sbCSsäEsjw^j ^"^vAÄA^gj; 'rps&sgi 1 z.?j gc'^£>iia> >?s? ? sSä? 5 “*? SS* >«5 'ä:-* '■ :ä^,± *' *'■>< i-. 1 ..' n &c **■' *«? j# flr* • Wfr>* jy ■ £®3^$3 DER MODERNE KAPITALISMUS. ZWEITER BAND. ■WB*K"T .ISA-®: - t : ÄiSälStf • a», _> DER MODERNE KAPITALISMUS. VON WEENER SOMBART. „Die Theorie an und für sich ist nichts nütee als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.“ Goethe, Sprüche in Prosa. ZWEITER BAND. DIE THEORIE DER KAPITALISTISCHEN ENTWICKLUNG. MIT REGISTERN ÜBER BAND I UND II. 'Wefiifim mWm LEIPZIG, VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 'S. _. K. W*1s*rfs'.ti ■ rtSßHS Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. Einleitung'. Noito Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 3 Erstes Buch. Die NeubegTimduiig des Wirtschaftslebens. Zweites Kapitel. Das neue Recht . 27 Drittes Kapitel. Die neue Technik . 42 Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. G8 z weites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Erster Abschnitt. Die Entstehung- der modernen Landwirtschaft und die Auflösung 1 der alten bodenständigen W irtsehaf tsverlassung. / Fünftes Kapitel. Deutschland . 93 / A. Das Eindringen des Erwerbsprincips ia die Landwirtschaft . . 93 / 1. Die Steigerung der Produktenpreise. 93 | II. Die Mobilisierung des Grund und Bodens. 99 I III. Das Vordringen der rationell-intensiven Betriebsweise . . 102 \ IV. Das rasche Anwachsen der Grundrente.109 \ B. Die unmittelbaren Folgen der veränderten Produktionsweise . 110 \ I. Die Änderung in der Produktionsrichtung.110 \ II. Die Neugestaltung der ländlichen Arbeitsverfassung . . . 120 \ III. Die Verringerung der Nebeneinkünfte der ländlichen Bc- \ völkerung aus der Markennutzung. 125 ' w C. Der Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande 130 A ExEuriT'zu Kapitel 5. Über die Stufenfolge der kapitalisti- V sehen Entwicklung . 87 VI Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. Seite Sechstes Kapitel. Grofsbritannien .154 Siebentes Kapitel. Verschiedene andere Länder . 171 A. Belgien.171 B. Schweiz.172 C. Italien. 173 Zweiter Abschnitt. Ursprung - und W esen der modernen Stadt. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung .176 1. Deutschland.176 2. Österreich.180 3. Frankreich.180 4. England.181 Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie .187 Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt .... 196 Exkurs I zu Kapitel 10. Einige litterarische Notizen zur Städtetheorie im 18. Jahrhundert .224 Exkurs II zu Kapitel 10. Londons sociale Struktur im 18. Jahrhundert .225 Elftes Kapitel. Die Existenzbedingungen der Städte. „Der Zug nach der Stadt“.228 Zwölftes Kapitel. Die Grundrentenbildung in den Städten . . . 239 Dritter Abschnitt. Die Neugestaltung - des Bedarfs. Vorbemerkung.250 Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums.252 Notstanclslitteratur aus dem Deutschland der 1830 er und 1840 er Jahre 266 Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums.277 Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. (Zur Geschichte des modernen Geschmacks.) .290 I. Deutschland.293 II. England.304 III. Die Vereinigten Staaten.308 Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs und seine Urbanisierung.319 Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. (Zur Theorie der Mode.) .: . . . 327 Vierter Abschnitt. Die Neugestaltung - des Güterabsatzes. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft.346 Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels.353 A. Messen und Märkte.353 B. Der Hausierhandel.356 C. Wanderlager und Wanderauktionen.363 Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. VII Soito Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation des sefshaften Detailhandels.367 A. Der alte handwerksmäfsige Detailhandel.367 B. Die Genesis des kapitalistischen Detailhandels.372 I. Die neuen Geschäftsprincipien.372 II. Neue Geschäftsformen.376 1. Das Versandgeschäft.379 2. Das Auktionsgeschäft.381 3. Das Abzahlungsgeschäft.383 III. Die Neugruppierung der Waren in den Verkaufsstätten . 387 1. Qualitative Differenzierung.387 2. Specialisierung.389 3. Kombinierung.390 IV. Konzentrationstendenz.393 Eiiinndzwanzigstcs Kapitel. Die Ililfsorgane des modernen Detailhandels.400 A. Die Fachpresse.400 B. Die (Geschäfts-) Reisenden.401 C. Die Zwischenhandelsorganisationen.405 I. Der Grossist alten Stils. 405 II. Der Engrossortimenter.406 III. Die Agenten.406 Exkurs zu Kapitel 21. Das Recht des Agenten.407 Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Bestrebungen zur Ausschaltung des Detailhandels.409 A. Ausschaltung durch Initiative der Produzenten.409 B. Ausschaltung durch Initiative der Konsumenten.414 I. Die Organisationen „produktiver Konsumenten“.414 II. Die Organisationen letzter Konsumenten.417 1. Die Konsumanstalten industrieller Etablissements . . 417 2. Konsumvereine.418 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Erster Abschnitt. Dreinndzwanzigstes Kapitel. Begriff und Wesen der Konkurrenz . 423 Zweiter Abschnitt. Der Kampf um die beste Leistung’. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Qualität der Darbietung. *. . . . 432 Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Qualität des Dargebotenen . . . 440 Sechsundzwanzigstes Kapitel. Handwerk und Kunstgewerbe. . • ■ 451 VIII Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. Soite Dritter Abschnitt. Der Preiskampf. Siebennndzwanzigstes Kapitel. Die formale Überlegenheit der kapitalistischen Unternehmung .463 Achtundzwanzigstes Kapitel. Das Surrogat, .467 Nennundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel 472 A. Die Arbeitsbedingungen.472 B. Der Arbeitsgegenstand.477 C. Das Arbeitsmittel.483 Drcil’sigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft .490 Exkurs zu Kapitel 30. Arbeitslöhne von Weibern .504 Einunddrcifsigstes Kapitel. Verdichtung und Ausweitung des Produktionsprozesses .507 I. Verdichtung des Produktionsprozesses.507 II. Ausweitung des Produktionsprozesses.510 Zwciunddreifsigstcs Kapitel. Der Kampf um die Technik .514 I. Das materialvereinigende Verfahren.515 II. Das arbeitzerlegende Verfahren.516 III. Das wissenschaftliche Verfahren.519 Dreinnddreil'sigstes Kapitel. Handwerk und Maschine .521 I. Die Kraftmaschinen.521 II. Die Arbeitsmaschine.531 Vierter Abschnitt. Hemmungen. Vieruuddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen auf Seite der Nachfrage .540 Fiinihnddrcifsigstcs Kapitel. Der Traum von den Handwerkergenossenschaften .544 I. Die Bedeutung des Kredits für das Handwerk.546 II. Die Bedeutung der Betriebsgenossenschaften für das Handwerk 552 SechsnnddreifsigstesKapitel. Der Verkrüppelungsprozefs des Handwerks .561 I. Verkauf unter den Produktionskosten.561 II. Herabminderung der Produktionskosten.562 Si ebenunddreii'sigstes Kapitel. D i e A u s b e u t u n g j u g e n d 1 i c h e r A r b e i t s - kräfte im Handwerk .566 Exkurs zu Kapitel 37. Einige litterarische Notizen zur Frage der Lehrlingsausbildung und Lehrlingsausbeutung 582 Verzeichnis der Abkürzungen.585 Antorenverzcichnis.586 Sachregister (einschließlich Orts- und Personenverzeichnis).597 Einleitung. Die treibenden Kräfte. „Die Theorie an und fwr sich ist nichts nütze, als insofern sie tms an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.“ Goethe, Sprüche in Prosa. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 1 Erstes Kapitel. Das miifste eine traurige Einleitung werden, wenn wir darin ausführliche Rechenschaft uns geben wollten von dem, was über treibende Kräfte im Wirtschaftsleben bisher schon gesagt und geschrieben worden ist. Neben mancher vortrefflichen Bemerkung: welche Fülle von Unklarheiten, von Verfehltheiten, von Lächerlichkeiten ! Was hat doch alles schon die Rolle von treibenden Kräften spielen sollen! Da marschiert obenan „die Anforderung der Zeit“, das „allgemeine volkswirtschaftliche Bedürfnis“ und was dergleichen verschwommenes Zeug mehr ist. Dann lernen wir gelegentlich die „Arbeitsteilung“ oder die „politische Centralisation“ oder den „Verkehr“ als treibende Kräfte im Wirtschaftsleben kennen. Oder es werden gar irgendwelche Abstraktionen zu solcher Würde erhoben. Fand sich doch kürzlich sogar in einer philosophischen Fachzeitschrift 1 ein Aufsatz, der die Überschrift trug: „Beharrung und Veränderung als geschichtliche Kräfte“ (!). Es mutet Einen sonderbar an. Solchen Entgleisungen gegenüber bedeutet es einen erheblichen Fortschritt, wenn als treibende Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung genannt werden etwa: die Technik, die Rechtsordnung, die Bevölkerungsbewegung. Das sind, soviel ich sehe, die beliebtesten Kategorien, mit denen ernste Forscher arbeiten. Aber, um es gleich herauszusagen, was dem Leser nach meinen früheren Bekenntnissen nicht zweifelhaft sein darf : ich kann auch in keiner von ihnen eine „treibende Kraft“ erblicken. So bedeutsam beispielsweise die Zähmung der Dampfkraft für die Umbildung unseres Wirtschaftslebens geworden ist, so ist der Dampf doch immer nur die treibende Kraft in einer Dampfmaschine geblieben, ohne die Fähigkeit zu erwerben, diese Dampfmaschine auf- 1 Vierteljahrsschrift für wiss. Philos. 24 (1900), 313 ff. 1 * 4 Einleitung. zustellen und sie bestimmten Zwecken dienstbar zu machen. Ein so wichtiger Faktor bei der Genesis des modernen Kapitalismus die Bevölkerungsbewegung gewesen ist, so sind doch alle Bevölkerungsüberschüsse der Welt noch nicht hinreichend, um auch nur ein einziges Bankgeschäft aufzumachen: man denke an China und Indien, deren Übervölkerung ohne alle revolutionäre Wirkung verpufft. Und so einschneidend eine Rechtsordnung wirken kann, so müssen wir uns doch klar sein, dafs sie nichts anderes als bestimmte Normen für menschliches Handeln enthält, über dieses selbst aber nichts entscheidet. Sie ist der Anlage von Wegen, von Ruheplätzen, von Warnungstafeln und Wegweisern in einem Parke zu vergleichen, in dem lebendige Menschen alsdann zu wandern berufen sind. Wir sollten uns doch endlich daran gewöhnen, nur diese als treibende Kräfte in allem socialen Geschehen anzusprechen; richtiger ihre Zwecksetzungen, ihre Wollungen. Alles andere — Tecknik, Bevölkerungsbewegung, Rechtsordnung — haben wir entweder in das Verhältnis der Wirkung jener treibenden Kräfte oder in dasjenige der objektiven Bedingung ihrer Wirksamkeit zu setzen. Mit ihnen werden wir uns daher dort erst zu beschäftigen haben, wo wir jene objektiven Bedingungen abhandeln. Hier gilt es, über die allein in Betracht kommenden treibenden Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung — die menschlichen Motivationen — uns einige genauere Wissenschaft zu erwerben. Da ist denn nun zunächst an das Bedürfnis unseres Denkens nach einheitlicher Erklärung zu erinnern. Es kann verwöhnteren Naturen unmöglich genügen, für einzelne disparate Phänomene des Wirtschaftslebens eine Reihe von einzelnen, disparaten Ursachen sich aufzählen zu lassen. Vielmehr drängt es uns, die Einzelphänomene in einen inneren Zusammenhang, will sagen in das Verhältnis von Ursache und Wirkung einzuordnen und alsdann als die primär wirkenden Ursachen bestimmte prävalente Motivreihen aufzudecken. Das Ideal bleibt, wie ich schon ausgeführt habe, auch hier die Zurückführung auf „letzte“ Ursachen, auf die letzte Ursache, also für sociales Geschehen die primär wirkende Triebkraft oder Motivation h Aber wir kennen auch schon die Grenzen, 1 Ich bemerke noch einmal ausdrücklich, dafs dieses Bedürfnis unserer Vernunft nach Einheit des Wissens nichts zu thun hat mit einer geistlosen Erklärung komplizierter Phänomene aus einer oder wenigen Ursachen. Selbstverständlich ist jedes einzelne sociale Phänomen tausendfach bedingt. Aber es gilt, in jenes Chaos der Zusammenhänge Ordnung zu bringen. Ich mache Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 5 die diesem Suchen nach letzten Ursachen im socialen Leben gezogen sind. Wir wissen, dafs wir uns hüten müssen vor der Zurückführung auf nichtssagende, weil völlig allgemeine seelische Kräfte wie den „Egoismus“, den „wirtschaftlichen Sinn“ oder dergleichen, dafs wir uns vielmehr nach den eine bestimmte Zeitepoche beherrschenden , also historisch bedingten Motivreihen umsehen müssen, wollen wir zu einigermafsen brauchbaren Kausalerkläi’ungen gelangen. Welche Kräfte also waren es, die die moderne Wirtschaft geschaffen haben: so lautet genauer die Frage, die wir uns stellen. Es ist üblich geworden, bei der Beantwortung dieser Frage die grofsen socialen Ideen, also ideelle Motive an erster Stelle als wirkende Ursachen hervorzuheben: der „Individualismus“, der „Freiheitsdrang“, das Anwachsen des persönlichen Verantwortlichkeitsgefühls und ähnliches gilt traditioneller Weise bei einsichtigeren Leuten als das Bewegende, das Treibende in unserer Zeit. Nun bin ich der letzte, der die ungeheure Schwungkraft unterschätzen möchte, die jene „freiheitlichen“ Ideale besessen haben, der nicht anerkennen möchte, dafs sie als ein ungemein kräftiges Ferment in dem Umgestaltungsprozefs mitgewirkt haben, dessen Gesetzmäfsig- lceit hier nachgewiesen werden soll. Zumal in ihrer Vereinigung mit den Axiomen der klassischen Nationalökonomie, in denen den individualistischen Postulaten ebenso die wissenschaftliche Weihe gegeben wurde, wie ein Jahrhundert später den socialistischen durch die Hegel-Marxsche Dialektik. Und heute, nachdem sie längst zu wirtschaftspolitischen Schlagworten oder wirtschaftswissenschaftlichem Doktrinarismus verknöchert sind, sehen wir sie gelegentlich immer noch einmal ihre Wirksamkeit ausüben. Das alles ist selbstverständlich. Aber trotzdem wird eine vertiefte Betrachtung jene Ideen als die primär wirkenden Ursachen der modernen Wirtschaft nicht gelten lassen können. Ich will dabei gar nicht einmal auf ihre eigene abgeleitete Entstehung den entscheidenden Nachdruck legen, obwohl es leicht wäre, nachzuweisen, dafs sie erst in einer Zeit zum Leben erwachten, in der die wirtschaftliche Revolution längst in vollem Gange war, dafs die italienischen Handelsrepubliken des 15. Jahrhunderts, das Augsburg des 16., Frankreich und England im 17. Jahrhundert längst auf der Bahn des modernen Kapitalismus wandelten, als auch noch nichts von den Postulaten der indivi- diese Anmerkung für die Maulwürfe, die mir früher schon einmal aus der Dunkelheit ihres Geistes heraus „Schabionisierung“ vorgeworfen haben. 6 Einleitung. duellen Freiheit und den Axiomen des ökonomischen Selbstinteresses verlautet war, dafs Jahrhunderte moderner Entwicklung vergangen waren, als die Grotius, Gassendi, Hobbes, Pufendorf, Locke die Grundlagen des individualistischen Naturrechts aus den Trümmern der antiken Philosophie aufzubauen begannen. Ich will nur folgendem Gedankengange Raum geben. Offenbar können sociale Ideale nur dann und insoweit eine entscheidende Wirkung auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens ausüben, als sie zu Maximen der Wirtschaftspolitik sich verdichten und nunmehr mafsgebend für die äufsere Regelung des Wirtschaftslebens werden. Jedenfalls bedeutet es das Maximum ihrer Wirksamkeit, wenn sie einem Systeme praktisch-politischer Verhaltungsgrundsätze oder wenn man will, einem Systeme des Wirtschaftsrechtes zum Leben verhelfen: wie es etwa in der Gesetzgebung der Konstituante und in den Stein-Hardenbergischen Reformen thatsächlich der Fall gewesen ist. Nun wird sich später noch Gelegenheit bieten, die meist aufserordentlich überschätzte Bedeutung der formalen Regelung des Wirtschaftslebens auf ihr richtiges Mafs zurückzuführen. Hier mag nur folgende Erwägung Platz finden. Die neuere Geschichte (auf die allein Rücksicht genommen wird: auch das hier behandelte Problem läfst sich nicht für die verschiedenen Geschichtsepochen gleichmäfsig lösen), die neuere Geschichte liefert uns genügend viele Beispiele dafür, dafs eine aus ideellen Motiven geborene Politik (wie sie unter dem Regime des modernen Konstitutionalismus überhaupt nicht mehr möglich, gelegentlich aber im alten absoluten Staate oder in Perioden revolutionären Paroxismus vorgekommen ist und heute noch in halb absoluten Staaten wie Preufsen-Deutschland hie und da vorkommt) stets Fiasko gemacht hat, wenn sie den ökonomischen Interessen der zur Zeit mächtigsten socialen Klasse widersprach oder aber ohne das Vorhandensein ökonomischer Interessen, die sich ihr gemäfs hätten bethätigen sollen, insceniert wurde. Besonders reich an Beispielen dafür ist die preufsische Wirtschaftspolitik. Es genügt, an Friedrichs II, Weberpolitik, an die papierne Gewerbefreiheit von 1810/11, an die Unschädlichmachung der agrarischen Reformen der Stein und Hardenberg durch die Deklaration von 1816, an das Fiasko der Februarerlasse des Jahres 1890 zu erinnern. Aber was noch viel wichtiger ist, ist die Einsicht, dafs der Gang des Wirtschaftsrechts und der Wirtschaftspolitik in grofsen Zügen durchaus die Parallelität zu den jeweils tonangebenden ökonomischen Mächten aufweist. Ist dem aber so, so erscheint der Schlufs gerechtfertigt, dafs es stets bestimmter Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 7 Unterströmungen bedarf, damit ideelle Motive durch das Medium der Wirtschaftspolitik wirksam werden können. Nun wissen wir, welches diese Unterströmungen im Entwicklungsgänge des modernen Wirtschaftslebens sind: die kapitalistischen Interessen. Wenn uns die Geschichte also lehrt (was in den folgenden Kapiteln noch empirisch zu beweisen ist), dafs (in grofsen Zügen) die moderne Wirtschaftspolitik in keinem einzigen Punkte Neuerungen gebracht P hat, die sich nicht aus den Bedürfnissen des Kapitalismus ableiteu liefsen, wenn wir dann uns jener anderen Einsicht erinnern, dafs ohne oder gegen jene Interessen niemals grundsätzlich umgestaltende Mafsnahmen der Wirtschaftspolitik Erfolg gehabt haben, wenn wir endlich auch noch die zeitliche Priorität der kapitalistischen Interessen in Betracht ziehen, so wird es statthaft erscheinen, dafs wir in der Geltendmachung dieser kapitalistischen Interessen, was aber gleichbedeutend ist mit dem Verwertungsstreben des Kapitals, primär wirkende Ursachen, letzte treibende Kräfte der modernen wirtschaftlichen Entwicklung ei’kennen. Das ist der Grundgedanke, von dem dieses Buch beherrscht wird und dessen Richtigkeit nun sein Inhalt erst erweisen soll 1 . ¥ Ehe wir jedoch an die Arbeit dieser Beweisführung selber heran- gehen, wird es nicht unzweckmäfsig sein, uns über die Natur jener treibenden Kräfte der modernen wirtschaftlichen Entwicklung, also über das Wesen jenes Verwertungsstrebens des Kapitals etwas genauer zu unterrichten. Der Satz, dafs das Kapital stirbt, wenn es sich nicht verwertet, d. h. durch geschickte Vertragsabschlüsse sich samt einem Probt reproduziert, ist heute bereits eine Trivialität. Es wird also nur darum sich handeln können, nachzuprüfen: ob denn dieses Verwertungsstreben nicht verschiedene Formen oder verschiedene Stärkegrade annehmen kann; und ob insonderheit sieh in seiner Wirkung auf die hier primo loco in Frage stehende Verdrängung oder Schädigung des Plandwerks nicht Nüancierungen etwelcher Art nachweisen lassen. 1 Es ist daher auch unnütz, dafs ich mich liier länger damit auf halte, die Dichtigkeit meines Ausgangspunkts zu erweisen. Ich habe den Versuch einer einheitlichen Erklärung der modernen Wirtschaft aus den angeführten Ursachenreihen unternommen. Versuche ein anderer dasselbe mit einem anderen Erklärungsprincip. Dann erst läfst sich darüber streiten, ob ich recht daran that, den Ausgangspunkt für meine Untersuchung so zu wählen, wie es geschehen ist. Man wolle die schlichte Wahrheit des Goetheschen Wortes beherzigen, das dieser Einleitung vorangestellt ist. 8 Einleitung. Da ergiebt denn eine nähere Prüfung das folgende: es müssen zwei Perioden kapitalistischer Entwicklung unterschieden werden (es ist überflüssig zu sagen, dafs es sich hier abermals nur um Skizzierung von Zusammenhängen handelt, deren gründliche Erörterung späteren Studien Vorbehalten bleibt): ich will sie einstweilen Perioden der Expansion und der Kontraktion nennen (ohne auf die Terminologie besonderen Wert zu legen) und sie in Anlehnung an die übliche Unterscheidung von Prosperitäts- und Depressionszeiten also charakterisieren: Expansionszeiten sind diejenigen, in denen die Kapitalbeträge rasch und stetig durch vermehrte Edelmetallprodulction oder anderweite partielle Vermehrung der Edelmetalle oder ihrer Surrogate vergröfsert werden: Beispiele die Jahre nach 1450, nach 1850, nach 1871 (für Deutschland), nach 1895. Hier fällt die gesteigerte kapitalistische Thätigkeit mit steigenden Preisen, zunehmendem Wohlstand, infolge dessen vergröfsertem bezw. erleichtertem Absatz zusammen. Kontraktionszeiten sind diejenigen, in denen sich die Zusatzkapitalien aus reiner Uberkapitalisation ergänzen, ohne beträchtliche Vermehrung der Umlaufsmittel, in denen somit der Ausdehnung der kapitalistischen Wirksamkeit sinkende Preise, Verschlechterung des Absatzes parallel gehen; in denen zwar keine „Krisen“, aber „Depression“ herrscht. Das klassische Beispiel einer Kontraktionsperiode in neuerer Zeit bieten bekanntlich die beiden Jahrzehnte von 1876—1895. Für die Beziehungen zwischen Kapitalismus und Handwerk haben nun diese beiden Perioden eine sehr verschiedene Bedeutung: in der Expansionsperiode ist der Kapitalismus dem Handwerke viel weniger gefährlich, als in der Kontraktionsperiode, weil das Kapital in jener um Anlagesphären nicht so verlegen ist wie in dieser, das Handwerk also mehr in Ruhe läfst. Freilich schmiedet der Kapitalismus in jenen raschen Wachstumsperioden auch schon die Waffen, mit denen er dann nachher das Handwerk schlägt. Daher Expansionszeiten langsamen Niedergang des Handwerks oder sogar Stillstand seines Auflösungsprozesses, Kontraktionsperioden abrupte Vernichtung im Gefolge haben. Das soll nun durch einige Ziffern, insbesondere für Deutschland und die Zeit von 1850—1875 bezw. 1876—1895 illustriert werden. Die Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet in der Entwicklung des modernen Kapitalismus eine Epoche; man kann sagen, dafs er seit dieser Zeit in allen Ländern Westeuropas in das Stadium seiner Hochblüte eintritt. Was aber den gewaltigen Aufschwung, den Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 9 kapitalistisches Wesen von nun ab nimmt, vor allem bewirkt, ist die plötzliche Vermehrung der Edelmetallproduktion, die die Er- schliefsung der kalifornischen (1848) und australischen (1851) Goldgruben herbeiführt 1 und die in folgenden Ziffern ihren Ausdruck findet 2 : Die gesamte Goldproduktion in den Vereinigten Staaten betrug in Milk Dollars: 1848 = 10,0; 1849 = 40,0; 1850 = 50,0; 1851 = 55,0; 1852 = (30,0; 1853 = 65,0. Die Gesamtmenge des in Australien gewonnenen Goldes betrug nach den amtlichen Angaben (in 1000 Unzen): 1851 = 357; 1852 = 3105; 1853 = 3292. Die gesamte Goldproduktion, die für das Gebiet der europäischen Kultur in Betracht kommt, betrug Mill. Mk.: 1848 = 150; 1849 == 265; 1850 = 300; im Durchschnitt 1851—55 = 557; 1856—60 = 564. Die jährliche Goldausmünzung in den fünf Staaten: Grofsbritannien, Vereinigte Staaten, Frankreich, Rufsland, Preufsen betrug (in ungleichen Zeiträumen berechnet) 3 vor 1847: 38385 715 Mill. Thlr. im Jahresdurchschnitt 1847/52: 119211151 „ „ In den folgenden Jahren steigt sie noch weiter an. Dazu kam die ungeheure Expansion, die der Kredit erfuhr, vor allem die beträchtliche Vermehrung des Papiergeldumlaufs in Mitteleuropa. In Deutschland ist die Entwicklung des Kredits bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch aufserordentlich geringfügig. Das Geschäft auf den Jahrmärkten, aber auch auf den Messen, auf denen die Grofsproduzenten (oder Grofshändler) ihre Waren an Grossisten meist persönlich absetzten, war fast ausschliefslich Bargeschäft. Ein grofser schlesischer Textilindustrieller, mit dem ich oft über die Geschäftsform jener Zeit mich ausgesprochen habe, schilderte mir anschaulich das primitive Getriebe auf einer solchen Messe. Dort — sei es in Frankfurt a. O., sei es in Leipzig, sei es auch an einem süddeutschen Mefsort — erschien der Schweidnitzer oder 1 Über den Zusammenhang zwischen der vermehrten Goldproduktion und der Entwicklung des Kapitalismus handelte in urteilsvoller Weise Otto Michaelis, Die Handelskrisis von 1857. Geschrieben 1858/59, jetzt in den Schriften 1 (1873), 237—372 und M. Wirtli, Geschichte der Handelskrisen. 3. Aufl. 1883. S. 245 ff. 2 Vgl. Lexis, Art. Gold und Goldwährung im Il.St. Bd. IV und dazu Ad. Soetbeer, Andeutungen in Bezug auf die vermehrte Goldproduktion und ihren Einflufs. 1852, insbes. S. 13 ff. 3 Otto Hübner, Die Banken. 1854. S. 52. 10 Einleitung. Peterswaldauer Fabrikant persönlich mit seiner Ware, deren technische Produzenten die Weber im schlesischen Gebirge waren. Der Absatz war ein stetiger und traditioneller. Er verkaufte an die Grossisten aus Hamburg, Danzig, Königsberg, Rufsland, meist gegen bar, in der Münze des Landes. Am Abend hatte er oft 50 und mehr Münzsorten in seiner Kasse, die er nun entweder bei seinen Gläubigern loszuwerden suchte oder bei den Bankiers einwechselte, die sich ebenfalls aus allen Hauptstädten auf den grofsen Messen persönlich einfanden. Das Geldwechselgeschäft war noch fast das wichtigste Bankiergeschäft. Bezeichnend für die Auffassung des alten Bankiertums ist die Klage, in die bei Einführung der einheitlichen Währung häutig solche Wechsler ausbrachen: nun sei ja ihr bestes Geschäft — der Geldwechsel — verdorben, die Vereinheitlichung der Währung werde mehr Schaden als Nutzen für das Bankiergeschäft bringen! Im Jahre 1846 wurde die preufsische Bank gegründet, als Fortsetzung der königlichen Bank und bei weitem bedeutendstes Kreditinstitut. Sehen wir uns jedoch die Ziffern ihrer Geschäftsberichte an, so staunen wir über ihre Geringfügigkeit, trotzdem sie verglichen mit den übrigen in Deutschland bestehenden Bankinstituten noch Grofses leistete. Noch im Jahre 1851 belief sich der Betrag 1 • des Notenumlaufs.auf 18,86 Mill. Thlr. der Depositen.. 24,18 ., ,, der Lombarddarlehen.., 9,77 ,, „ der Platzwechsel 2 3 * 5 .„ 6,91 ,, „ der inländischen Rimessenwechsel 2 „ 4.19 „ „ Weit zurück hinter diesen Ziffern bleiben, wie gesagt, diejenigen der anderen deutschen Banken. Von öffentlichen Banken bezw. Bankgesellschaften kommen nur die übrigen Zettelbanken in Betracht. Von ihnen weisen die bedeutendsten folgende Beträge auf: *) Vgl. Lexis, Art. Banken (Statistik) im H.St., 1. Aufl., Bel. II, und dazu die ausführliche Darstellung von F. Noback, Die deutschen Banken in ihrem gegenwärtigen Wirken etc. in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik 1 (1847), S. 70 ff. 717 ff. 3 Charakteristisch für den geringen Entwicklungsgrad der verkehrswirtschaftlichen Beziehungen ist auch die noch vorhandene Präponderanz der Platz- iiber die Versandwechsel, während beispielsweise im Jahre 1900 die Reichsbank ankaufte für 3 220 Mill. Mk. Platzwechsel, dagegen für 5 330 „ ,, Versandwechsel auf das Inland. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 11 Es belaufen sich beispielsweise die Depositen bei der Bayrischen Hypotheken-und Wechselbank auf 1,1 Mill. Thlr. „ „ Ritterschaftl. Privatbank in Pommern . „ 3,2 ., „ ,, „ Dessauer Landesbank. . „ 0,4 „ „ Giro- und Kontokorrentverkehr war noch so gut wie unbekannt. Was aber vor allem daneben zu beachten ist, ist der Umstand, dals aufser den Zettelbanken überhaupt noch keine irgendwie nennenswerten Bankgesellschaften bestanden. Und nun aber kommt der grofse Umschwung in den 1850er Jahren: die Gründung der grofsen, noch heute z. T. mächtigen Institute fällt in jene Zeit. Das Jahrzehnt von 1850—1800 erlebt folgende Gründungen 1 : 1850 Bank des Berliner Kassenvereins, 1850 Rostocker Bank, 1853 Bank für Handel und Industrie, 1853 Weimarische Bank, 1856 Diskontogesellschaft, 1850 Hamburger Vereinsbank, 1856 Mitteldeutsche Kreditbank, 1856 Niedersächsische Bank, 1850 Norddeutsche Bank, 1850 Schlesischer Bankverein, 1856 Berliner Handelsgesellschaft. Die Anfänge speciell des Berliner Bankverkehrs datieren die meisten Bankiers, die jene Zeiten miterlebt haben, erst seit Mitte der 1850 er Jahre. Im Bereiche Österreichs und des Zollvereins belief sich der Betrag 2 (in Thlr.) 1847 1853 der Banknoten auf 138614000 171171000 des Papiergeldes „ 30985000 171727 000 Eine fieberhafte Unternehmungslust auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens erwacht: das Erwerbsleben kann sich um so ungehinderter entfalten, als die Konvulsionen des Jahres 1848 in allen Ländern politische Reaktionsperioden hervorrufen: Staatsstreich Napoleons, Ende der Chartistenbewegung, Reaktion in den deutschen 1 Lexis a. a. O. 2 O. Hübner a. a. O. S. 48 Anra, 12 Einleitung. Staaten und der europäische Frieden nur durch kürzere Kriege unterbrochen wird. Das „Enricliissez-vous, messieurs“ gelangt jetzt erst zur rechten Ausführung. Für die Stimmung in Deutschland beispielsweise ist das Erscheinen eines Buches symptomatisch, das den Titel führt: „Goldminen in Deutschland. Vorschläge zu neuen gewinnreichen Unternehmungen, nachgewiesen für Kapitalisten zur vorteilhaftesten Anlegung ihrer Fonds und für solche, die auf bisher unbetretenen Wegen Geld verdienen und zur Wohlhabenheit gelangen wollen“ h Und der Kapitalismus findet so viele Gebiete — aufserhalb der Sphäre handwerksmäfsiger Produktion — vor, die gleichsam auf Befruchtung mit Kapitalien warten: Bräute, die des Bräutigams harren. Zunächst ist es die Cirkulationssphäre, in der jetzt erst recht kapitalistisches Wesen sich breit macht. Die Geld- und Kreditinstitute nannte ich schon als Anlagegebiete der neugewonnenen Kapitalmassen. Allein in Deutschland wurden in den Jahren 1853—57 über 200 Mill. Thlr. zur Gründung neuer Banken eingezahlt und etwa 30 Mill. Thlr. von neu gegründeten Versicherungsgesellschaften absorbiert 1 2 3 . Trotzdem sind bis Ende der 1860er Jahre die Diskontosätze und Bankprofite hoch, sodafs die Geldplethora, die aus dem „Milliardensegen“ erwächst, hoch einmal — und nun in verstärktem Mafse — ihren Abflufs in die Kanäle der Bankgründungen finden konnte. Waren in Form von Aktiengesellschaften 1851 — 70 in Deutschland Banken in einem Betrage von 94,65 Mill. Mk. begründet, so wuchs 1871—74 das Aktienkapital der neu gegründeten Banken auf 838,27 Mill. Mk. an 8 . Daneben sind es die modernen Ve rkehr s i n s t i t u t e, die ebenfalls nun erst recht als bedeutsame Kapitalanlagen auftreten. Die Eisenbahnen erfahren eine rasche Erweiterung: bis 1855 sind 7820 km, bis 1865 13900 km, bis 1875 27 981 km Eisenbahnen in Deutschland erbaut 4 . Das Aktienkapital, das in deutschen Eisenbahnanlagen von 1851—1870 investiert wurde, beläuft sich auf 1722,44 Mill. Mk. 5 . Dazu kommen natürlich noch die erheblichen Summen der Prioritäten etc., sodafs das G esamtanlagekapital für 1870 auf 4072167 621 Mk., für 1880/81 auf 8890 333330 Mk. angegeben wird 6 . 1 Verschiedene Verfasser. Weimar 1852. 2 M. Wirtli a. a. O. S. 310 f. 3 Art. Aktiengesellschaften im H.St. 4 Juraschek, Übersichten lSSö'SO, S. 678. 5 Nach Engels Berechnung. Vgl Art. Aktiengesellschaften H.St. 6 Stat. Jahrbuch für das Deutsche Eeich. IV. Jahrg. (1883) S. 108. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 13 Für die 1850er Jahre berechnet Max Wirth 1 die Summe des auf neue Eisenbahnen eingezahlten Aktienkapitals auf 140 Mill. Thlr., die Höhe der Eisenbahn- u. a. Prioritätsanlehen auf 206 Mill. Thlr. Nach der amtlichen Statistik betrug das Anlagekapital der preufsischen Bahnen: 1850 = 148458 705 Thlr., 1860 = 381505 934 „ 2 3 . Das gesamte Anlagekapital der Eisenbahnen Europas wird schon 1860 auf 15 240 Mill. Mk., 1865 auf 25130 Mill. Mk., 1875 auf 43550 Mill. Mk. berechnet 8 . Ebenso rasch vollzieht sich die Erweiterung der Handelsflotte, deren effektive Tragfähigkeit 1830-39 um 2,10 °/o, 1840—49 „ 3,65 °/o, dagegen 1850—59 „ 5,00 °/o anwächst 4 . Die Häfen werden erweitert, die Flüsse korrigiert und reguliert, Kanäle neugebaut: die Anlage des Suezkanals absorbiert rund V 2 Milliarde Francs 5 6 . Das Telegraphennetz beginnt sich auszudehnen. Die submarinen Kabel heischen grofse Kapitalmassen. Von 1851—1868 werden bereits 15 830 Seemeilen Kabel gelegt. An diesen internationalen Anlagen sind alle aufstrebenden Staaten mit ihrem Kapital ebenfalls mehr oder weniger beteiligt. Ferner sind es die schon seit langem im Besitze des Kapitalismus befindlichen Fundamentalindustrien, denen das Kapital seinen Blutstrom zuführt. Mächtig blüht allerorts die Kohlen- und Eisenindustrie in die Höhe. Es werden in Deutschland gewonnen c : an Steinkohle: 1850 = 5,8 Mill. Tonnen 1860 = 12,35 „ 1870 = 26,40 „ 1875 = 37,44 „ an Braunkohle: 1850 = 1,52 ,, „ 1860 = 4,38 „ 1870 = 7,61 „ 1875 = 10,37 „ 1 Geschichte der Handelskrisen S. 310. 2 Jahrbuch für die amtliche Statistik des preufsischen Staats. I. Jahrgang. 1863. S. 512-515. 3 Juraschek a. a. O. S. 686. 4 Neumann-Spallart, Übersichten 1883/84, S. 525. 6 479175683 Frcs.; vgl. Mich. Geistbeck, Der Weltverkehr (1887) 374. 6 L. Francke, Bergbau (Statistik) im H.St. II, 377 ff. 14 Einleitung. an Eisenerzen: 1850 = 838426 Tonnen 1860 = 1400 800 1870 = 3 839 222 Und gar die Eisenindustrie beginnt erst seit der Mitte des Jahrhunderts ihren eigentlichen Aufschwung; sie geht jetzt erst zu den modernen Verhüttungs- und Schmelzverfahren über und gerade das bedingt ihren grofsen Bedarf an Kapital. Die Produktion selbst steigert sich wie folgt. Es wurden in Deutschland Roheisen gewonnen 1 : 1850 = 208 Mill. kg. 1860 == 529 „ „ 1870 = 1391 „ „ 1875 = 2029 „ „ Leider ist es nicht möglich, die Höhe der Kapitalanlagen in diesen Standardindustrien ziffermäfsig zu verfolgen. Die Steigerung der Produktion gewährt jedoch immerhin bemerkenswerte Anhaltspunkte. Das Aktienkapital, das auf dem Gebiete des Bergbau-, Hütten- und Salinenwesens in Deutschland während der Jahre 1851—70 absorbiert wurde, berechnet Engel auf 275,44 Mill. Mk. 2 . Als letztes Feld für die Thätigkeit des Kapitals erschliefsen sich die Landwirtschaft und die mit ihr in vielen Ländern verbundenen Industrien: die Zucker- und Spiritusindustrie. Ist es auch schwer, die Summen genau festzustellen, die in dieses Becken fliefsen, so genügen doch einige Anhaltspunkte, um uns ein Bild zu geben von der immensen Absorptionskraft, die diesen Produktionszweigen eignet. Es ist mit Recht behauptet worden, dafs Zucker- und Spiritusindustrie diejenigen Industriezweige gewesen seien, an denen Deutschland sich zur kapitalistischen Grofsmacht entwickelt habe: etwa wie die Baumwoll- und Eisenindustrie den Grund zu Englands Gröfse gelegt haben. Die Zahl der Zuckerfabriken in Deutschland, die 1840/41 erst 145 betragen hatte, steigt 3 1850—51 auf 184, 1860—61 „ 247, 1870—71 „ 304, 1 von Juraschek, Eisen (Statistik) im JELSt. III, 133. 2 van der Bor gilt, Aktiengesellschaften im H.St. I, 126. 3 H. Paasche, Zuckerindustrie etc. im H.St. VI, 868. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 15 das Quantum verarbeiteter Rüben 1 2 von 241486 t im Jabre 1840/41 1850—51 auf 736 215 t 1860— 61 „ 1467 702 „ 1870— 71 „ 3050745 „ Die jährliche Produktion von Branntwein betrug im Branntweinsteuergebiet 3 : y 1846—56 = 1327 000 hl 1857—60 = 1681000 „ 1861— 70 = 2205000 „ 1871— 80 = 3178000 „ Diese rasche Ausdehnung der landwirtschaftlichen Industrien bedeutete einmal die Vergröfserung der Anlagesphäre für industrielles Kapital; bedingte aber vor allem die Investierung neuen Kapitals in der Landwirtschaft selbst. Was diese an Kapital im Laufe dieses Jahrhunderts einsaugt, ist zahlenmäfsig direkt gar nicht zu fassen. Die Zunahme der Verschuldung, die allenfalls von der Statistik nachgewiesen werden kann und zum Teil nachgewiesen worden ist, bildet doch nur einen kleinen Teil der im Grund und Boden festgelegten Kapitalmassen. Eher werden diese getroffen, wenn man v> die Bodenpreis- und Pachtsteigerungen in Betracht zieht und sie in Verbindung setzt mit dem raschen Besitzwechsel, den der Grund und Boden in jener Zeit erfährt. Hierfür werden in anderem Zusammenhänge einige illustrative Ziffern noch mitgeteilt werden 3 . Hier genügt es, ganz generell auf die notorische Thatsache hingewiesen zu haben, dafs die deutsche Landwirtschaft schon in dem zweiten Viertel unseres Jahrhunderts, noch mehr aber im dritten Viertel eine der bedeutendsten Anlagesphären des Kapitals bildet. Dafs mit den genannten Gebieten der Kapitalanlage nur die wichtigsten getroffen werden sollten, ist einleuchtend. Sie präsentieren sich zudem am kompaktesten und die Entwicklung des Kapitalismus auf ihnen ist verhältnismäfsig am deutlichsten erkennbar. Es mögen nun aber auch noch einige Lichter auf die anderen Sphären der kapitalistischen Entwicklung geworfen werden. Wir sind für unsere Erkenntnis davon im wesentlichen beschränkt, soweit es sich um ziffermäfsige Feststellungen handelt, auf 1 H. Paasche, Zuckerindustrie etc. im H.St. VI, 868. 2 Nacli den Berechnungen des Maklers Emil Meyer. Vgl. Th. Laves, Die Branntweinproduktion etc. in Deutschland in Schmollers Jahrbuch XI (1887). S. 1274. 3 Vgl. die Kapitel 5 ff. dieses Bandes. 1(3 Einleitung. die Statistik der Aktiengesellschaften, die ja allerdings wenigstens von symptomatisch grofsem Werte für die Erkenntnis der kapitalistischen Entwicklung eines Zeitraumes ist. Ich teile hier die Zahlen mit, aus denen die enorme Steigerung der Kapitalinvestierung seit Mitte des Jahrhunderts ersichtlich ist, der Vollständigkeit willen einschliefslich der schon angeführten Zahlen: Während in den 25 Jahren von 1826—1850 in Deutschland nur 102 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 637,99 Mill. Mk. gegründet worden waren, stieg die Zahl der Neugründungen in den Jahren 1851—1870(1. Hälfte) auf 295 mit einem Kapital von 2404,76 Mill. Mk. 1870 (2. Hälfte)—1874 „ 857 „ „ „ „ 3306,81 „ „ Und zwar verteilten sich die Kapitalsummen auf die einzelnen Industriezweige wie folgt (in Mill. Mk.): Seit Mitte der 1870 er Jahre datiert der Umschwung. Auf die akute Krisis folgte die chronische „Depression“, die bis in die Mitte der 1890 er Jahre, d. h. bis zu dem Zeitpunkt anhält, da die neuen Goldfunde Anlafs zu einer neuen Expansion des Kapitalismus werden. Die wirtschaftliche Depression aber, deren Obwalten noch in jedermanns Erinnerung lebt *, äufserte sich für das Kapital zu- 1 Es existiert, wie man weifs, ein umfassendes Enquetematerial neben einer weitschielitigen Litteratur über diese Wirtschaftsepocbe. Eine zusammenfassende Darstellung für Grofsbritannien und die Vereinigten Staaten giebt: G.Ricca-Salerno, Deila depressione industriale nella Gran Brettagna 1851—1870 1870-1874 I. Landwirtschaft, Viehzucht, Fischerei, Sport . II. Bergbau, Hütten und Salinen. III. Industrie der Steine und Erden. IV. Metallverarbeitung, Maschinenbau. V. Chemische Industrie, Heiz- und Leuchtstoffe . 2,60 14,08 275,41 394,95 3,14 56,80 33,71 230,98 15,14 66,74 44,61 66,76 3,22 44,58 16,32 32,39 3.30 71,88 4.31 66,08 2,63 8,21 17,42 486,64 VI. Textilindustrie. VII. Papier, Leder, Holz, Schnitzstoffe VIII. Zuckerfabriken. IX. Brauereien XI. Bekleidung und Reinigung .... XII. Baugewerbe. XIII. Polygraphische Gewerbe, litter. etc. X. Sonstige Nahrungs- und Genufsmittel . . . . XI. Bekleidung und Reinigung. XIV. Banken :. Betriebe 0,83 9,24 XV. Versicherungsgesellschaften . . XVI. Eisenbahnen. XVII. Sonstige Transportanstalten. . XVIII. Beherbergung und Erquickung XIX. Verschiedene. 94,65 838,27 158,46 29,13 1 722,44 778,01 9,11 38,49 0,06 14,69 1,49 58,89 Gesamtsumme 2 408,85 3 302,81 Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 17 nächst in einer Kontraktion der früheren Anlagesphären. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dal's gerade die bevorzugten Erwerbsgebiete der vorhergehenden Jahrzehnte eine Art von Sättigung erfahren und sich dem weiteren Zustrom des Kapitals mehr und mehr verschliefsen. Dafür den zahlenmäfsigen Nachweis zu führen, ist aus naheliegenden Gründen nicht leicht. Immerhin giebt es genug Anhaltspunkte, um die Richtigkeit jener Auffassung auch ziffermäfsig zu erweisen. Insbesondere für Deutschland wiederum läfst sich etwa folgendes anführen. Die Spiritusbrennerei trat insbesondere nach Erlafs des neuen Branntweinsteuergesetzes zunächst in ein Stadium der Stagnation. Landwirtschaftliche Brennereien, welche Kartoffeln verarbeiten, waren im Betriebe 1887/88 = b25b, 1895/90 = 5615, solche, welche vorwiegend Getreide verarbeiten: 1887/88 = 4431, 1895/96 = 6654. Verarbeitet wurden in sämtlichen Brennereien: Kartoffeln Getreide etc. 1887/88 = 2009416 t 304980 t 1895/96 = 2210370 „ 330694 „ Die Rübenzuckerfabriken steigerten allerdings seit Mitte der 1880er Jahre ihre Produktion noch weiter, einmal jedoch längst nicht in dem Tempo des voraufgehenden Jahrzehnts, innerhalb dessen die Menge der verarbeiteten Rüben sich fast verdreifachte. Sodann ist die Produktionssteigerung im Rahmen der vorhandenen Fabriken erfolgt, hat also zu Neuanlagen keine Veranlassung geboten. Die Zahl der Fabriken, welche Rüben verarbeiteten, betrug 1 1886/87 = 401, 1895/96 = 397, e negli Statt Unit! di America. Note bibliografiche etc. im Bulletin de l’In- stitut international de Statistique. Tome I (1886) 3® e 4® livraison p. 153 seq. 1887. Uber die Stimmung in Deutschland unterrichten: Deutschlands Industrie und Handel; jährliche Berichte, herausgegeben vom Verein zur Förderung der Handelsfreiheit 1881 ff. Von Ende der 1880er Jahre an besitzen wir die brauchbaren Übersichten von Julius Basch, Wirtschaftliche Weltlage, 1890 ff. und Moritz Meyer, Der internationale Geldmarkt. 1892. 1 Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich. 1897. S. 45. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 2 18 Einleitung. während an Rüben verarbeitet wurden 1871/75 = 15,8 Mill. t 1 1881/85 = 41,4 „ „ 1891/95 = 56,1 „ „ Ob und in welchem Umfange die Landwirtschaft selbst ihre Fähigkeit, Kapital zu absorbieren, verringert hatte, ist ziffermäfsig kaum festzustellen. Die Verschuldungsstatistik ist wiederum unzulänglich , um die aufgeworfene Frage zu beantworten. Gar nichts besagt die Thatsache, dafs der Betrag der von den Hypothekenbanken ausgegebenen Pfandbriefe seit Mitte der 1870 er Jahre um ein Beträchtliches gestiegen ist 2 . Denn sie bedeutet im wesentlichen nur eine Veränderung der Schuldform. Aber auch die erwiesene, thatsächliche Zunahme der Verschuldung 3 in den 1880er Jahren ist doch nicht ohne weiteres als Argument dafür anzuftihren, dafs die Landwirtschaft ihre Kapitalaufnahmefähigkeit im ganzen nicht vermindert habe. Ihr entgegen steht die Beobachtung, dafs die Subhastationen, sowie die freihändigen Besitzveränderungen sich verringerten 4 * , die Pachtpreise dagegen sanken 6 . Diese Feststellungen im Verein mit der Depression, die für die westeuropäische Landwirtschaft seit Ende der 1870 er Jahre begann, machen es eher wahrscheinlich, dafs diese von 1875—1895 nicht so bereit war, iiberschiefsende Kapitalien aufzunehmen, wie im zweiten und dritten Viertel des 19. Jahrhunderts. Für andere wichtige Anlagegebiete läfst sich nun aber genauer die Verringerung ihrer Absorptionsfähigkeit für unsern Zeitraum nachweisen. Dazu dient uns wiederum die Statistik der Aktiengesellschaften. Wenn diese für bestimmte Erwerbszweige sinkende Gründungsbeträge verzeichnet, so dürfen wir mit einiger Sicherheit auf eine Sättigung dieser Industrien mit Kapital schliefsen, voraus- 1 Ebenda 1892. S. 22. 2 Ende 1870 cirkulierten nur 130 367 000 Mk. Pfandbriefe der Bodenkredit- Aktienbanken; Ende 1895 dagegen 4435329000 Mk. Vgl. die Rheinische Hypothekenbank in Mannheim 1871—1896. Denkschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Bank. S. 57. 58. Ein Teil dieses Mehrbetrages ist natürlich durchaus noch als absoluter Zuwachs an Kapital anzusehen; fällt ja in die Steigerungsperiode noch das ganze achte Jahrzehnt, das im grofsen Ganzen noch eine Zeit aufsteigender Konjunktur für die Landwirtschaft war. 3 In den 7 Jahren von 1886/87 bis 1892/93 betrug in Preufsen der Zuwachs an ländlichen Hypothekenschulden 1093,05 Mill. Mk. Vgl. J. Conrad, Agrarkrisis. H.St. Suppl. I, 15. * J. Conrad a. a. O. S. 16 f. B Ebenda S. 12 ff. Erstes Kapitel. Die treibenden Kriifte. 19 .gesetzt, dafs dieses Kapital nicht etwa in anderen Formen jenen Stellen zufliefst. Das ist nun aber bei den hauptsächlich in Frage kommenden Erwerbszweigen höchstens insoweit der Fall, als die Prioritätsanleihen bestehender Aktiengesellschaften an die Stelle früherer Neugründungen getreten sind. Denn auf den sogleich zu erwähnenden Gebieten spielt weder das nicht vergesellschaftete Privatkapital, noch die neue Form der Genossenschaften eine erheb- * liehe Rolle. Dafs jedoch die Anleihen der alten Gesellschaften den Betrag, um den sich die Neugründungen vermindert haben, völlig ausgleichen sollten, ist kaum anzunehmen. Die gedachten Erwerbszweige sind aber folgende: 1. Bergbau, Hütten und Salinenwesen; 2. Banken; 3. Versicherungsgesellschaften; 4. Eisenbahnen. Das in ihnen angelegte Aktienkapital hatte in den Jahren von 1851—1870 folgende Summen betragen 1 : Bergbau, Hütten und Salinenwesen 275,41 Mill. Mk. Banken. 94,65 „ „ Versicherungsgesellschaften . . . 158,46 „ „ Eisenbahnen. 1722,44 „ „ 2250,96 Mill. Mk. Das aber waren von der Gesamtsumme der in jenem Zeitraum gegründeten Aktiengesellschaften (2404,76 Mill. Mk.) nicht weniger als 92,7 °/o gewesen. Dieser Anteil verringert sich' nun ständig, wie aus folgenden Ziffern hervorgeht. Es betrug die Summe des Aktienkapitals (Mill. Mk.) in: 1870-74 1883-88 1890-94 2 Bergbau, Hütten u. Salinenwesen 394,95 87,85 45,5 Banken . 838,27 93,84 47,6 Versicherungsgesellschaften . . 29,13 17,04 (17,04) 3 Eisenbahnen 4 . 778,01 65,70 39,1 2040,36 264,43 149,2 1 van der Borgkt a. a. 0. S. 126—129. 2 Lexis, Aktiengesellschaften in Deutschland. H.St. Suppl. I, 26. 8 Für diesen Zeitraum ist das Aktienkapital der neubegründeten Versicherungsgesellschaften nicht gesondert mitgoteilt. Ich habe die Summe des voraufgegangenen längeren Zeitraums interpoliert: sicher zu hoch, denn die obigen 17,0 Mill. Mk. würden von den 51,8 Mill. Mk. der „sonstigen Unternehmungen“, in denen die V.G. einbegriffen sind, allein ’/3 ausmachen. 4 Durch die Verstaatlichung der meisten E. ist natürlich ihre Bedeutung als Aktienanlagefeld stark vermindert. Aber ihre geringere Kapitalabsorptionsfähigkeit überhaupt läfst sich auch aus anderen Ziffern erkennen. So betrug 2 * I 20 Einleitung. 1870—74 1883-88 1890—94 Gesamtgriinclungskapital der betreffenden Periode .... 3306,81 729,24 593,9 Anteil der übrigen 4 Erwerbszweige . 61,8 °/o 34,0 °/o 25,0 %. Ziehen wir nun den Umstand in Betracht, dafs während dieser Depressionsperiode die Überkapitalisation eher zu- als abgenommen hat, so werden wir von selbst zu der Folgerung gedrängt, dafs das Kapital sich notwendig nach neuen Anlagesphären umsehen mufste. Damit tritt es aber an die Gebiete heran, in denen das Handwerk haust. Dafs schon längst im Laufe sowohl der früheren Periode als insbesondere auch während der Expansionszeit von 1850—1875 handwerksmäfsig betriebene Gewerbe vom Kapitalismus in Entreprise genommen worden sind, hat die voraufgegangene genetische Darstellung zur Genüge erwiesen. Sehen wir jedoch von den wenigen schon während der frtihkapitalistischen Periode dem Kapitalismus ganz anheim gefallenen Gebiete ehemals handwerks- mäfsiger Produktion ab (Montan-, Leder-, Textilindustrie, einzelne Zweige der Eisenindustrie), so war in den übrigen Sphären hand- werksmäfsiger Thätigkeit, in denen sich die kapitalistische Produktionsweise schon einzubürgern begonnen hatte, der Bestand des Handwerks doch noch kaum gefährdet worden. Der Kapitalismus hatte sich begnügt, einige Specialitäten zu pflegen und seinen Absatz dafür aufserordentlich extensiv zu gestalten: auch hier waren es fast durchgängig „Exportindustrien“, die der Kapitalismus zunächst entwickelt hatte: die Berliner Tischlerei, die deutsche und die österreichische Konfektion, die Wiener Schuhwarenindustrie, die Schweizer Uhrenindustrie, die Dampfmüllerei und viele andere sind ursprünglich mehr oder weniger reine, aber mindestens doch immer von Anfang an auch Exportindustrien gewesen. Nun kommt die Forcierung aller dieser Industrien. Die Produktion wird immer mehr ausgedehnt. Es beginnt ein Kampf zunächst um den fremden Markt. In dem Mafse, wie sich die heimische Industrie im Auslande bedroht sieht, sucht sie den Inlandsmarkt für sich mit Beschlag zu belegen: es beginnt die Schutzzollära der 1880 er Jahre in den meisten der konkurrierenden Länder. Das bedeutet für die Exportindustrien abermals eine Einschränkung „das zur Anlage und Ausrüstung der Bahn . . verwendete Anlagekapital“: 1870- 1880/81 = 4818 Mill. Mk., 1880/81— 1890/91 = 1566 Mill. Mk. Vgl. Stat. Jahrbuch für das Deutsche Reich III, 108; XIII, 104. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 21 ihres Absatzgebietes und erzeugt nun den Zwang, das Verlorene im Inlande wiederzugewinnen. Damit aber ist dem hier noch dominierenden Handwerke der Kampf auf Leben und Tod angesagt. Es beginnt nun seit Ende der 1870 er Jahre erst recht die Entscheidungsschlacht zwischen den beiden Wirtschaftsformen auf jenen wichtigen Gebieten der gewerblichen Produktion, auf denen bis dahin nationales Handwerk und kapitalistische Exportindustrie ver- hältnismäfsig friedlich nebeneinander hergegangen waren. Das mögen wiederum ein paar genauere Angaben Uber den Entwicklungsgang einiger jener Gewerbe illustrieren helfen. Vielleicht am deutlichsten liegt der geschilderte Prozefs zu Tage in der Schuhmacherei. Die kapitalistische Schuhmacherei war wie übei’all so insbesondere auch in Deutschland ursprünglich vorwiegend Exportgewerbe 1 . Die Schweiz, die Niederlande, Südamerika, Australien, Rumänien, Rufsland, England, Frankreich waren die wichtigsten Absatzgebiete für deutsches Schuhwerk. Diese nun gingen seit Anfang der 1880 er Jahre eines nach dem anderen verloren. Am frühesten der französische Markt; schon 1882 klagen die Fabrikanten in Pirmasens, dafs die willkürliche Auslegung des Zolltarifs ihnen die Ausfuhr nach Frankreich unmöglich mache. Dieselben Klagen ertönten bald über Erschwerung der Ausfuhr nach der Schweiz, wo nun eine starke mechanische Schuhfabrikation im eigenen Lande emporblühte 2 ; 1891 wurde der Zoll an der schweizerischen Grenze von 30 auf 60 Mk. ei’höht. Es folgen die Verluste des östereichi- schen und russischen Marktes um die Mitte der 1880 er Jahre. Nun stieg zunächst die Ausfuhr nach anderen Ländern: namentlich Belgien und Holland, Skandinavien, Südamerika, Australien. Das ging fort bis Ende der 1880 er Jahre. Da entwickelte sich in den überseeischen Ländern eine eigene Grofsschusterei; gleichzeitig wurden die Einfuhrzölle nach Australien bis zu 50 und 60°/o des 1 Vgl. für das Folgende namentlich Francke a. a. O. S. 152 f., 158 ff. und U. III, 224 f., 247 (Schusterei in Württemberg). Wichtigste Quelle sind natürlich die Handelskammerberichte, die aber in bekannter Dürftigkeit gerade die uns hier interessierenden Gewerbe abhandeln. Ich verweise zur leichteren Orientierung in dem erschrecklich umfangreichen Material auf die gerade im Jahre 1880 beginnenden „Auszüge aus den II.K.Berichten“, die unter dem Titel „Deutschlands Industrie und Handel“ vom Verein zur Förderung der Handelsfreiheit herausgegeben sind (1881 ff.). 2 „Die Grofsfabrikanten suchen infolge Zunahme der überseeischen Produktion ihre Waren in vermehrtem Mafse im Inlande abzusetzen.“ Fa< h- berichte aus dem Gebiet der schweizerischen Gewerbe (1896) S. 48. 22 Einleitung. Wertes erhöht. Südamerika ging als Markt infolge der dortigen' politischen und finanziellen Wirren mehr und mehr verloren. Die Handelsverträge von 1892 haben wenig gebessert. So blieb dem deutschen Sch uh Produzenten nichts übrig, als nach Kräften im eigenen Lande wiederzugewinnen, was sie in der Fremde eingebüfst hatten. Treten wir aber auf die andere Seite hinüber: das angegriffene Handwerk, so treffen natürlich die Beobachtungen in gleicher Richtung mit den obigen zusammen: seit Anfang der 1880er Jahre beginnt das Schuhwarenmagazin mehr und mehr in der Provinz seinen Einzug zu halten h Und dieselben Vorgänge in allen Ländern mit ungefähr derselben Entwicklung. Auch die Wiener Schuhmacherei ist in den ersten Jahrzehnten wesentlich Exportgewerbe. 1870 ist der Bedarf des Auslandes ebenso grofs wie der Wiener. Seit den 1870er Jahren beginnt schon der Rückgang. Deutschlands Konkurrenz wird fühlbar. Mitte der 1880er Jahre, zumal seit Ausbruch des Zollkriegs mit Rumänien (1886), wird die Lage kritisch. „Der inländische Markt wurde überschwemmt, die Preise sanken, es herrschte Arbeitslosigkeit“ (UOe., 52) 1 2 . Ähnlich wie die Schuhmacherei hat sich die Entwicklung der interlokalen Schneiderei, d. h. also der Konfektionsindustrie, vollzogen. Schauen wir zuerst nach Österreich, das zu den frühesten Kämpfern auf dem Weltmarkt in dieser Branche gehört. Hier entwickelt sich die Wiener Männerkonfektion seit Mitte der 1840 er Jahre als Exportgewerbe, erst seit einem Jahrzehnt später als Inlandskonfektion (UOe., 493). Der Höhepunkt des Exports wurde Ende der 1870 er Jahre erreicht. „Mit den Jahren 1880 und 1881 trat ein Rückschlag ein; es vollzog sich ein überaus nachteiliger Umschwung in den Absatzverhältnissen“ (497). Rufsland, Rumänien, Griechenland gehen verloren. „Mit der Zurückdrängung der Ausfuhr nach dem Auslande nimmt die Konkurrenz der Konfektionäre im Innern stetig zu. Der ehedem ausgedehnte Export war die Ursache der Etablierung einer grofsen Anzahl von Firmen. Dieselben wollen begreiflicherweise nicht so leicht der Ungunst der Zeit weichen, sondern suchen sich vielmehr zu behaupten. Das Kampfterrain ist die österreichische Provinz. Man unterbietet 1 Vgl. z. B. für Jena U. IX, 25. 2 Ebenso lauten die Urteile in der „Expertise über die Lage des Schuhmachergewerbes“. Vgl. Em. Adler, Uber die Lage des Handwerks in Österreich. 1898. S. 10. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 23 einander im Preise, selbstverständlich nicht ohne dafs gleichzeitig die Qualität sich verschlechtern würde“ (498). Das ist aber mit geringen Abweichungen auch das Bild, das die Entwicklung der Konfektion in Deutschland darbietet. Die Abweichungen beziehen sich darauf, dafs die deutsche Konfektion etwas später — etwa seit Mitte der 1850 er Jahre — in gröfserem Umfange Exportindustrie wird und ebenfalls etwas später — etwa seit Ende der 1880 er Jahre — den stärksten Rückschlag erleidet 1 . Namentlich war es der Verlust des nordamerikanischen Marktes, der für Deutschlands Konfektion besonders stark ins Gewicht fiel. Erschwerungen der Ausfuhr hatten sich aber bereits seit Anfang der 1880er Jahre, nachdem ein ganz rapider Aufschwung am Ende der 1870er Jahre noch erfolgt war, fühlbar gemacht, und seit jener Zeit datiert aucli das raschere Vordringen der konfektionierten Ware in die Provinz: seit etwa 10 —15 Jahren ist, wie im ersten Bande gezeigt wurde, die handwerksmäfsige Schneiderei in den mittleren und kleineren Städten ins Wanken gekommen. Aber vielen anderen Gewerben ging es ebenso wie den genannten Bekleidungsindustrien. So hatte die Berliner Tischlerei in den Jahren bis 1875 einen starken Export entwickelt, der schon Ende der 1870 er Jahre eine wesentliche Einbufse erlitt, um in den 1880er Jahren noch einmal emporzublühen. Mit dem Ende des 9. Jahrzehnts trat jedoch wieder eine verhängnisvolle Wendung ein. Die Ausfuhr nach Südamerika, den Vereinigten Staaten, Rufsland, Schweiz u. a. erfuhr erhebliche Beschränkungen (U. IV, 349. 351). Dasselbe wird von der Posen er Tischlerei berichtet. „Früher vor Inaugurierung der Zollpolitik in den in Betracht kommenden Ländern war der Export von Posener Möbeln nach Amerika über Hamburg, nach Rumänien, besonders aber Rufsland ein nicht unbeträchtlicher. Der Verlust desselben hat die hier aufblühende Möbelindustrie nicht nur in ihrer Entwicklung aufgehalten, sondern auch eine Überproduktion in Erscheinung treten lassen, an deren Folgen das Gewerbe jetzt noch krankt“ (U. I, 85). Auch für die kapitalistische Tischlerei sind es die 1880er Jahre, von denen an ihr Erscheinen in der Provinz vornehmlich datiert. Selbst eine Stadt wie Köln 1 Vgl. die Darstellung des G. K. E. Mannheimer in den Drucksachen der Kommiss, für Arb.Stat. Verhandlungen Nr. 11 (Nachtrag) S. 4 ff. „. . . in der Mitte der 80 er bis Ende der 80 er Jahre hatten sich . . sehr viele neue Geschäfte etabliert, die, als dieses amerikanische Geschäft auf hörte, sich natürlich auf die Länder warfen, die noch exportfähig waren, respektive auf Deutschland.“ 24 Einleitung. erlebt erst seit 1882 eine stärkere Einfuhr auswärts fabrizierter fournierter Möbel, namentlich aus Berlin und Süddeutschland (U. I, 286). Und für eine ganze Menge anderer Gewerbezweige liefse sich eine ähnliche Entwicklung wie für die genannten drei Hauptindustrien nachweisen. Überall der Hauptvorstofs gegen das Produktionsgebiet des Handwerks seit Anfang oder Mitte der 1880er Jahre und zwar allemal, soweit schon kapitalistische Exportindustrien bestanden, wegen Beschränkung des früheren Absatzgebietes namentlich im Auslande. Gleichzeitig aber beginnt nun das Kapital immer stürmischer auch in das Produktionsgebiet von Handwerken hineinzugreifen, die es bis dahin fast völlig gemieden hatte. In aufserordentlieh vielen Gewerbezweigen setzt der entscheidende Niedergang (wenigstens in Deutschland) in den 1880er Jahren ein 1 : d. h. in derZeit wachsender Kapitalanlagenot. Wenn daher ein vortrefflicher Kenner des Handwerks von einigen Karlsruher Gewerben schreibt 2 : „In Wahrheit beruhen jene Übergriffe der Fabriken — nämlich in die Sphäre der liandwerksmäfsigen Produktion — eher auf einer Schwäche als auf einer Überlegenheit“, so ist dem sicherlich insoweit zuzustimmen, als damit gesagt sein soll, dafs fast überall die bittere Not das Kapital zur Vernichtung des Handwerks getrieben hat. Was ihm dann zum Siege verholfen hat, wissen wir freilich noch nicht: das sollen die folgenden Abschnitte erst erweisen. Dort wird zu zeigen sein, aus welchen Gründen das Kapital im Konkurrenzkämpfe obsiegen konnte, hier war einstweilen nur festzustellen, dafs bezw. weshalb es siegen wollte und mufste. Die Anlage des Werkes erheischt zur Lösung der nunmeingestellten Aufgabe zunächst eine Schilderung des Scenenwechsels, der dem Kampfe zwischen Kapitalismus und Handwerk auf der Bühne des Wirtschaftslebens voraufgeht; unbildlich gesprochen: einen Nachweis, dafs und durch welche Mittel es dem Kapitalismus gelingt, die Bedingungen der Produktion und des Absatzes so zu gestalten, dafs dabei sein Interesse ebenso gefördert wie das des Handwerks geschädigt wird. Dieser Darstellung sind die folgenden beiden Bücher gewidmet. 1 Vgl. z. B. für die Klempnerei U. I, 138 f., für die Drechslerei U. II, 81, für die Grofszeugschmiederei in Graz und Steiermark UOe., 319. 2 Andreas Voigt in U. III, 176. Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Mm. V V!*J.. «■ z_— ■ ■■'ii- mm* Äf'Sög mm mmt\ 5&ÄM. m *i K3S ■!©*:' «R; > : r Zweites Kapitel. Das neue Reclit. „In den Kreisen der Gewerbetreibenden selbst hatten die Fabrikanten gar keinen Anlaß, eine Änderung der bisherigen Zustände zu wünschen; sie genossen auf Grund ihrer Konzessionen alle Vorteile der Gewerbefreiheit für sich und konnten ,nichts dabei gewinnen, wenn diese Vorteile durch eine Änderung der Geiverbeverfassung Gemeingut aller Gewerbetreibenden wurden.Eich. Frh. von Friesen , Erinnerungen 1 (1880), 401. Diejenige Rechtsordnung, die sich das kapitalistische Interesse als Ausdruck seines eigenen Wesens, als die seinen Strebungen am meisten entsprechende Form geschaffen hat, pflegen wir als „Gewerbefreiheit“ oder als „System der freien Konkurrenz“, auch wohl als „individualistische Rechtsordnung“ zu bezeichnen. Jedermann weifs, dafs sie während des letzten Jahrhunderts in allen Ländern mit kapitalistischer Kultur zum Siege gelangte und dafs sie heute noch im Principe überall in Geltung steht: die Modifikationen, die namentlich auf dem Gebiete des Arbeitsrechts während der letzten Jahrzehnte eingeführt worden sind, bestätigen nur den Fortbestand einer grundsätzlich gewerbefreiheitlichen Wirtschaftsordnung. Es liegt aufserhalb der Aufgabe, die sich dieses Werk gestellt hat, im einzelnen den Werdegang des modernen Wirtschaftsrechts oder den Inhalt der geltenden Gewerbeordnungen zur Darstellung zu bringen. Der Leser findet darüber in jedem besseren Lehrbuche befriedigenden Aufschlufs. Als ganz besonders geeignet, sich über Genesis und Inhalt der bestehenden Gewerberechte aller Länder gründlich zu unterrichten, erweisen sich die einschlägigen Kapitel in Schönbergs Handbuch der politischen Ökonomie. Hier dagegen soll durch einige Erwägungen theoretischen Inhalts das Verständnis für Wesen und Bedeutung des herrschenden 28 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Wirtschaftsrechts zu erwecken oder zu vermehren unternommen werden. Zum ersten gebe ich eine ganz kurze Skizze des allbekannten 1 Ideengehalts der neuen Ordnung, nur damit die folgenden Erörterungen auf einer tragfähigen Unterlage ruhen mögen. Das moderne Wirtschaftsrecht ist ein System individueller Freiheitsrechte, womit gesagt sein soll, dafs es die das willkürliche Verhalten, den freien Entschlufs der einzelnen Wirtschaftssubjekte einengenden und beschränkenden Normen an die äufserste Peripherie der individuellen Interessensphäre gesetzt hat. Im wesentlichen können diese sich bis an die Grenzen ausdehnen, die das Strafrecht zieht. In dieser Anerkennung eines umfassenden Bestimmungsrechts der Wirtschaftssubjekte liegen nun im einzelnen folgende „Freiheitsrechte“ eingeschlossen: 1. Die Freiheit des Erwerbes; auch als „Gewerbefreiheit“ im engeren Sinne bezeichnet. Jedermann darf grundsätzlich frei darüber entscheiden, wie, wo, wann er seine wirtschaftliche Thätig- keit ausüben wolle. Den strikten Gegensatz zu diesem Zustande bildet das System des Gewerbemonopols, die Zunftordnung, die mittelalterliche Gesetzgebung über das Stapel-, Strafsen-, Meilen-, Vorkaufsrecht u. s. w. 2. Die Freiheit kontraktlicher Vereinbarung, auch als Vertragsfreiheit bezeichnet. Sie besagt, dafs jedes Wirtschaftssubjekt in freier Willenseinigung mit einem anderen die Bedingungen der Überlassung von Gütern oder Diensten selbstherrisch festsetzen kann. Dieses Freiheitsrecht enthält somit die Gewährleistung des freien Kaufs und Verkaufs, des freien Miet-, Pacht-, Leihvertrages, sowie vor allem auch des freien Lohnvertrages. Den Gegensatz bilden: Taxordnungen, die Kaufpreise und Löhne fest normieren, Zinsverbote, Beschränkungen in der Zahl von Hilfspersonen, die ein Arbeitgeber beschäftigen darf u. s. w. 3. Die Freiheit des Eigentums, sei es an Konsumtionsgütern, sei es an Produktionsmitteln, sei es an Mobilien, sei es an Immobilien. Den schroffsten Gegensatz würde eine socialistische Wirtschaftsordnung bilden; aber auch die vorkapitalistische Rechtsordnung mit ihrer „Bindung“ des Eigentums, der Anerkenntnis einer „Amtsqualität“ des Eigentums fufste auf einer grundsätzlich verschiedenen Basis. Die Freiheit des Eigentums enthält aber im einzelnen folgende Freiheitsrechte: 1 Dank vor allem den Leistungen von Rodbertus, Lassalle und Adolph Wagner. Zweites Kapitel. Das neue Hecht. 29 a) die Freiheit der Verwendung des Eigentums, die dem Eigentümer einer Sache die Ermächtigung giebt, diese so zu nützen, wie es seinen Wünschen entspricht; das Eigentum ist mit keinerlei Pflichten belastet. Das bedeutet also in praxi vor allem, dafs der Eigentümer einer Sache diese nach Belieben als Konsumtionsgut oder als Produktionsmittel anwenden kann: dafs ein Grundbesitzer sein Land als Park oder Rennplatz oder Jagdrevier statt als Ackerland verwenden darf, dafs der Inhaber von städtischem Bauterrain nicht gezwungen werden kann, seinen Grundbesitz der Bebauung zu überlassen u. s. w.; b) die Freiheit der Veräufserung; c) die Freiheit der Verschuldung. Diese beiden Freiheitsrechte sind von besonderer Bedeutung, wie man weifs, für die Entwicklung des Immobiliareigentums geworden. 4. Die Freiheit der Vererbung. Die Verfügungsgewalt des Eigentümers erstreckt sich über seinen Tod hinaus: damit wird die Kontinuität der Individualinteressen gewährleistet, die höchstpersönliche Natur der Rechtsordnung recht eigentlich erst zum vollen Ausdruck gebracht, die dann ihre letzte Weihe erhält durch 5. den Schutz der „wohlerworbenen“ Privatrechte immerdar. Hiermit wird das Reich der individuellen Wirtschaftsinteressen gleichsam verewigt: dem persönlichen Interesse wird die Unsterblichkeit zugesichert; die Superiorität des Einzelwillens über den Willen der Gesamtheit ist definitiv anerkannt. Zum Zweiten versuche ich einige Beziehungen festzustellen zwischen dem System der freien Konkurrenz und den Interessen des Kapitalismus. Die Frage: warum jenes diesen am meisten entspricht, ist nicht so einfach zu beantworten, wie es gelegentlich unternommen wird. Wir stehen vielmehr einem beträchtlichen Komplex psychologischer Thatbestände gegenüber, den .wir erst in seine Elemente auflösen müssen, um eine einigermafsen übersichtliche und lückenlose Kausalverknüpfung hersteilen zu können. Das naturgemäfse Rechtsideal jedes Produzenten, der auf den Absatz (von Gütern oder Diensten) an andere angewiesen ist, ist das Monopol; das will sagen: die Freiheit für sich, der Zwang, die Beschränkung für andere. Wenn er sich für eine andere Ordnung ausspricht, so geschieht es, weil er sein Ideal nicht verwirklichen zu können glaubt; er willigt in ein Kompromifs, um wenigstens einiges für sich zu retten, an dessen Erhaltung oder Durchsetzung ihm gelegen ist. Das Wesen der Wirtschaftsform entscheidet über 30 Erstes Bueli. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. das Ergebnis dieses Kompromisses: das für den Handwerker die Zunftordnung, für den kapitalistischen Unternehmer die Gewerbefreiheit ist. Woher diese verschiedene Endigung? Der Handwerker, sahen wir, verlangt vor allem Sicherheit seiner Existenzbedingungen, er braucht Ruhe und Stetigkeit aller wirtschaftlichen Verhältnisse, deren selbstherrischer Bezwingung er als nur technischer Arbeiter nicht gewachsen ist. Er will sich an seinem Arbeitsgegenstande bethätigen und dadurch seinen Unterhalt verdienen : Arbeitsumfang und Umfang des Entgelts sind bei ihm so gut wie feste Gröfsen. Daher widerspricht es auch den Handwerksinteressen nicht übermäfsig, wenn sie ausdrücklich von der Rechtsordnung fixiert werden. Eine gesetzliche oder genossenschaftliche Festlegung der Produktions- und Absatzbedingungen nach Quantum und Quäle empfindet der Handwerker kaum als Beschränkung: denn sein innerstes Wesen, das Wirken als technischer Arbeiter wird dadurch nicht berührt. Deshalb kann er verhältnismäfsig leicht die eigene Freiheit als Konzession hingeben, wenn er dafür die Beschränkung der anderen als Gegenkonzession erhält. Alle ausgebildete Handwerksordnung beruht daher notwendig auf dem Gedanken einer grundsätzlichen Ausschliefsung der Konkurrenz auf der einen Seite, einer Stereotypierung der wirtschaftlichen Beziehungen auf der anderen Seite. Das genaue Gegenteil mufs eine Rechtsordnung bilden, die den Interessen des Kapitals ein Maximum von Berücksichtigung zu teil werden läfst. Der kapitalistische Unternehmer schliefst sein Kompromifs zwischen Freiheit und Zwang in gerade entgegengesetztem Sinne: er opfert den Gedanken einer Bindung und Beschränkung der anderen, um für sich die Freiheit zu retten. Und das ist dem innersten Wesen kapitalistischer .Wirtschaftsführung durchaus entsprechend. Wogegen dieses sich vor allem sträuben mufs, ist gerade jene Stereotypierung der Produktions- und Absatz Verhältnisse. Jede kapitalistische Unternehmung strebt, wie wir wissen, nach unbeschränkter Ausdehnung ihres Wirkungsgebiets. Das folgt unmittelbar aus dem erwerbswirtschaftlichen Grundzuge ihres Charakters. Die Vermehrung des Geldes ist an keine Schranken einer naturalen Werkverrichtung oder einer personalen Bedarfsgestaltung gebunden, sie ist grenzenlos. Schon aus diesem Grunde also ist Produktionsoder Absatzbeschränkung allem kapitalistischen Wesen zuwider. Sie ist es aber auch noch aus anderen Gründen. Wie das Ausmafs Zweites Kapitel. Das neue Recht. .31 ihrer Thätigkeit, so soll auch deren Ausübung im Rahmen der kapitalistischen Unternehmung von jeder zwangsweisen Bindung frei sein. Weil das vornehmste Mittel kapitalistischer Wirtschaft zur Erreichung ihrer Zwecke die Vertragschliefsung ist, auf deren rationellprofitable Gestaltung alles Augenmerk gerichtet wird, so kann es gar nicht anders sein, als dafs ihr Wirtschaftssubjekt bei jeder neuen Vornahme einer Vertragschliefsung von dem Gedanken beseelt ist, deren Bedingungen so günstig wie möglich, günstiger als das vorige Mal zu gestalten. Es fühlt sich der Leiter einer kapitalistischen Unternehmung daher in jedem Augenblicke als der selbstherrische Schöpfer seiner ökonomischen Existenzbedingungen, als der Gestalter gleichsam der gesamten wirtschaftlichen Welt, die nach seinem Bilde formen zu können er die Absicht und das Vertrauen besitzt. Es wurde schon darauf hingewiesen, dafs in dieser eigenartigen Konstellation der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie durch das Emporkommen einer kapitalistischen Psyche geschaffen wird, mit einiger Wahrscheinlichkeit der Ausgangspunkt für die Entwicklung des modernen „Individualismus“ zu finden ist. Diese principielle Hinneigung des kapitalistischen Interesses zur Freiheit wird nun aber noch durch die konkret ^historische Verumständung verstärkt, die das Kapital bei seinem Eintritt in die Geschichte vorfindet. Es mufs sich durchsetzen gegen die Beschränkungen einer aus handwerksmäfsigem Geiste geborenen Rechtsordnung, hinter der sich Wirtschaftselemente verschanzt halten, deren Unterlegenheit gegenüber dem angreifenden Kapital in einer offenen Feldschlacht aufser Zweifel steht: die handwerksmäfsigen Produzenten und die Lohnarbeiter. Wirtschaftliche Freiheit kann also nach dieser Seite hin leicht Auslieferung oder Entwaffnung der Gegner des Kapitals bedeuten. Also auch hier mündet dessen Interesse in das Postulat einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung ein: das Kapital fühlt sich stark genug, den Kampf in freiem Felde aufzunehmen: es bietet den notorisch schwächeren Gegnern die „freie Konkurrenz“ an. Freilich mufs nun, wenn die Rechtsordnung in diesem Sinne wirklich gestaltet wird, auch von kapitalistischer Seite eine wesentliche Konzession gemacht werden: die Beschränkung der wirtschaftlichen Freiheit mufs für alle, also auch für alle anderen kapitalistischen Unternehmer aufgehoben werden. Das ist bitter, aber es ist doch das kleinere Übel. Eine ideale Rechtsordnung enthielte natürlich: Freiheit im Konkurrenzkämpfe mit Handwerk und Arbeiter- 32 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. schaft, Bindung oder noch besser Ausschliefsung aller übrigen kapitalistischen Unternehmer. Da dieses Ideal nicht verwirklicht werden kann, so willigt das Kapital in das Kompromifs: es opfert den Reehtsgedanken des Monopols oder Privilegs und verlangt die wirtschaftliche Freiheit für alle. So etwa müssen wir uns vorstellen, dafs die Idee der „freien Konkurrenz“ entstanden und zum Eckstein des modernen Wirtschaftsrechts geworden ist, dem dann die Theoretiker des individualistischen Naturrechts mit ihren drei Hammerschlägen die philosophische Weihe gegeben haben. Wenn nun also auch die Thatsache aufser Zweifel steht und es gut ist, sich gelegentlich daran zu erinnern, dafs die Gewerbefreiheit die dem kapitalistischen Geiste adäquateste Wirtschaftsordnung ist, so wäre es doch auf der anderen Seite ein verhängnisvoller Irrtum, anzunehmen, dafs Kapitalismus nur mit diesem Rechte leben könne, mit seiner officiellen Proklamation auf die Welt gekommen sei und mit ihm vergehen müfste. Dagegen wandte ich mich früher schon mit gelegentlichen Bemerkungen und darauf möchte ich hier noch einmal die Aufmerksamkeit des Lesers lenken. Zum Dritten habe ich es mir daher zur ganz besonderen Aufgabe gemacht, in diesem Kapitel die Bedeutung des Wirtschaftsrechts für die Entwicklung der verschiedenen Wirtschaftsformen auf das ihr gebührende Mafs zurückzuführen. Der gröfseren Eindringlichkeit wegen will ich dabei wiederum ein konkret bestimmtes Wirtschaftsgebiet ins Auge fassen. Ich exemplifiziere also mit Deutschland. Wer die Litteratur durchblättert, in der eine Darstellung der gewerblichen Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert zu geben versucht wird, findet fast durchgängig Übereinstimmung darüber, dafs die Einführung der Gewerbefreiheit von entscheidendem Ein- flufs auf die Umgestaltung des Wirtschaftslebens gewesen ist. Was ist an dieser Auffassung Richtiges? Auf die schon besprochene Unklarheit, in einer Rechtsordnung die „letzte Ursache“ (causa efficiens) einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu erblicken, will ich nicht noch einmal eingehen. Ich will vielmehr den Vertretern jener Legaltheorie, wie man die gekennzeichnete Auffassung nennen möchte, entgegenkommen und das, was sie meinen, in ihrem Sinne möglichst geschickt formulieren. Dann würde es etwa lauten: die Einführung der Gewerbefreiheit ist die Veranlassung gewesen, dafs die das moderne Wirt- Zweites Kapitel. Das neue Recht. 33 schaftsleben gestaltenden Kräfte zur Entwicklung und Bethätigung gelangt sind; also datiert auch zeitlich die gewerbliche Revolution seit jenem Ereignis. Darauf ist zunächst zu erwidern, dafs — auch wenn die geäußerte Ansicht i’ichtig wäre — es jedenfalls auf die Ermittlung der durch die Änderung der Rechtsordnung freigewordenen Triebkräfte des gewerblichen Lebens nach wie vor ankäme. Ferner aber ist gegen diese Auffassung einzuwenden, dafs sie ohne allen Zweifel die Bedeutung der formalen Gesetzesänderung für die Umgestaltung des gewerblichen Lebens ganz erheblich überschätzt. Wenn wir die Musterkarte partikularer Gewerberechte überblicken, wie sie Deutschland in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aufzuweisen hatte, so drängt sich uns eine Erwägung ganz von selbst auf, noch ehe wir jede Untersuchung über den Einflufs einer Änderung des Gewerberechts beginnen. Müfste nicht, so fragen wir uns, die gewerbliche Entwicklung in den einzelnen deutschen Gauen eine grundverschiedene gewesen sein, wenn wirklich die verschiedene Gestaltung des Gewerberechts von bestimmender Bedeutung wäre? Und ist denn nun z. B. zwischen der gewerblichen Entwicklung der westlichen Provinzen Preufsens, die seit Anfang des Jahrhunderts Gewerbefreiheit genossen und derjenigen des Königreichs Sachsen, das bis zum Jahre 1801 strenge Zunftverfassung hatte, ein irgend nennenswerter Unterschied wahrzunehmen ? Wir dürfen aus dieser generellen Beobachtung wohl schon mit einiger Sicherheit schliefsen, dafs die Grundzüge der Entwicklung des modernen Gewerbewesens, vor allem die Verschiebung der Produktionsweise zu Gunsten der kapitalistischen Wirtschaft sich den verschiedenen Gewerberechten zum Trotz gleichmäfsig in sonst gleich bedingten Gebieten durchgesetzt haben. Was durch specielle Beobachtungen durchaus bestätigt wird. Allenfalls, dafs gelegentlich von einer Erleichterung des Vordringens rein kaufmännischer Elemente auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion als einer Folge der Gewerbeft-eiheit gesprochen wird: im allgemeinen ergeben alle Berichte übereinstimmend das Resultat, dafs der gewerbliche Kapitalismus in seinem Vordringen neben dem Handwerk oder auf dessen Kosten durch die formale Geltung eines zünftlerischen Gewerberechts, wenn nur sonst seine Stunde geschlagen hatte, nicht wesentlich aufgehalten worden ist. Was sich als Wirkung der Gewerbefreiheit feststellen läfst, ist also zunächst einmal nicht die Gefährdung des Handwerks durch den Kapitalismus: die Lage des Hand- Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 3 34 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. werks, können wir getrost behaupten, hat sich wesentlich unabhängig vom geltenden Gewerberecht gestaltet. Wenn sich die Spuren des Einflusses einer principiellen Änderung des Gewerberechts überhaupt nachweisen lassen, so sicherlich nur in Bezug auf die Lage der Handwerker. Hier begegnen wir allerdings in zahlreichen Fällen der That- sache, dafs infolge oder wenigstens nach Einführung der Gewerbefreiheit entweder überhaupt eine Vermehrung der Zahl der Handwerker oder doch wenigstens eine solche der selbständigen Handwerksmeister eingetreten ist. Namentlich die letztere Erscheinung kehrt häufiger wieder. Dafür dienen folgende Ziffern als Belege: In Leipzig betrug die Zahl der Drechsler (U. II, 60) 1861 = 25; 1875 = 51; die der Schlosser (U. II, 96 f.) 1862 Innungsmeister 48 Nicht-Innungsmitglieder 0 1868 44 58 1888 94 102 mer (U. 1860 II, 136) 34 0 1865 32 20 1875 24 55 Bäckereien gab es in Leipzig (U. II, 349 f.) 1861 = 39; 1871 = 68; 1894 = 152. D. h. es versorgte ein Bäcker durchschnittlich Konsumenten 1860 = 2040; 1894 = 1225. Die Zahl der Lohgerbereien stieg in Leipzig vorübergehend von 9 vor Einführung der Gewerbefreiheit auf 14 im Jahre danach; diejenige der Lohgerbereien in Dresden von 13 im Jahre 1858 auf 27 im Jahre 1862 (U. V, 404). In der Leipziger Böttcherei war in der letzten Zeit vor Einführung der Gewerbefreiheit eine beträchtliche Steigerung der Gehilfenzahl erfolgt: 1849 hatten 33 Meister" 68 Hilfspersonen, 1861 = 32 deren 95. Daher bewirkt die Gewerbefreiheit ein rasches Anwachsen der Meisterziffern. Die Zahl der Meister betrug: 1862—32; 1863=42; 1864=44; 1865/66=46; 1868=48(Maximum) 1 . Für das Schreinergewerbe in München wird als Wirkung der Gewerbefreiheit sowohl eine Vermehrung der Betriebe — von 244 Vgl. auch Sch mol ler, Kleingewerbe S. 151 ff. Zweites Kapitel. Das neue Kocht. 35 im Jahre 1865 auf 496 im Jahre 1875 — als ihre Verkleinerung — 1861 kamen 4,8 Personen, 1875 = 3,4 Personen auf einen Betrieb — konstatiert 1 . Ebenso läfst sich eine ansehnliche Zunahme der Zahl selbständiger Schneidermeister in München als wahrscheinliche Folge der Gewerbefreiheit nachweisen. Denn es gab deren vor 1868 = 365, 1870 — 622, sodafs jetzt auf einen Meister 276, vorher auf einen 457 Konsumenten entfielen 2 . Ähnliche Ziffern sind uns für die Tischlerei in Freiburg i. B. (U. VIII, 225), für dasselbe Gewerbe in Mainz (U. III, 309) überliefert. Dieselbe Wirkung scheint ferner in einer Reihe österreichischer Gewerbe stattgehabt zu haben. Wenigstens geht aus einer Statistik für Oberösterreich hervor, dafs in zahlreichen Gewerben nach Einführung der Gewerbefreiheit eine Vermehrung der Betriebe eingetreten ist, die freilich in der Mehrzahl der Fälle nur eine vorübergehende gewesen zu sein scheint 3 . Für Preufsen, meint Sch mol ler 4 5 , wird es „schwer sein, nachzuweisen, welche direkte, unmittelbare Wirkung die gesetzliche Änderung — sc. Einführung der Gewerbefreiheit — auf die wirtschaftliche Lage der Kleingewerbe gehabt habe. Manches wird sich sogleich mit der Publikation des Ediktes geändert haben; mancher Geselle wird ein eigenes Geschäft angefangen haben, mancher sich an einem passenden Ort, in dem benachbarten Dorf statt in der Stadt niedergelassen haben; aber die gewerblichen Gesamtverhältnisse werden sich zunächst nicht viel geändert haben“. Oder wie A. Meitzen® es einmal ^ausdrückt: man kann „nicht verkennen, dafs sich in den bisher zunftmäfsigen Handwerken die Verhältnisse thatsächlich bei weitem nicht so durchgreifend umgestalteten, wie es in den äufsersten Konsequenzen der Gewerbefreiheit liegen könnte. Vieles, was nicht polizeilichen Anstofs erregte, blieb im Sinne der hergebrachten Gesichtspunkte erhalten“. Immerhin scheint auch in Preufsen eine Vermehrung der Betriebe und namentlich der Zwergbetriebe eine Folge der Einführung der Gewerbefreiheit wenigstens in einzelnen Städten gewesen zu sein. So kamen in der Tischlerei in Berlin 1810 1,6 Gehilfen 1 Thurneyssen, S. 22. 2 Herzberg, S. 6. 3 Vgl. Schwiedland, Kleingewerbe 1, 175 ff. 4 Kleingewerbe 50/51 5 Der Boden und die landwirtschaftl. Verhältnisse des preufs. Staats etc. 1 (1868;, 332. 3 36 Erstes Buch. Die Neubegrünclung des Wirtschaftslebens. auf 1 Meister, 1813 gab es mehr Meister als Gehilfen (U. IV, 337). Die Zahl der Barbiere betrug 1805 = 49; 1812 = 73 (U. VII, 457) u. s. f. Auch die Gesamtziffern für das Berliner Handwerk lassen die Tendenz erkennen: Selbständigmachung früherer Gesellen, also eine für die ökonomische Totalentwicklung völlig unwesentliche Erscheinung; daneben ging die Ziffer der Gewerbetreibenden überhaupt zurück, wohl eine Folge des Krieges. Man zählte 1 : Jahr Selbständige Abhängige Selbst- thätige 1 Selbständiger beschäftigte Abhängige 1 Selbst- thätiger entfällt auf Einwohner 1801 11093 30 294 41 387 2,731 4,180 1810 19 033 11763 30 796 0,618 5,259 1813 19182 8 894 28 076 0,464 6,055 1816 20 228 11708 31936 0,579 6,191 Aber es mul's nachdrücklich betont werden, dafs selbst diese Wirkung der Gewerbefreiheit keineswegs eine überall beobachtete Erscheinung ist. Vielmehr weisen dieselben Gewerbe in verschiedenen Ländern oder an verschiedenen Orten desselben Landes, ebenso wie die verschiedenen Gewerbe an demselben Orte ganz erhebliche Abweichungen voneinander auf. Um nur einige Beispiele anzuführen: Von den Kammmachern in Leipzig heifst es (U. VI, 230): „Die Einführung der Gewerbefreiheit in Sachsen fand das Handwerk schon in voller Auflösung vor und einen Einflufs in hemmender oder beschleunigender Richtung auf diesen Prozefs vermag man kaum wahrzunehmen.“ Von der Gerberei ebenda, die eine ganz vorübergehende Steigerung in der Zahl der Betriebe erlebte (vgl. oben S. 34), erfahren wir (U. V, 452): „dafs schon vor der Einführung der Gewerbefreiheit die Zahl der Gerbereien in starker Abnahme begriffen war, während die Arbeiterzahl allgemein erhöht wurde. Die Gewerbefreiheit hat die Weiterentwicklung in dieser Richtung begünstigt“. In der Leipziger Hutmacherei „wurde durch die Einführung der Gewerbefreiheit wenig geändert“ (U. VI, 315). Die Zahl der Meister betrug 1830 = 15; 1856 = 13; 1861 = 16; 1863 == 16. Die Zahl der Bäckereien in München stieg 1856—1866 von 120 auf 216, um bis 1873 auf 202 zu sinken. „Die Anklage, welche 1 O. Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890. 1898. S. 73. Zweites Kapitel. Das neue Reckt. 37 so häufig gegen die Gewerbefreiheit erhoben wird, sie hätte eine Übersetzung verursacht, hat sich also, soweit es sich um das Bäckergewerbe handelt, als völlig unbegründet erwiesen V‘ Dasselbe wird von der Bäckerei in Jena berichtet (U. IX, 209). Hier kamen auf 1000 Einwohner 1784 = 5,10, 1861 = 2,81, 1864 — 2,49, 1875 = 1,99 Bäcker. „Hieraus erweist sich, dafs die Gewerbefreiheit den Jenenser Bäckern eine Übersetzung des Gewerbes nicht gebracht, sondern dafs im Gegenteil nach Einführung derselben bei steigender Bevölkerungsziffer die Zahl der Bäckereien abgenommen hat.“ In der bayrischen Schuhmacherei beobachten wir im rechtsrheinischen Bayern seit der Mitte des Jahrhunderts trotz wechselnden Gewerberechts, insbesondere auch nach Einführung der Gewerbefreiheit ein relatives Sinken der Zahl der Schuhmacher, deren auf 10000 Einwohner entfielen: 1847 = 102,7; 1861 = 94,1; 1875 = 91,6; 1882 = 83,2 1 2 - 3 . Doch erscheint es überflüssig, noch weitere Beispiele zu häufen. Die angeführten genügen, um uns den nötigen Aufschlufs, den wir brauchen, zu geben. Die Erfahrung lehrt uns: 1. die einzige relevante Wirkung, die die Einführung der Gewerbefreiheit nachweislich ausgeübt hat, betrifft nicht die Lage des Handwerks, sondern nur die Lage der Handwerker und besteht in einer Begünstigung der Neuetablierungen, äufsert sich also in 1 Arnold, 13/14. 2 Francke, 18—21. Allerdings hat sich seit Einführung der Gewerbefreiheit das Verhältnis der Meister- zur Gehilfenzahl um einiges zu Gunsten der ersteren verschoben; doch ebenfalls nur unbeträchtlich. 3 Für Österreich vgl. H. Kescliauer, Gesch. des Kampfes der Handwerkszünfte etc. (1882), 244; E. Sch wie dl and, Kleingewerbe, nam. 1, 175 ff.; H. W a e n t i g , Gewerbl. Mittelstandspolitik, S. 95 ff. W. resümiert den Einflufs der Gewerbegesetzgebung wie folgt (S. 95): „Jene an und für sich bereits vorhandene Tendenz — sc. zur Zurückdrängung des Handwerks — mag durch die Einführung der neuen G.O. von 1859 verstärkt worden sein, namentlich insofern diese für einige Jahre einen erhöhten psychologischen Antrieb zu selbständiger Niederlassung schuf und dadurch zeitweilig den Wettbewerb der kleinen Leute verschärfte. Principielle Bedeutung — das heifst wohl: wesentlicher Einflufs auf den Zersetzungsprozefs des Handwerks als gewerblicher Produktionsform — ist ihr wohl schwerlich beizumessen.“ Im übrigen weist W. auf das unzureichende Zahlenmaterial für eine exakte Feststellung der stattgehabten Verschiebungen hin. Wo ein solches neuerdings für beschränkte Gebiete beschafft worden ist, hat sich ein Einflufs der Einführung der Gewerbefreiheit nicht nachweisen lassen; so für die Schuhmacherei und Schneiderei in Wien (UOe., 49 bezw. 232) und für die Schlosserei in Graz (UOe., 575). 38 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. einer Vermehrung der Handwerksbetriebe, insbesondere der Alleinbetriebe : dadurch aber hat sie in gewissem Sinne sogar eine momentane Hemmung der kapitalistischen Entwicklung hervorgebracht; 2. auch diese Wirkung ist nicht allgemeiner Natur, sondern beschränkt sich auf einzelne Gewerbe und Orte. Sie ist ferner in vielen Fällen eine vorübergehende 1 . Es ergiebt sich also auch in Gebieten gleichen Gewerberechts eine von Ort zu Ort, von Gewerbe zu Gewerbe verschiedene Gestaltung der gewerblichen Verhältnisse, soweit die Zahl der Etablierungen neuer Handwerksbetriebe in Frage kommt; dagegen eine einheitliche Gestaltung, soweit es sich um das Vordringen des Kapitalismus in die Sphäre des Handwerks handelt. Das ist aber ein Ergebnis, das demjenigen von vornherein nicht zweifelhaft sein konnte, der in seiner Vorstellung die Bedeutung der Rechtsordnung für die gewerbliche Entwicklung auf das gebührende Mafs einzuschränken gewufst hatte. Die Rechtsordnung, so wurde schon bemerkt, stellt immer nur die Regeln und Bedingungen auf, nach denen vorhandene Kräfte sich bethätigen sollen. Sind diese überhaupt nicht existent, so bleibt beispielsweise eine freiheitliche Gewerbeordnung eine rein papierne Thatsache: das gilt für die gröfsere Hälfte des Königreichs Preufsen von 1810—1850. Umgekehrt — und das ist der wichtigere Fall — sind unter der Herrschaft einer bestimmten Rechtsordnung — sage der Zunftverfassung — wirtschaftliche Kräfte oder um es noch genauer auszudrücken : die Träger bestimmter wirtschaftlicher Interessen, deren Geltendmachung eine Änderung der Rechtsordnung heischt, zu entsprechender Reife gediehen, so werden sie Mittel und Wege finden, sich durchzusetzen, auch ehe noch das ganze Gebäude der alten Rechtsordnung zusammenbricht. So haben seit Jahrhunderten, zumal natürlich in den letzten Jahrzehnten der Zunftverfassung sowohl die nicht-zünftigen Handwerker als vor allem die kapi- 1 Die Verschiebung in der örtlichen Verteilung der Handwerker, insbesondere die Zunahme der Landhandwerker, wie sie während des 19. Jahrhunderts in Deutschland vielerorts stattgefunden hat (vgl. Paul Voigt, Hauptergebnisse etc. S. 10 f.), darf nicht als eine unmittelbare Wirkung der Gewerbefreiheit angesehen werden. Sie ist durch diese wohl erst in weiterem Umfange ermöglicht, keineswegs aber allein bedingt. Eine Tendenz zur Ausdehnung des Landhandwerks hat sich vielfach schon in der Zunftzeit durchgesetzt und ist umgekehrt, z. B. in Preufsen nach 1810, auch im Zustande der Gewerbefreiheit nicht überall zu konstatieren. Vgl. Schmoll er, Kleingewerbe S. 257 ff. Zweites Kapitel. Das neue Recht. 39 talistischen Unternehmer es allerorten fertig gebracht, sieh den entgegenstehenden Bestimmungen der Rechtsordnung zum Trotz zu behaupten. Naturgemäfs in quantitativ verschiedenem Umfang: verschieden nach der Praxis in der Handhabung des Rechts, verschieden noch mehr nach der Wucht, die den nach Betlültigung strebenden Kräften innewohnte. Daher keineswegs überall die von den Zünften ausgeschlossenen Handwerker sich Geltung zu verschaffen wufsten, während allerorten die gewichtige Interessenschaft des Kapitals sich den nötigen Spielraum auch trotz aller Zunftverfassung zu erobern verstanden hat. Daher also ungleich - mäfsige Gestaltung dort, gleichmäfsige hier. Fragen wir aber, wie es denn angängig war, dafs trotz entgegenstehender Bestimmungen der Rechtsordnung sich die gewerblichen Verhältnisse bereits in ihren Grundzügen umgestalten konnten, so ist es nicht schwer, darauf die Antwort zu geben. Jene Interessen, denen die alte Zunftverfassung ein Hindernis war, verstanden es entweder de lege, durch allerlei Weisen der Rechtsauslegung, durch verwaltungsrechtliche u. a. Beihilfe, sich Geltung zu verschaffen oder griffen — wo es auf legalem Wege nicht ging — zu allerhand Rechtsverdrehungen, Rechtsbeugungen etc., wenn man nicht gar die offene Rechtsverletzung als Ultima ratio zu benutzen wagte. Es sind das im allgemeinen bekannte Thatsachen, die freilich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen nicht ganz unnütz erscheint. Wie in Form von Privilegien, Konzessionen u. dgl. namentlich abseiten des von seinem Anbeginn an kapitalistisch und anti- ztinftlerisch interessierten Fürstentums vor allem der modernen kapitalistischen Produktionsweise, aber auch dem nicht ziinftlerischen Handwerk der nötige Spielraum verschafft wurde, ist oft und erschöpfend dargestellt worden h Aber sicherlich ebenso häufig haben die anti - zünftlerischen Elemente contra legem die Wahrung ihrer Interessen zu erreichen gewufst. So sehen wir, um nur einige neuerdings zu Tage geförderte Fälle namhaft zu machen, wie in Breslau neben der Schuhmacherinnung sich unaufhaltsam, wie es scheint unter dem Schutz der Klöster und katholischen Kirchen, die Zahl der Störer vermehrt, bis sie am Ende des 18. Jahrhunderts so grofs geworden war — sie betrug gegen 360 —, dafs es der Polizei auch beim besten 1 .Vgl. z. B. Schmoller, Kleingewerbe S. 25 ff. J. Kaizl, D. Kampf um G.Reform u. G.Freilieit in Bayern (1879), 60 ff. 122 f. Neuerdings für Berlin 0. Wiedfeldt S. 51. 73, für Österreich H. Waentig, S. 11 ff. 45 f. 40 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Willen nicht mehr möglich war, den Pfuschern das Handwerk zu verbieten, d. h. mehreren Hundert Personen das Brot zu nehmen. So ist das Urteil wohl gerechtfertigt, das der Geschichtsschreiber der Breslauer Schuhmacherei fällt (U. IV, 25): „Für die Schuhmacherei in Breslau beginnt mit der Gewerbefreiheit von 1810 keine neue Entwicklung, sondern es werden nur thatsächliche Zustände sanktioniert.“ Wir erfahren ferner, auf Grund authentischer Nachrichten, dafs die Schönfärberei in Leipzig, die Tuchmacherei in Rofswein einfach unter Nichtachtung der Zunftstatuten im ganzen Laufe des 19. Jahrhunderts von kapitalistischen Unternehmern betrieben wurde u. s. w. (U. V, 228; VI, 479). Und fragen wir vielleicht erstaunt, wie es möglich war, dafs solcherweise offenbare Rechtswidrigkeiten sich vor den Augen der hohen Obrigkeit abspielen konnten, so brauchen wir nur in den Erinnerungen alter Verwaltungsbeamten zu blättern, etwa in den Memoiren des Freiherrn von Friesen, um zu erfahren, wie geschickt man es in den Geheimratsstuben anzufangen wufste, um die Anforderungen der neuen Zeit einem überlebten Rechte zum Trotz zur Geltung zu bringen 1 . „Die Behörden,“ schreibt der genannte Gewährsmann, „. . . suchten an (den Innungsgesetzen) soviel als möglich zu deuten und zu interpretieren und halfen sich, wo auch das nicht mehr genügte, mit Dispensationen. Da aber, wo solche gesetzlich unzulässig, blieb den Behörden nichts anderes übrig, als nicht zu sehen, um, wie man es damals nannte, keinen Staub aufzutreiben 2 .“ Diese wenigen Bemerkungen, scheint es mir, genügen doch vollauf, um jene Legaltheorie in ihre Schranken zurückzuweisen. Zusammenfassend können wir nun die positive Bedeutung der Ein- 1 Für die Beurteilung der gewerblichen Entwicklung Österreichs, namentlich in früherer Zeit, hat wiederum ein reiches Material Waentig in seinem schönen Buche gesammelt und verarbeitet. Er berichtet z. B. S. 17 von dem Ergebnis einer Gewerbeenquete aus dem 18. Jahrhundert, das darin gipfelte, „dafs alle bisherigen Verbote den rechtswidrigen Gewerbebetrieb auch nicht im entferntesten zu unterdrücken vermocht“ hatten. Woraufhin denn ein Patent Karls VI. verordnete, die Behörden sollten ein Auge, nötigenfalls aber beide Augen zudrücken. 2 Richard Freiherr von Friesen, Erinnerungen aus meinem Leben 1 (1880), 397 f. Auch die weiteren Ausführungen a. a. 0. sind äufserst lehrreich. Der ehemalige Minister war in den 1850er Jahren (d. h. während des letzten Jahrzehnts der Zunftzeit) Kreisdirektor in dem Kreisdirektionsbezirk Zwickau, ist also ein durchaus kompetenter Beurteiler. Zweites Kapitel. Das neue Recht. 41 führung einer gewerbefreiheitlichen Rechtsordnung etwa folgender- mafsen kennzeichnen: Die Gewerbefreiheit wirkt unificierend, sofern sie die aus einer verschiedenen Handhabung des bestehenden Rechts sich ergebenden lokalen Abweichungen in der Lage der einzelnen Gewerbe beseitigt. Sie wirkt aber freilich wohl ohne allen Zweifel auch fördernd und belebend auf die Entwicklung des Kapitalismus. Denn wenn diese auch, wie wir sahen, durch die alten Zunftschranken nicht aufgehalten werden konnte, so wurde sie durch sie doch sicherlich verlangsamt. Das völlig unbehinderte Schalten des kaufmännischen Elements setzte eine Reihe von Kräften frei, die früher in dem Ankämpfen gegen widerstrebende Rechtssatzungen gebunden gewesen waren. Drittes Kapitel. Die neue Technik. „ TF«s man an der Natur Geheimnisvolles pries, Das wagen ivir verständig su probieren, Und was sie sonst organisieren liefs, Das lassen wir krystaUisieren.“ Faust II. Nach zwei Seiten hin entfalten sich gleichzeitig unsere technischen Fähigkeiten: es mehren sich die Kenntnisse von den Eigenschaften der uns umgebenden Natur, mit der wir uns zur Erreichung unserer Zwecke notgedrungen auseinandersetzen müssen; und es erweitert sich das Mafs des eigenen Könnens, die Dinge der äufseren Natur unsern Wünschen entsprechend umzuformen: unsere Arbeitsfähigkeit wird in ihrer quantitativen Ergiebigkeit und qualitativen Anpassungskunst auf eine immer höhere Stufe der Vollendung gehoben. Beide Seiten ergänzen sich notwendig und geben zusammen erst das vollendete Bild je von der Stufe technischer Leistungsfähigkeit, auf die die Menschheit sich erhoben hat. Wir verfolgen auch die Entwicklung der ökonomischen Technik in neuerer Zeit nach diesen beiden Richtungen hin und finden dann, dafs die Fortschritte der modernen Technik sich etwa also zusammenfassen lassen. Es ist eine grofse Vermehrung unseres Wissens bemerkbar von den Stoffen und Kräften und von der Nutzbarkeit der Umbildungsprozesse der Natur selbst. Dampf und Elektricität, Färbemittel und Nahrungssurrogate, die täglich neu entdeckten chemischen Verfahrungsweisen legen Zeugnis dafür ab. Während gleichzeitig die Beherrschung der Kräfte und Prozesse in der Natur immer sicherer wird. Mufsten wir uns ehedem damit begnügen, von dem Wirken der Natur im Wehen des Windes oder im Fliefsen Drittes Kapitel. Die neue Technik. 43 cles Wassers einfach zu profitieren, ohne etwas über es zu vermögen, so lernen wir immer mehr, die natürlichen Vorgänge wenigstens in Mafs und Richtung zu beeinflussen, bis wir dazu gelangen, sie willkürlich zu veranlassen. Und das alles, so läfst sich zusammenfassend sagen, läuft darauf hinaus: unsere Gebundenheit an die Natur zu mindern, uns freier zu machen von Zufälligkeiten und Widerwärtigkeiten. Es ist nützlich, sich diese Entwicklung zur Freiheit in ihren einzelnen Etappen zu vergegenwärtigen. Unsere Gebundenheit verringert sich, soweit es eine Gebundenheit an den Ort ist: die Nutzbarmachung beispielsweise der mit Dampf und Elektricität gefesselten Naturkräfte hat ihre grofse Bedeutung vor allem auch in der damit verknüpften Befreiung von der Gebundenheit an bestimmte Orte der Produktion: den Wasserlauf, die freie Ebene, den windigen Hügel, die Windstrafsen auf dem Meere etc. Es wird erst durch Dampf und Elektricität eine Ubiquität der produzierenden Thätigkeit erzeugt. Und wie hierdurch gleichsam in quantitativer Hinsicht eine Befreiung vom festen Standort hervorgerufen wird, so häufig ähnlich in Hinsicht auf die Qualität der Erzeugnisse: Holz, Honig, Wachs u. dergl. Dinge sind lokalen Wechseln in ihrer Beschaffenheit ausgesetzt; Eisen, Zucker, Stearin können überall in gleicher Qualität nachgeschaffen werden. Aber von noch viel entscheidenderer Wichtigkeit ist die Eman- cipation von der für die Erreichung produktiver Zwecke erforderlichen Zeitdauer. Hier ist, wie noch zu zeigen sein wird, in neuer Zeit Gewaltiges geleistet worden. Und ebenso wie von der Produktions- und Transportdauer technisches Können fortschreitend emancipiert, so gleichermafsen von der zufälligen Gelegentlichkeit der Produktionsmöglichkeit: die beliebige Jederzeitigkeit und was dasselbe ist Ununterbrochenheit der Verrichtungen wird mit der Nutzung der mechanischen Kraft, mit der Einführung künstlicher Kühlung, künstlicher Bleiche erst zur Thatsache. Was aber vor allem emancipatorisch so gut in räumlicher als in zeitlicher Hinsicht wirkt, ist ein bedeutsamer Vorgang, der sich ganz im stillen in unserer Zeit vollzieht und dessen Tragweite heute noch gar nicht abzusehen ist. Ich meine das, was man den Verzicht auf den Organisierungsprozefs der Natur bei unserer gewerblichen Thätigkeit nennen könnte. Wir lernen mehr und mehr unorganisierte 1 Materie zu Gebrauchsgütern zu nützen oder um- 1 Dieses ist der auch vom Chemiker anerkannte, wohl dauernde Gegensatz : „organisierte“ und „nicht organisierte“ Materie, die dann beliebig den 44 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. zuwandeln, bei deren Erzeugung ehedem die organisierte Materie ein unentbehrliches Zwischenglied bildete, sodafs man wohl die gesamte moderne Technik als unorganische von der früher organischen unterscheiden kann. Mit anderen, dem ökonomischen Interesse noch mehr Rechnung tragenden, Worten: wir stellen eine wachsende Zahl von Gebrauchsgütern her, decken somit einen wachsenden Teil unseres Bedarfs, ohne dafs die betreffenden Gegenstände selbst vorher als Pflanze oder Tier hätten existieren, also mittelbar oder unmittelbar als pflanzliche Erzeugnisse des Bodens hätten zuvor gewonnen werden müssen, was bei den älteren Verfahrungsweisen unvermeidlich gewesen war. Um wenigstens an die wichtigsten hierher gehörigen Beispiele zu erinnern: in wie grofsem Umfange hat allein das Eisen „organisierte Materie“, d. h. meistens Erzeugnisse des Pflanzenreichs verdrängt: das Holz im Schiffs-, Häuser-, Brückenbau, sowie als Material von Werkzeugen und Geräten ; die Hanf- oder Flachsfaser als Stoff für Taue und Seile. Und die Herstellung dieses vielleicht revolutionärsten Stoffes der modernen Technik geschieht ebenfalls im fortschreitenden Mafse ohne Inanspruchnahme organisierter Materie, d. h. unter immer geringerer Anwendung von Holz: an die Stelle der Holzkohle- Hochöfen sind die Koksöfen, an die Stelle des Holzkohlefrischverfahrens ist das Puddel- oder Bessemer- oder Martin-Siemens- Verfahren getreten, die sämtlich nur der Steinkohle benötigen. Als lleizmittel ersetzt die Steinkohle den Torf, das Holz und die Holzkohle, als Leuchtmittel ersetzen Petroleum, Gas und Elektricität Fett, Unschlitt, Holzspäne, Öl. Die alten tierischen und pflanzlichen Färbemittel: Purpur, Cochenille, Krapp, Waid, Indigo, Saflor, Scharte, Farbhölzer werden verdrängt durch die Anilin-, Naphtalin- und andere Kohlenderivatfarben. Die neuere Chemie weifs nun auch ein Nahrungsmittel nach dem anderen aus unorganisierter Materie zusammenzubrauen. Sie will die Geschmacksempfindung der Süfse auch ohne Hilfe von Zuckerrohr oder Rübe erzeugen; sie will uns jetzt berauschen, ohne vorher die zucker- oder stärkehaltige Pflanze dem Gärungsprozefs unterworfen zu haben * 1 . sogen, organischen oder anorganischen Substanzen zugehören kann. Letztere Unterscheidung verliert in der neueren Chemie immer mehr an Bedeutung, jedenfalls vermag sie keine irgend wie feste Grenzlinie zu ziehen, wie es mit der im Text getroffenen Unterscheidung thatsächlicli der Fall ist. 1 Über die Herstellung von Alkohol aus dem Nebenprodukt der Ivokesgewinnung, dem Äthylen vgl. „Chemische Industrie“ 1897 S. 266 und 1898 S. 27. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 45 Die frühere Zeit war eine vorwiegend hölzerne, animalisch-pflanzliche, unser Zeitalter ist ein Zeitalter aus Stein, Glas und Eisen: das ist eine der entscheidenden Wandlungen, die die Technik erfahren. Diese Neugestaltung der Technik findet ihren Ausdruck in bestimmten Eigenarten unserer industriellen Entwicklung; vornehmlich in dem gewaltigen Aufschwünge, den die chemischen Industrien und die Montanindustrie während der letzten fünfzig Jahre genommen haben. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts staken die chemischen Industrien noch in den Kinderschuhen. Damals war Frankreich in diesem Gewerbezweige das führende Land. Im Jahre 1850 zählte man daselbst 1 2 547 chemische Fabriken mit einer Arbeiterschaft von 5947 Köpfen, also dafs etwa 10 Arbeiter auf jedes Etablissement entfielen. Der Wert der Jahresproduktion wurde auf 56 628000 Frc. geschätzt. Jetzt giebt es in Frankreich 45 700 Enverbsthätige in den chemischen Industrien, darunter 36590 „ouvriers“ 3 : also etwa sechsmal so viel als vor fünfzig Jahren. Aber Frankreich hat längst die führende Stellung an Deutschland abtreten müssen. Und in Deutschland sind nach der 1895 er Gewerbezählung in chemischen Fabriken 115 231 Personen beschäftigt. Diese Zahl ist in beständigem Steigen. Mitte des Jahrhunderts geschah dieses Gewerbszweiges in den statistischen Übersichten häufig gar nicht einmal besondere Erwähnung 8 . 1846 wurden in Preufsen 179 chemische Fabriken mit 2207 Arbeitern gezählt; die deutsche Gewerbezählung von 1882 ermittelte 71777 in der chemischen Industrie beschäftigte Personen, deren Zahl sich also in den dreizehn Jahren von 1882 bis 1895 um 61 °/o vergröfsert hat. Nach der Produktionsstatistik des Jahres 1897 beläuft sich die Gesamtproduktion der chemischen Industrie in Deutschland auf 83112 781 dz im Werte von 947 902 570 Mk. Dafür sind Produktion und Handel von Krapp, Knoppern, Harzen, Waid, Färbehölzern u.dgl., die um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch eine grofse Rolle spielten, heute auf ein Minimum reduziert. An Waid, Saflor, Krapp, Aloe, Sumach, Knoppern kamen noch 1846 über die Grenze des Zollvereins 188676 Ctr., an Farbhölzern 302046 Ctr. u. s. w. 4 . Ebenso gewaltig ist während der letzten Menschenalter die Ent- 1 A. Moreau de Jonnös, Statistique de l’industrie de la France (1856), 259/60. 2 Annuaire statistique de la France 15 (1394), 18. 3 Z. B. in Frli. von Redens „Handbuch“: Deutschland und das übrige Europa (1854). 4 Vgl. Dieterici, Statistische Übersicht etc. 4. Forts. (1851), 383 ff. 46 Erstes Bueli. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. wicklung der Montanindustrie gewesen, die ja mit ihren Erzeugnissen, vor allem Steinkohle und Eisen recht eigentlich das Fundamentum der modernen Technik bildet. Es wurden an Steinkohlen gefördert in Deutschland 1858 rund 9000000 t 1 1863 16906 700 „ 1873 36 392300 „ 1883 55 943000 „ 1893 73 852 300 „ 1899 101639 800 „ In diesem Zeitraum hat • sich also die Menge der geförderten Steinkohlen mehr als verzehnfacht, ist um mehr als 1000 °/o gestiegen, während sich die Bevölkerung unterdessen nur um etwa 60 °/o vermehrt hat. Ähnlich verhält es sich mit der Eisenerzeugung bezw. dem Eisenverbrauch. Der Verbrauch an Roheisen im Zollvereinsgebiet bezw. im Deutschen Reich bezifferte sich pro Kopf der Bevölkerung 2 : 1834/35 auf 5,8 kg 1848/50 JJ 10,9 „ 1860 W 18,6 „ 1870 38,8 „ 1880 » 59,8 „ 1890 99,1 „ 1899 >5 154,9 „ Und ebenbürtig dem technischen Wissen ist unser technisches Können auf eine hohe Stufe der Vollendung emporgestiegen. Arbeitszerlegung und Arbeitsspecialisation haben noch weitere Fortschritte gemacht, aber vor allem ist die kunstvolle Entwicklung des Arbeitsmittels, wie allbekannt, ein Ergebnis fast erst des letzten Jahrhunderts. In dem Mafse, wie sich das Princip der Arbeitszerlegung durchsetzt, verfeinert sich das Werkzeug bis zu jener delikaten Ntiancierung, wie wir sie heute etwa in der optischen oder lithographischen Industrie zu beobachten Gelegenheit haben. Es ist eine ganz irrige Meinung, es sei die Differenzierung der Werk- 1 von Reden, Deutschland und das übrige Europa (1854), 464; die übrigen Ziffern aus dem Statist. Jahrbuch f. d. D. R. 2 Die beiden ersten Ziffern aus W. Oechelhäuser, Vergleichende Statistik (1852), 124. 128. Die übrigen wiederum aus dem Statistischen Jahrbuche. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 47 zeuge in einer früheren Zeit — der sogen. Manufakturperiode — schon einmal eine höhere gewesen als heute, wo die Differenzierung durch die Maschine eine Rückbildung erfahren habe. Im Gegenteil: die Differenzierung ist vielmehr auf die Maschinerie ausgedehnt worden, wie noch zu zeigen sein wird. Die leiseste Unterscheidung der Arbeitsverrichtung wird begleitet, unterstützt, ermöglicht durch das entsprechend ihr angepafste Werkzeug. Und es liegt auf der Hand, wie sehr die fortschreitende Zerlegung der Arbeit wiederum die Ausbildung der Werkzeugtechnik fördern mufs, um wie viel besser bei jeder neuen Vereinfachung der Teilverrichtung — denn auf Vereinfachung läuft doch alle Zerlegung hinaus — das entsprechende Werkzeug der menschlichen Hand angepafst werden kann und wie auf der anderen Seite jedes neue verfeinerte Werkzeug die Arbeitsleistung wiederum steigern mufs. „Müssen wir für die älteste Zeit geringfügige Wirkung nach aufsen verbunden mit grofser Anstrengung und geringer Geschicklichkeit des Subjekts in Zusammenhang bringen mit höchst einfachen und unvollkommenen Werkzeugen, die in unbestimmter Allgemeinheit gleichsam alles in allem waren, so setzt uns die heutige Entwicklungsstufe in Erstaunen durch die grofse Mannigfaltigkeit der Wirkungen, welche durch höchst einfache, gleichsam elementare mechanische Potenzen hervorgebracht werden. Wir erkennen aber sofort, dafs die letztere Einfachheit von der ersteren fundamental verschieden ist. Jene ist die Einfachheit der Armut, des unvollkommenen Keimlebens, der primitiven Bedürfnislosigkeit, welche die Thätigkeit der Urgesehlechter auf wenige immer wiederkehrende Verrichtungen beschränkte. Diese dagegen ist die Einfachheit des überlegenen Geistes, welcher die Mittel aufs vollkommenste den zu erreichenden Zwecken anpafst und wie ein geübter Fechter oder Steuermann, mit dem geringsten Aufwand von Kraft und mechanischer Komplikation die jedesmal zu erreichende Arbeitsleistung ausführt h“ Mit dieser fortschreitenden Differenzierung des Handwerkzeugs und seiner Funktionen im engen Zusammenhänge steht nun aber die zunehmende Vervollkommnung in der Benutzung des Werkzeugs. Wie an der Pforte aller Kultur die Nutzung der Schwungkraft, so steht an der der unserigen ein anderes Princip der Werkzeugnutzung, von vielleicht noch gröfserer, noch schöpferischerer Bedeutung. Man hat es das Walzen- oder Rotationsprincip 1 L. Noirö, Das Werkzeug (1880), 249/50. 48 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. genannt 1 und es besteht in der Einführung der kontinuierlichen Drehbewegung in die Technik. In allen unseren Werkzeugen etc. lassen sich zwei Formations- Hauptperioden unterscheiden: die Periode, in welcher das Werkzeug hin und her oder auf und ab bewegt wird, also immer einen toten Rückgang machen mufs, um einen lebendig wirkenden Vor- und Abwärtsgang auszuführen und die Periode der kontinuierlichen Bewegung nach vor- oder abwärts. So unscheinbar der Fortschritt von der Periode des toten Rückgangs zur Periode der kontinuierlichen lebendigen Bewegung zu sein scheint, so bedeutet er doch in wirtschaftlicher Beziehung gerade soviel als der Fortschritt der Pflanzen- und Tierformen der Grauwackenperiode zu jenen der Kreideperiode 2 3 . Und doch ist das Princip der kontinuierlichen Bewegung nach vor- und rückwärts erst der Anfang des Rotations- princips: ehe die Bandsäge auftrat, hatte ein Fortschritt darin bestanden, die Säge beim Ab- und Aufwärtsgehen in j e einem Stamme oder in denselben Stamm zweimal einschneiden zu lassen; und ehe der Kreisbohrer in Aufnahme kam, hatte man das Hin- und Herbohren im Halbkreise ebenfalls schon gekannt. Die erste bedeutsame Anwendung des Rotationsprincips in der Technik dürfte der auf Rädern bewegte Wagen gewesen sein. Heute ist das Princip in jeder Sphäre der Technik so sehr verbreitet, dafs es 1842 schon Jobard „das Kriterium der modernen Gewerbsthätigkeit“ nannte, „weil jedes mechanische Verfahren, jede Fabrikation, die nicht die fortwährende ununterbrochene Thätigkeit besitzt, noch im Zustande des embryonalen Werdens“ sei. Und Reuleaux kennzeichnet die Bedeutung dieses selben Princips mit den Worten: „So wie der alte Philosoph die stetig steigende Veränderung der Dinge einem Fliefsen verglich und sie in den Spruch zusammendrängte: „Alles fliefst“; so können wir die zahllosen Bewegungserscheinungen in dem wunderbaren Erzeugnisse des Menschenverstands, welches wir Maschine nennen, zusammenfassen in das eine Wort: „Alles rollt.“ 1 Über das Rotationsprincip und seine Bedeutung für die Technik vgl. M. Jobard, Die Industrie und das Jahrhundert. Grenzboten 2. Band 1842, S. 302 ff. (J. ist wohl der „Entdecker“ dieses Princips). Louis Reybaud, L’industrie en Europe. 1856. pag. 22. Rudolf Wagner, Technologische Studien auf der allgemeinen Kunst- und Industrieausstellung im Jahre 1867. (1868). Em. Herrmann, Das Prinzip der Rotation. Miniaturbilder (1872) S. 221—256. Noire a. a. 0. S. 293 ff. F. Reuleaux, Theoretische Kinematik Bd. 1. 1875. 3 E. Herrmann a. a. 0. S. 197. 198. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 41) Aber mit diesen Worten eröffnet Reuleaux in einer anderen Richtung unserer Betrachtung eine neue Perspektive: in ihnen wird das Rotationsprincip — und mit Recht — vor allem für ein Gebilde, eine Form des Arbeitsmittels in Anspruch genommen, „welches wir Maschine nennen“. Es ist bekannt, wie hoch man die Bedeutung der Maschine für die Technik gerade der neueren Zeit bewertet hat. Man beliebt unser Zeitalter geradezu als Maschinenzeitalter anzusprechen und einen grofsen Teil der ökonomischen Revolution, deren Zeuge wir sind, auf die Entwicklung zurückzuführen, die das Maschinenwesen in den letzten 150 Jahren erfahren hat. Diese hohe Einschätzung des Maschinenprincips nötigt mich, die Frage nach dem Wesen, der specifischen Funktion und dem Entwicklungsgänge der Maschine zu stellen 1 . Ich beginne mit der starken Betonung der Thatsache: dafs das „Wesen“ der Maschine selbstverständlich ein völlig verschiedenes ist, jenachdem man sie unter kinematischem oder ökonomischem Gesichtspunkte betrachtet. Ihre kinematische Wesenheit hat Reuleaux wie folgt bestimmt: „Eine Maschine ist eine Verbindung widerstandsfähiger Körper, welche so eingerichtet ist, dafs mittels ihrer mechanische Naturkräfte genötigt werden können, unter bestimmten Bewegungen zu wirken 2 .“ Und etwas genauer die „Einrichtung“, auf die es ankommt, kennzeichnend: „Der Mechanismus ist eine geschlossene kinematische Kette; die kinematische Kette ist zusammengesetzt oder einfach und besteht aus kinematischen Elementenpaaren; diese tragen die Umhüllungsformen zu den Bewegungen an sich, welche die einander berührenden Körper gegenseitig haben müssen, damit alle anderen Bewegungen als die gewünschten aus dem Mechanismus ausgeschlossen bleiben. Ein Mechanismus kommt in Bewegung, wenn auf eines seiner beweglichen Glieder eine mechanische Kraft, welche die Lage derselben zu ändern imstande ist, einwirkt. Die Kraft verrichtet dabei eine mechanische Arbeit, welche unter bestimmten Bewegungen vor sich geht; das Ganze ist dann eine Maschine 3 .“ In einem populären Vortrage hat Reuleaux dann seinen Gedanken diese Prägung gegeben: „Das allgemeine Princip . . . der Maschine ist die Bewegungserzwingung. Mit der Maschine 1 Weiteres siehe in meiner Gewerblichen Arbeit, 30 ff. 2 F. Reuleaux, Theor. Kinem., 38. 3 Ebenda S. 53/54. Vgl. dazu S. 490. 492 ff. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 4 50 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. will man zunächst Körpern Bewegung erteilt wissen; diese Bewegung soll dann aber nach einem bestimmten Plane vor sich gehen, es sollen gewisse Wege unter gewissen Geschwindigkeiten und in gewisser Folge durchlaufen werden, wie es eben dem zu erreichenden Zwecke entspricht 1 2 .“ In ökonomischer Betrachtung ist die Maschine ein Arbeitsmittel oder ein Komplex von solchen, welches derart eingerichtet ist, dafs es eine Arbeit, die sonst der Mensch verrichten müfste, an Stelle des Menschen ausführt, ein Arbeitsmittel also, welches nicht wie das Werkzeug menschliche Arbeit unterstützt, sondern menschliche Arbeit ersetzt. Ist nach Reuleaux das allgemeine (kinematische) Princip der Maschine die Bewegungserzwingung, so ist ebenso sehr das allgemeine (ökonomische) Princip der Maschine die Arbeitsersetzung. Die specifische Eigenart der Maschine ersehen wir aber erst recht deutlich, wenn wir uns ihren Entwicklungsgang in seinen Grundzügen vergegenwärtigen. Dieser verläuft in der Weise, dafs sich in einer bemerkenswerten Parallelität das kinematische und ökonomische Princip der Maschine zur Geltung durchringen. Die Vollständigkeit aber, in der sich die endgültige Durchsetzung dieser Principien ereignet, bildet recht eigentlich die Wesenheit der modernen Zeit, sodafs wir den Schlüssel für deren Vex-ständnis nur in einer Betrachtung dieses Entwicklungsganges des Maschinenprincips zu finden vermögen. Dabei macht es keinen Wesensunterschied, welchem Zwecke die Maschine dient — wir teilen die Maschinen in Kraft- und Arbeitsmaschinen, je nachdem durch die Maschine eine Kraft- äufserung oder eine Arbeitsleistung im engeren Sinne erzielt wird, und letztere wiederum in ortsverändernde oder transportierende und formveräixdernde oder transformierende z , — vielmehr läfst sich für alle Kategorien folgendes sagen: Unter kinematischem Gesichtspunkt wird die Entwicklung der Maschine zu höheren Foi'men charakterisiert durch den allmählichen Übergang vom Kraftschlufs zum Paarschlufs, d. h. von der Schliefsung von Eiern entenpaaren durch sensible Kräfte zu einer Schliefsung durch latente Kräfte, d. h. solcher Ki’äfte, die in den ein Elementenpaar zu zwangsweiser Bewegung bringenden Körpern ge- 1 F. Reuleaux, Über den Einflufs der Maschine auf den Gewerbebetrieb. Vortrag, geh. in der Museumsgesellschaft in Frankfurt a. M., abgedr. in Nord und Süd (1879), 113/114. 2 Vgl. dazu Reuleaux, Theor. Kin. 1, 479 ff. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 51 bunden sindb Das Entwicklungsprincip ist danach zunehmende Erzwingung der Bewegung in gewollter Richtung. Dem un- gebändigten Walten der Naturkräfte, welche in schrankenloser Freiheit auf einander prallen, um im Kampfe aller gegen alle das unbekannte Erzeugnis der Notwendigkeit hervorzubringen, steht gegenüber die durch Beschränkung auf ein einziges und beabsichtigtes Ziel gelenkte Kräftewirkung in der Maschine. Je sicherer und exakter also der gewünschte Erfolg erzielt wird, desto vollkommener ist die Maschine in kinematischer Hinsicht entwickelt. Nun stellt aber auch die Mitwirkung der menschlichen Hand bei der von der Maschine zu bewältigenden Aufgabe immer noch ein Moment der Unsicherheit, einen Kraftschlufs dar. Das Streben nach kinematischer Vollendung deckt sich also mit dem Bemühen, den Anteil der menschlichen Thätigkeit zu verringern. Je vollkommener also das Princip des Bewegungszwanges verwirklicht wird, desto vollkommener wird auch dem Princip der Arbeitsersetzung Geltung verschafft 1 2 3 . In dieser Arbeitsersetzung offenbart sich nun aber nicht nur das innerste Wesen der Maschine: es liegt in ihr auch die Bedeutung eingeschlossen, die dem Eindringen der Maschine in den ► Arbeitsprozefs für die gesamte materielle Kultur beigelegt werden 1 Näheres darüber siehe bei Reuleaux a. a. 0., namentlich im IV. Kapitel, und vgl. ebenda S. 161 ff., 227 ff. und passim. 2 Das Beispiel des jedermann bekannten Entwicklungsganges der Dampfmaschine mag das Gesagte verdeutlichen: Die Newcomensche Maschine erforderte noch im weitesten Umfange die Mitwirkung des Menschen. Der Arbeiter mufste regelmäfsig mehrere Hähne öffnen und scliliefsen und aufser- dem die Dampfspannung kontrollieren, bis Newcomen das Sicherheitsventil hinzufügte und der Knabe Humphrey Potter, um sich von der geisttötenden Beschäftigung des Bewachens der Hähne zu befreien, die Hebel der Hähne durch Stricke mit dem Wagebalken der Maschine verband und so die mechanische Steuerung herstellte, also an Stelle des Kraftschlusses den Paarschlufs setzte. Unter den Neuerungen Watts finden sich auch mehrere, die den rein automatischen Gang der Dampfmaschine herbeiführten: Schwungrad, Drosselklappe, mechanischer Moderator, zu denen noch mechanische Olapparate, * Sicherungen an Schrauben u. dgl. hinzutreten. Vgl. noch Em. Herrmann, Wirtschaftliche Ursachen und Fehlerquellen des Denkens in „Kultur und Natur“ (1887) S. 184 ff. und für die Entstehung der Dampfmaschine insbesondere: F. Reuleaux, Kurzgefafste Geschichte der Dampfmaschine. 1859. Th. Beck, James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine. S. A. aus dem Gewerbeblatt für das Grofsherzogtum Hessen, Jahrgang 1894, dessen (nicht genannte!) Quelle das bekannte Werk von James Patrik Muirhead ist: The origin and progress of the mechanical invention of James Watt. 3 Vol. 1854. 4 * 52 Erstes Buch. Die Neubegründuug des Wirtschaftslebens. mufs. Sie ist es, die das Wort des Weisen: „Du bleibst doch immer, was Du bist“, was technisches Können anbetrifft, Lügen gestraft hat. Denn durch sie werden die Leistungen des Menschen über das natürliche Ausmafs seiner Organe hinausgehoben. Sie reckt den Arm und den Körper zu riesigen Verhältnissen, sie schwellt die Muskeln ins Gigantische und verleiht den Fingern subtilste Feinfühligkeit, sie trägt den Blick über Tausende von Meilen und leiht den Füfsen die Schnelligkeit des Windes. Planer gesprochen: in qualitativer und vor allem in quantitaver Hinsicht steigert die Maschine das menschliche Können über das individuell erreichbare Maximum von Vollkommenheit hinaus. Auch das feinste Werkzeug, der delikateste Griffel oder Meifsel in der Hand des Arbeiters kann doch nie etwas anderes eisten als manuelle Fertigkeit unterstützen: die Arbeitsmaschine dagegen kennt diese Schranken nicht. Sie braucht nicht den Kontakt zwischen Auge und Hand mehr, auf dem alle Verfeinerung manueller Geschicklichkeit beruht: sie kann so fein schneiden, so sicher und regelmäfsig eine Verrichtung wiederholen, so leise klopfen, so fein bohren, wie niemals die menschliche Hand es vermöchte, in der das warme Blut des lebendigen Menschen strömt: sie ersetzt eben in vollkommenerer Form die Arbeit des Arbeiters. Kein noch so kräftiger Schmiedegeselle hebt einen Zuschlaghammer, der mehr als 50 Pfund wöge, keine noch so geschickte Spinnerin vermag mehr als einen, höchstens zwei Fäden auf einmal mit der Hand zu spinnen: der grofse Dampfhammer im Kruppschen Werke wiegt 50 Tonnen, das sind 1000 Centner, die neuen Spinnmaschinen setzen 2—3000 Spindeln auf einem Wagen in Bewegung. Um diese höchsten Leistungen der Maschinerie zu begreifen, mufs man sich folgender Momente be- wufst sein: in jeder menschlichen, formverändernden Arbeitsleistung, so lange sie nicht machinal ausgeführt wird, stecken zwei Bestandteile: die geistig-manuelle Verrichtung selbst und die dafür aufzuwendende Kraft, beide zunächst organisch und scheinbar unlöslich verbunden. Nun kann die eine oder die andere dieser beiden Funktionen allein von der Maschine übernommen werden; so dafs eine Kraftmaschine dem Arbeiter lediglich den eigenen Kräfteaufwand ersetzt, er aber selbst alle eigentlichen formverändernden Thätigkeiten nach wie vor ausführen mufs: ein Fall, der selten ist und auch nur immer für Teile des gesamten Kraftaufwandes denkbar ist, da ja auch die einfachste Formveränderung doch immer noch eines wenn auch noch so leisen Kraftaufwandes be- Drittes Kapitel. Die neue Technik. 53 darf; oder aber: es geht zunächst die eigentliche Arbeitsverrichtung auf die (Arbeits-)Maschine über, und dem Menschen verbleibt einstweilen die Leistung des Kraftaufwandes. Dieses ist ein in der That sehr häufiger Fall. Er ist der normale in allen Anfängen menschlicher Kultur bis tief in die neue Zeit hinein. „Was der zum Bewufstsein erwachte Mensch bei Schaffung der Maschine dunkel wollte, ist die Erzwingung bestimmter Bewegungen an leblosen Körpern für seine Zwecke. Die Kräfte zur Verursachung dieser Bewegungen sucht er zuerst nur in sich und seines Gleichen. Fern noch liegt ihm die Unterjochung der Naturkräfte aufser ihm“ (Reuleaux). Nun ist für den Entwicklungsgang der Maschinerie folgendes zu beachten: meistens wird eine bestimmte Arbeitsverrichtung nicht gleich ganz von der Maschine übernommen, sondern nach und nach, Teil für Teil 1 . Die Maschine ist nicht gleich von Anfang an Vollmaschine, wie ich es nennen will, sondern häufig erst Teilmaschine. Ein bekanntes Beispiel bietet wiederum die Entwicklung der Spinnmaschine. Das Spinnen ei’folgt gleich in seinen Anfängen maschinell: die Spindel ersetzt die sonst vom Menschen auszuführende Drehbewegung 2 . Diese machinale Vorrichtung wird nun vervollkommnet im Spinnrade: die Hände werden völlig von der Verrichtung des Haltens und des die Spindel in Bewegungsetzens befreit, und alle Kraftzufuhr erfolgt durch den Fufs. Es verbleibt jedoch die Thätigkeit des Fadenherausziehens — wobei es darauf ankommt, der Spindel eine entsprechend geringe Menge Fasern zuzuführen — Domäne der menschlichen Hand; ein Teil der formverändernden Arbeitsverrichtung also dem Arbeiter. Diesen letzten Rest menschlicher Mitwirkung bei dem Spinnprozefs zu beseitigen, das bezweckten die grofsen Erfindungen des 18. Jahrhunderts. Alle neuere Maschinenspinnerei beruht bekanntlich auf der Anwendung zweier oder mehrerer Walzenpaare, die sich mit ungleicher Geschwindigkeit umdrehen und zwischen denen der zu spinnende Stoff, nachdem er durch die Karde in lange Bänder verwandelt worden ist, hindurchgeführt und nach einer Spindel oder geflügelten Spule hingeleitet wird. Es werden dann nämlich jene Bänder, weil die vorderen Walzen eine viel schnellere Bewegung haben als die 1 Solo a poco a poco la machina si perfeziona, direi si emancipa; diviene atta al moto meccanico ed in ultimo quasi automatica.“ A. F. Labriola, Tecnica ed Economia. Diss. di Laurea (1894) pag. 5. 2 Die Spindel wird richtig auch von Reuleaux, Theor. Kin., 223 schon eine machinale Vorrichtung genannt. 54 Erstes Buch. Die Neubegründnng des Wirtschaftslebens. hinteren, zu einem Faden auseinandergezogen, während dieser zugleich durch die schnell sich drehende Spindel die nötige Zwirnung erhält 1 . Damit war die Kette der machinalen Einrichtungen geschlossen und der gesamte Spinnprozefs der Maschine übertragen — bis auf die Zuführung der Kraft, die eine Weile noch dem Menschen oblag. Die ersten Spinnmaschinen wurden, wie man weifs, mit der Hand gedreht. Nun aber, worauf es ankommt: erst in dem Momente, und auch keinen Augenblick früher, wann eine bestimmte Arbeitsverrichtung in allen ihren Teilen (ausgenommen die Kraftzuführung) dem Bereich der menschlichen Mitwirkung entzogen ist, wird es möglich, das Quantum der in einem auszuführenden Arbeit beliebig zu vermehren, ohne durch die Enge des individuellen Arbeitsvermögens beschränkt zu sein. Nun erst nützt die Vergröfserung der Kraftquelle, die so lange unnütz war, als die Arbeitsverrichtung an irgend einer Stelle die menschliche Hand- thätigkeit passieren mufste. Man kann danach ermessen, welche Bedeutung für die Entwicklung der Maschinerie die vorherige Zerlegung eines Gesamtarbeitsprozesses in möglichst viele Teilver- richtungen hat. Denn offenbar genügt es, um die machinale Thätigkeit zu voller Entfaltung zu bringen, dafs an irgend einer Stelle des Arbeitsprozesses eine Vornahme sich so isolieren läfst, dafs sie als Einheit erscheint und als solche der menschlichen Handthätigkeit entrückt wird. Sobald das der Fall ist, kann diese Specialvorrichtung beliebig über individuelles Können hinaus beschleunigt oder ausgeweitet werden. Man denke an die Steppmaschinen, an die Knopflochmaschinen, die Falz-, Fräs-, Polier- etc. Maschinen in der Schuhwarenindustrie, an die Fädelmaschine in der Stickereiindustrie etc., die alle nur Teilverrichtungen, aber diese ganz machinal ausführen. Die Arbeitszerlegung hat die Maschinerie vielfach erst ermöglicht, wie umgekehrt erst die Maschinentechnik das Princip der Arbeitszerlegung bis in seine äufsersten Konsequenzen treibt. „Das Streben geht . . im ganzen dahin, die Arbeit, nachdem sie soweit geteilt ist, dafs die 1 Meines Erachtens wird deshalb auch derjenigen Erfindung die eigentlich epochale Bedeutung zuzuerkennen sein, welche zuerst dieses Walzen- princip für die Fadenbildung nutzbar machte. Es ist die nominell von L. Paul, thatsächlich wahrscheinlich von Wyatt herrührende, schon im Jahre 1738, also lange vor Arkwright patentierte Erfindung. Vgl. Baines, Geschichte der britischen Baumwollenmanufaktur etc. 1836. S. 44 ff. Dieses Urteil teilt übrigens auch Karmarsch, Geschichte der Technologie (1872) S. 596 ff. Drittes Kapitel. Die neue Technik. einzelnen Arbeitsverfahren nur noch Kraftanstrengung beanspruchen , dem Menschen abzunehmen und einer Maschine zu übertragen 1 . u In manchen Maschinenfabriken schreitet die Specialisierung der Arbeits- und Werkzeugmaschinen so weit fort, dafs für jede Flächenart und Dimension des Werkstückes, ja für jede Fläche jedes einzelnen Teiles des Werkstückes eigene Arbeitsmaschinen vorhanden sind. Da giebt es Eisenhobelmaschinen, allein für Lokomotivtriebstangen in sechs bis zehn Arten, eigene Drehbänke für Nebenteile, wie die obere und die Breitseite des inneren Lokomotivradkranzes, und wieder eigene Drehbänke für die zwei bis drei Seiten- und oberen Flächen des Tyres, welcher auf den inneren Radkranz angeschweifst werden soll. Und zwar hier wieder eigene Maschinen für Lokomotivtriebräder und für einfache Trag- oder Laufräder je nach deren Dimension. In einer hiesigen Schuhfabrik zähle ich folgende Typen von Arbeitsmaschinen : 4 verschiedene Stepp-, Knopfloch-, Knopf- und Heftmaschinen ; 3 verschiedene Sohlenschneidemaschinen •, 3 verschiedene Stanzmaschinen; 11 verschiedene Maschinen, die der Befestigung des Bodens am Schaft dienen; 13 verschiedene Maschinen, die sich mit der Appretur des fertigen Stiefels (Fräsen, Polieren, Ausglasen,. Färben etc. etc.) beschäftigen, zusammen 34 verschiedene Arten von Arbeitsmaschinen, man denke: zum Ersatz von Friemen und Hammer! In der Gewehrfabrikation werden über 600 verschiedene Maschinen verwandt. Ähnliche Mannigfaltigkeit der Maschinerie herrscht in der Nähmaschinenfabrikation. Selbst eine so einfache Prozedur, wie die maschinelle Herstellung unserer Zündhölzchen, erfordert ein ganzes System von Arbeitsmaschinen. Da finden wir: I. die Dampfsäge; 2. die Schälmaschine; 3. die Abschlagmaschine; 4. die Putzmaschine; 5. die Gleichlegemaschine; 6. die Einlege- maschine; 7. die Dampfhobelbank; 8. die Schachtelschälmaschine; 9. die Schachtelspan-Teilmaschine; 10. die Aufsenschachtelmaschine; II. die Etikettiermaschine; 12. die Innenschachtelmaschine; 13. die Einlegemaschine; 14. die Anstrichmaschine; 15. die Einpackmaschine; 16. die Etikettenklebmaschine. Dafs in anderen Fällen die Einführung der Maschine früher zerlegte Arbeit wieder komplex macht, — oft citierte Beispiele dafür, die manche Autoren mit Unrecht verallgemeinert haben, sind die Nagel- und Enveloppe- 1 Lindner, Art. Maschine in Otto Luegers Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. VI. 56 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. maschinen — ändert nichts an der Thatsache, dafs als Regel Arbeitszerlegung und Maschinentechnik Hand in Hand gehen. Nunmehr aber ist es an der Zeit, auf Grund dieser Betrachtungen die Frage zur Entscheidung zu bringen, ob es statthaft ist, unsere Zeit als Maschinenzeitalter besonders kenntlich zu machen? Ich denke, die Sache liegt so: Will man mit jenem Schlagwort sagen, dafs um die Wende des 18. Jahrhunderts die Maschine überhaupt erst im Wirtschaftsleben eine Rolle zu spielen begonnen habe, so liegt dem eine ganz und gar verkehrte Vorstellung zu Grunde. Die Maschine ist so alt wie das Werkzeug; sie begleitet den Menschen auf allen Etappen der Kultur und wächst in langsamer, schrittweiser Entwicklung zu der heute erreichten Vollkommenheit heran. Wir haben uns nach dem Vorgang von Reuleaux jetzt daran gewöhnt, als erste Maschine, also als den „ersten schüchternen Versuch des Menschen, zwei aufser ihm stehende Körper zu einer bestimmten gegenseitigen Bewegung zu zwingen“, den Feuerquirl zu betrachten 1 . Dann fällt aber der Anfang der Maschinenentwicklung in eine Zeit, in der die Menschen das Feuer blofs erst zu religiösen, noch nicht zu gewerblichen Zwecken nutzten 2 3 , also in eine aufserordentlich frühe Periode der Kultur. Aber auch andere ohne allen Zweifel machinale Vorrichtungen reichen in die Dämmerung entlegenster Zeiten zurück: Pfeil und Bogen, Spindel, Töpferscheibe, von der die Drehbank sich ableitet, unterschlächtige Wasserräder, Wagen und Wagenräder, der Pflug sind Maschinenvorrichtungen, die wir schon frühzeitig im Besitze der Menschen finden 2 . Und aus den ersten Anfängen sehen wir die Maschine 1 Reuleaux, Theor. Kinem., 198 ff. Vgl. über diese „erste Maschine“ ferner L. Geiger, Zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit (1878) S. 93 ff. L. Noire, Das Werkzeug, S. 298 ff. 2 Die Geigersche Hypothese über die Entdeckung des Feuers als richtig angenommen; vgl. die in Anm. 1 genannte Schrift. 3 Vgl. hierzu vor allem das VI. Kapitel der Reuleauxschen Kinematik, das einen „Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Maschine“ enthält. Übrigens sah auch Gustav Klemm schon deutlich die Anfänge des Maschinenprincips vor Augen, als er folgendes bemerkte: „Wir können wohl unter die Uranfänge der Maschine das alte Reibungsfeuerzeug, den Drillbohrer und die Handmühle rechnen. Demnächst ist Spindel und Webstuhl, sowie die allerdings erst ziemlich spät eintretende Drehscheibe der Töpfer dabei zu beachten . . . Die Wasserräder, die wir in Ägypten und China sehen, die Wassermühlen, ja die in Polen noch üblichen Handmühlen, die mit dem Hebelarm bewegt werden, sind schon weiter entwickelte Maschinen.“ Vgl. Werkzeuge und Waffen (1854) S. 302/303. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 57 sich ebenfalls schon in früheren Zeiten zu höheren Formen entwickeln. Ein vortreffliches Schulbeispiel für diesen organischen Entwicklungsgang der Maschinerie bietet die Geschichte der Mehlbereitungsverfahren, also der Müllereitechnik. Wir wissen, dafs schon aufserordentlich früh machinale Vorrichtungen zur Zerkleinerung der Getreidekörner bestanden haben. So mufs es bei den Chinesen früh üblich gewoi’den sein, an der Keule, mit der in dem steinernen Mörser die Körner gestampft wurden, einen horizontalen Hebelarm anzubringen, der mittelst Zapfen ungefähr in der Mitte seiner Länge zwischen zwei mit Löchern versehenen Steinen beweglich eingelagert war. Eine andere, auch noch primitive, aber schon entwickeltere Mahlmaschine bietet uns das Bild einer alten ostindischen Mühle dar. Dort ist der Mörser bereits ein breiter Kessel aus Stein, welcher auf einem steinernen Postamente ruht. Die Keule besteht aus einem schweren Baumstrunke, welcher mittelst eines daran befestigten horizontalen Balkens von einem Ochsenpaar im Kreise gedreht wird. Von diesen Urtypen der Mahlmaschine gehen dann die zahllosen Verbesserungen und Verfeinerungen Schritt für Schritt weiter: die Mahlsteine vervollkommnen sich und ihre Bewegungen, Sieb- und Reinigungsvorrichtungen werden dem Mechanismus eingeordnet, die Zuführung und Abführung des Materials wird automatisch bewirkt. Und mit der Vervollkommnung der Mahlvorrichtung parallel geht die Nutzbarmachung immer stärkerer und freierer Ki’aftquellen: zu Ciceros Zeit wurden Wasserräder als Motoren an Stelle der Sklavinnen eingeführt 1 * * , seit dem 12. Jahrhundert datieren die Windmühlen. Heute haben wir die Dampfmühle, in der der steinerne Mühlstein durch die eiserne Walze ersetzt ist und in der das Princip der Maschinerie in höchster Vollendung zur Anwendung gebracht ist. Aber es datiert doch ohne allen Zweifel seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine neue Ära der Maschinentechnik. Was begründet sie? Etwa allein die Thatsache, dafs seitdem die Maschinerie in ein Stadium rascherer Vervollkommnung eingetreten ist? Nein; ich denke, es ist mehr. Es fallen Ereignisse auf dem Gebiete der Maschinentechnik in 1 „Däo hat die Arbeit der Mädchen den Nymphen befohlen Und itzt hüpfen sie leicht über die Kader dahin, Dafs die erschütterten Achsen mit ihren Speichen sich wälzen, Und im Kreise die Last drehen des wälzenden Steins.“ (Stolbergsche Übersetzung eines Gedichtes des griechischen Dichters Antiparos; citiert bei Marx, Kapital I 4 , 373.) 58 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. jene Zeit, die ihr doch einen ausgesprochen epochalen Charakter verleihen. Diese Ereignisse beziehen sich zunächst auf die Entwicklung der Arbeitsmaschinerie. Diese erreicht gerade in jener Zeit zwei bedeutungsvolle Etappen: sie wird vollendet für einige der wichtigsten Produktionszweige (Textilindustrie, Papierfabrikation), und sie erobert dasjenige Gebiet, das den eigentlichen Stützpunkt für ihre weitere Vervollkommnung erst abgab: die Herstellung wiederum von Maschinen. Erst von dem Augenblick an, wo dieser Punkt erreicht war, konnte das rapide Tempo der Maschinenentwicklung einsetzen, wie es die neuere Zeit kennzeichnet. Die Verfeinerung 1 , wie namentlich die Ausweitung der Dimensionen ist erst möglich bei maschinellem Maschinenbau 2 . Das entscheidende Moment aber war doch wohl, dafs parallel mit diesen bedeutsamen Fortschritten der Arbeitsmaschinerie die Nutzbarmachung derjenigen Naturkraft sich vollzog, die an Mächtigkeit und Beweglichkeit alle früher genutzten Kräfte um ein Vielfaches übertraf: des Dampfes. Auch dem „König Dampf“ mufs eine gerechte, kritische Würdigung der technischen Errungenschaften wieder zu seiner alten Würde verhelfen, die ihm mancher hat streitig machen wollen. Darin kam freilich nur eine berechtigte Reaktion zum Ausdruck gegen die ursprüngliche kritiklose Auffassung, die die Bedeutung des Dampfes allein betonte und des Einflusses der Arbeitsmaschine auf den Entwicklungsgang der modernen Industrie kaum Erwähnung that. Wir wissen heute, dafs Arbeits- und Kraftmaschine in ihrer Entwicklung sich gegenseitig bedingen. Gewifs hätte die gezügelte Dampfkraft gar keine vernünftige Verwendung gefunden, wäre nicht eine entsprechende Entwicklung der Arbeitsmaschinerie vorausgegangen. Andrerseits aber, mufs man sagen, würde die Weiterentwicklung der letzteren aufserordentlich 1 Eine für die Entwicklung der Maschinerie entscheidende Errungenschaft ist die derartig exakte Herstellung der einzelnen Maschinenteile, dafs diese beliebig von einer Maschine in die andere eingesetzt werden können. Dieses System der Austauschbarkeit der einzelnen Teile („interchangeable System“) ist aber erst möglich geworden bei maschinenmäfsiger Herstellung der Maschinen. - Die zunehmende Bedeutung des maschinellen Maschinenbaus spiegelt sich in der wachsenden Ausdehnung der Maschinenindustrie wieder: die in der Fabrikation von Maschinen und Apparaten beschäftigten Personen bezifferten sich nach der deutschen Gewerbezählung davon in Betrieben über 50 Personen 1882 auf 173 298 115 289 (= 66 °/o) 1895 „ 269 036 201 777 (= 74%) Drittes Kapitel. Die neue Technik. 59 viel langsamer von statten gegangen sein, ohne die in der Erfindung der Dampfmaschine erschlossene neue Kraftquelle. Die epochale Bedeutung der Dampfmaschine liegt in zweierlei: in der durch sie bewirkten ungeheuren Steigerung der Kraftpotenz und in der durch sie geschaffenen Möglichkeit, an beliebiger Stelle zu beliebiger Zeit eine beliebig grofse Kraft für machinale Zwecke zur Verfügung stellen zu können. Damit aber wird eine Fülle von Hindernissen beseitigt, die der Entwicklung der Arbeitsmaschinerie entgegenstanden: die gesteigerte Kraftentfaltung macht erst in weiterem Umfange Arbeitsmaschinen gröfserer Dimensionen verwendbar, wie sie auch ihre Herstellung erst ermöglicht; beides ohne Beschränkung in Raum und Zeit. In dieser quantitativ und qualitativ beliebigen Kraftentfaltung ist die Dampfmaschine in keiner früheren Zeit von irgend einer Kraftquelle übertroffen worden, scheint sie aber auch durch neuere Kraftquellen, wie die Elektricität, die durch andere Vorzüge ausgezeichnet sein mag, kaum übertroffen zu werden. Und sofern in dieser Beliebigkeit der Kraftentfaltung eines der wesentlichsten Förderungsmittel für die Entwicklung der modernen Technik erblickt werden mufs, ist es wohl statthaft, unser Zeitalter ebenso wie als Maschinenzeitalter auch als dasjenige des Dampfes, zu bezeichnen b Aber so treffend diese beiden Bezeichnungen auch sein mögen: dafs die specifische Eigenart der modernen Technik in ihnen ihren vollen und charakteristischen Ausdruck fände, glaube ich nicht. Nicht die rasche Vervollkommnung der Arbeitsmaschinerie, nicht die Erfindung der Dampfmaschine ist es doch am letzten Ende, wie mir scheint, was der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für die Entwicklung der Technik jene wirklich einzig epochale Bedeutung verleiht, die sie besitzt. Denn ich sehe in dieser Entwicklung, die ihren Anfang mit dem ersten Werkzeug nimmt, that- sächlich nur ein einziges Ereignis, das die Zeit vor seinem Eintritt und die Zeit nachher als zwei principiell von einanander verschiedene Perioden erscheinen läfst, derart, dafs wir überhaupt nur zwei Hauptepochen in der Entwicklung der menschlichen Technik unterscheiden dürfen: die erste von den Anfängen des Menschengeschlechts, das heifst also seit Nutzung des Werkzeugs bis in die 1 Die neueste Statistik der Motoren im Deutschen Reiche (1895) ermittelte im Gewerbe Motoren mit zusammen 3421194 Pferdestärken, von denen 79,4% auf die Dampfkraft, 18,4% auf die Wasserkraft entfallen. Vierteljahrshefte der Statistik des Deutschen Reichs. 1898. Ergänzungsheft zum 1. Heft. S. 37. 60 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als jenes Ereignis, an das ich denke, eintrat, die zweite, seitdem bis in die letzten Tage des Menschengeschlechtes auf Erden, während allen übrigen Veränderungen der Technik nur eine quantitative, keine principielle Bedeutung zuzumessen ist. Was ich meine, ist die Anwendung der Wissenschaft auf die Technik, also der Ersatz des Kunstverfahrens durch das rationelle oder wissenschaftliche Verfahren. Ist es zunächst berechtigt, dieses Ereignis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu verlegen? haben nicht frühere Zeiten schon das wissenschaftliche Verfahren gekannt? Zweifellos haben die Völker des Altertums, namentlich die Orientalen, in einer Reihe von Werken uns Denkmale einer hochentwickelten Technik hinterlassen, die ein aufserordentlich reiches Können zur Voraussetzung haben. Aber alles, was wir von der Art ihres Schaffens wissen, läfst doch darauf schliefsen, dafs sie nirgends aus der Periode der Empirie herausgekommen sind einfach deshalb, weil ihnen die notwendige Basis einer nicht mehr empirischen, sondern rationellen Technik fehlte: die naturwissenschaftliche Erkenntnis. Diese mufste erst eine gewisse Reife erlangt haben, ehe die Technik durch sie revolutioniert werden konnte. Das aber war der Fall nicht früher als eben im Ausgange des vorletzten Jahrhunderts, als die ersten Früchte der Geistesarbeit jener Heroen des 17. Jahrhunderts geerntet wurden, die uns das Fundament der modernen Weltanschauung zusammengezimmert haben. Von den hochentwickelten italienischen Städten mit kapitalistischer Wirtschaft, wo in Galileis Schule die Grundlagen für die beobachtenden Naturwissenschaften gelegt wurden, gehen die Strahlen des Lichtes aus, das die Denker des 18. Jahrhunderts zu ihren für die Technik erst bedeutsamen Entwicklungen führt. Ich erinnere an die Schöpfer der modernen Mechanik: Lagrange und Laplace, Poisson, Gaufs, die Begründer der Hydrostatik und Dynamik; ich erinnere an die Schöpfer der modernen Physik: (neben Lavoisier und Laplace wiederum) Galvani (1789), Volta (1792); an die Schöpfer der modernen Chemie: Black, Priestly, Cavendish, Kirwan, Bergmann, Wenzel und vor allem Lavoisier (f 1794): sie alle gehören fast einer und derselben oder wenigen aufeinanderfolgenden Generationen an, und alle ihre grundlegenden Entdeckungen fallen in die drei letzten Jahrzehnte des vorletzten Jahrhunderts. Da nun aber auf ihren Entdeckungen erst die moderne Industrie ihre rationellen Verfassungsweisen aufbaut, so scheint es in der That nicht unberechtigt, wie es hier geschieht, erst von jener Drittes Kapitel. Die neue Technik. (j( Zeit an das Eindringen der Wissenschaft in die Technik zu datieren h Das mag noch mit einigen Worten näher ausgeführt werden in Bezug auf die Chemie, deren Entwicklung die Vorbedingung aller modernen Industrie war. Von ihrem Stand um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten wir folgendes Bild 1 2 : „Versetzt man mit dem Bewufstsein des jetzigen Zustandes und Wirkungskreises der Chemie seine Gedanken in das Jahr 1750, so meint man sich nicht um ein Jahrhundert, sondern um Jahrtausende und in ein unbekanntes Land zurückgerückt, wo Wissen, Vorstellungen und Sprache gar keinen Anknüpfungspunkt an die Gegenwart, keine Möglichkeit des Übergangs zu derselben, verraten. Man findet die Wissenschaft in einer Stellung und Betriebsweise befangen, wo sie dem Leben im allgemeinen und selbst der Industrie (!) gröfstenteils fremd ist; alle Forschungen auf das Qualitative eingeschränkt, das Quantitative in den Zusammensetzungen und bei den Prozessen, was jetzt die wesentlichste Grundlage aller Untersuchungen geworden ist, völlig unberücksichtigt, daher keinen Gedanken an analytische Chemie, noch viel weniger an Naturgesetze in dem 1 „Auf diesen naturwissenschaftlichen Disciplinen ruht das ganze wunderbare und stolze Gebäude der heutigen Technik.“ Carl Jenny, Uber den Einflufs der mechanischen Technik auf unser Kulturleben. Rede, gehalten am 11. Okt. 1875 (S. 55). Wenn in striktem Gegensätze zu diesem Ausspruch seines Wiener Kollegen jetzt A. Ri edler in seiner vielbesprochenen Schrift: Unsere Hochschulen und die Anforderungen des zwanzigsten Jahrhunderts (1898) seinen Hymnus auf die „Technik“ in die Worte ausklingen läfst: „die Regel ist . . ., dafs die theoretische Naturforschung der Technik nachgefolgt ist“ (S. 48), so kann das in dem Munde eines Wortführers der technischen Hochschulen zu Mifsverständnissen Anlafs geben, mafsen ja das Wort „Technik“ so arg unbestimmt ist. Meint Riedler Technik im Sinne von technischem Können, wie z. B. a. a. 0. S. 46: „Der Bergbau ist älter als die Geologie, . . . Hüttenwesen älter als Chemie“ u. s. w., so wird ihm die That- sache, dafs die Menschen, ehe sie denn eine Wissenschaft schufen, für ihres Leibes Nahrung und Notdurft sorgen mufsten, kaum jemand bestreiten. Es fragt sich nur, wie. Und da lautet die Antwort empirisch. Rationell erst nach Entwicklung der wissenschaftlichen Einsicht. Man wird also gut thun, den Riedlerschen Worten, „dafs die theoretische Naturforschung der Technik nachgefolgt ist“, hinzuzufügen: „aber der Technologie stets voraufgegangen“. In dichterischer Form hat demselben Gedanken Goethe in seinem „Dialog zwischen dem Gnomen, der Geodäsie und der Technik“ Ausdruck gegeben, wenn er die Technik sprechen läfst: „Nicht meinem Witz ward solche Gunst beschert, Zwei Götterschwestern haben mich belehrt“ (Physik und Geometrie.) 2 Karmarsch, Geschichte der Technologie (1872), 33. 02 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Quantitätsverhältnisse; keine wissenschaftliche Nomenklatur; die Reagentienkunde in der unbeholfensten Kindheit; eine grofse Armut in chemischen Apparaten und sonstigen Hilfsmitteln; meist ganz unklare und falsche Vorstellungen von den Bestandteilen der alltäglichsten Körper und eine Menge zusammengesetzter Stoffe für einfach gehalten; etwa drei Viertel der gegenwärtig schon entwickelten einfachen Stoffe, sowie eine zahllose Menge von Verbindungen unbekannt und die Darstellung neuer Verbindungen durchaus dem Zufall überlassen.“ Zwischen den Jahren 1774 und 1794 ward ein für die Chemie sehr wichtiger Kampf geführt; es galt die Befreiung von den Fesseln, welche die griechischen Philosophen den Denkern jener Zeit angelegt hatten; es galt, die Principien der Bacoschen Lehre konsequent durchzuführen; es handelte sich darum, das Experiment als Grundlage aller theoretischen Forschung anzuerkennen. In jene Zeit fällt die Aufstellung des Gesetzes von der Unzerstörbarkeit der Matei’ie durch Lavoisier, und von da ab datieren wir „die moderne Chemie, unsere Chemie “ l . Dafs die moderne Chemie nicht nur die chemischen Industrien im engeren Sinne geschaffen hat, sondern auch für eine ganze Reihe der wichtigsten anderen Industrien notwendige Voraussetzung ihrer Entwicklung war, dürfte bekannt sein. Man denke vor allem an die Eisenindustrie, dann aber an die Gärungsindustrien, namentlich also die Nahrungsmittelgewerbe, an die Hilfsindustrien der Textilbranche (Färberei, Bleicherei), an die Glasindustrie, an die Papierindustrie, an die polygraphischen Gewerbe, die ihre Entwicklung zwar vorwiegend den Fortschritten der Physik) aber doch auch eines aufserordentlich wichtigen Zweiges der Chemie, der Elektrochemie verdanken. Wie der Begründer dieser, Humphrey Davy (1778 bis 1829), so gehören übrigens auch eine Reihe anderer bedeutender Chemiker, von deren Entdeckungen die moderne Industrie erst recht eigentlich ihren Ausgangspunkt nimmt, sogar erst dem 19. Jahrhundert an, ich erinnere an die Begründer der Rübenzuckerindustrie Achard (f 1821) und Klaproth (f 1817), an den Schöpfer der Atomtheorie Dalton, an den der Volumtheorie Gay-Lussac, an Thenard u. a. Um nun aber die Bedeutung, die der Anwendung der Wissenschaft auf die Technik zukommt, vollauf ermessen zu können, 1 A. Laden bürg, Vorträge über die Entwicklungsgescbicbte der Chemie in den letzten hundert Jahren. 2. Aufi. (1887), 16. Drittes Kapitel. Die neue Technik. (33 müssen wir uns in den Einzelheiten klar zu werden versuchen, worin denn eigentlich die Verdrängung des empirischen durch das rationelle Verfahren gipfelt, worin der Wesensunterschied zwischen diesen beiden Methoden der Technik beruht. Ist die Grundfrage jeden Kunstverfahrens: wie etwas gemacht wird ? 1 so geht das rationelle Verfahren von der Frage aus: warum etwas geschieht? Uber die rein teleologische Betrachtung des Produktionsprozesses dringt es zu einer kausalen Erklärung vor: es sucht die Ursachen festzustellen, die zu einer bestimmten Wirkung führen. Nicht dafs eine Ochsenhaut gar wird, wenn sie eine Zeit lang in einer Brühe von bestimmter Zusammensetzung gelegen hat, ist das, was interessiert, sondern warum sie gar wird, welche Vorgänge es bewirken, dafs sich jene Umwandlung in der Zusammensetzung des Leders vollzieht, die wir mit dem Ausdruck des Gerbens bezeichnen. Das rationelle Verfahren betrachtet daher in erster Linie jeden Produktionsvorgang als einen Natur- prozefs, während das Kunstverfahren ihn unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsverrichtung angesehen hatte. War diese nach Regeln ausgeübt worden, so vollzieht sich jener nach Gesetzen, deren Ergründung und Benutzung als die eigentliche Aufgabe des rationellen Verfahrens erscheint. Die gewaltige Bedeutung dieser scheinbar unwesentlichen Veränderung liegt nun aber in folgendem. Zunächst erfährt eine gänzliche Umgestaltung dasjenige, was ich die Art des Besitzes des technischen Könnens nennen möchte. Dieses wird durch die Einbürgerung des rationellen Verfahrens gleichsam objektiviert. Wir sahen früher: jedes Kunstverfahren ruht in der Persönlichkeit des „Meisters“ eingeschlossen; es lebt mit ihm, es stirbt mit ihm. Nur was der Lernende ihm abgelauscht und abgeschaut hat, das dauert über seinen Tod hinaus, schlägt Wurzel abermals in einer Persönlichkeit, um mit dieser wiederum zu Grunde zu gehen. Das rationelle Verfahren steht demgegenüber verselbständigt, objektiviert als ein für jedermann beliebig fafsbares und erreichbares Wissen aufser- halb jeder ausführenden Persönlichkeit. Einmal durch Wort und Schrift fixiert ist es unvergängliches Eigentum aller künftigen Gene- 1 Auf diesem empirischen Standpunkt stehen auch noch die älteren Lehrbücher der Technologie, in Deutschland die der sogen. Beckmannachen Schule. Sie beschreiben „die bei technischer Verarbeitung irgend eines Rohstoffes und Herstellung gewisser Kunsterzeugnisse aus denselben vorfallenden Arbeiten nebst den dazu dienlichen Apparaten, Werkzeugen und Maschinen in chronologischer Aufeinanderfolge“. Kar marsch a. a. 0. S. 881. 