zur Charakterisierung seigneurialer Lebensführung gesagt habe. 4) I preti . . »voZliono tutti sopraswre aZIi altri o!i oomps e ostentatione, vo^Iiono molto numero 6i Amssissime e ornatissime cavslcature, vo^liono uscire in oubblico con molto exercitio äi Quellenbelege 471 manAiatori, et insieme knno cii cZi in äl vo^Iie per troppc» otic» et per poca virtü lascivissime, temerarie, inconsulte. ^'quali, perckie pur Zli soppeäita et Lvminigtra la kortuna, 8c>no incon- tentissimi, e 8en^a ri8parmic> o masseri^ia, 8ow cursno 8ati8- wre a'8uc>i incitati appetiti . . . 8empre l'entrata manca et piü 8c>nc> le 8pese cnel'orclin3rie8uericcne?^e. L e äe^no ZracZc», 8ono inumani, tenaci88imi, tarcki, m>8erimi.« Alberti, vella kam., 2ö5. 5) Willy Boehm, Friedrich Reisers Reformation des K. Sigismund (1876), S. 218; vgl. S. 45 f. Dazu jetzt Carl Koehne, Zur sogenannten Reformation K. Sigismunds im Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde Bd. 31 (1905), -keft 1. Die Einwendungen, die K. gegen mich und meine Verwendung des Zitats aus dein genannten Werke macht, erledigen sich, glaube ich, durch meine Vorbemerkung zu diesen Quellennachweisen. 6) Keutgen, Ämter und Zünfte (1903), 84. 7) Siehe z. B. C. Sattler, Handelsrechnungen des deutschen Ordens (1887), 8, oder die Einleitung Koppmanns zu Tölners Äandlungsbuch in den Geschichtsquellen der Stadt Rostock 1 (1885), XVIII f., oder die Steuerlisten für Paris aus dem Jahre 1292, die Geraud herausgegeben hat (Loll. 6es 6oc. ineä. 8. I t. VIII 1837) »I.A plupart 6e8 g6clition8 8vnt inexacte8«: p. V. 8) Dieser Vorwurf trifft selbst noch Pegolotti (14. 8c.) und Azzano (15.8c.). In den von mir an anderer Stelle mitgeteilten Spesenberechnungen, z. B. der für den Bezug englischer Wollen, wird ganz kaltlächelnd gelegentlich mit einer anderen Grundziffer weitergerechnet als angefangen war. 9) L>. P eetz, Volkswissenschaftl. Studien (1885), 186 ff. 10) A. Vierkandt, Die Stetigkeit im Kulturwandel (1908), 103 ff., wo viele feinsinnige Bemerkungen zu dem Thema des „Traditionalismus" gemacht werden. Begreiflicherweise besteht eine ziemlich weitgehende Parallelität zwischen der Psyche des vorkapitalistischen europäischen Menschen und der der „Naturvölker"; siehe ebenda S. 120 ff. 472 Quellenbelege 11) F. Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. 2. Aufl. 1912. S. 112 f. 12) A. Vierkandt, a. a. O. S. 105. 13) Äans von Wolzogen, Einleitung zur Edda (Reclam- Ausgabe S. 280 f.). Seiner Äbersetzung sind auch die im Text zitierten Stellen aus der Edda entnommen. 14) Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit 1°, 184 ff. 15) Luschin von Ebengreuth, Allgemeine Münzkunde (1904), S. 139. 15a) Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben 2, 377. 16) Levasseur, «ist. 6e I'inäustrie etc. 1^ 200. 17) Davidsohn, Geschichte von Florenz '. (1896), 762, wo zahlreiche Quellenbelege mitgeteilt sind; „von diesem Schatzsystem (liegen) in dem Jahrhundert von 1021 bis 1119 viele Beweise vor". 18) Davilliers, l_'c>rkevrerie et les ^rts ciecoratiis en Hs- paZne zitiert bei Baudrillart, Hist. 6u I_uxe 4^, 217. Vgl. noch So et beer im 57. Ergänzungshest zu Petermanns Mitteilungen, S. 21. 19) Brückner, Finanzgeschichtl. Studien S. 73: Schurtz, Entstehungsgeschichte des Geldes (1898), 120. 20) »quo<1 seilicet quiciam clericorum et iaicorum ... in tantam turpissimi lucri radiern exarserint, ut multipliciduL atque innumeris usurarum Zeneribus . . pauperes Lnristi akkliZant. .« Ami et, Die franz. u. lomb. Geldwucherer der M. A. (Jahrb. f. schweiz. Gesch. Bd. l. S. 183). Quelle? 21) »Uranc» in lui alcuni vitü e in prima quellc» uno, quasi in tutti e preti cornmune e notissimc», era cupiciissimo <1ei äanaio, tanto cne o^ni cosa apresso cii lui era 6a venäere. molti clis- correano infam! siinoniaci, barattieri e artekici cl'vAni lalsita e trauäe.« Alberti, l^iori äella karniAlia, 263. 22) Zahlreiche aus die Geldsucht bezügliche Dichterstellen aus dem 13. Jahrhundert stellt zusammen E. Michael, Geschichte des deutschen Volkes (1897), 139 ff. 23) HeAnat avaritia re^nant et avari Quellenbelege 473 ^Vlultum babet oneris clo, clas, clecb, ciare: verbum koc prae ceteris norunt iAnorare cbvites, quos poteris mari comparare.« Larmina kurana n. I.XVII; bei Michael, a. a. O. S. 142. 24) Michael, Gesch. d. deutschen Volkes 1», 142 f. 25) »nimium sunt acl querenciam pecuniam solliciti et attenti, ut in eis qualiter cbci possit: semper arclet ai'6or babencii et illucl: o procli^a rerum luxuries! nuiiquam parvo contenta paratis et cmaesitorum terra pelaZoque ciborum ambitiosa kames.« In den mir bekannten Drucken der Oescr. t^Ior., auch neuerdings in der Wiedergabe bei C. Frey, bo^Zia äei I^an-i, ist das Zitat verstümmelt, ohne daß von den Herausgebern gesagt wäre, ob die Handschriften selbst die Verstümmelung enthalten. Die Verse sind aus Luc ans Pharsalia, lib. IV, V. 373—376, entnommen. Ich habe danach den Text verbessert. 25 a) He^ola clel Aoverno cb cura familiäre, 128; zitiert bei Cesare Guasti, 8er I_apo Na--ei l (1880), LXV. 26) »ken ciico cbe mi sarebbe caro lasciare e miei ricbi et kortunati cbe poveri.« Oella fami^Iia, e6. Q i r. ^Viancini (I9V8), 3ö; ci. p. 132. »Lonviensi a^unque si cb'e beni ciella kortuna sieno Ziunti alla virtü et cbe la virtü pren6e que' suoi ciecenti orna- menti, quali ZiKicile possono asse^uirsi sen^a copia et arkluen^ia cii que' beni quali altri cbiamano fraZili et ca6ucbi, altri Zli appella conmocb et utili a virtü:« I. c. p. 25V. »Lki non ä provato, cmanto sia cluolo et kallace a' biso^ni anciare pelle merce altrui, non sa quanto sia utile il danaio . . . cbi vive povero, b^Iiuoli miei, in questo moncio sokkera molte necessita et molti stenti: et me^Iio iorse sara morire cbe stentancio vivere in miseria. . .« Wahr ist das Sprichwort: »Lki non truova il cianaio nella sua scarseba, molto manco il trovera in quella ci'altrui:« p. 15V. »Le riccke^e per cie quali quasi ciascuno imprima se exercita:« p. 131; »Li inZinoccbiamo et pre^amo Iciio cbe. . . a me liesse ricke^a.:« p. 2V8. »Xon patisce la terra nostra cbe cle' suoi alcuno cresca troppo nelle vittorie clell' arm! . . . >Ie ancke 1a la 474 Quellenbelege terra nostra troppc» preZIo cZe'IicterÄt!, an^i e piü tosto tucta 8tu- ciiosa al ^uaclassno et alle ricne^a. O questo cne Ic> clis il pzese o pure la natura et consuetuäine äe' pagsati, tutti pare crescano aI>Ä inäugtria clel ZusclaAno, c»Ani rassionÄmento p^re 8enta clelw masseritia, ossni pensiero s'srMmenta s Aua^Ä^nare, »An! arte 8i 8twcna in con^reZare malte ricrie^e:« p. 37. 27) Zitiert bei Al. v. Humboldt, Examen cntique cle I'ni8tciire cle la (ZevArapnie ciu nouvesu continent 2 (1837), 4V. 28) In der Einleitung zu einem Landwirtschaftsbuche (Vinc. Tanara, I^'econornia 6e> citta^inc» in Villa 1648) heißt es: »l^'sviclc) e 8trenato Ze8io cl'ÄMmas8ar riccne^^e, il quäl 6a niuna meta a circon8c!ttc», sn^i non altrimenti cne o8t!nata palma tanto 8'ÄV2N?3 qu3nto quelle 8'ÄUmenlRNrc> es8ere kä, cne non riparino a l?38se^a, ne Ä mi3eria ne 36 inkamia alcuna kacen6c>8i tuttc» lecitv per acqui3tare kacolta . .« 29) Siehe z. B. das schnurrige Buch von Alr. Gebhardt, Von der Kunst reich zu werden. Augsburg 1656. Dessen Verfasser verachtet zwar persönlich Geld und Gut; aber die ganze Haltung, die er in dem Buche annimmt (wie auch schon der Titel!), lassen darauf schließen, daß er tauben Ohren predigte, wenn er nachzuweisen versucht, daß der wahre Reichtum in einer guten Eeistes- und Herzensbildung bestehe. 30) Alberti, Dells kami^lia, 137. 31) Vinc. Tanara, 1.'ecc>nc>mia clel cittaciino in Villa, (1648) I. 32) Herausgegeben von W. Arnold in der Bibl. des Literar. Vereins zu Stuttgart 43 (1857), 101. Für die spätere Zeit (um 1400): Chron. Ioh. Rothe aus Creutzburg, herausgegeben von Karl Bartsch, Mittelenglijche Gedichte 1860. 33) Ah land. Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder I (1844), 339. 34) H.Kopp, Die Alchemie l (1886), 12. Eine gute Ergänzung zu dem Koppschen Werke bildet das Buch von Schmied er, Geschichte der Alchymie 1832, weil Schm. selbst noch gläubig war und uns deshalb wertvolle Einblicke in die psychologischen Hergänge der Adeptenseelen liefert. Quellenbelege 475 35) Deutsche Übersetzung aus dem Lxamen alckemisticum des pantaleon bei Kopp l, 234. 36) Paracelsus im Loelum pnilosopkicum seu liber vexa- tionum bei Kopp I, 39. 37) Louis Fi guier, I-'^Ickimie et les alcliimistes. 3« ecl. (1860) 136. »L'est 6onc au sei?ieme siecle qu'il faut se reporter, 8i I'on veut prenclre une iclee exacte 6e I'etonnante inkluence que les iclees alcriimiques ont exercee sur I'esprit cles Kammes.« 38) L>. von Sbrik, Exporthandel Ssterreichs (1907), 113. 39) Im „Archiv für Sozialwissenschast und Soz. Politik" Bd. 34. 4V) Ranke, Fürsten und Völker von Südeuropa 1° (1857), 41V. Jener Benevento erschien auch bei Pius V., der indes seinen Künsten nicht traute. 41) »kievre cl'invention et cl'enricliissement rapide«: nach IVlarbault, pemarques sur les memoires cie Lull^ am Ende der Leon, ro^ales Loll. iVlickaucl p. 35. G. Fagniez, L'economie sociale cle la Trance sous I-lenr^ IV. (1897), 333. 42) Ch. Norm and, I.a bourAeoisie krancaise au XVII. siecle (1908), 185 kk., 13. Dieses gute Buch enthält noch vieles, was die Oonneurs cl'avis uns bekannt macht. Zur Ergänzung des dort gesammelten Materials weise ich noch auf folgende typischen Fälle von Projektenmachern des damaligen Frankreichs hin: im 17. Jahrhundert war berühmt Theoph raste Renaudot, »1e tonclateur clu journalisme irancais, le cerveau le plus inventik peut-etre cle I'epoc>ue, clans lequel ont Aerme bon nombre cl'iclees utiles, ä peine metees cl'un Zrain cl'utopie . .« erwähnt von G. d'Avenel, «ist. econ. l (1894), 121. Blegny, Nicolas, f 1722. »^po- tmcaire, ecrivain, collectionneur et journaliste; konclateur cl'une societe meclicale, cl'une maison cle sante et cl'un cours pour les Zar^ons perruczuiers; Premier cnirur^ien cle la peine et »ckirurAien orclinaire clu corps cle Monsieur«; cnevalier cl'in- clustrie ä I'occassion et kinalement jete en prison . . auteur clu »luvre commocle contenant les aclresses cle la ville cle Paris etc. par ^brakam clu praclel, pkilosopke et matkematicien Paris 1692 . . .« (Neue Ausgabe 1878) in dem er sich selbst als »kameux curieux cles ouvraZes ma^nikiques« nennt . . . . 476 Quellenbelege Edm. Bonnaffe, victionnsire cies arnateurs fran^ais au 17. 8c. 1884. s. n. v. 43) Mercier im lab!, äe Paris I, 222 (Ln. 73) läßt einen f^aiseurs 6e Projets wie folgt sprechen: »Oepuis trente ans j'ai ne- Zli^e mes propres Zaires, je me suis enkerme äans rnon cabinet, meo'itant, revant, calculant; j'ai immaZine un projet acimirable, pour pa^er toutes les äettes cie I'etat; ensuite un autre pour enricnir le roi et lui assurer un revenu cle 400 millions; ensuite un autre pour akattre a jainais I'^nZIeterre . . et pour tencire notre commerce le Premier cte I'univers . . . ensuite un autre pour nous renctre maitres äes Incies orientales; ensuite un autre pour tenir en ecnec cet empereur, qui tot ou tarä nous jouera quelque mauvais tour . . . .« 44) Bei Adolf Beer, Die Staatsschulden und die Ordnung des Staatshaushaltes unter Maria Theresia I (1894), 37,38. 45) Die erste Geldlotterie wurde 1530 vom Florentiner Staat unternommen; die Klassenlotterie wird im 16. Jahrhundert in Kolland, 1610 in Kamburg, 1694 in England, 1699 in Nürnberg eingeführt; das Zahlenlotto 1620 in Genua. M. v. Keckel, Art. Lotterie im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl. Bd. 6. Die Lotteriewut scheint aber erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts ausgebrochen zu sein, zu jener Zeit, als auch sonst Westeuropa außer Rand und Band geriet. In einer zeitgenössischen Schrift heißt es: »Sinais on n'a tant ou'i parier äe Loteries que clepuis czu'il s'en est tait une en ^n^Ieterre il ^ a cieux ans« . . . »toute la rlollanäe est en mouvement la-ciessus, on ne se trouve en au- cune conversation que I'on n'en parie . .« peklexions sur ce que I'on appelle bonneur et malneur en rnatiere cle I_oteries. Amsterdam 1696. Ln. I. 46) Ich folge im wesentlichen der Zusammenstellung bei Max Wirth, Gesch. d. Handelskrisen. 3. Aufl. 1883. 47) W. Sombart, Die Juden und das Wirtschaftsleben, 105 ff. 48) Defoe, 0n projects (1697); deutsch 1890, S. 19. 48 a> Das Problem, das dieses Kapitel erörtert, habe ich zuerst abgehandelt in meinem Aufsatze: „Der kapitalistische Unternehmer" im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik Bd. 29 (1909). Die dort vertretenen Ansichten habe ich heute in einigen Punkten Quellenbelege 477 abgeändert. Insbesondere habe ich die „Händler tätigkeit als eine allem Anternchmertum gemeinsame Funktion hingestellt, was mir den Tatbestand richtiger wiederzugeben scheint und logischer ist. Vgl. jetzt H. Kurella, Die Intellektuellen und die Gesellschaft, 1913. K.s Gedankcngänge berühren sich mit den meinigen an vielen Stellen. 49) Ansere deutsche Sprache drückt die Verwandtschaft der verschiedenen Tätigkeiten wenigstens zum Teil noch aus. Ganz und gar dieselbe Bezeichnung für die Begriffe: Waren verhandeln und Staatsverträge verhandeln haben die Griechen in ihrem Worte X^T/^A-r^T^v: es bedeutet ganz allgemein „Geschäfte machen" und nur im besonderen: Handels- oder Geldgeschäfte machen, Handel treiben, wird aber ebenso für den Abschluß öffentlicher Geschäfte gebraucht, im Sinne von Staatsangelegenheiten verhandeln. '0 Xk>^«'N5^? ist einer, der Geschäfte, besonders Handels- oder Geldgeschäfte „treibt, ein betriebsamer Mensch, guter Wirt, der sich auf die Kunst zu erwerben, zu gewinnen, wohl versteht". Plato, liep. 434 z: „ Z^wu^dc cuv ^ >n? «XXo? /p?^«ila"?z? cvua-,!," (!); x^M«- "ri^xo? heißt „zum xp^-x-ri^elv geschickt; daher 1. zu Handels- und Geldgeschäften, zum Erwerb von Vermögen, zum Gewinn . . geschickt; 2. zur Abmachung von öffentlichen oder Staatsgcschäften. . geschickt"; „ö x^/^la^v?: Besorgung, Betreibung eines Geschäfts, sowohl eines Handels- als eines Staatsgeschäftes, Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten, Beratschlagung, Audienzertcilung". Pape, Griechisch-deutsches Wörterbuch. Ähnlich wird ja auch unser deutsches Wort „Geschäft" in dem Doppclsinne gebraucht, wenn wir von Geldgeschäften und Staatsgeschäften, vom Geschäftsmann und Geschäftsträger sprechen. 49a) Jac. Burckhardt, Kultur der Renaissance l«, 23. 50) Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Erstes Buch, drittes Kapitel. 51) Jac. Burckhardt, a. a. O. S. 15/16. 52) Lastig, Beiträge zur Geschichte des Handelsrechts, in der Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht 23, 152 f. Daselbst auch weitere Quellenangaben. Vgl. Lattes, Dir. commerc., 2V4, 208 f., 223 ff. 53) Clemens Sander, zitiert bei Ehrenberg, Zeitalter der Fugger, l (1896), 212/13. 478 Quellenbelege 54) C. Neuburg, Goslars Bergbau (1892), 191. 55) F. Dobel, Der Fugger Bergbau und Äandel in Angarn, in der Zeitschrist des histor. Vereins für Schwaben und Neuburg, Bd. 6. 56) Ä. von Sbrik, Exporthandel Österreichs (1907), 368. 57) P. Ä i tz i n g e r, Das Quecksilberbergwerk zu Jdria (1860), 18.24. 57a) A. Krafft, Denkwürdigkeiten; eä. Cohn (1862), 459. 58) Instruktion für den Berghauptmann Theod. v. Lilienau a. 1625 beiK. GrafSternberg, Gesch. d. böhm. Bergwerke l (1836), 308. 59) G. R. Lewis, l'ne Lknnanes, 1908. 