04 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. rationen. Damit ist es aber in doppelter Hinsicht von der Zufälligkeit des rein Persönlichen befreit: sofern seinem gänzlichen Verluste vorgebeugt ist, sodann aber es nicht notwendig eines bestimmten, an Ort und Zeit gebundenen Individuums bedarf, um das betreffende Verfahren anzuwenden: solange die gewerbliche Thätigkeit, auch schon die moderne kapitalistische Industrie, noch im Stadium der Empirie sich befand, konnten neue Industriezweige in einem Lande nur begonnen werden, wenn man Menschen dahin verpflanzte, die das Geheimnis mit sich trugen: die Berufung der Humiliaten-Mönche durch zahlreiche Städte im Mittelalter, die Hereinziehung brabantischer Tuchmacher nach England, italienischer Seidenspinner und Weber nach Frankreich, die ganze Emigrantenpolitik der Hohenzollern reden eine deutliche Sprache dafür, dafs in damaliger Zeit die gewerbliche Kunst an den Künstler gebunden war. Dann bleibt sie eine Zeit lang an die Produkte gebunden: dann sorgt ein Land etwa dafür, dafs bestimmte Maschinen nicht ins Ausland kommen: England im Anfang vorigen Jahrhunderts. Und heute braucht eine Nation ihre jungen Ingenieure und Techniker nur an die deutschen Hochschulen zu senden, um alle Weisheit in nuce sich zu beliebiger Verwendung im eigenen Lande zu verschaffen. Und wie die Ausübung und Erhaltung der technischen Kunst durch das rationelle Verfahren von der Zufälligkeit des Individuellen befreit werden, so in noch viel höherem Mafse auch die Vermehrung des technischen Könnens. An Stelle des versuchsweisen Tastens, das, wie wir sahen, aller Empirie eigentümlich ist, tritt beim rationellen Verfahren das planmäfsige und methodische Suchen auf Grund der Kenntnis von den Zusammenhängen der bisherigen Ver- fahrungsweisen; an Stelle des Probierens tritt das Experiment, aus dem Finder wird der Erfinder und das Erfinden selbst aus einer gelegentlich geübten dilettantischen Beschäftigung geistvoller Pfarrer und ingeniöser Barbiere zu der berufsmäfsigen Thätigkeit gelehrter Fachmänner. Man ermesse, was diese Änderung für die Entwicklung der Technik bedeutet, wie sie das Tempo der Neuerungen in einem aller Empirie unbekannten und unerreichbaren Mafse zu steigern imstande sein mufste h 1 Nicht notwendig zu steigern brauchte. Der Übergang zum wissenschaftlichen Verfahren klärt uns nur über das Eine auf: wie es möglich war, dafs in unserem Zeitalter eine solche sich überstürzende Neugestaltung aller technischen Vornahmen eintrat. Warum diese nun thatsächlich eintrat, mufs natürlich erst nachgewiesen werden, wonach die betreffende Stelle bei Marx, Kapital I 1 * * 4 , 452 zu berichtigen ist. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 65 Aber nicht nur werden die Zufälligkeiten des Bestandes und der Vermehrung technischen Könnens durch die Nutzbarmachung der Wissenschaft beseitigt: es verschwinden auch die Zufälligkeiten der Ausführung mehr und mehr. Das technische Können wird sicherer, kontrollierbarer, exakter. Begreiflicherweise. Denn nun, da alle Zusammenhänge des Produktionsprozesses begriffen werden, ist es erst, möglich, Schädlichkeiten planmäfsig zu vermeiden oder auszumerzen, Lücken dort auszufüllen, wo das Verfahren solche aufweist. Ganze Industriezweige sind erst zu rechter Blüte gelangt, nachdem die Chemie und neuerdings die Bakteriologie Mittel an die Hand gaben, mit Stetigkeit unter Meidung aller vorher unkontrollierbaren Störungen die Produktion zu vollziehen. Man denke an die Brauerei h Zahlreiche Mefswerkzeuge specieller Art und Dimensionierung, eigentümliche Kontrollvorgänge, präcise Indikatoren, Registrierapparate, chemische Proben, physikalische Hilfsvorrichtungen, wie z. B. Polarisationsinstrumente, Spektroskope, Manometer, Bremsdynamometer u. s. w. stehen der modernen Technik gegenwärtig zur Verfügung, um jene Sicherheit in der Ausführung der Produktion zu erreichen 1 2 . Auch hierbei vollzieht sich vielfach ein Prozefs, den man eine Objektivierung der Ausführung nennen könnte und der viel zur Sicherung des ganzen Verfahrens beiträgt: alle Empirie ist zur Beurteilung bestimmter Aggregat-, Wärme- etc. Zustände, zur Messung und Wägung auf die menschlichen Organe und unvollkommene Apparate und Instrumente angewiesen. Gefühl und Geschmack spielen eine grofse Rolle: der Brauer untersucht das Brauwasser durch Kosten mit der Zunge, der Färber, der Gerber prüfen die Flüssigkeit mit Auge und Hand. Das rationelle Verfahren stellt dieser subjektiv zufälligen die objektiv exakte Ermittelung der Schwere, Länge, Wärme, Dicke etc. durch wissenschaftlich genau konstruierte Mefs- und Wiegeapparate gegenüber. Und in dem Mafse wie die Mefstechnik sich vervollkommnet, wächst die Sicherheit des technischen Verfahrens, das sich jener Mefstechnik bedient. Aber nicht nur sicherer wird das einzelne rationale Verfahren 1 „Auch die Luft im Brauhause wird gegenwärtig nicht nur auf ihren Staubgehalt, ihre Feuchtigkeit (wegen des Mälzens), sondern auch auf ihren Gehalt an Schimmel-, Sprofs- und Stähchenpilzen geprüft, wobei man sorgfältig alle Wege erforscht, auf welchen Temperaturänderungen, Staub, Feuchtigkeit, Pilze etc. in die Werksräume und Keller gelangen.“ Em. Herrmann, Technische Fragen (1891) S. 297/98. 2 Em. Herrmann, Technische Fragen (1891) S. 297. Sombart, Der moderne Kapitalismus. IX. ö (3G Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. in seinem Verlauf: die Basis für das gesamte technische Können wird in einer ungeahnten Weise durch die Anwendung der Wissenschaft verbreitert. Und das geht so zu: Dieweil die Technologie den Produktionsprozefs gleichsam losgelöst von dem ausführenden Organe, dem Menschen, betrachtet, vermag sie ihn derart in seine Elemente aufzulösen, dafs nicht die Rücksicht auf die schaffende Hand, sondern lediglich auf eine zweckmäfsige Kausalfolge der einzelnen Vorgänge dabei den Ausschlag giebt. Das arbeitszerlegende Verfahren wird damit erst methodisch anwendbar. Und die Wissenschaft sorgt dann weiter dafür, indem sie kunstvolle machinale Vorrichtungen ersinnt, dafs die betreffende Teilverrichtung im Produktionsprozefs, die sich bei der rationalen Auflösung ergeben hat, nun auch exakt ausführbar wird, trotzdem sie gar nicht mehr der natürlichen Bethätigung der menschlichen Organe entspricht. An die Stelle der durch die lebendige Persönlichkeit notwendig gebundenen organischen Gliederung der Produktionsprozesse tritt die nur im Hinblick auf den gewollten Erfolg zweckmäfsig mechanisch eingerichtete Gliedbildung. Jetzt begreifen wir auch erst, warum die Entwicklung der Maschinerie in unserem Jahrhundert eine so rapide sein konnte. Sie ist einer eigentümlichen und richtigen Wendung in der Auffassung des Maschinenerfinders zuzuschreiben, welche darin besteht, dafs nicht mehr die Maschine die Handarbeit oder gar die Natur nachzuahmen sucht, sondern bestrebt ist, die Aufgabe mit ihren eigenen, von den natürlichen oft völlig verschiedenen Mitteln zu lösen (Reuleaux) 1 . Was der kluge Ure so ausdrückte 2 * : Das Princip der modernen Fabrik bestehe schlechthin darin: „to substitute niechanical Science for hand skill and the partition of a process into its essential constituents, for the division or graduation of labour among artisans.“ Ist aber einmal erst die Schranke des Gebundenseins an die Naturbeschaffenheit der menschlichen Organe gefallen, so eröffnen sich dem technischen Können unermefsliche Weiten. Und darin 1 Ein schlagendes Beispiel hierfür ist die Erfindung der Nähmaschine, die bekanntlich auf einem der Handnäherei völlig fremden Princip des Nähens aufgebaut ist. Vgl. neuerdings R. Esch er, Erfinden und Erfinder in der „Zeitschrift für Socialwissenschaft“ II. Jahrgang (1899) S. 160 ff. und Reuleaux im zweiten Bande seiner Theoretischen Kinematik (1900), 662 f. 2 Andrew Ure, The Philosopliy of Manufactures; 3. ed. 1861. p. 20. Danach Marx, Kapital I 4 , 451, es sei das Princip der grofsen Industrie, „jeden Produktionsprozefs an und für sich zunächst ohne alle Rücksicht auf die menschliche Hand, in seine konstituierenden Elemente aufzulösen“. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 67 liegt vor allem die epochale Bedeutung, die wir dem Eintritt der Wissenschaft in den Dienst der Technik zuschreiben müssen. Die Produktion wird jetzt eine Synthese beliebiger Stoffe und Kräfte, wie sie für menschliche Zwecke geeignet sich darbieten. Die Neu- erschaffung der Erde nimmt damit ihren Anfang: und dieselbe Wissenschaft, die uns von dem lange innegehabten Herrscherthrone herabgestofsen und in unserer ganzen Nichtigkeit geoffen- bart hat, sie hat uns gleichzeitig die Wege gewiesen, wie wir von neuem die Welt (freilich immer nur die Welt des äufseren Scheines!) erobern, wie wir die eingebildete und verlorene Herrenschaft verschmerzen können dadurch, dafs wir uns eine wirkliche Herrschaft neu erringen. Es erscheint nicht als eine Entweihung, wenn wir auf die grundstürzenden Erfolge der technischen Wissenschaften in unserem Jahrhundert die freilich andersgemeinten, herrlichen Worte Hegels beziehen: „Das zuerst verborgene und verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft, die dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte; es mufs sich vor ihm aufthun, und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genüsse geben.“ Was der Dichter ahnend voraussah, eines wenigstens ist davon jetzt „an des Jahrhunderts Neige“ Wahrheit geworden: Du bist, o Mensch, „Herr der Natur, die deine Fesseln liebet, die deine Kraft in tausend Kämpfen übet, und prangend unter dir aus des Verwilderung •stieg!“ Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. „Früher war man dreihundert Jahre lang ein Schlofsherr oder ein Leineweher; jetzt kann jeder Leineweher eines Tages Schlofsherr sein.“ (Theodor Fontane.) Wir werden uns die Eigenart des Verlaufs moderner Wirtschaft, die ich hier nur in ihren Grundzügen darzustellen unternehme 1 , am besten klar machen, wenn wir unser Augenmerk auf die aller kapitalistischen Wirtschaft offenbar innewohnende Tendenz zur Entfaltung von Widersprüchen, von Konflikten lenken. Widersprüche meine ich, in diesem Sinne Antinomien, — NB. methodisch ganz harmloser Natur, ohne allen „dialektischen“ Tiefsinn gedacht — zwischen der Zwecksetzung der kapitalistischen Wirtschaftssubjekte und den Erfolgen ihrer auf die Erfüllung jener Zwecke gerichteten Thätigkeit. Diese Erfolge nämlich stellen in entscheidenden Fällen das Gegenteil dessen dar, was man erreichen wollte: vom Standpunkte kapitalistischer Wertung aus betrachtet wirkt also hier die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Das gilt gleich von der elementarsten Thatsache kapitalistischer Wirtschaftsführung. Wir wissen, dafs diese auf Erzielung möglichst hohen Gewinns durch möglichst niedrigen Einkauf und möglichst vorteilhaften Verkauf von Werten gerichtet ist. Nun bringt es aber alsobald die Konkurrenz mit sich, dafs eine Gegentendenz sich 1 Es handelt sich hier nur darum, diese Tendenzen kapitalistischer Wirtschaft soweit zu charakterisieren, als sie für die Lösung des in diesem Bande gestellten Problems unerläfslich sind. Ihre gründliche Erörterung mufs den späteren Bänden dieses Werkes Vorbehalten werden. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. QC) jenem Streben entgegenstellt: um den Mitbewerber zu Uberbieten, müssen die Preise beim Aufkauf möglichst hoch, um ihn zu unterbieten, beim Verkauf möchlichst niedrig bemessen werden. Es entsteht somit das Problem, trotz wachsend unvorteilhafter Preisgestaltung Gewinn zu erzielen. Der Versuch einer Lösung dieses Problems treibt in einen neuen Konflikt hinein, schafft, wenn wir wollen, abermals eine Antinomie. Offenbar mufs jetzt alles Sinnen und Trachten des kapitalistischen Unternehmers (den wir uns in Zukunft in dubio immer als Produzenten gewerblicher Erzeugnisse denken wollen) auf bestmögliche Anpassung an den Bedarf gerichtet sein: d. h. auf Verbilligung und Verbesserung der angebotenen Waren. In dieser Nötigung aber findet das mächtige Streben unserer Unternehmer, auf unausgesetzte Vervollkommnung der Verfahrungsweisen, auf Steigerung der Produktivkräfte zu sinnen, seine Erklärung. Nun kennt man den Erfolg dieses Strebens: die unerhörte Steigerung des Produktionserfolges, somit die Vermehrung des feilgebotenen Warenquantums, somit die Tendenz zur Uberfüllung der Märkte, somit eine notorische Verschlechterung der Absatzbedingungen, auf deren Verbesserung man ausgegangen war. Eine Hauptstärke der kapitalistischen Unternehmung, in der ihre Eigenart am deutlichsten hervortritt, ist, wie wir ebenfalls wissen, ihre ausgeprägt kalkulatorische Schärfe: genaue Preisberechnung ist die Basis ihres Wirkens. Wiederum ergiebt sich, dafs dieses Bemühen zu Konsequenzen führt, die das Gegenteil dessen darstellen, was in der Absicht des Wirtschaftssubjektes lag. Dem extremen subjektiven Rationalismus entspricht die absolute objektive Irrationalität der Preisbildung, die durch die Auf- und Abwärtsbewegung der Konjunktur, sowie durch den unausgesetzten Wechsel der Preishöhe jeder Übersehbarkeit und Vorausbestimmbarkeit verlustig geht. Daher als Gegenpol der Kalkulation notwendig die Spekulation sich herausbildet, die nicht blofs die Schätzung des späteren Bedarfs, sondern auch die Schätzung der späteren Produktionsbedingungen, bezw. der Veränderungen in der Produktion umfafst, welche sich in dem Zeitraum zwischen Produktion und Konsumtion ergeben. Die Unberechenbarkeit der zukünftigen Preisgestaltung und damit das Spekulative der Wirtschaftsführung wächst also in dem Mafse, als die Länge des Zeitraums zunimmt, der zwischen Produktionsanfang und Konsumtion der Güter verstreicht, und gleichzeitig die Veränderungen in den Produktionsbedingungen während jenes Zeitraums häufiger werden. Nun besteht aber die Tendenz, dafs diese 70 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. beiden Fälle sich immer regelmäfsiger einstellen. Und diese Tendenz erwächst abermals mit Notwendigkeit aus Zweckreihen, die auf das Gegenteil des erzielten Erfolges ausgerichtet sind. Die häufige Veränderung der Produktionsbedingungen ist, wie leicht ersichtlich, die unmittelbare Wirkung des wissenschaftlichen Verfahrens im Dienste kapitalistischer Interessen. Erst dieses revolutioniert täglich die Güter-Herstellungs- und Transportmethoden, schafft täglich neue Gtiterqualitäten, die die alten Güterarten verdrängen, und senkt durch neue Erfindungen von heute auf morgen die Produktionskosten einer Ware auf ein noch kurz vorher unerhörtes Niveau. Freilich schafft erst das kapitalistische Interesse die Motive dieser unausgesetzten Revolutionierung, für die das wissenschaftliche Verfahren nur die Mittel liefert. Der Kapitalismus erzeugt also selbst wieder mit Hilfe höchster Rationalisierung der Technik das für ihn schlechthin Irrationelle: die Unberechenbarkeit, die Unstetigkeit und, damit verknüpft, die unausgesetzte Entwertung der produzierten Waren und der Produktionsmittel. Denn in dem Mafse, wie durch neue Verfahrungsweisen die Preise gesenkt werden oder eine neue Anordnung der sachlichen Produktionsfaktoren sich als notwendig erweist, verlieren die unter den früheren Bedingungen hergestellten Produkte oder zur Arbeit bestimmten Produktionsmittel naturgemäfs an Wert. Sofern in einer Sphäre der Güterproduktion eine stetige Tendenz zur Preissenkung vorherrscht (und das trifft für die Mehrzahl der gewerblichen Erzeugnisse zu), kann man dann wohl die Wertverminderung der Vorprodukte eine „gesetzmäfsige“ nennen 1 . Und es bedarf keiner weiteren Begründung, dafs dieses „Gesetz“ eine um so gröfsere Bedeutung für das Wirtschaftsleben gewinnt, je länger die Produktionszeit der Güter währt. Besteht nun in der That eine Tendenz in der Gegenwart, diese zu verlängern, beobachten wir nicht vielmehr eine unausgesetzte und zwar rapid sich vollziehende Abkürzung der Güter-Produktions- und Transportzeiten ? Mit dieser Fragestellung sind wir an die Erörterung eines Problems herangerückt, das zu den interessantesten unserer Wissenschaft gehört. Beobachten wir doch in der Litteratur, die sich mit ihm beschäftigt, das seltsame Phänomen, dafs zwei der schärfsten Denker, die die Nationalökonomie der Gegenwart aufzuweisen hat, sich in diametral entgegengesetztem Sinne zu dem scheinbar so ein- 1 0. Wittelshöfer, Untersuchungen über das Kapital (1890), 49. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 71 fachen Gegenstände geäufsert haben. Während der eine behauptet dafs unser Wirtschaftsleben von der Tendenz beherrscht werde, die wirtschaftlichen Prozesse abzukürzen, verficht der andere die Meinung 1 2 , dafs gerade in einer zunehmenden Verlängerung des Produktionsweges die charakteristische Eigentümlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise beruhe. Es kann nun für mich keinem Zweifel unterliegen, dafs, was eigentlich bei zwei so hervorragenden Gelehrten selbstverständlich ist, beide recht haben. Sie sehen nur dieselbe Sache von zwei verschiedenen Seiten an, also dafs sie jedem von ihnen in völlig anderer Gestalt erscheint. In der hier bevorzugten Betrachtung handelt es sich aber im Grunde um gar nichts anderes als um eine, ich möchte hinzufügen die bemerkenswerteste, jener Antinomien, die aus der Entfaltung der kapitalistischen Triebkräfte sich ergeben. Was zunächst wohl nicht bestritten werden kann, ist dieses, dafs der Wunsch nach Abkürzung der Produktionsprozesse aus dem Gewinnstreben jedes kapitalistischen Unternehmers mit Notwendigkeit erzeugt wird. Und nicht nur der Produktionsprozesse im einzelnen, sondern des gesamten wirtschaftlichen Prozesses schlechthin. Ja, es dürfte die Behauptung kaum auf Widerspruch stofsen, dafs in dieser (subjektiven) Tendenz zur Abkürzung der Produktions- und Cirkulationszeit der Waren — sobald wir deren Lebenslauf von dem Zeitpunkt an in Betracht ziehen, da sie in die Verfügungsgewalt eines Wirtschaftssubjektes eintreten — mit anderen Worten in dem Bestreben jedes Händlers, seine Waren möglichst rasch zu verkaufen, jedes Produzenten, seine Güter in einer möglichst kurzen Frist herzustellen, das moderne Wirtschaftsleben den prägnantesten Ausdruck seiner Eigenart findet. Wie sollte es denn auch anders sein, da doch dieses Bestreben in dem centralsten kapitalistischen Interesse seine Begründung findet, in dem Interesse nämlich an raschem Kapitalumschlag. Bei gegebenem Gesamtkapital und gegebenen Produktionsbedingungen entscheidet die Häufigkeit des Kapitalumschlags über die Höhe der Produktionskosten und des Profits: je häufiger der Kapitalumschlag, desto niedriger können jene bei gleichen Profitraten gestellt werden, desto leichter ist eine Unterbietung im Konkurrenzkämpfe also möglich, während umgekehrt bei gegebenen 1 Lexis in Schmollers Jahrbuch XIX, 332 ff. 2 E. von Böhm-Bawerk-, Positive Theorie des Kapitals (1889) und ausführlicher und polemisch gegen Lexis in der Schrift: Einige strittige Fragen der Kapitalstheorie (1900), 8 ff. 72 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Produktionskosten die Höhe der Profitrate bestimmt wird durch die Häufigkeit des Kapitalumschlags. Dieses Verhältnis des Kapitalumschlags zu Produktionskosten und Profitrate macht es verständlich, weshalb die moderne kapitalistische Entwicklung gerade in der Beschleunigung des Kapitalumschlags die gelungenste Lösung des Konfliktes gefunden hat, der aus der an den Anfang dieses Kapitels gestellten Antinomie für das einzelne Wirtschaftssubjekt folgt. Nun bedeutet aber Beschleunigung des Kapitalumschlags sowohl Abkürzung der Zeitdauer, während welcher sich das Produkt in der Produktionssphäre befindet — der Produktionszeit — als derjenigen Zeitdauer, während deren es sich in der Cirkulationssphäre aufhält — der Umlaufszeit. Für das Handelskapital kommt es ersichtlich nur auf eine Abkürzung der letzteren, für das Produktionskapital auf die Abkürzung beider Zeiträume an. Für das umlaufende Kapital ist es ohne weiteres klar, dafs die Abkürzung der Produktions- + Umlaufszeit bezw. nur der letzteren, die das einzelne Produkt zu durchlaufen hat, den Rückstrom des Kapitals beschleunigt. Es gilt der Satz aber ebenso auch für das fixe Kapital. Der Rückstrom dieses Kapitalteils an seinen Ausgangspunkt wird dadurch eigenartig gestaltet, dafs der Wert der Produktionsmittel, in denen er investiert ist, nur in längeren Perioden stückweise in den Produktenwert übergeht und somit ebenfalls auch nur stückweise in längeren Perioden sich für den kapitalistischen Unternehmer reproduziert. Dessen Interesse ist es nun selbstverständlich, dafs auch das fixe Kapital — seinen Umfang einmal als gegeben angenommen — möglichst rasch umschlage, das heifst: sein Wert möglichst bald In der Geldform zu dem kapitalistischen Unternehmer zurückkehre: die Amortisations- oder Abschreibeperioden thunlichst abgekürzt werden. Dieses Ziel ist nun aber offenbar — bei sonst gleichen Bedingungen — um so eher zu erreichen, je gröfser die Menge der mit einem gegebenen Betrage fixen Kapitals in einer bestimmten Periode hergestellten Güter ist. Diese aber hängt abermals — die (meist unveränderlichen) übrigen Produktionsbedingungen als gegeben angenommen — von der Länge der Umschlagszeiten des umlaufenden Kapitales oder, was dasselbe ist, von der Kürze der Produktions- und Umlaufszeit des einzelnen Produkts ab. Also auch hier mündet das Interesse des kapitalistischen Unternehmers in das Interesse einer Abkürzung der Produktions- und Umlaufszeiten der Güter ein. Um nun eine solche herbeizuführen, erspäht er als wirksamstes Mittel die entsprechende Ausgestaltung der Produktions- und Transporttechnik. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 73 Das vorhergehende Kapitel hat einen Überblick der technischen Evolution in objektiver Betrachtung zu geben versucht. Hier möchte ich zur Vervollständigung des Bildes noch hinzufügen, dafs die Entwicklung der modernen Technik in unmittelbarer Beziehung auf die Interessen des Kapitals und diese in wirksamster Weise auf die Beschleunigung der Produktion und des Transports gerichtete allein richtig zu verstehen sind. Lassen sich die Fortschritte der Technik überhaupt, wie ich es versucht habe, objektiv am besten unter dem Gesichtspunkt einer Entwicklung zur Freiheit gruppieren, so wird man diejenigen Leistungen, die die Technik in kapitalistischer Zeit aufzuweisen hat, ganz gewifs am mühelosesten unter dem Gesichtspunkt der Tempo besc hie uni gung anordnen können. Denn mag es sich um die Vervollkommnung der Maschinerie, um die Einstellung neuer Naturkräfte, um den Verzicht auf den Or- ganisierungsprozefs der Natur handeln: überall ist die Wirkung eine Beschleunigung des Produktions- oder Transporttempos gewesen. Für diese Eigenart der Entwicklung liegen aber, wie wir sehen, die Motive in den kapitalistischen Interessen deutlich zu Tage. Wobei noch dieser Umstand Berücksichtigung verdient, dafs jede Errungenschaft der Technik, auf welchem Gebiete es auch sei, die eine solche Tempobeschleunigung herbeifuhrt, gleichsam aus sich heraus das Bedürfnis gleicher technischer Vollkommenheit in allen anderen Sphären des Wirtschaftslebens erzeugt. Jedermann weifs, mit welcher zwingenden Notwendigkeit beispielsweise die Erfindung des Kraftwebstuhls aus der Erfindung der Spinnmaschine folgte, mit welcher zwingenden Notwendigkeit die Erfindungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts in der Produktionssphäre auf die Erfindung der Eisenbahn und diese wieder auf die Erfindung der elektrischen Telegraphie hindrängte. „Hindrängte“ nicht im Sinne einer etwelchen mystischen „immanenten Teleologie“, sondern in dem Verstände einer handgreiflichen Interessenverknüpfung der kapitalistischen Wirtschaftssubjekte. Aber die vervollkommnete Technik läfst sich für die wirtschaftlichen Bedürfnisse erst verwerten, wenn die ihr adäquaten Organisationen für Gütererzeugung und Verkehr geschaffen sind. So bemerken wir denn, wie deren Ausbildung parallel der technischen Evolution, also gleichfalls auf Tempobeschleunigung gerichtet, sich in der modernen Zeit vollzogen hat: die Allgegenwärtigkeit der Post, von der wir an anderer Stelle noch genaueres erfahren werden, ebenso wie die vermehrte Zahl ihrer Dienstverrichtungen — sechs- oder zehnmaliges Abtragen der Postsachen im Laufe eines 74 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Tages, die Einrichtung von letter boxes —, die stundenweis abgelassenen Eisenbahnzüge, der Minutenverkehr der Strafsenbahnen, die regelmäfsigen Dampferverbindungen, die sechsmal täglich erscheinende Zeitung sind Beispiele entsprechender Verkehrsorganisationen. Die Umgestaltung der Grofshandelsformen (auf die Re- volutionierung des Detailhandels gehe ich später genauer ein), wie wir sie in unserer Zeit beobachten, lassen sich aus gleichen Tendenzen erklären: Übergang vom Loco- zum Lieferungshandel, Ausbildung des Blankoverkaufs, Ersatz des individuellen durch das generelle Lieferungsgeschäft, Entwicklung des Terminhandels: alle diese Neuerungen, durch die Kauf- und Verkauftermin angenähert werden sollen, laufen in ihrer Wirkung auf denselben Effekt, wie die Vervollkommnung der Börsenorganisation: eine Beschleunigung des Handels, also eine Abkürzung der Umlaufszeit der Waren, somit aber auch der Umschlagszeit des Handelskapitals hinaus. Hierher dürfen wir aber wohl auch viele neue Formen des Kreditverkehrs rechnen. Freilich der Kredit als solcher bewirkt eher das Gegenteil: eine Verlängerung der Umschlagsperioden. Aber in dem Mafse, wie er sich zu einem wohlgefügten Systeme ausbildet, entwickelt er Formen, die sehr wohl ebenfalls eine Tempobeschleunigung des Waren- (bezw. Geld-) Umlaufs zur Folge haben. Ich denke natürlich in erster Reihe an die grofsartige Entwicklung, die das Diskonto- und Lombardgeschäft in unserer Zeit erfahren haben L In der Produktionssphäre aber gilt es, eine solche Betriebsorganisation zu schaffen, dafs die rascheste Verarbeitung der Rohstoffe gewährleistet wird. Das kann unter bestimmten Umständen die hausindustrielle Betriebsform sein (Saisonarbeit!), unter anderen Verhältnissen der vollkommenste Fabrikbetrieb (Maschinensystem!). Immer aber ist dabei das Hauptaugenmerk auf eine zweckentsprechende Gestaltung des Arbeitsvertrages zu richten: vor allem gehört hierher die Entwicklung des Stücklohnsystems, das in eminentem Mafse 1 Beim alten Büsch lesen wir noch: „Es ist noch nicht gar lange, da ein Kaufmann es als seinem Kredit schädlich ansah, wenn er einen Wechsel diskontieren liefs.“ Nun habe sich die Sitte zwar eingebürgert, weil die Handlung überall so lebhaft geworden sei, „dafs auch der solide Kaufmann (!) für jeden Tag es als Verlust ansieht, wenn sein Geld müfsig steht“. Immerhin aber: „der Kaufmann läfst es nicht gern zu jedermanns Wissenschaft kommen, dafs er seine Wechsel zum Diskont weggegeben habe“. Joli. Georg Büschs Sämtliche Schriften über die Handlung 1 (1824), 79. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 75 den Anforderungen der Tempobeschleunigung im Produktionsprozesse gerecht wird. Ein Blick in die Praxis genügt, um zu erkennen, dafs alle die genannten Mittel zur Tempobeschleunigung des Wirtschaftslebens aber auch thatsächlich ihren Zweck erreicht haben. Auf jedem Gebiete der gewerblichen Güterproduktion sind die Produktionszeiten während des letzten Jahrhunderts ganz wesentlich abgekürzt. Bekannte Beispiele dafür liefern die Eisen- und Lederindustrie: die Verarbeitung des Roheisens zu Schweifseisen bezw. Stahl dauert beim Herdfrischen etwa 3 Wochen, „ Puddeln ., 2 1/ 2 Tag, „ Bessemerprozefs ,, 20 Minuten. Die Zubereitung der Häute zu Leder beansprucht bei der Grubengerberei alten Stils 1 — IVa Jahre, „ „ neueren Bottichgerberei 4—6 Wochen, ., „ elektrischen Gerberei 4 Tage. Das mögen Fälle extremer Verkürzung der Produktionszeit sein. Dafs sie aber nicht etwa vereinzelt sind, weifs jeder, der die Fortschritte der modernen Industrie verfolgt. Neuerdings hat nun die allgemein beobachtete Thatsache auch eine umfassende, exakte, ziffermäfsige Bestätigung erfahren durch die grofsartige Enquete des Arbeitsamts der Vereinigten Staaten über Hand- und Maschinenarbeit 1 . Hier ist in nicht weniger als 672 Fällen genau festgestellt worden, welche Zeitdauer die Herstellung eines gegebenen Pro- duktenquantums vor, bezw. nach Einführung der Maschinentechnik (auf die besonders gerücksichtigt ist) beansprucht hat, bezw. beansprucht. Das Ergebnis ist das erwartete: überall hat eine beträchtliche Abkürzung der Produktionszeit stattgefunden, in einzelnen Fällen auf den hundertsten, ja den tausendsten Teil der früheren Zeitdauer. Eine vollständige Mitteilung der Ergebnisse im einzelnen ist aus naheliegenden Gründen ausgeschlossen: füllt doch allein die summarische Mitteilung der Ergebnisse jener Untersuchung 55 Seiten (a. a. O. Vol. I. S. 24—79). Die Anführung einzelner Beispiele hat aber keinen Sinn. So mufs der Interessent auf das Selbststudium jener höchst eigenartigen und wertvollen Publikation verwiesen werden. Noch augenfälliger hat sich die Entwicklung auf dem Gebiete des Transports vollzogen. Man rechnet im allgemeinen, dafs 1 Thirteenth Animal Report of the Commissioner of Labour. 1898. Hand and Machine Labour. Vol. I. Introduction and Analysis. 1899. Vol. II. General Table. 1899. 76 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. durch Georg Stephensons Lokomotive die vorher erreichte Maximal-Fahrgeschwindigkeit um das 5 fache stieg, durch Roberts verbesserte Maschine nochmals verdoppelt wurde. Das sind jedoch nur Annäherungs- und Durchschnittswerte. Korrektere Vorstellungen von der Steigerung der Geschwindigkeit, die durch die Einführung der Eisenbahnen erzielt worden ist, gewinnen -wir, wenn wir bestimmte Angaben mit einander vergleichen. So dauerte die Stückgutbeförderung von Magdeburg bis Hamburg 1 : 1590 = 6 Tage, 1690 = 3—4 „ 1890 — 9 Stunden (Postzug). Von Friedrichshafen am Bodensee lieferte man kurz vor Einführung der Eisenbahnen — im Jahre 1841 — unter besonders günstigen Bedingungen „Eilgut“ nach Mannheim und Mainz in 6 Tagen, nach Hamburg in 16 Tagen, nach Leipzig in 10 Tagen, nach Mailand in 10 Tagen, nach Genua in 15 Tagen, nach Livorno in 24 Tagen 2 . Vor Eröffnung der Eisenbahnen betrug auf dem Wasserwege zwischen Berlin und Hamburg die Lieferungszeit 10 Tage bis 3—4 Wochen, heute im Höchstfälle 4 Tage, wird aber in der Regel nicht voll beansprucht 3 . Die französische Diligence fuhr 1839 8 —10 Kilometer, der Schnellzug fährt heute 65 Kilometer pro Stunde. Die Schnellpost Halle-Frankfurt a. M. brauchte in den letzten Jahren vor Eröffnung der Eisenbahnen für die 343 Kilometer lange Strecke 35 Stunden einschliefslich aller Aufenthalte 4 5 , der D-Zug legt dieselbe Entfernung (1901) in 6 V 2 Stunde zurück. Die Reise von Berlin nach Paris beauspruchte über Frankfurt a. M. in der letzten Postzeit schnellstens 88 3 /4 Stunden, über Köln — mit Benutzung von Eisenbahnteilstrecken, aber schlechtem Anschlüsse — 100 Stunden 6 , heute (über Strafsburg) 17 Stunden 13 Minuten. 1 Nach F. C. Huber, Die geschichtliche Entwicklung des modernen Verkehrs. 1893. S. 222. Uber die Postsendungs- und Beförderungsdauer in den Anfängen der modernen Post unterrichtet durch Beibringung eines reichen Thatsaclienmaterials jetzt A. Schulte 1, 386 f., 507. Über die Länge der Kurrierreisen und die Wechseltermine im 14. und 15. Jahrhundert Pegolotti und Uzzano bei Pagnini 3, 198 f.; 4, 100 f. 2 Huber, S. 122. 3 Berlin und seine Eisenbahnen etc. 2, 142. * Berlin und seine Eisenbahnen etc. 2, 5. 5 Berlin und seine Eisenbahnen etc. 2, 6. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 77 Die raschesten Diligencen gab es in England; sie fuhren 15 bis 16 Kilometer 1 . Die Seefahrten haben sich in folgender Weise verkürzt. Es brauchten zur Reise von Europa nach Amerika: Chr. Columbus (Bahama-Inseln) .... 70 Tage, Franklin (von New-York). 42 n die „Savannah“ (1. Dampfschiff 1819) 2 . . 26 n „Kaiser Wilhelm der Grofse“ (Nordd. Lloyd. 1897) . 5 „ 15 Stunden, „Deutschland“ (Hamb.-Amerik.- Paketfahrt- A.-G. 1900). 5 » • Über die Dauer anderer SchifFsreisen in früherer Zeit haben wir schon im dreizehnten Kapitel des ersten Bandes Kenntnis erhalten. Vasco de Gama legte den Weg von Lissabon nach Calicut in 314 Tagen zurück. Aber im ganzen 16. Jahrhundert dauerte die Hin- und Herreise zwischen Portugal und Ostindien noch regelmäfsig 18 Monate 3 . Die Zeit, die die holländischen Schiffe im 17. und 18. Jahrhundert zwischen Europa und Indien zubrachten, betrug selten nur 5 — 6 Monate, meist 7 Monate, zuweilen 10—15 Monate. „Die Fahrten dauerten übermäfsig lange, weil die Schiffer aus Unwissenheit und Nachlässigkeit so oft Umwege machten, die günstigen Winde und Zeitpunkte versäumten und ihre Instruktionen übertraten 4 .“ Der erste Dampfer (im Jahre 1825) war noch 120 Tage zwischen Falmouth und Calcutta unterwegs. Jetzt sind die Fahrzeiten folgende: London—Bombay („Caledonia“ 1898) Hinreise: 12 Tage 10 a /4 Stunden, Rückreise: 12 Tage 2 Stunden; London— Hongkong („Australia“ und „Oriental“) 24 Tage. Die „Himalaya“ fährt die Strecke London—Westaustralien in 23 Tagen 11 Stunden, die „Victoria“ bringt uns von England nach Melbourne in 34 Tagen 20 Stunden. Was Telegraph und Telephon zur Beschleunigung des wirtschaftlichen Gesamtprozesses beigetragen, liegt zu deutlich zu Tage, um besonderer Hervorkehrung zu bedürfen. 1 E. Sax, Die Verkehrsmittel 2 (1879), 6. Vgl. auch E. Engel, Zeitalter des Dampfes. 2. Aufl. 1881. 2 Geistbeck, Weltverkehr. 1889. S. 357. 3 Saalfeld, Gesch. des portugiesischen Kolonialwesens (1810), 139. 4 Saalfeld, Gesch. des holländischen Kolonialwesens in Ostindien (1812), 217. 78 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Es mag jedoch an einigen Beispielen noch verdeutlicht werden, in welcher Weise jene technischen Errungenschaften in Verbindung mit den entsprechenden Organisationsformen nun thatsächlich eine Verkürzung der Umschlagsperioden herbeiführen. Zunächst im überseeischen Importgeschäft. Vor 50 Jahren war jede Nachricht, die aus den U. S. A. nach Europa gelangte, mindestens 1 Monat alt; ebenso lange dauerte es, um einen Auftrag nach drüben gelangen zu lassen. Dann kam der Transport der gekauften Ware von langer und unbestimmter Dauer. Erst nach ihrer Ankunft konnte der Importeur über sie disponieren und auf einen Käufer hoffen. Erst wenn dieser gefunden war und bezahlt hatte, hatte der Kaufmann sein Kapital von neuem disponibel. Heute findet der Hamburger oder Bremer Importeur morgens, wenn er aufs Komtor kommt, Depeschen aus New-Yorlc oder Bombay vor, worin Anstellungen von Petroleum, Schmalz, Baumwolle etc. für einen ganz bestimmten Preis gemacht werden. Der Kaufmann kalkuliert den acceptablen Verkaufspreis; sucht für diesen Käufer, findet sie vielleicht schon an der Börse, acceptiert noch von der Börse aus telegraphisch die Offerte des New-Yorker oder Bombayer Hauses und betrachtet damit im wesentlichen das G-eschäft als erledigt 1 . Besonders deutlich ist die Beschleunigung der Handelsgeschäfte und damit des Kapitalumschlages in der Entwicklung des amerikanischen Getreide handeis zu verfolgen 2 . Sobald der städtische Elevatorbesitzer in New-Yorlc abends die telegraphische Übersicht von den Tageseinkäufen der Landelevatoren erhält, telegraphiert er seine Verkaufsofferten mit kurzer Annahmefrist in alle Richtungen der Welt hinaus. In der Nacht kommt die Antwort zurück. Moi-gens findet der Elevatorbesitzer die Antwort vor, welche den Verkauf von so und so viel Busheis Getreide meldet. Dieser Verkauf wird stets unter Cif-Bedingungen abgeschlossen. Die Verschiffung selbst wird baldigst zu den ersten annehmbaren Bedingungen angenommen, so dafs bisweilen das bereits vor Ankunft in der Stadt wieder verkaufte Getreide nur zum Zweck der Gradierung und genauen Wägung den Elevator passiert. Zugleich mit der Verschiffung und gleichzeitigen Konnossementsausstellung wird in der Höhe des Kaufpreises auf den Käufer ein Wechsel gezogen 1 Vgl. Th. Barth, Wandlungen im Welthandel. 1882. S. 8. 10. 2 Vgl. H. Schuhmacher, Der Getreidehandel in den Ver. St. von Amerika etc. Jahrbücher für N.Ö. III. P. Bd. X. S. 825. Für die ältere Form des Getreidehandels im 19. Jahrhundert vgl. C. J. Fuchs, Der englische Getreidehandel und seine Organisation; a. a. 0. N. F. Bd. XX. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 79 und ohne Schwierigkeit mit 90—95 °/o sogleich honoriert und beim lokalen Bankier diskontiert: womit der Kreislauf des betreffenden, in der Getreidelieferung engagierten Kapitalteils vollendet, sein Umschlag vielleicht binnen 2—3 Tagen vollzogen ist. Wie aber Verkehrs- und Produktionstechnik, Handels- und Betriebsorganisation in einander greifen und zur Abkürzung des Kapitalumschlags beitragen, dafür bietet ein Schulbeispiel die Baumwollspinnerei dar. An ihr hat bekanntlich Karl Marx im zweiten Bande des Kapitals seine geniale Theorie der Kapital - cirkulation vornehmlich illustriert. Und es ist nun reizvoll, zu beobachten, wie sich seit der Abfassung jenes zweiten Bandes, also seit etwa einem Menschenalter die Bedingungen des Kapitalumschlags von Grund aus geändert haben. Marx rechnet noch mit 6—Swöchent- lichen Baumwolltransporten, ebenso langen Remittierungszeiten, mit eigengehandelten Rohstoffen, grofsen Lagern, wochenlangen Produktionszeiten u. s. w. und gelangt auf diese Weise zu aufser- ordentlich langen Umschlagsperioden, die heute völlig antiquiert sind. Heute ist das Princip dieses: der englische Spinner kauft den Rohstoff in kleineren Quantitäten von 8 zu 8 Tagen in Liverpool gegen bar oder kurzes Ziel. Also so gut wie gar keine Baumwolle wird auf Lager gehalten. Die gekaufte Baumwolle verweilt in der Fabrik nur wenige Tage. Zwei bis dreimal wöchentlich verkauft er das Garn an der Börse von Manchester, deren Organisation selbst ihm erst die Möglichkeit seiner kurzfristigen Produktion verschafft k Augenfällig ist nun die Thatsache, dafs sich die Länge des Lebenslaufs einer Ware in ihrem naturalen Zustande keineswegs notwendig deckt mit der Länge der Umschlagsperioden der Einzelkapitalien. Letztere können somit auch eine Abkürzung erfahren, ohne dafs jener in seiner Dauer alteriert wird, wie auch unsere Beispiele schon es ersichtlich machen. Beim reinen Differenzgeschäft beobachten wir sogar eine völlige Loslösung des Kapitalumschlags von dem Schicksale der Ware selbst. Aber als Regel darf doch gelten, dafs auch die Abkürzung der (objektiven) Cirku- lationszeit, sowie der Produktionszeit der Ware aus dem Streben nach Beschleunigung des Kapitalumschlages sich ergiebt, somit also eine Tempobeschleunigung des wirtschaftlichen Prozesses auch in naturaler Betrachtungsweise (d. h. ohne Rücksichtnahme auf die dabei entstehenden Rechtsverhältnisse) die Folge ist. Kann diese Thatsache jemand leugnen? Kaum. Sicherlich 1 Vgl. G. von Schulze-Gaevernitz, Der Grofsbetrieb (1892), 101 ff. 80 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. aber nicht Böhm-Bawerk. Und doch bleibt dieser nach wie vor bei seiner Behauptung stehen: es werde das Wirtschaftsleben (insonderheit das der Gegenwart) von der Tendenz zur Verlängerung des Produktionsweges beherrscht. Und hat er damit etwa nicht recht? Ist es nicht der längere Weg, den die maschinelle Herstellung von Leinengarn zurücklegt, als der, auf dem die spinnende Bäuerin zum Ziel gelangt: beide Mal angenommen, dafs die Produktion der Ware selbst samt derjenigen ihrer Produktionsmittel gerade jetzt im Augenblicke anfange. Gilt nicht dasselbe für jede Produktion auf hoher technischer Basis unter Anwendung grofser Maschinensysteme in mächtigen Fabrikgebäuden, wo ein gewaltiger Apparat von Produktionsmitteln in Bewegung gesetzt wird, im Vergleich zu der technisch weniger vollendeten Herstellungsweise? Selbst wenn man zögern möchte, eine Allgemeinheit dieser Tendenz anzuerkennen: so viel ist doch sicher, dafs in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sich ihre Wirksamkeit beobachten läfst. Wir können als Regel annehmen, dafs die vollkommenere Verfahrungs- weise einer mächtigen Zusammenfassung produktiver Kräfte, genauer: einer stärkeren Verwendung von Produktionsmitteln bedarf als die weniger vollkommene. Da diese aber — die Produktion als Ganzes genommen — vor Beginn des eigentlichen Produktionsprozesses immer erst herzustellen sind, so dauert es natürlich allemal länger, ehe die erste Menge Produkt mittelst des vollkommeneren Vei’fahrens gewonnen wird. Im praktischen Wirtschaftsleben tritt nun freilich dieser Sachverhalt niemals unmittelbar als solcher in die Erscheinung: braucht ja doch kaum eine längere Spanne Zeit zu vergehen, bis der Fabrikant seine Schuhfabrik, als bis der Schuster seine Werkstatt eingerichtet hat. Beide kaufen alles, was sie zur Produktion bedürfen, fertig auf dem Markte. Und wenn sie nun ihre Thätigkeit beide an demselben Tage beginnen, so haben am Abend dieses Tages in der grofsen Fabrik hundert Arbeiter 100 Paar Schuhe lix und fertig gestellt, während auf dem Arbeitstisch des Schusters ein Paar in halbfertigem Zustande liegt. Gleichwohl macht sich auch in der Praxis jene Verlängerungstendenz (wie wir der Einfachheit halber fürderhin sagen wollen), wenn auch auf Umwegen, bemerkbar. Und zwar darin, dafs sie auf eine Verlängerung der Umschlagsp eri oden des Kapitals hinwirkt. Jeder Ersatz der Handarbeit durch Maschinenarbeit bedeutet eine Vermehrung des fixen Kapitals im Verhältnis zum Gesamtkapital, retardiert also den Rückstrom des Kapitals zu Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 81 seinem Besitzer, dieweil ja die Wesenheit des fixen Kapitals darin beruht, dafs es seinen Wert in einer längeren Produktionszeit als das umlaufende dem Produkte zusetzt, also auch reproduziert. Werden aber gröfsere Betriebsstätten, stärkere Maschinen, schnellere Schiffe gebaut, so bedeutet auch dieses wiederum leicht eine Verlängerung der Umschlagsperioden des Kapitals, wenn nämlich die neuen Produktionsmittel so viel mächtiger in ihren Ausmafsen sind, dafs sie auch eine längere Amortisationsperiode erheischen. Und nun wird es auch ersichtlich, weshalb ich den Streit Lexis-Böhm unter dem Gesichtspunkt der Antinomie zu betrachten den Leser aufforderte. Die Beschleunigung des wirtschaftlichen Prozesses leiteten wir aus dem Bedürfnis des Kapitals nach Abkürzung seiner Umschlagsperioden ab. Die Wegverlängerungstendenz dagegen lösten wir auf in eine Tendenz gerade zur Verlängerung der Umschlagsperioden. Beide Tendenzen also wirken einander entgegen. Aber was das Entscheidende ist: ihr Gegeneinanderwirken ist ein notwendiges, ein „gesetzliches“ deshalb, weil die eine die andere aus sich erzeugt. In dem Sinnen auf Beschleunigung des Umschlags seines Kapitals wird, wie wir feststellen konnten, der Unternehmer darauf geführt, den technischen Prozefs der Gütererzeugung und des Gütertransports vor allem abzukürzen. Nun ergiebt sich aber, dafs diese Abkürzung den Ersatz des umlaufenden durch fixes Kapital (Übergang zur Maschinenarbeit u. dgl.) den Ersatz von Produktionsmitteln mit kurzen Reproduktionsperioden durch solche mit langen Reproduktionsperioden meist erforderlich macht (Eisen oder Stahl statt Holz, massive statt Fachwerksgebäude u. dgl.). Denn nur die solcherart verstärkten Produktionsmittel vermögen die Verfahrungsweisen zu tragen, aus deren Anwendung die Beschleunigung des technischen Prozesses folgen soll. Das Streben des Unternehmers nach Abkürzung erzeugt also zunächst die Tendenz zur Verlängerung der Umschlagsperioden seines Kapitals. Ist nun aber einmal die Betriebsanlage auf der verbreiterten Basis ins Leben gerufen, so wird nun alles Bemühen des Unternehmers auf höchstmögliche Schnelligkeit des Prozesses gerichtet sein, um das in der Anlage investierte Kapital möglichst rasch zu reproduzieren, bezw. zu amortisieren. So erzeugt die Verlängerungstendenz wiederum die Abkürzungstendenz und so fort in dulce infinitum. Und es gewinnt fast den Anschein, als ob diese unausgesetzte, erzwungene Entwicklung dieser beiden Gegentendenzen die Bewbgungsformel sei, in der sich das moderne Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 6 82 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. kapitalistische Wirtschaftsleben abspielen müsse. Jedenfalls ist ihre Wirksamkeit für die Ausbildung des Gesamtcharakters unserer Wirtschaftsepoche von geradezu entscheidender Bedeutuug. Denn machen wir uns klar, dafs in der Wirksamkeit jener beiden Tendenzen die Entfaltung einer Erscheinung eingeschlossen ist, die wir getrost als das Centralphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung schlechthin bezeichnen können. Ich meine natürlich das zunehmende Überwiegen der sachlichen über die persönlichen Produktionsfaktoren im wirtschaftlichen Prozefs; die sich immer mehr ausdehnende Herrschaft der vorgethanen über die lebendige Arbeit, der Vergangenheit über die Gegenwart. Denn darauf läuft doch am letzten Ende die immer wiederkehrende Ersetzung des umlaufenden durch das fixe Kapital ebenso wie die Verdichtung des letzteren hinaus, dafs die einzelne Arbeitskraft mit einem immer gröfseren Apparat von Produktionsmitteln ausgestattet wird, um einen Zuwachs an Leistungsfähigkeit zu erfahren. In kapitalistischer Betrachtung bedeutet diese Wandlung aber nichts anderes als eine Verschiebung des Verhältnisses zwischen Real- und Personalkapital zu Gunsten des ersten, was bekanntlich Marx schon in ausführlicher Darstellung entwickelt hat (c wächst rascher als v). Für die Beziehungen zwischen kapitalistischen und vorkapitalistischen Wirtschaftsformen aber birgt diese Tendenz noch den tieferen Sinn, dafs, weil die erfolgreiche Wirtschaftsführung im wachsenden Mafse der Zuhilfenahme sachlicher Produktionsfaktoren bedarf, solche aber in der Mehrzahl der Fälle nur kollektiven Arbeitern — also auf beträchtlich erweiterter Stufenleiter — möglich ist, die Verfügung über ein entsprechendes Sachvermögen immer mehr zur Bedingung selbständiger Produktion wird. Wollte man ein allgemeines Gesetz für das Zurückweichen des Handwerks vor der kapitalistischen Produktionsweise aufstellen, so könnte es kein anderes sein als dieses: dafs in dem Mafse, wie im wirtschaftlichen Prozefs die lebendige Arbeit im Verhältnis zu den sachlichen Produktionsfaktoren an Bedeutung verliert, das auf dem Grunde persönlicher Arbeitsleistung aufgebaute Handwerk der auf der Vorherrschaft der Produktionsmittel basierten kapitalistischen Organisation weichen mufs. Ein solches „Gesetz“ ist nun aber in dieser Allgemeinheit ein blutleeres Schemen. Es wäre deshalb eine armselige Theorie der gewei'blichen Entwicklung, wollte sie sich mit seiner Formulierung begnügen. Im folgenden wird erst die reiche Mannigfaltigkeit der Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 83 kausalen Verknüpfungen, aus denen sich der Umgestaltungsprozefs des modernen Wirtschaftslebens zusammensetzt, vor dem geistigen Auge des Lesers ausgebreitet werden. Nützlich jedoch wird es für uns sein, wenn wir im Verlauf der Darstellung uns der in diesem Kapitel aufgedeckten Grundtendenzen des Wirtschaftslebens immer wieder erinnern und sie gleichsam als Orientierungspunkte in dem bunten Gewirre der Erscheinungen uns dienen lassen. Ihre rechte Würdigung erfahren nun aber die hier blofsgelegten Principien der wirtschaftlichen Entwicklung erst, wenn wir sie in ihrer Wirkung auf den gesamten Zuschnitt der modernen Kultur, auf den „Stil des Lebens“ verfolgen. Das im einzelnen zu thun, ist wiederum späteren Studien Vorbehalten. Hier soll nur in den Grundzügen jener Zusammenhang skizziert werden, soweit es nötig ist für das Verständnis des Verlaufs , desjenigen Abschnitts gewerblichen Lebens, den wir zunächst verfolgen. Was der moderne Kapitalismus, sei es unmittelbar durch Beeinflussung der mit ihm in Berührung kommenden Personen, sei es durch Vermittlung von Zwischengliedern, die er selbst erst erzeugt und unter denen die Errungenschaften der Technik die vornehmste Stelle einnehmen, an neuen Nuancierungen in das Kulturleben hineinträgt, läfst sich in einigen Schlagworten vielleicht, wie folgt, zusammenfassen. Er wirkt vor allem das, was man eine Überwindung der Materie nennen kann, offensichtlich durch den technischen Fortschritt, für den er die Triebkräfte erzeugt. Seltsamer Weise hat aber, wie jedermann weifs, diese Überwindung der Materie erst einmal zu einem Siege des Materiellen geführt. Es ist oft und mit Recht unserer Zeit vorgehalten worden, dafs sie eine vorwiegend sachliche Kultur — auf Kosten der Persönlichkeit — entwickelt habe. Wir werden nach dem, was wir früher erfahren haben, diese Tendenz der Kulturentwicklung durchaus begreiflich finden, weil wir sie als unmittelbaren Ausflufs der wirtschaftlichen Entwicklung aufzufassen vermögen. Diese, sahen wir, drängt die persönliche Arbeitskraft immer mehr zurück, läfst die vorgethane Arbeit (in den Produktionsmitteln) eine immer entscheidendere Rolle spielen, versachlicht also gleichsam den gesamten wirtschaftlichen Prozefs. Was Wunder, wenn die im Bereiche des Wirtschaftslebens gewonnenen Anschauungen über dessen Grenzen hinaus ihre Herrschaft auszudehnen versuchen und allerorts eine Neigung erzeugen, die sachlichen Kulturfaktoren zu überwerten. Die Reaktionsbewegung, wie sie vor allem an den Namen Friedrich 6 * 84 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Nietzsche sich anknüpft, ist im Grunde doch auch nur eine Bestätigung für die Existenz und Mächtigkeit jener Tendenzen. Auf der andern Seite hat die Überwindung der Materie doch unstreitig einen Zug ins Grofsartige, ins Massige, aber auch ins Mächtige in unsere Zeit hineingetragen. Ich möchte glauben, dafs gerade auch der Schwung eines Friedrich Nietzsche, die „Fahrt“, die sein Geistesleben hatte, nicht denkbar wären ohne die naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Zeit. Zumal wenn wir diese auf die andern Gebiete ihrer Wirksamkeit verfolgen. Da ist es die Überwindung des Raumes, die sich als zweite grofse Leistung uns darstellt. Wie sie die Welt gleichsam ausgeweitet, die Idee der Unendlichkeit erst recht zu einem Besitztum unserer Seele gemacht hat, so hat sie die Raumverhältnisse auf der Erde in unserer Vorstellung verkleinert. Und indem sie die Indifferenz gegenüber den Entfernungen erzeugte, verhalf sie der Gleichgültigkeit gegenüber dem Unterschiede der Örtlichkeiten und ihres Zubehörs zum Leben. Sie hat in eminentem Mafse nivellierend auf Lebensgewohnheiten, Leistungen, Geschmack gewirkt. Man hat geradezu dem Gedanken Ausdruck gegeben: es werde mit Dichtung und Kunst überhaupt bald zu Ende gehen, wenn es nicht gelinge, „die Verkehrsmittel in ihren zersetzenden Folgen“ zu dämmen. In derThat: jede dichterische oder künstlerische Produktion ist heute binnen wenigen Tagen oder Wochen Gemeingut der gesamten „gebildeten Welt“. Das Publikum steht unter unausgesetzter Beeinflussung durch die Leistungen der ganzen Erde, die Künstler selbst kommen vor lauter „Anregungen“ von aufsen her, die ihnen die Eisenbahn in Form von Ausstellungsbildern, oder die Kunstzeitschriften zutragen, oder die sie selbst auf Reisen empfangen, kaum noch zur Sammlung, Vertiefung und Entwicklung ihrer Eigenart 1 . Wiederum sind die Reaktionsströmungen, wie sie unsere Zeit in der Betonung des Wertes einer „Heimatkunst“ erzeugt hat, nur Bestätigungen für das Walten der gekennzeichneten Grundtendenz. Aber noch vielmehr unserer Epoche zu eigen gehört die Überwindung der Zeit. Es scheint mir in der That nicht unberechtigt zu sein, wenn man gerade das letzte Jahrhundert „in erster Linie als Ara der Siege über die Zeit“ bezeichnet hat. „Wir dringen an der Hand der Wissenschaft auf dem Boden 1 Das ist mit Bezug auf den Entwicklungsgang Hans Ungers hübsch dargelegt von Hans W. Singer in der Deutschen Kunst und Dekoration. Januar 1900. S. 179 ff. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 85 der geologischen, paläontologischen, historischen und archäologischen Entdeckungen immer mehr und mehr in das Innere der Vergangenheit ein, wir verwandeln in Zukunft und verewigen die Gegenwart mit Hilfe der Photographie, des Phonographen, der Kinematographie und anderer wunderbarer Entdeckungen, wir sagen die mögliche Zukunft der Welten voraus, vermöge der physikalischen Lehre von den Energien, wir heben auf und modifizieren thatsächlich die Mafse der Zeit, und dadurch des Raumes vermöge der Eisenbahnen, Telegraphen, Telephone — der Raum ist von der Wissenschaft teilweise schon zur Zeit der Renaissance vermöge ihrer Entdeckungen, so auch während der folgenden Jahrhunderte überwunden worden. Die Zeit aber unterwirft und überwältigt der Mensch immer mehr und 'mehr vermöge seiner neuen Entdeckungen und Erfindungen in unserem Jahrhundert 1 .“ Diese objektive Beherrschung der Zeit hat nun aber zu einer völligen Neugestaltung des individuellen Zeitbewufstseins geführt, an der die Einwirkung der kapitalistischen Interessen noch unmittelbarer, handgreiflicher zu Tage tritt. Es ist hier vor allem die gesteigerte Wertung der Zeit hervorzuheben, die sowohl in der fortschreitenden Exaktheit ihrer Messung, als in der wachsenden Bedeutung sich ausdrückt, die wir auch den kleinsten Zeitabschnitten beilegen. Der Sekundenzeiger an den billigsten Taschenuhren, die dem Durcheiler der Grofsstadt auf Schritt und Tritt begegnenden Grofs- und „Normal“uhren 2 * * * * * 8 , die Fünfminutenaudienzen bei Beamten, Ärzten, Rechtsanwälten, die Gesangs- oder Klavier„stunden“ von 15 Minuten bei grofsen Meistern, die Fünftelsekundenmessung beim Fahrradsport, die Exaktheit unseres Bahnverkehrs, die summarischen Verfahren im Gerichtswesen und in der Verwaltung, die Postkarte, der Telegrammstil, das gesamte Bewegungstempo in der Grofsstadt im Vergleich zur Kleinstadt, alle diese Erscheinungen sind der Ausdruck jener gesteigerten Wertung der Zeit. 1 Nicolas von Grot, Der Begriff der Seele und der psychischen Energie in der Psychologie im Archiv für systematische Philosophie. Band IV (1898). S. 262. Sehr viel hübsche Gedanken zu unserem Thema enthält auch der Vortrag von Prof. M. Lazarus über „Zeit und Weile“ (in den „Idealen Fragen“ [1878] S. 159—232), nur fehlt seinen Ausführungen leider — wie so oft bei „Philosophen“ — die Pointe: nämlich der Hinweis auf die historische Relativität der Zeitwertung. 8 In Spanien ist an keinem Bahnhof eine Uhr. „Das Zeitgefühl scheint etwas Fremdes in Spanien.“ R. Mutlier, Studien und Kritiken 1 (1900), 341. 86 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Mit dieser Hand in Hand geht nun aber das wachsende Bedürfnis einer immer zahlreicheren Menschengruppe nach beschleunigter Lebensführung, will sagen: nach einer stärkeren Konzentrierung der Eindrücke sowohl, als der Gefühlsund Willensäufserungen, somit nach einer vermehrten Ausgabe von Energie in einem bestimmten Zeitraum. Dafs diese immer mehr um sich greifende Grundstimmung unserer Epoche unmittelbar aus dem Stile unseres Wirtschaftslebens herauswächst, ergeben unsere früheren Ausführungen. Der ganze wirtschaftliche Prozefs, weil er auf Beschleunigung hindrängt, beruht ja auf nichts anderem, als auf einer stetig zunehmenden Intensivisierung und Kondensierung der wirtschaftlichen Vorgänge im Interesse vermehrten Geldgewinnens. Und diese Vorgänge greifen natürlich zunächst in alle Sphären des socialen Lebens hinüber, in denen auch der Erwerbstrieb rege geworden ist, also dafs immer mehr Menschen aus diesem rein materiellen Grunde ihre Lebens- d. h. Geschäftsführung zu beschleunigen, d. h. zu verdichten sich angelegen sein lassen. Von jenen Centren gesteigerter Lebensintensität geht dann der Anstofs aus, der immer weitere Kreise aus ihrer beschaulichen Ruhe aufstört. Schliefslich wird das gesamte Kulturleben von dem Fieber ergriffen, es beginnt das Hasten und Drängen auf allen Gebieten, das nun recht eigentlich die Signatur der Zeit geworden ist. Häufung der Eindrücke und dadurch bewirkte vermehrte Ausschaltung von Lebensenergie ist unser tiefstes und nachhaltigstes Bedürfnis geworden: Zola und Ibsen vergleiche man mit Walter Scott und Joh. Heinr. Vofs, Liszt und Richard Straufs mit Haydn und Mozart, um zu ermessen, welchen ungeheuren Grad von Intensivisierung und somit Tempobeschleunigung unsere Zeit erreicht hat. Es ist nun aber wohl ein psychologisches Gesetz, dafs die Beschleunigung des Lebenstempos mit Notwendigkeit eine raschere Übersättigung, Überspannung, Übermüdung erzeugt und damit das Bedürfnis — wenn nicht schon nach Ruhe, wie es in allen Dekadenzerscheinungen zu Tage tritt, so doch — nach Abwechslung der Reizungsqualitäten. Es entsteht so jene Freude am Neuen um seiner selbst willen, jene „Neuerungssucht“, die dem Kapital die psychologische Unterlage bietet, um darauf wiederum sein System des unausgesetzten Formwechsels der Gebrauchsgüter aufzubauen, das es, wie wir in anderem Zusammenhänge noch genauer verstehen lernen werden, um seiner Selbsterhaltung willen in der Mode ausgestaltet hat. In dieser löst sich also aus dem Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 87 Centrum der kapitalistischen Interessen abermals eine Tendenz zu fortwährender Neugestaltung unserer Umwelt los, die sich zwar zunächst nur auf die materielle Güterwelt erstreckt, dann aber natürlich auch sehr bald auf die Gebiete der idealen Interessen hinübergreift: unsere Philosophiesysteme, unsere Kunststile und Litteratur- richtungen wechseln jetzt beinahe ebenso häufig wie unsere Kravatten- und Hutmoden. Alles dieses tritt nun aber zurück gegenüber der revolutionären Wirkung, die die kapitalistische Wirtschaft unausgesetzt auf die socialen Schichtungs verhältni sse ausübt. Es ist eine jedermann vertraute Erscheinung, dafs diese täglich in neuer Gestaltung sich unserm Auge darbieten, sei es, weil neue sociale Klassen entstehen, alte verschwinden, sei es, weil die Zusammensetzung jeder socialen Gruppe selbst ebenfalls einem fortwährenden Wandel unterliegt. Das war es, was Theodor Fontane mit gewohnter Prägnanz ausdrückte, als er die Worte schrieb, die diesem Kapitel als Motto vorangestellt sind. Wer ihren Sinn begriffen hat, besitzt dann die Schlüssel des Verständnisses für die innerste Eigenart unserer Zeit und wird nun auch mit geschärftem Auge den Umgestaltungsprozefs auf den einzelnen Gebieten des socialen Lebens verfolgen können, dessen Gesetzmäfsigkeit die folgenden Ausführungen zur Darstellung zu bringen haben. Ich beginne mit der Schilderung der kapitalistischen Revolution auf agrarischem Gebiete, durch die die Grundlagen zertrümmert werden, auf denen die alte vorkapitalistische Gesellschaft ruhte. Exkurs zum vierten Kapitel. Über die Stufenfolge der kapitalistischen Entwicklung. Alle modern-kapitalistische Entwicklung spielt sich in der Weise ab, dafs sich von Centren gewerblichen oder kommerziellen Kapitalismus aus ein Mehrbedarf nach Nahrungsmitteln oder Rohstoffen geltend macht, der steigernd auf die Preise der Agrarprodukte wirkt und den Anstofs zur markt- mäfsigen, intensiven und kapitalistischen Landwirtschaft bietet. Stets ist die Ausbildung gewerblichen Kapitalismus das Prius. Es ist darum nicht richtig, wenn Knapp (Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit, 1891. S. 46) behauptet: „Die Anfänge der kapitalistischen Wirtschaft liegen in der Landwirtschaft.“ Abgesehen davon, dafs man die ostelbische Landwirtschaft mit gutsunterthänigem Arbeitsvolk Bedenken tragen mufs als „kapitalistische“ Unternehmung anzusprechen, so vergifst Knapp, dafs die Anregung zu der marktmäfsigen Produktion ihrerseits erst ausgegangen war von den (aufser- 88 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. deutschen) Ländern mit erstarkendem gewerblichen Kapitalismus, für die mm die deutschen Küstenländer anfingen, Exportgebiete für Agrarprodukte zu werden. — Das gilt auch für die russische Entwicklung, wenn wir sie in weltwirtschaftlichem Rahmen betrachten. Nationalwirtschaftlich kann allerdings in einem Lande die Entstehung einer kapitalistischen Landwirtschaft Anreiz zur Entwicklung des gewerblichen Kapitalismus abgeben, was P. von Struve wohl mit Recht für Rufsland behauptet (Archiv f. soc. Ges.Dbg. VII, 352). Aber im grofsen Ganzen der Entwicklung hat doch der alte Smith recht, wenn er sagt: „it is thus that through the greater part of Europe the commerce and manufactures of cities, instead of being the effect, have been the cause and occasion of the improvement and cultivation of the country.“ B. III. Ch. IY. Daher wir denn auch die frühesten Ansätze kapitalistischer Landwirtschaft im Lauf der modernen Entwicklung in Italien, Belgien und Spanien beobachten. Hier treten ein paar Jahrhunderte früher schon einmal dieselben Erscheinungen auf, die wir dann im 18. Jahrhundert in England, im 19. in Deutschland, Frankreich, der Schweiz etc. und wiederholt in Italien und Belgien wahrnehmen. Der rasche Aufschwung der italienischen Kommunen während der letzten Zeiten des Mittelalters hatte es bewirkt, dafs fast überall in Italien die Landwirtschaft modernes Gepräge angenommen hatte: „l’abbondanza dei capitali aveva posto il paese in grado di dare ampio svolgimento alle opere d’irrigazione, di prosciugamento, di dissodamento ed ad altre migliorie. La ricchezza diffusasi in tutti i ceti della popolazione aveva . . . promosso l’aumento e il raffinamento della produzione agraria. La prosperitä delle industrie tessili aveva ofiferto il modo di allar- gare considerevolmente la coltivazione di varie piante industriali ec . . .“ C. Bertagnolli, Delle vicende dell’ agricoltura in Italia. 1881. pag. 226. 227. Und dafs es kapitalistischer Geist war, der auf den Ackern und in den Weinbergen des damaligen Italiens wehte, kann uns ein Studium der meisten Stadtrechte lehren, die fast immer auch von der Landwirtschaft handeln: was sie anstreben, ist Schutz des Eigentümers gegenüber den Betrügereien und der Faulheit des Pächters oder Kolonen, Ausbildung des Instituts der Feldhüter (saltari), Bestrafung des Felddiebstahls u. s. w. Wie uns bereits bekannt ist, war schon seit dem 12. Jahrhundert die Urbanisierung des Landadels in den meisten Territorien Norditaliens angebahnt worden. Ähnliche Vorgänge wie in Italien spielen sich während des Mittelalters schon in der belgischen Landwirtschaft ab. Hie und da natürlich auch in der deutschen, französischen und englischen Landwirtschaft, ohne dafs in diesen Ländern die Einwirkung der städtischen kapitalistischen Entwicklung nachhaltig genug gewesen wäre, um eine radikale Umgestaltung der agrarischen Zustände schon während des Mittelalters zu bewirken. Sie hatten Knospen getrieben, die aber nicht zur Blüte gelangt waren, wie in Belgien und Italien, in welchen Ländern übrigens, wie wir noch sehen werden, eine zweite (die Hauptblüte) doch erst in unserer Zeit sich erschliefst. Die einzige Blüte der kapitalistischen Landwirtschaft inSpanien dagegen, darf man sagen, fällt in das 16. Jahrhundert: sie wurde erzeugt durch den rasch und intensiv gesteigerten Bedarf insbesondere der plötzlich reichgewordenen Conquistadores, aber auch der Handels- und Geldmänner der spanischen Städte. Im Süden des Landes hatte der Weinbau grofse Dimensionen angenommen. Cadiz und Sevilla führten allein 140 000 Ctr. Wein nach Amerika aus. „Damals war Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 89 es, dafs die grofsen Herren von der Kaufmannschaft Sevillas ihren Geschäften einen noch glänzenderen Aufschwung zu geben gedachten, indem sie selbst die Kultur der begehrtesten Artikel in die Hand nahmen. Da ihnen enorme Kapitalien zur Verfügung standen, bedurfte es nur ihres Wollens, und wie von einem Zauberstabe berührt bedeckte sich das Thal des Guadalquivir bis hinauf an die Sierra Morena mit wogenden Getreidefeldern, mit üppigen Obstund Olgärten und mit Weinbergen, deren Ertrag allein ganze Schiffsladungen füllte.“ K. Häbler, Die wirtschaftliche Blüte Spaniens im 16. Jahrhundert. 1888. S. 35. In jedem einzelnen Lande lassen sich dann der Kegel nach, wie gezeigt wurde, zwei Epochen der landwirtschaftlichen Entwicklung nachweisen: diejenige, in der das Land im Verhältnis des Koloniallandes zu anderen Ländern mit vorgeschrittenerem Kapitalismus sich befindet und diejenige, in der der Kapitalismus im eigenen Lande den Anreiz für die Industrialisierung der Landwirtschaft bildet. Letztere Epoche bringt meistens erst die entscheidende Wandlung, die Revolutionierung von Grund aus, während in der ersten in der Regel nur eine Wirkung an der Oberfläche erzielt wird. Vor allem fehlt ihr, wie List richtig erkannte, die Stabilisierung. Einen verhältnismäfsig wie geringen bezw. wenig nachhaltigen Einflufs die Ausfuhrmöglichkeit auf die Hebung der wirtschaftlichen Lage selbst an der See gelegener Provinzen, z. B in Deutschland während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nur auszuüben vermochte, dafür liefert ein treffendes Beispiel 0 stpreufsen. Hier war um die Mitte der 1840er Jahre eine solche Stagnation des Wirtschaftslebens eingetreten, dafs kundige und besonnene Männer geradezu von einem Notstand sprechen. Vgl. F. W. Schuberts „Statistische Beurteilung und Vergleichung einiger früherer Zustände mit der Gegenwart für die Provinz Preufsen mit besonderer Berücksichtigung des jetzigen Notstandes dieser Provinz“ in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik. I (1847) S. 24—39. Schubert erblickt die Ursache des „Notstandes“ in den geringen Fort schritten der technischen Kultur und letztere werde wiederum zurück- gehal ten durch den Mangel an Städten als den Mittelpunkten für den Fort- schri tt der intellektuellen und wirtschaftlichen Entwicklung, sowie durch den Mangel an guten Verkehrsmitteln. In einer zweiten Abhandlung (10 Jahre später), „Statistische Darstellung der fortschreitenden Entwicklung der Landwirtschaft und des auswärtigen Handelsverkehrs in der Provinz Preufsen in den letzten 10 Jahren“ im: Archiv für Landeskunde der preufsischen Monarchie IV (1856) S. 247—263 kann dann derselbe Verfasser von einem entschiedenen Wandel zum Besseren berichten: alles ist in Flufs gekommen, die moderne Entwicklung hat begonnen. Diese Darstellung Schuberts wird als richtig bestätigt durch v. d. Goltz, Die Entwicklung der ostpreufsischen Landwirtschaft, a. a. 0. S. 810—813. äs*s w&ä^ea^ssmt WJMSS •***« ‘^^rS^AS-V.viSi .S^MÄv^.' ; c5sS3s&5 •䣮^ ül S^vS-v^'N^n jgf. ‘*£rM^ ‘■^s&6 Ti »>^ mhZi&aty&rzi m*. •J&V *L v?i£; ' «Mt ms. SjäfSS ■•r Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. i iii >**f: >* .> ?v(y f&~y£f?7 t z&8f r »sr;. iäf®r j '• Erster Abschnitt. Die Entstehung der modernen Landwirtschaft und die Auflösung der alten bodenständigen Wirtschaftsverfassung. . la rente est devenue la force motrice qui a lance Vidylle dans le mouvement de VMstoire.“ K. Marx, Misere de la Philosophie (1847) p. 160. Fünftes Kapitel. Deutschland. A. Das Eindringen des Erwerbsprincips in die Landwirtschaft. I. Die Steigerung der Produktionspreise. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts war ein neues Leben in die deutsche Landwirtschaft gekommen: die Preise aller Erzeugnisse gingen ganz ungeheuer in die Höhe; namentlich der Weizenpreis stieg rasch und stetig. Hatte die Tonne Weizen in Berlin im Durchschnitt der Jahre 1701—1730 84,78 Mk., die Tonne Roggen 62,72 Mk. gekostet, so wurden im Durchschnitt der Jahre 1751—1800 bezw. 125,32 und 101,42 Mk. dafür bezahlt 1 - Den Anstofs zu dieser Preissteigerung hatte England gegeben, in dem sich seit der Mitte des Jahrhunderts der gewerbliche Kapitalismus rasch zu entwickeln begann. Die Folge davon war ein stetig zunehmender Mehrbedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen für die Industrie (vor allem Wolle und Flachs) bei steigenden Preisen dieser Produkte. Trotz starker Schwankungen ergiebt sich doch folgende 1 J. Conrad, Art. Getreidepreise in H.St. HI. 891. 94 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Preisskala für Weizen. Es kostete der Winchester Quarter im Durchschnitt der Jahre: 1725-1750 = 33,9 sh. 1751—1775 = 44,4 „ 1 2 3 1775—1800 = 56,1 „ 1800—1809 = 82,2 ,, 2 1810-1819 = 88,8 „ Es wurde für das Pfund Wolle in London bezahlt im Durchschnitt der Jahre 8 : 1782—1790 = 3 sh. 3 d. bis 3 sh. 9 d 1791-1800 = 4 „ - „ „ 4 „ 5 „ 1801—1808 = 6 „ 2 „ „ 6 „ 5 „ 1811-1819 = 7 „ - „ „ 8 „ - „ Der Mehrbedarf an Agrarprodukten auf dem englischen Markte stieg aber so beträchtlich, dafs die heimische Landwirtschaft, obwohl, wie noch zu zeigen sein wird, sie sich |rasch zu höherer Leistungsfähigkeit entwickelte, doch schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts nicht imstande war, den gesamten Bedarf zu decken. Vielmehr beginnt seitdem die Einfuhr von Agrarerzeugnissen nach England stetig zu steigen. Der Durchschnitt der jährlichen Weizeneinfuhr betrug 4 * : 1760—1770 = 94000 Quarters 1770—1780 = 111000 1780—1790 = 143000 1790—1800 = 470000 1800—1810 = 555000 1 Berechnet nach der Tabelle hei Tooke und Newmarcli, Geschichte und Bestimmung der Preise. Deutsch 1862. 1, 798/99. 2 Porter, Progress of the nation. 1851. pag. 148. Für andere Lebensmittelpreise und ihre durchgängig zum Teil enorme Steigerung am Ende des vorigen Jahrhunderts vgl. das reiche Material hei W. Hasbach, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren. 1894. S. 123 ff. 3 Nach dem ältesten Preiskurant, der in London existiert und der bis 1782 zurückreicht, dem Princes Price Current. Mitgeteilt hei Tooke und Newmarcli, a. a. O. S. 861/62. Danach wurden obige Durchschnittszahlen berechnet. Die Jahre 1809 und 1810 mufsten weggelassen werden, weil sie Jahre einer krankhaften Preishausse waren; die Wollpreise standen in diesen Jahren zwischen 13 und 26 sh. pro Pfund. 4 W. Roscher, Über Kornhandel und Teuerungspolitik. 3. Aufl. 1852. S. 37. Fünftes Kapitel. Deutschland. 95 Und an dieser Versorgung Englands mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen waren wenigstens die Küstengebiete Deutschlands stark beteiligt. Freilich sollte diese Blüteperiode zunächst ein Ende mit Schrecken nehmen; es ist bekannt, wie infolge übertriebener Bodenspekulation im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts weite Gebiete des nördlichen Deutschlands von einer schweren Agrarkrisis heimgesucht wurden 1 , der dann zunächst Jahre der Stagnation folgten, die in dem Mafse empfindlicher drückten, als England begann, die Peripherie seiner Kolonialgebiete zu erweitern 2 . Da hatte Friedrich List leichtes Spiel, als er seine Agitation zu Gunsten einer nationalen Industrie von neuem begann. Er konnte an den Schicksalen der deutschen Landwirtschaft die Richtigkeit seiner Behauptung demonstrieren, dafs sich die Landwirtschaft eines Landes stets in einer prekären Lage befinde, solange sie auf den Export in fremde Länder angewiesen sei: bleibe ja doch „ihr Absatz ins Ausland . . durch natürliche Verhältnisse, wie durch gesetzliche Hemmnisse ungemein beschränkt, ungewifs und fluktuierend“, und erst die Entwicklung der Industrie im eigenen Lande leiste die erforderliche Gewähr für eine dauernde Blüte 3 . Wie gering in der That bei dem damaligen Entwicklungsgrade des gewerblichen Kapitalismus die Nachfrage nach agrarischen Produkten im eigenen Lande war, ergiebt sich aus dem Verhältnis, in dem die Erntemengen zwischen „Stadt“ und „Land“ verteilt wurden: nur etwa ein Viertel der Ernte 1 Über diese Agrarkrisis im Anfang des 19. Jahrhunderts vgl. A. Ucke, Die Agrarkrisis in Preufsen etc. 1888. 2 Das ergeben mit besonderer Deutlichkeit die Ziffern der englischen Wolleinfulir: England importierte an Wolle (nach den Angaben des Board of Trade) in Ctrn.: aus: Australien Südafrika Ostindien Deutschland 1830 19 672 334 0 264 738 1840 97 212 7 517 2 441 218 120 1850 333 523 29 599 29 599 78 134 Mitgeteilt bei Meitzen, Der Boden 2, 515. Die ausführlichste Darstellung dieser Entwicklung findet sich bei H. Janke, Die Wollproduktion unserer Erde etc. (1864), 120 ff. 186 ff. 3 Der noch heute lesenswerte Aufsatz „Über die Beziehungen der Landwirtschaft zur Industrie und zum Handel“ ist 1844 erschienen und in Lists Ges. Sehr. 2, 255 ff. abgedruckt. 90 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wurde von städtischen Konsumenten beansprucht. Nach einer Berechnung Schubarts 1 betrug (1844) der Konsum (in Scheffeln) an: der Städter Landbewohner Weizen . . 4 263413 5 604 176 Roggen . . 12 790 239 39 229 232 Die eigentliche Hochblüte der deutschen Landwirtschaft beginnt daher auch erst mit der Ausdehnung des gewerblichen Kapitalismus in Deutschland, also wesentlich seit Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich deutlich an der Preisgestaltung erkennen läfst 2 . Das dritte Viertel des vorigen Jahrhunderts ist eine Zeit fröhlich ansteigender Preise aller agrarischen Erzeugnisse. Getreide, Vieh, nebst den Erzeugnissen der Viehwirtschaft, Holz, Wolle, Flachs, Raps 3 wetteiferten mit einander, dem Landwirt die besten Erträge zu liefern. Zucker und Spiritus thaten das ihre, um die Kassen des Herrn zu füllen. Ich teile einige Ziffern mit, die das Gesagte bestätigen sollen. Es kostete 4 in Preufsen alten Bestandes die Tonne (a 1000 kg) Mk. im Durchschnitt der Jahre Weizen Roggen Gerste Hafer Erbsen 1821—30 121,4 126,8 76,6 79,8 97,0 1831—40 138,4 100,6 87,6 91,6 107,4 1841—50 167,8 123,0 111,2 100,6 130,0 1851-60 211,4 165,4 150,2 144,0 176,0 1861—70 204,6 154,6 146,0 140,2 168,2 1871-75 235,2 179,2 170,8 163,2 224,4 1 Schubart, Handbuch der allgemeinen Staatskunde des preufsischen Staats. 1846/48. Vgl. auch noch von Lengerke, Zur Statistik des deutschen Getreidebaus in der Deutschen Vierteljahrsschrift 1852. 3 Vgl. den Exkurs auf S. 87. 3 Er lieferte das für die industriellen Etablissements unentbehrliche Beleuchtungsmaterial vor Einführung des Gases oder Petroleums. Mit dem Raps, pflegte der Landwirt auf gutem Boden in den 1850 er und 1860 er Jahren zu renommieren, müssen die Hypothekenzinsen oder der Pachtschilling voll bezahlt werden können! 4 J. Conrad, Getreidepreise, im H.St. Vgl. jetzt auch die zahlreichen Preiszusammenstellungen Conrads in den Schriften des Ver. f. Soc.PoI. Bd. 90 (1900). S. 123 ff. Fünftes Kapitel. Deutschland. 97 Die Vieh- und Fleisch preise gestalteten sich folgender- mafsen. Es betrugen 1 die Preise in Berlin pro kg in Pfennigen für: im Durchschnitt der Jahre Rindfleisch Schweinefleisch 1841—50 71 79 1851—60 85 106 1861—70 100 108 1871—80 125 127 Die durchschnittlichen Preise beim Einkauf von Remonten stellen sich in Preufsen 2 bis 1838 unter 240 Mk. 1845 „ 270 1858 auf 418,50 „ 1868 „ 450,32 „ 1878 „ 665,32 „ Der Preis für Milch ist von durchschnittlich 5 Pfennige pro Quart in den 1830er Jahren auf etwa das Doppelte gestiegen. Die Butter kostete im Durchschnitte des preufsischen Staats pro Va kg 3 : 1831—40= 5 Sgr. 6 Pfge. 1841—50= 6 „ — „ 1851—60= 7 „ 4 „ 1861—70= 8 „ 11 „ 1871—74 = 11 „ 4 „ Über die Bewegung der (Bau-) Holzpreise erfahren wir dieses 4 : In Memel kostete: 1850 1860 1864 der laufende Fufs Mittelbalken Sgr. 6 12 11—42 „ „ „ Rundholz „ 4 7 7—8 1 O. Ger lach, Fleischkonsum und Fleischpreise, im H.St. Die Bewegung der Berliner Fleischpreise ist durchaus typisch, wie aus dem a. a. O. beigebrachten, reichen Zahlenmaterial hervorgeht. 2 Ernst Kirstein, Die Entwicklung der Viehzucht und die Viehnutzung im preufsischen Staat von 1816—1883. Lpz. In.Diss. 1884. S. 15. 3 Zeitschrift des Kgl. preufsischen statistischen Bureaus. 1871. S. 243 und folgende Jahrgänge. 4 Aus dem „J ahrbuch für die amtliche Statistik des preufsischen Staats“. II. Jahrgang. 1867. S. 157 f. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 7 98 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. In Danzig bezahlte man Sgr.: 1840 1850 1859 1864 pro Fufs Kreuzholz 5—6" „ 12 14 24 24 „ Bohlen I. Sorte 4" „ 42 48 48 60 In Görlitz galt in Sgr.: das Schock mittlerer Sorte Kiefern 1840 1851 1860 1868 3" Pfosten bei 14 ' Länge 75 102 130 1 2 /3 180 Baubretter 19 20V2 25 B /a 50 Und so weiter. Überall dieselben aufsteigenden Reihen, die auch hier bis Ende der 1870er Jahre anhalten. Der Preis für das Festmeter Eichen betrug Mk. 1 : im Reg.-Bez. 1860-69 1870—74 1875—79 Königsberg. . 13,42 16,75 18,03 Breslau . . . 19,73 24,37 24,30 Münster . . . 31,63 43,88 44,77 Aachen . . . 24,61 28,64 23,78 Die Raps- und Flachspreise steigen ebenfalls wenigstens bis Ende der 1860er Jahre. Es kostete in Hamburg ein Centner (ä 50 kg) Mk. 2 : 1847—50 1851-60 1861—70 Raps . . . 12,9 15,2 15,8 Flachs. . . 44,4 50,6 73,0 Der Wollpreis hielt sich bis Ende der 1870er Jahre; er betrug in Mk. pro Ctr. 2 : 1850 3 1851—60 1861—70 1871-80 225 290 285,5 320,5 Ebenso bewahrten die Zucker- und Spirituspreise während jenes Zeitraumes eine steigende Tendenz 4 . 1 Statistisches Handbuch für den preufsischen Staat. Band I (1888) S. 236 und Band II (1893) S. 248. Vgl. U. Eggert, Die Bewegung der Holzpreise in der Zeitschrift des Kgl. preufs. statist. Bureaus. 1883. 2 J. Conrad, Agrarkrisis, a. a. O. S. 10. 3 Nach den Feststellungen Patows Hübner a. a. O. S. 16. * Reiche Preisangaben für zahlreiche Agrarerzeugnisse während der Periode von 1841/50—1871/75 enthält P. Kollmann, Das Hzgt. Oldenburg in seiner wirtschaftlichen Entwicklung während der letzten 25 Jahre. 1878. S. 315—327. Fünftes Kapitel. Deutschland. 90 II. Die Mobilisierung des Grund und Bodens. Fragen wir nun aber, wie solcherart anhaltende Preissteigerungen zu wirken pflegen, so finden wir, dafs sie zunächst wohl in den Produzenten den Erwerbstrieb wecken, die Lust erzeugen, an den, fast könnte man sagen, mühelos zu erwerbenden Schätzen teilzunehmen. Diese Änderung der Sinnesrichtung bedeutet aber bei den Landwirten eine ganz besonders grofse und bedeutsame Umgestaltung ihres gesamten Betriebes. Denn durch das Erwachen der Gewinnsucht, durch das Eindringen rationalistisch-kapitalistischen Geistes, durch die damit verbundene Umwandlung der bisherigen Bedarfsdeckungswirtschaft in eine Erwerbswirtschaft wird auch die Stellung des Eigentümers zu dem Grund und Boden, auf dem er angesessen ist, im Kern verändert. War dieser bisher als Standort und Basis standesgemäfsen Auskommens betrachtet worden, so adliger wie bäuerlicher Besitz, so wird er nunmehr als „Rentenquelle“ betrachtet, als einzig bestimmt, einen möglichst hohen Reinertrag abzuwerfen. Zu diesem Behufe mufs er mit den erforderlichen Betriebsmitteln ausgestattet werden, und das bedeutet in unserer Wirtschaftsordnung, dafs er „Kapital“ einsaugen mufs. Was das sog. Befreiungswerk der Agrarreformen rechtlich ermöglicht hatte, die freie Verwertung des Grund und Bodens zu kapitalistisch - rationalistischer Nutzung, das mufste nun, und vor allem seit dem zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts in Deutschland, thatsächlich vollzogen werden. Die Mittel und Wege, das gedachte Ziel zu erreichen, sind hinlänglich bekannt, um nur nötig zu haben, angedeutet zu werden. Sie bestehen zunächst in dem, was man die Trennung des Eigentums am Grund und Boden von seiner Bewirtschaftung nennen kann x , und sodann in der Bewegung des Grund und Bodens in der Richtung zum „besten Wirt“. Jener erste Vorgang findet seinen Ausdruck in zunehmender Verschuldung und Verpachtung der ländlichen Anwesen, letzterer in dem häufigen Besitzwechsel. Verschuldung und Verpachtung des Grund und Bodens sind die beiden Mittel kapitalistischer Ausbeutung, die sich bis zu einem gewissen Grade ausschliefsen. In England, wo sich erst der gewerbliche Kapitalismus und dann erst die kapitalistische Landwirtschaft entwickelt hat, war für deren Betreibung ein Stamm kapitalkräftiger 1 Der treffende Ausdruck stammt von Kautsky, Agrarfrage (1899), 91. 7* 100 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Unternehmer vorhanden, die als Pächter den landwirtschaftlichen Betrieb beginnen konnten. In rückständigeren Ländern fehlte ein solches Reserveunternehmertum, wie man es nennen möchte, und es waren die Eigentümer von Grund und Boden selber, die, so gut es ging, sich mit der Neuordnung der Dinge abzufinden suchen mufsten. Während also in England fremde kapitalistische Unternehmer als Pächter Landwirtschaft betrieben, wandelten sich in Deutschland die Eigner zu kapitalistischen Unternehmern um. Daher dort vorwiegend Verpachtung — es beträgt die Gesamtfläche des durch Eigentümer bewirtschafteten Landes in England 3894 000 acres, dagegen die des verpachteten Landes 21114000 acres, während in Deutschland die Fläche des Pachtlandes bei Grofsbetrieben (über 100 ha) 1895 nurl9,18 0, 'o ausmachte —, hier Verschuldung 1 . Die Verschuldungsstatistik ist nur sehr unvollkommen. Immerhin giebt sie uns genügenden Anhalt, um zu erkennen, dafs wachsende Verschuldung eine allgemeine Erscheinung der neueren Entwicklung ist. So betrug beispielsweise die Höhe der Pfandbriefschuld in den alten preufsischen Provinzen 2 3 : 1805= 53 891638 Thlr. 1825= 83141365 „ 1845 = 108415 763 „ 1867 = 186 601893 „ In den Jahren 1865 bis 1875 stieg dann die Verschuldungshöhe um weitere 123 Millionen Thaler, in den Jahren 1875 bis 1885 abermals um 132 Millionen Thaler 8 . Für die Anfänge der modernen landwirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere für die 1840er und 1850er Jahre liegt über 6 Kreise verschiedener preufsischer Provinzen eine im Justizministerium gefertigte genaue Nachweisung aller Hypothekenschulden vor, die folgendes Bild giebt. Es betrug in jenen 6 Kreisen die Schuldenlast sämtlicher Güter, deren Hypothekenverhältnisse klar ersichtlich waren 4 : 1 Soweit die Landwirte das erforderliche Kapital nicht aus den Summen hatten bestreiten können, die ihnen die „befreiten“ Bauern zu zahlen verpflichtet waren. Man rechnet, dafs die Ablösungssumme im alten Preufsen 260 Mill. Mk. betrug. 2 Jahrbuch für die amtliche Statistik des preufsischen Staats I (1863), 179; III (1869), 85. 3 Vgl. H.St. I, 58. 4 Jahrbuch 1, 185. Fünftes Kapitel. Deutschland. 101 1837 = 5498284 Thlr. 1847= 8787 280 „ 1857 = 11076974 „ Sie erlitt also eine Verdoppelung in zwanzig Jahren J . Noch deutlicher tritt aber die Umwandlung des Grund und Bodens in einen Rentenfonds, der Übergang der Bedarfsdeckungsin die Erwerbswirtschaft in dem häufigen Besitzwechsel, in der „Mobilisierung“ des Grundeigentums zu Tage 1 2 . Es ist schon wieder eine Art von Rückbildung, wenn in neuerer Zeit die industrielle Bourgeoisie ihre Profitüberschüsse im Ankauf von Grund und Boden zu Luxuszwecken verwendet. Zunächst und heute auch noch in überwiegendem Mafse drückt Ankauf von Land die Absicht aus, das „Anlagekapital“ möglichst hoch zu verwerten, d. h. einen möglichst hohen Reinertrag aus dem Gute herauszuwirtschaften. Jedenfalls war das der Sinn jener häufigen Besitzwechsel in der eigentlichen Aufwärtsbewegung der deutschen Landwirtschaft um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, für welche Zeit uns, dank einem glücklichen Zufall, gerade eine der zuverlässigsten Statistiken der Besitzesänderungen zur Verfügung steht, nämlich die bekannte Aufstellung, die uns Rodbertus als Anhang zum ersten Bande seiner „Kreditnot“ mitteilt. Sie betrifft die preufsischen Provinzen Kur- und Neumark, Ostpreufsen, Pommern, Posen, Schlesien, Sachsen, Westfalen und giebt folgendes Bild: es betrug in den genannten Provinzen die Zahl der Rittergüter . . 11771. Diese unterlagen in dem Zeiträume von 1835—1864 Vererbungen. 7 903 Freiwilligen Verkäufen . . . 14404 Notwendigen Subhastationen . 1347. Mithin Besitzveränderungen überhaupt 23654, d. h. 200,9%, wovon, wie ersichtlich, weit über die Hälfte freiwillige Besitzveränderungen sind 3 . Von den gröfseren Gütern Ostpreufsens gehörten 1885 nur 154 1 Dafs die Verschuldung nicht nur Mittel zur Steigerung des Ertrages, sondern ebenso sehr und später sogar 'mehr Ausdruck bereits gesteigerten Ertrages ist, bedarf keiner besonderen Begründung. Darum bleibt es doch angebracht, das Verschuldungsphänomen zunächst in diesen Zusammenhang zu stellen. 2 Hierfür gilt ebenfalls das in Anm. 1 Bemerkte. 3 Rodbertus, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot des Grundbesitzes. Bd. I. 2. Ausgabe 1876. Anhang. 102 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. oder 12,8 °/o zum „alten“ Grundbesitz, d. h. waren länger als 50 Jahre in einer Familie. Also hatten seit 1835 77,2 °/'o ihren Besitzer gewechselt III. Das Vordringen der rationell - intensiven Betriebsweise. Was aber bedeutet das Eindringen kapitalistischen Geistes in die Landwirtschaft für deren Gestaltung selbst? Worin äufsert sich das Streben nach möglichst hohem Gewinn? Zunächst und vor allem im Übergang zu dem, was wir rationellen Landwirtschaftsbetrieb nennen, der in der Mehrzahl der Fälle auf zunehmende Intensität der Landwirtschaft hindrängt. Wenn wir uns nun im folgenden diesen Entwicklungsgang an einigen Symptomen klar zu machen suchen wollen, so müssen wir von vornherein darauf achten, dafs zwar die steigenden Preise ohne allen Zweifel den Anstofs zu jener Bewegung gegeben haben, dafs diese Bewegung aber offenbar nicht zum Stillstände gelangt ist oder gar einer rückläufigen Strömung Platz gemacht hat, nachdem seit Ende der 1870er Jahre auf der ganzen Linie der Agrarprodukte ein Rückgang der Preise eingetreten ist. Diese Erscheinung hat auch durchaus nichts Auffälliges an sich. Jetzt, nachdem infolge der früheren Preissteigerung und der dadurch hervorgerufenen Mehrproduktion sich die Grundrente gebildet und den Bodenpreis in die Höhe getrieben hat, bleibt der Stachel zur Steigerung der Erträge im Fleische der landwirtschaftlichen Unternehmer sitzen, trotzdem oder gerade weil die Preise ihrer Erzeugnisse sinken. Auf die Grundrenten-Bildung komme ich weiter unten noch zurück. Hier können wir also den Nachweis zu führen suchen, dafs seit Mitte des vorigen Jahrhunderts in ununterbrochener Entwicklung sich ein Übergang zu intensiver Kultur in unserer Landwirtschaft vollzogen hat und noch vollzieht. Die Symptome, an denen wir diese Wandlung zu erkennen vermögen, sind aber hauptsächlich folgende. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Technik der landwirtschaftlichen Produktion eine wenig fortgeschrittene. Die alte Dreifelderwirtschaft war hier und da, sei es durch Besömme- rung der Brache, sei es durch Übergang zur Koppelwirtschaft (an der Küste), verbessert, herrschte aber selbst in den Gutswirtschaften nach den Zeugnissen aller Berichterstatter der Zeit, die uns in 1 J. Conrad, Agrarstatistische Untersuchungen in seinen Jahrbüchern III. F. 2, 831. Fünftes Kapitel. Deutschland. 103 reichem Mafse zur Verfügung stehen, durchaus noch vor. Der Übergang zur Stallfütterung wurde eben vollzogen; der Rübenbau war noch gering. Die Drainierung begann gerade *, die Drillkultur war noch unbekannt 1 2 , der Handdrusch noch allgemein. Die wissenschaftliche Basis des Pflanzenanbaus fehlte noch: die erste Auflage von Liebigs grundlegendem Werke erschien im Jahre 1840 3 . Zunächst hat das der Bebauung unterworfene Kulturland an Ausdehnung gewonnen: das Ödland ist verringert, das Hutungsland und teilweise das Waldgebiet haben abgenommen. Leider läfst die amtliche Statistik namentlich für die früheren Jahre manches zu wünschen übrig. Immerhin aber bringt sie doch den Entwicklungsgang im grofsen und ganzen ziffernmäfsig richtig zum Ausdruck. Danach betrug 4 in dem Preufsen alten Bestandes die Fläche des Acker- und Gartenlandes ha der ständigen Weiden (Hutungen) und des unbebauten Landes ha 1849 11 794 992 8 512 495 1858 12 973 458 4 414 671 1883 14 547 206 2 158098 1893 14 622 669 2 069 433 1 Seit 1852 in Baden: Festschrift für die Mitglieder der XXI. Versammlung deutscher. Land- und Forstwirte (1860). S. 163. Dgl. in Braun- schweig: Festschrift für die Mitgl. der XX. Vers. etc. (1858). S. 17. 2 Vgl. Ersbein, Die Drillkultur, 1863, cit. bei Fraas, Gesch. d. Landbauwissenschaft (1865) S. 437. 3 Fraas, a. a. 0. S. 340 f. 349 ff. Vgl. auch noch den bereits cit. Bericht William Jacobs, S. 97 und passim. 4 Vgl. für 1849 und 1858 Jahrbuch für die preufs. Statist. I, 114 f., für 1883 und 1893 III, 237 Stat. Han dbuch für den preufs. Staat I, 196. Etwas abweichende Ziffern für die frühere Zeit berechnet J. R. Mucke, Deutschlands Getreideertrag. 1883. S. 22. Er nimmt für die älteren Provinzen Preufsens nebst Hohenzollem als Anbaufläche des Ackerlandes an (Mill. ha): 1805 = 10,2; 1825 = 11,2; 1835 = 11,9; 1845 = 12,8; 1855 = 13,6; 1865 = 14,1; 1875 = 14,2. Seite 81 äufsert derselbe Autor die Meinung, dafs diese Ziffern für Preufsen ohne einen erheblichen Irrtum auf das ganze deutsche Reich ausgedehnt werden könnten. Für das Kgr. Sachsen enthält dessen Statistisches Jahrbuch für 1880 insbesondere folgende interessante Übersicht: Es betrug daselbst die Anbaufläche für 1843 Acker- und Gartenland . 785 180 ha Wiesen. 165 238 „ Weiden. 30 545 „ Wald. 463 306 „ Anhau von Futterpflanzen 1878 812 268 ha 186137 „ 15 529 „ 415161 „ 11 497 „ 104 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Auch die Anhaustatistik des Jahres 1893 weist also noch eine Fortsetzung dieser Tendenz auf. Auch in den Jahren seit 1883 (bezw. 1878) hat sich das Kulturland abermals noch ausgedehnt; sogar in den 8 östlichen Provinzen Preufsens hat es sich seit 1883, wie wir sehen, um weitere 80000 ha erweitert. In ganz Deutschland ist das Areal, das Getreide und Hülsenfrüchte occupierte, seit 1878 um 400000 ha, das der Hackfrüchte und Gemüse um 685000 ha, das der Futterpflanzen um 71000 ha an Umfang gestiegen. Aber diese Früchte dehnten sich aus auf Kosten der Brache und der Ackerweide, welche über 1 Mill. ha einbüfsten. Die Brache nahm 1878 noch 9°/'o der Ackerfläche ein, 1893 noch nicht 6°/o. In Preufsen ging die Brache von 1551000 ha auf 980000 ha zurück, d. i. um mehr als 30 o/o 1 . Dieser quantitativen Ausdehnung der Kultur entspricht nun aber auch durchaus die. Verbesserung der Wirtschaftsmethoden. Die alte Dreifelderwirtschaft ist allmählich völlig verdrängt; auf den grofsen Gütern ist die Fruchtwechselwirtschaft zur Regel geworden. Die Tiefkultur, der Gebrauch künstlicher Düngemittel, die Anwendung der Maschinen 2 haben eine gewaltige Aus- 1 Vgl. J. Conrad, Agrarkrisis, a. a. O. S. 20. 2 Uber die zunehmende Verwendung von Ma schin en in der Landwirtschaft vgl. A. Wüst, 25 Jahre landwirtschaftliches Maschinenwesen. Festschrift der „Deutschen landw. Presse“. 1894. 8. 18 f. Das Zeitalter der landwirtschaftlichen Maschinen läfst man füglich mit der berühmten Ausstellung solcher, die im Jahre 1838 zu Oxford im Anschlufs an die erste Tierschau der neubegründeten Royal Agriculture Society veranstaltet wurde, beginnen. Vgl. F. Bensing, Der Einflufs der landwirtschaftlichen Maschinen auf Volksund Privatwirtschaft. 1898. S. 16 ff. (ein in seinen allgemeinen Betrachtungen ebenso oberflächliches wie in seinen Details gründliches und nützliches Buch). Welch ungeheuren Aufschwung die Verwendung von Maschinen noch in den letzten Jahrzehnten, denen des „Niedergangs“ in der Landwirtschaft, genommen hat, zeigt uns die neuere Statistik. Danach betrug von den feststehenden und beweglichen Dampfmaschinen in Land- und Forstwirtschaft, Weinbau und Gärtnerei: die Zahl die Leistungsfähigkeit 1879 2 731 24 310 HP. 1897 12 856 132 805 „ Statistische Korrespondenz. Von sämtlichen landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten (1895) 16°/o mit Maschinen, bei den Grofsbetrieben erklärlicher Weise weit mehr, 94 vom Hundert. Und zwar wurden folgende Maschinen benutzt: Fünftes Kapitel. Deutschland. 105 dehnung besonders in den letzten Jahrzehnten erfahren 1 . Was insbesondere den künstlichen Dünger anbelangt, so läfst sich seine zunehmende Verwendung ziffernmäfsig verfolgen. Anfang der 1840er Jahre beginnt die Guanoeinfuhr nach Deutschland. Im Jahre 1842 wurden in das Königreich Sachsen erst 5 Ctr. im Werte von 22.5 Thlr., 1852 dagegen schon 60483 Ctr. im Werte von 272173.5 Thlr. eingeführt 2 . In letzter Zeit hat zwar der Gebrauch von Guano abgenommen; es wurden davon nach Deutschland importiert: 1878 = 122305 t 3 1900= 39 439 „ 4 . Um ein Vielfaches jedoch wird diese Abnahme aufgewogen durch die immense Steigerung in der Verwendung der übrigen Düngersorten. An Chilisalpeter wurden eingeführt: 1878 = 50918 t 3 1900 = 484455 „ B . An Kalisalzen aber stieg die Produktion seit dem Jahre 1861, in welchem sie begann, auf 1274900 t im Jahre 1890 und 2493100 t im Jahre 1899®. Diese Mengen blieben zum gröfsten Teile in Deutsch- Art der Maschinen 1895 Gewöhnliche Dreschmaschinen .... 596 869 Dampfdreschmaschinen. 259 364 Drillmaschinen. 140 792 Mähmaschinen. 35 084 Säemaschinen. 28 673 Düngerstreumaschinen. 18 649 Dampfpflüge. 1 696 1882 268 367 75 690 vgl. Säemasch. 19 634 (63842) 836 Es zeigt sich also eine wesentliche Zunahme in der Verwendung von Maschinen; wenn bei den Säemaschinen eine Abnahme erscheint, so wird dies darauf zurückgeführt, dafs an ihrer Stelle Drillmaschinen in Gebrauch genommen wurden. Nicht berücksichtigt sind hier Hackmaschinen (zur Bodenbearbeitung) und Milchcentrifugen (zur Buttererzeugung). Stat. d. D. Reichs. N. F. Bd. 112 (1898), S. 35* f. 1 Vgl. Theod. Frh. von der Goltz, 25 Jahre landwirtschaftlicher Betrieb. Festschrift der deutschen Landw. Presse. 1894. S. 9. 2 Nach E. Engel, Das Königreich Sachsen etc. S. 292. 3 1880, 72. * 1901, 98. 6 1901, 117. 6 1901, 25. 100 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. lancl selbst; die Ausfuhr an „Abraumsalzen 11 betrug im Jahre 1899 nur 367 828 t 1 . Besondere Fortschritte hat der landwirtschaftliche Betrieb dort gemacht, wo die Zuckerrübenkultur Eingang oder weitere Verbreitung fand. Diese erfordert eine tiefe und sorgfältige Bearbeitung und reichliche Düngung des Bodens, wie sie andererseits diese nicht nur durch ihre direkten Erfolge, sondern auch dadurch bezahlt machte, dafs der Acker für die übrigen Gewächse ertragreicher wurde. Nun stieg aber seit den 1870er Jahren das mit Rüben angebaute Areal noch ganz erheblich; es waren mit Rüben bebaut: 1873/74 = 88 877 ha; 1892/93 = 352 015 ha; 1895 = 390289 ha. Ein weiteres Wachstum der Roherträge vom Ackerlande wurde durch die Ausdehnung des Zwischen- und Stoppelfruchtbaus bedingt. Beide Kulturen haben gerade in den letzten Jahrzehnten auch insofern grofse Fortschritte gemacht, als man sie auf viele Pflanzen mit Erfolg ausgedehnt hat, die man früher hierzu gar nicht oder nur ausnahmsweise benutzte: wie z. B. die Lupine, Sera- della, Senf, Wicken, Erbsen u. s. w. 2 . Gleichzeitig hat die Einsicht in die Gesetze des Pflanzenwachstums erhebliche Fortschritte gemacht; die Lehren der Chemie haben ebenso wie die Darwinschen Lehren eine weitere Verbreitung und Ausnutzung gefunden 3 . Dafs infolge aller dieser Forschritte der landwirtschaftlichen Technik eine beträchtliche Vermehrung der Ernteerträge erzielt worden ist, ist selbstverständlich. Zur Illustration mögen folgende Ziffern dienen: Nach einer aus den Wirtschaftsbüchern mehrerer Güter berechneten Erntestatistik brachten 100 ha Fläche folgenden Bruttoertrag Kornwert 4 : 1 1901, 117. Die zunehmende Düngungsintensität ist für die ältere Zeit an der Hand eines grofsen Materials nachgewiesen von J. Conrad, in seinen Agrarstatistischen Untersuchungen. Sep. 1872. S. 36 tf. 2 Vgl. von der Goltz, a. a. O. 3 Vgl. G. L i e b s c h e r, 25 Jahre allgemeiner Manzenbaulehre; W. R i m p a u, Landw. Pflanzenzüchtung; Max Maercker, Düngungswesen: sämtlich in der oben citierten Festschrift. 4 Joh. Conrad, Die Tarifreform im Deutschen Reiche nach dem Gesetz vom 15. Juli 1879. A. Die Getreidezölle in den Jahrbüchern für N.-Ö. Bd. 34 (1879) und dazu jetzt die z. T. bis auf die Gegenwart weiter geführten Tabellen in den Sehr. d. V. f. S.P. Bd. 90. Reiches Material für die frühere Zeit enthält das op. cit. von J. R. Mucke im 3., 4. und 5. Abschnitt. Vgl. ferner die Ziffern für hannoversche Güter, leider nur bis in die 1860er Jahre reichend, bei Werner Graf Goertz-Wrisberg, Die Entwicklung der Land- Fünftes Kapitel. Deutschland. 107 auf Mittelboden auf gutem Boden auf leichtem Boden 1800—1810 932,9 Ctr. — Ctr. — 1810—1820 838,9 n — 1820—1830 1195,6 n — 1830—1840 1446,5 ?? 1493,5 „ — 1840—1850 1873,8 « 2269,2 „ 1720,9 1850—1860 2054,1 2469,6 „ 1905,1 1860—1865 2681,3 2751,8 „ 2218,8 1865—1870 2720,5 2383,4 „ 2464,0 1870—1875 2440,8 >1 3127,0 „ 2883,5 Dafs aber die Intensität des Anbaus auch in den Zeiten der Depression nicht abgenommen, sondern sich weiter gesteigert hat, ist eine Thatsache, die durch Statistik und Erfahrung bestätigt wird. Für die Zeit von 1878—1893 besitzen wir dafür den genauen ziffernmäfsigen Nachweis wiederum in einer der zahlreichen Dissertationen der Universität Jena, denen wir so viel Aufschlüsse über die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert verdanken L Ebenso aber wie der Ackerbau hat sich auch die Viehzucht entsprechend gehoben: Bis in die Mitte des Jahrhunderts war ein Hauptgewicht auf die Schafzucht gelegt worden. „Die Schafzucht, so konnte ein so erfahrener Landwirt wie von Thünen feststellen, ist für den gegenwärtigen Moment die Angel, um welche sich die ganze Wirtschaftseinrichtung dreht * 1 2 .“ Man hatte sich viel Mühe gegeben, um die Wollerzeugung zu heben; die gemeinen Wirtschaft auf den Gloertz-Wrisbergschen Gütern etc. 1880. S. 28 f. Für die Jahre 1832—1854 enthält eingehende Ertragsberechnungen (für das Fürstt. Schwarzburg-Sondershausen) die Festschrift zur 17. Generalvers. des landw. Centralvereins der Prov. Sachsen etc. 1862. S. 95 ff. Sie ist jetzt in dankenswerter Weise fortgeführt worden in der gehaltvollen Jenaer Diss. von G. Oldenburg, Die Veränderungen in der landw. Betriebsweise der Unterherrschaft des Fürstent. Schwarzburg-Sondershausen. 1898. Aus der späteren Litteratur vgl. auch noch: Wagner, Die Steigerung der Koherträge in der Landwirtschaft. 1897. 1 Fel. Pickardt, Die Veränderung in der Betriebsweise der deutschen Landwirtschaft seit dem Jahre 1878 (1896). 2 von Thünen, Isol. Staat § 30. Vgl. jetzt die gründliche Arbeit von F. Dzialas, Die Entwicklung und die Bedeutung der Schafhaltung in der deutschen Landwirtschaft während des 19. Jahrhunderts. Jenaer Diss. 1898. 108 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Schafrassen wurden allmählich durch die edleren verdrängt. So betrug die Zahl der 1816 1849 Merinoschafe. 719 200 4 452 913 halbveredelten Schafe . 2 367 000 7 942 718 Landschafe. 5 174 186 3 901 277 Die Wollproduktion stieg von 18172 871 Pfd. im Jahre 1816 auf 35 853242 Pfd. im Jahre 1849 L Seit Mitte des Jahrhunderts dagegen wird die Schafhaltung stark vermindert; Rindvieh und Schweine treten mehr und mehr an ihre Stelle. Die Rassen sämtlicher Viehsorten haben sich veredelt; die Stallfütterung — begünstigt durch die Abfallproduktion der Zucker- und Spiritusindustrie — ist allgemeiner geworden; die Ausbeute vom einzelnen Stück an Fleisch, Milch etc. ist beträchtlich gestiegen. Die Viehstandsbewegung kommt durch folgende Ziffern zum Ausdruck: Es wurden gezählt 1 2 3 : Pferde Rindvieh Schafe Schweine Anfang der 1860 er Jahre 3 193 700 14 999 200 28 016 800 6 462 600 1873 3 352 231 15 776 702 24 999 406 7 124 088 1883 3 522 545 15 786 764 19 189 715 9 206 195 1892 3 836 256 17 555 694 13589 612 12 174 288 1897 4 038 485 18 490 772 10866 772 14 274 557 1900 4 184 099 19 001 106 9 672 143 16 758 436 Dieterici nimmt für die Jahre 1828 und 1840 gleichmäfsig das durchnittliche Schlachtgewicht für ein Rind mit 440 Pfd. an; danach würde das Durchschnittsgewicht seitdem um mehr als die Hälfte gestiegen sein, wenn wir heute das Rind zu einem mittleren Lebendgewicht von 8 Otrn. annehmen 8 . v. d. Goltz 4 * * * schätzt die Vermehrung des Gewichts und damit 1 Nach der vom Frlirn. von Patow verfertigteu Statistik der Wollproduktion Hübner, a. a. 0. S. 16. 2 1897, 33. 1898, 26. 1901, 20. 3 E. Kirstein, a. a. 0. S. 25 , 26. 4 A. a. 0. S. 9. Nach II. Werner, 25 Jahre Rindviehzucht, a. a. 0. S. 14 würde die Steigerung des Lebendgewichts des Rindviehs allein in den Jahren 1883—1892 18,3% betragen haben. Zu einem gleichen Ergebnis kommt man, wenn man die von einem Stück Vieh gelieferten Düngermengen in den verschiedenen Zeitpunkten miteinander vergleicht, wie es z. B. Conrad in seinen Agrarstatistischen Untersuchungen (Jahrbücher für N.-O. Bd. XVIII Fünftes Kapitel. Deutschland. lüf> der Leistungen der einzelnen Tiere durch rationellere Züchtung und Fütterung innerhalb der letzten 20 Jahre auf mindestens lO°/o. An Stelle der Schafe ist, wie obige Tabelle zu erkennen giebt, vorzugsweise Rindvieh, namentlich Milchvieh getreten. Besonders wichtig ist auch der Übergang von den langbeinigen, flachrippigen, grofshörnigen Rindviehrassen zu den Kreuzungen mit Shorthorns, deren Einführung in Norddeutschland in der Hauptsache seit der Hamburger Ausstellung im Jahre 1863 erfolgte h Endlich ist auch der Wald in intensivere Kultur übergegangen. Die früheren Schälwaldungen sind wesentlich eingeschränkt. Die Mittel- und Hochwaldkulturen werden rationeller und einträglicher betrieben. Den wesentlichsten Einflufs auf den Reinertrag der Waldungen übt die Höhe des Nutzholzprozentes. Dieses ist nun überall in den deutschen Wäldern ganz erheblich vermehrt worden. In Bayern stieg die Nutzholzausbeute von 19°/o im Jahre 1860 auf 43% im Jahre 1890; in Preufsen von 27% (1860) auf 39% (1887); in Baden von 28% (1860) auf 36,2% (1887) * 1 2 . IV. Das rasche Anwachsen der Grundrente. Drücken wir die im Vorstehenden skizzierte Entwicklung der Landwirtschaft 3 kapitalistisch aus, so haben wir zu sagen: Infolge zunehmender Mehrproduktion bei steigenden Preisen steigen S. 54) thut. Dort berechnet er für eine preufsische Domäne pro Haupt Vieh Düngerproduktion 1836—40 = 15,1 Ctr. 1840—50 = 25,9 „ 1850—60 = 26,4 „ 1860—65 = 30,5 „ 1865-70 = 35,2 „ Es ist bekannt, dafs ein gröfseres Stück Vieh mehr Futter braucht und infolge dessen mehr Dünger erzeugt. Mag also auch ein Teil jener Mehrproduktion von Dünger auf reichlichere Ernährung zurückzuführen sein: sicherlich ist ein Teil der Zunahme auf Gröfscnzunalime zu rechnen. 1 H. Werner, a. a. O. 2 Vgl. M. Endres, Forsten (Forstpolitik) im H.St. III, 618. 3 Es war nicht der Zweck dieser Skizze, eine erschöpfende Geschichte der Landwirtschaft im letzten Menschenalter zu liefern; nur auf die Feststellung der Grundzüge bei der Entwicklung kam es an. Aufser den citierten Schriften wurden für die Darstellung herangezogen und sind zu vergleichen: Th. von der Goltz, Die Entwicklung der ostpreufsischen Landwirtschaft; in Schmollers Jahrbuch VII (1888), 809—865. Boleslaw von Brodnicki, Beiträge zur Entwicklung der Landwirtschaft in der Provinz Posen während der Jahre 1815—1890. Leipz. I. D. 1893. 110 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts mindestens bis Ende der 1870er Jahre die Kein ertrage von der Flächeneinheit, und mit ihnen gehen Grundrenten und Bodenpreise naturgemäfs ebenfalls in die Höhe. Um die Steigerung der Reinerträge zu erfahren , besitzen wir zwar kein umfassendes statistisches Material, aber doch genügend reichliche Einzeldaten, die durch ihre Übereinstimmung recht beweiskräftig sind. Eine der Domänen der Grafen Stolberg-Wernigerode, deren Reinerträge im 17., 18. und während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine wesentliche Steigerung, wenn auch erhebliche Schwankungen aufweisen, bringt in den 1880er Jahren das Doppelte an Ertrag denn 30 Jahre vorher. Die Reinerträge betrugen im Durchschnitt der Jahre 1 : 1579—85 = 11550 Mk. 1646—56 = 7 350 1780—89 = 18 831,36 n 1830—40 = 17 486,97 „ 1840—49 = 28 258,95 „ 1880— 83 = 59077,18 „ Die Reinerträge der Schaffgotschen Herrschaft Kynast in Schlesien bezifferten sich 2 3 183140 auf 118117,86 Mk. 1851/60 „ 157 351,19 „ 1861/70 „ 199876,73 „ 1871/80 „ 245 754,39 „ Eine Reihe von Angaben macht Rudolf Meyer auf Grund persönlicher Erkundigungen in einer seiner letzten Schriften 8 . Ein Gut im Posenschen mit vorwiegendem Körnerbau und einigem Rübenbau lieferte einen Reinertrag: 1860—65 von 18000 Mk. 1866-70 „ 21000 „ 1871—75 „ 21000 „ 1876—80 „ 25000 „ 1881— 85 „ 37 000 „ 1886—90 „ 38000 „ 1 Al. Backhaus, Entwicklung der Landwirtschaft auf den Gräflich Stolberg-Wernigerodischen Domänen. 1888. S. 266/67. 2 Jos. Heisig, Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Verhältnisse auf den v. Schaffgotschen Güterkomplexen. Hallenser Diss. 1883. S. 35. 3 Rud. Meyer, Das Sinken der Grundrente. 1894. S. 107 ff. Fünftes Kapitel. Deutschland. 111 Die andern Beispiele betreffen Güter in Österreich-Ungarn, die aber als analoge Fälle sehr wohl angeführt zu werden verdienen. Ein reines Korngut in Ungarn brachte Reinertrag: 185(3—59 = 12040 fl. 1860—05 = 12040 „ 1866—70 = 16630 „ 1871—75 = 24460 „ Von da ab beginnen die Erträge zu sinken. Ein Gut in Böhmen ergab: 1859/63 = 30324 fl. 1864/68 = 32162 „ 1868/73=33 929 „ 1874/78 = 32 891 „ Im Grofsherzogtum Hessen schätzte man den Reinertrag des Grund und Bodens 1826 auf 10 Mill. Mk., 1877 auf 32,9 Mill. Mk. den mittleren Kaufwert 1857 auf 1368 Mk. pro ha, 1877 auf 2166 Mk. 1 Die Staatsforstwirtschaft des Grofsherzogtums Oldenburg ergab einen Reinertrag im Jahre 1852/53 von 5,29 Mk. pro ha, „ „ 1876/77 „ 10,15 „ „ „ 2 . Aufserordentlich detaillierte Angaben über die Roh- und Reinerträge eines Gutes im Königreich Sachsen seit dem Jahre 1834 macht Carl F. Petermann. Er kommt zu dem Ergebnis 3 , dafs der Reinertrag pro sächsischen Acker sich bezifferte im Durchschnitt der Jahre: 1834—43 auf 30,31 Mk. 1844-53 „ 31,96 „ 1854-63 „ 41,86 „ 1864—73 „ 53,82 „ 1874-83 „ 48,76 „ 1 J. Conrad, Grundrifs zum Studium der politischen Ökonomie. 1896. 1, 31. 2 P. Kollmann, Das Hzgt. Oldenburg in seiner wirtschaftlichen Entwicklung während der letzten 25 Jahre. 1878. S. 184. 3 Carl F. Petermann, Über den Einflufs, welchen die Umgestaltung der Verkehrs- und landwirtschaftlichen Verhältnisse auf den Grad der Intensität und auf die Produktionsrichtung der sächsischen Landwirtschaft ausübt. 1885. S. 68. 112 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Sehr lehrreich sind auch die Angaben, die Th. von der Goltz über die Entwicklung der Ertragsverhältnisse in der Provinz Ost- p reu Isen macht 1 . Lehrreich besonders durch die Trennung, die er vornimmt zwischen der Verzinsung des Kaufpreises im Meliorationskapital und den darüber hinaus erzielten Reinerträgen. Danach lieferte ein bestimmtes Gut im Regierungsbezirk Königsberg, 9—10 Meilen von der deutschen Ostseeküste entfernt, Wirklich erzielter Reinertrag Mk. 4 I, 2% vom Kaufpreise nebst 5 °/o vom Meliorationskapital Mk. Überschiefsender Reinertrag Mk. 1856/57 18483 13 500 4 987 1860/61 18 592 15 000 3 592 1870/71 27 850 18 000 9 850 1880/81 30 239 19 675 10 564 Das untrüglichste Symptom vermehrter Reinerträge sind nun aber steigendePachtpreise. Nach Conrads Angaben 2 betrug die Pacht bei den Staatsdomänen in den alten preufsischen Provinzen pro ha excl. Unland 1849 = 13,90 Mk. 1864 = 20,23 „ 1869 = 26,41 „ 1879 =35,53 „ 1884 = 38,30 „ 1889/90 = 39,09 „ Dieselbe Entwicklung nahmen die Pachtpreise auf den königlich sächsischen Domänen. Es trugen Pachtgelder die Domänen in Mk. 3 * * * * 8 : 1 von der Goltz, Die Entwicklung der ostpreufsischen Landwirtschaft; im Jahrbuch für Gesetzgebung etc. VII (1883), 860. 2 Landwirtschaft III. Teil in Schönbergs Handbuch. 3. Auü. 1890. S. 212. Vgl. für die Prov. Sachsen die genauen Angaben bei E. Pommer, Beiträge zur Geschichte der Landwirtschaft im Reg.-Bez. Merseburg. 1884. Für die Provinzen Posen und Pommern enthalten noch genauere Ziffern Conrads „Agrarstatistische Untersuchungen“ in seinen Jahrbüchern III. F. Bd. VI und X. Das Ergebnis ist dasselbe: Verdreifachung der Pachtzinse seit 50 Jahren. Jetzt hat C. die verschiedenen Tabellen (bis auf die Gegenwart weitergeführt) in dem 90. Bande der Sehr, d, V. f. S.-P., S. 135, zusammengestellt. 8 Otto Böhme, Entwicklung der Landwirtschaft auf den Kgl. sächsischen Domänen. 1890. S. 47—49. Fünftes Kapitel. Deutschland. 113 Ostra Lohmen Gorbi tz 1844—56 27 000 1845—57 — — 8 700 1856—68 40 125 — _ 1857—69 — _ 18 615 1868-80 — 18 360 _ 1869-81 — — 24156 1880-92 45 000 20400 _ 1881—93 — — 29 000 Die Gräflich Stolberg-Wernigerodischen Domänen lieferten folgende Pachtpreise in Thalern 1 2 : Wasserleben Driibeck Stapelburg 1750 2 000 1600 3000 (1730) 1850 5 500 2300 3145 1870 10 355 3572 3854 1890 15 000 4975 5000 Eine statistisch besonders zuverlässige Individualermittelung für Ländereien im Oldenburgischen ergiebt folgendes Resultat. Es hat sich der Pachtzins pro ha von 1850—1875 gehoben bei 2 : Geestweideland der Gemeinde Westerstede um absolut 29,6 Mk. °/o 122,03 Geestwiese ebenda. 13,3 „ 116,09 geringer Geestwiese der Gemeinde Zetel » 6,1 „ 59,50 Marsch wiese ,, „ „ n -2,6 B — 7,71 (NB. der Über- Marschland „ „ „ » 37,6 „ 54,66 schwemmung Gestwiese der Gemeinde Osternburg . . 77 20,8 „ 26,09 ausgesetzt.) Marschfettwiese der Landgemeinde Elsfleth (Hamm I). 71 64,9 „ 57,29 Marschfettwiese der Landgemeinde Elsfleth (Hamm 3 b). 77 71,2 „ 68,23 Grodenland des Katharinengrodens (Parzelle 5). 21,0 „ 17,71 Grodenland des Katharinengrodens (Parzelle 10). 77 - 0,02 „ — 0,01 Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Beträge der gezahlten Pachten, zumal bei grofskapitalistischen Landwirtschafts- 1 Al. Backhaus, a. a. 0. S. 86. Vgl. auch Werner, Graf Goertz- Wrisberg, a. a. 0. S. 16/17. 2 P. Kollmann, Das Hzgt. Oldenburg etc. S. 833. Sorabart, Der moderne Kapitalismus. II. 8 114 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. betrieben wie den Domänenbetrieben, als die Grundrente, also den Surplusproiit ansieht, den der Grund und Boden über den landesüblichen Unternehmerprofit abwirft h In jenen Ziffern kommt also auch annähernd das Steigen der Grundrenten seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Ausdruck. Nichts anderes aber als geronnene, wie man zu sagen pflegt, kapitalisierte und in Zeiten aufsteigender Konjunktur meistens schon anticipierte Grundrente ist der Boden preis, dieser letzte Ausdruck kapitalistischer Landwirtschaft. Sein Steigen ist die Reflexbewegung der in der Vergangenheit vermehrten, bezw. wiederum der Vorwegnahme zukünftig erhoffter Reinerträge. Die Statistik der Bodenpreise, zumal wo es sich um Vergleichungen mit der Vergangenheit handelt, ist sehr unvollständig 2 . Immerhin reicht das Material, das vorliegt, für unsere Zwecke aus. Es giebt uns in so übereinstimmender Weise Belege für die deduktiv gewonnene Ansicht von der Bodenpreissteigerung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts an die Hand, dafs wir an der Richtigkeit dieser Ansicht kaum noch zweifeln dürfen. Am besten unterrichtet sind wir über die Entwicklung der Bodenpreise während der vorletzten Jahrhunderthälfte in Baden, Sachsen, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg. Eine gute Übersicht über die Steigerung der Bodenpreise gewährt eine mecklenburgische Statistik, die uns den Preis der Lehn- und Allodialgüter in Mecklenburg-Schwerin während der hundert Jahre von 1770—1878 bekannt giebt. Danach betrug 3 der Durchschnittspreis der Hufe in Mk. der Allodialgüter der Lehngüter 1830—39 63 635 56 136 1840—49 93 315 90 492 1850-59 118 696 113 216 1860—69 180441 152 341 1870—78 158 245 133 046 1 Natürlich nur insoweit nicht andere Momente, wie „Landhunger“ in kleinbäuerlichen Gegenden od. dgl. preissteigernd einwirken. 2 Vgl. die erschöpfende Kritik P. Kollmanns, Die Kaufpreise des Grundeigentums im Grofsherzogtum Oldenburg von 1866 bis 1893 (S. A. aus G. von M ayrs Allgemeinem statistischen Archiv Bd. IV, 1. Halbband). 1895. S. 1 ff. Für Preufsen bis 1867 vgl. Meitzen, Der Boden etc. III, 413 f. und das abschliefsende Urteil S. 423. 3 Beiträge zur Statistik Mecklenburgs Bandl. 1880. Vgl. dazu H.Paasche, Die Entwicklung der Kaufpreise des ritterschaftlichen Grundbesitzes in Fünftes Kapitel. Deutschland. 115 Ähnliche Ziffern — für Bauernland — liegen aus dem Grofs- herzogtum Oldenburg vor * 1 . Dort wurde bei den zum Verkauf gelangenden Banerngütern der ha durchschnittlich bezahlt mit Mk.: im Jahre in der Marsch in der Geest 1840 853 357 1855 1340 331 1875 2291 1039 Eine Vergleichung der in den Jahren 1869/93 durchschnittlich erzielten Verkaufspreise mit dem Betrage des kapitalisierten Grundsteuerreinertrags (vor 1850) ergiebt für den Zeitraum 1869—93 gegenüber der Zeit vor 1850 eine Wertsteigerung im ganzen Herzogtum 2 : für: Marsch-Hofräume und Gärten . Geest- ,, ,, n Marschland. Ackerland. Wiesen. Holzungen. Unkultiviertes Land und Unland von : 684,90% 373,13 „ 110,96 „ 152,89 n 153,16 „ 142,07 „ 237,24 „ Diese Ziffern finden ihre Bestätigung in einer Reihe von Mitteilungen, die für die benachbarten hannoverschen Bezirke des Regierungsbezirks Stade bei Gelegenheit der 50jährigen Jubelfeier des Provinzial-Landwirtschafts-Vereins zu Bremervörde gemacht wurden. Aus dem Verdener Bezirke wird in der Festschrift berichtet: „Dafs die Kaufpreise von ländlichem Grundbesitze in den letzten 50 Jahren auch in der Verdener Gegend, in der Marsch wie auf der Geest, sehr erheblich, ja um das Mehrfache — öfters bis zum Siebenfachen — gestiegen sind, ist eine bekannte Thatsache.“ Dann werden einzelne Fälle angeführt: Ein Hof wurde für 40000 anfang der 1880er Jahre verkauft, dessen etwas gröfseres Pendant 50 Jahre früher 4200 Thlr. gekostet hatte; ein 5 Morgen grofses Grundstück im Dorf Hemelingen, Amt Achim, wurde 1885 Mecklenburg-Schwerin von 1770—1878 in den Jahrbüchern für N. Ö. N. F. Bd. II. S. 311. Übrigens waren in dem Exportlande M. die Preise von Ende des 18. Jahrhunderts bis in die 1830 er Jahre schon wie 100: 200 gestiegen. 1 Vgl. P. Kollmann, Die Kaufpreise etc. S. 43. 2 Kollmann, a. a. O. S. 84. 110 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. für 2000 Thlr. veräufsert und kostete 50 Jahre früher 600 Thlr. u. s. w h Aber warum ich dies alles an dieser Stelle erörtere? Wesentlich um den Kausalzusammenhang herzustellen zwischen der allgemein-kapitalistischen Entwicklung und einigen unmittelbaren Folgeerscheinungen, deren Auftreten für die Umbildung der gewerblichen Organisationsformen, wie später zu zeigen sein wird, von hervorragender Bedeutung ist. Gemeint sind: 1. die durch den Übergang zur intensiven Landwirtschaft und die Entstehung der Grundrente vielfach hervorgerufene Änderung der Produktionsrichtung; vor allem aber 2. die ebenfalls damit im engsten Zusammenhänge stehende Auflösung der überkommenen ländlichen Arbeitsverfassung; 3. der Wegfall der Markennutzung. B. Die unmittelbaren Folgen der veränderten Produktionsweise. I. Die Änderung in der Produktionsrichtung. Eine Änderung der Produktionsrichtung nenne ich zunächst die Verschiebung des Standorts für ganze Produktionszweige, wie vor allem der Waldkultur. Die moderne Entwicklung, solange sie wenigstens in aufwärts sich bewegender Richtung vor sich ging, drängte von zwei Seiten auf eine Beseitigung des Waldes aus den Centren wirtschaftlicher Hochkultur. Als die Holzpreise zu steigen anfingen, bedeutete das bei der Eigenart der Forstwirtschaft nicht etwa ein Moment zur Ausdehnung der Waldkultur, sondern einstweilen nur einen Anreiz zum Abholzen, zur Vernichtung des Waldes. Wenn auch in Deutschland eine Reihe von Umständen, namentlich wohl die That- sache, dafs ein so überwiegender Teil unserer Wälder nicht in Privatbesitz sich befindet, jener Devastationstendenz entgegengewirkt hat, der andere Länder zum Opfer gefallen sind, so ist doch ohne Zweifel in den Jahren rasch steigender Holzpreise, als die Auslandskonkurrenz noch nicht so entscheidend eingreifen konnte, ein beträchtlicher Teil des Waldes wenigstens aus der 1 Vgl. noch für das Fürstent. Schwarzburg-Sondershausen die oben S. 107 cit. Schriften; für die Provinz Posen die Arbeit von Sarrazin in Thiels Landw. Jahrb. 1897; für den Saalkreis Halle das gehaltvolle Buch von C. Steinbrück, Die Entwickelung der Preise des städt. und ländL Immobilienbesitzes etc. 1900. Fünftes Kapitel. Deutschland. 117 näheren Umgebung der Städte verschwunden. Um so mehr, als auch, abgesehen von dem Anreiz zum Schlagen, den steigende Holzpreise ausüben, die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft eine Zurückdrängung der Waldkultur rentabel erscheinen läfst. In dem Mafse nämlich, wie die Bodenerträge überhaupt steigen, gewährt die Waldrente nicht mehr eine dem allgemeinen Stande des Bodenpreises entsprechende Rentabilität auf Böden, die anderer Nutzung zugänglich sind. Die Folge ist, dafs die Waldkultur sich auf die absoluten Waldhöden oder an die grundrentenlose Peripherie des wirtschaftlichen Kulturkreises zurückzieht. Ermöglicht wird diese Verschiebung durch die Verbilligung der Transportkosten infolge verbesserter Verkehrsmittel. Die angedeutete Entwicklung ist also keine Widerlegung, sondern eine Bestätigung für die Richtigkeit der Thünenschen Kreistheorie. In einer Zeit der Achsenbeförderung gehört der Wald ebenso sehr in die zweite Zone wie in unserer Zeit vervollkommneter Transporttechnik (und Produktionstechnik, denn die Einführung der Dampfsägerei, zumal der transportabeln, hat in gleicher Richtung mitgewirkt) an die Peripherie des Wirtschaftsgebiets 1 . Der Wald ist aber des ferneren auch an jener zweiten Kategorie von Vorgängen beteiligt, die ich unter der Bezeichnung einer Änderung der Produktionsrichtung zusammenfasse: nämlich an dem, was man eine Differenzierung der Produktion und Trennung des Standorts für früher einheitliche Produktionszweige nennen kann. Das Streben, eine möglichst hohe Rente bei den verbleibenden Waldungen zu erzielen, hat dazu geführt, nur die dem betreffenden Standorte jeweils entsprechende Kultur zu treiben, beispielsweise in Industriegegenden die gesamten Waldbestände auf die Lieferung von Grubenhölzern zuzuschneiden u. s. w. Wo aber ganz deutlich eine Teilung ursprünglich einheitlicher Produktion infolge gestiegener Grundrente eingetreten ist, das ist in der Viehzucht. Die steigenden Fleischpreise haben mehr und mehr bei Schaf, Schwein und Rind, soweit letzteres nicht als Milchtier genützt wii’d, also eine noch intensivere Verwendung findet, ihre Züchtung unter den Gesichtspunkt möglichst hoher Fleischgewinnung gestellt. Das bedeutet aber produktionstechnisch eine Beeinträchtigung der Quantität und Qualität dessen, was man die Nebenprodukte der Tierzucht nennen kann: das Fleischschaf liefert schlechtere Wolle, das englische „Fleischschwein“ viel 1 Vgl. hierzu auch E. Sax, Verkehrsmittel 2, 51/53. 118 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. schlechtere Borsten als z. B. das langhorstige polnische Landschwein 1 , die „Shorthorn“ - Rassen der Milch- und Fleischkühe haben eine viel geringere Hornausbeute als die früheren Landrassen. All’ diese im Centrum des Grundrentenkreises verkümmernden Nebenprodukte werden nun in einer weiteren Entfernung vom Mittelpunkte des europäischen Wirtschaftslebens gewonnen, dort, wohin auch mehr und mehr infolge einer extensiven Viehnutzung (Liebigs Fleischextrakt!) die Gewinnung des wichtigsten aller tierischen Nebenprodukte: der Haut (des Rindes) verlegt wird. Endlich will ich noch einer Veränderung in der Produktionsrichtung Erwähnung thun, das ist der Wegfall bestimmter Produktionsarten infolge ebenfalls wieder steigender Bodenrente. Hierbei habe ich vor allem zwei ganz ungemein wichtige Produktionsarten im Auge, die seit dem Übergang zu intensiver Landwirtschaft allmählich wenn nicht ganz verschwunden so stark eingeschränkt sind; der Flachsbau und die Schälwaldkultur, die beide bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine grofse Rolle im deutschen Wirtschaftsleben spielten. Dafs in beiden Fällen natürlich die verringerte Nachfrage bezw. die sinkenden Preise mitbestimmend für die Einschränkung gewesen sind, ist aufser Zweifel, Aber mehr noch hat das Streben, Feld und Wald für andere Produkte, die höheren Ertrag versprechen, vorteilhafter zu nutzen, zu einer Beseitigung oder starken Einschränkung der beiden Kulturen geführt. Ich mufs mich hier mit wenigen Andeutungen begnügen und verweise im übrigen auf die umfangreiche Speciallitteratur. Eine vom preufsischen Landesökonomiekollegium im Jahre 1854 herausgegebene Schrift, die den Zweck hatte, für die Anlage von Eichenschälwaldungen Stimmung zu machen, bemerkt in einer , grandiosen Periode des Vorworts, dafs „die aus der Vorzeit über- liefertenEichenwälder mehr und mehr ahn ehmen, indem der zu Eichenbaumholzzucht geeignete bessere Waldboden gröfstenteils zur landwirtschaftlichen Benutzung in Anspruch genommen wird, und der an sich weniger fruchtbare Boden, welcher früher seine Tauglichkeit für die Eichenbaumholzzucht dadurch erhielt, dafs bei der früheren geringeren Abnutzung der Waldungen, die Produktion des Waldes zum grofsen Teil dem Boden wieder zu gute kam und ihn humus- 1 „Die Produktion von deutschen Borsten geht stetig zurück und (es) wird auch die Qualität (derselben) immer geringer.“ Bericht der H.K. Frankfurt a. M. für 1897. S. 183. Fünftes Kapitel. Deutschland. 110 reich machte, gegenwärtig mehr und mehr verarmt und Eichenbaumholz nicht mehr zu produzieren vermag, nachdem die gestiegenen Bedürfnisse einer zahlreicheren Bevölkerung und beträchtlich vermehrten Ackerlandes dazu Anlafs gegeben haben, nicht allein die gesamte Holzerzeugung den Wäldern vollständig zu entnehmen, sondern an vielen Orten auch die abfallenden Blätter und Nadeln zur Benutzung als Streu und Dungmaterial oder für andere Zwecke den Waldungen zu entziehen und dadurch grofse Flächen, auf denen früher bei beträchtlichem Humusgehalt des Bodens die Eiche noch gedeihen konnte, durch Verminderung der humosen Bodenbestandteile für die Eichenbaumholzzucht untauglich geworden sind“. Diese Verminderung der Eichenwaldungen macht sich aber für die Lieferung von Eichenlohe um so mehr fühlbar, „als die dringenden Bedürfnisse an Eichenbau- und Nutzholz nicht gestatten, alles Eichenholz in der Saftzeit zu fällen, um die Rinde zur Lohnutzung zu gewinnen, oder alle Eichenbestände, auf dem zur Eichenbaumholzzucht genügenden Boden, bevor das Holz seine vollständige Nutzbarkeit erreicht hat, lediglich zum Zwecke der Lohegewinnung abzutreiben“ h Zum Rückgang des Flachsbaus hat sowohl das Streben beigetragen, die bisher mit Flachs (oder Hanf) bestandene Bodenfläche besser zu nützen, als auch der Umstand, dafs die für den Flachsbau erforderliche Arbeit mit den anderen durch die Intensität der Landwirtschaft notwendig werdenden Arbeiten kollidierte 2 . Über die mit Flachs und Hanf bestandene Fläche und ihre fortschreitende Verkleinerung geben folgen Zahlen Aufschlufs: Im Königreich Preufsen 3 betrug die Anbaufläche für: Flachs Hanf ha ha 1878 92407 3953 1883 76530 3679 1893 41 232 1955 1 Über die Anlage und Bewirtschaftung von Eichenschälwaldungen mit besonderer Berücksichtigung der mittleren Provinzen des preufsischen Staates. Nach Mitteilungen des Kgl. Oberförsters Bando zu Neustadt-Eberswalde und des Kgl. Forstmeisters von Hagen zu Berlin, herausgegeben vom Kgl. Preufsischen Landes-Ökonomie-Kollegium. 1854. 2 Vgl. A. Rüfin, Der Flachsbau und die Flachsbereitung in Deutschland. 1853. S. 1/2 f. 16. 3 Statistisches Handbuch für den preufs. Staat. Bd. III. 1898. S. 239. 120 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Im Königreich Bayern 1 sind die entsprechenden Ziffern für Flachs und Hanf zusammen: 1863 44765 ha 1878 21718 11 1883 15 543 11 1893 12 876 11 II. Die Neugestaltung der ländlichen Arbeitsverfassung. Die zweite wichtige Folgeerscheinung des Übergangs zur rationellen Landwirtschaft, von der wir hier Kenntnis nehmen wollten, ist die Neugestaltung der ländlichen Arbeitsverfassung, genauer gesprochen, die Veränderung, welche die Bedingungen der Arbeit auf dem Lande in rechtlicher wie that- sächlicher Beziehung erleiden. Hier ist in erster Linie zu erwähnen die Auflösung der alten patriarchalischen Gutswirtschaft mit Quotal-, bezw. Naturallöhnung der Arbeiter, wie sie vor allem in den preufsischen Provinzen östlich der Elbe bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts fast ausschliefslich geherrscht hatte. Diese ältere Gutswirtschaft, die wir uns noch in weitem Umfange als autonome Produktions- und Konsumtionsgenieinschaft mit Überschufsproduktion vorzustellen haben 2 , hatte auf wesentlich zwei Kategorien von Arbeitskräften sich aufgebaut: 1. dem Gesinde 3 , den Arbeitern in Haus und Hof, denen namentlich auch die Besorgung und Wartung des Viehs obliegen. Von diesen Gesindeleuten waren die Ledigen in die Wohn- und Efsgemeinschaft des Gutes selbst eingegliedert, die Verheirateten sahen den Rauch des eigenen Herdes, blieben aber insofern mit der Gutswirtschaft vereinigt, als sie feste Beträge in Naturalien als wesentlichen Bestandteil der Löhnung, vor allem auch die Wohnung in natura von der Herrschaft empfingen. 2. den „kontraktlich gebundenen Arbeitern“, denen die Feld-, d. h. die Bestell- und Erntearbeiten, nebst den Verrichtungen auf der Tenne zufielen. Unter diesen kontraktlich ge- 1 Statist. Jahrb. für das Kgr. Bayern. Erster Jahrgang 1894. S. 30. - A german farm usually supports itself, care being taken to want as possible that is not supplied by tlie ground bemerkt selbst für den Westen Deutschlands noch Banfield 1, 20. 3 Zu vergleichen sind vor allem Knapp, Bauernbefreiung, und Max W eber, Entwicklungstendenzen. Fünftes Kapitel. Deutschland. 121 bundenen Arbeitern alten Stils ragen zwei besonders wichtige Kategorien hervor: die Instleute und die Dreschgärtner; letztere in Teilen von Schlesien, erstere im übrigen Ostelbien fast allgemein verbreitet. Die Insten hatten sich wesentlich aus denjenigen handdienstpflichtigen Kleinbauern rekrutiert, die bei der Agrarreform von 1811—16 für nicht regulierbar erklärt worden waren, deren Besitztum infolgedessen von dem Gutsherrn eingezogen und ihnen nur teilweise zur Nutzung zurückgegeben wurde, nachdem sie zu den Gutsbesitzern in ein neues Arbeitsverhältnis getreten waren. Was nun die Arbeitsverfassung der Insten alten Stiles charakterisiert, ist folgendes: Der Inste ist ein kleiner Landwirt, dessen Wirtschaft in die Gutsherrschaft eingegliedert ist. Er erhält von der Herrschaft ein Haus nebst Garten und einen „Morgen“ im Felde zur Nutzung. Letzterer liegt im Gemenge mit den Äckern der Gutswirtschaft und untersteht mit diesen dem Flurzwange, hat also dieselbe Fruchtfolge wie das Gutsland. Des ferneren gehören dem Insten einige Stück Vieh, für welche er das Recht erhält, sie mit der herrschaftlichen Herde gemeinsam auf die Weide zu treiben. Der Inste ge- niefst ferner des Vorteils, die Ernte des Gutes ausdreschen zu dürfen, wofür er einen Naturalanteil, den 10.—16. „Scheffel“ erhält. Für alle diese Wohlthaten mufs er seine und seiner Familie Arbeitskraft — der Vertrag wird immer nur mit einer Familie, nie mit einer Einzelperson abgeschlossen — dem Gutsherrn zur Verfügung stellen, der damit sich sowohl die während des ganzen Jahres erforderlichen Arbeitskräfte, als auch die während einiger Wochen mehr benötigten Arbeitskräfte sichert. Die schlesischen Dreschgärtner standen in einem ähnlicheu Anteilsverhältnis zur Gutswirtschaft wie die Insten. Nur dafs sie eine andere geschichtliche Vergangenheit hatten — sie waren bereits zur Zeit der Erbunterthänigkeit vorhanden und immer Gutsarbeiter, nicht wie der Inste fron pflichtiger Bauer gewesen — und Eigentümer ihrer Stelle waren, die, meist nur 3—4 Morgen grofs, aufserhalb des Flurzwangs lag und daher „Garten“ oder Wurthe hiefs. Aber was die schlesischen Gärtner zu Verwandten der Insten machte: sie hatten nicht nur wie diese ein vertragsmäfsiges, sondern vielfach bis 1845 sogar ein gesetzliches Recht, die Ernte und den Drusch auf dem Gute zu verrichten, erstere gegen die sog. Mandel, letztere gegen die sog. Hebe, den 15.—18. Scheffel, ein Recht, das dadurch erst seine eigentliche Bedeutung erhielt, dafs die Zahl der Dreschgärtner nicht ohne ihre Zustimmung vermehrt 122 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. werden durfte. Damit war gleichsam ein dauerndes und erbliches Arbeitsverhältnis hergestellt worden; die Dreschgärtner hiefsen daher auch Erbdrescher. Die Auflösung dieser patriarchalischen Arbeitsverfassung — patriai-chalisch deshalb, weil, dank dem Anteilverhältnis des Arbeiters zur Gutswirtschaft, eine weitgehende Interessensolidarität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestand, also der moderne Klassengegensatz zwischen Unternehmer und Arbeiter noch nicht zur Entfaltung gelangt war — ging auf verschiedene Weise vor sich, je nachdem es sich um die Dreschgärtner oder die Insten handelte. Für jene, deren Anteilsberechtigung ja eine gesetzliche war, mufste auch eine ausdrückliche gesetzliche Beseitigung des bestehenden Zustandes erfolgen, was durch das Gesetz, betreffend die Ablösung der Dienste in der Provinz Schlesien vom 31. Oktober 1845 geschah 1 . Diese, die Insten dagegen wurden langsam durch eine allmähliche Umbildung des Vertrages aus anteilsberechtigten Kleinlandwirten in festgelohnte Arbeiter verwandelt. Erst wurde ihnen der „Morgen im Felde“ entzogen und statt seiner ihnen Kartoffelland als Garten angewiesen; dann fiel die Berechtigung zur Mitweide der Kuh, endlich, obwohl dies letztere Stadium der Auflösung des Quotallohnverhältnisses noch nicht überall erreicht ist, auch der Anteil am Erdrusch. Die treibende Kraft in diesem Umgestaltungsprozesse war unstreitig das wirtschaftliche Interesse des zur rationalen intensiven Landwirtschaft übergehenden Unternehmers. Thatsächlich war denn auch die alte Arbeitsverfassung ein Hindernis für den technischen Fortschritt. Das trat besonders deutlich in die Erscheinung bei den schlesischen Erbdreschern, die auf ihrem Scheine bestanden und vielfach Neuerungen im landwirtschaftlichen Betriebe, weil sie ihrem Interesse widersprachen, hartnäckigsten Widerstand leisteten. Die Gutsbesitzer mufsten schliefslich jeden Fortschritt mit der Gefahr eines Prozesses erkaufen. Ganz abgesehen davon, dafs sie mit sehr vielen Verbesserungen eher die Taschen der Drescher als ihre eigenen füllten. Einer der besten Kenner der deutschen Landwirtschaft seiner Zeit fafst sein Urteil über jenen Stand der Dinge in folgenden Worten zusammen: „Bei jeder oft mit grofsen Opfern bewirkten Erhöhung des Bodenertrages mufs der Gutsherr den üb- 1 In einzelnen Gebieten hatten die Ablösungen schon früher begonnen; in Viehau z. B. schon 1340. Vgl. P. Boenisch, Die geschichtl. Entwicklung der ländlichen Verhältnisse in Mittelschlesien. Jenaer Diss. 1894. S. 85. Fünftes Kapitel. Deutschland. 123 liehen Anteil auch vom Mehrgewinn an die Gärtner abgeben, die zu dessen Erreichung nichts beigetragen haben; bei jeder Erweiterung des 01- oder sonstigen Handelsfrucht-, ja des Behack- fruchtbaus und also einer entsprechenden Verminderung des Getreidebaus , hat er den Entschädigungsprozefs von Seiten der Dreschgärtner zu gewärtigen, die dadurch ihren Anteil geschmälert sehen. Da überhaupt die Art und der Umfang der Dienstleistungen nach Mafsgabe der alten Dreifelderwirtschaft bestimmt ist, so sieht er sich fast in jeder Veränderung behindert 1 .“ Konnte das vertragsmäfsige Instenverhältnis nun auch nicht zu ähnlichen Unzuträglichkeiten wie das Gärtnerverhältnis führen, so wurde es doch mit zunehmender Intensität der Landwirtschaft dem Gutsherrn lästig. Schon der Anteil an dem Ernteertrage mufste bei steigenden Getreidepreisen als eine vom Standpunkt des rechnenden Unternehmers aus unprofitable Löhnungsart erscheinen; die Einführung des Maschinendrusches that das Übrige, um die Berechnung des Lohnes nach Anteilen am Erdrusch zu erschweren. Unerträglich aber wurde mit zunehmender Intensität die Eingliederung der Instenwirtschaft in die Gutswirtschaft. Der „Morgen im Felde“ verlor seine Berechtigung mit dem Verlassen der alten Dreifelderwirtschaft und dem Übergang zur Fruchtwechselwirtschaft; die Durchfütterung des Instenviehs mit der Gutsherde wurde in dem Momente ein Anachronismus, als an Stelle des alten Weidetriebs die Stallfütterung trat. So werden allmählich die Anteilsrechte der Insten in feste Naturalbezüge, und wo die Entwicklung noch weiter fortgeschritten ist, diese in Geldlohn umgewandelt, der der allein rationelle Ausdruck des kapitalistisch-proletarischen Arbeitsverhältnisses ist. Ergebnis des Umgestaltungsprozesses war jedenfalls überall, dafs die Wirtschaft des ländlichen Arbeiters verselbständigt, aus dem Organismus der Gutswirtschaft ausgeschieden wurde. Es entstand der völlig „freie“ ländliche Tagelöhnerstand mit oder ohne einigen Grundbesitz, eine Arbeiterbevölkerung, deren Existenz, wo sie gänzlich besitzlos ist, von der Verwertungsmöglichkeit ihrer Arbeitskraft, wo sie mit kleinen Stellen behaftet ist, von jener und den Erträgnissen dieser bedingt wird. Nun sollte aber die Revolutionierung des landwirtschaftlichen Betriebes für die ländlichen Arbeiter sich in ihren Wirkungen nicht mit jener Ausscheidung aus der Guts- 1 A. von Lengerke, Entwurf zu einer Agrikulturstatistik des preufsi- schen Staats (1847); S. 123 24. 124 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Wirtschaft erschöpfen. Sie hatte vielmehr noch einen weit entscheidenderen Umstand im Gefolge: sie erschwerte die Lebens- fristung der solcherart verselbständigten Arbeiterexistenzen auf dem Lande. Zunächst dadurch, dafs sie eine Verringerung der Arbeitsgelegenheiten mit sich brachte. Diese Behauptung erscheint zunächst unglaubhaft angesichts der Thatsache, dafs ja die Intensivisierung des landwirtschaftlichen Betriebes ohne Zweifel auch eine Steigerung des Arbeitsaufwandes auf gegebener Fläche erheischte. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir in Betracht ziehen, dafs in dem Mafse, wie die Landwirtschaft intensiver wird, sie sich mehr und mehr zu einem reinen Saisongewerbe entwickelt, wodurch dann zu bestimmten Zeiten — im Winter — trotz absolut gesteigerten Arbeitsbedarfs sich Arbeitslosigkeit einstellt. Bis zu einem gewissen Grade war die Landwirtschaft stets ein Saisongewerbe gewesen, d. h. hatte im Sommer mehr Arbeit als im Winter verlangt. Das Verhältnis der Winter- zur Sommerarbeitsmenge war bei einer Könerwirtschaft alten Stils wie 1,0 zu 1,4 gewesen. Aber erst die moderne Entwicklung bringt dieses Mifsverhältnis zur Entfaltung, sofern sie auf der einen Seite die Winterarbeit zu verringern, auf der andern Seite die Sommerarbeit zu vermehren die Tendenz erzeugt. Jene Verringerung tritt ein: 1. durch den Übergang vom Hand- zum Maschinendrusch; 2. durch den Wegfall des Flachsbaus; 3. durch das Verschwinden der gewerblichen Arbeit im Winter 1 ; 4. durch die vielerorts eingetretene Verringerung der Arbeit in den Forsten. Die Vermehrung der Sommerarbeit tritt aber auf im Gefolge der Fruchtwechsel- und namentlich der Rübenwirtschaft. Bei letzterer ist das Verhältnis der Sommer- zur Winterarbeit wie 2,6 zu 1; und der Bedarf des arbeitsreichsten zum arbeitsärmsten Monats verhält sich gar wie 4 zu 1, gegen 1,6 bezw. 2 zu 1 Über diesen letzteren Punkt wird unten noch ausführlicher zu handeln sein. Der Wegfall des Flachsbaus, der auch aus anderen Gründen sich mit der intensiveren Landwirtschaft nicht vertrug, steht damit im Zusammenhang. Ich mufs es mir versagen, auf diese interessante Erscheinung näher einzugehen und begnüge mich daher, auf folgende Schriften zu verweisen: Haxthausen, Ländliche Verfassung etc. S. 131. A. von Lengerke, Entwurf einer Agrikulturstatistik S. 34. 73. A. Eufin, Die deutsche Flachszucht. 1846. S. 13 f- Derselbe, Der Flachsbau und die Flachsbereitung in Deutschland. 1853. S. 1 ff. 7. 16. Festschrift für die XXV. Versammlung der Land- und Forstwirte. 1865. S. 153. Fünftes Kapitel. Deutschland. 125 1 bei verbesserter Körner- und Fruchtwechselwirtschaft ohne Rüben. So ergiebt sich denn die entscheidend wichtige Saisonarbeit in einer Wirtschaft auf 1000 Morgen Thatsache, ist 1 dafs bei Körnerwirtschaft die Arbeit von 48 Tagen, „ Koppelwirtschaft n n 03 71 „ verbesserter Körnerwirtschaft „ Koppelwirtschaft in Kombin n n 147 71 nation mit Fruchtwechsel 11 » n 015 11 „ Fruchtwecliselwirtschaft » n 11 1103 11 „ Rübenwirtschaft n 11 n 2509 71 III. Die Verringerung der Nebeneinkünfte der ländlichen Bevölkerung aus der Markennutzung. In dem Mafse nun, wie die Landwirtschaft den Charakter eines Saisongewerbes annahm, Arbeit also in starkem Umfange nur während eines Teiles des Jahres verlangt wurde, hätten sich die Hilfsquellen vermehren müssen, aus denen der ländliche Arbeiter während seiner arbeitslosen Zeit ausserhalb seiner Stellung als Gutsarbeiter Zuschüsse zur Fristung seiner Existenz hätte beziehen können. Aber gerade im Gegenteil: diese Hilfsquellen versiegten je mehr und mehr. Noch Ende der 1850er Jahre konnte Rau für das Heidelberger Land als Quellen nennen, aus denen dem ländlichen Tagelöhner Zuschüsse flössen, die allein seine Existenz ermöglichten 2 : 1. Allmendenutzung und Holzabgaben aus dem Gemeindewalde, das Sammeln dürren Holzes und der Streu in den Gemeinde- und Domänenwaldungen; 2. das Grasholen in den Feldern; Familien, meint er, mit mehreren Kindern verschaffen sich durch dieses Mittel eine schätzbare Hilfe, um Ziegen oder selbst eine Kuh zu erhalten; 3. Zupachtung kleiner Ackerparzellen; 4. gewerblichen Nebenverdienst. Rau denkt hier an völlig besitzlose Tagelöhner, denen es doch gelingt, unter Anlehnung an die noch bestehende Dorfgemeinschaft 1 Nach den gründlichen und sehr interessanten Untersuchungen von Gr eorg Meyer, Schwankungen in dem Bedarf an Handarbeit in der deutschen Landwirtschaft etc. 1893. Vgl. auch E. Berg, Über die Beziehungen der landwirtschaftlichen Bevölkerung nach Qualität und Quantität zur Intensität des landwirtschaftlichen Betriebes. Jenaer Diss. 1898. Bergs Fragestellung ist die umgekehrte Meyersche. 2 Rau, Die Landwirtschaft der Heidelberger Gegend in der Festschrift für die Mitglieder der XXI. Vers. d. Land- und Forstwirte. 1860. S. 326 ff. 126 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. sich eine kleine Landwirtschaft zu begründen. Ganz ähnliches läfst sich aber von den kleinen Stellenbesitzern sagen, die ein paar Morgen aus der grofsen Plünderung, denen diese kleinsten der kleinen Fronbauern am stärksten ausgesetzt gewesen waren *, in die neuere Zeit herübergerettet hatten. Auch deren Existenz war ehedem ganz wesentlich erleichtert worden durch die Anteilnahme an den Benedeien der Dorfgemeinheiten, durch die mannigfachen Nutzungsrechte am Herrenland u. dergl. All’ diese kleinen Wohlthaten verschwinden nun in dem Mafse, wie die Gemeinheitsteilung und die Ablösung der Nutzungsrechte durchgeführt, die alten Gemeinschaftsbeziehungen dem rationellen Einzelbetrieb der landwirtschaftlichen Unternehmung zum Opfer gebracht werden. Sicher mit sehr verschiedener Stärke in den verschiedenen Gegenden Deutschlands — in dem grofsgrundbesitzlichen Preufsen radikaler als im kleinbäuerlichen Süden und Südwesten des Reichs —, an den einzelnen Orten zu sehr unterschiedlichen Zeiten einsetzend — man braucht nur einen Blick auf die einschlägigen Agrargesetze der einzelnen Bundesstaaten zu werfen — ganz gewifs aber überall von mehr oder weniger grofsem Einflufs auf die Proletarisierung und daher Mobilisierung der ländlichen Arbeiter ist diese Auflösung des alten Dorfverbandes — denn er ist es doch im Grunde, den wir in jedem einzelnen der erwähnten Anteil- oder Nutzungsrechte wiedererkennen — gewesen 1 2 . 1 Vgl. über die massenhafte Einziehung der Häuser, Gärten, Acker der Eigenkätner, Büdner u. a. Knapp, Bauernbefreiung 1, 284 und über die Wirkungen u. a. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen etc. (Jahrbücher III. Folge Band Y. S. 645 ff.). 2 Wie zahlreich die „abgelösten“ Nutzungsrechte waren und dafs es vor allem solche sind, die den Kleinsten der Kleinen zu Gute kamen, ergiebt sich schon aus der Aufzählung in den betreffenden Ablösungsgesetzen. Die preufs. Gemeinheitsteilungsordnung vom 7. Juni 1821 hatte in § 2 nur gesprochen im allgemeinen von „Weideberechtigungen auf Ackern, Wiesen, Angern, Forsten und sonstigen Weideplätzen“, von „Forstberechtigungen zur Mast, zum Mitgenusse des Holzes und zum Streueholen“, endlich von „Berechtigungen zum Plaggen-, Heide- und Bultenhieb“. Vgl. den Text bei Lette und Rönne, Die Landeskulturgesetzgebung des preufsischen Staats 1 (1854), 313 ff. Das Gesetz vom 2. März 1850, betreffend die Ergänzung und Abänderung der Gemeinheitsteilungsordnung vom 7. Juni 1821 etc. specifi- zierte dann einzelne Rechte in Artikel 1 noch weiter wie folgt (a. a. 0. S. 328): „Berechtigungen 1. zur Gräserei und zur Nutzung von Schilf, Binsen oder Rohr auf Ländereien und Privatgewässern aller Art; 2. zum Pflücken des Grases und des Unkrauts in den bestellten Feldern (zum Krauten); Fünftes Kapitel. Deutschland. 127 Das ist das übereinstimmende Urteil aller Sachkundigen, und es bildet eine ständige Rubrik in der einschlägigen Litteratur, namentlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als sich die ersten Wirkungen fühlbar machten. Es mögen hier einige der Gewährsmänner selbst zu Worte kommen. Besonders lebendig ist die Schilderung, die uns der früher mehrfach erwähnte Pastor Funke von den Nachteilen entwirft, die die Markenteilung, wie er die agrarische Reformgesetzgebung zusammenfassend nennt, für die Heuerleute im Fürstentum Osnabrück im Gefolge gehabt habe. Wir ersehen daraus, dafs ganz ähnliche Wirkungen wie in den Gebieten des Grofsgrund- besitzes auf die Gutstagelöhner auch auf die Arbeiter in bäuerlichen Wirtschaften, wie es die Heuerlinge sind, durch die Umgestaltung des Agrarrechts und zwar schon in bemerkenswerter Weise vor Mitte des Jahrhunderts ausgeübt worden sind. „So lange noch“, heilst es in der bereits citierten Schrift „eine freie Benutzung der Strecken stattfand, nahmen die Heuerleute an allen Vorteilen, welche dieselbe gewährte, teil. . . (Es) lebten . . . viele Heuerleute fast ganz aus der Mark. Das Vieh wurde in günstigen Jahren schon im April in die Mark getrieben und ernährte sich selbst bis gegen Martini. Nur das milche Vieh wurde noch etwas, oft auch nicht einmal im Stalle zugefüttert. Leicht konnten auf diese Weise Rinder zum Verkaufe und zu eigenem Bedarfe aufgezogen werden. Auch war mit geringer Nachfütterung im Stall leicht ein Stück Vieh für den Haushalt oder auch für den Verkauf gemästet. Aus der Butter wurde ebenfalls mancher Thaler gemacht. In Bruchgegenden (um Hunteburg, an der unteren Hase) wurden Gänse oft in grofser Menge gehalten, 30, 40, ja 60 Thaler wurden daraus gemacht. . . Früher, so sprach noch vor kurzem ein Bewohner des hiesigen Kirchspiels, wufsten wir es nicht anders, als dafs die Heuer aus den Gänsen 3. zum Nachrechen auf abgeernteten Feldern, sowie zum Stoppelharken; 4. zur Nutzung fremder Äcker gegen Hergabe des Düngers; 5. zum Fruchtgewinn von einzelnen Stücken fremder Arbeit (zu Deputatbeeten) ; 6. zum Harzscharren; 7. zur Fischerei in stehenden oder fliefsendcn Privatgewiissern; 8. zur Torfnutzung.“ Eine ähnliche Liste enthält dann auch der § 1 der G.T.O. vom 19. Mai 1851 für die Rheinprovinz, mit Ausnahme der Kreise Rees und Duisburg, sowie für Neu-Vorpommern und Rügen (a. a. 0. S. 398). 1 G. L. W. Funke, Über die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstentum Osnabrück etc. 1847. S. 28 ff. 128 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gemacht werden mufste, wogegen wir jetzt gar keine mehr halten können . . . Auch die Schweinezucht ist durch die Markenteilung beeinträchtigt; . . . (sie) kann . . gegenwärtig wohl dem Kolonen, der grofse eingefriedigte Räume besitzt, nicht aber dem Heuermanne, der die Schweine das ganze Jahr im Stalle füttern mufs, Vorteil bringen. Früher liefen die Schweine hei offenem Wetter, wenn das andere Vieh bereits zu Hause blieb, umher und suchten sich unter den grofsen, jetzt aber verschwindenden Eichbäumen .... selbst im Winter zum grofsen Teil ihre Nahrung. Grofse Schweineställe, deren Rudera an den Horsten und Brüchen noch jetzt als Denkmäler einer für die Schweinezucht günstigen Zeit hier und da gefunden werden, nahmen bei Nacht die zahlreichen Herden von Schweinen auf, welche sich bei Tage ihre Nahrung suchten. Wie leicht konnten damals Heuerleute nicht blofs Schweine zu eigenem Bedarf und zum Verkauf mästen, sondern sie auch selbst aufziehn, was jetzt gar nicht mehr oder nur in günstigen Verhältnissen geschehen kann.Aber nicht blofs an Weide, sondern auch an andern Nutzniefsungen aus der Mark haben die Heuerleute bedeutend verloren. Der freie Plaggenhieb war für die Düngung von grofsem Werte; in Moorgegenden gab die Mark nicht blofs freien Brand, sondern auch Gelegenheit, aus dem Torf etwas Geld zu machen .... Auch die Holzungen brachten manche Vorteile. Sprickholz wurde zum Brennen gesucht und das Laub zur Düngung benutzt, und von Eicheln und Buch ernährten sich oft noch im Winter die Schweine.“ All’ diese Wohlthaten, so klagt der Verfasser, sind nun dem Heuermanne genommen, während er von den unleugbaren Vorteilen, die mit der Aufteilung der Marken verbunden waren, nichts besehen hat: „dabei (sind) die Heuerleute leer ausgegangen“ (S. 33). Für die Rheinprovinz wird in gleicher Weise zunächst konstatiert, dafs insbesondere die Forstnutzungen, Streuwerk und Gras, „für die Tagelöhnerfamilien auf dem Lande von der höchsten Wichtigkeit (sind), indem die letzteren nur durch Beihilfe von Futter und Streuwerk aus dem Walde im Stande sind, eine Kuh zu ernähren 1 .“ Dann wird aber schon Mitte des Jahrhunderts über starke Beschränkung der Gemein- und Kommunalländereien, z. B. auf dem Hunsrück geklagt 2 und von den Einwohnern des Sieg- 1 Grofsholz, Über den grofsen Nutzen der Waldkultur etc. in der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen 1851. S. 257. 2 A. von Lengerke, Landwirtschaftliche Skizzen von Rheinpreufsen. 1853. S. 114. Fünftes Kapitel. Deutschland. 129 Kreises berichtet, dafs sie „einen wesentlichen, sehr drückenden Verlust . . . durch das Aufhören der Waldmast“ erlitten haben. „Hierdurch ist“, heifst es bei Lengerke a. a. 0. S. 74 weiter, „zuerst die früher blühende Schweinezucht zu Grunde gerichtet.“ Dasselbe Bild im Osten der preufsischen Monarchie: Aus Pommern wird berichtet: Die Lage der Häusler und Kolonisten ist wesentlich verändert dadurch, „dafs die wenigen Kühe dieser kleinen Wirte, die früher auf die Gemeindeweide getrieben wurden, nach ausgeführter Separation im Stalle gefüttert werden müssen“. „Im allgemeinen . . ist diese Klasse der bäuerlichen Tagelöhner durch das Verschwinden der Gemeindeweiden benachteiligt worden, indem ihnen die Vorteile des Austreibens einer Kuh verlustig gingen 1 .“ In Schlesien sind die Freigärtner und Häusler bei der Ablösung nach § 8 der G. T. O. vom 7. Juni 1821 benachteiligt, desgleichen die kleineren Stellenbesitzer insbesondere durch den Landtagsabschied von 1831, betreffend Aufhebung der Sichelgrubenberechtigungen, alle kleinen Leute auf dem Lande durch die Ablösung der Raff- und Leseholz-, der Waldstreuberechtigungen etc. 2 . Erschwerung seiner Existenz als Arbeiter in fremder Wirtschaft; Erschwerung seiner Existenz als selbständiger kleiner Landoder Viehwirt: das war es, was wir die moderne Entwicklung dem „kleinen Mann“ auf dem Lande bringen sahen. So lag es nahe, dafs er der letzten Hilfsquelle, aus der ihm Mittel für seinen bescheidenen Unterhalt flössen, mit erhöhtem Interesse sein Augenmerk zuwandte: dem Nebenverdienst aus gewerblicher Thätigkeit. Aber siehe da! auch hier war ihm der Gang der Dinge nicht günstig. Statt ihm vermehrte Zuschüsse zu liefern, wurde die gewerbliche Nebenbeschäftigung in weiten Kreisen der ländlichen Bevölkerung immer weniger lohnend, um schliefslich ganz zu verschwinden. Dieser 'Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande greift nun aber über die Kreise des ländlichen Arbeiterstandes mit seinen revolutionierenden Wirkungen weit hinaus; er bedeutet ebenso und zum Teil in noch entscheidenderem Mafse eine Untergrabung der Existenzmöglichkeit vieler bäuer- 1 A. Padberg, Die ländliche Verfassung in der Provinz Pommern. 1861. S. 139/140. Übrigens wurde dieser Umstand als eine der nachteiligen Folgen der Separation amtlicherseits hervorgehoben in dem Bericht, den der Geh. Ob.Finanzrat von Viebahn auf der 20. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte zu Braunschweig 1859 erstattete. 2 J. C. F. Frenzei, Praktische Ratschläge (1849) S. 8 ff. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 9 130 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. lieber Wirtschaften und mufs deshalb in diesem gröfseren Rahmen im Zusammenhänge und ausführlicher erörtert werden. C. Der Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande. Es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, dafs die Existenz der Bevölkerung in den modernen Staaten seit Ausgang des Mittelalters, in der Dichtigkeit, wie sie sich allmählich herausstellte und vor allem auch in der gleiclunäfsigen Verteilung über das Land in wachsendem Umfange allein durch das Vorhandensein eines Nebenerwerbs aus gewerblicher Thätigkeit ermöglicht worden ist. Was von der ländlichen Zuwachsbevölkerung nicht auf Neuland abgeschoben werden konnte, mufste, soweit nicht eine Herabdrückung des Lebensstandards als Auskunftsmittel gewählt wurde, bei der geringen Aufnahmefähigkeit der Städte und der geringen Entwicklung der landwirtschaftlichen Technik durch Verwertung seiner Arbeitskräfte mittelst gewerblicher Thätigkeit sich am Leben zu erhalten suchen. Das galt natürlich in erster Linie von den unteren Schichten der ländlichen Bevölkerung: den Kleinlandwirten oder gänzlich Besitzlosen. Mochte es der Grundherr sein, der seine Hintersassen gewerblich thätig sein hiefs, um ihre Produkte, das Garn oder dergl. zu verkaufen; mochte der Gedanke der Erzeugung gewerblicher Gegenstände aus der eigenen Initiative der bäuerlichen Bevölkerung entsprungen sein und der Vertrieb auf eigene Faust erfolgen, wie bei den zahlreichen Hausierhandwerkern der Gebirgsgegenden, den Schwarzwälder Uhrmachern in früherer Zeit, den Pantoffelmachern, Schnitzern, Strohflechtern u. dergl., aber auch bei den landwirtschaftlichen Nebengewerben: Brennerei, Brauerei etc.; mochte es endlich das Kapital in Gestalt eines Verlegers gewesen sein, das auf der Suche nach passender Verwendung, wie allgemein bekannt, in den vergangenen Jahrhunderten mit Vorliebe auf die Dörfer ging, um hier entweder in Anknüpfung an vorhandenes bäuerliches Eigengewerbe oder durch Neueinbürgerung eines Produktionszweiges' eine der zahlreichen ländlichen Hausindustrien ins Leben zu rufen: so verschieden die Organisationsform in den verschiedenen Fällen war, der sachliche Effekt, auf den es uns hier allein ankommt, war überall derselbe: Schaffung einer Einnahmequelle aus gewerblicher Arbeit, als Zubufse zu den übrigen-Ressourcen der schwächeren Existenzen auf dem Lande. In Deutschland waren diese ländlichen Gewerbe vor allem seit Mitte des 18. Jahrhunderts zur Entwicklung gelangt, und man kann Fünftes Kapitel. Deutschland. 131 sagen, dafs bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fast überall noch eine zunehmende Tendenz sich bemerkbar macht. Ich habe an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, wie sehr das Bild des gewerblichen Lehens Deutschlands um die Mitte des 19. Jahrhunderls vor allem durch das starke Vor wiegen der ländlichen Hausindustrien bestimmt wird. Viele von diesen waren erst im zweiten Viertel des Jahrhunderts so recht zur Blüte gekommen, und manche waren noch im Wachsen begriffen. Den Anreiz zu der weiteren Ausdehnung der ländlichen Hausindustrien im vorigen Jahrhundert hatte das langsam wachsende Verwertungsbedürfnis des Kapitals gegeben, dem die zunehmende Uberschufsbevölkerung sich als treffliches Objekt darbot. Diese wurde gebildet zunächst durch den fast übermäfsig starken Bevölkerungszuwachs auf dem Lande, sodann aber schon durch die infolge der Ablösungen und Gemeinheitsteilungen vielfach bedrängten Kleinbauern, Büdner, Häusler etc. Insbesondere kam bei den „befreiten“ Bauern die meist sehr beträchtliche Belastung mit einer Ablösungsrente 1 hinzu, die gerade auch eine Vermehrung des Geldeinkommens aufser- ordentlich wünschenswert erscheinen liefs. Dafs unter dieser alten ländlichen Hausindustrie die Textilindustrie, Spinnerei und Weberei, eine bevorzugte Stellung einnimmt, ist ebenfalls nicht unbekannt. Immerhin dürfte es nicht überflüssig sein, mit einigen Ziffern die richtigen Quantitätsvorstellungen von der Bedeutung dieser Gewerbe als ländliche Nebenbeschäftigung im Leser hervorzurufen. Aus den Ziffern der Statistik ist leider niemals zu ersehen, ob die als Nebenbeschäftigung betriebene gewerbliche Produktion solche für den eigenen Bedarf der Familie oder für den Absatz ist. Für unsere Zwecke ist diese Unterscheidung aber auch nicht einmal so bedeutsam. Ich teile im folgenden zunächst die Zahlen für die besonders wichtige ländliche Weberei nach den Aufstellungen bei Schmoller mit 2 . Danach wurden Wollstühle als Nebenbeschäftigung gehend im preufsischen Staate gezählt: 1831 2093 1840 0072 1840 4515 1801 4447 1 Uber diese hören wir besonders häufige Klagen aus Schlesien: vgl. z. B. J. C. F. Frenzei, a. a. O. A. Sclineer, Not der Leinenarbeiter (1844) S. 137 und passim. 2 Schmoller, Kleingewerbe, 504 ff. 9 * 132 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Viel zahlreicher und vor allem in Betracht kommend sind nun aber die Leinwandstühle, die als Nebenbeschäftigung gingen, als „trauliche Nebenbeschäftigung des kleinen Mannes“, wie S ch mo 11 e r damals meinte. Sie bilden den bei weitem gröfsten Teil aller als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle, von denen sie noch 1861 = 96°/o ausmachten. Im folgenden sind entsprechend der bei Schmoller mitgeteilten Tabelle für einige Jahre nur die sämtlichen überhaupt als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle, für den Rest aufserdem die betreffenden Leinwandstühle aufgeführt. Man zählte in Preufsen als Nebenbeschäftigung betriebene Stühle: überhaupt davon für Leinwand 1816 164870 1819 148 820 1822 191 026 1825 202404 1828 215 415 1831 223181 216 780 1834 229 134 220343 1837 245 968 246 294 1840 266 011 254441 1843 291 426 276071 1846 291129 278122 1849 287 729 274096 1852 292041 282982 1855 299027 288031 1858 300206 288483 Aus dieser Übersicht ergiebt sich, dafs die als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in Preufsen bis zum Jahre 1848 noch eine wesentliche Vermehrung aufweisen, von 1819 bis 1843 eine Steigerung auf das Doppelte erfahren. Die Statistik bestätigt also die Richtigkeit der von uns oben angestellten allgemeinen Betrachtungen. Dann bleibt der Bestand während der 1840er und 1850er Jahre noch annähernd der gleiche, um später, wie wir noch sehen werden, rasch kleiner zu werden. Wie eng aber die Ausdehnung der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande mit dem Ganzen der gesamten agrarischen Entwicklung zusammenhängt, zeigt die Thatsache, dafs in den östlichen Provinzen Deutschlands die Zahl der Webstühle auf dem Lande sogar noch über die Mitte des vorigen Jahr- Fünftes Kapitel. Deutschland. 133 hunderts hinaus wächst, während sie im Westen schon im Rückgänge ist. Es betrug die Zahl der als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in den Provinzen 1816 1831 1861 Preufsen .... . 64831 91 647 118310 Posen. . 5098 12388 27 282 Brandenburg . . . 22838 23817 24331 Pommern . . . . 24105 31229 53100 Dafs aber thatsächlich ein grofser Teil der ländlichen Bevölkerung zur Fristung seiner Existenz des Zuschusses aus seiner gewerblichen Nebenbeschäftigung dringend benötigte, mögen folgende Zeugnisse für die verschiedensten Teile Deutschlands bestätigen: für Baden führte ich bereits dasjenige Professor Raus an 1 ; für Westfalen berichtet Funke (a. a. O. S. 16), dafs die Bearbeitung des Flachses und Hanfes . . „vordem die Hauptquelle des Wohlstandes der Heuerleute, wie überhaupt der ganzen ländlichen Population (des) Fürstentums (Osnabrück) gewesen sei“; „Manche Haushaltung löste auf diese Weise 2—300 Thlr.“ 2 ; vom Niederrhein, aus dem Cleveschen berichtet uns Professor Victor Jacobi folgendes 3 : „Die Weiber gehen nicht oft auf Tagelohn, weil sie dann ihr eigenes kleines Hauswesen zu sehr aufser Acht lassen müssen .... Auch mufs oft die Kuh auf den Rändern gehütet werden, oder es ist mit der Sichel Futter, auch im Busch und Wald Leseholz zu suchen, der Garten, das Feld — meist etwa 3 Morgen — zu besorgen. Zu Hause erwerben die Frauen in freien Stunden durch Spinnen, Waschen und Flicken für Bauerfrauen und Knechte immer einen Nebenverdienst. . . . Für ein Pfund [gesponnenes Flachsgarn werden aufser dem Hause, je nach Ausfall der Arbeit 5—6, für geringeres 4, für Werg 2Vz Sgr. gewährt. Durchschnittlich gab man pro Tag 4—5 Sgr. Spinnverdienst an. Wird im Hause gesponnen, so werden 2 1 /a Sgr. und die Kost gegeben“; in Kurhessen „wird Flachs hauptsächlich von den weiblichen Familiengliedern zubereitet und im Winter (was die be- 1 Rau in der Festschrift für die Mitglieder der XXV. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte (1860). 2 S. die Schrift: Über die Entwickelung und den gegenwärtigen Stand der Landwirtschaft im Fiirstent. Osnabrück (1878), 49. 8 V. J a c o b i, Landwirtschaftl. und nationalökonom. Studien in der niederrheinischen Heimat mit Berücksichtigung des Volkslebens. 1854. S. 62. 134 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. deutenclste Nebenbeschäftigung ist) versponnen und dann in den Handel gebracht“ 1 ; für Schlesien heifst es 2 : „Hier im Gebirge, wo das Verhältnis zwischen der Ackerfläche und ihrer Fruchtbarkeit zu der darauf lebenden Einwohnerzahl ein ganz anderes ist als im flachen Lande, hier, wo der länger dauernde Winter den Feld- und Ackerarbeiten einen längeren Stillstand gebietet, können diese landwirtschaftlichen Arbeiten für den Winter nicht ausreichen, um die Masse der Einwohner zu beschäftigen; und sie sind daher gezwungen, zu irgend einer andern Beschäftigung zu greifen, um ihr Leben fortzufristen.“ Aber es war nicht nur ein Erfordernis der unfruchtbaren Gebirgsgegenden, Nebenbeschäftigung zu finden: auch aus den ebenen Teilen erfahren wir ganz dasselbe; in Pommern sitzt „nach alter Sitte der Bauer zuweilen an Spinnrocken mnd Haspelstock. Diese gedankenlose Arbeit ist ihm die liebste . . Seine Industrie reicht nicht weiter, als viel Flachs für sich und für andere Dorfweber . . . viel Segeltuch und Leinwand für den Aufkäufer, für die Stolzer und Schlawer Kaufleute und Jahrmärkte zu schaffen“ 3 . Aber wir würden irren, wollten wir annehmen, dafs mit den angeführten ländlichen Hausindustrien der Kreis von Nebenerwerbsmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung in frühkapitalistischer Zeit schon geschlossen gewesen wäre. Es ist vielmehr ausdrücklich festzustellen, dafs ein grofser Teil auch der übrigenlndustrien der Landbevölkerung dadurch eine Ressource gewährte, dafs sie über das Land hin zerstreut waren und damit in weiterem Umfange ihren Arbeitern Gelegenheit boten, nicht nur auf dem Lande wohnen zu bleiben, sondern sogar landwirtschaftliche Tagelöhnerei nebenbei zu treiben oder in ihrer bäuerlichen Wirtschaft thätig zu sein. Diese stark decentralistische Tendenz der frühkapitalistischen Industrien, auch derer, die schon in der Form von Fabriken oder Manufakturen auftreten, hat aber ihren entscheidenden Grund in der Eigenart der Technik, die auf weitgehender Verwendung von Holz sowie des Wassers als motorische Kraft aufgebaut war: zweck- mäfsige Verwertung des Holz- und Wasserreichtums 1 von Reden, Gewerbliche Zustände Kurhessens nach amtlichen Quellen in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik 1 (1847), 507/8. 2 Schneer, Not der Leinenarbeiter (1844) S. 137. 3 A. von Lengerke, Schilderungen der baltischen und westfälischen Landwirtschaft. 1 (1849), 215. Vgl. A. Padberg, Die ländliche Verfassung der Provinz Pommern (1861), 144. Fünftes Kapitel. Deutschland. 135 in den Wäldern 1 wurde einer der Hauptgesichtspunkte bei Anlage industrieller Unternehmungen, die dadurch naturgemäfs über das Land zerstreut wurden und die Uberschufsbevölkerung da aufnehmen konnten, wo sie erwachsen war. Diese Holz- und Wassernutzung galt in erster Linie der Eisenindustrie, was natürlich die Anwendung des alten Holzkohlenhochofens und Frischverfahrens zur Voraussetzung hat. Da wurden von den überall verbreiteten Eisenerzgruben und aus den durch die Wälder zerstreuten Köhlerhütten fuhrcnweisc die Rohstoffe zu den romantisch am rauschenden Waldbach gelegenen Eisenhütten gefahren, die, wenn vollständig, aus dem „Hochofen“, dem Pochwerk und verschiedenen „Hämmern“, dem Stahlhammer, dem Blecli- hannner, dem Zainhammer, wohl auch einer Giefserei, bestanden. Da war es, wo der Märker Eisen „reckt“: der Meister mit ein paar Gesellen, den beiden getreuen „Knechten“ der Ballade. „Des Wassers und des Feuers Kraft Verbündet sieht man hier, Das Mühlrad, von der Flut gerafft, Umwälzt sieh für und für; Die Werke klappern Nacht und Tag, Im Takte pocht der Hämmer Schlag Und bildsam von den miicht’gen Streichen Mufs selbst das Eisen sich erweichen.“ 2 Aber aufser der Eisenindustrie verdankten • noch zahlreiche andere frühkapitalistische Industrien ihre Entstehung dem Holzreichtum der Wälder und waren deshalb über das flache Land ver- 1 „Die vorteilhafteste Stellung der Fabriken ist also auf dem platten Lande und nachdem die Umstände es erfordern, unferne der Holzgebirge oder wenigstens nahe an Wässern, auf denen das Holz ohne grofse Kosten herbey- geschafft werden kann.“ Sonnenfels, Grundsätze (1771) 2, 108. „Der Besitz edler Erze im Schofse der eigenen Berge . . . mufste frühzeitig dazu auffordern, die Fülle der Wälder und die Kraft der Gefälle für die Verarbeitung der Metalle nutzbar zu machen.“ Jacobi, Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Reg.-Bez. Arnsberg. 1856. S. 23. „Hier und da entledigte man sich seines Holzüberflusses durch gewerbliche Anlagen, als Eisenhämmer etc.“, wird uns sogar von Pommern berichtet. A. von Lengerke, Schilderungen der baltischen und westfälischen Landwirtschaft. I (1849) S. 186. Dasselbe schreibt von der Veranlassung der sächsischen Eisenfabrikation F. G. Wiek, Industrielle Zustände Sachsens. 1840. S. 1 ff. 2 Anschauliche Schilderungen jener alten Eisenwerke linden sieh bei Bergius, Neues Policey- und Cameralmagazin Bd. II (1776) S.' 158 ft., insbes. S. 186 f. und bei Wille, Nachricht von den bey Holzminden befindlichen Eisenwerken in Beckmanns Beyträgen zur Ökonomie etc. Teil XII. 136 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. streut: so alle Holz verarbeitenden Industrien im engeren Sinne, d. h. Holzgeräte, Schnitzereien und dergl. fertigenden Gewerbe. Dann aber auch die Pottaschsiedereien, die vor der Verwendung von Soda das gebräuchliche und bei Färbereien, Glashütten, Leinwandbleichen, Fayencefabriken, Seifensiedereien etc. verwandte Alkali lieferten: die Pottasche. Ferner sind von den zuletzt genannten Industrien selbst Glashütten, Porzellan- und Fayencefabriken echte Kinder des Waldes. „Es ist als eine allgemeine Hegel anzusehen, dafs man nur da Glashütten anlegen mufs, wo Überflufs an Holz ist“ *, und „die Porzellanfabriken sind ebenfalls grofse Holzfresser“ 1 2 . In gewissem Sinne gehört auch die Gerberei hierher. Dafs bei einer solchen Decentralisation der Industrie deren Arbeiter noch vielfach oder ausschliefslich daneben oder sogar hauptberuflich in der Landwirtschaft beschäftigt waren, dürften wir ohne weiteres annehmen, auch wenn uns nicht ausdrücklich diese Verbindung zwischen Landwirtschaft und „Fabrikarbeit“ für die frühkapitalistische Periode durch mancherlei thatsächliche Angaben bestätigt würde. Aufserst lehrreich ist eine Statistik des Kreises Solingen, die die Zustände der 1830er Jahre widerspiegelt. Danach lebten 3 von insgesamt 9718 Familien von der Landwirtschaft allein. 3055 von Handel, Krämerei, Wirtschaft, Handwerk im einzelnen 1763 vom Tagelohn.1599 davon in Verbindung mit dem Ackerbau .... 933 von mehreren solcher Gewerbe ohne Landbau .... 346 von solcher Verbindung mit Landbau.2167 Aber auch für die 1840er Jahre fehlt es nicht an Anzeichen dafür, dafs noch ein erheblicher Teil der industriellen Arbeiterschaft bodenständig geblieben war. Vom Neckar und Main 4 * vernehmen wir nicht minder als aus andern Teilen Süddeutschlands 6 , aber auch 1 Bergius, a. a. 0. Bd. III s. v. Glashütte. 2 Ebenda, Bd. VI. S. 118. 3 Georg Freiherr von Hauer, Statistische Darstellung des Kreises Solingen (1832), 29/30. 4 K eu t er Verhältnisse der handarbeitenden Volksklassen in den deutschen Gegenden des mittleren Rhein- und unteren Main- und Neckargebiets (Zeitschrift des Vereins f. deutsche Statistik I, 367. 373). 6 von Reden, Die Verhältnisse der handarbeitenden Bevölkerung im Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen (ebenda S. 635). Fünftes Kapitel. Deutschland. 137 aus den Industriecentren Rheinland- Westfalens 1 , dafs ein grofser Teil der Fabrik- und Grubenarbeiter Landwirtschaft trieb, bezw. dafs landwirtschaftliche Tagelöhner und Bauern als Industriearbeiter in ihrer freien Zeit thätig sind 2 . Wie sehr noch der gewerbliche Arbeiter mit einem Fufs in der Landwirtschaft steht, dafür legen auch gewisse Löhnungsverhältnisse untrügliches Zeugnis ab. Wir finden nämlich noch sowohl Deputatlöhnung, als auch sogar noch Landanweisung an Industriearbeiter bis in die Mitte des Jahrhunderts erhalten. Im Hüttenwerk zu Thiergarten (Hohenzollern-Sigmaringen) erhalten die Blechwalz- meister neben ihrem Geldlohn 4 Klafter hartes Holz, 1 /a Morgen Ackernutzung und freie Wohnung; ebenso die Vorwalzer, die Schweifsofenarbeiter u. a. 3 . Es kann nun für denjenigen, der die Verhältnisse auch nur oberflächlich kennt, keinem Zweifel unterliegen, dafs alle gewerbliche Thätigkeit, die als Nebenbeschäftigung für die ländliche Bevölkerung in Frage kam, auf der ganzen Linie in einem stetigen Rückgänge befindlich ist, der teilweise schon zu einem völligen Verschwinden geführt hat. Leider vermögen wir nicht in so exakter Weise, wie es wohl wünschenswert wäre, für diese That- sache auch den ziffernmäfsigen Beweis zu erbringen. Immerhin geben einige Zahlen uns genügenden Anhalt, um Rückschlüsse auf die Gesamtlage zu machen. Dafs in einigen Gebieten Deutschlands der Rückgang der gewerblichen Nebenbeschäftigung schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, ersehen wir aus den Klagen der zeitgenössischen Littei’atur 4 , wir dürfen es aber auch schliefsen aus der Statistik der ländlichen Weberei, die wir für Preufsen wenigstens bis 1861 besitzen. Danach war, während die als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in den östlichen Provinzen des Staats noch bis 1861 sich vermehrten, in den westlichen Provinzen und Schlesien 1 Banfield, 1, 51/52, der wiederum eine vorzügliche Skizzierung eines in England bereits überwundenen Zustands: der „Association of agriculture witli factory labour“ giebt. 2 Ähnliches gilt für die Arbeiter in anderen Gebieten des frühkapitalistischen Wirtschaftslebens. So z. B. für die Bemannung der Seeschiffe, die in damaliger Zeit fast vollständig aus den bäuerlichen Gebieten der Küsten sich rekrutierte. Vgl. von Reden, Die deutsche Rhederei etc. (in seiner Zeitschrift Bd. I S. 385 f., insbes. S. 402 ff.) und E. Eitger, Schiffsbau und Seeschiffahrt in den letzten Jahren. 1892. 3 von Reden, a. a. 0. S. 638. 4 Vgl. vor allem wiederum Funke, a. a. 0. S. 15 ff. 138 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. seit 1831, bezw. 1837 schon ein Rückgang zu bemerken. Es betrug nämlich die Zahl der für Leinwand gehenden Stühle in: 1837 1861 Schlesien .... . . . 11620 7 936 Sachsen .... . . . 13 503 9022 Westfalen . . . . . . 26900 18369 Rheinland . . . . . . 12 974 11162 Eine Tendenz, die wir uns natürlich fortwirkend denken müssen. Für die neuere Zeit steht uns nur ein geringes Zahlenmaterial zur Verfügung. Und zudem ein solches, das sich gar nicht unmittelbar oder nicht ausschliefslich auf die uns hier interessierende Erscheinung bezieht. Hervorzuheben sind zunächst die oben S. 119/120 bereits mitgeteilten Ziffern, aus denen die mit Flachs und Hanf angebauten Flächen ersichtlich sind. Denn wenn auch natürlich ein sehr beträchtlicher Teil des angebauten, bezw. jetzt nicht mehr angebauten Flachses oder Hanfes solcher gewesen ist, der in gewerblichen Spinnereien zur Verarbeitung gelangte, so entfällt doch sicher auch ein starker Prozentsatz der Abnahme auf hausindustriell oder hausgewerblich als Nebenbeschäftigung von ländlichen Personen versponnenen und verwebten Faserstoffs. Sodann vermag uns die Statistik der ländlichen Hausindustrie ebenfalls einigen Aufschlufs zu geben. Freilich enthält sie nicht die hausgewerblich thätigen Produzenten, umfafst dagegen auch die gewerbsmäfsigen Nur-Hausindustriellen und reicht somit über den Kreis unserer Betrachtungen hinaus. Aber sicher ist für die von uns einstweilen ins Auge gefafsten Schichten der landwirtschaftlichen Bevölkerung der Wegfall der hausindustriellen Nebenbeschäftigung weit wichtiger als die der hausgewerblichen Eigenproduktion, und dann ist es vielleicht ganz nützlich, auch diese für uns seitwärts liegende Erscheinung: das Verschwinden der ländlichen Berufshausindustrie — denn auf ein solches läuft die Entwicklung hinaus — schon jetzt zu würdigen, weil sie für das Verständnis der grofsen Zusammenhänge, auf deren Blofslegung unser Hauptaugenmerk gerichtet ist, zwischen der Umgestaltung der gewerblichen Organisationsformen und den Schichtungsverhältnissen der gesamten Bevölkerung von ebenfalls grofser Wichtigkeit ist. Bedeutet sie auch nicht immer eine Verschlechterung der Existenzbedingungen der landwirtschaftlichen Bevölkerung — dort nämlich nicht, wo die hausindustrielle Thätigkeit berufsmäfsig ausgeübt wird — so doch * Fünftes Kapitel. Deutschland. 130 jedenfalls eine Verschlechterung der Existenzbedingungen auf dem Lande (und in kleinen Städten). Leider können wir aus der Statistik nicht das langsame Absterben der meisten ländlichen Hausindustrien seit Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgen, weil die vergleichbaren Ziffern fehlen. Wir müssen uns vielmehr begnügen mit der Gegenüberstellung der Ziffern der Gewerbezählung für 1882 und 1895, die allerdings schon lehrreich genug ist. Danach ergiebt sich folgendes Bild: Es haben in dem Zeitraum von 1882—1895 eine Verminderung erfahren die hausindustriellen Gewerbearten Betriebe um Personen um Zeugschmiede, Scherenschleifer, Feilenhauer 2 006 4 044 Seiden- und Slioddyspinnerei. 2 037 2 922 Baumwollspinnerei. 4 067 3 645 Seiden. 20000 34 381 Leinenweberei. 10 660 14 667 Baumwollweberei. 18 859 19 089 Weberei von gemischten Waren .... 5 811 4 895 Strickerei und Wirkerei. 7 026 12 768 Häkelei und Stickerei. 1251 549 Strohhut-F. und Flechterei von Stroh . . 4185 2 836 All diese Hausindustrien tragen wesentlich ländlichen Charakter und werden vielfach in Verbindung mit Landwirtschaft ausgeübt. Dagegen weisen eine Zunahme fast nur solche Hausindustrien auf, die in den Städten zu Hause sind, vielleicht mit Ausnahme der Verfertigung grober Holzwaren, bei der die Personen um 634, die Betriebe um 530 zugenommen haben, während die Vermehrung der hausindustriellen Personen und Betriebe in der Wollweberei (bezw. 4072 und 645) auf eine Verschiebung der Produktionsrichtung innerhalb der Textilhausindustrie zurückzuführen ist 1 . Dafs neuerdings die Konfektionsindustrie auf dem Lande betrieben wird, ist eine Erscheinung, die einer ganz andern Entwicklungsreihe angehört als der Kreis von Phänomenen , um deren Feststellung uns einstweilen hier zu thun ist und der die Zertrümmerung der alten Existenzbasis der ländlichen - Bevölkerung in früh- und vorkapitalistischer Zeit betrifft. Die ehemals decentralisierte, weil holz- und wassernützende „Gr o fs in dus tri e“ ist aber, wie jedermann weifs, in dem Mafse, wie 1 Vgl. im übrigen den Art. „Hausindustrie“ in der 2. Aufl. der H.St., wo ich ausführlicher dieselben Ziffern besprochen habe. 140 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. sie zur Kohlen- uncl Dampfnutzung überging, immer mehr in grofsen Industriecentren vereinigt worden, wie noch in anderem Zusammenhänge zu zeigen sein wird. Das gilt vor allem von der wichtigsten jener Industrien: der Eisenindustrie, die sich heute gerade so um die Kohlenbecken lagert, wie sie ehedem in den Wäldern zerstreut lag. Zu dem allem kommt noch, dafs aus ähnlichen Gründen, wie der gewerbliche Kapitalismus seine Bodenständigkeit aufgegeben hat, die als landwi rtschaftliche Nebengewerbe im engeren Sinne bezeichneten Industrien der Brauerei und Brennerei, die bis vor einem Menschenalter in winzig kleinen Betrieben über das platte Land zerstreut waren und meist in Verbindung mit landwirtschaftlicher Thätigkeit ausgeübt wurden, nun infolge ihrer Konzentration in einer immer kleineren Anzahl von Unternehmungen der ländlichen Bevölkerung als Nebenerwerb ebenfalls verlustig gehen. Einige Ziffern werden das bestätigen. In der Brennerei läfst sich schon seit den 1830er Jahren ein Rückgang der kleinen bäuerlichen Brennereien beobachten, der im Zusammenhänge steht mit dem Übergang von der Kornbrennerei zur Kartoffelbrennerei. Es betrug die Zahl der Brennereien in Preufsen 1 : 1831 == 22988 1839 = 15 953 1854 = 10114 1865 = 7 711 Die Gegenden, wo diese Kleinbrennerei zu Hause war, waren vor allem die westlichen Provinzen mit überwiegend bäuerlichem Besitz. So entfielen im Jahre 1848 von insgesamt 11 975 Brennereien auf die Rheinprovinz allein 5317 2 . Eine gleiche Entwicklung vollzieht sich im Königreich Sachsen. Hier gab es Brennereien 3 : 1840 1862 überhaupt . . . , . 1184 636 auf dem Lande . . . 977 592 Getreide - B. . . . 265 53 Kartoffel - B. . . . 904 577 1 Nach der Zusammenstellung bei Schmoller, Kleingewerbe, 405. 2 Dieterici, Übersichten. Vierte Folge. 1851. S. 354. Vgl. auch hierzu Jacobi, Studien (1854) S. 64/65. 3 Festschrift für die XXV. Versammlung deutscher Land-und Forstwirte. 1865. S. 174. t Fünftes Kapitel. Deutschland. 141 Brauereien wurden in Preufsen auf dem Lande gezählt 1 : 1839 6890 1848 5659 1856 4509 1864 3683 Die Abnahme war hier besonders stark in den östlichen Provinzen; sie betrug von 1839—1864 in: Ostpreufsen . . . 70,0 °/o Westpreufsen . . 76,3 „ Posen.80,7 „ Pommern . . . 75,4 „ dagegegen im Durchschnitt nur . . 46,5 „ Dafs es sich bei dem Rückgang wiederum um die kleinen, meist von bäuerlichen Wirtschaften als Nebengewerbe betriebenen Brauereien handelt, ergiebt sich aus folgenden Ziffern: Es versteuerten unter 100 Ctr. Braumalz 2 3 * 1845 5926 Brauereien = 62,19 °/o 1865 3264 „ = 47,74 „ Wenn nun aber auch diesen „landwirtschaftlichen Nebengewerben“ mit den vorher erwähnten Haus- und Fabrikindustrien gemeinsam ist, dafs sie vielfach Füllarbeit für die ländliche Bevölkerung darboten, so müssen wir uns doch darüber klar sein, dafs ihr Niedergang noch wesentlich andere Kreise ebenfalls in Mitleidenschaft zog: die oberen Schichten der ländlichen Hierarchie, die wir uns doch vornehmlich als „Unternehmer“ jener landwirtschaftlichen Nebengewerbe zu denken haben. Sodafs wir mit ihrer Erörterung unversehens an die Sphäre der grofsbäuerlichen Wirtschaften herangekommen sind, denen nunmehr noch einige Aufmerksamkeit zu schenken ist. Denn auch sie erfahren in ihrer Struktur durch die moderne Entwicklung wesentliche Veränderungen. Die altbäuerliche und zumal die grofsbäuerliche Wirtschaftsverfassung hatte geruht auf der Eingliederung einer gröfseren Anzahl von Arbeitskräften — neben den Anverwandten, Söhnen und Töchtern des Wirtschaftsvorstandes einem zahlreichen Gesinde männlichen und weiblichen Geschlechts 8 — in einen einheitlichen Pro- 1 Bienengräber, Statistik des Verkehrs, 159. 2 Für 1845 Dieterici, Übersichten, 3. Fortsetzung; für 1865 Viebahn, a. a. O. 3 Wie stark in bäuerlichen Gebieten ehedem das Gesindedienstverhältnis vorwaltete, lehrt uns die Statistik: 1849 machten die Gesindepersonen im 142 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. duktions- und Konsumtionswirtscliaftsorganismus. Die Voraussetzung ihrer Lebensfälligkeit war für die eigentlich bäuerliche Familie in ganz besonders hohem Mafse die Ausführung zahlreicher Arbeiten, namentlich gewerblicher, neben den landwirtschaftlichen und eine dadurch ermöglichte Nutzung der vorhandenen Produktionskräfte, ebenso wie ihre enge Eingliederung in den Dorfverband * 1 . Dabei war die Eigenart der grofsbäuerlichen Familie gewesen, dafs sie die gewerbliche Thätigkeit, wie wir an anderer Stelle schon erwähnten, für den eigenen Bedarf also als hausgewerbliche Eigenproduktion ausübte. Diese altbäuerliche Grofsfamilienwirtschaft ist nun aber ohne Zweifel im Laufe des 19. Jahrhunderts ihrer Auflösung raschen Schrittes zugeführt worden. Aufser dem Augenschein und zahlreichen Berichten sprechen dafür eine Reihe wichtiger Symptome. Fragen wir nach den Gründen solcher Auflösung, so bietet sich uns von selbst als einer der unzweifelhaft vor allem entscheidenden Gründe der Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung und die dadurch hervorgerufene Unmöglichkeit dar, einen gröfseren Personenkreis während der landwirtschaftlich toten Saison produktiv zu beschäftigen. Aber wenn wir nun zu erfahren suchen, warum die gewerbliche Thätigkeit in der Bauernwirtschaft aufgegeben oder eingeschränkt werden mufste, so ist die Antwort nicht so leicht, wie sie manche sich gemacht haben 2 . Denn offenbar ist der Einwand richtig 3 , dafs eine zwingende Notwendigkeit zur Einstellung der hausgewerblichen Eigenproduktion nicht aus der Gestaltung der Marktpreise für die darin hergestellten gewerblichen Erzeugnisse hergeleitet werden kann, wie etwa bei der haus- Königreich Sachsen noch über 50°/o der landwirtschaftlich erwerbsthätigen Bevölkerung aus. Vgl. Engel, Das Königreich Sachsen 1, 251. 1 Diese ökonomische Verfassung hatte dann die Basis abgegeben für das sittliche Gemeinschaftsband, das alles bäuerliche Wesen dereinst umschlofs. Was uns Tönnies in seinem epochemachenden Werke Gemeinschaft und Gesellschaft (1887) als die Wesenheit der Dorfwirtschaft in so meisterhafter Weise geschildert hat, diesen Geist der Gemeinschaft finden wir in Deutschland noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen Hauptzügen erhalten. „Auf dem Lande herrscht noch im ganzen der altdeutsche Grundsatz der Gesamtbürgschaft: Alle für Einen und Einer für Alle.“ Freiherr von Holz- schuher, Die materielle Not der unteren Volksklassen (1850), 48. Holzschuher ist ein zuverlässiger Beobachtei - . 2 Z. B. Nicolai-on, Die Volkswirtschaft Rufslands. N. richtet sich im wesentlichen nach Marx. Auch Marx behandelt dieses Problem sehr flüchtig. Vgl. Kapital 1\ 711. 712. 2 Wie ihn Peter von Struve gegen Nicolai-on erhebt. Fünftes Kapitel. Deutschland. 14:’» industriellen Thätigkeit. Hausgewerbliclie Eigenproduktion braucht keineswegs zu cessieren, wenn sie auch noch so sehr hinter der gesellschaftlichen Durchschnittsproduktivität zurückbleibt. Kann mich doch kein „Marktgesetz“ hindern, mir meine Bücher selbst einzu- zubinden, oder meinen Gartenzaun selbst anzustreichen, auch wenn ich einen zehnmal so grofsen Aufwand als den „gesellschaftlich notwendigen“ mache. In welchen andern Kausalzusammenhang mufs also der Rückgang des bäuerlichen Hausgewerbes eingeordnet werden? Mir scheint, dafs wir einen Teil der Gründe dort suchen dürfen, wo wir sie für ähnliche Erscheinungen bei der Gutswirtschaft fanden: im Übergang zu rationeller und intensiver Landwirtschaft. Dafs sie ein Steigen der Güterpreise, mithin bei Besitzwechsel den Zwang zu höherer Rentenerzielung hatte, wissen wir Dieser Druck, die Gelderträge der Wirtschaft zu steigern, wurde bei den Bauernwirtschaften insonderheit noch durch die zum Teil empfindlich hohen Ablösungsrenten, die doch auch nur ein Ergebnis des in die Landwirtschaft eindringenden ökonomischen Rationalismus waren, beträchtlich gesteigert 1 . Es mufste also auch in vielen Bauernwirtschaften das Bestreben wach werden, die Nutzung des Bodens und die Gestaltung des Gesamtbetriebes im Hinblick auf möglichst hohe Reinertragserzielung so rationell wie möglich einzurichten. Dieses Streben, in Verbindung mit der fortschreitenden Gemeinheitsteilung, Servitutenablösung und Grundstückszusammenlegung führte wohl vielerorts dahin, Produktionszweige fallen zu lassen, auf denen die gewerbliche Thätigkeit sich aufgebaut hatte. Ich denke beispielsweise an die Einschränkung der Schafzucht bei Fortfall der Gemeindeweide, des Flachsbaus wiederum, der Hölzernutzung bei Aufteilung des Gemeindewaldes und dergl. mehr. Aber ich möchte das Gewicht der aus einer rationellen Betriebsgestaltung folgenden Gründe bei der eigentlichen Bauernwirtschaft, deren Wesen ja gerade in einem zähen Festhalten an der überkommenen handwerksmäßigen Produktionsweise und einem dem entsprechenden Widerwillen gegen alle kapitalistische Ratio- nalistik besteht, nicht allzu hoch anschlagen, so sehr es in einzelnen Gebieten, z. B. in allen Rübengegenden — Bördebauern! — von ausschlaggebender Bedeutung gewesen ist, möchte vielmehr der Meinung sein, dafs die altbäuerliche Familien-Wirtschaft in den meisten Fällen ihren Todesstofs mehr von aufsen her erhalten hat. 1 Darüber vgl. auch noch Knapp, Bauernbefreiung, 245 (für Schlesien). 144 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Was ihren Bestand vor allem erschütterte, war der Umstand, dafs ihr die Personen, auf denen sie ihren umfassenden Betrieb aufgebaut hatte, im Verlauf der modernen Entwicklung entrückt wurden ; sie damit also, gegen ihren eigenen Willen, aufser stand gesetzt wurde, ihre alte Wirtschaftsführung beizubehalten. Die Personen aber, die sich ihrer Machtsphäre immer mehr entzogen, waren zunächst die Kinder der Bauern selbst, die bisher sich völlig in den Familienorganismus als dienende Glieder eingefügt hatten, und dann die Gesindeleute, die als weitere Hilfsorgane der Bauernfamilie angegliedert waren. Sie hielt es nicht mehr in der alten Gemeinschaft. Und warum nicht? Weil ein „neuer Geist“ erwacht war, so lautet die Antwort; der „individualistische Geist“, weil eine Unruhe an Stelle der früheren Ständigkeit und Selbstgenügsamkeit getreten war. Ohne Zweifel wird damit ein richtiger Gedanke ausgesprochen. Wo auch immer wir nach den Gründen jener Auflösung forschen, immer stofsen wir auf das Erwachen des neuen Geistes. Schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts sehen aufmerksame Beobachter diesen Zerstörer am Werk. „Es ist ein Drängen und Treiben eingetreten“, urteilt der schon oft von uns zum Zeugnis aufgerufene Pastor zu Menslage, „bei dem alle sittlichen Bande, welche die einzelnen Individuen an Familie und Vaterland knüpfen, allmählich völlig gelöst werden müssen.“ „Der moderne Zeitgeist, welcher überall die vorhandenen sittlichen Bande zerreifst, hat auch hier verderblich eingewirkt; die alten Sitten und Gewohnheiten, welche das Leben fester Zusammenhalten als die bestimmtesten Gesetze, schwinden, und die Einfachheit des alten und doch ewig neuen Glaubens ist oft nur zu sehr verloren gegangen, weshalb denn auch die alle Lebensverhältnisse verklärende und die Menschen überall in Liebe einigende Gewalt fehlt 1 .“ Und es will uns das Auftreten dieses neuen, revolutionären, individualistischen Geistes gar nicht so wunderbar erscheinen, wenn wir Umschau halten nach den Gründen, die ihn erzeugt haben konnten. Denn diese sind handgreiflich. War es nicht die Landwirtschaft selber, die nach neuen Menschen, nach intelligenteren, selbständigeren Arbeitern verlangte, um den Übergang zur rationellen und intensiveren Kultur vollziehen zu können? Hatte man nicht, diesem Bedürfnis entsprechend, den Bauern, den Gutsarbeiter „befreit“ aus den alten 1 Funke, Lage der Heuerleute (1847), 70. 9. Fünftes Kapitel. Deutschland. 145 Abhäigigkeitsverhältnissen? Hatte man von ihnen nicht Selbstbestimmung verlangt und erwartet? Und heischt fortschreitende Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsweise, wie sie in der zunehmenden Intensivisierung zum Ausdruck kommt, nicht immer intelligentere, selbständigere Arbeiter? War es nicht ein Bestreben der Arbeitgeber, die Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter durch Einführung des Accordlohns und andere Reizmittel zu steigern? So schuf sich die moderne Landwirtschaft selbst einen höheren Typ von Arbeitern, der nun aber ungeeignet wurde, ein dauerndes Glied in den überkommenen patriarchalischen Gemeinschaften zu sein. Wenn auch in geringerem Grade als bei den Guts wirtschaften, gilt dies doch auch für die Bauernwirtschaften, denn es ist unvermeidlich, dafs ein gewisser Austausch der Menschen und ihrer Anschauungen innerhalb einer und derselben Bevölkerung statttindet. Dieser Austausch ist es aber, der in noch viel umfassenderer Weise als der angedeuteten auf die Revolutionierung der ländlichen Bevölkerung Einflufs gewonnen hat. Ich meine natürlich den Austausch zwischen Stadt und Land, die Rückwirkung der städtischindustriellen Entwicklung auf die Lebensauffassung der Gesamtbevölkerung. In dem Mafse, wie sich dank dem Vorschreiten des Kapitalismus der Schwerpunkt der Kultur in die modernen Städte verlegt, wird ein neues Persönlichkeitsideal, wird ein neuer Mafs- stab für Wohlbehagen und Lebensfreude geschaffen, der nun unwiderstehlich auch in die fernsten Alpenthäler seinen Einzug hält und in dem Mafse an Geltung zunimmt, wie die Entwicklung der Verkehrsmittel den Kontakt zwischen den Städtern und Ländlern häufiger macht. Aber mit dieser Betrachtung haben wir schon ein neues Gebiet unserer Untersuchungen betreten. Denn was wir liier seine Rückwirkung ausüben sehen: die städtische Kultur ist jener zweite grofse Erscheinungskomplex, an dessen Auftreten wir die Neugestaltung des socialen Lebens im 19. Jahrhundert erkennen und den wir nunmehr erst in seiner Eigenart, in seiner Selbstentstehung betrachten müssen, ehe wir ihn in seinen Wirkungen weiter verfolgen. Dann erst werden wir im stände sein, den innigen Zusammenhang ganz zu würdigen, der zwischen ihm und den soeben aufgerollten Phänomenen besteht. Denn was unsere Untersuchung zu tage gefördert hat, war doch wohl dies: Die Bedürfnisse der modernen Landwirtschaft: ihr Bedürfnis nach klaren Eigentumsverhältnissen, ihr Bedürfnis nach bestmög- Somhart, Der moderne Kapitalismus. EI. 10 146 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. licher Ausnutzung des Grund und Bodens und deshalb rationeller Gestaltung des Wirtschaftsbetriebes, ihr Streben, auch das Arbeitsverhältnis ihrem unmittelbaren Zwecke entsprechend umzuformen — die Befriedigung all dieser Bedürfnisse hat zur Folge, dafs ein grofser Teil der früher organisch mit der Landwirtschaft verwachsenen, der gleichsam bodenständigen ländlichen Bevölkerung entwurzelt, mobilisiert, Flugsand wird. Eine Entwicklung, die durch andere Umstände Unterstützung * erfähi't: den Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes, das Erwachen des „individualistischen“ Geistes unter der Landbevölkerung, diesen beiden Folgeerscheinungen der Ausbreitung und Erstarkung des gewerblichen Kapitalismus. Und eine Entwicklung, die über die Kreise der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung hinaus sich auf viele rein gewerbliche Produzenten des flachen Landes und der kleinen Landstädte erstreckt. So stellt sich denn naturgemäfs als Wirkung in breiten Schichten der ländlichen Bevölkerung ein Zustand ein, den wir als Landmüdigkeit bezeichnen können; sie mag erzwungen oder freiwillig sein. Ihren äufseren ziffermäfsigen Ausdruck findet diese Landmüdigkeit zunächst in der Übervölkerung des platten Landes, ► die wir als Ergebnis der geschilderten Entwicklung mit aller Deutlichkeit am Ende der frühkapitalistischen Periode nachweisen können. Eine Beförderung hatte diese Tendenz zur Übervölkerung erfahren durch die ungeheuer starke Bevölkerungs- zunähme während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die wir uns wohl wesentlich als eine Folge der aufsergewohnlich langen Friedenszeit zu erklären haben. In dem Menschenalter von 1816 bis 1845 wuchs die Bevölkerung (auf dem heutigen Reichsgebiet) 1 von 24,8 Millionen auf 34,4 Millionen an, d. h. um 9,6 Millionen oder 38,7 %, während sie sich im folgenden Menschenalter, von 1845 bis 1875 nur um 8,3 Millionen oder 24,1 °/o und sogar in dem Menschenalter gröfsten Aufschwungs von 1865 bis 1895 nur um 31,8°/o vermehrte. Und zwar läfst sich nachweisen, dafs es vor- 7 7 . ► wiegend die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten, bezw. die landwirtschaftliche Bevölkerung ist, die sich besonders heftig vermehrt. Von 1816 bis 1840 hatte sich die städtische Bevölkerung im Königreich Preufsen von 1000 auf 1411, dagegen die ländliche von 1000 auf 1461 vermehrt 2 . Im Königreich Bayern hatte die 1 Stat. Jahrb. für das Deutsche Reich. 2 Jahrbuch für amtliche Statistik des preufs. Staats 1 (1863), 110. Fünftes Kapitel. Deutschland. 147 landwirtschaftliche Bevölkerung ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1840 bis 1852 sogar noch von 657 auf 679 von 1000 Seelen gesteigert 1 . Ein Vergleich der Bevölkerungsziffern der einzelnen Regierungsbezirke des preufsischen Staates für die Jahre 1834 bis 1843 ergiebt folgendes Resultat. Es betrug die Zunahme in diesem Jahrzehnt in der Stadt Berlin . . . . 33,20 °/o im Reg.Bez. Oppeln . . . . 23,96 „ 71 Marienvverder . ■ 22,50 „ 71 V Köslin . . . . 20,34 „ Yi 71 Bromberg . . ■ 19,40 „ 71 71 Düsseldorf . . . 16,78 „ 71 71 Stettin . . . . 16,54 „ 71 71 Danzig . . . . 16,42 n 71 Potsdam . . . . 15,69 „ n 71 71 Erfurt . . . . 14,69 „ 71 71 Gumbinnen . . . 14,35 „ n n 71 Stralsund . . . 14,15 „ 7) 71 Arnsberg . . • 13,17 „ » 71 71 Köln .... . 13,13 „ 71 71 71 Posen .... . 13,05 „ 71 71 71 Königsberg. . . 13,01 „ 71 71 71 Merseburg . . . 12,91 „ 1 71 71 Breslau . . . . 12,67 „ 71 71 71 Frankfurt • 12,62 „ 71 11 71 Magdeburg . . . 12,16 „ 71 71 71 Liegnitz . . . • H,78 „ 71 71 71 Minden . . . . 11,22 „ 71 71 71 Trier .... . 9,38 „ 71 71 71 Aachen . . . . 9,01 „ 71 71 71 Koblenz . . . • 8,19 „ 71 71 71 Münster . . . • 4,71 „ Im preufsischen Staat. . . . 14,52 o/o In Marienwerder, Köslin und Bromberg raschere Zunahme als in Düsseldorf; in Gumbinnen und Stralsund raschere als in Arnsberg und Köln; in Posen und Königsberg raschere als in Breslau, Magdeburg, Minden! 1 F. B. W. von Hermann, Über die Gliederung der Bevölkerung des Königreichs Bayern (1855), 13 ff. 21 ff. 10 * 148 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Auf Provinzen berechnet ergiebt sich dann folgendes noch frappantere Bild. Das jährliche Zuwachsprozent betrug (1834—1846) 1 : in der Provinz Pommern . . . 2,23 (Max.) „ „ „ Brandenburg . . 2,27 „ „ „ Schlesien . . . 2,23 „ im preufsischen Staat in der Provinz Sachsen . . „ „ „ Westfalen . „ „ Rheinprovinz . . . Und für die übrigen deutschen Staaten gilt ein Gleiches 2 . Das Königreich Sachsen erreicht in keiner Kreisdirektion die Zuwachsrate der preufsischen Provinz Pommern. Es betrug die jährliche Durchschnittszunahme in Proz.: 1,88 1,64 1,43 1,59 Kr.Direktion Dresden . . 0,66—1,44 „ „ Leipzig . . 0,71—1,74 „ „ Zwickau . . 1,27—2,02 „ „ Bautzen . . 0,31—1,55 Königreich Sachsen . 1,06—1,51 Während das Kurfürstentum Hessen eine Durchschnittszunahme von 1,37 °/o aufweist u. s. w. Ja, es ist sogar festgestellt worden, dafs beispielsweise im Königreich Preufsen die Bevölkerung in Gegenden mit ärmeren Böden sich von 1819 bis 1845 um 146%, in denen mit reicheren Böden dagegen nur um 145°/o vermehrt hat 3 . Blättern wir aber in der zeitgenössischen Litteratur, so tönt uns aus jeder Seite die Klage entgegen: es sind zu viel Menschen auf dem Lande da, die Arbeitsgelegenheit fehlt, die Zahl der Arbeitslosen und Elenden namentlich auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten wächst. Ich teile ein paar solcher Äufserungen mit: Mark Brandenburg: „Eine dritte Ursache“ — sc. der Not und Armut auf dem Lande, deren beide ersten Ursachen (!) der 1 Frh. von Reden, Vergleichende Statistik der Bevölkerungsverhält- nisse Deutschlands und der übrigen Staaten Europas in seiner Zeitschrift Bd. I (1847) S. 1057. Über die damals stärkere Bevölkerungszunahme im Osten Deutschlands vgl. auch das reiche Material bei Fr. J. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen in den Jahrbüchern f. Nat.Ok. III. F. Bd. V (1893); namentlich S. 648 ff. 2 von Reden, S. 1058 ff. 3 Bötzow, Bodenbesehaffenheit und Bevölkerung in Preufsen in der Zeitschrift des preufs. statist. Bureaus 21, 287—91. Fünftes Kapitel. Deutschland. 140 Verfasser in der Niedrigkeit des Arbeitslohns und der Länge der Arbeitszeit erblickt — „finden wir an einzelnen Orten und in manchen Gegenden in dem Mangel an fortdauernder Arbeit und zwar entweder zufolge einer Überzahl von Arbeitern oder ungünstiger Konjunktur 1 .“ Der Landesökonomierat Koppe aber, der die Schrift, der obige Stelle entnommen ist, einleitet, warnt ausdrücklich vor einer Lohnerhöhung; denn, meint er, „eine Erhöhung des Tagelohns würde einen solchen Andrang der Arbeiter zur Folge gehabt haben, dafs ich sehr viele hätte abweisen müssen“ 2 3 . Schlesien: „Die grofse Zahl der Arbeitsuchenden hat natürlich zur Folge, dafs der tägliche Lohn gedrückt wird. . . Würde wohl der Diebstahl in den Städten und auf dem Lande in den letzten zehn Jahren so überhand genommen haben, wenn die Tagearbeiter stets Arbeit und höheren Lohn gehabt hätten?“ 8 „Zur Zeit bietet die Gesetzgebung noch kein Mittel dar, wodurch ihrer (sc. der Einlieger) reifsenden Vermehrung Einhalt gethan werden könnte 4 * .“ Ostpreufsen hat ausführlich Neumann in seiner bereits genannten Studie über die Lohngesetze behandelt; es genügt, auf die dortigen Angaben zu verweisen. Thüringen: „Die stets wachsende Bevölkerung vermehrt die Zahl der Konsumenten; die vielen müfsigen Hände . . . drücken die Arbeitslöhne herab. . . . Etwas weniger . . . fühlen die Städte diese . . . Verhältnisse . . . und doch wimmelt es von müfsigen Händen 6 ;“ von den Ortschaften des Eisenacher Oberlandes erfahren wir, dafs sie „sämtlich ein zahlreiches Proletariat enthalten und Mangel an Arbeitsgelegenheit leiden“ G . Oldenburg: „Es ist buchstäblich wahr, dafs das Münsterland eine derartige Bevölkerung — 93 Einwohner auf den Quadratkilometer — nicht zu ernähren vermochte 7 .“ 1 K. F. Schnell, Vorschläge (1849), S. 34. 2 A. a. O. S. 7. 3 C. Fr. Frenzei, Praktische Ratschläge etc. (1849), 4. 4 Einige Betrachtungen über die Einwohnerklasse der Einlieger in den „Ökonomischen Mitteilungen aus Schlesien“, herausgeg. von Gr. Hoverden und Pastor Schulz. V. Jahrg. (1843) S. 74. 6 Gesellschaftsspiegel II (1847). 33. 34. * Zuschrift der Grofsherz. S. Bezirksdirektion in Dermbach vom 11. Ok- t«ber 1865. Citiert bei Em. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen 2(1884), 73. 7 P. Kollmann, Die Heuerleute im Oldenburgischen Münsterland« (Jahrb. f. Nat.Ök. in. F. Bd. XVI. S. 192. 193). 150 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Rheinland: Übervölkerung und Notstände im Westerwalde werden Ursachen der Landgängerei x . Westfalen: „Möge bald die Wünschelrute gefunden werden, welche den Schatz dieses Ländchens, die unverwerteten Arbeitskräfte zu segensreicher Wirksamkeit an das Licht ruft 1 2 .“ Grofshzgt. Hessen: „In der 66. und 67. diesjährigen Sitzung der ersten Kammer des Grofsherzogtums Hessen fand die Ansicht unseres verehrten hohen Staatsministers volle Anerkennung, wonach in unserem Grofsherzogtum eine Übervölkerung eingetreten ist 3 .“ Baden: „Die Anzahl dürftiger Arbeiterfamilien ist zwar vermittelst der Auswanderung vermindert worden; aber gleichwohl ist noch ein Übermafs solcher Familien vorhanden, denen es an fortdauernder Beschäftigung gebricht 4 .“ Holstein: Eine Schrift des Freiherrn von Berg, in der er die Steigerung der Pachtpreise etc. bekämpft, schliefst mit der Mahnung, die landwirtschaftlichen Arbeiten zu vermehren, „was für die reichliche Zahl der Tagelöhner fast notwendig erscheint, wenn nicht deren Verarmung immer mehr vor sich gehen soll“ 5 . Alles wirkt somit zusammen, um das Bedürfnis nach einem Abstrom eines Teils der Landbewohner wachzurufen; das Land drängt seine Kinder fort; es tritt ein Zustand des Repulsionismus ein. Und Bevölkerungsschichten, die seit Jahrhunderten so fest an ihrer Scholle geklebt hatten, wie nur irgend ein Bodengewächs, sie kommen in Bewegung, und nun lösen sich Scharen auf Scharen vom Boden los und wandern aus ihrer Heimat fort. Und diese Riesenvolksbewegung, von der man mit Recht gesagt hat, dafs sie ihres Gleichen in der Weltgeschichte nicht gesehen hat, dafs im Vergleich zu ihr die Völkerwanderung, die das europäische Mittelalter einleitete, ein Kinderspiel gewesen sei, wenn man die in Bewegung gesetzten Volksmassen in Betracht zieht: diese Be- 1 Vgl. die anschaulichen Schilderungen bei Joh. Plenge, Westerwälder Hausierer und Landgänger in den Schriften des Ver. f. Soc.Pol. 78 (1898), 24 f. 49. 2 Jacobi, Statistik des Reg.Bez. Arnsberg (1856) S. 21. 3 L. Wilkens, Die Erweiterung etc. des deutschen Gewerbebetriebs etc. (1847) S. 1. * H. Rau, Die Landwirtschaft der Heidelberger Gegend in der Festschrift für die XXI. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte. 1860. S. 394. Vgl. dazu Banfield, 1. c. I, 208. 222. 5 Frhr. A. von Berg, Uber den landw. Betrieb im Hzgt. Holstein etc. 1852. Citiert bei J. R. Mucke, Deutschlands Getreide-Ertrag (1883). S. 44. Fünftes Kapitel. Deutschland. 151 wegung scheint nun kein Ende nehmen zu wollen, auch jetzt, nachdem längst von einer Uberschufsbevölkerung auf dem Lande keine Rede mehr ist, nachdem längst die Arbeitskräfte zu mangeln begonnen haben. Was seinen Grund wohl vornehmlich in der That- sache hat, dafs die Weiterentwicklung des Kapitalismus durch die Erzeugung dessen, was man moderne „Agrarkrisis“ heifst, dank des hohen Niveaus der Grundrente bei niedrigen Produktenpreisen, eine Tendenz zur Senkung der Profitrate in der westeuropäischen Landwirtschaft hervorgerufen hat. Darüber später. Somit haben wir den Abstrom der Bevölkerung, den Exodus vom Lande als eine mit Notwendigkeit im Gefolge kapitalistischer Produktionsweise auftretende allgemeine Erscheinung verstehen gelernt. Als eine allgemeine Erscheinung, die also gleicher- mafsen klein- und grofsbäuerliche Gegenden wie die Gebiete des Grofsgrundbesitzes betrifft, keineswegs, wie wohl behauptet worden ist, auf letztere beschränkt bleibt. Es mufste auf diese Allgemeinheit der beregten Erscheinung ohne weiteres theoretisch geschlossen werden, auch wenn wir nicht so reich an Belegen wären für die Thatsache, dafs der Abstrom der Bevölkerung aus bäuerlichen Distrikten ebenso vorhanden ist wie aus Grofsgüterdistrikten. Vielleicht, dafs er sich dort etwas schwächer erweist; aber vorhanden ist er ganz gewifs. Es genügt, zum Beweis aus dem reichen Zahlenmaterial, das uns zur Verfügung steht, die folgenden Ziffern mitzuteilen, die die Bevölkerungsbewegung durch Wanderung für die einzelnen Gebietsteile Deutschlands während des Jahrfünft 1885—1890 zum Ausdruck bringen 1 . Es ist daraus ersichtlich, dafs der Exodus in Gruppe I mit vorherrschendem Grofsgrundbesitz allerdings am stärksten, dafs er aber vorhanden ist auch in Gruppe II und III, den Agrardistrikten mit vorwiegendem Mittel- und Kleinbesitz : Gewinn oder Verlust Gruppe Geburten- überschufs Bevölkerungszunahme durch Wanderung v. d. Geburtenabsolut überschuf8 I. Östliches Preufsen . 851 770 212 666 - 639 104 —75,04% II. Westliches Preufsen u. Mitteldeutschland 611 578 531089 — 80 449 —13,15 % in. Süddeutsche Staaten 500 787 347 520 —153 267 — 30,61% IV. Industriecentren . . 937 688 1 480 191 + 542 503 + 57,86% 1 Schriften des Vereins für Socialpolitik. Band 56. Vgl. dazu die gründlichen Untersuchungen von M. Schumann, Die inneren Wanderungen in Deutschland in v. Mayrs Allg. Statist. Archiv 1 (1890), 503 ff. 152 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Aber an dem allen interessiert uns für die Zwecke unserer Untersuchung allein die Frage: wobin wenden sich die Flüchtlinge ? wo bleiben die Massen der Abwanderer? Sie haben, wie bekannt, zwei Ziele: das erste, das ihnen als neue Heimat winkte, waren die noch unbesiedelten Gebiete der bewohnbaren Erde. Es vollzog sich und vollzieht sich ja zum Teil noch heute von ganz Westeuropa aus eine Kolonisation Amerikas und Australiens, wie im 12. und 13. Jahrhundert von Westdeutschland aus die Ostlande mit Überschufsbevölkerung besiedelt worden waren. Es wurde schon darauf hingewiesen, dafs diese Kolonisationsbewegung, so lange noch terra libera vorhanden ist, als Hemmung kapitalistischer Entwicklung anzusehen ist. Sobald die terra libera verschwindet oder sich verringert, stellen sich die Massen jener Überschufsbevölkerung als Aushebungskontingente für die Armee der gewerblichen Lohnarbeiterschaft. Es fragt sich alsdann nur noch, ob sie im eigenen Lande einrolliert werden oder sich den kapitalistischen Unternehmern fremder Länder zur Verfügung stellen müssen. Das aber hängt natürlich ab von der Entwicklungsfähigkeit des gewerblichen Kapitalismus in der Heimat. Je geringer diese, desto gröfser die Auswanderungsziffer. Daher noch heute die agrarische Auswanderung eine gröfsere Rolle in Italien oder Irland als in Deutschland spielt, und eine gröfsere Rolle in dem Deutschland der 1850er Jahre als in dem heutigen gespielt hat. In dem Mafse also, wie im eigenen Lande der Kapitalismus erstarkt, wird das Wanderziel der Landmüden verschoben: die Auswanderung aufser Landes wird zur Abwanderung in die Städte und Industriebezirke. Es ist nun nicht mehr ein Ausgleich, der stattfindet zwischen übervölkerten und menschenarmen Agrargebieten, sondern eine Umschichtung der Bevölkerung im eigenen Lande, um die es sich handelt. Eine Umschichtung, die dadurch hervorgerufen wird, dafs gleichzeitig mit der zunehmenden Repulsion an einer Stelle sich eine Attraktionstendenz an andrer Stelle entwickelt, mit der Wirkung, dafs ein Land nicht mehr aufser stände ist, seine Bevölkerung zu ernähren, wohl aber in ein und demselben Lande die Unterhaltungsquellen verlegt und damit der Schwerpunkt der Bevölkerung verschoben wird 1 . 1 „Gli 6 che le sussistenze necessarie a mantenere la popolazione, resa eccessiva nelle Campagne, vengono accentrate e distribuite nelle cittä; onde a queste debbono einigrare per vivere i soprannumeri dell’ industria rurale.“ A. Loria, Costituzione economiea odierna (1899) pag. 734. Fünftes Kapitel. Deutschland. 153 Darzustellen, in welcher Weise sich dieser Umschichtungs- prozefs der Bevölkerung in den Ländern mit fortgeschrittener kapitalistischer Wirtschaftsweise vollzieht, ist die Aufgabe des folgenden Abschnitts. Hier soll nur noch die Allgemeinheit der geschilderten Entwicklungstendenzen dadurch des weiteren glaubhaft gemacht werden, dafs die analogen Erscheinungen, wie wir sie in Deutschland beobachtet haben, in Kürze wenigstens auch für einige andere Länder mit kapitalistischer Produktion nachzuweisen versucht werden. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. Auch in England ist es bekanntlich das Exportinteresse, das den Jahrhunderte alten Bestand der handwerksmäfsigen Landwirtschaft aus dem Schlendrian der Bedarfsdeckungswirtschaft in die Erwerbswirtschaft hinüberleitet. Wir wissen, dafs schon frühzeitig die Ausfuhr von Wolle, aber auch von Getreide Neuerungen im Landwirtschaftsbetriebe herbeiführt. Aber früher als wohl in allen modernen Grofsstaaten (also von den führenden Städtestaaten des Mittelalters abgesehen) wird die Gestaltung des inneren Marktes in England derart, dafs sie für die weitere Ausdehnung erwei’bswirtschaftlicher Principien in der Landwirtschaft einen Anreiz bildete. Was dazu beitrug, schon seit Beginn etwa des 18. Jahrhunderts stimulierend auf den landwirtschaftlichen Betrieb im eigenen Lande einzuwirken, war, wie mir scheint, nicht sowohl die aufblühende Tuchindustrie, als vielmehr die zunehmende Bedeutung Londons als Konsumtionscentrum. Wenn wir die Anfänge der modernen rationellen Landwirtschaft in England zu suchen haben, so hat das ebenso sehr seinen Grund in der eigenartigen Stellung Londons, wie Columella und Genossen dem alten Rom ihr Dasein verdanken. Noch die Schriftsteller, die uns über das ländliche England im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unterrichten, Arthur Young 1 , die Bearbeiter Defoes, der 1788 in achter Auflage erschien 2 , und noch Eden 3 , hinterlassen uns den Eindruck, als ob 1 Von den Schriften A. Youngs kommt für unsere Zwecke namentlich in Betracht seine „Southern Tour“: A six weeks tour through the southem countries of England and Wales, die ich nach der 2. ed. von 1769 citiere. 2 Daniel De Foe, A Tour through the islands of great Britain. Zuerst erschienen 1724. 8. Auflage, nach der ich citiere. 4 Vol. 1778. Eine Art Baedecker, sehr brauchbar. 3 Sir F. M. Eden, State of the Poor or an History of the labouring Classes in England from the Conquest to the Present Period etc. 3 Vol. 1797. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 155 die Landwirtschaft Englands, soweit sie neue Bahnen wandelt, aus- schliefslich London ihre Anregung verdankt, und ebenso erscheint in den Grafschaftsberichten, die auf Veranlassung des Board of Trade gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstattet wurden, die Hauptstadt als die Centralsonne, von der allein die Provinzen Licht empfangen. Überall, wo für London produziert wird, macht die Landwirtschaft Fortschritte ; es bildeten sich theoretisch regelmäfsige Kreise der Intensität um „die Stadt“. Die Grafschaften Essex 1 , Sussex 2 , Kent 3 , Surrey 4 * , Hertfort 6 , Norfolk 6 , Suffolk 7 sind die namentlich bevorzugten, in denen die „improvements of husbandry“ ganz besonders gerühmt werden. Stöfst ein Reisender in gröfserer Entfernung von London auf intensiven Landwirtschaftsbetrieb, so ist er erstaunt, „so far from London“ ähnliches zu linden 8 , während er sich umgekehrt entrüstet, wenn ein nahe der Stadt gelegenes Gebiet von den Vorteilen seiner Lage keinen Nutzen gezogen und in den alten Geleisen der extensiven Landwirtschaft stecken bleibt 9 . Die Preise der meisten Agrarprodukte nehmen regelmäfsig von der Peripherie bis London an Höhe zu 10 ; die Bewohner der Provinz machen die richtige Beobachtung, dafs die Chausseen ihren Lebensunterhalt verteuern 11 , die Chausseen, die nämlich fast alle radial von 1 „the whole face of the country like a garden.“ Defoe 1, 101. 2 A. Toung, Southern Tour, 78 f. 3 Defoe 1, 139. 160. 4 Defoe 1, 199. 206. 8 Defoe 2, 137. 6 Defoe 1, 65; Young, 21 ff. Norfolk ist überhaupt das Paradepferd aller „rationellen Landwirte“ der damaligen Zeit. Stammt ja doch die revolutionäre Technik des modernen Landwirtschaftsbetriebs aus Norfolk, von dem sie den Namen trägt. „All the country from Holkam to Houghton was a wild sheep-walk“, schreibt Young a. a. O., „before the spirit of improve- ment seized the inliabitants and this glorious spirit was wrouglit amazing effects; for instead of boundless wilds and uncultivated wastes, inhabited by scarce any thing but sheep, the country is all cut into inclosures, cultivated in a most husband-like manner, richly manured, well peopled, and yielding an hundert (!) times the produce that it did in its former state.“ 7 A. Young, 49 ff. 8 Defoe 3, 10 in Bezug auf Lincolnshire. 9 A. Young, 200 ff. in Bezug auf die Gegend um Salisbury. 10 Young, 308 ff. 11 „I found all the sensible people attributed the dearness of their country to the tumpike - roads; and reason speeks the truth of their opinion“; Young, 317. 156 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. London aus sich über das Land verbreiteten oder dafs ihnen die Londoner die besten Lebensmittel vor der Nase wegschnappten und ihnen das Nachsebn liefsen 1 2 . Fragen wir aber, wodurch London diesen grofsen Einflufs auf den Preisstand der Agrarprodukte und damit auf die Gestaltung des Landwirtschaftsbetriebes auszuüben vermochte, so mufs die Antwort lauten, dafs es nicht eigentlich die Bevölkerungszunahme sein konnte, die revolutionierend wirkte. Denn diese war gar nicht so übermäfsig grofs während des 18. Jahrhunderts. London hatte, wenn wir den Berechnungen Pettys und Kings Vertrauen schenken wollen, schon in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts etwa 700000 Einwohner 3 ; hundert Jahr später kaum mehr 4 5 und am Beginn des 19. Jahrhunderts, im Jahre 1801, dem jedoch einige Jahrzehnte ganz ungewohnten Zustroms voraufgegangen waren, 864845 Einwohner. Es mufs vielmehr in hervorragendem Mafse die Verfeinerung des Konsums der wohlhabenden Bevölkerung gewesen sein, die eine so beträchtliche Steigerung der Nachfrage nach Erzeugnissen der Landwirtschaft hervorrief. Zu demselben Schlüsse kommen wir, wenn wir die Preisbewegung bei den verschiedenen Agrarprodukten während des 18. Jahrhunderts beobachten; wir finden nämlich, dafs die Getreidepreise in England wenigstens während der ersten Hälfte des Jahrhunderts keinerlei Tendenz zum Steigen aufweisen, während die Preise der meisten anderen Erzeugnisse, vor allem des Fleisches, in die Höhe gehen®. Und was wir an Thatsachen über die wirkliche Gestaltung des Konsums besitzen, bestätigt dann jene Hypothese auch durchaus. Vor allem mufs der Fleischverzehr in London sowohl absolut ein sehr beträchtlicher während des 18. Jahrhunderts gewesen sein, als auch vor allem eine erhebliche Steigerung in dieser Zeit erfahren haben. Wenn wir auch den ziffernmäfsigen Angaben, wie sie z. B. Eden macht 6 , keine allzu grofse Be- 1 Hasbach, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren und die Einhegungen. 1894, S. 11 (Schriften des Vereins für Socialpolitik Band 59). 2 Defoe 1, 182. 3 Nach Petty 670000. Vgl. den ersten Essay in der Ausgabe von 1699. * Defoe 3, 265. 5 Vgl. die Zusammenstellungen bei Hasbach, 116 ff. 0 Nach Eden, 1. c. 1, 334 wurden in London verzehrt: I 28 197 700 Pfd. Ochsenfleisch, 114 411600 „ Hammelfleisch, (50 442100 „ Ochsenfleisch, 1 25 129 650 „ Hammelfleisch. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 157 deutung beilegen dürfen, — danach würde der Fleischkonsum (ohne Schweine- und Kalbfleisch) gegen Ende des Jahrhunderts 1)0 Pfd. auf den Kopf der Bevölkerung erreicht haben, d. h. eine Höhe, wie sie die heutigen Grofsstädte keineswegs alle erreichen, und würde zudem in tiO Jahren um 50°/o pro Kopf der Bevölkerung gewachsen sein, wenn wir diese sich um 100 000 Seelen vermehren lassen —■ immerhin ist ein aufsergewöhnlich starker ’ Fleischkonsum unzweifelhaft. Wir ersehen das beispielsweise aus den Schilderungen, die wir von dem berühmten Viehmarkt von Smithfield besitzen 1 , der zweimal wöchentlich abgehalten wurde und der gröfste der Erde war, oder von dem nicht minder berühmten Fleischmarkt Leaden-Hall, auf dem, wie ein spanischer Gesandter bemerkte 2 3 , in einem Monat so viel Fleisch verkauft wurde, um ganz Spanien während eines Jahres zu versorgen 8 . Wir dürfen es aber auch aus den Berichten schliefsen, die uns über die ausgedehnte und zum Teil schon hochentwickelte englische Viehzucht im 18. Jahrhundert überliefert sind. Sie alle stimmen dahin überein, dafs es vor allem die Anlage von Futterweide und die intensive Viehzucht ist, auf die die entwickelte Landwirtschaft zugeschnitten wurde: in Kent wie in Norfolk, in Essex wie in Somersetshire. r Vielfach war schon eine weitgehende Specialisierung der Viehwirt- sehaft eingetreten: selbstverständlich zwischen Schaf- und Rindviehzucht, aber auch noch weitergehend in der Weise, dafs schon die Bergländer, wie Devonshire, die eigentliche Zucht übernahmen und fruchtbare Niederungen, wie Somersetshire, die Mästung 4 * * * . Dieselbe Tendenz zur Specialisierung, die uns einen Schlufs ebenso sehr auf die Verfeinerung des Konsums, wie auf die hohe Technik der land- 1 Defoe 2, 111. 2 Defoe 2, 112. 3 Es sollen um die Mitte des 18. Jahrhunderts in London nicht weniger als 17 „grofse Fleischmärkte“ „for all sorts of fine meats“ bestanden haben, auf denen auch Geflügel und Wild verkauft wurde, „beeide many Street butchers“, für die in gröfserer Entfernung von einem Markte wohnenden Familien. Miege and Bolton, The present state of Great Britain and Ire- land. 10. ed. 1745. pag. 102. 4 Defoe 1, 324. Die rasche Vervollkommnung der Viehwirtschaft ergiebt sich aus der erstaunlichen Zunahme des Durchschnittsgewichts des einzelnen Stücks Vieh. Dieses betrug auf dem Smithfield-Markt bei Ochsen Kälbern Schafen Lämmern 1710 370 Ibs. 50 lbs. 28 lbs. 18 lbs. 1795 800 „ 148 „ 80 „ 50 „ ( 58 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wirtschaftlichen Produktion gestattet, beobachten wir bei den übrigen Erzeugnissen der Landwirtschaft. Man fühlt sich ganz lebhaft an die Schilderungen römischer Agrarschriftsteller erinnert, wenn man etwa die Bände der Defoeschen Landesbeschreibung durchblättert. Da hören wir von Gegenden, deren Specialität die Lieferung von Drinkcorn (Gerste, bezw. Malz) 1 ist, während andere den dazu gehörigen Hopfen produzieren 2 . Hier ist der Hafer 3 , dort sind die Kartoffeln 4 * 6 das vornehmlich gezüchtete Produkt. Das beste Geflügel kommt aus der Umgegend von Dorking (Surrey) B , der beste Käse aus Oxfordshire und Gloucestershire 8 , der beste Speck aus Wiltshire und Hampshire 7 , während die Gegenden längs der Themse programmgemäfs die Holzlieferanten sind 8 und in der nächsten Umgebung der Stadt in gartenmäfsigem Anbau Gemüse produziert wird 9 . Dafs neben dieser Verfeinerung der Produktion auch eine Vermehrung herging, wurde schon angedeutet und ist selbstverständlich. Auch die Getreideproduktion mufste während dieser Zeit eine beträchtliche Steigerung erfahren, wie wir das Recht haben, „deduktiv“ aus der Thatsache abzuleiten, dafs die städtische Bevölkerung sich rascher vermehrte als die ländliche. Der Bevölkerungszuwachs in 22 vorwiegend agrikolen Grafschaften von 1700 bis 1750 betrug 1 Surrey, Berks, Oxford, namentlich aber Nord-Wiltshire, wo die auf dem Lande gewonnene Gerste für den Londoner Markt — es wurde ein Specialmarkt für Malz in Queenhith abgehalten — in den Städten Abingdon, Faringdon u. a. zu Malz verarbeitet wurde; Defoe 2, 113. 2 Bei Henningham in Suffolk, A. Young, Southern Tour, 69, namentlich aber um Farnham (Surrey), wo der einst blühende Getreidebau ganz dem Hopfen hatte weichen müssen; Defoe 1, 196; Young, 217. 8 Der gröfste Hafermarkt für London war Croydon in Surrey; Defoe 1, 217. 4 Teile von Essex; Young, 266. 6 Defoe 1, 209. 6 ib. 2, 32. 181. 7 ib. 2, 32. 8 Namentlich die waldreichen Gegenden von Berkshire und Buckingham- shire; Defoe 2, 32. 55. 9 Die kitchen-gardens erstrecken sich bis nach Gravesend, wo die besten Spargel gezogen werden. Defoe 1, 120. Bei Gravesend sind wir nahe einem Ort, dessen Specialprodukt zwar kein agrarisches ist, uns also auch nichts im Zusammenhang der obigen Darstellung angeht, deyaber so lieblich,.in. die. Ohren tönt, dafs ich ihn doch nennen möchte, mit dem Hinzufügen, dafs er * schon dicTTafelfreuden des Feinschmeckers vor 150 Jahren ebenso mit seinen Erzeugnissen erhöhte, wie heute: Whitstable. Defoe (1, 138) berichtet, dafs 6—700 Schiffsladungen Austern jährlich nach London geliefert wurden. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 159 10°/o, diejenige in 21 vorwiegend industriellen in derselben Zeit 24% K Aber alles dies vollzog sich doch nur ganz allmählich, so dafs auch die Umbildung der Landwirtschaft eine immerhin langsame, schrittweise und der Übergang zur intensiv-rationellen Betriebsweise, wie die Rationellen vom Schlage Arthur Youngs noch in den 1760er Jahren mit Schmerzen konstatieren mufsten 1 2 * , keineswegs ein allgemeiner auch nur in den besseren Grafschaften war 8 . Der grofse, alle bisherigen Entwicklungskeime treibhausmäfsig weiterfördernde Umschwung dagegen kam erst in den beiden letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Er war, wie man weifs, eine unmittelbare Folge des gewaltigen Aufschwungs der Industrie und seiner Begleiterscheinung, des Zu- sammenströmens der Bevölkerung in den Städten und Industriebezirken. Infolge dessen schnellten nun die Preise aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse, einschliefslich der Brotfrucht, erst recht in die Höhe, und die Landwirtschaft mufste, trotz steigender Einfuhr 4 * , mit Hochdruck arbeiten, um den rasch wachsenden Mehrbedarf der gewerblich-städtischen Bevölkerung zu decken. Diese Vorgänge sind so viel besser bekannt als die in aller Stille sich vollziehende Entwicklung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, dafs wir uns kürzer damit befassen können, obwohl die Jahre selber für unsere Untersuchungen so sehr viel wichtiger sind. Die Jahre von 1 Nach den Zusammenstellungen bei J. Goldstein, Berufsgliederung und Reichtum. 1897. S. 14. 15. Wir müssen uns mit diesen keineswegs befriedigenden Ziffern der Grafschaftsbevölkerung begnügen, da uns für jene Zeit zuverlässige Angaben über das Wachstum der städtischen und ländlichen Bevölkerung fehlen. Vgl. auch den folgenden Abschnitt. 2 A. Young, Southern Tour, passim. Weitere Belege bei A. Toynbee, Lectures on the industrial revolution of the XVIII. Century in England. 5. ed. 1896. pag. 45f. 8 Wir besitzen als besten Beleg für die Richtigkeit dieser Auffassung das meist sichere Urteil des alten Adam Smith über den Grad der landwirtschaftlichen Entwicklung Englands im achten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts. Das also lautet: „The cultivation and improvement of the country has, no doubt, been gradually advancing too; but it seems to have followed slowly and at a distance, the more rapid progress of commerce and manufactures. The greater part of the country must probably have been cultivated before the reign of Elizabeth; and a very great part of it still remains uncultivated, and the cultivation of the far greater part, much inferior to what it might be.“ B. III. Ch. IV. 4 Vgl. die betreffenden Ziffern oben S. 94. Weitere Preisangabe enthält Tooke und Newmarch (Asher, Band 1). Vgl. auch noch Hasbach, a. a. 0. 160 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. 1785/90 bis 1810/15 entsprechen etwa den 1850 er bis 1870 er Jahren in Deutschland: sie sind die eigentlich den Übergang zur rationellintensiven Landwirtschaft entscheidende Zeit. Sie sind aber auch diejenige Epoche, in der sich die uns ja vor allem interessierenden Folgeerscheinungen der agrarischen Entwicklung mit aller Wucht einstellen. Es ist zunächst die Periode des raschen Emporschnellens der Bodenerträge, des Bodenpreises und der Grundrente. Bis 1795 hatten die Bodenpreise sich in einzelnen Grafschaften wohl erhöht x , in vielen andern aber waren sie gleichgeblieben seit der Revolution. In den Jahrzehnten von 1795 bis 1833 verdoppeln sie sich oder steigen sogar auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Höhe. War 1795 der Bodenertrag Schottlands auf 2000000 £ geschätzt, so bezifferte er sich 1815 auf 5 278685 Eine Farm in Essex, die vor 1793 zu 10 sh. pro acre verkauft war, brachte 1812 (nach dem Kriege!) 50 sh., 1818 immer noch 35 sh. pro acre. In Berks und Wilts war der Wert des acres von 14 sh. im Jahre 1790 auf 70 sh. im Jahre 1810 gestiegen und hielt sich auf 50 sh. im Jahre 1820. Charakterisiert wird auch in England diese Hausseperiode durch häufigen Besitzwechsel 1 2 3 . Ehe wir nun aber die für uns wichtigste Begleiterscheinung der Entwicklung zu intensiver Landwirtschaft — die Umgestaltung der Agrarverfassung — einer näheren Betrachtung unterziehen, mufs in Kürze darauf hingewiesen werden, dafs Englands Landwirtschaft in der Zeit von 1815 bis in die 1840er Jahre eine ganz eigentümliche Periode der Stagnation durchmachte, die scheinbar eine Folge des unsinnigen Protektionssystems und damit verbundener Überproduktion an Getreide war und die den Stempel der Singularität an sich trägt, wie denn überhaupt der bezeichnete Zeitraum, wie noch zu zeigen sein wird, in jeder Hinsicht durch verschrobene Zustände auf dem Lande in England gekennzeichnet wird. Mit Aufhebung der Kornzölle setzt dann der 1815 plötzlich unterbrochene Übergang zu rationeller Landwirtschaft wieder ein, um in die Depressionsperiode der 1870er Jahre auszumünden, die 1 So giebt Defoe, 1, 206 für ein Gut in Norfolk eine Steigerung von 5 sh. auf 80—40 sh. pro Jahr an. 3 Arn. Toynbee, Ind. Rev. (1896) S. 92. An der Landspekulation jener Zeit war auch Ricardo stark beteiligt. Im Vorbeigehen: Ricardo schreibt als Engländer in der gleichen Zeit wie Rodbertus fünfzig Jahre später als Deutscher: beide inmitten einer Periode exorbitanter Agrarhausse und Rentensteigerung. Sie waren dadurch berufen, die Grundrententheoretiker par excellence zu werden. Sechstes Kapitel. Großbritannien. 161 bekanntlich kein zweites Land so gründlich ausgekostet hat wie England. Und nun ist es an der Zeit, unser Augenmerk zu richten auf die Veränderungen, die seit Beginn der modernen erwerbswirt- schaftlichen Verhältnisse in der Landwirtschaft, also etwa seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts — einer Zeit, die ökonomisch dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland entspricht — die Eigentums-, Nutzungs- und Arbeits- und damit die Bevölkerungsverhältnisse auf dem Lande in England erfahren haben. So umfassend nämlich mufs das Problem für England gestellt werden, da es eine Eigentümlichkeit dieses Landes ist, dafs es im Begleit des modern - rationellen Landwirtschaftsbetriebes nicht nur eine Neugestaltung der Arbeitsverfassung, sondern auch im weitern Umfange eine vollständige Revolutionierung der Eigentums- und Nutzungsverhältnisse an Grund und Boden erlebt, die ebenfalls so wichtig für die gewerblich - industrielle Neuordnung ist, dafs wir nicht umhin können, mit einigen Sätzen wenigstens darauf einzugehen. Als Englands Landwirtschaft in die Ara der neuzeitlichen Entwicklung eintritt, sagen wir also zu Beginn des 18. Jahrhunderts, war seine Agrarverfassung etwa folgende: Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Landes befand sich noch in bäuerlichem Besitz und wurde von den Yeomen in ganz derselben Weise bewirtschaftet, wie wir es von Deutschland her wissen: Dreifelderwirtschaft, Flurzwang, Allmende, Nutzungsrechte liefsen in England ebenso wie bei uns die alte Dorfgemeinschaft in ihren Wirkungen erkennen. Im Gemenge mit dem Bauernland lag das meiste Herrenland, soweit es nicht schon in den vorhergehenden Jahrhunderten 1 * * * * * zu grofsen, meist als Schafweide genutzten Komplexen 1 Man stellt sich m. A. n. die quantitative Wirkung der enclosures während des 15. und 16. Jahrhunderts meist viel zu grofs vor und hat so eine vage Vorstellung, als ob halb England damals in Schafweide verwandelt wäre. Die Klagen der Harrison und More sind ohne Zweifel tendenziös übertrieben und das Schlagwort aus der Utopia, dafs in einem sonderbaren Lande die „Schafe die Menschen auffressen“, hat viel Verwirrung angestiftet. Auch die Darstellung von Marx, Kapital l*, 684, leidet unter erheblicher Unklarheit über die quantitative Bedeutung jener Vorgänge. Ich habe einmal versucht, mir eine ziffernmäfsige Vorstellung zu verschaffen von den Flächen, die etwa in Betracht kommen können und zwar mit Hilfe der Zahlen, die wir über die Ausfuhr von Wolle in jener Zeit besitzen. Diese betrug beispielsweise im letzten Regierungsjahr (37/38) Heinrichs VIII. 4335 7 /io Sack Vj 20 Kloben 1 Fell; das macht in Schaffelle umgerechnet (1 Sack = 240 Schaffelle) rund Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 11 1(52 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. zusammengeschlagen war. Dieser Grofsgrundbesitz, der nicht zur Schafzucht diente (in welchem Fall er wohl meist von den Landlords in eigener Regie bewirtschaftet wurde), war nun entweder an bäuerliche Wirte auf Lebenszeit verpachtet * 1 oder nur an Farmers oder tenants 2 3 zur Nutzung gegen die Verpflichtung einer bestimmten Rentenzahlung überlassen. Ich sage absichtlich nicht verpachtet, weil mit diesem Wort ein zu moderner Begriff verbunden zu werden pflegt 8 . Die Farmer bewirtschafteten nur einen Teil des Landes selbst. Die Arbeitskräfte, die sie dazu brauchten, bestanden wohl zum gröfsten Teil in kleinen, meist freien, „Stellenbesitzern“, wie wir sagen würden, oder solchen Familien, die es durch Abpachtung einer kleinen Parzelle vom Gutsareal wurden, den sog. Crofters oder cottagers 4 * * * , daneben aus völlig landlosen kleinen Viehwirten, 1040 000 Schaffelle; der Import hat also eben so viel Schafe, sagen wir rund 1 Million zur Voraussetzung. Vgl. Schanz, Englische Handelspolitik 2 (1881), 84. Rechnen wir nun, was sicher eher zu hoch als zu niedrig bemessen ist, die vierfache Anzahl Schafe als Lieferanten der Wolle für die einheimische Wollindustrie, so kämen wir auf eine Ziffer von 5 Millionen Schafen. Das wäre rund ein Drittel des Bestandes an Schafen im Königreich Preufsen um die Mitte des 19. Jahrhunderts (1858 = 15 374 717; Jahrbuch 1, 275). Bei dieser Schafhaltung gab es im Königreich Preulsen (1858) 8 144 720 Morgen beständige Weide von insgesamt 93 740 144 Morgen pflanzentragenden Bodens überhaupt; also stark nach oben abgerundet: die Schafhaltung Preufsens um die Mitte des 19. Jahrhunderts beansprucht etwa 9 °/ 0 der Gesamtbodenfläche als Weideland. England und Wales ist etwa halb so grofs wie Preufsen; der dritte Teil der Schafhaltung würde also 6 °/ 0 des Landes als Weide erheischen. Rechnen wir nun auch nur die Hälfte dieser Weidefläche auf alte, doch schon vorhandene (Gemeinde-) Weide, so würde etwa 3 °/ 0 der Gesamtfläche des Ackerlandes bis Ende des 16. Jahrhunderts in Weide umgewandelt worden sein. 1 Diese Pachtungen hiefsen „freeholds“: „a lease for life of forty Shillings a year value is a freehold“ . . . „a great part of the yeomanry have freeholds of this kind“. Ad. Smith, Book III. Ch. II. 3 Diese meint wohl Ad. Smith, a. a. O. auch, wo er spricht von „those ancient english tenants, who are said by Chief Baron Gilbert and Dr. Blackstone to have been ratherbailliffs of the landlord than farmers properly so called“. 3 Von der altfränkischen Wirtschaftsweise dieser Pächter-Handwerker giebt ein anschauliches Bild J. Stewart, B. T. Ch. XVI. Noch zu den Zeiten des Adam Smith ist der Zustand offenbar der, daß erst vereinzelt der kapitalistische Großpächter (s. u. S. 164 f.) den „Pächter“ alten Schlages verdrängt hat. „Even in the present state of Europe—little stock is likely to go from any other profession to the improvement of land in the way of farming. More does perhaps in Great Britain than in any other country.“ B. III. Ch. II. * Hasbach, 86 ff. Sechstes Kapitel, Grofsbritannien. 163 den borderers oder squatters 1 oder grass - men 2 , wie sie in den verschiedenen Gegenden heifsen, den „Gärtnern“ in schlesischer Sprachweise. Beide Kategorien ländlicher Tagelöhner basierten ihre Wirtschaft aufser auf den Verdienst bei der Herrschaft: 1. auf die Anteils- und Nutzungsrechte, die sie als Mitglieder der Dorfgemeinde an Weide und Wald hatten 3 ; 2. auf die Nebeneinkünfte aus gewerblicher Thätigkeit. Letztere hat offenbar in dem frühkapitalistischen England eine noch bedeutendere Rolle gespielt als in der deutschen Volkswirtschaft der gleichen Periode. Es ist geradezu die Regel, dafs sich kleine Landwirtschaften — es gilt dies auch für selbständige Bauernwirtschaften — durch gewerblichen Nebenverdienst einen Zuschufs zu ihren Einkünften verschaffen oder aber Gewerbetreibende, namentlich Weber in grofser Zahl, sich durch Er- pachtung eines kleinen Besitztums eine nutzbringende Verwendung ihrer freien Zeit sichern. Damit sind wir zu einer letzten Kategorie landwirtschaftlicher Nutzungsverhältnisse gelangt: das ist die Weitervergebung eines Teils des „gepachteten“ Landes seitens des Farmers an kleine „Afterpächter“, meist eben Hausindustrielle oder Handwerker, die mit Hilfe ihrer gewerblichen Arbeit und deren Erträgnissen in den Stand gesetzt wurden, die Renten für die kleinen Anwesen zu zahlen. Diese „crofter-weavers“ ebenso wie diejenigen Gewerbetreibenden auf dem Lande, die etwa nicht selbst einen Landwirtschaftsbetrieb hatten, verrichteten dann vielfach auch die wenige Saisonarbeit, die auf den Gütern zu leisten war 4 . 1 Hasbach, 72 ff. 2 „A grass-man seems to liave been a day labourer or servant on -a farm, having a house and yard and a cow’s grass witb the farmer’s cattle •on the common in summer and straw with him in winter, with which they •barely brought their skins and bones oi^y through the latter, alive, to the spring.“ Rev. Harry Stuart, Agricultural Labourers as they were, are and should be in their social condition. 2. ed. 1854. pag. 23. 3 Vgl. die bei Hasbach, a. a. 0. S. 75, 87 und passim mitgeteilten zahlreichen Belegstellen. 4 Die Zeugnisse für jene durchgängige Verbindung landwirtschaftlicher und gewerblicher Thätigkeit sind ungemein zahlreich. Die Werke von Defoe, Eden, Young, Marshall u. a. Schriftstellern des 18. Jahrhunderts sind voll von Belegstellen für jene Tatsache. Es ist charakteristisch, wenn A. Young einmal ausdrücklich zu bemerken für nötig ■hält, dafs in einer Gegend (es betrifft die Textilindustrie um Witney in Oxfordshire) die gewerblichen Produzenten nicht auch nebenher landwirtschaftliche Arbeiten verrichten: „one remarkable circumstance is, that 11 * 164 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Diese alte Agrarverfassung wird während des 18. Jahrhunderts vollständig zerstört; langsam, schrittweise, bis in das letzte Viertel des Jahrhunderts hinein, gewaltsam sprunghaft während der letzten Jahrzehnte des 18. und der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die zerstörenden Kräfte sind auch hier dieselben, die wir in Deutschland wirksam gefunden haben. Zunächst heischt der technische Fortschritt in der Landwirtschaft durchgreifende Änderungen. Die wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten, wie wir sie für das ganze 18. Jahrhundert, vor allem aber für dessen letzte Jahre in England beobachtet haben, erzeugt eine Konjunktur für den kapitalistischen Grofs- betrieb in der Landwirtschaft. Damit er ins Leben treten konnte, war zunächst eine Erneuerung des überkommenen Pächtermaterials notwendig. Weder die alten Farmer, noch die zahlreichen kleinen Pächter und Afterpächter waren im stände, den Anforderungen der neuen Zeit gerecht zu werden. Sie verschwinden und machen einem neuen Geschlechte kapitalkräftiger Unternehmer Platz, dem „undertaker“, asl may call him, wie James Stewart terminologisch sehr korrekt bemerkt * 1 . Eine erste Kategorie der landwirtschaftlichen Bevölkerung wird „freigesetzt“. Nun bedarf es aber zur Inscenierung des kapitalistischen Grofs- betriebes nicht nur einer Erneuerung des Personalbestandes, sondern auch einer entsprechenden Umgestaltung des sachlichen Substrats none of the manufacturers ever work for the farmers“. A. Young, Southern Tour, 132. Sodals wir allen Grund haben, die Richtigkeit folgenden zusammen- fassenden Urteils zu bestätigen: „Before this period (d. h. etwa vor 1790) manufactures, trades and agriculture were in a great measure conjoined and in the same hands; and the females of the grass-house men and crofters and of small farmers and the numerous crofter — „customer work“ — weavers always paid their rent and some.thing more from their spinning and their knitting and from their weaving and selling their liome-made cloth both linen and wollen.“ H. Stuart, 1. c. pag. 8. 1736 wurde eine Gesellschaft in East Lothian gegründet zur Beförderung der Vereinigung von gewerblicher und landwirtschaftlicher Arbeit. Für das England der 1830er Jahre vgl. P. Gaskeil, Artisans and machinery. 1836. 1 J. Stewart, Inquiring, Book I. Ch. X. „These — die Kleinpächter — were one by one removed and their places immediately occupied by a race of men who gave an considerable increased rent . . . by improved modes of husbandry and by wringing from the soil all it could possibly yield“, Gas keil, Artisans and machinery, 30. Es widerspricht durchaus den Thatsachen, wenn Marx die „Genesis der kapitalistischen Pächter“ in England in das 16. Jahrhundert verlegt. Kapital 1*, 709. Sechstes Kapitel. Großbritannien. 105 der geplanten Unternehmung: des Grund und Bodens. Es mufs das von Nutzungsrechten befreite, wohl arrondierte Gutsareal geschaffen werden. Dazu bedarf es der Gemeinheitsteilung, der Ablösungen und Verkoppelungen, welche als „Agrarreformen“ bei uns bekannten Mafsregeln der Engländer unter dem Namen der en- closures zusammenfafst. Die Geschichte der Einhegungen während des 18. und 19. Jahrhunderts in England ist erst neuerdings wieder von Hasbach geschrieben worden. Die Zwecke unserer Darstellung verlangen ein näheres Eingehen auf die im allgemeinen bekannten Vorgänge nicht. Es genügt, wenn wir die uns interessierenden Wirkungen der enclosures, die sich am stärksten in den Jahrzehnten von 1790—1810 fühlbar machten, kurz verzeichnen. Wie anderwärts, bedeuten sie auch in England die Erschütterung der Existenz zahlreicher kleiner Land- und Viehwirte. Der Wegfall der Gemeindeweide, der Holz-, Gras- und anderer Nutzungsrechte erschwert die Viehhaltung und zerbricht damit das Rückgrat der kleinen Wirtschaften um so rascher, je kleiner sie sind: vom Bauern abwärts bis zum Gutstagelöhner, der nur gerade noch eine Kuh oder ein paar Schafe, wenn auch „their skins and bones only“, durchgefüttert hatte, ging ein grofser Rifs durch das Gefüge der alten Wirtschaften. Andere Kategorien der bodenständigen Bevölkerung: die kleinsten selbständigen Bauernwirtschaften, deren Inhaber nebenher auch gelohnarbeitet hatten, und die Tagelöhner, die sich nebenher eigene Wirtschaften zurechtgezimmert hatten, werden entwurzelt. Und ganz wie wir es in Deutschland beobachtet haben: die kapitalistische Gutswirtschaft geht noch einen Schritt weiter und sucht — zwecks rationeller Einrichtung des Betriebes im Innern — die Arbeitsverfassung thun- lichst ihrer alten naturalwirtschaftlichen Schlacken zu entkleiden und das reine Accordlohnverhältnis herzustellen: die Berechtigung zur Kuhweide auf dem Herrenland entfällt mit zunehmender Intensität der Viehwirtschaft, das Interesse des Pächters, seinen Arbeitern Parzellen in Afterpacht zu geben, erlischt in dem Mafse, wie er sein Land selber besser nutzen kann h Und rascher und radikaler als anderswo erscheint in England als Typus des ländlichen Lohnarbeiters der geldgelohnte Accord- und Wanderarbeiter 1 2 . 1 II. Stuart, a. a. 0., pag. 18 ff. Davies, The case of Laborers in Uusbandry stated and considered 1795, S. 56, citiert bei II asb ach, 130. 2 Schon in den 1850 er Jahren steht man vielfach klagend vor dem fait accompli einer völlig proletarischen ländlichen Arbeitsverfassung und 166 Zweites Bucli. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Was sich nun aber in England mit ganz besonders greifbarer Deutlichkeit bemerkbar macht, ist die Thatsache, dafs der geschilderte Proletarisierungs-, d. h. der Entwurzelungsprozefs eines grofsen Teiles der ehemals bodenständigen ländlichen Bevölkerung eine sehr erhebliche Unterstützung erfährt durch den infolge der Vervollkommnung der gewerblichen Produktionsorganisation eintretenden W egfalldergewerblichenNebenbeschäftigung. Dieser wirkt deshalb so stark auf die Lage der ländlichen Be- * völkerung ein, weil die ländlichen Hausindustrien in England wohl mehr als anderswo verbreitet waren, weil aber ein grofser Teil der Agrarverfassung, wie wir gesehen haben, geradezu auf der Existenz eines Nebenverdienstes aufgebaut war: in dem Moment, wo dieser entfiel, konnten die meisten kleinen Pächter ihre Renten nicht bezahlen. Das lag so klar zu Tage und war eine so allgemein gemachte Beobachtung, dafs viele Schriftsteller hier recht eigentlich den Schlüssel für die Revolution der agrarischen Verhältnisse zu entdecken glauben: die Zerstörung der gewerblichen Thätigkeit auf dem Lande zwänge die Grundbesitzer, in anderer Weise als bisher ihren Grund und Boden zu nutzen, zwänge sie zu enclosures etc. * 1 Das ist natürlich übertrieben und betont die eine Seite der Entwicklung zu stark. Aber aufser Zweifel ist es, dafs auch in Eng- r land agrarischer und gewerblicher Kapitalismus zusammengewirkt haben, um die „kleinen Leute“ auf dem Lande zu mobilisieren. Zieht man zu allem übrigen noch in Betracht, dafs eine Eigenart der englischen Entwicklung die Tendenz zur Viehzucht ist, dafs also der Übergang zur rationellen Landwirtschaft vielfach mit einer Verdrängung des Getreidebaus durch die Wiesenkultur identisch war, hierdurch aber eine dauernde Verringerung der Nachfrage nach Arbeitskräften bewirkt wurde, so wird es uns nur natürlich erscheinen, wenn wir schon am Ende des 18. Jahrhunderts von einer Übervölkerung des platten Landes vernehmen, die wünscht das verlorene Daradies der Naturalwirtschaft zurück: vgl. S t uart, 25 f. Wie dann eine Reformbewegung einsetzt, zu dem Zwecke, wieder bodenständige ländliche Arbeiter zu bekommen, haben wir hier nicht zu verfolgen. Vergl. ► darüber die ausführlichen Darlegungen Hasbachs, a. a. 0., S. 223 ff. 1 „it was the manufacturers themselves“, ruft der mehrfach erwähnte Rev. Stuart (a. a. 0. pag. 11) aus, „wlio first . . by substituting Arkwrights spinning jenny for the erofters „Spinning wheel and his joe Janety“ and thus withdrawing the erofters mainstay, that rendered such a move (wie die agrarische Revolution) necessary.“ In gleichem Sinne äufsert sich Gaskeil, a. a. 0. S. 12 ff. Die betreffenden Stellen bei Engels, Lage der arbeitenden Klassen, sind diesem fast wörtlich entnommen, so z. B. in der Einleitung. k Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 167 sich in Arbeitslosigkeit und gedrückter Lage weiter Schichten der Bevölkerung äufsert. „Im Winter war schon damals in manchen Gegenden keine Arbeit zu haben, und bereits im Jahre 1788 wurde dem Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, welcher die Unterstützung der Landarbeiter im Winter bezweckte 1 .“ Davies, der in den 1790er Jahren schreibt, berichtet von „the great plenty of working hands always to be had when wanted“ 2 3 . Und bei Eden lesen wir, dafs die meisten Arbeiter auf der Suche nach Arbeit sind, d. h. von Haus zu Haus in dem Kirchsprengel herumgehen, um sich nach Arbeit umzuthun. Was uns dagegen zunächst in Erstaunen setzt, ist die Thatsache, dafs offenbar ein reichliches Menschenalter später — noch Ende der 1830er und Anfang der 1840er Jahre — ganz genau dieselbe Überfüllung des platten Lands in England herrschte, wie Ende des 18. Jahrhunderts 8 . DerNotstand der ländlichen Bevölkerung Englands in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, hervorgerufen durch ein Überangebot von Arbeitskräften, ist zu bekannt, als dafs es nötig wäre, ihn hier noch einmal darzustellen 4 * * * . Was uns nur interessiert, ist die Frage: wie kommt es, dafs eine Überschufs- bevölkerung so lange sich auf dem Lande erhalten konnte, trotzdem * der gewerbliche Kapitalismus in England während jener Zeit doch schon einen nicht unbeträchtlichen Stärkegrad erreicht hatte, so 1 Nach Nicholls, History of English Poor Law 2, 123. Hasbach, 134. 2 Davies, The Case of Lahorers, 57. Cit. bei Hasbach. 3 Die Bevölkerung in den Ortschaften mit weniger als 5000 Einwohnern nahm in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch um mehr als die Hälfte zu. Sie betrug 1801 6578021 Seelen, 1851 9899598 Nach der Zusammenstellung hei A. F. Weher, The growth of cities (1899) p. 43. — „.. the agricultural districts (are) over-peopled . . even to compression“ urteilt ein sehr guter Beobachter: Th. Chalmers, The Christian and civil economy of large towns. 3 (1826), 75. Ygl. auch William Ogle, The Alleged Depopulation of the Rural districts of England im Journal of stat. soc. 52 (1889), 205 ff., inshes. 212 ff. * Am berühmtesten sind wohl die Schilderungen bei Marx im dreiundzwanzigsten Kapitel des „Kapitals“, die im wesentlichen ihre Bestätigung finden durch die sehr eingehenden Ausführungen bei Hasbach, a. a. O., nam. S. 186 ff. Die Darstellung Kablukows, von denen ein Auszug deutsch 1887 erschienen ist, ist nicht selbständig, sondern fufst wesentlich auf Marx. Von deutschen Schilderungen jener Elendszustände auf dem Lande in Grofsbritannien unter dem Regime der Kornzölle ist auch noch diejenige aus Friedrich Engels, Lage, S. 311 ff. zu nennen. A 168 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. dafs also theoretisch ein viel früherer Abstrom der Bevölkerung hätte eintreten müssen. Ich sehe die Gründe für die lang anhaltende Überfüllung des Landes in England vornehmlich in folgendem: 1. die Repulsion, d. h. die Freisetzung von Arbeitskräften auf dem Lande war eine aufsergewöhnlich starke und drängte sich in kurze Zeit zusammen: zu den schon angegebenen Ursachen dieser ganz gewaltigen Abstofsungstendenz tritt in den ersten Jahrzehnten des vorletzten Jahrhunderts noch der rasche Zusammenbruch der künstlich grofsgezogenen Berufshausweberei 1 und die im zweiten Jahrzehnt sich immer stärker fühlbar machende Notlage der Landwirtschaft; 2 . die Aufnahmefähigkeit der überseeischen Kolonisationsgebiete, die vor allem die ländliche Überschufsbevölkerung zu absorbieren berufen sein sollten, war dank der unvollkommenen Verkehrstechnik noch gering 2 . 3. Ebenso hatte die Attraktionskraft des gewerblichen Kapitalismus absolut noch keine sehr grofse Höhe erreicht; sie war aber insbesondere noch in den Jahrzehnten nach dem Kriege durch häufige Störungen geschwächt gewesen und vor allem auch noch dadurch verringert, dafs der in vielen Industrien eben erst erfolgende Übergang zur Maschinentechnik zahlreiche „Hände“ auch in der Sphäre der schon vorhandenen Industriebevölkerung frei setzte und damit jenes Überangebot von gewerblichen Arbeitern schuf, das für Marx Veranlassung wurde zur Aufstellung seiner Theorie von der industriellen Reservearmee 3 . 1 Ygl. Gaskeil, 25. 37 u. passim. Der Webelohn für ein bestimmtes Gewebe betrug nach Gaskell a. a. 0. 1795 == 39 sh. 9 d. 1800 = 25 „ 0 „ 1810 = 15 „ 0 „ 1820 = 8 „ 0 „ 1830 = 5 „ 0 „ Vgl. im übrigen den Hand-loom-weaver Report von 1834/35. 2 Aus Großbritannien wanderten aus im Durchschnitt der Jahre 1815—1824 = 19535 Personen, 1841-1850 = 164889 H. St. 2. Aufl. 2, 92. 3 Natürlich fand in diesen Jahren schon eine sehr beträchtliche Abwanderung in die Städte und Industriebezirke statt, wie ziffernmäfsig weiter unten zu zeigen sein wird. Ich behaupte auch nur eine noch verliältnis- mäfsig geringe Absorptionsfähigkeit des gewerblichen Kapitalismus, verhältnis- mäfsig nämlich zur vorhandenen Bevölkerung. Und das bestätigen die Ziffern, Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 1(59 Aber all’ diese Umstände erscheinen mir noch nicht genügend, um das ungewöhnlich lange Verweilen einer ländlichen Uberschufs- bevölkerung in England hinreichend zu erklären. In der That finden wir denn auch, wenn wir genauer hinsehen, dafs eine Reihe ganz besonderer Ursachen wirksam gewesen ist, um jenes eigentümliche Phänomen eines dauernden Bevölkerungsüberschusses auf dem platten Lande bei immerhin schon fortgeschrittenem gewerblichem Kapitalismus hervorzurufen. Gemeint ist: 4. die Gestaltung der Armen- und Heimatsgesetze in England in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Es ist bekannt, dafs auf der einen Seite eine aufserordentlich exklusive Heimatgesetzgebung das ältere englische Armenwesen charakterisiert, nach der principiell das Unterstützungswesen als Aus- flufs des Heimatsrechts zu betrachten war — ein Grundsatz, der erst im Jahre 1846 durchbrochen wurde; dafs aber auf der anderen Seite der sog. Gilbert’s Act vom Jahre 1782 eine Reihe von Mafsnahmen einleitete, die es für die ärmeren Schichten der Bevölkerung aufserordentlich leicht und reizvoll machten, die öffentliche Armenpflege in Anspruch zu nehmen. Im Anschlufs an die Bestimmung, dafs für die arbeitsfähigen Armen von den Guardians nicht nur eine geeignete Beschäftigung ausfindig gemacht, sondern auch der gewonnene Arbeitslohn eingezogen und zum Unterhalt mit verwendet werden aus denen sich beispielsweise ergiebt, dafs von der Gesamtzunalime der Bevölkerung 1821—1831 = 51 °| 0 1841-1850 = 82 °/ 0 auf die Städte über 20000 Einwohner entfiel, oder in absoluten Ziffern ausgedrückt: von den Städten nicht absorbiert wurden 1821—1831 = 921000 Personen, 1841—1851 = 354000 Ganz irreführend ist dagegen die Berechnungsweise Webers a. a. O., der immer nur die Zu wachs prozente in Stadt und Land ansiebt und auf diesem Wege zu der Annahme kommt, dafs das Jahrzehnt 1821—1831 eine ganz besonders starke Tendenz zur Konzentration der Bevölkerung in den Städten aufweist. Jedenfalls ist es sehr wohl vereinbar, dafs in einer Periode die Städte rascher wachsen als in einer anderen und trotzdem in dieser letzteren die Absorptionsfähigkeit der Städte eine gröfsere ist. Das Exempel ist einfach: Die Gesamtbevölkerung betrage 100, die städtische 10; letztere steige auf 20, erstere auf 120, so beträgt das Zuwachsprozent der städtischen Bevölkerung 100, das Absorptionsprozent 50. Vermehrt sich nun die Gesamtbevölkerung weiter auf 130, die städtische auf 30, so beträgt das Wachstum der letzteren nur 50 °/o, die Ahsorptionsrate ist jedoch auf 100 °/ 0 gestiegen. ÜberdieStagnation der englischen Baumwollindustrie in dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege und ihre Gründe vgl. G. von Schulze-Gaevernitz, Der Grofshetrieb (1892)S.46 ff. 170 Zweites Bach. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. solle, ein ungenügendes Erträgnis der Arbeit also aus der Armenkasse zu ergänzen sei, entwickelte sich dann seit dem Jahre 1795 ein vollständiges System von Lohnzuschüssen (Allowance System), das darin bestand, dafs nach der Höhe der Lebensmittelpreise und der Stärke der Familie eine Lohnskala fixiert und bestimmt wurde, dem Arbeiter solle, soweit er die so ermittelte Summe nicht durch eigene Arbeit oder die Thätigkeit seiner Familienmitglieder erwerbe, das Fehlende als Zuschufs (Allowance) aus der Armenkasse gezahlt werden 1 . Das war also eine Prämie auf Faulheit und, weshalb ich es hier erwähne, offenbar ein Mittel, die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung aufzuhalten, die gar nirgends eine so sichere Existenzmöglichkeit erwarten durfte wie in ihrem Heimatsort, der sie so splendid zu unterhalten verpflichtet war. Das Armengesetz von 1834 brachte dann bekanntlich die Änderung, und kaum dafs die bis dahin „künstlich verschobenen Beziehungen der verschiedenen Klassen“ 2 * * * * * durch die Reformgesetzgebung wieder in die „natürliche“ Lage gebracht waren, d. h. die grofsen Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft wieder ungehindert durch Gegentendenzen zu wirken anfingen, beginnt dann der regelmäfsige und stetige Abstrom vom Lande, der bis heute nicht aufgehört hat 8 . 1 Vgl. hierüber den Artikel Armenwesen in England im II. St., 2. Auf!., Bd. I. 1898, S. 1136 und dazu das ausführliche Werk seines Verfassers Aschrott: Das englische Armenwesen und seine historische Entwicklung etc. 1886.. 2 Hasbach, 224. 8 Vgl. dazu namentlich P. A. Graham, The rural Exodus. 1892. Marx, Kapital 1 648 fF., fufsend auf den Berichten der öffentlichen Gesundheitspflege, folgert bekanntlich aus der englischen Gesetzgebung vor 1834 genau das Gegenteil: dafs sie nämlich repellierend auf das Landproletariat gewirkt habe. Diese Ansicht wird mit dem Interesse der Grundeigner motiviert, möglichst wenig Leute auf ihren Besitzungen wohnen zu haben, um die Gefahr einer ev. Unterstützungspflicht thunlichst zu vermeiden. Gewifs hat dieses Streben zur Verödung der „close villages“ geführt, aber zunächst doch nur mit der Wirkung, dafs die nächst gelegenen „open villages“ von den Weggetriebenen bevölkert wurden. Es kann also damit wohl eine Tendenz zur Entvölkerung der Gutsbezirke, aber nicht des platten Landes überhaupt bewiesen werden. Dafs für dieses im ganzen das Allowance-System übervölkernd wirkte, ist durch eine erdrückende Fülle von Gewährsmännern bestätigt. Man braucht gar nicht die Begünstigung des Kinderreichtums, wie sie die Gesetzgebung enthielt, als proliferierend wirkend anzusehen, es genügt einfach die Erwägung, dafe die Zuschüsse zu den Löhnen die Dringlichkeit, sich nach einträglicher Arbeit umzusehen, wesentlich verringern mufsten. „They are not so careful in seeking work for themselves, as the law has rendered them in some measure independent of it . . . the anxiety of the lower Orders to get employments lessened ander this System.“ Th. Chalmers, Economy of large towns 3 (1826), 74. Siebentes Kapitel. Verschiedene andere Länder. A. Belgien. Das kapitalistisch fortgeschrittene Belgien stand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts schon am Ende der ersten Blütezeit seiner Landwirtschaft. Die Schriftsteller der 1840er und 1850er Jahre wissen nicht genug von dem allgemeinen „Aufschwung“, vor allem der Bodenpreise zu rühmen. „Wer hier zu Anfang des Jahrhunderts sein Geld in Grundstücken angelegt hätte, würde sein Kapital mehr als verdoppelt und sein Einkommen bedeutend gesteigert haben 1 .“ Trotzdem seit Mitte des Jahrhunderts die belgische Landwirtschaft schon unter der Konkurrenz fremden Getreides stark zu leiden hatte 2 , gingen die Preise der Grundstücke doch noch weiter in die Höhe. Nach dem Recensement gönöral vom Jahre 1880 betrug der mittlere Bodenpreis von Ackerland pro Hektar: 3 1846 Francs 2421 1850 „ 2715 1856 „ 3174 1866 „ 4173 1874 „ 4747 1 J. Arrivabene, „Sur la condition des laboureurs et ouvriers beiges“. 1845, pag. 4. Cit. von Vandervelde in der Anm. 2 gen. Studie S. 83. 2 Von 1830—1839 betrug die Einfuhr an Getreide (Weizen und Roggen) durchschnittlich 41 MiUionen hl jährlich; 1840—52 war dieser Durchschnitt bereits auf 102 Mill. hl gestiegen. Nach den Mitteilungen bei E. Vandervelde, ein Kapitel zur Aufsaugung des Landes durch die Stadt (Archiv für soz. Ges.-Geb. etc. XIV. 1899, S. 84). 8 Vgl. L. Sbrojavacca, Sul valore della proprietä fondiaria rustica im Bulletin de l’Institut international de Statistique. I (1886), 93 ff. und P. Kollmann, die Kaufpreise, S. 11 ff. 172 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Gerade für Belgien ist nun aber in mustergültiger Weise der urkundliche Nachweis geführt, wie infolge dieser kapitalistischen Entwicklung der Landwirtschaft, infolge aber namentlich wieder des Niedergangs der alten ländlichen Hausindustrie die ländliche Bevölkerung entwurzelt und von ihrem alten Standort vertrieben wird. Belgien ist darum ein interessantes Beispiel, weil es die analogen Entwicklungstendenzen in Deutschland und England aufweist, trotzdem es ein überwiegend bäuerliches Land ist. Die meister- * hafte Darstellung der belgischen Agrarverhältnisse, die wir besitzen — sie stammt aus der Feder Emil Vanderveldes 1 — enthebt mich der Mühe, hier näher auf die Verhältnisse jenes Landes einzugehen. B. Schweiz. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, zum Teil noch länger herrscht in vielen Gebieten der Schweiz das naturalwirtschaftlich-patriarchalische Arbeitsverhältnis der Lehenmänner, einer Art bäuerlicher Insten, vor. An Arbeitern ist kein Mangel. Infolge dann des Übergangs von der extensiven Getreide- zur intensiven Milch- und Käsewirtschaft, beginnt seitdem eine Umwandlung des alten Naturallohnverhältnisses in ein reines Geldlohnverhältnis. Die ländliche Bevölkerung fängt an abzuströmen. Bereits seit 1850 weisen die schweizerischen Volks- v zählungen einen schnelleren Bevölkerungsrückgang der rein agrikolen Kantone und Kantonsgebiete auf. Ganz deutlich aber ist es auch hier die intensive Landwirtschaft, die den alten Arbeiterstand mobilisiert und repelliert. „Die intensiv betriebene Landwirtschaft hatte für den kleinen Lehenmann oder „Tauner“ keinen Kartoffelacker mehr und auch keine Zeit mehr übrig denselben gar noch zu pflügen, ebenfalls keinen Platz in Scheune und Stall. Es gab kein c Urlan

! n » » n n » » « » 100 2 000 Einwohnern 23 2 000— 5 000 n 115 5 000— 20 000 » 213 20 000—100 000 n 275 100 000 und mehr n 3100 Die Reichsstatistik fafst zu Mittelstädten alle Städte zwischen 20000 und 100000 Einwohnern zusammen. Ich habe die Empfindung, als ob die „Grofsstadt“ in einem weiten Sinne innerhalb dieses Spielraums ihren Anfang nähme und halte die Ziffer von 50 000 Einwohnern für eine natürliche Grenze, eine Auffassung, die in dem Jahrbuch deutscher Städte bekanntlich zu ihrem Rechte kommt. Deshalb scheint mir die veränderte Situation sich in keiner andern Ziffer so deutlich auszusprechen, als in der folgenden: Es lebten in Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern in Deutschland 1 2 : 184 3 1 229 681 Menschen, d. h. 3,5 °/o der Gesamtbevölkerung 1900 (1. XII.) 11861924 „ „ 21,9 „ „ „ Der Löwenanteil dieser schon im weiteren Sinne grofsstädti- schen Bevölkerung entfällt freilich auf die Städte mit mehr als 100000 Einwohnern, deren Entwicklung seit 1871 folgende Ziffern zum Ausdruck bringen: Jahr Zahl der Städte Gesamtbevölkerung Anteile an der Gesamtbevölkerung des Reichs in °/o 1871 8 1968 000 5,34 1875 13 2 908 000 6,81 1880 15 3580 000 7,90 1885 21 4462 000 9,51 1890 26 6 258 000 12,47 1895 28 7 261 000 13,83 1900 33 9 209 000 16,36 1 A. F. Weber, 91. 2 Berechnet nach dem „Jahrbuch deutscher Städte“ VII. (1898), S. 251, 255; IX (1900), 371. 180 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. 2. Österreich. Von der österreichischen Bevölkerung lebten Prozent 1 : 1843 1890 in Ortschaften mit bis zu 2 000 Einw. 81,1 67,5 n „ „ 2 000— 5 000 „ 9,9 12,6 » „ „ 5 000—10 000 „ 3,2 - 4,1 1) „ „ 10 000—20 000 „ 1,6 3,8 11 „ „ über 20 000 „ 4,2 12,0 3. Frankreich. In Frankreich hatte der Agglomerationsprozefs schon während des „Enrichissez- vous, Messieurs“-Königtums beträchtliche Fortschritte gemacht. Nach einer Berechnung Legoyts im Annuaire de l’Economie politique et de la Statistique für 1853 1 2 betrug die Bevölkerungsziffer: in Städten in Orten in Orten mit über 10000 Einw. mit 3—10000 Einw. weniger als 3000 Einw. 1836 4154 725 4475 010 24 911 175 1851 5162 535 (1846:) 4 884 671 25 538 521 Vermehrte sich also um 1 007 810 409 561 627 346 = 24% =9% =2 %% (berechnet auf das Jahr 1851 = 13%) Aber die grofse Wandlung erfolgte doch auch in Frankreich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; vor allem sah das Reaktionsjahrzehnt nach dem Staatsstreich treibhausmäfsig die grofs- städtische Bevölkerung anwachsen. Es betrug die Zunahme der 12 grofsen Städte Frankreichs 1841—1851 = 19,0 °/o im Verhältnis zur Bevölkerungszunahme ganz Frankreichs 424 1851—1861 — 33,0 „ im Verhältnis zur Bevölkerungszunahme ganz Frankreichs 1220 Die Gesamt-Verschiebung der Bevölkerung, wie sie sich während 1 Nach den Übersichten von Mayrs, a. a. O. Vgl. für Österreich das vortreffliche Werk von H. Rauchberg, Die Bevölkerung Österreichs. 1895. 2 Cit. bei H. Passy,Des systemes de Culture en France. 2. ed. Paris 1853. App. III. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung. 181 des 19. Jahrhunderts in Frankreich vollzogen hat, bringt folgende Übersicht zum Ausdruck 1 : Es lebten von 100 Personen 1801 1851 1891 1896 in Städten mit über 100 000 Einw. 2,8 4,6 12,0 12,6 „ „ von 20 000—100 000 „ 3,9 6,0 9,1 9,9 „ * „ 10-20 000 „ 2,8 3,8 4,8 4,8 „ „ „ 2-10 000 „ 11,0 11,1 11,5 11,8 auf dem Lande. 79,5 74,5 62,6 60,9 4. England. In England beginnt die Anhäufung der Bevölkerung am frühesten 2 * * * * * . Schon im Anfang des 19. Jahrhunderts lebten über ein Sechstel, 1831 über ein Viertel der Bevölkerung in Städten über 20000 Einwohner, und schon von der Mitte des Jahrhunderts an überwiegt die städtische Bevölkerung an Zahl die ländliche. Hier die vollständigen Ziffern 8 : 1 Das Material der französischen Bevölkerungsstatistik ist bis 1891 verarbeitet in dem Werke von Em. Levasseur, La population fran?aise. 3 Vol. 1889—92. Die Ziifern für 1896 habe ich berechnet nach den Resultats stat. du denombrement de 1896 (1899). 2 Nach den Angaben Gregory Kings war der Stätus der englischen Bevölkerung in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts etwa der Preufsens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach King bezifferte sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Bevölkerung Londons mit der anderer Städte und Marktflecken (market towns) auf ca. 1400000, die Bevölkerung des platten Landes (villages und hamlets) auf ca. 4100000 Personen. Das wären 25 °/o städtische Bevölkerung. Vgl. J. Goldstein, Berufsgliederung und Reichtum. 1897. S. 9/10. Und ebenso waren die Städte unbedeutend, die in Frage kamen. Macaulay hat im 3. Kapitel seiner Geschichte Englands eine anschauliche Übersicht gegeben über den Zustand der Städte Englands am Ende des 17. Jahrhunderts. Damals hatte keine Provinzialstadt im Königreich 30000 Einwohner; nur vier Provinzialstädte wiesen mehr als 10000 Einwohner auf. Dafür freilich hatte London schon damals über Vs Million Einwohner. Vgl. auch Toynbee, Lectures, 32ff. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist das Schichtungsverhältnis der englischen Bevölkerung noch annähernd dasselbe wie zu den Zeiten Kings. 8 A. F. Weber, 47. 182 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Von 100 Personen lebten in England und Wales in: London anderen Städten Städten Städten auf dem Gressstädten zwischen 20 000 über überLande und 100 000 20 000 haupt Einw. Einw. 1801 9,73 0 7,21 16,94 . . 1811 9,93 2,8 6,10 18,11 . . 1821 10,20 3,27 7,35 20,82 . . 1831 10,64 5,71 8,70 25,05 . . . . 1841 11,75 6,52 10,63 28,90 . . 1851 13,18 9,40 12,42 35,00 50,08 49,92 1861 13,97 11,02 13,22 38,21 54,60 44,40 1871 14,33 11,50 16,20 42,00 61,80 38,20 1881 14,69 14,91 18,40 48,00 67,90 32,10 1891 14,52 17,30 21,76 53,58 72,05 27,95 Wie aus diesen Ziffern schon ersichtlich ist, schreitet der Ur- banisierungsprozefs in England auch in der Gegenwart noch weiter fort: in dem Jahrzehnt von 1881 bis 1891 wuchs die städtische Bevölkerung um 15,4%, die ländliche nur um 3,0 °/o. Wie sich aber Bevölkerung und Bevölkerungsvermehrung auf die einzelnen Städteklassen verteilen, ergiebt folgende Tafel: in den Sanitätsdistrikten lebten 1891 von je 100 Einwohnern betrug die Bevölkerungszunahme 1881 bis 1891 600 000 Einw. und mehr . . . 14,6 10,4% 250 000—600 000 Einw. . . . 7,6 7,2 „ 100 000—250 000 „ ... 9,7 19,9 „ 50 000—100 000 „ ... 9,0 22,8 „ 20 000— 50 000 „ ... 12,7 22,1 „ 10 000— 20 000 „ ... 8,2 18,9 „ 5 000— 10 000 „ ... 6,3 11,5 „ 3 000— 5 000 „ ... 2,6 6,6 „ unter 3 000 „ ... in städtischen Sanitätsdistrikten 1,3 3,6 „ im ganzen 72,0 15,4% „ ländlichen Distrikten . . . 28,0 3,0 „ Zusammen 100,0 11,7% Frankreich und England stellen im Tempo der Urbanisierungstendenz etwa die Extreme der europäischen Kulturstaaten dar. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung. 183 Aber so verschieden auch der Schnelligkeitsgrad der Entwicklung ist: deren Richtung selbst ist in beiden Ländern die nämliche. Danach ist es überflüssig, für die übrigen europäischen Staaten die entsprechenden Ziffern mitzuteilen, um so mehr, als wir in neuerer Zeit mit zwei ausgezeichneten Monographien beschenkt sind, in denen mit Sachkunde und Gewissenhaftigkeit das weitschichtige Zahlenmaterial zusammengestellt und besprochen ist. Die Werke von Paul Meuriot 1 und A. F. Weber seien jedem angelegentlichst zur Lektüre empfohlen, der sich eingehender mit der Frage der Agglomeration der Bevölkerung befassen will 2 . Genug, dafs kein europäischer Staat von der gekennzeichneten Bewegung unberührt geblieben ist. Und wenn wir nun die gesamte Bevölkerung Westeuropas während der letzten Jahrhunderte überblicken und den Anteil feststellen, den die Grofs- städte daran hatten, so ergiebt sich folgendes Gesamtbild: Es betrug in angenäherten Werten 3 im Jahre die Gesammt- die Bevölkerung der Anteil der grofsbevölkerung der Städte über städtischen Be100 000 Einwohner völkerung 1700 80 000 000 2 600 000 3,2 °/o 1800 120 000 000 3 600 000 3,0 „ 1900 280 000 000 36 000 000 13,0 n In Wirklichkeit ist der Anteil der grofsstädtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in der Gegenwart noch viel gröfser. Es ist mit Recht darauf hingewiesen 4 * * * 8 , dafs die Statistik, welche 1 P. Meuriot, Des agglomerations urbaines dans l’Europe contempo- raine. 1898. 2 Die beiden umfangreichen Werke, jedes über 400 Seiten stark, die kurz hinter einander, beide als erweiterte Doktordissertationen erschienen sind, ergänzen sich auf das glücklichste. Umfassender ist das Buch des Amerikaners schon räumlich, sofern es auch und gerade die aussereuropäischen Länder eingehend behandelt und den spröden Stoff durch zahlreiche Relationsberechnungen vortrefflich zu verwerten versteht. Dagegen enthält das Buch des Franzosen viele Diagramme und graphische Darstellungen und bietet damit der Anschauung willkommene Anhaltspunkte. 8 Die Ziffern für 1700 und 1800 nach J. Bel och, Die Entwicklung der Grofsstädte in Europa. VIII. Congres internat. d’ Hygiene et de Demographie tenu ä Budapest du 1 au 9 septembre 1894. Comptes rendus et mdmoires, 1896. Tome VII. pag 61; die Ziffer für 1900 berechnet nach Meuriot, 30/31. * Neuerdings mit besonderem Nachdruck in der interessanten Studie von Edmund J. James, The growth of Great Cities in Area and Population. 184 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. die Städtegröfsen nach den politischen Einheiten feststellt, noch kein richtiges Bild von den Gröfsenverhältnissen der Städte als ökonomische Einheit zu geben vermag. Denn zu letzterer gehört auch diejenige Bevölkerung, die in den weiteren, nicht mehr inkommunalisierten Vororten der Grofsstädte wohnen, ihr wirtschaftliches oder gesellschaftliches Centrum aber gleichwohl in diesen Grofsstädten selbst haben. Das „Grofs-Berlin“, „Grofs-London“, „Grofs-Paris“ etc. sind beträchtlich gröfsere Bevölkerungskomplexe als Berlin, London, Paris etc., wie sie in der Statistik erscheinen und diese „Greater- Cities“ entwickeln sich gerade erst in letzter Zeit. Zum Belege dienen folgende Ziffern *. Es betrug die Bevölkerung New-Yorks New-Yorks und seiner Neben- bezw. Vorstädte 1800 60489 62893 1850 515547 660 803 1890 1515 301 2 710125 Bevölkerung von Berlin. 1801 1875 1885 1895 Berlin (Politisch) . . . Grofs-Berlin (20 km Um- 173440 966 858 1 315 287 1 677 304 kreis vom Mittelpunkt aus). 197 112 1131 706 1 558 395 2 254 570 In gleicher Weise zählt die politische Einheit der Stadt Paris etwa 2Va, die wirtschaftliche etwa 4 Millionen Einwohner, Manchester politisch * 1 k Million, wirtschaftlich über 3 Millionen u. s. w. 2 Dafs es sich nun aber bei alledem um eine Tendenz handelt, die allen Ländern mit kapitalistischer Produktion und nur diesen gemeinsam ist, wie eingangs bemerkt wurde, erweist die Thatsache, dafs wir A study in Municipal Statistics. Paper submitted to the american Academy of Political and Social Science. 24. January 1899. Publications of the Academy etc. Nr. 243. 1 James, 11 f. 2 Ygl. über diese Frage noch E. Hasse, Die Intensität grofsstädtischer Massenanhäufungen im „Allg. Statist. Archiv“, Bd. II. 1891/92, £S. 615 ff. Brückner, Die Entwicklung der grofsstädtischen Bevölkerung im deutschen Reich ebenda Bd. I. 1890. R. William Price, The population of London from 1801 to 1881 Journ. of the R. Stat. Soc. Yol. 48 (1885) pag. 349—432. Gaetano Ferroglio, Un’ evoluzione non abbastanza avvertita in der Ri- forma sociale. 15. Gennaio 1900. Vol. X, pag. 82 seq. Paul Voigt, Grundrente nnd Wohnungsfrage in Berlin etc. 1. Bd. 1901. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung. • 185 auch aufserhalb Europas eine gleiche Umschichtung der Bevölkerung beobachten überall, wo der Kapitalismus zu Hause ist, dagegen sie nicht finden in Ländern, wo dieser fehlt, mag auch sonst ihre Kultur eine so alte und so hohe sein, wie sie wolle. Demnach läfst sich eine Agglomerationstendenz in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Australien und Japan, keine aber in Indien nachweisen, wie folgende Ziffern ersichtlich machen: In den Vereinigten Staaten betrug die städtische Bevölkerung von der Gesamtbevölkerung 1 : 1800 3,97 °/o 1850 12,49 „ 1890 29,20 „ In den australischen Kolonien lebten in Städten über 10000 Einwohner 1891 bereits 33,2 % 2 . Die Verschiebung seit 1851 erweisen folgende Ziffern: es lebten in Städten über 10 000 Einwohner in 1851 1891 Neu-Südwales.28,2 °/o 33,6% Victoria.30,0 „ 46,1 „ Queensland.0 „ 16,3 „ Südaustralien.28 „ 28,3 „ Neu-Seeland.0 „ 24,0 „ In Japan wuchs die Bevölkerung während des Jahrzehnts 1881—90 3 insgesamt um 11 % in 6 Grofsstädten „ 51 „ in 11 andern Städten „ 16 „ In Britisch-Indien dagegen, wo trotz allen englischen Einflusses der Kapitalismus noch in den Kinderschuhen steckt 4 , lebten 1 von Mayr, a. a. O. 2 F. A. Weber, 140. 3 ib. p. 130. * Wie rückständig im ganzen die Wirtscbaftsverfassung Indiens noch heute ist, lehren die Zahlen der Berufsstatistik auf das deutlichste. Danach waren von der Gesamt- von dem bevölkerung Landvolk ' in ^primitive occupations“ beschäftigt, heifst also von der Yerkehrswirtschaft noch völlig unberührt. . 84,84 % 88,26 °/o in „supplementary“ (semi - rural) occupations Beschäftigte, heilst also ländliche Hausindustrielle . 5,47 °/o — in sonstigen Beschäftigungen Thätige. 9,69 °/o 11,74 % 100 100 Census von 1891 (General-Report, p. 94). Cit. bei Weber. 186 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. im Jahre 1891 erst 9,48 °/'o der Bevölkerung überhaupt in Städten, in den urwüchsigen Gebieten gar noch weniger, z. B. in der Provinz Bengalen nur 4,82 °/o. Ein Vergleich mit früheren Ziffern er- giebt aber, dafs von einer regelmäfsigen Agglomerationstendenz einstweilen noch nicht gesprochen werden kann. Es betrug die Bevölkerungsvermehrung in Prozenten 1 : 1850—71 1871—81 1881—91 in der Provinz Bombay . . 19 18 14 in den 4 gröfsten Städten . . . — 1 25 8,8 in den Nordwestprovinzen . . 29 6,2 4,6 in den 8 gröfsten Städten . . 8,6 24,3 10,3 in der Provinz Bengalien . — 0,165 6,7 in Calcutta, Patna . . . — 0,826 8,0 in der Provinz Madras . . -1,5 15,0 in der Stadt Madras . . 3,0 12,0 im Punjab. 7,0 10,7 in den 3 gröfsten Städten . 24,0 5,0 in Oude. 1,3 11,0 in Lucknow. — 8,2 4,5 1 F. A. Weber, 127. Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. In den Versuchen, dem Phänomen der Städtebildung theoretisch gerecht zu werden, treten die Mängel des socialwissenschaftlichen Verfahrens unserer Tage so krafs hervor, dafs es wünschenswert erscheint, die folgenden Beiträge zu einer Theorie der Städtebildung mit einigen methodologischen Bemerkungen einzuleiten. Theorie eines socialen Phänomens wie jedes andern kann ja doch immer nur gleichbedeutend sein mit einer systematischen Erklärung des betreffenden Erscheinungskomplexes. Umschreibung ist aber keine Erklärung; und Tautologien sind nirgends so häufig, als dort, wo es sich um eine Theorie der Städtebildung handelt. Oder sind Sätze wie diese: „der Verkehr wirkt städtebildend“ oder: „wo der Verkehr am gröfsten, da liegen auch die gröfsten Städte“ (!) 1 etwas anderes als Umschreibungen, als Tautologien ? Man wird vielmehr die simple Wahrheit auch in unserm Falle gelten lassen müssen, dafs eine „Theorie“ die Aufgabe haben wird, darzulegen: 1. die Ursachen; 2. die objektiven Bedingungen; 3. die Wirkungen der Städtebildung. Die Ursachen! Also doch wohl die Beweggründe, die Menschen veranlassen, ihren Wohnsitz dort aufzuschlagen, wo schliefslich eine Stadt zu stehen kommt. Denn etwas anderes als Motive lebendiger Menschen, wissen wir, kann niemals Ursache socialer Erscheinungen sein. Aber mit welch souveräner Ver- 1 Sie sind einem der berühmtesten Bücher der neuen Fachlitteratur entlehnt. Jeder Kenner weifs, wie häufig ähnliche Plattheiten sich in der einschlägigen Litteratur finden. 188 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. achtung setzen sich die meisten „Theoretiker“ über diese einfache Erkenntnis hinweg. Ich mag nicht „quellenmäfsig“ all’ den Unsinn belegen, der in der Litteratur zu Tage tritt. Wir haben eine Blutenlese davon schon kennen gelernt, wo wir von der Motivation im socialen Leben im allgemeinen handelten. Ströme, Ebenen, Steinkohle, Dampf, Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, Eisenbahnen und wie vieles anderes noch soll „städtebildend“ nach der Meinung unserer Theoretiker wirken! Eines insbesondere hat Verwirrung angerichtet: das ist der namentlich durch Ritters geniale Forschungen angeregte Gedanke, die geographische Lage der Städte bei der Erklärung ihres Daseins in Rücksicht zu ziehen. Aber statt nun zuvörderst zu fragen, in welcher Beziehung die geographische Lage zu einer etwaigen Verursachung der Städte stehe, hat man in wilder Weise Lage für Ursache genommen und kurzer Hand danach eine „Theorie der Städte“ entwickelt, um sich am Ende vielleicht ganz erstaunt zu fragen, warum denn beispielsweise so herrliche Ströme wie Mississippi, Kongo oder Zambesi nicht auch „städtebildend“ gewirkt haben, oder warum heute an einem Punkte eine Weltstadt erstanden ist, wo vor hundert Jahren ein elendes Fischerdorf gelegen hat 1 . 1 Hauptrepräsentant dieser Richtung ist J. G. Kohl, Der Verkehr und die Ansiedelungen der Menschen. 1841. Es giebt wohl in der Litteratur jeder Wissenschaft Schädlinge, Bücher, die den Fortgang der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht fördern, sondern auf halten. Besonders zahlreich sind sie aber in dieser zerfahrenen Wissenschaft, die man Nationalökonomie nennt und den Grenzgebieten. Das grofsartigste Beispiel ist Wilhelm Roscher, dieser eminent geistvolle Mann, durch den die deutsche Nationalökonomie ein reichliches Menschenalter verloren hat. Im kleinen gehört zu der Kategorie der wissenschaftlichen Schädlinge der oben genannte Kohl, durch den die Lehre von der Städtebildung durchaus auf ein totes Geleise gefahren worden ist. Es hat kaum einen unglücklicheren Gedanken gegeben, als den, der den Inhalt der Kohl’schen Schriften ausmacht, diesen unklaren, vieldeutigen und darum absolut leeren Begriff „Verkehr“ in den Mittelpunkt der Theorie von den Ansiedlungen zu stellen, wodurch es ^glücklich gelang, die Unterschiedlichkeiten der Existenzbedingungen einer modernen Großstadt, eines Hottentottenkraals und eines Ameisenhaufens völlig auszulöschen. Aber so unfruchtbar der Gedanke war: er verfing und hat eine Generation in Schlummer gewiegt. Das macht, er und die ganze Art Kohl kam der Denkbequemlichkeit so vortrefflich entgegen. Man glaubte tiefsinnige Erkenntnis zu gewinnen, während man in einem seichten Gewässer von nichtssagenden Selbstverständlichkeiten herumplätscherte. Es ist schier unglaublich, mit welcher professoralen Breite und Gespreiztheit in jenem Kohl’schen sog. „Standard-Work“ (so nennt es z. B. noch der junge F. A. Weber) die gröfsten Trivialitäten vorgetragen werden; man lese nur z. B. S. 74 f. vom Kameel und Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetlieorie. 189 Wie aber? wenn wir auf die Motive der Menschen als einzig „städtebildende“ Ursache zurückgelien: wird es dann überhaupt möglich sein, „Sinn und Gesetz“ in der wechselnden Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu entdecken? Denn darüber kann kein Zweifel obwalten: tausendfach verschieden sind die Motive, die den einzelnen Menschen oder richtiger die einzelnen Gruppen gleichinteressierter Menschen in die Stadt zusammenführen. Naturgemäfs am zahlreichsten in den gröfsten Städten, diesen wundersamen Gebilden, deren Deutung uns doch gerade am meisten am Herzen liegt. „Betrachte doch einmal diese Menschenmenge, für welche kaum die Häuser der unermefslichen Stadt ausreichen. Der gröfsere Teil dieses Schwarms lebt fern von der Heimat.Einige hat der Ehrgeiz hergeführt, andere die Notwendigkeit eines öffentlichen Amtes, andere ihre Stellung als Abgeordnete, andere die Schwelgerei, die nach einem reichen und für Laster bequemen Tummelplatz sucht, andere das Streben nach Wissenschaft, andere die Schauspiele. Die hat die Freundschaft herbeigezogen, jene die Industrie, welche hier ausgedehnten Stoff findet, ihre Geschicklichkeit zu zeigen. Einige bieten ihre Schönheit feil, andere ihre Beredsamkeit. Da giebt es keine Art von Menschen, welche nicht in der Hauptstadt zusammenträfe, wo sowohl den Tugenden, wie den Lastern grofse Prämien winken.“ Diese bekannte Schilderung, die Seneca seiner Mutter von der alten Roma entwirft 1 , pafst noch heute wörtlich auf jede Grofs- Elefanten, die auf dem Eise nicht gut als Lasttiere zu gebrauchen sind, S. 183 vom Bauen unter der Erde (weshalb die Menschen nicht ebensoviel Stockwerke unter wie über der Erde bauen), S. 195/96 vom Spazierengehen (dafs die Menschen, wenn sie die freie Natur geniefsen wollen, vor die Tliore der Stadt gehen müssen), S. 406/7 (vom Ende und Anfang des Flusses) u. ä. Streicht man solche Plattheiten, an denen jede Seite ein halbes Dutzend aufweist, so bleiben von den 600 Seiten des Buches keine 60 übrig, die wirkliche wissenschaftliche Erkenntnis enthalten, und was auf diesen steht, war vor Kohl schon zehnmal besser und geistvoller von Franzosen, Engländern und Italienern gesagt worden. Ein schauerlicher Typus jener verhängnisvollen Gartenlauben-Litteratur der geistesöden Zeiten deutschen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die auch in die Wissenschaft eindrang und hier ebenfalls den Geruch von frischem Napfkuchen und langer Pfeife verbreitete. Echte Professorenweisheit im schlimmen Sinne; wie sie doch heute ganz gewifs der Vergangenheit angehört? 1 Cons. ad Helv. 6 nach der Übersetzung bei R. Pöhlmann, Die Übervölkerung der antiken Grofsstädte. 1884. S. 17. 190 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. stadt wie sie auf das Alexandrien des Altertums 1 2 * 4 * , das Konstantinopel des Mittelalters 1 , auf das Paris des 17. Jahrhunderts 2 oder das London des 18. Jahrhunderts 8 gepafst hat, läfst sich aber auch mit einigen Änderungen für jede einzelne, auch die kleinste Städtegründung in jedem Zeitalter recht wohl verwenden, wenn man nur dieses herausliest: unendlich mannigfaltig sind die Beweggründe der „städtebildenden Menschen“ überall und immerdar gewesen. Und der Städtetheoretiker müfste nicht nur die Ursachen der Städtegründung, sondern auch deren objektive Bedingungen aufdecken und plausibel machen. Aber auch die Frage: welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die zur Städtegründung drängenden Motive sich verwirklichen können, wird eine unübersehbare Fülle von Antworten wecken. Denn jene objektiven Bedingungen können wiederum der mannigfaltigsten Art sein: klimatischer, bautechnischer, verkehrstechnischer, ökonomischer, popula- tionistischer und was weifs ich, welcher Art noch! Tanta moles erat, Romanam condere gentem! Und nun gar erst die Wirkungen der Städtegründung! Sind sie nicht so mannigfaltig wie die Wahrzeichen dessen, was wir als „städtisches Wesen“, Civilisation schlechthin bezeichnen? Ist es nicht offensichtlich, dafs insbesondere mit der modernen Grofsstadt eine neue Ära menschlicher Entwicklung begonnen hat; dafs die „Ville tentaculaire“, von der Emile Verhaeren singt, alles frühere vernichtet, die Geschichte der Völker in neue Bahnen geleitet hat 4 ? Ist es heute nicht schon mit Händen zu greifen, dafs Religion und Sitte, Staatsform und geselliges Leben, Litteratur und Kunst, kurz unser gesamtes inneres wie äufseres Leben auf einen neuen Boden gestellt ist, dafs eine neue Kultur, die Asphaltlcultur, begonnen hat, und damit dem einen der Anfang vom Ende aller menschlichen Gesittung 6 * , dem anderen erst die Morgenröte eines 1 Siehe die Belegstellen hei Pö hl mann, 17. 18. 2 Ich denke beispielsweise an die Schilderungen La Bruyüres in dem Kapitel der Caracteres, das er „de la Ville“ überschrieben hat; oder für das 18. Jahrhundert an die Lettres persanes Montesquieus. a Vgl. z. B. D. Hu me, Essays 2 (1793), 23. 4 The growtli of large cities constitutes perhaps the greatest of all the Problems of modern civilization. Mackenzie, Introduction to Social Philosophy (1891), p. 101. 6 „II volgo, al quäle tutto quello ch’e grande impone, ammira le grandi cittä e le capitali immense. II filosofo non vi vede altro che tanti sepolcri sontuosi che una moribonda (!) nazione innalza ed ingrandisce per riporvi con decenza e con fasto le sue ceneri istesse.“ G. Filangieri, Delle leggi poli- tiche ed economiche (1780), Custodi, P. M. 32, 178. Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. 101 verfeinerten Kulturdaseins, einer menschenwürdigen Existenz angebrochen scheint. Das alles wäre ausführlich zu behandeln, wollte man den "Wirkungen der Städtegründung auch nur einigermafsen gerecht werden. Eine Kultur- und Sittengeschichte unter dem Gesichtspunkt der Urbanisierung wäre das Ergebnis. Gewifs ein Problem des Schweifses der Besten wert. Aber wie sollen wir, die wir am Boden mit unseren Gedanken kriechen, armselige wissenschaftliche Handlanger, uns solch 1 kühnen Baues unterfangen? Wollen wir auch nur mit den Dichtern und Denkern grofsen Stils wetteifern, die uns gelegentlich schon jetzt gesungen und gesprochen haben von dem Wesen zumal der modernen Grofsstadt, dieser Blüte alles Menschtums? Was vermöchte eine trockene Registrierung von Einzel Wirkungen etwa gegen die Schilderungen, die wir vom Pariser Wesen besitzen aus den Federn der ersten Schriftsteller ihrer Zeit von den La Bruyere und Montesquieu angefangen bis zu den Zola und Prevost unserer Tage? Offenbar mufs es einen Ausweg aus diesen Wirrnissen geben. Um überhaupt eine Theorie der Städtebildung in eine erreichbare Nähe zu rücken, müssen wir das komplexe Phänomen unter nur einem Gesichtspunkte zu betrachten versuchen, wir als Nationalökonomen also unter dem wirtschaftlichen. Was wir zu erstreben uns müssen angelegen sein lassen, ist eine ökonomische Theorie der Städtebildung. Ist es nicht zum Weinen traurig, dafs heutzutage, also etwa ein und ein drittel Jahrhundert nach dem Erscheinen der Inquiry von James Stewart so etwas noch erst ausdrücklich ausgesprochen werden mufs? Wer aber, der die einschlägige Litteratur kennt, möchte zu behaupten wagen, es sei überflüssig? Und damit genug der leidigen methodologischen Spitzfindigkeiten und frisch an die Lösung des Problems herangegangen! Was ist eine Stadt, eine Stadt also im ökonomischen Sinne ? 1 Wir fassen den Begriff am besten negativ, etwa so: eine Stadt ist eine Ansiedlung von Menschen, die für ihren Unterhalt auf die Erzeugnisse fremder landwirtschaftlicher Arbeit angewiesen sind. Damit scheidet eine ganze Menge stadtähnlicher Ansiedlungen von vornherein aus unserer Betrachtung aus. Jene Zwitter zunächst, die der deutsche Sprachausdruck treffend als „Landstädte“ bezeichnet, in denen ein grofser Teil der Be- 1 Auf die vor allem den Statistiker interessierende Frage: was ist eine Stadt, will ich nicht eingehen. Die Erörterung dieses Problems hat schon wieder zu einer ganzen umfangreichen Litteratur geführt. Vgl. namentlich die S. 184 citierten Schriften. Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wohner noch selber den Boden bearbeitet, also auch die Gebilde des Mittelalters, wie sie uns B ü c h e r in seinem Frankfurt geschildert hat. Aber auch die Riesenstädte des orientalischen Altertums, wie Ninive und Babylon, werden wir uns als Städte im ökonomischen Sinne zu betrachten abgewöhnen müssen 1 , ebenso wie wir dem alten indischen Grolsgemeinwesen, nach Art Calcuttas 2 3 oder dem modernen Teheran und ähnlichen Ansiedlungen 8 den Charakter einer Stadt kaum werden zuerkennen dürfen. Einem solcher Art umschriebenen Phänomen unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt gerecht zu werden, ist offenbar in zweifacher Weise möglich. Man kann zunächst an eine Art von ökonomischer „Naturlehre der Städte“ denken. Zwar möchte ich darunter nicht die geistvollen Apergus 4 * * verstanden wissen, die Roscher mit diesem Namen belegte, sondern eine systematische Darlegung derjenigen ökonomischen Faktoren, die notwendig bei jeder Städtebildung, wo und wann auch immer sie erfolgt, bestimmten Einflufs ausüben. Ich wüfste nun freilich nicht, welcher Art Erscheinungen man hier namhaft machen sollte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, Trivialitäten zu sagen, soweit es sich um die Ursachen und die Wirkungen der Städtebildung handelt. Wohl aber lassen sich einige allgemeine Wahrheiten über die ökonomischen „Na turbedingungen“ der Stadt schlechthin aussprechen, etwa in der Weise, wie es James Stewart und Adam Smith mit gewohnter Meisterschaft gethan haben, Wahrheiten, die im Grunde aber in dem einen bekannten Satze des alten Smith wie in einer gemeinsamen Hülse eingeschlossen sind. „It is the surplus produce 1 Es waren „von kolossalen Enceinten umschlossene, einen ganzen Komplex mehr oder minder lose zusammenhängender Stadtanlagen enthaltende Territorien“ mit Acker und Weide, um die Bevölkerung im Fall einer Ein- schliefsung ernähren zu können. Pöhlmann, a. a. 0. S. 3/4. 2 Die älteren indischen Städte werden uns als eine Gruppe von Dörfern geschildert, die „in der Stadt“ nur ihre gemeinsamen Weideplätze hatten. Alte Mark? Hunter, The Indian Empire. 1886. S. 46. 3 „Die ummauerten Städte Mittelasiens umschliefsen in ihren Lehmwällen viel gröfsere Räume, als für die Stadt allein notwendig sind. In Buchara, China u. a. nehmen weit mehr als die Hälfte der Bodenfläche Acker- und Gartenland, öde Plätze, Teiche und Sümpfe, Haine von Ulmen und Pappeln, ausgedehnte Viehhöfe ein . . . Man rechnet bei diesen Anlagen mit der Notwendigkeit der selbständigen inneren Erhaltung hei Belagerungen.“ F. Ratzel, Anthropogeographie 2 (1891), 447. 4 Im dritten Bande seines „Systems“ der Volkswirtschaft. Die Roschersche „Naturlehre“ findet man übrigens schon vorgearbeitet in den Schriften von Botero, Hippolitus a Collibus, Marberger u. a. Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. 103 of the country only . . that constitutes the subsistence of the town, which can therefore increase only witli the increase of this surplus produce “ 1 . Bei einigem guten Willen lassen sich aus diesem Satze eine ganze Reihe von „Gesetzen“ entwickeln, etwa in folgender Weise: 1. Die Gröfse einer Stadt wird bedingt durch die Gröfse des Produkts ihres Unterhaltsgebiets und die Höhe ihres Anteils daran, den wir Mehrprodukt nennen können; 2. Bei gegebener Gröfse des Unterhaltsgebiets und (durch Fruchtbarkeitsgrad der Gegend oder Stand der landwirtschaftlichen Technik) gegebener Gröfse des Gesamtprodukts hängt ihre Gröfse von der Höhe des Mehrprodukts ab. Daher z. B. cet. par. in despotischen Staaten mit einem hohen Ausbeutungskoefficienten des Landvolks gröfsere Städte als in Ländern mit demokratischer Verfassung. 3. Bei gegebener Gröfse des Unterhaltsgebiets und gegebener Höhe des Mehrprodukts ist die Gröfse der Stadt bedingt durch die Fruchtbarkeit des Bodens oder den Stand der landwirtschaftlichen Technik. Daher fruchtbare Länder cet. par. gröfsere Städte haben können als unfruchtbare 2 . 4. Bei gegebener Höhe des Mehrprodukts und gegebener Ergiebigkeit des Bodens ist die Gröfse der Stadt bedingt durch die Weite ihres Unterhaltsgebiets. Daher z. B. die Möglichkeit gröfserer Handelsstädte; die Möglichkeit gröfserer Hauptstädte in gröfseren Reichen. 5. Die Weite des Unterhaltsgebiets ist bedingt durch den Entwicklungsgrad der Verkehrstechnik. Daher cet. par. Flufs- oder Seelage auf die Ausdehnungsfähigkeit der Städte günstig wirkt 3 und in einem Lande mit 1 Ad. Smitb, Book III, Ch. I. Sehr ausführlich, wenn auch nicht immer sehr glücklich, ist von den Älteren das Thema behandelt in der Abhandlung des Grafen d’Arco, Dell’ armonia politico-economica tra la cittü e il suo territorio (1771) Custodi, P. M. Tomo 30. 2 J. Botero, Delle cause della grandezza delle cittä (1589), Libro I. cap. IX. 3 „On construit ordinairement les grandes villes sur le bord de la Mer ou des grandes Riviferes, pour la commoditö des transports; parce que le trans- port par eau des denrees et marchandises necessaires pour la subsistance et commodite des habitants, est ä bien meilleur marchd, que les voitures et transport par terre“ (Cantilion) Essai sur la nature du commerce. 1755. p. 22. 23. Sombart, Der moderne Kapitalismus. 11. 13 194 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Chausseen — wiederum cet. par. — die Städte gröfser sein können als dort, wo nur Feldwege sind, in einem Lande mit Eisenbahnen gröfser als wo nur Chausseen sind. Aber die Erkenntnis, die in diesen „Gesetzen“ zu Tage gefördert wird, ist doch nur dürftig. Es sind „Variationen über ein Thema“, das Thema, das in den Smithschen Worten ausgesprochen war: die Stadt lebt vom Überschufs des Landes. Das ist an sich gewifs eine sehr wichtige ökonomische Einsicht; aber sie ist doch nur der Anfang der Erkenntnis. Was wir vor allem bei der Aufzählung solcher „Gesetze“ nach Art der obigen (deren Zahl sich übrigens sehr wohl noch vermehren läfst) vermissen, ist der Hinweis auf irgend welche Notwendigkeit einer Städtegründung. Die Gröfse der Stadt ist „bedingt“; sehr schön. Aber wem fällt es nunmehr ein, diese Stadt zu gründen? Das heifst, wir suchen vergeblich nach einer Motivation. Wollen wir aber diese unter ökonomischem Gesichtspunkte betrachten, so wissen wir, was uns zu thun obliegt: wir dürfen nicht nach den überall gleichmäfsig wiederkehrenden ökonomischen Bedingungen suchen, sondern nach der jeweiligen historischen Bedingtheit des Wirtschaftslebens. Es ergiebt sich demnach als die eigentliche Aufgabe einer ökonomischen Theorie der Städtebildung der Nachweis des notwendigen Zusammenhangs des Städtephänomens mit dem herrschenden Wirtschaftssysteme. Nur wenn wir die Frage so stellen, vermeiden wir auf der einen Seite die Gefahr, uns in das Gewirr der Zuvielseitigkeit zu verlieren, auf der anderen Seite die Gefahr, der Blutarmut einer ökonomischen Naturlehre zu verfallen. Da wir nun aber in diesem Zusammenhänge nur die der kapitalistischen Entwicklung eigenen Erscheinungen zu untersuchen haben, so läfst sich nunmehr unser Problem ganz präcis formulieren: als die Frage nach dem Wesen der Stadt im System des Kapitalismus oder wie wir der Kürze halber im folgenden immer sagen wollen: nach dem Wesen der kapitalistischen Stadt. Dieses Problem enthält im einzelnen folgende Aufgaben, die ich gleich im vornherein schematisch zusammenstellen will, um die Darstellung selbst freier und im wesentlichen genetisch gestalten zu können. Es sind folgende Möglichkeiten ins Auge zu fassen: 1. Der Kapitalismus wirkt städtebildend als treibende Kraft, wenn er selbst die Motive zur Ansiedlung an einem bestimmten Ort liefert; a) direkt, wo das Interesse des kapitalistischen Unternehmers selbst Platz bestimmend wirkt; sei es, dafs die Stadt schon da ist Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. 195 und die Erwägung des Unternehmers beeinflufst, sei es, dafs sie erst entsteht; b) indirekt, wo andere Personen durch den kapitalistischen Unternehmer an den betreffenden Platz nachgezogen werden, um ihren Unterhalt durch ihn zu gewinnen a) als unmittelbare Angestellte, insbesondere Lohnarbeiter; ß ) als mittelbar Beschäftigte; vom Lieferanten gewerblicher Erzeugnisse bis zum Künstler und zur Kokotte. 2. Der Kapitalismus wirkt städtebildend als objektive Bedingung, wenn die aufserhalb der Interessensphäre der kapitalistischen Wirtschaft liegenden Beweggründe zur Ansiedlung in der Stadt zu ihrer Entstehung oder zu ihrer Verwirklichung die Existenz des kapitalistischen Wirtschaftssystems zur Voraussetzung haben. Das gilt beispielsweise von der gesamten Beamtenschaft in den modernen Staaten, von den Rentnern und ähnlichen derivativen Existenzen. Besonders wichtig für das Verständnis der früh- kapitalistischen Grofsstadt! Er ist objektive Bedingung für die Städtebildung selbstverständlich auch dort, wo er die von kapitalistischen Interessen im weiteren Sinne (vgl. oben unter 1) erfafsten Individuen erst befähigt, ihre Handlungen gemäfs ihren Interessen einzurichten. 13 * Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 1. Dafs die Mutter der modernen Stadt die Handelsstadt sei, wird nicht bezweifelt werden können. Der Kaufmann ist es, der im Laufe langer Jahrhunderte mit Hilfe seines Handelsprofits langsam den Unterhaltsspielraum der Stadt über den engen Bezirk ihrer Landschaft ausdehnt. Die so allmählich um den alten Kern der Handwerkerstadt sich bildende Handelsstadt hat ökonomisch das Eigenartige, dafs sie ihren Unterhalt in kleinen Beträgen aus einem sehr weiten Kreise bezieht L Und diese Eigenart ihrer Existenz steckt der Ausdehnung der reinen Handelsstadt enge Grenzen. Ganz grofse reine Handelsstädte hat es niemals gegeben und kann es nicht geben, denn entweder ist die Transporttechnik noch so wenig entwickelt, dafs die Extensität des Handels nur eine geringe sein kann 1 2 , oder aber bei entwickelterer Transporttechnik ist die Handelsprofitrate verhältnismäfsig so niedrig, dafs schon ungeheure Warenmengen umgesetzt werden müssen, um ein beträchtliches Wertquantum in den Händen der Kaufleute als Gewinn und damit Unterhaltsstoff für die städtische Bevölkerung zurückzulassen. Der Laie — und die meisten „Theoretiker“, die über Städtebildung geschrieben haben, sind nationalökonomisch Laien — pflegt sich nicht klar zu machen, dafs von dem Warenstrom, der durch eine Stadt hindurchgeht, noch kein Sperling in dieser Stadt leben kann, es • sei denn, er pickte sich aus den Getreide- oder Erbsensäcken sein Futter heraus. Worauf es allein ankommt, ist ja wohl doch der Wert- 1 „ils tirbrent leur subsistance de tout l’univers“: Montesquieu, Esprit des Lois. Livre XX Ch. V. 2 „extensive commerce checks itself, by raising the price of all labour and Commodities“, D. Hume, Essays 2 (1793), 207. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 197 betrag, auf dessen Bezug sich die Kaufleute ein Recht erwerben, indem sie die Güter durch ihre Stadt bewegen, ist das, „was hängen bleibt“, was „verdient“ wird, und das pflegt bekanntlich im umgekehrten Verhältnis zu dem gehandelten Wertquantum zu stehen. Heute mufs die Kaufmannschaft einer Handelsstadt schon für eine Milliarde Waren im Handel umsetzen, um dieselbe Menge Menschen mit dem Gewinne ernähren zu können, die früher vielleicht ebensoviel abbekamen bei einem Umsatz von 500 Millionen. Aber beschränkt war der Unterhaltsspielraum und damit die Ausdehnungsfähigkeit der reinen Handelsstadt immer 1 . Denn dafür, dafs mehr an der einzelnen gehandelten Ware „verdient“ wurde, war der Betrag des gesamten Warenumsatzes ein so viel geringerer. Wie wäre es sonst zu erklären, dafs die sog. „grofsen“ Handelsstädte des Mittelalters, Deutschlands noch im 15. und 16. Jahrhundert, niemals den Rahmen einer Mittelstadt überschritten haben (NB. bei ganz derselben Transporttechnik, bei der im Altertum Millionenstädte erwachsen waren), dafs auch später reine Handelsstädte, wie beispielsweise Bristol, das ein Reisebeschreiber um die Mitte des 18. Jahrhunderts „the largest, most populous and flourishing place in the island and one of the principal cities of Europe“ nennt 2 3 , oder die anderen blühenden Handelsstädte Englands in jener Zeit Exeter, Lynn, Norwich, Yarmouth 8 etc. nicht mehr als 30—40 000 Einwohner zählten, als London längst die halbe Million überschritten hatte? 2. Es mufsten andere Quellen des Reichtums und damit des Unterhalts für gröfsere Massen erschlossen werden, damit die Fesseln gesprengt würden, die der Entwicklung der Handelsstadt Schranken setzen, damit die Bahn frei werde für die grenzenlose Ausdehnung der modernen Grofsstadt. Man ist versucht in erster Linie an die kapitalistische Industrie zu denken als Mittel, den Unterhaltsspielraum der Städte auszuweitern. Das wäre jedoch falsch. Hie und da mag in den Anfängen der kapitalistischen Wirtschaftsweise (und mit dieser haben wir es ja einstweilen noch zu thun) ein blühendes Exportgewerbe, etwa wie die Seidenindustrie in Venedig, die Existenzbasis der Stadt erweitert haben; die Regel war es nicht. Der frühkapitalistischen Industrie mit ihrer stark decentralistischen Tendenz 1 Vortrefflich behandelt diesen Gegenstand der alte Büsch in dem Aufsätze: Uber die Schwierigkeiten für einen einzelnen Handelsplatz, durch den blofsen Zwischenhandel geldreich zu werden in Sämtl. Sehr, über die Handlung 4 (1825), 173-218. 2 D efoe, 1. c. 2, 253. 3 Defoe, 2, 236 ff. 198 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wohnt im allgemeinen keine städtebildende Kraft inne. Die Industrie- centren noch des achtzehnten Jahrhunderts: die Bergwerksstädte oder die Centralen der hausindustriellen Textilindustrie wie Leeds, Birmingham in England; Iserlohn, Paderborn, Jauer, Hirschberg in Deutschland, sind kaum Mittel-, meist Kleinstädte. Der ursprünglichen Weisen, das Mehrprodukt eines gröfseren Gebiets in eine Stadt zu leiten und damit dieser die Möglichkeit beträchtlicher Vergröfserung zu verschaffen, kennt das frühkapitalistische Zeitalter, soviel ich sehe, vielmehr folgende zwei andere: 1. die Urbanisierung des Landadels; 2. die Finanzwirtschaft des modernen Fürstentums. Jener Prozefs bewirkte, clafs die in der Stadt sich ansiedelnden Grundeigner nunmehr auch ihren immer noch wachsenden Anteil an der Produktion des Landes in Form der Grundrente der Stadt zu gute kommen liefsen; diese aber schuf in den sich rasch vermehrenden Steuern das sicherste Mittel, grofse Wertbeträge des Nationalprodukts ebenfalls zur Konsumtion in der Stadt zusammenzubringen, die teilweise direkt zum Unterhalt von Hof, Heer und Beamtenschaft, teilweise zur Befriedigung der Staatsgläubiger verwendet werden konnten. Ich stehe nicht an, zu behaupten, dafs der bedeutende Aufschwung, den namentlich die Hauptstädte der gröfseren Reiche in frühkapitalistischer Zeit nehmen, vornehmlich einer solchen Konzentration des Konsums und damit einer quantitativen und namentlich qualitativen Steigerung des Bedarfs geschuldet war, wie er sich in den genannten Schichten der Bevölkerung zunächst entwickelt. Landlords, Höflinge, Haute Finance treten jetzt zu den Kaufleuten als städtebildende Elemente hinzu und bestimmen ganz deutlich den Typus derjenigen modernen Städte, die wir zuerst füglich mit dem Namen der Grofsstadt ansprechen dürfen. Wenn wir die italienischen und spanischen Städte während des 16. Jahrhunderts sich zu einem Volksreichtum entfalten sehen, wie ihn annähernd keine andere Stadt im Mittelalter erreicht hatte *, so möchte ich diese Erscheinung schon mit den eben gekenn- 1 Im XVI. Jahrhundert wuchs Neapel zu einer Stadt von 240 000 Einwohnern empor; Mailand und Venedig zählten im Jahre 1580 gegen 200000, Rom und Palermo 1600 über 100000 Einwohner, Messina ebensoviel. „Alle diese Städte hatten im Laufe des Jahrhunderts ihre Bevölkerung etwa verdoppelt“, also in einer Zeit, als ihre Bedeutung als Handelsstädte offenbar nicht mehr wesentlich zu wachsen vermochte. J. Bel och, a. a. O. S. 53/59 Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 190 zeichneten Entwicklungsreihen in Verbindung gebracht sehen 1 . In Italien und Spanien war es, wo modernes Finanzwesen sich zuerst entwickelte, in Italien vor allem vollzog sich der Urbanisierungs- prozefs des Landadels, das „inurbamento della nobiltk“, wie wir sahen, früher und radikaler als in irgend einem anderen Lande Europas. Es wurde geschildert, wie die Feudalherren in Ober- und Mittelitalien schon seit dem 12. Jahrhundert sogar zwangsweise genötigt wurden, in der Stadt zu leben 2 , was sie in Neapel 8 und den sicilianischen Städten, wo der Hof Friedrichs II. die erste mächtige Anziehung ausgeübt hatte, freiwillig thaten. Das Bild, das wir von der Gesellschaft der blühenden Renaissancestädte Italiens empfangen 4 * 6 * , zeigt uns deutlich diese Mischung von landed und monied interest als tonangebend, wie wir es später in den grofsen Kapitalen West-Europas wiederfinden 8 . Nur, dafs selbstverständlich 1 Ich sehe nachträglich, dafs der Gedanke keineswegs den Vorzug der Neuheit hat, vielmehr schon vor recht langer Zeit ausgesprochen ist: „Quaeris qui fiat, quod in Italia magnificentiores urbes quam multis aliis in regnis reperiantur? Sed non est difficile quod respondeam. Id enim fit tum aliis, tum hac praecipue de causa: quot Italos nobiles, loquor de praecipuis non de mercatoribus, urbes inliabitare non pudet“: Hippolyt, a Collibus, In- crementa urbium sive de caussis magnitudinis urbium über unus. Editio nova. Als Anhang zu der lateinischen Übersetzung des Botero (Ilelmestadii 1665) pag. 206. 