60) Ä. Peetz, Volkswissenschastl. Studien (1880), 69. 61) Ä. B eck, Gesch. des Eisens 2, 602 ff. 652. 62) Bescheid des Königs vom 7. März 1573 bei Sternberg, a. a. O. l, 389. 63) Allgemeine Schatzkammer der Kaufmannschaft 2 (1741), 734 f. 64) plupart des personnes 6e qualite, cle robe et autres clonnant leur sr^ent aux ne^ociants en Aros pour le kaire valoir; ceux-ci venäent leur marcriÄnäise a creclit 6'un an c>u äe quin^e mois gux äetaillants; ils en tirent par ce mo^en 10°/o 6'interet et prokitent ainsi 6e 3ou 4°/o.« (Lavar^). 65) »1.es ssens cle commerce n'ewient q'une iaible minorite parmi les souscripteurs.« P. KaePPelin, t.a compsZnie äes Inäes orientales (1908), 6. 66) P. KaePPelin, I. c. p. 8. »(Zuiä est c-uocl Luttina, komes avaritiae ab)?ssus malitiae, diverse ac pere^rina inAentia- que Pentium Zenem contemplationem sui contrskit, re^esque ac Principes exteros allicit, nisi quia in sinu suo, in terrarum abciitis, komentum avaritiae ar^entum nutrit?« Lkron. ^ulae ke^iae gp. vobner in ^Vion. kok. 5, 140; zitiert bei Sternberg, a. a. O. 1,2. 67) Der reiche Bergsegen von Kuttenberg veranlaßte den Krieg zwischen Kaiser Albrecht und König Wenzel von Böhmen im Jahre 1304. Lnron. /mlae kie^iae ap. vobner in ^lon. Kon. 5, 140; bei Sternberg, l, 2. 68) Für das 12. und 13. Jahrhundert teilt ein reiches Quellenmaterial mit: Ed. Äeyck, Genua und seine Morium (1886), 182 ff., dem auch die Worte im Text entnommen sind. 69) W. Seyd, Geschichte des Levantehandels im Mittelalter I (1879), 255. L>. hat das Quellenmaterial, das wir für die Ge- Quellenbelege 479 schichte des Raubes und der Plünderung im Mittelmecr besitzen, in seinem genannten Werke zusammengestellt; vgl. I, 258. 263. 487 f. 489; 2, 16. Vielleicht die beste Quelle bilden die Proto- kolle einer Antersuchungskommission, die der Doge Giac. Contarini im Jahre 1278 niedersetzte: Zur Ermittelung aller der Beraubungen und Mißhandlungen, welche die Venetianer in den letzten zehn Iahren von seiten der Griechen und ihrer Verbündeten zu erdulden gehabt hatten. Wir erfahren dort allein die Geschichte von etwa 90 Freibeutern. Abgedr. bei Tafel und Thomas, Quellen zur österr. Gesch. 3, 159—281. 69a) L>. Pigeonneau, «ist. äu commerce 6e la Trance 2 (1889), 170. 70) Veröffentlicht bei Eugene Sue, 1.'nistoire cie la marine francg.se 4 (1836). l_ivre VII. Ln. I et II. 71) Hauptwerk: «ist. cles ^venturiers etc. par ^. O. Oex- melin HsqucmelinA) (ursprüngl. holländisch geschr.) 1678. Vgl. Pow. Pyle, l'ne buccaneers and marooners oi America 1891; Burney, «ist. ol tne k. oi ^. 1816, zuletzt 1902; K. Äandelmann, Geschichte der Insel Äayti (1856), 22ff. Eine (nicht vollständige I > Bibliographie des Seeräuberunwesens namentlich im 16. und 17. Jahrhundert findet sich bei Joh. Pohler, kibl. nistorico-militaris 3 (189S), 737 kk. 72) Froude, «. ok Hn^I. 8 (1863), 451. 73) F. Äumc Brown, ScotlancZ in tne time ok (Zueen ^iar^ (1904), 72. 74) Gardiner, Lommonwealtn I, 330 beiW.Cunningham, l'ke (Zrowtn ok Ln^Iisn Inciustr^ anä Lommerce 2^ (1903), 188. 75) Shirley Carter Kughson, Ine Larolina pirates anä kolonial Lommerce 1670—1740 (1894); eine der besten Arbeiten über den Gegenstand. 76) Die wichtigsten Aktenstücke zur Geschichte der Sceräuberei in den nordamerikanischen Kolonien, namentlich die außerordentlich wertvollen Berichte des Larl ok kellomont an die 1.orcls ok Iracle sind veröffentlicht in den Oocum. relat. tc> tne Loloniai Histor^ ok tlie Lwte ok r>Iew Vorlc 4(1854), 306 kk. 323. 447. 480. SI2kk. Vgl. noch Macaulay, «. ok H. 10, 14—21 C7aucnnit?:-l2c!.). 77) Siehe z. B. F. Ad. von Lang egg, El Dorado. Ge- 480 Quellenbelege schichte der Entdeckungsfahrten nach dem Goldlande El Dorado im XVI. und XVII. Jahrhundert. 1888. 78) Der Stein der Weisen beginnt in der Vorstellung gleichsam mit dem Dorado zu Einem zusammenzufließen. So heißt es bei Laurentius Ventura in seinem ^XeniAMÄ ciella pietra pliisica (l57l): »I^lell' Inäia sparte piü calcZa clel monclo) »I^agce pietra wllior ck'en se rincniucle »Virtü infinite clie ven^on cial cielo.« Zitiert bei Chr. G. von Murr, Literarische Nachrichten zu der Geschichte des sogenannten Goldmachens (1805), 40. 79) Neuerdings ist eine ausgezeichnete Lebensbeschreibung erschienen von L>ugh de Selincourt, (Zreat kale^n. 1908. 80) »l'ne MS8inA up tne river ok l'liÄmes ^Vlr. Lavenäisn is kamous, kor nis mariners ancl so>6iers ^vere all clotneä in silk, nis sails oi ciamaslc, nis top clotn oi Aolcl, anä tne ricnest pri?e tngt ever xvas brouAnt at an^ one time into tlnZIanä.« Laptain franeis ^Ilen to ^ntkon^ kacon 17. 8. I58Y; zitiert bei Douglas, Campbell, l'ne ?ur!wns in Holland, irnZIanä anä America 2 (1892), 120. 81) R. Benjamin von Tudelas Reisebeschreibung. Deutsch von L. Grünhut und Markus N. Adler (Jerusalem 1903), S. 5. 81a) „Auf der Kriegstüchtigkeit der Bürger und der Stärke ihrer Flotte beruhte die kommerzielle Bedeutung der drei Städte; gegen schwächere Konkurrenten pflegten sie von ihrer Überlegenheit schonungslos Gebrauch zu machen. Eines Tages (4. Aug. 1135) erschienen die Pisaner mit 46 Galeeren vor Amalfi, verbrannten die Schiffe im Äafen, zündeten die Stadt an und plünderten die Käufer ..." Später taten die Genuesen mit den Pisanern dasselbe. G. Caro, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden 1 (1908), 235 f. 82) Viel lehrreiches Material, vor allem auch zur Beurteilung der Persönlichkeiten, die im ftühkapitalistischen Überseehandel Englands eine Rolle gespielt haben, enthält das vortreffliche Buch von Ä. R. Fox Bourne, LnAlisn rnercnants. 1886. 83) F. Ad. von Langegg, El Dorado. 1888. Neuerdings Konrad Ääbler, Die überseeischen Unternehmungen der Welser und ihrer Gesellschafter. 1903. Dazu F. Eulen bürg in der Quellenbelcge 481 Historischen Zeitschrist 1904 S. 104 ff. Wenn E. dem Verfasser dieser neuesten Bearbeitung der Welserexpedilion zum Vorwurf macht, daß es in der Hauptsache Personalgcschichte sei, was er schreibe (die Äberschriften der einzelnen Kapitel tragen meist die Namen einzelner Führer), so ist doch zur Rechtfertigung dieser Auffassung zu sagen, daß eben eine solche „Kandelsexpedition" im Grunde nichts anderes war als ein Abenteurerzug einzelner wagemutiger Männer. Das war großenteils „die Wirtschaftsgeschichte" damals. 84) Lllrich Kraffts Denkwürdigkeiten; eci. Cohn 1862. 84a) KPigeonncau, Histoire clu Lommerce cie la Trance, 2 (I88Y), 170. 85) Arl. Iustiniani bei Ersch und Gruber, 316 ff. 327 ff. Vgl- Sieveking, Genueser Finanzwesen 1, 177 ff.; 2, 99 ff. 86) Oshlow Burrish, kgtavia illustrata or s view ok tue policv ancl Lommerce ok tne 1/nitecI provinces (1728), 333. 87) Prinz Neuwied, Reise in Nordamerika 1, 351 ff. 427 ff. 552. 610 ff.; 2, 71 ff. zitiert bei Röscher, Kolonien, 3. Aufl. (1885), 267. 88) Seyd, a. a. O. 2, 376. 89) Postlethwayt, vict. ok Lommerce I, 241. 90) Bericht des Lorä Lomm. oi Iraäe anci planwtions bei Anderson, ^nnals 3, 203. Im vict. des Postlethwayt (I, 728) findet sich eine genaue Äbcrsicht über den Bestand der Forts, Ausrüstung, Munition, Besatzung usw. an der afrikanischen Küste. 91) »>Iot to emplov anv Gentleman in anv place oi cnarAe or commanclment in tlie ssicl vova^e, ior tnat, kesicle tneir ovvn mislike ok imploving- ok sucli, tnev Imm. 2, 778. Anderson, Ori^in. ok Lommerce 2, 594. George An Win, Inäustrial n in tke sixteentn an6 seventeentn Lenturies (1904), 1451. 1651. 96) Siehe die zusammenfassende Darstellung von Rüssel M. Garnier, Histor^ ok tne Ln^Iisn Lanäeä Interest. 2 Vol. 1892. 2. eck. 1908. 97) Georg Knapp, Die Bauernbefreiung. 2 Bde. 1887. 98) G. T. Lapsley in der LnA «ist. keview 14 (1899), 509. 99) An Win, I. c. p. 167. 100) Rymer, Foedera 18, 870; bei Anderson 2, 234. 101) Äugh de Selincourt, (Zrest I^aleAli (1908), 89. 102) Anderson, OriZin ok Lommerce 2, 594. 102a) Iars, VoyaZes metallurAiques I (1774), 1901. 103) Eine der besten Bearbeitungen, die der Gegenstand erfahren hat, bezieht sich auf die Äütten der Provinz Revers: Claude Corbier, I.es karges a (ZueriZn^ in IZuIIetin cke la Lociete nivernaise 1870. 104) G. Martin, Louis XV., 115ff. 105) G. Martin, I. c. p. 110. 106) G. Martin, I. c. p. 214 K. 107) G. Martin, I. c. p. II5K. 108) Die Angaben über die Beteiligung des französischen Adels am Kohlenbergbau beruhen (soweit ich keine anderen Hinweise mache) auf den Auszügen aus den Akten des Nationalarchivs in der guten Arbeit von A. des Cilleuls, Ls Zrancke Industrie (1898), 59ff. und Notes 210 ff. 109) Depping, Lorr. ackmin. 3, LX. 110) G. Martin, Louis XIV. (1899), 318. 111) Peter Äitzinger, Das Quecksilber-Bergwerk Jdria von seinem Beginn bis zur Gegenwatt. Nach Schr. des Bergwerksarchivs usw. (1860) S. 13/14. Quellenbelege 483 112) Steph. Worms, Schwazer Bergbau (1904), 37. 113) Im Archiv des Oberbergamts zu Klausthal. Auszüge daraus macht H. Beck, Geschichte des Eisens 2, 152 ff. Diesem Werke sind auch die Angaben über die grundherrlich betriebene Eisenindustrie im Harz entnommen: a. a. O. 2, 767 ff. 781 ff. 114) Beck, Geschichte des Eisens 2, 620 ff. 115) Gustaf af Gejerstam, ^rbetames ställninZ' viä f^ia svenska Ai-uioor. Ich verdanke den Hinweis einem Mitgliede meines Seminars, Herrn Bulle. 116) W. I. Ashley, Moollen Inäustr>, 80; vgl. Gibbins, lnclustr^ c>k UnZwnä 4. eä. 1906. p. 147. 117) 1629: »a »rant to kalter, l.c>rci ^ston etc. ok tne Keepin^ c>r tne (Zarclen, Nulberr^-trees ancl 8iHi-vvorms near Lt. Farnes in tke Lount)? ol ^liäcllesex.« I^n^mer I^oeclera 19, 35; beiAnder- son, OnA. 2, 335. 118) G. Martin, l.oui8 XV. (1900), 199. 119) Archiv-Belege bei A. de Calonne, 1.Ä vie a^ricvle sous I'ancien re^ime en picarclie et en ^rtoiZ (l883), 111. 120) Siehe die Listen bei G. Martin, 1.ouis XV., 113 ff. 214ff. 121) Akten bei Karl Pkibram, Geschichte der österreichischen Gewerbepolitik I (1907), 127. 122) Tr. Geering, Entwicklung des Zeugdrucks im Abendlande seit dem 17. Jahrh, in der Vierteljahrschrist für Soz. und W. Gesch. I, 409 f. 123) Wenigstens behaupteten die Edelleute dieses Privileg zu besitzen; in Wirklichkeit soll es nicht bestanden haben. Siehe die l.ettre pat. von 1577. 1603. 1615. 1655. 1727. 1734 bei A. des Cilleuls, I.a Arancie Industrie (1898). N. 17 und vgl. N 18. 19. 124) Siehe z. B. für Frankreich P. Boissonade, OrZAn. cku Iravail en poitou l (1900), 120; für Deutschland z. B. Allg. Schatzkunde der Kaufmannschaft 3 (1742), 677; für England: 1637 erhält Thomas Earl of Berkshire ein Patent für eine neue von ihm erfundene Malz- und Hopfendarre, eben zur Ausnützung seiner Torflager: Nymer, l^oeciera 20, 191, bei Anderson 2, 376. 125) Die Kolonisationssystemc der Levante und Mittel- und Südamerikas habe ich ausführlich geschildert in meinem „Modernen Zl* 484 Quellenbelege Kapitalismus" l, 331 ff., wo der Leser auch die Quellen angegeben findet. 126) I. C. Ballagh, Volute servitucie in Virginia (1895), 17; E. 3rv. Mc. Cormac, >Vnite servitucie in ^arMnä (1904), Ulk. Zur raschen Orientierung eignet sich: Reg. W. Zeffrey, l'ke l^istoi^ ol tlie 13 colcmies c>1 Ixlortk America 1908; über die Besiedclung Carolinas daselbst p. 64. 126a) Th. Vogelstein, Organisationsformen der Eisenindustrie und Textilindustrie in England und Amerika (1910), 191. 127) »^e crois czue I'on clemeurera racilement cl'accorcl cle ce Principe qu'il n'^ a que l'abbonclsnce cl^r^ent clans un Lwt czui lasse la äirkerence sa Awncieur et 6e sa puissance«: l.ettres, instr. etc. cle Lolbert, par p. LIernent t. II. 2-- pgrtie LLVII. 128) Friedr. v. Bezold, Staat und Gesellschaft des Re-- formationszeitalters (1908) 64. Kultur der Gegenwart II. V. 1. 129) Leipziger Sammlungen (eci. Zinken. 1745) 9, 973; zitiert von Schmoller in seinem Jahrbuch 15, 8. 13V) Alfred Bosenik, Äbcr die Arbeitsleistung beim Steinkohlenbergbau in Preußen (19l)6), 103; Entwicklung des nieder- rhein.-wcstfäl. Bergbaues XII. Teil 3. S. 91. 131) Man lese z. B. bei Levasseur, «ist. 2, 246ff. nach, welche Fülle genialer LInternehmcrtätigkcit Colbert aufwandte bei der Begründung der LompÄAnie clu Point cle t^r-mce, die am Ende seiner Negierung 5500 Arbeiterinnen, teils im geschlossenen Großbetriebe, teils in der Hausindustrie beschäftigte. 132) Anderson, OriZin c>f Lommerce 3, 91 ll. 133) Sobald man über den „Geist" des großen Spekulanten etwas aussagen will, werden die Gedanken unwillkürlich immer wieder aus die unerhört geniale Charakterzeichnung Saccards in Zolas »1.'^rAenr« hingelenkt. Ich will nur eine der vielen, wunderbaren Stellen hierhersetzen, in denen die von mir hervorgehobene Überredungskunst besonders meisterhaft geschildert wird. »—l'ene?! criait Laccarcl, cette AorZe clu Larmel, que vc>us ave? clessinee ik, c>ü il n'^ a que cles pierres et cles lentisques, en dien! cles que la mine cl'ar^ent sera en exploiwtion, il pcmssera cl'Äkorcl un vills^e, puis une ville . . . Ht tous ces ports encombres cle sable, nous leg nettoierons, nous les prote^erons cle lortes Quellenbelege 485 jetees. Des navires cie kaut bor6 stationneront oü des darczues n'osent s'amarrer aujourcl'nui . . . Ht, clans ces plaines clepeuplees, ces cols cleserts, que nos li^nes ferrees traverseront, vous verre? toute une resurrection, c>ui! les cnarnps se clekriclier, cles routes et cles canaux s'etaklir, cles cites nouvelles 8c>rtir 6u sol, la vie enkin revenir comme eile revient ä un corps malacle, lorsque, 6ans Ie8 veine8 appauvries, on active la circuiation cl'un sanA nouveau . . . Oui! I'arAent fera ce8 proclisses. Lt, clevant l'evocation 6e cette voix per^ante, maclame Laroiine vovait reellement 8e lever la civiiisation preclite. Les epures seckes, ces traces lineaires s'animaient, se peuplaient: c'etait le reve qu'eiie avait iait parrois 6'un Orient clebarbouiiie cie sa crasse, tire cle son i^norance, jouissant clu sol kertile, 6u cie! ciiarmant, avec tous les rarkinements cle la science. Oeja, eile avait assiste au miracie, ce ?ort-Lai6 qui, en si peu cl'annees, venait 6e pousser sur une plaZ^e nue, 6'aborcl 6es cabanes pour abriter les quel- ques ouvriers cle la Premiers keure, puis la cite 6e cleux miiie ames, la cite cle c!ix miiie ames, cies maisons, cles ma^asins im- menses, une jetee ^iAantesque, cle la vie et clu kien-etre crees avec entetement par les kourmis liumaines. Lt c'etait bien cela qu'elle vovait se clresser 6e nouveau, la marcne en avant, irre- sistidle, la poussee sociale qui se rue au plus cie bormeur possible, le besoin cl'a^ir, civiler clevant soi, sans savoir au juste oü I'on va, mais ä'aller plus a I'aise, clans cles con6itions meilleures; et le Alobe bouleverss par la sourmiliere qui rekait sa maison, et le continuel travail, 6e nouvelles jouissances conquises, le pouvoir cle I'komme 6ecuple, la terre lui appartenant cnaque jour clavan- ta^e. L'arAent, aiclant la science, kaisait le pro^res.« 134) »Oavv I^IIvs liacl commanciement to xvorice v^itii I^umpiirev k^itckcocic or witk l'komÄS Launclers untvil sucn tvme as tkev be botk satisriec! ok trieir äebts wliicn is 6ue to tnevm tne saic! LIIvs.« Aus Llotliv^orlcers Lourt Look, )ulv 12, 34 «enrv VIII, bei An Win, 57. 135) »jVIost ok tke artificers are poor men anci unadie to provicie sucn störe oi Materials as v/oulcl serve tlieir turn.« 3 anc! 4 Lävv. VI c. 6. Ähnliche Bestimmungen im Baugewerbe. Zitiert bei Anwin, 56. 486 Quellenbelege 136) »I.es maitres qui n'auront mo^en 6e tenir boutique c>u- verte et qui travailleront cne^ les autres rn«» ne pourront sortir cie >Ä maison clu m« oü ils travailleront pour aller travailler ailleurs qu!I? ne l'en a^ent avert^ quin?e jours auparavant sout? les peines ci-clessus clernieres clictes.« Art. 31 des Statuts der Äutmacher von Bourges. Bei Levasseur, Hist. 2, 163. 137) Siehe z. B. für ^an/e/?^ K. vl/.. F. Böthe, Beitr. zur Wirtschafts- und Sozialgesch. der Reichsstadt Frankfurt (1906), 73; Kracauer, Beitr. zur Gesch. der Frankfurter Juden im Dreißigjährigen Kriege in der Zeitschrist für Gesch. des Iudent. in Deutsch!. 3 (1889), 148; für /.on^on.' Histor^ ok tlie l'racle in UnZIancl (1702), 134. 164; Ch. Weiß, «ist. äes reku^ies Protest. I (1853), 337; für Ao?^e5!AH7,' PH. Malvezin, l.es juils a korcleaux (1875), l96. Für die übrigen Gewerbe Belege beizubringen, erübrigt sich. Der frühzeitige „Verlag" durch .Handeltreibende ist dort sozusagen geschichtsnotorisch. 137 a) Die Tatsachen, die der Skizze im Text zugrunde liegen, sind allgemein bekannt. Am besten orientiert über den Florentiner Handel in der Levante noch immer W. L>eyd, Gesch. d. Levantehandels, 2 Bände 1880, dem auch die wörtlich angeführten Stellen, soweit keine andere Quelle angegeben ist, entnommen sind. Siehe namentlich Band 2 S. 295 ff. 336 ff. 477 ff. 486 ff. Vgl. noch W. L>eyd, Die italienischen Äandelskompagnien auf Cypern in der Zeitschrift für die ges. Staatswifs. 1865. 138) Nach einem Rapport des Thomas Tucker, einem Crom- wellschen Steuerbeamten, dem auch die Angaben über den schottischen Handel im 17. Jahrhundert entnommen sind; zitiert bei John Mackintosh, ttistor> oi Livüi-ation in Scotlancl 3 (1895), 300 55. 138 a) Aus einer englischen Beschreibung Londons, übersetzt von Heinrich Äeine in seinen englischen Fragmenten (1828) IV. 139) »l^n entrepreneur cle 5abrique qu'il connaisse o qu'il ne connaisse pas le clewil cies opemtions cl'un Arancl objet, est celui qui les ernbrasse toutes, ainsi que les speculations qui y ont rapport et qui a en sous orcire cles contre-maitres et cles cvmmis pour äiriZer les unes et les autres et les lui rapporter comme a un centre qui leur est cornrnun. ^insi I'nomme qui est a la tete cl'un etablissernent en Arancl, oü l'on emplo^e äi- Quellenbelege 487 verses sortes äe matteres ou ck'un etÄblissement c>ü l'on moclikie tres es clewils plus rapprocnes, peuvent et cioivent etre sus et suivis imperturbsblement par lui-meme, cet komme est un kabricant: il a ou >I n'a pss sous lui 6es contre msitres; mais il est le Premier contre-maitre cle sa kabrique.« ^rt. ^ttelier in der Luc. metli. lVianui. tome I. (1785), p. I. 139 a) G. Schmoller, Gesch. der deutschen Kleingewerbe (1870), 580 f. 140) Für Berlin behauptet ein guter Kenner geradezu: „In der Hauptsache erwuchs die Großindustrie aus dem Handwerk, indem tüchtige, intelligente Meister, die durch die vorzügliche Schule des Kgl. Gewerbeinstituts gegangen waren, sich im Ausland und namentlich in Paris die nötigen technischen Fähigkeiten vollends angeeignet und nach der Äeimat zurückgekehrt Fabriken gründeten." O. Wied- feldt. Die Berliner Industrie (1899) S. 79. 141) Eine eigenartige und wertvolle Quelle, um den „Geist" zu erkennen, der die Florentiner Geschäftswelt im 14. und 15. Jahrhundert beherrschte, sind die sogenannten ÄvAläoni, von denen eine ganze Menge bekannt sind, wie der l'esoro des Brunetti Latini, der OittÄmoncio des Fazio degli Aberti, der Äbaläone des Giov. Ruccellai. Leider ist meines Wissens noch keiner ediert. Aus dem zuletzt genannten Werk bringt Auszüge G. Marcotti in seiner Schrift: l_1n mercante kiorentino e w sua famiZM nel secolo XV. k^iren^e 1881. Darüber D'Ancona in der k>Iuova ^.ntoloZia 15. 7. 81. Die ÄbaI6oni sind eine Art von Chroniken, in denen ihre Verfasser alle wichtigen Ereignisse des Landes und der Familie, ihre Lesefrüchte, aber auch ihre kaufmännischen und geschäftlichen Erfahrungen aufzeichneten, Grundsätze für eine richtige Geschäftsführung niederschrieben u. dgl. — Eine Äauptquelle bilden die „Familienbücher" Albertis, die jetzt in einer vorzüglichen Ausgabe vorliegen: Leon Battista Alberti, I Likri äella k^amiZlia; eäiti äa (Zirolamo^ancini. t^iren-e 1908. Das Buch von Agnolo Pandolfini, vel Zoverno äella kami^Iia (Ausgaben 1828 und 488 Quellenbelege öfters), das nach dem Ausspruch Burckhardrs (Kult, der Nenaiss. 12, 164) „das erste Programm einer vollendet durchgebildeten Privatexistenz" enthält, ist ein fast wörtlicher Auszug aus Albertis Werk. Äber die l^icorclan^e clomesticke des Luca diMatteo daPanzano (1406—1461) unterrichtet (schlecht!) ein Aufsatz von Carlo Carne- sechi, l^n kiorentino äel secolo XV etc. im ^rcm'vio storio ital. 5. 3er. 1°. IV p. 1451k. Nur geringe Ausbeute gewähren die wettere cli un notaro a un mercante clel sec. XIV., die Cesare Guasti u. d. T. »8er 1.apo jVla^ei« herausgegeben hat. 2 Vol. fnren?e 1880. 142) »terrete cmesto a mente liAÜuoli mie!. 8ieno le spese vostre piü cne I'entrate non mai ma^Ziori. Alberti, vella famisslia, 242. Fast wörtlich übereinstimmend Pandolfini. 143) Giov. Ruccellai in seinem ÄbaI6one (1459); mitgeteilt von Marcotti, I^n mercante kiorentino, 106. 144) »I^lon ta cortese ne Aentile alcuno 1.(1 clonare a ciascuno !>>Ie tener sempre larM spesa: iVla l'orclinata impresa Oel come quanto e clove si conviene I)i sgMio e 6i Zentil nome mantiene:« Rat Giov. Ruccellais an seinen Sohn in seinem Äbaläone. Marcotti, I^n merc. lior., 112. 145) »Lonsiste ancora Ic>' inpoverire . . in un sopercm'o spenclere e in una procli^alitä la quäle cliscipi e Aetti via le ricneT?e.« Alberti, Oella kam., 135. 146) »e' si vuole essere massaio et quanto cla unc> mortale inimico Zuardarsi clalle superklne spese.« »O^ni spesa non molto necessaria non veZo io possa venire se non äa pa^^ia.« »()uanto la prociiZalitä e cosa mala, cosi e buona, utile e loclevole la masseri^ia! sl_a masseri^iaj nuoce a niuno, ^iova alla kamiZIia ... Lancia cosa >a masseri^ia ..« »8a' tu cmali mi piaceranno? ()ue»i i quali a' bisoAni usano le cose quanto basta et non piü: I'avan^o serbano; et czuesti cniamo io massai.« Alberti, I. c. 150—154. 147) Massai — »quelli cke sanno tenere !I me^o tra i> poco et !I troppo« . . jVla in cne mocio s! conosce elli quäle sia troppo, Quellenbelege 489 quäle sia poco? . . I^eZZiermente colla misura in man» (bei Pandolfini, 54: ra^ione in mano) . . ^spetto et ilesiclero quesw misura . . Losa brevissima et utilissirna quesw. In o^ni spese preveclere cti'ella non sia ma^Ziore, non pesi piü, non sia 6i piü numero cne 6iinan6i >a necessita, ne sia meno quanto ricliieäe la onesta . .« 148) Gianozzo: »Oipoi le spese pa??e sono quelle quali iacte meritsno bissimo, ccime sarebbe pascere in casa clr^coni o altri animsli piü cke questi terribili, crucleli et venenosi.« Lionardo: l'iZri torse? Gianozzo: ^n?i, l-ionaräo mio, pascere scelerati et vitiosi uomini . . . Vuolsi ku^ire quanto una pestilen^iÄ vAni uso et ciimesticlie^a äi simili malcZici raporwtori et Ariiottonacci, quali s'inkrÄmettono kra ^li amici et conoscenti clelle case.« 149) Alberti, I. c. p. 198, 199. 149s) »Lempre m'^fatico in cose utili etonesta«; I. c. p. 163. 159) »^ciopero I'snimo et il corpo et il tempo non se nc>n bene. Lerco 6i conservalle asai, curo non peräerne punto . .« ib. löv. 151) »empionsi per otio le vene di klemme, stanno acquitosi et scialbi, et lo stomaco scieZnoso i nerbi piZri et tucto i> corpo tarclo et acZormentato et piü I'iiiAe^no per troppo otio s'appanna et orkuscasi, o^ni virtü nell' animo ciiventa inerte . .« I. c. p. 45. 152) «^lulla si truova onde tanto f^cile sur^a äisonore et inkamia quanto ^all'otio. rll Arenbo cielli otiosi sempre tu niclo e cova 6e' vitii. I^uIIa si truova tanto alle cose publice et private nociva et pestikero czuanto sono i cittaciini iZniovi (i^navi) e inerti. Oell'ocio nasce lascivia: s6i lascivia) nasce spreZisre le le^xi: clel non ubbiclire le le^Ai sexne ruina et exterrninio clelle terre . . . ^clunque I'otio ca^ione cli tanto male molto a' buoni clebb'essere in oclio.« l. c. p. 121. Die Ameisen und Bienen werden als Muster des guten Wirtes hingestellt: 200. 153) »Lki sä non perclere tempo sa rare quasi o^ni cos», et cki sa acloperare il tempo costui sara siZnore cli qualunque cosa e' voZIia.« Alberti, vella fam., 200. 154) »?er non perclere cli cosa si pretio, sa punto, io ponZo in me questa re^ola: mai mi lascio stare in otio, tuZo il sonno, 490 Quellenbelege ne ^iacio se non vinto clalla 8trackWa.. Lc>s> aclunque 1o: kuAZo il 8onno et I'otio, sempre kaccenäo czualclie cv8a.. tlt percke una kaccencla non mi conkoncia l'altra ... 8apete voi, kiZIiuoli miei, quello cne ko io. l.a mattina, prima quancio ic> mi lievo, co8i kra me stessi io pen8o: o^Zi in cne aro io cla iare? I'ante cv8e: annoverole, pensovi, et a ciascuna ggseAnc» il tempo suc>: que3to 8tamane, quello 0A^i, queüc» altio 8ta8era; et a quello moclo mi viene kacto con orciine o^ni kaccencla quasi cc»i niunatatica: la 8era inan^i cne ic> mi ripv8i racnolAo in me quanto keci il »prima vlZAlio peräere i! 8onno cne il tempo.« I. c. p. 165». 155) »()ue8ti (i quaclaZni). . c!i venteranno ma^ion cre8cenclo in noi colle faccenäe in8ieme inciu8tria et opera.« I. c. p. 137. 156) Ich entnehme die Stelle aus dem Historischen Roman(I) Dimitry Sergcw Mereschkowskis, Leonardo da Vinci; übersetzt von Carl von Gutschow; 31.—36. Tausend (1912), 324—327. Aus einem Roman. Trotzdem dürfen wir nach der ganzen Anlage dieses vortrefflichen Buches annehmen, daß die Darstellung eine quellenmäßige ist. Der einzige Fehler der bewunderns- werten Mereschkowskischen Werke ist der, daß ihr Verfasser in einem Anhange nicht die Quellen anführt, aus denen er geschöpft hat. In der zitierten Stelle hat es fast den Anschein, als haben M. (neben andern Quellen) die Familienbücher Albertis vorgelegen. 157) ^Aricoltura tratta cla cliver8i anticni et mocierni 8crittori. Da 8ix. Oabr. ^Irori80 cl'rlerrera . . et traclotta cli liriAua spaAnuola in italiana cla ^Vlambrino poseo cla I^abriario. In Venetio 1592. Siehe namentlich die veclica^ione. 158) traäu^ione italiana (1581), p. 7, 10, 12, 14, 28 und Lap. VI. 159) Vinc. Tanara, I.'economia clel cittaclino in Villa. Bologna 1648. p. 2, 119, 202»., 269. Der Verfasser zitiert das folgende, überaus bezeichnende Sprichwort: »lVietti il poco col poco e 8vpra il poco ^MunZi anco il piü poco e cli piü pocni l^n cumulo farai clie non 8ia poco . .« 160) l_e parkait neZociant etc. par Jacques 8avar)?; 4. eäit. I (1697), ZI. Quellenbelege 491 161) l'be Omplete UnZlisn l'raäesman. 5. Aufl. 1745. 162) Franklins Schatzkästlein; herausgegeben von Bergk, l (1839), 71. 163) Die berühmte, oft zitierte Stelle steht in der (jetzt besten und vollständigsten) Ausgabe der Gesammelten Werke Benjamin Franklins von A. Ä. Smyth 1907 ff. 2, 370 f. 164) l'be Oeconom^ ok Human luie; engl. und deutsch 1785, S. 413. 165) »(Zet wbat )?ou can ancl vvbat ^ou Zet, liolcl »'l'is tlie stone tkat will turn all )?our leaä into ^olcl.« I'lie Oeconom^ ol 1.ire S. 425, 443. Diese Schrift ist eine Wiedergabe aus ?oor Ncliaräs ^Imanacli, von dem noch die Rede sein wird. 166) »In skort, tlie wa^ to vvealtb, ik )'0u äesire it, i8 a plain as tbe wa^ to market. lt clepencls cliiekl^ on tvvo worcls, inäustr^ an6 kru^alit^; tbat is, waste neillier time nor mone^, but malVitbout industr^ an6 fruZalit^ notninA will äo, ancl vvitn tnem ever)? tbinA. He tnat Mts all ne can bonestl^ (!) ancl saves all be Zets (necessar)? ex- penses exceptecl! ck. ^ Iberti!) will certainl^ become ricli, il tkat LeinZ wbo Zoverns tbe worlcl, tc> wbom all slioulcl look lor a blessinA c>n tkeir lionest (!) eniZeavours, clotli not, in liis vvise proviclenee, otlierxvise 6etermine.« V^ritinM, ecl. Lm^tli, 2,370 (Schluß). Vgl. B. Franklin, IVIemoirs, I (1833), 147 und öfters. 167) Benjamin Franklins Leben, von ihm selbst beschrieben. Deutsch von Dr. Karl Müller (Reklam), S. 114—119. 168) »cette belle economie czui lait les maisons opulentes.« I^e ne^ociant patriote (1779), 13. 169, Nach den Mitteilungen P. L. Fords: A. H. Smyth, k. k-. >VritinZs. Introäuction. Vol. l (1907), 44 f. 170) »iVlai ku nella famiZIia nostra Liberia clie ne' trakliclii rompesse la kecie et onestä clebita, ei quäle onestissimo costume, czuanto veMo, in la iamiZIia nostra sempre s'osserverä . . .« Alberti, i^am., 134. >Mai ne' trakfielii nostri 6i noi si trovo cne aclmettesse brutte^a alcuna. Lempre in oZni contracto volsono e nostri observare somma simplicita, somma verita e in questo moclo 492 Quellenbelege 8iamo in Italia et tuor cl'ltalia . . . conosciuti Zranäissimi merca- tanti . .« ib. p. 133. »In oZni compera et venciita siavi 8implicita, veritä, kecle et inte^rita tanto con lo 8trano, quanto con I'amico, con tutti cbiaro et netto . .« 171) So von Samuel Lamb in seiner Eingabe wegen Errichtung einer Bank in London (1659), in Lord Somers l'rack ec?. b/ WalterScorrö, 444 f. Owen Felltham in seinen Obser- vatians (1v52) sagt von den Holländern: »In all tneir manukacture8, tlie/ nc>16 a moäeration an6 con8tanc/, kor tne/ are a8 fruit krom trees, tlie same ever/ /ear tnat tbe/ are st kirst; not apples one /ear anä crab8 tne next, anc! 80 korever akter. In tlie 8ale ok tlie8e tlie/ a>8o are at a worcl: tne/ will Aain ratber tkan exact, ancl bave not tbat vva/ vvbereb/ our citi?en8 abu8e tne vvi8e ancl co?en tne iZnorant ancl b/ tneir infinite over-a8liäi88imo in vita, e äopo noi kermi3simo et perpetui88imo, clico la one8ta . . . la quäle 8empre ku ottima maestra äelle virtü, keciele compaZna 6e!Ie loäe, beniAni38ima 8oreIIa äe'co8tumi, reIiAio8i'88ima maäre cl'o^ni tranquillita e beati- tucline clel vivere . .« etc. etc. Die bürgert. Wohlanständigkeit »non manco e utilis8imo« . . . »H co8i 8emore sati8kacenclo al Ziuäicio clella one3ta ci troveremo ricni, lociati amati et onorati.« I. c. p. 139 f. 173) »In oräer to 8ecure m/ creäit anä cbaracter a8 a traclesman, Quellenbelege 493 l toolc care not onl^ to be in realit^ inäustrious anä rruMl, but tc> svoia' tne appesrances to tne contrsr^. I clresseä plain (schlicht), and wag seen at no places ok iclle Diversion: I never vvent out a kisninA or sIiootinZ« etc. Nem. of tne luke anci >VritinZs ok kenj. 5ranIn piü persone, sempre scrivere c>Zni cosa, oZni contmcto, o?ni cosa entrats et uscita kuori cii dotteM et cos: spessc» tuttc» riveclere, cke quasi sempre avesse la penna in msnc»..« Alberti, vella km., 191/92. 177) B. Franklin, lVlemoirs l, 150. 178) Ludolf Schleicher, Das merkantilische Kamburg (1838), 75. 179) Burckhardt, Kult. d. Ren. 1°, 78. 180) Masuccio, Nov. 19 (eci. Setrembrini, 1874, p. 220) bei Burckhardt, a. a. O. 2, 107. 167 ff. 181) Die Quellen bei Burckhardt, a. a. O. S. 167 ff. 182) Vgl. noch das ?rc>emic> zuCrescenzi, Dell' a^ncoltura. 1605. 183) Nach einem Berichte der Gremios von Sevilla vom Jahre 1701; zitiert bei Buckle, Gesch. der Civilisation 2, 67. 184) Sempere, Nonai-ckie rlspaZnole 2, 50; Diskurse des Martinez deMata, der 1650 schrieb (herausgeg. 1794 von Canga, p. 8) a. a. O. 185) von Bezold, Staat und Gesellschaft a. a. O. S. 45. 186) Ranke, Fürsten und Völker von Südeuropa 1° (1857), 444; vgl. noch Seite 446 ff. 449. 459. 187) Ich führe noch ein paar weniger bekannte Stellen aus Reisebeschreibungen des 17. Jahrhunderts an, die übereinstimmend das gänzliche Versiegen des kapitalistischen Geistes im damaligen Spanien bezeugen. Reisender 1669: »IIs meprisent tellement le travail, czue la plüpart cles grtisans scmt etran^ers.