2 Vgl. die Belege Bd. I S. 313 ff. und vgl. dazu noch C. Bertagnolli, Delle vicende dell’ agricoltura in Italia. 1881. pag. 175. W. Sombart, Die römische Campagna (1888), S. 138 und E. Poggi, Cenni storici delle Leggi sull’ agricoltura. 1848. 2, 163 ff. 3 „In Neapel ist der Adel träge und giebt sich weder mit seinen Gütern, noch mit dem als schmachvoll geltenden Handel ab; entweder tagediebt er zu Hause oder sitzt zu Pferde.“ „Zu Hause“ — das heifst in der Hauptstadt. J. Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 2 3 (1878), 106, 166. Vgl. dazu Hippolyt, a Coli. 1. c. pag. 207. 4 Vgl. das erste Kapitel des fünften Abschnitts bei Burckhardt, a. a. 0. 6 Besondere Gründe beförderten das Wachstum Roms und Venedigs: dort die Finanzwirtschaft der Päpste, hier der frühe Kolonialbesitz. Von den Kolonistenfamilien Kretas erfahren wir schon im 15. Jahrhundert: „Eine Anzahl hatte grofse Vermögen erworben; sie lebten jetzt in Venedig und verzehrten ihre Zinsen.“ Vgl. E. Gerland, Kreta als venetianische Kolonie (1204—1669) im Historischen Jahrbuch 20 (1899), 22. In Spanien wirkte auf eine rasche Konsumkoncentration in den grofeen Städten während des XVI. Jahrhunderts vor allem auch die enorme Geld- accumulation hin, wie sie infolge der Ausbeutung der amerikanischen Berg werke eintrat. Vgl. Häbler, Wirtscliaftl. Blüte Spaniens, S. 53. 153. 155 und passim. 200 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. die Ausmafse für die Städteentwicklung bei der Kleinheit der italienischen Territorien ihre frühzeitigen Grenzen fanden. Ins Grofse wächst sich dieser Typus frühkapitalistischer Grofsstädte erst in dem England und Frankreich des 18. Jahrhunderts aus. Ich weifs nicht, oh man Quesnays Tableau 4conomique je unter wirtschaftshistorischem Gesichtspunkte betrachtet hat. Man würde dann finden, dafs dieses documentum aere perennius nicht nur das geistvollste Kompendium der nationalökonomischen Theorie des 18. Jahrhunderts, sondern ebensosehr auch eine vortreffliche Quelle für die Beurteilung der socialen Struktur des damaligen Frankreichs ist. Es deckt uns nämlich mit seinen mysteriösen Ziffern die sicher unzweifelhafte Thatsache auf, dafs eine volkswirtschaftlich bedeutsame Anhäufung dessen, was wir heute Mehrwert zu nennen gewohnt sind, im wesentlichen nur in der Form der Grundrente zu Tage trat, d. h., dafs die eigentlichen Repräsentanten des Mehrwerts die Grundeigner waren. Natürlich war es eine der Theorie vom Produit net geschuldete Übertreibung, Mehrwert nur in Grundrentenform erscheinen zu lassen; aber die Theorie vom Produit net hätte in einem so genialen Kopfe wie demjenigen Quesnays niemals entstehen können, wäre die thatsächliche Gestaltung der Dinge nicht eine solche gewesen, wie sie war und wie wir sie aus anderen Berichten bestätigt finden. Wenn wir beispielsweise uns die Tabellen Gregory Kings ansehen, in denen dieser, Quesnay an Genialität kaum nachstehende Denker, für das Jahr 1688 das Nationaleinkommen Englands veranschlagte, so fällt uns vor allem die ganz überwiegende Bedeutung auf, die in jener Zeit immer noch die Einkommen aus Grundrenten gegenüber denen aus Handelsprofiten (Industrieprofite werden überhaupt noch nicht aufgeführt) beanspruchen. Jene beziffern sich auf 5 665 000 £, diese auf nur 2 400 000 Berücksichtigt man nun aber des weiteren, dafs sich jene Summe aus wesentlich gröfseren Einkommen zusammensetzt, dafs das Durchschnittseinkommen des Grofskaufmanns von King für drei Viertel auf 200 £, für ein Viertel auf 400 £ geschätzt wurde, während die Grundrentenbezieher zwischen 280 und 2800 £ Durchschnittseinkommen haben sollen, so werden wir es begreiflich finden, dafs sich die Schriftsteller jener Zeit einen entscheidenden Einflufs auf die Gestaltung des volkswirtschaftlichen Prozesses hauptsächlich von der Verwendungsart des Einkommens der Grundrentner, insbesondere der reicheren Grundeigner versprachen und ein 1 Vgl. Goldstein, Berufsgliederung: Tab. 3 im Anhang. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 201 grofser Teil der Erörterungen in der volkswirtschaftlichen Litteratur des 18. Jahrhunderts der Diskussion über die volkswirtschaftlich zweckmäfsigste Art, die Grundrente zu verausgaben, gewidmet ist. Denn nichts anderes haben doch wohl die zahllosen Schriften und Kapitel über den „Luxus“ zum Inhalt, die, wie bekannt, die nationalökonomische Litteratur des 18. Jahrhunderts ebenso charakterisieren wie die Traktate über die Bevölkerung. Da nun aber die Verausgabung jener volkswirtschaftlich so wichtigen Quote des Nationaleinkommens in den Städten, vornehmlich in den Grofsstädten erfolgte, so verquickt sich die Luxusfrage mit der Grofsstadtfrage : fast alle Luxusschriftsteller dehnen ihre Untersuchung auf die Erörterung des Problems aus: was macht die Städte so volkreich? was lebt in den Städten? wofür werden die Einkommen der Reichen daselbst verausgabt? wie wirkt die Art der Verausgabung auf den Gang der Volkswirtschaft? 1 Sodafs wir eine im Grunde viel geistvollere Litteratur über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Grofsstädte aus jener als aus unserer Zeit besitzen, mafsen im achtzehnten Jahrhundert unstreitig mehr gescheite Kerle Nationalökonomie traktiert haben als im neunzehnten. Dadurch aber werden wir in den Stand gesetzt, uns ein zum Greifen deutliches Bild von dem Wesen der frühkapitalistischen Grofsstadt im 18. Jahrhundert zu machen, das durch zahlreiche Sonderbelege noch in die Einzelheiten ausgezeichnet werden kann. Überall finden wir als die eigentlich städtebildenden Faktoren die oben genannten wieder: Grundrentner und Staatsrentner, letztere als Hof nebst Höflingen und Beamte oder als Staatsgläubiger bezw. von der Führung der Staatskreditgeschäfte sich bereichernde Grofs- finanzler 2 . Um diese Trias, zu der sich natürlich als Vierter im Bunde der früheste der modernen Städtebildner, der reicher werdende 1 Siehe den Exkurs I zu diesem Kapitel. 2 Am Ende des 18. Jahrhunderts (1785/89) betrug die Staatsschuld in England schon 4800 Mill. Mk., in Frankreich 1500 Mill. Mk., in den Niederlanden 1500 Mill. Mk., in diesen kapitalistisch führenden Ländern zusammen also 7800 Mill. Mk., dagegen in allen übrigen europäischen Staaten insgesamt erst 2494 Mill. Mk. Ygl. Artikel „Staatsschulden“ im H.St. Y, 844. Im London des 17. Jahrhunderts herrschte schon ein reger Kreditverkehr. Welche ßar- summen flüssig gemacht werden konnten in kurzer Zeit, beweist die Tliatsaclie z. B., daft das Aktienkapital der Bank of England (1200900 £) vom 21. Juni bis 2. Juli 1694 vollgezeichnet wurde. Ygl. über dieses uud ähnliche Vorkommnisse : Reg.R. Sharpe, London and the Kingdom. Vol. II (1894). Das dreibändige Werk ist eine sehr fleifsige, urkundliche Geschichte der Stadt London. 202 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Kaufmann gesellt, gruppiert sich dann zunächst ein Haufen von Schmarotzern, Klienten, Künstlern, Advokaten u. dgl., dann aber vor allem die entsprechende Anzahl Gewerbetreibender, namentlich der Herstellung von Luxusartikeln obliegender Produzenten. Die Belege, die die Richtigkeit dieser Rekonstruktion der frühkapitalistischen (Grofs-) Stadt erweisen, stehen in so überreichem Mafse zu unserer Verfügung, dafs wir uns mit der Anführung der wichtigsten begnügen müssen. Zunächst gestatten die zahllosen „Städtetheorien“ des 18. Jahrhunderts Rückschlüsse auf die Natur der Städte jener Zeit. Denn wenn die meisten Autoren auch wähnten, „die“ Stadt oder „die“ Grofsstadt scheclithin in ihren Entstehungs- und Daseinsbedingungen zu schildern, so sind ihre Lehren doch nichts anderes als Verallgemeinerungen der von ihnen beobachteten thatsächlichen Gestaltungen in ihrer Umgebung. So viel ich sehe, ist in der theoretischen Konstruktion der Stadt wie auf so vielen anderen Gebieten der nationalökonomischen Wissenschaft im 18. Jahrhundert Cantilion wegweisend. Er läfst die Stadt wie folgt entstehen 1 : „Si un Prince ou Seigneur . . . fixe sa demeure dans quelque lieu agrdable et si plusieurs autres Seigneurs y viennent faire leur residence pour etre a portee de se voir souvent et jouir d’une societe agrdable, ce lieu deviendrauneVille, ony bätira de grandes Maisons pour la demeure des Seigneurs en question; on y en bätira une infinite d’autres pour les Marchands, les Artisans, et Gens de toutes sortes de professions que la rdsidence de ces Seigneurs attirera dans ce lieu. II faudra pour le Service de ces Seigneurs des Boulangers, des Bouchers, des Brasseurs, des Marchands de vins, des fabriquants de toutes especes: ces Entrepreneurs bätiront des Maisons dans le lieu de question ou loueront des Maisons bäties par d’autres Entrepreneurs; .... toutes les petites Maisons dans une Ville, teile qu’on la ddcrit ici, dependent et subsistent de la döpense des grandes Maisons. . . . La ville en question s’agrandira encore, si le Roi ou le Gouvernement y etablit des Cours de Justice . . . Une Capitale se forme de la meme maniere qu’une Ville de Province . . . toutes les terres de l’Etat contribuent plus ou moins ä la subsistance des Habitans de la Capitale.“ Dieser Gedankengang findet sich mit unwesentlicher Modifikation in fast allen die Städtebildung behandelnden Kompendien der Zeit wieder 2 , er ist allerdings von den Physiokraten besonders scharf 1 Cantillon, Essay sur la nature du Commerce. 1755. p. 17ff. 2 Siehe den Exkurs I. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 203 herausgearbeitet, weil er ihrer Theorie als Stütze dienen soll, wird aber auch von so vielen nicht orthodox-physiokratischen Schriftstellern übernommen, dafs der obige Schlufs gestattet sein dürfte: diese Theorie sei ein Abbild dör ^tatsächlichen Entwicklung. Die Richtigkeit dieser Hypothese wird aber aufser allen Zweifel gestellt, sobald wir die Schilderungen lesen, die wir über die sociale Struktur der beiden Grofsstädte des 18. Jahrhunderts, Paris und London, besitzen, ln der Gleichförmigkeit der Entwicklung, die beide Metropolen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts nehmen, liegt übrigens auch ein vollgültiger Beweis dafür, dafs es nicht zufällig nationalhistorische Eigenarten, sondern die in dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaft gelegenen Bedingungen sind, die das Phänomen der modernen Grofsstadt zuerst erzeugen, das dann in späteren Stadien der kapitalistischen Entwicklung in ganz anderer Weise zu Tage treten kann. London Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts „is the mighty Rendez-vous of Nobilty, Gentry, Courtiers, Divines, Lawyes, Physicians, Merchants, Seamen and all kind of excellent Artificers, of the most refined Wits and most excellent Beauties“ 1 . Stadtbildende Kraft der Staatsschulden: „national debts cause a mighty confluence of people and riches to the Capital, by the great sums levied in the provinces to pay the interests“ 2 3 * . Aber die Hauptfaktoren bleiben doch neben dem Handel die Grundrentner: dafs letztere in so grofsen Mengen in London zusammenströmen, hat dessen Gröfse bewirkt 8 . Die besten Stadtteile sind von Palästen des Landadels eingenommen; entweder in der Stadt selbst oder in der nächsten Umgebung. Paris ist viel länger als London die Stadt nur der Höflinge und des Adels. Noch am Ende des 17. Jahrhunderts erstaunt sich La Bruyere* über den zunehmenden Luxus der Bourgeois, die es den „nobles“ gleich thun wollen. Aber die Verschmelzung des landed and monied interest hat doch schon begonnen: „si le financier manque son coup, les courtisans disent de lui: c’est un bourgeois, un homme de rien, un malotru; s’il röussit, ils lui demandent sa tille!“ Und der Verfasser des Ami des Hommes, der ältere Mirabeau, kann schon ausrufen: „Qui eüt dit autrefois a la Noblesse Fran- 1 Edw. Cliamberlayne, The second part of the Present State of England. 13. ed. 1687. p. 200. 2 D. Hume, Essays 2, 114. 3 Vgl. Exkurs II zu diesem Kapitel. •* La Bruyfere, Les caracteres; ed. Garnier Frferes. Paris o. J., 156. 204 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gaise . . qu’un jour ses enfants eommerceraient, agioteraient meine?“ 1 Derselbe Autor nimmt aber an, dafs etwa 200 000 Personen aus Paris auswandern müfsten, wenn man seinem Vorschlag gemäfs 1. tous les Officiers Royaux qui en tirent de grands appoin- tements; 2. tous ceux des grands Propridtaires, qui certains ddsormais de ne pouvoir traiter leurs affaires contentieuses que la et assures d’y jouir en meme temps de la consideration et de l’aisance . . . voudraient bien aller jouir de la terre natale; 3. tous les plaideurs forcös in die Provinz zurückbeförderte 2 . Seiner und aller Physiokraten Meinung nach herrschte nämlich z. Z. „une mauvaise distribution des hommes et des richesses“, denn „tous les seigneurs, tous les gens riches, tous ceux qui ont des rentes ou des pensions süffisantes pour vivre commoddment fixent leur söjour ä Paris ou dans quelqu’autre grande ville oü ils ddpensent presque tous les revenus des fonds du royaume. Ces döpenses attirent une multitude de marchands, d’artisans, de domesti- ques et de manouvriers“ 3 . Um diese reichen Rentiers, zu denen sich die „financiers, dont les caisses . . ont . . trait directement au Trösor Royal“ 4 u. a. gesellen, gruppiert sich eine hochentwickelte (nach Meinung der Physiokraten überfeinerte) Luxusindustrie; denn der „Propridtaire, rustique dans la terre, devient ä Paris un arbiter elegantiarum et donne^des idees a un ouvrier, qui s’dlevant ainsi au dessus de sa sphere mechanique devient un homme illustre dans son Art“ . . . 5 . 1 Ami des Hommes 2 (1762), 201. 2 Ami des Hommes 2, 215. 8 F. Quesnay, Artikel „Fermiers“ in der Eneyclopedie. Ed. Oncken, 189. Die „Wasserkopftheorie“ datiert für Paris aus dem 16. Jahrhundert; A. d. H. 2, 215; für London aus dem 17. Jahrhundert: Graunt meint, „dafs London . . vielleicht ein allzugrofser und vielleicht auch ein zu mächtiger Kopf für seinen Leih sei“ Job. Graunt, Anmerkungen über die Toten-Zettel der Stadt London etc. (1662); deutsch 1702 in der Widmung. 4 Ami des Hommes, 2, 232. 5 Ami des Hommes, 2, 217. Angaben über die enorme Höhe der Renten der kirchlichen und weltlichen Grofsen siehe hei H. Taine, Les origines de la France contemporaine 1 14 (1885), 52. Taines Hauptquelle für den Absentiismus der französischen Seigneurs und ihren Konflux nach Paris ist merkwürdigerweise Arthur Young, der so thut, als ob es in England um dieselbe Zeit wesentlich anders gewesen wäre. Beispiele von Luxusindustrien in frühkapitalistischen Grofsstädten bei Roscher, „System“. Bd. III. § 108. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 205 Die ökonomische Rückständigkeit Preufsen-Deutschlands im 18. Jahrhundert wird in dem unentwickelten Zustande seiner Hauptstädte , denen die Hilfsquellen von Paris und London fehlten, vortrefflich wiedergespiegelt. Berlin beginnt erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwas rascher Zuwachsen: erst Anfang der 1760er Jahre überschreitet die Bevölkerungsziffer das erste Hunderttausend. Aber auch noch am Ende des 18. Jahrhunderts ist Berlin fast ausschliefslich eine — darum gewifs bettelarme — Soldaten- und Beamtenstadt. Im Jahre 1783 zählte die Garnison mit ihren Weibern und Kindern nicht weniger als 33 088 Personen, das sind 23 °/o der 141 283 betragenden Gesamtbevölkerung (gegen 29 448 Personen oder 1,8 °/o im Jahre 1895). Die staatlichen und städtischen Beamten bezifferten sich auf 3433, also mit ihren Angehörigen auf rund 13 000. Dazu kam noch ein unglaublich grofser Haufen von Bedienten (10074), sodafs diese drei mit dem Hofe zusammenhängenden Bestandteile der Bevölkerung über 56,000 Personen, also über zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachten 1 . Wie arm diese Stipendiaten des armen Preufsenkönigs waren, zeigt der Umstand, dafs sie nur etwa ebenso vielen Menschen Wohnung und Beschäftigung geben konnten. In dem London oder Paris der damaligen Zeit hätten dieselben 50 000 Söldlinge eine Stadt von mindestens 2—300 000 Seelen gebildet. 3. Einer viel späteren Periode der kapitalistischen Entwicklung gehört die Industriestadt an; ihre Entstehung bezeichnet den Übergang aus dem Früh- in den Hochkapitalismus. Die Industriestadt: darunter verstehe ich eine entsprechend mächtige Agglomeration von Menschen, die der Initiative der kapitalistischen Industriellen ihr Zusammenleben und ihren Unterhalt verdanken. Es hat lange Zeit kapitalistische Industrie gegeben, die eine dieser beiden Bedingungen erfüllte, der aber darum der städtebildende Charakter noch nicht zugesprochen werden konnte. Es gab Industrie in den Städten, die aber wesentlich nur den Bedarf der Städter selbst deckte, deren Träger also nur Anteil nahmen an den Bezügen ihrer Auftraggeber, die somit nur darum und in dem Umfange stadtständig und stadtfähig war, weil und insoweit andere Stadtbewohner für den erforderlichen Unterhaltsspielraum Sorge trugen. Merkmal der meisten früheren Luxus- 1 Nach den Normannschen Ziffern, die mitgeteilt sind bei Mirabeau d. J., De la monarchie prussienne 1 (1788), 398 f. 206 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. industriell 1 . Die Industrie aber, soweit sie sich selbst erhielt, war in früher kapitalistischer Zeit nicht städtebildend deshalb, weil sie keine Bevölkerungsmassen zu agglomerieren die Tendenz hatte. Merkmal der ländlichen Hausindustrien, der holzverarbeitenden Industrien etc. Was die Industrie bis zum Ende der frühkapitalistischen Periode ganz besonders charakterisiert, ist gerade diese weitgehende Decentralisation, wie wir sie in Deutschland noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts antreffen und zwar eine Decentralisation in dreifacher Beziehung: a) über den Ort hin, lokale Decentralisation, b) über die Gegend hin, territoriale Decentralisation, c) über das Land hin, nationale Decentralisation. Was folgendes bedeutet: Eine Decentralisation über den Ort hin folgt aus der hausindustriellen Betriebsorganisation, die noch zu keiner Vergesellschaftung der Arbeitskräfte und dementsprechend ihrer Vereinigung in geschlossenen Grofsbetrieben geführt hat. Die lokale Decentralisation wird gleichermafsen durch die Kleinheit der Manufaktur- und Fabrikbetriebe selbst befördert. Beide Momente — vor allem die hausindustrielle Organisation — wirken dann auch auf eine Decentralisation über die Gegend hin: die Arbeitskräfte werden noch dort beschäftigt, wo sie der langsam organisch fortschreitende Verpowerungsprozefs frei gesetzt hat, d. h. an beliebigen Stellen in Stadt und Land. Die rationalistische Umschichtung des Arbeitermaterials hat noch nicht stattgefunden. Ihre stärkste Stütze aber findet die territoriale Decentralisation an der Nutzung der Wasserläufe als treibender Kraft. Hierdurch wird auch dort, wo der Unternehmer schon ziel- bewufst die Arbeitermassen disponiert, eine Zusammenhäufung in wenigen Centren vermieden. Gleichermafsen wirkt in decentralistischer Richtung die erwähnte starke Holznutzung. Solange das Holz der Wälder derjenige Roh- und Hilfsstoff bleibt, um den sich die gewerbliche Thätigkeit vornehmlich gruppiert, ist bei der gleichmäfsigen Verteilung der Wälder für eine weitgehende territoriale Decentralisation gesorgt. Aus gleichen Gründen entspricht der territorialen 1 „Insofern kann die gewöhnliche Meinung für richtig angenommen werden: dafs die Prachtfabriken in die grofsen Städte gehören, weil nämlich daselbst ihr ordentlicher Absatz ist.“ Sonnenfels, Grundsätze der Polizey etc. 1771. 2, 109. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 207 Decentralisation der Industrie in früherer Zeit eine solche über das Land hin, wie ich sie genannt habe, eine nationale Decentralisation. Denn die Wälder sind auch provinzen- und territorienweise in den meisten Ländern verhältnismäfsig gleich verbreitet. Und ebenso die arbeitsbereiten Menschen. So lange also bodenständige Produktionsmittel und Arbeitskräfte, wie es in jener Zeit stark gewöhnheitsmäfsiger Produktion der Fall ist, in erster Linie den Sitz der Industrien bestimmen, beobachten wir die aufser- ordentlich wichtige Erscheinung, dafs die einzelnen Gebiete eines Landes viel gleichmäfsiger mit Industrien bedacht sind als etwa heutzutage. Ein paar Ziffern, die der Eisen- und Textilindustrie entnommen sind, mögen dies bestätigen. Im Königreich Preufsen heutigen Umfangs betrug die Arbeiterschaft in der Eisenindustrie (ausschliefslich Erzbergbau): im Durchschnitt 1848/57 1 1895 2 43676 101908 davon in Schlesien, West-1 3()317 = 6g 0/o g52g8 = g5 0/o> falen und .Rheinland J Dieselbe Arbeiterkategorie bezifferte sich 1 im Königreich Sachsen, in Bayern, Württemberg, Baden, Braunschweig und Thüringen 1848/57 noch auf 10 727 1895 dagegen nur noch auf 8 402 Das Verteilungsverhältnis, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts in obigen Ziffern zum Ausdruck kommt, war aber das althergebrachte und noch nicht wesentlich umgestaltet seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Die auf Schlesien und Westfalen entfallenden Eisenarbeiter machten aus von der (alt-)preufsischen Gesamtziffer: 1798 8 =73% 1848/57 ! = 72% 1895 2 =88% Über die entsprechenden Verschiebungen in der Textilindustrie während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geben folgende Tabellen Aufschlufs: 1 P. Miscliler, a. a. O. 1, 215. 229. 335. 541 und die oben genannten Statist. Quellen. 2 Berufszählung. 3 Krug, Nat. Wohlstand 1, 189. Übersieht der Webstühle in den einzelnen Provinzen des preui'sischen Staats im Jahre 1843 208 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. bC § 03 .S>3 3 - 03 ff m n « " »Sä® XO o no CQ rH CO XO CQ o S M CD CD CD CM r- CM I> rH <£ 3 bh^ ® CO rH CO CQ OS :d 03 2 Ä CQ H XO 43^ 3 t s N o a» 03 N ' 42 3 a? 3 h* r- CD o CQ 00 rH ^2 3 O rH r~* xO CO 1© CD CM 3! r- 'Z. r3 13 CO CO OS CD CD O XO o CO 00 CO IO OS CQ CO XO CO CD t» bß h 3 N £ os t-H CO CM CO rH CM rH Cr CQ 03 43 :3 CD CQ h- XO CQ O XO 00 XO CM rH CD rH CO CO OS OS 3 CQ CO ■S m o rH OO rH CO OS Cr CO CO CM CO CM © CQ S-< -M PÖ rH CQ 03 (D £ 43 :3 CO 3 T™t o fr CD O Cf) r- © CQ rH D- XO C4 CO O OO CQ XO P CO CD CO 00 CM o CM ÜO os i-H CQ CQ CO Tf< CO T3 13 •JJ .2 43 Ö 0) bß 03 3: 3 CQ CD OS CO CD CO OO c- 03 •S % 00 r- Cr 43 XO CQ © os «Ts H fiW ns ESI 3 CD 3 nO OS CQ CQ 05 03 o XD OO I> ^s_g 1 | | 1 rH CQ OS CQ CD rH rH . g w s O Ä s 03 «SS t£2 3 u Ph 3 pD 3 03 *Ö 3 u 03 s 3 03 *53 3 03 CQ 3 03 3 «M nS 3 d 's 3 03 s 43 d 03 03 CQ 43 03 W PU £ PU m O PU o 03 3 03 £ Ph •+j 03 1 Vgl. Dieterici, Volkswohlstand (1846) S. 215. f » Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. u CD 'ö rd o cd d d 0) N d •H > o u dn d ai fl u CO •pH «2 d a) »g d o> d o CO ph 0) dH CÖ d 01 fl Ö Ph 01 •2 ® •H 1:0 © ^ pH VH © 3 fl +3 © m pH M © © fl fl pH d © •H £ © © Ü PH © fl ■d +3 fl © •pH CO Ch S 3 cö PP Ph C5 i—i 05 y-H co pH co CO 00 CO CO CO co i> oo N W uo h iT Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums. 273 und der höchstbesteuerte Mann in Berlin war zu einem Einkommen von 64000 Thlr. eingeschätzt. Schlägt man auch zu allen diesen Ziffern einen entsprechenden Betrag hinzu, um den die Einschätzungssumme hinter derjenigen Einkommmenshöhe zurückblieb, die nach dem heutigen Deklarationsverfahren ermittelt sein würde, so ergiebt sich immer noch ein immenser Abstand zwischen der Wohlhabenheit Berlins vor vierzig Jahren und heute. Es waren in Berlin physische Personen zur Steuer veranlagt mit einem Einkommen von 1900 2 3 * 50132 13503 (über 9500 Mk.) 1323 039 (über 100 000 Mk.) (1898) ein Einkommen von 1898 1 über 3000 Mk. 47 475 „ 9000 „ 13986 „ 60000 „ 1245 „ 120000 „ 439 und der Höchstbesteuerte bezog 2485000 — 2490000 Mk., also mehr als zwölfmal so viel wie sein Kollege aus dem Jahre 1854. Die „Thalermillionäre“ haben sich seitdem von 6 auf 639 vermehrt, die Zahl der „Mark-Millionäre“ hat eine Steigerung um etwa 5000% erfahren. Aber auch die Zahl der wohlhabenden Leute (mit einem Einkommen von mehr als 9000 Mk.) ist in dem Zeitraum der letzten vierzig Jahre von rund 1000 auf rund 14000 gestiegen, während die leidlich situierten Personen (mit mehr als 3000 Mk. Einkommen) sich etwa verfünffacht haben: so dafs sie trotz des enormen Wachstums Berlins, das ja gröfstenteils auf den Zuzug armer Bevölkerungsmassen zurückzuführen ist, heute einen gröfseren Prozentsatz von der Gesamtbevölkerung ausmachen wie damals: Berlin hatte 1854 429389 Einwohner, 1898 dagegen 1714681, seine Bevölkerung hat sich also in diesem Zeiträume gerade nur vervierfacht. Und selbst in einer Proletenstadt wie Breslau ist der Reichtumszuwachs bemerkbar. Nach der Aufstellung der Wählerlisten im Jahre 1858 8 betrug das Einkommen von 6307 wahlberechtigten Bürgern 6 047 800 Thlr. Daran partezipierten mit je einem Drittel 351 Personen mit einem Einkommen von mehr als 2500 Thlr. 1508 » n n n n 800—2500 » 4448 i) n n » bis 800 » 1 Verwaltungsbericlit des Magistrats zu Berlin für das Etatsjahr 1899. Nr. 3. Bericht der Steuerdeputation S. 24 ff. 2 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung. 3 von Ysselstein, Lokalstatistik der Stadt Breslau (1866) 671. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 18 I 274 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Berücksichtigen wir wieder die verschiedene Zuverlässigkeit der Einkommensermittelung damals und heute und identificieren wir die Personen, die im Jahre 1858 mehr als 2500 Thlr. Einkommen hatten, mit denen, die heute mehr als 9000 bezw. 9500 Mk. haben, so ergiebt sich, dafs deren Zahl von 351 auf 2374 bezw. 2502 im Jahre 1898 bezw. 1900 gestiegen ist 1 , sich also versiebenfacht hat, während die Bevölkerung heute nur etwa 3 1 /2 mal so zahlreich ist wie vor 40 Jahren (1858: 129 813 Einwohner). Und während die wohlhabenden Leute Breslaus im Jahre 1858 über ein Gesamteinkommen von rund 8 Millionen Mk. verfügten, beläuft sich das der gleichgestellten lebenden Generation auf 40 — 50 Millionen Mark 2 . Gerade im Tempo der Bevölkerungszunahme haben sich die mittleren Einkommen vermehrt. Im Jahre 1858 hatten ein Einkommen zwischen 2400 und 7500 Mk. 1508 Personen; im Jahre 1898 ein solches zwischen 3000 und 9000 Mk. 7675 Personen; im Jahre 1900 8542 zwischen 3000 und 9500 Mk. 3 Jene 1508 Menschen bezogen zusammen 6 Millionen Mk., diese 7675 bezw. 8542 zusammen 35—40 Millionen Mk. Worauf es aber an dieser Stelle vor allem ankommt, ist der Nachweis, dafs in einer Stadt wie Breslau vor vierzig Jahren 6 Millionen, heute 40—50 Millionen Mk. von reichen Leuten, damals 6 Millionen Mk. von leidlich situierten, heute 35—40 Millionen Mk. von annähernd gleichgestellten Haushalten zur Verausgabung gelangen können: auf diese Quantitätssteigerung der Einkommenssumme einer bestimmten Leistungskraft ist das Hauptaugenmerk zu richten. Ein Vergleich der niederen Einkommenskategorien für so weit auseinander gelegene Zeiträume ist aus bekannten Gründen nicht möglich. Es genügt aber für unsere Zwecke vollkommen, einen Überblick über die Entwicklungstendenzen zu geben und zu diesem Behufe die Ziffern für das letzte Jahrzehnt vergleichend neben einander zu stellen. Gerade in diesem Zeitraum sind, dank der günstigen Konjunktur, auch die kleinen Einkommen ganz beträchtlich an Umfang gestiegen, hat also der Massenkonsum erheblich ausgedehnt werden können. 1 Verwaltungsbericht des Magistrats der Kgl. Haupt- und Residenzstadt Breslau für die drei Etatsjahre vom 1. April 1895 bis 31. März 1898. S. 699 ff. 1900 hatten mehr als 9500 Mk. Einkommen 2502 phys. Personen. 2 Berechnet nach den veranlagten St euer summen. 3 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung. Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums. 275 So stieg in Berlin 1 von 1892/93 bis 1900 die Zahl der Einkommen von 900—3000 Mk. von 254928 auf 353654 d. h. um etwa 40°/o, etwa doppelt so rasch als die Bevölkerung; diejenigen der Einkommen von 660-—900 Mk. im Jahre 1889/90 von 164312 auf 199420 im Jahre 1898 2 . In Köln hatten (nach dem Verwaltungsbericht) weniger als 900 Mk. Einkommen im Jahre 1890/91 281145 Personen = 65,3 °/o der Gesamtbevölkerung 1898 350154 „ = 55,1 „ „ Die Einkommen von 900—3000 Mk. vermehrten sich 8 1892/93 bis 1900 von 30455 auf 53403, d. h. um beinahe drei Viertel, während die Bevölkerung nur um 30°/o anwuchs. In Breslau hatten nach dem Verwaltungsberichte der Stadt Breslau ein Einkommen von weniger als 900 Mk. 1889/90 = 225663 Personen = 70,8 °/o der Gesamtbevölkerung 1898/99 = 266 711 „ = 67,3 „ „ Ein Einkommen von 900—3000 Mk. bezogen 3 * 1892/93 28351 Personen 1900 38473 heute also ein Drittel mehr als vor zehn Jahren. Endlich mögen nun aber auch noch die Gesamtziffern der preufsischen Einkommensteuerstatistik für den ganzen Staat hier Platz finden 3 . 1892 Gesamtzahl der Censiten 2,44 Mill. = 8,15°/od.Bevölkerung (also Personen mit mehr als900Mk.Eink.) Davon: in den Städten . . 1,41 „ =11,92 „ „ „ auf dem Lande . . 1,03 „ = 5,68 „ „ „ 1900 Gesamtzahl der Censiten 3,38Mill. = 10,49°/od.Bevölkerung (also Personen mit mehr als 900 Mk. Eink.) Davon: in den Städten . . 2,07 „ =14,41 „ „ „ auf dem Lande . . 1,31 „ = 6,86 „ „ „ 1892 1900 Veranlagtes Einkommen. . 5724Mill.Mk. 7841 Mill.Mk. Davon: in den Städten. . . . 3873 „ „ 5489 „ „ auf dem Lande . . . 1851 „ „ 2352 „ „ 1 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung. 2 Nach den Yerwaltungsberichten. 8 Statistik der preufsischen Einkommensteuerveranlagung für die Jahre 1892/93 und 1900. 18 * 276 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Zahl der mit mehr als 3000 Mk. Einkommen veranlagten physischen Personen vom Hundert der Bevölkerung . und zwar in den Städten .... auf dem platten Lande . Gesamteinkommen d. über 3000 Mk. Einkommen beziehenden phys. Personen. 3224 Mill. Mk. 4445 Mill. Mk. Davon: in den Städten .... 2474 „ „ 3513 „ „ auf dem platten Lande . 750 „ „ 932 „ „ Im ganzen preufsischen Staate bezogen ein Einkommen von weniger als 900 Mk. 1892 = 70,27% 1900 = 62,41 „ Es steigen also — das ist ein besonders charakteristisches Merkmal der Entwicklung in der Gegenwart — immer mehr Menschen aus den Niederungen der Notdurft auf. Das ist auch daran ersichtlich, dafs die Einkommen zwischen 900 und 3000 Mk. eine besonders starke Vermehrung aufweisen. In diesen Stufen waren veranlagt: 1892/93 2118969 Censiten = 81,89% aller Censiten 1900 2963213 „ = 87,74,, „ Also, was uns immer in erster Linie interessiert: die Entstehung kauffähiger Massen kommt auch in diesen Ziffern besonders deutlich zum Ausdruck. Wie sich aber der Zuwachs auf die einzelnen Stufen verteilt, ergiebt folgende Übersicht. Es waren veranlagt Censiten (physische Personen) mit einem Einkommen von 900 bis 1050 Mk. 1050 bis 1200 Mk. 1200 bis 1350 Mk. 1350 bis 1500 Mk. 1500 bis 1650 Mk. 1892 1900 658 811 999 270 437 003 591 483 234 756 345 466 193459 265 876 123 133 152 310 1650 bis 1800 Mk. 1800 bis 2100 Mk. 2100 bis 2400 Mk. 2400 bis 2700 Mk. 2700 bis 3000 Mk. 1892 1900 120331 150 541 128 037 160 619 106 087 132 910 71024 97 307 46 328 67 431 1892 1,060 2,010 0,438 1900 1,237 2,222 0,498 Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. Noch bedeutsamer für die Entwicklung der gewerblichen Produktionswirtschaft erscheint mir jenes andere Moment, das wir neben der Ausweitung des Konsums in neuerer Zeit ebenfalls als ein Kennzeichen der modernen Marktverhältnisse beobachten; nämlich das, was man die Verdichtung des Konsums nennen kann. Damit meine ich die Thatsache, dafs die Entfernung, in der die einzelnen Bedarfsfälle einer von dem anderen auftreten, immer geringer wird. Auf dem ökonomisch umgrenzten Versorgungsgebiet einer Produktionswirtschaft oder einer Handlung erfolgen immer mehr Konsumtionsakte. Die Verdichtung der Konsumtion entspricht also dem, was man in der Verkehrssphäre die Zunahme der Intensität nennt. Eine solche Verdichtung erfährt der Konsum in neuerer Zeit nun von zwei Seiten her. Offenbar zunächst und vor allem durch die Anhäufung der Bevölkerung in immer gröfseren Städten. Es ist dies eine der wichtigsten Folgeerscheinungen der Städtebildung, die hier aber nur erwähnt zu werden braucht, um in ihrer Bedeutung auch schon begriffen zu werden. Dagegen müssen wir ein wenig länger verweilen bei der anderen Entwicklungsreihe modernen Lebens, die in ihrem Verlauf ebenfalls zu einer Konsumverdichtung führt; ich meine natürlich die zunehmende Vervollkommnung des Personen-, Güter- und Nachrichtentransports. Dafs sie in gleicher Richtung wirkt, wie die Konzentration der Nachfrage in den Städten, dürfte nicht zweifelhaft sein. Sie verdichtet den Konsum dadurch, dafs sie die Erreichbarkeit der einzelnen über ein gröfseres Gebiet zerstreuten Konsumenten erhöht und ebenso die Zugänglichkeit der schon vorhandenen städtischen Konsumtionscentren für die Käufer steigert. 278 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Betrachten wir zunächst den letzteren Fall. Hier ist es vor allem die Entwicklung des Eisenbahnwesens, die das genannte Ergebnis herbeigeführt hat. Der Kreis von Kunden in der Umgegend der Stadt, die in dieser ihren Bedarf namentlich an gewerblichen Erzeugnissen decken können, ist infolge der Eisenbahnen in stetem Wachsen begriffen. Nicht nur, dafs eine immer gröfsere Anzahl von Personen in der suburbanen Zone der Grofsstäclte sich ansiedelt, die wirtschaftlich durchaus nach diesen gravitieren: auch aus gröfseren Entfernungen eilen die Reisenden herbei, um in den Magazinen der Grofsstadt oder Mittelstadt einzukaufen oder in den städtischen Mafsgeschäften ihre Bestellungen zu machen. Man könnte auch heute ganz gut von einer Landschaft sprechen, die wirtschaftlich in einer Stadt ihren Mittelpunkt hat, nur dafs die Grenzen des von der Stadt bedienten Gebietes immer weiter werden und die Kreise der einzelnen Landschaften sich vielfach scheiden. Statistisch diesen Prozefs zu erfassen, wird kaum möglich sein; ist aber auch nicht nötig, da er längst in seiner Wichtigkeit erkannt 1 und heute allerorts in übereinstimmender Weise beobachtet wird. Dagegen wird es nützlich sein, sich die extensive und intensive Entwicklung zu vergegenwärtigen, die die Eisenbahnen, auf deren Technik das quantitative Ausmafs jener Annäherungstendenz vor allem beruht, in neuer Zeit erfahren haben. Selbstverständlich nur in einigen besonders frappanten Hauptziffern, die der einzelne sich leicht aus den Quellen ergänzen kann 2 . Die Erfindung Stephensons hat eine Organisation des Personen- 1 Schon 1849 macht Rodbertus darauf aufmerksam, dafs „die grofsen Städte eine nachteilige Anziehungskraft auf die gute Kundschaft des ganzen Landes“ ausüben! „Wie ist dem Handwerkerstande aufzuhelfen?“ Wiederabgedruckt in den „Deutschen Worten“. 1894. S. 461. 2 Die neueste vergleichende Gesamtdarstellung enthält der Jahrgang 1899 des Archivs für Eisenbahnwesen. Ygl. dazu noch für Preufsen-Deutschland insbesondere: Joh. Gottl. Blum, Fünfzig Jahre Eisenbahnen in Preufsen (1888). II. Schwabe, Geschichtlicher Rückblick auf die ersten 50 Jahre des preufsisclien Eisenbahnwesens. 1895. Ferner die Betriehsergebnisse deutscher und ausländischer Eisenbahnen in den Jahren 1885, 1894, 1895 und 1896 in der Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen 1899. Kühn, Die historische Entwicklung des deutschen und deutsch-österreichischen Eisenbahnnetzes von 1838 bis 1881 (12. Ergänzungsheft zur Zeitschr. des preufs. Statist. Bureaus). 1882—1885 in der Zeitschrift selbst, Jahrg. 26; 1886—1893 (18. Ergänzungsheft). Gut orientierende, summarische Übersichten enthält der Artikel „Eisenbahnstatistik“ von K. W i e d e n f e 1 d im H. St. 2 Band III. 1900. Vgl. auch W. Lotz, Verkehrsentwicklung in Deutschland 1800—1900. (1900) S. 19 ff. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 279 und Güterverkehrs in dem Verkehrsinstitut der Eisenbahnen ermöglicht, welche vor allem nach drei Seiten hin Verbesserungen brachte. Der Verkehr wurde: 1. schneller; 2. billiger; 3. bequemer. Die Schnelligkeit des komfortabelsten Achstransports, also einer Beförderungsweise, die nur für solche Personen in Frage kam, die heute etwa die Luxuszüge benutzen, erreichte 15—16 km in der Stunde (Eilposten in England), gewöhnlich wurden 8—10 km nicht überschritten (Französische Posten), während heute die Personenbeförderung auf den Eisenbahnen mit einer Geschwindigkeit von etwa 45—90 km in der Stunde erfolgt. Die Verbilligung der Personenbeförderung durch die Eisenbahnen beträgt mindestens 50% und hat die Tendenz noch fortzuschreiten. Sie ist in Ländern wie Rufsland und Ungarn schon heute zu einer beträchtlichen Entwicklung gelangt, sucht sich aber auch in den übrigen Kulturstaaten durch allerhand Vergünstigungen auf indirektem Wege durchzusetzen. Ich erinnere an die Einführung der Kilometer- billets in Baden und Württemberg, an die Rückfahr-, Saison-, Rundreise- etc. Karten, an die besonders wichtige Einführung von Vorortzügen in den grofsen Städten mit entsprechend niedrigen Fahrpreisen. Und dafs — trotz alledem! — die Postkutsche auf Schienen, die ja unsere altfränkischen Eisenbahnwagen immer zum Teil noch darstellen, bequemer ist als die alte Postkutsche auf ungebahntem Wege, wird nicht in Frage gezogen werden. Nun stelle man eine Berechnung an über den Fortschritt, den die Konsumverdichtung infolge der Eisenbahnorganisation erfahren hat! Nach dem bekannten „Gesetz“, das alle Verkehrsentwicklung beherrscht, ist auch hier die Steigerung der Konsumverdichtung im quadratrischen Verhältnis zu der Beschleunigung und Verbilligung des Transports erfolgt. Gravitieren jetzt die Kunden bis zu einer Entfernung von 50 km und mehr nach der centralen Stadt als ihrer Bezugsquelle, während sie ehedem nicht über 20 km hinaus die Fahrt unternehmen mochten, so ist der Kundenkreis für die städtischen Lieferanten im Verhältnis von 4 zu 25 vergröfsert worden. Welche Bedeutung diese That- sache aber für die Konsumgestaltung überhaupt hat, läfst sich ermessen, wenn man die rasche Entwicklung des Eisenbahnbaus und der Leistungen der Eisenbahnen ins Auge fafst. Als Folie für das Bild, das der heutige Zustand des Verkehrswesens bezw. seine neueste Entwicklungsphase darstellt, mag eine kurze Skizze von der Entfaltung der Verkehrsmittel im vormärzlichen Preufsen voraufgeschickt werden. 280 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Die Entwicklung des Chausseebaus in Preufsen nimmt erst in der zweiten Hälfte des fünften Jahrzehnts ein rascheres Tempo an 1 . Eisenbahnen waren 1845 in Länge von 127,3 Meilen (davon nur 20,9 doppelgleisig) vorhanden. Es kamen in diesem Jahre zur Beförderung 2 4,0 Millionen Personen — soviel wie schon vor einigen Jahren an den sechs hohen Feiertagen auf den Berliner Bahnhöfen 3 ; und 9,5 Mill. Ctr. Güter — soviel wie im Jahre 1899 auf den deutschen Bahnen Schwefelsäure befördert wurde. Die Zahl der durchfahrenen Centnenneilen bezifferte sich auf 60,4 Mill. (etwa 25 Mill. tkm), die der Personenmeilen auf 15,6 Mill. (etwa 6 Mill. Personenkilometer) 2 . Wichtig für die richtige Beurteilung des Verkehrszustandes im damaligen Deutschland ist ferner die Berücksichtigung der Thatsache, dafs es natürlich zuerst nur die gröfseren Plätze waren, die eine Eisenbahnverbindung erhielten: das Netz war also noch äufserst weitmaschig 4 . Noch am Ende der 1840er Jahre war man der Meinung, dafs die Eisenbahnen ihre Hauptbedeutung für den Personenverkehr besäfsen, und man konnte in der That auch nachweisen, dafs seit ihrem Erscheinen der Frachtverkehr auf den Landstrafsen sich eher vermehrt als vermindert habe 5 * . Auf den Landstrafsen des Zollvereins mühten sich (1846) 38 349 Pferde mit 21 424 beschäftigten Personen um die Bewältigung des Fracht- und Reiseverkehrs 0 . Die Wege selbst waren noch meist Naturwege und darum im Winter meist unpassierbar 7 . Zieht man nun auch noch das Hauptverkehrsmittel jener Zeit: das Schiff in Betracht; immerhin: welche unbedeutende Verkehrsmengen konnten doch nur in Bewegung gesetzt werden auf so gering entwickelten Verkehrswegen, mit so unbedeutenden Verkehrsmitteln! 1 Vgl. Meitzen, Der Boden etc. 3, 221 ft'. 2 Meitzen, a. a. O. S. 232. 8 Vgl. Berlin und seine Eisenbaiinen 2, 123. 4 Eine eingehende Entstehungsgeschichte und statistische Übersicht des allmählichen Längenzuwachses der einzelnen Bahnlinien giebt E. Kühn, Die historische Entwicklung des deutschen und deutsch-österreichischen Eisenbahnnetzes vom Jahre 1838 bis 1881. XII. Ergänznngsheft zur Zeitschrift des Kgl. preufsisehen Statist. Bureaus. 1883. 8 Vgl. die Ziffern in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik I (1847), 92 ff. 8 von Reden, Erwerbs- und Verkehrsstatistik (1853). p. 2242. 7 Vgl. die freilich um einige Jahre frühere, sehr anschauliche Schilderung des trostlosen Zustandes der Wege im nördlichen Deutschland bei W. Jacob, Zweiter Bericht an die englische Regierung über den Anbau und Absatz des Getreides in mehreren europäischen Kontinentalstaaten. 1828. S. 2 ff. 47. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 281 Es gilt gewifs, was Schmoller für den Postverkehr sagt 1 , in erhöhtem Mafse für Personen- und Güterverkehr: „Die Hauptentwicklung fällt wieder nach 1850.“ Wenn im Jahre 1843 auf Schiffen in Preufsen 313 748 Lasten (ä 4000 r*H Deutschland. 469 18 450 50 961 Grofsbritannien und Irland . . . 1349 24 383 34 922 Frankreich. 427 17 462 42 437 Belgien. 333 2 906 6 209 (1898) Ver.-Staaten. . 5 344 85 288 307 050 Diese Generalziflfern empfangen nun aber ihre rechte Beleuchtung erst, wenn man sie in Beziehung setzt zu der Gröfse des Landes, wenn man sie ferner ergänzt durch die auf jenen Strecken 1 Schmoller, Kleingewerbe, 170. 2 Dieterici, Die statistischen Tabellen des preufsischen Staats (1845) S. 164 f. Im Jahre 1899 passierten allein auf dem Ilhein bei Emmerich über 12 Mill. t Güter, also der zwanzigfache Betrag (Statist. Jalirb.). Weitere detaillierte Angaben über den Verkehr auf den Binnenwasserstrafsen bei Meitzen, a. a. O. III, 251 ff. 3 129 427 875 tkm nach der Berechnungsweise Meitzens (vgl. Boden 3, 224). 4 Entsprechend niedrig war der Anteil der im Verkehrsgewerbe beschäftigten Personen an der Gesamtbevölkerung. Im fortgeschrittenen Königreich Sachsen machten die Selbstthätigen im „Verkehr“ von sämtlichen Selbstthätigen 1849 erst 0,99% aus. Vgl. E. Engel, Das Kgr. Sachsen etc. S. 254; gegen 3,25% im Durchschnitt des ganzen Deutschen Reichs im Jahre 1895. Vgl. Vierteljahrshefte der Stat. d. Deutschen Reichs. 1896. Ergänzungsheft S. 4. 5 Berechnet nach Hühner-Juraschek, Geogr.-statist. Tab. für 1901. 282 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. vollbrachten Verkehrsleistungen und wenn man endlich das Tempo der Entwicklung in den einzelnen Jahrzehnten in Betracht zieht. Dann ergiebt sich nämlich: 1. dafs das Netz, welches die Eisenbahnen (und zwar zunächst die Vollbahnen) über das Land ziehen, naturgemäfs immer engmaschiger wird; 2. dafs die Ausnutzung der vorhandenen Verkehrsmittel immer intensiver wird; 3. dafs der Hauptaufschwung in die letzten Jahrzehnte fällt; und 4. dafs eine wachsende Bedeutung der Nahverkehr gewinnt. So kamen auf 1000 qkm Eisenbahnen in Deutschland: 1880 = 74,4 km 1890 = 77,4 „ 1899 = 90,4 „ Die Verkehrsleistungen aber stellten sich wie folgt: Es wurden durchfahren auf 1 km in Deutschland (Stat. d. Eisenb. Deutschi.) Personen-km Güter-tkm 1885 216 932 430469 1899 389300 717 852 Ziffern, die sich ganz analog in den übrigen Kulturstaaten wiederholen. Die genaueren Angaben, die wir über den Betrieb der deutschen Bahnen besitzen, ergeben dann noch folgendes Bild: es betrug die Zahl (nach dem Stat. Jahrb.) 1880 1890 1899 der beförderten Personen (in Millionen) . . 215 426 804 auf 1 Einwohner. 5 9 14 der beförderten Gütertonnen (in Millionen) . 165 218 341 auf 1 Einwohner. . 3,7 4,4 6,2 Die wichtige Thatsache der Zunahme des Nahverkehrs wird aber aus folgenden Ziffern ersichtlich: Von 1890—1898 stieg der Gütertonnenverkehr innerhalb eines lokalen Verkehrsbezirks . . . . . . um 61 °/o innerhalb des Landes und zwischen den einzelnen Verkehrsbezirken .. 48 „ Die durchschnittliche Fahrt einer Person aber betrug 1880 = 30,13 km 1890 = 26,34 „ 1899 = 23,12 „ I Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 283 Eine bedeutsame Erscheinung, deren eigentliche Entfaltung erst in das letzte Menschenalter fällt, ist die rasche Entwicklung der Kleinbahnen. In Deutschland gab es an schmalspurigen Bahnen (nach dem Stat. Jahrbuch) 1890 = 1051 km 1899 = 1713 „ Es wurden befördert zurückgelegt fr Personen Güter Personen-km Tonnen-km (in Tausend) (in Tausend t) (in Tausend) 1890 8082 3478 61581 39 649 1899 21304 6542 173 511 78961 Aber wir haben bisher nur die eine Wirkung des neuen Verkehrsinstituts auf die Gestaltung des Konsums ins Auge gefafst: dafs es immer gröfsere Kreise von Käufern und Bestellern nach einem centralen Bedarfsdeckungspunkte gravitieren macht. Nicht weniger wichtig ist die andere Seite der Entwicklung: dafs es dank der modernen Verkehrsfortschritte den Produzenten oder Händlern ermöglicht wird, an immer mehr Personen heranzukommen. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, geht der Prophet zum Berge. In wie mannigfaltiger Art heute schon das Beschleichen der ortsfernen r Kundschaft ausgeübt wird, werden wir noch erfahren, wo von der Neugestaltung des Warenvertriebs die Rede sein wird. Hier sollen nur die durch die Verkehrsentwicklung geschaffenen objektiven Bedingungen dieses Vorgehens besprochen werden. Ein Beispiel für viele, in welcher Weise die Verbilligung der Personenbeförderung sich fühlbar macht: „Fremde Mafsgeschäfte treten erst seit dem Bau der Löbauer Anschlufsbahn (1884) mit den hiesigen — sc. Löbauer — Schneidermeistern in Wettbewerb. Vor dieser Zeit mufste, wer nach Löbau wollte, von der 2 1 /2 Meilen entfernt liegenden Bahnstation Deutsch-Eylau den Wagen benutzen. Die Kosten betrugen 7 Mk. Fuhrlohn, 60 Pf. Chausseegeld und 50 Pf. Trinkgeld für den Kutscher, zusammen 8 Mk. 10 Pf., zurück ebensoviel . . (also zusammen 16,20 Mk.) . . Da wurde die Bahn gebaut; das Fahrgeld in der III. Klasse beträgt für die Strecke Deutsch-Eylau- Löbau und zurück M. 2,20. Durch eine solche Kleinigkeit läfst sich ein eifriger Detailreisender nicht abschrecken, den Versuch zu machen, den Kundenkreis seines Geschäfts zu erweitern 1 .“ Aber was die Verdichtung des Konsums bewirkt, ist gar nicht immer notwendig nur eine Ortsveränderung der Personen, sei es 1 U. IV, 194. 284 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. der nachfragenden, sei es der anbietenden. Sie wird auch erreicht, wenn nur die Warenlieferung selbst sich leichter über einen gröfseren Kreis erstreckt. Und dafs dies im Gefolge der modernen Verkehrsgestaltung ebenfalls im weiten Umfange erreicht worden ist, weifs jedermann. Freilich hat hierbei die Entwicklung des Eisenbahnwesens nur die technische Basis abgegeben, auf der eine Organisation des Güterverkehrs, vor allem des Güterverkehrs in kleinsten Mengen, aufgebaut werden konnte, die jenen Effekt gesteigerter Beweglichkeit der Waren hervorgerufen hat. Diese Organisation besitzen wir in dem kunstvollsten Gebilde modernsocialen Lebens: in dem Sammelinstitut der modernen Post. Ihre Bedeutung liegt, wie bekannt, neben der Kleingutsammlung und Beförderung hauptsächlich in der Organisation des Nachrichtenverkehrs, dem aufser den Eisenbahnen und Dampfschiffen die specifischen Verkehrsmittel für den Nachrichtentransport Telegraphie und Telephonie dienstbar gemacht werden. Die Erleichterungen , die durch die Post in neuerer Zeit geschaffen sind, bedürfen kaum einer besonderen Nennung, weil sie in fast jedermanns Gesichtskreise liegen. Um sie voll zu würdigen, thut man gut, sich gelegentlich der Zustände zu erinnern, wie sie noch vor 50 Jahren in den europäischen Ländern, zumal in Deutschland herrschten. Man bedenke z.B., dafs der Nachrichtenverkehr in Deutschland bis in die Mitte des Jahrhunderts noch unter der unerträglichsten Buntscheckigkeit der Tarife und Beförderungswege, sowie unter hohen Tarifsätzen — bis 1844 konnte ein einfacher Brief innerhalb Preufsen noch 19 Sgr. kosten! 1 — empfindlich zu leiden hatte: „Die Hemmungen und Erschwerungen, welche für den Verkehr innerhalb Deutschlands dadurch hei’beigeführt wurden, dafs die deutschen Postverwaltungen in Absicht auf den Postdienst nach verschiedenen Grundsätzen verfuhren, sowie die Erhöhung des Portos, welche durch die Zusammensetzung der verschiedenen Portotarife für die aus einem deutschen Postgebiet in ein anderes zu befördernden Postsendungen herbeigeführt wurde, liefsen die Notwendigkeit erkennen, sich unter den deutschen Postverwaltungen über einen einfachen und billigen Portotarif und über gleichartige Verwaltungsnormen zu verständigen.“ So lautete eine officielle Mitteilung noch 1 Reiche Angaben über die exorbitant hoben Depeschengebühreu s. bei K. Knies, Der Telegraph als Verkehrsmittel. 1857. S. 161 ff. Schüttle, Der Telegraph. 1883. S. 304. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 285 aus dem Jahre 1850, in der der Anlafs bekannt gegeben wurde zu dem im gleichen Jahre abgeschlossenen Postvertrag Preufsens mit Österreich. An ihn gliederten sich dann erst in den folgenden Jahren die meisten übrigen deutschen Staaten an, sodafs die Zahl der verschiedenen Postgebiete in Deutschland Ende der 1850 er Jahre „glücklicherweise“ „auf 17 herabgekommen“ war ’. Demgegenüber die Neuerungen, die uns die letzten beiden Menschenalter gebracht haben: 1. die Verbilligung, Vereinheitlichung und Vereinfach ung d e s Br i efp or tos. Wir, die wir mit der Fünfpfennigpostkarte 1 2 und der Nickelpostmarke täglich umgehen und die wir es selbstverständlich finden, dafs ein Brief mit dem gleichen Markenbetrage in den Kasten geworfen ebenso gut nach Rufsland wie England oder China befördert wird, vermögen uns schwer einen Zustand der Buntscheckigkeit und Teuernis der Tarife, der lästigen Schalterbezahlung u. dgl. zu denken, wie er eben skizziert wurde. 2. die Einführung des billigen und einheitlichen Packet- portos in fast allen und jetzt auch zwischen fast allen Kulturländern 3 . 3. die Einrichtung eines Giroverkehrs durch die Post in Form der Postanweisungen 4 * , Postaufträge, Postnachnahme 6 etc. 4. die Übernahme buchhändlerischer Funktionen durch die Post in ihrem Zeitungsdebit 6 . Von welch ungeheurer Bedeutung diese und ähnliche Einrichtungen auf die Gestaltung der Art und Weise unserer Bedarfsdeckung sind, empfindet jeder, der sich ihrer bedient und wer wäre das nicht? Ich empfange früh morgens eine als Drucksache für 3 Pf. mir zugesandte Offerte eines Wurstwarenfabrikanten im anderen Teile Deutschlands, schreibe daraufhin mittels einer Postkarte für 5 Pf. meinen Auftrag, empfange in Form eines Postpackets für 50 Pf. die Ware und bezahle sie mittels einer Postanweisung für 1 Vgl. K. Knies, Der Telegraph. 1857. S. 83 ff 2 Über die Geschichte der Postkarte vgl. „Statistik der deutschen Reichspost- nnd Telegraphenverwaltung“ etc. für 1880. S. 78 ff., wo Stephan, und E. Herrmann, „Miniaturbilder“, wo dieser die Priorität der Erfindung für sich in Anspruch nimmt. 3 Vgl. über die Entwicklung des internationalen Postpacketdienstes den Aufsatz in „Statistik“ etc. für 1888. S. 90 ff. und für 1895. S. 87 ff. 4 Über deren Geschichte vgl. „Statistik“ etc. für 1886. S. 77 ff. 6 Darüber „Statistik“ Jahrg. 1878. S. 51 ff. 6 Über die Entwicklung der Zeitungsbesorgung durch die Post siehe „Statistik“ Jahrg. 1882. S. 69 ff. 28(3 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. 20 Pf., wenn der Absender es nicht vorgezogen hat, den Betrag per Nachnahme einzuziehen. Das alles spielt sich im Verlaufe von zwei bis drei Tagen ab. Und nun gar erst die Revolution, die auf dem Gebiete der Bedarfsdeckung Telegraph und Telephon hervorgerufen haben! Hat doch insbesondere das Telephon die fast völlige Indifferenz gegenüber der Entfernung des Lieferanten vom Kunden wenigstens innerhalb des Weichbilds einer Stadt bewirkt. Man vergegenwärtige sich nur, wie man heutigen Tages von seinem Zimmer aus ein opulentes Diner herbeikommandiert! Und in welchen Zustand kompletter Verlassenheit und Hilflosigkeit die Hausfrau in einer Grofsstadt versetzt wird, wenn etwa durch Schneefall oder ein Gewitter die Telephonanlage auch nur auf Stunden aufser Funktion gesetzt ist. Und wie rasch hat sich das Netz verdichtet, das die Post mit ihren Hilfsbetrieben über die modernen Kulturländer und darüber hinaus ausspannt! Der Refrain des Volksliedes: Kein Dörfchen so klein, Mufs ein Hammerschmied darinnen sein, ist längst durch die wirtschaftliche Entwicklung überholt und müfste, wollte er der Verkehrsgestaltung der Gegenwart Rechnung tragen, umgedichtet werden etwa in die Verse: Kein Dörfchen so klein, Kehrt täglich doch der Postbote ein! Zu den Ausstellungsgegenständen des Reichspostamts in Chicago gehörten auch vier grofse Wandkarten, welche die Dichtigkeit der Postanstalten und der Telegraphenanstalten im deutschen Reich je am Schlüsse des Jahres 1872 und 1892 ersichtlich machten. Sie sind im verkleinerten Mafsstabe reproduziert in der „Statistik der deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung für das Kalenderjahr 1893“. Nichts lehrreicher als ein Blick auf sie, der uns je die beiden Pendants zeigt, wie hier noch viele Stellen weifs, die meisten mattfarbig und nur wenige dunkelfarbig sind, dort alles farbig und die dunkelfarbigen Quadrate in der Mehrzahl. Setzen wir gar das Jahr 1900 an die Stelle von 1892, so wird der Fortschritt der Verdichtung noch frappanter. Hier nur einige Ziffern: Im Jahre 1842 wurden im Kgr. Preufsen auf den Kopf der Bevölkerung ca. 1,5 Briefe, 1851 ca. 3 Briefe befördert 1 . Das ist kaum oder gerade ein Nachrichtenverkehr wie ihn heute Bulgarien (2,8), Griechenland (3,5), Bosnien (5,9), Rumänien (3,4), Rufsland 1 Hübner, a. a. 0. S. 68. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 287 incl. Sibirien (3,6), Serbien (3,5), Finnland (2,3) und ähnliche halb- barische Staaten aufweisen Die (Staats-) Telegraphen wurden überhaupt erst am Schlüsse des fünften bezw. Anfang des sechsten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts dem öffentlichen Verkehr übergeben: 1849 in Preufsen; 1850 in Bayern und Sachsen; 1851 in Württemberg und Baden; 1852 in Hannover; 1854 in Mecklenburg-Schwerin und Braunschweig; 1855 in Oldenburg etc. 1 2 . Dagegen betrugen im Deutschen Reich 3 1872 1900 Gesamtzahl der Postanstalten. 7 334 37 146 1 Postanstalt kam auf qkm. 73,6 14,6 1 Verkaufsstellen für Post- Gesamtzahl der < Wertzeichen. 2 202 22 722 1 Postbriefkasten .... 39 668 120 059 Gesamtzahl der durch die Post beförderten Sendungen. 972 042 000 5 689 255 309 Gesamtbetrag der Wertangaben und des 29376486976 M. vermittelten Geldverkehrs. 15528135200 M. Gesamtgewicht der durch die Post beförderten Packereien. 169 013 000 kg 1899 4 * 752 902 800 kg 1872 1900 Gesamtzahl der Telegraphenanstalten . . . 4 038 24 456 1 Telegraphenanstalt auf qkm. Gesamtzahl der durch die Reichs- und Staats- 133,6 22,1 telegraphen beförderten Telegramme . 12 165 954 46 008 795 Dafs in allen Ländern mit derselben wirtschaftlichen Kultur eine gleiche oder annähernd gleiche Entwicklung sich vollzogen hat, bedarf erst kaum besonderer Hervorhebung. Die folgenden Ziffern liefern dafür die Bestätigung 6 . 1 „Statistik“ etc. Jahrgang 1895 für Bulgarien; Huhner-Juraschek (1901) für die übrigen Länder. 2 G. Schüttle, Der Telegraph etc. S. 8.. 13 f. 1846 bezw. 1848 waren schon die hanseatischen Linien dem allgemeinen Verkehr übergeben worden. 8 Die Ziffern für 1900 verdanke ich der gefälligen Mitteilung des Statistischen Bureaus des Reichspostamts. 4 Für 1900 nicht ermittelt. 6 Ich wähle zum Vergleich die Jahre 1878 und 1898, weil 1878 zum erstenmal die vortreffliche internationale Post- und Telegraphie-Statistik vom Reichspostamt zur Veröffentlichung gelangt. Vgl. die entsprechenden Jahrgänge der „Statistik“ etc. 288 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Länder Zahl der Postanstalten Eine Postanstalt entfällt auf qkm Auf einen Einwohner entfallen aufgegebene Postsendungen Es entfällt eine Telegraphenanstalt auf qkm Auf 100 Einwohner entfallen aufgegebene Telegramme 1878 1898 1878 1898 1878 1898 1878 1898 1878 1898 Belgien . . . 625 973 47 30,3 29,6 69,6 45 28,7 43 62,0 Frankreich . . Grofsbritannien 5 730 9 664 1 92 55 2 25,9 55,1 1 111 44,2 33 102,7 und Irland . 13881 21197 23 14,9 45,0 ca. 90 3 60 30,2 68 202,9 Italien.... 3 225 7 662 92 37,4 11,5 17,9 140 48,8 18 30,2 Niederlande 1313 1303 25 25,4 25,6 55,0 92 35,4 50 71,2 Österreich . . 4 000 5 658 75 53,0 14,7 40,6 121 60,7 19 37,2 Schweiz . . . 2 820 3472 15 11,9 45,9 112,4 38 20,3 71 84,3 Ungarn . . . 2 043 4 352 164 74,1 7,4 21,3 330 106,5 16 30,8 Über die rapide Entwicklung des Telephonwesens 4 , die ja erst in die beiden letzten Jahrzehnte fällt, geben folgende Zahlen Aufschlufs. Sie beziehen sieh auf Deutschland, das sich den Ruhm erworben hat, das Telephonwesen von seinem Beginn an mit Energie zu fordern. Ist doch Berlin heute die „gröfste Stadtfernsprecheinrichtung der Welt“. Es hat betragen die Zahl der die Zahl die Länge der Die Zahl der Orte mit Fern- der SprechLeitungen der Stadt- ausgeführten spreclianstalten stellen fernsprecheinriclitungen Verbindungen 1881 7 1504 3179 km 511354 1890 258 58183 89105 „ 249 716 555 1900 15 533 289 647 611368 „ 690 956355 (vermittelte Gespräche). Ähnlichen Aufschwung hat der Fernsprechverkehr zwischen verschiedenen Orten erfahren. Es betrug die Zahl der Verbindungsanlagen 1884 22 1900 2797 die Länge der Leitungen 1140 km 221723 „ die Zahl der ausgeführten Verbindungen 957 051 93 533314 (vermittelte Gespräche). 1 Einschliefslicli Algerien. 2 Auf Frankreich allein berechnet. 3 Es ist nur die Zahl der beförderten (also einschliefslich der vom Auslande empfangenen und im Durchgang beförderten) Sendungen bekannt. Diese betrug (1898) 3401544000. 4 Vgl. „Statistik“ etc. für die Kalenderjahre 1894 und 1898. Die Ziffern im Text verdanke ich freundl. Mitteilung des Reichspostamts. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 289 Von Berlin aus kann man zur Zeit (1901) nach 1007 deutschen und 74 ausländischen Orten, von Hamburg aus nach 1097 bezw. 73 Orten sprechen! Die Krönung aber gleichsam dieses mächtigen Gebäudes der modernen Verkehrsorganisation ist die Zeitung, ohne die wir uns schlechterdings kein Wirtschaftsleben mehr vorstellen können 1 . Wie sie es ist, die den feinen Mechanismus des Grofshandels, des Geld- und Kreditmarktes durch ihre immer rascher und exakter gebrachten Nachrichten im Gange erhält und vor Störungen bewahrt, so wirkt sie auch durch die Mitteilungen an das kaufende Publikum, die sie dem Produzenten und Händler ermöglicht, in eminentem Sinne konsumverdichtend: sie führt die Leser einer über ein ganzes Land verbreiteten Zeitung durch ihre Annoncen und Reklamen jeweils zu den Inserenten hin, als lebten sie mit diesen an einem und demselben Ort. Was die oben gebeispielte Offerte wirkt, wirkt tausendfach die Zeitung auf dem Kaffeetische der Hausfrau. Dafs aber das moderne Zeitungswesen mit seiner fabelhaften Promptheit und Massenhaftigkeit die Errungenschaften der modernen Produktions- und Verkehrstechnik: endloses Papier, Schnellpressen, Eisenbahnen, Telegraphen und Telephone ebenso zur notwendigen Voraussetzung hat, wie die durch die Post geschaffene Organisation, ist augenscheinlich. Die schon erwähnte Übernahme sogar des Zeitungsdebits durch die Post hat es erst ermöglicht, dafs heute thatsächlich eine Art von Allgegenwärtigkeit der Presse in allen ganz und sogar schon halbcivilisierten Ländern herrscht. Eingehende Untersuchungen sind neuerdings über die Zahl und Verbreitung der Zeitungen in Deutschland im Jahre 1897 angestellt worden 2 . Danach betrug die Zahl der in Deutschland insgesamt erscheinenden Zeitungen am 1. Juli 1897 3405. Die berechnete Gesamtauflage dieser Blätter bezifferte sich auf 12 192 780 Nummern. Von sämtlichen Zeitungen erschienen 1 und 2 mal wöchentlich 30,59 °/o 3 „ „ 30,50 „ 0 „ „ 30,68 „ 1 Über die ökonomische Bedeutung der Zeitung handelt (wohl als Erster) Knies, Der Telegraph (1857), 60—74. 2 Hjalmar Schacht, Statistische Untersuchung über die Presse Deutschlands in den Jahrbüchern für N.Ö. III. F. Band XV (1898), 503 ff. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 19 Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. (Zur Geschichte des modernen Geschmacks.) Was an Litteratur über dieses Thema vorliegt, gehört dem Gebiete der Kunstgeschichte und Kunstgewerbegeschichte an. Ökonomische Litteratur ist mir nicht bekannt. Dagegen berührt sich vielfach mit dem hier abgehandelten Gegenstände die Litteratur über den Luxus. Und diese ist — Gott sei es geklagt — nur allzu umfangreich: Von den Gelegenheitsaussprüchen alter und mittelalterlicher Autoren gar nicht zu reden: seit zwei Jahrhunderten sprudelt ein Quell monographischer Luxuslitteratur, wie ihn reicher kaum ein zweites Gebiet ökonomischen Lebens aufweist. Aber es kann für den unbefangenen Beurteiler keinem Zweifel unterliegen, dafs die Arbeiten aus dem Jahre 1900 nicht nur nicht mehr Erkenntnis als jene aus dem Jahre 1700 enthalten, sondern meist an Geist und Witz weit hinter den Leistungen jener Zeit Zurückbleiben: oder möchte jemand behaupten, dafs die breitspurige neueste Erscheinung der Luxuslitteratur 1 auch nur annähernd das Niveau ökonomischer Einsicht erreichte, wie die Bienenfabel Mandevilles, die 1706 das Licht dieser Welt erblickte? Woher diese Unfruchtbarkeit so vieler redlicher Arbeit? Offenbar doch aus der verfehlten Problemstellung. Man hat die Untersuchungen mit der Zeit auf ein völlig totes Geleise gefahren. Im Laufe des 18. Jahrhunderts, ehe der Genfer Uhrmachersohn das Konzept verdarb, mochte die Erörterung des Themas noch leidlich anregend wirken: es war der Streit um Stadt uud Kapitalismus, wie wir an andern Stellen schon sahen, der unter dem Aushänge- 1 A. Veile mann, Der Luxus in seinen Beziehungen zur Socialökonomie, in der Zeitschrift für die ges. Staatswissenschaft. 55. Jalirg. (1899). Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 201 Schilde des „Luxus“ ausgefocliten wurde. Man bestrebte sich, den Wirkungen der Luxuskonsumtion auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens nachzugehen und brachte dabei immerhin einige Goldkörner nationalökonomiscber Einsicht zu Tage. Dann aber begnügte man sich bald nicht mehr mit dieser theoretischen Arbeit, sondern verfitzte das Problem dadurch, dafs man zwei Fragen aufwarf, deren Beantwortung ebenso unmöglich ist wie die der Fragen, ob die Brünetten oder die Blondinen hübscher seien, und ob es in der Welt immer besser oder immer schlechter werde — die Fragen nämlich: was Luxus sei und gar was „erlaubter“ Luxus sei und ob er mehr „schädlich“ oder mehr „nützlich“ wirke. Ethische Nationalökonomie! Selbstverständlich ist der Luxus ein absolut niemals feststellbarer Begriff, ebensowenig wie der Begriff Kälte oder Wärme. Und ebenso selbstverständlich ist der Entscheid über den Begriff des „erlaubten“ Luxus ebenso der historischen Wandelbarkeit unterworfen wie der Entscheid über Schön oder Häfslich. Als noch französische Marquis und schottische Landedelleute über den „Luxus“ schrieben, erschien ein auch noch so hoher Grad verfeinerten Lebensgenusses ebenso wenig „unerlaubt“, wie dem dann folgenden kleinbürgerlich-professoralen Geschlecht schon alles als überflüssiger Aufwand galt, was über den „Normalkonsum“ einer „gebildeten Familie des bescheidenen Mittelstandes“ hinausging. Ich finde es nur zu begreiflich, dafs der gröfste Teil der traktätchenhaften Anti-Luxuslitteratur des 19. Jahrhunderts einen unverkennbaren Armeleutegeruch ausstrahlt. Aber was lerne ich daraus für die Beurteilung des aufgeworfenen Problems? Wollen wir nicht endlich von der nichtsnutzigen, zeitraubenden Suche nach „objektiven Mafsstäben“ für das Erlaubte oder Unerlaubte im Wirtschaftsleben ablassen und einsehen, dafs das letzte Mafs aller Dinge auch hier die ganze Persönlichkeit ist: des Urteilers wie des Beurteilten? Es giebt — auf den „Luxus“ angewandt — keinen noch so verschwenderischen Aufwand, keinen noch so raffinierten Lebensgenufs, der nicht in der Persönlichkeit seines Vollbringers seine Weihe und damit seine Rechtfertigung finden könnte. Die kostbare Perle, die Kleopatra zermahlen liefs, um sie in den Wein zu schütten, den sie dem Gastfreund kredenzte, sie fehlt in keinem der Luxustraktate, um die „Auswüchse“ zu kennzeichnen. Wer aber, der auch nur einiges Empfinden für das Bestrickende aufsergewöhnlicher Menschen hat, möchte sie im Bilde dieses grofsen Weibes missen? Wer die nächtlichen Schlittenfahrten Ludwigs II ? Wer den Pomp und Glanz am Hofe des Sonnenkönigs? Während ich mir denken kann, dafs 19 * 292 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auch schon ein bescheidener „Luxus“, den ein plumper Geselle übt, abstofsend und widerlich wirken kann: mag er nun „Harmloser“ oder Zuhälter sein. Aber hier soll beileibe nicht das sog. „Luxusproblem“ angeschnitten werden. Ich wollte nur am Ausgangspunkt, an dem wir stehen, auf die Richtung hinweisen, in der der „Holzweg“ sich verläuft; in der wir also nicht zu gehen haben. Ich will sogar den Ausdruck „Luxus“ im folgenden zu vermeiden suchen und immer statt dessen von Feinbedarf oder noch besser von Verfeinerung des Bedarfs sprechen, um das relative und gleichzeitig das historische Entwicklungsmoment in der Bezeichnung zum Ausdruck zu bringen. Und will nur einen ersten Versuch wagen, dem Entwicklungsgang des modernen Feinbedarfs und seinen Ursachen, also der Verfeinerung des Bedarfs in neuerer Zeit, in der Ära des Kapitalismus nachzuforschen. Dazu sind aber zuvor noch einige Bemerkungen allgemeinen Inhalts erforderlich. Zunächst liegt die Schranke für das Mafs der Bedarfsverfeinerung offenbar in dem Güterquantum, über das eine Person, eine Klasse, eine Gesellschaft verfügt. Es ist bekannt, dafs dieses Güterquantum durch zwei Faktoren bestimmt wird: den Grad der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, oder wie wir gemeinhin zu sagen pflegen: den gesellschaftlichen Reichtum einerseits, durch das Anteilverhältnis der verschiedenen Klassen oder Personen an dem Gesamtprodukt andererseits. Die Art und Weise aber, wie das solcherart zur Verfügung gestellte Güterquantum nun zur Verfeinerung der Lebenshaltung genützt wird, ist offenbar abhängig von der Beschaffenheit der Personen, gewöhniglich der Klasse von Personen, von der jene Bedarfsgestaltung ins Werk gesetzt wird. Dafs von allen Geschmacksrichtungen abgesehen, hierbei die jedesmal herrschende Technik der Güterherstellung abermals von entscheidendem Einflufs auf den Artcharakter der Bedarfsbefriedigung ist, braucht gleichfalls nur ausgesprochen zu werden. Endlich aber müssen wir die Richtungen unterscheiden, in denen eine Verfeinerung des Bedarfs überhaupt erfolgen kann. Es sind diese drei: 1. in der Richtung des Stoffes: Bevorzugung des „echten“ Materials vor dem unechten, des kostbaren vor dem weniger kostbaren: in dieser Richtung bewegt sich die Bedarfsverfeinerung auf das Pracht- und Prunkvolle, auf Pomp und Glanz zu; 2. in der Richtung der Form: Herausbildung edler Formen der Gebrauchsgegenstände; Entwicklung des Geschmacks im engeren Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 293 Sinne. Entwicklung zum Kunstverständnis; Bewegung auf das Kunstvolle zu; 3. in der Richtung des Zwecks: Bessere Anpassung der Gebrauchsgegenstände an ihren Gebrauchszweck; wachsende Wertschätzung der Bequemlichkeit; Herausbildung dessen, was man „Komfort“ heifst; Bewegung auf das Zweckvolle zu. Diese drei Richtungen können sämtlich in einer Zeit verfolgt werden, brauchen es aber nicht. Sehen wir also nun zu, welcherart die Entwicklung im 19. Jahrhundert verläuft. I. Deutschland. Als wir Deutschlands Wirtschaftsleben um die Mitte des 19. Jahrhunderts überblickten, sahen wir auch auf den Zustand des Geschmacks in jener Zeit einige Streiflichter fallen. Der Leser wird sich des Lehnstuhls mit Musik erinnern, der ein Prachtstück auf der ersten deutschen Gewerbeausstellung im Jahre 1844 in Berlin bildete: es war, genauer besehen, ein „vergoldeter Armlehnestuhl mit Musik, das Polster mit weifsseidenem Bezüge“, ausgestellt von dem Kgl. Hof-Tapezierer A. Hiltl in Berlin. Aber was der Sache die Krone aufsetzt, was wie mit Blitzlicht grell den Zustand schauerlichster Verwahrlosung erhellt, in dem die Zeit befangen war, ist das Urteil der Jury über jenes Monstrum, das wie folgt lautet: „Diese Arbeiten waren unstreitig die vorzüglichsten ihrer Art . . . Das Einzige (!), was als wünschenswert bezeichnet wurde, war, dafs an dem Sessel das Musikwerk statt in dem Sitz, an der Rücklehne hätte angebracht sein müssen, um es willkürlich in Thätigkeit zu setzen . . . Und das gleiche Bild boten alle übrigen Zweige gewerblicher Thätigkeit: überall ein Tiefstand des Geschmacks, wie ihn kaum ein zweites Mal die Geschichte gesehen hat. „Jeder Salon, jedes Novitätengewölbe, jeder Jahrmarkt, jede Industrieausstellung giebt Zeugnis von der Ratlosigkeit unserer von den Grazien verlassenen . . Kunstweberei 1 2 . “ Die Meifsener und Berliner Porzellanmanufakturen im Verfall 3 . Und so fort. Sodafs die in Bausch und Bogen absprechenden Urteile über jene Zeit, wie sie die Geschichten des Kunstgewerbes und Ge- 1 Amtlicher Bericht über die allgemeine deutsche Gewerbeausstellung in Berlin im Jahre 1844 ; 2 (1846), 95. 2 G. Semper, Der Stil I 2 , 179. 3 K. Rosner, Die dekorative Kunst im 19. Jahrhundert. 1898. S. 34. 294 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. schmacks übereinstimmend enthalten, vollauf berechtigt erscheinen: „So war um die Mitte des 19. Jahrhunderts alles vereinigt, den künstlerischen Zustand in der Industrie, im Geschmack so unerfreulich wie möglich zu machen. Viel gute und feine alte Technik war verloren gegangen und durch schlechtere oder gar nicht ersetzt; . . einen eigenen Stil, welcher der Zeitepoche gehört hätte, gab es nicht mehr, statt dessen nur ein Suchen und Tasten unter den Stilarten der Vergangenheit oder ein roher Naturalismus; in Industrie und Publikum, in Arbeiter, Käufer und Verkäufer war gleicherweise Gefühl und Verständnis für Form und Farbe verloren gegangen „Um die Mitte des Jahrhunderts gab es in Deutschland . . . in der Industrie weder eine Kunst noch einen Künstler 1 2 .“ Man ist auf den ersten Blick erstaunt über die Entdeckung, dafs die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Zeit des Verfalls alles künstlerischen Wesens sein soll. Man erinnert sich unwillkürlich des Hofes Ludwigs I., in dessen Aufträge die Cornelius und Genossen die riesigen Wände der Neubauten in Isarathen mit Fresken schmücken; man erinnert sich, dafs jene Jahrzehnte doch auch die Zeit der Goethe, Fichte, Schelling, Hegel war; man gedenkt der Salons der Kahel oder der Hohenhausen, in denen die beiden Humboldts, die beiden Schlegel, Tieck und Schleiermacher, Bopp, Gentz, Chamisso, Fouque, Gans, Heine und so manch anderer illustrer Gast verkehrten. Männer und Frauen feinster Bildung, vollendetsten Geschmacks, zu denen wir heute in staunender Bewunderung emporblicken. Wie war es möglich, dafs in einer Zeit, als jene den Ton angaben, der Tiefstand des deutschen Kunstgeschmacks erreicht wurde? Die Antwort auf diese Frage vermögen wir leicht zu geben, wenn wir die Eigenart der Bildung jener Zeit in Rücksicht ziehen. Es war eine ausgesprochen ästhetisch-philosophische, eine litterarische, eine idealistische, eine unsinnliche und somit unkünstlerische Geisteskultur, die in jenen Kreisen, an die wir dachten, allein für vornehm galt. Arm an materiellen Gütern, in einer armseligen Umgebung, machte man aus der Not eine Tugend, baute sich eine Welt der Ideale auf und sah mit Verachtung auf alle Sinnlichkeit und Körperlichkeit herab. Man übte Entsagung und Bescheidenheit, wie es Heine so schön ausgesprochen hat; man beugte sich demütig vor dem Unsichtbaren, 1 Jakob von Falke, Ästhetik des Kunstgewerbes (1884) S. 53. 2 Jak. von Falke, Geschichte des deutschen Kunstgewerbes, Schlußwort. Vgl. auch desselben Verfassers Geschichte des modernen Geschmacks. 2. Aufl. 1880. S. 353 und passim. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 295 haschte nach Schattenkiissen und blauen Blumengerüchen, entsagte und flennte. Der Gedanke, die Idee, die Gelehrsamkeit salsen als unumschränkte Herrscher auf dem Throne. Ihnen hatten die Künste, auch die bildenden Künste unterthan zu sein. Die Malerei hat den Beruf, schreibt Hallmann, „die schwere geistige Errungenschaft des Denkens zum Gemeingut aller derer zu machen . ., die der Spekulation auf ihre schwindelnden Höhen oder der Forschung in ihre tiefsten Tiefen zu folgen weder Macht noch Beruf haben“. Nach diesem Programm malten Cornelius und seine Schule, und was sie schufen, war, wie es Muther treffend nennt, gemalte Gelehrsamkeit. Und was in Düsseldorf an Gemälden entstand, kann man gemalte Litteratur und Litteraturgeschichte heifsen. Man weifs, welchen beherrschenden Einflufs diese verstandes- mäfsige Auffassung der Kunst auf alle Gebiete künstlerischen Schaffens ausgeübt hat, wie es Semper ausdrückt: durch Vermittelung der sog. Kenner und Kunstfreunde, die sich durch sie und nach ihr ein auf reine Willkür begründetes schematischpuritanisches Kunstregiment erwarben, das dort, wo es durchzudringen vermochte, eine traurige Verödung der Kunstformenwelt veranlafste; durch Begünstigung der ikonographischen Tendenz- und Zukunftskunst, der Jagd nach neuen Ideen, dem Gepränge mit Gedankenfülle, Tiefe und Reichtum der Bedeutung. Semper, der als einer der ersten den Kampf gegen dieses trotz allen Kunstverstandes doch im Grunde kunstfeindliche Geschlecht aufnahm, hat auch theoretisch am tiefsten die Schwächen jenes „tendenzelnden“ Verfahrens, das im „Anrufen des nicht künstlerischen Interesses“ seine höchste Kraft zeigte, erfafst und dargestellt. Dal's aber dieses Geschlecht von Litteraten, Philosophen und Ästhetikern, arm am Beutel, reich am Herzen, reich an „sentiments“, aber bettelarm an „sensibilite“, wie es war, sei es aus Princip, sei es aus Mangel an Mitteln oder Verständnis für materielles Wohlleben, für Ausschmückung des äufseren Daseins keinen Sinn haben konnte: wem möchte das wunderbar erscheinen? Selbst Goethe, der doch einer viel weltgewandteren Zeit angehörte, der dem Genüsse nicht abhold war, dem Sinn für das Prächtige und Glänzende gewifs nicht fehlte: selbst Goethe lebte in einem Hause, dessen Einrichtung unserem heutigen Geschmack armselig und kläglich erscheint, und Goethe selbst konnte den Gedanken äufsern, dafs eine elegante und luxuriöse Zimmerausstattung nur für Menschen sei, die keine Gedanken hätten: eine Auffassung, die theoretisch auch Schopenhauer übernimmt, so sehr er ihr praktisch, seiner ganzen Natur 296 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gemäfs, abhold war. Im „ästhetischen Thee“ der Berliner geistreichen Kreise, in den frostigen, leeren Salons der 1830er und 1840er Jahre, in den engen, verrauchten Weinstuben der Luther und Wegner, den entsetzlichen Weifsbierlokalen, wo die halbverhungerten Genies und Schöngeister Berlins sich ein Stelldichein gaben, erreicht dann die Unempfindlichkeit auch der Gebildetsten jener Zeit gegenüber den Anforderungen von Komfort, Geschmack und Wohlleben ihren vollendeten Ausdruck. Auch die Künstler selbst wufsten nichts von dem bezaubernden Reiz einer Umgebung mit schönen Dingen, sie verstanden nichts von der Kunst, in Schönheit zu leben: sie waren Asketen oder Biedermänner. Sie kleideten sich entweder, wie die Nazarener, mit Kamelshaaren und lebten von Heuschrecken und wildem Honig oder führten das Leben eines Gymnasiallehrers oder Steuerrats, wie die Düsseldorfer. Ihr Leben war so tugendhaft und sittenrein, dafs ein Pariser Kritiker es, wie Tacitus das Leben der Germanen den Römern der Kaiserzeit, der „in die Eleganz des modernen Luxus versunkenen Pariser Künstlerwelt“ als Spiegel vor die Seele hielt. „Den ganzen Tag malte man“, erzählt Muther von den Düsseldorfern 1 , „schickte die Bilder, wenn sie fertig waren, in den Kunstverein und half sich im übrigen durch eine kleine Passion über langweilige Stunden hinweg. Hildebrandt hatte sich eine Käfersammlung angelegt. Lessing, der Jäger, sammelte Pfeifen und Hirschgeweihe und fühlte sich in dem kleinen Zimmer, das er mit Sohn zusammen bewohnte, erst wohl, als es wie die Wohnung eines alten Oberförsters aussah . . . Und hatte man am Tage gearbeitet, so wallfahrte man an Sommerabenden nach dem „Stock- kämpchen“, erquickte sich an einem Napf saurer Milch, schob Kegel und machte einen Wettlauf zwischen den Gemüsefeldern des Gartens.“ Die Farblosigkeit der einzelnen Künstlerindividualitäten, die Gedanken- und Lehrhaftigkeit ihres Strebens machte die Maler und Bildhauer jener Zeit zu geborenen Akademikern. Und der Akademismus, der immer das Zeichen minderer Geister ist, pflegt im Gefolge den Hochmut und Standesdünkel zu haben. Und das war (was uns hier vornehmlich interessiert) von ganz besonders verhängnisvoller Wirkung auf die Entwicklung der gewerblichen Produktion: denn es trennte die sog. hohe Kunst immer mehr von den sog. technischen, dekorativen, an- 1 R. Muther, Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert 1 (1893), 229. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 297 gewandten Künsten und brachte damit einen Prozefs zur Vollendung, der seit dem Ausgang der Renaissance einsetzt und ebenso verderblich für Malerei und Skulptur wie für das Kunst* gewerbe geworden ist. Einsichtsvolle Männer hatten längst begriffen, dal's diese Trennung von Künstlern und Technikern beiden Teilen Schädigungen bereiten müsse. So hatte Friedrich II. die Berliner Akademie auch kunstgewerblichen Bedürfnissen zugänglich machen wollen (Kab.O. vom 21. und 25. Januar 1786) und der Kurator derselben Akademie Freiherr von Heinitz hatte es in einem Denkschreiben an den König Friedrich Wilhelm II. vom 20. Dezember 1797 als wünschenswert bezeichnet, „nicht sowohl lauter eigentliche Künstler (als Mahler u. dgl.) durch die Akademie an- zuziehen (weil deren zu grofse Zahl dem Staat, der sie nicht alle beschäftigen und ernähren kann, im Grunde mehr schädlich als nützlich ist), sondern die Akademie hauptsächlich zur Pflegemutter und Beförderin des guten Geschmacks in allen Branchen der Nationalindustrie, die in ihren Fabricatis durch Anwendung regel- mäfsiger Zeichnungen einer Verschönerung und Vervollkommnung fähig ist, zu machen, um dadurch der Nationalindustrie eine neue Schwungkraft zu geben: damit ihre Produkte und geschmackvollen Arbeiten jeder Art, den auswärtigen nicht ferner nachstehen 1 .“ Aber diese Anregungen blieben ohne Erfolg. Der Künstler schritt auf der Bahn des Akademismus weiter, er verlor zuletzt völlig neben dem Willen auch die Fähigkeit, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs mit künstlerischem Geiste zu durchdringen. Die Versuche, die Schinkel 2 und die romantische gotische Schule, Männer wie Heideloff und andere 3 machten, auf die gewerblichen Produzenten einzuwirken, waren Versuche mit untauglichen Mitteln: jene Künstler hatten die Kunst verlernt, dem Zweck und namentlich dem Stoff des Gegenstands entsprechend Vorlagen zu entwerfen, sie wollten meist ohne Rücksicht auf das Material und seine Bedingungen architektonische Formen den Arbeiten der verschiedenen Gewerke aufzwingen. Es komponierte der „hohe“ Künstler ein Kunstwerk, das dann unorganisch einem Gebrauchsgegenstande aufgeklatscht wurde, oder es mufste dem Stoffe Gewalt angethan werden, 1 W. Bode, Die Berliner Akademie. 1897. S. 13. 14. 2 Sammlung von Möbelentwürfen. 1835—37; N. A. 1852. Vgl. darüber P. Voigt in U. IV, 339 und neuerdings E. Groth, Das Kunstgewerbe als Nährquelle für das Handwerk im Kunstgewerbeblatt 6 (1895). S. 151. 3 Siehe den Artikel „Künstler im Kunsthandwerk“ im „Pan“, 3. Jahrg. 1897. S. 41. 298 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. weil der Künstler seine Entwürfe ohne Kenntnis der Stoffverarbeitungstechnik machte; „der Künstler ist wohl geschickt und erfinderisch in der Zeichnung und im Modelle, aber er ist weder Erzarbeiter, noch Töpfer, noch Teppichwirker, noch Goldschmied“, klagt wiederum Semper 1 . Wir können den Zustand zusammenfassend dahin kennzeichnen: das Gewerbe ist von den Künstlern völlig verlassen. Die also dazu berufen gewesen wären, den Kunstgeschmack zu veredeln, die gewerblichen Künste in gesunde Bahnen zu lenken, Künstler und Gebildete: sie versagten völlig. Sei es, weil sie zu arm am Materiellen, sei es, weil sie zu reich am Ideellen waren, was meist in Wechselwirkung unter einander zu stehen pflegt. Ein wohlhabendes Bürgertum aber, das Freude am schönen und reichen Leben gehabt hätte, fehlte noch. So entstand eine Art von Vacuum. Die kunstgewerbliche Entwicklung war führerlos geworden. Und da kam es nun, dafs sich eine Kategorie von Personen der Führung bemächtigte, die den Geschmack völlig zum Untergang brachte: das kapitalistische Unternehmertum. Die grauenhafte Verwilderung, in der die für den Feinbedarf arbeitenden Gewerbe schliefslich ausarteten, ist nur verständlich, wenn man dieses in Betracht zieht, dafs Jahrzehnte hindurch die Lieferung kostbarer oder kunstvoller Gebrauchsgegenstände nur noch unter dem Gesichtspunkte des Profits des Unternehmers und zwar eines noch völlig böotischen Unternehmertums erfolgte, und dazu erwägt, dafs in diese Zeit eine Reihe technischer Erfindungen fällt, die eine Attrappen- und Surrogatkunst in einer früher ungekannten Weise begünstigte. Das erste, was der Unternehmer vollbrachte, war die völlige Unterwerfung des technischen Beirats, des Zeichners, Modelleurs etc. unter sein Kommando. Dieser aus den oben angeführten Gründen sowohl als auch wegen der immer wachsenden Abhängigkeit von einem ungebildeten Brotherrntume schon von Hause aus niederen Ranges verkümmerte immer mehr und mehr zum geist losen Routinier. Er „liebte es leider nur allzuschnell, sich den modernen, nun einmal gegebenen Verhältnissen anzuschmiegen, er ward zahmer und zahmer, legte hübsch bescheiden seine wilde 1 G. Semper, Wissenschaft, Industrie und Kunst. 1852; datiert: London, den 11. Oktober 1851. S. 37 ff. Diese geniale Schrift Sempers ist bahnbrechend geworden für die Reform des Kunstgewerbes in Theorie und Praxis. Ihr Programm, das schon aus den angeführten Stellen ersichtlich ist, war dieses: „Es kommt alles darauf an, wieder zu vereinigen, was eine falsche Theorie früher trennte“ (S. 69). Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung iles Bedarfs. 200 Genialität ab, konnte geschniegelt und gebügelt daher scherwenzeln“ *. Ein Vorwurf ist jenen technischen Künstlern kaum daraus zu machen: sie waren wehrlos gegenüber dem interessierten Unternehmertum, dem selbst alles andere als Pflege des Schönen am Herzen lag. Vielmehr war nur noch ein Gesichtspunkt für die Produktion mafs- gebend: sie sollte marktgängige Ware liefern. Und darum mufsten die Erzeugnisse „originell“, vor allem „neu“, jedes Jahr wechselnd und meist auch billig sein. Dieses fressende Bedürfnis nach Originellem, bemerkt ein sachkundiger Beurteiler 1 2 , mufste bei so raschem Wechsel allen vernünftigen Erflndungsgeist erschöpfen; man mufste schliefslich zum reinen Unsinn seine Zuflucht nehmen, dahin auch die Vertauschung aller Stoffe zu rechnen ist, die aus derselben Quelle der Armut und Erschöpfung entsprang. Ein jeder Gewerbs- mann imitierte des andern Stoff und Weise und glaubte ein Wunder von Geschmack gethan zu haben, wenn er Porzellantassen wie vom Fafsbinder gemacht, Gläser gleich Porzellan, Goldschmuck gleich Lederriemen, Eisentische von Rohrstäben und so weiter zu stände gebracht hatte. Wie tief die Wunden waren, die die moderne industrielle Entwicklung dem Kunstgeschmack geschlagen, ersieht man daraus, dafs die Besten geradezu an einer Vereinigung von moderner Kultur und schöner Lebensgestaltung verzweifelten. Noch Ende der 1870 er Jahre schrieb Friedrich Theodor Vis eher die trostlosen Worte nieder: „Es ist ein schrecklich wahrer Satz: das Interesse der Kultur und das Interesse des Schönen, wenn man darunter das unmittelbar Schöne im Leben versteht, sie liegen im Krieg mit einander und jeder Fortschritt der Kultur ist ein tödlicher Tritt auf Blumen, die im Boden des naiv Schönen erblüht sind. Wer Vernunft und aber zugleich Leidenschaft hat, den wird man daher oft auf Kulturfortschritte grimmig schelten hören . . , 3 .“ Aber derselbe Kapitalismus, den wir hier als den Zerstörer des guten Geschmacks am Werke finden: er schafft doch wiederum auch erst die Bedingungen für eine Neugeburt der „Kunst im Handwerk“ , wie man die Durchdringung gewerblicher Gegenstände mit künstlerischen Ideen nicht gerade glücklich genannt hat. Er schafft sie dadurch, dafs er das Land in die sonnigen Gefilde des Reichtums emporführt. Und dieses Reicherwerden äufsert sich in viel- 1 Walter Crane, Forderungen der dekorativen Kunst (1896). S. 81. 206. 2 ß. von Falke, Geschichte des modernen Geschmacks. 2. Aufl. 1880. S. 352. 8 F. Th. Vis eher, Mode und Cynismus. 3. Aufl. 1888. S. 46. 300 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. facher Wirkung auf den Feinbedarf. Es ist nicht sowohl die Geld- anhäufung bei einzelnen Nabobs, die der Entwicklung des Kunstgewerbes die Förderung gewährt. Wichtiger ist es, dafs zweite und dritte Generationen reicher Bourgeois heranwachsen, die langsam sich mit Geschmack und Bildung erfüllen, dafs allmählich die Enkel und Urenkel der Kaftanmänner als Käufer auf dem Kunstmarkte erscheinen. Wichtiger ist es, dafs mit zunehmendem Reichtum auch die geistige Elite der Nation, die „Gebildeten“ im höheren Sinne, Anteil haben können an den Segnungen einer materiellen Feinkultur. Wichtiger ist es, dafs Staat, Provinz und Stadt in wachsendem Mafse Mittel flüssig machen können, um ihren Bedarf in einer Weise zu befriedigen, die Raum für das Schöne, das Glänzende, das nicht schlechthin Notwendige läfst. Aber das wichtigste ist doch dieses, dafs im Gefolge all dieser Wandlungen die gesamte Lebensauffassung eine Verschiebung erfährt. Sie wird aus einer vorwiegend litterarischen eine vorwiegend künstlerische; aus einer abstrakt-idealischen eine sinnliche. Es erwacht der Sinn für das Sichtbare auf dieser Welt, für schöne Gestaltung auch der äufseren Dinge, für Lebensfreude und Lebensgenufs. Das künstlerische Empfinden wird bestimmend für die gesamte Lebensführung, das künstlerische Ideal wegweisend auf allen Gebieten. Wie damals die Kunst im Banne des Gedankens, der litterarischen Phantasie stand, so werden jetzt Litteratur und alle Geistesbethätigungen beherrscht von dem Wesen künstlerischer Anschauung. Die Zeit einer kulturellen Hochblüte, die stets künstlerisch und unethisch war, scheint anbrechen zu wollen. Freilich sind erst leise Anzeichen dafür vorhanden, aber doch Anzeichen, die auf die Richtung der künftigen Entwicklung schliefsen lassen. Was wir seit etwa einem Menschenalter in Deutschland an Wan d- lungen des Kunstgeschmacks beobachten, ist nicht viel mehr als ein Tasten, ein Probieren. Man kennt die Bestrebungen, die seit den 1870er Jahren hervortreten zunächst in der Absicht, durch „Rückkehr zu der Väter Werke“ den Geschmack zu läutern. Das wieder erwachte Nationalbewufstsein leistet hier dem künstlerischen Bemühen Vorschub. Die Münchner Ausstellung des Jahres 1876 bildet den Markstein. Georg Hirth giebt sein „deutsches Zimmer“ heraus. Männer wie Franz von Seitz, Lorenz Gedon, Gustav von Falke setzen ihre grofse Kraft ein, um die Rückkehr zu den vergangenen Stilen, vor allem der Renaissance zu predigen 1 . Man 1 Vgl. über diese Bewegung der 1870er Jahre u. a. H. Schwabe, Kunstindustrielle Bestrebungen in Deutschland im Arbeiterfreund 1870. S. 393 f. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 301 erinnert sich noch jener Zeit der Ritterfrauen und Butzenscheiben, der Lutherstühle und Paneelsofas, einer Zeit, die uns heute schon abgeschmackt erscheint, die aber doch einen immensen Fortschritt bedeutete: dafs die „Mode“ jetzt altdeutsches Gepräge und Renaissancestil heischte und damit dem Produzenten doch in etwas wenigstens die Wege gewiesen wurden, die ihn aus der Verwirrung herausführten, in der wir ihn ein Menschenalter vorher antrafen. Diese retrospektive Richtung des Kunstgeschmacks wurde durch andere Entwicklungsreihen vielfach durchkreuzt. Ich denke vor allem an das Emporkommen dessen, was man Atelierstil genannt hat, was ich lieber als Zeltstiel bezeichnen möchte. Seine Geschichte ist bei uns mit dem Namen Makart aufs engste verknüpft und seine eigentliche Geburtsstunde war die überhitzte Zeit des ersten Rausches kapitalistischen Reichtums: der Gründerjahre. Die Namen Makart und Strousberg haben sich mir immer im Gedächtnis als zusammengehörige Begriffe eingeprägt. Es war ein glanzvolles, erstes Aufleuchten künstlerischer Lebensfreude, erstes jauchzendes Geniefsen. Aber es war unechte Pracht. Es war Flitter, innen und aufsen. Es war Parvenutum im schlimmsten Sinne. Heute sind die meisten Farben auf der üppig-schwülen Makartmalerei verblafst. Aber das Makartbouquet, die „malerische“ Draperie mit allerhand bunten Lappen — sie haben einige Jahrzehnte den Geschmack beherrscht. Diese Richtung fand Unterstützung, als der Orient seine Herrlichkeiten in wachsendem Umfange uns sandte und die Japanwaren den europäischen Markt zu überschwemmen begannen. So kamen Jahre, in denen der „Dekorateur“, meist ein Tapezierer, der Herrscher im Reiche des Kunstgewerbes wurde * 1 . Und sie war so bequem, diese tapezier- mäfsige Ausstattung der Wohnräume. Sie war auch dem minder Bemittelten leicht möglich, und was das wichtigste war: sie pafste zu der modernen Art zu wohnen: sie pafste für die grofsstädtische Mietswohnung alten Stils, die in nichts anderem als einer Anzahl J. Matthias, Die Formensprache des Kunstgewerbes. 1875. Ludw. Pfau, Die erste deutsche Ausstellung dekorativer Kunst, abgedruckt in Kunst und Kritik 2 (1888), 356 f. C. Landsherg, Die gegenwärtige Lage der Industrie und die Bestrebungen zur Förderung des Handwerks in Werkstatt und Schule. 1878. Stockhauer, Die Bahnbrecher unseres modernen Kunstgewerbes (Georg Hirth) in der Bayer. Gewerbe-Zeitung 1890. Nr. 3 ff. Rosner, a. a. 0. S. 59 f. 1 Vgl. über diesen z. B. J. Lessing, Das Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung. 1874. S. 41—44. Desselben Verfassers Berichte von der Pariser Weltausstellung. 1878. S. 141 ff. 302 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. leerer Kästen bestand, die am besten wirkten, wenn man sie wie ein Zelt mit Stoffen und kleinem Schmuckkram ausstaffierte. Von Künstlern und kunstverständigen Männern war der erste Anstofs zu einer Reform des Geschmacks ausgegangen. Es war aber doch nur mehr eine Anregung, eine Wegweisung geblieben. Publikum und Unternehmertum waren neue Perspektiven eröffnet. Der Erziehungsprozefs der Parvenüs, die da Bedarf hatten und jener, die ihn decken sollten, war begonnen, aber es bedurfte doch noch fast einer halben Generation, ehe der böse Dämon des Ungeschmacks wirklich besiegt war, das Regime der Schönheit seinen Anfang nehmen konnte. Was zuvor geschehen mufste, war die bedingungslose Unterwerfung des Konsumenten unter die Herrschaft des Künstlers: eine Künstlerdiktatur, unter der wir im Augenblicke in Deutschland noch stehen, konnte allein in das Reich der schönen Formen hinüberführen. So lange das Niveau des Konsumenten nicht höher ist als das einer Reichstagsbaukommission oder der immerhin doch noch ungeschulten Kommerzienratsfrauen aus BerlinW., so lange rnufs der Künstler als Autokrat sein Scepter schwingen, mufs den guten Geschmack diktieren. Es ist augenscheinlich ein Übergangsstadium, in dem wir uns noch befinden: ein Übergangsstadium, das so lange dauern wird, bis ein Stamm kauffähiger, aber trotzdem kunstverständiger Konsumenten erwachsen ist, der dem Künstler seine Wünsche unterbreitet, der wieder die Führung der kunstgewerblichen Entwicklung übernehmen kann. Aber einstweilen hat das Interregnum der Künstlerherrschaft viel Segen gestiftet. Seit etwa der Mitte der 1890 er Jahre beginnt in Deutschland ein neues Leben auf allen Gebieten kunstgewerblichen Schaffens, das wir allein der Initiative genialer Künstler zu danken haben, die es endlich nicht mehr verschmähten, auch den Gegenständen des Gebrauchs ihr Interesse zuzuwenden. Zunächst sind es zwei Architekten, die Epoche gemacht haben durch die gewissenhafte Art, mit der sie die grofsen Bauten, deren Ausführung ihnen oblag, bis in die kleinsten Details des letzten Gerätes nach ihren Plänen ausstatteten: Paul Wallot, der Schöpfer des Reichstagsgebäudes 1 und Ludwig Hoffmann, der Erbauer des Reichsgerichts in Leipzig 2 . Was Gottfried Semper als Ideal der 1 M. Rapsilber, Das Reichstagsliaus in Berlin. Eine Darstellung der Baugescliiclite und der künstlerischen Ausstattung des Hauses. 1894. 2 V. Müller, Der Bau des Reichsgerichts in Leipzig. 1895. T h. Schreiber, Das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig im „Kunstgewerbeblatt“. N. F. Jahrg. 7 u. 8 (1896/97). Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 303 Zukunft bezeichnet hatte : hier wurde es verwirklicht. Die Architektur war wiederum Chorage aller, auch der dekorativen Künste geworden. Sodann aber war es ein neues Geschlecht von bildenden Künstlern, das mit sicherem Griffe das verwahrloste Kunstgewerbe als Feld seiner Thätigkeit erwählte und damit eine neue Ara der technischen Künste eröffnete. Sie selbst ein Erzeugnis der kapitalistischen Entwicklung, dafern nur eine rasch zu Reichtum gelangende Nation ein solches Überangebot von „unproduktiven“ Existenzen hervorzubringen imstande gewesen war. Einer der ersten, die auf dem Plane erschienen, war Otto Eckmann, dessen dekorativer Cyklus „Die Lebensalter“ 1803 fertig wurde, der 1894 die ersten Holzschnitte und keramischen Versuche machte, 1895 im Pan seine ersten Buchschmuckstücke erscheinen liefs und seit Anbeginn in der Münchener „Jugend“ zeichnete, in der auch andere junge Künstler ihre kunstgewerblichen Versuche veröffentlichen liefsen. Aber man weifs, dafs die eigentliche Entscheidung für Deutschland doch erst das Jahr 1897 brachte: die Ausstellungen von Dresden und München enthielten zum erstenmal eigene Schöpfungen hervorragender Künstler auf dem Gebiete der angewandten Kunst 1 . Und seitdem ist es etwas selbstverständliches geworden, dafs von Berlepsch oder Fritz Erler, Eckmann oder Bruno Paul, Obrist oder Endell, van de Velde oder Pankok, Riemerschmid oder Christiansen die Hand im Spiele haben, wo ein Haus neu auszustatten, ein Möbel, eine Vase, ein Bucheinband, ein buntes Fenster oder irgend welches Gerät mit künstlerischem Geschmack zu schaffen ist. Und es ist eine Lust zu sehen, wie diese fein empfindenden Seelen den Trofs der „eminent Spinners“, der „extensive sausage makers“ und „in- fluential shoe black dealers“ dahin führen, wohin sie es für richtig halten, wie sie unser bourgeoises Parvenutum in die strenge Schule 1 Es besteht über diese neueste Phase des Kunstgeschmacks in Deutschland schon heute eine ganze Litteratur. Zu vergleichen sind sämtliche Jahrgänge der „Kunst und Dekoration“ (seit 1897), des Pan, der Innendekoration, der ('österreichischen) Monatsschrift Kunst und Kunsthandwerk (sämtlich seit 1898). Die Geburtsjahre dieser führenden Zeitschriften sprechen selber Geschichte aus. Vgl. noch zur Orientierung Georg Fuchs, VII. Internationale Kunstausstellung zu München im Magazin für Litteratur, herausgegeben von Steiner und Hartleben. 1897. Nr.30. W. Bode, Künstler im Kunsthandwerk. Die Ausstellungen in München und Dresden (1897); jetzt neugedruckt in dem Sammelbande: Kunst und Kunstgewerbe am Ende des 19. Jahrh. 1901. 304 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. künstlerischer Geschmacksbildung nehmen. Daneben doch auch für die Öffentlichkeit und für die Welt der Gebildeten hie und da wenigstens einen Strahl ihres Geistes leuchten lassend. Es gilt diese Wendung zur Verfeinerung des Geschmacks wohl in erster Linie für die Wohnungsausstattung; aber sie ist doch auf allen Gebieten des Feinbedarfs zu spüren. Sie äufsert sich in der Herstellung der Tafelgeräte, im Bucheinband, im Plakat, im weiblichen Schmuck. Die Wiedergeburt der deutschen Goldschmiedekunst reicht kaum über das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zurück, wenn man darunter das Sichbesinnen auf naturgemäfse Stilarten verstehen will, nachdem in den Jahren von 1870 bis 1895 auch auf dem Gebiete der Goldschmiedearbeiten alle historischen Stile durchgehetzt worden waren. Für Berlin ist vor allem das Zusammenarbeiten von Hirzel und Werner epochemachend geworden 1 . Überall wird der Kampf gegen Banausentum und Protzentum siegreich aufgenommen. Die Form erlangt auf der ganzen Linie die Herrschaft über den Stoff. Wes Geistes Kind nun aber diese neubürgerliche Kunst, dieser Geschmack des 20. Jahrhunderts ist, in welcher Richtung die Entwicklung des Feinbedarfs weiter zu verlaufen verspricht: dies alles werden wir besser zu erkennen vermögen, wenn wir unsern Blick über die Grenzen des Deutschen Reichs hinaus auf die anderen Länder mit kapitalistischer Kultur lenken und deren mächtigen Einflufs auf die Entwicklung des modernen deutschen Geschmacks uns in Erinnerung zu bringen versuchen. Und weil einige dieser Länder unstreitig um Jahrzehnte der deutschen Kultur voran sind, werden wir aus ihrem Wesen auch am besten die Tendenzen der weiteren Entwicklung zu erkennen vermögen. II. England. Das Land, in dem der moderne Kapitalismus sich zuerst zu voller Blüte entfaltet hat, ist auch das Geburtsland des modernen Kunstgeschmacks geworden. Auch dem englischen Geschmack hat der Kapitalismus zunächst eine Periode des Niedergangs, eine Prüfungszeit des Tiefstandes nicht erspart. Wenn wir die Schilderungen aus der zweiten Hälfte 1 Vgl. H. Schliepmann, Moderner Schmuck in Kunst und Dekoration, Nov. 1899 und Itücklin, Pforzheimer Schmuck, ebenda, Juli 1899. Für den Nationalökonomen besonders wertvoll, weil vielfach Technik und Betriebsorganisation berücksichtigend, ist die Studie von Hans Ostwald, Moderne deutsche Goldschmiedekunst in Westermanns Monatsheften. März 1901, 797 ff. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 305 des 18. Jahrhunderts mit denen aus den 1830er und 1840er Jahren vergleichen, sind wir entsetzt über die Verwüstungen, die das rohe Spekulanten tum, das eine neue Technik in seinem Dienste prostituierte , angerichtet haben mufs. Auch mancher nationalökonomische Fachgelehrte weifs von der Fabrik „Etruria“, die Wedgwood 1706 in New Castle upon Tyne gründete, weifs, dafs sie — unter der geistigen Leitung des Bildhauers Flaxmann — ein Centrum des Kunstgeschmacks durch die Verbreitung ihrer Steingutwaren wurde. Von der Reichhaltigkeit der Produktion Wedgwoods legt ein Katalog Zeugnis ab, der 1772 in London erschien: in ihm waren allein zwanzig, in ihrer technischen Behandlung verschiedene Sorten von Steingut aufgeführt, deren jede wieder in vielen Einzelformen vertreten war. Und blättern wir die Vorlegeblätter der Gebrüder Adams, Chippendales 1 , Th. Sheratons 2 u. a. durch, so sind wir erstaunt, wie aufserordentlich kompliziert und mannigfaltig die Ausstattung eines Wohn- oder Schlafzimmers schon damals war und in welcher vornehmen Weise der Bedarf Befriedigung fand 3 . Es war eben noch der reiche, oft adlige Grundrentner, dieser für die frühkapitalistische Periode so charakteristische Typus, der den Ton angab. Und wie sah es fünfzig Jahre später in demselben Lande aus! Nicht viel anders als in dem Berlin der 1840 er und 1850 er Jahre mit seiner „guten Stube“. Sind es nicht liebe Erinnerungen, noch an die Einrichtungen selbst unserer Eltern und Grofseltern, die die Schilderung eines englischen Schriftstellers in uns wachrufen von den „horrors proper to the early Victorian period — the Berlin wool work and the bead mats (liebe Reisetaschen und Börsen mit den Perlenhunden!), the crochet antimacassars upon horse hair sofas (die kostbaren „Schoner“ erhielten in besonderen Fällen noch einen Extrabelag, um ihrerseits gegen Benutzung geschützt zu werden!), the wax flowers under glass shades (Bergwerke in Flaschen waren auch beliebt!), the monstruosities in stamped brass and gilded stucco (dafs sie 1900 schon verschwunden wären!); chairs, tables and 1 Thomas Chippendale, The Gentleman and Cabinet Makers Director. 1752. Neue Aufl. 1759, 1762. 2 Th. Sheraton, Cabinet Makers and Upholsterers Guid. 1789. 3 Von neuerer Litteratur zu vergleichen: P. Jessen, Der kunstgewerbliche Geschmack in England im Kunstgewerbeblatt. N. F. III (1892) S. 93 fl', und IV (1893) S. 62 ff. Hungerford-Pollen, Englische Möbel seit Heinrichs VII. Thronbesteigung in „Kunst und Kunsthandwerk“, Monatsschrift des k. k. österreichischen Museums für Kunst und Industrie I (1898). Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 20 * fr 30(5 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. otlier furniture, hideous with veneer and curly distortions, the would-be naturalistic vegetable-patterned carpets with false shadows and misplaced perspective (wie wandelte es sich so schön auf den kindskopfgrofsen Rosen und den windschiefen Gartenbänken!) and all the despicable legion of mean shanes and vulgarities which liave heen exposed and held up to ridicule times without number“ k Krisen von 1836 und 1847, neues Armengesetz 1834, Chartistenbewegung, Kinderschinderei, christlicher Socialismus, Predigten Carlyles: wie pafst alles so vortrefflich zu den Perlenhunden und den Wachsbouquets unter Glasglocken! Die Etappen in der Renaissance des englischen Kunstgeschmacks darf ich als bekannt voraussetzen: sie sind gerade auch bei uns in letzter Zeit so viel besprochen, dafs sie heute zu dem Besitzstände der allgemeinen Bildung gehören. Als das eigentliche Geburtsjahr des englischen und damit des modernen Geschmacks überhaupt möchte ich das Jahr 1849 bezeichnen: das Jahr der ersten Ausstellung der Präraphaeliten — denn an den Rossetti, Hunt und Millais entzündete John Ruskin 1 2 3 das Feuer seiner Begeisterung — und auch das Jahr der Übersiedelung Sempers nach London. 1851 die Ausstellung und gleichzeitig der Beginn des Baus des South- Kensington-Museums durch Semper, 1859 die Erbauung des Red House, 1861 die Gründung der eigenen Fabrik durch William Morris, 1862 erste Ausstellung ihrer Erzeugnisse: es waren die denkwürdigen Nr. 5783 und 6734®, von denen die neue Epoche des Geschmacks datiert! Seitdem stetige Weiterbildung, neuerdings unter Walter Cranes, De Morgans u. a. sachkundiger Leitung. Aber was uns vor allem interessiert: worin besteht die speci- fiscli englische Eigenart dieserWiedergeburt desGe- schmacks? Zunächst in dem Alter der angegebenen Daten: es ist der Anfang der neuen Ära. England — das ist für die Würdigung der modernen Entwicklung wichtig zu beachten -- geht auch auf dem Gebiete der kunstgewerblichen Renaissance um fast zwei Menschenalter den übrigen Kulturländern voraus! Es ist 1 Aymer Vallance, William Morris, his Act, his Wrightings, and his public life. 1898. pag. 55. 2 Die Bibliographie der Ruskin-Litteratur umfafst mehrere Bände! Sie ist insbesondere in den letzten Jahren nach seinem Tode ins ungemessene angeschwollen. Einen orientierenden Überblick über sein Lebenswerk giebt Paul Clemen, John Ruskin in der Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. XI. Jahrgang. 1900. Heft 7. 3 Aymer Vallance, a. a. 0. S. 59. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 307 England, wo Semper zunächst seine Ideen verwirklicht, denn die (alte) Dresdener Hofoper (1837—40 erbaut) kann doch nicht als Ausdruck schon seiner reformerischen Ideen auf dem Gebiete des Kunstgewerbes gelten. Das wichtigste jedoch ist, dafs in England der neue Schlachtruf entsteht, unter dem allein unsere Zeit sich das Gebiet des Kunstgewerbes, wie jedes andere Gebiet künstlerischer Bethätigung erobern und zu eigen machen konnte, der Schlachtruf: zurück zur Natur! Noch jede Zeit, die einen neuen, ihr eigenen Stil geschaffen hat, hat es im Banne dieses Leitworts gethan. Mochten die Bahnbrecher Johann van Eyk oder Giotto, Goethe oder Hauptmann, Rossetti oder Manet heifsen. Denn dieses: zurück zur Natur will doch nichts anderes bedeuten, als dafs die Zeit erfüllet ist, die Welt mit anderen Augen zu sehen, als die vergangenen Geschlechter, dafs die Dinge sich anders in den Köpfen widerspiegeln als damals, da der alte Stil geschaffen wurde. Für die „technischen“ Künste aber bedeutet jener Appell an die Natur im Grunde nichts anderes als das Postulat, Stoff und Zweck zur Richtschnur für die Gestaltung der Gebrauchsgegenstände zu nehmen. Denn das „Natürliche“ im Reiche der dekorativen Kunst ist das Zweckmäfsige. Gewifs — man kann auch die Präraphaeliten und Ruskin-Morris als Vertreter einer „retrospektiven“ Richtung ansprechen. Aber diese Anlehnung an Vergangenes war doch nur die äufsere Form ihres Werkes, nicht sein Kern. Denn das ist eben das Charakteristische: dafs sie an solche Zeiten anknüpften, die sich durch ihren „Naturalismus“ vor anderen auszeichneten: die selbst deutlich die Spuren eines neuen Stiles trugen. Das gilt für das Quattrocento, das gilt aber auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes für Japan, das grofsen Einflufs gewann, wie für das 18. Jahrhundert in England, die Zeit der Chippendale und Sheraton, der Wedgwood und Adam, auf die man von neuem die Aufmerksamkeit lenkte. Was nämlich die Eigenart des englischen Kunstgewerbes schon im 18. Jahrhundert ausmachte, ist dieses: dafs es ganz unwillkürlich die überkommenen historischen Stile den Anforderungen des modernen Gebrauchszwecks entsprechend ummodelte. Zwar nahm man gern die Anregungen vom Auslande — will sagen von Frankreich und Italien — entgegen; aber man durchbrach rücksichtslos die Stilgerechtigkeit — englische Nationaleigenart ist ja die Systemlosig- keit: John Stuart Mill! —, wenn sie dem Gebrauchszweck, und dieser war von jeher die „Bequemlichkeit“, der Komfort, widersprach, ebenso wie man eklektisch aus irgend einem Stil heraus- 20 * 308 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. nahm, was man für „praktisch“ erachtete. Von den holländischfranzösischen Möbeln, welche Wilhelm III. und seine „Queen Anne“ mitbrachten lernte man die Polsterung, vom Rococco die schmiegsame Biegung. Aber was die Chippendale und Sheraton dem Publikum darboten, war alles andere als Rococco oder Barock; es war schon „englischer Stil“. So unzweifelhaft nun aber auch der englische Geschmack aus modernem Geiste geboren ist, so sicher empfängt er gleich in seinen Anfängen eine Richtung, die ihn von der einmal eingeschlagenen Bahn der Natürlichkeit abdrängen undzurManiriertheit führen mufste. Ganz ähnlich wie es unter den Präraphaeliten Rossetti war 1 2 , der die junge, gesunde Generation mit einem Krankheitskeim von Dekadence infizierte und Greisenhaftes mit Jugendfrische mischte, so ist es der Romantizismus der Ruskin und Morris, der ein gut Teil ihrer gesunden Strebungen zur Unfruchtbarkeit verdammte. Man kennt die Art, wie diese beiden Schöpfer des modernen Kunstgeschmacks doch gegen alles moderne Wesen als wahre Don Quixotes zu Felde gezogen sind, wie sie etwa im Stile des alten Riehl in Deutschland, Le Plays in Frankreich eine Wiedergeburt idyllisch-patriarchalischer Zustände erträumten: Auflösung der Städte, Rückkehr zur Handarbeit, also Verzicht auf alle Errungenschaften der neuzeitlichen Technik und was dergleichen Phantastereien mehr sind. Wenn England schon heute einen Teil seines Einflusses als führendes Volk auf dem Gebiete des Kunstgeschmacks eingebüfst und an ein anderes Land hat abtreten müssen, so ist das ganz gewifs nicht zum wenigsten jener romantisch-utopistischen Verranntheit seiner leitenden Persönlichkeiten zuzuschreiben. Denn man schaue das Land an, das heute mehr und mehr geschmackbestimmend in allen Fächern des Feinbedarfs wird: Nordamerika, und erwäge, worin die Eigenart seines Stils, wenn wir von einem solchen überhaupt sprechen wollen, beruht, und man wird nicht mehr daran zweifeln dürfen, dafs mit den Ruskin-Morris neben unendlich viel Gutem doch auch Verkehrtes, Utopisches in die englische Geschmackswelt hineingetragen ist. III. Die Vereinigten Staaten. Die Entfaltung einer eigenen Kunstindustrie in den Vereinigten Staaten beginnt kaum vor dem Jahre 1876, der Philadelphia-Aus- 1 Vgl. darüber P. Jessen, a. a. 0. S. 3. 95. s Eine sehr feine Charakteristik dieser komplizierten Psyche findet man bei Muther 3, 476 ff. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 309 Stellung 1 . Seitdem aber ist der Aufschwung ein immens rascher gewesen. Schon die Pariser Weltausstellung des Jahres 1889 zeigte Amerika auf dem Wege zu einem eigenen Geschmack weit vorgeschritten 2 ; die Ausstellung in Chicago iiu Jahre 1894 setzte die Welt geradezu in Erstaunen ob der Leistungen amerikanischer Firmen auf dem Gebiete der Feinbedarfsdeckung 3 . Seitdem ist der „Amerikanismus“ auf fast allen Gebieten des feinen Geschmacks geradezu Mode geworden. Die Ausstellung des Jahres 1900 erwies die komplette Überlegenheit Amerikas als Thatsache. Woher diese Sieghaftigkeit des amerikanischen Geschmacks? Mir ist die Antwort keinen Moment zweifelhaft. Ein Blick auf ein Erzeugnis der amerikanischen Industrie läfst uns deren Eigenart erkennen und diese Eigenart ist es, die ihr das Übergewicht über die anderen Länder verleiht: dafs nämlich jedes Stück, auch dasjenige, das dem verfeinertsten Bedarf dienen soll und dies vielleicht gerade am ehesten mit allen Mitteln der raffiniertesten, fortgeschrittensten Technik hergestellt ist. Es ist dem Amerikaner, der nicht den Ballast einer so grofsen Vergangenheit zu schleppen hat wie wir Europäer, von vornherein selbstverständlich erschienen, dafs sich auch und gerade der verfeinerte Geschmack die technischen Errungenschaften zu Nutze machen müsse. So ausgefallene Gedanken, wie sie sich immer wieder in die Köpfe auch der fortgeschrittensten Künstler Europas einschleichen: kleine Fensterchen zu machen, da uns doch die Technik grofse Spiegelscheiben ermöglicht, Bücher mit braunem und grauem Büttenpapier und unbeholfenen, unlesbaren Lettern herzustellen (man denke an die entsetzliche Schrift des amtlichen Katalogs der deutschen Ausstellung in Paris!), während die Papierindustrie und Lettern- 1 Vgl. Mary G. Humphreys, The progress of American decorative Arts im Art Journal, New Series. No. 37. 39. 47 (1884). Die Fortschritte der dekorativen Kunst in Nordamerika im Kunstgewerheblatt I. Jahrgang (1885), S. 217 ff. Rieh. Graul, Kunstgewerhl. Streifzüge; ebenda II. Jahrgang (1885), S. 27 ff. 2 Exposition universelle de 1889. Les industries d’art. II. Orföverie par L. Falize in der Gazette des Beaux-Arts. III. Per. Tome II (1889) p. 197 f.— Henry Havard, Les industries d’art ä l’exposition. L’ameublement. ib. p. 174 f. 407 f. 3 Jul. Lessing, Kunstgewerbe im Amtlichen Bericht über die Weltausstellung in Chicago. 1894. Band II. W. Bode, Moderne Kunst in den Ver. Staaten von Amerika im Kunstgewerbeblatt. N. F. 5 (1894). Ch. Lamh, Der amerikanische Gesichtspunkt, in der „Dekorativen Kunst“. Band II. 1898. 310 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. technik klare, augenfällige Drucke gestattet, sich auf „Handarbeit“ zu kaprizieren, wo Maschinenarbeit viel leistungsfähiger ist, kurz irgend ein altertümliches Verfahren plötzlich wieder als das allein zur „Schönheit“ führende anzusehen — solche ausgefallene Gedanken erscheinen dem Amerikaner mit Recht als Kindereien. Ohne viel zu reflektieren, hat er sich einfach der Mittel bedient, die ihm die Technik seiner Zeit an die Hand gab. Statt einen in anderer Umgebung gebildeten Geschmack der der neuen Technik entsprechenden Form und Gestalt der Gegenstände entgegenzusetzen und in stetem Kampfe mit den Fortschritten der Technik sich abzumühen, hat er vielmehr der Technik nachgegeben und die Dinge entgegengenommen, wie sie aus dem gerade vollendetsten Verfahren hervorgehen mufsten. Und siehe da: das Ergebnis war, dafs die Erzeugnisse dieser modernsten technischen Prozesse nicht nur die bequemsten, komfortabelsten, zweckmäfsigsten, sondern auch die schönsten waren: was im Grunde ja doch wohl dasselbe ist. „Weil die amerikanischen Möbel so praktisch sind, weil ihre Silberservice, ihre Eisenarbeiten etc. so zweckmäfsig sind, darum erscheinen sie uns schön, darum sind sie schön 1 .“ Geräte-, Bade-, Schlaf-, Geschäftsräume werden nur praktisch hergestellt. „Trotzdem befriedigt die Erscheinung des Raumes . . . nicht nur die Vernunft, sondern direkt auch das Auge 2 .“ Wobei man nicht nur an „Maschinentechnik“ im engeren Sinne zu denken hat, sondern vor allem auch an die Errungenschaften der chemischen Industrie, wie sie in der Revolutionierung der Glasindustrie 3 , in der vielfach neuen Verwendung der Farben 4 , in den zahlreichen Vervielfältigungsverfahren u. drgl. zum Ausdruck kommen. Was aber die Amerikaner befähigt, in Zukunft noch viel mehr als bisher die Führung auf allen Gebieten der Feinbedarfsdeckung zu übernehmen, ist ein doppelter Vorzug, den sie vor uns voraushaben. Zunächst der gröfsere Reichtum. Die Art, wie heute schon mit edlem Material, mit kostbarem Marmor, Halbedelsteinen, Gold und Silber in den Vereinigten Staaten geradezu Verschwendung ge- 1 W. Bode, Moderne Kunst in U. S. A., a. a. 0. S. 138. 2 J. Lessing, Kunstgewerbe im Amtl. Bericht über die Weltausstellung in Chicago II, 766. 3 Man denke an die Umwälzung unseres Geschmacks durch Tiffany, der als einer der ersten nach dem Patent La Farges für opalisierendes Glas gearbeitet hat. Über Tiffany vgl. Lessing, a. a. 0. S. 780—784. 4 Hierher gehören unter vielen anderen die Neuerungen auf dem Gebiete der Tapetenindustrie; über deren Entwicklung in Amerika vgl. R. Graul, a. a. 0. S. 27 f. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 311 trieben wird, ist imposant; die Schilderungen von der Pracht und dem Glanze der Einrichtungen *, der Toilette, der Herrichtung von Gastmählern klingen wie Erzählungen aus Tausend und Einer Nacht zu uns herüber. Berlin W. hat dagegen einen Armeleutegeruch. Sodann aber ist die Geschmacksentwicklung in den Vereinigten Staaten von jeher eine gesichertere gewesen, dank der höheren Qualitäten seines Unternehmertums. Es ist eine amerikanische Eigenart, die wohl auch nichts anderes als eine höhere Form kapitalistischer Entwicklung darstellt, dal's auch auf dem Gebiete der Feingewerbe einige wenige ganz grofse Häuser den Markt beherrschen. Dieser Monopolstellung ist es dann zu danken, dal's sich die führenden Industriellen unabhängiger von den Launen des Tages machen und künstlerischen Zwecken leichter dienen können, als wo ein Konkurrent dem anderen auf den Fersen sitzt und ihn durch „Originalität“ zu überbieten sucht. * * * So ergiebt sich denn für die Gegenwart ein buntes Bild. Allerorts liegen „Richtungen“ mit einander im Kampfe, verschwinden täglich alte und tauchen neue Stilweisen auf. Überall reget sich Bildung und Streben. Richten wir nun aber unseren Blick auf die grofsen Züge der Entwicklung, so kann es nicht zweifelhaft sein, dafs es drei Hauptströme sind, in denen der Kunstgeschmack der Gegenwart dahinfliefst: der kontinental-europäische, der englische und der amerikanische. Das kontinentale Europa repräsentiert heute mit der ganzen Schwere seiner langen und rühmlichen Vergangenheit gerade auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes die historische Tradition. Es fällt dem Spröfsling eines alten Geschlechtes schwer, die Ruhmesthaten seiner Vorfahren zu vergessen; er wird jede seiner Handlungen mit einem Blick auf die stolze Vergangenheit seiner Familie beginnen. Schon England ist mehr Parvenü als wir Kontinentaleuropäer. Noi eravamo grandi, e loro non eran nati! Und wie wir sahen: es hat verstanden, jeden fremden Stil rasch in seine für den Gebrauchszweck am besten geeigneten Bestandteile aufzulösen. Dieser überwiegende Zweckgedanke ist es, der dem kunstgewerblichen Geschmack Englands sein eigenartiges Gepräge giebt. Will man ein Schlagwort, so kann man den Komfort im weiteren Sinne als die Beisteuer England zu dem Reichtum modernen Feingeschmacks ansehen. Was aber 1 Über die märchenhafte Pracht der „Halls“ vgl. W. Bode, a. a. 0. S. 139. 312 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. specifisch amerikanisch ist, ist das rücksichtslose Bekenntnis zur modernen Technik. Die Herausbildung eines eigenen Geschmacks aus den Gesetzen der Technik ist das eigentliche Werk der Amerikaner und repräsentiert den dritten Strom in der kunstgewerblichen Entwicklung unserer Zeit. Läfst sich aber über diese selbst als Ganzes und Einheit schon etwas charakteristisches aussagen? Weist sie schon Züge auf, die nur ihr eigen sind und sie von anderen Zeiten unterscheiden? Ganz y gewifs sind diese Fragen in bejahendem Sinne zu beantworten; und ganz besonders dann, wenn man sich die wahrscheinliche Richtung klar macht, die die Entwicklung in der Zukunft einschlagen wird. Es läfst sich schon heute mit einiger Sicherheit ein Urteil fällen über die Eigenart der Feinbedarfsgestaltung in zwanzig oder dreifsig Jahren. Ich sehe das kommende Geschlecht nach langen Jahrhunderten der Entbehrung endlich wieder ein Leben führen* das von Schönheit und Wohlbehagen durchtränkt ist. Ein Geschlecht wird erstehen, das aus der Fülle von Reichtum, die ihm in verschwenderischem Mafse zuwächst, eine Welt des Behagens und der schönen Formen wird hervorquellen lassen. Menschen, denen Genufs, denen Lebensfreude wieder zu selbstverständlichen Begleitern auf ihrer Erdenpilgerschaft geworden sind; Menschen mit verfeinerten < Sinnen, mit einer ästhetischen Weltauffassung. Das heifst also: ** quantitativ wird der Feinbedarf Dimensionen annehmen, von denen wir uns heute auch nicht die leiseste Vorstellung machen können, er wird ins Unermessene anwachsen, zu Massenhaftigkeiten und Prächtigkeiten, gegen die der „Luxus“ des kaiserlichen Roms, der Glanz Venedigs, die Verschwendungen Versailles in nichts zusammenschwinden werden. Das dürfen wir getrost annehmen, wenn wir das Deutschland von heute und vor fünfzig Jahren, wenn wir Europa und Amerika in der Gegenwart vergleichen. Aber welches Gepräge wird dieses Gepränge tragen? Auch das läfst sich mit einiger Sicherheit aus dem Gange der bisherigen Entwicklung Voraussagen. In wachsendem Umfange werden die geschichtlich überkommenen Eigenarten der verschiedenen Nationen zurücktreten gegenüber dem ^ allgemein Menschlichen, dem persönlich Individuellen, das in dem Mafse gemeinsame Züge anzunehmen die Tendenz hat, als das Kommerzium unter den Menschen wächst. Gewifs will heute der einzelne Künstler mehr denn je er selbst und nur er sein; aber ganz unwillkürlich, ebenfalls mehr denn zu irgend einer anderen Zeit, untersteht er, wie wir schon sahen, den Einflüssen der Aufsen- i Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 313 weit, die sich ihm in tausendfacher Gestalt, vor allem auch in den Schöpfungen anderer Künstler an anderen Orten des ganzen Erdballs aufdrängen. So werden immer schärfere Hervorkehrung des Höchstpersönlichen und zunehmende Vereinheitlichung des künstlerischen und kunstgewerblichen Schaffens auf der Erde Hand in Hand gehen. Wenn aber die specifisch national-historischen Einflüsse an Kraft verlieren, so wird der Spielraum vergröfsert für die Wirksamkeit der allerorts gleichbleibenden, geschmacksbestimmenden Faktoren: das aber sind Zweck und Technik. Es ist gar nicht anders denkbar, als dafs diese beiden Faktoren in wachsendem Umfange Inhalt und Form des kunstgewerblichen Schaffens bestimmen werden. Sodafs also dessen Eigenart im wesentlichen, soweit sich gemeinsame Grundzüge werden feststellen lassen, aus der Eigenart des Zwecks und der Eigenart der Technik sich ergeben wird. Die Eigenart des Zwecks liegt aber begründet in der Eigenart des Bedarfs und diese wiederum findet ihre Umgrenzung in der Eigenart derjenigen, denen die Gehrauchsgegenstände dienen sollen. Wer nun aber wird das in Zukunft sein? Man hat gemeint, es sei ein Charakteristikum unserer Zeit, dafs das Ideal der Kunst wieder ein dem gesamten Volke gemeinsames werde, dafs eine neue „Volkskunst“ im Werden begriffen sei. Das kann auf den ersten Blick unwahrscheinlich klingen. Es enthält aber doch, insbesondere auch für die dekorativen Künste, einen richtigen Kern. Denn ein hervorstechender Zug unserer Zeit ist, wie wir an anderer Stelle schon sahen, der rasch wachsende öffentliche Bedarf, der nun auch mit steigendem Reichtum und mit zunehmendem Kunstgeschmack immer mehr sich zu verfeinern und zu veredeln die Tendenz hat. Der Prachtbauten für Reichstag und Reichsgericht wurde schon Erwähnung gethan; und wie sie epochemachend auf die Entwicklung des deutschen Kunstgewerbes gewirkt haben. Und solcherart, wenn auch kleinere, öffentliche Schmuck- und Zierbauten, schiefsen doch wie Pilze aus der Erde: an Ministerien, Postgehäuden, Bahnhöfen, Rathäusern und Ständehäusern, Theatern und Gerichtsgebäuden : welch ein Bedarf in unserer Zeit! Und welche Wandlung in der Ausstattung dieser Bauten! Hier ist der Gebrauchszweck so deutlich in der Bestimmung des betreffenden Gebäudes vorgezeichnet, dafs an der stetigen Entwicklung eines modernen Typs kaum gezweifelt werden kann. Es wird zwar noch eine Weile dauern, ehe die Pschorrbräustile ausgelitten haben und die Wider- 314 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. sinnigkeiten in der Verwendung beliebiger historischer Formen für klar vorgeschriebene Zwecke aus der Welt verschwinden werden 1 ; aber ein Anfang ist doch auch in Deutschland schon gemacht. Und wir dürfen doch an dem bon sens unserer Künstler nicht verzweifeln, dafs es ihnen gelingen werde, ebenso ihrem Zweck entsprechend unsere öffentlichen Bauten zu errichten und auszustatten, wie ihre römischen Vorgänger die Basiliken und die mittelalterlichen Baumeister die Fondachi und Gildenhäuser unter keinem anderen Gesichtspunkt als dem des „Praktischen“ und darum auch schön hinzustellen vermochten. Aber der moderne Feinbedarf trägt den öffentlichen Charakter nicht nur dort, wo er von öffentlichen Körperschaften unterhalten wird. Was unsere Zeit schon heute von allen früheren Zeiten unterscheidet und was die kommenden Jahrzehnte noch zu viel gröfserer Ausdehnung bringen werden, das ist die aus der fortschreitenden Entwicklung der verkehrswirtschaftlichen Organisation und aus der zunehmenden Verbreitung des Kommerziums unter den Menschen folgende Steigerung dessen, was man kollektive Bedarfsbefriedigung nennen kann, ein Phänomen der Konsumentwicklung, dem wir an anderer Stelle noch genauere Aufmerksamkeit werden schenken müssen, das uns hier nur interessiert, weil es abermals eine Quelle nicht privaten Feinbedarfs ist. Ich denke an die immer kostbarere, kunstvollere und bequemere Ausstattung der Speisehäuser und Hotels, der Cafes und Bars, der Eisenbahnzüge und Dampfschiffe, der Warenhäuser, sowie aller Geschäftsräume der kapitalistischen Unternehmungen. Heute sind es Parfümerie- und Kravattengeschäfte, Wäscheläden, Salons für Damenschneiderei, Frisier- und Haarschneidesalons, Photographenateliers und dergl., die kühn auf der Bahn kunstvoller Ausstattung voranschreiten. Es vollzieht sich hier eine Durchtränkung des Verkehrs- und Geschäftslebens mit Schönheit: ein socialistisches Ideal, wenn auch in anderer Weise, als die alte Schule es voraussah, geht seiner Verwirklichung entgegen: der Künstler der Zukunft im Dienste „profitwütiger“ Handlungshäuser — dem Volke die Kunst bringend! Daneben wird natürlich der private Feinbedarf ebenfalls an Umfang und Vollkommenheit zunehmen. Technik und Demo- 1 Wie auf so vielen Gebieten bedeutete auch auf dem der Architektur die Pariser Weltausstellung von 1900 mit ihrer gräulichen „Rue des nations“ das Ende einer alten Kulturepoche, nicht den Anfang einer neuen. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 315 kratie werden dafür sorgen, dafs immer weitere Kreise des Volkes an den Errungenschaften des Kunstgewerbes teilnehmen. Freilich bestimmend für dessen Richtung wird der Massenkonsum kaum jemals werden. Was über den Charakter des Kunstgeschmacks der Zukunft entscheiden wird, wird der Bedarf eines an Zahl rasch wachsenden reichen Grofsbürgertums sein. Dieser aber, denke ich, wird folgende Merkmale zur Schau tragen: Er wird sich ^ schon durch die zunehmende Massigkeit von dem Feinbedarf früherer Zeiten unterscheiden. Waren es im 17. Jahrhundert im wesentlichen die Höfe, an denen die künstlerische Ausgestaltung des äufseren Lebens gepflegt werden konnte, so erweitert sich der Kreis, als im Laufe des 18. Jahrhunderts der Adel als Konsument hinzutritt. Und abermals gröfser wird der Kreis von Nachfragern nach feingewerblichen Erzeugnissen, als bei fortschreitendem Kapitalismus zunächst die oberen Schichten der Bourgeosie auf dem Markte erscheinen und nun, in dem Mafse, wie der Reichtum anschwillt, immer weitere Kreise des Bürgertums in den Stand gesetzt werden, mehr Wert auf die künstlerische Ausgestaltung ihres Milieus zu legen. Und natürlich erfährt der Geschmack mit dieser Ausweitung seines Spielraums qualitativeVerän der ungen. Anders ist der Bedarf eines modernen Bankiers als der eines französischen Marquis im 18. Jahrhundert. Im allgemeinen wird heute wohl mehr Wert auf die Behaglichkeit als auf die Repräsentation schlechthin gelegt. Die Wohnräume füllen sich mit tausenderlei Gebrauchs- und Schmuckgegenständen, von denen selbst die Boudoirs des Rococco noch keine Spur enthielten. Ein gemeinsamer Zug aller Bedarfsgestaltung ist die im Gefolge grofsstädtischer Entwicklung sich immer fühlbarer machende Verengung des Existenzspielraums: selbst die prächtige Villa eines vielfachen Millionärs in der Stadt ist doch um vieles enger als das Palais eines längst nicht so reichen Landedelmanns in früherer Zeit. Das grofsstädtische Leben bringt auch noch manche andere Umgestaltung des Bedarfs mit sich: die gröfsere Abspannung drängt auf gröfseren Komfort der Gebrauchs- ^ gegenstände, auf ruhigere Farbentöne in der Umgebung hin, auf noch viel ruhigere Linien unserer Möbel und Schmuckstücke, als sie heute noch die meisten zappelig-manierierten Künstler für „schön“ halten 1 . Ferner: das ganze Haus, die Festkleidung von 1 Sehr zutreffend äufsert sich über diesen Punkt neuerdings W. Bode, Kunst und Kunstgewerbe, 165/166: „Den Möbeln, Vorhängen, Geräten aller 316 Zweites Bucli. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Mann und Weib: alles wird immer mehr auf den Effekt bei Licht zugeschnitten werden. Denn unser Leben wird immer mehr den Genufs in die Abend- und Nachtstunden verlegen, in dem Mafse, wie unsere Beleuchtungstechnik immer mehr die Nacht zum Tage zu machen versteht. Aber viel wichtiger als alle diese Einzelheiten des modernen Feingeschmacks, die sich leicht vermehren lassen, erscheint mir ein aller Bedarfsgestaltung in Zukunft unablöslich anhaftender Charakter- V zug: ihre Unruhe, ihre Wechselhaftigkeit, ihre Erneuerungstendenz. Dadurch wird sie sich mehr als durch alles andere von früheren Zeiten unterscheiden. Es wird sich niemals auch nur auf ein Jahrzehnt ein fester Stil einbürgern können, es wird immer wieder das Bestreben nach Veränderung hervortreten. Dieser Zug steht im Zusammenhang mit zwei entscheidend wichtigen Thatsachen unseres socialen Lebens. Mit der schon erwähnten raschen Zunahme der Abnehmer feingewerblicher Erzeugnisse. In vor- und noch frühkapitalistischer Zeit war das Aufsteigen zu Reichtum, das Kaufkräftig werden an viel engere Grenzen gebunden und erfolgte in viel längeren Zwischenräumen als heute. Wer hätte wohl noch im 18. Jahrhundert auch nur die Gegenstände regelmäfsiger jährlicher kunstgewerblicher Aus- Stellungen kaufen sollen ? Heute erscheint mit jedem jungen Jahr ein neuer Trofs kauflustiger und kauffähiger Leute, für die feingewerbliche Gegenstände geliefert werden müssen. Welch ein starker Anreiz zu unausgesetzter Neuanbringung, Veränderung und Verbesserung auch bei den entwerfenden Künstlern! Aber auch diejenigen, die schon in dem Kreise der Käufer eleganter Waren gewesen sind, sehnen sich viel mehr als die Menschen der früheren Jahrhunderte nach Abwechslung. Was Gur litt in Bezug auf die Baustile sagt, dafs wir das Einerlei einer festgestellten Form nicht mehr ertragen und am Vielerlei einer formalistisch tastenden Zeit unsere Freude haben können * 1 , das gilt für die gesamte Feinbedarfsgestaltung unserer Zeit. Zunehmende Kultur bedeutet zunehmende Art, die sich heute aller Orten bei uns auf Ausstellungen breit machen, sieht man es leider nur zu oft an, dafs sie der ungezügelten Phantasie von Naturburschen entsprungen sind, die durch barocke Absonderlichkeiten einander zu überbieten suchen.“ Bandwurm- und Krötenornament! Bode bringt diese Erscheinung in Zusammenhang mit der Thatsache, dafs heute noch so viele Künstler aus kleinen Verhältnissen stammen. 1 C. Gurlitt, Deutsche Baukunst in „Deutsche Kunst und Dekoration“. Februar 1900. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 317 Nervosität; und diese kann nie die Stetigkeit und Ständigkeit im Gefolge haben, wie sie den Geschmack der vergangenen Jahrhunderte mehr oder weniger charakterisierte. Ich werde auf das Phänomen der Wechselfreudigkeit noch zu sprechen kommen, wo ich das Wesen der Mode abhandele. Ist solcherart die Eigenheit des modernen Kunstgeschmacks durch die Neuheit der Zwecke bestimmt, so ist nun das zweite mächtige Bildungselement: die moderne Technik gleicherweise in Betracht zu ziehen. Nicht etwa nur, dafs die moderne Technik verwertet wird, um bestimmte Arbeitsverrichtungen besser ausführen zu können, d. h. als Hilfselement. Sondern sie wird geschmackbildend wirken. Hier werden die Wege weiter verfolgt werden, die die Amerikaner, wie wir sahen, bereits betreten haben. Wir werden lernen, das schön zu finden, was technisch vollendet ist: sei es eine neue Art der Gläserbereitung, sei es eine neue Brückenkonstruktion oder Wartehalle, sei es die Form eines Schiffes oder Wagens; die Gestalt eines Möbels, dessen Schnitt und Politur mit den Mitteln einer vollendeten Maschinentechnik hergestellt sind. Dafs in dieser Richtung der einzig gangbare Weg liegt, haben auch die Verständigen unter den kunstgewerblichen und ästhetischen Fachschriftstellern längst eingesehen. Schon Semper, der doch in einer Zeit schrieb, die die Evolution des technischen Könnens erst in den Anfängen erlebte, meinte, dafs wir einen Reichtum des Wissens, der unübertroffenen Virtuosität im Technischen besitzen, die wir wahrlich nicht für halbbarbarische Weisen hingeben dürfen 1 2 . Und Männer wie Bode und Lessing betonen, gerade im Hinblick auf die wunderbaren Erfolge der Amerikaner, immer wieder, dafs allein aus dem Wesen der modernen Technik heraus die neuen, gesunden Formen und Regeln für den Kunstgeschmack hervorwachsen können ? . „In der Maschine,“ sagt ein anderer hervorragender Sachverständiger 3 , „liegt der Stil der Zukunft. Denn sie wird früher oder später allen bombastischen Schwulst, an dem die Zeit noch kränkelt, aus unseren Ziermotiven entfernen und uns zu den gediegeneren Grundformen natürlicher, praktischer Eleganz zurückführen.“ Und es ist wirklich reizvoll, zu beobachten, wie rasch sich unser Geschmack unmerklich mit den Wandlungen der Technik selber 1 6. Semper, Wissenschaft, Industrie und Kunst (1852), 26. 2 J. Lessing, Neue Wege, im Kunstgewerbeblatt 6 (1895). 3 J. Leisching, Direktor des Mährischen Gewerbemuseums in Brünn in UOe., 657. 318 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wandelt, bis er mit einem Male das eben noch Verehrte unerträglich, das von der neuen Technik gelieferte Neue, das erst mit Reserve aufgenommen wurde, selbstverständlich schön findet. Ein sprechendes Beispiel dafür bietet die Wandlung, die unser Geschmack im Gebiet der Kunstmöbel erfahren hat. Noch vor zehn Jahren, als wir uns auf unser neuerwachtes Kunstempfinden schon viel zu gute thaten, erschien uns der reichgeschnitzte Renaissanceschrank, erschien die Intarsiakommode des 17. Jahrhunderts als das Höchste an Schönheit und Vollendung. Heute haben wir uns an die glatten, der modernen Maschinentechnik angepafsten Möbelformen so sehr gewöhnt, dafs wir die einer Handwerkerzeit entsprungenen Schnitz- und Einlegearbeiten kaum noch ansehen mögen. ? Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs und seine Urbanisierung. An anderer Stelle haben wir beobachtet, dafs der Güterbedarf die Tendenz hat, Zuwachsen. Aber nicht jede Vermehrung des Bedarfs bedeutet eine Vereinheitlichung. Er könnte ja der Menge nach wachsen und sich der Art nach immer mannigfaltiger gestalten. Nicht jeder massenhafte Bedarf ist ein Massenbedarf in dem Sinne, wie er hier verstanden wird, d. h. ein Bedarf nach gleichförmigen Gütern. Nur ob in diesem Sinne im Verlauf der modernen Entwicklung ein Massenbedarf entsteht, haben wir hier zu untersuchen. Und zwar nur, insoweit unabhängig von der Produktion die Bedarfsgestaltung sich uniformiert, interessiert es uns. Nicht dagegen sollen hier jene Fälle Berücksichtigung finden, wo der Produzent in seinem Interesse den Käufern einheitliche Gebrauchsgüter aufdrängt. Wenn beispielsweise ein Parkettfabrikant den Geschmack in der Weise beeinflufst, dafs er an Stelle kunstvoller Muster nun die sog. Kapuzinerböden einbürgert, Böden nämlich, die aus dachziegelartig schief nebeneinander gelegten, rechtwinkligen schmalen eichenen Brettchen bestehen. Diese Brettchen sind ein Artikel, der wie geschaffen für die Herstellung durch die Maschine ist. Alle haben gleiche Gröfse, und da sie massiv sind, brauchen bei der Auswahl der Bretter keine grofsen Anforderungen an die Qualität gestellt zu werden h Sondern uns interessiert nur die spontane Umformung des Bedarfs aus den Kreisen der Konsumenten heraus. Da könnte man nun daran denken, dafs eine solche Vereinheitlichung allein schon im Gefolge der Bevölkerungs- 1 Ygl. ü. VIII, 238. 4 320 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Zunahme und Reichtumsvermehrung aufträte. Und das ist gewifs auch häufig der Fall. Wenn mehr Leute als früher etwas bedürfen, ist es leicht möglich, dafs nun auch mehr Menschen denselben Artikel verlangen. Das ist besonders deutlich beispielsweise bei allem Anstaltsbedarf: wenn ein Krankenhaus früher 20 und nun 200 Betten hat, so steigert sich der Bedarf an gleicher Ware um das Zehnfache. Und wenn, dank der Zunahme der Wohlhabenheit, mehr Leute Gegenstände eines bestimmten Preises kaufen können, so mag sich ein Gebrauchsgut, das ehedem nur in einzelnen Exemplaren abgesetzt wurde, nun leicht zu einem „Massenartikel“ auswachsen. Hierher gehört alle sog. Demokratisierung alles sog. „Luxus“. Die berühmten seidenen Strümpfe bilden das Schulbeispiel. Einstmals — so erzählt schon Schopenhauer — war es ein Wahrzeichen einer Königin, wenn sie zwei Paar seidene Strümpfe besafs. Heutzutage ist eine bessere Cocotte nicht mehr auf der Höhe ihrer betriebstechnich notwendigen Ausrüstung, wenn sie der seidenen Strümpfe entbehrt. Über ein den seidenen Strümpfen entsprechendes Stück der weiblichen Kleidung — den seidenen Jupon — schreibt der „Konfektionär“ am 31. August 1899: „Man wird sich kaum der Übertreibung schuldig machen, wenn man die reinseidenen Röcke aus Moire- und Glace-Taffet in die Reihe der Stapelgenres rangiert, so bedeutend ist die Nachfrage darin bei der Engros-Konfektion. Die luxuriösen Neigungen des Publikums lassen sich gerade bei den seidenen Jupons, wenn der Konsum der Gegenwart mit dem vor wenigen Jahren nebeneinander gehalten wird, erkennen.“ Aber man würde sicher nicht von einer der modernen Zeit eigenen Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs sprechen dürfen, hätte es bei jenen selbstverständlichen Folgen der Bevölkerungszunahme und des Reicherwerdens sein Bewenden. Die durch sie geschaffene Vereinheitlichungstendenz würde ganz gewifs mehrfach durchkreuzt werden durch die im Verlauf der Kulturentwicklung immer deutlicher hervortretende Neigung zur Differenzierung des Geschmacks. Es müssen also noch besondere Kräfte am Werk sein, wenn wir thatsächlich als ein Ergebnis der Entwicklung in der Gegenwart ohne Zweifel an einzelnen Stellen wenigstens eine Zusammenballung der Bedarfsnuancen zu uniformem Massenbedarf konstatieren können. Eine solche Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs wird erzeugt: 1. durch die Entstehung grofser Unternehmungen auf dem Gebiete der Güterproduktion und des Güterabsatzes. Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs etc. 321 Solche grofsindustrielle oder grofskommerzielle Abnehmer stellen gegenüber einer früher vorhandenen Mehrzahl kleiner Produzenten, kleiner Händler oder einzelner Familien wirtschaften natürlich eine einheitlicher gestaltete Nachfrage dar. Beispielsweise: wenn das „Einmachen“ von Früchten, Gemüsen etc. von der Hausfrau und den Einzelgärtnern auf grofse Konservenfabriken übergeht und dadurch ein uniformer Blechbüchsenbedarf entsteht. Oder wenn ? eine Schuhfabrik für viele Hunderttausend Mark Leder auf einmal kauft, wo früher Tausende von Einzelschustern das Leder halbehäuteweise bezogen hatten. Oder wenn die grofsen Brauereien nun viele Fässer einer Fagon brauchen, während ehedem jede Kleinbrauerei ihre eigene Böttcherware hatte. Oder wenn die grofsen Etablissements der Textilindustrie, der Schuhwarenfabrikation, der Konfektion ganze Berge von Versandkartons einer und derselben Gröfse und Art nötig haben. Oder wenn das Vordringen moderner Geschäftsprincipien eine einheitliche Buchführung und damit die Nachfrage nach uniformen Kontobüchern erzeugt. Hierher gehören aber auch Fälle der Bedarfsverschiebung, die nicht so deutlich sich als Vereinheitlichung früher individualisierten Bedarfs darstellen, es aber im Grunde doch auch sind. Wenn die ^ Geschäfte sich zu vergröfsern die Tendenz haben, brauchen sie auch gröfsere Betriebsstätten. Die Konzentrationstendenz der industriellen und kommei’zieilen Unternehmungen bedeutet in den meisten Fällen eine Tendenz zur Ausdehnung der Baulichkeiten. Gröfsere Bauten haben aber für sehr viele Ai’tikel eine Vereinheitlichung des Bedarfs zur Folge: Steine, Thüren, Fenster, Beschläge, Fufsböden, Treppen, Beleuchtungs- und Beheizungskörper, Tische, Stühle — alles wird in gröfserer Anzahl einheitlicher Art bedurft, wenn es zur Ausstattung eines grofsen Gebäudes, statt zur Herstellung vieler kleiner dienen soll. Aber ich rechne hier auch her die dimensionale Vergröfserung, die infolge jener Grofsbetriebstendenz einzelne Gegenstände erfahren : das eiserne Gerüste einer Bahnhofshalle oder eines Ausstellungsgebäudes stellt selbst die Vereinheitlichung des Be- * darfs an früher verschiedenen kleinen Gerüsten gleicher Zweckbestimmung dar. Und wenn gröfsere Kessel, gröfsere Maschinen bedurft werden, so wird man diese Entwicklung unter demselben Gesichtspunkt betrachten dürfen. Oder liegt etwas anderes vor als eine Vereinheitlichung des Bedarfs, wenn an die Stelle von mehreren Dutzend Sensen — von denen jede einzelne individualisierte Art theoretisch wenigstens zuläfst — eine Mäh- Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 21 322 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. maschine, an die Stelle von hundert Einzelpflügen ein Dampfpflug tritt u. s. f. 2. Der Schatten, der der grofskapitalistischen Unternehmung folgt, ist das Proletariat. Seine Entstehung bedeutet aber wiederum nichts anderes, als eine neue Tendenz zur Bedarfsvereinheitlichung. Die grofsen uniformen Massen von meist unvermögenden Käufern, deren ganze bisherige Geschichte eine Uniformierung von Denken und Wollen bedeutet, die noch längst keine Zeit haben, sich zu individuellem Empfinden heraufzuentwickeln, stellen ganz begreiflicherweise Abnehmer von Massenware namentlich schlechtester Qualität dar. Man mufs diese notwendige Aufeinanderfolge der einzelnen Produktionszweige in ihrer Entwicklung zu kapitalistischer Gestalt wohl beachten. Man mufs begreifen, dafs eine kapitalistische Schuhmacherei, Schneiderei, Tischlerei u. s. w. erst möglich wurde, nachdem die alten handwerksmäfsigen Formen der Textil- und Eisenindustrie in der Mühle des Kapitalismus bereits zerrieben waren, wie noch des näheren auszuführen sein wird. 3. Zu gleicher Zeit mit der Ausdehnung der grofskapitalistischen Unternehmungen wächst der Bedarf der öffentlichen Körper, was abermals in vielen Fällen eine Vereinheitlichungstendenz erzeugt. Ist es doch stets eine Konzentrierung der Nachfrage auf wenige Stellen, wodurch die individuelle Geschmacksbethätigung, oder war es auch nur die Zufälligkeit der Einzelbedarfsdeckung, an Spielraum verlieren. In dem Mafse wie Staats- und Kommunal- thätigkeit sich ausdehnen, wird in Zukunft der Bedarf vieler Gegenstände einen einheitlicheren Charakter erlangen. Man könnte hier von einer Bureaukratisierung des Konsums reden. Ein interessantes Beispiel für einen fernerliegenden Kausalzusammenhang gedachter Art ist folgendes: in der Schweiz sind bekanntlich die Lehrmittel in den Schulen verstaatlicht. Das hat zu einer solchen Uniformierung dieser Gegenstände geführt, dafs nur noch Grofsgeschäfte als Konkurrenten bei der Lieferung in Frage kommen h 4. Wie aber die grofskapitalistische Unternehmung nicht an Ausdehnung zunehmen kann, ohne die Lohnarbeiterschaft zu vermehren, so kann die Thätigkeit öffentlicher Körper nicht gesteigert werden, ohne dafs das Heer der Beamtenschaft einen Zuwachs erhielte. Abermals ein Moment, das den Bedarf zu vereinheitlichen die Tendenz erzeugt. Denn mit dem Bureaukraten sowohl als dem 1 Vgl. Fachberichte aus dem Gebiete der schweizerischen Gewerbe (1896) S. 210. Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs etc. 323 in staatlichem oder städtischem Dienst stehenden Arbeiter wird eine Bevölkerungsschicht erzeugt, deren inneres und äufseres Wesen zunächst eine Uniformierung erfährt. Es zeigt sich das in der Gestaltung ihres Amtsbedarfs nicht minder als der ihres Privatbedarfs: die einheitliche Kleidung ist für jene der besonders markante Ausdruck. Aber es wird im allgemeinen nicht zweifelhaft sein, dafs hundert Ratsdiener oder hundert Postsekretäre oder hundert Eisen- bahnschaffner einen einförmigeren Privatbedarf haben werden als hundert Schuster, Schneider oder selbst Bauern. Die Schabionisierung ihres Gehirns wird viel weiter vorgeschritten sein dank dem völlig gleichen Milieu, in dem sie ihre Thätigkeit ausüben und damit die Vereinheitlichung ihres Geschmacks und Werturteils; aber auch ihre Einkommen sind durch die etatsmäfsige Zuweisung ganz gleicher Portionen viel mehr ausgeglichen, als es je die Einkommen nicht beamteter Personen, welchen Charakters auch immer, sein können. Ist in den bisher besprochenen Fällen die Vereinheitlichung des Bedarfs durch das Auftreten neuer eigenartiger Abnehmerkreise hervorgerufen, so ist dasjenige, was man 5. die Kollektivisierung des Konsums nennen kann, eine Erscheinung, die bei allen Konsumentenschichten, wenigstens im Gebiet der modernen Civilisation, in den Grofsstädten, gleich- mäfsig sich beobachten läfst. Darunter sind alle diejenigen Fälle zu verstehen, in denen ein früher individuell oder familienweise befriedigter Bedarf nun für eine gröfsere Anzahl von Personen einheitlich gedeckt wird. Diese Entwicklung, wie man es auch bezeichnen kann, zur Socialisierung unseres Daseins vollzieht sich, wie jeder weifs, an tausend und aber tausend Stellen zugleich: hier als ein Ergebnis der grofsstädtischen Siedlungsweise überhaupt, wie in der Entstehung der Mietskasernen, der Vergnügungslokale, dort als besondere Folge fortgeschrittener Technik in der kommunalen Wasser-, Gas-und Elektrizitätsversorgung; häufig aber insbesondere als Begleiterscheinung der im Gefolge der grofsstädtischen Entwicklung notwendig sich vollziehenden Auflösung der früheren Privatfamilienwirtschaft. Sei es, dafs weniger Familienwirtschaften überhaupt begründet werden: Zunahme des Ledigbleibens, Liebesverhältnisse oder sogar Ehen ohne das Fundamentum eines sog. häuslichen Herdes; sei es, dafs die Familien wirtschaften immer mehr sich von der Last der Güterverarbeitung, Ausbesserung etc. zu befreien streben bezw. zu befreien in der Lage sind. Der Schwerpunkt der Bedarfsbefriedigung, mehr und mehr 21 * 324 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auch der des Nahrungsbedarfs, wird aus den Küchen und Stuben der Einzelhaushalte in die Speisehäuser und Cafds verlegt 1 , was aber noch im Hause konsumiert wird, kommt schon in fast völlig gebrauchsfertigem Zustand in die Familienwirtschaft. Alles dies wirkt wie ersichtlich in gleicher Richtung auf die Gestaltung des Bedarfs ein, indem sie ihn vereinheitlicht. Denn so sehr auch meinetwegen die Speisekarte eines Restaurants oder einer Genossenschaftsküche reichhaltiger ist, als das Menu eines Einzelhaushalts: sie ist sicher nicht so buntscheckig, wie die Gesamtheit der Menus in all den Familien sein würde, deren Glieder an einem Abend im Restaurant essen. Und selbst, wenn sie es wäre, so würde doch der Grofsbedarf an den einzelnen Bestandteilen der Nahrung: Brot, Fleisch, Kartoffeln, Geflügel, Gemüse etc. den Bezug viel gröfserer Quantitäten einer und derselben Ware ermöglichen. Was aber vielleicht bedeutsamer für die Vereinheitlichung des Bedarfs als alle vorhergehenden Entwicklungsmomente ist, ist eine innere Wandlung des Geschmacks, ist die bekannte Erscheinung der 6. Uniformierung des Geschmacks, wie sie sich im Gefolge der Ausbreitung grofsstädtischen Wesens mit dem zunehmenden Kommerzium in den modernen Staaten einzustellen pflegt. Ehedem entwickelt jede Landschaft ihren Geschmack und jeder Kleinstädter ist stolz auf seiner Väter Sitten; der Bürger trägt sich anders als der Bauer und dieser anders als der Edelmann. Die Auflösung alles ständischen und landschaftlichen Wesens durch die moderne kapitalistische Entwicklung führt auch zu einer Nivellierung alles Geschmacks: von den grofsen Centren des socialen Lebens, den Städten, aus, werden jetzt Kleidung und Wohnungseinrichtung, wie jeder anderer Güterbedarf in ihrer Eigenart für das ganze Land geregelt. Dafs hier wiederum das Interesse der Grofsproduzenten nachgeholfen hat, ist gewifs. Aber im grofsen Ganzen ist doch diese Vereinheitlichung des Geschmacks eine notwendige Folge der ökonomischen Gesamtentwicklung 2 . 1 Dafs diese Entwicklung erst in den Anfängen sieb befindet, kann für den aufmerksamen Beobachter nicht zweifelhaft sein. Eine ganz gewaltige Förderung w'ird sie erfahren in dem Mafse, wie die genossenschaftliche Wirtschaftsführung an Ausdehnung gewinnen wird. Neuerdings hat diese Idee eine ebenso geistreiche, wie energische und besonnene Vorkämpferin in Frau Lily Braun gefunden. Siehe deren Schrift Frauenarbeit und Hauswirtschaft. 1900. 2 Eine anschauliche Schilderung der Umbildung des Geschmacks in Bezug auf die Kleidung in einem kleinen westpreufsischen Städtchen (Löbau) findet man in U. IV, 195 f. 201. Die Mitwirkung der „Mode“ bei diesem Unificierungs- prozefs würd unten S. 330 ff. gewürdigt. Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs etc. 325 Wichtig ist es aber, zu beachten, wie das grofsstädtisclie Wesen den Bedarf selbst in seiner Art von Grund aus neu gestaltet. Wir hatten schon an verschiedenen Stellen Gelegenheit, die Bedeutung der grofsstädtischen Lebensweise für die Revolutionierung des Bedarfs zu würdigen. Ich nenne den Prozefs, der sich hier vollzieht , die Urbanisierung des Bedarfs oder, wenn man will, Konsums. Die Anforderungen an unsere Gebrauchsgüter werden andere und in dem Mafse, wie sich der Gebrauchszweck umgestaltet, wandelt sich auch das Werturteil über nützlich und schön. Jedermann verbindet mit dem Ausdruck bäuerischer und städtischer oder gebildeter Geschmack eine ganz bestimmte Vorstellung. Will man den Unterschied in einem Worte zusammenfassen, so kann man vielleicht sagen, dafs der Sinn für das Derbe, Solide, Dauerhafte geringer wird und an seine Stelle die Lust am Gefälligen, Leichten, Graziösen, am Chic tritt. Die Bauerndirne im schweren Faltenrock, den derben Rindslederschuhen, den bunten, dicken Wollstrümpfen, dem Mieder aus steifem Filz, dem groben Leinenhemd und dem plumpen Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metallplatten, wie man es in Holland sieht, auf den festgeflochtenen Zöpfen, und dazu im Gegensatz die grofsstädtische Konfektioneuse in der hellen Battistblouse mit dem gelben Ledergürtel, den leichten Niederschuhen und den durchbrochenen Strümpfen, dem bunten Battisthemdchen und dem Matrosenhütchen auf dem Kopf mit der lose geschlungenen Haartocke — sie drücken frappant die Extreme der beiden Bedarfs- und Geschmacksrichtungen aus, zwischen denen sich die Entwicklung bewegt hat. Wie es vor allem der Wechsel des Gebrauchszwecks ist, der hier geschmackwandelnd gewirkt hat, dafür bietet die Geschichte des Schuhwerks ein lehrreiches Beispiel. Eine Bevölkerung, die auf dem Lande, und auch noch eine, die in schlechtgepflasterten Kleinstädten lebt, braucht vor allem dauerhaftes und wasserdichtes Schuhwerk. Der Schaftstiefel alten Stils, wie er sich noch heute auch in Grofsstädten bei alten Professoren und Rechnungsräten findet, dankt seine Entstehung einer Zeit und einer Strafsenverfassung, als es noch gelegentlich angebracht war, die Beinkleider in den Stiefelschaft zu stecken, um dem Schmutze und der Feuchtigkeit ein Paroli zu bieten. Als man noch häufig zu Pferde stieg, um über Land zu reiten, waren die hohen Reiterstiefeln die für Herren gegebene Fufsbekleidung. Heute haben sich derartige schwerfällige Kleidungsstücke mit der „Wildschur“ und den Ohrenwärmern auf wenige unwirtliche Gebiete Osteibiens zurückgezogen. Die stets saubere, wohlgepflasterte Stadt mit den 326 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. plattenbelegten Bürgersteigen, das Reisen in der geheizten Eisenbahn, die Erlindung des Gummischuhes u. s. w. haben den Bedarf nach dauerhafter und wasserdichter Fufsbekleidung eingeschränkt und statt dessen das Verlangen nach leichter, eleganter, wenn auch nicht so solider Schuhware rege werden lassen. Der alte Schaftstiefel, die „Röhre“, stirbt aus, von Gesichtspunkten der Hygiene, des Chics, der Bequemlichkeit aus erscheinen der Niederschuh, der leichte Knopf-, Schnür-, Zugstiefel als das zweckmäfsigere Kleidungsstück und ihre Herrschaftssphäre dehnt sich aus. Ebenso wie der ganz leichte Gesellschaftsschuh aus Lack oder Chevreau oder Atlas dank der schützenden Hülle der „Boots“ sich ein immer weiteres Absatzgebiet erobert; er, den ehedem nur die Damen in der Sänfte oder die Herrschaften im eigenen Gefährt riskieren konnten. Aber was mir den grofsstädtischen Bedarf vor allem zu charakterisieren scheint im Gegensatz zu dem ländlich-kleinstädtischen, ist seine viel gröfsere Unstetigkeit und Wandlungsfähigkeit. Damit kommen wir zu einer Veränderungstendenz in der modernen Bedarfsgestaltung, die allgemeineren Charakter trägt und vielfach auf Ursachen zurückzuführen ist, die nicht durch Vermittlung der Herausbildung städtischen Wesens, sondern direkter wirksam sind. Wir werden deshalb eine gesonderte Betrachtung zu widmen haben der dritten grofsen Umgestaltungstendenz im modernen Bedarf an gewerblichen Gütern, nämlich jener Entwicklungsreihe, die ich unter der Bezeichnung „Mobilisierung des Konsums (und Bedarfs)“ zusammenzufassen für zweckdienlich halte. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. (Zur Theorie der Mode.) Es ist eine allbekannte Thatsache, deren Beobachtung sich jedermann aufdrängt, dafs in unserer Zeit die meisten Güter kürzere Verbrauchsperioden haben als ehedem. Der Urväter Hausrat spielt heutzutage nur noch eine geringe Rolle. Der junge Hausstand betritt mit völlig neuer Ausstattung den Plan, und während unsere Eltern noch Möbel, Betten, Wäsche, Bestecke und alles Gerät während ihrer Ehe — und mochten sie auch die goldene Hochzeitsfeier erleben — nur ausnahmsweise erneuten, ist es heute Regel, dafs auch in besseren Häusern schon nach zehn, zwölf Jahren der Erneuerungsturnus beginnt. Wir selbst trugen noch die zurechtgemachten Kleider der Eltern und Geschwister und der berühmte „Bratenrock“ des Mannes, das Hochzeitskleid der Frau, spielten zumal in den unteren Klassen eine grofse Rolle: sie hielten ein Leben aus und schleppten von Geschlecht sich zu Geschlechte wie eine ewige Krankheit fort. Der Handel mit gebrauchten Sachen, die Auffrischung aller Gegenstände waren in früherer Zeit, noch um die Mitte des XIX. Jahrhunderts, blühende Erwerbszweige. Bildeten doch die Altwarenhändler in den meisten Städten eigene Zünfte. Und welches schwunghafte Geschäft mufs es dereinst gewesen sein, dieser Handel mit gebrauchten Sachen, wenn wir sehen, wie im 16. Jahrhundert die Notabein von Frankreich Beschwerde führen über die gefährliche Konkurrenz, die die Schiffsladungen mit alten Hüten, Stiefeln, Schuhen etc., die von England herüberkamen, den ansässigen Gewerbetreibenden bereiteten 1 ! 1 Beschwerde der Notabelnversammlung im Jahre 1597, dafs die Engländer „remplissent le royaume de leurs vieux chapeaux, hottes et savates qu’ils font 328 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Jetzt spielt der Altwarenhandel nur noch eine untergeordnete Rolle. In den Trödlerläden hängen jetzt die Reihen neuer Anzüge und Mäntel, wie sie aus der Werkstatt des Sweaters kommen, stehen neben altem Plunder immer mehr neue Tische und Spiegel aus gestrichenem Tannenholz. Überall rascher Wechsel der Gebrauchsgegenstände, der Möbel, der Kleider, der Schmucksachen. Man ist heute schon ein konservativer Mann, wenn man seine Stiefel zweimal besohlen läfst, und über die Braut wird wohl gespöttelt, die noch wie ehedem die Hemden und Tischtücher von starkem Leinen dutzendweise in ihrem Wäscheschränke aufstapelt. Was ist nun die Ursache dieser Wandelbarkeit, dieser Wechselfreudigkeit und Wechselhaftigkeit? Was ist es, das jene „Mobilisierung des Bedarfs“ bewirkt hat? Der oberflächliche Beobachter ist rasch mit der Antwort zur Hand. Er will den Grund für jene Änderung der Konsumtionsgewohnheiten ausschliefslich in der neuen Technik der Güterherstellung erblicken. „Die Sachen halten nicht mehr so gut wie früher,“ „bei den billigen Preisen lohnt es sich gar nicht, lange an einem Gegenstände herumzuflicken: man wirft ihn weg, wenn er schadhaft ist und kauft einen neuen.“ Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser Erklärungsversuch als nichtssagende Phrase: dafs die Sachen heute weniger haltbar sind, für die man die entsprechenden Preise der früheren Zeit bezahlt, ist im allgemeinen sicher nicht richtig; warum man aber wechselt, wenn man dank der Preisermäfsigung wechseln kann, bedarf offenbar erst der weiteren Begründung. Eine solche mag man in den vielfach veränderten Lebensbedingungen erblicken, unter denen namentlich die Städter heutzutage leben. Von grofsem Einflufs auf die Art der Bedarfsgestaltung ist hier offenbar die Verallgemeinerung der Mietswohnung gewesen. Sie hat das moderne Nomadentum geschaffen und mit ihm die Abnahme der Lust am Dauernden, Festen, Soliden in der Wohnungseinrichtung. Schon dafs diese fast nur noch aus „Mobilien“ besteht — jetzt schon bis auf die Ofen (Dauerbrandöfen!) —, während doch ehedem die Sitze in den Fensternischen, die Ofenbank, ja selbst das Bett und mancher andere Hausrat mit dem Hause verwachsen war, hat eine Tendenz erzeugt, die Gegenporter ä pleins vaisseaux en Picardie et en Normandie“. G. D’Avenel, Le mecanisme de la vie moderne. 1896. ' p. 32. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 329 stände leichter, weniger für die Ewigkeit berechnet zu machen. Und gar erst die Mobilisierung der Menschen selbst: dieses ewige Herumziehen von Ort zu Ort, von Strafse zu Strafse in derselben Stadt: mufs es nicht den Wunsch nach leicht transportabeln Möbeln und Gütern nahelegen ? Man hält es kaum für möglich, wenn man liest, welchen Grad von Unstetigkeit die Bevölkerung heute erreicht hat. In einer Stadt wie Breslau von 400 000 Einwohnern betrug (1899) die Zahl der umgezogenen Personen 194602, während innerhalb Hamburgs in demselben Jahre gar 212783 Parteien (!) ihr Domizil wechselten. Es wurden (1899) gemeldet (NB. ausschliefs- lich der Reisenden) 1 in Berlin . Breslau . Hamburg Zugezogene 235 611 60283 108281 Abgezogene 178654 54231 86245 Aber viel wichtiger ist doch der Umstand, dafs mit der Veränderung der Technik und der äufseren Lebensbedingungen, was wir schon an verschiedenen Stellen zu konstatieren Gelegenheit hatten, auch ein neues Geschlecht von Menschen herangewachsen ist. Menschen, die die Rastlosigkeit und Unstetigkeit ihres inneren Wesens auch in der äufseren Gestaltung ihres Daseins zum Ausdruck zu bringen trachten. Wir wollen den Wechsel unserer Gebrauchsgegenstände. Es macht uns nervös, wenn wir ewig ein und dasselbe Kleidungsstück an uns oder unserer Umgebung sehen sollen. Ein Abwechselungsbedürfnis beherrscht die Menschen, das oft geradezu zur Roheit in der Behandlung alter Gebrauchsgegenstände ausartet. Ein Ehepaar richtet sein Haus kaltlächelnd zur silbernen Hochzeit von oben bis unten neu ein, als ob die fünfundzwanzig Jahre gemeinsamer Nutzung nicht tausend Fäden zwischen den Bewohnern und ihren Möbeln gesponnen hätten, die zu zerreifsen empfindsamen Naturen als eine Barbarei erscheint. Aber das heranwachsende Geschlecht weifs nichts von der „Rührseligkeit“ und „Gefühlsduselei“ der früheren Zeit. Es ist härter geworden und damit sind auch die Beziehungen des Menschen zu den Gegenständen seines täglichen Gebrauchs jenes oft so gemütvollen und romantischen Zaubers entkleidet, der in die Zimmer unserer Eltern trotz aller ästhetischen Versündigungen doch jene Wärme hineintrug, die heute den glänzenden Salons der Enkel — ach wie häufig! — fehlt. 1 Jahrbuch deutscher Städte 9, 253. 330 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Nun ist aber endlich zu einem beträchtlichen Teil der ewige Wechsel, den wir mit unseren Gebrauchsgegenständen vornehmen, gar nicht einmal Ausflufs einer freien Entschliefsung. In aufser- ordentlich vielen Fällen untersteht der Einzelne dem Zwange, den die Sitte, den seine Gruppe auf ihn ausübt. Er wechselt, weil er wechseln mufs. Der Wechsel ist aus einer individuellen eine sociale Thatsache geworden, und damit gewinnt er erst jene weittragende Bedeutung, die ihm heute innewohnt. Der Leser sieht, bis zu welchem Punkte die Untersuchung gefördert ist 5 wir stehen vor dem Problem des Modewechsels, und das Thema, dessen Lösung uns obliegt, erheischt eine Erklärung dieses Phänomens: eine Theorie der Mode. Es ist schon manches kluge Wort über die Mode gesprochen und geschrieben worden. Von gelehrten Kulturhistorikern 1 , von tiefgründigen Psychologen 2 3 * , von geistvollen Ästhetikern 8 . Nur wie wir das so gewohnt sind, wenn wir nach den Nationalökonomen 1 fragen, die unsern Gegenstand etwa behandelt haben, so finden wir nur geringe Spuren ernsthafter Untersuchungen; meist nur Wiederholungen dessen, was Nichtfachmännner darüber geschrieben haben. Durch alle Kompendien und Lehrbücher schleppt sich der mäfsig gute Witz von Storch, der die Mode als „Meinungs- & konsumtion“ bezeichnet hat. Darüber hinaus ist man bis heute, soviel ich sehe, nicht gekommen. Man zankt sich höchstens gelegentlich einmal darüber herum, ob bezw. bis zu welchem Grade die „Mode“ unter ethischem Gesichtspunkte verdammenswert sei und damit basta. Demgegenüber sind etwa folgendes die hauptsächlichsten Momente , auf welche eine ökonomische Theorie der Mode Obacht zu geben hätte. Sie würde zunächst zu fragen haben, worin die Bedeutung der Mode für das Wirtschaftsleben zu suchen ist und würde sie alsbald finden in dem Einflufs, den sie auf die Bedarfsgestaltung ausübt. Über den Begriff der Mode wird man sich nicht 1 Vgl. die Werke, die die Geschichte der Mode und Trachten behandeln: Falke, Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen ^ Kulturgeschichte. 1858. Weifs, Kostümkunde. J. Lessing, Der Modeteufel, und viele andere. Eine kurzweilige, populär geschriebene Geschichte der (Kleider-) Mode enthält die Schrift von Kud. Schultze, Die Modenarrheiten. 1868. 2 Vgl. z. B. G. Simmel, Zur Psychologie der Mode in der „Zeit“, 12. Okt. 1895. 3 Friedrich Theodor Vischer hat eine seiner amüsantesten Schriften unserem Thema gewidmet: Mode und Cynismus, zuerst 1878. 3. Auflage. 1888. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 331 lange zu streiten brauchen. Man kann die Definition Vischers: „Mode ist ein Allgemeinbegriff für einen Komplex zeitweise gültiger Kulturformen“ ohne grofse Bedenken annehmen, wenn mau den einzelnen Bestandteilen der Begriffsbestimmung nur den richtigen Sinn unterlegt. Für das Wirtschaftsleben sind es zwei notwendige Begleiterscheinungen jeder Mode, die vornehmlich in Betracht zu ziehen sind: 1. die durch sie erzeugte Wechselhaftigkeit, aber ebenso, was häufig übersehen wird, 2. die von ihr bewirkte Vereinheitlichung der Bedarfsgestaltung. Denken wir uns eine Bedarfsgestaltung, die von der Mode unabhängig ist, so würde die Nutzungsdauer für den einzelnen Gebrauchsgegenstand vermutlich länger, die Mannigfaltigkeit der einzelnen Gebrauchsgüter wahrscheinlich erheblich gröfser sein. Jede Mode zwingt immer eine grofse Anzahl von Personen, ihren Bedarf zu unificieren, ebenso wie sie sie nötigt, ihn früher zu ändern, als es der einzelne Konsument, wäre er unabhängig, für erforderlich halten würde. Beides: Vereinheitlichung und Wechsel sind relative Begriffe. Wann insbesondere letzterer beispielsweise die „Tracht“ zur „Mode“ werden läfst, ist schwerlich durch eine Zeitangabe zu bestimmen. Man wird sagen dürfen, dafs jede Geschmacksänderung, die zu einer Umgestaltung des Bedarfs während der Lebensdauer einer Generation führt, „Mode“ sei. Aber auf derartige begriffliche Unterscheidungen kommt es viel weniger an als auf die vergleichende Betrachtung der Art und Weise, wie die verschiedenen Zeiten ihre Bedarfsgestaltung Veränderungen unterworfen haben. Dies führt uns dazu, zu fragen: ob denn wirklich erst die Gegenwart es sei, die die „Mode“ in die Geschichte eingeführt habe, und mit welchem Rechte wir hier, wo es sich darum handelt, die Herausbildung des modernen Wirtschaftslebens zu schildern, die „Mode“ als einen Bestandteil der Neuerungen bezeichnet haben. Unzweifelhaft ist die „Mode“ keine dem 19. Jahrhundert eigene Erscheinung; wir werden ihre Entstehung, wenn sich von einer solchen überhaupt reden läfst, sicher in eine viel frühere Zeit verlegen müssen. Zwar möchte ich nicht so weit wie Julius Lessing gehen, der den „Modeteufel“ in allen Jahrhunderten gleichmäfsig am Werke sieht: denn das Schelten auf neu eingeführte Kleidertrachten, wie wir es in der moralisierenden Litteratur seit den Kirchenvätern finden, läfst doch nicht ohne weiteres auf die Existenz einer „Mode“ im modernen Sinne schliefsen. Dagegen begegnen wir unzweifelhaft der echten Mode in den italienischen Städten 332 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. schon des 15. Jahrhunderts 1 und während des 16. und 17. scheint auch im Norden die „Modenarrheit“ erheblich an Ausdehnung gewonnen zu haben 2 3 . In Venedig und Florenz gab es zur Zeit der Renaissance für die Männer vorgeschriebene Trachten und für die Frauen Luxusgesetze. Wo die Trachten frei waren, wie z. B. in Neapel, da konstatieren die Moralisten, sogar nicht ohne Schmerz, dafs kein Unterschied mehr zwischen Adel und Bürger zu bemerken sei. Aufserdem beklagen sie den bereits äufserst raschen Wechsel der Moden und die thörichte Verehrung alles dessen, was aus Frankreich kommt, während es doch oft ursprünglich italienische Moden seien, die man nur von den Franzosen zurückerhalte (Burckhardt). Und die für die Machthaber köstliche Zeit des ancien regime, das Jahrhundert der Watteau, Boucher, Fragonard, Greuze können wir uns gar nicht anders als unter dem launischen Scepter der Modegöttin stehend vorstellen. Wenn Mercier an einer Stelle ausruft 8 : „il est plus difficile ä Paris, de fixer l’admiration publique que de la faire naitre; on brise impitoyablement l’idole qu’on encensait la veille et des qu’on s’apper§oit qu’un homme ou qu’un parti veut dogmatiser on rit; et voilä soudain l’homme culbutd et le parti dissous“, so hätte er diese Worte seinem ganzen Werke als Motto vorsetzen können, denn sie kennzeichnen die Wesenheit alles dessen, was er uns von dem alten Paris erzählt. Und trotzdem ist man versucht zu behaupten, dafs das innerste Wesen der Mode sich erst in dem verflossenen Jahrhundert, ja erst seit einem Menschenalter voll entfaltet habe, dafs jedenfalls erst in der letzten Zeit die Eigenarten der Mode sich bis zu einem Grade ausgeprägt haben, der sie befähigte, jenen bestimmenden Einflufs auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens auszuüben, der allein uns an dieser Stelle das Interesse für die Mode einzuflöfsen vermag. Was aber die moderne Mode vornehmlich charakterisiert und was die Mode früherer Zeiten entweder gar nicht oder doch nur in einer unendlich viel geringeren Intensität besafs, ist folgendes: 1. die unübersehbare Fülle von Gebrauchsgegenständen, auf die sie sich erstreckt. Diese Mannigfaltigkeit wird 1 Vgl. J. Burckhardt, Kultur der Renaissance. 3. Aufl. 2 (1878), 111 ff. 2 Die Litteratur beschäftigt sich immer häufiger mit der „Modenarrheit“: vgl. z. B. Ludw. Hartmannus, Der ä la mode-Teufel. 1675 (von Lessing citiert); oder die Stellen bei Horneck, Österreich über alles, wenn es nur will (1684) S. 18. 3 Mercier, Tableau de Paris 2 (1783), 75. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 333 erzeugt einmal durch die reichere Ausgestaltung der Güterwelt überhaupt. Was beispielsweise heutzutage zur Vollendung der weiblichen Toilette, was zum Bedarf eines Löwen des Salons gehört, grenzt an das Fabelhafte. Und je unnützer der Gegenstand, desto mehr der Mode unterworfen. Was das Gigerl, wenn es in feldmarsch- mäfsiger Ausrüstung sich befindet, allein an „Gebrauchsgegenständen“ aufser der kompletten Kleidung auf dem Leibe tragen mufs, füllt zusammengelegt ein kleines Köfferchen an. Die Mannigfaltigkeit der „Modeartikel“ wird aber des weiteren auch dadurch gesteigert, dafs immer neue Kategorien von Gebrauchsgütern in den Bereich der Mode gezogen werden. So sind erst in neuerer Zeit recht eigentlich der Mode unterworfen nur von Bekleidungsgegenständen: Wäsche, Krawatten, Hüte, namentlich Strohhüte, Stiefel, Regenschirme u. a.; 2. ist es die absolute Allgemeinheit der Mode, die erst in unserer Zeit sich eingestellt hat. Während in der Renaissancezeit, trotz des beginnenden Einflusses Frankreichs, die Verschiedenheit der Mode selbst in den einzelnen Städten Italiens noch fortdauerte 1 und doch immerhin auch im grofsen Ganzen bis ins 19. Jahrhundert hinein, die Gleichförmigkeit der Bedarfsgestaltung auf je einen Stand, auf eine bestimmte sociale Klasse beschränkt blieb, ist es die Wesenheit unserer Zeit, dafs mit der Ausdehnungsintensität gasförmiger Körper sich jede Mode binnen kürzester Zeit über den Bereich der gesamten modernen Kulturwelt verbreitet. Die Egalisierungstendenz ist heute durchaus eine allgemeine und wird durch keine räumliche und keine ständische Schranke mehr aufgehalten. Endlich ist 3. das rasende Tempo des Modewechsels ein ebenfalls der Mode unserer Zeit charakteristisches Merkmal. Was wir aus vergangenen Jahrhunderten von dem Modewechsel erfahren, ist doch immer nur eine höchstens nach Jahren rechnende Verschiebung der Bedarfsgestaltung. Heute ist es kein seltener Fall mehr, dafs beispielsweise eine Damenkleidermode in einer und derselben Saison vier- bis fünfmal wechselt. Und wenn wir bei irgendeiner „Mode“ eine Lebensdauer von mehreren Jahren nachweisen zu können glauben, so setzt uns das höchlichst in Erstaunen und wir sprechen schon davon, wenn es sich um eine Kleidermode handelt, dafs die betreffende Eigenart anfange, einen Bestandteil unserer „Tracht“ zu bilden: wie beispielsweise der Frack der Herren. Aber auch in 334 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. diesem Falle betrifft die Dauer doch immer nur einen Typus als Ganzes betrachtet: an den Einzelheiten bosselt und nestelt die Mode gleichwohl immer weiter herum. Wer möchte beispielsweise den zwei- oder dreijährigen Frack nicht an der Unterschiedlichkeit in Schnitt und Stoff vom modischen Frack jederzeit zu erkennen sich anheischig machen? „Wie ein unartiges Kind, das keine Ruhe giebt, so treibt es die Mode,- sie thut’s nicht anders, sie mufs zupfen, rücken, umschieben, strecken, kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen, strudeln, blähen, quirlen, schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen, kurz, sie ist ganz des Teufels, jeder Zoll ein Affe, aber just auch darin wieder steif und tyrannisch phantasielos gleichmacherisch, wie nur irgend eine gefrorene Oberhofmeisterin spanischer Observanz; sie schreibt mit eisiger Ruhe die absolute Unruhe vor, sie ist wilde Hummel und mürrische Tante, ausgelassener Backfischrudel und Institutsvorsteherin, Pedantin und Arlekina in Einem Atem Was ist es nun aber, das alle diese der Mode eigentümlichen Züge gerade in unserer Zeit, die sich selbst mit Vorliebe das Prädikat der aufgeklärten beilegt, so scharf herausgearbeitet hat? Diese Frage ist naturgemäfs schon oft aufgeworfen und ebenso oft beantwortet worden, aber ich mufs gestehen, dafs keiner der Erklärungsversuche mich voll befriedigt. Ich meine nicht jene Deutungen des Wesens der Mode überhaupt. Hier sind die Untersuchungen Simmels und Vischers derart, dafs ihnen kaum etwas neues hinzugefügt werden könnte. In dem Grundgedanken dieser beiden Schriftsteller, dafs die Mode „eine besondere unter jenen Lebensformen darstellt, durch die man ein Kompromifs zwischen der Tendenz nach socialer Egalisierung und der nach individuellen Unterscheidungsreizen herzustellen sucht“ (Simmel), ist sicher die psychologische Eigenart modemäfsigen Verhaltens richtig zum Ausdruck gebracht. Sondern ich meine jene Theorien, die die intensive Entfaltung der Mode- haftigkeit in unserer Zeit, die Durchtränkung des gesamten socialen Lebens der Gegenwart mit Mode, die insbesondere die oben namhaft gemachten Specifika der modernen Mode zu erklären sich anheischig machen. Sie tragen alle ein ausgesprochen doktrinärgekünsteltes Gepräge: wenn Vischer beispielsweise die stark ausgeprägte Modehaftigkeit der Gegenwart als eine Frucht der scharfen Zuspitzung der Reflexion ansieht, zu welcher die Gedankenströmungen 1 Visclier, a. a. 0. S. 52. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 335 des 18. Jahrhunderts das Bewufstsein gewetzt und geschliffen haben. Man merkt ihnen auf den ersten Blick an, dafs ihre Verfasser keine rechte Vorstellung haben von der Art und Weise, wie denn „die Mode“ heutigentags entsteht, also auch nicht von den treibenden Kräften, die bei ihrer Bildung hauptsächlich thätig sind. Mir scheint aber, als ob eine genaue Kenntnis dieser Vorgänge uns allein in Stand setzt, den unserer Zeit eigentümlichen Verumständungen bei der Bildung der Mode auf die Spur zu kommen und also auch allein die Mittel an die Hand giebt, die aufgeworfene Frage sachgemäfs zu beantworten. Um die aufserordentlich komplizierten Zusammenhänge, um die es sich bei der Entstehung der Mode handelt, möglichst deutlich zur Anschauung zu bringen, greife ich eine bestimmte Geschäftsbranche, in der die Mode ja eine hervorragenbe Rolle spielt, heraus: die Damenkleidung, und werde zunächst einfach erzählen, wie in ihr die Entwicklung der Mode sich zu vollziehen pflegt 1 . Nehmen wir zum Ausgangspunkt ein Breslauer Damenmäntel-Konfektion shaus und treten wir in seine Geschäftsräume etwa in der Pfingstwoche 1900 ein. So sehen wir die Detailverkaufsräume naturgemäfs angefüllt mit Jackets und Mänteln, die im Frühjahr und Sommer 1900 bedurft werden und deren Schicksal uns hier nicht interessieren soll; wir finden dagegen die grofsen Engrosverkaufshallen voller Kleidungsstücke, die im Winter 1900/1901 getragen zu werden bestimmt sind. Es sind einstweilen nur „Kollektionen“, „Musterungen“, nach denen die zureisenden Händler der Provinz ihre Bestellungen machen, dieselben Kollektionen, mit denen in der Woche nach Pfingsten der Schwarm der Reisenden 1 Die folgende Darstellung beruht im wesentlichen auf eigener Anschauung und Aussprache mit Grofsindustriellen und Großhändlern der verschiedenen Branchen. Das einzige, was aus der Litteratur zu verwenden ist, ist das Werk von Coffignon, Les Coulisses de la Mode (ca. 1888), dem ich viel Anregung verdanke. Es ist aber durchaus feuilletonistisch-skizzenhaft gehalten. Ferner bieten einen reichen Stoff an Einzelthatsachen, die freilich erst für die Zwecke der wissenschaftlichen Verwertung zurechtgemacht werden müssen, die zahlreichen Fachzeitschriften, deren jede Branche ein halbes Dutzend und mehr besitzt, namentlich die österreichischen, französischen und amerikanischen. Ganz besonders reichhaltig ist die deutsche Zeitschrift „Der Konfektionär“, der während der Saison zweimal wöchentlich in Nummern von je 64 Folioseiten erscheint. Die im Text gegebene Darstellung ist an der Hand des Inhalts der letzten Jahrgänge des „Konfektionärs“ auf ihre Richtigkeit hin geprüft worden. 1 336 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auf der Suche nach Kunden aufserhalb Breslaus auszieht. Diese Mäntel und Jacken tragen eine Mode: die Mode des kommenden Winters. Wie ist sie entstanden? Zunächst sagen wir einmal auf dem Wege der Inzucht: Zeichner unseres Breslauer Hauses haben in Anlehnung an die herrschende Sommermode Entwürfe für Wintersachen gemacht, die dann zur Ausführung gebracht sind: nach Gutdünken. Aber in der Hauptsache ist es doch fremder Geist, der in den Kleiderregalen unseres heimischen Geschäftes haust: v die meisten der dort ausgestellten Stücke sind nach Berliner Modellen, die der Leiter des Geschäfts ein paar Wochen vorher in der Keichshauptstadt bei den tonangebenden Konfektionären, den Mannheimer und Konsorten eingekauft hat. Unser Weg zur Quelle der Mode führt uns also zunächst nach Berlin: welcher Eingebung verdanken die Berliner Muster ihr Dasein? Teilweise wiederum eigener Konzeption : ein gröfserer und gewandterer Stab von Dessinateuren, die im Dienste der Berliner Konfektionäre ihre Kunst verwerten, hat aus den Vorlageblättern für die Sommermode durch zweckentsprechende Abänderungen der Wintermode 1899/1900 — auf diese Änderungen kommt es vor allem an — eine neue Wintermode heraus destilliert: hat beispielsweise die durchbrochenen Ärmel der Sommermode 1900 auf die Winterkleider der kommenden Saison auf- geklatscht — nebenbei ganz unsinniger Weise und rein mechanisch, denn der Durchbruch, der in der Sommertoilette seine tiefere Bedeutung hat, wird zur Faxe bei der Wintermode. Aber auch an den Berliner Kollektionen, die den Kodex für die Provinzen Deutschlands abgeben, ist nur ein Teil eigene Erfindung. Ganz wesentlich haben auf ihre Gestaltung wiederum auswärtige Modelle eingewirkt; diesmal Pariser Modelle, die die Berliner Konfektionäre im Lauf des Winters 1899/1900 in Paris eingekauft haben. In Paris beschäftigen sich zahlreiche Geschäfte übei'haupt nur mit der Anfertigung und dem Vertrieb solcher Muster; es sind die sog. Maisons d’echantillon- i neurs. Woher haben diese Häuser ihre Mode? Auch sie haben sie nicht selbst erzeugt, auch sie leuchten im wesentlichen mit fremdem Licht. Dieses Licht aber, in dem die „Echantillonneurs“ leben, ist endlich die Centralsonne, von der alle Mode in unserer Branche & ausstrahlt: es sind die grofsen Schneider der halben Ganzwelt und ganzen Halbwelt in Paris. Sie sind es, die die Originalmode schaffen, in unserem Falle also die Wintermode 1900/1901 für Leitomischel und Krotoschin im Frühling, Sommer, Herbst 1899 geschaffen haben. Es ist ein Studium für sich, ein höchst originelles und inter- t Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 337 essantes Kapitel: die Genesis der Pariser Mode, von dem ich nur einzelne wenige Stücke hier wiedergeben kann 1 . Bekannt auf der ganzen Erde als Gebilde ganz eigenartiger Natur sind die grofsen Meister der Schneiderkunst: die „grands couturiers“, die „tapissiers des femmes“, wie sie sich selbst lieber nennen hören, von denen Mich eiet sagen zu sollen glaubte: „pour un tailleur, qui sent modele et rectifie la nature, je donnerais trois v sculpteurs classiques.“ Ihre Zahl ist nicht gering. Selbst führende Häuser giebt es fast ein Dutzend, unter denen wiederum Rouff und Lafferiere, Pingat und Worth, neuerdings vor allem Doeuillet und Doucet an Macht und Ansehn hervorragen. Diese ganz Grofsen sind in der „Kreierung“ der Mode fast autonom; ganz selten, dafs sie sich einer „Anregung“ bedienen, die ihnen die vendeurs d’id<$es, die „dessinateurs de figurines“, deren es etwa 12 in Paris giebt, gegen klingende Münze zukommen lassen. Nur in Ausnahmefällen auch folgen sie den Anweisungen ihrer Klientel. Diese ist im wesentlichen nur ihr Organ, ist nur das Instrument, auf dem sie spielen. Vor allem die grofsen tonangebenden Kokotten und nächst ihnen die Heldinnen der Bühne — im Frühjahr 1899 beispielsweise die M e Bartet als Francilion, heuer (1900) mit Vorliebe die Rejane, die der Manequin Doucets ist — dienen dazu, die meisten Schöpfungen der genannten Herren, wie der Ausdruck lautet, zu „lancieren“. Dieweil aber die Herrschaft der Demimondaine über Paris naturgemäfs im Winter geringer ist als in der guten Jahreszeit, so liegen die eigentlichen Schöpfungstage der Mode im Frühjahr und Herbst: es sind der Firnifstag im Salon, der Concours hippique, die Rennen von Auteuil und namentlich der Grand Prix in den Longchamps während des Frühjahrs, neuerdings auch ein Grand Prix im Herbst. Schlägt die neue Mode ein, so folgt die Mondaine der Demimondaine bald nach und der Fortpflanzungs- prozefs, den wir oben beobachtet haben, kann beginnen, bis er sein Ende 0/2—2 Jahr später in dem kleinen posenschen Städtchen an der russischen Grenze erreicht. Ich sagte: die europäisch - amerikanische Kleidermode sei die o ureigene Schöpfung des Pariser Schneiders. Das ist nun aber doch nur mit einiger Einschränkung richtig: es bezieht sich nämlich nur auf die „Fayon“ der Kleidungsstücke. Machen wir uns aber klar, 1 Vgl. noch aufser den bereits genannten Schriften: Circulaire Nr. 14 der Serie A. des Musee social (80. Jun. 1897) „LIndustrie de la couture et de la confection ä Paris“ und die daselbst angeführte Broschüre des Schneiderkönigs Worth. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 22 C 338 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. dafs unser „Meister“ ja doch sein Werk komponieren mufs unter Zuhilfenahme irdischer Stoffe: er bedarf der Seide und Wolle, des Samtes und Pelzwerks, der Spitzen und Rüschen, der Passamente aller Art, der Knöpfe und Schnallen, der Federn und Blumen, kurz einer unendlichen Fülle gewerblicher Erzeugnisse, die ihre Geschichte schon hinter sich haben, wenn sie in die Hände der Couturiers gelangen, deren Mode also auch vorher schon gebildet sein mufs. Zweifellos übt der „schöpferische“ Schneider auch Einflufs auf die Moderichtung in allen Branchen aus, deren Erzeugnisse ihm für sein Werk dienen: im grofsen Ganzen aber nimmt er die Stoffe und Zuthaten, wie sie ihm die verschiedenen Industrien liefern, zum Ausgangspunkt für seine eigene Komposition. Auf unserer Wanderung ins Heimatland der Mode sind wir also abermals auf ein ferneres Ziel hingewiesen : wir müssen die Modebildung in den Hilfsindustrien der Schneiderei ins Auge fassen. Und abermals stofsen wir auf das Bureau von Dessinateurs, die im Dienste der kapitalistischen Unternehmer „Muster“ und „Modelle“, sei es für Stoffe, für Besätze, für Behang zeichnen, die von den Fabriken ausgeführt und dann in Musterkollektionen zusammengestellt der Kundschaft (die in diesem Falle nie der letzte Konsument, sondern immer nur wieder ein Fabrikant oder Händler ist) zur Auswahl vorgelegt werden. Wer sich nicht eigene Zeichner halten kann, abonniert sich auf solche neue „Dessins“. In der Textilbranche giebt es in Paris Specialgeschäfte für Musteranfertigung, bei denen die grofsen Webereien des In- und Auslands ihren Bedarf an neuen Gedanken, „Dessins“, gegen Bezahlung einer Pauschalsumme in jeder Saison zu decken in der Lage sind. In einzelnen Branchen werden die Muster der neuen Mode durch Beschlufs der Vertreterschaft der betreffenden Industrie gleichsam kanonisiert. So giebt die „Chambre syndicale des fleurs et des plumes“ alljährlich eine Farbenkarte heraus, die mafsgebend ist für alle Blumen- und Federerzeugung. Sie wird bestimmt wiederum auf Grund der Seiden bandmuster, die von den Lyoneser Seidenbandfabrikanten zur Ansicht versandt werden und ist dann zum Preise von 3 Mk. überall käuflich. So ergiebt sich schon ein Netz gegenseitiger Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den einzelnen Industriezweigen selbst nach dieser etwas schematisierten Darstellung. In Wirklichkeit ist es ein noch unendlich komplizierterer Prozefs, in dem die Mode zum Leben und zur Verbreitung gelangt. Denn wenn es auch theoretisch und für die grofsen Züge der Damenmodeentwicklung richtig ist, dafs Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 330 im Winter 1898/99 die Stoff- und Knopfmode in den französischen Industrien kreiert wird für die Kleider und Mäntel, die das provinziale Ostdeutschland im Winter 1900/1901 trägt, so ist doch zu bedenken, dafs dieser geradlinige Entwicklungsgang durch zahlreiche Tendenzen in verschiedenster Richtung durchkreuzt wird: dadurch, dafs deutsche oder andere Schneider und Konfektionäre die französische Mode nach dem Original kopieren, ohne des umständlichen Vermittlungsmechanismus zu bedürfen, der bei obiger Schilderung hypostasiert wurde; dadurch, dafs die „Dessins“ und Musterkollektionen z. B. in der Textilindustrie eher Verbreitung finden als die daraus gefertigten Kleidungsstücke, also selbständig modebildend wirken können; dadurch, dafs die zahlreichen Fachzeitschriften und Modejournale die neue Mode schon fast im Momente ihrer Entstehung, ja teilweise noch in ihrem embryonalen Zustande in alle Welt verbreiten helfen: „Die Horcher wollen vernommen haben,“ schreibt beispielsweise der „Konfektionär“ am 1. Juni 1899, „dafs Meister Worth und Pingat für die Konfektion, die Mäntel und Paletots der Herbstsaison dem engeren Ärmel ihre Gunst entziehen .... Bei Redfern wird man Herbstmodelle schaffen, die aus zweierlei Stoff gehalten sind . . . Bei Francis in der Rue Auber will man den Karpfen sich zum Muster nehmen . . . Doucet wird versuchen mittels der M me Röjane das Empirekleid wieder zu lancieren u. s. w. u. s. w.“ Endlich bleibt auch zu bedenken, dafs neben dem Hauptcentrum Paris auch noch kleinere Centren in bescheidenen Grenzen mode- bildend wirken. Teils dadurch, dafs sie Licht von der Centralsonne des Geschmacks borgen: wenn die ausländische Gräfin oder Gesandtenfrau Dessins, die sie bei einem berühmten Pariser „dessina- teur de figurines“ erworben hat, bei ihrer Wiener, Londoner oder St. Petersburger Schneiderin zur Ausführung bringen läfst. Gelegentlich aber wohl auch durch Eigenschöpfung: mit dem Rennen zu Ascot im Juni, mit dem Wiener Derby ist immerhin zu rechnen. Es ist wenigstens möglich, dafs an diesen Tagen eine neue Mode englischer oder Wiener Inzucht das Licht der Welt erblickt und ihren Rundgang durch Europa-Amerika ausnahmsweise nicht von Paris aus beginnt. Aber das alles betrifft nun erst die eine — allerdings wohl wichtigste — Provinz des Reiches der Mode. Für die übrigen gelten vielfach abweichende Gesetze. So ist das Centrum für die Entstehung der Herrenmoden noch immer die Umgebung des (weiland) Prinzen von Wales, dessen Herrschaft namentlich für Hutformen und Kravattenfarben weit über die Grenzen beider Indien 22 * 340 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. hinausreicht. Schuh und Stiefel sind besonders kapriziös in Bezug auf die Mode. Sie empfangen ihre Weisungen vielfach aus Amerika, seitdem Wiens Einflufs zurückgegangen ist, und ihre Mode, könnte man sagen, wird auf abstraktere Weise lebendig: oft nur durch Vermittlung der Fachzeitschriften und Modejournale, ohne das Dazwischentreten (im eigentlichen Sinne) eines lebendigen Fufses oder Fiifschens. Gelegentlich lanciert aber auch dieses eine specielle Mode. So kamen die Moliereformen der Schuhe erst auf, nachdem die Otero damit den Ostender Strand im Jahre 1899 beschritten hatte u. s. f. Ich denke aber, dafs das Mitgeteilte genügen wird, um daraus Aufschlufs über die Fragen zu entnehmen, die uns beschäftigen. Was nämlich als entscheidende Thatsache aus dem Studium des Modebildungsprozesses sich ergiebt, ist die Wahrnehmung, dafs die Mitwirkung des Konsumenten dabei auf ein Minimum beschränkt bleibt, dafs vielmehr durchaus die treibende Kraft bei der Schaffung der modernen Mode der kapitalistische Unternehmer ist. Die Leistungen der Pariser Kokotte und des Prinzen von Wales tragen durchaus nur den Charakter der vermittelnden Beihilfe. Alle Eigenarten der modernen Mode, wie wir deren einige kennen gelernt haben, sind also aus dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung zu erklären: eine Aufgabe, deren Lösung nunmehr nicht die geringsten Schwierigkeiten mehr bereitet. Der Unternehmer, mag er Produzent, mag er Händler sein, ist durch die Konkurrenz gezwungen, seiner Kundschaft stets das neueste vorzulegen, bei Gefahr ihres Verlustes. Wenn ein halb Dutzend Grofskonfektionäre um den Absatz bei einem kleinstädtischen Kleiderhändler sich bemühen, so ist es ganz ausgeschlossen, dafs sie sämtlich nicht mindestens auf der Höhe der neuesten Mode sind; die Tuchfabrik, die einem grofsstädtischen Schneider auch nur ein um wenige Monate älteres Dessin schicken, die Baumwollenfabrik, die dem Modewarenbazar nicht die letzte Neuheit anbieten würde, schiede von vornherein aus dem Wettbewerbe aus. Daher das weitverbreitete Streben des Unternehmers, mindestens auf dem Laufenden zu bleiben, sich stets in den Besitz der neuesten Musterkollektionen, der neuesten Vorlageblätter zu setzen. Hier liegt die Erklärung vor allem auch für die Verallgemeinerung der Mode. Und sofern es einer ganzen Kategorie von Geschäften darauf ankommen mufs, das obige „Mindestens“ zu überbieten, durch reizvolle Neuheiten den Kunden Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 341 überhaupt zum Kauf und zwar zum Kauf bei ihnen zu veranlassen , erzeugt die kapitalistische Konkurrenz die zweite Tendenz der modernen Mode: die Tendenz zum raschen Wechsel. Überall aber, wo wir den Produzenten selbst am Werke sahen, um durch eigene „Weiterbildung“ Neues zu schaffen, wo der Konfektionär oder Textilwarenfabrikant eigene Dessinateure unterhält, gar aber erst bei den Geschäften, die nur dadurch bestehen, dafs sie andere Neuheiten liefern: überall dort wird ein Herd für ein wahres Neuerungsfieber geschaffen. Man saugt sich das Blut aus den Nägeln, martert das Hirn, wie es denn möglich zu machen sei, immer wieder und wieder etwas „neues“ — und darauf kommt es im wesentlichen an — auf den Markt zu werfen. Ich will hier einen beliebig herausgegriffenen Stimmungsbericht aus der Textilbranche wiedergeben, der mut. mut. für alle Geschäftszweige zutrifft und die Situation in ein helles Licht setzt. Es heifst da in der Nummer des „Konfektionärs“ vom 11. Mai 1899, dafs die „Musterungen“ (für das Frühjahr 1900) begonnen haben, und dann weiter: „Dieser kostspielige, schwierige Teil unserer Fabrikation verursacht von Saison zu Saison. mehr und mehr Kopfzerbrechen. Die Frage: was mustern? ist eine leicht gestellte, aber ungemein schwer zu beantwortende. Neue Sachen, neue Artikel, neue Dessins sollen gebracht werden. Leicht war dies für Fabrikanten und Musterzeichner noch vor einigen Jahren, als dies Gebiet noch nicht so ausgetreten und die Nachfrage eine bessere war. Aber jetzt, wo die geradezu riesenhaften Anstrengungen allenthalben gemacht worden sind und noch gemacht werden, wo man bereits alles mögliche im Laufe der letzten Jahre gemustert und gebracht hat, wo man jede Verzierungsform, seien es nun Blätter und Blüten oder ornamentale Sachen, Diagonalen, langgestreifte und traversbildende Muster nach jeder erdenklichen Richtung hin ausgebeutet hat; jede Bindung und jeden Versatz durchprobiert und in Anwendung brachte, und jedes Garn in allen nur möglichen Bindungen und Zusammenstellungen verarbeitete, jetz ist es für Fabrikanten, Musterchef und Musterzeichner schwer, oft geradezu eine Sorge: die Zusammenstellung der neuen Kollektionen. Vor einigen Jahren genügte es vollkommen, wenn der Musterzeichner eine Kollektion abgesetzter Sachen, worunter höchstens noch einige Rheingoldstreifen sich befanden, vorlegte. Man wählte eine Anzahl Dessins für Atlasfond, Ripscreme und einige einfache Grundbildungen, bestellte noch einige Rheingoldstreifen und Trauer- 342 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. lcrepes und war mit dein Musterzeichner fertig. Tauchte einmal etwas neues auf, und das war damals nicht schwer, so wurde eine oder mehrere Saisons nebst der jetzt gänzlich verschwun- denen Nachmusterung fast weiter gar nichts gemacht, als (folgt ein*; Aufzählung stereotyper Muster). Alles dieses waren Artikel, welche andauernd und mit Erfolg gemustert wurden.“ Bei dieser Sachlage ist es leicht verständlich, dafs die Fabrikanten hocherfreut sind, wenn ihnen von irgendwoher die Möglichkeit geschaffen oder vergröfsert wird, „Neuerungen“ an einem Artikel vorzunehmen, mit anderen Worten, ihn der Mode mehr als bisher zu unterwerfen. So lesen wir in einem Bericht aus der Kravattenbranche („Konfektionär“ vom 13. VH. 1899): „Es ist nicht zu verkennen, dafs der Kravattenfabrikation ein sich immer mehr vergröfsernder Spielraum bei der Auswahl der Stoffe eingeräumt wird . . . Die früher als verpönt geltenden Nüancen schmeichelten sich allmählich ein. Je mehr die Farbenskala an Umfang gewinnt, um so interessanter und vorteilhafter dürfte sich das Geschäft für die Fabrik und den Detailleur gestalten, weil unter diesen Bedingungen häufiger ein radikaler Genrewechsel vor sich gehen kann, den die früheren Verhältnisse verboten. Die Mode ist in das Gebiet der Herrenkravatten- Konfektion eingezogen und regt alle beteiligten Faktoren zu rühriger Thätigkeit an.“ Damit nun aber dieses immer heftigere Konkurrenzstreben der Unternehmer untereinander auch wirklich immer den Effekt des Modewechsels habe, müssen noch einige andere Bedingungen in dem socialen Milieu erfüllt sein, so wie es heute der Fall ist. An sich wäre es ja möglich, dafs ein Konkurrent dem andern durch gröfsere Güte oder Billigkeit einer nach Form und Stoff unveränderten Ware zuvorzukommen suchte. Warum durch den Wechsel der Mode? Zunächst wohl deshalb, weil hierdurch noch am ehesten ein fiktiver Vorsprung erzeugt wird, wo ein wirklicher nicht möglich ist. Es ist immerhin noch leichter, eine Sache anders, als sie besser oder billiger herzustellen. Dann kommt die Erwägung hinzu, dafs die Kaufneigung vergröfsert wird, wenn das neue Angebot kleine Abweichungen gegenüber dem früheren enthielt: ein Gegenstand wird erneuert, weil er nicht mehr „modern“ ist, trotzdem er noch längst nicht abgenutzt ist: die berühmte „Meinungskonsumtion“ Storchs. Endlich wird damit der bereits gekennzeichneten Stimmung des Menschen unserer Zeit Rechnung getragen, die dank ihrer inneren Unrast auch eine gesteigerte Freude am Wechsel haben. Aber der Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 343 entscheidende Punkt ist mit alledem noch nicht getroffen; das ist vielmehr folgender: Es ist einer der Haupttricks unserer Unternehmer, ihre Ware dadurch absatzfähiger zu machen, dafs sie ihr den Schein gröfserer Eleganz, dafs sie ihr vor allem auch das Ansehen derjenigen Gegenstände geben, die dem Konsum einer social höheren Schicht der Gesellschaft dienen. Es ist der höchste Stolz des Kommis, dieselben Hemden wie der reiche Lebemann zu tragen, des Dienstmädchens, dasselbe Jackett wie seine Gnädige anzuhaben, der Fleischersmadame, dieselbe Plüschgarnitur wie Geheimrats zu besitzen u. s. w. Ein Zug, der so alt wie die sociale Differenzierung zu sein scheint, ein Streben, das aber noch niemals so vortrefflich hat befriedigt werden können, wie in unserer Zeit, in der die Technik keine Schranken mehr für die Kontrefagon kennt, in der es keinen noch so kostbaren Stoff, keine noch so komplizierte Form giebt, als dafs sie nicht zum Zehntel des ursprünglichen Preises alsobald in Talmi nachgebildet werden könnten. Nun ziehe man des weiteren in Betracht das rasend schnelle Tempo, in dem jetzt irgend eine neue Mode zur Kenntnis des Herrn Toutlemonde gelangt: mittels Zeitungen, Modejournalen, aber auch infolge des gesteigerten Reiseverkehrs etc. Wie mir ein hiesiger Konfektionär klagte: vor ein paar Jahren noch, wenn da der Reisende mit der neuen Musterkollektion in der kleinen Stadt ankam und seine Koffer auszupacken begann, da sammelte sich ein Kreis staunender Bewunderer um das Mädchen aus der Fremde und ein Ah! nach dem andern entrang sich den Lippen der Zuschauer. Jetzt heilst es: „Ja, aber ich bitte — da habe ich neulich in meinem Journal von der und der neuesten Facon gelesen: die fehlt ja ganz, wie mir’s scheint, in Ihrer Kollektion, werter Herr“ . . . Und kaum, dafs die Mode bekannt geworden, der lange Damenpaletot in den Gesichtskreis der Ostrowoer Schönen getreten ist, so liefert die Konfektion ihn, der eben noch nicht unter 80 Mark zu haben war, „genau denselben“ auch schon für 30 Mark. Und wenn eben mit Mühe und Not eine Sommer- hemdenfagon für Herren gefunden schien, die nicht jeder Ladenschwengel tragen konnte: die ungestärkten, bunten Oberhemden mit festen Manchetten, weil sie zu teuer waren, so hängen im nächsten Sommer schon gleichfarbige Vorhemdchen mit ebenfalls weichem Einsatz aus zum Preise für 1 Mark das Stück. Fühlt man sich gerade im Besitze eines Spazierstocks mit silberner Krücke geborgen vor dem nachäffenden vulgus, so preist der billige Mann schon am nächsten Tage einen ganz genau wie der V 344 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. eigene aussehenden Stock mit elender Blechkrücke für 1 Reichsmark an u. s. w. Dadurch wird nun aber ein wahres Steeple- chase nach neuen Formen und Stoffen erzeugt. Denn da es eine bekannte Eigenart der Mode ist, dafs sie in dem Augenblick ihren Wert einbüfst, in dem sie in minderwertiger Ausführung nachgeahmt wird, so zwingt diese unausgesetzte Verallgemeinerung einer Neuheit diejenigen Schichten der Bevölkerung, die etwas auf sich halten, unausgesetzt auf Abänderungen ihrer Bedarfsartikel zu sinnen. Es entsteht ein wildes Jagen nach ewig neuen Formen, dessen Tempo in dem Mafse rascher wird, als Produktionsund Verkehrstechnik sich vervollkommnen. Kaum ist in der obersten Schicht der Gesellschaft eine Mode aufgetaucht, so ist sie auch schon entwertet dadurch, dafs sie die tiefer stehende Schicht zu der ihrigen ebenfalls macht: ein ununterbrochener Kreislauf beständiger Revolutionierung des Geschmacks, des Konsums, der Produktion. Eine wichtige Rolle in diesem Prozesse, der die innerste Natur der modernen „Moderaserei“ erst zum Verständnis bringt, spielen die modernen grofsen Detailhandelsgeschäfte, namentlich die Grands magasins de nouveautds. Eins ihrer beliebtesten Manöver ist es, irgend einen Kleiderstoff oder sonstigen Modeartikel, nachdem die allererste Hochflut der Nachfrage in den führenden Kreisen der ganzen und halben Welt vorüber ist, in grofsen Posten bei den Fabrikanten zu bestellen, so dafs sie ihn erheblich billiger beziehen, und ihn dann als Lockartikel zum Selbstkostenpreise abzugeben: die Folge ist, dafs alle Damen, die gern ä la mode sich kleiden oder einrichten möchten, und deren Portemonnaie doch nicht grofs genug dazu ist, es den obersten Zehntausend nachzuthun, nun die Gelegenheit begierig ergreifen, die „derniere nouveaute“ im Bon Marche oder Louvre en masse zu kaufen, die dann natürlich aufgehört hat, überhaupt noch von „anständigen“ Menschen benutzt werden zu können. Mit dieser letzten Gedankenreihe sind wir aber schon aus dem Kreis der Betrachtungen herausgetreten, denen dieser Abschnitt gewidmet war: der Umgestaltung des Konsums, und haben schon hinübergegriffen in den Bereich des nächsten Abschnittes, der die Neugestaltung der Absatzformen zur Darstellung zu bringen hat. Wir nehmen Abschied von dem reizvollen Kapitel, das dem „a la Mode-Teufel“ und der Art gewidmet war, wie er in der Gegenwart sein oft genug drolliges Wesen treibt mit der Em- Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 345 pfindung, dafs die obigen Ausführungen den Zusammenhang in aller Deutlichkeit aufgewiesen haben, der auch zwischen dem Phänomen der Mode und unserer Wirtschaftsorganisation besteht. Man wird nicht zu fürchten brauchen, der Übertreibung geziehen zu werden, wenn man behauptet: die Mode, zumal in ihrer heutigen Gestalt, ist des Kapitalismus liebstes Kind: sie ist aus seinem innersten Wesen heraus entsprungen und bringt seine Eigenart zum Ausdruck wie wenige andere Phänomene des socialen Lebens unserer Zeit. l > Vierter Abschnitt. Die Neugestaltung des Güterabsatzes. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. Die vorangehenden Kapitel haben gezeigt, in welchen Richtungen die Bedarfsentwicklung unter dem Einflüsse des Kapitalismus neue Wege geht. Jetzt wird der Nachweis zu führen sein, dafs und wie die Organisation des Warenumsatzes und-Absatzes sich in einer der veränderten Bedarfsgestaltung entsprechenden Weise selbst einer Neugestaltung unterzieht: erst danach werden die Wirkungen der Marktveränderungen auf die Produktion in ihrer ganzen Tragweite verstanden werden können. Was aber zunächst die intensive und extensive Steigerung der Nachfrage nach marktmäfsig abgesetzten Gütern erheischte, war eine Vermehrung der Händlerschaft. Eine solche ist in der That in allen Ländern fortschreitender Kultur eingetreten und zwar mit solcher Regelmäfsigkeit, dafs wir geradezu den Anteil der handeltreibenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung als einen Gradmesser der wirtschaftlichen Entwicklung betrachten können. Wir finden nicht minder eine Abstufung dieser Anteilziffern in verschiedenen Zeitläuften eines und desselben Wirtschaftsgebiets als zwischen den verschieden hoch entwickelten Teilgebieten eines und desselben Landes, als endlich auch zwischen Ländern verschieden hoher Entwicklungsstufe. So wurden im Königreich Preufsen Erwerbsthätige im Handel gezählt auf 1000 Einwohner: 1843 = 9,7 (nach Dieterici) 1895 = 24 (nach der Berufszählung). Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. 347 Selbst in dem hochentwickelten Königreich Sachsen betrug der Anteil der im Handel thätigen Personen von den überhaupt Erwerbstätigen vor 50 Jahren erst 2,56 “/o 1 gegen 6,37% im Durchschnitt des ganzen Reichs im Jahre 1895. In einer Stadt wie Breslau betrug der Anteil der handeltreibenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung 2 : 1846 = 3,1 % 1895 = 6,0 „ Und zwar können wir 'die Thatsache feststellen, dafs diese Vermehrungstendenz eine in der Gegenwart fortwirkende ist. So wurden nach den amtlichen Erhebungen der Jahre 1882 und 1895 in Deutschland ermittelt 3 : 1882 — 1364 Handelsbetriebe auf 100000 Einwohner 1895 = 1502 und 1882 entfiel ein gewerbthätiger Händler auf 59,9 Einwohner, 1895 schon auf 38,8. Vergleichen wir die Entwicklung in verkehrsextensiven (ländlichen) Gebieten, so erscheint die Zunahme der handeltreibenden Bevölkerung naturgemäfs noch bedeutender. So entfiel in 26 Landorten des H.K.Bezirks Villingen (Baden) ein Handelsgeschäft: 1866 auf 357 Einwohner 1897 „ 182 und in 14 Kleinstädten desselben Bezirks auf bezw. 180,6 und 91,7 4 5 . Dafs wir es hier aber mit einer allgemeinen Tendenz kapitalistischer Wirtschaft zu thun haben, zeigt ein Vergleich mit anderen Ländern. In Österreich stieg von 1857 —1890 die Bevölkerung von 18225 000® auf 23708000 6 Einwohner (ausschliefsl. Militär); die Zahl der sefshaften Händler jedoch (1862—1890) 7 von 157 375 auf 310518. 1 E. Engel, Das Königreich Sachsen, S. 122. 2 Nach M. von Ysselstein, Lokalstatistik der Stadt Breslau. 1866, bezw. der deutschen Berufszählung von 1895. 8 Statistik des D. R. 119, 21. i H. Schwab, Erhebungen über die Lage des Kleinhandels auf dem badischen Schwarzwald in den von der H.K. Hannover herausgegebenen Berichten 1 (1899), 159. Siehe den genauen Titel unten S. 350, Anm. 3. 5 Statistisches Handbüchlein des Kaisertums Österreich für 1865 (1867). 6 Österreichische Statistik Bd. 32 (1892). 7 Für 1862 vgl. „Tafeln zur Statistik der österreichischen Monarchie“. N. F. Bd. V. 1871; für 1890 die Ergebnisse der Berufszählung in Band XXXIII der österreichischen Statistik. 1895. 348 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Eine besonders rasche Zunahme des kommerziellen Bevölkerungsteils weisen die Vereinigten Staaten von Amerika auf. Hier betrug die Zahl 1 der Zwischenhändler der Einwohner auf 1 Zwischenhändler 1860 150 303 222 1882 852 256 61 Was hier in zeitlicher Aufeinanderfolge erscheint, stellt sich zu einer gegebenen Zeit in einem Lande als räumliches Nebeneinander dar. Besonders lehrreich sind dafür die Ziffern der deutschen Berufszählung von 1895, aus denen die berufliche Zusammensetzung der Bevölkerung nach Ortsgröfsenklassen ersichtlich wird 2 . Danach entfielen im Handel Erwerbsthätige auf 1000 Bewohner: auf dem platten Lande .... 6 in Orten von 2—5000 Einwohner 9 (etwa der Durchschnitt im „ „ „ 5—20000 „ 23 Kgr. Preufsen im Jahre 1843!) „ „ „ 20—100000 „ 34 „ „ „ über 100000 „ 49 Auf 1000 Einwohner kamen Handeltreibende (1891) 3 in Irland.40 „ Schottland.... 88 „ England und Wales 97 Ein Erwerbstätiger im Handelsgewerbe entfiel auf Einwohner in Österreich (1890) .... 79,7 4 5 Deutschland (1895) . . . 38,8® England und Wales (1891) 20,7 6 Woher stammt diese streitbare Armee von Händlern? Sind ihre Reihen „zufällig“, d. h. durch aufserhalb kapitalistischen Einflusses liegende Ursachenreihen zu der Stärke angeschwollen, in der wir sie heute antreffen? Oder läfst sich auch hier wiederum die Brücke zu der gesamtkapitalistischen Entwicklung schlagen? Unzweifelhaft das letztere. Zwar ist es erst ein späteres Stadium der Entwicklung, in dem das Kapital bewufst fördernd in den Gang 1 Mitgeteilt von Loria, Analisi, 2, 333. 2 Vgl. Band 110 und 111 der Statistik des D. R. 3 Census of 1891 im Fifth Annual Abstract of Labour Statistics of tlie U. Iv. (1898) p. 167. 4 Österr. Statistik a. a. O. 5 Stat.'des D. R. 119, 21. 6 Census of 1891. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. 340 insbesondere des Detailhandels, auf den ja unser Augenmerk in erster Linie gerichtet ist, eingreift. Aber die indirekte Wirkung kapitalistischer Wirtschaftsführung ist doch schon viel früher nachweisbar, wenn wir nach den Ursachen der Vermehrung des Händlertums in unserer Zeit fragen. Ich denke dabei vornehmlich an folgende Zusammenhänge: 1. der Kapitalismus schafft in wachsendem Mafse die Gewilltheit zahlreicher Personenkategorien, dem Handel zu dienen. Zunächst und vor allem dadurch, dafs er das sociale Werturteil der grofsen Massen zu Gunsten der Handelsthätigkeit verschieben hilft. Händler sein galt in der Zeit der handwerksmäfsigen Produktion und tauschwirtschaftlichen Absatzorganisation keineswegs als Ziel der Wünsche: die „Handwerkerehre“ war das naturgemäfse Ideal der grofsen Menge, der Ritter und Junker das der Herrschenden. Erst im Laufe der kapitalistischen Entwicklung gewinnt neben der gütererzeugenden und verzehrenden Thätigkeit auch die Handelsthätigkeit an Ansehn. Und heute gilt sie, zumal unter den Massen, als höchst erstrebenswertes Ziel: man drängt sich hinter den Ladentisch. Mit dieser Umwertung wird man auch die sog. „Emancipation der Juden“ in Verbindung bringen dürfen. Die jüdische Race ist — ob von Natur ob durch den Gang der geschichtlichen Entwicklung bleibt sich gleich — nach einer Seite ihrer Veranlagung gleichsam die Inkarnation kapitalistisch-kaufmännischen Geistes. Deshalb verachtet, so lange dieser nichts galt, geduldet und geschätzt, seit und wo er in Kurs gekommen ist. Was es für die innere Entwicklung des Handels bedeutet, dafs er grofsenteils in jüdischen Händen liegt, werden wir später noch zu erörtern haben. Hier war nur zu registrieren, dafs die freie Zulassung der Juden zu bürgerlichen Nahrungen abermals eine Stärkung der Vermehrungstendenz im Händler tum bedeutet. 2. Der Kapitalismus vermehrt aber auch das Menschenmaterial, aus dem die Händler, zumal die kleinen, sich rekrutieren können. Er vernichtet das alte Handwerk und läfst den ehemaligen Handwerker im sefshaften Detailhandel, in der Agentur etc. als Organ kapitalistischer Produzenten Unterschlupf finden: Beispiele dieserart haben wir viele in den letzten Kapiteln des ersten Bandes kennen gelernt. Er hebt den Arbeitslohn einer oberen Arbeiterschicht über das Minimum hinaus, das zur Bestreitung des notwendigen Lebensunterhalts dient und ermöglicht kleine Ersparnisse. Er vermehrt durch die Steigerung des Reichtums die Zahl derjenigen Personen, die den oberen Zehntausend zeitweilig zur Er- 350 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. leichterung und Verschönerung des Daseins sich darbieten und die nach einigen Jahren des Dienertums sich als kleine Ladeninhaber sociale Selbständigkeit erringen: Domestiken, femmes entretenues, Kokotten. Er vernichtet die alten bodenständigen Hausindustrien und Hausierhandwerke oder die alten Verkehrsgewerbe und liefert dem modernen Hausierhandel, der ihm selber dient, das Menschenmaterial *. Er wirft unausgesetzt beschäftigungslose oder abgebrauchte Elemente aus der Produktionssphäre heraus, die nun im Strafsen- handel ihren Unterhalt finden 1 2 u. s. w. u. s. w. 3. Der Kapitalismus schafft für zahlreiche Elemente, insbesondere vermögenslose Existenzen, erst die Möglichkeit, den Händlerberuf auszuüben. Dadurch zunächst, dafs er in entsprechender Weise die Absatzorganisation um wandelt: durch Schaffung der Zwischenglieder zwischen kapitalistischer Produktion und Detaillist (Engrossortimenter etc.), durch Entwicklung des Instituts der Reisenden, durch Kreierung neuer Geschäftsformen (Kommissionshandel etc.), worüber in einem anderen Zusammenhänge (vgl. unten S. 400 ff.) weiteres zu bemerken ist. Hier soll einer anderen Form Erwähnung geschehen, deren sich das Kapital bedient, um grofsen Mengen mittelloser Elemente das Händlerspielen zu ermöglichen: der direkten Förderung durch weitgehende Kreditgewährung und Erleichterungen aller Art. Von zwei Seiten her tritt hier das Kapital als Begünstiger des vermögenslosen Händlertums auf: als Produktionsund (Grofs)- Handelskapital einerseits, als Baukapital andererseits. Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, dafs heutigentags der kleine Händler, obwohl scheinbar selbstständig, im Grunde doch nichts anderes als das Organ des Produzenten oder Grossisten ist, die ihm die Waren geradezu in den Laden tragen, gegen langfristigen Kredit zu den günstigsten Bedingungen überlassen. Die in vieler Hinsicht instruktive Enquete, die von der Handelskammer Hannover über die Lage des Kleinhandels in Deutschland 3 veran- 1 Belege hierfür liefert im reichen Mafse die Hausiererenquete des Vereins für Socialpolitik: vgl. H. 3, 25 (Erzgebirge: Vermehrung der Hausierer infolge des Niedergangs des alten Fuhrwesens); H. 4, 370 (Benneckenstein: der moderne Hausierhandel entsteht, weil die Hausierer alten Schlages beschäftigungslos werden). HOe., 219 (Nordböhmen: die gleiche Erscheinung). Siehe den genauen Titel unten S. 356. 2 H. 1, 244; HOe., 61 („der Wanderhandel erscheint somit hier als eine Versorgung arbeitsunfähig gewordener Arbeiter“). 3 Die Lage des Kleinhandels in Deutschland. Ergebnisse der auf Veranlassung von Handelskammern, Handels- und Gewerbekammern und von wirtschaftlichen Vereinen angestellten Erhebungen. Herausgegeben von der H.K. Hannover. 2 Bände. 1899 und 1900. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. 351 staltet ist, liefert zahlreiche Belege für diese Thatsache: „Kredit wird von den Fabrikanten und Grossisten in liberalster Weise gewährt“ (Danzig 1,13); es „bürgert sich mehr und mehr der Brauch ein, dafs die Waren vom Verkäufer frei ins Haus geliefert werden. — Kredit wird durchweg gerne eingeräumt“ (Emden 1,16). „Der Einkauf ist auch Nichtkaufleuten sehr leicht gemacht, weil sie von Beisenden förmlich bestürmt werden. Das Bestreben der Grossisten und Fabrikanten, möglichst viel Ware zu hohen Preisen zu verkaufen, artet häufig für die vorhandenen Geschäfte zum gröfsten Nachteil aus. Die Reisenden drängen häufig geradezu ganz unfähige Personen zur Einrichtung von Geschäften, helfen hierbei oder lassen durch anderes Personal des betreffenden Lieferanten helfen. Auf diese Weise sind hier eine grofse Zahl von Geschäften von Nichtkaufleuten entstanden. Selbstvertändlich müssen die Waren von den betreffenden Lieferanten entnommen werden, wobei in weitestgehendem Mafse Kredit gegen Wechsel gewährt wird“ u. s. w. (Kreis Gifhorn: 1,36) x . Und wie es hier das Produktions- und Zwischenhandelskapital ist, das sich um Vermehrung und Erhaltung des kleinen Händlers müht, so anderswo das Baukapital. Seit in den gröfseren Städten die Baupolizei die Souterrainwohnungen nicht mehr zuläfst, ist das Streben allgemein geworden, das Erdgeschofs um so besser auszunützen. Das Vorteilhafteste ist aber immer die Errichtung eines Ladens: einer Bäckerei oder Molkerei, einer Droguerie, eines Bäudels, eines Blumenladens, eines Cigarrengeschäfts oder drgl. Vielfach richtet der Hausbesitzer die Räume gleich zweckentsprechend ein, läfst sie mit dem notwendigen Inventar ausstatten und gewährt dem Ankömmling, der in diesen Räumen sein Geschäft betreiben will, mindestens auf ein Vierteljahr Mietskredit. Unter dem einen Arm die Krücke des Hausbesitzers, unter dem anderen die des Grossisten oder Fabrikanten, so stehen viele Vertreter des kräftigen, staatserhaltenden Mittelstands unter den Krämern heutzutage da: ein schlagendes Gegenstück zu dem Kollegen aus dem Handwerk, der, wie wir gesehen haben, auch oft nur von Kapitals Gnaden seine Mittelstandschaft aufrecht erhält 1 2 . Aber was uns hier allein inter- 1 Vgl. noch ebenda S. 95. 111. 116. 139. Band 2, S. 27. Über „Kreditverschleuderung“ speciell in der Cigarrenbranche (die aber immer mehr auch für allerhand andere gewerbliche Erzeugnisse, wie Stöcke, Pfeifenspitzen u. dgl. in Betracht kommt) siehe Martin Bürgel, Der Berliner Cigarrenhandel in Schmollers Jahrbuch 21 (1897), 1413 ft'. - Vgl. über das parasitäre Kleinkrämertum von Kapitals Gnaden noch • 352 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. essiert, ist die Beobachtung, wie aus der kapitalistischen Entwicklung heraus vielerorts eine Vermehrung des der weiteren Entfaltung des Kapitalismus dienenden Händlertums notwendig folgt, auch ehe das Kapital selbst in die Sphäre wenigstens des Detailhandels eindringt. Dafs mit diesem Moment, der jetzt fällig ist, die Handelsthätigkeit abermals an Extensität und Intensität eine wesentliche Förderung erfährt, ist naheliegend. Wir kommen damit aber schon zu einer neuen Reihe von Erscheinungen, der wichtigeren: das ist (neben der Vermehrung des Händlertums) die innere Neugestaltung der Absatzorganisation selbst, der wir in den folgenden Kapiteln unser Augenmerk zuwenden müssen * 1 . Was der gewerbliche Kapitalismus beim Eintritt in seine neueste Phase an Organisationsformen des Warenabsatzes an letzte Konsumenten vorfindet, sind: 1. die Märkte, insbesondere Jahrmärkte; 2. der Hausierhandel alten Stils; 3. der sefshafte Kramhandel. Sämtlicher drei Einrichtungen bedient er sich für seine Zwecke, freilich in sehr verschiedenem Umfange, wie nunmehr zu zeigen ist. Wolfgang Heine, Die Socialpolitik des Handelsstandes im Archiv für soc. Ges.Geb. Band XI (1897), 281 ff. 1 Wissenschaftliche Litteratur, die das Problem universell behandelte, ist mir nicht bekannt. Vieles, was im folgenden näher ausgeführt ist, habe ich skizzenhaft schon behandelt in meinem Referat auf der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik zu Breslau (Schriften Bd. 89). Die wichtigste Quelle für das Thatsächliche sind die bekannten Fachzeitschriften: Der Konfektionär, Der deutsche Kaufmann u. a. Hauptquelle bleibt freilich gerade hier die eigene Anschauung. Sonst wären etwa noch zu nennen: die flott geschriebene Abhandlung von Walther Borgius, Wandlungen im modernen Detailhandel in Brauns Archiv Bd. XIII und die noch zu würdigende geistvolle Studie Kuno Ilegarts. Ferner: Die Notlage des kleinen Kaufmanns und die Hilfe des Gesetzgebers; Anhang des Jahresberichts der Handels-und Gewerbekammer Stuttgart für 1892 (deren Sekretär F. C. Huber ist); L. 0. Brandt, Gelegentliche Beobachtungen über den Kleinhandel in den Grenzhoten 1898. L. Pohle, Die neuere Entwicklung des Kleinhandels. 1900. Auch Grunzei in seinem System der Handelspolitik (1901) streift das Problem. — Weitere Speciallitteratur werde ich bei Erörterung der einzelnen Punkte namhaft machen. Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. A. Messen und Märkte. Die marktmäfsige Organisation des Handels — sowohl des Engros- wie des Endetail-Handels — spielte noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine grofse Rolle. Selbst J. G. H off- rn a n n, der gern sein Preufsen in der wirtschaftlichen Entwicklung um einige Jahrzehnte vordatiert, um es nicht allzu rückständig gegenüber den Kulturnationen des Westens erscheinen zu lassen, kann doch höchstens für die „Grofsstädte“ konstatieren, dafs sie den Märkten und Messen entwachsen seien, obwohl „eine tief ge- wurzelte Gewohnheit“ die grofsen Jahrmärkte selbst dort erhält, und mufs im übrigen zugeben, dafs „weiter herab im städtischen Leben sich die Jahrmärkte noch in ihrer alten Bedeutung (erhalten) und in der Region der kleinen Städte . . ihre Wichtigkeit für die Belebung des örtlichen Verkehrs sogar noch immerfort zu (nimmt)“ \ Andere Schriftsteller jener und sogar noch einer späteren Zeit schildern uns die alte Handelsorganisation noch fast völlig erhalten. „Die Messen und Märkte bestehen noch gerade so wie vor 50 Jahren. Das ganze System bestand bisher darin, dafs jeder Mefswarenhändler seinen langsamen Turnus durchs ganze Land macht, nach dem Kalender, so wie sich die Messen und Märkte aneinander reihen. Er besucht also die Stadt A. zur Dreikönigsdult, bleibt daselbst 14 Tage, dann zieht er nach der Stadt B und C und sofort und teilt so seine ganze Zeit unter die einzelnen Mefsorte aus 1 2 .“ Hier 1 J. G. Hoff mann, Befugnis S. 377/78. 2 A. von Holzschuher, Die materielle Not der unteren Volksklassen und ihre Ursachen. 1850. S. 86 ff. Eine durch viele klare Einsichten ausgezeichnete Schrift. Kaufleute und Industrielle, die noch die 1840er Jahre miterleht haben, haben mir die Richtigkeit der Darstellung im Text häufig bestätigt. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 23 354 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auf den Märkten und Messen der gröfseren Städte verproviantiert sich dann auch der stehende oder wandernde Landkramhändler. Grofsenteils freilich nicht beim Grossisten, sondern beim ansässigen Gewerbsmann, der zur Zeit der Märkte ebenfalls noch nach alter Sitte das „gewöhnliche Verkaufslokal verläfst und sich in gemietete Buden hineinsetzt“. Das Bild, das der Krammarkt einer gröfseren Stadt in jener Zeit gewährt, ist daher noch ein aufserordentlich buntes und mannigfaltiges. * Der Marktverkehr nun hat bei dem modernen gewerblichen Kapitalismus die geringste Gegenliebe gefunden. Wenn wir nicht etwa die noch zu erwähnende Wanderauktion und das Wanderlager als eine Umbildung des alten Marktverkehrs ansehen wollen, was aber kaum richtig wäre, so bietet in der That die urwüchsige Marktorganisation keinerlei Handhabe, um den Anforderungen des modernen Wirtschaftslebens angepafst zu werden. Die Geschichte der Jahroder Krammärkte in hochkapitalistischer Zeit ist daher wesentlich die Geschichte ihres Niedergangs, unterbrochen hier und da durch eine Periode des Stillstands. Dafs solche Perioden sich von Zeit zu Zeit einstellen, ja, dafs gelegentlich sogar einmal ein paar Jahre des Aufschwungs Vorkommen, ist ein Beweis, dafs die kapitalistische Industrie oder der Händler kapitalistischer Ware doch zuweilen sich auch der marktmäfsigen Organisation bedient 1 und deren Auflösungs- prozefs verlangsamt. Das ist das Ergebnis der Untersuchung eines Schülers von mir über die Entwicklung der Breslauer Märkte im 19. Jahrhundert 2 . Danach ergiebt sich, dafs einige Gruppen der auf den Jahrmärkten feil gebotenen Waren ununterbrochen an Absatz verlieren, andere hingegen während der 1870er und 1880er Jahre in ihrem Niedergange aufgehalten werden und sogar eine Ausdehnungstendenz aufweisen. Ersterer Kategorie gehören an: die Schuhmacher-, Töpfer-, Leinen-, Schnitt-, Böttcher-, Tischler- und Korbwaren; letzterer die Woll-, Galanterie- und Kurzwaren, Porzellansachen, 1 Ein in solchen Dingen meist gut unterrichteter Schriftsteller meint im Jahre 1867, „dafs zu den specifisclien Jahrmarktswaren Ladenhüter und Fabrikreste neben den Erzeugnissen der Kleinindustrie gehören“. A. Emming- haus, Märkte und Messen in der Viertelj ahrsschrift für Volkswirtschaft etc. 17 (1867), 74. - P. Kara-Mursa, Die Bedeutung der Jahrmärkte in der Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung der Breslauer Jahrmärkte. Bresl. In.Diss. 1900. Das Material, das über die Entwicklung der (Jahr-) Märkte in neuerer Zeit vorliegt, ist sehr dürftig. Aufser der genannten Arbeit ist mir eine zusammenfassende Darstellung, die vor allem statistische Angaben brächte, nicht bekannt geworden. t Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 355 Barchent, Pfeffer- und Honigkuchen, Ilutinacher- und Strohwaren. Es ist nun die Annahme nicht unberechtigt, dafs die letztere Kategorie von Waren deshalb eine Neubelebung des marktmäfsigen Absatzes während der 1870er und 1880er Jahre erfährt, weil die kapitalistisch hergestellten Erzeugnisse die Lücken der abnehmenden handwerks- mäfsig hergestellten Produkte ausfüllen. Freilich auch das nur auf kurze Zeit. Jetzt ist das Interesse des Kapitalismus an den Jahr- * markten offenbar völlig erkaltet, und auf der ganzen Linie sehen wir daher ein Zurückweichen dieser Organisation, die binnen kurzem völlig der Vergangenheit angehören wird, wenn wir, was statthaft erscheint, die Breslauer Ziffern als typisch ansehen wollen. Statistik der Krammärkte und ihrer Beschickung in Breslau. Jahre Zahl der Branchen j Die Durchschnittszahl der Verkaufsstellen Krammärkten für die an den Alle Waren 1 Scluihmacher- waren Leinenwaren Töpferwaren Schnittwaren Böttcherwaren Tischlerwaren Korbwaren Porzellansachen Wollwaren Galanterie- und Kurzwaren Pfeffer- und Honigkuchen Hutmacher- . waren Strohwaren Barchent 1863—69 82 4081 704 719 397 281 235 97 86 70 85 106 115 57 52 1870—74 75 5610 683 661 307 259 190 70 55 87 106; 103 118 54 43 _ 1875—79 75 3093 634 597 210 171 116 50 35 89 87 73 93 31 35 41 1880-84 75 1954 855 360 160 81 58 19 23 61 70 37 70 3 3 1 98 1885-89 70 1858 364 226 112 64 45 6 23 60 82 84 89 44 113 1890-94 36 1371 291 180 90 52 34 5 22 58 95 100 102 36 69 1895—98 28 934 185 90 64 35 20 1 8 33 68 80 96 28 41 Der Verfall der Krammärkte, ihr Verarm ungsprozefs wird noch deutlicher, wenn wir die obigen Ziffern mit den Bevölkerungsziffern Breslaus in Vergleich stellen. Durchschnittszahl Auf 1000 Ein- Jahre der Verkaufs- der Einwohner woliner kommen stellen in Tausenden Verkaufsstellen 1863-69 4081 176,3 23,1 1870—74 3610 216,2 16,7 1875—79 3093 253,7 12,2 1880-84 1954 284,6 6,9 1885-89 1858 312,5 5,9 1890—94 1371 349,7 3,9 1895—98 934 390,4 24 1 Seit 1880 unter „Filz- und Strohhüte“ zusammenrubriciert. 23* * t 85Ü Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. B. Der Hausierhandel. Vorbemerkung. Die Litteratur ist dürftig; es fehlt vor allem an Arbeiten, die dem Hausierhandel in seiner entwieklungsgeschichtlichen Bedeutung gerecht würden. Der Mehltau der „ethischen“ Betrachtungsweise legt sich auch hier frühzeitig auf die zarten Keime wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Folge ist, dafs die neuesten Schriften kaum über die Aufsätze Justus Mosers hinausgekommen sind, deren Titel für alle Abhandlungen über den Hausierhandel noch heute y die Art zu disponieren kennzeichnen: 1. Klage wider die Packenträger; 2. Schutzrede der Packenträger; 3. Urteil über die Packenträger. Vgl. Patriotische Phantasien. 1780. Bd. I. S. 219 f. Mir ist kein Punkt von Bedeutung gegenwärtig, den die neuere Litteratur den Möserschen Betrachtungen hinzugefügt hätte. Viel brauchbares Material hat die Enquete des Vereins für Socialpolitik zu Tage gefördert. Ihr Titel: a) „Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland.“ 5 Bände. 1898/99. Citiert II. 1, 2 u. s. w. b) „Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in ilsterreich.“ 1899. Citiert: HOe. c) „Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Schweden, Italien, Grofsbritannien und der Schweiz.“ 1899. Die „Untersuchungen“ bilden in obiger Reihenfolge die Bände 77 bis 83 der Schriften des Vereins für Socialpolitik. Letzterer hat das Thema auf seiner am 25., 26. und 27. September 1899 in Breslau abgehaltenen Generalversammlung abgehandelt (Referent W. Stieda). Die Verhandlungen bilden den 86.Band der f Schriften. Professor Stieda, der verdiente Leiter der eben erwähnten Enquete, hat über deren Ergebnisse aufserdem in einem Vortrage in der Gehe-Stiftung referiert, der separat u. d. T. „Das Hausiergewerbe in Deutschland“ erschienen ist (1899). Am umfassendsten ist das Thema in der neueren Litteratur behandelt von H. Röfsger, Eine Untersuchung über den Gewerbebetrieb im Umherziehen in den Jahrbüchern für Nationalökonomie. III. Folge. Band XIV (1897), S. 1-55. 204—269. Die Hausiererei ist eine uralte Form des Güterabsatzes; erheblich älter wahrscheinlich als der Marktverkehr und zu allen Zeiten auftretend, wenn es gilt, die auf dem Lande hergestellten bäuerlichen Nebenprodukte oder die Erzeugnisse specialisierter Handwerke an den Mann bezw. an die Frau zu bringen 1 . Wir 1 Sc. ehe sie der hausindustrielleii Organisation anheimfallen: „Der Packenträger ist ein wichtiger Mann für solche Fabriken (lies Handwerker), denen es an einem grofsen Verleger mangelt.“ J. Möser, a. a. 0. S. 222. Über den vorkapitalistischen Hausierhandel in Deutschland verbreitet sich Erhr. von Ulmenstein, Über einige Zweige des Handelsverkehrs, und insbesondere über den Hausierhandel in Raus Archiv der politischen Ökonomie und Polizeiwissenschaft. Bd. I (1835), S. 215 ff. Mancherlei Ergänzungen hierzu bringen die Untersuchungen des V. f. S.-P. Ein besonders ergiebiges Feld bilden die Jahrhunderte alten Klagen der ortsangesessenen Krämer und f Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 357 haben früher (vgl. Band I S. 96) unterschiedliche Fälle des hausier- mäfsigen Vertriebs gewerblicher Erzeugnisse in einer Epoche kennen gelernt, in denen es andere als bäuerliche oder handwerksmäfsige Produktion überhaupt nicht gab. Und durch alle folgende Zeit hindurch, bis in unser Jahrhundert hinein, erfahren wir von Hausiererei mit selbsterzeugter oder von Handwerkern gekaufter Ware. Unter den Formen vor- und frühkapitalistischen Güterabsatzes aber nimmt der Hausierhandel fast die oberste Stufe ein. Zwar kann er selten, was die Auswahl anbetrifft, weder mit dem sefshaften Detailhandel noch mit den Jahrmärkten konkurrieren. Aber von „Auswahl“ ist in jenen Zeiten überhaupt nur in bescheidenem Umfange die Rede. Während auf der anderen Seite der Hausierhandel wesentliche Vorzüge für den Warenproduzenten vor den beiden anderen Handelsformen voraus hatte * 1 . Der Hausierer ist es, der zuerst den Konsumenten angreift; der damit nachfragesteigernd wirkt. Er ist es, der sich den Bedürfnissen, den Zahlungsfähigkeiten des Kunden am ehesten anzupassen versteht. Er ist es, der die specifisch kaufmännisch-spekulativen Charaktereigenschaften, den ökonomischen Rationalismus zuerst auch als Detailleur entwickelt, zumal ihm im Laufe der Jahrhunderte viel jüdische Elemente Zuströmen. Man vergleiche etwa den Hausierer bei Shakespeare, wo er bekanntlich eine grofse Rolle spielt 2 , mit demjenigen, den in seiner drolligen Manier der alte Möser schildert 3 , und man wird diese übereinstimmenden Züge an beiden Typen wieder iinden. Unter diesen Umständen finden wir es begreiflich, dafs die Handwerker über den Hausierhandel, die von uns als Quellen der Erkenntnis für die Ausdehnung und Art der H. H. in früherer Zeit häufig von Wert sind (vgl. z. B. II. 1, 145 f. 413 f.; 2, 62 f.; 4, 206 f. 246 f. 301). Für Österreich vgl. G. von Thaa, Das Hausierwesen in Österreich (1884) S. 51'., und HOe.; für England A. Tille, in den Schriften des Y. f. S.-P. Bd. 83, S. 56 ff.; für Italien, wo noch heute die Hausiererei wesentlich vorkapitalistische Absatzform ist, Babbeno-Conigliani, ebenda S. 19 ff. 1 Es ist daher ganz verkehrt, wenn J. G. IIoffmann, Befugnis S. 240 f. zu seiner Zeit den Hausierhandel als eine dem marktmälisigen Warenvertriebe schlechthin inferiore Absatzorganisation bezeichnet und meint, „die Fortdauer des Gewerbebetriebs im Umherziehen auf der Bildungsstufe, worauf sich Deutschland und besonders (!) auch der preufsische Staat befindet, (sei) eine merkwürdige Erscheinung“. 2 Die Stellen der Shakespearesclien Dramen, die von den I’edlars handeln, sind bei A. Tille, a. a. 0. S. 60 f. zusammengestellt. 3 A. a. 0. S. 220 f. „Kurz,“ schliefst er seinen Sermon, „der Packenträger ist der Modekrämer der Landwirtinnen, und verführt sie zu Dingen, woran sie ohne ihn niemals gedacht haben würden.“ 358 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. kapitalistische Industrie, ebenso wie der kapitalistische Zwischenhandel zunächst sich gern der Hausierer zum Vertrieb ihrer neu in den Handel gebrachten Waren bedienen, für die beim Publikum erst Stimmung gemacht werden soll. Schon unter den Beispielen, die Tille für das England des 16. und 17. Jahrhunderts, die Möser für das damalige Deutschland und Frankreich, die Ulmenstein für die 1830er Jahre an Hausiererei aufzählt, läuft mancher Fall kapitalistisch erzeugter oder vertriebener Ware mit unter. Aber auch noch in der Gegenwart stofsen wir hier und da auf Hausierer, die ganz ausgesprochen nichts anderes als Organe kapitalistischer Warenproduzenten und Händler sind. Insbesondere ist die Form des hausiermäfsigen Absatzes beliebt, um neue Artikel einzubürgern 1 , um sog. Partiekäufe unterzubringen, um der Mode stark unterworfene Gegenstände zu vertreiben und — last not least — um unverkäuflichen Schund, sog. Ausschufsware oder Ladenhüter noch loszuschlagen 2 . Wie sehr dem Kapitalismus in vielen Fällen an der Hilfe des Hausierers gelegen ist, vermag man aus der Art und Weise zu schliefsen, wie man ihn umwirbt und umschmeichelt. Scharen von Fabrikanten oder Gesellschaftsreisenden drängen sich in der Zeit, in der er an seinen Wohnort zurückgekehrt ist, um ihn zu Bestellungen zu veranlassen. Dasselbe Bild im Sauerland 3 wie in Hohen- zollern 4 5 , auf dem Eichsfeld 6 wie in der Provinz Sachsen 6 , in Köln 7 wie im Böhmerlande 8 . Und die Innigkeit des Liebeswerbens wird ersichtlich an der überaus liberalen Gestaltung der Lieferungsbedingungen, von der wir oben schon Kenntnis genommen haben. 1 Röfsger, a. a. 0. S. 245 f. Daselbst eitiert: H.K. Liegnitz 1891. H.K. Leipzig 1893. Dr. Gensei auf der Versammlung zur Bekämpfung des unlauteren Geschäftsgebalirens. 18./19. Sept. 1894. Vgl. die von R. Stegemann unter dem Titel: „Unlauteres Geselläftsgebahren“ herausgeg. Sammlung von „Typischen Fällen“, Berichten etc. 2 Bde. 1894. 2, 132. 2 II. 1, 394; 4, 148. 444. HOe., 12 ff. 130. 185. Röfsger, a. a. 0. S. 249. Mancherorts giebt es Fabriken und Handlungshäuser, namentlich der Manufaktur-, Kram-und Kurzwarenbranche, die besondere Verkaufsabteilungen für Hausierer einrichten. Für Köln vgl. H. 4, 444. 3 H. 1, 200: in Winterberg, dem Mittelpunkt des Sauerlandes, hat sich sogar eine Messe etabliert, auf welcher den Hausierern an Ort und Stelle Auswahl der Waren angeboten wird. 4 H. 4, 264. 5 H. 4, 326. 6 II. 4, 374 (Benneckenstein). 7 H. 4, 444. R HOe., passim. Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 359 „Von vielen Firmen wird den Leuten der Kredit geradezu nach- seworfen,“ dieses Urteil eines der Berichterstatter in der Hausier- o / enquete des V. f. S.-P. darf getrost als typisch für aufserordentlich viele Fälle gelten 1 . Wie wirksam aber die Thätigkeit des Hausierers häufig genug für die Verbreitung von Waren kapitalistischer Herkunft ist, vermag man wiederum aus den allerorts erschallenden Klagen der Handwerker zu entnehmen 2 3 . Auch in der Statistik spiegelt sich dieses Interesse der kapitalistischen Unternehmer am Hausierhandel wider. Wir beobachten zunächst im 19. Jahrhundert allerorts ein starkes Anwachsen der Zahl der Hausierer, die überwiegend der Zunahme des kapitalistischen Hausierhandels, wenn dieser etwas saloppe Ausdruck statthaft ist, zuzuschreiben ist: geht ja doch der urwüchsige Hausierhandel in derselben Zeit vielerorts zurück. Bekannt sind die Ziffern, die die Zunahme der preufsischen Hausierer in den 1850 Jahren zum Ausdruck bringen. Während ihre Zahl von 1837—1849 nur unwesentlich gestiegen war — von 15 753 auf 16 724 — betrug sie 8 : 1852 20404 1855 21214 1858 22497 1861 44411 Der eigentlich entscheidende Aufschwung der Hausiererei liegt aber erst in den folgenden Jahrzehnten, für die uns leider die genauen Ziffern für ein gröfseres Gebiet nicht zu Gebote stehen. Aber alle Berichte stimmen darin überein, dafs namentlich seit Ende der 1860er Jahre in Deutschland die Blütezeit des modernen Hausierhandels anhebt. „Juden und Judengenossen,“ schreibt ein Schriftsteller von jener Zeit, „machten das Land mit ihren Imitationsartikeln unsicher. Die Industrie unterstützte sie darin 4 ;“ „in den 1870er Jahren ging auch der Hausierhandel mit Weifswaren und Schnittwaren bedeutend vorwärts 5 6 ;“ die Blütezeit der Leinwand- 1 Obiges Urteil bezieht sich auf das Fichtelgebirge (H. 1, 309). Analoge Verhältnisse konstatiert für Deutsch-Kravarn in Schlesien H. 1, 64; Braunschweig 1, 114; Hohenzollern 4, 264 u. a. a. O. 2 Dafür bietet die Handwerkerenquete des V. f. S.-P. zahlreiche Belege. Siehe die Stellen s. v. „Hausierhandel“ in U. IX, 709 f. 3 Schmoller, Kleingewerbe, 246. 4 H. 1, 71. 5 H. 1, 310. 6 H. 1, 458 f. Siehe umstehend Seite 360. 360 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. hausiererei fällt in die 1860er Jahre G ; bisweilen ist in übertriebener Weise hausiert worden 1 . Diese Nachblüte der kapitalistischen Hausiererei dauert — je in den verschiedenen Gebieten verschieden — bis in die 1880er, teilweise bis in die 1890er Jahre, ja sogar bis in die Gegenwart an. Im allgemeinen läfst sich aber die Behauptung aufstellen, dafs heute derHausierhandel auf der ganzenLinieim Rückgänge begriffen ist, abgesehen vielleicht von jener eigentümlichen Spielart des grofsstädtischen Strafsenhandels. Dieser jedoch, der ungefähr die gleichen Entwicklungsgesetze aufweist wie das Zuhälter- tum, die Tingeltangels oder die Syphilis, ist nur mehr eine Fäulniserscheinung grofsstädtischer Kultur, die für den normalen Verlauf des Wirtschaftslebens kaum noch ernstlich in Betracht kommt. Sieht man von diesem Grofsstadtshandel ab, so lassen die uns bekannten Ziffern keinen Zweifel darüber, dafs der Hausierhandel (der in seiner urwüchsigen Gestalt längst schon im Aussterben begriffen ist) auch als Organ kapitalistischer Wirtschaft seine Rolle ausgespielt hat. Wie gewöhnlich vermögen die Ziffern der allgemeinen Berufsund Gewerbezählung auch hier nur Annäherungswerte zu geben. Immerhin reden die Ziffern eine genügend deutliche Sprache. Die deutsche Berufszählung ermittelte Erwerbstätige im Hausierhandel (C VI = 1895) 2 3 : 1882 = 65 014 Personen 1895 = 43 947 Dafs im grol’sen Ganzen diese Ziffern den Stand der Dinge richtig widerspiegeln, ersehen wir aus den Einzelberichten der Enquete des Vereins für Socialpolitik, soweit hier Ziffern mitgeteilt werden. Diese Berichte ergeben aber das weitere Resultat, dafs seit 1895 der Auflösungsprozefs des Hausierhandels erst recht begonnen hat. Hier ein paar Belege: In Braunschweig 8 : Maximum wird 1893 erreicht (3216 Hausierer), 1 H. 1, 164. 182. 2 Statistik des Deutschen Reichs Bd. 111. S. 45*. Die in demselben Bande S. 237 ff. angestellten Berechnungen kommen für 1895 zu einer Gesamtziffer von 126885 Hausierern, indem sie alle Wanderhandwerker, alles fahrende Volk etc. zu den eigentlichen Hausierern hinzurechnen. Leider ist die entsprechende Zusammenstellung für 1882 nicht gemacht. Für unsere Zwecke genügen jedoch vollkommen die im Text angeführten Ziffern, die den Hausierhandel im eigentlichen Sinne umfassen. Was durch sie sichergestellt wird, ist der bedeutende Rückgang der Hausiererei. 3 II. 1, 90. Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 361 seitdem stetiger Rückgang (1897 = 2362); in Breslau 1 : Maximum 1889: 7317 ausgestellte Scheine, dann Rückgang: 1896 = 6735 Scheine; Fichtelgebirge bis etwa 1893 Aufschwung, dann beginnen Klagen über Rückgang 2 ; im R.-B. Kassel ist der Hausierhandel neuerdings in der Abnahme begriffen 3 ; in Elsafs - Lothringen : Maximum 1895, seitdem Rückgang 4 ; Württemberg: bis 1887 ungefähr gleichbleibende Ziffern, dann Rückgang 5 ; Bayern: Maximum 1885, seitdem Abnahme oder Stillstand 6 . Anbetrachts dieser genaueren Ermittlungen erscheint die „Übersicht“ veraltet, welche dem Reichstag als Material bei Beratung der Gewerbenovelle des Jahres 1896 vorgelegt wurde 7 , in der die Zahlen der in den Jahren 1884—93 ausgestellten Wandergewerbescheine für Hausierer mitgeteilt werden. Denn seit 1893 hat der Verfall der Hausiererei, wie wir sahen, vielerorts erst recht begonnen. Immerhin bestätigen jene Ziffern die Richtigkeit der Annahme, dafs der Rückgang des Hausierhandels schon in den 1880er Jahren einsetzt. Nach jener Zusammenstellung wurden Wandergewerbescheine erteilt: 1884 212341 1885 215 272 1886 219132 1887 220770 1888 222900 1889 225 925 1890 225074 1891 224974 1892 225152 1893 226364 Zunächst ist zu bemerken, dafs die Ziffern der ausgestellten Wandergewerbescheine noch keinen sicheren Rückschlufs auf die Bewegung der Wandergewerbe selbst gestatten. Insbesondere kann eine Vermehrung der Wandergewerbescheine — und ist es häufig! — Zeichen des Rückgangs sein. Es kann nämlich unter Umständen daraus nur dieses resultieren, dafs der Hausierer genötigt ist, sein 1 H. 1, 58. 2 H. 1, 310. 3 H. 1, 164. 182. 4 H. 4, 12 ff. 5 H. 4, 137. Genauer H. 1, 464 ff. 6 Statistisches Jahrbuch für das Kgr. Bayern. 1894 ff. 7 Nr. 85 der Drucksachen des Reichstags. 9. Legislaturperiode IV. Session 1895/96. S. 22/23. I 3(52 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Absatzgebiet, seine Wanderzone auszudehnen (infolge verschlechterter Absatzverhältnisse), wodurch er in die Lage versetzt wird, mehr Wandergewerbescheine (d. h. für mehrere deutsche Bundesstaaten) als bisher zu lösen. Aber auch ohne diese Eventualität in Betracht zu ziehen, bestätigen die mitgeteilten Ziffern den auf verschiedenen Wegen übereinstimmend gefundenen Rückgang der Hausiererei: bis 1889 noch ein leises Aufsteigen, seitdem Rückgang oder Stillstand selbst in den absoluten Ziffern, geschweige erst im Verhältnis zur ’ ?T Bevölkerung oder gar (worauf es doch ankommt) zu den Gewerbetreibenden. Völlig evident aber wird der rasche Auflösungsprozefs, dem der Hausierhandel in der Gegenwart anheimgefallen ist, wenn wir in Betracht ziehen, dafs nicht nur die Zahl der Hausierer sich rapid vermindert (man denke in den 13 Jahren von 1882—1895 schon um ein Drittel!), sondern zudem sich der Umsatz des einzelnen stark verringert*, dafür enthalten die Berichte unserer Enquete abermals eine Reihe lehrreicher Belege 1 . Dieser Entwicklungsgang der Hausiererei, insbesondere der jüngeren der beiden Schwestern, der kapitalistischen Hausiererei, erscheint nun aber auch ohne weiteres für denjenigen selbstverständlich, der die Neugestaltung der Absatzorganisation in der Gegenwart mit offenem Auge verfolgt hat. Der Kapitalismus griff zur Hausiererei, weil er zunächst noch keine anderen Formen des Warenvertriebes, die ihm den gleichen Dienst leisteten, vorfand. Er mufste sie in dem Augenblick fallen lassen, in dem es ihm gelungen war, solche höhere Formen der Absatzorganisation ins Leben gerufen zu haben. Dieser Augenblick ist in Deutschland seit einer Reihe von Jahren eingetreten. Seit ein paar Jahrzehnten beobachten wir, wie auf zwei Wegen der Kapitalismus seinem Ziele sich nähert, eine seinen Intentionen gemäfse Organisation des Warenabsatzes zu schaffen: durch eine entsprechende Umgestaltung, d. h. also Modernisierung des urwüchsigen alten sefshaften Detailhandels einerseits, durch Schaffung eines Systems direkter Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten andererseits. Der Fortgang unserer Untersuchungen führt uns somit zu einer Betrachtung dieser beiden gekennzeichneten Entwicklungsreihen. 1 Vgl. z. B. R.B. Düsseldorf. Zunahme der Scheine, aber Abnahme des Steuerbetruges um ca. 15 °/o in den Jahren 1889—95 (H. 1, 212 ff.); desgl. im Saargehiet (H. 1, 295), Köln (H. 4, 440), R.B. Kassel (H. 1, 164). Die gleiche Erscheinung in Österreich, für das eine Anzahl genauer Umsatz- und Verdienstberechnungen vorliegt: HOe., 140/41 (Böhmen), 274 (Galizien). Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 363 Vorher möchte ich jedoch noch mit wenigen Worten einer Absatzform Erwähnung thun, die häufig im Zusammenhänge mit dem Hausierhandel genannt wird und auch mancherlei verwandte Züge mit ihm aufweist; ich meine C. Wanderlager und Wanderauktionen b ■>, Nach der neuen deutschen Gesetzgebung versteht man unter dieser Bezeichnung solche Unternehmungen, in welchen aufser- lialb des Gemeindebezirks des Wohnorts des Unternehmers, ohne Begründung einer gewerblichen Niederlassung und aufserhalb des Mefs- und Marktverkehrs von einer festen Verkaufsstelle aus (Laden, Magazin, Zimmer, Schiff oder drgl.) vorübergehend Waren — gleich ob zum Verkauf aus freier Hand oder im Wege der Versteigerung — feilgeboten werden. Es handelt sich somit um eine Art von Zwitter zwischen Hausiererei und sefshaftem Handelsbetrieb; um sefshafte Handelsunternehmungen, ist man versucht zu sagen, die im Umherziehen betrieben werden: von jenen haben die Wanderlager das Merkmal der ladenmäfsigen Auswahl und Anordnung, von diesen das Merkmal des vorübergehenden Aufenthalts. Auch wandernde Marktbuden könnte man sie heifsen. Jedenfalls ist dieses klar: es handelt sich bei dieser Absatzfonn um rein aus kapitalistischem Geiste geborene Gebilde. Und es hat eine Zeit lang den Anschein gehabt, als ob die Einrichtungen der Wanderlager und Wanderauktionen zu grofsen Dingen bestimmt seien. Wenigstens mufs man das entnehmen aus dem Interesse, das ihnen namentlich in den 1870er Jahren entgegengebracht wurde. Damals waren sie für die sefshaften Herren Krämer etwa derselbe Bubu wie heute die Bazare 1 2 . Und den Klagen der bedrohten Mittelstandspolitiker verdanken wir die einzige Erhebung, die über die Wanderlager gemacht ist. Danach wird allerdings als fest- 1 Litteratur vakat. Die Schrift von S. Marx, Die Wanderlager. Eine volkswirtschaftliche Studie (2. Aufl. 1886) ist ein dürftiger Auszug aus der p amtlichen, im Reichskanzleramt zusammengestellten Enquete des Jahres 1878 (Nr. 186 der Drucksachen des Reichstags 3. Leg.Per. II. Sess. 1878), die für die ältere Zeit unsere Hauptquelle bildet und der für die Gegenwart nichts an die Seite zu stellen ist. Einiges Material findet sich in der Hausierenquete des Y. f. S.-P.; vgl. nam. H. 5, 254 ff. (für Baden). 2 Ein Stimmungsbild aus jener Zeit giebt das Referat L. Brentanos über eine Enquete der Gewerbekammer Zittau betr. Wanderlager und Wanderauktionen in der Lausitz in seinem und Holtzendorfs Jahrbuch 1 (1877), 627 f. V 364 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. stehend angenommen (S. 5), „dafs sich die Wanderlager in neuerer Zeit nicht unerheblich vermehrt haben“, während die Wanderauktionen kaum so grofse Verbreitung gefunden haben (S. 7). Die Wanderlager handeln alle möglichen Waren: Manufaktur- und Modewaren, Kleiderstoffe und Gewebe aller Art; Weifs-, Strumpf- und Schnittwaren einschliefslich fertiger Wäsche und abgepafster Gedecke; fertige Kleider, hauptsächlich für Herren; Tisch- und Bettdecken, Teppiche; Putzsachen, Posamentierwaren, Nähutensilien; Schuhwaren, Hüte, Mützen, Schirme; Schreibmaterialien; Eisen-, Stahl- und Blechwaren; Gold-, Silber- uud Alfenidewaren, Uhren; Glas-, Porzellan-, Steingut und irdene Waren; Marmor- und Alabasterwaren; Korbwaren und Bürsten; Seifen und Parfümerien; Tabake und Cigarren; Weine und Liköre (S. 13). Für die in den Wanderlagern vorkommenden Waren werden folgende Q.uellen angegeben (S. 18): 1. Lagervorräte grofsstädtischer Magazine, welche sich der nicht mehr gangbaren, der zurückgesetzten und der nach Ablauf der Saison übrig gebliebenen Bestände durch Partienverkäufe entledigen ; 2. Warenreste, welche am Schlüsse von Messen und Jahrmärkten von den Grofshändlern abgegeben werden; 3. Warenlager solcher Geschäfte, welche zur Auflösung bestimmt sind und durch Ausverkauf sich der Bestände entledigen; 4. Konkursmassen und Warenlager solcher Geschäfte, welche vor dem Konkurse stehen oder aus anderen Gründen um jeden Preis bares Geld beschaffen müssen und durch Schleuderverkäufe zu beschaffen suchen; 5. Verkäufe aus Lombardbeständen und aus Pfand- und Rückkaufsgeschäften ; 6. Fabriken, welche für die Wanderlager unmittelbar liefern. Uber die Waren letzterer Herkunft wird noch besonders bemerkt, dafs es sich meist um fehlerhafte, um sog. „Schundware“ oder direkt um betrügerischen Zwecken dienende Ware handelt. „Für diese sind die Wanderlager die vorzüglichsten und in einzelnen Branchen vielleicht die einzigen Abnehmer“ (S. 19). Es scheint nun aber, als ob die Wanderlager und Wanderauktionen keine nachhaltige Entwicklung aufzuweisen haben, als seien es vielfach in der That schwindelhafte Unternehmungen gewesen, die einer früheren Periode des Geschäftsverkehrs angehören, oder aber als seien ihre Funktionen von den überhandnehmenden stehenden Schleuder- oder Schundbazaren in neuere Zeit über- Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 365 nommen worden. Wenigstens lassen darauf die wenigen, aber sehr beweiskräftigen Ziffern scbliefsen, die wir über die weitere Entwicklung der Wanderlager und Wanderauktionen besitzen. In den 1870 er Jahren wurde konstatiert, dafs sie mit besonderer Vorliebe die gröfseren Städte aufsuchten. Dort sind sie nun aber heute offenbar gänzlich bedeutungslos geworden. So betrug beispielsweise in Breslau nach den Verwaltungsberichten dieser Stadt 1 die Zahl der Vereinnahmte Steuer in Mk. Wanderauktionen W anderlager- verkäufe beide zusammen 1889/90 10 1 ii 550 1890/91 2 1 3 1000 1891/92 3 4 7 500 1892/93 — — — — 1893'94 1 — 1 50 1894/95 3 1 4 200 1895/96 4 — 4 200 1896/97 2 4 6 300 1897/98 1 2 3 150 In den 9 Jahren) 1889/90 —1897/98 / 26 13 39 3050 Ganz ähnliche Ziffern liegen für andere Grofsstädte vor 2 3 * * * * . Aber auch in den kleineren Städten und auf dem flachen Lande sind die Wanderlager und Warenauktionen scheinbar zu keiner Bedeutung gelangt. Wenigstens lassen darauf die Ziffern schliefsen, die wir für das Grofsherzogtum Baden besitzen und die uns ein Bild von der Entwicklung während der Jahre von 1867 bis 1895 gewähren 8 . Es wurden im ganzen Grofsherzogtum Baden 1 Verwaltungsberichte der Stadt Breslau bezw. für die Jahre 1889/92, 1892/95, 1895/98. 2 So waren 1600 Mk. Einnahme aus der Wanderlagersteuer in den Etatsjahren 1880 und 1893 der Höchstbetrag seit Erlafs des Wanderlagersteuergesetzes vom 27. Febr. 1880, den die Stadtgemeinde Köln vereinnahmte. Vgl. Bericht etc. der Stadt Köln für das Etatsjahr 1898. S. 185. 3 Die Ziffern für die Jahre 1867—76 sind der Enquete des Jahres 1878 (S. 11), diejenigen für die folgenden Jahre dem Jahresbericht des Grofsherz. Ministerium des Innern 1889—96 entnommen; letztere mitgeteilt in H. 5, 259. Im Jahre 1876 werden die Wanderbetriebe schärfer zur Steuer herangezogen. 3ö6 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Wanderlager zur Steuer veranlagt von den Wanderlagern Steuer erhoben in Mk. 1867 284 782 1868 213 794 1875 244 •2180 1876 294 3122 1882/88 in maximo 184 2270,99 — in minimo 110 834,10 1889 136 1893,48 1890 158 1358,64 1891 176 1294,52 1892 144 1182,74 1893 132 1560,58 1894 79 934,05 1895 89 817,51 Also eine deutliche Tendenz zum Rückgang und in Summa heute eine Quantitd ndgligeable. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation des sefsliaften Detailhandels. A. Der alte haiidwerksmäl'sige Detailhandel. Der sefshafte Detailhandel ist nicht viel lungeren Datums als der Markthandel oder die Hausiererei. Seit dem 13. Jahrhundert haben wir Kunde von seiner Existenz und fast auch schon von seiner Art 1 . Wir wissen bis ins einzelne, was ein „mercier“ im 14. Jahrhundert an Waren feil hatte 2 und wie der „Laden“ in den Städten des Mittelalters ausschaute. Denn offenbar handelt es sich in allen Anfängen des Detailhandels um ein noch undifferenziertes Warenlager, einen sog. Kram, in dem ungeschieden noch alles zum Verkauf stand, was überhaupt von einem besonderen Detaillistenstande vertrieben wurde 3 . Wie wir ihn noch heute in extensiven Verkehrsgebieten antreffen, wo in der „Gemischtwarenhandlung“ etwa folgende Kostbarkeiten dem Besucher in die Augen fallen, gegebenenfalls auch wohl in die Nase stechen: Kolonialien, Konfekt, Spirituosen , Cigarren , Rauch-, Kau-, Schnupftabak, Schiefertafeln, Papier und andere Schreibutensilien, Stoffe, Nähutensilien etc., Spaten, Ketten, Sensen, Peitschen, Petroleum, Farben, Heringe, Sirup etc. 4 In intensiveren Verkehrsgebieten, den gröfseren Städten, hatte sich jedoch schon in vor- bezw. früh- 1 Siehe z. B. Martin-Saint-Leon, Histoire des corporations (1897) p. 166 nach dem Livre des metiers tome IX und X. 2 Ygl. z. B. Levasseur, Hist, des classes ouvr. 1, 832. 8 Die Lübecker Bürgerrolle von 1353 erlaubt den Krämern zu verkaufen: Kolonialwaren, Bohstoffe, Manufaktur- und Kurzwaren. Wehr mann, Lüh. Zunftrollen, 272 ff. Ähnliche Zustände in Breslau. W. Borgius, Wandlungen, S. 44. 4 Vgl. auch z. B. die Liste der Waren, die ein „Dorfkrämer“ im 18. Jahrhundert führen durfte, etwa hei Herold, Rechte der Handwerker (1841). S. 85. 308 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. kapitalistischer Zeit eine Umgestaltung und Weiterbildung in der Weise vollzogen, dafs die ursprünglich einheitliche Warenhandlung sich in verschiedenen Läden differenzierte, wodurch dasjenige entstand, was wir ein „Branchengeschäft“ nennen wollen. Da von diesem Zustande, wie er durch die Existenz der Branchengeschäfte geschaffen war, die moderne Entwicklung ihren Ausgangspunkt nimmt, so sei im folgenden einer kurzen Schilderung dieses Status quo ante Raum gegeben. Das Gemeinsame aller Branchengeschäfte war, dafs sie den Kreis der von ihnen geführten Artikel nach der Herkunft der Waren umschrieben. Für den Vertrieb der Rohstoffe sorgten zwei Arten von Geschäften, von denen die einen im wesentlichen alles feilboten, was von fern her, insbesondere vom Auslande kam, die andern das übrige. Jene Auslandswarengeschäfte sind die Materialwaren-, Kolonialwaren-, Spezereiwaren- etc. Läden, deren Inhaber „Materialisten“ hiefsen. Ein Blick auf die Liste der Waren, die den „Materialisten“ nach den Berliner und Dresdener Taxordnungen vom Jahre 1764 zu führen erlaubt waren *, überzeugt uns von der ausschliefslichen Auslandsqualität fast aller gehandelten Artikel: denn auch alle Öle, die meisten Farbstoffe, der Zucker etc. sind ja in jener Zeit noch exotischer Provenienz. Die Inlandsrohstoffgeschäfte sind unter dem Namen der Landesprodukten-, Produkten-, Viktualien-, Vorkosthandlungen, der Gräupner, Bäudler etc. noch heute vielfach ihrem ursprünglichen Wesen gemäl’s gekennzeichnet. Gewerbliche Erzeugnisse wurden im wesentlichen in vier (bezw. fünf) Arten von Detailgeschäften verhieben: 1. Textilwaren in den sog. Ausschnittgeschäften, Schnittwarenhandlungen, Manufakturwarenhandlungen, wo noch ohne Unterschied alle „Ellenwaren“ gehandelt wurden oder, im Fall weitergehender Differenzierung, in besonderen Tuch-, Baumwollwaren-, Leinwandhandlungen. Was der Käufer bezw. die Käuferin hier fanden, waren also im wesentlichen die Elemente der Kleidung, die dann im Hause oder bei Lohnhandwerkern weiter verarbeitet wurden. Zur Ergänzung diente eine Reihe von Zuthat- geschäften, wie beispielsweise die Zwirnhandlungen, deren es in Breslau (nach dem Adrefsbuch) 1846 noch 28 gab, während die Nadeln im Eisenkram, die Besätze beim Posamentierer gekauft werden mufsten. Die anderen Geschäfte, in denen die gewerblichen Erzeugnisse feilgehalten wurden, waren: 1 Mitgeteilt in Bergius’ Neuem Policey- und Cameralmagazin 4(1778), 152 f. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefshaften Detailhandels. 369 2. die Stahl-, Messing-, Eisen Warenhandlungen; 3. die Glas-, Porzellan-, S t e i n g u t handlungen; 4. die Galanterie- oder Nürnbergerwarenhandlungen, in denen alle Sorten Kurzwaren zusammengefafst waren, deren ursprünglich gemeinsame Herkunft ebenfalls noch im Namen zum Ausdruck kommt. Endlich sind hier noch zu nennen 5. die Altwarenhandlungen, die, wie schon an anderer Stelle hervorgehoben wurde, in früherer Zeit, bei den so viel längeren Abnutzungsperioden aller gewerblichen Erzeugnisse, eine erheblich viel gröfsere Rolle spielten als heute 1 . Aber wenn auch solcherart das äufsere Gepräge einer Detailhandlung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts um einiges abwich von der, die sie ein halbes Jahrtausend früher trug: so gut wie ganz unverändert in all der Zeit war ihre Organisation, war vor allem ihr Geist geblieben. Beide bewegten sich noch durchaus in handwerksmäfsig-patriarchalischem Geleise. Die Anzahl der Hilfspersonen, wo solche überhaupt gehalten wurden, war gering. Noch 1858 wurden in Preufsen (nach Dieterici) auf 39 829 selbständige Handeltreibende nur 22907 Handlungsangestellte gezählt. Und selbst in einer grofsen Stadt wie Breslau hielten in oben genannten Branchen (einschliefslich sogar dem Grofshandel: T. O. Schröter!) 518 Inhaber nur 827 Gehilfen. Und zwar müssen wir uns die Gröfse der Handelsbetriebe ziemlich gleich vorstellen: es standen die meisten dem Durchschnitt nahe. Weder von ganz proletarischen Eintagsexistenzen, noch gar von Riesenunternehmungen war die Rede. Dafs Gehilfen- und Principalschaft in patriarchalischem Verhältnis zu einander standen, ist selbstverständlich. Es war der Kram eine Art Familieninstitution, wie die handwerksmäfsige Produktion. Die Thätigkeit der Detailleure war nach Umfang wie Inhalt seit Generationen die gleiche, rein handwerksmäfsig- mechanische geblieben. Die geringe Handelsentfaltung, wie sie die gering entwickelte Produktivität selbstverständlich machte, die Ständigkeit und Stetigkeit aller Verhältnisse, die festgefügte Kundschaft, alles wirkte zusammen, dem Detailhandel sein handwerks- mäfsiges Gepräge zu erhalten. Der Absatz war ein Gegebenes: auf ihn brauchte der Krämer-Handwerker nicht zu sinnen : ihn zu organisieren war noch weder eine Kunst oder gar eine Wissenschaft. Daher auch die Detaillisten ihrer Natur nach Handwerker 1 Über Altwarenhandlungen, namentlich Alteisenhandlungen in Breslau vgl. W. Borgius, Wandlungen, 48. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 24 370 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. geblieben waren, fremd jeder spekulativen Sinnesrichtung und alles andere als „Kaufleute“ 1 . Der Grundgedanke, auf dem der Detailhandelskram aufgebaut war, konnte deshalb auch kein anderer sein, als der aller handwerksmäfsigen Thätigkeit, wie wir ihn als das beherrschende Wirtschaftsprincip des Mittelalters kennen gelernt haben: dafs der „Kram“ seinen Mann recht und schlecht ernähren müsse, dafs er eine „Nahrung“ sei, so gut wie das Gewerbe des Gevatter Schneider oder Handschuhmacher 2 . Ein Schriftsteller, der dank seiner reaktionären Gesinnung oft ein sehr feines Empfinden für das eigenartige Wesen vorkapitalistischer Wirtschaftsformen zeigt, trifft auch hier das Richtige, wenn er vom Detaillisten von Anno dazumal sagt 3 : Der Kleinhändler der alten Zeit hatte seine Krämerbank vom Reiche zum Lehen; er war ein Beamter des Reichs wie jeder andere Ministeriale, ein Rad im grofsen socialen Uhrwerk jener Zeit. Er hatte deshalb auch den Sittenkodex des Beamten. Er gehörte einem Reichsstande an, er gehörte zu den „ehrlichen Leuten“, nicht zu den „Freileuten“ (wie häufig die Hausierer). Es war deshalb unter seiner Würde, zu den Leuten in das Haus zu gehen und sie um Arbeit, um Kauf zu bitten. Er that seine Pflicht als öffentlicher Diener, indem er seinen Kramladen zur Zeit öffnete und schlofs und die ihm zum Verkauf übertragenen Handelsgegenstände in genügender Menge und guter Beschaffenheit zum obrigkeitlich bestimmten Preise vorrätig hielt. Wer nicht kam, liefs es eben bleiben, hatte er doch seinen sicheren Markt 4 . Glaubte jemand Klage gegen ihn führen zu müssen, so konnte er ihn beim Rat der Stadt als seiner ordentlichen Obrigkeit belangen. Sein Gewinn war der wohlerworbene 1 „Billig sollten die Kaufleute überall von den Krämern unterschieden, für sie der erste Rang, für die Krämer aber der unterste nach den Handwerkern sein. . . . Denn es gehört gewifs sehr wenig Kunst dazu, um hundert Pfund Zucker, Kaffee oder Rosinen in Empfang zu nehmen und bei kleineren Teilen wieder auszuwiegen. Die ganze Buchhaltung besteht hier im Anschreiben und Auslöschen und die ganze Rechenkunst in der armen Regel de Tri. . . .“ .T. Möser, Patriot. Pliantas. 2 (1780), 174. 75. 2 Die Hausierer sind . . . „Störer der festen, örtlichen Nahrungen der Krämer“: Art. „Hausierer“ im Ersch und Gr über (1828). 3 Eugen Niibling in H. 1, 443. 4 Das ist noch heute in Ländern mit rückständiger wirtschaftlicher Kultur die selbstverständliche Auffassung; so wird von Spanien erzählt: „Die Läden sind fast immer geschlossen. Der Spanier ist zu stolz, um auf das Geschäft zu sehen, betrachtet es als hohe Gunst, wenn er die Thüre seines Magazins öffnet.“ R. Muther, Studien und Kritiken 1 (1900), 337/38. Ähnliche Zustände in Italien, von Rom an südwärts. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 371 Lohn für seine Mühewaltung, der Lohn für persönlichen Dienst im öffentlichen Wohl. Vansen: So seid ihr Bürgersleute: Ihr lebt nur so in den Tag hin, und wie ihr euer Gewerb’ von euren Eltern überkommen habt, so lafst ihr auch das Regiment über euch schalten und walten, wie es kann und mag . . . Soest: Wer denkt da dran? wenn Einer nur das tägliche Brot hat. B. Die Genesis des kapitalistischen Detailhandels. Und nun hat der Kapitalismus auch dieses Idyll ruhiger Beschaulichkeit, hat er auch diese Stätte behaglichen Türkentums längst in seiner rücksichtslosen Art zerstört, und hat Unrast, heberhafte Thätigkeit, Nervosität an die Stelle gesetzt, wo ehedem friedliche Genügsamkeit, gesättigtes Dasein herrschten. Das ging aber so zu. Wir wissen, wie sehr es im Wesen kapitalistischer Produktion begründet ist, dafs sie mit ihrem Angebot an Waren stets der Nachfrage vorauseilt; wir wissen, dafs die durch die Errungenschaften der modernen Technik ins Grenzenlose gesteigerte Produktivität in der eigentümlichen Organisation unseres Wirtschaftslebens zunächst eine Verschlechterung der Marktverhältnisse für den Produzenten und dementsprechend bald auch für den Händler, erst den Grofs-, dann aber auch den Kleinhändler bedeutet: es müssen mehr Waren an den Mann gebracht worden, das bedeutet für jeden einzelnen Warenbesitzer, er mufs dein anderen, der ebenfalls den Anspruch erhebt, seine Ware abzusetzen, zuvorzukommen suchen: es entsteht somit der Konkurrenzkampf, der dann seinen rechtlichen Ausdruck in der freiheitlichen Rechtsordnung findet. Der Konkurrenzkampf wird um so hitziger entbrennen, je gröfser die Zahl der um die Kundschaft Kämpfenden wird: wie wir sahen, ist aber gerade der Detaillistenstand einer starken Vermehrung ausgesetzt gewesen. Und der Konkurrenzkampf wird um so intensiver geführt, wird um so allgemeiner werden, je rascher dank der modernen Verkehrsentwicklung sich ein Ausgleich der örtlich ursprünglich verschiedenen Güterpreise durchsetzt: eine Thatsache, die sich immer mehr in unserer Zeit vollzieht. Zu dieser Erschwerung des Absatzes infolge gesteigerten Angebots kommt nun eine Erschwerung des Handelsbetriebs infolge der stetig sich steigernden Menge verschiedenartiger Waren, sowie des unausgesetzten Wechsels ihrer Beschaffenheit und ihres Preises, wie sie 24 * 372 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. die revolutionäre Produktionstechnik mit sich bringt. Zieht man zu alledem noch in Betracht, wie der Stab des Plutus auf die Menge wirkt: „Doch keiner bleibt von Flammen frei; Und wie es patscht und wie es schlägt, Wird neues Flammen aufgeregt . . dafs die auri sacra fames unter der Herrschaft des Kapitalismus in alle Poren des Volkes eindringend selbst den alten Krämer Soest nicht verschont, so vermögen wir zu ermessen, wie völlig sich für den Detailhändler die Situation verschoben hat. Auch der Absatz der Waren an die letzten Konsumenten wird zu einem Problem; aus der traditionell-handwerksmäfsig geübten Thätigkeit wird unter dem Zwang der Verhältnisse ein zielbewufstes, vernunft- gemäfses Handeln, dessen Aufgabe darin bestehen soll, das klargestellte Problem zu lösen: wie trotz Verschlechterung und Erschwerung der Absatzverhältnisse dennoch — nicht nur die „Nahrung“ zu sichern, das genügte dem erwachten Gewinnstreben nicht mehr, sondern — steigende Gewinne zu erzielen seien. I. Die neuen Geselläftsprincipien. Dafs dieses Problem nur zu lösen sei, wenn man zunächst mit den alten Geschäftsprincipien völlig brach, mufste als selbstverständlich erscheinen. Der Kunde, den man früher wohlgemut erwartet hatte und der auch sicher gekommen war, da sich für ihn keinerlei wesensverschiedene Kaufgelegenheit anderswo bot, der Kunde mufste jetzt gesucht, angegriffen, herbeigeschleppt werden. In Breslau und wohl auch anderswo liegen in manchen Strafsen fast Haus neben Haus ganze Reihen minderwertiger Herrenkleiderhandlungen. In der Ladenthüre stehen der Besitzer selbst oder sein Stellvertreter, auf Beute ausschauend. Läfst sich auch nur von fern ein Bäuerlein blicken, so geraten die Thürsteher in unseren Läden in Bewegung. Und wie sich das Bäuerlein ihnen nähert, beginnen sie es in ein Gespräch zu verwickeln und zum kaufen zu animieren. Folgt es nicht willig, so wird wohl auch eine leise Nachhilfe, ein sanftes Schieben oder ein schüchternes Zupfen nicht verschmäht. Der Nachbar aber greift den Ländling von der anderen Seite her gleicherweise an. Und es kann kommen, dafs an dem einen Rockärmel unseres Michel der Herr Cohn und am anderen der Herr Levy ziehen. „Armelausreifsgeschäfte“ nennt der Volksmund treffend diese Sorte Läden. Aber was hier in drastischer Form, in roher, handgreiflicher Manier geschieht, ist doch im Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 373 Grunde gar nichts anderes als das, was auf feinere, zartere Weise jeder moderne Detaillist, der mit der Zeit fortgeschritten ist, nicht minder thut. Und wenn Bon Marchd und Louvre auch nicht wie die beiden armen Schlucker Levy und Cohn in der schmutzigen Nebenstraffe einer armen Provinzialstadt einzelne Bauern heim Schlaffittchen packen, so ist doch ihre Geschäftspraxis ihrem Geiste nach auf demselben Grundgedanken aufgebaut: im Kampfe um den Kunden den Gegner zu besiegen. Das TloXsixog 71 uttjq ncnTCOv gilt nun aber auch hier: alles, was der moderne Detailhandel an neuen Gestaltungen und Erscheinungen aufweist, ist jenem Kampfe um den Kunden entsprungen. Wie nun an einer Reihe wichtiger Punkte zu zeigen sein wird. Es handelt sich naturgemäfs für den Händler um zweierlei: den Kunden zu veranlassen, dafs er zu ihm statt „zu der Konkurrenz“ geht: ihn anzuziehen; dann aber weiter, ihn so gut zu bedienen, dafs er auch ein zweites Mal wiederkommt: ihn zu fesseln. Ersterem Zwecke dient, wie man weifs, die Reklame. Die Reklame ist nicht ausschliefsliche Domäne des Detailhändlers; nicht nur, dafs sie auch der Arzt und der Theaterdirektor, die Kunstausstellungskommission und die Badeverwaltung sich dienstbar machen: in der Sphäre des Wirtschaftslebens ist sie heute fast schon in höherem Mafse anderen als dem Detailhändler, vor allem dem Produzenten selber eine Lebensbedingung geworden. Aber ihre Erwähnung gehört doch an diese Stelle deshalb, weil die Reklame ohne allen Zweifel im Gebiete des Detailhandels ihre Entstehung erlebt und ihre Weihe empfangen hat. Es ist kein Zufall, dafs die Reklame als ständige Einrichtung in das Wirtschaftsleben zuerst eingebürgert worden ist von den ältesten Pariser Magasins de Nouveautds. Es scheint doch wirklich, als ob die Inserate, die der Petit Saint Thomas, der Deux Edmond oder der Siege de Corinthe veröffentlichten, in denen zum erstenmal ganz schüchtern in ein paar Zeilen dem p. t. Publikum jene Geschäfte in Erinnerung gebracht wurden, die Urform der modernen Reklame darstellten. Man glaubt, ihre ersten Spuren in das Jahr 1829 verlegen zu sollen 1 , das somit als das Geburtsjahr der modernen, ständigen Geschäftsreklame zu betrachten wäre. 1 A. Coffignon, Les coulisses de la Mode (ca. 1888), 158. Eine Geschichte der modernen Reklame zu schreiben, wäre eine dankbare Aufgabe für einen geistreichen Menschen. 374 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Und heute, nach kaum zwei Menschenaltern, ist die Reklame ein unentbehrlicher Bestandteil rationeller Wirtschaftsführung geworden. „Sie gehört heute zum eisernen Bestände unseres Wirtschaftslebens : die Gesetze zur Bestrafung des unlauteren Wettbewerbs, der concurrence döloyale haben sie feierlichst sanktioniert. Für den Geschäftsmann ist die Reklame heute das, was der Lotse für das Schilf ist. Die notwendige Kraft ist da, Dampf ist in der Maschine, alles ist in Ordnung, alle Mann sind auf dem Posten, aber es kann nichts begonnen werden, wenn der richtige Wegweiser fehlt.“ Und zwar ist es die notwendige, die erzwungene Allgemeinheit der Reklamebenutzung, die unsere Zeit charakterisiert. Kein Geschäftsmann kann sich ihr mehr entziehen: bei Strafe des Untergangs. Es giebt genug Leute, die auch ohne Reklame grofs geworden sind, die aber jetzt mit einem Male zu ihrem eigenen Erstaunen gewahr werden, dafs ihr Geschäft nicht mehr so vorwärts geht, wie ehedem. Sie bemerken, dafs neben ihnen jüngere Elemente in die Höhe gekommen sind, die rücksichtslos alle Mittel einer routinierten modernen Geschäftsführung angewandt haben, und dafs unter diesen nicht zuletzt eine draufgängerische Reklame sich als wirksam erwiesen hat. So ist es gekommen, dafs heute sich niemand mehr der Reklame entziehen kann, und darin liegt ihre grundsätzliche Bedeutung. „Die Reklame selbst ist eine Wissenschaft geworden, erfolgreiche Reklame aber eine Kunst. Immer mehr tritt das Bemühen zu Tage, für die Reklame bestimmte Grundsätze aufzustellen. Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, dafs auch zum Reklamemachen Methode gehört, dafs die Mittel und Wege, deren man sich zur Erreichung seines Zwecks bedienen will, wohl erwogen und geprüft sein wollen. Bei dem heutigen Stande der Reklamewissenschaft (!) genügt es nicht mehr, dafs der Kaufmann oder Fabrikant sie nebenher besorgt, sondern es ist notwendig, dafs er, wenn er auf der Höhe bleiben oder sie erreichen will, ihr seine volle Aufmerksamkeit widmet.“ Diese Worte sind einem Buche entnommen, das selbst am besten von der gewaltigen Rolle zu überzeugen vermag, die die Reklame im heutigen wirtschaftlichen Getriebe spielt: dem „Handbuch der Reklame“, das im Augenblick den besten Überblick über das besprochene Gebiet gewährt und das durch Reproduktion zahlreicher kunstvoller Plakate zugleich ein reizendes Bilderbuch geworden ist h Hier kann nicht näher auf den Inhalt jener neuen „Wissen- 1 Johannes Lemeke (P. Friese 11 hahn), Handbuch der Fieklame. 1901. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefshaften Detailhandels. 375 schaft“ eingegangen werden. Nur einen Hinweis möchte ich mir gestatten: das ist die grofse Bedeutung, die der Verbindung der Kunst mit der Reklame beizumessen ist. Sie ist erst im letzten Menschenalter erfolgt durch die Ausbildung des künstlerischen Plakats 1 . Der Ausgangspunkt des modernen Plakats ist Frankreich, das seine Anregung wiederum von Japan erhalten hat ; sein rechtmäfsiger Vater Jules Cheret. Was seit den ersten Versuchen Cherets durch die Guillaume, Georges Meunier, Hugo d’Alesi, Th. A. Steinlen, Felix Valloton, Boutet de Monvel, Maurice Realier-Dumas und viele andere allein in Frankreich an künstlerischer Ausgestaltung der Affiche geleistet worden ist, ist ganz enorm. Seitdem ist es auch in anderen Ländern mehr und mehr üblich geworden, Plakate zu Kunstwerken auszugestalten, ln Deutschland kann man von einem Kunstplakat erst seit dem Jahre 1896 sprechen. Bahnbrechend haben bei uns vornehmlich die modernen Kunstzeitschriften gewirkt. Eines der ersten künstlerischen Plakate war das für den „Pan“, der auch bereits im Jahre 1896 einen Aufsehen erregenden Artikel über moderne Plakate brachte; es folgten die „Jugend“, der „Simplicissimus“, mit dem Thomas Theodor Heine emporgetragen wurde, vielleicht der genialste der lebenden Plakatzeichner: man erinnere sich der „Dame mit Teufel“, der beiden roten Bulldoggen auf schwarzem Felde, mit denen der „Simplicissimus“ zuerst angezeigt wurde. Neben Heine ist jetzt eine ganze Schar talentvoller Künstler im Dienste der Reklame thätig: Sütterlin, der das Hammerplakat für die Berliner Gewerbeausstellung schuf, der erfindungsreiche Edel, Carl Schnebel und viele andere, darunter die ersten Namen der Künstlerwelt. Eine mächtige Förderung hat das Plakatwesen dadurch erfahren, dafs jetzt auch eine Reihe von Kunstanstalten wie Hollerbaum und Schmidt in Berlin, Wilh. Hofmann und Leutert und Schneidewind in Dresden sich den Intentionen der modernen Künstler haben anzupassen vermocht. So ist die Reklame drauf und dran, nicht nur ein unentbehrliches Glied im wirtschaftlichen Mechanismus, sondern auch ein bestimmender Faktor in unserem modernen Kulturleben zu werden. Für die engeren Zusammenhänge aber, deren Aufdeckung uns hier in erster Linie am Herzen liegt, noch wichtiger als die Reklame, die das Publikum heranzuziehen bestimmt ist, sind doch 1 Vgl. das schöne Werk von Jean Louis Sponsel, Das moderne Plakat. 1897. 376 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. diejenigen Mafsnahmen, die dem Zwecke dienen, das einmal angelockte Publikum auch wirklich zu befriedigen: die Mafsnahmen der Kulanz im weiteren Sinne. Denn sie sind es ja vornehmlich, die eine Neuordnung des gesamten Geschäftsbetriebes herbeiführen. Hab ich die Kraft, dich anzuziehn, besessen, So hatt’ ich dich zu halten keine Kraft — ist, ins Kaufmännische übertragen, die Devise des Schwindlers; aber auf Schwindel ist dauernd noch nie ein Unternehmen begründet worden. Als Regel gilt wohl das englische Wort: „You can fool some people all the time, you can fool all people some time, but you cannot fool all the people all the time“ . . . Und darum mufs zu der Reklame, die dem ersteren der beiden Zwecke dient, die Kulanz hinzutreten, damit ein Geschäft dauernden Bestand haben könne. Da sind zunächst, wie jedermann aus eigener Erfahrung weifs, all die tausend „kleinen Mittel“, deren sich heute jeder Geschäftsmann bedient, um sich seinen Kunden angenehm zu machen: bald ist es die Ausstattung des Ladens, des Schaufensters (die ebenso auch der Reklame dienen mufs), bald die prompte und höfliche Bedienung, in denen der Händler sich hervorzuthun sucht; saubere und elegante Verpackung, Zustellung der Waren ins Haus, Rücknahme zum Umtausch, allerhand Beigaben für die Kleinen, die die Mutter beim Shopping begleiten: dies und vieles andere gehört heute schon als selbstverständlicher Zubehör zu einem Detailhandelsbetrieb, der nicht hinter den „Anforderungen der Neuzeit“ Zurückbleiben will, und wird von Kleinen und Grofsen gleichmäfsig geübt. Aber solcherlei Praktiken berühren doch immer erst die Oberfläche ; sie gestalten die Geschäftsorganisation noch nicht von Grund aus um. Dazu führen erst eine Reihe anderer Erwägungen; nicht zuletzt die folgende: der Händler, dem es gelungen ist, durch allerhand geschickte Kunstgriffe sich auch unter den veränderten Verhältnissen seine Kundschaft in gleichem Umfange wie früher nicht nur zu erhalten, sondern neue Kunden dazu zu erwerben und im ganzen mehr zu verkaufen, also mehr Ware „über den Ladentisch gehen“ zu lassen, seinen Jahresumsatz zu vergröfsern, mufste notgedrungen die Beobachtung machen, dafs ihm dieser vergröfserte Umsatz an und für sich eine ganze Reihe von Vorteilen gewährte. Wenn er bei gleichen Ausgaben für Miete, Bedienung, Beheizung, Beleuchtung etc. doppelt so viel Waren absetzte, so ergab sich für Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 377 ihn entweder eine höhere Verzinsung des gleichgebliebenen Kapitals (wenn er die Aufschläge auf das einzelne Stück unverändert liefs) oder aber die Möglichkeit, ohne seinen Profit zu schmälern, am Aufschlag auf das einzelne Stück abzulassen, also die Ware billiger liefern zu können. Das war das eigentlich Entscheidende. Diese Erkenntnis wurde der Ausgangspunkt für die eigentliche Neugestaltung der Handelsunternehmung: es war gleichsam „die“ Lösung des gestellten Problems, und es wurde die Losung für allen modernen Handel: „grofser Umsatz, kleiner Nutzen.“ Auf das Streben, den Umsatz zu vergröfsern, um dadurch, wenn das Streben mit Erfolg gekrönt wird, die Konkurrenz durch billigere Lieferung aus dem Felde schlagen zu können, auf dieses Streben lassen sich fast alle grundlegenden Neuerungen im modernen Detailhandel zurückführen, von denen nunmehr die Rede sein wird. II. Neue Geschäftsformen. Ich will mich nicht aufhalten mit einer Aufzählung der massenhaft nachgewiesenen betrügerischen Mafsnahmen, zu denen sich im Drang der Verhältnisse so mancher Händler unserer Zeit hat verleiten lassen, um sein Geschäft auf Kosten des Nachbarn auszuweiten. Sie sind ebenso wie die schwindelhafte Reklame eine Kinderkrankheit und heute, zumal seit Verschärfung der Strafbestimmungen, sicher schon im Abnehmen begriffen. Gerade wie der Grofshandel, wie die Industrie eine Periode der kleinen Schmuggeleien und grofsen Betrügereien überall überwinden mufste, so ist auch dem Detailhandel eine derartige Übergangszeit nicht erspart geblieben. Wir können sie hier füglich mit Stillschweigen übergehen h 1 Wer sich für derartige sociale Pathologie interessiert, findet in dem S. 358 Anm. 1 genannten Sammelwerk eine überreiche Auslese von den Kniffen und Pfiffen, deren sich der Kleinhandel während der Zeit seiner Mauser schuldig gemacht hat. Zur weiteren Orientierung dient die reiche Litteratur über den sog. unlauteren Wettbewerb, die Concurrence deloyale. Ygl. u. a. Jul. Bachem, Der unlautere Wettbewerb im Handel und Gewerbe und dessen Bekämpfung. 1892. P. Dehn, Hinter den Kulissen des modernen Geschäfts. 1897. W. Stieda, Unlauterer Wettbewerb in den Jahrbüchern für N.Ö. III. F. Bd. XI (1896), S. 74 f. Daselbst auch noch weitere Litteraturangaben. Viel Material über eigenartige Organisationen ganzer Schwindlerbanden — Deutscher in England — enthält das Buch von Rollo- Reuschel, Moderne Raubritter. Enthüllungen über die Schlittenfahrerschwindler in London. 1895. R. fafst hier jene Artikel zusammen, die er s. Z. in der „Kölnischen Volkszeitung“ veröffentlichte. 378 /weites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Hier sollen dagegen nur diejenigen Neuerungen registriert werden, die zu einer ständigen Einrichtung des modernen Detailhandels schon geworden sind oder zu werden versprechen h Aber auch von diesen können wir mit blofser Erwähnung diejenigen abthun, die noch nicht eigentlich die Umgestaltung des inneren Betriebs des Warenabsatzes herbeizuführen bezwecken: Einrichtungen, wie die Saison- und Resterausverkaufe 1 2 und ähnliche, wenn sie auch sämtlich dem namhaft gemachten Zwecke der Umschlagsbeschleunigung und damit der Umsatz- vergröfserung dienen sollen. Sie sind für uns naturgemäfs nicht so bedeutsam, wie jene anderen Neuerungen, die den ganzen Geschäftsbetrieb in neue Bahnen zu lenken geeignet sind. Von solchen Neuschöpfungen schweben mir zunächst drei vor, denen allen drei gemeinsam ist, dafs sie durch Ausweitung des Kundenkreises ebenfalls den Umsatz vergröfsern helfen, ohne doch einstweilen die ganze Struktur der Detailhandelsunternehmung in ihren Wesenheiten zu verändern, die vielmehr nichts 1 Zu der Species ephemerer Geschäftsarten gebürt wohl auch das sog. „Gella“- oder „Hydra“-System, das darin bestellt, dafs man jemandem eine Anzahl Bons aushändigt, von denen er einen selbst bezahlt, während er den Rest an „gute Freunde“ abzusetzen suchen mufs, deren jeder wiederum die gleiche Anzahl weiter zu vertreiben sich angelegen lassen sein mufs. Der Kuponkäufer erhält die betr. Ware, wenn eine entsprechende Anzahl Scheine bei der die Bons ausstellenden Handlung eingelaufen ist. Wer das Glück hat, ein noch unabgegrastes Konsumentenfeld als erster abzuernten, mag recht wohl dabei auf seine Kosten kommen: für 10 Pf. eine Fleischmaschine, Tischlampe oder einen Tafelaufsatz, für 25 Pf. einen Sportswagen oder Damenkoffer, für 50 Ff. einen reinseidenen Regenschirm, zwei Salonstühle oder eine Säulenlampe, für 1 Mk. einen grofsen Fournierkoffer, für 2 Mk. eine Nähmaschine etc., für 2x4 Mk. eine Fahrkarte II. Klasse Berlin—Paris und zurück (alles nach dem Preiskurant des Warenhauses „Hydra“) erwerben; die Mehrzahl der Kuponskäufer dürfte jedoch naturgemäfs ihr Geld einbüfsen. Für die Leute, die nicht alle werden, eine geradezu ingeniöse Erfindung, dieses Hydra-System. Im letzten Sommer suchte das genannte Warenhaus fünf Buchhalter; das Publikum drängte sich von früh bis spät, um „Urkunden“ und „Kupons“ zu kaufen. Principiell ist diese geniale Geschäftsform darum interessant, weil sie das Publikum selber vor den Wagen des kapitalistischen Warenabsatzes spannt. Der Unternehmer sitzt schmunzelnd auf seinem Kontorstuhl und sieht, wie sich in seinem Dienst die Herren und Damen der „besten Gesellschaft“ in den Siehlen, die er ihnen übergeworfen hat, die Schultern wundreiben. Dafs es sich dabei auch nur um eine Seifenblase handelt, kann nicht zweifelhaft sein. 2 Am ausführlichsten in der Litteratur ist das Problem der Ausverkäufe behandelt von E. Sch wiedland, Ein Gesetz zur Beschränkung der freien Konkurrenz im Handel in der Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung Bd. II (1893) S. 253—277. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 379 anderes sind, als neue Arten des Geschäftsgebarens, der Waren- übermittlung. Ich meine das Versandgeschäft, das Auktionsgeschäft und das Abzahlungsgeschäft. 1. Das Versandgeschäft. Uber die Ausdehnung dieser aufserordentlich wichtigen Form des Warenabsatzes 1 sind wir leider so gut wie gar nicht unterrichtet. Einige Ziffern liegen für die Pariser Grands Magasins vor, die das Versandgeschäft in Provinz und Ausland zu einer besonderen Specialität entwickelt haben. Im „Bon March6“ und „Louvre“ laufen täglich etwa 4000 briefliche Bestellungen ein. Man rechnet, dafs das „Louvre“ für etwa 20 Millionen Frcs. Waren in die Provinz, für etwa 10 Mill. Frcs. ins Ausland versendet; im Umsatz des „Bon Marche“ machen die Versendungen per Eisenbahn etwa 40 Mill. Frcs. aus; in der „Samaritaine“ etwa 9 Mill. Frcs.; im „Printemps“ etwa 14 Mill. Frcs.; in den genannten vier Magazinen erreichen die Versandwaren also den enormen Betrag von 93 Mill. Frcs. im Jahre 2 3 * . Aber wir wissen aus unserer täglichen Erfahrung, dafs das Versandgeschäft weder auf Frankreich, noch auch etwa nur auf die grofsen Magazine beschränkt ist. Überall blüht es auf und nimmt einen immer gröfseren Kaum unter den verschiedenen Formen der Warenzuführung ein. Es ist eines der vielen legitimen Kinder, die der Kapitalismus mit der modernen Verkehrsentwicklung gezeugt hat; es ist erst möglich geworden, nachdem Drucksachenversand, Postkarte, Postanweisung und Nachnahme, 50 Pf.-Packet- porto und ähnliche Einrichtungen des modernen Verkehrs geschaffen worden waren 8 . Es ist deshalb vielleicht auch statthaft, die Entfaltung dieser Verkehrseinrichtungen als Gradmesser für. die Ausdehnung des Versandgeschäfts zu betrachten. Sicherlich entfällt ein gut Teil der Steigerungsziffern auf die genannte Geschäftsform ; so ist namentlich die ganz gewaltige Zunahme des Nachnahmeverkehrs ganz gewifs in engen Zusammenhang mit der Entwicklung des Versandgeschäfts zu bringen. In Ermangelung anderer Ziffern 1 Über die innere Einrichtung von Versandgeschäften unterrichtet eine Reihe von Artikeln im „Konfektionär“. 1899. 2 G. D’Avenel, Le Möcanisme de la Vie moderne. 1896. p. 61/62. 3 Juristisch liegt im „Versandgeschäft“ ein Kauf nach Probe bezw. Muster in Kombination mit einem mehrfach komplizierten Kreditkauf vor. 380 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. setze ich jene des Kleingüter- und Geldverkehrs der Post hierher x . Es wurden portopflichtige Packete ohne Wertangabe von Deutschen Reichspostanstalten nach anderen Deutschen Reichspostanstalten versandt: 1880 51 752 600 1890 86 631 839 1900 137 814 536 Die Anzahl der Packete, die mit Nachnahme belastet versandt wurden, betrug 1880 3 981 200 1890 7 289 990 1900 13 403 900 Der Betrag der Nachnahmesendungen überhaupt stieg in den letzten zwanzig Jahren wie folgt: 1880 57 141 000 Mk. 1890 95 421 300 „ 1900 540 338 400 „ Die Bedeutung der Entwicklung des Versandgeschäftes liegt vor allem darin, dafs vermittels seiner ein Warenabsatz in die entlegensten Dörfer und Weiler stattfindet. Sein eigentliches Herrschaftsgebiet liegt jenseits des natürlichen Versorgungsrayons der Grofs- und selbst der Mittel- und Kleinstädte. Die Geschäftsanzeige ebenso wie das Fünfkilopacket erreichen auch den Förster im abgelegenen Walde, den Schulmeister im Bergdorfe, die Gutsbesitzersfrau in Podolien, die nun ihre Joppen und Pfeifen, ihre Trilcotagen und ihren Rucksack, ihre Jacketts und ihre Tafelservice aus den Centren des Warenverkehrs beziehen können, unter den gleichen Bedingungen reichster Auswahl wie der Grofsstädter. Helfend und fördernd stehen dem Versandgeschäft zur Seite die Fortschritte der modernen Reproduktionstechnik, die es ermöglicht, wahrheitsgetreue Wiedergaben aller Artikel in den reich ausgestatteten Katalogen jedermann vor Augen zu bringen. Es ist bekannt, welcher Aufwand in solchen Versandkatalogen entfaltet wird und dafs die Ausgaben der grofsen Versandhäuser für Kataloge viele Millionen Mark betragen. Jedenfalls ist das Versandgeschäft eine der wichtigsten Formen modernen Geschäftsbetriebes, um die an anderer Stelle 1 Sämtlich nach den betreffenden Jahrgängen der Statistik der deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 381 hervorgehobene Bedarfsausweitung für die Praxis des Warenabsatzes überhaupt erst nutzbar zu machen. Worin nach der Meinung eines sein eigenes Versandgeschäft anpreisenden Geschäftsmannes die epochale Bedeutung dieser neuen Geschäftsform begründet ist, mag man aus folgender Reklame ersehen 1 : „Warum kauft man von Versandgeschäften? Weil man der Unannehmlichkeit enthoben ist, aus einem Laden gehen zu müssen, ohne etwas gekauft zu haben, für den Fall, dafs man das gewünschte nicht finden konnte, und weil man der Beredsamkeit von Verkäufern nicht ausgesetzt ist. Man spart Mühe und Zeit, die der Besuch eines oder mehrerer Läden erfordern würde. Man ist vorher von den Preisen unterrichtet, wählt zu Hause un- beeinflufst und bekommt die Ware ins Haus getragen.“ 2. Das Auktionsgeschäft. Die Auktion — d. h. der öffentliche Verkauf beweglicher Sachen an den Meistbietenden — ist keine dem modernen Leben eigentümliche Geschäftsform. Trotzdem findet sie hier Erwähnung, weil sich in letzter Zeit das Auktionsgeschäft zu neuen Formen entwickelt hat, in denen es bei der Neuorganisation des Detailhandels eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen berufen scheint. Bisher war die Auktion ein organisches Glied im Wirtschaftsleben nur als Groishandelsauktion. Als solche allerdings ist sie seit dem 17. Jahrhundert für eine Reihe wichtiger Welthandelsartikel (Baumwolle in Liverpool, Wolle in London und Antwerpen, verschiedene Kolonialwaren in London, Amsterdam und Rotterdam, Elfenbein in London, Liverpool und Antwerpen u. a.) 2 zu einer geschätzten und vielfach für unentbehrlich gehaltenen Form des Absatzes geworden. Im Detailvertrieb der Waren hatte die Auktion bisher doch eine verhältnismäfsig untergeordnete Stellung eingenommen. Sie war im wesentlichen nur als gelegentliche Veranstaltung aufgetreten: sei es im Aufträge des Gerichts- oder des Konkursverwalters (Zwangsversteigerung), sei es als freiwillige Auktion bei Waren ohne festen Marktpreis (Kunst- und Bücherauktionen), bei Erbschafts- 1 Lemclte (Friesenhahn), Handbuch der Reklame, 260. 2 Ygl. R. Elirenberg, Art. „Auktionen“ im II. St. 2 2 , 25 f. Dieser Artikel behandelt überhaupt nur die Engrosauktionen. 382 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gut, Warenpartien, die dem Frachtführer auf dem Halse geblieben waren oder in ähnlichen Verlegenheitssituationen. Dementsprechend waren die „Auktionatoren“ nur Hilfspersonen Dritter, der eigentlichen Warenbesitzer, und ihre Stellung wurde als eine Art von Vertrauensstellung aufgefafst, wie die der gerichtlichen Sachverständigen oder der Taxatoren. Daher in den meisten Ländern den Behörden die gesetzmäfsige Befugnis zusteht, Personen, die jenes Gewerbe betreiben, auf die Beobachtung der bestehenden Vorschriften zu beeidigen und öffentlich anzustellen h Was sich nun in neuerer Zeit an diesem Stande der Dinge zu verändern im Begriffe ist, ist dieses: es entwickelt sich das Auktionsgeschäft als eine selbständige, reguläre Form des Detailvertriebs neuer Waren. Gewiegte Geschäftsmänner befassen sich damit, unausgesetzt grofse Warenposten auf ihre Rechnung zu erwerben und auf dem Wege der Auktion in eigens zu diesem Zwecke gemieteten Auktionshallen mit Gewinn weiter zu veräufsern. Mit anderen Worten: eine Klasse von Detaillisten bedient sich zum besseren Vertrieb ihrer Waren der Geschäftsform der Auktion 1 2 . Die Gründe sind leicht zu ersehen. Die Auktion ist noch heute — dank im wesentlichen ihrer historischen Tradition — eines grofsen Zuspruchs aus gewissen Volkskreisen jederzeit sicher. Die Hoffnung, einen „billigen Gelegenheitskauf“ zu machen, wirkt auf viele Leute fascinierend. Und den Anschein, als ob es sich wie ehedem um eine zufällige Veranstaltung handele, weii's der routinierte Auktionator natürlich zu erwecken; es genügt, wenn er ankündigt, dafs „er in sehr geschätztem Aufträge den Verkauf veranstalte“. So wirkt hier die Form der Veräufserung, was in anderen Fällen, oft viel schwerer, die Reklame oder die elegante Laden- und Schaufensterausstattung wirken müssen: sie zieht Massen von Käufern herbei. Gerade das unordentliche Durcheinander eines Haufens der heterogensten Dinge in dem Fenster eines Auktionslokals, die plump an die einzelnen Stücke gehefteten Nummern, die mit Blaustift auf einen weifsen Bogen geschriebene und an der Thür ausgehängte Ankündigung der Versteigerung, das Gehen und Kommen der Leute, das Gedränge im Verkaufsraum, der Lärm, der aus der geöffneten Thür auf die Strafse dringt: alles reizt den un- 1 In diesem Sinne werden die „Auktionatoren“ in den Lehrbüchern des Verwaltungsrechts abgehandelt. Vgl. den Art. „Auktionatoren“ im H. St. 2 2 . 2 Eine verdienstvolle Darstellung dieser neuen Phase des Auktionswesens für Deutschland enthält das Buch von Max Süfsheim, Das moderne Auktionsgewerbe. 1900. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 383 geübten und arglosen Käufer, namentlich der niederen Volksklasse, reizt vor allem die Frauenzimmer, sich an der Veranstaltung zu beteiligen. Wie dann, wenn das Opfer erst glücklich im Vorsteigerungslokal sich befindet, das Uberbietungsfieber alle Anwesenden sofort befällt, ist bekannt. So kommt zu der Anziehungskraft, die die Auktion übt, die Tendenz zu hohen Verkaufspreisen, die sie dem Veranstalter lukrativ erscheinen läfst. Dafs aber nun auch in zahlreichen Fällen die Auktionsware gleicher Güte billiger sein kann, als die „aus freier Hand“ im ständigen Geschäft verkaufte, dürfen wir nicht in Zweifel ziehen: vor allem ist es die erhebliche Beschleunigung des Kapitalumschlages, die eine Herabminderung der Spesen und des Zuschlags sehr wohl herbeiführen kann; es kommen Ersparnisse an Miete (für Lagerräume), an Personal, Laden- und Schaufensterausstattung und ähnlichen Kosten hinzu. So dafs wir uns — in Summa — nicht zu wundern brauchen, wenn wir eine wachsende Bedeutung des Auktionsgeschäftes in unserer Zeit beobachten. Der Vei’fasser der obengenannten Schrift hat sich der Mühe unterzogen, für die Zeit vom Juli 1898 bis Dezember 1899 eine Zusammenstellung der Waren zu machen, die nach den bei der Königl. Polizeidirektion eingereichten Versteigerungsanzeigen in München zur Versteigerung angemeldet worden sind 1 . Die Übersicht läfst deutlich erkennen, wie selbst in diesem kurzen Zeitraum die Mengen und Branchen der versteigerten Waren von Monat zu Monat anwachsen. Wer nicht aus eigener Anschauung die rasche Ausdehnung dieses modernen Auktionsgeschäfts verfolgt hat, wird verblüfft sein, wenn er die Liste der nach vielen Tausenden zählenden Gegenstände aller Branchen überblickt, die schon heute in einer einzigen Stadt auf dem Wege der Versteigerung ihrer Bestimmung zugeführt werden. 3. Das Abzahlungsgeschäft. Wir haben seiner Zeit, als ich von den Umgestaltungen der Konsumbedingungen in kapitalistischer Zeit sprach, feststellen können, dafs durch eine Reihe von Umständen grofse Massen der Bevölkerung neuerdings überhaupt erst in den Stand gesetzt werden, als Käufer gewerblicher Erzeugnisse auf dem Markte zu erscheinen. Das gilt insbesondere von den A r orstadtbewohnern unserer grofsen Städte. Diese eben kaufkräftig werdenden Schichten befinden sich 1 Max Süfsheim, a. a. 0. S. 13—26. 384 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. nun aber der Regel nach doch stets nur in einer solchen Vermögenslage, dafs sie höchstens kleine Beträge ihres Wochen- oder Monatsverdienstes zum Erwerb von Gegenständen verwenden können, die nicht zur unmittelbaren Fristung des Lebens notwendig sind. Sollten daher diese Kreise zum Ankauf wertvollerer Gebrauchsgüter herangezogen werden, so mufste der Handel Mittel und Wege finden, wie er die kleinen Einnahmepartikelchen zu gröfseren Kaufsummen zusammenfügte, ohne doch Schaden an der eigenen Seele zu nehmen. Man verfiel auf den Ratenkauf, den „Erwerb beweglicher Sachen gegen Ratenzahlung“; in England schon früh 1 , in den anderen Ländern entsprechend später. Der einfache Ratenkauf ist ein modificiertes Kreditgeschäft und bot als solches den grofsen Ubel- stand, dafs er die Sicherheit des Verkäufers angesichts der Minderwertigkeit der Kundschaft nicht unbeträchtlich gefährdet. Diese Erwägung führte zu einer den Zwecken mehr entsprechenden Umgestaltung des einfachen Ratenkaufs, zum modernen Abzahlungsgeschäft 2 . Es ist wohl richtig, wenn behauptet wird 3 * * * * 8 , dafs von einer Definition der Abzahlungsgeschäfte in juristischem Sinne keine Rede sein könne. Unter „Abzahlungsgeschäft“ hat man nicht eine bestimmte, juristisch definierbare Vertragsart zu verstehen, sondern einen dem Verkehr entwachsenen Sammelnamen für verschiedenartige 1 Bekannt unter dem Namen „Tally Trade“, der bereits von M c Culloch in seinem Dictionary of Commerce (1844) als eine sehr verbreitete Geschäftsart abgehandelt wird. 2 Die Litteratur ist reich, soweit es sich um die juristische Erörterung der neuen Vertragsformen handelt, die ökonomische Seite des Abzahlungsgeschäfts wird dagegen fast immer nur von den Juristen nebenamtlich mit behandelt. Eine Übersicht namentlich über den Stand der Gesetzgebung gieht V. Mataja, Art. „Abzahlungsgeschäft“ im H. St. Dort findet sich auch ein Teil der Litteratur vermerkt. Unter den juristischen Bearbeitungen ragen hervor die Arbeiten von A. Cohen, Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Abzahlungsgeschäfts (1891) und W. Hausmann, Die Veräufserung beweglicher Sachen gegen Katenzahlung etc. (1891). Der 21. und 22. deutsche Juristentag (1891. 92) haben sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt. Die neueste juristische Bearbeitung ist die umfangreiche Züricher Diss. von K. Gefsner, Das Abzahlungsgeschäft, speciell die rechtliche Natur der Ahzahlungsverträge (1898). — Stimmungsbilder aus der Praxis des Wirtschaftslebens enthalten natürlich wiederum in reicher Fülle die Jahresberichte der Handelskammern. Soweit darin bis 1890 des Abzahlungsgeschäfts Erwähnung gethan ist, hat sie W. Hausmann, a. a. 0. S. 103 ff. auszugsweise zusammengestellt. 8 K. Gefsner, a. a. 0. S. 33. , Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefshaften Detailhandels. 385 Verträge, die nur sämtlich darin übereinstimmen, dafs sie geeignet sind, die Vorteile der Ratenzahlung mit einer genügenden Sicherstellung des Verkäufers zu vereinigen. Das geschieht durch eine Reihe verschiedener Sicherungsmafsnahmen, unter denen der Eigentumsvorbehalt wohl die wichtigste ist. In dieser modernisierten Form ist nun der Ratenkauf heute eine der beliebtesten Geschäftsformen geworden, die ihr gut Teil zur Steigerung der Absatzfähigkeit gewerblicher Erzeugnisse beigetragen hat. Nach einer Zusammenstellung bei Cohen 1 wird das Abzahlungsgeschäft am häufigsten bei folgenden Gegenständen angewandt (die Gegenstände sind nach dem Grade der Häufigkeit ihres Verkaufs auf Abzahlung geordnet): Hauseinrichtungsgegenstände (Möbel, Vorhänge, Teppiche, Regulatoren, Spiegel, Öldruckbilder), Manufakturwaren und Bekleidungsgegenstände (Kleider, Stiefel, Hüte, Schirme), Taschenuhren und Pretiosen, Maschinen, musikalische Instrumente, Bücher u. a. Die Kundschaft bilden in überwiegender Anzahl Fabrikarbeiter, Tagelöhner, Subalternbeamte, kleine Kaufleute, Wirte etc. 2 3 . Genaue Angaben über die Verbreitung des Abzahlungsgeschäfts stehen uns nicht zur Verfügung. Doch lassen die übereinstimmenden Aussagen Sachverständiger darauf schliefsen, dafs es in den unteren Schichten der Bevölkerung die durchaus vorherrschende Form des Warenumsatzes geworden ist. Nach einer Schätzung Hohnes 8 , der langjähriger Dirigent der Prozefsabteilung 4 des Landgerichts I in Berlin war, sollen 8 /io der Gesamtbevölkerung Berlins mittels Abzahlungsgeschäfts kaufen. Ein anderer Sachkenner veranschlagt die in Deutschland täglich abgeschlossenen Abzahlungsgeschäfte auf rund 10 000, ein Dritter, der Inhaber eines Abzahlungsbazars in Altona, giebt die Zahl seiner Kunden ebenfalls mit 10000 an. Und zwar haben wir es hier wieder selbstverständlich mit einer allen modernen Ländern gemeinsamen Erscheinung zu thun 4 * * * . 1 A. Cohen, a. a. O. S. 24. 2 A. Cohen, 110 ff. 3 Vgl. C. Höhne, Der sog. Leihvertrag. 1885; Theorie des sog. Leihvertrags. 1886; Die gesetzliche Regelung der Raten- und Abzahlungsgeschäfte. 1891. Citiert hei K. Gefsner a. a. 0. S. X und 15. 4 Einen Überblick über die Verbreitung des A.-G. im Auslande giebt A. Cohen, in Schmollers Jahrbuch XV (1891), 909 ff.; vgl. dazu (insbes. für die Schweiz) Gefsner, 19 ff. Über die Zustände in Österreich unterrichtet eine von der Wiener Handels- und Gewerbekammer Ende der 1880er Jahre Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 38() Zweites Bucli. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Wie sehr das Abzahlungsgeschäft an Bedeutung noch immer zunimmt, vermag man auch aus der Vermehrung derjenigen Handlungen zu entnehmen, die sich selbst als „Abzahlungsgeschäfte“ bezeichnen. Während nämlich in den Anfängen der Entwicklung der Ratenverkauf nach den Grundsätzen des Abzahlungsgeschäfts im Rahmen der verschiedenen Branchen gelegentlich geübt wird, und daneben der Bar- oder Kreditkauf in den betreffenden Läden ihr Recht behalten, bilden sich im weiteren Verlauf Geschäfte aus, die aus allen beliebigen Branchen Waren auf Abzahlung verkaufen: die sog. „Abzahlungsgeschäfte“, „Abzahlungsbazare“. Hier ist das die Waren in dem betr. Laden zusammenfügende Moment die Zahlungsweise geworden. Diese reinen „Abzahlungsgeschäfte“ sind allerdings meist schwer als solche erkennbar; einen Anhalt zur Beurteilung ihrer Entwicklung haben wir dort, wo in den Adi’efs- büchern der betr. Stadt in der Übersicht der „Gewerbe“ die Rubrik „Abzahlungsgeschäfte“ bezw. „Warer.abzahlungsgeschäfte“ besonders aufgeführt ist. Da ergiebt die Vergleichung der letzten Ziffern mit denen vor 10—12 Jahren fast durchgängig eine beträchtliche Zunahme * 1 . So stieg ihre Zahl von 1888 bis 1899 in München von 12 auf 32. In Bi’eslau zähle ich: 1895 7 1898 15 1901 18 Die zuletzt gemachte Beobachtung: dafs unter dem Gesichtspunkt gemeinsamer Kaufverträge eine ganz neue Gruppierung von veranstaltete Enquete, bei der namentlich die Gerichtsbehörden zu Worte gekommen sind. Einen Auszug aus diesen Berichten giebtMataja, Ratenhandel und Abzahlungsgeschäft in Brauns Archiv, Bd. I (1888), 157—175. 1 Nur Berlin weist Stillstand bezw. leisen Rückgang der Zahl auf: 1888 = 49, 1900 = 46. Der Gründe für diese Ausnahmestellung kann man — abgesehen von der Annahme statistischer Unzuverlässigkeit — verschiedene sich denken. Es kann sich eine Konzentrationstendenz unter den Abzahlungsbazaren vollzogen haben. Es kann aber ihre Bedeutung auch tliatsächlicli zurückgegangen sein, weil das Abzahlungsgeschäft in anderen Läden weitere Verbreitung gefunden hat od. dgl. Denkbar wäre auch, obwohl mir nichts davon bekannt geworden ist, dafs Berlin in die Bahnen der Entwicklung in England eingemündet ist. Hier haben sich sog. High Furnishing Companies oder Furnishing and Finance Companies gebildet, die sich speciell damit befassen, den Verkauf auf Abzahlung zwischen den verschiedensten Geschäften und dem Publikum zu vermitteln und das Risiko auf sich zu nehmen. Vgl. A. Cohen, Die Abzahlungsgeschäfte im Auslande in Sclimollers Jahrbuch XV, 914. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 387 Waren in einem Laden stattfindet, lenkt unser Augenmerk auf die Thatsache, dafs auch, abgesehen von den Abzahlungsgeschäften, sich ganz allgemein eine Tendenz wahrnehmen läfst, die Waren, die in einem Laden feilgehalten werden, nach neuen Kriterien zusammenzustellen. Sehen wir zu, ob auch diese Erscheinung sich in den grofsen Zusammenhang der Neugestaltung der Absatzorganisation als Glied organisch einführen läfst! III. Die Neugruppierung der Waren in den Verkaufsstätten. Es kann in der That keinem Zweifel unterliegen, dafs der Grund zu solcher Neugruppierung abermals das Streben ist, den Umsatz zu vergröfsern durch Vermehrung der Kundschaft einerseits, durch rascheren Absatz der Waren andrerseits. Denn was man bezweckt, ist nichts anderes als die Waren in solcher Beschaffenheit und Menge in einem Laden zu vereinigen, dafs das Publikum seine Freude daran hat, weil es gerade das in geeigneter Qualität bei einander findet, was es in dem Momente zu kaufen beabsichtigt, also gereizt wird, gerade in diesem Laden seine Einkäufe zu machen; des weiteren aber thunlichst keinen Artikel zu führen, der nicht oder nur selten verlangt wird, d. h. also die Anzahl der täglichen Kaufakte der Zahl der vorhandenen Artikel möglichst anzunähern. Man kann in diesem Falle von einer Konzentrierung der Nachfrage oder einer Intensivisierung des Warenvertriebs reden. Aus diesen allgemeinen Erwägungen heraus ergeben sich dann vornehmlich folgende drei Tendenzen: 1. Qualitative Differenzierung der Detailhandlungen, d. h. eine Scheidung des ehemaligen Durch- schnittsgeschäfts in das Qualitätswarengeschäft auf der einen Seite, das Schund- oder Massenartikelgeschäft auf der anderen Seite. Damit vollzieht die Handelsorganisation nur die Anpassung an die in der Konsumgestaltung sich vollziehende Differenzierung, von der bereits die Rede war. In dem Mafse, wie mit wachsendem Reichtum sich der sog. Luxus entfaltet, d. h. nach Form oder Stoff kostbare Gegenstände in gröfseren Massen nachgefragt werden, ist es ganz selbstverständlich, dafs eine Vereinigung dieser „Luxusgegenstände“ in dementsprechend elegant hergerichteten Verkaufsräumen für die dementsprechend verwöhnte Kundschaft unter Ausscheidung aller minderwertigen Waren erfolgt. Das 25 * 388 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Qualitätswarengeschäft ist auch allein im stände, sich den Anforderungen der Grundrenten in den bestgelegenen Strafsen unserer Grolsstädte auszusetzen: es vermag diesen Zoll durch Aufschlag auf seine Waren zu zahlen, weil seine Kundschaft ohne weiteres zu jeder Mehrleistung in beliebiger Höhe bereit ist, wenn sie ihr Kupee oder ihren Dog-Cart in anständiger Strafse, vor elegantem Magazine halten lassen kann. Wer je vor den Schaufenstern der Rue de la Paix oder des Strand oder der Calwer Straat gestanden hat, kennt (wenn er nicht per Zufall Millionär ist) die Schauer, die auch nur der Gedanke an die Möglichkeit erzeugt, hier selbst einmal eine Krawatte, eine Schachtel Briefpapier, oder gar einen Fächer aus Guipuire-Spitze oder eine Barbediennesche Bronze erstehen zu wollen, ja auch nur den Preis davon zu erfragen. Und ebenso natürlich ist es, dafs in dem Yorstadtladen, wo nur noch die Proletariersfrau oder die verwitwete Postsekretärsgattin ihre Einkäufe macht, von vornherein jeder Gegenstand ausgeschieden wird, der auch nur entfernt an echten Stoff oder solide Machart erinnert, damit kein Stück über das Mindestmafs von Kaufkraft hinausrage. Dieser Differenzierungsprozefs ist dann ganz wesentlich gefördert durch die Fortschritte unserer modernen Produktionstechnik. Es mufste das Kunstgewerbe erst jene hohe Entwicklungsstufe erreichen, die wir es heute einnehmen sehen, damit die Qualitätswarengeschäfte ihre Gestelle füllen konnten, und es mufste die rastlose Massenproduktionstechnik erst jenen fabelhaften Grad von Leistungsfähigkeit sich errungen haben, der sie befähigte, zu den heutigen Spottpreisen Waren über Waren auf den Markt zu werfen, die nun die Verkaufsgegenstände in den Pofelgeschäften unserer Vorstädte bilden. Zur Freude künftiger Geschlechter gebe ich hier einen Auszug aus dem Preisverzeichnis eines Breslauer billigen Ladens, der auch dem blöden Auge ersichtlich machen mufs, wie wir es doch so herrlich weit gebracht. Es werden daselbst Waren zu folgenden Preisen angeboten 1 : „Couleurte Herrenglacehandschuh zum Aussuchen . Paar 57 Pf. Weifse Ballkrawatten.Stück 3 „ Farbige Regattas mit Binde. „ 18 , Farbige Anknöpfer. „ 1 „ Weifse Seidenstoffe für Brauttoilette.Meter 75 „ 1 Zur Beglaubigung nenne ich die Nummer des Zeitungshlatts, dem ich diese Preisliste entnehme: Breslauer Morgen-Zeitung vom 26. Jan. 1899. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 389 Küchenlampen. 29 Pf. Abgepafste Gardinen. Fenster 125 Gefärbte Ziegenfelle abgefüttert. 75 n Steppdecken . 175 Damen-Anstandsrock mit Volant. 95 Damen-Hemden. 48 Brochen . 1 Notizbücher. 9 Mt Hemdenknöpfe. 1 Fingerhüte aus Metall. 1 Hemdentuch. 17 Tischtücher. 29 Haarnadeln. 1 Stiefelknöpfer . .. . 12 „ 10 Einzelne Herrenhosen zum Aussuchen . . . Paar 250 Hüte in allen Farben. 135 Weifse Wäschespitzen. 60 Ein Posten Elsässer Hemdentuch. • 20 „ 450 Damentuche. 32 Damenregenschirme. 125 Die zweite Tendenz, die wir bei der Neugruppierung der Waren beobachten, ist eine Tendenz zur 2. Specialisierung. Sie erwächst genau aus denselben Erwägungen wie die Differenzierung; sie will ebenso wie diese zu einer Intensivisierung der Bedarfsbefriedigung' verhelfen. Jedermann vermag selbst die stark fortgeschrittene Specialisierung in unseren Detailhandelsgeschäften festzustellen, wenn er aufmerksam durch die Strafsen unserer Grofs- städte wandert. Aufs Geratewohl greife ich folgende Beispiele heraus: es giebt heute Specialgeschäfte für Cigarren und Cigarretten, Butter, Käse und andere Molkereiprodukte, Kaffee, Thee, Feinstes Obst, Kaviar, Petroleum, Konfiserie, Fahrräder, Fische, Ansichtspostkarten, Konserven, Handschuhe, Schirme und Stöcke, Kragen und Kravatten, Hüte, Seidenbänder, Chirurgische Instrumente. Voraussetzung für solcherart fortgeschrittene Specialisierung ist natürlich zunächst ein entsprechender Intensitätsgrad des Verkehrs, damit überhaupt eine gehörige Anzahl Verkaufsakte dieser bestimmten Art an einem Orte vollzogen werde. Sodann aber wiederum auch ein erhebliches Reichtumsniveau, damit die Ab- 390 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. stufung der Qualitätsunterschiede einer einzelnen Ware, wie sie thatsächlich die Gegenstände dieser Specialitätengeschäfte aufweisen, möglich werde. Denn offenbar ist der Hauptzweck solcher Läden, ihr eigenstes Produkt nun in schrankenloser Auswahl dem Publikum darbieten zu können. Wir werden daher häufig einer Kreuzung von Qualitätswaren- und Specialitätengeschäft begegnen, namentlich dort, wo es sich um eine Fortsetzung des urwüchsigen Differenzierungsprozesses handelt, der, wie wir oben sahen, zum Branchengeschäfte führt. So begegnen wir heute fast überall in den Strafsen unserer Grofsstädte beispielsweise hochqualifizierten Seidenhäusern, kunstgewerblich hervorragenden Glas- und Porzellangeschäften, Läden mit sehr feinen Eisenwaren u. dgl. Aber die bei weitem wichtigste Tendenz in der Neuordnung der Waren ist die Tendenz zur 3. Kombinierung verschiedener, ursprünglich getrennter Warengattungen. Solcherart Zusammenfügung erfolgt abermals unter dem Gesichtspunkte der Kulanz gegen das Publikum. Man will dem Käufer diejenigen Waren thunlichst in demselben Raume darbieten, nach denen er möglicherweise bei Gelegenheit eines einzelnen Kaufakts sonst noch Bedarf verspüren könnte. So entstehen die drolligsten Kombinationen: hier verkauft ein Cigarrengeschäft Spazierstöcke, dort ein Blumenladen Cigarren; hier eine Fahrradhandlung Reiselektüre, dort ein Friseur pariser Gummiartikel u. s. f. Das heifst: man gliedert irgend eine beliebige Ware an den ursprünglichen Warenbestand an, von der man voraussetzt, dafs sie vom Käufer nebenbei „mitgenommen“ wird. Mit der Zeit haben sich nun bestimmte Kombinationen herausgebildet, die einen bestimmten komplexen Bedarf zu befriedigen trachten. Es entwickeln sich aus den früheren Branchengeschäften traditionell ausstaffierte Bedarfsartikelgeschäfte, wie wir diese neue Species von Warenlagern nennen können. So entsteht aus dem alten Manufakturwarengeschäft entweder das Modewaren- und Konfektionsgeschäft oder bei noch weiterer Ausdehnung des Bedarfsgebietes das Ausstattungsgeschäft; aus dem alten Eisenkram erwächst das moderne Kücheneinrichtungs- und allgemein das Hausgerätegeschäft 1 ; aus der Kolonialwarenhandlung geht das Delikatefswaren- geschäft hervor; die alte Sattlerwerkstatt wandelt sich in den 1 Vgl. darüber W. Borgius, a. a. 0. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 391 Reisebedarfsladen um; es entsteht das Herrenartikelgeschäft 1 u. s. w. Allen diesen Neubildungen gemeinsam ist: dafs sie völlig indifferent gegenüber dem Stoff werden, aus dem die Gegenstände hergestellt sind und der Produktionssphäre, die sie liefert. Das Hausgerätegeschäft führt jetzt alle Artikel, die der Hauseinrichtung dienen, mögen sie aus Eisen, Nickel, Kupfer, Glas, Holz, Porzellan, Stroh, Rohr, Leder oder sonst etwas gefertigt sein. Die Delikatefs- handlung vereinigt in ihrem Laden: Früchte aus Italien, Gemüse aus Frankreich, Wild aus der Provinz, Kaffee aus Arabien, Schnäpse aus Holland, Hummern von Helgoland, Kartoffeln aus Malta, Austern aus England oder Holstein, Kaviar aus Rufsland, Punschextrakt aus Elberfeld, Konserven aus Braunschweig, Käse aus der Schweiz u.s.w., kurz alles, was zu einem „Diner“ gehört, das hier das bedarfsvereinigende Moment ist. Dementsprechend ist umgekehrt ein bestimmter Artikel der Kombination mit beliebigen andern Artikeln ausgesetzt und kann deshalb in den verschiedensten Läden geführt werden, er, der früher vielleicht das Rückgrat eines ganz scharf begrenzten Handwerkerkrams gebildet hat. So findet man beispielsweise die Bürste heute in Spezerei-, Droguen- und Farbwarenhandlungen, Küchen- einrichtungs- und Haushaltungsbazaren, Friseurgeschäften und Galanteriewarenläden, Eisenwaren- und Werkzeughandlungen, bei Holzwaren, Korbmacherartikeln, Seilerwaren, in Töpferwaren- und Grünzeughandlungen u. a. Läden 2 ; wir finden die Damenbluse und Damenschürze in allen Garderobe-, Weifs-, Manufakturwarenhandlungen, in den Leinen-, Wäsche-, Putz- und Posamentiergeschäften, in den Versandhäusern und Bazaren, in Special-, Strumpf- und Wollen Warenhandlungen u. s. f. 3 Wiederum ist es selbstverständlich, dafs diese zweckentsprechende Neugruppierung der Ware nur vorgenommen werden konnte, nachdem die moderne Produktions- und Verkehrstechnik die Vorbedingungen dafür geschaffen hatten. Was hauptsächlich dabei in Betracht kommt, ist dieses: 1. Einbeziehung der konfektionierten Waren in die 1 In Berlin seit den 1840er Jahren. Interessante Nachweise über seine Entstehung finden sich bei H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wäscheindustrie im 19. Jahrhundert in Schmollers Jahrbuch 20 (1896), 594 ff. 2 Vgl. U. VI, 535. Dasselbe für ihren Bruder, den alten braven Kamm ebenda S. 230. 3 Vgl. G. Dylirenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen etc. (1898) 8. 13. 392 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. kapitalistische Produktion; sei es auf Kosten des Handwerks, sei es auf Kosten der Hauswirtschaft. Daraus aber, dafs der Gegenstand des Detailhandels aus einem Rohstoff oder Halbfabrikat ein fertiges Genufsgut wird, folgt zweierlei: a) es wird der Zusammenhang mit einer bestimmten Produktionsbranche zerrissen, weil der Artikel, ehe er in den Laden kommt, verschiedene Produktionsgebiete durchläuft: zwischen die Weberei und das ehemalige Manufakturwarengeschäft tritt nun das Konfektionshaus oder die Wäschefabrik u. s. w. b) es wird der Zusammenhang mit dem Bedarfszweck ein engerer, weil in der konfektionierten Ware die beliebige Verwendbarkeit des Halbfabrikats aufgehoben wird: Leinewand kann zu den verschiedensten Gebrauchszwecken verwandt werden und die Leinenhandlung vermag den verschiedensten Bedarfssphären Stoff zu liefern. Ist die Leinewand aber erst einmal in einer Damenhose, einer Radfahrmütze oder einem Zeltdach gebunden, so ist die Verwendungsart des betreffenden Artikels vorgeschrieben, und wir freuen uns, die Damenhose in Gesellschaft von Strumpfbändern, die Radfahrmütze in der Nachbarschaft eines Racket, das Zeltdach neben den dazugehörigen Gartenmöbeln sicher zu finden. 2. Wachsende Gleichgültigkeit gegenüber Entfernung und Beschaffenheit des Bezugsgebiets stellt sich als natur- gemäfse Konsequenz der modernen Verkehrsfortschritte ein, wird aber erst vollständig in dem Mafse, wie die Hilfsorgane des Detailhandels sich entwickeln, von denen weiter unten noch gesprochen werden wird. 3. Revolutionierung der Produktionstechnik als Folge vor allem der Anwendung des wissenschaftlichen Verfahrens; wodurch täglich die Grenzen der alten Produktionsgebiete verschoben werden. Täglich werden Gegenstände, die dem nämlichen Gebrauch dienen, aus ganz anderem Stoffe neu hergestellt. Man denke an den „Bierfilz“, der heutzutage statt aus Filz bald aus Porzellan, bald aus Glas, bald aus Blech, bald aus Holz, bald aus Cellulose gefertigt wird; an den Bilderrahmen, der aus Holz, Stroh, Leder, Schlangenhaut, Papier, Glas, Eisen, Messing, Kupfer, Bronze, Blech, Aluminium, Seide, Plüsch in beliebiger Kombination besteht. So werden täglich seit alters her ihrer Entstehungsart nach zusammengehörige Gegenstände auseinandergerissen und mit fremden zusammengefügt. Ganz besonders deutlich tritt die Unmöglichkeit, die Waren nach Branchen zu gruppieren, hervor, wo es sich um Schaffung neuer Artikel handelt, die gar keiner Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 393 früheren „Branche“ angehört haben, die also von Hause aus gar keine Tendenz in ein bestimmtes Branchengeschäft haben, folglich leicht der Anziehungskraft eines neu gruppierten Warenlagers — wie des Bedarfsartikelgeschäfts — folgen. Gerade auf solche neuen, sog. „Specialartikel“, machen aber die Händler förmlich Jagd, wodurch sie die Geneigtheit der Produktionstechnik, sie anzufertigen, erst recht stimulieren „In einer Zeit, wo die Anwendung der Geschäftsformen zweifellos die Einkünfte manches Kaufmanns schmälert, wo namentlich der Verdienst an Stapelartikeln durch Kartellierung der Fabrikanten, durch Umgehung des Zwischenhandels und durch andere Momente verringert wird, erscheint die Einführung neuer und Specialartikel als eine der gewinnbringendsten Hauptaufgaben des Kaufmanns Welchem „Branchengeschäft“ aber gehören Packungs- und Polstcrmaterial aus Holzwolle, Knöpfe aus Käse, Rahmen aus Mehl, Anzüge aus Papier oder Cellulose und jene Tausende neuer Artikel an, deren jeder Tag Dutzende auf den Markt wirft? Nun tindet aber offenbar das Streben, durch all’ solche Mafs- nahmen, wie wir sie eben kennen gelernt haben, die Waren in gefälliger Form darzubieten, durch rascheren Umsatz Ersparungen zu machen u. s. w. seine Begrenzung in dem Umfange, in der Kapitalkraft eines Geschäftes. Uber eine bestimmte Höhe hinaus läfst sich naturgemäfs der Warenvertrieb nicht steigern, so lange die Basis unverändert bleibt. Soll auf der Bahn weitergeschritten werden, die die modernen Detailhandelsprincipien weisen, so bleibt nichts anderes übrig als die Basis zu verbreitern. So ergiebt sich mit Notwendigkeit aus den gegebenen Absatzbedingungen die dritte Entwicklungstendenz des modernen Detailhandels, die wir (nicht ganz genau) bezeichnen können als IV. Konzentrationstendenz. Darunter verstehe ich also eine Tendenz, das Mafs der in einer Detailhandelswirtschaft, in einer Unternehmung zusammen- gefafsten Produktivkräfte auszuweiten: um durch elegantere Ausstattung der Läden, reichere Auswahl, Vergröfserung des Warenlagers und dergl. die Vorteile der zweckentsprechenden Differenzierung und Gruppierung der Artikel in erhöhtem Mafse auszunutzen, zugleich aber auch neue zu gewinnen, die nur eine 1 „Bezugsquellen für Specialartikel“ in der Zeitschrift „Der deutsche Kaufmann“ XI. Jahrg. 1. Juni 1900. Nr. 17. 394 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. derartige Vergröfserung des Unternehmungsspielraums zu gewähren vermag. Es sind das die Vorteile des sog. „Grofsbetriebes“, wie man sich ungenau auszudrücken pflegt. Denn es handelt sich keineswegs immer um eine grol'sbetriebliche Gestaltung, d. h. um die Zusammenfügung grofser Mengen von Produktionsmitteln und Arbeitskräften unter einem einheitlichen Kommando. Es kann jene Ausweitung des Unternehmungsspielraums vielmehr eben so gut im kleinbetrieblichen Rahmen erfolgen und erfolgt in der That oft genug darin: in Form des sog. Filialen Systems, das ein Analogon der grofskapitalistischen Handelsorganisation zu der Hausindustrie in der gewerblichen Produktionssphäre bildet 1 . Da ich dem Probleme der Überlegenheit grofskapitalistischer, vulgo „grofs- betrieblicher“ Organisation in den Kapiteln, in denen ich die Theorie der gewerblichen Konkurrenz abhandele, noch ausführliche Betrachtung angedeihen lassen werde, so erübrigt hier ein näheres Eingehen; denn die Kausalreihen sind in den beiden Sphären des Wirtschaftslebens, wie unsere Untersuchung ergeben wird, in der That in weitem Umfange identisch. Es mag genügen, wenn ich hier für die Beurteilung der Vergröfserungstendenz in ihrer that- sächlichen Gestaltung einige Anhaltspunkte gebe. Leider läfst sich die sich vollziehende Kapitalkonzentration auf direktem Wege nur schwer, richtiger gar nicht ermitteln. Denn die Ausweise etwa der Steuerbehörde sind viel zu wenig detailliert, um daraus bestimmte Schlüsse in der angedeuteten Richtung ziehen zu können. Wenn beispielsweise in einer Stadt wie Breslau das Einkommen aus Handel und Gewerbe von 28 816 083 Mark im Steuerjahre 1892/93 auf 45273020 Mark im Jahre 1900 stieg 2 , also in einem viel rascheren Tempo, als die Zahl der Gewerbe und Handelsbetriebe sich vermehrte, so lassen diese Zahlen zwar den Schlufs zu, dafs an dieser Kapitalkonzentration der Detailhandel entsprechend beteiligt ist: aber mit Sicherheit läfst sich diese That- sache daraus doch nicht ableiten. Wir sind daher immer nur auf das Urteilen nach Symptomen angewiesen. Solche Symptome bieten uns beispielsweise die durch den Augenschein wahrnehmbare Aus- 1 Das Filialensystem ist schon heute viel ausgedehnter, als es den Anschein hat, weil sehr häufig die Filiale gar nicht die Firma des Hauptgeschäfts, sondern den eines vorgeschobenen Strohmannes trägt. 2 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung für 1892/93 und 1900. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. selsliaften Detailhandels. 395 Weitung uncl Verschönerung aller Läden in unseren auf blühen den Städten. Wohin wir auch den Blick lenken mögen, überall sehen wir an Stelle kleiner, schmutziger, dunkler Geschäftsräume mit klöterigen oder gar keinen Fensterauslagen grofse, lichte, elegante Verkaufshallen mit immer luxuriöser und geschmackvoller ausgestatteten Auslagen und immer reicherer Auswahl treten. Wo auch immer in deutschen Grofsstädten in belebten Stadtteilen alte Bauten niedergerissen werden, sehen wir an bevorzugter Stelle ganze Fluchten opulenter Verkaufsläden sich einrichten. Und die enorm gesteigerten Mietspreise gerade für solcherart Benutzung der Gebäude in den Centren der Städte reden eine deutliche Sprache, dafs die Tendenz nach Ausdehnung des Geschäftsumfanges im Detailhandel eine allgemeine ist. Das beliebteste, wenn auch keineswegs zuverlässigste Symptom einer sich vollziehenden Kapitalkonzentration, sind die in den einzelnen Geschäften (bezw. Betrieben) beschäftigten Personen, Hier kommt uns bekanntlich die amtliche Statistik ein wenig zu Hilfe und in Ermangelung brauchbarer Ausweise nehmen wir gern von den durch sie gebotenen Annäherungswerten Kenntnis. Ein grofser Übelstand auch unserer Berufs- und Gewerbezählung ist es nun aber, dafs sie zwischen Engros- und Detailhandel nicht unterscheidet, somit zwei Dinge zusammenwirft, die oft ganz verschiedenen Entwicklungsbedingungen unterliegen. Immerhin wird man die Ziffern der beiden deutschen Zählungen von 1882 und 1895 auch für den Detailhandel und seine Konzentrationstendenz als Beweismaterial nicht allzugering anschlagen dürfen. Für ganz Deutschland und das gesamte Handelsgewerbe ergeben sich folgende, allerdings ziemlich nichtssagende Ziffern 1 : Von 100 Betrieben Von 100 Personen kommen auf die Grüfsenklasse von . . . Personen bis 5 | 6-50 |51 und mehr bis 5 6-50 51 und mehr 1882 96 ! 3,9 1 i 0,1 76,5 21,2 2,3 1895 94,9 5,0 ! 0,1 1 70,8 25,2 4,0 Die hauptsächlich in Frage kommenden Branchen weisen im einzelnen für Deutschland folgende Ziffern auf: 1 Stat. des D. Reichs. N. F. Band 119, S. 44 und 28*, 29*. 396 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. » Im Jahre 1895 Im Jahre 1882 — sind von 100 Branche Betrieben Bei sonen in Betrieben Personen in a ’S -t-3 +■» *ss © .B ^ © "cd i sä t»; *- P C5 'S 's «23 o C u •r-t © 0) 3 ä -4-i © «ä »3 P CB rA O o ^ s o a« SH rA dm H. mit Metallen und Metallwaren . . . 84,2 15,7 0,1 47,4 48,4 4,2 88,7 11,2 0,1 59,4 37,7 2,9 H. mit Manufaktur- waren. 88,9 10,9 0,2 55,1 38,2 6,7 91,7 8,2 0,1 66,1 31,2 2,8 H. mit Kurz- und Ga- lanteriewaren . . 94,1 5,9 0,0 69,6 29,4 1,0 95,5 4,5 — 77,4 22,6 — Etwas mehr Leben gewinnen die Ziffern, wenn wir sie für ein engeres Gebiet gesondert betrachten, beispielsweise für eine Stadt wie Breslau. Alsdann ergiebt sich folgendes Bild 1 : Jahr Gesamtzahl der Betriebe Beschäftigte Personen Alleinbetriebe ohne Motoren Betriebe mit 1—5 Personen Darin beschäftigte Personen mit 6—10 Betriebe . . Personen 11—50jöl—200 In Betrieben Uber 6 Pers. beschäftigte 1 . Handel mit Kolonialwaren etc. (Statistik der Hauptbetriebe;-. 1882 1435 2840 657 574 1548 34 19 1 611 1895 1612 4170 689 807 2172 77 37 2 1309 2. Handel mit Manufaktur waren (gleiche Anordnung): 1882 682 2390 244 361 1194 37 35 _ 937 1895 1305 3991 707 442 1339 97 58 1 1945 Aus den angeführten Ziffern ergiebt sich nun zwar, dafs heute die Konzentration im Handelsgewerbe keineswegs schon einen über- mäfsig hohen Grad erreicht hat, ebenso zwingend aber doch auch, dafs die Tendenz zu ihr eine allgemeine Erscheinung ist. Wir können aber auch heute schon mit Bestimmtheit sagen, dafs sie in Zukunft andauern wird. Dafür liefert uns die Belege eine Gegenüberstellung der Ziffern für Städte verschieden hoher ökonomischer Entwicklung, beispielsweise Berlin und Breslau. Diese nämlich ergiebt ein erheblich gröfseres Mafs der Konzentration für die fortgeschrittenere Stadt. 1 Aus den betreffenden Bänden der Gewerbezählung von 1882 und 1895 zusammengestellt. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 397 Es waren beispielsweise im Handel mit Manufakturwaren Personen beschäftigt (1895) 1 in : in Betrieben mit . . . Personen insgesamt 11—21 21-50 51—200 über 200 über 11 Berlin j 20 594 Breslau j 3 991 3277=15,9 o/o 3437 = 16,6 %!2667=12,9 °/o 454=11,4 „ j 701=17,5 „ 70= 1,7 „ 1858=9,6 »io 0 „ 11239=54,4°/o 1225=30,6 „ Dafür spricht aber auch die Thatsache, dafs in den Ländern mit höherer ökonomischer Entwicklung, wie Frankreich, England, Amerika, auch die Detailshandelsorganisation notorisch heute schon einen viel höheren Grad der Kapitalkonzentration erreicht hat, als in Deutschland. Während hier nämlich erst ein einziges Grofs- magazin einen Umsatz von etwa 30 Millionen Mark erzielt, und das auch erst in den allerletzten Jahren, giebt es in dem fortgeschritteneren Ausland bereits eine ganze Reihe von Detailhandelsunternehmungen, die diesen Betrag erreichen bezw. ganz beträchtlich übergipfeln. Die grofsen Pariser Magazine haben folgenden Umsatz in Mill. Frcs.: 1896 2 1898 3 Bon Marche . 150 180 Louvre . . . 129 145 Samaritaine . 36 ? Printemps . . 35 ? In England und Amerika existieren folgende Detailhandlungen gröfseren Stils: : Whiteley, London.mit 55 Mill. Frcs. Umsatz Siegel, Cooper & Co., Chicago „ 90 „ „ „ Marshall Field, Chicago . . . „ 80 ,, „ „ Wanmaker, Philadelphia . . „ 35 „ „ „ Blooming dales, New-York „ 30 „ „ „ Dafs es sich aber in diesen Ländern nicht nur um solche Riesenunternehmungen, sondern vor allem auch um grofskapitalistische Gebilde normalen Umfanges handelt, lehren die folgenden Zahlen, in denen die Dividenden einiger Londoner Modewarenhandlungen 1 Stat. d. D. Reichs. N. F. Band 116 bezw. S. 12 und 23. 3 G. D’Avenel, Le Mecanisme de la Vie moderne, 61/62. 3 „Konfektionär“ 20. Juli 1899. 398 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. angegeben sind. Diese Firmen sind teilweise allerdings Gewerbebetriebe (Kundenschneider), grofsenteils aber auch Detaillisten. Es betrug die Dividende 1898/99 bei 1 : Crisp. 3373 Sg = 3 1 h °io Evans D. H. . . . 35 374 55 13 x / 2 „ Jays. 32652 55 7V2 „ Jones & Higgins . . 23375 55 10 „ Liberty & Co.. . . 37 369 55 16 „ Louise. 5359 5 ) 0 „ Paquin. 59163 55 10 „ Robert T. R. . . . 15 342 55 IOV 2 „ Robinson Peter . . 69564 55 12 „ Swan & Edgar . . 8666 55 6 V 4 „ Wallis Tliom. . . . 32329 55 10 „ Redfern & Co. . . 20053 55 5 „ John Barker & Co. . 55 256 55 12 V 2 „ J. R. Roberts Stores 18490 5 ) 7 „ Unter den zuletzt genannten Grofsbetrieben waren nun aber auch schon jene specifischen Repräsentanten des modernen Detailhandels vertreten: die Warenhäuser. Ein solches nämlich liegt überall dort vor, wo die drei Eigenarten der kapitalistischen Detailhandelsentwicklung sich vereinigt finden: 1. die grofskapitalistische Basis; 2. der kapitalistische Geist, d. h. die Modernität der Ge- schäftsprincipien; 3. die Neuordnung der Waren nach dem Gesichtspunkt höchster Bedarfsanpassung, somit a) Differenzierung in der Qualität; b) Kombinierung verschiedener Branchenartikel. Namentlich auch das Differenzierungsstreben ist bei den modernen Warenhäusern grofsen Stils zu beachten: sie forcieren in ganz besonderer Stärke die Umsatzgeschwindigkeit und müssen deshalb auch ganz besonders darauf bedacht sein, die Auswahl ihrer Artikel dem Bedarf einer ganz bestimmten Kundschaft genau anzupassen, also weniger begehrte Gegenstände, deren längeres Verweilen im Lager den Umsatz verlangsamt, aus ihrem Bestände immer wieder auszuscheiden. Das Ideal des Grofswarenhauses ist: von jeder Warengattung thunlichst nur einen Gegenstand führen zu müssen, wenn möglich aber alle Gegenstände, die eine bestimmte Kundschaft für ihren Gebrauch nötig hat. Dieses Programm gelangt 1 Ygl. „Konfektionär“ vom 27. April 1899. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 390 schon heute fast vollständig zur Ausführung in gewissen Warenhäusern minderer Qualität, die sich an die niedrigsten Schichten des kaufenden Publikums: die „kleinen Leute“ wenden. Ich nenne sie Bazare, zum Unterschiede von den Grofsmagazinen, d. h. Grofswarenhäusern höheren Ranges, wie das Grand Magasin de Noveautes in Paris, wo der sich formierende „wohlhäbige Mittelstand“ kapitalistischer Herkunft das ausschlaggebendePublikum bildet; wo nicht die Proletarierfrau mit dem Marktkorb am Arm, sondern wo die Mondaine und Demimondaine mittlerer Qualität den Ton angeben, herunter bis zur Offiziers- und Professorenfrau, soweit diese auch schon mit modernen Instinkten erfüllt sind. Zwischen den Extremen, wie sie einerseits etwa der Bon Marche in Paris darstellt, wo sich der Deutsche mit seiner bescheideneren Lebensführung wie in ein Luxusgeschäft versetzt vorkommt, wo der Durchschnittsverkaufserlös in der That auch 20 Francs beträgt, wie sie andererseits die Pofelbazare in den Grofsstädten des östlichen Deutschlands repräsentieren, liegt dann eine reiche Skala verschieden abgestufter Warenhaustypen. Aber alle streben sie doch auch in der Qualität wie in der Zusammenfügung der Branchen dem obersten Grundsatz moderner Detailhandelsgestaltung gerecht zu werden: die Anpassung an den Bedarf einer bestimmten Kundschaft zu einer thunlichst vollendeten zu gestalten h 1 Die Litteratur über das Wesen und die Entwicklung der modernen Warenhäuser ist dürftig. Das alle übrigen Erscheinungen noch heute überragende Meisterwerk ist Zolas Roman „Au bonheur des dames.“ In der wissenschaftlichen Litteratur nimmt einen Ehrenplatz ein die heute freilich veraltete Schrift Viktor Matajas, Grofsmagazine und Kleinhandel. 1891. Für die französischen Verhältnisse sind ferner zu vergleichen die schon genannten Werke von Coffignon undD’Avenel; ferner P. du Maroussem, Les Magasins tels qu’ils sont in der Revue d’economie politique 1892. Neuerdings hat der Gegenstand eine umfassende Bearbeitung in einer Pariser Doktordissertation gefunden: Henry Garrigues, Les Grands Magasins de Nou- veautes et le petit commerce de detail. 1898. Noch lückenhafter ist die auf deutsche Verhältnisse bezügliche Litteratur. Der Aufsatz von G. Stresemann, Die Warenhäuser, ihre Entstehung, Entwicklung und volkswirtschaftliche Bedeutung (in der Zeitsclir. f. d. ges. Staats- wiss. 56 [1900] 696 ff.) hält nicht, was der pompöse Titel verspricht. Zerstreute Bemerkungen finden sich in der umfangreichen Streitscliriftenlitteratur der letzten Jahre, aus der hervorragt: F. C. Huber, Warenhaus und Kleinhandel. 1899. Einen lehrreichen Blick hinter die Kulissen eines Berliner Grofsmagazins gestattet die Rechtfertigungsschrift des ehemaligen Direktors des bald nach seiner Begründung verkrachten Kaiser-Bazars: M. Richter, Zur Geschichte des Kaiserbazar, A.-G. zu Berlin 1889—1892 (1892). Der Kaiser-Bazar war das erste moderne Warenhaus größeren Stils in Berlin. Eirmnclzwanzigtes Kapitel. Die Hilfsorgane des modernen Detailhandels. An verschiedenen Stellen wurde bereits hervorgehoben, welcher Art Bedingungen, namentlich verkehrstechnischer und verkehrsorganisatorischer, sowie populationistischer Natur erfüllt sein müssen, damit sich der Detailhandel in der angegebenen Weise umgestalten könne. Es mufs hier nun aber noch besonders darauf hingewiesen werden, dafs seine moderne Entwicklung in quantitativer und qualitativer Hinsicht immer noch nicht denkbar ist ohne die gleichzeitige Ausbildung einer Reihe von Organisationen, deren er sich für seine Zwecke zu bedienen vermag und die ich deshalb als Hilfsorganisationen des Detailhandels bezeichne. Als solche kommen in Betracht A. Die Fachpresse. Und zwar sowohl die engere Fachpresse für einzelne Branchen und Berufszweige, als auch die allgemein kaufmännischen Blätter. Ich denke hier an Zeitschriften wie den „Manufakturist“ (Hannover, seit 1877), den oft genannten „Konfektionär“ (Berlin, seit 1886), die Halbmonatsschrift „Der deutsche Kaufmann“ (Berlin, seit 1889) u. a. Derartige Organe mit sicherlich weitester Verbreitung stellen eine Art unausgetzten Kontaktes des einzelnen Detaillisten mit den Vorgängen auf dem Warenmärkte, mit den verschiedenen Kategorien des Zwischenhändlertums, dar Fabrikanten u. s. w. her, ganz abgesehen davon, dafs sie mit ihren Leitartikeln das Wesen modernen Handels bis in die letzten Dörfer des Gebirges verbreiten helfen. Um eine Vorstellung von der Thätigkeit solcher Organe zu geben, zähle ich hier einige der Rubriken im „Deutschen Kaufmann“ (Jahrgang 1900) auf. Da linden wir Einundzwanzigstes Kapitel. Die Hilfsorgane d. modernen Detailhandels. 401 1. Verfertiger von Neuheiten, die diese anbieten, Händler, die „Offerten in Neuheiten erbitten“; 2. Listen Verbindung suchender Firmen: a) wer liefert: 765 Gummiveredelungsbänder; 766 Majolikavasen; 775 Sargüberthane; 777 Muschelkartonnagen für Canditen . . . b) Verbindungen gesucht mit: 1405 Lieferanten von Karpathen-Ziegenkäse; 1406 Lieferanten von Cigarretten-Papierhülsen und Spitzen. c) wer kauft: 494 Blutalbumin; 495 Honigblechbüchsen; 496 Kuhhaare und Hadern. 3. Aufzählung neuer Handelsartikel: „Ätna“, Petroleumkocher ohne Docht, „Oris“, Insektenvertilger. Dazu die Inserate, Reklamen etc.: in der That eine Art stummen Marktverkehrs grofsen Stils, die sich in den Spalten derartiger Blätter abspielt. Aber das gedruckte und geschriebene Wort vermag doch nur in beschränktem Umfange die persönliche Beziehung zu ersetzen. Daher von viel gröfserer Bedeutung diejenigen Organisationen sind, die auf der Basis des persönlichen Umgangs dem Detaillisten die Möglichkeit seiner Existenz in der neuen Form verschaffen. Als solche aber sind vor allem zu nennen B. Die (Geschäfts-) Reisenden. Das Institut der Geschäftsreisenden, d. h. des regelmäfsigen Besuchs der Detaillisten durch kaufmännische Angestellte von Fabrikanten (oder Händlern), die unter Vorzeigung von Mustern Offerten machen und Aufträge entgegennehmen, reicht mit seiner Lebensdauer weit in frühkapitalistische Zeit zurück. Für Deutschland berichtet schon Ulmenstein im Anfang der 1830er Jahre, dafs das „Einsammeln von Bestellungen“ „jetzt sehr gewöhnlich sei“ 1 : d. h. also das Aussenden von Reisenden hatte bereits be- 1 Ulmenstein, Über einige Zweige des Handelsverkehrs etc. in Raus Archiv der pol. Ök. 1 (1835), 211. Moderne wissenschaftliche Litteratur ist mir nicht bekannt geworden. Mancherlei interessante Notizen bringt das Fachorgan: „Die Post reisender Kaufleute Deutschlands“; seit 1891. In der Nr. 29 Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 26 402 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gönnen. Es bildet aber für jene eisenbahnlose Zeit offenbar die Ausnahme-, die normale Form der Geschäftsvermittlung war, wie wir wissen, eine andere: der Fabrikant liefs sich entweder von den Händlern, selbstverständlich nur den kapitalkräftigen Detaillisten, in den gröfseren Orten besuchen, oder er bezog — anfangs mit seinem Lager, bei zunehmendem Verkehr mit seinen Musterkollektionen — die Messen und Märkte der gröfseren Provinzialstädte, wo dann die Händler der kleinen Orte sich mit den nötigen Artikeln versahen. Mit dem Aufkommen der Eisenbahnen ward es Sitte, dafs die Fabrikanten regelmäfsig ihre Reisenden an die Detaillisten zunächst der gröfseren Plätze, allmählich, mit dem weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes in immer kleinere Orte entsandten. Welche enorme Ausweitung seines Existenzspielraums, welche Erleichterung seines Geschäftsbetriebes diese Entwicklung für den Kleinhändler bedeutete, bedarf keiner besonderen Begründung. Die rasche Ausbreitung des Reisenden über immer weitere Gebiete bedeutete aber noch mehr als dies: sie war vom Standpunkt der Gesamtentwicklung aus betrachtet, eines der wirksamsten Mittel, um dem Warenabsatz jenen Grad von Extensität und Intensität zu verleihen, den wir zu konstatieren Gelegenheit hatten, war vor allem aber auch ein unfehlbares Mittel, um den modern - kapitalistischen Geist, die Geschäftsauffassung des aggressiv-spekulativen Händlers unserer Tage bis in die entlegensten Landstädte hineinzutragen. Der Geschäftsreisende ist eine der markantesten Typen unserer eigentümlichen Zeit geworden. Seine drollige Manier, mit der er die Errungenschaften neuester Kultur zur Schau trägt, die eigentümliche Legierung, in der bei ihm das Gemisch von Weltkenntnis und Halbbildung zu tage tritt, haben ihm schon häufig das Interesse von Sittenschilderern zugewandt, denen wir eine Reihe vortrefflicher Charakteristiken dieser seltsamen Spielart des homo sapiens verdanken. Eine der bekanntesten ist wohl die glänzende Schilderung, die Balzac * 1 einmal von dem Wesen und der Bedeutung des Commis voyageur entworfen hat und aus der folgende amüsante Stellen in deutscher Übersetzung hier mitgeteilt werden mögen. Sie verdienen besondere des X. Jahrgangs (19. Juli 1900) findet sich ein von patriotischem Schwung getragener Vortrag des Herausgebers Herrn. Pilz abgedruckt: Der deutsche Reisende am Anfang und Ausgang des 19. Jahrhunderts. 1 H. de Balzac, L'illustre Gaudissard, in der Ausgabe von 1895 pag. 3 f. Balzacs Held entfaltet seine Thätigkeit schon in den 1820 er und 1830 er J ahren. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Hilfsorgane d. modernen Detailhandels. 403 Beachtung wegen der in ihnen enthaltenen Hervorkehrung der ökonomisch so überaus wichtigen Funktion des Reisenden, den Bedarf zu wecken, das Absatzgebiet der Waren extensiv und intensiv unausgesetzt auszuweiten. „Weder der Sperber, wie er auf seine Beute stöfst, noch der Hirsch, wie er plötzlich überraschende Haken schlägt, um den Hunden zu entrinnen und die Jäger zu täuschen, noch der das Wild witternde Jagdhund können verglichen werden mit der Schnelligkeit seines Erscheinens, wenn er eine Kommission vermutet, mit der Geschicklichkeit, mit der er seinem Rivalen ein Schnippchen schlägt, um ihm zuvorzukommen, und mit der Scharfsicht, womit er ein neues Absatzgebiet für seine Waren ausspäht. Wie viele hervorragende Eigenschaften mufs nicht ein solcher Mann besitzen, der als gewiegter Diplomat der bürgerlichen Klassen, als ein gewandter Vermittler seinen Einflufs zu Gunsten von Calico, Juwelen, Spitzen, Wein u. s. w. geltend macht und oft von gröfserem Nutzen ist, als mancher Gesandte mit seiner höfischen Bildung! Nicht viele haben eine Ahnung, welch’ unglaubliche Macht beständig durch die Reisenden, diese „intrdpides, affron- teurs de negation“ entfaltet wird, die selbst in dem kleinsten Dörfchen den Kampf des Genius der Civilisation und der Erfindungen mit der Beschränkung, der Unwissenheit und der ländlichen Verschlagenheit durchzufechten haben. Wie könnten wir hier die bewundernswerten Manöver und die Überredungskunst vergessen, mit denen auf das Begriffsvermögen der Bevölkerung eingewirkt wird und womit die gegen jeden Fortschritt sich Ab- schliefsenden bearbeitet werden. Man könnte diese Thätigkeit mit der Arbeit der unermüdlichen Polierer vergleichen, deren Feile schliefslich den härtesten Porphyr zu der gewünschten Form bildet. Welchen unwiderstehlichen Einflufs, welchen kräftigen Hochdruck übt nicht die Sprache dieser Missionare auf die allerwider- ■spenstigsten, in den abgelegensten ländlichen Hütten sich verbergenden Thaler aus! . . . Gleich einem kühnen Schifter fährt er, mit einigen Redensarten armiert, hinaus in die fernsten Gebiete, um ein paarmal hunderttausend Francs einzufischen, sei es im Eismeer, im Lande der Irokesen oder in Frankreich. Da gilt es, allein mit Hilfe der Intelligenz den Mammon aus den heimlichsten Verstecken der Provinz herauszulocken auf eine für den Besitzer schmerzlose Art und Weise. Denn diesem Fisch in der Provinz ist nicht mit Harpunen oder sonstigen scharfen Werkzeugen beizu- .kommen; er will sorgfältig geködert sein. Wer kann hierbei ohne 26 * 404 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. ein geheimes Grausen an die ungeheure Sintflut von Phrasen denken, die sich jeden Tag aufs neue über das Land ergiefst?“ Die Zahl der Reisenden ist aber noch heute in steter Zunahme begriffen. Für das Jahrzehnt 1884—1893 liegt eine Zusammenstellung der einschlägigen Ziffern vor in dem schon mehrfach erwähnten Motiven-Bericht der Reichsregierung zur Gewerbeordnungsnovelle vom 5. Januar 1895. Danach stieg die Zahl der ausgestellten Legitimationskarten für Reisende in Deutschland in jenem Zeiträume um 55^2 °/o; sie betrug nämlich: 1884 45 016 1893 70 018 Diese Tendenz zur Zunahme der Geschäftsreisenden hat nun aber offenbar noch länger angedauert; erst in allerletzter Zeit scheint in einigen Gebieten (Bayern!) eine Art von Sättigungszustand erreicht zu sein. Im Königreich Bayern wurden Legitimationskarten gemäfs § 114 d. G.-O. ausgestellt 1 : 1884 6 723 1894 14 051 1897 17 329 1898 17 244 1899 16 712 Im Grofsherzogtum Baden schwankte die Zahl der ausgestellten Legitimationskarten in den Jahren 2 1880/88 zwischen 2721 Min. und 3901 Max., betrug jedoch 1890 4045 1896 5284 1898 5582 Dieselbe Vermehrung des Geschäftsreisendenpersonals beobachten wir in anderen Ländern: besonders stark ist sie in der kommerziell sehr entwickelten Schweiz. Hier betrug die Zahl der Reisenden 8 : 1896 19 667 1897 21 727 1898 23 585 1899 25 697 1900 26 837 1 Statistisches Jahrbuch für (las Kgr. Bayern 1895 ff. 3 Nach dem Stat. Jahrb. für das Grhzt. Baden. * Nach den Jahresberichten des eidgenössischen Handelsdepartement». Einundzwanzigstes Kapitel. Die Hilfsorgane d. moderneu Detailhandels. 405 Von diesen waren inländische Reisende 21202, ausländische 5635. Je gröfser nun aber die Zahl der Reisenden, desto stärker die Konkurrenz, desto kleiner der Kaufmann, an den sie sich wenden, desto entlegener der Ort, wohin sie die Sekundär- und Tertiärbahn noch führt, desto extensiver und intensiver die Ausweitung des Absatzspielraums kapitalistisch produzierter Gegenstände im Rahmen des modernisierten Detailhandels. Dieser aber sieht im Laufe der Entwicklung aufser dem Institut der Reisenden noch eine Reihe nicht minder bedeutsamer Organisationen zur Vermittlung des Absatzes zwischen den Fabrikanten und sich erstehen, die wir zusammenfassend bezeichnen können als: C. Die Zwisclienhaudelsorganisationeu l . Als solche tritt zunächst auf: I. Der Grossist alten Stils. Dieser, der typische Mittler zwischen Fabrikant und De- tailleur, so lange der Schwerpunkt des Detailhandels noch im Branchengeschäft liegt, ist vielfach aus den gröfseren Detailhändlern der bedeutenderen Provinzstädte hervorgegangen. Er entstand in der Zeit, als infolge zunehmender Konkurrenz unter den Detaillisten der gröfseren Plätze, namentlich seit der Entwicklung des Reisens ein Ansporn geschaffen wurde, die vorhandene gröfsere Kapitalkraft noch in anderer Weise als dem blofsen Selbstdetaillieren zu nützen. Der Grossist trat jetzt in dasselbe Verhältnis zu den Krämern in den Landstädten ohne oder mit schlechter Bahnverbindung, in dem der Fabrikant zu ihm gestanden hatte, ehe das Reisen auf kam. Er kaufte vom Fabrikanten Waren in gröfseren Mengen und daher billiger ein und wurde von den Krämern der Landstädte regelmäfsig besucht. Mit der Vermehrung der Bahnverbindungen aber wurde es dem Grossisten möglich, auch seine Kundschaft durch Reisende besuchen zu lassen, wodurch abermals der Absatzkreis der Ware intensiv und extensiv gesteigert, dem Detaillisten die Existenz erleichtert wurde. Mit zunehmender Erleichterung des Verkehrs, wachsender 1 Ygl. vor allem den trotz seiner Kürze aufserordentlich gehaltvollen Essay von Hugo Kanter (Pseudonym Kuno Hegart), Der Zwischenhandel; in den „Grenzb oten“. 1896. II. Iv. hat, soviel ich sehe, den „Engrossortimenter“ für die Wissenschaft „entdeckt“. 406 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Konkurrenz unter den Fabrikanten, Vermehrung der Fabrikreisenden wurde jedoch der Grossist, der als Branchenvertreter keinerlei besondere Vorzüge vor dem Reisenden der Fabrik und dem gleich zu erwähnenden Agenten mehr bot, ausgeschaltet 1 . Das dadurch freigesetzte Kapital hat nun vielfach Verwertung gesucht und gefunden in der Ausübung einer den veränderten Verhältnissen besser angepafsten Funktion der Absatzvermittelung, nämlich in der Thätigkeit des ^ II. Engrossortimenters. Der Engrossortimenter ist ein Zwischenhändler, der an einem Platze alle irgendwie in den Geschäftszweig einschlagende Artikel aus den verschiedensten Ursprungsorten aufstapelt und sie in kleinen Partien an Detaillisten abgiebt. Er ist also vor allem der geeignete Mann, auch dem kleineren Detailhändler in Landstädten und Dörfern die Möglichkeit eines reicher assortierten Lagers zu gewähren, ihn in der Umwandlung aus dem Branchen- in das Bedarfsartikelgeschäft behülflieh zu sein, ihn also existenzfähig auch bei geringerer Kapitalkraft zu erhalten. Vor allem wirkt aber gerade der Engrossortimenter in eminentem Mafse stimulierend auf den Absatz der Ware. Denn da er natur- gemäfs nur ganz geringe Zuschläge auf diese machen kann, mufs er unausgesetzt bestrebt sein, die Menge der abgesetzten Ware zu vermehren, was ihm insbesondere auch dadurch gelingt, dafs er ganz ärmlichen Existenzen Waren auflädt. Die rasche Zunahme jener proletarischen Kleinhändler, von denen oben die Rede war, wäre vielfach undenkbar ohne die Vermittlung des Engrossortimenters 2 . Teilweise wohl aus dem Reisenden, teilweise aus dem fallit gewordenen Zwischeneigenhändler hat sich endlich eine dritte. Kategorie von Hilfsorganen des Detaillisten entwickelt, das sind III. die Agenten. Ein Agent (Generalagenten, Subagenten) als Vermittler zwischen dem Produzenten und dem Detaillisten tritt in zwei Metallwaren geprefste J 1 U. III, 120. 470 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Höchstens, dafs wir einem Handwerker auf dem Wege der einfachen Qualitäts-Verschlechterung begegnen. Aber auch diese verträgt sich nicht mit der innersten Natur des Handwerks. Ich will gar nicht einmal soviel Wert legen auf die historische Tradition, obwohl auch diese nicht gänzlich aufser acht zu lassen ist: dafs es der Handwerkerehre zuwider ist, Schundware zu liefern. Ein Handwerker von echtem Schrot und Korn würde eher verhungern, ehe er seine von den Vätern überkommene Produktionsweise im schlimmen Sinne verändern sollte; er mag keine Schleuderware liefern, das pafst sich einfach nicht. Aber, wie gesagt, man braucht die Wirkung des alten Handwerkerstolzes nicht übermäfsig hoch zu veranschlagen und kann doch zu dem Ergebnis kommen, dafs es mit dem Principe handwerksmäfsiger Produktion unvereinbar ist, aus der systematischen Qualitätsverschlechterung ein Gewerbe zu machen. Es ist nämlich in den meisten Fällen diese doch mit einer Täuschung, mindestens einer Dupierung des Publikums verbunden. Und dazu bedarf es einer Unpersönlichkeit des Produzenten, wie sie die kapitalistische Organisation leichter mit sich bringt. Kaufe ich die Schundware im Laden beim Herrn Cohn, so kann ich diesen als Händler niemals in dem Mafse verantwortlich machen, wie ich es thue, wenn der Schuhmachermeister Schmidt oder der Tischlermeister Müller mir als Lieferanten des Schwindelstücks bekannt sind. Wo uns deshalb von systematischer Handwerkerschluderei erzählt wird, wie bei den Berliner Tischlern oder den Schustern um Ulm herum, da handelt es sich immer nur noch um bereits in Fäulnis übergegangene Reste des alten Handwerks, um handwerks- mäfsige Existenzen in indirekter Abhängigkeit vom Kapital, wie sie bei uns klassifiziert werden. Fast ganz verschlossen sind nun aber dem Handwerker die Wege der Substitution und Surrogierung; auch wenn er sich über die eben geäufsertenBedenken hinwegsetzen undjene Wege beschreiten wollte, so würde er beim ersten Schritte von der übermächtigen Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung zu Boden geschleudert werden. Auf dem gesamten Gebiete der Substitutionsund Surrogatindustrien befindet sich nämlich der handwerksmäfsige Produzent in entschiedenem Nachteile gegenüber dem kapitalistischen, sei es bei Bezug der Rohstoffe, sei es beim Produktionsprozesse selbst 1 : aus Gründen, die im folgenden Abschnitt ausführlich werden erörtert werden. 1 Beispiele: „Der Handwerker kann, aucli wenn er wollte, diese Surrogate (nämlich Kunstleder etc.) nicht wohl verwenden, weil diese nur bei sehr starkem Achtundzwanzigstes Kapitel. Das Surrogat. 471 Dafs dem aber so ist, dafs übereinstimmend in allen den genannten Industriezweigen die kapitalistische Produktionsweise sich im Vorteil befindet, darf nicht wundernehmen. Jene Qualitätsveränderungen, wie sie in der Substituierung und Surrogierung vor sich gehen, sind ja doch ausgedacht, ausgeklügelt von vornherein unter dem Gesichtswinkel kapitalistischer Interessen. Ob ein neuer Stoff als Ersatzstoff dienen könne, ob ein neues Verfahren die Stelle eines alten einzunehmen geeignet sei, wird doch stets nur mit der stillschweigenden Klausel geprüft: vorausgesetzt, dafs die Massenherstellung in kapitalistischer Form profitabel erscheint. Somit bewegt sich auch der Spürsinn der Erfinder von vornherein in einer ganz bestimmten Richtung. Ihre Erfindung, wissen sie, hat nur Wert für sie, wenn sie einen Kapitalisten zur Anwendung reizt: sie mufs also auf kapitalistische Produktionsweise zugeschnitten sein. Und das bedeutet natürlich in der Mehrzahl der Fälle, dafs sie unanwendbar für den Hand- werker bleibt. Aber bei dieser direkten Schädigung des Handwerks durch die Tendenz zu Qualitätsveränderung in dem bezeichneten Sinne hat es noch nicht sein Bewenden. Ein grofser Teil der Qualitätsveränderungen, alle nämlich, mit denen insoforn eine Qualitätsverschlechterung verbunden ist, als die „Solidität“ verringert ist, wirken zumal bei sehr starker Verbilligung dadurch nachteilig auf das Handwerk, dafs sie dessen letztes Rückzugsgebiet einschränken: die Reparatur- und Flickarbeit. Die modernen Waren sind teilweise so schlecht, dafs man sie nicht mehr reparieren kann, wenn sie einmal zu funktionieren aufhören: wie etwa die deutsche Reichsuhr für 2,75 Mk. oder 3 Mk .5 oder so billig, dafs man sie —• dank der von uns gewürdigten Geschmackstendenz auf das Neue und Gefällige — nicht mehr reparieren lassen will: wie etwa ganz billige Strandschuhe oder dgl. Was beides, wie ersichtlich, auf den für das Handwerk gleichen Effekt hinausläuft, dafs weniger Waren zum Reparieren kommen. Drucke, wie ihn die Maschinen ausüben, verarbeitungsfähig sind.“ U. IX, 49; die Ersatzmittel für Hanf und Flachs sind teils so zähe und wenig biegsam, dafs sie nur von der Maschine vorteilhaft verarbeitet werden. U. VI, 193. Die übrigen in der Seifensiederei eingeführten neuen Rohstoffe konnte er (sc. der Handwerksmeister) nicht benutzen, weil ihm für die Herstellung der Palmitin- und anderen Säuren die nötigen Einrichtungen und Kenntnisse fehlten. U. VI, 656. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. Damit Produktion überhaupt zu stände kommt, bedarf es der Vereinigung der sachlichen mit den persönlichen Produktionsfaktoren, wie seiner Zeit ausgeführt worden ist (vgl. Band I, S. 22 ff.), heute also der Regel nach ihres Ankaufs durch den Produktionsleiter. Wir wollen nun unsere beiden Konkurrenten — den Handwerker und kapitalistischen Unternehmer — Schritt für Schritt bei ihrem Anwerbgeschäft begleiten, das sich naturgemäfs zunächst auf den Erwerb der notwendigen sachlichen Produktionsfaktoren , der Produktionsmittel im weiteren Sinne erstreckt. Als solche unterscheiden wir: die Arbeitsbedingungen, den Arbeitsgegenstand, das Arbeitsmittel. A. Die Arbeitsbedingungen. Wir erinnern uns, dafs diese entweder von der Natur gegebene, oder erst vom Menschen in der ihm dienlichen Form hergestellte sind. Unter den ersteren ragt an Bedeutung hervor die Erde als Standort der Produktion. Dieser ist „von Natur gegeben“, volkswirtschaftlich betrachtet also eines besonderen Aufwandes zu seiner Erlangung nicht bedürftig. In unserer Rechtsordnung dagegen, die das Eigentum an Stücken der Erdoberfläche kennt, erhebt bekanntlich der Grundeigner einen Zoll für die Gestattung, auf dem ihm gehörigen Fleck zu existieren oder zu produzieren. Es wurde gezeigt, dafs dieser Zoll, der den Namen Grundrente trägt, in der Gegenwart eine besonders starke Tendenz zum Steigen hat, dafs also die Ausgabe für den Standort der Produktion einen wachsenden Bestandteil der Produktionskosten für Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 473 i I den Produzenten bildet. Und es ist nun liier festzustellen, dafs es das Steigen der städtischen Grundrente ist, das die Chancen des Handwerks zu Gunsten der kapitalistischen Unternehmung bei der Preisbildung wesentlich verschlechtert. Zunächst dadurch, dafs sie ihm das Ladengeschäft, d. li. den Vertrieb seiner Produkte im offenen Laden erschwert oder unmöglich macht. Ein Gang durch die Strafsen unserer grofsen und mittleren Städte bestätigt dies. Wir sehen fast überall den alten Handwerkerkram durch das, wie wir wissen, an Umfang und Qualität wachsende Detailverkaufgeschäft verdrängt. Unsere Quellen enthalten zahlreiche Klagen über diesen allgemeinen, selbst in kleinen Städten beobachteten Entwicklungsgang. Von den Schuhmachern in Jena lesen wir 1 : „Bei der gegenwärtigen Höhe der Ladenmieten . . . läfst nach Angabe der Meister der Geschäftsgewinn in der Regel die Haltung eines offenen Ladens, wenigstens in besserer Geschäftslage, nicht zu, zumal die Ladenmiete meistens auch eine teuerere Wohnungs- und Werkstattsmiete bedingt.“ Von den Fleischern in Düsseldorf heifst es 2 : „So weit die Ladengeschäfte bestehen, haben sich die hohen Mieten als aufser- ordentlich drückend, namentlich für kleinere Geschäfte erwiesen . . Je kleiner das Geschäft ist, desto gröfser ist der Quotalanteil des Einkommens, der für Miete gezahlt wird. Für kleine Meister beträgt sie meist 50 °/ 0 , immer aber wenigstens 40 % der nach Abzug der Kosten des Viehs Testierenden Einnahmen, für mittlere durchschnittlich 25°/o, für Grofsgeschäfte 15°/o.“ Über die Tischler in Berlin wird berichtet 3 : „Einen offenen Verkaufsladen wird der Tischlermeister meist nur dann halten können, wenn er ein eigenes Haus besitzt; und selbst dann mufs er meist noch über ziemlich bedeutende Kapitalien verfügen.“ Häufig kann nun das gröfsere Unternehmen, wie aus den mitgeteilten Ziffeim schon ersichtlich ist, sich den Luxus eines eigenen offenen Ladens sehr wohl noch gestatten, wenn es dem kleinen Produzenten längst nicht mehr möglich ist: aus Gründen, die wir weiter unten kennen lernen werden. Müssen aber beide Konkurrenten auf die Haltung eines Ladens verzichten, so ist dadurch der Handwerker natürlich wieder verhältnismäfsig stärker benachteiligt. Entweder nämlich es bleibt bei der ladenmäfsigen Feil- 1 U. IX, 51. 2 ü. I, 238. 2 U. IV, 400. 474 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. bietung der Waren, die aber Inhalt einer verselbständigten Detailhandelsunternehmung wird. Dann ist daran zu erinnern, dafs im heutigen Verkehr jede Lieferung für ein Magazin den Handwerker in die Gefahr bringt, magazinhörig zu werden, dafs aber, wie wir wissen, zudem die ganze Entwicklung des Detailhandels, der dank derselben Grundrente, die den kleinen Handwerker aus den Haupt- strafsen der Städte verbannt, in die Richtung der grofskapitalisti- schen Organisation gedrängt wird, derart ist, dem kleinen Lieferanten das Leben immer saurer zu machen. Oder es findet keine ladenmäfsige Ausstellung der fertigen Erzeugnisse statt, weil deren Natur es verbietet oder wenigstens unnötig macht. Auch dann ist der Handwerker immer noch ungünstiger gestellt. Der kapitalistische Unternehmer kann bei der gröfseren Menge seiner Produkte und seiner meist konzenti’ierteren Kundschaft zunächst viel leichter als der kleine Meister dem Druck der Grundrente dadurch ausweichen, dafs er an die Peripherie der Grundrentenmaxima seine Betriebsstätte verlegt und vielleicht die kaufmännische Gentrale im Mittelpunkt der grofsen Stadt beläfst. Zu beachten ist auch, dafs die blofse Verlegung des Standorts für den kleineren Produzenten stets ein weit gröfseres Risiko bedeutet als für den kapitalkräftigen Unternehmer 1 . Endlich aber ist der kapitalistische Unternehmer auch dann noch im Vorteil gegenüber dem Handwerk, wenn er gleich diesem in den Brennpunkten der städtischen Grundrente verbleibt. Selbstverständlich wieder deshalb, weil er imstande ist, die Grundrente einer gegebenen Fläche über eine gröfsere Anzahl Produkte zu verteilen. Aber doch auch weil er die erforderliche Fläche zu günstigeren Bedingungen als der Kleingewerbetreibende erhält. Was von den Tischlereien in Berlin sich sagen läfst, gilt gewifs für weite Kreise des Handwerks in gleicher Weise, dafs nämlich selbst dort, wo beide Teile, GrofsUnternehmer und kleiner Meister, zur Miete sitzen, erstere besser gestellt sind als letztere. „Für die Anlage von Tischlerwerkstätten gelten in Berlin besondere polizeiliche Vorschriften, die wegen der grofsen Feuersgefahr des Tischlereibetriebes 1 „Schon die Wahl eines anderen Stadtteils bringt oft fühlbare Nachteile im Einkauf und Verkauf, nicht für den mit Millionen arbeitenden Grofsbetrieb, wohl aber für die unendlich grofse Zahl der mittleren und kleineren Betriebe. Diese fürchten schon aufser Mitbewerb gesetzt zu werden, wenn sie das Stadtviertel verlassen, in dem die betreffende Branche ihren Sitz aufgeschlagen hat, wie viel mehr also die Verlegung auf’s platte Land.“ H. Freese, Wohnungsnot und Absatzkrisis. Jahrbücher für N. Ö. III. F. Bd. VI. S. 650. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 475 im Interesse des Publikums notwendig sind. Deshalb werden die Werkstätten in den zu Fabrikzwecken eingerichteten Hinterhäusern angelegt, und zwar baut man besonders gern gröfsere Arbeitssäle, die leichter wieder an andere Fabriken vermietet werden können, falls sich einmal kein Tischler für sie findet. Meist ist ein ganzes Fabrikgebäude mit den Werkstätten von Tischlern, Drechslern, Bildhauern u. s. w. angefüllt; häufig befindet sich auch eine Lohnschneiderei in demselben Gebäude. Darum ist es für den kleinen Tischler ziemlich schwer, eine Werkstatt zu bekommen, die er auch meist teuer bezahlen mufs. Auch die Mittelbetriebe sind hinsichtlich der Werkstätten vielfach schlechter gestellt als die Grofsbetriebe; sie müssen sich teilweis mit wenig bequemen und dunklen Arbeitsräumen begnügen. Die Arbeiter klagen besonders über die mangelhafte Ventilation, die schlechte Beleuchtung und über die qualmenden Öfen, die sich häufig in den kleineren und mittleren Betrieben finden. Sie arbeiten viel lieber in den hellen, freundlichen und geräumigen Werkstätten der Grofsbetriebe 1 .“ Letztere lehrreiche Bemerkung gehört in ein anderes Kapitel: die Abspenstigmachung der besten Arbeitskräfte seitens der grofsen Unternehmungen, deren unheilvolle Folgen für das Handwerk bereits gewürdigt wurden. In besonders günstigen Fällen gelingt es nun aber dem kapitalistischen Unternehmer selbst und gerade in den gröfsten Städten die Auslagen für Grundrente, d. h. also für den Standort seiner Produktion, völlig aus seinem Ausgabeetat zu streichen und sie anderen, den Arbeitern, aufzubürden, die sie von dem Preise ihrer Arbeitskraft in Abzug zu bringen haben (Hausindustrie!). Da diese Manipulation bereits in den Bereich der Kosten der persönlichen Produktionsfaktoren hinübergreift, so soll sie dort im Zusammenhänge genau dargestellt werden. So sehen wir, wie von den verschiedensten Seiten her die steigende Grundrente schädigend auf das Handwerk einwirkt. Ihr zerstörender Einflufs nach dieser Richtung hin kann nicht leicht zu hoch veranschlagt werden. In den Grofsstädten ist der Zusammenhang zwischen Grundrentenentwicklung und Niedergang des Handwerks schon heute augenfällig. Dem Handwerker ist kaum noch ein Plätzchen gegönnt, wo er seine Hobelbank, seinen Schraubstock oder seinen Arbeitstisch aufschlagen kann. Er fristet in ihnen nur noch ein Dasein in den Ritzen und Löchern gleichsam des socialen Gebäudes: 1 U. IV, 398/99. 476 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. in dunklen Kellern, unter dem Dach, in den Hinterhäusern, auf alten Höfen, in baufälligen Schuppen, auf Korridoren, in Küchen und wo sonst ein Fleckchen übrig ist, da finden wir ihn nisten. In mittleren und kleineren Städten hat die Grundrentenentwicklung diese Wirkung noch nicht ausgeübt. Aber auch hier ist es nur eine Frage der Zeit, wann die kleingewerblichen Produzenten vor den steigenden Boden- bezw. Häuserzinsen weichen müssen. Einige Angaben über den Beginn dieser Entwicklung wenigstens für das Ladengeschäft wurden oben gemacht. Was bis heute die schädigenden Einflüsse jener Entwicklung in den kleinen Städten noch immer in bescheidenen Grenzen gehalten hat, ist der Umstand, dnfs daselbst ein grofser Teil der Handwerker von früher- her noch im Besitze von Häusern sich befindet 1 2 . Nun ist ersichtlich, dafs die Verteuerung des Standorts sich solange nicht in vollem Umfange fühlbar macht, als der Produzent auf eigenem Grund und Boden sitzt. Unvermeidlich aber mufs der Moment kommen, wo die fortschreitende Entwicklung unseres städtischen Wesens, gerade auch wieder das Steigen der Grundpreise, den Handwerker aus seinem Besitze drängt. Und dann wird auch für die kleineren Städte die verheerende Wirkung der Grundrente erst in vollem Umfange sich fühlbar machen. Dafs aber der Prozefs der Ent- hausung der Handwerker auch in mittleren und Kleinstädten bereits sich zu vollziehen begonnen hat und sogar teilweise schon recht weit vorgeschritten ist, unterliegt nach dem allgemeinen Urteil der Sachkenner keinem Zweifel. Ziffern- nnifsige Angaben besitzen wir leider nur in geringem Umfange. So weit sie jedoch vorliegen, reden sie eine deutliche Sprache. Wiederum geben uns die vortrefflichen Untersuchungen Paul Voigts über die Lage des Handwerks in Eisleben hier dankenswerten Aufschlufs. Nach seinen Ermittlungen besafsen in Eisleben 1790 fast alle Handwerksmeister ein eigenes Haus. Heute gehören von den 2200 Häusern Eislebens ca. 270—280 Handwerksmeistern; also nur die gröfsere Hälfte der Meister hat ein eigenes Haus, die übrigen wohnen zur Miete. Offenbar fällt nun der Verlust der Häuser in die letzten Jahrzehnte, und zwar sind die Handwerker seit dieser Zeit am meisten aus den eigentlichen Geschäfts- strafsen verdrängt: am Markt waren 1873 von 58 Häusern 14 1 Siehe die zahlreichen Beispiele in 17., Index s. v. Häuserbesitz. 2 U. IX, 354/55. 358. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 477 in Besitz von Handwerkern, jetzt nur noch 85 am Plan gehörten damals 2 Häuser Handwerkern, jetzt keines mehr; in der Glocken- strafse hatten 1885 die Handwerker 8 , 1895 nur noch 5 Häuser; in der Lutherstrafse 18, jetzt 14 u. s. w. Von den übrigen „Arbeitsbedingungen“ werden es hauptsächlich die Baulichkeiten sein, deren Beschaffung eine grofse Rolle in dem Ausgabebudget des gewerblichen Produzenten spielt 1 . Es unterliegt nun keinem Zweifel, dafs hier abermals der Kapitalist im Vorteil ist. Wiederum kann er in allen Fällen, wo ihm die hausindustrielle Organisation gelingt, den Posten für Gebäude überhaupt sparen oder wo er solche herzurichten hat, wird er es zweifellos zu einem Preise können, der nicht in gleichem Verhältnis mit dem Umfang des Etablissements wächst 2 . Die Gründe dafür (billigere Beschaffung der Baumaterialien, Abschlufs mit dem Bauunternehmer im grofsen) gehören teilweise dem Kapitel der Produktionsverbilligung an, teilweise decken sie sich mit denjenigen, die ihm den billigeren Bezug der Rohstoffe u. s. w. verbürgen und also im folgenden des näheren darzulegen sind. B. Der Arbeitsgegenstand. Es darf als eine unserer Zeit eigentümliche Tendenz betrachtet werden, dafs sich für eine grofse Anzahl der wichtigsten Rohstoffe der Bezugsort vom Verarbeitungsorte immer mehr entfernt. Für die wichtige Kategorie der Rohstoffe aus organisierter Materie habe ich diese Tendenz bereits aus dem Zusammenhänge der kapitalistischen Gesamtentwicklung an anderer Stelle zu erklären versucht (vgl. oben S. 116 f.). Aber zu den dort entwickelten Gründen, die Produktion bestimmter tierischer und pflanzlicher Erzeugnisse in die Nähe der Grundrentenminima zu verlegen, treten noch andere hinzu, die in gleicher Richtung wirken: Auffindung neuer exotischer Stoffe, die die früher allein verwendeten einheimischen substituieren und surrogieren (Ersatz für Borsten, Talg u. s. w.); Verfeinerung unseres Bedarfs, die eine Vermehrung der zur Verwendung kommenden Rohstoffe heischt und deshalb nach neuen Arten in fremden Ländern Ausschau hält (feinere Pelzwaren, 1 Den Bezug der „Naturkräfte“ (Gas, Elektrizität etc.) will ich im Zusammenhänge mit den Bedingungen für die Beschaffung des Arbeitsmittels besprechen. j* Nur das steht hier in Frage, nicht der mit der Ausdehnung der Produktion abnehmende Gebäudeaufwand. 478 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. feinere Hölzer u. s. w.), die zunehmende Verwendung gewerblicher Rohstoffe überhaupt und dergl. mehr. So dafs unsere gewerblichen Produzenten, die früher überwiegend ihren Bedarf an Rohstoffen aus der näheren oder weiteren Umgegend des Produktionsortes decken konnten, mit dem Bezug ihrer Rohstoffe aus entfernten Gegenden des östlichen Europas oder überseeischen Ländern als mit einer unabänderlichen Thatsache fast in allen Branchen rechnen müssen. Die folgenden Angaben werden das bestätigen. Unter den gröfseren Holz verarbeitenden Gewerben sind von der gekennzeichneten Entwicklung in letzter Zeit besonders betroffen die Tischlerei und die Böttcherei, die heute in wachsendem Umfange auf die Verarbeitung schwedischer, russischer, ungarischer oder überseeischer Feinhölzer angewiesen sind 1 . Aber auch die Stellmacher ei, die Wagenbauerei, die Bürstenfabrikation e tutti quanti konsumieren heute schon mehr aufserdeutsches als deutsches Holz. Diese Entwicklung wird von der Statistik des Holzhandels widergespiegelt. Stieg doch der Wert der Einfuhr von Bau- und Nutzholz, roh, bezw. in Balken- oder Bretterform nach Deutschland von schon 76 Millionen Mark im Jahre 1880 auf 274 Millionen Mark im Jahre 1899. Mit letzterer Ziffer hat nach meiner Rechnung 2 der Wert des in Deutschland verbrauchten ausländischen Holzes denjenigen des aus dem Inlande stammenden überflügelt. 1 Ygl. die zahlreichen Belege in U. Index s. v. „Rohstoffbezug 11 und aufserdem die früher citierte Speciallitteratur. 2 Der Rechnung liegen folgende Ziffern zu Grunde: Die Ausfuhr an Holz betrug im Jahre 1899 nicht ganz 20 Mill. Mk.; wir können sie zur Hälfte den ausländischen, zur Hälfte den inländischen Hölzern zurechnen. Für den Verbrauch an letzteren besitzen wir keine direkten Zifferangaben; wir müssen ihn daher auf Umwegen zu ermitteln versuchen und zwar etwa wie folgt: die preußischen Staatsforsten verkauften (1892/93; jedoch ist der Betrag ziemlich konstant, die Gesamtmenge an produziertem Holz nimmt eher ab als zu, wenn man die Abnahme des Bestands an Privatwaldungen in Betracht zieht) für insgesamt 64,1 Mill. Mk. Holz (Handbuch, Bd. III, 1898); davon ziehe ich 14,1 Mill. Mk. für Stock- und Reisigholz ab (das von 9,4 Mill. Festmeter 2,1 ausmachte), bleiben rund 50 Mill. Mk.; die Staatsforsten machen in Preußen 30,0 % der Gesamtwaldfläche aus; es ist daher gewiß hoch gerechnet, wenn wir den Wert des in Preußen produzierten Holzes auf 150 Mill. Mk. veranschlagen. Preußens Waldbestand wird auf 8,2 Mill. ha beziffert. (Vergl. Stat. Jahrb. 17, 16.) Derjenige ganz Deutschlands auf 13,8 Mill. ha. Preußens Ertrag also im gleichen Verhältnis auf ganz Deutschland verteilt, würde für dieses einen Holzertragswert von ca. 250 Mill. Mk. ergeben.— Der Wertertrag der Holzeinfuhr nach Deutschland im Jahre 1900 ist geringer als der des Vorjahrs (224 Mill. Mk.). Dies hat jedoch seinen Grund wesentlich in dem starken Preisrückgang. Die Einfuhrmengen sind wieder gestiegen. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 479 Von anderen pflanzlichen Erzeugnissen sind es namentlich die Spinnstoffe Flachs und Hanf, die langsam dem westeuropäischen Produzenten aus den Händen entschlüpft sind, ist es die Asche, die für die Seifenfabrikation in Betracht kam 1 , sind es die vegetabilischen Farbstoffe, ist es nicht am wenigsten die Eichenrinde als Hilfsstoff für die Gerberei 2 . Von tierischen Produkten kommen vor allem Felle und Häute in Betracht für die Kürschnerei bezw. Gerberei 3 ; ferner Hörner, Klauen etc. für die Kammmacherei 4 , die Drechslerei; Borsten für die Bürstenfabrikation 5 ; Talg für die Seifen- und Lichtemacherei 6 ; von der Wolle gar nicht zu reden, weil deren Entschwinden mit seinen Wirkungen schon grofsenteils der frühkapitalistischen Periode angehört. Teils werden jetzt in weiten Fernen dieselben Rohstoffe gewonnen, die der Handwerker ehedem in der Nachbarschaft kaufte, wie die Borsten, die in Rufsland, Galizien und China, die Häute, die in Südamerika und Indien, die Hörner, Klauen etc., die ebenda und in Brasilien, die Wolle, die in Kapland, Südamerika oder Australien, der Talg, der in Amerika und Australien in grofsen Massen für den Export erzeugt werden; teils sind die Ersatzstoffe exotischer Herkunft, wie die verschiedenen Faserstoffe, die die vaterländischen Borsten, wie die Kokosnufs-, Palm- und Palmkern-, Oliven-, Erdnufs-, Baumwoll- saatöle, die die einheimischen Lein- und Hanföle ersetzen sollen. Und selbst dem Mineralreich angehörige Stoffe werden in wachsenden Mengen, dank der fortschreitenden Verkehrstechnik, aus der Ferne herbeigeschleppt. So wurden nach Deutschland eingeführt Steine 7 , roh oder blofs behauen: 1880 = 274489 t 1900 = 1072433 t. Was für eine Bedeutung hat nun aber die skizzierte Entwicklung für das Problem, das uns beschäftigt? Hat sie die Chancen in dem Konkurrenzkämpfe zwischen Handwerk und Kapitalismus 1 Vgl. U. VI, 655. 2 Vgl. vor allem die Darstellung der württembergischen Verhältnisse U. VIII, 437—550. 3 Vgl. namentlieh U. IV, 6f.; V, 474 f. 4 ü. VI, 231 f. 3 VI, 536. 544. 557. IX, 321. 8 ü. VI, 665. 7 Über den Bezug von Pflastersteinen für das Berliner Strafsenpflaster aus Schweden, vgl. U. VII, 347. \ 480 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. verschoben, zu wessen Gunsten und wodurch? Kein Zweifel, dafs die Entwicklung, wie sie hier geschildert wurde, abermals dem Handwerk zum Schaden sich vollzogen hat. Man braucht nicht gerade die Fälle zu verallgemeinern, in denen die Wegnahme oder die Verteuerung des Rohstoffs die ganze Existenz eines Gewerbezweiges in Frage gestellt haben. Es sind das wohl meist Fälle lokalisierter Specialhandwerke, sog. „bäuerlicher Hausindustrie“, die in Anlehnung an den in der Gegend überreichlich vorhandenen und darum billigen Rohstoff in die Höhe gekommen sind. Solcher Art Industrien sind häufig an den Rand des Verderbens gebracht worden in dem Augenblick, wo die kapitalistische Entwicklung ihren Rohstoff auszuführen begann, weil er anderswo besser verwertet werden konnte. Tugan-Bara- n o w s k i teilt uns in seiner Geschichte der russischen Fabrik zahlreiche Beispiele solcher Handwerke mit, die insbesondere durch Verteuerung oder gänzliche Wegnahme des Holzes in Verfall geraten sind. „Als gewöhnliche Ursache des Verfalls des Gewerbes wird der Mangel an Holzmaterial angeführt. Selbst in dem an Forsten reichsten Distrikt Ostaskov verspürt man jetzt Mangel an Holzmaterial 1 .“ Ein anderes instruktives Beispiel für die nämliche Entwicklung ist folgendes: in den kleinen Gemeinden der Provinz Bologna: Lizzano, Porretta u. a. wurde eine schwungvolle Böttcherei und Stellmacherei getrieben und buchene Gebinde, Fafsdauben, landwirtschaftliche Instrumente etc. wurden in grofsen Mengen erzeugt. Da machte die Entwicklung der grofsen Industrien die Verkohlung der nahen Wälder profitabel, und nun geht das Rohmaterial der ehemals blühenden Gewerbe in Form von Holzkohle an den Nachbarorten vorbei ins Weite 2 . Ähnliche Klagen über direkte Benachteiligung handwerksmäfsiger Produzenten durch Wegnahme des Rohstoffes werden gelegentlich wohl auch für Deutschland erhoben. Insbesondere sollen die Gerber vielfach ihre Betriebe geradezu haben einstellen müssen, weil ihnen die Häute vor der Nase weg vom Agenten des grofsen Häutehändlers oder Lederfabrikanten aufgekauft wurden oder die Eichenlohe aufser Landes geführt wurde. Aber das sind doch extreme Fälle, die sich auch meist nur auf Rohstoffexportländer beziehen, also solche, die sich in 1 M. Tugan-Baranowski, Geschichte der russischen Fabrik. 1900. S. 574, vgl. S. 553. 572 f. 2 Inchiesta agraria. Vol. II. fase. 1 pag. 26. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 481 frühkapitalistischer Entwicklungsphase befinden. Uns interessieren vielmehr jene andern Fälle, in denen durch die Veränderungen, die auf dem Rohstoffmarkte vor sich gegangen sind, zwar die davon betroffenen Gewerbe in handwerksmäfsiger Ausübung nicht vernichtet, aber doch in empfindlicher Weise geschädigt worden sind. Diese Fälle treten so allgemein auf, dafs wir sie wohl ohne weiteres als typisch anzusehen berechtigt sind 1 . Forschen wir nach den Gründen der Schädigung, so finden wir fast überall dieselben angegeben5 zunächst dies: infolge der Einbeziehung der Rohstoffe in den Welthandel sind deren Preise den Konjunkturen der Verkehrswirtschaft ausgesetzt. Der Handwerker ist aber nicht imstande, den wechselnden Konjunkturen entsprechend seine Produktion einzurichten: weder kann er sie im günstigen Falle durch raschen Ankauf gröfserer Mengen genügend ausnützen, noch ihren Widerwärtigkeiten entsprechend standhalten. Diese Seite des Problems haben wir bereits erörtert. Sodann aber wird mit Nachdruck fast durchgehends betont, dafs infolge des Laufs, den der Rohstoffhandel genommen hat, der Handwerker sein Material unter ungünstigeren Bedingungen, also teurer beziehen mufs, als der kapitalistische Unternehmer. Das ist es, was uns hier interessiert. Woher diese Benachteiligung? Die Sache ist die: so lange die Häute, Hörner, Klauen etc. einzeln beim Bauer der Umgegend aufgekauft, die Bretter in der benachbarten Sägemühle erstanden werden, erspart der Grofs- produzent offenbar nicht an Kosten, weil nicht an Aufwand, denn der Ankauf seines Rohmaterials, der Transport vom Erzeugungsort bis zur Verarbeitungsstätte setzt sich aus einer Summe von Einzelakten zusammen, deren jeder selbständigen Aufwand und selbständige Kosten verursacht, die auch durch die Summierung nicht verringert werden. Zwölf Handwerker, die jeder für sich je einen Ankauf und einen Transport vornehmen, verfahren also nicht kostspieliger als der Fabrikant, der ebensoviel Rohmaterial in zwölf verschiedenen Akten erwirbt. Findet jedoch aus irgend einem Grunde, ehe das Rohmaterial in den Handel kommt, dasjenige statt, was man eine Güter- oder Warenzusammenballung nennen kann, d. h. finden sich gröfsere Quantitäten jenes Rohstoffs an einer Stelle unter einer Verfügungsgewalt zusammen, so bedeutet nun offenbar der Bezug einer bestimmten Quantität 1 Ich verzichte auf eine Aufzählung der Fälle und verweise den Leser auf die U., in deren Index sich das Stichwort „Rohstoffbezug“ findet. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 31 482 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. durch zwölf verschiedene oder durch einen einzigen Produzenten etwas wesensverschiedenes. In jenem Falle nämlich mufs die zusammengeballte Masse zerteilt, jede Teilquantität mufs besonders verpackt, verwogen etc., mit besonderen Adressen, Begleitpapieren versehen, mufs endlich in besonderen Akten transportiert werden; kurz, die Übermittlung der einen Masse an zwölf verschiedene Empfänger bedeutet jetzt einen erheblichen Mehraufwand gegenüber dem Versand an eine Adresse. Ob dieser Mehraufwand von dem ersten Versender oder von einer Mittelsperson (wir nennen ihn Zwischenhändler) geleistet und also an jenen oder diese bezahlt wird, bleibt sich im Effekt gleich: genug, dafs überall dann — aber auch nur dann — wenn Warenzusammenballungen stattgefunden haben, der „Bezug im grofsen“ billiger ist als in Teilpartien. Diese im Effekt jedermann geläufige Thatsache habe ich hier etwas ausführlicher zu begründen versucht, weil offenbar noch erhebliche Unklarheiten über ihr Wesen verbreitet sind. Sonst würde beispielsweise nicht so oft in stereotyper Wiederholung die absolut stumpfsinnige Bezeichnung der Kostenersparnis beim Rohstoffbezug als „wirtschaftlicher Vorteil“ gegenüber den „technischen Vorteilen“ des „Grofs- betriebs“ bei der Produktion beliebt werden. Die „Kostenersparnis“ ist in der Cirkulationssphäre nicht minder „technisch“ begründet, als in der Produktionssphäre, oder wenn man will, um kein Haar „wirtschaftlicher“ dort als hier. Eine solche Zusammenballung gröfserer Gütermengen findet nun aber notwendig statt, ganz unabhängig von dem Bedürfnis des Verarbeitens, dort, wo der Rohstoff in so weiter Entfernung von der gewerblichen Produktionsstätte gewonnen wird. Dafs durch die Fleischextraktkompagnien in Südamerika eine Zusammenfassung grofser Häutemengen oder Talgmassen erfolgt, ist das Zufällige dabei: der Hanf, der vom russischen Bauer im kleinen produziert, die Haut, die im Innern Indiens von dem einzelnen Hindu geliefert wird: sie müssen mit Notwendigkeit nicht minder eine Zusammenballung zu gröfseren Mengen erfahren, ehe sie in Europa verarbeitet werden, als die im grofsen produzierten Waren es im Produktionsprozesse erleben. Ob klein, ob grofs: der Leipziger Seifenfabrikant kann nicht in direkte Beziehung mit dem afrikanischen Negerdorfe treten, das ihm sein Palmöl liefert. Die Zusammenballung erfolgt hier durch den Exporteur bezw. Importeur. Von ihm bezieht also nun der Grofsfabrikant natürlich billiger, als der kleine Produzent, der erst noch der „zweiten Hand“ bedarf, die ihm die oft mühsam zusammengefügte Warenmasse wieder in kleinen Portionen auseinanderteilt. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 483 Klar ist nun also dieses, dafs gegenüber einer zusammen- geballten Robstoffmasse der gröfsere Produzent sieb dem kleinen gegenüber im Vorteil befindet; klar ist ferner, dafs die Tendenz zur Entfernung des Rohstoffgewinnungsortes vom Verarbeitungsorte die Tendenz zur Warenzusammenballung in sich schliefst. Hinzugefügt mufs nun aber noch werden, dafs letztere Tendenz nicht auf jene eben besprochenen Fälle sich beschränkt, sondern auch aus anderen Ursachen hervorwächst, die in der kapitalistischen Gesamtentwicklung begründet sind. Insbesondere wird dieselbe Situation dort geschaffen, wo es sich um schon zugerichtete Rohstoffe oder um Stufenfabrikate handelt, wenn etwa der Produktionsprozefs an dieser Stelle schon eine Konzentration erfahren hat. Das ist also beispielsweise beim Leder der Fall, das in grofsen Unternehmungen erzeugt, sich also im Momente, in dem es der Schuhmacher als Arbeitsgegenstand beziehen will, bereits im Zustande starker Zusammenballung befindet. Es ist eine ständig wiederkehrende Klage, dafs der kleine Schuster im Lederbezug benachteiligt ist, weil das Leder grofskapitalistisch erzeugt wird und die Lederfabriken natürlich nicht „detaillieren“ wollen oder, falls sie es thun, dafür Extraspesen in Gestalt eines Preisaufschlags auf das Leder berechnen, der andernfalls an den Lederhändler zu entrichten ist. C. Das Arbeitsmittel. Dafs für dieses zunächst dieselben Regeln gelten wie für Arbeitsgegenstand und Arbeitsbedingung: dafs nämlich ihre Beschaffung im grofsen unter den angegebenen Bedingungen Kosten erspart, bedarf keiner besonderen Begründung. Das Gesetz aber des umgekehrten Verhältnisses zwischen Gröfse und Kosten tritt bei ihm insofern noch besonders deutlich in die Erscheinung, als die Preise der einzelnen Leistung sich wenigstens bei dem heute wichtigsten Arbeitsmittel, der Maschine, in exakter Weise ermitteln und also für die verschiedenen Gröfsenausmafse vergleichen lassen. Wohl gemerkt: es handelt sich auch hier zunächst wieder nur um den Preis einer bestimmt abgegrenzten Leistung — üblicher Weise bei Maschinen eines bestimmten durch sie nutzbaren Kraftquantums, der Pferdestärke (PS.) — nicht etwa um den Nutzeffekt dieser Leistung oder den auf sie entfallenden Anteil an dem Preise des zu erzeugenden Produkts. Der Übersichtlichkeit halber bespreche ich hier den Preis der elementaren Kraft, durch die die Maschine in Bewegung gesetzt wird, im Zu- 31* 484 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. sammenhange mit dem Preise dieser Maschine selbst. In der That ist der Kostenaufwand für einen durch eine Kraftmaschine zu erzielenden Nutzeffekt kaum anders zu berechnen, als wenn man Kosten für Leib und Seele unserer eisernen Sklaven gemeinsam veranschlagt. Es handelt sich hier nun um Dinge, die im allgemeinen der Wissenschaft bekannt sind und die ich lediglich, um den Konnex der Gesamtdarstellung nicht zu zerreifsen, hier abermals durch einige Ziffern illustriere. Man weifs nämlich heute längst, dafs jede Vermehrung der Leistungsfähigkeit einer Maschine, sei es der Arbeits-, sei es der Werkzeugmaschine, innerhalb der für die Praxis allein in Betracht kommenden Grenzen einen geringeren Kostenaufwand beansprucht, sodafs also der Preis der Leistungs-(Kraft-)Einheit im Verhältnis zur Gröfse der Maschine sinkt. Für Dampfmaschinen hat schon E. Engel erschöpfende ziffernmäfsige Darstellungen dieser Thatsache zu wiederholten Malen gegeben J . Und auch die neuere Entwicklung der Technik hat an jenen Thatsachen nichts geändert; sie hat eher den Abstand der Preise zu Gunsten der grofsen Maschinen noch vergröfsert. Eine sehr gewissenhafte Berechnung neueren Datums, bei der der Kostpreis der Pferdekraft selbst zu ermitteln versucht wird, ist von C. E. Emmery in New-York angestellt worden. Es ist dabei ein lOstündiger Betrieb während 309 Arbeitstagen angenommen und der Preis der Kohle mit 17,50 Mk. pro Tonne veranschlagt, endlich die Amortisationsdauer der ganzen Anlage auf 30 Jahre angesetzt. Unter diesen Voraussetzungen kostet die Pferdestärke im Jahr bei einer 5pferdigen Maschine 754,50 Mk. 10 » 470,20 n 20 » 315,50 » 50 n 223,50 » 100 n » 154,90 n 200 n n 123,30 » 300 n 115,50 » 500 n » 110,10 » 3000 » » 78,10 1 Vgl. die ausführlichen Tabellen bei E. Engel, Das Zeitalter [des Dampfes. 2. Aull. 1881. S. 159 ff. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 485 Zu ähnlichen Ergebnissen kommt A. M u s i 1 1 in der dritten Auflage seines bekannten Buches über Motoren. Er legt seiner Berechnung zu gründe für Wien einen Kohlenpreis von 1,70 Mk. pro 100 kg, für Köln einen solchen von 1,25 Mk. pro 100 kg, für Berlin von 1,90 Mk. Alsdann kostet eine Pferdekraft pro Stunde in Pfennigen: bei einer in Wien in Berlin in Köln mittelgrofsen Dampfmaschine 3,4 3,8 2,5 Grofsdampfmaschine 1,2 1,3 0,9 Nun ist aber bekanntlich für die Kraftentfaltung im kleinen, wie sie der Handwerker benötigt, in neuerer Zeit die Dampfmaschine nicht mehr beliebt. Statt ihrer sind vielmehr andere Motoren in Aufnahme gekommen, namentlich die Gasmotoren und Elektromotoren. Bei diesen ergeben sich in der That nicht so beträchtliche Differenzen wie bei der Dampfmaschine zwischen den kleinen und grofsen Maschinen. Immerhin bleibt principiell die Thatsache bestehen, dafs die Kraft um so billiger wird, je gröfser ihr Vermittler ist. Die Berechnungen der Fachleute weichen selbst unter einander nicht unerheblich ab, sodafs ich mich damit begnüge, im folgenden die betreffenden Angaben mitzuteilen, ohne eine Verantwortung für ihre Richtigkeit zu übernehmen. Für Gasmotoren kommt der bekannte Technologe H. Lux zu dem auffallenden Ergebnisse, dafs sie (bei Annahme eines Gaspreises von 0,07 Mk. pro cbm) erheblich billigere Kraft liefern als die Dampfmaschine, insofern bei einer 5 pferdigen Dampfmaschine die Pferdekraft auf jährlich 754,5 Mk. (nach Emmery), dagegen bei einem gleichstarken Gasmotor auf nur 285,3 Mk. zu stehen komme 2 . Dem widersprechen die Berechnungen anderer Autoren, z. B. Musils, durchaus. Doch interessiert uns diese Gegenüberstellung nicht so sehr, wie diejenige des Kraftpreises bei den verschiedenen Gröfsen der Gasmotoren, bezw. des Preises einer Pferdekraft bei grofsen Dampfmaschinen und kleinen Gasmotoren, da doch nur diese Kategorien miteinander in Wettbewerb treten. Es ist für die Praxis vollständig wertlos, die Preise für kleine Dampfmaschinen und kleine Gas- etc. Motoren zu vergleichen, da ja kein Unter- 1 A. Musil, Die Motoren für Gewerbe und Industrie. 3. Aufl. 1897. S. 64/65. 2 II. Lux, Das Problem der Kraftverteilung unter Berücksichtigung der Versuche, das Kleingewerbe zu heben. Neue Zeit. IX. Jahrg. 2. Bd. S. 138. 480 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. nehmer sich bemüfsigt fühlen wird, die teueren Dampfmaschinen zu verwenden, wenn er den billigeren Gasmotor haben kann. Stellt man solcherart die praktisch in Betracht kommenden Konkurrenzmaschinen nebeneinander, so ergiebt sich jene Benachteiligung der kleinen Kraftvermittler, um deren Feststellung es sich hier handelt, wiederum auf das deutlichste. Zunächst stehen die Preise der Gasmotoren selbst in keinem Verhältnis zu der Zahl ihrer Pferdekräfte; just wie bei den Dampfmaschinen ist der Preis auf die einzelne Pferdekraft um so niedriger, je gröfser die Motoren sind. Musil (a. a. O. S. 184) führt folgende Preise für Gasmotoren ab Fabrik an: Es kostet ein Gasmotor es kostet also eine Pferdekraft mit 1 PS. 1000 Mk. 1000 Mk. » 2 1350 r> 675 „ n 3 Yi 1650 » 550 „ n 4 2000 n 500 „ n 6 2600 7 ) 433 x / 8 „ n 8 3000 375 „ n 10 ?? 3600 » 360 „ Ebenso ist aber der Preis für die Nutzung einer Pferdekraft bei den Gasmotoren um so höher, je kleiner der Motor ist. Lux selbst berechnet (a. a. 0. S. 205), dafs der Betrieb einer Pferdekraft jährlich kostet bei einem Gasmotor von: 2 PS. 447,0 Mk. 5 n 295,2 „ 8—10 „ 226,2 „ Damit stimmen ungefähr die Angaben überein, die Musil (a. a. O. S. 64/68) über den Preis der Pferdekraft bei Gasmotoren macht. Diese beträgt nämlich, bei einem Gaspreise von bezw. 16, 10 und 8—10 Pf. pro cbm pro Stück Pfennige: bei einer in Wien in Berlin in Köln Kleingasmaschine 13,5 8,0 8,0 Grofsgasmaschine 8,5 5,0 4,5—4,0. Und ähnliche Abstufungen weisen die Berechnungen auf, die kürzlich die Compagnie Parisienne du Gaz bei den neuen vertikalen Gasmotoren über die Kosten des Gasverbrauchs aufgestellt hat und die folgendes Ergebnis zeitigten 1 : 1 Mitgeteilt in der Neuen Zeit XVI. Jahrg. (1897/98). 2. Bd. S. 219. Auch hier stimmen die absoluten Ziffern bei den verschiedenen Autoren nicht Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 487 Größe des Motors in Pferdekräften Gaskonsum (cbm) Kosten (Francs) pro Stunde pro Stunde und Pferdekraft pro Stunde pro Stunde und Pferdekraft V* 0,30 1,20 0,09 0,36 1 1,20 1,20 0,36 0,36 3 2,10 0,70 0,63 0,21 5 3,25 0,65 0,97 0,19 10 6,50 0,65 1,95 0,19 Endlich mufs noch des Elektromotors Erwähnung geschehen, der in neuerer Zeit als die „Kleinkraftmaschine * 1 2 “ par excellence gerühmt worden ist und der auch jedenfalls vor den anderen Motoren den Vorzug besitzt, dafs er in den kleinsten Dimensionen verhältnismäfsig am billigsten sich stellt und auch wohl am bequemsten sich kleineren Betrieben einfügen läfst. Aber auch dieser bleibt dem Preisgesetz unterworfen, dem die anderen Motoren unterliegen: er wird verhältnimäfsig um so billiger, je gröfser er ist. Nach der sehr genauen Berechnung von H. Lux (a. a. O. S. 202 ff.) stellen sich in fünf verschiedenen Fällen die Kosten wie folgt: Es kostet der jährliche Betrieb einer Pferdestärke in Mark bei 2 PS. 5 PS. 8-10 PS. Elektrischem Motor 1 261,4 241,0 230,5 . » II 283,0 262,3 251,2 , „ HI 231,0 210,8 200,7 „ iv 249,6 229,1 218,8 » » V 429,0 315,2 229,2 Noch beträchtlicher ist die Verbilligung der Krafteinheit bei gröfseren Ausmessungen der Elektromotoren. Ebenfalls nach H. Lux 3 würden die jährlichen Betriebskosten einer PS. bei den überein. Um so mehr Grund, die für uns einzig relevante Thatsache der Preisabstufung, die überall annähernd dieselbe ist, als aufser allem Zweifel stehend anzunehmen. 1 Die Vaterschaft an diesem heute allgemein gebräuchlichen Ausdruck reklamiert F. Reuleaux für sich: „Kleinkraftmaschinen, wie ich die kleinen Motoren zu nennen vorgeschlagen habe.“ Siehe F. Reuleaux, Einfluß der Maschinen auf den Gewerbebetrieb in Nord und Süd 1879. S. 125. In Wirklichkeit findet sich die Bezeichnung schon früher. Vgl. Jo 11, Die wichtigsten Kleinkraftmaschinen etc. 1870. 2 H. Lux, Die wirtschaftliche Bedeutung der Gas- und Elektrizitätswerke in Deutschland. 1898. S. 120. 488 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. an das Elekrizitätswerk Oberspree angeschlossenen Elektromotoren betragen: Leistungsfähigkeit (PS.) Mk. 1 216 5 190 10 183 50 144 100 120 500 93 Eine vergleichende Zusammenstellung der Betriebskosten für die verschiedenen Kleinmotoren endlich enthält folgende Übersicht, aus der abermsls ersichtlich ist, dafs die Durchschnittskosten pro Stunde und Pferdestärke im umgekehrten Verhältnis zur Leistungsfähigkeit, aber auch zur Benutzungsdauer stehen. Es betragen nämlich nach einer Berechnung A. R i e d 1 e r s 1 die Gesamtkosten der Motoren mit einer Leistungsfähigkeit von . PS. V« 1 2 3 4 B für bei einer Betriebsdauer von . , . Stunden 5 10 5 1 io 5 10 5 10 5 10 5 10 5 10 Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Dampfkleinmotoren . . 43 30 31 32 26 19 23 17 19 15 Petroleummotoren . . . 80 60 35 28 25 22 Gasmotoren. 74 52 54 37 35 24 26 19 22 17 21 17 19 15 Druckluftmotoren . . . 51 41 87 30 27 23 23 20 21 19 20 18 19 17 Elektromotoren .... 81 66 67 55 56 46 51 40 49 37 — — Für Werkzeugmaschinen lassen sich'naturgemäfs nicht ebenso systematische Preisskalen aufstellen wie für Kraftmaschinen, da ihre Gröfse nicht nach Pferdestärke oder sonst einem leicht handlichen Mafsstabe gemessen zu werden pflegt. Was wir aber an Ziflernmaterial über sie besitzen, gestattet den Schlufs, dafs auch für sie als Regel die verhältnismäfsige Verbilligung mit zunehmender Gröfse angenommen werden darf. Wenn in der Zusammenstellung von Beispielen, die E. Engel giebt 2 , diese Regel zu wiederholten Malen durchbrochen zu sein scheint, so ist zu be- 1 A. Eiedler, Uber Betriebskosten von Kleinmotoren in der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure. Jahrgang 1891. S. 299 ff. 2 E. Engel, Das Zeitalter des Dampfes. 2. Aufl. (1881). S. 161 ff. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 489 denken, dafs die verschieden grofsen Werkzeugmaschinen keineswegs so kommensurable Gröfsen sind wie die Motoren, dafs vielmehr ihre Leistungsfähigkeit auch qualitativ je nach der Gröfse aufserordentlich verschieden sein kann: Feinheit der Ausführung, Widerstandskraft, Ansprüche an die Bedienung u. s. w. können von Maschinengröfse zu Maschinengröfse in einem so merklichen Umfange variieren, dafs ihr Preis dadurch sehr wohl eine Beeinflussung erfahren kann. Im Grunde bedarf es aber auch gar nicht erst des ziffern- mäfsigen Nachweises für die Richtigkeit der Beobachtung, dafs auch das Arbeitsmittel verhältnismäfsig um so billiger zu haben ist, je gröfser es ist. Die Gründe, warum dies der Fall sein mufs, liegen zu deutlich zu tage, als dafs sie nicht für sich allein beweiskräftig genug wären. Wenn wir nämlich bisher zu dem Ergebnis gekommen sind, dafs die sachlichen Produktionsfaktoren (von der Grundrente abgesehen, die ihrem eigenen Bewegungsgesetze folgt) durch massenhaften Bezug verbilligt werden, so geht diese That- sache im ganzen betrachtet auf keine anderen Ursachen zurück als diejenigen, die wir im weiteren Verlauf der Darstellung in ihrer produktionsverbilligenden Wirkung noch genauer kennen lernen werden. Die Gesamtheit dieser Erscheinungen unterliegt dem Grundgesetze wirtschaftlicher Thätigkeit überhaupt, nach welchem eine Zusammenfassung zahlreicher produktiver Kräfte zu einheitlicher Wirkung Aufwand erspart: eine Thatsache, die sich in unserer Wirtschaftsordnung in einer Preissenkung auszudrücken stets wenigstens die Tendenz hat. Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. Gehört es im allgemeinen zu den Wesenheiten kapitalistischer Entwicklung, durch einen kunstvoll wirkenden Mechanismus den Arbeitsmarkt meistens zu Gunsten der Nachfrage zu gestalten, so ist es eine Eigenart der modernen Phase des Kapitalismus, das Mifs- verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte zu Ungunsten der ersteren in einer Anzahl von Punkten nicht unwesentlich vergröfsert zu haben. Wir wissen, dafs es in aller frühkapitalistischen Zeit vornehmlich das platte Land ist, das eine für gewerbliche Arbeit disponible Uberschufsbevölkerung liefert; wir sahen, wie ein grofser Teil der altkapitalistischen Industrien sich deshalb als ländliche Hausindustrie etabliert hat. Dieses Reservoir ist nun heute keineswegs schon erschöpft. Täglich wächst noch aus Gründen, die wir ebenfalls kennen gelernt haben, eine neue ländliche Uberschufsbevölkerung heran, sei sie primärer Natur, d. h. entstanden durch die in vielen Gegenden noch immer vorhandene Repulsionstendenz der Landwirtschaft, durch das Verschwinden des bäuerlichen Hausgewerbes, durch den Niedergang der alten bodenständigen Hausierhandwerke; sei sie sekundärer Natur, d. h. entstanden durch den Rückgang der alten frühkapitalistischen Hausindustrien. In der That hören wir denn auch aus verschiedenen, namentlich bäuerlichen Gegenden die Berichte von einer ländlichen Uberschufsbevölkerung in der Gegenwart erzählen, die aus gewerblicher Arbeit Nebenverdienst sich zu verschaffen bemüht ist. So aus Unterfranken, aus der weiteren Umgebung von Stuttgart und vom Regierungsbezirk Minden aus den Kreisen Bielefeld, Herford, Minden und Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 491 Lübbecke 1 . Vom Spessart berichtet ein Arbeitgeber, dafs Nachfrage nach gewerblicher Arbeit im Überflufs vorhanden sei: „Die Arbeitskraft wächst . . . geradezu aus der Erde 2 .“ Bekannt sind ferner die schon vielfach dem Kapitalismus verfallenen Landschreiner in der Umgegend von Mainz a , Karlsruhe *, Freiburg i. B.die Landschneider um Ettlingen 6 , die Landschuster in Württemberg 7 etc. Aber die Regel bildet es doch heute nicht, dafs auf dem Lande selbst sich eine Überschufsbevölkerung aufstaut. Wir wissen vielmehr, dafs als der normale Verlauf der Entwickelung das Abströmen jener überzähligen Elemente in die Städte anzusehen ist. Was sich also heute thatsächlich in der Gesamtbevölkerung eines Landes als Reservearmee auf dem Arbeitsmarkte herausstellt, tritt meist erst in den städtischen Centren in die Erscheinung, sodafs als Signatur unserer Entwicklungsphase städtische Üb er sch ufsbe vö lker un gen sich ebenso natürlich ergeben, wie in frühkapitalistischer Zeit die ländlichen. Wurde nun aber durch die starke Einwanderung in die Städte im allgemeinen die Tendenz erzeugt, die Lage des gewerblichen Arbeitsmarktes zu Ungunsten des Angebots zu verschlechtern, so verdient es insonderheit Berücksichtigung, dafs infolge der Um- Schichtung der Bevölkerung die Verhältnisse des Arbeitsmarktes insofern eine durchgreifende Veränderung erfuhren, als eine Kategorie von Arbeitern in den Städten zu ungeheurem Umfange anschwoll, die ehedem stets nur von geringer Bedeutung gewesen war, also dafs ihr Lohnniveau keinerlei Einflufs auf den Lohnsatz für eigentlich gewerbliche Arbeit ausgeübt hatte: die Kategorie der sog. ungelernten Arbeiter, und als gleichzeitig der Lohnsatz für ungelernte Arbeit selbst dank der Eigenart der Ankömmlinge zu sinken die Tendenz zeigte. Die Elemente, aus denen sich ein neuer riesiger Stamm von un qualifizierten Arbeitern mit geringer Lohnforderung in den 1 Ygl. Zusammenstellung der Ergebnisse der Ermittlungen über die Arbeitsverbältnisse in der Kleider- und Wäscbekonfektion. Drucksachen der *4 Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen Nr. 10 (1896). S. 34 ff. 2 Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik Nr. 10 (1896). Vgl. A. Weber, Hausindustrielle Gesetzgebung und Sweating-System in Schmollers Jahrbuch, XXI (1897), 300 ff. 3 ü. III, 329 f. * U. III, 122. 6 U. VIII, 244. 6 U. III, 53. 7 U. III, 320. j* 492 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Städten zu bilden begann, waren vornehmlich unter den Einwandrern : 1. die ehemals landwirtschaftlichen Arbeiter; 2. die selbständig Erwerb suchenden Weiber. Uber erstere des längeren zu sprechen erübrigt sich. Die Einwanderungsziffern ergeben gewaltige Mengen ländlicher Bevölkerung als neue Siedelungselemente in den Städten, und es bedarf somit nur einer Erinnerung an die Thatsache, dafs jeder Landbewohner (von den wenigen Landhandwerkern abgesehen) in der Stadt jedenfalls für alle gewerbliche Produktion nur als unqualifizierter Arbeiter inBetracht kommen kann. Dagegen werden wir einen Augenblick bei der Betrachtung 1 der zweiten Gruppe der neuerstandenen Spottpreisarbeiter zu verweilen haben: bei der Gruppe der Erwerb suchenden Weiber. Seit langer Zeit weist namentlich die grofsstädtische Entwicklung die Tendenz auf, einen Überschufs an weiblicher Bevölkerung zu erzeugen; dieser ist zumal in letzter Zeit beträchtlich geworden. So waren beispielsweise in Berlin am 1. Dez. 1900 (Stat. Jahrb.) rund 80000 Frauen mehr als Männer vorhanden: 982346 gegen 901805. Frauenüberschufs hatten nach der Zählung vom 2. Dezember 1895 im ganzen 39 Städte , jedoch würde sich diese Zahl bedeutend erhöhen, wenn die Militärbevölkerung aufser Rechnung bliebe. Auf die Gründe dieses Frauenüberschusses, die bekannt sind, ist hier nicht näher einzugehen. Uns interessiert nur die Frage: giebt es auch einen „socialen“ Frauenüberschufs, und worauf ist dieser zurückzuführen? Was heute das gewaltige Heer der erwerbenden Frauen, d. h. jenen socialen Überschufs bildet, sind vornehmlich: 1. die zu wirtschaftlicher Selbstbestimmung gelangten ledigen, verwitweten, geschiedenen oder eheverlassenen Frauenspersonen der proletarischen und kleinbürgerlichen Bevölkerungsschichten; 2. die Ehefrauen und event. Haustöchter der arbeitenden Klasse; 3. die Ehefrauen und Haustöchter immer breiterer Schichten 1 Die Statistik erbringt den Nachweis einer allgemeinen und raschen Zunahme der weiblichen Erwerbsthätigkeit, namentlich auf dem Gebiete des Handels und der Industrie. Ygl. die Zusammenstellung der Ziffern im Art. „Frauenarbeit und Frauenfrage“ (Pierstorff) H. St. 3 2 , 1195 ff. Eine übersichtliche Zusammenstellung der Ergebnisse von 1882 und 1895 für Deutschland giebt R. Wuttke, Die erwerbsthätigen Frauen im Deutschen Reich. 1897. Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 493 des Kleinbürgertums bis hinauf in die untere Sphäre des sog. gebildeten Mittelstandes. Die Gründe, weshalb alle diese Elemente auf eigenen Erwerb angewiesen sind, und zwar in erheblich weiterem Umfange als früher, sind ebenfalls im allgemeinen bekannt. Sie stehen im Zusammenhänge mit der Entwicklung, die dank vor allem der Eigenart grofsstädtischer Existenzweise 1 die Gestaltung der Hauswirtschaft genommen hat. Wir wissen, dafs in dem Mafse, wie die Wohnungsräumlichkeiten infolge der steigenden Grundrente in den Städten zusammengedrängt und die gewerblichen Erzeugnisse billig werden, die Tendenz verstärkt wird, immer mehr Bestandteile der früheren hauswirtschaftlichen Thätigkeit zum Absterben zu bringen und damit die Arbeitssphäre der Frau im Haushalte einzuengen. Was also ehedem im Hause für das Haus von den Frauen erzeugt wurde, mufs jetzt gekauft werden; und die Arbeitskraft der Frauen, die ehedem sich produktiv im Hause bethätigte, mufs diejenigen Geldsummen zu erwerben trachten, mit denen ihre früheren, nun ausfallenden Produktionseffekte erworben werden können. Diese Entwicklung macht sich zuerst fühlbar für diejenigen Familienglieder, die einst über den Bestand der Eltern und ihrer Kinder hinaus Aufnahme im Hause fanden: alte Tanten, Schwägerinnen u. dgl. Wesen, die nun die Zahl der erwerbenden Frauen als Haushaltungsvorstände vermehren. Dann greift die Entwicklung hinüber auf die erwachsenen Töchter, zuletzt auf die Ehefrauen. Bei den mächtig anschwellenden Massen des städtischen Proletariats aber mufste sich von vornherein der Zustand der selbständig erwerbenden Frau als der natürliche ergeben. Denn hier war mit dem Wegfall des kleinen Land- oder Viehbesitzes, der alle früheren Arbeitsverhältnisse, wie wir sahen, charakterisierte, durch den blofsen Lohnverdienst des Mannes eine viel zu geringe Existenzbasis für eine Familie der Regel nach gegeben : der Betrag des männlichen Arbeitseinkommens genügte einerseits nicht, um Unterhalt für Weiber und Kinder mit zu bestreiten, und die mit ihm zu führende Wirtschaft war andrerseits zu winzig, um der Frau einen Lebensinhalt zu verschaffen. Was aber auch in diesen Schichten als mächtiger Hebel zur Beförderung 1 Das eigentliche Feld wenigstens gewerblicher Frauenarbeit sind die Grofsstädte. Hier machen in Deutschland (1895) von den Erwerbsthätigen die Weiber 23,6 % gegen nur 19,5% im Durchschnitt des Reiches aus; in Berlin gar 28,5%, in Breslau (Armut der Stadt!) 30,5%. Ygl. Statistik des D. R. N. F. Bd. 107. i 494 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. der weiblichen Erwerbsarbeit wirkte, war wiederum die Grundrente und die durch sie erzeugte Mietspreissteigerung in allen modernen Städten. Je höher die Mieten steigen, desto kleiner werden die Behausungen, also um so winziger die Existenzbasis für hauswirtschaftliche Thätigkeit der Frau: man denke, wie nach und nach erst der Garten, dann der Stall, dann die Speisekammern, dann der Keller, dann der Boden für immer weitere Schichten der Bevölkerung un- erschwingbare Bestandteile einer Wohnung werden. Je höher aber der Zoll wird, den die Grundeigner der städtischen Bevölkerung in Form steigender Mieten abverlangen, desto zwingender die Notwendigkeit, die Einnahmen zu erhöhen. Man kann den Effekt dieser Entwicklung also wohl dahin formulieren, dafs man sagt: ein immer gröfserer Teil der früher von ihren Männern und Vätern ernährten Weiber mufs jetzt im Dienst der städtischen Grundrentenbezieher arbeiten. Der Betrag des Verdienstes der weiblichen Arbeiter in einer Grofsstadt wird etwa dem Betrage der Grundrente gleichkommen, den derjenige Bevölkerungsteil, dem sie angehören, als Fron an einen anderen zu zahlen hat. Was nun aber weiter noch die Eigenart des modernen Frauenerwerbes charakterisiert, ist dies, dafs er ganz und gar seine Richtung verändert hat. Was früher von Frauen und Töchtern der unteren Klassen Zuschufsverdienst aufser dem Hause suchte, fand ihn überwiegend in der Verrichtung der Hilfsleistungen, die die wohlhabendere Bevölkerung für sich in Anspruch nahm: als Dienstboten, Wäscherinnen, Plätterinnen, Reinmachfrauen, Näherinnen und dergl. Diese Erwerbsquellen spielen dagegen heute nur noch eine untergeordnete Rolle ^ erstens deshalb, weil abermals im Gefolge der oben gekennzeichneten Einschränkung der hauswirtschaftlichen Thätigkeit auch der wohlhabenderen Familien viele jener Hilfsdienste nicht mehr verlangt werden; es wird weniger von fremden Personen im Hause gewaschen, geplättet, geschneidert u. s. w. Zweitens und vor allem aber deshalb, weil sich das Verhältnis zwischen den nachfragenden Familien und dem Angebot von weiblichen Arbeitskräften zu Ungunsten der letzteren naturgemäfs in dem Mafse verschoben hat, als die grofsen Haufen proletarischer Existenzen in die Städte eingeströmt sind 1 . So ergiebt sich denn der für unsere Betrachtung entscheidende 1 Siehe die interessanten Berechnungen bei A. Weber, die Entwicklungs- grundlagen der grofsstädtischen Frauenhausindustrie in den Schriften des Yer. für Soc. Pol. Band 85 (1899) XXXI f. Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 495 Gesamteffekt, dafs das Angebot weiblicher Arbeitskräfte für aufserhaus- wirtschaftlicbe, insonderheit also gewerbliche Arbeit eine gewaltige Steigerung erfahren hat. Das bedeutet aber nichts anderes als einen ungeheueren Druck auf das Niveau der Lohnsätze für ungelernte Arbeit, und zwar aus dem doppelten Grunde: 1. weil es Weiber sind, die sich anbieten, also Personen, die schon ceteris paribus weniger fordern als die gleichwertige männliche Arbeitskraft; 2. weil es in weitem Umfange (bei Ehefrauen und Haustöchtern) Zuschufsverdienst ist, der erstrebt wird, wodurch abermals ein Motiv zu weiterer Senkung des Lohnniveaus gegeben ist 1 . Es kann nun wohl keinem Zweifel unterliegen, dafs diese Entwicklung des Arbeitsmarktes, wie sie im vorstehenden skizziert wurde, in dem Konkurrenzkämpfe, den das Handwerk mit der kapitalistischen Unternehmung kämpft, jenem zum Schaden ausschlagen mufs. Von den Produktionsvorteilen, die die Verbilligung der Arbeitskraft dem Konkurrenten gewährt, vermag in vollem Umfange nur der kapitalistische Unternehmer Nutzen zu ziehen, weil nur die Eigenart der kapitalistischen Organisation es ermöglicht, jene Scharen billiger Arbeitskräfte der gewerblichen Produktion in ausgiebigerWeise dienstbar zu machen. Was ihre Beschäftigung in der Mehrzahl der Fälle zur Voraussetzung hat, ist nämlich 1. die nur bei einer Produktion in grofsem Mafsstabe durchführbare Differenzierung der Arbeitsverrichtungen; 2. die Möglichkeit, die Arbeitskraft zu beschäftigen, ohne mit ihr eine Ortsveränderung vorzunehmen. Es ist ersichtlich, dafs beide Voraussetzungen von der kapitalistischen Unternehmung und nur von dieser erfüllt werden. Wir lernten bereits als einen der Vorzüge dieser Wirtschaftsform ihre Fähigkeit kennen, durch Einstellung hochqualifizierter Arbeitskräfte einen Produktionseffekt zu erzielen, der in qualitativer Hinsicht denjenigen des Handwerkers weit hinter sich läfst. Ich wies aber damals schon darauf hin, dafs diese Heraushebung besonders leistungsfähiger, somit auch in der Regel besonders teuerer Arbeitskräfte aus dem allgemeinen Arbeiterpöbel eine notwendige Ergänzung finden müsse in der Verbilligung der übrigen Arbeitsleistungen. Widrigenfalls würde die kapitalistische Unternehmung unter der Verteuerung der Arbeitskraft zu leiden haben, was ihr leicht Unannehmlichkeiten im Konkurrenzkampf bereiten könnte. Was sie vielmehr zu erreichen trachten mufs, ist dies: dafs ihr der Aufwand 1 Vgl. den Exkurs zu diesem Kapitel. 496 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. für die gesamte Arbeitskraft trotz Verteuerung einzelner Arbeitskräfte nicht teuerer zu stehen kommt als demjenigen Konkurrenten (Handwerker), der die Qualitätsarbeiter nicht beschäftigt. Der Preis der abstrakten Arbeitskraft, wie man den „Durchschnittslohn“ der in einem Etablissement beschäftigten Arbeiter nennen kann, darf durch Preiserhöhung einzelner Arbeitskräfte nicht gesteigert werden. Dieses Ziel erreichen helfen dem Kapitalisten nun die sich anbietenden Spottpreisarbeiter. Durch Auflösung des Produktionsprozesses in seine einzelnen Bestandteile, wodurch er die kunstvolleren Leistungen auf der einen Seite verselbständigte, schuf er auf der anderen Seite die grofse Menge der rein mechanischen Verrichtungen, die nun von dem Dümmsten ohne weiteres ausgeübt werden können. Mit der Anwendung der Maschinentechnik hat die Verwendbarkeit ungelernter und billiger Arbeitskräfte, wie man sieht, im Princip gar nichts zu thun • diese vielmehr wie jene beruht lediglich auf der Ver selb ständigung der entgeistigten Teilverrichtung im Ganzen des Produktionsprozesses. Daher sie nicht minder grofs war in Industrien, in denen die maschinelle Technik bislang gar keine wesentlichen Veränderungen des Arbeitsprozesses hervorgerufen hat, wie in der Schneiderei, als dort, wo die Produktion auf eine völlig neue technische Basis gestellt wurde, wie in der Spinnerei. Einen bedeutsamen Einflufs übt die Maschinentechnik als solche auf den Preis der Arbeitskraft nur insofern, als sie das physische Krafterfordernis verringert und damit vielfach den Ersatz der ungelernten männlichen durch die ungelernte weibliche oder jugendliche Arbeitskraft ermöglicht. Es ist nun ersichtlich, dafs der Vorsprung in der Produktionskostengestaltung ceteris paribus um so gröfser ist, je gröfsere Massen der Gesamtarbeit als unqualifizierte ausgeschieden werden können. Danach richtet sich denn auch die Bedeutung der Verbilligung der Arbeitskräfte für die einzelnen Industriezweige. Diese ist ferner um so gröfser, je weniger Anforderungen an die Arbeitsgeschicklichkeit der überqualifizierten Arbeiter gestellt werden. Doch sind das alles nur Quantitätsunterschiede, die an der principiell wichtigen Thatsache nichts ändern, dafs die kapitalistische Unternehmung infolge Auflösung des Arbeitsprozesses die Arbeitsleistungen selbst differenziert hat und damit in die Lage versetzt ist, aus der Differenzierung der Arbeitskräfte Nutzen zu ziehen. War nun diese Thatsache auch wohl im allgemeinen schon bekannt, so ist sie doch erst jetzt durch die schon erwähnte, grofsartige Publi- Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 497 kation des Washingtoner Arbeitsamtes über Hand- und Maschinenarbeit auf die sichere Unterlage eines umfassenden Zahlenmaterials gestellt und vor allem für die Beurteilung der Konkurrenzbedingungen von Handwerk und Kapitalismus fruchtbar gemacht worden. Leider ist von dem gewaltigen Material jener Untersuchungen nur ein geringer Teil für die Zwecke, die wir in diesem Augenblick verfolgen, verwendbar, da die Fragestellung ja eine ganz andere war. Immerhin bietet sich uns in einer ganzen Reihe von Fällen die Möglichkeit, dasjenige wenigstens herauszunehmen, was für die Erhebung des vorliegenden Problems dienen kann. Das ist denn von mir, soweit es das Material zuliefs, geschehen. Die Ergebnisse sind fast übereinstimmend dieselben: es wird durch die Statistik die Richtigkeit der oben aufgestellten These von der Verbilligung der abstrakten (Durschnitts)arbeitskraft erwiesen. Ich teile ein paar Fälle mit, in denen die Wirkung des Differenzierungsprozesses besonders augenfällig zu Tage tritt. 1. Bäckerei 1 . Die handwerksmäfsige Herstellung in dem zum Vergleiche herangezogenen Handwerksbetrieb erfordert im Jahre 1897 eine Arbeitskraft zum Preise von 12 $ die Woche. Die (klein-) kapitalistische Produktionsweise (es ist ein Betrieb von 12 Personen aus dem Jahre 1897 mit Dampfbetrieb zu Grunde gelegt) teilt diese Arbeitskraft wie folgt 2 : 4 Arbeitskräfte ZU 20 $ die Woche 1 TT 16 „ » tt 3 tt 15 „ n n 2 n 10 „ n tt 2 » 9 » TT Ti 5 tt 7 „ n » 5 n 6 , n tt 22 Arbeitskräfte zu 244 $ die Woche. 1 (Durchschnitts-) Arbeitskraft kostet 11,1 $ (gegen 12 $ im Handwerk). 1 XIII. Annual Report of the Commissioner of Labour. 1898. Hand and machine Labour Yol. II. 1899. pag. 596 ff. Unit 91. 2 Es sind nur die Lohnsätze der 22 verschiedenen Funktionäre mit- .geteilt, ohne Angabe, wie sich die Funktionen auf die 12 Arbeiter verteilen. Ich habe die Rechnung aufgestellt, als ob jede Funktion von einem besonderen Arbeiter verrichtet würde, was am Gesamtresultat kaum etwas ändern dürfte. Sombirt, Der moderne Kapitalismus. II. 32 498 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. 2. Schuhmacherei 1 . Verglichen wird eine handwerks- mäfsige Schusterei aus dem Jahre 1859, in der zwei Personen, Schuhmacher und Stepperin, der Erzeugung von Stiefeln obliegen, mit einer modernen Schuhfabrik aus dem Jahre 1895, die 115 Arbeiter 2 3 beschäftigt. Die Preise der Arbeitskräfte stellen sich wie folgt: A. Handwerk: 1 Schuhmacher 3 $ fürd. 10stünd. Arbeitstag 1 Stepperin 2 „ „ „ „ „ Preis der Durchschnittsarbeitskraft 8 2,50 $ für den lOstündigen Arbeitstag oder 25 Cts. pro Stunde. B. Kapitalistische Unternehmung. Es erhalten für den lOstündigen Arbeitstag 4 * * * : 1 Arbeitskraft 6,00 $ 3 Arbeitskräfte 5,00 „ 2 » 4,00 „ 10 3,50 „ 17 3,00 „ 7 » 2,75 „ 16 n 2,50 , 9 n 2,25 „ 20 r> 2,00 „ 38 n 1,75 „ 13 n 1,50 „ 13 V 1,25 „ 1 » 1,00 „ 1 Y) 0,50 „ 151 2 Arbeitskräfte 3382 1 /2 $ Preis der Durchschnittsarbeitskraft 2,24 „ 1 L. c. pag. 524 f. Unit 69. 2 Ygl. zur Erklärung der Differenz dieser beiden Zahlen die Anm. 2 auf S. 497. 3 Der Typ des Handwerksbetriebes, für den die Berechnungen gelten, hat im Jahre 1859 existiert. Es ist anzunehmen, dafs auch der Preis der Arbeitskraft jenem Jahre entspricht. Dann würde sich das Verhältnis noch beträchtlich zu Gunsten der kapitalistischen Unternehmung verschieben. 4 Zwei Wächter arbeiten 12 Stunden, zwei andere Personen 10 B /e. Wo Accord- lohnsätze angegeben waren, habe ich sie in Zeitlohnsätze umgerechnet, was möglich ist, da der Lohnsatz und die Zeit angegeben ist, in der die Produkten- einheit geliefert wird, nach der der Lohnsatz bemessen ist. Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 499 3. Schneiderei 1 . Verglichen ist ein Schneidereibetrieb mit drei Arbeitern, der jedoch nur fiktiv ist: die drei Arbeiter sind an verschiedenen Stellen thätig gewesen. Es ist offenbar an Sitz* gesellen gedacht, denen die zugeschnittene Ware geliefert wird. Es ist nun nicht angängig, die Arbeitslöhne zweier Stubenarbeiter mit dem eines Zuschneiders (er ist mit 35 $ pro Woche angegeben!) zusammenzuzählen und durch drei zu dividieren: das würde ein Lohnsatz sein, den der Handwerker nicht zu zahlen hat. Ich ziehe deshalb nur den Lohn der beiden eigentlichen Schneider in Betracht: er beträgt in Zeitlohn umgerechnet bei 12- bezw. lOstündigem Arbeitstag ca. l 3 /s bezw. 3 $, was bei 9stündiger Arbeit einen Durchschnitt von 1,45 $ ergeben würde. Dieser Betrag ist nun aber schon derjenige eines Teilarbeiters (die Funktion des Zuschneiders ist verselbständigt). Es ist also gewifs nicht zu gering gerechnet, wenn man jenen Satz als Äquivalent für die Arbeitskraft des Vollschneiders annimmt. Demgegenüber gestalten sich die Preise in einer modernen Kleiderfabrik (NB. wo derselbe Artikel gearbeitet wird), wie folgt. Es verdienen (bei 9- bezw. 9 x /4ständigem Arbeitstag) pro Tag: Arbeitskräfte je $ 1 10 1 6 2 /8 1 5 5 /6 1 4 1 /« 1 4 10 3V 3 1 3 19 2 2 /s 1 2 Vs 7 2 Vs 1 2Vs 13 2 36 l 2 /s 8 VI 2 25 lVs 6 vu 4 Vk 30 1 1 L. c. pag. 908 f. Unit 207. 32 500 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Arbeitskräfte je $ 26 5 /s 3 3 U 36 2 /s 32 Vs 10 Vs Es verdienen 283 Personen insgesamt 363V2 $. Der Preis der Durchschnittsarbeitskraft beträgt also 1,28 $ pro Tag. 4. Böttcherei 1 . Dem Vergleiche zu Grunde gelegt ist die Produktion einer bestimmten Sorte von Zuckerfässern, die einmal im Alleinbetriebe, das andere Mal in einer Fabrik von 413 Personen erzeugt werden (Jahr 1895). Der Preis der handwerksmäfsig arbeitenden Vollkraft, also der undifferenzierten Küferarbeit, beträgt 2,50 $ pro Tag. Die in der Fabrik gezahlten Lohnsätze sind folgende: es erhielten pro Tag 8 Personen 3- $ 5 2,50 235 2- » 3 n 1,85 n 60 n 1,50 » 9 » 1,25 n 9 n 1- » 84 » 0,87 n 413 Personen erhielten zusammen 786,— $ Die Arbeitskraft kam dem Unternehmer durchschnittlich auf 1,90 $ zu stehen. 5. Möbeltischlerei 2 . Vergleich zwischen zwei handwerks- mäfsigen Stuhlproduzenten und einer Stuhlfabrik von 49 Personen (Jahr 1896). Die Arbeitskraft der beiden Handwerker kostet für einen lOstündigen Arbeitstag je 1,05V2 $. Die Fabrik bezahlt für eine Arbeitskraft 2,50 $, für zwei andere je 2 $, für vier weitere je 1 $ und für den Rest weniger als einen Dollar. 1 L. c. pag. 938/39. Unit 225. 2 L. c. pag. 1116 ff. Unit 324. Die außergewöhnlich niedrigen Lohnsätze lassen darauf schliefsen, daß der Ort der Aufnahme eine Kleinstadt gewesen ist. Da aber für die beiden Vergleichsobjekte offenbar die nämliche Umgebung gewählt wurde', so stört die Abnormität nicht die Vergleichbarkeit. Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 501 6. Bautischlerei: Fabrikation von Fensterläden. Alleiji- arbeiter bezw. Betrieb von 14 Personen. Der Preis für lOstündige Tischlervollarbeit beträgt 1,50 $. Die kleinkapitalistische Unternehmung zahlt pro Tag an 1 Person 2,75 $ 2 Personen 1,75 „ , 3 „ 1,50 „ 2 „ 1,00 „ 6 „ 0,75 , 14 Personen 165 $ Der Durchschnittspreis der Arbeitskraft beträgt 1,18 $. Ähnlich genaue Berechnungen sind mir für andere Gewerbe nicht bekannt geworden; doch weifs man von manchen, dafs sich in ihnen die Arbeitsverhältnisse ganz ähnlich gestaltet haben. Beispielsweise ist in der Buchbinderei und den verwandten Branchen während der letzten 25 Jahre eine völlige Revolu- tionierung der Arbeitsverhältnisse durch fortgeschrittene Differenzierung erfolgt 1 . Haben wir bisher die Fähigkeit der kapitalistischen Unter- ^ nehmung kennen gelernt, sich besser dem Artcharakter des neuen Arbeitsangebots anzupassen, so müssen wir nunmehr eine gleiche Überlegenheit dieser Wirtschaftsform dort konstatieren, wo es sich um Anpassung an die eigentümlichen Ortsverhältnisse auf dem gewerblichen Arbeitsmarkte unserer Tage handelt. Wir drückten dies so aus: die kapitalistische Unternehmung habe die gröfsere Fähigkeit, die Arbeitskräfte zu beschäftigen, ohne sie zu einem Ortswechsel zu zwingen. Das heifst: sie geht der Arbeitskraft nach und vermag sich deren Existenzbedingungen völlig anzuschmiegen. Das geschieht beispiels- 1 Vgl. E. Gnauck-Kiihne, a. a. O.; ferner die Wiener Enquete, S. 15. Über die verschiedenen Lohnsätze, die in der kapitalistischen Buchbinderei gezahlt werden, unterrichtet folgende Tabelle. Nach der Lohnliste einer Berliner ^ Grofsbuchbinderei sollen die Arbeiter folgenden Verdienst bei neunstündiger Arbeitszeit haben: 1. Presser . ,. 50—65 Mark pro Woche 2. Pappenschneider. 45 n rt » 3. Bücherbeschneider. 56 4. Vorrichter. 36-39 5. Marmorierer. 44 n n 6. Hefterinnen. 25—30 7. Arbeiterinnen, Falzerinnen u. s. w. 18—28 n » D * 502 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. weise dort, wo eine Fabrik in Gegenden angelegt wird, in denen billige Arbeitskräfte aus irgend einem Grunde in gröfserer Anzahl sich vorfinden, etwa weibliche, weil sich eine Männerindustrie (Maschinenfabrikation, Bergbau) daselbst angesiedelt hat. Es ist klar, dafs das Handwerk niemals in dieser Weise beliebig seinen Standort wählen kann. Was ich aber recht eigentlich hier im Auge habe, ist noch etwas anderes: es ist die Fähigkeit der kapitalistischen Unternehmung, überhaupt auf einen eigenen Standort für ihre Produktion zu verzichten, d. h. von der Anlage einer selbständigen Arbeitsstätte absehen und den Produktionsprozefs in die Werkstätte oder die Wohnung des Arbeiters verlegen zu können. Es ist bekannt, dafs dieses der Fall ist bei der hausindustriellen Organisation. Mit dieser verknüpft sich aber ein doppelter Vorteil für den Unternehmer. Erstens kann er nun Arbeitskräfte, also in erster Linie Weiber beschäftigen, die überhaupt nur zu haben sind, wenn mau ihnen das Beneficium des „Arbeite zu Hause!“ beläfst: die Mütter, die Gebrechlichen, die Schämigen, die Bequemen, mit einem Wort: die Billigsten! Zweitens aber kann er Arbeiter an Orten beschäftigen, an denen sich die Gründung eines kompletten Produktionsunternehmens, also vor allem die Anlage einer gröfseren Betriebsstätte, verbietet; sei es weil der Ort zu entlegen von allem Verkehr ist, sei es weil er als Standort für die Produktion zu teuer ist: letzteres trifft, wie wir wissen, für die meisten Industrien, jedenfalls für alle diejenigen, deren Stärke die Billigkeit ihrer Preise ist, auf die Grofsstädte zu. Mittels der hausindustriellen Organisation gelingt nun das Kunststück, die zur Zeit billigsten Arbeitskräfte — das sind die Weiber in den gröfseren und grofsen Städten — nicht nur überhaupt ausnützen zu können, sondern sogar sie billigst, zu Bedingungen auszunützen, wie sie in keiner anderen Form annähernd erreicht werden. Der Unternehmer wälzt in der Hausindustrie die Grundrente, die Ausgaben für Baulichkeiten, Maschinen und Geräte, Beleuchtung, Beheizung u. s. w. auf die Arbeiter ab und verbilligt deren Arbeitskraft zum letzten noch dadurch, dafs er in der Dauer ihrer Beschäftigung sich von jeder Fessel befreit. Dabei bewahrt er sich die Möglichkeit, die kaufmännische Centrale seines Unternehmens dort aüfzuschlagen, wo es am vorteilhaftesten erscheint. Kurz — die hausindustrielle Organisationsform stellt in der That in jeder Hinsicht den Gipfelpunkt kapitalistischer Verschlagenheit Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 503 dar. Sie ist es, die auch ohne wesentliche Produktionsverbilligung, dank der weitestgehenden Produktionsfaktoren - verbilligung, für eine Anzahl der wichtigsten Industrien zu einer solchen Preissenkung der Produkte geführt hat, dafs jede Konkurrenz handwerksmäfsiger Produktion gänzlich aussichtslos erscheint. Es ist bekannt, dafs es vor allem die grofsen Bekleidungsindustrien, insonderheit die Kleider-, Mäntel- und Wäschekonfektion ist, auf die das Gesagte zutrifft. Alle Sachkenner, soweit ihr Urteil nicht durch irgendwelches Interesse beeinflufst wird, stimmen darin überein, dafs jene Industriezweige ganz überwiegend ihre rasend schnelle Entwicklung in unserer Zeit der eigentümlichen Gestaltung des Arbeitsmarktes verdanken, wie sie hier zu skizzieren versucht wurde. Fallen jene Bedingungen weg, so sind Industrien, wie bestimmte Teile der Konfektion, einfach nicht existenzfähig. So hat sich in München die geringere (Kinder-) Konfektion lange Zeit nicht recht entwickeln können. „Der Grund dafür ist wohl der, dafs die Lebenshaltung des Münchener Schneiders verhältnismäfsig höher ist als die seiner Kollegen in jenen Städten, zu hoch, um sich auf die Löhne in der Knabenkonfektion herabdrücken zu lassen. Der Besitzer eines (Münchener) Geschäfts, der versucht hatte, die Anfertigung von Knabenanzügen in München einzubürgern und einen Meister aus Berlin mitgenommen hatte, konnte keine Arbeiter, weder männliche noch weibliche, für sein Unternehmen dauernd gewinnen, sodafs er von seinem Plane Abstand nehmen mufste 1 .“ Das kann als typisch für die ganze Lage dieser und ähnlicher Gewerbezweige betrachtet werden. Dafs natürlich auch dort, wo es billigste Arbeitskräfte giebt, die hausindustrielle Organisationsform nicht immer anwendbar ist, versteht sich von selbst: sonst gäbe es ja überhaupt keine Fabriken, sondern nur Hausindustrien. Was letztere noch zur Voraussetzung haben, ist namentlich ein unentwickelter Grad der Technik sowie grofse Transportfähigkeit der Rohstoffe: was beides also gerade wiederum für die Konfektionsindustrien zutrifft 2 . So haben wir denn abermals einen Einblick in eine Reihe wichtiger Gründe gethan, die zur Erklärung der Überlegenheit kapitalistischer Produktionsweise dienen: sie produziert billiger, weil sie in vielen Fällen billigere Arbeitskräfte zu ihrer Verfügung hat. Abermals handelte es sich um das, was wir eine Produktions- 1 Herzberg, Schneidergewerbe in München, 34. 5 Vgl. im übrigen meinen Artikel „Hausindustrie“ im H. St. 2 . Bd. IV. 504 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. faktorenverbilligung nannten. Die folgenden Kapitel werden sicli nun mit dem Probleme zu befassen haben: wie sich die Konkurrenzverhältnisse für Handwerk und Kapitalismus bei der Produktionsverbilligung gestalten. Exkurs zu Kapitel 30. Arbeitslöhne von Weibern. Ich hatte anfangs die Absicht', einen Überblick über die thatsächlichen Lohnverhältnisse der niedrigst gelohnten Arbeiterschichten, namentlich also der Weiber, zu geben und habe zu diesem Zwecke ein umfangreiches Material gesamnelt. Nun sehe ich aber doch, dafs es gar keinen Zweck hat, die nackten Ziffern hier mitzuteilen. Erstens, weil es sehr wenig besagt, wenn ich weifs, dafs in Wien die nicht qualifizierten Arbeiterinnen etwa 4—5 fl. wöchentlich verdienen; dafs in der Berliner Kartonnageindustrie 61,80 °/o der Arbeiterinnen bei flottem Geschäftsgang einen Wochenverdienst von weniger als 12 Mk. haben, dafs in der Londoner Zuckerwarenbranche 91,6 % weniger als 12 /, 51,4 °/o weniger als 8/ Wochenlohn erhalten, oder dafs in Stockholm unter den Arbeiterinnen 30,1 °/o mit einem Jahreseinkommen über 470 Kronen, 32,2 °/o mit einem solchen von 365—470 Kronen und 37,7 % mit weniger als 365 Kronen Jahreseinkommen befunden wurden. Zweitens ist aber eine solche Statistik der effektiven Lohnhöhe für unsere Zwecke auch nicht notwendig. Hierfür genügt vielmehr die wohl von niemandem angezweifelte Thatsache, dafs durch das Angebot von ungelernten weiblichen Arbeitskräften Lohnsätze geschaffen werden, die allerorts von denjenigen der gelernten Fabrikarbeiter, der Gesellen etc. ganz erheblich abweichen, meist nur die Hälfte oder gar ein Drittel jener betragen. Es mag dazu hier noch konstatiert werden, dafs die Tendenz, den Arbeitslohn zu drücken, keineswegs abgeschwächt ist: es drückt die gelernte weibliche Arbeitskraft auf die gleichwertige männliche, die ungelernte auf die gelernte, die ungelernte weibliche auf die unqualifizierte männliche, die Ehefrau auf das ledige Mädchen, die Haustochter auf die Ehefrau, der Ankömmling auf die Kreolin, die Provinzlerin auf die Hauptstädterin. Interessante Angaben über diese Tendenz enthält die unten citierte Enquete über die Wiener Frauenarbeit auf S. 11. 41. 136. 144. 190. 224. 289. 342. 500. 619. 650. Für Berlin wird die Richtigkeit dieser Beobachtung durch mannigfache Zeugnisse bestätigt. Der „Konfektionär“ — gewifs in diesem Falle ein sicherer Gewährsmann — schrieb in seiner Nummer vom 3. September 1899 über die Lage des Arbeiterinnenmarktes: „Wenn auch billige Löhne für den Unternehmer von Nutzen sind, so fordert doch das Menschlichkeitsgefühl, den Arbeiterinnen einen solchen Verdienst zu geben, dafs sie ihr Leben (!) mit geringfügigen Ansprüchen davon fristen können. Allerdings kann man es den Unternehmern nicht verdenken, wenn sie die Arbeitslöhne nicht erhöhen ... In Posen . . existieren eine grofse Anzahl von Weifs- und Buntstickerinnen, die für Berliner Geschäfte arbeiten. Diese drücken selbst die Preise. Sie bieten sich den Berliner Geschäften zu den niedrigsten Preisen an. Eine Arbeiterin will immer billiger wie die andere arbeiten, wenn V ) Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. sie nur Arbeit erhalten . . Die Unternehmer würden auch höhere Löhne zahlen, wenn eben das grofse Angebot die Arbeitslöhne nicht von selbst herabdrücken würde.“ (!) Dann macht das Blatt selbst noch folgende Angaben über Löhne: Nähterinnen für die Damenkonfektion verdienen (in Posen) im 1. Jahre — nichts; im 2. Jahre 6 bis 10 Mk. monatlich (!); nach 10 Jahren im Höchstfall 30 Mk. pro Monat. Wäschenäherinnen erhalten für 1 Dutzend einfache Damenhemden 2 Mk., elegante Herrenhemden 3 Mk. etc. Maximalleistung 5 Hemden am Tag; in der Herrenkonfektion 15—20 Pf. für eine Arbeiterhose und dergl. Für denjenigen, der sich über die Lohn Verhältnisse der weiblichen Arbeiterinnen in den Grofsstädten näher unterrichten will, gebe ich noch einige der neueren Quellen an, die trotz ihres meist nur kleinen Beobachtungsfeldes durch die durchgängige Übereinstimmung ihrer Resultate doch zuverlässige Bilder von den bestehenden Zuständen geben. Für Deutschland kommen die Erhebungen der Reichskommission für Arbeiterstatistik vornehmlich in Betracht, insbesondere diejenige über die Konfektionsindustrie: Zusammenstellung der Ergebnisse in Erhebungen Nr. 10. 1896. S. 63 ff. Für Berlin aufserdem die Monographien über die Hausindustrie der Frauen in Berlin in den Sehr. d. V. f. S. P. Bd. 85. 1899. G. Dyhrenfurth, Die Lage der hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen- etc. Konfektion. 1898. E. Gnauck-Kühne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwarenindustrie in Schmollers Jahrbuch XX. 1896. S. 390 ff E. Hirschberg, Die sociale Lage der arbeitenden Klassen in Berlin. 1897. Für andere deutsche Grofsstädte die entsprechenden Arbeiten in den U., z. B. A. Winter, Das Schneidergewerbe in Breslau U. VII.; ferner zahlreiche Privatenqueten von Arbeiterverbänden und dergl. Unter ihnen ragt hervor Th. Leipart, Zur Lage der Arbeiter in Stuttgart. 1900. Viel Material enthält auch die Arbeiterinnenzeitschrift „Die Gleichheit“. Einen kurzen Überblick über den Stand unserer Kenntnisse giebt neuestens Henriette Fürth, Frauen- und Männerlöhne in der deutschen Industrie. Sociale Praxis 10, 175 f. Für Wien: Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enquete über Frauenarbeit abgehalten in Wien vom 1. März bis 21. April 1896. 1897; eine reiche Fundgrube. Für Paris: La petite industrie (Salaires et duree du travail). Tome II. L’industrie du vetement. 1896. Charles Benoist, Les ouvrieres de l’aiguille ä Paris. 1895. L’industrie de la couture et de la confection ä Paris. Musöe social Circ. Ser. A. Nr. 14 (1897). Comte d’Haussonville, Salaires et miseres de femmes. 1900; fufst auf Benoist. Für London: Clara E. Collet, Womens Work in Charles Booth, Life and Labour of the People in London Vol. IV. 1893. Für Stockholm: J. A. Leffler, Zur Kenntnis von den Lebens- und Lohnverhältnissen industrieller Arbeiterinnen in Stockholm. 1898; enthält den Bericht über eine sehr brauchbare Privatenquete. 506 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Für Amerika: Working Women in Large Cities. Fourth Annual Report of the Commission of Labour 1889 (1889), enthält ein immenses Material. * * * Dieses Kapitel samt seinem Exkurs war schon gedruckt, als das Buch der Frau Lily Braun, Die Frauenfrage, ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite (1901) erschien, in dem auf der breiten Basis eines umfassenden Materials insbesondere auch das Thema der „proletarischen Frauenarbeit“ abgehandelt wird. So gern ich auch die Forschungsergebnisse der kenntnisreichen Verfasserin im einzelnen verwertet hätte, so bieten sie mir doch keinen Anlafs zu Änderungen, da sie erfreulicherweise mit meinen Resultaten im wesentlichen übereinstimmen. Ich möchte aber jedenfalls nicht unterlassen, den Leser für alles eingehendere Studium des in diesem Kapitel behandelten Problems auf das inhaltsreiche Buch Lily Brauns zu verweisen. Er wird daselbst ein Quellenmaterial verarbeitet finden, das insbesondere auch die von mir oben angegebenen Schriften über die Lage des weiblichen Arbeitsmarktes, deren Liste ich ebenfalls unverändert lasse, noch weiter zu ergänzen vermag. .Einunddreifsigstes Kapitel. Die Ökonomisierung des Produktionsprozesses. Sind die Preise der Produktionsfaktoren festgelegt, so giebt es, wie bereits gezeigt wurde, nur noch eine Möglichkeit, die Produktionskosten der Waren zu verringern: man mufs die Menge Produkt zu vergröfsern suchen; d. h. also mit einem gegebenen Aufwand für Produktionsmittel und Arbeitskraft eine gröfsere Anzahl von Produkten zu erzeugen trachten. Dieser Versuch kann unter verschiedenen Bedingungen unternommen werden: das eine Mal ohne Veränderung der Organisationsprincipien und der Verfahrungsweisen, das andere Mal mit bezw. durch eine solche Änderung. Im ersteren Fall liegt das vor, was wir eine quantitative Vervollkommnung des Produktionsprozesses oder seine Ökonomisierung nennen wollen; im zweiten Falle dasjenige, was man als qualitative Vervollkommnung oder Perfektionierung des Produktionsprozesses bezeichnen kann. Es ist nun im einzelnen zu untersuchen, welches unter diesen verschiedenen Bedingungen die Mittel und Wege sind, um zu einer Produktionsverbilligung zu gelangen und ob, bezw. weshalb bei Erstrebung jenes Zieles der Kostenermäfsigung Handwerk oder kapitalistische Unternehmung im Vorteile sind. Ersparnisse an Produktionsaufwand bei gleichbleibender Betriebsform und gleichbleibender Technik lassen sich, so viel ich sehe, auf zweifache Weise erzielen: durch Verdichtung des Produktionsprozesses oder durch dessen Ausweitung, worunter ich folgendes verstehe. I. Verdichtung des Produktionsprozesses findet dann statt, wenn ich eine bestimmte Anzahl von Produktionsakten auf eine kürzere Zeitdauer beschränke, also in einer gegebenen 508 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Spanne Zeit eine gröfsere Menge von Produkten bei gleiehbleibender Gröfse der Produktionsbasis herzustellen vermag. Dieses Ziel kann ich entweder dadurch erreichen, dafs ich die Arbeitszeit thunlichst mit der Produktionszeit in Übereinstimmung zu bringen suche, d. h. also einen kontinuierlichen Betrieb anstrebe; oder dadurch, dafs ich das Tempo des Produktionsprozesses selbst beschleunige, also in einer Spanne Arbeitszeit eine gröfsere Anzahl von Produktionsakten zusammendränge. Je mehr sich die Arbeitszeit mit der Produktionszeit deckt, desto weniger tote Zeiten ergeben sich, in denen Gebäude, Geräte, Maschinen u. s. w. ungenützt liegen. Die Armortisationsquote des sog. fixen Kapitals, die lediglich nach der Länge der Produktionszeit bemessen wird, verteilt sich also auf eine um so gröfsere Anzahl Produkte, bildet also in dem einzelnen Produkt einen um so geringeren Kostenbetrag, je mehr Erzeugnisse während der Erneuerungsperioden der genannten Produktionsmittel mit ihnen hergestellt werden. Die Kontinuität des Betriebes bringt aber auch noch andere Ersparnisse mit sich: an Feuerungsmaterial u. dgl. Daher die Konkurrenz eine Tendenz zur Verlängerung bezw. Verewigung des Arbeitstages erzeugt, von der, wie bekannt, Karl Marx schon, wenn auch in anderem Zusammenhänge, uns eingehend unterrichtet hat. Es fragt sich nun für uns: vermag das Handwerk dieser Tendenz in gleicher Weise gerecht zu werden wie die kapitalistische Unternehmung? Offenbar nicht. Und zwar in vielen Fällen schon deshalb nicht, weil die Kontinuität des Betriebes an eine gewisse Mindestgröfse des Produktionsumfangs geknüpft ist 1 . Was aber vor allem das Handwerk verhindert, in jenem Streben nach Kontinuität des Produktionsprozesses mit dem Kapitalismus gleichen Schritt zu halten, ist das, was man die Naturwüchsigkeit seiner Organisation nennen kann, ist mit andern Worten die That- sache, dafs das Wesen handwerksmäfsiger Produktion in der Gebundenheit aller Produktionsfunktionen in der Persönlichkeit des Handwerkers beruht. Schon öfters haben wir den Vorsprung wahrnehmen können, den im Konkurrenzkämpfe die kapitalistische Unternehmung durch das gewinnt, was wir ihre Unpersönlichkeit nannten. Hier aber ist es wiederum vorhanden. Insbesondere wo 1 Meist wird allerdings wohl in diesen Fällen der Verdichtung des Produktionsprozesses eine Veränderung der Produktionsorganisation parallel gehen, wie geeigneten Orts nachzuweisen sein wird. J Einunddreifsigstes Kapitel. Die Ökonomisierung etc. 509 es sich um die Erreichung völliger Identität von Arbeits- und Produktionszeit handelt — in der Tag- und Nachtarbeit — kommt allein noch die kapitalistische Organisation in Betracht, die durch die Einrichtung des Schichtwechsels den Arbeiter von den Schranken des „natürlichen“ Arbeitstages zu befreien vermag. Was aber für die extensive Ausgestaltung des Arbeitstages gilt, behält auch bis zu einem gewissen Grade seine Gültigkeit, wo es sich um die Intensifikation der Arbeit selbst durch Beschleunigung des Tempos der Produktion handelt. Dafs hierdurch abermals beträchtliche Vorteile erzielt werden, liegt auf der Hand, und zwar wesentlich aus denselben Gründen, die wir eben kennen lernten: je mehr Produktionsakte in eine Stunde Arbeitszeit zusammengedrängt werden, desto geringer ist die Belastung des einzelnen Stücks mit Amortisations- und ähnlichen Kosten. Desto geringer ist aber auch in vielen Fällen seine Belastung mit Arbeitskosten. Zunächst nämlich überall dort, wo die Entlohnung der Arbeitskraft im Zeitlohn erfolgt. Erhält der Arbeiter für eine Stunde einen bestimmten Lohnsatz und produziert er in dieser Stunde die doppelte Menge, so ist in deren Einheit der auf die Aufwendung für Arbeitskräfte entfallende Kostenbetrag auf die Hälfte reduziert. Aber auch wo in Accord gearbeitet wird, profitiert der Unternehmer. Es ist eine bekannte Thatsache, dafs der Stücklohn auf nichts anderes im Effekt hinauskommt, als dem Durchschnittsarbeiter diejenige Vergütung zu verschaffen, die er auch im Zeitlohn erhalten würde. Steigert sich die Intensität der Arbeit (denn das bedeutet die Beschleunigung des Arbeitsprozesses), so hat das die selbstverständliche Folge, dafs die Stücklohnsätze herabgesetzt werden. Das System des Accordlohns dient also geradezu nur dem Zwecke, durch Steigerung der Arbeitsintensität die Arbeitskosten zu verringern. Hat nun der Handwerker dieselbe Freiheit, den Arbeitsprozefs zu beschleunigen, wie der kapitalistische Unternehmer? In der Theorie ja. Ich sehe wenigstens keinen principiellen Hinderungsgrund. In Wirklichkeit aber wird es ihm niemals gelingen, denselben Intensitätsgrad der Arbeit zu erreichen, wie die kapitalistische Unternehmung. Ich will gar nicht einmal die Rücksichtslosigkeit in Betracht ziehen, die das Kapital seiner Natur nach in der Ausnützung der Arbeitskräfte besitzt. Es ist sehr leicht denkbar, dafs wenigstens der Handwerker selbst, von der Not getrieben, seine Arbeit ebenso verdichtet, wie der Lohnarbeiter. Aber was nie zu erreichen sein wird, ist die gleiche Arbeitsintensität bei seinen Hilfskräften. Es ist bekannt, dafs im Handwerk mehr „gebummelt“ 510 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. wird während der Arbeit, dafs es dort „gemütlicher hergeht“, als in dem grofsen kapitalistischen Betriebe. Was letzterem seine gröfsere Strammheit verschafft, ist zunächst die kooperative Gestaltung des Arbeitsprozesses (hier also ist der Vorteil an den grofsbetrieb- liclien Charakter der Produktion gebunden), ist dann aber vor allem die Möglichkeit, durch Eingliederung des lebendigen Arbeiters in den leblosen Mechanismus eines Maschinensystems jenen durch die beliebige Beschleunigung des Tempos der Maschinen einen Intensitätsgrad von Kraftaufwand aufzunötigen, den er bei freier Beweglichkeit nie zu erreichen vermöchte x . Freilich hat uns diese letztere Erwägung schon in das Gebiet der qualitativen Veränderung des Produktionsprozesses hinübergeführt. Im ganzen werden wir feststellen müssen, dafs auch in dem Streben, durch Verdichtung des Produktionsprozesses an Kosten zu sparen, der Handwerker gröfseren Schwierigkeiten begegnet, als der kapitalistische Unternehmer, ohne dafs ihm übrigens dieser Weg zur Produktionsverbilligung völlig verschlossen wäre. Letzteres ist nun aber offenbar der Fall, wo es sich darum handelt, Ersparnisse am Produktionsaufwand zu erzielen durch II. Ausweitung des Produktionsprozesses. Wollte der Handwerker hier die Bedingungen für die Produktionsverbilligung schaffen, so würde er sich selbst negieren. Dafs aber mit der blofsen Verbreiterung der Produktionsbasis an sich erhebliche Vorteile verknüpft sind, ist eine der verhältnismäfsig bekannten Thatsachen aus dem Bereiche der Lehre von der gewerblichen Konkurrenz. Wird ja doch in der Regel der ganze Gegensatz von Handwerk und Kapitalismus in den Gegensatz von „Grofsbetrieb“ und „Kleinbetrieb“ verflacht und bei der Gegenüberstellung dieser beiden besondere Rücksicht auf die aus ihrer Gröfsendifferenz folgende Unterschiedlichkeit ihrer Produktionskosten genommen. Es genügt deshalb, hier in systematischer Folge die Reihe von Ersparnissen aufzuführen, die durch blofse Ausweitung des Produktionsprozesses sich zu ergeben pflegen. 1 Wo dem kapitalistischen Unternehmen derartige mechanisch wirkende Zwangsmittel nicht zu Gebote stehen, entsteht leicht ein Nachlassen der Arbeitsintensität hinter diejenige des Handwerks, zumal dann, wenn der Lohnarbeiter nicht unter steter Aufsicht steht und wohl gar auf Zeitlohn arbeitet. So wird von der Malerei berichtet, dafs das Handwerk zuweilen den höheren Intensitätsgrad der Arbeit erreicht. Vgl. U. YII, 121. Einunddreifsigstes Kapitel. Die Ökonomisierung etc. 511 Werden mehr produktive Kräfte zu einheitlicher Wirksamkeit zusammengefafst, so vermag 1. mit dem gleichen Aufwand für Arbeitskräfte ein gröfserer Produktionseffekt erzielt zu werden. Schon an anderer Stelle wurde auf die Steigerung der Arbeitsintensität und der Arbeitsleistung bei kooperativer Arbeitsorganisation hingewiesen. Hier ist noch ‘daran zu erinnern, dafs wenigstens dort, wo einzelne Arbeitsverrichtungen schon specialisiert sind, der Aufwand für bestimmte Arbeitsleistungen nicht im gleichen Verhältnis mit der Zahl der beschäftigten Arbeiter wächst; so der Aufwand beispielsweise für Beaufsichtigung, für Bewachung, für kaufmännische Leitung u. dergl. Freilich, sofern im Handwerk alle derartigen Funktionen noch undifferenziert in der Persönlichkeit des „Meisters“ ruhen, so kommen die Vorteile der „Betriebsvergröfserung“ in der angedeuteten Richtung mehr in Betracht für den Konkurrenzkampf zwischen klein- und grofs- kapitalistischer Unternehmung, auf den hier nicht einzugehen ist. Bedeutsamer für unser Problem ist die Thatsache, dafs 2. mit dem gleichen Aufwand für Produktionsmittel bei breiterer Basis der Produktion höhere Produktmengen erzielt werden. Diese Thatsache ist jedermann geläufig für die in einer Produktionsperiode (Tag, Woche, Jahr) oder besser während der Erzeugung einer Produkteinheit nur zum Gebrauch, nicht zum Verbrauch bestimmten Produktionsmittel 1 . Nicht nur kosten die 10000 qm Grundfläche einem Fabrikanten weniger als die 10 X 1000 qm zehn Handwerkern: jener kann auf ihnen nun auch noch doppelt oder dreifach soviel Güter hersteilen, als die zehn Handwerker zusammen; Möglichkeit des Etagenbaues! Nicht nur zahlt der Handwerker für die Herrichtung eines Kubikmeters Produktionsstätte mehr als der Fabrikant: dieser produziert nun wiederum in jedem Kubikmeter, oder auf jedem Quadratmeter Fläche doppelt so viel als jener. Die gröfsere Maschine ist nicht nur billiger pro Krafteinheit: sie schafft auch pro Krafteinheit mehr als die kleine. Und für alle übrigen Bestandteile dieser Kategorie von Produktionsmitteln, wie Gefäfse, Beleuchtungs- und Beheizungskörper gilt das Gleiche: die Anforderung an ihre Gröfse wächst nicht in gleichem Verhältnis wie ihre Leistungsfähigkeit; es kann 1 Sc. diejenigen, für deren Beschaffung der sog. fixe Teil des Kapitals aufgewandt wird. Ich mufste natürlich die kapitalistische Vorstellungsweise und die ihr entsprechende Terminologie an dieser Stelle, wo es sich zur Hälfte um vorkapitalistische Dinge handelt, zu vermeiden suchen und wählte deshalb ein der Jurisprudenz entlehntes Unterscheidungsmerkmal. 512 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. also ein gleiches Produktquantum bei Zusammenfassung zahlreicher Produktionsakte mit je einem geringeren Stoff- oder Kraftquantum erzeugt werden. Woraus dann natürlich folgt, dafs die Amortisationsquote, die durch partiellen Wertübergang jener Gebrauchsgegenstände auf das Einzelerzeugnis, der Geschäftsmann sagt „mittels Abschreibung“, in Form eines Produktionskostenpartikelchens den Preis des Produktes erhöhen hilft, um so geringer sein wird, je gröfser die Ausmessungen des Produktionsprozesses sind. Nicht ebenso deutlich zu Tage liegen die Vorteile, die der gröfseren Produktionswirtschaft bei der Verwendung der zum fortgesetzten Verbrauch gelangenden Produktionsmittel, also namentlich der Rohstoffe erwachsen. Ja, es wird sogar gelegentlich behauptet, dafs hier der Handwerker der kapitalistischen Unternehmung überlegen sei, weil er „sparsamer“ mit dem Rohstoff umzugehen pflege. Dabei vergifst man leicht, dafs auf der andern Seite erst bei entsprechender Gröfse des Produktionsumfanges die Möglichkeit geschaffen wird, diejenigen Teile des Rohstoffs, die bei bester Behandlung ungenützt bleiben, also was man gemeinhin „Abfälle“ nennt, abermals zu nützen. Es ist die der erweiterten Produktionsbasis entsprechende Massenhaftigkeit dieser Abfälle, die sie selbst wieder zu Handelsgegenständen macht. Nur als Abfälle gemeinsamer Produktion und daher der Produktion auf grofser Stufenleiter erhalten sie diese Wichtigkeit für den Produktionsprozefs, bleiben sie Träger von Tauschwert. Diese Abfälle — abgesehen von dem Dienst, den sie als neue Produktionselemente leisten — ver- wohlfeilen in dem Mafse, wie sie wieder verkaufbar werden, die Kosten des Rohstoffs, in welche immer sein normaler Abfall eingerechnet ist, nämlich das Quantum, das durchschnittlich bei seiner Bearbeitung verloren gehen mufs 1 . Aber nicht die Verdichtung des Produktionsprozesses, nicht seine Ausweitung sind es am letzten Ende, was in unserer Zeit über die Superiorität einer Produktionswirtschaft entscheidet, sind es also wohl auch nicht, die in dem Kampfe zwischen Handwerk und Kapitalismus den Ausschlag geben. Sondern worauf es vielmehr ankommt. ist die Vorzüglichkeit des Produktions- ver fahre ns. Weil offensichtlich bestimmte Verfahrungsweisen 1 Vgl. Marx, Kapital 3, I, 54 und 76if. Besondere Bedeutung liat die Verwendung der Abfälle in der chemischen Industrie erlangt. Aber auch in anderen Industrien spielt sie u. U. eine grofse Rolle, so in der Textilindustrie (Shoddy), der Miihlenindustrie u. a. Vgl. den betreffenden Artikel in 0. Luegers Lexikon d. ges. Techn. etc. Bd. I. Einunddreifsigstes Kapitel. Verdichtung und Ausweitung etc. 513 verglichen mit anderen ganz erhebliche Ersparnisse an sachlichem und persönlichem Aufwand und damit eine entsprechende Produktionskosten- und Preisverminderung ermöglichen, so müht sich der Produzent im Konkurrenzkämpfe um Anwendung der am meisten Erfolg versprechenden Yerfahrungsweisen. Der Kampf zwischen den einzelnen Produktionswirtschaften, also insbesondere auch zwischen den handwerksmäfsigen einerseits, den kapitalistischen andererseits läuft somit an den entscheidenden Stellen auf einen Kampf um die Verfall rungsweisen, auf einen Kampf um die Technik hinaus. Prüfen wir, welche specifi- schen Vorteile in diesem Kampfe die kapitalistische Organisation ihren Vertretern gewährt. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 33 Zweiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. Diejenigen Verfahrungsweisen, deren sich die moderne gewerbliche Produktion bedient 1 , um zu höherer Leistungsfähigkeit zu gelangen, sind vornehmlich folgende vier, die hier in Betracht kommen: 1. das materialvereinigende Verfahren 5 2. das arbeitzerlegende Verfahren; 3. das wissenschaftliche Verfahren; 4. das maschinelle Verfahren. Dafs alle diese Verfahrungsweisen nicht nur höhere qualitative Leistungen ermöglichen, sondern vor allem auch den Produktionsaufwand veringern helfen, sei es durch gröfsere Raum- oder Stoffökonomie, sei es insonderheit durch gröfsere Zeitökonomie, dafs sie also zur Produktionskostenverringerung beitragen, ist eine wohl von niemand bestrittene Thatsache. Man mag sich gegen die Übertreibungen wenden, die oft genug bei der Beurteilung der durch jene Verfahrungsweisen thatsächlich herbeigeführten Kostenersparnis verübt worden sind 2 , d. h. man mag über das Mehr oder Weniger an Produktivität streiten, das die Anwendung genannter Verfahren im Gefolge hat: das ob kann nicht in Zweifel gezogen werden. Somit kann es auch nicht die Aufgabe der folgenden Darstellung sein, die allgemeinen Gründe für die Überlegenheit besagter Verfahrungsweisen etwa durch ein induktives Beweismaterial, vorausgesetzt auch, dafs ein solches zu beschaffen wäre, zu erhärten. Was vielmehr allein der Prüfung zu unterwerfen ist, ist die Frage: ob bei der Anwendung jener vollkommeneren Arbeitsweisen einer 1 Genaueres siehe in meiner Gewerbl. Arbeit, a. a. 0. S. 22 ff. 2 Siehe z. B. die verdienstvollen Untersuchungen von A. Yoigt, in U. III. passim. Zveiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. 515 der beiden im Konkurrenzkämpfe liegenden Wirtschaftsformen gröfsere oder geringere Schwierigkeiten erwachsen, wodurch ihre Stellung auf dem Markte alsdann Schaden leiden würde. I. Das materialvereinigende Verfahren. Hierbei handelt es sich um eine der die Arbeitsleistung steigernden bestimmten Arten der Materialanordnung, deren es im wesentlichen vier giebt 1 : 1. Zusammenlegung des Materials zu Bündeln, die eine gleichzeitige Behandlung von vielen Einzelgegenständen ermöglicht : Beispiele das Drahtbündel, an dem gleichzeitig en masse Stecknadelköpfe gefeilt werden; das Streichholzbündel, das zum Eintauchen in die Zündmasse zusammengefafst wird; gleichzeitiges Durchlochen mehrerer Fahrscheine 5 2. Verteilung grofser Materialmassen zwecks besserer Bearbeitung: Stearin, das man in 200 Kerzen-Grufsformen laufen läfst; 3. ein zweckmäfsiges Nacheinanderordnen des Materials, damit dieses in richtiger Reihenfolge die verschiedenen Stadien des Arbeitsprozesses passieren kann: Papier; 4. Sortieren des Materials, um es seiner Verschiedenheit entsprechend verschieden behandeln zu können: Hadern. Fafst man das Wesen dieses Verfahrens richtig auf 2 , so kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs principiell die Anwendung dieses Verfahrens an keine bestimmte Wirtschafts- oder Betriebsform gebunden ist. Weder die Kleinheit des Umfangs handwerks- mäfsiger Produktion schliefst sie von vornherein aus, noch stellt ihr die specifische Qualität des handwerksmäfsigen Produktionsleiters unübersteigliche Hindernisse in den Weg. Anders dagegen liegen die Dinge, sobald es sich um die zweckmäfsige Anwendung des Verfahrens, um seine Nutzbarmachung handelt. Diese nämlich, so ergiebt sich, ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich und diese Voraussetzungen vermag der Handwerker in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht zu erfüllen. Es ist allerdings unzweifelhaft richtig, dafs theoretisch jeder Einzelschneider, der ein Dutzend Anzüge macht, den Stoff zu diesen Anzügen in einem zuschneiden, dafs jeder Tischler das Holz zu einem Dutzend Schränke in einem zusägen, dafs ein Buchbinder hundert Bücher in einem der Reihe nach heften, beschneiden, marmorieren etc. kann. 1 Herrmann, Kultur und Natur, 46. 2 Siete die ausführlichere Erörterung in: Gewerbl. Arbeit, 24 ff. 33 * 516 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Wie aber sieht es in praxi aus? Da hat zunächst der Handwerker, wenn er die Produktion des einen Stücks anfängt, in der Regel noch gar nicht die Aufträge zur Anfertigung der anderen. Hätte er sie aber, so würden sie nur aufserordentlich selten so gleichmäfsig sein, um für alle das Material einer gleichförmigen Behandlung unterziehen zu können. Angenommen aber auch, diese Schwierigkeit wäre behoben, so stände der Anwendung des materialvereinigenden Verfahrens doch immer noch das schwerwiegende Bedenken entgegen, dafs es die handwerksmäfsige Produktion viel zu sehr verlangsamen würde. Das genannte Verfahren gehört nämlich offenbar zu denjenigen, die den Produktionsweg für eine Anzahl Produkte verlängern, um ihn im Durchschnitt für alle abzukürzen. Auch der einzelne Arbeiter wird ohne Zweifel hundert Bücher rascher einbinden, wenn er sich des materialvereinigenden Verfahrens bedient, als wenn er sie einzeln eins nach dem andern einbindet. Dafür wird aber die Produktionszeit für die ersten dreifsig oder vierzig beträchtlich verlängert. Nehmen wir an, die Produktivität der Einzelarbeit würde infolge der Anwendung des materialvereinigenden Verfahrens verdoppelt: der Handwerker gelange dahin, hundert Bücher in 25 Tagen, statt wie ehedem in 50 Tagen einzubinden, die Produktionszeit betrage also für das einzelne Buch im Durchschnitt nur noch 1 k Tag, statt V 2 Tag, so würde dieser Effekt doch nur dadurch zu erzielen gewesen sein, dafs die Produktionszeit für die ersten beiden Bücher um 24 Tage, diejenige für die beiden folgenden um 23 Tage u. s. w., d. h. die Produktionszeit der 50 ersten Bücher um einen entsprechenden Betrag verlängert worden wäre. Dieser Übelstand ist entweder für die kapitalistische Produktionsweise überhaupt von geringem Belang, oder er wird durch entgegen wirkende Mafsnahmen, deren der Handwerker nicht mächtig ist, aus der Welt geschafft: durch eine Produktion auf erweiterter Stufenleiter, wodurch das Gesamtmaterial einer gröfseren Anzahl von Produkten von zahlreichen Arbeitskräften auf einmal in Angriff genommen wird; durch Anwendung maschineller, chemischer oder anderer Verfahrungs- weisen, die die einzelnen Teile des Produktionsprozesses abkürzen u. s. w. II. Das arbeitzerlegende Verfahren. So nenne ich das Verfahren, das einen Komplex von Arbeitsverrichtungen — sage das Spinnen eines Fadens — in seine einzelnen Bestandteile mit Bewufstsein auflöst, das mit Erfolg „ver- Zweiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. 