« Vo^a^es Kits en clivers lemps par jVi. ^1.^" Amsterdam 1700. p. 80. Anderer zw. 1693 u. 1695: »l'ke)? tlnnlc it delow tke cliZnit^ c>l a Lpaniaicl tc> labour ancl provicie lor tne luture.« Iravels d)? a (Zentleman (by kromle^?) London 1702. p. 35. Ein Dritter 1679: »IIs sourkrent plus aisement k Kim et les autres necessites cie k vie cme cie travailler, äisent-ils, comme cles mercennaries ce czui n'ap- partient qu'ä cles Hsckves.« D'Aulnoy, kekt. 6u VoMsse ci'Ls- MZne I_^cin 1693 2, 369. 70; sämtlich bei Buckle, 2, 64. 188) Siehe z. B. sür M?a.^o (Spanier): Al. v. Äum- boldt, Xouvelle IispaZne 4, 21; für ^as//^ (Portugiesen): v. Eschwege, Pluto brasiliensis (1833), 251 kr.; vgl. 284. 303. Quellenbelege 495 189) »l'av peur que nous avons les veulx plus Aranc! czue le ventre; et plus cle curiosite que nous n'avons 6e capacite: nous embrassons tout, mais nous n'estrei^nons cme clu vent.« Montaigne, Hssavs; l.iv. I Ln. XXX. 190) »I^os ne^ociants n'ont pas asse? cle korce pour entrer clans cies aikaires qui ne leur sont pas dien connues . . .« ^vlelan^es Colbert 119 p. 273 bei P. Kaeppelin, l.a comp. cies Incles orientales (1908), 4. 191) Siehe die eingehende Geschichtsdarstellung bei P. Kaeppelin, I. c. p. 4. 11. 16. 130 und passim. 192) I_e neZociant patriote (1779), 13. 193) »Le sont cies parcs immmenses, cies jarciins cie- licieux, cies eaux vives et jailiissantes ciont I'entretien est tres ciispenäieux et souvent le proprietäre n'v va pas trois mois clans l'anneez c'est I'entretien cle ces tables servies avec autant cle clelicatesses que cle protusion, oü cle complaisans para- sites trouvent cles places...«>. c. p, 27. »!>Ious avons peut-etre un peu trop suivi la voie czui conciuit a I'arZent, avec le ^oüt dominant cle le procli^uer en kestins, tetes, spectacles, dijoux, meubles, recnerckes, liabit cle prix, equipa^es somptueux, en un mot^ tout ce qui tient a une representation frivole, rnais eclatante.« p. 228. 194) »pour peu qu'on ait czuelcme sortune on n'sspire qu'a sortir cle cette classe cies rnarcnancls et cies ^ens cle rnetier, sans cli^nite, sinon sans inkluence cians I'Htat. V rester ce serait avouer qu'on est trop pauvre pour acneter une cliar^e, ou trop iA- norant pour la rernplir. 1.e rnepris ciu comptoir et cle l'atelier est cne? nous un mal nsreciitaire: c'est un cies presu^es cle I'ancienne societe qui lui a survecu . . .« Pigeonneau, «ist. 6u comm. 2. 175/76. 195) Ch. Normand, 1.a bour^eoisie kran^. au XVI l. siecie (1908), l l kk. 42 tk. Ich teile noch ein paar Zeugnisse aus dem 17. Jahrh, mit. Der Intendant d'Äerbigny über die Berrichons (Bewohner von Bourges): »Des qu'un marcnanci a amasse un peu cie bien, il ne son^e plus czu'a estre escnevin et puis ne veut plus se rnesler ci'aucun cornrnerce . .« An Colbert. Boyer, rlist. äe I'inclustrie et clu commerce a Kourses bei Levasseur, 496 Quellenbelege «ist. 2, 237. Savary, ?ai-f. ness. 4. eä. 1697 2, 183 klagt: »Des le Moment qu'en ^nee un Xe>ocmnt ^ acquis cle Zranäes ricnesses clans le commerce, dien loin que ses enfants suivent cette prolession, au contraire ils entrent clans les Lliar^es publi- ques . .. au lieu qu'en rlollanäe les entants 6es particuliers ne» Zociaux Zuivent orclinairement la proiession et le commerce cle leur pere etc.« 196) Lasfemas, l'raite clu commerce cle la vie clu loval marcl,-mcl 1K01; zitiert bei G. Fagnicz, 1,'economie sociale cle la ffrance sous ttenrv IV. (1897), 253. 197) »l'out est perclu lorsque la prokession lucrative clu trai- tant parvient encore par ses ricnesses ä etre une prokession no- noree . . . l^n cle^oüt saisit tous les autres etats, I'tionneur v percl taute sa consicleration, les movens lents et naturels 6e se clistin^uer ne toucnent plus et le Gouvernement est krappe clans son prin- cipe .. .« 198) »Lst stultissimum ac sorcliclissimum neMtiatorum Zenus, quippe qui rem omnium sorciiclissimam tractent, iclque sorcliäissi- mis rationibus, qui cum passim mentiantur, peierent, kurentur, irauclent, imponant, tamen omnium primos sese taciunt, propterea quoci cli^itos nabeant auro revinctos.« 199) „Es ist vor allen ein überaus stinckende Sect der Kauff- lcut..." usw. 200) Otto Neurath, Zur Anschauung der Antike über Handel usw. in den Jahrbüchern f. N. Ö. III. Folge 34, 179. Diese Abhandlung, die schon im 32. Bande der „Jahrbücher" beginnt, ist ein außerordentlich wertvoller Beitrag zur Geschichte der Geltung des Handels (und anderer wirtschaftlicher Tätigkeit) in der „öffentlichen Meinung" (bzw. in den verschiedenen Gruppen der Bevölkerung). N. dehnt (was der Titel nicht vermuten läßt) seine Untersuchung bis in das 18. Jahrhundert aus. 201) Siehe meine „Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrh." 3. Aufl. (1913), 100 ff. 118 ff. 202) Sämtliche Zitate nach Buckle, Gesch. d. Civil, in England 2° (1868), 293. 203) So lautet eine Kapitelüberschrist in dem pompösen, in der Grundidee zwar verfehlten, aber an Belehrung außerordentlich reichen Quellenbelege 497 und wertvollen Buche von G. v. Schulze-Gävernitz, Britischer Imperialismus und englischer Freihandel. 1906. 204) v. Schulze-Gävernitz, a. a. O. S. 362. 205) Siehe die lehrreichen Zusammenstellungen bei Th. Vogelstein, a. a. O. S. 170 ff. 206) »!>>le sarä pocna riccke??a a' kiZIiuoli no8tri Ia8ciarli cne cla parte niuna cno8a neceLsaria alcnuna loro mancln, e sarg cli cierto riclie^a Ia8ciare a' fiZIiuoli tanto äe' beni äella kortuna cne non 8i'a loro kor^a clire quella acerb>88ima et aZIi inZeAni liberal! ocZiosissima parola, cioe: ^o ti pre^no.« Alberti, Oella fam., 49. 207) »8ono atte le riccke^e acl acquiÄare ami8tä e loclo, servenclo a cli! a kisvAno; puo88i con le ricke^e con8eAuire sama e auctorita acloperanclole in cose ampli88ime e nobilissime con molta larZlie^^a et maZnikicentia. tlt sonc» neZIi Ultimi casi e biso^ni alla patria le riccke^e cle' privat! cittaclmu, come tuttc» il si truova, molto utilissime.« I. c. 132. »I'roppo a nnoi 8ara ArancZissimo Auacla^no, si nc>i asseAuiremo Aratia e locle, per le quali cose 8olo 8i cerca vivere in riccbe^a. ?>lon 8ervira l'animo «Zunque per arricbire, ne con8tituira ei corpo in otio e 6elitie, ma U8era le nccne^^e 8olo per non 8ervire . .« »8e Ila kortuna vi clona r!clie??e acloperatele in cv8e maAnikicbe e c>nesti88ime.« I. c. 139. 208) »!>se 8i'a cni 8timi le ricbe^e 8e non katico8e et incommoa'e a cni non 8a bene U8arle, s^et 8ara non 6anno88a o^ni ricliWa a cnollui ei quäle non la 8apra bene U8are et cnon8ervare^ . .« I. c. 49. 209) l'ne Oeconomv ok ttuman I_ike, Äaushaltungskunst des menschlichen Lebens. 1785. Die Schrift ist im wesentlichen ein Auszug aus Franklins Schriften. w>8e man will 6e8ire no more tkan wnat ne mav Aet ju8tlv, U8e 8oberlv, 6i8tribute cneer- kullv, ancl like up on contentecllv.« (338). 210) Dr. Bergk, Die Kunst reich zu werden (1838); das Schristchen ist aus Franklinschem Geiste geboren; ihr Verfasser erklärt selbst, daß seine Absicht sei, die Lehre Franklins zu verbreiten. 211) Dr. Bergk a. a. O. 212) Alberti, vella kam., 242 und öfters. 213) l'ne Oeconomv ok Human 1.ile, 121. Sombart, Der Bourgeois Z2 498 Quellenbelege 214) G. Smith, Oiss. äe privileAiis societatis Inäiae onenwlis (1786) 16; zitiert bei Laspeyves, a. a. O. S. 91. 215) E. Laspeyres, a. a. O. S. 87. 216) »Loleva ciire messer . . Alberto, omo «Zestissimo et faccentissimo cne mai vio!e uomo clili^ente anclare se non ÄllaZio.« Alberti, vella kmi^Iia, 165. 217) Paris on court, c>n se presse parce qu'on ^ est oisik; ici (a Lyon) I'on marcke posement, pÄrceque I'on y est occupe!« Zitiert bei Just. Godard, L'ouvrier en soie l (1899), 38/39. 218) »How, in schriet coats, cockeä nats, an povvclerecl wi^s, tliey struttecl up ancl down tke?Ianiswnes, tne only bit ok pave- ment tnen in (ZIssAow. coverinA tnree or kour nunärecl yarcis ok rogä in krönt c>k tne l^own r^II ancl tne achoininA okkices — Wiking Arsn6l^ to c>ne anotner, anä nociclin^ NÄUZntily to tne Iiumbler ioll< wno came to clo tnem IiomgAe.« Zitiert bei Fox Bourne, UnZIisIi mercnants, 394. „Steif und aufmerksam" sind die Beiwörter, mit denen Goethe einmal im Wilhelm Meister den „Geschäftsmann" in seiner beruflichen Eigenart kennzeichnet. 219) Die Juden und das Wirtschaftsleben S. 132 ff. 229) Siehe die Belege in der „Allgemeinen Schatzkammer der Kaufmannschaft" 1741 f., 3, 148; 4, 677; 3, 1325 f.; I, 1392. 221) »Xo respecwble nouse ^voulci overäo tne tninA. I'nere was a sort ok seli-respect sdout tne artieles aävertiseä ..« Walter Barrett, l'ne olä merciiants ok r>Iew Vork Lity (1863), 22. 25. 222) Lompl. ^NAl. I'raciesman. 5. eä. 2. 151 kk. 223) Ios. Child, ^ nevv cliscourse ok traäe 4. eä. p. 159. 224) »It woläe be a Zrete äecgy unto tne compgnye, wnere- upon tne ^Vlr. sncl V^aräens Zave tne saiotnxvorl maZis cleclita reliZio- nibus, quoci excelleret arte colencli eas.« Livius V. I. 256) David söhn, Geschichte von Florenz l, 39 f. 257) Skene, Oltie Lcotlancl 1, 145 f. 191 f., 231. 258) Z. Klumker, Der friesische Tuchhandel zur Zeit Karls des Großen. Leipz. Diss. 1898. 259) »1"neir 'eternal want c>f pence' and tneir inabilit)? to clispense it« bringt die Adligen zu Fall. »I'ke cla^ nacl ^one vvnen a kollovvinA c>k ruäel^-armeä retainers (Vasall) macle a Zreat man ok a lZell-tke-Lator a l'iAer Harl. ^.s tninKS now vvent, wliat Iiacl been a source of strsn^tli was fast decomin^ a source c»k weakness. Retainers nacl to be maintainecl anä tneir maintenance was a clrain c>n tne lorcl's resources v/nicn nis extencZeä xvants macle ever more unclesirable . . . ^. noble witn broac! ciomains ancl a scant^ purse was a stranciecl leviatnan, impotent to put fortn nis strenAtk in tne nevv conclitions in vvnicn ne founcl bimself.< T. Kume Brown, Lcotlancl in tne time ok (Zueen i^ary (1?04), 182 ff. 259 a) Alle auf die Familienverhältnisse der Albertis bezüglichen Angaben entnehme ich dem Quellcnwerke: Luigi Paslerini, (Zli Quellenbelege 503 widert! äi k^iren^e. QenealoZia, Storia e vocumenti. 2 Vol. 1869. 260) Aus Albcrti, vella tamiAlia: »I^IuIIa fate sen^a optima raZione«, p. 198. Körperlich — müßt ihr gesund leben: »non man^iare 8e tu non senti 5ame: non bere se tu non ai sete. . .« das fördert die Verdauung, p. 164. »prenclete questa re^ola brieve Aenerale, molto periecta: ponete clili^entia in conoscere qual cosa a voi so^Iia essere nociva et cla quella molto vi Zuarciate: quäle vi Aiova et voi quella seZuite«, ib. »I'anto siamo quasi cla natura tutti proclivi e inclinati all' utile, cbe per trarre da altrui, e per conservare a noi, clocti creclo clalla natura, sappiamo e simulare benivolentia e ru^ire amicitia quanto ci attaZIia«, p. 264. »I^Iessuno ve^o e si strano ne si inäurato in te, cne in pocbi 61 una tua kerma ciiliZentia et sollecitucline non Ilo emenäi ne llo rimuti«, p. 46. r tbat vicious actions are not kurtkulbecausetkevarefor- biäcien, but korbiäclen because tkev are burtkul; tne nature ok man alone consiciereä: tbat it vvas tkerekore everv one's interest to bevirtous, vvno v/isbecl to be bappv even in tkis ^orlcl: anci I sboulci Irom tbis circumstan ce ttnere beinZ alwavs in tbe ^vorlä a number or rieb mercbants, nobilitv, 504 Quellenbelege states ancl princes, wno bave neecl ok konest Instruments tor tne Management c>i tneir arkairs, anci sucn being so rare), nave enclea- vorecl tc> convince voung persons, tnat no qualities are so likelv to make a poor man's tortune, as tliose ok probitv ancl inte- gritv.« ib. p. 140. 141. Zu vergleichen ist auch die in anderem Zusammenhange (siehe oben S. 153 ff.) mitgeteilte Tugendsystematik dieses Mannes. 261) Neue Belege wieder bei N. Tamassia, l.a kamiglia ital. nel sc. XV e. XVI (1910), 40 ff. Man wollte die alten Vor- fahren nachahmen: »in virtü e in sustan^a.« 262) Marcotti, l_m mercante kiorentino, 106. 26Z) Z. B. »Lcrivono cne Ltikonte megaro pkilosapno cla natura era sincninato a essere) ubbriaco et luxurisso, ma con exercitsr ssi in) abstinentia et virtü vinse la sua quasi natura (!) et fu sopra gli altri costumatissimo. Virgilio quel nostro clivino poeta cla giovane ku amatore« usw. I. c. p. 46. 264) A'en oph on, Oeconomicus, 11. Kap. Deutsch von Koder- mann 1897, S. 51 ff. 265) Ienophon, a. a. O. S. 80. 266) Max Weber, Römische Agrargeschichte (1891), 225/26. 267) »Oiligens paterkamilias, cui corcli est, ex agri cultu certam sequi rationem rei kamiliaris äugen clae . « Columella, Oere rustica. l_ib. I. c. I. Die Ackcrbauwissenschast war von Griechen, Karthagern(I), Römern usw. hochausgebildet. »Ion minor est virtus czusm quaerere parta tuen« Ovici. »Oivitige Arancles Iiomini sunt vivere psrce« I.ucret. »lVlaAnum vectiZal parsimonia.« »Julius tantus quaegtus cmem quocl nabes parcere.« »jVlsAnae opes non tsm multa capiencio cmam Iiauci multa peräenclo, quaeruntur.« Zitiert „Geldsucht", S. 79. 270) »Lni non teme Oio, clii nell'animo suc> sve gpenta la reliZione, questo in tucto si puo rioutare cattivo . . . si vuole empiere I'animo a' picnoli cli Aranclissima reverentia et timore cli Oio, impero clie I'amore et observaiiW cielle cose äivii.e e mirabile freno a molti vitii . .« Alberti, Oella km., 54. 271) Alberti, I. c. p. 122 5. 272) Dies ist jetzt wieder das Ergebnis der gründlichen Untersuchungen von Charles Dejob, l_a toi reli^ieuse en lwlie au XIV. siecle. I90ö. 273) Das ist gut entwickelt bei G. Toniolo, vei remoti kttori clella poten^a economica cli k^iren^e. 1882. 274) O. Kartwig, Quellen und Forschungen zur älteren Geschichte von Florenz, I (1875), 93. 275) Charles de Ribbe, l.es tamilles et la societe en s^r-mee avant la Revolution 6'apres 6es clocuments ori^inaux. 2. ecl. 2 Vol. Paris 1874, namentlich l, 56 ff. Das Buch leidet etwas unter der stark hervortretenden Le Playistischen Tendenz, bleibt aber wertvoll durch die zahlreichen Auszüge aus schwer zugänglichen oder gar nicht veröffentlichten l.ivres cle raison, vom 15.—18. Jahrh, namentlich aus der Provence. 276) W. Sombart, Die Juden und das Wirtschaftsleben, 226 ff. 277) Jakob Strieder, Kirche, Staat und Frühkapitalismus in der Kertling-Fcstschrist, 1913. Literaturangaben findet man in meinem „Modernen Kapitalismus", Band I, 1902. 278) Die thomistischen Schriften, die für uns als Quellen in Betracht kommen, sind zunächst die Werke des L>. Thomas selbst. Ich zitiere nach der neuesten Jubiläumsausgabe: 8. 1-nomae ^quinatis Summa tneolossica ecl. Romae, 1886. Wichtiger noch sind für die in diesem Buche behandelten Probleme die Werke der Spätscholastik, unter denen an erster Stelle zu nennen ist: die 8umma des L>. Antoninus von Florenz. Sie wird von den meisten 506 Quellenbelege Autoren zitiert nach der Veroneser Ausgabe von 1741: 8. Triton ii Summa tneolo^ica eä. per ?etr. kallerini ?resb^t. Veron. Veronae 1741, 4 tomi. Diese Ausgabe konnte ich mir leider nicht verschaffen. Ich habe daher benutzt: die Florentiner Ausgabe desselben Jahres: 8. ^ntonini etc. 8umma moialis, cura l'n. ^Vlariae jVwmmacki et vion^sii I^emecielli. sslor. 1741, 4 t. in 8 Vol. Leider ist die Kapitelcinteilung in diesen beiden Ausgaben nicht durchgängig dieselbe, so daß die Zitate nach der einen in der anderen häufig unauffindbar sind. Neben ^nr. l^Ior. müssen zu Rate gezogen werden die Werke seines Zeitgenossen Bernhard von Sicna: IZernnar^ini 8enensis Opera omnia. 5 t. ?aris I63ö; ferner Lnr^s. lavell us, ?liilosopliia oeconomica clivina atque enristiana; eä. Venet. 1540. Die Literatur ist nicht sehr ergiebig für die hier gestellten Probleme. Die ältere Literatur: Wilh. Endemann Studien in der roman.-kanon. Wirtschafts- und Nechtslehre, 2 Bde., 1874—83; Funk, Äber die ökonomischen Anschauungen der mittelalterlichen Theologen, Zeitschr. f. d. ges. Staatswiss. Bd. 25 (1869) hat ganz andere Fragestellungen. Aus der neueren Literatur ist die vielversprechende Schrift von M. Maurenbrecher, Thom. von Aquinos Stellung zum Wirtschaftsleben seiner Zeit, I. Lpz. Diss. 1898 leider ein Torso geblieben. Das Verdienst, sich eingehend mit Ant. von Florenz befaßt zu haben, gebührt Carl Ilgner, dessen Buch: Die volkswirtschaftlichen Anschauungen Antonins von Florenz, 1904 zur ersten Einführung geeignet ist. Eine wertvolle Untersuchung, die gerade auch die uns hier interessierende Fragestellung zu der ihrigen macht, ist die Schrift von Franz Keller, Unternehmung und Mehrwert. Eine sozial-ethische Studie zur Gcschäftsmoral. 1912. Schriften der Gvrres-Gesellschast, Sekt. f. Rechts- und Staatswiss. 12. Seft. Für die allgemeine sozial-ethische Problematik des Thomismus ist zu Rate zu ziehen Ernst Trocltsch, Die Soziallehrcn der christlichen Kirchen und Gruppen, 1912. 279) 8. Inom. 8. tk. II» Il»<- c>u. 153a 2 und 3. 280) »Virtus consistit in meäic» rei vel rationis.« Nach l'nom. ^ntc»n. 8. mor. II. 9. cap. 3 und 4. 281) 8. l'nom. 8. tn. II» qu. 155a I. 282) »vicenäum quoä lex vetus mamkestabat praecepta leZis imturae et superaciäebat czuaeciam propria praecepta^ (nämlich die Quellenbelege 507 jüdischen Zeremonial- und Iudizialgesetze). 8. I'nom. I. c. cm. 98. g. 5. Vgl. qu. 99 ki. 283) »n verentur czuas ma^is inclinat concupiscentia carnis . .« Nach 8. I'nom. ^nt. 8. mor. II. 6. 8. § I. 286) ^nt. 8. mor. IV. 5. 17. § 4. 287) 3. I'nom. 8. tli. 11^ IIu<- qu. 129 s. 4. 288) ^nt. 8. mor. IV. 5. 17. § I. 289) ^nt. 8. mor. II. 6. 8. § I. 290) Vgl. noch 8. I'nom. 8. tli. Il-^ Il-^o qu. 117. 118. 119. 291) »Lonsistitautem noc vitium (sc. procliMlitas) in expenclenclo superklue clivitias ubi et czuanclo non oportet et minus clebito eas amanclo. . . LontinZit enim quancloczue, quocl aliquis exceclat in cwnclo et sic erit procliAus: puw iacit convivium superkluum vel vestem excessive pretiosam vel luäit et nuius mocli et simul cum noc exce6et in accipienclo etc.« ^nt. 8. mor. II. 6. 8. Z I. 292) »est attenclenclus luc excessus non solum secunclum quantitatem, seä secunclum proportionem, consicleraw qualitate personae potentis, nobilis et plebei et nuius mocli.« ^nt. I. c. 293) »clum sic perabunclat in clsnclo, cleiiciunt ei propria bona, uncle cossitur inäebite aclquirere, puta per kraucles, usuram et nuius mocli.« ^nt. I. c. 294) »cum tempus sit pretiosissima res et irrecuoerÄbilis.« ^nt. 3. mor. II. 9. 2 § 2. »tempus pretiosissimum.« ib. 508 Quellenbelege 295) non solum inkerior invenitur otiosus animslibus brutis, seci etiam cunctis creaturis, a cunctis äiscoräans. >kam omnis crestura operatur sliquo modo secunclum mo6um suum: nulla est otiosa.« /.nt. I. c. 296) /^nt. 8. mor. II. I. 16. § 2; vgl. das ganze Kap. 17, das die Überschrift trägt: »äe variis frauäibus, czuae committitur in neAotianäo.« 297) Alberti, Oella kam., 134: »L stimo io sia non wnto per prucientia et saZacitä äi nostri uomini, ma veramente mü premio cli Oio, poi cn'e nostri oneswmente avan^ano. Losi Iciäio, a cui sopra tutti piace l'onesta e ssiusti^ia, äoni a Iloro Ara^ia cne oossano in InnM prosperita Zoclerne . .« 298) 8. 1-nom. 8. tn. II» czu. 49. 53. 123 ff. 299) Der 9. Titel der ?ars II. der 8. mor. H.nt. handelt von den ^ciclia; der 3. und die folgenden Kapitel von der neZIi^entig. 300) »Oicenäum quod, sicut pnil. clicit in Hin. VI, clelectatio Maxime corrumm't existimationem pruclentiae; et praecipue äelec- tatio quae est in venereis, quae totam snimam absorbet et tmm't sensibilem äelecwtionem; perkectio autem pruclentiae, et cuius- libet intellectualis virtutis, consistit in abstractione a sensibilibus . .« 8. Inom. 8. tn. ll^ II»° c>u. 53 a. b. 301) »patet quocl abusum <^ivitiarum et pauperktis sapiens fu^iencium äocet, non ipsas 6ivitias et psupertatem.« Opusc. contra impu^nantes reliZ. concl. 3. Zitiert bei Ilgner, Ant. v. Fl., 151. 302) »In tantum clivitiae sunt bonae in quantum perkiciunt aci usum virtutis. pauoertas non in se est bona, seä in quantum liberat ab illis, czuibus impeclitur nomo, quominus soiritualibus bonis intruäat.« ^nt. 8. mor. IV. 12. 3. 303) »a Domino Oeo est naec varia clivitiarum et inaequalis «Zispensatio.« ^nt. 8. mor. II. I. II. § 1. 304) Dem Reichen wollte Gott »bemAnitatis suae experimenta conterre« : unter Berufung auf den Ä. Ambrosius: ^nt. 8. mor. II. I. II. Z I, oder er wollte ihm die Möglichkeit »kiäelis clis- pensationis« seiner superabunclantia geben: ^Xnt. 8. mor. I. 7. 3. § 2. Der Reichtum muß kinem, quem veus intenäit gebraucht werden: >ut scilicet recoAnoscat ipsum ut benekactorem et diliZat Quellenbelege 509 et pro nomine eius inciigentibus largiatur.« ^nt. 8. mor. II. I. II. Z 1. 305) /.nt. 8. mor. II. I. 11. Z 1. 306) Die wichtige Stelle lautet vollständig wie folgt: »Singulares autem personas multas ab intrinseco clonatas conspicimus quaciam sapientia . . ita quoä inter liomines vel aliorum ciomini nati vel facti sint, quamvis ciomini non sint. quia bis naturali aequitate clebetur regimen aliorum, icicirco si isti appetunt ciominium, si aciboc cumulant pecunias ut ciominium temporale emant, ut cuiusque clecet sapientiam, a rationis rectae tramite non receclunt. .« Das sind also die: qui cumulant pecuniam ut babeant superiorem statem consonum suae virtuti: mensuratur quippe borum appetitus ascenciencli penes quantitatem suae virtutis . .« Lomm. Larci. Lajet. acl. 8. I'liom. 8. tli. Il-^ II-^« qu. 118. a 1. 307) »8i cmis suikicienter ciives pro naturali ielicitate con- sequencia, ex solo appetitu ascenclencli et gloriae, cumulat pecunias praesenti suae conclitioni superiluas, procul ciubio immoclerato kertur amore: sicut illi czui solo amore lucri neZotiantur. l^triusque nam appetitus sine rine est: czuoniam tam ascenclere czuam lucrari, absolute sumpta, termino carent.« Laiet. I. c. »si kinem ponat ultimum in lucro, intenclens solum clivitias augere in immensum et sibi reservare, in statu permanet clamnationis.« ^nt. 8. mor. II. l. 16. Z 2. 308) Bernh. v. Siena, 3, 311. And dazu F. Keller, Unternehmung und Mehrwert, 35, 78. 309) »clicenclum cmoci ille qui mutuat pecuniam transrert ciominium pecuniae in eum cui mutuat. l_in6e ille cui pecunia mutuatur sub suo periculo tenet eam, et tenetur integre restituere. l^ncie non liebet amplius exigere ille qui mutuavit. 8ec! ille qui committit pecuniam suam vel mercatori vel artiiici per mocium societatis cuiusciam, non transrert ciominium pecuniae suae in illum, seci remanet eius, ita quoci cum periculo ipsius mercator cie ea negotiatur vel artikex operatur. icieo licite potest partem lucri incie provenientis expetere, tanquam cie re sua.« 8. I'iiom. 8. tb. 11-^ ll"° qu. 78. a. 2. 310) »Ut ut clicunt libentius vencierent tales pannos tali pretio sc. 45 vel 46 aci contantos, si omnes et majorern partem sie 510 Quellenbelege posLent venclere quam per 5V terminum, quocl pecuniam tunc babiwm cito reinvestirent (!) plurieZ in anno psnnos lacienclo.« ^nt. 8. mor. III. 8. 4. § 2. 311) »8i (pecunia est traäiw) per moäurn capitaliZ, seu rectae societatig, tunc in pacto e88et, quocl 6eberet eam solis mercatoribus liäeliter clepuwre. Ut baec ultima ratio viäetur kortiter probare, quocl non sit traclita clicta pecunis, nisi ut mutui rationem naben8, in quo 8pe8 lucri reprodatur . .« ^nt. 8. mor. II. 1. 6. Z 16. »potiu8 vult uti, ut U8urario mutuo quam in rnercationious, ut in vero capiwli . .« ib. Z 15. Vgl. Bernh. Sien. 8ermo Xl.II c. II.: »rnutuurn U8urgrium« — »ratione cÄpiwIi8«. 312) »illuä quocl in lirrno propo8ito Oomini 8ui e8t oräinstum acl sliquocl probabile lucrum, non 8olum liabet rationem 8irnplici8 pecuniae, 8ive rei, 8eä etiarn ultra boc czuamllam 8eminalem rationern Iucro8i, quam com- muniter cgpitale vocamu8. Icleo non 8olum reääi kabet 8implex valor ip8iu8, 8ecl etism valor 8uper- acljunctu8.« Bernh. Sien. 8errno XXXIV c. III. 313) änt. 8. mor. II. I. 5. 37. 314) änt. 8. mor. II. 1. 5. 46. 315) ^nt. 8. mor. II. I. 5. 37. 316) »0.MÄ pecunia eiu8 liabet rationem capitali8, potest ex ea ratione 8uae capitalitati8 exi^ere . .« 8. mor. II. I. c. VI § 15. »ut mgAi8 p088ent cum illa pecunia lucrari . . .« ib. Z 29. »quia i8te 8ua pecunia jam nabet rationem capitÄli8, pote8t ex ea ratione 8ui czpitaIitÄti8 exi^ere in praetato casu.« Bern. Sien. 8ermo X1.Il. c. II. Opp. 2, 252. »sclvertenäum quo<1, 8i creditor ex illa pecunia nikil 1ec!s8et, nec 1acturu8 kui83e 8upponitur, uncle lucrum aliquocl con3equi p083et, utpote, quia pro certo 8Upponitur quocl eam 8impliciter expeno!i88et 8eu in arca 8ervs88et, tum acl nullum intere88e lucri obIitzAtu8 e8t.« ib. c. III. 317) ». . tenetur talia lucra 8ic percepta re8tituere, non ob- 8tante czuoci clepo8itarii multum cum ip8a lucrari kuerint, nam lucrum inäu8trwe iuit, non pecuniae, et periculo 8ub8tabat gmi88ioni8, cuiu8 6eponen8 nolebat e88e particep8.« ^nt. II. I. c. V § 34. Quellenbelege 511 318) »(Zuaeritur an äans pecuniam mercatori gci mercanclum, vel artekici aä materiasemenclum.etex eis artiliciaw kacienclum cum pacto, vel etiam sine pacto, seä cum nac intentione princi- pali, czuoä capitale sit salvum, et pariern lucri nabeat: num qu!6 talis est usurarius?« Ja! weil das Risiko beseitigt ist. ^nt. 8. tn. II. I. 5. § 37. 319) »si periculum capitalis spectaret utrumque, tunc cum societas contraliatur per wlia verbg, tunc bene est licitus; licitus est enim, quocl unus Socius ponat pecuniam et alius operam et sie supplest labore, quo6 6eest in pecunia.« I. c. 32l)) »pecunia ex se sola minime est lucrosa nec valet seipsum multiplicsre; seä ex inäustria mercantium lit per eorum merestionis lucrosa.« ^nt. 8. mor. II. 1. 6. Z 16. »8i illam pecunmm mutuatam exercuisset in licitis ne^otiis lucrum illucl acltridui clebet et cleputari inclustriae suaeet labori, cum etiam sudswret periculis.« eoci. I. § 36. »in recompensationem laboris, inciustriae et expenssrum.« I. c. II. I. 16. § 2. Es ist das besondere Verdienst der Kellerschen Schrift, auf den Begriff der »inäustria« bei den Scholastikern die Aufmerksamkeit gelenkt zu haben. 321) »sunt nobiles qui nolunt Iaborare; et ne pecunia eis äekiciat paulatim consumenclo, traclunt eam mercatori vel trape^itae, intenclentes principaliter aliquicl annuatim recipere acl cliscretionem eorum salvo wmen capitali: wmen clare usura est.« 322) »per avaritiam enim toilit sibi operositatem omnis clebiti mocii procuran6i sibi licita et salubria lucra et pro wnto eikicitur ciesisicliosus, aciäiosus, otiosus. Hx noc etiam avaritia necessitat nominem g<1 inclebitos mocios lucrancli contra lexem.« ^nt. 8. mor. II. 1. 2 § 6. 323) Ich stelle in der Reihenfolge, wie ich sie im Text auszugsweise übersetzt habe, die Stellen in englischer Sprache hier zusammen: »Hoxv little cio tue wealtb ancl nonours oi tlie vvorlcl concern s soul tnat is MinK into anotner worlcl, ancl Ieis maximo propinczuus qui minimis e^eat.« I. c. I, 217. 1. 1°im. b, tke 1.ove ok monev is tke root ok all evil »Oo vou believe tkat kere Ivetk tke äan^er c>k vour souls? anä vet can vou so love anci ckoose anä seel< it.« »Vi^orlä- liness makes tke >Vorci unprokitable anci Iceepetk men krom believiriA anä repentinA anä cominZ bome tc> (Zc>ä anä minäinA seriouslv tke everlastinZ vvorlä. XVKat so muck Kin6eretk tke (Konversion ok sinners, as tne love anä cares ok eartklv tkinAS? I'kev cannot serve Qoci anci iViammon!« I, 22V. »In a vvorcl ^s von kearä, Ike love ok monev is tne root ok all evils, anci tke love oi tke k^atker is not in tke lovers ok tne worlci«. ib. --pemember tkat rickes are no part ok vour kelicitv. Vea, remember tkat rickes are not tne smallest temptation anä clanZer to vour Louis . . It is not kor notkinZ tkat Lkrist ^ivetk so manv terrible vvarninAs about Pickes anä so äescribetk tke kollv, tke c-anZer anä tke miserv ok tke worlcilv rick . . anä telletk vou kow karälv tke rick are saveci.« Lk. XXVIII. des II. Teils. 324) »ke tkat is Areeäv ok Zain, troubletk bis own kouse, but be tkat katetk Zikts, skall live.« »Oo vou not know, tkat a Zoäiv man contenteä witb bis dailv breaci batb a kar sweeter an6 quieter like anä äeatk tkan a selk-troublinZ vvorcilinA?« Baxter, Lkristian virectorv I, 219. Christus war bettelarm, ib. ->Ik Lkrist äici scrape an ^ive kor monev.« ib. z>tallÄture in its k^our-rolcl Ltate p. 300. 326) »Nen are lotn to lencl tkeir care to tke VVorcl, vvken tne abounä in prosperitv.^ Aberncthy, pkvsike kor tne Loule, p. 488. Buckle, 387. »Sucn is tlie weakness even ok Aocilv men tnat tkev csn karälv live in Ä prosperous conäition anci not be overwlcen witk some securitv, carnal conkiäence, or otker miscarriaAe.« Kutcheson, Exposition ok tke kool< ok ^ob. p. 387. ib. 327) Baxter, Minist. Dir. I, 237. 245. 328) Burnets, «ist. ok its own time I, 108; vgl. Buckle, a. a. O.; Mackin tost), «ist. or Livil. in Scotlanä 3, 2v9 kk. 329) -»l^ke notbinA ancl clo notbinA meerlv because tke sense or appetite vvoulä k^ve it, but because vou kave kesson so to clo.« Baxter, Lkr. Dir., I, 229. 33l)) »we skoulci Zovern ancl reZul^te accorclinZ to verv strict sn6 severe laws all tke fsculties ok our soul, all tke members ok our Sombart, Der Bourgeois 33 514 Quellenbelege doch, all internal motions and all external actions proceciinZ krom us; tnat we snoulä clieck our inclinations, curb «zur appetites ancl compose our passions; tnat we snoulci Ausrcl «zur Iiearts krom vain tnou^Iits anc> ba to promote ^ooä vvorlu8 lui äonnie? toutes les assistances qui clepenciront äe vous pour faire le 6it etadlissement et pour cet ekket cme vous obliZie? ceux cles clit8 kabitans tant nommes, kemmes c>ue les enkants clepuis I'äAe äe nuit ans c>ui sont sans occupation a travailler en la ciite nianusacture et que vous ave? a lui sournir une maison . . .« Ms. mitget. von Levasseur, ttist. 2, 256. 351) Selincourt, I. c. p. 259. 352) Anwin, I. c. p. 168k. 353) Ms. bei Levasseur, 2, 37. 354) Diesen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen, habe ich versucht in meiner „Deutschen Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" 3. Aufl. 1913, S. 118 ff. 355) »I>1on oatisce la nostra terra cne cte' suoi alcuno cresca troppo nelle victorie ciell' armi. Lavia: percne saria pericoloso alla anticnissima nostra liberta, se cni ave aciempiere nella re- publica le sue volontä con kavore et amore cleZIi altri cittaclini, potesse quanto I'animo il traporta, czuanto la tortuna si Zli porge, quanto il tempo et le conciictioni clelle cose Ali acceäe et persuacle aseZuire con minacce et con ior?a 6'arme. . .« Der Grund des Geschäftsgeistes in Florenz ist seiner Meinung nach der (zusammenfassend): »Il celo proäuce Zl'inAenAni astuti a cliscernere il Aua- äaZno, et luo^o, I'uso Al'incencle non aä ^loria prima ma acl avan^arsi et conservarsi roba, a clesi- clerare piü cne Zli altri ricne?e, colle c-uali e'creäono meZlio valere contro alle necessita, et non poco poiere aä amplitucline et stato ira cittaclini.« Alberti, vella lamiZIia, 36/37. 356) W. Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert 110, und: Krieg und Kapitalismus, 28 ff. 357) Dr. Shad well in der Times Dez. 1903; zitiert bei Schulze-Gaevernitz, Britischer Imperialismus, 121. 