517 sucht, den Geist herauszutreiben“ und dann „die Teile in seiner Hand hat“ h Dieses Verfahren kann nun principiell wiederum vom Einzelarbeiter ebenso gut wie von einer zu gemeinsamer Produktion zusammengegliederten Vielzahl von Arbeitern angewendet werden, ist also auch dem Handwerker nicht verschlossen. Damit es aber die produktivitätsteigernde Wirkung, deren es fähig ist, thatsächlicli ausübe, mufs es 1. in Verbindung mit dem materialvereinigenden Verfahren, vor allem aber 2. unter gleichzeitiger dauernder Verteilung der durch Zerlegung entstandenen Einzelfunktionen an bestimmte Arbeiter (Specialisation), angewendet werden 1 2 . Die Erfüllung der ersten dieser beiden Bedingungen bereitet dem Handwerker die schon erörterten Schwierigkeiten, denen er bei Anwendung des materialvereinigenden Verfahrens begegnet. Die Erfüllung der zweiten Bedingung ist ihm aber geradezu in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle unmöglich. Die Specialisierung der Arbeitsverrichtungen im Rahmen eines B e t ri e b s, die wir zuerst ins Auge fassen, ist, wie wir in anderem Zusammenhänge schon feststellten, an die Voraussetzung einer das Ausmafs handwerksmäfsiger Produktion fast immer überschreitenden Mindestgröfse des Betriebsumfanges geknüpft. Soll ein Arbeiter in den Stand gesetzt werden, immer nur Stoff oder Leder zuzuschneiden, so müssen Dutzende anderer Arbeiter vorhanden sein, die den zu- 1 Das nähere siehe wieder Gewerbliche Arbeit, 22 ff. 2 „Die Arbeitszerlegung schafft aber weiter erst die Möglichkeit, qualitativ und quantitativ abgestufte Arbeitsleistungen an Stelle vollwertiger Totalleistungen zu nutzen: durch die Zerlegung des Gesamtproduktionsprozesses in einzelne Teile entstehen viele Teilarten, zu deren Ausführung Kinder, Weiber Greise, Krüppel und geistig Arme gleichermafsen sich eignen wie vollwertige Arbeitskräfte mit Kraft und Geschick; entstehen aber auch so vielerlei verschiedene Teilarbeiten, dafs die qualitativ unterschiedliche Begabung der Menschen zu voller Berücksichtigung zu gelangen vermag. Die Arbeitszerlegung verselbständigt gleichsam die Teilprozesse; sie gestattet dadurch das, was früher nur nacheinander denkbar war, nebeneinander zu legen: die gleichzeitige Inangriffnahme sämtlicher Arbeitsverrichtungen eines Gesamtarbeitsprozesses wird möglich. So lange es nur ein „Spinnen“ giebt, kann dieser Gesamtprozefs immer nur als Ganzes zu gleicher Zeit begonnen werden. Nun das „Spinnen“ in seine Bestandteile aufgelöst ist, kann a tempo nebeneinander kardiert, gestreckt, vor- und feingesponnen werden: eins der wesentlichsten Momente für die Beschleunigung des Produktionsprozesses.“ Gewerbliche Arbeit, 24. 518 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. geschnittenen Rohstoff zu Kleidern oder Stiefeln verarbeiten. Schon die Anfänge einer Specialisation erheischen eine Betriebsgröfse, die mindestens als sog. „Mittelbetrieb“ zu kennzeichnen ist und die kleinkapitalistische Unternehmung zur notwendigen ökonomischen Basis hat. Was aber von der Specialisierung der Arbeitsleistungen gilt, gilt ganz ähnlich auch für die Differenzierung der Funktionen der Produktionsmittel: auch hier ist die Voraussetzung stets eine Mindestgröfse des Betriebsumfangs 1 . Nun kennen wir aber die Specialisation auch noch in einer andern Form, in der sie betriebstechnisch im Rahmen eines kleinen Betriebes sehr wohl möglich ist und thatsächlich auch geübt wird: als Specialisation zwischen Betrieben. Überall aber, wo wir von solchen kleinen Specialbetrieben hören, wie in der Berliner Tischlerei 2 3 , in der Schneiderei 8 , handelt es sich schon gar nicht mehr um Handwerksbetriebe, sondern entweder schon um hausindustrielle oder mindestens kapitalhörige Existenzen. Wir dürfen daraus den Schlufs ziehen, dafs in unserer heutigen Wirtschaftsverfassung auch die Specialisation zwischen Betrieben sich mit der handwerksmäfsigen Produktionsweise nicht mehr ver- 1 Ein interessantes Beispiel hierfür findet sich in U. III, 41 (A. Voigt) bei der Darstellung der Konkurrenzbedingungen im Brauereigewerbe. Dort heilst es: „Sowie die Verwendung des Eises die Fortsetzung des Betriebes während des ganzen Jahres ermöglicht, so wird im Grofsbetriebe eine volle Ausnützung der täglichen Arbeitszeit, eventuell ein kontinuierlicher Betrieb in Tag- und Nachtschichten durch die Einrichtung des Sudwerks möglich. Im Kleinbetrieb besteht die Sudeinrichtung aus dem Braukessel und dem Maischbottich. Der Kessel dient sowohl zum Kochen der Maische als auch der abgeläuterten Würze, und der Maischbottich versieht ebenfalls zwei Funktionen: er dient zugleich zum Einmaischen und zum Abläutern. Im Grofsbetriebe sind diese zweifachen Funktionen beider Apparate auf je zwei verteilt. Der eine Bottich dient nur zur Bereitung der Dickmaische, und ihm entspricht der eine Kessel. Zum Abläutern kommt die Maische in den zweiten Bottich, und der zweite Kessel dient nur zum Sieden der fertigen Würze mit Hopfen. Man könnte sogar von einer dreifachen Funktion des Bottichs im Kleinbetriebe sprechen, er dient da zugleich als Hopfenseier, zum Ablassen der fertigen Würze von dem Hopfen. Diesem Zwecke dient im Grofsbetrieb ein besonderer Apparat. Die Folge dieser Teilung der Funktionen ist, dafs ein zweiter Sud begonnen werden kann, sobald nach etwa halbvollendetem ersten Sud der Maischbottich und Maischkessel frei wird. Im Kleinbetriebe kann nur ein Sud täglich vollendet werden, im Grofsbetriebe deren zwei bis drei, bei kontinuierlichem Betriebe sogar vier innerhalb 24 Stunden. Ein hiesiger Kleinbetrieb (Karlsruhe) macht jährlich 150 Sude, ein Grofsbetrieb 880—890 in derselben Zeit.“ 2 Vgl. Band I S. 502 f. 3 Vgl. Band I S. 514. Zweiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. 519 trägt. Und wenn wir nach einer Begründung dieser Thatsache Umschau halten, so brauchen wir gar nicht lange zu suchen. Der Grad der Specialisation eines Betriebes steht nämlich offenbar im geraden Verhältnis zu der Schwierigkeit des Absatzes. Je mehr Gegenstände einer und derselben Art in einem Betriebe erzeugt werden, desto gröfser wird in der Regel der Kreis der Konsumenten räumlich gezogen werden müssen. Jene modernen Specialbetriebe, von denen wir Kunde haben, erzeugen denn auch fast immer nur entweder Versandware oder Pofelware für grofsstädtische Vorstadtmagazine. In beiden Fällen nehmen sie notgedrungen die Vermittlung kaufmännischer Zwischeninstanzen in Anspruch, die hier gleichsam die Funktion der Integrierung vollziehen. Und da wissen wir nun, dafs bei der chronischen Überfüllung des Marktes, wie ihn unser Wirtschaftsleben notwendig als Begleiterscheinung hat, das Handwerk leicht in materielle und bald auch formelle Abhängigkeit vom Kapital zu geraten droht. Sodafs wir auch von dem durch Specialisation genutzten arbeitzerlegenden Verfahren sagen müssen, dafs es unter den heutigen Verhältnissen dem Handwerk als solchem nicht zugänglich ist. IH. Das wissenschaftliche Verfahren. So bedeutsam auch, wie wir wissen 1 , die Anwendung dieses Verfahrens für den Produktionserfolg ist, so kurz können wir uns hier fassen, wo es sich um seine Wertung im Konkurrenzkämpfe zwischen Handwerk und Kapitalismus handelt. Denn was hier noch einmal ausdrücklich konstatiert werden soll: dafs dem Handwerk die Anwendung geradedieses entscheidend wichtigen Förderungsmittels versagt ist, ist etwas, das wir auf Schritt und Tritt im Verlauf der gesamten Darstellung zu bemerken Gelegenheit gehabt haben. Im Grunde ist es ja eine Tautologie, zu sagen: das Handwerk kann nicht wissenschaftlich, kann nicht rationell produzieren. Denn alles, was technische und ökonomische Rationalistik heifst, ist von Natur dem Wesen des Handwerks fremd, das ja vielmehr in der Empirie seinen bezeichnenden Ausdruck findet. Sieg der Rationalistik bedeutet also schon deshalb Besiegung des Handwerks. Auch wenn die Anwendung des wissenschaftlichen Verfahrens nicht, wie es der Fall ist, aus mancherlei äufseren Gründen im Rahmen der hand- werksmäfsigen Organisation ausgeschlossen wäre. Vor allem: das 1 Ygl. hierzu die Ausführungen auf Seite 59 ff. dieses Bandes. hT S'r-iflCT 520 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. ■wissenschaftliche Verfahren bedeutet, wie wir wissen, den steten Wechsel in der Gestaltung des Produktionsprozesses. Und solcher Wechsel ist dem Handwerker seiner Natur nach unmöglich. Ersichtlich kann nun aber auch das rationelle Verfahren, überhaupt kann die Wissenschaft in der Produktion erst Anwendung linden, wenn und soweit eine kunstvolle Organisation an die Stelle des einzelnen Arbeiters oder einer Summe von Arbeitern den Gesamtarbeiter setzt. Denn, wie wir ebenfalls wissen, beruht gerade das wissenschaftliche Verfahren darin, den Produktionsprozefs ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit und Geeignetheit der menschlichen Organe in seine Bestandteile aufzulösen und die Teilprozesse in neuer Zusammenfügung zu einem Ganzen zu verbinden. Da müssen nun so viel Träger der Teilverrichtungen, so viel Beaufsichtiger von Teilprozessen geschaffen werden, wie es das Verfahren rationell erachtet, und diese Teilarbeiter fügt dann erst die gesellschaftliche Betriebsform zu einem Gesamtarbeiterorganismus, der dann den Gesamtprozefs repräsentiert, kunstvoll wieder zusammen. Das wissenschaftliche Verfahren der Produktion hat sein Substrat ebenso im Gesamtarbeiter des gesellschaftlichen Betriebes wie die Empirie in der individuellen Persönlichkeit des einzelnen Produzenten. Das wissenschaftliche Verfahren baut sich mit anderen Worten fast stets auf dem arbeitzerlegenden und material vereinigenden Verfahren auf. Alles also, was den Handwerker hindert, sich dieser Verfahren zu bedienen, hindert ihn auch, das wissenschaftliche Verfahren anzuwenden. Das liegt alles verhältnismäfsig klar zu Tage. Nicht so deutlich jedoch ist die Unfähigkeit des Handwerks zu erkennen, von dem letzten, noch nicht erörterten Verfahren der modernen Technik zweckmäfsigen Gebrauch zu machen: dem maschinellen. Wir wollen dessen Anwendbarkeit daher einer gründlichen und g e- sonderten Erörterung unterziehen. « Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. I. Die Kraftmaschinen. Es ist noch gar nicht lange her — und hier und da findet man wohl auch noch heute Reste dieser Auffassung —, dafs es als Glaubenssatz in Wissenschaft und Publikum galt: das Handwerk sei der Maschinentechnik zum Opfer gefallen; der Maschinentechnik, was denn in der Vorstellung der meisten Leute nichts anderes als die Dampfmaschine bedeutete. Angesichts dieses Glaubens wird man den Jubel verständlich finden, der sich in den Kreisen aller Handwerksfreunde erhob, als es der Technik gelang, durch Nutzung von Naturkräften, die gefügiger als die Dampfkraft waren, Kraftquellen in den kleinsten Dimensionen herzustellen, wie sie seit einigen Jahrzehnten in den Heifsluft-, Druckluft-, Benzin-, Petroleum-, Gas- und Elektromotoren sich allgemeine Anerkennung errungen haben. Man sah eine neue Ära handwerksmäfsiger Produktion schon vor der Thür, die „Grofsindustrie“ mit ihren centralisierten Betrieben schien dem Untergange geweiht. In Deutschland, wo man ja bis heute immer noch eine Vorliebe für das kleinlich - spiefsbürgerliche Wesen bewahrt hat, erstanden jener Auffassung von der Renaissance des Handwerks auf der Basis der Kleinkraftmaschinen besonders viele begeisterte Vertreter, zumal unter den Technikern. „Durch die Kleinkraftmaschinen,“ schrieb ein Autor im Jahre 1870*, „haben wir eine Epoche der Rückbildung, der Decentrali- sation vor uns. So wie wir seit etwa einem halben Jahrhundert das Kleingewerbe an Terrain verlieren sahen der Grofsindustrie gegenüber, die Schritt für Schritt das erstere aus einem Gewerbe- 1 Jo 11, Die wichtigsten Kleinkraftmaschinen etc. (1870). 522 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. zweige nach dem anderen hinausdrängte, so werden wir den entgegengesetzten Vorgang in dem vor uns liegenden Säkulum beobachten können.“ Solcher Stimmen wurden viele laut, und die Besten waren unter ihnen. Am bekanntesten ist die enthusiastische Vertretung jener Idee durch Reuleaux, der seit dem Erscheinen des ersten Bandes seiner Theoretischen Kinematik nicht müde wurde, die Segnungen zu preisen, die aus der Einbürgerung der Kleinkraftmaschine für das Handwerk erwachsen würden. „Hiebt man dem Kleingewerbe,“ schrieb er 1879 1 , „Elementarkraft zu ebenso wohlfeilem Einzelpreise, wie das Kapital par ex- cellence sie sich vermittelst der Dampfmaschine verschaffen kann, so hat man die Wettbewerbung wieder möglich, nämlich seiner geringen Kapitalskraft eine dieser proportionale Teilnahme an der Maschinenvergünstigung erreichbar gemacht. Auch der Kleinmeister soll und will gern sich der Arbeitsmaschinen bedienen, er soll aber diese nicht durch Menschen-, sondern durch Elementarkraft zu treiben in der Lage sein. Zugänglich und ebenfalls erschwinglich waren ihm die Arbeitsmaschinen, dieser eine Teil des Maschinenvermögens, auch bisher schon (!); allein ihr Betrieb durch Manneskraft ist so teuer, so vielfach teurer als der mit Elementarkraft, dafs er auf ihre Anwendung verzichten mufste. Wohlfeile Elementarkraft setzt ihn in den Stand, seine Werkstätte mit ihnen auszurüsten“ u. s. w. 2 3 Und in Reuleauxj’ Fufsstapfen sehen wir dann bis in die neuere Zeit hinein die bedeutendsten Vertreter der technischen Wissenschaften wandeln. Namen wie H. Grothe 8 , Knocke 4 , Werner Siemens 5 finden wir in den Reihen derer verzeichnet, die an der Wiedergeburt des Handwerks aus dem Kleinmotor geglaubt haben; und seit gar die elektrische Kraft in geringen Mengen jedermann für ein billiges Entgelt zur Verfügung gestellt werden konnte, schien es in der That, als ob jene hoffnungsfrohe, handwerksenthusiastische Auffassung ihre Richtigkeit über allen Zweifel erhoben hätte 6 * . 1 F. Reuleaux, Einflufs der Maschinen auf den Gewerbebetrieb in Nord und Süd 1879. S. 125. 2 Ygl. noch F. Reuleaux, Die Maschine in der Arbeiterfrage. 1885. 3 M. Grothe, Über die Bedeutung der Kleinmotoren für das Kleingewerbe in Schmollers Jahrbuch VIII (1884), 180. 4 Knocke, Die Kraftmaschinen des Kleingewerbes. 1887. S. 1 ff. 5 W. Siemens, Vortrag auf der 59. Versammlung deutscher Ärzte und Naturforscher (1886). 6 Vgl. an neuerer Litteratur u. a. H. Al brecht, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kleinkraftmaschinen in Schmollers Jahrbuch XIII (1889). Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 523 Überblicken wir nun aber die Ziffern, die uns über die bereits erfolgende Verwendung von Kleinmotoren unterrichten, so bestätigen sie jene Prophezeiungen der Techniker keineswegs, sondern scheinen eher jenen Skeptikern recht zu geben, die der Entwicklung der kleinmotorischen Technik nur eine geringe Bedeutung für die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks glaubten beimessen zu sollen. Was uns zunächst bei Betrachtung der Statistik in die Augen springt, ist der geringe Fortschritt, den die Verwendung von Motoren irgendwelcher Art in den „Kleinbetrieben“ — die Statistik kennt ja eine Unterscheidung der verschiedenen Wirtschaftsorganisationen nur nach den Kriterien der Betriebsgröfse, d. h. der in einem Betriebe beschäftigten Personen — während der letzten Jahrzehnte gemacht hat. Ein Vergleich der Zählungsergebnisse von 1882 und 1895 ergiebt folgendes Resultat. Es wurden Motorenbetriebe mit 1—5 Personen gezählt 1 : 1882 = 81 280 1895 = 95 558. Also noch heute stellt die Zahl der Motorenkleinbetriebe durchaus eine quantitd ndgligeable dar; sie bilden nur 3,3 °/o aller Kleinbetriebe. Sehen wir uns nun aber gar erst die 95 558 Motorenkleinbetriebe näher an, so bemerken wir, dafs sicherlich nur ein geringer Teil jener Kategorie solchen Handwerksbetrieben zugehört, die sich durch Einstellung von Motoren auf eine den Anforderungen der modernen Technik mehr entsprechende Stufe emporzuheben trachten. Zunächst kommen für unsere Betrachtung von jenen 95 558 überhaupt nur 75 432 Betriebe mit 414 775 PS. in Betracht, nämlich die auf Gruppe B der Statistik (Gewerbe) entfallenden Motorenkleinbetriebe. Von diesen müssen nun aber des weiteren von vornherein in Abzug gebracht werden diejenigen, bei denen die Verwendung motorischer Kraft durchaus seit altersher die Regel bildet, W. Pastor, Vom Kapitalismus zur Einzelarbeit. 1892. Paul Scheven, Die Lehrwerkstätte. Bd. I. 1894. S. 199 — 249. H. Schreiber, Die Elektrotechnik, die Retterin des Handwerks in der „Kritik“. 1896. Aufser den bereits citierten Schriften von H. Lux, desselben Aufsatz: Der Kleinmotor und das Kleingewerbe im Socialpolitischen Centralblatt IV. 309 ff. Daselbst auch zahlreiche Aussprüche optimistischer Techniker wie Slaby, Thurston, Aron. 1 Vgl. die Zusammenstellungen in Band 119 der Statistik des Deutschen Reichs. N. F. 1899. S. 116 ff. 524 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. nämlich alle durch Wasserkraft oder Wind getriebenen Mühlen, Sägewerke u. s. w., die mit zum Teil sehr grofsen Ziffern in der Statistik erscheinen. Es wurden u. a. gezählt Motorenkleinbetriebe: Getreidemühlen .... 41 258 mit 220 773 PS. Sägemühlen. 6 904 „ 58 230 „ Holzschleifereien . . . 147 „ 6 487 „ Von dem Rest gehört aber ein grofser Teil dem Handwerk in unserem Sinne überhaupt nicht an, wie etwa 99 Betriebe für Elektricitätserzeugung mit 6 822 PS. 2380 Maschinen-Lohndreschereien . . „ 21 194 „ 4302 Branntweinbrennereien . „ 31957 „ u. s. w. Wollen wir die Motorenkleinbetriebe in den alten, ehemals handwerksmäfsig betriebenen Gewerben ermitteln, so kommen wir zu ganz anderen Ziffern. Die Statistik teilt uns nämlich mit, dafs überhaupt kein Motorbetrieb mit weniger als 5 Personen gefunden wurde in folgenden gröfseren Berufszweigen: Korbflechterei und Korbmacher . mit 22 349 Kleinbetrieben. Näherei.„ 193 958 „ Schneiderei.„ 258 473 „ V Stubenmaler, Tüncher .... „ 36 086 „ Dachdecker.„ 12 423 „ also zusammen in 523 289 Kleinbetrieben. Das sind allein schon mehr denn sechsmal so viel, als es überhaupt Motorenkleinbetriebe giebt. Verschwindend gering ist aber ferner die Verwendung von Motoren in den Kleinbetrieben folgender Gewerbearten. Es waren: Motoren- von Kleinbetrieben d. h. kleinbetriebe überhaupt, Schuhmacherei . . . . . . 12 233 650 0,01 °/o Barbiere .... . . . . 3 22 549 0,01 °/o Maurer .... . . . . 3 50 216 0,01 °/o Riemer, Sattler . . .... 9 27 997 0,03 0 o Klempner .... .... 26 19 487 0,1 °o Nagelschmiede . . . . . . 4 3 463 0,1 °/o Uhrmacher . . . .... 22 15 941 0,1 ü /o Tapezierer .... .... 11 9184 0,1 °/o Kürschnerei . . . . . . . 5 5 754 0,1 °/o Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 525 Motoren- von Kleinbetrieben kleinbetriebe überhaupt, cl. h. Stuckateure .... . . 2 1815 0,1 °/o Ofensetzer. . . 3 5 076 0,1 u /o Mützenmacher . . . . . 3 1 892 0,2 °/o Handschuhmacher . . . . 12 4 814 0,2 °/o Steinsetzer .... . . 5 2 778 0,2 °/o Leinenweberei . . . . . 91 34 082 0,3 °/o Seilerei. . . 21 6169 0,3 °/o Buchbinderei . . 37 10 848 0,3 °/0 Holzflechterei . . . . . 11 4198 0,3 °/o Zimmerer. . . 88 32 216 0,3 °/o Brunnenmacher . . . . . 5 1844 0,3 °/o Weberei von gemischten und anderen Waren . . . . 59 13 828 0,4 °/o Böttcherei. . . 93 23 631 0,4 °/o Bäckerei. . . 309 83 266 0,4 °/o Konditorei. . . 27 6164 0,4 % Steinmetzen .... . . 30 6 628 0,5 °/o Grob(Huf-)Schmiede . . . 359 69 450 0,5 % Büchsenmacher . . . . . 5 1 078 0,5 °/o Seidenweberei . . . . . 83 16 527 0,5 °/o Tabakfabrikation . . . . 78 15 823 0,5 °/o Wollweberei .... . . 128 22 006 0,6 °/o Stellmacherei .... . . 302 43 273 0,7 °/o Posamentiererei . . . . . 77 11 578 0,7 °/o Fleischerei .... . . 480 70 696 0,7 °/o Hutmacherei .... . . 23 2 800 0,8 °/o Strickerei, Wirkerei . . . 265 28 312 0,9 °/o 3291 809 043 0,4 °/o Das ist also abermals ein Komplex handwerksmäfsig betriebener Gewerbe mit mehr als 800 000 Kleinbetrieben, in denen die Motorenverwendung so gut wie unbekannt ist: unter je 1000 Betrieben findet sie sich in vier! Die gänzliche Bedeutungslosigkeit der Motoren für das Handwerk springt nun aber ebenso in die Augen, wenn man etwa das Gebiet gewerblicher Thätigkeit ins Auge fafst, das sich jene Motorarten erobert haben, von denen man recht eigentlich die Wiedergeburt der handwerksmäfsigen Produktion erwartete. Die Statistik zählte nämlich Kleinbetriebe, in denen verwandt wurden: 526 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Gasmotoren . . . . 4718 Petroleummotoren . . 1186 Benzin-, Äthermotoren 638 Heifsluftmotoren . . 328 Druckluftmotoren . . 56 Elektromotoren ... 379 Zusammen 7305 Die gröfste Bedeutung hatten danach von den „modernen“ Kleinkraftmaschinen bis 1895 die Gasmotoren erlangt. Aber auch bei ihnen ist von irgend einer raschen Zunahmetendenz auch in neuerer Zeit nichts zu verspüren. Wenn wir die Ziffern aus den letzten Jahren miteinander vergleichen, die das Statistische Jahrbuch deutscher Städte über die an die öffentlichen Gaswerke in den Städten über 50000 Einwohner angeschlossenen Gaskraftmaschinen mitteilt, so ergiebt sich nur ein mäfsiger Fortschritt: die Zahl der angeschlossenen Motoren hat neuerdings sogar eher eine Tendenz zum Rückgang; sie betrug in 34 Städten 1 1896 7681, 1897 7809, 1898 bezw. 1898/99 7747, während in denselben Jahren die Zahl der Pferdekräfte um ein weniges stieg: 1896 35 979, 1897 38 714, 1888 bezw. 1898/99 39110. Daraus läfst sich nun aber nicht nur folgern, dafs die Kleingewerbe jedenfalls bisher nur sehr spärlich von den Benefizien dieser neuen Motorart Gebrauch machen, sondern des weiteren auch der Schlufs ziehen, dafs die Gasmotoren für das eigentliche Handwerk immer weniger in Betracht kommen, da die Durchschnittspferdestärke, die heute schon nicht unbeträchtlich ist, die Tendenz zur . Vergröfserung erkennen läfst. Die Durchschnittspferdekraft betrug nämlich in den 34 Städten 1896 4,3 PS. 1897 4,6 „ 1898 bezw. 1898/99 5,0 „ 1 Berechnet nach dem Statist. Jahrb. deutscher Städte bezw. YTII (1900), 384 und IX (1901), 386. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 527 Und zwar erfolgt dieser Rückgang auf Kosten der ganz kleinen Motoren bis zu 2 PS., wie die Statistik uns ebenfalls kund tbut. Dafs aber auch der Gasmotor das eigentliche Feld seiner Thätigkeit aufserhalb der eigentlichen Sphäre des Handwerks sich erobert hat, bestätigen mancherlei Anzeichen. Zunächst belehrt uns die Statistik, dafs jenen 4718 Kleinbetrieben, in denen Gas als Elementarkraft genutzt wurde, 9001 Mittel- und Grofsbetriebe gegenüberstanden, in denen Gasmotoren Verwendung fanden. Sind aber die Schätzungen von H. Lux, der für 1892 22000 Gasmotoren in Thätigkeit wissen will 1 , oder jene P. Schevens 2 , nach denen 1894 in Deutschland ca. 21 700 Gasmotoren in Funktion waren, oder diejenigen Schäfers 3 , wonach 1897 die Zahl der arbeitenden Gasmotoren mindestens 24000 betragen soll, annähernd richtig, und sie werden von Sachkennern wie Lux dafür gehalten, so würde daraus des weiteren zu folgern sein, dafs in den gröfseren Betrieben mindestens zwei bis drei Gasmotoren im Durchschnitt in Gebrauch waren. Endlich aber ergaben private Ermittelungen die Thatsache, dafs ein grofser Teil der Gasmotoren in Betrieben verwandt wird, die auch ihrer Art nach ganz und gar nicht dem Handwerke zugehören, wie Betriebe zur Erzeugung von elektrischem Licht, Pumpenbetrieb, Kaffeebrennereien, Gasanstalten, Mineralwasseranstalten, zu Ventilationszwecken, zum Betrieb von Aufzügen, Orgeln, Kühlmaschinen u. s. w. Von 13119 Gasmotoren, die die Gasmotorenfabrik Deutz in Deutschland abgesetzt hat, sollen höchstens ein Drittel dem „Kleingewerbe“, d. h. also wohl der handwerksmäfsigen Produktion zu gute kommen 4 . H. Lux nimmt an, dafs von den an die Gasanstalten angeschlossenen Pferdestärken kaum ein Viertel auf das Handwerk entfalle, und fügt hinzu: „Noch geringfügiger wird diese Zahl, wenn man die Beanspruchung oder Betriebsstundenzahl der Gasmotoren in Betracht zieht. . . Alle sicher nicht dem Kleingewerbe dienenden Gasmotoren zeigen überwiegend eine höhere Beanspruchung, als der Durchschnittsziffer entspricht, während die Gasmotoren im Kleingewerbe nur etwa ein Fünftel der Gesamtkraftausgabe beanspruchen. Nur in Ausnahmefällen wurde die Maximalbetriebs- 1 H. Lux, Der Kleinmotor und das Kleingewerbe, a. a. O., S. 310. 2 P. Scheven, Die Lehrwerkstätte. 1 (1894), 214. 3 F. Schäfer, in der Zeitschrift für Beleuchtungswesen 1897, Heft 18, citiert hei H. Lux, Gas- und Elektrizitätswerke, 26. 4 Nach F. Schäfer, Die Kraftversorgung der deutschen Städte durch Leuchtgas (1894), cit. bei Lux, a. a. O., S. 310. 528 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. dauer von 3000 Stunden im Jahre erreicht; dafür gab es aber Schlossereien, die ihren Gasmotor im ganzen Jahre nur 60 Stunden, andere, die ihn etwa 600 — 800 Stunden im Betriebe haben; nur sehr wenige nützen ihn voll aus. Für Tischlereien ergab sich eine durchschnittliche Betriebsdauer von 680 Stunden (obere Grenze 1200, untere 200).“ Wir werden die Bedeutung der letzten Ziffern weiter unten noch besser zu würdigen vermögen, wo wir nach den Gründen für die geringe Entwicklung des Kleinmotorenwesens Ausschau halten. Wenn es denn nun auch mit den Explosionsmotoren nichts rechtes geworden ist, so werden unsere Gewährsmänner denken, so bleibt ja noch der Elektromotor als Stab unserer Hoffnungen übrig. Keiner aller bisherigen Kleinmotoren scheint in der That so geeignet wie er, den Bedürfnisssen des handwerksmäfsigen Produzenten Genüge zu thun. Er schmiegt sich am besten den verschiedensten Arbeitsmaschinen an; er läfst sich zeitlich nach Belieben nützen, da es eines Handgriffs zum Ein- oder Ausschalten bedarf; er ist von geringem Umfang, sauber, leicht transportabel u. s. w. Er also scheint recht eigentlich der Motor der Zukunft für das Handwerk. Wird dieses Räsonnement durch den bisherigen Verlauf der Entwicklung unterstützt? Um darauf eine Antwort zu geben, müssen wir uns nach Ziffern umsehen, die uns den Stand der Dinge nach 1895 angeben; denn erst seit jener Zeit datiert der immense Aufschwung der Elektromotorennutzung. Betrug doch beispielsweise bei den an die Berliner Elektrizitätswerke angeschlossenen Elektromotoren 1 : die Zahl die Leistungsfähigkeit die für Berlin abgegebenen 1894^95 663 2 366 PS. Kilowattstunden 1070926 1895/96 1347 4813 „ 2219 501 1896/97 2056 7 475 „ 4008943 1897/98 2873 10502 n 5833077 1898/99 3858 13791 „ 7 758662 1899/1900 5764 23169 „ 10290905 1900/1901 7538 30011 „ 12 835381 1 Die Ziffern bis 1896/97 sind dem Bande 119 der Stat. d. D. R. ent- nommen; die neueren Daten verdanke ich der freundlichen Mitteilung der Berliner Elektrizitätswerke selbst. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 529 Es kann nun aber für den Sehenden keinem Zweifel unterliegen, dafs von diesem gewaltigen Aufschwung, den die Nutzung der elektrischen Kraft in unserer Zeit nimmt, das Handwerk wiederum nur mit einem verschwindend kleinen Bruchteile Anteil hat. Zunächst ist es offenbar die Grofsindustrie, die in wachsendem Umfange selbst zum elektrischen Antrieb übergeht, selbst und zuerst also alle Vorzüge der Elektrotechnik sich zu nutze macht, sodafs sie schon wieder einen Vorsprung vor dem Handwerker voraus hat, auch wenn dieser wirklich sich entschliefst, einen Elektromotor in seinem Betriebe einzustellen. Aber auch mit den Elektrokleinmotoren ist es wieder ein eigen Ding. Die genauere Prüfung ergiebt, dafs sie allen andern, nur nicht dem Handwerk zu gute kommen. Zunächst ist wieder wie bei den Gasmotoren festzustellen, dafs ein gröfserer Teil der in den Städten angeschlossenen Motoren überhaupt nicht Zwecken der gewerblichen Produktion dient, sondern bestimmt ist, Aufzüge, Ventilatoren, Musikinstrumente, zahnärztliche Bohrmaschinen u. dgl. zu treiben. Von den am 30. Juni 1901 in Berlin an das dortige Elektrizitätswerk angeschlossenen 6426 Elektromotoren mit 21448,5 PS. wurden für folgende aufsergewerbliche Zwecke verwendet 1 : V erwendungsart Zahl PS. Aufzüge. . 1074 6243,9 Ventilatoren. . 922 334,5 Verschiedenartige Verwendung . . 800 2253,9 2796 8832,3 Ähnlich liegen die Verhältnisse anderswo. So waren beispielsweise in Dresden Ende 1899 254 Elektromotoren mit zusammen 742,61 PS. angeschlossen 2 . Davon dienten 26 mit 89,10 PS. zum Betrieb von Aufzügen, 20 n 44,95 n n n n Gleichstrommaschinen] 24 n 22,67 n n 17 71 Ventilatoren, 10 n 20,66 n 71 11 11 Kaffeeröstereien, 2 n 4,30 11 n 11 n Orgeln, 5 n 0,52 » n n n Zahnbohrmaschinen, 1 Freundliche Mitteilung der Direktion. 2 Verwaltungsbericht des Rates der Stadt Dresden für 1899 (1901). S. 332. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. .34 530 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. 8 mit 179,50 PS. zum Betrieb von Eismaschinen, 7 „ 16,45 „ „ „ „ Verschiedenem (wie Elektrisiermaschinen, Luftpumpen etc.). Also 102 Motoren mit 369,15 PS. kämen für die gewerbliche Produktion überhaupt nicht in Betracht. In Breslau waren angeschlossen 1 am 31. März 1899 183 Elektromotoren mit 319,95 PS. am 31. März 1900 235 „ „ 407,90 „ am 31. März 1901 331 „ „ 576,19 „ Von diesen letzteren wurden verwendet zum Betrieb von: Zellenschaltern 2 mit 2,00 PS. Ventilatoren 97 n 22,54 Zahnärztlichen Bohrmaschinen 12 n 1,06 Aufzügen 51 77 192,70 77 Reklamefiguren 4 77 0,91 77 Wasserpumpen 5 n 6,50 r> Luftpumpen 2 77 3,12 77 Musikwerken 9 77 1,10 77 Flaschenputzmaschinen 1 n 0,17 77 Sonnenschutzapparaten 2 r> 0,20 77 Kaffeeröstemaschinen 9 77 25,70 77 Mediko-mechanischen Apparaten 5 77 4,10 77 Zusatzdynamo für die Accumula- toren-Station 1 77 12,50 77 Aber man wolle sich nun nicht 200 etwa ZU 271,68 der Annahme leiten lassen, die andere Hälfte der im Betrieb befindlichen Elektrokleinmotoren — so winzig ihre Zahl im Vergleich mit dem Umfang der betreffenden Gewerbe auch ist — diene doch nun wenigstens den Zwecken des Handwerks. Denn um von jenen Motoren, die zum Betrieb von Tuchschneidemaschinen, zu galvanoplastischen Zwecken etc. bestimmt sind, ganz zu schweigen: auch von den möglicherweise für das Handwerk in Betracht kommenden Motoren findet nur ein ganz verschwindend kleiner Teil in wirklich handwerksmäfsigen Betrieben Anwendung, aus Gründen, die wir gleich kennen lernen werden. 1 Breslauer Statistik. XX. Band. 1. Heft. 1900. S. 223, bezw. freundliche Mitteilung des Herrn Direktor Neefe. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 531 II. Die Arbeitsmaschine. Alle jene Ergebnisse, die uns das Studium der Statistik liefert und die sämtlich zu dem Schlüsse führen, dafs auch der beste Kleinmotor nicht im stände sein wird, dem Verfall des Handwerks Einhalt zu thun, weil er überhaupt im Rahmen handwerksmäfsiger Produktion keine Verwendung findet: sie alle kommen demjenigen nicht überraschend, der über die Tragweite der Nutzung mechanischer Kraftquellen für die gewerbliche Produktion sich einigermafsen klare theoretische Vorstellungen gemacht hatte. Was nämlich immer im Auge behalten werden mufs, ist dieses: dafs selbstverständlich die Bedeutung einer neuen Triebkraft für die Gestaltung des Produktionsprozesses nicht für sich allein, sondern nur im Zusammenhänge mit der gesamten Produktionstechnik, also insonderheit mit der Entwicklung der Arbeitsmaschinerie gewertet werden kann. Nur wenn gleichzeitig die Anwendung einer entsprechenden Werkzeugmaschine in der Tragweite des handwerksmäfsigen Produzenten liegt, hat die Frage nach Zuführung mechanischer Kraft in kleinen Mengen für ihn überhaupt Interesse. Nun können wir aber für die in Betracht kommenden Gewerbe zwei Kategorien von Arbeitsmaschinen unterscheiden: solche, die alle wesentlichen Teile eines beruflich abgegrenzten Arbeitsprozesses in einer Maschine vereinigen (integrierende Maschinen), und solche, die auf dem Princip der Arbeitszerlegung aufgebaut sind (differenzierende Maschinen). Was zunächst die Kategorie der integrierenden Maschinen anbetrifft, so ist ihre Anwendbarkeit für die Handwerker davon abhängig, ob ihre Gröfsenausmessung seinen Produktionsund Vermögensspielraum überschreitet oder nicht: die Papiermaschine kommt für ihn ebenso wenig in Betracht wie die Rotationsmaschine in der Druckerei. Dagegen giebt es integrierende Maschinen, die auch dem kleinsten Einzelarbeiter zugänglich sind. Hierher gehören: Nähmaschinen, Webstühle, Wirk-, Strick-, Stickstühle etc. Man sieht, dafs dies Arbeitsmaschinen sind, die sich seit altersher in den Händen der meskinsten Produzenten befinden. An sie haben Männer wie Reuleaux augenscheinlich auch in erster Linie gedacht, wenn sie meinten: die Arbeitsmaschine nützt der Handwerker schon, fehlt ihm nur die Kraftmaschine. Offenbar ist nun zum Betrieb solcher Kleinarbeitsmaschinen theoretisch die Kleinkraft- 34 * 532 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. maschine in der That sehr wohl geeignet. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dafs mit den Fortschritten der Elektrotechnik, namentlich wenn das Problem der Kraftübertragung auf weite Strecken einer befriedigenden Lösung entgegengeführt wird, mehr Handwebstühle, mehr Fufsnähmaschinen, mehr Strick- und Stickmaschinen als bisher einen Antrieb durch mechanische Kraft erfahren werden. Mancherlei Erfahrungen der letzten Zeit lassen darauf schliefsen, dafs diese Annahme nicht unbegründet ist. Die Vorgänge in den Weberdistrikten von St. Etienne an der Loire, in den Uhrmacherdörfern des schweizer Jura werden sicher nicht vereinzelt bleiben. In St. Etienne sind etwa 18000 Webstühle im Betriebe, die über das Land hin verbreitet sind. Von diesen wird seit 1893 eine ganze Anzahl durch Elektromotoren angetrieben, denen der nötige Strom die Edison Electric Co. liefert. Da die Leistungsfähigkeit des einzelnen Stuhls dadurch um etwa 25% gestiegen ist, hat sich die Gesellschaft erboten, die übrigen Webstühle des Distrikts in gleicher Weise mit Elektromotoren zu versehen. Die für diesen Zweck errichtete elektrische Centrale liefert 900 PS. Nach den Offerten der Edison Electric Co. betragen die Ausgaben pro Stuhl 350 Frcs. einschliefslich Elektromotor und Transmission, wofür der Bewegungsmechanismus in den Besitz des Webers übergeht, der aufserdem noch 10 Frcs. pro Monat und Stuhl für Instandhaltung des maschinellen Teils seiner Anlage zu bezahlen hat. In ähnlicher Weise ist das Elektrizitätswerk La Goule, dessen Kapazität 1500 PS. beträgt, organisiert; es dient vornehmlich der Kraft- und Lichterzeugung einer Anzahl von Uhrmacherdörfern im Thale von St. Imier. Das also sind thatsächliche Erfolge, die der Elektromotor auf dem Gebiete kleingewerblicher Produktion erzielt hat 1 . Aber handelt es sich denn hier überhaupt noch um handwerks- mäfsige Existenzen ? Doch ganz und gar nicht. Der Handweber, die Hausnähterin, der Uhrmacher, denen nun etwa der elektrische Strom ihre Maschinen treiben hilft, haben längst aufgehört, Handwerker zu sein; es sind hausindustrielle Lohnarbeiter geworden. Die Verbesserung der Technik kommt also nicht ihnen, sondern dem Kapital zu gute, ebenso wie seiner Zeit nicht sie, sondern das Kapital von der Einbürgerung der Arbeitsmaschine profitiert hat. Aber selbst 1 Ygl. H. Lux, Der Kleinmotor und das Kleingewerbe im socialpolitischen Centralblatt. IV. Jahrgang. S. 309. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 533 angenommen, es fände sich noch irgendwo unter jenen Gewerbetreibenden eine Art von Handwerker, so würde ihn der elektrische Strom, der jetzt in seine Arbeitsstätte geleitet wird, sicher nicht kräftigen, er würde ihm viel eher den Garaus machen. Denn was der Handwerker gewönne, wäre die Möglichkeit, mehr wie früher zu produzieren. Er müfste also auch mehr absetzen. Und die ganze Industrie um ihn herum würde auch mehr absetzen müssen, sodafs sich die Absatznot für die einzelnen Produzenten vermehren, der Konkurrenzkampf verschärfen, die kleine, schwächliche Existenz um so eher dem stärkeren Mitbewerber zum Opfer fallen würde. Vorausgesetzt, dafs sie es nicht vorzöge, sich freiwillig ihrer ökonomischen Selbständigkeit zu begeben, d. h. sich dem Kapital zu verschreiben und damit wenigstens ihr Lehen zu retten. Was also möglicherweise als Folge weiterer Fortschritte der Kleinmotorentechnik für die genannten Gewerbezweige herausspringt, kann niemals eine Stärkung des Handwerks sein, wohl aber eine Verewigung oder wenigstens eine Daseins Verlängerung der hausindustriellen Organisation. Dieser wird in der That, unter besonders günstigen Verhältnissen, durch billige und bequeme Zuführung elementarer Kraft neues Leben eingehaucht; ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem geschlossenen Grofsbetriebe kann in manchen Fällen wachsen. Für das Handwerk könnte dies immer nur die Wirkung haben, dafs es nun einer um so schärferen Konkurrenz begegnete. Denn wenn es dem Unternehmer möglich ist, auf annähernd gleich hoher technischer Basis in hausindustrieller Form zu produzieren, so bedeutet das die Heranziehung billigerer Arbeitskräfte und somit abermals ein Mittel, die Warenpreise herabzusetzen. Ganz anders liegt das Problem, wo sich die maschinelle Technik auf einer vorhergehenden Arbeitszerlegung aufgebaut hat, die einzelne Arbeitsmaschine also einen abgegrenzten Teil des gesamten Produktionsprozesses übernimmt, sodafs in dem Mafse, wie dieser maschinell wird, ein System differenzierter Maschinen entsteht. Dies ist der typische Vorgang für die meisten Gewerbe, in denen die handwerksmäfsige Produktionsweise sich bis heute hie und da erhalten hat: die Schuhmacherei, Tischlerei, Schmiederei, Schlosserei, Drechslerei, Böttcherei, Buchbinderei, in denen allen schon jetzt die vollendete maschinelle Technik auf einem System von Werkzeugmaschinen sich auf baut, während in andern Gewerben, wie der Fleischerei, einstweilen nur einzelne Stücke des Produktionsprozesses von Specialmaschinen besorgt werden. Bei diesen Gewerbearten gelten nun aber für eine ökonomische Verwendung 534 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. von Arbeitsmaschinen, d. h. eine solche Verwendung, bei der eine volle Ausnutzung der Maschinen stattfinden soll, offenbar folgende einfache Regeln: 1. es genügt, um konkurrenzfähig zu sein, der Besitz von einer Teilmaschine nicht, wenn die Technik schon für andere Teilprozesse das machinale Verfahren ausgebildet hat; es bedarf vielmehr zu diesem Zwecke der Einstellung eines Systems von Arbeitsmaschinen; 2. die rationelle Betriebsgröfse wird bestimmt durch das Arbeitsquantum der verhältnismäfsig leistungsfähigsten Teilmaschine; die Mindestbetriebsgröfse ist von der Mindestgröfse dieser Teilmaschine abhängig; 3. die Mindestbetriebsgröfse entscheidet über das Mindestmafs von Produktion, somit also in unserer Wirtschaftsordnung über das Mindestmafs von Absatz, der notwendig ist, um die Vorteile des machinalen Verfahrens vollständig auszunutzen. Die Erfahrung belehrt uns nun dahin, dafs in der Regel die Ausmafse des handwerksmäfsigen Sachvermögens und des handwerksmäfsigen Betriebes nicht genügend sind, um die genannten Bedingungen einer rationellen Anwendung machinaler Technik zu erfüllen. Meist sind entweder die Anschaffungskosten der Maschinerie zu hoch, oder aber es würde der Betrieb weit über den Rahmen handwerksmäfsiger Organisation erweitert werden müssen, wenn sämtliche Arbeitsmaschinen voll genützt werden sollten, oder es fehlt an Absatz, um die volle Ausnutzung des Maschinensystems zu ermöglichen, oder es sind (und das ist wohl die Regel) alle drei Hinderungsgründe zusammen wirksam, um den Einzug des maschinellen Verfahrens in die Werkstatt des Handwerkers hintanzuhalten. Wiederum, wo der Handwerksbetrieb die Einstellung einer einzigen oder einiger Teilmaschinen rationellerweise gestatten würde, pflegt der Vorsprung, den das maschinelle Verfahren gewährt, zu gering zu sein, um eine wesentliche Rolle im Konkurrenzkämpfe zu spielen (Fleischhackmaschine, Knetmaschine). Ist aber die ökonomische Verwendung der Arbeitsmaschinerie ausgeschlossen, so ist ersichtlich, dafs auch der beste Motor dem Handwerker nichts nützen kann. Ein paar ziffermäfsige Angaben mögen das Gesagte bestätigen. Zu denjenigen Gewerben, in denen ein kompletter Set von Arbeitsmaschinen noch für leidlich niedrige Summen zu beschaffen ist, gehört die Buchbinderei. Unter der Voraussetzung, dafs sich der Betrieb schon einigermafsen specialisiert hat, etwa auf Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 535 die Kontobücherfabrikation, braucht er mindestens eine Schneidemaschine, eine Heftmaschine, eineZiffriermaschine, deren Anschaffung mehrere Tausend Mark kostet. In einer mir bekannten Buchbinderei hier am Ort sind um diese drei einstweilen mit der Hand bezw. dem Fufs angetriebenen Maschinen bereits 12—15 Arbeiter, darunter 2—3 weibliche, gruppiert. Trotzdem klagt der Inhaber, dafs die Maschinen nicht genug ausgenützt würden. Sollte die Aus- ■> nützung eine vollständige sein, gar unter Verwendung eines Motors, so müfste der Betriebsumfang noch ganz beträchtlich erweitert ' werden. Und doch handelt es sich schon jetzt nicht mehr um einen Handwerksbetrieb, sondern um eine kleinkapitalistische Unternehmung. In der Kammfabrikation würde die vollständige Ausstattung eines Betriebes mit dem erforderlichen Maschinenmaterial mindestens 7000 Mark Kosten verursachen und diese Einrichtung würde zu voller Ausnützung ein Personal von 7—9 Arbeitern erheischen 1 . Aus der Übersicht über die Verwendung der Gas- und Elektromotoren ergiebt sich nun aber, dafs zu gewerblichen Produktionszwecken am meisten Kleinkraftmaschinen zum Antrieb von Holz und Metall verarbeitenden Maschinen verwandt werden, d. h. also in den Gewerben der Tischlerei, Böttcherei, Stellmacherei, der Schlosserei, Schmiederei, Klempnerei. Auch hier jedoch, wo noch am ehesten Aussicht für den Handwerker wäre, sich die moderne Maschinentechnik zu eigen zu machen, haben die Thatsachen zu seinen Ungunsten entschieden. Von der Tischlerei in München heilst es 2 * : es bleibt immer das Resultat: der kleinere Schreiner kann seine Maschinen zu wenig ausnützen. Der sehr vorsichtige Berichterstatter für Karlsruhe meint 8 : im Kleinbetriebe ist die Aufstellung von Werkzeugmaschinen durchweg unthunlich . . . Nur für ein gröfseres Sortiment von Maschinen würde der Kraftbetrieb sich lohnen. Dazu ist wiederum ein gröfserer Motor notwendig und hinreichende Beschäftigung für diesen. Über den Mindestumfang eines Tischlereibetriebes, in dem alle maschinellen Vorrichtungen vertreten sind, weichen die Auffassungen von einander ^ ab. Nach den Angaben Arthur Cohens 4 sind unter Zugrundelegung einer auf das Notwendigste beschränkten maschinellen 1 U. IV, 240. 2 Thurneyssen, a. a. 0. S. 111—115. 5 U. III, 99/100. Ähnliche Urteile liegen vor für Berlin. U. IV, 391 f. Mainz HI, 320. Köln I, 289. 4 U. IH, 550 ff. 536 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Einrichtung (Kreissäge, Bandsäge, zwei Hobelmaschinen, Fräsmaschine, Bohrmaschine) die Maschinen in der Bauschreinerei nur bei 20, in der Möbelschreinerei gar erst bei 70 Arbeitern bis zum Sättigungspunkt beschäftigt. Mögen diese Ziffern auch zu hoch gegriffen sein: sicher ist, dafs auch in der Tischlerei die ökonomische Verwendung der vollständigen Arbeitsmaschinerie nur in Betrieben möglich ist, die den Umfang des Handwerks weit überschreiten. Die Beobachtung, dafs die Ausrüstung der eigenen Werkstatt mit der erforderlichen Arbeitsmaschinerie dem Handwerker unmöglich ist, hat zu der Institution der sog. Lohnschneidereien geführt: Unternehmungen, die gegen ein Entgelt einzelnen Handwerkern die Benützung eines kompletten Systems von Tischlereimaschinen gewähren. Die Urteile über ihre Bewährung weichen von einander ab 1 . So viel ist jedenfalls klar, dafs derjenige Produzent, der auf jene fremden Holzbearbeitungsbetriebe angewiesen ist, benachteiligt ist gegenüber einem Konkurrenten, der die Maschinen im eigenen Betriebe beschäftigt. Die Nachteile sind nämlich mindestens folgende: 1. Versäumnis von Zeit, die durch den Transport der Hölzer sowie durch gelegentliches Warten entsteht; 2. Belastung mit dem Produktionsprofit jener fremden Geschäfte. Einen wesentlichen Einflufs auf den Ausgang des Konkurrenzkampfes in der Tischlerei haben jene Lohnschneidereien offenbar nicht; können sie schon deshalb nicht haben, weil die Kostenersparnis, die durch Maschinenbenutzung entsteht, in sehr vielen Zweigen namentlich der Möbeltischlerei von keiner ausschlaggebenden Bedeutung ist 2 3 . Ganz ähnlich wie in der Tischlerei ist die Situation in der Drechslerei, von der ebenfalls bestätigt wird, dafs die Einführung der maschinellen Technik dem Handwerker durchaus unmöglich sei. „Da die motorisch bewegten Drehbänke, die er sich allenfalls anschaffen kann, nicht entscheidend sind, so müfste er mindestens auch Fräs- und Bandsäge haben. Dazu wäre aber schon ein ansehnliches Kapital erforderlich und der Betrieb rückte in die Kategorie der fabrikmäfsigen Mittelbetriebe — lies kleinkapitalistischen Unternehmungen — empor, ohne dafs es damit aus- 1 Vgl. U. I, 87. 267. 290. III, 207. 320. 544. IV, 383 f. Vgl. auch deu ersten Band dieses Werkes S. 546 f. 3 Vgl. darüber die eingehenden Berechnungen von A. Voigt in U. III und P. Voigt in U. IV. Dreiunddreilsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 537 gemacht wäre, ob er sich auch dauernd gegen die grofse Fabrik halten könnte 1 2 3 .“ Andreas Voigt kommt zu einer dem Handwerker etwas günstigeren Auffassung z . Doch ergiebt sich auch nach seinen Berechnungen, dafs mindestens vier Arbeiter ständig beschäftigt sein müssen, um die allerkleinste Maschinenanlage in der Drechslerei einigermafsen rentabel zu machen. Sehr kompliziert ist die Arbeitsmaschinerie in der Böttcherei, sodafs ihre Anwendung erst auf verhältnismäfsig hoher Stufenleiter denkbar ist 8 . Was aber für die holzverarbeitenden Gewerbe gilt, gilt auch für die metallvearbeitenden. Von der Schlosserei heifst es: „Der Vorteil von Ersparung an Arbeitern durch Werkzeugmaschinen kommt nur grofsen Betrieben zugute, wie solche in Jena nicht bestehen. Ganz ähnlich wäre auch die Bedeutung von Kraftmaschinen für kleine Betriebe zu beurteilen 4 * .“ „Für Schlosser und Schmiede ist von der gröfseren Verwendung von Motoren keine wesentliche Besserung zu erwarten; jedenfalls würde eine beschränkte Anzahl besser situierter Meister alle übrigen in den Hintergrund drängen, denn die Maschinenkraft macht eben, um rentabel zu sein, eine möglichst weitgehende Ausnützung notwendig und damit einen grofsen Umsatz. Daher sehen wir auch die betreffenden Meister genötigt, eine Werkzeugmaschine nach der andern anzuschaffen. Auf diese Weise bildet sich dann der handwerksmäfsige kleinmotorische Betrieb zur Kleinfabrik aus 6 .“ „Die im Kleinbetriebe eingeführten Maschinen, wie z. B. Hobel-, Bohr- und Fräsmaschine, Drehbänke, Windflügel, Motoren etc. sind in der Konkurrenz mit dem Grofsbetriebe nicht imstande, den Zeugschmiedemeister, trotz seines besseren Arbeitsproduktes (?), vor dem Untergange zu schützen 6 .“ Endlich entgeht auch die Klempnerei dem allgemeinen Gesetze nicht: „Die Maschinen, für welche sie grofse Aufwendungen haben, machen sich nicht bezahlt“ 7 , gilt auch für die Handwerks- 1 U. VII, 523. 2 U. III 133. 3 Vgl. die Zusammenstellung der in der Böttcherei gebräuchlichen Arbeitsmaschinen in der Statistik des D. R. N. F. Bd. 119. S. 145. 4 U. IX, 74. 6 U. IV, 312 f.: Das Urteil eines Technikers, deren jüngere Generation jetzt auch anfängt, die Bedeutung der Kleinmotoren für die Rettung des Handwerks mit nüchternen Augen anzusehen. 6 Fachberichte aus dem Gebiet der schweizerischen Gewerbe, S. 168. 7 U. IX, 82. T 538 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. betriebe dieses Gewerbes. „Seit Mitte der 1850er Jahre sind in der salzwedeler Klempnerei kleine mit der Hand betriebene Maschinen eingeführt, sodafs sich heute bei allen städtischen und den meisten ländlichen Meistern die 3 oder 4 einfachsten Maschinen finden, vermöge deren nach Prof. Reuleaux eine Werkstatt das fünf bis achtfache der früheren Handarbeit bei gleicher Arbeiterzahl leisten könnte, wenn nämlich so viel Arbeit wäre, um sie regelmäfsig benützen zu können 1 .“ '» r So wird man, denke ich, wenn man diese von den verschiedensten Gewährsmännern herrührenden, übereinstimmenden Urteile überblickt, nicht mehr zweifeln dürfen an der Richtigkeit der oben aufgestellten Behauptung: dafs der Regel nach moderne maschinelle Technik trotz aller Entwicklung zu Gunsten kleiner Kraftmaschinen sich mit dem Wesen handwerksmäfsiger Produktion nicht verträgt. Sie verlangt, damit sie sich bethätigen könne, einen Körper, der die Ausmafse des Handwerksbetriebes in fast allen Fällen überschreitet; sie verlangt aber auch zu ihrer Belebung eine andere Seele, als sie im Handwerk wohnt. Es ist eine richtige Bemerkung, dafs die Maschine ein dem Handwerker heterogenes Element sei, dafs sie aus einer ihm fremden Welt von Ideen und von socialer Erziehung stamme. Die modernen Maschinen sind die legitimsten Kinder des modernen ökonomischen Rationalismus. Und der Handwerker, der davon ifst, stirbt daran. Aber nicht nur die Handhabung der betreffenden Maschinerie selbst ist es, was dem Handwerker Qualitäten ab verlangt, die er nicht besitzt: auch alles, was im Gefolge des Maschinenbetriebes an Anforderungen auftritt: die durch Vergröfserung des Arbeitspersonals notwendig werdenden organisatorischen Fähigkeiten, die durch Vermehrung der Produktion erforderlich gemachten kaufmännischen Funktionen vermag der Handwerker nicht zu prästieren. Was die moderne Technik, insbesondere wiederum die Elektrotechnik also bewirken kann, ist möglicherweise eine Vermehrung kleinkapitalistischer Existenzen. Diese aber stellen nicht die Wiedergeburt des Handwerks dar: sie dienen vielmehr nur dazu, dieses um so schneller zu vernichten, weil sie, die aus ehemals handwerksmäfsiger ° Thätigkeit erwachsen sind, das Handwerk mehr noch und rascher als die grofskapitalistische Unternehmung aus seinem ureigensten Produktionsgebiet zu verdrängen vermögen. Durch eine derartige Entwicklung, die dem Konzentrationsprozefs des Kapitals zunächst 1 U. I, 143. Dreiunddreilsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. entgegenwirken könnte, würde gleichsam ein zweiter Feind des Handwerks mobil gemacht, der, aus seinen eigenen Reihen erstanden, ihm in den Rücken fiele. * * * So sind wir denn in diesem Abschnitt abermals zu dem Schlufsergebnis gekommen, dafs auch die Quantitätsvorzüge der kapitalistischen Unternehmung aufser allem Zweifel sind; d. h. auch in der Preisgestaltung das Handwerk kaum an einer Stelle seinen Konkurrenten überlegen ist. Es mag sich um Produktionsfaktorenverbilligung oder Produktionsverbilligung, bei jener um die Beschaffung der sachlichen oder der persönlichen, bei dieser um Quantitäts- oder Qualitätsvorzüge handeln: immer sehen wir die Situation zu Gunsten der kapitalistischen Unternehmung sich gestalten. Sodafs uns jetzt im Grunde nur noch eines wunderbar erscheinen mufs: wie es nämlich zu erklären ist, dafs trotz dieser offenbaren Überlegenheit der kapitalistischen Produktionsweise doch noch immer so viel Handwerk standgehalten hat, wie es thatsäch- lich der Fall ist. Die Aufhellung dieses Phänomens soll im folgenden Abschnitte noch versucht werden. Es wird sich dabei um die Aufdeckung desjenigen handeln, was man die Hemmungen nennen kann, denen die natürliche kapitalistische Entwicklung in der Gegenwart ausgesetzt ist. Vierter Abschnitt. Hemmungen. Vierunddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen auf Seite der Nachfrage. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung nenne ich solche Verumständungen, die es bewirken, dafs das Handwerk sich am Lehen zu erhalten vermag, trotzdem die objektiven (homogenen) Bedingungen kapitalistischer Produktion erfüllt sind. Dafs letztere sich dort nicht entfaltet, wo ihr die Existenzbedingungen fehlen, wo also insbesondere noch der für ihr Gedeihen erforderliche Intensitätsgrad des Wirtschaftslebens nicht erreicht ist, ist selbstverständlich, es auszusprechen, ein Truism, es im einzelnen nachzuweisen, Überflufs. Jedermann sieht, dafs die Widerstandskraft derjenigen Handwerke in extensiven Konsumtionsgebieten, deren Erzeugnisse aus physischen oder ökonomischen Gründen eine geringe oder gar keine Transportfähigkeit aufweisen, mit jener Thatsache in Verbindung steht; jedermann weifs, dafs die Flick- und Reparaturarbeit, die heute zu neun Zehntel das Arbeitsfeld der Handwerker bildet, aus denselben Gründen ihm verblieben ist. Der Zweck unserer Ausführungen war aber des ferneren der, nachzuweisen, dafs es sich in allen Fällen solcherart um Zeitfragen handelt, dafs die Tendenz der gesamten ökonomischen Entwicklung auf eine schrittweise Erfüllung der für die kapitalistische Produktionsweise unentbehrlichen Bedingungen gerichtet ist. Also darum handelt es sich nicht. Vielmehr interessiert uns hier die seltsame Beobachtung, die wir täglich machen können, dafs, auch Vierunddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen etc. 541 dort, wo jene (homogenen) Bedingungen längst erfüllt sind, wo „theoretisch“ längst von handwerksmäfsiger Produktion keine Rede mehr sein sollte, wir diese doch noch antreffen. Wie in aller Welt erklärt es sich, dafs in einer Grofsstadt noch ein einziger handwerksmäfsiger Friseur, ein einziger handwerksmäfsiger Bäcker, Fleischer, Tischler, Schlosser sein Dasein fristet, die letzteren, soweit sie keine reinen Reparaturhandwerker sind? Die allgemeine Antwort auf diese Frage wird die sein müssen: dafs es offenbar noch andere als die in den beiden vorangehenden Abschnitten auseinandergesetzten Gründe für das Obsiegen im Konkurrenzkampf geben wird, anders ausgedrückt, unter Anlehnung an die im Geleitwort entwickelten Gedankengänge: dafs heterogene Bedingungen von einer Stärke sich entfalten, die im stände ist, die Wirksamkeit der homogenen Bedingungen zu paralysieren. Solcherart Hemmungen lassen sich nun zwei Gruppen unterscheiden: 1. Hemmungen, die auf seiten der Nachfrage, 2. Hemmungen, die auf seiten des Angebots wirken. Die ersteren kann ich kurz erledigen. Man begegnet hier häufig dem Hinweis, dafs eine „decen- tralisierte“ Produktion der Bequemlichkeit des Publikums entgegenkomme, dafs sich das Handwerk oft deshalb am Leben erhalte, weil jeder seinen Friseur, seinen Bäcker, seinen Fleischer in der Nähe haben wolle. Das ist unklar gedacht. Erstens will das keineswegs jedermann, die meisten lassen sich auf dem Wege aus dem Geschäft rasieren, die Hausfrauen haben sich schon lange gewöhnt, in den Markthallen ihr Fleisch zu kaufen und die Bäcker schicken in die entferntesten Stadtteile ihre Wagen oder ihre Austräger. Zweitens kann auch das kapitalistische Unternehmen sehr wohl dem Bedürfnisse einer Decentralisation seiner Betriebsstätten nachkommen: dazu sind Filialen da. Die wahren Gründe für das vielfach auffallend langsame Vordringen kapitalistischer Organisation scheinen mir, soweit sie auf Seite der Nachfrage wirken, vor allem in folgenden Konsumtionsraomenten zu liegen: 1. Überall dort, wo die kapitalistische Unternehmung uns besser, dafür aber teurer liefert, fehlen bei unserem heutigen Reichtumsniveau doch noch die Käufer, die nötig sind, um genügenden Absatz zu garantieren. Das gilt für einen grofsen Teil der qualitativ hochstehenden Tischlerei, Schlosserei, Bäckerei, Fleischerei, Schneiderei etc. etc. Erst in dem Mafse, wie die 542 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. wohlhabenden Schichten anwachsen, die über das Preisniveau des alten Handwerks hinaus zu zahlen vermögen, wird der Boden für die kapitalistische Unternehmung, soweit sie Qualitätsware liefert, bereitet. 2. Auch wo die finanzielle Möglichkeit schon heute vorläge, die Leistung der kapitalistischen Unternehmung zu bezahlen, bleibt dem Handwerk sein Bestand gesichert dank der weitverbreiteten Unempfindlichkeit der Kundschaft gegenüber seinen minderwertigen Leistungen. Es ist ja geradezu erstaunlich, bis zu welchem Grade die Langmut des Publikums, insbesondere, scheint’s mir, des deutschen sich erstreckt, wenn es gilt, die miserablen Waren oder Darbietungen handwerksmäfsiger Produzenten zu ertragen. Wie langsam wächst erst eine Generation von Leuten heran, die wirklich Empfinden haben für die Ungeheuerlichkeiten, die ihnen ihr Schneider oder Schuster alter Observanz auf den Leib hängen! Wie gänzlich verständnislos ist auch die wohlhabende, sog. gute Gesellschaft vielfach noch heute gegenüber dem, was gutes Backwerk, gutes Fleisch ist. Sie essen Tag aus, Tag ein unverdrossen denselben Frafs weiter, den ihnen ihr Handwerker ins Haus liefert. Die Leute, denen es Unbehagen bereitet, zum Nachtmahl Weifsbrot vom Morgen zu essen, lassen sich f zählen. Bei wie wenigen ist das Gefühl für Sauberkeit und Accuratesse, von Komfort und Eleganz gar nicht zu reden, so weit entwickelt, dafs es sie ekelt vor den Höhlen unserer meisten grofsstädtischen Frisierstuben. Man sehe sich doch dasselbe Publikum auf Reisen, in den Restaurationen an! Auch hier ästhetischer Stumpfsinn und nicht die leiseste Ahnung von dem, was der Kulturmensch von seiner Umgebung fordert. An diesen Kulturbarbaren hat das Handwerk vielerorts noch einen ganz vortrefflichen Rückhalt. Hier bedeutet also Fortschritt in der Civili- sierung des Publikums Umbildung der Existenzbedingungen zu Gunsten des Kapitalismus. 3. Eine dritte Hemmung durch Konsumtionseigenarten dürfen wir in dem Umstande erblicken, dafs das Publikum häufig i genug dem Handwerker einen teureren Preis bezahlt für die gleiche Leistung, die es im Laden oder in der Fabrik billiger sich verschaffen könnte. Hier profitiert also der Handwerker davon, dafs eine Preisnivellierung verhindert wird. Die mannigfachen Gründe, die zu diesem Erfolge beitragen können — Mifs- trauen, Unkenntnis, Trägheit, Gewöhnung, Anhänglichkeit — sind bekannt und ihrer Erörterung sind zahlreiche scharfsinnige Unter- Vierunddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen etc. 543 suchungen gewidmet worden 1 , sodafs es sich hier erübrigt, des weiteren davon zu handeln. Zu bemerken wäre nur, dafs die einer Preisnivellierung entgegenwirkenden Tendenzen ebenfalls in dem Mafse schwächer werden, in dem die kapitalistische Entwicklung fortschreitet. Dagegen werden wir uns nun um einiges länger bei einer Erörterung der Hemmungen auf der Produktionsseite aufzuhalten haben. Hier würde es sich also um die Feststellung handeln, dass es dem Handwerk in einzelnen Fällen gelingt, die der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlichen Qualitäts- oder Quantitätsvorzüge sich doch auf irgend eine Weise zu eigen zu machen, d. h. also allen Entwicklungstendenzen zum Trotz, die, wie wir gesehen haben, die Produktionsbedingungen durchgängig zu Ungunsten des Handwerks gestalten, sei es besser, sei es billiger als die kapitalistische Unternehmung, bezw. wenigstens ebenso gut oder ebenso billig wie diese zu produzieren. Auf die Frage, wie solches Wunder sich ereignen könne, geben Theorie und Leben, oder wenn man lieber will: Glauben und Wissen verschiedene Antworten. Danach wird die folgende Untersuchung in zwei Teile zerfallen müssen: der erste handelt dann von den imaginären Hemmungen, der zweite von den effektiven Hemmungen. In dem ersteren soll das Problem der Handwerkergenossenschaften im Zusammenhänge erörtert werden, während der andere dasjenige enthalten wird, was man die Organverkümmerung oder den Verkrüppelungsprozefs des Handwerks nennen kann. 1 Ygl. vor allem die gründlichen Auseinandersetzungen hei J. Neu- mann, Die Gestaltung des Preises in Schönhergs Handbuch der politischen Ökonomie. Band I. Fünfunddreifsigtes Kapitel. Der Traum von den Handwerkergenossenschaften. Zu den grandiosesten Irrtümern der modernen Nationalökonomie gehört der Wahnglaube, es könne das Handwerk gegenüber der kapitalistischen Unternehmung, „dem Grofsbetriebe“, konkurrenzfähig erhalten werden durch genossenschaftlichen Zusammenschlufs. Es beruht auf dem Grundgedanken, dafs viele Kleine zusammen einen Grofsen bilden, und hat als Leitmotiv die Bauernregel, dafs Einigkeit stark mache. Die Kreuzung zwischen Handwerk und Genossenschaftsidee ist specifisch deutschen Ursprungs. Sie entstand in den 1840 er Jahren, als das deutsche Handwerk als ganzes die ersten empfindlichen Stöfse auszuhalten hatte und doch nicht mehr oder nicht mehr völlig den Schutz der alten Zunftverfassung genofs. „Zwei Übelstände sind es vorzugsweise“, schreibt derjenige Autor, bei dem ich die späteren Gedankengänge zuerst in systematischer Ordnung finde 1 , „welche auf dem kleineren Handwerker heutzutage drückend lasten und denselben leicht in die geschilderte traurige Lage stürzen . . . Diese beiden Umstände sind: Mangel an Gelegenheit zu vorteilhaftem Absatz (!) und Entbehrung zureichender Geldmittel . . . Soll diesem Übelstande gesteuert werden, so mufs solchen kleinen Meistern Gelegenheit geboten werden, ihre Erzeugnisse schneller 1 Fr. Daei, Uber Association im Gewerbewesen, namentlich Industriehallen und gemeinsame Werkstätten in Rau-Hanssens, Archiv für politische Ökonomie. N. F. ßd. VIII, auch separat erschienen 1848. Die Schrift Daeis scheint keinem der Historiker des deutschen Genossenschaftswesens bekannt geworden zu sein. Wenigstens finde ich sie weder erwähnt bei H. Crüger, Die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in den einzelnen Ländern. 1892, noch bei H. Zeidler, Geschichte des deutschen Genossenschaftswesens. 1898, noch ist sie enthalten in der Übersicht über die ältere Genossenschaftslitteratur, die K. Knies, Der Credit 2 (1879), 288 giebt. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 545 und besser als bisher zu verwerten. Aufserdem mufs es ihnen aber auch möglich gemacht werden, zum Ankauf von Materialien und desgleichen zur Bestreitung der Auslagen einer Haushaltung sich gegen mäfsige Zinsen die erforderlichen Geldmittel zu verschaffen. Diesen beiden Aufgaben zu genügen, hat man in neuerer Zeit ebenfalls das Mittel der Association versucht und an mehreren Orten sog. Industrie-, Gewerbs- und Verkaufshallen begründet 1 .“ Im weiteren Verlauf der Schrift finden sich dann die meisten Arten von Handwerkergenossenschaften aufgezählt und angepriesen, die man seitdem aus der Praxis kennt und als deren Vater gemeinhin Schulze aus Delitzsch genannt zu werden pflegt 2 3 * * . Es sind dies wie bekannt: 1. Kreditgenossenschaften; 2. Rohstoffgenossenschaften; 3. Werkzeuggenossenschaften; 4. Werk- (Produktiv-)genossenschaften; 5. Absatz- (Magazin-)genossensc.haften. Die letzten vier Arten kann man als Betriebsgenossenschaften zusammenfassen und den Kreditgenossenschaften gegenüberstellen. Bei einer Würdigung der genannten Bestrebungen wird man gut thun, diese beiden Kategorien getrennt zu behandeln, da sie, wie sich zeigen wird, herzlich wenig Berührungspunkte miteinander haben. Jedenfalls sind die Probleme, die sie stellen, ganz und gar von einander verschieden und nur die unglückliche Vereinigung unter den nichtssagenden Sammelbegriff der „Genossenschaft“ hat Dinge zusammengestellt, die innerlich weltenfern von einander abliegen. Während nämlich in den Betriebsgenossenschaften that- sächlich die Idee der genossenschaftlichen Produktion den Kernpunkt des Problems bildet, ist diese bei den Kreditgenossenschaften ein zufälliges Moment. Bei letzteren ist das Entscheidende die Kreditbeschaffung, die zwar meist in unserem Falle durch genossenschaftliche Organisation der Beteiligten erfolgt, aber keineswegs immer nur in dieser Form zu erfolgen braucht; vielmehr kann auch durch staatliche oder städtische Anstalten derselbe Zweck erreicht werden 8 . Haben wir also im ersteren Falle unsere wissenschaft- 1 a. a. 0. S. 10/11. 2 H. Schulze, Mitteilungen über gewerbliche und Arbeiterassociationen. 1850. Derselbe, Assoziationsbucb für deutsche Handwerker und Arbeiter, 1853 und zahlreiche spätere Schriften. 3 In dem Augenblick, in dem ich dies schreibe (Oktober 1900), liegt der Breslauer Stadtverordnetenversammlung der Antrag vor: den Magistrat zu er- Sombart, Ber moderne Kapitalismus. II. 35 546 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. liehe Untersuchung auf die Frage einzustellen: welche Bedeutung hat für die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks der genossenschaftliche Betrieb (in einzelnen Punkten oder im ganzen), so lautet das Thema im letzteren Falle: welche Bedeutung für die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks hat eine erleichterte Kreditbeschaffung. I. Die Bedeutung des Kredits für das Handwerk. Unterstellt wird, dafs alleäufserenHindernisse, die einer den Bedürfnissen des Handwerks entsprechenden Kreditbeschaffung im Wege stehen, sei es durch genossenschaftliche, sei es durch gemeinwirtschaftliche Veranstaltungen aus dem Wege geräumt seien *, der Handwerker somit denjenigen Kredit im vollen Mafse empfange, dessen er fähig ist. So entsteht die Frage, was ihm damit geholfen sei. Um darauf die Antwort zu geben, wird es zweckmäfsig sein, sich eine einigermafsen klare Vorstellung von den Leistungen des Kredits zu machen, eine klarere, als sie bei den meisten Theoretikern des Handwerks sich vorzufinden pflegt. Was man gemeinhin unter der Bezeichnung des produktiven Kredits zusammenfafst, ist keineswegs gleichen Wesens, wenn man die Funktion in Rücksicht zieht, die die dargeliehene Wertsumme im Produktionsprozesse auszuüben bestimmt ist. Diese Funktion suchen, hei der „Städtischen Bank“ eine Einrichtung zu treffen, wonach Gewerbetreibenden und kleineren Kaufleuten hiesiger Stadt Darlehne von 300 bis 3000 Mark gegen Bürgschaft zu mäfsigen Zinsen und zu ratenweiser Zurückzahlung gewährt werden. Hierfür soll ein Kapital von einer Million Mark in Aussicht genommen werden. (Der Antrag wurde abgelehnt.) 1 Dafs dies in Deutschland heute thatsächlich der Fall sei, unterliegt für mich keinem Zweifel. Insbesondere bieten die Schulze-Delitzschen Darlehnskassen dem Handwerker alle vernünftigerweise zu verlangende Kulanz. Die 128712 selbständigen „Handwerker“, die im Jahre 1900 Mitglieder dieser Kassen waren, stellen denn auch m. E. alles dar, was auch nur von ferne im deutschen Handwerk Kreditwürdigkeit besitzt. Dazu kommen noch in Preufsen die von den Regierungsorganen in die Höhe getriebenen Innungs- und ähnlichen Handwerkerbanken, denen als Vermittlungsstelle die durch Gesetz vom 31. Juli 1895 ins Leben gerufene staatliche Centralgenossenschaftskasse wertvolle Unterstützung leistet. Der Umsatz der C.G.K. überstieg im Etatsjahr 1901 bereits 4 Milliarden Mk. (4010 245 360,10 Mk.) S. Erläuterungen zu dem „Etat der Verwaltungs-Einnahmen und Ausgaben der preufsischen Central-Genossenschafts- kasse für das Etatsjahr 1902.“ S. 8. Vgl. über die genannte Einrichtung Heiligenstadt (jetziger Direktor), Die preüfsische Centralgenossenschaftskasse. 1897. Eine dankenswerte ausführliche Darlegung des heutigen Standes des genossenschaftlichen Kredits für Handwerker enthält die Schrift von A. Retzbach, Die Handwerker und die Kreditgenossenschaften. 1899. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 547 kann lediglich darin bestehen, die produktive Verwendung eines vorhandenen Sachvermögens zu erleichtern, oder aber darin, den Betrag eines bestimmten produktiv angelegten Sachvermögens zu vergröfsern. Ich will den Kredit im ersteren Falle Cirkulati ons- kredit, im letzteren Produktions kr edit nennen. Der Cirkulationskredit, wie es der Name ausdrückt, soll dazu dienen, die Stadien, die das Produkt sich in der Cirkulationssphäre befindet, für den Produzenten abzukürzen. Mit anderen Worten: mittels des Cirkulationskredits soll dem Produzenten das für seine Existenz bezw. die Weiterführung seiner Produktion erforderliche Bargeld zufliefsen. Das ist der Zweck aller Lombard- und des meisten Wechselkredits. In diesen Fällen wird die Summe der Werte, über die der Produzent verfügt, für diesen nicht vergröfsert; im Gegenteil: sie wird um den Zinsbetrag verringert. Nur dafs sich die Form ändert; dafs die Werte die Metamorphose aus den Waren- in die Geldform vollziehen, eher, als es ohne die Vermittlung des Kredits der Fall sein würde. Es ist bekannt, welche bedeutsame Rolle der Kredit in dieser seiner Eigenschaft als Cirkulationskredit im modernen Geschäftsleben spielt; wie er das Schwungrad ist, das der Produktionsmaschinerie über die sonst notgedrungen eintretenden toten Punkte hinweghilft, und wie er allerdings auch dadurch produktionssteigernd wirkt, dafs er die Reproduktionsperioden des produktiven Sachvermögens (in der kapitalistischen Unternehmung des Kapitals) abkürzt und dadurch die Intensität der Produktion durch Beschleunigung des Produktionstempos vermehrt. Hat dieser Cirkulationskredit überall im modernen Wirtschaftsleben seine grofse Bedeutung, so in ganz besonders hervorragendem Mafse in der Landwirtschaft, wo er die übermäfsige Länge der natürlichen durch die Wachstumsperioden gegebenen Reproduktionsperioden abkürzen hilft. Diesen Cirkulationskredit haben nun die genossenschaftlichen Kreditorganisationen, namentlich auch die Schulzeschen Darlehenskassen, den Kleinproduzenten in erster Linie zugänglich machen wollen 1 . Und sie haben ihr Ziel in ländlichen Kreisen 1 In den Schulze’schen Vorschufsvereinen war die Frist der Kreditgewährung ursprünglich 3 Monat; erst allmählich ist sie auf 6 und 12 Monat verlängert worden. „Dies war besonders wichtig für die Heranziehung der Landwirte als Mitglieder; denn ist auch grundsätzlich zwischen gewerblichem und landwirtschaftlichem Kredit kein Unterschied (?), so kann doch nach der Natur des Betriebes der Landwirt in der Regel erst nach 9—15 Monaten an. 35* 548 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. offenbar zu Dank der Beteiligten erreicht. Der Löwenanteil der kreditgenossenschaftlichen Entwicklung fällt bekanntlich auf die Landwirtschaft. Dagegen hat in Handwerkerkreisen derartige Kreditgewährung augenscheinlicherweise die gehegten Erwartungen nicht erfüllt. So schreibt ein guter Kenner des deutschen Handwerks * 1 : „Auch wo Kreditvereine bestehen, sind keineswegs alle Hoffnungen in Erfüllung gegangen, die man im Interesse der des Personalkredits bedürftigen Erwerbsklassen gehegt hatte. In den Schulze-Delitzschen Vereinen sind die Handwerker, für die diese Kreditorganisation hauptsächlich ins Leben gerufen worden war, sehr zurückgedrängt worden. Sei es, dafs die mancherlei Krisen, die über die Kreditvereine zeitweilig hereingebrochen sind, die Handwerker abschrecken, sei es, dafs die Aufnahmebedingungen allzu sehr verschärft worden sind, dafs der heutige Handwerker die Bedingungen nicht erfüllen kann, welche diese Vereine nach ihrer Organisation stellen müssen, sei es schliefslich, dafs der kurzfristige Kredit, der dort zu haben ist, dem Handwerker wenig helfen kann, Thatsache ist, dafs die Handwerker in diesen Vereinigungen wohlhabenden Mitgliedern Platz gemacht haben. Im Jahre 1871 betrug die Zahl der Handwerker im Mitgliederbestände der Schulze-Delitzschen Kreditvereine 36,8 °/o, 1894 war der Anteil auf 26,3% zurückgegangen 2 .“ Und in der That: was sollte denn auch ein derartiger Kredit dem Handwerk nützen, das um seine Existenz kämpfte? Ein kulanter Cirkulationskredit kann wohl aus einem schlecht geführten Handwerksbetriebe einen gut geführten machen , aber was er nie vermag, ist: einen Handwerker über sich selber hinaus zu heben, einem Handwerksbetrieb diejenige Vermögensbasis zu geben, die ihn im Konkurrenzkämpfe mit dem Kapitalismus widerstandsfähiger macht, kurz einen Handwerker in einen kapitalistischen Unternehmer umzuwandeln. Und darauf kommt’s doch im Grunde an. die Rückzahlung denken, da sein Betriebskapital sich zum gröfsten Teil nur einmal im Jahre umsetzt.“ Schulze-Delitzsch (H. Crüger), Vorschufs- und Kreditvereine als Volkshanken. 6. Aufl. 1897. S. 183. 1 Hugo Böttger, Die preufsische Central-Genossenschaftskasse in Schmollers Jahrbuch XX (1896). 229/30. 2 Zu Beginn 1900 war er schon auf 25,7 °/o gesunken; zu Beginn 1901 auf 25,5%. Vgl. Jahrbuch des Allgem. Verbandes der auf Selbsthilfe beruhenden Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften für 1900. S. 143 hezw. S. XXI. Fünfunddrcifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 540 Sollte man denn aber vom Kredit in irgend einer Form nicht doch eine derartige Transsubstantiation erwarten dürfen? Sieht man nicht täglich, wie durch die Inanspruchnahme des Kredits eine ungeheure Ausweitung des Produktionsspielraums stattfindet? Wie der Produktionskredit thatsächlich die Basis des produktiven Sachvermögens, sei es bei der Anlage, sei es bei dem Betriebe einer Produktions Wirtschaft verbreitern hilft? Wie er vermögenslosen Personen die Unterlage für die gewagtesten Unternehmungen verschafft ? Warum in aller Welt soll der Kredit nicht auch die kleine Schwäche des Handwerks, seine „Kapitallosigkeit“, mit seiner wunderthätigen Wirkung aus der Welt schaffen können? Das ist offenbar noch heute die Auffassung vieler guter Menschen. Und warum sollte sie auch nicht? Ist es doch noch gar nicht so lange her, dafs eine bestimmte Richtung der Nationalökonomie ganz ähnliche Chimären als wissenschaftliche Wahrheiten verkündete. Hat doch ein seiner Zeit gefeierter Vertreter der nationalökonomischen Wissenschaft, Bruno Hildebrand, es fertig gebracht, folgende Sätze niederzuschreiben 1 : „Es giebt 1 B. Hildebrand, Naturalwirtschaft, Geldwirtschaft und Kreditwirtschaft in seinen Jahrbüchern. Bd. II (1864), S. 22. Wenn die wissenschaftliche Nationalökonomie solche Leistungen zu Tage förderte, wie die oben citierte Entgleisung Hildebrands, so darf man sich nicht wundern, wenn in der Laien- und Halblaienwelt die abenteuerlichsten Anschauungen vom Wesen des Kredits sich bildeten, die dann den überschwenglichsten Hoffnungen Nahrung gaben. Um nur ein Beispiel aus der neuen Litteratur vorzuführen: es ist der Vorschlag gemacht, sämtliche Handwerksbetriebe auf dem Wege des Kredits gleichsam in „Stille Gesellschaften“ umzuwandeln, d. h. dem Handwerker die nötige Financierung statt mittels kündbarer Darlehen, mittels „Einlagen“ zu besorgen, die auch dann oder gerade dann nicht herausgezogen würden, wenn sich der Handwerksbetrieb nicht rentiert, „weil ja die Einlagen des Kapitalisten ebenso sinken, wie der Wert der wirtschaftlichen Anlagen der Produzenten“. Da es nun dem Verkündiger dieses rettenden Gedankens doch unsicher erscheint, ob sich unter den angegebenen Bedingungen die notwendige Anzahl von Kapitalisten finden werde, um das Handwerk wieder flott zu machen, so soll der Staat vermittelnd dazwischen treten. „Der Staat benutzt den Kredit, den er als solcher geniefst, um in der Form des festverzinslichen und in vollem Betrage jeder Zeit fälligen (!) Darlehens den Kassen Kapital zuzuführen, welche zur Unterstützung der Produktivstände eingerichtet werden; läfst es also nicht in Gestalt von Darlehen ausgehen . . ., sondern als „Einlagen“ . . . Der Staat bleibt also der Socius der Produktion, gleichen Schritt mit derselben haltend, stets zur Seite, bald schnell vorwärtsgehend, bald stillstehend, bald vielleicht einen Schritt zurückgehend; er selbst jedoch leistet seinen Gläubigern einen festen Zins“ .. . Weiter kann der absolute Blödsinn wohl nicht auf die Spitze getrieben werden. Es erscheint mir ein Gebot der Menschenfreundlichkeit, den 550 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. nicht nur einen Kredit für den, der etwas hat, sondern auch für den, der etwas ist. Auch die sittlichen (!) Eigenschaften der Menschen können den Kredit begründen und dem Verkäufer oder Darleiher als hinreichende Bürgschaft für die Wiedererstattung seiner Werte gelten. Es kann ein Umsatz im Vertrauen auf die künftigen Leistungen eines Menschen stattfinden. Wird dieser persönliche oder vielmehr moralische Kredit ausgebildet und durch Bank- oder Kreditinstitute wie die gegenwärtigen Spar- und Leihkassen der Schweiz oder die deutschen Vorschufs- und Kreditgenossenschaften realisiert, so hört das Monopol der Kapitalisten, die Kluft zwischen Eigentümern und Nichteigentümern auf. Der moralische (!) Wert des Menschen erhält die Kraft des Kapitals. Die Besitzfähigkeit wird auch auf den Besitzlosen übertragen. Der redliche und befähigte Arbeiter ist ebenso wie der Kapitalist im stände, selbst Unternehmer zu werden und aufser seinem Arbeitslöhne eine Besitzrente zu beziehen.“ In Wirklichkeit ist ungefähr das Gegenteil eingetroffen von dem, was hier prophezeit wurde. Der Kredit ist einer der mächtigsten Hebel für die Entwicklung des Kapitalismus geworden, aus Gründen, deren Erörterung nicht hierher gehört * 1 . Man hat freilich den Kredit Wunder vollbringen sehen, aber Wunder kapitalistischen Unternehmungsgeistes, bei deren Bethätigung man denn auch allmählich die Grenzen kennen gelernt hat, an die die Ausdehnungsfähigkeit eines rationellen Produktionskredits doch immerhin gebunden bleibt. Man weifs jetzt, dafs nicht „der moralische Wert des Menschen“ über seine Kreditwürdigkeit entscheidet, sondern mindestens seine kaufmännisch-organisatorischen Fähigkeiten, dafs aber auch diese keineswegs genügen, um eine schrankenlose Kreditgewährung zuzulassen. Wenn Schäffle den Satz formuliert hat: die Grenze der Kredits liegt an der Grenze der Wahrscheinlichkeit des späteren Zählens, so möchte ich ergänzend hinzufügen: und die Grenze der Wahrscheinlichkeit des späteren Zählens liegt an der Grenze der Expansionsfähigkeit eines Unternehmens: diese aber wird nicht nur durch die persönlichen Eigenschaften des Unter- Verfasser jener Schrift, der obige Stellen entnommen sind, nicht noch durch Nennung seines Namens dem Gespötte weiterer Kreise preis zu geben. 1 Man vergleiche die etwa gleichzeitig mit dem Hildebrandsclien Aufsatz geschriebenen Ausführungen bei Karl Marx, Kapital III, 1. 422 ff., die schon ein eindringendes Verständnis von dem Wesen des Kredits und seiner Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung verraten. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 551 nehmers, sondern mindestens ebensosehr von der Aufnahmefähigkeit des Marktes bestimmt, sodafs die Kreditgewährung neben ihrer subjektiven auch ihre objektive Schranke findet. Wenden wir nun diese selbstverständlichen Sätze auf den vorliegenden Fall an, auf die Frage nach der Kreditfähigkeit des Handwerkers, so müssen wir bei ruhiger Überlegung zu der Überzeugung gelangen, dafs es ein geradezu ungeheuerlicher Gedanke ist, die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks mittels Gewährung von Produktionskredit steigern zu wollen. Was der Kredit hier leisten müfste, wäre nach dem, was früher ausgeführt wurde, die Umwandlung der Handwerksbetriebe zum mindesten in klein kapitalistische Unternehmungen, von denen wir wissen, dafs sie unter besonders günstigen Bedingungen widerstandsfähig sind. Ich will nun gar nicht in Betracht ziehen, dafs es selbstverständlich nicht das Handwerk retten hiefse, wenn an seine Stelle eine entsprechende Anzahl kleinkapitalistischer Unternehmungen träte; ich will auch die formale Schwierigkeit als behoben annehmen, ein paar Millionen Handwerkern die Mindestvermögen für die Durchführung je einer kleinkapitalistischen Unternehmung zu beschaffen, will vielmehr nur die Frage aufwerfen, ob principiell ein solcher Gedanke ausführbar erscheint, alle Handwerker zu Kleinkapitalisten zu machen. Denken wir uns den Plan einen Augenblick realisiert, so würde damit zunächst eine ungeheure Steigerung der Produktion auf dem dem Handwerk eigentümlichen Gebiete eintreten, d. h. also eine entsprechende Erschwerung des Absatzes, eine Verschärfung der Konkurrenz. Die neugebackenen kleinen Unternehmungen würden von vornherein einem Feuer ausgesetzt werden, dem sie nicht stand zu halten vermöchten. Die Kreditoperation würde mit einem furchtbaren Krach endigen, da vier Fünftel der neuen Gebilde zahlungsunfähig werden müfste. Der volkswirtschaftliche Effekt aber würde eine beschleunigte Etablierung grofskapitalistischer Unternehmungen sein. Diese Wirkung aber müfste um so unvermeidlicher eintreten, als von den emporgehobenen kleinen Produzenten der überwiegende Teil auch gar nicht die persönlichen Fähigkeiten mitbrächte, einen Konkurrenzkampf mit gewiegten Unternehmern auszuhalten. Denn aller Kredit vermag doch niemals einen Handwerker persönlich in einen kapitalistischen Unternehmer zu verwandeln, was er doch müfste, wenn sein Zweck voll erfüllt werden sollte. Zu glauben, dafs allein die Darreichung eines entsprechenden Sachvermögens die Konkurrenzfähigkeit begründe, heifst denn doch den 552 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Anteil erheblich unterschätzen, den die persönlichen Qualitäten des Produktionsleiters an dem Erfolge haben. Gilt das allgemein für jede Produktionswirtschaft, so in erhöhtem Grade für die kleinsten Gebilde kapitalistischen Charakters. Man wird den Satz aufstellen können, dafs in gewissem Sinne die Anforderungen an die persönlichen Fähigkeiten des Unternehmers im umgekehrten Verhältnisse zur Gröfse seines Unternehmens stehen, dafs jedenfalls die Existenzfähigkeit dessen, was wir kleinkapitalistische Unternehmungen nennen, an die Voraussetzung einer gesteigerten persönlichen Begabung und Energie des Leiters geknüpft ist, und zwar Begabung nicht für technisches Arbeiten, sondern für die Bewältigung der von der modernen kapitalistischen Wirtschaftsweise gestellten spekulativ- kaufmännischen Aufgaben. Wie man also auch das Problem anfassen mag, immer führt eine vorurteilslose Prüfung zu demselben Ergebnis, dafs es eine Utopie ist, an die „Rettung des Handwerks“ mit Hilfe des Kredits zu glauben. Was vielmehr in Wirklichkeit der Kredit zu leisten vermag und was er bei ungehinderter Entwicklung auch thatsäch- lich leisten wird, ist eine Beschleunigung des Zersetzungsprozesses, in dem sich das Handwerk befindet. Mit seiner Hilfe nämlich wird die Bildung einer beschränkten Anzahl kleinkapitalistischer Unternehmungen, d. h. also, wird sich die Auslese der lebensfähigen Elemente unter den Handwerkern rascher vollziehen können, als es sonst der Fall sein würde. Was wir als wahrscheinliche Wirkung der modernen Maschinentechnik glaubten hinstellen zu sollen, erscheint somit auch als der einzige Effekt, den der Kredit auf die Entwicklung des Handwerks ausüben kann: seinen Todeskampf abzukürzen, dadurch, dafs man die für kapitalistische Lebensweise geeigneten Persönlichkeiten rascher von den Fesseln hand- werksmäfsiger Produktionsweise befreit. II. Die Bedeutung der Betriebsgenossenschaften für das Handwerk. Es sind hier zu behandeln die Genossenschaften für gemeinsamen Einkauf der Rohstoffe oder Werkzeuge, für gemeinsame Produktion und für gemeinsamen Absatz der Erzeugnisse. Unterstellt wird, dafs eine Verwirklichung der genossenschaftlichen Organisation thatsächlich eine Steigerung der Widerstandskraft des Handwerks im Gefolge habe 1 . Zu untersuchen ist: ob bezw. bis zu welchem 1 Dafs dies immerhin nur in beschränktem Maße der Fall sein würde, kann nach dem, was wir über die Gründe des Niedergangs handwerksmäfsiger Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 553 Umfange die Anwendung dieses Mittels für das Handwerk im Bereiche der Möglichkeit liegt. Befragen wir zunächst die Statistik, so ergiebt sich, dafs in Deutschland und Österreich, den beiden Ländern, in denen allein die Handwerkerbetriebsgenossenschaft von irgend welcher Bedeutung ist, bis heute von einer nennenswerten Entwicklung überhaupt noch nicht die Rede ist. Die praktische Handwerkergenossenschaftsbewegung nimmt in Deutschland um dieselbe Zeit ihren Anfang, in der wir die ersten Äufserungen einer theoretischen Propaganda der Genossenschaftsidee hervortreten sehen: in den 1840er Jahren. Die ersten Genossenschaften, die von Handwerkern ins Leben gerufen wurden, waren (Tischler-)Magazingenossen- schäften, sog. Gewerbehallen, von denen die frühesten die 1841 in Mainz, 1843 „ Mannheim, 1845 „ Worms und Köln, 1846 „ Frankfurt a/M. und Wiesbaden begründeten sind * 1 . Die ersten Rohstoffvereine waren wohl die von Schulze in den Jahren 1849/50 geschaffenen Rohstoff bezugs- genossenschaften der Schuhmacher und Tischler in Delitzsch. Die Entwicklung der verschiedenen Kategorien von Handwerkergenossenschaften seit jener Zeit wird durch folgende Ziffern zum Ausdruck gebracht 2 . Produktion in Erfahrung gebracht haben, keinem Zweifel mehr unterliegen. Ganz abgesehen davon, dafs immer nur einzelne Handwerker überhaupt an den Segnungen der Betriebsgenossenschaften teil haben könnten, sojdarf doch nicht vergessen werden, dafs im besten Falle auch die genossenschaftliche Organisation dem Handwerker wiederum nur den Körper der kapitalistischen Unternehmung verleihen würde, aber nicht ihre Seele: die kaufmännische spekulative Qualifikation ihres Leiters. Und unzählige andere Eigenschaften der kapitalistischen Unternehmung, die dieser den Sieg im Konkurrenzkämpfe verschaffen, werden einer Handwerkergenossenschaft immer ahgehen: vor allem ist es die Yersatilität gegenüber Konjunkturen, gegenüber neuen Verfahrungsweisen, gegenüber der Gestaltung des Arbeitsmarktes etc., die immer eine Prärogative der kapitalistischen Unternehmung bleiben wird. 1 Danach sind die Angaben in Zeidlers und Crügers Geschichtsdarstellungen zu berichtigen. Ygl. F. Daei, a. a. 0., S. 11—19; ferner: „Die Gewerbehallen, ein Mittel zur Hebung des Gewerbestandes“ in den Schlesischen Provinzialhlättern 1847, S. 31 ff. 2 Vgl. Jahrbuch des Allgemeinen Verbandes etc. für 1899. S. IX. Desgl. für 1900 S. XIII f. XXX f. 554 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. 1. Gewerbliche Rohstoffgenossenschaften. Jahr Anzahl der bestehenden gew. Rolistoff- genossensch. Berichtende Rohstoff- genossensch. Mitgliederzahl Verkaufserlös Mk. Geschäftsguthaben d. Mitglieder Mk. Angelielienes Betriebskapital Mk. 1859 60 15 764 277 623 32 043 69 009 1870 152 17 733 1 041 357 265 801 329 573 1900 145 16 618 736 570 313 242 162059 2. Gewerbliche Magazingenossenschaften. Jahr Anzahl der bestehenden Magazin- genossensch. Berichtende Magazin- genossensch. Mitgliederzahl Verkaufserlös Mk. Geschäftsguthabend. Mitglieder Mk. Angeliehenes Betriebskapital Mk. 1863 12 2 181 201 273 13 455 67 131 1880 54 2 170 208 770 29 686 167 404 1900 79 4 163 212 936 83 674 272 557 Von den 16 berichtenden Rohstoffgenossenschaften entfielen (1900) 14 auf Schuhmacher, 1 auf Schneider, 1 auf Stellmacher 1 . Die Magazingenossenschaften bezwecken in ihrer grofsen Mehrzahl den gemeinsamen Möbelverkauf. V Aufserdem bestanden 1901 noch 66 gewerbliche Werkgenossenschaften 2 3 * : Von den 1900 neu errichteten Werkgenossenschaften sind 1 Schlachthaus-, 1 Schififerlade-, 1 Metallhandwerker-, 3 Elektrizitäts-, 1 Schreiner-, 1 Tuchmacher-, 1 Wagenbauer-, 1 Buchbindergenossenschaft und 4 Genossenschaften für die vereinigten Handwerker verschiedener Gewerbe. Die gewerblichen Produktivgenossenschaften, von denen nach den Angaben des Jahrbuchs (1901) 255 bestehen — 13 berichtende mit 1979 Mitgliedern hatten einen Verkaufserlös von 2 161108 Mark — scheinen in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht den Kreisen der Handwerker anzugehören: von den 13 berichtenden Genossenschaften waren 3 Buchdruckereien, 1 eine Tabakfabrik, 1 ein Handelsverein, 1 eine Weberei, 2 Brennereien, 1 eine Brauerei und nur 2 Bäckereien (davon 1 eine Konsumvereinsbäckerei), 1 eine llafner- und 1 eine Schuhmachergenossenschaft 8 . 1 Jahrbuch (für 1900) S. XXXIII. a Jahrbuch, XIII. 3 Jahrbuch, XIII. XXXIV. Eine ebenso eingehende Statistik der Handwerkergenossenschaften wie für Deutschland existiert m. W. für kein anderes Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 555 Diese Ziffern erscheinen auf den ersten Blick geradezu unglaublich: trotz emsigster Agitation abseiten zahlreicher Handwerkerfreunde, trotz allerhand Beihilfe abseiten der Regierung und ihrer Organe, bei der doch handgreiflichen und sonnenklaren Nützlichkeit dieser Einrichtungen (wie die theoretischen und praktischen Vertreter der Genossenschaftsidee nicht müde werden zu versichern) ist das Ergebnis nach einem halben Jahrhundert so gut wie null. Erst wenn wir dem Schicksal einzelner solcher genossenschaftlichen Gebilde nachforschen, erst wenn wir den Gründen auf die Spur zu kommen suchen, die hier den Untergang verschuldet, dort die gedeihliche Entwicklung aufgehalten haben, vermögen wir es zu begreifen, wie jenes totale Fiasco möglich gewesen ist. Unsere Quellen bieten ein reiches Material, aus dem sich mit Sicherheit ein Urteil über die Existenzbedingungen von Plandwerker- genossenschaften bilden läfst. Fassen wir die Gründe zusammen, die immer wieder für deren Untergang oder mangelhaftes Gedeihen angeführt werden, so ergeben sich — neben Indolenz der betreffenden Kreise, schlechter Verwaltung der Genossenschaften — vornehmlich folgende zwei: 1. gegenseitiges Mifstrauen der Genossen untereinander und daraus folgende Streitereien über Bevorzugung u. dergh, 2. Unverträglichkeit, insbesondere der gröfseren, „kapitalkräftigen“ Handwerksbetriebe mit dem Gros der kleinen Normal- und Unternormalmeister, die entweder den Sieg der Kleinen und damit den Untergang der Genossenschaft, oder den der Grofsen und damit deren „kapitalistische Ausartung“ im Gefolge gehabt hat. Das mögen einige beliebig herausgegriffene Belege bestätigen: „Gegen eine Verkaufsgenossenschaft — sc. der Schmiede in Nakel (Netze) — wendet man neben dem Mangel an jedem Anfangskapital besonders die Schwierigkeiten der Verwaltung ein. Man befürchtet eine Menge von Streitigkeiten über Benachteiligung einzelner Meister zu Gunsten anderer und sonstige Mifshelligkeit zwischen den Genossen * 1 .“ Hauptgrund für die Auflösung einer unter den sächsischen Gerbern gegründeten Absatzgenossenschaft für Häute war, „dafs die Leitung in ungeeignete Hände kam. Es hat fast den Anschein, Land. Über ihre Entwicklung in Österreich-Ungarn berichtet neuerdings C. Wrabetz, Die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in Österreich in dem Sammelwerk „Die sociale Verwaltung in Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts“. Bd. I. Heft III. 1900. S. 15 ff. 1 U. IV, 246. 556 Drittes Bucli. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. als wären die neuen Vorstände mehr auf ihren Vorteil bedacht gewesen, als auf den der Gesellschaft“. Seitdem sind alle kleineren Gerber mifstrauisch geworden h Die „gegenseitige Mifsgunst der Mitglieder, von denen jeder auf Kosten der Genossen für seine Person möglichst hohe Gewinne herausschlagen wollte, wie die Unehrlichkeit des Geschäftsführers veranlafsten die Auflösung der Assoziation“ sc. einer Produktivgenossenschaft der Schmiede in Prenzlau, die von 1847 bis 1864 bestand 1 2 . „Mit den Rohstoff- ^ genossenschaften — sc. in der Berliner Tischlerei — hat man . . . regelmäfsig ganz schlechte Erfahrungen gemacht, weil das Holz seiner grofsen Qualitätsunterschiede wegen zum gemeinsamen Einkauf wenig geeignet ist. Es entstand jedesmal grofser Hader unter den Beteiligten, weil jeder glaubte, betrogen zu sein und niemand die geringere Qualität nehmen wollte 3 .“ Bei den Magazingenossenschaften daselbst ist „Untergang oder kapitalistische Entartung . . . bisher stets das Loos gewesen“ 4 * . „Die Uneinigkeit und gegenseitige Mifsgunst ist unter den Gewerbetreibenden hier — sc. den Tischlern in Könitz — zu grofs, als dafs irgend eine genossenschaftliche Bestrebung, die nicht eine greifbare, gleich- mäfsige Förderung der Interessen aller erwarten liefse, sonderliche Aussicht auf Erfolg hätte 6 .“ y Bei den Nürnberger Schlossern hat keine genossenschaftliche Bildung Bestand. Der Grund dafür ist „ein tiefeingewurzeltes gegenseitiges Mifstrauen. Keiner will dem andern seine Arbeit sehen, keiner den andern irgend eine billige Bezugsquelle, einen besonderen Vorteil wissen lassen. . . . Gewöhnlich mufs man hören: Was nützt es denn, wenn wir Kleinen uns vereinigen wollen, die Grofsen, die das Geld haben, thun doch nicht mit“ 6 . Rohstoffgenossenschaften unter den Mainzer Tischlern haben sich nicht bewährt: „Die allgemeine Begründung ist die, dafs das Material sich dafür nicht eigene. Eine gleichmäfsige Verteilung des im grofsen angekauften Holzes ist unmöglich, weil kein Stück dem andern gleicht und jeder das bessere haben will, das schlechte aber keinen Abnehmer findet 7 .“ Auch die Mainzer 1 U. V, 467/69. 2 U. IV, 127. 3 ü. IV, 466 f. 4 U. IV, 469. 3 U. IV, 174. 6 ü. III, 465. 7 U. III, 338. Ort Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 557 Gevverbehalle (die älteste ihrer Art, gegründet 1841) will nicht recht gedeihen. „Neid und Kleinlichkeit treiben fortwährend ihr Spiel und eine Partei der Unzufriedenen hat stets zu nörgeln 1 .“ Eine Rohstoffgenossenschaft der Ulmer Schuster ging ein, „weil es Streit unter den Meistern gab, indem einzelne Meister die besseren Häute für sich Wegnahmen“ 2 . Eine Tischlerverkaufsgenossenschaft in Posen mifslang „infolge der Mifsgunst der Handwerker untereinander“ 3 . Eine Tapeziererrohstoffgenossenschaft in Berlin hatte dasselbe Schicksal. „Das Fehlschlagen ist in letzter Linie der Nichtbeteiligung der kapitalkräftigeren Handwerker zuzuschieben, die sich die Vorteile des direkten Rohstoffbezuges selbständig verschaffen können und auch durch das in der Genossenschaft liegende Bürgschaftsmoment Kapitalverluste befürchten 4 .“ Die Schuster in Loitz wollen nichts stoffbezug wissen: „Die Verteilung der würde zu Streitigkeiten führen 6 .“ Eine Magazingenossenschaft bestand unter den Tischlern in Augsburg von 1856 bis 1884. „Ursache des Niedergangs war der Austritt der leistungsfähigeren Mitglieder und Gründung von eigenen Magazinen durch dieselben, sowie Mifshelligkeiten unter den Mitgliedern 0 .“ Genügen diese Zeugnisse für das Verständnis der Vergangenheit und Gegenwart nun auch vollständig, so ist es, um sich ein Urteil zu bilden über die Aussichten der Handwerkergenossenschaften in der Zukunft, notwendig, den tiefer liegenden Ursachen jener Hinderungsmomente nachzuforschen, um auf die Wahrscheinlichkeit ihres Fortbestehens oder ihres Verschwindens schliefsen zu können. Die grofse Mehrzahl der Beurteiler kommt nun bei solcherart Beginnen zu folgendem Schlüsse: die Genossenschaften haben ersichtlicherweise bisher nicht floriert, weil der für ihr Gedeihen unumgänglich notwendige Gemeinschaftsgeist fehlte. Wo dieser vor- von gemeinsamem Rohungleichen Lederrollen 1 ü. III, 333. 2 U. III, 279. 3 U. I, 89. 4 U. I, 112. 6 U. I, 39. 6 U. III, 559. V=J 558 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. handen ist, wie etwa in der Landwirtschaft oder bei den Arbeitern, da beobachten wir auch eine lebhafte Entwicklung der Genossenschaften. Es gilt also nur, diesen Gemeinschaftsgeist zu pflegen, so werden auch dem Handwerk die Segnungen des Genossenschaftswesens zu teil werden können. Denn an sich ist eine Vereinigung von Gewerbetreibenden sogar leichter als die von Landwirten, „wegen ihrer geringeren lokalen Gebundenheit“. Voraussetzung sind nur „Fortschritte der Eintracht, also auch der Einsicht und Selbstbeherrschung“ h Von diesem Räsonnement enthält die erste Hälfte eine Tautologie (dafs der Mangel an Gemeingeist schuld am Niedergang der meisten Handwerkergenossenschaften ist), die zweite dagegen eine gefährliche Utopie: der Glaube, dafs dem Übelstande abzuhelfen sei durch „eine gewisse Umstimmung des ganzen Menschen hinsichtlich seines Grundcharakters“ (Kulemann). Dem Zweifler drängt sich beim Lesen solcher Worte sofort die Frage auf: wie kommt es denn, dafs in demselben Lande zu gleicher Zeit andere Gesellschaftsklassen jene Charakterstimmung schon besitzen, die man in dem Handwerkertum erst erzeugen will? Sind die Bauern, sind die Arbeiter so viel edlere Menschen, dafs sie voll des Gemeingeistes sind, der den Handwerkern mangelt? Und bethätigen diese mit vielen anderen Elementen in unseren Staaten nicht bei anderer Gelegenheit recht wohl „Gemeingeist“, beispielsweise wenn sie Konsumvereine gründen helfen? Hätte man uns nicht seit langem daran gewöhnt, in so grenzenlos oberflächlicher Weise mit der „Genossenschaftsidee“, wie mit so vielen anderen Schwesterideen zu operieren, dafs man schliefslich in weiten Kreisen die Meinung erzeugte, es handele sich um eine Art von moralischem Serum, das man nur zu injicieren brauche, um die erwünschte Heilwirkung zu erzielen, so würde man sich von vornherein klar gemacht haben, dafs sociale Institutionen wie die Genossenschaften, damit sie bestehen können, vor allem auch an bestimmte ökonomische Voraussetzungen geknüpft sind. Man würde zu der Einsicht gekommen sein, dafs diese ökonomischen Voraussetzungen — nämlich ein Überwiegen der Interessengemeinschaft über die Interessengegensätzlichkeit — in allen Fällen, wo wir Genossenschaften gedeihen sehen, wie bei den Arbeitern, den Landwirten, den Konsumenten erfüllt sind, dafs hier der gerühmte „Gemeingeist“, 1 Roscher, System BandIII, §113. Ähnlich Kulemann, Kleingewerbe (1895) S. 99/100 und viele andere Autoritäten. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 559 das Ferment der Genossenschaften, nicht die Ursache, sondern die Wirkung jener Solidarität ist. Man würde aber ebenso deutlich wahrgenommen haben, dafs unter den Handwerkern jene Voraussetzungen solidarischen Verhaltens nicht erfüllt sind. Erstens nämlich fehlt ihren Genossenschaften die eklatante Nützlichkeit, die alle andern genannten Kategorien von Genossenschaften aufweisen. Der Landwirt, der statt vom Wucherer seinen Samen und seinen Dünger jetzt zum halben Preise von der Genossenschaft bezieht, der seine Milch in bequemster Weise zu gleichen Bedingungen wie der benachbarte Gutsbesitzer an die Molkereigenossenschaft absetzt, hat ganz andere handgreifliche Vorteile von der Genossenschaft als der Handverker, der bisher vom Grossisten zu leidlich annehmbaren Bedingungen seine Rohstoffe bezog und dessen Erzeugnisse, wenn sie in einer gemeinsamen Verkaufshalle ausgestellt sind, darum noch lange nicht verkauft werden. Dann aber eignen sich die landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Hilfsstoffe, dank ihrer Homogenität und darum Fungibilität erheblich besser zu gemeinsamem Bezug und Absatz als die gewerblichen Rohstoffe und Fabrikate. Saatgetreide und Dünger einer bestimmten Marke sind Centner für Centner identisch; Holz, Leder u. s. w. ist von Brett zu Brett, von Haut zu Haut verschieden. Uber die Milchanteile an einer Molkereigenossenschaft kann, zumal wenn die Milch nach Gewicht verkauft wird, nie ein solcher Streit entstehen wie über die verschiedene Qualität von Möbeln oder Stiefeln. Endlich aber und vor allem sind die Landwirte, dank der eigentümlichen Preisbildung in der Landwirtschaft längst nicht in dem Mafse Konkurrenten wie die Handwerker. Letztere Eigenschaft, die der Konkurrenten, ist es aber, die mehr als irgend etwas anderes die Genossenschaftlichkeit unter den Handwerkern heutzutage ausschliefst. Dafs auch gewerbliche Produzenten unter Umständen sehr wohl Bezugs- und andere Genossenschaften bilden können, lehrt uns die Geschichte des mittelalterlichen Gewerbewesens. Wir haben aber gesehen, dafs dessen entscheidende Eigentümlichkeit gerade in dem Fehlen der Konkurrenz beruhte. Geht man solcherart dem Problem der Genossenschaftshildung auf den Grund, wozu hier nur einige skizzenhafte Fingerzeige gegeben werden konnten, so wird man zu keiner anderen Überzeugung kommen können als der: dafs das Handwerk unserer Zeit dank seiner ökonomischen Wesenheit für jetzt und alle Zukunft von den Segnungen genossenschaftlichen Betriebes wird 560 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. ausgeschlossen bleiben. Das einzige, was allenfalls Handwerkergenossenschaften an nachhaltiger Wirkung erzeugen können, ist wiederum nichts anderes als eine Beschleunigung des Auflösungsprozesses der handwerksmäfsigen Produktion: sofern auch sie den kräftigeren Existenzen, wie wir es mehrfach beobachten konnten, als Sprungbrett dienen, um sich über das Niveau des alten Handwerkers hinaus zu kleinkapitalistischen Unternehmern aufzuschwingen. Sechsunddreifsigstes Kapitel. Der Verkrüppelungsprozefs des Handwerks. Im folgenden sind die Fälle zu untersuchen, in denen es thatsächlich dem Handwerker gelingt, seinem Gegner im Konkurrenzkämpfe die Stange zu halten, weil er zu gleichen oder niedrigeren Preisen dieselbe Leistung wie jener feilbietet. Diese Eventualität tritt ein unter zwiefacher Bedingung: entweder indem der Handwerker den Preis unter die eigenen Produktionskosten herabdrückt oder indem er die Produktionskosten selbst vermindert. I. Verkauf unter den Produktionskosten mufs notwendig früher oder später zum Ruin des Produzenten führen, sobald dieser auf den Erwerb aus seiner Produktionsthätigkeit angewiesen ist. Er kann jedoch lange Zeit hindurch geübt werden, wenn der Produzent von anderswoher die Ausfälle zu decken vermag, die ihm beim Verkauf seiner Erzeugnisse erwachsen. Wir haben in anderem Zusammenhänge (vgl. das 27. Kapitel des ersten Bandes) die zahlreichen Fälle kennen gelernt, in denen der Handwerker in die Lage versetzt wird, von solcherart Zuschufs- werten zu leben. Bald ist es der ererbte Besitz namentlich von Häusern, bald sind es die Zuschüsse aus den Kreisen der wohl- häbigen Verwandtschaft 1 , bald die Einkünfte aus irgend welchem Nebenerwerb, die dem Handwerker einen Rückhalt gewähren und es ihm ermöglichen, gewerblich thätig zu Preisen zu sein, bei denen er ohne jene Zuschufswerte verkommen müfste. An das alles braucht in diesem Zusammenhänge nur erinnert zu werden. 1 Mit Recht wird die gröfsere Zähigkeit des Handwerks in reichen Bauerngegenden auf diese Zuschufswerte zurückgeführt, die die bäuerlichen Verwandten dem Handwerker in der Stadt nachwerfen. Vgl. U. IV, 492 f. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 36 5G2 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Aber wir sehen auch den Handwerker konkurrieren, wo jene aufserordentlichen Ressourcen nicht oder jedenfalls nicht allein die Unterlage seiner Existenz abgeben, wo er diese vielmehr zu einem beträchtlichen Teile oder ganz auf die Einkünfte aus gewerblicher Thätigkeit basiert. Hier mufs er also zu Preisen verkaufen, die ihm einen Verdienst übrig lassen, und wenn er trotzdem mit der kapitalistischen Herstellungsweise konkurrieren will, so setzt das voraus, dafs es ihm gelingt, eine II. Herabminderung der Produktionskosten herbeizuführen. Dafs eine solche in der Form der Produktionsverbilligung nicht möglich ist, bedarf nach den früheren Darlegungen keiner weiteren Begründung. Es kann sich vielmehr immer nur um eine Produktionsfaktorenverbilligung handeln. Um zu einer solchen zu gelangen, bieten sich dem Handwerker je nachdem drei verschiedene Wege dar; der erste dieserWege ist 1. die Verlegung der Produktionsstätte aus der Stadt aufs Land. Zwar haben wir gesehen, dafs eine solche nicht in der Weise erfolgen kann oder wenigstens nur in Ausnahmefällen erfolgt, dafs der städtische Handwerker, den die Grundrente aus den Centren des Verkehrs herausquetscht, nun sein Domicil in einem Vorort oder in einem benachbarten Dorfe aufschlagen könnte, wohl aber so, dafs die Stelle eines konkurrenzunfähig werdenden städtischen Handwerkers eine Zeit lang ein D orfhand- werker einnimmt. Letztere erscheinen somit in einzelnen Fällen als eine Art von Reserve, die auf dem Kampfplatze erscheint, wenn die städtische Hauptarmee bereits im Weichen begriffen ist; eine Reserve allerdings eigner Art, sofern sie nicht dazu dient, die weichenden Genossen zu stärken, sondern sie um so früher zum Untergange zu bringen. Wenn der Landhandwerker aufser seinen wohlfeileren Produktionsbedingungen, die er dem Fehlen der städtischen Grundrente verdankt, auch noch, wie es die Regel ist, über Zuschufswerte verfügt, so werden wir es begreiflich finden, was unsere Quellen des öfteren hervorzuheben wissen, dafs die Konkurrenz dieser Kollegen vom Dorfe den Genossen in der Stadt oft ebenso empfindlich wird wie die der kapitalistischen Unternehmung. „Diese durch niedrigere Lebens- und Produktionskosten begünstigte Landkonkurrenz,“ schreibt ein kundiger Berichterstatter 1 , „die 1 Pierstor ff in U. IX, 2/3. Andere Fälle, in denen über die Konkurrenz von Landhandwerkern geklagt wird, siebe in diesem Werke Bd. I S. 628. Seclisunddreifsigstes Kapitel. Der Verkrüppelungsprozets d. Handwerks. 563 häufig aus der Verbindung des Gewerbebetriebs mit landwirtschaftlichen Nebenbetrieben besondere Vorteile zieht und teilweise durch die regelmäfsigen Wochen- und Jahrmärkte vermittelt wird, tritt bisweilen gleichzeitig mit der Konkurrenz der Fabrikware auf.“ Was hier aber als Konkurrenz zwischen Handwerkern erscheint, hat in der allgemeinen Betrachtung die Bedeutung erstens einer Beschleunigung der Auflösung des städtischen Handwerks und zweitens diejenige einer Hemmung der Gesamtentwicklung, die zu der Vernichtung handwerksmäfsiger Produktion überhaupt hindrängt. Der zweite Weg, der den Handwerker zu einer Verminderung der Produktionskosten führt, ist 2. die Ersparung an den sachlichen Produktionsfaktoren durch deren Verkümmerung. Hierher gehört alles, was wir von der Unzulänglichkeit der Werkstätten, von der Unsauberkeit des Betriebes, von dem Mangel an hygienischen u. a. Schutzvorrichtungen aus den Kreisen des Handwerks erfahren. Und das ist nicht wenig. Man braucht nur an die Zustände im Bäckergewerbe zu denken 1 , man braucht nur einen beliebigen Handwerksbetrieb mit dem entsprechenden Fabrikbetriebe zu vergleichen, um sich von der Bedeutung zu überzeugen, den die Vernachlässigung alles Komforts, aller Wohlanständigkeit in der äufseren Gestaltung des Produktionsprozesses für die Bemessung der Produktionskosten gewinnen kann 2 . Parallel mit der Verkümmerung der sachlichen Produktionsfaktoren pflegt zu gehen 3. die Herabsetzung der persönlichen Lebensansprüche des Meisters und seiner Familie. Es wurde schon an 1 Zu vergleichen aufser den früher genannten Schriften die Zusammenstellung aller Mifsstände in der jüngsten Publikation über das Bäckergewerbe von W e i c h s, Brotfrage (1898). S. 16 f. insbes. 22 ff. 2 „Viele kleine Meister wohnen mitsamt ihrer Familie derart beschränkt und sanitätswidrig, dafs sie oft geradezu das Mitleid des inspicierenden Beamten herausfordern; in einem kleinen Zimmer, das Werkstätte, Wohnung und Küche darstellt, lebt die ganze Familie grofs und klein, oh gesund oder krank; hier wird im Sommer und Winter von früh morgens bis spät abends gearbeitet, gekocht, gewaschen, geschlafen, meist ohne jeden andern Luftwechsel, als das Öffnen der Thür mit sich bringt.“ Aus dem Bericht des Klagen- further Gewerheinspektors, cit. hei Waentig, 336. Daselbst auch noch weitere quellenmäfsige Belege für die „gänzliche Mittellosigkeit“ vieler Meister. 36 * 564 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. anderer Stelle auf die bekannte Erscheinung hingewiesen, dafs im weiteren Verlauf der kapitalistischen Entwicklung sich Teile des Handwerkerstandes eine Zeit lang noch dadurch über Wasser zu halten suchen, dafs sie ihre eigenen Bedürfnisse beschränken. Dem Handwerker gelingt es dadurch in der That oft genug, die Preise auf ein Niveau herabzudrücken, auf das ihm auch die kapitalistische Unternehmung nicht folgen kann. Wenn der kleine Meister bei 12 oder 14stündiger Arbeitszeit, wohl gar unter Einsetzung der Arbeitskraft seiner Familienangehörigen *, nicht mehr oder gar weniger verdient, als der Gehilfe der Fabrik, so bedeutet das für die Gestaltung der Preise eine doppelte Reduktion: 1. eine Verbilligung des persönlichen Produktionsfaktors; 2. eine Eliminierung des Profits, wenn wir diese kapitalistische Kategorie auch auf den Mehrverdienst anwenden wollen, den der Handwerksmeister in normalen Fällen über den Lohn seiner Gesellen hinaus bezieht. Auf diesen „Profit“ kann der Handwerker am letzten Ende verzichten; der kapitalistische Unternehmer nicht. Deshalb ist es auch im Princip nicht richtig, zu den Vorteilen der kapitalistischen Unternehmung die Verringerung der auf das Einzelprodukt infolge vermehrter Produktion entfallenden Profitquote zu rechnen. Zunächst bedeutet es ja einen offenbaren Vorsprung, den der kapitalistische Produzent vor dem Handwerker alten Schlages voraus hat, dafs er seinen Profit auf eine verhältnismäfsig viel gröfsere Menge Produkt verteilen kann. Wenn der Meister auf jedes Paar Stiefeln 2 Mk. aufschlug und damit, wenn er zwei Gesellen beschäftigte, zu einem „Profit“ von täglich 6 Mk. kam, so kann der Schuhwarenfabrikant diesen Aufschlag auf 50 Pfg. pro Paar ermäfsigen und hat doch bei einer Tagesproduktion von etwa 200 Paar Stiefeln, einen „Profit“ von täglich 100 Mk. Bei fortschreitender Entwicklung jedoch ändert sich, wie gesagt, oft genug das Bild: der Profitzuschlag des Handwerkers sinkt dauernd (das ist die Pointe) auf 0 und fällt damit unter die irgend noch zulässige Quote der kapitalistischen Unternehmung. 1 „Teilweise mufs die Frau im Gewerbebetrieb selbst helfen, das ist vielfach der Fall bei den Schneidern, Pantoffelmachern, Schuhmachern, Kürschnern, Mützenmachern, Buchbindern etc. Vor allem aber liegt ihr der Handel mit den erzeugten Produkten ob; die zahlreichen Ladengeschäfte werden meist von der Frau besorgt, besonders bei den Bäckern, Fleischern, Schuhmachern, Drechslern, Kammmachern, Bürstenmachern, Korbmachern, Buchbindern, auch der Hausier- und Markthandel ist bei den Gewerben, bei denen er noch vorkommt, ganz oder teilweise Sache der Frau.“ U. IX, 346. Siehe auch das Stichwort Frauenarbeit im Index der U. Sechsunddreifsigstes Kapitel. Der Verkrüppelungsprozefs d. Handwerks. 565 Aus der vereinten Wirksamkeit der beiden unter 2 und 3 gekennzeichneten Entwicklungsreihen erklärt sich dann das seltsame Phänomen: dafs den noch leidlich situierten Handwerkern aus den Reihen ihrer ärmeren und ärmsten Kollegen eine oft vernichtende Konkurrenz erwächst, eine Hungerkonkurrenz, die häufig genug schlimmer als die Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung ist. „Das ist die hier wie überall wiederkehrende Klage, dafs der Preis allmählich herabgedrückt werde, besonders bei den Submissionen, und zwar nicht durch die gröfseren, fest begründeten Geschäfte, sondern durch kleine, allzu bedürfnislose Meister 1 .“ „Was dem Blechner allein Sorge macht, ist . . . das stetige Fallen der Preise, verursacht durch das Unterbieten bei Submissionen und den Arbeitshunger der kleinsten Betriebe . . 2 .“ Endlich aber gelingt es, fast ist man versucht zu sagen: in wachsendem Umfange, vielen Handwerksmeistern, die noch Hilfskräfte beschäftigen, auch an diesen zu sparen. Zwar ist, wie wir gesehen haben, der Handwerker im allgemeinen in der Ausnutzung der billigen Arbeitskräfte, die von der modernen Entwicklung freigesetzt werden, der kapitalistischen Unternehmung gegenüber im Nachteile. Nur an einer einzigen Stelle haben es die Verhältnisse mit sich gebracht, dafs dem Handwerker mehr billiges Arbeitsmaterial zur Verfügung steht als jener, dort nämlich, wo es sich um lernbeflissene, jugendliche Elemente meist männlichen Geschlechts handelt, die aus alter Gewohnheit mit dem Namen Lehrlinge bezeichnet werden und von deren Verwendung als billige Arbeitskräfte, wie zu zeigen ist, das Handwerk in neuerer Zeit ausgiebigen Gebrauch macht. Die Wichtigkeit des Gegenstandes erheischt eine gründlichere Erörterung des Problems, wie sie im folgenden Kapitel versucht wird. 1 U. III, 80 (Baukandwerker in Karlsruhe). 2 ü. III, 173/74. Vgl. noch U. III, 214. IX, 491. V Siebermnddrei(sigstes Kapitel. Die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfte im Handwerk. Die mifsbräucbliche Verwendung des Lehrlings ist keine erst in der Gegenwart zu tage getretene Erscheinung 1 . Uber schlechte Ausbildung der Lehrlinge, ihre Beschäftigung im Dienste der Frau Meisterin u. dgl. klagen schon die Schriftsteller des späteren Mittelalters; und im 17. und 18. Jahrhundert beginnen die Klagen immer häufiger zu werden. Aber die Vernachlässigung und Ausbeutung der Lehrlinge in früherer Zeit waren doch wesensandere, als sie heute sind, heute, d. h. in Deutschland seit knapp einem Menschenalter 1 . Sowohl die starke Verschiebung des numerischen Verhältnisses zwischen der erwachsenen Arbeitskraft und dem sog. Lehrlingspersonal zu ungunsten des letzteren als auch die eigentümliche Art der Verwendung charakterisieren die neuere Zeit. Früher, d. h. während der Zunftverfassung, blieb das Verhältnis der Lehrlingsziffer zur Zahl der Gesellen und Meiter schon in deren eigenem Interesse in bestimmten Grenzen; wir hören kaum jemals, dafs die Zahl der bei einem Meister beschäftigten Lehrlinge gröfser gewesen sei als die der Gesellen, oder dafs ein Meister mit mehreren Lehrlingen ohne alle Gesellen gearbeitet habe: Fälle, die heute an der Tagesordnung sind. Und während ehedem die Verwendung des Lehrlings als Laufbursche oder Kindermädchen eher auf einen gewissen Wohlstand des Handwerksmeisters schliefsen ^ liefs, hat heute die Not des Handwerks den Lehrling längst aus , der Kinderstube und der Zuchtgewalt der Frau Meisterin an den Schraubstock und die Hobelbank getrieben, wo der Meister seine billige Arbeitskraft im Produktionsprozesse ausnutzt. 1 Vgl. hierzu den Exkurs. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 567 Was aber vor allem eine der neueren Zeit eigentümliche Erscheinung in dem Lehrlingswesen ist, ist ihre aufserordentlich starke Vermehrung. Aufmerksame Beobachter hatten die Zunahme der Lehrlingsausbeutung im Handwerk längst wahrgenommen; die gelegentlichen Untersuchungen und Enqueten hatten ihre rapiden Fortschritte bestätigt. Aber ein deutliches und zuverlässiges Bild von dem geradezu staunenerregenden Umfange, den sie heute erreicht hat, besitzen wir doch für Deutschland erst seit der Veröffentlichung der Ergebnisse der Gewerbezählung von 1895. Für 21 der wichtigsten alten Handwerksgebiete stelle ich danach zunächst die Zahl der Lehrlinge der Zahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter beiderlei Geschlechts gegenüber 1 : Es wurden in Betrieben mit bis 5 Personen gezählt: Gewerbe Arbeiter überhaupt Lehrlinge auf 100 Arbeiter Lehrlinge 1. Schlosser. 30144 18886 62,7 2. Barbiere und Friseure 26974 12179 45,1 3. Buchdrucker . . . 5 243 2344 44,7 4. Riemer und Sattler . 21570 9236 42,8 5. Tapezierer .... 8 254 3526 42,7 6. Klempner. 19611 8134 41,5 7. Uhrmacher .... 7 859 3182 40,5 8. Kupferschmiede . . 3 284 1316 40,2 9. Buchbinder .... 9602 3856 40,2 10. Grob- (Huf-) Schmiede 68784 27 601 40,1 11. Schneider. 113514 44391 39,1 12. Tischler. 90717 34336 37,8 13. Stellmacher .... 27 307 10151 37,2 14. Stubenmaler . . , . 33281 12171 36,6 15. Konditoren .... 7082 2558 36,1 16. Drechsler .... 7 381 2 632 35,7 17. Böttcher. 12588 4439 35,3 18. Schuhmacher . . . 95 220 32740 34,4 19. Glaser. 7 030 2359 33,5 20. Bäcker. 93555 29571 31,6 21. Fleischer. 66454 20889 31,4 In 21 Gewerben 755410 286497 37,9 1 Die folgenden Ziffern, soweit nichts anderes bemerkt, sind entnommen bezw. durch Berechnung gewonnen aus den Bänden 113 und 119 der B*ichs- statistik N. F. 568 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Diese Ziffern, so erstaunlich sie schon sind, drücken nun aber noch keineswegs das Mafs von Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfte aus, die heute in den verschiedenen Handwerken stattfindet. In den obigen Zahlen der „Arbeiter überhaupt“ sind nämlich auch die jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren mitenthalten, also jene Elemente, die man aus irgendwelchen Gründen für gut befunden hat, nicht mehr als „Lehrlinge“ zu bezeichnen. Ihre Zahl müssen wir nun aber offenbar den obigen Zahlen der „Lehrlinge“ zuzählen, um das richtige Verhältnis zu ermitteln, das im Handwerk zwischen jugendlichen und erwachsenen Arbeitern besteht. Dann ergiebt sich folgendes Bild: In Betrieben mit bis 5 Personen wurden gezählt: Er- Jugendl. Arbeiter auf 100 Er- Gewerbe wachsene unter 16 Jahren wachsene unreife Arbeiter und Lehrlinge Arbeitskräfte 1. Schlosser. 19 593 29437 150,2 2. Friseure und Barbiere 19 686 19707 100,4 3. Tapezierer .... 6160 5620 91,5 4. Buchdrucker . . . 3 968 3619 91,2 5. Riemer und Sattler . 16505 14301 86,6 6. Klempner. 14863 12 882 86,6 7. Buchbinder .... 7 245 6 213 85,6 8. Kupferschmiede . . 2522 2123 84,2 9. Schneider. 90002 67 903 75,4 10. Konditoren .... 5 513 4127 74,9 11. Uhrmacher .... 6328 4713 74,6 12. Tischler. 72303 52 750 72,9 13. Stubenmaler .... 26431 19021 72,1 14. Drechsler. 5 843 4170 71,3 15. Grob- (Huf-) Schmiede 55 874 40511 70,7 16. Böttcher. 10136 6891 67,9 17. Glaser. 5 652 3744 66,2 18. Stellmacher .... 22820 14638 65,8 19. Schuhmacher . . . 77 441 50528 65,2 20. Bäcker. 74986 48140 64,2 21. Fleischer. 54942 32401 58,9 In 21 Gewerben 598813 443039 73,9 Also im Durchschnitt sind in den aufgeführten Handwerken heute beinahe drei Siebentel aller Hilfskräfte unreife, jugendliche; in einigen Gewerben erreicht die Zahl der jugendlichen Arbeiter Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 569 beinahe die der erwachsenen: mehr als neun Zehntel betragen sie bei den Buchdruckern, Tapezierern, Barbieren, Friseuren und Schlossern; bei letzteren sind um die Hälfte mehr halberwachsene Burschen als erwachsene Hilfskräfte beschäftigt. Was das heifst, kann man ermessen, wenn man etwa die Zustände in der Grofs- industrie damit vergleicht: die Zahl der jugendlichen Arbeiter (unter 16 Jahren) und Lehrlinge beiderlei Geschlechts belief sich in den Betrieben mit mehr als 20 Arbeitern im Durchschnitt der gesamten Industrie (GruppeB) auf nur 10,1% der erwachsenen Arbeiter. In den mitgeteilten Ziffern kommt in der That meines Erachtens eines der bedeutsamsten Ergebnisse der Gewerbezählung von 1895 zum Ausdruck, der zahlenmäfsige Nachweis nämlich der Thatsache: dafs heute das Handwerk, soweit es überhaupt noch Hilfskräfte beschäftigt, seine Existenzfähigkeit grofsenteils auf der Ausbeutung unreifer Arbeitskräfte aufbaut. Denn darüber kann nach dem, was wir über Art und Erfolg ihrer Beschäftigung wissen, heutzutage kein Zweifel mehr herrschen, dafs es sich bei jenen jugendlichen Arbeitern nicht nur, sondern im wesentlichen auch bei jenen sogenannten „Lehrlingen“, nicht um junge Leute handelt, die zum Zwecke systematischer Ausbildung, sondern um solche, die lediglich im Interesse des Meisters als billige Arbeitskräfte beschäftigt werden. Selbst den besten Willen des Meisters und die Erfüllung aller sonstigen Bedingungen einer guten Lehre vorausgesetzt: müfste nicht die hohe Zahl der zum „Lernen“ angenommenen jungen Leute die fachgemäfse Ausbildung vereiteln? Schon wenn wir den Durchschnitt zu Grunde legen: wie sollen drei Lehrlinge neben vier Gesellen in einem Betriebe etwas rechtes lernen? Aber in wie viel Fällen wird dieser Durchschnitt noch um ein beträchtliches überschritten! Wer kann sich ein Lern- und Lehrverhältnis in folgenden Betrieben vorstellen? In der Nürnberger Schlosserei hat ein Meister 2 Gesellen und 6 Lehrlinge, einer einen Gesellen und 11 Lehrlinge 1 ! Auf 4 Schneidergesellen in Löbau kommen 23 Lehrlinge 2 . Die Schlosser in Eisleben beschäftigen 3 Gesellen und 33 Lehrlinge 3 , die Klempner ebendort 5 Gesellen und 17 Lehrlinge 4 ; die Tischler (Innungsmeister) in 1 U. III, 444. 480. 2 U. IY, 198 f. 3 U. IX, 331. 4 U. IX, 333. y 570 Drittes Buch. Die Theorie der gewerhlichen Konkurrenz. Lübben halten neben 11 Gesellen 25 Lehrlinge 1 u. s. w. Derartige unsinnige Zahlenverhältnisse kommen nur allzu häufig vor. Mag man nun aber auch die Uberfüllung der Werkstätte mit Lehrlingen hingehen lassen, so werden denn doch Bedenken sich erheben, ob das heutige Handwerk jene Hunderttausende junger Leute, die ihm Zuströmen, auszubilden imstande ist. Wie in aller Welt sollte eine Klasse, die mit dem Tode ringt, einen solchen Aufschlag auf die Produktionskosten vertragen können, wie sie in einer meist gratis oder gegen ein geringes Entgelt (aus Gründen, die wir noch kennen lernen werden) beanspruchten Erziehung zur Arbeit notwendig erwächst? Das heutige Handwerk ist ökonomisch aufser stände, auch nur einen normalen Lehrlingsstamm auszubilden, geschweige denn jene Armeen von jungen Leuten, die jährlich neu in die Cadres des Handwerks einrolliert werden. Es wäre auch technisch dazu ganz und gar nicht mehr geeignet. Was soll ein Lehrling in den verödenden Werkstätten des Handwerkers heutzutage lernen, in denen nur noch minderwertige Dinge oder Specialartikel hergestellt oder (was vielerorts, wie wir wissen, die Regel bildet) Reparaturen ausgeführt werden? Das Urteil, das über die „Ausbildung“ der Lehrlinge im Berliner Schlosserhandwerk gefällt wird, dafs nämlich die Meister einfach nicht imstande seien, dem Lehrling die nötigen Anweisungen zu erteilen — „einmal nötigt ihn seine gedrückte ökonomische Lage, in demselben mehr einen jugendlichen Arbeiter als einen Lernenden zu sehen und auf der anderen Seite ist sein Arbeitsgebiet zu beschränkt, um dem Lehrling hinreichende Anregung und Gelegenheit zur Erlernung aller im Schlosserhandwerk vorkommenden Arbeiten zu geben“ 2 3 — darf ohne weiteres auf aufserordentlich zahlreiche andere Fälle ausgedehnt werden. Hat nun aber der Meister unter den heutigen Verhältnissen überhaupt ein Interesse an gewissenhafter Ausbildung seiner Lehrlinge? Das Raisonnement eines Posener Tischlers: „Warum sollen die Lehrlinge ebenso viel lernen, wie wir können, um uns später als Meister Konkurrenz zu machen?“ 8 , ist gewifs das vieler seiner Kollegen, um so mehr als dem Meister noch aus einem weiteren Grunde die Lust an der Ausbildung seiner Lehrlinge genommen wird: wird ja doch, wie wir beobachten konnten, jeder Geselle, der etwas leistungsfähiger ist, sofort von der kapitalistischen Unternehmung 1 ü. VII, 508/9. 2 U. IV, 314. Für Österreich zahlreiche Belege wieder bei Waentig, 334 ff. 3 U. I, 91. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 571 mit Beschlag belegt, so dafs er also auch von dieser Seite her zum gefürchteten Konkurrenten seines früheren Lehrherrn wird b So hat der Meister nur ein Interesse, die junge Kraft so sehr als möglich und vor allem auch so lange als möglich für sich auszunutzen. Die Lehrzeit ist, wie übereinstimmend anerkannt wird, heute fast überall erheblich länger von den Innungen normiert, als sie selbst bei idealster Lehrmethode zu sein brauchte. Das kommt u. a. zum Ausdruck in dem sehr verbreiteten köstlichen Grundsatz, dafs derjenige Lehrling, der weniger lange lernen will, mehr Lehrgeld zahlen mufs. Wollte aber nach alledem noch jemand zweifeln, dafs das Lehrverhältnis heute im Handwerk, man darf wohl ohne Übertreibung sagen, in der grofsen Mehrzahl der Fälle nur ein Deckmantel für die Ausnutzung einer jugendlichen Arbeitskraft ist, den müfsten die übereinstimmend in allen Gewerben lautwerdenden Klagen über den Mangel an tüchtigen Arbeitern vollkommen von der Richtigkeit jener Auffassung überzeugen. „Aus den Berichten der mit Beaufsichtigung der Fabriken betrauten Beamten, der Handelsund Gewerbebekammern, aus den anläfslich gewerblicher Enqueten deponierten Aussagen, aus den Spalten der Fachzeitschriften, aus den Verhandlungen technischer und gewerblicher Vereine und Verbände hört man nur zu oft die, Klage heraus, dafs die Arbeitsgeschicklichkeit und mit ihr in Wechselwirkung stehend die Arbeitslust der am Produktionsprozefs unmittelbar Beteiligten viel zu wünschen übrig lasse.“ Mit diesen Worten leitet Paul Scheven 1 2 sein verdienstliches Buch über die Lehrwerkstätte ein, in dem das ganze erste Kapitel der „quellenmäfsigen Darstellung der Klagen über Mangel an qualifizierten (gelernten) Arbeitern in Deutschland“ gewidmet ist. Nach dem dort aufgestapelten reichen Materiale, das in allen wesentlichen Punkten seine Bestätigung neuerdings wieder durch die Untersuchungen des Vereins für Socialpolitik gefunden hat, ist jener Mangel an geschulten Arbeitern thatsächlich eine allgemeine Erscheinung und, was uns hier allein angeht, der zuverlässigste Beweis für die von mir aufgestellte Behauptung, dafs es sich bei den Lehrlingen im Handwerk der Regel nach nicht mehr um Lernende handelt, sondern um billige Arbeitskräfte, deren „Schweifs 1 „Bei dieser Sachlage mufs der einzelne Meister notwendig das Interesse an der Ausbildung verlieren; kommt doch die erworbene Geschicklichkeit der jungen Gesellen nicht ihm, nicht einmal seinem Stande zu gute, sondern stärkt im Gegenteil die grofsbetriebliche Konkurrenz.“ U. IV, 314. 2 P. Scheven, a. a. 0. S. 17—79. Vgl. übrigens den Exkurs. 572 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. es in vielen Fällen nur dem Handwerksmeister ermöglicht, wenigstens noch einigermafsen der Fabrik Konkurrenz zu machen“ h Fragt man aber, wie es sich ereignet, dafs so viele Handwerker dieses eigentümliche, ausbeutungsfähige Arbeitermaterial in ihre Verfügungsgewalt bekommen, so wird die Antwort für die verschiedenen Gewerbe verschieden ausfallen, je nämlich nach der verschiedenen Rolle, die in ihnen die grofsindustrielle Organisation spielt. In denjenigen Gewerbszweigen, in denen die soi-disant hand- werksmäfsige Produktionsweise noch mit mehr oder weniger Erfolg betrieben werden kann, namentlich aber dort, wo der handwerks- mäfsige Zwergbetrieb dominiert, beobachten wir einen aufser- ordentlich starken Zustrom zu dem Gewerbe überhaupt, der sich aus dem Wunsche so vieler Personen erklärt, „selbständige“ Handwerker zu werden. Dieser Zustrom staut sich nun aber naturgemäfs zunächst einmal in Form von Lehrlingen und jugendlichen Arbeitern in den Reservoirs der Meister auf kürzere oder längere Zeit auf. Wir können diese Vorgänge deutlich verfolgen, wenn wir die oben schon mitgeteilten Ziffern der jugendlichen Arbeiter + Lehrlinge, also des Nachwuchses in dem betreffenden Gewerbe mit den „selbständigen“ Inhabern von Alleinbetrieben und Gehilfenbetrieben mit bis 5 Personen einerseits, die in allen Betrieben mit bis 5 Personen beschäftigten Erwerbsthätigen mit den in der entsprechenden Grofsindustrie thätigen Arbeitern andererseits vergleichen. Wo der Nachwuchs ein verhältnismäfsig starker ist (sage 50 % der selbständigen Kleingewerbetreibenden in obigem Sinne und darüber ausmacht), gleichzeitig aber nur ein kleiner Teil der dem Gewerbe angehörigen Personen in Grofs- betrieben beschäftigt ist, da haben wir es mit charakteristischen Typen dieser ersten Gruppe von Handwerken, nennen wir sie die übersetzten Zwerghandwerke, zu thun. Hierher gehören beispielsweise: Fleischer (Nachwuchsquote 49,9 °/o), Friseure und Barbiere (50,0 °/o), Stubenmaler (51,9 °/o), Schornsteinfeger (57,8 °/o), Tapezierer (62,2 °/o), Bäcker (66,1%) u. a. In ihnen sind (1895) noch mehr als 80 % aller Erwerbsthätigen in Betrieben mit weniger als 5 Personen beschäftigt: Fleischer 84,0 %, Friseure und Barbiere 97,3%, Bäcker 83,8%, Stubenmaler 89,8%, Tapezierer 92,7%, Schornsteinfeger 99,3 %. Diese Gewerbe weisen naturgemäfs auch eine Tendenz zur Vermehrung der Zwergbetriebe auf. 1 U. II, 78 (Drechsler in Leipzig). Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 573 Es betrug deren Zunahme (1882—95) bei Fleischern 9089, Friseuren und Barbieren 8472, Bäckern (und Konditoren) 11 705, Schornsteinfegern 315, Stubenmalern 6564, Tapezierern 2947. In anderen, und zwar den meisten Gewerben verspricht nun aber der handwerksmäfsige Zwergbetrieb kein Auskommen mehr; wenn wir in diesen starke Vertretung jugendlicher Arbeitskräfte finden, so mufs dies auf andere Ursachen zurückgehen als auf den noch immer wirksamen Reiz, sich als Handwerker eine „selbständige“ Existenz zu schaffen. Was wir bei unserer Untersuchung zunächst festzustellen haben, ist dies: dafs starke Besetzung der jugendlichen Altersklassen in einem Gewerbe nicht identisch ist mit einem starken Zustrom zu diesem Gewerbe. Jene kann vielmehr auch bei verringerter Anziehungskraft des betreffenden Gewerbes vorliegen, dann nämlich, wenn die erwachsenen Hilfskräfte sich in einer noch stärkeren Proportion vermindern, als der Nachschub erfolgt. Wir haben es in diesen Fällen mit Gewerben zu thun, die die Tendenz haben, als Handwerke abzusterben, die von den erwachsenen Arbeitskräften schon meist verlassen sind, und deren Nachwuchs vielfach nur noch aus Krüppeln, Schwachsinnigen und ähnlichen Elementen besteht 1 , die sonst nirgendswo Unterkunft finden, abgesehen natürlich von demjenigen Bestandteile, der der Schwerkraft der Tradition sein Dasein verdankt. Zu dieser Kategorie von absterbenden Handwerken möchte ich den gröfsten Teil derjenigen Gewerbe rechnen, deren kleinbetrieblicher Nachwuchs noch nicht 25% der „Selbständigen“ ausmacht; also beispielsweise: Schuhmacher 21,9 °/o Gerber 21,6 „ Kürschner 20,2 „ Seiler 18,3 „ Mützenmacher 14,8 ,, Hutmacher 13,2 „ Wollweber 8,1 „ 1 „Die Arbeiterschaft des kleinstädtischen Handwerks (rekrutiert sich) zum grofsen Teil aus Krüppeln, Blinden, Einäugigen und halben Idioten .. .“ Korbmacherei in Eisleben U. IX, 324. „Fast nur verkrüppelte oder zu ländlicher und industrieller Thätigkeit untaugliche Leute widmen sich diesem Handwerk.“ Schuhmacher in Loitz U. I, 39. 574 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. In allen diesen Gewerben geht der Klein- und Kleinstbetrieb zurück. Es verminderte sich die Zahl der Kleinbetriebe von 1882 bis 1895 der Schuhmacher um 10964 „ Gerber „ 2943 „ Kürschner „ 1110 „ Seiler „ 2038 „ Mützenmacher „ 771 „ Hutmacher „ 701 _ Wollweber „ 2343 Nun müssen wir aber noch eine dritte Kategorie von Gewerben unterscheiden, solche nämlich, in denen wir neben einem Rückgang der handwerksmäfsigen Kleinbetriebe eine übernormal starke Nachwuchsrate konstatieren. So verminderte sich beispielshalber von 1882 bis 1895 die Zahl der Kleinbetriebe in der Schlosserei um 1858, in der Grobschmiederei um 4383, in der Kupferschmiederei um 352, in der Tischlerei um 6082. Gleichwohl haben alle diese Gewerbe in der Sphäre der an Zahl abnehmenden Kleinbetriebe einen aufserordentlich starken Nachwuchs. Es machen nämlich die jugendlichen Arbeiter und Lehrlinge von der Zahl der Selbständigen aus: in der Schlosserei 142,9%, in der Grobschmiederei 63,4%, in der Kupferschmiederei 71,2 °/o, in der Tischlerei 51,7 %. Hier übt also das Handwerk eine starke Anziehungskraft aus, trotzdem es zurückgeht. Der Grund dieser Erscheinung ist dieser: ein erheblicher Teil der in diese Gewerbe als jugendliche oder lernende Arbeiter eintretenden Personen hat als Ziel den Übergang zur Grofsindustrie. Sie würden nicht daran denken, zu den Handwerksmeistern zu gehen, wenn die grofsindustriellen Unternehmungen sie aufnähmen. Dafs diese gegen die Annahme sowohl von Lehrlingen wie von jugendlichen Arbeitern heute in ihrer überwiegenden Mehrzahl noch eine unüberwindliche Abneigung haben, bewirkt es, dafs der gesamte Nachwuchs zahlreicher Grofsindustrien sich durch die enge Pforte der handwerksmäfsigen Betriebe drängen mufs, die Handwerker aber dadurch ein paar Jahre lang ein Arbeitermaterial erhalten, das ihnen auf Gnade oder Ungnade überantwortet ist, somit ein Ausbeutungsmaterial, wie es idealer kaum zu denken ist, wie es höchstens in einzelnen Hausindustrien kapitalistischen Unternehmern zur Verfügung steht. Welcher Prozentsatz von dem Gesamtbedarf der Grofsindustrie an solcherart Arbeitern von ihr selbst herangezogen wird, welcher Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 575 andere das Fegefeuer des Handwerks durchmachen mufs, läfst sich schwer ziffermäfsig feststellen, weil ja gerade die einer Ausbildung bedürftigen sog. gelernten Arbeiter vielfach in anderen „Gewerbearten“ ihre Unterkunft finden, als in der sie ausgebildet sind. So stellt die Statistik für den besonders hier in Betracht kommenden Berufszweig der Schlosser fest, dafs bis 1895 neben 72374 in Schlossereien thätigen Schlossern 122679 in anderen Gewerbearten beschäftigte Schlosser gezählt wurden 1 ; von diesen sog. betriebsfremden Schlossern entfielen 79500 auf Gewerbe der Maschinenindustrie, 16 615 „ „ „ Metallverarbeitung, 7 874 „ „ des Bergbaus und Hüttenwesens; 18690 „ verschiedene Gewerbe. Man müfste also das Prozentverhältnis, das zwischen den zu Schlossern ausgebildeten Lehrlingen + jugendlichen Arbeitern und dem Gesamtbedarf an Schlossern in den Grofsbetrieben aller dieser Gewerbe obwaltet, kennen, um ein richtiges Urteil zu fällen; was natürlich ein unerfüllbares Postulat bleiben wird. Nur um eine annähernde Vorstellung zu geben von dem Mehrbedarf, den die betreffenden Grofsindustrien über ihren eigenen Nachwuchs hinaus an gelernten Arbeitern haben, mag vermerkt werden, dafs beispielsweise in der Gewerbegruppe „Industrie der Maschinen, Instrumente etc.“ 1895 gezählt wurden in Betrieben mit 21 Personen und darüber 27 438 Lehrlinge, 20258 jugendliche Arbeiter, zusammen 47 696 Personen j ugendlicher Nachwuchs neben 342111 erwachsenen Hilfspersonen, sodafs der Nachwuchs von diesen nur 13,9% ausmachte. Ähnlich wie mit den Schlossern aber verhält es sich mit den Schmieden, den Kupferschmieden u. a. Und dafs diese Kategorie von Handwerken — wir können sie Ubergangshandwerke nennen — die der Grofsindustrie ihren Bedarf an qualifizierten Arbeitern decken helfen, nicht unbeträchlich ist, lehrt die tägliche Praxis. Endlich aber mufs noch in Rücksicht gezogen werden, dafs eine Reihe von Handwerken der ersten und dritten Kategorie der hier besprochenen Gewerbe angehört, nämlich sowohl 1 Stat. des Deutschen Reichs N. F. Bd. 119. S. 107. 576 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Chancen für Zwergexistenzen, wie für gelernte Arbeiter in grofs- industriellen Etablissements bietet. Ich möchte hierhin beispielsweise folgende rechnen: Buchdruckerei, beschäftigt (1895) zwar 53,2°/o ihrer Erwerbstätigen in Betrieben mit 6—20, 36,9 °/o in noch gröfseren Betrieben, weist aber gleichwohl eine Vermehrung der Kleinbetriebe von 1882 bis 1895 um 1222 auf 1 ; Buchbinderei und Kartonnagefabrikation hat nur 33,6 °/o kleinbetriebliche Erwerbstätige, die Kleinbetriebe vermehrten sich aber noch um 532; Klempnerei mit 78,9 °/o kleinbetrieblichen Existenzen und einer Zunahme der Kleinbetriebe um 2314. Es betrug aber die Nachwuchsrate in den Kleinbetrieben dieser Gewerbe (d. h. es machten aus Lehrlinge +• jugendliche Arbeiter von der Zahl der Selbständigen) bezw. 141,9 °/o, 60,9%, 67,4°/o. Man mag im einzelnen Falle schwanken, ob man ein bestimmtes Gewerbe dieser oder jener der vier Kategorien, die hier skizziert wurden, zuzählen soll; sicher ist aber wohl dies, dafs bei jedem Handwerke der eine oder mehrere der angeführten Gründe als Erklärung für den starken Zulauf jugendlicher Elemente wird dienen können. Was noch einer kurzen Erläuterung bedarf, ist die Leichtigkeit, mit denen es den Kleinmeistern gelingt, die grofse Mehrzahl der gerade ihnen in die Netze gehenden jungen Leute nun auch wirklich als jugendliche Arbeiter zu nutzen, auch wo sie als Lehrlinge figurieren. Die Erklärung hiefür bietet die Stimmung der Eltern undV ormün der dieser Rekruten. Würde diesen daran gelegen sein, dafs ihre Kinder und Schutzbefohlenen in erster Linie eine tüchtige Ausbildung erhielten, und würden sie die dazu erforderlichen Mittel in Form von reichlichem Lehrgeld zur Verfügung stellen, so wären damit natur- gemäfs dem Verhalten der Meister ihren Lehrlingen gegenüber festere Grenzen gezogen. Dem ist aber nicht so. Die meisten Eltern und Vormünder, die ihre Pfleglinge bei Kleinmeistern „in die Lehre geben“, wollen nicht nur nichts draufzahlen, sondern wünschen, dafs die jungen Leute so bald als möglich „ins Verdienen kommen“; 1 „Das Druckereigewerbe, das einst in einem halben Dutzend Städten konzentriert war, hat sich heutzutage bis in die kleinsten Dörfer verbreitet, so dafs die grofse Mehrzahl der Druckereien aus winzigen Betrieben selbst- arbeitender Meister besteht“ — sc. in Grofsbritannien! Webbs, Engl, ßewerkvereine 2, 14. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 577 sie sind also durchaus damit einverstanden, dafs diese statt als Lehrlinge als jugendliche Arbeiter behandelt werden. Diese Erscheinung hängt mit der Thatsache zusammen, dafs 1. das Niveau der Gesellschaftsschichten, aus denen sich der Nachwuchs für das Handwerk rekrutiert, im allgemeinen die Tendenz zum Sinken hat: „Der Nachwuchs des Schuhmacherstandes rekrutiert sich hier zum grofsen Teil aus den ärmsten Bevölkerungsklassen“, heifst es von Stadt und Kreis Dramburg 1 und „dafs die Rekruten dieses Handwerks den ungebildetsten Schichten der Bevölkerung angehören“, wird für die Schuhmacherei in Altona und Umgegend konstatiert 2 3 . Die Lehrlinge des Schmiedehandwerks in Erlangen entstammen heute tieferen socialen Schichten als ehedem: Kleinbauern u. dergl. 8 , diejenigen des Schmiedehandwerks in Löbau (West- preufsen) „stammen ohne Ausnahme aus dem Proletariat des Landes oder der Stadt 4 * “. „Ein fortwährender Gegenstand der Klage und Unzufriedenheit der Landmeister — sc. Töpfer im Handelskammerbezirk Dresden — ist die Herkunft und grofse Armut aller derjenigen, die das Gewerbe neu erlernen wollen. Ein Königsbrücker Meister bezeichnete den Durchschnitt als ärmliches Gesindel 6 .“ Für die Tischlerei in Könitz (Westpreufsen) „rekrutieren sich die Lehrlinge zum gröfsten Teil aus den untersten Schichten der Stadt- und namentlich Landbevölkerung 6 “. Die Ma 1 erlehrlinge in Berlin kommen seit Jahrzehnten bereits „vor allem aus den ärmsten Gesellschaftsklassen 7 “. Der Nachwuchs des Berliner Klempnergewerbes wird zum allerkleinsten Teil durch Söhne anderer Handwerker gedeckt; meist sind es Arbeiterkinder, die „aus den ärmsten Kreisen der Bevölkerung“ stammen 8 . In dem Uhrmachergewerbe in Breslau rekrutierten sich die Lehrlinge früher fast nur aus den mittleren Ständen. „Die heutigen Lehrlinge gehören zum gröfsten Teil den ärmeren Volksklassen an 9 .“ Für andere Länder wird das, was wir hier für Deutschland 1 U. I, 57. 2 U. I, 26. 3 U. III, 415 f. 4 U. IY, 199. 6 U. IY, 385. 6 ü. IV, 169. 7 U. VII, 233. 8 U. Vn, 315. 9 U. IX, 441. So mbar t, Der moderne Kapitalismus. II. 37 578 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. beobachten konnten, bestätigt. Der Berichte über das „Lehrlingsverhältnis“ in der Schweiz wurde schon Erwähnung gethan, und wie auch dort als Übelstand die Thatsache immer wieder konstatiert wird, dafs Eltern und Vormünder ihre Kinder und Mündel lieber zu notorisch schlechten Meistern in die Lehre geben, weil sie hier gleich mitverdienen helfen. Und der Grund ist derselbe wie bei uns: Senkung des Rekrutierungsniveaus. „Leute vom Mittelstände finden diese Beschäftigung (sc. Maurerei) zu gering und arme Arbeitsleute können den Lohnausfall eines Jungen von 2—2*/a Fr. täglich nicht ertragen“ 1 — das gilt für die meisten Gewerbe. Ganz dieselben Erscheinungen beobachten wir in Österreich. „Erhebungen haben (dort) ergeben, dafs sich der Nachwuchs im Handwerk vorwiegend aus den untersten Bevölkerungsschichten, aus den Abkömmlingen von Arbeitern und Tagelöhnern, Häuslern und Kleinbauern und zwar in allererster Linie aus der Landbewohnerschaft rekrutiert.“ So schwankt nach den Ergebnissen einer im Sommer 1895 durch den mährischen Gewerbeverein veranstalteten Enquete der Anteil des „gewerblichen Mittelstandes“ zwischen 5 und 30 °/o der in die Lehre tretenden Kinder. Doch wird die letztere Grenze anscheinend nur in Ausnahmefällen, wie in den nordmährischeu Städten Mähr. Trübau und Mähr. Schönberg, erreicht, während z. B. in Sternberg der gesamte gewerbliche Nachwuchs fast ausschliefslich den ärmsten Arbeiterschichten entstammt 2 . Das Material, das als „Lehrlinge“ bei kleinen Meistern eintritt, ist nun aber noch aus dem weiteren Grunde besonders ärmlich und somit auf baldiges Verdienen angewiesen, weil 2. sich ein Ausleseprozefs bei der Verteilung der Lehrlinge unter die verschiedenen Lehrherren in der Weise vollzieht, dafs alle „besseren“ Elemente, also vor allem auch die aus wohlhabenderen Schichten stammenden jungen Leute von den gröl'seren Geschäften aufgenommen werden, den kleinen Handwerksmeistern somit in der Regel nur das minderwertige Material verbleibt. Was uns über die Zustände in den Wiener Gewerben von dem dortigen Gewerbeinspektor berichtet wird, dürfen wir ohne weiteres auf die grofse Mehrzahl gerade der wichtigsten Gewerbe übertragen. „In einigen Gewerbekategorien, wie namentlich im elektrotechnischen Gewerbe, im Gewerbe der Buchdrucker, Lithographen, Mechaniker, Maschinenbauer u. s. w. ist 1 Gewerbl. Zeitfragen 11 (1895), 49. 2 Waentig, 339/40. Siebenundilreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 579 der Andrang von Lehrlingen so grofs, dafs es guter Empfehlungen bedarf, um einen Lehrling unterzubringen. In diesen Gewerben werden infolge des grofsen Angebots auch höhere Ansprüche an den aufzunehmenden Lehrling bezüglich Alter, Schulbildung, körperliche Entwicklung, Entrichtung eines Lehrgeldes u. s. w. gestellt, als dies im allgemeinen sonst üblich ist 1 .“ Und dafs man es keineswegs mit einer singulären Erscheinung zu thun hat, beweist z. B. der Umstand, dafs bei manchen Fabriken der Briinner Maschinenindustrie Lehrlinge oft ein bis zwei Jahre in Vormerkung stehen, ehe sie thatsächlich aufgenommen werden können, Zustände, wie sie auch bei uns täglich beobachtet werden. Wie man sieht, sind es aufserordentlich komplizierte Zusammenhänge, die dem Handwerk zur Zeit die Verfügungsgewalt über bestimmte Kategorien unreifer Arbeitskräfte verschaffen. Bei der grofsen Bedeutung, den die dargelegte Verumständung für die Widerstandsfähigkeit des Handwerks hat, ist die Frage von besonderer Wichtigkeit: ob wir es hier mit vorübergehend oder fortgesetzt wirkenden Ursachenreihen zu thun haben. Bei der Beantwortung dieser Frage wird man sich darüber klar sein müssen, dafs es sich in unserem Falle um zwei nicht unwesentlich voneinander verschiedene Probleme handelt: das Problem der Beschäftigung jugendlicher Arbeitskräfte und das Problem der gewerblichen Lehre. Es ist ersichtlich, dafs jenes erste Problem nichts als ein Problem staatlicher Zwangsgesetzgebung ist und somit völlig aus dem Rahmen dieser Betrachtung herausfällt: das Handwerk wird so lange von der Ausbeutung unreifer Arbeitskräfte sein Dasein weiter fristen, als es dem Gesetzgeber nicht beliebt, dem Ausbeutungsdrange des Handwerksmeisters dieselben Schranken wie dem des kapitalistischen Unternehmers zu setzen. Dagegen ist die andere Seite des Problems, das uns hier beschäftigt, insofern komplizierter, als es sehr wohl sich ereignen kann, dafs dem Handwerk seine letzte Stütze — die billige unreife Arbeitskraft — in Lehrlingsform auch auf anderem Wege als dem der staatlichen Arbeiterschutzgesetzgebung entzogen werde. Überall nämlich dort, wo das Handwerk nur als Durchgangsstation zur Grofsindustrie von dem jugendlichen Lehrling aufgesucht wird, würde deren Zustrom versiegen, sobald Mittel und Wege vorhanden wären, um den Bedarf der Grofsindustrie an gelernten Arbeitern 1 Berichte der Gewerbeinspektoren für 1894. S. 59 f. Cit. beLWaentig. 37* 580 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. auf andere Weise als durch „Vorbildung“ in Handwerksbetrieben zu decken. Es ist bekannt, dafs diese Frage seit Jahren die besten Männer beschäftigt, dafs seit Jahren die „Reform des gewerblichen Unterrichts“ in allen Kulturländern zur Diskussion steht. Darüber, dafs der heutige Zustand unhaltbar ist, herrscht kaum Meinungsverschiedenheit mehr. Wir kennen die vernichtenden Urteile über den Niedergang der gewerblichen Tüchtigkeit auch der Arbeiter in der Grofsindustrie und haben auch die Gründe aufzudecken versucht, weshalb das Handwerk, dem noch immer der gröfste Anteil an der Ausbildung des gewerblichen Nachwuchses zufällt, heute seiner Natur nach aufser stände ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Die Grofsindustrie würde sich nun zwar viel mehr zur Anlernung moderner Qualitätsarbeiter eignen, und gute Sachkenner geben sich der Hoffnung hin, dafs die heute schon vorhandenen Beispiele musterhafter Lehrlingsausbildung in Grofsbetrieben in weiterem Umfange Nachahmung finden werden. Ich zweifele daran. Wenn wir uns nämlich die Fälle genauer ansehen, in denen die Grofsindustrie sich systematisch der Lehrlingsausbildung annimmt 1 , so bemerken wir, dafs es sich entweder um Staatsanstalten oder um solche private Unternehmungen handelt, die ihrer Natur nach eine Art von Monopolstellung auf ihrem Produktionsgebiete einnehmen. Für die grofse Mehrzahl der eigentlichen kapitalistischen Konkurrenzunternehmungen wird die Notdurft des Erwerbslebens eine gedeihliche Entwicklung des Lehrlingswesens verhindern. Wir beobachten denn beispielsweise auch in dem weiter fortgeschrittenen England, dafs die kapitalistische Industrie nicht geneigt ist, das Problem der gewerblichen Ausbildung von sich aus zu lösen. So urteilen die kenntnisreichen W e b b s über den Stand der Frage in ihrer Heimat wie folgt 2 : „Was auch die schliefsliche Wirkung der erzieherischen Lehrzeit auf die Wohlfahrt des Gewerbes oder die Zukunft des Jungen sein möge, direkt macht . . (sie sich für) die beteiligten Parteien in keiner Weise bezahlt. Der Besitzer eines grofsen Betriebes hat keine Lust, sich mit Jungen abzugeben, wenn er sie das ganze Gewerbe lehren soll. Selbst ein Lehrgeld von 20 bis 30 j£, das ihm der sparsame Vater bietet, ist keine Versuchung für den Kapitalisten von heute, der wöchentlich hunderte von Pfunden an 1 Siehe die Liste bei Scheven, a. a. 0. S. 445 ff. 2 Sidney und Beatrice Wehb, Industrial Deraocracy. Deutsche Ausgabe 2 (1898), 24. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 581 Löhnen zahlt. Er zieht es vor, seine Arbeitsprozesse in Männerarbeit und jugendliche Arbeit einzuteilen und jeden Grad dauernd mit der ihm zugewiesenen Routinearbeit zu beschäftigen.“ So wird man mit Notwendigkeit zu der von den Zufälligkeiten individueller Arbeitsverhältnisse losgelösten Lehrwerkstätte als der einzig aussichtsreichen Lösung des Problems gewerblichen Unterrichts geführt; als derjenigen Form der Lehre, in der auch die Konsequenzen der Veränderungen der Technik (Übergang vom empirischen zum wissenschaftlichen Verfahren) einzig und allein in sachgemäfser Weise gezogen werden können. Schon heute macht das System der Lehrwerkstätte erfreuliche Fortschritte. Freilich ist ihre Benutzung einstweilen ein Privileg der bessersituierten Familien, da ihr Besuch noch höhere Ansprüche an die Börsen der Eltern und Vormünder stellt als die Lehre alten Stils mit ihrem Lehrgelde. Daher wird für unsere Frage die Weiterentwicklung der Lehrwerkstätte in ihrer heutigen Form keine wesentliche Bedeutung haben. Sie wird die Elite des gewerblichen Nachwuchses, die schon heute den Kreisen handwerksmäfsiger Ausbildung entwachsen ist, auf bessere und vollkommenere Weise ausbilden. Sie wird aber keine Veränderung schaffen für das Gros von „Lehrlingen“, das heute dem Handwerk anheimfällt, weil es nicht mehr die Mittel hat, mehrere Jahre ohne Verdienst zu leben oder gar Kosten für seine Ausbildung aufzuwenden. Man kann bei dieser Sachlage daran denken, den gewerblichen Fachunterricht seiner Kostspieligkeit zu entkleiden und jedermann auf Gemeinschaftskosten zugänglich zu machen. Dazu drängt die Erwägung, „dafs technischer Unterricht noch mehr als der gewöhnliche Schulunterricht in der Gegenwart zu grofse Kosten macht und erst in zu entfernter Zukunft seine Vorteile einbringt, als dafs die grofse Mehrzahl der Eltern Mittel dafür auf bringen könnte. Wenn die Gemeinschaft eine ununterbrochene Folge qualifizierter Arbeiter zu haben wünscht, wird sie als Ganzes für ihren Unterricht zu zahlen haben “ 1 . Damit haben wir aber schon die Grenzen unseres Untersuchungsgebiets überschritten und die Perspektive auf Probleme der socialen Politik eröffnet, deren Erörterung späteren Ausführungen Vorbehalten bleiben soll. Es mufsten hier nur kurz die möglichen Lösungen der Frage gestreift werden, um ein klares Urteil über die Bedingungen zu gewinnen, unter denen das Hand- 1 Webbs, a. a. 0. S. 29. 582 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. werk sich allen Unvollkommenheiten zum Trotz und wider alle Berechnung immer noch am Leben erhält. Wir kennen jetzt diese Bedingungen und können sie dahin formulieren, dafs wir sagen: Das heutige Handwerk, soweit es nicht gehilfenloses Scheinhandwerk ist, fristet sein Dasein weiter, so lange ihm die Gesetzgebung die Ausbeutung unreifer Arbeitskräfte in weiterem Umfange als der kapitalistischen Industrie gestattet und solange die Gesellschaft nicht Sorge dafür trägt, dafs das heutige System der Lehrlingsausbeutung, das den völligen Bankerott des gewerblichen Unterrichts bedeutet, einer den Zeitumständen besser angepafsten Form der Lehre Platz macht. Exkurs zu Kapitel 37. Einige litterarische Notizen zur Frage der Lehrlingsausbildung und Lehrlingsausbeutung. Die Klagen über schlechte Ausbildung der Lehrlinge im ausgehenden Mittelalter siehe in der Zusammenstellung bei Bücher, Gewerlil. Bildungsfrage S. 23 ff Ein Urteil aus dem 18. Jahrhundert: „Ich will itzo nur des schlechten Unterrichts erwähnen, den sie — sc. die Zünfte — ihren Lehrlingen erteilen, die dasjenige höchstens in einem Vierteljahre weit besser erlernen könnten, worüber sie drey, vier und mehr Jahre mit blofsem Absehen und Verrichtung aller Mägdearbeit zubringen müssen.“ von Justi, Staatswirtschaft 1 (1758), 292. Noch Schm oll er kennt 1870 im wesentlichen nur die früheren Ausbeutungsformen; von denen, was wir heute - „Lehrlingszüchterei“ nennen, weifs er noch so gut wie nichts. Vgl. z. B. Kleingewerbe 353/55. Auch in den deutschen Enqueten der 1870er Jahre spielt das numerische Mißverhältnis der Zahl der Lehrlinge, also die „Lehrlingszüchterei“ im eigentlichen Sinne noch keine grofse Rolle. In den Gutachten, die der Verein für Socialpolitik in jener Zeit sammelte (mitgeteilt in den Schriften des Vereins f. Soc.-Pol. Bd. X. 1875), finde ich nur mit Bezug auf die Buchdrucker und zwar im Hinblick auf gröfsere Unternehmungen überhaupt eine Erwähnung des Problems des Lehrlingsziicliterei. In der ungefähr gleichzeitig erschienenen Reichsenquete (Ergebnisse der über die Verhältnisse der Lehrlinge, Gesellen und Fabrikarbeiter auf Beschlufs des Bumlesrats an- gestellten Erhebungen, zusammengestellt im Reichskanzleramt. 1877) findet sich im Gegenteil vielfach ein Hinweis auf fühlbaren Mangel an Lehrlingen in den meisten Handwerken: vgl. a. a. 0., S. 75 ff., eine Beobachtung, die durch andere Thatsachen bestätigt wird. So nahm beispielsweise in der Berliner Tischlerei die Zahl der Lehrlinge von 1860 bis 1875 eher ab als zu. Die in der Innung befindlichen Meister nahmen in die Lehre auf Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 583 und liefsen einschreiben (berechnet nach den in den Schriften des V. f. S.P. a. a. 0. S. 39 mitgeteilten Tabellen): T Durchschnittszahl Jaür der Meister 1860/61—1864/65 1776 1865/66—1869/70 1684 1870/71-1874/75 1603 Lehrlinge 2011 1567 807 auf 100 Meister entfielen Lehrlinge 113 93 50 Eine Durchmusterung der Quellen damaliger Zeit ergiebt, dafs sich das Lehrlingsverhältnis in Deutschland in den 1870er Jahren in einem Übergangsstadium befand. Schon wird geklagt, dafs die jungen Leute, von den Fabriken angelockt, „zu früh verdienen wollen“, statt Lehrgeld zu bezahlen. Infolge davon: Kontraktbruch, „Verwilderung“ und andere Übel (Ergebnis der Gutachten des V. f. S. P. und seiner Beratungen über diesen Gegenstand: Schriften Bd. XI, 1875). Es beginnt aber als zweite Folge die Sitte des Lehrgeldnehmens gerade damals in Abnahme zu kommen. (Ergebnis der oben citierten Reichsenquete; vgl. a. a. 0. S. 75 ff.) Damit im Zusammenhang steht das ebenfalls in jene Zeit fallende Verschwinden der häuslichen Beschäftigung des Lehrlings, die mehr und mehr abnimmt, „weil (wie verschiedentlich hervorgehoben wird) die Arbeitskraft des Lehrlings für eine solche Verwendung viel zu teuer sei“ (a. a. 0. S. 69 ff.). Blieb dem Meister also nichts übrig, als entweder auf die Annahme von Lehrlingen zu verzichten, oder die Arbeitskraft des Lehrlings im Produktionsprozefs entsprechend zu nützen, ohne sie auszubilden. Letzteres bedeutete einen Bruch mit Jahrhunderte alten Überlieferungen und stand mit der Handwerkerehre alten Stils im Widerspruch. Daher zunächst es nur die „gewissenloseren“ (und meist weniger tüchtigen) Meister waren, die „Lehrlinge“ unter den neuen Bedingungen annahmen. Die fortschreitende Zersetzung des Handwerks hat dann jenen Unterschied in der Auffassung vom Wesen des Lehrlings bei den verschiedenen Meistern ausgeglichen, hat das moralische Empfinden nivelliert. Aus der umfangreichen neueren Litteratur (vgl. auch meine Übersicht in Brauns Archiv, Bd. IX) darf besonderes Interesse der Bericht des Centralvorstandes des Schweizerischen Gewerbevereins über seine diesbezüglichen Untersuchungen, Verhandlungen und Beschlüsse beanspruchen, die unter dem Titel „Die Förderung der Berufslehre beim Meister“ als Heft XI der Gewerblichen Zeitfragen (1895) erschienen ist. Hier gewinnen wir für die Zustände in der Schweiz ein Bild, das im wesentlichen mit demjenigen übereinstimmt, das Scheven für Deutschland gezeichnet hatte. Mit ganz verschwindenden Ausnahmen kommen alle Gutachten zu dem Ergebnis: dals es dem gewerblichen Nachwuchs ebenso sehr an Schulbildung, wie vor allem an Handgeschicklichkeit fehle und dafs in allen Berufszweigen bereits heute ein empfindlicher Mangel an tüchtigen Arbeitern herrsche. Auch wird als Grund in sehr vielen Fällen (obwohl es meistens Handwerker sind, die berichten) die mangelhafte Ausbildung der Lehrlinge angegeben, die großenteils von den weniger tüchtigen Meistern in Masse angenommen würden, weil sie hier kein Lehrgeld (oder geringeres) zu zahlen brauchten: a. a. 0. S. 34 (Schneider), S. 54 (Schreiner), S. 59 (Glaser), S. 64 (Schlosser), S. 77 (Sattler). „Eltern und Vormünder ziehen gar oft kurze Lehrzeit und billiges Lehrgeld vor, statt tüchtige Meister mit guter Arbeit“ (S. 77). Es scheint demnach, 584 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. als ob die Entwicklung in der Schweiz noch etwas rückständig sei und etwa dem Stande der Dinge entspräche, den wir oben für Deutschland vor etwa 20 Jahren konstatieren konnten. Uber die analogen Zustände in Frankreich unterrichtet J. Fouque, La crise de Tapprentissage et les progres de l’enseignement professionnel. 1900. Ein resümierender Aufsatz desselben Autors in den Questions pratiques de Legislation ouvriere (20. X. 1900) beginnt mit den Worten: „L’apprentissage — et nous entendons ce mot dans son sens restreint, celui d’enseignement d’un Metier manuel — est en train de disparaitre.“ Dieser Satz wird dann des weiteren dahin erläutert: „l’idöe morale et tutelaire qui dominait 1’an eien contrat d’apprentissage tend manifestement ä s’oblitdrer chez beaucoup de patrons, qui voient dans leurs apprentis des ouvriers ä hon marche plutot que des pupilles“ . . . Ygl. neuerdings Cb. M. Limousin, L’instruction professionnelle et l’industrie nouvelle im Journal des Economistes. 15. X. 1901. pag. 16 ff. Für England sind vor allem zu vergleichen die beiden Werke von Sidney und Beatrice Webb: 1) The History of Trade Unionism. 1894; deutsche Ausgabe 1896. 2) Industrial Democracy. 1897. Deutsche Ausgabe (1898) u. d. T.: Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine. — Vgl. übrigens auch die Litteraturübersiclit in dem Artikel „Gewerblicher Unterricht“ (Carl Roscher) im H. St. 4 2 (1900), in der merkwürdigerweise gerade die oben genannten Quellen und Schriften sämtlich fehlen. Abkürzungen, Gewerbliche Arbeit = W. Sombart, Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation im Archiv für sociale Gesetzgebung und Statistik; herausgegeben von H. Braun. Bd. XIY. 1899. H. siehe Band II Seite 356 dieses Werkes. H. St. 3 == Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 2. Aufl. 1899 ff. 7 Bände. Stat Jahrb. == Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reichs. Erscheint jährlich; zuweilen auch nur cit. 1900, 1901. U. siehe Band I Seite 662 ff. dieses Werkes. U.B. = ürkundenbuch. Für Erklärung sonst noch gelegentlich gebrauchter Abkürzungen wird das Autorenverzeichnis zu Rate zu ziehen sein. Die ebenfalls nicht immer ausgeschriebenen Titel der Quellen und Zeitschriften wird sich der Leser bei einiger Umsicht selbst aus dem Text ergänzen können; ihre Aufführung würde zu viel Raum beanspruchen. Autorenverzeichnis r y Die beiden römischen Ziffern I und II bezeichnen den Band, die dahinter folgenden Ziffern die Seitenzahl des betreffenden Bandes. Die fremdländischen Namen mit Da, De, Di etc. sind unter D an ihrem Orte alphabetisch eingereiht- die deutschen Namen mit von dagegen unter dem betreffenden Anfangsbuchstaben des Namens selbst. Abelsdorff, Walter, 1 662.'666. Adler, Emanuel, II 22. Aebert, B., I 664. Agricola, G., II 362. Albinus I 275. Albrecht, PI., II 417. 522. Alexi, S., I 250. Alfieri, Vitt., I 393. Alidosi, Giov. Nie. Pasq., I 245. 406. Alvares, P., I 373. Alyize, da ca da Mosto, I 354. 362. 374. Amiet, J. F., I 255. 271. Ammon, 0., II 229. Anderson I 244 f. 266. 395. Andröe, K., I 144. 190. 348. 858. Apelt, Kurt, II 253. Aristoteles I 61 ff. Arnecke, Dr. A. Ch., I 665. Arnold, W., I 88. 286 f. 289 f. 301. 487 f. 526 f. II 37. Aron II 523. Arrivabene II 171. Ascher, A., I 666. Aschrott II 170. Asher II 159. Ashley I 91. 97. 99f. 119. 123f. 134. 184. 285. Aubert, L. M. B., I 301. Baader, Jos., I 133. Bachem, Jul., II 377. Backhaus, Al., I 584. II 110. 113. Baden-Powell, B. H., I 90. Bähr, Otto, I 445. 447. 465. 659. II 260. B aines II 54. Bando II 119. Banfield I 428 f. 433 f. 438. 483. 661. II 120. 137. 150. 259. Barbaro, Ermolaro, I 192. Barbazan I 123. Barbosa, Duarte, I 374. Barbosa, Odoardo, I 373. Barth, Th., II 78. Barthema, Lodovico, I 374. Beccaria II 225. Beck, L. C., I 307. 406. Beck, Th., II 51. Beckmann I 75. 109. II 135. Beer, A., I 320. 336. 357. 364. Bein, L., I 30. Beissel, St., I 147. Bel och, J., I 139. II 183. 198. Below, y. G., I 88. 94. 106. 110f. 147. 171. 177. 183. 190. 285. Benoist, Charles, II 505. Bensing, F., II 104. Berends, S., II 266. Berg, A. v., II 150. 266. Berg, E., II 125. Bergius I 117. II 135 f. 368. Bertagnolli, C., I 151. II 88. 199. Berthold II 240. Beugnot I 336. 339. Beyerle I 288 f. 301. Bianchi, G., I 151. Bienengräber II 141. Bisch off, Dr. Erich, I 664 f. Bischoff, S., I 402. Bismarck I 461. 467. Blackstone II 162. Bleicher, H., II 241. Bleton, A., I 490. Blum, Joh. Gottl., II 278. Bluntschli I 44. Boccaccio I 249. Bode, W., II 297. 303. 309 ff. 315 ff. Bodin I 329. Bodmann I 271. r w Autorenverzeichnis. 587 r v r Boehm I 73. 87. II 81. Boehm-Bawerk, E. v., I 210. II 71. 80. Böheim, W., I 106. 157. Böhme, Otto, II 112. Böhmer I 271. 286. 289. 317. Böhmert, V., I 133. 665. Boenisch, P., II 122. Böttger, Hugo, I 500. 669. II 548. Bötzow II 148. van d. Bogaerde de Ter-Brugge I 313. Bokemeyer I 190. 330. 345. 349.355. 357 f. Bolte, Alfred, I 664. Bolton II 157. 226 f. Bond I 252. Bongar I 240. Bonifaccio I 297. Bonis, Freres, I 113. 253. Bonn, J. M., I 124. 273. 329. 372. 379. 419. Bonnardot, Frau?., I 134. Booth, Ch., I 502. 505. 512. 661. II 231. 237. 505. Borght, van der, II 14. 19. Borgius, W., I 664. II352. 367. 369. 390. Bosio, J., I 252. 260 f. Botero II 192 f. 199. Bourne, Fox, I 252. II 301. Boutaric, Edg., I 241. 262. 267. Braemer, Karl, II 215. Brambilla, G., 1 393. Brandt, L. O., I 665. II 352. Brant, Sebastian, I 423. Brater I 44. Braun, H., I 1. 8. 19. 52. 342. 500. 509. 648. II 386. 583. Braun, Lily, II 324. 506. Braunagel, Emil, I 575. Brehmer, W., I 123. Brentano, L., I 101. 661. II 363. 423. Bringmann I 490. Brodnicki, Boleslawv., 1434.580.11109. Broesike, Max, I 663. Brückner, H., II 178. 184. 229. Brünneck, v., I 290. Buchardt I 663. Buchon, Ed., I 333 f. Bücher, Karl, I 28. 34. 52 ff. 82. 92 f. 120 f. 138. 291. 293. 306. 436. 524. 553. 567 ff. 571. 626. 662. 665. 669. II 192. 230. 423. 582. Büchsenschütz I 115. 124. Bürgel, Martin, II 351. Büsch, Job. Georg, 11 74. 197. Buhl, L., II 266. Buoncompagni I 218. 392. Burckhardt. J., I 396. II 199. Buxton, Th. F., I 346. 350. 354. Cahn I 188. Caissotti di Chiusano, L., II 416. Caleghan I 373. Calvin I 379. Campe, F., I 405. Cantilion II 202. 224 f. Cantor, M., I 191 f. Carlyle I 61. 461. Caro, G., I 314. Cecchetti I 315. Cellense, Vetero, I 276. Cellini, Benvenuto, I 550. Cenni I 316. Centi I 320. Chalmers, Th., II 167. 170. 226. Chamberlayne II 203. 225 f. 247. Chatillon-Plessis, B., I 158. Chaucer I 229. Cheruel I 97. Chevalier II 423. Child I XV. Chippendale, Thomas, II 305. 307. Cibrario I 245. 333. 352. Cicero II 56. Clamageran I 230. 249. 262 f. Clemen, Paul, II 306. Cliquot I 375. Coffignon, A., II 373. 399. Cohen, Arthur, 1 663. II 384 ff. 408. 535. Cohn, Adolf, I 357. Coletti, Francesco, II 416. Collet, Clara E., II 505. a Collibus, Hippolitus, II 192. 199. Colmeiro I 379. Colon I 383. Compagni, Dino, I 324. Conrad, J., I 417. 500. II 18. 93. 96. 98. 102. 104. 106. 108. 111 f. 242 f. 256. Conze, F., I 188. Cooke I 400. Cooley II 219. Corio I 245. Corradi, A., I 137. Crane, Walter, II 299. Crapelet I 112. Crooke, W., I 90. Crüger, H., II 544. 548. 553. Culloch, Mc., II 384. Cunningham, W., I 104. 136 f. 139. 154. 182. 185. 229. 250. 259. 400. Curschmann, F, I 137. Custodi II 190. 193. 225. Daei, Fr., I 467. II 544. 553. Dandolo I 317. Dante I 383. Davanzati I XV. Davidsohn I 224. 245. 252 f. 258 f. 263. 265. 274. 319 ff. 390. Davies II 165. d’Adda, Giov., II 453. d’Ajano, Broglio, I 103. 124.400.403. tl 588 Autorenverzeichnis. d’Arco II 198. d’Avenel, G., I 138. 151. 247. 255. 258. 271. 360. II 246. 328. 379. 397. 399. de Balzac I 660. II 402. d e Barros I 374. de Boissonade, P., I 101. 111. 134. 141. de Borchgrave, E., I 136. 139. de Burgo, Luc., I 193. de Camöes, Luiz, I 325. di Conti, Nie., I 373. d’Haussonville, Comte, II 505. de Jonge I 345. de Laborde, M., I 244. de Lespinasse, Renö, I 134. Defoe, Daniel, II 154 ff. 160. 163. 197. 213. 227. Degen, L., I 661. Dehn, P., II 377. Dei Benedetto I 321. Delitzsch I 90. 123. Del Mar, A., I 345. 365. des Marez I 176. 259. 269. Del Vecchio, G. S., II 175. de Veer I 330. de Wailly I 241. Denton, W., I 136 f. 190. 244. Desimoni, Corn., I 393. Deslile, Leop., I 376. Deutsch, E., II 264. Deutsch, J., I 512. Deville, A., II 454. Dieterici I 431. 453. 462. 470 f. II 45. 140 f. 281. 346. 369. Dittrich, J. J., II 266. Dixon, E., I 233. 323. Dobel, F., I 254. 280. 396. Dohna, Graf Hermann zu, II 265 f. Doren I 100 f. 107. 111. 123 f. 166. 176. 187 f. 400 ff. Douet d’Arqu I 244. Dreesbach, Emil, I 335. Duffner, Karl, I 662. Du Maroussem, P., I 490. 505. 529. 548. 565. 661. II 399. Duyse, H. v., I 157. Dyhrenfurth, G., I 515. II 391. 505. Dzialas, F., II 107. Ebers, Gust., I 89. Eberstadt, R., I 126. II 242. Eckert I 301. Eden, F. M., II 154. 156. 163. 167. 213. Eger, Leo, I 663. Eggert, U., II 98. Eheberg I 188. 250. II 256. Ehrenberg, Rieh., 1 161. 224. 280. 355. 377. 400. 414 f. II 381. 408. Ehrle I 239. Einaudi, L., II 175. Emmery II 484 f. Emminghaus, A., II 354. Endemann I 184. Endres, M., II 109. Engel, E., I 431. 442. II 12. 105. 142. 177 f. 214. 223. 240. 281. 347. 484. 488. Engels, Friedr., I 53. 65. 661. II 166 f. Ennen I 286 f., 301. 306. 321. Erasmus I 383. Ermann I 184. Ermisch, H., I 254. 276. Ersbein II 103. Ersch und Gruber I 335. II 370. Ertl-Licht II 415 f. Escher, R., II 66. Eschwege, L., I 493. Eulenburg, F., I 81. 291. Fabri, Felix, I 309. Fagniez I 134. 183. 187. Faist, R., I 663. Falconbridge I 346. Falize, L., I 41. II 309. Falke, Gustav v., I 104. 106 ff 110 f. 156. 176. 187. 229. II 300. 330. Falke, Jakob v., II 294. 299. Falkenstein, Karl, I 104. Faulhaber, C., I 280. 401. II 409. Feig I 515. 538. Ferdinand, Valentin, I 374. Ferrara I 252. Ferroglio, Gaetano, II 184. Feuerstein I 663. Fichard, Job. Carl v., I 289. Figuier, Louis, I 387. Filangieri, G., II 190. 225. Fink, E., I 254. 280. 401. Fischer, F. Ch. J., I 274. Fitger, Em., II 137. Flach I 286. Flechtner, F., I 489. 628. 664. Flor, A., I 480. Flotow, v., II 177. Förster, E., I 141. Fontane, Th., II 68. 87. Forestie I 113. Fouquö, J., II 584. Fourier, Charles, II 444. Fox Bourne, II. R., I 310. Fraas II 103. Francke, E., I 452. 510. 532. 576. 590. 629. 669. II 21. 37. 448. Francke, L., II 13. Francotte, H., I 123. Frankenberg, H. v., I 46. Frankenstein, K., I 109. 541. Franz, H., I 444. Freese, H., I 496. 499 f. II 220. 242. 474. Freiesieben I 481. Autorenverzeichnis. 589 Frensdorff I 106. 111. Frenzei, J. C. F., II 129.131.149. Frey, C., 1 286. 301. 323 f. 383. Friedemann I 357. Friedländer I 119. Friedrichowicz, Eugen, I 533 f. Friesen, Rieh. Freiherr v., II 27. 40. Fromm, E., I 133. Froumenteau I 418. Fuchs, C. J., II 78. Fuchs, Georg, II 303. Fürth, Henriette, II 505. Fugger, Ant., I 193. Fukado, Takuzo, I 125. Funk-Brentano I 230. 259. 302. 311 f. Funke, PI. L. W., I 430. 434. 661. II 127. 133. 137. 144. 266. Ctaedechens, C. F., I 286. 301. Gar den er, Willcinson J., I 28. 123. Garrigues, Henry, II 399. Gaskeil II 164. 166. 168. Gebauer I 539. Gebhardt I 91. Gedon, Lorenz, II 300. Geering I 98. 103 f. 110. 113. 133. 145. 147. 152. 157 f. 173. 177. 229. 231. 400. 403 ft'. 412. 419. 421. Geiger, L., II 56. Geifsenberger, Nicol., I 665. Geistbeck, Mich., II 13. 77. Gelcich, E., I 395. Geldersen, Viko v., I 113. 179. 191. 228 f. Gengier I 123. 176. Gensei II 358. Gerlach, O., II 97. Gerland, E., I 335. II 199. Gessner, K., II 384 f. Gförer I 316 f. Gherardi I 233. 393. Ghistele I 335. Gierke, O., I 125 f. Giesel, Joh., I 664. Giefselmann, Gust., I 665. Gilbert II 162. 169. Giulini I 395. Glücksmann I 30. Gmelin I 247. 253. 276. Gnauck-Kühne, Elisabeth, I 472. II 501. 505. Godart 1 490. Goertz-Wrisberg, Werner, Graf, II 106 f. 113. Goethe I X. XII. XXIII. XXVI. 69. 75 f. 84. 121. 163. 197 f. 248. 385. 398. 550. 630. II 1. 42. 61. 295. 371. 372. 376. 421. 435. 455. Götz I 223. Goldschmidt, L., I 119. 124. 170. 183 f. 313. 338. Goldstein, J., II 159. 181. 200. Goltz, v. d., II 89. 105 f. 109. 112. Gomara I 369. Go mb erg, Leo, I 395. Gosch, Friedr., I 665. Gossrau, W., I 319. Gothein E., I 88. 96. 101 f. 105. 127. 130. 133. 145. 276 f. 280. 381. 400. 406. Gottlob I 237 ff. 242. 250 f. 255. 263. 313. 319 f. 382. 410 f. Gottschewski, Adolf, I 664 f. Grätz, II., I 390. Graham, P. A., I 585. 598. 611. II 170. Grandke, II., I 445 f. 462. II 391. 442. Graul, Rieh., II 309 f. Graunt, John, II 204. Gregorovius I 244 f. Greiff, B., I 400. Grempe, P. M., I 490. i Grieger, F., I 664. I Grieshammer, Joh. Mart., I 665. | Grimm, Gehr., I 75 ff Grofs, Charles, I 187. Grofs, G., I 100. 111. 124. 130. 134. 185. 188. 283. 310. Grossholz II 128. Grot, Nicolas v., II 85. Groth, E., I 469. II 297. Grothe, M., II 522. Grub er (Ersch und) I 335. II 370. Grümbke I 440. Grünberg, C., I 353. Grünhagen, C., I 102. 111. 306. Grunzei II 352. Guillot I 123. Gurlitt, C., II 316. Häbler, K., I 265. 280. 343. 347 f. 354. 367 f. 372. 400. II 89. 199. Haeckel II 425. Hagec I 253. 277. Hagen, v., II 119. Hall, Hub., I 226. Hallmann II 295. i Hamilton, Terrick, I 190. 364. Hampke, Karl, I 664. Hanauer I 287. 360. Handelmann, II., I 343. Hankel, H., I 192. Hansen, G., II 229. Hanssen, G., II 235. Hantsch, Victor, I 343. Harms, Bernhard, I 644. Harrison, II 161. Hartmann, Karl, I 665. Hartmann, M. Ludo, I 124. Hartmann, Otto, Hartung, J., I 171. 224 f. 280. 403. Hartwig, 0., I 287. 320. 323. 411. Hasbach, W., II 94. 156. 159. 162 f. 165 ff 170. 590 Autorenverzeichnis. Hase, 0., I 404 f. Hasse, E., II 184. 241. 257. Kassier, Ed., I 402. Haudecour, A., I 337. 340 f. 357. Hauer, Georg Freiherr v., II 136. Haupt I 436. Hauptmann, Gerb., I 32. Haushofer I 618. Hausmann, W., II 384. Havard, Henry, II 309. Ilaverland, G., I 500. Haxthausen II 124. Hecht, M., I 441. 574. 617. 665. Hecker-Hirsch I 137. Heck sch er, Siegfr., I 664. Heerdegen, J., I 666 Heffter, W., I 46. Hegart, Kuno, II 352. Hegel, Karl, I 87. 91. 110 ff. 123 ff 133 ff 247 . 288. 307. 323. Hegel, J. W. F. 1 29. II 5. 67. Heideloff I 117. 144. Heiligenstadt II 546. Heine, Heinrich, II 430. Heine, Wolfgang, II 352. Heineccius I 124. Heinemann, Ernst, II 221. Heinke, G., I 490. Heisig, Jos., II 110. Held, A., I 482. II 423. Helmolt, Hans F., 1 172. 343. Helps, Arth., I 343. 345. Helvetius, II 225. Hermann I 190. Hermann, F. B. W. v., II 147. Herrmann, Em., II 48. 51. 65. 285. 515. Herodot I 96. Herold, G. E., I 120. II 367. H errera I 368 f. Herzberg, G., I 462. 512. 594. II. 35. 503. Hesiod I 189. Hefs, M„ I 452. II 263. Heusinger, Friedr., II 266. Heyck, Ed., I 190. 252. 313. 333. Hey d I 104 f. 223. 252. 259. 333. 335 f. 352. 362 f. Heym, Robert, I 429. 481 f. Hildebrand, Br., I 99. 147. II 549. Hirsch, Rieh., I 663. Hirsch, Th., 1 100. 104 ff 110. 112. 172. Hirschberg, E., II 505. Hirschberg, Theodor, I 664. Hirschfeld, Georg, I 29. Hirschfeld, O., I 91. Hirschfeld, P., I 561. Hirth, G.j II 300 f. Höhne, C., II 385. Höniger, R., I 137. 301. Hoffmann, Horst, I 665. Hoffmann, J. G., I 120. 442.445.451. 460. 467. 630. II 266. 353. 357. Hof mann, Arthur, I 665. Hofmannsthal, Hugo von, I XXX. Holländer, Ludw., I 526. Hollingworth, S., I 350. Holtzendorf II 363. Holzschuh er, Freiherr v., II 142. 267. 353. Homer I 90. 440. lloräCek, E., II 245. Hornig, Paul, I 444. Hotop, Max, I 665. Hoverden, Gr., II 149. Huber, F. C., II 76. 352. 399. Hübner, Otto, I 470. II 9. 11. 98. 108. 286. Hühner-Juraschek II 281 f. 287. Hüne I 356. Humboldt, A. v., I 348. 357.365.369. 384. Hume I 397. II 190. 196. 203. Humphrey, Mary G., II 309. Hungerford-Pollen II 305. Hunter II 192. Hutten, Ulr. v., I 297. Huvelin, P., I 97. Ibsen II 86. Immermann I 439. Inama-Sternegg, v., I 88. 105. 136. 360. 418. Irmer, A., I 504. «Tacini II 173. Jacob, W., I 379. II 280. Jacobi, L. H. W., I 96. 427. 431. 437. 476 f. 484. II 150. 266. Jacobi, V., II 133. 135. 140. Jacobs, William, II 103. Jäger, Carl, I 283. 301. 307 f. 403. 406 f. Jähns, Max, I 413. James, Edmund J., I 400. 402. II 183 f. Janke, H., II 95. Jänner I 117. 121. Janssen, Joh., I 87. 175. 259. 271. 274. 360. 418. Jastrow, J., I 139. Jenny, Carl, II 61. Jentsch, Karl, II 437. Jessen, P., II 305. 308. Jobard, M., II 48. Joll II 487. 521. Jordanus I 191. Junghans, Paul, I 665. Juraschek II 12 ff. Justi, v., I XV. II 582. Justus, S., II 266 f. Kablukow II 167. Kärger I 577. Autorenverzeichnis. 591 Kaiser, E., II 408. Kaiserberg, Geiler v., I 184. Kaizl, J., II 39. Kampffmeyer, Paul, I 480. Kant I XI. XVII. Kanter, Hugo (Kuno Hegart), I 664. II 405 f. Kantorowicz, Franz, I 664. Kapp, F., I 404. Kara-Mursa, P., II 354. Karmarsch I 537. II 54. 61. 63. Kautsky II 99. Kienböck, V., I 666. Kieselbach, W., I 187. 446. Kind, Hermann, I 665. King II 156. 181. 200. 226. Kingsley I 461. Kirchhoff I 253. Kirsch I 237. 250. 411. Kirstein, Ernst, II 97. 108. Kleinwächter I 10. 666. Klemm, Gust., II 56. Klöden, K. F„ I 102. 108. 111 ff. 176. Klosen I 289. Klumker, J., I 99. 664. Knackfuss II 454. 456. Knapp I 342. 347. 354. 535. II 87. 120. 126. 143. Knies, K., II 284 f. 289. 413. 544. Knocke II 522. Kpburg, Sim. Jac. v., I 192. Koch, S., II 240. Koehler, Wold., I 404. König, Albin, I 664f. Kopeke, Otto, I 664f. Kohl, J. G., II 188. Köhler, J., I 188. Kolewinck I 258. Kollmann, P., II 98. 111. 113 ff. 149. 171. 241. Kopp, H., I 386 f. Koppe, C. W., I 123. II. 149. Koppmann I 179. 228. Kostanecki, A. v., I 253. Kotschy I 357. Kovalewsky, M., I 137. 154. Kozak, K., II 245. Krakauer I 91. Krause, J. II., I 361. K r e m e r, v., 1123.125.327.335.340 f. 361. Kretzer, Max, I 470. II 435. Krepzkam, Theod., I 665. Kriegh I 169-! Kriele, Martin, 1,663 f. Krocker, A., I 429. Krünitz I 95. 117. Krug II 207. Kuczynski, R., II 229. 231. Kudelka, Th., II 416. Kühn II 278. 280. Kulemann II 558. Kulischer, Jos., I 128. 189 f. 231. Kunstmann, F., I 354. Kunze, K., I 104. 166. Kuntze, Kurt, I 153. 665. Kuppener, Chrst., I 175. Kurella, H., II 244 f. Jjaband I 183. Labat I 355. Labriola, A. F., II 53. La Bruyöre II 190. 203. Lacomblet 1 128. Ladenburg, A., II 62. Lamb, Ch., II 309. Lamprecht I 97. 136. 138. 151. 159. 259. 360. Lamouroux, M. Al., II 246. Landolt II 244. Landsberg, C., II 301. Langegg, v., I 367. Langenstein, Heinz v., I 175. Langer, Otto, I 339. 341. 347. Lappenberg I 286. Las Casas I 342. 346. Lassalle I IX. II 28. Lästig I 170. 181. 184. 269. 377. 412. Lattes I 170. 186. 252. 377. Laurea II 53. Laurent, G. A., I 30. Laves, Th., II 15. Law, Alice, I 252. 260. 262. 264. Lazari, V., I 352. Lazarus, M., II 85. Leber, C., I 241. 247. 360. 375. Leffler, J. A., II 505. Legien I 651. Legoyt II 180. Lehmann, Ernst, I 662. Lehwefs, Eduard, I 663. Leipart, Th., II 505. Leiter, F., I 666. Leisching, J., I 666. II 317. Lemcke, Joh. (P. Friesenhahn), II 374. 381 Lemke, H., I 123. Lenel, W., I 185. 252. 258. 314. 317. Lengerke, A. von, I 435. 439. 443 f. II 96. 123 f. 128. 134 f. 264. Leo I 317f. 660. Leon, Antonio de, I 343. Le Play II 308. Leroy-Beaulieu, P., I 332. 365. Leschner, K., I 137. Lespinasse-Bonnardot I 119. Lessing, J„ 1 540. 549 f. 566 f. II 301. 309 f. 317. 330. Letourneau;! 190. Lette Tü 126j Levasseur,, Em., I 79. 88. 121. 124. 130,f. 134 136 f. 139. 144. 151. 154. 187. II 181. 367. 592 Autorenverzeichnis. Levy von Halle I 489. 529. Lexis I 274f.365f.495. II 9ff. 19. 71. 81. Libri I 392. 395 f. Liebenam I 116. 123 f. 133. Liebig, Justus von, I 357. Liebmann I 91. Liebseber, G., II 106. Liedke II 266. Liefmann, R., I 509. Liesegang, E., I 141. Lietzmann 1 535. Limousin, Oh. M., II 584. Lindner II 55. Liruti I 317. List, Friedr., II 95. Litthauer, F., II 408. Lizier, A., I 188. Loebner I 246. Lobe, W., I 434. 436. Löschburg I 461. Lognon I 301. Lohr, Hermann, I 662. II 404. Lopez, Th., I 366. 374. Loria, A., I 351. 358. II 152. 175. 348. Losch, H., I 52. 71. Lotz, W., II 278. Luard, Richards, I 363. Lubnow, Adolf, I 664f. Lucan I 383. Lueders I 190. 330. Lueger, Otto, II 55. 512. Luther I 61. 73. Lux, H., II 485 ff. 523. 527. 532. Macaulay II 181. 213. Mackenzie II 190. Macpberson II 213. Madox I 259. 267. Maercker, Max, II 106. Mabaim I 124. Maier, Joseph, I 663. Main, Ad., I 334. Mandeville II 290. Mannheimer, G. K. R., II 23. Manzi, G., I 258. Marberger II 192. Marin, C. A., I 245. Markgraf, H., I 123. Mario, K., I 553. II 218. 423. Marquardt I 116. Marshall II 163. 211. 219. Martin, R., I 429. Martin-Saint-Leon I 80. 87. 91. 96f. 121. 124. 130 f. 134. 149. 169. II 367. Martius, v., I 356. Marx, K., IIX. XIV. XVII. XXTX. 22f. 38 ff. 47 f. 53. 56. 59. 72. 205 ff. 213. 215. 218. 355. 358. 372. 482. 506. 556. II 5. 57. 64. 66. 79. 82. 93. 142. 161. 164. 167 f. 170. 427. 508. 512. 550. Marx, S., II 363. Masetti-Bencini I 334. Mataja, V., II 384. 386. 399. Matthesius, Job., I 277 ff. Maue, Hermann C., I 124. Maurer, v., I 88. 96 ff. 123. 125 ff. 144. 177. 285 ff. 289. 302. Mauri, Angelo, I 124. Mayer, G., I 460. 663. Mayr, G. v., II 114. 151. 178. 180. 185. Meitzen, A., I 435 f. II 35. 114. 280 f. Mende, Kurt, I 664. Mendelson, M., 1 669. Mendelssohn, G. B., II 270. Menger, Carl, I XXIX. Merivale, H., I 325. 332. 352. 357 f. Meuriot, II 183. 248. Meyer, Ed., I 114. 305. Meyer, Emil, II 15. Meyer, Georg, II 125. Meyer, Hans, II 454. Meyer, Rud., II 110. Michaelis, Otto, II 9. Micbaud I 263. Micbelet II 337. Mi ege II 157. 226 f. Mi 11, John Stuart, I XVII. H 307. 423. Mirabeau II 203 ff. 225. Mischler, Ernst, I 648. Mischler, Peter, 1427.481.483. II207. Mocenigo I 165. Möser, Justus, I 76. 423. II 356ff. 370. Mohr, Hugo, I 526. II 215. Mollwo I 228. Molmenti, P. G., I 316. 318. Mommsen I 124. Mo ne I 82. Montesquieu II 190. 196. Moranville, Ed., I 262. More II 161. Moreau de Jonnös, A., I 347. 350f. II 45. Morris, Henry C., I 332. Moser I 305. Movers I 123. Mucke, J. R., II 103. 106. 150. Müller, Ed., I 448. II 256. 272. Müller, V., II 302. Mülmann I 476. Müntz I 237. Muffat I 253. 264. Muirbead, J. P., II 51. Mummen hoff,E., 1 121. 133. 145.423. Muratori I 250. 317 f. 395. 412. Murr, Chr. G. v., I 388. Musil, A., I 485 ff. Mutber, R., II 85. 295 f. 308. 370. BTaude, W., I 167 f. Nebenius, F., I 356. Neefe, M., II 257. 530. Nehemia I 123. Autorenverzeichnis. 593 Neu, Alfred, I 665. Neuburg I 594. Neudörffer I 405. Neukraut I 469. Neumann, Fr. J., II 148 t 543. Neumann, M., I 130. 175. 184 f. 253. 266. II 126. Neumann-Spallart, II 13. Neumarch II 94. 159. Nicholl II 167. Nicolai-on II 142. Nietzsche, Frd., II 84. Nirrnheim I 113. 228. Noback, F., II 10. Noire, L., II 47 f. Noiret, H., I 335. 337 f. 340 f. Normand, Jaq., I 259. Normann II 205. Nübling, E., 1309.400. 590.666. II370. Ochs I 287. 292. Oechelhäuser, W., I 424. 428. II 46. Oertmann, P., I 500. Ogle, William, II 167. 234. Oldenberg, K., I 464. 487. 490. 492. 495. 520. 649. Oldenburg, G., II 107. Oncken II 224. Oppenheimer, Franz, I 154. Ostwald, Hans, II 304. Ovando I 344. Paasche, H., II 14 f. 114 f. Padberg, A., 1 435. 444. II 129. Pagnini I 221. 228. 235. 250. 270. 301. 320. 396. 411. II 76. Palmieri, G., I 392. Pantaleoni, M., I 189. Pappenheim, M., I 126. Paris, Math., I 363. Passy, II., II 180. 423. Pastor, W., II 523. Paterson, John Waugh, II 229. Patow II 98. Paul, Jean, I XXXIV. Pauli, C. W., I 112. 170. 285 f. 290 f. 294. 307. 311. Paygert, C. v., I 510. Pegolotti I 179. 233. 273. 336. Pernerstorfer, E., I 488. II 172. 264. Pernice I 124. Pertile I 285. 314. Peruzzi I 233. 319 f. 321. 399. Peschei, O., I 328. 342. 346.348.357. 360. 364. Petermann, Carl F., II 111. Peters, Max, I 665. Petersen I 500. Petit-Dutailles, Ch., I 137. Petty I XV. H 156. Peytraud, Luc., 1347. 350 f. 354 ff. 420. Pez, Hier., I 274. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. Pfau, Ludw., II 301. Philippovich, E. v., I 662. Pic I 490. Pickhardt, Fel., II 107. Pierstorff I 559. 609. 665f. H492. 562. Pigafetta, Ant., I 329. Pigeonneau I 187. 249. 274. Pilz, Herrn., II 402. Pirenne, H., I 139. 151. 190. 219. 244. 312 Pisano, Leonardo, 1191.218.226.231. Pi ton, C., I 249. 253. 258 ff. 262. 270. 319. 324. PI enge, Joh., I 665. II 150. Pöhlmann, R., I 186. II 189 f. 192. Poggi, E., I 313. 322. II 199. Pohle, L., II 352. Pommer, E., II 112. Porter II 94. Post, Julius, II 417. Prescott, William H., 1128.343. 367ff. Price-Williams, R., II 184.226.248. Proseiger I 443. Proudhon H 423. Prutz, H., I 234. 240. 250. 252. 260. 264. 333. 335. 339. Pyrard de la Val I 329. 364. 374. Quarck, M., I 490. 651. Quesnay II 200. 224 f. Quintana, M. J., I 368. 371. Rabbeno-Conigliani II 357. Radu, V. T., II 416. Ramusio I 329. 354. 362. 364. 366. 373 f. Rapsilber, M., II 302. Ratzel, F., II 192. Rau II 125. 133. 150. 356. 617. Rau-Hanssen 1467. II 177. 235. 544. Rauchberg, H., I 669. II 180. 214. 229. 231 f. Raumer I 165. Raupp 1 663. Ravenstein, E. G., II 229. Raynard, Gast., I 259. Reden, Freiherr von, I425 f. 429. 480. 642. II 45 f. 134. 136 f. 148. 177. 266. 280. Regel, F„ I 534. Rehlen, C. G., I 454. Rehme I 289. 301. Reinhardt, Emst, I 664. Reiser, Friedr., I 87. Rem, Lukas, I 178. 400. Reschauer, H., H 37. Retzbach, A., II 546. Reuleaux, F., I 47 f. H 48 ff. 53. 56. 66. 487. 522. 538. Reumont I 320 f. Reuter I 480. II 136. Räville, A., I 137. 38 594 Autorenverzeichnis. Keybaud, Louis, II 48. Rhymer I 245. 252. 266. Ricardo II 160. Ricca-Salerno, G., II 16. Richter, M., II 399. Richter, Paul, I 664. Rickert, Franz, I 662. Riedenauer, A., I 90. Riedl, R., I 489. Riedler, A., II 61. 488. Riehl II 309. Riemann I 535. Rietschel I 189. Rigord I 259. 267. Rinke, Karl, I 665. Rinkel, Richard, I 663. Robion, F., I 96. Rocke, P., I 665. Rodbertus 153.571. 1128.101.160.278. Rodocanachi, E., I 124. Rönne II 126. Rössger, H., II 356. 358. 410. R o g e r s, Th., 1136 ff. 141.151.159.223.230. Rollo-Reuschel II 377. Roscher, Carl, II 584. Roscher, W., I 329 f. 332. 357. 417. II 94. 188. 192. 204. 217. 423. 558. Rosegger I 437. Rosenthal I 289. 301. Rosin I 9 ff. Rosner, K., II. 293. 301. Roth, J. F., I 109. 294. 301. 307. Roth von Schreckenstein I 283. Roth, Hermann, II 434. Rothenacker, A., I 663. Rousiers, P. de, I 502. 505. Rousseau, J. J., I 236. Rüfin, A., I 429 f. II 119. 124. Rüge, Sophus I 331. Ruland, Ott, I 179. 402. Ruskin, John, II 306. 308. Rusticus II 172. Ryff, Andreas, I 178. 230. Saalfeld, F., I 190. 328 ff. 344 f. 364. 366. 369. 374. 445. 449. n 77. Sachs, Hans, I 116. 383. 423. Sackur I 185. 244. Saco Josö I 355. Sägemüller I 239. Saint Simon I, XIV. Saling I 493. 521. 526. 541. 561. Sandei, Joh., I 277. Sander, Clem., I 377. Sander, Paul, I 647. Sandi I 103. Santini, P., I 318 ff. 324. Sanudo I 317. Sanuto, Marino, I 165. Saravia della Calle I 372. Sarrazin II 116. Sattler, B. C., I 179. 230. Savary I 377. Sax, Emanuel, I 30. II 149. Sax, Emil, II 77. 117. Shrojavacca, L., II 171. Scaruffi I XV. Schacht, Hjalmar, II 289. Schäfer, F., II 527. Schäffle I 12. 40. 44. II 217. 220. 550. Schanz, G., I 185. II 162. Schaube I 104. 190. 229 f. 259. 261. 269. 314. 410. Scheider I 262. Scherer, II., I 328 ff. 351. 356. 415. Scheu, R., I 666. Sclieurl, A. v., I 254. 401. Scheven, Paul, II 523. 527.571.580.583. Schiller, Dr., I 664. Schiller, Friedr., I 42. 75. II 67. 135. Schirek, C., I 395. Schliepmann, H., II 304. Schlosser, J. v., I 316. Schmaler I 436. Schmid, Hans, II 172. Schmidt, Carl, I 500. Schmidt, Otto, I 665. Schmidt, Theod., I 172. Schmieder I 387. Schmoele, J., I 490. Schm oll er I XX. XXIX. 7. 53. 91 ff. 98 ff. 103. 105. 114. 120. 126. 129 ff. 136. 146. 150. 153. 167. 176. 274. 283. 318. 377. 393. 400. 406. 435. 437. 445. 455. 459. 462. 481. 483. 489. 500. 512. 515. 525. 529. 537. 559. 620. 630. II 15. 34 f. 38 f. 109. 131 f. 140. 281. 351. 359. 386. 391. 423 f. 442. 582. Schnake, Fr., II 265 f. S c h n e e r, A., 1429.477 f. II131.134.266. Schneider, C., I 663. Schneider, G., I 250 f. 256.263. 319. Schneider, H. A., I 533. Schnell, K. F., II 149. 267. Schönberg, G., I 81. 119. 126 ff. 130. 171. II 27. 112. 423. 543. Schöne, M., I 533. Schönebeck, Franz v., I 664. Schoenlank I 108. 400. Schöttle II 284. 287. Schopenhauer II 320. Schräder, O., I 144. 177. 189 f. Schreiber, H., II 523. Schreiber, Th., I 112. II 302. Schröder I 423. Schubart 11 96. Schubert, F. W., n 89. Schuemacher, Karl, I 663. Schüller, R., I 666. Schuhmacher H., II 78. Schuhmacher, Herrn. A., I 343 f. 367. 420. Autorenverzeichnis. 595 Schulte, A., I 99. 102. 104 ff. 108. 111 ff. 156 f. 166. 169. 173. 183. 187. 250. 253. 256. 259. 271. 274. 286. 300 f. 305. 307 f. 313. 319 f. II 76. Schultze, Rieh., II 330. Schulz II 149. Schulze, H., II 545. 547. Schulze-Delitzsch II 548. 553. S chulz e-Gaev er nitz,v., II79.169.211. Schumann, M., II 151. 229. Schwabe, H„ II 232. 278. 300. 347. Schwarz, 0., I 34. Schwarz, Paul, II 247. Schwendemann, Roman, I 663. Schwiedland I 529. II 35. 378. 408. Scott, Walter, II 86. Seeb ohm I 138. Seidler I 395. 666. Seitz, Franz v., II 300. Sella I 258. 271. Sello, G., I 113. Semino I 333. Semper, G., I 141. II 293. 295. 298. 303 f. 453. Sen ec a II 189. Serra, Ant., I XY. Shakespeare I 389. 660. II 356 f. Sharpe II 201. Sheraton, Th., II 305. 307 f. Siemens, Werner, II 522. Sieveking I 103. 124. 188. 252. 313 f. 318. 333. 338. 393. 400. 403. 411 f. Sievert, F., I 172. Simmel, G.,IXIX.XXII. 190.383.II330. Simonsfeld I 169. 178. 252. 316. Sinclair, John, I 241. Singer, Hans W., II 84. Singer, K., II 233. Sinzheimer I 523. 540. 553. 561. 567. 586. II 212. Sismondi I 61. Slaby H 523. Smith, Ad., I 26. 37. 40. 103. II 159. 162. 176. 192 f. Smith, John, I 283. Smith, Llewellyn, II 231. 237. Soergel, Hs. Th., I 663. Soetbeer, Ad., I 275. 362. 365 f. 368. 370. 373 f. 407. 414. Sommerlad, Theod., I 156. Sonnenfels I XV. II 135. 206. Spengler, A., I 663. Sperges, v., I 278 f. 408. Speyer, Otto, I 306. Spiethoff, A., I 663. Spix I 356. Sponsel, Jean Louis, II 375. Sprengel, M. Ch., I 346. Springer, Anton, II 455. Stahl I 119 f. 128. 138. Stamford, Raffles, I 349. Stammler I XIII. XXVIII. 1. Stampfer, F., I 666. Stegemann, R., I 117. 500. 541. Steiger, H., I 663. Stein, Philipp, I 663. Steinbeck I 254. 277. 402. 406. Steinberg, Paul, I 663. Steinbrück, C., II 116. Steinhausen I 230. Steinitz, K., I 664. Steinmann, F., II 266. Stengel I 289. 306. Stephan I 165. 223. 229. II 285. Sternberg, K., I 253. Stetten, P. v., I 287. 289. 294. 303. 305. Stewart, J„ I XIV. II 162. 164. 191 f. 217. 225. Stieda, W., I 45. 112 f. 128. 166 f. 171 f. 223 f. 229. 231. 246. 400. II 356. 377. Stobbe, Ö., I 253. 259. 261. 266. Stockbauer II 301. Stolle I 417. Storch II 330. 340. 342. Stresemann, G., II 399. Stromer, ülmann, I 231. Struve, P. v., II 88. 142. Stuart, Harry, II 163 ff. Stubbs, Will., I 241 f. 252. 309 f. Stüwe I 327. Suefs, E., I 365. Süfsheim, Max, II 382 f. Sugenheim I 322. Sumner-Maine, H., I 90. Tafel I 333. Tavernier I 374. Taylor, W., I 400. 424. Teesteye I 247. Thaa, G. von, II 357. Thiel n 116. Thiefs, Karl, I 663. Thissen, Otto, I 669. Thoma, Walter, I 665. Thomas I 333. Thorpe I 99. Thünen, v., II 107. 217. Thun, A., I 15. 30. 101. 106. 109. 127. 144. 149. 151. 400. 429 ff. 482. Thurneyssen, F., I 503. 539. 543 f. 546 f. 562. 608. II 35. 448. 535. Thurston II 523. Tiele, P. A., I 345. Tietze, Gustav, I 664. Tille, A., II 357 f. Timm, Joh., I 512. Tölner I 179. 228. Tönnies, F., I 60. II 142. Tommasi I 103. Toniolo, G., I 184. 252. Tooke I 360. II 94. 153. 38 * 596 Autorenverzeichnis. Torfs, L., I 137. Toynbee, A., I 424. II159 f. 181. 213. Tramayeres, Blaco L., I 134. Trefzer, F., II 244. Treitschke I 61. Treutlein I 392. Troeltsch 1 400. Trüdinger, Otto, I 666. Tugan-Baranowski, M., I 480. Turner, G. J., I 248. Tybaldo-Bassia I 124. Tzschoppe I 289. 306. Ticke, A., II 95. Überweg-Jürgen BonaMeyer 127. Ukland I 384. Ulmenstein, Freiherr von, II 356. 358. 401. Unger, F., I 191 f. 357. 392. 395. Üre, Andrew, I 48. II 66. Uzzano I 179. 221 f. 228 ff. Yallance, Aymer, II 306. Vandenpeereboom A., I 139. Vanderkindere, L., I 100. 124. 136. 247. 253. 259. 285 f. 292. 312. Vandervelde, E., II 171 f. 232. Varenbergh I 233. Vasari, G., II 453. Vellemann, A., II 291. Veluti I 323. Yentura, Laurentius, I 388. Verhaeren, Emile, II 190. Yianello, P., I 392. 395. Yiebahn, v., I 453. 617. II 129. 141. Yillani, I 261. 319 ff. 323. 376. 392. 411. 414. Yischer, Fr. Th., II 299. 330 f. Vitry, Jacob von, I 240. Voigt, Andreas, I 524. 593. 663. II 24. 423. 425. 514. 518. 536 f. Voigt, M., I 116. Voigt, Paul, I 501. 620 ff. 626. 633. 641. 663f. 669. II 38. 184. 233. 244. 297. 423. 441. 536. Volz I 432. Vofs, Job. Heinr., II 86. Vuitry, Ad., I 241. 247. 250. 267. Wachler, L. W., I 427. Waentig, H., I 632. 646. 648. H 37. 39 f. 447 f. 563. 570. 578 f. Wagner II 107. Wagner, Adolph, I XX. II 28. Wagner, Rudolph, II 48. Wakefield I 358. Waltershausen, Sartorius von, I 189. Warnkoenig I 286 f. 311. Washburn, Hopkins E., I 119. Wattenbach I 352. Webb, Sidney and Beatrice, I 148. II 245. 576. 580 f. 584. Weber, A., I 358. 512. 514. II 491. 494. Weber, A. F., II 167. 169. 178 f. 181. 183. 185 f. 188. 219. Weber, Max, I 171. 181. 577. II 120. Wede, Emil, I 665. Wegener, Eduard, I 663. Wehrmann I 90. 104 ff. 108. 112. 119. II 367. Weichs-Glon, Friedr. Freiherr v., I 487. II 563. Weifs II 330. Weisskirchner, R., I 666. Welp, Treumund (Ed. Pelz), I 429. Werner, H., I 130. 133. H 108 f. Weschniakoff, W., I 31. Westhaus, Wilhelm, I 664. Wetter, Joh., I 404. Wezel, E., I 124. Wiebe, G., I 360. Wiedenfeld, K., II 278. Wiedfeldt, O., 1426. 664. H 36.39. 219. Wilcke I 240. Wilkens, L., I 430. 457. H 150. Will, D., II 447. Wille II 135. Wimpheling I 383. Winter, A., I 664. II 505. Wirminghaus, A., I 664. II 229. Wiskemann I 385. Wittelshöfer, O., II 70. Wittenborg I 178. 191. 228. 230. Wöhrle, Georg, I 663. Wörner, L., I 662. Woker, Ph., I 237. Wolfram, M., I 487 f. 527 f. Wrabetz, C., II 555. Wüst, A., II 104. Wurfbain I 364. 374. Wuttke, R., II 492. Xerez I 369. Young, A., II154f. 158f. 163f. 204. 213. Ysselstein, M. v., 1431. II257.273.347. Zais, Emst, I 664. Zamboni, F., I 352. Zdekauer, L., I 186, 272. Zedier, G., I 404. Zeidler, H., II 544. 553. Ziebarth, E., I 124. Zimmer, H., I 115. Zimmermann I 102. 332. 663. Zink, Burkard, I 173. 276. 413. Zola II 86. 399. Zuckerkandl, R., I 666. Zwiedineck-Südenhorst, v., I 665f. II 251. Zycha, Ad., I 276. Sachregister, Aachen (Rgb.) I 429f. 622. II 98. 147. 214. 217. 223 f. — (Stadt) I 15. 101. 622. II 269 ff. Abfälle I 449. II 212. 512. Abflufs der Bevölkerung vom Lande in Deutschland II 150 ff.; in Grofs- britannien II 168 f.; in Belgien II 172; in der Schweiz II 172. Abingdon II 158. Ablösungder Nutzungsrechte auf dem Lande in Deutschland II126 ff. 143; in Grofsbritannien II 165. — der Renten und Zinsen in den mittelalterlichen Städten I 291. Abnormität im socialen Leben I XXII f. Ab raham, der Sohn des Rabbi, reicher englischer Jude im Mittelalter I 267. Abraumsalze II 106. Absatzfabrik I 534. Absatzgenossenschaften II 545. 555. Absatzorganisation; ihre Neugestaltung in der Gegenwart II 352 ff. 371 ff. Absatzverhältnisse im Mittelalter 1145 ff. 176.232 ff.; ihre Verschlechterung in der kapital. W. II 69. 371. 519. 533. 551. Absorption der acc. Geldbeträge durch aufserwirtschaftliche Zwecke I XXIV. 410 ff. Abhängigkeit (indirekte) vom Kapital (theoretisch) I 202 ff. — (empirisch) I 410 ff. 486 ff. II 351 f. 470. 518 f. Absterbende Handwerke II 573. Abwechslungsbedürfnis des modernen Menschen, siehe Neuerungssucht. Abzahlungsbazar II 386. Abzahlungsgeschäft 1503. 507. 564. i 607. 610. II 383 ff. 408. | Accidenzdruckerei siehe Buch- i druckerei. j Accon I 261. 332. 337. Accumulation, kollektive I 376 f.; unmittelbare I 273. 362 ff.; „ursprüngliche“ I 218 ff. Ackergeräte 1 439 f. 581 ff. Adel siehe Landadel, Fatriciat. Adelsheim I 629. Aden I 327. Adrianopel I 333. Ägypten I 28. 89. 96. 104. 119. 123. 128. 190. 340. 352. 374. Ägäisches Meer I 335. Ärmelausreifsgeschäfte II 372. Ästhetischer Stumpfsinn des grofsen Publikums II 542. Ästhetische Thees II 296. Ätolien I 333. Afrika I 326ff. 331. 334. 340. 346. 349 ff. 361.365 ff. 373; (Gold-) Süd-A. II 95. Agent I 642. II 349. 406 ff. Siehe auch Detailagent. Agglomerationder Bevölkerung siehe Bevölkerung. Agrarhausse in Deutschland II 94ff.; in Grofsbritannien II 154 ff. 160 ff.; in Belgien II 171 ff. Agrarkrisis II 85. 151. 236. Agrarproduktenpreise siehePreise. Agrarreform in Deutschland II 126 f.; in Grofsbritannien II 165 f.; in Italien II 173 f. Agrarverfassung Englands zu Beginn des 18. Jahrh. II 161 ff.; ihre Auflösung 164 ff; in Italien II 173 f.; in der Schweiz II 172. Agrarwesen als Objekt der socialen Wissenschaft I XXIII. XXXHI. Aigues-mortes I 230. Akademismus II 296. Akarnanien I 333. Alabasterwaren II 364. Ala^er Kebir, Schlacht von I 327. Alaunbergwerke I. 336. 338. Alchemie I 385ff. 598 Sachregister. Aleppo I 327f. Alexandria I 170. 328. 360. II 190. Alfenide II 469. — waren II 364. Algerien II 288. Algier I 223. Alkohol II 44. Alleinbetrieh I 26. 28ff. 450f. Allmende in Deutschland II 125ff.; in Grofsbritannien II 161. Allowancesystem II 170. Almadön I 280. Alteisenhandlung II 369. Altenburg I 434. Altinum I 315. Altona I 480. 510. 537. 664. 668. II 223 f. 385. 577. Altstadt-Waldenburg I 664. 669. Altwarenhandlung II 327 f. 369. Amerika I (spanisch) 329. 331. 337. 342 f. 346. 351. 366 f. 428. 529. II 23. 77 f. 88. 152. 183. 185. 199. 309 f. 337. 339 f. 348. 397. 479. 506. Mittel- I 346. Nord- II 23. 308f. Süd- II 21 ff. 479. Amerikanismus im modernen Kunstgewerbe II 309. Amsterdam I 352. 355. II 381. Anbaustatistik (Deutschland) II 103 f. Anbringungsgew r erbe I 35. 521. 525. 542. 561. 603 ff. 616. Ancona II 174. Andreasberg I 274. Angliederung früher selbständiger Handwerke I 554 ff. — anderer Industriezweige an eine vorhandene Industrie II 211 f. Anilin II 44. Anklam I 102. 105. 108. 112. 444. Annab erg I 274. 277. Anleihen (öffentliche) I 246ff. 411. 415. II 201. Annonce II 413. Anpassungsfähigkeit im socialen Kampfe ums Dasein II 424. Anschläger (beim Baugewerbe) 1603. Ansichtspostkarten II 389. Anstreicher I 16. 89. 464f. 605. 657. Anti-Luxuslitteratur II 291. Antillen I. 346. 350. 355. 420. Antinomien der kapitalistischen Wirtschaft II 68 ff. 463. Antiochia I 335. 366. Antwerpen I 223. 230. 246. II 381. Apolda I 651. Appretur I 145. Apulien II 174. Aquileja I 315. Araber, arabische Kultur etc. I 192. 327 f. 334 ff. 361. 392. Arabien I 326 ff. 334 f. 339 f. 347. 360. 363. 365. 374. 382. 391. Arabische Ziffern I 392. • Aragonien I 334. Arbeit, wirtschaftliche, ihre Ordnung I, 3 ff. 10; ihre beiden Organisations- principien I 23 ff. Arbeiterbewegung I 4. 649, II 219. 450. Arbeiterkategorien: 1. Stabsoffiziere der kapit. Unternehmung (höhere Angestellte, Chemiker, Ingenieure, Zeichner etc.) I 17. 43. 642. II 298 f. 336. 340 f. 443. 449. 458 f. — 2. Specialisten der Ausführung II 41. 444 f. 449. — 3. sog. gelernte, „qualifizierte“ A. I 41. 522. II 218. 230. 436. 442 ff. 446 f. 440. 459. 495. 570 f. 575. 579 f. 581. — 4. sog. ungelernte A. (Tagelöhner etc.) I 17. 150. 163. 230. 267. 385. 438. 441. II 125. 133. 136 f. 491 f. 497 ff. 504 f. 578. — 5. jugendliche A. I 42. 648. II 496. 565 ff. — 6. weibliche A. I 29. 30. 96. 405 ff. 510 ff. 538. II 212. 220. 492 ff. 502. 504 ff. 535. 564. Siehe auch Arbeits- verfasstmg. Arbeiterkonfektion I 537. Arbeitermangel im 16., 17. und 18. Jahrhundert I 419. Arbeiterschutz II 579. Arbeiterstadt II 215. Arbeiterverhältn isse,sieheA.r&e£H. II 74. 78; Klein- (Detail-)H. I 489. II 371 ff. 434. 438. 4t 0. 475. Handelsprofit, siehe Profit. Handelsstadt, siehe Stadt. Handschuhe 1 112. 456. 537. II 440; -geschäft II 389. Handschuhmacher 1 455. 537. 638. II 525. Handschuhmacherei I 455 f. 537. 590. Sachregister. 615 Handwerk: Absatzformen I 95 ff. Absatz: durch Hausiererei I 96; auf Märkten und Messen I 96 ff.; an Zwischenhändler I 98 ff. — Art handwerlü. Wirkens: in der ge- werbl. Produktion I 113 ff.; II 135. 452 f. 470. 508 f. 514 ff.; im Handel I 175 ff. II 369 ff. — Begriff I 75 ff. — Betriebs formen I 117 ff. — Existenzbedingungen: formale 1122 f.; reale I 135 ff. (Gestaltung der Bevölkerungsverhältnisse I 136ff.; desgl. der Technik 140 ff.; infolgedessen der Absatzverhältnisse I 145 ff.). Ihre Veränderungen zu Ungunsten des H. siehe Inhaltsverzeichnis des zweiten Bandes. — Lage am Ende der frühkapital. Epoche I 422 f. 433 ff. 447 ff.; in der Gegenwart 570 ff. 615 ff. (Zusammenfassung). — Verbreitung, historische I 88 f. ■— Wesen der handwerksmäfsigen Organisation des Gewerbes I 79 ff. 198. 517 f. II 434 f. 453. 465. 470. 508. 516. 519 f. 555 ff.; des Handels I 174 ff. 180 ff. 187. II 369 f. Vgl. auch LandS. Handwerkerbanken I 546. Handwerkerbewegung I 423. 461. 475. 478. 646. Handwerkerehre I 143. II 349. 470. 583. 659. Handwerkergenossenschaften: ihre bisherige Entwicklung II 263. 544 ff. — ihre Aussichten für die Zukunft II 557 ff. Handwerkerstrafs en I 123 f. Handwerksgesellen, siehe Arbeitsverfassung im Handwerk. Hanf I 435. 438 f. 574 f. II 119 f. 133. 138. 253. 471. 479. 482. Hanffaser II 44. 471. Hannover (Prov.) I 577. 664. II 177. 287 -- (Stadt) I 521. 527.536. 652. II 223 f. 350. 409. Harburg I 536. Hard (bad.) I 441. 574. 617. Harze II 45. Haspelstock II 134. Hauseinrichtungsgegenstände II 385. Hausgenossen (Mittelalter) 253. 286. Hausgeräte (Mitte des 19. Jahrh.) I 446. II 417 f. Hausgerätegeschäft II 390 f. Hausgesinde, siehe Dienstboten. Hausgewerbe, hausgewerbl. Eigenproduktion, siehe Eigenwirtschaft. Hausiererei: im Mittelalter I 96. II 370; in frühkapital. Zeit I 441. II 150; in der Gegenwart I 505. 577. 616. II 350. 356 ff. 490. 564; Zunahme der kapital. II. im 19. Jahrh. n 359; Rückgang in letzter Zeit II 360; als Objekt der Socialwissenschaft I XXV. Hausierhandwerker II 130. Hausindustrie (theoretisch) I 7. 10. 12 f. 21. 30 f. 45. 92. 204. II 206. 220. 394. 475. 477. 502 f. — (empirisch) I 402 ff. 419. 425. 429 f. 436. 445. 460 f. 467. 501 ff. 507. 509 ff. 519. 581. 595 f. 606. 611. 614. 639. II 130 ff. 138 ff. 163. 166. 168. 172. 210. 220. 234. 350. 490. 499. 518. 532. 574. Hauskommunionen I 67. Hausmontage I 542. Hausscklächter I 433. 624. Hausschlächterei, siehe Fleischerei. Hausschmieden I 556. Hauswirtschaft, ihre Auflösung in der Gegenwart I XXVI. II 323 f. 493. Haute Finance als städtebildender Faktor in frühkapitalistischer Zeit II 198 ff 201 ff Hawking (Höckerei) I 505. Heide I 442. 628. Heidelberg I 81. II 125. 150. Heidenheim I 575. Heidschnucken wolle I 577. Heilbronn I 266. 307. 548. 575. 651. Heiligenstadt I 436. Heimarbeit siehe Hausindustrie. Heimatsgesetzgebung in Grofs- britannien II 169 f. Heimatskunst II 84. Heifsluftmotoren II 521. 526. Heizstoffe II 16. 44. Helgoland II 391. Hemdenfabrik I 537. Hemelingen II 115. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung, theoretisch I XXV.; empirisch I 409 ff II 169 ff Henningham II 158. Herdfrischen II 75. Herford I 310. 513. II 490. Heringe II 367. Herrenartikelgeschäft I 625. II 391. Herrengarderobengeschäft 1445. 596. Herren konfektionsiehe Konfektion. Herrschergeschlechter: Abbassiden I 327. Ghibellinen I 320. Hohenzollern II 64. Plantagenets I 242. (516 Sachregister. Hertford II 155. Hessen (Grofsherzogtum) I 425. 430. 452. 578. 663. II 51. 111. 150. 177. Hessen (Kurfürstentum) II 148. Hessen-Nassau I 664. Heudorf I 258. Heuerleute I 661. II 127ff. 133. Hildesheim I 652. Hilfsindustrien II 212. Hilfsstoffe II 559. Hirschberg II 198. Historische Psychologie I XXI. Historische Social theorien I XXI. Historismus, historische Methode, historische Schule in der Nationalökonomie I XXIX f. Hobelwerk I 561. Hochepoche I 71. Hochkapitalismus I 72. 654. II 8. Hochöfen (Hochofenwerk) I 14. 17. 20. 406. 427 f. II 135. 212. Hoerde II 214. Hof, Höflinge als städtebildender Faktor in frühkapitalistischer Zeit II 200 ff. Hofoper, alte Dresdner II 307. Hohenzollern II 358f. Hohenzollern-SigmaringenI 480. II 137. Hohlgeräte, hölzerne (Böttcherei) I 469 f. Holkam II 155. Holland I 326. 330 f. 341. 344. 353; (Kolonien) 364. 415 f. II 21. 77. 391. Holstein 1 530. II 150. Holz I 146. 178. 539. II 16. 43f. 96f. 125. 134 ff. 158. 254. 391. 469. 478. 480. 556. 559. Holzbearbeitungsgeschäftl 546f. Holzborke I 453f. Holzdreher I 657. Holzeinfuhr II 478. Holzflechterei II 525. Holzgerätewaren I 110. 430. 469 f. 638. II 136. 391. Holzgerätschaftsgewerbe I 539. Holzhändler I 490. Holzhandel II 478. Holzindustrie I 400. Holzkohle I 427. II 44. 480; -frischverfahren II 44. Holzkohlenhochofen I 427. II 135. Holzmodelle für Giefsereien, Maschinenfabriken I 546. Holznutzung, liecht der II 143. Holzpreise siehe Preise. Holzreichtum der Wälder, Anziehungspunkt für frühkapitalistische Industrie II 135. 206 ff. Holzsägewerke I 557. Holzschleifereien II 524. Holztafeln (zum Drucken) I 402. Holzungen II 115. 119. 128. Holzwaren siehe Holzgerätewaren; H.-industrie I 638. Holzziegel I 542. Holzzurichtfabriken 1 539. Homo sapiens lombardstrada- rius I 396. Hongkong II 77. Honig II 43. Honigkuchen II 355. Honigblechbüchsen II 401. Horn I 550. II 469. Homberg I 662. 667. 669. Hörner II 479. 481. Hormus I 327. Hornkämme I 110. Hosen I 112. 229. Hosenarbeiter siehe Konfektion. Hotel I 199. II 314. 417; H.-besitzer II 411. Houghton II 155. Hudson II 220. Hudsonbay-Company I 329. Hufschmied siehe Schmied. Hülsenfrüchte (-Anbau) II 104. 106. Hüte I 112. 457 f. 537. 593. II 327. 355. 364. 385. 389. 410. H u t f a b r i k a t i o n I 537. 593. 638. n 414. Hüttenproduktion I 474. „Hüttentage“ (Montanindustrie)1484. Hüttenwesen I 637. II 16. 19. 137. 254. 575. Hufbeschlag I 556. 581 f. Hufeisen I 581. Hüll II 213. Humiliaten-Mönche II 64. Hummern II 391. Hundeführer I 420. Hungerkonkurrenz siehe Konkurrenz. Hungersnöte im Mittelalterl 137f.; in frühkapitalistischer Zeit I 417. II 265. Hunsrück I 444. II 129. Hunteburg II 127. Hutmacher I 80. 98. 458. 593. 622. 625. 658. II 36. 418. 573 f. Hutmacherei I 457 f. 537. 593f. 663. 665 ff. II 36. 525. Hutwaren I 457. II 355. Hydrasystem II 378. Ideal der wirtschaftlichen Freiheit als ordnendes Princip der klassischen Nationalökonomie I XV f. Ideale, sociale, der Arbeiterschaft in der Wandlung begriffen II 449 f. Ideen, sociale, als treibende Kräfte II 5 ff. Iglau I 130. 133. 274. Sachregister. 617 Indien I 90. 111. 115. 119. 327 ff. 342. n 77. 185. 192. 253. 339. 479. Indischer Archipel I 331. 333. Illuministen I 405. Imber I 283. Indigo I 328. 335. II 44. Individualbetrieb 126; im grofsen I 34 ff. 204. Individualismus I 396. II 5. 31. 144. 237 f. Individualistische Rechtsordnung I XVI. II 27 ff. Individualwirtschaft I 59. 67. Industrie, frühkapitalistische II206 ff.; als städtebildeuder Faktor II 210 ff. IndustrielleEntwicklung Deutschlands Mitte des 19. Jahrh. I 424 ff.; in der Gegenwart I 486 ff. Industrielle Reservearmee: Entstehung II 491; Theorie II 168. Industriestadt, siehe Stadt. Ingenieure II 64. Inka I 368. Inkareich I 128. Innungsbanken I 546. Insbruck I 157. Insektenvertilger II 401. Installationsgeschäft I 522. 556. Installationsgewerbe I 521 f.; Haus- I 521; Strafsen- I 521. Insten, Instleute I 616. II 121 f. Instrumente II 575; Musik- I 638. II 385. 410. 529. Instrumentenindustrie I 614. II 254; -macherei I 30. 556. 665. Instrumentenmacher I 622. Integrierende Maschinen II 531. I ntensifikation, Intensivierung der Arbeit II 509 f.; der Lebensführung II 86; des Warenvertriebes II 387. Interlokalisierung des Hausbaus I 542. Inurbamento della nobiltä I 295. 302. 313 ff. II 199. Irdene Waren, siehe Töpferwaren. Irland II 281. 288. 348. Irrationalität der Preisbildung II 69. 466. Isaac von Norwich, reicher englischer Jude im Mittelalter I 267. Iserlohn II 198. Isolierende Methode in der Socialwissenschaft I XXII. Italien I 108. 112 f. 124. 137. 151. 154. 157. 166. 191 f. 224. 227. 245. 249. 256 ff. 262. 274. 294. 296. 313 ff. (Kapitalbildung) 331 ff. (Kolonien) 339. 347. 359. 362. 377 . 380 ff. 390. 392. 395 f. 399 f. 405. 410 f. 413. 415 f. 418. II 5. 88. 173 ff. (Agrarentwicklung) 189. 198 f. 225. 256. 288. 307. 331 ff. 356. 370. 391. 416. 426; Mittel- II 173. 199; Nord- 1 104. 295. 321. II 173. 199; Süd- II 173 f. Jacken II 336. 380. Jagst I 575. Jahrmärkte, siehe Märkte. Jamaika I 348. Janowo I 362. Japan I 125. 366. II 185. 301. 375. Jauer II 198. Java I 345. 349. Jena I 442. 503. 511. 518. 526. 543. 559. 590. 596. 609. 613. 625. 627 f. 647 f. 665 ff. II 37. 107. 446. 473. Jerusalem I 90. 270. Jesolo I 315. Jever II 241. Joachims thal I 274. 278 f. 401. Joiners I 543. Joppen II 380. Juden I 90. 184 f. 253. 258 f. 266 ff. 271. 384. 390. 412. 493. 596. 598. 610. 615 f. II 300. 349. 357. 359. 372. Jüdischer Tempel (Wirtschaft) I 90. Jütland I 442. Jura I 43. Jura (Schweizer) II 532. Jute II 253. Juweliere I 54. Kacheln I 523. 541. Kämmer (Spinnerei) I 481. Kärnthen I 105. 253. Käufler (Trödler) I 503. Käse II 158. 389. 391. 401. Käsebereiter I 249. Kaffa I 334. Kaffee I 527. II 389. 391. Kaffeeanbau I 345. 356. Kaffeebrennerei II 527. Kaffeehausbesitzer II 411. Kaffeeröstereien II 530. Kaffeeröstmaschinen II 530. Kaffeeschenken II 417. Kahla I 510. Kaiserbazar II 399. Kaiserslautern I 652. Kaiser und Könige. Aufsereuro- päische: Anahuac I 361. Atahualpa I 368. 371. Härün alrasid I 361. Kleopatra II 291. Maldiron (Sultan) I 190. Montezuma I 361. 367. König von Pegu I 327. König von Siam I 327. 618 Sachregister. Bayern: Ludwig I. II 294. Ludwig II. I 565. II 291. Böhmen: Rudolf I 253. Wenzel II. I 253. Deutschland: Karl M. I 76. 99. 316. Karl der Dicke I 316. Lothar I 316. Otto III. I 317. Friedrich II. II 199. Karl IV. I 412. Sigismund I 175. 242. 253. 266. 423. Maximilian I 254. Karl V. I 123. 309. 413. England: Wilhelm der Eroberer 1311. Richard Löwenherz I 240. Johann I 252. 267. Heinrich II. I 267. Heinrich III. I 252. 267. Eduard I. I 249. Eduard III. I 87. 414. Eduard IV. I 243. Heinrich VII. II 305. Wilhelm III. II 226. 308. Anna II 226. 306. Georg I. II 226. Georg II. II 226. Eduard VII. (als Prinz von Wales) II 339 f. Frankreich: Philipp II. Augustus I * 241 259 267 Ludwig IX., der Heilige I 261. 269. 314. Philipp IV., der Schöne I 130. 230. 241. 247. 249. 262. 267. Philipp VI. I 262. Karl V. I 241. Karl VII. I 241. Ludwig XII. I 375. Franz 1. I 413. Heinrich II. I 414. Heinrich III. I 418. Ludwig XIV. I 418. II 291. Napoleon III. II 11. Portugal-Spanien: Heinrich der Seefahrer I 330. Isabella I 383. Philipp II. I 372. Preußen: Friedrich II. II 6. 297. Friedrich Wilhelm II. II 297. Siehe auch Herrschergeschlechter. K a 1 a u I 452. Kalifenreich I 124 f. 327. 340. 361. Kalisalze II 105. Kalk I 542. Kalkulation, siehe Kapitalistischer Geist. Kaltschmiede I 96. Kalw 1 536. Kamelotweber, siehe Weher. Kammfabrikation II 407. 535. Kammgarnspinnerei I 481. Kammhäuser im Mittelalter I 127. Kammhandel II 410. Kammmacher I 94. 617. 625. II 36. 479. 564. Kammmacherei I 665. 667. Kammwaren II 468. Kandia I 333. Kannenbäckerland a. d. Westerwalde I 664. 669. Kapital: Begriff und Wesen I 196; Formen I 204. II 72; Entstehung I 218 ff.; K. im Puppenstand I 202; technische Arbeiter (Bauer, Handwerker, Krämer) in Abhängigkeit vom K. I 202. 401 ff. 486 ff. II 350 ff.; Umschlagsperiode II 71 ff. 80 ff.; Verwertungsstreben des K. als treibende Kraft modernen Wirtschaftslebens II 7 ff., insbesondere als Bau-K. 1487. II 350; als Handels- K. I 487. II 350. Kapitalismus: Anfänge I 399 ff.; Begriff und Wesen I 195 ff.; Epochen I 71 f.; Geburtsjahr des modernen K. I 392; Gründe für die starke Entfaltung in Europa I 359; Stufenfolge der kapital. Entwicklung II 87 ff.; Theorie des K. nur in historischer Beschränkung möglich I XXVIII. 71. 236. 359. Vgl. auch Kapital; Kapitalistischer Geist; Kapitalistische Unternehmung. Im übrigen ist für dieses Stichwort auf das Inhaltsverzeichnis zu verweisen. Kapitalistischer Geist (Erwerbstrieb, Gewinnstreben, Kalkulation, Spekulation, Ökonom. Rational.) I XXII. XXVIII. XXXI. 196 ff. 208. 378 ff. 390. 391 ff. 399. 482 ff. 653. H 30 ff. 68 ff. 86 f. 99. 145. 164 f. 345. 349. 357. 371. 372 ff. 402 f. 406 f. 434 ff. 441 f. 464 ff 509. 519. 538. 552. Kapitalistische Unternehmung: Arten I 199 f.; Begriff und Wesen I 195 ff.; subjektive Voraussetzungen I 206 ff; deren Erfüllung I 218 ff; objektive Bedingungen 1208 ff.; deren Erfüllung siehe im zweiten Bande dieses Werkes: Einleitung, I. und II. Buch; Überlegenheit der k. U. im Konkurrenzkämpfe siehe ebenda: III. Buch. Vgl. Kapital, Kapitalismus, Kapitalistischer Geist. Kapland II 479. Kap Verde I 374. Kapuziner!)öden, siehe Parkett. Karlsruhe I 462 f. 486. 488. 491. 493. 495. 503. 508. 511. 518. 522. 529 f. Sachregister. 619 540. 544. 574. 588. 593. 603 ff. 609. 612. 616. 624. 628. 662. 667 ff. II 260. 434. 491. 518. 535. 565. Kartelle II 425. 460. Kartenmaler II 454. Kartoffeln II 17. 324. 391. 417. Kartonnagefabriken I 472; -fabri- kation I 576; -gewerbe I 663. 667. II 504. Kar üben I 335. Kassel (Rgbz.) II 361 f. (Stadt) I 464. 659. II 260. Kastenmacher I 504. Kattowitz (O.-Schl.) I 530. Kattundruckerei I 538. Kaufhandwerker I 95. Kaufkraft der Massen, ihre Steigerung im 19. Jahrli. II 257 ff. 383. Kaufmann, siehe Iliindlerschafl. Kaufmannsgenossenschaften, K.-gilden im Mittelalter I 186 f. 283. Kausalität, siehe Kausalprinzip. Kausalprinzip: in der Socialwissen- schaft I XIV ff. XVI ff.; als innerster Kern kapitalistischer Wirtschaft und damit der modernen Weltanschauung I 199. Kaviar II 389. 391. Kawersche I 259. 271. Kaziken (Volksstamm) I 368. Kehlleisten I 546. Ken t II 155. 157. Keramik II 456. Kerzen I 449. Kessel II 321. Kesselschmiede, siehe Schmiede. Kefsler I 96. Ketten II 367. Kiefern II 98. Kinematographie II 85. Kirn I 536. Kistenbauer I 559. Kistenfabrik I 546. Klagenfurt II 563. Klassenbewufstsein, proletarisches I 408 f. 648 f. II 449 f. Klassenbildung: im Mittelalter I 249; am Ende der frühkapital. Epoche I 475 ff.; in der Gegenwart I 638 ff. Klassiker der Nationalökonomie I XIV. Klauen II 479. 481. Klavierbauereien I 559. Kleiderfabrik I 537. Kleiderkonfektion 1511 ff. II 491. 503. Kleidermagazin I 597 f. Kleider-Mafsgeschäftl 511. 597ff. Kleiderschneiderei I 459 ff. Kleiderstoffe II 364. Kleidung I 446. 515. 597. 666. II 321. 324. 364. 385. 392. 410. 418. Kleie I 434. Kleinasien I 325. 362 f. Kleinbahnen I 382. II 283. 405. Kleinbetrieb I 26. 28 ff. 33; Motorenanwendung II 283. 523. Kleineisenindustrie 1 54. 109. 283. 424. 581. Kleinhandel, siehe Handel, H.organi- sation. Kleinkapitalistische Unterneh- ' mung I 201. (Begriff) 483. 512. 527 f. 544 f. 551. 568 f. 606. 608. 645. 649. II 268. 465. 497. 501. 511. 518. 536. 538. 551 f. 560. Kleinkraftmaschinen als Konkurrenzfaktor II 485 ff. 521 ff. Kleinkredit im Mittelalter I 271 f. Kleinmotoren, siehe Kleinkraftma- sch/fitcyt Kleinstadt I 586. 615. II 234 f. 250. 264. 326. 343. 347. 353. 476. 500. Klempner I 83. 95. 114. 464 ff. 483. 521 f. 557 ff. 603. 617. 622. 624 f. 640. 643 f. 658. II 34. 446. 448. 524. 535. 537 f. 567 ff. 577. Klempnerei I 32. 84. 467. 470 f. 496. 522 f. 545. 547. 551. 614. 663. 665. 667. II 576. Klempnerinnung I 499. Klima, seine Bedeutung für das Wirtschaftsleben I 380. Klingenhandel I 106. Kloppenburg II 241. Klosterwirtschaften I 89 f. Knabenkonfektions - Geschäft I 513. 597. Knechte I 477. 480. Knopfmacher I 617. Knoppern II 45. Koblenz (Rgbz.) II 147. Koburg I 404. 652. Kochherde II 410. Köln (Rgbz.) II 147. 362. (Stadt) I 82. 98 ff. (Tuchhandel) 127. 133. 139. 157. 169. 175. 228. 266. 282. 287 ff. 297. 301. 306. 503 ff. 515. 529. 536. 540. 544. 547. 591. 607. 616. 652. 664. 667. 669. II 23. 76. 223 f. 269 ff. 358. 365. 446. 448. 485. 535. 553. Kölsch (gestreiftes Zeug für Tischdecken etc.) I 439. Könige, siehe Kaiser. Königsberg (Rgbz.) II 98. 112. 147. (Stadt) I 167. 536. II 10. 223 f. Königsbrück 1 442. 665. 669. II 577. Königshütte (O.-Schl.) II 214 ff. Körnerbau II 110. 124 f. <320 Sachregister. Körnerwirtschaft II 125. Köslin (Rgbz.) II 147. Kohlenderivate II 44. Kohlen II 13. 415. 417. Kohlenhandel II 410. Kohlenindustrie II 13. Kohlennutzung II 140. Kohren I 665. 669. Kokerei I 14. 16 f. Kokesöfen I 427. II 44. Kokotten II 195. 215. 320. 337. 340. 350. 365. 399. KollektiveBedarfsbefriedigung II 314. Kolonialkriege I 416 f. Kolonialprodukte I 233. Kolonialwaren (Handel) I 283. II 367 f. 381. 396. 417. Kolonialwarenhandlung II 368 390 f. Kolonialwirtschaft: der Holländer 1 344 f. 349; der Italiener I 331 ff. 356 f. II 199; der Portugiesen und Spanier I 342 ff. 348. — Bedeutung für die Entstehung des Kapitalismus I 325 f. 347 ff. 390. Koloquinten I 335. Komfort II 293. 307 f. 311. 315. 542. Kommissionär II 407. Kommissionshandel II 350. Komplementärindustrien II 212. Konditoren I 83. 624. 640. II 567f. 573. Konditorgewerbe I 447. 665. Konditorei I 447. 665. II 525. Kondrau I 580. Konfekt II 367. 389. Konfektion, -industrie I XXV. 13. 24. 36 f. 460 ff. 511 ff. 537 f. 595 ff 638. 663. II 20. 22 ff. 320. 312. 335 f. 339. 364. 390. 503. 505. Konfektionsgeschäft, -haus I 461. 595. II 390. 392. Konfektionswaren I 514. 597 f. Kongo II 188. Könitz I 174. 503 f. 508. 583. 609. 615. 629. 647. 664. 668 f. II 556. 577. Konjunktur als Konkurrenzfaktor II 466. 481. Konkurrenz: Aufgaben einer Theorie der Iv. II 430 f.; K.-Schema II 428 f. — Bedingungen (formale und materiale) der K. II 425. 559; Fehlen der K. im Mittelalter I 129 f. 154 f. 187. II 426. 559; ihre Verschärfung als Folge kapitalist. Einwirkung II 68 f. 371. 405. 464. 533; als wahrscheinliche Folge einer Expansion des Handwerkerkredits II 551; Hunger-K. der ärmeren Handwerker II 565. Konkurrenz: Begriff II 424 ff.; K. keine Naturthatsache II 425; K. als sociale Erscheinung II 426; Träger des modernen K.-kampfes nicht Betriebs-, sondern Wirtschaftsformen II 429 f. — freie K. , Idee der fr. K. I 396. II 29 ff.; Rechtssystem der fr. K. II 27 ff Konservenfabrik I 557. II 321. 391. Konservengeschäft II 389. Konstantinopel 1 91. 139. 264. 333. 363. 392. II 190. Konstanz I 98. 101 f. 187. 231. 288. 295. 663. 666 f. Konsum, siehe Bedarf und Inhaltsverzeichnis. Konsumanstalten industrieller Etablissements II 417 f. Konsumentenorganisation II 414 ff. Konsumtionsstadt, siehe Stadt. Konsumvereine II 418 f.; landwirtschaftliche II 415 f. Kontobücher II 321. Kontobücherfabrikation II 535. Kontraktion des Wirtschaftslebens II 8. K oncentrationsten denz des Kapitals im 15. Jahrh. I 407; im modernen Detailhandel II 393 ff.; Hemmungen in der Gegenwart II 538 f. Kooperation als Prinzip der Arbeitsorganisation I 23. 25; arbeitsteilige K. I 25; K. im alten Ägypten I 28; einfache K. I 25. Kopenhagen I 135. Koppelwirtschaft II 102. 125. Korbmacher 1 559. 640. 657. II 446. 524. 564. Korbmöbel-, Korbwagenmanufaktur I 559. Korbmacher ei, (-flechterei) I 638. 665. 667. II 524. Korb waren II 354 f. 364. 391. 418. Kornbrennerei, siehe Brennerei. Korsetfabrikation I 638. II 410. Korsika I 334. 338. Kostnitz I 231. Kotowo I 362. Kosten (theoretisch), siehe Preis (theo- Qph 1 Krämer I 98. 177. 186. 201. 343. Krämerei II 136. Siehe im übrigen Händlerschaft, Handelsorganisation. Kraftfuttermittel II 414. Kragen- und Manschettenfabrikation I 538. Krakau II 231. Krallenriemen I 539. Sachregister. 621 Kramhandwerker I 94. Krammärkte, siehe Märkte. Krampitz (N.-Schl.) I 581. 601. 630. 647. 668. Krapp I 435. II 44. Kravatten II 333. 440. Kravattenfabrikation I 638. II 342. Kravattengeschäfte II 314. Kredit, Kreditverkehr: Arten des produktiven Kr.: Cirkulations-Kr. und Produktiöns-Kr. II 546 ff. — Bedeutung des Kr. für die Beschleunigung des wirtschaftl. Prozesses II 74. 597; für die Kapitalbildung im Mittelalter 251 ff. 255 ff. 271; für die Entwicklung des Kapitalismus II 550; als Konkurrenzfaktor in der Gegenwart II 350 f. 358 f. 406. 546 ff. 552; für die Städtebildung im 17. und 18. Jahrh. II 201; im 19. Jahrh. II. 221. — Expansion im 19. Jahrh. II 9 ff. — Leistungen (theoretisch) II 546 ff. Kredit, öffentlicher, siehe Anleihen. Kreditgenossenschaften, gewerbliche II 545. 546 ff.; landwirtschaftliche II 415. 548. Kreditinstitute, siehe Banken. Krefeld I 15. Kreta I 335. 337 f. 340 f. 357. Kreuzfahrer, Kreuzzüge I 240. 257. 259 f. 261. 263. 269 f. 332 ff. 356. 363. 382. 410 f. Kr euzfahr er Staat en I 332. Kriege, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I 410 ff. 416. 418. Krim 1 333. Krisen II 8. 269. 306. Krotoschin I 174. II 336. Kuba I 345. 348. Kücheneinrichtungsgeschäft I 625. II 390 f. Küchengeräte II 418. 468. Küblerei (Gefäfse aus weichem Holz) I 469. Küfer ei (Fafsmacherei und Kellerarbeit) I 469. 555. 612. 663. Kühe, siehe Viehwirtschaß. Kühlmaschinen II 527. Künstler: Beziehungen zur gewerbl. Produktion ; während des Mittelalters und der Renaissancezeit I 85. II 314. 452 ff.; im 19. Jahrh. II 297. 302 f. 315 f. 375. 451 ff.; in der Zukunft II 314. 460. — Eigenart der K. im Anfang des 19. Jahrh. II 296. Künsterdiktatur II 302. Künstler und Mäcene (Architekten, Bildhauer, Dichter, Kunsthand- iverker, Maler, Musiker, Schauspieler etc.) Adams, Gehr. II 305. 307. Antiparos II 57. Bartet, Me. II 337. Behrens II 458. von Berlepsch II 303. Boucher II 332. Boutet de Monvel II 375. Brunelleschi II 453. Byron I 198. Cellini Benvenuto I 550. II 452. 455. Chamisso II 294. Chöret Jules II 375. Chippendale II 305. 307 f. Christiansen II 303. 458. Cornelius II 294 f. Crane Walter II 306. d’Alesi, Hugo II 375. Deila Rohbia II 455. Dello II 453. De Morgan II 306. Donatello II 453. Dürer, Albrecht II 455. Eckmann, Otto II 303. 309. 458. Edel II 375. Endell II 303. Erler, Fritz II 303. van Eyk, Johann II 307. 454. Flaxmann II 305. Fouquö II 294. Fragonard II 332. Gedon, Lorenz II 300. Ghiberti I 141. II 453. Giotto II 307. Goethe II 294 f. 307. Goujou, Jean 452. Greuze II 332. Grosso Caparra Niccolo II 452 f. Hauptmann, Gerhart II 307. Haydn II 86. Heideloff II 297. Heine, Heinrich II 294. Heine, Thomas Theodor IIf375. Hildebrandt II 296. Hirzel II 304. Iloffmann, Ludwig II 302. Hohenhausen II 294. Homer I 90 189. 440. Jamnitzer II 452. Ibsen II 86. Jehau Barbe II 454. Israel von Mecheln II 452. Kingsley I 461. Kraft, Adam II 452. Krüger (Direktor der Ver. Werkstätten) II 458. Länger II 458. Lessing (Maler) II 296. 622 Sachregister. Liane de Pougy II 215. Liszt II 86. Lucan I 383. Makart II 301. Manet II 307. Meckenem, Israel von I 218. Meunier, Georges II 375. Millais II 306. Morris, William, II 306. 308. Mozart II 86. Obrist II 303. 459. Orcagna II 453. Otero, Me. II 340. Pankok II 303. 459. Paul, Bruno II 303. Pilon, Germain II 452. Prevost II 191. Primaticcio II 452. Rahcl II 294. Realier-Dumas, Maurice II 375. Röjane, Me. II 337. 339. Riemerschmid II 303. Rosegger I 437. Rossetti II 306 ff. Rosso II 452. Ruskin, John II 306. 308. Schinkel I 469. II 297. Schnebel, Carl II 375. Schühlein, Hans II 454. Scott, Walter II 86. von Seitz, Franz II 300. Semper, Gottfried II 302. 307. Sheraton, Th. II 305. 307 f. Simone il Cronaca II 453. Sohn II 296. Steinlein, Th. A. II 375. Stöwer, Willy I I 172. Stofs, Veit II 452. Straufs, Richard II 86. Sütterlin II 375. Tieck II 294. Tiepolo, Lorenzo I 317. Unger, Hans II 82. Valerio, Vincentino II 452. Vallotou, Felix 11 375. van de Velde II 303. Veronese, Paolo II 452. Vischer, Peter II 452. Vofs, Job. Heinr. II 86. Wallot, Paul II 302. Watteau II 332. Werner II 304. Wolgemut, Michael II 452. 455. Zola II 86. 191. Künzelsau I 575. Kürschner I 81. 83. 133. 147. 516. 557. 592 f. 617. 622. 624 f. 640. II 564. 573 f. Kürschnerei I 32. 131. 455 f. 436 f. 591 ff. 665. 667. II 479. 524. Kürschnerartikel I 516. 537. 592. Kürschnerei (Edel-, Galanterie-, Grob -) I 456 f. 592. Kuhhaare II 401. Kuhschwänze II 469. Kulanz II 376f. 438. Kulturbarbarei des grofsen Publikums II 542. Kundenmüller I 580. Kundenmüllerei I 580. Kundenproduktion I 54. 92ff. 148f. Kundenhandwerker I 94. Kundenschneiderei s. • Schneiderei. Kunst, bildende, ihre Emancipation aus den Fesseln des Handwerks II 455; ihre abstrakt philosophische Richtung im Anfang des 19. Jahrh. II 294ff.; ihre Abhängigkeit vom modernen Wirtschaftsleben II 84. Kunstanstalt II 375. Kunstausstellungen siehe Ausstellungen. Kunstgeschmack, Wandlungen im 19. Jahrh. in Deutschland II 293 ff.; seine Entwicklung in der Zukunft II 312 ff. Kunstgewerbe: Leistungen: während des Mittelalters und der Renaissancezeit I 85. 141. 157. II 452 f. ; am Ende der frühkapitalistischen Epoche I 469. II 260. 293 f. 304 f.; in der Gegenwart I 47. II 299 ff. 306 ff. 308 ff. 388. — Organisation: während des Mittelalters und der Renaissancezeit I 85. II 452 ff.; in der Gegenwart I 41 ff. 547ff. 607. 611. II 220. 456ff.; in der Zukunft II 459 ff, Kunstgewerbliche Versuchsanstalten II 460. Kunstgiefserei (Bronce- und Eisen-) I 550. Kunsthandwerk siehe Kunstgewerbe. Kunstklempnerei siehe Klempnerei. Kunstmöbelmanufaktur I 42. Kunstplakat II 375. Kunstschlosser I 559. Kunstschlosserei I 550 f. Kunsttischler I 467 f. 607 f. Kunsttischlerei I 469f. 608. Kunstverfahren (in der Technik) I 142 f. Siehe übrigens Empirie , empirisches Verfahren. Kupfer I 104. 283. 548f. II 254. 391. Kupferschiniederei, siehe Schmie- aerei. Kurhessen I 425. 452. II 133f. Kurmark I 435. 464. II 101. Kurzwaren I 111. 430. II 354f. 358. 367. 369. 396. 417 f. Kuttelhöfe I 448. Kuttenberg I 253. 274. Sachregister. 623 Kutschenmanufaktur II 557. 559. Kutscher I 17. II 230. Kynast II 110. ^Lackier er (Tischler) 143.558f. 565.622. Lackiererinnung I 499. Lagny I 98. 102. Lags I 112. Lahr I 663. 667. Lampen I 470 f. Lampenfabrik I 471. Lampenniederlage I 625. Lancaskire II 212. Landadel als Kapitalbildner im Mittel- alter I 284 ff. 295. 299. 303 ff.; als Städtebildner im Mittelalter siehe vorige Stellen, in friihkapitalistischer Zeit II 138 ff. 225; seine Stellung zum Wirtschaftsleben in den verschiedenen Ländern I 296 ff. 384 f. Landesproduktengeschäft II 368. Landhandwerk, Landhandwerker I 439 f. 572 f. 580 ff. 629 ff. 646. II 264. 562 f. Landkramhändler II 354. Landmüdigkeit II 146. Siehe auch Abflufs der Bevölkerung vom Lande; Exodus vom Lande. Landsberg a. W. I 540. Landstädte II 191 f. Land Wirtschaft im Mittelalter II 88 f. —, moderne , ihre Entwicklung in Deutschland II 93 ff. 102 ff.; in Grofsbri- tannien II 154 ff. —, Verbindung mit dem Handwerk I 629 ff.; mit industrieller Thätigkeit II 130 ff. 136 ff. Siehe auch die Stichworte Agrar-. Landwirtschaftliche Arbeiter, siehe Arbeitsverfassung. Landwirtschaftliche Geräte I 439 f. 581 ff. Landwirtschaftliches Genossenschaftswesen II 415 f. Langensalza I 436. Laudanumliarz I 335. Lauenburg I 444. Laufburschen II 230. Lausitz, Ober- I 437. 577; Nieder- I 437. 464. Leaden Hall II 157. Law John I 198. Lebensideal des modernen Menschen II 145. Leder I 37. 110. 450 ff. 532 f. 535 f. 552. 576. 590. II 75. 118. 391. 469. 483. 559; -arbeiter I 115; Kunst-L. II 469. Lederausschnitthandlung I 451. 532. Lederbekleidungsgewerbe I 457. Lederfabrikant II 480. Ledergeschäft (en gros) I 532. 534. Lederindustrie I 425 f. 453. 456. 535 f. 560. 666. II 16. 20. 75. 254.483. Lederwaren I 111. 638. II 469. Lederwarenindustrie I 425 f. 453. Leeds II 198. 213. 219. Leer I 167. Lehrling (Idee) I 119 f. 128. 142. Lehrlingsausbeutung (-züchterei) I XXIV. 507. 648. II 459. 565 ff. 582 ff — Ausbildung im Handwerk I 648. II 569 ff. 582 f.; in der Grofsindustrie II 580; in Lehrwerkstätten II 581 f. Lehrmittel, vom Staate unentgeltlich gelieferte II 322. Lehrwerkstätten II 581 ff. Leichenbestattungs-Unternehm- ung II 410. Leicester I 91. Leimsiederei I 425. II 212. Lein I 436. Leinen (Leinwand) I 102. 187.575. II 132. 134. 418. Leinenbleichen II 136. Leinengarn II 80. Leinenhändler I 101 f. Leinenhandlung I 515. II 368.391. Leinenindustrie im Mittelalter 101; in frühkapitalistischer Zeit I 429; in der Gegenwart I 538. Leinenwaren II 354 f. Leinöl I 578. Leinwandhausiererei II 359 f. Leinwandstühle, s. Leinenweberei. Leinweber I 81. 98. 102. 403. II 68. Leinweberei I 102. II 132. 138f. 525. Leipzig I 82. 153. 447 ff 458. 462 f. 466. 471. 486. 489 ff. 499. 508. 510. 523. 527. 529 ff. 536 f. 539 ff 545. 561. 567. 588. 594. 603 ff 612 ft 624. 627. 632. 651 f. 662. 665 ff. II 9. 34. 36. 40. 76. 148. 178. 223 f. 241. 255. 263. 302. 433 f. 442. 447. 482. 572. Leisnig I 442. Leistenfabrik I 534. Leitmotiv des Wirtschaftslebens I 61 f. Leitomischel II 336. Lemberg II 231. Leonberg I 534. 560. 575. Leuchtstoffe II 16. 44. Levante I 331 f. 336 f. 342. 352. 359 f. 362 ff. Lichtemacherei II 469. Liebstadt I 442. Lieferungsfristen, Tendenz zur Abkürzung II 433 f. Liegnitz, Rgbz. II 147; Stadt I 537. Ligurien II 174. Likör II 364. 391. 624 Sachregister. Lille I 112. 173. 311. Limisso 1 335. Lincolnsliire II 155. Lissabon I 230. 246. 328. 330. 346. 364. II 77. Lithographen II 578. Lithographie I 567. Lithographiegewerbe I 663. 667. Lithographische Anstalt I 16; Industrie II 46. Litterarische Bureaus I 199. Liverpool 1 352. II 79. 381. Livorno II 76. Lizzano II 480. Löbau (Westpreufsen) I 511. 597. 600. 647. 664. 668. II 446. 569. 577. Lohgerber, siehe Gerber. Lohgerber ei, siehe Gerberei. Lohmen II 113. Lohngewerbe, s. Lohnhandwerlc etc. Lohnhandwerk, Lohnhandwerker I 94. 107. 433 ff. 448 f. 454. 460. 462 ff. 573 ff. 598 f. 600 ff. 615. II. 250. Loknmiiller, siehe Müller. Lohnschlächterei, siehe Fleischerei. Lohn Schneiderei (f. Tischler) I 7. 546 f. II 536. Lohn werk, Lohnwerker, siehe Lohn- handirerle etc. Lohr I 576. Loitz a. d. Peene I 442. 454. 510. 536. 591. 647. II 557. 573. 664. 668. Lombardei I 229. 231. II 173. Lombarden I 185. 251 ff. 258 ff. 261 ff. Lombardkredit=Cirkulationskredit, siehe Kredit. Lommatzsch I 442. London I 91. 139. 219. 223. 229.246. 259. 282. 286. 311. 327. 395. 432. 452. 502. 505 f. 536. 661. II 77. 94. 154 ff. 181 f. 184. 190. 201. 203 ff. 225 ff. 230. 245. 248. 298. 305. 339. 377. 381. 397. 504 f. Loquard (Ostfriesland) I 526. 581. 598. 601. 664. 666 ff. Lucca I 103. 157. 226. 251 f. 390. 406. II 174. Lucknow II 186. Ludwigsburg I 549. 575. Ludwigshafen I 652. Lübecker Patriciat I 307. Lübbecke I 513. II 491. Lübben II 570. Lübeck I 104 ff. 108. 112 f. 120. 123. 133. 139. 167. 170. 172. 183. 191. 219. 226. 230 f. 243. 246. 261. 285 f. 301. 307. II 367. Luftpumpen II 530. Lupine II 106. Luxus I 257. II 201. 203. 224. 290 ff. 312. 320. 387. 451. Luxusgeschäft II 387 f. 399. Luxusgesetze II 332. Luxusindustrie II 202. 204. 206. 220. 225. Luxuslitteratur II 201. 290 ff. Lyon I 231. 490. 536. II 338. Machinofaktur I 47. Madras (Provinz) II 186. — (Stadt) II 186. Mägdesprung i. Harz I 550. Mähren I 458. 666. Mälzerei I 559. Mäntel II 336. 503. Mäntelfabrik I 557. Männerkleidererzeugung, siehe Kleidung. Märkte im Mittelalter I 96 ff.; in frühkapitalistischer Zeit I 441. 458. II 353. 402; ihre Abnahme in der Gegenwart II 354 ff. 564. Magazingenossenschaften für Handwerker II 263. 438. 545. 553 ff. 556 f. Magazinhörigkeit I 467. II 474. Magazinmeister (Schuhmacherei) I 450. Magdeburg (Rgbz.) I 99. 286. II147. — (Stadt) I 521. II 76. 223 f. Mailand I 106. 113. 139. 157. 186. 230. 241. 245. 395. 411. II 76. 198. Main II 136. Mainz I 286. 452. 469. 482. 503. 508. 534. 536. 547. 565. 608. 663. 669. II 35. 76. 446. 491. 535. 553. 556. Majolikavasen II 401. Maisons d’öehantillons II 336. Major es, minores (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Makler, siehe Handelsmakler. Malabar I 330. 364. Malakka I 327. 329 f. 364. 373 f. Malakka, Eroberung von (1511) 1327. Maler, Malergewerbe 1 14. 43. 464f. 479. 519 ff. 605. 633. 640. 645. 662 f. 668. II 230. 446. 448. 510. 524. 567 f. 572 f 577 Malereigeschäft I 34ff. 81. 519. Maler (Kunst-), siehe Künstler. Malerinnung I 499. Malines I 312. Malborough I 230. M a 1 m e d y 1 536. Malta II 391. Malz I 230. II 158. Manchester I 43. II 79. 184. 213. 219. Mangan I 145. Manghäuser im Mittelalter I 7. 127. Mannheim I 663. 668. II 18. 76. 553. Mansfeld I 274. Mantua I 390. II 174. Sachregister. 625 f 9 t I Manufaktur (theoretisch) I 26. 38 ff. 204; (empirisch) I 405 f. 524 ff. 557 ff. 565 f. Manufakturperiode des Wirtschaftslebens I 38 f. Manufakturwaren II 358. 364. 367f. 385. 396 f. 410. 417 f. Manufakturwarengeschäft II 390. Marienwerder (Rgbz.) II 147. — (Stadt) II 264. Marmarameer I 330. Marokko I 223. 374. Marseille I 229. Mafs- und Gewichtswesen im Mittel- alter I 180: seine Rationalisierung I 395. Maon a I 337 f. Marmorblöcke I 542. Marmortafeln 1 542. Marmorwaren II 364. Martin Siemensverfahren II 44. Martinswerke I 16. Maschine: Anfänge II 56; Begriff II 49 f.; Einteilung II 50. 531; Entwicklung, äufsere II 56 f., innere II 48. 50 ff 66. 73; M. als Konkurrenzfaktor I 599. II 49. 436. 441. 445. 471. 483 ff 496. 510. 521 ff.; als Produktionsfaktor I 23; als treibende Kraft des Wirtschaftslebens I 3 f. Maschinen, einzelne: Dampfhammer II 52. Dampf-M. I 431. 538 ff II 3 f. 51. 58 f. 140. 211. 431. 483 ff 521 ff Flaschenputz-M. II 530. Holzbearbeitungs-M. I 546. 565. Kleinkraft-M., siehe diese. Lokomotive II 76. 278 f. Näh-M. I 462. 515. 532. 595. II 66. 410. 418. — in einzelnen Branchen: Bäckerei II 534. Bauschlosserei, siehe Schlosserei. Bauschreinerei, siehe Tischlerei. Böttcherei II 537. Buchbinderei II 534 f. Buchdruckerei I 404. (16. 50) II 531. Drechslerei II 536 f. Fleischerei II 534. Gerberei I 535. Gewehrfabr. II 55. Kammfabr. II 535. Kleiderkonfektion I 514. Klempnerei II 537 f. Landwirtschaft II 104 ff 321. 410. 415 f. 551. Maschinenfabr. II 55. Montanindustrie (Mittelalter) I 406 f. Müllerei II 57. Näherei II 531. Nähmaschinenfabr. II 55. Nagelfabr. II 56. Papierfahr. II 58. 531. Papierverarbeitung II 56. Seidenspinnerei I 406 (14. Jahrh.). Schlosserei I 545 f. II 537. Schubfabr. I 450. 533. II 55. Spinnerei I 429. II 52 ff Strickerei II 531. Tischlerei I 42. II 535 f. 546. Wäschefabr. I 538. Weberei I 481. II 131 f. 531. Wirkerei II 531. Zeugsclimiederei II 537. Zündhölzchenfabr. II 55. Maschinenbauer II 230. 578. Maschinenindustrie I 426. 431. 556 f. 637. 668. II 16. 55. 58. 212. 219. 254. 310. 502. 554. 575. Maschinentechnik: Bedeutung für die Beschleunigung des Produktionsprozesses II 75; desgl. für dessen Verlängerung II 81; als Betriebsform- kriterium I 20. 29. 47; für die Entwicklung des modernen Geschmacks II 310. 317; für die Intensifikation der Arbeit II 510; als Konkurrenzfaktor I 599. II 441. 521 ff — Genesis: Anfänge in der Urzeit des Menschengeschlechts II 56; neue Ära seit Mitte des 18. Jahrh. II 58 f.; Widerstand der Arbeiter gegen die M. I 481 f. Maschinenzeitalter II 56f. Maschinerie, Bestandteile der modernen M. I 48. Massenartikelgeschäft II 387. Massenbedarf, siehe Bedarf. Mafsgescliäft (Schneiderei) I 594 ff. Mafsmünster I 274. Mataram I 357. Mastixhandel I 338. II „Materialist“ II 368. Materialistische Geschichtsauffassung I 21. Material vereinigendes Verfahren II 515 f. Materialwarengeschäft I 447. II 368. Maurer I 17. 81. 435. 479. 493. 517 ff 578 f. 601. 605. 617. 622. 633. 640. II 230. 524. Maurerei I 462ff 496f. 517ff 560ff 600 ff 664. 668. II 578. Siehe auch Baugewerbe; Bauhandwerker. „Mechanismus“ des Wirtschaftslebens I 60. Mechanische Werkstätten I 16. 559. Mechaniker II 578. Mechanikergewerbe I 663. 668. Mechoacan I 368. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 40 626 Sachregister. Me eklen bürg-Schwerin II114. 267. 287 Medebach I 169. Medico - mechanische Apparate II 530. Mehl 1 434. 448. 487. 525 ff. 657. II 410. Mehlbereitungsverfahren II 57. Mehlhandel I 448. 487. 580. Mehrwerttheorie bei Karl Marx I 213. Meinungskonsumtion II 330. 342. Meilsen I 41. 276. 551. Mekka I 328. Memel II 97. Memingen I 413. Memphis I 89. Menusiers I 543. Mercator im Mittelalter I 189. 283ff. Mergentheim I 575. Merkantilisten I XV. Merseburg (Rgbz.) II 112. — (Stadt) I 536. Messina II 174. 198. Messen im Mittelalter I 96ff,; in frühkapitalistischer Zeit I 431. II 9 f. 353. 402; ihre abnehmende Bedeutung in der Gegenwart II 354 ff. Messerfabrik I 109. Messing I 104. Messinggiefserei I 16. Messingwarenhandlung II 369. Mefskirch i. B. I 518. 526. 580f. 583. 597. 601 f. 663. 648. II 446. Messung von Raum und Zeit, Fortschritte seit Ende des Mittelalters I 395 f. Metalldreher, -drücker I 559. Metallindustrie (M.warenin- dustrie I 431. 483. 549. 559. 637. II 218. 254. 449. 537. 575. Metall Warengeschäft 1549; -handel II 396. 469. Metallwarenindustrie siehe Metallindustrie. Methode der socialwissenschaftlichen Forschung; historisch I XIV ff.; kritisch I XVI ff. II 186 f. Siehe im übrigen das Geleitwort. Metzger, Metzgerzunft etc. siehe Fleischer etc. Metzingen I 591. Mexiko I 123. 274. 348. 355. 367f. 370. Midassage I 381. Middleton I 230. Mietspreise, siehe Preise. Milch II 97. 108. 559. Milchvieh II 109. Milliardensegen II 12. Mindanao I 373. Minas I 357. Minden (Rgbz.) I 513. II 147. 490. Minen, siehe Bergbau; Edelmetalle. Mineralwasseranstalten II 527. Mississippi I 188. Mittelstand I 600. 607. 609. II 258. 262. 268 f. 351. 362. 399. 578. Mittweida I 546. Mobilisierung des Bedarfs II 327ff.; des Grund und Bodens II 101 ff.; der landwirtschaftlichen Bevölkerung in Deutschland II 126; in Grofs- britannien II 166; der städtischen Bevölkerung II 329. Mode I 150. 615. II 301. 317. 324. 330 ff.; Begriff der M. II 331 ff.; ihre Entstehung II 331 f.; M. im Renaissancezeitalter II 332; während des ancien regime II 332; Eigenartender modernen M. II 332 f.; deren Erklärung aus der Struktur der kapitalistischen Wirtschaft II 86 f. 335 ff. 340ff.; Genesis der Pariser Mode II 337 ff. Modelleure I 17. II 298. 443. Modelleurgewerbe II 212. Modelltischlerei I 553. Möbel I 468. 501 ff 561. 606. 609ff. II 23 f. 385. 392. 410. 418. 440. 452. 559 Möbelfabrik I 467. 555. 559. 609f. II 414. 438. Möbelhändler I 501. 506. II 411. Möbelindustrie I 609. II 23. Möbelmagazin I 468. 501 ff. 555. 564. 607. 609 f. Möbelmanufaktur I 546. 564ff. 607 ff. Möbeltischler I 467f. 501 ff. 555. 609. 614. Möbeltischlerei I 467ff. 500ff. 552. 563 ff 606 ff. 610. 663. II 23. 220. 441. 453. 500. 536. Mönchenstein I 152. Mohairwolle II 469. Moldau I 458. Molkerei II 351; -genossenschaft II 415 f.; -produkte II 389. Molukken I 190. 329f. 357. Montanindustrie I 17. 400. 406. 424. 483 ff. II 20. 45 f. 212. Montauban I 113. Monteure I 558. Montpellier I 230. 252. 282. Morea I 317. 336. Mosbach I 663. 668f. Mosel I 536. Motivation socialen Geschehens I XVIII ff 61 ff II 3 ff 188. Motorwagen I 582. Mozambique I 369. 374. Muckenschopf 1 575. Sachregister. 627 Mühlen I 94. 289. 425. 431. 434. 448. 474. 525 f. 556. 580. II 417; Bockwind- I 448; Dampfmahl- I 448.; Getreide- II 524; Holländer Wind- I 448; Hofs- I 448; Säge- II 524; Wasser- I 448. 526. 580; Wind- I 526. 580. 657. Mühlenindustrie II 512. Mühlhausen I 436. 536. Müller I 433f. 578. 618. 622. 657; Wasser- I 657; Wind- 657. II 230. 250. (Lohnmüller II 250). Müllerei I 7. 289. 525ff. 556. 559. 573. 579; Lohn- I 657. Müllereitechnik II 57. Müllheim I 663. 668. München I 430. 462. 487 f. 503. 513. 5261'. 537. 543 f. 547. 550 f. 562. 565. 594. 607. 647. 652. II 34 ff. 223 f. 233. 303. 4331'. 448. 452. 458 f. 503 535 Münster (Rgbz.) I 277. II 98. 147. 149. Mugello I 321. Münze, Münzerfim Mittelalter) I 249. 251.263. 266. 283; Verpachtung bezw. Verwaltung der Münze I 251 ff. 302. 320. Mützen I 229. 457. II 364. Mützenmacher I 593. 622. II 525. 564. 573 f. Mützenmacherei I 457. Muffs I 457. Muschelkartonnagen II 401. Musikanten I 642. Musikwerke (mechanische) II 530. Muskatbaum I 345; -blüte I 328. 330; -nüsse I 328. 330. Muster karten (Schneiderei) I 598 f. Musterreisende I 455 f. 577. Musterzeichner, siehe Arbeiter - katcgorien; Zeichner. ]¥achnah meverkehr II 379 f. Nachrichtenverkehr II 284 f. 379 f. Nachwuchs des Handwerks II 571 ff. 577 ff. Nadler I 622. Nägel I 581. Nähmaschinen, siehe Maschinen, einzelne. Näherei I 513. II 524. Näherin I 15. 21. 638. II 437. 494. 505. 532. Nähutensilien II 364. 367 f. Nagelschmiede (rei), siehe Schmiede (rei). Nagolder Bezirk I 575. Nahrung, Idee der, als Kennzeichen handwerksmässiger Organisation I 73. 86 ff. 174. 187. 283. II 370. Nahrungsmittel I 525 ff. 631. 11 44. 87. 93 ff. 410. Nahrungsmittelindustrie I 637. II 16. 62. Nährungsmittelkonsum II 254. Nahrungssurrogate II 42. Nakel (Netze) I 440 f. 503. 511. 518. 523. 541. 578 f. 571. 583 f. 589. 593. 596. 610. 614 ff. 647. 664. 668. II 446. 555. „Napftheorie“ Büchers I 71. Naphatalinfarben II 44. Narbonne I 252. Nationalökonomie, Richtungen, Schulen: Ästhetische N.-Ö. ein Programm der Zukunft I XXIX. Ethische N.-Ö. I XXV f. II 291. 330. Historische Schule I XXIX f. Klassiker I XIV. Merkantilisten I XV. Österreichische Schule I XXVII. XXIX. Natur in ihrer Bedeutung für die Gestaltung des Wirtschaftslebens I XXV. XXVIII; als Produktionsfaktor I 22 f. Naturalismus des modernen Kunstgewerbes II 307 f. Naturallöhnung ländlicher Arbeiten I 443 f. Naturrecht II 6. Naturwissenschaft, moderne I 199. II 60 ff 83 ff. Navigationsakte Cromwells I 416. Neapel I 139. 223. 245. 252. II 198 f. Nebenbeschäftigung, gewerbliche, der Landbevölkerung in Deutschland II 130 ff.; in Grofsbritannien II 163; ihr Wegfall II 166. Nebeneinkünfte der Handwerker I 624 ff. II 561; der ländlichen Bevölkerung aus der Markennutzung: in Deutschland II 125; in Grofsbritannien II 561; desgl. aus gewerblicher Thätigkeit: in Deutschland II 130 ff.; in Grofsbritannien II 163. Nebenerwerb der Handwerker, siehe Nebeneinkünfte. Nebengewerbe, landwirtschaftliche II 140 ff. Neckar I 575. II 136. Neger in ihrer Bedeutung für die Kapitalbildung in Europa I 349 ff. Neisse I 604. 625. 664. 668. Nelken (Gewürz) I 328. Neubürgerliche Kunst II 304. Neuburg I 254. 396. Neudorf bei Strafsburg I 504. 663. 669. Neuenburg I 575. 40 628 Sachregister. Neuerungssucht des modernen Menschen II 86. 316. 329. 342; des Produzenten und Händlers II 435. Neu-Granada I 370. Neuhaldensleben I 436. Neumark I 435. II 101. Neumarkt I 442. 464. Neu-Providence I 348. Neu-Seeland II 185. N e u s i 1 b e r II 469. Neusohl I 279. Neustadt (O.-S.) I 442. Neustadt-Eberswalde II 119. Neu-Siidwales II 185. Neu-Vorpommern I 442. II 127. Neuwied II 415. New Castle upon Tyne II 305. New Jersey II 220. 3 New York II 77 f. 184. 212. 244. 248. 397. 484. Nickel II 391. Niederlande I 137. 227. 349. 416. II 21. 288. Niello I 549. Nienport I 295. Nikäa I 338. Nikaria I 334. Ninive II 192. Ni tri um I 338. Nöttingen - Darmsbach (Baden) I 526. 580 f. 589. 597. 601 f. 611. 629. 657. 663. 666 ff. Nördlingen I 413. Norddithmarschen I 442. Nordhausen I 97. Norfolk II 155. 157. 160. Normandie I 582. Northof I 530. Norwegen I 274. Norwick II 197. Nossen I 442. 665. 667. N o t s t an d der grofsen Massen am Ende der frühkapitalistischen Epoche: in Deutschland II 89. 265 ff.; in Grofs- britannien II 167 f. Notstandslitteratur II 266 f. Nottingham II 213. Nowgorod I 174. Nowobrdo I 362. Nürnberg I 108 f. 111. 121. 133. 139. 157. 230. 246. 266. 271. 297. 307. 404 f. 412. 489. 513. 544. 550. 603 f. 663. 668. II 223 f. 369. 556. 569. Nürnberger Patriciat I 307. Nürnberger Waren I 109. Nürnberger Warenhandlung II 369. Nuovole I 321. Nutzholz II 101. Nutzungsrechte (aus der Markenverfassung) und die Wirkungen ihrer Beseitigung: in Deutschland II125 ff.; in Großbritannien II 163. 165. Oaxaca I 345. 369. Ober franken I 576. Oberhessen I 258. Oberrhätien I 112. Oberndorf (Würt.) I 591. Obstgärten II 89. Obstgeschäft II 389. Ochsen fleisch II 156. Oehringen I 591. Öl I 229. 335. 637. II 44. 368. 415. 479. Öldruckbilder II 385. Ö1: Baumwollsaat-, Erdnuß-, Hanf-, Kokosnuß-, Lein-, Palm-, Palmkern-, Oliven- II 479. Ölfruchtbau II 123. Ölgarten II 89. Ölraffinerie I 555. ökonomische Propädeutik I XXVIII. Ökonomischer Sinn als treibende Kraft des Wirtschaftslebens I XXI. 4. II 5. Önussa I 334. 338. Österreich I 461. 467. 510. 512. 514. 529. 556. 632. 646. 648. 660 ff. II II. 20 ff. 37. 40. 111. 180 (städtische Bevölkerung) 214. 229. 256. 288. 332. 347. 357. 362. 385. 408. 411. 553. 555. 570. 578; Nieder- I 666. H 35. 448. Österreich-Ungarn I 274. 370. II 555. Österreichische Schule der Nationalökonomie I XXVII. Oeynhausen I 540. Ofen I 523. 541. 605. II 418. Ofenfabrik I 466. 523. 541. 605. Ofenfabrikation I 657. Ofensetzer I 605. II 525. Ofensetzerei I 657. Ofen teile I 605. Ofentöpferei I 657. Offenbach I 537. II 415 f. Öffenburg i. B. I 551. Offiziersvereine II 418. Oikos I 7. 68. Oldenburg (Grhzgt.) I 577. II 98. III. 113 ff. 149. 241. 287. — (Stadt) II 241. Oltrarno, Sesto d’ I 323. Oppeln (Rgbz.) II 147. Optische Industrie II 46. Optische Werkstätten I 529. Oran I 223. Orient I 125. 327. 353. 383. 392. 416. II 192. 301. Orleans I 267. Sachregister. 629 Osch atz I 442. 526. 665. 667. Osnabrück (Fürstentum) I 106. 430. 434. II 127. 133. 266. 0 stasko w II 480. Ostelbien II 121. Ostende II 340. Ostindien I 190. 224. 326 ff. (Kolonien) 364. II 77. 95. Ostra II 113. Ostrach I 229. Ostrowo II 343. Ordnung des empirischen Stoffes in der Socialwissenschaft I XIII ff. — sociale I 3. 21. Ordnungsprincip in der Socialwissenschaft I XIII ff. „Organismus“ des Wirtschaftslebens I 60. Orgeln II 527. 530. Orgelbauereien I 559. Orientalische Produkte I 234. Ornamentenfabrik I 551. 604. Oude II 186. Oxfordshire II 158. 163. Pachtpreise, siehe Preise. Pachtverhältnisse in Grofsbritan- nien II 162. Packenträger, siehe Hausiererei. Paderborn II 198. Padua I 315. Päpste: Benedikt XI. I 262. Bonifacius VIII. I 262. Clemens V. I 239 f. Gregor IX. I 250. Hadrian I 316. Ilonorius III. I 238. Innocenz III. I 237. Innocenz IV. I 411. Johann XXII. I 239. Nikolaus IV. I 320. Pius II. I 239. Sixtus IV. I 239. Päpstliches Finanzwesen I 237. 250. 262 f. Pächter, alte und neue, in Grofsbri- tannien II 164. Palästina I 123. 250. 334. 337. 356. Palermo I 139. II 174. 198. Palmitinsäure II 469. Pankow II 269. Pantoffelmacher II 130. 564. Papierhandel II 367. 410; -Herstellung I 20. 401. 405. 425. 472. 556. 637. II 16. 58. 62. 254. 309. 456. 505. 515. Papierstuck I 541. Papierwarenhandlung I 625. Papparbeiten I 614. Pappe II 469. Parfümerien II 364; -geschäft II 314. Paris I 21. 54. 80. 91. 101. 112. 123. 134. 139. 149. 241. 246. 261 f. 301. 450. 452. 487. 504. 510. 512. 529. 549. 660. II 76. 184. 203 ff. 215. 218. 248. 296. 309. 332. 336 ff. 340. 378 f. 390. 397. 399. 505. Parkett I 465. 539. II 319. Parkettfabrikation I 465. 539. 561. 638. II 319. Parma I 230. Parvenutum II 298 f. 303. 305 f. Pas sau I 157. 539. 652. Passementer I 152. Patenterteilungen II 425. Paternosterer I 112. Patna II "386. P a t r i c i a t, städtisches I 282 ff. — in Deutschland I 302 ff. — in England I 309 ff. — in Belgien I 311 ff. — in Italien I 313 ff. Siehe auch Städtische Geschlechter. Patschkau I 442. Pauperes (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Pegau I 442. 510. Pegu I 327. Peitschen II 367. Peleponnes I 333. Pelze I 457. 515. 592. Pelzgalanteriewaren I 592. Pelzmützen I 457. Pelzwaren I 515. 592. Pelzwarenmagazin I 515. 592. Pelz werk 361. 515 f. 592. Pera I 333. Perleberg I 536. Permenter II 454. Pernau I 171. Perrotinen I 481. Perrückenmachergewerbe, siehe Friseurgewerbe. Persisches Meer I 327. Personalkapital I 205. Peru I 128. 274. 348. 355. 367 ff. Pesaro I 186. Pest im Mittelalter I 137 f.; in frühkapitalistischer Zeit I 417. Peterswaldau II 10. Petroleum II 44. 215. 367. 389. Petroleumkocher II 401. Petroleummotoren II 488. 521. 526. Petroleumraffinerie I 49. Pevensey I 230. Pfaidler I 459. 515; -gewerbe I 666. 668 . Pfalz I 442; Ober- I 580. Pfeffer I 229. 231. 328 ff. 364. <330 Sachregister. Pfefferkuchen II 355. Pfefferküchlerei I 627. Pfeifen I 470. II 380. Pfeil und Bogen (Erfindung) II 56. Pferde I 582. II 108. Pferdebahnbetriehe I 556. Pferdewärter I 420. Pflanzenfaser II 252. Pflug als frühzeitige machinale Vorrichtung II 56. Pforzheim I 127. 548. 663. 667. Pfosten II 98. Pfullendorf I 229. Philadelphia II 308. 397. Philippinen I 373. Phönizien I 123. P h o k ä a I 336 ff. Phonograph II 85. Photographie II 85. Photographische Anstalt I 16. Photographische Salons II 314. Piacenza I 313. Piassava II 469. Piemont I 229. II 174. Piesberg I 13. Piombina I 230. Pirmasens I 442. 534. II 21. 212. Piraterie, Piratengewerbe etc. I 163. Pirna I 106 f. Pisa I 190. 226. 230. 252. 261. 270. 321. 333 f. (Kolonien) 390. Pistoja I 141. 251. 272. 313. Plakatkunst II 375. Plattner II 453. Plättanstalt II 418. Plätterei II 237. Plätterinnen II 494. Platzagent II 407. Plauen I 536. Plebs (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Plön I 442. Plofs I 467. Pochwerk II 135. Podolien II 380. Pofelbazare II 399. Poiton I 101. 111. Polierer (Tischler) I 43. 493 (Bauhandwerker). Polizei II 39. Polizist II 230. Polsterarbeiten I 565. Polstergestellmacher I 504. Polster material I 507. Polsterwerkstätten I 565 f. Polygraphische Gewerbe II 16. 62. 254. 456. Pommern I 434 f. 444. 536. 664. II 11. 101. 112. 129. 133 f. 141. 148. 208 f. Pont de l’Arche I 413. Pontoise I 134. Poorters I 282. 311 f. Pop fingen I 413. Popolo grasso, P. minuto (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Populäres et impotentes(immittelalterlichen Köln) I 282. Porretta II 480. Portefeuiller I 456. Portugal I 223. 240. 326 ff. (Kol.- Handel) 341. 344. 533 f. (Kolonien) 364 f. 369. 373 ff. 416. II 77. I Porzellanmalerei I 665. 668. i Porzellanmanufaktur(Betriebsorganisation) I 41 ff. 665. 668. — Berliner I 41. 551. II 293. — Meißner I 41. 551. II 293. — von Sövres I 41. Porzellan waren: Handel II 354 f. 364. 369. 380. 390 f.; Herstellung I 41. 400. 551 f. 557. II 136. 414. Posamentenfabrikation I 638. II 525. Posamentierer 143.152. 622; -waren II 364. 368. 410. Posamentierwarengeschäft II 391. Posen (Prov.) I 580. 664. II 101. 109. 112. 116. 133. 141. 147. 208 f. 337. 409. 434. — (Stadt) I 169. 504. 597. 609. 616. 647. 664. 666 f. 669. II 23. 446. 505. 557. 570. Positionssystem I 392. Post II 284 ff. 380. Postbeamte II 230. Potosi I 370. Potsdam (Rgbz.) 1426. II 147. (Stadt) I 520. II 223. Pottaschesiederei II 136. Präraphaeliten II 306. 308. Prag I 467. 506. 666. 668 f. II 231. 245. 412. Priegnitz I 663. 667. Prinz-Kegenten-Theater in München, seine Erbauung II 433 f. Prinz von Wales (Eduard VII), in seiner Bedeutung für die Mode der Herrenkleidung II 339 f. Preetz I 442. 510. 664. 668. | Preis (theoretisch) I XXVin. 147. 149. j 158 f. 220 f. 231 ff. II 8. 69. 102. I 114. 155. 236. 371. 376 f. 383. 425 ff. 1 438. 445. 463 ff. 466. 481 ff. 508 ff. I 533. 542 f. 559. 561 ff 570. • Preisbildung, siehe Preis (theoretisch', I. Preise für Arbeitskräfte, siehe Arbeitslohn. — für die abstrakte Arbeitskraft II 496. Sachregister. 031 Preise für Grundstücke: landwirtschaftlich genutzte im 19. Jahrh. II 110ff. 114ff. 160. 171 f.; städtische: im Mittelalter I 290. 318. 323 f.; desgl. im 19. Jahrh. II 239 ff. — für Häusermieten: im Mittelalter I 318; in der Gegenwart II 239 ff. 395. 473. 493 f. — für Pachtungen II 112 ff. — für Transport von Gütern im Mittel- alter I 222. 230 f.; von Nachrichten in der Gegenwart II 284; von Personen II 279. 283. — für Waren: Agrarprodukte im Mittel- alter I 147. 149. 228 ff.; im 19. Jahrh. II 94 ff. 155 ff.; gewerbl. Erzeugnisse im Mittelalter U 140 f. 147. 149. 158 f. 228 ff.; im Kolonialhandel II 327 ff.; Arbeitsmaschinen II 535; Kraftmaschinen II 484 ff. Preishandwerker II 95. Prenzlau I 461. 511. 591. 596. 663. 668. II 448. Prefsburg II 412. Pretiosen II 385. Pr eu fs en (Kgr.) I 230. 425. 428. 431 f. 435. 452 f. 462. 464. 470. 481. 537. 636. 642. 644 f. 662 f. II 9 f. 13. 18. 35. 38. 45. 89. 95 ff. 100 f. 103. 105. 109. 112. 119. 125. 129. 131 ff. 137. 140 f. 146 ff. 162. 176 ff. 181. 205. 207 f. 213. 216. 225. 232. 256 f. 270. 273 ff. 278. 280 f. 286 f. 346. 348. 353. 357. 359. 369. 394. 478; Ost- I 434. 578. II 89. 101. 109. 112. 141. 149. 151. 208 f.; West- I 504. 578. 664. II 141. 151. 208 f. Produit net-Theorie II 200. Produktengeschäft II 368. Produktionsdauer, siehe Produktionszeit. Produktionserzwingung, siehe Sklaverei. Produktionsfaktoren 122 II427f. 473. Produktionsfaktorenverbilligung: Begriff II 427; als Konkurrenzfaktor II 507 ff. Produktionskosten, siehe Preis (theoretisch). Produktionskredit, siehe Kredit. Produktionsmittel als Produktionsfaktor I 23. II 427; als Konkurrenzfaktor II 427. 473 ff. Produktionsverbilligung: Begriff II428; als Konkurrenzfaktor II 507 ff. Produktionsverschiebung I 570 ff. Produktionszeit im Mittelalter I 141; in neuerer Zeit II 70. 75. 508. 516. 547. Produktivgenossenschaften I 68. H 545. 554. 656. Produktivität der Arbeit (theoretisch) I 37. 56 f. 140. 154. 185. 213. 290. II 69. 236. 292. 371. 425 f. 516; •— (empirisch) I 37. 141. 426 ff. 432. II 42 ff. 63 ff. 371. 426 f. 448. Profit (theoretisch)! 210ff. II 7. 196. 236. 376 f. 427 f. 536. 564. Pro fite(empirisch): Handels-im Mittel- alter 1 219 ff.; im 18. Jahrh. II 226; im Kolonialhandel I 327 ff. 372; im Sklavenhandel I 352 ff.; in der Produktionswirtschaft mit Sklaverei I 355 ff Profosse I 420. Profsnitz 666. 668. Provins I 98. 102. Pschorrbräustile II 313. Psychologie, historische I XXI. Puddeln I 427. II 44. 75. Puddelwerlc I 14. 16 f. Puerto Rico I 346. Pulsnitz I 442. Punjab II 186. Pumpenbetrieb II 527. Punschextrakt II 391. Puppenausstattung I 338. Purpur II 44. Putzmacherei I 638. Putzwaren I 112 f. 514. II 364. Qualifizierte Arbeiter, Qualitätsarbeiter etc., siehe Arbeiterkategorien. Qualitätsverschlechterung (in der gewerblichen Produktion) II 467 f. Qualitätswarengeschäft II 387f. Quebrachoholz I 535. Quecksilber I 280. Queenhith II 158. Queensland II 185. Quincailleriewarenladen I 445. Rabenau I 546. Radfahrsport I 582. II 85. 368. Radeburg I 442. Radolfzell I 109. Rahmen I 546. Raps II 96. Rasse, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I XXV. XXVIII. 380. Rassen, gelbe, in ihrer Bedeutung für die Kapitalbildung in Europa I 349f.; rote, ihr Verlöschen I 348; schwarze (Neger), in ihrer Bedeutung für die Kapitalbildung I 349 ff Rationalismus, ökonomischer, siehe Kapitalistischer Geist; technischer, siehe Wissenschaftliches Verfahren. 632 Sachregister. Raubbau in (len Kolonien I 356f. Raubhandel I 162. 180. 189. Raubrittertum im Mittelalter I 384f.; in der Gegenwart II 377. Rauchwaren ! 457. 516. 536f. Raum, seine Überwindung II 84. Realkapital I 205. Rechenkunst im Mittelalter I 178. 191 ff. 392 f. Red House II 306. Rechtsordnung, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I.XXVI1. 208 ff. II 3 f. 28 ff 32 ff Recklingshausen II 214. p p q TT 1 07 Regensburg I 99. 253. 261. Regenschirme II 332. Reggio di Calabria II 174. Reggio nell’ Emilia II 174. Reichelsheim I 663. Reichenstein I 40f. 254. Reichs|erichtsgebäude (Erbauung) Reichstagbaukommission II 302. Reichstagsgebäude (Erbauung) II 302. 313. Reichtum im Mittelalter I 237 ff. 257 ff. 264 ff. 276 ff. 282 ff. 348 ff 360 ff.; sein Tiefstand am Ende der frühkapitalistischen Epoche II 258 ff.; seine Zunahme im 19. Jahrh. II 257 ff. 297 f. 316. 320. 333. 349; in der Zukunft II 312 ff. 316. Rei der, siehe Schwertfabrik. Reinerträge (in der landwirtschaftlichen Produktion) II 110 ff. Reis I 356. Reisebedarfsladen II 391. Reisebureau I 199. Reiselektüre II 390. Reisende, siehe Detailreisende, Geschäftsreisende. Reitsport I 582. Reklame II 373ff. 401; künstlerische II 378; schwindelhafte II 377. Reklamefiguren II 530. Reklamewissenschaft II 374. Religion, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I 380 f. 420. Remscheid I 109. 127. 431. II 214. Renaissance des Handwerks, siehe Wiedergeburt. Renaissance des Kunstgewerbes in der Gegenwart II 302 ff. 306 ff. 458 ff Renaissancezeitalter I 85. II 332 f. 452 f. Rennen von Ascot II 339. — von Auteuil II 327. — „ Hamburg II 269. — „ Wien II 269. 339. Rentenkauf I 291. 293. Reparatur landwirtschaftlicher Geräte I 582. Reparaturarbeit des Handwerks I 471. 582 ff 580 f. 592 f. 596. 612 ff. 616. 618. II 449. 470 f. 540. 570. der Böttcher I 613. „ Drechsler I 613. „ Hutmacher I 593 f. „ Kürschner I 592 f. „ Schlosser I 556. „ Schmiede 1 556. 583 f. „ Schuhmacher I 590. „ Stellmacher I 583 f. „ Tischler I 536. 609. 512. „ Uhrmacher I 614. Reparaturwerkstätten I 16. 556. 609. II 211 f. Repassage (der Uhren) I 614. Restaurants I 199 f. II 417. Rettung des Handwerks, siehe Wiedergeburt. Retrospektive Richtung des Kunstgeschmacks II 300f. 307. Reutlingen I 591. Reval I 166f. 171 ff. 223. 226. 261. Rheder ei II 137. Rhein 1 104. 156. 406. 428. 433. 438. 536. II 270; Nieder- I 15. 30. 144. 149. 151. 429 ff. 482. II 133; Ober- I 98. Rheinfelden I 98. Rheinland-Westfalen 1 426. 428. 513. Rheinpfalz I 534. Rheinpreufsen I 439. 444. Rheinprovinz I 109. 664. II 127. 137 f. 140. 148. 150. 207 ff 270. Rhodes I 411. Rheydt II 214. R i c h e, r i c h e s (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Richtplatten (Bauschlosserei) I 545. Riemer II 524. 567 f. Riesa I 526. Riga I 167. 171. 173. 223. Rigveda I 441. Rinder, siehe Fleischerei. Rindviehzucht II 108. 117. 157. RingderNibelungenals Symbol der menschlichen Goldsehnsucht I 381. Ringofenziegelei I 16. Ritterorden I 240. 252. 260. Röhren II 410. Röhrenfabrikanten I 522. Röhrenfabrikation I 17. Rörerbühl I 278. Roheisen, siehe Eisen. Roggen II 93. 96. Rohr II 391. Sachregister. (333 Rohstoff II 79. 87. 93. 367f. 470. 476. 479 ff. 512. 553. Rohstoffbezug II 477ff. Rohstoff genösse n schäften II414. 545. 553 ff. Rohstoffhandel II 479f. Roh Stoff vereine II 553. Rom I 89. 91. 115f. 119. 123f. 191. 230. , 235. 239. 262. 333. 359. II 154. 158. 189 f. 198 f. 246 ff. 370. Romantizismus im Kunstgewerbe II 297. 308. Ronsdorf II 214. Rosenkränze I 402. Rosettenfabrik I 534. Roskilde I 135. Rofshaare II 469. Rofsleder I 536. Rostock I 140. 167. 179. 228. II 11. Rofswein (Kgr. Sachsen) I 518. 545. 589. 665. 667 ff II 40. Rotationsprincip I 50. Rote Meer I 327. Rotgiefserei II 452. Rothenhuch I 576. Rottenburg I 575. Rotterdam II 381. Rouen I 134 Rovigo II 174. Rucksack II 380. Rühen II 15. 17 f. 44. Rübenbau II 110. 124f. 143. Rübenzuckerindustrie I 637. II 17. 62. Rückzugsgebiete (für das Handwerk) 1615ff II451. Siehe auch Beparatur- arbeit, Wiedergeburt des Ilandwerlcs. Rügen I 440. Il 127. Rügenwalde I 167. Rum I 356. Rumänien I 542. II 21 ff 286. 416. Rundholz II 98. Rufsland I 31. 232. 265. 326. 415. 428. 522. II 9 f. 21 ff. 88. 256. 279. 286. 337. 391. 478 ff Saal feid I 445. 652. 665. 667. Saarbrücken II 214. 270. Saargebiet II 362. Saarlouis II 270. Saat (Handelsartikel) II 410. Saatgetreide II 414. 559. Saazig I 444. Sachsen (Kgr.) I 425 f. 428 f. 431. 442. 453 f. 456. 518. 537. 539. 577. 591. 662. 664f. II 105. Ulf. 114. 138. 142. 148. 177. 207. 214. 235. 255. 287. 347. (Prov.) I 435. 464. 489. 542. 664. II 36. 101. 103. 107.148. 208 f. 358. 555; Nieder- II 11. Sachsen-Meiningen I 665. — -Weimar I 665. Säckler I 98. Säckler II 453. Säge (Band-) II 48. Sägerei II 117. Sägemühlen II 524. Sägewerk I 17. 539. II 524. Sämereien II 414. 559. Sämischgerberei I 534. 590. Saflor II 44. Safran I 231. Saida I 442. Salazar l 368. Salinenwesen I 637. II 16. 19. 254. Salisbury II 155. Salmannenrecht I 301. Salz I 230. 315. II 415. Salzburg I 401. Salzwedel I 526. 596. 604. 614f. 628. 643 f. 664. 667. II 446. 448. 538. Samenkauf = Engroskauf (im Mittel- alter) I 282. San Biagio I 406. San Domingo I 346. 357. San Donato I 320. St. Etienne II 532. St. Gilgenhof I 405. St. Imier II 532. St. Johann II 270. St. Panagia I 334. 338. St. Petersburg I 567. II 339. St. Pölten II 412. St. Simeon I 104. St. Thomas I 344. Sandsteine I 542. Sanguin I 373. Saranger I 373. Sardinien I 274. 334. II 174. Sargüberthane II 401. Sattler I 81. 83. 114. 454ffi 558. 617 f. 622. 624 f. 633. 640. 657 f. 663. II 230. 453 f. 524. 567 f. 583. Sattlerei I 16. 456ff. 547. 590. 627. 638. 664. 668. Sattlerwerkstatt II 390. Sattlerwaren I 547. Sauerland II 358. Savannah (Schiff) II 77. Savoyen I 258. Schädlinge in der Wissenschaft II 188 f. Schäfte I 532. Schäftefabrik I 532. Schafe, siehe Schafzucht. Schafleder I 536. II 162. Schafzucht I 435. II 107ff 117. 143. 157. 161 f. Scharte II 44. Schaufeln I 110. Schaumburg-Lippe I 578. 634 Sachregister. Scherenschleifer I 638. II 139. Scherer (Weberei) I 81: Schererei I 14. Schermessorer I 108. Schemniz II 274. Schieferdecker I 520. Schieferhandel I 523. Schiefertafeln II 367. Schiffergenossenschaften im Mittelalter I 183. Schiffsbau I 637. II 41. 44. 137. Schiffsbaumeister I 89. Schiffsleute I 133. II 230. Schiffsverkehr im Mittelalter I 167. 171 f. 223; im 16. Jahrh. I 328 f.; im 18. Jalirli. II 225 f.; im 19. Jahrh. II 77. 281. Schilderer (Sehilterer) II 453f. Schildpatt I 550. Schirme II 364. 385. 389. 418. Schirmfabrik II 414. Schirmmachergewerbe I 663. 666. 668 . Schirrvogt, Schirrkammer I 443. Schlachtgeschäft I 528. Schlaggenwalde I 401. Schleifer (Schleiferei) I 7. 106. 109. 127. 144. 559. Schlesien I 30. 102. 113. 134. 254. 277. 280. 400. 406. 429. 432. 435. 442. 461. 464. 478 f. 482. 510. 540. 581. 628. 664. II 9 ff. 101. 121 f. 129. 131. 134. 137 f. 143. 148 f. 207 ff. 266. 359; Mittel- II 122; Nieder- I 578. 664; Ober- I 17. 427. 567. II 215. 265. Schleswig I 442. Schleswig-Holstein (Prov.) I 578. 664. Schlosser I 17. 54. 83. 95. 114. 464ff. 496. 499. 521 f. 540 f. 544 f. 556 ff. 565. 573. 603. 617 f. 622. 624 ff. 633. 640. 645. 649. II 34. 37. 446. 537. 556. 567 ff. 575. 583. Schlosserartikel I 540. 603. Schlosserei I 24f. 32. 54. 152. 489. 496. 540 ff. 544 f. 550 f. 566 662 ff. 662. II 220. 452. 457. 533. 535. 537. 541. 569 f. 574. Schmalkalden I 109. Schmied I 17. 76. 81. 144. 272. 420. 439 f. 442 f. 477. 480. 556 ff. 573. 578. 580 ff. 603. 617 f. 627. 647. 650. 657. 663. II 230. 446. 537. 555 f.; Gabel- I 108; Gold- I 115. 141. 581. 622. II 289. 453f.; Grob- I 90. 115. 581. 638. 640. II 525. 567 f. 574 f.; Harnisch- I 107 f. II 454; Hauben- I 108; Huf- I 16. 573. 581. 633. II 525. 567 f.; Kessel- I 16; Ketten- I 108. 581; Klingen I 108; Knauf- I 107; Kreuz- I 107; Kupfer-1 115. 581. 640. II 567 f. 574 f. ; Messer- I 581. 663; Nagel- I 95. 581. 617. 622. II 524; Panzerhemden- I 108; Schwert- I 105 f. 144; Sensen- I 25. 108 f.; Speer- I 107; Waffen- I 108; Wagen- I 573; Werkzeug- I 581; Zeug- I 638. II 139. 537; Zirkel- I 108. 581. Schmiedeeisen I 550. Schmiedeeiserne Hausgeräte I 550 f. Schmiederei I 7. 24. 32. 556. 573. 581 ff. 627. 663. 668. II 533. 535. 574. 577. Schmiedezunft I 81. Schmuckwaron II 410. Schneeberg I 274. 277. Schneider I 7. 16. 32. 36 f. 43. 54. 81. 83. 91. 95. 99 f. 101. 113. 133. 441. 480. 513. 594 ff. 622. 624. 633. 639 f. 645. 657. II 35. 230. 337 ff. 398. 412. 438. 440. 445 f. 491. 499. 503. 515. 542. 554. 564. 567 ff. 583; Damen- II 337 ff'.; Herren- I 596. II 412 f. Schneiderei I 148. 459 ff. 510. 511 ff. 537 f. 594 ff. 638. 651. 658. 663 ff. 668. II 22. 37. 411. 445. 496. 505. 518. 524. 541; Damen- I 459 f. H 314. 338. 412. (Wien) 499. Schneiderin I 459. 513. II 437. Schneiderinnung I 461. Schneiderwerkstatt II 417 f. Schnittwaren II 354f. 359. 364. 410. Schnittwarenhandlung II 368. Schnitzer (Bild-) II 130. 453f. Schnitzereien I 638. II 136. Schönberg (mähr.) II 578. Schöneberg II 243. Schönfärber, siehe Färber. Schornsteinfeger II 572f. Schottland I 240. II 160. 229. 419. Schreibmaschinenfabrik II 414. Schreibmaterialien II 364. 367. Schreibtischtischler I 504. Schreibwarenhandlung I 625. Schreiner, Schreinerei, siehe Tischler etc. Schriftgiefserei I 567. Schürlitz I 157; -weberei I 103. Schürzen II 440. Schüsseln I 110. Schuhe I 50 f. 142. 510f. 533. 560. II 80. 340. 385. 498. 559. 564. Schuhfabrik I 111. 133. 511. 532 ff. 588 ff. II 55. 80. 321. 414. 498. Schuhwarenfabrikant II 564. Schuhflickerei I 588. Schuhmacher I 21. 44. 83. 89 ff. 91. 94. 97. 110. 113 ff. 142. 212. 384. Sachregister. (335 420 . 451. 454. 480. 510 f. 587 ff. 617 f. 622. 624 ff. 628. 633. 638. 640. 647. 649 f. 657 f. 666. II 37. 230. 321. 438 f. 445 f. 473. 483. 491. 498. 542. 554. 557. 564. 567 f. 573 f. Schuhmacher-Bedarfsartikel I 451. 534. 546. Schuhmacherei I 24. 50. 135. 449ff. 510 f. 532 ff. 559. 587 ff. 658. 668. II 20 ff. 37. 40. 54. 80. 212. 251. 447. 498. 524. 533. 577. Schuhmacherinnung I 650. II 39. Schuhmacherwerkstatt II 417 ff. Schuhmaschinenfabrik I 534. Schuhwaren (Handel) I 442. 449 ff. 510 f. 533 f. 589. II 354. 364. 417. 438. 468 f. 559. 564. Schuhwarenbazar I 589. 626. II 438 f. 440. Schuster, Schusterei etc., siehe Schuhmacher etc. Schwaben I 254. 396. Schwäbisch Hall I 266. Schwäbisch Gmünd I 548 f. Schwarzburg-Sondershausen II 107. 116. Schwarzfärber, siehe Färber. Schwarzwald I 88. 96. 101. 105. 273. 277. 280. 406. 421. 441. 471. 574 f. 617. II 130. 347. Schwaz I 274. 279. 408. Schweden I 111. 274. 416. 540. II 356. 478 f. Schweidnitz I 111 f. 599. II 9. Schweine 1489.529 ff.H 108.118.128. Schweineborsten II 469. Schweiz I 30. 103. 249. 255. 257 ff 400. 471. 522. 545. 581. 591. 612. II 20 f. 23. 88. 172 (Agrarverfassung) 245. 288. 322. 356. 391. 404. 433. 578. 583. Schwelm II 214. Schwertfabrik I 106f. Schwertfeger I 105. 108. Schwitzhöllen I 514. Schwitzmeister (Konfektion) I 595. Sealskin I 536. Seegras II 469. Seeschiffsbemannung II 137. Seeschiffahrt, Organisation in frühkapitalistischer Zeit II 137. Siehe übrigens Schiffsverkehr. Seide, Roh- I 328. II 139. 338. 469. Seidenbänder II 389. Seidenbandfabrikant II 338. Seidenbandmuster II 338. Seidengeschäfte II 390. Seidenhüte, siehe Hüte. Seidenindustrie I 15. 103. 157. 335 f. 406. II 197. Seidennähter II 454. Seidenspinner II 64. 139. Seidenwarenfabrik I 414. Seidenweber I 336 f. II 64. Seidenweberei II 210. 525. Seidenzunft I 186. Seife I 449. 637. II 364. Seifenfabrik I 555. 613. II 230. Seifensiederei I 449. 622. 665. 668. II 136. 471. 479. Seile (Hanf- und Draht-) II 44. 468. Seiler I 640. II 573 f. Seilerei I 665. 668. II 525. Seilerwaren II 391. Sembrancher (am St. Bernhard) 1271. Sdndgal I 354. 373 f. Senf II 106. Sensen II 321. 367. Seradella II 106. Serbien I 362. II 287. Sevilla I 246. 368. 372. II 89. Sövres I 41. 551. Sheffield II 213. Shirtingweberei I 147. Shoddy H 469. 512. Shorthorns II 109. 118. Siam I 373. Sibirien II 287. Sicilien I 180. 223. 240. 336. 347. II 173 f. 199. Sidon I 333. Siebenleben I 442. Sieg II 128. Siegen I 437. 483 f. II 214. Siena I 313. 411. Sierra Leone I 374. Sierra Morena II 89. Siracusa II 174. Silber I 104. 254. 274 f. 364 ff. 370. 408. II 401. 469. Siehe auch Edelmetalle. Silbe rarbeiten I 549. Silbergräber I 371. Silbergruben I 37. 274. 278. 280. 314. 401. Silberwaren II 220. 364. 410. Silberwarengeschäfte I 626. Silber Warenindustrie I 426. 548. Sitzgeselle I 15. Skandinavien II 21. Sklaverei im Mittelalter I 331 ff. 347 f.; in der neuen Zeit I 342 ff. 348 ff Sklavenhandel I 340 ff. 352 ff. Sklaven Wirtschaft I 64. 67. 355 ff. Smithfield II 157. Sneek I 110. Socialismus, socialistische Wirtschaft etc. I 67. 72. Socialpsychologie I XXI. Socialwissenschaft, Bedingungen ihrer Selbständigkeit I XXVII. 636 Sachregister. Soda II 136. Söldnertum I 216. 411. 419. Sohlleder I 536. Sohlledergerberei I 560. Soest I 286. Sofala I 366. 373 f. Solingen I 106. 109. 144. II 136. 214. Sollbach I 580. Solor, Insel I 373. Somersetsliire II 157. Sommerkonfektion I 537. Sonderbildung im socialen Leben I XXIII f. XXXIII. Sonnenschutzapparate II 530. South - Kensington Museum II 306. Spätkapitalistische Epoche I 72. Spandau I 520. Spanien I 124. 134. 139. 223. 265. 271. 274. 280. 326. 329. 331. 334. 337. 341. 344. 348 (Kolonialwirtschaft) 355. 367 ff. (Kolonien) 382. 416. 418 f. II 85. 88 f. 157. 198 f. 370. Sparkassen, ländliche II 415. Spaten II 367. Specerei waren, siehe Kolonialwaren. Specialarheiter, Specialisten etc., siehe Arbeiterkategorien. Specialartikel II 393. Specialbetriebe, s. Spetialisation. Specialisation der Arbeit innerhalb eines Betriebes I 24 f. II 517; zwischen Betrieben I 23. II 518. Specialitätengescliäft II 389 ff. Speck I 531. II 158. Spei er I 286. Speisehäuser II 314. 324. Spekulation (kaufmännische), siehe Kapitalistischer Geist. Spekulationsbau (Baugewerbe) I 491. 494. Spesen im mittelalterlichen Handel I 221 f. 223 ff Spessart II 491. Spiegel II 385. Spiegler II 454. Spiel Warenindustrie I 30. Spindel I 424 f. 428. II 53. 56. Spinner I 622. II 79; Seiden- II 64. 139; Slioddy- II 139; Baumwoll- II 139 Spinnerei I 13. 15. 43. 424. 426. 429 ff 437 ff 459. 474. 556. 637. II 53. 131. 138. 312. 496. 554; Seiden- I 638; Slioddy- 1638; Baumwoll- I 638; Kammgarn- I 481. Spinnerinnen I 406. Spinnmaschine II 53 f. Spinnrad II 53. 133 f. Spinnstube I 436. Spirituosen II 367. Spiritusbrennerei II 17. Spiritusindustrie I 470. II 14. 108. Spitzen verfertigun g I 638. Sport: Radfahr- I 582; Reit- 585; Renn- I XXII; Yacht- I XXII. Spreewald I 503f. 578. 614. 647. 663 f. 669. Spremberg I 599. Spritfabrik I 612. Spulerei (Weberei) I 14. Staatenbildung (moderne), wirkt hemmend auf wirtschaftliche Entwicklung I 415 ff. Staatsschulden, siehe Anleihen. Stab so ff i eiere der Industrie, siehe Arbeiterkategorien. Stade I 188. ll 115. Stadt im ökonomischen Sinne (Begriff) II 191; kapitalistische Stadt II 194 f.; Handelsstadt II 196 ff 222; früh- kapitalistische Grofsstadt II 197 ff.; Konsumtionsstadt II 198 ff 221 ff.; Industriestadt II 205 ff.; primäre Industriestadt II 213. 417; sekundäre Industriestadt II 217; industrielle Teilstadt II 215. 222; industrielle Yollstadt II 216. 222; Überblick über die modernen Stadttypen II222f. Siehe auch Großstadt, Kleinstadt. Stadtadel, siehe Patriciat. Stadtpläne I 395. Stadtwirtschaft I 53. 67. 71. Städtebildung (theoretisch) I XXIV. II 187 ff; „Naturlehre“ der St. II 192 ff; städtebildende Faktoren im kapitalistischen Zeitalter II 196 ff.; Dogmengeschichte II 202. 224 ff.; Existenzbedingungen (ökonomische) II 228 ff. (sachliche) II 228. (persönliche) II 229 ff — (statistisch) siehe Bevölkerungsagglomeration. Städtetheorien, siehe Städtebildung. Städtisches Wesen I XXVI. II 145. 190. 218. 238. 308. 315. 324 ff. 328 f. Städtische Geschlechter, Händler, Industrielle etc. des Mittelalters: Abbati I 263. 313. 318. Acciauoli I 252. 319. Adimari I 319. Aislingen I 303. Albeiti I 319. Albizzi I 319. Aldobrandeschi I 319. Aldobrandini I 319. Alfani I 251. 319. Alpishofer I 303. Altoviti I 319. Amerbach, Johann I 404. Amieri I 319. 376. 414. Sachregister. 637 Ammanati I 263. 313. Angelotti I 319. Ardingki I 319. Argon, von I 303. Armbruster I 551. Artevelde I 101. 311. Arzt (Familie) I 303. Bacarelli I 313. Baldi I 313. Baidinger I 308 f. Bambrecht I 303. Bardi I 224. 242. 251 f. 261 f. 322. 324. 376. 399. 414. Barozi Tribanus I 314. Barthen I 303. Barucci I 319. Baumgartner I 303. Becken von Beckenstein I 304. Behaim I 307. Bellincioni I 319. Bernardini I 320. Berthout I 312. Besserer I 308 f. Beuscker I 304. Blake I 311. Blume I 306. Bolognino di Bargliesano da Luca I 406. Breyschub I 304. Brom I 306. Büttrick I 304. Buondelmonte (Montebuoni) I 320. 323. Buonfanti I 320. Cämerer I 286. Caponsacchi I 320. Cavalcanti I 320. Cecchi I 322 ff. Centarioni I 334. Cerchi I 251. 262. 322 ff. Chiarenti I 263 320. Chirckeman I 266. Christ. Reyffer Erben I 408. Cindal I 306. Clarenti I 313. Colner I 306. Colonna I 244. 320. Cornaro I 335. Crepin aus Arras I 253. Dachs (Familie) I 304. Dandolo Gaton I 314. Deila Bella I 319. de la Bresa I 354. de Camilla I 314. de Fossatelli I 314. de la Pole I 266. 310. de Marino I 314. de Nigro I 314. Dendrich I 304. de Pomerio I 306. Digne Rapponde I 255. Doria I 314. Drechsler I 304. Ebner I 307. Ebriaci I 257. Eggenberg, von I 305. Eggenberger I 304. Ehingen, von I 305. Ehinger I 308 f. 343. Endorffer I 304. Engelschalk von Murnau I 304. Episcopius (Drucker) I 404. Eringer I 304. Erlinger I 304. Falconieri I 320. Faletrus Leo I 314. Fieschi I 314. Fifanti I 320. Firmian I 279. Frankfurter Patriciat I 306. Franzesi I 322. — Masciatto I 324. Frescobaldi I 242. 249. 252. 321 f. 324. Froben, Hans (Drucker) I 404. — Hieronymus I 178. Fueger I 279. Füllenbach, von I 304. Fugger I 224. 254. 264 f. 279 f. 305. 343. 372. 396. 400 1. 403. 408. 414 f. — Anton I 254. 396. — Jacob I 193. 396. Fust, Johann I 404. Galliziani I 405. Gandulphus de Arcellis I 258. 261 f. Geldersen I 191. 293. Genus, Nicolao I 338. Gefsler I 309. Gherardi I 233. 324. Gherardini I 322. Giustiniani I 244. Gossembrot I 304. Greiduscher I 304. Gresham I 311. — John I 311. — Thomas I 311. Grilli I 314. Grimaldi I 314. Grimolt I 304. Grundier I 304. Grundherr I 307. Günzburger I 308 f. Guidi I 320. — Biccio I 320. — Carus I 320. — Simon I 320. Gwärlich I 308. Hagen, Jan. I 403. Haibisen 1 405. Hans Punzl & Christ. Herwart I 408. Hang & Link I 225. 279. 413. Hawkinse I 311. 638 Sachregister. Heinitz, von II 297. Herrgott, Hans I 404. Herwart, Werner I 304. Hewett I 311. Hirschvogel I 307. Hirzelin, Johann I 253. Hörner I 304. Höchstetter I 377. — Ambrosius I 377. Holzheim I 308. Holzschuher I 307. Hotter I 304. Hoy, von I 304. Huldrich the Torn I 311. Hunold (Houold) I 304. Hunt Holman II 306. Huntpifs I 324. 401. Ildebrandini 1 313. Ilsung I 304. Imhof I 304. 307. 401. Isaac von Norwich I 267. Italienische Geschlechter I 313 ff. Jöchel von Jöchelsthurn I 279. Karg I 304. Kaspar von Domeck I 402. Iioberger I 231. 405. Kölner Patriciat I 306. Kraft I 308 f. Krafft, Hans Ulrich I 357. Kramer, Jos. I 173. Kürbier I 308. Lamberti I 320. Lauginger I 304. Lechner I 308. Leins, Simprecht I 308. Lercuri I 314. Lichtenstein I 279. Lieber I 309. Löwen I 309. Lupin, Matthäus I 308. Macci I 257. Malipiero Orio I 314. Marchthal er I 308. Medici I 251. Meuchinger I 304. Meuting I 304. Michael Rainer I 278. Mörlin I 308. Mouchet Lombarde I 262. Mozzi I 263. 322. 324. Mühlheim I 306. Münzmeister I 304. Myddelton I 311. Neithart I 308 f. Nordlingen I 304. Notnagel I 304. Nürnberger Patriciat I 307. Opizio de Farignano I 313. Oreto Giovanni I 406. Orsini I 244. Osborne I 311. Pappenheim I 305. Partecipazi I 316. Paternustrer Pernhart I 402. Paumgarten, Hans I 408. Paumgärtner I 307. Pazzi I 270. 320. Pegolotti I 257. Peruzzi I 224. 242. 252 f. 261. 322. 324. 376. 399. 414. Peutinger I 304. Pfinzig I 307. Pfister I 304. Philipot I 266. Pillio I 320. Pirlcheimer I 307. Plessel I 306. Plossen I 304. Podelicote, Richard I 225. Portner I 305. Pulci I 251. 321. Pulteney I 266. Pulteney, Sir John de I 310. Quirino Ananias I 314. — Petrus I 338. — Thomas I 338. Rechstab I 304. Reicher I 304. Reinbot I 304. Rehm I 308 f. Rem I 224. 304. — Lukas I 400. 405. Reste, von I 306. Reym & Ant. Hier. Fugger I 408. Riederer I 304. Rörerbühl I 278. Rinuccini I 320 f. — Franceso I 320. Röfsler I 304. Rolandus de Ripalta I 313. Rollo I 311. Rorbach I 306. Rosen, von der I 304. Rossi I 322. 324. Roth I 304. 308 f. Rottengatter I 308. Rückingen, von I 306. Ryff, Andreas I 178. San Piero Scheraggio I 323. Saphir I 286. Scali I 320. 376. 414. Schaden I 309. Scheler I 308. Schermaier I 309. Scheurl I 224. 279. — Christoph I 254. Schmucker I 304. Schönecker I 304. Schongauer I 304. Schürstab I 307. Sensheim I 304. Simon Francis I 310. Sachregister. 639 Sir Lioneil Duckett I 311. Sir Hugh Fitzwarren I 310. Soranzo, Gebr. I 318. 393. Spinola I 314. Spini I 251. 263. 320. Spigliati I 251. Stallburg I 306. Stammler I 308 f. Stöckel I 279. — Hans I 408. Strölin I 308; f. Stromer I 307. — Ulman I 405. Strozzi I 224. 321. Sulzer I 304. Tanzl, Gebr. I 408. Tänzel von Tratzberg I 279. Tettingen I 305. Tliorne I 311. Thurzo, Jörg I 396. Tignosi I 257. Tischler, Fricz I 402. Transmair I 304. Tremo'ille, Sire de I 255. Tücher I 307. Turchi I 271 f. Uberti I 321. Ubertim I 321. Ughi I 321. Ugolino I 321. Ulmer Patriciat I 307. Ungelder I 309. Yainaken I 308. Yaizo, Joh. I 314. Varn, Ewik I 312. Vecklinchusen I 231. Yelmann I 304. Vittel I 304. Vöhlin I 304. Volkwein I 305. Vollrammer I 305. Walworth I 266. Wartensee, von I 305. Welser I 224. 305. 324. 343. 367. 400 f. 403. Wenemar I 312. Werimbold I 219. Wessibrunner I 305. Whittington I 266. Whittington, Sir Richard I 310. Wieland I 305. Wildeck, von I 305. Winter I 305. Wittenborg I 191. 293. Wittolf I 305. Wolf, Heinrich I 254. Wolfen von Wolfsthal I 305. Zeller von Kaltenberg und Epsach 1305. Ziani, Seb. I 314. Zink, B. I 224. Zottmann I 305. Staffordshire II 212. Stahlgraveure I 17. Stahlwalzwerk I 540. Stahlwaren II 364. Stahlwarenhandlung II 369. Stallknechte II 230. Stammbaum der gesellschaftlichen Grofsbetriebe I 39. Standort der gewerblichen Produktion II 135. 217 ff. 235; der landwirtschaftlichen Produktion II 116 f. 217. 477; der Produktion als Konkurrenzfaktor II 473 f. 502. 562 f. Stapelburg II 113. Stafsfurt II 214. Statistik, Anfänge I 396. Statistische Gesetze I XVII. Statistische Methode, ihre Vorherrschaft in der Nationalökonomie der Gegenwart I 656; die Grenzen ihrer Verwendbarkeit I 656 ff. Stearin II 43. 515. Steckenknechte I 420. Stecknadelmanufaktur I 39f. II 515. Stehende Heere I 413. Steiermark I 105. 437. 666. II 411; Ober- I 666. Steinbrüche I 16. Stein decken I 133. Steindrucker I 17. Steine, Industrie (Kunst-) I 523. 637. (Erden) II 16. 45. 254. 321. 410. (Pflaster-) II 479. Steingutfabrik I 457. Stein gut waren II 364. 389. Steinhauer I 617. Steinhauerei I 668. Steinkohlen II 13. 44. 46. Steinmetzen I 89. 121. 520. 622. II 453. 525. Steinsetzer I 640. II 230. 525. Steinsetzerei I 520. 522. 663. 668. Steinsetzgeschäfte I 520. Stellenbesitzer II 126. 129. Stellmacher I 16. 89f. 115. 439. 442 f. 479 f. 558. 573. 578. 583 f. 622. 627. 638. 640. 657. II 230. 446. 554. 567 f. 663. Stellmacherei I 583. 663 f. 668. II 478. 480. 525. 535. Stepper (Schuhmacher) I 511. Stepperinnen II 498. Sternberg II 578. Stettin (Rgbz.) I 167f. 513f. II 147. — (Stadt) I 520. II 223 f. Steuerpacht im Mittelalter I 251 ff. 264 ff. Stickerei I 638. II 139. Stickereiindustrie II 54. Stiefel, siehe Schuhe. 040 Sachregister. Stil des modernen Kunstgewerbes: amerikanischer Stil II 309. 317; englischer Stil II 308. 311; japanischer Stil II 307; kontinentaleuropäischer Stil II 311; Stil des Kunstgewerbes der Zukunft II 312 f. •— des modernen Wirtschaftslebens II 68 ff. Stockach I 229. Stockholm II 504f. Stöcke I 470. II 389 f. Stör, Störer, Störarbeit etc. I 442. 573. 576. 578. 598. Stoffe II 367; Buckskin- 410; Gradel- 411; Kleider- 410; Ledertuch- 411; Möbel- 410; Peluche- 411; Tuch- 410. Stollen I 581. Stolpen I 442. Stolpmünde I 167. Strandrecht I 180. Stralsund (Rgbz.) I 167. II 147. Strafsburg I 91. 93. 98. 112 f. 139. 146 f. 253. 286. 289. 301. 504. 536. 663. II 76. 223 f. 454. Strafsenbahnen I 556. Strafsenhandel II 350. 360. Streichhölzer II 515. Streichinstrumenten Verfertigung, siehe Instrumente etc. Stickerei I 30. II 139. 525. Stroh II 391. 417. Strohflechten I 537. Strohflechter II 130. Strohflechterei I 638. II 139. Strohhüte, siehe Hüte. Strumpfwaren II 364. Stuckateure I 633. II 525. Stückmeister (Konfektion) I 514. 594. 622. Stufenfabrikat I 23. II 483. Stühle I 504. II 321. 546. Stuhlfabrikation I 546. Stuhlfabrik II 500. Stuhlmacher I 504. II 500. Stumpen (Hutmacherei) I 537. 593. Stumpenfabrikation I 593. Stuttgart I 513. 546. (Stuttg.-Berg 550). 561. 565. 567. 590. 652. 666 f. II 223 f. 352. 490. Submissionswesen I 494ff II 465. 565. Substitution (in der gewerblichen Produktion) II 467 f. Suezkanal II 13. Suffolk II 155. 158. Sulz I 575. Sumach II 44. Sumatra I 373. Suratte I 330. Supplementärindustrie II 212. Surrogat, Surrogierung (in der gewerblichen Produktion) .II 467 ff Surrogate (Stoffe) II 469. Surrey II 155. 158. Sussex II 155. Sweating System I 505. 512. 514 ff. II 491. Siehe auch Hausindustrie. Syrien I 250. 334. 336 f. 356. Syrup I 356. II 367. Systematik der wirtschaftlichen Organisation 1 70. Syphilis II 360. Tabak I 356. II 364. 367. Tabakindustrie I 425 f. 637 f. II 525. 554. Tableaueconomiquein wirtschaftshistorischer Bedeutung II 200. Täschner I 455. Täschnerei I 456 f. Täschnerwaren I 456. Tagelöhner, siehe Arbeiterkategorien. Talg II 477. 479. Talgschmelze I 15. II 554. Tallytrade II 384. Talmi II 469. Tanger I 223. Tapetenfabrikation II 456 f. Tapetenhändler II 411. Tapezierer 1456. 464 f. 506 f. 558f. 565. 610. 617. 622. 633. II 524. 567 f. 572 f. Tapeziererei I 507. 555. 563 f. 627. 663. 669. II 457. Tapezierwaren II 411. Tapissiers de femmes II 337. Tarifvereinbarungen II 450. Tarnowitz I 274. II 214. Taucha I 442. Taue II 44. Tauschwirtschaft I 67. Technik: Begriff I 21. — Bedeutung für Beschaffenheit und Preis der Güter II 371 f. 388. 392 f.; für die Geschmacksbildung I 43. II 309 f. 317 f.; für die Gestaltung des Wirtschaftslebens I XXY. XXVHI. 21; als Konkurrenzfaktor II 514 ff; für die Länge der Verbrauchsperioden der Güter II 327; für die Organisation des Kunstgewerbes II 454. 456 ff; für das Tempo des Modewechsels II 343; als treibende Kraft des Wirtschaftslebens II 4. — Stand im Mittelalter I 140 ff; am Ende der frühkapital. Epoche I 426; 431; ihre Entwicklung in der neueren Zeit II 42 ff Siehe auch Empirie, empirisches Verfahren; Transporttechnik; Wissenschaftliches Verfahren. Sachregister. 641 Techniker II 64. 453. 523. Technische Hochschulen II 61. Technologie in ihrer Stellung zur theoretischen Naturforschung II 61. Teheran II 192. Teilhau Wirtschaft I 321 f. II 173. Telegraphie II 218. 286 f. Teleologische Betrachtungsweise in der Socialwissenschaft I XIII ff. Telephonie II 218. 286. 288. Tempobeschleunigung des Wirtschaftslebens II 73 ff. 433 f.; des Produktionsprozesses als Konkurrenzfaktor II 509; als Wirkung des Kredits H 547. Teppiche II 364. 385. Teppiehlager I 566. Teppichweberei II 456. Teppichwirker II 298. Terra libera im Mittelalter I 138; in frühkapitalistischer Zeit 1420; in den Kolonialgebieten I 358; Lorias Theorie von der T. 1. ibid. Terraingesellschaften I 493. Testhen I 280. Textilarbeiter im Altertum I 115. Textilhausindustrie II 139. Textilindustrie I 145. 157. 400. 405. 424. 432. 458 f. 485. 552. 637. n 16. 20. 28. 62. 131. 163. 198. 207 ff. 218. 321. 338 ff 512. Textilwaren II 368. Theater I 199 f. Thee I 527. II 389. Themse II 158. Theorie, sociale I XIII. XVIII ff. 209. 655. II 187. 430 f. Thon- und Gipsteile des Hauses, Fabriken für I 541. Thonindustrie I 664. II 212. Thüren I 540. 543. 561. 603. II 321. Thüren- und Fensterfabriken I 540. Thüringen 130. 417. 425. 443f. 453. 534. 542. II 149. 207. Tiefbau I 562 f. Tiefbaugeschäfte I 521. 563. Tiergarten (Hohenzollem) II 137. Tingeltangel II 237. 268. 360. Timbuktu I 354. Tirol I 253. 278 £ Tischdecken II 364. Tische II 321. Tischler I 7. 17. 43. 272. 441. 464 f. 467. 477. 480. 493. 495. 500 ff. 546 f. 555 ff 559. 565 f. 578. 603. 605 f. 608 ff 617. 622. 624. 627. 633. 640. 645. 647. 649. 657. 663. II 17. 446. 448. 473 ff 515. 535. 541. 553 f. 556. 567 f. 570. 583. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. Tischlerei I 7. 32. 42 f. 83. 89 467 ff 469. 477. 496. 500 ff 539 f. 542. 544. 546 f. 555 ff 561. 563 f. 601 f. 608 ff. 638. 658. 662 ff 666. 669. II 20. 23. 34 f. 220. 251. 468. 474. 457. 459. 478. 518. 528. 533. 535 f. 541. 556. 577. Tischlerinnung I 497. Tischler waren I 609. II 354 f. Tischmacher I 504. Todtnau I 277. Töpfer I 89. 115. 464 ff. 617 f. 622. 625. II 298. 577. Töpferei I 24. 496. 523. 542. 664 f. 669. ■ Töpferindustrie I 336. Töpferscheibe (Erfindung) I 57. II 56. Töpferwaren II 354 f. 364. 391. Toilettenartikelhandlung I 626. Toledo I 157. 369. Tomback II 469. Tonnen (Hamburger) I 110. Topfhändler I 625. Torcello I 315. Torf II 44. Toskana II 173. Toulouse I 267. Tournay I 241. Tracht II 331. 333. T r a n s p or t, Transportverhältnisse etc.: im Mittelalter I 140 ff 156 ff 221 ff 229 ff.; in frühkapital. Zeit I 432. II 280 f.; in der Gegenwart II 277 ff. Transportkosten, siehe Preis (theoretisch). Transporttechnik (theoretisch) II 193. 196 f. 218. 234 f. 371. 379. 391 f. 413. 419. 426; ihre Vervollkommnung in neuerer Zeit II 75 f. 277 ff Trapezunt I 363. Treibende Kräfte im Wirtschaftsleben I XVIII ff II 3 ff Treppen I 540. 543. II 321. Treptow a. Toll I 454. „Trieb zur wirtschaftlichen Thätigkeit“ als treibende Kraft des Wirtschaftslebens I XXI. Trient I 274. Trier (Bgbz.) I 439. II 147. Triest I 264. II 231. 248. 412. Trikotagen II 380. Trikotkonfektion I 515. Tripolis I 223. 334 ff 347. Troyes I 98. 102. 229. 231. Trödler I 503. Trödlerläden I 610. II 328. Tr öle I 344. 505 ff Trübau (mähr.) II 578. 41 (542 Sachregister. Tuch, Tücher (Handelsartikel) I 54. 82. 91. 99. 127. 141. 170. 228. 230. 283. 511. 574 f. 596 f. II 410. Tucherzunft (Mittelalter) I 91. 98. 133. 153. Tuchfabrik I 100. 483. II 340. Tuchhändler I 177. 186. 599. Tuchhandlung I 599. II 368. Tuchindustrie, Tuchmacherei I 100 f. 133. 146. 157. 166. 323. 400. 403. Tuchmacher I 80. 100. II 64. Tuchmacher ei, siehe Tuchindustrie. Tuchrollen I 7. 127. Tuchweberei I 439. Tübingen I 575. Tücher als Handelsartikel, siehe Tuch. Tüncher I 617. II 524. Türkei I 336. 339. 362. 411. Tunis I 170. 223. 374. Tunja I 367. Tyrus I 333. 335 f. Ubi quität der modernen Produktion II 59. 211. Übergangsbetriebe I 26. 32 ff. Übergangswirtschaft I 59. 67. Übe rgangshandwerke II 574 ff. Überschufsbevölkerung (theoretisch) I 138. 216. II 175. — (empirisch) ländliche: in Deutschland II 148 ff. 152; in Grofsbritan- nien II 167; in Italien II 175. — städtische: II 491 ff.; weibliche .. in den Städten II 492 f. Übervölkerung des platten Landes am Ende der frühkapitalistischen Epoche: in Deutschland II 146 ff.; in Grofsbritannien II 166 ff.; in Italien II 174 f. Siehe auch Überschufsbevölkerung. U h r e n (Geschichte) 1395; als Handelsartikel II 364. 385. 410; als Symptom gesteigerter Zeitwertung II 85. Uhrenindustrie I 43. 471. 665.669. II 468; (Fourniturenhandlung) I 614. II 20. Uhrenniederlage I 626. Uhrmacher I 83. 617. 622. 624 ff. 633. 640. 658. 664 f. 669. H 130. 524. 567 f. Uhrmacherei I 468. 471. 614. 665. 669. II 577. Ulm I 139. 157. 229. 266. 307 ff. 406. 412. 628. II 557. Umbrien II 173. Umsatz; Höhe des U. im mittelalterlichen Handel I 167 f. 261. 265; Streben nach Vergröfserung im modernen Detailhandel II 376 ff.; besonders beim Engrossortimenter II 406; beim Agenten II 409. Umschlagsperioden im Mittelalter I 223; ihre Beschleunigung in der kapitalistischen Organisation II 71 ff. Umzüge in den Städten II 329. Ungarn I 254. 279. 396. 514. 526. II 111. 279. 288. 478. Ungelernte Arbeiter, s. Arbeiterkategorien. Uniformen II 410. Unlauterer Wettbewerb II 374. 377. Unseburg I 489. 628. Unstetigkeit des modernen Bedarfs II 326; des modernen Menschen II 329; des modernen Wirtschaftslebens II 435. Unterfranken II 490. Unternehmer, kapitalistische I 196ff. 482 ff. 653. II 298. 551 ff. Unternehmung (Begriff) I 69; siehe im übrigen Kapitalistische und Kleinkapitalistische Unternehmung. Unternehmung, kombinierte I 553ff. Unterrockkonfektion I 515. Un sch litt I 449. II 44. Urbanisierung des Bedarfs II 325 f.; des Landadels I 256. 295 ff. 303. 306. 311. 313 ff. II 191. 198 ff. Utrecht I 353. "Vaihingen I 575. Valencia I 134. Varel II 241. Vechta II 241. Velbert II 214. Vendeurs d’idöes H 337. Venedig I 103. 105. 113. 134. 139. 165 f. 169. 173. 178. 185. 191. 219. 223. 228. 231. 241. 245. 252. 258. 295. 314 ff. 333 ff. (Kolonien) 352. 357. 359 ff. 390. 392 f. 403. 412. 552. II 197 ff. 332. Veneti en II 173. Venezuela I 342. 367. Ventilatoren II 527. 529 ff. Verarmungspr ozefs der Handwerker I 631 ff. Verbindung der Landwirtschaft mit anderen Berufskategorien, s. Landwirtschaft. Verbrauchs periode der Güter, kürzer in der Gegenwart H 327. 331. Verden II 115. Vereinigte Staaten (U.S.A.) I 542. 549. 552. 584. II 9. 16 f. 23. 75. 78. 185. 254. 281. 308 ff. (Kunstgewerbe) 348. Verdichtung des Produktionsprozesses II 507 ff. Sachregister. <343 Vereine zum Wöhle der arbeitenden Klassen II 268 Verfahren, Verfahrungsweise, siehe Technik. Verfeinerung des Bedarfs, siehe Bedarf. Vergesellschaftung der Arbeit in den gesellschaftlichen Betrieben I 26; auch der künstlerisch-schöpferischen Arbeit in der Manufaktur I 43; der Menschen I XXV; des Wirtschaftslebens I 58 ff. Vergolder (Tischler) I 43. 559. 565. 622. Verhüttungsverfahren II 14. Verkehr (theoretisch) als Slädtebildner n 188 f. 238. Verkehrsinstitute II 12. Verkehrsorganisation II 74. 277 ff. 379. Verkehrstechnik, siehe Transport- technik. Verlagsmagazin (Schuhwaren) I 510 f. 515. Verlagssystem, siehe Hausindustrie. Verlagsunternehmungen I 567. Verleger (von Gewerken) I 401; (von Buchdruckern) I 403. Vermögensbildung, vorkapitalistische I 235 ff Siehe Kapital. Entstehung. Verpachtung des Grund und Bodens als Symptom kapitalistischer Entwicklung II 99 f. Verpfändung offentl. Einkünfte etc. im Mittelalter I 251 ff. Versandfabriken(Wurstwaren)I 530. VersandgeschäftI540 (Bautischlerei) 599 (Stoffe). II 379 f. 391. Versatilitätder kapitalistischen Unternehmung II 435. 553. Verschuldung des Grund und Bodens als Symptom kapitalistischer Entwicklung II 99 f. Versicherungs - Anstalt. V. - Gesellschaft I 199 f. II 16. 19. , Verstaatlichung der Lehrmittel II 322. Victoria II 185. Victualienhandlung II 368. Vieh an II 122. Viehhandel I 448. 489. 587. II 473; Hammel- II 157; Rinder- I 489; Schweine- II 157. Viehhändler I 488 f. Viehpreise, siehe Preise. Viehwirtschaft II 16. 96 f. 107. 109. 117 f. 128. 157 f. (englische, im 18. Jahrhundert) 165. Viersen II 214. Villa, Villenwirtschaft etc. I 68. 89. Ville tentaculaire II 190. 237. Violinsaiten I 112. Völkerpsychologie I XXI. Vogesen I 523. Voigtland (sächsisches) I 30. Volkstrachten I 437 f. 574. 594. Vollarbeiter II 299. 501. Vorarlberg I 30. Vorhänge II 385. Vorkosthandlung II 368. Vorortsverkehr II 232 f. Vorwalzer (Hüttenwerk) II 137. Vulgares (in den mittelalterlichen Städten) I 284. Wachs I 229. 231. 283. II 43. Wäscheartikel I 515. 538. II 333. 364. 392. 410 (Handel) 505. Wäs ch eauss t att ungs geschäft I 566. Wäschefabrik I 538. II 392. Wäschekonfektion I 39. 462. 511. 515. II 410. 491. 503. 505. Wäscheläden I 566. II 314. 391. Wäscherei I 638. II 237. Wäscheschneiderei I 459. Waffenhandel im Mittelalter I 105 ff. 149. 157. 178. Wagen I 558 f. II 56. Wagenbau I 583. 627. 637. II 219. 478. Wagenbauer I 83. 617. 666. Wagenfabrik I 425f. Wagenfette II 415. Wagenräder II 56. Wagenteile I 583. Waggonmanufaktur (Betriebsorganisation I 14. 557 f. Wagner, siehe Stellmacher. Waiblingen I 575. Waid II 44. Walachei I 458. Wald II 214. Waldeck I 578. Waldenburg II 214. Waldheim I 546. Waldwirtschaft II 109. 116f. Wales II 163. 339. 348. Waldkultur II 109.116 f.; Hoch- 109; Mittel- 109; Schäl- 109. 118. Walker (Weberei) I 91. 115. Walkerei I 431. Walkmühlen I 7. 127. Waltershausen I 530. Walzwerk II 212. Wanderauktion II 354. 361 f. Wanderbewegung (moderne), siehe Binnenwanderung. Wandergewerbescheine II 361. 41 * 644 Sachregister. Wanderhandel II 350fF. Siehe im übrigen Hausierer ei, Märkte, Messen, Wanderauktionen, Wanderlager. Wanderhandwerker I 95. II 360. 490. Wanderlager I 597. II 354. 363ff. Wanderproletariat (gewerbliches) II 447. Wand schneidergilde (Tuchhandel im Mittelalter) I 99. Wangara I 374. Wappensticker LI 454. Warenabzahlungsgeschäft, siehe Abzahlungsgeschäft. Warenhäuser II 398. Warenpreise, siehe Preise. Warenzusammenballung II 481ff. Warwickshire I 310. Wasser (als motorische Kraft) I 405f. II 59. 134 f. 206 ff. 211. Wasseralfingen I 550. Wasserleben II 113. W a s s e r k o p f t h e o r i e (Städtebildung) Wasserräder (Erfindung) II 57. Wassergewinnungsanlagen I 16. Wassermotoren II 535. Wasserpumpen II 530. Washerman I 90. Washington II 497. Weher I 82. 91. 97 f. 100 f. 133. 141. 272. 402. 436 ff. 481 f. 575 f. 577. 622. II 10. 64. 532; I-Iand- I 21. 638; II 532; Haus- 1 34. 638; Ivamelot I 326. 638; Leinen- I 81. 102. 129. 638; Seiden- I 103. 336 f. 482. 638; Woll- I 129. 638. II 573 f. Weberei I 14. 30. 39. 127. 131. 149. 402. 424 f. 429 ff. 436 ff. (bäuerliche Eigenwirtschaft) 459. 474. 579. 638. 662. 669. II 131. 137. 139. 168. 212. 338. 458. 525. 532; Barchent-1103; Baumwoll- I 47. 103. 426; Halbwoll- I 426; W. gemischter Waren II 525; Kunst- I 90; Lein- I 102. 426. II 132. 138 f.; Schürlitz- 1 103. 157. 403; Seidenzeug- I 426. II 525; Woll- II 139. 525. Weherpolitik Friedrichs II. II 6. Weberzunft I 81. 91. 98. W e b s t ü h 1 e I 14. 425. 481. 483. II132. 531 f. Wechsel (Anfänge) I 183. Wechselfreudigkeit, -kaftigkeit, ein Charakterzug des modernen Menschen II 316 f. 342; ihre Ursachen II 328 ff. Wechselkredit = Cirkulationskredit, siehe Kredit. Weimar I 526. 652. II 11 f. Wein (Handelsartikel) I 230. 329. II 88. 364. Weinbau II 88. Weinberg II 89. Weinfabrik I 555. Weinhandlung I 612. II 410. Weinsberg I 575. Weinzapf I 302. Weifsenburg i. S. I 540. Weifsensee I 436. Weifsgerberei I 534. 590f. 657. 666. Weifs- und Buntstickerinnen II 504. Weifswaren II 359. 364. 418. W ei fs Warenhandlung II 391. Weifszeugstickerei I 638. Weizen II 93f. 96. Weizenschale I 434. Welsheim I 575. Weltausstellungen, siehe Ausstellungen. Werg (Kuder) I 436. Werkgenossenschaften II 545. 554. Werkstattmeister (Schuhmacherei) I 451. Werkzeug und seine Entwicklung I 23. II 47 f. 52. Werkzeughandlung II 391. Werkzeugmaschine, siehe Arbeitsmaschine. Wefs I 253. Westerwald II 150. Westfalen I 426. 428. 484. 504. 522. 538. 540. 578. II 101. 133. 137 f. 148. 150. 207 ff. Westindien I 331. 346. 357. Wicken II 106. Wiedergeburt des Handwerks als Kunsthandwerk II 451. 457; auf der Basis der Kleinkraftmaschinen II 521 ff. 538; mit Hülfe des Kredits II 548 ff. 552. Wiefel (halbwollenes, feines Tuch für Trauersachen) I 439. Wien I 99. 458 f. 462. 467 f. 487ff. 510 ff. 515. 527 f. 546. 549. 567. 591. 594 f. 662. 666 ff. II 20. 22. 37. 218 f. ,231 f. 242. 246 ff. 269. 301. 339 f. 385. 410 ff. 485. 505. 578. Wiener Neustadt II 412. Wiltshire II 158. 160. Wild II 391. Wiesbaden II 223. 553. Wiesloch I 663. 667. Winchelsea I 190. Winchester I 97. Winsheim I 266. Winterberg II 358. Wirkerei I 30. 638. II 139. 525. Wirtschaft (Begriff) I 3 f. 62. Wirtschaftlicher Sinn II 5. Wirtschafts-Einheit I 5 f. 50 f. — -Epochen I 70 ff. Sachregister. 645 Wirtschafts-Form I 5. -Geschichte, Aufgaben für die Zukunft I 299. —■ -Ordnung I 3. — -Politik der modernen Staaten als Fortsetzung der stadtwirtschaftlichen Politik I XV f. -Prinzip I 4. 61 ff. -Stufen I 58 ff. — -Subjekt I XXII. 4. — -System I 4. 60 ff. Wisby I 135. Wismar I 167. Wissenschaftliches Verfahren (in der Technik) II 60 ff.; sein Eindringen in die Landwirtschaft II 103. 106; als Konkurrenzfaktor II 519 f. Witten II 214. Wittgenstein I 578. Witney II 163. Wittow (Rügen) I 440. Wohnungseinrichtungen des englischen Adels im 18. Jahrhundert II 305; bürgerliche, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts II 295 f. 305 f.; in der Gegenwart I 563 ff. II 300 ff. 324. 328 f. 411; in der Zukunft II 315 f. Wohnungsverhältnisse in den modernen Städten II 301. 323. 328. 351. 493 f. Wolgast I 540. Wollhüte, siehe Hüte. Wolle (Handel) I 166. 168 f. 172 f. 221 f. 230. 233. 252. 261. 283. 591. II 151. 253. 381. 469. 479; (Produktion) I 591. II 93 ff. 108. 117. Wollkämmer 1 436. Wollküehen I 7. 127. Wollschläger I 146. Wollspinnerei I 426. Wo 11 w a r e n (Handel) 1431. II 354 f. 418. Wollweberei II 139. Siehe auch Tuchindustrie. Wo rbis I 436. Worms I 286. 523. II 553. Wucher im Mittelalter I 184 ff. 255 ff. 258 ff. Württemberg I 17 f. 430. 442. 454f. 510. 532. 534 f. 549 f. 560 f. 575 f. 590. 629. 644 f. 666 ff. II 21. 177. 207. 279. 287. 361. 479. 491. Würzburg I 289. Wupperthal I 452. Wurst I 449. Wurstwaren I 530. 587. Wurstfabrik I 529 f. Wurstfabrikant II 285. Wurstmacherei I 528. 529 f. 587. Wurzen I 526 f. Tarmouth II 197. Ypern I 139. 176. 259. 269. 296. 311. Sambesi II 188. Zaque (Völkerschaft) I 367. Z a w y 1 a I 340. Zeichengwerbe II 212. Zeichner, siehe Arbeiterkategorien. Zeit, Messung der Z. I 39ES; Überwindung der Z. 1184; Wertung, gesteigerte, der II 85. Zeitbewufstsein, individuelles II 85. Zeitung I 199. II 289. Zeitungsinserat II 401. 413. Zellenschalter II 530. Zelt Stil II 301. Zeugschmied I 638. II 139. Ziegeldecker I 520. Ziegelei I 561. Ziegelsteine I 542. Ziegelstreicher I 89. Ziegenrück I 436. Zimmerei I 496 f. 517 ff. 539. 543. 555. 560 ff. 573. 600 ff. 627. Zimmerleute I 81. 89. 115. 272. 420. 435. 441. 462 ff. 479. 493. 517. 578. 601 f. 617. 622. 627. 633. 640. 657. II 230. 454. 525. Zimmtgewinnung I 354. Zink II 254. Zinkwaren 471. Zinn I 283. 400f. Zinngiefser I 617. Zinnwaren I 471. Zinngeräte I 104. 229. Zinngiefserei I 17. Zinslose Darlehen I 185. 389. Zinsverbot,.kanonisches I184f. 209. Zittau II 363. Zippa von Bogota (Volksstamm) I 367. Zölle im Mittelalter I 156. 221 f. 229; deren Verpachtung I 249. 259 ff. Zollverwaltung im Mittelalterl 248. 251 ff. 266. 282. Zucker, -Anbau I 335. 356. II 43f.; -Handel I 231. II 98. 368. Zuckerbäcker I 617. Zuckerbäckerei I 666. Zuckerfabrik (indische) 1425; Rübenzucker- I 425. 556. II 14 ff. Zuckerfässer II 500. Zuckerindustrie I 470.11 14f. 108. Zuckerplantagen I 335. 338. 344ff. 356 f. Zuckerrüben II 15. 44. 106. Zuckerwaren 1 527; -branche II 504. Zündhölzchen (Fabrikation) II 55. Zürich I 286. II 212. Zug nach der Stadt II 228ff. Zuhälter II 360. (346 Sachregister. Zunftorganisation: theoretisch I 122 f. 127 f. II 30; historisch im Mittelalter: des Handwerks I 15. 124 ff.; des Handels I 186 ff.; der Künstler II 453 f.; im 19. Jahrh. II 33 ff. 566. Zurichter ei, siehe Kürschnerei. Zurzach I 98. Zusammenballung der Bedarfsnuancen II 320 ff.; der Güter oder Waren II 481 f. Zusammengliederung früher selbständiger Handwerker I 554 ff. Zusammennäher, siehe Konfelction. Zuschneider, siehe Arheiterlcatego- rien, 2. auch Konfelction. Zuschufsbevölkerung I 216. Zuwanderung der Bevölkerung in die Städte II 159. 229 ff. Zwangsarbeit, siehe Sklaverei. 'Zwangsinnungen I 652f. Zweckbestimmtheit des Kunstgewerbes der Zukunft II 313 ff. Zwerghandwerke (übersetzte, mit hoher Kachwuchsquote) II 572. Zwickau I 277. II 40. 148. 214. Zwillich (Hosenstoff) I 439. Zwirnhandlung II 368. Zwischenmeister (in der Konfektionsindustrie) I 514. 595. Zwischenmeisterwerkstätten (in der Hausindustrie) I 13. Zwischenunternehmer (im Baugewerbe) I 492 ff. 497. 606. Pierer’sche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg. Verlag von DUNCKER & HUMBLOT in Leipzig. Zur Litteraturgeschichte der Staats- und Socialwissenschaften. Inhalt: Friedrich v. Schillers ethischer und kulturgeschichtlicher Standpunkt (1863). — Johann . Gottlieb Fichte. Eine Studie aus dem Gebiete der Ethik und der Nationalökonomie (1864—65). — Friedrich List (1884). — Henry C. Carey (1886). — Lorenz von Stein (1866). — Wilhelm Koscher (1888). — Die neueren Ansichten über Bevölkerungs- und Moralstatistik (1869). — Karl Knies (1883). — Albert E. Fr. Schäffle (1879—88). — Th. Funck-Brentano (1876). — Henry George (1882). — Theodor Hertzka. Freihändlerischer Socialismus (1886). — Die Schriften von K. Menger und W. Dilthey zur Methodologie der Staats- und Socialwissenschaften (1883). Zur Social- und Gewerbepolitik der Gegenwart. Inhalt: Kede zur Eröffnung der Besprechung über die sociale Frage in Eisenach den 6. Oktober 1872. — Der moderne Verkehr im Verhältnis zum wirtschaftlichen, socialen und sittlichen Fortschritt. 1873. — Die sociale Frage und der preufsische Staat. 1874. — Die Natur des Arbeitsvertrags und der Kontraktbruch. 1874. — Die Reform der Gewerbeordnung. Rede, gehalten in der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik am 10. Okt. 1877. — Der Übergang Deutschlands zum Schutzzollsystem. Rede, gehalten in der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik am 21. April 1879. — Die Wissenschaft, die Parteiprincipien und die praktischen Ziele der deutschen Politik. Einleitende Worte bei Übernahme des Jahrbuches für Gesetzgebung etc. 1880. — Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft. 1880. — Das untere und mittlere gewerbliche Schulwesen in Preufsen. 1881. — Der Deutsche Verein gegen den Mifsbrauch geistiger Getränke und die Frage der Schankkonzessionen. 1883. — Hermann Schulze-Delitzsch und Eduard Lasker. 1884. — Ein Mahnruf in der Wohnungsfrage. 1887. — Über Wesen und Verfassung der grofsen Unternehmungen. 1839. — Über Gewinnbeteiligung. 1890. — Die kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890 im Lichte der deutschen Wirtschaftspolitik von 1866—90. der Socialpolitik und der Volkswirtschaftslehre. Inhalt: Über einige Grundfragen des Rechts und der Volkswirtschaft. 1874—75. — Die Volkswirtschaft, die Volkswirtschaftslehre und ihre Methode. 1893. — Wechselnde Theorieen und feststehende Wahrheiten im Gebiete der Staats- und Socialwissenschafton und die heutige deutsche Volkswirtschaftslehre. 1897. zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte besonders des Preufsischen Staates im 17. und 18. Jahrhundert. Von Gustav Sehmoller. 1898. Preis 13 M.; gebunden 14 M. 60 Pf. Inhalt: I. Das Merkantilsystem in seiner historischen Bedeutung: städtische, territoriale und staatliche Wirtsohattspolitik.— II. Die Handelssperre zwischen Brandenburg und Pommern im Jahre 1562. — III. Die Epochen der preufsischen Finanzpolitik bis zur Gründung des deutschen Reiches. — IV. Die Entstehung des preufsischen Heeres von 1640—1740. — V. Der deutsche Beamtenstaat vom 16. bis 18. Jahrhundert. — VI. Das brandenburgisch-preufsische Innungswesen von 1640 bis 1800, hauptsächlich die Reform unter Friedrich Wilhelm I. — VII. Die russische Compagnie in Berlin. 1724—1738. — VIII. Die preufsische Seidenindustrie im 18. Jahrhundert uud ihre Begründung durch Friedrich den Grofsen. — IX. Die preufsische Einwanderung und ländliche Kolonisation des 17. und 18. Jahrhunderts. — X. Die Epochen der Getreidehandelsverfassung und -Politik. mit besonderer Berücksichtigung des Minimallohnes. Von Otto von Zwiedineek-Südenhorst. 1900. Preis 9 M. Von Gustav Sehmoller. 1888. Preis 6 M.; gebunden 7 M. 60 Pf. Reden und Aufsätze. Von Gustav Sehmoller. 1890. Preis 9 M.; gebunden 10 M. 60 Pf. Über einige Grundfragen Von Gustav Sehmoller. 1898. Preis 6 M. 40 Pf.; gebunden 8 M. Umrisse und Untersuchungen Lohnpolitik und Lohntheorie Verlag von DUNCKER & HUMBLOT in Leipzig. Gewerbliche Mittelstandspolitik Eine reclitshistorisck-wirtschaftspolitische Studie auf Grund österreichischer Quellen. Von Heinrich Waentig. 1898. Preis 9 M. 60 Pf. Schriften des Vereins für Socialpolitik. Band 62 bis 71. Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Grossindustrie. I. Band. Königreich Preufsen. I. Teil. 1895. Preis 10 M. II. = Königreich Sachsen. I. Teil. 1895. Preis 9 M. III. = Süddeutschland. I. Teil. 1895. Preis 12 M. IV. = Königreich Preufsen. II. Teil. 1895. Preis 12 M. V. * Königreich Sachsen. II. Teil. 1896. Preis 13 M. VI. = Königreich Sachsen. III. Teil. 1897. Preis 16 M. VII. = Königreich Preufsen. III. Teil. 1896. Preis 12 M. 60 Pf. VIII. = Süddeutschland. II. Teil. 1897. Preis 12 M. IX. » Verschiedene Staaten. 1897. Preis 16 M. 60 Pf. Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Österreich mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Grofsindustrie. 1896. Preis 16 M. Die Bauern-Befreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preufsen s. Von Georg Friedrich Knapp. Zwei Teile. 1887. Preis 16 M. I. Überblick der Entwicklung. II. Die Regulierung der gutsherrlich - bäuerlichen Verhältnisse von 1706 bis 1857, nach den Akten. Der Großbetrieb ein wirtschaftlicher und socialer Fortschritt. Eine Studie auf dem Gebiete der Baum Wollindustrie. Von Gerhart von Schulze-Gävernitz. 1892. Preis 5 M. 60 Pf. Kleingewerbe und Hausindustrie in Österreich. Beiträge zur Kenntnis ihrer Existenzbedingungen. Von Eugen Sehwiedland. 2 Teile. 1894. Preis 12 M. I. Teil. Allgemeiner Teil: Die wirtschaftliche Stellung der Hausindustrie und des Kleingewerbes. Preis 4 M. 40 Pf. II. Teil. Besonderer Teil: Die Wiener Muscheldrechsler. Preis 7 M. 60 Pf iws?« 4 . &sJa&tÄfci£iS 5rf**iife£.iS*' ^rrrr Äfii.'C'KtS'-i' \J?h£x:i*A ■Mt& :*.w i-I fc&ssr •.. • vV ^ ‘.'•j.vci'^rl sg$£*ä$ sä«## -fts® : «Ä ^ISpl ^ * ,.ilp§s&J ^ ■&&* 5^ Mi ’. fe-jVivA- ■%&S Wirfi' .**». W* V^' ESSgg Ä=Ä - ;*ÄjiÄr£r £5few£S? ^2® S5§Ä*? s^sr #; '4-i