358) I. Burckhardt, Kultur der Renaissance I», 69. 359) W. Petty, Several Hssavs in Pol. ^ritlim. (1699), 185 k. Quellenbelege 517 360) »l'nev (tne non-conkormist) are not excludecl krom tlie nobilitv, amonA tne Aentrv tkev Äre not a kev/; out none are ok more importance tnan tnev in tne traclmA pari ok tlis people anci tliose tilgt live bv inclustrv, upon v^Iiose Iiüncis tne business ok tne Nation lieg mucli.« Oiscourse ok tne l^eli^ion ok rln^lmicl 1667. p. 23. Zitiert bei K. Kallam, Lonst. «ist. 3 (1827), 451. 361) rltat cle la Trance . . ?ar le Lomte cle koulain- villiers. 6 Vol. 1737. Auf diesen Berichten fußt ein großer Teil der Literatur, die sich mit der ökonomischen Lage der Reformierten Frankreichs am Ende des 17. Jahrhunderts beschäftigt hat. Äber diese Literatur, die zugleich die Emigrierungen behandelt, werde ich weiter unten Angaben machen. Llntcr der älteren Qucllenliteratur ragt hervor das bekannte Werk von Ch. Benolt, «istoire cle I'eclit cle Nantes 5 t. 1693. 362) Ranke, Französische Geschichte 3^, 456. 363) Eine systematische und zusammenfassende Darstellung des Einflusses, den die Fremden auf die Kultur eines Landes ausgeübt haben, besitzen wir für in dem Buche von W. Cunning- ham, /^lien ImmiZrants to LnAlancl. 1897. Ferner für ^?»/s- /-Mü? in mehreren Schriften, unter denen besonders genannt zu werden verdient Ernst Frh. v. d. Brüggen, Wie Rußland europäisch wurde. Studien zur Kulturgeschichte, 1885, sowie das Werk von Jschchanian (1913), in dem auch die übrige Literatur verarbeitet ist. Dann gibt es aber eine Fülle von Schriften über die Geschichte und den Einfluß der einzelnen Wanderbewegungen, die ich am rechten Orte namhaft machen werde. 364) Broglio d'Ajano, Die Venetianer Seidenindustric (1895), 24. 365) Sieveking, Genueser Seidenindustrie in Schmollers Jahrbuch 21, 102 f. 366) A. Alidosi, Instruttione clelle cose notabili cli IZoloAna (1621), 37. Vgl. W. Sombart, Luxus und Kapitalismus, 180. 367) E. Pariset, «istoire cle la f^brique IvonnÄise (1901), 29/30. Vgl. W. Sombart, Luxus und Kapitalismus, 179. 368) Tr. Geering, Basels Industrie, 471. 369) Bujatti, Geschichte der Seidenindustric Österreichs (1893), 16 ff. 318 Quellenbelege 370) Ich verweise den beflissenen Leser noch auf folgende Werke, in denen er Einzelheiten findet. Für (außer Cunningham): Price, l'ne Hn^Iisn Patent? of jvionopolv 1906, p. 55ff. 82ff. Für //o//Kns?.' O. Pringsheim, Beiträge, 31 ff. Für bringt Levasseur viel Material bei; siehe auch noch z. B. P. Boissonade, I^'inäustrie äu Papier en Lnarente etc. kibl. clu pavs poitevin Ixlo. IX 1899, p. 8. Für ^65^^/«^^.' G. Schanz, Zur Geschichte der Kolonisation und Industrie in Franken, 1884; E. Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarz-- walds, Bd. I. 1896; C.Frahne, Textilindustrie im Wirtschaftsleben Schlesiens (1905), 90 und öfters. Für ös^^e/c^.' Sbrik, Exporthandel Österreichs (1907), 3 ff. und öfters. Für Sc^We^e?? (Eisenindustrie!): L. Beck, Geschichte des Eisens 2, 900. 1290 ff. Für (außer den bereits genannten): A. Brückner, Peter der Große, 1879; F. Matthaei, Die Industrie Rußlands in ihrer bisherigen Entwicklung, Bd. I, 1871. 371) Das Nähere und Weitere siehe wieder in meinem Juden- buche, woselbst auch Literatur und Quellen vermerkt sind. Vgl. jetzt noch die Schrift von Wlad. W. Kaplun-Kogan, Die Wanderbewcgungen der Juden. 1912. 372) Die Literatur über die „Emigranten" ist sehr umfangreich und zum Teil sehr gut. Sie schildert teilweise das Schicksal der religionsverfolgten Auswanderer aus einem Lande, teilweise das der Einwanderer in ein Land. Beide Darstellungsweisen ergänzen sich. Aus der fast unübersehbaren Fülle von Schriften nenne ich folgende als die brauchbarsten: Eh. Weiß, rlistoire cies rekuAies protestants cle Trance clepuis la revocation cle l'eäit cie Nantes jusqu'a nos jours. 2 Vol. 1853; grundlegend und noch nicht überholt. W. E.I.Berg, Oe peku^ies in cie I^ederlanclen na äe nerroepinZ van net eäict van Nantes. 2 Vol. 1845. Für unsere Zwecke kommt wesentlich nur der erste Band in Bewacht, der 'nanciel en nijverneio" behandelt. Gute, ausführliche Darstellung. I. S. Burn, Historv ok tlie Irenen, >Va»oon, vutcn, ancl otner k^oreign Protestant pekuZees settlec! in Hn^Ianä, from ttenrv VIII. to tne pevocation ok tne Häict of Nantes, >vitn I^Iotices of tlieir l'racle ancl Lommerce, Lopious üx- tracts from tne peZisters, Lists ok tne Harlv Settiers, etc. I84v. Quellenvelegc 519 Die große englische Literatur über das Emigrantcnproblem hat im wesentlichen Cunninghamin seiner zusammenfassenden, oben Anm. 363 genannten, Darstellung verarbeitet. E r m a n und Reclam, iV^emoires pour servir a I'kistoire cles rÄu^ies 9 Vol. 1782—99. Sehr eingehende Darstellung des Schicksals der Emigranten in deutschen Landen, vornehmlich in Brandenburg-Preußen. Vol. V und Vl enthalten die uns hier interessierenden Angaben. Charles W. Baird, ttistor/ of tlie «uAuenot Umi^ration to America. 2 Vol. 1385. 373) Weiß, «ist. äes rekussies l, 104. Am die Verluste zu bestimmen, die Frankreich durch die Auswanderung der Kugenotten erlitten hat, dienen als Sauptquellen die Berichte der Intendanten aus den Iahren 1698. Sie sind jedoch meistenteils schönfärberisch und geben jedenfalls nur ein Minimum an. 374) Joh. Sembrzycki, Die Schotten und Engländer in Ostpreußen, Altpreuß. Monatsschrift 29 (1892), 228ff. 375) G. St. A. Gen. Dir. Südpr. Ortsch. LXXll 978 bei MoritzIaffs. Die Stadt Posen unter preuß. Herrschaft (Schriften d. Ver. f. Soz. Pol. 119. II. S. 14) vgl. (zit. id.) Th. A. Fischer, l'lie Lcots in Oerman^; iclem, 1"ne Lcots in Lastern anä »Gestern prussia. Im 16. Jahrhundert begegnen wir (ansässigen?) Schotten als Spitzen- und Posamentenhändler im Erzgebirge: Ed. Siegel, Geschichte des Posamentiergewerbes (1892>, 42. 376) Paul Schulze, Die Seidenindustrie im .Handbuch der Wirtschaftskunde Deutschlands Z (1904), 658; vgl. Berg, ve ketuAies in äe t^eclerlanäen I, 285. 377) Eh. Weiß, I. c. I, 225ff. 378) Eh. Weiß, I. c. I, 138. 379> O. Wiedseldt, Etat. Stud. z. Entw. Gesch. d. Berliner Industrie (1898), 209. 380) O. Wiedfeldt, a. a. O. S. 386. 381) Die von den Franzosen begründeten Industrien sind vollständig aufgezählt im 5. und 6. Bande des angeführten Werkes von Erman und Ncclam. 382) Verzeichnis der Vorsteher und sämtlicher Mitglieder der teutsch und französisch vereinigten Kaufmannschaft der Tuch- und Seidenhandlung hiesiger Residenzien nach alphabetischer Ordnung zum Anfang des Jahres 1808 von den Ältesten aus den Gilde- 520 Quellenbelege büchern angefertigt und zu haben bei der Witwe Arendt im Börsenhause. 383) Bayle, vict. nist, et crit. art. Kuclilin. 384) »^iKenbelsriA . . meer no^ clan meclelijclen voor vervvl^cle ^eloofs^enooten . . (kacl) ?ijn cleel in cle eclelmoeäiAe en liefclerijlie ontvaiiAst cler vlu^telin^en . .« W. E. I. Berg, Oe k^eku^ies in äe k^eclerlanclen l, 167 ff. 385) Berg, ve reku^ies etc. I, 218; Weiß, «ist. cles re- fugies etc. 2, 18 ff. 386) Zum Belege, welche große Rolle die Juden im Anfang des 18. Jahrhunderts an der Amsterdamer Börse spielten, führe ich noch eine Bemerkung bei Ricard, l.e neZoce cl'^mstercwm (1723), 6 an, auf die ich erst nach Vollendung meines Iudenbuches aufmerksam geworden bin. R. berichtet, daß die Börse, obwohl sie 45W Personen faßt, „fast immer voll" sei, „ausgenommen — am Sonnabend, wenn die Juden nicht da sind"(I) 387) I. N. de Stoppelaar, lZaltliÄsar cle ^ouckervn (Iioll.) 1W1 zitiert bei S. van Brakel, Oe nolwnclscne «anclelscom- pa^nie en cler ?eventiencle eeuv (1908), 4. 388) »«anno introclotto i Mu^ZMi I'usc» nel ?3ese. . cli piü cli venti specie clifferenti di ^lanufatture. .« Leti, 'sestro belZicc» 2, 148 bei Berg, l, 212. 389) Scion schreibt an den Magistrat von Amsterdam: »toutes ces jnäustries se svnt etablies en cleux ans cle temps et sans 6epense.. Lela remplit cle plus en plus lg, ville cl'liÄbitants, Äccmit ses revenus publics, affermit ses murailies et ses doulevarcis, ^ multiplie les grts et les fabriczues, ewblit les ncmvelles mocles, fgit rouler I'arZent, ^ eleve cle nouveaux eclikices, ^ fait fleurir cle plus en plus le commerce, fortikie reli^ion pi otestÄnte, ^ porte encore plus I'abonäÄnce cle tcmtes clioses . . . Lela enkin contribue ä renclre ^msterclam l'une cles plus kameuses villes clu moncle...« Zitiert bei Chr. Weiß, «ist. cles kefuZies 2, 135/36, 39V) Chr. Weiß, 2, 135f. 391) Einen Überblick über die Verbreitung der Industrien in Kolland durch die kekuZies gibt Berg, I. c. 1, 169 ff. 392) Otto Pringsheim, Beiträge, 32 f. 393) W. Cunningham, Men ImmiZwnts tc> tlnZIancl, 469. Quellenbelege 521 394) Quellen bei Douglas Campbell, TAe puritans I, 259. 395) Jurieu, I_ettres Pastorales 2 (1688), 451; bei Weiß, I, 132. 396) Die angeführten Tatsachen nach I. S. Burn, I. c. 254 ff.; Cunningham, ^lien Immi^rants, 178 ff., 212 ff., 235, 263. Vgl. auchCampbell, T'Iie puritans, l, 489 f. und W. E. Ä. Lecky, Gesch. des 18. Jahrhunderts « deutsche Äbersetzung), I, 205 ff. Ich habe nur einen kleinen Auszug aus der Fülle des Materials gegeben. 397) Die Ziffern sind entnommen den Zusammenstellungen im Art. „Auswanderung" im Handwörterbuch der Staatswifscnschaften, 3. Aufl., I, 283 ff. (E. v. Philippovich). 398) Diese Berichte sind schon von Röscher benutzt und im Auszuge mitgeteilt in dem glänzenden Kapitel über den „geistigen Charakter des Koloniallebens" in seinem Buche über Kolonien. 1. Aufl. 1848, 3. Aufl. 1885. Neuerdings ist Th. Vogelstein in seinem oben genannten Werke auf sie zurückgekommen, um interessante Schlüsse aus ihnen zu ziehen. 399) Th. Vogelstein, a. a. O. S. 177. 400) Bei Fr. Ratzel, Ver. Staat. 2, 579. 401) Das schöne Latein, in dem Petrarca schreibt, wird es rechtfertigen, wenn ich die im Text in freier Verdeutschung wiedergegebene Stelle im Original hierhersetze. Sie verdient es wohl, zweimal gelesen zu werden: »I^Iobis, amice, vmm'a mm ex aurc» sunt et kastae, et cl^pei, et compecles et coronae: kioe et comimur et liZamur, nc>c ciivites sumu8, koe inopes, Iioc telices, 1>c>c rmseri. ^urum soluws vincit, vinctvs solvit, aurum sontes liberal, clamnat innoxios, aurum ciisertos ex mutis, ex clisertissimis mutos re<16it (/iul!g licies est psuperi czuia pecuni^e nikil aciest, verurnque illuct Laivrici: ^(ZuÄntum czuisque sua nummorum servat in srea lantum riebet et kiclei . .« postremo invitus ciicam seci veritas co^it, non moclo potens, seci omnipotens pene est aurum et omnia quse sub coelo sunt auro ceciunt: auro serviunt et piews et pu6iciti2 et ticies, omnis clenique virtus et Zioria aurum supra se vicient inque ipsos Animos coeiitus nobis ciatos, putet tateri, etiam rutiianti Imperium est mewllo. rloc reZes li^at atque pontikices, noe nomines et, ut aiunt, etiam ipsos Oeos piacat. I»ec czuiequam in expuxnabile inaccessumcme auro est.< Petrarca, Lp. cie red. tamil. I_ib. XX. rlp. I. 402) »quÄnä I'grZent est cians le rovaume l'envie etant uni- verseile cl'en tirer prokit Kit que les Iiommes lui cionnent ciu mouvement.« ^lem. cie Lolbert au roi 1670. Lettres eci. LIement t. VII. p. 233. 403) K. Ää'bler, Die Fuggersche Handlung, 56. 404) Levasseur, ?, 546 (nach Arnould). 495) Seignelay in seinem /Vlem. zu koi vom 3l). 11. 1688: I'eAarci 6e . . I'arZent qui est envove aux Incles, la Lompa^nie n'en Ä point tire ciu l^ovaume I'svant toujours tait venir en ciroiture 6e Laclix et son commerce äes Incles luilournira seul clans la suite les movens cie tirer en ciroiture cl'rlspaAne tout I'arAent ciont eile aura desoin.« Vgl. Nem. cies Oirecteurs 1686 bei P. Kaeppelin, I.Ä Lomp. cles I. 0. (1908), 201. 406) »ver-imente la Lrancia non contrasw aiia Zpa^na il possesso clelle Inciie, ma se ne appropria il vantsg^io, speclenäo continuamente bastimenti cariciii cii tutte quelle mercari^ie eke sono necessarie all' America.« Bei Ranke, Franz. Gesch. 4^, 322. 407) Ranke, a. a. O. 408) Berg, ve retuZies l, 218; l_e iVloine cie I'Lspine 1.e neZoce ci'^msterclam (1710), 39 f. Quellenbelege 523 409) Ein Weinhändler aus Paris, Mariet, rettet 600 000 ein Buchhändler aus Lyon, Gaylen, mehr als 1000000, sein Bruder 100 000. Die meisten Großkaufleute kommen 1687 und 1688 aus der Normandie, der Bretagne, Poitou und der Guienne. Sie landen in K. auf eigenen Schiffen, manchmal mit mehr als 300 000 ecus in Barren oder Geld. Einer der ersten Kaufleute von Nouen, namens Cossard, etabliert sich so in La Kaye; ihm folgen 240 feiner Standesgenossen. Berg, ve rel. 1,218; Chr. Weiß, «ist. cles rekuAies 2, 18 kk. Vgl. die Quellenbelege in Anm. 413. 410) »Oaar kwam bij, ciat «ollancl Zrooter ?ilver voor- raacl be^at, clan eeniA ancler lancl van Europa. Lpanje tocli Aebruikte voor den nanäel met Amerika kookcl^akelijk waren, welke net cloor invoer moest verkrij^en. Oe^e invoer was — wij ^a^en net rets — voor namelijk net werk cler llollanclers en wercl betaalcl met cle proclucten cler Kolonien: Aoucl en z^ilver. kovenäien nacl cle Zpaanscne regeerinA voortclurencl ^roote be- talin^en naar net buitenlancl, voral naar äe I^eclerlanci, te äoen. Leicle oor^aken werkten samen om clen ström Zoucl en Älver, welke uit cle mijnen van Amerika vloot, voor en ^root cleel over Zpanje naar cle Ixleclerlanclen ak te leicien.« S. van Brakel, Oe nollanclsclie «anclelscomp,, XIV. 411) Levasseur, 2, 293. 412) Onslow Burrish, katavia illustrata or a view oi tne policv ancl Lommerce ok tke l^nitecl provinces (1728), 353. 413) ^>oü il leur etsit plus lacile cle transporter leur lortune Arace a leurs liaisons avec les ne^ociants cle ces pavs.r Iurieu, I_ettres Pastorales 2, 451. 1688. Zitiert bei Weiß, «ist. cles rel. I, 132. 1687 schreibt D'Avaux in seinen NeZ. 6, 105. coll. 133: ->je manclai au Hoi qu'il etoit sorti clepuis peu plusieurs personnes tres ricnes 6e la l^eli^ion pretenclue k^elormee cle Trance; qu'il semblait que ceux, qui etoient le plus a leur aise commen^oient a sortir avec plus ci'empressement; qu'il v en avoit czuantite cles plus ricnes marcnancls, qui se clisposoient apasser en^n^leterre et en «ollancle et qui envoverent leur ar^ent par avance; qu'en eklet il en etoit passe une si procli^i euse quantite que Messieurs cl'^msterclam commenc^oientätrouver 524 Quellenbelege qu'il ^ en avoit trop, ne pouvant placer le leurplus kaut qu'a 6eux pour cent.« Berg, Oe pesuZies in cle I^Iecierlanclen I, 219. 414) W. Sombart, Die Juden, 55. 105. 415) Nach Erasmus Philips Ltate ok tue Nation (zitiert bei James, WorLteä iVlanukacture I1857Z, 207) beträgt das Aktivsaldo des englischen Außenhandels während der Jahre 1702—1712 im Jahresdurchschnitt 2 881357 nach Woods Lurve)? ok 1ra6e im Durchschnitt der Jahre 1707- 1710 2389 872 F, der Jahre 1713 und 1714 2103148F; zitiert bei Anderson, OriZin 3,41.63. 416) Onslow Burrish, katavia illustrata, Part II sect. 9. 417) r1a^ne8 (Zreat IZritains Qlor)? (1715), 15 f. bei James, 208; vgl. Cunningham, (Zrowtn 2, 196, wo der Handelsvertrag mit Spanien nach einem Ms. im Auszuge mitgeteilt wird. 418) Postlethwayt, vict. oi Lomm. /^rt. ,^ssiento'. 419) Nach Baretti: Ad. Smith, M. ok 1^. IV. 6. 420) Nach Coelho da Rocha, Unsaio Lvbrs a nistoria äo Zoverno e cZa le^isla^ao Bento Carqueja, - äerno e as suas ori^ens em Portugal (1908), 132. 421) l'ne innabitants »commonl)? ^vore vvaistcoats anä breeclieg ma<1e ok kine camblets ancl otner stukks ok crimson anä scarlet, anä aver a» a cloak ok Hgsex ba^s.« Defoes, Plan ok LnA- lisn Lommerce, zitiert bei James, >Vorst. ^Vlan. 184. Im 17. Jahrhundert waren zwölf Schiffe genügend, um den brasilianischen .Handel zu bewältigen; bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts stieg die erforderliche Anzahl Schiffe auf 100: Postlethwayt, Art. „Brazil". 422) Portugal eia, se^unclo uma plirase connecicla, ,um crivo atraves 6o quäl passavam immensas nque^as, 8em cleixarem siZnal'.« Bento Carqueja, I. c. 125 kk. 423) „Die leichte Art, womit manche in Brasilien in kurzer Zeit reich wurden, lockte viele Tausende tätiger Menschen aus Portugal fort; man vernachlässigte sichtbarlich sein portugiesisches Eigentum und vertröstete sich auf die Zukunft, in Brasilien alle Verluste wieder ersetzen zu können. Auf das Gouvernement wirkte dieser Goldreichtum ebenfalls sehr nachteilig, es glaubte unversiegbare Quellen zu haben und die öffentlichen Verwaltungen wurden als Folge dessen Quellenbelege 525 vernachlässigt, der Luxus stieg immer höher, die Veruntreuungen wurden immer größer usw. . . ." v. Eschwege, Pluto brasiliensis (1833), 284. 424) Eine ausführliche „Prinzipienlehre" der modernen Technik habe ich zu entwickeln versucht in meiner Deutschen Volkswirtschaft im 19. Jahrh, im 8. Kapitel. 425) Vierkandt, Stetigkeit im Kulturwandel, 109. 426) Ausführlich habe ich darüber in meiner D. Volkswirtschaft (3. Aufl. 1913), 136 ff. gesprochen. 427) L. Muratori, 88. rer. it. 12, 1011 (Malland); 18, 172 (1356 Bologna). 428) L. Darmstaedter und R. du Bois-Reymond, 4000 Jahre Pionierarbeit in den exakten Wissenschaften (1904) 24. 429) W. Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrh. <3. Aufl. 1913), 139 ff. 430) W. Sombart, Die Juden und das Wirtschaftsleben, 199 ff. 431) L. B. Alberti, vella famiZIiz, 256. 432) G, Freytag, Bilder 2, 228. 433) Davidsohn, Geschichte von Florenz I, 601 f. 434) Mrs. Rich. Ereen, l'own 1.ife in tne XV. centur^ (1894) I, 152; 2, 156. 435) P. ÄumeBrown, 8cotlÄnä in tne tiine ok (Zueen iVlar^ (1904), 163. 436) Siehe den glänzenden Aufsatz von Max Scheler, Äber Ressentiment und moralisches Werturteil. 1912. 437) ^nnee sociolo^ique 6, 483. 438) Ausführlich in meinem Aufsatze: Der kapitalistische Unternehmer im Archiv für Soz. Wiss. u. Soz. Pol. Bd. 29, S. 698 ff. 439) »(Zuesti (i AuacigAni) pertanto cliventeranno inaZZiori crescendo in noi colle laccencie insieme in c>sten in nis e^e, tnat ne acquires, d)? tne cie^rees, a passion sor it, anä knows nc> sucn pleasure as tngt of seeinA tlie clsil)' incresse ok nis iortune. ^nä tnat is tne reason vvny traäes incresses fruZalit^ ancl wli)?, amonA mer- cNÄnts, nere is tne same overplus c»k misers adove procii^als as amc>NA tne possessors ok lanä, tnere is tne contrar^.« Dav. Äume, tlsss^s, 2, 57. 527 Sachregister. Alberti, Leon Battista, und sein Geschlecht 278 f. 433. Alchimie 40, 45, 50 ff, Alemannen 276. 393, Amalfi 91. Amerika, Amerikaner 118. 159. 168. 175. 184. 204. 223 f. 230. 234 f. 331. 356. 375. 383. 388. 389 ff. 394 ff. 404. 416. 428; siehe auch Brasilien, Vereinigte Staaten. Ämterkaus 38. 46. 180. 363. Anlagen, im allgemeinen: 253ff.; zum Bourgeois 255 ff Armutsideal, frühchristliches, 339; bei den Scholastikern 316; bei den Puritanern 324 ff. Augustinische Lehre 306. 332. 337. 339. 351. Ausgabewirtschaft II. 138f. 310. Bankier, B. Tätigkeit 437. Barcelona 174 f. Bauer, seine Wirtschaftsgesinnung 13 f. 19. 430. 438. Bedarfsdeckungsprinzip 14. 23. 81. 102. Beharrung als Prinzip der vor- kapitalistischen Gesellschaft 23, siehe auch Statisches Prinzip. Bergbau 88. 104ff. 113. 125; siehe auch Steinkohlenbergbau. Betriebsamkeit 143 ff. Tugend bei den Alten 291; bei den Scholastiken 312 f. 32 l; bei den Puritanern 330. Bevölkerungsvermehrung, Bedeutung für die Entwicklung des kapitalistischen Geistes 429 s. Börse, Börsenspiel 61 ff. 65 f. 122. 387. 461. Bourgeois, Der, alten Stils 194 ff.; der heutige Bourgeois 212ff,; siehe im übrigen das Inhalts- Verzeichnis. Bourgeoisnaturen 253 ff. 256 ff, krssseurs ci'skfsires; siehe Projektanten. Brasilien, Gold 50. 409; Äandel 407 f, Bubbles; siehe Spekulations- Perioden, Buchführung 18; ihre Geschichte 166 ff. 183. „Bürger", Bürgergeist 23 f. 135 ff. 157. 162. 172 f. 438. Bürgerliche Tugenden 133ff. 188. 236 ff. 369. 435. 438: gelehrt von den Alten 290; von den Tho- misten 309ff. 333 f.; von den Puritanern 330f.; 333f. Bürgerliche Wohlanständigkeit I62f. Bllrgernaturen 259 ff. Bukanier 93. Bürokrat, ein Grundtyp des kapital. Unternehmers, Ulf. 213. Cagliostro 57. Carnegie 73. 223; stehe auch Autorenregister. Chemische Industrie 184. Coen lGeneralgouverneur) 100. Coeur, Jacques 177. Colbert 92. 111. 114. 150. 178. 210. 365. 378. 404. Columbus 38. 41. 94. Condottieri 79. 95. Deutsche, Deutschland 34. 36. 38. 47 f. 87. 97. 106. 113. 16b. 168. 181 ff. 191. 273. 352. 356. 367 ff. 370 f. 382. 383. 385 f. 387. 389 390. 416. 429. Dezimalbrüche, Erfindung der 166. Dispositionen zu seelischem Verhalten 253f.; für bourgeoises Wesen 255 ff. vonneurs ä'svis- siehe Projektanten. Dynamffches Gesellschaftsprinzip 23. >-l 528 Sachregister. Edelmetalle (Bergbau, Funde) 50. 94. 399 ff. 408 ff. 460. Einnahmewirtschaft 139 f. 310. Eisenindustrie (grundherrliche) 107. Eisenverarbeitung lgrundherrliche) 105. Elektrizitätsindustrie 184. Emigranten, französische, ihre Zahl 384. 386 f.; ihre Bedeutung 386 ff ihr Reichtum 406 f. Emigrantenpsychologie 394 ff. Empirismus, ökonomischer 5- 21. England, Engländer 43. 46 ff 54 f. 67. 81. 83. 93 f. 95 f. 97. 103.104 s. 107. 109. 115 ff. '23. 124. 162. 168. 176. 180 f. 183. 189. 273. 278. 331. 363. 365. 368. 370. 374. 377. 381. 383. 387. 388 f. 406 f. 416. 429. 433. 438. Entdeckungsfahrten 94 ff. 175 f. Erfinder, Erfindungen, Erfindungsgabe 52f. 210, 359. 418.428. 461. Erfolgsbewertung 223 f. Eroberer (Bestandteil des Unternehmers) 70 s. 95. Erotik 59. 229 f. 262 ff. 290. 307. 309. 313. 331. 339. 438. Erwerb, Stellung zum Erwerbsstreben usw. 196f. 217 ff. 424 f., bei den Alten 290, bei den Scholastikern 318 ff, bei den Puritanern 326 f. 334. Etrusker 274 ff. 393. 460. Feiertage, Menge in vorkapita- listischer Zeit 19 f. Feudalherr, ein Grundtyp d- kapit. Unternehmers 102 ff. 213. Feudalisierung des Bürgertums 173 f. 176 f. 183 f. 192 f. 364.463. Finanzwesen, Bedeutung für die Ausbildung des kap. Geistes 372 ff. Fiskalismus: eine Äemmung der kapital. Entwicklung 362 f. Fleiß 143 ff. 237; siehe auch Betriebsamkeit. Flibustier 93. Florentiner, Florenz 12. 37. 54. 87. 126 ff. 135 ff. 161. 165.166.172 f. 202. 273 ff. 276 f. 284. 292. 293. 315. 367. 369. 373. 435. 437. 440. Fortschritt 221.397 «technischer). 425. Fouquet 178. Franken 273. Frankreich, Franzosen 34. 36. 43. 46 ff. 56 ff. 80. 92 f. 97. 103. 105 f. 107. 109. 117. 123. 125. 157. 166. 176. 177 ff. 270. 278. 363. 365. 374. 377 ff. 381 f. 383. 384. 386. 390. 391. 393. 405 ff 416. 429. 433. Frauen: siehe Erotik. Freibeuter, ein Grundtyp d. kap. Unternehmers 90 ff. 212 f. Freihandelslehren im Judentum 346 ff. 396. Fremde, Der, seine Bedeutung im Allgemeinen und Besonderen 380. Fremde, Die, als Serd kapitalistisch en Geistes 393 ff. 422. Fremdenrecht (in der Jüdischen Religion) 340 ff., seine Be- deutung für das Wirtschaftsleben 344 ff. 396. Friedrich M. 211. Friesen 269. 275 f. 460. Galanteriewarenbranche 88. 125. Geist im Wirtschaftsleben (grundsätzlich) I ff, seine Bestandteile 2. Streit um diesen Begriff 3 ff. 7 ff.; in verschiedener Gestaltung 3 ff.; in den Wirtschaftsfubjetten 4 7 ff; verschiedene Gestaltung 3 ff.; in den Wirtschaftssubjekten 4; in den Wirtschaftsepochen 6 ff.; Vorherrschen eines bestimmten G- 7f. 16.; seine Verbreitung und Sachregister- 529 Vertiefung 8. Problem seiner Entstehung 10. Geistlichkeit, ihre Lebensführung 12; ihr Reichtum 34. 87; ihre Gelbsucht 51. 367. 402. Geldbeschaffung, Mittel zur, 44 ff. Geldgier, -sucht usw. 16. 23. 29 ff. 3S ff. 86. 175. 399 f. 402. Geldleihe 45. 60 f. 87 f. 188. 319 ff. 342; ihre Bedeutung für die Entstehung des kap. Geist. 435 ff. Geldplethora in den westeuropäischen Staaten gegen Ende des 17. Jahrh. 405 ff. Geldwirtschaft 399 f. Genua, Genüssen 75. 91. 96. 98. 126 ff. 167. 172. 177. 195. 212 f. 273. 373. 376. 381. Germanen 29 ff. 47. 78.81.269 f. 379. 461. Geschäftsanzeige, Geschäftsreklame, siehe Reklame. Geschästsblüte, 9. -Interesse 217 ff. Geschäftsgrundsätze in frühkapital. Zeit 201 ff.; in Hochkapital. Zeit 230ff.; der Juden 340ff. Geschäftsmoral 160 ff.; jüdische 344 ff. Geschäftsstil einst 198ff.; jetzt 227 ff. Geschlechtsleben, G.trieb; stehe Erotik. Getreidemühlen (grundherrliche) 109. Gewerbefreiheit, G recht im Judaismus 346 ff. Bedeutung 362. 366. 396. Glasindustrie (grundherrliche) igg. Gold: siehe Edelmetalle. Goten 269. 271. Griechen 91. 274 f. Großbritannien 188 ff. 375. 377 f. 390.; siehe auch England, Irland, Schottland. Großunternehmer 216. Sombart, Der Bourgeois Gründungsperioden: siehe Spekulationsperioden. Grundherrschast, Urform der Anter- nehmung 80f.; Sitz frühkapital. Industrie 104 ff. Gutswirtschaft 104. Hacksilberschätze 34. Kalbbürger 375. Samburg 166. 168. 383. Äandel, Ä andeltreiben (B egriff) 72 ff. 96f. 126ff.; Ä. großen Stils in frllhkap. Zeit 96 ff; als Vor- schule des kapit. Geistes 431 f. Äandelskompagnien (16.—18. Jahrh.) 75. 89. 97 f. Händler (Bestandteil des Unternehmers) 72 ff; seine wachsende Bedeutung in der Gegenwart 227f.; seine Entwicklung in Kleinstaaten 368.; im Binnenhandel 435. Äändlervölker 271. 273 ff. Handwerk, handwerksmäßiges Denken,Handwerker usw. 14. 17. 19. 420. 431. 438; Ausgangspunkt der kap. Unternehmung 123 ff. 132 ff. Häretiker: siehe Ketzertum. Harriman, Edw. K. 235. ttaute iinance des 17. und 18. Jahrhunderts 46. Hawkins, John u. Williams 97. Heerwesen, Bedeutung für die Ausbildung des kap. Geistes 369 f. Äeinitz, Frh. v. 114. Äeldenvölker 271. 272 ff. Äeterodoxie: siehe Ketzertum. Äolland, Holländer 38. 43. 61 ff. 88. 98. 99 f. 159. 162. 167 f. 176.180. 183. 185 ff 362. 363. 378. 382. 383. 386. 387. 389. 406 f. Fortbildung 31 ff. Hugenotten 376. 379. 389. 392; 34 530 Sachregister, siehe auch: Emigranten, Ketzer- tum. Ällttenindustrie (grundherrliche) 104 ff. Äufenverfafsung 14. Jndustria (bei den Scholastikern) 321 ff. Instinkte, instinktmäßige Begabung 246 f. 254. Irland, Irländer 131. 188 f. 270. 304. 377. Italien, Italiener 34. 36 f. 38. 46. 80. 83. 90 f. 97. 99. 110. 124 f. 165. 167. 172 ff. 175 f. 183. 272. 292. 304 ff. 356. 376 f. 381 f. 383. 388. 390. 399. 411. 433. Judaismus, seine Bedeutung für die Entstehung des kap. Geistes 337 ff. 353. 355. 462. Juden 35 s. 67. 73. 123. 125. 131 ff. 243. 269. 270. 271. 273, 276. 299 ff. 337 ff. 340. 355. 369 f. 371. 372. 374. 375. 376. 383 f. 386. 387. 390. 39l. 392. 393. 402. 406. 407. 433. 435. 461. Kalifornien (Goldsunde) 50. Kalvin 298. Kalvinismus, Kalvinisten 298 f. 323f.; siehe auch Puritaner, Puritanismus. Kaperei 91 f. Kapitalbegriff bei den Scholastikern 320 ff. Kapitalismus als Quelle des kapitalistischen Geistes 441 ff. Kapitalistischer Geist 2Zf. 358.441, im übrigen siehe das Inhaltsverzeichnis. Kapitalistische Veranlagung der Völker 268 ff. Karthager 90. 274. Katholizismus, kath. Religion: ihre Bedeutung für das ges. Leben 292ff.; für das Wirtschaftsleben insbes. 303 ff. Kaufleute(als Anternehmertyp)123 ff. 215. Kaufmann großen Stils (in frühkapitalistischer Zeit) 96; wagender und wägender K. 434 f. Kaufmännische Bildung 168. 184 f. Kaufmännisches Rechnen 164 ff. Kaufmännische Solidität 16l f. 239 f. 311. 374. 433. Kelten 269 ff. 363. Ketzertum, Bedeutung für die Aus- bildung des kap. Geistes 375 ff. Kind, das, im modernen Menschen 222 ff. Kirche (als Unternehmung) 84; ihr Einfluß auf das Geistesleben 292 ff. Kirchenpolitik der modernenStaaten, Bedeutung für die Ausbildung des kap. Geistes 374 ff. Kleineisenindustrie 88. Klerus s. Geistlichkeit. Klientelei (Kliententum) 44. 46. Knox, John 298. Kollektivunternehmer 216. Kolonialhandel 99. Kolonialkapitalismus 109 f. Kolonien,ihreWirtschaftsverfassung !09ff. Kolonien, englische, 100. 110. 375: siehe auch Amerika, Ver. Staat, v. Am. Kolonien, italienische 109. Kolonien, portugiesische 110. Kolonien, spanische 110. Kolonistenpsychologie 394 ff. 454. Konfektion, Konfektionsindustrie 125. Konkurrenz, Stellung zur, freie K. usw. 203. 334 (Puritaner). 346 ff. (Juden). ! Krafft, Ar. 97. Sachregister- 531 Kundschaft, Stellung zur, „Kundenfang" usw. 203 ff. 232 f. Künstlerisches Empfinden im Katholizismus ZZl f.; fehlt im Protestantismus 331 f. und Judais. mus 339. Langobarden 269. 273. Law, John, die Person 270. Law, Law-Schwindel: siehe Spekulationsperioden- Leonardo da Vinci 144 ff. Levantehandel 96. 99. Levante-Kolonien 109 f. Liebe, Liebesleben: siehe Erotik. Lissabon 175. Lombarden 381. Lotterie, Lotteriespiel 61. Lübeck 166. Luther, Luthertum, seine Stellung zum Kapitalismus 323. 352. Machtkihel, ein Wahrzeichen modernen Geistes 226 f. Magnificentia 332. Maona, genuesische 98. Maschinen, arbeitsparende, 210 f. 397- Maschinenindustrie 133. 415 f. Mäßigkeit 153 f- 238. 330. Materialiftifche Geschichtsauffassung 308. 350 ff. 378 f. 444. 458. Medici von Florenz 129. 174. Merkantilismus, merkantilistische Politik III ff. 364 ff., siehe auch Staat. Middletons 97. Montanindustrie, grundherrliche 104ff.; moderne 415f. Morgan, I. Pierpont, 73. 235. Müßiggang 142 ff, verpönt von den Alten 291; von der scholastischen Ethik 310; von den Puritanern 330- Mystik (jüdische) 337 f. ! Nahrung, Idee der 13 ff. 211 346.; im Bauerntum 13 f.; im Äand- werkertum 14 f; Einwände gegen meine Ansicht 15 f. Nationale Verschiedenheit der Ent- Wicklung des kapit. Geistes 170ff. 417 f. Naturbedingungen 280. Naturrecht 307 f. Reuheitsinteresse, ein Wahrzeichen modernen Geistes 225. Niederlande, siehe Holland. Normannen 273. Österreich 52. 58. 88. 90. 106. 108 382. 0.-,.°: 17. Ökonomie der Kräfte 142 f. Ökonomie der Stoffe 139 ff. 153 ff. Ökonomisterung der Wirtschaftsführung 139 ff. Organisator (Bestandteil des Unternehmers) 71 f. Papiermühle (grundherrliche) 109- Parvificentia 333. Philosophie als Bildnerin kapitalistischen Geistes 282 ff; Einfluß insbesondere des Geistes der Spätantike 283 ff. Phönizier 90. 274. Pisa, Pisaner 91 f. 96- 124. 126 ff. Portugal, Portugiesen 92- 9A. 110. 175 ff- 271. 383. 389. 404. 407 f. 411. > Porzellanindustrie (grundherrliche) 109. Preispolitik in frühkapitalistischer Zeit 202.204 f.; in hochkapitalisti- scher Zeit 233; der Puritaner 334; der Juden 346 ff. Presbyterianer 375. Projektante», Projektenmacher, Projektenmacherei 52 ff 66 ff. 210 366. 418. 34" 532 Sachregister. Protestantismus, protestantische Religion; ihre Bedeutung für das Leben im allg, 296 ff.; für das Wirtschaftsleben insbesondere 323 ff. Puritanismus, puritanische Geist- lichkeit, puritan. Lehre 190. 245. 296 ff. 306. 315. 324 ff. 351 f. 455. Pyrenäenhalbinsel und ihre Bewohner 174 ff. 271; flehe im übrigen Portugal, Spanien. Quäker 331. 333. 375. Quantitätsbewertung, Quantifizie» rungstendenz 34. 223 f. 373. 400. 422. 431 f. Raleigh, Sir Walter 95 f. 186. 195. 212. 335. 365. Nationalisierung des Lebens: ein ethisches Postulat der Spät- antike 285 ff; des Thomismus 307 ff.; des Puritanismus 329 ff.; des Judaismus 339. Rationalismus, ökonomischer, 5. 137 ff. 191 f. 230 ff. 290 (bei den Alten). 308; ein Postulat der „Fremden" 397f.; des Sandels 432; durch technische Fortschritte gefördert 4I9f.; vom Kapitalis- mus erzwungen 445 ff; feine Verfelbständigung in einem Systeme 446 ff. Naubrittertum 47 f. Rechenbücher 166 f. Nechenhaftigkeit, Sinn für das Rechnungsmäßige usw. 8f. 24; ihre Entwicklung 166 ff. 183. 188- 367. 373. 401. 422. 432. Rechenmaschine, Erfindung der 166. Rechenschulen 166. 367. Reformation, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben 322 f. Reformation Sigismunds 14. Reformierte in Frankreich 377 f. Reichtum, Auffassung vom 196 f.; bei den Alten 288. 289f.; bei den Scholastikern 316 ff. 324. 338; beiden Puritanern 324ff.; bei den Juden 338 f. Reklame 73. 75. 192. 204 ff. 232 f. Rekord, Zeitalter des, 225. Religion, Bedeutung der, für die Menschen des Frühkapitalismus 292 ff; für die Entwicklung des kap. Geistes 303 ff. 456. 462. Renaissancemenschen 95. Rentnerideal, Nentnertum 46. 174. 200 ff. 429. Ressentiment, sein Anteil am Aufbau des kapit. Geistes 431. 438 f. Rhodes, Cecil 212. 335. Rockefeller, John, 220.236.238.261. Römer 272. 273. 274. Rothschilds 73. 247 f. Saccards 178. Sachsen 273. Schatzbildung 29 ff. 34 ff. Schatzgräberei, Sch. suchen 42. 49 ff. 94. Schneiderei 125. Schnelligkeitswahn, einWahrzeichen modernen Geistes 224 f. Scholastik, Scholastiker 306 ff. 314 ff. 324. 330. 331 ff. 435; siehe auch Thomismus. Schotten, Schottland 93. 105. 129 ff. 189 ff. 270. 273. 275 ff. 296 ff. 328 ff. 331. 335. 385. 393. 394. 435. 438. Schuldenwesen, öffentliches, Bedeutung für die Ausbildung des kap. Geistes 362 f. 373 f. Schulwesen, Bedeutung seiner Förderung 367. Schweden 107. 112. 390. Schweiz, Schweizer 80. 276. 296. 367. 382. 389. 393. Sachregister. 533 Seeräuberei, Seeraubunternehmungen 48. 90 ff. 98. 126. Segovia 175. Seidenindustrie 175. 381 f. 386. 388 f. Seigneur, seigneuriales Dasein, seign. Lebensführung 12 f. 139 ff. 179 f. 192. 238. 269. 438. Sevilla 175. Sexualprobleme: stehe Erotik. Sforza, Francesco 79. Siemens, Werner 236. Silber: siehe Edelmetalle. Solidität, kaufmännische 161 ff. 239f. Spanien, Spanier 35. 53. 99. 92. 97. 110 f. 174 ff. 271. 272. 303 ff. 356. 362. 376. 383. 393. 404. 407 f. 411. 433. 453. Sparen, Sparsamkeit 139 ff. 153 ff.; gepredigt von den Alten 29; von den Scholastikern 310; von den Puritanern 331. 333. Spekulanten (als Unternehmertyp) 115 ff. 213 f. Spekulationsgeist, sein Wesen, 120 ff; seine Entstehung 404, 418; in Amerika früh 396. Spekulationsperioden 43.61 ff. 115 ff. 374. 403. 405 ff. 418. Spekulationsunternehmung 115 ff. 123. Spiel, Spielwut 61 f. 122f. 330; siehe auch Börsenspiel. Sport 192. 224. 330. Staat 45, 83 ff. 96.112 f. 361 ff. 460. Staatsbeamte, ein Grundtyp kapit. Unternehmer 111 ff. Ltanclsrä oil Lampan^ 73. 220. 235. 238. Standesgemäßer Unterhalt, Zdee 11, 317. Statisches Gesellschafts. (Wirt- schafts).prinzip 23. 203. 317. Statistik, Anfänge der 173, 373. Lteel Lorporstion U.-L. 73. Steinkohlenbergbau (grundherrlicher) 105. Stoa, Stoiker 285. Straßenraub 47 f. Slldseeschwindel:sieheSpekulations- perioden. Technik, Begriff 413; Bewertung 209 ff. 423 ff; Beförderung des techn. Fortschritts durch die „Fremden" 397; Leistungen der T. in der Gegenwart 416 ff; Bedeutung der T. für die Entw. des kap. Geistes 413ff.; ihr un° mittelbarer Einfluß 414ff.; ihre mittelbaren Einwirkungen 427 ff. Tempo der Wirtschaftsführung in vorkapital. Zeit 19f.; in früh- kapit. Zeit 198ff; in Hochkapital. Zeit 228ff. 482; gefördert durch die moderne Technik 422; durch den Kapitalismus 452 ff. Textilindustrie 88. 107 ff. (grundherrliche) 125. 133. Thomismus 306 ff. 324. 330. 331 ff. 337 ff. 351; siehe auch Scholastik. I'obscco Lampan^, American, 234 f. Toledo 175. Traditionalismus 21 f. 192. 206. 211. 230. 270. 419. 448. Trusts, amerikanische, 228. 234. Tugenden, kapitalistische, 358; siehe auch Bürgerliche Tugenden. Tugendschema Benj.Franklins 153ff. Tulpenmanie (in Äolland während des 17. Zahrh.) 61 ff. Turcarets 46. Ähren, Erfindung und Bedeutung, 421 f. Unterbieten (im Preise) 204 f. Unternehmer, kapital-, Grundtypen 86 ff. Anternehmernaturen 256 ff. Unternehmung, Begriff 69 f. An- 534 Sachregister. fänge 77ff; kapital., ihr Ar- sprung 86ff.; kriegerische 77 f. Unternehmungsgeist, sein Wesen 23. 69 ff. 78.; seine Entwicklung im allgemeinen 29ff.; in den einzel- nen Ländern 172 ff. Utilitarismus 282 ff. Venedig, Venetianer 54. 91. 99. 126 ff. 164. 172. 173. 177. 273. 373. 376. 381. 389. 440. Veranlagung der Völker zum Kapitalismus 266 ff. Vereinigte Staaten von Amerika 73. 94. 110 f. 193.228. 389. Siehe auch Amerika. Verfettung, geistige, der Bourgeoisie 188. 363. 463. Verlag, Verlagsunternehmung 61. 86 ff. 124 ff. 437. Wanderungen, Bedeutung für die Ausbildung des kapital. Geistes, 380 ff. 391 ff. Wandervölker 393. Welsche Praxis 166. Westgoten 31. Wirtschaftlichkeit (dieheilige) 137ff; bei den Alten 290; in den Zunftstuben geboren 438. Wirtschaftsepoche 6 f. Wirtschaftsführung, bürgert-, 137 ff. 238. Wirtschaftsgeist: siehe Geist im Wirtschaftsleben. Wirts chaftsg esinnung(B egriff): siehe Geist im W.L.; vorkapitalistische W. G. 10 ff; bürgerliche W. G. 137 ff. Wirtschaftskörper 2. 7. Wirtschaftssystem 7. Wissenschaft lund Kapitalismus) 184 f. 191 f. Wucherlehre, Kanonist., 314. 319 ff. 322. Zeitökonomie 142 ff. 152 ff.^ gefördert durch die Technik der Zeitmessung 422; gepriesen von den Alten 286 f. 290.; von den Thomisten 310. Zinsverbot, kanonisches, 314. 319 ff. 333; in dem jüdischen Rechte 340 ff. Zünfte als Pflanzstätten kapitalisti- schen Geistes 437 f. Zwangshandel 99. 535 Autorenregister Abernethy 327. 513. Abderhalden, Em., 501. Adler, Markus N. 480. Alberti, L. B. 13 f. 36. 37. 44. 136 ff. 149. 159. 161. 163. 173. 196 f. 238. 283. 286. 287. 288. 290f. 292f. 311. 333. 369. 439f. 449. 471. 472. 474. 487. 488. 489. 490. 491. 492. 494. 497. 498. 502 f. 507. 516. 525. Alidost, A. 517. Ambrosius, der heil. 508. Amiet 472. Anderson, W. 481. 482. 483. 484. 524. Antoninus von Florenz 306 ff. 310. 312. 315 ff. 321 f. 330. 401. 435. 437. 505. 507. 508. 509. 510. 511. Applegarth, Alb. C. 514. Arendt, Witwe 519. Aristoteles 17. 284. 289. Arnold, W. 474. Arnould 522. Ashley, W. I. 483. Augustinus, der heilige 332. Baird, Charles W. 388. 519. Ballagh, I. C. 484. Ballerini, P. 505. Balzac 152. Barrett, Walter 498. Barrow, Zsaac 329. 330. 513. 514. 515. Bartsch, Karl 474. Baxter, Nich.324f. 329 f. 334. 335. 352. 511. 512. 513. 514. 515. Baudrillart 472. Bavle 387. 519, Becher, Zoh. Ioach. 52. 210. 499. Beck, Ä. 478. 483. 518. Beer, Ad. 476. Benjamin von Tudela 75. 96. 480. Benoit, Ch. 376. 378. 517. Bentham, I. 426. Beowulf 78. Berg, W. E. I. 518. 519. 524. Bergk 491. 497. Bergson, Ä. 260. Bernhard von Siena 315. 506. 509. 510. Berthold von Regensburg 37. Beschreibung von Florenz (ve- 8Lriptio k^Iorentiae) 37. 473. Betz, W. 501. Bezold, F. von 484. 494. Blegny, Nie. 475. Blondel, G. 179. Boehm, Willy 471. Boissonade, P. 483. 518. Bonnaffe, Edm. 476. Bosenik, A. 484. Boulainvilliers, Comte de 377. 517. Boyer 495. Brakel, S. van, 525. Brambilla, G. 493. Bromley 494. Brückner, A. 472. 518. Brüggen, E. Frh. v. d. 517. Bryce 223. Buckel, Ä. Thom. 296 f. 494. 496. 513. 514. Buddha 426. Burckhardt, Jac. 79. 84. 173. 477. 488. 494. 516. Burnett 190. 513. Burney 479. Bujatti, F. 507. Buoncompagni 493. Burn, I. S. 518. Burton 190. Cajetanus, Kardinal 315. 317. 509. Calonne, A. de 483. Campbell, John 93. Campbell, Dougl. 480. 492. 520. 536 Autorenregister. Cantor, M, 493. Carnegie, A. 219. 257. 450. 468. 499. 526. Carnesechi, Carlo 488. Caro, Georg 91. 480. Carqueja, Bento 524. Carter Äughson, Sh. 479. Cato 284. 290. Chevalier, M. 391. 394. 396. Child, Ios. 209. 498. Churchyard 389. Cicero 182. 261. 272. 284. 288. 400. 500. 501. Cilleuls, A. des 482. 483. Clausewitz, Carl von 72. 80. 477. Element, P. 484. 522. Coelho da Rocha 524. Columella 264. 284. 289. 500. 504. Contarini 186. 187. Corbier, Claude 482. Cormac, E- Tr. Mc. 483. Crescenzi 494. Cunningham, W. 388.479.517. 518. 521. 524. D'Ajano, Broglio 517. D'Ancona 487. Dante 37. 277. 311. Darmstaedter, L. 525. D'Aulnoy 494. D'Avenel, G. 475. Davidsohn, R. 472. 502. 525. Davilliers 472. v. Deckers 37. Defoe, Dan. 54. 67. 115. 136. 151. 157. 159. 200 ff. 205 f. 476. 491. 492. 498. 524. Dejot, Charles 505. Demosthenes 284. Depping, G. 482, Defimoni, Cornelio 166. 493. D'Äerrera, Gabr. Als. 490. Dionysius 332. Dobel, F. 478. Dubois, I. P. I. 481. De Bois-Reymond, R. 525. Edda 297. Ehrenberg, Rich. 477. Eisler, Rud. 499. Encyclopedie, Method. 487. Endemann, W- 506. Erasmus v. Rott. 38. 93. 182. Ergang, C , 498. Erman 519. Eschwege von, 494. 524. Etienne 149. Eulenburg, Franz 480. Fagniez, G. 475. 496. Feuchtwanger, Ludw. 244 f. 499. Fibonaccio: siehe Leonardo Pisano. Figuier, Louis 475. Fischer, Äugo 54. Fischer, Ä. Karl 515. Fischer, Ty. A. 519. Fletcher of Saltoun 190. Fox Bourne, Ä- R. 480. 498. Frahne, C. 518. Francis, John 62. Franck, Sebastian 182. Franklin, Benj. 136. 149. 152 ff. 159 f. 163. 168. 197. 198 f. 283. 287. 491. 493. 494. 503. Freidank 37. 402. Frey, C. 473. Freytag, Gust. 31. 433. 472. 525. Froude, I. A. 479. 492. Funk 506. Gardiner 479. Garnier, Ruffel M. 482. Gebhardt, Lllr- 474. Geering, Traugott 389. 483. 517. Gejerstam, Gustaf af 483. Genthe, Ä. 502. Genh, Friedrich 247. Gerardi, A. 493. Geraud 471. Gibbins, Ä. de B. 483. Godard, Just. 498. Autorenregister. 537 Goethe 15. 49 f. 75 f. 10l. 261. 262. 395. Goldschmidt, R. 501. Gothein, E. 518. Graetz, Ä. 345. Grammateus, L>. 166. Green, Mrs Rich. 525. Grosse, Ä. 493. Griinhut, L. 480. Guasti, Cesare 473. 488. Guicciardini 176. Häbler, Konr. 480. 522. Äaecker, V. 501. Äakluvt 96. Äallam, K. 517. Kandelmann, Ä. 479. Äaushaltungskunst usw. siehe Oeco- nom^. Äeckel, M. von 476. Seine, Ä. 248. 301. 486. Äelmolt, Ä. F. 501. 502. Äentzner 95. Äerrera 149. Äeyck, Ed. 478. Äeyd, W. 91. 96. 128. 478. 481. 486. Äitzinger, V. 478. 482. Äodermann, M. 500. Äomer 284. Koraz 402. Kumboldt, Al. von 474. 494. Sume, Dav. 526. Äume Brown, F. 479. 502. 525. Äutcheson 327. 513. Äutten, Ulrich von, 182. Ilgner, C. 506. 508. Jnderwick, F. A. 492. Zschchanian 517. Zaffe, M. 519. Zäger, E. L. 493. James, John 524. Iars, Gabr. 482. Iavellus, Chrvs. 315. 506. Ieffrey, Reg. W. 483. ! Zolles, L. 499. Jung, Z. 501. Juvenal 402. Iurieu 407. 521. 523. Kant, I. 423. 426. Kaplun-Kogan, Wlad. W. 518. Kapp, Friedr. 390. Kaeppelin, P. 478. 495. 522. Keller, F. 314. 319. 357. 506. 509. 511. Kellermann, B. 215. 229. 403. Keutgen, F. 17. 471. Klumker, I. 502. Knapp, G. 482. Knox, Zohn 514. Koehne, C. 471. Kopp, 5> 474. 475. Koppmann, K. 471. Kracauer 486. Krafft, !l. 478. Kurella, Ä. 477. 499. Lafuente 304. Lamb, Sam. 492. Lamprecht, K. 472. Landbau-, Landwirtschafisschrift- steller: des 16. und 17, Jahr- Hunderts 149 f. 174.; des Alter- tums 284. 290. Langegg, B. F. Ad. von, 479. Lapsley, G. T. 482. Laspeyres, E. 481. 498. Lastig 87. 477. Latini, Br. 487. Lattemas 496. Lattes, E. 477. Laube, Ä. 366. Lecky, W. E. Ä. 521. Leonardo Pisano 173. 185. Le Sage 46. Leti 520. Levasseur, E. 472. 484. 486. 495. 498. 516. 518. 522. 523. Lewis, G. N. 478. 538 Autorenregister. Libri 493. Lippmann, O. 501. Livius 284. 502. Lob, Das, der Geldsucht 39 ff- 291. 504. Löher, Fr. 391. 394. Lukan 473. Lucrez 29l. Luschin von Ebengreut A. 472. Luther 182. Luzac 188. 362. Macaulay 439. Mackintosh, John 486. 501. 513. 514. Malvezin, Th. 486. Mammachus, Th. M. 506. Mancini, Gir. 473. 487. Mandeville 37. Marbault 475. Marc Aurel 285 f. Marcotti, G. 487. 488. 504- Martian 131. Martin, G. 482. 483. Marx, K. 125. 320. Masuccio 494. ^ Matthaei, F. 518. Maurenbrecher, M 506. Mercier 50. 476. Mereschkowski, D. S. 490. Michael, E., 472. 473. Mischler, P. 482. Moliöre 58. Montaigne, M 178. 402. 495. Montesquieu 181. 211. Müller, K. 491. Miiller-Deecke 502. Muratori, L. A. 525. Murr, Chr. G- von 480. weZociant pstriote, I_e, 159.179. 495 Neuburg, C. 478. Neurath, O. 273. 496. 501. Neuwied, Prinz 481. Nietzsche, F. 439. Normand, Ch. 495. veconomy c>k ttuman I_ike, 1Ae 491. 497. Onslow Burrish 481. 523. 524. Ovid 291. Oexmelin, A. O. 479. Paciuoli, Fra Luca, 167. 173. 493. Owen Felltham 492. Pagnini 126 f. Pandolfini, A. 139. 487. Panzano, Matteo da 488. Pape, W. 477. Paracelsus 475. Pariset, E. 517. Passerini, L. 502. Patriotische Kaufmann, Der, stehe KeZocisnt pstnote. Pauli, C. 502. Peetz, Ä. 20. 471. 478. Pegolotti 471. Penn, W. 287. Petrarca 312. 399. 511. 521 f. Petty, W. 376 f. 516. Philippovich, E. von, 521. Philips, Erasmus 524. Pigeonneau, Ä. 481. 495. Plate, L. 501. Plato 284. 426. 477. Plinius 284. Plurarch 284. Pohler, Job., 479. Poole 388. Postlethwayt, M- 211. 481. 499. 524. Plibram, K. 483. Price, W. Ä., 517. Pringsheim, Otto 362. 517. 520. Pyle, Pow. 479. Nachfahl, F. 245. 499. Ranke, L. v. 53. 176. 185. 362. 378. 475. 494. 517. 522. Rathenau, Walter, 74. 217. 238. 247. 468. 499. Ratzel, F. 521. Reclam 519. Autorenregister. ZZ9 keklexions sur ce que I'on appelle bonneur etc. 476. Rem, Lucas 183. Remedelli, D. S05. Reuleaux, F. 427. Ribbi, Eh. de 505. Ricard, I. P. 520. Rockefeller, I. 261. 468. 499, stehe auch das Sachregister. Röscher, W., 396. 481. 521. Rothe, Ioh. 474. Nuccellai, Giov. 284. 285. 487. 488. Ruland Ott, 18. 183. Nymer, Th. 482. 483. Sachs, Äans 38. Salomon 284. Sammter 347. Sander, Clem- 477. Sattler, C. 471. Savary 150. 157. 366. 478. 490. 496. Sayous, A. E. 179. Sbrik, L>. von 475. 478. 518. Schanz, G. 518. Schatzkammer, Allg., der Kauf- Mannschaft 478. 498. Scheler, Max 525. Schleicher, Lud. 494. Schmieder 474. Schmoller, G. von 484. 487. 515. Schneider, M. 515. Schrift, Äeilige, 306. 325 ff. 339. 341 ff. 511 f. Schulchan Aruch 342. 347. Schulze-Gaevernitz, G. von 447. 516. Schulze, Paul 519. Schurtz, Ä. 472. 501. Selincourt, Äugh de, 480.482. 516. Semvrzvcki, Ioh. 519. Semon, R. 501. Sempere 494. Seneca 284. 287. 288. Shadwell 516. Siegel, Ed. 519. Siemens, Werner 257. 468. 500. Sieveking, Ä. 167.372. 431. 493.517. Simian 441. Simon Jacob von Koburg 165. Skene, W. F., 501. 502. Smith, Ad. 524. Smith, G. 498. Smith, John 95. Smyth, A. Ä. 491. Sokrates 511. Soetbeer, A, 409. 472. Stern, Wilh. 501. Sternberg, K. Graf 478. Stevin, Simon 166. Stoppelaar, I. N. de 520. Strieder, Jak. 304. 505. Strousberg, Dr. 220, 451. 499. 526. Stupan 58. Sue, Eugene 479. Tafel 479. Talmud 301. 341 ff. 345 ff. Tamassia, N. 503. Tanara, Vinc. 150. 474. 490. Tartaglia 165. Thaer, A 290. Thomas 479. S. Thomas von Aquino II. 12. 23. 306 ff. 311 ff. 315 ff. 470. 505. 506. 507. 508. 509. Tocqueville, Al. de, 391. Tölner 18. Toniolo, G. 502. 505. Tönnies, Ferd. 22. 374. 472. Tröltsch, E- 292. 306. 350. 506. Werti, Fazio degli 487. Ahland, L. 474. Anger, F. 493. Llnwin, G. 482. 485. 498. 516. Azzano 471. Varro 284. Ventura, Laur. 480. Vierkandt, Alfr. 21. 22. 419. 471. 472. 525. 540 Autorenregister Viko von Geldersen 18. Villani 87. 166. Villicus, Franz 493. Virgil 284. Vitry, Jacques de 48. Vogelstein, Tb. 397. 484. 497. 521. Völuspa 27 f. Walter von der Vogelweide 37. Weber, Max, 7. 250. 305.329. 357- 467. 504. 515. Weiß, Ch. 384, 486. 518. 519. 520. 523. Wtedfeldt, O. 487. 519. Wimpheling 38. Windelband 3. Wirth, Max 61. 476. Wiston-Glynn, A. W. 501. Wittenberg 18. Wittstock, Albert, 285. Wodrow, Robert, 190. Wolzogen, Sans von, 472. Wood 524. Worms, St. 483. Wundt, Will). 254. 257. Tenophon 263. 284. 289 f. 500. 504. Ziegler, Ä. E. 500. Zinken 515. Zola, Em. 122. 403. 484. Zorn 47.